
        
                              Michael Georg Conrad
                              Was die Isar rauscht
                                   Erster Band.
                                        1.
                       Neapel, Vicoletto del Petrajo, 25.
    Am Tage des lieben, guten, heiligen Josephus - oder:
    Der Mensch entgeht seinem Schicksal nicht.
                         Mein lieber Max v. Drillinger!
Seit Neujahr, also seit beinahe drei Monaten, habe ich nichts von mir hören,
lassen.
    Während ich die Feder ansetze und mich nach so langer Unterbrechung zu
brieflicher Plauderei mit Dir rüste, kracht auf dem Scheitel des ehrwürdigen
Vesuvius ein prachtvolles Gewitter los, das erste Frühlingsgewitter, das ich in
Italien erlebe. Wenn ich vom Blatt aufsehe, fällt mein Blick durchs offene
Balkonfenster auf den Berg. In ganzer Lebensgrösse steht er vor mir, die
bezauberndste Vedute im Fensterrahmen, die sich denken lässt, und gerade in der
richtigen Entfernung zur Erzielung einer vollkommenen künstlerischen Wirkung: im
Vordergrund kräftig braune Konturen neapolitanischer Kuppeltürme und leicht
gewölbter Hausdächer, links eine wunderschöne Gruppe von dunkelgrünen
Palmenkronen und fast schwarzblau aufstrebenden, sanft verlaufenden
Zypressenwipfeln, im Mittelgrund in geschwungener Linienbegrenzung ein Streifen
Meer in den silbergrau wogenden Wollustschauern des heiss und flach darüber
streichenden Scirokko-Windes, dann üppig aufrollend die alten Herkulaner Ufer
mit den dunklen, schattenschweren Gärten, Hainen, Weinbergen, daraus wie lichte
Punkte in langer gebrochener Reihe die roten und gelben Villen und die Häuser
und Kirchen von Portici und Resina glänzen, darüber hinauf die schwarzen
Lavageröll-Gürtel mit dem phantastischen Auf und Nieder der verschiedenen
Eruptions-Höhen, wunderbar schattiert nach der Zeit der Verwitterung, so dass
sich die Ausbruchs-Epochen genau abstufen, endlich das Prachtstück der kühn und
anmutig zugleich formenden Südlands-Natur: der Berg in seiner unbeschreiblichen
Herrlichkeit, in leichter, eleganter Plastik schwimmend im himmlischen Aeter.
    Die schwarze Gewitterwolke sitzt ihm buchstäblich auf dem Scheitel, ringsum
scharf begrenzt von der blaugelb überhauchten, mit dem grauen Scirokko-Schleier
leicht verhängten Luft.
    Wie irrsinnige Glutgedanken umzucken die Blitzschlangen das tiefer und
tiefer sich verhüllende Haupt des Berges und werfen einen fahlen Widerschein
über die träumende Landschaft zu seinen Füssen.
    Erst leise, dann mächtig anschwellend in stolzen Rhytmen, dann abnehmend
und verhallend, wie in ersterbendem Grollen, wieder übertönt von dem Rauschen
der Strandwellen, klingt die Donnermusik zu mir herüber. Bald scheint es mehr
nur ein heiteres akustisches Spiel - bald kracht es plötzlich los, Schlag auf
Schlag, wie mit der tragischen Wucht des Schicksals. Ich lege die Feder einen
Augenblick weg und lausche - -
    Es ist zu schön.
    Es ist ein ganzes Musikdrama, eine Symphonie mit elektrischen
Beleuchtungs-Arabesken, was weiss ich. Die urewige Künstlerin Natur spottet in
ihren grandiosen Launen jedes Regelzwangs. Sie mag mit nichts beginnen und in
nichts enden, aber was dazwischen liegt, ist Unerhörtes, Unerschautes, nie
Auszuhörendes, Auszuschauendes - kurz Etwas, und wäre es tausendmal eine
Apoteose der Sinnlosigkeit. Etwas! Und man bekommt's nie satt. Während man den
menschlichen Erfindungs-Krempel so leicht satt bekommt, übersatt.
    Ich lege die Feder nochmal weg.
    Es ist wirklich zu schön.
    Und nun dringt ein Duft herein - ein unbeschreiblich süsser, berauschender
und zugleich erfrischender Duft! Wie aus dem Paradiese. - - Man möchte ganz Nase
sein! Ich schnuppere und blase die Nasenflügel auf. - - O Gottesluft, erfüll'
mich ganz! Oder in der Sprache Dante's: Aria di Dio, entrami in corpo! Ausruf
meiner Hauswirtin Donna Rosalia. Zwar ein Phänomen an Hässlichkeit: rotaarig -
soweit ihre Glatze noch Haare erkennen und nach der Farbe bestimmen lässt -
blatternarbig, schiefmaulig, kropfig, aber eine entusiastische Seele, die sich
täglich mit den Schönheiten der Natur vermählt. Bei diesem mystischen Akt
streckt sie ihre nackten magern Arme gen Himmel, schlägt sie dann kreuzweis über
zwei längliche, sogar sehr längliche, leere Hautbeutel, welche die Stelle der
abwesenden Brüste vertreten, sogar sehr täuschend vertreten, schiebt den
Unterleib vor mit der entsetzlichen Grazie eines Schlangenmenschen, wirft den
Kopf mit dem kropfigen Schwanenhals zurück, bebt mit den Hüften und den
Schenkeln wie eine ekstatische andalusische Tänzerin, schlägt mit den
Augenlidern auf die rollenden Augenkugeln und kreischt mit einer Stimme, deren
Timbre an die Klangfarbe eines alten blechernen Topfes ohne Boden erinnert: Aria
di Dio, entrami in corpo. Daraus kannst Du ersehen, wie überwältigend die
Schönheit der südlichen Natur sein muss, wenn sie auf eine von ihr doch
einigermassen stiefmütterlich behandelte schlichte Frau aus dem Volke,
Zimmervermieterin und Wittib - ihr Seliger war Schlotfeger-Meister - eine solche
orgiastische Wirkung ausübt.
    Ich überlese das Geschriebene, wenn Du erlaubst, mit Deinen Augen und mit
Deiner Nase. Du schwelgst doch in Gedanken, nichtwahr, so stümperhaft auch meine
Schilderung ist? Du siehst, Du hörst, Du riechst? Und Deine Brigitta nickt mit
dem Kopf dazu und lächelt so nachdenklich, als ob sie etwas vermisse. Richtig!
Die Sonne fehlt in meiner Beschreibung?
    Eine süditalienische Landschaft, dazu am Josephi-Tag, feierlichste
Natur-Parade in Vorfrühlings-Ausrüstung - und keine Sonne am Himmel?
    Sehr gut bemerkt, lieber Leser und Kritiker Max von Drillinger, Hauptmann
a.D., fein herausgefunden, aufmerksame Hörerin Brigitta! Keine Sonne! Das ist
freilich gegen das Exerzier-Reglement.
    Aber es ist so.
    Das ist eben der Effekt wunderbarster Beleuchtungszauberei bei
Scirokko-Stimmung mit einem Vormittags-Donner-Konzert auf dem Vesuv.
    Es blitzt immer noch.
    Ich mache wieder eine Pause. Diesmal, um meinen Anzug zu vervollständigen.
Ich erwarte nämlich Damenbesuch. Und eben über die Langeweile der Wartezeit will
ich mir mit diesem Brief hinweghelfen. Zwei Fliegen mit einem Schlag: ich tilge
eine Briefschuld und zerstreue mich. So können wir beide zufrieden sein. Also,
wie gesagt, Damenbesuch. O, etwas sehr - Unschuldiges: eine ehemalige
Erzieherin, jetzt Malerin in Temperafarben. Auch aus München natürlich; wir
haben uns unterwegs kennen gelernt. Alles sehr temperiert.
    Nur die hiesige Temperatur nicht.
    Darum, ganz unter uns und vielmals Pardon, habe ich das Vorstehende im Hemde
geschrieben. Pardon sage ich nur der Jungfrau Brigitta wegen und aus
konventioneller, deutscher Wohlanständigkeit. Du selbst bist ja nicht so
schamhaft. Was liegt Dir an einem Hemd - mehr oder weniger, nichtwahr? Selbst im
sogenannten Aufruhr der Elemente, der reinen, nackten Natur gegenüber - was ist
uns da ein Hemd!
    Es blitzt noch immer.
    Die Silhouette der Gewitterwolke hat sich jetzt total verändert. Ein
verrückter Anblick: fast wie -
    Nein, ich unterdrücke lieber das Bild. Es - wäre auch zu naturalistisch, und
ich weiss, Du Uberfeiner magst den Naturalismus nicht, d.h. den geschriebenen.
Chacun à son goût.
    Es wimmelt überdies heutzutage so viel Verrücktes mit und ohne Naturalismus
in der Welt herum, dass selbst einem ausgemachten Narren ganz ängstlich dabei
wird.
    Da sitze ich vor dem Vesuv und höre in meinem armen Kopfe plötzlich die Isar
rauschen, genau so, weisst Du noch, wie sie damals im Abendrote rauschte, draussen
bei den Talkirchener Überfällen. Wir sassen unter der alten Linde. Geputztes,
schwatzendes Philistervolk kam auf den schönen, stillen Waldpfaden daher und
verlor sich, heimstrebend, in den dunkelnden Isarauen. Wie die Schritte und
Worte dieser banalen Naturschänder verhallten, nahmst Du immer die
unterbrochenen Betrachtungen wieder auf über - ich weiss nicht mehr was; ich
dachte nämlich (in dieser Entfernung kann ich Dir's ja gestehen) an ganz etwas
anderes - und liess Dich deklamieren. Ich wälzte damals in meinem Quadratschädel
(tête carrée nennen's die Franzosen, wie Du Dich aus dem Feldzug erinnerst) die
ungeheuerlichsten Baupläne; da aber Deine geliebte Isar dabei arg in die Klemme
gekommen wäre, so zog ich's vor, Dich nicht in mein Vertrauen zu ziehen, sondern
Dich ruhig Deine geistreichen Betrachtungen über die schönsten und rührendsten
Dinge in die laue rotgolddämmernde Abendluft und in die rauschende Isar
hineinplaudern zu lassen.
    Diese Baupläne übrigens - -
    Schon wieder so ein irrsinniger Blitz! -
    Dieses ewige Geschlängel und Gezickzack macht mich schliesslich doch nervös.
Es hat etwas so Aufdringliches, wie alles Wälsche.
    Ich lege die Feder weg, bis das blödsinnige Gewitter zu Ende. Es wäre jetzt
wahrhaftig eine vernünftige Abwechslung, wenn die Tempera-Malerin endlich käme,
obwohl ich neulich, als ich ihr die Architektur des San Martino-Klosters (hier
von meinem Fenster aus weiter nach links) sehr volkstümlich erklärte, den
Verdacht nicht loswerden konnte, sie möchte auch einen Sparren zu viel im Dach
haben. Das Tempera-Frauenzimmer produzierte zwischenhinein so merkwürdige
Redensarten - und dann hat sie manchmal eine so unheimliche Art des Schauens und
des Zuhörens. Kurz und gut, ich werde sie schärfer beobachten. Verrückteit
wirkt ansteckend, weisst Du; wie die Dummheit und Verliebteit. (In Parentese:
vielleicht verliebe ich mich auch noch - hier, wo ich Dein abschreckendes
Beispiel nicht vor Augen habe.) Bei der Gescheidtigkeit kommt ja so etwas
niemals vor. Drum sind die Wunder der Aufklärung ebenso sporadisch wie
lächerrlich. Übrigens so ein Kloster wie das von San Martino (es ist schade, dass
man's vom Fenster aus nicht sieht, wenn ich hier sitze, ich würde es Dir sonst
sehr anschaulich beschreiben, aber wenn ich mich so setze, dass ich es sehe, so
sitze ich so unbequem, dass ich nicht mehr schreiben mag, und so muss ich darauf
verzichten, es Dir zu beschreiben, da ich in architektonischen Schilderungen
grundsätzlich sehr diffizil bin und nur momentan Geschautes beschreibe -
Augenblicksbilder, weisst Du!) - ehrliche, rechtschaffene Augenblicksbilder - -
    Ich lege die Feder zum Xten Mal weg, denn ich habe mich im Periodenbau
verhaspelt und nun mag ich das Zeug nicht wieder von Anfang an lesen, um den
Faden zu suchen. Mit den Parentesen habe ich nie Glück gehabt. Da habe ich
regelmässig den Zusammenhang verloren. Und immer tappe ich als Periodenbauer
wieder in so eine vermaledeite Parentese hinein und schände die Syntax. Sei
versichert, lieber Max v. Drillinger, Du verlierst nichts dabei. Dieser Brief
wird noch so schön und reich, dass ich Dir ohne Gewissensbisse eine ungefüge
Periode unterschlagen darf. Das macht der Liebe kein Kind, wie Herr Rassler, der
grosse Kunstmäcen in der Quaistrasse, so sinnig zu sagen pflegt. Verkehrst Du noch
mit - - nein, nein, am heiligen Josephitag keine so indiskreten Fragen. Siehe
das Motto!
    Es blitzt wahrhaftig immer noch. Diese italienischen Blitze haben etwas so
Epileptisches, wie die Gestikulationen eines Tollhäuslers. Ich mag gar nimmer
hinsehen. Bei uns daheim, im disziplinierten Vaterland der reinen Vernunft, hat
auch die Natur mehr Bescheidenheit und Manier, mehr Zurückhaltung.
    Der ehrenwerte Herr Rassler ist mir durch den Sinn marschiert, weil die
Tempera-Malerin, von der ich übrigens noch keinen Pinselstrich gesehen habe und
deren geschätzten Morgenbesuch ich ebenso sehnsüchtig und, wie's scheint,
vergeblich erwarte, mir neulich von ihrem Debüt als Erzieherin in der
Rasslerschen Familie die denkwürdigsten Dinge erzählt hat. Natürlich schwebte mir
sofort Dein Name auf der Zunge, und schon wollte die Apostrophe dem Gehege
meiner Zähne entschlüpfen: »Ach, Fräulein Flora Kuglmeier, da hat wohl auch der
Blick meines Freundes Max von Drillinger ermunternd und tröstend auf Ihnen
geruht und Ihr Sinn hat sich gelabt an den weisen Sprüchen dieses beredten
Hausgeistes der Rasslerschen Familie!« - als mir noch rechtzeitig das
Unschickliche eines solchen Einfalls zum Bewusstsein kam. Später merkte ich, dass
die züchtige Maid, deren pädagogischen Künsten die Erziehung der Rassler'schen
Sprösslinge anvertraut war, zu einer Zeit ihres Amtes waltete, wo Du noch in der
Pasinger Malzfabrik dem Gotte Merkur Deine ersten schüchternen Huldigungen
darbrachtest. Und der Weg nach Pasing führte damals noch nicht durch die
Quaistrasse, und der dienstbare Hausarzt hatte der vor überschüssiger Gesundheit
kranken Frau Rassler noch nicht die heilsam schwächenden Bäder des romantischen
Würmkanals in Pasing verordnet. Nichtwahr, ich bin gut unterrichtet?
    Ich bin - warum soll ich Dir's nicht ohne Rückhalt gestehen? - manchmal noch
so sehr in den kleinbürgerlich engen Anschauungen vom Zulässigen und Anständigen
befangen, dass Du mir's wahrhaftig nicht übel nehmen kannst, wenn ich nicht die
Flugkraft besitze, mich hinsichtlich der Moralität Deiner Beziehungen zu jener
Frau aus der Enge meiner Vorurteile zu erheben.
    Inzwischen bin ich allerdings über Verschiedenes hinausgewachsen. Womit
nicht gesagt sein soll, dass ich Deine verschiedentlichen Dummheiten als
Geniestreiche preise.
    Erlaube, dass ich mir's wieder bequem mache und Rock, Weste und Hofe von mir
werfe. Bei dieser wahnsinnigen Scirrokko-Temperatur wäre das adamitische
Paradieskostüm das angemessenste; die keuschen Feigenblätter wachsen hier einem
zum Fenster herein, man braucht nur die Hand darnach auszustrecken.
    So - jetzt sitze ich wieder in Hemd und Strumpf, vor Dir. Da schreibt sich
viel leichter. Die Tempera-Malerin kommt heute doch nicht mehr, was mir
eigentlich lieb ist, denn ich bin jetzt einmal im Zuge, dass ich Dir gern noch
einige Stunden ungestört widme. Eine Plauderei mit Dir hat grosse Reize,
besonders so lange man allein das Wort hat. Du wirst diese Aufmerksamkeit zu
schätzen wissen.
    Oder nicht? Bist Du seit unserer bald einjährigen Trennung ein kühler
Selbstsüchtling geworden? Der Anfang Deines letzten Briefes könnte mich schier
auf diese Vermutung bringen. Da steht nämlich in deiner steilen, schattenlosen
Schlemihl-Handschrift zu lesen: »Die weite Entfernung verschuldet, dass die
Briefe nur langsam und spärlich laufen.« dabei beziehst Du die Entfernung nur
auf den Raum.
    Sophist! Sei aufrichtig: beziehst Du sie nicht auch ein wenig auf die
Interessen?
    Jawohl, und darin allein finde ich einen ausreichenden Grund für die
Erkaltung Deines epistolarischen Eifers. Und nun erlaube, dass ich loslege - ich
krämple erst die Ärmel auf und streife das Hemd über die Schenkel, damit ich
mehr Luft kriege (Flora Kuglmeier überrascht mich leider diesen Vormittag doch
nicht mehr, vielleicht macht sie jetzt das interessante Vesuvbild mit
Temperafarben an): Du bist im Grund Deines Herzens ein verdammter Egoist, der
sich wie ein kostbarer Wurm in sein seidenes Interessengespinst verpuppt; Du
denkst ungeheuer viel, aber nicht an mich; Du fühlst ungeheuer tief (Beweis: was
sich die Isarwellen an der Quaistrasse über Deine Liaison zurauschen - ich hör's
bis hierher!) aber Du fühlst nicht die süssen Schauer der Freundschaft in Deinem
Mannesbusen - - Das kommt von der Weiberknechtschaft.
    Sünder! Bei aller Phantasterei Deiner Gefühle bist Du doch nur ein kühler
Realist - oder tue ich Dir Unrecht, mein alter Kamerad? - während ich im
Idealismus hängen geblieben bin, wie der fabelhaft langhaarige Absalon am Geäst
des Eichbaums. Nun ich dahänge und zapple, rennst Du mir den Spiess Deiner
Sophistik ins Herz - -
    Es klopft. Herein! Donnerwetter, nein! Mein Negligé! - - - - Es war nichts.
    Also siehst Du, wie unsere Sachen stehn. Dir tut die Aufsicht eines
ehrlichen grossen Freundes not. Es ist Zeit, dass wir uns wieder näher rücken. Und
nun lass mich auch ein wenig von mir selbst reden, nachdem ich mich so lange und
liebevoll mit Dir beschäftigt.
    Meine italienischen Studien nahen ihrem Ende. Meine Mappen platzen von
Kopieen, Skizzen, Entwürfen - ob ich jemals ausgiebigen Nutzen daraus ziehen
werde? Ich will's hoffen. Ich mache noch einen Abstecher nach Pästum und
Sizilien, um die griechischen Tempelreste (dies lediglich zu meinem
Privatvergnügen, versteht sich!) zu studieren und an Land und Leuten einigen
Spass zu haben, dann rutsche ich wieder nordwärts in unsere gemässigte Kultur- und
Kunstzone, nach Biermaniens Hauptstadt an der kühlen Isar, bevor mich hier die
vernichtende Hochsommerhitze vollends in Schweiss und Idealität auflöst. Ich
hasse dieses Wälschland Italia, wenn ich bedenke, wie unzählig viele deutsche
Künstler von Talent und hohem Streben es seit einem Jahrhundert an Leib und
Seele ruiniert, wie viel deutsche Original-Anlage und Eigenart es verwüstet hat.
Behaupte ich damit, dass das Vaterland eitel Güte und Vorteil für seine Künstler
sei? Keineswegs. Aber es ist patriotischer, zwar dem Ausland die Leviten zu
lesen, jedoch mit der Besserung daheim anzufangen. Da wäre bei uns freilich ein
greulicher Augiasstall auszumisten. Besonders bei uns in München hat die
arrogante Mittelmässigkeit in der königslosen Kunststadt eine so korrupte
Wirtschaft auf die Beine gebracht, dass einem für den Ruhm Isaratens bange
werden kann, tritt nicht bald eine radikale Änderung ein. Und was sonst noch im
Verborgenen gesündigt wird! Das Schicksal unseres armen Knöbelseder, des
gehirnerweichten Heiligenmalers, tritt mir hier oft warnend vor die Seele. Ihn
haben Heimat und Fremde zu gleichen Teilen auf dem Gewissen.
    Was ich daheim zunächst beginnen werde, darüber mögen sich einstweilen die
lenkenden Götter ihre allweisen Köpfe zerbrechen. Der Gedanke, bei den Bauten
des Königs zugezogen zu werden - ist wohl nichts weiter als ein leerer Wahn. Zum
Handlanger und Streber und Katzbuckler hab' ich nicht das mindeste Talent. Von
chinesischer Schloss-Architektur versteh' ich auch nichts; auch nichts vom
Hundinghütten- und blauen Grottenbau. Also! Überdies durchschwirren jetzt ganz
unheimliche Gerüchte über die Verhältnisse des Königs die europäische Presse.
Man nimmt sich ja gar kein Blatt mehr vor den Mund und spricht ganz
rücksichtslos von der moralischen und materiellen Insolvenz des Idealisten auf
dem Trone. Das ist wieder ein gefundenes Fressen für die herrschende
Gemeinheit, für diese ewig hungrige und ewig stinkende Vettel, genannt
öffentliche Meinung: ein König, verfolgt von dem Gespenst des Bankrotts! Welch'
ein Gaudium für die rohe Exakteit der Kurszettel-Wissenschaft, der nüchternen
Einmaleins-Simpelei und der börsenjobbernden Demagogie, die Majestät eines
genialen Kronenträgers frech kritisieren zu dürfen auf Grund des Kassabuchs und
unbezahlter Fakturen! - An gewöhnlichem Massstabe gemessen, mag man ja zu Vielem
den Kopf schütteln; schwere Fehler liegen vor und dunkle Rätsel - den
künstlerischen Verirrungen möchte ich am allerwenigsten das Wort reden - allein
das Alles treibt mich nur zu dem heisseren Wunsch, es möge sich das gegenwärtige
Chaos recht bald zu voller Ordnung und Schönheit lichten.
    O, wenn ich Glück hätte und selbständig und im Grossen leben und bauen könnte
- meine alten Isarpläne verwirklichen! Aber da werden mir auch wieder andere
Macher zuvorkommen und bis ich mich durchgerungen und endlich die Aufmerksamkeit
der hohen Herren auf mich gelenkt, wird mein Platz besetzt sein. Vor Jahren
stand ich schon einmal hart an der Linie des Erfolgs - noch ein kleines
Schrittchen und ich wäre ganz patent vorwärts geschoben worden. Schon hatte ich
den Fuss erhoben, das entscheidende Schrittchen zu tun, da strauchelte ich - an
einer dummen kritischen Äusserung über ein allmächtiges Tier - und wie durch
Zauber war ich der Linie entrückt. Zur rechten Zeit schweigen und sich neigen,
ist aller Künsten grösste und für einen geraden, ehrlichen Kerl schwerste. Wir
stehen uns mit unserer dummen Ehrlichkeit immer selbst im Wege. Die Welt - die
Welt! das heisst die paar Leute, welche das Heft in der Hand haben - ist nie
fähig, die volle Wahrheit zu vernehmen; sie will immer belogen sein, damit ihr
die Freude an ihrer eingebildeten Herrlichkeit nicht verdorben werde. Also
schweigt der Wissende oder Vernünftige oder Vorsichtige. Aber zuweilen ist man
das nicht, sondern ein widerhaariger Esel mit langen Idealitäts-Ohren. Da
predigt man sich vor, dass die unumwundene Aussprache unserer tiefsten Gedanken
und Stimmungen der Menschheit bestes Teil sei; dass die Schlachten des Geistes
nicht von Schweigern, sondern von den lauten Zeugen und furchtlosen Bekennern
geschlagen werden. Ja, wenn das Lumpengesindel nicht wäre! Und der Knechtssinn!
    Blauer Dunst bringt Ehr und Gunst. Leider gehörte der Dunst bis jetzt nicht
zu dem Material, aus dem ich zu bauen verstehe. Vielleicht lern' ich's noch!
    Mit dem spekulierenden Kapital zusammenzuarbeiten, mit dem vollen Einsatz
gereiften Talentes, wäre freilich das verlockendste. Das Aufblühen aller Kunst,
besonders aber der auf Riesensummen angewiesenen Baukunst, ist an den Besitz des
Goldes gebunden. Sind wir endlich über den blutigen Milliardensegen mit seiner
gemeinen Protzerei, seiner geilen Genussgier auch im Kunstschaffen, glücklich
hinaus, so sind wir doch der rohen materialistischen Richtung noch nicht
entwachsen. Was fordert heute noch die Aufschneiderei und Reklamemacherei der
Geldprotzen und Börsenjobber und Spekulanten und Bodenwucherer nicht für
haarsträubende Zugeständnisse vom Baukünstler! Wie verroht und unsolid ist der
Geschmack des grossen Publikums in allem, was mit der Bautätigkeit
zusammenhängt!
    Unter solchen Umständen die Möglichkeit zu finden, Werke zu schaffen, welche
des aufgewendeten Talents würdig sind und den feinen Sinn, das edle Gemüt
befriedigen, ist unendlich schwer.
    Und dann die Stilfexereien, die altertümelnden Schrullen der zahlungsfähigen
modischen Halbbildung, überhaupt die Renommisterei der Mode in der Kunst! Und
das spielt sich als massgebendes Kennertum auf! Wie mich das anmassliche Treiben
dieser lackierten Barbaren oft kunststadtmüde gemacht hat, kann ich nicht mit
Worten sagen. Kreuzmillionendonnerwetter!
    Aber wie natürlich ist's auch wieder, dass sich diese Stilhanswurste an ihre
»echt« etikettierten Schachteln anklammern: sind sie doch bei allem äusseren
Reichtum innerlich so bettelarm, so aller wurzelhaften Empfindungen und
quellenden Ideen baar, dass sie nur durch das emsige Spielen mit allen
erdenklichen, aus allen Himmelsgegenden und Kunstepochen zusammengeschleppten
und mit einem Heidengeld bezahlten Stilformen sich über ihre individuelle
Armseligkeit hinwegtäuschen können. Man muss eigenartige, weltbewegende Gedanken
haben, um das heisse Bedürfnis zu verspüren, sie in eigenartigen Baudenkmalen
niederzulegen; man muss eine starke Persönlichkeit mit bedeutsamen künstlerischen
Triebkräften sein, um einen originellen Baumeister zur Ausgestaltung neuer
Ideale nötig zu haben. Von der monumentalen epochemachenden Kunst gar nicht zu
reden, da eine Blüte derselben den monumentalen Zug des Geistes und Charakters
eines hochstrebenden Geschlechtes zur Voraussetzung hat. Kein Wunder, dass diese
ästetischen Schnorrer ihren künstlerischen Lebensbedarf bei den Trödlern und
Antiquaren zusammenfechten - ein wahrer Hohn auf alles ernste, vernünftige
Sammlertum.
    (In Parentese: es ist doch rücksichtslos von dem Tempera-Frauenzimmer, mich
umsonst warten zu lassen.)
    Jetzt stehen die Sachen so: wie es Mode-Schneider gibt, so etablieren sich
die Mode-Architekten. Diese tun ein Büreau auf. Da liegen die architektonischen
Modezeitungen. Man hat alle Stilmuster auf Lager: das klassische, das gotische,
das deutschrenaissanceliche, das kompromissliche u.s.w. Alle Vierteljahre schiebt
man, den neuesten alten Stil als den tonangebenden in den Vordergrund: dem
gehört die Zukunft!
    Wie man zum Schneider geht, um sich einen Anzug nach neuester Mode zu
bestellen, so geht man jetzt zum Baumeister und steckt die Nase in das letzte
architektonische Modejournal und bestellt sich ein Haus nach neuester Mode.
    »Sie befehlen, Herr Kommerzienrat?«
    »Wünsche mir ein Haus beizulegen.«
    »Sehr schön. Stehe zu Diensten. Habe die grösste Auswahl.«
    »Was können Sie mir als das Modernste empfehlen?«
    »Hier dieses Barock, ein steinaltes famoses Muster, würde Ihnen
ausgezeichnet stehen.«
    »Gut. Lassen Sie das Mass nehmen. Baugrund liegt da und da.«
    »Wie Sie befehlen.«
    »Und bis wann kann ich das Haus haben?«
    »Wir liefern in kürzester Frist fix und fertig ab. Ist die Witterung
günstig, spätestens in drei Monaten. Garantie für gute Ware.«
    Auch die architektonischen Abzahlungsgeschäfte kommen mehr und mehr in
Schwung. Da werden im Fabrikbetrieb gleich eine ganze Anzahl Häuser fertig
gestellt. In irgend einer unmöglichen, aber billigen Gegend, in der Nähe der
Vororte, auf steiniger, schattenloser Ebene, wo alle Winde im Winter
zusammenheulen und pfeifen, dass es ein Grauen ist, schiessen plötzlich Dutzende
von Häusens, gleich Pilzen aus einem Sumpfe, aus der Erde. Nun sucht das
wohllöbliche Baukonsortium seine Fabrikware stück- oder wenigstens
stockwerkweise an den Mann zu bringen. Natürlich gibt man dieser noch
unbewohnten Ansiedlung gleich einen lockenden, am liebsten recht patriotisch
klingenden Namen, z.B. Neuwittelsbach, Neugermanien u.s.w.
    Und eine solche Kunst soll das Volk ins Herz schliessen? Eine solche Kunst
soll unsere nationalen Bestrebungen, unsere sozialen Ideale verkörpern? Eine
solche Bauerei soll einen edleren, lebendigeren Zusammenhang zwischen den
Menschen stiften und zur Begeisterung für höhere Ziele entflammen?
    Wenn Du einmal, mein lieber Max von Drillinger, in kritischer Stimmung bist
und nicht gerade in verliebten Absichten durch die Quaistrasse schlenderst,
bitte, betrachte Dir diesen ungeheuerlichen Häuserblock mit ästetisch prüfendem
Auge; stelle Dich unter eine der schönen alten Kastanien, die man bei der
Quai-Anlage allerdings bis zum Halse hinauf in Kies eingestampft hat, so dass sie
über kurz oder lang elend ersticken müssen, einstweilen aber lebensmüden
Münchener Packträgern als einladende angenehme Naturgalgen zum Aufhängen dienen
- und mustere einmal Haus für Haus!
    Dass das Material unecht und der Sandstein nur nachgeahmt ist, wäre noch die
geringste Ausstellung an diesen erlogenen Prachtbauten, die wie Schwalbennester
aneinandergeklebt sind, plump und massig; aber diese Öde der Stilmengerei, diese
entsetzliche Langeweile in der Linienwirkung, dieser Ungeschmack im gelben,
roten, grauen, ochsenblütigen Verputz!
    Und nun überschreite die Isar auf der Maximiliansbrücke und betrachte Dir am
andern Ufer von der Höhe, der Gasteig-Anlagen nochmal dieses Barbarenwerk der
Quaistrasse, wie es mit seiner blöden, plumpen, protzenden Massigkeit die schöne,
malerische Silhouette der alten Stadt zudeckt, als hätte man einen Riesenwürfel
oder eine Kulisse davorgeschoben, so dass mit knapper Not noch einige ferne
Turmspitzen über diese dicke wagerechte Linie am Horizonte aufragen. Und erst
bei Mondschein, wie schlägt diese trostlose Ausgeburt der Architektenspekulation
aller Poesie des Isar-Ufers ins Gesicht! Überhaupt die ganze Gegend der
Maximiliansbrücke: ist das nicht alles wie eine Satyre auf die vielbelobte
Kunststadt, die hier das schönste Stück Natur, zu den geistreichsten
architektonischen Aufgaben lockend, jammervoll verpfuscht hat? Die imposante
Maximilianstrasse durch den schauerlichen Kasten des Maximilianeums in eine
»innere« und »äussere« auseinandergerissen, hart an der Brücke auf der
Praterinsel eine Schnapsfabrik, weiter hinauf eine stinkige Fell-Niederlage,
eine Gipsmühle u.s.w. u.s.w.! Was liesse sich hier Herrliches schaffen, wenn die
Isar einmal aus ihrem Bette treten und diese Schandgeschichten fortspülen
wollte!
    Aber ich weiss, ich entrüste mich vergeblich: um eines holden Weibes willen,
das dort zwanzig Schritte von der Brücke aus einem Eckfenster Dir heimliche
Liebesgrüsse und verheissende Liebeszeichen zuwinkt, - nichtwahr, ich bin gut
unterrichtet? - spottest Du aller Architekten-Phantasieen und erklärst die
Quaistrasse an der rauschenden Isar für das grösste und schönste Bauwunder der
Welt.
    Und wenn Du noch einer seligen Stunde am Busen des süss verbuhlten Weibes im
nächtlichen Sternenschein heimwandelst, isaraufwärts, am baufälligen
Torf-Magazin mit dem hohen, windschiefen Ziegeldach, am alten Ketterl- und
grünen Baum-Wirt und an der schweren Reiterkaserne vorüber, immer den
rauschenden Fluss, mit seinen hochwaldduftigen Flössen zur Linken, weiter und
weiter bis unter die hochragenden Uferbäume an der Auenstrasse: da ziehen Dir
andere Märchen durch die Seele, als die ich hier träume mit offenen Augen, auf
der Höhe des neapolitanischen Vicoletto del Petrajo gegenüber dem Vesuv, im
sehnsüchtigen Gedenken an die ferne bayerische Heimat.
    Ah, es hat ausgebljetzt und ausgedonnert. Es ist, als ob die ganze
Spektakel-Maschinerie im Krater des Berges, des alten Feuerspeiers, versunken
wäre. Darüber hin schweben, ziellos, planlos, wie vergessen, einige
Wolkenfetzen. Der Himmel hat eine Regenmiene aufgesetzt. Das ist immer das nasse
Ende vom Lied, aber es ist ein gutes, erfrischendes Ende. Man kann dabei wieder
aufatmen.
    Mir selbst ist jetzt so wohl und leicht, nachdem ich mich ausgegrollt, und
bei Gott, wenn jetzt plötzlich meine bayerische Landsmännin hereinträte, die
jungfräuliche Flora Kuglmeier, ich wäre im stande, sie in die Arme zu schliessen
und an die vaterländische Brust zu pressen, dass uns beiden Sehen und Hören
vergehen sollte.
    Flora Kuglmeier scheint mich mit ihrer Besuchs-Zusage für diesen Vormittag
positiv zum Besten gehabt zu haben. Eigentlich gefällt mir das von dem zarten
und doch so eigenwilligen Ding; ja, es imponiert mir sogar. Dieses eigentümliche
Persönchen mit seinem blonden Falkenköpfchen fängt an, einen unheimlichen Reiz
auf mich auszuüben. Ich nehme mich schon ordentlich zusammen in ihrer Nähe. Ihr
langer, kritischer Blick hat etwas Beängstigendes; sie hat eine gewisse Art, mit
ihren dunkelblauen Augen Fragen zu stellen, dass man sich selbst, bei Gott, ganz
fragwürdig vorkommt. Und ich, der ich gewohnt bin, das weibliche Geschlecht so
schopenhauerisch von oben herab zu nehmen! (In Parentese: Brigitta galt mir
stets als eine grosse Ausnahme; ihr schlichter, starker Sinn, ihr hausmütterlich
treues Walten, ihre Entsagungskraft - ja, da gehe Einer hin und tue
desgleichen!)
    Mein lieber Max v. Drillinger, gemütreicher Leichtfuss, spitzfindiger
Phantast, pessimistischer Optimist, Mann der Widersprüche, Zusammenreimer von
Ungereimteiten - ist das genug auf einmal? - was wärst Du, ohne Brigittas Herz,
diesen festen Schlussstein im luftigen Gewölbe Deines Lebensbaues?
    Ich lege nun einen Eid darauf ab, dass mich die Tempera-Malerin mit Wissen
und Willen gefoppt hat und schmiere ruhig Briefbogen um Briefbogen voll; ich
tilge nicht nur Briefschuld, sondern kapitalisiere, damit ich für den Rest
meiner Italiafahrt von epistolarischen Renten leben kann und Dir überhaupt nicht
mehr zu schreiben brauche. Wenn ich Flora Kuglmeier auf diesem Stern jemals
wiedersehe, werde ich sie überzeugen, dass sie mir mit ihrem Wortbruch einen
nützlichen Dienst geleistet hat.
    »Fragwürdig« habe ich oben gesagt. Ja, eigentlich sind wir zwei, Du und ich,
fragwürdige Kerls, d.h. Du hauptsächlich, ich viel weniger. Schon deshalb, weil
ich jetzt fest entschlossen bin, bei der Stange zu bleiben, mir im Leben nichts
mehr gefallen zu lassen, was meine Tätigkeit stören oder beeinträchtigen
könnte, und schliesslich als freier Mann zu irgend einem schönen Fleck Erde in
der bajuwarischen Heimat zu sprechen: »Hier ist gut sein, hier lasst uns Villen
bauen!«
    Fräulein Flora, wie gefällt Ihnen der Scherz?
    Das ist zwar noch alles ziemlich kompliziert, aber ich stehe für mich ein,
dass ich hinausfinde. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg - das Wort soll nicht
bloss für Amerikaner gesprochen sein.
    Aber Du? ...
    Wille und Weg, wohin sollen sie schliesslich führen? Zur Berühmteit, zur
Unabhängigkeit und Herrschaft grossen Stils, zu Reichtümern und allem, was damit
zu erwerben?
    Was damit zu erwerben? Käuflich ist heute nahezu alles. Leider. Und das
verdirbt dem feineren Ehrgeiz alle Freude. Erstreben was jeder reiche Lump haben
kann, ist das noch erstrebenswert für den raffinierteren Kopf? Gewährt uns das
noch eine höhere Befriedigung, was für jeden aus der gemeinen Herde erreichbar
ist, sobald ihm das grosse Los zufällt?
    Aufgepasst: das wäre ungefähr Dein Gedankengang, nicht Dein eingestandener,
sondern Dein geheimer - und das ist just nicht der meine.
    Ich will mich einfach ausarbeiten und ausleben; ich will beweisen, dass ich
eine Kraft bin. Die kleinen Hilfsmittel und Verzierungen des Lebens kümmern mich
wenig, sofern sie nicht eine besondere Verstärkung meiner Kraft bedeuten. Ich
will meine eigenen Werte prägen: ich will meine höchstpersönliche Meinung vom
Glück allen andern Meinungen gegenüber zur Geltung bringen. Grosszügig, siehst
Du; monumental in Gesinnung!
    Nun glaubst Du aber selbst, dass die geheimnisvolle Flora Kuglmeier heute
nicht mehr zu mir kommt, so heiss auch meine - Neugierde sie ersehnt, nichtwahr?
Krampfhaft halte ich die Feder und schreibe fort, wütend, zähneknirschend - wenn
nur kein Handschriftendeuter diese Blätter jemals in die Klauen bekommt und Dir
mit dem Tüpferl auf dem I und dem U-Häuberl und dem andern Schnickschnack
beweist, dass der Schreiber ein rasend verliebtes Rhinozeros gewesen. Da täte
ich mir selbst leid. Denn gerade meine Schreibfuria soll ja bezeugen, dass ich
nur kraft körperlichen Zwanges in dem Vicoletto del Petrajo, einer
Steinbruchgasse hoch über Neapel, hause, hingegen mein Geist bei Dir weilt an
der rauschenden Isar, bei Dir, Max v. Drillinger, dem unausstehlichsten Freunde,
den mir Gott in seiner unergründlichen Gnadenlaune beschieden.
    Träte Fräulein Flora Kuglmeier jetzt plötzlich durch die verschlossene Tür
zu mir, oder schwebte sie über den Balkon leise herein, oder senkte sie sich vom
Plafond herab, etwa am Faden eines Spinngewebes, oder tauchte sie aus der
schwarzen Tiefe meines Tintenfasses auf - Du wirst's erleben, dass sie nichts
dergleichen tut - aber angenommen: ich versichere Dir, ich bliebe kalt wie eine
Hundenase und plauderte ganz gelassen da weiter, wo ich gerade mit der Feder
aufgehört.
    Also von Dir, Unvergleichlicher!
    Komisch. Sie erzählte mir neulich aus ihrer Lehrerin-Vorbereitungszeit von
einem Examen, das ihr die erste Auszeichnung eingetragen, eine Prämie in der
Physik, weil sie so gründlich und anschaulich die Gesetze von der Anziehung der
Körper dargelegt habe.
    Anziehung der Körper, welch' ein Tema für eine junge, feurige, geistreiche
Dame! Freilich muss es schon recht lange her sein, da sie selbst so wenig mehr
von der Wirkung dieses interessanten Gesetzes verspürt. Oder sollte mein Körper
alle intimere Anziehungskraft verloren haben? Sollten keine geheime Kräfte mit
siegender Allgewalt sich Bahn brechen zu der entfernten Ersehnten, dass sie dem
Zwange der Natur sich füge? Und heute ist Josephitag!
    Wie ganz anders haben wir gewirkt in unserer Jugendjahre Maienblüte, guter
Max! Neulich, in einer schlaflosen Nacht, habe ich die Flammen rekapituliert,
die ich einst als studentischer Schmetterling umgaukelte.
    
    Wieder ein Beweis, was ich für eine treue Seele: ich habe im Stillen den
Lebenslauf dieser unschuldigen Kinder verfolgt. Die Beobachtung ergab seltsame
Resultate. Die dicke, runde Klara, die Bräumeisters-Tochter, ist mit einem
Kassier verduftet; Seraphine aus der Sendlingergasse hat ihr Herz an einen
Pfaffen gehängt und hat sich aus mystischen Gewissensskrupeln in der Isar
ertränkt; die sentimentale Amalie der Professorswittwe Streuhuber ist eine
tüchtige Geschäftsfrau geworden und verkauft Hosen an die Landshuter Garnison;
Fanni Kranzler vom Rochusberg hat sich dem Trunk ergeben und ist im Irrenhause
gestorben; die rabiate Bella ist zuerst Komödiantin und dann eine resolute
Pensionatsmutter geworden. Was für Lebenswendungen!
    Und unsere Jugendeseleien! Noch nicht hinter den Ohren trocken, wollten wir
berühmt werden und die Augen von ganz Europa - oder wenigstens von unserm
Stadtviertel auf uns lenken. Berühmt werden! Jeden Morgen war die erste Frage:
wie fangen wir's an? Und dabei erreichten wir zunächst, dass wir beim Examen mit
Pauken und Trompeten durchfielen. Dann wiederum: sollen wir fünfaktige Dramen
schreiben, um schneller ans Ziel zu kommen, wenigstens öffentlich ausgepfiffen
zu werden, oder eine neue Religion oder ein neues Schiesspulver erfinden, um der
Menschheit ein ungeahntes Heil zu bringen? Mit unserer Sehnsucht nach der
Heilandschaft verband sich nur ganz selten die sehr praktische Erwägung:
Berühmteit bringt Moneten, jene Berühmteit, welche von den Kindern einer
materialistischen Zeit als die überhaupt allein erstrebenswerte betrachtet wird.
Unser Sinn ging zunächst immer, dieses Lob dürfen wir uns nicht versagen, auf
etwas Schönes ohne Hinterlist, etwas Reinliches ... Zum Teufel auch, hätten wir
doch wenigstens Richard Brands Schweizer-Pillen erfunden!
    Da fällt mir eben etwas sehr Menschliches ein: wenn Fräulein Flora Kuglmeier
krank geworden wäre? Wir haben gestern bei einem Ausfluge eine Menge Zeug
durcheinander gegessen: Orangen, Makkaroni, Salat, Würste, Feigen ...
    Ich werde mich ankleiden und im Gastofe nach ihr sehen. Sie wohnt da unten,
dem Meere zu, in einem Kranze blütenreicher, duftiger Gärten, Rione Principe
Umberto. Ich bin ganz gerührt, wenn ich mir das liebe Kind leidend denke, im
Bett vergraben, mit der Kolik, der Ruhr oder sonst einer wüsten Krankheit
ringend; das Gesichtchen bleich, verzagt, von einem weissen Häubchen umrahmt; auf
dem Nachttischchen eine herabgebrannte Stearinkerze in einem grünspanfleckigen
Messingleuchter mit zerbrochener Glasmanschette, daneben halbleere
Medizinflaschen in allen Grössen und Farben. Hilfesuchend streckt sie mir aus der
Decke ihr feines, vom Fieber brennendes Händchen entgegen ...
    Ja, ich will gleich hinuntergehen. Ich erfülle eine heilige Menschenpflicht.
Das hätte ich eigentlich schon vor einer Stunde tun sollen. Statt an diesem
unnützen, überflüssigen, ungeheuerlichen Brief zu schreiben, für den ich doch
keinen Dank ernte, höchstens eine mokante Kritik.
    Trotzdem will ich zum Schlusse auch Dir gegenüber das Mass meiner Güte voll
machen und Dir zu Deinem bevorstehenden Geburtstage gratulieren - ich merkte
ihn, weil er in den kalendermässigen Frühlingsanfang fällt, worauf Du Dir in
grenzenloser Eitelkeit immer so viel zu Gute tatest, obwohl Du diesen
Datums-Vorzug mit einigen Millionen anderer Menschenkinder teilst, hochgeborener
Max von Drillinger. Da ich Dich nun einmal mehr liebe, als Du verdienst, und das
Schicksal - die präsumptive Krankheit - meiner armen Flora mich in weiche
Stimmung versetzt, hat, so will ich ein ganzes Füllhorn innigster Wünsche auf
Dein edles Haupt ausgiessen. Möge das neue Lebensjahr all' die Wechsel - so warte
doch mit Deiner nervösen Grimasse! - all' die Wechsel - einlösen, welche Dir das
alte auf Glück ausgestellt haben sollte. Im Übrigen kannst Du bleiben wie Du
bist; Du bist mir drollig und amüsant genug. Ziehe aus dem Umstande, dass die
Zahl Deiner Jahre um eins vermehrt wird, nicht den voreiligen Schluss, dass Du
älter geworden seist. Ich weiss, man ist gerade an solchen Tagen zu so
jammerhaften Meditationen geneigt, und besonders Leute, die wie Du gar kein
Talent zum Altwerden haben, sind's am meisten.
    So. Und jetzt lass' mich gefälligst in Ruhe. Schreib' mir gelegentlich, was
die Isar neues rauscht, wie's der tapfern Brigitta geht, der bewundernswerten
Heldin, die das Unerträglichste erträgt - Dich!
    Gott mit uns. Amen.
                           Mit Schwert und Eichenlaub
                                                   Dein getreuer Joseph Zwerger.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Nachschrift. Zwei Stunden später. Flora Kuglmeier ist gekommen, Flora
Kuglmeier ist gegangen; sie ist frisch und gesund, der Name des Herrn sei
gelobt! In die Arme sind wir uns zwar nicht gesunken, aber das kommt noch. Sie!
ist ein wunderbares Geschöpf. Ein Charakter! Da lässt sich daraufbauen. Ich habe
mich nicht entalten können, sie auszuforschen: sie kennt Dich nur vom
Hörensagen, aus weiter Entfernung. Das gereicht mir zu grosser Beruhigung. Nun
hab' ich ihr zum Dank viel Gutes von Dir erzählt.
    Entsetzlich war's, dass ich vor Zerstreuung, Eile, freudigem Schreck u.s.w.
im Hemde die Tür öffnete. Je nun, Flora hat nicht aufgeschrieen, ist nicht in
Ohnmacht gefallen - sie hat den Anblick ertragen wie ein Mann! Das werde ich ihr
all' mein Lebtag nicht vergessen.
    Sie wünscht, Du möchtest die Bekanntschaft des Bildhauers Achtuber machen.
Er hat sein Atelier drunten am »Gries«, im Wäscherinnen-Viertel, Ende der
Isarstrasse.
 
                                       2.
Die Vorstellung im Gärtnerplatzteater war zu Ende. Jung-München lärmte heraus.
    Der Schwarm der Besucher hatte sich bis auf wenige Nachzügler im
urbajuwarischen Gaslichtalbdunkel der von der Rotunde strahlenförmig
auslaufenden, schön langweilig nach der Schnur gebauten Strassen mit allmählich
verhallendem Geräusch von Menschenstimmen, Massenschritten und Wagengerassel
verloren. Die Kandelaber an der Freitreppe des Teaters wurden gelöscht und die
Türen geschlossen. Die Feuerwehrmänner mit ihren blitzenden Helmen marschierten
in militärischem Tempo und kräftigem Absatzaufschlag davon.
    Ehrsame Nachtstille lagerte wieder über dem dämmerigen Platz und träumte in
den schwarzen Wipfeln der Kastanienbäume, welche die statuengeschmückte Rotunde
umsäumen.
    Aus dem Seitenausgang des Teaters gegen die Klenzestrasse war eine elegant
in Kapuze und Mantel gehüllte Dame in eine wartende Droschke gestiegen. Der
wohlabgerichtete Kutscher fuhr langsam die Teaterseite hin und zurück, bis
endlich behenden Schrittes eine Männergestalt den Platz durchquerte, direkt auf
den Wagen zueilte und den Schlag öffnete.
    »Aber Max, wie konntest Du mich wieder so lange warten lassen!« erklang
zärtlich vorwurfsvoll eine tiefe Frauenstimme aus dem dunklen Wagengehäuse.
»Rasch herein!«
    »Den alten Weg,« rief der Herr zum Kutscher hinauf und schwang sich zu der
vor Ungeduld und verliebtem Begehr fiebernden Dame in die Droschke. Kaum war die
Tür geschlossen, so fielen auch schon die Gardinen und das Liebesgespann - nahm
den alten Weg. Hü, hot!
    »Natürlich war er's wieder, Max v. Drillinger, der Heissbegehrte,« höhnte
eine meckernde Bassstimme aus einer Gruppe, die beobachtend im Dunkel der
Hausecke den Vorgang verfolgt hatte.
    »Kein Zweifel.«
    »Die Abfahrt stimmt. Der Rest lässt sich denken.«
    »Wie gewöhnlich hat die kluge Dame ihren eigenen Wagen heimgeschickt mit der
Erklärung, sie ziehe bei dem schönen Wetter den Spaziergang vor, die Nachtluft
werde ihr wohl tun und so weiter.«
    »Wird ihr auch wohl tun.«
    »Sehr wohl. Der Drillinger versteht sein Metier als patentirter
Frauentröster.«
    »Wie der brave Gatte in der Quaistrasse - sprich auf münchenerisch:
G'weih-Strasse! - sein Metier als König Menelaus versteht.«
    »- Laus der Gute, - Laus der Gute -« spottete der Dritte, den Offenbachschen
Refrain aus der »Schönen Helena« summend.
    »O, der hat als richtiges Ehe-Trampeltier eine Elephantenhaut. Alle Pfeile
des Spottes auf dem letzten Faschingsball im Hofteater sind wirkungslos
abgeprallt.«
    »Und es sollte kein Mittel geben, ihm die Augen zu öffnen?«
    »Er gehört zu jenen Blinden, die nicht sehen wollen. Und die sind
inkurabel.«
    »Bah, man müsste ihn nur bei den Ohren nehmen und einmal der Katze die
rechten Schellen anhängen.«
    »In der Presse?«
    »In dem berüchtigten, Vaterland der schönen Seelen, Organ für sittliche
Unterhaltung und Belehrung der Wachtstuben- und Kasernenwanzen?«
    »Das ist abgeschmiert. Die kluge Donna ist eine zahlungsfähige Klientin der
Revolverpresse unserer königlichen Haupt- und Residenzstadt.«
    »Ein Versuch wäre doch zu machen. Aber welcher reinliche Mensch mag sich mit
solchen Schmieranten und Pressbanditen einlassen?«
    »Ich! Reinlichkeit in Ehren, aber gibt es nicht Zangen, mit denen sich auch
das Schmutzigste anfassen lässt? Gibt es nicht Mittelspersonen? Das sind zwar
auch Hallunken, aber wenn's einmal nicht anders geht! Dem Drillinger muss endlich
ein ordentlicher Prügel zwischen die Beine geworfen werden.«
    »Einverstanden. Das wird wenigstens eine Abwechslung sein für seine
verehrten Beine. Also überlegen wir das Geschäft!«
    »Preis ist Nebensache!« spottete der Dritte.
    Die Gruppe entfernte sich durch den dunklen Portikus, überschritt die
Reichenbachstrasse und trat in das Café Paul, dem Stelldichein der Teaterbummler
und Nachtschwärmer des Gärtnerplatz-Viertels.
    Auf dem Asphalt unter den Kastanienbäumen promenierten mehrere Studenten,
schweigend ihre Zigaretten rauchend und die Pferdebahn erwartend.
    »Ich muss sagen, nach der Nacht in Venedig mit der entzückenden Straussschen
Musik verspreche ich mir wenig von dieser Nacht in München, die Ihr mir zum
Besten geben wollt«, nahm eine schlanke Gestalt mit ein paar Schelmenaugen im
träumerischen Siegfriedskopfe die Rede auf. »Eine Gondel auf den Lagunen und
eine Droschke auf dem Münchener Pflaster - wer weiss mir lächerrlichere
Gegensätze?«
    »Und eine Droschke, die nie zu haben ist, wenn man sie braucht, und zu deren
Ersatz man auf eine Trambahn wartet, die nie ankommt.«
    »Ihr Norddeutschen könnt eben unser herrliches München nur in kritischer
Sauce geniessen. Das ist zwar fade für unsern Gaumen, aber wir haben uns daran
gewöhnt.«
    »Nun hören Sie einmal, Kuglmeier, die Rheinländer sind nicht so norddeutsch,
wie Sie glauben und meine Wiege hat bekanntlich in der grossen Pfaffengasse am
Rhein gestanden,« protestierte der träumerische Siegfriedskopf und schob seinen
Arm unter den seines Münchener Kameraden. »Wir Rheinländer wissen zu leben und
leben zu lassen. Wir sind die gemütlichsten Kerls.«
    »Na, und wir Münchener erst!«
    Das brachte der kleine Kuglmeier so drollig heraus, dass alle lachten.
    »Na, und diese Luft, direkt aus Italien, von einer Weichheit ...«
    »Als ob sie Deine Schwester Flora in Neapel extra für uns präpariert hätte.«
    »Also heute nicht raisonnieren!« hob wieder der Rheinländer an. »Nehmen wir
Kuglmeiers Münchener Nacht, wie sie ihm Gott beschieden hat; trinken wir noch
Eins, scherzen mit hübschen Mädchen womöglich - plaudern, faseln, kannegiessern,
aber warten wir nicht länger auf diese marode Pferdebahn!«
    »Dort kommt sie schon herangekrochen mit müdem Geklingel.«
    »Wir haben noch gar kein Vergnügungs-Programm gemacht!«
    »Das lasst meine Sorge sein,« rief Kuglmeier.
    »Da kann's uns nicht fehlen. Kuglmeier ist die rechte Hand des Zufalls,«
bemerkte der Mediziner Stich, der auf den Kneipnamen Hippokrates hörte.
    Der einspännige blauweisse Kasten rollte vorüber, die jungen Herren sprangen
einer nach dem andern auf die Plattform. Im Innern sassen, beschienen von der
gelben Laterne, zwei etwas auffallend geputzte Mädchen, eine stumpfnäsige
Brünette und eine langnäsige Blondine, beide mit exzentrischen Hüten aus
hochgestülptem, schwarzem Filz und steifen, gesprejetzten Federn, wodurch die
ermüdeten Gesichter etwas gewaltsam Kühnes und Herausforderndes erhielten. Fest
im straffen Korsett sitzend, die Beine übereinander geschlagen, mit den
Stiefletten klopfend, die einen kräftigen, aber wohlgeformten Fuss umspannten,
wandte sich die Brünette mit einer raschen Bemerkung ans Ohr der Blondine,
worauf diese mit einem schmachtenden Blick auf die Plattform antwortete. Als
Fortsetzung unterdrückte sie ein Gähnen, hielt die gelbgantierte Hand
muschelförmig über den Mund und flüsterte: »Hunger hab' ich.«
    »Und ich Durst. Prost Mahlzeit!« kicherte die Brünette und gähnte
gleichfalls mit Anstand.
    »Wohin fahren die Herren?« fragte der Kondukteur.
    »Ja, wohin fahren wir gleich -« meinte Kuglmeier mit komischer Unsicherheit.
    »Der rechte Führer! Prädestiniert für den deutschen Generalstab! Du lieber
Gott, Damen haben überall den Vortritt: wir fahren den Damen da drinnen nach!«
vermittelte lachend der Rheinänder und seine Schelmenaugen umspielten einladend
die beiden Mädchen, denen die Geschichte offenbar gar nicht übel gefiel, denn
sie stiessen sich an, schlugen die Augen à tempo halb nieder und zwinkerten durch
die Lidspalte mit leisem Kopfnicken dem munteren Sprecher zu.
    »Also geben Sie uns für zehn Pfennige pro Mann,« sagte Kuglmeier trocken und
steckte dem Kondukteur ein halbes Markstück in die Hand.
    Der Wagen durchrollte die lange Reichenbachstrasse und hielt an der
Haltestelle bei der Einmündung in die Frauenhoferstrasse. Niemand machte Miene
zum Aussteigen. Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung. Eine leichte Steigung
gegen die Reichenbachbrücke veranlasste den Kutscher langsamer zu fahren; auf der
Brücke angekommen, einem alten Balkengerüst von der architektonischen Schönheit
der Pfahlbauzeit, liess der Kutscher sein Pferd vorschriftsmässig im Schritte
gehen. Der müde Schimmel, dankbar für diese ortspolizeiliche Vorschrift,
streckte den Kopf rechts und links, pustete seinen glühenden Atem in die
schwarze Nachtluft hinaus, dass weisse Nebel um seine Nüstern sprühten, hob den
Schweif und blieb mitten auf der Brücke stehen, um ein natürliches Bedürfnis zu
befriedigen.
    Die Mädchen stiessen sich wieder an, zupften ihre exzentrischen,
hochgestülpten Filzhüte mit den gesprejetzten Federn zurecht - und benützten den
unfahrplanmässigen Halt zum Aussteigen.
    »Erlauben Sie, dass wir die schöne Gelegenheit bei der Hand ergreifen,« sagte
der Rheinländer galant und erhaschte die flinke Brünette bei den Fingerspitzen,
zog damit ihren Arm an sich und, mit ihr gleichzeitig den Boden betretend,
schlang er als vorsichtiger Ritter noch seinen Arm um ihre Hüfte, damit sein
Schützling auf der schlecht beleuchteten Brücke ja nicht zu Fall komme.
    Die übrigen Kameraden, elektrisiert von seinem Beispiel, wollten sich
gleichzeitig um die Blondine bemühen, aber da kam einer dem andern in die Quere,
das Pferd zog plötzlich an und der kleine Kuglmeier blieb mit dem Absatz am
Tritteisen hängen, fiel und drückte die lange Blondine mit zu Boden.
    Die Brünette schrie und lachte zugleich, sich fest an den Rheinländer
drückend, der sie im ersten Schreck mit beiden Armen umschlang, während die
Andern im Rettungseifer blind dreintappten - merkwürdigerweise keiner nach
Kuglmeier, alle nach dem Mädchen! - und der eine ein Bein, der andere einen Arm,
der dritte den Federhut erwischte.
    »Hippokrates vor!« rief der Rheinländer.
    Inzwischen hatte sich die Blondine in die Höhe gearbeitet und lachend den
kleinen Kuglmeier mit aufgezogen.
    »Hippokrates, walte Deines Amtes! Biete der Gefallenen Deine hilfreiche
Kunst!«
    Die Brünette hatte sich mit einem letzten zärtlichen Druck von dem
Rheinländer losgemacht, um ihrer Freundin die Kleider und den Hut ordnen zu
helfen.
    »Ach, es ist gar nichts,« versicherte die Blondine mit dem besten Humor von
der Welt.
    Hippokrates liess sich aber dadurch nicht abhalten, als gewissenhafter
Medizinmann seine Pflicht zu erfüllen. Er strich und tastete und drückte mit
beiden Händen an dem Mädchen herum, das sich nur zum Schein gegen so
sachverständige Sorgfalt wehrte. Die Brücke war menschenleer; die kleine
Gesellschaft stand allein in ihrer abenteuerlichen Intimität da, über sich den
schwach besternten Wolken-Himmel, unter sich die rauschende Isar, ringsum die
dunkle, laue Nacht, in welche die Gasbeleuchtung diskrete Lichtpünktchen säete.
    Der emsige Hippokrates liess sich auf ein Knie nieder, nahm die Fussknöchel
der Blondine zwischen Daumen und Zeigefinger, frottierte mit der Hand hurtig bis
an die halbe Wade hinauf - und »Eine Röte, eine verdächtige Röte! Tut's weh?«
rief er und erfasste das Strumpfband.
    »Was Röte! Das ist ja die Farbe des Strumpfes!« rief lachend das Mädchen.
»Sie sind mir ein schöner Doktor -« und mit einem Ruck entzog sie ihm das Bein.
    Allgemeine Heiterkeit. Der Heiterste aber war Hippokrates: er richtete sich
hoch auf und schwang triumphierend das Strumpfband.
    »Nein, ist das lustig!« und die Brünette hüpfte wieder zu ihrem Ritter, der
ihr galant den Arm bot.
    Der Rheinländer mit den glücklichen Schelmenaugen hob jetzt mit kömischem
Patos an: »Meine Herrschaften, danken wir unserem Freunde Kuglmeier für die
ungeheuere Geschicklichkeit, mit welcher er dieses ebenso erschütternde wie
angenehme Ereignis inszeniert hat. Er ist der Mann der Überraschungen und stets
Herr der Situation.«
    »Bravo! Bravo!«
    »Da wir nun in anbetracht der vorgerückten Stunde die Damen nicht mehr
allein ihrem Schicksale überlassen dürfen ...«
    »So bleiben wir hübsch beieinander,« fiel Kuglmeier ein und machte sich
begehrlich an die lange Blondine, die sich in schwachen Anstrengungen gefiel,
von dem glühenden Hippokrates ihr Strumpfband wieder zu erlangen.
    »Ausreden lassen!«
    »So finde ich es schicklich, dass wir uns den Damen zunächst vorstellen. Hier
der Medizinmann Herr Stich, Herr Kupfer, genannt der grosse Schweiger, Herr
Schlichting, der Einsame, Herr Kuglmeier und meine Wenigkeit, der grosse
Unbekannte, der in diesem Augenblicke gar nicht weiss, in welcher wildfremden
Gegend er sich befindet.«
    »Wir sind Blumenmädchen,« lachte die Brünette.
    »Aus der Nacht in Venedig - oder aus Parsifal? - Zauberhaft!«
    »Nein, - aus dem Bellingerschen Atelier. Ich mache Blätter und Blüten und
die Nanni die Stiele.«
    »Noch zauberhafter.«
    Helles Gelächter.
    Der als Herr Kupfer, der »grosse Schweiger« Vorgestellte, wollte nun die Last
seiner Gefühle in dieser närrischen Frühlingsnacht auch nicht länger stumm bei
sich tragen. Die Dunkelheit machte ihn so kühn, dass er sich mit allerlei
phantastischen Griffen an des Rheinländers Schützling heranzuschlängeln mühte.
»Ja, sehen Sie, holde Wunschmaid und Blütenfabrikantin, wir sind ganz
unschuldige Säuglinge der Wissenschaften und schönen Künste.«
    Aber die Brünette wehrte ab: »Bitte, Sie scheinen mir im Gegenteil ein ganz
verflixtes Schweinchen zu sein.«
    Die Lebhaftigkeit der Unterhaltung und der Gesten hatte das Auge des
Gesetzes angezogen das jetzt in Gestalt zweier Gendarmen feierlich beobachtend
im Dunkel auftauchte und den Raum der Brücke durchmass.
    Die Gesellschaft war an die Ballustrade getreten, an eine Stelle, wo
dichtere Finsternis herrschte.
    »Orientieren wir uns. Herr Kuglmeier, urmünchenerischer Ansiedler, leihen
Sie uns Fremdlingen Ihr Licht!«
    Nun wollte sich der kleine Kuglmeier aus Rache für sein Missgeschick auch
einige Witze leisten. Er warf sich in Positur und brachte folgenden Unsinn
zustande:
    »Wir sind in Bajuwariens nächtigsten Gefilden. Dort im Süden dehnt sich der
furchtbare Urwald von Harlaching- Talkirchen- Grosshessellohe-Höllrieglskreut,
durchströmt von dem wildesten und gefährlichsten aller Alpenflüsse. Rätselhaft
ist sein Wesen gleich dem Acheron und unheilvoll ist sein Wasser. Wer unbedacht
hineinfällt, ersäuft, wenn ihm nicht der Magistrat einen Rettungsbalken zuwirft;
und sitzt er auf dem Rettungsbalken, so erfriert er, wenn ihm nicht die
barmherzige Kati vom Beisel in der Wasserstrasse einen steifen Grog
hinüberbringt. Hier, rechts, sehen Sie eine der gewagtesten menschlichen
Ansiedlungen, Monachia, die Stadt der Mönche und anderer Klosterbrüder und
ungeschundener Raubritter; links die Au, die sich an einem Nebenflusse der Isar,
am duftigen Entenbach, zu einer der grössten und elegantesten Villenstädte
europäischer Biersümpfler zu entwickeln verspricht; ferner flussauf und -abwärts
zwischen dem Ufer und den menschlichen Wohnstätten dehnen sich Promenaden,
Alleeen, Gärten, Haine, Wiesen, Mist- und Schutt- und Eisplätze in lieblichem
Wechsel, allwo die grosse heidnische Göttin im Schutze der Nacht ihren Gläubigen
die Opferstellen anweist ...«
    »Haltet ihm den Mund zu!«
    »Was sind das, Opferställe?«
    »Opferstellen! Das werdet Ihr heute Nacht zum hundertundsoundsovielten Male
praktisch expliziert bekommen, geliebte, keusche Mädchen.«
    »Ich verbitte mir solche Randglossen zu meinem Vortrage!« schrie der kleine
Kuglmeier, als der Medizinmann Stich die fragende Blondine in die Arme schloss
und leidenschaftlich küsste.
    »Alle Wetter, Kuglmeier ist eifersüchtig,« spottete der grosse Schweiger,
noch verstimmt über seinen Misserfolg bei der braunen Blütenmacherin mit der
lustigen Stumpfnase.
    »Ich eifersüchtig? Das wäre geradezu beleidigend, wenn ...«
    »Kinder, nehmt Vernunft an, die Gendarmen sind in der Nähe. Deren Zartgefühl
erträgt solche Scherze nicht. Da kommt auch eine Droschke mit ehrbaren
Spiessbürgern, skandalisiert sie nicht! Seid dezent!« mahnte der Rheinländer
spöttisch, während er mit der Hand seines um die Taille der Brünette gelegten
linken Armes den vollen straffen Busen streichelte, dass das Mädchen erregt
aufseufzte und in heissem Schmachten sich förmlich in die Feuer und Leben atmende
Gestalt des blonden Recken vergrub.
    »O, seht hin, die Gardinen zugezogen; ein Ehebett auf Rädern!«
    »Ich erkenne den Kutscher; er nahm am Gärtnerplatzteater ein heimliches
Pärchen auf.«
    »Hetzen wir die Gendarmen darauf!«
    »Willst Du gleich stille sein, Kuglmeier?«
    »Kutscher, Sie haben wohl etwas Zerbrechliches in dem Fuhrwerk? Schreiben
Sie doch ein anderesmal Vorsicht auf Ihre Kiste!«
    »Ich habe Hunger. Was stehen wir länger da herum? Davon werd' ich nicht
satt,« platzte Nanni heraus, die zarte Stengelfabrikantin. »Komm, Mali!«
    »Also gehen wir hinüber in die Wasserstrasse, in den Isarhof?« fragte
Kuglmeier.
    »Ich bin zu allen kulinarischen Schandtaten bereit, obwohl ich keinen
Hunger habe; nur endlich los!« setzte der Rheinländer kräftig ein.
    »Nein, nicht in die Wasserstrasse,« protestierte Mali; »da hält man uns für
nichts Rechtes, da streunen lauter schlechte Frauenzimmer herum.«
    »Dann gehen wir auf die andere Seite, durch die Anlagen mit den hübschen
Sitzgelegenheiten - oder über das Muffatwehr, das ist auch romantisch und führt
auf die Kohleninsel, eine sehr poetische Gegend.«
    »Da mag ich nicht hin,« fiel jetzt wieder die blonbe Nanni ein; »da drüben
ist's auch nicht geheuer, und die Gendarmen haben bereits ein Auge auf uns
geworfen - dort stehen sie immer noch und passen. Ich fürcht' mich. Mit der
Polizei mag ich nichts zu tun haben.«
    »So bleibt uns nichts übrig, als in die Isar hinabzuspringen und schwimmend
ein sicheres Ufer zu suchen,« bemerkte der Rheinländer ungeduldig.
    »Schwimmen? Ja, Schnecken. Da dank' ich. Das ist wirklich stark. Am Ende
macht's Ihnen noch Spass, uns in's Wasser zu werfen! In der Isar sind schon so
viele Mädchen umgekommen. Verliebte Mannsbilder mit lauter Redensarten, das sind
mir die Rechten! Die sind zu allem fähig!« Mali machte sich vom Arm ihres grossen
Unbekannten los: »Ich glaube wirklich, die Herren halten uns zum Besten? Prosit
Mahlzeit, suchen Sie sich andere dazu aus. Komm, Nanni!«
    »Ja, wohin denn?« rief der Rheinländer verdutzt. »Na, das ist komisch.«
    Die Mädchen aber schritten tapfer fürbass, ohne sich umzublicken, an den
Gendarmen vorüber, gegen die Au zu. Die Studenten blickten eine Weile den
Flüchtigen betroffen nach, dann brachen sie in ein Gelächter aus, aus welchem
ebensoviel Enttäuschung wie ärgerliche Spasshaftigkeit schallte.
    Nur einer fand das Wort für die Situation, Schlichting: »Es geschieht uns
recht.«
    »Der gute Mensch! Uns sagt er - und er hat wahrhaftig von der ganzen
Geschichte am wenigsten gehabt,« meinte der Rheinländer treuherzig. »Aber was
jetzt tun, Kuglmeier, rechte Hand des Zufalls?«
    »Jacta est alea.«
    »Ein klassisches Wort. Das stimmt. Aber es hilft uns nichts. Wir können doch
nicht so heimtrollen, ohne etwas für die Unsterblichkeit und unser Vergnügen
getan zu haben?«
    »Über lauter Narretei habt Ihr vergessen, einen Blick in diese wunderbare
nächtliche Flusslandschaft zu tun,« nahm jetzt der stille Schlichting wieder das
Wort, über die Ballustrade gelehnt, während die Kameraden heftig vor ihm auf und
ab marschierten zwischen zwei Laternenpfählen und beratschlagten, was ferner zu
unternehmen sei.
    »Die Kneipe? Nein, das ist mir zu öde,« sagte der Rheinländer. »Eine solche
milde Frühlingsnacht in der dumpfen Stube?«
    »Ich wette, sie erwarten uns da drüben, in einem grünen Versteck der
Anlagen. Es war nur eine Finte, der Gendarmen wegen. Wir sollten uns die
Geschichte nicht so entschlüpfen lassen.«
    »Donnerwetter, es waren doch ein paar patente Mädels mit einer pikanten
Nüance ins Verdrehte, Phantastische.«
    »Eigentlich tat einem die Wahl weh; ich konnte mich gar nicht schlüssig
machen, welcher von beiden ich meine spezielle Neigung zuwenden sollte,«
behauptete Kupfer mit Wärme.
    Der Rheinländer biss sich bei diesen Worten leicht auf die Zunge. »Na, höre!«
    »Hast Du das Strumpfband noch?«
    »Habe gehabt. Nicht einmal diese bescheidene Trophäe haben wir gerettet. Es
ist zu dumm.«
    »Eigentlich sind wir die Genarrten. Männer der frischen, fröhlichen Tat
hätten ganz anders gehandelt. Die Mädchen müssen uns für rechte Gimpel halten.«
    »Wir haben die schöne Gelegenheit verschwatzt.«
    »Was hält uns denn ab, das Versäumte wieder gut zu machen?« rief Kuglmeier
ganz erregt und leckte sich die Lippen.
    »Die Selbstachtung!« rief Schlichting herüber im Tone kühler Überlegenheit.
    »Wieso, die Selbstachtung?« fragte der Medizinmann zurück.
    »Weil ich es für eine zweifelhafte Auszeichnung halte, jeder Schürze
nachzurennen. Übrigens tut, was Ihr wollt.«
    »Das werden wir auch, Herr Schlichting.« Und für sich brummte Stich noch
hinzu: »Eine saftlose Seele, ohne elementare Leidenschaft.«
    Schlichting warf ruhig den Kopf zurück, sog die milde, wasserduftige
Nachtluft ein und lauschte dem Gemurmel der dunklen Flut, die bis zur nächsten
Brücke in schnurgeradem, gleichmässigem Bette mit hastigem Wellenspiel
dahinglitt, die Spiegelung der Lichter des Himmels und die Reflexe der
Gasflammen auf den Brücken und an den Ufern zitternd zurücklassend. Neben dem
kanalartig für die Zwecke der Flösserei regulierten Hauptbett breitete sich wild
und regellos, mit niedrigem Buschwerk bewachsen, aus welchem geschlängelte
Sandwege und Kiesbänke weiss herausglänzten, das vom Hochwasser alljährlich
überflutete Feld aus, eine Art flaches Reservebett, wohl viermal so breit als
das Hauptbett, um den Überschwall gefahrlos aufzunehmen und durch Wehre und
Kanäle und Seitenbäche abzuleiten. Die rücksichtslosen Launen einer gigantischen
Naturgewalt spotten hier der kleinlichen Ökonomie der Menschen und zwingen sie,
weite Strecken Landes ungenutzt der Sicherheit der Stadt vor
Überschwemmungsgefahr zu opfern. Was jetzt im Dämmer der Nacht wie eine
verwahrloste, träumerische Haidelandschaft neben dem geregelten Flusslauf da
unten liegt und am Tage von zahlreichen Kinderscharen aufgesucht wird zu
fröhlichen Spiel- und Jagdzügen: das verwandelt sich zur Zeit des Hochwassers im
Frühjahr und Herbst in einen brausenden, gurgelnden, gelb schäumenden See,
gepeitscht vom Föhnsturm und umrauscht von den gewaltigen, vielhundertjährigen
hochwipfeligen Weidenbäumen und Pappeln und Buchen und Eichen, welche sich
ausserhalb der Stadt zu dichten Wäldern zusammenschliessen und der Isar vom Fusse
des Hochgebirgs bis zur Mündung in die Donau folgen, wie eine grüne lebendige
Mauer.
    Eine herbe, epische Melancholie liegt über dieser nächtlichen Flusslandschaft
ausgebreitet, eine heroische Trauer-Stimmung.
    Schlichtings Blicke aber schweifen jetzt südwärts, wo seine Seele durch die
Wolken und die Düsternis der Ferne die Konturen der Alpen erschaut in lichter
Pracht, und darüber wölbt sich aus reinem Äter der ewige Himmel. Und über das
Gebirge hinweg schwingt sich seine Seele, bis an das blaue tyrrenische Meer,
bis zum Gestade der Sirenen am leuchtenden Golf der klassischen Wunderstadt
Partenope. Ja, dort weilt sie jetzt, in den glücklichen Gefilden Kampaniens, im
Duft und Glanz einer wonnigen, lachenden, mit sich selbst zufriedenen Natur.
    O, wie sich sein junges Herz nach ihr sehnt!
    Wie er dieses stumme Liebes-Schicksal nur erträgt un dieser dumpfen
Werkeltäglichkeit bajuwarischer Bierversumpfung ... Dass der König diese, Stadt
meidet, wie innig begreift er's jetzt .... Eine chaotische Häusermasse, liegt
sie hier zu seiner Linken; eine dicke, träge, blaugraue Wolke schwebt über ihr
gleich einem dummen, boshaften Dämon.
    Was ist das? Aus der hässlichen Wolke löst sich plötzlich eine faustgrosse
Feuerkugel, in wunderbarem grünen Licht beschreibt sie einen Bogen gegen den
östlichen Horizont, erleuchtet magisch wie ein langsamer Blitz die schwarze
Gegend - das Maximilianeum am Isarufer auf der Gasteig-Höhe glüht auf wie ein
Geisterschloss - und die Erscheinung verlöscht ohne Geflacker, bevor sie den
Horizont erreicht.
    »Flora, ich denke Dein!« rief Schlichting in überquellender Empfindung und
hielt die Hand über das geblendete Auge.
    »Aber Schlichting, wo bleibst Du denn?« hörte er plötzlich wie durch eine
Wand Kuglmeiers Stimme. »Die Andern sind ja längst voraus, den Mädels nach.«
    »Die Andern?« fragte Schlichting verwundert aus seinem Traum, erwachend;
»ach so! Geg' nur Hans. Ich finde den besseren Weg allein heim. Mich begleitet
Flora ...«
    Der kleine Kuglmeier war verschwunden.
    »Wie wenig er seiner Schwester gleicht! - Dass sie zehn Jahre älter ist -
älter ist? - zehn Jahre mehr zählt als ich, das macht sie nur reifer und
tüchtiger und begehrenswerter, mehr älter ... Begreiflich, dass die Rasslerischen
Kinder für eine solche Erzieherin schwärmen und sie nicht vergessen können.
Besonders der Hermann. Ich werde ihn anstiften, ihr wieder zu schreiben und dann
werde ich einiges Persönliche von mir hineinkorrigieren - das ist unauffällig
und verträgt sich ganz gut mit meinen Verpflichtungen als Nachhilfs-Lehrer in
klassischen Sprachen. Und selbst wenn Frau Rassler dahinterkäme - ein so
herzensgutes Weib, resolut, und dabei lustig und versteht einen Spass - lachen
würde sie, weiter nichts ...«
    Schlichting fühlte sich so wohl und frei bei diesem Selbstgespräch und sein
Alleinsein kam ihm jetzt vor wie die Befreiung aus einer Haft. Seine Brust hob
sich in unendlichem Kraftgefühl, und elastischen Schrittes verliess er die
Brücke. Plötzlich hielt er an: links führt der Weg durch eine schmale Anlage
über das Muffatwehr, rechts in die Lindenallee mit dem kleinen Park vor der
Frühlingsstrasse - geradeaus in die Vorstadt Au. Wohin also?
    Dass er den abenteuernden Kameraden nicht noch einmal in die Hände läuft! Die
überütigen Bursche hatten ihn überdies heute schon zu Unziemlichkeiten und
Geschmacklosigkeiten verleitet. Ein Scherz mit leichtfertigen Mädchen, die dazu
noch sauber und anmutig sind, ist zwar kein Verbrechen, allein es ist sicherer,
man geht dem verliebten, beutelustigen Gesindel aus dem Weg.
    Also links, über das Muffatwehr, das ist der kürzeste, einsamste und
sicherste Weg - und der abwechslungsreichste zwischen den beiden Isarläufen,
frischeste und lustigste obendrein. In zehn Minuten ist man an der
Maximiliansbrücke.
    Vom Turm der Auer Mariahilfskirche schlug eben die elfte Stunde in
kräftigen, sonoren Schlägen, so schmetternd, als ob auch die Glocken in ihrer
Höhe vom nahenden Frühling wüssten und von der neuen Kraft und Schönheit, die er
über die sehnende Kreatur ergiesst.
    Der Einsame zählte halblaut und bog links ab.
    »Schon elf! Links, nicht wahr, Flora? Der Nachtschwärmer soll sich sputen,
dass er in die Federn kommt, damit er in fröhlicher Herrgottsfrühe ...«
    Was ist denn heute auf Weg und Steg Verrücktes los?
    Schlichting blieb in seinem Selbstgespräche stecken, als er des seltsamen
Bildes ansichtig wurde.
    Hart am Ufer stand ein riesig hoher, mannsdicker Weidenbaum mit
weitausladendem, gegen den Fluss überhängendem Astwerk. Eine Wurzel, dick wie ein
Mannsschenkel, war vom Stamm frei in die Höhe gewachsen mit einer länglichrunden
Schlinge nach auswärts, die einen natürlichen Sitzplatz bot, jedoch nur
hochgewachsenen Leuten erreichbar.
    Auf dem Wurzelsitz hockte ein Mann mit herniederbaumelnden nackten Füssen,
angetan mit einem weiten, weissgrauen Talar, das Haupt unbedeckt, Haare und Bart
ungeschoren. Neben ihm kauerte ein Weib, in schwarze Tücher und Fetzen regellos
gehüllt; die Gestalt war mehr zu erraten, als deutlich zu sehen. Sie hatte die
Beine an den Leib gezogen; Kopf und Brust lagen im Schoss des Mannes, die Arme
hingen schlaff herab.
    Es war Zufall, dass Schlichtings Blick die Gruppe auf dem Wurzelsitz
gewahrte. Vom Wege aus war sie nicht leicht zu bemerken; die Schattenwirkung war
an dieser Stelle der Anlage so stark, dass nur ein gewitzigtes Auge durch die
weissgraue Talarsilhouette angeleitet werden konnte, hier menschliche Gestalten
zu suchen. Zudem hielten sich die Umrisslinien fast unbeweglich: nur der
herabhängende Arm machte ab und zu eine pendelnde Bewegung, gleich einer Geste,
die ein Wort begleitet, und der ruhende Frauenkopf hob sich zuweilen zu einer
seitlichen Drehung, um dem Manne ins Antlitz zu sehen, mit dessen Bart- und
Hauptaar-Gelock die Nachtluft spielte.
    Wie der Jäger sich an ein edles Wild heranpirscht, so schritt Schlichting,
nachdem er zuerst überrascht zurückgewichen, auf den Zehenspitzen in weitem
Kreise, von Buschwerk und Baumstämmen gedeckt, auf den Weidenbaum zu, um
möglichst nahe an das seltsame Menschenpaar heranzukommen, dessen Gebahren und
Gespräche zu belauschen, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Das gelang.
Schlichting hatte endlich seinen Standpunkt hinter dem dicken Weidenstamm selbst
gefunden, so dass er jedes geflüsterte Wort vernehmen konnte. Zuerst war er so
erregt, über diese heimliche Annäherung und so wenig dieser indiskreten
Lauscherrolle mächtig, dass er sein Herz laut pochen und seine Ohren sausen
hörte.
    Das Weib fragte fast immer, aber mit merkwürdiger Betonung, und dann kam
wieder ein Tonfall, der wie ein bewusstloses Traumreden klang, und hernach wieder
ein leidenschaftliches Wort, dem ein totmüdes folgte.
    Der Mann sprach ganz ruhig, ganz gleichmässig, fast schläferig, doch lag eine
wundersame Ueberzeugungskraft in seinen Worten und dazu eine Milde und
Herzlichkeit, wie wenn eine Mutter zu einem kranken Kinde spricht. Er antwortete
nicht auf jede Frage und nicht in der gestellten Reihenfolge; dann wieder
brachte er etwas ausser allem Zusammenhang vor, das vielleicht eine gedachte
Frage beantworten oder von anderen Fragen ablenken sollte. Zuweilen wurde der
Eindruck, als ob der Mann hier nur als Seelenarzt zu einer Verirrten und
Geistes- und Gemütsgestörten spreche, doch wieder beeinträchtigt durch Anreden
allerintimster Empfindung von ihr zu ihm.
    Ungelöst blieben dem Lauscher als ebensoviele schwere Rätsel die seltsame
Tracht der Beiden, der seltsame Ort, die seltsame Art und Bedeutung der
Gespräche. Er kniff sich in die Nase, um sich zu überzeugen, dass er nicht das
Opfer einer Halluzination, einer Vision oder dergleichen sei, sondern alles
leibhaftig mit zurechnungsfähigen Sinnen erlebe. Und ächzten nicht die Zweige
hoch über seinem Haupte im Nachtwind und tauschte nicht die Isar wehmütig leise
herüber? Und war es nicht wie der belebende, drängende und süss erregende Atem
des erwachenden Frühlings, was ringsum wehte und webte in geheimnisvoller Nacht?
Nein, es ist kein Geisterspuk.
    Jetzt aber galt es, alle Kritik zurückzudrängen und von dem Gehörten und
Geschauten so viel als möglich und so genau als möglich dem Gedächtnisse
einzuprägen. Als sie nach einigem Stillesein wieder zu fragen anhob, unterschied
Schlichting ganz deutlich, dass die Stimme des Weibes älter klang, als die des
Mannes. Sollte es die Mutter sein, die zu ihrem Sohne spricht? Nein, diese
Annahme hat gegen sich, dass der Mann sie stets bei dem Namen Magdalena nennt.
Oder wäre es ein verheimlichtes, oder dem einen oder andern Teile unbewusstes
Kindesverhältnis? Rätsel über Rätsel! Hieroglyphen vielleicht eines
Familiendramas?
    ... »War's nicht zur Frühlings-Tag- und Nachtgleiche, da das Ungeheure
geschah? Wie kann eine Gleiche bestehen, wenn Missetat nicht gerochen wird? Hat
Gott seinen Arm erhoben mit dem Schwerte des Rächers? Wird es Frühling und Gott
ist nicht nahe? Schreitet er als der Strafende durch die Welt und schlägt die
Bösewichte nieder, die seinen Frühling schänden? Wie kommt der Ewige zu uns?
...«
    »Als der Allerbarmer ist er uns nahe, wenn wir dem neuen Leben unser Herz
erschliessen und alles auskehren, was unrein und verdorben.«
    »Hast Du ein Zeichen für seine Erscheinung? Wer gibt uns Zeugnis?«
    »Gedenke des Propheten Elias; als er von seinem Volke verstossen war, da ging
er in eine Höhle des Berges Horeb, in der Einsamkeit sein Herz zu läutern. So
bin auch ich in die Einöd gezogen, in den Steinbruch ... Aber dem Propheten ward
der Befehl, auf den Berg zu steigen und vor Gott zu treten. Und siehe, der Herr
ging vorüber. Ein grosser, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen
zerbrach, ging vor dem Herrn her - aber der Herr war nicht im Winde. Nach dem
Winde kam ein Erdbeben, aber der Herr war nicht im Erdbeben. Und nach dem
Erdbeben kam ein verzehrend Feuer, aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach
dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen ...«
    »O, ich höre es ...«, hauchte das Weib.
    »Und da Elias es hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel, denn
Gott, der Allmächtige, war in dem stillen, sanften Sausen.«
    »Später aber, als der Prophet der Welt entrückt wurde für immer, nahm ihn
Gott hinweg in Sturm und Feuer. Ist's nicht so?« fragte sie.
    »Er war nicht der Prophet der Liebe und der Hoffnung; er war der Prophet der
Busse und der schrecklichen Vergeltung.«
    »Wann wird uns Vergeltung für alles Leid und ihnen Vergeltung für alle
Bosheit? Sag' an, warum fliehen sie vor mir, dass ich sie nicht treffen kann mit
meinem Fluch? Warum weichen sie aus, wenn ich nahe mit meiner Liebe? Ich habe
nach Jahren ihr Haus gesucht, warum fand ich's nicht?« - Und die Stimme des
Mannes darauf:
    »Ihr altes Haus ist zerstört und der Garten verwüstet, und wo sie nun
wohnen, da ist nicht ihr Haus. Je näher sie den Menschen der grossen Stadt
gerückt und mit ihnen gemeinsam leben, desto weiter sind sie in die Fremde
gekommen und trauriger ist ihr Herz geworden.«
    »Einst habe ich meine Füsse blutig gelaufen auf ihren Pfaden, da ich den Zorn
und den Hass brachte; jetzt, da ich Liebe zu ihnen trage, warum verhüllen sie mir
ihre Pfade? Und würde ich noch elender auf den neuen Wegen, was ginge sie's an?
Hat sie mein erstes Leid gerührt?«
    »Darum kehre wieder zu mir zurück in meinen Steinbruch, dessen Felsen die
Hölle verriegeln. Wer will Dich dort anfechten?«
    »Die Dich anfechten, sagen sie nicht, Du seist ein verlorener Mann, und dem
Untergang bleibe geweiht, wer sich an Dich hält, an Deine Lehre und Dein Leben?«
Sie hob fragend den Kopf.
    »Ich fürchte nichts, so lang' ich mir selbst Treue halte. Glaube mir,
Magdalena.«
    »O Dein Leben, ist's nicht schauerlich? Und triebest Du das seligste Werk,
nimmer wirst Du Deinen Lohn finden. Du bist anders als die Andern, das ist Dein
Verbrechen in ihren Augen. Anderssein ist Schuld. Ist nicht alles verdorben von
Anfang an?«
    »Ich bin getröstet, wenn Du bei mir bleibst. Dein gutes Schicksal will ich
sein. Säume nicht länger, folge mir!«
    »Du leidest Hunger und Durst im Steinbruch und Dein Leib friert, wie soll
Dein Beispiel der Menge fruchten, die nach Wohlleben lüstet, die kein Laster und
Verbrechen scheut, Wohlleben zu erreichen? Armer Mann, Du treibst ein traurig
Handwerk! Und die Welt geht an Dir vorüber, zuckt die Achseln und verachtet
Dich.«
    »Ich gehe an der Welt vorüber und weihe ihr mein Mitleid,« klang des Mannes
Stimme.
    »Spricht sie nicht, Du seist ein Überflüssiger und Dein Mitleid Torheit?«
    »Die Welt ist, so lange ich sie will, sie ist nicht mehr, werfe ich den
Willen von mir.«
    »Hörst Du die Isar rauschen? Begrabe Deinen Willen in ihrer Flut und Du hast
Ruhe. Alles fliesst und zerfliesst und sammelt sich wieder. Rauscht die Isar nicht
auch an Deinem Steinbruch vorüber?« Das Weib richtete sich auf.
    »Sie rauscht vorüber, aber ich höre sie nicht. Ich höre nur Dein Herz an dem
meinigen schlagen und fühle Dein Elend. Komm' wieder zu mir, dass ich Deine Last
tragen helfe. Es ist Zeit, folge mir!« Weich, bittend sprach's der Mann.
    »Geh' an der Zeit vorüber. Es ist nichts.«
    »Du zitterst. Deine Hände sind kalt. Feucht fühle ich Deine Haare.
Mitternacht naht und verscheucht die Wachenden. Ich trage Dich in meinen Armen
davon. Dulde, dass meine Liebe Gewalt braucht ... Das Frührot findet uns geborgen
im Steinbruch, Dich und mich ...«
    Ein Herabgleiten, ein Wanken, ein Mühen, auf die Beine zu kommen. Endlich
war das rätselhafte Paar müden Schritts auf dunklem Waldwege verschwuden. -
    Mit sanftem Blinken schlüpfte die Sichel des abnehmenden Mondes aus dem
Gewölke und umhüllte Isarlandschaft mit zartem bläulichen Schein. - -
 
                                       3.
Brigitta rieb sich wiederholt die Nase. Das tat sie gewöhnlich, wenn sie voll
innerer Unruhe war.
    »Meine Nase juckt so, da erfahr' ich heute gewiss noch was Neues.«
    Sie brachte diese Redensart in einem Ton heraus, der einem aufmerksamen Ohre
sofort verraten hätte, dass die Alte mit einer obenhin gesprochenen Phrase nur
vor der Kundgebung ihrer eigenen quälenden Gedanken sich flüchten, oder durch
Gleichgültiges viel Wichtigeres, das in ihrer Empfindung bohrte und nach
Aussprache rang, zerstreuen und ablenken wollte.
    Allein Max v. Drillinger besass in diesem Augenblick die Feinheit eines
aufmerksamen Hörers durchaus nicht.
    »Schliess das Fenster, Brigitta, ich bitte Dich; ich bin ja in Hemdärmeln!
Die Luft ist mir zu frisch, kaum fünfzehn Grad. Und das Rauschen der Isar ist
mir heute so zuwider; das ewige Gesumme, Gesause und Geplätscher, Geklatsche und
Gegurgel - schliess zu, schliess zu! Es geht mir auf die Nerven. - So recht, mein
Hausmütterchen. Danke!«
    Brigitta hatte die Nase wieder hereingezogen und den halbgeöffneten
Fensterflügel mit zitternder Hand zugelehnt. Nun fuhr sie tastend an dem Rahmen
hinauf, drückte und klopfte, dass die Scheiben leise klirrten und die Angeln
knarrten.
    »Ach, diese neumodischen Verschlüsse!« seufzte sie; »es ist jedesmal eine
ordentliche Arbeit, bis man so ein hohes, schwankendes Fenster wieder zubringt.
Die alten Reiber in unserem Gartenhäuschen da droben waren so einfach und
hielten so gut. Es ist nichts mit dem neuen Zeug. Überhaupt -, ach, das war dort
doch ein ganz anderes Wohnen, so zwischen Wiesen und Feldern und Gärten, und die
Isar-Auen vor der Tür und die Stadt weit fort im Rücken und doch nah genug,
wenn man sie brauchte. Das Glockengeläute hat man immer so schön in unsere
Einsamkeit hereingehört. Einmal, an Ostern oder Charfreitag - - ich hör' ihn
noch, diesen tiefen, bebenden, von fern hallenden Ton, er schwebte her wie aus
dem Himmel. - - Und die Isar rauschte wie Auferstehungslieder ...«
    So schwatzend, trippelte sie vom Tisch zur Komode, Kleinigkeiten ordnend.
    »Da hast Du wohl recht, Brigitta; es ist nichts mit dem neumodischen Zeug.
Aber erst das Allerneueste! Da wirst Du was erleben, wenn wir hier wieder
ausziehen müssen aus unserem stillen Winkel und weiter hinaufgedrückt werden in
die Wasserstrasse oder Quaistrasse. So eine wachsende Grossstadt - wie ein
Riesenungeheuer sperrt sie den höllischen Rachen auf und frisst sich weiter und
weiter in die stille, geduldige Natur hinein, und Felder und Wälder und Dörfer
ringsum werden von ihr verschlungen und verschluckt wie kleine Kaninchen von der
Klapperschlange. Und wir werden mitverschluckt, Brigitta. Die Klapperschlange
Grossstadt frisst uns auf ... Es ist keine Rettung mehr. Hinaus können wir nicht
mehr ... Hier lassen sie uns gewiss auch nicht mehr lang in Ruhe, die verfluchten
Stadterweiterer und Bauspekulanten. Dann sind wir verdammt, in einem
allerneuesten Massen-Miets-Palast billigen Unterschlupf zu suchen; die Zeit des
eigenen, freien Gartenhauses ist ewig dahin ... Lauter architektonische
Fabrikware. Sicht grossartig aus und ist doch nur stilvolles Gelump, mit
Wohnungen, eng wie Häftlings-Zellen. Ist das Fenster wirklich zu? Ich spüre
immer noch einen leichten Luftzug. Geh' mir, die Isar ist doch ein rechtes
Zugloch. Ich pfeife auf die ganze Wasser-Poesie, wenn man nichts als Schnupfen
und Rheumatismus und Ärger davon hat. Ist das Fenster wirklich dicht
geschlossen? Brigitta? Antworte, Hausmütterchen! Träumst Du denn schon wieder?
Vom nächsten Umzug vielleicht und unserem Zukunftspalast? Sei ohne Sorge, das
kommt nicht über Nacht und an der Isar bleiben wir doch immer - gibt ja in der
ganzen Welt nichts Schöneres als unsere frische, grüne, wilde Isar zwischen -
sagen wir einmal: Grosshesselohe und Brunntal. Na, Hausmütterchen?«
    Die alte Wirtschafterin hatte inzwischen ein ganz anderes Gedankenfädchen
weiter gesponnen und von den abgerissen gesprochenen Sätzen Max v. Drillingers
nichts als den musikalischen Klang einer nervösen Bariton-Stimme vernommen.
Indem sie mit den magern, blutleeren, vom Alter und von der Gicht gekrümmten
Fingern die weisse, dünne Haarlocke, welche der Morgenwind unter dem schwarzen
Wollhäubchen hervorgezaust hatte, zurückstrich, tappte sie nach dem ledernen
Lehnstuhl und liess sich auf dem alten, durch ein aufgelegtes Federkissen
verbesserten Sitz nieder. Dann sprach sie, ohne Übergang und Anrede, halblaut
vor sich hin:
    »Es ist komisch mit der Luft. Wenn ich so am Morgen einen Mund voll am
offenen Fenster einschnaufe, erinnert sie mich immer an etwas. Ja, es ist wahr,
es liegt etwas in der Luft. Sie ist gewiss nicht bloss zum Schnaufen da. Und sie
ist oft so anders. Heute ist sie gerade so wie damals, als Ihr Herr Bruder
abgereist ist nach Amerika. Sie riecht so, und kitzelt so. Man wird so unruhig
davon, ganz ängstlich. Es geht auch wieder der nämliche Wind. Das seh' ich an
der grossen Wetterfahne da drüben über der Isar auf dem Steigerturm der
Feuerwehr. Die ist gerade so gestanden, als Ihr Herr Bruder in dieser Stube
heimlich Abschied von mir genommen hat. Damals waren wir kaum hier eingezogen.
Ach Gott, es hat schlimm angefangen im neuen Haus - - Jetzt ist draussen wohl
alles verwüstet, das Häuschen mit seiner Holzaltane und den Epheuranken, und der
Garten. - Eine Fabrik haben sie hingebaut? Etwas so Garstiges. Und uns haben sie
verjagt, und die vielen Vögel, die werden von selbst davon sein - und die wilden
Tauben mögen den Rauch und Dampf auch nicht. Der schöne Duft im Garten - -«
    »Ja, Du hast noch eine ausgezeichnete Nase und vortreffliche Augen,
Brigitta,« bemerkte Max v. Drillinger. Er stand vor dem Pfeilerspiegel; die eine
Hälfte des Gesichts noch dicht mit weissem Seifenschaum bedeckt, hantierte er
jetzt mit dem Rasiermesser an einer schwierigen Stelle der linken Wange. Er
drückte das linke Auge zu und zog, die halbe Unterlippe schief nach rechts. Das
Licht war heute selbst in der Wohnstube, wohin er seit dem Winter der besseren
Beleuchtung wegen einen Teil seiner Toilette-Besorgung verlegt hatte, wirklich
recht unzulänglich. So grosse Mühe hatte ihm das leidige Rasieren schon lange
nicht mehr verursacht. Aber er konnte sich nicht entschliessen, in seinem Gesicht
eine fremde, von Schweiss und Seife duftende Hand herumfahren zu lassen. Das wäre
ihm zu ekelhaft.
    »Für mein hohes Alter freilich,« fiel Brigitta langsam ein. »Aber ich spüre
doch, wie's mit den Kräften abwärts geht.«
    Drillinger machte noch eine Grimasse, dann setzte er das Messer ab, um das
Schabicht von der feinen Klinge abzustreifen und diese wiederholt auf dem
Streichriemen zu schärfen. dabei wandte er den Kopf gegen Brigitta und bemerkte
lächelnd: »Geh' Du mir doch mit Deinem Alter. Siebzig Jahre - die schönste
Jugend! Die ganze Weltgeschichte wird heute von lauter so jungen Leuten in
Deinem Alter gemacht: der Kaiser, der Papst, der Bismarck, der Moltke, der Grévy
in Paris, der Gladstone in London - das sind ja lauter historische Wunderkinder
zwischen siebzig und hundert Jahren. Wer unter fünfzig oder sechzig ist, der ist
ein Grünschnabel, der in der Weltgeschichte gar nichts mitzureden hat. Und den
Windtorst nicht zu vergessen - was macht der noch für jünglinghaften Spektakel
in der grossen und kleinen Politik! Und Dein Liebling Döllinger! Und Du sprichst
von der Abnahme der Kräfte mit Siebzig - heute, wo die Greisenhaftigkeit das
Monopol hat, so kräftiglich die Welt zu regieren! Brigitta, versündige Dich
nicht an Deinen Zeitgenossen! Ich habe mir auch einen runden Hunderter
vorgenommen. Kein einigermassen anständiger und gebildeter Mensch tut's mehr
unter hundert. Es ist taktlos, früher die Platte zu putzen. Erst der steinalte
Mensch ist der wahre, der moderne und zeitgemässe Mensch. Metusalem - das ist
das hohe Vorbild, dem wir nacheifern müssen. Dann blüht vielleicht auch uns noch
die Möglichkeit, es zu etwas zu bringen. Hörst Du?«
    Aber diese halb spasshafte, halb ironisch ärgerliche Rede war für die gute
Alte doch zu lang. Ihr siebzigjähriges Fassungsvermögen mochte so ausgedehnten
Vorträgen nicht mehr folgen. Besonders heute nicht. Sie spann daher ihr
abgerissenes Fädchen wieder an:
    »Auch vom Südbahnhof herüber der nämliche Pfiff. Das ist ein Zeichen, dass
das Wetter umschlägt.«
    »Paperlapap, das ist ein Zeichen, dass der Kufsteiner Schnellzug
hereingefahren ist, unfehlbare Wetterprophetin! Vielleicht bringt er Nachrichten
von unserem Italia-Bummler, dem groben Architekten. Seit seiner kurzen
Neujahrsepistel hat er nichts mehr von sich hören lassen. Vielleicht fängt er
schon an über neue Bekanntschaften die alten zu vergessen. Die Menschen sind
einmal so. Man muss sich auf alles gefasst machen, besonders bei einem Weltläufer
von verrücktem Künstler. Hast Du's nicht über die Isarbrücke stampfen und
schnauben hören, das sogenannte Dampfross?«
    »Schon, schon. Ich meine doch, es müsse von dem Architekten ein Brief
unterwegs sein.«
    Brigitta war wieder an die Scheiben getreten und hob ihr rührend edles, wenn
auch verrunzeltes Gesichtchen mit der feinen dünnen Nase zum grauen
Frühlingshimmel empor. Die matten Augen zwinkerten.
    »Es ist halt kein Frühling mehr wie in meinen jungen Jahren. Die ganze Natur
ist nimmer froh. Da war alles so voll Sonnenschein und Wärme und Blumen und
hellen Kleidern, und die Füsse waren so leicht, und die Wolken schwebten viel
heiterer. Heute ist der Himmel gar so schwer und dunkel. Sehen Sie nur, wie die
schwarzen Wolken sich in das Tal hereinschieben. Man meint, das Isarwasser
fliesse heute noch schneller, um den drückenden Wolken zu entkommen. Es ist, als
wollt' es Reissaus nehmen .....«
    »Ja, Du magst Recht haben, gute Alte,« bemerkte Drillinger ebenso zerstreut
wie liebreich, indem er, den linken Arm hoch erhoben, mit Daumen und Zeigefinger
seine Nasenspitze fasste und nach links zog, um die rechte Wangenfläche glatt
unter das Messer zu bekommen. »Geh' mir ein wenig aus dem Licht, Brigitta, ja?
Es wird ja ganz dunkel.«
    »Jesus Maria, ein Blitz!« rief die Alte und fuhr sich mit der Hand ins
Gesicht, mechanisch das Zeichen des heiligen Kreuzes machend.
    »Und ein tüchtiger Schnitt gerade unter'm Ohrläppchen, zum Donnerwetter!«
fuhr Drillinger auf. Er legte das Messer weg und griff nach dem Schwämmchen, das
Blut zu stillen. Eine Perlenreihe roter Tröpfchen zog sich schon den Hals hinab.
    Die Alte war in den Lehnstuhl gesunken. Sie schloss die Augen und bewegte
lautlos die Lippen wie im stummen Gebet. Draussen rumorte der Donner und
übertönte mit seinem Krachen und Rollen das Rauschen des Flusses. In die
Intervalle des Donners fielen die hohen Uferweidenbäume mit mächtigem Sausen und
Brausen ein, und pfeifend warfen wuchtige Windstösse den klatschenden Regen gegen
die Scheiben. Im Nu war die ganze zweifenstrige Stube in Dämmer gehüllt.
    »Da hast Du die Neuigkeit: das erste Frühlingsgewitter - Deine juckende Nase
hat's richtig erraten!« Drillinger schob das flüchtig gereinigte Rasierzeug
beiseite, schlüpfte in seinen roten Schlafrock und warf einen raschen Blick
durchs Fenster auf das Aufruhrschauspiel der Elemente. Dann wusch er sich noch
das Gesicht, stäubte etwas Puder auf und trat zu der Wirtschafterin, die wie
entschlafen im Lehnstuhle hockte, das Haupt gegen die Schulter geneigt.
    »So, Wetterhexe, das hast Du wieder brav gemacht mit dem überraschenden
Donnerwetter,« scherzte Drillinger und strich der Alten das Kinn.
    »Ist's vorüber?« - Brigitta hob ein wenig, den Kopf.
    »Ei, das war ein kurzer Schreck; sieh nur, wie die Sonne jetzt durch die
zerfetzten Wolken zu uns hereinlacht! Und die Isar rauscht wieder ganz
gemütlich, als ob sie der Spass gar nichts angegangen wäre. Komm, Brigitta, Dein
Tyrann hat Hunger bekommen von all' der Aufregung. Ein Gabelfrühstück wär' jetzt
sehr schön!«
    Aber Brigitta blieb fest sitzen. Sie richtete aus den halbgeschlossenen
Augen plötzlich ihren Blick wie forschend auf sein lächelndes Gesicht. Wie im
Verfolge unausgesprochener Gedanken sagte sie dann: »Und so wird der Mensch von
schweren Wettern heimgesucht und seine Ahnungen bestätigen sich. Man weiss
niemals, woher es kommt und wohin es geht. Aber Gott spricht durch Ahnungen.«
    »Was, Ahnungen! Es ist ja alles vorbei und die goldne Frühlingssonne lacht
vom Himmel. Mir ist jetzt ganz warm und wohl geworden. Der Donner hat meine
Nervosität fortgeorgelt. Hungrig bin ich, Brigitta, nur hungrig!« Und Drillinger
wiegte seine leichte, zierliche Gestalt, die keine Spur von Münchener
Bierverschlammung zeigte, auf den Zehen, die Hände in die Hüften gestützt. Man
merkte die Gewöhnung eleganter, ritterlicher Körperbeherrschung des ehemaligen
Offiziers, trotz der vierzig Jahre. Die Augen glänzten freundlich, wenn auch
leicht verschleiert, in ihrem lichten Braun; der von einem nicht sehr starken
dunklen Schnurrbart überschattete Mund, in dessen Winkelspiel sich zuweilen eine
interessante Mischung von Widerwillen, schmerzlicher Empfindung und
genusslüsterner Erregung auszudrücken pflegte, hatte jene feine jugendliche
Schwellung der Linien, als ob über die Lippen niemals ein schneidiger
Kommandoruf, sondern stets nur ergötzliches Geplauder und verliebtes Gekose
geflossen wäre. »Ein süsser, phantastischer Dichtermund« hatte ihn einst eine
Kennerin definirt. Nur von der wenig gewölbten, fast steil ansteigenden, nicht
mehr ganz, glatten Stirn schwebte ein Schatten hernieder, der dem offenen,
geistvollen Gesichte einen Anflug von Melancholie verlieh.
    Unbeweglich verharrte Brigitta in ihrem Lehnstuhl. Die verschlafene weisse
Angorakatze Franzi war lautlos vom Sopha gesprungen, hatte sich den
hochgezogenen Rücken wollüstig an den Waden Drillingers gerieben und reckte sich
jetzt auf den Hinterbeinen am Lehnstuhl empor. Die Alte legte der Schmeichlerin
die welke Hand auf den Kopf, eine bescheidene Liebkosung, welche das Tier
gewohnheitsmässig als Einladung betrachtete, unter der Armlehne hinweg der Alten
in den Schoss zu schlüpfen.
    Draussen rauschte die Isar und die goldene Sonne sprühte übermütigen
Lenzes-Glanz, während in Drillingers neuer Junggesellenklause in der Auenstrasse
eine fast beklemmende Stille herrschte und von dem stummen, bleichen Bilde der
greisen Brigitta, die vorhin noch so erinnerungssüchtig schwatzte, es wie
lebenerstickendes Grabeswehen durch die schweigende Stube schauerte.
    Da schrie Drillinger angstvoll auf: »Gute Brigitta, sprich doch, ist Dir
was? Du machst einem ordentlich bange!«
    Und ohne eine Entgegnung abzuwarten, stürzte er ans Fenster, riss mit den
Worten »Luft, Luft!« beide Flügel auf, nahm vom Toilettentisch ein
Riechfläschchen und bespritzte mit dem starken Duftwasser seiner Wirtschafterin
Stirn und Schläfe und rieb ihr kräftig die Hände und den Puls. Mit einem Satz
flog Franzi auf den Boden, und Brigitta öffnete langsam und mit erstauntem
Blicke die Augen, als käme ihr Geist aus einer fernen, fernen Welt. Drillinger
drückte seinen Kopf zärtlich an ihr Gesicht und behorchte dann die aussetzenden,
kraftlosen Schläge des Herzens.
    »Es kann ja nicht sein, nicht wahr, gute, treue Brigitta?« flüsterte er.
    »Ach, das war wohl ein Anfall - eine Ohnmacht?« Und ein flüchtiges Lächeln
bewegte ihre schlaffen Züge. »Wie das so schnell über einen kommt! - Aber es war
diesmal nicht schmerzlich - es tat nicht weh - ich hörte eine süsse,
berauschende Musik - und Bilder sah ich, zuerst deutlich, dann verschwommen -
und Musik und Bilder gingen in eins - dann war ich wohl tot? Und Sie haben mich
wieder aufgeweckt?«
    »Geh, geh, treue Brigitta, ein garstiger, plötzlicher Traum am hellen Tage
war's; aber erschreckt hast Du mich doch. Das darfst Du mir nicht wieder tun,
hörst Du?« Und er streichelte ihr die Wangen und küsste sie auf die Stirn:
»Hausmütterchen, Du weisst, ich bin kein sentimentaler Einfaltspinsel, aber
diesmal ist mir's ans Herz gegangen, und das Weinen ist mir jetzt noch näher als
das Lachen. Solche Scherze darfst nicht wieder machen! Hörst Du, wie die Isar zu
Dir herauf rauscht? Das war Deine Traum-Musik. Siehst Du, wie die Sonnenstrahlen
zu Dir hereintanzen? Das waren Deine Traumbilder. Und nun komm', jetzt will ich,
der Herr, Dein Diener sein, und ich, der Hungrige, will Dich speisen, damit Du
rasch wieder zu Kräften kommst. Bist Du's zufrieden?«
    Brigitta nickte unbestimmt mit dem müden Kopfe. Sie wusste selbst noch nicht
recht, was sie zu so viel gütiger Aufmerksamkeit sagen sollte, obwohl sie das
liebreiche Herz ihres Herrn kannte. Warum er denn nicht das Dienstmädchen, die
Resl, hereinrufe?
    »Die schlendert noch auf dem Marktweg herum, oder gafft irgendwo oder
schwatzt sich einen Kropf. Auf diese Mädels ist ja kein Verlass.«
    Drillinger war an die Tür geeilt, welche auf den Hausgang und in die Küche
führte. Den Drücker in der Hand, wandte er sich noch einmal um: »Nicht wahr,
Brigitta, es war nur blinder Lärm? Ich brauche keinen Arzt zu holen? Du wirst
sehen, meine Kochkunst bringt's auch fertig. Nun will ich 'mal mit dem
Kochlöffel die dumme Ohnmacht in die Flucht schlagen. Ich hab's in meiner
Karriere bloss bis zum Hauptmann gebracht, aber kochen kann ich wie ein General,
wenn's sein muss. Du hast einen leeren Magen, das war's. Die elende Kaffeebrühe
...«
    Die Alte musste lächeln über die Wärter-Geschäftigkeit ihres Herrn
Hauptmanns. Sie winkte ab.
    - Nicht doch! Am Essen lag's nicht. Die Nacht war schon so eigentümlich
gewesen. Böse Träume. Ihre Schwester, die verrückte Magdalena, hatte ihr
zugesetzt. Die verschollene Afra war auch wieder aufgetaucht und schnitt
teuflische Grimassen. Dann war der amerikanische Bruder des Herrn dazu gekommen,
mit einem Strick um den Hals; an das eine Ende band er die Magdalena, an das
andere knüpfte er die langen schwarzen Zöpfe der Afra, und dann tanzten sie alle
drei wie wahnsinnig, bis ihm schliesslich die zwei Frauzimmer den Hals zuzogen
und ihn elend erdrosselten. Es war eine fürchterliche Hetzjagd im Halbschlummer.
Und von der Isar krachte es herauf, als wäre es ein Wasserfall, der geradenwegs
vom Himmel stürzt und auf die Strasse schlägt und vom Pflaster wieder aufklatscht
und die ungeheure Wassermenge zurück an die Himmelsdecke wirft, als ob geplatzte
Wolken wie Riesengummibälle zwischen Himmel und Erde mit mörderischem Geplatsch
hin und her hüpften. Und der amerikanische Bruder des Herrn, der »rote Ludwig«,
kam in diese tosende Wassermenge auch wieder hinein, mit den beiden Schwestern,
in Form langer, schlapper Schläuche zu einem hässlichen Knoten verknüpft, an
welchem man die drei Gesichter deutlich unterscheiden konnte - nur waren sie
schauderhaft verzerrt, entstellt, grinsend wie Totenköpfe - - O, es war
schrecklich. Erst gegen Morgen verschwanden allmählich die Phantome und es
stellte sich ein kurzer, ruhiger Schlaf ein.
    »Und von all' den Greuelgeschichten hast Du mir bis jetzt keine Silbe
gemeldet?«
    - Freilich nicht. Brigitta wollte selbst nicht mehr daran denken; sie wollte
die Erinnerung gewaltsam niederdrücken. Drum war sie die ganze Frühe her so
unruhig, so zerstreut. Besonders den Bruder des Herrn brachte sie nicht aus dem
Sinn.
    »Lass den roten Ludwig; Du weisst, wie peinlich es mir ist, ihn nur nennen zu
hören.«
    - Natürlich wusste sie das; aber sie konnte es doch nicht überwinden. Sie
musste vorhin wie zufällig seiner gedenken und merkte es wohl, wie der Herr Baron
dabei die Miene verzog. O, er hat nicht bloss des bequemeren Rasierens wegen ein
krummes Gesicht gemacht. Brigitta kennt dafür ihren Herrn zu gut.
    Drillinger war von der Tür wieder zurückgegangen, hatte einen Stuhl
herangeschoben und sich kopfschüttelnd neben Brigitta gesetzt. Er fasste ihre
Hand, hielt und rieb sie zwischen seinen beiden Händen und lauschte auf ihre mit
schwacher Stimme zusammenhanglos hervorgestossene Erzählung mit gepresstem Herzen
wie ein Kind, dem ein grausiges Ammen-Märchen erzählt wird. Die verrückte
Magdalena, die verschollene Afra, der rote Ludwig! - - - Vor den dunklen
Abgründen des Lebens schauert der Stärkste zusammen, und der schweifende Geist
hält geduldig an, wenn alte, bebende Lippen, die viel Gift und Weisheit
geschlürft in einem langen, prüfungsreichen Dasein, mit gebrochener Stimme an
die Rätsel des Schicksals rühren.
    »Ich weiss alles,« warf Max v. Drillinger dazwischen, »und ich weiss nichts.
Wissen macht Herzweh, gute Brigitta.«
    - Wer ergründet, was die Isar rauscht? Wer findet die Noten zu ihrem ewig
wechselnden und ewig gleichen Wellenlied, und wer setzt den Text unter diese
Noten? Alles ist Geheimnis. Wer vermöchte auch sonst das Leben auszuhalten?
    »Hör' auf, Brigitta, Du ermüdest Dich zu sehr. Nach der qualvollen Nacht lass
Dir einen stillen, milden Tag beschieden sein. Ich will den Vorhang
niederlassen. Im Dunkeln wirst Dich wohler fühlen.«
    - Einen Schluck Wein? Warum man doch in solchen Fällen nicht immer gleich an
das Nächste und Beste denkt! Auf dem Kredenztisch steht noch eine volle Flasche
neben einer angebrochenen von gestern Abend, ganz passabler Bordeaux. Natürlich
darf man's mit der Echteit der Marke nicht so genau nehmen. Daran liegt aber
nichts; ist's nur unverfälschter Traubensaft, so mag die Rebe in Spanien oder
Italien oder sonstwo gewachsen sein. Und die alte Brigitta weiss einen guten
Tropfen zu schätzen. Sie macht sich aus dem Bier nicht übermässig viel; nur im
Hochsommer, wenn's recht heiss ist, da ist eine frische Halbe, oder auch eine
Mass, ein rechtes Labsal. Jetzt geht eben ein schräger Strahl durch's Zimmer und
trifft die Flasche. Sonnengrüsse! Wie das feurig funkelt! Rasch den Pfropfen
heraus!
    »Zur Gesundheit, Brigitta! Noch einen Schluck?«
    »Danke, das tut wirklich gut!«
    - Aber nein, das Zimmer nicht verdunkeln, die freundliche Helle verscheucht
eher die bösen Gedanken und Einbildungen und Ahnungen. Und wenn heute Herr v.
Drillinger die Alte nur nicht so lang allein lassen wollte. Mit dem dummen
Mädchen ist nichts zu reden; was macht sich auch so eine Gans aus einer alten
gebrechlichen Frau! Jedoch Herr v. Drillinger - ei, der versteht das Plaudern,
der ist nachsichtig und gütig und weiss, was einer alten Frau wohl tut.
    »Auch was einer Jungen wohl tut Brigitta!« warf Max v. Drillinger unbedacht
scherzend dazwischen und lachte und reichte der braven Wirtschafterin, die sich
wieder sichtlich erholt hatte, noch ein Glas Bordeaux, schänkte sich auch eins
ein und stiess mit ihr an: »Prosit, den Alten und den Jungen!«
    »Ja, Sie haben gut lachen - ich weiss doch, was ich weiss. Stellen Sie sich
nur nicht so leichtfertig!«
    »Und was weisst Du denn, Brigitta?«
    »Dass Ihnen nicht so wohl um's Herz ist, als Sie sich den Anschein geben. Sie
haben zu lange mit den Weibern getändelt. Wie oft habe ich Sie gewarnt. Und es
ist immer schlimmer geworden. Ihr Ruf hat darunter gelitten, man traut Ihnen
alles zu. Ich weiss, dass man Ihnen vielfach Unrecht tut. Manche gute
Gelegenheit, in ein braves, glückliches Verhältnis zu kommen, haben Sie
mutwillig verscherzt. Wie sicher könnten Sie heute dastehen, wenn ... Doch,
guter Gott, das ist ja alles vorbei ... Jetzt wird Ihnen der Entschluss so
schwer, sich für eine zu entscheiden.«
    »Ich traue keiner. Und habe auch gar nicht nötig, einer zu trauen. Wozu?«
    »Das ist ja das Unglück. Und doch müssen Sie heiraten.«
    »Muss ich? Jede Ehe ist ein Verhängnis, ein Schicksal, besinne Dich! Muss ich
wirklich?«
    »Ja, Sie müssen,« antwortete Brigitta bestimmt und mit merkwürdig fester
Stimme, und ihre Augen leuchteten seltsam auf in jähem Glanz. »Ich habe es Ihrer
seligen Frau Mutter in der letzten schweren Stunde versprechen müssen, dass ich
ihren Lieblingssohn, auf den sie so grosse Stücke gehalten, nicht eher verlasse,
als bis Sie an der Seite einer rechtschaffenen Frau Glück und Ruhe gefunden und
einen Hausstand begründet.«
    »Ja, willst Du mich denn verlassen, Brigitta? Du denkst doch nicht daran?
Ich bin Dir ja auch die grosse Abrechnung noch schuldig!«
    »Gewiss denk' ich daran.«
    »Geh', Du phantasierst! Der Wein hat Dich in Fabulierlaune gebracht.«
    »Ich stehe auf dem Sprung, ich verlasse Sie.«
    Brigitta hatte bei diesen Worten die Hände gefaltet und sich im Sessel
aufgerichtet, als wäre eine geheime Kraft über sie gekommen.
    »Du redest irr!« sagte Drillinger mit vibrierender Stimme und sein Blick
flimmerte in scheuer Erregung.
    »Ich habe Ihnen noch nicht alles erzählt, was heute Nacht sich zugetragen.
Eine hohe dürre Gestalt, in einen grauen Mantel gehüllt, ist an meinem Bett
erschienen und hat mich lange betrachtet. Ich wollte aufschreien, aber der
Schreck hatte mich gelähmt. Dann strich die Gestalt mit der Hand vom Kopfende
des Bettes bis ans Fussende am Rande hin. Eine Kälte, die mir durch Mark und Bein
fuhr, dass meine Zähne klapperten, ging von dieser Hand aus, wie ich's noch nie
erlebt. Ich konnte immer noch nicht reden - aber fragend riss ich meine Augen
auf, dass ich ordentlich ein Krachen an den Schläfen spürte. Da nickte die
Gestalt fast traurig mit dem Kopf und sprach - ich vernahm keinen Ton und doch
hörten meine Ohren deutlich jedes Wort: Brigitta, ich habe das Mass zu Deinem
Sarg genommen; ich bin der Tod. Dann war die Erscheinung verschwunden. Eine
Weile sah und hörte ich gar nichts. Es war, als läge ich schon im tiefsten Grab.
Plötzlich höre ich leise die Isar rauschen: Ich bin der Tod, ich bin der Tod
...«
    Stumm schloss Drillinger das alte zitternde Weib in seine Arme.
    Nach einer Weile fragte er: »Und warum hast Du mich nicht aufgeweckt? Es
geht doch ein Klingelzug von Deinem Zimmer ins meine?«
    »Weil Sie noch nicht zu Hause waren. Sie sind jedenfalls wieder bei jener
Frau gewesen - - und hatten sich verspätet.«
    Es entstand eine neue Pause.
    Drillinger hatte die Alte sanft in den Lehnstuhl zurückgedrückt. Er ging
unruhig in der Stube auf und ab. Seine Stirn runzelte sich; er fuhr wiederholt
mit der Hand darüber, als wollte er die Falten glätten und unbequeme Gedanken
verwischen.
    Endlich platzte er unmutsvoll heraus - seine Stimme klang merklich heiser:
»Ist denn heute der reine Gespenstertag? Wie viel dummes Zeug habe ich nun
diesen Morgen schon von Dir hören müssen! Es ist wirklich ärgerlich. Ihr Weiber
könnt einem auch gar nichts ersparen. Und dann immer diese Umständlichkeit!
Alles wird so nach und nach herausgedrückt, tropfenweise - damit einem der Genuss
des Unangenehmen ja nicht verkürzt wird. Ich bin gewiss ein guter Kerl, aber
heute, Brigitta, hast Du mir den Humor gründlich verdorben. Hättest Du beim
Aufstehen gleich alles herausgesagt, was Dir in dieser Nacht Tolles durch den
schlaflosen Kopf gefahren, dann wären wir jetzt längst darüber hinweg. Aber so
...«
    Er grollte noch eine Weile leise in sich hinein. Träume - Ahnungen! Mein
Gott, ja, dergleichen kann freilich sehr unangenehm und beängstigend sein: aber
welcher vernünftige Mensch wird etwas darauf geben? Eine schlechte Lage, ein
verstimmter Magen - richtig: Brigitta hatte gestern gewiss etwas Unverdauliches
genossen. Und ein misshandelter Bauch rächt sich durch allerhand böse Träume und
Gemütsbeklemmungen. Was im Unterstübchen gesündigt wird, dafür muss man
gewöhnlich im Oberstübchen büssen. Das ist trivial, aber es ist einmal so. Und
Drillinger musste plötzlich laut auflachen, dass er selbst auch nur eine Minute
solche Schlafstuben-Geschichten einer zwar lieben, aber gebrechlichen und
abergläubischen Wirtschafterin tragisch nehmen und zersetzend auf seine gute
Laune wirken lassen konnte. Er hatte wahrlich auch keine übermässig gute Nacht
gehabt - in den Armen »jener Frau«. Es können's nun einmal nicht alle gleich gut
haben. Was weiter? Und die Alte hatte die Marotte, vom Hundertsten ins
Tausendste zu fahren und alles durcheinander zu wursteln und in den nämlichen
geheimnisvollen Ahnungs- und Schicksals-Darm zu stopfen. »Jene Frau!« Wusste er
nicht selbst recht gut, dass es mit dieser Liaison bald ein Ende haben müsse? Dass
es im Grunde ein dummes, unmoralisches Verhältnis war? War es sein erstes - oder
auch nur einziges? Und im Vergleich zu anderen! - Aber sind unmoralische
Skrupeln in solchen Fällen nicht überhaupt lächerrlich? Bis hinauf zu den
höchsten Sittenwächtern kommen solche Dinge vor. Man tut so etwas, wenn das
Blut dazu treibt und lässt's bleiben, wenn der Sinn sich ändert. Man kommt dazu
und weiss nicht wie. Alles ist Zufall. Dergleichen Dinge zu sittlichen Haupt- und
Staatsaktionen aufzubauschen, ist doch gewiss abgeschmackt. Die Dummheit solcher
Beziehungen ist eigentlich schlimmer, als deren Unsittlichkeit ...
    »Ach, gute Brigitta, Kleinod des Drillingerschen Hauses, tu' mir zu den
tausend Gefälligkeiten, die Du mir von Kindesbeinen an erwiesen hast, noch die
einzige, ausserordentliche -: rück' mir jene Frau nicht mehr vor. Willst Du? Die
Geschichte wäre wahrscheinlich längst im Sand verlaufen, wie so manche andere,
wenn Du nicht so hartnäckig einen raschen Schnitt empfohlen hättest. Jene Frau
hat neben allerlei andern Qualitäten den Teufel im Leibe - und ich habe
Teufelsaustreibungen satt, glaube mir. Ich sehne mich selbst nach edleren
Befriedigungen. Solche Dinge lassen sich aber nicht im Handumdrehen machen.«
    »Die Sünde frisst das Glück. Es gibt keine Befriedigung im Unrecht.«
    Drillinger stutzte. Wahrlich, das war wieder jener unerbittliche Geist der
einstigen jugendlichen Erzieherin, deren hohe Sittenstrenge sprichwörtlich war
in der Drillingerschen Familie, welcher jetzt aus der greisen Wirtschafterin
redete.
    Brigitta schwieg aufs neue. Ihr Antlitz nahm einen sehr gramvollen Ausdruck
an, allein Drillinger achtete im eigenen plötzlichen Gefühlsaufruhr nicht
darauf. Auf- und abgehend zwischen Tür und Fenster, sprach er weiter: »Ich bin
leider kein Mensch aus ganz hartem, deutschem Eichenholz. Meine Eltern mögen's
verantworten, wie ich gewachsen bin und welche Säfte meine Art bestimmten. Aber
wie ich bin, bin ich kein Mann der Gewaltsamkeiten. Man muss mir Zeit lassen -
auch zur Tugend, wie Du sie verstehst. Ich habe schon schwer genug an meiner
Eigenart zu leiden gehabt. Denke nur an den Jammer meiner Karriere und meiner
späteren freien Existenz! - Bei dem Abstreifen des Militärrocks ist auch ein
gutes Stück Haut mitgegangen. Aber ich habe doch gezeigt, dass ich auch ohne die
bunte Jacke leben kann. O, ich habe den Stoss gespürt und mir nie einreden
lassen, dass meine angebliche Invalidität meine Entfernung aus dem Dienst allein
bewirkt habe! Und wie sie mich dann gnädigst berücksichtigen und in einem
Ämtchen unterducken wollten - die menschenfreundlichen Feinde, die gütigen
Zivilversorger! Weisst Du das noch alles? Du solltest mich endlich durch und
durch kennen. Und weil ich mich kenne, sage ich Dir: Brigitta, sei ohne Sorge,
gräme Dich nicht um meinetwillen, ich will alles allein durchfechten. Wie habe
ich schon gerungen, um Ordnung und ruhigen Gang in mein Leben zu bringen! Mehr
als Du glaubst. Aber ich habe vielleicht kein Talent zum Glücklichwerden ...
Wozu habe ich überhaupt noch Talent?!«
    »Morgen ist Ihr vierzigster Geburtstag.«
    »Da wirst Du mir gratulieren und mir einen Strauss von schüchternen
Märzenveilchen überreichen, vielleicht auch etwas vom Schwabenalter deklamieren
- und ich werde Dich herzlich auslachen. Das heisst - im Ernst, ist morgen schon
mein Vierzigster? Diesmal habe ich wirklich nicht daran gedacht. Ja, ja, um die
Sturmzeit der Frühlings-Tag- und Nachtgleiche war's - o, die selige Mutter hat
mir's oft erzählt, wie entsetzlich weh ich ihr mit meinem Einzug in die Welt
getan - Mutterglück! wie teuer muss es erkauft werden - Brigitta, danke Gott,
dass Du ein altes Jüngferchen geblieben! Also morgen mein Vierzigster. Hm. -
Eigentlich ist mir das überraschend.«
    »Und am Einundvierzigsten werde ich nicht mehr bei Ihnen sein.«
    »Das wollen wir in Gottes Namen abwarten.«
    »Sie sollten meinem alten Herzen die Erfüllung einer heiligen Pflicht nicht
so schwer machen. Ich will Ihnen keine Strafpredigt halten und nichts
Vergangenes mehr vorrücken. Nur möchte ich ...«
    Die Alte hielt inne.
    Drillinger war an den Spiegel getreten. Ängstlich musterte er seine braunen
Haare. »Kein Zweifel, die weissen Fäden fangen bedenklich zu wuchern an.«
Plötzlich einen etwas erzwungen humoristischen Ton anschlagend: »Übrigens hat
meine Zukünftige, die Du für mich jedenfalls schon in petto hast, nicht zu
befürchten, dass sie bald eine widerwärtige Junggesellenglatze mit zärtlichen
ehefräulichen Händen streicheln müsse. Das Wachstum ist noch gut. Und wenn ich
mich jetzt wirklich an der Schwelle des Schwabenalters entschlösse, noch die
Pomade der Tugend aufzustreichen und etwas Glorienschein der Entaltsamkeit
drunter zu mischen, so würde das einen ganz superben Kopf geben, nicht wahr?
Bist Du aber auch ganz sicher, Brigitta meines jungen und meines alten Herzens,
dass morgen mein Vierzigster ist?«
    »Ach, wie Sie heute so leichtsinnig scherzen mögen!«
    »Strafpredigten sind gegen die Verabredung, gib Acht!« Und er reichte ihr
die Hand mit herzlichem Drucke. »Bin neugierig, was uns morgen Deine Isar zu
meinem Vierzigsten vorrauscht. Wird sie keifen, wird sie schelten?«
    Das Dienstmädchen öffnete leise die Tür, steckte ihr breites, hässliches
Kartoffelgesicht durch die Spalte und reichte einen Pack Zeitungen und Briefe
herein.
    »Die Post für den gnädigen Herrn.«
    Die Tür schloss sich wieder. Aber noch eine Weile blieb das breite
Kartoffelgesicht lauschend und spähend am Schlüsselloch.
    Drillinger musterte die einzelnen Briefe. Es war richtig schon wieder einer
darunter, der sich durch sein Parfum als von »jener Frau« herrührend verriet. Er
glitt unbemerkt in die Rocktasche. Da ein anderer, der besondere Aufmerksamkeit
erregte - mit einem Totenkopf auf dem schwarzen Siegel.
    »Von meinem guten Schmerzenreich Dr. Edgar Trostberg; weisst Du, dem
Pessimisten. Was der nur wieder für Anliegen und Kümmernisse haben mag. Will er
mich anpumpen? Da kommt er jetzt an den Unrechten.«
    Nachdem er flüchtig gelesen: »Zu einem philosophischen Bummel lädt er mich
auf morgen Abend ein. Köstlich! Ich soll ihm aus allen Frühlingsblumen wieder
Gift saugen helfen. An meinem Geburtstage! Das trifft sich gut. Nun soll er mich
diesem bösen Vormittag zum Trotz einmal in der ganzen Pracht und Macht meines
Optimismus kennen lernen.«
    »Nichts aus Amerika? Nichts aus Italien?«
    »Nein. Nichts.«
    »Dieser Doktor Trostberg ist auch kein richtiger Umgang für Sie. So ein
unzufriedener, unpraktischer Raisonneur ... Da ist kein sittlicher Ernst
dahinter ...«
    »O, ich bin ihm viel Anregung schuldig zu mancherlei philosophischen und
sozialen Studien.«
    »Und was ist dabei herausgekommen?«
    Drillinger schüttelte den Kopf. »Erlaube, das verstehst Du nicht. Und nun,
beste Brigitta, feierlicher Friedensschluss zur morgigen Lebenswende! Auf welchen
Forderungen beharrst Du?«
    »Dass Sie sich endlich ein braves Weib - und für den Hausstand wieder eine
geregelte Beschäftigung suchen. Das Leben wird besser für Sie, wenn Sie einen
neuen Pflichten- und Erwerbskreis haben. Nur als Offizier gelten Sie für
invalid, nicht als Mensch. Und der Mensch ist das Höhere. Nicht der invalide
Offizier, der invalide Mensch ist etwas Schreckliches.«
    »Top! Ich werde mein Möglichstes tun.«
    »Ach, das haben Sie schon oft gesagt ... Und dann ... Und wegen dem Ludwig
sollten Sie sich doch endlich an den König wenden, damit er wieder ins Vaterland
zurück darf. Der arme Mensch verkommt in der Fremde ... In diesem rohen Amerika
...«
    »Brigitta!! Heute kein Wort mehr von diesem Unglücksmenschen, diesem
Deserteur ... Und an den König! Bist Du verrückt? Wie kann ich an den hohen
Einsiedler kommen? Der sitzt auf seiner Alpenburg wie ein olympischer Gott, den
keinerlei irdisches Leid rührt; denn er hat genug mit sich selbst zu tun. Die
Götter müssen sich auch um ihre Existenz wehren - das ist der tragische Spass der
Weltgeschichte. Sehe jeder, wie er's treibe, und wer steht, dass er nicht falle!«
    »Wenn wir ihm nicht helfen ...« Die Alte schwieg, fast erschreckt, als sie
seine strenge Miene sah und seine Stimme rauh und heiser klang.
    Aber nach einigen Sekunden lächelte Drillinger wieder, und seinen
Schnurrbart streichend: »Dir zu Liebe will ich mir sogar einmal das Unerhörteste
überlegen. Der Minister hasst mich zwar, ich weiss nicht warum, ich hab' dem guten
Mann nie etwas getan. Ist heute übrigens auch gar nicht nötig, dass man etwas
positiv Unrechtes tue, um nach oben in Misskredit zu kommen. Es genügt schon,
wenn man nicht in das allgemeine Horn tutet; man verlangt noch Uniformität der
Gesinnung und des Gehabens, selbst wenn man die Uniform ausgezogen hat. Man hasst
die eigenartigen Köpfe - und behandelt sie verächtlich. Meinetwegen. Vielleicht
entdecke ich doch einen Mittelsmann. Erlaubt Dein Befinden, dass ich mich jetzt
zurückziehe?«
    Die Alte nickte und reichte ihm die Hand. »Danke.«
    »Auf Wiedersehen zu Mittag. Lass inzwischen mein Täubchen für Dich braten und
lass Dir's recht gut schmecken. Mir ist der Hunger vergangen. Im Notfall esse ich
unterwegs einen Bissen. Hörst Du, wie frisch und fröhlich die Isar rauscht? Auf
Wiedersehen! Ich bin bald wieder zurück, spätestens gegen Eins. Ich habe einige
notwendige Gänge.«
    Schmerzversunken, rührte sich die alte Brigitta lange nicht von der Stelle.
Das Sonnenlicht fiel wärmend auf ihren greisen, müden Leib.
    »Nein, nicht länger so hinbrüten,« dachte sie, als sie von draussen plötzlich
die Stimme ihres Herrn vernahm, wie er, was allerdings selten genug geschah, das
Dienstmädchen ausschalt.
    »Ich muss an die Wirtschaft. Wie der Psalmist sagt: Unser Leben währt siebzig
Jahre und wenn es hoch kommt, sind es achtzig Jahre, und wenn es köstlich
gewesen, ist es Mühe und Arbeit gewesen. Ja, eitel Mühe und Arbeit und Sorge
ohn' Unterlass.«
    Als es aber draussen im Gang wieder stille geworden war und nichts als das
eintönige Rauschen der Isar mit der lauen Frühlingsluft in die Stube drang, da
rückte sich Brigitta das Kissen zurecht und wollte sich noch kurze Rast gönnen
nach den bösen Stunden.
    Sie legte den Kopf auf die Lehne zurück und erhob ihre Augen nach oben. »Ja,
Herr Gott, wenn es Zeit ist, dann lass Deine Dienerin in Frieden fahren - sie
vermag wenig mehr zu richten in dieser Welt.«
    Dann schweiften ihre Augen an den Wänden. Dort hingen auf den dunkel
gemusterten olivengrünen Tapeten eine Reihe von alten Kupferstichen in schwarzen
Holzrahmen, Städtebilder, zur Erinnerung an liebe Orte, die einst im Leben der
Drillingerschen Familie eine Rolle gespielt. Aus freundlicher Aufmerksamkeit für
Brigitta hatte ihr Herr auch einige schweizer Landschaften dazwischen gehängt,
auch eine Abbildung der Stadt Basel, wo Brigitta bei entfernten Verwandten einen
Teil ihrer Jugend verlebt und den guten Grund zu ihrer Erziehung und ihrer fast
protestantisch strengen Lebensauffassung gelegt. Auf einer Schweizerreise war es
auch gewesen, wo sich ihre ersten Beziehungen zur Drillingerschen Familie
anknüpften. Herr Dr. Karl v. Drillinger, Professor in München, hatte eine
Schulfreundin Brigittas kennen und lieben gelernt und später zu seinem ehelichen
Weibe genommen. Die erste Wiederbegegnung Brigittas mit der Baronin v.
Drillinger hatte erst stattgefunden, als Ludwig und Max bereits halbwüchsige
Buben waren und ihr nachgeborenes Schwesterchen Amalie, dem ein früh
entwickeltes Lungenleiden schon im achtzehnten Jahre den Tod brachte, die
Aufnahme einer Erzieherin wünschenswert machte. So war Brigitta als Gouvernante
und Stütze ihrer gleichfalls kränkelnden und den Beschwernissen des Ehelebens
nicht gewachsenen Freundin Helene in das Drillingsche Haus gekommen. Wie lange
war das alles her!
    Und doch dieser Schattentanz der Erinnerung, als wäre es gestern erst
geschehen!
    Und auch von dem alten Familienhause in der Vorstadt ist kein Stein mehr auf
dem andern ... Freilich, wie dankbar war damals Brigitta der Fügung, die sie in
dieser Familie ein sicheres Asyl und eine festumgrenzte Lebensarbeit finden
liess! Und so fest schlug ihr Dasein hier Wurzeln und so gesegnet war ihr Wirken,
dass nach Helenens Tod Herr Dr. Karl v. Drillinger der seiterigen treuen Stütze
der Hausfrau die Hand zum ehelichen Bunde bot. Aber nach tiefer
Gewissenserforschung musste sie ablehnend antworten: es genüge ihr Rang und
Pflicht der Wirtschafterin - - Im Grunde ihrer Seele war's freilich kein allzu
schwerer Verzicht. Ihrer still ehrlichen Natur widerstrebte es, anders als in
geräuschloser, nach aussen unbeachteter und der gesellschaftlichen Kritik und
Bosheit entrückter Weise diesem Hause zu dienen, nachdem über ihre eigene
Familie Heimsuchung über Heimsuchung gekommen war.
    Drillingers Haus war ihr jetzt ein Refugium geworden - und es wäre ihr als
eine Entweihung erschienen, hätte sie's in ein weiches Nest der Liebe
verwandelt. Als später der Sturm des Lebens ihre viel jüngere Schwester Afra
erfasst und in die Irrnis der Sünde gewirbelt, wo sie verschollen seit einem
sensationellen Skandalprozess - und als gar die andere Schwester, die arme
Magdalena, infolge eines geheimnisvollen, bis heute nicht entschleierten
Verbrechens, welches ein namenloser Wüstling an ihr begangen, das Licht der
Vernunft verlor: da segnete Brigitta ihren einstigen Entschluss des
jungfräulichen Alleinbleibens in hingebender Arbeit für das Wohl anderer und
dankte Gott, dass sie den bittersüssen Kelch begehrlicher Mannesliebe nicht
getrunken. Das Haus Drillingers, im Garten, draussen in der einsamen Isargegend,
war ihr damals wie ein wohlverwahrter Taubenschlag: da konnten keine Geier
herein ...
    Überkam es aber später ihr Herz doch manchmal wie ein Bedauern, dem Werben
des Witwers, der wenige Jahre hernach ganz eigentümlich rasch und plötzlich aus
dem Leben geschieden, sich so schroff verschlossen zu haben, so brauchte sie
sich nur einen gewissen unbeschreiblichen, wie Höllenglut sengenden und
verzehrenden Blick ins Gedächtnis zurückzurufen, mit dem Herr v. Drillinger sie
einmal in der Dämmerstunde am Krankenbette seiner Frau angesehen. Nein, nein,
nein! An seinem Liebesbegehr haftete zu viel sündhafte Lust und mörderisch
Dämonisches ...
    O, jener verräterische Blick, der wie eine feurige Schlange ihren
jungfräulichen Leib umzüngelte, während sein Weib nebenan mit den Schrecken des
Todes rang! Wie viel rätselhaft Unheimliches barg doch auch diese Mannesbrust
...
    Von ihrer unglücklichen Schwester bekam sie einmal, als die Fittiche der
Schwermut und des Wahnsinns sich schon dicht über die Seele gelegt hatten und
auch der Baron längst zu seiner Gattin ins Totenreich hinabgesunken war, die
düstern Worte zugeraunt: »Trau' nicht, Brigitta! Keine, die in seiner Gewalt
gewesen, hat je wieder gelacht; sie meidet die Menschen und wird gemieden; von
ihrem Leben weiss sie nichts mehr und ein ewiger Schmerz zerfrisst ihr Erinnern.«
    Ohne Vorwurf durfte die Greisin auf ihre Vergangenheit zurückblicken in
lückenlosem Denken; sie hatte wie durch höhere Gnade ihr Einziges und Höchstes,
das Glück und den Ruhm ihrer Reinheit, durch alle Anfechtungen des
wechselreichen, heimtückischen Lebens bewahrt. Ja, das Leben ist voller
Heimtücke, die Welt voll verderblicher Hintergründe ....
    Als das Drillingersche Haus seines Hauptes beraubt war, führte Brigitta ganz
allein mit einem alten Diener die Wirtschaft. Ludwig v. Drillinger hatte nach
Vollendung seiner Studien zunächst ein Lehramt an der polytechnischen Hochschule
in München übernommen. Zwar ein herzensguter Mensch, war doch ein schweres
Auskommen mit ihm, seiner radikalen Gesinnungen und seines jähen Charakters
wegen. Er hatte den Lehrstand plötzlich satt, als er mit einem Vorgesetzten in
wichtigen Fragen in Zwiespalt geraten war - und lief dem Wehrstande davon, als
er eine Disziplinar-Untersuchung gegen sich im Werke sah. Waren das schreckliche
Tage voller Aufregung! Max hatte als Artillerie-Offizier den grossen Feldzug zwar
mit Glück überstanden, allein seine frühe Ausserdienstsetzung hatte ihn
verbittert und in allerlei soziale Fährnisse gebracht. Die Ruhe war dahin ...
    Jetzt weilte ihr Blick auf dem Bilde der Stadt Basel. Dort rauschte der
grüne Rhein wie hier die grüne Isar. Da war sie einst mit Helene durch die alten
Gassen gewandert. Plötzlich standen sie vor dem prächtigen Portal des
altersgrauen Münsters. Sinnend verfolgten sie die Einzelheiten in dem reichen
Bildhauerschmuck. Eine beinahe unscheinbare Figur in dem reichen Schnörkelwerk,
die sie lange unbeachtet gelassen, hatte schliesslich ihre Aufmerksamkeit aufs
stärkste gefesselt. Sieh nur, wie merkwürdig, - Brigitta stiess dabei die
Freundin an - diese Gestalt: ein üppiges Weib mit schwellendem Busen, stolzem
Nacken und schön gebildetem Haupte, aber der Rücken - o wie hässlich! - mit
Schlangen, Nattern und Kröten behangen, mit Beulen und Geschwüren bedeckt. Eine
Allegorie, bemerkte Helene. Gewiss, aber was bedeutet sie? Und Helene nach
einigem Besinnen: Ich hab' davon gelesen - das ist Frau Welt, die mit all' ihrem
Schönheitszauber ihre Hässlichkeit und Krankheit doch nicht zu verbergen vermag.
Ein garstig Bild, das gewiss kein Glücklicher erfunden. Uns soll's nicht
schrecken ...
    Die kluge, mutige Helene!
    Ja, Frau Welt, ein garstig Bild .... Helene sieht und hört schon lange
nichts mehr davon ...
    Langsam erhob sich die greise Träumerin und prüfte vorsichtig ihre Beine, ob
sie nach dem langen Sitzen nicht noch schwächer geworden - und bedächtig setzte
sie einen Fuss vor den andern und schlich zur Stube hinaus.
    »Der gnädige Herr ist soeben ausgegangen,« meldete das Mädchen in der Küche,
mit blutbefleckten Fingern eine Taube rupfend. »O, der war bös heute, der hat
mich ausgezankt! Ich hätte die arme Taube geschunden, sagte er. Es ist doch
nicht meine Schuld, wenn das dumme Vieh mit zwei Stichen durch den Kopf noch
nicht hin werden will? Sie flatterte noch, da hab' ich ihr den Kragen umgedreht
....«
    Brigitta winkte der Schwätzerin ab. Wie sehr war ihr heute die blecherne,
gemeine Stimme zuwider!
    Aber das Klapperwerk Resl's liess sich nicht so leicht stille stellen.
    »Der gnädige Herr hat vorhin auch noch eine Depesche erhalten. Vielleicht
war die nicht nach seinem Geschmack. Überhaupt ....«
    »Was überhaupt?«
    »Überhaupt, ich mein' nur so, man weiss oft gar nicht, wie man mit den
vornehmen Herren daran ist. Die sind so wetterwendisch. Besonders aber der Herr
Baron ....«
    Jetzt unterbrach sie sich, warf die gerupfte Taube auf den Tisch, öffnete
mit scharfem Schnitt den Bauch und griff mit den blutigen Fingern hinein, das
Eingeweide herauszureissen. dabei schwatzte sie fort: »Man weiss niemals, was der
im Kopf hat. Da geht alles durcheinander. Einmal ist er so freundlich, dass man
sich ordentlich scheniert, dann wieder ....«
    Sie hielt das zerschljetzte Tier unter den Wasserhahn, um es auszuspülen.
»Dann wieder sieht er einen so zornig und mit so funkelnden Augen an, dass man
sich vor ihm fürchtet.«
    »Du hast ja die Taube nicht flammiert!«
    »Jesses, ja, das hätt' ich jetzt schier vergessen. G'schwind abtrocknen und
über die Spiritusflamme damit! So, jetzt sehen Sie, Fräulein, wie das fein wird;
kein Härchen mehr dran. Ein wunderschönes Tier, so zart. Aber ich hab' auch
zwanzig Pfennig mehr dafür zahlen müssen, sonst hätt' ich's nicht kriegt. Die
guten Sachen werden jeden Tag teurer, je mehr davon auf den Markt kommt. Gleich
zwanzig Pfennig teurer - woher kommt denn das?«
    »Vielleicht von der Ehrlichkeit der Dienstboten, Schwätzerin.«
    »Ja, die Dienstboten müssen's immer büssen. Denen schiebt man alles in die
Schuhe. Wie vorhin. Der gnädige Herr bekommt eine schlechte Depesche und die
Köchin bekommt dafür ein böses Gesicht.«
    »Schweig'!«
    Brigitta hatte sich auf einen Stuhl niedergelassen. Sie fühlte sich zu
unkräftig, selbst mit Hand anzulegen, so wollte sie wenigstens die Hantierung
der Köchin überwachen. Die Wärme tat ihr wohl, die dem knisternden Herdfeuer
entströmte und die Küchenluft mit dem lieblichen Duft harzreichen Tannenholzes
durchzog. Aber das Wetter hatte sich wieder verdüstert und drückte den Rauch
durch den Schlot zurück. Brigitta rieb sich die Augen, hüstelte und jammerte
still vor sich hin.
    Jetzt jagte Resl die Flammen mit dem Blasebalg auf, dass die Funken stoben
und der Rauch in grauen Wolken aufflog.
    »Mach's ordentlich, Du weisst schon,« stiess die alte Wirtschafterin keuchend
heraus und verliess mühsamen Schritts die Küche.
    »Weiss schon, - ist kein Kunststück,« machte Resl mit höhnischer Fratze und
salutierte hinter dem Rücken der Abgehenden mit dem Blasebalg.
    »Rechtsum oder linksum, gleichviel, die alte Hex' treibt's nimmer lang - und
dann werden wir mit dem schönen Herrn Baron wirtschaften, dass es eine Art hat.
Ist zum lachen - ich fürcht' mich nicht vor seinen Mucken. Ich kenn' die Sorte
schon. Hätscheln und tätscheln hilft immer, und das kann unser eins auch.«
    Sie zog einen kleinen Handspiegel mit halbem Glas aus der
Geschirrschrank-Schublade und betrachtete sich wohlgefällig, zog die Lippen rund
und kraus, schob die Zunge vor und zurück - und warf dann den Spiegel wieder an
seinen Ort.
    »Und der schöne Herr Baron mag's gewiss recht gern, das Hätscheln und
Tätscheln; da wird's ihm wohl von einer Jungen noch lieber sein, als von einer
Alten.«
    Sie brach in ein freches Lachen aus.
    »Hätt' ich nur die Alte vom Hals, diese Aufpasserin und G'schaftelhuberin,
die Filzerin, die eine Laus um den Balg schindet und immer verhungern will.
Jesses, der möcht' ich doch gleich in die Suppe spucken. Eine solche
Hungerleiderin!«
    Mit raschem Griff fasste sie einen Wurststrang, schnitt ein Stück ab und liess
es in einer Schachtel, die ihre gestohlenen Vorräte barg, verschwinden.
    »Für den Hans! Das heisst, so lang' ich ihn noch mag - und noch nicht zur
Baronin avangsiert bin. Ich wollt's erraten, was ihm in der Depesche so ins
Geweih gestiegen ist. Ein Tächtelmächtel, ein verunglücktes Liebesabenteuer. Da
geht's immer gleich per Telegraph, da pressiert's! Bei mir könnt' er's so gut
haben.«
    Indem sie mit dem Finger von dem Apfel-Kompot naschte, das sie auf einer
Schale zurichtete: »Sehr fein ist's. Das hat der Franzl immer so gern mögen,
wenn er von Tölz heruntergekommen ist. Jetzt geht die Flösserei auf der Isar bald
wieder an; dann kommt er gewiss wieder mit seinen langen Wasserstiefeln und lässt
mir keine Ruh .... O die Mannsbilder - und lauter Schleckermäuler sind's.
Jesses, jetzt ist mir vor lauter Gedanken gar die Soss' (Sauce) anbrennt ....«
 
                                       4.
Eins der Kontore des Bankiers Weiler lag in einer schmutzigen Seitenstrasse des
Viktualienmarktes, die erst kürzlich auf den Namen des berühmten patriotischen
Schnapsfabrikanten Schienenschneider umgetauft worden war, - im sogenannten
Isarwinkel.
    »Die fleissige Umtaufe der Strassen, Gassen und Plätze der bayrischen Residenz
ist vermutlich deshalb eine der liebsten Beschäftigungen der Stadtväter von
Isar-Aten, weil man dabei so viel patriotischen Geist und Geschichtssinn
entwickeln kann,« hatte der Bankier bei dem letzten Besuche des Barons auf
dessen kritische Bemerkung erwidert. Augenblicklich war dieser jedoch nicht in
der Stimmung, die Stadtväter oder andere nützliche Mitgeschöpfe zu kritisieren
....
    »Was nur die Depesche des Bankiers bedeuten mag? Sollte dieser Tag lauter
Unangenehmes bringen?«
    Herr Weiler befand sich gerade auf der Börse. Sein Buchhalter war an den
Fernsprechapparat getreten, dem Chef den Besuch des Herrn Barons zu melden.
    »In spätestens zehn Minuten stehe zur Verfügung,« telephonierte prompt der
Börsenmann zurück.
    Max von Drillinger war in die Hinterstube getreten.
    »Wünscht der Herr Baron inzwischen vielleicht die Neuesten Nachrichten oder
die Frankfurter Zeitung zu lesen?« fragte der Kommis mit fadem Lächeln, indem er
einige Zeitungsblätter auf den Tisch legte. Ohne eine Antwort von dem alten
Bekannten des Chefs zu erwarten, schlich er katzbuckelnd wieder an seinen Platz
zurück. Drillinger liess die Blätter unbeachtet. Er fand es zwar nichts weniger
als behaglich in dem dunklen, dumpfen Raum mit dem abgetretenen grünen Teppich
auf dem schiefen Boden, den Eisenbahnkarten, Stadtplänen, Verlosungskalendern
und Kurszetteln an den Wänden - allein das Geräusch und Gedränge der Strasse war
ihm noch widerwärtiger. Also wollte er lieber hier warten.
    So warf er sich denn in das klebrige schwarze Ledersofa und liess seinen
Blick bald durch das vergitterte einzige Fenster schweifen, welches auf das
alte, winkelige Hebammengässchen hinauswies, bald durch die halboffene Tür in
das eigentliche Kontor, welches gerade knappen Raum bot für den Geldschrank,
zwei Schreibpulte und den langen schmalen Zahltisch mit dem Schalter für die
Kundschaft. Die beiden Kontoristen sassen stumm über ihre Bücher gebeugt;
automatenhaft trugen sie ihre Ziffern und Vermerke ein. Man hörte ein
krabbeliges Stahlfederngeräusch - und dann entstand wieder eine kleine Pause,
welche der jüngere Kontorautomat durch eine knarzende Bewegung auf seinem
Schreibbock ausfüllte.
    Drillinger musste der Zeit gedenken, wo er sich mit dem jahrelangen Versuch
abquälte, sich in der Buchhalterei der Malzfabrik zu Pasing zu einem ähnlichen
Kontorautomaten umzubilden.
    Der steinalte und steinreiche Protz Kesselberger, ein Freund seines Vaters
und stärkster Aktionär der Gesellschaft, hatte ihm die Stelle vermittelt und
goldene Berge versprochen. Er wollte ihn protegieren, von Stufe zu Stufe höher
bringen - bis an die Spitze des Unternehmens! »Die Industrie, das ist das
gelobte Land,« pflegte er zu sagen; »Intelligenz und vornehmer Name müssen sich
mit dem Grosskapital alliieren!«
    Freilich dachte dabei der alte Gauner zunächst an eine Allianz seiner
erschrecklich hässlichen, aber mannstollen Tochter mit dem schmucken, trotz
seiner Invalidität strammen Offizier. Max v. Drillinger dachte aber an die
Summen, die er der Erhaltung des wenigstens scheinguten Namens seines Bruders
Ludwig geopfert, der damals schon durch seine Exzesse und seine ersten
sozialdemokratischen Maulaufreissereien die Drillingersche Familie arg
blossgestellt hatte. Was hatte ihm dieser Tunichtgut nicht für Verlegenheiten
bereitet, die er niemand anvertrauen mochte, in ihrem ganzen Umfang nicht einmal
der treuen Brigitta! So griff er nach der Hand des berechnenden Protzen
Kesselberger und rollte Tag für Tag mit der Eisenbahn nach Pasing hinaus auf das
Fabrikbüreau. Da machte das Schicksal einen Strich durch die Rechnung des
Besitzers der erschrecklich hässlichen, mannstollen Tochter: Kunigunde brannte
mit dem Kutscher durch - und Max v. Drillinger blieb ohne fernere Protektion auf
seinem inferioren Posten sitzen, ohne zunächst eine Ahnung zu haben, was ihm
eigentlich die Gunst des Alten so schnell verscherzt haben könnte ...
    Das war nun eine von den regelmässigen Beschäftigungen, wie sie der guten
Brigitta als Ideal für einen Hauptmann a.D. vorschwebten - das war der
regelmässige Erwerb, welcher die Fettaugen auf die magere Pensionssuppe liefern
sollte!
    Ein bitteres Lächeln huschte über die Züge Drillingers, als er sich jetzt
wieder als Kontorknecht in Pasing sitzen sah unter einem Dutzend älterer und
jüngerer Geschäftsbeflissener, die von der Pike auf im Handel gedient hatten und
bei denen die Anpassung an den Schreibbock-Beruf normal verlaufen war. Die alte
Geschichte von dem edlen Renner voll Feuer und Laune und dem eingewöhnten
Ackergaul, der geduldig Furche um Furche zieht! Jeder ist vortrefflich in seiner
Weise, aber der eine kann nicht die Aufgabe des andern erfüllen. Und dann: was
soll überhaupt ein Leben, das nichts abwirft, als im ewigen Einerlei
maschinenmässiger Arbeit, in Treue und Aufopferung die Möglichkeit etwas besseren
Lebensunterhalts?
    Wirft denn die bravste Taglöhnerei im Dienste der Millionenhamster jemals so
viel ab, dass der Tagelöhner einen nennenswerten Zuwachs an persönlicher Stärke,
an Freiheit und Schönheit des Lebens herausschlägt? Und dafür soll man zum
systematischen Märtyrer der Phantasie seiner Lebensführung werden und vom freien
Mann hinabsinken, zum Heerdentier?
    Dann der andere Versuch: er hatte mit dem Baron Almen eine elegante
Monatsschrift herausgegeben, »Die Kunst in der Mode« und für das Beiblatt »Das
Boudoir« pikante Plaudereien über das Teater unter einem Pseudonym geschrieben.
Die Probenummer erregte Aufsehen. Das versprach eine im edelsten Sinne
regelmässige und nutzbringende Beschäftigung zu werden. Allein nach der vierten
Nummer krachte das Geschäft des Verlegers zusammen. Es stellte sich heraus, dass
das ganze Betriebskapital des unternehmungslustigen Buchhändlers in einem leeren
Kassabuch, tausend Briefbogen mit dem Titel der Zeitschrift und der Verlagsfirma
und einem Bündel unbezahlter Rechnungen für Plakate, Reklamen u.s.w. bestand.
München war offenbar für ein solches Unternehmen noch nicht reif ... Ein Glück,
dass sein Pseudonym gewahrt geblieben! Mit einem solchen Schwindler gehen? Lieber
den Rest Leben freiwillig auf einmal hinwerfen, als seine bessere Fristung mit
dem Opfer persönlicher Würde und unbescholtener Unabhängigkeit zu erkaufen -
oder sich als ein Überflüssiger im Wettbewerb der Kräfte zu fühlen!
    Das wäre freilich wieder eine jener Gewaltsamkeiten, die wie ein hässlich
aufgellender Misston die Harmonie der Entwickelung zerreisst ..... Und doch, und
doch .... Wo sind die alten Menschheitsideale? Wo ist die alte reine Lebens- und
Wirkensfreude? Was soll der Machtlose in einer Welt, wo alles nur Hast und Drang
nach Macht und Genuss? ....
    Wohl: der ideallose amerikanische Mensch als das Produkt virtuoser Anpassung
an die entgegengesetztesten und geistig ödesten Lebens- und Arbeitsverhältnisse
wird auch im alten Europa der Mensch der Zukunft sein; heute kann man schon in
gewissem Sinne den Juden als den Vertreter des Amerikanismus bei uns bezeichnen.
Verjudung heisst eigentlich Amerikanisierung ....
    Drillinger liess die Gedankenreihe fallen. Eine zufällige Bewegung führte ihm
den Duft des parfümirten Briefes in der Brusttasche zur Nase. Das war wohl schon
der fünfzigste Brief. Fünfzig Variationen über das nämliche Tema. Fünf
Buchstaben. Ein Zungenschlag, ein Hauch. Teufelsweib! Wäre sie weniger
erfinderisch in Variationen gewesen, die Monotonie des Grundmotivs hätte dem
Geleier längst allen Reiz genommen. Am besten, man verstopfte sich die Ohren,
wie der weise Odysseus, der vielgewanderte, vor dem Singsang der Sirenen ....
Vorerst soll wenigstens der Brief unterbrochen bleiben .... Gewiss, jetzt muss ein
Ende gemacht werden. Der Ernst der Lebenswende fordert's. Brigitta hat Recht.
Das soll das letzte Stelldichein sein. Morgen oder übermorgen - das Wiedersehen
eilt ja nicht - erfolgt feierliche Lossagung. Sie wird vernünftig sein;
eigentlich sind diese Weiber alle kalt wie une fille de marbre .... Schliesslich
käme die Geschichte auf und es gäbe noch einen abscheulichen Skandal .... Und
die Andere? .... Ja, diese Andere würde der guten Brigitta ebensowenig in den
Kram passen. Überhaupt diese Heirats-Marotte. Als ob sich so etwas übers Knie
brechen liesse. Und in den jetzigen schweren Zeitläuften, bei der täglich sich
steigernden Kostspieligkeit der Lebensführung einen Hausstand gründen auf der
Grundlage einer schmalen Pension und einer problematischen Neigung - wäre das
nicht Wahnsinn? Und die Hingabe der Freiheit um das Linsengericht einer Mitgift?
.... Gut, dass Brigitta nichts von der Andern weiss ....
    Drillinger machte einen nervösen Ruck - und siehe da, er war an dem
lackierten Ledersofa angeklebt, wie der übertölpelte Vogel an der Leimrute. Er
fuhr mit der Hand an den Sjetzteil .... Mit leisem Knistern löste sich die Hose
von der Unterlage .... Wäre er gewaltsam rasch in die Höhe gesprungen, würde das
morsche Cheviotzeug hängen geblieben sein - und er hätte eine weisse Fahne unter
dem Rock heimtragen können. Darum niemals Gewaltsamkeiten!
    Lachend erhob er sich, um vorsichtig sein Taschentuch auf den Sitz zu
breiten.
    An dem vergitterten Fenster gegen die Winkelgasse hasteten die Menschen
vorüber, die Köpfe eingezogen, die Rockkrägen aufgeschlagen. Schneegestöber!
Münchener Frühlingswetter - das bekannte meteorologische Potpourri! Das Fenster
lag so hoch, dass man nur die Köpfe sah. Komisches Bild: eine Prozession
abgeschnittener Köpfe, die sich da draussen eilig vorbeibewegten im wirbelnden
weissen Flockentanz ....
    Er griff nach den »Neuesten Nachrichten« und blätterte gähnend im
umfangreichen Inseratenteil.
    »Ein Student in den höheren Semestern .... edelmütige, unabhängige Dame ....
Vorschuss ewige Dankbarkeit .... spätere Verehelichung nicht ausgeschlossen.«
    »Ein gut erhaltener Brautkranz, fast neu .... ein Schlafdivan .... ein
Papagei .... ein Epheustock preiswürdig zu verkaufen.«
    »Armes Mädchen .... Notlage .... Rückzahlung nach Übereinkunft.«
    »Zwei fesche Wienerinnen .... fremd in hiesiger Stadt .... älteren Herrn
....«
    »Adoptiveltern .... uneheliches Kind (Mädchen von zwei Jahren) ....«
    »Damen in stiller Zurückgezogenheit .... Hebamme ....«
    »Versetzt .... ausgelöst ....«
    »Amusement. Feine Dame sucht Herrn zum Vierhändigspielen oder Begleiten auf
der Violine. Exped. 169015.«
    Drillinger notierte die Ziffer auf seine Manschette. In der Konfusion der
Frühe und der Eile des Ausgehens hatte er sein Notizbuch mit dem modischen
schwarzen Krokodill-Ledereinband vergessen.
    »Herren aus besseren Ständen .... Konnexionen in bemittelten Familien ....
Agenten .... Heiratsbüreau ....«
    »Eine Ziter .... Trauerkleid .... Maskenanzug .... Kanapee .... billig zu
verkaufen. Auenstrasse ....«
    »Komiker gesucht ....«
    »Reichgefasste Brillantohrringe .... unter der Hand zu verkaufen.«
    »Pensionierter Offizier .... Adel .... wirtschaftliche Befähigung ....
Vertrauensposten.«
    »Kleines Darlehen .... alleinstehende junge Dame .... Rückzahlung nach
Übereinkunft.«
    »Hübsches junges weibliches Modell ....«
    »Schön möbliertes Zimmer bei einer alleinstehenden Dame ....«
    »Fräulein .... Zimmer mit ungeniertem eigenem Eingang ....«
    »Zwei distinguirte Herren .... Ausländer .... unabhängige feingebildete Dame
.... .... Konversation ....«
    »Welche gutsituierte ältere Dame wäre gesonnen .... akademisch wie praktisch
gebildeten Architekten .... Fortkommen ....«
    »Junge Witwe .... Abendstunden frei .... Vorleserin .... älteren Herrn ....«
    Drillinger wollte eben das Blatt beiseite werfen, mit einer Miene, die
auszudrücken schien: Himmel, wie langweilig, Tag für Tag die nämlichen
zweifelhaften Scherze, inszeniert von der Not, der Genusssucht, der
Verworfenheit! - als sein Blick zufällig auf den feuilletonistischen Teil des
Blattes fiel. An Stelle des gewöhnlichen Nachdruck-Sammelsuriums, stand heute
ein grosser Originalartikel: »Zola's neuester Roman.«
    Nachdem Drillinger einige Abschnitte, worin das deutsche Leben im Vergleich
mit dem französischen über den grünen Klee gelobt und Zola wie der letzte
Schmierant der schlechtesten Motive bezichtigt war, ärgerlich überflogen hatte,
konnte er doch ein Lächeln nicht unterdrücken:
    »Ja, ja, die Deutschen sind erhaben über die Schmutzereien der Franzosen; so
etwas kommt bei uns gar nicht vor, wir sind die reinsten, ungetrübtesten
Tugendspiegel in Lebensgrösse, und darum ist auch unsere Litteratur so unschuldig
und so schön; jedermann hat bei uns sein gutes Auskommen, bleibt im Lande und
nährt sich redlich; die Hohen geben den Niedrigen, die Grossen den Kleinen
unausgesetzt die wunderbarsten Beispiele von Vornehmheit des Charakters,
Adeligkeit der Gesinnung; unsere öffentlichen Einrichtungen sind einfach
musterhaft, unser Gesellschafts- und Familienleben voller Geist, Anmut und
Heiligkeit; wir haben keine öffentlichen Verleumder und Ehrabschneider, keine
Pressbanditen, Prostituirte, gewerbsmässigen Intriganten und Streber - bei uns ist
alles eitel Gold was glänzt, und wenn unsere naturalistischen Dichter auch
einmal die hässliche Wahrheit künstlerisch gestalten wollen, so müssen sie die
Stoffe aus den Fingern saugen oder vom Auslande beziehen! Ja, ja, die Franzosen,
und der ihrer würdige Zola, das sind verkommene Subjekte; an der deutschen
Heiligkeit im Leben und in der Kunst gemessen, die reine Fratzenhaftigkeit
unseres idealen Reinmenschlichen, das wir so unübertrefflich verkörpern .... Und
doch hat der Kritiker der Neuesten Nachrichten Recht und der Romanzier Zola hat
Unrecht. Es kann nicht die Aufgabe der Dichtung sein, die gute Gesellschaft zu
beleidigen, und Zola beleidigt sie durch seine Brutalitäten und
Geschmacklosigkeiten. Wir ertragen im Leben vieles, was in der künstlerischen
Darstellung einfach unerträglich wirkt. Es gibt im Hässlichen und Wahrhaftigen
eine Grenze, die nicht überschritten werden darf. Auch in seinen Büchern darf
der Schriftsteller den Vertreter der guten Gesellschaft nicht verleugnen ....
Zolas fixe Idee ist die Sinnlichkeit. In jedem Menschen sieht er nur die
lauernde schmutzige Bestie. Du lieber Himmel, wenn jedermann mit Zolaschem
Wahrheits-Fanatismus den Roman seiner sinnlichen Gedanken, Worte und Werke
niederschreiben wollte, das würde nicht bloss die gesamte Litteratur, sondern
auch das gesamte Leben verpesten. Wäre das schön? Wäre das zweckmässig?
Litteratur und Kunst sind ja gerade dazu auf der Welt, die Sinnlichkeit zu
veredeln und geläutertes Vergnügen zu bereiten. Und dann gar erst dieser
grundsätzliche Pessimismus: überall nichts als Verworfenheit und
Nichtswürdigkeit in der Menschheit! Nein, nein, wir dürfen uns von diesen
trübseligen Naturalisten nicht den letzten Rest behaglichen Lebensgenusses
vergällen und jede heimliche Freude mit Schmutz anstreichen lassen.«
    Plötzlich zuckte wieder der bittere Zug über Drillingers Antlitz.
    Knarrend schlug die Tür zurück. Herr Bankier Weiler wälzte sich herein.
    »Bitte vielmals um Entschädigung, Herr Baron, wegen der Störung und des
langen Wartens. Böse Abwickelungen gegen den Monatsschluss! Und dieses
Hundewetter! Bitte Platz zu behalten.«
    Herr Weiler warf seinen Überzieher ab und wischte sich die Brillengläser mit
den Fingern. Sein kleines, rundes, pfiffiges Gesicht glühte unter dem dichten
schwarzen Kraushaar. Er liess den kurzen wurstartigen Leib in den Armstuhl fallen
und schlug die O-Beine übereinander.
    Die Nähe des dicken, schwitzenden, eine ganze Wolke von sehr gemischten
Ausdünstungen um sich verbreitenden Bankiers, trieb dem Baron wahre
Angstschweisstropfen auf die Stirn.
    Er zog sein weisses Reserve-Battisttaschentuch mit dem eleganten, von der
Freiherrnkrone überschwebten Monogramm in blaugelber Stickerei aus der Tasche -
das andere lag noch auf dem Sitze - und strich und fächerte in nervöser Erregung
im Gesichte herum.
    »Kommen wir rasch zur Sache, Herr Weiler, bitte! Was sollte eigentlich die
Depesche? Es ist doch keine Katastrophe in Sicht? Oder habe ich ein grosses Los
gewonnen?«
    »Hat sie Sie erschreckt, bester Herr Baron? Keine Furcht, ich vermute, etwas
Gutes für Sie zu haben. Wollte mir die Ehre eines kleinen Plauderstündchens
ausbitten zur Erörterung einiger Fragen, die allerdings einer gewissen
Dringlichkeit nicht entbehren. War gerade auf dem Telegraphenamt, als mir der
Gedanke kam ....«
    »Ohne Umschweife, bitte!«
    »Sind so pressiert, heute, bester Herr Baron? Oder ein wenig nervös? Dieses
Hundewetter!«
    »Ich befinde mich allerdings nicht ganz wohl. Ich habe einen schlechten
Morgen gehabt.«
    »Sehr bedauerlich; genehmigen Sie den Ausdruck meiner tiefsten Teilnahme.
Wird doch nichts Ernstliches sein? Am Ende nur kleine Nachwehen einer lustigen
Nacht, eines feinen Soupers à deux im Götterwinkel bei Danner oder Arnold?«
    In diesem Augenblick trat ein Kunde ins Kontor: ein böhmischer Musikant, der
einige Ersparnisse in österreichische Guldenzettel umgewechselt haben wollte.
Hinter ihm folgte eine Kundin: eine verschleierte Dame in einen langen
Regenmantel geknüpft, der ihre schmächtige, fast elegante Gestalt in scharfen
Umrissen herausstellte.
    Drillinger schaute auf und verschluckte seinen Unmut. Er fühlte sich
abgespannt. Weiler war aufgesprungen und hatte die Dame vom Schalter weg sanft
in eine Ecke gedrückt.
    »Pardon, meine Gnädige, das besorgen wir eigenhändig. Grosse Ehre, angenehme
Kundschaft -« und dann im Flüsterton, kurz und pikiert, fast zornig: »Sie hätten
auch eine anständigere Stunde wählen können - diese auffällige Zudringlichkeit -
ich verbitte mir dergleichen für die Zukunft! Also wieviel macht's?«
    Die Verschleierte sprach kein Wort, nur ihre Augen blitzten auf den dicken,
bebrillten Krauskopf herab. Sie zog mit einiger Umständlichkeit ein Papier aus
der Tasche. Weiler schnitt ein böses Gesicht und wackelte ungeduldig mit dem
Kopfe; hastig griff er nach dem Papier.
    »Natürlich wieder aus Hirschbergs Modebazar,« knirschte der Bankier und
überflog die Zifferreihe. »Gepfeffert! Das hätte man auch um die Hälfte haben
können. Vierhundert Mark! Unverschämt ....«
    Der Bankier liess die Dame in der Ecke stehen, wälzte sich, ohne seinen Ärger
vollständig bemeistern zu können, an den Geldschrank - die Kontorjünglinge
duckten sich ganz in die Bücher - nahm einige Noten heraus, wickelte sie in die
Rechnung und drückte sie der Verschleierten in die Hand.
    »Heute Abend nach dem Teater!« wollte er ihr ins Ohr zischen, kam aber mit
seinem Mund kaum bis an ihre Achsel. dabei wippte er auf den Zehen des rechten
Fusses, während er mit dem linken einen anmutigen Halbkreis zu schleifen
versuchte. Der Halbkreis kam wohl heraus, aber nicht die Anmut. Herr Weiler
lebte auf einem ebenso grossen wie täppischen Plattfusse, den der modische
absatzlose Schnabelschuh nach Kräften karikierte.
    »Also auf Wiedersehen, Gnädige!« sprach er laut, überlaut dann: »Sehr
angenehm gewesen, verehrte Frau, ergebenster Diener.«
    Mit einem tiefen Bückling öffnete er die Tür.
    Lautlos wie sie gekommen, war die verschleierte Kundin hinausgeschritten.
    Die Kontorjünglinge erhoben vorsichtig spähend die Köpfe und tauschten über
die Bücher hinweg pfiffig lächelnde Blicke.
    Kaum war der Chef im Hinterzimmer verschwunden, flüsterte der jüngere dem
älteren zu: »Die versteht's. Mit der verplempert sich der alte Schweinehund doch
noch. Die hat ihn fest am Bändel.« Allein der ältere war heute sichtlich nicht
in übermässiger Laune moralischer Überhebung über den Brodherrn und gab dem
eleganteren, mit hübschen schwarzen Ringellöckchen verzierten Kollegen die
Bosheit zurück: »Sie sind freilich schlauer; Sie verplempern sich nicht, Sie
machen die Liebe rentabel, Sie spekulieren in Gefühl. Was hat die blonde
Bräumeisterin, der Sie dazu noch in Versen Ihre Liebesaktien offeriert,
eingebracht?«
    »Sie sind ein Lästermaul; Ihnen sag' ich gewiss nichts mehr.«
    »Also Herr Baron, was ich sagen wollte - vielleicht Zigarette gefällig?«
    »Ich rauche heute nicht, danke.«
    Drillinger hatte der Erschlaffung nachgegeben und war tief in die Sofaecke
gesunken. Der müde melancholische Zug trat scharf in seinem Gesicht hervor, die
eigentümliche Luft und Hantierung der Umgebung wirkten betäubend auf ihn. In
solchen Augenblicken bemächtigte sich seines Geistes eine Empfindung
träumerischer Wurstigkeit und wahllos liess er die Eindrücke auf sich wirken,
meinte aber doch, der Führung des Gesprächs sich nicht ganz entschlagen zu
können.
    »Eine miserable Bude hier, Herr Weiler, ich empfinde das heute mehr als je;
aber man gewöhnt sich daran, nicht wahr? Nach Grabbe soll man sich sogar an die
Hölle gewöhnen.«
    »Ich habe nicht das Vergnügen, Herrn Grabbe zu kennen - war er auch von der
Finanz? - aber die Ewigkeit ist gewiss eine ausreichende Frist, um selbst der
Hölle Reize abzugewinnen. Gewohnheit ist alles. Übrigens sind wir die längste
Zeit hier gewesen, Herr Baron.«
    »Wie so?«
    »Der Plan ist noch nicht ganz reif, steht aber in seinen Grundzügen fest:
ich beschreite mit einem«
    Konsortium hervorragender Bankleute und Architekten ein neues Feld der
Tätigkeit. Bauspekulationen im grossen Stil, verehrter Herr Baron! Ich werde
mich hart an der Isar ansiedeln. Die Isar ist der Goldstrom für das neue
München. Wir müssen uns der Isar bemächtigen, das heisst: ihrer Wasserkräfte,
ihrer Ufer und ihrer Inseln. Was für Baugründe, was für Villen- was für pompöse
Zukunftsstrassen! Nichts spricht deutlicher für die wirtschaftliche
Beschränkteit der Altmünchener, als dass sie für ihre Stadt jahrhundertelang
nichts aus der Isar zu machen wussten. Das wird jetzt mit einem Schlage anders:
zunächst Ausbau der Quaistrasse, Regulierung der Prater-, der Feuerwerks- und der
Kohlen-Insel und Einbeziehung in den Bebauungsplan; sodann Ausnützung der
riesigen Wasserkraft, welche uns das Hochgebirge gratis in ungeheurem Schwall
herunterschickt, zur elektrischen Beleuchtung der Stadt. Die Isar wird das
Zentrum einer wunderschönen Verjüngung Münchens, hier wird sich die Kunst, der
Reichtum, die Aristokratie ansiedeln in pompösen, komfortablen Bauten; aussen
herum, auf der Ebene ein Gürtel von Fabriken, von grossartigen industriellen
Etablissements; sodann banen wir eine Isartalbahn von hier bis an den Fuss der
Alpen, damit das Hochgebirge uns sozusagen vor der Tür liegt ....«
    »Herr Weiler, Sie rhapsodieren Finanz-Romantik. Amüsant, Ihr
Isar-Ausbeutungsplan. Ich habe gar nicht gewusst, dass Sie zu Zeiten auch
phantasieren.«
    »Nein, ich rechne, Herr Baron, nichts weiter.«
    »Lassen Sie der alten, rauschenden Isar ihre einsame Wildheit, ihre Poesie -
Sie nimmersatter Geldmensch! Diese neuen Bauprojekte sind von einer
ausgemachten, infamen Hässlichkeit und ihre Rentabilität immerhin fraglich.«
    »Warten Sie einmal gefälligst, bis ich mein neues Zentral-Bankhaus mit
höchst moderner Barockeinrichtung an der Ecke der neuen Quai- und
Zweibrückenstrasse erbaut und die Baracken der Wasserstrasse für den Abbruch
erworben habe. Es gibt nur ein Interesse in der Welt, das wirtschaftliche; alles
übrige ist Garnitur. Merkwürdig, Herr Baron, Sie sind trotz Ihrer grossen,
vornehmen Bildung und Ihrer Lebenserfahrung - erlauben Sie das harte Wort - ein
antiker Mensch ....«
    »Sie wollen sagen ein antiquierter Mensch, ein veraltetes Möbel .... Reichen
Sie mir eine Zigarette für das Kompliment.«
    »Bitte, hier! Sie irren, geschätzter Herr Baron; ich meinte, Ihre Anschauung
hat etwas Antikes insofern, als Sie sich heldenhaft gegen Dinge wehren, deren
Unabwendbarkeit Sie zwar einsehen, aber nicht zugeben wollen. Der moderne, der
wirklich moderne Mensch hingegen antizipiert das Unabwendbare, das uns von der
Zukunft - ich finde das Wort nicht, den Satz zu vollenden, verstehen Sie mich?
Diese Umwälzung in allein, diese .... diese ....«
    »Ja, ich verstehe Sie, scheussliches Finanzgenie, schon ehe Sie den Mund
öffnen. Haben Sie mir darum depeschiert, um mir hier in diesem Räuberloch zu
singen und zu sagen von der Märchenwelt, welche sich der Kapitalismus aus den
Ruinen der verwüsteten Natur, der vergewaltigten Schönheit der Isar und der
Einfachheit des ländlichen Vorstadt-Lebens hervorzuzaubern gedenkt?«
    »Nein, nicht darum!« rief Weiler und brach in ein breites Lachen aus,
während seine Augen mit unverhehlter kritischer Überlegenheit über den Baron in
der Sofaecke hinstreiften, der mit seiner weichen, müden Stimme so
komisch-patetische Anläufe nahm .... »Nein, nicht darum, Herr Baron. Sie sind
ein Edelmann und ich ein Erwerbsmann, wir haben von Jugend auf in
grundverschiedenen Büchern buchstabieren gelernt, und so liest auch jeder aus
dem Buche des Lebens grundverschiedene Dinge heraus. Sie träumen noch von
geistigen Interessen, um die sich hellte im Grunde keilt Mensch kümmert,
diejenigen am wenigsten, die sie offiziell zu vertreten berufen sind. Die
Erfahrung hat Sie leider noch nicht gewitzigt; Sie lassen sich von der
konventionellen Maske immer noch verführen. Ich nicht. Wir werden uns in
gewissen Fragen niemals verstehen, fürchte ich.«
    »Ist schliesslich auch gar nicht nötig,« bemerkte der Baron leise, mit
gereiztem Accent. Dann laut: »Lieber Herr Weiler, wir verschwatzen die Zeit und
Zeit ist Geld - für Sie, nicht für mich, leider! - Sie müssen heute schon rasend
gute Geschäfte gemacht haben, wenn Sie jetzt so verschwenderisch sein dürfen.
Und Verschwendung ist hoch sonst Ihre Sache nicht!«
    »Sie scherzen, Herr Baron; die Bank-Geschäfte gehen momentan schlecht - man
muss zwar viel arbeiten, aber der Nutzen ist gering.«
    »Ich würde mich z.B. mit Ihrem geringen Nutzen gern begnügen, wenn ich heute
einen passenden Platz unter Euch Erwerbsleuten fände ... Das wissen Sie aus
unserem seiterigen Verkehr, dass ich der Not des Lebens Konzessionen zu machen
verstehe. Ich habe Ihnen meine und meiner Wirtschafterin Gelder anvertraut; Sie
haben mir gewisse Spekulationen erleichtert und aus alter Freundlichkeit manchen
kleinen Vorteil verschafft. Dafür bin ich Ihnen verbunden, meine sonstigen Ideen
und Meinungen werden davon nicht berührt. Die Pflege Praktischer Beziehungen
wird doch durch keine Philosophie beeinträchtigt, nicht wahr? Offengestanden,
ich habe alle Hochachtung vor geregeltem Erwerb aus eigener Kraft ....«
    Mit einem: »Verzeihung, meine Herren, wenn ich störe, aber ich .... pardon,
messieurs!« wurde die Unterhaltung von einem unangemeldet hereinfliegenden
Menschen, offenbar Kommis-Voyageur, plötzlich unterbrochen.
    Schon an der Aussentür hatte er die Kontorjünglinge angeschrieen: »Herr
Weiler ist doch da?« mit dem einen Fuss noch auf dem Wagentritt. Die Droschke
hielt hart am schmalen Trottoir. Die vorübergehenden Arbeiter fluchten, sich
vorbeizwängen zu müssen.
    Es war ein vieux beau, eine Figur, wie aus dem Grévinschen »Journal amusant«
geschnitten, mittelgross, hager, in einen hellbraunen Sackanzug gekleidet,
darüber einen eleganten, frêmefarbigen Überrock, aufgeknöpft, zurückgeschlagen,
damit das fein abgesteppte blaue Seidenfutter herauskokettieren konnte, und das
Beinkleid über den Schnabelschuhen bis an die Knöchel aufgekrempelt, so dass noch
ein roter Streifen vom Strumpf sichtbar wurde. Die dünnen, graumelierten Haare,
in der Mitte gescheitelt und glänzend glatt gestrichen, bedeckten die halbe
Stirn: auf der langen, schlanken Nase sass ein Binocle, das den flimmerigen Glanz
der dunkeln, tiefliegenden Augen durch Spiegelung erhöhen half. Zwei schmale
Streifchen Backenbart, schwarz gefärbt, wie das keck aufgezwirbelte
Schnurrbärtchen, ein kreideweisser Stehkragen und eine grellrote Kravatte
vollendeten den Eindruck geckenhaft-liebevollster Pflege der äussersten
Modejournal-Schönheit.
    Die Herren hatten sich vor dem Ankömmling erhoben. Weiler stellte
halbfranzösisch vor: »Monsieur le Baron de Drillinger, Monsieur Paillard aus
Paris, Repräsentant des Hauses Trippier und Kompagnie in Bordeaux und Paris,
mein alter Geschäftsfreund.«
    »Ah!« machte der Franzose. Drillinger verneigte sich stumm, ärgerlich über
die Störung. Der Bankier schob hastig seinen Stuhl dein Franzosen hin. Da keiner
sich zuerst setzen wollte, zog jedermann vor, im Wettstreite der Höflichkeit
einstweilen stehen zu bleiben.
    Der Franzose schwatzte fast ohne Unterbrechung: »Bin nur gekommen, Monsieur
Weiler, wegen Rendez-vous heute Abend. Superbe Geschäfte gemacht, auch mit Ihrem
Konkurrenten da unten an der Isar, in der Quaistrasse; grosse Bestellung in Kognak
- hat sich sogar angeboten, Vertretung unseres Hauses zu übernehmen; ja,
Monsieur Rassler scheint ein Mann von Welt, hat da magnifikes Haus, splendide
Einrichtung, herrliches Weib ....«
    Bei dem Namen Rassler fuhr ein schielender Blick über Weilers Brille
blitzartig zu Drillinger hinüber.
    Drillinger verzog zwar keine Miene, aber seine Hand fühlte unwillkürlich
nach dem Brief in der Brusttasche. Zum erstenmale hatte der Name Rassler im
fremden Munde für sein Ohr einen unangenehmen Klang und bei der Erwähnung des
Weibes fühlte er etwas wie einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Der näselnde
Klang des französisch ausgesprochenen Rassläär summte ihm jetzt während der
ganzen Unterredung durch den Kopf. Rassläär .... Rassläär ....
    »In der Tat, bedeutende Bestellungen, hauptsächlich in fine Champagne. Ach,
München, die Stadt des Bieres, fängt an, sich zu entwickeln, es gewinnt
Geschmack an den grossen Weinen und Likören Frankreichs .... Also wegen heute
Abend, nach dem Teater etwa, Monsieur Weiler ....«
    »Das trifft sich unglücklich, Monsieur Paillard; ich bin gerade heute Abend
durch dringende Geschäfte abgehalten.«
    »Sehr bedauerlich; ich hätte für Amüsement gesorgt. Den ganzen Tag in
Arbeit, freute ich mich doppelt auf Ihre angenehme Gesellschaft. Es geht
wirklich nicht?«
    »Wirklich nicht.«
    »Das ist hart. Ah, Monsieur le Baron, es ist schwierig, sich in München zu
amüsieren, wenn die besten Freunde ausschlagen. Was soll ich denn ganz allein
anfangen? Ins Teater gehen? Gut, ich gehe ins Teater. In welches? Die Wahl ist
nicht gross: ich gehe ins Gärtnerteater. Lauter bekannte, alte Gesichter - das
reine Konservatorium. Schadet nichts, ich gehe jedesmal hin. Ich ärgere mich
zwar, aber das macht nichts. Hernach, wenn das Teater aus ist, von 9 bis 12
Uhr, bis Nachmitternacht - was fangen wir da an in München? Das ist das grosse
Problem für jeden Fremden und zumal für einen Pariser, für einen Boulevardier!
Nun hatte ich gerade für heute Abend ein reizendes Programm ersonnen - mein
Geheimnis! Und Sie lassen mich im Stich, Herr Weiler? Das ist sehr garstig, gar
nicht freundschaftlich.«
    »Geschäfte, nichts als Geschäfte, Monsieur Paillard,« entgegnete Weiler und
sah sich nach seinem Stuhle um. Der Franzose hatte ihn mit Hut und Überrock
belegt.
    »Geschäfte, nichts als Geschäfte!« imitierte der Weinreisende und streifte
einen Handschuh ab. Er liess sich auf dem Sofa nieder. »Die Herren gestatten, ich
bin ein wenig müde. Geschäfte! Machen wir vielleicht auch ein Geschäft, Herr
Baron? Ach, das wäre prächtig. Mein Haus, Trippier und Kompagnie - erlauben Sie,
dass ich Ihnen unsere Karte überreiche - würde es als grosse Ehre empfinden, Sie
zu unsern geschätzten Klienten zu zählen. Wir haben die ersten Namen von ganz
München .... alle berühmten Künstler; ich komme soeben von .... von, wie heisst
er nur gleich, der die wunderschöne Villa da drüben über der Isar hat, neben dem
Maximilianeum .... der die lustigen Bilder malt, wo immer getrunken wird ....«
    »Grützner meinen Sie?«
    »Jawohl, Grützner. Der wird jetzt noch viel lustiger malen, wenn er unsern
Kognak dazu trinkt. Das lockt Sie gewiss, Herr Baron, wenigstens eine Probe von
unserm Kognak zu nehmen?«
    Rassläär .... Rassläär .... herrliches Weib .... Rassläär .... summte es in
Drillingers Kopf.
    Baron Drillinger lächelte mit einer nervösen Grimasse, indem er den linken
Augendeckel zuklappte, und schüttelte den Kopf.
    »Unser Produkt ist auf dem ganzen Weltall bekannt. Nicht wahr, Herr Weiler?
In Kanada, Indien, Australien, Amerika, Marokko und anderen Erdteilen. Wenn ein
Amerikaner oder Australier zwei Worte französisch kennt, sind es diese: Paris
und Kognak, kennt er nur eines, so ist es sicher Kognak. Die Ausdehnung unseres
Exportes ist erstaunlich. Sehen Sie aber auch einmal diese Preisliste!«
    Damit überreichte der beredte modische Weinreisende eine zierlich
ausgestattete Karte von Velinpapier. Die kleine Redepause während der
Kartenüberreichung wollte der Bankier Weiler, dem ordentlich der Bauch weh tat,
so lange nicht zu Wort zu kommen, erhaschen, um schnell auch ein Sprüchlein
einzuschalten.
    Allem er vermochte kaum die braunroten wulstigen Lippen zu einem: »Stimmt,
Herr Baron,« zu öffnen, als der Franzose schon wieder weiter schnarrte:
    »Unser Haus hat in den berühmtesten Lagen, in Kognak, Agnac-Champagne,
Château-Bernard, Saint-Preuil, Segonzac u.s.w., hervorragende Besitzungen. Ach,
Herr Baron, Sie sind gewiss Feinschmecker und für das flüssige Gold unseres
Nektars begeistert wie ein Brillat-Savarin. Ich fühle mich unfähig, die Güte
unseres Produktes nach Gebühr zu preisen. Da gehörte ein Poet dazu. Cela est
matière de bréviaire, wie Bruder Jean des Entameurs sagen würde. Sehen Sie sich
einmal diese Preisliste an! Da findet sich das Vorzüglichste für alle Börsen,
auch für die bescheidenen. Darf ich Ihnen wenigstens eine kleine Probesendung
fine Champagne zusammenstellen? Ich biete Ihnen jede Garantie für Echteit ....«
    »Es ist mir in der Tat unmöglich, von Ihrer Liebenswürdigkeit Gebrauch zu
machen.«
    »Das Glück verlässt mich. Der Herr Baron lehnt das Geschäft ab, der Herr
Bankier, mein alter Freund, lehnt das Vergnügen ab. München steht noch nicht auf
voller Höhe, man sage was man will. Erst wenn es dem Zauber des Weinlandes par
excellence, wenn es der Seele Frankreichs sozusagen, willfährig sich hingibt,
wird es eine wahrhaft geistreiche, künstlerische und poetische Stadt werden.
Habe ich Unrecht?«
    Die Herren lachten. Im Kontor ächzten die Schreibböcke.
    »Nein, antworten Sie, Messieurs, habe ich Unrecht? O Herr Baron, ich will
Ihnen nicht zu nahe treten, aber wie ich Sie hier vor mir sehe, hat Sie die
gütige Natur nicht für das Bier und seine schläfrigen Freuden bestimmt. Aus
Ihren Augen sprüht eine edlere Flamme .... Gewiss opfern Sie nicht auf dem Altar
des Bierfasses und Ihr Vaterland ist nicht das Hofbräuhaus .... Besonders unser
weisser Bordeaux würde Ihren vornehmen Neigungen behagen ...«
    »Verdammter Schwätzer von einem ranzigen Franzosen,« dachte Drillinger - und
»Rassläär, Rassläär« summte es in seinem Kopfe.
    »Aber, hochverehrter Freund,« fuhr jetzt Weiler entschieden auf, legte die
fetten Hände gefaltet auf den Bauch und betrachtete mit wiegendem Kopfe die
Spitzen seiner Schnabelschuhe: »man kann doch niemand die Befriedigung einer
Neigung aufzwingen. Im Geschäft ist's nicht wie in der Politik, wo man die
herrlichen Wohltaten von oben gar oft hinnehmen muss, auch wenn man nicht die
mindeste Lust dazu verspürt. Der Herr Baron hat einen gut assortierten
Weinkeller. Hier muss sich Ihre Geschäfts-Politik aufs Abwarten verlegen, wenn
Sie einen neuen Kunden gewinnen wollen. Der französische Elan wirkt nicht mehr
überall Wunder, wie Sie sehen.«
    »Also warten wir ab,« sagte der Franzose mit plötzlich verändertem, kühlerem
Tone und griff nach Hut und Überrock. »Warten wir ab. Vielleicht entschliessen
Sie sich doch noch, mon cher Weiler, für heute Abend. Nachrichten finden mich
bis drei Uhr im Hotel Max Emanuel. Au revoir, messieurs!«
    An der Tür wandte er sich noch einmal um. »Darf ich mir für später Ihre
werte Adresse notieren, Herr Baron?«
    »Die können Sie stets bei mir erfragen,« antwortete Weiler und winkte mit
der Hand abschiedgrüssend.'
    »Bon.«
    Weiler schlug eine unbändige Lache auf, als der Reisende verschwunden war.
    »Der widerwärtige Schwätzer. Ich bin halb tot,« stöhnte Drillinger und fiel
wie vernichtet in die Sofaecke.
    »Nicht wahr, der versteht sein Metier? Das ist ein Mann der Zeit,
unverschämt bis zum Exzess, zudringlich wie eine Wanze, aber in höflicher Form,
wie Sie nicht leugnen werden.«
    »Der echte Franzose, jeder Zoll ein Blagueur.«
    »Hat sich was mit der Echteit! Ein Landsmann vom seligen Jakob Offenbach,
ein Kölner Jud,« rief Weiler und durchwackelte mit vergnügten Schritten den
kleinen Raum. »Dieser Monsieur Paillard heisst eigentlich Strohsack; ursprünglich
war er zum Rabbiner bestimmt, dann wurde er Zeitungsschreiber, dann
Teaterdirektor - was weiss ich, was noch alles! - und jetzt ist er Reisender der
französischen Weltfirma Trippier und Kompagnie.«
    »So, so. Darum auch das gewandte Deutsch in der affektiert radebrechenden
Aussprache. Übrigens: Sie haben wirklich interessante Geschäftsfreunde, Herr
Weiler, das muss ich sagen.«
    »Nun, war das nicht etwa eine lustige Szene, die er hier aufführte? Das
Vergnügen ist doch auch was wert!«
    »Ich danke.«
    »Schätzen Sie eine Gratis-Komödie so gering in dieser verteufelt ernstaften
Zeit, wo der Glücklichste leicht das Lachen verlernt?«
    »Mit Unterschied. Dieser Gratis-Komödiant scheint mir ein unverschämter
Gauner.«
    »Gut, dann nehmen Sie die Komödie für eine lehrreiche Lektion. Ich sage
Ihnen, dieser Mann mit seiner Aufdringlichkeit und Beharrlichkeit hat den
rechten Weg gefunden. Er kennt die Menschen und hat ein festes System, sie zu
behandeln. Es fallen mehr darauf herein, als Sie glauben. Der kluge Rassler z.B.
mit seinem herrlichen Weib ....«
    »Hören Sie auf mit Rassler. Das ist ein ...«
    Ein Zwinkern unter Weilers Brille, und Drillinger unterdrückte das Wort, um
ablenkend fortzufahren: »Warum haben Sie denn das lustige Stelldichein für heute
Abend ausgeschlagen?«
    Und Weiler fuhr brutal heraus mit bewusster Selbstgefälligkeit, nachdem er
sich in sein grosses rotes Foulard geschneuzt und mit dem Fuss die Tür ins Kontor
zugestossen hatte: »Unter uns, Herr Baron, weil ich diesmal das Glück in der
Liebe dem Unglück im Spiel vorziehe. Paillard ist ein leidenschaftlicher Spieler
....«
    »Immer schöner, dieser praktische Idealmensch der Zeit.«
    »Bah, wenn es ihm einmal gelungen, mir das Portemonnaie zu erleichtern, so
hat er mir's durch andere Gefälligkeiten wieder wett gemacht.«
    »So, so.«
    »Aber das ist mein Geschäftsgeheimnis, gestrenger Sittenrichter.«
    »Agropos, Geschäftsgeheimnis - alle Wetter, Sie haben mich wohl mit der
Depesche genarrt? Kommen wir doch endlich zu unserem Geschäftsgeheimnis!«
    Das klang auffällig scharf und bestimmt. Drillinger hatte sich schlank
aufgerichtet.
    »Bitte, noch einen Augenblick Platz zu behalten; ich muss etwas in den
Büchern nachsehen, lieber Herr Baron. Ich werde Ihnen unser Geheimnis sofort
entschleiern.« Weiler ging ins Kontor und kramte in Büchern und Papieren.
    Drillinger war an das Fenster getreten und wischte mit dem Zeigefinger ein
Guckloch in die beschlagenen Scheiben. Schnee und Regen gingen noch
durcheinander, die Luft hatte einen schweren, bleiernen Ton, die Häuser
trieften, die Strasse war ein grauer, klebriger Brei mit Pfützen und Tümpeln,
worin Schneeflocken und Regentropfen verrieselten. Die Vorübergehenden waren
hoch herauf mit Kot bespritzt: Marktleute mit Körben und Säcken bepackt,
Soldaten, Köchinnen, Zeitungsausträger, Lohndiener. Und alle hatten den
nämlichen verdrossenen Zug im Gesicht. Nur ein barhäuptiger, krummbeiniger
Schusterjunge mit halbnackten schmutzigen Annen patschte vergnügt durch den
Dreck, liess sich den Regen ins Gesicht schlagen und pfiff in den höchsten Tönen
seine Liedel durcheinander vom himmelblauen See, vom alten Peter und der
Münchener Gemütlichkeit, die unerschütterlich »so lang die alte Isar durch d'
Münchnerstadt noch geht«
    Dem Schusterjungen begegnete ein Metzgerjunge und machte ihm eine Fratze.
Sofort schwang der Schusterjunge seine Stiefel und stellte sich gefechtbereit -
der andere wandte ihm den Rücken und trat seitwärts, um sich scheinbar in den
illustrierten brennend roten Maueranschlag einer Kirchenbaulotterie zu vertiefen
und, dem davontrollenden gefoppten Fussbekleidungskünstler nachschielend, den
neuesten »Meistergesang« vor sich hinzubrummen:
Lehrbua bin i' g'wesen,
Kreuzsapperlot!
Prügelt hab'n mi' d' G'sell'n
Und der Moaster halb tot!
G'sell bin i' word'n!
Potzelement!
Prügelt hab' i' d' Lehrbuab'n
Mit Füss' und mit Händ'.
Jetzt bin i' Moaster,
Sternsakradi!
I' prügel d' Lehrbuab'n,
Mei' Weib prügelt mi'!
    Drillinger setzte sich auf den Fenstersims und gähnte ärgerlich in die hohle
Hand. Welt und Menschheit waren heute wirklich nicht dazu angetan, seiner
flauen Stimmung aufzuhelfen.
    Er blickte gleichgültig durch die Scheiben; der Metzgerjunge schien noch
immer in das Studium der Plakat-Litteratur vertieft. Die Mauerwand war mit
bunten Zetteln, roten, gelben, grünen, blauen, oft in Riesengrösse und mit
fusshohen Buchstaben bedruckten, hoch hinauf und der ganzen Breite nach bedeckt.
Es war eine wüste, kreischende Kakaphonie der Reklame, wie sie die Gegenwart
immer frecher ausbildet. Was wurde da nicht alles um die Wette annonciert!
Konzerte, Bälle, Wurstwaren, Kirchenbaulotterien, Schuhfabrikate,
Zwerg-Ausstellung, Gemälde-Auktion, Einberufung der Ersatzmannschaften,
Staatsanleihen, Rudersport, Bycicle-Klub, Vegetarianismus, Tanzunterricht,
Ausverkauf, Zwangsversteigerung, Abzahlungs-Geschäft, Verein für deutsche
Interessen im Auslande, Dampfschiffahrt auf dem Starnberger See, Münchener
Kindl-Brauerei, Viehmarkt, Pferderennen. Orpheum, Westendhalle, Kils Kolosseum,
Mähmaschinen, Zirkus, Kirchweihe, Schuhmacher-Innung, Militärmusik,
Kinderbewahranstalt, Veteranen-Verein, Schlachtviehhof-Eröffnung, Bayerischer
Kurier, ungespundetes Klosterbier, Vereinsbank, Panorama Kreuzigung Christi,
Komikergesellschaft Geis, Heilige Erzbruderschaft, Madame Dava, Knabenhort: -
ein schauderhafter italienischer Salat moderner Kulturbestrebungen, Geistliches
und Weltliches gemischt, Gott und Teufel darüber, darunter, in Fetzen, Lärm,
Lärm, Lärm, Spektakel, Spektakel, Spektakel - Pfui Kukuk!
    Über der Plakatwand, in einer verstaubten Nische des ersten Stockes,
zwischen zwei schmutzigen Fenstern mit zerrissenen Vorhängen, trauerte eine
Madonnastatuette mit dem Welterlöser auf dem Arme. Der Gottesmutter war die
halbe Krone vom Haupt gefallen, in die andere Hälfte hatten. Sperlinge ein Nest
gebaut, Nase, Brust und Schultern waren mit ganzen Schichten von weissem
Vogeldreck bedeckt; dem Welterlöser war die Hand abgebrochen. Nur die Kugel war
noch ganz und die giftig sich windende Schlange, worauf die Madonna stand. Vor
der Nische hing an einem verbogenen Eisenstab eine verrostete Laterne mit
zerbrochenen Scheiben schief herab.
    Weiler hat Recht, wiederholte sich Drillinger in Gedanken, die
wirtschaftlichen Interessen, das heisst der Geldsack, beherrschen heutzutage die
ganze Gesellschaft vom Höchsten bis zum Geringsten. Kaiser und Könige
verzweifeln, wenn sie keinen Ausweg aus finanziellen Verlegenheiten finden.
Talent, Bravheit - wenn sie nichts im Beutel haben oder nichts in den Beutel
bringen, kein Mensch achtet ihrer! Frömmigkeit, Patriotismus, Ultramontanismus,
Freisinn, Konservatismus, Freihandel, Schutzzoll, sie alle fragen sich: was
bringt's ein; Gelehrsamkeit, Kunst, Humanismus, sie ziehen am Jahresschluss die
Bilanz und gleichen ihr Gewinn- und Verlustkonto und machen eine saure Miene,
wenn nicht genug Geld im Kasten klingt. Einer will's dein andern im Erwerb, in
der Bereicherung zuvortun.
    Das ist heute die Strömung, eine schweinemässige, stinkige Strömung, allein
sie hat fortreissende Gewalt und kennt kein Hindernis. Lange steht der Weise am
Ufer und sieht dem ekelhaften Tumult mit Bedauern und Verachtung zu; da klopft
die Not, die Sorge für Weib und Kind auf seine Schultern: Heda, Brüderchen,
halt' die Nase zu und hinein und mitgeschwommen! Die Unschuld steht am Ufer und
zittert am ganzen schwanenweissen Leib, wenn sie auf den tosenden Schmutz blickt;
da übermannt sie die Angst ihrer Verlassenheit, die Sinne schwinden ihr, sie
drückt die Augen zu und lässt sich in den Strudel fallen: Schwestern, Erbarmung,
ich muss auch mit! ..
    Der Bankier war mit einem Päckchen Papieren, Rechnungen, Depeschen
zurückgekommen.
    Drillinger blieb auf dem Fenstersims sitzen: »Ich bin ganz Ohr, Herr Weiler,
und auf alles gefasst.«
    Weilers Stimme klang etwas belegt: »Soll ich Sie erst mit Lachgas
narkotisieren, bevor ich zur Operation schreite, Ihnen noch einige Illusionen
wie hohle Zähne auszuziehen?«
    »Danke, was ich heute erlebt und gedacht, hat mich hinlänglich
narkotisiert.«
    »Umsobesser. Sie wissen, Herr Baron, dass ich seiter keine Mühe gescheut
habe und, wenn Sie mir, wie ich hoffe, auch in Zukunft Ihr gütiges Vertrauen
bewahren, niemals scheuen werde, Ihre Vermögens-Interessen nicht dem blinden
Zufall zu überlassen. Nicht immer waren meine Bemühungen mit Erfolg gekrönt,
denn Sie haben mir oft ins Handwerk gepfuscht und die Spekulations-Chancen nicht
nach meinen Ratschlägen ausgenützt. Verzeihung! Sie teilen diesen Eigensinn mit
allen Spekulations-Dilettanten. Ich will Ihnen eine allgemeine Beobachtung
mitteilen. Erfahrene Börsianer haben sich immer die Köpfe darüber zerbrochen,
mit welcher Hartnäckigkeit die Spekulation an den einmal ausgewählten
Schosskindern ihrer Laune festält und wie schwer es ist, neue Devisen im Kreise
der Spekulations-Dilettanten einzubürgern.«
    »Spekulations-Dilettanten ist gut.«
    »Danke. Ein Beispiel: Der Spekulationsverkehr der deutsch-österreichischen
Börsen hat noch kein Papier kennen gelernt, das auch nur entfernt ähnliche
Beachtung und Liebe gefunden hätte, wie das berüchtigte Kleeblatt: Kredit,
Franzosen - oder Staatsbahn - und Lombarden.«
    »Mir scheint doch, dass diese Effekten in den letzten Jahren erheblich an
Beliebteit verloren haben.«
    »Bei Ihnen, Herr Baron, weil Sie sich einigemale damit in den Finger
geschnitten haben. Entgegen meiner Warnung natürlich! Ich will nur konstatieren,
dass die verschiedensten Bemühungen es nicht fertig gebracht haben, andere
spekulative Devisen in annähernd gleichem Grade in die Gunst des Publikums
einzuschmeicheln.«
    »Zum Beispiel die Diskonto-Kommandit-Anteile des Liebermannschen Instituts.
Angenehme Schmeichelei! Auf Ihr Zureden liess ich diese hübschen Papierchen sich
so lange in meiner Kasse einbürgern und einschmeicheln, bis ich für diese zarte
Rücksicht ganz ordentlich Haare lassen musste. Das war eine unglückliche Liebe,
Herr Weiler, und dafür haben Sie keinen Kuppelpelz verdient.«
    »Das verstehen Sie wieder einmal nicht. Das war ein ganz besonderer Fall.
Übrigens ist's denn der Rede wert, was ich an Ihnen verdiene? Handle ich nicht
aus Freundschaft mit Ihnen? Hat nicht schon mein Vater die Geschäfte Ihres
seligen Herrn besorgt zu seiner grössten Zufriedenheit?«
    Herr Weiler fühlte das Bedürfnis einer Kunstpause und schneuzte sich wieder
anmutigst in sein grosses rotes Foulard, indem er dasselbe mit beiden Händen
fasste und die Nase zwischen die Daumen klemmte. Ein Tropfen Unrat blieb im Barte
hängen.
    »Warten wir's ab, Herr Baron, die Spekulation in Diskonto-Kommandit wird
sich noch mächtig entwickeln.«
    »Jawohl, wenn ich so weit abgewickelt habe, dass überhaupt nichts mehr zu
wickeln ist.« Drillinger musste immer auf den Tropfen Unrat im Barte des Bankiers
blicken.
    »Nun haben Sie einen Narren an den Russen gefressen - erlauben Sie das harte
Wort, Herr Baron, und sich stark mit dem russischen Staatskredit liiert. Hier
wäre ein gesunder Pessimismus am Platz gewesen. Ich war Ihnen zu Willen - und
nun berechnen Sie selbst, was Ihnen meine Willfährigkeit und Nachgiebigkeit
kostet. Hier die neuesten Depeschen der Berliner und Frankfurter Kurse.«
    »Machen Sie mir gefälligst die Rechnung,« antwortete Drillinger kalt,
nachdem er die dargereichten Depeschen müden Blicks überflogen. »Also wieder
Verluste über Verluste.« Und in Gedanken setzte er hinzu: »Er ist doch ein
dummer Schmutzian.«
    »Mein Gott, nur nicht gleich diese schroffe Auffassung. Sie haben noch
ausreichende Deckungsmittel.«
    »So? Hab' ich die noch? Das ist ja ein grosser Trost, dass ich noch nicht
vollständig auf dem Trockenen bin!«
    Wie ein Blitz zuckte ein Bild durch seine Seele: das elterliche Häuschen im
Garten vor den Isarauen. Zerstoben .... Der Spielteufel .... Die unseligen
Erwerbsexperimente .... Wohin er griff, Pech .... In einem Moment flogen alle
Enttäuschungen seines Lebens wieder an ihm vorüber .... Vorüber! Es rauschte und
sauste in seinen Ohren.
    »Und dann vom Depot Ihrer Wirtschafterin steht auch noch ein erklecklicher
Teil unerschüttert da.«
    Der Bankier räusperte sich, spuckte in einen Zipfel des Taschentuchs und
spitzte dann den Mund, als wollte er pfeifen ....
    »Unerschüttert!« Drillingers Stimme stockte; er musste nach Atem ringen. Dann
begann er schwer, fast flüsternd: »Sie sind ein Sprachvirtuos, Herr Weiler. Für
einen Finanzvirtuosen traue ich Sie nicht mehr zu halten, was meine Interessen
angeht. Das Depot meiner Wirtschafterin muss wieder in seiner Ganzheit
hergestellt werden, verstehen Sie?«
    Die letzten Worte klangen wie der Schrei eines verwundeten Tieres.
    »Ich verstehe sehr gut. Sprechen Sie doch nicht so laut. Aber die gewünschte
Herstellung wird sich in diesem Augenblicke bei den obwaltenden Verhältnissen
schwer machen. Da müssen Sie sich schon ein wenig Zeit lassen und inzwischen
sehr glücklich arbeiten, verehrter Herr Baron!«
    »Bester Herr Weiler, versetzen Sie sich doch in meine Lage, ich beschwüre
Sie! Ich muss wieder frei und unabhängig werden. Eine ganze grosse Lebenshoffnung
gründet sich darauf: geordnete Finanzen zu haben und niemandes Portemonnaie
verpflichtet zu sein. Sie haben ja im Grunde unbestreitbar recht: die
wirtschaftlichen Fragen beherrschen alles. Die Lebenslinie bewegt sich aufwärts
mit der Kraft des Wohlstandes. Jede Energie erlahmt und versumpft, wenn ....
wenn .... Begreifen Sie mich?«
    »Kein Mensch begreift Sie besser, als ich, nicht einmal Sie selbst, sonst
würden Sie aus dem momentanen Missgeschick neue Chancen ziehen.«
    »Ach, wie Sie wieder orakeln.« Drillingers Stimme wurde bebend und nervös
heiser.
    »Ich orakle nicht. Ich denke und rechne für Sie. Sie sind im Augenblick
überlastet. Wenn wir das Depot heranzögen, wäre die Rechnung glatt. Das wollen
Sie nicht - ich ehre Ihre Feinfühligkeit, obwohl ich sie übertrieben finde.
Versuchen wir das Glück aufs neue. Ich erweitere Ihnen gern den Kredit. Wie
gesagt: ein erklecklicher Teil jenes Depots ist noch intakt.«
    »Wie viel?«
    »Etwas über fünfzehn tausend Mark, ich weiss es nicht auf den Pfennig. Das
genügt zur einstweiligen Deckung im schlimmsten Fall. Hat Ihr alter Schutzgeist
keine weitere Erbschaft mehr in Sicht? Das wär' eine angenehme Überraschung für
Ultimo.«
    »Schämen Sie sich.«
    Der Unratstropfen baumelte an einem grauen Haar. Drillinger fand den Anblick
scheusslich; er musste immer hinsehen.
    »Wie Sie befehlen. Lassen wir die Alten und denken einmal an die Jungen.
Ganz offen, Herr Baron: Sie nützen Ihre Situation nicht aus; Sie haben gute
Beziehungen zu meinem sogenannten Konkurrenten in der Quaistrasse. Ich nenne
keinen Namen, seien Sie ganz ruhig. Der Mann hat mir einmal schwer geschadet.
Ich trage ihm nichts nach, ich suche ihn sogar für mich zu gewinnen. Da könnten
Sie mir einen famosen Freundschaftsdienst tun.«
    »Als Vermittler.« Und dann für sich: »Dieses Schwein.«
    »Jawohl, so ungefähr. Als Vermittler - warum sagen Sie das so höhnend und
bitter? Als Vermittler und zwar auf einem für Sie ganz bequemen Umweg. Sie
verstehen mich, nicht wahr? Mein Gott, was ist daran! Er ist doch nur eine Puppe
in der Hand seiner Frau, und seine Frau ist eine Puppe in Ihrer Hand. Brausen
Sie doch nicht gleich so auf! Verpflichten Sie mich lieber, damit ich gebunden
vor Ihnen stehe: helfen Sie mir das Geschäft einfädeln - und wenn wir Gold
gesponnen, sollen Sie wahrhaftig nicht zu kurz kommen. Sobald das
Isarbebauungsprojekt feste Gestalt gewonnen, erinnere ich mich Ihrer; Ihr
vornehmer Name wird mit Glanz im Verwaltungsrat figurieren. Lassen Sie mich nur
machen. Das nächste Geschäft aber ist so beschaffen: Sie machen mir Rassler
geneigt, bannt er mir die Hand zu folgendem Unternehmen reicht ...«
    »Herrgott noch einmal, muss das alles heute abgemacht sein? Mir ist ganz
übel; mir brummt der Kopf ...«
    »Mir auch. Umso frischer vorwärts. Im heissen Eifer geht's am besten. Rassler
hat heidenmässig viel Geld und weiss wenig Gescheidtes damit anzufangen. Dazu soll
er neulich wieder ganze Strümpfe und Säcke voll alter Gulden und Kronentaler
von einer ländlichen Vase geerbt haben ... Wir aber haben die neuesten
lukrativsten Ideen. Was ist vernünftiger, als dass wir unsere Ideen mit seinem
Geld zu associeren suchen? Ganz unter uns: Rassler ist ein ... Pardon! Bleiben
wir bei der Sache. Ich kürze ab, um Sie nicht zu ermüden. Sehen Sie diesen
Brief, den ich gestern Abend erhalten. Ein österreichischer Geschäftsfreund
bietet mir die Nennowitzer Brauerei an; in ein, zwei Jahren könnte man sie einer
Aktiengesellschaft mit riesigem Gewinn anhängen ...«
    »Wollen Sie mir ein Märchen erzählen? Um eine Brauerei zu haben, braucht man
doch nicht von München nach Österreich abzuschweifen?«
    »Erst recht! Merken Sie denn den Witz nicht: der einheimischen Produktion
vom Auslande her energisch und systematisch Konkurrenz zu machen, bis wir die
Aktien der hiesigen Brauereien so weit gedrückt, dass sie uns zugänglich werden?«
    »Das ist wahrhaftig noch patriotischer, als Ihr Isarverwüstungsplan! Aber es
verspricht Profit und Profit macht gut' Gewissen ... Also vorwärts ...«
    »Verehrtester Herr Baron, in meinem Katechismus steht nichts davon, dass die
Spekulation die Verpflichtung zum Patriotismus habe. Das Kapital ist nicht
patriotisch getauft. Kurz und gut: Die Nennowitzer Brauerei ist mir unter der
Hand angeboten - schaffen Sie mir den Rassler, und ich habe sie. Gelingt Ihnen
dies, mache ich heute noch einen Strich durch Ihr Schuldbuch und erhebe Sie zum
Verwaltungsrat.«
    Weiler schnaufte kräftig auf und streckte dem Baron die Hand hin.
    Drillinger stand mit verschränkten Armen da, aber sein schwermütig
irrlichtelierender Blick widersprach dieser herrischen Pose; es war der Blick
des verzweifelnden Opfertieres, das sich umsonst das Hirn zermartert, seinem
Peiniger zu entrinnen.
    Der Bankier zog die Hand zurück, raffte die Papiere zusammen und schob sie
in ein Portefeuille.
    »Der Teufel soll mich holen, Herr Weiler, wenn ich aus Ihren verzwickten
Plänen klug werde. Ich habe nur ganz dumpf die Empfindung, dass unsere
Beziehungen nicht mehr die notwendige Klarheit besitzen, um beide Teile zu
befriedigen. Das Wasser zwischen uns ist getrübt - und ich fühle, wie die trübe
Flut steigt. Ich ringe nach Atem wie ein Ertrinkender ...«
    »Ja, Sie können wenig vertragen, Herr Baron. Eine kleine Inanspruchnahme,
und sofort werden Sie unwirsch und verdächtigen Ihre besten Freunde.«
    »Ich fordere Klarheit.«
    »Meine Bücher sind klar und zweifelsohne. Und ich erbitte ruhig Blut und
Geduld - und einen ganz kleinen Dienst, und was machen Sie für ein Gesicht? Als
ob ich Ihnen eine bittere Medizin eingegeben hätte! dabei eröffne ich Ihnen
Aussichten, wie sie nicht schöner gedacht werden können. Überlegen Sie sich die
Geschichte mit Rassler, sie ist für uns beide von Wichtigkeit.«
    »Ich bin entschlossen, mit Rasslers überhaupt nichts mehr zu tun zu haben.«
    »Ach, eine Neuigkeit! So, so. Ich rate Ihnen, diesen Entschluss auf
günstigere Zeit zu verschieben. Machen wir erst das Geschäft - und dann können
Sie dem neuen Drange Ihres romantischen Herzens folgen.«
    »Sie bestehen also auf Ihrem Wunsche, Herr Weiler?«
    »Da er Ihren Nutzen nicht weniger bezweckt, als den meinigen: ja!«
    Der Bankier war immer bündiger und nachdrücklicher geworden. Etwas Hartes,
Schroffes lag in seinem feisten Gesichte. Jetzt verschränkte er die Arme und
fixierte den Baron mit einem kalten, bösen Auge. Der Unratstropfen baumelte und
fiel auf den Brustlatz.
    »Räumen Sie mir Bedenkzeit ein?« fragte Drillingen, wie hypnotisiert den
Tropfen verfolgend.
    »Nein, nur die notwendige Frist zur Ausführung des Versprechens.«
    »Das ist kategorisch.«
    »Wozu Umschweife? Wir kennen uns lange genug, um uns rasch zu verstehen.
Entweder wissen wir was wir wollen oder wir wissen es nicht. Da ist nichts zu
bedenken, sollt' ich meinen.«
    »Bester Herr Weiler, wären Sie vielleicht in der Lage, mir einen weniger
kategorischen Bankier zur Leitung meiner kleinen Geldgeschäfte vorzuschlagen?«
    »Ein Misstrauensvotum? Das lehne ich ab, denn ich hab's nicht verdient. Wenn
Sie aber eine Lösung unserer langjährigen Beziehungen wünschen, so muss ich
bitten, es auch in der üblichen Form vorzubringen.«
    Die merkwürdige Wendung, welche die Unterredung genommen, schien jetzt beide
Teile zu verblüffen.
    Drillinger griff nach Stock und Hut, besann sich einen Augenblick, dann
reichte er dem Bankier die Fingerspitze, nachdem er hastig den Handschuh
übergestreift: »In vierundzwanzig Stunden erhalten Sie meinen Bescheid.«
    »Zusage!«
    »Vielleicht - der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb.«
    »Also Zusage. Und sobald ich die habe, werde ich Ihnen umgehend meine
Absichten ganz genau schriftlich auseinandersetzen. Die Geschichte will sehr
geschickt angefasst sein. Der Rassler soll sich geschmeichelt fühlen, geben Sie
Acht!«
    »Das werd' ich ...«
    Unter der Tür hielt der Bankier den rasch sich Entfernenden nochmal fest:
»Nichts für ungut, verehrtester Herr Baron, dass ich Ihre Geduld auf eine so
harte Probe gestellt. Es würde mir zu hohem Vergnügen gereichen, Sie noch einige
Schritte zu begleiten, allein ich muss noch auf einen Sprung in mein
Hauptgeschäft am Marienplatz und ich glaube, wir haben nicht den nämlichen Weg.«
    »Gewiss nicht. Vielmehr den entgegengesetzten. Adieu.«
    Und Max v. Drillinger war um die Ecke. »Brr,« machte er, in ungleichen,
kurzen Schritten dem Schmutz und den Wassertümpeln ausweichend, aus welchen die
siegreich hervorgebrochene Sonne ihm entgegenspiegelte. Lange Strecken war er so
mechanisch dahingeturnt, über den wimmelnden Markt, durch die schmierige, banale
Reichenbachstrasse, an den Gärtnerplatz ... Er stiess und ward gestossen, und
achtete es nicht. Luft! Wohin? Er fragte sich nicht. Nur marschieren, die
Glieder brauchen, die frische Luft atmen! Dreimal hatte er die Runde um den
Gärtnerplatz gemacht, wie einer, der einem Gefängnis entronnen und sich nun in
freier Bewegung nicht genug! tun kann ... Endlich hielt er einen Augenblick,
vielleicht um die Pferdebahn zu erwarten? Er konnte noch keinen bestimmten
Gedanken fassen. Alles Menschliche erschien ihm wie eine verschwommene, hässliche
Karikatur. Im Warten schweifte sein Erinnern die Seite des Teaters entlang,
haftete eine Sekunde am Ausgangspförtchen, um dann im Nu in die Weilersche
Bankbude zurückzufliegen ... »Die Sonne ist in den Dreck gefallen - und ich
daneben ... Dieser Weiler entwickelt sich ... Je nun, ich werde ihm zeigen, wo
Bartel den Most holt. Der tut ja, als ob ich mit ihm Schweine gehütet hätte!«
    Inzwischen war die Pferdebahn vorbeigefahren. Drillinger verspürte Hunger.
Er trat ins Café Paul.
    Weiler hatte seinen Schreibknechten noch einige Briefschaften zur Erledigung
auf das Pult geworfen, dann herrschte er sie an: »Das Kontor wird heute nicht
geschlossen, bis ich wieder zurück bin. Wenn Monsieur Paillard in meiner
Abwesenheit noch einmal vorsprechen sollte, melden Sie ihm, dass ich ihn morgen
zwischen neun und zehn Uhr in seinem Hôtel besuchen werde, und dass ich die
Störung von heute bedaure. Verstanden?«
    Die Kontorjünglinge nickten.
    Eben kam der Ausläufer keuchend zurück und machte vor dem Chef einen tiefen
Bückling.
    »Einen Wagen, Isidor!«
    Bis Isidor mit der Droschke vor der Tür erschien, hatte Weiler seine
wurstartige Gestalt in den Überrock geknöpft und dem jüngeren Kontoristen noch
eine Strafpredigt über seine schlechte Handschrift gehalten. Den Luxus einer
solchen Pfote könne er seinen Bediensteten nicht gestatten. Was das für unsolide
Schnörkel seien; die Reellität eines Finanzmannes drücke sich schon in den
ebenso eleganten wie festen und schlichten Zügen der Schrift aus!
    »Herr von Weiler, (- Isidor war galizischer Import, k.k. Österreicher und
Schnorrant in schönem Verein) - der Wagen wartet.«
    Dazu ein Knicks, der die Nasenspitze bis an den Nabel brachte.
    Nachdem der Bankier mit schwerfälliger Grandezza das Kontor verlassen hatte
und mit Isidors Hilfe in die Droschke gekrochen war, ein Kontorist zum andern:
    »Der schnappt noch über. Er kann sich einen Sperrsitz im Narrenhaus
reservieren lassen. Ich gönn' es ihm.«
    »Den Baron scheint er noch gründlich einzuseifen.«
    »Dem gönn' ich's gleichfalls. Der ist auch reif für den Doktor Gudden.«
    »Die Geschichte mit dem Franzosen ist mir nicht klar.«
    »Ich halte den Hanswurst für einen Spion.«
    »Silentium! Der Pegasus kommt über mich. Gott wie ungeduldig - er wiehert
nach seinem Dichter.«
    »Den Pegasus kenn' ich ... Ich wette, er möcht' auch der schönen Frau Rassler
einmal seine Kunststücke zeigen.«
    »Silentium! Ich bin jetzt ganz Dichtung und Phantasie und umarme alle neun
Musen auf einmal.«
    »Aufschneider. Isidor, Sie haben das Wort. Erzählen Sie mir den neuesten
Münchener Skandal!«
    Der Galizier nahm aus seiner hintern Rocktasche eine zerknitterte,
schmierige Nummer des illustrierten Witzblättchens »Die Kloake«, glättete sie
auf dem Knie und überreichte sie mit feierlicher Geberde.
 
                                       5.
Ende der Liebigstrasse - am sogenannten »Gries«. Eine alte zweistöckige Baracke
mit hohen Dachkammern, wovon die eine als Studierstübchen eingerichtet. Das
Fenster gewährt einen prächtigen Blick auf die Isar und die Maximiliansanlagen,
die wie ein Wald hart vom Flussufer aufsteigen und den Höhenzug zwischen dem
Maximilianeum und dem Dörfchen Bogenhausen mit einem dichten Wipfelstreifen vom
Horizonte trennen. Linde Frühlingsluft strömt durch das offene Fenster und
spielt leise mit den schlanken Zweigen eines buschigen Rosmarinstocks, der in
einer ausgedienten Zigarrenschachtel auf dem äusseren Simse steht. Auf dem weiten
Rasenplatz zwischen der Baracke und dem Fluss flattert weisse Wäsche an
schwankenden Seilen, von einem Weidenbaum zum andern gezogen. Sanfte
Nachmittagsstimmung ruht über der schwach beleuchteten Landschaft. Leichtes
Gewölk umzieht träumerisch die Sonne.
    Schlichting hockte am Schreibtisch beim Fenster, Kuglmeier auf dem Bettrand,
die Füsse auf dem Stuhl, in einem alten Buche mit Kupfern blätternd.
    »Höre, Deine Geschichte vorhin von dem nächtlichen Menschenpaar im Astloch,
nein, auf dem Wurzelast, war sicher nur eine Vision.«
    »Vielleicht.«
    »Übrigens passieren ja tolle Dinge in der Welt.«
    »Unglaubliche.«
    Kuglmeier schob den dicken Schweinslederband unter den Kopf und streckte
sich im Bette aus. Er trommelte mit den Absätzen auf dem unteren Rand der Lade
herum.
    »Deine Zelle hier ist recht gemütlich, da kann man wie ein Benediktiner
ochsen - aber ein anregender Bummel wäre mir lieber. Übrigens möcht' ich nicht
mit Dir tauschen; meine Bude hat den Vorzug eines pikanten vis-à-vis. Darauf
sehe ich immer in erster Linie: abwechslungsreiche Aussicht auf holde
Weiblichkeit. Hier aussen ist man ja wie am Ende der Welt, nichts als Natur
ringsum. Und die Einsamkeit! Allerdings die Wäschermadeln ... Wer den Seifen-
und Waschküchengeruch mag ... Wenn sie ordentlich ausgelüftet, reinlich sind sie
ja gewiss und auch nett gekleidet, einladende weisse Schürzchen, vielversprechende
kurze Röckchen und so weiter ... Wie stehst Du denn zur schöneren Hälfte der
Schöpfung da heraussen? ... Keine Antwort ... Natürlich so ein Klosterbruder ...
Bist Du nicht bald fertig? Die Hockerei am Schreibtisch ist wirklich nicht
gesund, glaube mir ... Ich störe Dich, nicht wahr? Hast Du nie den Schreibkrampf
bekommen? Ich habe immer gleich so etwas ...«
    Der kleine Kuglmeier wurde allmählich ungeduldig. Er sprang auf und
beschaute sich im Spiegel, der schief an der Tür hing.
    »Mit meiner Nase scheint eine bedenkliche Umfärbung vorzugehen. Das keusche
Weiss weicht einem schamhaften Rot. Auch die Augen gefallen mir nicht. Unschöne
bläuliche Ringe. Und der müde Schnurrbart ...«
    Schlichting, ohne von seiner Schreiberei aufzublicken: »Natürlich, wenn man
ganze Nächte durchkneipt ... Als Zecher wenigstens bist Du gross ... Pernoctari
... hm ...«
    »Zum Teufel, was schmierst Du denn da zusammen? Dauert's noch lange? Zeig'
mal her!«
    »Gleich!«
    »Ah, mein Lieber, das ist eine harte Geduldsprobe. Weiht was, ich geh'
einstweilen allein - die Isar entlang; es schwant mir, als gäb's im Ketterl oder
nebenan im grünen Baum einen famosen frischen Anstich. Meinst Du nicht? Ich
lass' Dir eine schäumende Ganze steigen. In einer kleinen Stunde bin ich wieder
zurück.«
    »Geht nicht, ist gegen unser Nachmittags-Programm,« entgegnete Schlichting
mit ruhiger Bestimmteit und steckte eine neue Stahlfeder in den Halter. »Ich
kenne Deine kleine Stunde - hinter dem Masskrug. Wolltest Du mich nicht auf einen
Sprung zum Doktor Trostberg und zum Bildhauer Achtuber begleiten?«
    »Gut, so lass' uns gehen! Ehrlich gesagt, bin ich heute recht flau
aufgelegt, neue Sonderlings-Bekanntschaften zu machen. Ich habe einstweilen an
Dir vollauf genug. Und dann gleich zwei Originale auf einmal, das verdau' ich
nicht. Ich meine, der Trostberg allein tut's auch; ich muss mich heute schonen.
Es ist ja recht schön von Dir, meine Menschenkenntnis erweitern zu helfen, -
aber nicht immer gleich des Guten zu viel. Hoffentlich ist dieser Geheimdichter
des Königs und Schopenhauerianer wenigstens ein trinkbarer Mann und setzt uns
nicht bloss alte Schrullen, sondern auch einen frischen Suff vor. Also gehen wir,
mit Gott, für König und Vaterland!«
    »Ist noch um dreissig Minuten zu früh.«
    »Du bist ein Pedant. Hätt' ich nur nicht dieses verdammte Brennen im Hals -
und dazu dieses durstige Frühlingswetter.«
    »Für Deine Kehle ist das ganze Jahr Frühlingswetter.«
    »Gott sei Dank ja!« rief Kuglmeier entzückt, drehte sich auf einem Bein und
fuhr dann mit den ausgespreizten Fingern seinem Freund Schlichting in das braune
Haargelock. »Ewiger Frühling, so lange der Zapfen aus dem Spundloch fliegt -
davon verstehst Du Grübler freilich nichts. Eigentlich solltest Du nicht
Schlichting heissen, sondern Nüchterling. Bist ein herzensguter Bursch, aber
trinken kannst halt nicht. Das fehlt Dir zu Deiner menschlichen und bayerischen
Vollendung.«
    »O, nicht so ganz! Aber lass' mich doch! Nur noch eine halbe Seite ...«
    Kugelmeier legte ihm von hinten den Arm um den Hals und zupfte ihn am Ohr.
    »Weisst Du, Du bist wie die Sommervögelein, von denen es im Liede heisst: Sie
assen Licht und tranken Tau. Drum wirst auch immer schlanker. Dein Kopf ist das
Grösste an Dir und Deine braunen schwermütigen Augen ...«
    »Wie an Dir das. Grösste -«
    »Der Bauch? Nun, sprich's nur gelassen aus, das grosse Wort!« Und Kuglmeier
lachte und patschte mit beiden Händen auf seinen Leib. »Ja, das verspricht eine
imposante Entwickelung. Aber weisst Du, was noch grösser ist? Gelt, das errätst Du
nicht? Meine Geduld!« Bei diesem Worte versuchte er von hinten den Stuhl zu
heben.
    Schlichting stemmte sich gegen den Tisch. Dann warf er die Feder weg.
    »Quälgeist!«
    »Also darf ich lesen?«
    »Meinetwegen.«
    Kuglmeier nahm die Blätter und kugelte sich damit wieder in's Bett.
Schlichting legte sich inzwischen zum Fenster hinaus und liess die Zweige des
Rosmarinbusches durch die Finger gleiten mit zartem Reiben, wie liebkosend. Ein
herbsüsser, würziger Duft hauchte ihm entgegen. Gedämpft rauschte die Isar
herüber ... Kuglmeier las, auf dem Rücken liegend, halblaut vor sich hin.
                                     * * *
    Es ist ein vierstöckiger, neuer Mietsbau im unteren Isarsträsschen, nur vier
Fenster in der Front, so dass der Steinkasten, den dazu noch uralte einstöckige
Knallhütten mit windschiefen, mosigen Schindeldächern flankieren, viel höher
aussieht, als er wirklich ist. Mit seinen fensterlosen, rotbraunen
Backstein-Seitenmauern, die immer noch vergeblich auf Anbau harren, ragt er wie
ein Symbol moderner Ungemütlichkeit und poesieverlassener, plumper
Spekulationsbauerei über das romantische hölzerne Winkelwerk des armseligen
Stadtviertels, das sich planlos, von Mühlbächen und krummen ungepflasterten
Gässchen durchzogen, an die Isar nördlich von der Maximiliansbrücke herandrückt,
- eine Ansiedelei von armen Teufeln, die instinktiv zusammenrücken, um sich warm
zu halten, wenn vor Winterskälte Stein und Bein kracht, und sich den Buckel zu
wärmen im traulichen Neben- und Durcheinander, wenn die Sommersonne feuernd über
dem Isartale steht. Eine stille, träumende Welt für sich, in welche erst an
einzelnen Stellen die moderne Zeit hineingegriffen hat, um da einen eisernen
Gaslaternenpfahl aufzurichten, dort einen hohen Steinkasten als Mietsbau
hinzustellen, da einen Bach brückenmässig zu überwölben, dort ein Stückchen
Pflaster auf den Erdboden zu legen, wo sich höckerige Gässchen kreuzen. Abseits
vom Grossverkehr liegend, hat sich für die sorgsamen Väter der Stadt noch keine
Notwendigkeit ergeben, planmässig und gründlich umgestaltend sich mit diesem
alten Wasservorstadt-Überbleibsel einzulassen.
    Die eigentliche Herrschaft über die mehrere tausend Köpfe zählende
Bevölkerung dieser romantischen Ansiedlung führen die Franziskaner vom nahen
Lehel-Kloster, unterstützt im Notfalle von der kleinen Kriegsmacht der
Gendarmerie, und einige betriebsame Sozialdemokraten, die im Stillen mit ihrer
Heilslehre den Kirchenleuten zwar Konkurrenz machen, aber praktisch und
öffentlich noch keinen Ersatz zu bieten vermögen für die Bettelsuppen aus der
Klosterküche und für die schönen Gottesdienste und abendlichen Erbauungsstunden
in der prächtigen Klosterkirche. So bleibt vorerst die Mehrheit der wirklich
Bedürftigen, der alten Männer und Weiber insonderheit, dem Krummstabe treu und
dem Polizeispiess untertan, während die Jungen, welche als Kleinhandwerker und
Fabrikarbeiter ihren knappen Unterhalt verdienen, innerlich voll revolutionärer
Mucken sind und auf die Verheissungen der sozialdemokratischen Zeichendeuter
bauen.
                                     * * *
    »Aber, lieber Schlichting, was ist denn das für eine gefährliche Stilübung?
In wessen Auftrag machst Du das? Zu wessen Nutz und Frommen?«
    »Lies weiter, wenn's Dich interessiert; leg's weg, wenn's Dich langweilt.«
    »Du foppst mich, nicht wahr? Du machst Dir einen Ulk mit der geschätzten
Umgegend?«
    »Ein Narr kann mehr fragen, als zehn Weise beantworten.«
    »Meine Gutmütigkeit ist grenzenlos. Ich lese weiter.«
                                     * * *
    Der vierstöckige neue Mietsbau im unteren Isarsträsschen brachte wieder
andere, ganz modern stilisierte Bevölkerungselemente in diese wenig bewegte
Kleinwelt.
    Das Haus gehört einem unter verdächtigen Umständen pensionierten
Steuerbeamten, der mit seiner ehemaligen Köchin in zweiter Ehe lebt, sich Herr
Finanzrat titulieren lässt und dabei Wuchergeschäfte treibt. Er bewohnt den
zweiten Stock.
    Im ersten Stock haust eine der Maitressen eines Grafen aus der
Maximilianstrasse mit ihrer Tochter. Man nennt sie die »Wappenhure«.
    Im Erdgeschosse treibt ein deklassierter Baron sein Wesen mit zwei
erwachsenen Mädchen, die er für seine Töchter ausgibt. Von der Beschäftigung
dieser sonderbaren Familie weiss die Nachbarschaft allerlei Merkwürdiges zu
erzählen: der Baron wasche Handschuhe, stopfe Vögel aus, schnitzle
Heiligenfiguren, mehr des Unterhalts als der Unterhaltung wegen, - und seine
Töchter, eine Blondine und eine Brünette, die oft wochenlang auswärts
kampierten, seien nur zum Scheine in einem feineren Kunstblumengeschäft als
Blüten- und Stielmacherinnen angestellt, ihr eigentlicher Erwerb fliesse aus
unsittlicher Nebenhantierung - kurz, aus der Prostitution besserer Sorte.
                                     * * *
    »Schlichting, woher hast Du das? Die Blondine - die Brünette, ja, wie ist
mir denn? Verdammter Fabulist, was sind das für Anspielungen?«
    »Geht Dir ein Licht auf? Gieb Acht, dass es kein Irrlicht!«
    »Saugst Du das aus den Fingern, oder stehst Du mit der Geheimpolizei im
Bunde?«
    »Keins von beiden. Nimm die Geschichte für den Anfang einer
impressionistischen Novelle. Ich hab' so etwas wie Herzweh, und da hab' ich mich
aufs Dichten besonnen. Aber ich mache keine Liebeslieder. Die Dudelei freut mich
nicht. Ich muss nach autentischen Dokumenten in derber Prosa arbeiten. Das
strengt den Kopf mehr an und macht das Herz leichter. Wenigstens hoff' ich das
letztere.«
    »Du bist ein unglaublicher Mensch. Woher hast Du denn diese Details? Du bist
doch kein Urmünchner wie ich, dem so etwas zufliegt ...«
    »Und ist mir doch zugeflogen. Zum Teil vor einer Stunde erst. Ganz frisch -
und doch schon überprüft. Ich verrate meine Quelle nicht. Bitte, lies weiter,
wenn's Dich interessiert.«
                                     * * *
    Im dritten Stock hat sich die Verlobte eines Rittmeisters mit ihren drei
Kindern, einem Knaben und zwei Mädchen, häuslich eingerichtet. Der Offizier lässt
sich nur selten blicken. Doch schickt er desto öfter Körbe mit Wein, gebratenem
Geflügel und Naschwerk an seine »ewige Braut« - Sendungen, von denen der
diensttuende Packträger einmal dem lüstern forschenden Baron im Erdgeschosse
gestand, dass sie eigentlich nicht aus der Vorratskammer des Offiziers stammten,
sondern diesem selbst erst von einer seiner dankbarsten Verehrerinnen, der
militärfrommen Frau eines bekannten Weinrestaurateurs, spendiert zu worden
pflegen. Die Töchter des Barons wollten den Rittmeister bei einer zufälligen
Begegnung im Hallsflur wieder erkannt haben als den Schwerenöter Fra Diavolo,
der ihnen auf dem letzten Maskenball im Kolosseum selbst gar leidenschaftlich
nachgestiegen.
    Im vierten Stock haben sich die beiden eigenartigsten Persönlichkeiten
eingemietet: erstens ein einarmiger und einäugiger Zeitungsschreiber, der
Herausgeber des sogenannten Witzblattes »Die Kloake«, oder »Das Vaterland der
schönen Seelen«, wie es nach einem anrüchig-doppelsinnigen Gratulationsgedicht
der ersten Neujahrs-Nummer vom Volkshumor benannt wurde. Den linken Arm will er
auf den französischen Schlachtfeldern verloren haben, das rechte Auge wurde ihm
bei einer Rauferei zur Nachfeier der Fahnenweihe eines ländlichen
Veteranen-Vereins aus dem Kopfe geklopft. Er geht meist nur in der Nacht aus,
und die Hausleute, welche dem herkulisch gebauten Einarm-Einaug auf der schwach
beleuchteten Treppe begegnen, drücken sich scheu zur Seite.
    »Pressbandit« nennen sie ihn. Aber heimlich, weil sie ihn fürchten. Die
Frechheit seiner Feder ist beispiellos. Er schont nicht das Kind im Mutterleibe.
Wo er hingreift, bleibt ein Schmutzfleck. Seine Tinte ist stinkige Jauche.
    Zweitens: der Akt-Photograph Attenkofer, Meister des freien deutschen
Hochstifts, Inhaber zweier silberner Medaillen für Kunst und Wissenschaft,
Ehrenmitglied des Tierschutzvereins sowie der Gesellschaft zur Verbesserung der
Hunderassen, ein Mann mit einem drolligen Löwenkopf, von Gestalt ein Riese
Goliat, nach der Tracht, die Sommer und Winter die gleiche, einer der
getreuesten Jünger des Stuttgarter Wollenapostels - und dazu eine sanfte
Kindesseele, keusch wie, Gletschereis. Seit er neben dem Pressbanditen wohnt, ist
die Harmonie seines Gemütes zerstört. So viel Bosheit und Niedertracht bei einem
Menschen, der die Feder führt und sich Journalist nennt, hätte er nie für
möglich gehalten. Zum erstenmal in seinem Leben hat er einen Menschen hassen
gelernt.
    Der Pressbandit hat ihn in seiner »Kloake« karikiert als Kohlrabiheiland, der
die alleinseligmachende Pflanzenkost öffentlich predige und heimlich
Schweinsbraten und Knackwürste pfundweis fresse. Das hat ihn zwar gewurmt, aber
er hat's ertragen.
    Der Pressbandit hat ihn in seiner »Kloake« als dressiertes vierfüssiges
Zirkusvieh abgebildet, ein Ungeheuer, halb Kater, halb Vogel, im grotesken
Ringkampfe mit einem ekelhaften, die Zunge herausstreckenden Klown. Ein
Blödsinn, eine gassenjungenhafte Unverschämteit. Es hat ihn wieder gewurmt,
aber noch hat er's ertragen.
    »Ich bin sein Lückenbüsser,« sagte sich Attenkofer; »wenn ihm nichts Besseres
einfällt, nimmt er mich vor, sein Sudelblatt zu füllen; so lange er mich
verarbeitet, wird wenigstens ein anderer ehrlicher Mitmensch in Ruhe gelassen.
Gut, ich ertrag's und opfere mich.«
    Der Pressbandit trieb nun die Frechheit einen Schritt weiter: er brachte in
einer der folgenden Nummern den »Traum des Photographen«; in porträtähnlicher
Gestalt liegt Attenkofer unbekleidet auf einem Divan, faunisch grinsend im
Anblick nackter Mädchengestalten, die ihn umschweben und nach denen er
verlangend die Arme ausstreckt. Zu dem scheusslichen Bild gesellte sich noch ein
unflätiges Gedicht.
    Das ertrug der Photograph nicht mehr. In dieser bübisschen Weise seinen
reinen Kunstsinn öffentlich verleumdet, mit Kot sich und sein ehrsames Handwerk
beworfen zu sehen! Und warum diese Besudlung? Aus purer Lust an der Gemeinheit,
am Skandal? ... Sollte er hinübergehen und den Hallunken kurzer Hand
niederschlagen? Darf das ein unschuldig Gekränkter, ohne sich selbst zu
entwürdigen? Die Gerichte anrufen? ...
    Tagelang ging er wie wahnsinnig umher, auf wirksame Mittel zur Abwehr
denkend, als plötzlich die Polizei einschritt und - bei dem Photographen eine
Haussuchung nach obszönen Bildern vornahm. So schien die Schmähung dem
Pressbanditen als Denunziation richtig geglückt ...
                                     * * *
    »Das wächst sich ja zu einer ganz unheimlichen Geschichte aus, einer Art
Kriminal-Novelle. Diese Richtung hätte ich Deiner Phantasie am wenigsten
zugetraut. Du bist zwar eine grüblerische Natur, aber nach der Seite des Ernsten
und zugleich Sonnenhaften. Wie mögen Dich nur plötzlich diese dunklen Infamien
locken? All' diesen Lumpereien und Schmutzereien zum Trotz: das Leben ist doch
viel seliger und schöner und reiner, als es scheint. Das weiss sogar ich, ein
Urmünchener.«
    »Gewiss, wir haben es nur noch nicht vollständig entdeckt. Es hat noch
unendlich viel heimliche Güter und verborgene Werte. Jedoch um zu ihnen zu
gelangen, müssen wir uns durch Schutt und Unrat hindurcharbeiten, wie zu
verborgenen Schätzen. Und wenn wir nur die innere Gewissheit haben, auf der
rechten Spur zu sein - - Ich glaube, man kann schon in Hoffnung des künftigen
Besitzes ein fröhliches Genussgefühl vorwegnehmen mitten in der elenden
Gegenwart. Wie die wirklich Frommen ihren Himmel schon auf Erden haben, indem
sie felsenfest daran glauben. Jawohl, der Glaube macht selig - ob die reelle
Seligkeit nachkommt oder nicht, ist eigentlich gleichgültig. Der Glaube ist die
Hauptsache. Und darum auch das Notwendige. Es glaubt sich übrigens nicht so
leicht, als man oft zu glauben meint.«
    »Prächtig gedacht, mein Grübler. Du bist wirklich ein famoser Kopf. Lass Dich
umarmen! Nun bin ich doch auf den Fortgang und Schluss Deiner Geschichte
gespannt, die sich aus der Lokal- und Personalschilderung herausspinnen wird.
Lass' die anderen Blätter sehen! Du hast mich wirklich neugierig gemacht ...«
    »Du kannst nicht neugieriger sein, als ich selbst.«
    »Wieso?«
    »Ich muss das Weitere erst finden. Ich weiss augenblicklich nichts mehr.«
    »Du weisst nichts mehr? Ach was, Narrenspossen! Rücke nur heraus mit Deinen
Geheimnissen -«
    »Visionen!«
    »Ich nehme das Wort zurück. Du bist der scharfäugigste Mensch des
Jahrhunderts. Ich glaube an Dein nächtliches Menschenpaar auf dem Wurzelast, wie
ich an Adam und Eva im Paradiese glaube, oder an die Blondine und die Brünette
und die ganze Rotte Korah, oder an den Pressbanditen und seine Kloake. Das läuft
ja alles mit und neben uns herum, fährt mit uns auf der Pferdebahn, zecht mit
uns in der Arche Noah, da ist lauter echtes, patentiertes Gesindel - und Du, der
stille, schlaue Schlichting, entpuppst Dich als sein Geschichtschreiber. Ich
wette, ich bekomm' auch mein Teil ab. Komm', erzähl' mir wenigstens meine
geheime Historie der nächsten vierzehn Tage!«
    »Ich bin kein Fabulist, erfreue mich auch keines zweiten Gesichts. Ich stehe
nur auf Lebenschatsachen und reite nicht in Phantasienebeln herum.«
    »Gott sei Dank. Das würde Dir auch schlecht bekommen. Wir sind die positiven
Kinder eines positiven Jahrhunderts. Aber das hindert nicht, dass wir uns das
wissenschaftliche Ragoût, das uns die Gelehrsamkeit auftischt, heimlich mit
etwas Träumerei garnieren. Mach' mir einmal den Spass und versetz' Dich in meine
Haut und träume mir ein Stückchen von meinem nächsten Lebensschicksal mit
offenen Augen vor!«
    »Dein Lebensschicksal? Offen gestanden, ich glaube gar nicht, dass Du eins
hast. Du treibst's einfach wie die anderen, nach der offiziellen
Gebrauchsanweisung und den bewährten Mustern: heute noch lustiger Student,
morgen ernster Philister, übermorgen kluger Beamter mit Weib und Kind, dann ein
gottwohlgefälliger Bureau-Maschinist mit glücklicher Streberei, zuletzt ein
protektionsbeflissener, erhabener Troddel, dein schliesslich der Staat für
treugeleistete Dienste seine höchsten Orden an die Brust steckt und von dem die
Kollegen neidvoll-bewundernd sprechen: Da seht den dicken Kuglmeier, der hat
eine brillante Karriere hinter sich, der hat's zu etwas gebracht, der ist ein
gemachter Mann und eine Zierde unseres Standes, - wenn ihn nur bald der Teufel
holte, denn er ist lang genug mit dem faulen Hintern im Schmalztopf gesessen.«
    »Wunderschön!«
    »Aber das nenn' ich kein Lebensschicksal, das nenn' ich überhaupt kein
Leben, sondern höchstens - -«
    »'raus damit, göttlicher Grobian!« rief Kuglmeier und schüttelte sich vor
Lachen. »Höchstens - -«
    »Eine veredelte Affenkomödie, welche das wahre Menschentum mit seinen hohen
Zielen und Idealen Parodiert.«
    »Auch Du, mein Brutus! Null tust Du mir aber wirklich leid; denn mit einem
solchen Begriff vom Leben kannst Du Dich am ersten besten Türhaken aufknüpfen,
- wenn Du nicht irgendwo eine heimliche Million liegen hast, mit der Du höchst
souverän nach Deiner Façon leben und selig sterben kannst.«
    »Fällt mir gar nicht ein. Ich denke sogar, mich recht und schlecht auch ohne
die Million durchzuschlagen, mit ehrlicher Hantierung und ohne auf meinen
Begriff vom Leben zu verzichten.«
    »Aber nicht bei uns.«
    »Dann anderwärts. Raum für alle hat die Erde. Ich bin kein Schollenkleber.«
    »Weisst Du, Schlichting, an wen Du mich mit diesen kritischen Extravaganzen
und Gedankenausschweifungen erinnerst? An meine Schwester Flora.«
    »Das ist ein erlösendes Wort,« dachte Schlichting, und froh, eine so
glückliche Wendung des Gespräches erhascht zu haben, fragte er ruhig fast
schüchtern: »Hast Du neue Nachrichten von Deiner Schwester?«
    »O meine Flora, dieser Prachtkerl von einem genialen Frauenzimmer, denke Dir
nur, die nimmt sich jetzt die Welt ordentlich zwischen die Beine. Nachdem sie
einige Wochen um den Vesuv herumgeklettert ist und in alle Feuerschlünde geguckt
und die Nase an alle Rauch- und Schwefellöcher gehalten hat, will sie auch noch
dem Ätna eine Visite machen. Sie ist bereits nach Sizilien unterwegs. Sie hatte
immer schon so etwas Vulkanisches - ihre naturwissenschaftlichen und
historischen Kenntnisse sichelt nicht hinter ihren künstlerischen Talenten
zurück - da kann sie nun da unten auf dem klassischen Feuerboden sich gründlich
ausschwelgen. Ja, meine Flora - -« Und Kuglmeier schnalzte mit den Lippen und
warf Kusshände in die Luft.
    »Du hast keine Angst um sie?«
    »Nicht die Spur. Die kleine Hexe hat Kurasche für Zehn; die ist allen
Banditen gewachsen.«
    »Und sie reist in dem fremden Lande ganz, allein?«
    »Ich bitte Dich, Italien ein fremdes Land, diese abgelaufene Gegend! Da
wimmelt's voll Einheimischen, wollte sagen, von Deutschen, besonders Münchenern,
dass man sich kaum ausweichen kann. Flora sucht ja allein zu sein, um die
Eindrücke ganz frisch und intim zu haben und sich nicht von andern vor der Nase
weggucken zu lassen. Die will überall etwas Apartes. Und findet's auch. O das
ist ein mordsmässiger Prachtkerl. Ganz mein Ebenbild!«
    »Ja, so ungefähr, ich stelle mir's lebhaft vor ... Und sie hat sich
unterwegs noch an niemand angeschlossen?«
    »Wie komisch Du fragst. Freilich wird sie das, so ab und zu, von heute auf
morgen, bei besonders schwierigen Partieen. Mit strengster Auswahl natürlich. O,
die ist anspruchsvoll - und eine Menschenkennerin, ganz unglaublich.«
    »Du empfindest also wirklich keine Besorgnis um sie? Ich sage Dir, meine
Schwester könnte ich nicht so allein hinausziehen lassen. Mich würden die Sorgen
umbringen. Ich hätte die schauerlichsten Träume. Unmöglich auf die Dauer.«
    »Da haben wir gleich wieder den kühnen Wandrer, der kein Schollenkleber ist!
Lass' Dich auslachen, Schlichting! So reise ihr doch nach!«
    »Herrgott, ja, auf der Stelle, wenn's möglich wäre.«
    »Deiner Schwester, mein' ich.«
    »Ja, hätt' ich erst eine ... Sagen wir, unserer Schwester, damit ich
wenigstens Sorge hegen kann, wo Du nur Vertrauen und Freude hast, glücklicher
Kuglmeier.«
    »Komischer Gedanke. Einverstanden: Du bekommst den Sorgenteil. Du könntest
übrigens Deine impressionistische Kriminalnovelle so einrichten, dass Du ihr das
Manuscript als geistigen Reisebegleiter nachschicktest. Donnerwetter, siehst Du,
das ist wieder so eine Idee, wie sie nur mir kommen kann. Flora wird lachen:
schick' ihr die Geschichte, sobald Du sie fertig hast. Ich verpflichte mich, zu
Deiner Einführung ein Vorwort dazu zu verfassen, das sich gewaschen hat ... Auch
einen Titel will ich Dir dazu erfinden helfen, der sich hören lassen soll. Titel
erfinden ist meine Hauptstärke - ein Zeichen, dass ich nicht ohne poetische Ader
bin. Nur bin ich zu faul, sie auszubeuten. Ein schöner, klingender Titel wäre -
wart' einmal - wäre - Merkwürdig, jetzt fällt mir gerade nichts ein ... Weisst Du
was? Wir bitten Flora selbst einen zu erfinden. Das gibt einen Vorwand mehr!
...«
    »Was ich hier geschrieben, ist doch keine Damenlektüre.«
    
    Das war Ziererei. Der Vorschlag behagte Schlichting über die Massen.
    »Damenlektüre? Na, wenn Du glaubst, dass sich meine Flora für sogenannte
Damenlektüre begeistert ... Ihr wird übel, wenn sie auf Kilometerweite einen
Marlitt-Roman sieht; nein, mein Freund, diesem zarten Geschöpf ist in geistigen
Dingen nichts stark genug. In allem eine Heldennatur ...«
    »Ganz Dein Ebenbild!«
    »Du hast gut spotten. Ich vertrage auch etwas; im ganze naturalistische
Litteratur hat für mich keine Überraschung mehr. Nur mache ich öffentlich keinen
Gebrauch davon. Soll ich mich den dummen Menschen am Ende gar als Freigeist
vorprahlen? Fällt mir nicht ein. Als neulich der Professor Hirneis - es war in
einer seiner berühmten schöngeistigen Soiréen - die Rede auf die Zola-Romane
brachte, da protestierte ich empört gegen den Verdacht, jemals dieser
After-Litteratur meine Aufmerksamkeit geschenkt zu haben, obwohl die Nana der
einzige Roman ist, den ich aus meiner Tasche gekauft und sowohl im Original wie
in der Übersetzung mit Eifer gelesen habe. Dafür lobte ich die Bauerngeschichten
von Maximilian Schmidt als den Gipfel vaterländischer Erzählungskunst und schwur
hoch und teuer, dass mich Dahns Völkerwandrungs-Romane bis zu Tränen gerührt -
während ich in der Tat niemals weder von dem einen noch von dem andern
Schriftsteller ein Buch zu Ende lesen konnte. Ich werde ein Esel sein und gegen
den Strom schwimmen! Was allgemein gelobt wird, hat auch meinen Beifall; so
helfe ich die öffentliche Meinung stärken - und habe in meinen vier Mauern den
Genuss, ungestört meiner eigenen Meinung zu fröhnen und mich meiner besonderen
Liebhaberei doppelt zu freuen.«
    »Du wirst's noch weit bringen. Der Geheimrat ist Dir sicher. Ich bewundere
Dich.«
    »Das hoffe ich. Und wenn ich Dir als guter Kamerad raten darf, schickst Du
Dein impressionistisches Novellen-Manuskript über die Grenze, schon damit Du
daheim der Versuchung überhoben bist, es am Ende gar einem Verlagsbuchhändler
anzubieten. Ich fürchte zwar nicht, dass Du mit diesen gefährlichen Geschichten
Geld verdienen und öffentlich unter die naturalistischen Schriftsteller gehen
willst. Aber gut ist gut und besser ist besser. Man muss sich heutzutag sehr in
acht nehmen, dass man nicht vor lauter Idealität dumme Streiche begeht. Denken
und Handeln ist zweierlei. Frauen können so starkgeistig sein wie sie mögen, das
erhöht ihren Reiz, gibt ihnen etwas Dämonisches; starkgeistige Männer hingegen
werden als Phantasten über die Achsel angesehen. Mit Recht, sag' ich Dir; sie
passen nicht in den Rahmen unseres heutigen Staatslebens. Lass' Dir die Gedanken
und die Locken beschneiden, Schlichting, wir florieren in einer glattgeschorenen
und kurzfrisierten Zeit - und schicke Dein Manuskript, meinetwegen auch Deine
Locken, wenigstens eine Probe davon, nach Italien an Flora Kuglmeier, Du wirst
ihr damit Spass machen.«
    »Ich staune; diesen geriebenen Meister der Staatskunst hätte ich nun doch
nicht hinter Dir gesucht. Für Dein bemoostes Haupt ist's fast der Schläue
zuviel.«
    »Ja, der kleine Kuglmeier verkauft Euch zehnmal, wenn's auf's Apropo
ankommt, mein Lieber.« Und er wiegte sich auf Fussspitzen und Absatz vor dem
schiefen Spiegel und strich seine bürstenartig kurz geschnittenen aschblonden
Haare, dass sie knisterten. Dann mit einem Dreher gegen Schlichting, der seine
zierlich geschriebenen Manuskriptblätter nachdenklich ordnete und in einen
blauen Aktendeckel barg: »Schockschwerenot, ich sterbe vor Durst, und Du
verwickelst mich noch in diese endlose Plauderei. Hol Dich der Kuckuck, ich habe
Deine Zellenhaft satt. Luft, Luft, Bier, Bier! Kommst nach? Das heisst, wenn Du
mit Deinem Doktor des Pessimismus fertig bist, denn dass ich jetzt noch mit Dir
diesen trostlosen Trostberg besteigen soll, wirst Du mir im Ernste nicht
zumuten.«
    »Wir gehen ja am Hause vorbei, am Ende der engen, altersgrauen Sterngasse
links im benachbarten Hütten-Viertel. Es ist gar kein Umweg. Es ist das
Pressbanditenhaus, Rückgebäude, eine weltvergessene Gartenidylle. Die
merkwürdigsten Gegensätze ...«
    »Im Erdgeschoss die Blonde und die Brünette? Ich habe allen Blumenmädchen
Fehde geschworen - bis ich meinen Durst gestillt. Nicht um eine Welt, nicht um
ein Sonnensystem geh' ich da hinein. Behüt' Dich Gott, es wär' zu schön gewesen!
Komm' nach; Du weisst, wo Du mich wiedersiehst;« dabei machte er den Versuch, die
Phrase nach dem reinen Torenmotiv pfeifend zu wiederholen und fuhr dann komisch
deklamierend mit kulissenreisserischen Armbewegungen fort: »Dort, wo die grüne
Isar am farbigsten rauscht, sei Gambrinischer Weisheit mit Wonne gelauscht ...
Also, Scherz ohne, beim grünen Baumwirt. Hippokrates wird wahrscheinlich auch
hinkommen und uns allerhand Gruseliges vom Kadaver des heute geköpften
Lustmörders erzählen, in dessen Eingeweiden er den Vormittag verschwelgt hat.
Vielleicht bringt er sogar einige interessante Fetzen vom Gedärm des edlen
Sünders mit zu belehrsamer Augenweide. Dess' freut sich das entmenschte Paar ...
O Schiller, o Schlichting! Addio, Zukunfts-Oberklassiker deutscher Nation.
Addio.«
    Und polternd walzte der kleine dicke Kuglmeier die Holztreppe hinab.
    »Schauerlich, was für disparate Dinge in in einem solchen Kopfe beieinander
liegen,« dachte Schlichting und fühlte ein leises Frösteln über seinen Rücken
hinlaufen. »Teilte ich nicht seine schwärmerische Verehrung für seine Schwester,
ich wüsste nicht, was ich Gemeinsames mit diesem Menschen hätte. Nun bin ich
richtig wieder aus aller Stimmung herausgeworfen ... Am liebsten möchte ich
heute keine lebendige Seele mehr sehen ... Aber Trostberg erwartet mich ... Zu
Achtuber wird's heute nicht mehr reichen ... Eigentlich wär' mir dieser
Künstler-Naturbursche mit seinem trauten, naiven Wesen der liebste. Diese
Geschlossenheit und Lebenszuversicht wirkt wie Balsam. Das ist alles so
anheimelnd harmonisch, Kopf und Herz ohne Misston. Und dabei doch voll stärkster
Triebe und der höchsten Aufschwünge fähig. Das ist ein Mensch, der wohl tut ...
Trostberg regt an, aber lässt das Gemüt unbefriedigt; man geht von ihm mit einem
bitteren Geschmack auf der Junge. Was er wohl zu meinem neueren Manuskript sagen
wird? Ob er's als eine ernste soziale Studie nach der Natur gelten lässt oder
nicht - ideale Gedanken-Bajazzo-Sprünge wird er mir diesmal nicht vorwerfen
können. Nach der Natur! Jeder sieht schliesslich seine Natur. Wenn er überhaupt
nur die Natur sieht ... Armer Trostberg. Einer, der die Menschen hasst, weil er
sie zuviel geliebt hat ... Geliebt? Wirklich geliebt? Wer weiss! Es steckt so
schrecklich viel Problematisches in allem Pessimismus ... Mein kleiner Eugen
Rassler schlägt und beschimpft die Tischkante, wenn er sich unachtsam daran
gestossen und sich eine blaue Beule geholt hat. Die Tischkante ist schuld an
seinem Schmerz ... Kuglmeier geht vorsichtig an allen Kanten herum, drum findet
er auch den besten Platz am Tisch. Er wählt sich auch immer den geeigneten
Tisch, denjenigen, der am reichlichsten nach seinem Geschmack besetzt ist ...
Und sein Geschmack richtet sich nach dem Geschmack der tonangebenden Fresser ...
Und sein Urteil formt sich nach dem Urteile beutegieriger Lebensschätzer ...«
    Während dieses Selbstgespräches hatte Schlichting mit anmutiger Bewegung
seiner jugendlich schlanken und doch kraftvoll gehobenen Gestalt sich eilig
umgekleidet, eine zerriebene Hose und Jacke, wie er sie nur aus Sparsamkeit im
Hause trug, gegen bessere Stücke umgetauscht und sich besuchsmässig hergerichtet.
    Da überkam ihn plötzlich eine eigentümliche Mattigkeit. Waren es die langen
Auseinandersetzungen mit Kuglmeier, die ihn ermüdet hatten, oder die
nachtwandlerischen Ereignisse von gestern, die erschlaffend nachwirkten? Oder
war es der Gedanke an Flora, der mehr und mehr in all' seinem Tun und Treiben
spukte, dass er sich säumig und träumerisch wieder am Fenster niederliess?
    Wie gebannt hing sein heisser Blick an den phantastischen Wolkenbildern, die
sich langsam über das Isartal hinbewegten, licht von Süden kommend, gen Norden
sich dunkelnd. Die Abendsonne schoss einen mächtigen Pfeil in das blauschwarze
Gewoge, eine lange, goldne Strahlenfurche zurücklassend. Nun verblasst sie. Dort
baut sich die Wolke wie ein Riesenfragezeichen auf, silbern umrandet, und gleich
dahinter bricht ein Stück hervor, so ideal zart in seiner feinen, gleichmässig
leuchtenden Bläue ... Gestern standen die Wipfel noch wie braune Besen, heute
färben sie sich freundlicher; ein grünlicher Schimmer geht darüber hin. Und dort
der schwingende, wiegende Punkt - jetzt über die Wiese um die alte, kerzengerade
Pappel herum? Eine Schwalbe, fürwahr die erste - nein, so früh! Und da eine
zweite, dritte - Willkommen, willkommen, dass euch die Reise geglückt! ...
Kräftiger setzt der Pulsschlag des Frühlings ein; die alten Saftquellen brechen
auf und steigen mächtig ins Licht, von der abgrundtiefen Wurzel bis in das
höchste Gezweige der Krone die Welle verjüngten Lebens treibend ... Und der Tod
... Der Tod? Warum musste Schlichting plötzlich den Gespenstergedanken denken?
... Was durcheist sein junges Blut?
    Er springt auf. Lachen und Schreien die Treppe herauf ...
    Schlichting eilt an die Tür und horcht hinaus.
    »Nein, es ist wahrhaftig zu stark; treibt er sich noch da unten herum und
macht seine Possen mit den Schneidersmädchen:.. Der Alte wird auswärts sein ...
auf Stöhren ...«
    Jetzt rief es herauf: »Schlichting! Schlichting! Komm doch herab!«
    Nach kurzem Besinnen griff Schlichting nach seinem Hute, rollte den
Aktendeckel mit den Manuskriptblättern, verschnürte die Rolle und steckte sie in
die Tasche.
    Am Fusse der Treppe bot sich ihm ein unerwartetes Bild. Kuglmeier über das
Geländer gelehnt in Hemdsärmeln. Das Beinkleid am Bunde aufgeknöpft. Eine kleine
rotaarige Schneiderin lachend geschäftig, am Hinterteile abgesprungene Knöpfe
anzunähen. Das übermütige Geschöpf, dem wilde Strähne über die Stumpfnase
baumeln, im weiten, weissen, nur halb geschlossenen Kittel, ruft gellend: »So
halten's doch still oder ich steche!« Und sie schien wirklich mit der Nadel
daneben zu treffen und ins Fleisch zu stechen, dass Kuglmeier vor Vergnügen und
wollüstigem Schmerz aufschrie und mit der Hand nach ihrem Arm haschte, dabei
aber fehl griff und ihre Brust erwischte, dann ihre Taille umschlang, worauf
sich das Mädchen wehrte, den Faden abriss und mit erhobener Nadel nach ihm stach.
Aus dem geöffneten Gemach - der Schneiderwerkstatt - drangen lustige Zurufe:
»Ohe, nichts gefallen lassen! Wehr' Dich, Monika! Recht so! Hahaha.« - -
    Schlichting in seiner ernsten Weise blieb überrascht auf der halben Treppe
stehen und schüttelte den Kopf. »Was ist denn das für ein Sodom und Gomorrah?«
    »Nicht schelten, Schlichting!«
    »Doch, doch!« fiel die kleine rotaarige Schneiderin lachend ein, sich die
wilden Strähnen aus dem Gesicht und die Lachtränen aus den Augen wischend. »Der
Herr ist so ausgelassen und wir sollen ihm doch helfen. Herr Schlichting, halten
Sie ihm die Hände, damit ich die Knöpfe annähen kann.«
    Der Angeredete blieb unbeweglich stehen. Die Treppe lag im Dämmer, von
aufgejagtem Staub durchzogen.
    »Das ist die lustigste Geschichte, die mir in meinem Leben passiert ist,
Schlichting, Wie ich mich da an der Treppenwindung vorbei drücken will, begegne
ich dem schönen Kinde; es hat einen schweren Bündel Kleider auf dem Arm; ich
knüpfe so ein kleines freundschaftliches Gespräch an und erbiete mich endlich,
ihm die Last abzunehmen und tragen zu helfen ...«
    »O, es war ganz anders, glauben Sie mir, ganz anders, Herr Schlichting,«
rief in den höchsten Tönen die Rotaarige mit mühsam geheucheltem Ernst
dazwischen und Funken verhaltener Lust blitzten aus ihren Augen, die
treppenaufwärts der Gestalt des schlanken Kandidaten entgegenflogen, als wollten
sie ihn herabholen. Denn Monika hatte längst diesen stillen, scheuen
Dachstubenbewohner in ihr begehrliches Herz geschlossen. Immer war er ihr
ausgewichen und hatte kaum einen Dank für ihren Gruss; jetzt endlich war die gute
Gelegenheit da, wo er ihrem Wort und Blick stand halten musste, wo sie die Hand
nach ihm ausstrecken und vielleicht im Vorbeigehen sich leise an ihm reiben
konnte. Wie ein Traum war's ihr ums Herz ...
    »Bitte, es war gar nicht anders - nach meiner Auffassung wenigstens; der
schwere Kleiderpack rollt auf den Boden, ich bücke nach rasch darnach, ihn
aufzuheben und kracks! springen mir alle hinteren Knöpfe. Nun denke Dir meine
Verlegenheit, wenn das holde Mädchen nicht zufällig eine gewandte Künstlerin mit
der Nadel wäre - wie stünde ich jetzt da!« Und er suchte die Rotaarige beim
Kinn zu fassen, während er mit der andern Hand den Hosenbund hielt.
    »Aber Kuglmeier!« machte Schlichting vorwurfsvoll im Nähertreten. »Zieh'
wenigstens Deinen Rock wieder an.«
    »Kuglmeier, heisst er, Kuglmeier, der Name passt!« rief's in der Stube lachend
durcheinander aus drei, vier, fünf Mädchenkehlen.
    »Ihr Vater ist wohl nicht zu Haus, Fräulein Monika?«
    
    »Nein, Herr Schlichting, wir Mädchen sind ganz allein. Er kommt heute erst
spät vom Stöhren. Er arbeitet in Föhring.«
    »Und die Tante, wo ist die?«
    »Auch auswärts, in Freising, bei ihrem Bruder, der Hochzeit macht. Wir
erwarten sie nicht vor morgen.«
    Jetzt stand sie ihm ganz nahe. Ein süsser Schauer durchrieselte sie. Sie
öffnete durstig den Mund, als wollt' sie seine Worte trinken.
    »Und was habt Ihr heute den ganzen Tag allein getrieben?«
    »O Sie dürfen uns nicht verraten, Herr Schlichting, wir haben schon auch
gearbeitet, aber zwei Freundinnen sind gekommen und da haben wir Kaffee gemacht
und Bier geholt.«
    »Er hört wieder Beicht; er examiniert,« spottete drinnen das älteste
Mädchen, eine achtzehnjährige Blondine, und lachte frech.
    Schlichting: »Natürlich, wenn die Katze fort, sind die Mäuse Herr.«
    Eine Lachsalve antwortet aus der Stube.
    »Warum besorgen Sie denn die Näherei nicht in der Werkstatt? Wenn jetzt
jemand daher käme und sähe die Geschichte. - So geh' doch hinein, Kuglmeier, und
lass' bei verschlossener Tür Deine Hose kurieren!«
    »Das wollt' ich ja, ich war schon glücklich d'rin, aber das Weibervolk warf
mich heraus. Ich, ein schwacher Einzelner, gegen diese nadelbewaffnete Übermacht
... was soll ich da machen?«
    »Leichtfertiges Gesindel,« grollte Schlichting in sich hinein. Die
Geschichte gefiel ihm gar nicht.
    »So macht jetzt rasch ein Ende, das ist ja skandalös!« herrschte er die
Rotaarige an und suchte um die Beiden herum zu kommen und das Haus zu
verlassen.
    Allein die andern Mädchen hatten sich inzwischen gleichfalls auf den Gang
gedrängt und die Tür hinter sich zugezogen. Das Licht, das durch die Fenster
der Werkstatt auch den Gang und die Treppe spärlich beleuchtete, war damit
abgesperrt, und es herrschte fast vollkommene Dunkelheit, die nur von unten
herauf durch die Gasse notdürftigste Aufhellung erfuhr. Die Mädchen, ihrer
tollen Laune zügellos folgend, wollten jetzt dem gestrengen Herrn Schlichting,
der wie immer gar keinen Spass verstand, erst recht einen Possen spielen und
drückten und stiessen sich mit hellem Gelächter, dass bald die eine, bald die
andere gegen Schlichting kollerte und ein wildes Gedränge entstand. Kuglmeier
verlor jede Zurückhaltung und griff in den Haufen und fasste und schüttelte und
raffte an sich, was er gerade erwischen konnte, während Schlichting, durch den
Knäuel nach der Türklinke tastend, plötzlich zwei bebende Arme um seinen Hals
geschlungen und einen kussgierigen Mund auf seiner Wange fühlte. Das geschah
alles so blitzartig, dass er in dem heissen Zusammenpressen von zuckenden,
jugendlichen, leicht bekleideten Leibern, in der dunstigen, warmen Stickluft des
dunklen Ganges momentan die Besinnung verlor und ein willenloses Opfer der
tollen weiblichen Hetze war. Die grossen Katzenaugen der katzengeschmeidigen
Rotaarigen funkelten brünstig vor seinem Gesicht und ihre frühreif schwellenden
Brüste pressten sich all ihn mit stürmischem, unbewusstem Liebesdrang. Wie ihr
Atem fauchte und glühte, wie ihre Muskulatur sich straffte, wie die ganze
zierliche Gestalt sich stählte und blutvoll an ihm hinauswuchs in
leidenschaftlicher Umschlingung!
    »Monika, verfluchte Hexe, willst Du gleich ...«
    »Hören's auf, Herr Kuglmeier ...«
    »Ich erstick' ... Jessas, er erdrückt mich ...«
    »Gebt's Frieden!« schrie die Kleinste, eine kaum fünfzehnjährige Rotznase
von zigeunerhaftem Typus, die im Gedränge zu Boden gefallen und zwischen die
schlenkernden Beine Kuglmeiers geraten war. Sie zwickte ihn zornig in die Waden,
fuhr mit einer ungestümen Bewegung auf, dass Kuglmeier zurücktaumelte, und mit
sicherem Griff entklinkte sie die Tür und warf sie weit zurück.
    Im hereinbrechenden Licht stob der Knäuel auseinander. Mit Gekreisch, wie
wilde Gänse bei'm Aufflug, wenn sie ein Feind überrascht, flatterten die Mädchen
mit zerrauften Haaren und ungeordneten Kleidern aus der wirbelnden gelblichen
Staubwolke in die still erstaunte Werkstatt.
    »Die Monika hat angefangen ...«
    »Halt Du's Maul, Pepperl ...«
    »Ja, die braucht was zu sagen ...« erwiderte geringschätzig Monika,
schleuderte den Pantoffel vom Fusse und warf sich mit ärgerlichem Schwung der
Hinterbacken auf den Werktisch, dass es krachte.
    »Schön war's, lustig ...« keuchte die Dritte, mit hocherhobenen Armen ihren
schwarzen Haarbusch zusammensteckend, während sie die herabgerissene Schürze auf
dem Boden nachschleifte.
    »Noch ein Bier holen, der Spass hat mich durstig gemacht,« rief die Älteste
und klapperte mit dem Deckel des leeren Masskrugs.
    »Ihr seid schon besoffen!« zürnte die Jüngste. »Was Hab' ich von der Hetz
g'habt? Den Zopf hat er mir schier ausg'rissen.«
    »Sind sie noch draussen?« fragte Monika mit glühendem Blick und sauste vom
Werktisch herunter an die halboffene Tür und steckte spähend den Kopf hinaus
...
    Mit heissem Kopf beugte sich Schlichting nieder und hob die zertretene
Manuskriptrolle auf ...
    »Wohnt in diesem Hause der Herr Kandidat Schlichting?« ertönte eine
vornehme, sonore Frauenstimme aus dem Zwielicht des mehrere Stufen tiefer
gelegenen Vorraums gegen den Treppenaufsatz herauf.
    Schlichting war wie vom Donner gerührt, seine Schläfe hämmerten. Mit dem
Rücken gegen die Wand drückend, als ob er eine schützende Anlehnung suchte,
stand er da, in der einen Hand den Hut, in der andern die Manuskriptrolle in
krampfhafter Spannung. Kuglmeier, nachdem er seinen Rock aus dem Staub
aufgerafft, war beim ersten Wort in die Werkstatt geflogen, wie von einer
unsichtbaren Macht geworfen - und hinter ihm schloss sich wie durch Zauber die
Tür so heftig, dass alle Angeln knarrten.
    In die Stille des plötzlichen Dunkels klang wieder die Stimme von unten:
»Ist niemand hier? Ich meinte doch ...«
    »Zu dienen, gnädige Frau ...« presste Schlichting hervor in einem Ton, der
ihn selbst ganz fremdartig berührte, fast erschreckte. Er stand noch wie
angemauert.
    »Ah, Sie sind's ja selbst, den ich suche.« Bei diesen Worten nahm die
Sprecherin mit vorsichtigem, aber doch resolutem Tritt die Stufen. »Wie dunkel
und staubig es hier ist! Und hier wohnen Sie?!«
    Jetzt stand sie vor ihm, die hohe Gestalt der Frau Kommerzienrat Leopoldine
Rassler, ungewohnt einfach in einen grauen Frühjahrsmantel gekleidet, ein
schwarzes Spitzentuch um Kopf und Hals geschlungen, als hätte sie von ihrer
Wohnung nur einen Sprung über die Gasse gemacht, um schnell eine Besorgung
auszuführen. Sie liess Schlichting keine Zeit zu weiterem Besinnen.
    »Führen Sie mich in Ihr Zimmer. Ist's hier?«
    »Nein, zwei Stiegen höher, gnädige Frau.«
    »Gehen Sie voran!«
    Er glaubte, die Treppe schwanke unter seinen Füssen. Er taumelte wie einer,
der seekrank vom Schiff aus Land steigt.
    Frau Rassler im Hinaufsteigen halblaut: »Erschrecken Sie nur über meinen
Besuch, Herr Schlichting. Ich komme, einen Dienst von Ihnen zu erbitten.«
    Beim Eintritt in die Studierstube unterm Dach: »Sie haben keine
Zimmernachbarn? Wir haben nicht mit Lauschern zu rechnen?«
    »Wir sind vollkommen ungestört, gnädige Frau.«
    Er lehnte sich mit den Waden gegen die Bettlade.
    »Das ist mir lieb, weniger um meint - als um Ihretwillen. Ich möchte Sie
nicht unnützerweise ins Gerede bringen. Die Welt urteilt ja gleich so
entsetzlich schlecht. Und Sie sind so brav, so still und gut. Glauben Sie, dass
mich jemand bemerkt und erkannt hat, da unten am Treppenabsatz? Ich hörte Lärm
bis auf den Weg hinaus und das bestimmte mich, am Eingang laut zu fragen.«
    »O, etwas lauter Scherz vielleicht von den Mädchen in der
Schneiderwerkstatt.«
    »Sie wechseln die Farbe; Sie sind doch nicht leidend, Herr Schlichting?«
fragte sie, ihm nahe ins Gesicht blickend.
    »Leidend? O nein, gnädige Frau. Etwas nervös. Die Frühlingsluft, die
Überraschung ...«
    »Ja, mein Besuch muss Sie allerdings überraschen. Geben Sie mir Ihre Hand,
Herr Schlichting, Sie haben mir noch nicht Grüss Gott gesagt.«
    »Grüss Gott, Frau Kommerzienrat!« Und er drückte die schlanke dunkel
behandschuhte Rechte, die sie ihm kordial hinstreckte wie einem guten Kameraden.
Nun fühlte er sich wieder frei und sicher.
    »Ich darf auch ein wenig Platz nehmen?«
    »Hier, bitte« - und er zog eilig einen alten Rohrsessel aus der Ecke am
Fussende des Bettes, Kleidungsstücke, Bücher, eine Kaffeebüchse, eine
Zündholzschachtel, ein Schachspiel, die darauf lagen, auf den Boden streifend.
    »Keine Umstände!« sagte sie mit ihrer klangvoll vibrierenden, heute etwas
belegten Stimme. »Ich sitze schon.«
    Sie hatte sich auf dem altmodischen Holzstuhl am Schreibtisch
niedergelassen, den rechten Ellbogen auf die Kante gestützt, den Kopf halbseits
gegen das Fenster gewendet, so dass sich die Umrisse in den reinen Linien einer
klassischen Silhouette von dem lichten Hintergründe des offenen Fensters
abhoben, während die Stube sich mählich mit den tiefen Dämmerschatten des Abends
füllte, aus denen allein das Bett, das Schlichting mit einigen verstohlenen
raschen Griffen von den Spuren der nachmittägigen Unordnung säubern wollte, weiss
hervorschimmerte.
    »Setzen Sie sich zu mir, Herr Schlichting. So. Sie sind so lieb und
aufmerksam mit meinen Kindern. Das hat Ihnen mein Herz und mein Vertrauen
gewonnen. Nicht wahr, ich kann Ihnen vertrauen, Herr Schlichting?«
    Sie sagte das wieder in ihrem eigentümlichen, gewinnenden Tone, der dem
Hörer wie süsse Musik klang.
    »Ja, gnädige Frau,« erwiderte Schlichting im Brustton der Überzeugung, ganz
überwältigt von so viel Güte und Geheimnis. »Womit kann ich Ihnen dienen?«
    dabei rückte er seinen alten Strohsessel so nahe, dass sich fast ihre Knie
berührten.
    »Schliessen Sie das Fenster, es weht kalt vom Wasser herüber. Die Abendluft
ist nicht gesund.«
    Schlichting sprang von seinem Rohrsessel auf und eilte ans Fenster. Er musste
sich halb über die Frau beugen, um hm zu gelangen; dabei streifte er ihre
Schulter und der Duft des vollen dunklen. Haares umwehte ihn. Mit zitternder
Hand schloss er das Fenster. Wie blutiger Flammenschein lohte das Abendrot über
den Himmel hin und rieselte durch die tiefschwarzen Wipfel der
Maximiliansanlagen.
    »Es wird so schnell Nacht. Soll ich nicht Licht machen?« Er wurde ganz
verwirrt und seine Stimme schwankte unsicher, als ihm einfiel, dass am Ende kein
Tropfen Öl mehr in der Lampe und auch die letzte Stearinkerze aufgebraucht sei.
»Ich bin blamiert,« dachte er.
    »O nein, verhandeln wir nur im Dunkeln ... Also hören Sie. Ich bin hilflos.
Sie ahnen vielleicht, wie wenig ich auf meinen Mann rechnen kann in vielen
wichtigen Stücken. Nicht wahr, das überrascht Sie eigentlich nicht?« Nun setzte
sie etwas höher, aber leiser ein, wie aufseufzend: »Du lieber Gott, man muss die
Männer nehmen, wie man sie bekommt ... Da war mir der Baron Drillinger manchmal
eine rechte Hilfe. Sie verstehen das, nicht wahr, Herr Schlichting?«
    Verstehen? Vorläufig verstand er gar nichts. Es war ihm alles wie ein Traum,
ein sehr pikanter, aber noch mehr verworrener Traum ... Wie vom Ewigweiblichen
gehetzt, ohne seinen Willen und sein Zutun ... Aber Schlichting nickte eifrig
im Dunkeln; sie rückte unruhig mit ihrem Stuhl.
    »Der Baron ist unser Hausfreund ... Sagten Sie etwas?«
    Nein, er sagte nichts, der gute Schlichting, nur hatte ihm der Ausdruck
»Hausfreund« sonderbar ins Ohr geklungen, verdächtig, fast unangenehm. Die
grosse, schöne, edle, herzensgute Frau - und »unser Hausfreund«; es hatte etwas
Banales, Gemeines für sein Gefühl; er gab sich in diesem Augenblick keine
Rechenschaft warum, wieso - aber es war seine Empfindung. Der bescheidene Mann
hätte nicht an des Barons Stelle sein mögen.
    Und doch glich es einer Abbitte, als er weich erwiderte: »O nein, gnädige
Frau, ich sagte nichts. Ich begreife, das heisst, ich suche alles zu begreifen.«
    »Sie sind immer lieb,« fuhr sie fort und griff nach seiner Hand, die flach
und unbewusst trommelnd auf dem Tischrande lag, und zog einen Finger nach dem
andern, wie spielend, in ihre behandschuhte Rechte; und indem sie jetzt seine
ganze Hand mit ruhigem Drucke festielt, sprach sie hastig mit vorgebeugtem
Haupte und fest auf ihn gerichteten Augen, die durchs Dunkel Phosphoreszierten:
»Sie sollen nur helfen, dass er unser Hansfreund bleibe, es ist notwendig für
unser aller Frieden und Glück. Er hat plötzlich sein Verhalten geändert. Ich
habe ihm heute in aller Frühe geschrieben, ich habe ihm Boten geschickt, ich
habe ihm nachmittags telegraphiert, umsonst, ich bin bis zu dieser Stunde ohne
Antwort. Und es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit. Er ist hier, er ist
nicht verhindert, mir zu antworten. Er schweigt mit Willen. Er hat eine
krankhaft reizbare Natur. Wer weiss, was geschehen ist, um ihn gegen uns
aufzuhetzen! Und oft fehlt ihm so ganz das Talent, seiner Stimmungen Herr zu
werden und sich fremden Einflüssen zu entziehen. Ach, daneben hat er so
vortreffliche, so einzige Eigenschaften ... Den Vormittag ist er bei dem Bankier
Weiler gesehen worden, mittags hat er in sehr übler Laune im Café Paul gespeist
- dann habe ich seine Spur verloren, keine meiner Anfragen wurde beantwortet. In
seine Wohnung kann ich persönlich nicht dringen; seine Hausdame hat die
stärksten Vorurteile gegen mich und würde mich nicht empfangen. Das ist eine
alte, bigotte Jungfer, die schon seit Menschengedenken das Drillingersche
Hauswesen wie ein Drache bewacht und immer ihren Willen durchgesetzt hat.
Vielleicht hat auch sie wieder ihre Hand im Spiel, wer weiss! O diese gestrenge
Jungfer Brigitta ist mir schrecklich aufsässig. Der Baron selbst fürchtet sich
oft vor ihr. Das weiss ich bestimmt, aus seinem eigenen Munde ... Und in meiner
entsetzlichen Ratlosigkeit hab' ich an Sie gedacht ... An Sie, Herr Schlichting,
den lieben, guten Lehrer meiner Kinder, wende ich mich wie an einen heiligen
Notelfer!« Und mit leidenschaftlichem Druck zog sie seine Hand an sich und
legte sie auf ihre Brust: »Fühlen Sie, wie's hier klopft? Ich bin in einer
entsetzlichen Herzensangst. Ich liebe ihn als meinen besten Herzensfreund und
kann ihn nicht missen. Es war mir ein furchtbar schwerer Schritt, zu Ihnen zu
kommen und Ihnen das zu sagen - aber ich wusste mir niemand, zu dem ich so viel
Vertrauen hätte ... Ich bin von Feinden umgeben ... Ich habe heute in aller
Frühe einen Drohbrief erhalten ... Man will meinen Mann öffentlich blossstellen
... Ich habe einen andern Brief erhalten, der voll hämischen Eifers von einer
neuen Liaison des Barons mit einer bekannten Künstlerin berichtet, und in
Ausdrücken, o, in Ausdrücken ... Alles hat sich wider mich verschworen ... Und
noch viel anderes ist mir zugetragen worden: er soll sich in einer sehr
schwierigen finanziellen Lage befinden durch Spekulationen, zu welchen ihn der
Bankier Weiler verleitet habe, und so weiter. Ich habe ihn oft gewarnt. Umsonst.
In Geldangelegenheiten ist er so optimistisch und vertrauensselig wie ein Kind.
Er träumt immer noch von fabelhaftem Erwerb und Gewinn. Seltsamer Widerspruch
seiner idealen Natur. Grässlich, wenn er durch einen grossen Verlust plötzlich aus
diesem Traum gerissen würde. Dieses Erwachen könnte ihm den Verstand kosten. Er
ist ja von einer so krankhaft übertriebenen Feinfühligkeit ... Und alles das
stürmt in vierundzwanzig Stunden auf mich ein, während er sich plötzlich mir
entzieht ... Ach, ich bin namenlos unglücklich ... Alles verliere ich mit ihm
... Können Sie mir das nachfühlen, Herr Schlichting? Können Sie das?«
    Herr Schlichting befand sich in einer ausgesuchten Verlegenheit. Erst war
ihm jedes Wort von der Hausfreundschaft wie ein Stachel in die Seele gegangen,
dann unterstrich er den Fortgang des leidenschaftlichen Berichtes in kühleren
Gedanken mit einem »Auch sie«, und zuletzt gewann sein natürliches Mitempfinden
wieder die Oberhand. Und gar als sie seine Hand auf ihre Brust drückte, war er
so tiefinnerlich von ihrer Hilflosigkeit, ihrem Leid, der Berechtigung des
Schmerzes und der Tücke des Schicksals durchdrungen, dass er ihr hätte zu Füssen
sinken und den Saum des Gewandes küssen mögen.
    Jetzt, wo sie ihn fragte: »Können Sie das fassen?« da lockte es ihn wieder
mit der ganzen überlegsamen Kraft des Impressionisten herauszurücken: »Gewiss
kann ich das, denn es ist ein wunderschönes Dokument menschlicher Verirrung;
wenn ich Ihnen aber als ehrlicher Mann raten soll, so lassen Sie künftig die
Dummheiten der Hausfreundschaft bleiben und lassen den Baron laufen wohin und so
weit er will, Ihr Gatte muss Ihnen genügen.«
    Nein, das moralisierend zurechtweisende Schwänzchen »Ihr Gatte muss Ihnen
genügen« wäre eine bodenlose Anmassung gewesen. Kein Gatte in der Welt muss
genügen. Es gibt Gatten, die keinen Schuss Pulver wert sind. Das Weib hat auch
dem Gatten gegenüber das unanfechtbare Recht der auf gründliche Erfahrung und
tiefe Wissenschaft gestützten Kritik - und wenn sie kraft dieser Kritik
experimentiert, mit einem Hausfreunde vergleichende Studien treibt ... ja ums
Himmelswillen, was geht das unbeteiligte Dritte an? Das ist ja alles so
unausdenkbar intimster Natur ...
    Allein Gefühl und Verstand lagen nur einen Moment in so seltsamem
Widerstreit. Die vornehme Frau hatte mit ihrer Herablassung und er Entüllung
ihres Leides schliesslich eine solche Gewalt über seine kühlere Einsicht gewonnen
und die ganze Luft seiner abendlich stillen Stube so mit elektrischer Spannung
erfüllt, dass es ihm in allen Nerven zuckte und prikelte, dass er selbst
leidenschaftlich erregt, nur die Worte hervorbrachte: »O, befehlen Sie über
mich, was kann ich für Sie tun?«
    dabei liebkosten seine Finger ihren Handschuh und streichelten bis zum
Handgelenk, wo durch eine Öffnung des Leders sich ein Stückchen kerniges, heisses
Fleisch herauspresste; er tippte mit den Fingerspitzen darauf, erst zaghaft, dann
fest, und wiederholte dringlich: »Was kann ich für Sie tun?«
    In solchen Lagen und Stimmungen fallen alle konventionellen Schranken,
welche die Gesellschaft sonst mit so steifer Komödienspielerei zwischen den
Menschen aufrecht erhält und im Namen der Sitte, des guten Tones und ererbter
Gesetze von jedermann respektiert wissen will. Im Leid gibt es keine
Standesunterschiede, da bricht das allgemeine, ursprüngliche Menschengefühl
hervor wie eine Frühlingsblume aus dein letzten Eis und Schnee. Da steht das
Herz zum Herzen auf du und du. Jede Not, innere und äussere, ist eine
Gleichmacherin; sie setzt Ich und Nicht-Ich auf die gleiche Linie und rückt sie
so nahe zusammen, dass sie in eins verschmelzen. Die fremde Not wird als die
eigene empfunden, sie ist nichts Fremdes, nichts Gleichgültiges mehr. Du weinst
über das Weh des andern - es ist dein eigenes. Tat-twam asi! Das bist du! Alles
was lebt und leidet, das bist du selber. Alle Vielheit ist Täuschung und
Schattenbild in Raum und Zeit - und Raum und Zeit sind selbst Täuschung und
Schattenbild des einzigen ewigen Wesens. Tat-twam asi! Das ist die Uroffenbarung
der Menschheit, Kern und Stern aller Evangelien, aller heiligen Schriften, in
welchen Zeichen und Zeiten sie auch geschrieben sein mögen.
    War das noch die vornehme, reiche, beneidete Frau des Kommerzienrats, die
hier in seinem dunklen, armen Stübchen vor ihm sass auf dem harten Stuhl und
deren Hand er in der seinen presste, er, der obskure Kandidat der Philologie, der
»Einsame«, wie ihn die Kameraden nannten? Wie eine Vision erschien ihm jetzt
wirklich das Menschenpaar unter dem Weidenbaum am nächtigen Isarstrand, und wie
er die Züge erforschte, da waren es keine fremden: es war sein Antlitz und die
ihm gegenübersitzende Frau barg ihr Haupt in seinem Schosse ...
    Und draussen rauschte leise die Isar ein Trostlied.
    Jetzt konnte er auch im Ernste den brüderlichen Sorgenteil haben, den ihm
Kuglmeier erst vor wenigen Stunden hier im Scherz zugesprochen hatte.
    Und hatte er nicht Herzensnot wie sie? Wie sollte er nicht zu seiner
Kümmernis all' ihren Kummer nehmen? Wie sollte er sie nicht trösten, wie ein
Bruder seine Schwester tröstet?
    Er hörte kaum ihr still verhaltenes Schluchzen, er sah nicht die Tränen,
die sich langsam aus ihren schönen, grossen Augen lösten und die Wange
herabrollten; in dichter Finsternis sassen sie da, Hand in Hand, durchflutet von
dem stürmischen Lebensgefühl, das sich seines Anrechtes auf Glück nicht stumpf
begeben, nicht feig entsagen will.
    »Was kann ich für Sie tun?« fragte er zum drittenmal im lautesten
Herzenston, sich zu ihr hinbeugend und ihre beiden Hände fassend.
    Ihr Atem vermengte sich mit dem seinigen, als sie schluchzend hervorstiess:
»Ich weiss es nicht.«
    »Sie wissen es nicht!«
    »Nein, ich weiss es nicht. Ich kann jetzt nichts denken, nichts ordnen. Ich
bin plötzlich so erschüttert. Ihre warme Teilnahme hat alles in mir aufgerührt.«
    Schlichting nach einer Pause: »Ich habe wenig Fühlung mit der Münchener
Gesellschaft, ich bin ein einsamer Mann der Studien und der Natur. Die soziale
Maskerade interessierte mich seiter fast nur als Studienobjekt. Ausser meinem
ganz kleinen Kreise hatte ich so gut wie keinen Verkehr. Allerdings ist mir doch
mancherlei von dem Wirrsal des Stadtlebens durch zuverlässige Mitteilung
vertraut geworden. Erst heute Vormittag habe ich die sonderbarsten Geschichten
aus meinem Viertel erfahren. Zum Beispiel über das Pressbanditentum hat mich
Doktor Trostberg ...«
    »Den kennen Sie?«
    »Der Sonderling ist einer meiner intimsten Bekannten, soweit man mit ihm
überhaupt intim werden kann.«
    »Das ist ein Weg!« rief Frau Rassler erfreut. »Baron Drillinger steht mit
Doktor Trostberg in Verkehr; sie besuchen sich oft ...«
    »Das ist mir nicht unbekannt.«
    »Sehen Sie! Ich weiss, der Baron, hält grosse Stücke auf ihn.«
    »Wenn ich's über Trostberg vermöchte, in unserem Sinne auf den Baron zu
wirken!«
    In unserem Sinne ... sagte der gute Schlichting.
    »Gefunden! Das wäre eins. Und das andere: den Pressbanditen auszuforschen, um
welchen Preis er uns in Ruhe lassen will. In der gestrigen Nummer hat er eine so
schamlose Anspielung gemacht und mich sogar mit dem jungen Engländer in
Beziehung gebracht, der in unserem Hause wohnt. Das ist nur das Vorspiel. Er hat
angekündigt, in der nächsten Nummer eine vornehme Musterehe in der Quaistrasse zu
schildern ... Ich habe schon im vorigen Jahr durch meine Dienerin auf zwei
Exemplare abonnieren und für zwölf Exemplare bezahlen lassen, ohne das Blatt zu
beziehen. Es scheint das genügt dem Hallunken nicht. Daher die Drohung, dass er
auch meinen Mann angreifen will ... Mein Mann darf nicht blossgestellt werden,
schon um der Kinder willen ...«
    »Das übernehm' ich auch.«
    »Und bald!«
    »Morgen in aller Frühe.«
    »O prächtig, wie Sie Rat und Hilfe wissen. Mein guter Stern hat mich zu
Ihnen geführt. Wie soll ich Ihnen danken!«
    »Danken? Nichts davon, Frau Kommerzienrat.«
    Die konventionellen Masken legten sich wieder über Herz und Gesicht.
    »Jetzt reichen Sie mir die Hand und führen mich still und unbemerkt aus dem
Haus.«
    Schlichting kramte aus der Schreibtisch-Schublade eine Schachtel mit grossen
Wachszündern - noch ein einziges Stück war darin. Er wollte anstreichen.
    »Nicht doch; ohne Licht. Es soll mir jetzt niemand ins Gesicht blicken.« Sie
ordnete ihren Schleier.
    Schweigend geleitete er sie an der Hand bis zur ersten Treppenstufe, dann
trat er vorsichtig einen Schritt voraus; sie legte ihre linke Hand weich und
fest auf seine Schulter, mit der rechten tastete sie an der Wand - und so
bewegten sie sich Stufe um Stufe die dunkle Stiege hinab, fast geräuschlos. Das
Petroleumlämpchen, das sonst vor der Treppenwendung der Schneiderwohnung mit
einer trüben, ölhungrigen Flamme in einem halb zerbrochenen, angerussten Cylinder
qualmte, hatte sich wohl heute noch keiner lichtpflegenden Hand erfreut? Das
Haus schien wie ausgestorben. Vollständige Finsternis herrschte. Und doch
verriet beim Nähertreten ein warmer, brenzlicher Dunst, dass das Lämpchen schon
gebrannt haben musste und der Docht erst ganz kurz abgedreht worden war. Sollte
die Hand eines Aufpassers ...? Vor der Tür der Werkstatt trat Schlichting
unwillkürlich etwas sachter und zager auf. Unnötige Vorsicht. Keine Maus rührte
sich. Doch! War's nicht wie eine geschmeidige, jugendliche Gestalt, was sich da
fest zwischen den Türpfosten in die Ecke drückte? Auf den Zehenspitzen sich
streckte, um sich dünner und unsichtbarer zu machen? Leuchteten nicht ein paar
glühende Augen, atmete nicht eine erregte Brust und hielt plötzlich vor den
Vorüberschreitenden den Atem an?
    Die Frau Kommerzienrat strauchelte. »Oh!«
    »Bitte, gnädige Frau, etwas mehr nach links. Jetzt, so.«
    Über die Schwelle der nur angelehnten Eingangstür hinaus, winkte die
verschleierte Dame mit der Hand zurück, was zugleich als Abschiedsgruss und
Aufforderung zum Zurückbleiben zu nehmen war, dann eilte sie mit grossen,
elastischen Schritten davon. Im Hause knallte eine Tür zu, so heftig, dass
Schlichting erbebte. Noch kreuzten sich so widerstrebende Gedanken und
Empfindungen in seinem Innern, dass er sich über nichts Äusserliches klare
Rechenschaft geben mochte. Dass es aber die rotaarige Monika gewesen, die,
nachdem sie an seiner Zimmertüre gelauscht und sich von der Anwesenheit der
Frau Kommerzienrat überzeugt hatte, in wütender Eifersucht das Ende des
Stelldicheins abwarten, die beneidete und gehasste reiche Frau das Haus verlassen
sehen wollte und doch in einer plötzlichen Anwandlung von Furcht die
Treppenlampe auslöschte, - dieser Gedanke wäre Schlichting in aller Ewigkeit
nicht in den Sinn gekommen.
    Wie ein Träumender wandelte er einigemal vor dem Hause auf und ab, dann kam
er in die Liebigstrasse, dann in die Kochstrasse, dann stand er vor einem
niedrigen Gartenzaun mitten im Hüttenviertel, starrte über die kleinen,
verwahrlosten Beete auf ein beleuchtetes Fenster, hinter welchem ein alter Mann
in weissen Hemdärmeln am Tische sass und laut aus der Zeitung vorlas. An seiner
Seite kauerte ein Weib, mit einem Strickstrumpf in der Hand, eingeschlafen, wie
es schien, das Kinn aus der Brust. Zwei Rangen, mit frischen, wilden Gesichtern,
löffelten ihre Suppe aus der Schüssel. Das Hänschen hockte so tief in der Erde,
dass das Fenster fast bis an den Gartenboden reichte. Vor dem Fenster war die
letzte Weihnachtstanne in den Boden gesteckt; der wurzellose Christbaum stund
wie schaudernd in dem kalten Licht, das die Petroleumlampe durch die Scheiben
warf. Ringsum schwarze Nacht. Schlichting starrte noch in das Licht. Ein
streunendes Frauenzimmer näherte sich, streifte ihn und flüsterte: »Schatz,
komm' mit«. Er antwortete nicht. Er war in einer fremden Welt. Seine Gedanken
schlugen sich mit Phantomen herum. Der Hausfreund, Monika, Flora - -
    Ein kleines Mädchen, einen schweren Masskrug mit beiden Händen vor sich
hintragend, trippelte an ihm vorüber. Ein Hund lief hinterher, emsig den Boden
beschnuppernd. Vor Schlichting schlug er an - wauwau, wau - dann hatte ihn die
Finsternis verschlungen.
    
    Schlichting setzte sich wieder in Bewegung, ganz mechanisch. Seine Gedanken
drehten sich wie im Karussel. Flora, Monika, der Hausfreund, der Pressbandit,
Kuglmeier, die Frau Kommerzienrat. Die Nacht wurde schwärzer. Der Himmel blieb
sternenlos. An einer langen Holzbaracke vorbei. Ein grelles Licht liegt als
breiter, gelber Streifen auf her Strasse. Das kommt aus dem Fenster eines
Fleischerladens. Rote Fleischstücke, weissschimmernde Schweinsviertel, braune
Wurstkränze hängen im Rahmen, davor eine flackernde Öllampe. Unter der niedrigen
Haustür ratschen zwei Weiber in heiserem Sopran. Ein stinkiger Blutgeruch
dünstet aus dem schwarzen Schlund des engen Hausflurs. Weiter. Soldaten mit
schweren, rasselnden Schleppsäbeln kreuzen den Weg. Ihr trabender Schritt
verhallt, die Schleppsäbel verklirren. Stille. Niemand. Jetzt miaut eine Katze
vom Dach herab ihre Liebesschmerzen in die schweigende Nacht. Eine lange
Lichterkette blitzt auf. Das ist wieder die Liebigstrasse. Links in die
Sterngasse. Eine Reihe von zwölf, fünfzehn einstöckigen Häuschen auf der rechten
Seite, eins wie das andere, jedes mit einer alten, wurmstichigen Altane. Man
riecht den Wurmfrass, das vermorschte, verwitterte Holz. Aus einem Häuschen
links, nicht viel grösser als ein Ziegenstall, hört man Kinder durcheinander
weinen und wimmern. Aus dem niedrigen Eingang bücken sich Männer heraus, in
weissen Chorhemden, mit Windlichtern und verschwinden um die Ecke, spukartig,
geisterhaft. Ein fernes Klingeln. Vorbei, vorbei. Immer noch die Sterngasse.
Wenige Fensterchen beleuchtet, einige mit blendend weissen Vorhängchen. Ein
Mädchen auf dem Altan, ein Bursch mitten in der Gasse - und sich doch so nahe,
dass das Zwiegespräch flüsternd geführt wird. Ein Fensterflügel geht auf, ein
weissgetünchtes Stückchen Wand mit einem Kruzifix, einer Schwarzwälderuhr, einem
Kalender blickt vom Stübchen in die nächtige Gasse. Links eine Wirtschaft.
Stimmengewirr, Deckelauf- und Zuschlagen, Bier-, Tabaks-und Speisendunst. Ein
Gast wird an die Luft gesetzt. Fluchen, Schreien, Gelächter. Davon, davon!
    Der Hinausgeworfene holt Schlichting ein und empfindet ein dringendes
Bedürfnis, sich dem Unbekannten zu erklären. Eine lange, konfuse Geschichte.
    »Nur langsam, junger Herr, wir haben den nämlichen Weg, jawohl, ganz den
nämlichen.«
    Schlichting wendet sich auf dem Absatz um, der Erzähler schwankt den Weg mit
ihm zurück. Die Geschichte wird immer verworrener, was die Führung der Fabel,
immer zwangloser und intimer, was den Ausdruck betrifft. Schlichting trabt, der
andere mit. Jetzt wieder langsamer.
    »Sie müssen meine Rechtfertigung hören, junger Herr, ju - junger Herr. Die
Lumpenbande, sag' ich Ihnen. Die Sau - -«!
    »Verzeihen Sie, das geht mich nichts an. Erzählen Sie das auf der Polizei.
Ich bin Student.«
    »Student? Hahaha. Was studieren Sie denn? Gripso-Grapsologie? Sie, das ist
eine Wissenschaft! Das ist die einzige Wissenschaft für die mo - moderne Zeit.
Die müssen Sie aus dem Fundament studieren, die Gripso-Grapsologie. Wenn Sie die
nicht loshaben, hilft Ihnen alles andere nichts, junger Herr. Aber sein, sehr
sein. Juristen, Mediziner, Geistliche - alles eins, sag' ich Ihnen. Die
Gripso-Grapsologie ist die Hauptsache. Das ist die Grundlage von allem. Aber
sein, sehr sein. Und dann im Grossen. Verstanden? Nur im Grossen. Hahaha. Sollst
fallen Sie immer durch und werden in der Frohnfeste aufgefangen oder in der
Gruftgasse angeschwemmt. So wahr ich Hans Rindler heisse: das kenn' ich, junger
Herr. Glauben Sie mir, die Reichssuppe hinter Schloss und Riegel ist ein
verdammtes Fressen; die liegt mir noch im Magen - - -« Er hatte Schlichting beim
Rock gefasst und redete fanatisch in ihn hinein und lallte und röchelte und
rülpste - und seine Augen funkelten wie die eines wilden Tieres. Es war eine
unheimlich einsame Gegend; eine schmale, lange, nur mit einer Richtungslaterne
beleuchtete Strasse, links eine mannshohe Mauer, über welcher ein scharfer
Gestank herüberwehte wie von einer Pferdestallung, rechts eine hohe Einplankung
aus dicken Eichenbohlen. Schlichting vermochte sich nur mit Mühe zu orientieren:
die dicke, schwarze Masse jenseits der Einplankung musste der Holzgarten sein.
Der Betrunkene geberdete sich immer aufdringlicher und gemeiner. Schlichting
machte sich mit einer geschickten Bewegung los, aber so energisch, dass der
gripso-grapsologische Sprecher das Gleichgewicht verlor und zu Boden stürzte.
    »Wart' Lump, Tropf, g'selchter Aff' ...« gellte es dem Davoneilenden nach.
    Atemlos kam Schlichting vor seiner Behansung an.
    Unter der Haustür lehnte Kuglmeier, rauchend und am Stummel kauend.
    »Wo treibst denn Du Dich die ganze Zeit herum, Schlichting - ohne Hut? Und
die Pforte zu Deinem Allerheiligsten unter dem Dach unverschlossen? Ich habe
Dich oben gesucht, Dein Hut hing am Nagel, Dein Überrock ditto. Ich konnte nicht
begreifen. Habe die Mädchen zurückbegleitet. Donnerwetter, das war ein famoser
Bummel in der Abenddämmerung im englischen Garten, voller Romantik. Aber so tu'
doch auch den Mund auf! ...«
    »Lass mich hinausgehen. Mich fröstelt.«
    »Die andern warten gewiss noch im grünen Baum ...«
    »Lass' warten, was warten mag. Gut' Nacht.«
    »Dem rappelt's. Wozu hab' ich auch auf ihn gewartet? Ich hätte mir's denken
können, dass er wieder einen Moralischen hat.«
    Kuglmeier warf den Zigarrenstummel weg und trollte pfeifend davon.
    Im »grünen Baum« herrschte noch reges Treiben. Dem kleinen dicken Kuglmeier
wurde ganz poetisch zu Mute, als er sich der Wirtschaft näherte. Wie das kleine
altmodische Haus mit den engen traulichen Stübchen, das unter dem mächtigen
Geäst uralter Kastanien mit seinem moosigen Ziegeldach versteckt lag und seine
schlichten Holztische und Bänke hart bis an die Isar hinschob, im Glänze seiner
Gasflammen ihm entgegengrüsste! Lag's doch wirklich da wie ein seliges,
schimmerndes Eiland, eingehüllt in schwarze Nacht, als wär' es nur den
Eingeweihten und Auserwählten auffindbar. Und das delikate Bier, und die
stattlichen Portionen saftiger Braten und Haxen und Ripperln, lind die gute
altmünchenerische Art der Bedienung, und die allweil fidele Gesellschaft! Lautes
Reden und Diskurieren, Zutrinken und Singen, die festen Schläge auf den runden
Banzen bei'm Anzapfen, das Fortrollen der leeren Fässer, der Ausruf des
behäbigen, schmunzelnden Wirtes mit Posaunenstimme: »Meine Herren, frischer
Anstich!« die geschäftig hin und her fliegenden stereotypen Bestellungsphrasen
in der Schenke und in der Küche, dazwischen ein lustiges Auflachen der Schenk-
und Küchenmadeln, die sonore Kommandostimme der Frau Wirtin am Heerde, wo in
weiten Kesseln über dem prasselnden Feuer das Fett zischte und die Braten
quietschten und die Dünngeselchten brizzelten und die Haxen dampften und ein
warmer lieblicher Schmalzduft durch die offnen Fenster und Türen das Haus
durchströmte und über die Tische hinstrich und der Rauch aus dem Schlot in den
überhängenden Ästen und Zweigen der jungbelaubten Riesenkastanien verwirbelte:
das alles zusammen gab ein so herzerquickendes Bild frohen Lebensgenusses und
gesunder Lebensverdauung, dass des Weltlaufs Elend und Sorgen wie ausgeblasen
schienen an den Stammtischen dieser zauberhaften Wirtshaus-Idylle an der
rauschenden Isar.
    Kuglmeier hemmte seine Schritte und überlegte: Was sollte er den Kameraden
sagen, wenn sie ihn wegen seines langen Ausbleibens mit Fragen bestürmten? Soll
er ihnen den abenteuerlichen Nachmittag und das Gaudium des Abends haarklein
erzählen? Soll er ihnen einen Bären aufbinden? Werden sie ihn nicht mit seinen
Schneidersmädchen auslachen und zur Zielscheibe ihrer Witzeleien und Sticheleien
machen? Der grossartige Rheinländer mit seiner kritischen Preussenschnautze wird
ja wohl auch da sein ... Immerhin! Das wird, sich finden. Er schmatzte mit der
Zunge und schnupperte mit der Nase und fühlte schon den braunen Labetrunk die
Kehle hinabrieseln zwischen den herrlich schmeckenden Bissen eines gelungenen
Saftbratens oder Beefsteaks mit Ei ... Das ist das Wunderschöne an einem
gesunden Umtrieb mit den drallen Dirnen, dass man so famosen Appetit bekommt, und
das Wunderschöne am Essen und Trinken, dass man hernach die Reize der holden
Weiblichlichkeit um so genussreicher zu schätzen weiss.
    Mit diesem sybaritischen Gedanken stiefelte der kleine, dicke Kuglmeier
tapfer auf den »grünen Baum« los, während der Gesang eines feuchtfröhlichen
Burschenliedes der »Isaren«, welche zu Ehren eines verdienten Korps-Philisters
im ersten Stock Abschied kneipten, aus den offenen Fenstern und die Treppe herab
ihn brausend umschallten.
    »Ah, der Herr Kuglmeier,« grüsste ihn die Kellnerin mit lachenden, rehbraunen
Augen, indem sie vom blechbeschlagenen Schenkbrett sechs schäumende Masskrüge mit
beiden Händen im Schwünge herabrutschte; dass die weissen Schaumflocken weit
umhersprjetzten. »Draussen im Garten sind die Herren. Eine Mass, nicht wahr?
Wünschen's auch was zu essen? Ich komm' gleich.«
    Der ganze Garten war besetzt und summte wie ein Bienenschwarm. Dazwischen
das Klirren und Klappern der Ess- und Trinkgeschirre, das Knirschen des Kieses
unter den Füssen. Auch das schöne Geschlecht war vertreten und tat im Plaudern,
Essen und Trinken sein Möglichstes. Die lichten Frühlingskleider waren
allerdings durch vorsichtig umgelegte Mäntel verhüllt, doch gab's in dem dunklen
Gewühl manchen kräftigen, hellen Farbenpunkt. Zwischen den schwarzen Hüten der
Zivilisten blitzten die Helme einiger Offiziere und die roten Streifen der
Dienstmützen zahlreicher Einjährigfreiwilligen, die sich durch ihre scharfen,
spitzen Accente als Norddeutsche bekannten, und die bunten studentischen
Verbindungskäppchen tauchten gruppenweise an den einzelnen Tischen auf. Ältere
Herren, die nahe dem reissenden Wasser sassen, hatten die Rockkrägen
aufgeschlagen, um sich vor Zugluft zu schützen. Allerlei hausierendes Volk trieb
an den Tischen um die Wette mit den Kirchenbau-Lotterielos-Verschleissern seinen
kleinen Handel. Hässliche alte Weiber, wahre Vogelscheuchen, boten die Zeitungen
feil, die sie in schmutzigen Mappen oder in alten, schwarzen Ledertaschen, mit
Riemen auf dem Bauche befestigt, herumtrugen und mit näselndem Tone ausriefen.
Schwarzgelockte italienische Vagabundenknaben mit schmierigen Gesichtern, daraus
verschmitzte Spitzbubenaugen leuchteten und blendend weisse Zähne blitzten,
priesen in seltsamem Jargon Nüsse und »heisse Maroni« an. Als Frühlingsbotin
fehlte auch die triefäugige Alte mit den roten Radieschen nicht. Ein Taubstummer
fingerte sich seine Almosen zusammen ...
    Nach einigem Hin- und Herspähen hatte Kuglmeier seine Kameraden entdeckt.
Etwas abseits, mit dem Rücken gegen den Bretterverschlag, der den pompösen Namen
Veranda führte, hatten sie sich kneipfroh eingerichtet; sie konnten von ihrem
Platze den ganzen Garten übersehen, und als sie den Spätling sich zwischen den
Bänken daherdrücken sahen mit hochgezogenen Ellbogen, empfingen sie ihn unisono
mit jubelndem Halloh: »Die Kugl kommt, die Kugl kommt, der Meyer ist schon da!«
Richtig waren sie noch vollzählig: der Medizinmann hatte sie alle hergeschleppt
und festgehalten. Der Stoff war ja ausgezeichnet und der Bierhumor so gediegen
wie noch nie.
    »Und Schlichting, wo ist er, der Einsame?« fragte der Rheinländer mit seinem
lustigen Siegfriedkopf und streckte dem Altkommenden die Hand über den Tisch
hinüber.
    »Ja, das ist Euch eine Geschichte, eine unglaubliche Geschichte ...« begann
Kuglmeier und schnaufte auf. »Aber erst setzen und trinken lassen ... Ich bring'
einen kolossalen Durst mit ...«
    »Also Platz für den Koloss mit seinem Kolossalen. Hier, nimm einstweilen mit
meiner frischen Mass vorlieb und dann erzähle! Prosit!«
    »Bitte, dann erst eine solide Unterlage, denn ich bring' auch einen
kolossalen Hunger mit ...«
    »Herrgott, das kann sich auswachsen. Alles riesig. Das reine Heroenzeitalter
...«
    »Was mag ich nur gleich? Weiss einer die neueste Speisekarte auswendig?«
fragte Kuglmeier sich behaglich auf seinem Platze reckend.
    »Speisekarte? Da hör' nur, wie die kulinarische Litanei aus dem
Küchenfenster schallt! Das alte, unausgesungene Münchener Sirenenlied!«
    Und durch das Getöse vernahm man deutlich die Stimme der
Küchenbeherrscherin, wie sie den diensttuenden Geistern die bestellten
Portionen zukommandierte nach biederber Altmünchener Art: »Dem Herrn Doktor sein
Schweinszüngl« - »dem Herrn Nat seine Kälberfüss'« - »dem Herrn Professor seine
Ochsenaugen« - »der Frau Offizial ihre Schweinshaxe« - »der Frau Kommissär ihr
Kalbsherz« - »dem Herrn Lehrer sein sauer's Leberl« - »der Frau Direktor ihre
Dickg'selchten« - »dem Herrn Premier seine Nier'nln« - »dem Herrn Inspektor
sein' Kalbskopf mit rote Rub'n« - »die Frau Kassier mit ihr'm Kalbshirn tut mir
leid, gibt's nicht mehr« - »dem Herrn Medizinalrat sein Ochsenschweif muss noch a
bisl warten« - »dem Herrn Gerichtsschreiber seine Schweinsknöchel werden mer
glei' haben« - »ein halber Kalbskopf wär' auch noch da« -
    »Haben Sie schon bestellt, Herr Kuglmeier?« fragte die Kellnerin.
    »Beefsteak mit Ei, das heisst, mit zwei Eiern. Aber schnell, Kati, und
blutig.«
    »Zwei Eier, Donnerwetter, das lässt tief blicken,« spottete lustig der
Medizinmann.
    »Ich würde raten, das Huhn auch gleich dazu zu nehmen!« sagte der
Rheinländer. »Kraftaufspeicherung ist in diesen kritischen Frühlingszeiten immer
gut.«
    »Der Mensch ist kein Magazingewehr,« wehrte Kuglmeier ab und warf seinen Hut
auf einen Baumast. »Ich esse, weil mir's schmeckt. Punktum. Ihr scheint mir
inzwischen auch keine Not gelitten zu haben.«
    Das Magazingewehr steigerte die Ausgelassenheit und rief die schelmischsten
Anspielungen und Deutungen hervor.
    Endlich schloss der grosse Schweiger den lustigen Zwischenfall mit der
Bemerkung: »Kuglmeier ist, wie männiglich bekannt, allen Strapazen gewachsen.
Wenn er sich jetzt mit reicher Atzung versieht, so geschieht dies sicher nur im
Hinblick auf die grosse Geschichte, die er noch zu erzählen hat.«
    »Sehr gut! Im Hinblick -«
    »Donnerwetter ja, die grosse Geschichte.«
    Und Kuglmeier hielt Wort. Nachdem er das Beefsteak mit den Eiern
verschlungen und dazu die erste Mass geleert hatte, erzählte er die grosse
Geschichte. Er liess sich nicht lumpen. Er log, dass sich die Balken bogen.
    Trotz des demokratischen Lustgefühls, das alle vor dem Masskrug gleich
erscheinen liess, kannte doch auch die alte Wirtschaft zum »grünen Baum« die
menschlichen Standesunterschiede. Nicht nur in den gemütlichen Stübchen des
oberen Stocks gab's »abonnierte« Abende, an welchen der Zutritt den gewöhnlichen
Sterblichen versagt war - eine Zeitlang waren diese Räume der exklusive
Sammelpunkt der Brüder in Apoll vom »Krokodil«, dann einiger studentischer
Verbindungen, vornehmlich der »Isaria«, zuletzt die Geburtsstätte der geistig
sehr zwanglosen Gesellschaft der »Ungespundeten« - sondern auch im Garten, wie
der grosse Raum zwischen der Rückseite des Hauses und der Isar genannt wurde,
obschon dort niemals andere Blumen blühten, als die weissen Schaumrosen auf den
vollen Masskrügen, und niemals andere Kräuter dufteten, als die vegetabilischen
Beilagen zur Bratenschüssel, gab's »reservierte« Plätze, auf denen die
Privilegierten und »Gewappelten« sich's bequem machen durften. Unter anderem war
da ein Offizierstisch, ein Schauspielertisch, ein Studententisch, ein
Hofstallertisch und so weiter. War der Zudrang gross oder fanden sich Fremdlinge
ein, dann konnte freilich auf diese Sonderung nicht immer Rücksicht genommen
werden.
    Die Bank vor dem Küchenfenster war durch langes Gewohnheitsrecht den
Meistern und Oberarbeitern einiger benachbarter Gewerbshäuser als angestammter
Sitz geblieben. Die Mannhardtsche Turmuhrenfabrik, die Schwarzmannsche
Lohgerberei, die Kunstschlosserei von Moradelli, eine jüngere Filzwaren- und
eine Spielkartenfabrik hatten da zumeist ihre Vertreter sitzen. Bei ihnen nahm
auch der alte Wirt gern Platz, wenn's das Geschäft erlaubte, und die Frau
Wirtin, familiär nur die Mutter genannt, legte sich ins Küchenfenster und
diskurierte mit, wenn's am Herde nicht mehr streng ging. Es waren ureingesessene
Münchener, Isartaler, die nicht höher schwuren, als bei ihrem »grünen Baum«.
Ja, der war ihre eigentliche Heimat. Sie kannten von Urgrossvaterszeiten her
seine Geschichte als wär's ihre eigene Familienchronik. Hier war das Zentrum
ihrer bürgerlichen und landschaftlichen Eympatieen. Vom »grünen Baum« aus
liefen ihre Interessen in die Stadt und in die Welt und wieder zurück.
Isartalauf- und abwärts kannten sie jeden Baum, jeden Strauch, jeden Stein,
jeden Winkel, jede Ecke, jede Baracke. Und das alles war ihnen so aus Herz
gewachsen, dass ihnen die leiseste Veränderung weh tat. Den Abbruch einer alten
Hütte, das Fällen eines morschen Baumes empfanden sie wie einen Schnitt ins
eigene Fleisch und tagelang konnten sie darüber hin- und herreden.
    Auch die beiden andern Wirtschaften links und rechts in fünfzig Schritt
Entfernung, das »Ketterl« und der »rote Turm«, hatten die altmünchnerische
Physiognomie treu bewahrt und erfreuten sich einer Stammgastschaft von
untadelhafter konservativer Gesinnung; allein mit dem »grünen Baum« konnten sie
sich doch nicht messen. Im »Ketterl« hielten die Flossknechte und Holzhändler und
die niederen Lände-Bediensteten mit Vorliebe Einkehr; das waren derbe
Hochgebirgler mit gewalttätigen Manieren und Redeweisen, die sich nicht in die
Münchener Bequemlichkeit und Ruhe fügen wollten. Dazu kam noch ein anderes, was
den »grünen Baum« in eine höhere Sphäre rückte: die geschichtliche Weihe. Der
»grüne Baum« war es nämlich, wo einst der erste königlich bayerische Prinz, auf
einem Isarfloss aus dem schönen Oberlande kommend, gelandet war. Eine
Inschrifttafel aus graugelbem Sandstein über der Tür auf der Flussseite bewahrte
das Datum dieses denkwürdigen Ereignisses: »14. September 1839« und den Namen
des Prinzen: »Seine königliche Hoheit Kronprinz Maximilian.« Diese Tatsache
verknüpfte gleichsam den »grünen Baum« mit dem Schicksale des erlauchten
Fürstenhauses der Wittelsbacher; königlicher Glanz schimmerte über der
Wirtschaft, der freilich mehr und mehr zu verblassen drohte, seit der jetzige
König sich von der Stadt seiner Väter zürnend abgewandt.
    Wie eine wehmütige Erinnerung an entschwundene schönere Zeiten durchzog es
auch heute wieder in dieser lauen Frühlingsnacht die Gespräche der biederen
Gewerbsmänner am Stammtisch vor dem Küchenfenster. Einem neu eingetretenen
Geschäftsführer der Turmuhrenfabrik wurde soeben die kronprinzliche
Landungsgeschichte in liebevollster Breite und epischer Ausmalung von dem Senior
der vollzähligen Stammtischgenossenschaft zum zehntenmal erzählt. Vater Homer
konnte seine Odysseegeschichten nicht nachdrücklicher und anschaulicher
darstellen; und jeder nickte mit dem Kopfe und warf in den Kunstpausen, welche
der alte Uhrmacher in seiner Erzählung anzubringen beliebte, seinen
bekräftigenden Spruch dazwischen.
    »Da oben steht's auf der Inschrifttafel.«
    »Jedes Wort stimmt.«
    »Der selige Hitzelsberger hat sie gestiftet.«
    »Ja, ja, das war noch ein Flossmeister aus der guten alten Zeit. Er war immer
da gesessen, wo ich jetzt sitze. Das war sein Platz. Hier hat König Ludwig, der
Erste natürlich, mit ihm angestossen und ihn wegen der Gedächtnistafel gelobt.«
    Dann folgten die zeitgeschichtlichen Abschweifungen mit zarten, kritischen
Randbemerkungen:
    »Der alte Ludwig ist öfter hier gewesen und hat mit seinen Münchenern eine
frische Mass getrunken, wenn er von seinen Reisen in Griechenland und Italien
heimgekommen ist. Damals mischten sich die Könige noch unter das Volk.«
    »Es hat sich viel geändert.«
    »Leider. Und niemals zum Vorteil.«
    »Ja, der alte Ludwig! So einen bekommen wir nicht mehr.«
    »Ich weiss noch, wie er ins Hofbräuhaus gegangen ist und sich am Brunnen
selber seinen Krug ausgeschwenkt hat. Und aus seiner hintern Rocktasche - man
hat damals die langen Schösse getragen - hat er seinen Rettig gezogen. Dann hat
er wie jeder andere Bürgersmann seine Mass getrunken, oder auch zwei, und seinen
Rettig dazu gegessen und sich leutselig mit den Gästen unterhalten. Ich seh' ihn
noch mit seinem hohen, weissen Hut und seinem langen weissgelben Rock. Die Schösse
schlenkerten so zwischen den langen Beinen, weil er immer die tiefen Taschen
voll hatte. So etwas gibt's nimmer.«
    »Ja, ja. Das muss wohl wahr sein.«
    »Seht einmal heute die Welt an. Alles ist anders. Drum ist auch bei Hoch und
Niedrig keine Zufriedenheit mehr.«
    »Der Fürst gehört unter sein Volk, behaupt' ich.«
    »Nicht so laut. Dort sitzen Hofstaller. Der mit dem schweren goldnen
Uhrgehäng und den Fingern voll Brillanten schaut immer herüber mit seinem
verschlagenen Dachsgesicht und spitzt die Ohren.«
    »Die haben sich jetzt freilich gut aufprotzen.«
    »So ein Kerl bildet sich mehr ein, als ein Minister.«
    »Es heisst, dass es in diesem Frühjahr mit dem Teaterseparatgespiel nichts
wird.«
    »Wo Du nicht bist, Herr Organist, da hört das Musizieren von selber auf. Mit
der Schlossbauerei im Chiemsee soll's auch aus sein. Überall stockt's. Die
bewussten Millionen wollen nicht anrücken ...«
    »So ein Heidengeld.«
    »Was hätte man in München damit ausrichten können ... Aber nein, in die
Berge wird's vermauert ... Das kracht doch einmal alles zusammen.«
    »Ja freilich, das kracht doch einmal alles zusammen,« bestätigte der
eisbärtige Aufseher von der Filzwarenfabrik und hob die Neige seiner Mass zum
Munde, nachdem er die rauhe, buschige Schnurre, die wie ein Vorhang über den
Lippen hing, seitwärts gestreift. »Der Stoff ist wieder vorzüglich heute; ich
denke, nur trinken noch eine.«
    »Die herzogliche Brauerei in Tegernsee versteht's Geschäft. Überhaupt ...
Kati, mir auch noch eine Halbe, aber wirklich nur eine Halbe,« rief der
Uhrmachermeister der vorüberhuschenden Kellnerin zu und fasste sie beim Zipfel
der durchnässten, biertriefenden Schürze, die nur im kurzen Bruststück noch im
steifgebügelten Weiss starrte. Darüber baumelte ein welkes Veilchensträusschen,
das ihr eilt Student ins Knopfloch der straff gespannten, einen kugelrunden
Busen kühn herausmodellierenden Trikottaille gesteckt hatte.
    »Nehmen's nur eine Ganze, Herr Rembold,« tief die Kati zurück, »wir stechen
gleich frisch an.«
    »Ei natürlich,« liess sich jetzt die Stimme der Frau Mutter am Küchenfenster
vernehmen, »mit einer Halben fängt man so spät nimmer an, Herr Rembold; Sie
schlafen dann besser.« Die Wirtin fasste mit ihrer kräftigen Hand die obere
eiserne Querstange im Fenster und stützte den Ellbogen ihres nackten, prallen,
vom Feuer hochgeröteten Armes auf den Sims. Rembold wandte sich lächelnd nach
ihr um und nickte mit dem Kopfe.
    »Ja, Mutter, heut' ist's wieder scharf hergegangen.«
    »Sagen's, Herr Rembold, was hört man denn Neues vom König? Es wird wieder so
allerhand Kurioses herumgeredet. Ist's denn wahr ...?« Sie mässigte ihre starke
Stimme bis zum Flüsterton. Dann auf eine Frage vom Herde her, mit halber Drehung
ihres Halses, dass es an ihrem Doppelkinn zerrte, schallend: »Gibt keine Wursteln
mehr heute!«
    »Das ist's Mutter: es gibt halt keine Wursteln mehr.«
    »Der arme König! Ist's wirklich so weit? Und gar unter Kuratel will man ...«
Sie drückte ihr Gesicht ans Gitter und vollendete den Satz ganz leise ins Ohr
des Uhrmachers.
    Vom offenen Fenster des oberen Stocks brauste der studentische Gesang mit
jugendlichem Ungestüm in die Nacht hinaus, die Gespräche der Gartengäste mit
seiner Klangwucht übertönend: »Ein freies Leben führen wir, ein Leben voller
Wonne ...«
    Als das Lied verklungen, rief man an verschiedenen Tischen begeistert Bravo
und Dakapo und klatschte in die Hände. Der Chor aus der Höhe antwortete mit
Wiederholung der letzten Strophe. Die helle Freude wehte wie Frühlingswind
hinauf und hernieder und erschloss die Herzen zu Scherz und Lust. Die Bekannten
grüssten sich über die Tische hinweg und tranken sich mit hochgeschwungenen
Krügen aus der Ferne zu.
    Plötzlich hörte man von der Strasse hinter der Wirtschaft her eiligen
Hufschlag und sausendes Gerassel schwerer Wagen und Glockengeläute, und rotes
Fackellicht warf einen blutigen Schein in die dämmerige, gelbliche
Gartenbeleuchtung - und wie das wilde Heer war's vorübergejagt im Nu,
isarabwärts.
    »Die Feuerwehr!«
    »Wo brennt's?«
    Gäste standen auf, bezahlten und entfernten sich eilig, um nachzusehen.
Andere kamen von aussen herein. Einer meldete: »Es ist nichts; drunten im Lehel
ein Zimmerbrand, kaum der Rede wert.« Später wieder ein anderer: »Ein Schneider
soll seine Baracke ausgeräuchert haben.«
    »Ein Schneider! dabei hat er jedenfalls seinen Geisbart versengt; man
riecht's bis da herauf.«
    Und nun wurden Witze über das Lehel und seine vorsündflutliche Hüttenkolonie
gerissen.
    »Da wird morgen der Tierschutzverein intervenieren müssen, dass man wieder
Russen und Schwaben und Wanzen, die da unten legionenweise so friedlich hausen,
grausam geröstet und geschmort hat bei lebendigem Leibe.«
    »Es wär' wirklich nicht schade d'rum, wenn das ganze Nest da drunten in
Rauch und Flammen aufginge. Das wär' eine zeitgemässe Säuberung.«
    Als Kuglmeier hörte, dass es in einer Schneiderwerkstatt brenne, fielen ihm
alle seine schönen Sünden vom Spätnachmittag ein. Er liess sich jedoch nichts
merken, um nicht den Neckereien seiner Kameraden zu verfallen. Übrigens hatten
ihn die fidelen Aufregungen und der reichliche Biergenuss genügend stumpf
gemacht, um der Versuchung zu widerstehen, seine Lokalkenntnis im Lehel jetzt
mit romantischen Kombinationen zu verbrämen. Zudem führten seine Kameraden mit
einigen Isaren, die sich zu ihnen gesetzt, gerade sehr animierte Untersuchungen
über einen schwierigen Beleidigungsfall.
    »Der Ausdruck Pauksimpel ist grenzenlos beleidigend, das ist über allen
Zweifel erhaben,« kreischte ein blutjunger, schmächtiger Isare mit gestutzter
Nase und einem dicken, schwarzen Wattverband auf der linken Wange, der noch
kräftig nach Jodoform stank.
    »Vollkommen einverstanden. Der Ausdruck an sich. Aber sobald er vom
Pressbanditen in seiner Kloake gebraucht wird, ist er durch die anerkannte
Gemeinheit des Skandalblattes neutralisiert. Da wirkt keine Beschimpfung mehr.«
    »Überdies ist der Kerl ein Krüppel und gar nicht satisfaktionsfähig.«
    »Er hat ja nicht einmal Elementarschulbildung und seine Schmieralien wimmeln
von ortographischen und syntaktischen Fehlern.«
    »Er ist die potenzierte Nullität, ein ausgemachter Quadratlump,« warf der
Medizinmann dazwischen. »Und ein Hornvieh obendrein. Sein sogenanntes Weib,
aufgedonnert wie eine alte Schmierenkomödiantin - man hat sie mir neulich
gezeigt - soll in ihren jungen Nächten eine komplete Wildsau gewesen sein. Das
Paar sieht jetzt aus, als wäre es schon einmal begraben gewesen und halbverfault
wieder lebendig geworden. Ausgeschminkte Kadaver. Nicht einmal unter dem
Seziermesser möchte ich den Burschen haben, geschweige vor einer ehrlichen
blanken Klinge. Das ist meine Meinung von der Sache.«
    Allein der gekränkte Isare liess sich damit noch nicht beruhigen.
    »Erschwerend ist der Umstand, dass er unser Korps systematisch mit seinen
Ekelhaftigkeiten verfolgt. Das geht ja schon seit Monaten so fort. Tätowierte
Indianer, zerkratzte Zifferbläter, Schweinskotellets und so weiter fast in jeder
Nummer.«
    »Tunkt das Schwein in ein Jauchenfass, bis ihm der Dampf ausgeht; wenn
Züchtigung sein muss, ist dies die einzig angemessene,« schloss der Medizinmann
die Debatte.
    »Das ist die Presse in Eurer vielgerühmten Kunststadt München ...« wollte
der Rheinländer loslegen, als sich der müde Kuglmeier, der seiter nur stumm
zugehört, aufraffte und dem Sprecher ins Wort fiel: »Bitte, nicht die Presse,
sondern nur ein einzelner Pressbandit, ein zoojournalistisches Unikum, eine
Missgeburt ... eine Sehenswürdigkeit ... eine ...« Da fiel ihm plötzlich nichts
mehr ein. Die Kameraden lachten.
    Am Tisch vor dem Küchenfenster gab der Brand Veranlassung, die Baufragen im
Lehel und an den Isarufern zu erörtern.
    »Das Lehel ist zwar ein Stück Altmünchen, wie man's nicht schöner malen
kann, aber es passt nicht mehr in den Nahmen der modernen Stadt,« behauptete der
jüngere Kunstschlosser.
    »Gehen Sie mir doch mit Ihrer modernen Stadt, das ist ja der reine
Schwindel,« grollte der Uhrmacher. »Ich weiss doch auch, wie viel es geschlagen
hat und bin kein Rückschrittler, aber was man moderne Stadt nennt, ist keine
Verschönerung der Welt. Im Lehel ist manches polizeiwidrig vernachlässigt; das
ist richtig. Deswegen braucht man das Alte nicht gleich mit Stumpf und Stil
auszurotten.«
    »Da ist nichts mehr zu bessern, lieber Herr Rembold,« rief ein befreundeter
Handwerksmeister vom Nachbartisch herüber. »Mit dem Gerümpel muss aufgeräumt
werden. Dann gibt's Baugründe für wahre Prachtstrassen vom Gries bis an die
Maximiliansbrücke.«
    »Die Pracht kennt man, die Quaistrasse ist so ein Muster von neumodischer
Pracht! Ich geb' keinen roten Heller dafür.«
    »Die Fortsetzung der Quaistrasse wird schon besser werden. Wenn erst einmal
das Ketterl und der grüne Baum wegrasiert sind und eine Palastreihe sich die
Isar hinaufzieht ...«
    »Was?« schrie der Uhrmacher auf, »der grüne Baum wegrasiert? Da, wo wir
jetzt sitzen, auf diesem herrlichen Fleck Gotteswelt, ein neumodischer
Steinhaufen mit fünf Stockwerken? Und daneben ein anderer und so fort? Nein, das
gibt's nicht.« Er schlug mit der Faust auf den Tisch.
    Der Kunstschlosser beschwichtigend: »Pläne, nichts als Pläne; wir erleben
das nimmer.«
    »Das möcht' ich auch gar nicht erleben. Das ist ja der helle Wahnsinn, alles
ummodeln zu wollen. Muss denn jetzt auf einmal alles anders sein, als es unsere
Vorfahren gehabt haben? Die waren doch auch nicht auf den Kopf gefallen. Und
München ist schon berühmt gewesen, als man von dem ganzen neuen Schwindel noch
nichts gewusst hat. Und unsere schöne wilde Isar, die soll wohl zwischen Mauern
eng und pomade dahinfliessen wie ein Bach, dass man mit venezianischen Gondeln
darauf herumfahren kann? Und noch mehr Brücken, dass man zuletzt vom Wasser gar
nichts mehr sieht? Deckt sie doch lieber gleich ganz zu, dann habt Ihr noch mehr
Bauplätze ... Hoffentlich haben da auch noch andere Leute ein Wort mit zu reden,
denk' ich.«
    »Die anderen Leute haben schon geredet, der Magistrat zum Beispiel. Der
ganze Ländeplatz hier ist doch städtischer Boden. Nun gut, die Lände wird weit
weg verlegt, die paar Flossmeistershäuser werden abgebrochen, der grüne Baum und
das Ketterl werden von der Stadt erworben und dann kann's losgehn, das ganze
Terrain wird planiert und als Bauplatz losgeschlagen.«
    »Aber dass Sie das nicht wissen, Herr Nachbar Rembold! Man reisst sich ja
jetzt schon um den Bauplatz. Der Bankdirektor und Konsul Schmerold in der
Quaistrasse hat schon längst ein Auge auf den Komplex geworfen und möcht' ihn dem
Magistrat abhandeln. Er hat sich hinter den grünen Baumwirt gesteckt, dass er vom
Magistrat eine unmögliche Summe als Ablösung fordert, damit aus der Geschichte
nichts wird, bis er mit noch einigen Spekulanten sich alles selber in die Hand
gespielt hat.«
    »Das glaub' ich wohl, dass die Herrgottsakermenter möchten. Zuletzt möchten
sie uns noch den ganzen Himmel verbauen, dass man nicht mehr schnaufen kann. Aber
das setzen sie nicht durch. So wird die Isar nicht verhandelt und verschandelt.
Da ist die Bürgerschaft auch noch da und der König ... Und mag denn der grüne
Baumwirt um so ein Sündengeld sich das antun lassen? ... Mutter ist's wahr?«
wandte er sich erregt gegen das Küchenfenster.
    »Es wird uns nicht viel anderes übrig bleiben, oder unsern Kindern. So
schnell geht's übrigens nicht, Herr Rembold.«
    »Hat man nicht schon hundertfünfzigtausend Mark geboten, Mutter?« fragte der
Kunstschlosser.
    »Das schon, aber mein Mann tut's nicht unter zweihunderttausend.«
    »Ein schönes Stück Geld für die Knallhütte,« sagte unbefangen der
eingeführte junge Geschäftsführer.
    Der alte Uhrmachermeister sprang auf, warf ihm einen vernichtenden Blick
voll unsäglicher Verachtung zu, verliess den Tisch und ging heim. Sein »grüner
Baum« eine Knallhütte! Und wegrasiert! Wahrhaftig, die junge Welt kennt keine
Pietät mehr ... Das ist der Anfang vom Ende ... Wo soll denn das hinführen, wenn
einmal ums Geld alles zu haben ist? Da braucht man ja vor keiner Schandtat mehr
zurückzuschrecken, sobald sie nur recht viel Geld einträgt! Und wer das Geld
hat, der hat die Macht, alles andere zu Boden zu treten? Da soll doch gleich ein
Donnerwetter dreinschlagen oder ... die Sozialdemokratie ... wenn alles ein
Teufel ist ...
    An seiner Haustür kehrte der Uhrmachermeister noch einmal um. Nein, mit
solchen Gedanken kann er sich nicht ins Bett legen. Ein schwerer Seufzer entrang
sich der Brust des greisen Mannes; sein Kopf glühte, seine Schläfe hämmerten.
Besser, er macht seiner geliebten Isar noch eine lange Nachtvisite und hält
beruhigende Zwiesprach mit ihrem Rauschen und Murmeln, fern von allem
Menschenvolk. Und er schlug die Richtung nach der Zweibrückenstrasse ein.
    Der grüne Baumwirt hatte sich zu den Hofstallern gesetzt, um sie auszufragen
und auszuhorchen, was in Hohenschwangau und Neuschwanstein los sei und was es
für Bewandtnis mit dem neuen chinesischen Schloss habe, das auf dem Falkenberg
errichtet werden soll und ob das französische Schloss auf der Chiemsee-Insel
ausgebaut werde oder nicht. Letzteres interessierte ihn besonders, weil ein
Verwandter seiner Frau, ein Steinbruchbesitzer, grosse Lieferungen für den
Schlossbau übernommen hatte. Freilich hatte der Vetter noch starke Forderungen
bei der königlichen Baukasse gut, allein das ängstigte ihn nicht, das Geschrei
der Zeitungen über die Schuldenlast des Königs war jedenfalls übertrieben. Wer
ein so grosses Privatvermögen hat wie die Wittelsbacher und dazu noch eine
Zivilliste von vier oder fünf Millionen jährlich, der kann sich schon etwas
erlauben. Der König ist nur zu loben, dass er das Geld im Lande lässt und unter
das Volk bringt. Das macht nichts, wenn auch langsam bezahlt wird; bezahlt wird
ja doch und sehr gut obendrein.
    »Also es wird weiter gebaut?« fragte der Wirt befriedigt über die erhaltene
Auskunft.
    »Warum denn nicht? Meinen Sie, der König lässt sich etwas verbieten?«
antwortete der mit dem Dachsgesicht. »Wozu wär' er denn König?«
    Die Zahl der Gäste war allmählich zusammengeschmolzen. Die Tische wiesen
grosse Lücken auf. Zwei Gasflammen konnte die sparsame Kati, auch eine Verwandte
der Wirtin, schon ausdrehen.
    »Schauen's wer da noch kommt!« sprach der Wirt aufstehend, wandte sich aber
noch rasch aus Ohr des herablassenden, auskunftspendenden Stallbeamten und
flüsterte: »Die sind von der Gesellschaft der Ungespundeten -« Dann ging er
begrüssend den späten Ankömmlingen entgegen: »Habe die Ehre, Herr Oberst! Guten
Abend, Herr Baron! Grüss Gott, Herr Doktor!«
    Die Ungespundeten nahmen an dem äussersten Tisch unter dem mächtigen
Kastaniengeäst stillschweigend Platz. Der Wirt zog sich etwas pikiert zurück.
Kati erschien, dienstwillig und lächelnd wie immer, trotzdem sie vor Müdigkeit
ihre Beine nicht mehr spürte.
    Der Baron schob seinen glänzenden schwarzen Cylinderhut in den Nacken,
wischte mit dem weissen Taschentuch seinen Zwicker, zupfte seine lange Manschette
zurecht, legte Tabakdose und Zigarrettenpapier vor sich hin, rückte sich den
Zündholzständer näher, stützte dann die beiden Ellbogen auf den Tisch und begann
mit der feierlichen Grazie eines Türken und »Ketters« seine Zigarrette zu
drehen. Unter seinen langen, wohl gepflegten Aristokratenfingern rollte sich der
goldbraune Sultantabak in dem knisternden Papierchen zu der denkbar elegantesten
Form. Die erste Zigarrette reichte er galant dem Doktor über den Tisch. »Ecco,
caro Dottore!«
    »Remplem!« schnauzte der Oberst und setzte seinen Schlapphut tiefer ins
Gesicht, dass unter der breiten Krempe nur noch der leichtgeschwungene Rücken der
kraftvoll sinnlichen Nase und der lange graue Knebelbart mit der vom vielen
Rauchen in der Mitte angegelbten trotzigen Schnurre ins Licht fielen.
    »Hol, Hol, Wotan!« grüsste ein stämmiger Trinker in grüngarnierter Lodenjoppe
herüber und tat den letzten tiefen Zug aus dem Masskrug, den er mit Wucht auf
den Tisch zurückstellte. Dann trug er auf den kurzen dicken Beinen seinen runden
Bauch wie einen lebendigen Vierschlauch vor sich her, trat an den Tisch der
Ungespundeten und richtete seine fette Stimme mit breitem Grinsen des umbarteten
Vollmondgesichtes an den Oberst: »Alter Germane, man sieht Dich ja nicht mehr,
ich muss leider schon gehen - weisst, meine Schicksalswalterin wartet am Wehr! -
aber nächsten Sonntag solltest Du doch dabei sein: unsere Markgenossenschaft
feiert zu ihrem vierten Alting ein Waldfest in Gauting mit Vorführung einer
altgermanischen Hochgetid, Speerwerfen, Frauenspielen, Tanz und so fort. Du
kommst?«
    »Fällt mir gar nicht ein. Remplem. Ich pfeif' auf Eure Germanenkomödie.«
    »Gut' Nacht, Wotan.« Und der stämmige Markgenosse wackelte mit seinen
nägelbeschlagenen Schuhen knirschend davon. »Grobian ...«
    »Was war denn das für ein Mannsbild und ein Kauderwelsch?« fragte der Baron
und saugte an seiner Zigarrette.
    »Bah! Ein Lumpenhund, der sich auf den Urgermanen dressiert hat. Wo hängt
die Wurst? War einst ein schneidiger Bursch, ein flotter Forstmann, hatte eine
Menge seiner Liebschaften, schön Hadwig von der Pfalz, schwarz Bärbele von
Würzburg - ich erinnere mich noch ganz genau. Dann kamen wir auseinander, als er
zu strebern anfing. Mit unglaublicher Rücksichtslosigkeit ist er dabei zu Werk
gegangen. Der verstand's, alle Hasen in seine Küche zu treiben.«
    »Und ist schliesslich doch ein Troddel geworden,« bemerkte der Doktor.
    »Er macht mit seinem Urgermanentum einen urdummen Eindruck,« der Baron.
    »Lasst mich aus! Die Dummen sind die Gescheidten. Wo hängt die Wurst!
Remplem. Prosit!«
    »Prosit! Es lebe das Spundloch!«
    »Das ist die ganze Lebenskunst: immer das rechte Loch zu finden.«
    »Und den unbequemen Kerls immer prompt dasjenige zu zeigen, das der
Zimmermann gemacht hat.«
    »Wie vorhin dein Markgenossen.«
    »Das ist mir der rechte Urgermane, daran erkenn' ich ihn: er fürchtet Gott -
und sein Weib. Letzteres tatsächlich, ersteren nur mit dem Maul, und wenn er
Zuhörer hat. Am besten einen ganzen Reichstag voll. Gottesfurcht, Weiberfurcht.
Dem neumodischen Urgermanen spezifisch wie der preussische Stechschritt. Prosit!«
    »Drillinger schon lang nicht mehr gesehen?«
    »Eine Ewigkeit.«
    »Ist auch kein rechtes Mannsbild. Das Beste an ihm war sein Bruder, der rote
Ludwig. Aber der hat in Europa nicht mehr schnaufen können. Hoffentlich hat er
das rechte Loch jetzt gefunden.«
    »Wie haben sie auch den armen Meister Effenbach gehetzt, bis er in seinem
Steinbruch zu Höllriegelskreut untergekrochen ist. Da haust er jetzt wie ein
Einsiedler im Urwald. Man hört und sieht nichts mehr von ihm. Das ist ein Glück:
vergessen werden. Ein Original, ein Narr! haben sie geschrieen, weil er keine
wattierten Röcke, keine Lackstiefeln, keine Glacehandschuhe, keine Angströhre
tragen mochte, sondern barhäuptig und barfüssig in seiner weissen Kutte sich wohl
fühlte. Ein grosser Mensch und ein grosser Künstler! Mit dem Malen wird's jetzt
freilich Mattäi am letzten sein. In seiner Armut kann er sich weder Leinwand
noch Farben noch Pinsel mehr kaufen. Aber seinen Christuskopf malt ihm in der
ganzen Akademie doch keiner nach. Welch' eine Apoteose des Leids und der
Verzeihung! Das bleibt sein Denkmal.« Des Doktors Augen funkelten.
    »Es ist in der Tat merkwürdig, wie es diesem seltenen Charakter endlich
doch geglückt ist, in dieser Welt der Charakterlosigkeit, in diesem Zeitalter
der Waschlappigkeit, verbunden mit der Raubtiergier nach Geld, Besitz, Macht,
als Mensch für sich zu leben, eine Welt für sich zu schaffen und in frei
erwählter Armut in vollkommenster Zurückgezogenheit sich seiner Freiheit zu
freuen.«
    »Und das zwei Stunden von München.«
    »Remplem! Wenn er sich's einfallen liesse, hier wieder einmal aufzutauchen,
würden sie ihn wieder auf den Kopf schlagen, dass ihm Sehen und Hören vergeht.
Richtig bemerkt, Doktor, es gibt nur ein Glück: vergessen zu werden. Ruhm und
Ruhmesgeschrei - blauer Dunst.«
    »Es lebe - das Glück!«
    »Ah bah, das Spundloch!«
    »Zahlen, Kati.«
    »Gut Nacht.«
    Die reckenhaften Gestalten des Obersts und des Doktors nahmen den kleinen
Baron in die Mitte und schritten hinaus in die Nacht. Als sie sich unter der
grossen Hängelampe des Ausgangstores bückten, lief ein bizarrer, dreigezackter
Schatten die weisse Wand hinauf.
    In der Wasserstrasse streunten beutegierige Isarnymphen in grosser Zahl am
Ufer her und hin, nächtliche Wanderer mit heiseren Kehlen anrufend, scheltend,
wenn ein Einsamer verächtlich oder mit hart abweisender Rede ihren Reizen
entging, lachend und spottend, wenn ein ehrsamer Philister, der sich im braunen
Nektar etwas mehr als die übliche Bettschwere angetrunken, mit strauchelndem Fuss
sich in ihren Netzen verstrickt. Es war spät und empfindlich kühl geworden. Nur
die Eifrigsten hielten noch aus bis Mitternacht.
    »Wer torkelt denn da unten hart am Wasser herum?« fragte eine ihre Genossin
und wies aus eine kleine Gestalt, die jetzt kauernd mit den Händen in den Fluss
griff.
    »Der wird sich waschen wollen, oder abkühlen, oder gar ersäufen. Was geht
das uns an?«
    Eine Dritte trat herzu: »Das scheint ein Verrückter zu sein. Er wackelt
schon lange am Ufer auf und ab und hält Ansprachen an die Isar und die Bäume.
Dazwischen hat er geflucht und dann wieder geschluchzt. Lasst ihn in Ruh. Jessas,
jetzt hab' ich gar den Schnackler. Ich geh.«
    Die Erste: »Und ich bleib', ich bin neugierig, was der macht. Wart' doch.«
    Die Zweite: »Geh'n wir wenigstens näher hin, damit wir hören, was er sagt.«
    Die Dritte: »Er sagt fast immer das Nämliche, einmal: Verhandeln und
verschandeln will man Euch, wer am meisten bietet, der kriegt Euch und er kann
dann mit Euch tun was er will. O Sünd', o Jammer! und dann: Ich geh' mit Euch,
ich mag nimmer, nehmt mich mit. Und lauter solche verrückte Reden.«
    Die Zweite: »Das ist doch nicht auf uns gemünzt? Es passt fast jedes Wort.«
    Die Dritte: »Bist Du einfältig. Die Bäume und das Wasser spricht er so an.
Es ist ein Verrückter. Lasst ihn in Ruh'. Das ist ein bedauernswerter Mensch. Ich
geh' heim.«
    »Heilige Mutter Gottes,« schrie die Erste. »Jetzt ist er im Wasser, die
Wellen reissen ihn fort. Hilfe! Hilfe!«
    Die drei Nymphen liefen kreischend hinab, hielten sich an einem Floss und
entrissen den Ertrinkenden der Flut.
    Ein herbeigeeilter Gendarm erkannte in ihm den alten Uhrmachermeister ....
    Auf der Kohleninsel heulte ein Hund ...
 
                                       6.
.... »Man merkt's Ihnen an, lieber Schlichting, dass Sie das Erlebnis der
vergangenen Nacht angegriffen hat. Kein Zweifel, das war kein Brand von
ungefähr. Die Bosheit der Menschen ist grenzenlos. Was in der moderigen
Schneiderherberge aufflammte, sengende und brennende Liebe war's gewiss nicht;
das hatte seinen Zunder in irgend einer gemeinen Leidenschaft, in Hass, Neid,
Rachsucht ... Forschen Sie gelegentlich der Ursache nach. Das alles ist
belehrend und lässt sich schriftstellerisch verwerten, sobald man alle
Mittelglieder zwischen Ursache, Wirkung und Folgenreihe in der Hand hat ... Ein
Glück, dass das Feuer so rasch gelöscht wurde. Sie hätten ja entweder in Ihrem
Dachstübchen ersticken oder bei einem Versuch, durch das Fenster zu entkommen,
den Hals brechen müssen. Feuersnot ist entsetzlich. Ich wohne darum mit meiner
Weltlitteratur und meinen andern geringen Habseligkeiten zu ebener Erde.«
    Doktor Trostberg hatte sich eine frische Zigarrette aus Genidze-Tabak
gedreht und angezündet - wenigstens die zehnte in dieser Frühe, denn das ganze
weitläufige Gemach schwamm in Rauch und hüllte die Büchergestelle an den Wänden
und das grosse Bild Schopenhauers über dem Schreibtische so dicht in blaugraues
Gewölke, dass man sie kaum mehr erkennen konnte - dann zog er die gelbe Schnur
seines roten Schlafrocks enger um den schlanken Leib und legte sich der Länge
nach mit dem Rücken auf das niedrige, breite Ruhebett, das mit einem kostbaren
Eisbärenfell, einem Geschenk des Königs - überzähliges Stück aus der
Hundinghütte beim Linderhof - bedeckt war.
    Er strich sich mit der schmalen Hand über das ovale, gelbliche Gesicht, das
von den Augenwinkeln die Wangen herab eigentümlich symmetrische Runzeln hatte,
zwirbelte seinen langen, schwarzen Spitzbart und begann wieder, während
Schlichting bleich und sinnend an dem halbgeöffneten grossen Gartenfenster stand,
mit seiner trockenen, etwas schnarrenden Stimme: »Also Punkt Eins wäre geordnet;
Sie können sich auf mich verlassen, dass ich mit Baron Drillinger einen Versuch
machen werde. Ganz unter uns: ich tu' es aus purer Menschenliebe, nicht aus
verstandesmässiger Überzeugung; ob Drillinger mit der stattlichen Frau Soundso
oder der zierlichen X Y Z kost oder schmollt, das sind für den Lauf der Welt
ganz belanglose Zwischenaktsscherze. Aber das in ihrer Ehe unbefriedigte Weib
hat sich nun einmal unsern Schwerenöter als Tröster in den Kopf gesetzt - gut,
tun wir ihr den Gefallen; obschon ich mir, ich wiederhole dies, keinen oder nur
einen sehr geringen Erfolg davon verspreche. Drillinger ist eine
optimistisch-flatternde Seele, und dabei oft eigensinnig und trotzig wie ein
Kind. Es muss ja auch solche Käntze geben. Ich erwarte ihn ohnehin heute oder
morgen. Und nun zu Punkt Zwei: in Sachen Pressbandit, Ergänzung des bereits
Bekannten. Das ist auch ein Kantz, aber ein bodenlos schlechter. Deshalb jedoch
nicht weniger interessant. Nicht als Mensch, denn ich wüsste nicht, was an einem
solchen Stegreifritter von Schmierfinkski Interessantes zu finden wäre, sondern
als Kulturerscheinung, als soziologischer Typus, als Produkt unserer verrotteten
und verpesteten Sittenzustände. An solchen Früchten kann man zunächst erkennen,
wohin die Freiheit des journalistischen Gewerbes führt, welch' ein mächtiges
Element zur Durchseuchung und Auflösung der modernen Gesellschaft sie darstellt.
Das Zeitungswesen! Dieser ständige geistige und moralische Seuchenherd! Der pure
Hohn auf den vielgerühmten Willen der Kulturmenschheit, zur Wahrheit und
Gesundheit zu gelangen. Haben Sie sich einmal in einem Kaffeehaus die Horde der
Baccillenschlucker, vulgo Zeitungsleser, angesehen? Wie sie dahocken und mit
stieren Blicken und dummen, vom Qualm der schlechten Luft und des schlechten
Gesöffes aufgedunsenen Gesichtern das bedruckte vergiftete Papier gierig
hineinschlingen? Wie sie ihre Hohlschädel mit politischem Quark und
feuilletonistischem Kohl und Klatsch und Tratsch ausmöbeln? Und haben Sie einmal
eine Sudelküche gesehen, wo diese journalistischen Gerichte zusammengeschmiert
und gepappt und gekocht werden? Das müssen Sie einmal nach der Natur studieren,
mein lieber Herr Schlichting. Da werden Ihnen elektrische Lichter aufgehen! Da
werden Sie auch die Verachtung begreifen lernen, mit der ein Bismarck von den
Journalisten als von Leuten spricht, die ihren Beruf verfehlt haben. Die Presse!
Der Leipziger Professor Wuttke, mein alter Lehrer hat ein Buch darüber
geschrieben. Der Unglückliche! Der Menschheit ganzer Jammer packt einen an, wenn
man das liest ... Ich sage Ihnen, hüten Sie sich vor der
Tages-Zeitungsschreiberei - überhaupt vor dem ganzen politischen Wischiwaschi.
Das ist Gift für jede seiner organisierte Natur. Und alles für die Katz'! Von
allen irdischen Nichtigkeiten und Dummheiten ist die Tagespolitik die
allernichtigste und allerdümmste. Drum blasen sich die Politiker mit ihrem
Geträtsche auch so auf, weil sie selbst die Empfindung nicht los werden können,
dass sie wie Wolken vom Winde verjagt werden, dass sie nur Schattenbilder von
Schatten sind. Betrogene Betrüger, Larifari-Kakaphonisten. Ein jeder glaubt ein
All zu sein, und jeder ist im Grunde nichts. Lassen wir nur erst einmal den
sozialen Cäsarismus, der bereits in der kaiserlichen Botschaft leise
präludierte, über das alte, geschwätzige Europa kommen! ... Die Presse ist
Grossmacht, wenn und wo es gilt, die öffentliche Versimplung und die
nichtsnutzigen Keime im Volksleben zu entwickeln; ihr tägliches, unausgesetztes
Getröpfel höhlt den härtesten Stein. Sie ist eine Ohnmacht, wenn - - doch davon
ein andermal. Kommen wir auf unsern Münchener Fall und erlauben Sie mir - wollen
Sie nicht Platz nehmen? nein? nach Belieben! - dass ich etwas weiter aushole, es
kann zur Förderung Ihres Manuskriptes nur nützlich sein. Es liegt mir in der
Tat daran, Ihnen meine Erfahrungen und Erkenntnisse gerade auf diesem Gebiete
zu novellistischer Verwertung möglichst umfassend mitzuteilen. Sie können ja
alles kontrollieren und brauchen sich nichts aufbinden zu lassen. Ja, Sie sollen
alles kontrollieren! Man soll keinem Menschen aufs Wort glauben in Dingen, die
man mit eigenen Sinnen erforschen und durchprüfen kann. Und nun bietet sich
Ihnen ja die denkbar schönste Gelegenheit, Ihre impressionistische, prüfende und
nachbildende Kraft zu erproben. Ich habe jetzt keine Zeit und keine Lust, solche
Geschichten nach der Natur zu schreiben. Ich hätte vielleicht auch gar nicht das
notwendige Handwerkszeug dazu. Ich bin Dramatiker und nicht Novellist. Sie sind
noch keines von beiden, aber Sie fühlen den Drang, als Novellist wenigstens
einen Versuch zu machen. Wohlan denn! Und Sie wollen keine schon millionenfach
geschriebene banale Liebesgeschichte vom Hans und seiner Grete schreiben,
sondern - etwas anderes. Auch keine krachledernen Hosenfabeleien aus dem
dichterisch schon ganz zermürbten bayerischen Hochgebirg, keine Salontirolerei
oder sonst eine troddelhafte Volksmünchhausiade, wie sie noch immer schockweise
von den geriebenen Erfolgsspezialisten, die mit andertalb Ideen zwanzig Bände
vollschreiben, auf den Markt geschleudert werden. Das gefällt mir. Was es wird,
wird sich ja am Ende zeigen. Zunächst gilt es: frisch zu wagen und nach echten
Dokumenten zu arbeiten. Da setzt meine Handreichung ein ... Ohne die berühmte
Liebe werden wir dabei freilich nicht auskommen. Denn wenn wir, nur einen
Goeteschen Ausdruck zu nehmen, ein wahres Bild des beschatteten, buntgrauen
Erdenlebens entwerfen wollen, müssen wir unseren Pinsel auch in jenen unheimlich
gemischten Farbentopf tauchen, den uns die schlimme Teufelin Venus aus ihrem
Schosse darreicht. Was nun dazu Eigenerlebtes gehört, das müssen Sie sich selbst
erwerben. Auch die wichtigste Zutat, warmes, rotes Herzblut, können Sie nicht
aus zweiter Hand empfangen, das müssen Sie sich heissdampfend aus der eigenen
Brust abzapfen. Aber vergeuden Sie die kostbaren Tropfen nicht. Aphrodite, die
schöngelockte, mache es gnädig mit Ihnen! Hüten Sie sich vor den blassen,
blonden Lotosblumen, auch vor den roten, berauschend duftigen Nelken: die gehen
bis ans Mark. Eine volle, üppige Rose, dornenbewehrt, das erträgt sich am
besten. Und für das Studium reicht's. Unsere alten Helden nahmen ein blankes
Schwert mit aufs Minnelager: ein Stock, oder eine Peitsche tut's auch - - -
Unsere Liebesproblemdichter, die auf kaltem Verstandeswege arbeiten, kommen mir
vor wie Prostituierte, die sich dem Liebesakte gewerbsmässig hingeben, ohne
jedwede Innigkeit der Empfindung, die bei der Umarmung nur den materiellen
Gewinn fühlen, der in ihr Portemonnaie fällt, oder die stupide Befriedigung
einer tierischen Laune, in welche höchstens die schamlos kühle Beobachtung und
Vergleichung des gegenwärtigen Falles mit vorausgegangenen einen Zug entmenscht
menschlicher Besinnung bringt. Diese sogenannten keuschen Dichter mit ihrer
ausgeklügelten Liebesschilderei und Schleierweberei und Andeuterei sind die
eigentlich unkeuschen Dichter; sie leisten bei aller anscheinenden
Wohlanständigkeit ihrer Darstellung der allzeit regen und aufgestachelten
Phantasie ihrer Leser die schmutzigsten Kupplerdienste. Natürlich wissen sie
sich sehr gescheidt damit zu decken, dass sie bei aller halbverhüllten Brünstelei
und Liebesstöhnerei die legitime Regulierung des Liebestriebes zu fördern
vorgeben. Nachdem sie ihr Liebespärchen und mit ihm den Leser und besonders die
Leserin mit heissen Blicken, Küssen und anderen noch in den Rahmen der
konventionellen Sittlichkeit fallenden Betastungen und Entblössungen weit genug
gebracht haben, dann legen sie den Finger an den Mund, ziehen den Vorhang zu und
pantomimen als echte Komödianten der Feigenblattmoral: So, meine Lieben, jetzt
seht euch nach einem legitimen Strohsack oder, wenn's die Mittel erlauben, nach
einem schwellenden Himmelbett um, und lasst den Herrn Standesbeamten oder den
hochwürdigen Herrn Pfarrer rufen - und damit ist alles in schönster Ordnung, das
sonst Zuchtloseste und Verfehmteste ist dann eitel Zucht und Sitte. Form ist
alles. Legitimität und Justemilieu! Und die gute, gedrillte Kulturmenschheit
weiss sich nichts Erhabeneres in ihren Gedichten, Bildern, Romanen und
Teaterstücken, als diese ewigen Liebes-Legitimitäts-Aufschneidereien abzuorgeln
und - - - in Wirklichkeit doch alles hinterrücks so geschehen zu lassen, wie's
der alten und ewig jungen Natur gefällt. Nein, mein Freund, mit solchem Zeug
wollen wir nichts zu tun haben. Das ist den Tropfen Tinte nicht wert, mit dem
man's niederschreibt. Herzblut und Wahrheit! - - Haben Sie schon einmal
gründlich erfahren, was Liebe ist - himmlische und irdische Liebe, wie sie
unsere ästetisch-sittlichen Spaltpilz-Spalter so weise und klug unterscheiden?
Haben Sie ... Ich verstehe Ihr Schweigen zu würdigen, junger Freund. Es ist
kräftiger, als ein lautes Ja. Aber wollen Sie wirklich nicht Platz nehmen? Ich
spreche leichter, wenn ich Sie gut aufgehoben weiss. Ziehen Sie sich wenigstens
den Schaukelstuhl ans Fenster; sitzend hört man nicht nur bequemer, sondern auch
besser. Und Sie sind noch müde und nervös von gestern und haben einen Tag voll
Arbeit vor sich. Rücken Sie mir das Rauchtischchen näher, bitte! So - Sie lieber
Mensch.«
    Schlichting hatte sich im Schaukelstuhl am Fenster niedergelassen. Er wandte
sein bleiches Gesicht dem Sprecher zu, dessen ruhendes Längenbild sich ihm in
phantastischer Verkürzung zeigte, im Nebel des Zigarrettendampfes: zunächst die
schimmernde Glatze eines fast kreisrunden Schädeldaches, dann den seinen
Nasenrücken, dann die rote Fläche des Schlafrocks auf dem weissen Fell dann zwei
gelblederne Pantoffelspitzen.
    »Es ist schade, Herr Schlichting, dass Sie nicht rauchen, und es ist zugleich
ein Gewinn denn das Rauchen - ich denke dabei nur an die Zigarrette, nicht an
den derben Glimmstengel, noch an die klobige Pfeife - ist eins der wenigen
wahrhaftigen Vergnügen, die uns das erbärmliche Leben bietet und welches sich
auch der Weise gestatten darf; es ist leider aber auch eine Verführung zu
erschlaffender Träumerei nicht allein, sondern auch zum Übermass des Genusses. In
letzter Hinsicht bin ich selbst ein abschreckendes Beispiel. Ich rauche viel zu
viel, entsetzlich viel. Meine Stube ist ein blaues Wolkenheim, nicht wahr? Und
Sie leiden gewiss darunter? Armer Freund, öffnen Sie nur ganz das Fenster. Ja?
Sie sagen gar nichts?«
    »Mit Ihrer Erlaubnis, Herr Doktor. Ihr blaues Wolkenheim mit dem anstossenden
frisch grünenden Garten und dem plätschernden Springbrunnen ist für mich eine
Idylle.«
    Schlichtings Stimme klang matt, belegt. Seine Augen waren rot gerändert,
seine Lippen blass. In der Fensteröffnung neckte sich die durchsonnte
Frühlingsluft, die stürmisch hereinflutete, mit den Rauchschwaden, die freien
Abzug suchten. Hellblauer Himmel spannte sich über die Häuserlücke, in welche
das Gärtchen eingebettet lag. Zwei Tauben sassen auf dem Beckenrand des kleinen
Springbrunnens und hoben ihre weissen und grauen Flügel, um den erfrischenden
Wasserstrahl im Niederstäuben aufzufangen. Gelbe Schlüsselblumen äugelten aus
den grünen Rasenbeeten. In der Mauernische sonnte sich des Königs Büste, ein
Modell von dem Bildhauer Achtuber.
    »Sie sind auch zu gut für diese Welt, mein lieber Impressionist. Und nun
endlich zur Sache Letzte Zwischenfrage. Wie viel Uhr ist es?«
    »Neun Uhr, Herr Doktor.«
    »Recht. Dann, können wir noch eine gute Stunde ungestört plaudern. Die
Kanaille da droben empfängt nicht vor zehn Uhr. Und ich bin bis halb Elf auch
frei. Hoffentlich überfällt mich den Vormittag kein Kurier des Königs. Ich
erwarte nur meinen Leibschneider und einen jungen Tonheros, der sich gestern
schon melden liess - Eleve von Franz Liszt, wie er stolzbescheiden auf seiner
Visitenkarte annonciert - Artur Friedberg mit Namen. Also! Der Pressbandit sitzt
jetzt im Bewusstsein seiner redaktionellen Macht und Würde an seinem Werktisch,
um die Korrekturen seines Witzblattes zu lesen. Er erwartet seinen ständigen
Mitarbeiter, einen vor langen Jahren aus der Armee gestossenen Leutnant, einen
Pfälzer Landsmann von mir, der sich als Winkellitterat und Karikaturenzeichner
in der Hauptstadt niedergelassen hat und bei seinem zügellosen Lebenswandel
allmählich so in Misskredit gekommen ist, dass er als Bohémien der Feder und des
Stiftes nicht mehr wählerisch in der Art seines Tagewerkes sein kann, will er
sich überhaupt noch in dem faulen Sumpfe erhalten, der für ihn das Leben
geworden. Aus seiner früheren Zeit hatte er sich wohl noch manche Beziehung
bewahrt, die er als galanter Abenteurer und Schmarotzer ausbeuten konnte. Von
reich verheirateten Damen, denen er einst zu mancherlei heimlicher Kurzweil
behilflich gewesen und die seine Entüllungen fürchteten, bezog er jahrelang
einen Tribut. Allein auch diese Quellen sind im Wechsel der Zeit und der
Verhältnisse endlich versiegt. Vom Salonstrizzi und gelegentlichen Mitarbeiter
der besseren humoristischen Blätter ist er von Stufe zu Stufe bis zum
journalistischen Wegelagerer und Staudenhecht gesunken. Neben manchem guten Fang
und fetten Brocken waren es lange Zeit doch nur schmale Bissen, die er zu
erjagen bekam, weil er als Einzelner mit seiner Haut einstehen musste und seine
Schleichwege dem Auge der Polizei in allen Krümmungen bekannt waren. Die
Münchener Verhältnisse erwiesen sich als nicht grossstädtisch und kompliziert
genug, um auf eigene Faust das Freibeutertum mit hinlänglicher Regelmässigkeit,
Ergiebigkeit und Sicherheit auszuüben. Mit der Gründung der Kloake eröffnete
sich ihm plötzlich die glänzende Aussicht eines festen Erwerbs in der
Pressbanditen-Branche unter der Verantwortlichkeit eines andern. Jetzt brauchte
er seine gefährlichen Schmieralien nicht mehr persönlich zu hausieren; er hatte
in der Kloake ein gesichertes Absatzgebiet, wo er unter dem Schutze des
verantwortlichen Herausgebers und Verlegers darauflos hantieren konnte, ohne der
Welt gegenüber im schlimmen Falle mit seiner eigenen Person einstehen zu müssen.
In der Redaktion der Kloake hat das Schmierantentum eine regelrechte
Organisation gefunden, wo jeder einzelne Mitarbeiter in erwünschter Anonymität
hinter dem Schilde des einzig verantwortlichen Räuberhauptmannes und Chefs
seinem Gewerbe fröhnen, seine Notdurft befriedigen kann. In der königslosen
Residenzstadt, wo durch die Abwesenheit eines die höchsten Gebiete des geistigen
und geselligen Lebens macht- und glanzvoll umspannenden und befruchtenden
Hoflebens auch Litteratur und Journalistik mehr und mehr in die Wege des
spiessbürgerlichen Industrialismus getrieben und der kapitalistischen Ausbeutung
unterworfen wurden, konnte sich in den letzten Jahren besonders in der
niedrigeren Tagespresse eine immer entschiedenere Richtung ausprägen, welche die
ergiebige Pflege der schmutzigsten Skandal- und Schmähsucht auf ihre besudelte
Papierfahne geschrieben hat. Hatte selbst in den glücklicheren Zeiten der noch
am Königshofe regelmässig gepflegten Symposien die hauptstädtische
Tagesschriftstellerei die grösste Mühe, mit der Aristokratie des Geistes und der
Geburt in Fühlung zu kommen und dadurch ihr Ansehen und ihren Einfluss in Stadt
und Land zu erhöhen, so waren jetzt, in der Epoche der Residenzflucht des
Staatsoberhauptes, doppelte Anstrengungen nötig, um in der Journalistik Münchens
eine dem hohen Rufe der Kunststadt einigermassen entsprechende Repräsentation
aufrecht zu erhalten. Durch den Mangel einer königlichen Hofhaltung war ja das
residenzstädtische Leben der süddeutschen Biermetropole der stärksten
Triebkräfte und Anregungen zur Entfaltung vornehmer, reicher Geselligkeit im
grossen Stile beraubt. Es fehlten die hohen Vorbilder, im Rahmen eines genial
pulsierenden Kunststadtlebens die äusseren Lebenserscheinungen im Salon, im
Teater, im Konzert- und Ausstellungssaal, auf den Promenaden mit Pracht und
Glanz und geistig-vornehmer Grazie auszustatten. In der Tagespresse spiegelt
sich der Rückgang echt aristokratischen Wesens am deutlichsten. Die
Werkeltäglichkeit des Gehabens, das Hemdärmeltum im Verkehr, die Verachtung der
schönen Formen, die Banalität und Verphilisterung, wie sie sonst nur dem platten
Materialismus einer Industrie- und Fabrikstadt eigentümlich sind, drücken mehr
und mehr auch der königslosen Residenz- und Kunststadt ihr gemeines Gepräge auf
- und Isaraten, als lebendige Erscheinung auch im Menschlichen, nicht bloss in
toten Bau- und Bildwerken, ist eine Fabel geworden. Ton und Haltung des grössten
Teils der Tagespresse aber hätten der Münchener Journalistik am allerwenigsten
ein Anrecht auf den hellenischen Ehrentitel erwerben und dieselbe als Trägerin
ateniensischer Kulturgedanken und Lebensformen erweisen können.
    Die Tages- und Wochenblättchen, welche auf die lumpigsten Instinkte einer
geistig und sozial herabgekommenen Lesewelt spekulierten, schossen, Dank der
Gewerbe- und Pressfreiheit, gleich Pilzen aus dem Münchener Boden. Sie machten
sich gegenseitig eine wütende Konkurrenz und bekämpften sich mit Mitteln, auf
deren Ersinnung eine indianerhafte Phantasie hätte stolz sein können. Zahlreiche
Blattleichen bedeckten quartaliter die Walstatt. Aber wer in diesem Kampfe um
Leser, Abonnenten und Inserenten, so oft er auch zu Boden geschlagen schien und
von der anständigen Presse ohne jedwede Handreichung gelassen und wie ein
Geächteter behandelt wurde, doch immer wieder auf die Beine kam, das war Meister
Pressbandit mit seinem humoristisch-satyrischen Wochen-Skandalblättchen Die
Kloake. Bald versuchte er's mit kriechender Schmeichelei, bald mit sinnloser
Frechheit sich an die Vertreter der relativ anständigen Presse als echte
Schmeissfliege heranzuschmeissen und ihre Aufmerksamkeit kollegial auf sich zu
lenken, jedoch ohne Erfolg. Die grossen Blätter nahmen von der Existenz des
dunklen Ehrenmannes nur unter der Rubrik Gerichtsverhandlungen Notiz, so oft die
Kloake wegen Erpressung, Verleumdung und Ehrabschneiderei von der Schärfe des
Gesetzes getroffen wurde, was in der letzten Zeit glücklicherweise nicht selten
der Fall war. Wenn das in München grassierende Vereinsgründungsfieber fünf oder
sechs Journalisten erfasst und so kraftlos gemacht hatte, dass sie sich nur durch
die Errichtung eines neuen Klubs oder Bezirksverbandes zur ferneren Ausübung
ihres hehren Kulturberufes aufzuschwingen vermochten, da schlich der Meister
Pressbandit und Kloaken-Chef jedesmal auf den weichsten Sohlen heran, um seine
vortrefflichen Qualitäten in den Dienst der guten Sache zu stellen und seine
interessante Persönlichkeit mit der kurzgeschorenen Schweinswolle auf dem
Denkerhaupte, das mit dem Kopfe des geschätzten Rüsseltieres so erfreuliche
Ähnlichkeiten hat, ritterlich anzubieten. Der Schuft braucht einen Putz, der
seine Scheuseligkeit den Menschen erträglicher macht. Diesen Putz soll ihm das
Herdengefühl, genannt Kollegialität, verschaffen. Er möchte auch am hellen Tage
ausgehen und jemand haben, der auf der Strasse seinen Gruss erwidert. Verstehen
Sie dieses Bedürfnis? Er möchte jemand haben, mit dem er öffentlich per wir
sprechen kann. Das ist Notdurft und Luxus zugleich. Allein die Vereinsmannen
hatten jedesmal trotz aller kollegialen Begeisterung, trotz aller Schwärmerei
für den kameradschaftlichen Zusammenschluss aller Ritter von der Feder die
Nüchternheit, den Herausgeber und Verleger des ruhmreichen Witzblattes von
Isaraten an die Luft zu setzen. Selbst wenn bei einer
Journalistenvereinssitzung, die so zahlreich besucht zu sein pflegt, dass der
dritte Mann zum Skat durch einen Expressboten geholt werden muss, der ehrenwerte
Kloaken-Chef sich gastfreundschaftwerbend angemeldet hätte, würde man ihm die
Türe vor der Nase zugeschlagen haben. Und er hat eine so empfindliche,
vielsagende Nase, wie aus schimmeliger Käsrinde geschnitten! Eine Nase, die
nicht nur riecht, sondern auch gerochen wird. Soll ich Ihnen ein Glas Kognak
aufwarten?! Ich habe von einem Monsieur Paillard eine Probesendung da. Nein?
Also weiter. Dieses gewiss nicht schöne Verhalten der Kollegenschaft bereitet ihm
manche kummervolle Stunde. Nicht die stärksten Flüche über die Schlechtigkeit
der Menschen, nicht die dreifache Dosis Doppelkümmel nach dem sechsten Liter
Metzgerbräu, nicht die zärtlichste Prügelsoiree, die ihm ab und zu seine holde
Gattin bereitet - nichts, nichts, nichts vermag in solchen Stunden die gepresste
Seele des Edlen zu erleichtern. Ja, das Dasein wird diesem biedern Kloaken-Chef
zuweilen recht sauer gemacht ... Haben wir Mitleid mit ihm, Mitleid auch mit der
Kanaille! Was meinen Sie, mein lieber Schlichting? Hab' ich Sie in Schlaf
geredet?«
    »Nein, Herr Doktor. Ist Ihr Appell an das Mitleid ernstaft gemeint? Ich bin
geneigt zu glauben, dass diese Erzschufte in der Tat bemitleidenswert sind - um
ihres inneren Elendes willen. Tat-twam asi ...«
    »Bezähmen Sie diese Neigung, sie führt Sie irre. Pfarrer und
Moralphilosophen haben allerdings vom sogenannten inneren Elend der Bösewichte
ein markerschütterndes Gemälde zusammenphantasiert, ein Gemälde im Schauderstil
Wereschagins. Die gründlichere Beobachtung straft sie Lügen. Es ist nichts mit
dem Seelenjammer dieser Jammerseelen. Diesen Spottgeburten aus Dreck und Fusel
ist unendlich wohler, als den reinen Geistern. Ein Herz- und Nierenprüfer wie
Shakespeare hat das eigenartige Glücksgefühl dieser Kreaturen scharf erkannt und
an vielen Stellen überzeugend geschildert. Shakespeare, der genialste Analytiker
menschlicher Verworfenheit und teuflischer Bosheit! Das Schopenhauersche Mitleid
wäre hier Gefühlsentartung.«
    »Wie steht es dann damit, dass alles Glück erst mit der Vernichtung der
Leidenschaft, mit dem Schweigen des Willens, mit der Askese und Entsagung
begründet werden soll?«
    »Glück und Glück ist zweierlei. Das Glück der Entsagenden ist die Sehnsucht
der Übermenschen, die über den darwinistischen Affensprössling hinaus sind. Das
Glück der Untermenschen ist die Befriedigung ihrer ererbten Affentriebe, ihrer
Geilheit, Gefrässigkeit, Nachahmungseitelkeit und ähnlicher untermenschlicher
Widerlichkeiten.«
    Schlichting schüttelte den Kopf, zerstreut, missmutig, abgespannt.
    Doktor Trostberg bereitete sich eine frische Zigarrette aus duftigem
Genidzetabak.
    »Ja, das Glück der Bösen - das klingt freilich wie ungeheuerlicher Sophismus
für sittlich ausgewaschene Ohren. Warum gedeihen denn die Bösen so üppig? Warum
entschlüpfen denn gerade die exzessiven Schufte wie dieser Pressbandit viel eher
den Quälereien und Quängeleien des Lebens, denen so viele brave Leute täglich
unterliegen? Warum können diese Revolvermänner so frech mit ihrer Waffe spielen?
Freilich, einmal verunglücken sie damit, aber sie haben doch unendlich lange
sich des Erfolges ihres Räuberspiels erfreut.«
    »Weil das Publikum so feige ist, sich ihre Praktiken gefallen zu lassen. Das
Publikum ist der Mitschuldige. Es lässt sich einschüchtern. Nicht bloss in Italien
zahlt man den Räubern ein Lösegeld oder einen regelmässigen Tribut, damit man vor
ihren Überfällen verschont bleibt.«
    Schlichting fieberte. Er fühlte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg.
    »Nein, nicht bloss in Italien, sehr richtig. dabei kommt auch noch dies in
Betracht: der heilige Florian wird vom Feuerfürchtigen angerufen: Ich bitt'
dich, heiliger Florian, verschon' mein Haus, zünd' andere an. Wenn das Haus des
andern brennt, ist's immer ein Schauspiel, das man sich mit Vergnügen beguckt,
weil's die Nerven kitzelt. So bezahlt man als Skandalfürchtiger dem
journalistischen Kloakenmann ein Schweigegeld für sich, damit man zugleich als,
Skandalfreudiger sich an dem Anblick weiden kann, wenn er mit doppelter
Frechheit über die Nichtzahler herfällt und sie von oben bis unten mit Kot
bemalt. Dem genussgierigen Mob, auch dem gebildeten, ist jede Gemeinheit
willkommen. Ich werde Ihnen einmal mit einer Reihe von Einzelfällen aus der
sogenannten besten Gesellschaft aufwarten, dass Sie staunen sollen. Aber Sie
müssen erst gehörig Kognak trinken lernen, - wollen Sie einen Schluck? ich habe
sehr guten da - damit Sie den Ekel aushalten. Ja, dieser glitzernde Sumpf,
dieser duftende Mistaufen ... Und das will sich, wie der Pharisäer im
Evangelium, an die Brust schlagen und augenverdrehend den Himmel angrüssen: Ich
danke dir Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute aus Sodom und Gomorrah
... Sie sind noch jung in München, lieber Freund. Die schmutzigen Münchener
Geheimnisse unter der sozialen Glanzwichse entschleiern sich nicht mit dem
ersten Blick. Ich werde Ihnen meine Augen und meine Materialiensammlungen
leihen, wenn die Zeit gekommen. Dann werden Sie tief hineinblicken in unser
verborgenes Leben. Nur will ich die Stetigkeit Ihrer Arbeiten nicht
beeinträchtigen durch Stoffüberladung. Nur eins will ich Ihnen heute noch
erzählen, um der Kontrastwirkung willen. Ein Widerspiel exzessiver Güte der
exzessiven Schlechtigkeit. Im Gegensatz liegt die Kunst, auch für den
Impressions-Novellisten. Wie lange sind Sie in München, Herr Schlichting? Zwei,
drei, Jahre, nicht wahr? Also werden Sie den Mann nicht vom Sehen kennen, kaum
vom Hörensagen. Ja, doch, ich selbst habe Ihnen neulich andeutungsweise von ihm
gesagt, dass ihn der Pressbandit hin und wieder durch seine Kloake schleife.
Richtig. Es geht mir so viel durch den Kopf. Die Verhöhnung in dem Sudelblatt
ist jetzt vielleicht in München noch die einzige Erinnerung an ihn. Effenbach
ist ein Verschollener. Er hat sich vor ein paar Jahren müde, abgehetzt, krank
vom hauptstädtischen Schauplatz in seinen Steinbruch zurückgezogen, wie ein
todwundes Wild, das im Wald einen Unterschlupf zum Verenden sucht. Vielleicht
haben Sie meine Andeutung überhört. Wie's heute um den Maler Effenbach steht,
weiss ich selber nicht. Welch' ein unzeitgemässer Mensch! Stellen Sie sich vor: er
lebt im Lande des berühmtesten Bieres - und trinkt nur frisches Wasser; er lebt
in der Stadt der saftigsten Braten und Kalbshaxen - und begnügt sich mit der
schmalen Pflanzenkost des strengsten Vegetarianers; er lebt in der
Kunstmetropole, wo die vertraktesten Modebilder in den Strassen herumlaufen und
die Künstler in ihrer Tracht sich der sterilsten und geschmacklosesten
Schneiderphantasie unterwerfen, um vor dem herrschenden Philister- und Geckentum
nicht aufzufallen - und er kleidet sich in ein schlichtes wollenes Kuttengewand
wie ein Mönch; alle Welt verbummelt die heiligen Sonntage so sündhaft und
vergnügt wie möglich - und er sammelt seine Gedanken bei den Verachteten und
Verlassenen und hält Vorträge über die Quellen des menschlichen Elends; alle
Welt liegt auf den Knieen vor dem goldenen Kalb und kankaniert den Narrentanz
nach Lust, Reichtum, Ehre - er steht hoch aufgerichtet da in seiner Armut und
apostolischen Reinheit, beschäftigt sich mit dem Leid der andern und erstrebt
nichts, als dass man ihn unbehelligt seinen uneigennützigen Beruf als
Menschheitsfreund erfüllen lasse. Heilandhaftigkeit eines Neu-Nazareners im
Lande der alleinseligmachenden Masskrüge! Wo sogar die himmelragenden Türme der
Metropolitankirche zu Unsrer lieben Frau die Form von Riesenmasskrügen haben.
Erlösung dem Erlöser! Die andern besorgen sich ihre Erlösung auf ihre Weise.
Durch die Jahrhunderte spottet's vom Jordan zur Isar herüber: Wenn du ein Gott
bist, so hilf dir selbst und steig' herab vom Kreuze! Und Effenbach schleppt
seinen Kreuzbalken ... dabei arbeitet er im Stillen rastlos an der
Vervollkommnung seiner Kunst, denn er ist ein genial veranlagter Maler, und
verschmäht es, sich mit seinen Studien der Öffentlichkeit aufzudrängen. Seine
Kunstgenossen sehen ihn über die Achsel an. Welch' ein unzeitgemässer Mensch,
nicht wahr? Nein, mehr als das: ein Phantast, ein Narr, ein Unfugtreiber, ein
polizeiwidriges Subjekt! Ja, ja. Wiederholt ist er seiner Kleidung und seiner
Lebensweise wegen vor die Schranken des Gerichts zitiert und des öffentlichen
Unfugs angeklagt worden. Natürlich! Wo er sich blicken liess, in unserer
gebenedeiten Biermetropole und Kunststadt, lief ihm der Pöbel nach, und die
Ansammlung der Maulaffen hätte Verkehrsstörungen und Unglücksfälle verursachen
können. Welch' ein Malheur, wenn einige Troddeln unter die Räder gekommen wären!
Aber die Troddeln müssen geschützt werden, selbstverständlich. Die
vereinsmässigen laxen Vegetarianer hassen ihn wegen seiner Strenge und
unbeugsamen Konsequenz; die parteimässigen, ihren Mantel nach dem Winde hängenden
Politiker und Volksbeglücker verlachen und verachten ihn wegen seiner reinen
Unabhängigkeit und Selbsttreue; die grosse Herde der Gaffer und zeitgemäss
gebildeten Philister verspottet ihn als einen Dummkopf aus Prinzip; die
fanatischen Frömmler verfolgen ihn ... Man kann sich das brutale Verhalten der
Allgemeinheit solchen Ausnahmemenschen gegenüber sehr gut erklären. Schopenhauer
hat stets darauf aufmerksam gemacht, dass die sogenannte gute Gesellschaft
Vorzüge aller Art gelten lässt, nur nicht die geistigen und reinmenschlichen. Und
das geht hinauf und hinab durch alle Schichten der konventionellen Bildungswelt.
Wie wird beispielsweise unser König seiner geistigen und menschlichen
Eigenheiten wegen angefochten - natürlich nur versteckt, insgeheim, denn seine
königliche Würde gewährt ihm einen Schutz, dessen sich andere Sterbliche nicht
erfreuen. Er ist in dieser Welt des herrschenden Militarismus kein Kriegsfürst,
kein Stechschrittfex; er ist inmitten einer den sogenannten ritterlichen
Passionen der Jagd und des Sports huldigenden Aristokratie nicht nur kein
Liebhaber dieser grausamen Vergnügungen, sondern deren erklärter Feind: er ist
bis zu einem gewissen Grade ein geistig überlegener Gegner unserer herrschenden
Kunstzustände und schafft sich auf dem Gebiete des Schönen sein eigenes
Phantasiereich. Das alles verletzt die anderen, die jeder Torheit, Narrheit,
Verkehrteit und Stumpfheit grenzenlose Geduld und liebevolle Nachsicht
erweisen, sofern sie in den überlieferten Kram passen, die aber durchaus nicht
zugeben wollen, dass wir eigenartig wir selbst seien, wie es unserer
individuellen Natur angemessen ist. Wir sollen mit diesen anderen im Einklange
leben, wir sollen einschrumpfen, uns umgestalten, d.h. uns verunstalten. Welch'
eine barbarische Tyrannei! Einem König ist nicht beizukommen. Aber dem Maler
Effenbach war beizukommen. Wie hat man ihn gemartert! ...«
    Im Verlaufe dieser Erzählung hatte sich Schlichting leise dem Sprecher
genähert.
    »Ich glaube den Mann zu kennen, Herr Doktor, Ein sonderbarer Zufall ... ich
glaube wenigstens ...«
    »Hat es nicht geklingelt?«
    Doktor Trostberg erhob sich, tief aufatmend von der langen Rede.
    »Wir müssen leider abbrechen. Ich erwarte Besuch. Aber noch das: dieser
Effenbach ist es wert, von Ihnen gründlich nach der Natur studiert zu werden.
Ein Mensch, der noch niemand beleidigt hat, der in stiller Zurückgezogenheit
seiner Liebe zur Kunst und zur Menschheit lebt, nicht wahr, das ist ein
ausgesuchtes Original? Schreiben Sie einmal seine Lebensgeschichte mit der
Strenge des Gelehrten und mit der Zarteit des Dichters. Ihre Manuskriptblätter
lassen Sie mir einstweilen da. Also nicht vergessen: was den modernen Gelehrten
so hoch über die flunkernden Dichter und Künstler und schöngeistigen Salbaderer
stellt, ist dies: er hat Ehrfurcht vor der Natur und ihrer Wahrheit, er ist kein
Falschmünzer. Auch Sie sollen als angehender Schriftsteller dem Leben diese
Ehrfurcht nicht versagen. Dies sei Ihnen heiliges Gesetz. Was Sie schreiben,
schreiben Sie's als überzeugter Naturalist, aber - drucken lassen Sie's erst
nach Ihrem Tode! Auf Wiedersehen!«
    Er war aufgesprungen und hatte Schlichting beide Hände gereicht.
    Und unter der Tür zum Vorzimmer, wo ein buckliges Männchen mit einem Pack
unter dem Arm wartete: »Lassen Sie sich das gesagt sein: Nirgends kann man sich
durch Wahrhaftigkeit mehr kompromittieren und mehr Unheil auf den Hals ziehen,
als im heiligen römischen Reich deutscher Nation. Adieu. Gute Verrichtung.«
    Ohne den Wartenden eines Blickes zu würdigen, die Türklinke in der Hand:
»Herr Maximilian Schlichting, Schlichting! Noch ein Wort! Er hört nicht mehr.«
An das Flurfenster eilend: »Wie er in Gedanken und Träumen dahinsteigt, ein
junger, wie von der eigenen Saftfülle etwas schläfrig ermatteter Frühlingsgott!
Ein verdammt hübscher Bursch mit einem wahren Byronkopf. Dieser bebende
Schwingungsreiz der jugendlich schlanken Glieder. Ich darf ihn nicht mehr
ansehen, sonst mache ich ihm wirklich noch eine Liebeserklärung. Das gibt einen
Leckerbissen für ein verliebtes Weib ... Schade ... Ich hätte ihm noch ein Wort
über sein Auftreten gegen den Pressbanditen sagen und doch ein Glas Kognak
aufnötigen sollen ... Göttin der Klugheit, strenge Pallas Atene, steh ihm bei!«
... Mit hastigen schlurfenden Schritten eilte er an die Tür, die vom Flur ins
Schlafgemach führt, und herrschte den bescheiden in der dunklen Ecke wartenden
Handwerksmann an: »Treten Sie daherein! Schnell, ich habe keine Zeit zu
verlieren!«
    Der kleine bucklige Schneider mit der spitzen Nase, den blitzenden Äuglein
und einem wehenden flachsartigen Bart unter dem Kinn hinweg von Ohr zu Ohr,
trippelte hinein und breitete den Inhalt seines Packets auf dem Bett aus. Es war
ein neuer Frackanzug mit wattiertem Unterbeinkleid.
    »Hilf, alter Knabe,« rief Trostberg seinem Diener, dem halblahmen Gabriel,
einem verunglückten Zirkusklown, den er vor einem Jahre auf einer Reise in der
Schweiz aus Mitleid aufgelesen, »hilf, damit wir die Fetzen gleich anprobieren.«
    Gabriel humpelte heran, schnitt eines seiner fünfundzwanzig drolligen
Gesichter, indem er die Augenbrauen im spitzen Winkel in die Höhe zog und die
Unterlippe schwer herabsinken liess. Er hatte wieder den ganzen Morgen über das
»Ding an sich« gebrütet. Seit er in Trostbergs Diensten, hatte er so vielerlei
philosophische Brocken aufgeschnappt, dass er sich des Nachdenkens darüber nicht
mehr erwehren konnte. Und erst seit der Doktor ihm selbst einen Band
Schopenhauer mit den Worten in die Hand gegeben: »Der sei Dein Erzieher!« hatte
der Exklown Anwandlungen tiefsinnigster Grübelei. Zirkus-Erinnerungen und
Philosophie gaukelten in seinem Kopf gar wunderlich.
    »Du schielst ja wieder wie ein Haremstürke. Hier, zieh mir die Beinkleider
aus und hilf mir in die neuen hinein. Erst das.« Und er griff nach den Wattons.
    »O da könnt' man Blutwurst mit Kraut schwitzen, so eng ist der Schlauch,«
ächzte der Diener und presste seine Zunge in den rechten Mundwinkel.
    »Der gnädige Herr werden zufrieden sein, der Schnitt ist gelungen, die
Polsterung am rechten Fleck - sehen Sie, jetzt ist Ihr Bein so gerade gewachsen
wie ein spanisches Rohr,« beteuerte der Schneider-Gnom und streichelte und
zupfte am Knie und an den Waden herum.
    »Da oben zwickt's,« bemerkte Trostberg und deutete auf die verfängliche
Stelle.
    »Werden wir gleich haben,« sagte geschäftig der Bucklige, warf seinen
wehenden Flachsbart auf die Schultern und steckte die spitzige Nase an den
bezeichneten Ort. »Aha«.
    »So, jetzt ist's gut. Nun den Frack her.«
    Gabriel fasste den Frack an den Aufschlägen mit Daumen und Zeigefinger und
wiegte ihn in der Luft mit einer Grazie und Vorsicht, als käme jetzt eine
Zirkusreiterin angesprengt, um den Teppichsprung auszuführen. »Hipp, hipp,«
schnalzte Gabriel leise und seine Augen versanken in einem Runzel- und
Faltentrichter, um plötzlich wieder wie Glaskugeln hervorzuschiessen. »Bravo,
gnädiger Herr, süperb geschlüpft. Man kann's nicht schöner machen. Wille und
Vorstellung gleich gut, des grössten Artisten würdig.«
    »Keine Redensarten. Wie sitzt der Frack? Ist er gelungen?«
    »Wie das Ding an sich.« dabei legte Gabriel sein runzliges Klownsgesicht in
Falten und nickte dem Schneiderlein überlegen zu.
    »Haben Sie die Rechnung bei sich, Herr Zangl?«
    »Zu dienen, gnädiger Herr; sie steckt in der Fracktasche.«
    »Nimm sie heraus, Gabriel, und leg' sie zu den übrigen. Sie pressieren doch
nicht, Herr Zangl?«
    »Rechnungen,« brummte Gabriel, »wir machen uns nichts aus dieser
Erscheinungsform des Willens.«
    Der bucklige Schneider legte sein dunkelgrünes Umschlagtuch zusammen, verbiss
einen Seufzer und antwortete zaghaft mit säuerlicher Miene: »Gar nicht, gnädiger
Herr, es sind zwar schlechte Zeiten, wir haben leider ja kein Hofleben mehr in
München, keine Feste und Gesellschaften, keinen Luxus, es ist alles so einfach
bürgerlich geworden wie in der Provinz, alle Geschäftsleute klagen, aber wir
müssen so auch zufrieden sein.«
    »Natürlich müssen wir das.«
    »Es wird wohl auch wieder besser kommen. Ewig kann's doch nicht so
fortgehen.«
    »Nein, ewig nicht.«
    »Wie es Seine Majestät nur so lange hat aushalten können in den einsamen
Bergen und Schlössern, siebzehn, achtzehn Jahre oder mehr ...«
    »Die grossen Geister haben immer die Einsamkeit gesucht. Nur Alltagsmenschen
brauchen die Herde zur Gesellschaft, weil sie sonst vor Langweile umkämen, da
sie nichts in sich selbst haben. Ein bedeutender Mensch fühlt sich umgekehrt in
der Gesellschaft vereinsamt und allein.«
    »Mit Erlaubnis: Seine Majestät soll zuweilen ja Gesellschaft in seinen
Schlössern haben, aber nicht die passende ... Stallknechte ... Lakaien ...«
    »Das ist seine Sache.«
    »Majestät soll in diesem Frühjahr nicht nach München wollen. Die Stadt soll
ihm noch verhasster sein, seit er ... Man hört so allerlei. Sonst befindet sich
Seine Majestät doch wohl?«
    »Danke gütiger Nachfrage. Den Umständen angemessen. Adieu, Herr Zangl.«
    »Adieu, Herr Doktor. Entschuldigen Sie. Adieu.«
    »Schliess die Tür, Gabriel, und mache, dass ich aus dem engen Zeug wieder
herauskomme. Zu allen Martern des Daseins auch noch diese Zwangskleidung, in der
man sich eingepresst fühlt, wie ein Wickelkind.«
    »Bah, Herr, eine zufällige Erscheinungsform, nicht das Ding an sich. Aber
was ist das Ding an sich? Dem möcht' ich eins hinaufsitzen, wenn ich's mit der
Peitsche erreichen könnte ...«
    »Das Ding an sich ist der Klowinismus. Der Klownismus muss da sein, und
deshalb ist er da. Er ist der Kern von allem. Reiss doch nicht so! Verneinung des
Klownismus ist Verneinung des Willens zum Leben. Drum bist und bleibst Du Klown,
so lang Du lebst. Du kannst Dich anstellen, wie Du willst, der Klown ist das
Bleibende. Nicht so ungestüm sag' ich.«
    Der Kammerdiener-Exklown hatte seinen Herrn bis auf's Hemd entkleidet.
    Da ging die Klingel.
    »Sieh nach ... Nein, bleib' da. Ich bin ja fast nackt ... Sieh doch nach.
Wenn's der Tonheros, der langharige Herr von gestern ist, führ' ihn in den
Tempel der Weltlitteratur und biete ihm Zigaretten an und ein Glas Kognak.
Musikanten haben immer Durst. Ich sei in der Toilette begriffen und käme gleich,
sag' ihm.«
    »Den werde ich nach Noten behandeln, den Musikanten,« schmunzelte Gabriel,
machte ein Schafsgesicht und hinkte hinaus.
    Ein überaus schlanker, hochgewachsener, junger Mann mit langen, schwarzen
Haaren und glattrasiertem, fahlem Gesicht trat herein.
    Es war Artur Friedberg. Er wurde von Gabriel vorschriftsmässig empfangen. Es
wurden ihm die Zigarretten vorgelegt - Gabriel steckte zur Nachprobe gleich ein
Päckchen in die eigene Tasche; auch die Kognak-Karaffe wurde hingesetzt und
Gabriel liess sich's von seinem guten Genius nicht zweimal sagen, zunächst selbst
ein volles Glas hinter die Binde zu giessen. Friedberg berührte nichts.
    »Wer sind Sie eigentlich, sonderbarer Hausgeist?« fragte der Musiker mit
gekräuselter Lippe, von der Höhe seiner sechs Fuss und des Bewusstseins seines
inkommensurablen Talentes herab.
    »Ich bin nicht, der ich war, und war, was ich nicht gewesen bin. Der Herr
Doktor wird gleich kommen; den kann man viel fragen. Gehen Sie einstweilen mit
Ihrem Ding an sich im Tempel der Weltlitteratur spazieren.« Und für sich setzte
er im Abgehen hinzu: »Und lassen Sie sich mit Notenköpfen in allen Tonarten
klystieren, Sie verstopfte Einbildung von einer hohen C-Trompete.«
    »Gnädiger Herr, der ist besorgt und aufgehoben,« meldete der Hinkende.
    »Also er gefällt Dir nicht, der Tonheros?«
    »Nicht so viel. Das ist ein überspannter Tropf.«
    »Gabriel!«
    »O, Sie werden ja sehen - und kurzen Prozess mit ihm machen.«
    »Schnell, meinen dunkelbauen Promenadenanzug, Gabriel.«
    »Mit dem Sonnenblumen-Orden?«
    »Lass Deine Zirkuswitze von damals.«
    »Ach, Herr, damals war der dumme Aujust auch immer mit den schönsten Orden
bemalt, von oben bis unten, vorn und hinten. Der Zirkus ist die vornehmste Welt,
das Publikum abgerechnet, und die gelehrteste Welt; so gelehrte Hunde und
Schweine - bitte, hier in den linken Ärmel - immer diesen gebildeten Umgang -
hier die Manschetten. Ein frisches Taschentuch gefällig? München will eine
Kunststadt sein und hat nicht einmal einen Zirkus. Die Kravatte sitzt schief,
erlauben Sie. Der hochnäsige Musikant da drinn' möcht' sich wohl auch für einen
Künstler ausgeben. Die Hose müssen wir wieder einmal glatt bügeln. Der Hochmut
dieser Parterremusiker! Die sollen sich erst einmal aufs Trapez schwingen oder
auf die schwankende japanesische Leiter, ehe sie von Kunst reden wollen. Wir
hatten einmal einen Musikklown - sonst ein ganz gemeiner Mensch, aber wie der in
den höchsten Regionen geigte und eine glatte Serie von Saltomortales dazu machte
...«
    »Gabriel, hinkender Teufel, Du bist ein unverbesserlicher Schwätzer und
Taugenichts.«
    »Wie Gott will, das heisst nach Schopenhauer wie der Wille will.«
    »Du hast wieder getrunken?«
    »-? -!«
    »Marsch, pack' Dich mit Deinem Willen auf Deinen Posten!«
    »Immer der alte Schnee: der Wille mit der Marschroute. Der Wille will, was
er muss. Also ist der Wille nicht das Ding an sich ... Das Ding an sich ist das
Müssen. O Schopenhauer, dem dummen Aujust steht der Verstand still.«
    »Besser, es stünde ihm das Maul still.«
    Der Doktor lächelte dem fortumpelnden Diener nach.
    Der Musiker stand mit verschränkten Armen und zusammengekniffenen Lippen vor
dem Bilde Schopenhauers. Er trug einen hellbraunen Überrock mit dunklem
Samtkragen, etwas zu kurze Beinkleider, absatzlose Schnabelschuhe, gelbe
waschlederne Handschuhe und um den Hals ein weissseidenes Tuch lose über dem
modischen Stehkragen geknotet. Die Haare waren von der Stirn zurückgekämmt,
bauschten sich an den Ohren auf und fielen als wirre Büschel auf die Schultern.
Es war ein Gemisch von altfränkischer Künstlerziererei und modischer Sauberkeit
in der ganzen Erscheinung. Aus den Zügen des nicht unangenehmen Gesichtes sprach
fanatisches Selbstbewusstsein.
    Nachdem er die Begrüssung und Entschuldigung des eintretenden Doktors mit
feierlicher Miene angehört und mit stummer Verbeugung erwidert, nahm er auf dem
ihm angewiesenen Lehnstuhl Platz. Doktor Trostberg liebte es, sich der besseren
Beobachtung wegen zu neuen Besuchen so zu setzen, dass sein Gesicht im Schatten
blieb, während auf das des Gastes volles Licht fiel.
    »Womit kann ich Ihnen dienen?«
    Indem Friedberg langsam die gelben Handschuhe abzog: »Ich komme aus Italien,
wo ich mit meinem verehrten Meister Franz Liszt den Winter zu verleben pflege.
In Neapel habe ich die Bekanntschaft des genialen Architekten und vielseitigen
Reisenden Joseph Zwerger gemacht. Aus seinen Andeutungen schöpfte ich das
Vertrauen, dass Sie meine Annäherung nicht abweisen würden. Ich glaube, unsere
Wege bewegen sich nach dem nämlichen hohen Ziele: der überlegenen deutschen
Kunst die Welterrschaft zu sichern, zunächst durch eigene Produktion, dann
durch Förderung des besseren Bekanntwerdens der Meisterwerke anderer,
hauptsächlich Franz Liszts.«
    »Sie gestatten eine Unterbrechung: Sie sind Raucher? Lassen Sie uns auch auf
diesem Wege das nämliche hohe Ziel anstreben: hier Zigarretten aus
Genidezetabak, russische Papyros, Feuer, bitte, bedienen Sie sich. Es hört und
spricht sich besser beim Rauchen.«
    »Ich bin Tondichter - danke, es brennt schon; Sie sind Wortdichter -
vorzüglicher Tabak. Ich schlage Ihnen eine gemeinsame Arbeit vor.«
    »Ah, Sie wünschen ein Libretto für eine, grosse Oper.«
    »Nein. Wenigstens vorderhand nicht. Ich habe im Stile und unter den Augen
und Ohren meines verehrten Meisters Franz Liszt umfangreiche, den Konzertabend
füllende symphonische Tondichtungen geschaffen. Dazu bedarf ich eines fein
ausgeführten, poetischen Programmes. Es handelt sich um Programm-Musik,
verstehen Sie, für grosses Orchester.«
    »Ich verstehe, Herr Friedberg. Darstellung bestimmter poetischer Stoffe
durch Instrumentalmusik, wie die poetisierenden Symphonieen von Liszt, Berlioz,
Raff, Romantik mit Pauken und Trompeten und so weiter ...«
    »Sie kommen mir wunderbar entgegen, Herr Doktor. Ich gehe aber weiter, als
die Genannten, ich erweitere den Gedanken- und Gefühlsinhalt der Programm-Musik
in neuen, eigenartigen Formen.«
    »Bitte, gehen Sie lieber nicht weiter! Ich ahne alles, was kommt - und
verwerfe alles.«
    Friedberg, die Zigarrette aus dem Munde nehmend, mit überlegenem Lächeln:
»Wie vermögen Sie das?«
    »Rund heraus: ich betrachte die ganze moderne Instrumentalmusik als einen
kolossalen künstlerischen Irrtum; ich negiere alle von Sebastian Bach bis auf
Wagner und Brahms komponierte programmatische Musik grundsätzlich. Für mich ist
Bach nicht weniger auf dem Holzweg, als Wagner; Mozart und Beetoven nicht
weniger, als Liszt und Brahms. Nur durch die im Verlaufe der Zeit und der
Gewöhnung geschaffene Verderbnis des Gehörs sind wir überhaupt im stande,
moderne Instrumentalmusik zu ertragen. All' unsere Begriffe von Wohlklang und
Übelklang, von melodisch und unmelodisch, von harmonisch und disharmonisch sind
das Ergebnis einer grundfalschen musikalischen Erziehung. Späteren,
natürlicheren Zeiten und Bildungszuständen wird es ganz unerklärlich bleiben,
wie unsere so viel gepriesene Zivilisation diese unsinnige Instrumentalmusik so
hoch und wichtig nehmen konnte. Ich finde sie widernatürlich, scheusslich. Was
gibt uns denn diese Instrumentalmusik, die von einem siebzig bis hundert Mann
starken Orchester in unsere armen Ohren geschmettert, gepfiffen, gestrichen,
getrommelt und gepaukt wird, an gegenständlichen Klangfiguren und
Klangzeichnungen? Nicht so viel als uns zum Beispiel in der Malerei Tapeten- und
Kleidermuster geben. Erwecken denn diese Striche, Linien, Punkte, Tupfen in
allen erdenklichen kaleidoskopischen Durcheinanderschüttelungen, die alles
malerischen Sinnes und Verstandes entbehren, erhabene Gefühle und Stimmungen in
uns? Das wird niemand zu behaupten wagen. Aber in unserer musiktollen Welt gibt
es sogar geistreiche Leute, die sich nicht genieren, die musikalischen Striche,
Linien, Punkte und Tupfen, die vom Orchester rhytmisch und harmonisch
durcheinander gemischt werden, erhaben und entzückend zu finden. Wenn ich aber
durch musikalisches Geräusch mich erheben und entzücken lassen will auf dem Wege
sinnlich-sinnloser Klangeinwirkungen, so bedarf ich dazu gar keines
Kunstapparates, keines kostspieligen Orchesters; dazu reicht das musikalische
Geräusch der Natur aus. Ja, ich finde, die einfache Natur wirkt noch viel tiefer
und mächtiger. Oder welche Instrumentalmusik reicht denn an die rührenden,
beseligenden, erschreckenden Wirkungen heran, welche auf unser Gemüt das
Rauschen des Waldes, das Brausen des Sturmes, das Heulen des Windes, das Pfeifen
des Hagelschlages, das Rollen des Donners, das Säuseln und Schauern der Luft,
der Gesang der Vögel, das Plätschern des Baches, das Murmeln des Quells und so
weiter hervorrufen? Für den denkenden und phantasievollen Menschen ist hier auch
eine ganz andere Fülle innerer Gesichte und Gedankenverkündungen, als in der
wort-und gedankenlosen Instrumentalmusik für grosses und kleines Orchester.
Sublim, rufen unsere Musiklärmschwärmer! Dann ist die Münchener Bockmusik auch
sublim, und die Tanzmusik nicht weniger erhaben, als die prätentiösen
Konzert-Ouvertüren Mendelssohns und Schumanns ...«
    Der Musiker hatte den Kopf zurückgeworfen, die Zigarrette mit den Zähnen
zerbissen und drückte und kneipte jetzt mit den langen, knochigen Fingern an
seinem Halse herum, als würge ihn etwas zum Ersticken. Endlich brachte er
zerhackt die Frage heraus: »Aber die Verbindung von Wort und Ton, die
Verschmelzung von Poesie und Musik zu völliger Einheit, wie in Wagners
Musikdramen, lassen Sie gelten?«
    »Bedingungsweise, Poesie und Musik vereinigt, aber unter Vorherrschaft der
Poesie.«
    »So, so. Da werden wir uns hart tun. Übrigens grau ist alle Teorie. Das
fertige Kunstwerk entscheidet. Wenn Sie erst einmal eine meiner Hauptschöpfungen
gehört, empfunden, sozusagen erlebt haben, denken Sie - ich wage das zu hoffen -
über gewisse fundamentale Punkte vielleicht weniger schroff. Aber lassen wir das
heute auf sich beruhen. Noch etwas Anderes liess mich auf des Herrn Zwerger
Andeutungen hin die Ehre Ihrer Bekanntschaft suchen ...«
    »Herr Zwerger, ja, ja, der ist immer stark in Andeutungen. Er hat
merkwürdige Schrullen. Wie geht's ihm denn? Ich habe so lange nichts mehr von
ihm gehört. Nach Epochen absoluter Ruhe pflegt er loszubrechen wie ein
scheintoter Krater und seine Briefe und Mitteilungen kommen dann glühend
dahergerast wie verheerende Lavaströme. Gegenwärtig scheint seine vulkanische
Natur in der Ruheperiode zu sein.«
    »Ich kenne ihn nur so weit, dass ich ihn als einen ungewöhnlichen Menschen
schätzen lernte. Es scheint ihm gut zu gehen. Meine Beobachtung stimmt mit der
Ihrigen. Er ist ein wunderbares Gemisch von Sanftmut und Wildheit, von Ruhe und
zehrender Ungeduld. Ein scheintoter Krater, wie Sie sehr richtig sagen. Also: er
machte mir Andeutungen von Ihren einflussreichen Beziehungen zu Bayerns erhabenem
Kunstfürsten in Ihrer Eigenschaft als geheimer Hof-Teaterdichter.«
    »Erlauben Sie, da ist er in einem Wahn befangen wie so viele, die wenigstens
besser unterrichtet sein könnten. Was für Klatschereien über die Umgebung des
Königs und seine intimsten Verhältnisse machen heute die Runde um die Welt!«
    »Je nun, Hochachtung vor Ihrer Bescheidenheit, Herr Doktor; mir dürfen Sie
in aller Aufrichtigkeit einräumen, dass Sie gute Beziehungen haben. Die haben
Sie, nicht wahr? Nun hören Sie. Wie König Ludwig für den Meister von Bayreut
mit seiner königlichen Kasse und seiner königlichen Protektion eingetreten, so
wünschen wir - meine Wenigkeit und ein anderer Tonkünstler meiner Schule - dass
seine Majestät für unsere Richtung, für die neueste programmatische
Zukunftsmusik, uns seine huldvolle Protektion zu leihen geruhe. Nichts weiter
als seine ideale Protektion. Kein anderer Fürst in der Welt hat diesen macht-
und glanzvollen Namen als Schirmherr der Kunst wie Ludwig von Bayern. Und nur um
die Gunst des Namens ist es uns zu tun, um die Weihe unserer Bestrebungen durch
sein erhabenes Protektorat. Wie die Fürstin Wittgenstein so treffend zu Wagner
sagte: Notre art est un art de millionaire, so können wir Jüngsten auch von
unserer Kunst sagen: sie ist eine Kunst für Millionäre. Wir verschwistern die
älteste Weltmacht Kunst und die neueste Weltmacht Kapitalismus zu
ideal-praktischem Bunde, das Genie der Millionen mit dem Genie der Muse ...«
    »Ihre Zigarrette ist ausgegangen.«
    »Die Millionen sind auf unserer Seite ...«
    Doktor Trostberg hielt dem Sprecher ein brennendes Streichholz hin und
fixierte ihn mit kaltem Blicke.
    »Mein Mitstrebender ist ein naher Verwandter Rotschilds ...«
    »So. Sie wollen nicht mehr anzünden?«
    Friedberg achtete keiner Unterbrechung. Er schüttelte nur seine schwarze
Mähne, dass ihm das Haargewirr über die Ohren ins Gesicht flog.
    »Auf der einen Seite der König der Finanz, auf der andern Seite - -
verstehen Sie? Die Kombinationen sind unabsehbar. Wir gründen zunächst eine
internationale Programm-Musikgesellschaft mit dem Sitz in München; wir werben
ein internationales Riesenorchester an; wir nehmen der Reihe nach sämtliche
erste Konzertinstitute und Musiksäle der grössten Kunstzentren in Pacht, mit
München beginnend, zur ausschliesslichen Aufführung unserer Werke ...«
    »Verzeihen Sie, es hat geklingelt. Ich kann nicht länger über mich
verfügen.«
    »Ich werde Ihnen unseren Plan schriftlich mitteilen. Ich kann auf Ihre
Fürsprache bei dem Könige rechnen, sobald Sie etwas Positives schriftlich von
uns in Händen haben, Herr Doktor? Ich bin ja nur auf der Durchreise hier, zur
Sondierung ...«
    »Gestatten Sie, dass ich Ihnen auch etwas Positives schriftlich mitgebe, eine
Empfehlung an einen einflussreichen, kunstverständigen Freund ... Sie können
davon Gebrauch machen, sobald Sie wiederkehren.«
    Friedberg stand hoch aufgerichtet da. Trotz seiner Erregung war während des
Redens die fahle Farbe seines Gesichtes nur blässer geworden.
    Doktor Trostberg überreichte ihm ein Kuvert mit seiner Karte, darauf er mit
Bleistift bloss die Worte geschrieben: »Herrn Direktor Dr. von Gudden.« Den
internationalen Tonheros-Millionär zur Tür geleitend, verabschiedete er ihn mit
einer Verbeugung: »Die Adresse können Sie im Gebrauchsfalle sehr leicht
erfragen. Auf Wiedersehen.«
    »Ich habe die Ehre, Herr Doktor.«
    »Wer hat geklingelt, Gabriel? Es ist ja niemand da?«
    »Verzeihung, ich habe selbst geklingelt, gnädiger Herr, um das Zeichen zum
Aufbruch zu geben.«
    »Grossartig. Du nimmst Dir Freiheiten heraus -«
    »Ich habe vergessen, Herr Doktor: der Maler ist auch schon dagewesen und hat
das Bild wieder gebracht. Der Herr Süssmann - -«
    »Hat's also nicht loszuschlagen vermocht? Das hat man von den
Kunstvereinsgewinnsten. Siebenhundert Mark Wert schreiben sie darauf, aber kein
Mensch mag's um diesen Preis, nicht einmal um die Hälfte, nicht um ein Drittes.
O Kunststadt!«
    »Amen. Gerade jetzt hätten wir Baargeld so notwendig. Man kann zwar sehr gut
von Schulden leben, wenn man sich's ordentlich einteilt. Aber das ist der
Pessimismus: man kann sich's auf die Länge nicht ordentlich einteilen ...«
    »Hansnarr! Wo ist das Bild? Lass' mal sehen.«
    Gabriel schleppte den Kunstvereinsgewinn aus der Küche herbei: »Wären die
Viecher doch nur lebendig, das gäb' ein Schlachtfest ... Was tut man nicht aus
Verzweiflung. Man hängt doch lieber Schinken in den Schlot, als ein
ungeniessbares Oelgemälde ...«
    »Geh, Barbar. Stell' es weiter nach links, da ist das Licht besser. Gut.
Prächtiger Rahmen. Ein Schweinestall im Freien heisst das sinnige Gemälde. Von
irgend einem berühmten Polaken, Schubiakowski, oder so ähnlich, mir ganz
unbekannt. Moderne Hellmalerei, hm. Das ist ein schlechter Verkaufsartikel. Ein
klassisch geschundener Heiliger oder Raubritter oder sonst etwas Ewigdummes aus
der Mytologie würde eher einen begeisterten Käufer finden.«
    »In der Ecke hockt die Sau.«
    »Mutterschwein, sagt man.«
    »Diese Frau Mutter von einem Schwein ist die schönste Sau, die ich in meiner
Künstlerlaufbahn gesehen; für den Zirkus schon zu fett. Da kommt man mit der
Dressur nimmer durch. Ach, wenn ich an sie denke, die Genossin meines Ruhms und
meiner Leiden ...«
    »Im Vordergrunde tummeln sich drei, sechs, acht, zehn Ferkeln, weiss und
zart, ein Bild des Frohsinns und Lebens. Ein ideales Familien-Idyll.«
    »Darüber hängt an einer Borste das Schwert des Damokles in Gestalt des
unsichtbaren Schlächtermessers. Wollen wir den armen Opfern eine Träne weihen,
Herr Doktor?« Gabriel trat einen Schritt zurück, betrachtete von der Seite
seinen Herrn mit einer spöttischen Fratze. Seine Augen gingen vom Bild zum
Doktor und vom Doktor wieder zum Bild und machten unterwegs Abstecher nach unten
und oben; die alte Klownsnatur bekam so mächtiges Oberwasser, dass alle
philosophischen Anwandlungen in grotesker Verzerrung zur gemeinen Spasshaftigkeit
mit fortgerissen wurden.
    »Wie viel Schweine haben Sie gezählt, Herr Doktor? Zehn junge und ein altes?
Ich bringe mehr heraus ...«
    »Ich auch, wenn ich Dich mitrechne.«
    »Ich bin nicht so anspruchsvoll, dass ich bei jeder Volkszählung dabei sein
muss. Ich zähle nur die sogenannten Menschen auf dem Bilde mit ...«
    »Ja, über die Bretterwand hinweg sieht ein Bursche mit einem Kinde im Arm
und eine Frau mit einem Kübel, aus dem sie den Trog füllte. Der Maler hat aber
offenbar seine ganze Hochachtung und Kunst nur den Schweinen gewidmet. Die
Menschen sind den Tieren gegenüber sehr schlecht weggekommen.«
    »Eigentlich sind die Menschen die wahren Schweine.«
    »Esel, das ist das neue Kunstprinzip der Hellmaler, die Menschen wie die
Schweine und die Schweine wie die Menschen darzustellen. Das ist der sogenannte
Naturalismus.«
    »Das leuchtet mir ein, gnädiger Herr, ohne dass Sie sich in
Avancements-Unkosten zu stürzen brauchen meinetwegen. Den Esel hebe ich mir auf,
wenn ich wieder Schopenhauer studiere.«
    »Sei nur nicht gleich empfindlich, mein kluger Engel Gabriel.«
    »Erzengel, Herr Doktor.«
    »Erzschuft.« Und der Doktor streichelte dem Exklown die verrunzelte Wange.
»Siehst Du, die Menschen sind so ausdruckslos und stumpfsinnig auf dem Bilde und
die Schweine so nett und aufgeweckt; auf den Gesichtern der Menschen liegt der
Schmutz faustdick und die Schweine sind so frisch gewaschen in ihren weissen,
rosigen Borstenhemdchen, so wunderschön glatt und gepflegt, und wie sie sich
lustig grunzend zum Troge drängen und sich drücken und die Rüssel sich wie
liebkosend an einander reiben. Geh', es ist ein reizendes Bild.«
    Gabriel streichelte die gemalte Muttersau, ging mit dem Zeigefinger den
Ringeln ihres Schwänzchens nach, tippte an ihrem milchgeschwollenen Bauche herum
- und leckte sich dann die Finger, ab. »Suk, suk, suk ...«
    »Pfui, Gabrielchen.«
    »Schade, dass nichts dahinter ist. Alles nur Vorstellung, wie bei
Schopenhauer.«
    »Du bist mir der rechte Spiritualist und Metaphysikus; Deine Vorstellungen
gehen immer nach der Speckseite, nach dem schweinernen Grund der Dinge.«
    Es klopfte an der Tür. Durch das Vorflurfenster spottete das blonde,
löwenmähnig umwallte Gesicht des Doktors Erwin Hammer von den »Ungespundeten«
herein. Er trommelte stürmisch an die Scheibe.
    »Fort mit dem Bilde in die Küche!« befahl Trostberg. »Na, der würde uns
schön auslachen. Dem ist nichts heilig, nicht einmal der Kunstschweinsgenuss.
Verschliess' es gut. Wir versilbern's doch noch.«
    »Ich bringe angenehmen Würzburger Besuch Trostberg. Öffne Dein
Zauberschloss!«
    »Gleich, gleich. Ein Gedanke, Gabriel! Vergiss nicht, den Schweinstall im
Freien dem Herrn Kommerzienrat Rassler anbieten zu lassen. Vielleicht heimelt ihn
das Sujet an. Aber nicht sagen, wo das Bild herkommt! Preis dreitausend Mark!
Der Maler mit dem unaussprechlichen polnischen Namen sei der grösste
Schweinekünstler des Jahrhunderts, ein Spezialist von Weltruf, sei mehrfach
geadelt und Inhaber von neunundneunzig Orden, male nur zu seinem Vergnügen,
daher der billige Preis. Das wird dem Kunstfreund imponieren ... Verstanden
Gabriel? Heute noch besorgen!«
    Während Gabriel den Auftrag seines Herrn beifällig begrunzend, mit dem Bilde
in der Küche verschwand, öffnete Doktor Trostberg gravitätisch die Haustür.
    »Ah, was sehe ich, welche Überraschung, ist es denn möglich, sind Sie's -
bist Du's wirklich, Oberamtsrichter, Regierungsrat, Finanzdirektor oder wie Du
dich sonst betitelst. Du avancierst ja immer. Deine Karriere ist der reine
Blitzzug ... Es ist eine Ewigkeit her -!«
    »Hab' ich's nicht gesagt, ich bringe angenehmen Besuch?« tenorte der
Ungespundete und schob den etwas verdutzten Herrn mit der gestrengen,
selbstbewussten, typischen Beamtenphysiognomie und der goldenen Brille und dem
provinzlerhaft sorgfältigen Anzug über die Schwelle. »So, jetzt habt Ihr Euch.
Empfehle mich. Heute Abend bei den Ungespundeten sehen wir uns wieder. Addio,
Regierungsrat.«
    »Komm' doch auf einen Sprung mit herein, Doktor Hammer!«
    »Bedaure, hab' keine Zeit. Bin auf der Suche nach Drillinger. Weisst Du was
von ihm?«
    Trostberg schüttelte den Kopf, während er die beiden Hände des
Regierungsrats aus Würzburg fasste. »Entschuldige nur ...«
    »Also nochmals Addio.«
    »Das ist kein Haus, das ist ein Taubenschlag,« brummelte Gabriel, indem er
das Bild gegen die russige Wand lehnte; er setzte sich auf den Küchentisch und
nahm behaglich eine Zigarrette aus dem Päckchen. »Für den Schnabel. Ei, das
schmeckt gut, wie ein Kraut aus dem Paradies. Besser noch, wie ein Kuss, ein
frisch gebackener, im Frühling.« Und er blies kunstvolle Ringe und schmatzte den
luftigen Gebilden nach und streckte die Arme aus und reckte sich. »Jetzt wär'
ich aufgelegt ...« Nach kurzem Besinnen holte er sich aus einer alten
Kohlenkiste eine »aufgesparte« Kognakflasche hervor, tat einen kräftigen Zug:
»Hurrah, es lebe der Zirkus Trostberg!« und noch einen: »Der Zirkus
Schopenhauer!« und noch einen: »Was wir lieben!« Nachdem er die Flasche wieder
versteckt, warf er den Kopf in den Nacken, klatschte leise in die Hände und rief
im Zirkusjargon: »Mjusik, Mjusik!« Dann setzte er sich auf den Tisch und
jonglierte mit Korkstöpseln ....
    Die Tür weit aufstossend, war Trostberg inzwischen mit seinem Freund
Regierungsrat Arm in Arm in den »Tempel der Weltlitteratur« geschritten ... Der
Regierungsrat kniff die dünnen Lippen zusammen, rückte an seiner goldnen Brille
auf der scharfkantigen Nase herum, strich sich die glatt gescheitelten, fest an
dem birnförmigen, knochigen Kopf klebenden graumelierten Haare und sagte kühl
und scharf: »Erlaube zunächst eine Vorbemerkung, verehrter Freund: dieser Erwin
Hammer mit seinem geräuschvollen Wesen will mir gar nicht mehr gefallen. Er
spricht so laut und frei, dass die Leute auf der Strasse stehen bleiben.
Unsereiner kommt ordentlich in Verlegenheit. Das geht nicht. Man kann von
Kollegen, von Vorgesetzten beobachtet werden. Verstehst Du? Und diese
gefährliche Aufspielerei: ungespundet! Was ist denn für ein Geist in die Leute
gefahren? Sie sollten doch mehr Rücksicht auf unsere Situation nehmen. Man muss
sich wahrlich scheuen, mit ihnen umzugehen. Zumal jetzt, - wir sind doch
unbelauscht? -! - wo so bedeutsame Veränderungen in der Luft liegen. Wir Diener
des Staates - ich komme soeben vom Minister - - Du verstehst mich doch? Die
Zeiten ändern sich. Tempora ...«
    »Mutantur, nos et mutamur in illis. Aber das wird sich gleich aufklären.
Bitte, mach Dir's nur erst bequem.«
    Trostberg eilte in die Küche: »Gabriel, ich bin nicht zu Hause, bis der
Lateiner da d'rin fort ist. Ich bin für niemand zu sprechen - hüte die Tür! Nur
für den Fall, dass ein Kurier -« Damit war der Sprecher schon davon.
    Der Diener vollendete mimisch den Satz, indem er den Kopf ehrfürchtig neigte
und die Arme auf der Brust kreuzte. »Seiner Majestät alleruntertänigster
Diener.«
    Gabriel humpelte an die Haustür und wollte den Riegel vorschieben. Zuvor
steckte er den Kopf lauernd hinaus. »Ah, ah, ah, 's Wäschermädel ... Pst, pst!
... Leise herein; so, weisse Unschuld, das hast Du schlau erwischt, Anna.«
    »Die Wäsche für den gnädigen Herrn!« wollte die Prinzess vom Waschkessel
heraustrompeten und ihren Korb auf die Schwelle stellen, um die betreffenden
Wäschestücke herauszunehmen.
    Schnell hielt ihr Gabriel den Mund zu und zog sie hinter die Tür, schob den
Riegel vor und geleitete das erstaunte Wäschermädchen in das Schlafzimmer, immer
auf den Zehenspitzen und mit dem Finger an den Lippen Schweigen gebietend. Er
schob Anna, die sich leise sträubte, in die Fensternische, hinter den Vorhang;
mit grossen verwunderten Augen blickte das Mädchen bald auf den drolligen Diener,
bald durch die Scheiben in den kleinen heimlichen Garten. »Ja, was ist's denn?«
fragte sie schüchtern.
    »Jetzt dürfen wir schon lauter schwatzen, hübscher Schneck. Da hört uns
niemand. Der gnädige Herr hat hohen Besuch. Ein Lateiner! Da geht's auf Leben
und Tod!«
    »O Gott,« machte das Mädchen. »Lassen Sie mich gleich wieder fort, ich
fürcht' mich. Dort im Korb -«
    »Pressiert nicht,« grinste der Exklown, nahm seine süsseste, verführerischste
Maske vor, tätschelte Annas Wangen, strich wie zufällig über ihre Hüften hinab
und schwatzte dabei in einem Zuge, ein Gesicht dem ihrigen nähernd: »Das ist die
merkwürdige Geschichte von dem Ding an sich, Wie der Philosoph Schopenhauer
gesungen hat: Es fühlt wohl jeder Mann einmal 'neu Hang zum Wäscherpersonal.
Hast gut gewaschen? Ordentlich gebügelt? Recht steif gemacht? Der gnädige Herr
mag's recht steif. O, weisst Du, der will's extra; die Hemden, die Kragen, das
heisst, besonders die Manschetten recht steif, wie Blech. Du bist ein süsser
Schneck.«
    Das Mädchen machte sich von dem Zudringlichen los, schlüpfte unter den
Vorhang weg, packte eilig die Wäsche aus und legte sie aufs Bett.
    »Und da ist die Rechnung, die zwei letzten sind auch noch dabei. Ich soll
das Geld ja mitbringen, sagte die Frau Huber.«
    »O das pressiert nicht, und dann schau, Schneckerl, Du könntest's verlieren.
Wir schicken Dir's mit der Post, mit der Eisenbahn, mit dem Telegraphen, mit dem
Telephon, oder mit einem noch neueren Instrument, das g'rad erfunden wird. Heut
nicht und morgen auch nicht, schau, Schneckerl, aber im nächsten Schaltjahr, da
haben wir einen Tag mehr, den heben wir uns extra auf fürs Schuldenzahlen. Also
einen recht schönen Gruss an die Frau Huber.« dabei bemühte er sich wieder, das
Mädchen in seine Arme zu bekommen. Der frische Geruch ihrer Kleider, der warme
Duft, den ihr junger, gesunder Leib atmete, dazu ihre Angst, in dem fremden
Schlafgemach mit dem dämmerig verhüllten Fenster durch ein zu lautes Wort
Skandal herbeizuführen, und zugleich ihr Bemühen, den verliebten Possenreisser
abzuwehren, wodurch ihre Aufregung nur vermehrt wurde: das alles berauschte den
sinnlichen Menschen und machte ihn kühner und frecher. »Schau,« flüsterte er
heiss und seine Augen zwinkerten lüstern, »wir sind abgebrannt, wir brennen immer
ab, das Lehel ist überhaupt feuergefährlich, gestern hat's auch in der
Schneiderei gebrannt -« Jetzt umschlang er sie mit beiden Armen und zog sie zu
sich nieder auf das alte Ledersopha, das dem Bette gegenüber an der Wand stand -
»Erzähl' mir von dem Feuer in der Schneiderei, komm' Schneckerl, das
interessiert mich. Der Schneider ist ein guter Freund von mir und die
Schneiderin ist auch eine gute Freundin von mir ...«
    »O Sie Schwindler, es ist ja gar keine Schneiderin da. Die Frau ist längst
gestorben.«
    »Das macht nichts.«
    »Hören Sie auf! Sie tun mir weh ...« Sie presste die Beine zusammen, machte
sich ganz steif und versuchte mit dem Ellbogen zu stossen.
    »Warum wehrst Du Dich denn so?«
    »Oh, aber nein ... Pfui. Lassen Sie mich los!«
    »Wie ist denn's Feuer angegangen?«
    »Ich erstick' ja ...« stöhnte Anna und mühte sich verzweifelt, aus der
leidenschaftlichen Umklammerung des Gewalttätigen sich loszuringen.
    »Das Feuer ...«
    »Ich mag nicht. Sie halten mich auch für so eine ...«
    Schon glaubte der Exklown mit der Ermattenden gewonnenes Spiel zu haben, als
Anna durch eine geschickte Bewegung ihren rechten Arm freimachen und dem
Zudringlichen eine so saftige Ohrfeige und einen Schlag auf sein Kunstgebiss
versetzen konnte, dass er die Engel im Himmel in allen Tonarten singen hörte. Am
liebsten hätte sie ihn erdrosselt.
    »Mit mir geht's nicht so leicht, wie mit der Monika,« schrie zornig das
Mädchen, schüttelte ihre Kleider und steckte sich flink die Haare zurecht. »Wir
wissen schon, was Sie mit der gemacht haben, Sie ...«
    »Pst, pst!« jammerte Gabriel und hielt sich vor Schreck und Schmerz die
Ohren und den Mund zu, während er mit der Zunge einen abgeschlagenen künstlichen
Zahn herausstocherte.
    Sie riss den Korb vom Boden auf und stürmte spornstreichs davon. Eine Wut
hatte sich ihrer bemächtigt, dass sie alles über den Haufen hätte rennen mögen.
Wenn's noch ein richtiges, fesches Mannsbild gewesen wäre, aber dieser grinsende
Aff'! Ein Wäschermädel darf freilich nicht zimperlich sein und muss sich auf
allerhand gefasst machen, wenn sie mit Herren allein in einem Zimmer zu tun hat,
das Mannsvolk kann von der Schmiererei und Druckerei nicht lassen, und die
höchsten Herrschaften sind oft die allerunfeinsten und die Gebildeten die
allerfrechsten, aber so etwas, wie dieser hinkende Teufel, nein, das war ihr
noch nicht vorgekommen. Dieser unverschämte Hund. Na, das wird dem Doktor
g'steckt, der soll wissen, was für ein Vieh er zum Bedienten hat. Und die
Geschichte mit der Monika soll ihm auch noch eingerieben werden. Und in
Geldsachen gar nichts Nobles, niemals ein Trinkgeld, dazu die ewige Pumperei.
Was wird nur die Frau Huber sagen, wenn sie heut wieder ohne einen Pfennig
heimkommt! Eine saubere Kundschaft! Neulich hat sich der freche Hanswurst wurst
gar auf den König hinausgeredet: der König zahle auch nicht gleich und der Herr
Doktor hätte selber viel zu fordern ...
    Und wütend warf Anna ihren Korb von einem Arm zum andern, dass die weissen,
steif gebügelten Hemden aufraschelten. In die Brandversicherungskammer musste sie
noch und in die Hofsägemühle an der Maximiliansbrücke und zum Konsul Schmerold
in der Quaistrasse. Da hatte sie sich in ihrem Zorn ja richtig verlaufen! Links
hinüber beim Jägerwirt! In ihrer Hast hatte sie mit ihrem Korb ein kleines Kind
gestossen, dass es plärrend in die Strassenrinne fiel. Ein altes Weib keifte hinter
ihr her. Jawohl, man kann auf jeden Bankert auch noch Acht geben ... Wie sie
jetzt scharf um die Ecke bog, rannte sie einen Herrn, gerade auf den Leib.
    Es war Maximilian Schlichting.
    Nach der langen Sitzung bei Trostberg und dessen ermüdender Rede, die er wie
im Halbtraum angehört, schwindelte ihm der Kopf. Er musste sich noch eine
Zeitlang in der Luft ergehen und seine Gedanken sammeln, bevor er den Besuch
beim Pressbanditen unternehmen mochte. Am liebsten wäre er auf und davongegangen.
Die ganze Welt ekelte ihn an. Was hat ihn nur so glötzlich in ihre schlammige
Wirbel gerissen? Was wollte sie eigentlich von ihm? Als er noch abseits stand
und mit allen Kräften des Leibes und der Seele seinen stillen Studien lebte, wie
fühlte er sich da rein und gesund! Jetzt musste er knietief in ihrem Schmutze
waten, warum? Der Leiden und Leidenschaften anderer wegen. Zwischen gestern und
heute dünkte ihm eine Ewigkeit zu liegen und er sich selbst ein Fremder geworden
zu sein. Der glückliche Mensch in seiner Steinbrucheinsiedelei, der jetzt allen
Stadtunrat hinter sich hatte! Die glückliche Flora, die in Italiens
paradiesischen Gefilden schweifen durfte! Aber jetzt nicht daran denken! Der
Weg, ist jedem vorgezeichnet; der muss gegangen werden. Jede Zögerung macht ihn
nur mühsamer, jede Abschwenkung nur länger. Das Schicksal hat uns am Schopf und
lässt nicht aus. Wer nicht gehen will, wird geschleift. An sein Ziel muss jeder,
so oder so. Schlichting hieb mit seinem Stock eine matte Hochquart in die Luft,
spuckte aus und nahm die Richtung nach der Behausung des Pressbanditen. »Wie mich
der wahnsinnige Idiot wohl empfangen wird?«
    Der Pressbandit hatte sich heute frühzeitiger! denn sonst an sein ehrsames
Handwerk gemacht »Morgenstunde hat Gold im Munde,« schmunzelte er, als er den
Stoss Briefe gemustert hatte, den er auf seinem Tische vorfand: »Paillards Hand -
und hier der Oberkomödiant Geiling - und hier die Dichterin Tusnelda Wechsler -
das edle Kleeblatt seh' ich immer gern, die wissen, was sie einem Manne wie mir
schuldig sind - drei, vier, fünf unbekannte Pfoten - hier ein amtliches Siegel,
hier wieder eins, die heb' ich mir bis zuletzt auf, die Ämter soll der Teufel
holen; die Aktenschmierer sind einem Journalisten von meiner Befähigung immer
aufsässig; - hier ein Sendschreiben von meinem juristischen Notelfer, dem
Advokaten Dr. Ofenschlupfer, das ist eine Perle von einem Anwalt, der packt
überall an und beisst sich durch wie ein Fuchs. Ohne seine freche Schnautze wär'
meine Strafliste noch einmal so lang geworden. Was will denn der Gute? Seinem
Klienten guten Morgen wünschen? Das dürfte er schon, ich setze ihn reichlich in
Nahrung ... Was? Ein Absagebrief? Er mag nichts mehr mit meinen Rechtsgeschäften
zu tun haben? Unmöglich. Das ist ein Irrtum, so sehr kann man sich nicht in
einem Menschen täuschen. Da hat man mich bei ihm verleumdet. Ich muss ihn um
Aufklärung bitten. Das lass' ich nicht auf mir sitzen. Sofort ad notam. Ein
halbes Dutzend Postkarten - zwanzig neue Abonnenten - hussa, das Geschäft blüht.
Alte bring meinen Kaffee herein! Der Tag fängt gut an. Heute lass ich mich nicht
ärgern. Drei Hörnchen mehr, auch von dem Gugelhupf und viel Butter. Hörst Du,
Alte?«
    Die Tür seines »Redaktionsbüreaus« war nur angelehnt. Die »Alte«, wie er
seine holde Gattin und Gebieterin titulierte, wenn er sie gemütlicher Stimmung
wusste, war nebenan in der Küche mit der Zubereitung des Frühstücks beschäftigt.
Die brave Dame musste sich heute dieser Arbeit selbst unterziehen, weil gestern
die Köchin plötzlich ins Gebärhaus abgeschoben wurde, allwo sie einer Frühgeburt
entgegenbangte. Ein Ersatz war noch nicht gefunden. Das kleine Aushilfsmädchen,
das man inzwischen angenommen, reichte gerade zur Stiefelputzerin und
Türsteherin aus. »Der Fetzen hätte uns die Schweinerei freilich ersparen
können; aber Jugend hat nicht Tugend,« bemerkte philosophisch der Pressbandit auf
das wiederholte Gezeter seiner über diese »Schandweibsbilder« empörten Gattin.
    Jetzt erschien sie mit dem Kaffeebrett: Mokka, Rahm, Zucker, Butter,
Gugelhupf, mürbe Brötchen - alles in Hülle und Fülle. Sie sah heute womöglich
noch verluderter aus, als sonst; sie schien sich eine besonders wüste Nacht
geleistet zu haben. Nur mit einem fleckigen, rotwollenen Unterrock und einer
weissen, zerknitterten Nachtjacke bekleidet, hingen ihre Brüste, die kein
Schnürleib stützte, schlaff herab und die fleischigen Hüften traten, bei der
hintern Abplattung ohne Kul, hässlich heraus; die ungeordneten Haare flogen ihr
wie eine schwarze Wolke um das gelbe Gesicht, in welchem die blau umränderten,
unheimlich glühenden dunklen Augen, die scharf eingeschnittenen Nasenflügel und
das geschwollene Oberlippenzäpfchen ebenso wilde Triebe wie die verwilderte Art
der Befriedigung verrieten. Es war die Weib gewordene Sinnlichkeit, die
Nananatur, gezügelt durch ein Bedürfnis nach hausfraulicher Häuslichkeit und
Geschäftigkeit, wodurch das Rouéhafte der Überreife sich nicht zu voller
Widerlichkeit zu entwickeln vermochte, so dass für das Wüstlingsauge das
Lustweckende ihrer gealterten Erscheinung nicht allzu sehr beeinträchtigt wurde.
    »Lass Dir's schmecken, ich muss zum Kind hinüber, es scheint nicht ganz wohl,
es ist so unruhig, ich glaub' der rechte Eckzahn kommt.«
    »Das ist fatal. G'rad heut, wo vornehmer Besuch angesagt ist; der Paillard
kommt und der Geiling und wer weiss was sonst noch Feines. Die musst Du auf Dich
nehmen, verstanden? Ich hab' viel zu tun; ich muss heut auch wieder einen
Schmarren zusammen dichten auf die Freibankmetzgerin Streibl, die gestern in
Abrahams Wurstsack abgefahren ist. Der untröstliche Gatte und seine Dulzinea,
die ich neulich mit dem Dreschflegel auf ihrem Liebeslager freundlich
zusammengedroschen, haben die Weltgeschichte begriffen und ordentlich geblecht.
Das poetische Märzveilchen, das ich auf das Grab der Seligen pflanzen will, hat
er bestellt und hat die Dulzinea bestellt, ohne dass eins vom andern weiss, also
springt ein schönes Doppelhonorar heraus. Das wird ein profitlicher Tag heute.
Wie gesagt, wir müssen uns in die Arbeit teilen. Mach' Dich nur recht schön,
Alte. Du weisst, der Franzos und der Komödiant geben was aufs Äussere, das sind
anspruchsvolle Lumpen, aber Lumpen, die sich nicht lumpen lassen. Schön gesagt,
nicht wahr, Alte? Aber dass Du mich nicht gar zu eifersüchtig machst! Ah, Du
kennst mich ... Einen Kuss! ... Jetzt geh' zu Deinem Kind ...«
    Während dieser geschäftsmässig-zärtlichen Rede kaute er auf beiden Backen; er
war ein grosser Fressvirtuos. Seine Mundwinkel trieften von Kaffee und Butterfett.
    »Was stehst Du denn noch da? Geh' zu Deinem Kind und putz' Dich dann fein
heraus, recht anmutig, graziös, duftig, wie es Geiling zu wünschen pflegt, der
Weiberfeinschmecker.«
    »Ich hab' Dich nur noch etwas fragen wollen, fällt mir aber nicht mehr ein.
Es geht mir immer so, man kommt nicht zu Wort bei Deinem langen Geschwatz ... Ja
so, wegen dem Attenkofer. Er soll Cheveauxlegers nackt photographiert haben ...«
    »Halts Maul. Das ist schon abgemacht.«
    »Und wegen der Frau Rassler, die jetzt auch ein Verhältnis mit ihrem
Hauslehrer, einem gewissen Kandidaten Schlichting, haben soll. Gestern Abend
soll sie bei ihm auf seinem Zimmer gewesen sein.«
    »Das ist wichtig. Aber die Person wird erst nächste Woche gründlicher
verarbeitet. Das gibt dann ein weiteres Kapitel. Sehr gut. In der letzten Nummer
hat sie schon spüren können, wo der Wind herweht. Die Anspielung auf den jungen
Engländer war brillant, aber vielleicht zu fein. Na, da können wir ja
nachhelfen. Warten wir die Wirkung noch ein paar Tage ab. Nach dem Engländer
schlachten wir sie mit dem Hauslehrer ein - schliesslich bleibt uns noch der
Drillinger. Da wird nicht ausgelassen, bis sie Goldfüchse schwitzt. Bist
zufrieden, Alte? Also richte mir einstweilen den Stoff her. Ich will mir gleich
den Namen notieren. Das gibt einen Hurenskandal. Jetzt geh' zu Deinem Kind. Eins
nach dem andern. Auf meinem Redaktionsbüreau muss Ordnung sein.«
    Er sagte stets nur noch zu »Deinem« Kind, seit er sich über die Zweifel der
Vaterschaft in einer prügelfrohen Nacht endgültig mit ihr verständigt hatte.
Sein Intimus und Adlatus, der Herr Leutnant Kropfer, hatte ihn sehr geistreich
getröstet: »Gewisse Kinder sind immer mehr oder weniger Mosaikarbeit; das bringt
die Kunst so mit sich. Wenn das Mosaik gelungen ist, merkt kein Teufel mehr die
einzelnen Stifte. Schliesslich schätzt man das Kunstwerk und pfeift auf den
Künstler. Amen Selah. Maraschino und Kompagnie.«
    Der Pressbandit hatte alles aufgegessen und aufgetrunken, sich das Maul
abgewischt, das Kaffeeservice auf die Komode gestellt und beeilte sich nun, noch
schnell ein bisschen Toilette zu machen, das heisst: seinen Schnauz- und Kinnbart
schwarz zu färben, seinen braunen Künstlersamtrock anzuziehen und seine
Filzbabuschen gegen Lacklederschuhe zu tauschen. Das war seine kleine Eitelkeit.
Seine grössere war: sich jeden Morgen mit dem Helden von Lepanto, mit Cervantes,
zu vergleichen. Wie er auf diesen grotesken Einfall kam? Das war ein sinniger
Gedanke der Dichterin Tusnelda Wechsler. Nachdem sie sein Schweigen über ihre
erotischen Gedichte, richtiger, über ihre zahlreichen Liebschaften, die sie
darin besungen, mit Champagnerkörben und Zigarrenkisten glaubte nicht mehr
ausreichend erkaufen zu können, packte sie ihn am Eitelkeitszipfel. »Nein,
schöner, heldenhafter Mann, wie Sie einem der grössten Heroen der Kriegs-und
Litteraturgeschichte gleichen, ist in der Tat wunderbar! Sie sind Cervantes wie
er im Buche steht.« »Wer ist Cervantes? Ich erinnere mich im Augenblick dieses
Namens nicht,« entgegnete er mit genialer Ignoranz. »O Sie liebenswürdigster
aller Schäker, wie fein Sie mich täuschen wollen. Sie möchten Ihren grossen
Kollegen verleugnen, weil Sie ihm körperlich und geistig auf ein Haar gleichen:
auch er war einarmig wie Sie, ein heroischer Soldat wie Sie, er hatte eine
ritterliche Statur wie Sie, er gab ein Blatt heraus wie Sie - später wurde es
gesammelt und als Buch veröffentlicht unter dem etwas spanischen Titel
Donquixote, kurz: alles stimmt.« Und er: »Natürlich der Donquixote, ah, von dem
hab' ich auch gehört, der erfand ja all' die dummen Streiche, die man heute noch
Donquixoterieen nennt. Natürlich!« Darauf sie: »Und hier verehre ich Ihnen einen
sehr kostbaren Stahlstich, sein Porträt.« Er: »Nach einer ähnlichen Photographie
angefertigt, wie's scheint.« - »Selbstverständlich.« -
    Seit jener Zeit hängt das Bild des Cervantes unter dem Spiegel im
Redaktionsbüreau der »Kloake« - und der Pressbandit stilisiert seinen
polizeiwidrigen Vagabundenkopf nach seinem, genialen Doppelgänger und
»Kollegen«, dem Helden von Lepanto.
    Als seine Alte fragte: »Wen stellt das Bild vor, wer ist das?« antwortete er
ruhig-stolz: »Kollege Cervantes; er soll mir sehr ähnlich gesehen haben.«
    Der Pressbandit erwog sogar den Gedanken, ob's nicht vorteilhafter und
schöner wäre, vom nächsten Semester ab sein herrliches Wochenblatt, statt
»Kloake« »Donquixote« oder »Der bayerische Donquixote« zu benennen. Allein die
kluge Tusnelda Wechsler riet ihm von der Umtaufe ab. Erstens sei das Blatt
unter dem ursprünglichen Namen zu grossem Renommee gekommen; zweitens klinge das
Wort echt klassisch, denn die weltbeherrschenden Römer hätten schon eine Kloake
mit dem Untertitel »Maxima« gehabt; drittens habe das Wort ausser der
lateinischen Klassizität - was in einer ältlichen akademischen Kunststadt wie
München schon an und für sich sehr empfehlend sei - einen Stich ins
Naturalistische, wodurch die Sympatieen der allerneuesten Richtung in
Litteratur und Kunst unfehlbar gewonnen würden, der französische
Romanschriftsteller Zola z.B. sei von liebreichen und witzigen Kritikern schon
des öftern der Grossmeister der Kloakendichter genannt und seine berühmtesten
Bücher mit Kloaken verglichen worden; viertens habe das Wort wie das Blatt, dem
es als Überschrift diene, wirklich so viel Lokalfarbe und Lokalgeruch, dass jeder
kunstsinnige Münchener die Umtaufe schmerzlich empfinden müsste.
    Dem Kloaken-Journalisten leuchteten diese Gründe ein. Da er aber doch von
dem Titelblatt seines Witzblattes nicht mehr vollkommen befriedigt war, so
wollte er demnächst ein Preisausschreiben zur Gewinnung einer geeigneteren
Titelvignette veranstalten; als Prämie gedachte er dem siegreichen Künstler die
erschienenen Kloaken-Jahrgänge, stilvoll in Schweinsleder gebunden, sowie eine
seidengestickte Fahne und das Prädikat eines Ehrenmitgliedes der
Kloaken-Redaktion anzubieten. Jetzt stand noch in der rechten Ecke des Titels
ein geharnischter bayerischer Hiesl in einer Positur und mit einem Gesicht, als
hätte er Rizinusöl statt Hofbräuhausbier aus seinem Masskrug getrunken, und links
ein Münchener Kindl mit einer so sündhaft verblödeten Fratze, als wäre es vom
»Jungferntribut des modernen Babylon« ausgemustert worden. Diese Bilder konnten
seinem ebenso originellen wie verfeinerten ästetischen Gefühl nicht mehr
genügen. Um neben seiner lokalpatriotischen und bajuwarischen auch seiner
kaiserlich-deutschen Gesinnung gebührend Ausdruck zu verleihen, wollte er schon
die Züge des bayerischer Hiesl in die des deutschen Reichskanzlers umwandeln ...
Vorläufig musste das alles Zukunftsmusik bleiben, so lange die wohllöbliche
Polizei dem Kloaken-Witzblatt das Leben überhaupt noch so sauer machte.
    Lagen da nicht wieder drei Briefe mit unheilkündenden grossen Amtssiegeln?
Der Pressbandit stierte mit seinem einzigen Auge darauf - nein, er mag sich jetzt
seine rosige Stimmung nicht verderben lassen: er wird diese »Uriasbriefe« nicht
lesen. Er setzte sich würdevoll in seinen Redaktionslehnstuhl und liess noch
einmal die freundlicheren Briefzeichen auf sich wirken. Dann öffnete er die
Zuschrift der Dichterin Tusnelda Wechsler.
    »Hochzuverehrender Herr Chefredakteur! Ihre gehorsame Dienerin hat wieder
ein neues Buch verbrochen, diesmal einen Band Teaternovellen in Versen -
Heise'sche Schule! Darf ich Ihnen das Werk mit einer eigenhändigen Widmung als
schwaches Zeichen meiner Verehrung und Dankbarkeit zusenden? Garniert mit
einigen Büchsen russischen Sardinen und Kaviar? Ich versichere Sie, es ist kein
Kaviar fürs Volk - von der Tante Meyer - sondern wirkliche feinste Primamarke.
Ein durchreisender russischer Militär, Freund meines Freundes ...«
    »Und so weiter,« machte der Pressbandit, den Rest des Schreibens
überfliegend. »Das genügt den Kaviar für mich, das Buch für den Antiquar. So
gibt's besser aus. Eine brave Frau. Hat sich halt wieder einen jungen Leutnant
abgerichtet, der Russe geht drein. Schwamm drüber. Leben und leben lassen. Nein,
ich werde doch etwas über sie schreiben, ich werde sie über den Schellenkönig,
den hochnäsigen Kollegen Heise und Konsorten, loben. Unsere beliebte
vaterländische Dichterin und echt deutsche Hausfrau Tusnelda Wechsler, welche
so poetisch und taktfest zwischen Wiege und Schreibtisch Schritt zu halten weiss,
... welche in dem einen Jahr dem deutschen Vaterland einen strammen, das
Geheimnis des Stechschrittes und des neuen Exerzierreglements schon im
Mutterleibe empfangenden Krieger, in dem andern Jahr einen Band genialer
Gedichte, keusch und lieblich wie Maienrosen, schenkt, ... dieses erhabene
Muster von einem Dichter-Weib ... hat soeben ein neues Werk ... und weiter, und
so weiter. Der Kaviar ist das Beste dran, aber das geht den Schafskopf von
Publikum nichts an. Meine Besprechung wird Sensation machen. Mein Adlatus
Kropfer muss sie ordentlich durchkorrigieren, wegen der verdammten Druckfehler,
die mir von meinen schurkischen Neidern, den sogenannten Schriftstellern, immer
als Schreibfehler aufgemutzt werden. Ich will jetzt gerade den
litteraturstudierten Schimpansen zeigen, dass in mir ein kritisches Talent ersten
Ranges schlummert, das ein paar Dutzend Professorendichter im Nu in die Pfanne
haut und wirkliches Talent auf den Schild erhebt. Kloaken-Lob soll bald so
furchtbar wirken wie Kloaken-Tadel. Auf den Kaviar freu' ich mich. Das ist halt
ein Schatzerl, die Tusnelda ... Wo nur heute mein Leutnant bleibt! Er ist halt
ein Liedrian, wenn er Geld hat. Ich muss ihm den Brotkorb höher hängen.«
    In diesem Augenblick ging die Tür auf und herein trat eine hochgewachsene
Gestalt mit nägelbeschlagenen Bergschuhen, Wadenstrümpfen, nackten Knieen,
kurzen Lederhosen, Lendengurt, Lodenjoppe, Filzhütchen mit Spielhahnfeder, das
kecke Gesicht von einem mächtigen roten Vollbart umrahmt.
    »Grüss Gott, Chef!«
    »Wenn man den Wolf nennt, kommt er g'rennt. Aber in dem Aufzug? Sie sind
halt der ewige Fex!«
    »Nix Fex. Auf den Wendelstein geht's. Einem Hamburger Alpisten muss ich den
Führer machen. Es ist auch eine Alpistin dabei, ein schneidiges Weib, mit Waden
wie ein Kanonenrohr. Ich wollte den Allerdurchlauchtigsten, Grossmächtigsten um
zwei Tage Urlaub gehorsamst gebeten haben. Es sind seine Leute, Geld haben sie
wie Dreck. So was darf man niemals ausschlagen. Nur zwei Tage Urlaub.«
    »Und zwei Tage zum Ausschnaufen, macht vier. Die Redaktionsarbeit, he, und
die neuen Bilder? Ganze Berge von Briefen, Manuskript, Korrekturen ...«
    »Auf diesen Bergen kraxelt einstweilen der verehrte Chef mit Genuss herum.
Bilder bring' ich einen ganzen Rucksack voll mit.«
    »Ich danke. Einen Tag höchstens kann ich Sie fortlassen. Es liegt viel
Wichtiges vor. Hier, helfen Sie nur wenigstens noch schnell die Korrespondenz
erledigen.«
    »Eine halbe Stunde, meinetwegen. Her mit dem, Trödel! Ich opfere mich.«
    Der Leutnant Kropfer warf sein Hütchen auf den Tisch, setzte sich rittlings
auf einen Stuhl und griff nach den hingeschobenen Briefen und Karten.
    »Paillard hat sich melden lassen.«
    »Hm, hm,« machte der Leutnant aufblickend und den Chef fixierend, während er
die Briefe und Karten wie Spielkarten mischte und mit Spielergewandteit durch
die Finger flattern liess.
    »Warum hm hm? Haben Sie etwas gegen den Mann?«
    »Gegen den Mann nicht, aber gegen sein Metier, das heisst, eigentlich auch
nicht gegen sein Metier, aber gegen die unvorsichtige Art wie er's treibt. Man
wittert Unrat.«
    »Man ... wer wittert?« fragte der Pressbandit lauernd.
    »Rücken Sie erst einmal mit einer seinen Havanna heraus und einem
anständigen Glas Schnaps. Mein Magen lechzt nach einer guten Idee. Mein
Morgensegen, wollte sagen mein Frühstück hat zu wünschen übrig gelassen. Ich muss
die Pepi abschaffen.«
    »Das ist Ihre Sache. Bleiben Sie bei der Stange, Kanonendonnerwetter. Dort
im Wandschrank. Am End' soll ich Sie noch bedienen?«
    »Könnt' Ihnen nichts schaden. Da lernten Sie wenigstens noch notdürftig gute
Lebensart.«
    Der Pressbandit knirschte mit den Zähnen, »Also wer wittert?«
    Kropfer, nachdem er sich gemächlich ein Glas Wisky eingeschenkt und eine
Havanna angezündet hatte, setzte sich wieder rittlings auf seinen Stuhl und
begann mit aller Seelenruhe: »Sie machen Unsinn über Unsinn. Was gehen Sie die
Privatliebhabereien des Königs an? Was sticheln Sie noch auf den
Separatvorstellungen herum und auf den nackten Himmelsjungfrauen in dem
Königsstück Urvasi, jetzt, wo der König weder ins Teater, noch überhaupt nach
München geht? Was haben Sie sich an dem Kriegsminister mit faden Witzen zu
reiben und am bayerischen Generalstab und am Raupenhelm?« ...
    Der Pressbandit bohrte sich mit den Fingern in die Nase und strich die grauen
Flöckchen an seinem Gesäss ab. »Lassen Sie mich doch mit diesen Geschichten in
Ruhe. Das muss ich als alter Haudegen so gut verstehen als irgend einer.«
    »Und wie stimmt Ihr bajuwarischer Patriotismus, mit dem Sie immer so dick
tun, zu diesen gefährlichen Taktlosigkeiten?«
    »Patriotismus! O Sie Kindskopf. Das steckt man zum Fenster hinaus, wenn
man's braucht, und stellt's hinter den Ofen, wenn's seine Schuldigkeit getan.
Wie Sie das Geschäft naiv auffassen: gerade durch diese sogenannten
Taktlosigkeiten steigen meine Verhimmlungsgedichte im Preis, die ich bei
feierlichen Gelegenheiten auf das Herrscherhaus loslasse. Auf meinen Nutzen
komm' ich immer.«
    »Und ich bleib' dabei: es ist undiplomatisch, das Staatsoberhaupt in die
Kloake zu ziehen. Wenn's in der Fechtschule stinkt, was geht das Ihr Riechorgan
an?«
    Der Pressbandit wollte aufspringen.
    »Bleiben Sie nur auf Ihrem Allerwertesten sitzen. Das Sündenregister ist
gleich zu Ende. Ich beschränke mich mir auf die Hauptsachen, ich habe keine Zeit
auf Nebendinge einzugehen. Was haben Sie sich mit dem anrüchigen Baron
Schneidmeier einzulassen, mit diesem Urstrizzi ...?«
    Jetzt brach der Pressbandit in ein breites Lachen aus. »Also aus dem Loch
pfeift's? Das ist der kurzen Rede langer Sinn? Der Schneidmeier ist Ihnen
unbequem, da streck' ich die Waffen. Persönliche Abneigung, Eifersucht ...«
    »Sie haben nie einen vernünftigen Zusammhang begriffen. Da fehlt's halt an
den Anfangsgründen. Ihnen muss man mit dem Zaunpfahl winken: Schneidmeier gilt in
den massgebenden militärischen Kreisen als ein Subjekt, dem man alles zutrauen
kann - und man traut ihm alles zu, verstanden? Fragen Sie einmal nach, was man
in Ingolstadt für Augen macht, sobald er sich innerhalb des Festungsrayons
blicken lässt. Die Spionage hat zudem niemals einen dümmeren Dilettanten gehabt,
als diesen unfähigen Leutnant a.D. ...«
    »Ich bemerke Ihnen, dass das Wort Spionage in meinem Redaktionsbüreau nicht
ausgesprochen wird.«
    »Gut. Ich werde es künftig bloss buchstabieren. Nichtsdestoweniger wird man
von Oben bald in Ihre Karten blicken, wenn Paillard und Schneidmeier fortfahren,
sich in der Weinrestauration am griechischen Marktplatz mit den bekannten Damen
eine Champagner-Schwemme zu leisten - in dem best beobachteten Buen Retiro von
ganz München. Fragen Sie doch einmal Ihre Gattin!«
    »Also dort wittert man Unrat? Hahaha. Mein lieber Leutnant, steigen Sie auf
Ihren Wendelstein und putzen Sie sich die Nase in der Gebirgsluft. Wenn das
alles ist, was Sie an Verdachtsmomenten bezüglich Paillard und Schneidmeier
aufgelesen haben, dann können wir ruhig schlafen.«
    »Wen die Götter verderben wollen, den schlagen sie mit Blindheit. Ich an
Ihrer Stelle ginge in dieser gefährlichen Richtung nicht weiter. Für Paillard
und Schneidmeier würde ich wenigstens meine Haut nicht zu Markte tragen.«
    »Fällt auch mir gar nicht ein. Ich bediene diese Kerls mit Dummheiten - und
empfange dafür gutes Geld, was ist weiter dahinter? Die kleinen Scherze
vermittelt übrigens meine Frau. Wer will mir etwas nachweisen? Alles
Schriftliche, was dabei gewechselt wird, liest sich wieder Liebesbrief eines
Backfisches.«
    Wahllos hatte Kropfer einen der Briefe, die vor ihm lagen, geöffnet und
überflogen. »Liest sich das etwa auch wie ein harmloser Liebesbrief?« fragte er
leichtin, dem Pressbanditen das Schreiben überreichend.
    »Vom Bankier Weiler - französisch? Ich kann ja gar nicht französisch. Der
Esel! Übersetzen Sie mir's, bitte.«
    »Der Inhalt lautet ungefähr so: Habe Sie gestern nicht mehr im Hotel
getroffen, wichtige Idee mitzuteilen, Louis findet nach neuesten sicheren
Nachrichten fast den ganzen Weltmarkt für Kabinettskassa-Anleihe verschlossen -
Französisches Kapital letzte Zuflucht - Brillante Situation - - Welche
französische Partei - - bayerische Gegenleistung im Kriegsfall - Schreiben Sie
mir sofort Ihre Meinung über dieses Riesenprojekt. Ich muss auf einige Tage
verreisen.«
    »Das an mich? Meine Meinung? Ich verstehe nicht. Als Finanzgenie habe ich
mich selbst noch nicht erkannt. Lautet der Brief wirklich so? Das ist ja sehr
rätselhaft und zugleich sehr schmeichelhaft für mich. Welche Perspektive -
Verbindung mit der grossen Finanzwelt, mit dem Weltmarkt, mit den Bankiers der
Könige. Nun zittert, ihr Münchener Pimpelhuber, wenn ich mich noch mit den
Geldmächten alliiere, sprenge ich euch in die Luft, dass ihr eure Knochen auf dem
Mond zusammenlesen könnt ... Was sagen Sie jetzt, Sie Hasenfuss? Imponiere ich
Ihnen wieder einmal, he?«
    »Das haben Sie immer getan ... Sie sind ein Koloss an Phantasie und
Kühnheit! Aber alle Wetter: da sehen Sie her - hier das Briefkuvert: Herrn
Paillard, per Adresse Redaktion der Kloake. Per Adresse! An ihn, nicht an Sie!
Ich drücke mich. Ich wasche meine Hände und Füsse in Unschuld. Sehen Sie zu, wie
Sie dem Franzosen diese Verletzung des Briefgeheimnisses annehmbar machen.
Übermorgen Abend erstatte ich Rapport. Adieu Chef! Und vergessen Sie nicht: in
erster Linie wollen wir die werten Mitmenschen nicht amüsieren und nicht ärgern
-wir wollen sie ausbeuten! Adieu! Herrgott von Strambach, schier hätt' ich Ihnen
zum Abschied das für mich Wichtigste nicht auf die Seele gebunden: hüten Sie
sich vor meinem journalistischen und leiblichen Doppelgänger in Tiefschwarz, vor
dem schönen Schlemming Peterl. Alle Achtung vor seiner Geschicklichkeit, aber
einen erbärmlicheren Hallunken hat die Münchener Sonne noch nicht beschienen.
Ich weiss, dass er mich bei Ihnen verdrängen will, dass er Ihnen schon Proben
seiner Karikaturen und Reimereien vorgelegt hat um einen Spottpreis ... Sie
würden ekelhafte Erfahrungen machen mit diesem Schweinekerl. Als verabschiedetem
Leutnant wurde ihm wegen schmutzigster Pumpgeschichten und Zechprellereien das
Recht aberkannt, die Uniform zu tragen ...«
    »Beruhigen Sie sich, mein lieber Kropfer, Ihr schwarzer Doppelgänger ist mir
selbst für die unterste Sparte der Kloake zu schlecht.«
    »Gott segne Sie für diese Einsicht. Adieu, Chef!«
    Unter der Tür begegnete er der Frau des Pressbanditen. Sie war sehr
raffiniert geschminkt. Das Korsett arbeitete die schlaffen Brüste monumental
heraus und hob sie bis zum Kinn empor. Der Leib hatte durch die geschickte
Schnürung fast elegante Formen gewonnen. Das Haar war am Scheitel in krauser
Struppigkeit von einem Schildpatkamm gehalten, über die Stirn fielen wilde
Ringellöckchen bis zu den hohen, mit einem kräftigen Tuschstrich markierten
Augenbrauen herab. »Sie ist wollüstig schön in ihrer roten Trikottaille,« sagte
sich der Leutnant, begnügte sich aber, sein Wohlgefallen nur in einem heissen
Blicke auszudrücken. »Wollüstig schön,« wiederholte er auf der untern
Treppenwendung, indem er zu ihr emporschaute und ihr einen Handkuss zuwarf ....
»Viel Vergnügen, Herr Leutnant!« Ihre! Satansaugen funkelten und schleuderten
ihm Blitze nach. »Gefall' ich Dir so?« rief sie ihrem Gatten zu, sich mit
erhobenen Armen zwischen die Türpfosten spreitzend und den Leib kokett
schwingend, so dass die Linie von der Achselhöhle bis zur schlank erscheinenden
Lende und von da über die Schenkel hinweg verführerisch spielte.
    Er sah sie an, nickte und atmete schwer. Sie ging in ihr Zimmer zurück, das
als Empfangssalon für besondere Gelegenheiten diente und am entgegengesetzten
Ende des Ganges auf der Hofseite lag.
    Der Pressbandit hatte sich wieder in die Briefschaften vertieft. Er bemühte
sich vergeblich, das französische Schreiben des Bankiers noch einmal für sich zu
entziffern und legte es dann kopfschüttelnd beiseit. »Für das Mitwissen
wenigstens muss der Kravattenfabrikant Weiler Haare lassen, so viel steht fest;
bin ich Teilhaber des Geheimnisses, will ich auch Teilhaber des Profites sein,
den's abwirft. Mein Leutnant ist in manchen Stücken faktisch gescheidter, als
ich, sein General. Ausbeuten heisst die Parole. Was bringt's ein? ist der
Hauptgesichtspunkt in allem. Ich bin noch viel zu sehr Idealist. Und auch darin
hat der Kropfer recht: man muss sich nach der Gefährlichkeit einer Sache bezahlen
lassen. Den Franzosen Paillard muss ich nach ganz anders schröpfen. Dass ich ein
Narr wäre, das Nilpferd für ein so Billiges an der Nase herumzuführen.
Süddeutschland wimmelt von französischen Spionen, einer dümmer als der andere,
aber die in München sind schon die dümmsten und filzigsten. Und wenn alle
Informationen, die ihm mein Weib vermittelt, auch keinen faulen Radischwanz wert
sind, so muss von nun an doch das Doppelte herausgeschlagen werden. Geld, Geld,
Geld regiert die Welt, Kanonendonnerwetter. Das ist das einzige Positive. Ich
werde dem Paillard den Standpunkt klar machen. Tu Gold in Deinen Beutel, viel
Gold - wie Lessing sagt.«
    Und er sass lange in Gedanken und heissen Wünschen und verzehrender Gier nach
Geld und Geldeswert, den Ellbogen auf die Briefe, den hässlichen, dicken Kopf auf
die Hand gestützt.
    Weiter! Das nenne ich eine elegante Zuschrift, fein und duftig wie ein
Liebesbriefchen; so drückt sich die Verehrung, welche der Absender für den
Empfänger empfindet, schon im Äussern aus. Hören wir: Sehr geehrter Herr
Redakteur Sie sind ein Meister des subtilen Totschlags; schleichendes Gift,
indianerhaft präparierte Pfeilspitzen, Dolche, Nadeln - alle Mordwaffen
handhaben Sie mit bewundernswerter Treffsicherheit. Sie sind ein Unikum in der
deutschen Presse. Wo Sie hinhauen, welkt die Blüte, verdorrt das Gras. Im Namen
eines hohen Sportsmanns heische ich Ihre Dienste. Eine kleine, niedliche
Künstlerin soll in seinem Auftrage wie ein Reh in das Revier Ihres Blattes
getrieben und dort mit waidmännischer Kunst zu Tot gehetzt werden. Wollen Sie
uns das Vergnügen machen? Über das Honorar und das Übrige werden wir uns nach
empfangener Zusage sofort verständigen. Antwort unter A.H. hauptpostlagernd
München. Kanonendonnerwetter, diesmal gilt's in der Tat ein Meisterstück um
Meisterlohn. Der hohe Sportsman hat sich an den Rechten gewandt. Wir werden mit
einander zufrieden sein. (Während des Antwortschreibens pfeift er den Refrain
»Fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein«). Diesmal hoffe ich mich
selbst zu übertreffen. Kanonendonnerwetter, da ist ja noch ein Postskriptum auf
der andern Seite. Selbstverständlich verpflichtet sich mein ritterlicher
Auftraggeber, seiner Generosität keine Schranken zu setzen, falls Ihnen in
Ausübung Ihres Berufes in seinen Diensten irgend ein Unfall zustossen sollte oder
wenn Sie von irgend einem pedantischen Staatsanwalt wegen Jagdfrevels oder
Tierquälerei gefasst würden und ein bisschen bluten oder brummen müssten. Sie
werden für sämtliche unangenehme Folgen, welche Ihnen das kunstgerechte
Totetzen unseres lieben, niedlichen Rehs etwa zuziehen könnte, vollauf
entschädigt werden ... Da sage noch einer, dass es keine Noblesse mehr in der
Welt gibt! Dieser Brief ist ein Dokument zum Küssen ...
    »Ah, Herr Chefredakteur, guten Morgen! Ist's erlaubt, einzutreten?«
    Der Pressbandit fuhr auf. »Sehr angenehm, Herr Paillard! Es ist mir eine
grosse Ehre, Sie wiederzusehen. Wir sind ganz allein, aber ich bin gerade sehr
beschäftigt. In der Hitze des Gefechtes habe ich sogar einen für Sie bestimmten
Brief erbrochen.«
    »Wie das? Das ist ja sehr merkwürdig.«
    »Sehen Sie, unsere beiden Adressen standen hier nebeneinander. Der Irrtum
ist erklärlich. Sie werden mir glauben, dass keine Absicht im Spiele war.«
    »Geben Sie her.«
    Nachdem er den Brief flüchtig gelesen, ohne die geringste Bewegung zu
verraten, steckte er ihn zu sich mit den Worten: »Eine Kaprice von Monsieur
Weiler, ganz ohne Bedeutung.« In Gedanken setzte er bei: »Verdammter Gauner von
einem Winkeljournalisten.«
    »Verdammter Gauner,« dachte auch der Pressbandit in seinem Sinn.
    »Ich habe grosse Eile. Ihre Frau hat gewiss neue politische
Liebenswürdigkeiten für mich? Die bayerische Politik ist ja spannend wie ein
Roman. Täglich neue Verwicklungen. Die widersprechendsten Gerüchte
durchschwirren die Luft. Man munkelt sogar von einer Regentschaft. Der König
soll entmündigt werden. Unerhört. Hoffentlich bestätigt sich das nicht. Das wäre
zu fatal für unsere Pläne. Nein, nein. Was ich fragen wollte: was ist's denn mit
diesem Baron Drillinger? Ist er gewiegter Militär? Hat er gute Verbindungen?
Geniesst er Vertrauen? Leicht zugänglich scheint er nicht zu sein. Ich habe ihn
gestern beobachtet. Weiler war so gütig, mir seine Bekanntschaft zu vermitteln.
Spricht man von seinen Geldverlegenheiten?«
    »Mehr von seinen Liebschaften.«
    »Das weiss ich. Eine sentimentale, aber verschlagene Natur. Keine üble
Disposition für unsere Zwecke.«
    »So lang er noch an dem Rassler'schen Weib hängt, ist er schwer für anderes
zu haben. Da muss er losgesprengt und mürbe gemacht werden. Ich werde Ihnen den
Mann präparieren. Aber umsonst ist der Tod - verstanden, Herr Paillard? Für
meine neuen Dienste müssen Sie schon etwas tiefer in den Sack greifen, als
seiter.«
    »Ich sehe Ihren Vorschlägen entgegen.«
    »Die sollen Sie ehestens haben, gleichzeitig mit dem Bericht über
Drillinger. Das Bewusste liegt bereit. Wollen Sie sich zu meiner Frau bemühen?
Sie werden von ihr erwartet.«
    »Ich eile zu ihr. Auf später also.«
    Der Pressbandit machte sich wieder an seine Korrespondenzen.
    »Ein Schmähbrief. Dreckseele und Nachttopf tituliert mich ein Gekränkter.
Ist mir schnuppe, wie der Berliner sagt. Geschäft ist Geschäft. Wenn ich aber
den Namen des empfindlichen Schmähbriefschreibers erfahren könnte, würde ich ihm
die Dreckseele und den Nachttopf doch eintränken. Weiter: ein Bittsteller aus
Nürnberg; um Honorar für gelieferten Beitrag zu erbetteln, schmiert der Kerl
drei Seiten voll. Lächerrlicher Mensch. In den Papierkorb damit. - Weiter: noch
ein Nürnberger, Göring heisst der Edle; erbietet sich, den Ungespundeten Erwin
Hammer und seine Kumpanei zu vivisezieren, legt eine Probe seiner Schneidekunst
aus dem Fränkischen Kurier bei. Das besorgen wir vielleicht besser selbst,
sobald sich's rentiert. Einstweilen in die Materialienmappe damit. Als
gelegentlichen Handlanger wollen wir den Braven für die Kloake notieren. -
Weiter: Sehr geschätzter Herr, einige Freunde wünschen sich den Baron Drillinger
zu kaufen, um ihn in seiner ganzen Schönheit in Ihrem Blatte auszustellen. Was
kostet der Mann? Zeichnung und Text wird geliefert. Gefällige Antwort erbeten
unter Chiffre X Y Z, Café Paul. Diskretion Ehrensache. Das trifft sich gut. Den
Mann sollt ihr haben, aber billig wird er nicht abgegeben. Er gehört dem
Meistbietenden. Was ist nur das wieder für ein hungriger Tintenkleckser, der auf
diesen abgerissenen schmutzigen Wisch schreibt? Jessas, unser berühmter
Meistersinger: Dumm darf man schon sein, wenn man nur schon ist. Langt's
wirklich keinen anständigen Briefbogen mehr, armer Millionär? Und gelobt
möchtest mal wieder sein - um einen Gotteslohn? Nein, mein süsser Dummian, jetzt
werden andere Saiten aufgezogen. Da wirst du kurios spitzen, du eitler
Falschsinger mit drei Brillanten an jedem Finger. Andere Leute möchten auch
einen Brillanten - verstehst Du? - Weiter: die Brauerei zum fidelen
Klosterbruder meldet ergebenst, dass ihr Bier vorzüglich sei - und schickt
zugleich eine Anweisung auf dreihundert Mark für eine entsprechende Notiz. Dem
Klosterbruder soll geholfen werden. Durch sechs Nummern meines Organs ist
konstatiert, dass der Klosterbruder ein Saugesöff fabriziert, mit dem
Dreihundert-Markschein hat er das gute alte Rezept wiedergefunden: die nächste
Nummer soll konstatieren, dass er einen unfehlbaren Göttertrank braut. Ich
brauch' ihn ja nicht zu trinken und für die Bauchschmerzen der anderen bin ich
nicht verantwortlicher Redakteur. Da fällt nur ein, dass mich die
Gambrinusbrauerei nicht zur Bockprobe geladen, auch schon lange kein Inserat
mehr hergegeben hat. Diese Vernachlässigung soll ihr teuer zu stehen kommen.
München wird immer mehr Industrie- und Handelsstadt, und die grossen Firmen
beeilen sich nicht, der Presse ihren Tribut in klingender Münze zu zahlen? Ich
muss einmal strenge Musterung halten. Eine Reihe von Banken und
Aktiengesellschaften sind gegründet worden, ganze Strassen haben sich mit neuen
grossartigen Geschäften bedeckt, ohne dass für mein Blatt eine Reklame oder ein
Inserat abgefallen wäre. Ich muss diesen Lausern und Filzern Mores lehren, dass
sie heulen und zähneklappern. Von allem, was da fleucht und kreucht, fordere ich
meinen Teil. Merkt's. Na, wenn ich drei oder vier von diesen Geldsäcken gehörig
zusammenkarwatscht habe, dann lassen die andern schon die Schwänze hängen und
kommen herangewinselt. - Weiter: die neue Beamtenkreditbank weigert sich, ihre
Rechenschaftsberichte in der Kloake zu veröffentlichen und ergeht sich in
patzigen Redensarten. Warte, Kanaille, meine Feder wird bei nächster Gelegenheit
ein furchtbares Blutbad unter deinem Aufsichtsrat anrichten. Notiert. - Weiter:
der Konzertsänger Felix Vollnhals, Mitglied der k. Hofkapelle, verbittet sich
jede fernere Kritik seiner Liedervorträge; meine Kritiken seien nur
Erpressungsversuche; schon die blosse Nennung seines Namens in einem Schund- und
Schandblatte wie die Kloake komme einer Beleidigung gleich. Infamer Brüllaffe!
Ich werde eine Stimmbandoperation mit dir vornehmen, dass dir die Freude am
Singen und noch einiges andere vergehen soll. Was bildet sich denn der
unverschämte Kehlenkunstreiter ein? Wer macht denn das Renommee dieser Leute,
wer treibt ihnen denn die zahlende und beifallblökende Herde mit den grossen
Ohren in ihre Konzertställe? Wir Journalisten! Und diese Eintagsberühmteiten,
die wir gemacht haben, wollen sich gegen uns aufprotzen? Sich gegen mich
aufprotzen? Kanonendonnerwetter, ich will an diesem Pack einmal ein Exempel
statuieren ... Wenn dieser Vollnhals auch nur ein einziges Mal sich als nobler
Mensch gezeigt hätte ... Nicht einmal ein lumpiges Zehnmarkstück hab' ich von
ihm gesehen. Komm' Bürschchen, lass dich ausbürsten ... Lass dir deine Tonleitern
und Triller gründlich um die Ohren hauen ... Zur Exekution vorgemerkt. - Weiter:
Was? Der Bildhauer Achtuber, dieser Gipskopf, wagt es, mir den Ignoranten und
Schandkerl an den Kopf zu werfen und mir mit diversen Rippenbrüchen zu drohen,
wenn ich noch einmal seine Privatverhältnisse berühre? O du verdammter
Dreckkneter, eine solche Sprache erlaubst du dir mit mir?! ...«
    Der Pressbandit hatte sich in eine blutige Berserkerwut hineinmonologisiert;
seine plumpen stumpfen Finger umkrallten den dicken Korkfederhalter, als hätten
sie schon die Bösewichte an der Gurgel, die es gewagt, den Kloaken-Chef so
bitter an seiner journalistischen Ehre zu kränken. Der Einarm-Einaug sah doppelt
scheusslich aus in dieser Erregung; sein Gesicht war graugrün, sein Auge quoll
starr aus den rotgeränderten Lidern, sein Mund hing schief, halbgeöffnet, mit
dickflüssigem Geifer. O, er hätte Gift speien mögen, Gift ins Angesicht der
ganzen Welt ...
    »Weiter!« schreit er und greift nach einem andern Brief.
    Da klopft's.
    »Herrrein!«
    »Kann ich das Vergnügen haben, den Herausgeber der Kloake unter vier Augen
zu sprechen?«
    »Bescheidener sein, junger Herr, mit drei Augen vorlieb genommen! Mit wem
habe ich die Ehre?« entgegnet der Pressbandit kurz und grob, ohne sich von seinem
Platz zu erheben, in zornigen Gedanken noch ganz bei seinen Briefschreibern.
    »Mein Name ist Maximilian Schlichting.«
    »Schlichting? Sie sind der Hauslehrer der Frau Rassler?«
    Verblüfft von der barschen Plötzlichkeit dieser Frage, antwortet er
zurückhaltend: »Das wohl auch, doch nur nebenbei. Eigentlich bin ich ...«
    »Der jüngste Liebhaber der Frau Kommerzienrat!« fällt ihm der Pressbandit
hitzig in die Rede, mit irrem Blick, als spräche er zu einem Phantom.
Schlichting war einen Augenblick wie betäubt. Er starrte den geifernden
Einarm-Einaug an, als hätte er das grauenhafte Antlitz einer der
schlangenbehaarten Gorgonen vor sich. Die Stube schwamm vor ihm wie im Nebel und
daraus grinste ihn an das Haupt der Medusa, deren Anblick alles in Stein
verwandelt ...
    »Der jüngste Liebhaber, hier steht's in meinen Akten!« höhnte der Pressbandit
aufs neue.
    In dieser Wiederholung empfand Schlichting jedes Wort wie einen
Peitschenhieb. Das Blut saust ihm durch den Kopf, in seinen Ohren ist ein
Zischen, Pfeifen und Tosen. Er will den Arm erheben, auf den Banditen
eindringen, allein er ist wie gelähmt.
    »Mein Herr, ich verbitte mir eine solche Unverschämteit.«
    »Zu verbitten haben Sie sich auf meinem Redaktionsbureau gar nichts, hier
bin ich Herr.« Der Pressbandit richtet sich in seinem Lehnstuhl drohend auf. »Was
wollen Sie?«
    »Wie können Sie sich zu einer solchen unerhörten Insinuation erfrechen? Was
habe ich getan, das Sie zu einer solchen Beleidigung berechtigte?«
    »Der Beleidigte bin ich, hören Sie? Hinaus! - hinaus, sag' ich!«
    »Ich fordere Genugtuung!«
    »Hinaus!«
    »Sie sind ein Bandit!«
    »Hinaus!«
    - - - - -
    »Hahaha. Wie der Jüngling geflogen ist ... Das hat mir wohlgetan ... Ich
fühle mich erleichtert!«
    Bei dem ersten Schrei, der zwar durch die Entfernung gedämpft, aber doch
vernehmlich in das Zimmer der Kloakenfrau drang, hob Monsieur Paillard seinen
Kopf von dem Busen des Weibes, das mit einem Bein auf dem Sopha ausgestreckt
lag, während das andere in verführerischem Spiel mit dem Fusse auf dem
Schnabelschuh des neben ihr sitzenden Roués wiegte.
    »Was ist das nur?« fragte Paillard aufhorchend.
    »O, das ist nichts,« erwiderte sie, ein nervöses Gähnen verschluckend, wobei
sie ruhig fortfuhr, ihn mit ihren langen Fingern im Nacken zu krauen und zu
kitzeln.
    »Das ist nichts? Er schreit ja wie ein Besessener.«
    »Einer seiner Anfälle, wenn er durch irgend etwas aufgeregt wird. Da kann er
ganz sinnlos tun.«
    »Aber das ist entsetzlich vulgär, meine schöne, holde Frau,« lispelte der
verliebte Agent und legte eine Hand in ihren Schoss.
    »So gefällt er mir noch am besten. O, da kann er mit seinem Arm
herumschlagen wie ein Epileptischer. Diese Wildheit mag ich. Er ist in diesem
Zustand sehr stark, riesig stark; gewöhnlich ist er ja schlaff und feig ...«
    Ein Wollustschauer schüttelte ihren Leib.
    Im Schlafzimmer mit seiner schwülen, dicken Luft wimmerte das Kind und wand
sich, von Krämpfen verzerrt, in seinem engen Bettchen. Mit blödem Auge
betrachtete das Dienstmädchen die leidende Kreatur, rüttelte an dem Korbe und
näselte dazu mit schläfriger Stimme das alte Wiegenliedchen:
Schlaf, Kindl, schlaf,
Dein Vater ist ein Graf,
Die Mutter sitzt daheim und weint,
Weil das kleine Kindl greint.
    Dann die volkshumoristische Variante:
Schlaf Kindl, schlaf,
Dein Vater ist ein Schaf,
Die Mutter eine feine Dirn
Setzt ihm Hörner auf die Stirn.
Schlaf, Kindl, schlaf.
    Der Pressbandit hatte sich eine Zigarre angesteckt. Er blinzelte zu dem
Cervantes-Bilde hinüber, als wollte er sagen: »Die Helden grüssen sich.« Dann
rückte er sich in seinem Sessel zurecht und nahm die letzten Briefe vor.
    »Wirklich? Auch dieser Stolze ist besiegt, der gefürchtete parlamentarische
Leitammel. Er bietet seinen Buckel willig meiner Redaktionsscheere, damit ich
ihm das goldene Vliess ein wenig beschneide. Triumph! Der Gefürchtete hat an mir
seinen Mann gefunden. Und ich habe meinen Witz nicht einmal angestrengt ... Ein
bisschen an der Toga gezupft und die Nase gerümpft: Grosser Bürger, da scheint mir
etwas zu stinken, ich werde Dir gelegentlich einmal das Prunkgewand und die Hose
öffentlich ausziehen und den Leuten geigen, was darunter ist! Das war alles.
Kaum gedacht, war dem Stolz ein End gemacht. Es muss vieles faul sein im Staate
Dänemark. Ja, Lümmel, jetzt tust Du sanft wie ein Lämmchen ... Ich werde Dich
so gnädig behandeln, dass Du mir noch öffentlich die Hand drückst. Fette Inserate
versprichst Du? Bravo! ... Nun hätte ich gute Lust, die Schmierereien mit den
abgeschmackten Amtssiegeln uneröffnet in den Papierkorb zu schleudern. Ich
versteh' gar nicht, was sich diese Leute immer gegen unsereinen herausnehmen!
Die sollen mich doch gefälligst in Ruhe lassen; wenigstens so lange ich sie in
Ruhe lasse. Das Übrige ist meine Sache. Dass ich das Richtige treffe, beweisen
meine Erfolge. Da seht doch hin, wie dieses grossmaulige Parlamentarische Tier
sich vor mir duckt und um gut Wetter bittet. Seht doch hin! Ich wette, wenn ich
ihm morgen in sein Champagnerglas spucke, muckst er nicht, so sehr hab' ich ihn
jetzt in meiner Hand ... Die Presse ist eine Grossmacht, meine gewappelten
Herren! ... Wir werden Euch noch zeigen, wie viel die Uhr geschlagen ...«
    Er schob die Briefe beiseite und trommelte mit seinen plumpen Fingern
darauf.
    Da klopfte es wieder, rhytmisch, in fein empfundener und abgewogener
Tonstärke.
    Bevor er den Mund zu dem entsprechenden Herein öffnen konnte, erschien ein
frisch vom Brenneisen des Haarkünstlers kommender Kopf mit sanftem Grinsen in
der Türspalte. Es war die zärtlich-heroisch-dämonische Charaktermaske des
Schauspielers Geiling.
    »Darf ich, Allgütiger?« flötete sein sonorer Baryton in der weichsten
Höhenlage. »Erschrecken Sie nicht, den Quälgeist wieder zu sehen?«
    Der Pressbandit winkte mit der Hand, der Eintretende schwenkte grüssend seinen
glänzenden, funkelneuen Zylinder.
    »Ernst ist der Anblick der Notwendigkeit - wahrhaftig, Ihr Dichterkollege
Schiller hat nicht Unrecht. Ich kann Ihnen diesen Anblick nicht länger ersparen,
Sie böser Mann. Ja, ja, ja, keine Widerrede, das sind Sie. Warum vernachlässigen
Sie mich so? Zwei von den acht eingesandten Berichten über meine
Gastspieltriumphe - ich sage Triumphe und übertreibe nicht, sie waren einfach
phänomenal - haben Sie gar nicht abgedruckt und an den anderen haben Sie Striche
gemacht. Keine Ausrede. Habe ich Ihnen jemals Striche zugemutet? Habe ich nicht
Ihre Forderungen, Pardon, Ihre Vorschläge in extenso und darüber erfüllt? Habe
ich jemals mit meinem Golde gekargt? Habe ich Ihnen nicht immer mit vollen
Händen gegeben und lustig dazu gepfiffen: Ja, das Gold ist nur Chimäre, und ich
hab's fürwahr redlich und sauer verdient. Nun, reden Sie doch!«
    »Sie lassen mich ja gar nicht zu Wort kommen. Was auch gar nicht nötig ist:
Sie, der geniale Menschenkenner, lesen mir's vom Gesicht, was ich sagen möchte
...«
    »Ja, das tue ich - und was ich lese ist dies: Ich, der allgewaltige
Chefredakteur, vor dessen Feder ganz München zittert, bin ein undankbarer
Erzschuft ...«
    »Oho! Da möcht' ich doch bitten ...«
    »Bin nicht wert, dass mich Sonne, noch Mond, noch der Glanz des Goldes
bescheint, wenn ich diesem armen Komödianten Geiling nicht volle und rasche
Genugtuung gewähre. Hab' ich richtig gelesen oder nicht?«
    »Stimmt Wort für Wort.«
    »Na also.« Der Komödiant reichte dem Pressbanditen die Hand mit
inhaltsschwerem Drucke. »Die werte Frau Gemahlin zu begrüssen, habe ich wohl
nicht das Vergnügen?«
    »Sie überraschen uns ein wenig früh, grosser Gönner; ich glaube, es ist noch
Besuch da. Bitte, gütigst Platz zu nehmen, ich will nachsehen ...«
    »Um alles in der Welt nicht, dass ich stören möchte. Ich komme wieder.
Tauschen wir rasch ein paar Worte über unser Geschäft, dann schlüpfe ich
unbemerkt davon wie ich gekommen.«
    »Wie Sie befehlen.«
    »Was ich zunächst wünsche -« seine Stimme zum kunstvoll accentuierten
Säuseln dämpfend: »Sie wissen doch, dass in den höchsten und allerhöchsten
Sphären schicksalsschwere Dinge sich vorbereiten, die erhabene Person unseres
Königs betreffend?« - Wieder lauter, geschäftsmässig glatt: »Was ich wünsche, ist
dass in dieser Zeit des Übergangs, der Krisis, die ja auch gewissermassen eine
Kunstkrisis ist, sehr sogar, Ihr Organ keine Woche vergehen lasse, ohne meiner
zu gedenken und zwar in starker, origineller, sensationeller Weise. Wir haben es
leider mit einem ziemlich stumpfen Publikum zu tun, das will kräftig zur
Aufmerksamkeit aufgerüttelt werden. Wir müssen das verzettelte Interesse
sammeln, konzentrieren. Mit dem abgebrauchten Vokabular erreicht die Kunstkritik
das nicht. Wir müssen uns neue Worte prägen. Zum Beispiel: nennen Sie mich das
schauspielerische Zentralgenie der kosmischen Kunstindividualität oder ...«
    »Bitte, langsam, das muss ich mir gleich aufschreiben. Sie sagten?«
    »Schauspielerische Zen-tral-genie der kosmischen Kunst -«
    »Etwas langsamer ... der kosmetischen Kunst ...«
    »Kosmischen, kosmischen! Aber was quälen wir uns? Gestatten Sie mir, dass ich
Ihnen von Woche zu Woche ein kleines Stilmuster schicke, ja? Das wäre das
Einfachste.«
    »Sehr einverstanden.«
    »Aber nichts streichen!«
    »Genau wie Sie's wünschen. Ich bürge Ihnen für korrekten Abdruck.«
    »Keine sinnstörenden Druckfehler! Darin bin ich sehr empfindlich. Neulich
schrieb Ihr Blatt, das heisst, setzte der Dummkopf von einem ungebildeten Setzer:
Judentanz statt Intendanz, in lateinischen Zitat Fama crescit eundo - Fauna
statt Fama und in einem andern famos statt fames. Oder sollten das auch Witze
sein?«
    »Mein Gott, zuweilen passieren einem auch solche Witze,« lächelte der
Pressbandit verlegen.
    »Errare ... wie sagt doch gleich der Spanier?«
    »... rurarem est.«
    »Ganz genau. Auf das Spanische verstehen Sie sich wie ein zweiter Cervantes.
Also bleibt bei dem Verabredeten. Und was noch zur vollen Wirkung meines Namens
unbedingt erforderlich, ja nicht übersehen: Nacht muss es sein, Friedlands Sterne
strahlen; ich fordere nicht, dass Sie meine Kollegen mit dichter Nacht umhüllen,
denn da würde man die Pygmäen nicht mehr auffinden, o nein, ich gönne ihnen ein
anständiges Halbdunkel, wie es ihren Pfenniglichttalentchen angemessen. Aber was
darüber, das mag ich nicht. Die Reklame für mich wird auch Ihrem Blatte nützen,
man wird sich an den Zeitungskiosken um die Nummern raufen, in welchen in dieser
neuen Weise über mich geschrieben ist, man wird in den Bräuhäusern und Kellern
Agio dafür bezahlen, Sie werden Nachdrucke veranstalten müssen, kurz, ich mache
Sie zum reichen Mann, zum Millionär! Adieu, Mammonsdiener! Meinen Handkuss Ihrer
Frau Gemahlin; sie ist eine Fee, eine Sirene. Ich werde mir ehestens das Glück
gestatten, ihr meine Huldigung in einem kleinen Separatbesuch zu Füssen zu legen.
Adieu, adieu!« Er winkte die Hinausbegleitung ab und zog die Tür hinter sich
zu.
    Der Pressbandit schmunzelte, indem er mit der Hand in seine Tasche fuhr und
die empfangene Geldrolle nachwog. »Das ist noch ein Künstler! Zwar einen
lächerlichen Grössenwahnsinn hat der Tropf und eine unverschämt satirische
Schnauze, aber diese Formen, diese Lebenskunst! ... Nun muss ich doch einmal nach
meiner Alten schauen ... Heute kann sie sich gewiss nicht über Störung beklagen
... So unbelauscht konnte sie den Franzosen schon lange nicht mehr einseifen und
über alle möglichen Löffel barbieren. Hoffentlich hat sie ihre politische Rolle
gut gespielt ... Ein gesegneter Tag.«
    Als er in den Flur treten wollte, öffnete das Mädchen einem neuen Besucher
die Tür. Er vermochte ihn in der Dämmerung des Ganges nicht zu erkennen. »Nun
wird mir's aber fast zu viel,« brummte er für sich und fragte dann ärgerlich
laut: »Wer sind Sie, und was wollen Sie?«
    »Ich bin Engländer und will mit dem Redakteur von der Kloake sprechen.«
    »Hereinspaziert; aber kurz, muss ich bitten.«
    Es war ein schlanker, junger Mann, in knapp anliegendem, karriertem
Sackanzug nach neuester Insulanermode. Mit langen Schritten storchte er hinter
dem Pressbanditen ins Zimmer. Aus seinen seegrünblauen Augen blitzte Wurzelkraft
und Entschlossenheit.
    »Was wollen Sie?« fragte der Pressbandit, an seinen Sessel gelehnt, den
Fremdling kaum eines Blickes würdigend.
    »Sie haben eine Frau beschimpft, Frau Rassler.«
    »Ah, was Sie nicht sagen! Was geht das Sie an?«
    »Sie haben einen jungen Engländer beschimpft, mich, Harry Wood.«
    »Beschimpft? Seien Sie vorsichtiger in der Wahl Ihrer Ausdrücke, junger John
Bull und machen Sie, dass Sie fortkommen.«
    »Gleich. Zuvor aber nehmen Sie das - und das - und das -«
    Und mit drei wohlgeführten blitzartig sich folgenden Boxer-Fauststössen auf
Aug' und Nase, Mund und Magen honorierte er den überraschten Pressbanditen so
kunstgerecht, dass dieser ohne einen Laut in seinem Redaktionssessel
zusammenbrach. Die Nase war zu einem blutigen Brei zerquetscht und zerrieben,
das Auge hing wie eine dicke blauschwarze Kugel an dem Knochenbogen, die
Oberlippe war zersetzt und zerschljetzt. Über den schwarzgefärbten Schnurr- und
Kinnbart strömte das Blut und bildete eine dunkelrote warme Lache in dem
muldenförmig auf dem Unterleibe aufgestülpten Samtrock.
    Der junge Engländer war hinausgestorcht, so still und gleichmütig, wie er
gekommen.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Das Gespräch der guten alten Freunde in Trostbergs Bibliotekzimmer hatte
nach einer langen und breiten Durchsprechung der neuesten Sensationsbroschüre
»Die bayerische Ministerrepublik« von dem Demokraten Heinzelmann, auf welche
eine geharnischte Gegenschrift zu verfassen, der Regierungsrat den Doktor
vergeblich anzuspornen suchte, wieder eine intimere und lustig sprunghafte
Wendung genommen.
    »Erlaube mir,« sagte der Doktor, »Deine jetzige kluge Leisetreterei mutet
mich doch eigentlich spasshaft an. Nicht dass Du den Schlapphut mit dem Cylinder,
die Joppe mit dem Gehrock vertauscht hast, will ich Dir ungebührlich anrechnen.
Das sind Geschmacksachen. Aber geistig und moralisch hast Du doch von dem
schneidigen Draufgänger von damals fast gar nichts mehr.«
    »Ach, geh, wenn man einen zehnjährigen Kadetten sich angeheiratet hat, der
nach preussischer Metode gedrillt wird ... und wenn man selbst noch aus
Leibeskräften für Nachwuchs sorgt ... da gilt's pro aris et focis. Da ist's mit
Sturm und Drang vorbei, Freund. Ich habe mir die Hörner abgelaufen. Carpe diem,
was darüber ist, das ist vom Übel.«
    »Und Du bist glücklich in Deiner zweiten Ehe, was man so glücklich nennt -«
    Der Regierungsrat nickte: »Gewiss, und was das Beste ist, meine geschiedene
erste Frau freut sich ohne Groll unseres neuen Glücks und ist uns eine gute
Kameradin geblieben. Die Frömmler und Mucker meinten zuerst freilich, es wäre
sittlicher gewesen, wenn wir uns feindlich den Rücken gekehrt oder aus Hass
aufgefressen hätten.«
    »Das fromme Lumpenpack kennt sich eben, daher seine Kannibalenmoral.«
    »Wer mich so sieht, als korrekte Büreaugrösse, der ahnt nicht ...«
    »Dass auch Du ein Schicksalsmensch bist, ein Katastrophenheiliger!«
    »Ja, mein Lieber, was kann man da sagen! Erst muss man alles innerlich
überwunden haben; eine frische Rinde muss über die verborgenen Verletzungen
gewachsen sein, damit der alte Saftgang nicht mehr stockt, wenn er an der
Unglücksstelle vorüberrollt. Quid sit futuram cras, fuge quaerere.«
    »So ist es. Erst wenn wir uns als unsere eigenen Überlebenden fühlen, können
wir ruhig und männlich des alten Lebens gedenken in milder Gesinnung. Flüche,
Gebete, Trostsprüche, Verzweiflung, Hoffnung - alles ist überwunden. Man rollt
sich historisch vor sich selber auf wie eine Kartenlandschaft ... Und zum
Teufel, es sind doch Punkte drauf, wo man nicht hinsehen mag ohne Schauder und
Gruseln.«
    »Das Leben ist ein kurioses Ding. Seit Du mir von dem guten Drillinger
erzählt, geht er mir immer wieder im Kopfe herum. Diese Offiziere a.D., die uns
die neue Ordnung so massenhaft bescheert, sind ein wahres Verhängnis, für sie
selbst und für das Volk. Dieser Andrang von inaktiven Offizieren bei allen
Ämtern und Stellen, bei unseren statistischen und polizeilichen Büreaus! Eine
anständige Beschäftigung, die vor Versumpfung und Verbummelung schützt, und vier
bis fünf Mark Diäten sichert, scheint schon ein grosses Los. Ein jeder, der sich
neu meldet, erfährt aber, dass schon Hunderte vor ihm vorgemerkt sind; er hofft,
nach Jahr und Tag doch anzukommen. Und ist er angekommen, was blüht ihm? Eine
verknöchernde, geistlose und doch ungewohnt mühsame Arbeit in noch ungewohnteren
dumpfen Büreauzimmern Tag für Tag. Er, der bis zu seiner Verabschiedung gewohnt
war, hoch zu Ross oder stramm zu Fuss den grössten Teil seiner Zeit in frischer,
freier Luft zuzubringen!«
    »Da musst Du erst Drillingers Schilderungen hören von den
Offiziersbeschäftigungen in Fabriken. Das muss man ihm nachrühmen, er hat nichts
unversucht gelassen. Einmal war die Situation einfach grotesk: ein grosser
Privatunternehmer hatte ihn in seiner Buchhalterei angestellt, um als
Hilfsarbeiter einen Menschen neben sich zu haben, an dem er sich, mit Rücksicht
auf dessen vornehme Geburt und klingenden Titel, im Gebrauch eleganter
Lebensformen üben konnte, während der Oberbuchhalter, ein ehemaliger
Unteroffizier, jede Gelegenheit ergriff, den ihm unangenehmen Hauptmann a.D. das
Untergeordnete seiner jetzigen Stellung mit ausgesuchter Bosheit fühlbar zu
machen. Auf der einen Seite musste er elender Silberlinge wegen sich den
empfindlichsten Kränkungen aussetzen, um auf der andern Seite den Nimbus seines
Chefs, eines eitlen plebejischen Emporkömmlings, verstärken zu helfen.«
    »Die vis comica einer solchen Situation ist klassisch.«
    »Auch in der Publizistik hat er einen Anlauf genommen. Er ist nicht in den
Sattel gekommen, trotz seines Talentes und seiner Anstelligkeit. Gar mancher
viel weniger Begabte seiner Kameraden hat in der Münchener Presse Glück gehabt.
In allen Redaktionen stösst man hier auf Offiziere a.D., von der Allgemeinen
Zeitung bis herunter zur salva venia Kloake; bei den Freisinnigen, den
Nationalliberalen, den Schwarzen und Roten - überall hantieren Offiziere a.D.
mit Redaktionsstift, Kleistertopf und Schere. In diesen Offizieren a.D.
verkörpert sich ein grosses Stück soziale Frage. Unser guter Drillinger, wie
gesagt, kam nirgends an. Er versteht von der Kunst der Streberei nichts; er ist
der geborene Pechvogel. Auch die Trambahn, die Panorama-Gesellschaften, die mit
Offizieren a.D. wirtschaften, hatten für ihn keinen Platz.«
    »Und jetzt Liebelei und Börsenspiel - das scheint mir von allen der
verhängnisvollste Versuch, aus dem Sumpf der Untätigkeit heraus zukommen.«
    »Hinsichtlich seiner Liebeleien wird viel übertrieben, wie immer, wenn sich
der öffentliche Klatsch solcher Dinge bemächtigt. Was hier an unserer Isar
zusammengeklatscht wird, davon macht Ihr Euch in der Provinz gar keine
Vorstellung. Du siehst's ja - selbst der König auf seinem Tron ist nicht sicher
davor. Es übersteigt alle Begriffe, was ihm nachgesagt wird. Ja, wir leben in
einem freien Lande!«
    »Darum doppelte Vorsicht in dieser gährenden Zeit. Was sie auch aus ihrem
Hexenkessel als angeblich erlösendes Gebild aufsteigen lassen möge, wir sind alt
genug, uns durch nichts mehr überraschen zu lassen ...«
    »Der Kurier seiner Majestät,« meldete Gabriel mit schwacher Stimme und
verbundenem Kopf.
    »Wie siehst denn Du aus, Unglücksmensch?« fragte Trostberg überrascht.
    »Es scheint, ich kann den Münchener Frühling und den Schopenhauer nicht
vertragen: es treibt mir den Kopf auseinander.«
    »Bitte, einen Augenblick, lieber Regierungsrat, der Kurier wird gleich
bedient sein.«
    Doktor Trostberg empfing den Kurier sehr zeremoniös in einem salonartigen
Gemach, das zwischen Bibliotek- und Schlafzimmer lag.
    »Seine Majestät befehlen das Drama-Manuskript? Hier. Es liegt schon seit
gestern bereit.«
    Damit überreichte er dem Kurier eine dicke, blauweiss verschnürte, mit
Goldschnitt verzierte Rolle.
    »Und hier der neue Auftrag unseres allergnädigsten Herrn,« hob der Kurier
feierlich an, dem Doktor ein umfangreiches Buch überreichend. »Seine Majestät
erwarten, dass Sie die Auszüge aus den bezeichneten Kapiteln spätestens bis
Mitternacht abliefern; die französischen Verse im Anhang sollen ins Deutsche
umgedichtet werden, so wortgetreu als möglich.«
    Trostberg verbeugte sich. Er werde alles tun, die schwierige Arbeit zu
allerhöchster Zufriedenheit auszuführen. Sodann mit einigen diplomatischen
Zwischenfragen überleitend, kam er auf persönliche Hofangelegenheiten, schlug
einen diskret vertraulichen Ton an und wollte den Kurier ein wenig ausforschen.
Der Kammerlakai war aber heute zugeknöpfter als je. Er beantwortete verschiedene
Fragen mit dem nämlichen lächelnden Grinsen und Achselzucken. Nur als Trostberg
auf den neuen Günstling, einen ehemaligen Friseur, anspielte, dem man in
Münchener Kreisen grossen Einfluss auf den König zutraue, antwortete der Gefragte:
»Glauben Sie das nicht, Herr Doktor; dieser Mann ist wie alle andern mit einem
Fuss drin, mit dem andern draussen - und morgen vielleicht schon mehr draussen als
drin.«
    »Und Sie selbst, vortrefflicher Freund ... nicht wahr?« ...
    Nun wurde der Kurier gesprächiger.
    Der Regierungsrat lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit an der Tür. Er
vernahm nichts. »Auch das ist charakteristisch, wie alles was ich seit zwei
Tagen in München erlebe, und muss mit anderem gruppiert werden!«
    Nach längerem Warten sah er auf die Uhr, machte eine Miene der Überraschung
und Ungeduld, dann trat er an den Schreibtisch, schrieb einige Zeilen auf eine
Visitenkarte, ergriff Hut und Stock und wollte gehen. An der Tür kehrte er noch
einmal um, überlas das Geschriebene und setzte mit malitiösem Lächeln noch die
zwei Worte darunter »Cedo maiori«.
    Im Hinausgehen, ohne den Gruss des Klowns zu erwidern: »Ich weiche dem
Grössern - der Regierungsrat dem Kammerdiener. Das ist jetzt unsere Situation ...
im Staate Dänemark.«
 
                                 Zweiter Band.
                                        1.
                              Ew. Hochwohlgeboren!
Kurzweg so, ohne Ort- und Zeitangabe, oben rechts, geht's? Darf ich Ew.
Hochwohlgeboren mit einer Briefcharade necken? Und am Ende auch die Unterschrift
des Verfassers weglassen? Wobei ich, um selbst zum Glauben an die volle Wirkung
dieses fragwürdigen Briefes zu gelangen, voraussetzen müsste, dass Sie seit
unserer langen Trennung auch die Erinnerung an meine Handschrift verloren.
    Ich weiss wirklich nicht, ob ich Ihnen gegenüber in dieser schlechtesten
aller Welten, wo es besser wäre, gar nicht geboren zu sein, es sei denn, dass
u.s.w. - ob ich Ihnen gegenüber den Spass so weit treiben darf. Zumal da Ihre
pessimistische Weltgestaltung - nicht wahr, wir sind in der Ergründung des
Warum? Wozu? Woher? Wohin? unseres Daseins endlich weit genug gekommen, dass wir
so etwas wie Weltgestaltung auf eigene Faust. Gefahr und Rechnung ins Werk
setzen und mit uns und unserer Lebensführung anfangen können, was wir mögen,
ohne irgend einem anmasslichen Hinz oder Kunz Rechenschaft schuldig zu sein? -
also: zumal da Ihre pessimistische Weltgestaltung mehr und mehr einen Stich ins
Allerdurchlauchtigste, Grossmächtigste, Sonnenkönighafte bekommen hat, wie mir
jüngst vorübergereiste Freunde im Fluge meldeten.
    Blutiger Heiland von Dachau, steh' mir bei. Doktor Trostberg in der Livree
eines geheimen Hofdichters, einer Art von dramatischem Minister für die
litterarischen Angelegenheiten der königlichen Separatvorstellungen? Bin ich
recht berichtet? In der Tat eine pikante Häutung für einen Studienlehrer a.D.,
für den gemassregelten Verfasser radikaler sozialphilosophischer Schriften über
den deutschen Bauernkrieg und eines brennend roten Buchdramas »Tomas Münzer«,
das anno dazumal seiner Feuergefährlichkeit wegen von keinem Münchener
Buchhändler in das Schaufenster gestellt werden wollte ...
    Ja, ja, »und neues Leben blüht aus den Ruinen«, wie Schiller deklamierte,
der auch mit den Räubern (»In tyrannos!«) und den böhmischen Wäldern begonnen,
um mit der geadelten klassischen Hof-Tragödie und einem Platz in der
Fürstengruft zu schliessen.
    Ich empfinde es wirklich als Anmassung, mir mit Ihnen diesen epistolarischen
Scherz zu erlauben, wenn ich Sie nur jetzt studierend, exzerpierend,
übersetzend, dichtend auf vertrautestem Fusse mit dem Hofe Ludwig XIV. in
Versailles denke, ganz vergoldet vom Strahle der Königssonne jenes grossen
französischen Jahrhunderts, du auf du mit den schönsten, liebenswürdigsten,
galantesten Damen; wenn ich Sie mir vorstelle, wie Sie mit der Madame Pompadour
zu Bett gehen und mit der La Vallière aufstehen, wie Sie - - - Nein, das will
ich mir lieber doch nicht vorstellen, Ihr deutscher Mannesbusen nähme sich in
dieser Entblössung doch gar zu sündhaft aus.
    Und dabei hat sich Ihr Pessimismus auch ins Hoffähige hinüberstilisiert und
schwebt bei feierlichen ästetischen Empfangsabenden zwischen der letzten und
vorletzten Hofrangklasse zum Olymp empor. Er trägt nicht mehr die krachlederne
Kniehose und die wollenen Wadenstrümpfe und die derben Bergschuhe, sondern
kleidet sich in die glänzende Hofkavaliertracht des grossen Jahrhunderts; er hat
sich die ursprünglichen Naturlaute abgewöhnt und spricht jetzt mit der glatten
Zunge des vollendeten Höflings. Dreh' dich im Grabe um, alter Onkel
Schopenhauer, philiströser frankfurter Isegrimm und Pudelführer!
    Allein, schon Sie, Hochwohlgeboren, eben weil mich diese ganze Geschichte
eigentlich nichts angeht, finde ich die alte, heitere Freiheit des Geistes
wieder, Ihnen diese scherzhafte Epistel zu widmen. Aus der Ferne nehmen sich die
Metamorphosen eines Sonderlings vielleicht auch - weniger bedenklich aus, als
sie tatsächlich sind.
    Und nun bitte, ich Sie, betrachten Ew. Hochwohlgeboren diese Zeilen als eine
von meiner phantasielosen Ehrlichkeit schlecht erfundene captatio benevolentiae,
als eine diplomatisch missratene Vorrede zu dem nun folgenden eigentlichen
Briefe. Vor Monaten schrieb mir Drillinger (allerdings nur in einem
Postskriptum!) die Mahnung: »Richte doch auch wieder einmal einen ordentlichen
Brief an unsern verehrten Dr. Trostberg, er rechnet darauf.« Ich kam seiter
nicht dazu. Schlimmer noch: in meinem letzten Brieffolianten an Drillinger
vergass ich sogar, Ihrer zu gedenken und Ihnen die von Drillinger getreulich an
mich übermittelten Grüsse zu erwidern. Ich eile, das Versehen gut zu machen,
indem ich Ew. Hochwohlgeboren folgenden Extrabrief schreibe. Den versprochenen
Pessimistenbaustil werde ich Ihnen leider diesmal noch nicht mit einwickeln
können. Doch will ich mein Möglichstes tun, auch dieses Problema zeitgemässer
philosophischer Architektur zu Nutz und Frommen der Mit- und Nachwelt noch zu
lösen.
    Ich schliesse hiemit, nehme ein frisches Blatt - und beginne!
                                                  Pompeji, in den letzten Tagen.
                                                Albergo del Sole, Frühling 1886.
        Mein verehrter Doktor Trostberg!
    Daheim ein Überflüssiger, hab' ich die Jahre her halb Europa durchzogen:
Holland, Belgien, Frankreich, Österreich, Ungarn, die Schweiz - und andere von
Wissenschaft und Kunst überblühte Naturgebiete, um die tausend und millionenfach
abstudierte und abgebrauchte Gedanken- und Formenwelt mit eigenen Sinnen zu
mustern und die uns schulmässig eingepaukten Meinungen, Ansichten, Gemeinplätze
und Urteile ein wenig nachzuprüfen. Gar vielen Unsinnskram, den man daheim
ehrfürchtig und mühselig weiter schleppt, habe ich unterwegs abgeschüttelt - und
es ist mir mit jedem Schritte leichter und wohler geworden. In jedem fremden
Wirtshause habe ich mit dem üblichen Trinkgelde zugleich einige Dummheiten
zurückgelassen. (In Parentese: der Leser wird höflichst gebeten, Dummheiten
nicht mit dummen Streichen oder sonst mit einer boshaften Doppeldeutigkeit zu
übersetzen.)
    Ich habe frisches Leben, frische Eindrücke gesucht und wie oft ich auch
enttäuscht von dem Äusserlichen war, innerlich habe ich immer das Eine gewonnen:
erfrischte Kraft! Was ich jedoch noch nicht gewonnen habe, mein verehrter Doktor
Trostberg, das ist die ausreichende Zahl von Motiven, aus denen ich Ihnen den
neuen pessimistischen Baustil hätte konstruieren können, den ich Ihnen in einer
überschwänglich missmutigen Stunde - ich weiss das Plätzchen noch: auf einer von
blühendem Flieder umbuschten Bank auf der prächtig grünen, mit hohen Pappeln,
Ulmen und Linden bestandenen Landzunge zwischen den schäumenden und tosenden
Isarwassern, links von der Maximiliansbrücke - zur architektonischen Ergänzung
und wohnlich stilgerechten Ausbauung Ihrer Weltanschauung versprochen habe. So
nahrhaft und gut die Pessimisten auch das hundeschlechte Dasein ertragen: der
Pessimismus selbst lebt noch rein von der Luft der Dichtung und Wagnerischer
Musik, sowie von einiger Farbenillusion trübseliger Malermeister.
Architektonisch ist er noch ganz und gar obdachlos. Nun werden Sie freilich
gleich wieder mit Ihrer herben Spruchweisheit bei der Hand sein: die Baukunst
nimmt in der Rangfolge der Künste überhaupt die niederste Stufe ein; sie ist
eine blosse Bedürfnis- und Nutzkunst und steht ästetisch nicht hoher als die
Bekleidungskunst - die Wohnstube, das Haus, der Palast sind eigentlich ja nur
erweiterte Kleider, um uns vor der Unbill der mörderischen Natur zu schützen;
die Architekten sind auch keine philosophischen Köpfe, sondern höchstens
Rechnungsmaschinen, ihre Kunst ist nur entwickelte Naturnachahmung und hat im
Tierreich zahlreiche, zum Teil unerreichte Muster u.s.w.
    Bleibt uns also vorerst nichts anderes übrig, mein verehrter Doktor
Trostberg, als unsere Zuversicht auf die Zukunft zu setzen und das Beste von der
Ausbreitung und Kräftigung der pessimistischen Idee zu erhoffen. Haben wir erst
glücklich einmal ein durch und durch pessimistisches Volk, wie wir ein
biertrinkendes, handeltreibendes, kriegführendes, gottverehrendes Volk haben,
dann wird neben dem Kneipenstil. Bahnhofstil, Festungs- und Kasernenstil,
Kirchenstil u.s.w. auch der echte und gerechte pessimistische Philosophenstil
erstehen. Es wird zwar noch viel Hochgebirgs-Gletscherwasser in die Isar
fliessen, bis wir jene Erhitzung der Köpfe und Herzen herbeiführen, welche die
Vergletscherungen des unseligen Optimismus in auflösenden Fluss bringt und mit
dem neu erblühenden Pessimistenvolk auch der neue Pessimistenstil siegreich in
die Erscheinung tritt; allein Hoffnung lässt nicht zu Schanden werden. Dass der
Pessimismus an sich reich an Konstruktionsgedanken ist, die dereinst bauliche
Verwertung finden können, beweisen ja einstweilen die philosophischen
Lehrgebäude, die in. den zahllosen Schriften unserer Schopenhauerianer und
Hartmannianer auftauchen. Ich selbst habe zwar - zu meiner Schande muss ich's
gestehen, auch wenn ich um eine ganze Quecksilbersäule in Ihrer Achtung sinken
sollte - diese schriftlichen Lehrgebäude noch nicht in der Nähe
beaugenscheinigt, ich habe mich bescheidentlich begnügt, sie wie ferne
Nebelformen nach dem Hörensagen anzustaunen; allein ich habe hier eine kleine
geniale Person bei mir, eine Malerin in Temperafarben, die sich sehr gründlich
im Schrifttum der Philosophen umgetan zu haben scheint, und sie ist es, die mir
neulich erst wahre Wunder von den Konstruktionsgedanken der Schopenhauerianer
strengerer und laxerer Observanz erzählt hat. Für meinen eigenen philosophischen
Hausbedarf bin ich immer noch ganz anständig mit dem kleinen witzigen
Gedankenvorrat ausgekommen, den mir die »Lichtstrahlen aus Schopenhauers
Werken«, das pikante Kapitel von den Illusionen der Liebe in Hartmanns
»Philosophie des Unbewussten« und der belehrende Umgang, dessen ich mich einst
mit Ihnen zu erfreuen hatte, in angenehmster Weise lieferten. Zufällig bekam ich
neulich ein Bändchen Gedichte von einem gewissen Leopardi in die Hand, der da
drüben am Vesuv herumpessimistiert haben soll. Die Gedichte sind sehr schön.
Doch war ich sehr enttäuscht, als mir versichert wurde, Leopardi sei wirklich
ein genialer Schmerzenreich, ein unheilbar leidender und tief unglücklicher
Mensch gewesen. Er soll auch sehr jung gestorben sein. Meine seiterigen
Erfahrungen hatten mich zu der Annahme verleitet, dass der Pessimismus seine
Bekenner recht gut konserviere und sie ein vergnügtes Alter erleben lasse.
Eduard v. Hartmann, der die Niederträchtigkeiten der Liebe und Ehe am schärfsten
geisselt, ist bekanntlich sehr angenehm verheiratet und glücklicher
Familienvater. Von Schopenhauer gar nicht zu reden, der nach zuverlässigem
Zeugnis besonders während seines italienischen Aufentalts den Wonnekelch der
Liebe bis auf die Nagelprobe zu leeren und auch sonst bis in sein hohes Alter
vorzüglich zu speisen und zu verdauen pflegte. Dieser Pessimismus hat mir immer
imponiert ... Er setzt bei seinen Bekennern eine ungewöhnliche Seelengrösse
voraus, denn es ist fürwahr kein kleines Stück, Lebensteorie und Lebenspraxis
so taktfest auseinander zu halten und auf der scharfen Kante des Iustemilien
dahinzuspazieren, ohne Schwindel zu bekommen. Die oben zitierte kleine Malerin
in Temperafarben, ein allerliebster Kamerad mit einem eminent klugen Köpfchen,
hat mir diesen Kasus freilich in ein anderes Licht gerückt (sie rückt in ihrer
famosen Originalität überhaupt alles in ein anderes Licht, auch in der Malerei,
wo sie wie ein Satan auf das plein-air versessen ist); sie sagte nämlich, der
Pessimismus ähnle darin den fideleren Religionen, dass auch seine Bekenner sich
in Schafe und Böcke, in Gerechte und Ungerechte scheiden lassen ...
    Also!
    Haben wir zur Zeit noch nicht die Kraft zur Schaffung eines
architektonischen Pessimistenstils so haben die herrschenden Baustile unserer
ruhmreichen Gegenwart wenigstens die Kraft, uns der pessimistischen
Weltanschauung geneigter zu machen. Mir war nie weltschmerzlicher zu Mute, als
wenn ich die neuesten Baudenkmäler unserer guten Kunststadt München betrachtet
habe - z.B. die Gebäude der Maximiliansstrasse. Und erst was da unten an der Isar
herumgebaut worden ist! Bei diesem Anblick bekam ich sogar Grässlicheres, als
Weltschmerz, ich bekam Bauchschmerz!
    Fürchten Sie nicht, mein verehrter Doktor Trostberg, dass ich aus Rache für
die erlittenen scheusslichen Empfindungen Ihnen boshaft zurufe: Stellen Sie sich
auf die Maximiliansbrücke und blicken Sie von da nach allen Himmelsgegenden in
die Bauwunder des sogenannten Isaratens hinein - da haben Sie eine Ahnung Ihres
Pessimistenstils! Was man da an der schönen, wilden, naturwüchsigen Isar an
Münchener Kunstoffenbarungen vorgesetzt erhält, mag an Alles in der Welt
erinnern, nur nicht an den kraftvoll eigenartigen, harmonischen Schöpfergeist
Atens. Und darum glaube ich, dass wenn für München je einmal die Bezeichnung
Kunststadt und Isaraten eine segensvolle Wahrheit werden und eine Blütenepoche
eigenen, kraftvoll überströmenden Schaffens auf dem Gebiete des Schönen im
umfassendsten und höchsten Sinne bedeuten sollte, die entscheidenden Taten
ihren Schauplatz an den Isarufern finden werden. Im Smaragd der Isar werden sich
die Siegeswerke spiegeln, und stolzes Rauschen wird den Triumph der neuen
Münchener Kunst verkündigen. Was heute von den unerhörten Sehenswürdigkeiten der
Kunstleistungen in der königslosen Haupt- und Residenzstadt Bajuwariens oder
Viermaniens gerauscht wird, das stammt meistens von jenen geistig dürren
Blättern, die mit den Stichworten der von der Klique inszenierten Reklame
arbeiten. Das verblüfft, aber überzeugt nicht. Die Botschaft hört man wohl,
allein es fehlt der Glaube. Je nun, einstweilen muss uns auch dieses - Wurst
sein.
    Erinnern Sie sich, mein verehrter Doktor Trostberg, wie unser grosser
einsamer König dereinst im Bunde mit Richard Wagner und Gottfried Semper den
hehren Tempel deutscher Zukunftsmusik am Strande unserer Isar errichten wollte?
Drüben auf der bewaldeten, sagenumflüsterten, eichen- und tannenumrauschten
Uferhöhe gegen Bogenhausen? Wie er die nüchterne Liebigstrasse zur monumentalen
Kunstfeststrasse umschaffen und in mächtigem Zuge von der Gartenseite des
Festsaales der Residenz bis an die Isar bauen, mittelst einer neuen Brücke über
die Isar leiten und in malerisch aufsteigenden Terrassen bis an die Schwelle des
hehren Festspieltempels führen wollte? Und die deutschen Völker versammeln sich
hier, die hohen Feste ihrer nationalen Allkunst zu begehen, in längeren
Zwischenräumen, begeisterten Herzens, aller Gemeinheiten und Sorgen des
politischen und wirtschaftlichen Werkeltaglebens entladen, rein gebadet an Geist
und Gemüt im Äter der grossen vaterländischen Kunst ... Sehen Sie, wie sie in
Scharen daherziehen, Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen, festlich
gehobenen, elastischen Schrittes, beredten Mundes und glänzenden Auges, wie sie
an der hohen Freitreppe des Kunsttempels sich wenden und klopfenden Herzens die
Herrlichkeit der Landschaft bewundern, und aus der blauen Ferne grüssen die
schneeigen Häupter der ewigen Alpen herein, und die Isar rauscht jubelnd herauf,
und wie Nibelungenluft saust's durch die Wipfel der Eichen und Tannen, und im
Abendrot schwimmt die hehre Kunststadt mit ihren ragenden Türmen und Giebeln ...
Und nach diesem Naturvorspiel hebt sich der Vorhang ... Die materielle Welt
versinkt, die Sonne des Geistes geht strahlend auf am Firmament der Kunst, die
herrlichen Sterne der Dichtung und Musik leuchten und tönen in das Dunkel, und
in lebendigen Gestalten schreitet das Schicksal unserer Götter und Väter, zum
erhabenen Bilde verklärt, an unserem Blicke vorüber ...
    Ein Traum, ein Traum! O, es wäre mehr gewesen. Der Nibelungenring Wagners
mit seiner grandiosen Symbolik hätte wie ein Weltgericht der reinen Kunst an
dieser Stätte gewirkt. Hier hätte man das wunderreiche Zeitgedicht des
Dichter-Komponisten in seiner wahren Bedeutung erfassen gelernt, was weder in
dem fränkischen Dorf Bayreut, noch in den Prunksälen unserer Opernspass-Häuser
jemals vollständig gelingen wird: Die Jagd nach dem Ring, d.h. dem Goldreif,
welcher der Welt Erbe verleiht, als das tragische Verhängnis unserer Zeit, der
Kapitalismus in seiner Götter und Menschen aufreibenden Besitz- und Machtgier,
die Welterrschaft des Goldes - welch' ein dämonisches Kampfmotiv, in das sich
Himmel und Erde teilen, und welch' eine Katastrophe! Ich weiss nicht mit
deutlichen Worten zu sagen warum, aber ich habe die Empfindung, dass diese
Weltdichtung gerade an der Isar ihre volle Offenbarungsgewalt hätte entfalten
müssen. Und hat der junge König nicht eine ähnliche Empfindung haben müssen? ...
    Welch' grandiose, eines jugendschönen, idealen Bayern-Königs würdige
Künstlerphantasie!
    Leider ist das Volk nicht mit seinem König gegangen. Der grosse Augenblick
fand ein kleines Geschlecht. O Jammer, es hat von der goldenen Minute
ausgeschlagen, was ihm keine Ewigkeit mehr zurückbringen wird. Der Königswille
wurde gebrochen durch den brutalen Kleingeist der Kunststadtphilister, Meister
Richard Wagner wurde aus der verdummten Kunststadt vertrieben, Meister Gottfried
Semper rollte seine genialen Pläne zusammen und ging, und König Ludwig der
Zweite schüttelte Schmutz und Staub seiner Residenzstadt von den Füssen und
flüchtete sich in die Alpen und verzauberte sich in eine märchenhafte Welt, aus
Dichtung gewoben und Wahrheit ... Grosser, armer, unverstandener König, wie wird
das enden! ...
    Ja, mein verehrter Doktor Trostberg, ich habe Sie in dem Verdacht, dass Sie
sich jenes wüsten Münchener Hexensabbates gar nicht mehr erinnern. Damals waren
Sie noch wohlbestallter klassischer Schulmeister in der fröhlichen Pfalz. Was
kümmerten Sie da die unklassischen Münchener Händel? Sie räsonnierten und
zechten mit unserem gemeinsamen Freund Doktor Leiser - Gott hab' ihn selig! -
und schlugen sich die ersten pessimistischen Einfälle zwischen zwei Flaschen
Jesuitengarten zu Faden, weil die üppige Sarah, die nachmalige Gesponsin meines
Münchener Bankiers, Sie nicht erhören wollte. Aber ich habe jenen Hexensabbat in
München miterlebt, und als ich neulich meine kleine Reisebibliotek revidierte,
fielen mir wieder die Strophen in die Hand, worin der nun fast vergessene
Dichter Herwegh jenen Spuk schildert. Ich will zu Ihrer pessimistischen
Ergötzung die Hauptstellen ausschneiden und herkleben. Hier!
Vielverschlagener Richard Wagner,
Aus dem Schiffbruch von Paris
Nach der Isarstadt getragner
Sangeskundiger Ulyss,
Ungestümer Wegebahner,
Deutscher Tonkunst Pionier,
Unter welche Insulaner,
Teurer Freund, gerietst Du hier!
Und was hilft Dir alle Gnade
Ihres Herrn Alkinous,
Auf der Lebenspromenade
Dieser erste Sonnenkuss?
Die Philister, scheelen Blickes,
Spucken in den reinsten Quell;
Keine Schönheit rührt ihr dickes,
Undurchdringlich dickes Fell.
Ihres Hofbräuhorizontes
Grenzen überfliegst Du keck,
Und Du bist wie Lola Montez
Dieser Biedermänner Schreck.
»Solche Summen zu verplempern,
Nimmt der Fremdling sich heraus!
Er bestellte sich bei Semper'n
Gar ein neu' Komödienhaus!
Ist die Bühne, drauf der Robert,
Der Prophet, der Troubadour
München's Publikum erobert,
Eine Bretterbude nur?
Schreitet nicht der grosse Vasco
Weltumsegelnd über sie?
Doch Geduld - Du machst Fiasco,
Hergelaufenes Genie!
Ja, trotz allen Deinen Kniffen,
Wir versalzen Dir die Supp';
Morgen wirst Du ausgepfiffen -
Vorwärts, Franziskanerklub!«
    Ein niedlicher Rummel der Isaratener! Und das war Ludwigs vielgeliebtes
Residenzstadtvolk, in dessen Mitte er leben sollte ...
    Wenn er dem Zwange des Staatsgrundgesetzes gehorcht und einige Male im Jahre
bei Nacht und Nebel nach München kommt, dann schliesst er sein Teater für den
grossen Haufen der Isaratener und lässt sich Separatvorstellungen rüsten, in
welchen neben den klassischen Meisterwerken der grossen Deutschen mehr und mehr
die Louis-Quatorziaden der wälschen Repräsentationskomödie zur Darstellung
kommen, und mein verehrter Doktor Trostberg, der bleiche Schatten des einstigen
rotblütigen Zeitgenossen und Überlebenden des deutschen Bauernkrieges, taucht
seine Schwertfeder in die Schminktöpfchen französischer Übersetzungsdramatik und
Pompadourlitteratur ...
    Ah, Sie wollen einen Pessimistenstil, geheimer Separatdichter? Da haben Sie
ihn!
    Und da, wo die Isarwellen scheu und klagend an der Bogenhauser Höhe
vorübereilen, da sehe ich einen Stein aus dem Wasser ragen ... Und auf diesem
Stein wird einst der Doktor Trostberg seine missbrauchte Schwertfeder zerbrechen
und seine Leier zerschlagen - im Jammer um eine verlorene schöne Welt, und das
wird sein erster wahrhaftiger Weltschmerz sein, vor dem ich Hochachtung
empfinde, ich, der Weltfrohe.
    Und nun lassen Sie uns ein wenig von unseren letzten Tagen und Eindrücken in
Pompeji plaudern!
    Jawohl, dieses Pompeji, das sich jetzt nach tausendjährigem Todesschlaf wie
ein Gespenst am hellen Tag aus seinem Grabe erhebt und sich Asche und Staub aus
den hohlen Augen reibt und seine verschollene Zier und seine verblichene
Schönheit Stück für Stück aus den Trümmern zusammenliest, das war eine
Kunststadt. Fürwahr, ich möchte unsere Kunststadt nicht an seiner Stelle sehen
...
    Ach, der Gedanke an die Heimat lässt mir keine Ruhe, und mein Empfinden
schweift schon wieder ab ... Es ist ein Sturm, ein Aufruhr in mir, der jedem
beschaulichen Geniessen spottet.
    Meine Feder saust im Fieber über das Papier, und ich breche Ihnen den Hals,
Doktor, wenn Sie nicht stille halten und mich nicht achtungsvoll zu Ende hören.
Der Sie das Leid der ganzen Welt empfinden und tragen, dürfen nicht widerwillig
das Leid des Einzelnen von sich weisen. Und ich leide, wenn ich an unumwundener
Aussprache verhindert werde. Aber ich will nicht zu einem Klotz reden, sondern
zu einer mitempfindenden Mannesseele. Für letzteres halte ich sie trotzalledem.
Täusche ich mich, so sind Sie ein verdammter Egoist. Ich würde es dann nicht
einmal mehr für ein Vergnügen, geschweige für eine Ehre halten, von Ihnen
angepumpt zu werden. O nicht diese saure Miene, obwohl sie einen geborenen
Pessimisten gut kleidet! Ich revanchiere mich und pumpe Sie auch an, sobald ich
heimkomme. Nicht um Geld, sondern um einen guten Dienst. Jetzt, wo Sie ein
Zipfelchen vom Ohr des Königs haben und ein Mann von allerhöchstem Einflusse
sind ... Meine Isarbebauungspläne - ahnen Sie etwas? Ah, ich sehe schon isarauf-
und abwärts die Gerüste aus dem Boden wachsen und ein Heer von Arbeitern wimmeln
und ganze Wagenburgen mit Baumaterial heranziehen ... Die Lastfuhrwerke knarren
und ächzen, Staubwolken wirbeln auf, ein ungeheures Leben erfüllt die stillen
Ufer, aus allen Gassen strömen die Gaffer herbei, um das Wunder der Umgestaltung
zu sehen. Wie die Göttin der Schönheit aus den Fluten des Meeres, so taucht ein
göttlich schönes Neu-München aus den Fluten der Isar auf ...
    Und da jagen meine Gedanken in diesem toten Pompeji umher wie aufgescheuchte
Vögel, wenn sich der Himmel mit Gewittern überzieht. Warten soll ich! schreibt
man mir von daheim. Warten. Der grosse Zeitpunkt sei noch nicht gekommen. In
vier, fünf Jahren erst könne alles in Fluss kommen. Man habe alle Hände voll mit
anderen Dingen: mit der Wasserleitung, der Kanalisation, der Pflasterung, der
Trambahn, dem Viehhof, den Marktbuden, der Vollendung des Akademiegebäudes, der
Auskundschaftung eines Platzes für das Künstlerhaus der »Allotria«, Renovierung
und Erweiterung alter Kirchen, Erbauung von Schulkasernen, Erhebung Schwabings
zur Weltstadt, Umbau des Hofbräuhauses und des Landtagsgebäudes, »Sanierung der
königlichen Kabinetskassa«, Ministerstürzerei u.s.w. Überall, wo ich angeklopft
und sondiert habe, die nämliche Antwort: Warten!
    Ich habe diesen Winter in Rom eine Denkschrift ausgearbeitet und an den
Architekten- und Ingenieur-Verein nach München geschickt; ich habe einigen
Finanzgrössen Pläne und Rechnungen vorgelegt; ich habe Fühlung gesucht mit den
führenden Köpfen im Stadtbauamt; ich habe Ministerialbeamte mit Anregungen
bombardiert: Warten! tönte es im Unisono - laut und leise. Das heisst, einige
haben gar nicht getönt, sondern sind stumm geblieben bis auf den heutigen Tag.
    Das sage ich nur Ihnen. Nicht einmal Drillinger ist in alle meine Pläne und
Bestrebungen eingeweiht. Ich machte ihm nur Andeutungen. Der hat genug mit sich
selbst zu tun und wird mit seinem kleinen Zickzack-Schicksal und seinen
unsinnigen Lebens-Experimenten und Liebeshändeln nicht fertig. Mich kann nur ein
Mann der festen, geraden Linie verstehen. Drillinger ist das nicht, trotz oder
wegen seiner naiven Irrwisch-Natur. Aber der sind auch Sie nicht mehr, mein
verehrter Doktor Trostberg, seit Sie königsdichterlich flunkern, he? Oder geht
Ihre poetische Krumme bald wieder in eine logische Gerade über? Oder läuft sie
daneben her, bis sie sich in kurzem ausser Atem gelaufen? Dauert sie nicht
länger, als Fürstengunst? Als Ludwig'sche Huld? ... Darf man hoffen?
    Warten!
    Gut, warten wir in drei Teufels Namen der Dinge, die da kommen sollen.
    Dieses antike Pompeji, ein Provinznest nach unseren Massbegriffen, sehen Sie,
das war recht eigentlich eine Grossstadt und eine Kunststadt zugleich. Was für
ein grosser, künstlerischer Zug in allem, selbst im Kleinsten und Alltäglichsten!
Diese Teater und Bäder und Hallen und Tore und Promenaden haben sicher kein
provinzlerhaftes Spiesser- und Krämer-und Bureaukratenvolk zu Urhebern und
Nutzniessern gehabt. Hier freute sich eine geistreiche, elegante Bürgerschaft
ihres Daseins und das künstlerisch schöpferische Talent wurde seines Lebens und
Schaffens froh. Eine Welt der Schönheit und der Freude auf einem Raum nicht
grösser, als eine Münchener Vorstadt ...
    Es ist mit der Kunststadt genau so wie mit der Grossstadt. Was gibt einem
Gemeinwesen den Charakter und die Bedeutung einer Grossstadt? Etwa bloss die Höhe
der Einwohnerzahl? Keineswegs! Der Statistiker kann eine halbe Million Seelen
nachweisen, und trotzdem sagt der Kulturforscher: Krähwinkel. Zehn oder zwanzig
Dörfer und Märkte nebeneinander gelegt und verkehrs- und verwaltungsmässig
miteinander verbunden, geben eine grosse Stadt - aber keine Grossstadt.
    Also was gibt einem grossen bürgerlichen Gemeinwesen erst den Charakter einer
wirklichen Grossstadt? Die grossen Schulden etwa, das riesig anwachsende Budget,
das fraktionsnärrische Parlamentspielen mit den endlosen Rede- und
Rechtaberei-Turnieren der Stadtväter im Rataus, wo jeder schliesslich doch
zuerst an den eigenen Sack denkt, wenn er sich als Vorsehung über das grosse
Gemeindeportemonnaie hermacht? Nein. Der Charakter der Grossstadt kann nur aus
dem grossen Sinn der Bürgerschaft hervorwachsen, aus dem grossen Sinn, der im
Vereine mit dem weiten Blick und dem organisatorischen Genie der Verwaltung
aller Hemmungen Herr wird und dem stockenden geistigen, künstlerischen,
merkantilen und geselligen Verkehr neue und immer gewaltigere Schwungräder
einsetzt.
    Und ähnlich verhält sich's mit der Kunststadt. Dass irgendwo ein Dutzend sehr
guter, einige Dutzend guter, ein paar Hundert mittelmässiger Ausüber irgend einer
Kunst ihre Werkstätte aufschlagen und mit den Hilfs- und Nebengewerblern, den
Modellen, Leinwand-, Farben- und Pinselhändlern, den Kritiken, den
Atelierwanzen, den Bilderkrämern, Ausstellungs-Schacherern u.s.w. zusammenhausen
und sich täglich mit der Frage quälen: was kunstwerkle ich nur heute gleich
zusammen, um Sensation und Geld zu machen und die Kollegen zu verblüffen? - das
gibt noch lange keine Kunststadt. Aber das gibt eine Kunststadt, wenn Hoch und
Niedrig, Reich und Arm, Meister und Schüler, Schöpfer und Kritiker und Händler,
Verwaltung und Bürgerschaft von dem allbelebenden Kunstgeiste kräftiger
Kulturentfaltung erfasst und durchdrungen, miteinander wetteifern, schaffend und
geniessend, vorbereitend und ausnutzend, die höchsten Triumphe der Schönheit, der
Phantasie und des Frohsinns an ihre Heimatstadt zu fesseln, damit von ihr die
bahnbrechenden Ideen und Werke ausstrahlen in alle Welt und von allerwärts her
Ströme der Bewunderung und goldenen Lohnes zurückfliessen.
    Die Erziehung des Urmüncheners zum Kunststädter war anfangs eine fast
aussichtslose Tat einzelner Fürsten. Besonders als sich die alte Herzogstadt in
die neue Königsstadt umwandelte. Man wehrte sich gegen die Ansiedlung genialer
Baumeister und Maler, genialer Schriftsteller und Musiker und Teatraliker oft
mit komischer Verbissenheit; der Urmünchener in seinem alten, dumpfen,
verpfafften Winkelwerk fürchtete in ihnen die Lichtbringer und Aufklärer, die
geistigen Unruhstifter und Bewegungsmacher. Die gewohnte saule Ruhe, mit
edelstem Bier genossen, war ja so süss, die geistige Beschränkung half so
lieblich die köstlichen Kalbsbraten und Bockwürste und Radi verdauen - - und
dabei brachten die kirchlichen und büreaukratischen Koterien so gemütlich ihr
Schäfchen ins Trockene.
    Nur durch das unverdiente Glück, so ausserordentlich hochsinnige,
weitblickende Fürsten wie die Könige Ludwig I. und Max II. als Landesväter zu
haben, wurden die Münchener zu dem Range moderner Kunststädter erhoben. Alles
verdankt München der beharrlichen Tatkraft und Unerschrockenheit dieser grossen
Könige ... Und erst als der phantasievollste und idealste aller Wittelsbacher,
der jugendliche Ludwig II. den Tron bestieg, jubelte jedes echte Künstlerherz
... Das war der psychologische Moment in Münchens Kunstgeschichte, die nach
neuen Zielen und Wegen drängte ... Da kam die grosse unselige Schicksalswende ...
Seit der Monarch die Stadt verlassen und ... Berge und Inseln mit Millionen und
aber Millionen verschlingenden Phantasiebauten sich bedecken, seit jenem
verhängnisvollen Augenblick verlor das Münchener Kunstleben alle Führung und
Richtung ins Grosse. Ein kleinliches, trübes, chaotisches Durcheinander. Es wurde
dies und das probiert, allein ein stolzes, sicheres Zentrum, von dem aus die
neue Entwickelung zu lenken gewesen wäre, wurde nirgends gefunden. Es ist auch
kein Meister aufgestanden, der mit der Wucht seines Genius die Leitung an sich
gerissen hätte. Das Kliquenwesen blühte, die Koterieherrschaft, der
Intriganten-Unfug. Auflösung, Zerbröckelung. Kein Zug mehr ins Gewaltige. Ach,
das Herz könnte einem brechen, wenn man bedenkt, wie ganz anders alles hätte
kommen können ...
    Pompeji, Pompeji! Wo bin ich denn?
    Ja, mein verehrter Doktor Trostberg, Sie tun sich leicht mit Ihrem
philosophischen Weltschmerz. Als ein halber Abkömmling jenes auserwählten
semitischen Volkes, das wie kein anderes über einen aufgespeicherten, fast
unerschöpflichen Schatz von Energie und Seelenkraft gebietet, können Sie ohne
Gefahr im Ozean des Weltleids umherplätschern, während wir rassenmässigen blonden
Germanen viel weicherer und empfindlicherer Natur sind. Uns setzen die
historischen Katastrophen ganz anders zu. Wir haben selten die feine Gabe,
selbst das Unglück zu überlisten und aus verzweifelten Lebenslagen, in welche
das Schicksal, der Zufall, die Schuld oder sonst irgend eine geheimnisvoll
unverantwortliche Macht uns gestürzt, einen Zugang zu neuen Vorteilen, Freuden
und Ehren im Kopfumwenden zu gewinnen.
    Merkwürdigerweise sind uns sogar die Frauen in der Ausnützung des
Missgeschickes überlegen. Da ist z.B. die wiederholt zitierte kleine geniale
Person, Flora Kuglmeier nennt sie sich im profanen Leben - es gibt ja noch viel
dümmere Namen, z.B. den meinigen - ein kleiner Vulkan, ein Dämon, und dabei von
kältester Besonnenheit, von eiserner Beharrlichkeit, von unverwüstlichem
Vertrauen auf die Kraft des eigenen Geistes, im kritischen Moment das Rechte zu
treffen.
    »Das würde ich so und so machen,« spricht sie; »den und jenen Erfolg muss man
sich vorerst ganz aus dem Sinn schlagen - jetzt herrschen die Übergangsmenschen;
kämpfen muss man immer, zum Kämpfen sind wir da, wenn auch nicht immer zum
Siegen. Kämpfen heisst aber nicht mit dem Kopf gegen die Wand rennen.«
    Dann wieder mit einem unbeschreiblich feinen pfiffigen Zug, der in dem
stillen, überlegenen Gesicht gar humoristisch wirkt: »Auf Gott vertrau' - und um
Dich hau'! Hauen steht besonders dem Deutschen gut, wenn er's mit Grazie und
Schick macht, dass jeder Hieb sitzt und zugleich so betäubend wirkt, dass der
Andere sich gar nicht auf den Gegenschlag besinnen kann Hauen, aber weder
prügeln, noch fuchteln. Hauen mit Gottvertrauen. Und wenn die Geschichte
gefruchtet hat, auch dem lieben Gott sein ehrlich verdientes Lob nicht
vorentalten. Das ist heldenhaft und klug. Das hat mir immer in den preussischen
Siegesberichten gefallen: Mit Gottes Hilfe haben wir die Mac Mahon'sche Armee
aufgerieben; mit Gottes Hilfe haben wir den Kaiser Napoleon gefangen u.s.w.
Wie's in dem Fibel-Sprüchlein heisst: Mit Gott fang' an, mit Gott hör' auf. Jeder
Sieg ist eine Verantwortung. Es ist klug, bei Verteilung desselben Gott so wenig
zu verkürzen wie den braven Kutschke. Bei Sadowa wurde auch der preussische
Schulmeister für den Sieg ausdrücklich mitverantwortlich gemacht. Der preussische
Schulmeister hat den österreichischen geschlagen. Sehr gut. Dann können sich die
feindlichen Kriegsherren bald wieder froh in die Augen sehen und sich brüderlich
die Hand schütteln.«
    Das sprudelt sie aber nicht heraus, auch spricht sie's nicht mit Patos.
Gott bewahre. Die Rede ist langsam, mit nachdenklichen Pausen. Man merkt's: Der
Gedanke betrachtet sich den Weg und geht bedächtig im schönen Schrittwechsel,
damit er nicht über die eigenen Füsse stolpert. Und dann immer dies Entzückende:
der Gedanke hat Gefühl in sich, ohne Sentimentalität; über den dunklen, warmen
Ernst ist ein leichter, fröhlicher Spott gehaucht.
    Von den gegenwärtigen Verlegenheiten des Königs spricht sie mit rührender
Teilnahme. Sie ist eine kernechte, kerngesunde Bayerin, entflammt für eine grosse
Auffassung und Deutung der bayerischen Geschichte im Rahmen der deutschen. Mit
Betonung des Partikularistischen, Stammeseigentümlichen. Die Flammen schlagen
aber nicht zum Dach hinaus und blenden nicht blitzartig den Blick. Ein starkes,
ruhiges, inneres Feuer, das sich nicht verregnen lässt und üblen Qualm erzeugt.
Für die Beurteilung des Königs fordert sie den tragischen Massstab und verwirft
den banal-kritischen. Sie betont die Ohnmacht des Einzelnen, und wäre er noch so
hochgefürstet, gegenüber der unerbittlichen modernen Staatsmaschine. Auch für
die Logik des Geldwesens fordert sie Respekt.
    »Das kleine Einmaleins hat schon die Grössten zu Fall gebracht. Ein
Rechnungsfehler ist auch ein Stück Fatum.«
    Bitte, nicht dieses Stirnrunzeln, mein verehrter Doktor Trostberg, das
offenbar sagen will: Die hat's ihm mit ihrer klugen Hausbackenheit angetan, mit
ihrem Gegengewicht zu seiner Kunstschwärmerei! Sie wissen ja noch gar nichts.
Ich bin heute ausser stande, ein volles, rundes Charakterbild zu zeichnen. Ich
gebe nur einzelne Züge, die sich in dieser Abgerissenheit vielleicht zu
widersprechen scheinen. Zum Beispiel, fügen Sie in das bisher Gesagte die
wärmste Kunstbegeisterung ein, die umfassendste, die mir jemals bei einem Weibe
vorgekommen. Noch ein Wort von ihr: »An unserer Isar wird eine
Entscheidungsschlacht geschlagen werden: wer in München als der Stärkste die
nächsten Generationen beherrscht - der Kunstsinn oder der Kapitalismus, Geist
oder Geldsack.«
    Kurz, eine ungewöhnliche Person. Und dabei rührend anspruchslos. Und so
bescheiden in ihren Bedürfnissen, in ihrer Kleidung. Wie das alles zusammen die
Schönheit ihrer Erscheinung erhöht! Wäre sie Schauspielerin geworden, raten Sie
einmal, welche Meisterrollen die Pole ihres Wesens bezeichnen würden! Nichtwahr,
da reiben Sie verlegen Ihre pessimistische Denkerstirn, mein geheimer
königlicher Separatdichter? Ich will Ihnen darauf helfen: der Shakespearische
Puck und die Ibsen'sche Nora. Verschmelzen Sie Puck und Nora - die Nora des
letzten Aktes, den lichten Sommernachtstraum mit der düsteren
Winternachtstragödie - - - Nein, nein, auch das würde nicht ausreichen, die
geheimnisvolle Art meines Originals erschöpfend darzustellen. Die Menschennatur
hat Mischungszauber, hinter die noch kein Poet gekommen ist. Wie wunderbar ist
auch diese Wirklichkeit: ich alter architektonischer Nussknacker träume hier in
Pompeji, der schönsten und heitersten Ruinenstadt die einst in der Venus ihre
Patronin verehrte, von unsern bajuwarischen Isar-Auen; ich höre den Heimatstrom
durch die Stille der Ruinen rauschen und vor meinem süditalischen Sonnenblick,
in welchem die Farben und Linien des glücklichen Kampaniens als das herrlichste
Landschaftsgemälde der Erde schwimmen, gleitet plötzlich deutscher Mondschein
und deutsches Sternenlicht sanft durch die Wipfel unserer hochragenden, im
Nachtwinde flüsternden Isar-Buchenwälder und wecken die nordischen Märchen auf,
die im grünen Blätterdunkel schliefen, und die Elfen schlingen ihren luftigen
Reigen, allen voran Puck, der allerliebste, allerschönste Puck ...
    Pompeji! Pompeji!
    Ich wollte schon längst diesen endlosen, konfusen Brief schliessen, aber im
Zimmer nebenan schreibt Puck, ich wollte sagen: Fräulein Flora Kuglmeier,
gleichfalls unverdrossen drauf los, ich glaube, an einer Art Reisetagebuch - und
sie sagte, ich solle nur ruhig weiter schmieren, bis sie fertig sei und mir
klopfe. Da muss ich doch wohl gehorchen. Übrigens regnet's heute in Strömen.
    Von Freunden und Bekannten, überhaupt von ihrer Vergangenheit spricht sie
nicht gern. Man muss schon sehr viel und gut zu fragen und das Unausgesprochene
aus ihren Antworten heraus zu horchen verstehen. Sie denkt von ihrem toten
Vater, einem ehemals sehr geschätzten Hofmusiker und Mitglied der königlichen
Kapelle, besser und inniger, als von ihrer lebendigen Mutter. Ihr Bruder schlage
leider ihrer Mutter nach. Dieses »Leider« muss man sprechen hören und - sehen.
    Geistig und körperlich ungewöhnlich. Besonders die Linie von der Nase zum
Kinn ist von grosser, charakteristischer Schönheit. Der zarte geschmeidige,
jedoch gestählte Leib, elastisch, von der Biegsamkeit einer Toledaner Klinge,
atmet die gesammelte Kraft, den herben Duft der Keuschheit. Frisch betauter
Luzerner Klee. Für eine achtundzwanzigjährige Münchnerin - so alt taxiere ich
sie - etwas Phänomenales: bei höchstem, natürlichem Wissen noch nicht voll
erschlossene Sinnlichkeit, imponierende keusche Ruhe und Ausgeglichenheit den
heikelsten Problemen gegenüber. Wichtiger Umstand: sie ist Protestantin, also
ohne mystische Aufpeitschung der sexuellen Neugier durch frühzeitige
Beichtstuhlerfahrungen u.s.w. (Ich unterdrücke hier eine Parentese.)
    Aber was geht das Sie an? Gar nichts geht Sie's an, mein verehrter Doktor
Trostberg. Sie haben nicht das geringste Verständnis für solche verwickelte
Reize. Ein geschworener Pessimist. Es ist ja lächerrlich - -
    Ja, und wenn sie lacht, wozu sie sich freilich selten genug entschliesst,
erscheinen zwei wonnevolle Grübchen auf ihren Wangen und die kleinen, rosigen
Ohren scheinen sich leise zu bewegen. Sie braucht auch gar nicht zu lachen. Seh'
ich sie an, lacht mir das Herz im Leibe. Und das genügt, nicht wahr?
    Als Paar betrachtet, ich meine, wenn wir so nebeneinander dahinschreiten, in
Pompeji, zwischen Ruinen - sind wir freilich hinlänglich komisch. Sie hat mich
neulich selbst darauf aufmerksam gemacht. Wir standen auf dem Forum, blitzblauer
Himmel, glühende Nachmittagssonnenkugel über dem Meer, auf dem die Reflexe wie
kleine Flämmchen hüpften: unser Schatten lag wie eine ausgebreitete Haut
dunkelbraunblau auf den weissen, sonnigflimmernden Steinplatten, ich ein
riesenlanger Kerl mit einem Kopf in Haar und Bart wie ein Büschel Wirrstroh, sie
daneben kaum bis an meine Schulter reichend, wenn sie sich auf die Zehenspitzen
ihres Miniaturfüsschens stellt - ja, es war himmlisch komisch. Ich spürte in
diesem Augenblick meinen klassischen Schulsack auf dem Rücken und kramte in
Gedanken nach einem geistreichen mytologischen Vergleich. Wir haben ja so
absurd niederträchtige Gewohnheiten von der blödsinnigen humanistischen
Erziehung her. Und in Pompeji, wo man die Probe auf jeden
lateinisch-griechischen Unsinn, den wir daheim aus den Büchern gesogen, glaubt
machen zu können. Sie hingegen, vielwissende und doch unverbildete, klare Natur,
deutete auf mein groteskes Schattenbild und sprach: Wotan, der Wanderer. Wie das
in pompejanischer Luft klang! Wotan, der Wanderer! An sich selbst dachte sie gar
nicht. Sie sah nur mich.
    Ich musste an den Spruch eines griechischen Alten denken; ich glaube, es war
Aristoteles, der gesagt hat: »Ein kleines Weibchen ist ein Paradoxon der Natur.«
    Die alten Klassiker haben auch klassische Dummheiten gesagt; das ist
vermutlich eine. Ein Paradoxon der Natur! Und eine lange Hopfenstange von Weib,
was wär' denn die? Ein Weib, das man förmlich mit einer Leiter erklettern müsste,
um im Kopfe doch nur ein leeres Nest zu finden? Der Aristoteles, wenn's der
Aristoteles war, was ich in diesem Augenblick ja nicht feststellen kann, war in
diesem Punkt ein Esel.
    Nun sollten Sie einmal die Archäologin in dieser kleinen, genialen Person
kennen lernen! Nichts Muffiges, Schulzwängliches und Schulbängliches,
Altjüngferlich-Pedantisches und nach eitler Unfehlbarkeit Missduftendes, wie
wir's mit sehr wenigen Ausnahmen bei unseren fachgelehrten Altertumskrämern
finden. Nein, nein, von all' diesen Lächerrlichkeiten selbstverständlich keine
Spur. Aber dafür ein unverdorbenes Auge voll naiver Spürkraft, einen
waldfrischen Sinn für versteckte Schönheit und Wahrheit, einen kecken
Bestimmungsmut, ohne Flausenmacherei. Ich kann mir nicht helfen, mein verehrter
Doktor und Studienlehrer a.D., abgesehen von unserem modischen, koketten,
salonfähigen Wissenschaftlernachwuchse sind mir unsere gelehrten Häuser,
sonderlich die Philologen, Rabbiner, Apoteker, Archäologen und verwandte
Haarspalter, Geistespillendreher und Gehirnpflasterstreicher immer wie
Halbmänner vorgekommen, ausnehmend gelungene Exemplare wie keifende, zänkische
alte Weiber, und die vollendeten Fachtroddeln wie Hexen auf nächtiger Haide. Da
hab' ich mich oft gefragt: warum überträgt man diese männerverwüstenden
Wissenschaften nicht lieber den Frauen? Die Wissenschaften würden ihre
widerwärtigen Eigenschaften ablegen und gewiss nicht schlechter dabeifahren ...
    Und nun lerne ich diese Archäologin von natürlichen Talentes Gnaden kennen!
    Am ersten Tag war ihr Pompeji ein Stilleben, das sie nur von der malerischen
Seite reizte. Am zweiten Tag war's ihr ein Kuriositäten-Kabinet, ohngefähr wie
das bayerische Nationalmuseum in der Maximilianstrasse: sie guckte in dieses
Kästchen, in jenes Fensterchen, beäugelte da einen alten Waschtrog, dort eine
vorsintflutliche Kochmaschine, hier eine mörderische Bartscheere, dort eine
stimmungsvolle Klystierspritze u.s.w. Am dritten Tag streckte ihr
archäologisches Spezialinteresse ganz herzhaft die Fühler aus. Nun geben Sie
Acht, mein verehrter Doktor: wir schlendern durch eine uralte, krumme, enge
Geschäftsgasse, sagen wir die Sendlingergasse von Pompeji - wir bleiben stehen,
zur Linken irgend ein alter Schnapsladen, zur Rechten eine Bäckerei, und wie wir
so mitten in der Gasse stehen zwischen den tiefausgefahrenen Geleisen im
Lavablockpflaster, deutet mein kleiner genialer Kamerad mit der Spitze des
Sonnenschirms auf eine Skulptur im Pflasterstein (ich hatte schon meinen Stiefel
daraufgesetzt) und fragte mit Augen, Mund und Geste: »Was ist das?«
    Und aus mir antwortete schlagfertig, sachgemäss und höflich eine Stimme: »Das
ist ein Phallus.«
    Und sie darauf: - - -
    Ich erlasse ein Preisausschreiben mit einer Prämie von tausend Mark für
jedes Wort und fordere das gesamte belletristische und psychologisierende
Deutschland auf, das Zwiegespräch sich auszudenken und ehrlich und druckfähig
niederzuschreiben, das sich an meine Antwort: »Das ist ein Phallus« an Ort und
Stelle zwischen Flora Kuglmeier und mir geknüpft hat - und wer das Richtige
trifft, der soll sofort den Preis baar ausbezahlt erhalten. Da sollen einmal
unsere vielbeliebten idealistischen Familienromanziers die Probe auf ihren
Scharfsinn und ihre Lebenswahrheit machen.
    »Das ist ein Phallus,« sagte ich.
    Und sie darauf: - - -
    Dann ich: - - -
    Dann sie: - - -
    Und so weiter in Rede und Gegenrede mit ganz kurzen Pausen. Dauer des
Gesprächs etwa sechs Minuten.
    Es war Vormittags zwischen Neun und Zehn. Wir waren allein. Nur fünfzig
Schritte von uns die Nasenspitze eines Aufsehers an der Strassenkreuzung. Der
Himmel wolkenlos, von idealer Bläue. Über dem Vesuv ein leichtes, weisses
Dampfwölkchen. Die Luft morgendlich frisch, seeduftig, reingewaschen, ozonsatt.
Die ganze Natur reckte sich vor Wohlgefühl.
    (In Parentese muss ich Vergessenes mit zwei Worten gutmachen: ich habe noch
nichts über die Farbe ihrer Augen, über den Klang ihrer Stimme und über das
Tempo ihres Ganges gesagt, was auch von einer Archäologin zu wissen nützlich und
angenehm ist. Augen, die man immer auf sich gerichtet sieht, in tiefster
Einsamkeit, in dunkelster Nacht, im heimlichsten Traum, die mit einem gehen
durch die geräuschvolle Menge am hellen Tag und die vom Himmel grüssen, wenn am
Abend die ersten Sterne leuchten. Nun raten Sie ihre Art und Farbe. Und die
Stimme? Das Klangbild zu dem Farbenbild der Augen, im Klang übersetzte Seele.
Nun wissen Sie die Stimme. Und der Gang? B-dur-Sonate von Schubert erstes Motiv,
dann Chopin Präludium in H-moll assai lento, dann - aber Sie verraten gewiss
nichts? - das üppige Geschlängel, wenn Kundry den reinen Toren zum Kusse an
sich zieht. Lassen Sie sich diese Sätze einmal vom Hofkapellmeister Levi
nacheinander vorspielen - ich horte, Sie hätten Ihre Musikscheu hinlänglich
überwunden, seit Sie in den poetischen Diensten des musikliebendsten Monarchen
stehen? - und verwandeln Sie die Klangfiguren zur rhytmischen Plastik eines auf
zwei gesunden Beinen schwebenden Frauenleibes. Unsinn! Als ob Sie sich in Ihrem
ganzen Leben so etwas undefinirbar Schönes vorstellen könnten!)
    Und der besprochene, als Symbol der Fruchtbarkeit u.s.w. in den
Pflasterstein vor dem Bäckerladen gemeisselte Phallus versetzte uns mit einem
Schlag mitten in das blühende Reich römisch-griechischer Archäologie.
    Wir bogen in die nächste Gasse ein, wohin uns die enorm lange Nasenspitze
des Aufsehers als Wegweiser - verführte. Es war nämlich, wie sich bald
herausstellte, eine sogenannte verrufene Gasse.
    (In Parentese: falls Ihre Müdigkeit oder Schamhaftigkeit Sie veranlasst,
hier die Lektüre abzubrechen, so bitte ich Sie, die folgenden Blätter ins Feuer
zu werfen, damit nicht einer der unschuldsvollen Jünglinge, die in Ihrer
Arbeitszelle, genannt »Tempel der schmerzensreichen Weltliteratur«,
studierenswegen verkehren, Schaden an seiner reinen Phantasie oder Tugend nehme.
Ich habe vorgebaut - die Verantwortung fällt auf Ihr sündiges Haupt, wenn diese
Blätter Unheil stiften.)
    Eine sogenannte verrufene Gasse. In der heiter vorsorglichen Venusstadt
Pompeji nichts Auffallendes. Nicht einmal in München, das den h. Benno zum
Schutzpatron hat.
    (Neue Parentese: Sie kennen doch gewiss auch die historische Antwort, die
König Ludwig I. auf das Gesuch gab, in der guten und braven Stadt München ein
neues - Bedürfnishaus zu errichten? Man baue, meinte der königliche Pessimist,
über die ganze Stadt ein Dach, denn sie sei ja doch schon ein einziges grosses
... und so weiter.)
    Pompeji war in diesem Punkt so weit voran wie unser Isaraten und doch
zugleich viel sittlicher. Obgleich hier zu Lande die Feigenblätter wild wachsen,
während sie in unserem nordischen Moralklima aus Blech und anderen spottbilligen
Redensarten fabriziert werden, so verschmähten es die ehrlichen Alten doch, die
wahre Natur auf so lächerliche Weise zu maskieren und durch ein vorgeklebtes
Feigenblatt die Frage herauszufordern: Was steckt dahinter? Und während wir mit
Feigenblättern und andern Tugendmaskenzeichen herumlaufen, als wäre unser
Kulturleben nur ein unaufhörlicher Karneval, erhebt unser Staat ganz ernstaft
eine Steuer von der gewerbsmässigen Lasterübung und unsere staatlich bestellten
Statistiker fisteln: Schöne Maske, ich kenne dich - und halten uns die Tabellen
mit der genauen Berechnung des riesigen Prozentsatzes der unehelichen Kinder
u.s.w. unter die hochgetragene Tugendnase. Die organisierte Lebenslüge!
    Ah, mein verehrter Doktor Trostberg, in unserem Pessimistenstil werden wir
nicht vergessen dürfen, aus dem Feigenblatt und der Faschingsnase und den
statistischen Tabellen bedeutsame dekorative Motive zu formen ...
    Wunderbar, wie trotzdem dem Reinen alles rein bleibt: meinem kleinen,
genialen Kameraden ist es keinen Augenblick eingefallen, die Schritte zu zögern
oder sonst das angelernte, scheue Getue unserer Damen hervorzukehren, als der
Aufseher uns mit der höflichen Meldung den Weg vertreten wollte: »Entschuldigen
die Herrschaften, wenn ich Sie darauf aufmerksam machen muss, dass die
Besichtigung gewisser Häuser in dieser Gasse den Damen untersagt ist.« Der
Aufseher folgte uns, und es entwickelte sich folgendes Gespräch:
    Mein Kamerad: »Aber das Vorübergehen wird erlaubt sein?«
    Der Aufseher: »Das ist es, Signora.«
    Ich: »Sind die Häuser wirklich so gefährlich, selbst in ihrer
Ruinenhaftigkeit?«
    Der Aufseher: »Man sagt's, gewisser Freskobilder wegen.«
    Mein Kamerad: »Und hat sie nie eine Dame gesehen, diese gefährlichen
Freskobilder?«
    Der Aufseher: »Ja, auf heimliche Weise. Mir ist jedoch nur ein Fall
bekannt.«
    Ich: »Erzählen Sie, bitte.«
    Der Aufseher: »Es war eine Russin mit kurz geschorenem Haar und auch sonst
sehr männerähnlicher Tracht. Es waren mehrere Herren bei ihr. Der Aufseher - es
war mein Vorgänger im Amt - wurde getäuscht. Die Dame schlüpfte mit hinein.«
    Mein Kamerad: »Und welchen Eindruck hat sie empfangen? Hat man Ihnen nichts
davon gesagt?«
    Der Aufseher: »Doch. Man hat in Pompeji lang darüber gelacht ...«
    (Hören Sie, mein verehrter Doktor Trostberg: man hat in Pompeji darüber
gelacht! Die lachenden Pompejaner - die Mumien mit inbegriffen, welch' ein Bild!
Bei uns hätte man Anzeige erstattet, Verhöre angestellt, Zeugen vorgeladen,
Protokolle aufgenommen, Polizeiberichte an die Zeitungen verschickt, Urteile
gefällt, den Aufseher davongejagt, das Haus unter Siegel gelegt oder demoliert,
die Russin des Landes verwiesen, kurz, es hätte einen Mordsskandal gegeben: in
Pompeji hat man gelacht! Ist das nicht klassisch?)
    ... und das Geschichtchen ist von Mund zu Mund gegangen. Die russische Dame
soll nämlich sehr enttäuscht gewesen sein. Sie hatte sich etwas ganz anderes
erwartet, etwas Ausserordentliches. Ärgerlich soll sie ausgerufen haben: »Und
weiter ist es nichts? Das ist alles? Ce n'est que ça? ... Qu'y a-t-il
d'extraordinaire? Wir Russen sind wahrhaftig pompejanischer, als diese
Pompejaner!«
    Mein Kamerad: »Was sind's denn für Sachen?«
    Der Aufseher: »Allerhand Unzucht, nur etwas sehr natürlich. Die Inschriften
sollen noch deutlicher sein, als die Bilder. Ein deutscher Professor ...«
    Ich: »Mommsen.«
    Der Aufseher: »Ja, der Signor Mommsen, hat alle Inschriften mit der grössten
Genauigkeit abgeschrieben; jetzt kann man sie in Deutschland in einem gelehrten
Buche lesen; das ist nicht verboten. Die Bilder hat man auch kopiert. In Neapel
kann man die Photographieen kaufen; die sind aber eigentlich verboten. Sie sind
auch sehr teuer.«
    (Auf meine vertrauliche Anfrage, unterstützt durch ein Trinkgeld, hat mir
der Aufseher hernach die Adresse des neapolitanischen Photographiehändlers
vertraulich mitgeteilt.)
    Als wir uns vom Aufseher und seiner verrufenen Gasse mit vieler Rührung
verabschieden wollten, bekamen wir noch ein charakteristisches Abenteuer in den
Kauf. Auf der Schwelle des letzten anrüchigen Hauses - es duftete aber gar nicht
nach Pöckelfleisch oder anderem Schweinernen, sondern roch ganz lieblich nach
den würzigen Kräutern, die wild in den Mauerrissen blühten und ihre weissgelben
Blumen im Morgenwinde schaukelten - sass ein schwarz gekleideter, hagerer Mann
mit dem Rücken gegen die Holztür, nach seinem ganzen Habitus ein puritanischer
Geistlicher irgend einer englischen Religions- und
Sittenverbesserungsgesellschaft. Was will der Mensch dort? fragte ich blinzelnd
und mit den Blicken deutend den Ausseher. Worauf dieser sich begnügte, mit
Blicken und Gesten zu antworten und etwas durch die Zähne zu murmeln, was etwa
sagen wollte: Ein verrückter Engländer, der freiwillig den Wächter spielt und
die Besucher haranguiert, dem Ort des Verderbens fern zu bleiben.
    Darauf müssen wir die Probe machen, dachte ich. Mit raschem Mienenspiel -
das lernt sich schneller in Neapel, als das Volapük - verständigte ich den
Aufseher, nahm meinen kleinen, genialen Kameraden beim Arm und schritt mit ihm
auf die Tür zu. Wie von der Tarantel gestochen, schnellte mein Engländer auf,
stemmte den Rücken gegen die Tür, und breitete die Arme aus und mit einem
Gesicht, in welchem sich Entrüstung. Bitte, Drohung, Entschlossenheit bis zum
Äussersten malten, sprach er in unverfälschtestem Englisch-Italienisch: »Um
Gottes Barmherzigkeit, was suchen Sie in diesem Vorhof der Hölle, in diesem
Pfuhl schandbarer Lüste?«
    »Ein paar verblasste Bilder, unschuldige Kunstwerke eines lustigen
altpompejanischen Wandmalers,« entgegnete ich und machte Miene, den frommen
Cerberus wegzudrücken.
    »O Herr, ich beschwöre Sie beim Seelenheil Ihres holden Weibes, fordern Sie
hier nicht Einlass, verzichten Sie auf den Anblick dieser heidnischen
Teufelswerke; Ihr Auge könnte nicht mehr mit reinem, beseligendem Blicke auf
Ihrem jungen Weibe ruhen ...«
    Meinem jungen Weibe! Wie mich dies Wort seltsam schüttelte!
    Flora Kuglmeier zupfte mich am Ärmel. Nie habe ich in ein lieblicher
errötendes Antlitz gesehen. Mit einer schnellen Biegung des Kopfes entzog mir
ihr breitschattender Strohhut das süsse Gesicht. Ich sah nur ein Stückchen Hals
und Nacken, leicht gebräunt, mit einem Kranz gekrauster, wilder Haare, über die
ein aschblonder natürlicher Lockenbüschel handbreit hinabfiel. Wie das sonnig
schimmerte und duftete! Fürwahr man hätte mir alle Schätze - Indiens, sagen die
Romanphrasenmacher - alle Schätze der Reichsbank und des Juliusturms anbieten
dürfen, jetzt diesen herzerquickenden Anblick mit der Betrachtung der
klassischen Wandklexereien zu vertauschen, ich hätte den Tausch ausgeschlagen.
Naturalia non sunt turpia und in der Kunst und Kunstbetrachtung gibt's nichts
Obszönes, allein der fanatisch-heilige Türsteher hatte Recht: alle venusischen
Schilderungen der Alten wiegen die Wonnen eines lebendigen, holden, deutschen
Weibchens nicht auf.
    Wir schlugen uns um die Ecke. In der Nähe war das neue Ausgrabungsviertel.
Gestern hatte zu Ehren eines hohen fremden Gastes die Blosslegung eines Hauses
stattgefunden. Wie in Deutschland die hohen Herrschaften einem Gaste von
Distinktion eine Jagdpartie anbieten, wird hier von den Behörden einem fremden
Besucher von Rang eine Ausgrabungspartie auf das Ehrenprogramm gesetzt. Wir
traten in das zuletzt blossgelegte Haus. Wie da noch die Wände frisch glänzten,
die Farben kräftig leuchteten! Und das Vergnügen, zu den Ersten zu gehören,
welche an dem frisch Ausgegrabenen herumrätseln dürfen! Es war offenbar eine
Weinwirtschaft gewesen. Heda, Padrone, eine Flasche Falerner! Ja, vor
achtzehnhundert Jahren hätten wir nicht umsonst gerufen. Der Padrone war leider
nicht mehr zu haben. Sie hatten gestern sein Gerippe zusammengelesen und ins
Museum geschleppt.
    Und jetzt eine Probe der eminenten archäologischen Begabung meiner Flora
Kuglmeier. Ich hatte ihr aus der Anordnung des Gemaches, den Löchern für die
Amphoren, den marmornen Schenktischen, die auf der einen Seite ein Gesimse für
Flaschen und Krüge, auf der andern eine Vorrichtung zum Kochen und Warmhalten
der Getränke haben u.s.w. den Schluss auf die gastgeberische Bestimmung des Ortes
erklärt. Auch die Wandgemälde standen dazu in entsprechender Beziehung.
    »Also eine Weinschenke, eine Kneipe, nichts weiter?« fragte sie. dabei
musterte sie aufs neue die Bilder.
    
    Plötzlich: »Da sehen Sie einmal diese blaue Wand, durch bebänderte und
bekränzte Stäbe in Flächen eingeteilt und in den Ecken dieser Flächen je drei
Kugeln. Wie deuten Sie diese Dekoration?«
    Ich erwiderte: »Das ist ein beliebiges Verzierungsmuster ohne tieferen
Sinn.«
    Darauf sie mit schelmischer Überlegenheit: »Sie sind bald mit Ihrem Latein
zu Ende. Das ist gar kein beliebiges, das ist ein sehr bestimmtes Muster von
lokaler Bedeutung. Aller Schmuck und Zierat hat Beziehung auf Gebrauch und
Umgebung.«
    Ich stutzte: »Sie werden doch nicht in diesen Stäben ...«
    »Billardstöcke und in diesen Kugeln Billardkugeln erkennen wollen?« spottete
sie. »Freilich will ich das. Dieser Raum war nicht bloss eine Kneipe, er war auch
ein Billardsaal ...«
    Ich klopfte ihr auf die Schultern und lachte: »Das haben Sie brav gemacht.
Ein Billardsaal ...«
    »Lassen Sie mir nur ein wenig Zeit und ich werde Ihnen das Nebengemach als,
wie sage ich nur gleich ... als ...«
    »Als Klavierzimmer oder Gesellschaftssaal mit weiblicher Bedienung und einem
Pianino in der Ecke nachweisen - nicht wahr?«
    »Nein, für so unvernünftig und unkünstlerisch halte ich die Alten nicht.
Villard, ja. Aber das Pianino kannten die Alten nicht, und hätten sie's gekannt,
würden sie's polizeilich unterdrückt haben an den Orten, die zur Freude und
nicht zur Marter bestimmt waren. Nur die modernen Kulturvölker sind so
blödsinnig, was zur Freude geschaffen, bis zur grössten Unlust und Schinderei zu
übertreiben. Die glücklichen Pompejaner wussten nichts von der Klavierpest. Sie
wussten auch nichts von unserer Schultyrannei. Ein griechisches Gymnasium war ein
Ort der Lust, ein deutsches Gymnasium ist eine Hölle dagegen; ich hab's
jahrelang an meinem Bruder beobachtet. Wir lernen von den Alten hauptsächlich
nur, um unsere Dummheiten klassisch zu beschönigen.«
    In dieser Weise liess sie noch lange ihrer Laune die Zügel schiessen. Unbewusst
führte sie mit allerlei Einfällen die altertümelnden Schriftgelehrten und
Klügler und Nachahmer ganz ergötzlich ad absurdum.
    »Und jetzt einen Schritt ins Tablinum, verehrte Zeichendeuterin!«
    »Sagen wir auf deutsch Wohnstube,« übersetzte sie sofort.
    Das war nun freilich etwas voreilig. Allein ich wollte ihr die Freude der
freien Übertragung nicht durch pedantische Schulmeisterei verleiden. Ich liess
mich daher zu einem Kompromiss herbei - mein archäologisches Gewissen hielt sich
mäuschenstille, ach, selbst das Gewissen wird weit und galant einem solchen
herzigen Geschöpf gegenüber! - und bemerkte: Sagen wir lieber die sogenannte
»gute Stube« auf Berlinisch, denn das Wohn- oder Familienzimmer lag bei den
Pompejanern ganz im Hintergrunde des Peristyls und hiess Ökus; die Alten hielten
darauf, ihr Familienleben sorglich von der Berührung mit der Welt abzuschliessen.
    »Das war brav von den Alten, das gefällt mir,« sagte sie.
    »Wieder ein hübsches Bild, ein Lieblingsmotiv der Pompejaner, nach den
zahlreichen Wiederholungen zu schliessen.«
    »Die verlassene Ariadne? Es scheint, dass diese Skandalgeschichte in der
alten Welt Sensation gemacht hat. Bei uns ist dergleichen etwas Alltägliches.
Ein simples Leutnants-Abenteuer. Welcher Backfisch hat bei uns nicht schon
seinen Verzweiflungs-Moment der verlassenen Ariadne gehabt, oder gleich eine
Serie von solchen Momenten, bis sich der tröstende und heiratsmutige Dionysos in
Gestalt eines begüterten Spiessbürgers eingefunden ... Ein passables Mädchen,
diese Ariadne - aber der Held ist ein fader Geck. Und diese spasshafte
Ausrüstung: ganz nackt mit einem kolossalen Helm auf dem Kopf. Bei den Griechen
findet man so etwas erhaben; ein Neger aber mit einem Cylinderhut erscheint
bodenlos lächerrlich. Finden Sie einen Unterschied? Ich nicht. Der Tochter des
Minos ist übrigens recht geschehen. Warum musste sie sich mit diesem Hanswurst
einlassen. Die Männer sind ja im allgemeinen so feig.«
    »Aber, aber!« drohte ich.
    »Muss man sich nicht zu jedem angeführten oder sitzengebliebenen Mädchen
einen elenden Durchbrenner als Pendant denken?«
    »Was würden Sie der armen Ariadne raten, wenn sie nun erwacht und ihre
trostlose Situation übersieht?« fragte ich listig.
    »O, das ist sehr einfach: ich würde ihr raten, zunächst ein bisschen zu
tanzen, um ihre verrenkten Glieder wieder in Ordnung zu bringen - sie liegt ja
so schlecht, sehen Sie nur, es sind ihr gewiss auch die Beine eingeschlafen - und
dann soll sie dem sauberen Helden eine Nase drehen und sich selbst auslachen.
Wenn sie das nicht vermag, soll sie sich wieder hinlegen und schlafen bis zum
jüngsten Tag.«
    »Aber dann hätte ja der gute Dionysos nichts zu trösten gehabt!«
    Ein ganz besonderes Vergnügen bereiten meinen genialen Kameraden die
Wandinschriften, die Dipinti und Sgraffiti. Die Elemente des Lateinischen sind
ihr geläufig, da sie ihrem jüngeren Bruder auf Lateinschule und Gymnasium bei
Fertigung der Hausaufgaben fleissig helfen musste, um den Faullenzer vorwärts zu
bringen, und ihre vollkommene Beherrschung des Französischen und Italienischen
weiss sie mit feinem Sprachinstinkt auch für die Entzifferung antiker Inschriften
nutzbar zu machen. Reicht's nicht, spring' ich mit den Resten meiner
Schulgelehrsamkeit zu Hilfe. Im Korridor der Casa dell' Orso haben wir lange
nach dem Original des bekannten Doppel-Distichons gesucht, das in jedem
Pompeji-Führer steht und von Rossmann so verdeutscht wurde:
Liebende herbei! Ich will
Venus einige Rippen brechen,
Ihrer Schenkel Götterkraft
Will ich mit dem Knüttel schwächen!
Kann sie mir das Herz zerreissen,
Kann ich ihr den Kopf zerschmeissen.
    Wir fanden's nicht. Dafür das andere:
Binde den Wind hier an, wer da Liebende schilt; er verbiete
Munter springendem Quell, dass er zu Tale enteilt.
    Ist das nicht ganz reizend? Später hatten wir das seltene Finderglück, ein
Distichon einzuheimsen, das allen seiterigen Sammlern entgangen zu sein
scheint. Ich bin so freigebig, es Ihnen im Originaltext zu verehren:
Qui quidem amat, vivit; moritur qui nescit amare,
Bis morietur qui saevus amare vetat.
    Drei Worte waren nicht mehr leserlich, ich habe sie aus Eigenem ergänzt -
und ich will's um des hübschen Inhalts willen gern auf mich nehmen, von Ihnen
ausgelacht zu werden, wenn ich gestümpert oder ganz daneben geschossen habe. Ich
bin ja so wenig ein Dichter wie ich ein geborener Lateiner bin. Aber diese
Todesdrohung für den, der nicht zu lieben versteht - gibt das nicht zu denken?
Und ich will leben, langes, reiches, lebendigstes Leben leben! Wie fang' ich's
an? ...
    Es klopft an der Wand. Das verabredete Zeichen.
    Gleich, gleich. Ich bin bereit, meine süsse, unvergleichliche Flora.
    Ich grüsse Sie mit meinen heitersten Grüssen, verehrter Freund und Doktor
Trostberg. Fürchten Sie als guter Deutscher Gott und sonst nichts auf der Welt.
In wenigen Monaten werde ich Sie in der Heimat wieder sehen. Betrachten Sie
inzwischen diesen Brief, mit dem ich mir und hoffentlich auch Ihnen eine rechte
Freude gemacht, als ganz vertrauliche Mitteilung. Empfangsbestätigung,
Danksagung, goldene Busennadel, Photographie u.s.w. erbitte innerhalb vier
Wochen postlagernd Palermo.
    Ich unterzeichne in Eile und schleudere die Feder fort. Flora -
                                                                 Joseph Zwerger.
 
                                       2.
Das Kinderzimmer ging immer noch auf den Hof. Als Kommerzienrat Rassler das
vierstöckige, mit Balkonen und einem Vorgarten geschmückte Eckhaus der
Maximilian- und Quaistrasse vor drei Jahren kaufte, sagte er wohl, das sei nur
provisorisch, das Kinder-und Schlafzimmer müsse die beste und sonnigste Lage
haben, Morgensonne natürlich, und auf der Gartenseite, damit die gute,
ozonreiche Luft durch die Fenster ströme, der Vogelgesang aus den Zweigen der
Ahorn-, der Kirschen- und Birnbäumchen in aller Frühe erschalle und die kleinen
Langschläfer aus den Betten pfeife. Allein Herr Rassler war stärker in guten
Meinungen und Vorsätzen, als in deren Ausführung.
    Man muss sich ja ohnehin so einschränken in den neuen Häusern: zehn Zimmer,
was will das viel bedeuten! Wenn man den grossen Salon, den Speisesaal, das
Empfangszimmer, die altdeutsche Kneipstube, das Billardzimmer, das Boudoir der
gnädigen Frau und das Badezimmer abrechnet, bleiben bloss noch drei Räume zum
Wohnen und Schlafen. Damit ist der ganze erste Stock nach seinem Rauminhalt
erschöpft. Das Erdgeschoss, ein Hochparterre mit einer Veranda gegen den Garten,
ist für empfindliche Leute zum Bewohnen nicht recht ratsam; der Strassenlärm, die
feuchte Nachtluft von der Isar herüber, die Nähe des Grundwassers, die
Ausdünstung der verschiedenen Kanäle und so weiter - nein, nein, Herr Rassler
konnte sich nicht entschliessen, da unten zu hausen. Ausser zwei eleganten
Gesellschaftsräumen, die mit exotischen Gewächsen vollgestellt waren und als
eine Art Treibhaus und Anhängsel des Gartens gelten konnten, entielt das
Hochparterre noch die Küche mit den notwendigen Nebengemächern und die Zimmer
für das Dienstpersonal nach der Hofseite.
    Ausser dem ersten Stock auch noch den zweiten zu bewohnen, das erlauben die
schlechten Zeiten nicht einmal einem Kommerzienrat. Man hat ja ohnedies noch das
teure Landhaus am Starnberger See auf dem Hals. Und den zweiten Stock würde Herr
Rassler, der trotz aller, wenn auch nur schüchternen, Versuche mit der
Schweningerei immer noch seine wohlgewogenen hundertzehn Kilo wiegt, schon aus
dem einfachen Grunde nicht bewohnen, weil er das Treppensteigen als eine der
hässlichsten Einrichtungen des Lebens empfindet. Jawohl, eine Aufzugsmaschine!
Aber wie viele Unglücksfälle sind schon passiert durch das Zerreissen einer
Kette, Brechen des Fahrstuhls und hundert andere Fährlichkeiten, welche das
teure Leben bedrohen. Zudem ist auch das Treppenhaus so verbaut, dass sich die
nachträgliche Einrichtung einer Aufzugsmaschine nur mit den grössten Kosten
bewerkstelligen liesse.
    Ganz abgesehen von dem riesigen Entgang an Mietzins, den die englische
Familie bezahlt, die seit sechs Jahren den zweiten Stock inne hat.
    Eine Familie von verrückten Kunst- und Naturschwärmern, die sich alle drei
Jahre die unverschämteste Preissteigerung gefallen lässt, nur um die herrlich
gelegene Wohnung an der wildbrausenden Isar mit dem Ausblick auf das bayerische
Hochgebirge, besonders den mächtigen Alpenstock des Wettersteingebirgs mit der
Zugspitze, zu behaupten, obwohl vom Balkon aus nur noch ein hausgrosses Stück
davon über dem Isartal zu erblicken ist, seit die Neubauten der Grossbräuer auf
dem Auer und Giesinger Höhenzug entstanden sind und die Rundsicht auf die Alpen
bis auf einen schmalen Streifen zugedeckt haben. Aber das genügt den Engländern
im zweiten Stock: allmorgendlich und allabendlich tummeln sie sich auf dem
Balkon, bewaffnen sich mit ellenlangen Fernröhren, strecken die Hälse, begucken
sich die schimmernden Alpenspitzen und debattieren ihre Wetterprognose.
    Die mächtigste Anziehung nächst dem Blick auf die Alpenwelt jedoch übt auf
die englische Familie die Isar selbst: auf die weiblichen Mitglieder besonders
zur Flosszeit, wenn die wetterharten Holzknechte von Tölz und Lenggries mit den
blauen Falkenaugen, den kühnen Hackennasen, den starren blonden Schnauzbärten
und dem gemsbart- und auerhahnfedergeschmückten Filzhut, das Hemd auf der Brust
offen, dass die braune Haut mit dichten Haarbüscheln heraussieht, - ihre Flösse
dahertreiben und auf dem Flosskanal, hart am Wehr vor dem Rasslerschen Hause,
verankern.
    Da jauchzt das Herz der Lady Mary Vivian und ihrer Kousinen Misses Wood,
wenn die Bursche bei der harten Arbeit mit den blinkenden Holzäxten auf die
Tannenstämme einhauen und dabei die derben Wilderer-Waden das Leder der hohen
Wasserstiefel durch die Wucht der gespannten Muskulatur zu zersprengen drohen.
Und die Rufe und Gegenrufe, die wie wilder Vogelschrei klingen in dem
urbajuwarischen Gebirglerdialekt - welch ein erregender, erfrischender
Tonwechsel in diesen Naturlauten, wenn die englischen Ohren und Herzen sich den
Winter über in den süss berückenden Weisen von Chopin, Wagner, Liszt halb zu tot
geschwelgt!
    Für die männlichen Mitglieder des Wood-Astonschen Familien-Komplexes liegt
der Hauptzauber der wilden Isar in etwas ganz anderem: nämlich in den nicht eben
seltenen Szenen der Mordromantik, die sich gerade an dieser Uferstelle am
eindrucksvollsten abspielen. Der erste Blick vom Balkon gilt in der Frühe dem
grossen Wehr am sogenannten Abrecher oberhalb der Maximiliansbrücke: ob hier
nicht der Kadaver irgend eines Ertrunkenen im smaragdgrünen Kanalwasser sich
bläht und schaukelt. Da gibt es dann Volksauflauf, Gendarmen-Intervention,
Rettungsversuche, Polizei-Inspektion; der Kadaver wird mit mehr oder weniger
Anstrengung und Lärm herausgefischt, am Ufer niedergelegt, untersucht, dann von
schwarzuniformierten Männern auf eine Tragbahre geladen, mit einem braunen
Wachstuch zugedeckt und davongeschleppt in die Morgue, gefolgt von einem
Gendarmen. Lange bleibt der Volkshaufen noch stehen - die Dienstmädchen und die
alten Weiber der Nachbarschaft fehlen niemals; man beguckt die Stelle, bespricht
mit einem grossen Aufwand von Gesten den Fall und zerstreut sich dann allmählich,
das Verdikt von Mord oder Selbstmord oder simplem Unglücksfall in die nächsten
Gassen tragend. Welch ein labendes Schauspiel für Mister Harry Wood, dessen
Stärke neben dem Dilettantismus in der Malerei gerade die Selbstmordstatistik
bildet! Er hat bereits ziffermässig festgestellt, dass die Isar vor seiner Wohnung
im Jahr durchschnittlich zehn Kadaver »produziert«, wovon drei männlichen und
sieben weiblichen Geschlechts - die letzteren zu fünfzig Prozent dem
jugendlichen Dienstmädchenalter angehörend. Er ist infolge seiner intensiven
Beobachtungen und Berechnungen auch gar nicht der Ansicht der Münchener
Polizeibehörde, dass die Mehrzahl dieser Ertrinkungsfälle auf Unvorsichtigkeit
und ähnliche harmlose Ursachen zurückzuführen sei, sondern behauptet im
Gegenteil, dass besonders bei den jugendlichen weiblichen Opfern auf
Vergewaltigung aus Lustgier und Raubsucht und auf überlegten Mord geschlossen
werden müsse. Seine englische Phantasie, genährt an den Brüsten der
kriminalistischen Rotaut-Muse eines Poe und Bret Hart, malt ihm dabei mit
lebhaftestem Eingehen auf alle nur denkbaren Nebenumstände die packendsten
nächtlichen Schauderszenen an den Brücken, Stegen, Wehren, an den parkartig
bewaldeten Stellen der Isarufer und auf den Isarinseln mit ihrer lauschigen
Abgeschiedenheit in den grellsten Farben. Das gewährt ihm einen wahrhaft
künstlerisch-wissenschaftlichen Genuss.
    Seine mächtig erregte Einbildungskraft spielt ihm manchmal auch die
abenteuerlichsten Possen. Wenn er lange auf dem Balkon gestanden und in die
rauschende Isar gestiert, einen Ertrunkenen zu entdecken, und die heisse Sonne
der bajuwarischen Hochebene seinen britischen Insulaner-Schädel zum Krachen
geheizt hat, dann geht eine märchenhafte Verzauberung mit ihm vor. Die schmale
Isar verbreitert sich vor seinem Blicke zu einem ungeheuren glitzernden
Wasserspiegel, zweigt ganze Ströme als Nebenflüsse von der Ausdehnung eines
Mississippi ab, dazwischen gaukeln, wie die Luftgebilde einer Fata Morgana,
Urwälder und Prärien, bevölkert von kampfeswütigen Rotäuten, die auf blutigen
Kriegspfaden wie wahnsinnige Tiger dahinschleichen, die Mordwaffe im Anschlag
...
    »Holla,« schreit er plötzlich auf, »ein Leichnam schwimmt daher, noch einer
und wieder einer - und dort ein Skalp und noch ein Skalp - heisa! da wieder ein
ganzer Kopf, scharf abgeschnitten ...«
    Und er beugt sich über den Balkon, klatscht in die Hände, mit rückwärts
gewendetem Gesicht frenetisch ins Zimmer rufend: »Miss Vivian, Miss Vivian, sehen
Sie doch, wie das purzelt und Wasser schluckt und wieder ausspeit und ruhig
schwimmt und wieder purzelt, eins, zwei, fünf, zehn Kadaver - und eine Legion
Köpfe und Skalps! Wunderschön, hinreissend!«
    Und Miss Vivian springt vom Flügel auf und lacht, und die ganze Familie hält
sich den Bauch und lacht: »Mister Harry phantasiert - phantasiert wie toll. Ein
paar alte schwimmende Holzscheite hält er für Kadaver, ein Reisigbündel für
einen Skalp, einen alten Blechtopf für einen abgeschnittenen Kopf!«
    »Aber dort, seht doch, ein bewaffneter Indianerzug!« und er deutet auf den
Steg an der Feuerwerksinsel.
    »Das sind ja durstige Münchener, die nach den Bierkellern wallfahren und vor
Ungeduld, dass ihnen das Bier nicht durch die Luft ins Maul fliesst, mit den
Stöcken fuchteln ...«
    »Aber das breite Wasser da unten, gross wie ein See, mit der feurigen Sonne
darüber? Ist das nicht der Mississippi?«
    »Kindskopf, nein, das ist die Isar, die I-saa-r!« Miss Vivian lacht ihm immer
lustiger ins Gesicht und nimmt ihn mit ihren langen, feinen Fingern ein wenig
beim Ohrläppchen.
    Nun spielt er die Posse mit Bewusstsein und Absicht weiter. Vivians Griff hat
ihn angenehm elektrisiert. »Aber diese beiden kolossalen Mississippi-Dampfer,
die da drüben Bord an Bord schaukeln, die müsst Ihr doch gelten lassen?«
    Miss Vivian nimmt ihn kräftiger beim Ohr, dass er vor Lust mit den Zähnen
knirscht: »Schelm, das ist der Hofbräuhauskeller und die gotische Kirche von
Haidhausen!«
    Mama Wood, den Kopf in die »Neuesten Nachrichten« vergrabend und nach
Unglücksfällen schnüffelnd, erklärt: »Harry ist um seine Phantasie zu beneiden.
Die Isar tut ihre Schuldigkeit schlecht; sie hat schon so lange keinen Kadaver
mehr gebracht! Es ist recht langweilig ... Man verlernt das süsse Gruseln ...«
    Kommen aber zu den Ertrunkenen noch einige Erhenkte an den alten, schönen
Kastanienbäumen an der Isar-Quai-Promenade unter den Fenstern des Rasslerschen
Hauses, dann schmeckt der englischen Familie das Frühstück noch einmal so gut;
sie ist dann unsagbar befriedigt von den hohen Naturreizen und Vorzügen ihrer
Wohnung, dass sie sich mit Entusiasmus eine Mietzinserhöhung gefallen lässt,
während sie sich mit Händen und Füssen gegen eine Steigerung wehrt in einem
Jahre, welches weniger Isar-Ertrunkene oder gar keine Kastanienbaum-Erhenkte
»Produzierte«.
    »Well,« lispelte im vorigen Jahre Mister George Vivian Aston, das derzeitige
Oberhaupt des englischen Familien-Komplexes, als ihm der Herr Kommerzienrat eine
neue Steigerung ankündigte, nachdem sich sehr günstig gerade am Morgen des
Mietzahlungstags ein erhenkter Packträger am Kastanienbaum befunden hatte: »
Well, die dreihundert Mark ist der arme Teufel wert, er war sehr gut gehenkt und
sah sehr gut aus in dem Morgennebel, der mich an meine geliebte Insel-Heimat
erinnerte.«
    Seit der Gründung des Münchener Ruderklubs, der seine Übungen, in den
Abendstunden auf dem Isarkanal zwischen der Maximilians- und Ludwigsbrücke
abhält, sind die Engländer, besonders die Ladies Mary und Georgina, ganz Feuer
und Flamme für die wundervolle Lage ihrer Münchener Wohnung. Auch Mister Harry
Wood verspricht sich von dieser aquatischen Erweiterung des Münchener
Vereinslebens neue Genüsse; er hat seiner Statistik eine neue Rubrik eingefügt:
Ertrunkene Mitglieder des Münchener Ruderklubs bei ihren Schulfahrten auf der
Isar an der Quaistrasse.
    Dieser Harry Wood war in der ersten Zeit ein Gegenstand des Abscheues für
die ganze kommerzienrätliche Hauseigentümerschaft. Hatte er doch die satanische
Gewohnheit, in den Rasslerschen Garten zu spucken! Und als ihm dieser
Gartenspuck-Sport kraft eines neuen Paragraphen, den Herr Rassler extra für
diesen unvorhersehbaren Fall in die alte, gedruckte Hausordnung einfügen liess,
untersagt worden war, da ersann er flugs eine andere Unart, um den neuen
Hauseigentümer zu ärgern. Der unglaubliche Mensch nahm ein Blasrohr und beschoss,
hinter den Spitzen-Gardinen des Balkonfensters versteckt, den Glatzkopf des
Herrn Kommerzienrats mit Erbsen, sobald dieser arglos lustwandelnd im
Abenddämmer zwischen den grünen Sträuchern und Bäumen seines Hausgartens
auftauchte. Erst der heimlichen, aber energischen Dazwischenkunft der Frau
Leopoldine Rassler, welche zwar keine besondere Hochachtung vor dem kahlen Haupte
ihres Gemahles empfand, es aber doch nicht zur Zielscheibe für englische
Blasrohrschützen entwürdigt sehen wollte, gelang es, diesem Unfug zu wehren. Auf
Frau Leopoldine hielt Harry Wood grosse Stücke.
    »Wir sollten endlich doch ein anderes Zimmer für die Kinder bestimmen; je
mehr die Knaben heranwachsen, desto bedenklicher werden die Störungen vom Hofe
her. Die Hofseite hat mir nie gefallen, Du erinnerst Dich?« bemerkte Frau
Leopoldine Rassler, mit etwas müden Bewegungen in ein einfaches, knappes
Hauskleid, gelb und braun, von echt persischer Wollweberei, die kräftigen Formen
pressend, von der Schwelle ihres Boudoirs zu Herrn Rassler hinüber, der sich
gedankenlos im amerikanischen Schaukelstuhle wiegte und seine feuchten
Bulldoggen-Augen in den goldenen Arabesken des Salon-Plafonds spazieren gehen
liess. Gedankenlos? Vielleicht doch nicht ganz. Im roten Fleisch des
Vollmondgesichtes spielte eben wieder ein verschmitzter Zug, offenbar als
Nachwirkung eines listigen Gedankenfragments, das durch den Eintritt der
fragenden Frau nicht zu Ende gebracht werden konnte. Die Gestrenge! Natürlich.
Sie berief sich immer auf den puritanischen Arzt, wenn sie seinen
Nachtischscherzchen ausweichen wollte. Die Widerwillige! Aber sie hatte sich
doch seiner Laune bequemt ...
    »Ich erinnere mich, mein Leo« (er gebrauchte mit Vorliebe die männliche Form
der Namenskürzung), »ich erinnere mich, mein Leo!« erwiderte er mit schläfriger
Stimme zweimal. »Ich bin ganz Deiner Meinung.«
    Er gähnte, ohne die Hand vorzuhalten.
    »Das bist Du seit drei Jahren, hast aber bis heute nichts geändert, und Du
bist doch der Herr im Hause.«
    »Ja, der bin ich, mein Leo. Sind neue Unzukömmlichkeiten vorgefallen?«
    Sie trat hinter den Stuhl, hielt mit festem Griff der Lehne die
Schaukelbewegung an und sagte, ohne ihr schönes, mattleuchtendes Gesicht zu dem
dicken, schläfrigen Gatten niederzubeugen: »Der Harry Wood spricht von seinem
Küchenbalkon immer dummes Zeug zu den Leuten in den Hof hinunter, aber so laut,
dass es in der Kinderstube gehört wird. Da unterbrechen die Knaben die Arbeit,
horchen und lachen. Herr Schlichting hat sich soeben über die Störung beklagt.«
    »Der gute Herr Schlichting. Das glaub' ich wohl. Recht, ich werde mir die
Sache überlegen. Wenn's gar nicht anders geht, werde ich die Engländer doch noch
zum Haus hinaussteigern. Sonst liegen keine Unzukömmlichkeiten vor?«
    »Die Hausleute im dritten und vierten Stock beschwerten sich vorhin, dass
eine unbekannte Hand in vergangener Nacht die Türklinken mit gekochten
Wurstäuten überzogen und die kleinen, runden Gucklöcher mit Oblaten zugeklebt
habe. Als die Frau Professor im dritten Stock vom Teater heimkehrte und im
Dunkel die warme weiche Wurstaut an der Türklinke in die Hand bekam, schrie
sie vor Entsetzen und war einer Ohnmacht nahe ...«
    Der Herr Kommerzienrat wälzte seinen Fettwanst vor Lachen halb aus dem
Schaukelstuhl heraus und quackerte sein Lieblingswort: »Das macht der Liebe kein
Kind ... Die gute Frau Professor ... Das glaub' ich wohl.«
    Der plötzliche Lachanfall trieb ihm das Blut bis in die weisse Glatze hinauf.
Fast ängstigte er sich, dass er der lustigen Erregung nachgegeben. Aber der Spass
war zu gut. Die Frau Professorin, die Vornehmtuerin und Superkluge, statt der
Türklinke eine warme Wurst in der Hand und einer Ohnmacht nahe! Ein gottvoller
Jux! Und er lachte aufs neue, dass ihm dicke Tropfen über die runzligen
Tränensäcke hinweg die Backen herunterliefen.
    »Der Verdacht lenkt sich natürlich auf den tollen Engländer. Aber die Leute
im vierten Stock zischeln schon, unser Hermann wär' auch solcher Streiche fähig;
der Engländer verführe ihn und stifte ihn zu nichtsnutzigen Streichen an.«
    »Wenn das Gesindel vom vierten Stock ...«
    »Es sind anständige Leute, die Postoffizials, bitte ...«
    »Erlaube, mein Leo, was im vierten Stock wohnt und ein halbes Dutzend Kinder
hat, ist mehr oder weniger Gesindel ... Kein anständiger Mensch steigt und wohnt
so hoch ... und setzt so viele Kinder den andern Leuten auf die Köpfe ...«
    »Wer selbst Kinder hat und seine Kinder liebt, sollte auch vor dem
Elternglück und der Elternsorge der andern mit geziemender - ich sage nicht
Noblesse, das versteht nicht jeder! - Achtung denken oder wenigstens sprechen.
Wer anders handelt, würdigt sich selbst herab ...«
    »Du bist heute sentimental, mein guter Leo; das Beamtenpack mit den vielen
Kindern ist mir nun einmal zuwider. Das bläht sich und brüstet sich ... Ja, die
Bildung! Und die Einbildung! Und dabei nichts im Sack; jeden Monat rennt's mit
seiner Quittung an die Staatskasse. Das frisst alles aus der grossen Schüssel -
und den Kinderluxus muss zuletzt das Volk, das heisst: müssen wir bezahlen. Ewig
Gehaltsaufbesserungen, und Witwen- und Waisenpensionen. Das verstehst Du nicht,
was das kostet. Wo kein Vermögen ist, gehören auch keine Kinder hin.
Kindermacherei auf Regimentsunkosten, das ist was Rechtes! Davon will ich gar
nicht reden, wie die im vierten Stock unser Haus abnützen. Immer ist die Treppe
beschmutzt, das schöne Stiegengeländer schon ganz verkratzt. Wie die Fussböden
und die Tapeten ausschauen, daran mag ich nicht denken. Und dafür zahlen sie die
lächerliche Miete von 700 Mark. Na, ich werde den Herrn Offizial mit seinem
Kinderpack nächstens hinaussteigern. Zum Saustall ist mir mein vierter Stock zu
gut.«
    Mit einem zornigen Stoss schnellte Frau Rassler den Schaukelstuhl in Bewegung
und verliess das Zimmer, etwas wie »ein ekelhafter Protz!« zwischen den Zähnen.
    Der Herr Kommerzienrat versank eine Sekunde in verblüfftes Staunen, dann
erholte er sich wieder mit der verlangsamten Wiegebewegung und quackerte für
sich weiter: »Der gute Leo hat wirklich wieder einen schlechten Tag. Aber das
macht der Liebe kein Kind. Was im vierten Stock wohnt, ist immer mehr oder
weniger Gesindel, und wenn es meinen Hermann verleumdet, wird's zum Tempel
hinausgesteigert. Das ist einfach. Ich begreife die Aufregung meines guten Leo
nicht. Auf den Hermann lass' ich nichts kommen. Absolut nichts. Nächstes Ziel ...
Georgi ... kaum noch vier Wochen ... wird ... das Gesindel ... gesteigert ...
dass ihm ... die ... Rippen ... kra ... krachen ...«
    Und der Herr Kommerzienrat war sanft eingenickt. Er hatte den Mund mit den
gelben, angefaulten Zähnen halb offen und schnarchte seinen gediegenen
Nachmittagsschlaf. Auf der Maximilianstrasse klingelte die Pferdebahn, an der
Quaistrasse rauschte die Isar, im ersten Stock verklimperte Miss Vivian gar
gefühlvoll ihre Seele im Wagner'schen Siegfried-Idyll; durch das offene
Balkonfenster über dem Garten flutete Frühlingshauch und Sonnenduft in linden,
würzigen Wellen herein: Rassler schlief in seinem weichgepolsterten Amerikaner
wie ein feister seliger Engel im Paradies. Nicht einmal der Anflug einer bösen
Traumeslaune wagte ihn heute zu stören ... Und wie er dalag, in holder
Bewusstlosigkeit das stilwidrigste Inventarstück seines stilvollen Salons! Wie er
schnarchte und dünstete! Keine Angst: die Verdauung war wieder wundervoll in
Ordnung. Der grosse Kunstmäzen, als welchen er sich mit Hochgenuss preisen hörte,
war vor allem ein grosser Künstler im Essen und Trinken. Sein Wahlspruch: »Sehr
gut und sehr viel!« Und heute war das Menü wieder geradezu erhaben gewesen.
Krammetsvögelsuppe von göttlichem Wohlgeschmack. Poularde mit frühem
Riesenspargel aus dem Süden von überwältigender Qualität. Und das Übrige! Und
das Unsagbare zum Nachtisch ...
    »Er schnarcht wie ein Sägebock,« spottete die Gusti und legte die
Korrespondenz nebenan auf das japanische Serviertischchen. »Der platzt doch noch
in seinem Dickwanst ...« Dann huschte sie auf den Zehenspitzen wieder hinaus.
    Es war keine Zofe mehr in gefährlichen Jahren. Eine Art von abgelagertem
weiblichen Faktotum, ebenso allwissend in allen intimen Hausangelegenheiten wie
ein Beichtvater in den Sündhaftigkeiten seines Sprengels, und dabei ein
seltsames Gemisch von diskreter Unverschämteit, treuherziger Dienstgefälligkeit
und schlauer Berechnung des eigenen Vorteils. Jedermann im Hause schwor auf ihre
Zuverlässigkeit, und niemand schwor falsch. Gusti war eine abgefeimte Diplomatin
- und, wie alle Diplomaten, wenn's schief ging, nie um eine gute Ausrede
verlegen.
    Der Herr Kommerzienrat hatte sie aus seiner ersten Ehe, wo sie als Kindsfrau
dem kleinen Eugen ihre Wärterdienste leistete, in die zweite Ehe mit herüber
genommen. Die zweite Ehe war seiter unfruchtbar geblieben; Frau Leo Rassler,
keiner Kinderwärterin benötigt, erhob die gewandte Gusti zur Würde einer Zofe -
was aber kaum mehr als eine Sinekure bedeutete, da die neue Gnädige
merkwürdigerweise ihre Leibesbedienung selbst besorgte. Gusti machte sich im
Hause nützlich, wo sich irgend eine Gelegenheit bot. Sie war die Vertraute
beider Gatten, bis zu einem gewissen Grade, und sie hatte dabei für jeden ein
besonderes Ohr und eine besondere Zunge, wobei sie mit grossem Geschick jeder
Verwechslung gewachsen war. Nie war ihr in diesem Punkte bis jetzt ein Unfall
passiert.
    In der ersten Zeit seiner zweiten Ehe, so vor vier, fünf Jahren, hatte der
Herr Kommerzienrat sehr viel auszustehen, bis er sich einigermassen in das
fremdartige Wesen seiner neuen Gattin eingelebt. Gusti griff ihm bei diesem
Anpassungsprozess wacker unter die Arme mit dem Schatze ihrer Erfahrungen und
ihrem Instinkte für absonderliche Weiberlaunen und deren oft noch
absonderlicheren Art der Befriedigung. Dass sie oft fehl griff, lag an den
Umständen, nicht an ihrem Witz und Willen.
    Wenn ihr der Kommerzienrat sein Leid klagte, dass Frau Leopoldine doch gar so
kühl und verschlossen gegen ihn sei, dass er so wenig zärtliches und in der
Zärtlichkeit erfinderisches Entgegenkommen bei ihr finde, dass sie die Erfüllung
ihrer ehelichen Pflichten so widerwillig und träge, zuweilen sogar unter
Widerspruch betreibe und immer neue Ausflüchten ersinne, um seinen Intimitäten
zu entschlüpfen, kurz, dass sie ihn auf die schnödeste Weise behandle und seine
Liebe nur wie mit Almosen erwidere, die man einem elenden Bettler hinwirft, um
Ruhe vor ihm zu bekommen: dann lächelte Gusti spitzbübisch: »Sie fassen die
Sache auch gleich zu tragisch auf, gnädiger Herr; Ihre Frau ist nun einmal
anders als die andern, deswegen dürfen Sie nicht verzweifeln.«
    »Kalt ist sie wie ein Eisblock,« antwortete Rassler bekümmert.
    »Dann müssen wir den Eisblock aus Feuer bringen.«
    »Aus Feuer! Wenn er sich nicht von der Stelle rührt! Wenn er daliegt wie
angefroren ...«
    »Dann bringen wir das Feuer zu ihm, wir erhitzen die Luft.«
    Rassler schüttelte den Kopf: »Du redst dummes Zeug Gusti. Das macht der Liebe
kein Kind.«
    »Freilich nicht, wenn Sie sich immer so abschliessen, keine Gesellschaften
geben, keinen ordentlichen Menschen zu sich einladen, nichts als so grauslich
ernstafte Gschaftlhuber ... Da wird jede Frau verdrossen, besonders eine so
junge und schöne wie die Frau Kommerzienrat. Ein solches Kleinod sperrt man
nicht in die Truhe. Da verliert's seinen Glanz. Das muss aus Licht, dann
funkelt's und erfreut das Herz.«
    »Ja, das Herz der anderen.«
    »Was liegt daran? Besitzer bleibt man doch und hat im Besitz den schönsten
Genuss davon. Na, die Eifersucht, die lässt freilich keinen gescheidten Gedanken
aufkommen.«
    »Ich bin neugierig auf Deinen gescheidten Gedanken.«
    »Laden Sie Ihre jüngeren Freunde ein, machen Sie wenigstens einmal in der
Woche einen lustigen Abend, wo man sich zu einem Spielchen zusammensetzt oder
musiziert und tanzt wie in den andern vornehmen Häusern ...«
    »Jüngere Freunde! O Du Schlange, sag' doch gleich Verehrer und Liebhaber!«
pustete der dicke Kommerzienrat.
    »Ei freilich, na, was wär' dabei? Jede schöne Frau von Stand hat ihre
Verehrer. Das bringt die Damen in guten Humor und frischt ihre Laune auf - und
schliesslich schöpft der Mann als der einzig wirkliche Liebhaber den Rahm ab.
Jessas Maria, dass doch manche Männer gar so vernagelt sind und so blind ...«
    In einigen weiteren Geheimsitzungen verfocht die schlaue Gusti ihren
Vorschlag so gut, dass dem Kommerzienrat ein Brett ums andere vom Kopf und eine
Schuppe nach der andern vom Auge fiel. Er wurde so frei und so hellsehend, dass
die lustigen Abende und Jourfix bei Rasslers bald zum Stadtgespräch wurden.
»Liebhaber-Vorstellungen« nannte sie zwar die Bosheit der Krähwinkler,
»Rekruten-Musterung« die Offizierskasino-Médisance, »Hornvieh-Rennen« die
Hintertreppen-Flegelei, aber die Hauptsache blieb doch, dass der Herr
Kommerzienrat an der Sache Vergnügen fand und munter des Glaubens lebte, zur
Aufheiterung seiner so ernsten und nachdenksamen Leopoldine das rechte Mittel
gefunden zu haben. Obwohl die Frau Kommerzienrat anfänglich von dem Einfall
ihres täppischen Grandseigneur-Nachäffers überrascht war und sich gegen die
Fortsetzung dieser gewaltsamen Erheiterungsversuche sträubte, so glaubte sie
doch, es dem Ansehen ihres Eheherrn schuldig zu sein, die Honneurs des Hauses
mit dem vollendeten Maskenspiel der Weltdame zu machen. Ihr Herz blieb
unbeteiligt.
    Keiner der zahlreichen Gäste aus dem Kaufmanns-, Künstler- und Beamtenstand,
so gewandte Kurmacher auch darunter waren, konnte sich eines tieferen Erfolges
bei der seltsamen Frau erfreuen. Nichtsdestoweniger trieb die Geckeneitelkeit
manchen zu der schurkischen Koketterie, im Kreise seiner Stammtischbrüder mit
ahnungsvollen Anspielungen auf genossene Bevorzugungen und Triumphe die
Geschichte seiner galanten Abenteuer als unwiderstehlicher Schwerenöter zu
erweitern. Besonders der im Rufe eines treffsicheren Frauenjägers und
Unschuldmörders stehende Parklas, Beamter im statistischen Büreau, dessen
breites, blondbebartetes Maul stets vom Honigseim ranziger Galanterieen triefte,
rühmte sich bei seinen Zechgenossen, dass er ein neues Leben begonnen habe: Frau
Rassler habe ihm den Geschmack an seiner Spezialität, immer einige zierliche
Teatermäuschen an seiner liebegeschwellten Brust zu hegen, ganz und gar
abgewöhnt, seit ihn die Sphinx selbst an ihren rätselvoll heissen Busen genommen
und mit ihren Löwentatzen halb totgedrückt. Die ganze freiwillige männliche
Prostitutions-Kohorte kam darob in Aufruhr: Frau Rassler! lautete fortan ihre
geheime Parole.
    Frau Rassler selbst in ihrer festen Gefühlsumzirkung, welche noch auf den
Rechten wartete, dem das Schicksal die siegreiche Grenzüberschreitung
zugesprochen, hatte keine Ahnung von dem Unfug. War doch von je die männliche
Prostitution, welche sich gelegenheitslauernd in Häusern und Gassen, auf
Promenaden und geselligen Ausflügen herumwälzt, um als williges Werkzeug
sinnlicher Befriedigung den zügellose Weibern zu dienen, ein Gegenstand
lebhaftesten Abscheus für sie gewesen. Wie viele Verführer hatten schon mit
brünstigem Zuwinken und Bocksgemecker ihren Lebensweg umdrängt! Aber was lag ihr
an diesen Hundenaturen? Wie oft hatte sie ihrer Freundin Berta, dieser
lüsternen und neidigen braungefleckten Tigerkatze, die ehrliche, aber nie
geglaubte Versicherung gegeben, dass alles, was gewöhnliche Frauen von ungestümer
Sinnlichkeit zu Falle bringt: ein hübsches Gesicht, ein starker Nacken, ein
fesches Bein mit muskulösen Schenkeln, ein appetitliches Fell, ein von innerem
Feuer ausgeglühter Teint, ein bald keckes, bald zaghaft glitscheriges Auftreten
u.s.w. keine Gewalt über sie habe.
    Ja, diese vielerfahrene Berta, deren zweites Wort war: Willst Du die
Wahrheit über die Männer wissen, so frage mich! - Diese schlanke
Forstmeisterswittib, die im Wald und auf der Haide, im Salon und in der
Dachkammer, im Patschuliduft wie im Mistgeruch mit dem Ewigmännlichen
experimentiert hatte, ohne den Schein der ehrbaren Frau der Welt gegenüber
preiszugeben: sie hatte ihre liebe Not mit ihrer alten Pensionsfreundin
Leopoldine.
    Einmal kam eine grosse Singhalesentruppe nach München. Wochenlang produzierte
sie sich in einem Zeltlager auf der Teresienwiese. Die dunkelhäutigen und
dunkeläugigen Kerls mit ihren schlangenglatten Leibern und bald träumerisch
lässigen, bald leidenschaftlich sprunghaften Bewegungen hatten die ganze
Münchener Damenwelt rebellisch gemacht. Frauen vom hohen Adel und Frauen des
Erwerbsstandes sahen sich die Augen aus dem Kopf nach diesen asiatischen
Wildlingen. Berta war aus Rand und Band vor exotischer Nächstenliebe; einmal
wäre sie und eine blonde Bräumeisterin beinahe im Zeltlager übernachtet, wenn
der Aufseher sie nicht entdeckt und mit Gewalt hinausbefördert hätte. Diese
halbnackten Singhalesenjünglinge, deren Gewandung, Gang und Reitkunst bald die
Beine bis hoch zu den Schenkeln hinauf entblösst zeigte, bald den schmalen,
biegsamen Oberleib entüllte und die edelste Muskulatur den bewundernden Blicken
darbot; diese Söhne einer fremden Natur von unverbrauchter Kraft, von
verheissungsvollstem leidenschaftlichen Elementarismus: wie wussten sie schon
durch den Gegensatz zu der schweren, umständlichen Männlichkeit Bierbajuwariens
die sinnlichen Weiber zu entflammen! Zigarren, Näschereien, kostbare Andenken
wurden den Fremdlingen heimlich von den Damen zugesteckt als Gegenleistung für
das nervenerregende Schauspiel, für einen lodernden Blick aus den indischen
Samtaugen, für eine flüchtige Belastung, für einen sehnsüchtigen Händedruck.
Berta liess ihrer Freundin Leopoldine keine Rube, sie musste mit ihr hinaus, die
Männerwunder einer fremden Zone auf der Teresienwiese zu betrachten.
    Berta entschied sich zuerst für einen jungen Zauberer, dann für einen
grotesken Teufelstänzer, dann wieder erkannte sie den Preis sieghafter
Männlichkeit einem Priesterjüngling zu; zuletzt blieb sie bei einem märchenhaft
zarten Menschen stehen, der auf einem kostbar gesattelten Elefanten unter einem
roten Baldachin ritt. »Was meinst Du? Welcher wäre Dir der schönste und
begehrenswerteste?« fragte sie wild umherhastend mit den Augen, deren Sehkraft
sie noch mit dem Opernglas verstärkte.
    Leopoldine: »Da könnte man ebenso gut fragen: welchen Insassen eines
Affenhauses ich schön und begehrenswert fände. Interessant ist schliesslich
alles. Als Schaugericht kann man sich diese Kerls gefallen lassen. Sonst
versteh' und will ich nichts davon.« Beim Fortgehen drückte Leopoldine einem
kaum zweijährigen, trotz der warmen Umhüllung fröstelnden, hüstelnden
Singhalesenkind ein Silberstück ins grauschwarze Händchen. »Das arme Ding sieht
seine Heimat auch nie wieder.«
    Nachdem der Singhalesenransch verraucht war, trat für Berta die europäische
Kultur mit ihren zahllosen Männertypen wieder ins Vordertreffen.
    Es war auf der internationalen Kunstausstellung im Glaspalaste. Die Damen
promenierten im Ehrenpavillon; der Springbrunnen warf seine Wasser durch
Tannenwipfel und sing sie plätschernd in Felsenbecken auf; hinter einem Boskett
schmetterte die Regimentsmusik. Die Rendezvous-Stunde der vornehmen Welt.
    »Ach, Leopoldine, sieh doch den dort, mit dem schwarzen üppigen Vollbart,
wie muss der auf der Brust und überall behaart sein, ganz zottelig, schau, den
möcht' ich haben!«
    Und Leopoldine kalt: »Der oder ein glattes Milchschwein - mich lockt
wahrhaftig nichts von dieser Sorte; ich wünsche Dir viel Vergnügen.«
    Und Berta darauf: »Ja, ich weiss, Du suchst den keuschen Mann, ein Geschöpf,
das nie existiert hat und wenn es existierte, das Dümmste und Unausstehlichste
wäre, was ich mir denken könnte ...«
    »Und Du den Salonlöwen, der seine parfümierte, an allen Ecken und Enden
schon ramponierte Männlichkeit mit faunischem Grinsen Dir auf dem
Präsentierteller entgegenträgt - und dann wieder den Bettler, dessen Fleisch Dir
aus den Fetzen seines Gewandes lüstern zuwinkt, während seine scheue Miene mit
niedergeschlagenem Blick ein Almosen heischt - geh' mir, der eine wie der andere
ist der süssen Geheimnisse einer glühenden Umarmung gleich unwert ...«
    Dann fauchte Berta, dass ihre scharf geschnittenen Nüstern über den sinnlich
geschürzten Lippen bebten: »O, ich weiss, der Gegenstand Deiner Passion sind
unverdächtige, zurückhaltende Individualitäten, an denen sich die sexuelle
Neugierde die seltsamsten Befriedigungen verspricht, ich weiss, ich weiss ...«
    »Nichts weisst Du! Wie frivol, mir solche Dinge zuzutrauen!«
    Gewiss, Frau Berta wusste trotz aller eigenen Erfahrungen die Natur ihrer
Freundin nicht zu deuten. Diese wusste es aber ebenso wenig. Sie war sich in der
Liebe selbst ein Rätsel. Vor lauter verhaltener Sinnlichkeit kam sie nicht zur
landesüblichen Befriedigung der Sinnlichkeit. Sie jagte dem Phantom einer Liebe
nach, das ein Wunder bewirken sollte. Sie fühlte, dass in der Sinnlichkeit ein
hohes Menschheitsideal verwirklicht werden könnte, aber sie fand nicht den Mann
dazu. So lebte sie ihre erste Jugend in erzwungener Keuschheit dahin, vegetierte
in zielloser Sehnsucht, die verschlossenen Samenkörner einer traumhaften Liebe
in der einsamen Seele. Oft hatte sie sich den Tod gewünscht.
    »Was wird aus mir werden?« fragte sie in bangen Stunden und brach in heisses
Schluchzen aus. Dann betrachtete sie sich wieder im Spiegel oder betastete sich
auf ihrem öden Lager in verschwiegener Nacht und seufzte: »Es ist schade um mich
...« Und sie konnte sich nicht helfen.
    In der Pension, wo sie als die Waise eines wenig bemittelten Hofrats von den
wohlhabenden Schülerinnen, deren Eltern im Fett reichen Erwerbes schwammen,
ohnehin mit einer gewissen Zurückhaltung behandelt wurde, hatte sie sich inniger
an Berta v. Starkloff angeschlossen und in naiver Hingabe deren ausschweifende
Phantasieen geteilt. Sänger, Schauspieler, Dichter, Maler, welche durch ihre
öffentlich ausgestellten, recht lecker zugerichteten Photographieen den
Verehrungssinn der jungen Damen erhitzt und entflammt hatten, wurden mit
bewundernden Briefen und Gedichten heimlich bombardiert. Leopoldine verübte für
ihre Freundin Berta manche liebestammelnde Reimerei, welche diese mit einem
fingierten Namen unterzeichnete und zur Anbahnung einer schwärmerisch erotischen
Korrespondenz an die rechte Adresse beförderte. Gar mancher von den jungfräulich
angedichteten Künstlern fühlte sich so tief in seiner männlichen Eitelkeit
geschmeichelt, dass er in entzückten Briefen antwortete, seine Photographie
beifügte und sich zu einem Stelldichein bereit erklärte. Ein ebenso geckenhafter
als erzdummer mit Familie gesegneter Opernsänger reagierte auf diesen
Pensionatskultus in so beharrlicher Weise, dass die Institutsvorsteherinnen von
dem Unfug Wind bekamen und, um ein Exempel zu statuieren, die Unschuldige mit
der Schuldigen, Leopoldine mit Berta aus der tugendsamen Anstalt entfernten.
Berta Starkloff genas bald darauf bei einer hilfsbereiten Frau, die sich in den
Inseratenblättern den nach zeitweiliger Zurückgezogenheit sich sehnenden Damen
nachdrücklich zu empfehlen pflegte, eines Knäbleins. Das kleine Geschöpf hatte
aber kaum das Licht der Welt erblickt, als es sofort den Geschmack daran verlor
und sich stracks aus dem Staube machte. Berta kehrte blass und keusch aus der
Zurückgezogenheit in das Getümmel des Lebens zurück und beglückte einen
gutmütigen ältlichen Forstmann mit ihrer Hand und anderen hübschen Sachen. Um
ihre arme Freundin Leopoldine Klebnikow kümmerte sie sich jahrelang nicht mehr.
    Nachdem für Leopoldine die ersten schmerzlichen Folgen jener teatralischen
Pensionats-Katastrophe überstanden waren und sie selbst den Weg zur Bühne
versuchsweise gefunden hatte, trat eine neue Wendung in ihrem Leben ein. Eines
Tages, als sie von einer Teaterprobe heimkehrte, wurde sie unter ihrer
Haustüre von einer fremden, anscheinend vornehmen und würdigen Dame von äusserst
zutraulichen, gewandten Manieren angehalten und zu einer Besprechung an einem
dritten Orte, einer kleinen Villa in einem Garten an der Briennerstrasse,
eingeladen, unter der Bedingung, die grösste Verschwiegenheit zu beobachten. Die
Dame nannte keinen Namen, keinen näheren Zweck. Sie begnügte sich nur,
wiederholt zu versichern, dass die wichtige Unterredung, wenn sie zur
Zufriedenheit ausfalle, für Fräulein Leopoldine von den glücklichsten und
angenehmsten Folgen sein würde. Jede Gefahr sei ausgeschlossen. Die Diskretion
verbiete ihr, mehr zu sagen. Fräulein Leopoldine möge Ja sagen, alles übrige
werde sich finden. Zögernd gab Leopoldine ihre Zusage. Warum? Was trieb sie zu
dem Abenteuer, das eine fremde Dame mit ihr einfädeln wollte? Sie wusste es
selbst nicht, woher und wie es plötzlich über sie gekommen, diesem Kitzel der
Neugierde nachzugeben. Dass irgend ein Mann im Spiele sei, ahnte sie natürlich
sofort. Diese Ahnung verstärkte den abenteuerlichen Reiz. Etwas Unerklärliches,
Überraschendes! Eine Begegnung mit einem geheimnisvollen Märchenprinzen? ... Sie
hatte eine schrecklich unruhige Nacht ... Ohne dass Mutter und Bruder davon
erführen, hielt Leopoldine Wort. In sehr aufgeregtem Zustande kam sie in das
bezeichnete Haus - sie schützte daheim Teaterprobe vor - und wurde von der
fremden Dame mit bestrickender Liebenswürdigkeit empfangen.
    »Himmlisch, dass Sie gekommen sind, ich fürchtete fast schon, dass Sie mich
umsonst warten liessen. Aber dann sagte ich mir: nein, sie ist viel zu nett und
zu klug, ihrem Glück aus dem Wege zu gehen, auch wenn es sich unter
ungewöhnlichen und geheimnisvollen Umständen ankündigt. Ich bin entzückt, Sie zu
sehen. Lassen Sie sich umarmen! Und nun zur Sache!«
    In den knospentreibenden Bosketts des Gartens flüsterte der Frühling, aus
den Wipfeln der Ahornbäume rief die Amsel, aus den Veilchenbeeten wehte süsser
Duft. Dazu das hohe Gemach mit der kostbaren Vertäfelung, den schweren
Teppichen, auf welchen das Geräusch der Schritte erstarb, den Portièren und
dichten Vorhängen, welche nur spärliche Helle eindringen liessen, und den
künstlich bereiteten Wohlgerüchen, welche betäubend den wohlig schlummernden
Raum erfüllten: das alles vermehrte Leopoldinens Aufregung. Bald überkam es sie
wie eine schmerzlich süsse Betäubung, welche jeden Willen lähmte, dann wieder wie
Gewissensangst und Mahnung, doch ja auf ihrer Hut zu sein und jeder
Überrumpelung ihrer Sinne zuvorzukommen. Ihr Blick verschleierte sich, ihr Herz
schlug bis zum Halse herauf. Die Dame redete in sie hinein mit den holdesten
Worten der Verführung. Bei diesem Wortgeplätscher fuhr Leopoldine plötzlich auf
wie aus einem Traume. Am liebsten wäre sie davongeeilt. Allein aus dem Banne der
funkelnden Schlangenäuglein der zärtlichen Dame gab es kein Entrinnen. Mit dem
Blicke drückte sie Leopoldine auf den schwellenden Sitz des niedrigen Eckdivans.
Sie setzte sich an ihre Seite und fasste ihre Hand.
    »Ein hoher Herr verehrt Sie, bewundert Sie, liebes Fräulein. Seine Stellung
verbietet ihm, sich Ihnen in der gewöhnlichen Weise zu nähern und Ihnen seine
Gefühle auszudrücken. O fürchten Sie nichts! Seine Absichten sind die edelsten.
Er leidet schwer unter der Entsagung, welche ihm sein Lebensstand auferlegt,
unter der Zurückhaltung, welche ihm seine hohe Würde gebietet. Und er fühlt so
heiss für Ihre Schönheit, Ihre Jugend, Ihr Talent ... Erweisen Sie sich ihm
freundlich, grossmütig ...«
    »Es ist doch nicht ein -«
    »Ein geistlicher Herr, wollen Sie sagen, liebe Seele? Und wenn? Und der
höchsten geistlichen Aristokratie angehörend und aus dem Wälschlande stammend,
wo eine feurigere Sonne scheint, als in unserem trüben Norden? Ein genialer
Freund aller Kunst und Schönheit, dem auch unter dem priesterlichen Kleide das
Herz für die Wunder reiner Liebe schlägt? Schreckt Sie das? Ich will Sie zu ihm
geleiten; Sie sollen ihn zunächst nur sehen und ihm Ihren Anblick verstatten.
Was ihm ein Fest der Augen, soll Ihnen eine Gelegenheit zur Prüfung sein ...
Gefällt er Ihnen nicht, je nun, Sie sind frei, Ihre Meinung zu äussern und zu
tun was Ihnen beliebt. Ich will Sie zu ihm geleiten ...«
    »Heute? Jetzt? O Gott!«
    »Diesen Augenblick ... Ach, da ist der hohe Herr selbst. Ich ziehe mich
zurück. Seien Sie recht, recht gütig mit ihm ...«
    Leopoldine hat später die Szene ihrem alten Beichtvater zähneknirschend mit
allen Einzelheiten geschildert und nicht achtend der väterlichen Abwehr des
entsetzten ehrwürdigen Greises mit den bitteren Worten geschlossen: »So, da habt
Ihr Euere Heiligkeit in Kirche und Haus -! Rein und weiss wie das Kaschmirkleid,
das ich an jenem verdammten Tage trug, war mein Herz, und besudelt habe ich die
Stätte verlassen, in die mich wälsche geistliche Wollust gelockt, um mich meines
köstlichsten Gutes, der Unschuld, mit den Teufelskünsten eines ausstudierten Don
Juans zu berauben.« Und als sie einige Jahre hernach dem nämlichen würdigen
Seelenarzt als verheiratete Frau Kommerzienrat ihre Osterbeichte ablegte, schloss
ihr Schuldbekenntnis nicht weniger bitter: »Was der geweihte Zölibatär an mir
begonnen, hat der Weltmensch in kirchlich eingesegneter Ehe an mir vollendet;
wenn meine Phantasie vergiftet ist, werfen Sie den Fluch nicht allein auf das
sündige Weib, dem Gott in Zukunft gnädiger sein möge, als er's in der
Vergangenheit gewesen. Wenn der Himmel das Herz eines Weibes verderben will,
gibt er sie einem töricht schamlosen Manne zur Gattin.«
    Einmal, in einer Plauderstunde mit Berta, als diese die Künste der Männer
analysierte, ernstafte und scheue Frauen zu willigen Werkzeugen sinnlicher Gier
zu machen, fand Leopoldine das harte Wort: »In der Liebe scheinen Götter und
Bestien Brüder zu sein. Und da soll ein Weib seine Ehre wahren!«
    Da wurde Berta Feuer und Flamme. »Weisst Du, Leopoldine, wer meiner
jugendlichen Unerfahrenheit in bezug auf den Umgang mit dem männlichen
Geschlecht eigentlich die unverschämteste Aufklärung gegeben hat? Du wirst's
nicht glauben: ein Geistlicher im Beichtstuhl, ein fetter Mönch in den
Dreissigern. Ich habe niemals in den verrufensten Büchern so schamlose Dinge
gefunden wie ich sie als frühreifes fünfzehnjähriges Mädchen im Beichtstuhl zu
hören bekam. War das ein Lasterkasten! Als ich alle seine anzüglichen Fragen,
die mir das Blut in die Wangen trieben und mich furchtbar aufregten, mit gutem
Gewissen verneint hatte, sagte der Mensch, das sei keine Tugend, ich soll's erst
einmal probieren - und erst wenn ich aus Erfahrung die wunderbar süsse Sünde und
das unbeschreibliche Vergnügen, das der geschlechtliche Umgang gewähre, kennen
gelernt und dann in Zukunft jedem unerlaubten Genusse mit klarem Bewusstsein aus
dem Wege ginge, dann erst könnte ich mich der Tugend rühmen. Unerfahrenheit sei
keine Tugend. Hierauf beschrieb er mir, wie ich mich auf diese sündige
Lustbarkeit zunächst auch ohne Liebhaber genügend vorbereiten könne. Es war ganz
unglaublich. Zuletzt bot er sich in unzweideutiger Weise selber an, diese meine
Vorstudien zu leiten; ich solle ihn einmal besuchen ... Ich habe noch ein in
Goldschnitt gebundenes Büchlein, Die Nachfolge Christi, das er mir zum Andenken
an einen Besuch geschenkt hat. Die Keuschheit der Frommen, das wusste ich seit
jener Zeit, ist ein unglaubliches Ding ... Nein, dieser Pater Evorist ...«
    »Was kann noch Grosses an der Keuschheit liegen, wenn selbst im Ehestand
Schamlosigkeiten als Pflichterfüllungen honoriert werden? Schweigen wir darüber.
Auch ich gedenke mit Schaudern eines Kusses von heiligen Lippen ... Ich gedenke
mit Schaudern meiner Hochzeitsnacht ... Soviel Schmutziges selbst am
Erhabensten. Die Ehe hat mich verdorben ... Übrigens bist Du zu sehr
verleutnantet -«
    Frau Leopoldine hatte ins Schwarze getroffen. »Verleutnantet« war eine ganz
richtige Bezeichnung der neuesten Geschmackslage ihrer Freundin. Vorausgegangen
war die Epoche der »Vermalerung«. In den Ateliers junger, genialer Pinselführer
ging's so ungebunden und anregend zu! Da war so viel zu sehen - und so
Überraschendes. Und es war gar nicht schwer, mit diesen flotten
Kunststadtgenossen in Verkehr zu kommen. Mit einigen musste man sich freilich in
acht nehmen, denn sie hielten nicht reinen Mund und brachten böse Reden in
Umlauf. Der Herr Schnürle zum Beispiel war so einer. Da hatte man gleich einen
Spitznamen weg. »Madame Voulezvous« hatte der Undankbare eine ehemalige
gefällige Freundin getauft - und der Titel war ihr lange hängen geblieben. Bei
einem andern gab's so schwüle, aufregende Sachen, mytologische Tiermenschen von
unerhörter Leidenschaft, Zentauren, halb Mann, halb Ross, von zermalmender
Muskelkraft. Einmal malte er ein Zentaurenpaar: das Männchen mit dem Leibe eines
schwarzen Hengstes, das Weibchen mit dem Leibe einer isabellenfarbigen Stute;
mit den nervigen Menschenarmen hielten sie sich den Oberleib umschlungen,
während sie sich hinten aneinanderpressten, dass die Flanken krachten, und mit
hochgeschwungenen, sausend die Schenkel und den Rücken sich peitschenden
Schweifen trabten sie im Abendlicht am Ufer hin, der violetten, schäumenden
Meeresbrandung entgegen. Es war ein kolossal ergreifendes Bild, eine
Verkörperung und zugleich poetische Verklärung unerhörter natürlicher
Liebeskraft. Hätte nur der Maler nicht die Indiskretion begangen, seiner
Zentauren-Stute die Züge seiner Freundin Berta zu leihen! So kam's zum Bruch,
denn Berta musste noch obendrein das Bild um teures Geld erwerben, damit es
nicht in fremde Hände gerate. Später wandte sich der Maler einer zahmeren
Gattung zu und hatte den Vorteil, von dem König mit einträglichen Bestellungen
für das Chiemseeschloss ausgezeichnet zu werden. Berta hatte inzwischen die
Geschmackswandlung vom mytologischen Zentaurentum zum modernen Heldentum der
leichten Reiter mit den malerischen grünen Uniformen vollzogen. Sie war
»verleutnantet«, wie Frau Rassler sagte.
    »Verleutnantet ist schön gesagt,« lachte Berta frech auf, dass es wie
hündisches Bellen klang.
    Berta schwor in der Tat damals nicht höher, als auf die »feschen
Leutnants«, die stets zu allem zu haben und viel ritterlicher seien, als die
losen Maler.
    »... Ja, zu sehr verleutnantet, um mein Ideal von Liebe und Keuschheit zu
begreifen.«
    »Ideal! Mich trifft der Schlag. Wo hast Du denn diese Merkwürdigkeit
aufgegabelt? Vielleicht als Empfangsdame in der photographischen Anstalt von
Albrecht, wo der verrückte Attenkofer als Cerberus Deine Keuschheit bewachte?«
    Diese Anspielung gab der Plauderstunde eine böse Wendung. Leopoldine brach
den Verkehr mit Berta ab. Erst nach monatelangem Bemühen gelang es der
letzteren, die alten Beziehungen allmählich wieder anzuknüpfen.
    Wenn man bei Frau Leopoldine Rassler Sonnenschein in schlechtes Wetter
verwandeln wollte, brauchte man sie nur an jene voreheliche Epoche, die
empfindlichste in ihrem Leben, zu erinnern. Auch hier barg sogar für ihren
nächsten Bekanntenkreis die Empfindlichkeit Leopoldinens ein ganzes Nest von
Unerklärlichkeiten. Was lag hier eigentlich unter der Decke? Niemand wusste es.
Leopoldinens Mutter war gestorben, mit der Teaterlaufbahn ging es nicht
vorwärts, ein missratener Bruder hing ihr an der Geldtasche, plötzlich war sie
vom Schauplatz verschwunden, dann tauchte sie als Empfangsdame im
photographischen Salon der berühmten Albrechtschen Anstalt auf: das war die
äussere Reihenfolge ihrer Lebenstatsachen, deren innerer Zusammenhang dem
profanen Blick verschlossen blieb.
    Bei Albrecht hatte der verwitwete Kommerzienrat Rassler Leopoldine kennen
gelernt und zur Überraschung aller die Gunst der rätselhaft stolzen und schönen
Empfangsdame in so hohem Masse gewonnen, dass sie dem hässlichen Manne in die Ehe
folgte als zweite Frau. Natürlich sah die sittsamliche öffentliche Meinung der
Schmierblätter, sowie die Klatschsucht der Freunde und Bekannten und sonstiger
Maulaffen und Frechlinge, die ihre Nase in alles stecken, in diesem Ereignis nur
eine unerhörte Schmutzerei. »Sein Reichtum hat sie verlockt; sie hat nicht ihn,
sondern seinen Geldsack geheiratet; sie hat sich wie eine Dirne ihm verkauft,«
deutelten die braven Tugendbolde. Der Kommerzienrat Rassler und die Exkomödiantin
Klebnikow! Alle Wetter! Das ist ja ein wahres Ereignis! Natürlich war's ein
Ereignis im Leben zweier Menschen, die für ihr Handeln in Herzensangelegenheiten
nur sich selbst verantwortlich waren. Was ging das die andern an? Gar nichts.
Aber eben weil sie's gar nichts anging, stürzten sie sich um so gieriger darüber
her und liessen die bösen Zungen weit aus den Mäulern hängen. »Der Rassler, dieser
dicke Schweinehund, na, man kann sich's denken ...« - »Und sie erst! Natürlich
sie!! Diese durchgewichste Person; wenn nur die Hälfte von dem wahr ist, was man
über sie hört, ist's stark genug ...« - »Nun kann sie ihre schönen Arme bis an
die Schultern in die Geldsäcke stecken.« »Geld war ihr die Hauptsache; man weiss
ja, wie diese Frauenzimmer sind.« »Und er, dieser alte Troddel, statt ein gut
bürgerliches Mädchen zu nehmen und glücklich zu machen, wirft seinen Reichtum
dieser Abenteurerin nach ...«
    »Und Du hättest sie nicht - anders haben können?« fragte der cynische Neffe
den Onkel Rassler.
    Statt dem Frager mit einer Ohrfeige zu antworten, obwohl's ihm in der Hand
zuckte, erwiderte Rassler fast beschämt: »Nein, um keinen Preis der Welt.«
    »Unglaublich.«
    Wäre dieser Neffe nicht selbst in jeder Faser ein moralischer Lump gewesen,
hätte er sein »Unglaublich« nicht über die Zunge zu bringen vermocht. Er
erinnerte sich sehr gut, dass er und einige seiner glänzend ausgestatteten
Kameraden von der männlichen Demimonde vergebens das Rasendste an
verführerischen Angeboten geleistet hatten, um sich die stolze Leopoldine
Klebnikow willig zu machen oder wenigstens ihre Zusage zu einer heimlichen
Partie zu erreichen, die unter der Leitung eines virtuosen Impresario zu der
ersehnten Orgie auswachsen konnte. Der biedere Neffe hatte mit seinen
Spiessgesellen von der Jeunesse dorée - vergoldete Jugend zu Deutsch, was
wiederum mit übertünchten Gräbern oder mit Brokat drapierten Spucknäpfen zu
übersetzen wäre - eine Wette eingegangen, bis zum nächsten Vollmond die
Widerspenstige so gezähmt zu haben, dass sie ihm aus der Hand frisst. Das waren
seine eigenen Worte. Nachdem er seinen Schädel, der schon anfing,
vielversprechende Spuren von Kahlköpfigkeit in seinem sechsundzwanzigsten
Lebensjahre zu zeigen, mit allerlei Plänen zu diesem Handstreich gemartert
hatte, flüsterte ihm ein Kamerad den Gedanken ein, sich als Photographenlehrling
ins Albrechtsche Atelier aufnehmen zu lassen, was ja um so unauffälliger
geschehen könne, als die Ausübung der Photographie mehr und mehr als Sport auch
von vornehmen Weltbummlern betrieben werde. Diese stundenlange unmittelbare
Nähe, besonders in der Nacht, wo mit elektrischem Lichte gearbeitet wurde, müsste
doch die günstigsten Gelegenheiten schaffen!
    Es half nichts. Bis zum nächsten Vollmond hatte der improvisierte
Photographie-Dilettant zwar ein sehr stilvolles Samtkostüm, welches alle seine
männlichen Reize eines leicht angefetteten, rosigen Blondins von mittlerer
Gestalt farbig und plastisch hinreissend zur Geltung bringen sollte, abgenützt,
allein sein Kriegsplan hatte sich vollkommen wirkungslos erwiesen. Zum Teil aus
Ärger über den Misserfolg und die verlorene Wette, zum Teil aus Geldverlegenheit,
da der Onkel plötzlich das Portemonnaie verlegt hatte, liess sich der
rosig-blonde Neffe von einer reiselustigen Dame als »Mädchen für alles« nach
Paris anwerben, wo er sich mit besseren Erfolgen in allerlei Photographie-Sport
ausleben konnte. Als er nach zweijährigem Pariser Aufentalt wieder in den Kreis
der vornehmen männlichen Demimonde Isaratens zurückkehrte, war er zwar ein
vollendeter Kahlkopf, aber auch ein vollendeter Photograph geworden. Nachdem ihm
das Hans seines kommerzienrätlichen Onkels auf Betrieb Leopoldinens bald nicht
weniger fest verschlossen wurde als es die kommerzienrätliche Geldbörse bereits
war, sah der angenehme Neffe aufs neue Holland in Not - und rasch entschlossen
nahm er die Hand und das Vermögen eines dummen und verliebten
Bürstenbinderstöchterchens - Schwiegerpapa war k. Hoflieferant - und gründete
sich, um endlich doch auch geschäftlich etwas Rechtes vorzustellen, ein eigenes
photographisches Atelier, das von seinen ehemaligen Freunden viel besucht und
mit der hübschen Bezeichnung »Amor und Psyche oder zum photographischen
Damensport« bald in Schwung gebracht wurde.
    Der Lebemann a.D., wie er sich im Kreise seiner ehemaligen Spiessgesellen und
Klubfreunde mit fader Selbstgefälligkeit nannte, spielte sich jetzt auf den
Künstler-Erwerbsmann hinaus, um seinem knickerigen Onkel zu imponieren.
    An allen Hauptstrassenecken Münchens prangten seine photographischen
Musterbilder in reichgeschnjetztem Rokokorahmen. Als Spezialität pflegte er das
Kostümbild, weil er mit richtigem Instinkt die Kunststadtkomödie der vornehmeren
und reicheren Lebenskreise als ergiebiges Feld erkannte, wo die Pfiffigkeit
erntet, was die Eitelkeit säet.
    Die Frauen und Töchter der Grossbräuer und Grosshändler und Bankiers wollten
um die Wette mit den Frauen und Töchtern der berühmten Maler, mit den
Aristokratinnen und Teaterprinzessinnen im Glanze künstlerischer Darstellung
ihre Leibesschöne zur Schau tragen. Um sich den Anschein regsten Kunstinteresses
und lebendigen Schönheitsgefühls zu geben, genügte es ja bei der zunehmenden
Versumpfung echten Kunstgeistes und der Neigung zu leerem Maskenprunk, die
grossen malerischen Vorbilder der Renaissance zu modischen Toilettestücken
karnevalhafter Schaustellungen zusammenzuflicken. Diese herabwürdigende
Veräusserlichung der Kunst zum wesenlosen Scheine gelang den Damen der
Geldsack-Aristokratie im Bunde mit den Belustigungs-Malermeistern ganz
vortrefflich. Zwar protestierte die Natur durch den Schnitt der Alltagsgesichter
und den Umfang der oft schwer zu bändigenden Fülle und Plumpheit des Leibes
gegen diese renaissanceliche Kunstaffenkomödie, allein der Zug der Mode war
stärker, als die Einsprache der Natur. Und dieser Zug der Mode war es, dessen
sich Rasslers Neffe als Kunstmodephotograph so gut zu bedienen wusste, dass sein
Geschäft bald ein blühendes wurde, jeder Konkurrenz zum Trotz.
    Bei aller Befriedigung wurmte ihn nur eins: dass Frau Kommerzienrat Rassler
sich immer noch wehrte, seiner Schönheitsgallerie sich einverleiben zu lassen.
Mit einer ihm unerklärlichen Beharrlichkeit nahm sie von seinem photographischen
Aufschwung nicht nur keine Notiz, auch als er ein neues Atelier in der
Quaistrasse neben dem kommerzienrätlichen Hause eingerichtet hatte, sondern
ignorierte ihn auch vollständig, als er mit unzweideutiger Aufdringlichkeit sich
in ihren Mittwochs-Gesellschaftsabenden einstellte.
    »Ein rätselhaftes Weib,« murmelte er, »aber der Teufel soll mich holen, wenn
ich sie nicht dennoch auf meine Platte zwinge.«
    Der Höllenzwang versagte seine Wirkung. Auch den Onkel bekam er nicht vor
sein Objektiv, so sehr er ihn umschmeichelte.
    »Aber bester Onkel, bei Albrecht hast Du Dich neunundneunzigmal in allen
erdenklichen Posen abkonterfeien lassen und Du bist inzwischen wirklich nicht
hässlicher geworden ...«
    »Ja damals!« grunzte der Kommerzienrat und rieb sich die Glatze.
    »Bockbeinige Bande! Der Teufel soll ...«
    Vorläufig begnügte sich der durchlauchtigste Höllenfürst, seinen Schwanz in
die Rasslerschen Mittwochsabende zu stecken und die schöne Gesellschaft zu
sprengen. Ton und Formen des Umgangs waren nach und nach bedenklich ungezwungen
geworden. Es riss eine Gemütlichkeit ein, die nichts Arges darin finden wollte,
wenn ein Herr Künstler hinter dem Fenstervorhang sich handgreiflich von der
Modellfähigkeit einer Dame für sein neuestes Venusbild überzeugen wollte, oder
wenn sich eine üppige »höhere Tochter« in höheren Semestern in den kleineren
Salon zurückzog und sich auf das Ruhebett warf, während ein Herr Piano- oder
Geigen-Zauberer vor ihr auf dem Teppich kauerte und geeignete Teile ihres flott
hingegossenen Leibes als Tastbrett für virtuose Fingerübungen benützte.
    Frau Rassler erlaubte sich zwar, ihren Gatten mit unmutsvollen Bemerkungen
auf diese Exzesse künstlerischer Phantasie aufmerksam zu machen, fand aber wenig
geneigtes Gehör.
    Das mache der Liebe kein Kind, meinte er lachend, und ein vornehmes Haus in
der Kunststadt München sei kein Kloster; es sei ihm erzählt worden, dass es in
den berühmten Soireen der Baronin Paurexins, wo auch hauptsächlich Künstler
verkehren, und an den Donnerstag-Abenden des Akademieprofessors Franz v.
Kraxelheim noch viel bunter zugehe. Das sei nun einmal der herrschende Ton. Es
wäre doch lächerrlich, sich über Scherze zu skandalisieren, welche bei den
feinsten und gebildetsten Herrschaften ganz anstandslos passieren. Gegen ernste
Unzukömmlichkeiten würde er der Erste sein sich aufzulehnen. Man dürfe sich
nicht in den Ruf der Spiessbürgerlichkeit bringen, zumal bei den Gelehrten und
Künstlern immer noch die Neigung bestehe, die kaufmännischen und industriellen
Inhaber der modernen Million unrühmlich zu behandeln, fast wie Menschen zweiter
Klasse ...
    »Sei unbesorgt, mein Leo, auch ein Geldmann wie ich versteht sich so gut aus
aristokratischen Schliff und Schick wie die Herren Barone und Grafen von
Habenichts und wie die grosstuerischen Künstler, die ihren Bettelsack erst an
unserer Kasse füllen und uns dafür ihre Ölschwarten aufhängen. Also mach's wie
ich und drücke andertalb Augen zu. Ich weiss, Du amüsierst Dich doch, verstell'
Dich nicht, mein Leo! Wie gesagt, so lange keine Unzukömmlichkeiten ...«
    Der Herr Kommerzienrat wurde erst stutzig, als in der nächsten Woche, am
Gedächtnistage seiner Hochzeitsfeier, wo ein Souper und ein Tänzchen die
Lustbarkeit des Abends erhöhen sollte und der Kreis der Geladenen erweitert
wurde, zahlreiche Absagen einliefen. Der freundnachbarliche Konsul Schmerold
schrieb, dass er bedauere ablehnen zu müssen, geschäftliche Verpflichtungen
u.s.w. liessen ihn nicht frei über seine Abende verfügen. Das war glaubwürdig.
Ebenso, dass sich der Fabrikbesitzer und Handelsrichter Hans Deixlhofer damit
entschuldigte, dass er der Entbindung seiner Frau entgegensehe. Die blonde Frau
Deixlhofer kam ja überhaupt nicht mehr aus den interessanten Umständen heraus.
Kaum eins angekommen, war schon ein anderes unterwegs. Wie die Orgelpfeifen. Und
alles frisch und gesund ... Hauptsache ... Der Professor Hirneis und die
Dichterin Tusnelda Wechsler dankten, weil sie zur Zeit die Zahl ihrer
geselligen Verpflichtungen nicht vermehren dürften. Das waren faule Ausflüchte,
offenbar. Der Bankier Guggemoos, den die jüngste Gemeindewahl zur Würde eines
Stadtvaters erhoben hatte, dankte, auch im Namen seiner Frau und Schwägerin,
ohne sich die Mühe zu geben, seine Ablehnung zu begründen. Das war unhöflich.
Der Kunständler Feldmann, der Goldwarenfabrikant Zwicker, der Magistratsrat
Rohleder, der Oberst a.D. Gotteswinter und die Baronin Kleebach-Kilpo schickten
einfach ihre Karten mit dem Ausdrucke des Bedauerns. Das war beleidigend. Was
sollte das alles bedeuten?
    Rasch wurden die Vorbereitungen eingeschränkt und der Tanz vom Programm
gestrichen. Man wollte Unwohlsein eines Kindes vorschützen. Ausser dem leichten
Volk der gewöhnlichen Jourfix-Gäste waren nur fünfzehn besonders geladene
Personen erschienen. Einer der Getreuen des Hauses hatte einen ungeladenen Gast
angemeldet und mitgebracht: den Hauptmann a.D. Baron Max v. Drillinger.
    »Die ungeladenen Gäste sind die willkommensten,« sagte der Kommerzienrat
geschäftsmässig begrüssend und führte den Baron seiner Frau zu. »Sie sind uns kein
Fremder, wir haben schon von Ihnen gehört ... Hier meine liebe Gattin Frau
Leopoldine.«
    Sie verneigte sich kühl und düster.
    Vierzig Personen sassen zu Tische. Den Hauptgenuss des Abends bot der Mehrzahl
der Gäste das Essen und Trinken. Alles war in Hülle und Fülle vorhanden. Der
Hausherr, um sich aus einer gewissen Befangenheit zu befreien, sprach selbst den
sorgfältig ausgewählten und zubereiteten Speisen und Weinen tüchtig zu und
versäumte nicht, auf die Güte des Gebotenen mit Eifer aufmerksam zu machen. Auch
der Kunstwert der Aufsätze und Gefässe wurde von ihm mit Nachdruck hervorgehoben.
Niemand liess sich durch diese ästetische Beflissenheit des Kunstmäzens den
Appetit verderben. Baron Drillinger kam der auffallend stillen und nach Innen
gekehrten Hausfrau gegenüber zu sitzen; an seiner Seite sass der Schauspieler
Geiling und die pikante Forstmeisterswittwe Berta Hohenauer, geborne v.
Starkloff (sie versäumte nie, bei Vorstellungen diesen genealogischen Vermerk
passend anzubringen).
    Drillinger sah an diesem Abend sehr interessant aus; seine dunklen Augen
leuchteten in schwärmerischem Glanz aus dem auffallend blassen Gesicht. Es war
etwas Weiches, Elegisches in seinen Zügen, etwas Wälsches fast, mit der
fröhlichen Derbheit der urbajuwarischen Bierköpfe verglichen, deren es heute
einige ältere Musterexemplare an der Rasslerschen Tafel gab. Eigentlich fand er
auch gar keinen Gefallen an dieser Schmaus-Gesellschaft. Er war da
hereingekommen wie der Heide Pontius Pilatus ins christliche Glaubensbekenntnis.
Am Nachmittag hatte er ein zärtliches Stelldichein absolviert mit dem jungen,
tollen Weibchen des pensionierten Generals Roller, genannt Rollmops, der
freundlich gesinnten Hälfte seines ehemaligen Busenfeindes. Brigitta hatte Wind
davon bekommen - und wie gewöhnlich die Schalen ihres gerechten Zornes über das
Haupt des argen Sünders ausgegossen. Wie gewöhnlich machte der böse Max die
Miene der gekränkten Unschuld zu dieser altjungferlichen Strafpredigt und suchte
dann durch allerlei scherzhafte Abschwenkungen den Sinn der Alten auf
gemütlichere Wege zu lenken. Zum Beispiel mit dem parodistischen Bibelspruch:
»Hasse deinen Nächsten und liebe sein Weib wie dich selbst.« Oder: »Sei
untertan, deinen Vorgesetzten, und sage nicht nein, wenn die Generalin ja
sagt.« Oder: »Du sollst dem Ochsen, der kommandiert, nicht das Maul verbinden,
aber seine Hörner zu vermehren, ist erlaubt.« Und dergleichen Sündhaftigkeiten
mehr. Diesmal jedoch mit einem nicht gewöhnlichen Misserfolg. Und so war er froh,
als Erwin Hammer zufällig Sukkurs brachte. Nur der Vorschlag behagte ihm nicht,
sich als blinder Passagier mit zu Rasslers kutschieren zu lassen. Diese Leute
interessierten ihn ja gar nicht!
    Und jetzt sass er doch da! Er sprach wenig und bemühte sich mit der
gefälligen Grazie eines erprobten Weltmannes und Beobachters zuzuhören. Seine
Ohren waren zwar heute nicht von besonderer Schärfe, doch entging ihm kein Wort,
als Berta Hohenauer dem Schauspieler zuflüsterte: »Wenn Du das Glück siehst,
halt's fest; dies ist die Summe aller Weisheit zum Glücklichsein.«
    Dieser Spruch bildete den ganzen Abend das Leitmotiv seiner gemischten
Empfindungen. Als nach aufgehobener Tafel ein wenig musiziert wurde und nach
einigen künstlerischen Momentsphantasieen auch eine Dilettantin ein bisschen à la
Liszt rhapsodiert hatte - die Mehrzahl der Herren tat sich mittlerweile im
Rauch- und Spielzimmer gütlich - setzte sich auch Baron v. Drillinger leise an
das Klavier und wagnerisierte in gedämpften Akkorden Götterdämmerungsmotive. Da
traf ihn zum erstenmal einer jener rätselhaft hellen Blicke Leopoldinens wie ein
Blitz aus einer schwarzen Wetterwolke. Dann plätscherte der Regen der
Unterhaltung in hastigem Getröpfel ringsum hernieder und Frau Rassler war wieder
verschwunden. »Wenn Du das Glück siehst - - ah bah!« machte Drillinger,
harpeggierte einen verminderten Septimenakkord über die Klaviatur hin, dass die
Töne harfenartig verklangen, matt und matter, wie ersterbende Herzschläge. Er
erhob sich langsam vom Stuhle. Niemand achtete darauf. Man war pianinomüde. Die
Maultrommel, ah ja, besonders auf der Damenseite; wie wurde da Wahrheit und
Dichtung aus dem Leben der lieben Mitmenschen von gestern und heute flink in
Noten gesetzt und durch alle Tonarten gepeitscht! Im Ganzen schien die gesellige
Stimmung flau. Drillinger lehnte noch am Pianino und liess seinen Blick über die
schwatzenden Gruppen in dem gelben Salon gleiten. Er kam sich immer noch
eigentümlich fremd, fast verschüchtert in dieser Umgebung vor. Was musste ihn
aber auch Erwin Hammer da herein schleppen, um ihn hier stehen zu lassen wie
einen Marterstock! Ja, wie einen Marterstock! Drillinger musste lächeln über sich
selbst: wie war ihm nur dieser komische Vergleich in den Sinn gekommen? Ein
Marterstock oder kurzweg ein »Marterl«, die frommnaive Bildsäule, welche das
Landvolk im einsamen Feld oder Hochgebirg an der Stelle errichtet, wo ein armer
Mensch verunglückte durch Absturz, Blitzschlag ... Spassig, was die Phantasie für
Sprünge macht. Er hier ein Marterl ... Blitzschlag ... Es ist zu dumm. Alle
Wetter, jetzt eben ging die seltsame Frau wieder an ihm vorüber, diesmal
gesenkten Blickes, wie eine trauernde Walküre, wie eine Brunnhilde, der ein
unsichtbarer Schicksalsmund die Gotteit von der Stirn geküsst ...
    Und hinter ihr drein watschelte der Kommerzienrat. Nein, der hatte nichts
Wotanhaftes. »Leo, so hör' doch, Leo!« Frau Leopoldine hörte nicht; sie war in
einer Gruppe von Damen verschwunden. Der Kommerzienrat war pustend mitten im
Salon stehen geblieben, hilflos, ratlos, mit einem dumm-verlegenen Ausdruck im
feisten Vollmondsgesicht. »Leo, Le ...« Da erblickte er den Baron einsam am
Klavier.
    »Sie haben famos gespielt, Herr Baron; scheinen in allen Sätteln gerecht,
hehehe?«
    »Die Kunst ist oft ein gar zahmer Klepper, Herr Kommerzienrat, da gehört
nicht viel Mut dazu, das heisst, zuweilen nichts als ein gewisser Mut.«
    »Schade, dass unser berühmter Tastenschläger heute nicht gekommen ist, der
geniale Friedberg, ein ganz junger Mensch, aber von einer unglaublichen
Verwegenheit auf seinem Instrument. Der haut Ihnen das Zeug herunter ... Sie
kennen ihn nicht?«
    Drillinger verneinte lächelnd.
    »Er hat meinen Flügel neulich so verarbeitet, dass ich ihn zur Reparatur
fortgeben musste; das Pianino ist nur als Lückenbüsser da. Jüngst hat er meiner
Frau vorgespielt was die Isar rauscht. Alles durcheinander, Trauermärsche und
Hopswalzer. Besonders in der Tanzmusik ist er unwiderstehlich. Ja, wenn der da
wäre und loslegte, da sollten Sie einmal die Damen sehen, keine ist mehr zu
halten. Das Frauenzimmervolk, Sie kennen es ja, ganz unberechenbar, hehehe! Ein
Rattenfänger auf der Bildfläche - und weg ist's. Na, das macht der Liebe kein
Kind ... Apropos, Bildfläche: Sie müssen uns einmal am Tag die Ehre schenken und
meine Bildergallerie betrachten.«
    »Mit Vergnügen, Herr Kommerzienrat.«
    »Wollen Sie nicht ins Rauchzimmer kommen? Wir schwatzen uns hier die Kehle
heiser. Ich habe da drin ein exquisites Kraut, auch einen feinen Tropfen dazu.
Die Herren qualmen und politisieren, was Zeug hält. Die soziale Frage wurde
schon wieder zum ixtenmal gelöst. Kommen Sie doch.«
    Drillinger war zwar heute weniger denn je aufgelegt, sich von Hinz und Kunz
politische Kannegiessereien vorreden zu lassen. Immerhin, dachte er; mitgegangen,
mitgefangen, mitgehangen. Und da ihn das Ewigweibliche ausnahmsweise einmal gar
nicht lockte ...
    Der Kommerzienrat schielte noch einmal suchend nach Leopoldine in den Salon
zurück. »Kommen Sie, Herr Baron!« Er führte ihn durch einen kleineren Salon, wo
zerstreute Gruppen jüngerer Leute drauflos schwadronierten, in das Rauchzimmer.
War das dort nicht der Schauspieler Geiling, der sich mit der verliebten Wittwe
durch die Portière drückte? Drillinger erhaschte nur noch flüchtige Umrisse des
verschwindenden Pärchens. Unbekannt mit der Einteilung der weitläufigen Wohnung
und den Gewohnheiten ihrer Benützung, vermochte er nicht zu erraten, wohin sich
die Witwe mit ihrem Galan gewandt, um in trauter Ungestörteit die »Summe aller
Weisheit zum Glücklichsein« zu ziehen. Ein anderer Gast, der sich gut auskannte,
der Maler Schnürle, eine gallige Natur und ein unermüdlicher Spürhund, hatte mit
dämonischer Freude die Davonschleichenden aus seinem Observatorium in der
Fensternische beobachtet. Dem Komödianten war er schon lange aufsässig und der
geborenen Starkloff war er aus allerlei Ursach auch nicht grün. Hollah, diesmal
gilt's, dachte er, und diesmal werden die sauberen Schliche aufgedeckt ... Er
schlängelte sich leise hinaus ...
    Schon drohte im Bereiche der Damen der Geist der Unterhaltung zu
verflüchtigen; die boshaften Gespräche erlahmten, die ungeduldigen Füsschen
trommelten zum Aufbruch, es war heute offenbar nichts mehr los. Da hiess es
plötzlich: »Friedberg wird noch kommen! Friedberg ist da!«
    Hui dada, hui dada, dideldumdei -
    »Liebste Frau Kommerzienrat,« röhrte die höhere Tochter in den höheren
Semestern, »Friedbergchen muss uns was Lustiges aufspielen, damit wir doch noch
ein wenig tanzen können. Sie müssen erlauben ... Wir können nicht mehr an uns
halten ... Unsere Beine sind schon den ganzen Abend in Aufregung ... Sehen Sie
dort den Herrn Leutnant, der ist schon ganz weg ... Bitte, bitte ... Tanzen ist
ja Gottesdienst; der König David hat vor der Bundeslade hergetanzt ...«
    Hui dada, hui dada, dideldumdei -
    Einige ältere Herren flüchteten vor dem Tanzrummel aus dem gelben Salon in
das Rauchzimmer und da sie auch dies schon überfüllt fanden, in den
Billardsalon. Hier hatte der sogenannte Wunderdoktor Wendelin Wamperl, seines
Zeichens Rechtsanwalt, dessen Schnurrbartenden wie Pfropfzieher ausgedreht
waren, eben den Queue auf das Billard geworfen und einer Gruppe Herren, welche,
das Weinglas in der Hand, schlechte Witze über einen neuesten Ehebruchskandal
rissen, voll sittlicher Empörung zugerufen: »Und ich bin dafür, dass jeder Mann
und jedes Weib, auf Ehebruch ertappt, mit Kastrierung bestraft wird!«
    »Gewiss, Untreue ist Infamie, sofern man nicht selbst den Genuss davon gehabt
hat,« sagte einer aus der Gruppe mit Beziehung, ein sonderbar gestalteter
Heiliger, dessen Nasenflügel aufgebläht schienen, als wären sie mit einer
kitzelnden Prise Schmalzlertabak gefüllt, während der hochgezogene Nasenrücken
und die gefältelte Nasenwurzel den Eindruck eines permanenten Niesreizes
machten. Wer dieses gespannte Gesicht ansah, war versucht, immer gleich Helfgott
zu sagen. »Da muss ich doch bemerken, dass die tonangebende Presse den Fall viel
milder beurteilt hat, als der gestrenge Herr Doktor.«
    »Die Presse,« höhnte Wamperl, »diese babylonische Hure; das muss ich als
ehemaliger Herausgeber einer Zeitung doch besser wissen, wie so etwas gemacht
wird. Milde Beurteilung! Da hat die Bestechung eben nicht bis zum Schweigegeld
gereicht.«
    »Doktor Wamperl hat Recht: gegen die zunehmende Zerrüttung des Ehelebens
müsste mit den stärksten Strafen vorgegangen werden. Die Ehe ist die Basis von
allem -« bemerkte ein Dritter.
    »Natürlich,« zischelte der gereizte Nasenflügler - »so sehr die Basis von
allem, dass kein anständiger Mensch mehr sich damit einlassen mag und das
Junggesellentum von Jahr zu Jahr zahlreicher wird. Fragen Sie doch unsern
bewährten Statistiker Parklas!«
    »Junggesellentum?« fuhr Doktor Wamperl auf, »sagen Sie doch richtiger die
männliche Halbwelt. All' diese biederen Junggesellen sind zu haben, wenn eine
holde Sirene lockt. Lauter Kuckuckseierfabrikanten, wenn's aufs Apropos ankommt.
Biedermänner, die, wenn sie zum Verführen zu faul, nichts sehnlicher wünschen,
als verführt zu werden. Und diese Mustermenschen schimpfen auf den Ehestand und
auf die Weiber und die Dirnen - und sie selber schlupfen drin herum wie die
Maden im Käslaib.«
    »Bravo, Herr Doktor!« rief der Kommerzienrat beifällig und schob dem Baron
v. Drillinger zuvorkommend einen Rohrsessel hin, während er gleichzeitig einem
vorbeieilenden Diener bedeutete, einen frischen Trunk zu bringen.
    Der mehr und mehr gereizte Nasenflügler: »Sie gebrauchten den Ausdruck
männliche Halbwelt, Herr Wamperl; das wäre ein Tema für Ihre Feder. Schreiben
Sie doch einen tief empfundenen Artikel darüber.«
    Bei diesen Worten erschien Erwin Hammer geräuschlos unter der Tür.
    »Wofür? Für die Tagespresse?«
    »Es stehen Ihnen doch die angesehensten Blätter offen.«
    »Angesehene Blätter gibt's nur im physischen, nicht im moralischen Sinn. Ich
danke. Ich verachte die Presse für das, was sie nicht schreibt und noch mehr für
das, was sie schreibt. Ich verachte sie grundsätzlich.«
    »Oho!« von verschiedenen Seiten.
    Und Doktor Wamperl mit explosivem Cynismus: »Ja, ich verachte sie. Eher
pflanze ich coram publico einen Kaktus auf dieses Billard, als dass ich wieder
die Feder für einen Zeitungsartikel anrühre ...«
    »Probe machen!« riefen einige Übermütige.
    »Bitte, meine Herren,« fiel der Kommerzienrat ein, »das Kaktuspflanzen ist
unstreitig ein gesundes Vergnügen, aber mein Schleifersches Billard gebe ich
nicht dazu her. Haben Sie eine Ahnung, was dieses Möbel gekostet hat? Das wär'
ein teurer Blumentopf, mein Lieber.«
    Erwin Hammer war leise zu Wamperl getreten und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich
komme soeben aus dem Museum; grossartige Lobeshymne über Ihre jüngste
Verteidigung gelesen.«
    »In welcher Zeitung?« fragte dieser ebenso leise wie gespannt.
    »Das weiss ich nicht mehr. Ich glaube, im Nürnberger Anzeiger oder in der
Frankfurter oder in der Allgemeinen. Man hat sich um das Blatt gerissen.«
    »Da muss ich doch nachsehen.«
    Und Doktor Wendelin Wamperl drückte sich eilig.
    Erwin Hammer sah ihm spöttisch nach.
    »Was ist los? Ist er beleidigt, dass er sich französisch empfiehlt?« fragte
der Kommerzienrat besorgt.
    »Gott bewahre,« erwiderte Hammer. »Ich gehe jede Wette ein, dass unser grosser
Zeitungsfeind in dieser Nacht noch alle Kaffeehäuser einrennt und alle
Zeitungsständer demoliert, um einen Lobesartikel auf seine vorgestrige
Verteidigungsrede aufzustöbern.«
    »Und der Artikel findet sich nirgends?«
    »Natürlich nicht. Ich hab' ihm den Bären aufgebunden, um seiner Eitelkeit
einen Possen zu spielen. Der Gute ist so wütend auf die Presse, weil er nicht
genug gelobt wird.«
    »Das ist gelungen. Bravo, Herr Doktor Hammer!« rief der Kommerzienrat und
rieb sich vergnügt die Hände.
    Hammer setzte sich zu Max v. Drillinger und entschuldigte sein Durchbrennen.
    Inzwischen stellte der Diener eine Batterie schöner schlanker
Rheinweinflaschen auf den Kredenztisch. Die Herren schänkten sich selbst ein
nach Belieben. Der Kommerzienrat war in einen Polsterstuhl gesunken und hörte
schläfrig den Auseinandersetzungen des Prokuristen der königlichen
Notenbankfiliale zu.
    »Jawohl, diese Entscheidung des Reichsgerichts ist eminent wichtig.«
    »Welche Entscheidung?« fragte Rassler und rieb sich die Augen, vom
Zigarrenrauch gebeizt. »Das Reichsgericht entscheidet so viel, dass man sich
extra einen Gelehrten dafür anstellen muss, wenn man im Geschäft alles beachten
will.«
    »Zu dienen, Herr Kommerzienrat,« antwortete der junge Prokurist Gottlieb
Nordhäuser, ein gewandter Streber, der sich mit Vorliebe den älteren,
einflussreichen Kaufherren, besonders wenn sie hübsche Frauen oder heiratsfähige
Töchter hatten, angenehm zu machen suchte. »Die Entscheidung lautet so,«
dozierte er mit glatter, einschmeichelnder Stimme: »Hat ein Bankier seinem
Kommittenten den Kauf von bestimmten Börseneffekten empfohlen mit der Angabe,
dass sie steigen werden, obwohl ihm bekannt ist, dass ein verhältnismässig geringer
Umsatz in diesen Effekten stattfindet und dieser geringe Umsatz hauptsächlich
von ihm selbst veranlasst ist, um äusserlich den Kurs derselben eine zeitlang auf
einer bestimmten Höhe zu erhalten und somit den Leuten Sand in die Augen zu
streuen, so ist er für den seinem Kommittenten durch diese schwindelhafte
Manipulation erwachsenen Schaden haftbar.«
    Gedämpft tönten die schmachtenden Walzermelodieen »Künstlerleben« von Strauss
aus dem gelben Salon herüber und begleiteten die reichsgerichtliche Prosa, dass
sie im Munde des gefälligen Prokuristen fast wie Poesie, wie eine rezitierte
Romanze klang.
    »Ich bewundere Ihr stupendes Gedächtnis, Herr Nordhäuser,« nickte der
Kommerzienrat. »Eine sehr gute Entscheidung. Hätte ich dieselbe damals gehabt,
wäre ich dem Bankier Weiler anders zu Leibe gegangen. Nun, gedrosselt habe ich
den Spitzbuben, dass sein Kragen noch lange blaue Flecken zeigte, aber der Spass
kam mich doch teuer.«
    »Dem Kravattenfabrikanten hätte man schon längst den Hals zuziehen sollen.
Immerhin hat Ihre Lektion gefruchtet, Herr Kommerzienrat. Weiler ist seitdem
viel vorsichtiger geworden. An einen Finanzmann wie Sie wird er sich so leicht
nicht mehr heranwagen,« flötete der Prokurist mit seiner einschmeichelnden
Stimme.
    Rassler fühlte sich sehr angenehm berührt, sich aus solchem Munde als
Finanzmann preisen zu hören. Er drückte die Augen zu. Mit diesem freundlichen
Eindruck hätte er jetzt schlafengehen mögen. Wenn nur auch Leopoldine diese
sachverständige Anerkennung seiner Finanzkapazität gehört hätte! Wo sie nur
stecken mag, dass sie sich gar nicht nach ihm umsieht? Er schielte nach der Tür.
Diese verdammten Gastgeberpflichten ...
    In der Trinkergruppe in der andern Ecke wurde die Unterhaltung immer
lebhafter, seit Erwin Hammer seine schneidigen Bemerkungen den Leuten an die
Köpfe warf.
    »Alles ist Halbwelt,« rief er, anknüpfend an das Wort, das Doktor Wamperl
zurückgelassen. »Die Kunst, die Wissenschaft, die Politik, die Finanz - ich bin
so frei, auch im Hause des Gehenkten vom Stricke zu reden - überall die
nämlichen Halbwelt-Allüren und die nämliche Halbwelt-Moral. Diese industrielle
Brutaliät, in allem nur Ware zu sehen, alles nach dem Ausbeutungsgewinn zu
taxieren, ist das nicht schmutziger Halbweltsgeist? Ideale -! Wird ihr Preis
nicht auch durch Angebot und Nachfrage geregelt? Haben wir nicht eure Menge
ererbter Ideale, die, weil keine Nachfrage mehr besteht, jetzt als traurige
Ladenhüter verschimmeln? Seht Euch doch einmal in unserer guten Kunststadt
München das Zeug an, was als modernes Ideal in die Schaufenster gestellt wird,
um zu prunken und zu bestechen und den Blick der Kauflustigen auf sich zu
ziehen!«
    »Nennt doch das Kind beim Namen und sagt einfach: der Kapitalismus! Der hat
jetzt alles im Sack. Was ihm nicht dient, existiert nicht mehr. So ist es
einmal. Da beisst die Maus keinen Faden ab. Man fügt sich oder man fügt sich
nicht.«
    »Natürlich fügt man sich,« mischte sich der rotnasige Orang Utang Xaver
Schwarz, Vorstandsmitglied des Hausbesitzervereins, ins Gespräch.
    »Reichtum ist Ehre, Sie müssen das ja am besten wissen, Herr Schwarz,
zischte der Nasenflügler.«
    »Ach, spotten Sie nicht über den Reichtum und lassen Sie mich mit der
sogenannten Ehre aus, Herr Major!« gab Xaver Schwarz zurück. »Die Ehre! Kann ich
mit der Ehre Häuser bauen? Kann ich mit der Ehre Steuern zahlen und den Staat
erhalten? Kann ich mit der Ehre Geschäfte machen? Man kann von der Ehre so wenig
leben als von der Luft.«
    »Nun ja, da habt Ihr ja die ganze Herrlichkeit. Herr Schwarz sprach ein
grosses Wort gelassen aus. Alles übrige ist Lüge, im besten Fall Notlüge,« rief
Hammer mit einer grossen Geste.
    »Der Wamperl hatte wahrhaftig so unrecht nicht.«
    »Wahrhaftig nicht. Nur sollte er sich immer gleich bei der eigenen Nase
nehmen und sich selber als lebendiges Beispiel zum Besten geben,« höhnte der
gereizte Nasenflügler und griff nach einer vollen Flasche.
    »Seine Verachtung der Presse ist einfach lächerrlich.«
    »Das stimmt,« bestätigte Hammer. »Nächst dem Komödianten Geiling ist in ganz
München kein Mensch hungriger nach Zeitungslob, als gerade er, der grosse Kato
der Rechts- und Linksumwissenschaft, der grosse Ehrenretter aller
Finanzspitzbuben und anderer Seeräuber.«
    »Nicht so laut, der Geiling ist noch im Hause,« beschwichtigte der
Prokurist, der, nachdem der Herr Kommerzienrat sanft eingeschlummert war, sich
dieser aufgeregten Tafelrunde vorsichtig genähert hatte.
    »Aber ich bitte Sie,« dröhnte Hammer mit rücksichtsloser Überzeugungskraft,
»dieser Mensch würde nur wieder eine erwünschte Reklame für sich darin sehen,
wenn wir uns hier über seine Reklame-Hubereien lustig machen.«
    »Wie er sich das Trompeterkorps der Presshusaren abgerichtet hat, das erzählt
er ja gelegentlich jedem selbst, der's hören will,« versicherte der Nasenflügler
Major a.D. Fabian v. Pemsl-Schwanegg mit wiegendem Kopfe.
    Max von Drillinger hatte getrunken, geraucht, zugehört, - aber alles wie im
Traume. Nichts gewährte ihm einen tiefen Eindruck mit folgerichtigem
Zusammenschluss aller Umstände, die ganze Gesellschaft und ihr Gebahren erschien
ihm so matt und blass und ganz und gar überflüssig.
    »Ja, ganz und gar überflüssig,« wiederholte er halblaut und ging hinaus.
»Ich will doch das Weibervolk noch einmal aufs Korn nehmen, in diesem
entsetzlich abgetriebenen Revier ... Die Hausfrau schien in der Tat nicht übel
... Leider fühle ich mich heute so wenig aufgelegt, mich der Bestrickung dieses
Weibes mit frischen Sinnen hinzugeben.«
    Es bot sich ihm im Hausflur ein seltsames Bild. Frau Rassler hatte eine
ältere Freundin bis zur Tür geleitet. Mehrere Herren, darunter einige bekannte
Maler, umschwärmten und umwedelten sie mit Phrasen gewöhnlichster Galanterie.
Stolz aufgerichtet stand sie da, mit stoischer Stirn und dem unentwegt über die
Köpfe der Schmeichler hinweg wie in weite Ferne gerichteten Blick die Galanterie
zu überhören. Als sie Max von Drillingers ansichtig ward, trat sie, nicht
achtend der anderen, auf ihn zu: »Wollen Sie denn auch schon gehen, Herr Baron?«
    Ausweichend lautete seine etwas verlegene Antwort: »Es ist so heiss hier,
gnädige Frau.« Und flüsternd setzte er hinzu: »Ich leide.«
    »Ich leide auch. Wer leidet nicht?«
    Hatte er recht gehört?
    Er schwieg, denn er scheute sich, gleich den andern mit einer
konventionellen Redensart zu erwidern. Das Weib traf ihn jetzt so mächtig mit
dem Eindrucke ihrer hohen Originalität, dass sein Auge aufleuchtete und
bewundernd auf ihr ruhte. Sie fühlte die Huldigung, die ihr in dieser stummen
Sprache unbewusst und unbeabsichtigt dargebracht wurde, dass sie ihm die Kühnheit
verzieh, mit der er ihre Hand ergriff und sie zum Kusse an seine Lippen führte.
    Mit dieser Berührung glaubte Drillinger nicht nur die Sicherheit seines
Geistes wiedergefunden zu haben, auch seine seiterige Erschlaffung schien einem
kräftigeren Pulsschlag gewichen zu sein. Wie neubelebend durchdrang ihn jetzt
die Nähe dieses Weibes; es war ihm, als hätte er sie in mystischer Kommunion in
sein eigenes Wesen aufgenommen. Und doch trat er wieder zeremoniell einen
Schritt zurück, indem er ihre Hand losliess. Ein eigentümliches Misstrauen
umwölkte seine Stirn und setzte sich lauernd in seine Augen und überschauerte
kalt seine zärtliche Begierde. Wie ein Ton in eisiger Nacht zerspringt, so
zerbrach das süsse Sehnsuchtslocken des Herzens an dem frostigen Gedanken: »Sie
ist eines anderen Weib und, wie alle, selbst im Leid unheilbar schamlos, sobald
man's zu teilen sich anschickt. Was schnarren und schnattern die da hinten?« Und
es war ihm, als hörte er die schmutzigen Neid- und Unzuchtsreden der brünstigen
Schwärmer, und als sähe er deren giftige Blicke auf sich gerichtet als auf den
Erwählten des Augenblicks, den Überlisteten und vom Weibe Beherrschten ...
    Klang's nicht so: »Da haben die zwei Rechten einander erraten«?
    Und wieder: »Nun kann er zappeln ... Er zittert schon im Paarungskrampf ...
Es ist ein Skandal, dass er sich auch da hereindrängt ... Seht die straffen
Formen ihres Oberleibes, wie sie beben und sich wölben und wie der Unterleib
sich einzieht und zurückweicht ... Und wie dieser Bock sie jetzt anstiert ...
Ah, sie tut spröde, die Komödiantin ... Ein Bild zum malen! Das ist was für
Dich, Kropfhay ... Wo ist denn der Schnürle? Das wäre sein Genre ...«
    Drillinger sprach zu ihr, aber er wusste selbst nicht recht, was er sagte und
wie er's sagte, denn der anderen Lasterreden, die wirklichen und die
eingebildeten, drangen ihm gleich vergifteten Pfeilen ins Gehirn. »Ich will doch
lieber gehen, ich bin wirklich leidend,« schloss er.
    Nun reizte sie's, seinen Eigenwillen zu brechen. Und wie sie so mit ihrem
Widerspruch in ihn drang, da flösste sie ihm beinahe Furcht ein.
    »Lassen Sie sich führen,« sprach sie, dass es wie Bitte und Gebot zugleich
klang.
    Er folgte ihr und trat am Ende des Ganges mit ihr hinaus auf den Balkon.
    »Das ist die Feuerwerksinsel, die hochragenden Bäume da drüben, zwischen den
tosenden, Wasserfällen?« fragte er.
    »Wie die Böcklinsche Toteninsel. Dieses Nachtbild ...«
    »Und was rauscht Ihnen die Isar dazu?«
    »Ein Grablied ...«
    Mit triumphierenden Mienen, den Finger am Mund, kam Schnürle aus einer
Seitentüre geschlichen und winkte den gaffenden und lachenden Gesellen. »Pst,
pst, hier reift etwas!«
    Kropfhay deutete nach dem Balkon. Die anderen reckten die Hälse.
    »Bewahre!« flüsterte Schnürle und seine bösen Augen funkelten und kniffen
sich ein, dass es wie Blitze aus der schmalen Ritze leuchtete: »Da unten - im
Gartensalon. Da reift etwas Wunderschönes. Pst ... Geduld! In fünf Minuten wird
uns der herrlichste Skandal als saftige Frucht in den Schoss fallen.«
    Und er gestikulierte in die fragenden Gesichter hinein und erschöpfte die
Andeutungen mit den wüsten Zeichen seiner Geberdensprache ... Dann schlich er
mit den Eingeweihten hinaus, wie ein Verschwörerchor in der Operette in den
Kulissen verschwindet.
    Major Fabian von Pemsl-Schwanegg fuhr mit dem weissen, kronenbestickten
Taschentuch, das er um den Zeigefinger gewickelt, in die gerümpfte Helfgott-Nase
und brachte endlich einen schallenden Nieser zum Ausbruch. Dann jagte er ein
Glas Wein durch die Gurgel und nahm seine Erzählung wieder auf.
    Erwin Hammer gähnte und steckte damit die ganze Tafelrunde an. A - i - jah!
Hai - ja!
    »Der Wein ist ein Erhitzer, aber kein Durststiller, eine kühle Mass
Hofbräuhausbier wäre eine rechte Wohltat. Aber der edle Gastgeber schläft den
Schlaf des Gerechten. Da müssen halt wir dem gastlichen Hausregiment ein wenig
nachhelfen. Diener! He!« Und Hammer gab dem kommerzienrätlichen Ganymed den
entsprechenden Auftrag.
    »Sehr willkommen!«
    Im Schwung war er hinaus. Ein Zwanzigliterfässchen auf Eis harrte längst des
Anstichs.
    Xaver Schwarz brummelte. Die Hammersche Eigenmächtigkeit ging ihm wider den
Strich, obwohl er selbst nach einem erfrischenden Trunke lechzte.
    »Ach was, Sie alter Frömmler, tun Sie nur nicht so!« lachte ihn Hammer aus.
»Man sieht's Ihnen ja an, dass Sie's nicht erwarten können, Ihr ausgepichtes
Vaterunser-Loch mit edlem Hofgebräu durchzuspülen. Der Abendsegen wird Ihnen
dann herausrutschen wie geschmiert. Also keine Redensarten. Die können Sie sich
für den österlichen Beichtstuhl aufsparen.«
    »Aber ich meine Geschichte nicht!« schrie der Major-Nasenflügler dazwischen,
der immer wütend wurde, wenn er nicht loslegen konnte, »die Dichterin Tusnelda
Wechsler nämlich ...«
    »Ist im Weiblichen was der Geiling im Männlichen ist, oder umgekehrt, na?«
fuhr ihm Hammer ins Gerede.
    »Ach, du gerechter Strohsack,« lispelte der Prokurist und schlürfte eine
Träne.
    »Kennen wir schon: Tusnelda war eines Tags oder einer Nacht empört, dass ein
gewisser Journalist ihr immer am Zeug flickte, am Dichtzeug nämlich, in seinem
Schmierblättchen. Da sprach Tusnelda: Dem Kerl muss ich endlich das Maul stopfen
- und sie lud ihn zum Essen ein. Aber siehe da, die Abfütterung half nicht. In
ihrem Grimm ersann sie eine grausame List. Sie legte sich ins Bett und liess den
kritischen Federfuchser zu sich rufen: Das haben Sie aus mir gemacht! Ich bin
halbtot - vollenden Sie Ihr Werk, wenn Sie's vermögen ...«
    »Und so weiter. Das ist 'ne alte Geschichte, aber ein probates Mittel. Das
Bier, das Bier! Bravo! Prosit!« rief eine speckige Stimme von der andern Seite
herüber.
    »Prosit!«
    Fabian von Pemsl-Schwanegg würgte an seinem Ärger und tat einen
verzweiflungsvollen Schluck.
    »Reden wir von was anderem, wenn überhaupt noch geredet sein muss. Sie kennen
das berühmte Wort: Das Bier, das nicht getrunken wird, hat seinen Beruf
verfehlt. Helfen wir, dass es seinen Beruf erfülle ... Wie viel Liter? ...
Zwanzig? ...«
    Herr von Polly, der sogenannte Bierbaron - eine dunkle Sage rannte, dass er,
obzwar legitimer Ministerssohn aus einem Grossherzogtum à la Gerolstein, doch,
durch eine Verkettung romantischer Umstände mütterlicherseits, einem
Grossbrau-Pascha sein edelgeborenes Dasein, sein plebejisches Bierdimpfl-Gesicht
und den Besitz ansehnlicher Bräuerei-Aktien verdanke - wackelte auf seinem
krummen Gebein auch heran, sich einen frischen Masskrug zu sichern. Er hatte sich
den ganzen Abend zwischen dem Büffet und dem Damenflor im gelben Salon
herumbewegt, gewohnt, stets das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Wie
er seine krummen Beine auf allen Gesellschaftsböden, so hatte er seine langen
Hände auf allen gastlichen Büffets, seine Glotzaugen auf allen Nuditäten der
weiblichen Galatoiletten, seine langen, roten Ohren in allen Plauderwinkeln. Das
Wort bekam er gewöhnlich erst zum Kehraus der Konversation, wenn es nur noch
halbschlafende Zuhörer gab, denn sein Geschlapper war allen zuwider. Er
vermochte überdies kaum einen Satz sprachrichtig zu bilden.
    »Süffig, Herr Baron, nichtwahr? Ausgezeichneter Stoff!« nickte ihm der
Major-Nasenflügler Fabian von Pemsl-Schwanegg ermunternd zu, um den Doktor
Hammer zu ärgern. »Wie gehen denn jetzt die Geschäfte in der Grossbrau-Industrie?
Sie sind doch auf dem Laufenden wie kein Zweiter!«
    »Ihr könnt Euch die Kinnbacken ausrenken mit Eurem mundfaulen Geschwätz,«
dachte Hammer und lachte in sich hinein, eine frische Havanna im Munde, zwischen
den aufgestützten Ellbogen den nachgefüllten schäumenden Masskrug! »Ich gebe
jetzt meinen eigenen Gedanken und Träumereien stille Audienz.«
    Bunter Lärm klang aus den Nebengemächern immer lauter herein.
    Nachdem der Bierbaron von Polly sich den schaumtriefenden Schnurrbart
abgeleckt, lümmelte er sich auf einen Rauchstuhl und zog die Schleussen seiner
Kehraus-Beredtsamkeit aus: »Die bayerische Bierproduktion hat, wie man zu sagen
pflegt, wieder eine beträchtliche Steigerung erfahren, was in der Hauptsache zur
Folge hat, dass die Rente eine bedeutend bessere geworden ist ...«
    Der Prokurist Nordhäuser nahm seinen Krug und schlich zu zwei Herren auf die
andere Seite hinüber. »Wer ist denn jener melancholische Herr gewesen, der sich
vorhin entfernt hat, wissen Sie, der mit den interessanten Augen?« - »Ach, Sie
meinen den Baron Drillinger, den bald sentimentalen, bald entusiastischen
Schwachmatikus? ...«
    Der Herr Kommerzienrat wälzte sich schnarchend in seinem Armstuhl. In seiner
dunklen Ecke nahm niemand mehr Notiz von ihm. Man war diese Art von abwesender
Anwesenheit bei ihm gewohnt.
    Der Bierredner mauschelte blumenreich weiter: »Was der bayerischen
Bierfabrikation den Nimbus der Reellität, wie man zu sagen pflegt, erhalten hat,
so wie auch den Stempel der Reinheit aufgedrückt hat, das ist bekanntlich das
gänzliche Verbot, welchem gemäss keine Surrogate, sondern nur Gerste, Hopfen,
Wasser und Hefe zum bayerischen Biere zu verwenden sind. Nichtsdestoweniger
haben sich die Absatzverhältnisse im allgemeinen schwieriger gestaltet, so zwar,
wenn auch, wie anzunehmen ist, dass sich der Export nach Paris nur einer
momentanen Stockung, wie man zu sagen pflegt, zu unterziehen hat ...«
    »O heiliger Gallimatias, nun möchte ich dir doch eine über die Schnauze
ziehen,« fluchte Hammer, halb belustigt, halb geärgert über seinen Masskrug
hinweg.
    »Jedoch die Bierpaläste der Münchener in Berlin, he?« feuerte der
befriedigte Major-Nasenflügler den Redner an. »Dieser Bier-Aufschwung im
verschnapsten Norddeutschland! Die frommen Preussen tun jetzt, als kriegten sie
mit dem Bier zugleich die wahre Religion ins Land ...«
    »Jawohl, das ist nicht bloss die Eitelkeit unserer Grossbräuer, sondern auch,
weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass ihre riesig gesteigerte Produktion
nicht mehr so leicht unterzubringen ist wie früher. Wer wie ich, meine Herren,
einen tiefen Einblick in den Betrieb der Grossbrauereien getan zu haben in der
Lage gewesen, der wird mir beistimmen, wie man zu sagen pflegt, dass nur eine
starke Erhöhung der Branntweinsteuer hierzu beitragen kann ...«
    Der Maler Schnürle erschien unter der Tür, den Kopf wie suchend nach allen
Seiten wendend. Dann tänzelte er auf den Fussspitzen auf den schlafenden
Kommerzienrat los, rüttelte ihn und bellte ihm einige Worte ins Ohr.
    »Wer wäre, wer wäre ... so dreist ... solche Unzukömmlichkeit ...« lallte
der schlaftrunkene Rassler. »Mit welcher Frau? Mit meiner Frau?«
    »Gleichgültig, mit welcher Frau, Herr Kommerzienrat; ein Haus, in welchem
solche Dinge passieren können, ist blamiert vom Keller bis zur Windfahne.«
    »Branntweinsteuer, ja, ja, es gibt kein besseres Mittel gegen die
Schnapspest unserer nordischen Brüder. Bier wirkt sittlich; das ist das Ol
rechtschaffener Denkungsart, die unsern nordischen Brüdern auch nicht schaden
kann.«
    »Dann ölen Sie zunächst nur sich selbst gründlich ein, Herr Pemsl von
Schwanegg und Herr von Polly,« rief Hammer aufstehend, mit einem verächtlichen
Blick auf die schwefelnde Kumpanei.
    »Sie werden beleidigend, mein Herr!« krähte der Herr von Polly und wollte
sich gegen Hammer aufschnellen, fiel aber wieder mit einem schweren Plumps auf
seinen Stuhl zurück. Er fuhr mit der Hand an seine weisse Kravatte, deren
Schleife unter dem linken Ohre stand, und zerrte, als müsse er sich Luft machen,
um einem Erstickungsanfall zu entgehen. Seine schmutzigen Fingerspitzen - die
langen Nägel mit den tiefen Trauerrändern waren eine Sehenswürdigkeit - liessen
graue Kleckse an Hemd und Kravatte zurück.
    Der Major-Nasenflügler wurde grün im Gesicht vor Ärger und Wut. »Das uns?
Sie wollen einen Skandal provozieren, Herr Preusse? Sie meinen wohl, uns Bayern
kann man alles bieten?«
    Der Zank hatte den schlaftrunkenen Rassler vollends ernüchtert und auf die
Beine gebracht. In seinem Gehirn schossen die Einflüsterungen Schnürles und die
Schreie der anderen durcheinander. Von allen Seiten stürzten die Herren auf ihn
zu. »Schaffen Sie doch Ordnung, Herr Kommerzienrat, das ist ja skandalös!«
    »Was ist denn los?« gluckste er mit vorquellenden Augen und verstörtem
Ausdruck. »Ich versteh' ja gar nicht ... Wo ist denn ...«
    »Drunten im Gartensalon, kommen Sie nur, überzeugen Sie sich!« rief Schnürle
dringend und fasste ihn am Arm, ihn fortzuführen.
    Baron von Polly vertrat ihnen den Weg. Sein Gesicht flammte. »Dieser Mann
da« - er deutete auf Hammer, der sich in aller Gemütsruhe eine frische Zigarre
ansteckte, als wäre nichts passiert - »dieser Mann da hat den schönen Abend
gestört. Er hat alle Bayern beleidigt.«
    Herr Xaver Schwarz, der mittlerweile in einer andern Gruppe sein
patriotisches Licht hatte leuchten lassen und eben einem bekannten
Kirchturmspolitiker seine Bereitwilligkeit erklärte, sich bei der nächsten Wahl
in den Agitations-Ausschuss ultramontaner Wähler aufnehmen zu lassen, kam,
angelockt durch den Lärm, mit aufgeblasenen Backen angestiegen. »Was? Die
Preussen gegen die Bayern? Da sind wir auch noch da! Wir sind zwar alle Brüder,
aber hier ehrt man unsern König nur in unsern Landesfarben!«
    »Es handelt sich gar nicht um Landesfarben!« schrie ihn Polly an.
    Die Verwirrung erreichte ihren Höhepunkt, als aus dem gelben Salon, wo
inzwischen der Maler Kropfhay die schreckliche Geschichte mit den Worten
verbreitet hatte: »Im Gartensalon ist ein Gespenst, das Shakespearesche Tier mit
dem doppelten Rücken erschienen!« mehrere Damen ganz erhitzt anstürmten: »Herr
Kommerzienrat, was sagen Sie dazu? Ist's wahr? Solche Dinge in Ihrem Hause? Das
ist ja unheimlich!«
    Andere drängten lachend nach: »Nein, es ist, unglaublich! Dieser Geiling
...«
    »Alle Teufel, wo ist meine Frau? Ich versteh' ja von der ganzen Geschichte
nichts!«
    Türen wurden aufgerissen und wieder zugeschlagen. Das ganze Hans schien in
Aufruhr, als ob das wilde Heer durch die Räume jage. Eine heisse Luft brodelte
vom gelben Salon herüber mit dem Dunst von erhitztem Menschenfleisch und
vermischte sich mit der raucherfüllten Atmosphäre des Billardzimmers, wo die
Gasflammen unter den grünen Lampenschirmen trübe flackerten.
    »Das Tier mit dem doppelten Rücken, verstehen Sie nicht, Herr Kommerzienrat?
In Ihrem Gartensalon, auf dem Divan unter den Palmen?« kreischte ihm die höhere
Tochter in den höheren Semestern unter die Nase.
    In der Angst seines Herzens rief er aus dem Trubel heraus: »Leopoldine!
Leopoldine!«
    Verschiedene boshafte Bemerkungen schwirrten an seinen Ohren vorüber.
Mehrere Gäste entfernten sich kopfschüttelnd ohne Dank und Gruss.
    »Leopoldine! Leopoldine! Jean, schnell, suchen Sie meine Frau!« rief der
unglückselige Rassler, der völlig den Kopf verloren hatte.
    Die Frau Kommerzienrat hatte vorhin noch eine Weile auf dem Balkon in
weltentrückter Zwiesprache mit dem Baron Max von Drillinger gestanden.
    »Geht es Ihnen auch so, Herr Baron? Nach solchen Erfahrungen wird man immer
unpersönlicher. Wie vermöchte man sonst im Dunstkreis der Gewöhnlichkeit weiter
zu leben? Was bleibt nach solchen Umwälzungen im Leben übrig, uns aufrecht zu
erhalten, als der Glaube an das Ideale, an die Pflicht?«
    »Es kommt darauf an, gnädige Frau, wie man das Leben auffasst.«
    »Und noch mehr, wie man es anfasst.«
    Anfasst! Mit welcher verhaltenen Energie dieses Wort sich von ihren Lippen
löste!
    »Ob es gut oder schlecht schmeckt,« fuhr sie fort, »wir müssen mit ihm
fertig werden. Das Glücklichsein scheint wirklich nicht die Hauptsache zu sein,
worauf es ankommt - - oder?«
    Er hätte der hohen, ernsten Frau um den Hals fallen und ihr Bertas Wort
zurufen mögen: »Wenn du das Glück siehst, halt's fest, dies ist die ganze Summe
aller Weisheit zum Glücklichsein.«
    Er wagte nicht einmal mehr, ihre Hand zu berühren. Sein
Leutnants-Skeptizismus in Betreff der Frauentugend sah sich in komischer
Verlegenheit diesem verlästerten Ausnahme-Weib gegenüber. Eine Heuchlerin oder
eine Heldin? Seine Empfindung entschied sich für die Heldin.
    Dem Baron wurde es nicht allzu leicht, in der Nähe einer schönen, gesunden
Dame seine Empfindung aus diesen abstrakten Ton praktischer Heiligkeit zu
stimmen, zumal in einer Umgebung wie sie in diesem Augenblick der einsame Balkon
des Rasslerschen Hauses bot: hinter sich die verführerischen Klänge Straussscher
Walzer, nach deren wollüstigen Rhytmen verschlungene Menschenpaare sich im
Takte wiegten, Männlein und Weiblein Brust an Brust; vor sich die rauschende
Isar, etwas rechts die Feuerwerksinsel, wo der kleine, dicke, originelle
Heinrich Burg haust, der täglich um die nämliche Stunde mit seinem tief ins
Gesicht gedrückten Schlapphut wie ein wandelnder Champignon über den Steg der
Überfälle schreitet, um in geheimnisvollen, zwischen Büschen versteckten
Laboratorien in Gestalt von alten, verwitterten Bretterhäuschen seiner
pyrotechnischen Zauberkunst obzuliegen; links auf der jenseitigen Uferhöhe das
phantastische Gebäude des Maximilianeums, hinter dessen luftigen Flügeln soeben
der Mond aufging und die Bogenhallen mit seinem silbernen Glänze erfüllte; über
sich den tiefdunkelblauen Nachtimmel mit dem Kranze seiner goldenen Sterne ...
Und eine Luft fächelte von diesem Himmel mit seinem lächelnden Sternenschein
hernieder, so frühlingslind und rein und seltsam erregend.
    Die Frau Kommerzienrat lud ihren Gast ein, mit ihr noch einen Gang in den
eilte Stiege tiefer gelegenen Gartensalon zu machen. Dort pflege sie oft dem
Getöse der Gesellschaftsabende auf einige Augenblicke zu entrinnen. Es sei ein
traulicher Zufluchtswinkel, ein buen retiro, dem die lärmfreudigen Gäste
freilich wenig Geschmack abgewännen. Einsamkeit und Schweigen, wer suche das
heute noch? Der König in seinen sieben Bergeinsamkeiten, wie wenig werde er von
den Lärmmachern der Gegenwart begriffen! Ein Heim in der Felsenwelt wie ein
Adler - es ist zu ausserordentlich, als dass es nicht den Spatzen in den Gassen
und auf den Dächern wie Wahnsinn erscheinen sollte ... »Oh, Sie haben ein
wunderschönes Heim, Frau Kommerzienrat,« bemerkte der Baron, den Balkon
verlassend.
    »Haus wollen Sie sagen. Zu einem Heim gehört mehr, als Bequemlichkeit und
Glanz, welche der Reichtum verleiht. Die Kraft des Reichtums ist geringer, als
man denkt. Das reichste Haus vermag oft kein Heim zu schaffen.«
    Max von Drillinger runzelte die Stirn, als ihn diese neue philosophische
Randglosse in der plötzlichen Helle des Korridors traf, und dachte, wie es doch
auf die Dauer recht langweilig sei, mit einem so herrlichen Weib nicht aus der
Tretmühle abstrakter Gedanken und kritischer Klügeleien herauskommen zu können.
Einige kichernde Gruppen, an denen sie vorbei mussten, veranlassten ihn, gerade
vor den Augen dieser leichtfertigen Salonpflanzen die Saite geistreicher
Koketterie aufzuziehen und nicht den landesüblichen trivialen Kurmacher zu
spielen. Die sollten einmal sehen, diese Flachköpfe, auf welchem ästetischen
Fuss ein Max von Drillinger mit dieser offenbar verkannten Frau verkehre.
    »O, Sie haben gewiss Recht, gnädige Frau,« sagte er mit absichtlich erhobener
Stimme und fuhr, seine Schritte hemmend und ein wenig verweilend, deklamatorisch
fort: »Nicht weniger Recht hat aber auch unser Schiller mit seinen berühmten
Versen:
Es ist ein altes Wort, doch bring' ich's wieder:
Die Ehre wohnt beim Reichtum. Reichtum übt
Die grösste Herrschaft über Menschenseelen.
Der Arme, sei
Er noch so gross geboren, gilt für nichts.«
    »Leider, ja!« erwiderte sie einfach, ohne sich umzublicken. »Hören Sie nur
diese Unruhe da drinn'. Gehen wir schneller. Ich erfülle heute meine Pflichten
als Dame des Hauses schlecht. Aber die Menschen sind mir so zuwider, die kein
ernstes Wort vertragen ...«
    Schnürte kam eilig die Treppe herauf und drückte sich mit scheuem Grinsen an
ihnen vorbei.
    »Ein widerwärtiger Schleicher, dieser Sittenbilder-Kleckser mit dem
Basiliskenblick,« bemerkte Drillinger.
    »Haben Sie die nähere Bekanntschaft der Frau Berta Hohenauer gemacht?«
    »Herr Geiling hatte sie ganz in Beschlag genommen.«
    »Das erklärt Schnürles schlechten Humor. Schnürle war einst sehr um sie
bemüht. Fatale Liebeshändel ...«
    Drillinger lächelte. »Überhaupt die Liebe - nichtwahr, gnädige Frau?«
    Eine kühlere Luft schlug ihnen entgegen. Links zweigte die Kellertreppe, ab,
rechts war die Tür zum Vorzimmer des Gartensalons. Das Vorzimmer war, wie das
Treppenhaus, an Gesellschaftsabenden gewöhnlich hell erleuchtet, während der
Gartensalon nur von einigen venezianischen Lampions, die malerisch in den grünen
Sträucher- und Palmengruppen hingen, ein mattes Rosalicht empfing. Dicke Läufer
bedeckten den Boden.
    Frau Rassler schauerte, als sie die angelegte Tür des Vorzimmers öffnete und
den Baron so nahe hinter sich fühlte, dass sein Atem ihren Nacken bestrich.
    »Überhaupt die Liebe -!« wiederholte Max v. Drillinger leiser. »Ah!«
    Plötzlich war Frau Rassler stehen geblieben.
    Das Vorzimmer war dunkel. Wie kam das? Wer hatte das Licht ausgelöscht? Der
schwarze Raum erschien ihr wie ein Abgrund. War es nicht unpassend und
unheimlich, mit dem fremden Manne solche Wege zu wandeln, die zu den schwersten
Missdeutungen verleiten konnten? Aber war ihr Max v. Drillinger noch ein Fremder,
nachdem sie ihm ein solches Übermass von Vertraulichkeit entgegengebracht? Vor
wem hatte sie sich überhaupt zu rechtfertigen? Unsinn ... In diesem Augenblick
drückte sie aber doch die dunkle Einsamkeit wie stiller Vorwurf.
    »Bitte, Herr Baron, lassen Sie mich erst nachsehen, ob der Gartensalon
beleuchtet ist. Ich begreife nicht ... Sonst brennt hier immer Licht ... Ich
wollte Sie wirklich nicht in Nacht und Nebel hieher führen ...«
    »Ich sehe hell, wo ich Sie sehe ... Ihre Lichtgestalt ...«
    Er brach ab. Frau Rassler hatte das dunkle Vorzimmer durchschritten und die
mit einer Portière verhängte Tür zum Gartensalon leis und hastig geöffnet und
war mit einem dumpfen »Oh!« auf der Schwelle stehen geblieben.
    Nein, das ging zu weit: das Gewächshaus in einen Venusberg zu verwandeln! An
diesem Orte solche Umarmungen! Geiling glaubte sich wohl im Teater ...?!
    »Berta!«
    Bevor sie im stande war, die Tür wieder zu schliessen, drängten schon
lachend und spottend mehrere Gäste den Kommerzienrat die Treppe herunter.
    »Frau Kommerzienrat, man kommt!« rief Drillinger erschreckt, er wusste selbst
nicht warum. Er schritt auf sie zu und fasste ihre Hand.
    »Das ist ja eine Verschwörung!« quackte der Kommerzienrat mit seinen
pappigen Lippen und rieb sich die Augen. »Ah, Leopoldine und der Baron,« stiess
er heiser heraus, als er mitten im dunklen Zimmer seine Frau Hand in Hand mit
Drillinger erblickte, von dem Streifen Rosalicht beleuchtet, das aus der offen
gebliebenen Salontür hereinzitterte.
    »Ein Irrtum, meine Herrschaften! Nur vorwärts in den Gartensalon, dort ist
das Schauspiel!« pfiff Schnürle mit seiner dünnen, erregten Stimme und stürmte
voraus.
    Der Kommerzienrat stand jedoch wie angewurzelt und schüttelte den Kopf.
    »Ich begreife nicht ...«
    »Ich auch nicht, Herr Kommerzienrat,« sagte verdutzt der Baron, indem er die
Hand der Frau Rassler losliess. »Es ist ...«
    »So? Sie begreifen auch nicht?«
    »Ausgeflogen, da, durch den Garten; Donnerwetter, jammerschade, wir sind zu
spät gekommen,« kreischte und gestikulierte Schnürle ausser sich.
    Jean zündete die Lichter des Vorzimmers an und stellte eine Lampe in den
rosadämmerigen Gartensalon. Die grelle Helle verscheuchte die Gespenster, welche
der hämische Schnürte in der Phantasie der Gäste heraufbeschworen hatte - an
Verdächtigem blieb nur das Eine: Frau Rasslers dunkler Verkehr mit Drillinger.
Dieses Verdächtige war aber für die Klatschsucht das einzig Positive, was die
Zuschauer aus diesem Zufalls-Possenspiel mit nach Hause nahmen.
    So endeten die Gesellschaftsabende des Rasslerschen Ehepaars mit einer Faree,
deren Unkosten zunächst die Unschuldigen zu tragen hatten. Nur einer liess sich
von der Schuldlosigkeit der Schuldigen wie der Unschuldigen nach einigem
Sträuben überführen: der Herr Kommerzienrat. Wenn später durch irgend eine
unvorsichtige Gesprächswendung die Rede auf dieses Fiasko der geselligen Abende
stiess, pflegte er zu sagen: »Nun ja, das macht der Liebe kein Kind, es war ein
dummer Zufall; die Leute, mögen sagen, was sie wollen.«
    Der »dumme Zufall« liess sich's freilich nicht nehmen, in seiner Art weiter
zu schalten und für Frau Rassler und Max v. Drillinger an ihre erste Begegnung an
jenem Abend das knotenreiche Fädchen intimer Beziehungen anzuspinnen, ein
Fädchen, das sich allmählich so verdichtete, dass Frau Rassler den jungen
Kandidaten Schlichting in ihrer Herzensnot mit dem Bekenntnisse verblüffen
musste: »Ich kann nicht mehr ohne ihn leben.«
    »Warum liebst Du mich eigentlich?« Mit dieser Frage schloss einst Drillinger
eine heisse Liebesstunde in Pasing. So ganz leichtin, beim Anzünden der
Zigarette.
    Leopoldine schüttelte traurig den Kopf. »Ich weiss nicht - vielleicht, weil
ich muss, um für meine Untreue als Frau durch meine Treue als Deine Geliebte
gestraft zu werden.«
    »Warum hast Du Dich zu jener Narrenehe entschlossen?«
    »Warum? ...«
    Sie zögerte mit der Antwort. Ein Bein über das andere gelegt, mit dem
Zuknöpfen ihres Halbstiefels beschäftigt, liess sie die Hand müde sinken.
    »Sonst hast Du mir geholfen, Max!«
    Er liess sich aus ein Knie nieder, stellte ihren Fuss auf seinen Schenkel und
zog die letzten Knöpfe zu. »Also warum?« fragte er wieder, ohne die Zigarette
aus dem Munde zu nehmen.
    »Rassler litt unter seiner Liebe, verstehst Du das? Er hatte unerzogene
Kinder zu Haus, die nach einer Mutter schrieen ... Ich hielt ihn für sehr
unglücklich ... Er war der einzige Mensch, den ich nicht leiden sehen konnte.«
    »Also bloss darum?«
    »Weil ich mir selbst nicht mehr traute und keinem Menschen auf der Welt -
aus Verzweiflung.«
    »Aus Verzweiflung? Vielleicht auch darüber, dass Herr Albrecht selbst ... wie
man sagt ...«
    »Pfui! Du solltest der Letzte sein, so etwas zu wiederholen.«
    Pause. Gespenster gingen um. Husch! Leopoldine fühlte ein leises Schauern.
    »Ach, Max ...!« seufzte sie auf.
    »Und warum bleibst Du in dieser Ehe, nachdem Du mich liebst?« forschte er
kaltblütig weiter, wie ein Vivisektor, der die Herzkammern eines geknebelten und
betäubten Versuchstieres blosslegt, nicht achtend der Qualen, die sein trauriges
Experiment schafft.
    »Weil ich Dir noch nicht traue ...«
    »Ein merkwürdig sophistischer Grund!«
    »Und weil ich an den mutterlosen Kindern aus Rasslers erster Ehe sühnen will
durch Pflichterfüllung, was ich an Rassler selbst aus Pflichtverletzung sündige.
Jetzt weisst Du's.«
    »Was würdest Du unter solchen Umständen tun, wenn Du - ein Kind von mir
hättest?«
    »Mich töten - und Dich dazu.«
    »Du bist wahnsinnig.«
    »Ich bin nur gerecht und nehme die Konsequenzen, meiner Handlungen auf
mich.«
    Von den vielen heftigen Szenen wilder Eifersuchtskämpfe war Drillinger
besonders eine im Gedächtnis geblieben. Sie fing wie gewöhnlich mit scheinbar
harmlosen Fragen, nach unaufgeklärten Punkten in Leopoldinens Vergangenheit an.
    »Warum bist Du nicht beim Teater geblieben, erzähle, Leopoldine!«
    »Ich hatte nicht genug Talent dazu, meine grosse Figur war für eine Reihe
kleinerer Rollen auch nicht günstig. In die Ecke mochte ich mich nicht drücken
lassen ...«
    »Geh, das allein kann der Grund nicht gewesen sein.«
    »Ich war zu arm und hatte nicht genug Mittel, um anständig vorwärts zu
kommen. Ohne Bestechungen geht's einmal nicht.«
    »Du hattest Verehrer - waren keine zahlungsfähigen Leute darunter?«
    Leopoldine schwieg. Hatte sie überhört? Endlich sagte sie abschweifend: »Das
Talent bedeutet so wenig beim Teater. Gunst, Gönnerschaft sind viel wichtiger
für das Vorwärtskommen. Zunächst liebt man immer erst das Weib, dann erst das
Talent, wenn es ein - gefälliges ist. Das Talent allein entscheidet gar nichts.
Von den Gemeinheiten dieser Zustände, besonders bei kleinen Teatern, hat man
gar keinen Begriff.«
    »Das ist schliesslich überall so. Der Unterschied liegt nur in den Nüancen.
Erzähle weiter, wir kommen schon auf den Punkt, wo ich Dich haben will.«
    »Du tyrannisierst mich, Max. Macht Dir das Vergnügen?«
    »Ja. Erzähle weiter!«
    »Ich gehorche Dir. Wir werden in vielen Stücken einander nie verstehen.«
    »Das liegt an Dir. Erzähle!«
    »In meinem Rollenfach hatte ich eine Rivalin, damals, weisst Du, in Landshut,
eine ganz ungebildete, talentlose Hausmeisterstochter. Interessiert Dich das
wirklich?«
    »Gewiss. In Deiner Vergangenheit interessiert mich alles.«
    »Ich forsche doch auch nicht mit diesem peinlichen Argwohn in der Deinigen!«
    »Bitte!«
    »Also eine urdumme Person, aber sie hatte einen hübschen Puppenkopf, einen
zwar ungraziösen, jedoch gewisse Männer lockenden Leib - und war sehr gefällig,
beispiellos gefällig; natürlich hatte sie einen reichen Verehrer, einen
abgelebten Kaufmann, der ihr die schönsten Toiletten schenkte, und der wollte
dann auch seine kostbaren Geschenke auf der Bühne ausgestellt sehen ... Und die
Talentlosigkeit bekam die schönsten Rollen, und spielte sie herunter, wie sie
ihr von dem Regisseur eingepaukt wurden, und in der Zeitung bekam sie die
schönsten Kritiken und der Direktor tat, was er ihr an den Augen absehen konnte
und trug sie auf den Händen und liess sie in allen Fächern herumspielen ...
Schliesslich beherrschte sie den Direktor, der gar nicht mehr aus dem Unterrock
hervorkam, und die Regisseure und die Rezensenten und die ganze Schmiere - und
der reiche Verehrer zahlte alles und jedes ... Von grenzenlosem Ekel über diese
Kunstwirtschaft erfüllt, brach ich das Engagement und lief davon.«
    »Mit wem? Natürlich gleichfalls mit einem sogenannten Verehrer ...«
    Damit war das Zeichen zu einer fürchterlichen Auseinandersetzung gegeben - -
-
    All' ihr Elend wägend, sprach Leopoldine für sich selbst: »Das Grässlichste
ist die Vergangenheit. Alles rächt sich. Das Gedächtnis ist die Rache. Ihm
braucht wahrlich nicht erst die brutale Eifersucht des Geliebten zu Hilfe zu
kommen: es verrichtet sein Henkeramt von selbst. Alles späte Glück ist vergällt,
gedenkt man früher Schuld - -«
    »Ach, lass doch dieses Herumspintisieren.«
    »Wer rührt alles in mir auf? Ich fürchte, auch Dein Gewissen foltert Dich
noch für all' die Schrecknisse, womit Du meine grosse Liebe lohnst. Hast Du etwa
eine Sühne in Deiner Reinheit? Bin ich die Alleinschuldige? ...«
    Es war dem Baron mit der laxen Leutnantsmoral in allem, was das Liebesleben
und seine Folgen betrifft, durchaus versagt, den Grund und Ernst eines solchen
Gefühls zu erfassen. Er fühlte sich plötzlich angekältet und so unbehaglich in
Leopoldinens Nähe, dass er wochenlang die Begegnung mit ihr zu vermeiden suchte.
Dann erfasste ihn wieder ein jähes Fieber, und er glühte und dürstete nach ihren
Küssen und Umarmungen.
    »Das Weib pflegte, deine Lust zu sein und du konntest nie der Liebe genug
haben,« spottete er in solchen Zeiten des Gefühlsumschlags seiner selbst, »und
nun bist du an eins geraten, das dir aus unfasslich grosser Liebe eitel Unlust
schafft - und von dem du doch nicht lassen kannst.«
    Der Herr Kommerzienrat machte die Beobachtung, dass Frau Leopoldine merklich
leichter zu haben sei, seit der Baron im Hause verkehrte. Das tat ihm wohl.
»Der Baron ist ein Hexenmeister,« sagte er. Und er dankte ihm still für seine
Hexerei. »Die Leute sagen ihm Übles in bezug aus die Frauen nach: das macht der
Liebe kein Kind - wem sagen sie's nicht nach? Und zumal hier in München, in
diesem Krähwinkel-Klatschnest! Wir kennen's ja. Und wir pfeifen drauf. Der Baron
gefällt meiner Frau, er gefällt aber auch mir - und das ist die Hauptsache.«
    Einmal wusste er beide allein im Zimmer, als er heim kam. Hatten sie ihn
kommen sehen? Nicht die Spur. Ahnten sie, dass er vor der Tür stand? Nicht im
Traum. Also konnte er am Schlüsselloch lauschen; jedes Wort musste echt sein.
Gusti schlich unbemerkt vorüber, mit einem spitzbübisschen Lächeln in den Augen.
Und er lauschte. Zuerst vernahm er wenig mehr, als konfuses Stimmengeräusch, ein
Zwitscherduett im fernen Busch; aber jetzt hoben sich die Stimmen immer
deutlicher und nachdrücklicher, kein Wort ging verloren.
    »Sie moralisieren!« schmunzelte er. »Er widerlegt sie, er zahlt ihr
odentlich heim. Sie kehrt natürlich die Radikale heraus. Wart', Leo! Ganz ihre
Art: Den Künstler zwingen, eine Moral anzunehmen, bloss weil sie - moralisch ist?
Weil sie zum angenommenen Umgangston gehört? Der rechte Künstler lässt sich nur
Künstlerisches aufzwingen ... Und jetzt der Baron. Da bin ich neugierig: - - Das
heisst, sie bringen es selbst hervor, und wie sie sich ihre eigene Kunst
schaffen, so wollen sie sich auch ihre eigene Moral machen! Wo kämen wir da hin,
gnädige Frau? Moral ist etwas für sich selbst Bestehendes, alle Menschen ohne
Unterschied, das Genie wie den Dummkopf gleichmässig Verpflichtendes! Bravo, Herr
Baron! Der deckt dich gehörig zu, mein Leo! ... Natürlich bleibt sie nicht bei
der Stange; sie springt ab, wie alle rechtaberischen Weiber ... Sie ist erhitzt
... Man hört jetzt allerwärts das Ziel der Moral ungefähr so bestimmen:
Erhaltung der tugendhaften Menschheit, Förderung der Wahrheit, Stärkung der
sozialen Ordnung. Erhaltung, Förderung, Stärkung, lauter Sand in die Augen. Die
Herrschenden und Besitzenden wollen die Moral von den Andern, sofern sie ihnen
Vorteil und Vergnügen verschafft - und sie machen sich blutwenig aus der Moral,
sofern sie ihnen keinen Vorteil und kein Vergnügen verschafft ... Aber Leo!
Hihihi ... ... Ah, nun fängt er sie mit Nachgiebigkeit. Der Pfiffikus! ...
Gnädige Frau, es hat edle und weise Männer gegeben, welche an die Musik der
Sphären geglaubt. Wir glauben nicht mehr daran. Sind jene Gläubigen darum
weniger edel und weise? Wir glauben nicht an Sphärenmusik, aber wir glauben an
die soziale Notwendigkeit der Moral, an die Schönheit ihrer sittlichen
Wirkungen. Soll man deshalb dereinst von unserer Intelligenz und unserem
Charakter geringer denken? Ich klatsche Beifall mit beiden Händen.«
    Und die Tür aufreissend: »Herr Baron, lassen Sie sich umarmen, Sie sind mein
Mann.«
    Als sich einmal der Baron wochenlang nicht hatte sehen lassen, begegnete ihm
Rassler zufällig in den Isar-Auen.
    »Aber böser Mensch, was treiben Sie? Kommen Sie doch wieder einmal zu uns
und machen Sie meiner Frau ein wenig die Kur! Bitte, ja, kommen Sie! Sie müssen
Leapoldine wieder tüchtig moralisieren; kein Mensch kann's so gut wie Sie. Tun
Sie ihr und mir den Gefallen!«
    Und der Baron tat beiden den Gefallen.
    Und Rassler war über die Massen vergnügt.
    Als es aber später Sticheleien hagelte, wo sich die Glatze des
Kommerzienrats nur blicken liess, und anonyme Schmäh- und Drohbriefe ins Haus
schneiten, da verging ihm oft der Spass.
    »Erbärmlich,« klagte er, »dass man keine Ruhe haben und nicht einmal im
eigenen Hause nach seiner Façon selig werden kann!«
    Frau Leopoldine selbst war, allen diesen Zwischenfällen zum Trotz, offenbar
heiterer und entgegenkommender gegen ihren Gatten geworden, namentlich in jener
Zeit, wo die Besuche und Aufmerksamkeiten des Barons ihren Höhenpunkt erreicht
hatten. Ein besonders gutes Zeichen sah der Kommerzienrat darin, dass sie öfter
als früher seine Geldbörse direkt ansprach zur Gewährung grösserer Summen für
Unterstützungszwecke. Rassler frohlockte, gewährte sie und begehrte nichts
Näheres zu wissen. So ganz selbstlos und aus etwa angeborenem
Mildtätigkeitssinn handelte dabei der Kommerzienrat freilich niemals. Er
erinnerte gern an seine Gaben, als ob er fürchtete, dass man sie unterschätzen
könnte, und war nicht faul, sich eine Quittung in Form von allerlei
Extra-Zärtlichkeiten auszubitten. Dass die Empfängerin nicht die Nutzniesserin,
sondern nur die Vermittlerin seiner Wohltätigkeit war, kümmerte ihn nicht.
    Frau Leopoldine machte sehr oft ganz allein längere Besuche und Spaziergänge
in den Nachmittag-und Abendstunden und kam meist recht erquickt, ja lustig heim.
Es lag dann etwas so tief Befriedigtes und herzhaft Wunschloses in ihrem Wesen
wie bei jemand, der einen brennenden Durst gelöscht hat und noch dankbar an den
Quell zurückdenkt, der ihm die köstliche Labe gewährte. Ein frohes Lebensgefühl
durchdrang sie; sie spürte ordentlich jeden Pulsschlag, jeden Atemzug wie eine
Verheissung immer reicheren Glückes. Wie ein Blütenbaum in lichter
Frühlingspracht, so stand sie in Blust und Duft eines verjüngten Lebens.
    »Schön ist sie wieder und gütig heute, mein Leo!« lachte Rassler in sich
hinein.
    Erst in den letzten Monaten schienen diese Solo-Ausflüge nicht mehr ganz die
alte Wirkung zu haben; Leopoldine wurde wieder nachdenklicher, grüblerischer,
eine gewisse schwermütige Ruhe, ein stundenlanges Hinbrüten wechselte mit
plötzlicher nervöser Erregung und Gereizteit. Verstimmt, wortlos ging sie an
ihrem Gatten vorüber.
    »Der Teufel verstehe sich auf dieses Abrakadabra der Weiberlaunen!« meinte
er, wenn sich Gusti in Tröstungen und Erklärungen erschöpfte.
    Mit Gusti schien übrigens die Gnädige nicht mehr so vertraut zu stehen.
Gusti liess sich nichts merken und schluckte den Ärger über die Zurücksetzung
hinab.
    »Kommt Zeit, kommt Rat; man wird mich schon wieder brauchen,« tröstete Gusti
sich selbst. Der Baron gefiel ihr immer weniger. Er war ihr auch nicht spendabel
genug.
    Gegen die Kinder blieb Leopoldine gleich gut, gleich aufmerksam. War's auch
keine tiefinnerliche Zärtlichkeit, sondern sah's öfter aus wie
selbstübertriebene, fest gewollte Pflichterfüllung mit einem Stich ins Herbe und
Peinliche, so tat es dem väterlichen Egoismus doch wohl, einen so zuverlässigen
Ersah für die wirkliche Mutter gefunden zu haben, die ja zudem nur ein ziemlich
reizloses Geschöpf gewesen. Ausser dem Kindersegen hatte er wenig genug von ihr
gehabt. Von den Freuden der Liebe, die sie ihm bereitet, war ihm nur eine
dürftige Erinnerung geblieben. Und seine Erinnerungskraft ist doch gerade in
diesem Punkte allezeit eine so ungewöhnliche gewesen! Ganz natürlich: was sollte
sonst seine Gedanken belasten, wenn nicht die wonnigen Genüsse des Lebens? Die
Angelegenheiten seines grossen Fabrikgeschäftes? Die ordneten sich unter der
Leitung vorzüglicher Beamten von selbst. Die Verwaltung seiner Kapitalien? Die
Handhabung der Kouponschere macht keine Schwierigkeit. Die Sorge für die
Familie? Kleinigkeiten! Beteiligung an den Angelegenheiten der Gemeinde und des
Staats? Soweit sie direkten Gewinn bringt, ist sie Sache des Geschäfts und wird,
vom Direktor und seinem Stabe von Buchhaltern besorgt; da genügt sein blosses
Mitwissen. Soweit die Gemeinde- und Staatsangelegenheiten nicht direkt
gewinnbringende Geschäftssachen sind, lässt man sie überhaupt nur mit Auswahl an
sich herantreten. Bei Wahlen, Ausschüssen für gemeinnützige Unternehmungen,
Ehrenämtern u.s.w. lässt man die Andern für sich arbeiten und begnügt sich,
seinen Namen, ab und zu auch das Repräsentations-Portemonnaie, zur Verfügung zu
stellen. Bei Konsortial-Unternehmungen, wie der geplanten Isarnferbebanung, der
Isartalbahn u.s.w., wo natürlich die Firma der Rasslerschen Eisengiesserei
mitparadieren muss, hat der Herr Kommerzienrat an seinem Kollegen und Nachbar
Schmerold einen Zuverlässigen Wortführer und Aufklärer. Kurz, alles kann man von
andern besorgen lassen und dafür Gewinn und Ehre einheimsen - nur die Genüsse
des Lebens muss man selbst durchprobieren ...
    War sie nicht auch eine Betschwester, diese selige erste Frau, die ihm alle
Franziskaner vom Kloster im Lehel auf den Hals hetzte, ihm, dem freisinnigen,
heiteren Kunstmäzenas? Nein, das rechte Weib nach seinem Herzen war sie nicht
gewesen. Ihre Einbildungskraft und ihr guter und belehrsamer Wille waren
besonders in bezug auf Liebesgenüsse sehr beschränkt. Auch sonst war sie in
zeitgemässer Bildung sehr zurück und gar nicht mit ihrer Nachfolgerin zu
vergleichen.
    In einer unglücklichen Stunde schleuderte ihr Rassler das Wort an den Kopf:
»Du bist ein frommes Schaf.« Und als sie bei jeder Entbindung sich geberdete,
als ginge die Welt aus den Fugen und mit dem Arzt immer gleich den Pfaffen
bestellte, da rief Rassler verzweiflungsvoll: »Nein, ein solches Weib zu haben,
das gar nichts kann, nicht einmal ein Kind anständig auf die Welt bringen!« Es
war ein arges Hauskreuz. Wenn er's recht bedachte, eine Schinderei. Bei alledem
hatte sie in ihrer ferneren Verwandtschaft Namen von angesehenen Talenten
aufzuweisen, zum Beispiel den gelehrten Professor Hirneis und den in seiner
Weise wohl genialen, aber auch aus der Art geschlagenen Bildhauer Achtuber.
Aber mit allen diesen Leuten mochte Rassler nichts mehr zu tun haben. Es war
immer sein Grundsatz gewesen, sich die angeheiratete Verwandtschaft, die nähere
und fernere, möglichst weit vom Leibe zu halten.
    Summa: so viel er auch bei Leopoldine mit in den Kauf nehmen musste, was ihm
oft über die Hutschnur ging, die war doch aus ganz anderem Teig!
    Zweierlei Kinder sind zwar oft auch eine eigene Sache: aber Leo noch als
wirkliche Mutter zu sehen - - Ein Traum!
    Die Augen gingen ihm über, wenn er sich das ausmalte.
    Warum sie wohl so lange unfruchtbar blieb? Sollte sie ... sollte er ...? Er
half sich über diese Fragen mit dem Gedanken hinweg, dass die Natur oft gar
geheimnisvolle Wege gehe, dass man Beispiele habe von fünf-, zehn-, ja
fünfzehnjähriger Sterilität, bis dann plötzlich aus später Nachblüte noch
Früchte reisten.
    Und wer weiss - Leo war jetzt in so üppiger Pracht, dass er sie sich gar nicht
schöner wünschen konnte - ob die Mutterschaft nicht ihre stolze Erscheinung
schädigen, oder den Ernst ihrer Stimmung nicht noch höher treiben könnte?
    Komisch: er vermochte sich dieses hohe, stattliche Weib gar nicht in der
entstellenden Fülle der Schwangerschaft vorzustellen. Noch komischer: neulich
hat er von ihren gesegneten Umständen trotzdem geträumt. Wie eine Kugel stand
sie vor ihm, mit winzigen Extremitäten. Und die Kugel wurde immer grösser, eine
ganze Welt, während er immer mehr zusammenschrumpfte und schwand und schwand. -
Er wusste plötzlich vom Traumbild und von sich selbst nichts mehr, es war wie
eine Ohnmacht, wie ein Sterben im wonnigen Schlafe.
    - - - -
    Und jetzt wieder, bei halb offenen Augen und klarem Kopfe schlich sich
dieses Traumbild betäubend in sein Bewusstsein.
    »Meine schwangere Frau, sie erdrückt mich, sie erdrückt mich!« schrie er und
fuhr aus dem Nachschlummer auf.
    »Es ist gut, dass mich dieser dumme Traum aufgejagt hat. - Ich habe heute zu
lange geduselt. Am hellen, lichten Nachmittag träumen ... Und hier ein ganzer
Stoss Postsachen ... Leo ist in der Kinderstube; sie hat nichts gemerkt. Ich
müsste mich ja schämen ...«
 
                                       3.
Der Kommerzienrat irrte sich: Leo hatte wohl etwas von seiner langen Duselei
gemerkt. Zweiwal war sie auf der Schwelle erschienen, sich nach ihm umzusehen.
Sie war so voll Unruhe heute, noch mehr als gestern, wenn sie sich auch
abquälte, es nicht merken zu lassen.
    »Erzählen Sie mir noch einmal, Herr Schlichting, wie es beim Pressbanditen
gegangen ... Nein, ich weiss ja ... Es ist schon gut. Gehen Sie nur wieder zu den
Kindern. Ich lasse jetzt allem seinen Lauf.« Nach einem unstäten Blick nach der
Tür, als müsse der Ersehnte plötzlich hereintreten: »Ja, allem seinen Lauf.«
Aber zu den Worten des Mundes fügte das Herz seinen Nachsatz:. »Er muss
wiederkehren, es kann nicht anders sein.« Und dennoch widersprach aufs neue der
Mund: »Mag werden, was da will! Ich danke Ihnen, Herr Schlichting. Auch bei Dr.
Trostberg, bitte, keine weitere Bemühung ...«
    Die Kleidermacherin Frau Schmid wurde gemeldet; sie sei auf heute bestellt
wegen des neuen Frühjahrskostüms für Frau Kommerzienrat. Sie wurde abgewiesen.
Morgen oder übermorgen könne sie wieder nachfragen, die gnädige Frau befinde
sich heute nicht wohl.
    Frau Schmid zog grollend ab. »So rücksichtslos sind die reichen Leute; ihrer
Launen wegen darf man sich die Beine aus dem Leibe laufen und schliesslich finden
sie jede Rechnung zu hoch, überall wollen sie abzwacken, die reine Lauserei.«
    Rassler war einigemal im Salon auf- und abgegangen. Dann klingelte er und
befahl, in einer Stunde den Wagen bereit zu halten - »Der Fuchs ist hoffentlich
wieder gut zu Fuss?«
    »Zu dienen, Herr Kommerzienrat!«
    »Also nach Haidhausen in die Fabrik wird gefahren.«
    »Zu dienen, Herr Kommerzienrat.«
    »Es wäre vielleicht doch besser, den Fuchs noch zu schonen. Das feurige Ross
übernimmt sich leicht.«
    »Zu dienen, Herr Kommerzienrat. Also lassen wir den Rappen einspannen.«
    Der Diener empfahl sich mit einem Bückling. »Alter Schöps,« dachte er, »dir
wär' das Laufen auch gesünder, dich trifft doch der Schlag noch, da kannst Gift
drauf nehmen. Dass sich deine Rösser nicht überfressen wie du, dafür lass' nur
mich mit dem Jean sorgen - uns bekommt der Hafer auch nicht schlecht.« Im
Vorzimmer stiess er auf die Gusti. Flink versetzte er ihr einen zärtlichen Klaps
auf den Hintern.
    »Gehen wäre nützlicher, aber es ist zu mühsam in dieser erschlaffenden
Frühlingsluft.« Nachdem er laut gegähnt, nahm er den Pack Briefe vom
Serviertischchen und liess sich nahe dem Fenster auf die Ottomane kugeln.
Zunächst entfaltete er einige auswärtige Blätter, Berliner und Frankfurter
Zeitungen, den Fränkischen Kurier und die Augsburger Abendzeitung, dann
Flugschriften und Preislisten unter Streifband. Die Briefe liess er noch
unberührt; das Lesen von Handschriften ist so anstrengend. Für die
geschäftlichen Korrespondenzen hat er sich deshalb die Erleichterung geschaffen,
sie erst von einem besonderen Kontorbeamten lesen und mit recht deutlicher und
grosser Schrift auf einem beigelegten Blatt auszugsweise erklären zu lassen. Der
Biswanger war ja der treueste Mensch, der sich denken lässt; noch einer von der
alten Generation. Er hat von der Pike auf im Rasslerschen Geschäfte gedient,
jahrelang um einen Hungerlohn, aber jetzt stellte er sich ganz gut. Seit einigen
Jahren klagte er wenigstens nicht mehr. Seine Kinder sind ihm weggestorben, und
mit dem Alter ist er immer bedürfnisloser geworden. Für ihn und sein taubes
Weibchen, das zudem viel älter, als er, langt's, und da ihm eine ruhige
Stellung, in der er sich in einem langen, arbeitsamen Leben eingelebt, über
alles geht, so erhebt er keine Ansprüche mehr. Die jungen Leute sehen ihn
freilich oft mit Ingrimm an, dass er sich um ein solches Spottgeld an das reiche
Geschäft verkauft und mit einer wahren Hundetreue aushält und dazu noch allen
die Zähne zeigt, die nicht mit gleicher Gewissenhaftigkeit ihren Schweiss opfern
wollen.
    Biswanger hat es dem Kommerzienrat selbst vorgeschlagen, ihm die wichtigsten
Postsachen regelmässig in die Privatwohnung zu schicken, damit er sie bequem nach
Tisch durchsehen könne.
    »Ach ja, es ist eine schöne Sache um ein geordnetes, bequemes Leben; der
Biswanger ist ein braver Kerl,« dachte Rassler heute wieder; »ich muss ihm
nächstens doch das Vergnügen einer kleinen Gehaltserhöhung machen, oder die
Überraschung einer Gratifikation - vielleicht schenke ich ihm ein
Jahresabonnement auf die Pferdebahn - die Aktien gehen ja ganz brillant in die
Höhe; hätte, ich nur mehr davon genommen. Biswanger hätte mir mehr zureden
sollen. Aber für solche ganz moderne Dinge hat der gute Alte nicht immer den
rechten Blick. Eigentlich ist er doch nicht ganz frei von Weisswurstphilisterei.
Ich will ihn in seinen alten Tagen nicht, mehr verwöhnen. Er ist noch so rüstig
und läuft gern. Die Freikarte wäre wirklich ein Luxus. Lassen wir's lieber. Die
Generosität hat auch andere Unzukömmlichkeiten im Gefolge. Jede Bevorzugung
erregt nur bei den Anderen neue Unzufriedenheit. Die jungen Leute haben ohnehin
den sozialdemokratischen Teufel im Leib. Biswanger ist ja so auch glücklich. Er
braucht wirklich nichts, der brave Kerl. Ja, um zwanzig Jahre wenn ich ihn
jünger machen könnte, wäre uns beiden geholfen. Der wird einst schwer zu
ersetzen sein ...«
    Frau Leopoldine spähte wieder durch die Portiere. Sollte sie ihn lieber doch
nicht darauf vorbereiten, dass der Pressbandit einen Gaunerstreich gegen ihn
plant?
    Unschlüssig stand sie eine Weile. »Nein, ich mag ihm nicht wieder mit
Drillinger kommen. Er hat doch nur eine rohe Rede für mich ... Ich lasse den
Ereignissen den Lauf.«
    Im Umwenden begegnete sie dem lauernden Blicke der Gusti, die sich heute
auffällig in ihrer Nähe zu schaffen machte. »Na, was denn, Gusti?«
    »O, ich meinte nur, gnädige Frau, man könnte sich manche Sorge vom Halse
schaffen. Die Männer kann man doch um den Finger wickeln, wenn man's richtig
anfasst. Es gibt nichts Dümmeres auf der Welt, als die Männer, besonders die
verliebten. Verzeihung, gnädige Frau, ich spreche nur aus meiner Erfahrung ...«
    Die Frau Kommerzienrat schnitt ihr jede weitere Äusserung mit dem Wort ab:
»Ich kaufe keine fremden Erfahrungen. Jeder muss schliesslich mit sich selbst
fertig werden.«
    Gusti dachte: »So werde durch eigenen Schaden klug; du kommst doch noch zu
mir,« und entfernte sich schweigend, als wäre nichts geschehen.
    Ob es wohl nicht klüger gewesen wäre, den Schlichting nicht zum Vertrauten
zu machen? Die Aufdringlichkeit Gustis brachte jetzt erst Frau Leopoldine auf
diesen Gedanken. Ein zwar guter, aber doch so unreifer Mensch! Und sein
jämmerlicher Misserfolg bei dem Pressbanditen, wird er nicht die Situation
verschlimmern? O dieser unselige Rätselmensch, Max v. Drillinger, in welche Lage
hatte er sie gebracht! Was war aus ihrem Verstande, aus ihrer Selbstbeherrschung
geworden, seit diese rasende Leidenschaft für den Undankbaren von ihrem Wesen
Besitz genommen! Und ihre Seele schreit nach ihm, ihr Leib brennt nach ihm - -
und ihn kümmert's nicht ... Welcher Dämon war in ihn gefahren, dass er ihr so
namenloses Leid bereiten konnte? Was hatte sie ihm getan, was einen solchen
plötzlichen Bruch zu rechtfertigen vermöchte? Denn dass sein jetziges Verhalten
einen Bruch bedeute, oder wenigstens die Absicht eines Bruches, daran durfte sie
hinfort nicht mehr zweifeln. Schon auf ihrer letzten nächtlichen Spazierfahrt
nach dem Gärtnerteater hatte sie unter seinem frivolen Kaltsinn zu leiden. In
welch' beleidigender Form stellte er so ganz summarisch die Treue der liebenden
Frauen in Frage und sein brutales »Vielleicht auch Du!« ging ihr wie ein Schwert
durch die Seele. Und wie stürmisch hatte er um sie geworben - er, der einzige
Mann, dem zu widerstehen ihr die schrecklichste Pein schuf, bis sie endlich
seiner Leidenschaft und dem unbesiegbaren Zuge ihres Herzens alles opferte,
alles, alles ... Wo war ein Traum, in den sie nicht ihn hineingeträumt, wo eine
Empfindung, in deren Mittelpunkt sie nicht ihn erhoben, wo eine Freude, eine
Hoffnung, eine Erhebung der Seele, die sie im Geiste nicht mit ihm geteilt? Er
ihr Abgott, ihr Alles - wie konnte er sich von ihr wenden? ... Sie breitete ihre
Arme aus, ihn zu umfassen, an die Brust zu drücken - und sie griff ins Leere.
Und wenn sich's bestätigt, was sie seit vier Wochen halb mit Schreck, halb mit
Wonne vermutet, wenn die Zeichen nicht trügen? Noch hatte sie ihm keine
Andeutung gemacht ...
    Die Stunde war wohl vorüber. Schlichting war verstört und müde. Seine
Glieder fühlten sich schwer wie Blei. Es war ihm, als müsste er sich zu Bett
legen wie ein Kranker. Wer weiss! Aber umsomehr wollte er den Kindern die
versprochene Freude machen und ihnen die Briefe an die ehemalige Hauslehrerin
Fräulein Flora Kuglmeier anfertigen helfen. Es war ihm jetzt so eigen, wenn er
an Flora dachte, so unheimlich, so fröstelnd, wie wenn es in die Blüten schneit
und ein rauher Winterswind durch den Frühling fährt, alles so kläglich
unzeitgemäss und freudlos.
    Die Kinder sahen den Herrn Kandidaten mit verwundert fragenden Blicken von
der Seite an. Er war heute ganz anders wie sonst. Das Gefühl seiner Bedrückung
hatte sich ihnen mitgeteilt.
    »Ja, die Briefe, ach, die Briefe!« riefen sie aufatmend.
    »Aber lustig müssen sie werden, sonst mag ich gleich gar nicht,« ergänzte
Hermann. »Die Stunde war recht langweilig. Fehlt Ihnen etwas, Herr Schlichting?
Hat Ihnen Mama etwas Schlimmes gesagt?«
    »O nein, wie kannst Du glauben, die Mama!« begütigte Franz und machte sein
drollig altkluges Gesicht, ohne den älteren Bruder anzublicken.
    »Nun, mein Gott, es gibt allerhand Unzukömmlichkeiten, wie Papa zu sagen
pflegt. Aber das macht der Liebe - -«
    »Willst Du den Mund halten, Hermann!« verwies ihn Schlichting streng. »Du
sollst Vater und Mutter ehren, lautet das Gebot - und Du äffst die Redensarten
der Eltern nach! Wahrhaftig, ich würde mich schämen.«
    »Sie verstehen heute aber auch gar keinen Spass, Herr Schlichting!« suchte
sich der Zurechtgewiesene zu entschuldigen.
    »Nein, zum Spassmachen sind wir nicht da.«
    »Wir wollen recht schöne Briefe schreiben,« bemerkte Franz geschäftig
einlenkend.
    Der kleine Eugen hockte in der Ecke am Tischchen bei seinem Spielkameraden
Werner, dem jüngsten Söhnchen des Postoffizials vom vierten Stock. Als er vom
Briefschreiben hörte und von Fräulein Flora, legte er das Bilderbuch weg.
    »Auch schreiben, auch schreiben!«
    Bald sassen die Rasslerschen Sprösslinge über ihre Hefte und Tafeln gebeugt,
mit wahrem Feuereifer die Entwürfe ihrer Briefe bearbeitend. Eugen war am
ungeschicktesten und darum am aufgeregtesten. Er wischte immer wieder aus und
bestürmte Franz mit Fragen.
    »Wie machst Du's? Lass sehen, lass sehen!«
    Franz wies ihn mit erhobenem Ellbogen und ungeduldiger Geberde ab; er zog
die Schultern hoch und legte den Kopf schief und so nahe auf das Heft, dass Eugen
nichts mehr sehen konnte. Eugen wurde ganz rot im Gesicht, seine Bäckchen
glühten; plötzlich liess er die Arme mutlos sinken und brach in Schluchzen aus.
»Herr Schlichting, kein Mensch hilft mir ...«
    Schlichtung fuhr aus seinen Gedanken auf. »Komm' her, armer Kerl; wart' wir
wollen zusammenhelfen; unser Brief - na, die Andern werden gucken.«
    »O je, das wird was Rechtes werden,« spottete Hermann, ohne böse Absicht,
»wenn Eugen dem Herrn Schlichtung an Fräulein Flora schreiben hilft.« Und er
tunkte gravitätisch eine frische Feder ein, blickte dabei dem Franz über die
Schultern - und als er unachtsam mit der Feder zurückfuhr, fiel ein schwerer
Tintentropfen auf das Papier.
    »Nun hab' ich gar einen Batzen gemacht.«
    »Eine schwarze San,« vergröberte Franz den Ausdruck; »Sündenschuld; warum
lässt Du uns nicht in Ruh.« dabei schrieb er wie wütend und rutschte halb vom
Stuhl.
    »Meinetwegen, so schick ich halt auch die Sau an Fräulein Flora.«
    »Und sagst, es wär' Deine Photographie,« spottete Franz schlagfertig. »Du
tust Dich leicht. Ach Gott, ist das Briefschreiben schwer. Ich bin totmüde.«
    »Faulpelz!« gab ihm Hermann zurück.
    »Ich bin weiter, als Du, gib acht!«
    Der kleine Werner sass während dessen mit seinem tiefsinnigen blonden
Köpfchen und seinem grauen Wollenwämschen mutterseelenallein in der halbdunkeln
Ecke, die Händchen auf die Kniee gelegt, ein Bild der Insichversunkenheit. Das
schwarze Mitzikätzchen schlich sich heran und rieb sich an seinen Beinen. Ein
leises Lächeln ging über sein Gesicht; dann ergriff er mit der einen Hand das
Tier mit der andern das Buch und wollte dem Mitzikätzchen die Bilder zeigen.
»Hu, der Bär, Mitzi, der Bär ...«
    Franz legte die Feder weg und ging zu dem kleinen Werner. »Du hast es gut,
Werni, Du brauchst keine Briefe zu schreiben. Magst Du geigen? Ja, wir wollen
geigen, gelt? Musizieren ist viel gemütlicher, als schreiben.«
    Er trällerte leise.
    »Die drosse Deige!« sagte Werner, liess die Katze los und seine Augen
leuchteten vor Vergnügen. Das Geigen war seine Passion. Beim Einschlafen und
Aufwachen sprach er von der »drossen Deige« und bat die Mutter, ihn morgen wieder
zu Eugen hinabgehen zu lassen, damit er auf der schönen »drossen Deige« spiele.
Die Frau Postoffizial stimmte dem Wunsche ihres Lieblings zu: »Ei gewiss, morgen
darf Werni wieder geigen und wenn er brav ist, bringt ihm das Christkind selbst
noch eine Geige.« Morgen wahrte oft freilich eine ganze Woche, denn sie wusste,
dass der Herr Kommerzienrat ihrem Kindersegen gram war und die Güte der Frau
Kommerzienrat, von der sie schon so viele Beweise erhalten hatte, mochte sie
nicht missbrauchen. Rasslers Kinder, besonders Eugen und Franz, hatten den kleinen
Werni oft heimlich, herabgeholt und ihn auf sein Leibplätzchen in der Ecke
postiert. Da gab's Bilderbücher und Spielzeug in Hülle und Fülle, aber, seit er
die »drosse Deige« in die Hand bekommen, freute ihn die mehr, als alles übrige.
    »Nein, jetzt wird nicht gegeigt, das stört uns!« rief Hermann vom Tisch
herüber.
    »Nur ganz leise,« meinte Franz und nahm die Geige aus dem Kasten. Werner
wagte es nicht, das Instrument zu berühren; sein Herzchen pochte. Nun drückte
ihm Franz den Bogen in die Hand und blinzelte ihm ermutigend zu. Ganz sachte,
mit zitterndem Bogen strich er über die Saiten der vor ihm auf dem Tische
liegenden Geige. Bei dem kaum erklingenden, bebenden Ton seufzte der kleine
Werner auf vor unfasslicher Wonne. Sein bleiches Gesichtchen strahlte. Wie
anbetend hingen seine Blicke an dem Instrument ...
    »Mama, hör' nur, wie die uns wieder stören, Franz tut heute gar nicht gut,«
beschwerte sich Hermann, als Frau Leopoldine unter der Tür erschien.
    »Sie sind noch beschäftigt, Herr Schlichting?«
    »Wir wollen nur einen Brief fertig machen, gnädige Frau.«
    »Mama, schau was ich geschrieben habe!« fuhr Eugen auf und schwang stolz
seine Schiefertafel. »Das schreib' ich dann auf einen schönen Briefbogen!«
    »Wenn nur die mit dem dummen Gegeig' aufhörten, ich wäre schon fertig,«
klagte Hermann wieder.
    Franz machte mit der Hand eine unmutige Bewegung gegen Hermann. »Was nicht
gar! Wir musizieren so anständig, Mama, dass man's beinahe nicht hört - und das
nennt der ein dummes Gegeig' - -!«
    Ängstlich legte Werner den Fidelbogen weg und stützte seine Händchen aufs
Knie. Sein Gesichtchen nahm wieder den scheuen, nachdenklichen Ausdruck an, das
Grübchen im kleinen, runden Kinn zitterte.
    Die Frau Kommerzienrat hob den kleinen Musikanten auf den Arm. Wie ein
verschüchtertes Vögelein huschelte er sich an ihre Brust. Sie nahm die Geige
dazu: »So, mein Kind, Du unschuldiger Störenfried, jetzt gehst Du mit der Geige
heim und musizierst so viel Du willst. Morgen kommst Du wieder, ja?«
    Mit offenem Munde sah Hermann seiner hinausschreitenden Mama nach. »Nein,
ist das komisch,« bemerkte er kopfschüttelnd und schob Herrn Schlichting sein
Schreibheft hin.
    »Nimm wieder Platz, Franz, wir wollen nun hören, was jeder geschrieben hat.
Hermann, wird uns zuerst vorlesen! Wozu ich bemerke, dass es niemals komisch ist,
was immer eine Mutter tun oder sagen möge - verstanden, Hermann?«
    Franz protestierte dagegen, dass Hermann zuerst vorlesen sollte. Wer zuerst
fertig gewesen, der habe auch das Recht zuerst gehört zu werden - und das sei
er! Das Alter mache gar nichts aus, wenngleich Hermann immer so gewaltig tue,
weil er fingerslang älter sei. Hermann möchte überhaupt schon den grossen Herrn
spielen und im Haus kommandieren!
    »Der Klügere gibt nach,« maulte Hermann, fügte aber gleich herausfordernd
hinzu: »Herr Schlichting, so befehlen Sie dem Franz, seine Schmiererei zuerst
vorzulesen.«
    »Oho, Schmiererei, da muss ich bitten!« rief dieser und stellte sich mit
seinem Blatt in Positur, nachdem ihm Schlichtung mit stummem Nicken das Zeichen
zum Anfang gegeben.
    »Liebes Fräulein Flora! Ich will Ihnen ein paar Zeilen schreiben, weil heute
Nachmittag Gottlob keine Schule und Herr Schlichting sehr gut ist. Ich tue den
ganzen Tag nichts als in die Schule gehen, lernen, schreiben, essen,
schlittenfahren. Schlittenfahren hat jetzt aufgehört, weil der Frühling
angefangen hat. Geigen hat jetzt auch aufgehört, weil mein Lehrer Herr
Kellermann einen bösen Arm bekommen hat. Das kann noch lange dauern. Ich mache
mir nichts daraus. Neulich ist ein sehr schöner und lustiger Tag gewesen. Wir
durften auf den Maierhof gehen. Bis an die Eisengiesserei sind wir gefahren. Wir
hatten ein ländliches Mahl bei der Hofbäuerin, da gab es Bier, Brot, Käse und
Butter, auch Milch, süsse und saure, das schmeckte uns vortrefflich. Von der
Hofbäuerin bekamen wir Haselnüsse mit nach Haus, und weil Eugen gar zu gern
gelbe Rüben wollte, bekamen nur auch diese - -«
    Hier unterbrach Eugen: »Weisse Rüben habe ich haben wollen, keine gelben.«
    Franz: »Freilich, aber die gelben schmecken besser und Fräulein Flora mag
auch die gelben lieber, als die weissen, darum habe ich gelbe Rüben geschrieben.«
    Schlichting: »Das ist sehr liebenswürdig von Dir, dass Du auf den Geschmack
von Fräulein Flora Rücksicht nimmst, allein Wahrhaftigkeit steht höher als
Liebenswürdigkeit, mitin hat es bei den weissen Rüben zu verbleiben.«
    Franz besann sich einen Augenblick, dann machte er einen dicken Strich durch
den Satz. »Wenn es keine gelben Rüben sein sollen, lasse ich die Rüben überhaupt
ganz weg.«
    Schlichting: »Diese Wahl steht Dir frei. Weiter!«
    »Der Hermann ist halt wie zuvor, doch nicht mehr ganz so böse - -«
    Hermann: »Da fehlt der Übergang von den Rüben zu mir. Was Du von mir sagst,
ist mir gleichgültig.«
    »Ich weiss keinen Übergang. Ich will nicht verraten, dass Du einige Rüben
stibjetzt hast und sie dem hochwürdigen Herrn Beichtvater in den Rock gesteckt.«
    »Weiter!« mahnte Schlichting.
    »Eugen ist recht brav. Er hat einen Schulsack von schwarzem Leder aus den
Rücken bekommen. Der Herr Baron hat gesagt, er trägt ihn so stramm wie ein
Soldat den Tornister -«
    Schlichting: »Ich bitte, den Herrn Baron zu streichen; Fräulein Flora
interessiert sich nicht für ihn und für das, was er gesagt hat.«
    »Woher wissen Sie das?« fragte Hermann und blickte den Hauslehrer scharf an.
    »Woher ich das weiss? Was kümmert Dich das? Ich rate, den Herrn Baron aus dem
Spiele zu lassen; er gehört nicht in den Brief.«
    »Dann muss ich ihn gleichfalls streichen? In meinem Brief steht er auch.«
    »Du tust mir einen Gefallen. Weiter, Franz!«
    »Von Postoffizials Fanni habe ich ein schönes Einmerkerl bekommen, worauf
steht: Aus Liebe und mein Name. Es ist sehr fein gestickt, rosa und grün.«
    Eugen, der mit gespanntester Aufmerksamkeit zuhörte, bemerkte hier: »O, die
Fanni ist gut, sie hat mir zwei Kartennetze und einen Bilderbogen geschenkt.
Soll ich das dem Fräulein nicht auch schreiben?«
    »Natürlich schreiben wir das dem Fräulein auch.«
    Worauf Hermann: »Damit sie sich ein Beispiel daran nimmt und Dir aus Italien
auch etwas schickt. Eigentlich ist es sonderbar, dass sie uns erst zweimal
geschrieben und noch gar nichts geschickt hat, ausser ein bisschen Lavasand vom
Vesuv neulich. Neujahr wäre doch eine schöne Gelegenheit gewesen, nicht wahr,
Herr Schlichting?«
    »O, die bringt es selber mit. In Italien wird das Schicken recht schwer
sein,« beruhigte Franz. »Wartet nur, bis sie wieder kommt. Fräulein Flora kommt
gewiss nicht mit leeren Händen; ich wette, sie bringt etwas mit.«
    »Das wollen wir hoffen,« schnitt Schlichting weitere Abschweife ab. »Und nun
komm' rasch zu Ende, Franz.«
    »Unsere Gusti hat von Mama zu ihrem Namenstage eine Kapuze bekommen, wie die
Ihrige, aber anders, Mutter und Vater sind wie sonst, nur der Vater ist noch
dicker geworden - -«
    »Unsinn!« rief Hermann dazwischen.
    - - »dicker geworden und die Mama ist manchmal traurig.«
    »Das lässt Du besser weg, Franz,« bemerkte Schlichting.
    Franz schüttelte den Kopf: »Die Rüben bleiben weg, Vater und Mutter bleiben
auch weg, da bleibt nicht mehr viel übrig.«
    »Was hast Du sonst noch geschrieben?« fragte Schlichting den nachdenklich
gewordenen Knaben.
    »Ich habe geschrieben, dass wir Zeitlang nach dem Fräulein haben und dass wir
uns freuen, wenn wir sie bald wieder sehen -«
    »Das ist brav, Franz. Nun schreibst Du noch dazu: Auch Herr Schlichting wird
sich von Herzen freuen, Fräulein Flora einmal zu sehen, am liebsten würde er zu
ihr nach dem schönen Italien reisen, aber er hat jetzt keine Zeit und kein Geld,
eine so weite Reise zu machen. Und dann viele Grüsse von ihm und von uns allen.
So, mach' das noch. Der Brief ist ganz nett und wird sie freuen.«
    »Warum schreiben Sie nicht selbst an Fräulein Flora, Herr Schlichting?«
fragte Hermann.
    »Das heb' ich mir für später auf. Jetzt genügt es, dass Ihr schreibt. Sie hat
ja auch nur an Euch geschrieben, nicht an mich.«
    »Also, nun komm' ich an die Reihe!«
    Die Frau Kommerzienrat öffnete die Tür: »Auf ein Wort, bester Herr
Schlichting, verzeihen Sie die vielfache Störung!«
    Das war wieder der tiefe Seelenlaut, der ihm zu Herzen ging wie der
Notschrei am unvergesslichen Abend; wieder begleitet von einem Blick und einer
Bewegung, welche die schmerzlichste Überraschung erwarten liessen.
    »Tat-twam asi!« Warum kam ihm das so plötzlich wieder in den Sinn wie ein
Ton, der unvermutet im Ohr anklingend, ein ganzes schluchzendes Miserere weckt?
    »Legt die Briefe in die Mappe, Kinder, bis zur nächsten Stunde. Adieu!«
    Schlichting folgte der erregten Frau ins Vorzimmer.
    »Aller Selbstbeherrschung zum Trotz, ich kann nicht mehr zur Ruhe kommen,
Herr Schlichtung. Es ist wie ein schrecklicher Wirbeltanz, in den ich immer
wieder hineingerissen werde. Soeben erzählte mir die Frau Postoffizial, sie habe
von einer Bekannten gehört, im Hause des Pressbanditen habe es einen grossen
Skandal gegeben, der Pressbandit sei in seiner Stube überfallen und fürchterlich
zugerichtet worden. Zu gleicher Zeit habe man Sie aus dem Hause gehen sehen. Man
bringe mich und Sie mit dem Überfall in Zusammenhang; Sie hätten in meinem
Auftrag den Menschen halb todtgeschlagen.«
    »Ja, hätte ich das nur!« lächelte Schlichting bitter. »Es wäre gewiss uns
beiden wohler. Leider ist mir das nicht geglückt. Beruhigen Sie sich, gnädige
Frau. Hat es ein Anderer besorgt, Gott segne ihn! Ich weiss von nichts.«
    »Wer könnte dieser Andere sein? Der Herr Baron? Ich wag' es nicht zu denken.
Wenn ich es auch seinem leidenschaftlichen Ungestüm zutraute, so wäre es doch
noch mehr zu beklagen, denn es verschlimmerte die Sache heillos, würde ich mit
ihm im Zusammenhange des Attentates genannt. Hat er sich vielleicht gerade darum
zurückgezogen, um diesen Plan auszuführen und mich an den Banditen zu rächen?
Rätsel über Rätsel! Wie kann ich da Ruhe finden?«
    »Was auch geschehen sein möge, gnädige Frau, direkt haben wir beide nichts
damit zu schaffen. Ich erinnere Sie an Ihr Wort von vorhin: Mag werden, was da
will ... Beruhigen Sie sich, wir sind ohne Schuld. Ich denke, wir können den
Dingen ihren Lauf lassen und abwarten.«
    Gusti kam herein: »Gnädige Frau, die Dame mit dem Tituskopf ist wieder in
München; sie liess vorhin ihre Karte abgeben.«
    »Sie haben Recht, Herr Schlichting,« sprach Frau Rassler lauter und mit
Betonung: »Wie immer haben Sie Recht; ich danke Ihnen.« Indem sie ihm die Hand
reichte: »Also bis zur nächsten Stunde! Leben Sie wohl!«
    Sich an die im Hintergrunde wartende und beobachtende Gusti wendend: »Für
die Dame mit dem Tituskopf bin ich niemals zu Hause.«
    Berta Hohenauer war gemeint.
    Gusti stutzte. »Jawohl, gnädige Frau.« Und für sich: »Das heisst Fraktur
gesprochen. Was nur da wieder dahinter stecken mag!«
    Vor wenigen Tagen erst war Berta von einem längeren romantischen Aufentalt
in Berlin zurückgekehrt. Sie wollte sich ganz stille in München wieder
einrichten. Wie sie die Stille verstand, zeigte das Inserat, das sie am zweiten
Tag in die Neuesten Nachrichten einrücken liess: »Amusement. Feine Dame sucht
Herrn zum Vierhändigspielen u.s.w. Exp. Nr. 169015.«
    Schlichtung ging nach Haidhausen hinüber, wo er mit dem Bildhauer Achtuber
im Hofbräuhans-Keller zum Abendbrod zusammentreffen wollte. Der Gedanke gewährte
ihm einige Befriedigung, dass der Auswürfling von einem Pressbanditen den Rechten
gefunden habe. So rächt sich früher oder später jede Schuld. Doch gelüstete ihm
jetzt nicht, Näheres zu erfahren. Achtuber erschien nicht. Nach einem
appetitlos verzehrten Imbiss ging er in die Gasteig-Anlagen. Sein Kopf schmerzte
ihn. Er liess sich auf einer einsamen Bank unter einer Gruppe, von jungen Eichen
nieder. War er eingeschlummert in der Stille der Dämmerung? Als er sich erhob,
war es später Abend geworden. Millionen Lichter funkelten vom Himmel hernieder.
Aus dem Tal rauschte die Isar herauf. Fröstelnd trat er den Heimweg an.
    Als er hinter der Grütznervilla den Hügel hinab wollte, rief ihn eine
Gestalt an, die auf der dortigen Bank kauerte. Er trat näher. Es war ein altes,
zerlumptes Weib, mit einer weissen Binde mitten im Gesicht und einem Korb auf dem
Schoss.
    »Was wollt Ihr von mir?«
    »Hihihi, schöner Herr, ein Bettelweib, das lässt man hocken, da geht man
vorüber. Wär' ich noch jung und sauber, ging zu dieser Stunde kein Mannsbild
gleichgültig an mir vorbei. Ich hab's erfahren. Da gab's Blicke und Worte und
Anträge, nicht wahr, schöner Herr? Eine alte Hexe freilich, hihihi, da drückt
man sich. Die kann der Teufel holen.«
    »Was fehlt Euch, Frau?«
    »Hihihi, die Nase fehlt mir. Oder sie fehlt mir auch nicht. Ich hab' sie nur
am unrechten Platz. Ich hab' sie hier im Korb.«
    Sie nahm ein Papierpäckchen heraus, wickelte es auseinander und hielt
Schlichting ein unförmliches, blutiges Stückchen Fleisch hin.
    »Sehen Sie nur her, schöner Herr, das ist eine Nase, war eine Nase, eine
feine Nase, aber sie hatte den Krebs, und heute hat man sie mir im Haidhauser
Spital aus dem Gesicht geschnitten. Hihihi!«
    Entsetzt wandte sich Schlichting ab. Das war zu grauenhaft ... Er lief den
Weg zurück ... Immer mehr Sterne beschienen den nächtigen Pfad - und der
nasenlose Mond ...
    Sollte er den leuchtenden Welten da droben einen Gruss hinaufsenden, er, der
Einsame, der Leidende, der Zeuge so vieler Scheusslichkeiten? Was wussten sie von
Menschenleid! An dieser Stelle war es, wo er neulich von der Brücke aus das
glänzende Meteor gesehen, einen Boten himmlischen Lichtes in tiefdunkler Nacht.
Wie anders würde er's heute deuten! Ein kurzes Aufflackern. Glühen und Leuchten,
ein Freuden-oder Weheschrei ist alles Dasein. Dann wieder Nacht und Schweigen
und ewiges Vergessen. Das ist die Deutung unseres Loses. Tat-twam asi. Es ist
nichts. Und wie er milden Fusses über dir Maximiliansbrücke ging, klangen ihm zum
Rauschen der Isar die Worte des persischen Dichters in die traurige Seele:
Ist einer Welt Besitz für dich zerronnen,
Sei nicht in Leid darüber: es ist nichts!
Und hast du einer Welt Besitz gewonnen,
Sei nicht erfreut darüber: es ist nichts!
Vorüber geh'n die Schmerzen wie die Wonnen,
Geh' an der Zeit vorüber: es ist nichts!
    Ein unsagbares Grauen vor allem Menschlichen, wie er's nie gefühlt, hatte
ihn erfasst. Die abgeschnittene Nase der verrückten Vettel ... Ja, es ist ein
elend, jämmerlich Ding um alles Lebendige ... Er bog rechts in die Mühlgasse
ein. Wie die wie wahnsinnig arbeitende Hofsägemühle mit ihrem kreischenden,
schneidenden Pschsspschss ihm die Ohren zerriss und durch Mark und Bein ging!
Früher hatte er dieses höllische Sägen und Schneiden kaum wahrgenommen. Alles
bereitete ihm jetzt Schmerz. Er eilte heimzukommen in seine stille, dunkle
Kammer ...
    Kommerzienrat Rassler hatte heute länger als gewöhnlich sich in die Lektüre
der Zeitungen vertieft. Die Artikel »Zur Sanierung der königlichen
Kabinetskasse«, die sich nun schon seit Wochen bandwurmartig durch die Neuesten
Nachrichten wanden, hatte er seiter kaum beachtet. »Das ist Kurpfuscherei,«
sagte er; »auch ist die Kassa gar nicht krank, ganz wo anders sitzt das Übel und
zwar an einer Stelle, wo überhaupt kein Arzt hinkommen kann. Die Kasse hat ein
böses Loch, das ist wahr, aber das verstopft man nicht mit Zeitungspapier. Das
geht bloss das königliche Haus an und da hat sich kein Unberufener einzudrängen.
Das sind Familienangelegenheiten, die nicht in die Öffentlichkeit gehören; die
Prinzen werden schon wissen, was sie zu tun haben. Sie sollen's nur machen, wie
ich's mit meinem Neffen gemacht habe. Aber freilich, Unzukömmlichkeiten sind da
nicht zu vermeiden. Man muss keck zugreifen.«
    Nachdem jedoch auch die Berliner und Frankfurter Blätter Betrachtungen über
die bayerische, Kabinetskasse anstellten und lange Auszuge mit allerhand Glossen
aus den Sanierungsartikeln brachten, fasste der Kommerzienrat die Sache schärfer
ins Auge; heute zum erstenmal hat er einen solchen Artikel ganz gelesen und sich
bemüht, seinen Inhalt zu durchdringen. Er glaubte das seiner Stellung als
Münchener Finanzgrösse schuldig zu sein.
    »Eine verwickelte Geschichte. Der König baute eben, wie er aus Geschäft kam,
meinen alten Biswanger haben sollen. So ein junger Monarch ohne
volkswirtschaftliche Erfahrungen und Kenntnisse und den Kopf voll Wagelaweia ...
ein kompletter Phantasiemensch ...«
    Er griff nach einem anderen Blatt.
    »Nein, jetzt wächst mir die Volkswirtschaft selber zum Hals heraus. Wie
diese armen Schlucker von Zeitungsschreibern mit ihrer Finanz-Gescheidigkeit
sich aufspielen, übersteigt alle Begriffe. Das ist heute nun schon der dritte
Artikel über das Tema mobiles Kapital und Grundbesitz ... Ich wette, dass der
Schreiber weder Kapitalist noch Grundbesitzer ist, also gar keinen Dunst von der
Sache hat. Wer etwas hat, der hält's zusammen und macht keine Redensarten, und
wer nichts hat, der schaue, dass er etwas bekomme, inzwischen kann er mir mit
seiner Weisheit gewogen bleiben. Übrigens lese ich da doch einen guten Satz:
Einstweilen ist die übliche Schimpferei auf die Kuponsabschneider und die
Rentenbesitzer, welche angeblich vom Schweisse der ehrlichen Arbeit leben,
geradezu eine Lächerlichkeit. Natürlich ist sie das. Das habe ich meinen Leuten
immer gesagt, wenn sie mir mit ihren sozialdemokratischen Flausen gekommen sind.
Der Eine muss im Schweisse seines Angesichtes seine Renten erarbeiten, der Andere
muss im Schweisse seines Angesichts seine Renten verzehren. Ich sehe da keinen so
grossen Unterschied ... Hier schon wieder ein Wischiwaschi-Artikel: Die
volkswirtschaftliche Mitleidenschaft des Rentenkapitals. Das ist der
Zeitungsgenuss in einer Kunststadt! Als ob sich die Kerls das Wort gegeben
hätten, von nichts anderem zu schreiben, damit ja diese Dinge dem unzufriedenen
Volk immer im Kopf herumgehen, bis sie an gar nichts anderes mehr denken und die
rote Drehkrankheit kriegen und ihr bisschen Verstand vollends verlieren. Alle
besseren Empfindungen sterben ab, wenn die Menschen immer an den Geldsack
denken. Wo will denn das noch hinaus? Wer keine Kinder hat, dem kann,
schliesslich die ganze Lumpenkomödie Wurst sein, wenn doch einer den andern
auffrisst - wer aber Kinder hat, der besinnt sich, solche brennende Fragen ins
Volk zu schlendern, die niemals gelöst werden können, so lange der Menschheit
Besitz und Eigentum noch heilig sind. Wer an das Gut meiner Kinder tastet,
Kapital, Fabrik, Grundbesitz, den schlag' ich nieder: das ist meine
Sozialpolitik ... Hier ein Artikel über Das Wohnungselend der arbeitenden
Klassen. Den les' ich nicht. Schade für die Druckerschwärze. Jeder wohnt halt so
gut oder schlecht als es seine Verhältnisse erlauben. Daran ändert keine
Salbaderei etwas. Nach der Bibel hatte Jesus Christus nichts, wo er sein Haupt
hinlegte. Und er war Gottes Sohn! Wir sind nur armselige, Menschen. Gottes Sohn
war eigentlich obdachlos und wenn er heutzutage und in Bayern lebte, wäre er in
schöner Verlegenheit, wenn ihn ein Gendarm nach seinem Unterstand und seinen
Existenzmitteln fragte. Dagegen bewohnt sein dermaliger Stellvertreter auf
Erden, der Papst in Rom, einen Palast, der elftausend Wohngemächer entält, und
erfreut sich einer Jahreseinnahme von mehreren Millionen. Man spricht jetzt
wieder so viel von praktischem Christentum. Ich sehe aber nicht, dass es die
Wortführer desselben anders als wir treiben. Also möge man uns in Ruhe lassen.«
    In einem andern Blatte fand er einen Aufsatz »Volkswirtschaft und Schule.«
Der kam ihm über alle Massen lächerrlich vor. »Also die Schulkinder möchten's auch
schon mit ihren Teorieen verhetzen. Grossartiger Fortschritt! Wenn jetzt zum
Beispiel der Schlichting da hinten, ein gutmütiger und gelehrter Bursch, der
keinen roten Heller von Haus aus hat, meinen drei Söhnen seine Volkswirtschaft
auskramen wollte! Das wär' ja so dumm, dass eine alte Kuh den Lachkrampf kriegen
musste. Solchen Schulmeistern wollt' ich aber heimleuchten. Ei, da kommt ja eine
Musterlektion, die muss ich des Spasses halber doch lesen. Hören wir!«
    Rassler pflegte Geschriebenes oder Gedrucktes, das er rasch seinem
Verständnis näher bringen wollte, sich halblaut vorzulesen, um mittelst des
Ohres sich die Auffassung zu erleichtern. In eintönig singender Weise las er
folgendes:
    »Für wenige hundert Mark erwirbt jemand eine Bodenfläche, abseits gelegen
und wenig fruchtbar, ohne sonderlichen Wert für irgend einen Zweck. Einige Zeit
später wird durch Neuanlage einer Strasse, einer Eisenbahn, eines Kanals jene
Gegend dem Verkehr erschlossen. Die Stadt dehnt sich nach jener Richtung hin aus
und der Wert des Grundstücks wächst mit jedem Jahre. Bald ist die jüngst noch
wertlose Fläche ein vielbegehrter Baugrund und der Eigentümer erhält für eine
Quadratrute einen höheren Preis als ihn einst der ganze Morgen gekostet. Der
Grundwert ist hier in wenigen Jahren verzehnfacht, vielleicht verhundertfacht.
Und was hat der Eigentümer für ein Verdienst um diese beträchtliche Erhöhung
seines Kapitals? Gar keins. Er hat nicht durch Arbeit oder sonst welche
Aufwendung den Wert seines Eigentums erhöht; ohne sein Zutun ist dies
geschehen. Durch wessen Verdienst? Durch das Verdienst der Gesamteit - des
Staates, der Gemeinde. Nur durch die gemeinsame Unternehmung, durch die
Schaffung von Verkehrswegen und Verbesserung der Verkehrsmittel auf gemeinsame
Kosten, durch Erhöhung des Kulturzustandes unter allgemeiner Mitwirkung, kommt
die Werterhöhung des Grundbesitzes zu stande. Es wäre nun recht und billig, wenn
der erhöhte Wert auch von der Gesamteit in Anspruch genommen würde. Jetzt macht
tatsächlich die Gesamteit in solchen Fällen dem Einzelnen ein Geschenk, das er
nicht verdient; ja sie macht sich sogar noch zum Schuldner des Beschenkten, denn
dieser fordert für den erhöhten Wert seines Eigentums einen erhöhten Zins. Die
Mieter auf dem im Werte gesteigerten Grundstück müssen dem Eigentümer das hohe
Kapital verzinsen, das ihm die Gesamteit erst geschenkt hat ...«
    Nachdem er tief Atem geholt, ein Glas Kognak getrunken und sich eine feine
Havanna angesteckt, sagte er, sich spöttisch die Glatze reibend: »Mein lieber
Herr Kommerzienrat, folglich bist du ein Gauner, wenn du in Isarufergründen
spekulierst und das miserable Erdreich draussen an der Auenstrasse und am
Scheiernplatz aufkaufst, um es eines Tages wieder mit Profit als Bauplatz
loszuschlagen oder selbst zu bebauen! Solchen Unsinn muss man sich in unserer
aufgeklärten Zeit bieten lassen. Die Unternehmungslust wird zum Verbrechen
gestempelt, die kapitalistische Entwickelung wird gebrandmarkt! Da muss ich
schliesslich noch den Konsul Schmerold aus Moralität zum Haus hinauswerfen, wenn
er mich zu grösserer Rührigkeit in der Ausnützung meiner kapitalistischen
Stellung freundnachbarlich antreibt ... Wär' ich noch um zwanzig Jahre jünger,
ich wollte ganz anders ausgreifen. Mit dem Schmerold zusammen würde ich das
ganze Isargebiet aufkaufen, ohne erst die Zeitungsschreiber zu fragen. Und was
wäre erst mit der Kunst zu machen, die ohnehin auf Privatunternehmungsgeist
angewiesen ist: den ganzen Münchener Kunstbetrieb könnte man auf Aktien gründen
wie die Vierbrauerei ... Ach was, fort mit diesen blödsinnigen Blättern!«
    Er nahm jetzt die Briefe zur Hand. »Schöner Zufall, da ist gleich eine
Zuschrift von Schmerold. Was sagt Biswanger dazu? Schmerold hat Recht, das
Kapital der Münchener Lokalbahn-Aktiengesellschaft muss um die vorgeschlagene
Summe erhöht werden, nur durch Vermehrung der Mittel kann so gearbeitet werden,
wie es für das Unternehmen von Vorteil ist. Brav, Biswanger, du wirst in deinen
alten Tagen doch noch ein schneidiger Spekulant. Hätt' ich mir nicht gedacht.
Weiter: Wegen der Isartalbahn Unterredung mit dem Minister gepflogen; sehr
günstige Stimmung für Privatausführung mit eventuellem Staatszuschuss. Aber keine
Zeit zu verlieren, da der Bankier Weiler die grössten Anstrengungen macht, eine
Gruppe von Finanzleuten für das Projekt zu interessieren, sich an die Spitze zu
stellen und alles was mit der baulichen und verkehrsmässigen Umgestaltung des
Isartals zusammenhängt, an sich zu reissen. Besagter Weiler ist überhaupt in
Beobachtung zu nehmen: auch auf dem Gebiete der Bräuerei-Spekulation trägt er
sich mit Plänen, welche im Interesse des Münchener Vierexports schleunigst
durchkreuzt werden müssen. Nur durchkreuzt? Dieser Schuft muss endlich am
hiesigen Platze vollständig unmöglich gemacht werden. Ich könnte mir ja alle
Haare ausraufen, dass ich früher dieser Filzlaus geholfen habe, sich immer tiefer
hier einzufressen mit Filialen in allen Spelunkengassen. Wenn ich denke, wie
bescheiden der alte Weiler angetreten ist ... die kleine Wechselstube am
Dracheneck des Marienplatzes, bei der alten Hauptwache ... Aber an der
Offiziers- und Beamtenkundschaft hat er sich frech gemästet ... Ganze
Offiziersheiratsgüter hat er verschluckt ... Weiter: Die bayerische
Brauindustrie hat zweifellos ihren Höhepunkt erreicht; es liegt im Interesse der
Aktionäre - -«
    »Verzeihung, Herr Kommerzienrat, ich habe zweimal vergeblich angeklopft; der
Wagen ist vorgefahren,« meldete der Diener.
    »Ich fahre nicht. Ich habe noch zu viel zu tun. Fragen Sie in einer halben
Stunde nach meinen Befehlen.«
    »Zu dienen, Herr Kommerzienrat.«
    Dieser für sich: »Ich habe schon lange nicht mehr mit so viel Vergnügen
gearbeitet. Wenn mich jetzt Leo sähe, wie ich in meinem Element bin! Das wäre
mein Ehrgeiz: sie müsste mich noch in das Gesicht ihres Barons hinein bewundern.
Was der alles mit Redensarten zusammenwurstelt - und wo man ihn anfasst, da hat
er nichts, und wo er hingreift, da findet er nichts. Es scheint, Leo hat ihn
selber satt. Seit dem Karneval kommt er seltner ins Haus. Ich mein' fast, er
weicht mir aus. Auf dem Faschingsball wollten mich die Esel mit ihm auf ziehen,
dann schickten sie mir anonyme Briefe. Jawohl, der Kommerzienrat Rassler wird so
dumm sein, auf euere Sticheleien und Angebereien 'reinzufallen! Dass ihn Leo gern
gesehen hat, dass seine Suada ihr Ohr kitzelte, das macht mich noch lange nicht
bedenklich. Ich kenne Leo; ich kenne auch diese Sorte von Süssholzrasplern. Der
Rasp, dieser lächerliche Börsianer, und der Parklas, diese hölzerne
Zählmaschine, und zum Schluss dieser Drillinger, der alle Vierteljahr einen
andern Beruf verfehlte! Ja, diese eleganten Kurmacher - die sind akkurat wie die
Zeitungsschreiber: ihre Hauptstärke ist das grosse Maul. Damit wollen sie Berge
versetzen. Herrgott, beinah' möcht' ich einen Witz machen. Aber das Geschäft
ruft. Wo bin ich stehen geblieben? Ah so, da: es liegt im Interesse der
Aktionäre, nicht nur die Produktionssteigerung nicht höher zu treiben, sondern
auch der Finanziierung auswärtiger Brauereigeschäfte auf dem hiesigen Markte
entgegenzuarbeiten. Nach letzter Richtung müssen dem Weiler die Hände gebunden
werden. Er will uns mit einer österreichischen Brauerei auf den Buckel steigen
und sucht überall nach kapitalkräftigen Dummköpfen, die ihm die Leiter halten
sollen. Details nächstens. Übrigens soll er sich tief mit der
Diskonto-Gesellschaft eingelassen haben, deren Wirtschaften mit den gewagtesten,
ja, zweifellos unerlaubten Mitteln im finanziellen Verkehr einen baldigen
Zusammenbruch wahrscheinlich macht. Gott gebe, dass er dabei den Hals bricht. Wie
unsinnig hat mich der Kerl damals mit seinen faulen Aktien beschwindelt! ...
Lieber Nachbar Schmerold, du kannst auf mich rechnen ... Jetzt wär' mir aber
eine kleine Erholung doch willkommen ...«
    Gähnend öffnete er einen anderen Brief.
    »Aus der Hölle! Ja, das ist noch eine lustige altmünchnerische Gesellschaft
und eine vornehme obendrein. Das verdank' ich meinem Kunstmäzenatentum, dass die
Herren bei feierlichen Veranlassungen mich niemals übersehen. Was ist's diesmal?
Eine Einladung zum Frühlings Diner, oder wie sie es nennen: zum Höllenfrass! Nun
ja, da hab' ich ja gleich meine Erholung - leider nur in Gedanken einstweilen.
Hier das Menn in ihrer Geheimsprache:
                                  Höllenfrass.
                                 Teufelsbrühe.
                    Kleine Drachen mit Nachtschatten-Knollen
                            Hexenlenden mit Zubehör.
                               Pech und Schwefel.
                      Mephistoschweif mit feurigen Kohlen
                        Lasciate ogni Speranza-Pudding.
                                Grossmutterkäse.
                       Früh-Obst aus Sodom und Gomorrah.
                                    Gesöffe:
                               Satansblut M. 2. -
                          Grüneberger Auslese M. 2. -
                    Fünfmalhundertausend Teufel-Wein M. 5. -
                                Ditto M. 10.50.
    Das verspricht einen höllisch fidelen Abend. Schade, dass man keine
Satansweiber einführen darf. Da würde mein Leo Augen machen, wenn ich sie mit
mir in diese Unterwelt schleppte ... Aber so gut geht mir's auf keinen Fall mehr
in diesem Leben - Leo's Sinn ist nicht mehr umzustimmen; alles Gesellschaftliche
ist ihr verhasst. Wie einsiedlerisch hat sie mich gemacht! Oft kenn' ich mich
selbst nicht mehr ... Das lustige Vereinsleben in meiner Jugend ...«
    Er sass einen Augenblick nachdenklich und seufzte. Der rot und schwarz
gedrückte, mit allerlei Teufeleien zeichnerisch verschnörkelte
Höllenspeisezettel zitterte in seiner Hand.
    »Und nun rasch den Rest der Korrespondenz erledigt, damit ich endlich an die
Luft komme,« fuhr er ärgerlich auf ... »Eine umfangreiche Denkschrift über die
Bebauung der Isarufer, Ausbau der Quaistrasse vom Lehel bis zu den Isarauen
u.s.w. von einem gewissen Joseph Zwerger, begutachtet vom Architekten-und
Ingenieurverein. Das soll ich doch nicht lesen? Nein, lieber Schmerold, das
hättest du behalten können. Und was sagt mein Biswanger dazu? Verfrüht, kann
erst in Erwägung gezogen werden, wenn der geschäftliche Teil erledigt ist;
überdies scheinen Zwergers Pläne für Münchener Verhältnisse viel zu grossartig
und zu spezifisch künstlerisch. Wir müssen erst Praktiker von bewährtem Rufe
hören, bevor wir mit Künstlern und Teoretikern ohne Namen uns einlassen. Ich
begreife den Schmerold nicht, dass er mir so etwas schickt ... Wir wollen doch
nicht bauen, um den Künstlern einen Spass zu machen? Was architektonische
Phantasieen losten, das zeigt uns das Beispiel des Königs. Das kleine Stückchen
Quaistrasse, das wir jetzt haben, ist doch wahrhaftig nicht übel. Wenn wir so
fort bauen, wird die neue Isarstadt schön genug und wir kommen auf unsere Rente
...« Ein anderes Schreiben überfliegend: »Hab' ich's nicht gesagt, die
Zeitungsschreiberei ist nur Wasser auf die Mühle der Sozialdemokraten? Jetzt
marschiert das Lehel bereits gegen die Quaistrasse an und verlangt Paläste für
die Arbeiter! Dieses Schriftstück sollte ich eigentlich dem Xaver Schwarz, dem
ewigen Vorstande des Hausbesitzervereins, vorlegen, der während der Gemeinde-und
Landtagswahlzeit nicht müde geworden ist, als frommer Ultramontaner ein
sozialistisches Mäntelchen umzuhängen, und den Noten um den Bart zu gehen. Jetzt
sitzt er in der Kammer und im Reichstag und dünkt sich wunder was. Schwarz heisst
er und schwarz ist er wie ein Schlotfeger - und er segt und scharrt auch
fleissig, für seinen Sack wenigstens. Warum wenden sich die roten Lehelbrüder
nicht an dieses Volksvertretungsmuster? Was wollen sie von mir, der ich weder
Stadtvater noch Land- und Reichsbote bin, sondern einfacher Geschäftsmann?
Meinen diese roten Lehelbrüder, in meinen Geschaftsbüchern hätte ich eine Rubrik
für ihre Wünsche und Hirngespinnste? Warum belästigen sie mich, da ich niemals
etwas mit ihnen zu schaffen hatte? Und dieses Zeug soll ich lesen?«
    Er wog den dicken Brief, aus dem er flüchtig einige Stichproben gelesen, in
der Hand.
    »Wie unverschämt diese Leute gleich ins Zeug gehen! Unser Volksverein hat
vernommen, dass nächstens der Ausbau der Quaistrasse, d.h. die vollständige
Umgestaltung und Neubebauung des linken Isarufers in München, in grossem Stile
durchgeführt werden soll; das halbe Lehel, die Ländstrasse, die Wasser-und
Auenstrasse werden diesem Plane zum Opfer fallen. Hunderte von armen Familien,
die seit undenklichen Zeiten still und zufrieden da gewohnt, werden von den,
Isarufern vertrieben oder in ungesunde Kellerwohnungen oder in entlegenere
Pestöhlen des Proletariats gedrängt werden. Der Grund und Boden, an den uns so
viele Familienerinnerungen knüpfen, der uns gewissermassen heilig ist, wird uns
von der Bauspekulation entrissen, um ihn mit glänzenden Strassen, mit Villen und
Zinspalästen zu bedecken. Uns einen Ersatz dafür zu bieten durch die Anlage von
gesunden und billigen Arbeiterwohnungen in nicht zu grosser Entfernung von dem
Weichbilde der Stadt und dem uns liebgewordenen Flusse, daran scheint keiner der
Herren Spekulanten, die doch auch unsere Mitbürger sind, zu denken. dabei wäre
ja wenig oder nichts zu verdienen! Das Gesindel mag zusehen, wo es in Zukunft
Obdach findet! Es kann ja in irgend einer Arbeiterkaserne Unterschlupf suchen!
Luxuriöse Herrschaftswohnungen herzustellen, das verspricht diesen Herren vom
Raubbauwesen ein besseres Geschäft, als das Erbauen von zweckmässigen Wohnungen
für Arbeiter, kleine Beamte und andere Angehörige unserer Weissen
Kultursklaverei. Was brauchen diese armen Schlucker überhaupt zu wohnen und
Familienwohnungsbedürfnisse zu entwickeln? Es ist auch weit sicherer und
angenehmer, eine Wohnung um 1200 Mark zu vermieten an eine sogenannte seine
Partei, als drei Wohnungen zu 400 Mark an Leute, die es trotz aller Anstrengung
nicht weiter bringen, als von der Hand in den Mund zu leben. Dies ist der
Standpunkt des Münchener Hausbesitzervereins, der natürlich nicht müde werden
wird, die Bebauung der Isarufer so zu beeinflussen, wie es in seinen
Interessenkram passt. Die Vertreter von Gemeinde und Staat kümmern sich ja nicht
um die soziale Seite der Bausachen. Dass bei dieser Wohnungsfrage hohe sittliche
Güter des Volkes auf dem Spiele stehen, kommt keinem dieser Herren in den Sinn.
Die Macht des Kapitals rechnet nicht mit sittlichen Werten. Trotzdem wagen wir's
unsere Stimme zu erheben ... Wagt es immerhin, ihr Krakehler vom Volksverein im
Lehel ... Was geht denn mich diese ganze Geschichte an? Sehe ich denn aus wie
einer, der die Rolle eines Wortführers für die sozialdemokratischen Wühlhuber
spielen und ihre umstürzlerischen Bestrebungen bei der Münchener Finanzwelt
vertreten möchte? Oder soll ich Baugesellschaften für Arbeiterpaläste gründen,
wo sich die armen Teufel einnisten und ihren Mietzins schuldig bleiben können?
Es ist unglaublich, was sich diese Leute für freche Abgeschmackteiten in den
Kopf setzen. Sind das Zustände: auf der einen Seite wird man von den Künstlern
und Architekten mit der Forderung belästigt, möglichst grossartig und kostspielig
zu bauen und die Millionen nur so auszustreuen, auf der andern Seite wird man
von den roten Arbeitern ermahnt, in erster Linie auf ihre Bequemlichkeit zu
denken ...! Da soll man nicht wild werden.«
    Eben wollte Rassler dem Diener klingeln, als dieser schon hereinkam und
meldete, dass ein Herr Pfaffenzeller den Herrn Kommerzienrat zu sprechen wünsche.
    »Nichts da, jetzt wird ausgefahren. Pfaffenzeller? Den kenn' ich gar nicht.
Er soll in die Fabrik kommen, wenn er Geschäftliches vorzutragen hat.«
    »Der Mann kommt von der Fabrik. Er bittet dringend. Er will sich nicht
abweisen lassen.«
    »Er will nicht? Den Menschen möcht' ich mir doch ansehen, der nicht will,
wenn ich will. Ich bin nicht da, verstanden?«
    »Doch, Sie sind da, Herr Kommerzienrat,« sprach mit wohlklingender Stimme
ein junger Mann, dessen intelligentes Gesicht schmerzliche Entschlossenheit
ausdrückte. Sein Anzug wie sein Auftreten verrieten den gebildeten,
selbstbewussten Arbeiter. »Ich muss Sie sprechen, denn mir ist Unrecht geschehen.«
    »Hier ist kein Gerichtshof!«
    »Verzeihung, Herr Kommerzienrat, in meinem Falle doch. Mein Name ist
Pfaffenzeller. Auf die Empfehlung des Herrn Baron v. Drillinger habe ich vor
kurzem Stellung in Ihrer Fabrik gefunden - und heute Vormittag hat mich Ihr
Verwalter Nordhäuser kurzer Hand entlassen, ohne dass ich mir etwas im Geschäft
hätte zu Schulden kommen lassen.«
    »So? Davon weiss ich nichts. Es geht mich auch eigentlich nichts an. Aber
wenn Sie von Drillinger empfohlen worden sind, so kann ich einmal eine Ausnahme
machen und Ihre Geschichte anhören. Erzählen Sie!«
    Während sich der Kommerzienrat in seinem Amerikaner wiegte, erzählte der
junge Mann: »Infolge eines Antrittes mit dem Direktor des Kohlenwerks in
Penzberg und weil ich dort schon lange gern weggegangen wäre, kündigte ich und
ging nach München. Hier hatte ich das Glück, durch die Empfehlung des Herrn
Baron v. Drillinger einen passenden Posten in Ihrem Geschäfte zu finden. Am
ersten dieses Monats trat ich ein, Bezahlung und Arbeit gefiel mir, nur musste
ich eine Erklärung unterschreiben, von der mir vorher nichts gesagt worden war,
nach welcher ich bis zur weiteren Regelung des Verhältnisses sofort entlassen
werden konnte ... Ich habe die Handelsschule und das Polytechnikum besucht, Herr
Kommerzienrat ...«
    »Das geht mich nichts an, bleiben Sie bei der Sache! Der Arbeiter ist für
mich nur Arbeiter, so lange er mein Brot isst, und nicht Privatmann, studiert
oder unstudiert.«
    »Wie es Ihnen beliebt, Herr Kommerzienrat. Also ich unterschrieb die
Erklärung, weil ich sah, dass andere Neueintretende sie gleichfalls
unterschreiben mussten. Heute Vormittag nun kam Ihr Herr Verwalter auf mich zu
und zeigte mir an, dass ich sofort entlassen sei. Als ich ihn um den Grund
fragte, wollte er mit der Sprache nicht herausrücken, zuckte mit den Achseln und
sagte endlich, weil ich Handschuhe bei der Arbeit angehabt hätte. Als ich ihm
bemerkte, dass dieses der wahre Grund nicht sein könne, wurde er hochfahrend und
äusserte, mehr könne und wolle er nicht sagen, ich sei entlassen und damit wäre
die Sache abgetan.«
    Der Kommerzienrat: »Wie, war denn das mit den Handschuhen?«
    »Mit dem Handschuhanhaben verhält sich's so: Ich arbeitete im
Gusswarenmagazin selber mit, um alles genau kennen zu lernen. Das hätte ich ja
nicht nötig gehabt, aber ich bin der Meinung, dass man überall mit handanlegen
und so viel als möglich alles praktisch lernen müsse zur Ergänzung der
teoretischen Studien ...«
    Rassler fuhr in seinem Stuhle herum und betrachtete den Kopf des Sprechers.
Das Benehmen des jungen Mannes überraschte ihn, es lag etwas im Klang und
Tonfall seiner Stimme, was ihm sogar imponierte. Die Stimme hatte metallischen
Klang und zugleich etwas Kommandomässiges, Herrisches, ohne Überhebung; der Kopf
hatte scharfes Relief, wie aus Eisen gegossen.
    Unbeirrt durch den prüfenden Blick Rasslers fuhr Pfaffenzeller fort - so
ruhig und bestimmt, als verfechte, er die Sache eines Dritten: »Ich habe
bemerkt, dass auch die anderen Leute mit schwieligen Händen bei ihren Arbeiten im
Gusswarenmagazin sich der Putzwolle oder gewöhnlicher Lumpen bedientest, um ihre
Haut zu schützen. Da meine Hände doch noch etwas mehr empfindlich sind, weil ich
jahrelang vorwiegend in Büreaus tätig gewesen, und ich mit Lumpen nicht
ordentlich zugreifen konnte, so zog ich ein Paar alte Handschuhe an. Das war's.«
    »Und Sie glauben nicht, wenn Ihnen Nordhäuser sagte, der Handschuhe wegen
hätte man Sie entlassen? Warum glauben Sie nicht?«
    »Weil der Grund ein kleinlicher wäre, ein so kleinlicher, dass ein richtiger
Geschäftsmann sich schämen müsste, ihn ihm Ernste vorzubringen. Meine Vermutung,
was der wirkliche Grund meiner Entlassung sei, wurde bald bestätigt. Ein Kollege
teilte mir heute Mittag mit, Herr Nordhäuser habe schon vor einigen Tagen die
Bemerkung fallen lassen, ich wäre vom Polizeikommissär und noch von anderer
Seite - sehr wahrscheinlich vom Direktor in Penzberg - als Sozialdemokrat
bezeichnet worden und in der Arbeiterliste auf der Polizei stände schon längst
hinter meinem Namen das böse Zeichen SD, womit ich der besonderen Ausspionierung
angelegentlichst empfohlen sei.«
    »Und das sagen Sie so ruhig, junger Mann?«
    »Gewiss, denn es ist eine elende Verleumdung. Wäre ich je Anhänger der
heutigen Sozialdemokratie gewesen, meine Beobachtungen hätten mich davon
geheilt.«
    »Also verkehrten Sie mit Sozialdemokraten?«
    »Ich habe über die Sozialdemokraten und ihre Lehren die massgebenden
Schriften gelesen und zur Ergänzung meiner Studien habe ich an einigen
sozialdemokratischen Versammlungen teilgenommen als stiller Beobachter. Neulich
im Lehel in der Sankt Annabrauerei, wo sie über die Arbeiterwohnungsfrage
debattierten, bin ich zum letztenmal dabei gewesen; man hat mich als
verdächtiges Subjekt gemustert und beinahe hinausgeworfen. Ich bin von selbst
gegangen. Die Leute konnten mir nichts mehr neues bieten. Es ist wie der Hund,
der, wenn ihn die Flöhe beissen, nach seinem Schwanz schnappt und wie toll im
Kreise herumfährt; der Grund dieser Bewegung ist einleuchtend, aber bei der Art
der Bewegung kommt nichts heraus. Die Flöhe beissen- sich nur um so tiefer ins
Fleisch. Ich bitte um Entschuldigung, Herr Kommerzienrat, wegen des drastischen
Vergleichs.«
    »So, so, bei den Sozialdemokraten im Lehel haben Sie Ihre Abende zugebracht
...«
    »Verzeihung, nur wenige Abende und bloss studierenswegen.«
    »Das ist gleich. Die Tatsache genügt, dass man Schlimmes von Ihnen denkt.«
    »Mir genügt sie auch, jedoch in einem andern Sinne. Traurig genug, dass man
sich bei den herrschenden Klassen in besseren Geruch bringen kann, wenn man die
Abende, statt sie mit sozialen Studien und Beobachtungen auszufüllen, in den
Kneipen totschlägt oder mit Vereinssimpeleien und lüderlichen Frauenzimmern
verbringt. Das gilt nicht für staatsgefährlich, denn es ist in den besten
Kreisen Sitte. Hätte ich Geld dazu, wurde ich am Abend die besseren Abführungen
im Teater besuchen und gute Vorträge hören. Allein das Gute ist zugleich das
Teuere und das Teuere können sich nur die wohlhabenden Leute leisten. Ich bin
leider noch nicht wohlhabend.«
    »Nein, Sie sind jetzt der freie Mann mit dem leeren Portemonnaie und dem
Kopf voll sozialdemokratischer Studien und ihre Stellung ist futsch.«
    »Sehr gütig, Herr Kommerzienrat. Zunächst liegt mir nicht an der Stellung,
sondern den wahren Grund zu erfahren, warum ich sie verloren habe. Dass ein
fleissiger Mensch davongejagt werden kann wie ein Hund, ist schon stark genug von
einer Geschäftsverwaltung, die sich selbst respektiert, dass man aber auch noch
mit Lügen, Verleumdungen und Ausreden davongejagt wird, ist beleidigend.«
    »Was wollen Sie also, kurzgesagt?«
    »Ich will, dass Sie Ihren Verwalter Nordhäuser veranlassen, den wahren Grund
und die Quelle zu nennen ...«
    »Dazu kann in meinem Geschäfte niemand gezwungen werden.«
    »Gut. Der Herr Kommerzienrat ist also als Chef gegen seine eigene
Beamtenmaschinerie machtlos oder hat nicht einmal den Willen zur Macht, was auf
das Gleiche hinausläuft. Ich bedauere, meine Zeit missbraucht zu haben.«
    »Was haben Sie vor?«
    »Ich werde nun den Baron v. Drillinger aufsuchen und ihm die Sache
vortragen, vielleicht kann er für mich erreichen, was Sie ablehnen, vielleicht
mir auch zur Wiedererlangung einer Stellung behilflich sein. Vorläufig druckt
mich keine Not als das mir widerfahrene Unrecht.«
    »Unrecht! Unrecht!« rief Rassler phlegmatisch. »In einem grossen Geschäfte mit
hunderten von Arbeitern muss auf Disziplin gehalten werden. Das verstehen Sie
nicht.«
    »Im Gegenteil, das verstehe ich sehr wohl. Aber ich gebe nicht zu, dass man
sich auf Disziplin hinausredet, wo man ein handgreifliches Unrecht begeht. Die
Soldatenschinder kennen ja auch den Kniff.«
    »Sind Sie mit dem Baron verwandt?«
    »Nein.«
    »Sie kennen ihn schon länger?«
    »Ja und nein, je nach dem, was man unter kennen versteht.«
    »Was halten Sie, von ihm?«
    »Was ich von ihm halte? Das kann wohl für Sie gleichgültig sein, für meine
Sache ist es gleichgültig.«
    »Ihr Urteil interessiert mich. Ich lege sogar Gewicht darauf.« Dein
Kommerzienrat kam es jetzt komisch vor, den Baron v. Drillinger in diese Sache,
gezogen zu sehen. Aber er fühlte ein seltsames Bedürfnis, gerade die Meinung
dieses Mannes über ihn zu hören.
    »Er ist ein guter Mensch - alles in allem.«
    »Weiter nichts?«
    »Mir genügt er so.«
    »Mir auch ... Wie sind Sie mit ihm bekannt geworden?«
    »Ein Verwandter von nur, der Architekt und frühere Genie-Offizier Joseph
Zwerger, zur Zeit in Italien, ist als Studiengenosse mit dem Baron
altbefreundet, daher datieren unsere Beziehungen. Ich bin in Franken geboren,
ein Maingrüuder aus der Würzburger Gegend ...«
    »Architekt Zwerger, so so, das interessiert mich. Und aus der Würzburger
Gegend - na, das macht der Liebe kein Kind. Von dort stammt die Familie meiner
zweiten Frau her. Bitte, wollen Sie nicht ein wenig Platz nehmen, Herr
Pfaffenzeller, Sie sind so lange gestanden, wir können ja noch ...«
    Sich unterbrechend, gegen den eintretenden Diener gewendet, der mit der
Mahngrimasse eines unverschämten Bücklingmachers zur Ausfahrt drängte: »Ich weih
schon. Lassen Sie wieder ausspannen; ich gehe zu Fuss.«
    »Herr Kommerzienrat, ich habe in der Tat keinen Grund, Ihnen länger lästig
zu fallen. Sie können und wollen mir nicht zu meinem Rechte verhelfen, damit ist
meine Angelegenheit an dieser Stelle vorerst erledigt. Das Weitere wird sich
finden. Ich habe die Ehre, Herr ...«
    Diese Klarheit und Entschiedenheit, verbunden mit höflicher Form und Frische
des Ausdrucks, berührten den Kommerzienrat immer sympatischer. Das war
vielleicht eine Gelegenheit, seinen Verwaltern und Aufsehern einmal zu zeigen,
dass er ihnen auch als Menschenkenner überlegen sei ... Der Biswanger steht hoch
in den Sechzigern ... Wenn dieser Pfaffenzeller sich an dessen Seite zu seinem
einstigen Nachfolger ausbilden liesse! Der scheint ja ganz das Zeug zu haben,
einen solchen wichtigen Vertrauensposten auszufüllen zum Vorteile des
Geschäftes. Den Nordhäuser würde es freilich entsetzlich wurmen. Das schadet
aber nichts. Nordhäuser kehrt neuerdings immer eine gewisse Überlegenheit
heraus, spielt den Unfehlbaren, zieht fremde, besonders preussische Elemente mit
Vorliebe ins Geschäft - in München haben ohnehin die alten Münchener bald nichts
mehr zu sagen, wo eine einflussreiche Stelle offen ist, wird ein Ausländer
untergebracht, alles wird verpreusst, überall werden Nordlichter auf die
bayerischen Leuchter gesteckt, das hat ja dem König sein Land und seine
Hauptstadt so entfremdet, in den Bergen hat er doch noch echte, treue Bayern um
sich - -, jawohl, mein lieber preussischer Nordhäuser, der bayerische
Pfaffenzeller wird dir sehr gut bekommen ...
    »Herr Kommerzienrat, ich muss gestehen ... warum halten Sie mich denn auf?«
    Rassler hielt ihn am Ärmel und betrachtete ihn gedankenvoll mit seinen
wässerig schimmernden Bulldoggenangen. Jetzt lächelte er ihn an, klopfte ihm auf
die Schultern und quakte gemütlich: »Also die Bezahlung und die Arbeit hat Ihnen
in meinem Geschäft gefallen? Wissen Sie was? Sie gefallen nur auch in meinem
Geschäft. Ihre Entlassung scheint mir jetzt selbst eine Unzukömmlichkeit. Auf
der einen Seite sind Sie entlassen, dabei bleibt's, der Disziplin wegen; auf der
andern Seite stelle ich Sie wieder an, weil ich Sie für einen brauchbaren
Menschen halte. So befriedigen wir beide Teile. Sagen Sie mir, wo haben Sie
schon gearbeitet? In Penzberg und wo noch?«
    »Nach kürzerem Aufentalt in Belgien und im Elsass, wo ich mich noch einmal
als Architekt ohne genügende Erfolge erprobte, schlug ich mich in die Schweiz,
wo ich zwei Jahre in Genf, zuletzt in der Girardschen Eisengiesserei, Rue du
Petit-Salève, tätig war. Damit glaubte ich meine Auslandsstudien vorerst
abschliessen zu können und ich kehrte wieder nach Bayern zurück.«
    »Sie verstehen fremde Sprachen?«
    »Des Französischen bin ich, soweit wir's im Geschäft brauchen, vollkommen
mächtig, mit dem Englischen bin ich gleichfalls genügend vertraut.«
    »Sehr gut. Das wird dem alten Biswanger recht sein.«
    Pfaffenzeller lächelte: »Warum dem alten Biswanger?«
    »Das sollen Sie gleich erfahren: Biswanger braucht einen Adlatus sozusagen,
und dazu werde ich Sie ernennen, sobald Sie eine gewisse Probezeit in meinem
Privatbüreau bestanden haben.«
    »Ich stelle nur eine Bedingung: meine Sache mit Herrn Nordhäuser muss vorher
ins Reine gebracht werden. Ich bin nicht der Mann, der sich zur Tür
hinauswerfen und zum Fenster wieder hereinziehen lässt.«
    »Selbstverständlich, wenn Sie darauf bestehen. Darüber wie über alles übrige
werden wir morgen in meinem Büreau einig werden. Jetzt sagen Sie mir nur noch
eins: wissen Sie etwas von den Plänen Ihres Vetters Zwerger? Es sind mir da
durch zweite und dritte Hand ein ganzer Stoss Denkschriften, Zeichnungen, Risse,
Kostenvoranschläge und so weiter von ihm zugestellt worden. Haben Sie von seinen
Absichten oder Unternehmungen schon etwas gehört?«
    »Sie meinen seine Pläne zur baulichen Umgestaltung Männchens an der Isar, am
Marienplatz und auf der Teresienwiese?«
    »An der Isar, bloss an der Isar. Das ist das nächste Projekt, das uns
interessiert.«
    »Gewiss, Herr Kommerzienrat. Seit Jahren beschäftigt ihn eigentlich nichts
anderes. Diese Pläne sind sein Lebenswerk sozusagen. Bei seiner grossen
künstlerischen Begabung fehlt ihm nur die Geduld und Leidenschaftslosigkeit des
praktischen Geschäftsmannes, um endlich im rechten Zeitpunkt an den rechten
Platz zu kömmen. Seine Isarpläne, so unausführbar grossartig sie auch auf den
ersten Blick scheinen - ich war noch ein grüner Polytechniker, als er mir die
ersten Aufschlüsse gab, aus denen ich damals allerdings nichts zu machen wusste -
haben - unzweifelhaft eine Zukunft, vorausgesetzt, dass die bauliche Entwickelung
Münchens nicht von der Spekulation verdorben oder von architektonischen Stümpern
verpfuscht wird.«
    »Wie meinen Sie das, Herr Pfaffenzeller?«
    »Wenn man weit in der Welt herumgekommen ist, gewöhnt man sich, auch die
Heimat mit kritischen Blicken zu betrachten. Man lernt vergleichen und verlernt
blind bewundern. Ludwig I., der Schöpfer der Kunststadt München, hat eine Reihe
von klassischen und mittelalterlichen Bauwerken in Griechenland und Italien
kopieren und den Münchenern als Musterbauten aufrichten lassen. Nach der
Ludwigschen kam die Maximilianische Bauperiode für München; da verlegte man sich
auf eigene Witzes- und Erfindungskraft. Damit ging es schon bedeutend abwärts.
München ist aber durch beide königliche Bauherren wenigstens eine interessante
architektonische Mustersammlung geworden und hat neue Strassen und Plätze für das
gesteigerte Grossstadtleben gewonnen.«
    »Sehr richtig. Die Maximiliansstrasse ist doch eine Pracht, dazu die
Maximiliansbrücke und das Maximilianeum und ...«
    »Nun, das ist sehr Geschmackssache, Herr Kommerzienrat. Die
Maximiliansbrücke zum Beispiel ist die einzige von den drei oder vier
Isarbrücken, die noch einigermassen Stil hat und gut aussieht. Aber sie entbehrt
doch wie die andern jedes bildnerischen Schmuckes, sie hat gar keinen
monumentalen, skulpturalen Zierat, kein Bildwerk, sie ist in dieser Beziehung so
kahl als möglich. Für eine wirkliche Kunststadt sind sämtliche hiesige Brücken
viel zu schmucklose Nutzbauten.«
    »Sie wollen doch keine Heiligenfiguren auf der Maximiliansbrücke aufstellen,
wie es neulich der fromme Xaver Schwarz zur Verschönerung der Isar im
Gemeindekollegium vorgeschlagen hat? Etwa die zwölf Apostel, sechs links und
sechs rechts, jeder mit seinem Marterwerkzeug, damit die Münchener ihr
christkatolisches Bewusstsein stärken, wenn sie zum Hofbräuhauskeller
hinüberwandeln?«
    »Nein, für diese ultramontane Kapellen-Zuckerbäcker-Plastik danke ich. Die
fehlte gerade noch in der Kunststadt München! Da wäre es stilgemässer, gleich die
wirklichen Ortsheiligen Münchens, die Apostel der Bierbrauerkunst, geschart um
Seine Majestät vom Spundloch, den heiligen Gambrinus, auf der Maximiliansbrücke
aufzustellen ...«
    »Der Gedanke ist gar nicht dumm,« meinte der Kommerzienrat; »der alte
Schleibinger, der Sternecker, der Pschorr, der Sedlmeier und so weiter würden
sich ganz gut dort ausnehmen; sie haben für den Ruhm Münchens mehr getan, als
sich die Frommen träumen lassen.«
    »Einverstanden, Herr Kommerzienrat.«
    »Ich sehe auch gar nicht ein, warum man München nur den Fürsten und
Feldherrn, den Dichtern und Philosophen, wie dem Schelling, oder den Optikern,
wie dem Frauenhofer, oder den Litographen und Stenographen und dem Liebigschen
Fleischextrakt-Erfinder Denkmäler setzt und nicht auch den grossen Industriellen
und Bräuern. Hätten Sie etwas dagegen?«
    »Nein, Herr Kommerzienrat. Aber wir kommen von der Sache ab. Wir sprachen
davon, was sich an den neuen Strassen aussetzen lässt ...«
    »Haben Sie etwas an meiner Quaistrasse auszusetzen?«
    »Mit Ihrer Erlaubnis allerdings, Herr Kommerzienrat. In dieser von der Natur
so bevorzugten Stadtgegend wäre mir keine Architektur lieber, als diejenige,
welche Ihre Münchener Baumeister an dieser Stelle produziert haben.«
    »Da muss ich Ihnen sagen: das verstehen Sie nicht. Die Quaistrasse ist ein
kleines Weltwunder. Fragen Sie nur einmal meine Engländer im zweiten Stock!«
    »Dann sind diese Engländer sehr viel weniger anspruchsvoll als ich. Das gebe
ich zu. Diese aneinandergeklebten acht oder neun Häuser von gleicher Höhe,
gleicher Schablonenhaftigkeit, gleicher Eintönigkeit der Verhältnisse, gleicher
Schäbigkeit im Schmuck der klotzigen Stukornamentik mit den angeleimten
Schwalbennester-Balkonen - ein kleines Weltwunder? Ihr Haus, Herr Kommerzienrat,
macht allerdings eine Ausnahme.«
    »Gut, dann soll Ihnen die Kritik der anderen geschenkt werden. Also Sie
verlangen von den Neubauten mehr Schönheit und - - und -«
    »Überhaupt mehr originelle Grossartigkeit, jetzt wo die historischen
Stilarten glücklich abgewirtschaftet haben. München ist darin noch sehr weit
zurück.«
    »Da kann später nachgeholfen werden.«
    »Später! Das ist der Haken. Seit über zwanzig Jahren, das heisst während der
ganzen Regierungszeit des jungen Königs Ludwig II. ist meines Wissens von
staatswegen zur baulichen Verschönerung Münchens so gut wie nichts geschehen,
wenigstens nichts, was sich mit dem messen liesse, was in dieser langen Zeit in
anderen deutschen Grossstädten gebaut worden ist. Nun hat inzwischen eine
radikale Umwandlung der geistigen Richtungen und des Verkehrs platzgegriffen -
wovon sich natürlich unser Landesvater in seinen Märchenschlössern in den Bergen
nichts träumen lässt. Auch in München ist die Industriestadt über die Kunststadt
hinausgewachsen. Die Zahl der Einwohner und ihre Betriebsamkeit hat eine
ungeheuere Steigerung erfahren. Nach allen Seiten dehnt sich der Nahmen der
Stadt. Auch die landschaftlich reizvollsten Partien, wie die oberen Isarufer,
die seiter vollständig vernachlässigt blieben, lenken jetzt die Augen der
Baulustigen auf sich. Alles spricht dafür, dass wir am Anfang einer neuen
Bauperiode stehen, die an Umfang und Bedeutung alle ihre Vorgängerinnen weit
übertreffen wird.«
    »Sehr richtig.«
    »Aber gerade hier liegt eine grosse Gefahr. Während der langen Stockungspause
sind die grossen Baukunsttraditionen verkümmert, dafür die industrielle und
kapitalistische Spekulation und der dem Idealen abgewandte Sinn mächtig
erstarkt. Welches wird also das Gepräge der neuen Periode sein? Welcher Geist
wird sie beherrschen? Der kunstwidrige Geist der Spekulation, der Geldmacherei.
Und er wird die Architekten in seine Dienste zwingen und die Stadtverwaltung
wird Ja und Amen dazu sagen, wenn nur die sicherheitspolizeilichen und
gesundheitlichen Vorschriften nicht gar zu auffällig umgangen werden. Diese neue
Bauperiode und die ihr anhaftenden eigentümlichen Gefahren hat Joseph Zwerger in
seinem vorausschauenden Künstlergeist erkannt - und eine Frucht dieser
Erkenntnis und des reinen Willens, sie der Entwickellung Münchens in
segensvollster Weise dienstbar zu machen, sind die Zwergerschen Isarpläne. Die
kleinen Rechen- und Baumeister werden zwar die Hände über dem Kopf
zusammenschlagen, aber sie werden nichts an der Tatsache ändern, dass Zwerger
sich als einer der kühnsten Baukünstler des neuen Münchens in seinen Entwürfen
ausgewiesen hat.«
    »Wissen Sie das so gewiss, Herr Pfaffenzeller?«
    »Ich begreife, Herr Kommerzienrat, dass Sie geneigt sind, mich der
Übertreibung, vielleicht gar der Schwärmerei zu zeihen; Sie kennen mich noch zu
wenig. Es genügt mir, wenn Sie daraus wenigstens den Antrieb schöpfen, die
Zwergerschen Pläne eingehend von Sachverständigen prüfen zu lassen und sie nicht
unbeachtet von der Hand zu weisen. Ich habe schon in der Fabrik gehört, dass Sie
mit bedeutenden Kapitalien sich an einer Baugesellschaft beteiligen, wollen ...«
    »Ja, das will ich ... Die Überproduktion im Fabrikbetrieb treibt das Geld
notwendig auf andere Wege. Da sucht man den besten, und als Kunstmäzen und
Münchener Patriot - verstehen Sie -«
    »Glaubt man ihn in der baukünstlerischen Spekulation erblickt zu haben, was
ich vollkommen richtig finde.«
    »Ihre freie Aussprache gefällt mir. Schade, dass wir Herrn Zwerger nicht
persönlich hier haben. Auf schriftlichem Wege kommt man nicht ans Ziel.«
    »Das Nämliche habe ich meinem Vetter längst gesagt. Ich werde ihn
auskundschaften und herzitieren. Man muss zur Stelle sein und für sich selbst und
seine Sache persönlich eintreten.«
    »Wie Sie, Herr Pfaffenzeller! Sie haben mir schön zugesetzt! Glauben Sie
mir, ein solches Auftreten hätte sich der Kommerzienrat Rassler sonst nicht
leicht von einem andern bieten lassen. Sie haben ein ganz verwünschtes Glück,
mich heute gerade in so guter Laune getroffen zu haben. Na, ich werde Ihnen
später noch einmal ordentlich Grobheiten dafür machen, dass Sie mich so erwischt
haben ...« Und der Kommerzienrat schwappelte mit seinem dicken Bauche und
lachte, aber plötzlich wurde sein Gesicht ganz blaurot und er sank, mit den
Armen um sich schlagend, in den Stuhl. Pfaffenzeller ergriff die Wasserflasche
auf dem Serviertischchen und bespritzte ihm die Stirn ... Alle Wetter! Das hat
man von der Fettleibigkeit. Und von dem da: Pfaffenzeller schob eine
halbgeleerte Kognakflasche auf die Seite und die Kaffeetasse und die
Havannaschachtel ...
    Als sich Rassler wieder erholt hatte, reichte er dem jungen Manne mit dem
eisernen, glattgeschorenen Kopf, dem festen und klugen Blick und dem nervigen
Arm seine dicke, feuchtkalte Hand: »Sie haben mir geholfen, ich danke Ihnen. Das
kommt davon, wenn man seinem Arzt nicht folgt und sich überarbeitet. Morgen im
Büreau wollen wir weiter verhandeln.«
    Pfaffenzeller wollte sich eben verabschieden, als die drei Knaben
hereinstürmten.
    »Papa, wir machen jetzt mit der Mama den Abendspaziergang. Gehst Du heute
nicht mehr aus?« rief Franz.
    »Wo ist die Mama?« fragte Rassler, ohne sich aus dem Sessel zu erheben.
    »Sie erwartet uns unten im Garten,« antwortete Hermann.
    Rassler seufzte: »Sie geht fort, ohne mich zu grüssen ...« Zu Pfaffenzeller:
»Meine Söhne! Drei schlimme Buben, aber tüchtig. Die werden mich einmal im
Geschäft übertrumpfen ... So, geht jetzt. Hermann, gib auf die Brüder acht und
macht keine dummen Streiche. Begrüsst den Mann hier, das ist Herr Pfaffenzeller.
Adieu jetzt, adieu.«
    Nachdem sich auch Pfaffenzeller entfernt hatte, blieb der Kommerzienrat noch
lange in trüben Gedanken sitzen. Dem fragenden Diener sagte er bloss: »Schliessen
Sie die Fenster. Ich will heute weiter nichts. Ich bleibe daheim.«
    Die Sonne war im Untergänge. Aus dem Feuermeere ihres Verscheidens zuckten
die letzten goldenen Strahlen am Abendhimmel auf, der in mattem Blau schimmernd,
sich allmählich mit braunen und grün-grauen Wolken streifte, bis der Dunst der
Grossstadt nach einem ungewöhnlich schwülen Nachmittag alle Farbenpracht in einen
trüben Dämmer hüllte. Ein letzter Sonnenstrahl hatte über Rasslers Wohnung hinweg
die hohen Bogenfenster im Mittelbau des Maximilianeums getroffen und auf dem
Spiegelgrunde blutig lodernde Glut entfacht. Rassler starrte gedankenvoll in das
gleissende Gefunkel, bis ihm die geblendeten Augen schmerzten; im Wegsehen noch
verfolgte ihn der Feuerzauber, glühende Scheiben rollten vor seinen
geschlossenen Lidern. Als er nach einer Weile die Augen wieder aufschlug, war
alle Beleuchtungsherrlichkeit verschwunden. In bleichem Dämmerlicht ragte der
kalte Bau mit seinen stolzen Säulen und Loggien. Die Dunkelheit kroch
gespenstisch durch die hohen Bogengänge der Seitenflügel und füllte sie mählich
mit tiefstem Schwarz, die Formen und Farben der pompejanisch bemalten
Hintergründe verschlingend.
    Rassler hatte seinen Stuhl an das Balkonfenster gerückt. Das Maximilianeum
dünkte ihm jetzt eine grandiose Teaterdekoration, eine Riesenkulisse, und in
seinen schweifenden Gedanken tauchte plötzlich die Erinnerung auf an die letzte
Vorstellung der »Götterdämmerung«, der er vor einem Jahr im Hofteater mit
Leopoldine beigewohnt. An ihrer Seite sass Drillinger. »Das ist erhaben,« sagte
der Baron und drückte Leo die Hand, als Brünhilde auf ihrem treuen Ross dem
Flammentod entgegensprengte; »das möchte ich von Ihnen sehen« ... »Meine Frau
soll für Sie durchs Feuer springen, Herr Baron?« hatte er dem begeisterten
Kurmacher hingeworfen; »weiter haben Sie keine Schmerzen?« Was der Herr Baron
oder Leopoldine darauf geantwortet, dessen entsann er sich nicht mehr, nur die
schmerzliche Empfindung war ihm jetzt wieder gegenwärtig, die ihm jenes letzte
gemeinschaftliche Teatervergnügen verbitterte: das Brennen in der Magengrube,
der Druck im Genick, der gallige Geschmack auf der Zunge. Was er aber in jener
Nacht in der Verschwiegenheit des ehelichen Schlafgemachs über sich ergehen
lassen musste, das überstieg alles Mass der Erinnerungsfähigkeit ... Leopoldine
hatte sich seitdem verbessert; sie trieb die Unart nicht mehr so weit, ihm
seinen Bettschweiss und schlechten Geruch ins Gesicht vorzuwerfen und damit ihren
Ekel vor seinen zärtlichen Annäherungen zu rechtfertigen; sie begründete ihre
Kälte und ihren Widerstand mit der Rücksicht auf seinen gesundheitlichen Zustand
und auf das ärztliche Gebot, sich ja aller tieferen Aufregungen zu entalten.
Das liess sich eher hören und erleichterte eine Verständigung. Zuweilen hatte ihm
ihr Widerstand sogar Spass gemacht, besonders in der letzten Zeit, wo sie wieder
mit ihrer angebornen Verschämteit kokettierte und steif behauptete, dass sie gar
keine sinnliche Natur sei und kein Bedürfnis nach männlichem Umgang habe ... Dass
ihr auch das Glück der Mutterschaft versagt sein musste! ...
    Das Isarwehr war aufgezogen, so dass der Schwall des Wassers mit vermindertem
Geräusch talwärts abströmte. Auch von der Strasse her kündigte sich die
abendliche Stille an. Die von acht zu acht Minuten verkehrende Pferdebahn
klirrte heller auf den Eisenschienen und das Schellengebimmel war in der
Einsamkeit klarer, als im Lärmkonzert des Tages. Die hohen Schornsteine der
Bräuereien und weiter zurück der Ziegeleien von Haidhausen wälzten ungeheure
schwarze Rauchschwaden durch die Abendluft; getrieben von einem leichten Südost,
nahm das kohlendunstige Gewölke seine Richtung über das Isartal in die innere
Stadt. Rassler pochte an den Fensterrahmen, ob er auch gut geschlossen; er fühlte
sich so beengt auf der Brust, es war ihm, als müsse er selbst in dieser
erstickenden Rauchatmosphäre atmen ... Von den Schlöten seiner eigenen Fabrik
konnte Rassler vom Fenster aus nichts gewahren. Wenn er heute doch hinausgefahren
wäre! Vielleicht befände er sich wohler. Musste ihm dieser Pfaffenzeller in die
Quere kommen ... Ein merkwürdiger Mensch, eine Kraft - und für das Geschäft
jedenfalls einmal von grossem Wert. Was der alle Biswanger zu diesem Mitarbeiter
sagen wird? Wo jetzt Leo mit den Kindern herumspazieren mag? Ach, Leo ...
    So wirbelte dem Kommerzienrat alles bunt durch den Kopf. Es duldete ihn
nicht mehr im Zimmer. Wenn er zum Nachbar Schmerold hinüberginge und sich
erkundigte, ob der Herr Konsul schon von der Reise zurück sei? Die
Angelegenheiten der Isarbaugesellschaft, die Vorlagen des Architekten Zwerger
und die Wühlereien des Bankiers Weiler machen eine mündliche Unterredung
dringend notwendig. Schmerolds sind nur so förmlich, die ungewöhnliche
Besuchsstunde wird ihnen auffallen. Und Rassler mochte heute keinem kritischen
Blick, keinem kritischen Wort mehr begegnen. Ja, die Schmerolds, die haben noch
ein strenges Familienleben, das Respekt einflösst ...
    Er trat aus Balkonfenster und öffnete es leise, um die Abendlust zu prüfen.
Der Wind wehte das Abendgebetläuten vom Giesinger Berg in die Stadt; jetzt
ertönten die Glocken von der Mariahilferkirche in der An dazu, es war ein
feierlicher Zusammenklang, und nach und nach sielen die ehernen Stimmen der
näheren Kirchen ein, vom Gasteig, von Haidhausen, vom Lehel, von Bogellhausen -
die Lust des ganzen Isartals schien sich in Glockenklang anfzulösen, über den
rauschenden Wassern und frühlingsgrünen Wipfeln wogten die feierlichen
Harmonieen dahin, bald wie ein heller Psalm, bald wie klagende Geisterchöre ...
    Rassler lauschte. Er unterschied zuerst die hohen und die tiefen Klänge der
einzelnen Glocken, ihre Einsätze, ihren kürzeren oder breiteren Rhytmus, dann
ihr Aussetzen und Verstummen. Am mächtigsten summte es vom Haidhauser Turm.
Schliesslich war er selbst so bewegt von der ergreifenden Schönheit des
Gebetläutens, dass er noch lange lauschend stand, als die letzten tönenden
Schwingungen verhallt waren. Hob er nicht langsam die Hand zu den Augen, eine
Träne auszuwischen? Zitterte es nicht wie ein Nachhall frommer Empfindung durch
seine Seele, wie ein verwehtes Gebet aus seiner Jugendzeit?
Liebster Mensch, was mag's bedeuten
Dieses Abendglockenläuten?
Es bedeutet abermal
Deines Lebens Ziel und Zahl.
Dieser Tag hat abgenommen,
Bald wird auch der Tod herkommen ...
    Wie ging's weiter? Er erinnerte sich der übrigen Verse nicht mehr. War's
nicht unheimlich, dass sie ihm überhaupt heute in den Sinn gekommen? Sein Vater
hatte sie ihm einst gelehrt; sein Vater hatte sie auch in den letzten Zügen
gesprochen, als er unter dem Geläute der Abendglocken seinen Geist aushauchte -
nach fürchterlicher Krankheit, nach fürchterlichem Todeskampfe. Er hatte ein
böses Wüstlingsleben auf langem Schmerzenslager abzubüssen ... Der Geistliche
hatte traurig den Kopf geschüttelt, als er seine letzte Beichte gehört.
Dienstboten, junge Mädchen und Frauen, nichts war vor seiner Gewalttätigkeit
sicher gewesen. Das wussten die Kinder - und schämten sich des eigenen Vaters.
Ein besudeltes Familienleben! Weg mit den Erinnerungen!
    Nein, er mochte heute nichts mehr von Geschäften wissen ... Zu Schmerold
konnte er morgen hinübergehen. Er wollte seine Kinder und seine Frau erwarten.
    Unter den alten Kastanienbäumen vor dem Rasslerschen Hause wandelte seit
einer Viertelstunde Max von Drillinger unschlüssig auf und ab. Die tiefhängenden
Äste mit den halbentfalteten Blätterknospen verbargen ihn dem Auge der Frau, die
mit den Kindern vorübergegangen war. Ihr Anblick hatte ihn nicht gerührt. Eine
völlig Fremde hätte er nicht gleichgültiger betrachten können. Er hat die Probe
bestanden. Es war aus. Diese Episode, seines Lebens hatte ferner keine Macht
mehr über seine Entschlüsse ... Seiner Unterredung mit dem Bankier Weiler waren
noch schlimme Wahrnehmungen im Café Paul gefolgt. Er hatte dort den Baron Polly
getroffen, den unleidlichen Schwätzer, der ihm allerlei Dinge zurannte, die
seine Beziehungen zu Frau Rassler nach der Meinung allwissender Leute als
katastrophenreif erscheinen liessen. Gerade jetzt ein Skandal, wo er mit sich
einig geworden, seinem Leben eine andere Richtung zu geben? Er trug die letzten
Zuschriften der Frau Kommerzienrat in der Tasche, uneröffnet, wie er sie
empfangen. Was liess sie ihn nicht in Ruhe? Was drang sie sich ihm noch auf, da
sie längst wahrnehmen konnte, dass das Abenteuer für ihn den Reiz verloren, dass
er nur noch aus Gutmütigkeit ihr zu Willen gewesen? Früher hatte sie ihm von
Schuld und Sühne vorphilosophiert und ihm manchen Genuss mit ihren kalten
moralischen Sprüchen verdorben - und jetzt, wo er sie wieder in die alte Ordnung
und in die Arme ihres unerschütterlich verliebten Gatten sanft zurückgleiten
lassen wollte, jetzt - ach, es ist ja zu abgeschmackt. Was die Weiber ihre
Leidenschaft und Treue nennen, ist oft nur ihre Eitelkeit und Trotzköpfigkeit.
Dass der Streber Parklas, der sich nun bis zum Regierungsrat hinaufgeschleimt,
ein Schurkenstücklein gegen ihn und Frau Rassler im Schilde führen solle, wie
Polly auszuplaudern wusste, dass man den Pressbanditen gegen ihn Hetzen und dem
Kommerzienrat öffentlich eine Schimpf- und Schandsuppe einbrocken wolle, das
wäre doch zu infam. Welchen Vorteil könnten sich diese Menschen denn davon
versprechen, sich in eine Abrechnung zu mischen, die nur ihn, den Kommerzienrat
und seine Frau anginge? Abrechnung, ja, das sollte sein. Wenn er jetzt zu Rassler
hinaufginge und ihm die ganze Unterredung mit Weiler berichtete und zugleich auf
etwaige Schurkenstreiche, die gegen seinen Geldbeutel und seine Reputation im
Anschlage, diplomatisch vorbereitete? Und dann dankbare Verabschiedung und in
den nächsten Tagen einen Ausflug, von dem kein Mensch wüsste, wozu und wohin? Als
Geburtstagsgeschenk, das er sich selbst macht, dem vollen Frühling entgegen,
nach diesem langen Winter des Missvergnügens? Hinaus in die freie Ferne und die
Stadt mit ihren Fesseln und Quälereien weit hinter sich? Wahrhaftig, der Bosheit
der lieben Mitbürger zu entkommen, muss man ihnen den Rücken kehren, sich
vergessen machen, untertauchen, verschwinden. Und weil die Bosheit immer
irgendwen und irgendwas haben muss, sich daran gütlich zu tun, wie der räudige
Hund an einem Knochen, den er sich in der Gosse erschnüffelt, so wird sie für
das entwischte Opfer sich flugs ein neues suchen. Die verfolgende Meute der
menschlichen Blutunde muss die Spur verlieren ... Ja, er wird sich der Hetze
durch eine Frühlingsfahrt entziehen ... Brigitta hat sich ja wieder erholt und
die Einsamkeit wird auch ihr doppelt gut tun, wenn sie von seinen Nervositäten
nicht mehr zu leiden hat ... Und dem Weiler einen geharnischten Schreibebrief
zum letzten Gruss, der Zähne und Hörner haben soll, damit er sich sputet, den
verfahrenen Finanzkarren wieder auf glatte Bahn zu bringen ... Vielleicht wäre
es auch empfehlenswerter, mit dem Rassler die Sache schriftlich abzumachen; da
weicht man unangenehmen Gegenreden aus und hat die eigene Rede vollkommen in der
Gewalt; zudem ist es nicht klug, noch einmal das Haus zu betreten, das so
störende Erinnerungen weckt ... Im übrigen soll der dicke Kommerzienrat sich
selber seiner Haut wehren ...
    »Aber dem Tristaniden Doktor Trostberg, dem könnte ich den erbetenen Besuch
abstatten. Wenn ich nur nicht seine Redseligkeit fürchtete, heute, wo mir
ohnehin der Kopf summt. Ich werde ihm ein willkommenes Studienobjekt sein. Eine
abstrakte Natur, wird er sich wenigstens nicht in meine persönlichsten
Angelegenheiten eindrängen. Er sieht im Einzelnen nur das Allgemeine. Er ist ein
kühler ein frostiger Schematisierungsfanatiker. Seine Art, das Leben zu
betrachten, wird mir gerade jetzt wohl tun, wie ein kaltes Sturzbad einem -
erhitzen Kopf. Ich geh' zu ihm ... Na, er wird Augen machen ... Mit meinem
optimistischen Widerpart wird's freilich nicht weit her sein ...«
    Als Drillinger aus dem Schattenkreise der Kastanien treten wollte, kam eine
lebhaft plaudernde Gruppe über den Steg am Wehr geschritten. Es waren drei
Männer mit Cylinderhüten und hellfarbigen, kurzen Frühjahrsüberröcken.
Drillinger trat rasch ein par Schritte zurück und lehnte sich an einen Stamm. In
der Mitte des Steges blieben die Cylinderhüte stehen, vor der altertümlich aus
Stein gehauenen Statue des heiligen Nepomuk mit dem, dürren Mooskranz, der im
Scheine der nahen Gasflamme den Hals der grauen Bildsäule wie ein braungoldener
Wulsttragen umschloss.
    »Teufel noch einmal,« sprach Drillinger für sich, »die stehen genau so da,
wie das Cylinderkleeblatt, das ich einigemale an der Ecke des Gärtnerteaters
bemerkt habe. Die reissen Witze über den armen Brückenheiligen, wie man an der
Bewegung der Cylinder und an dem Lachen merken kann. Die Worte verschlingt das
tosende Wasser. Ich stehe selbst so da wie ein Marterl ...« Dass ihm das dumme
Bild von damals wieder in den Sinn kommen musste. Er ärgerte sich über sich
selbst und die Andern.
    Jetzt kamen sie näher. Er verstand zuerst nicht jedes Wort, aber immerhin
mehr, als ihm lieb war.
    »Die vornehme G'weih-Strasse ...«
    »Wenn ich Rassler wäre, beantragte ich die Umtaufe ...« Es war eine meckernde
Bassstimme. Der Sprecher trug einen semmelgelben Überrock.
    »Rassler ... Laus der Gute ... Laus der Gute ...«
    »Menelaus-Strasse! Das machte sich verflucht klassisch ...«
    »Das Spotten ist umsonst. Wenn die Quaistrasse je einmal umgetauft wird ...«
    »Das wird sie sicher, denn in München wird alles umgetauft - nicht bloss die
Strassen -«
    »Auch die grossen Politiker: die Schwarzen in Patrioten, die Patrioten in
Zentrumsmänner ...«
    »Zentrümmer klingt schöner und kürzer ...« dabei schwang der Sprecher einen
Rohrstock mit silbernem Knauf, der im Gaslicht schimmerte.
    »Dann wird aus Quaistrasse Rassler-Strasse, da schwör' ich drauf, denn in der
sogenannten Kunststadt siegt die Industrie über Geist und Witz und Verstand und
wer den straffen Geldbeutel hat und zur rechten Zeit mit Geräusch zu öffnen
versteht, der zieht ein in die Ruhmeshalle des Münchener Spiessbürgertums und
bekommt Statuen und Strassennamen, er mag ein Hornvieh sein in Folio ...«
    »Ach, Schnürle, hören Sie doch auf mit Ihrem Künstlerneid ...«
    »Bei Rassler ist noch kein Licht ...«
    »Im Dunkeln ist gut munkeln. Drillinger, wisst Ihr, liebt das stimmungsvolle
Dunkel für seine Schäferstunden.«
    »Na, dem werden wir jetzt in der Kloake für öffentliche Beleuchtung sorgen.«
    »Wenn ihm diesmal das Schäfern nicht verleidet wird, dem stolzen Wiedehopf
...«
    »Dann will ich dem Pressbanditen als einem dreckigen Stümper eigenhändig den
Kragen umdrehen ...«
    »Seien Sie ohne Sorge, die Abbildung allein genügt, dass den alten Hahnrei
Rassler der Schlag trifft.«
    »Das wär' des Guten zu viel. Da hatte ja der schöne Max gewonnenes Spiel!«
    Sie waren auf die Quaistrasse hinübergeschritten. Die Stimmen erstarben in
der Ferne.
    »O ihr infamen Schweinehunde!« knirschte Drillinger. »Also ihr! Dieser
Schnürle, dieser Fabian Pemsl ... der wie oft meine Kasse und meine Arbeit in
Anspruch genommen ...«
    Den Dritten hatte er nicht erkannt.
    Er hätte sie erwürgen mögen, die Haut über die Ohren ziehen, in eine Pfütze
treten, in die Isar schmeissen, - allein er konnte nicht von der Stelle, es war
ihm, als wäre er knietief in den Erdboden gesunken, sein Oberleib schwankte, er
musste sich am Stamm festalten. »Diese infamen ...« Die Wut presste ihm die Zähne
aufeinander, dass er kein Wort mehr hervorbrachte. Er starrte in der Richtung der
Quaistrasse den Cylindern nach und obwohl sie um die Ecke der Maximilianstrasse
verschwunden waren, schien es ihm doch, als wackelten sie noch unter der letztem
Gaslaterne gleich schwarzen Gespenstern neben Rasslers Gartentor. Nach einer
Weile brach er in ein nervöses Lachen aus. »Zu Trostberg!«
    Die Frau Kommerzienrat war mit den Kindern nun wohl schon eine starke Stunde
unterwegs. Zuerst hatte sie keinen festen Plan. Nur an die Luft und möglichst
fern von jedem menschlichen Antlitz! Hermann und Franz gingen voraus - Hermann
trug einen hellen Überrock und ein steifes schwarzes Hütchen mit geschwungener
Krämpe, wie ein junger Herr; Franz dagegen war in seinem Matrosenanzug von
leichtem dunkelblauen Tuch und Eugen in seinem braunen Jägertrikot.
    »Wohin zu, Mama?«
    Sie zeigte mit der Hand über den Steg. Eugen blieb an ihrer Seite; das
Zischen, Broddeln und Tosen der Isar-Wasserfälle an der Feuerwerksinsel erfüllte
ihn mit freudigem Grausen, mit süsser Angst. Er kam sich in seiner Furchtsamkeit
doch so kühn vor, über die alten, morschen Balkenlagen, die jüngst erst mit
frischen Stämmen ausgeflickt worden waren, dahinzuschreiten, unter sich die
ungeheuren Strudel, deren Gewoge in weissem Schaum aufspritzend, donnernd von
Absatz zu Absatz hinab springend, auf der anderen Seite der Insel das tiefer
liegende, ruhige Bett erreichte. An der wildesten Stelle, wo der Wasserschwall
am unheimlichsten tobte, dass vor lauter schaumigem Gischt und glitzernden:
Sprühnebel das grüne Isarwasser nicht mehr zu erkennen war, hielt sich Eugen auf
der einen Seite an der Hand der Mutter, auf der andern an der dünnen, grauen
Holzstange, welche das Geländer vorstellte, denn die Stadtväter, hatten sich
aller Unglücksgefahr zum Trotz noch nicht entschliessen können, diese Ufer- und
Wegstellen des doppelarmigen, reissenden Flusses mit zuverlässiger schützenden
Eisengeländern zu umgeben.
    »Mama, sieh, hier ist die grüne Isar ganz weiss.«
    »Ja, mein Kind.«
    »Wie Milch.«
    »Ja.«
    »Es gibt ein Land, Mama, wo Milch und Honig fliesst, sagte Herr Schlichting.
Das muss schön sein. Da möchte ich hin. Du auch, Mama?«
    »Ja, mein Kind.«
    Hermann und Franz blieben bisweilen im Gespräche stehen, lehnten sich über
die Geländerstange, riefen den Nachkommenden Bemerkungen oder humoristische
Warnungen zu, liessen sich aber von Mama und Eugen nicht mehr einholen; sie
fühlten sich als freie Spaziergänger, die nach eigenem Geschmack dahin und
dortin schlendern konnten. Ein rückwärts gewandter Blick genügte ihnen, immer
den geziemenden Abstand wieder herzustellen, wenn sie etwas zu weit vorangeeilt
waren. Die Richtung, die fortan einzuschlagen war, konnte ja nur die eine sein:
zwischen den Wassern, auf den Stegen und Landzungen der zwei Isarläufe bis
hinauf an die Reichenbachbrücke. Frau Rassler ging gleichmässigen Schrittes, die
grossen, ernsten Augen gesenkt, ihr feines, bleiches Gesicht von dem schwarzen,
mit Schmelzperlen besetzten Hut umrahmt, die stolzen Lippen ein wenig schlaff
geöffnet, manchmal in den Winkeln krampfhaft bebend. Sie hielt einen Augenblick
die Schritte inne und atmete kräftig.
    »Mama, bist Du müde?«
    »Nein, mein Kind.«
    »Mama, was ist unter dem Wasser, dass es immer so aufstrudelt?«
    »Es wird über Löcher und Steine und Felsen gejagt und da überschlägt
sich's.«
    »Wer jagt's denn?«
    »Es jagt sich selber, weil's abwärts will.«
    »Warum will's denn abwärts?«
    »Weil's muss, es kann nicht anders. Sein Lauf ist so.«
    Nach einigem Besinnen fing Eugen wieder an: »Ist es wahr, sind Hexen unter
dem Strudel? Die Gusti sagt, es sind Hexen darunter und die machen das Wasser so
wild, dass es strudelt.«
    »Das sind Dummheiten.«
    »Gusti sagt oft Dummheiten, Du hast Recht, Mama.«
    Die Abendsonne warf helle, warme Flecke aus die gelblichgrünen Wipfel der
Uferweiden am Gasteigabhang, während die städtische Baumschule unten am Flussrand
schon im Schatten lag. Frau Rassler schloss ihren weiss und schwarz gestreiften
Entontcas.
    »Sieh, Mama, wie das goldene Kreuz auf dem Auer Kirchturm funkelt.«
    Der durchbrochene Helm des gotischen Turmes der Mariahilfkirche aus rotem
Sandstein stand wie verklärt in seinem lichtrosigen Scheine und erhob sich in
majestätischer Ruhe aus der geräuschvollen Flusslandschaft; etwas weiter rechts
schwang sich der schlankere Giesinger Kirchturm in dunklerer Färbung und
anmutigen Lullen in den grausilbernen Duft des von gelben Schleierwölkchen
durchwobenen Himmels.
    Jetzt waren Hermann und Franz an der Reichenbachbrücke angelangt; sie
blickten rückwärts: »Gehen wir da hinüber?«
    Die Mama war so in Gedanken, dass sie nicht auf die Frage achtete.
    Im Wirtshaus an der Ecke der Frühlingsstrasse spielte eine fidele Musikbande
»Ach ich hab' sie ja nur auf die Schulter geküsst.« Hermann pfiff die Melodie mit
und blieb bei der zerlumpten Händlerin stehen, die unter einem grauleinenen
Schirmdach am Brückeneingang auf einem schmutzigen wackeligen Tisch ihre Waren
feilbot: gebratene Fische und Schmalznudeln, schichtweise aufgehäuft, von
schöner dunkelbraunroter Farbe mit gelblichen Tupfen.
    »Einkäuft, junger Herr, einkauft!«
    Hermann hätte gerne in seiner Laune irgend eine scherzhafte Ansprache an die
Handelsfrau halten oder sonst einen Possen mit ihr anfangen mögen, - allein die
Mama! Und es waren auch zu viele Leute da; das war auf der alten Holzbrücke ein
Gewühl von Arbeitsvolk, das in die Stadt zurückkehrte oder nach der Vorstadt
hinaus ging, die meisten mit spasslosen, vergrämten Gesichtern und schlechten
Kleidern, dass dem vornehmen Kommerzienratssohn die Lust verging. Franz hatte
sich auf den hohen Wurzelast eines alten riesigen Weidenbaumes, der mit seinem
weitausladenden Astwerk hart am Ufer stand, voll turnerischer Behendigkeit
aufzuschwingen bemüht und rief jetzt dem herbeieilenden Eugen zu: »Hilf ein
wenig, da oben ist's lustig zu sitzen!«
    Eugen fasste den Kletterer unter dem rechten Knie, dann unter dem linken
Knöchel und machte hup, hup. Richtig war Franz mit brüderlicher Nachhilfe
hinaufgelangt. Er tat noch ein übriges und stellte sich hoch auf - auf dem
originellen Wurzelsitz.
    »Jetzt musst Du eine Predigt halten, wenn Mama vorüberkommt!« rief Eugen voll
freudiger Selbstbewunderung seiner Stärke und seines Einfalls. »Gelt, Franz?«
    »Ja, wenn mir etwas einfällt.«
    »O nur so etwas - wie das Einmaleins oder das Vaterunser, das wird Dir schon
einfallen,« meinte der kleine Eugen in seiner drolligen Klugheit, während er
sich bückte, um ein zart gedrechseltes Schneckenhäuschen aus, dem frisch
sprossenden Gras aufzuheben.
    Frau Leopoldine fühlte sich ermüdet; ihr Gang war schleppend geworden. Hier
in diesen jungen Anlagen war sie einst mit Max von Drillinger spazieren gegangen
- war's wirklich erst vor einem Jahr? Ja, wirklich - und es dünkt ihr doch so
weit, so weit zurück. Und auch zur Frühlingszeit war's. Und auch eine böse Szene
war vorausgegangen. Allein die Umstände waren damals ganz anders. Der Baron
schien wirklich in seiner Liebe neue Läuterung und in seiner Treue neue Kraft
gewonnen zu haben, sein ganzes Leben ernster zu erfassen. Auch die Beziehungen
zu Rassler hatten vieles Entwürdigende abgestreift. Freilich wagte man noch nicht
an die Zukunft zu rühren: wie denn aus diesem Gesetzlosen ein Gesetzliches, aus
dem Unerlaubten ein Erlaubtes werden könne ...? Aber es gab eine Versöhnung,
eine Verständigung ... Wie viel blendende Wunder bot damals die verjüngte Welt,
der neu erblauende Himmel ihrem Auge! Es war, als rauschte die Isar ihr das Echo
all' der bezaubernden Reden und Schwüre Drillingers ins Ohr ... Ach, wo ist sie
hin, die Poesie jener Abende am Isarufer, wo sie und er, ein verbrecherisches,
aber überseliges Liebespaar, im grinsen Blätterschatten ihre Wonnen bargen ...
Nein, nicht mehr daran denken, nie mehr! ... Unselige Welt! ... Wie verfliegt
aller Zauber, sobald sich die Sonne der Liebe verdunkelt, wie kalt und hässlich
wandelt sich alles Leben ... Einst hatte sich Leopoldine das Wort
aufgeschrieben: »Wem nie von Liebe Leid geschah, geschah von Lieb auch Liebe
nie.« Das war mehr als Leid, was ihr Max v. Drillinger jetzt zugefügt, das war
Beleidigung, Infamie! Und Zorn und Ekel wollten sie erfassen ...
    »Eugen? Wo bist Du?« rief sie ängstlich und ärgerlich zugleich, als sie sich
plötzlich allein, sah.
    »Hier, Mama! Such mich!« antwortete der Schelm mit verstellter Stimme hinter
dem Weidenbaum hervor.
    Und als sie sich nun näherte und Franz seine Predigt beginnen wollte, fiel
ihm wahrhaftig nichts ein als das Einmaleins, das Vaterunser und ein
Bibelspruch. Und er deklamierte mit naivem Patos den Spruch: »Gott ist die
Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm.«
    Klang's ihr nicht wie Hohn aus Kindesmund?
    »Gelt, Mama, der Franz predigt gut? Ich schenke ihm ein Hans zur Belohnung.«
Er warf ihm das Schneckenhäuschen hinauf. Franz fing es geschickt auf - und da
fiel ihm plötzlich etwas wunderbar Poetisches ein: »Raum ist in der kleinsten
Hütte für ein glücklich liebend Paar!« Er wusste nicht mehr, wo und von wem er
das gehört hatte, vielleicht von der Gusti oder vom Jean, wenn sie abends an den
Hoffenstern ihre Gefühle austauschten und die Buben mit brennenden Wangen
lauschten, - aber famos war es gewiss. Den Zeigefinger auf das emporgehaltene
Schneckenhäuschen richtend - »Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich
liebend -« Was war das? »Ach Gott, Mama, warum schlägst Du mich?« Und mit einem
Satz war er auf dem Boden und stand totenbleich vor ihr. »Mama, was hast Du
getan?«
    Hatte sie wirklich mit dem Schirm nach dem deklamierenden Kind geschlagen?
Sie konnte sich im Augenblick nicht deutlich Rechenschaft geben vor Erregung.
Ein furchtbarer Vorwurf drohte ihr aus dem entsetzten Gesichte des Knaben. So
waren sich Stiefmutter und Stiefkind noch nie gegenüber gestanden.
    Hermann kam herbei. Er hatte den Vorgang nur halb gesehen. »Was gibt's
denn?«
    Um sich Fassung zu geben in dieser seltsamen Ratlosigkeit, herrschte sie ihn
an: »Geh mit dem Franz heim, er war unartig. Eugen bleibt bei mir.«
    Hermann betrachtete bald die Stiefmutter, bald den Bruder. Dann schüttelte
er den Kopf, fasste Franz am Arm und sagte: »Gut, gehen wir heim. Komm!«
    »Darf ich nicht auch mit heim?« fragte Eugen schüchtern, mit einem fragenden
Blick auf die Hand in Hand davongehenden Brüder.
    Was wollte sie eigentlich nun selbst?
    Sie reichte Eugen schweigend die Hand und ging mit ihm der Brücke zu. Kaum
war sie in der Mitte derselben angelangt, stiess sie in einer Lichtung des
Gewühls auf den Professor Hirneis. Seine Freunde hatten immer behauptet, dass er
zwei linke Beine habe, denen schwer auszuweichen. Diesmal schien die
Unmöglichkeit des Ausweichens auf beiden Seiten gewesen zu sein. Sie waren sich
fast schon auf die Füsse getreten, als sie sich erst erkannten.
    »Ah, Frau Kommerzienrat, sieht man Sie auch wieder einmal; welch' angenehme
Überraschung!«
    »Die hätten Sie sich früher verschaffen können, Herr Professor, wenn Ihnen
daran gelegen wäre ...«
    »Gnädige Frau, das Leben stellt Ansprüche ... Wollen Sie sich gütigst
erinnern, dass ich einmal fünf Einladungen ausgeschlagen habe, nur um einen Abend
in Ihrer Gesellschaft zubringen zu können.«
    »Das muss sehr lange her sein, Herr Professor?«
    »Ja, nach den vielen Veränderungen, die wir seitdem erlebt, gewiss
einigermassen lange ... Wie geht es dem Herrn Gemahl?«
    »Danke ...«
    »Was führt Sie zu so später Stunde in diese Vorstadtgegend? Darf man so
indiskret fragen als alter Freund?«
    »Das Bedürfnis eines längeren Spaziergangs, Herr Professor,« antwortete sie
nicht ohne Verlegenheit und Überraschung. Was berechtigte ihn zu dieser
Aushorcherei? War ihr Privatleben etwa wie ein Buch, in dem jeder blättern und
nach Belieben Fragezeichen und Randglossen anbringen durfte? Hat nicht jeder
genug zu tun, sein eigenes Lebensbuch zu studieren und in Ordnung zu halten?
Oder erwirbt mit der Berufung auf alte Bekanntschaft jede Rücksichtslosigkeit
einen Freischein?
    »Wohnt nicht auch der Herr Baron von Drillinger hier in der Nähe? In der
Auenstrasse?«
    Er konnte sich diese unverschämte Anspielung nicht schenken.
    »Sie können versichert sein, dass mir das sehr gleichgültig ist. Mein Besuch
in der Auenstrasse gilt einer ganz anderen Person - einer - einer
Kindspflegerin.«
    Das war ihr wie eine Eingednug gekommen. Vor einer Minute hatte sie selbst
noch nicht daran gedacht. Aber jetzt war's doppelt gut, dass ihr diese Absicht
nachträglich zu ihrem Spaziergang eingefallen. Die Kindspflegerin! Der Gedanke
an Elisa v. Hutzler war ihr durch den Kopf gebljetzt. Aber warum Kindspflegerin?
Richtig, Eugens Amme wohnte mit ihr im nämlichen Häuschen. Und beiden Frauen
stand sie als Wohltäterin schon lange nahe. Jetzt, wo alles im tollen Wechsel
kreist, wird es auch da eine Veränderung geben. Es ist gut, darauf
vorzubereiten.
    Der Professor aber dachte: »Natürlich rückt sie ihm auf die Bude und
schleift den armen Jungen als Aushängeschild der Harmlosigkeit mit.« Er stellte
sich jedoch möglichst befriedigt von dieser Antwort: »Freilich, ja, ja, ich kann
mir's denken; ein Werk der Barmherzigkeit, so en passanr, wie es unsere im
Wohltun nie ermüdenden Frauen zu üben pflegen. Ich will Sie nicht länger
aufhalten. Es ist mir eine grosse Freude gewesen. Habe die Ehre, Frau
Kommerzienrat, habe die Ehre!«
    Die, Ehre! Ja, ja.
    Das war der berühmte Gelehrte und Schriftsteller, um den sich die,
schöngeistigen Damen rissen, ihre Gesellschaftsabende mit ihm zu schmücken - und
in seinem Gemüte doch nur ein roher Egoist und rüpelhafter Geck. Wie so viele
andere hatte er auf den ersten kommerzienrätlichen Soireen Frau Leopoldine
umschmeichelt und manch ein glühendes Gedicht in professorlichem Zopfstil
gewidmet, sogar ein komisches Epos »das bräunliche Schinkenbein« hatte er sich's
kosten lassen, sie wenigstens zur Bewunderung seiner universellen Begabung zu
entflammen und ein dankbares Lächeln von ihr zu erhaschen; denn ihr Lächeln,
behauptete er damals, sei noch schöner, als ihr wunderschöner Mund, ihr Blick
noch schöner, als ihr wunderschönes Auge ... Als sich jedoch sein von Frau
Rassler nicht genügend gewürdigtes Genie zu innigerem Bunde mit der holden Psyche
der Tusnelda Wechsler vereinigt hatte - »ich schwärme für das Abnorme,«
rechtfertigte Tusnelda ihre neue Neigung - zog sich der Vielbegehrte zurück.
Seine Besuche wurden seltener, dann hörten sie ganz auf. Und jetzt haderte -
Frau Leopoldine mit sich selbst, dass sie ihm bei dieser zufälligen Begegnung
noch Rede gestanden, statt sich auf eine förmliche und flüchtige Erwiderung
seines Grusses zu beschränken. Ja, sie hatte ihn nunmehr im Verdacht, dass er
vielleicht dem in Hexametern verfassten anonymen Spottgedicht nicht ganz ferne
stehe, das sie vor wenigen Tagen erhalten und worin in ziemlich schmutziger
Geistreichelei auf das angebliche Verhältnis Drillingers mit einer kleinen
Gesangskünstlerin angespielt war: nachdem er sich lange gemüht, mit markigem
Strich der hochgereckten Bassgeige wonniges Getön zu entlocken, presse ein
zierliches Violoncell er jetzt zwischen die ermüdeten Kniee - Leopoldine
erinnerte sich der gekünstelten Wortfolge nur noch ganz lückenhaft und
undeutlich, denn sie hatte das boshafte Pasquill im ersten Zorn sofort
verbrannt.
    »Mama, gehst Du noch weit? Du gehst so schnell!« stiess der kleine Eugen
hervor mit Tränen in der Stimme.
    »Armer Kerl, Dir geht's heute auch schlimm. Nein, wir gehen nicht mehr
weiter. Nur noch ein paar Schritte. Wir fahren dann ein grosses Stück mit der
Trambahn zurück.«
    Sie beugte sich zu ihm nieder und streichelte ihm tröstend die Wangen und
küsste ihn.
    Am äussersten Ende der Auenstrasse lag hinter dem grossen, eingeplankten
Platze, der im Sommer als Nennplatz für die Radfahrer, im Winter als Eisbahn für
die Schlittschuhläufer diente, eine Reihe von uralten, einstöckigen Hänschen,
umgeben von Gärten, Gemüsefeldern und Schuttablagerungen. Die Bauart war die
denkbar einfachste, ländlichste. Die Wände waren wettergrau, die Türen und
Fenster ohne Symmetrie, die Ziegeldächer sassen windschief. Aber es sprach etwas
Trauliches, Anheimelndes aus diesen anspruchslosen Gebäuden. Das eins hatte eine
gedeckte Treppe gegen den Garten, mit wildem Wein oder Epheu umrankt, das andere
eine Art von Veranda, wo Rosmarin, Goldlack und rote Nelken in Töpfen blühten,
das dritte eine Holzaltane, - wo seit Generationen die treue Hausschwalbe ihr
Sommernest bezog - kurz, jedes hatte etwas, was die Freude seiner Bewohner an
dieser stillen ländlichen Natureinsiedelei im Rücken der Stadt und fünfzig
Schritte von der Isar, die zwischen hohen Bäumen und Büschen eilig
dahinrauschte, zur Lust am Romantischen im stimmungsvollen Kleinleben der Armut
erhöhen konnte.
    Meist wohnten hier Leute, die eine lange, billige Miete geniessend, ein
Stückchen Feld dazu gepachtet hatten und eine bescheidene Gemüsegärtnerei
trieben, oder Schiffbrüchige des kleinen Gewerbestandes, die sich hieher wie auf
ein Wrak gerettet hatten, oder solche, die in der Zurückgezogenheit ihr Leben
fristen und die Wunden vernarben lassen wollten, welche ihnen der Kampf um ein
eigenwillig, von der gewöhnlichen Ordnung abweichend gestaltetes Dasein
geschlagen hatte.
    Zur letzten Gattung gehörten die Bewohner des abseits vom Landwege
liegenden, nur auf einem schmalen, holperigen Pfade zu erreichenden
Gartenhäuschens, über dessen vermorschte, ausgetretene Holzschwelle jetzt die
Frau Kommerzienrat Rassler mit ihrem Söhnchen schritt.
    »Elisa v. Hutzler singt,« sagte sie und blieb einen Augenblick im dunklen
Flur stehen, tief Atem holend und den seufzerartig anschwellenden und
verwehenden Tönen der Sängerin lauschend. Es war eine kranke, müde Stimme, die
sich an einem wenig bekannten pietistischen Liede aus dem vorigen Jahrhundert
abmühte. Auf einem ausgespielten Harmonium wurden weinerliche Akkorde dazu
angeschlagen. Der Text, soweit ihn Frau Rassler verstehen konnte, war sonderbar
genug, rührte sie aber in seiner frommen Naivetät fast zu Tränen. Sie liess sich
auf die Treppe nieder und zog das Kind auf ihren Schoss. Draussen waren die
Lichter des Sonnenuntergangs verglommen. Die Nacht sank dunkelnd hernieder ...
Der seufzerartige Gesang, klang wie aus einer andern Welt ... An einzelnen
Stellen fiel eine tiefe, zitterige Männerstimme mit ein, ganz geisterhaft ...
Wo ist mein Schäflein, das ich liebe,
Das sich so weit von mir verirrt,
Und selbst aus eigener Schuld verwirrt,
Darum ich mich so sehr betrübe?
Wisst ihr's, ihr Auen und ihr Hecken,
So sagt mir's, eurem Schöpfer an:
Ich will seh'n, ob ich's kann erwecken
Und retten von der Irrebahn.
    »Mama, wer singt so? Mama, Du weinst?« Und ängstlich umschlang das Kind den
Hals seiner Stiefmutter. »Mama, müssen wir lange da bleiben? Erwartest Du
jemand, Mama?«
    Sie presste den kleinen, scheuen Frager an die leidenschaftlich wogende
Brust. Von oben klang der Gesang fort:
Ich will dir keine Ruhe lassen,
Ich will dich locken bis du hörst
Und dich von Herzen zu mir kehrst;
Ach, wie will ich dich dann erfassen
Und an mein Herz ganz sanfte drücken,
An Liebesseilen sollst du gehn,
Dann wird kein Feind dich mehr berücken,
In meinen Hürden sollst du stehn.
    »Mama, ist eine Kirche da droben? Das klingt wie eine Orgel.«
    »Das ist mehr als Kirche und Orgel, mein Kind. Das ist ein frommes Herz in
einem frommen Haus ... Komm jetzt!«
    Das Stübchen lag im Dunkeln. Der Abendgruss Leopoldinens wurde zunächst mit
dem Anzünden einer Stearinkerze beantwortet. Elisa v. Hutzler leuchtete dem
späten Gaste ins Gesicht. »Ach Sie!«
    »Ja, ich und hier mein Eugen.«
    Von der Ecke hinterm Ofen her eine zitterige Stimme: »Danken Sie Gott für
Ihr Kind. Wo ist das meinige? Räuber und Mörder ... Ich werde es nie wieder
sehen ...«
    »Wenn es Gottes Wille ist, Knöbelseder, ja!« unterbrach ihn beschwichtigend
Elisa von Hutzler. Und sich zu Frau Rassler wendend, flüsternd: »Ach, es ist noch
schlimmer mit ihm geworden, seit Sie zuletzt hier waren, edle Wohltäterin. Er
ist ganz erblindet und der Wohnungswechsel damals hat seinen Verfolgungswahn neu
genährt. Und auch hier ist kein Bleibens. Es wurde uns fürs nächste Ziel
gekündigt. Wie uns das bekümmert. Wir müssen fort und wissen nicht wohin.«
    »Ja, wir sind heimatlos auf heimischer Erde,« hob die zitterige Stimme
hinter dem Ofen wieder an. »Wo man sich unter einem Dache glaubt, wird's
abgerissen. Wir sind obdachlos. All' die schönen, alten Häuschen ringsum an der
Isar werden abgerissen - ist's wahr? Zuletzt müssen wir armen Leute in den
Steinbruch, wie der Maler Essenbach, wenn wir nicht vorher ins Grab sinken. Die
Geldmenschen kennen kein Erbarmen. Warum verfolgt Gott die Armut so?«
    »Lästere nicht, Gregor. Die Frau Kommerzienrat hat uns viel Gutes getan,
sie wird auch ferner ihre Hand nicht von uns abziehen. Wie dankbar müssen wir
ihr sein ...«
    »Ich bin ja selbst bettelarm, und was ich Ihnen gegeben habe, war nicht von
meinem Eigenen; mir haben Sie nichts zu danken, ausser der Vermittlung, denn
nicht die Gabe war mein, nur die Hand, die sie dargereicht hat.«
    »Und das Herz! Ihr grosses, gutes, edles Herz!« rief das alte, verrunzelte
Fräulein mit einer Gewalt, der Empfindung, der ihre Stimme nicht gewachsen war,
so dass sie überschlug und quicksend und weinerlich klang wie die eines Kindes.
»Gott wird es tausendfach an Ihren Kindern lohnen, Frau Kommerzienrat!« Und sie
legte, ihre welke Hand segnend auf den Scheitel Eugens, der sein Köpfchen
ängstlich senkte. »Wie ist der Junge gewachsen und schön geworden, seit wir ihn
nicht mehr gesehen ...«
    »Ja, das Kind, das Kind, wie ist es schön geworden ... Wisst ihr's, ihr Auen
und ihr Hecken? O mein Schäflein ... Räuber, Mörder ... Mitmenschen ...«
    Frau Rassler kannte diese Jammerausbrüche des alten Mannes, aber nie waren
sie ihr so zu Herzen gegangen wie heute. Eugen hing krampfhaft an ihrem Arm. Ja,
sie musste den Besuch abkürzen und gehen. Es war auch schon so spät. Nur noch die
Frage nach der Barbara und ihren Pfleglingen - aber ob sie es über die Lippen
bringen wird, eine mögliche Verkürzung der seiter gewährten Unterstützung
anzudeuten?
    »Und Eugens Amme, die Barbara?«
    »Das Mädchen von der Tochter des Barons in der untern Isarstrasse hat sie
aufs Land gegeben, nach Talkirchen. Sie nimmt ein Geringeres an. Heut Abend ist
sie fortgegangen, es abzuholen. Sie wollte der gnädigen Frau schon Mitteilung
machen. Wenn wir umziehen müssen, o gnädige Frau, das vermehrt auch für die
Kinder die Kosten; wir haben wenig genug für uns übrig.«
    »Wie viele Pfleglinge hat jetzt die Barbara?«
    »Drei mit dem, das sie heut Abend abholt; sie wird Ihnen die Adresse der
Wöchnerin schreiben.«
    »Nein, nicht schreiben, Fräulein Elisa; es könnte doch einmal ein Brief in
die Hände meines Mannes geraten, und wir stehen nicht so, dass ich ihm ohne Hader
und Vorwürfe Aufklärungen geben könnte. Er hat jetzt noch weniger Verständnis
für arme Kinder und Mütter als früher. Das muss alles heimlich bleiben, wie
bisher, verstehen Sie? Kein Mensch auf der Welt braucht, zu wissen, was ich für
die Andern tue.«
    »Heimlichtun ist Unglück,« murmelte der Greis in der Ecke.
    »Ja, Frau Kommerzienrat, wie es in der Bibel heisst: die Rechte soll nicht
wissen, was die Linke tut. Ach, wenn Sie nur noch zwanzig Mark zulegen wollten
im Monat ... Die Not ist gross ...« brachte Elisa zaghaft heraus, aber man merkte
doch, dass sie, zu fordern gewohnt war.
    Frau Rassler schüttelte traurig den Kopf: »Wüssten Sie, wie viele
Verpflichtungen ich habe und wie schwer es mir oft wird, die Almosengelder
zusammenzubringen ...«
    Nein, sie konnte heute nicht davon anfangen.
    »So sind die reichen Leute,« dachte Elisa v. Hutzler, denn sie hatte
wirklich keine Ahnung, dass sie seit Jahren für sich, für Barbara und deren
Pfleglinge nicht nur reiche Spenden, sondern schwere Überwindungen und Opfer von
Frau Rassler geheischt und in unerschöpflicher Güte empfangen hatte.
    »Überlegen Sie sich's, gnädige Frau, nur zwanzig Mark ...« hob die Bittende
wieder an. »Um der armen Kinder willen ...«
    »Wir wollen sehen. Gute Nacht. Einen Gruss an Barbara.«
    - - - -
    Gleichzeitig mit Hermann und Franz, die ohne Säumen heimgegangen waren,
schritt ein modisch aufgeputzter, höchst eleganter und selbstbewusster Herr - in
seinem Äussern eine Mischung von Künstler und Stutzer mit hochmütiger Bravour zur
Schau tragend - die Treppe zu Rasslers Wohnung hinauf: der Neffe des
Kommerzienrats, der berühmte Modephotograph. Er nickte den beiden Knaben nur
flüchtig zu und im Vorzimmer angekommen, ging er sofort zur Tür, dem Diener von
der Seite die Frage zuwerfend: »Der Herr Kommerzienrat ist allein zu Hause, wie
ich unten hörte?«
    »Zu dienen, aber ...«
    Der Neffe hatte die Tür bereits hinter sich geschlossen.
    Die Knaben legten ihre Hüte ab und sahen sich fragend an: sollten sie zu
Papa hinein, oder sich still auf ihr Zimmer zurückziehen?
    »Ich will Papa begrüssen,« entschied Hermann; »Du kannst hinter gehn.«
    »Bitte, einen Augenblick, mein lieber Neffe,« sagte der Kommerzienrat weich,
denn die sentimentale Stimmung hatte den ganzen Abend vorgehalten, »Du brauchst
keine Entschuldigungen für Deinen Besuch und keine Vorreden, ich bin ganz allein
und stehe Dir zu Diensten ... Guten Abend, Hermann! Habt Ihr einen guten
Spaziergang gemacht. Wo ist die Mama?«
    »Ich bin allein gekommen mit Franz. Mama hat uns unterwegs plötzlich
heimgeschickt. Sie ist mit Eugen weiter gegangen, wohin, weiss ich nicht.«
    »Heimgeschickt? Allein weitergegangen? Erzähl'!«
    »Sonst ist nichts zu erzählen. Ich weiss nur, dass Mama den Franz geschlagen
hat; er sei unartig gewesen, sagte sie, und dann hiess sie uns sofort heimgehen.«
    »Geschlagen?« fragte der Kommerzienrat gedehnt und mit eurem Gesicht, als
habe er falsch verstanden. »Geschlagen sagst Du? Wirklich geschlagen?«
    Der Neffe hatte voll angenehmster Überraschung diese Meldung gehört, sich
dann geräuspert und in die Unterredung gemischt: »Erzähl' nur, Hermann,
verschweige nichts!«
    »Ich weiss weiter nichts. Übrigens geht das nur Papa und uns an.«
    »Recht, mein Sohn. Franz soll nachher, hereinkommen!«
    »Gewiss,« sagte der Modephotograph, »ich will mich in diese Kindergeschichten
auch gar nicht eindrängen, aber sie können die Sache bestens beleuchten helfen,
die ich Dir vortragen muss, verehrter Onkel. Ich werde mich kurz fassen. Ich habe
nur wenig Zeit ...«
    Hermann war hinausgegangen mit der festen Miene eines Zeugen, der seine
Schuldigkeit getan.
    »Geschlagen?« quackte der Kommerzienrat wiederholt und behielt den Mund
offen. »Begreifst Du das, Neffe? Ich kenne meine Frau nicht mehr.«
    »Das stimmt. Ich kenne sie um so besser und will sie Dich mit zwei Worten
kennen lehren, denn es ist allerhöchste Zeit, dass Du erfährst, Onkel, was die
ganze Stadt schon längst weiss und was jetzt die Spatzen von den Dächern der
Quaistrasse pfeifen.«
    »Schweig'! Keine Verleumdungen, keine Skandalgeschichten ... Davon will ich
nichts hören ...«
    »Skandalgeschichten wohl, aber keine Verleumdungen, nur die pure Wahrheit,
Onkel, hab' ich Dir zu melden.«
    »Die Wahrheit der Kloake. Wer kennt die nicht? Dort ist der Spucknapf, wenn
Du ein Bedürfnis hast. Ich verstehe vieles nicht an meinem Weibe, aber das ist
kein Grund, dass ich sie vom ersten besten begeifern lasse. Das mit dem Franz
wird sich aufklären. Hast Du sonst noch Schmerzen?«
    Etwas pikiert fuhr der Neffe fort: »Ich hab' Dich seiter für einen Mann von
Ehre gehalten - - o, bitte, ich halte Dich noch dafür!« Die Männer fixierten
sich ...
    Unangemeldet war Gusti hereingetreten, eine Lampe in der Hand.
    »Was willst Du?« schrie sie der Kommerzienrat an.
    »Verzeihung, gnädiger Herr, jene Lampe hat nicht genug Öl, ich will diese
dafür hinstellen.«
    »Scher' Dich zum Teufel, Du kluge Jungfer! Ist Dir das Schlüsselloch zum
Horchen nicht gross genug? Hol' mir den Franz herein!«
    Franz erschien. Er strich verlegen mit der Hand durch sein Kraushaar.
    »Also, wie war's?«
    Der Knabe wurde bald bleich, bald rot. Dass auch der unbeliebte Vetter da
sein musste!
    »Ich, habe zum Spass deklamiert, auf einem Baum, da hat die Mama zornig nach
mir geschlagen mit dem Sonnenschirm ... Dann hat sie mich fortgejagt ...«
    »Und sie ist mit Eugen weitergegangen?«
    »Ja. Hermann hat sie noch mit einem Herrn auf der Brücke stehen sehen.«
    »Mit was für einem Herrn?«
    »Das weiss ich nicht. Hermann hat ihn auch nicht erkannt. Es war zu weit und
schon dunkel.«
    »Geh'!«
    Franz ging. Er fühlte sich erleichtert, dass das Verhör so gut abgelaufen
war.
    Der Neffe: »Arme Kinder!«
    »Was soll das heissen?«
    »Du wirst mir erlauben, Onkel Kommerzienrat, dass ich mir ein Bild von dem
Vorgang mache. Deine Frau hatte, gleichgültig, ob zufällig oder verabredet, in
der Dämmerung wieder einmal eine Zusammenkunft mit einem Herrn. Ohne Zweifel mit
Drillinger. Um keine verständigen Zeugen zu haben, entledigte sie sich der
älteren Knaben, selbst um den Preis einer Misshandlung. Eine Stiefmutter - und
eine Kurtisane! Es ist dunkle Nacht - und sie ist noch nicht daheim.«
    Der Kommerzienrat schrie auf und drohte dem Sprecher mit der geballten
Faust.
    Mit kaltem Hohn, unbekümmert um die Drohung, fuhr der Neffe fort: »Ich bin
leider nicht so naiv, von der Geliebten eines Drillinger etwas anderes zu
erwarten. Du freilich, eine so glückliche Natur! Es würde Dir nur eine lustige
Viertelstunde bereiten, wenn Du sie einmal zusammen im Bett überraschtest, so à
la Venus und Mars. Du würdest Dir die pikante Szene vielleicht von Kropfhei oder
Schnürle noch malen lassen und in Deiner Gallerie aufhängen ... Andere Leute
haben nicht so viel Kunstsinn, dafür etwas mehr Sittlichkeit. Und diese andern
Leute scheinen jetzt entschlossen zu sein, ihren Standpunkt dem Deinigen
öffentlich gegenüber zu setzen. Einige Deiner Konkurrenten, sagt man, sollen
sich der Sache schon bemächtigt haben, um Dich in der öffentlichen Meinung tot
zu machen. In die nächste Ausstellungs-Jury wirst Du nicht mehr gewählt werden.
Numero eins. Numero zwei: - - -«
    »Schweig, schweig!«
    Rassler sank in den Polsterstuhl und hielt sich die Ohren zu.
    »Numero zwei: man wird allen städtischen Unternehmungen, wo Dein Name mit an
der Spitze steht, Schwierigkeiten über Schwierigkeiten bereiten. Numero drei:
man wird zur Durchführung der Isartal-Pläne ein neues Konsortium bilden, in
welchem Du nicht vertreten bist, man wird den Bankier Weiler gegen Dich
ausspielen - -«
    »Blödsinn, Tollhäuslerei!« röchelte Rassler und fuchtelte mit den Händen in
der Luft.
    »Nein, mein verehrter Onkel,« fuhr der Neffe fort, die Einbläsereien des
Bierbarons Polly zum Teil wörtlich wiederholend, »man wird sich auch in den
neuen Brauerei-Aktiengründungen ohne Dein Kapital recht gut zu helfen wissen,
nachdem es auf der Börse ruchbar geworden, dass Du mit Hilfe einiger
Winkelspekulanten Fühlung mit böhmischen und mährischen Gesellschaften gesucht
hast, um mit ihren Papieren den hiesigen Markt zu verderben - -«
    Der Modephotograph hielt inne. Rassler lag mit geschlossenen Augen im
Polsterstuhl, die dicken Lippen einwärts gekniffen.
    Der Neffe trat hinten an den Stuhl heran und setzte leiser ein: »Damit Du
alles weisst: man hat mir den königlichen Hoftitel, um den ich eingekommen,
verweigert, und als ich nach dem Grunde forschte, Hindeutungen auf Dich gemacht
und auf die Entwürdigungen, welche Dein Familienleben Deinem Kommerzienratstitel
bereite. Deine Schande fällt auf die ganze Verwandtschaft. Dein Weib hat den
Fluch der Lächerlichkeit über alles gebracht, was Rassler heisst. Man scheut sich,
persönlich mit Dir zu verkehren. Ich weiss, dass Konsul Schmerold, obwohl er nur
zwei Schritte zu Dir hat, den schriftlichen Weg vorzieht. Das alles dankst Du
der blinden Vergötterung eines Weibes, das keine Frau, keine Mutter, keine
Wirtschafterin, kurzum, das nichts ist als eine stolze Kokette, die sich in
Deinem Reichtum walzt und in den Armen ihres Buhlen. Ich habe gesprochen - nun
ist es an Dir zu handeln. Vielleicht ist es noch nicht zu spät. Gute Nacht.«
    Über dem Lampencylinder zündete sich der Modephotograph eine Havanna an und
schritt hinaus wie ein Held, der eine grosse Tat vollbracht hat und sich nun ein
Vergnügen gönnen darf.
    Rassler lag wie betäubt, er hörte die Schritte des Fortgehenden nicht mehr.
    Frau Leopoldine sah bei der Heimkehr von ihrem Samaritergang - sie hatte auf
dem Rückweg noch flüchtig eine Wöchnerin besucht - den Neffen das Hans
verlassen. Nachdem sie Eugen der Dienerin übergeben, ging sie sofort in das
Zimmer, ihren Gatten aufzusuchen. Er merkte es nicht, dass sie jetzt hinter
seinem Stuhle stand.
    »Dein Neffe war da,« sagte sie nach kurzem Besinnen mit leiser, fester
Stimme.
    Rassler fuhr auf, starrte sie an wie ein Gespenst, die Augen quollen ihm aus
den Höhlen, sein Gesicht war verzerrt ... Er packte sie roh an beiden Armen:
»Kurtisane! Fluch über Dich! Verdammte Buhlerin! Du bist keine Frau, keine
Mutter ... O meine Kinder! ... Fort von hier, fort!«
    Die Stimme versagte ihm.
    Regungslos stand sie da, den Wütenden um Haupteslänge überragend und ihn mit
einem hoheitsvollen Blicke messend, dann kamen von ihren bleichen Lippen die
Worte, tonlos, gemessen: »So geberden sich die Rassler, wenn sie gegen ein
wehrloses Weib zusammenstehen, eine Ehre zu verteidigen, die zu besitzen sie
niemals sich stark und würdig genug gezeigt.«
    Kraftlos liess er die Arme sinken.
    Leopoldine schwankte hinaus. Im Kinderzimmer suchte ihr brennender Blick den
geschlagenen Franz, der in der dunklen Ecke am Spieltischchen sass, die grossen
blauen Augen erwartungsvoll auf die eintretende Mutter gerichtet. Sie ging auf
ihn zu und kniete sich zu ihm nieder, ihn mit Ungestüm an ihre Brust drückend.
Das Kind schlang seine Arme um ihren Hals und schluchzte: »Verzeih, Mama, ich
hab' Dich ja so lieb, so lieb ...«
 
                                       4.
An der Maximiliansbrücke angekommen, schwankte Drillinger, ob er ins Lehel
hinunter gehen und den Doktor Trostberg so spät am Abend aufsuchen solle, oder
ob es nicht mannhafter wäre, dem Fabian Pemsl direkt auf den Leib zu rücken.
Jetzt oder nie müsse etwas Entscheidendes geschehen ... Aber das Entscheidende
in diesem Falle, welche Gestalt würde es annehmen? Wie will man sich mit diesem
Viehvolk ritterlich auseinandersetzen? Durch eine richterliche Klage, durch den
Spruch eines, Ehrenrates, durch ein konventionelles Duell - was ist mit alledem
gewonnen? Der Skandal wird nur um so ärger und es lässt sich gar nicht absehen,
wie weit die Bosheit und Rachsucht der Menschen die einmal öffentlich in Fluss
geratene Geschichte treiben wird ... Ja, lebte man in einem wirklich freien
Lande, wo der Einzelne sich selbst die Unverletzlichkeit seiner Person und
seines Privatlebens sichert und mit den Frechlingen summarische Abrechnung hält,
so würde er diesen schmutzigen Ehrabschneider auf offener Strasse niederschiessen
wie einen tollen Hund! Aber so - in einem sogenannten geordneten Staatswesen mit
seiner verzwickten Maschinerie, seinem büreaukratischen Apparat, seinen
Sackgassen von Traditionen, seinen Bergen von Vorurteilen, wie will man sich da
für alle die gekränkten feineren Empfindungen einer stolzen Individualität Recht
verschaffen? Und das Recht allein, wenn man's nach den haarsträubendsten
Prozeduren endlich zuerkannt erhalten hat, wie kahl und zugestutzt und armselig
nimmt sich's aus im Vergleich zu der vollen, satten Rache, die sich der Mann
ohne Umweg und ohne aktenschmierende Mittelsperson selbst an seinem
hundsföttischen Beleidiger nimmt, indem er ihn mit dem Fuss zertritt wie ein
ekelhaftes, giftiges Insekt!
    Drillinger konnte nicht weiter denken, so sehr hatte ihn aufs neue die Wut
übermannt. Das Rauschen der Isar weckte ein tosendes Echo in seinem Gehirn; es
war als schäumte sein Blut in Sturzbächen durch seinen Kopf und vor seinen Augen
hüpften die Gaslichter auf der Brücke und verbanden sich zu feurigen Schlangen,
die sich in die eigenen Schwänze, bissen, dann zischten und züngelten sie wieder
nach allen Seiten auseinander, verschlungen von der schwarzen Nacht.
    Alles schwankte. Er musste sich, nachdem er links an der noch geschlossenen
Sodawasserbude vorbei war, an die steinerne Brüstung lehnen. Der Wind war
umgesprungen und trug ihm kräftigen Geruch von der Essigfabrik herüber.
Allmählich sänftigten sich seine Gefühle wieder. Er betrachtete sich die
Lebensbilder, die im Halbdunkel der Gasbeleuchtung vor ihm über die Brücke
gaukelten - Lebensbilder, die ihm nicht wesenhafter dünkten als ein
Schattentanz, womit man die Phantasie der Kinder äfft. Da ein Fähnlein
bierseliger Philister mit schweren Hängebäuchen, dort ein Häuflein schwatzender
Bummler, dann wieder Einzelwesen im Gänsemarsch hintereinander, keines sich um
das andere kümmernd, jedes sein unsichtbares Kreuz auf dem wundgedrückten Rücken
schleppend, dann wieder der schäkernde Leichtsinn, das rollende Laster, die
tugendhafte Gedanken- und Trieblosigkeit, dazwischen auf den Schienen der
Pferdebahn ein Glaskasten wie ein vorüberfliegendes Wachsfigurenkabinet. Und
unten rauscht der Fluss, unablässig, wahnsinnig, eine Welle jagt die andere, und
darüber hängt der schwarze Himmel mit seinem flimmernden Sternenschmuck ...
Brigitta wird daheim am Fenster sitzen ... Und Frau Rassler ... Dort ist ihr
Erkerfenster, unbeleuchtet ... Nein, es darf kein Zurück geben. Abgetan ist
abgetan. Hui, die Toten reiten schnell ... Die Toteninsel - mitten in dieser
Frühlingslandschaft - hatte sie's damals bei der ersten Begegnung nicht selbst
gesagt in ahnungsvollem Vorgefühl?
    Vom Erkerfenster schwebt's herab, hinüber, wallende schwarze Schleier vom
Haupt bis zu den Füssen, von der Luft gebläht, sich windend, flatternd,
zerfliessend - vorgestreckte, weisse, schlanke Hände, so bleich, so bleich, ein
Urne umklammernd, darin liegt ein Herz, sein Herz! Still setzt sie's bei auf der
Toteninsel, es klagen die Wipfel, es wimmern die Wellen ...
    Unsinn! Das ist das Leben: ein Soldat geht mit seinem Schatz vorüber, beide
sind benebelt; sie hat seinen Pallasch über die weisse Schürze geschnallt, er
trägt ihren Korb - ein Gendarm hält sie fragend an und zieht sein ledernes
Notizbuch. Ein Musikant - das Weib humpelt mit der Bassgeige hintendrein - ein
frommer Spiesser lüftet seine Schwiegermutter aus, eine alte Jungfer ihren
stinkigen Mops ... »Leben! Ordnung! Ideale!« kreischt ein Studentlein; »ich
pfeife auf den Krämpel, so lange man mir den in der Natur verkörperten
Nihilismus nicht widerlegt ...« »Sittliche Weltordnung, Nihilismus, lauter
Redensarten: das Leben ist das Leben und die Natur ist die Natur - einerlei, was
Ihr für Kommentare dazu schwatzt: Ihr ändert nichts, Notwendigkeit ist! alles,
wie's werden muss, so wird es, Amen. Aber meinen Alten soll der Teufel holen, er
hat mich mit dein Wechsel nun wieder schön aufsitzen lassen ...« »Die Kati, ein
famoser Besen ...« »Der Dingsda, patenter Kerl ...« »Schweinehund ...«
»Leibfuchs! ...« Eine salbungsvolle Stimme: »Geistige Gesundheit ist ein
Ergebnis der Erziehung ...« »Die Zahl solcher Geisteskranker, welche auf Kosten
der Armenpflege unterhalten werden, müssen, ist fortwährend im Zunehmen
begriffen ...« Grell schmetternd: »Die Welt war immer ein Narrenhaus; sobald die
Narren die Mehrheit haben, geben sie den Ton an und wir werden als verrückt
eingesperrt ...« »Ganz in Ordnung, die Majorität hat überall Recht ...«
»Erbliche Neurose ...« »Grössenwahnsinn bei Künstlern, Herrschern ...« »Bei
ganzen Völkern sogar« ... »Kriegslust zum Beispiel, ist sie nicht auch
Wahnsinn?«
    Eine andere Gruppe in diesem nächtlichen Gestaltenzug, der sich wie ein
lebendiger Fries vor dem nervös spähenden Auge Drillingers entrollte:
»Diskontogesellschaft? ... Ich gebe kein Pfund Lumpen dafür ... Der Weiler?
Unkraut verdirbt nicht ... Schlamassel ... In der Isartalbahn - Unternehmung
kommt er gegen den Schmerold doch nicht auf ... Der Halsabschneider am
Dracheneck? ...« »O Jemine!«
    »Ja, mit dem bindet nur an ...«
    Drillinger fühlte sich der Wirklichkeit wieder näher, als er diesen Namen
hörte, und empfand eine gewisse Schadenfreude, als einer kläglich von der üblen
Behandlung wisperte, die er von dem geriebenen Bankier erfahren. O, auch er wird
ihm künftig ganz anders auf die Finger sehen; ein gebranntes Kind scheut das
Feuer. Mit grosser, fast erschreckender Klarheit wollten in Drillingers Kopf die
Erinnerungen an die Morgenstunde in Weilers Winkelbude hervorschiessen. Zuletzt
sind Finanzfragen für eine neue Lebensordnung viel entscheidender, als aller
Liebes-und Familientrara, als alle Empfindelei für den Ehrschnickschnack und
das, »was die Leute sagen« ... Wer Geld hat, hat alles. Nur mit Geld und mit
dem, was Geld bringt, kann man diesem Viehvolk noch imponieren, mit nichts
anderem. Der Geldsack weiht und heiligt alles. Sei ein Hundsfott und habe Geld,
sehr viel Geld, rasend viel Geld - und sie vergöttern dich. Brauchte, er sich
das noch zu wiederholen? Was er sich zu wiederholen brauchte nach diesen
nichtsnutzig aufregenden Tagen war dies, dass man felsenfestes Vertrauen auf sein
Glück haben müsse. Ja, das Glück, es musste auch ihm noch sein lächelndes Antlitz
zeigen ... Wenn er an seinem vierzigsten Geburtstage ein Gelübde hätte ablegen
müssen, es hätte kein anderes sein dürfen, als nie und nimmer am Glück
verzweifeln zu wollen - allen Schikanen zum Trotz. Auch Brigitta soll noch mit
ihm zufrieden sein ...
    Zwei junge Dämchen schlenderten an ihm vorüber und drehten ihm die wiegenden
Köpfe mit den auffallend hohen Federhüten zu. Er glaubte sie zu erkennen. »Ach
die! Die Töchter des verrückten Barons - wie die Gläubigen wissen, Jugendsünden
des Kommerzienrats Rassler - wie die Wissenden glauben. Wo ist in solchen Dingen
überhaupt Gewissheit? Leopoldine wehrte sich immer gegen diese Schleierlüftung;
die Jugend ihres Herrn Gemahls interessierte sie nicht ... Natürlich! Sie wollte
über ihre eigene Jugend niemals interpelliert sein und so oft ich daran rührte,
hätte sie in alle Lüfte fahren mögen ... Die Weiber, die Weiber! O du alter,
weiser König Salomo, der du an neunhundertneunundneunzig noch nicht genug
hattest und noch die tausendste nehmen musstest, was für ein grandioses Hornvieh
bist du gewesen!«
    Nun wollte er sich doch zu seinem Schmerzenreich Dr. Edgar Trostberg auf den
Weg machen; jetzt fühlte er sich wieder in der Stimmung, diesen Nachtbesuch bei
dem lebensfeindlichen Dichterdenker und neuesten Königsgünstling - der Komödiant
war nach kurzer Herrlichkeit im Sonnenschein der Gnade auch wieder kaltgestellt,
ja, ja, dem ewig strebernden Geiling war der Purzelbaum zu gönnen! - mit Ehren
zu bestehen.
    Die Dämchen sahen sich um; sie glaubten offenbar, die Nachfolge Drillingers
gelte ihnen. Als sie in die Mühlstrasse einbogen, schlug Drillinger den nämlichen
Weg ein. Er kreuzte sich mit dem Doktor Wendelin Wamperl, der die Strasse
heraufpustete wie eine marode Lokomotive. Wamperl blieb stehen und blickte den
Frauenzimmern und dem ihnen folgenden Herrn teilnahmsvoll nach.
    Auf der Maximiliansstrasse begegnete er dem Oberst Wotan von den
»Ungespundeten«.
    »Ich glaube, Oberst, soeben Deinem ungespundeten Drillinger auf der
Schürzenjagd begegnet zu sein.«
    »Das sieht Dir gleich, Remplem.«
    »Mir? Ihn, bitte!«
    »Da dreh' ich die Hand nicht 'rum. Du willst, wenn Du kannst, er kann, wenn
er will: das ist der ganze Unterschied. Ich gönn' Euch das Vergnügen. Gut'
Nacht, heiliger Wendelin, wünsche angenehme Matratze!«
    »Grobian,« murmelte Wamperl. Fünfzig Schritte weiter stiess er auf den
Professor Hirneis. »Lieber Hirneis, mit dein Sittenverfall, geht's mit
Eilzuggeschwindigkeit. Begegne ich soeben dem Baron Drillinger, wie er zwei
anrüchigen Frauenzimmern in einer verdächtigen Gasse nachsteigt - und hinter ihm
drein der Oberst Wotan. Das sind die Ungespundeten! Der Drillinger könnte weiss
Gott mit seiner skandalösen Liaison mit der - na, Du weisst ja, es genug sein
lassen.«
    »Mir scheint, das tut er auch. Ich war sozusagen Augenzeuge, wie die stolze
Frau Kommerzienrat, es ist kaum eine Stunde her, in der Auenstrasse ihm aus die
Bude nachgerückt ist. Die Seele dreht sich einem im Leib herum.«
    »Bist Du sicher? Vor einer Stunde? Gut, so besorgt er sich jetzt einen
Nachtisch. Unerhörte Zustände. Sodom und Gomorrah war ein Musterstaat,
verglichen mit den heutigen Halbweltsitten. Dazu die Schlechtigkeit der Presse,
die Laxheit der Gesetze ... es ist rein zum Verzweifeln.«
    »Entschuldige -«
    »Wo gehst Du hin?«
    »Auf einen Sprung ins Café Rot, die neuesten Pariser Blätter durchzusehen.
Im Figaro soll ein sensationeller Artikel über den König und die
Kabinetskassa-Affaire stehen.«
    »Erlaube, dass ich mich anschliesse. Ich kann mich bei der Gelegenheit über
die Obszönitäten des Journal amüsant ärgern, dessen Bilder ich in dieser Woche
noch nicht gesehen habe.«
    Drillinger war hinter den wartenden Dämchen ins Haus getreten, ohne sie
eines Blickes zu würdigen. Er ging über den Hof, durch den Garten, und klingelte
an Trostbergs Tür.
    »Kennst ihn, Nanni?«
    »Da hätten wir uns den Weg sparen können. Ich hab' ihn für einen andern
gehalten. Dass Du's nicht früher gemerkt hast!«
    »Bleiben wir oder gehen wir wieder?«
    »Heute ist schon ein ganz lumpiger Tag. An: liebsten legt' ich mich ins
Bett.«
    »Ich auch. Aber dann macht der Alte wieder Spektakel.«
    »Also vorwärts. So schlecht ist das Geschäft schon lang nicht mehr
gegangen.«
    »Meinetwegen. Der Alte soll sehen, wie er diesmal den Hauszins
zusammenbringt. Ausziehen müssen wir doch. Uns kann's eigentlich Wurst sein.«
    »Ich hab' die Sauwirtschaft schon lange dick. Wenn's nicht wegen dem Kind
wär', ich ging auf und davon. Das ist wirklich kein Leben.«
    »Wenn man bedenkt, wie gut es die Wappenhur' im ersten Stock hat ...«
    »Ja, die hat's getroffen. Glück muss man haben.«
    »Und wir haben halt kein Glück ... Da kommt er wieder ...«
    Drillinger schritt hinaus, wie er gekommen, ohne die Dämchen zu beachten.
Gabriel hatte ihm gemeldet, dass der Herr Doktor verreist sei, nach
Hohenschwangau oder Neuschwanstein, er wisse es nicht so genau, wo sich der
König gerade aufhalte - und vor morgen Abend werde er nicht zurückkehren. Der
schieläugige Klown tat sehr weinerlich und weltschmerzlich und hatte den Kopf
eingebunden.
    »Wir haben den Herrn Baron schon so lange vergeblich erwartet - und jetzt
sind Sie endlich da und er ist nicht da. Sollt' man nicht gleich Händ' und Füsse
über den Kopf zusammenschlagen? O mein Kopf! Kommen Sie übermorgen wieder ...«
Der Klown verzerrte sein Gesicht, dass die Haut wie mit kleinen Löchern besät war
und aussah wie eine Streusandbüchse.
    Drillinger war herzlich froh, wie er wieder auf der Strasse war. Nun wollte
er ohne weiteren Aufentalt heimgehen. Er hatte jedoch noch keine zwanzig
Schritte gemacht, als er seitwärts an einem Bachübergang einige Studenten mit
einem rabiaten Menschen in eifriger Verhandlung gewahrte, der in einemfort
beteuerte: »So wahr ich Hans Rindler heisse.« Was wollen die hier, in dem stillen
Lehel? Unwillkürlich blieb er stehen und horchte.
    »Nicht so laut!« ermahnte der studentische Wortführer. »Also Sie kennen
ihn?«
    »So wahr ich Hans Rindler heisse und heute so nüchtern bin wie jener
Laternenpfahl.«
    »Und Sie wollen uns die Geschichte prompt besorgen?«
    »So wahr ich Hans Rindler heisse. Mit was für Marterwerkzeugen soll ich ihn
traktieren? Soll ich ihm die Gedärme aus dem Leibe haspeln und zu
Bassgeigensaiten verspinnen?«
    »Sind Sie Darmsaitenfabrikant gewesen?« fragte ein aufgeschossener Jüngling
spottend, der nämliche, der auf der Brücke in der Natur den verkörperten
Nihilismus entdeckt hatte; Drillinger erkannte ihn an Gestalt und Stimme.
    »Jawohl, so wahr ich ... Ein musikalisches Geschäft ... ... Oder soll ich
ihm das Herz ausreissen und ums Maul schlagen? Oder ihm die Zunge durch den Nabel
ziehen? Oder Riemen aus seinem Bauch schneiden und seine Banditenlarve damit
zerpeitschen? Das alles hat er verdient.«
    »Patente Phantasie, Rindler, an Ihnen ist ein Dichter verloren gegangen.«
    »Meine Herren, verkennen Sie mich nicht. Dieser Pressbandit ist der Schrecken
vom ganzen Lehel. Wenn ich einmal mit diesem Helden anbinde, muss es glorios
gehen. Soll ich das Schwein kitzeln, dass es ein Rad schlägt wie ein besoffener
Pfau? Oder soll ich mit seinem Schädel Läuse aus dem Asphalt der
Maximilianstrasse stampfen?«
    »Hören Sie auf, entsetzlicher Mensch. Etwas viel weniger Poetisches: Sie
sollen ihn in eine Mistpfütze tunken, bis ihm der Dampf ausgeht. So ist's
beschlossen. Wollen Sie das machen unter den vorgeschlagenen Bedingungen?«
    »So wahr ich ... Herrgott, wenn uns nur Niemand hört.«
    »Seien Sie nicht feig, Hans!«
    »Ich mein' nur wegen der Konkurrenz. Dass mir kein anderer die schöne Arbeit
vor der Nase wegschnappt. Wissen Sie, die Gripso-Grapsologie ...« dabei zog er
schnell die Finger mehrmals krallenartig ein und machte eine kreisende
Armbewegung dazu.
    »Eine dämonische Komödie, Schurken über Schurken! Mir kann's recht sein,
hundertmal recht; sie besorgen meine eigene Rache ...« dachte Drillinger und
suchte unbemerkt davon zuschleichen. Es gelang ihm, sich durch ein enges,
stinkiges Gässchen zu drücken und unbehelligt in die Sternstrasse zu kommen. Ganz
in Gedanken über das soeben Erlebte kam er noch einmal an dem Hause vorüber, das
er vor wenigen Minuten verlassen. Gabriel stand unter dem Tor bei den Dämchen.
Als er den Baron im Eilschritt des Weges kommen sah, rief er ihn an: »Noch in
unserer Gegend, Herr Baron?« Die Mädchen kicherten verlockend und wichen
seitwärts, als wollten sie dem Baron den Platz freimachen, hereinzukommen.
    »Ich habe Sie vorhin zu fragen vergessen: Warum haben Sie denn eigentlich
den Kopf eingebunden, Gabriel?« warf Drillinger stehenbleibend hin, nur um etwas
zu sagen.
    »Ach, Herr Baron, ein kleiner Schlaganfall, heute früh ...«
    »Ein Schlaganfall?«
    Nun machte die Brünette einen Vorstoss, sich in scherzhaft insinnierender
Weise am Gespräche zu beteiligen und das Interesse des Barons auf ihre sich
lüstern darbietende Gestalt zu ziehen.
    »Wär' ich dabei gewesen, es wäre ihm nichts passiert.«
    »Sie sind wohl seine kleine Schutzheilige?« fragte der Baron und mass die
Sprecherin mit kritischem Blick
    »Heilige weniger,« antwortete sie mit schamlos aufdringlicher
Schlagfertigkeit, »aber bei mir wäre er sicher gewesen.« Drillinger trat einen
Schritt näher. Sie deutete das als Entgegenkommen und fuhr schmeichelnd fort:
»Da drin habe ich ein trauliches Zimmer - o, das sollten Sie ansehen, da ist man
aufgehoben wie im Himmelreich.« Gabriel hüstelte und räusperte sich und schielte
zum Torweg hinaus wie eine Schildwache. Als der Baron sie schweigend fixierte,
nahm sie wieder das Wort und flötete innig: »Wollen Sie sich nicht bei uns
ausruhen? Ich erzähle Ihnen die Geschichte von dem Pressbanditen und was dem
heute geschehen ist.«
    »Pressbanditen? Nein, da danke ich ... Ich bin heute gar nicht mehr
neugierig.«
    Er drehte sich auf dem Absatze herum, gab dem Klown einen Schlag auf die
Schulter und mit einen raschen: »Gut' Nacht, Gabriel!« war er verschwunden. Er
eilte, als fürchtete er eine Verfolgung, er wusste nicht deutlich warum ... Es
war ihm bei dem starr begehrlichen Blick der glutäugigen Brünette plötzlich
alles so unheimlich, schemenhaft und totentanzähnlich erschienen ... Er jagte
die Isar entlang in die Nacht hinein wie in einen schauerlich schwarzen Abgrund,
höhnende Stimmen und Blicke ringsum, Kreischen und Geschrei aus den tosenden
Wassern, den rauschenden Wipfeln, dem Flüstern der Luft, dem Pochen des eigenen
Herzens ... Mit zerschlagenen Gliedern, in Schweiss gebadet, kam er vor seinem
Hause an, verwundert wie ein Irrender, der plötzlich am Ziele steht ...
    Als er am Morgen nach einem langen, wirren, wenig erquickenden Schlaf vor
Brigitta erschien, empfing ihn die Alte mit kurzem Wunsch und Gruss. Sie sah noch
hinfälliger aus, als gestern. Er betrachtete sie forschend von der Seite ...
Merkwürdig, die Alte kam ihm so fremd vor ...
    »Sie haben mir gestern viel Zeit zum Alleinsein und Nachdenken gegönnt.«
    »Soll das ein Vorwurf sein, Brigitta?«
    »Ich habe ein wenig gelesen und viel gehört.«
    »Du machst wieder Vorreden. Ich ehre Deine Gewohnheit. Du änderst Dich doch
nicht mehr. Was hast Du gelesen?« Er setzte sich an den Tisch, den Kopf in beide
Hände gestützt mit den kleinen Fingern an der Stirn trommelnd.
    »Ja, das Ändern! Da müsste Gott ein Wunder tun - auch bei andern Menschen.
Ich habe ein trauriges Kapitel gelesen. Sie, die Heldin der Geschichte, eine
reife, leidenschaftliche Frau, war in Liebe zu einem jungen Manne entbrannt, und
in der Torheit ihres Herzens glaubte sie, sich zu entsühnen, wenn sie den
Geliebten, in andern Dingen auf bessere Wege brächte, wenn sie ihn erziehen
könnte. Er war ein sehr verwickelter Charakter, alles gemischt, aber seine
Energie war geschwächt. Zuletzt zog seine Schwäche ihre Stärke herab und sie
sank tiefer und tiefer, jemehr ihre Liebe durch sein sinnliches Wesen in sündige
Lust ausartete ... Ach, es ist eine zu traurige Geschichte. Das Weib, das seine
Führerin und Meisterin werden wollte, wurde sein Werkzeug, seine Sklavin, bis
sie am Ende beide im Laster verdarben. Ich kann das nicht so wiedergeben, mein
alter Kopf ist zu schwach ...«
    Er sah auf. »Ja so geht's in der Welt. Eine sehr lehrreiche Geschichte,
Brigitta ... Also das war die Vorrede, eine Dichtung. Und nun lass uns zur
Wirklichkeit kommen, obwohl ich heute weder Dichtung noch Wahrheit hören möchte
... Nur Stille, Stille ... Alles Wirkliche ist so schauderhaft laut, so grell
... Ich bin nervös, Brigitta.«
    »Ja, zur Wirklichkeit, die noch schlimmer ist, als die schlimmste Dichtung,«
sprach sie für sich weiter, ohne seine Abwehr zu beachten.
    Er schnellte empor und unterbrach sie hastig, aufgeregt: »Weisst Du, Alte,
ich gebe keine saure Gurke für die ganze Wirklichkeit; die ist jeden Tag anders,
verschiebt sich fortwährend, dehnt sich, schrumpft zusammen, kräuselt sich, ist
jung, lebendig, greisenhaft, maustot, ein Scheusal, ein Unsinn, ein Nichts. Was
habe ich nur gestern wieder für skandalöse Wirklichkeits-Erfahrungen gemacht ...
Aber im Grunde sind das alles nur dumme Träume ... Siehst Du, ich bin eine
künstlerische Natur, das ist so im Blut, die Unruhe, die Phantasterei. Da hält
man das Geträumte für wirklich und das Wirklichste zerfliesst wie Träume und
Schäume. Wo ist eine feste Grenze? Nirgends. Man könnte ja sein bisschen Verstand
darüber verlieren, wenn man nachdenkt. Ich mag nicht mehr. Mir ist alles
zuwider. Ich muss aufs Land, ins Gebirg, in die Einsamkeit, drei, vier Wochen,
ich weiss nicht wohin, wie lange, es wird mir aber wohl tun ... Nicht wahr, Du
findest auch, dass es mir wohltun wird? Dir wird es auch wohl tun, wenn Du den
unausstehlichen Teufel eine zeitlang los hast, gelt? Ach, die Menschensippe! Ich
könnte mir die Lippen blutig beissen, die Fäuste auf dem eigenen Schädel in
Splitter schlagen, aber es hilft nichts. Und dann die kleinen, nichtigen Sachen
des materiellen Lebens, diese Widerborstigkeit, wenn man ihrer habhaft werden
will, und die man doch erringen, die man meistern muss, wenn man der Knechtung
entgehen will, all' dieser Quark, dieser Dreck, der doch wieder die Hauptsache,
ein teuflisches Machtmittel ist, und dieses dämonische Unvermögen, sich von all'
dem Verachteten und Gewünschten, von all dein Gehassten und Ersehnten als
anständiger Mensch loszumachen! Als anständiger Mensch, hörst Du? Denn dass wir
anständig sind, oder dafür gelten, das ist für uns auch eine Art Rache an diesem
hundsföttischen Philistertum. Ich muss aufs Land, aufs Land, aufs Land! Halte
mich nicht zurück, Brigitta, ich beschwöre Dich, hier werde ich verrückt ... Die
Erbärmlichkeiten der Stadtmenschen ...«
    »Gehen Sie nur, in Gottes Namen, aber vorher eine Abrechnung ...«
    »Natürlich, freilich, versteht sich - mit dem Weiler meinst Du doch?« fuhr
er der Alten erregt in die müde Rede. »Ja, das wird besorgt, soweit sich's nicht
in wenigen Wochen von selbst erledigt; da kannst Du ganz ruhig sein. Du bekommst
Deine Abrechnung.«
    »Ich meinte anders ...«
    Er atmete aus. Also wenigstens keine gemeinen Geldfragen, kein widerlicher
Finanzkrieg in Sicht ...
    »Eine moralische Abrechnung ...«
    »Mit jener Frau? Donnerwetter, lass mich in Ruhe, ist längst erledigt.«
    »Ich begreife Ihre schreckliche Hitze und Aufregung nicht. Kann ich ruhiger
reden, als ich's heute tue? Ich sage kein Wort von jener Frau, keine Silbe
mehr. An Ludwig hab' ich gedacht, an Ihren unglücklichen Bruder, an den
drangsalierten Menschen in Amerika.«
    »An den hab' ich schon mehr gewendet, als Du weisst. Ich hab' jetzt kein Geld
für ihn, in diesem Augenblick wenigstens nicht. Nach der andern Abrechnung! Er
soll sich einstweilen von seinen Sozialisten und Anarchisten und ähnlichen
Menschenfreunden helfen lassen ...« Seine Stimme war düster wie sein Blick.
    »Ach, es ist ja alles anders. Seit gestern hab' ich neue Botschaft. Er ist
in Texas, auf einer Farm, Mac Girk bei Hamilton, fern von allen sozialistischen
Verbrüderungen. Es war einer hier, der bei ihm gewesen; Sie waren ja nicht zu
Hause den ganzen Tag und die halbe Nacht. Da ist der Brief ...«
    Sie zog mit zitternder Hand mehrere unregelmässig gefaltete, zerknitterte
Briefblätter aus der Tasche - das Schreiben, das ihr Ludwigs Leidensgefährte
überbracht.
    »Nein, ich mag nichts lesen, ich kann seine Handschrift nicht sehen ...
Buchstaben wie züngelnde, tanzende Schlangen, unheimlich ... Du kannst mir's ja
sagen.« Er warf sich aufs Sopha und starrte die Wand an.
    Brigitta schüttelte den Kopf Was hatte er nur? Das war keine gewöhnliche
»Krisis« - so nannte sie diese unerklärlichen Gemütszustände, welche oft in
längeren Zwischenräumen bei ihm eintraten und sein Wesen verstörten.
    »Aus Chikago hat er uns das letztemal geschrieben, dann ist er nach Saint
Paul, dann nach Hamilton. In Saint Paul war er bei einer deutschen
Schauspielergesellschaft, in Hamilton liess er sich anwerben, gegen kriegerische
Indianerstämme zu ziehen; da wurde er verwundet und traf den Landsmann, der
jetzt wieder glücklich heimgekommen ist, er aber ist auf einer Farm bei Mac Girk
zurückgeblieben. Dort diente er als Knecht bei einer Kolonistenfamilie aus
Franken, die erst kurz zuvor dahin gekommen war und den Pacht übernommen hatte.
Die Hitze ist dort fürchterlich, der Boden braun und trocken, oft Monate lang
kein Tropfen Regen; Nachts arbeitet er nackt in den Baumwollenfeldern ... Er
lebt von dem Wild, das er schiesst oder totschlägt, Brot gibt es selten, den
Trunk Wasser muss er oft meilenweit holen. Die fränkische Familie hat den Pacht
wieder aufgegeben und ist fortgezogen, weil sie zu verhungern und zu verdursten
fürchtete ... Er will die Farm allein halten, bis neue Pächter kommen. Aber es
traut sich gewiss kein Mensch in die schreckliche Gegend, und die feindlichen
Indianer stehen auch wieder an der Grenze. Das wird sein Letztes sein. Und wenn
wir ihm da nicht bald heraushelfen ... Wir haben ihn auf dem Gewissen ... Die
Abrechnung vor dem ewigen Richter ...«
    Sie konnte nicht weiter sprechen. Ihre Stimme erstickte im trockenen
Schluchzen ... Drillinger drehte sich um mit einem so teilnahmsleeren Gesicht,
als hätte ihm ein Unbekannter eine Geschichte von einem Mondbewohner erzählt.
»Ja und dann? Lieber von Indianern aufgefressen, als von Europäern subtil
gemordet!« sagte er und spielte mit seinem Schnurrbart.
    »Ach, Sie konnten sonst so liebreich sein - und nun sind Sie hart wie Fels.
Nehmen Sie von meinem Geld. Ich will mein Testament umstürzen. Meine Verwandten
kommen auch ohne mein Weniges zurecht ... Magdalena, ich weiss gar nicht wo sie
ist, seit sie aus dem Irrenhaus entlaufen, Sie haben es ja nicht für gut
gehalten, die Nachforschungen fortzusetzen, und Afra ist verschollen und von
ihren Kindern hört man nichts ... Nehmen Sie von meinem Geld und schicken Sie es
dem Ludwig ... Ich will ihn zu meinem Erben einsetzen ... Dann kann ich ruhiger
sterben, auf Ihre Umkehr zu eigener Häuslichkeit wag' ich doch nicht mehr zu
bauen ... Auch darauf nicht, dass Sie ihm die Rückkehr nach Deutschland erwirken
...«
    »Wie oft muss ich Dir noch wiederholen: die Rückkehr nützt ihm nichts, wenn
wir ihn nicht vor dem Gefängnis vorbeidrücken können. Und diesen Gnadenakt
erreiche ich jetzt weniger als je. Und eine Wiederaufnahme des Prozesses und ein
Herumziehen in allen Blättern und dann ein Drillinger, mein leiblicher Bruder,
drunten in der Frohnfeste ... Das mutest Du mir zu?«
    Beide schwiegen. Brigitta betrachtete mit kummervoller Miene die
Briefblätter. Es war schlechtes, graues Papier, mit blasser Tinte, an der Sonne
von Texas getrocknet, zum Teil nur mit Bleistift beschrieben. Jetzt faltete sie
die Blätter zusammen, es waren dicke Tränentropfen darauf gerollt, und steckte
sie mit bebender Hand wieder in die Tasche.
    »O, ich hatte mir eine andere Lebenswende von Ihrem vierzigsten Geburtstag
erwartet,« sagte sie leise und sah ihn mit einem vorwurfsvollen Blicke an.
»Meine bitterste Leidenszeit beginnt ... Gott steh' mir bei.«
    Drillinger hatte sich erhoben. Er ging auf Brigitta zu. Sein Gesicht nahm
wieder einen wärmeren Ausdruck an. »Hier meine Hand, Brigitta, gönne mir die
Erholungsfrist, dann will ich, wenn ich's nicht aus Eigenem vermag, Dein
grossmütiges Gebot annehmen und dem Ludwig eine gewisse Summe schicken; bis dahin
wird er weder verhungern noch verdursten auf seiner Farm. Du nimmst die Sache zu
tragisch. Schliesslich: das Leben ist der Güter höchstes nicht.«
    »Wenn es keinen Inhalt mehr hat, freilich.«
    Drillinger war betroffen. War das Wort auf sein Leben gemünzt? Sollte er zu
guterletzt auch noch Brigitta beargwöhnen, dass sie schlimme Gedanken über ihn
denke, obwohl sie seine Bemühungen kannte, seine zahlreichen Anläufe, um seinem
Leben Inhalt zu geben? Wie leicht wäre es ihm gewesen, sich vor ihr einen
Heiligenschein anzuschwindeln, seiner Leistungsfähigkeit ein höheres Gewicht
anzufälschen - kurz, vor ihr die ganze angenehme Komödie aufzuführen, die
heutzutage überall in der Gesellschaft, in Gemeinde und Staat mit so viel List
und Würde gespielt wird, dass das liebe Publikum schon anfängt, die wirklich
Ehrlichen und Ungeschminkten als dumme Teufel und einfältige Spielverderber
auszuzischen und ihnen den Rücken zu kehren. Niemals mehr als heute wollte die
Welt betrogen sein und das Mitwissen um den Betrug und zugleich die Heuchelei
des Nichtwissens als süsse Zukost geniessen ... War er nicht allzeit ehrlich und
aufrichtig wie ein Kind gegen die alte Wirtschafterin gewesen? Mit welchem
Rechte konnte auch sie Hintergedanken gegen ihn hegen? Hat er nicht das ganze
Spiel seines Lebens mit offenen Karten vor ihrem wachsamen Auge gespielt? Das
Spiel -? Herrgott, nein, hier war eine Karte, die er mit scheuem Verbrecherblick
vor ihr verborgen gehalten. Unmöglich, sie aufzudecken! Wenn Brigitta den
letzten Teil seiner letzten Unterredung mit dem Bankier Weiler hätte belauschen
können, wie müsste er jetzt vor ihr erscheinen! Nein, nein, nein - auch das geht
vorüber, und wenn wieder Ordnung geschaffen, wird er ihr auch in diesem Punkte
ein volles Geständnis ablegen. Die gute, gute Alte!
    Er legte seinen Arm schmeichelnd um ihren Hals, drückte ihren Kopf gegen
seine Brust und hauchte ihr die Worte ins Ohr: »Ich verspreche Dir, gegen den
armen Ludwig ein anderer zu werden, ihm zu helfen, ihm Geld zu schicken, ihm
einen Fürbitter bei dem König zu bestellen - alles, alles, was in meinen Kräften
steht, damit er den Weg in die Heimat und zu einem ehrlichen, glücklichen Leben
wieder finde!«
    Weinend vor seliger Befriedigung lag die alte Frau an seiner Brust. Er
geleitete sie sanft an den Armstuhl und setzte sie hinein. Sie bedeckte seine
Hände mit Küssen.
    »Das ist meine glücklichste Stunde ...« Und sie erhob das tränende Auge
voll unendlicher Dankbarkeit gen Himmel.
    »Aber erst nach meiner Erholungsfahrt! Diese Pause ist notwendig.«
    »Nur das Geld ...«
    »Das sei Dir gewährt. Ich werde es durch den Bankier Weiler anweisen
lassen.«
    Drillinger sass neben ihr und schloss die Augen. Es war ihm so wirbelig im
Kopf. Er wusste nicht, was Wirklichkeit, was Gedanke war - alles schwamm
ineinander. Allmählich nahm sein Denken so körperliche Kraft, so
herausspringendes Relief und brennende Farbe an, - dass er das Gedachte wie ein
längst vollzogenes Wirkliches empfand, dem er jetzt nur wie in träumerischer
Erinnerung nachhänge ...
    Es war Mittag geworden. Resl meldete, dass das Essen bereit sei und legte die
angekommene Post auf den Tisch.
    Ein guter Freund - wozu hat man gute Freunde? - hatte sich beeilt, die
letzte Nummer der »Kloake« zu senden und eine Stelle mit Blaustift
anzustreichen. Drillinger hätte sie ja übersehen können! Ein hundsgemeiner
Blödsinn: »Wie Frau Rassler Englisch lernte.« Nur fünf Zeilen. Drillinger zerriss
das Schmierblatt und warf es unter den Tisch. Übrigens sehr vernünftig von
Leopoldine, wenn sich's wirklich so verhielte; der junge Engländer wird ihr mit
den Feinheiten seiner Muttersprache manche Stunde angenehm verkürzen. Himmel,
wenn er seiner einstigen Eifersuchtsanwandlungen gedachte - wie dumm er sich
ausgenommen haben muss! Ja, es war endgiltig vorbei: er konnte sich Leopoldine im
Arme des Engländers vorstellen, ohne einen Schatten von Erregung zu verspüren.
Wirklich? Harry Wood ist schlechter Geschmack. Unreifes Obst. Und das sein
Nachfolger! ...
    »Die Kartoffelsuppe ist ausgezeichnet, Brigitta, nur noch einen Tropfen
Essig. Schade, dass mein Appetit so gering.«
    »Was ist das für ein dicker Brief?«
    »Gleich, gleich, Brigitta, eins nach dem andern. Es ist ein unvernünftiges
Zusammentreffen, Mittagstisch und Mittagspost. Eine einzige Zeile ist oft
imstande, einem die schönste Mahlzeit zu verderben. Ich habe mir schon oft
vorgenommen, während des Essens keine Zuschrift mehr anzusehen, aber immer
siegte wieder die Neugierde. Eine einzige Post im Tage genügte; früh nüchtern
oder abends abgestumpft wäre sie am ungefährlichsten. Viermal im Tage, welch'
ein Wahnsinn! Viermal Empfangsstunde täglich für Kreti und Pleti! Siehst Du,
das nennen die Affen die Triumphe des Fortschrittes.«
    »Es sind viele Sachen heute, wohl auch noch Gratulationskarten.«
    »Hier: von der Hölle - Unsinn; hier: von Bankier Weiler, Einladung ihn zu
besuchen. Ich bin nämlich gestern erst in Geschäftsangelegenheiten bei ihm
gewesen. Er kann mir gewogen bleiben. Die Sache wegen Ludwig mache ich
schriftlich ab. Du glaubst nicht, wie ekelhaft so ein Geldkrämer sein kann.
Hier: eine Anfrage von einem gewissen Pfaffenzeller, einem Verwandten von
unserem Architekten Zwerger, wann er mich besuchen dürfe in einer sehr
persönlichen Angelegenheit. Ich habe ihm zu einer Stellung verholfen, nun soll
er mich gefälligst ungeschoren lassen. Das ist auch so ein moderner Nimmersatt
auf allen Suppen. Hier: ein Pumpgesuch von Peter Schlemming. Lächerlich. Weisst
Du, der vor zehn Jahren beim Künstlerfrühlingsfest in Höllriegelskreut den
wilden Mann vorstellte, splitternackt, nur mit einem Blätterschurz und über und
über mit Isarschlamm beschmiert? In Grosshesselohe hat er in einem Jahr drei
Kellnerinnen unglücklich gemacht. Kurz, ein Wildschwein. Und ewig mit der
Polizei in Fehde. Mich anpumpen! Seit Jahren grüsse ich ihn nicht mehr. Du hast
doch von seinen Skandalen gehört?«
    »Gehört und wieder vergessen. Solche Menschen sind nicht wert, dass man ein
Gedächtnis für sie hat. Der Braten wird kalt, bitte.«
    »Und nun zum Nachtisch den dicken Brief.«
    »Da bin ich neugierig,« sagte Brigitta und rückte Schüsseln und Teller
zusammen.
    »Von Zwerger, von Joseph Zwerger!«
    Brigitta hielt den Atem an. Also hatte sie doch richtig geahnt.
    »Ein ganzes Buch! Das sieht dem Sonderling ähnlich,« lachte Drillinger, das
Siegel lösend.
    »Lesen Sie nur den Anfang und das Ende und eine Stichprobe aus der Mitte und
sagen Sie mir, ob es Gutes ist,« bat Brigitta.
    »Der Anfang ist ganz Zwergersche Art: eine Gewitterschilderung, der Schluss -
warte nur! - Bewunderung der heldenhaften Brigitta, die das Unerträglichste
erträgt, mich! - dann noch eine lange Nachschrift. Aus Neapel datiert. Und eine
Stichprobe aus der Mitte ...«
    Drillingers Augen fielen zufällig auf die Stelle: »Und wenn Du nach einer
seligen Stunde am Busen des süss verbuhlten Weibes.« Er schlug hastig das Blatt
um, dann las er: »Flora Kuglmeier scheint mich mit ihrer Besuchszusage ...«,
noch ein Blatt überschlagend.: »Nun glaubst Du aber selbst, dass die
geheimnisvolle Flora Kuglmeier ...« das letzte Blatt mit der Nachschrift
hervorziehend: »Flora hat nicht aufgeschrieen, ist nicht in Ohnmacht gefallen
...«
    Mit humoristischem Lächeln zu Brigitta, indem er die Blätter zusammenschob:
»Liebe Alte, ich glaube, das ist nichts für Dich. Dein Platoniker ist in der
heissen Sonne Süditaliens vom Pfade der Entaltsamkeit gewichen. Der dicke Brief
ist ein erotischer Roman, nach den Stichproben zu schliessen ... Aber mit dem
Lobe, das er Dir zollt, kannst Du wahrhaftig zufrieden sein. Du hast's ihm
angetan.«
    »Ach, Sie scherzen. Ich bin sehr glücklich, dass er wieder geschrieben und so
viel. Gewiss stehen schöne und erhebende Gedanken darin. Wenn Sie den ganzen
Brief gelesen haben, teilen Sie mir mit, was Ihnen passend dünkt,« schloss sie
lächelnd. Und im Aufstehen: »Ich will Gott danken für den schönen Tag, den er
mir in seiner Gnade beschieden hat.«
    Am Abend setzte sich Drillinger hin, eine Antwort an Zwerger zu schreiben.
Der Brief hatte ihn seltsam gepackt. »Ja, ich muss mich aufraffen, aufraffen!«
rief er ein ums andere mal, voll Unruhe das Zimmer durchmessend. Dann setzte er
sich wieder an den Schreibtisch und ordnete mühsam seine fliegenden Gedanken mit
der Feder in der Hand. »Lieber Zwerger, wenn wir uns mit dem Blick ansehen
könnten, mit dem andere uns ansehen, es wäre nicht auszuhalten. Jeder liefe vor
sich selbst davon. Aber ich glaube, jeder Verkehr, auch der freundschaftlichste,
beruht auf einer Illusion. Jedes Urteil eines Menschen über einen anderen, und
wenn es noch so ehrlich, hat ein Missverständnis zur Grundlage. Wir ergründen und
verstehen uns selbst nicht - und dennoch bilden wir uns ein, andere zu ergründen
und zu verstehen! Dein Brief hat mich an einem Scheideweg getroffen. Ich bin
entschlossen und hoffe zuversichtlich, richtig gewählt zu haben. Auch Du
scheinst mir an einem Wendepunkt in Deinem Leben angelangt zu sein. Nimm Dich in
Acht und traue Dir nicht zu viel zu! Wenn Du so viel Widersinn über Dich
zusammenträgst und in die Wagschale wirfst wie Du über mich zusammgehorcht und
ausspintisiert hast, dann -«
    Er legte ermüdet die Feder weg.
    »Ich will erst morgen den Achtuber aufsuchen und ihn über die Flora
Kuglmeier ausholen, bevor ich weiter schreibe. Ich will erst einmal darüber
schlafen. Es eilt übrigens gar nicht. Der Zwerger könnte Wunder glauben, welches
Ereignis von grösster Tragweite sein konfuser Brief in meinem Leben bedeute ...
Und diese architektonischen Schnurren! Macht denn die Isar plötzlich alle
Menschen verrückt?«
    Am nächsten Tage war ein harter Witterungsumschlag eingetreten; der Frühling
war wie ausgelöscht. Ein niedriger, grauer Wolkenhimmel mit kalten Regenschauern
umfing die Isarlandschaft und nahm ihr allen Glanz, allen Duft und alle Wärme.
Eisige Windstösse fegten über die bayerische Hochebene, pfiffen in den Münchener
Strassen um alle Ecken, peitschten die Isarwasser gegen ihre Strömung und liessen
die Gesichter der Menschen, die sich schon auf laue Sonnentage eingerichtet
hatten, blau und rot anlaufen. Erstarrt hing das junge Grün an den Allee- und
Uferbäumen, und die ersten Knospen und Blüten waren von den Eisesschauern des
Todes bis ins Herz getroffen.
    Brigitta liess das Zimmer heizen und jammerte: »Das wird ein böses Jahr. Ein
Unstern waltet über diesem Frühling. Erst die heisse Luft zur Unzeit und jetzt
sibirische Kälte. Meine Ahnungen trügen nicht; sie prophezeien Schlimmes.«
    Richtig verschlechterte sich das Wetter von Tag zu Tag. Drillinger fühlte
sich sehr elend. Er fröstelte in seinem Winterpelz. Zwergers Brief ging ihm
nicht mehr aus dem Sinn. Die Beantwortung war stecken geblieben. So oft er die
Feder ansetzte, bemächtigte sich seiner Stimmung eine unerklärliche Zagheit. Er
war entrüstet über Zwergers »Anmassung« - wie er's nannte - sich in die intimsten
Herzens- und Gemütsangelegenheiten anderer einzumischen. Das verdiente
eigentlich keine Antwort, aber wenn eine, dann die schneidendste und
abweisendste gegen dieses aufdringliche Genieprotzen- und moralisierende
Zuchtmeistertum ...
    Brigitta sah mit wahrem Schmerz diesem inneren Kampfspiele zu, das sich
immer deutlicher in Drillingers Gesprächen, Monologen und wechselnden Launen
abspiegelte. Jetzt riet sie selbst zur Abreise. Die Antwort auf Zwergers Brief
dränge auch nicht, ja; sei ganz überflüssig, da der Architekt in einigen Monaten
selbst komme. Mündlich verständige man sich viel leichter. Zwerger sei doch ein
ganzer Mann, wenn auch etwas derb und hochfahrend; sie verspreche sich sehr viel
Gutes von seiner Rückkehr, auch für Drillingers Lebensführung. Sie erinnere sich
noch, wie er ihr einmal den Plan eines Familienhauses entwickelt habe, das er
mitten im Buchenwald auf dem höchsten Punkt der Isarufer, weitin die
Landschaft, Alpen und Ebene beherrschend, erbauen und dem er den Namen
»Lugtrutz« geben wollte. Ja, etwas Trutziges hat er ...
    »Ach, alle Welt ist wider mich!« rief Drillinger aus. »Es gibt keine
uneigennützige Freundschaft mehr, nur lauernde Feindschaft in der Maske des
Wohlwollens, um uns in einer schwachen Stunde um so sicherer zu verderben.
Traust Du dem Zwerger, Brigitta? - Sei still, ich traue ihm nicht. Er ist ein
Spekulant, wie der Weiler, der Schmerold, der Rassler ...«
    Der Name war heraus. Er biss sich auf die Zunge. Schnell fuhr er fort in
klagendem Tone: »Lauter Industrieritter, jeder in seiner Art, Künstler und
Unkünstler, Christ und Jude, Millionäre und andere Schelme ...«
    Brigitta suchte zu seiner Sänftigung einigermassen auf seine Anschauungen
einzugehen: »Was mir an Zwerger auch nicht so ganz gefällt ist, dass er aus der
Ferne auf München schimpft. Das ist unschön und unklug, nützt auch gar nichts.
Er soll herkommen und sich seinen Platz erobern und dann zeigen, dass er das
Bessere leisten kann. Ich bin eine Kraft, das ist leicht gesagt. Eine Kraft muss
sich in der Tat und Wahrheit bewähren. Und das mit der gewissen Flora
Kuglmeier, die wir freilich gar nicht kennen, scheint mir auch ein frivoles
Abenteuer. Aber das wird sich alles mit der Zeit aufklären ... Wollen Sie nicht
zum Bildhauer Achtuber gehen? Der Besuch wird Sie zerstreuen. Gehen Sie hin.«
    »Den ersten besseren Tag. Meinetwegen. Obwohl mir vor neuen Bekanntschaften
bangt« ... Und der Tag kam. Die Frühsonne durchbrach mit majestätischer
Strahlengewalt das bleischwere Gewölkdach, das über die durchweichte, triefende
Erde gespannt war, zerteilte die Rauchschwaden, die sich aus den Fabrik- und
Bräuereischlöten über dem Isartale zusammengeballt hatten, dass die Frauentürme
und der Petersturm mit ihren Spitzen wie in einem dicken, schwarzen, stinkigen
Nebel staken; die Kette der Alpen hellte sich auf und erschimmerte in tiefem
Blau mit den weissleuchtenden Schneefalten, und im kräftigsten Grün jagten die
Isarwellen durch die wie erlöst aufatmende Frühlingswelt. In wenigen Stunden
hatte die Sonne alle Nässe aufgesogen und alles prangte wieder in warmer
leuchtender Farbe.
    In gehobener Stimmung machte sich Max v. Drillinger auf den Weg, den
Bildhauer Achtuber zu besuchen. Recht sonderbar: er hatte schon allerhand von
diesem Künstler gehört, der zur äussersten Linken von der Partei der
»Unabhängigen« gehörte, auch manches seiner Porträtwerke hatte er schon im
Kunstverein gesehen und bewundert, manche lobende und noch öfter manche
niederträchtig herunterreissende Kritik über ihn gelesen, allein es war ihm
bisher nicht in den Sinn gekommen, sich um die persönliche Bekanntschaft dieses
Mannes zu bemühen. Jetzt schreibt ihm dieser unangenehme, weil in alles
dreinschwatzende Zwerger aus Neapel: Flora Kuglmeier wünscht, Du möchtest die
Bekanntschaft des Bildhauers Achtuber machen - und flugs zieht er aus, dem
Wunsche zu willfahren. Was geht ihn eigentlich Achtuber und die ihm gänzlich
unbekannte Jungfrau Kuglmeier an? Kuglmeier! Es ist zum totschiessen: eine
ixbeliebige Kuglmeier die neueste Flamme dieses Platonikers Zwerger, des
nämlichen Zwerger, der seit seiner Leutnantszeit die unerhörte Marotte
kultivierte, sich in den weiberfeindlichen Schopenhauer zu verlieben, um in der
Philosophie dieses Pessimisten ein Gegengift gegen weibliche Verführung und ein
Schonungsmittel seiner moralischen und physischen Kraft zu finden, Pessimist zu
werden, um Optimist bleiben zu können! Als wenn sich einer im Falschschreiben
üben wollte, um im Rechtschreiben sattelfest zu bleiben!
    Drillinger brach diesen Gedankengang ab, als er beim Garten des Flosswirts in
der Mühlgasse, beim Eingang ins Lehel, einem ihm ehemals befreundeten Polizeirat
begegnete. Der Anblick dieses mehr geheimen als öffentlichen Organs der
staatlichen Ordnung jagte ihm eine neue Idee durch den Kopf.
    »Aus ein Wort, Herr Polizeirat!«
    »Ach, Sie, Herr Baron, eine Ewigkeit ...« antwortete der geschmeidige Beamte
in Cylinder, Überrock und Glacéhandschuhen.
    »Nein, ich will Sie nicht belästigen, nur eine Frage ...«
    »Bitte, ich begleite Sie gerne ein paar Schritte.«
    »Die Sache ist die: ich wünsche Ihren Rat. Ich habe neulich im Café Paul
zufällig eins unserer Kutscherblätter, die Freie Volkszeitung angesehen und im
sogenannten humoristischen Teil, wo die bestellten Ehrabschneidereien und
Skandalgeschichten florieren, eine lansbübische Schnaderhüpfelei gefunden, in
welche mein Name verwebt war. Gleichzeitig erfuhr ich von einem Bekannten, dass
mir die Ehre zugedacht sei, in der Kloake in der bekannten Weise verherrlicht zu
werden. Was hat ein ruhiger Staatsbürger unserer Haupt- und Kunststadt zu tun,
um sich dieser journalistischen Wegelagerer in anständiger Weise zu erwehren?«
    »Entweder sie zu ignorieren oder sie beim Gericht zu belangen.«
    »Das Ignorieren geht in gewissen Fällen schwer, Herr Polizeirat, zum Kadi zu
laufen und allen Chikanen unserer Prozessordnung in Beleidigungsklagen sich
auszusetzen, noch schwerer. Und was erreicht man? Im besten Falle eine
Verurteilung des Hallunken zu einer kleinen Geld- oder Freiheitsstrafe. Die Ehre
wird ja in unserer neuen deutschen Gesetzgebung so billig taxiert, billiger, als
ein gestohlenes Paar Stiefel! Und dann? Der Pressbandit rächt sich für seine
Verurteilung durch neue Angriffe, nur dass er sie jetzt so stilisiert, dass ihm
auch das Gericht mit der schwerfälligen Paragraphenmaschinerie nicht mehr
beikommen kann. Nein, das ist nichts. Wissen Sie mir keinen andern Weg?«
    Der geschmeidige Polizeirat zuckte die Achseln und blickte seitwärts.
    »Vor die Mündung einer Pistole fordern kann und darf man diese Schufte auch
nicht. Gewöhnlich sind sie ja durch ihren Überfluss an Bildungsmangel und
getrübter Vergangenheit überhaupt nicht satisfaktionsfähig; der Kloakenchef ist
zudem noch ein Krüppel und bezieht ein Almosen aus dem Reichsinvalidenfond. Wie
soll sich ein Offizier zu diesen Bettelsuppen-Kreaturen stellen! Ganz unter uns,
Herr Polizeirat, was würden Sie in meinem Falle tun?«
    Der Polizeirat blickte sich erst vorsichtig um, dann machte er mit
lächelnder Miene mit der Rechten die pantomimische Bewegung des Durchprügelns:
»Aber sich nicht erwischen lassen!« lüftete grüssend den Cylinder und empfahl
sich.
    »Gut,« dachte Drillinger, »als erste Abschlagszahlung werden das ja die
Herren Studenten durch ihren Hans Rindler besorgen lassen.« Und er setzte seinen
Weg nach dem »Gries« fort, nicht ganz unzufrieden mit dem Ergebnis seiner
Unterredung.
    Der gewürfelte Polizeirat aber resümierte in Gedanken Begegnung und Gespräch
so: »Dem Drillinger brennt seine Situation auf die Nägel und nun möchte er sich
als unschuldiges Opferlamm hinstellen. Für so herzhaft hätte ich ihn aber
wirklich nicht gehalten, seinem schlechten Gewissen auf diese Weise Luft zu
machen. Ohne Zweifel hat er Wind davon, dass wir durch eine wertvolle
Denunziation seiner verräterischen Verbindung mit dem Agenten der französischen
Spionage, dem Kognak - Musterreiter Paillard, auf der Spur sind. Nun spielt er
bei der ersten persönlichen Begegnung mit einem Polizeiorgan den Naiven! Der
wird Augen machen, wenn wir einmal das Material soweit beisammen haben, dass wir
ihn mitsamt seinem Bankier Weiler aufheben und einspunden können ... Und dann zu
guterletzt, als den Dritten im Bunde, den Pressbanditen selbst!«
    Das Atelier des Bildhauers Achtuber lag an dem Knie, welches die
Wäscherinstrasse »Gries« mit dem Gässchen »Zum Rosenbusch« bildete, ganz am
nördlichen Ende des Lehel-Stadtviertels. Es war ein hoher, neuer Bau, der, von
aussen erkennbar, ausser der Werkstatt nur noch wenige Räume zum Wohnen entielt.
Die weissgetünchte Wand gegen die Strassenseite zeigte neben der Eingangstür ein
sehr grosses Atelierfenster und daneben einige kleinere schmale Fenster. Jenseits
der chaussierten Strasse, die vom Englischen Garten hinaufführte, dehnten sich
hinter einem niedrigen Plankenzaun Rasenplätze, die der Bebauung harrten, und
Wiesen, mit alten Pappeln beseht und von Bächen durchzogen, die in die nahe Isar
mündeten, nachdem sie ihrer Dienstbarkeit als treibende Kraft in den städtischen
Mühlen und Fabriken entronnen waren.
    »Ich störe bei der Arbeit? Verzeihung, Herr Achtuber!« sagte Drillinger,
die Tür in der Hand behaltend, unentschieden, ob er eintreten oder sich wieder
zurückziehen solle. »Mein Name ist Max v. Drillinger. Ich kann wohl später
vorsprechen ...«
    Am Modelliertische mitten im Atelier stand ein mittelgrosser Mann von echt
germanischem Typus in nachlässig stolzer Haltung, den hellen, durchdringenden
Blick fest auf den Eintretenden gerichtet, in der einen Hand einen nassen
Tonbatzen, in der andern das Modellierholz, die Ärmel aufgestülpt, den Kopf mit
einer Richard Wagner-Mütze bedeckt, die der Künstler jetzt mit dem Handgelenk in
den Nacken streifte.
    »Nein, bitte, eintreten! Man stört mich immer, aber das schadet, nichts. Ich
arbeite ruhig weiter. Kommen Sie nur herein, Herr Baron. Willkommen!«
    Das klang so fest, ruhig und herzlich zugleich, dass Drillinger entschlossen
die Tür hinter sich in die Klinke drückte und mit ausgestreckter Hand aus den
Bildhauer zutrat.
    »Ja,« lachte dieser, »die Hand kann ich Ihnen noch nicht geben, die ist ganz
voll Schöpfungsdreck, Erdenkloss, wie's in der Bibel heisst. Das können wir dann
nachholen. Bitte, suchen Sie sich einen Platz, dort am Vorhang, da ist noch ein
leidlicher Stuhl. Nicht wahr, es sieht schrecklich unsauber bei mir aus?
Entschuldigen Sie, mein Modell wird unruhig. Nur noch ein Viertelstündchen, dann
sind wir mit dem Hiob für heute fertig.«
    Das Modell, ein alter Herr mit verwildertem Kopf und entblösstem Oberleib,
hockte auf einem Tritt in der Ecke.
    »So, jetzt wieder stillehalten, Mister John, reden dürfen Sie jetzt auch
wieder, dieser Herr hier verrät nichts, das ist ein Kunstfreund und
Menschenfreund zugleich.« Und gegen Drillinger gewendet: »Mister John ist
nämlich kein Professionsmodell, Herr Baron, sondern ein guter alter Freund von
mir aus meiner amerikanischen Zeit. Er leistet mir einen grossen Dienst, indem er
mir sitzt.«
    Der alte Herr seufzte. Seine Stellung war so, dass er den Baron nicht sehen
konnte.
    Während Drillinger dem Künstler in rücksichtsvoller Entfernung über die
Schulter blickte, flüsterte ihm dieser zu: »Sie haben es gut getroffen, Herr
Baron. Der alte Herr ist nämlich nicht ganz ...« Achtuber deutete mit dem
Modellierholz nach seiner Stirn. »Sie werden es gleich hören. Ein toller
Weltpilger.«
    »Fahren Sie nur in Ihrer Erzählung fort, Mister John, ich arbeite ganz gut
dabei, Sie wissen ja, wie mich jedes Wort interessiert.« Und sich wieder
flüsternd gegen Drillinger neigend: »Es beruhigt ihn nämlich, wenn er vor mir
seine Wahnideen auskramen kann. Ich kenne die närrische Geschichte längst
auswendig. Hören Sie nur, es ist psychologisch nicht ohne Reiz, oder wenn Sie
lieber wollen, sehen Sie einstweilen meine Sachen an.«
    Drillinger stäubte den Stuhl mit seinem Taschentuch ab und setzte sich
nieder. Achtuber schaffte emsig weiter und nahm vorerst keine Notiz mehr von
ihm. »In was für eine Gesellschaft bin ich da geraten?« fragte sich Drillinger
kopfschüttelnd und betrachtete sich die merkwürdige Umgebung. Von den Wänden
grinsten allerlei Karikaturen in Köpfen, Reliefs und Medaillons auf ihn herab
...
    »Nun, Mister John, wo sind wir stehen geblieben?« ermunterte der Bildhauer
sein noch immer in Schweigen verharrendes, nur unruhig mit dem Kopfe wackelndes
Modell. »In Amerika, nicht wahr?«
    Jetzt ertönte eine leise, hohle Stimme wie aus dem Grabe, ohne Betonung über
die Sätze hingleitend: »Mittlerweile war meine Familie aus Amerika zurück. Nur
Afra war drüben geblieben. Schreitet man unentwegt über tausend Steine zum Ziele
menschlicher Harmonie, so erscheint man dünkelhaft oder verrückt. Tadelt man
begegnendes Unrecht in jeder Gestalt, so schreien die Gestörten und die Feigen:
Bösewicht! 1862 hat ein Herr hier auf der Maximiliansbrücke im Vorbeihuschen mir
- warum? - zugeraunt: Kommen Sie nur einmal wieder nach Newyork, dann sollen Sie
etwas erleben, und der nämliche 1870 auf dem Broadway meiner Afra: You only come
to Munich again you shall see!«
    »Ziehen Sie die linke Schulter ein wenig hinauf, mein lieber John!« mahnte
Achtuber.
    Die warme, feuchtdunstige Luft und das Atelierlicht wirkten auf Drillinger
einschläfernd. Die Rede des Alten tönte ihm wie Ammensingsang. Er empfand nur
einen körperlichen Eindruck und wusste nichts daraus zu machen. Eine wunderbar
ergreifende Medusa über der Tür faszinierte ihn.
    Mister John fuhr fort: »Afra war mir damals noch nicht nahe getreten. Heute
erinnere ich mich an allerlei Münchener Redensarten aus meiner ersten
amerikanischen Zeit. Dann musste ich das Klima und das Leben dort meiden. Ich
ging über den Ozean und das war unser Unglück; sie konnte meine Abwesenheit
nicht ertragen. Die Familie, in deren Schoss sie Aufnahme gefunden, verlangte
Garantien für meine Rückkehr. Bei Misstrauen soll sie mitkommen, hatte ich
erwidert. Und dann war sie tot, tot, tot ... Dann kam der Teufel über sie: Du
hast sie gemordet, und sie drohten. Beobachtung, Argwohn, Flüstereien überall,
wohin ich kam, in London, Paris, Berlin. Um so satanischer, als ins Kalkül
fielen meine Einsamkeit, Untätigkeit, Nervosität, Provokationsgruben, der
Chauvinismus, royalistische Verbindungen ... Die in weiter Welt auf Revanche
oder Ranküne lauernden Widersacher; endlich die Hoffnung, ich möchte irgendwo
noch irgendwas begehen, woraus man Greifbares gegen mich schmieden kann. Aber
Mister John tut das nicht ...«
    »Nein, er tut das nicht,« sagte Achtuber fest und gütig, »aber mein lieber
John, neigt jetzt den Kopf ein wenig nach links, dann sind wir gleich fertig.«
    Drillinger wandte den Blick auf den Boden und scharrte mit dem Fuss ein
zerrissenes Zeitungsblatt näher heran. Achtuber gewahrte es und lächelte. Es
war eine Nummer der »Kloake«.
    Das Hiobmodell sprach unermüdlich weiter: »Bald hatte man gleichgestimmte
Seelen, Flachköpfe, Schufte auf Seite der Hetzlustigen. Gewohnheitsverbrecher
scheinen davon angeekelt worden zu sein, sonst hätte deren Augenblicknutztrieb
mich auf einem entlegenen Weltgange beseitigen gekonnt. Endlich stutzten die
Braven in der Millionenstadt und rückten. In München rauscht die Isar, der
Andere ist jetzt stille. Manche gaben mir ihre Sympatieen zu verstehen. Was
seitdem in der Umgebung sich abgespielt hat, davon wissen viele Vieles.
Verrückter Mann! Abschaffen, asylieren, exilieren - Weltstadttöne, die hier
nicht klingen. Hochstehende werden überall düpiert, meiden direkte
Kenntnisnahme, sind ohne Gegengewicht. In ihrem durchseuchten Hohlraum werden
die Martern als verdiente betrachtet. Mich als schuldig hinzustellen! Hahaha. So
lang die Kleine lebt ...«
    »Und jetzt sind wir fertig für heute. Danke, alter Freund John. Darf ich Sie
morgen Vormittag wieder erwarten?«
    Der Alte ordnete seine Kleider und verschwand leise. Achtuber nickte ihm
einen stummen Gruss nach, dann deckte er ein nasses Tuch über die Figur auf dem
Modelliertischchen, wusch und trocknete sich die Hände und ging auf Drillinger
zu. »Und nun erst Grüss Gott, Herr Baron, Ihr Besuch ist mir angenehm; er wurde
mir schon von Italien aus avisiert. Sie selbst sind mir ja kein Fremdling. Ich
bedauere nur, dass ich Ihre Geduld auf die Probe stellen musste.«
    »Das macht nichts, Herr Achtuber; das nichtsnutzige Frühlingswetter liegt
mir ein wenig in den Gliedern und macht mich schlaff, sonst hätte die
interessante Szene, der ich beiwohnen durfte, mich gewiss mehr angesprochen.«
    »Ja, dieser Mister John ist ein unbezahlbares Studienobjekt. Sein
eigentlicher Name ist Flocker. Man siehts dem harmlosen Verrückten nicht an, was
er schon alles hinter sich hat. In jedem Frühjahr kommt er zur Kur nach
Brunntal. Ein familien- und heimatloser Kunstgelehrter, durch eine kleine Rente
unabhängig gestellt, durchpilgert er die Welt. Als ich vor drei Jahren in
Amerika weilte, machte ich seine Bekanntschaft. Seitdem besucht er mich
regelmässig. Herzensgeschichten, die ihm den Verstand angebrannt haben, fesseln
ihn auch ein wenig an mich. In meiner kleinen amerikanischen Braut - sie ist
gegenwärtig in einem Dresdener Pensionat - will er das Abbild seiner zu Grunde
gegangenen Geliebten erkannt haben; auch der Zufall des Namens scheint ihm
imponiert zu haben. Aber was schwatze ich da von deutsch-amerikanischen
Abenteuern, kommen wir zu unsern gemeinsamen Freunden, unserm Architekten
Zwerger und seiner Verlobten Flora Kuglmeier!«
    Drillinger machte grosse Augen: »Seiner Verlobten, sagen Sie?«
    »Ich plaudere vielleicht aus, was er noch geheim gehalten wissen will. Aber
es ist so. Fräulein Flora hat mir die überraschende Nachricht erst diesen Morgen
geschickt und mir zugleich Ihren Besuch angekündigt.«
    »Ich finde den Zusammenhang nicht ...«
    »Den werden Sie gleich haben. Wollen Sie sich da herauf bemühen? Hier sitzt
sich's besser.« Achtuber war die Treppe an der Schmalwand des Ateliers
hinaufgeeilt und hatte den grünen Vorhang zurückgeschlagen. »Hier ist mein
Plauderwinkel und mein Observatorium.«
    Es war ein lauschiges Gemach, zeltartig aus bunten Binsenmatten und
Teppichen gebildet und mit einem fellbelegten Divan ausgestattet.
    Nachdem sich die Herren niedergelassen hatten nahm Achtuber seinen Bericht
wieder auf: »Meine nähere Bekanntschaft mit Zwerger verdanke ich meinem kurzen
Rom - Aufentalt im letzten Winter. Wir sprachen viel über die Münchener
Kunstzustände, tauschten unsere Zukunftspläne aus, - ein genialer Mensch, voll
Feuer und Phantasie! - weitgereist und viel erfahren wie wir beide waren,
gewohnt, die Dinge von grossen Gesichtspunkten zu betrachten, fanden wir uns
schnell; ich stellte ihm noch meine ehemalige Schülerin - im Zeichnen und
Modellieren - die nicht weniger geniale Flora Kuglmeier vor, Exhauslehrerin
eines weitläufigen Vetters von mir ...« (hier hüstelte der Sprecher
unwillkürlich ein wenig) »und reiste dann wieder ab. Dringende Aufgaben riefen
mich nach München zurück. Ich machte mir überdies nicht übermässig viel aus
Italien ... Ja, ja, Herzen haben ihre Schicksale: Zwerger schien mir das
Ewigweibliche etwas von oben herab zu nehmen, schopenhauerisch infiziert, wie
mir schien - und jetzt, wie's halt jedem beschieden ist, wenn sein Stündlein der
Einkehr und der definitiven Entschlüsse geschlagen hat. Ich gönn' ihm das
seltene Glück.«
    »Von alle dem hat er mir nichts geschrieben. Sein letzter Brief schien mehr
eine übermütige Humoreske, worin allerdings der mir bis dahin fremde Name Flora
Kuglmeier gar sonderbar gaukelte. Wer ist denn die Dame eigentlich?«
    »Fragen Sie vielmehr, Herr Baron, was ist denn die Dame eigentlich, und ich
antworte Ihnen: eine Perle! Ah, Sie schütteln den Kopf? Ich war auch lange ein
sündhaft ungläubiger Tomas. Sie können sich ja denken, ein Künstler, nicht
wahr, der Verkehr mit den Modellen, den professionsmässigen und - den andern; da
kommen die Damen nicht, uns ihre Tugend und Keuschheit anzubieten oder uns mit
frommen Bussgedanken zu ködern. Und wir sind ja allzumal Sünder - ich muss Ihnen
nur gelegentlich einmal meine intimeren Skizzen zeigen, proh pudor! - aber ich
schwöre Ihnen bei meiner Künstlerehre, bei der kleinen Flora Kuglmeier lernte
ich Respekt.«
    »Das ist allerdings seltsam,« sagte Drillinger in Gedanken und liess seinen
Blick über die prachtvolle Figur des Künstlers gleiten.
    »Glauben Sie mir, Herr Baron, diese Erfahrung war mir eine wahre
Herzstärkung. Zuerst freilich war ich ein wenig beschämt, dann aber jubelte ich
auf: Gott sei Dank, es gibt noch reine Frauenherzen und Frauenleiber! Besonders
für einen Künstler ist diese Erfahrung notwendig und dieser Glaube ... Im
Keuschen liegt eine göttliche Kraft. Unser Zwerger ist ein seliger Mann. Jetzt
ist er geborgen. Jetzt wird er sich auch zum rechten Zielbewusstsein
aufschwingen, nachdem sein Leben ein Zentrum in der Liebe gewonnen. Wenn ihm die
Umstände nur ein wenig hold sind, wird er mit der Ausführung seiner Isarpläne
seine Künstlerlaufbahn krönen.«
    »Was ist es denn eigentlich mit diesen Isarplänen?«
    »Das ist leicht und schwer zu sagen, je nachdem. Im Prinzip handelt es sich
darum, diese landschaftlich einzigen Bauplätze an den Isarufern der gemeinen
Zinshaus-Bauspekulation zu entreissen und sie einem dem künstlerischen Ruhme
Münchens würdigen Zwecke zu weihen. Es gilt da freilich zunächst einen heissen
Kampf mit dem barbarischen Mammonismus, der alles phantasievoll Grandiose,
sofern es nicht sofort rentierlich im kapitalistischen Sinne, mit Füssen tritt.
Und hier soll für die Kunststadt München eine Entscheidungsschlacht geschlagen
werden, welche die künstlerische Vorherrschaft Bayerns auf Jahrhunderte hinaus
in Deutschland befestigen oder vernichten soll. Ein halbes Dutzend lumpiger
Millionen und der königliche Schutz - und die Isarufer bedecken sich nach den
Zwergerschen Entwürfen mit Kunstausstellungsbauten, Museen, Galerieen,
dazwischen Privatäusern im reichsten Pavillonstil, Gärten, Anlagen,
Brunnenwerken, Statuen und so weiter, wie die Welt nichts Ähnliches gesehen ...«
    Drillinger lächelte: »Millionen und königlicher Schutz! Unter den bekannten
obwaltenden Umständen!«
    »Vorerst heisst's nur Zeit gewinnen - für die Veränderung der
augenblicklichen Umstände. Von heute auf morgen kann ein ungeheurer Wechsel
eintreten. Der König ist krank, weltflüchtig, regierungsmüde. Er hat
Ausserordentliches für das Kunstgewerbe geleistet, ja, man kann sagen, dass er das
bayerische Kunstgewerbe geschaffen und auf die gegenwärtige Höhe gebracht hat.
Aber jetzt sind seine Mittel erschöpft. Er ist am Ende seiner Kraft. Ultra posse
nemo obligatur. Nicht einmal ein König. Lassen Sie die Krone auf ein anderes
Haupt übergehen ... In diesem Sommer feiert Münchens Künstler- und Bürgerschaft
das Ludwigs - Jubiläum, die Hundertjahrfeier der Geburt Ludwigs I., des grössten
Kunstkönigs. Sein zaubermächtiger Geist ist im Wittelsbacherhause noch heute
lebendig; stellen Sie ihn im rechten Mann auf den rechten Fleck und Sie werden
Wunder erleben!«
    »Ich bewundere ihren kühnen Gedankenflug, obwohl ich ihm nicht zu folgen
vermag. Industriealismus, Kapitalismus, sie haben nun einmal das Heft in Händen
und werden sich's nicht durch die glänzendste Künstlerphantasie entwinden lassen
... Selbst königliche Macht ... Die Zeiten Ludwigs des Ersten sind nicht mehr
die Ludwigs des Zweiten ...«
    Es klingelte. Achtuber eilte an die Tür und steckte den Kopf hinaus.
    »Nein, Isidor, melden Sie dem Herrn Bankier Weiler, dass ich ihn jetzt
unmöglich befriedigen kann ... In vierzehn Tagen wollen wir sehen ... Wie?
Pfand? Er soll sich selbst oder den Gerichtsvollzieher herausbemühen und sich
nehmen in drei Teufels Namen, was ihm gefällt. Bargeld hab' ich jetzt nicht. Den
Wechsel nehmen Sie nur wieder mit. Adieu ... Nochmal: nein! Vorwärts, sag' ich
... Betrachten Sie sich meinetwegen als hinausgeworfen ...«
    Die Tür flog zu. Zwischen den dichten rötlich-blonden Augenbrauen des
Künstlers stand eine düstere Falte.
    Zu Drillinger zurückkehrend: »Ich bitte um Vergebung. Ja, ja, das Geld im
Kleinen ist ein schändliches Ding. Mein Bankier hat eine wahnsinnige Inkasso -
Wut ... Mit Millionen! ist bequemer arbeiten, die sind weit nobler und
gefügiger, als die Tausender. Kleine Summen sind immer plebejisch ...«
    Drillinger hatte sich schweigend erhoben. Der Zwischenfall, von dem er
unfreiwilliger Zeuge gewesen, drückte auf seine Stimmung und liess die kaum
verscheuchte Schwermut wieder die Oberhand gewinnen.
    »Wollen Sie einen Blick auf meine Arbeiten werfen?« fragte Achtuber sich
zusammennehmend. »Es sind Einfälle darunter, die Ihnen nicht missfallen werden.
Einzelne frühere Werke werden Sie bereits vom Kunstverein her oder aus Kritiken
kennen. Was ich im Kunstverein ausstellte, war natürlich dummes Zeug,
Schaugericht für Kreti und Pleti; ist auch längst verkauft. Dergleichen mache
ich nie wieder. Konzessionen schwacher Stunden und gewisser Bedürftigkeiten,
deren man sich besser schämt. Die Kritik pflegt solche Sünden natürlich mit
höchstem Lobe auszuzeichnen. Waren Sie nicht selbst eine zeitlang kritisch
tätig? Es ist mir als ... kurz vor meinem Abstecher nach Amerika ...«
    »Meinen Sie mein journalistisches Unternehmen mit dem Baron Almen? Ein
unglücklicher Versuch. Seitdem habe ich die Hand von der Presse gelassen ...«
    »Das verdenke ich Ihnen nicht. Unsere Pressverhältnisse lassen viel zu
wünschen übrig.«
    »Wo ein Pressbandit möglich ist, wie dieser Kloakenhäuptling ...«
    »Den rechne ich nicht zur Münchener Presse. Nein, das möchte ich unserer
Journalistik nicht antun, so wenig ich mich ihr zu Artigkeiten verpflichtet
fühle; sie hat mich, besonders in meinen Anfängen, oft gemein genug behandelt.
Jetzt schweigt sie mich fleissig tot, das nehme ich ihr weniger übel. Aber dieser
Pressbandit ist für mich doch nur eine lustige Person. Neulich wollte er sich
auch an mir reiben, aber ich habe ihm einstweilen einige Hiebe brieflich
aufgesalzen, die fruchten werden. Ich stehe nämlich in gewissen Beziehungen zu
ihm, sehr sonderbarer Natur, von früher her, durch sein Weib ... Nicht wahr, da
staunen Sie? Kennen Sie sein Weib? Ich meine nur so ...«
    »Vom Sehen? Allerdings.«
    »Natürlich nur vom Sehen. Ich auch. Nur habe ich sie besser gesehen, als
irgend einer, als Aktmodell nämlich, in ganzer Figur, wie sie Gott geschaffen
und ein Tätowierkünstler verbessert hat. Das ist eine furchtbar komische
Geschichte. Nach der Anrempelei des Pressbanditen habe ich keine Veranlassung
mehr, sie länger geheim zu halten. Also die Donna kam aus Hamburg hieher, aus
irgend einem Matrosen-Paradies. Eine teufelmässige Schönheit, die hier zuerst mit
Modellstehen ihren Weg machen wollte. Die wenigsten Künstler wussten etwas mit
ihr anzufangen; auch wollte sie sich nicht weiter als bis zu den Lenden
hergeben. Da kam sie zu mir - und beehrte mich mit einem unfasslichen Vertrauen.
Das heisst: Hofbräuhaus-Bock drei Glas, hierauf Marsala andertalb Flaschen und
einige Fingerhüte voll Chartreuse hatten sie beschwipst ... Daran war ich nicht
ganz unschuldig ... Gewisse Frauen sind erst im beschwipsten Zustande zu
ergründen, dann aber unfehlbar ... Und meine Entdeckung! An der Innenseite
beider Schenkel von der Kniekehle bis oben hinauf tätowiert: einen Löwenkampf
unter Palmen darstellend! Die Bestien fletschen die Zähne, hauen mit den
Schwänzen um sich, packen sich im Nacken, in den Flanken - ein dämonisches
Kampfbild, naiv aufgefasst, grotesk dargestellt, aber von unerhörter Wirkung an
dieser Stelle ...«
    »Das möcht' ich wahrhaftig ... nein, nicht in natura, aber in einer
beglaubigten Abschrift sehen.«
    »Der Wunsch ist berechtigt und soll erfüllt werden. Sie sind zwar nicht der
Erste, dem ich's zeige, aber der Erste, dem ich den Namen der Besitzerin des
lebendigen Originales mitteile. Kommen Sie!«
    Achtuber führte den Baron in eine verschlossene Abteilung des Ateliers.
    »Das ist mein Raritätenkabinet, das ich nur ganz Intimen öffne. Einem
Freunde Zwergers biete ich den Eintritt als Gastgeschenk.«
    »Ich werde diese Auszeichnung zu würdigen wissen,« antwortete der Baron
verbindlich.
    »Das, ist der Tempel der Natürlichkeit oder sagen wir schöner: Vermählung
von Natur und Kunst. Für klassisch verdorbene Akademikeraugen ein Ort des
Schreckens und der Qual ...« fuhr der Bildhauer fort, nachdem er von einigen
Gruppen und Statuen die schützende Hülle, grobe, staubgraue Tücher, genommen.
Längs der Wand standen auf einem niedrigen Simse eine Reihe von kleineren
Skizzen. »Suchen Sie!« rief Achtuber.
    »Hier das Frauenzimmer auf dem ominösen Stuhl? Erlauben Sie, das ist
unerhört, das ist kein Vorwurf für die bildende Kunst!«
    Der Künstler verzog die Lippen. »Das müssen die Herren Nichtkünstler doch
wohl den Künstlern zu entscheiden überlassen ... Sehen Sie nur genau hin, Herr
Baron, das ist wirklich der ominöse Stuhl; Sie haben richtig geraten. Die genaue
Kopie des Stuhls, der im ärztlichen Untersuchungsbüreau von der Polizeibehörde
bekannten Damen allwöchentlich angeboten wird. Der Künstler, dem nichts
Menschliches fremd sein darf, hat ein Recht, sich für Personen, Dinge und
Zustände nachschöpferisch zu interessieren, welche in der profanen Alltagswelt
noch als die Domäne des Arztes, des Polizisten, des Richters betrachtet werden.
Ei freilich, Venus, die Schaumgeborene - die Verführerin als strahlende Göttin -
und ihr mit Mars erzeugter Sohn Amor oder Kupido oder Eros, dargestellt als
neckischer Knabe mit Flügelchen an den Schultern, bewehrt mit Bogen und Köcher,
aus dem er Liebespfeile schiesst, oder mit einer Fackel, dem Sinnbilde brennender
Liebe, diese mytologischen Kinderstubenscherze, das sind Vorwürfe für die
echte, die ideale Kunst, nicht wahr? Nein, mein Herr, mit diesem verlogenen,
konventionellen Schnickschnack wollen wir modernen Künstler nichts mehr zu
schaffen haben. Unsere Seele schreit nach Erlösung von Unnatur und Lüge, wir
sehen die hehre Schönheit nicht in der klassischen Schablone, sondern in der
Wahrheit, die vor unsern Augen liegt. Wir kehren uns nicht an die alten Muster,
wir halten uns an den Geist, der in uns selbst lebendig ist und beugen uns in
Ehrfurcht vor dem ewigen, erhabenen Urtext der Natur. Und darum schildern wir
unsere Zeit und unsere Menschen, unsere Irrtümer, Torheiten, Leiden, Hoffnungen
und Ideale, wie die Alten die ihrigen geschildert haben. Dieser Stuhl hier und
das Weib darauf mit den ausgespreizten Schenkeln und der Gerichtsarzt davor mit
dem kühlen Aktendeckelgesicht - das sind Abschnitte aus der echten, wirklichen
Venuslegende unserer Zeit, mit hoher obrigkeitlicher Approbation, ein Aufzug aus
dem hundertaktigen Drama unseres modernen sozialen Elendes, das nur diejenigen
nicht sehen, die es aus Feigheit oder eigener Niedertracht nicht sehen wollen
...«
    Drillinger musterte die Gruppe aufmerksamer. »Ich kann mir nicht helfen,
Herr Achtuber, so vollendet Ihr Werk auch sein möge und so frei von frivoler
Effektascherei - man wird Sie doch der Verirrung, ja der Freude an der
Schweinerei bezichtigen ...«
    »Lassen Sie sich ad vocem Schweinerei eine Anekdote erzählen, Herr Baron,«
sagte der Künstler gelassen, indem er eine reizende nackte Mädchengestalt auf
der Drehscheibe so rückte, dass das hellste Licht auf die Rückenseite fiel. »Als
der grosse französische Schauspieler Talma zum erstenmal den Brutus mit
entblössten Armen und Beinen und echter römischer Tunika statt in dem bisher
üblichen Phantasiekostüm spielte, da verliess seine Partnerin, Madame Vestris,
empört die entweihte Bühne mit dem Rufe: Schwein! ... Heute ertragen wir nicht
nur, sondern wir fordern sogar echte Kostüme im Teater und das prüde Publikum
findet sich mit nackten Schultern und Armen ganz gut ab, während es gegen nackte
Füsse oder Beine noch entrüstet aufschreien würde. Von dem Dichter oder bildenden
Künstler hingegen verlangt es nach wie vor das lächerliche Phantasiekostüm der
Konvention. Die Schwachköpfe mögen es ihm geben, die starken Naturen, die
suveränen Künstler-Individualitäten, kümmern sich keinen Pfifferling darum, und
wenn man ihnen auf Schritt und Tritt die, blödsinnige Insolenz
entgegenschleuderte: Was, du kannst es wagen, uns zu schildern wie wir sind - du
Schwein? Lieber Herr Baron, aus der Perspektive des modernen Künstlers gesehen,
sind alle diese Moralitätsanfälle pure Kindereien, und die ganze konventionelle
Moral, die den Leuten angedrillt wird, eitel Schwindel und Humbug. So lange
diese Moral herrscht, ist kein Raum für die Sittlichkeit in der Welt. Und
Sittlichkeit täte uns so wohl wie echte Natur.«
    »Wer ist diese herrliche Lichtgestalt?« fragte Drillinger träumerisch,
längst nur noch Auge und den Ausführungen des Künstlers kaum ein zerstreutes Ohr
leihend.
    »Meinem französischen Lieblingsschriftsteller Flaubert zu Ehren habe ich sie
Salambo getauft. Ich weiss nicht, ob Sie die Geschichte von dem Töchterlein
Hamilkars kennen. Salambo ging in das feindliche Lager, schlief die Nacht über
im Zelte des feindlichen Heerführers, um den Schleier der Göttin Tanit, den
dieser geraubt, wieder zurück zu holen. Eine unbefleckte Jungfrau, wie sie
gekommen, soll sie wieder nach Kartago zurückgekehrt sein.«
    Drillinger seufzte ironisch. »In Kartago muss dann wenigstens die
jungfräuliche Keuschheit intensiver, oder die Weiberlust der Heerführer
bedeutend impotenter gewesen sein, als bei uns ... Je nun, die Welt ist so gross
und so verschieden ... Salambo hin, Salambo her, das ist ein wundersüsser
Frauenleib. Ach, ich hätte ihn nicht ungenossen aus meinem Zelte entweichen
lassen - Sie wohl auch nicht, Herr Achtuber ...«
    »Meine keusche Salambo verführt Sie!« sagte der Künstler in vorwurfsvoll
singendem Tone mit drohend erhobenem Finger. »Herr Baron, das ist patentierte
und garantierte Jungfräulichkeit ... aller Liebe Müh' umsonst. Betrachten Sie
hier mein asketisches Ideal, das wird Sie abkühlen, oder dort meine Gruppe Leben
aus dem Tode, die Entbindung einer Sterbenden, das wird Sie erschrecken. Auch
meine Würde der Arbeit, wie ein verunglückter halbverhungerter Künstler einem
Parvenü-Protzen die Stiefel putzt, ist ein gutes Ableitungsmittel für wollüstige
Gedanken. Das asketische Ideal ist eine Charakterstudie nach dem Leben des
Einsiedlers im Steinbruch von Höllriegelskraut. Lauter moderne Stoffe! Hier die
kleinen Propheten sind aus unserem Landtag, Abteilung, für klerikal -
mittelalterliche Halluzinationen, geholt ...«
    Das war umsonst geredet. Max v. Drillinger lag in Salambo's Fesseln, dass er
alles andere übersah und überhörte. Diese Welt von jugendlich knospender,
taufrischer Schönheit, hat er sie nicht schon beglückt in seinen Armen gehalten?
Erinnerte dieser wonnesame Leib der Kartagerin nicht in jeder Linie, jeder
Schwellung, jeder Bebung an die zierliche Huldgestalt seiner kleinen Sängerin
Fifette? Und wie hat er sie in diesen Tagen vernachlässigt! Konnte er nicht
jeden Augenblick niedertauchen in ihre Liebe wie in einen Jungbrunnen und alles
Leid vergessen? Er hatte einen Entschluss gefasst - diese Nacht bei ihr! Nun riss
er sich von dem Bilde los.
    »In der Tat, Sie haben entzückende Sachen hier. Wenn Sie gestatten, werde
ich mir das alles später einmal mit Musse betrachten. Ich muss in diesen Tagen
einen kleinen Erholungsausflug machen; wenn ich zurückkehre ...«
    »Sie sollen mir stets willkommen sein, Herr Baron. Inzwischen werden wir
hoffentlich auch neue Nachrichten von unserem gemeinsamen Freunde Zwerger
erhalten haben ...«
    »Wer ist das hier?« fragte Drillinger im Hinausgehen, mit flüchtigem Blicke
auf eine Porträtbüste weisend. »Den sollte ich kennen.«
    »Ein moderner Antinouskopf, nicht wahr? Das ist ein junger Philologe, ein
Unglücksmensch von einem Ideologen. Schlichting heisst er.«
    »Und das hier?«
    »Eine Engelmacherin, sagt man. Ich will nicht darauf schwören. Man sagt ja
so vieles.«
    »Was Sie für seltsame Bekanntschaften haben ... Eine Engelmacherin!«
    »Der Tiergarten Gottes und seiner Künstler ist gross.«
    Es war der Kopf der Elisa v. Hutzler.
    »Und das?«
    »Eine Blumenmacherin und angebliche Baronesse dazu. Als Baronesse hatte sie
gar nichts, als Blumenmacherin drei bis vier Mark in der Woche. Ihre Schwester
desgleichen. Um nicht zu verhungern ... die alte Geschichte ... Die satte Tugend
geht vorüber und hält sich die Nase zu. Die Polizei stellt eine Karte aus und
erhebt die Taxe.«
    Drillinger stand sinnend, als suche er nach einer Ähnlichkeit mit einer von
zwei jungen Dämchen, die ihm kürzlich begegnet ... auf der Maximiliansbrücke und
unter einem Torweg ... Es ging ihm so vieles im Kopf herum. Das Leben wird mit
jedem Tag komplizierter.
    An der Tür sich umwendend, gewahrte er auf einem kunstvoll gearbeiteten
Postamente eine jugendliche Frauenbüste, die ihm schon beim Eintritte
aufgefallen war, weil sie abseits von den anderen Bildwerken wie auf einem
Ehrenplatze stand. Es war ihm auch gewesen, als hätte ihr der verrückte Flocker
beim Hinausgehen heimlich eine Kusshand zugeworfen.
    »Verzeihen Sie eine letzte Frage, Herr Achtuber: wer tront dort gleichsam
als der weibliche Schutzgeist dieser kunstgeweihten Stätte?«
    Über das edle Gesicht des Künstlers flog ein siegesstolzes Leuchten und mit
feinem Lächeln sagte er, die Kraft seiner Stimme zu geheimnisvollem Flüstern
dämpfend: »Meine Herzensliebschaft, meine Afra!«
    »Afra?« fragte Drillinger nachdenklich wie einer, der sich auf verblasste
Träume und erloschene Zusammenhänge besinnt. »Die im Roman des Mister John eine
Rolle spielt?«
    Die Art des Fragens belustigte den Künstler; sie sprach ihn an wie
frauenhafte Neugierde. Nun wollte er zum Schluss mit dem Frager eine kleine
Komödie spielen: »Ich vermute sogar, dass sie eine der Ursachen von Johns Irrsinn
ist, insofern, als Johns etwas überempfindliches Hirn durch die Abweisung, die
er von Afras Mutter auf sein hitziges Liebeswerben erfahren, übergeschnappt ist
... Mister John leidet zeitweilig auch an der Wahnvorstellung, er sei Afras,
meiner Zukünftigen, leiblicher Vater ...«
    Nein, das Fabulieren wurde ihm doch zu schwer und es stritt auch gegen seine
Gewissenhaftigkeit, ein ihm so teures Wesen wie seine Afra in eine romantische
Komödie zu verflechten. Was wusste er auch von Afras Vorgeschichte mehr, als dass
ihre Kindheit im Findel- und dann in einem Erziehungshaus für Waisenkinder in
Newyork verflossen ist? Also genug des grausamen Spiels!
    Drillinger erwiderte: »Hm, seltsame Schicksale. Die Geschichte müssen Sie
mir einmal deutlich erzählen, wenn ich wiederkomme, Herr Achtuber. Afra,
sonderbar ...«
    »Mit Vergnügen, Herr Baron. Es ist zwar schauderhafte Romantik, und ich weiss
nicht, ob ich, der Naturalist, sie Ihnen zu Dank vortragen kann. Immerhin!«
    »Wie sind Sie auf den Gedanken gekommen, Mister John als Modell zu einem
Hiob zu benutzen?«
    »Er hat mich selbst darauf gebracht. Mit Vorliebe, das heisst mit der den
Verrückten eigenen Hartnäckigkeit verglich er sich mit dem alttestamentlichen
Dulder. Gleich dem Hiob habe ihn der grausame Gott, der überhaupt der Grund
alles Übels in der Welt sei, weil er mit dem Menschen experimentiere wie ein
Vivisektor mit seinen Versuchstieren - ihm, dem Mister John, seine Familie und
seine Reichtümer genommen und, nicht zufrieden mit dem angestifteten Unheil,
auch noch seine Freunde gegen ihn aufgehetzt und seine Gesundheit geschädigt.
Ausser sich selbst und dem Pechvogel Hiob wisse er niemand, dem Gott so sinnloses
und grausames Leiden auferlegte ...«
    »Und das alles um einer Afra willen, die ihn nicht einmal erhört hat! Das
ist freilich göttlicher Widersinn. Wenn wir andern um der Weiber willen leiden,
wissen wir wenigstens warum ...« Dem Künstler die Hand reichend: »Sie haben mich
mächtig angeregt, Herr Achtuber. Mit Ihrer gütigen Erlaubnis komme ich wieder.
Ich wohne am südlichen Ende der Stadt, Sie am nördlichen. Uns beiden rauscht die
nämliche Isar, die es unserer Zwerger« ... auf einen andern Gedanken
überspringend: »Herrgott, dass er sich verlobt hat, wirklich verlobt, ist doch
eine riesige Neuigkeit ... Leben Sie wohl, Herr Achtuber. Ich fliehe ...«
    »Gleichfalls. Das heisst: ich bleibe! Wiedersehn, Herr Baron!«
    »War Drillinger bei Ihnen gewesen?« fragte der Photograph Attenkofer
eintretend. »Bin ihm an der Ecke begegnet, er schien aber so in Gedanken und
machte so lange, eilige Schritte, dass er mich gar nicht sah.«
    »Ja, das ist auch so einer, dem der liebe Gott die Füsse mehr zum
Davonlausen, als zum festen Schritt oder zum Zustossen und Zertreten gegeben hat.
Der richtige Modejournaloffizier ausser Dienst in seinem Äussern. In seinem
Innern? Wer weiss! Ich hatte mir ihn anders vorgestellt, weniger abgenutzt und
effeminiert, weniger ermüdet und zerfahren. Er hat einen Stich ins Hysterische.
Künstlerisch ist er nicht uninteressant. Ganz klug werde ich erst aus ihm
werden, wenn ich ihn einmal unter mein Modellierholz bekomme ... Helden nur
unter scharfem Kommando, in Reih und Glied, wo's kein Entrinnen gibt; auf sich
selbst gestellt, schändliche Zärtlinge ... Und so etwas macht das Weibsvolk toll
... Ich hab' das Motiv ... Ein guter aktueller Typus. Der soll mir nach Mister
John an die Reihe kommen.«
    »Schon wieder in Gedankenarbeit? Ich will Sie nicht lange stören. Ich
wünsche Ihren Rat, lieber Freund. Rasslers Neffe hat mir diesen Morgen
angetragen, in sein Geschäft einzutreten. Soll ich annehmen? Er bietet mir eine
sehr angenehme Stellung. Ich wäre damit vielem aus dem Wege, was mir bisher das
Leben verbitterte.«
    »Natürlich sollen Sie annehmen. Aber mit klarem Kontrakt. Alle Rassler sind
mehr oder weniger Tröpfe und Spitzbuben.«
    »Sie sind streng, aber ich danke Ihnen für den Wink. Mein ganzes Unglück war
meine Armut. Und als armer Teufel wurde ich immer noch ausgebeutet und wo man
mich nicht ausbeuten konnte, verfolgte man mich.«
    »Selbstverständlich. Den Armen traut man stets das Erbärmliche zu. Die
Wohlhabenden gelten zugleich als die Wohldenkenden. Sie Narr des Mitleidens und
der Entsagung! Nur der Erfolg, je materieller er sich in Besjetztümern
ausspricht, desto besser - gibt moralische Autorität.«
    »So klug bin ich endlich auch durch Schaden geworden. Im Rasslerschen
Geschäfte hoffe ich die Mittel zu erwerben, um ...«
    »Ich wiederhole: strammen, klaren Kontrakt. Was gibt's sonst Neues?«
    »Ihr Kollege Echter ...«
    »Verzeihung, Konkurrent wollen Sie sagen. Unter den Künstlern gibt's
heutzutage keine Kollegen, nur Konkurrenten. Nur Stümper und Lumpe trumpfen sich
altfränkisch als Kollegen auf. Echter ist wenigstens kein Stümper. Er ist ein
Konkurrent, den man ernst nehmen muss. Was ist's mit ihm?«
    »Echter hat richtig den Auftrag bekommen, für den König den grossen
Relief-Fries, Triumphzug des Bacchus und der Ariadne auszuführen. Er hat mich
gestern ersucht, den Karton zu photographieren.«
    Achtuber runzelte die Stirn. »Also hat er mir richtig die schöne Beute
abgejagt ...«
    »Professor Schnürle, der alle Schleichwege kennt, die zum König führen, soll
ihm wacker geholfen haben. Ein unermüdlicher Wühler ...«
    »Das überrascht mich weniger. Dieser Pinselmeister ist ja mit den Füssen und
der Schnautze geschickter, als mit den Händen, daher seine raschen Erfolge.
Schnürle und die andern akademischen Dunkelmänner sind ja wütend auf mich und
haben allen Grund dazu, seit ich allmählich mit meiner Richtung durchdringe und
die jungen Talente sich um mich scharen, obwohl ich weder Ämter noch Ehren und
Würden und Aufträge zu vergeben habe. Aber dieser Echter! ... Wie ist denn seine
Arbeit?«
    »Nicht übel. Das Durcheinanderwogen von liebestrunkenen Gestalten ist sogar
vortrefflich. Allein gewisse Gruppen scheint er Ihrem Entwurfe direkt gestohlen
und nur wenig umgeformt zu haben, um's nicht merken zu lassen, zum Beispiel die
zwei Frauen, die sich taumelnd in die Arme sinken, - wissen Sie, wozu Ihnen die
Berta Hohenauer damals Akt gestanden - und die andern, die vom Veitstanz des
Rausches ergriffen. Auch die Szene, wo ein Triton die eben errungene Geliebte
jubelnd in die Höhe hebt, dass ihre ganze unverhüllte Schönheit sichtbar wird,
während ein Satyr lüstern nach ihrem Fusse hascht, erinnert an Ihre Konzeption;
nur ist bei Echter alles geleckter und ohne Ihr Leben und Ihre Kraft.«
    »Mag's ihm wohl bekommen! Beim Künstlerfestzug zu König Ludwigs
Zentenarfeier werde ich ihm doch einen Possen spielen ...«
    »Echter und Schnürle sollen auch von den Zwergerschen Plänen durch Konsul
Schmerold Wind bekommen haben und nun Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um
den Leuten den Geschmack daran zu verderben.«
    »Das wird ihnen schwerlich gelingen, wenn sie nicht dem ganzen
Architektenverein von heute auf morgen andere Köpfe aufsetzen können - Köpfe
nach dem Strohwischkopfmuster des Herrn Professors Schnürle. Zwerger hat das
Votum des Architektenvereins und - sein Genie für sich. Daran werden die
Sturmböcke zerschellen.«
    »Aber einen rechten Hexensabbat wird's doch geben.«
    »Hexensabbat, ja ...« Und nach einigem Nachdenken: »Lieber Attenkofer, wenn
nicht alle Wetterzeichen trügen, liegt ein ganz anderer Hexensabbat in der Luft,
ein viel grösserer, klassischerer - und dieser grössere wird den kleineren
verschlingen. Vor Schnürles Lakaienpolitik braucht uns nicht bange zu sein. Wir
gehen einem Umschwung entgegen, mit Riesenschritten, glauben Sie mir - und
dieser Umschwung, wird die Lakaienwirtschaft auch in der Kunst wegfegen wie
Spreu. Dann werden wir wieder reinen Tisch und reine Luft haben. Sagen Sie nur,
der Achtuber hat's gesagt. Vielmehr: sagen Sie gar nichts. Halten Sie nur Augen
und Ohren offen. Reifsein ist alles - und arbeiten und sich nicht vor Tod und
Teufel fürchten. Ich gehöre ja ohnehin zu jenen, die immer Feinde nötig haben,
um scharf bei der Arbeit und fröhlichen Herzens zu bleiben; Feinde sind mir so
notwendig wie das tägliche Brot; sie sind meine Wohltäter, meine Lustmacher,
meine Hofnarren, meine Sklaven. Nur ganz schmutzige, ekelhafte und insipide
Gesellen wie der Pressbandit sind mir zuwider wie Läuse und Wanzen ... Inzwischen
photographieren Sie ruhig Echters Triumphkarton, ausgeführt ist er deswegen,
doch noch nicht, und lassen Sie sich ordentlich bezahlen. Nichts mehr aus
Gratis- Kunstbegeisterung und um einen Gotteslohn, verstanden?«
    »Ach ja, Herr Achtuber,« setzte jetzt der Photograph mit einer Stimme ein,
die ins Falsett umschlug, was gar spasshaft mit seiner Hünengestalt
kontrastierte: »Eine Bitte hätte ich auch noch, speziell für mich. Wenn ich
jetzt mein Geschäft auflöse, habe ich eine Menge alter Verbindlichkeiten zu
bereinigen ...«
    »Und dazu brauchen Sie Geld - und das soll ich Ihnen pumpen? O Sie
Schwärmer!
    Gedulden Sie sich bis heute Abend, wenn's dunkel wird, will ich mit Ihnen
fechten gehen ...«
    »O, das würde schwerlich ein Triumphzug werden.«
    »Ich fürchte auch. Vielleicht schinde ich morgen etwas von dem
Bilderwucherer in der Maximilianstrasse heraus, der mein Hofbräuhaus-Idyll am
Tisch der Ungespundeten zur Vervielfältigung erworben hat. Der Hund Weiler
lauert zwar auch schon auf den Knochen und zeigt die Zähne ... Der soll sichs
Maul wischen. Also morgen - vielleicht!« - -
    Max v. Drillinger war auf dem Nachhauseweg in das Café Viktoria eingetreten,
hatte sich Papier und Tinte geben lassen und bei einem Glas Marsala an einem
stillen Ecktischchen folgende Zeilen an seine kleine Fifette geschrieben: »Nur
einen Augenblick des Glücks in Deinen üppigen, süssen Armen, mein liebes,
blühendes Herzensweibchen! Ich brenne vor Ungeduld nach Dir, nach Deinem Leib,
nach Deiner Seele! Du sollst dieses Mal keine Jeremiade von mir hören, mein
niedliches, braunes Reh, unser Wiedersehen soll eitel Wonne und Trunkenheit sein
und seligster Rausch. Nach der Zuchtausexistenz dieser letzten Woche und den
Höllenqualen, die ich erduldet, lass mich eingehen in Deinen Himmel. Kein Weib
der Welt weiss zu beglücken wie Du: Beglücke mich, Du Holde, Einzige! Heut Nacht
zur bekannten Stunde im bekannten Hause in der Buttermelcherstrasse. Ich werde
die Wirtin benachrichtigen, dass sie alles bereit hält. Willst Du mich überselig
machen - mein Blut rast nach Dir, wenn ich Dich mir so vorstelle! - so komme
etwas früher und erwarte mich in Deiner betäubenden Anmut und Deinem Liebreiz
mit aufgelösten Haaren, ohne Korsett, in dem blauen Schlafrock, vorn offen, und
in den durchbrochenen blauen Strümpfen. Du einziger, duftiger, unaussprechlich
süsser Engel - Dein, Dein, Dein Max.«
    Dann schrieb er einige Worte an die Wirtin und übergab beide Briefe einem
Expressboten. In der Maximilianstrasse - der Weg an der Isar, durch die
Quaistrasse, war ihm unheimlich - suchte er dem Oberst Wotan auszuweichen, allein
der grimmige Degen schnitt ihm den Seitengang ab. Den Schlapphut bis zu den
borstigen Brauen herabgezogen, schwarzgallige Worte auf den verächtlich
aufgeworfenen Lippen, hatte er den leichtfüssigen Baron gestellt.
    Nachdem sich Drillinger hoch und heilig, verschworen hatte, weder mit einem
gewissen Paillard eine mehr als rein zufällige Begegnung, noch mit dem
Schlemming, Schneidmeier und tutti quanti seit einer Ewigkeit überhaupt eine
persönliche Beziehung gehabt zu haben, fuhr der Oberst fort: »Gut, dann hat man
mich wieder angelogen. Aber lassen Sie sich das als Warnung dienen: Sie haben
rührige Feinde, denen kein Mittel zu schlecht ist, Sie mit dem anrüchigen, der
Spionage verdächtigen Gesindel in Zusammenhang zu bringen. Jetzt, wo in Bayern
ohnehin so viele Wasser getrübt sind - Sie verstehen mich. Semper aliquid
haeret. Weit vom Ziel ist gut vorm Schuss.«
    »Ich verreise morgen ohnehin auf einige Wochen.«
    »Da tun Sie gut daran. Ich bin auch höllisch hauptstadtmüde, zeitungsmüde,
klatschmüde. Ewig diese Königs- und Kabinets- und Künstlergeschichten, das wird
ja so langweilig, dass einem das Schilfrohr zum Bauch herauswächst. Remplem. Ich
geh' fort. Dieses nüchterne Pendantenvolk mit seiner Arroganz und unheilbaren
Troddelose ... Hab' auch das Bier satt, will meine Eingeweide mit Rotwein
auswaschen. Ist ja auch gar kein Bierwetter, immer Kälte und Regen; eine
Salvator- und Maibock-Saison ohne lachenden Sonnenschein, das ist gegen alle
Weltordnung. Ich rutsche über den Brenner nach Südtyrol hinab; da gibt's noch
Frühling und lustige Menschen und trinkbaren Wein.«
    »Aber die Ungespundeten, Herr Oberst, wenn alles geht?«
    »Hören Sie damit auf! Wer ist heute noch ungespundet? Alle halten den Knebel
im Mund und den Zapfen im Loch, weil sie der nächsten Viertelstunde nicht trauen
... Apropos, gestern bin ich die Isar hinauf, um in den Buchenwäldern von
Grosshesselohe und Grünwald ein wenig nach dem Frühling zu sehen. Zufällig kam
ich auch nach Höllrieglskreut und in den Steinbruch, wo der Meister Effenbach
seine Werkstatt für freie Religion und Menschlichkeit aufgeschlagen hat. Wenn
der Mann so fortfährt, wie ich ihn gefunden habe, gehört er nicht mehr in die
Philosophie und in die Soziologie, sondern in die Komödie. Hält dieser Mensch
jetzt, der selbst nichts zu nagen und zu beissen hat, auch noch ein Asyl für
verrückte Weibsleute! Machte mir da eine uralte büssende Magdalena, die's
jedenfalls längst nicht mehr juckt, mit Bibelsprüchen und mystischen Prunkworten
die Honneurs! Remplem. Die Weiber verderben alles. Wo ein Unterrock weht, wird
die Luft unrein. Und noch dazu alte Weiber, die ihre Jugendsünden nicht
vergessen können und über die Verderbteit der Welt seufzen ... Auch eine
vegetarische Kinderbewahranstalt plant dieser Heilige im Steinbruch! Heutzutage,
wo man nur durch furchtbare Kraft und Rücksichtslosigkeit noch einigermassen mit
der Welt fertig wird! Ich hab's ihm auch gesagt: wenn Ihr durchaus Kinder machen
und grossfüttern wollt, so säugt sie wenigstens mit Blut und bestellt ihnen
Löwinnen und Tigerweibchen als Ammen, so bekommt Ihr vielleicht einen Nachwuchs,
wie man ihn heute brauchen kann. Anders nicht. Remplem. Was geht's mich an? Also
ich geh' fort. Andere Luft, andere Menschen, anderen Trunk!«
    »Und andere Weiber, Herr Oberst, trotz alledem.«
    »Remplem.« - -
    Zwei Tage später hatte auch Max v. Drillinger mit seiner Fifette ein Billet
über den Brenner genommen. In einem Geheimfach seines Reisekoffers ruhten drei
unerbrochene Briefe von der Frau Kommerzienrat Leopoldine Rassler. Er hatte keine
Ahnung davon, dass seine verschmähte Geliebte seit dem letzten Zusammenprall mit
ihrem Gatten den ersten Stock der kommerzienrätlichen Wohnung verlassen hatte
und in den Gartensalon hinabgesiedelt war, wo sie in schwerer Krankheit
darniederlag. Vorerst wusste nur der Hausarzt und der alte Beichtvater aus dem
Lehelkloster, dass die Folgen einer Faussekouche die Kranke zwischen Tod und
Leben schweben liessen. Im Interesse seines Familienlebens hatte der
Kommerzienrat ausstreuen lassen, dass seine Frau auf Weisung des Arztes aus dem
ersten Stock ausgezogen sei und die Gartenwohnung mit Rücksicht auf die grössere
Stille und ozonreichere Luft gewählt habe; ein Nervenleiden habe zu dieser
Veränderung des Aufentalts Veranlassung gegeben. Die Teilnahme im Hause an dem
Leiden der Frau Rassler war eine allgemeine. Die Postoffizials, liessen sich
täglich nach dem Befinden der verehrten Kommerzienrätin erkundigen. Auch die
englische Familie bezeigte ihr Mitgefühl in ihrer Weise, obwohl sich Mister
Aston und Mistress Wood über den dummen Zufall ärgerten, der ihre angenehme
Emotion über die vor einigen Tagen aus der Isar gefischte Leiche mit der
abgeschnittenen Nase nun mit der betrübten Stimmung über einen schweren
Krankheitsfall im eigenen Hause kreuzte. »Sie wird doch nicht sterben?« fragte
Mama Wood ihren Familien-Statistiker Harry; »das wäre der erste Todesfall in
München, der uns nahe ginge - oder ging schon ein anderer voraus, mein Sohn?«
Worauf Harry lakonisch erwiderte: »Nein, Mama.« Seit Harry seiner Kusine Vivian
gestanden, dass er den Pressbanditen regelrecht niedergeboxt habe, und die zarte,
aber heldensinnige Dame dieses Geständnis mit einer entusiastischen
Liebeserklärung erwidert hatte und dem nichts Schlimmes ahnenden Harry an den
Hals flog, war der glückliche Statistiker und Boxer sehr wortkarg geworden. Auch
hatte er über Frau Rasslers Leiden eigene Gedanken und Empfindungen, die er
niemand anvertrauen mochte. So Trübes hatte ihm die Isar noch nie gerauscht wie
in diesen Tagen.
    Max v. Drillinger hatte vor seiner beschleunigten Abreise - in Hetz und Hast
- andere Sorgen. Er musste den Bankier Weiler schriftlich um einen
Tausendmarkwechsel ersuchen nach Riva am Gardasee, nachzusenden gegen Schluss des
Monats - »Alles Übrige ordnen wir nach meiner Rückkehr.« Er hatte seiner Köchin
Resl die kränkelnde Brigitta auf die Seele zu binden und der unter Tränen
Abschied nehmenden Alten die tröstliche Versicherung zu geben: »Alles Übrige
wegen Ludwig und was ich Dir von Afra angedeutet, erkunden und ordnen wir nach
meiner Rückkehr.« Er hatte infolge seiner Antwort auf ein Inserat in den
Neuesten Nachrichten noch in aller Eile ein Stelldichein am »Chinesischen Turm«
im englischen Garten zu erledigen - und als die geheimnisvolle Dame »Amüsement«
im Dämmer des Abends sich als Berta Hohenauer entschleierte und mit feurigen
Reden von seinem »schönen, edlen und kunstsinnigen Wesen, das stets einen so
tiefen Eindruck auf sie gemacht« die Annäherung abrunden wollte, gab er auch ihr
die Antwort: »Alles übrige Vierhändige ordnen wir nach meiner Rückkehr.« Jawohl,
auch die Berta Hohenauer möchte mit ihrer abgegriffenen Klaviatur zu den
schönen Künsten zurückkehren ... Mit rauchendem Kopfe jagte er heim. Davon mit
der Schmerzstillerin, mit der entzückenden Fifette! Davon!
    Den Doktor Trostberg hatte er vor seiner Abreise nicht mehr besucht. Er
hätte ihn auch nicht angetroffen. Drillinger war schon über alle Berge, als
Trostberg eines Abends von seiner Fahrt in die Königsschlösser aus den Alpen
ganz verstört heimkehrte. Bemühungen, den König zu sehen und zu sprechen, waren
erfolglos gewesen. Hatten ihn die Lakaien nur zum Besten gehabt, als sie ihn
drei Tage lang nicht aus dem neuen Frackanzug kommen liessen und ihn von Schloss
Berg am Starnberger See nach Schachen und von da nach Neuschwanstein und
Linderhof sprengten, immer mit der Versicherung, dort würde er endlich auf das
wandernde Hoflager treffen? Nein. Die guten Leute wussten's selbst nicht besser.
Der König war wie von einer wilden Phantomjagd ergriffen und fortgewirbelt, in
dieser Zeit bald da, bald dort in den Voralpen, ohne verfolgbaren Plan, ohne
längeren Aufentalt, zuletzt in dem halbfertigen Schloss auf der Herreninsel in
Chiemsee während einiger Nachtstunden. Alle Wasser- und Beleuchtungskünste
mussten plötzlich spielen, tausend Kerzen flammen, aufblitzen die Wunder einer
Märchennacht - und dann war wieder alles vorbei, ausgelöscht und verweht wie ein
mitternächtiger Geisterspuk ... Leise krachten und bebten die Fundamente ...
    Auf der Heimfahrt machte Trostberg einen Abstecher nach Forstenried, einen
befreundeten Arzt zu besuchen, der dort als Irrenpfleger des geisteskranken
Bruders des Königs in dem Jagdschloss des einsamen Waldes seinem traurigen Amte
lebte. Was musste er da aus dem Munde des Arztes hören! Der König sei
geisteskrank, so geisteskrank wie sein wahnumnachteter Bruder, eine Hilfe gebe
es nicht mehr, und ein Wechsel in der Regierung des Landes sei nur noch eine
Frage von heute auf morgen! Aus dem Flüstern der Dienstleute in den Vorgemächern
und Korridoren, aus dem geheimnisvollen Kommen und Gehen hoher
Staatswürdenträger, die hier in der Stille des Waldes mit berühmten Irrenärzten
über das Schicksal des Königs beratschlagten - des Königs, der schon von
Wahnsinnsfurien von Schloss zu Schloss gehetzt, noch seinen herrscherstolzen
Allmachtstraum träumte - aus allen Mienen, aus Reden und Schweigen konnte er
lesen, dass Ungeheures sich vorbereite ...
    Wie eine unheimlich drohende, schwarze Gewitterwolke am sonnenbeglänzten
Himmel über einer stillblühenden Frühlingslandschaft, so schwebte jetzt das
Schicksalsbild des flüchtigen, von Schloss zu Schloss rasenden Königs vor seiner
Seele, und tief erschüttert in seinem Gemüte, mühte sich Doktor Trostberg
vergebens, wieder heimgekehrt in seine Klause, seiner eigenen unstäten Gedanken
Herr zu werden.
    Zu verschiedenenmalen in der Nacht war er an das Bett seines Dieners
getreten und hatte den schnarchenden Klown geweckt mit Fragen wie: »Gabriel, was
macht Dein Kopf? Gabriel, sind meine Freunde auch bei Sinnen? Gabriel, ist Baron
Drillinger nicht dagewesen? Gabriel, hat Maximilian Schlichting nichts von sich
hören lassen?«
    Was der Diener von dem Besuche des Barons Drillinger zu melden wusste, klang
wenig beruhigend. Er unterbrach ihn mit der Frage nach dem Kommerzienrat Rassler,
und ob dieser das Schweinebild gekauft habe.
    »Nein,« antwortete Gabriel schlaftrunken, »Rassler ist nicht mehr
zurechnungsfähig, er hat das Bild nicht einmal angesehen, obwohl ich ihn daran
erinnert habe, dass an der Stelle der Quaistrasse, wo heut sein Hans steht, vor
zehn Jahren noch mein Zirkus wie in einer Wüstenei gestanden habe, mein Zirkus,
wo ich mit den ersten gelehrten Schweinen Furore machte und man weder an die
Erbauung der Quaistrasse noch an den Kommerzienrat Rassler dachte. Alles half
nichts, er mochte nichts von dem Bilde wissen, er ist unzurechnungsfähig. Ich
schwöre einen Eid darauf, er ist verrückt.«
    »Und mein Maximilian Schlichting, wie steht's mit ihm? Erzähl' mir's!«
    »Ich weiss es nicht anders, als wie mir's die Monika erzählt hat. Monika hat
bittere Tränen dazu geweint und wollte sich von mir nicht trösten lassen. Der
Herr Schlichting sei auf den Tod krank, habe den Typhus und Delirien. Und dann
sei ein Herr Kuglmeier, ein böser Mensch, zu ihm gekommen und habe dem Kranken
erzählt, seine Schwester Flora habe sich verlobt, und auf diese Nachricht ist's
mit dem Kranken noch ärger geworden. Die Monika, nämlich des Schneiders Tochter,
bei dem Schlichting wohnt, pflegt den Kranken und weicht nicht von seinem Bett.
Wenn er stirbt, hat sie gesagt, dann bringe sie sich ins Zuchtaus. Warum? hab'
ich sie gefragt. Ich habe das Haus angezündet aus Eifersucht, hat sie gesagt und
ich zünde es noch einmal an, hat sie gesagt, und brenne alles nieder. Gute
Nacht, Herr Doktor, jetzt kann ich nichts mehr erzählen von diesen Leuten: die
sind alle verrückt, weil sie keine Philosophie im Leibe haben ...«
    Und der Diener warf sich auf die andere Seite und schnarchte weiter.
    »Verrückteit fragt nichts nach Philosophie, Gabriel.«
    Er horchte noch lange nach der rauschenden Isar zum Fenster hinaus. Der Tag
graute, als er sein Lager aufsuchte.
    »Paranoia, Paranoia! Da soll man den - Mut haben einzuschlafen, wenn man
nicht weiss, wie man in der Frühe aufwacht ... Wenn man nicht sicher ist, dass man
im Schlafe sich nicht selbst verliert ... dass man von der Morgensonne als Narr
angeschienen und angeschrieen wird. Paranoia ...«
    Nach einer Weile erhob er sich wieder vom Bette und tappte mit blossen Füssen
in die Schlafkammer des Klowns und rüttelte und schüttelte ihn, bis er erwachte.
Ein trübes, fahles Licht kam durch die Scheiben, ein grässlicher Wind umwimmerte
das Haus.
    »Ach Herr, es war ein schöner Traum ... Festzug im Zirkus ... ich war König
mit einer wunderschönen Krone, und die Schleppe meines Purpurmantels umtänzelten
und umgrunzten mit Frohlocken und Vivat meine gelehrten Schweinchen, alle in
Gala-Uniform ...«
    »Gabriel, hattest Du stets Vertrauen zu Dir selbst?«
    »Im Zirkus immer, Herr!«
    »Hattest Du nie Misstrauen gegen Dich, gegen Deinen Verstand?«
    »Im Zirkus und mit meinen Schweinen nie, Herr! Das Publikum jubelte uns zu
und bewarf uns mit Blumen, Äpfeln und Orangen. Es war der schönste Festzug
meines Lebens. Die Krone stand mir sehr gut, nur mit dem Szepter tat ich mich
hart, es war zu lang, zu schwer ... Und die Schweine, ach die Schweine, alle in
goldener Uniform, und so gelehrt, so ... graziös ... so ...«
    Er schnarchte wieder ein, in seinen glücklichen Traum wie in ein weiches
Kissen zurücksinkend.
    Still rauschte die Isar.
    »Paranoia!« sagte der Doktor und ging kopfschüttelnd in sein Schlafzimmer
zurück. »Ich hätte ihn doch in seinem Zirkus lassen sollen, in seinem
Festspielhaus, bei seinen gelehrten Schweinchen ... Armer Gabriel, glücklicher
Narr! Ach, und wir andern, die Schauspieler der Vernünftigkeit, die Teatraliker
der Weltweisheit!«
    Doktor Trostberg ging vom Schlafzimmer ins Studierzimmer, in den »Tempel der
Weltlitteratur«; von allen Bücherrücken glaubte er das Wort »Paranoia« zu lesen.
Er trat aus Gartenfenster.
    Wie traurig des Königs Büste in der Mauernische lächelte! Wie der Wind an
dem dürren Lorbeerkranz auf dem hoheitsvollen Haupte zerrte und zauste! Und
jetzt - nein, zurück ins Schlafzimmer!
    Er zog die Fenstervorhänge dicht zu, vergrub sich tief in die Kissen und
schlief und träumte in den düstersten Regentag hinein. Was er geträumt? Als er
sich beim Frühstück seine Traumbilder ordnen wollte, kam er nicht über
Bruchstücke hinaus. Zwei riesig aufgebauschte Gestalten, die eine in bunten, die
andere in schwarzen Gewändern, Frau Welt und Frau Vernunft, die gute Hur', wie
Luter sie nennt - umschwebten die Tore und Zinnen der Königsschlösser und
begehrten vergeblich Einlass ... Dann wiederum die schwarze Wolke am blauen
Himmel - Transfiguration derselben über dem Starnberger See in lichte, klagende
Engelschöre, wie die Götterjungfrauen auf dem Himalaya im Urvasi-Teater - die
Roseninsel steigt aus dem See aus, höher und höher, wie in einer Apoteose,
verwandelt sich in ein Purpurkissen, darauf Krone und Szepter wie Sonnen glänzen
- dann ein zuckender Blitz hinab in den See, dann ein Donnerschlag weitin
hallend, dann ein nachtschwarzer Schleier, der alles bedeckt, die Alpen, die
Königsschlösser, den See, München, die ganze Welt, - das Geheimnis des Todes ...
    Dem Zufall sei Dank: Zwergers Brief, den er unter den während seiner
Abwesenheit eingelaufenen Postsachen fand, gab seinen Gedanken eine andere
Richtung. Zuerst muteten ihn die Blätter ganz anachronistisch an, wie eine
uralte Handschrift, die man in dem verschütteten Pompeji ausgegraben und die so
seltsame Mähr kündet von Menschen und Schicksalen, die seit tausend Jahren
verschollen. Aber je weiter er las, desto gewaltiger und heiterer fasste ihn der
Geist der Modernität, der aus diesen Zeilen spottete, scherzte, klagte, fluchte,
segnete, hoffte. Er legte von Zeit zu Zeit die Blätter weg, lachte vor sich hin,
drehte sich eine frische Zigarette und sprach für sich selbst: »Dieser Umfang,
diese Fülle! Ich schwatze gewiss auch mein ehrlich Teil zusammen, wenn ich einmal
im Zug bin - das bringt das Jahrhundert der parlamentarischen und
publizistischen Schwatzsucht so mit sich - aber was zu viel ist, ist zu viel.
Das flutet und rauscht ja daher wie die Isar bei Hochwasser! Das ist ja ein
Buch, eine Parlamentsrede! Eine Parlamentsrede zum Fenster hinaus ins
zeitungsfressende Land hinein! Armer Zwerger, auch du hast deinen Beruf
verfehlt, du, ein Mann der Baukunst, der schweigsamsten, vornehmsten,
diskretesten, aller Künste! Ich weiss wohl, es ist ein Vergnügen, in ungezügeltem
Plauderton über fremde Torheit herzufallen, in suveräner Kritik an allem
Menschen- und Affenwerk kein gutes Haar zu lassen - es ist sogar ein lukratives
Vergnügen, wenn man wie unsere Landtagsschwätzer und Kritikschmierer noch dafür
bezahlt wird ... Ach, dem heimatfernen Einsiedler kann man's eigentlich nicht
verdenken, wenn ihm das Herz mit der Zunge und der Feder durchgeht ...
Einsiedler? Was? Mit einem Frauenzimmer? Auch du, Brutus? Mein keuscher Joseph?
Nun wird auch dir mit deiner Gottähnlichkeit bald bange werden! So spottet der
Stärkste seiner selbst und weiss nicht wie ... Wie ein Simson will er die Welt
der Kunst aus den Angeln heben - und liegt einer Delila im Schosse und merkt's
nicht, wie sie sacht die Schere erhebt und seine Locken bedroht und mit seinen
Locken seine Kraft vernichtet ... O komm' nur und sieh, wie die Natur selbst die
Könige vernichtet, du König aus eigener Kraft, du Suverän von Talentes Gnaden!«
    Und immer wieder drängte sich das Bild des unglücklichen Fürsten in seine
Gedanken. Er vermochte nicht, den pompeijanischen Brief des Freundes heute zu
Ende zu lesen.
    »Ein Wahnsinnswind geht durch die Welt und bläst mit seinem Giftauch die
besten Köpfe an ... Lauter Hysteriker der Phantasie ...«
    Mit diesem schwermütigen Wort legte Doktor Trostberg den Brief aus der Hand.
    Den leise hereintretenden Klown mit einem langen, kalten Blick fixierend,
schrie er ihn in plötzlicher Wallung an: »Versiegle Deinen Kopf mit einem grossen
Siegel und umpanzere Dich mit siebenfachem Erz, Hanswurst!«
    Und dann: »Geh und stelle mir einen Bürgen für die Vollsinnigkeit unserer
Irrenärzte! Einen Bürgen, hörst Du? Ich trau' ihnen nicht. Woher nehmen sie das
Vertrauen in ihre eigene Gesundheit? In ihre eigene närrische Unfehlbarkeit?
...«
    Eine tiefe, düstere Traurigkeit hatte sich des Doktors bemächtigt.
 
                                       5.
Vom Petersturme, dem altersgrauen Senior der zwanzig oder fünfundzwanzig Türme
Münchens und seiner Vororte, schlägt die siebente Stunde; sonor, wuchtig, wie
mit des schönsten Bierbasses tönender Allgewalt schmetterts durch die heisse,
dumpfe Abendluft der bayerischen Kunst- und Biermetropole. Der erste strahlende
blitzblaue Frühlingstag geht zur Ruhe und schenkt den Werkleuten in
Schreibstuben und Ateliers, in Fabriken und Handwerksbuden den ersehnten
Feierabend - den Feierabend vor dem Himmelfahrtsfeste Christi.
    Sieben! Und nun brummt's und tönt's in die Runde mit eherner Stimme von Turm
zu Turm Erlösung von Staub und Hitze und Schweiss ... Erlösung beim frischen
Anstich, beim schäumenden Masskrug in der gemütlichen Kneipe, im traulichen
Kellerschatten.
    Ja, das war ein Tag, den man loben konnte nach einem traurigen Mai voll
Regen und Frost, voll Blütentod und Blättersterben, voll Kot und Unlust - einem
wahren Schimpf- und Schandmonat, wie man ihn selbst in München und auf der
ganzen bayuwarischen Hochebene seit Menschengedenken nicht mehr erlebte. Und
morgen ist Himmelfahrt! Wenn nur das schöne Wetter nicht wieder trübe Miene
zeigt! Und in zehn Tagen ist Pfingsten, das liebliche, lockende Fest mit seinen
Ausflügen an die anmutigen Gelände des Starnberger Sees, an den lächelnden
Kochel- oder den melancholischen Walchensee, hinein in die blauen Berge mit
ihren Tälern und Schluchten und himmelanstarrenden Felsen, zu Wiese und Wald,
zu Jägern und Adlern und Gemsen, zu allen Wundern der unaussprechlich reichen
und schönen Hochlandswelt! Da steht man, der verlogenen, unheimlich
widerspruchsvollen Kulturmaskerade entrückt, endlich wieder auf du und du mit
dem ewigen Naturgeist, da badet man sich die bedrückte und bestaubte Seele rein
und frisch im unverdorbenen Äter, der die Zinnen der Alpen umflutet wie an
ihrem Schöpfungstag.
    Pfingsten! Morgen ist erst Himmelfahrt, wie vieles kann sich bis dahin noch
ändern! Man ist so geängstigt in dieser trüben, unheilbrütenden Zeit, hinter
jeder Hoffnung droht ein Fragezeichen - und die Krankheit des Königs und die
nicht länger zu verschleiernde Notwendigkeit eines Wechsels im obersten
Landesregiment wirft einen verdüsternden Schatten auf jede Freude. In ganz
München verhehlt sich's fast kein Mensch mehr, dass von heute auf morgen die
Katastrophe der Entmündigung des Königs und seiner Tronentebung eintreten
kann, und je tieferes Schweigen die sonst so lauten Zeitungen sich plötzlich
auferlegt, desto vernehmlicher spricht jetzt die Stimme des Volkes und
unheimliche Mähr geht von Mund zu Mund ...
    Aber heute war doch ein goldner, ein sonniger Tag!
    Meister Achtuber legte sein Werkzeug aus der Hand, um sich zur
Ausschusssitzung für die Zentenarfeier König Ludwigs zu rüsten, die eine
glänzende, epochemachende Huldigung der Künstler, für das erhabene Fürstenhaus
und die gesegnete Kunststadt München, die fröhliche Heimat so vieles Grossen und
Gewaltigen, was je menschlicher Schöpfergeist ersonnen, werden sollte. »Saure
Wochen, frohe Feste«, zitierte er aus seinem Goete und fügte improvisierend
hinzu: »Hell Gemüt bleibt doch das Beste!« Dann steckte er seinen
Atelierschlüssel in die Tasche.
    Biswanger schloss sein Kontor und rief im Vorübergehen seinem jungen Freunde
Pfaffenzeller, der sich in seiner neuen Vertrauensstellung im Rasslerschen
Geschäft nicht genug tun konnte und noch emsig in seinen Kontrollbüchern
hantierte, einen guten Abend zu. »Was ich Sie fragen wollte, Herr Pfaffenzeller,
haben Sie an den Architekten Zwerger geschrieben, dass er den Termin nicht
versäumt?«
    »Zu dienen, Herr Biswanger, ich weiss sogar schon aus seiner heutigen
Privatmitteilung, dass er noch vor Pfingsten mit seiner Braut Flora Kuglmeier in
München eintreffen wird.«
    »Sehr gut. Je eher, desto besser. Man kann nicht wissen, wie sich der
Zustand des Kommerzienrats nach dem letzten Schlaganfalle macht. Weiler ist
definitiv beseitigt, das steht fest. Es ist notwendig, dass die neue Gesellschaft
keine Zeit verliert und so bald als möglich in Aktion tritt. Die
Bodenerwerbungen sind dem Abschluss nahe. Also das Eisen geschmiedet, ich meine
Rassler, Schmerold und Kompagnie, so lange es heiss ist.«
    »Ganz meine Meinung, Herr Biswanger.«
    »Wissen Sie, wenn jetzt über kurz oder lang der Tronwechsel ...« der alte,
etwas verwachsene Herr sah sich vorsichtig um. Pfaffenzeller nahm seinen
Gedankengang auf: »Natürlich tritt er in kurzem ein und wir bekommen neue
Verhältnisse, neue Menschen, die grossen Münchener Plänen und Unternehmungen
gewiss nur günstig sein können.«
    »Wir verstehen uns,« schloss Biswanger befriedigt.
    Es ist halb acht Uhr. Die Büreaus, Werkstätten, Läden und Gewölbe sind
geschlossen. Die Quaistrasse ruht im tiefen Schatten, während in der
Maximilianstrasse die Abendsonne mit blendender Helle ihre letzten Strahlen
verfeuert. Der Häuser lange, verstaubte Reihe steht wie ausgestorben. Aber in
allen Strassen und Gassen, die ins Freie führen, wogt ein ungezähltes Heer, ein
phantastischer Auswandererzug: Männer, Weiber und Kinder, Vornehme und Geringe,
viele bepackt mit Körben und Bündeln, wimmeln in der nämlichen Richtung: hinaus,
hinaus! Und neben dem Fussvolk in Civil-, Militär- und Studententracht rasseln in
hochaufwirbelnden Staubwolken, sonnig durchglüht, die Droschken, die
Pferdebahnwagen, bis auf den letzten Platz, manche darüber hinaus besetzt,
Privatfuhrwerke und die sausenden Vehikel der Radfahrer. Hier in bedächtigerer
Wallfahrt, dort in hastigem Eilschritt mit Rippenstössen rechts und links, drängt
alles aus dem Zentrum der erstickend heissen Altstadt nach der freieren,
luftigeren Peripherie: nach dem Gürtel der Bierkeller diesseits und jenseits der
Isar, wo den Durstigen und Ermattenden die erquickende Labe winkt.
    Der »grosse Unbekannte« mit dem frischen Siegfriedsgesicht aus Schlichtings
studentischem Freundeskreise, Herr Bonzhaf aus Köln, der so ungern seinen Namen
nannte, weil ihn seine Kameraden immer mit einem rollenden R erweiterten und das
O zu einem U herabtönten, war heute in besonders glücklicher Laune. Er hatte
guten Grund dazu. Er hatte ein glänzendes Examen hinter sich und die
Anwartschaft auf die Hand des Fräuleins Elsa Schmerold vor sich. Er glaubte es
wenigstens im Übermute seines allzeit so siegreichen Herzens. Warum nicht? Sein
Vater, ein ansehnlicher Kölner Fabrikant und alter Geschäftsfreund des Konsuls
Schmerold in der Quaistrasse, war zu Besuch gekommen. Seit dem Tode des Königs
Max hatte er München nicht mehr gesehen.
    »Nun Junge,« sagte der joviale alte Herr zu Bonzhaf junior, als sie über die
rauschende Isar schritten, »sag' mir einmal, was Du von der Kunststadt München
hältst? Du hast sie nun wohl genügend studiert. Mir ist hier alles neu.«
    dabei suchte Bonzhaf senior seinen Sohn auf eine Bank in einer Ausbiegung
der Maximiliansbrücke zu ziehen, denn der Alte war nicht mehr gut zu Fuss und
wollte die Frage und deren umständliche Beantwortung als geschickten Vorwand für
längere Rast ausnützen.
    »Kunststadt? Bierstadt willst Du sagen!«
    »Meinetwegen Bierstadt. Nun mal los!«
    »Aber das ist lang und macht unerträglich durstig.«
    »Schadet nicht; das Hofbräu wird uns dann um so besser munden. Setz' Dich!«
    »Gut,« dachte Bonzhaf junior, »so will ich dem maroden Alten ein Loch in den
Bauch reden - Strafe muss sein.« Dann setzte er sich und hob an, während Bonzhaf
senior gemächlich eine Zigarre in Brand setzte: »München ist die erste
Bierfestung der Welt. Ganz im Mittelpunkt ragt die klassische
Gambrinus-Zitadelle aus urbayuwarischer Zeit: das königliche Hofbräuhaus. Rings
um die Stadt legt sich wie ein undurchbrechbarer Ring der Wall der
Bierkellerbauten mit vielen trutzigen Vorwerken und Sperrforts nach allen
Himmelsgegenden. Auf welchen Strassen, Land-, Wasser- und Schienenwegen der
Fremdling auch nahen möge, er muss durch den Gürtel der Kellerburgen; überall
knallen ihm die Spundpfropfen, entgegen, kriegerische Biergesänge mit
Banzenschlag und Deckelgeknatter umbrausen und betäuben ihn. Die Trommeln
wirbeln, die Zinken schmettern, von uniformierten Militärkapellen wird der Sieg
des alles bezwingenden Nationalgebräus von den hohen Kellerbasteien in die Welt
hinausgeblasen. Gleich bei der Einfahrt in den Zentralbahnhof ragen rechts auf
cyklopischem Gemäuer die mächtigen Kellerburgen der Spaten-, Pschorr- und
Hackerbräuerei, flankiert von unzähligen, Tag und Nacht fürchterlich qualmenden,
hohen, runden Feuertürmen, wahrend links auf natürlichem Hügel, gar traulich
bewaldet, der Augustiner-und Kandlerkeller sich recken in der anspruchsloseren
Form antiker Bierstadel. Naht der Fremdling auf der Nymphenburger Strasse, so
stösst er auf die wuchtigen Fortifikationen des Arzberger- und Löwenbräukellers,
ausgeführt im reichsten Renaissancestil; kommt er von der Rosenheimer
Landstrasse, so ist erst recht kein Entrinnen: da liegen links und rechts hart am
Wege, der sich isartalwärts zu einem förmlichen Engpasse gestaltet, der
umfangreiche Zengerkeller (jetzt bürgerliches Bräuhaus genannt, im
Biedermannsstil), der Kuppelhallenbau des Münchener Kindls, der Eberl-und
Sternecker - Keller, der alte Franziskaner- und Stubenvollkeller, an der
abzweigenden Preising- und Wienerstrasse der Dürnbräu- und Metzgerkeller und
gegenüber der Leistbräu- und der neue riesige Hofbräuhauskeller. Wer aber
vorsichtig die grossen Heerstrassen umgehen und sich zum Beispiel vom Bavariapark
und der Teresienhöhe her in die Stadt, schleichen wollte, der würde plötzlich
von einer ganzen Kellerflanke aufs Korn genommen: Bavaria-, Pollinger-,
Hirschbräu- und andere Keller - wer nennt die Namen alle? - kämpfen hier
Schulter an Schulter. Nicht weniger kellerbefestigt ist der Flusslauf der Isar,
die nicht müde wird, die Wunder und Siege des berühmten Salvatorkellers zum
Zacherl am Nockher-Berge, wo die mörderischsten Bockschlachten zur Zeit der
Frühlingstag- und Nachtgleiche geschlagen werden, den Schwerhörigsten in die
Ohren zu rauschen. Damit in früheren Zeiten der weniger biergelehrte Fremdllng
wusste, wessen er sich von der Eigentümlichkeit der guten Stadt München zu
versehen habe, erbauten die Ureinwohner die bis in die Wolken ragenden
Doppeltürme der Frauenkirche in Gestalt von zwei kolossalen Masskrügen, so da
weitin über die bayerische Hochebene sichtbar, das fromme Wahrzeichen von
München geblieben sind bis auf den heutigen Tag. Wessen Gehirnzentren aber nicht
von der bierologischen Wissenschaft erleuchtet, wessen Augen und Ohren nicht
durch den ungeheuren, auf ein Ziel zuwogenden, von Gesang und Musik und
Anzapfungslärm empfangenen Menschenstrom der rechten Erkenntnisvermittlung fähig
wären, der vermöchte schon durch sein Riechorgan die Nähe der verborgensten
Keller und Bierkasematten erraten; denn eine ungeheure Duftwolke von Malz und
Hopfen, Rettig und Käse, Schinken und Knoblauchwurst, Kalbsbraten und
Dünngeselchten mit Sauerkraut und Senf umhüllt in nie geahnter Stärke diese
biergesegneten Orte. Hat sich aber ein Fremdling in den entlegeneren Gassen
verirrt und strebt er sehnsüchtig ins Freie zu einer klassischen
Gambrinuskultstätte, so darf er sich nur dem ersten besten Pilgerchor
anschliessen und sich vertrauensvoll fortziehen und drängen und treiben und
stossen lassen, schliesslich wird er ganz unfehlbar an der rechten Stelle
angeschwemmt. In Sälen, Hallen, Gärten, die oft über zweitausend Biergläubige
fassen, wird auch er noch einen Platz und einen Masskrug, etwas Schweinernes oder
Kälbernes finden, um sich für alle Fährlichkeit und Drangsal des Weges zu
entschädigen und seines wahren Münchener Lebens und Strebens froh zu werden.
Amen.«
    »Brav, mein Junge, Gott hat Deine Münchener Studien gesegnet. Der Münchener
ist aber nicht nur Bier-, er ist auch Kunststädter erster Ordnung. Sag' mir auch
über die Kunststadt Deinen Spruch!«
    »Ach, die Kunst ist zu lang - und es mischt sich so viel Fabel und Dichtung
hinein, dass man bei der herrschenden Hitze und Meinungsverschiedenheit nur im
Schatten der Masskrüge davon reden soll. Also lass uns erst Deckung suchen. Du
kommst ja doch zur Königsfeier wieder, da kannst Du Dir aus der grossen
Künstlerparade mit ihrem Drum und Dran selbst Belehrung schöpfen. Ich glaube
übrigens, dass in München mehr vorzügliche Biere gebraut, als vorzügliche Bilder
gemalt werden und dass der Bierexport weit mehr Geld nach München bringt, als der
Bilderexport. Die Industrie hat die Kunst überflügelt, was auch kein Unglück
ist.«
    »Hör' mal,« sagte der alte Bonzhaf, sich mühsam erhebend, »an diese
Königsfeier glaub ich nicht. Wie soll sich so etwas mit der schauderhaften
Geschichte von des Königs Irrsinn und Entmündigung zusammenreimen lassen? Den,
Bayern möcht' ich mir doch ansehen, der noch Lust verspürte, unter solchen
Umständen Jubelfeste zu begehen ...«
    »Also glaubst auch Du, dass Ludwigs Regierungstage gezählt sind?«
    »Jawohl, glaub' ich das. Es geht nicht mehr anders.«
    »Mir kommt's unglaublich vor. Ich fass' es erst, wenn man's mit allen
Glocken läutet, an allen Strassenecken verkündigt ...«
    - - - -
    Eine Woche später verkündeten Plakate an allen Strassenecken, dass sich das
Ungeheuere und Unabwendbare vollzogen. Der Schicksalsspruch war gefallen. In
dumpfer Trauer, sprachlos, verwirrt von so viel Unglück im erhabenen
Königshause, vernahm ihn das Volk. Dunkel sind die Wege der Vorsehung.
    Max v. Drillinger sass mit Fifette am Frühstückstische des Gastofes zur
Sonne in Riva am Gardasee. Er war in denkbar schlechtester Laune, sein Blick war
bald stumpf nach innen gekehrt, bald irrlichtelierte er in jähem Glanze. Sein
Gesichtsausdruck war übernächtig, verzerrt, die Farbe käsig; strohern hingen die
Haare über die durchfurchte Stirn. Seine blasse Hand zitterte, als er die Tasse
an die blutleeren Lippen führte. Fifette stocherte sich die weissen Zähnchen und
blätterte zerstreut in den Zeitungen. Nicht die bösen Nachrichten von Brigittas
verschlimmertem Zustande, die ihm Resl in kaum entzifferbarem Köchinnendeutsch
geschrieben hatte, waren es allein, die ihn so verstörten und an seinen unmässig
strapazierten Nerven wie mit glühenden Zangen zerrten; es kam noch etwas anderes
dazu. Am Abende vorher hatte er eine Eifersuchtsszene mit seiner
Reisegesellschafterin auf radikale Weise dadurch abzukürzen versucht, dass er die
drei letzten unerbrochenen Briefe von Frau Rassler aus dem Geheimfach seines
Koffers hervorholte und vor Fifette hinlegte. »Wähle einen, erbrich und lies ihn
- und urteile dann selbst, wie ich das sogenannte Verhältnis mit jener Frau
gelöst habe, wer der Abschiedgeber gewesen, sie oder ich. Sieh her, alle drei
Siegel sind unverletzt. Ich kann Dir also kein X für ein U vormachen.«
    Schweigend ergriff Fifette das kleinste Briefchen, erbrach es und las, dann
schob sie es Drillinger hin. Er wurde bald rot, bald blass und ein
konvulsivisches Zittern schüttelte seinen Körper, nachdem er die wenigen Worte
gelesen: »Erinnere Dich Deiner Frage, was ich unter gewissen Umständen tun
würde ... Mich töten und Dich ... Die Umstände sind eingetreten ... Ich hoffe
nicht, dass Du so feig sein wirst, Dich dem Urteil durch die Flucht zu entziehen
...«
    Fifette sprach: »Ich verstehe nicht, ich ahne nur. Ich hasse den Feigling.
In dieser Stunde noch würde ich abreisen, hätte ich das Geld dazu. Schaff' das
Geld!«
    »Morgen früh.« -
    Drillinger sah auf die Uhr und fühlte nach dem Wechsel in seiner
Brusttasche. In einer halben Stunde konnte er zum Bankier gehen. Dann war's aus.
    Als er sich erheben wollte, wies Fifette mit dem Zahnstocher auf ein
Telegramm in der Zeitung. »Es ist entsetzlich, der König wegen Wahnsinn
abgesetzt.« Sie stand auf und ging, in ihr Taschentuch schluchzend, hinaus. Der
König, vor dem sie gesungen, von dem sie ein kostbares Andenken am Arme trug,
von dem sie wie von einem Gotte dachte und schwärmte ... Entsetzlich!
    Seiner Sinne kaum mehr mächtig, stürzte eine halbe Stunde später Max v.
Drillinger aus der Wechselstube. Der Bankier hatte ihn mit dem Bedeuten
abgewiesen, die vorgelegte Geldanweisung sei ein ganz wertloser Kellerwechsel,
der Aussteller Weiler in München sei nach einer soeben eingetroffenen Depesche
bankrott und flüchtig und werde von der Polizei gesucht, auch wegen Verdachts
der Spionage u.s.w. Drillinger hörte den Geldwechsler gar nicht zu Ende.
Bankrott! Das Wort traf ihn wie ein Donnerschlag.
    Fifette brachte durch Versetzen ihrer Pretiosen, auch des Königs Armreif war
darunter, die notwendige Summe auf, um Drillingers Rechnung zu bezahlen und ihm
eine Fahrkarte nach München zu kaufen. Sie selbst blieb bis auf Weiteres im
Gastof zurück, wo sich ein blutjunger Leutnant von den österreichischen
Kaiserjägern vergeblich bemühte, sie zur Annahme seiner, guten Dienste zu
bewegen. - -
    »Weisst Du's gewiss, Gabriel, das Pressbanditennest ist von polizeiwegen
aufgehoben worden?« fragte Doktor Trostberg seinen aufgeregten Diener.
    »Hier steht's schon in der Zeitung.«
    »Wahrhaftig, da steht's: wegen eines unflätigen Artikels über den
entmündigten König ... Jetzt will ich doch noch einmal nach dem Baron Drillinger
fragen. Es ist unglaublich, dass er sich auf abenteuerlichen Wegen irgendwo im
Auslande herumtreiben sollte, nachdem in seiner Vaterstadt alle Gemüter in
Aufruhr sind und die folgenreichsten Ereignisse Schlag auf Schlag folgen. Ich
bitte Dich, Gabriel, nimm Deinen wurmstichigen Kopf zusammen und mache mir jetzt
keine Dummheiten.«
    »Ja, wir sind merkwürdige Zeitgenossen, Herr.«
    Doktor Trostberg klingelte noch vor Abend an Drillingers Tür. Er hörte
Rufen und Schreien aus heiseren Kehlen. Endlich wurde ihm von einem Menschen mit
gerötetem Gesicht und wilden Manieren aufgetan. »Wer sind Sie?« fragte
Trostberg den fremden Mann, der offenbar betrunken war.
    »Geht keinem Menschen was an, aber wenn Sie's wissen wollen, ich, ich bin
der Flosserfranzl von Tölz. Was wollen Sie?«
    Nachdem er den Betrunkenen mit den Worten »Ich bin der Doktor Trostberg«
beiseite geschoben, trat er ein.
    »Ja, der, der Doktor wenn Sie sind - Sie, da kommen's fein zu spät. Die Alt'
liegt in, in den Zügen.«
    Während der Flossknecht in die Küche zurücktaumelte, ging Trostberg auf das
Zimmer zu, aus dessen halb offener Tür ihm wüstes Lachen und Gekreisch
entgegentönte.
    »Alte Hex, jetzt bist hin, hahahi; magst noch ein Schlückerl von dem Roten?
Hast mir so lang das Maul sauber g'halten, gelt, hihi, aber jetzt sind wir Herr,
Du Sakra.« Und das besoffene Weibsbild warf sich über das Bett der Sterbenden
und lachte und tobte, schlenkerte die Beine und schüttelte die alte Frau, die
unter diesem bestialischen Angriff ihren letzten Seufzer aushauchte.
    »Resl, nimm Dich z'amm, der Doktor!« schrie der Flossknecht aus der Küche.
    Entsetzt war Trostberg davon geeilt, um polizeiliche Hilfe zu holen.
    Am nächsten Morgen stand Max v. Drillinger im Büreau des Münchener
Polizeidirektors. Er besann sich und besann sich, allein er vermochte sich nicht
zu sagen, wie er dahin gekommen und was er wolle. Nachdem er dem Beamten seinen
Namen genannt, stellte dieser eine Reihe von Fragen nach dem Grunde seiner
Reise, seinen Beziehungen zu dem Bankier Weiler und dem Franzosen Paillard -
merkte aber sofort, dass der Gefragte lauter verkehrte Antworten gab. Der
Polizeidirektor, anfänglich kühl wie ein Untersuchungsrichter, sagte jetzt
bestürzt: »Aber ich bitte Sie, Herr Baron, verstehen Sie nicht, was ich frage
oder wollen Sie nicht verstehen? Warum geben Sie mir so ungereimte Antworten?«
Nun blickte Drillinger dem Direktor starr ins Gesicht, wackelte mit dem Kopfe
und begann bitterlich zu weinen. Endlich stotterte er: »O über mich
Unglücklichen, ich fühle, dass ich wahnsinnig bin, Herr ... wahnsinnig, ein armes
Marterl ...« Dann brach er kraft- und besinnungslos zusammen.
    Der Chef der Polizei klingelte einem Unterbeamten. »Der Mann hier ist in
Gewahrsam und ärztliche Beobachtung zu nehmen. Ich habe jetzt keine Zeit, mich
mit ihm weiter zu befassen.«
    - - - -
    Der Pfingstmorgen brach an, aber es wollte nicht Tag werden. Der Himmel war
wie mit dichten Trauerflören verhangen, wie unendlicher Tränenerguss rieselte es
aus den schweren Wolken hernieder.
    Der König ist tot! Des Königs Leiche und die seines Arztes v. Gudden wurden
im Starnberger See gefunden! Die Schreckensbotschaft ging wie ein Lauffeuer
durch die Stadt. Die unerhörte Tragik dieses königlichen Lebens- und
Todesrätsels beherrschte alle Geister mit lähmender Wucht.
    Im Hause des Konsuls Schmerold in der Quaistrasse war die Abendmahlzeit still
beendet worden. Man hatte kaum die Speisen berührt, jeder Bissen quoll im Munde.
Wie ein Bann lag es auf den Gemütern. Der grosse, eichene Tisch wurde abgeräumt,
das Fenster mit den Butzenscheiben im Erker der altdeutschen Speisestube
geöffnet, damit belebende Luft hereinströme. An der dunkel getäfelten Decke
zuckten die Flammen des Lüstreweibchens. Draussen rauschte die Isar und der Regen
ging wie eine Sündflut nieder, klatschte auf die wildwogenden Gebirgswasser und
erfüllte die Strasse mit grauen Pfützen. Die Abendglocken klangen so verweint, so
tieftraurig wie ein gramzerwühltes Chopinsches Nokturno ... Schweigend hatte
sich die Familie mit Herrn Biswanger und Pfaffenzeller und den Gästen aus Köln
in den Salon zurückgezogen, den eine schwere Draperie von der Speisestube
trennte. Bloss der Grossvater, jetzt noch eine hohe, rüstige Gestalt im
silberweissen Greisenhaar, war in der Stube zurückgeblieben, um in seinem alten
Lederstuhl sein gewohntes Dämmerstündchen zu verträumen.
    Die schöne, blonde Elsa, die gestern erst ihren achtzehnten Geburtstag
gefeiert, kam aus dem Salon zurück und warf sich dem Grossvater weinend an die
Brust. Dann beugte sie sich zum Erkerfenster hinaus; ihre Tränen vermischten
sich mit den Regentropfen. Isarrauschen und Glockengeläute erfüllten ihre Seele
mit Schauder. Sie trat zurück und setzte sich zu Füssen des Grossvaters. »O dieses
Nachtlied des Wahnsinns! O der unglückliche König!«
    Der Grossvater holte tief Atem. »Ja, Kind, solche Pfingsten habe ich in
meinen sechsundachtzig Jahren nie erlebt. Je älter man wird, desto unglaublicher
erscheinen alle Dinge und Verhältnisse. Des Himmels Ratschlüsse sind
unerforschlich; dieser Welt Weisheit ist Torheit vor Gott ... Ich versteh's
nicht, ich versteh's nicht ... Gott schütze Bayern, Gott schütze den
Prinzregenten ...«
    Als Pfaffenzeller den alten Herrn, dessen Tüchtigkeit und Rüstigkeit einen
tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatten, sprechen hörte, ging er leise in die
Speisestube zurück. Elsa bot ihm freundlich einen Stuhl neben dem Sitz des
Grossvaters.
    »Wann haben Sie den unglücklichen König zum letztenmal gesehen, Herr
Schmerold?«
    »Ach, das ist lange her, Herr Pfaffenzeller. Beim Siegeseinzug anno
Einundsiebzig, abends bei der Festvorstellung im Hofteater. Es ist mir noch
alles im Gedächtnis. Wallensteins Lager wurde gegeben. Haufenweis war das Volk
ins Teater geströmt. Als der junge König mit seiner Mutter und dem deutschen
Kronprinzen in der Hofloge erschien, brach alles in Jubel aus und das Orchester
spielte die Nationalhymne. Bei jeder patriotischen Stelle des Schillerschen
Stückes erschallte brausender Beifall. Als schliesslich Kindermann das Reiterlied
anstimmte Wohlauf Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd, in das Feld, in die
Freiheit gezogen und dann die Wacht am Rhein gesungen wurde, ging's wie
Sturmesbrausen durchs Haus und alles jubelte zur Königsloge hinaus. Der König
und der deutsche Kronprinz fassten sich bei der Hand und verneigten sich. Zwei.
herrliche, stolze, deutsche Männer ... Und jetzt nimmt unser König ein solches
Ende ...«
    Dem Greis versagte die Stimme. Dicke Tränen rollten ihm über die Wangen.
Elsa schluchzte. Herr Pfaffenzeller konnte sich nicht entalten, dem alten Herrn
die Hand zu küssen. Dann fasste er die Hand des Mädchens mit leisem Drucke. Elsa
sah unter Tränen auf und ihr schönes kindliches Auge ruhte eine Weile wie
trostsuchend im Auge des jungen Mannes, dessen energische Physiognomie heute
einen einnehmenden Zug milder Empfindung zeigte.
    Jetzt trat der Konsul herein. »Wenn es Ihnen recht ist, Herr Pfaffenzeller,
gehe ich mit Ihnen auf den Bahnhof.« Und zu seinem Vater gewendet: »Der
Architekt Zwerger hat uns nämlich seine Ankunft telegraphiert. In der
allgemeinen Verwirrung weiss er vielleicht gar nichts, wohin. Also gehen wir,
Herr Pfaffenzeller, es ist Zeit. Der Kufsteiner Zug kommt in einer halben
Stunde.«
    Lebhafte Bewegung und lautes Gespräch im Salon: der Enkelsohn Franz war mit
Rasslers Hermann soeben mit dem letzten Zuge von Starnberg zurückgekehrt. Die
Knaben hatten die Unglücksstätte besichtigt, die Leiche des Königs und Guddens
im Schloss Berg gesehen und berichteten jetzt in atemloser Hast. Auch ein
Bildhauer namens Achtuber sei da gewesen und habe des Königs Totenmaske und
einen Abdruck seiner Hand abgenommen. Und viele Landleute und Gebirgler mit
Alpensträussen und Kränzen von Edelweiss ... Vom Schmerz über die furchtbaren
Geschehnisse und das Geschaute überwältigt, unterbrachen sie ihre verworrene
Erzählung und weinten laut auf.
    In tiefer Ergriffenheit sassen die Familienmitglieder und ihre Gäste da. Als
hätte das Schicksal an die Pforte des eigenen Hauses gepocht, als hätte ein
teurer Angehöriger der eigenen Blutsverwandtschaft in Nacht und Grauen geendet,
so schauderten die Herzen bei dieser Königstragödie. Nun hatte der Tod diesen
weltscheuen, so lange in geheimnisvoller Höhe tronenden König mit einem Schlag
zum Gast eines jeden Bürgerhauses gemacht, zum beweinten Liebling eines jeden
Herzens. In diesem Allgemeingefühl des innigsten Mitleides, das die guten
Menschen verbindet und über die Bedeutungslosigkeit der flachen
Werkeltäglichkeit in Stimmungen und Taten erhebt, versank auch der Schmerz über
die eigenen kleinen Leiden und Bekümmernisse.
    »Wie geht es bei Euch zu Hause?« fragte die Frau Konsul Schmerold den
Hermann Rassler und legte ihre Hand dem Knaben mütterlich treuherzig auf die
Schulter.
    »Gott sei Dank, Papa ist viel besser und Mama erholt sich wieder. Der Doktor
ist recht zufrieden.«
    »Vergiss nicht, meinen Wunsch andauernder Besserung Deinen Eltern zu melden
und einen schönen Gruss. Ich werde mir nächstens erlauben, die Frau Kommerzienrat
zu besuchen.«
    Des Knaben verweinte Augen leuchteten dankbar auf. Es war das erste Mal, dass
er seine Eltern von der gestrengen Frau Konsul grüssen durfte, und ihr Besuch
erst, wie wird der die einsame, traurige Mama freuen!
    - - - -
    Maximilian Schlichting, kaum notdürftig genesen, verbrannte sein
Novellen-Manuskript, verabschiedete sich herzlich von seiner treuen Pflegerin
Monika und zog zu Meister Effenbach in das Steinbruch-Blockhaus nach
Höllriegelskreut, um in der Einsamkeit und stärkenden Waldluft seine volle
Wiederherstellung abzuwarten.
    »Und wir sehen uns nie wieder?« fragte das Mädchen, seine Hand in der
ihrigen haltend mit leidenschaftlichem Drucke und ihn mit einem Blicke innigster
Liebe betrachtend.
    »Gewiss sehen wir uns wieder, gute Monika. Ich werde immer an Dich denken.
Lass mich nur erst ganz gesund werden und meine Studien vollenden, dann sollst Du
sehen, wie dankbar ich sein kann. Inzwischen behalte mich lieb und bleibe brav.«
    Schlichting und Effenbach wandelten unter weissblühendem Hollunder an der
Isar hin, als ein Fischer von Pullach die Nachricht von der Königskatastrophe
brachte.
    Magdalena sass auf einem Felsblock am Ufer und sagte Bibelsprüche vor sich
hin. »Nun will ich mich aufmachen, sagt der Herr, nun will ich mich erheben, nun
will ich hochherkommen. Mit Stroh geht ihr schwanger, Stoppeln gebäret ihr;
Feuer wird euch mit eurem Mute verzehren. Denn die Völker werden zu Asche
verbrennet werden, wie man abgehauene Dornung mit Feuer anstecket ...«
    »Der König ist tot, Magdalena,« meldete ihr Effenbach tief erschüttert.
    Die Irrsinnige blickte zu ihm auf. Sie verstand ihn nicht. Erst nach einigem
Sinnen ging es wie ein Glanz halben Verständnisses über ihr Gesicht; dann sprach
sie fest: »Der Herr ist König. Ehe denn die Berge worden und die Erde und die
Welt geschaffen worden, bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.«
    Schlichting weinte. Die eine Hand auf Effenbachs Arm gelehnt, wies er mit
der andern auf die reissenden Schnellen und zischendbrausenden Wasserwirbel des
mit starkem und raschem Wellenschlage dahinjagenden Flusses. »Wie trauert doch
Hyperions Schicksalslied?
    
    Es schwinden, es fallen
     Die leidenden Menschen
     Blindlings von einer
     Stunde zur andern,
     Wie Wasser von Klippe
     Zu Klippe geworfen,
     Jählings ins Ungewisse hinab ...«
    
    
    Als das trübe Wetter, der Regen und das Hochwasser wieder vergangen waren
und das breite Isartal mit seiner smaragdgrünen Flut und den weissen Kiesbänken
und dem dunkelgrünen Saume mächtiger Buchenwälder dalag im Glanze des
wundersamsten blauen Sommertages, der weite Himmel wolkenlos in tief
schimmernder Leuchtkraft seines reinen Äters, da wählten Schlichting und
Effenbach einen aufragenden Felsblock mitten in der Isar zum Denkstein der
gemeinsam verlebten ereignisschweren Tage und meisselten darauf die Worte des
griechischen Weisen:
                                   Ranta rei
    Alles fliesst.
    Der wiedergesundete Jüngling kehrte mit frischer Kraft und neuem Vertrauen
aus der Einsamkeit des Steinbruchs an der Isar in das brausende Leben zurück.
                                Ende des Romans.
 
    