
        
                                Teodor Fontane
                                     Cécile
                                     Roman
                                  Erstes Kapitel
»Tale. Zweiter...«
    »Letzter Wagen, mein Herr.«
    Der ältere Herr, ein starker Fünfziger, an den sich dieser Bescheid
gerichtet hatte, reichte seiner Dame den Arm und ging in langsamem Tempo, wie
man eine Rekonvaleszentin führt, bis an das Ende des Zuges. Richtig, »Nach
Tale« stand hier auf einer ausgehängten Tafel.
    Es war einer von den neuen Waggons mit Treppenaufgang, und der mit
besonderer Adretteit gekleidete Herr: blauer Überrock, helles Beinkleid und
Korallentuchnadel, wandte sich, als er das Waggontreppchen hinauf war, wieder
um, um seiner Dame beim Einsteigen behülflich zu sein. Die Compartiments waren
noch leer, und so hatte man denn die Wahl, aber freilich auch die Qual, und mehr
als eine Minute verging, ehe die schlanke, schwarzgekleidete Dame sich schlüssig
gemacht und einen ihr zusagenden Platz gefunden hatte. Von ähnlicher Unruhe war
der sie begleitende Herr, dessen Auf- und Abschreiten jedoch, allem Anscheine
nach, mit der Platzfrage nichts zu schaffen hatte, wenigstens sah er, das
Fenster mehrfach öffnend und schliessend, immer wieder den Perron hinunter, wie
wenn er jemand erwarte. Das war denn auch der Fall, und er beruhigte sich erst,
als ein in eine Halblivree gekleideter Diener ihm die Fahrbillets samt
Gepäckschein eingehändigt und sich bei dem »Herrn Obersten« (ein Wort, das er
beständig wiederholte) wegen seines langen Ausbleibens entschuldigt hatte.
»Schon gut«, sagte der so beharrlich als »Herr Oberst« Angeredete. »Schon gut.
Unsere Adresse weisst du. Halte mir die Pferde in Stand; jeden Tag eine Stunde,
nicht mehr. Aber nimm dich auf dem Asphalt in acht.« Dann kam der Schaffner, um
unter respektvoller Verbeugung gegen den Fahrgast, den er sofort als einen alten
Militär erkannte, die Billets zu coupieren.«
    Und nun setzte sich der Zug in Bewegung.
    »Gott sei Dank, Cécile«, sagte der Oberst, dessen scharfer und beinah
stechender Blick durch einen kleinen Fehler am linken Auge noch gesteigert
wurde. »Gott sei Dank, wir sind allein.«
    »Um es hoffentlich zu bleiben.«
    Damit brach das Gespräch wieder ab.
Es hatte die Nacht vorher geregnet, und der am Fluss hin gelegene Stadtteil, den
der Zug eben passierte, lag in einem dünnen Morgennebel, gerade dünn genug, um
unseren Reisenden einen Einblick in die Rückfronten der Häuser und ihre meist
offenstehenden Schlafstubenfenster zu gönnen. Merkwürdige Dinge wurden da
sichtbar, am merkwürdigsten aber waren die hier und da zu Füssen der hohen
Bahnbögen gelegenen Sommergärten und Vergnügungslokale. Zwischen
rauchgeschwärzten Seitenflügeln erhoben sich etliche Kugelakazien, sechs oder
acht, um die herum ebensoviel grüngestrichene Tische samt angelehnten
Gartenstühlen standen. Ein Handwagen, mit eingeschirrtem Hund, hielt vor einem
Kellerhals, und man sah deutlich, wie Körbe mit Flaschen hinein- und mit
ebensoviel leeren Flaschen wieder hinausgetragen wurden. In einer Ecke stand ein
Kellner und gähnte.
    Bald aber war man aus dieser Strassenenge heraus, und statt ihrer erschienen
weite Bassins und Plätze, hinter denen die Siegessäule halb gespenstisch
aufragte. Die Dame wies kopfschüttelnd mit der Schirmspitze darauf hin und liess
dann an dem offenen Fenster, wenn auch freilich nur zur Hälfte, das Gardinchen
herunter.
    Ihr Begleiter begann inzwischen eine mit dicken Strichen gezeichnete Karte
zu studieren, die die Bahnlinien in der unmittelbaren Umgebung Berlins angab. Er
kam aber nicht weit mit seiner Orientierung, und erst als man die Lisière des
Zoologischen Gartens streifte, schien er sich zurechtzufinden und sagte: »Sieh,
Cécile, das sind die Elefantenhäuser.«
    »Ah«, sagte diese mit einem Versuch, Interesse zu zeigen, blieb aber
zurückgelehnt in ihrem Eckplatz und richtete sich erst auf, als der Zug in
Potsdam einfuhr. Viele Militärs schritten hier den Perron auf und ab, unter
ihnen auch ein alter General, der, als er Céciles ansichtig wurde, mit besondrer
Artigkeit in das Coupé hinein grüsste, dann aber sofort vermied, abermals in die
Nähe desselben zu kommen. Es entging ihr nicht, ebensowenig dem Obersten.
    Und nun wurde das Signal gegeben, und die Fahrt ging weiter über die
Havelbrücken hin, erst über die Potsdamer, dann über die Werdersche. Niemand
sprach, und nur die Gardine mit dem eingemusterten M. H. E. flatterte lustig im
Winde. Cécile starrt' darauf hin, als ob sie den Tiefsinn dieser Zeichen erraten
wolle, gewann aber nichts, als dass sich der Mattigkeitsausdruck ihrer Züge nur
noch steigerte.
    »Du solltest dir's bequem machen«, sagte der Oberst, »und dich ausstrecken,
statt aufrecht in der Ecke zu sitzen.« Und als sie zustimmend nickte, nahm er
Plaids und Decken und mühte sich um sie.
    »Danke, Pierre. Danke. Nur noch das Kissen.«
    Und nun zog sie die Reisedecke höher hinauf und schloss die Augen, während
der Oberst in einem Reisehandbuch zu lesen begann und kleine Strichelchen an den
Rand machte. Nur von Zeit zu Zeit sah er über das Buch fort und beobachtete die
nur scheinbar Schlafende mit einem Ausdrucke von Aufmerksamkeit und Teilnahme,
der unbedingt für ihn eingenommen haben würde, wenn sich nicht ein Zug von
Herbheit, Trotz und Eigenwillen mit eingemischt und die freundliche Wirkung
wieder gemindert hätte. Täuschte nicht alles, so lag eine »Geschichte« zurück,
und die schöne Frau (worauf auch der Unterschied der Jahre hindeutete) war unter
allerlei Kämpfen und Opfern errungen.
    Es verging eine Weile, dann öffnete sie die Augen wieder und sah in die
Landschaft hinaus, die beständig wechselte: Saaten und Obstgärten und dann
wieder weite Heidestriche. Kein Wort wurde laut, und es schien fast, als ob dies
apatische Träumen ihr, der eben erst in der Genesung Begriffenen, am meisten
zusage.
    »Du sprichst nicht, Cécile.«
    »Nein.«
    »Aber ich darf sprechen?«
    »Gewiss. Sprich nur. Ich höre zu.«
    »Sahst du Saldern?«
    »Er grüsste mich mit besondrer Artigkeit.«
    »Ja, mit besonderer. Und dann vermied er dich und mich. Wie wenig
selbständig doch diese Herren sind.«
    »Ich fürchte, dass du recht hast. Aber nichts davon; warum uns quälen und
peinigen? Erzähle mir etwas Hübsches, etwas von Glück und Freude. Gibt es nicht
eine Geschichte: Die Reise nach dem Glück? Oder ist es bloss ein Märchen?«
    »Es wird wohl ein Märchen sein.«
    Sie nickte schmerzlich bei diesem Wort, und als er nicht ohne aufrichtige,
wenn auch freilich nur flüchtige Bewegung sah, dass ihr Auge sich trübte, nahm er
ihre Hand und sagte: »Lass, Cécile. Vielleicht ist das Glück näher, als du
denkst, und hängt im Harz an irgendeiner Klippe. Da hol ich es dir herunter,
oder wir pflücken es gemeinschaftlich. Denke nur, das Hotel, in dem wir wohnen
werden, heisst Hotel Zehnpfund. Klingt das nicht wie die gute Zeit? Ich sehe
schon die Waage, drauf du gewogen wirst und dich mit jedem Tage mehr in die
Gesundheit hineinwächst. Denn Zunehmen heisst Gesundwerden. Und dann kutschieren
wir umher und zählen die Hirsche, die der Wernigeroder Graf in seinem Parke hat.
Er wird doch hoffentlich nichts dagegen haben. Und überall, wo ein Echo ist, lass
ich einen Böllerschuss dir zu Ehren abfeuern.«
    Es schien, dass ihr die Worte wohltaten, im übrigen aber doch wenig
bedeuteten, und so sagte sie: »Ich hoffe, dass wir viel allein sind.«
    »Warum immer allein? Und gerade du. Du brauchst Menschen.«
    »Vielleicht. Nur keine Table d'hôte. Versprich mir's.«
    »Gern. Aber ich denke, du wirst bald andren Sinnes werden.«
    Und nun stockte das Gespräch wieder, und in immer rascherem Fluge ging es
erst an Brandenburg und seiner Sankt-Godehards-Kirche, dann an Magdeburg und
seinem Dome vorüber. In Oschersleben schloss sich der Leipziger Zug an, und mit
etwas geringerer Geschwindigkeit, weil sich die Steigung fühlbar zu machen
begann, fuhr man jetzt auf Quedlinburg zu, hinter dessen Abteikirche der Brocken
bereits aufragte. Das Land, das man passierte, wurde mehr und mehr ein
Gartenland, und wie sonst Kornstreifen sich über den Ackergrund ziehen, zogen
sich hier Blumenbeete durch die weite Gemarkung.
    »Sieh, Cécile«, sagte der Oberst. »Ein Teppich legt sich dir zu Füssen, und
der Harz empfängt dich à la Princesse. Was willst du mehr?«
    Und sie richtete sich auf und lächelte.
    Wenige Minuten später hielt der Zug in Tale, wo sofort ein Schwarm von
Kutschern und Hausdienern aller Art die Coupés umdrängte: »Hubertusbad!
Waldkater! Zehnpfund!«
    »Zehnpfund«, wiederholte der Oberst, und einem dienstfertig zuspringenden
Kommissionär den Gepäckschein einhändigend, bot er Cécile den Arm und schritt
auf das unmittelbar am Bahnhof gelegene Hotel zu.
 
                                Zweites Kapitel
Der grosse Balkon von »Hotel Zehnpfund« war am andern Morgen kaum zur Hälfte
besetzt, und nur ein Dutzend Personen etwa sah auf das vor ihnen ausgebreitete
Landschaftsbild, das durch die Feueressen und Rauchsäulen einer benachbarten
Fabrik nicht allzuviel an seinem Reize verlor. Denn die Brise, die ging, kam von
der Ebene her und trieb den dicken Qualm am Gebirge hin. In die Stille, die
herrschte, mischte sich, ausser dem Rauschen der Bode, nur noch ein fernes
Stampfen und Klappern und ganz in der Nähe das Zwitschern einiger Schwalben,
die, im Zickzack vorüberschiessend, auf eine vor dem Balkon gelegene Parkwiese
zuflogen. Diese war das Schönste der Szenerie, schöner fast als die Bergwand
samt ihren phantastischen Zacken, und wenn schon das saftige Grün der Wiese das
Auge labte, so mehr noch die Menge der Bäume, die gruppenweis, von ersichtlich
geschickter Hand, in dies Grün hineingestellt waren. Ahorn und Platanen
wechselten ab, und dazwischen drängten sich allerlei Ziersträucher zusammen, aus
denen hervor es buntfarbig blühte: Tulpenbaum und Goldregen und Schneeball und
Akazie.
    Der Anblick musste jeden entzücken, und so hing denn auch das Auge der
schönen Frau, die wir am Tage vorher auf ihrer Reise begleiteten, an dem ihr zu
Füssen liegenden Bilde, freilich, im Gegensatze zu dem Obersten, ihrem Gemahl,
mit nur geteiltem Interesse.
    Der Tisch, an dem beide das Frühstück nahmen, stand im Schutz einer den
Balkon nach dem Gebirge hin abschliessenden Glaswand und fiel nicht nur durch ein
besonders elegantes Service, sondern mehr noch durch ein grosses und prächtiges
Fliederbouquet auf, das man, vielleicht in Huldigung gegen die durch Rang und
Erscheinung gleich distinguierte Dame, gerad auf diesen Tisch gestellt hatte.
Cécile selbst brach einige von den Blütenzweigen ab und sah dann abwechselnd auf
Berg und Wiese, ganz einer träumerischen Stimmung hingegeben, in der sie sich
augenscheinlich ungern gestört fühlte, wenn der Oberst, in wohlmeinendem
Erklärungseifer, den Cicerone machte.
    »Vieles«, hob er an, »hat sich speziell an dieser Stelle geändert, seit ich
in meinen Fähnrichstagen hier war. Aber ich finde mich doch noch zurecht. Das
Plateau dort oben, mit dem grossen würfelförmigen Gastause, muss der
Hexentanzplatz sein. Ich höre, man kann jetzt bequem hinauffahren.«
    »O gewiss kann man«, sagte sie, während sie, sichtlich gleichgiltig gegen
diese Mitteilung, mit ihrem Auge den Balkon überflog, auf dem die Jalousieringe
klapperten und die rot und weiss gemusterten Tischdecken im Winde wehten.
Zugleich zupfte sie an einer ihrer Schleifen und wandte den Kopf so, dass man,
von der andern Seite des Balkons her, ihr schönes Profil sehen musste.
    »Hexentanzplatz«, nahm sie nach einer Weile das Gespräch wieder auf.
»Wahrscheinlich ein Felsen mit einer Sage, nicht wahr? Wir hatten auch in
Schlesien so viele; sie sind alle so kindisch. Immer Prinzessinnen und
Riesenspielzeug. Ich dachte, der Felsen, den man hier sähe, hiesse die
Rosstrappe.«
    »Gewiss, Cécile. Das ist der andre; gleich hier der nächste.«
    »Müssen wir hinauf?«
    »Nein, wir müssen nicht. Aber ich dachte, du würdest es wünschen. Der Blick
ist schön, und man sieht meilenweit in die Ferne.«
    »Bis Berlin? Aber nein, darin irr ich, das ist nicht möglich. Berlin muss
weiter sein; fünfzehn Meilen oder noch mehr. Ah, sahest du die zwei Schwalben? Es
war, als haschten sie sich und spielten miteinander. Vielleicht sind es
Geschwister, oder vielleicht ein Pärchen.«
    »Oder beides. Die Schwalben nehmen es nicht so genau. Sie sind nicht so
diffizil in diesen Dingen.«
    Es lag etwas Bittres in dem Ton. Aber diese Bitterkeit schien sich nicht
gegen die Dame zu richten, denn ihr Auge blieb ruhig, und keine Röte stieg in
ihr auf. Sie zog nur ein Chenilletuch, das sie bis zur Hüfte hatte fallen
lassen, wieder in die Höhe und sagte: »Mich fröstelt, Pierre.«
    »Weil du nicht Bewegung genug hast.«
    »Und weil ich schlecht geschlafen habe. Komm, ich will mich niederlegen und
eine halbe Stunde ruhn.«
    Und bei diesen Worten erhob sie sich und ging unter leichtem Gruss, den die
Zunächstsitzenden ebenso leicht erwiderten, auf das Nebenzimmer und den Korridor
zu. Der Oberst folgte. Nur einer der Gäste, der, über seine Zeitung fort, von
der andern Seite das Balkons her das distinguierte Paar schon seit lange
beobachtet hatte, stand auf, legte die Zeitung aus der Hand und grüsste mit
besondrer Devotion, was seines Eindrucks auf die schöne Frau nicht verfehlte.
Wie belebt und erheitert nahm diese plötzlich ihres Begleiters Arm und sagte:
»Du hast recht, Pierre. Luft wird mir besser sein als Ruhe. Mich fröstelt nur,
weil ich keine Bewegung habe. Lass uns in den Park gehn. Wir wollen sehn, ob wir
die Stelle finden, wo die Schwalben nisten. Ich habe mir den Baum gemerkt.«
Der junge Mann, der sich von seinem Platz erhoben und mit so besondrer Artigkeit
gegrüsst hatte, rief jetzt den Kellner heran und sagte: »Kennen Sie die
Herrschaften?«
    »Ja, Herr von Gordon.«
    »Nun?«
    »Oberst a. D. von St. Arnaud und Frau. Sie kamen gestern mit dem Mittagszug
und nahmen ein Diner à part. Die Dame scheint krank.«
    »Und werden einige Tage bleiben?«
    »Ich vermute.«
    Der Kellner trat wieder zurück, und der als Herr von Gordon Angeredete
wiederholte jetzt zwei-, dreimal den Namen, den er eben gehört hatte. »St.
Arnaud... St. Arnaud!«
    Endlich schien er es gefunden zu haben.
    »Ja, jetzt entsinne ich mich. In St. Denis war Anno 70 viel von ihm die
Rede. Kugel durch den Hals, zwischen Karotis und Luftröhre. Wahrer Wunderschuss.
Und wunderbar auch die Heilung; in sechs Wochen wiederhergestellt. Witzleben hat
mir ausführlich davon erzählt. Kein Zweifel, das ist er. Er war damals ältester
Hauptmann in einem der Garderegimenter, bei Franz oder den Maikäfern, und wurde
noch in Frankreich Major. Ich muss ihn im Cerf gesehen haben. Aber warum ausser
Dienst?«
    Der dies Selbstgespräch Führende nahm, als er sich, mit Hülfe seines
Gedächtnisses, auf diese Weise leidlich orientiert hatte, die Zeitung wieder zur
Hand und überflog den Leitartikel, der die letzten Fortschritte der Russen in
Turkmenien behandelte, zugleich aber, unter allerhand Namensverwechselungen,
auch über Indien und Persien orakelte. »Der Herr Verfasser weiss da so gut
Bescheid wie ich auf dem Mond.« Und das Blatt verdriesslich wieder beiseite
schiebend, sah er lieber auf das Gebirge hin, das er, seit länger als einer
Woche, an jedem neuen Morgen mit immer neuer Freude betrachtete. Zuletzt ruhte
sein Blick auf dem Vordergrund und verfolgte hier die Kieswege, die sich, in
abwechselnd breiten und schmalen Schlängellinien, durch die Parkwiese hinzogen.
Eins der Bosquets, das dem Sonnenbrand am meisten ausgesetzt war, zeigte viel
Gelb, und er sah eben scharf hin, um sich zu vergewissern, ob es gelbe Blüten
oder nur von der Sonne verbrannte Blätter seien, als er aus eben diesem Bosquet
die Gestalten des St. Arnaudschen Paares hervortreten sah. Sie bogen in den Weg
ein, der, jenseits der Parkwiese, parallel mit dem Hotel lief, so dass man, vom
Balkon her, beide genau beobachten konnte. Die schöne Frau schien sich unter dem
Einflusse der Luft rasch gekräftigt zu haben und ging aufrecht und elastisch,
trotzdem sich unschwer erkennen liess, dass ihr das Gehen immer noch Müh und
Anstrengung verursachte.
    »Das ist Baden-Baden«, sagte der vom Balkon aus sie Beobachtende.
»Baden-Baden oder Brighton oder Biarritz, aber nicht Harz und Hotel Zehnpfund.«
Und so vor sich hin sprechend, folgte sein Auge dem sich bald nähernden, bald
entfernenden Paare mit immer gesteigertem Interesse, während er zugleich in
seinen Erinnerungen weiterforschte. »St. Arnaud. Anno 70 war er noch
unverheiratet, sie wäre damals auch kaum achtzehn gewesen.« Und unter solchem
Rechnen und Erwägen erging er sich in immer neuen Mutmassungen darüber, welche
Bewandtnis es mit dieser etwas sonderbaren und überraschenden Ehe haben möge.
»Dahinter steckt ein Roman. Er ist über zwanzig Jahre älter als sie. Nun, das
ginge schliesslich, das bedeutet unter Umständen nicht viel. Aber den Abschied
genommen, ein so brillanter und bewährter Offizier! Man sieht ihm noch jetzt den
Schneid an; Garde-Oberst comme il faut, jeder Zoll. Und doch ausser Dienst.
Sollte vielleicht... Aber nein, sie coquettiert nicht, und auch sein Benehmen
gegen sie hält das richtige Mass. Er ist artig und verbindlich, aber nicht zu
gesucht artig, als ob was zu kaschieren sei. Nun, ich will es schon erfahren.
Übrigens wirkt sie katolisch, und wenn sie nicht aus Brüssel ist, ist sie
wenigstens aus Aachen. Nein, auch das nicht. Jetzt hab ich es: Polin oder
wenigstens polnisches Halbblut. Und in einem festen Kloster erzogen, Sacré coeur
oder Zum guten Hirten.«
 
                                Drittes Kapitel
Herr von Gordon war auf bestem Wege, seine Mutmassungen noch weiter auszuspinnen,
als er sich durch ein von rückwärts her laut werdendes, sehr ungeniertes Lachen
unterbrochen und zwei neue Besucher auf den Balkon heraustreten sah, stattliche
Herren von etwa dreissig, über deren spezielle Heimat, sowohl ihrem Auftreten wie
besonders ihrer Sprechweise nach, kein Zweifel sein konnte. Sie trugen
graubraune Sommeranzüge, deren Farbe sich nach oben hin bis in die kleinen
Filzhüte fortsetzte, dazu Plaids und Reisetaschen. Alles passte vorzüglich
zusammen, mit Ausnahme zweier Ausrüstungsgegenstände, von denen der eine, mit
Rücksicht auf eine Harzreise, des Guten zuwenig, der andere aber entschieden
zuviel tat. Diese zwei nicht passenden Dinge waren: ein eleganter
Promenadenstock mit Elfenbeingriff und andrerseits ein hypersolides Schuhzeug,
das sich mit seinen Schnürösen und dicken Sohlen ausnahm, als ob es sich um eine
Besteigung des Matterhorn, nicht aber der Rosstrappe gehandelt hätte.
    »Wo kampieren wir?« fragte der ältere, von der Türschwelle her Umschau
haltend. Im selben Augenblick aber des geschützt stehenden Tisches mit dem
grossen Fliederstrauss ansichtig werdend, an dem die St. Arnauds eben noch
gesessen hatten, schritt er rasch auf diese bevorzugte, weil windgeschützte,
Stelle zu und sagte: »Wo das blüht, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen
haben keinen Flieder.« Und im selben Augenblicke sowohl Reisetasche wie Plaid
über die Stuhllehne hängend, rief er mit charakteristischer Betonung der letzten
Silbe: »Kellnér!«
    »Befehlen?«
    »Zuvörderst einen Mokka samt Zubehör, oder sagen wir kurz: ein Schweizer
Frühstück. Jedem Mann ein Ei, dem tapfren Schweppermann aber zwei.«
    Der Kellner lächelte schalkhaft vor sich hin und suchte, zu sichtlicher
Freude der beiden neuen Ankömmlinge, durch eine humoristische Handbewegung
auszudrücken, dass er nicht recht wisse, wer der zu Bevorzugende sein werde.
    »Berliner?«
    »Zu dienen.«
    »Nun denn, Freund und Landsmann, Sie werden uns nicht verraten, wenn Sie
hören, dass wir eigentlich beide Schweppermänner sind. Macht vier Eier. Und nun
flink. Aber erst hier das alte Schlachtfeld abräumen. Und wie steht es mit
Honig?«
    »Sehr gut.«
    »Nun denn auch Honig. Aber Wabenhonig. Alles frisch vom Fass. Echt, echt!«
    Unter diesem Gespräche hatte der Kellner den Tisch klargemacht und ging nun,
um das Frühstück herbeizuschaffen. Es folgte eine Pause, die das Berliner Paar,
weil ihm nichts anderes übrigblieb, mit Naturbetrachtungen ausfüllte.
    »Das also ist der Harz oder das Harzgebirge«, nahm der ältere zum zweiten
Male das Wort, derselbe, der das kurze Gespräch mit dem Kellner gehabt hatte.
»Merkwürdig ähnlich. Ein bisschen wie Tivoli, wenn die Kuhnheimsche Fabrik in
Gang ist. Sieh nur, Hugo, wie das Ozon da drüben am Gebirge hinstreicht. In den
Zeitungen heisst es in einer allwöchentlich wiederkehrenden Annonce: Tale,
klimatischer Kurort. Und nun diese Schornsteine! Na, meinetwegen; Rauch
konserviert, und wenn wir hier vierzehn Tage lang im Schmok hängen, so kommen
wir als Dauerschinken wieder heraus. Ach, Berlin! Wenn ich nur wenigstens die
Rosstrappe sehen könnte!«
    »Du hast sie ja vor dir«, sagte der andre, während eben auf einem grossen
Tablett das Frühstück gebracht wurde. »Nicht wahr, Kellner, das rötliche Haus da
oben, das ist die Rosstrappe?«
    »Nicht ganz, mein Herr. Die Rosstrappe liegt etwas weiter zurück. Das Haus,
das Sie sehen, ist das Hotel zur Rosstrappe.«
    »Na, das ist die Rosstrappe. Das Hotel entscheidet. Übrigens, Pilsener oder
Kulmbacher?«
    »Beides, meine Herren. Aber wir brauen auch selbst.«
    »Wohl am Ende da drüben, wo der Rauch zieht?«
    »Nein, hier mehr links. Die Schornsteine nach rechts hin sind die
Blechhütte.«
    »Was?«
    »Die Blechhütte. Blech mit Emaille.«
    »Wundervoll! Mit Emaille! Fehlt bloss noch das Zifferblatt. Und darf man das
alles sehn?«
    »O gewiss, gewiss. Wenn die Herren nur ihre Karten abgeben wollen...«
    Und damit brach das Gespräch ab, und die beiden Touristen par excellence
machten sich an ihr Frühstück mit Ei und Wabenhonig.
Eine halbe Stunde später erhoben sie sich und verliessen den Balkon, wobei der
jüngere den Stock mit der Elfenbeinkrücke quer vor den Mund nahm, zugleich den
Ton einer zum Marsch blasenden Pickelflöte nachahmend. Alles, was noch auf dem
Balkon verblieben war, sah ihnen neugierig nach, auch Gordon, der ihren
Weitermarsch bis ins Bodetal hinein verfolgt haben würde, wenn nicht der eben
mit neuen Ankömmlingen eingetroffene Frühzug sein Interesse nach der
entgegengesetzten Seite hin abgezogen hätte. Sängervereine rückten vom Bahnhof
heran und marschierten auf Treseburg zu, wo sie den Tag zu verbringen und ihre
Sängerwettkämpfe zu führen gedachten. Im Vorüberziehen an dem Hotel schwenkten
sie die Hüte, zahllose Hochs ausbringend, von denen niemand recht wusste, wem sie
galten. An ihre letzte Sektion aber schlossen sich alle diejenigen an, die der
Zug ausserdem noch gebracht hatte, lauter Durchschnittsfiguren, unter denen nur
die direkt Abschliessenden einiger Aufmerksamkeit wert waren.
    Es waren ihrer zwei, beide lebhaft plaudernd, aber doch nur wie Personen,
die sich eben erst kennengelernt haben. Der zur Linken Gehende, schwarz
gekleidet in Stehkragenrock, dabei von freundlichen Zügen, war ein alter
Emeritus, den Gordon schon von verschiedenen Ausflügen und namentlich von der
Table d'hôte her kannte, während der andere durch eine grosse Hässlichkeit und
beinah mehr noch durch die Sonderbarkeit seiner Kleidung auffiel. Er trug
nämlich ziemlich defekte Gamaschen und eine Manchesterweste, deren Schösse länger
waren als seine Joppe, dazu Strippenhaar, Klapphut und Hornbrille. Worauf
deutete das alles hin? Seinem unteren Menschen nach hätte man ihn ohne weiteres
für einen Trapper, seinem oberen nach ebenso zweifellos für einen Rabulisten und
Winkeladvokaten halten müssen, wenn nicht sein letztes und vorzüglichstes
Ausrüstungsstück: eine Botanisiertrommel, gewesen wäre, ja sogar eine
Botanisiertrommel am gestickten Bande. Diese beständig hin und her schiebend,
schritt er an der Seite des geistlichen Herrn, der übrigens bereits Miene zum
Abschwenken machte, mit grossen Schritten und unter beständigen Gestikulationen
auf die Parkwiese zu.
    »Botaniker«, sagte Gordon zu dem Wirte von »Hotel Zehnpfund«, der sich ihm
mittlerweile gesellt hatte. »Sieht er nicht aus wie Knecht Ruprecht, der den
Frühling in seinen Sack stecken will?«
    Der joviale Hotelier jedoch, der, wie die meisten seines Standes, ein
Menschenkenner war, wollte von der Gordonschen Diagnose nichts wissen und sagte:
»Nein, Herr von Gordon, die grüne Trommel, die kenn ich: in neun Fällen von zehn
ist sie Vorratskammer, am gestickten Bande aber ist sie's immer. Nichts von
Botanik. Ich halte den Herrn für einen Urnenbuddler.«
    »Archäologe?«
    »So drum herum.«
    Und als beide so sprachen, verschwand der Gegenstand ihrer Unterhaltung
jenseits der Parkwiese, nachdem er sich schon vorher von dem im Hotel wohnenden
Emeritus verabschiedet hatte.
 
                                Viertes Kapitel
Zehn Minuten vor eins läutete die Tischglocke durch alle Korridore hin, und
wiewohl die Haute-Saison noch nicht begonnen hatte, versammelte sich doch eine
stattliche Zahl von Gästen im grossen Speisesaal. Auch die beiden Berliner in
Graubraun fehlten nicht und hatten sofort am untern Ende der Tafel eine Korona
teils bewundernder, teils lächelnder Zuhörer um sich her, zu welchen letztren
auch der alte Herr im geistlichen Rock und der Langhaarige mit der Hornbrille
zählte. Das im Gegensatze zu dem unterwegs von Cécile geäusserten Wunsche heut
ebenfalls erschienene St. Arnaudsche Paar war vom Oberkellner gebeten worden,
die Mittelplätze der Tafel einzunehmen, gegenüber von Herrn von Gordon, der im
selben Augenblicke, wo die Herrschaften Platz genommen hatten, auch schon die
mit allerhand rotem Blattwerk zwischen ihm und Cécile stehende Vase zu
verwünschen begann. Selbstverständlich liess er sich durch dies Hindernis nicht
abhalten, sich vorzustellen, worauf der Oberst, vielleicht weil er einen
adeligen Namen gehört hatte, mit bemerkenswerter Artigkeit erwiderte: »von St.
Arnaud - meine Frau.« Es schien aber bei diesem Namensaustausch bleiben zu
sollen, denn Minuten vergingen, ohne dass ein weiterer Annäherungsversuch von
hüben oder drüben gemacht worden wäre. Gordon, trotzdem ihm die Tage preussischer
Disziplin um mehrere Jahre zurücklagen, glaubte doch, mit Rücksicht auf den Rang
des Obersten, diesem das erste Wort überlassen zu müssen. Auch Cécile schwieg
und richtete nur dann und wann ein Wort an ihren Gemahl, während sie mechanisch
an einem Türkisringe drehte.
    Seit dem Ragoût fin en coquille, von dem sie zwei Bröckchen gekostet und
zwei andere auf der Gabelspitze gelassen hatte, hatte sie bei jedem neu
präsentierten Gange gedankt und lehnte sich jetzt mit verschränkten Armen in den
Stuhl zurück, nur dann und wann nach der Saaluhr blickend, auf deren Zifferblatt
der Zeiger langsam vorrückte. Gordon, auf blosse Beobachtung angewiesen, begann
allmählich die Vase zu segnen, die, so hinderlich sie war, ihm wenigstens
gestattete, seine Studien einigermassen unauffällig, wenn auch freilich nicht
unbemerkt, fortsetzen zu können. Er gestand sich, selten eine schönere Frau
gesehen zu haben, kaum in England, kaum in den »States«. Ihr Profil war von
seltener Reinheit, und das Fehlen jeder Spur von Farbe gab ihrem Kopfe, darin
Apatie der vorherrschende Zug war, etwas Marmornes. Aber dieser Ausdruck von
Apatie war nicht Folge besonderer Niedergeschlagenheit, noch weniger von
schlechter Laune, denn ihre Züge, wie Gordon nicht entging, begannen sich sofort
zu beleben, als plötzlich von der unteren Tafel her dem Kellner in gutem
Berlinisch zugerufen wurde: »Kalt stellen also. Aber nicht zu lange. Denn der
Knall bleibt immer die Hauptsache« - bei welcher Tese der, der sie aufstellte,
mit seinem Zeigefinger rasch und geschickt unter den Mundwinkel und mit solcher
Energie wieder herausfuhr, dass es einen lauten Puff gab.
    Alles lachte. Selbst der Oberst schien froh, aus der Tafel-Langweile heraus
zu sein, und sagte jetzt, während er sich über den Tisch hin vorbeugte: »Nicht
wahr, Herr von Gordon, Sie sind ein Sohn des Generals?«
    »Nein, mein Herr Oberst, auch kaum verwandt, denn ich bin eigentlich ein
Leslie. Der Name Gordon ist erst durch Adoption in unsere Familie gekommen.«
    »Und stehen in welchem Regiment?«
    »In keinem, Herr Oberst. Ich habe den Dienst quittiert.«
    »Ah«, sagte der Oberst, und eine Pause folgte, die zum zweiten Male
verhängnisvoll werden zu wollen schien. Aber die Gefahr ging glücklich vorüber,
und St. Arnaud, der sonst wenig sprach, fuhr mit einem für seinen Charakter
überraschend artigen Entgegenkommen fort: »Und Sie sind schon längere Zeit hier,
Herr von Gordon? Und vielleicht zur Kur?«
    »Seit einer Woche, mein Herr Oberst. Aber nicht eigentlich zur Kur. Ich will
ausruhen und eine gute Luft atmen und nebenher auch Plätze wiedersehen, die mir
aus meiner Kindheit her teuer sind. Ich war, eh ich in die Armee trat, oft im
Harz und darf sagen, dass ich ihn kenne.«
    »Da bitt ich, dass wir uns vorkommendenfalls an Ihren guten Rat und Ihre
Hülfe wenden dürfen. Wir gedenken nämlich, sobald es das Befinden meiner Frau
zulässt, immer höher in die Berge hinaufzugehen und etwa mit Andreasberg
abzuschliessen. Es soll dort die beste Luft für Nervenkranke sein.«
    In diesem Augenblicke präsentierte der Kellner ein Panaché, von dessen
Vanillenseite Frau von St. Arnaud nahm und kostete. »Lieber Pierre«, sagte sie
dann mit sich rasch belebender Stimme, »du bittest Herrn von Gordon um seinen
Beistand und verscheuchst ihn im selben Augenblick aus unserer Nähe. Denn was
ist lästiger als Rücksichten auf eine kranke Frau nehmen? Aber erschrecken Sie
nicht, Herr von Gordon, wir werden Ihre Güte nicht missbrauchen, wenigstens nicht
ich. Sie sind zweifellos ein Bergsteiger, also enragiert für grosse Partien,
während ich vorhabe, mir, noch auf Wochen hin, an unserem Balkon und der
Parkwiese genügen zu lassen.«
    Das Gespräch setzte sich fort und ward erst unterbrochen, als der an der
unteren Tafel inzwischen erschienene Champagner mit allem Zeremoniell geöffnet
wurde. Der Pfropfen flog in die Höh, und während der jüngere die Gläser füllte,
musterte der ältere die Marke, selbstverständlich nur, um Gelegenheit zum
Vortrage einiger Champagner-Anekdoten zu finden, die sämtlich, um seinen eigenen
Ausdruck zu gebrauchen, auf »Wirt und Hotel-Entlarvung auf dem Pfropfenwege«
hinausliefen - alles übrigens in bester Laune, die sich nicht bloss seiner
nächsten Umgebung, sondern so ziemlich der ganzen Tafel mitteilte.
    Zehn Minuten danach erhob man sich und verliess in Gruppen den Esssaal. Auch
die Berliner gingen den Korridor hinunter, machten aber an einem
Fenstertischchen halt, auf dem das Fremdenbuch aufgeschlagen lag, und begannen
darin zu blättern.
    »Ah, hier. Das is er: Gordon-Leslie, Zivilingenieur.«
    »Gordon-Leslie!« wiederholte der andere. »Das ist ja der reine Wallensteins
Tod!«
    »Wahrhaftig, fehlt bloss noch Oberst Buttler.«
    »Na, höre, der alte...«
    »Meinst du?«
    »Freilich, mein ich. Sieh dir 'n mal an. Wenn der erst anfängt... «
    »Höre, das wär famos; da könnt man am Ende noch was erleben.«
    Und damit gingen sie weiter und auf ihr Zimmer zu, »um sich hier«, wie sich
der ältere ausdrückte, »inwendig ein bisschen zu besehn.«
 
                                Fünftes Kapitel
Gleich nach Aufhebung der Tafel war zwischen den St. Arnauds und ihrem neuen
Bekannten und Tisch-vis-à-vis ein Nachmittagsspaziergang auf die Rosstrappe
hinauf verabredet worden, und um vier Uhr traf man sich unter der grossen
Parkplatane, wo Gordon dann sofort auch, aber doch erst, nachdem er seine
Dispositionen gehorsamst unterbreitet hatte, die Führung übernahm. Die gnädige
Frau, so waren seine Worte gewesen, möge nicht erschrecken, wenn er, statt des
sehr steilen nächsten Weges, einen Umweg vorschlage, der sich nicht bloss durch
das, was er habe (darunter die schönsten Durchblicke), sondern viel, viel mehr
noch durch das, was er nicht habe, höchst vorteilhaft auszeichne. Die sonst
üblichen Begleitstücke harzischer Promenadenwege: Hütten, Kinder und aufgehängte
Wäsche, kämen nämlich in Wegfall.
    Cécile gab in guter Laune die Versicherung, lange genug verheiratet zu sein,
um auch in kleinen Dingen Gehorsam und Unterordnung zu kennen; am wenigsten aber
werde sie sich gegen Herrn von Gordon auflehnen, der den Eindruck mache, wie zum
Führer und Pfadfinder geboren zu sein.
    »Bedanken Sie sich«, lachte der Oberst. »Reminiszenz aus Lederstrumpf.«
    Gordon war nicht angenehm von einem Scherze berührt, dessen Spott sich
ebenso gegen ihn wie gegen Cécile richten konnte, verwand den Eindruck aber
schnell und nahm das Shawltuch, das die schöne Frau bis dahin über dem Arm
getragen hatte. Dann wies er auf einen einigermassen schattigen, am Parkende
gelegenen Steinweg hin und führte, diesen einschlagend, das St. Arnaudsche Paar,
an Buden und Sommerhäusern vorüber, auf das benachbarte Hubertusbad zu, von dem
aus er den Aufstieg auf die Rosstrappe bewerkstelligen wollte. Von beiden Seiten
trat das Laubholz dicht heran, aber auch freiere Plätze kamen, auf deren einem
eine von einem vergoldeten Drahtgitter eingefasste, mit wildem Wein und Efeu
dicht überwachsene Villa lag. Nichts regte sich in dem Hause, nur die Gardinen
bauschten überall, wo die Fenster aufstanden, im Zugwind hin und her, und man
hätte den Eindruck einer absolut unbewohnten Stätte gehabt, wenn nicht ein
prächtiger Pfau gewesen wäre, der, von seiner hohen Stange herab, über den meist
mit Rittersporn und Brennender Liebe bepflanzten Vorgarten hin, in übermütigem
und herausforderndem Tone kreischte.
    Cécile blieb betroffen stehen und wandte sich dann zu Gordon, der den ganzen
Umweg vielleicht nur um dieser Stelle willen gemacht hatte.
    »Wie zauberhaft«, sagte sie. »Das ist ja das verwunschene Schloss im Märchen.
Und so still und lauschig. Wirkt es nicht, als wohne der Friede darin oder, was
dasselbe sagt: das Glück.«
    »Und doch haben beide keine Stätte hier gefunden, und ich gehe täglich an
diesem Hause vorüber und hole mir eine Predigt.«
    »Und welche?«
    »Die, dass man darauf verzichten soll, ein Idyll oder gar ein Glück von aussen
her aufbauen zu wollen. Der, der dies schuf, hatte dergleichen im Sinn. Aber er
ist über die blosse Kulisse nicht hinausgekommen, und was dahinter für ihn
lauerte, war weder Friede noch Glück. Es geht ein finsterer Geist durch dieses
Haus, und sein letzter Bewohner erschoss sich hier, an dem Fenster da (das
vorletzte links), und wenn ich so hinseh, ist mir immer, als säh er noch heraus
und suche nach dem Glücke, das er nicht finden konnte. Plätze, daran Blut klebt,
erfüllen mich mit Grauen.«
    Es war, als ob Gordon auf ein Wort der Zustimmung gewartet hätte. Dies Wort
blieb aber aus, und Cécile zählte nur die Maschen des vor ihr ausgespannten
Drahtgitters, während der Oberst sein Lorgnon nahm und die Fenster mit einer Art
ruhiger Neugier musterte.
    Dann, ohne dass weiter ein Wort gesprochen worden wäre, schritt man dem
Schlängelwege zu, der auf die Rosstrappe hinaufführte.
 
                                Sechstes Kapitel
Die Bahnhofsuhr unten in Tale schlug eben fünf, als das St. Arnaudsche Paar und
Gordon bis auf wenige Schritt an den Felsenvorsprung mit dem Hotel zur Rosstrappe
heran waren und im selben Augenblicke wahrnahmen, dass viele der Gäste, mit denen
sie die Table d'hôte geteilt hatten, ebenfalls hier oben erschienen waren, um an
diesem bevorzugten Aussichtspunkte ihren Kaffee zu nehmen. Einige, darunter auch
die beiden Herren in Graubraun (und an einem Nachbartische der Emeritus und der
Langhaarige), sassen, paar- und gruppenweis, unter einem von Pfeifenkraut
überwachsenen Zeltschuppen und sahen in die reiche Landschaft hinein, aus der,
in nächster Nähe, die pittoresken Gebilde der Teufelsmauer und weiter zurück die
Quedlinburger und Halberstädter Turmspitzen aufragten. Alles, was unter dem
Zeltschuppen und zum Teil auch in Front desselben sass, war heiter und guter
Dinge, voran die beiden Berliner, deren Diner-Stimmung sich, unter dem Einfluss
einiger Kaffee-Cognacs, eher gesteigert als gemindert hatte.
    »Da sind sie wieder«, sagte der ältere, während er auf das St. Arnaudsche
Paar und den unmittelbar folgenden Gordon zeigte: »Sieh nur, schon den Shawl
überm Arm. Der fackelt nicht lange. Was du tun willst, tue bald. Ich wundre mich
nur, dass der Alte...«
    Seine Neigung, in diesem Gesprächstone fortzufahren, war unverkennbar; er
brach aber ab, weil die, denen diese Bemerkungen galten, mittlerweile ganz in
ihrer Nähe Platz genommen hatten, und zwar an einem unmittelbar am Abhange
stehenden Tische, neben dem auch ein Teleskop für das schaulustige Publikum
aufgestellt war. Eine junge, freilich nicht allzu junge, mit Skizzierung der
Landschaft beschäftigte Dame sass schon vorher an dieser Stelle, was den
Obersten, als er seinen Stuhl heranschob, zu den Worten veranlasste: »Pardon,
wenn wir lästig fallen. Aber alle Tische sind besetzt, mein gnädiges Fräulein,
und der Ihrige geniesst ausserdem des Vorzugs, der landschaftlich anziehendste zu
sein.«
    »Das ist er«, sagte die Dame rasch und mit ungewöhnlicher Unbefangenheit,
während sie das Blatt, an dem sie bis dahin gezeichnet, in die Mappe schob. »Ich
ziehe diese Stelle jeder andern vor, auch der eigentlichen Rosstrappe. Dort ist
alles Kessel, Eingeschlossenheit und Enge, hier ist alles Weitblick. Und
Weitblicke machen einem die Seele weit und sind recht eigentlich meine Passion
in Natur und Kunst.«
    Der Oberst, den das frank und freie Wesen der jungen Dame sichtlich
anmutete, beeilte sich, sich und seine Begleitung vorzustellen, und fuhr dann
fort: »Ich hoffe, meine Gnädigste, dass wir nicht zu sehr als eine Störung
empfunden werden. Sie schoben das Blatt in die Mappe...«
    »Nur weil es beendet war, nicht um es Ihren Augen zu entziehen. Ich
missbillige diese Kunstprüderie, die doch meistens nur Hochmut ist. Die Kunst
soll die Menschen erfreuen, immer da sein, wo sie gerufen wird, aber sich nicht
wie die Schnecke furchtsam oder gar vornehm in ihr Haus zurückziehen. Am
schrecklichsten sind die Klaviervirtuosen, die zwölf Stunden lang spielen, wenn
man sie nicht hören will, und nie spielen, wenn man sie hören will. Das
Verlangen nach einem Walzer ist ihnen die tödlichste der Beleidigungen, und doch
ist ein Walzer etwas Hübsches und wohl des Entgegenkommens wert. Denn er macht
ein Dutzend Menschen auf eine Stunde glücklich.«
    Ein herantretender und nach den Befehlen der neuen Gäste fragender Kellner
unterbrach hier auf Augenblicke das Gespräch, aber es wurde rasch wieder
aufgenommen und führte, nach einer kleinen Weile schon, zur Durchsicht der
bereits die verschiedensten Blätter entaltenden Mappe. Cécile war entzückt,
verklagte sich ihrer argen Talentlosigkeit halber, unter der sie zeitlebens
gelitten, und tat freundliche, wohlgemeinte Fragen, die reizend gewesen wären,
wenn sich nicht, bei mancher überraschenden Kenntnis im einzelnen, im ganzen
genommen eine noch verwunderlichere Summe von Nicht-Wissen darin ausgesprochen
hätte. Sie selber schien aber kein Gewicht darauf zu legen und übersah ein
nervöses Zucken, das bei der einen oder anderen dieser Fragen um den Mund ihres
Gatten spielte.
    Gordon, selber ein guter Zeichner und speziell von einem für landschaftliche
Dinge geübten Auge, hatte hier und da Bedenken und gab ihnen, wenn auch unter
den artigsten Entschuldigungen, Ausdruck.
    »Oh, nur das nicht«, sagte die junge Dame. »Nur keine Entschuldigungen.
Nichts schrecklicher als totes Lob; ein verständiger und liebevoller Tadel ist
das Beste, was ein Künstlerohr vernehmen kann. Aber sehen Sie das hier; das ist
besser.« Und sie zog unter den Blättern eines hervor, das eine Wiese mit
Brunnentrog und an dem Trog ein paar Kühe zeigte.
    »Das ist schön«, sagte Gordon, während die beständig auf Ähnlichkeiten
ausgehende Cécile durchaus eine Wiese, die man vorher passiert hatte, darin
wiedererkennen wollte.
    Die junge Malerin überhörte diese Bemerkungen aber und fuhr, während sie
Gordon ein zweites Blatt zuschob, in immer lebhafterem Tone fort: »Und hier
sehen Sie, was ich kann und nicht kann. Ich bin nämlich, um es rundheraus zu
sagen, eine Tiermalerin.«
    »Ah, das ist ja reizend«, sagte Cécile.
    »Doch nicht, meine gnädigste Frau, wenigstens nicht so bedingungslos, wie
Sie gütigst anzunehmen scheinen. Eine Dame soll Blumenmalerin sein, aber nicht
Tiermalerin. So fordert es die Welt, der Anstand, die Sitte. Tiermalerin ist an
der Grenze des Unerlaubten. Es gibt da so viele intrikate Dinge. Glauben Sie
mir, Tiere malen aus Beruf oder Neigung ist ein Schicksal. Und wer den Schaden
hat, darf für den Spott nicht sorgen. Denn zum Überfluss heisse ich auch noch
Rosa, was in meinem speziellen Falle nicht mehr und nicht weniger als eine
Kalamität ist.«
    »Und warum das?« fragte Cécile.
    »Weil mich, auf diesen Namen hin, die Neidteufelei der Kollegen in Gegensatz
bringt zu meiner berühmten Namensschwester. Und so nennen sie mich denn Rosa
Malheur.«
    Cécile verstand nicht. Gordon aber erheiterte sich und sagte: »Das ist
allerliebst, und ich müsste mich ganz in Ihnen irren, wenn Sie diese Namensgebung
auch nur einen Augenblick ernstlich verdrösse.«
    »Tut es auch nicht«, lachte jetzt das Fräulein, das eigentlich stolz auf den
Spitznamen war, den man ihr gegeben hatte. »Man kommt darüber hin. Und
Spielverderberei gehört ohnehin nicht zu meinen Tugenden.«
    In diesem Augenblick erschien der Kellner mit einem tassenklirrenden
Tablett, und während er die Serviette zu legen und den Tisch zu arrangieren
begann, hörte man, bei der eingetretenen Gesprächspause, beinah jedes Wort, das
unter dem Zeltschuppen, und zwar an dem zunächststehenden Tische, gesprochen
wurde.
    »Darin«, sagte der Langhaarige, dessen Botanisiertrommel trophäenartig an
einem Balkenhaken hing, »darin, mein sehr verehrter Herr Emeritus, muss ich Ihnen
durchaus widersprechen. Es ist ein Irrtum, alles in unserer Geschichte von den
Hohenzollern herleiten zu wollen. Die Hohenzollern haben das Werk nur
weitergeführt, die Begründer aber sind die halb vergessenen und eines dankbaren
Gedächtnisses doch so würdigen Askanier. Ein oberflächlicher
Geschichtsunterricht, der beiläufig die Hauptschuld an dem pietäts-und
vaterlandslosen Nihilismus unserer Tage trägt, begnügt sich, wenn von den
Askaniern die Rede ist, in der Regel mit zwei Namen, mit Albrecht dem Bären und
Waldemar dem Grossen, und wenn der Herr Lehrer ein wenig ästetisiert (ich hasse
das Ästetisieren in der Wissenschaft), so spricht er auch wohl von Otto mit dem
Pfeil und der schönen Heilwig und dem Schatz in Angermünde. Nun ja, das mag
gehen; aber das alles sind, wenn nicht Allotria, so doch blosse Kostäppchen. In
Wahrheit liegt es so, dass sie, die Askanier, trotz einiger sonderbarer Beinamen
und Bezeichnungen, die, wie gern zugestanden werden mag, den Scherz oder einen
billigen Witz herausfordern, samt und sonders bedeutend waren. Ich sage, gern
zugestanden. Aber andrerseits muss ich doch sagen dürfen, wohin kommen wir, mein
Herr Emeritus, wenn wir die Bedeutung der Menschen nach ihren Namen abschätzen
wollen? Ist Klopstock ein Dichtername? Vermutet man in Griepenkerl einen
Dramatiker oder in Bengel einen berühmten Teologen? Oder gar in Ledderhose? Wir
müssen uns frei machen von solchen Albernheiten.«
    An einer lebhaften Bewegung seiner Lippen liess sich erkennen, dass der
Emeritus emsig dabei war, dem Manne des historischen Essays mit gleicher Münze
heimzuzahlen, da seine Pensionierung aber, auf Antrag seiner ihn sonst
verehrenden Gemeinde, vor zehn Jahren schon, und zwar »um Mümmelns willen«,
erfolgt war, so war an ein Verstehen dessen, was er sagte, gar nicht zu denken,
während das, was in eben diesem Augenblick an dem berlinischen Nachbartisch
gesprochen wurde, desto deutlicher herüberschallte.
    »Sieh nur«, sagte der ältere. »Die beiden Türme da. Der nächste, das muss der
Quedlinburger sein, das ist klar, das kann 'ne alte Frau mit 'm Stock fühlen.
Aber der dahinter, der sich so retiré hält! Ob es der Halberstädter ist? Es muss
der Halberstädter sein. Was meinst du, wollen wir 'n mal ein bisschen ranholen?«
    »Gewiss. Aber womit?«
    »Na, mit 's Perspektiv. Sieh doch den Opernkucker da.«
    »Wahrhaftig. Und auf 'ner Lafette. Komm.«
    Und so weitersprechend, erhoben sie sich und gingen auf das Teleskop zu.
    »Berliner«, flüsterte Rosa leise zu Gordon hinüber und rückte mehr
seitwärts.
    Aber sie gewann wenig durch diese Retraite, denn die Stimmen der jetzt
abwechselnd in das Glas hineinschauenden beiden Freunde waren von solcher
Berliner Schärfe, dass kein Wort von ihrer Unterhaltung verlorenging.
    »Nu? hast du 'n?«
    »Ja. Haben hab ich ihn. Und er kommt auch immer näher. Aber er wackelt so.«
    »Denkt nicht dran. Weisst du, wer wackelt? Du.«
    »Noch nich.«
    »Aber bald.«
    Und damit traten sie von dem Teleskop wieder unter die Halle zurück, wo sie
sich nunmehr rasch zum Weitermarsch auf die eigentliche Rosstrappe hin
fertigmachten.
    Als sie fort waren, sagte Rosa: »Gott sei Dank. Ich ängstige mich immer so.«
    »Warum?«
    »Weil meine lieben Landsleute so sonderbar sind.«
    »Ja sonderbar sind sie«, lachte Gordon. »Aber nie schlimm. Oder sie müssten
sich in den letzten zehn Jahren sehr verändert haben.«
So plaudernd, wurde das Durchblättern der Mappe fortgesetzt, freilich unter sehr
verschiedener Anteilnahme. Der Oberst, ohne recht hinzublicken, beschränkte sich
auf einige wenige, bei solcher Gelegenheit immer wiederkehrende
Bewunderungslaute, während Cécile zwar hinsah, aber doch vorwiegend mit einem
schönen Neufundländer spielte, der, von Hotel Zehnpfund her, der schönen Frau
gefolgt war und, seinen Kopf in ihren Schoss legend, mit unerschüttertem und
beinah zärtlichem Vertrauensausdruck auf die Zuckerstücke wartete, die sie ihm
zuwarf. Nur Gordon war bei der Sache, machte Bemerkungen, die zwischen Ernst und
Scherz die Mitte hielten, und sagte, als ein Blatt kam, das ein aus vielen
Feldsteinen aufgebautes Grabmal darstellte: »Pardon, ist das Absicht oder
Zufall? Einige der Steine haben eine Totenkopfphysiognomie. Wahrhaftig, man weiss
nicht, ist es ein Steinkegel oder eine Schädelstätte?«
    Rosa lachte. »Sie haben die Bilder von Wereschagin gesehen?«
    »Freilich. Aber nur die Skizzen.«
    »In Paris?«
    »Nein, in Samarkand. Und dann später eine grössere Zahl in Plewna.«
    »Sie scherzen. Plewna, das möchte gehn, das glaub ich Ihnen. Aber Samarkand!
Ich bitte Sie, Samarkand ist doch eigentlich bloss Märchen.«
    »Oder schreckliche Wirklichkeit«, erwiderte Gordon. »Entsinnen Sie sich der
samarkandischen Tempeltüren?«
    »O gewiss. Eine Perle.«
    »Zugestanden. Aber haben Sie nebenher auch die Tempelwächter mit Pfeil und
Bogen in Erinnerung, die, der seltsam kriegerischsten Beschäftigung hingegeben
(da, wo sich Krieg und Jagd berühren), in Front dieser berühmten Tempeltüren
hockten? Ach, meine Gnädigste, glauben Sie mir, die Vorzüge jener Gegenden sind
überaus zweifelhafter Natur, und ich bin alles in allem entschieden für Berlin
mit einer Lohengrin- Aufführung und einem Souper bei Hiller. Lohengrin ist
phantastischer und Hiller appetitlicher. Und auch das letztere bedeutet viel,
sehr viel. Namentlich auf die Dauer.«
    Der Oberst nickte zustimmend, die Malerin aber wollte sich nicht gleich und
jedenfalls nicht in allen Stücken gefangengeben und fuhr deshalb fort: »Es mag
sein. Aber eines bleibt, die grossartige Tierwelt: der Steppenwolf, der
Steppengeier.«
    »Im ganzen werden Sie die Bekanntschaft dieser liebenswürdigen Geschöpfe
Gottes im Berliner Zoologischen sichrer und kopierbarer machen als an Ort und
Stelle. Die Wahrheit zu gestehen, ich habe, während meines Trienniums in der
Steppe, keinen einzigen Steppengeier gesehen und sicherlich keinen, der sich so
gut ausgenommen hätte wie der da. Freilich kein Geier. Sehen Sie, meine
Gnädigste, da zwischen den Klippen.«
    Und er wies auf einen Habicht, der sich, am Eingange der Schlucht, hoch in
Lüften wiegte.
    Rosa sah dem Fluge nach und bemerkte dann: »Er fliegt offenbar nach dem
Hexentanzplatz hin.«
    »Gewiss«, sagte Cécile, von Herzen froh, dass endlich ein Wort gefallen war,
das sie der unheilvollen Mappe samt daran anknüpfenden kunstästetischen oder
gar erdbeschreiblichen Betrachtungen entzog. »Nach dem Hexentanzplatz! Ich höre
das Wort immer wieder und wieder; heute schon zum dritten Male.«
    »Was einer Mahnung, ihn zu besuchen, gleichkommt, meine gnädigste Frau.
Wirklich, wir werden ihn über kurz oder lang sehen müssen, das schulden wir
einem Harzaufentalte. Denn allerorten, wo man sich aufhält, hat man eine Art
Pflicht, das Charakteristische der Gegend kennenzulernen, in Samarkand« (und er
verbeugte sich gegen Rosa) »die Tempeltüren und ihre Wächter, in der Wüste den
Wüstenkönig und im Harze die Hexen. Die Hexen sind hier nämlich Landesprodukt
und wachsen wie der rote Fingerhut überall auf den Bergen umher. Auf Schritt und
Tritt begegnet man ihnen, und wenn man fertig zu sein glaubt, fängt es erst
recht eigentlich an. Zuletzt kommt nämlich der Brocken, der in seinem Namen zwar
alle hexlichen Beziehungen verschweigt, aber doch immer der eigentlichste
Hexentanzplatz bleibt. Da sind sie zu Haus, das ist ihr Ur- und Quellgebiet.
Allen Ernstes, die Landschaft ist hier so gesättigt mit derlei Stoff, dass die
Sache schliesslich eine reelle Gewalt über uns gewinnt, und was mich persönlich
angeht, nun, so darf ich nicht verschweigen: als ich neulich, die Mondsichel am
Himmel, das im Schatten liegende Bodetal passierte, war mir's, als ob hinter
jedem Erlenstamm eine Hexe hervorsähe.«
    »Hübsch oder hässlich?« fragte Rosa. »Nehmen Sie sich in acht, Herr von
Gordon. In Ihrem Hexenspuk spukt etwas vor. Das sind die inneren Stimmen.«
    »Oh, Sie wollen mir bange machen. Aber Sie vergessen, meine Gnädigste, wo
das Übel liegt, liegt in der Regel auch die Heilung, und ich kenne Gott sei Dank
kein Stück Land, wo, bei drohendsten Gefahren, zugleich soviel Rettungen
vorkämen wie gerade hier. Und immer siegt die Tugend, und der Böse hat das
Nachsehen. Sie werden vielleicht vom Mägdesprung gehört haben? Aber wozu so weit
in die Ferne schweifen! Eben hier, in unsrer nächsten Nähe, haben wir ein
solches Rettungsterrain, eine solche beglaubigte Zufluchtsstätte. Sehen Sie
dort« (und er wandte sich nach rückwärts) »den Rosstrapp-Felsen? Die Geschichte
seines Namens wird Ihnen kein Geheimnis sein. Eine tugendhafte Prinzessin zu
Pferde, von einem dito berittenen, aber untugendhaften Ritter verfolgt, setzte
voll Todesangst über das Bodetal fort, und siehe da, wo sie glücklich landete,
wo der Pferdehuf aufschlug, haben wir die Rosstrappe. Sie sehen an diesem einen
Beispiele, wie recht ich mit meinem Satze hatte: wo die Gefahr liegt, liegt auch
die Rettung.«
    »Ich kann Ihr Beispiel nicht gelten lassen«, lachte Rosa. »Zum mindesten
beweist es ein gut Teil weniger, als Sie glauben. Es macht eben einen
Unterschied, ob ein gefährlicher Ritter eine schöne Prinzessin oder ob umgekehrt
eine gefährlich-schöne Prinzessin...«
    »Was dem einen recht ist, ist dem andern billig.«
    »Oh, nicht doch, Herr von Gordon, nicht doch. Einem armen Mädchen,
Prinzessin oder nicht, wird immer geholfen, da tut der Himmel seine Wunder,
interveniert in Gnaden und trägt das Ross, als ob es ein Flügelross wäre,
glücklich über das Bodetal hin. Aber wenn ein Ritter und Kavalier von einer
gefährlich-schönen Prinzessin oder auch nur von einer gefährlich-schönen Hexe,
was mitunter zusammenfällt, verfolgt wird, da tut der Himmel gar nichts und ruft
nur sein aide toi même herunter. Und hat auch recht. Denn die Kavaliere gehören
zum starken Geschlecht und haben die Pflicht, sich selber zu helfen.«
    St. Arnaud applaudierte der Malerin, und selbst Cécile, die, beim Beginn des
Wortgefechts, ein leises Unbehagen nicht unterdrücken konnte, hatte sich, als
ihr das harmlos Unbeabsichtigte dieser kleinen Pikanterien zur Gewissheit
geworden war, ihrer allerbesten Laune rückhaltslos hingegeben. Selbst der
säuerlich schlechte Kaffee, mit der allerorten im Harz als Sahne geltenden
hässlichen Milchhaut, erwies sich ausserstande, diese gute Laune zu verscheuchen,
und bestimmte sie nur, behufs leidlicher Balancierung des Übels, um Sodawasser
zu bitten, was freilich, weil es multrig war, seines Zweckes ebenfalls
verfehlte.
    »Die Rosstrappen-Prinzessin«, sagte der Oberst, »wenn sie sich nach dem
Sprunge hat restaurieren wollen, hat es hoffentlich besser getroffen als wir.
Aber« (und er verneigte sich bei diesen Worten gegen Rosa) »wir haben dafür
etwas anderes vor ihr voraus, eine liebenswürdige Bekanntschaft, die wir
anknüpfen durften.«
    »Und die sich hoffentlich fortsetzt«, fügte Cécile mit grosser Freundlichkeit
hinzu. »Dürfen wir hoffen, Sie morgen an der Table d'hôte zu treffen?«
    »Ich habe vor, meine gnädigste Frau, mich morgen in Quedlinburg umzutun, und
möchte mein Reiseprogramm gern innehalten. Aber es würde mich glücklich machen,
mich Ihnen für diesen Nachmittag anschliessen zu dürfen und dann später
vielleicht auf dem Heimwege.«
Dieser Heimweg wurde denn auch bald danach beschlossen, und zwar über die
sogenannte »Schurre« hin, bei welcher Gelegenheit man den eigentlichen
Rosstrappe-Felsen, also die Hauptsehenswürdigkeit der Gegend, mit in Augenschein
nehmen wollte.
    »Werden auch deine Nerven ausreichen?« fragte der Oberst, »oder nehmen wir
lieber einen Tragstuhl? Der Weg bis zur Rosstrappe mag gehen. Aber hinterher die
Schurre? Der Abstieg ist etwas steil und fährt in Kreuz und Rücken, oder um mich
wissenschaftlicher auszudrücken, in die Vertebrallinie.«
    Der schönen Frau blasses Gesicht wurde rot, und Gordon sah deutlich, dass es
sie peinlich berührte, den Schwächezustand ihres Körpers mit solchem Lokaldetail
behandelt zu sehen. Sie begriff St. Arnaud nicht, er war sonst so diskret. Aber
sich bezwingend, sagte sie: »Nur nicht getragen werden, Pierre; das ist für
Sterbende. Gott sei Dank, ich habe mich erholt und empfinde, mit jeder Stunde
mehr, den wohltätigen Einfluss dieser Luft... Ich glaube Sie beruhigen zu
können«, setzte sie lächelnd gegen Gordon gewandt hinzu.
    So brach man denn auf und erreichte zunächst die Rosstrappe, die berühmte
Felsenpartie, wo ganze Gruppen von Personen, aber auch einzelne, vor einer
Erfrischungsbude standen und unter Lachen und Plaudern das Echo weckten - die
meisten ein Seidel, andere, die dem Selbstbräu misstrauten, einen Cognac in der
Hand. Unter diesen waren auch unsere Berliner, die sich, als sich ihnen erst St.
Arnaud mit der Malerin und dann Gordon mit der gnädigen Frau von der Seite her
genähert hatten, anscheinend respektvoll zurückzogen, aber nur um gleich danach
ihrem Herzen in desto ungenierterer Weise Luft zu machen.
    »Sieh die Grosse«, sagte der ältere. »Pompöse Figur.«
    »Ja; bisschen zu sehr Caroline Plättbrett.«
    »Tut mir nichts.«
    »Mir aber. Übrigens darum keine Feindschaft nich. Chacun à son goût. Und nun
sage mir, wen lassen wir leben, den Stöpsel oder die Stricknadel?«
    »Ich denke Berlin.«
    »Das is recht.«
    Und erfreut über das Aufsehen, das sie durch ihre vorgeschrittene Heiterkeit
machten, stiessen sie mit den Cognacgläschen zusammen.
 
                               Siebentes Kapitel
Gordon bot Cécile den Arm und führte sie so geschickt bergab, dass die
gefürchtete »Schurre« nicht nur ohne Beschwerde, sondern sogar unter Scherz und
Lachen passiert wurde, wobei die schöne Frau mehr als einmal durch einen Anflug
kleinen Übermuts überraschte.
    »St. Arnaud, müssen Sie wissen, macht sich gelegentlich interessant mit
meinen Nerven, was er besser mir selber überliesse. Das ist Frauensache.
Gleichviel indes, ich werd ihn in Erstaunen setzen.«
    Und wirklich, ehe noch das Hotel erreicht war, war auch schon eine von St.
Arnaud gutgeheissene Verabredung getroffen, die Malerin am folgenden Tage nach
Quedlinburg begleiten zu wollen. Cécile selbst hatte den Vorschlag dazu gemacht.
Ja, die nervenkranke Frau, die von ihrer Krankheit, und vor allem von einer
Spezialisierung derselben, deren St. Arnaud sich schuldig gemacht hatte, nicht
hören wollte, hatte sich tapfer gehalten; nichtsdestoweniger rächte sich, als
sie wieder auf ihrem Zimmer war, das Mass von Überanstrengung, und ihren Hut
beiseite werfend, streckte sie sich auf eine Chaiselongue, nicht schlaf-, aber
ruhebedürftig.
    Als sie sich wieder erhob, fragte St. Arnaud »ob man das Souper auf dem
grossen Balkon nehmen wolle?« Cécile war aber dagegen und sprach den Wunsch aus,
dass man allein bleibe. Der Kellner brachte denn auch eine Viertelstunde später
das Teezeug und schob den Tisch an das offene Fenster, vor dem, weit drüben und
zu Häupten der Berge, die Mondsichel leuchtete.
    Hier sassen sie schweigend eine Weile. Dann sagte Cécile: »Was war das mit
dem Spottnamen, dessen das Fräulein heute nachmittag erwähnte?«
    »Du hast nie von Rosa Bonheur gehört?«
    »Nein.«
    St. Arnaud lächelte vor sich hin.
    »Ist es etwas, das man wissen muss?«
    »Je nachdem. Meinem persönlichen Geschmacke nach brauchen Damen überhaupt
nichts zu wissen. Und jedenfalls lieber zuwenig als zuviel. Aber die Welt ist
nun mal, wie sie ist, auch in diesem Stück, und verlangt, dass man dies und jenes
wenigstens dem Namen nach kenne.«
    »Du weisst...«
    »Ich weiss alles. Und wenn ich dich so vor mir sehe, so gehörst du zu denen,
die sich's schenken können... Bitte, noch eine halbe Tasse... Dich zu sehen ist
eine Freude. Ja, lache nur; ich hab es gern, wenn du lachst... Also lassen wir
das dumme Wissen. Und doch wär es gut, du könntest dich etwas mehr kümmern um
diese Dinge, vor allem mehr sehen, mehr lesen.«
    »Ich lese viel.«
    »Aber nicht das Rechte. Da hab ich neulich einen Blick auf deinen
Bücherschrank geworfen und war halb erschrocken über das, was ich da vorfand.
Erst ein gelber französischer Roman. Nun, das möchte gehen. Aber daneben lag:
Ehrenström, ein Lebensbild, oder die separatistische Bewegung in der Uckermark.
Was soll das? Es ist zum Lachen und bare Traktätchenliteratur. Die bringt dich
nicht weiter. Ob deine Seele Fortschritte dabei macht, weiss ich nicht; nehmen
wir an ja, so fraglich es mir ist. Aber was hast du gesellschaftlich von
Ehrenström? Ehrenström mag ein ausgezeichneter Mann gewesen sein, ich glaub es
sogar aufrichtig und gönn ihm seinen Platz in Abrahams Schoss, aber für die
Kreise, darin wir leben oder doch wenigstens leben sollten, für die Kreise
bedeutet Ehrenström nichts, Rosa Bonheur aber sehr viel.«
    Sie nickte zustimmend und abgespannt, wie fast immer, wenn irgend etwas, das
nicht direkt mit ihrer Person oder ihren Neigungen zusammenhing, eingehender
besprochen wurde. Sie wechselte deshalb rasch den Gesprächsgegenstand und sagte:
»Gewiss, gewiss, es wird so sein. Fräulein Rosa scheint übrigens ein gutes Kind
und dabei heiter. Vielleicht ein wenig mit Absicht. Denn die Männer lieben
Heiterkeit, und Herr von Gordon wird alles, nur keine Ausnahme sein. Es schien
mir vielmehr, als ob er sich für das plauderhafte Fräulein interessiere.«
    »Nein, es schien mir umgekehrt, als ob er sich für die Dame interessiere,
die wenig sprach und viel schwieg, wenigstens solange wir oben auf der Rosstrappe
waren. Und ich kenne wen, dem es auch so schien und der es noch besser weiss als
ich.«
    »Glaubst du?« sagte Cécile, deren Züge sich plötzlich belebten, denn sie
hatte nun gehört, was sie hören wollte. »Wie spät mag es sein? Ich bin
angegriffen. Aber bringe noch ein Kissen, eine Rolle, dass wir noch einen
Augenblick auf das Gebirge sehen und auf das Rauschen der Bode hören. Ist es
nicht die Bode?«
    »Freilich. Wir kamen ja durch das Bodetal. Alles Wasser hier herum ist die
Bode.«
    »Wohl, ich entsinne mich. Und wie klar die Sichel da vor uns steht. Das
bedeutet schönes Wetter für unsre Partie. Herr von Gordon ist ein vorzüglicher
Reisemarschall. Er spricht nur zuviel über Dinge, die nicht jeden interessieren,
über Steppenwolf und Steppengeier und, was noch schlimmer ist, über Bilder von
unbekannten Meistern. Ich kann Bildergespräche nicht leiden.«
    »Ah, Cécile«, lachte St. Arnaud, »wie du dich verrätst! Ich glaube gar, du
verlangst, er soll, als ob er noch in Indien wäre, den Säulenheiligen spielen
und zehn Jahre lang nichts als deinen Namen sprechen. Es erheitert mich.
Eifersüchtig. Und eifersüchtig auf wen?«
Und nun kam der andre Tag.
    Es war eine Früh- oder doch Vormittagspartie, darauf hatte Gordon bestanden,
und ehe noch der nach Quedlinburg abdampfende Zug über die letzten Dorf-Villen
und die schöne Blutbuche des am andern Flussufer gelegenen Baron Bucheschen
Parkes hinaus war, sagte Cécile, während sie die kleinen Füsse gegen den Rücksitz
stemmte: »Jetzt aber das Programm, Herr von Gordon. Versteht sich, nicht zu
lang, nicht zu viel! Nicht wahr, Fräulein Rosa?«
    Diese stimmte zu, freilich mehr aus Artigkeit als aus Überzeugung, weil sie,
nach Art aller Berlinerinnen, am Lerntrieb litt und nie genug hören oder sehen
konnte. Gordon gab übrigens die Versichrung, es gnädig machen zu wollen. Es
seien vier Dinge da, darum sich's lediglich handeln könne: das Rataus, die
Kirche, dann das Schloss und endlich der Brühl.
    »Der Brühl?« sagte Rosa. »Was soll uns der? Das ist ja die Strasse, worin die
Pelzhändler wohnen. Wenigstens in Leipzig.«
    »Aber nicht in Quedlinburg, meine Gnädigste. Der Quedlinburger Brühl gibt
sich ästetischer und ist ein Tiergarten oder ein Bois de Boulogne mit schönen
Bäumen und allerlei Bild- und Bauwerken. Carl Ritter, der berühmte Geograph, hat
ein gusseisernes Denkmal darin und Klopstock ein Tempelchen mit Büste. Beide
waren nämlich geborne Quedlinburger.«
    »Also nach dem Brühl«, seufzte Cécile, die nicht den geringsten Sinn für
Tempelchen und gusseiserne Monumente hatte. »Nach dem Brühl. Ist es weit von der
Stadt?«
    »Nein, meine gnädigste Frau, nicht weit. Aber weit oder nicht, wir können
ihn fallenlassen, ich meine den Brühl, und auch das Rataus, trotz seines
steinernen Rolands und seines aus Brettern zusammengeschlagenen grossen Kastens
mit Vorlegeschloss, darin der Regensteiner, natürlich ein Buschklepper oder
dergleichen, eine hübsche Weile gefangensass.«
    »Mit Vorlegeschloss«, wiederholte Cécile neugierig, die sich für den
Regensteiner augenscheinlich mehr als für Klopstock interessierte. »Mit
Vorlegeschloss. War es ein grosser Kasten, darin man ihn einsperrte?«
    »Nicht viel grösser als eine Apfelkiste, weshalb mir auch, bei seinem
Anblick, diese bevorzugten Versteckplätze meiner Jugend wieder in Erinnerung
kamen, mit ihrem Glück und ihrem Grusel. Besonders mit ihrem Grusel. Denn wenn
die Krampe zufiel und eingriff, so sass ich allemal voll Todesangst in dem
stickigen Kasten, um kein Haarbreit besser als der Regensteiner. Aber der
wirkliche Regensteiner (der übrigens kein Astmatikus gewesen sein kann) liess
sich's, trotz Stickigkeit und Enge, nicht anfechten und steckte zwanzig Monate
lang in dem Loch, ohne mehr Luft als die, die durch die spärlichen Ritzen
eindrang. Und nur dann und wann kamen die Quedlinburger und wohl auch die
Quedlinburgerinnen und sahen hinein und grinsten ihn an.«
    »Und pikten ihn mit ihren Sonnenschirmen.«
    »Ganz unzweifelhaft, meine gnädigste Frau. Zum mindesten sehr
wahrscheinlich. Die Bourgeoisie, die nie tief aus dem Becher der Humanität
trank, war gerade damals von einer besondren Abstinenz, und die liberale
Geschichtsschreibung, verzeihen Sie diesen Exkurs, meine Gnädigste - greift in
nichts so fehl als darin, dass sie den Bürger immer als Lamm und den Edelmann
immer als Wolf schildert. Die Nürnberger henken keinen nich, sie hätten ihn denn
zuvor, und dieser Milde huldigten auch die Quedlinburger. Aber wenn sie den zu
Henkenden hatten, henkten sie ihn auch gewiss, und zwar mit allen Schikanen.«
    St. Arnaud, dem jedes Wort aus der Seele gesprochen war, nickte beifällig
und wollte den ihm sympatischen Gegenstand eben mit einigen Bemerkungen
seinerseits begleiten, als der Zug hielt und ein paar Coupétüren geöffnet
wurden.
    »Ist dies Quedlinburg?« fragte Cécile.
    »Nein, meine gnädigste Frau, dies ist Neinstedt, eine kleine
Zwischenstation. Hier ist der Lindenhof, und was dasselbe sagen will, hier
wohnen die Natusiusse.«
    »Die Natusiusse? Wer sind die?« fragten a tempo beide Damen.
    »Eine Frage«, lachte Gordon, »die die betreffende Familie sehr übel
vermerken würde. Die gnädige Frau, deren Protestantismus mir, Pardon, einigen
kleinen Anzeichen nach einigermassen zweifelhaft erscheint, hat Absolution. Aber
Fräulein Rosa, Berlinerin, ah, ah...«
    »Keine Reprimande, keine Spöttereien. Einfach Antwort: wer sind die
Natusiusse?«
    »Nun denn, die Natusiusse sind viel und vielerlei; sie sind, ohne die Frage
damit erschöpfen zu wollen, fromme Leute, literarische Leute,
landwirtschaftliche Leute, politische Leute. Bücher, Kreuz-Zeitung,
Rambouillet-Zucht, alles kommt in der Familie vor, und selbst die Geschichte von
der aufgenommenen Stecknadel, die dann schliesslich den Aufnehmer zum Millionär
umschuf, ist dem Ahnherrn der Natusiusse nicht erspart geblieben. Aber das
bedeutet nichts, das ist eine alte Geschichte, denn in wenigstens sechs grossen
Städten, in denen ich gelebt habe, kam der Reichtum der Reichsten immer von
einer Stecknadel her. Überhaupt sind die besten Geschichten uralt und überall zu
Haus, also Welteigentum, und ich habe manche, von denen wir glaubten, dass sie
zwischen Havel und Spree das Licht der Welt erblickten oder ohne die Gebrüder
Grimm gar nicht existieren würden, in Tibet und am Himalaja wiedergefunden.«
    Rosa wollte davon nichts wissen und stritt hartnäckig hin und her, bis das
abermalige Halten des Zuges allem Streiten ein Ende machte.
    »Quedlinburg, Quedlinburg!«
    Und unsre Reisenden entstiegen ihrem Waggon und sahen dem Zuge nach, der
sich, eine Minute später, rasch wieder in Bewegung setzte.
 
                                 Achtes Kapitel
Die Sonne brannte heiss auf den Perron nieder, und Cécile, die, nach Art aller
Nervösen, sehr empfindlich gegen extreme Temperaturverhältnisse war, suchte nach
einer schattigen Stelle, bis Gordon endlich vorschlug, in die grosse Flurhalle
des Bahnhofgebäudes eintreten und hier in aller Ruhe den in der Schwebe
gebliebenen Schlachtplan feststellen zu wollen. Das geschah denn auch, und
nachdem man, ebenso wie den Brühl, auch noch das Rataus ohne lange Bedenken
gestrichen hatte, kam man überein, sich an Schloss und Kirche genügen zu lassen.
Beide, so versicherte Gordon, lägen dicht nebeneinander, und der Weg dahin, wenn
man am Aussenrande der Stadt bleibe, werde der gnädigen Frau nicht allzu
beschwerlich fallen.
    All das war rasch akzeptiert worden, die Damen nahmen noch ein
Himbeerwasser, und eine Minute später schritt man bereits, nach Passierung eines
von einer wahren Tropensonne beschienenen Vorplatzes, an der die Stadt in einem
Halbbogen umfliessenden und an beiden Ufern von prächtig alten Bäumen
überschatteten Bode hin. Das Wasser plätscherte neben ihnen, die Lichter hüpften
und tanzten um sie her, und mit Hülfe kleiner Brückenstege machte man sich das
Vergnügen, die Flussseite zu wechseln, je nachdem hüben oder drüben der kühlere
Schatten lag. Es war sehr entzückend, am entzückendsten aber da, wo die bis
dicht an die Bode herantretenden Gärten einen Blick auf endlos scheinende
Blumenbeete gestatteten, ähnlich jenen draussen vor der Stadt, die schon, während
der Eisenbahnfahrt von Berlin bis Tale, Cécile bezaubert hatten. Auch heute
wieder konnte sie sich nicht satt sehen an der oft ganze Muster bildenden
Blumen- und Farbenpracht und fand es, gegen ihre Gewohnheit, sogar interessant,
als Gordon, in allerhand Einzelheiten eingehend, von den zwei grossen
Gartenfirmen der Stadt sprach, die, mit ihren um die ganze Welt gehenden
Quedlinburger Blumensamenpaketen, ein Vermögen erworben und sich den
Zucker-Millionären in der Umgegend mindestens gleichgestellt hätten.
    »Ei, das freut mich. Zucker-Millionäre! Wie hübsch das klingt.« Und dabei
blieb sie stehen und sah, durch ein goldbronziertes Gitter, einen der breiten
Gartenstege hinauf. »Das lila Beet da, das sind Levkojen, nicht wahr?«
    »Und das rote«, fragte Rosa, »was ist das?«
    »Das ist Brennende Liebe.«
    »Mein Gott, so viel.«
    »Und doch immer noch unter der Nachfrage. Muss ich Ihnen sagen, meine
Gnädigste, wie stark der Konsum ist?«
    »Ah«, sagte Cécile mit etwas plötzlich Aufleuchtendem in ihrem Auge, das dem
sie scharf beobachtenden Gordon nicht entging und ihn, mehr als all seine
bisherigen Wahrnehmungen, über ihre ganz auf Huldigung und Pikanterie gestellte
Natur aufklärte. Der Eindruck, den er von diesem fein-sinnlichen Wesen hatte,
war aber ein angenehmer, ihm überaus sympatischer, und eine lebhafte Teilnahme,
darin sich etwas von Wehmut mischte, regte sich plötzlich in seinem Herzen.
    Von der Stelle, wo man stand, bis zu dem hochgelegenen Stadtteile, der mit
Schloss und Kirche das ihm zu Füssen liegende Quedlinburg beherrscht, war nur noch
ein kurzer Weg, und ehe man hundert Schritte gemacht hatte, begann bereits die
Steigung. Diese selbst war beschwerlich, die malerisch-mittelalterlichen Häuser
aber, die, nesterartig, zu beiden Seiten der zur Höhe hinaufführenden Strasse
klebten, erhielten Cécile bei Mut, und als sie bald danach auf einen von
stattlichen Häusern gebildeten und zu weitrer Verschönerung auch noch von alten
Nussbäumen überschatteten Platz hinaustrat, kam ihr zu dem Mut auch alle Kraft
und gute Laune wieder, die sie gleich zu Beginn des Spazierganges an der Bode
hin gehabt hatte.
    »Das ist das Klopstock-Haus«, sagte Gordon und zeigte, seine Führerrolle
wieder aufnehmend, auf ein etwas zur Seite gelegenes und beinah grasgrün
getünchtes Haus mit Säulenvorbau.
    »Das Klopstock-Haus?« wiederholte Cécile. »Sagten Sie nicht, es stände...
Wie hiess es doch?«
    »Im Brühl. Ja, meine gnädigste Frau. Aber da läuft eine kleine Verwechslung
mit unter. Was im Brühl steht, das ist das Klopstock-Tempelchen mit der
Klopstock-Büste. Dies hier ist das eigentliche Klopstock-Haus, das Haus, darin
er geboren wurde. Wie gefällt es Ihnen?«
    »Es ist so grün.«
    Rosa lachte lauter und herzlicher, als die Schicklichkeit gestattete, sofort
aber wahrnehmend, dass Cécile sich verfärbte, lenkte sie wieder ein und sagte:
»Pardon, aber Sie haben mir so ganz aus der Seele gesprochen, meine gnädigste
Frau. Wirklich, es ist zu grün. Und nun excelsior! Immer höher hinauf. Sind es
noch viele Stufen?«
    Unter solchem Gespräch erstiegen alle das noch verbleibende Stück Weges,
eine gepflasterte Treppe, deren Seitenwände dicht genug standen, um gegen die
Sonne Schutz zu geben.
    Und nun war man oben und freute sich, aufatmend, der Brise, die ging. Der
Platz, den man erreicht hatte, war ein mässig breiter, Schloss und Abteikirche
voneinander scheidender Hof, der, ausser den auf ihm lagernden Schatten und
Lichtern, nichts als zwei Männer zeigte, die, wie Besuch erwartende Gastwirte,
vor ihren zwei Lokalen standen. Wirklich, es waren Kastellan und Küster, die
zwar nicht mit hassentstellten, aber doch immerhin mit unruhigen Gesichtern
abwarteten, nach welcher Seite hin die Schale sich neigen würde, worüber in der
Tat selbst bei denen, die die Entscheidung hatten, immer noch ein Zweifel
waltete.
    Besichtigung von Schloss und Kirche, so lautete das Programm, das stand fest,
und daran war nicht zu rütteln. Aber was noch schwebte, war die Prioritätsfrage.
Gordon und St. Arnaud sahen sich also fragend an. Endlich entschied der Oberst
mit einem Anfluge von Ironie dahin, dass Herrendienst vor Gottesdienst gehe,
welchem Entscheide Gordon in gleichem Tone hinzusetzte: »Preussen-Moral! Aber wir
sind ja Preussen.«
    Und so wandte man sich denn rasch entschlossen dem Kastellan zu, freilich
nicht ohne sein Vis-à-vis, den nach links hin stehenden Küster, mit einem
hoffnunggebenden Grusse gestreift zu haben. Er verneigte sich denn auch in
Erwiderung darauf verbindlich lächelnd und schien alles in allem nicht
unzufrieden über diesen Gang der Dinge. Denn unten in der Stadtkirche läuteten
eben die Mittagsglocken, und etwas Bratwurstartiges, das von der Küche her durch
die Luft zog, liess das »In die zweite Linie gestellt werden« fast als einen
Vorzug erscheinen.
    Unter diesen Vorgängen, die nur von Rosa scharf beobachtet und mit
Künstlerauge gewürdigt worden waren, waren alle vier in den Schlossflur
eingetreten, an dem respektvoll die Honneurs machenden Kastellan vorüber.
Dieser, ein freundlicher und angenehmer Mann, nahm durch seine Freundlichkeit
sofort für sich ein, fiel aber andererseits durch ein unsichres und fast ein
schlechtes Gewissen verratendes Auftreten einigermassen auf, ganz wie jemand, der
Lotterielose feilbietet, von denen er weiss, dass es Nieten sind. Und wirklich,
sein Schloss konnte, durch alle Räume hin, als eine wahre Musterniete gelten. Was
es vordem an Kostbarkeiten besessen hatte, war längst fort, und so lag ihm, dem
Hüter ehemaliger Herrlichkeit, nur ob, über Dinge zu sprechen, die nicht mehr da
waren. Eine nicht leichte Pflicht. Er unterzog sich derselben aber mit vielem
Geschick, indem er den herkömmlichen, an vorhandene Sehenswürdigkeiten
anknüpfenden Kastellans-Vortrag in einen umgekehrt sich mit dem Verschwundenen
beschäftigenden Geschichts-Vortrag umwandelte. Voll richtigen Instinkts ersah er
hierbei den Wert der historischen Anekdote, die denn auch beständig aus der
Verlegenheit helfen musste.
    Rosa, deren Wissbegier auf ganze Säle voll Rubens' und Snyders', voll
Wouvermans und Potters rechnete, hielt sich selbstverständlich unausgesetzt in
der Nähe des Kastellans und mühte sich, durch allerlei klug gestellte Fragen
seine besondre Teilnahme zu wecken.
    »Und in diesen Räumen also haben die Quedlinburger Äbtissinnen residiert?«
begann sie mit erheucheltem Interesse, denn es lag ihr ungleich mehr an
Bärenhatz und Sechzehnendern als an Porträts mit Pompadourfrisuren. »In diesen
Räumen also...«
    »Ja, meine gnädigste Frau«, antwortete der Kastellan, der unsre Freundin um
ihres muntern Wesens und vielleicht auch um ihres Embonpoints willen für eine
glücklich verheiratete Dame nahm. »Ja, meine gnädigste Frau, wirklich residiert,
das heisst mit Hofstaat und Krone. Denn die Quedlinburger Äbtissinnen waren nicht
gewöhnliche Kloster-Äbtissinnen, sondern Fürst-Abbatissinnen und sassen von
Mechtildis, Schwester Ottos des Grossen, an bei den Reichsversammlungen auf der
Fürstenbank. Und hier im Schloss war auch der Tronsaal. Es ist der Saal
nebenan, in welchem ich die gnädige Frau vorweg bitten möchte, die roten
Damasttapeten beachten zu wollen. Es ist Damast von Arras.«
    Und damit traten alle, von einem kleinen, bis dahin besichtigten Vorzimmer
her, in den grossen Tronsaal ein, in welchem, neben der so ruhmvoll erwähnten
Damasttapete, nur noch der getäfelte Fussboden an die frühere Herrlichkeit
erinnerte.
    Rosa sah sich verlegen um, was dem Führer nicht entging, weshalb er seinen
Vortrag rasch wieder aufnahm, um durch Erzählungskunst den absoluten Mangel an
Sehenswürdigkeiten auszugleichen. »Also, der Tronsaal, gnädige Frau«, hob er
an. »Und hier, wo die Tapete fehlt, genau hier stand der Tron selbst, der Tron
der Fürst-Abbatissinnen, ebenfalls rot, aber von rotem Samt und mit Hermelin
verbrämt. Und mit dem zuständigen Wappen: Zwei Kelche mit einem Pokal.«
    »Ah«, sagte Rosa, »mit zwei Kelchen und einem Pokal... Sehr interessant.«
    »Und hier«, fuhr der Kastellan, während er auf einen grossen, aber leeren
Goldrahmen zeigte, mit einer immer volltönender und beinah feierlich werdenden
Stimme fort, »hier in diesem Goldrahmen befand sich die Hauptsehenswürdigkeit
des Schlosses: der Spiegel aus Bergkristall. Der Spiegel aus Bergkristall, sag
ich, der sich zurzeit in den skandinavischen Reichen, und zwar in dem
Königreiche Schweden, befindet.«
    »In Schweden?« wiederholte St. Arnaud. »Aber wie kam er dahin?«
    »Auf Umwegen und durch allerlei seltsame Schicksale«, nahm der Kastellan
seinen historischen Vortrag wieder auf. »Unsre letzte Fürst-Abbatissin war
nämlich eine Prinzessin von Schweden, Josephine Albertine, Tochter der Königin
Ulrike, Schwester Friedrichs des Grossen. Über zwanzig Jahre hatte Josephine
Albertine hier glänzend und segensreich residiert und sich an dem
Kristallspiegel, der ihr Stolz und ihr Lieblingsstück war, erfreut, als diese
Gegenden eines Tages westfälisch wurden und unter König Jerome kamen. Da musste
sie sich trennen von ihrem Schloss, samt allem, was darinnen war, und natürlich
auch von ihrem Spiegel. Denn es ward ihr kaum Zeit gelassen zum Notwendigsten,
geschweige zum Einpacken und Mitnehmen dessen, was das Nebensächliche, wenn auch
freilich für sie das Liebste war.«
    »Und was wurde?«
    »Nun, König Jerome, der, wegen dem ewigen Morgen wieder lustik sein, sehr
viel Geld brauchte, stand alsbald vor der Notwendigkeit, das ganze
Schlossinventar unter den Hammer zu bringen, und eines Tages hiess es in allen
Zeitungen, deutschen und fremden, dass, neben den anderen Schätzen des Schlosses,
auch der berühmte Kristallspiegel versteigert werden solle. Das war der Moment,
auf den Prinzessin Josephine Albertine, die mittlerweile nach Schweden
zurückgekehrt war, denn die Bernadottesche Zeit war noch nicht da, gewartet
hatte, weshalb sie nunmehr strikten Befehl gab, auf den Spiegel zu fahnden und
jeden Preis zu zahlen, zu dem er angesetzt oder am Auktionstage selbst
hinaufgetrieben werden würde. Wie hoch er kam, weiss ich nicht; nur das eine weiss
ich, dass es ein Vermögen gewesen sein soll. Ich habe von einer Tonne Goldes
sprechen hören. Unter allen Umständen aber kam der Spiegel nach Schweden, nach
Stockholm, woselbst er sich bis diesen Tag befindet und im Ridderholm-Museum
gezeigt wird.«
    »Allerliebst«, sagte St. Arnaud. »Im ganzen genommen ist mir die Geschichte
lieber als der Spiegel«, eine Meinung, die von Gordon und Rosa vollkommen,
keineswegs aber von Cécile geteilt wurde. Diese hätte sich gern in dem
Kristallspiegel gesehen und war während der zweiten Hälfte der ihr viel zu weit
ausgesponnenen Erzählung an ein offenstehendes Balkonfenster getreten, das nicht
nur einen Blick auf das Gebirge, sondern auch auf die weiten Gartenanlagen
hatte, die sich, im Halbkreis, um die Schlossfundamente herumzogen. In diesen
Gartenanlagen wechselten Strauchwerk und Blumenterrassen; was aber das Auge
Céciles bald ausschliesslich in Anspruch nahm, war ein Sandsteinobelisk von
mässiger Höhe, der, halb in dem Schlossunterbau drinsteckend, hautreliefartig aus
einer alten Mauerwand vorsprang. Der Sockel war mit Girlanden ornamentiert und
schien auch eine Inschrift zu haben.
    »Was ist das?« fragte Cécile.
    »Ein Grabstein.«
    »Von einer Äbtissin?«
    »Nein, von einem Schosshündchen, das Anna Sophie, Pfalzgräfin von bei Rhein
und vorletzte Fürst-Abbatissin, an dieser Stelle beisetzen liess.«
    »Sonderbar. Und mit einer Inschrift?«
    »Zu dienen«, antwortete der Kastellan.
    Und den Damen ein Opernglas überreichend, das er zu diesem Behufe stets mit
sich führte, las Cécile: »Jedes Geschöpf hat eine Bestimmung. Auch der Hund.
Dieser Hund erfüllte die seine, denn er war treu bis in den Tod.«
    Gordon lachte herzlich. »Denkmal für Hundetreue! Brillant. Wie sähe die Welt
aus, wenn jedem treuen Hunde ein Obelisk errichtet würde. Ganz im Stil einer
Barockprinzessin.«
    Rosa stimmte zu, während Cécile verwirrt vom Fenster zurücktrat und
mechanisch und ohne zu wissen, was sie tat, an die Wandstelle klopfte, wo der
Kristallspiegel seinen Platz gehabt hatte.
»Was haben wir noch zu gewärtigen?« fragte Gordon.
    »Die Zimmer Friedrich Wilhelms IV.«
    »Friedrich Wilhelms IV.? Wie kam der hierher?«
    »In den ersten Jahren seiner Regierung erschien er jeden Herbst, um von hier
aus die grossen Harzjagden abzuhalten. Als aber Anno 48 die Jagdfreiheit aufkam
und Stadt und Bürgerschaft ihm die Jagd verweigerten, wurd er so verstimmt, dass
er nicht wiederkam.«
    »Was ich nur in der Ordnung finde. Bourgeoismanieren. Aber nun die Zimmer.«
    Und damit traten sie, vom Tronsaal her, in ein paar niedrige, mit kleinen
Mahagonimöbeln ausgestattete Räume, deren Spiessbürgerlichkeit nur noch von ihrer
Langweil übertroffen wurde.
    Rosa sah ihre Hoffnung auf grosse Tierstücke mehr und mehr hinschwinden,
hielt aber eine darauf gerichtete Frage immer noch für zulässig.
    Freilich erfolglos.
    »Tierstücke«, antwortete der Kastellan in einem Tone, darin unsere
Künstlerin eine kleine Spitze zu hören glaubte, »Tierstücke haben wir in diesem
Schloss nicht. Wir haben nur Fürst-Abbatissinnen. Aber diese haben wir auch
vollständig. Und ausserdem die Quedlinburger Geistlichen luterischer Konfession
(ebenfalls beinah vollständig), deren einer, altem Herkommen gemäss,
allsonntäglich hier oben predigte, so dass er neben seinem Stadtdienst auch noch
Hofdienst hatte. Nach der Predigt blieb er dann zu Tisch und mitunter auch bis
zur Dunkelstunde. So beispielsweise dieser hier, ein schöner Mann, etwas blass,
der in seinen besten Jahren an der Auszehrung starb. Er war Prediger zur Zeit
der schwedischen Prinzessin Josephine Albertine, derselben, die den
Kristallspiegel wiedererstand. Und hier ist die Prinzessin in Person.«
    dabei wies er auf das Bild einer mittelalterlichen Dame mit grosser
Kurfürsten-Nase, Stirnlöckchen und Agraffenturban, aus deren ganz ungewöhnlicher
Stattlichkeit sich die vom Kastellan nur leis angedeuteten Anfechtungen ihres
Seelsorgers unschwer erklären liessen.
    Einige der Bilder kehrten mehrfach wieder, was die Zahl der Äbtissinnen
grösser erscheinen liess, als sie tatsächlich war. Rosa drang darauf, die Namen zu
hören, aber es waren tote Namen, einen ausgenommen, den der Gräfin Aurora von
Königsmark.
    Und vor das Porträt dieser traten jetzt alle mit ganz ersichtlicher Neugier,
ja, Cécile - die, vor kaum Jahresfrist, einen historischen Roman, dessen Heldin
die Gräfin war, mit besonderer Teilnahme gelesen hatte - war so hingenommen von
dem Bilde, dass sie von der Unechteit desselben nichts hören und alle dafür
beigebrachten Beweisführungen nicht gelten lassen wollte.
    Gordon, als er sah, dass er nicht durchdränge, wandte sich um Sukkurs an
Rosa. »Helfen Sie mir. Die gnädigste Frau will sich nicht überzeugen lassen.«
    Rosa lachte. »Kennen Sie die Frauen so wenig? welche...«
    »Wohl, Sie haben recht. Und am Ende, wer will an Bildern Echteit oder
Unechteit beweisen? Aber zweierlei gilt auch ohne Beweis.«
    »Und das wäre?«
    »Nun, zunächst das, dass es nichts Toteres gibt als solche Galerie
beturbanter alter Prinzessinnen.«
    »Und dann zweitens?«
    »Dass der Unterschied von hübsch und hässlich in solcher Galerie
zurechtgemachter Damenköpfe gar keine Rolle spielt, ja, dass einer
Hässlichkeitsgalerie wie dieser hier vor einer sogenannten Schönheitsgalerie mit
ihrer herkömmlichen Ödheit und Langerweile der Vorzug gebührt. Ach, wie viele
solcher Galeries of beauties hab ich gesehen, und eigentlich keine darunter, die
mich nicht zur Verzweiflung gebracht hätte. Schon in ihrer Entstehungsgeschichte
sind sie meistens beleidigend und ein Verstoss gegen Geschmack und gute Sitte.
Denn wer sind denn die jedesmaligen Mäcene, Stifter und Donatoren? Immer
ältliche Herren, immer mehr oder weniger mytologische Fürsten, die, Pardon,
meine Damen, nicht zufrieden mit der wirklichsten Wirklichkeit, ihre Schönheiten
auch noch in effigie geniessen wollen. Einer von ihnen - derselbe, von dem das
Bonmot existiert, er habe nie was Dummes gesagt und nie was Kluges getan - ist
mit seiner Galerie von Magdalenen (selbstverständlich von Magdalenen vor dem
Bussestadium) allen anderen vorauf. Er war ein Stuart, wie kaum gesagt zu werden
braucht. Aber unsere deutschen Kleinkönige sind ihm gefolgt und haben nun auch
dergleichen. Ich entsinne mich noch des Eindrucks, den der Kopf der Lola Montez
oder, wenn Sie wollen, der Gräfin Landsfeld auf mich machte. Denn Gräfinnen
werden sie schliesslich alle, wenn sie nicht vorziehen, heiliggesprochen zu
werden.«
    »Ei, wie tugendhaft Sie sind«, lachte Rosa. »Doch Sie täuschen mich nicht,
Herr von Gordon. Es ist ein alter Satz, je mehr Don Juan, je mehr Torquemada.«
    Cécile schwieg und liess sich, wie gelähmt, in einen in einer tiefen
Fensternische stehenden Sessel nieder. St. Arnaud, der wohl wusste, was in ihr
vorging, öffnete den einen der beiden Flügel und sagte, während die frische Luft
einströmte »Du bist angegriffen, Cécile. Ruh dich.«
    Und sie nahm seine Hand und drückte sie wie dankbar, während es vor Erregung
um ihre Lippen zuckte.
 
                                Neuntes Kapitel
Cécile erholte sich rascher als erwartet von dieser Anwandlung, und die weitere
Besichtigung des Schlosses und bald danach auch der Abteikirche verlief zu
allseitiger Zufriedenheit, ganz besonders auch zur Freude Céciles. Ja, sie war
durch den Besuch der prächtig kühlen Kirche so gekräftigt und erfrischt worden,
dass man auf ihren Vorschlag das Programm überschritt und guten Mutes die schon
aufgegebene Partie nach dem Ratause machte, wo man erst den Roland und gleich
danach das Gefängnis des Regensteiners bewunderte. Daran schloss sich dann
unmittelbar ein ziemlich mittägliches Frühstück an Ort und Stelle. Kulmbacher
Bier, wofür das Rataus ein Renommee hatte, wurde bestellt, und Cécile war
entzückt, als der Wirt die schäumenden und frisch beschlagenen Seidel brachte.
»Wieviel schöner doch als eine Table d'hôte«, sagte sie. »Pierre, votre santé...
Fräulein Rosa, wohl bekomm's... Herr von Gordon, Ihr Wohl.« Und während sie so
plauderte, stiess sie mit ihrem Seidel an, sprach von dem Regensteiner, der es
achtzehn Monate lang nicht voll so gut gehabt habe, und war überhaupt wie ein
Kind. Nur als die Malerin auf die Bilder der Äbtissinnen zurückkam und bei der
Gelegenheit bemerkte, dass auch noch im Rataussaale (wie der Herr Wirt ihr eben
verraten) ein Bild der schönen Aurora sei, »besser und jedenfalls echter als das
im Schloss«, brach Cécile rasch ab und sagte verstimmt und in beinahe heftigem
Tone: »Bilder und immer wieder Bilder. Wozu? Wir hatten mehr als genug davon.«
Gegen fünf Uhr war man in Tale zurück, und Cécile, die sich nach Ruhe sehnte,
verabschiedete sich für den Rest des Tages. »Bis auf morgen, Fräulein Rosa; bis
auf morgen, Herr von Gordon.«
    Und dieser Morgen war nun da.
    Gordon, der am Abend vorher noch einem Konzert auf dem Hubertusbade
beigewohnt und bei dieser Gelegenheit eine halbe Stunde lang mit der Malerin
über Samarkand und Wereschagin, dann aber mit dem ebenfalls erschienenen St.
Arnaud über den Quedlinburger Roland, den Regensteiner und vieles andere noch
geplaudert hatte, hatte sich's, um den Morgen zu geniessen, auf einem Fauteuil am
Fenster bequem gemacht und blies eben den Dampf seiner Havanna in die frische
Luft hinaus. Er liess dabei die Vorgänge des letzten Tages, darunter auch die
Bilder der Fürst-Abbatissinnen, noch einmal an sich vorüberziehen und begleitete
den Zug ihrer meist grotesken Gestalten mit allerhand spöttisch erbaulichen
Betrachtungen. »Ja, diese kleinen Grandes Dames aus dem vorigen Jahrhundert! Wie
wird eine freiere Zeit darüber lachen, wenn sie nicht jetzt schon darüber lacht.
Es gibt nichts, an dem sich das Wesen der Karikatur so gut demonstrieren liesse.
Meist waren sie hässlich oder doch mindestens von einem unschönen Embonpoint, und
alle hielten sie sich einen Kammerherrn und einen Mops, wuschen sich nicht oder
doch nur mit Mandelkleie und waren ungebildet und hochmütig zugleich. Ja, auch
hochmütig. Nur nicht gegen ihren Leibdiener.« Er malte sich das alles noch
weiter aus, bis sich ihm plötzlich vor eben diese groteske Gestaltenreihe die
graziöse Gestalt Céciles stellte, wechselnd in Stimmung und Erscheinung, genau
so, wie sie der vorhergehende Tag ihm gezeigt hatte. Jetzt sah er sie, wie sie,
sich vorbeugend, die Inschrift auf dem Grab-Obelisk des Bologneser Hündchens
las, und dann wieder, wie sie bei dem Gespräch über die Schönheitsgalerien und
die Gräfin Aurora nahezu von einer Ohnmacht angewandelt wurde. War das alles
Zufall? Nein. Es verbarg sich etwas dahinter. Aber dann vernahm er wieder das
heitere Lachen und sah, wie sie, glückstrahlend, den Krug nahm und anstiess. »Ihr
Wohl, Fräulein Rosa; Herr von Gordon, Ihr Wohl.« Und er empfand dabei deutlich,
dass, was immer auch auf ihrer Seele laste, die Seele, die diese Last trage,
trotz alledem eine Kinderseele sei.
    »Clotilde muss von ihr wissen«, sprach er vor sich hin. »Und wenn sie nichts
weiss, so doch von ihr hören können. Liegnitz ist just der Ort dazu, nicht zu
gross und nicht zu klein, und was das Regiment nicht weiss, das weiss die
Ritter-Akademie. Die Schlesier sind ohnehin miteinander verwandt und haben einen
schwatzhaften Zug. Schwatzhaftigkeit, Eigensinn und so gerne hat Rübezahl jedem
der Seinen in die Wiege gelegt. Ja, Clotilde muss es wissen, an sie zu schreiben
hab ich ohnehin, und so denn two birds wit one stone. Fräulein Schwester wird
freilich sommerlich ausgeflogen und irgendwo im Gebirge sein, in Landeck oder in
Reinerz oder gar in Böhmen. Aber was tut's? Die Post wird sie schon zu finden
wissen. Wozu haben wir Stephan? Er kommt ja gleich nach Bismarck.«
    Und bei diesem Selbstgespräche die Havanna aus der Hand legend, nahm er ein
Couvert und adressierte mit grosser Handschrift: »Dem Fräulein Clotilde von
Gordon-Leslie, Liegnitz, Am Haag 3 a.« Dann schob er das Couvert wieder zurück,
legte sich zwei kleine Bogen mit Hexentanzplatz und Rosstrappe zurecht und
schrieb:
    »Meine liebe Cloto. Genau vier Wochen heute, dass ich mich von Dir und Elsy
verabschiedete. Vier Wochen fort aus Eurem traulichen Heim, aber erst seit einer
Woche hier, weil ich, als ich von Liegnitz nach Berlin zurückkehrte, Briefe
vorfand, die mich in geschäftlichen Angelegenheiten erst nach Hamburg und dann
nach Bremen führten. Um Euch wenigstens eine Andeutung zu machen, es handelt
sich abermals um Legung eines Kabels. Von Bremen dann hierher, nach Tale, Tale
am Harz, und nicht zu verwechseln mit einem gleichnamigen Kurort in Türingen.
    Es gereut mich nicht, diesen entzückenden Platz mit seiner erfrischenden und
stärkenden Luft gewählt zu haben, denn Luft ist kein leerer Wahn, was der am
besten weiss, der ihre mannigfachen Arten an sich selber erprobt hat. Wir gehen
einer totalen Reform der Medizin oder doch zum mindesten der Heilmittellehre
entgegen, und die Rezepte der Zukunft werden lauten: drei Wochen Lofoten, sechs
Wochen Engadin, drei Monate Wüste Sahara. Ja, selbst Malaria-Gegenden werden in
kleinen Dosen verordnet werden, etwa wie man jetzt Arsenik gibt. Die grosse
Wirkung der Lufteilmetode liegt in ihrer Perpetuierlichkeit - man kommt Tag
und Nacht aus dem Heilmittel nicht heraus.
    Ein gut Teil dieser Heilmetode hab ich auch hier, und so fühl ich denn mehr
und mehr die Verstimmung von mir abfallen, die mich, ohne rechten Grund, seit
lange quälte. Nur bei Euch war ich frei davon. Die Partien und Ausflüge liegen
hier wie vor der Tür, und so sieht man sich in der angenehmen Lage,
Naturschönheit ohne jede Müh und Anstrengung geniessen zu können. Dass es eine
Schönheit kleineren Stils ist, schadet wenig. Ich bin oft genug bis 20 000 Fuss
hoch umhergeklettert, um jetzt mit 2 000 vollkommen zufrieden, ja sogar eigens
dankbar dafür zu sein. Ich liebe Weltreisen und möchte sie, wiewohl ich fühle,
dass die Passion nachlässt, auch für die Zukunft nicht missen, aber ich bin
andererseits kein Freund von Strapazen als solchen, und je bequemer ich den
Kongo hinauf- oder hinunterkomme, desto besser. Ökonomie der Kräfte.
    Doch was Kongo! Vorläufig heisst meine Welt noch Tale, Hotel Zehnpfund, ein
wundervoller Hotelname, bei dem man sich, wie auf dem Bilde Wo speisen Sie?,
förmlich arrondieren fühlt und der sofort die Vorstellung weckt: hier ist es gut
sein.
    Und diese Vorstellung täuscht auch nicht. Es ist hier in der Tat gut sein,
appetitlich und unterhaltlich, letzteres besonders seit drei Tagen, wo sich,
durch Eintreffen neuer Gäste, die Table d'hôte belebt hat. Unter diesen Gästen
ist ein alter Emeritus, mit dem ich mich gleich anfänglich anfreundete, seit
Dienstag aber hat er vor einer neuen Bekanntschaft einigermassen zurücktreten
müssen: Oberst St. Arnaud und Frau. Er, trotzdem er a. D. ist (nicht bloss zur
Disposition), Gardeoffizier from top to toe, sie, trotz eines languissanten
Zuges, oder vielleicht auch um desselben willen, eine Schönheit ersten Ranges.
Wundervoll geschnittenes Profil, Gemmenkopf. Ihre Augen stehen scharf nach
innen, wie wenn sie sich suchten und lieber sich selbst als die Aussenwelt sähen
- eine Besonderheit, die, von Splitterrichtern, sehr wahrscheinlich ihrer
Schönheit zum Nachteil angerechnet und mit einem ziemlich prosaischen Namen
bezeichnet werden wird. Es gibt ihr aber entschieden etwas Apartes, und wenn
ihre Beauté wirklich Einbusse dadurch erfahren sollte, was ich nicht zugeben
kann, so doch sicherlich nicht ihr Reiz. Sie verzieht mich ein wenig, und zwar
in einer ganz eigentümlichen Weise, der ich Coquetterie nicht zuschreiben und
auch nicht ganz absprechen kann. Ich stehe vor einem Rätsel, oder doch
mindestens vor etwas Unbestimmtem und Unklarem, das ich aufgeklärt sehen möchte.
Und dazu, meine liebe Clotilde, musst Du mir behülflich sein. Du weisst ja den
Genealogischen halb und die Rangliste ganz auswendig, hast das Offiziercorps
Eurer berühmten Garnison eingetanzt und kennst die nachbarlichen Wahlstätter
Kadettenlieutenants, die sich so ziemlich aus allen Provinzen rekrutieren. Du
musst also was erfahren können. Dass er mehrere Jahre lang ein Gardebataillon
kommandierte, weiss ich; er hat sich gestern abend, als ich von einem Konzert mit
ihm heimkehrte, selbst darüber ausgesprochen. Warum aber nahm er den Abschied?
Warum zieht er sich augenscheinlich aus dem, was man Gesellschaft nennt, zurück?
    Vor allem jedoch, wer ist Cécile? Dies ist nämlich ihr Name. Woher stammt
sie? Brüssel, Aachen, Sacré coeur, so schoss es mir durch den Kopf, als ich sie
zum ersten Male sah, aber dies alles war ein Irrtum. Ich finde, sie schlesiert
ein wenig, und so wird es Dir, wenn ich darin recht habe, nur um so leichter
sein, meine Neugier zu befriedigen.
    Meine Neugier? Ich würde Dir von einem tieferen Interesse sprechen, wenn ich
nicht fürchten müsste, diesen Ausdruck missverstanden zu sehen. Sie hat offenbar
viel erfahren, Leid und Freud, und ist nicht glücklich in ihrer Ehe, trotzdem
sie dem Obersten, ihrem Gemahl, in einzelnen Momenten etwas wie Dank oder selbst
wie Hingebung und Herzlichkeit zeigt. Aber es sind immer nur Momente, wo sie
nach einem Halt sucht und diesen Halt in ihm zu finden glaubt. Also, wenn Du
willst, eine Neigung mehr aus Schutzbedürfnis als aus Liebe. Mitunter auch aus
blosser Caprice.
    Ja, sie hat Capricen, was an einer schönen Frau nicht sonderlich überraschen
darf, aber was durchaus frappieren muss, ist das naive Minimalmass ihrer Bildung.
Sie spricht gut französisch (recht gut) und versteht ein weniges von Musik, im
übrigen fehlt ihr nicht bloss alles Positive, sondern auch jener Esprit, der
adorierten Frauen fast immer zu Gebote steht. Wir waren gestern in Quedlinburg
und kamen unter anderm an dem Klopstock-Hause vorüber. Ich sprach von dem
Dichter und konnte deutlich wahrnehmen, dass sie den Namen desselben zum ersten
Male hörte. Was nicht in französischen Romanen und italienischen Opern vorkommt,
das weiss sie nicht. Ob sie Zeitungen liest, ist mir fraglich. Und so gibt sie
sich Blössen über Blössen. Aber sie besitzt dafür ein andres, was all diese Mängel
wieder aufwiegt: eine vornehme Haltung und ein feines Gefühl, will sagen ein
Herz. Denn ein feines Gefühl lässt sich sowenig lernen wie ein echtes. Man hat es
oder hat es nicht. Dazu gesellt sich jener freiere Blick oder doch mindestens
jenes unbefangene, allem Schwerfälligen abgewandte Wesen, das allen Personen
eigen ist, die jahrelang in der Obersphäre der Gesellschaft gelebt und sich
einfach dadurch jenes je ne sais quoi erworben haben, das sie Gebildeteren und
selbst Klügeren überlegen macht. Sie weiss, dass sie nichts weiss, und behandelt
dies Manko mit einer entwaffnenden Offenheit. Trotz einer hautainen Miene, die
sie, wenn sie will, sehr wohl aufzusetzen versteht, ist sie bescheiden bis zur
Demut. Dass sie nervenkrank ist, ist augenscheinlich, aber der Oberst
(vielleicht, weil es ihm passt) macht unter Umständen mehr davon als nötig. Er
mag übrigens, was diesen Punkt angeht, in einer ziemlich heiklen Lage sein, denn
nimmt er's leicht, wo sie's vorzieht, krank zu sein, so verdriesst es sie, und
nimmt er's schwer, wo sie's vorzieht, gesund zu sein, so verdriesst es sie kaum
minder. Ich war auf der Rosstrappe Zeuge solcher Szene. Mir persönlich will es
scheinen, dass sie, nach Art aller Nervenkranken, im höchsten Grade von
zufälligen Eindrücken abhängig ist, die sie, je nachdem sie sind, entweder matt
und hinfällig oder aber umgekehrt zu jeder Anstrengung fähig machen. Überhaupt
voller Gegensätze: Dame von Welt und dann wieder voll Kindersinn. Sie lacht
wenig, aber wenn sie lacht, ist es entzückend, weil man herausfühlt, wie dieses
Lachen sie selber beglückt. Sie war wohl eigentlich, ihrer ganzen Natur nach,
auf Reifenwerfen und Federballspiel gestellt und dazu angetan, so leicht und
graziös in die Luft zu steigen wie selber ein Federball. Aber es wird ihr von
Jugend an nicht daran gefehlt haben, was sie wieder herabzog. Vielleicht weil
sie so schön war. Übrigens glaube nicht, dass ich an eine St. Arnaudsche
Mesalliance denke. Nichts in und an ihr, das an eine Tochter Taliens oder gar
Terpsichorens erinnerte. Noch weniger hat sie den kecken Ton unserer
Offiziersdamen oder den unmotiviert selbstbewussten unseres Kleinadels auf seinen
Herrensitzen. Ihr Ton ist vornehmer, ihre Sphäre liegt höher hinauf. Ob von
Natur oder durch zufällige Lebensgänge, lass ich dahingestellt sein. Sie hascht
nach keinem Witzwort, am wenigsten müht sie sich um ein zugespjetztes Repartie,
sie lässt andre sich mühen und zeigt auch darin, dass sie ganz daran gewöhnt ist,
Huldigungen entgegenzunehmen. Alles erinnert an kleinen Hof.
    Und nun tue das Deine. Deiner Antwort sehe ich noch hier entgegen, und zwar
binnen einer Woche. Wird es später, so nach Berlin poste restante. Zu
postlagernd hab ich mich noch nicht bekehren können. Und nun Dir und meiner
teuren Elsy Gruss und Kuss. Wie immer Dein Dich herzlich liebender
                                                                Robert v. G. L.«
 
                                Zehntes Kapitel
Gordon überflog den Brief noch einmal und war mit seiner Charakteristik Céciles
zufrieden, aber nicht so mit dem, was er über St. Arnaud geschrieben hatte. Der
war offenbar zu kurz gekommen, was ihn bestimmte, noch ein paar Worte
hinzuzufügen.
    »Eben, meine liebe Cloto« (so kritzelte er an den Rand), »hab ich mein
langes Skriptum noch einmal durchgelesen und finde, dass St. Arnauds Bild der
Retouche bedarf. Es wird dadurch freilich mehr an Richtigkeit als an
Liebenswürdigkeit gewinnen. Wenn ich ihn Dir als Gardeoberst comme il faut
vorstellte, was zutrifft, so gibt dies doch immer nur eine Seite; mindestens mit
gleichem Rechte darf ich ihn als den Typus eines alten Garçons aus der
Oberschicht der Gesellschaft bezeichnen. Es ist unmöglich, sich etwas
Unverheirateteres vorzustellen als ihn, trotzdem er voll Courtoisie gegen die
junge Frau, ja gelegentlich selbst voll anscheinend grosser Aufmerksamkeiten ist.
Aber sie wirken äusserlich, und wenn sie nicht bloss in chevaleresker Gewohnheit
ihren Grund haben, so doch jedenfalls zur grösseren Hälfte. Zu dem allem hat er
(in diesem Punkte mit Cécile verwandt) einen genierten Blick; aber was ihr
kleidet, ja, rundheraus, ihren Reiz noch steigert, ist an ihm einfach
unheimlich. In manchen Momenten, ich zögere fast, es auszusprechen, wirkt er
nicht viel anders, als ob er ein Jeu-Oberst wäre, der hier in Tale den
Gemütlichen spielt und seine Kräfte für eine neue Kampagne sammelt. Jedenfalls
wirst Du nach dem allen meine Neugier begreifen. Und nun noch einmal Gott
befohlen.
                                                                     Dein Roby.«
Und nun schob er den Brief ins Couvert und ging in das Lesezimmer, um sich in
die »Times« zu vertiefen, die zu lesen ihm, seit seinen indisch-persischen
Tagen, ein Bedürfnis war.
Um dieselbe Stunde, wo Gordon den Brief schrieb, machte das St. Arnaudsche Paar,
wie täglich nach dem Frühstück, seinen Morgenspaziergang. Als sie die grosse
Parkwiese zweimal umschritten hatten, war Cécile müde geworden und nahm auf
einer von Flieder und Goldregen überwachsenen Bank Platz, die zum grossen Teil im
Schatten lag. Es war eine lauschige Stelle, vormittags die schönste der ganzen
Anlage, von der aus man nicht bloss die vorgelegene bewaldete Gebirgswand,
sondern auch den Hexentanzplatz und die Rosskappe mit ihren in der Sonne
blitzenden Hotels übersehen konnte. Die Luft stand, und nur dann und wann fuhr
ein Windstoss durch die Stille.
    Cécile, die den schattigsten Platz hatte, zog den Sonnenschirm ein und
sagte: »Gewiss, ich finde das Fräulein sehr unterhaltlich, aber doch etwas
emanzipiert oder, wenn dies nicht das richtige Wort ist, etwas zu sicher und
selbstbewusst. Künstlerin, sagst du. Gut. Aber was heisst Künstlerin? Sie schlägt
gelegentlich einen Weisheits- und Überlegenheitston an, als ob sie Gordons
Grosstante wäre.«
    »Wohl ihr.«
    »Ja«, beharrte Cécile. »Wohl ihr. Wenn nur nicht das Gerede der Leute wäre.«
    »Das Gerede der Leute«, wiederholte St. Arnaud spöttisch das ihn allemal
nervös machende Wort. Aber Cécile, die sonst ein scharfes Ohr für diesen Ton
hatte, hörte heute darüber hin, und mit ihrem Sonnenschirm auf einen Hausgiebel
zeigend, der in geringer Entfernung aus einer Baumgruppe hervorragte, sagte sie:
»Das ist das Hubertusbad, nicht wahr? Wie verlief eigentlich das gestrige
Konzert? Ich hatte das Fenster auf und hörte noch die Schlusspiece Komm in mein
Schloss mit mir. Wenn ich mir Rosa als Zerline denke.«
    »Und Cécile als Donna Elvira.«
    Sie lachte herzlich, denn der Ton, in dem St. Arnaud dies sagte, klang
durchaus liebenswürdig und jedenfalls ebenso frei von Gereizteit wie Tadel.
»Donna Elvira«, wiederholte sie. »Die Rolle der Verschmähten! Wirklich, es wäre
die letzte meiner Passionen, und wenn ich mich da hineindenke, so muss ich dir
offen gestehen, es gibt doch allerlei Dinge...«
    »Die noch schwerer zu tragen sind als die, die wir tragen müssen. Ja,
Cécile, sprich es nur aus. Und du solltest dich jeden Tag daran erinnern.
Freilich ist es leichter, die Wahrheit zu predigen, als danach zu handeln. Aber
wir sollten es wenigstens versuchen.«
    Jedes dieser Worte tat ihr wohl, und in einem flüchtigen
Zärtlichkeitsanfluge sich an ihn lehnend, sagte sie: »Wie du nur sprichst. Als
ob ich eine Neigung hätte, den Kopf hängen zu lassen. Und du weisst doch das
Gegenteil. Ach, Pierre, wir hätten uns statt der grossen Stadt einen stillen
Platz suchen sollen, da wär uns manch Bitteres erspart geblieben. Einen stillen
Platz oder lieber gleich ein paar, um mit ihnen wechseln zu können. Wie leicht
und gefällig macht sich hier das Leben. Und warum?
    Weil sich beständig neue Beziehungen und Anknüpfungen bieten. Das ist noch
der Vorzug des Reiselebens, dass man den Augenblick walten und überhaupt alles
gelten lässt, was einem gefällt.«
    »Und doch hat das Leben aus dem Koffer auch seine schweren Bedenken. Man
findet nicht jeden Tag einen perfekten Kavalier, der die Tugenden unsrer
militärischen Erziehung mit weltmännischem Blick vereinigt. Du weisst, wen ich
meine. Welche Fülle von Wissen, und dabei absolut unrenommistisch. Er hat einen
entzückenden Ton; es klingt immer, als ob er sich geniere, viel erlebt zu
haben.«
    Sie nickte zustimmend und fuhr dann ihrerseits fort: »Du hast gestern, als
ihr gemeinschaftlich das Fräulein vom Konzert her bis an das Hotel
zurückführtet, noch ein Gespräch mit Herrn von Gordon gehabt. Ich stand am
Fenster und sah euch den Kiesweg auf und ab promenieren. Erzähle. Du weisst, ich
bin eigentlich nicht neugierig, aber wenn ich es bin...«
    »Dann?«
    »Dann de tout mon cour. Also was ist es mit ihm? Warum ging er in die weite
Welt? Ein Mann von so guter Erscheinung und Familie, denn die Schotten sind alle
von guter Familie. Wir hatten unter den Kavalieren am Hofe... Daher meine
Kenntnis. Mir liegt sonst die Prätension fern, über schottische Familien
unterrichtet zu sein. Also warum trat er aus der Armee?«
    St. Arnaud lachte. »Meine liebe Cécile, du gehst einer grausamen
Enttäuschung entgegen. Er schied aus der Armee...«
    »Nun?«
    »Einfach Schulden halber. In diesem Punkte beginnt seine Laufbahn als
chevalier errant so trivial wie möglich. Er stand erst bei den Pionieren in
Magdeburg, dann bei dem Eisenhahn-Bataillon unter Golz, einer Truppe, die sonst
viel zu klug und zu gescheit ist, um sich durch Schuldenmachen auszuzeichnen.
Aber jede Regel hat ihre Ausnahme. Kurzum, er konnte sich nicht halten und
übersiedelte, wenn sich in solcher Lage von Übersiedlung sprechen lässt, nach
England, woselbst er seine wissenschaftlichen Kenntnisse praktisch zu verwerten
hoffte. Dies gelang ihm denn auch, und er ging Mitte der siebziger Jahre nach
Suez, um hier, im Auftrag einer grossen englischen Gesellschaft, einen Draht
durch das Rote Meer und den Persischen Golf zu legen. Du wirst nicht orientiert
sein, aber ich zeige dir's auf der Karte.«
    »Nur weiter.«
    »Etwas später trat er in persischen und, nach Beendigung einer unter seiner
Oberleitung hergestellten Telegraphenverbindung zwischen den zwei Hauptstädten
des Landes, in russischen Dienst. Es war gerade die Zeit, als Skobeleff, dessen
du dich von Warschau her erinnern wirst, vor Samarkand seine Triumphe feierte.
Später, als der Kriegsschauplatz wechselte, war er mit demselben General vor
Plewna. Der wachsende Hass der Russen aber gegen alles Deutsche hat ihm
schliesslich den Dienst verleidet; er nahm den Abschied und hat das Glück gehabt,
alte Beziehungen wieder anknüpfen zu können. Er ist in diesem Augenblicke
Bevollmächtigter derselben englischen Firma, in deren Dienst er seine Laufbahn
begann, und gerade jetzt mit einer geplanten neuen Kabellegung in der Nordsee
beschäftigt. Hat aber den lebhaften Wunsch, in preussischen Dienst
zurückzutreten, was ihm, bei Protektion an hoher Stelle, deren er sich erfreut,
ganz zweifellos gelingen wird.«
    »Und das ist alles?«
    »Aber Cécile...«
    »Du hast recht«, lachte sie. »Buntes Leben genug. Und doch find ich
wirklich, dass einen Draht oder ein Kabel an einer mir unbekannten Küste zu legen
(und welche Küste wäre mir nicht unbekannt) schliesslich ebenso trivial ist wie
Schuldenmachen.«
    »Da bin ich doch neugierig, zu hören, was du geneigt sein möchtest, nicht
trivial zu finden.«
    »Nun beispielsweise den Regensteiner. Der ist doch um vieles romantischer.
Und wenn es der Regensteiner nicht sein kann, nun denn, Abenteuer, Tigerjagd,
Wüste. Verirrungen...«
    »Geographische oder moralische?«
    »Beide.«
    »Nun, wer weiss, was er davon noch in petto hat. Er konnte mich doch nicht
gleich in seine letzten Intimitäten einweihen. Aber sieh nur...«
    Und ein Windstoss, der eben in das grosse, mit Zentifolien dicht besetzte
Rondel gefahren war, trieb eine Wolke von Rosenblättern auf Cécile zu.
    »Sieh nur«, wiederholte der Oberst, und im selben Augenblicke sanken die
herangewehten Blätter, denen das Fliedergebüsch den Durchgang wehrte, zu Füssen
der schönen Frau nieder.
    »Ah, wie schön«, sagte Cécile. »Das ist mir eine gute Vorbedeutung.«
    Und sie bückte sich nach einem der Blätter, um es auf ihre Lippen zu legen.
Dann aber erhob sie sich und schritt, in guter Laune St. Arnauds Arm nehmend,
auf das Hotel zu.
 
                                 Elftes Kapitel
Es war noch eine gute Weile bis Mittag. St. Arnaud, der die Kartenpassion hatte,
beabsichtigte, sich in eine Harz-Karte zu vertiefen, Cécile dagegen wollte ruhen
und zog, als sie sich auf die Chaiselongue gestreckt hatte, den über ihre Füsse
gebreiteten Shawl höher hinauf und sagte: »Wecke mich, Pierre. Nicht länger als
zehn Minuten.« Und gleich danach schlief sie, die linke Hand unter dem schönen
Kopf, während ihre Rechte noch das Tuch hielt. -
    Zwei Stunden später erschien man an der Table d'hôte, wo der die Neigungen
und Wünsche seiner Gäste beständig scharf im Auge habende Wirt eine
Neuplacierung hatte stattfinden lassen. Die St. Arnauds sassen an alter Stelle,
Gordon aber, statt gegenüber von Cécile, war links neben diese gesetzt worden,
während der Emeritus den erledigten Vis-à-vis-Platz und der in seiner
Erscheinung etwas aufgebesserte Privatgelehrte (denn das war er) den Platz neben
dem Geistlichen erhalten hatte. Rosa fehlte. Gordon erschien erst, als man die
Suppe schon herumgab, und als Soldat ein wenig verlegen über die Verspätung,
noch verlegener aber über das Neuarrangement, das er vorfand, wandt er sich mit
der Bemerkung an Cécile, »dass er nicht recht wisse, wodurch er sich, der er doch
viel mehr ein Sodawasser- als ein Champagner-Gast sei, diese wirtliche
Bevorzugung verdient habe« - eine Bemerkung, bei der der alte Emeritus jovial
und lebemännisch lächelte, während der Privatgelehrte mit einem schon den Ernst
der Historie streifenden Interesse seine Hornbrille höherschob und mehr
forscherhaft-wissenschaftlich als landesüblich-artig zu Gordon hinüberstarrte.
Dieser selbst indes war durch die schöne Frau viel zu sehr in Anspruch genommen,
um für das Lächeln des Emeritus oder gar für den Forscherblick des askanischen
Spezialisten irgendwie Sinn und Auge zu haben, und gab der Erregung, in der er
sich nach wie vor befand, durch allerlei rasche Fragen Ausdruck, die sich auf
die kleinen Vorkommnisse der Quedlinburger Partie bezogen, auf die Krypta, den
Roland und das Klopstock-Haus, »das« (und Cécile lachte jetzt mit) »nur leider
zu grün gewesen sei«. Noch andere Fragen drängten sich, und nur der Äbtissinnen,
und speziell des Bildes der schönen Gräfin Aurora, wurde von seiten Gordons mit
keinem Worte gedacht.
    »Aber ich schwatze soviel«, unterbrach er sich plötzlich selbst, »und
versäume darüber die Hauptsache, die, mich nach dem Befinden der gnädigen Frau
zu erkundigen, das mir, auf der Rückfahrt, in der Tat ernstlich gefährdet
erschien, denn ich entsinne mich nicht, etwas Ähnliches von Zug erlebt zu haben,
nicht einmal auf amerikanischen Bahnen, die bekanntlich in frischer Luft ein
Äusserstes tun. Oh, wie hass ich diese grossen Salonwagen, wo jede Vorsicht, auch
die sorglichste, scheitert, weil einem das eine geschlossene Fenster, auf das
man einen reglementsmässigen Anspruch hat, zu rein gar nichts hilft - man bleibt
eben immer noch im Kreuzfeuer von sechs anderen, die sich der Kontrolle durch
allerhand Zwischenbauten entziehen, eine wahre Perfidie der
Wagenbaukonstrukteure. Sahen Sie gestern wohl den dicken kleinen Herrn in dem
Nachbarcompartiment? Der war schuld. Mit einem wahren Krach liess er alle noch
geschlossenen Fenster in die Versenkung niederfahren und sah sich dabei so stolz
und herausfordernd um, dass mir der Mut entsank, ihn in seinem mörderischen Tun
zu hindern. O diese Ventilations-Entusiasten!«
    »Und doch weiss ich nicht«, sagte St. Arnaud, »ob sein Antagonist, der
Ventilations-Hasser, nicht vielleicht noch schlimmer ist als der
Ventilations-Entusiast.«
    »Aufs letzte hin angesehen, also Extrem gegen Extrem, ganz unbedingt. Zuviel
Luft ist immer besser als zuwenig. Aber sehen wir von solch äussersten Fällen ab,
so geb ich dem Ventilationsfeinde den Vorzug. Er mag ebenso lästig sein wie sein
Gegner, ebenso gesundheitsgefährlich oder meinetwegen auch noch mehr; aber er
ist nicht so beleidigend. Der Ventilations-Entusiast brüstet sich nämlich
beständig mit einem Gefühl unbedingter Superiorität, weil er, seiner Meinung
nach, nicht bloss das Gesundheitliche, sondern auch das Sittliche vertritt. Das
Sittliche, das Reine. Der, der sämtliche Fenster aufreisst, ist allemal frei,
tapfer, heldisch, der, der sie schliesst, allemal ein Schwächling, ein Feigling,
un lâche. Und das weiss der unglückliche Fensterschliesser auch, und weil er es
weiss, geht er ängstlich und heimlich vor, so heimlich, dass er mit Vorliebe den
Moment abwartet, wo sein Widerpart zu schlafen scheint. Aber dieser Widerpart
schläft nicht, und mit jenem nie versagenden Mut, den eben nur die höhere
Sittlichkeit gibt, springt er auf, lässt seine Zornader anschwellen und
schleudert das Fenster wieder nieder, genauso wie der dicke kleine Herr gestern.
Sie können zehn gegen eins wetten, der Antagonist von Zug und Wind ist immer
voll Timidität, der Entusiast aber (und das ist schlimmer) voll Effronterie.«
    »Sehr gut«, stimmte der Emeritus ein.
    »Aber«, fuhr Gordon fort, »da kommen Forellen, meine gnädigste Frau. Das ist
denn doch wichtig genug, um unsre Streitfrage wenigstens momentan ruhen zu
lassen. Darf ich Ihnen dieses Prachtexemplar vorlegen? Und zugleich etwas Butter
von diesem merkwürdigen Buttervogel hier, hier auf der zweiten Schüssel, gelber
als gelb und mit zwei Pfefferkornaugen! Oh, sehen Sie, grotesk bis zum
Gruseligen. Zu den schlimmsten Ausschreitungen erregter Künstlerphantasie
gehören doch immer die der Konditoren und Köche.«
    »Was ich mich zuzugestehen gedrungen fühle«, sagte der Langhaarige mit stark
wissenschaftlicher Betonung. »Aber, so Sie gestatten, zugleich unter
Konstatierung gelegentlicher Ausnahmen. Das deutsche Märchen, über dessen
Abstammung zu sprechen uns hier zu weit führen würde... Darf ich mich Ihnen
vorstellen? Eginhard Aus dem Grunde... das deutsche Märchen kennt von ältester
Zeit her ein ideales Pfefferkuchenhaus, ein Pfefferkuchenhaus nur in der Idee.
Dies steht fest. Ist es nun eine konditorliche Geschmackssünde, so wird sich die
Sache vielleicht präzisieren lassen, das leibhaftig vor uns hinzustellen, was
bis dahin nur in unserer Vorstellung lebte? Die Beantwortung dieser Frage will
mir keineswegs leicht erscheinen, am wenigsten aber unanfechtbar, ob sie nun auf
nein oder ja lauten möge. Was mich persönlich angeht, so bekenn ich offen, dass
ich mich in der Weihnachtszeit jedesmal herzlich freue, bei Degebrodt in der
Leipziger Strasse (dessen Spezialität diese Dinge zu sein scheinen) dem bis vor
wenig Jahren nur in der Idee bestehenden Pfefferkuchenhause greifbar zu
begegnen. Es unterstützt dergleichen die Phantasie, statt sie zu lähmen. Der
unsre Zeit und unsre Kunst entstellende Realismus hat seine Gefahren, aber, wie
mir scheinen will, auch sein Recht und seine Vorzüge.«
    »Gewiss, gewiss«, sagte Gordon. »Ich revoziere. Wenn man Fisch isst, darf man
ohnehin nicht streiten. Ich habe einen Professor gekannt, der an einer
Fischgräte gestorben ist.«
    »Die Forelle hat keine Gräten.«
    »Aber Flossen. Und doch jedenfalls die Mittelgräte. Nehmen Sie sich in acht,
Herr Professor.«
    »Sie legen mir einen Titel zu...«
    »Pardon. Ich war der Meinung... Übrigens find ich diese Harz-Forellen
überaus delikat und von einem ganz eigentümlichen Aroma.«
    »Forellen sind Forellen.«
    »Doch nur etwa so, wie Menschen Menschen sind. Weisse, Schwarze,
Privatgelehrte haben einen verschiedenen Geschmack, auch vom antropophagischen
Standpunkt aus, und die Forellen desgleichen. Sie schmecken wirklich
verschieden. Ich darf es sagen. Denn wenn ich die Rechnung mache, so hab ich
wohl ein Dutzend Arten durchgekostet.«
    »Und die schönsten waren?«
    »In Deutschland, meine gnädigste Frau, die Felchen im Bodensee (man muss
Markgräfler dazu trinken), und in Italien die Maränen aus dem Lago di Bolsena...
Die bedingungslos schönsten aber hab ich erst ganz vor kurzem in meiner Heimat,
will sagen in der schottischen Heimat meiner Familie, kennengelernt.«
    »Und das waren?«
    »Lachsforellen aus dem Kinross-See. Maria Stuart sass da gefangen, in einem
alten Douglas-Schloss mitten im See, und wenn sie während dieser
Gefangenschaftstage, neben der Liebe von Willy Douglas, eines beiläufig
illegitimen, also doppelt verführerischen Sohnes des Hauses, irgend etwas
getröstet haben kann, so müssen es die Lachsforellen gewesen sein.«
    »Und doch«, unterbrach hier der Emeritus, »wag ich die Behauptung, dass das,
was unser Harz und speziell unsre Bode bietet, Ihre Lachsforellen im...«
    »Kinross-See.«
    »Im Kinross-See also, um ein beträchtliches überbietet. Nicht auf dem
Gebiete der Lachsforelle, nicht Forelle gegen Forelle, wohl aber...«
    »Nun?«
    »Wohl aber Schmerle gegen Forelle.«
    »Schmerle?« wiederholte Cécile. »Was ist das? Kennen Sie Schmerlen, Herr von
Gordon?«
    »O gewiss. Ich entsinne mich ihrer aus meinen Kindertagen her, und bei meiner
Anlage zur Gourmandise könnt ich mich allenfalls entschliessen, eine Kunst-und
Entdeckungsreise zu machen, um das Gelobte Land der Schmerlen kennenzulernen.
Ist es weit?«
    »Nur wenige Stunden.«
    »Und nennt sich?«
    »Altenbrak; ein grosses Dorf an der Bode. Wenn Sie die Partie machen wollen,
so haben Sie die Wahl zwischen einem Talweg unten und einem Hochweg oben. Am
meisten aber empfiehlt sich's wie gewöhnlich, das eine zu tun und das andre
nicht zu lassen oder, mit andren Worten, über die Berge hin den Hinweg und an
der Bode hin den Rückweg zu machen. Der eine Weg würde Sie bei Jagdschloss
Todtenrode, der andre bei Treseburg vorüberführen. Eine sehr empfehlenswerte
Partie.«
    »Der Sie sich vielleicht anschliessen, mein Herr Emeritus, um uns Führer und
Berater zu sein.«
    »Mit vielem Vergnügen«, fuhr dieser fort. »Und um so lieber, als mir dadurch
Gelegenheit wird, einen Mann wiederzusehen, der aufs glücklichste Humor mit
Charakter und Naivität mit Lebensklugheit verbindet.«
    »Und wer ist dieser Glückliche?«
    »Der Altenbraker Präzeptor.«
    »Und das bedeutet?«
    »Zunächst nichts weiter, als was es besagt, einen Lehrer also. Doch ist
nicht jeder Lehrer ein Präzeptor. Die Nomination des meinigen (er ist bereits
ein hoher Siebziger) stammt noch aus einer Zeit her, wo man den
Dorfschulmeistern, wenn im Dorfe der Pfarrer fehlte, den Extratitel eines
Präzeptors beilegte. Wenigstens in unsrer Braunschweiger Gegend. Damit war dann
angedeutet, dass der Betreffende von einer gewissen höheren Ordnung und sowohl
berechtigt wie verpflichtet sei, Sonntag für Sonntag der Gemeinde das Evangelium
oder auch eine Predigt aus einem Predigtbuche vorzulesen.«
    Cécile, die bis dahin mit der Redseligkeit des über Schmerlen und
Schulmeister-Originale sich verbreitenden alten Emeritus nur wenig einverstanden
gewesen war, wurde jetzt plötzlich aufmerksam, denn ein in ihrer Natur liegender
mystisch-religiöser Zug, den die Lektüre von Erbauungs- und namentlich von
Erweckungsgeschichten noch erheblich gesteigert hatte, liess sie jedesmal
aufhorchen, wenn gewisse Stichworte fielen, die Konventikliges oder
Sektiererisches in Aussicht stellten. In vorderster Reihe standen natürlich die
Mormonen, und wenn sich auch im gegenwärtigen Augenblicke so Gutes und
Interessantes kaum erhoffen liess, so sagte sie doch über den Tisch hin: »Und ein
solcher Präzeptor befindet sich in dem Schmerlendorfe?«
    »Ja, meine gnädigste Frau. Nur ist zu bedauern, dass der ehemalige Präzeptor
nicht mehr Präzeptor ist, vielmehr sein Amt niedergelegt hat. Noch dazu gegen
den Wunsch seiner kirchlichen Behörde.«
    »So waren es seine hohen Jahre, was den Ausschlag gab?«
    »Auch das nicht, meine gnädigste Frau. Das, was den Ausschlag gab, war sein
Gewissen.«
    »Aber aus einem Manne, wie Sie den Alten geschildert, kann doch kein böses
Gewissen gesprochen haben?«
    »In gewissem Sinne doch.«
    »O da bin ich neugierig. Ist es eine Sache, die sich erzählen lässt?«
    »Unbedingt. Und ich erzähle sie doppelt gern, weil sie meinen Altenbraker
Freund in einem schönen Lichte zeigt. Ich sprach von seinem bösen Gewissen, und
mit Recht. Denn das, was wir ein böses Gewissen nennen, ist ja immer ein gutes
Gewissen. Es ist das Gute, was sich in uns erhebt und uns bei uns selber
verklagt.«
    Cécile sah ihn gross an. Aber sie gewahrte bald, dass es absichtslos
gesprochen war, und so nickte sie nur freundlich und sagte: »Nun denn.«
    »Nun denn, in meinem alten Präzeptor regte sich also plötzlich sein gutes
Böses-Gewissen. Und das machte sich so. Predigten- und Evangeliumlesen war ihm
vorgeschrieben. Als er aber an die Siebzig kam und die Buchstaben in seinem
Predigtbuche, trotz angeschafter starker Brille, vor seinem Auge zu tanzen und
zu verschwimmen anfingen, liess er sich in dem, was er später seinen Dünkel
nannte, hinreissen, alle Bücher zu Hause zu lassen und von der Kanzel herab aus
dem Stegreife zu sprechen. Mit andern Worten, er predigte, tat den Präzeptor ab
und zog den Pastor an. Das ging so mehrere Jahre. Mit einem Mal aber kam ihm die
Vorstellung seines Unrechts, und dass er in Eitelkeit und Vermessenheit tue, was
nicht seines Amtes sei. Alles erschien ihm plötzlich, und nicht ganz mit
Unrecht, als Übergriff und Ungesetzlichkeit, und nachdem er das Gefühl davon
eine Zeitlang mit sich herumgetragen, entschied er sich endlich kurz und
energisch und ging nach Braunschweig, um sich selber vor einem Hohen
Konsistorium zur Anzeige zu bringen.«
    »Und was geschah nun?« unterbrach hier St. Arnaud. »Ich fürchte, das Hohe
Konsistorium, man kennt dergleichen, wird gerade so klein gewesen sein, wie der
Alte gross war.«
    »Nein, mein Herr Oberst, es kam doch erfreulicher, und wenn eine Geschichte
zwei Helden haben darf, so hat sie die meinige, denn neben meinen Präzeptor
stellt sich ebenbürtig mein Konsistorialrat. Der wusste lange schon von dem
Übergriff. Aber er wusste zugleich auch, dass die Altenbraker nie so
kirchgängerische Leute gewesen waren als von dem Tag an, wo der Präzeptor zum
ersten Male den Übergriff gewagt und mit dem unerlaubten Predigen begonnen
hatte. Und so stand er denn von seinem Lehnstuhl auf und sagte: Mein lieber
Rodenstein (das ist nämlich der Name meines Präzeptors), mein lieber Rodenstein,
Ihre Klage wird gar nicht angenommen. Gehen Sie ruhig wieder nach Altenbrak und
machen Sie's gradso, wie Sie's bisher gemacht haben. Und damit Gott befohlen.
Und wirklich, der Präzeptor ging auch. Aber wiewohl er sich für soviel Nachsicht
und Güte respektvollst bedankt hatte, blieb er im stillen doch fest bei seiner
Meinung und gab, als er wieder daheim war, seinen Abschied schriftlich ein, der
ihm denn auch schliesslich in Gnaden erteilt wurde. Seitdem sitzt er, wenn nicht
Gäste kommen, einsam auf seiner Burg Rodenstein.«
    »Auf seiner Burg Rodenstein?«
    »Ja, man darf es so nennen. Jedenfalls nennt er es selber so. Seine Burg
Rodenstein aber ist nichts weiter als ein wundervoll auf einem Felsen gelegenes
Gastaus, darin er als Rodensteiner haust und wie sein berühmter Namensvetter
unter allen Umständen einen guten Trunk und, wenn gewünscht, auch die besten
Schmerlen auf den Tisch bringt. Und das ist das Schmerlenland, von dem ich Ihnen
sprach: Altenbrak und sein Präzeptor, Burg Rodenstein und der Rodensteiner.«
    »Und da müssen wir hin«, sagte Gordon, und Cécile klatschte zustimmend in
die Hände. »Da müssen wir hin, um die Streitfrage zwischen Forellen und
Schmerlen ein für allemal entscheiden zu können.«
    »Und der Herr Emeritus übernimmt die Führung. Er hat bereits zugestimmt. Und
auch Herr Eginhard... Oh, Pardon...«
    »Aus dem Grunde.«
    »Und auch Herr Eginhard Aus dem Grunde«, wiederholte Gordon, während er sich
gegen den Privatgelehrten verneigte, »wird uns begleiten. Nicht wahr?«
 
                                Zwölftes Kapitel
Die Partie nach Altenbrak war für den andern Morgen verabredet, aber bis dahin
war noch eine lange Zeit, und als man aus dem Saal in den Korridor trat, wurde
mehrfach die Frage laut, was bei der schwebenden Hitze mit dem »angebrochenen«
Nachmittage zu machen sei. Der Privatgelehrte schlug eine Promenade durch das
Bodetal vor, drang aber nicht durch.
    »Nur nicht Bodetal«, sagte Gordon. »Oder gar dieser ewige Waldkater! Das
reine Landhaus an der Heerstrasse mit einer Mischluft von Küchenabguss und
Pferdeställen. Überall Menschen und Butterpapiere, Krüppel und Ziehharmonika.
Nein, nein, ich proponiere Lindenberg.«
    »Lindenberg«, entschied St. Arnaud, und Cécile zeigte sich bereit, die
Promenade sofort zu beginnen.
    »Du solltest dich erst ruhen«, sagte der Oberst. »Es ist heiss, und der Weg
wird dich ermüden.«
    Aber die schöne Frau, die regelmässig andern Sinnes war, wenn St. Arnaud auf
ihr Ruhebedürfnis oder gar auf ihre Schwächezustände hinwies, widersprach auch
diesmal und versicherte, während sie sich gegen den Privatgelehrten, um dessen
Begleitung sie schon vorher gebeten hatte, verneigte: »bei gutem Gespräche noch
niemals müde geworden zu sein.«
    Ein Verklärungsschimmer ging über Eginhard, der, bei seinem Hange zu
generalisieren, sofort auch Betrachtungen über die Superiorität aristokratischer
Lebens- und Bildungsformen anstellte. Zugleich war er fest entschlossen, sich
eines so schmeichelhaft in ihn gesetzten Vertrauens würdig zu zeigen, war aber
nicht glücklich damit, wie sich gleich bei seinem ersten Versuche herausstellen
sollte.
    »Miquelscher Privatbesitz, meine Gnädigste«, hob er an, während er auf eine
noch innerhalb der Dorfstrasse gelegene, von einem herrschaftlichen Garten
umgebene Villa zeigte.
    »Wessen?« fragte Cécile.
    »Doktor Miquels. Ehedem Bürgermeister von Osnabrück, jetzt Oberbürgermeister
zu Frankfurt.«
    »An der Oder?«
    »Nein; am Main.«
    »Aber was konnte diesen Herrn veranlassen, von so landschaftlich bevorzugter
Stelle her, gerade hier sich anzukaufen und in diesem einfachen Harzdorfe seine
Sommerfrische zu nehmen?«
    »Eine wohl aufzuwerfende Frage, deren einzig mögliche Beantwortung mir in
der Deutschkaiserlichkeit des Doktor Miquel zu liegen scheint, ein Wort, das,
trotz seiner sprachlichen Anfechtbarkeit, den Gedanken genau wiedergibt, den ich
Ihnen, meine gnädigste Frau, des ausführlicheren unterbreiten möchte. Darf ich
es?«
    »Ich bitte recht sehr darum.«
    »Nun denn, es darf als historische Tatsache gelten, dass wir Männer besassen
und noch besitzen, in denen das Kaisertum bereits mächtig lebte, bevor es noch
da war. Es waren das die Propheten, die jeder grossen Erscheinung vorauszugehen
pflegen, die Propheten und Täufer.«
    »Und zu diesen zählen Sie...«
    »Vor allem auch Doktor Miquel von Frankfurt. In der Tat, er war unter denen,
in deren Brust der Kaisergedanke von Jugend auf nach Verwirklichung rang. Aber
wo war diesem Gedanken am besten eine Verwirklichung zu geben? Wo durft er am
ehesten Nahrung finden und Förderung erwarten? Und auf diese Fragen, meine
gnädigste Frau, gibt es nur eine Antwort: hier. Denn hier, an dieser gesegneten
Harzstelle, predigt alles Kaisertum und Kaiserherrlichkeit. Ich spreche nicht
von dem ewigen Kyffhäuser, der ohnehin schon halb türingisch ist, aber speziell
hier, am harzischen Nordrande, gibt jeder Fussbreit Erde wenigstens einen Kaiser
heraus. In der Quedlinburger Abteikirche, die Sie, wie mir zu meiner Freude
bekannt geworden, durch Ihren Besuch beehrt haben, ruht der erste grosse
Sachsenkaiser, im Magdeburger Dome der noch grössere zweite. Sie mit Namen zu
behelligen, meine gnädigste Frau, kann mir nicht einfallen. Aber ich bitte
Tatsachen geben zu dürfen. In Harzburg, auf der Burgberg-Höhe (deren Besteigung
ich Ihnen empfehlen möchte; Sie finden Esel am Fusse des Berges) stand die
Lieblingsburg des zu Canossa gedemütigten Heinrich, und zu Goslar, in
verhältnismässiger Nähe jener Burgberg-Höhe, haben wir bis diese Stunde die grosse
Kaiserpfalz, die die mächtigsten Herrschergeschlechter, die Träger des
ghibellinischen Gedankens in schon vorghibellinischer Zeit, in ihrer Mitte sah.
Also Kaiser-Erinnerungen auf Schritt und Tritt. Und hierin, meine gnädigste
Frau, seh ich den Grund, der Doktor Miquel, den Mann des Kaisergedankens, in
speziell diese Gegenden zog.«
    »Unzweifelhaft. Und Sie sprechen das alles mit solcher Wärme.«
    Der Privatgelehrte verneigte sich.
    »Mit solcher Wärme, dass ich annehmen möchte, Sie selber seien mit unter den
Propheten und Täufern gewesen und Ihre Studien fänden ihren Gipfelpunkt in einer
begeisterten Hingebung an die deutsche Kaisergeschichte.«
    »Gewiss, meine gnädigste Frau, wennschon ich Ihnen offen bekenne, dass der
Gang unserer Geschichte nicht der war, der er hätte sein sollen.«
    »Und was ist es, woran Sie Anstoss nehmen?«
    »Das, dass sich der Schwerpunkt verschob. Ein Fehler, der erst in unseren
Tagen seine Korrektur erfahren hat. Als die Sachsenkaiser, die wir mit
mindestens gleichem Recht auch die Harzkaiser nennen dürften, seitens der
deutschen Stämme gekürt wurden, waren wir auf der rechten Spur und hätten, bei
dem endlichen, aber nur allzu frühen Erlöschen des Geschlechts, den Schwerpunkt
deutscher Nation nach Nordosten hin verlegen müssen.«
    »Bis an die russische Grenze?«
    »Nein, meine Gnädigste, nicht so weit; nach dem Lande zwischen Oder und
Elbe.«
    »Mit den Hohenzollern an der Spitze?«
    »Doch nicht. Nicht damals. Wohl aber, statt ihrer, ein anderes grosses
Fürstengeschlecht an der Spitze, das in bereits vorhohenzollerscher Zeit das
Land zwischen Oder und Elbe beherrschte, seitdem aber in unbegreiflich
undankbarer Weise vergessen oder doch beiseite gestellt wurde: das Geschlecht
der Askanier. Haben wir doch als einziges Denkmal und Erinnerungszeichen an
diese ruhmreiche Familie nichts als den Askanischen Platz, eine mittelmässige
Lokalität, die täglich viele Tausende passieren, ohne mit dem Namen derselben
auch nur die geringste historische Vorstellung zu verknüpfen.«
    Cécile war selbst unter diesen. Aber in Kreisen grossgezogen, in denen aller
historischer Notizenkram einen höchst geringen Rang behauptete, bekannte sie
sich lachend zu dieser ihrer Unkenntnis und sagte: »Sie müssen es leichtnehmen,
mein teurer Herr Professor, Pardon, dass ich bei diesem Titel verbleibe; Sie
müssen es leichtnehmen. Es ist nicht jedermanns Sache, gründlich zu sein. Und
nun gar erst wir Frauen. Sie wissen, dass wir jedem ernsten Studium feind sind.
Aber wir haben eine Neigung zu glücklicher Benutzung des Moments, auch ich, und
so dürfen Sie jederzeit sicher sein, einer dankbaren Schülerin in mir zu
begegnen.«
    Wieviel daran Ernst war, war ungewiss, aber als desto gewisser konnte das
eine gelten, dass Cécile nicht in der Laune war, den ersten erweiterten
Unterricht über Askaniertum auf der Stelle nehmen zu wollen. Sie sah sich
vielmehr, als ob sich's um eine Hülfstruppe gehandelt hätte, ziemlich ängstlich
nach St. Arnaud und Gordon um, die denn auch, den Emeritus in der Mitte, in
einiger Entfernung folgten.
    »Ich bin«, empfing sie die Herankommenden, »ein gut Teil schneller gegangen
als gewöhnlich, und lehrreiche Gespräche haben mir den Weg gekürzt.«
    Aber während sie diese Worte sprach, hielt sie sich an einer Banklehne, und
St. Arnaud sah deutlich, dass sie todmüde war, gleichviel ob vom Weg oder von der
Unterhaltung. Er kam ihr deshalb zu Hülfe und sagte, während er den
Privatgelehrten lächelnd musterte: »Dein alter Fehler, Cécile! Wenn dich etwas
lebhaft interessiert, Gespräch oder Person, überspannst du deine Kräfte... Die
Herren werden verzeihen, wenn wir uns, während Sie den Berg ersteigen, diese
Bank hier zunutze machen und auf Ihre Rückkehr warten.«
    Gordon und der Emeritus, beide wahrnehmend, wie's stand, beeilten sich, ihre
Zustimmung auszudrücken, und nur Eginhard, der auf eine Zuhörerin von soviel
»feinem Verständnis« nicht gern verzichten wollte, sprach noch allerlei von dem
Belebenden des Doppel-Oxygen, das erfahrungsmässig in dem Zusammenwirken von
Nadel- und Laubholz läge, von denen das Nadelholz auf der Lindenberg-Höhe sowohl
durch Larix tenuifolia wie sibirica, das Laubholz aber durch Quercus robur in
wahren Prachtexemplaren vertreten sei. Noch weitere Namen sollten folgen. Gordon
indes coupierte die Rede ziemlich brüsk und schritt, des Emeritus Arm nehmend,
unter einem griechisch-lateinischen Kauderwelsch, in dem Ausdrücke wie
Douglasia, Terapeutik, Autopsie wild durcheinander wiederkehrten, an Eginhard
vorüber, den sanft ansteigenden Schlängelpfad hinauf.
    Der Privatgelehrte seinerseits machte gute Miene zum bösen Spiel und folgte.
St. Arnaud und Cécile hatten sich's mittlerweile bequem gemacht. Die Bank war
ziemlich primitiv und bestand aus zwei Steinpfeilern und zwei Brettern, von
denen eins als Sitz, das andere als Lehne diente. Heidekraut und Epilobium
wuchsen umher, und weit vorhängende Tannenzweige bildeten ein Schutzdach gegen
die Sonne. Boncoeur, der schöne Neufundländer, der sich vom Hotel her auch heute
wieder angeschlossen hatte, hatte sich neben einem der Steinpfeiler ins
Heidekraut gelegt.
    »Wie schön«, sagte Cécile, während ihr Auge die vor ihr ausgebreitete
Landschaft überflog.
    Und wirklich, es war ein Bild voll eigenen Reizes.
    Der Abhang, an dem sie sassen, lief, in allmählicher Schrägung, bis an die
durch Wärterbuden und Schlagbäume markierte Bahn, an deren anderer Seite die
roten Dächer des Dorfes auftauchten, nur hier und da von hohen Pappeln überragt.
Aber noch anmutiger war das, was diesseits lag: eine Doppelreihe blühender
Hagerosenbüsche, die zwischen einem unmittelbar vor ihnen sich ausdehnenden
Kleefeld und zwei nach links und rechts hin gelegenen Kornbreiten die Grenze
zogen. Von dem Treiben in der Dorfgasse sah man nichts, aber die Brise trug
jeden Ton herüber, und so hörte man denn abwechselnd die Wagen, die die
Bodebrücke passierten, und dann wieder das Stampfen einer benachbarten
Schneidemühle. Boncoeur hatte den Kopf zwischen die Vorderfüsse gelegt, und nur
dann und wann sah er zu seiner selbstgewählten Herrin auf, als ob er sich wegen
seiner Saumseligkeit entschuldigen wolle.
    Plötzlich aber sprang er nicht nur auf, sondern mit ein paar grossen Sätzen
bis in das Kleefeld hinein, freilich nur, um sich hier sofort wieder auf die
Hinterfüsse zu setzen und ein paar Töne, die halb Geblaff und halb Gewinsel
waren, laut werden zu lassen.
    »Was ist es?« fragte Cécile, während St. Arnaud, nach rechts hin, auf einen
in Büchsenschussentfernung über den Weg kommenden und im selben Augenblick auch
wieder im Unterholz am Bergabhange verschwindenden Hasen zeigte. Boncoeur aber,
mit seinem Behange hin und her schlagend, sah dem flüchtigen Lampe noch eine
Weile nach und nahm dann seinen Platz neben der Bank wieder ein.
    »Schlechter Hund«, sagte Cécile, mit ihrer Schuhspitze seinen Kopf krauend.
    »Guter Hund«, erwiderte St. Arnaud. »Er zieht einfach deine Liebkosungen
einer fruchtlosen Hasenjagd vor. Er ist ritterlich und verständig zugleich, was
nicht immer zusammenfällt.«
    Cécile lächelte. Solche Huldigungsworte taten ihr wohl, auch wenn sie von
St. Arnaud kamen. Dann schwiegen beide wieder und hingen ihren Gedanken nach.
Helles, sonnendurchleuchtetes Gewölk zog drüben im Blauen an ihnen vorüber, und
ein Volk weisser Tauben schwebte daran hin oder stieg abwechselnd auf und nieder.
Unmittelbar am Abhang aber standen Libellen in der Luft, und kleine graue
Heuschrecken, die sich in der Morgenkühle von Feld und Wiese her bis an den
Waldrand gewagt haben mochten, sprangen jetzt, bei sich steigernder Tagesglut,
in die kühlere Kleewiese zurück.
    Der Oberst nahm Céciles Hand, und die schöne Frau lehnte sich müd und auf
Augenblicke wie glücklich an seine Schulter.
    In solchem Träumen blieb sie, bis plötzlich an der Bahn entlang die Signale
gezogen wurden und von Tale her das scharfe Läuten der Abfahrtsglocke
herüberklang. Und siehe da, keine Minute mehr, so vernahm man auch schon den
Pfiff der Lokomotive, gleich danach ein Keuchen und Prusten, und nun dampfte der
Zug auf wenig hundert Schritt an dem Lindenberge vorüber.
    »Er geht nach Berlin«, sagte St. Arnaud. »Willst du mit?«
    »Nein, nein.«
    Und nun sahen beide wieder der Wagenreihe nach und horchten auf das Echo,
das das Gerassel und Geklapper in den Bergen wachrief und fast so klang, als ob
immer neue Züge vom Hexentanzplatz her herunterkämen.
    Endlich schwieg es, und die frühere Stille lag wieder über der Landschaft.
Nur die Brise, von Dorf und Fluss her, wuchs, und die Kornfelder neigten sich und
mit ihnen der rote Mohn, der in ganzen Büscheln zwischen den Halmen stand.
    Unwillkürlich machte Cécile die schwankende Bewegung mit, bis sie plötzlich
auf ein Bild wies, das der Aufmerksamkeit beider wohl wert war. Von jenseit der
Bahn her kamen gelbe Schmetterlinge, massenhaft, zu Hunderten und Tausenden
herangeschwebt und liessen sich auf dem Kleefeld nieder oder umflogen es von
allen Seiten. Einige schwärmten am Waldrand hin und kamen der Bank so nahe, dass
sie fast mit der Hand zu fassen waren.
    »Ah, Pierre«, sagte Cécile. »Sieh nur, das bedeutet etwas.«
    »O gewiss«, lachte St. Arnaud. »Es bedeutet, dass dir alles huldigen möchte,
gestern die Rosenblätter und heute die Schmetterlinge, Boncoeurs und Gordons
ganz zu geschweigen. Oder glaubst du, dass sie meinetwegen kommen?«
 
                              Dreizehntes Kapitel
Alles freute sich auf Altenbrak, und selbst Cécile war schon um acht auf dem
grossen Balkon, trotzdem der Aufbruch erst um zehn und zehneinhalb erfolgen
sollte.
    Dieser Aufbruch zu verschiedenen Zeitpunkten hatte darin seinen Grund, dass
Cécile, sosehr sie sich erholt hatte, für eine Fusspartie doch nicht ausreichend
gekräftigt war, während St. Arnaud, ein leidenschaftlicher Steiger, auf eine
Wanderung über die Berge hin nicht gern verzichten wollte. So war man denn
übereingekommen, den Marsch in zwei Kolonnen zu machen, von denen die
Fusskolonne: St. Arnaud, der Emeritus und der Privatgelehrte, um zehn Uhr
vorausmarschieren, die Reiterkolonne: Gordon und Cécile, um zehneinhalb Uhr
nachfolgen sollte. Danach wurde denn auch verfahren, und als der Fusstrupp um
eine halbe Stunde voraus war, erhoben sich die bis dahin Zurückgebliebenen, um
sich, unmittelbar vor dem Hotel, an dem Halteplatze der Wagen und Pferde,
beritten zu machen. Gordon, wenig zufrieden mit dem Bestande, den er hier
vorfand, unterhandelte gerade mit einem der Vermieter, als Cécile, zwischen den
Pferden hin, ein Paar Esel gewahr wurde, die ganz zuletzt im Schatten einer
Platane standen. Sie freute sich sichtlich dieser Wahrnehmung, und mit einer ihr
sonst nicht eigenen Lebhaftigkeit die Verhandlungen unterbrechend, sagte sie,
während sie nach der Platane hinzeigte: »Da sind Esel, Herr von Gordon. Das ist
nun einmal meine Passion: Eselreiten und Ponyfahren. Und wenn Sie nicht Anstand
nehmen...«
    »Im Gegenteil, meine gnädigste Frau, man sitzt besser und gemütlicher, und
das gefürchtete Vom Pferd auf den Esel kommen, was bildlich sein Missliches haben
mag, ist mir in natura nie schrecklich gewesen.«
    Ein Blick, von dem schwer zu sagen war, ob mehr schmeichelhafte Huld oder
naive Kinderfreude darin vorherrschte, belohnte Gordon für seine
Bereitwilligkeit, und wenige Minuten später sassen beide bereits plaudernd im
Sattel und trotteten, über einen Brückensteg hin, auf eine mit vorjährigem
Eichenlaub gefüllte Schlucht zu, die, jenseits der Bode, zu der auf dem
Bergrücken entlanglaufenden Blankenburger Chaussee hinaufführte. Neben ihnen her
ging der Eseljunge, den Esel, auf dem Cécile sass, dann und wann zu
beschleunigterer Gangart antreibend. Es war ein bildhübscher, zugleich
hartgewöhnter Junge, der abwechselnd ging und lief und dem Gespräche, das Gordon
und Cécile führten, mit klugem Auge folgte.
    Das Laub raschelte, die Sonne spielte durch das Gezweig, und aus dem Walde
her vernahm man den Specht und dann und wann auch den Kuckuck. Aber nur langsam
und spärlich, und als Gordon zu zählen anfing, rief er nur ein einzig Mal noch.
    »Ist euer Harzkuckuck immer so faul?«
    »O nein; mal so, mal so. Soll ich ihn fragen?«
    »Versteht sich.«
    »Wieviel Jahre noch?«
    Und nun antwortete der Kuckuck, und sein Rufen wollte kein Ende nehmen.
    Das schuf eine kleine Verstimmung, denn jeder ist abergläubisch, und um die
Verstimmung wieder loszuwerden, sagte jetzt Gordon, das Tema wechselnd:
»Eselreiten und Ponyfahren! Sie sprachen so glückstrahlend davon, meine
gnädigste Frau. Sind es Kindererinnerungen? Das Ponyfahren lässt es fast
vermuten. Aber, Pardon, wenn ich in meiner Neugier vielleicht indiskrete Fragen
tue.«
    »Nicht indiskret. Überhaupt, was ist Diskretion? Wer ihr à tout prix leben
will, muss in den Kartäuserorden treten.«
    »Der, Gott sei Dank, für Frauen nicht gestiftet wurde.«
    »Mutmasslich, weil seine Begründer klug und weise genug waren, das Unmögliche
nicht anzustreben. Aber, Sie fragten mich, ob Kindererinnerungen. Nein, leider
nein. Meine Kindertage vergingen ohne das. Aber dann kamen andre Tage, freilich
auch halbe Kindertage noch, in denen ich aus der kleinen oberschlesischen Stadt,
darin ich geboren und grossgezogen war, zum ersten Mal in die Welt sah. Und in
welche Welt! Jeden Morgen, wenn ich ans Fenster trat, sah ich die Jungfrau vor
mir und daneben den Mönch und den Eiger. Und am Abend dann das Alpenglühn. Ich
vergesse sonst Namen, aber diese nicht, diese sind mir in der Seele geblieben
wie die Tage selbst. Schöne, himmlische, glückliche Tage, Tage voll ungetrübter
Erinnerungen. Und unter diesen ungetrübten Erinnerungen auch Eselritt und
Ponyfahren. Ach, es sind so kleine Dinge, aber die kleinen Dingen gehen über die
grossen... Und von woher stammt Ihre Passion für derlei Kavalkaden?«
    »Aus dem Himalaja.«
    Bei diesem Worte waren sie aus der Schlucht heraus, und Gordon wollte just
abbrechen, um, oben angelangt, des freien Umblicks vom Plateau her voll zu
geniessen, im selben Moment aber wahrnehmend, dass der Eseljunge, ganz wie
benommen, ihn anstarrte, überkam ihn ein Lachen, und er sagte: »Junge, kennst du
den Himalaja?«
    »Mount-Everest... 27 000 Fuss.«
    »Wo hast du das her?«
    »Nu, das lernen wir.«
    »A la bonne heure«, lachte Gordon. »Ja, der preussische Schulmeister... Zu
welch erstaunlichen Siegen wird uns der noch verhelfen! Und was sagen Sie dazu,
meine Gnädigste?«
    »Nun zunächst nur das eine, dass der Junge mehr weiss als ich.«
    »Lassen Sie's ihm. Preussischer Drill und Gedächtnisballast. Je weniger man
davon schleppt, desto besser.«
    »Das sagt St. Arnaud auch, wenn er gut gelaunt ist. Aber au fond glaubt er's
nicht und empfindet ein beständiges Crèvecour über all das, was die Herren
Präzeptoren, zu deren einem wir jetzt wallfahrten, an mir versäumt haben. St.
Arnaud, sag ich, glaubt es nicht, und Sie glauben es auch nicht, Herr von
Gordon. Ich hab es wohl bemerkt. Alle Preussen sind so konventionell in
Bildungssachen, alle sind ein klein wenig wie der Herr Privatgelehrte...«
    »Ja«, stimmte Gordon zu, »das sind sie. Sie heissen nicht sämtlich Eginhard,
aber alle sind mehr oder weniger Aus dem Grunde.«
    Danach brach das Gespräch ab, und erst nach einer Weile nahm es Cécile
wieder auf. »Ob wir die Herren noch einholen?« fragte sie. »Die Chaussee läuft
hier wie mit dem Lineal gezogen, und doch seh ich niemand.«
    In der Tat, Cécile sah niemanden und konnte niemand sehen, aber es lag nicht
an einer allzu grossen Entfernung zwischen ihr und der Avantgarde, sondern
einfach daran, dass die drei Herren, denen der Aufstieg doch saurer geworden war,
als sie vermutet hatten, Schattens halber in einen wundervollen Waldpfad
eingebogen waren, der erst später wieder auf den Hauptweg mündete. St. Arnaud
hatte die Mitte zwischen seinen beiden Begleitern genommen und rechnete darauf,
die Fehde zwischen dem braunschweigischen Ross des Emeritus und dem askanischen
Bären des Privatgelehrten in kürzester Frist ausbrechen zu sehn, schob aber
seinerseits alles, was den Streit unmittelbar hätte heraufbeschwören können,
klug und vorsichtig hinaus und begnügte sich damit, den Privatgelehrten über
seinen Namen auszuholen.
    »Irr ich, wenn ich annehme, mein hochverehrter Herr Aus dem Grunde, dass Sie
rheinischen oder schweizerischen Ursprungs sind und ähnlich wie die Vom Rat, Aus
dem Winkel und Auf der Mauer entweder der Kölner Gegend oder aber den Urkantonen
entstammen?«
    »Doch nicht, mein Herr Oberst. Mein Urgrossvater kam glaubenshalber aus Polen
und hiess ursprünglich Genserowsky, noch bis vor kurzem befanden sich in der
Berliner Hasenheide Träger dieses alten Namens. Einer der Söhne, mein Grossvater,
war homo literatus, zugleich Verfasser einer griechischen Grammatik, und um ganz
mit den polnischen Erinnerungen zu brechen oder vielleicht auch wegen eines dem
deutschen Ohre nicht unbedenklichen Namensanklanges, liess er den Genserowsky
fallen und nannte sich Aus dem Grunde. Das einigermassen Anspruchsvolle darin
verkenn ich nicht, aber der Name ist mir überkommen, und so kann es mir
persönlich nur obliegen, ihm, nach dem bescheidenen Masse meiner Fähigkeiten,
Ehre zu machen.«
    »Ein Streben, zu dem ich Sie beglückwünsche.«
    »Der Herr Oberst beschämen mich durch soviel Güte. Das aber darf ich heute
schon aussprechen, dass ich mich jederzeit vor Zersplitterung und einer damit
zusammenhängenden Oberflächlichkeit gehütet habe. Zersplitterung ist der Fluch
unsrer modernen Bildung. Ich befleissige mich der Konzentration und halte zu dem
guten alten Satze multum non multa. Mein Stolz ist der, ein Spezialissimus zu
sein, ein Spott-und zugleich Ehrenname, den mir beizulegen dem Chor meiner
Gegner beliebte. Der Herr Oberst wissen, welchem Gegenstande meine Studien
gelten, und es sind denn auch eben diese, die mich neuerdings wieder hierher in
den Harz und in der letzten Woche nach dem reizenden Gernrode (dessen Besuch ich
dem Herrn Obersten empfohlen haben möchte) geführt haben, nach Gernrode, das
seinen Namen bekanntlich von einem voraskanischen Markgrafen herleitet, dem
Markgrafen Gero.«
    »Demselben mutmasslich, der dreissig Wendenfürsten zu Tische lud, um sie dann
zwischen Braten und Dessert abschlachten zu lassen?«
    »Von eben demselben, mein Herr Oberst. Aus welchem Zwischenfall ich übrigens
bitten möchte nicht allzu nachteilige Schlüsse ziehen zu wollen. Markgraf Gero
war ein Kind seiner Zeit, genauso wie Karl der Grosse, dem die summarisch
entaupteten zehntausend Sachsen nie zum Nachteil angerechnet worden sind. Es
sind das eben die Männer, die Geschichte machen, die Männer grossen Stils, und
wer Historie schreiben oder auch nur verstehen will, hat sich in erster Reihe
zweier Dinge zu befleissigen: er muss Personen und Taten aus ihrer Zeit heraus zu
begreifen und sich vor Sentimentalitäten zu hüten wissen.«
    »Gewiss, gewiss«, lachte der Oberst. »Einverstanden mit allem, wobei mir nur
ewig merkwürdig bleibt, dass die durch Natur und Beruf friedliebendsten Leute von
der Welt allemal für Kopf-ab sind, während alle Leute von Fach an dreissig
abgeschlachteten Wendenfürsten doch einigermassen Anstoss nehmen. Es muss übrigens
ein Gesetz in dieser Erscheinung walten, vielleicht dasselbe, nach dem ganz
unbemittelte Personen immer erst geneigt sind, ein Dreissig-Millionen-Vermögen
als ein Vermögen überhaupt gelten zu lassen.«
    Unter diesem Gespräche, das sich weiterspann, hatten unsere drei Freunde den
Punkt erreicht, wo der Waldweg wieder in den Hauptweg einbog, auf dem, im selben
Augenblicke fast, wo sie denselben betraten, ein Hauderer oder Personenwagen,
mit dem Anhaltiner Wappen am Wagenschlage, vorüberrollte.
    »War das nicht der askanische Bär?« fragte St. Arnaud.
    »Zu dienen. Und zwar der askanische Bär an einem emeritierten Postwagen aus
guter alter Zeit, wo das Herzogtum Anhalt noch eine selbständige Postverwaltung
hatte. Die nunmehr längst meistbietend versteigerten Wagen laufen nur noch als
Hauderer durchs Land und predigen einen Wechsel der Dinge, der mich in meiner
Eigenschaft als Deutscher beglückt, in meiner Spezialeigenschaft als zu Haus
Anhalt haltender Berliner aber ebenso betrübt wie verletzt. Denn worin hat
speziell Berlin den Ursprung und die Wurzel seiner Kraft? Einfach in dem jetzt
hinsterbenden Askaniertum, dem es nicht bloss seinen Wappen-Bären, sondern in
gleichem Grade sein Gedeihen und seinen Ruhm verdankt. Und wie lohnt es diesem
Askaniertum? Ich hatte schon gestern die Ehre, mich gegen die gnädige Frau
darüber aussprechen zu können. Wenn ich sage durch Missachtung, so mach ich mich
insoweit noch einer erheblichen Beschönigung schuldig, als Haus Anhalt einfach
einer gewissen Komik verfallen ist, die sich tagtäglich in den traurigsten
Berlinismen Luft macht. Urteilen Sie selbst. Erst vorgestern war es, dass ich in
einem diese Frage berührenden ernsten Gespräch der ganz unqualifizierbaren
Antwort begegnete: Versteht sich, Anhalt-Dessau. Denn wenn wir Dessau nicht
hätten, so hätten wir auch nicht den alten Dessauer, und wenn wir den alten
Dessauer nicht hätten, so hätten wir auch nicht: So leben wir! «
    »Ah«, sagte der Oberst, »das waren die zwei Berliner an der Table d'hôte.
Dergleichen darf man nicht übelnehmen. Die Berliner sind Spassmacher und gefallen
sich in ironischen Bemerkungen und Zitaten.«
    »Und treffen dabei meistens den Nagel auf den Kopf«, setzte der Emeritus
hinzu. »Denn Sie werden, mein hochverehrter Herr Eginhard, doch nicht allen
Ernstes verlangen, dass wir uns im Zeitalter Otto von Bismarcks auch noch für
Otto den Faulen oder gar für Otto den Finner interessieren sollen?«
    »Doch, mein Herr Emeritus. Zu den schönsten Zierden deutscher Nation zähl
ich Loyalität gegen das noch lebende Fürstengeschlecht und unwandelbare Pietät
gegen die, die bereits vom Schauplatz abgetreten sind.«
    »Eine Forderung, mein hochverehrter Herr Aus dem Grunde, die sich leichter
stellen als erfüllen lässt. Andauernde Treue gegen das Alte macht die Treue gegen
das Neue nahezu zur Unmöglichkeit; aber unmöglich oder nicht, es ist jedenfalls
ein gefährliches Evangelium, das Sie da predigen. Denn was Albrecht dem Bären
recht ist, ist Heinrich dem Löwen billig, und doch möcht ich Ihnen nicht
anempfehlen, Ihren unentwegten Entusiasmus für emeritierte Postkutschen (Sie
selbst geruhten diesen Ausdruck zu gebrauchen) von Haus Anhalt auf das Haus Welf
übertragen zu wollen. Es gibt eben leichte und schwere Pietäten, und die
letztern sind nicht jedermanns Sache, was auch kaum anders sein kann. Und um
schliesslich auf diesem nur allzu heiklen Gebiet auch noch ein Wort von mir
selber zu sagen, so bin ich fester Braunschweiger trotz einem. Aber wenn heute
mein Herzog stirbt und morgen der Preuss uns annektiert, so bin ich übermorgen
loyaler Preusse. Nur keine Prinzipienreiterei, mein hochverehrter Herr Aus dem
Grunde. Das Wort sie sollen lassen stahn, das ist Recht und Ordnung, dafür bin
ich da, das ist Gewissenssache. Für alles andre aber haben wir die Vernunft.
Treue! Man muss die Welt nehmen, wie sie liegt, und danach treu sein.«
    »Oder untreu.«
    »Meinetwegen.«
    Und dabei lächelte der Emeritus mit überlegener Miene.
Der so voraufschreitenden Kolonne folgten Gordon und Cécile.
    Nach rechts hin, auf Blankenburg zu, lagen weite Wiesen und Ackerflächen,
während unmittelbar zur Linken ein Waldschirm von geringer Tiefe stand, der
unsere Reisenden von der steil abfallenden Talschlucht und der unten schäumenden
Bode trennte. Dann und wann kam eine Lichtung, und mit Hülfe dieser glitt dann
der Blick nach der anderen Felsenseite hinüber, auf der ein Gewirr von Spitzen
und Zacken und alsbald auch der Hexentanzplatz mit seinem hellgelben, von der
Sonne beschienenen Gastause sichtbar wurde. Juchzer und Zurufe hallten durch
den Wald, und dazwischen klang das Echo der Böller-und Büchsenschüsse von der
Rosstrappe her.
    »Es ist doch ein eigen Ding um die Heimat«, sagte Gordon, »sie sei, wie sie
sei. Lass ich mich aufs Vergleichen ein, so ist dies alles nur Spielzeug der
Natur, das neben dem Grossen verschwindet, was sie draussen in ihren ernsteren
Stunden schuf. Und doch geb ich für dieses bescheidene Plateau sechs
Himalajapässe hin. Es ist mit all dem Grossen draussen, wie wenn man einen Kaiser
in Hermelin oder den Papst in pontificalibus sieht; man bewundert und ist
benommen, aber wohl wird einem erst wieder, wenn man seiner Mutter Hand nimmt
und sie küsst.«
    »Sie sprechen das mit so vieler Wärme. Lebt Ihre Mutter noch? Haben Sie sie
wiedergefunden?«
    »Nein, sie starb in den Jahren, da ich draussen war. Ich habe nichts weiter
mehr als zwei Schwestern. Eine war noch ein halbes Kind, als ich Deutschland
verliess; aber mit der andern wuchs ich auf, wir harmonierten in allen Stücken,
und wenn sich mir meine Wünsche nur einigermassen erfüllen, so trennen wir uns
nicht wieder, wenigstens nicht wieder auf Jahre. Ja, diese Bande sind doch die
festesten und überdauern alles andre. Wie manche Nacht, wenn ich in den
gestirnten Himmel aufsah, hab ich an Mutter und Schwester gedacht und mir ein
Wiedersehen ausgemalt. Nur halb ist es mir in Erfüllung gegangen.«
    Cécile schwieg. Sie war klug genug, um die Herzlichkeit solcher Sprache zu
verstehen und zu würdigen, aber doch andererseits auch verwöhnte Frau genug, um
sich durch ein so betontes Hervorkehren verwandtschaftlicher Empfindungen, und
zwar in diesem Augenblick und an ihrer Seite, wenig geschmeichelt zu fühlen.
    »Und wie heisst Ihre Schwester?«
    »Clotilde.«
    »Clotilde«, wiederholte sie langsam und gedehnt, und Gordon, der
heraushören mochte, dass ihr der Name nicht sonderlich gefiel, fuhr deshalb fort:
»Ja, Clotilde, meine gnädigste Frau. Sie wägen den Namen und finden ihn etwas
schwer. Und Sie haben recht. Ich glaube auch nicht, dass ich fähig sein würde,
mich jemals in eine Clotilde zu verlieben. Aber je weniger der Name für eine
Braut oder Geliebte passt, desto mehr für eine Schwester. Er hat etwas Festes,
Solides, Zuverlässiges und geht nach dieser Seite hin fast noch über Emilie
hinaus. Vielleicht gibt es überhaupt nur einen Namen von ebenbürtiger
Solidität.«
    »Und der wäre?«
    »Matilde.«
    »Ja«, lachte Cécile. »Matilde! Wirklich. Man hört das Schlüsselbund.«
    »Und sieht die Speisekammer. Jedesmal, wenn ich den Namen Matilde rufen
höre, seh ich den Quersack, darin in meiner Mutter Hause die Backpflaumen
hingen. Ja, dergleichen ist mehr als Spielerei, die Namen haben eine Bedeutung.«
    »Ich wollte, dass Sie recht hätten, es würde mich glücklich machen. Aber was
hab ich beispielsweise von meiner musikalischen und sogar heiliggesprochenen
Namensschwester? Die Heiligkeit gewiss nicht, und auch kaum die Musik.«
    So plaudernd, erreichten sie die Stelle, wo der nach Altenbrak abzweigende
Weg auf ein weites Elsbruch einbog, hinter dem die bis jetzt von ihnen passierte
Waldpartie von neuem aufragte, freilich nicht als Wald mehr, sondern nur noch
als Schonung, über deren Kiefern und Kusseln hinweg eine mutmasslich einen Weg
einfassende Doppelreihe weissstämmiger Birken sichtbar wurde. Hart in Front
dieser Schonung lagerte, deutlich erkennbar, eine Gruppe hemdärmliger oder doch
in Leinwandjacken gekleideter Personen, aller Wahrscheinlichkeit nach also
Holzschläger oder Arbeiter auf Tagelohn. Etwas Leichtes in den Bewegungen
jedoch, zumal wenn sich einzelne von ihnen erhoben, zeigte bald, dass es keine
Tagelöhner sein konnten.
    »Was sind das für Leute da?« fragte Gordon den Jungen. Ehe dieser aber
antworten konnte, wurde drüben ein Signalhorn laut, und im selben Augenblicke
begann ein Hin- und Herlaufen und gleich danach ein Ordnen und Richten. Und nun
setzten sich auch unsere zwei Reisenden in Trab und erkannten im Näherkommen,
dass es blutjunge Leute waren, Turner in Drillichanzügen, die sich, mit
bemerkenswerter Raschheit und Gewandteit, in Gliedern formierten. Ganz in Front
standen die Spielleute: drei Tambours und ein Hornist, und als die der
Aufstellungsseite zunächst reitende Cécile bis auf wenige Schritte heran war,
kommandierte der den Trupp führende Vorturner: »Augen links«, und dann:
»Präsentiert das Gewehr.« Er selbst aber salutierte mit dem Schläger, die Spitze
zur Erde senkend, während die drei Tambours den Präsentiermarsch schlugen.
Cécile verneigte sich dankend und verlegen, und einen Augenblick später ritten
beide (Gordon unter militärischem Gruss) in den Birkenweg ein, der sich, wie man
vermutet hatte, durch die Schonung hinzog und an manchen Stellen eine
vollkommene Laube bildete.
    »War das reizend«, sagte Cécile. »Jugend, Jugend. Und so frisch und
glücklich. Und so ritterlich und artig.«
    Gordon nickte. »Ja, meine gnädigste Frau, das ist Deutschland,
Jung-Deutschland. Und mit Stolz und Freude sehe ich es wieder. Draussen hat man
auch dergleichen, aber es ist doch anders. Hier gibt sich alles natürlicher und
weniger zurechtgemacht; weniger mise en scene. Gott erhalt uns unsere Jugend.«
    Und während er noch so sprach, streiften die Birkenzweige Céciles Gesicht,
was ihn zu dem Vorschlag veranlasste, doch die Plätze zu wechseln. Aber sie
wollte davon nichts hören. »Es ist doch immer ein Streicheln, auch wenn es weh
tut. Und dazu diese himmlische Luft! Ach, ich könnte den ganzen Tag so reiten,
und von Müdigkeit wäre keine Spur.«
    Endlich hatten sie die Schonung im Rücken und hielten vor einer von einem
Plankenzaun eingefassten und hoch in Gras stehenden Wiese, darauf nichts sichtbar
war als, in einiger Entfernung, drei ziemlich gleich aussehende Häuschen, die
todstill und wie verwunschen in der grellen Mittagssonne dalagen. Keine Grille
zirpte, kein Rauch stieg auf; um den Zaun herum aber ging in weitem Bogen der
Weg, anstatt die Wiese kurz und knapp zu durchschneiden.
    »Wie heisst das?« fragte Gordon.
    »Todtenrode«, sagte der Junge.
    »Nur in Ordnung. Wenn es nicht schon so hiesse, so müsst es so getauft werden.
Todtenrode! Wohnen Menschen hier? Mutmasslich ein Totengräber?«
    »Nein, ein Förster.«
    Unter solchem Gespräche waren sie bis an die Stelle gekommen, wo die
vorerwähnten drei Häuschen standen. Eines derselben, das grösste, das etwas von
Architektur und Ornament zeigte, war ganz von wildem Wein überwachsen, und
Gordon ritt heran, um, so gut es die Lichtblendung gestattete, von aussen her in
die Fenster hineinzusehen. Keine Gardine war da, kein Vorhang, überhaupt nichts,
was auf Bewohnerschaft hätte deuten können, und doch war unverkennbar, dass dies
Haus in der Öde sehr bewegte Tage gesehen haben musste. Polsterbänke zogen sich
um panelierte Wände, dazu Schenktisch und schwere Stühle, während sich in dem
Zimmer daneben, das sich, bei nur halber Tiefe, leichter übersehen liess,
allerlei Möbel aus der Zeit des Empire befanden, darunter ein hellblaues
Atlassofa mit drei schmalen Spiegeln über der Lehne.
    Cécile sah gleichzeitig mit Gordon in die verblasste Herrlichkeit hinein, und
auch der Junge stellte sich neugierig auf die Zehspitzen.
    »Eine Försterei, sagtest du. Das ist aber ein Jagdschloss.«
    
    »Ja, ein Jagdschloss.«
    »Und von wem?«
    »Von unsrem Herzog.«
    »Kommt er oft?«
    »Nein. Aber der vorige...«
    »Ja«, lachte Gordon, »der vorige, der kam oft.« Und zu Cécile gewandt, fuhr
er fort: »Ich hab ihn noch in Paris gesehen, den guten Herzog, alt geworden,
geschnürt und geschminkt, und mit Ringellöckchen, eine lächerliche Figur, ebenso
der Liebling wie der Spott der Halbweltdamen. Wahrhaftig, wer die Geschichte
dieser Duodezfürsten schreiben will, muss bei den fürstlichen Jagdschlössern
anfangen. Und nun gar dies hier, dies Todtenrode! Der blosse Name hätte mich in
einen Tugendpriester verwandeln können. Aber diese Durchläuchtings empfinden
anders und sagen umgekehrt: Je mehr Tod, je mehr Leben. Erst die Strecke mit dem
erlegten Wild, und dann Bacchus, und dann Eros, der göttliche Knabe. Zehn gegen
eins, dass dies Todtenrode mit zu den bevorzugtesten Tempeln des kleinen Gottes
gezählt hat. Ihr Himmlischen, was mag sich alles in diesem Allerheiligsten
abgespielt haben, an Freud und Leid! Ja, auch an Leid. Denn der Krug geht so
lange zu Wasser, bis er bricht, wobei mir übrigens die Serenissimi selbst die
weitaus kleinste Sorge machen. Aber was so von Jugend und Unschuld mit in die
Brüche geht, was so gemütlich mit hingeopfert wird in dem ewigen
Molochdienste...«
    Cécile musterte den Sprecher, der einen Augenblick in der Laune schien, in
seiner Philippika fortzufahren; bald aber wahrnehmend, dass er, wie damals vor
den Porträts der Fürst-Abbatissinnen, in seinen Auslassungen um ein gut Teil zu
weit gegangen sei, begann er sofort das Tema zu wechseln, was ihm die sich
rasch verändernde Szenerie ziemlich leicht machte. Der Weg nämlich, der bis
dahin über ein Plateau geführt hatte, senkte sich hinter Todtenrode wieder und
mündete, bald danach, auf eine mittelhoch am Abhange sich hinziehende Chaussee,
neben der, in der Tiefe, die diesseits von einem sonnigen Wiesengrunde, jenseits
aber von Wald und Schatten eingefasste Bode hinfloss. Erquickende Kühle drang von
unten her bis zur Höhe hinauf, und einzelne Häuser, die zerstreut und lauschig
am Flusse hin lagen, berechtigten zu der Annahme, dass man in kürzester Frist am
Ziele sein werde.
    Gordon wurde nunmehr sehr bald auch der drei voraufmarschierenden Herren
ansichtig, die ganz zuletzt einen Richtsteig eingeschlagen haben mussten, und auf
sie hinweisend, rief er seiner Begleiterin in beinahe freudiger Aufregung zu:
»Da sind sie. Wenn wir uns in Trab setzen, haben wir sie noch vor dem ersten
Hause.«
    Cécile sah ihn bei diesen Worten verwundert an, aber mit einer Verwunderung,
in die sich etwas von Empfindlichkeit mischte. Das war doch naiver als naiv. Er
genoss des Vorzugs ihrer Gesellschaft und schien nichtsdestoweniger hocherfreut
über die Möglichkeit, im nächsten Augenblicke wieder in Nähe des Emeritus oder
gar an der Seite des Privatgelehrten sein zu können. Alle Verwunderung und
Empfindlichkeit aber verlor sich rasch in dem Komischen der Situation, und sich
aufrichtend im Sattel, sagte sie mit beinah übermütiger Betonung: »Eh bien,
eilen wir uns, Herr von Gordon. Vite, vite. Man soll die Gelegenheit beim
Schopfe fassen.«
    Und im Trabe, während der Junge sich in den Steigbügel hing, ging es bergab.
    Eine Minute noch, und man musste die Voraufmarschierenden eingeholt und das
Dorf selbst erreicht haben.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Aber es war doch anders bestimmt, denn unmittelbar vor dem Dorfeingange wurde
Cécile, die dem Flusse zunächst ritt, einer im Grase sitzenden Dame, der
Malerin, gewahr.
    Wirklich, es war Fräulein Rosa, mitten in der Arbeit vor einer Staffelei,
die sie sich aus drei Bohnenstangen mit eingeschlagenen Holznägeln
zurechtgezimmert hatte. Die Freude der Künstlerin gab sich, wie die der beiden
Ankömmlinge, ganz ungesucht, und den Pinsel ins Gras werfend, aber die Palette
immer noch auf dem linken Daumen, sprang sie von ihrem Malerstuhl auf und
reichte Cécile die frei gewordene Rechte.
    »Willkommen in Altenbrak... Ach, nun entsinn ich mich... Die drei Herren...
vor einer Minute erst... Richtig, das war ja der Herr Oberst und der freundliche
alte Emeritus. Und der dritte... Ja, wer war der dritte?«
    »Der Herr Privatgelehrte.«
    »Nun, der hätte seine Langweil und sich selbst in Hotel Zehnpfund belassen
können. Aber welche Freude, Sie wiederzusehen, meine gnädigste Frau. Und Sie,
Herr von Gordon. Ach, es war mir zuviel Staub in Tale, zuviel Staub und zuviel
Sonntagsgäste. Hexentanzplatz und Rosstrappe sind nur wie Tempelhof und Tivoli,
Bier und wieder Bier. Aber hier ist Natur, und die weiss und braun gefleckte Kuh
da... Sehen Sie doch nur, meine gnädigste Frau, wie das liebe Vieh dasteht und
sich nicht rührt. Ein wahres Mustermodell. Ich möchte schwören, es habe Gemüt
und freue sich mit mir, dass Sie da sind.«
    Cécile, als die Malerin endlich schwieg, tat auch ihrerseits ein paar Fragen
und versuchte bei der Gelegenheit, einen Blick auf die Skizze zu werfen, aber
Rosa wollte davon nichts wissen und fuhr fort: »Nein, meine gnädigste Frau, nur
nicht gleich wieder Kunst und Kunstgespräche. Was Sie hergeführt hat, hat einen
andern Zweck und Namen. Und ich brauche kaum danach zu fragen. Natürlich, der
Präzeptor, der alte Murrkopf, der Mann mit der sonoren Bassstimme,
Selbsterrscher aller Altenbraker und dabei Landesautorität in Sachen der
Schmerle. Täglich bin ich an seinem Tisch (er hält nämlich eine Pension), und
dann setzt er sich zu mir und sagt mir Liebenswürdigkeiten und will mich sogar
adoptieren. Aber ich hab ihm gesagt, er müsse mich heiraten, anders tät ich's
nicht, ich wolle Schlossfrau werden auf Burg Rodenstein oder kurzweg die
Rodensteinerin und den ganzen Tag über mit dem Schlüsselbund rasseln.«
    »Und Sie wohnen in seiner Pension?«
    »Nein, ich ziehe diese Seite des Dorfes vor. Ich wohne hier... das dritte
Haus da, gleich hinter dem Staket.«
    Und sie wies auf ein reizendes, am Dorfeingange gelegenes Häuschen, in
dessen Vorgarten ein paar Stachelbeersträucher standen und Mohn und Borré bunt
durcheinander blühten. An dem Staket aber trockneten Netze, während eine Sichel
an der alten Linde hing.
    »Beneidenswert«, sagte Gordon. »Manchem glückt es, überall ein Idyll zu
finden; und wenn er's nicht findet, so schafft er's sich. Ich glaube, Sie
gehören zu diesen Glücklichen.«
    »Ich glaub es beinah selbst, muss aber jedes persönliche Verdienst in der
Sache von mir abweisen. Der Himmel legt einem nicht mehr auf, als man tragen
kann. Und ich habe durchaus keine Schultern für das Tragische.«
    Cécile schien von diesem scherzhaft hingeworfenen Worte mehr berührt, als
sich erwarten liess. Jedenfalls brach sie rasch ab und sagte: »Das ist ein grosses
Tema. Und wenn Herr von Gordon und Fräulein Rosa erst ins Philosophieren
kommen...«
    »Dann gibt es kein Ende.«
    Cécile nickte zustimmend, und unter einem herzlichen »Au revoir« warf sie
das Tier herum und lenkte, von Gordon gefolgt, auf den breiten Fahrweg ein, in
dessen Schatten der Junge zurückgeblieben war.
    »Haben wir noch weit bis zum Präzeptor?«
    »Noch eine Viertelstunde.«
    »Gut denn.«
    Und man setzte sich wieder in Trab.
Wirklich, es war noch eine Viertelstunde, denn das Haus, das der Alte bewohnte,
lag an der entgegengesetzten Seite von Altenbrak. Aber so lang der Weg war und
so ruhebedürftig Cécile sich fühlte, dennoch sprach sie kein Wort von Ermüdung,
weil das Bild, das die Dorfstrasse gewährte, sie beständig interessierte. Links
hin lagen die Häuser und Hütten in der malerischen Einfassung ihrer Gärten,
während nach rechts hin, am jenseitigen Ufer der Bode, der Hochwald anstieg, auf
dessen Lichtungen das Vieh weidete. Das Geläut der Glocken tönte herüber, und
dazwischen klang das Rauschen des über Kieselgeröll hinschäumenden Flusses.
    So ging es das Dorf entlang, an Stegen und Brücken vorbei, bis endlich da,
wo die Schlucht sich wieder weitete, der Eseljunge nach einem in Mittelhöhe des
Felsens eingebauten Häuserkomplex hinaufwies, daran in Riesenbuchstaben auf
weissem Schilde stand: »Gastaus zum Rodenstein«.
    »Hier wohnt der Präzeptor.«
    Und so hielt man denn.
    Und während der Junge die Esel in einem unteren Stallraum unterbrachte,
stiegen Gordon und Cécile die Stufen hinan, die zu dem »Rodensteiner«
hinaufführten.
Auf der obersten Stufe stand bereits St. Arnaud und empfing die Spätlinge mit
vieler Freundlichkeit, aber doch zugleich mit einem Anfluge von Spott. »Die
Herrschaften«, hob er an, »scheinen auf einen Wettlauf mit dem
braunschweigischen Ross beziehungsweise dem askanischen Bären verzichtet zu
haben. Zu meinem lebhaften Bedauern. Im übrigen hab ich aus der mir auferlegten
Entbehrung das Beste zu machen gesucht und kenne in diesem Augenblicke nicht nur
Albrecht den Bären, sondern auch den Markgrafen Waldemar so genau, dass ich
keinem Müllergesellen, und wenn es Jakob Rehbock in Person wäre, raten möchte,
mich hinters Licht führen zu wollen. Freilich, ob Herrn von Gordon an einer
derartigen Wissenszufuhr in gleicher Weise gelegen gewesen wäre, muss
dahingestellt bleiben - hinsichtlich meiner teuren Cécile verbürg ich mich für
das Gegenteil. Und nun an die Gewehre! Zehn Minuten haben ausgereicht, mich mit
dem Rodensteiner bekannt zu machen, und ich dürste danach, Sie beide dem
trefflichen Alten vorzustellen. Unser Freund Eginhard, des Emeritus zu
geschweigen, ist zwar eben über ihn her und hat, wenn ich recht gehört habe, vor
fünf Minuten den ganzen Markgrafen Otto mit dem Pfeil auf die Sehne seiner
Beredsamkeit gelegt. Aber ich hoffe, der Pfeil fliegt schon. Und so denn
schnell, eh er zum zweiten Male spannt.«
    Unter diesem Geplauder überschritten alle drei die Schwelle des Gastauses
und traten, nach Passierung einiger winkliger und ziemlich verräucherter Stuben,
auf einen halb veranda-, halb balkonartigen Vorbau hinaus, dessen weit
vorspringendes Schutzdach in Front auf drei Holzpfeilern ruhte. Nach der
Rückseite hin aber lag dasselbe Schutzdach auf einer indigoblauen Wand, an der
entlang ein grosser, immer mit Essig und Öl und leider auch mit Mostrichbüchsen
besetzter Esstisch stand. In Mitte desselben erblickte man Eginhard und den
Emeritus in allerlebhaftestem Gespräche mit einem Dritten, welcher Dritte
niemand anders als der Schlossherr aller dieser Dominien sein konnte: der
Präzeptor Rodenstein. Und so war es denn auch.
    »Erlauben Sie mir, mein hochverehrter Herr Präzeptor, Ihnen meine Frau
vorzustellen. Und hier Herrn von Gordon. Die Tagesaufgabe beider war
augenscheinlich, das Unausreichende kavalleristischer Leistungsfähigkeit aufs
neue zu beweisen und daneben die Superiorität der alten Garde zu Fuss.«
    Der Präzeptor hatte sich von seinem Stuhl erhoben und hiess Cécile
willkommen, eine zweite Verbeugung galt Gordon. Er stützte sich, all die Zeit
über, auf ein Weichselrohr mit Elfenbeingriff und gab, als er sich gleich danach
wieder an den Esstisch lehnte (das Stehen wurd ihm schwer), eine bequeme
Gelegenheit, ihn in seiner ganzen Erscheinung zu mustern. Er konnte füglich als
der Typus eines knorrigen Niedersachsen, eines in Eichenholz geschnitzten
Westfalen gelten und vernahm denn auch nichts lieber, als »dass er einen
Waldeck-Kopf habe«. Wirklich liess sich von einer solchen Ähnlichkeit sprechen.
Ein Fall, den er vor Jahr und Tag getan, machte, dass er seitdem eines Stockes
bedurfte, sonst aber war er verhältnismässig jung geblieben und glich, in der
Fülle seines krausen Haares, darin sich nur wenig Grau mischte, mehr einem
Fünfziger als einem hohen Siebziger, der er doch war. Sein Bestes aber war sein
Organ, und man begriff völlig, dass er mit dieser seiner Stimme vierzig Jahre
lang die Altenbraker zusammengehalten und ihnen durch Epistel- und
Bibelvorlesung von der Kanzel her den Prediger ersetzt hatte.
    Cécile fühlte sich sofort angezogen durch seine Persönlichkeit und sprach
ihm unbefangen und liebenswürdig aus, wie sehr sie sich freue, seine
Bekanntschaft zu machen. Der Herr Emeritus, in dem er einen warmen Verehrer
habe, habe sehr viel Schönes von ihm erzählt, von ihm, von Altenbrak und von den
Schmerlen, und sie sehe wohl, dass er nicht zuviel gesagt habe. Denn Altenbrak
sei reizend, und was die Schmerlen angehe...
    So würden diese (unterbrach hier der Präzeptor) hinter ihrer Reputation
nicht zurückbleiben und die gnädige Frau gewiss zufriedenstellen. Die gnädige
Frau möge nur bestimmen, um welche Stunde sie das Diner zu nehmen wünsche. Das
Küchendepartement sei natürlich Sache seiner Frau, wenn er sich aber trotz
alledem mit einem Vorschlag einmischen dürfe, so möcht er empfehlen: erst die
Schmerlen und dann einen Rehrücken aus dem Altenbraker Forst. Denn die Schmerlen
allein täten es nicht und gehörten zu den Gerichten, an denen man sich hungrig
ässe.
    Cécile war einverstanden, und nachdem man noch die Frau Präzeptorin und
deren Tochter, eine junge Förstersfrau, zu Rate gezogen, wurde festgestellt, dass
um fünf Uhr gegessen werden solle. Natürlich auf der Veranda. Die noch
dazwischenliegenden zwei Stunden aber solle jeder zu freier Verfügung haben,
entweder zu Promenaden an der Bode hin oder aber zu Ruhe und Schlaf.
Ja, Ruhe, danach verlangte Cécile, die sich denn auch unverweilt in eine nach
einem Gärtchen hinaus gelegene Hinterstube zurückzog, wo die Fenster aufstanden
und die kleinen gelben Gardinen im Luftzuge wehten. In Nähe des einen Fensters
stand ein bequemes Ledersofa, darauf die total Erschöpfte sich streckte, während
die junge, nur zu Besuch und Aushülfe bei den Eltern anwesende Förstersfrau sie
mit einem leichten Sommermantel zudeckte.
    »Soll ich die Fenster schliessen, gnädige Frau?«
    »Nein. Es ist gut so, wie's ist. Eine so schöne Luft und doch kein Zug. Aber
wenn Sie mir eine Freude machen wollen, so nehmen Sie sich einen Stuhl und
setzen sich zu mir. Ich kann doch nicht schlafen und habe nur das Bedürfnis,
mich zu ruhen.«
    »Ach, das kenn ich.«
    »Sie? Wie das? Sie sind noch so jung und sehen so blühend aus, und Ihre
Augen lachen so frisch und glücklich. Sie haben gewiss einen guten Mann. Nicht
wahr?«
    »Ja, den hab ich.«
    »Und Kinder?«
    »Auch die. Und die sind mein besondres Glück. Aber in drei Jahren drei, das
ist doch viel, und wenn das zweite geboren wird, eh das erste noch laufen kann,
und wenn dann Krankheit kommt und man den Tag über am Herd und in der Nacht an
der Wiege steht und alle Lieder durchsingt und das Kleine doch nicht schlafen
will und einem dann die Augen zufallen und man sie mit aller Gewalt wieder
aufreissen muss - ach, meine gnädigste Frau, wenn solche Tage kommen, da lernt man
doch erkennen, was Ruhe heisst und das Bedürfnis danach. Und da hilft keine
Jugend und keine Gesundheit. Und bei all meinem Glück hab ich oft bitterlich
geweint.«
    In diesem Augenblick hörte man von draussen eine Kinderstimme.
    »Da ruft eines?«
    »Nein, meine gnädigste Frau, meine Kinder sind nicht hier. Die sind im Wald
draussen, beim Vater, und die Älteste, die jetzt sieben ist, das heisst, sie wird
acht zu Michaeli, die muss schon die kleine Mutter sein und die beiden andern in
Ordnung halten. Denn die Magd hat in der Küche zu tun und mit dem Vieh im
Stalle. Da muss denn eben alles mit anfassen. Und die gnädige Frau sollten das
Kind sehen, wie sie sich in Respekt zu setzen weiss, ja, sie gehorchen ihr besser
als mir, denn die Kinder untereinander besinnen sich nicht lang, ob ein Klaps
passt oder nicht. Und mein Mann sagt oft: Sieh, Frau, die Trude versteht es
besser als du: so musst du's machen. Du bist zu gut.«
    »Und das trifft auch wohl zu?«
    »Nun, bös bin ich grade nicht. Aber wer will sagen, dass er, zu gut sei? Wenn
man so gut ist, wie man nur irgend sein kann, ist man noch immer nicht gut
genug. Am wenigsten gegen die Armen. Ach, meine gnädigste Frau, das lernt man im
Wald. Wenn man die Not der Menschen sehen will, dann muss man im Walde leben und
das arme Volk sehen, das sich ein bisschen Reisig zusammensucht und immer noch in
Angst ist, dass sie was mitnehmen, was sie nicht mitnehmen dürfen. Aber ich habe
meinem Mann auch gesagt: Tu, was du musst; aber wenn's sein kann, drück ein Aug
zu, denn die Not ist gross. Und wer den Armen ein Leid tut oder strenger ist als
nötig, der ist wie der Reiche, der nicht ins Himmelreich kommt.«
    Cécile nahm die Hände der jungen Frau. »Ihr lieber Mann wird wohl so sein,
wie Sie selber sind. Mir ist nicht bang um ihn. Aber wenn er auch anders wäre,
Sie werden ihn schon bekehren und für seine Seele sorgen, und er wird das
Himmelreich haben, wie Sie selbst, dessen bin ich sicher. In einer guten Ehe muss
sich alles ausgleichen und balancieren, und der eine hilft dem andern heraus.«
    »Oder reisst ihn auch mit hinein«, lachte die junge Frau.
    »Vielleicht, vielleicht... Aber ich denke, die Gnade rechnet mehr unsere
Guttat an als unsere Schuld.«
Cécile wollte nur ruhn, aber zuletzt war sie doch eingeplaudert worden; ein paar
Pfauentauben flogen aufs Fenstersims, und die junge Frau Försterin verliess leise
das Zimmer, um auf die Veranda, wo nur noch St. Arnaud und der Präzeptor
verblieben waren, zurückzukehren und hier Mitteilung zu machen, dass die gnädige
Frau schlafe.
    »Das ist gut«, sagte St. Arnaud, »ich sah, dass sie der Ruhe bedurfte. Nun
aber, mein Herr Präzeptor, müssen Sie mich mit Ihrem ganzen Gewese bekannt
machen. Ich find es nur in der Ordnung, dass man im Publikum überall von Ihrem
Schloss Rodenstein spricht, denn wirklich, Ihr Gastaus hängt wie eine Burg am
Felsen. Ist es Granit?«
    »Porphyr, Herr Oberst.«
    »Desto besser, oder wenigstens um eine Stufe vornehmer. Aber vornehmer oder
nicht, ich muss das alles sehen, immer vorausgesetzt, dass Ihnen Ihr Fuss ein
Umhersteigen gestattet.«
    »O gewiss, mein Herr Oberst, wenn Sie nur Geduld mit einem alten Invaliden
haben wollen, der ein etwas langsames Tempo hat und immer nur einen Schritt
macht, wenn andre drei machen.«
    »Ganz nach Ihrer Bequemlichkeit. Ich werde Sie doch nicht um etwas bitten
und Ihnen zum Dank für die Gewähr auch noch das Tempo vorschreiben wollen. Das
wäre doch ein gut Teil zuviel. Aber nun sagen Sie mir zuvörderst, was bedeutet
das Tempelchen, das ich da sehe? Hier, gleich links, auf der obersten Spitze?«
    »Das ist mein Schmuckstück, mein Belvedere, wohin ich Sie gerade führen
möchte. Da tritt der Porphyr am reinsten heraus, und Altenbrak liegt uns zu
Füssen. Erlauben der Herr Oberst, dass ich die Tête nehme.«
    Bei diesen Worten erhob er sich und schritt, sich auf sein Weichselrohr
stützend, auf einen in den Fels gehauenen Zickzackweg zu, der nach dem
Aussichtstempelchen hinaufführte. St. Arnaud folgte, schwieg indes, weil er
wahrzunehmen glaubte, dass dem alten Herrn nicht bloss das Steigen, sondern auch
das Atmen schwer wurde.
    Nun aber war man oben und sah in die Landschaft hinaus. Was in der Ferne
dämmerte, war mehr oder weniger interesselos, desto freundlicher aber wirkte das
ihnen unmittelbar zu Füssen liegende Bild: erst das Gastaus, das mit seinem
Dächergewirr wirklich an eine mittelalterliche »Burg Rodenstein« erinnerte, dann
weiter unten der Fluss, über den links abwärts ein schlanker Brückensteg, rechts
aufwärts aber eine alte Steinbrücke führte.
    »Beneidenswerter, Sie«, sagte der Oberst. »König Polykrates auf seines
Daches Zinnen. Und hoffentlich sagen Sie mit ihm: Gestehe, dass ich glücklich
bin. Ist es nicht so?«
    Der Präzeptor wiegte den Kopf hin und her und schwieg, bis er nach einer
kleinen Weile sagte: »Nun ja, mein Herr Oberst.«
    »Nun ja! Was heisst das? Warum nicht bloss ja? Was fehlt? Ein Mann wie Sie,
Liebling fünf Meilen in der Runde, gehalten von der Gemeinde, geschätzt von der
Behörde - wie wenige dürfen sich dessen rühmen! Und wenn dann das Jubiläum
kommt...«
    »Das kommt nicht.«
    »Warum nicht?«
    »Weil ich den Dienst quittiert habe.«
    »Wie das? Aber freilich... Pardon... ich entsinne mich; Ihr Freund und
Verehrer, der Herr Emeritus, hat uns schon in Tale davon erzählt und auch den
Grund genannt, der Sie bestimmte. Gewissensbedenken, um nicht zu sagen
Gewissensbisse.«
    Der Alte lächelte. »Nun ja, Gewissensbisse, das auch. Aber das alles, offen
gestanden, blieb doch bloss die kleinere Hälfte. Die Hauptsache war, ich wollte
dem Ehrentag entgehen, demselben Ehrentag, dessen der Herr Oberst eben
erwähnte.«
    »Dem Jubiläum? aber weshalb?«
    »Weil ich der sogenannten Auszeichnung entgehen wollte.«
    »Aus Bescheidenheit?«
    »Nein, aus Dünkel.«
    »Aus Dünkel? Ich bitte Sie, wer geht einer Auszeichnung aus dem Wege?«
    »Die wenigsten. Und ich auch nicht. Aber Auszeichnung und Auszeichnung ist
ein Unterschied. Ein jeder freut sich seines Lohnes. Gewiss, gewiss. Aber wenn der
Lohn kleiner ausfällt, als man ihn verdient hat oder wenigstens verdient zu
haben glaubt, dann freut er nicht mehr, dann kränkt er. Und das war meine Lage.
Man wollte mir ein Bändchen geben an meinem Jubiläumstage. Nun gut, auch ein
Bändchen kann etwas sein; aber das, das meiner harrte, war mir doch zuwenig, und
so macht ich kurzen Prozess und bin ohne Jubiläum, aber Gott sei Dank auch ohne
Kränkung und Ärger aus dem Dienste geschieden. Ich weiss wohl, dass man nie recht
weiss, was man wert ist, aber ich weiss auch, dass es die Menschen in der Regel
noch weniger wissen. Und handelt es sich gar um ein armes Dorfschulmeisterlein,
nun so geht alles nach Rubrik und Schablone, wonach ich mich nicht behandeln
lassen wollte. Von niemandem, auch nicht von wohlwollenden Vorgesetzten. Und da
hab ich demissioniert und dem Affen meiner Eitelkeit sein Zuckerbrot gegeben.«
    »Bravo«, sagte der Oberst und reichte dem Alten beide Hände. »Sich ein
Genüge tun ist die beste Dekoration. Im letzten ist man immer nur auf sich und
sein eigen Bewusstsein angewiesen, und was andre versäumen, müssen wir für uns
selber tun. Das heisst nicht, sich überheben, das heisst bloss die Rechnung in
Richtigkeit bringen. Und nun erzählen Sie mir von dem Porphyr hier. Ich dachte,
der Harz wäre Granit. Aber es ist auch in der Natur so: mitten aus dem
allgemeinen Granit wächst mal ein Stück Porphyr heraus. Da heisst es dann, woher
kommt er? Aber es ist eine nutzlose Frage. Er ist eben da.«
So plauderten sie weiter, und als sie, bei fortgesetztem Gespräch über Altenbrak
und die Altenbraker, endlich den Zickzackweg wieder abwärts stiegen, bemerkten
sie Gordon und die beiden älteren Herren die, von einem Dorfspaziergange
heimkehrend, eben aus der Talschlucht nach Burg Rodenstein hinaufkletterten. In
ihrer Mitte Rosa. Diese begrüsste jetzt der ihr bis in Front des Hauses
entgegengehende St. Arnaud unter gleichzeitigen scherzhaften Vorwürfen über ihre
Fahnenflucht aus »Hotel Zehnpfund«, und als man abermals eine Minute später
gemeinschaftlich auf die Veranda trat, sah man, wie schon die Vorbereitungen zum
Mittagsmahl getroffen und Tisch und Stühle, der bessern Aussicht halber, bis
hart an die Holzpfeiler vorgerückt waren. Weisses Linnen kam und Blumen, zuletzt
auch Cécile, noch angerötet vom Schlaf, und ehe weitere zehn Minuten um waren,
hatte jeder seinen Platz beim Mahl, an dem teilzunehmen der Präzeptor nach
einigem Zögern eingewilligt hatte. Er sass zwischen den beiden Damen und zeigte
durch Artigkeit und guten Humor, dass er in seiner Jugend eine gute Schule
durchgemacht haben musste. Cécile war entzückt und flüsterte Rosa zu: »Tout à
fait comme il faut!«
    Und so war auch das Mahl, das sich gleich mit einer kleinen Überraschung
einleitete. Die Frau Präzeptorin hatte nämlich, über die vereinbarten Gänge
hinaus, auch noch für ein Extra Sorge getragen, für eine Kerbelsuppe,
hinsichtlich deren ihr Haushalt ein Renommee hatte.
    »Ach, Kerbel«, sagte der Oberst, als der Deckel abgenommen wurde. »Wenn Sie
wüssten, meine liebe Frau Präzeptorin, wie Sie's damit getroffen haben!
Wenigstens für mich. Meine ganze Jugend steigt dabei wieder vor mir auf. Alle
Mittwoch, so lang es Kerbel gab, gab es auch Kerbelsuppe, das war wie Amen in
der Kirche, Kerbel und dann Reis und Saucisschen. Ich denke, dass es mir heute so
schmecken soll wie damals... Aber was trinken wir? Cécile, Fräulein Rosa, was
soll es sein? Ich gehe bis an die Grenze des Möglichen...«
    »Also so weit mein Weinkeller reicht«, lachte der Präzeptor. »Aber mein Herr
Oberst, der reicht nicht weit. Ein Trarbacher, ein Zeltinger. Mosel, dir leb
ich, Mosel, dir sterb ich. Übrigens das Beste, was ich habe...«
    »Nein, nein«, unterbrach Cécile. »Nicht Wein, nichts Fremdes. Braunschweiger
Landesgebräu. Nicht wahr, Herr von Gordon?«
    »Unbedingt«, sagte dieser. »Bei solchen Gelegenheiten muss alles eine
Lokalfarbe haben. Also sagen wir Braunschweiger Mumme.«
    So scherzte man weiter, bis man schliesslich, auf des Präzeptors Vorschlag,
sich für ein einfaches Blankenburger Bier entschied, das denn auch in
Deckelkrügen aufgetragen wurde, jeder Krug mit einer blauen Glasurinschrift. Der
Oberst las die seine. »Der Meister hat ein Doppelkinn, Hoch lebe die junge Frau
Meisterin... Ei, ei, mein fein's Jung-Gesell, wo will das hinaus? Das
herkömmliche Balladen-Töchterlein bleibt uns diesmal überraschlicherweise
vorentalten, und die Frau Meisterin muss dafür aushelfen. Ein Glück, dass sie
jung ist.«
    In diesem Augenblicke kamen die Schmerlen auf einer mit Zitronenscheiben
bunt garnierten Schüssel, und da niemand, mit Ausnahme des Emeritus und
selbstverständlich auch des Präzeptors, mit dem diffizilen Gerichte Bescheid
wusste, so liess man die beiden anfangen und erging sich, als man ziemlich
vorsichtig zu folgen begann, in teils schmeichelhaften, teils despektierlichen
Vergleichen. Gordon sprach von »White bait«, woran ihn die Schmerlen erinnern
sollten, während ihnen der Oberst einfach eine Mittelstellung zwischen Yklei und
Spree-Stint anwies, allerdings im Tone der Entschuldigung hinzusetzend: »Honny
soit qui mal y pense.« Rosa drang aber auf vollkommene Revozierung, da sie sich
die Poesie der Schmerle nicht rauben lassen wolle, dieses herrlichsten aller
Fische, den zu besingen sie keinen Augenblick Anstand nehmen würde, wenn ihr die
schnöde Tiermalerei zu Kultivierung der sanglichen Schwesterkunst Zeit gelassen
hätte. Aber der Herr Emeritus werde gewiss für sie eintreten. Alle Geistlichen
wären bekanntermassen heimliche Dichter, was auch kaum anders sein könne. Denn
wer allsonntäglich unter einem Kanzeldeckel mit der Heiligengeist-Taube stehe,
für den müsse auch dichterisch notwendig etwas abfallen.
    »Ja, der Emeritus«, riefen alle. »Lied oder Toast. Er mag wählen, aber
Verse.«
    »Gut. Ich bin es zufrieden«, sagte der Alte. »Doch jeder nach seinen
Kräften. Über den Leberreim bin ich nie hinausgekommen. Und weil alle Welt einen
Leberreim machen kann, auch Fräulein Rosa, trotz der von ihr abgegebenen
Erklärungen, so muss es einfach reihum gehen. Das ist Bedingung.«
    »Einverstanden«, sagte Rosa. »Nur muss es streng angefasst werden, das ist
meine Bedingung, und wer einen falschen Reim macht oder ein Wort gebraucht, das
gar nicht existiert, der muss Strafe zahlen oder, mit anderen Worten, ein Pfand
geben.«
    »Und mit Auslösung«, setzte der Privatgelehrte blinzelnd hinzu, der, wie die
meisten Pedanten, etwas von einem Faun hatte.
    »Mit Auslösung also«, wiederholte St. Arnaud. »Aber vorher lassen wir die
Schüssel noch einmal herumgehen. Das gibt uns dann die höhere Weihe. Nun, Herr
Emeritus, commençons.«
    Und der Emeritus, während er von der Schüssel nahm, rezitierte langsam und
bedächtig vor sich hin:
»Am Bache stehn Vergissmeinnicht, und drüben steht die Erle,
Dazwischen blitzt, wie Silberschein, des Baches Kind, die Schmerle.«
»Gut, gut«, sagte Rosa. »Nun aber der Herr Oberst.«
    Und dieser, ohne jedes Besinnen, begann sofort:
»Was solln mir Aland, Blei und Hecht und andre grosse Kerle,
Forelle, ja das ist mir recht und doppelt recht die Schmerle.«
»Vorzüglich, vorzüglich. Mein Kompliment, Herr Oberst. Der Emeritus ist
geschlagen. Ach, das ewig siegreiche Militär, siegreich auf jedem Gebiete. In
neuester Zeit auch (leider) auf dem der Malerei. Doch das sind trübe
Betrachtungen, zu trübe für diese heitere Stunde. Fahren wir also fort. Herr von
Gordon, lassen Sie sehen, was Sie draussen in Persien gelernt haben. Die Poesie
soll ja da zu Hause sein. Ist es nicht so? Wie hiess er doch? Ah, ja, Firdusi.
Nun also.«
    Gordon, der eine scherzhafte Fehde zu provozieren wünschte, nahm ohne
weiteres »Querlen« als Reimwort und liess sich, als dies selbstverständlich
beanstandet wurde, zu Behauptungen hinreissen, deren äusserste Fragwürdigkeit noch
über die seines Reimes hinausging.
    »Es gibt keine Querlen«, entschied Rosa. »Was Inkulpat meint, wenn er
überhaupt etwas gemeint hat, sind Quirle. Die gibt es. Herr von Gordon, ein
Pfand. Und nun Sie, Herr Eginhard. Ich bitte Sie, Sie bei diesem Vornamen, ich
möchte fast sagen im Namen der Poesie, nennen zu dürfen.«
    Eginhard begann, während er vor sich hin starrte, seine Brillengläser zu
putzen. Aber mit einem Male lag etwas Leuchtendes um seine Stirn, und er sagte
mit einem Anfluge von historischer Würde:
»Der kleinste Fürst im Deutschen Reich, das war der Fürst von Werle,
Der kleinste Fisch in Bach und Teich ist immer noch die Schmerle.«
Rosa bestritt sofort wieder, dass es einen Fürsten von Werle gegeben habe, wobei
Cécile sekundierte. St. Arnaud aber trat nicht nur für den Privatgelehrten ein,
sondern setzte sogar mit vieler Feierlichkeit hinzu, dass er sich einer
Mesalliance zwischen einem Werleschen Fürsten und einer anhaltischen Prinzessin
entsinne. Darauf brach er ab und wandte sich an Rosa: »Nun aber sie, meine
Gnädigste.«
    Diese verneigte sich lächelnd und sagte dann: »Ich finde, die Herren haben
sich's schwer gemacht, um mir es leicht zu machen. An dem Zunächstliegenden sind
Sie vorübergegangen. Entscheiden Sie selbst, ob ich recht habe:
Genug, genug der Reimerein auf Schmerlen oder Schmerle,
Hoch, dreimal, unsre schöne Frau, der Perlen schönste Perle.«
dabei erhob sie sich und ging auf Cécile zu, um ihr die Hand zu küssen. Diese
litt es aber nicht, sondern umarmte sie mit einem Anflug von Verlegenheit,
zugleich sichtlich bewegt durch diese Huldigung einer heiteren und
liebenswürdigen Natur.
    Etwas wie Sentimentalität schien aufkommen zu wollen, der Präzeptor aber,
der kein Freund davon war, stellte den früheren Ton rasch wieder her, und unter
Vortrag aller möglichen Anekdoten aus seinem eigentümlichen, halb als Kantor und
halb als Pastor verbrachten Leben verging das Mahl, das niemand Miene machte
gewaltsam abzukürzen.
    Endlich aber erhob man sich, und als man in das Tempelchen hinaufstieg, um
bei frischer Luft und freier Aussicht den Kaffee zu nehmen, war die Sonne schon
im Niedergehen und hing über den Tannen der Berghöhe. Nun sank sie tiefer und
durchglühte die Spitzen der Bäume, die momentan im Feuer zu stehen schienen.
    Alles war schweigend in das herrliche Schauspiel vertieft, und man sah erst
wieder auf, als zu fröhlichem Sprechen und Lachen, von dem man nicht recht
wusste, woher es kam, allerlei Stimmen laut wurden, die das Echo wecken wollten.
Aber es antwortete nicht.
    Inzwischen waren die vom Dorf her ungesehen und ungekannt Heranziehenden
immer näher gekommen, und als sie plötzlich um einen Vorsprung bogen, der sie
bis dahin verborgen hatte, bemerkten unsre Freunde, dass es alte Bekannte waren.
    »Die Turner«, rief Cécile. »Sie werden uns noch einmal begrüssen wollen.«
    Und wirklich schlossen sie sich, als sich der Weg wieder zu verbreitern
begann, zu Sektionen zusammen und marschierten in festem Tritt, und während die
Tambours schlugen, auf die Stelle zu, wo die schmale, fast zu Füssen von Burg
Rodenstein liegende Holzbrücke nach dem andern Ufer hinüberführte. Drüben aber
nahmen sie nicht Aufstellung en ligne, sondern im Halbkreis, und stimmten hier,
umleuchtet von dem Lichte des hinscheidenden Tages, den Scheffelschen
»Rodensteiner« an:
»Das war der Herr von Rodenstein,
Der sprach: Dass Gott mir helf,
Gibt's nirgends mehr 'nen Tropfen Wein
Des Nachts um halber zwölf?
Raus da, raus da,
Raus aus dem Haus da,
Herr Wirt, dass Gott mir helf.«
Unsre hoch oben stehenden Freunde horchten weiter, aber es blieb bei dieser
Strophe. Die Turner brachen mitten im Singen ab, lachten und lärmten und konnten
sich an ihrem endlos wiederholten »Raus da, aus dem Haus da« kein Genüge tun.
    Von dem Tempelchen her aber klatschte man jetzt Beifall, und der alte, ganz
aus dem Häuschen geratene Präzeptor verschwor sich ein Mal über das andere, ein
Fass »Echtes« auflegen und die jungen Leute zu Gaste laden zu wollen.
    Aber diese, die den Gesang nur im Anblick der Gastausinschrift Zum
Rodenstein improvisiert hatten, begnügten sich, zum Gegengruss ihre Mützen zu
schwenken, und marschierten gleich danach in den Wald hinein und auf Treseburg
zu.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Eginhard und der Emeritus hatten vor, auf Schloss Rodenstein zu bleiben, um
anderntags einen »überaus lohnenden« Ausflug erst nach Rübeland und dann in
weitem Bogen nach Kloster Michelstein hin zu machen, die St. Arnauds ihrerseits
aber, und mit ihnen selbstverständlich auch Gordon, waren entschlossen, noch am
selben Abende nach Tale zurückzukehren. Ein Blick auf die Bettbestände hatte
nämlich der gnädigen Frau, schon im Laufe des Nachmittags, die nur zu gewisse
Gewissheit gegeben, dass von einem Nachtquartier an dieser sonst so reizenden
Stelle nicht wohl die Rede sein könne, was denn auch, als man bei
Sonnenuntergang von dem Aussichtstempelchen wieder hinunterstieg, St. Arnaud
veranlasste, dem Eseljungen die nötigen Befehle zu Sattlung und raschem Aufbruch
zukommen zu lassen, während er für sich persönlich ein Pferd aus den Altenbraker
Beständen erbat. »Denn er teile nicht die Passion für Eselreiterei.«
    »Dann bitt ich den Herrn Präzeptor«, setzte Cécile mit einer ihr sonst nicht
eignen Bestimmteit hinzu, »den Eseljungen überhaupt ablohnen und statt des
einen Pferdes drei beschaffen zu wollen.«
    »Ei, ei«, lachte St. Arnaud, einigermassen überrascht über diese
Bestimmteit, während der kaum minder verwunderte Gordon in Cécile drang, das
Bequemere doch nicht ohne Not aufgeben zu wollen.
    Aber Cécile blieb fest und sagte: »Darin finden Sie sich nicht zurecht, Herr
von Gordon; dazu muss man verheiratet sein. Die Männer sitzen ohnehin auf dem
hohen Pferd; schlimm genug; reitet man aber gar noch aus freien Stücken zu Esel
neben ihnen her, so sieht es aus wie Guteissung ihres de haut en bas. Und das
darf nicht sein.«
    In dieser Weise stritt man noch eine Weile, bis Gordon in einem ihn
treffenden Streifblicke zu lesen glaubte: »Tor. Um deinetwegen.«
    Eine Viertelstunde später erschienen die Pferde; man nahm Abschied und
wandte sich auf die Holzbrücke zu, die die Turner vor ihnen passiert hatten. Im
Herankommen aber wahrnehmend, dass die Balken- und Bretterlage viel zu schwach
sei, durchritt man den Fluss, von dessen andrem Ufer aus alle drei noch einmal
nach Burg Rodenstein hinübergrüssten.
    Der Weg drüben schlängelte sich zunächst eine Waldhöhe hinauf, bald aber
stieg er wieder zur Bode nieder und folgte deren Windungen. Unter den
überhängenden Zweigen lag bereits Dämmerung, und minutenlang war nichts Lebendes
um sie her sichtbar, bis plötzlich, in nur geringer Entfernung von ihnen, ein
schwarzer Vogel aus dem Waldesschatten hervorhüpfte, wenig scheu, ja beinahe
dreist, als woll er ihnen den Weg sperren. Endlich flog er auf, aber freilich
nur, um sich dreissig Schritte weiter abwärts abermals zu setzen und daselbst
dasselbe Spiel zu beginnen.
    »Eine Schwarzdrossel«, sagte Gordon. »Ein schönes Tier.«
    »Aber unheimlich.«
    St. Arnaud lachte. »Meine teure Cécile, du greifst vor. Das sind Gefühle,
wenn man sich im Walde verirrt hat. Aber dies Stück Romantik wird uns erspart
bleiben, ja nicht einmal eine regelrechte Gruselnacht, in der man die Hand nicht
vor Augen sieht, steht uns bevor. Sieh nur, da drüben hängt noch das Abendrot,
und schon kommt der Mond herauf, als ob er auf Ablösung zöge. Lass die
Schwarzdrossel. Sie begleitet uns, weil sie froh ist, Gesellschaft zu finden.
Frage nur Herrn von Gordon.«
    »Ich möchte doch mehr der gnädigen Frau zustimmen«, sagte dieser. »Alle
Vögel, mit alleiniger Ausnahme der Spatzen, exzellieren in etwas eigentümlich
Geheimnisvollem und beschäftigen unsere Phantasie mehr als andere Tiere. Wir
leben in einer beständigen Scheu vor ihnen, und es gibt eigentlich weniges auf
der Welt, was mir soviel Respekt einflösste wie zum Beispiel ein grauer Kakadu,
Professoren der Philosophie folgen erst in weiterem Abstand. Und nun gar Storch
und Schwalbe! Wer hätte den Mut, einer Schwalbe was zuleide zu tun oder einen
Storch aus dem Neste zu schiessen?«
    »Ah, die Menschen sind Heuchler«, sagte der Oberst. »Heuchler und Pfiffici
zugleich. Sie stellen allemal das in ihren Schutz, was sie nicht brauchen
können. Ich habe noch nie von Storchbraten gehört, und die gastrosophischen
Versuche mit dem ebenfalls gefeiten Schwan sind bis dato regelmässig gescheitert.
Aber Bekassinen und Krammetsvögel! Sie schmecken viel zu gut, als dass man
Veranlassung gehabt hätte, sie heiligzusprechen.«
    Unter solchem Gespräche war man bis an die Treseburger Brücke gekommen und
sah auf das am andern Ufer, unmittelbar neben dem Fluss hin, reizend gelegene
Gastaus »Zum weissen Hirsch«. Einige der hier aufgestellten Tische hatten
Windlichter, die meisten aber begnügten sich mit dem hellen Scheine, den der
Mond gab.
    »Wollen wir hinüber?« fragte der Oberst.
    Aber Cécile war dagegen. Der Weg drüben sei doch mutmasslich derselbe, den
sie schon am Vormittage gemacht hätten, und sie habe keine Sehnsucht, noch
einmal an Todtenrode vorüberzukommen.
    »Also diesseits!«
    Und damit lenkte St. Arnaud in einen schluchtartigen Weg ein, der in
ziemlicher Steile zu dem zwischen Treseburg und Tale sich ausdehnenden Plateau
hinaufstieg.
    Oben war nichts als Gras und Acker, zwischen denen ein schmaler Weg lief,
nur gerade breit genug, um in gleicher Linie nebeneinander bleiben zu können.
Die Schatten aller drei fielen vorwärts auf den wie Silber blitzenden Weg, und
diesem ihrem Schatten ritten sie nach. Meist im Schritt. Die Luft ging kalt, und
Cécile begann zu frösteln, weshalb ihr Gordon ein Plaid reichte, das er bis
dahin über die Kruppe seines Pferdes geschnallt hatte.
    »Nimm's nur«, sagte St. Arnaud. »Herr von Gordon wird dich kunstgerecht
damit drapieren; das ist er seinem Clan Gordon schuldig. Und dann haben wir dich
als Hochlandserscheinung zwischen uns. Lady Macbet oder dergleichen. Nur der
Reitut fällt aus dem Stil.«
    Aber Cécile beschränkte sich darauf, zur Eil anzutreiben, und nicht lange,
so war eine Wegkreuzung erreicht, von der aus man, in Entfernung von wenig mehr
als fünfzig Schritt, eines Denkmals ansichtig wurde.
    »Was ist das?« sagte der Oberst und ritt auf das Denkmal zu, während Gordon
und Cécile langsameren Schritts ihren Weg fortsetzten.
    »Lockt Sie's nicht auch?« fragte Cécile mit einem Anfluge von Spott und
bittrer Laune. »St. Arnaud sieht mich frösteln und weiss, dass ich die Minuten
zähle. Doch was bedeutet es ihm?«
    »Und ist doch sonst voll Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme.«
    »Ja«, sagte sie langsam und gedehnt. Und eine Welt von Verneinung lag in
diesem Ja. Gordon aber nahm ihre lässig herabhängende Hand und hielt und küsste
sie, was sie geschehen liess. Dann ritten beide schweigend nebeneinander her, bis
sich St. Arnaud ihnen wieder gesellte.
    »Was war es?« fragte Cécile.
    »Das Denkmal eines alten Oberforstmeisters.«
    »Den hier ein Wilddieb erschossen?«
    »Nein, weniger sensationell. Er starb ruhig in seinem Bett.«
    »Und hiess?«
    »Pfeil.«
    »Ah, Pfeil. Graf Pfeil?«
    »Nein«, lachte St. Arnaud, »bloss Pfeil. Die Natur hat mitunter ihre
demokratischen Launen. Übrigens war er, aller Bürgerlichkeit ungeachtet, eine
grosse Forst-Autorität, und einer unsrer berühmtesten landwirtschaftlichen Sätze
rührt von ihm her.«
    »Und welcher, wenn ich fragen darf?«
    »Dass die Vermählung von Sumpf und Sand unter Umständen eine besonders feine
Kultur schaffe. Sumpf an und für sich sei nicht zu gebrauchen und Sand an und
für sich auch nicht, aber dass der liebe Gott in seinem notorischen
Lieblingslande Mark Brandenburg beide dicht nebeneinandergelegt habe, das sei
für eben diese Mark und natürlich auch für die Menschheit eine besondere Gnade
gewesen, und die ganze preussische Geschichte sei sozusagen aus diesem Gnadenakt
hervorgegangen. Da hast du den berühmten Pfeilschen Agrikultur-Satz, der
vielleicht ein bisschen zu geistreich ist. Denn unvermischter Pyritzer Weizacker
bleibt schliesslich immer das Beste, jedenfalls besser als die Vermählung von
Sumpf und Sand. Aber nun Trab, dass wir warm werden und vorwärts kommen.«
    Und im Fluge ging es weiter über das Plateau hin, abwechselnd an Bäumen und
Felszacken und dann wieder an Kreuzwegen und Wegweisern vorüber. An einem stand:
»Nach dem Hexentanzplatz«, und St. Arnaud wies darauf hin und sagte: »Wollen wir
einen Contre mitmachen? Oder bist du für Extratouren?«
    Es klang übermütig und spöttisch, und sie bog sich bei seiner Annäherung
unwillkürlich zur Seite.
    Der Oberst aber war in der Laune, sich gehenzulassen, und fuhr in dem einmal
angeschlagenen Tone fort: »Sieh nur, wie das Mondlicht drüben auf die Felsen
fällt. Alles spukhaft; lauter groteske Leiber und Physiognomien, und ich möchte
wetten, alles, was dick ist, heisst Mönch, und alles, was dünn ist, heisst Nonne.
Wahrhaftig, Herr von Gordon hatte recht, als er den ganzen Harz eine Hexengegend
nannte.«
    Gleich danach waren sie bis an den Vorsprung gekommen, von dem aus sich der
Plateauweg wieder senkte. Die Pferde wollten in gleicher Pace vorwärts, aber
ihre Reiter, überrascht von dem Bilde, das sich vor ihnen auftat, strafften
unwillkürlich die Zügel. Unten im Tal, von Quedlinburg und der Teufelsmauer her,
kam im selben Augenblicke klappernd und rasselnd der letzte Zug heran, und das
Mondlicht durchleuchtete die weisse Rauchwolke, während vorn zwei Feueraugen
blitzten und die Funken der Maschine weit hin ins Feld flogen.
    »Die Wilde Jagd«, sagte St. Arnaud und nahm die Tête, während Gordon und
Cécile folgten.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Als sich unsere Reiter eine Viertelstunde später dem Hotel näherten, sahen sie
deutlich, dass der letzte Zug viel Gäste gebracht haben musste, denn der grosse,
nach der Parkwiese hinaus gelegene Balkon zeigte noch das bunteste Leben. Alles
stand in Licht, und in dem Lichte hin und her bewegten sich die Kellner. Einer
trug eine grosse, hoch aufgebaute Teemaschine, was zweifellos bedeutete, dass
Engländer oder Holländer angekommen sein mussten.
    »Sieh, Pierre«, sagte Cécile, die sich angesichts dieses lachenden Bildes
rasch wieder erheiterte. »Das ist hübsch, dass wir noch Leben vorfinden.«
    Und gleich danach hielten alle drei vor dem Vorbau, hoben sich aus den
Sätteln und traten in das Vestibül. Eine Welt von Koffern und Reisetaschen lag
hier bunt durcheinander, und als Cécile die Treppe hinaufstieg, tat ihr die
Wärme wohl, die die Gasflammen ausstrahlten.
    »Ich denke, wir nehmen den Tee noch gemeinschaftlich auf dem Balkon. Nicht
wahr, Herr von Gordon?«
    Und wirklich, binnen kürzester Frist sassen unsere Freunde mit unter den
Gästen, und zwar an demselben Tisch, an dem sich ihre Bekanntschaft, vor wenig
Tagen erst, eingeleitet hatte. Cécile, die sich inzwischen umgekleidet, trug,
halb vorsichts-, halb eitelkeitshalber, ein mit Pelz besetztes Jacquet, das ihr
vortrefflich stand und mit dazu beitrug, sie zum Gegenstand allgemeiner
Aufmerksamkeit zu machen. Nichts davon entging ihr, und ihre wohlige Stimmung
wuchs bis zu dem Moment hin, wo sie, nach eingenommenem Tee, den nur noch von
wenig Gästen besetzten Balkon am Arme St. Arnauds verliess.
Es schlug elf vom Dorfe her, als Gordon in sein einfaches, im linken Flügel
gelegenes Zimmer trat, um sich's hier, wie seine Gewohnheit war, schon vor dem
Schlafengehen in einer Sofaecke bequem zu machen. Er war aber noch viel zu sehr
bestürmt und aufgeregt, um sich dieser Bequemlichkeit länger als eine Minute
hingeben zu können, und so stand er wieder auf, um zu dem schon offenstehenden
Fensterflügel auch noch den zweiten zu öffnen. Unter ihm lag ein mit Levkojen
und Reseda besetztes Rondel, und er sog den in einem starken Strom
heraufziehenden Duft begierig ein. Alles war still; die Bosquets, die den
Gartenstreifen einfassten, standen in tiefem Schatten, und nur an einer einzigen,
dem Zimmer der St. Arnauds gegenübergelegenen Stelle zeigte sich der Schatten
durch einen Lichtstreifen unterbrochen. Gordon sah darauf hin, als ob er die
Geheimnisse der kleinen Welt, die Cécile hiess, aus diesem Lichtstreifen
herauslesen wolle. Dann aber überkam ihn ein Lächeln, und er sagte zu sich
selbst: »Ich glaube gar, ich werde der Narr meiner eigenen Wissenschaft und
verfalle hier in Spektralanalyse. Poor Gordon! Die Sonne mag ihre Geheimnisse
herausgeben, aber nicht das Herz. Und am wenigsten ein Frauenherz.«
    Unter solchem Selbstgespräche trat er vom Fenster zurück und liess alles, was
der Tag gebracht, noch einmal an seiner Seele vorüberziehen. Wieder vernahm er
das heitere Lachen, mit dem sie bei Tisch die Schmerlen-Reime begleitet hatte,
wieder sah er das mondbeschienene Plateau, darauf sie heimritten, hörte wieder
das langgedehnte »Ja«, das doch ein kurzes »Nein« war, und fühlte noch einmal
den erwidernden Druck ihrer Hand. Und dabei kehrten ihm alle Betrachtungen und
Fragen zurück, denen er schon in seinen Zeilen an die Schwester Ausdruck gegeben
hatte. »Was ist es mit dieser Frau? So gesellschaftlich geschult und so naiv!
Sie will mir gefallen und ist doch ohne rechte Gefallsucht. Alles gibt sich mehr
aus Gewohnheit als aus Coquetterie. Sie hat augenscheinlich in der vornehmen
Welt gelebt, vielleicht in einer allervornehmsten, und hat Auszeichnungen und
Huldigungen erfahren, aber wenig echte Neigung und noch weniger Liebe. Ja, sie
hat ein Verlangen, eine Sehnsucht. Aber welche? Mitunter ist es, als sehne sie
sich, von einem Drucke befreit zu werden oder von einer Furcht und innerlichen
Qual. Ist ihr St. Arnaud diese Furcht? Ist er ihr eine Qual? Nein; er hat nichts
von einem Quälgeist, trotzdem sie heute seine Courtoisie zu bestreiten schien.
Aber das sind Stimmungen, und ich habe sie, wie heute voll Ablehnung, so auch
ebenso voll Dank und Hingebung gegen ihn gesehen. Und doch eine Wolke! Sie hat
eine Geschichte, oder er, oder beide, und die Vergangenheit wirft nun ihre
Schatten.«
    In diesem Augenblicke schwand drüben der Lichtstreifen auf dem Bosquet.
    »Es soll dunkel bleiben.«
    Und er schloss das Fenster und suchte die Ruhe.
Die kam ihm nicht gleich, aber als sie kam, schlief er fest, und die Sonne war
schon an seinem Fenster vorüber, als er aufwachte. Nach der Uhr sehend, sah er,
dass der Zeiger bereits auf acht wies, und er sprang nun rasch aus dem Bett.
    Seine Toilette war erst halb beendet, als es klopfte.
    »Herein.«
    Der Portier übergab ihm ein Telegramm, zugleich Entschuldigungen
vorbringend. Es sei schon gestern nachmittag gekommen, als die Herrschaften noch
auf der Altenbraker Partie gewesen seien. Und nachher sei's vergessen worden.
Herr von Gordon möge verzeihen.
    
    Gordon lächelte. Telegramme hatten längst aufgehört, eine besondere
Wichtigkeit für ihn zu haben, und so kam es, dass er auch jetzt noch eine Minute
vergehen liess, ehe er den Zettel überhaupt öffnete. Sein Inhalt lautete:
»Bremen, 15. Juli. Wegen des neuen Kabels abgeschlossen. Wir erwarten Sie
morgen.« Eine Welt widerstreitender Empfindungen drang auf ihn ein, als er auf
diese Weise den ihm während der letzten Tage so lieb gewordenen Aufentalt in
Tale so plötzlich abgebrochen sah. Aber das Angenehme, Beruhigende,
Zufriedenstellende wog in diesem Widerstreit der Gefühle doch schliesslich vor.
»Gott sei Dank, ich bin nun aus der Unruhe heraus und vielleicht aus noch
Schlimmerem. Wer sich in Gefahr begibt, kommt drin um, und mit unserer
Festigkeit und unseren guten Vorsätzen ist nicht viel getan. Eine gnädige Hand
muss uns bewahren, von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Führe uns nicht in
Versuchung. Wie wahr, wie wahr. Mein gutes Glück interveniert mal wieder und
meint es besser mit mir als ich selbst.«
    Und er klingelte.
    »Mein Frühstück und meine Rechnung... Sind Oberst St. Arnaud und Frau schon
auf dem Balkon?«
    »Ja, Herr Baron.«
    Er liess sich die Rangerhöhung gefallen und fuhr fort: »Und der nächste Zug
nach Hannover?«
    »Neun Uhr zwanzig.«
    »Ah, da hab ich noch Zeit vollauf.«
    Und er hob, als er wieder allein war, den Koffer auf den Ständer und begann
zu packen. Die Raschheit, mit der er dabei verfuhr, zeigte den Vielgereisten,
und der vom Zimmerkellner mittlerweile gebrachte Kaffee hatte noch eine mittlere
Temperatur, als auch alles schon fertig und der ins Schloss gedrückte Koffer samt
Schirm und Plaid beiseite geschoben war.
    Gordon sah nach der Uhr.
    »Neun. Also noch zwanzig Minuten: fünfzehn für mein Frühstück und fünf für
den Abschied. Etwas wenig. Aber je weniger, desto besser. Was soll man sich
sagen? Abschiedsworte müssen kurz sein wie Liebeserklärungen. Das Beste hält
nicht lange vor und sträubt sich gegen Dauer: der erste Moment ist poetisch, der
zweite kaum noch und der dritte gewiss nicht mehr. Und weil man das fühlt und ein
schlechtes Gewissen hat, so wird man lügnerisch und heuchelt und übertreibt. Und
das mag ich nicht. Ich will mich nicht selbst um die schönen Eindrücke dieser
Tage bringen und will gehobenen Herzens und ohne alles Redensartliche von ihr
gehen. Ich will mich ihrer erinnern, wie, wie... Nun wie... Nun, nur um 's
Himmels willen nichts von kindischen Vergleichen. Und doch, woran erinnert sie
mich? An wen? Oder an welches Bild?«
    Und er wiegte den Kopf, nachsinnend, hin und her. Endlich schien er es
gefunden zu haben: »Ja, das ist es. Ich habe mal ein Bild von Queen Mary
gesehen, ich weiss nicht mehr genau wo, war es in Oxford oder in Hampton-Court
oder in Edinburgh-Castle. Gleichviel, es war die schottische Königin, meine arme
Landsmännin. Etwas Katolisches, etwas Glut und Frömmigkeit und etwas
Schuldbewusstsein. Und zugleich ein Etwas im Blick, wie wenn die Schuld noch
nicht zu Ende wäre. Ja, daran erinnert sie mich. Und der alte Oberst! Nun! der
könnte den Botwell aus dem Stegreif spielen. Wahr und wahrhaftig. Ob er
irgendeinen Darnlei hat in die Luft fliegen lassen? Es wäre leichtsinnig, sich
für das Gegenteil verbürgen zu wollen. Aber weg mit solchen
Pulverfass-Reminiszenzen. Ich will hier mit etwas Heitererm abschliessen.«
    Und unter solchem Selbstgespräche trat er noch einmal ans offene Fenster und
sah, über die zunächstgelegene kleine Gartenanlage fort, in das Flachland
hinaus, an dessen äusserstem Rande die Türme von Quedlinburg aufragten. Er blieb
eine Minute lang im Anblick derselben und nahm dann Hut und Stock, um sich bei
den St. Arnauds zu verabschieden. Aber diese waren nicht mehr auf dem Balkon,
sondern promenierten bereits im Park unten und schritten eben auf ihre
Lieblingsbank zu, die, von Flieder und Goldregen halb überwölbt, den Blick auf
den Bahnhof frei hatte.
    »Bitte«, so wandte er sich an den Oberkellner, »lassen Sie meine Sachen
hinüberschaffen.«
    Und nun ging er auf die Bank zu, wo St. Arnaud und Cécile mittlerweile Platz
genommen hatten. Boncoeur war mit da, lag aber diesmal nicht zur Seite, sondern
in Front, in vollem Sonnenschein. Als er Gordon kommen sah, hob er einen
Augenblick den Kopf, ohne sich im übrigen zu rühren.
    »Ah, Herr von Gordon«, sagte der Oberst. »So spät. Ich dachte, Sie wären ein
Frühauf. Meine Frau hat Ihnen in den letzten zehn Minuten mindestens ebenso
viele Krankheiten angedichtet. Ich wette, sie schwärmte schon in der Vorstellung
einer allerchristlichsten Krankenpflege.«
    »Der ich mich nun rasch und undankbar entziehe.«
    »Wie das?«
    »Ein eben erhaltenes Telegramm ruft mich fort, und ich komme, mich zu
verabschieden.«
    Gordon sah, wie Cécile sich verfärbte. Sie bezwang sich aber, warf mit dem
Schirm ein paar Steinchen in die Luft und sagte: »Sie lieben Überraschungen,
Herr von Gordon.«
    »Nein, meine gnädigste Frau, nicht Überraschungen. Erst seit einer Stunde
weiss ich davon, und es lag mir daran, über das, was nun sein muss, so schnell wie
möglich hinwegzukommen. Was sag ich Ihnen noch? Ich werde diese Tage nie
vergessen und würde mich glücklich schätzen, sie früher oder später, sei's hier
oder in Berlin oder irgend sonstwo in der Welt, wiederkehren zu sehen.«
    Cécile sah vor sich hin, und eine peinliche Stille folgte, bis St. Arnaud
artig, aber nüchtern erwiderte: »Worin sich unsere Wünsche begegnen.«
    In diesem Augenblicke läutete die Glocke drüben zum zweiten Male.
    »Das gilt mir. Adieu, meine gnädigste Frau. Au revoir, Herr Oberst.«
    Und Gordon, den Hut lüftend, ging auf den Bahnhof zu, der nur durch eine
hohe Hecke von der Parkwiese getrennt war. Vor einem der hier eingeschnittenen
Durchgänge blieb er noch einmal stehen, verneigte sich und grüsste militärisch
hinüber. Der Oberst erwiderte den Gruss in gleicher Weise, während Cécile dreimal
mit dem Taschentuch winkte.
    Keine Minute mehr, und der Pfiff der Lokomotive schrillte durch die Luft.
Boncoeur aber sprang auf und legte seinen Kopf in den Schoss der schönen Frau.
dabei schien er sagen zu wollen: »Lass ihn ziehen: ich bleibe dir und - bin
treuer als er.«
 
                              Siebzehntes Kapitel
Gordon war allein im Coupé und nahm einen Rückwärtsplatz, um so lange wie
möglich einen Blick auf die Berge zu haben, zu deren Füssen er so glückliche Tage
verbracht hatte. Hundert Bilder, während er so hinstarrte, zogen an ihm vorüber,
und inmitten jedes einzelnen stand die schöne Frau. Gedanken, Betrachtungen
kamen und gingen, und auch der Abschiedsmoment stellte sich ihm wieder vor die
Seele.
    »Dieser Abschied«, sprach er vor sich hin, »ich wollt ihn abkürzen, um nicht
in armselige Redensarten zu verfallen, und doch war mein letztes Wort nichts
andres. Auf Wiedersehen! Alles Phrase, Lüge. Denn wie steht es damit in
Wahrheit? Ich will sie nicht wiedersehen, ich darf sie nicht wiedersehen; ich
will nicht Verwirrungen in ihr und mein Leben tragen.«
    Er wechselte den Platz, weil die just eine starke Biegung machende Bahn ihm
den Blick auf die Berge hin entzog. Dann aber fuhr er in seiner Betrachtung
fort: »Ich will sie nicht wiedersehen, so sag ich mir. Aber schliesslich, warum
nicht? Sind Verwirrungen denn unausbleiblich? Lady Windham in Delhi war nicht
älter als Cécile, und ich selbst war um fünf Jahre jünger als heut, und doch
waren wir Freunde. Niemals, in den nun zurückliegenden Tagen, hab ich mir im
Umgange mit der liebenswürdigen Lady misstraut und ihr selbst noch weniger. Also
warum kein Wiedersehen mit Cécile? Warum nicht Freundschaft? Was in einer
indischen Garnisonstadt möglich war, muss noch viel möglicher sein innerhalb der
Zerstreuungen einer grossen Residenz. Sind doch Einsamkeit und Langeweile so
recht eigentlich die Gevatterinnen, die die Liebestorheit aus der Taufe heben.«
    Er warf die Zigarette fort, lehnte sich zurück und wiederholte: »Warum nicht
wiedersehen?« Aber er konnte weder Ruhe noch Trost aus dieser Frage schöpfen.
»Ach, dass ich von der Frage nicht loskomme, das ist eben das Missliche, das gibt
die Vorwegentscheidung. Ich entsinne mich eines Rechtsanwalts, der mir einmal
beim Schoppen erzählte: Wenn wer zu mir kommt und im Eintreten schon anhebt Ich
habe da was geschrieben und wollte nur noch von ungefähr anfragen, ob vielleicht
eine Stelle..., so ruf ich ihm schon von weitem zu: Streichen Sie die Stelle.
Sie würden mich nicht fragen, wenn Sie nicht ein schlechtes Gewissen hätten. Und
dass ich immer wieder frage, warum nicht Freundschaft?, das ist mein schlechtes
Gewissen, das beweist mir, dass es nicht geht und dass ich den Gedanken daran
fallenlassen muss. Cécile lebt nicht für Kränzchen und Flora-Konzerte, soviel
steht fest; ob die Natur sie so schuf oder ob das Leben sie so bildete, gilt
gleich. Möglich, ja wahrscheinlich, dass sie sich zeitweilig nach Idyll und
Herzensgüte sehnt, aber sie schätzt instinktiv einen jeden nach seinen Mitteln
und Gaben, und ich wäre der Lächerlichkeit verfallen, wenn ich meinen Ton ihr
gegenüber plötzlich auf Kunstausstellung und Tagesneuigkeiten oder gar auf den
vorlesenden Freund stellen wollte. Was sie von mir erwartet, sind Umwerbungen,
Dienste, Huldigungen. Und Huldigungen sind wie Phosphorhölzer, eine zufällige
Friktion, und der Brand ist da.«
    Solche Betrachtungen begleiteten ihn und kamen ihm während seines Bremer
Aufentalts allabendlich wieder, wenn er, nach den Geschäften und Mühen des
Tages, seinen Spaziergang am Bollwerk hin machte. Seine Vorsätze blieben
dieselben, aber freilich seine Neigungen auch, und als er eines Tages, wo diese
Neigungen mal wieder stärker als die Vorsätze gewesen waren, in seine Wohnung
heimkehrte, schob er ein Tischchen an die Balkontür seines nach dem Flusse hin
gelegenen Zimmers und setzte sich, um an Cécile zu schreiben.
    Es war eine kostbare Nacht, kein Lüftchen ging, und auf den vorüberflutenden
Strom fielen von beiden Ufern her die Quai- und Strassenlichter; die Mondsichel
stand über dem Rataus, immer stiller wurde die Stadt, und nur vom Hafen her
hörte man noch Singen und den Pfiff eines Dampfers, der sich, unter Benutzung
der Flut, zur Abfahrt rüstete.
    Rasch flog Gordons Feder über die Seiten hin, und die weiche Stimmung, die
draussen herrschte, bemächtigte sich auch seiner und fand in dem, was er schrieb,
einen Ausdruck.
Die Verhandlungen in Bremen währten länger als erwartet und kamen erst zum
Abschluss, als eine nach den friesischen Inseln hin unternommene Reise die bis
dahin bezweifelte Durchführbarkeit des Unternehmens bewiesen hatte. Gordon
lernte bei der Gelegenheit Sylt und Föhr kennen, auch Nordernei, woselbst er
emsig nach den St. Arnauds forschte, die, dessen entsann er sich, den Plan
gehabt hatten, ihre Sommertour auf Nordernei zu beschliessen. Er ging aber
vergeblich die Fremdenliste durch und war endlich froh, die Insel, der er seine
Missstimmung entgelten liess, nach zweitägigem Aufentalt wieder verlassen zu
können.
    Anfang August war er in Berlin, wo, neben amtlichen und finanziellen
Vorbereitungen, auch allerlei das Technische betreffende Bestellungen und
Kontrakte zu machen waren. Er bezog eine schon Ende Mai, kurz vor seiner Reise
nach Tale, gemietete Wohnung in der Lennéstrasse, wohin er auch alle Briefe zu
richten angeordnet hatte. Leider fand er nichts vor, weder in der Wohnung noch
auf der Post, oder doch nicht das, woran ihm am meisten gelegen war. Eine
schlechte Laune stellte sich ein, aber glücklicherweise nicht auf lange.
    »Tor, der ich bin und immer nur mit meinen Wünschen rechne. Man braucht kein
Menschenkenner zu sein, um zu wissen, dass Cécile keine passionierte
Briefschreiberin ist. Wäre sie das, so wäre sie nicht sie selbst.
Briefeschreiben ist wie Wetterleuchten; da verbljetzt sich alles, und das
Gewitter zieht nicht herauf. Aber Frauen wie Cécile vergegenständlichen sich
nichts und haben gar nicht den Drang, sich innerlich von irgendwas zu befreien,
auch nicht von dem, was sie quält. Im Gegenteil, sie brüten darüber und
überladen sich mit Gefühl bis dann mit einem Male der Funken überspringt. Aber
sie schreiben nicht, sie schreiben nicht.«
    Er schob, während er so sprach, den Sofatisch beiseit und begann
auszupacken. Unter den ersten Sachen war auch eine Schreibmappe, deren Deckel
eine Photographie zeigte, das Bild seiner Schwester. In der Stimmung, in der er
war, sah er sich's an und sagte: »Clotilde. Wie gut sie aussieht. Aber sie
taugt auch nichts. Es muss über drei Wochen sein, dass ich an sie geschrieben. Und
bis heute keine Antwort, trotzdem das Tema nichts zu wünschen übrigliess. Denn
über was schrieben Frauen lieber als über eine andre Frau, und noch dazu, wenn
sie merken, dass man sich für diese andre interessiert. Und doch kein Wort. Ist
ein Brief verlorengegangen? Unsinn, Briefe gehen nicht verloren. Nun, es wird
sich aufklären. Vielleicht liegt mein langes Skriptum irgendwo in Liegnitz,
während Fräulein Schwester noch in der Welt umherfährt.«
    In diesem Augenblicke klopfte es.
    »Herein.«
    Der Eintretende war ein Grossindustrieller, Vorstand einer Fabrik für
Maschinenwesen und Kabeldrähte, dem Gordons Ankunft von Bremen her telegraphiert
worden war und der nicht säumen wollte, sich ihm vorzustellen. Gordon
entschuldigte sich wegen der überall im Zimmer herrschenden Unordnung und bat
den Fremden, einen eleganten Herrn von augenscheinlich weltmännischen Allüren,
in einem der Fauteuils Platz zu nehmen. Der Fremde lehnte jedoch mit vieler
Verbindlichkeit ab und lud seinerseits Gordon ein, ihn nach seiner
Charlottenburger Villa hinaus begleiten und daselbst sein Gast sein zu wollen;
sein Wagen halte bereits vor der Tür, und was Geschäftliches zu sprechen sei,
lasse sich unterwegs verhandeln. »Wir haben dann den Abend für ein Gespräch mit
den Damen.« Seine Frau, so schloss er, die passioniert für Nilquellen und
Kongobecken sei, freue sich ungemein, einen so weitgereisten Herrn
kennenzulernen, und wenn es Afrika nicht sein könne, so werde sie sich auch mit
Persien und Indien zufriedengeben.
    Gordon fühlte sich durch die ganze Sprechweise sehr angeheimelt und nahm an.
Der Abend in Charlottenburg war entzückend gewesen, und Gordon hatte sich wieder
überzeugt, »wie klein die Welt sei«. Gemeinschaftliche Freunde waren entdeckt
worden, in Bremen, England, New York, und zuletzt auch in Berlin selbst. Auch
den Obersten von St. Arnaud kannte man; er habe eine schöne Frau, die schon
einmal verheiratet gewesen sei (sehr hoch hinauf), und habe eines Duells halber
den Abschied nehmen müssen. Unter solchem Geplauder war der Abend vergangen, und
erst lange nach Mitternacht hatte Gordon, in einem Mischzustande von Müdigkeit
und Angeheitertsein, seinen Heimweg angetreten.
    Nun war es Morgen, und er erschrak fast, als er in sein Wohnzimmer trat und
sich hier umsah. Alles lag noch gerade so da, wie's gestern, als der Besuch kam,
gelegen hatte: Wäsche, zerstreut über die Stühle hin, Überzieher und Fracks an
Schrankecken und Fensterriegel gehängt, und der Koffer selbst halb aufgeklappt
zwischen Tür und Ofen. Am buntesten aber sah es auf dem Sofatisch aus, wo
Nagelscheren und Haarbürsten, Eau-de-Cologne-Flaschen und Krawatten ein Chaos
bildeten, aus dessen Zentrum ein rotes Fez und als Überraschung ein
Markt-Astern-Bouquet aufragte, das die Wirtin, vielleicht um sich ihres Mieters
fester zu versichern, mit beinah komischer Sorgfalt in eine blaue Glasvase mit
Silberrand hineingestellt hatte. Nirgends ein Zollbreit Platz. Zu dem allen kam
in eben diesem Augenblick auch noch der Kaffee; Gordon nahm schnell eine Schale
voll und setzte dann das Tablett auf den Bücherschrank.
    »Und nun sollt ich wohl«, hob er an, »in diesem Chaos Ordnung stiften. Aber
ich war so lange nicht in Berlin, wenigstens nicht mit Musse, dass ich ein Recht
habe, mich als einen Fremden anzusehen. Und für einen Fremden ist es immer das
erste, dass er sich ein Kissen aufs Fensterbrett legt und die Häuser und Menschen
ansieht.«
    Und damit trat er wirklich ans Fenster und sah hinaus.
    »Aber Häuser und Menschen in der Lennéstrasse! Da hätt ich mir freilich einen
anderen Stadtteil und vor allem ein anderes Vis-à-vis suchen müssen. Alles ist
so still und verkehrslos hier, als ob es eine Privatstrasse wäre mit einem
Schlagbaum rechts und links. Sei's drum; man muss die Feste nehmen, wie sie
fallen, und die Strassen auch. Im übrigen wird sich schon was finden, das der
Betrachtung aus der Vogelperspektive wert wäre. Das an der Ecke da, das muss der
Schneckenberg sein (Erinnerung aus meinen Collège-Tagen her), und wenn ich Glück
habe, so seh ich auch noch ein Stück von dem Schaperschen Goete. Wahrhaftig, da
blitzt so was zwischen den Bäumen; - au fond sind Bäume besser als Häuser, und
ein bisschen Publikum wird sich auch noch einstellen. Wo Bänke stehen, stehen
auch Menschen in Sicht. Als ich Berlin Ende Mai passierte, schien der
Tiergarten, speziell hier herum, aus lauter roten Kopftüchern und blauweissen
Kinderwagen zu bestehen, und wenn erst die Mittagssonne wieder brennt, werden
auch die roten Kopftücher wieder dasein. Und vielleicht auch die zugehörige
Soldateska. Bis dahin muss ich mich mit dem Schlangenungetüm begnügen, das da,
zehn Ellen lang, im Grase liegt. Ah, jetzt blitzt der Strahl über den Rasen
hin.«
    Er sah noch eine Weile dem Spritzen zu, freute sich, wie sich das
Sonnenlicht in den Tropfen brach, und gab dann seinen Fensterplatz wieder auf,
um endlich Ordnung zu schaffen. Rüstig ging er ans Werk und musste lachen, als
der Kleiderschrank bei jeder Berührung seiner Holzriegel quietschte. »Noch ganz
die alte Zeit. So quietschten sie früher auch. Aber Berlin wird Weltstadt.«
    Und während er so sprach, flogen die Kästen auf und zu, bis, nach Ablauf
einer Stunde, nicht bloss die Stiefel aller Arten und Grade blank aufmarschiert
in einer Ecke standen, sondern auch die Bürsten und sonstigen Reinigungsapparate
des zivilisierten Menschen ihren richtigen Platz gefunden hatten.
    Er ruhte sich einen Augenblick und machte dann Toilette.
    »Wohin? Alte Freunde besuchen, die vielleicht keine mehr sind? Immer
misslich. Also neue, das heisst mit andern Worten die St. Arnauds. Denn andre hab
ich nicht. Aber sind sie da? Dass ich sie vor acht Tagen auf der langweiligen
Insel nicht finden konnte, beweist nicht, dass sie zurück sein müssen. Sie können
sich, statt für Nordernei, mindestens ebensogut für Helgoland oder Scheveningen
entschieden haben. Eins ist wie das andre. Aber mit oder ohne Chance, jedenfalls
kann ich einen Versuch machen.«
    Und er nahm Hut und Stock, um in der St. Arnaudschen Wohnung vorzusprechen.
Diese war auf dem Hafenplatze, so dass der einzuschlagende Weg erst durch ein
Stück Königgrätzer Strasse, demnächst aber über den Potsdamer Platz führte, der
auch heute wieder wegen Kanalisation und Herstellung eines Inselperrons
unpassierbar war. Wenigstens in seiner Mitte. So musste Gordon denn an der
Peripherie hin sein Heil versuchen, was ihn freilich nur in neue Wirrnisse
brachte. Denn es war gerade Markt heute, der, wie gewöhnlich an dieser Stelle,
zwischen Strassendamm und Häuserfront abgehalten wurde. Hier sassen die
Marktfrauen in einer Art Defilee »gekeilt in drangvoll fürchterliche Enge«,
durch welche Gordon nun hindurch musste. Wirklich, das war nichts Leichtes, aber
so schwer es war, so vergnüglich war es auch, und auf die Gefahr hin, überrannt
zu werden, blieb er stehen und musterte die Szenerie. Weit hin standen die
Himbeer-Tienen am Trottoir entlang, nur unterbrochen durch hohe, kiepenartige
Körbe, daraus die Besinge, blauschwarz und zum Zeichen ihrer Frische noch mit
einem Anfluge von Flaum, hervorlugten. In Front aber, und zwar als besondere
Prachtstücke, prangten unförmige verspätete Riesenerdbeeren auf Schachtel- und
Kistendeckeln, und dazwischen lagen Kornblumen und Mohn in ganzen Bündeln, auch
Goldlack und Vergissmeinnicht, samt langen Bastfäden, um, wenn es gewünscht
werden sollte, die Blumen in einen Strauss zusammenzubinden. Alles primitiv, aber
entzückend in seiner Heiterkeit und Farbe. Gordon war ganz hingenommen davon,
und erst als er sich satt gesehen und ein paar kräftige Atemzüge getan hatte,
ging er weiter, um, an der Kötner-Strassen-Ecke rechts einbiegend, auf den
Hafenplatz zuzuschreiten.
    »Sie werden in dem Diebitschschen Hause wohnen. Etwas Alhambra, das passt
ganz zu meiner schönen Cécile. Wahrhaftig, sie hat die Mandelaugen und den tief
melancholischen Niederschlag irgendeiner Zoë oder Zuleika. Nur der Oberst, bei
allem Respekt vor ihm, stammt nicht von den Abenceragen ab, am wenigsten ist er
der poetische Letzte von ihnen. Wenn ich ihn à tout prix in jenen maurischen
Gegenden unterbringen soll, so ist er entweder Abdel-Kader in Person oder ein
Riffpirat von der marokkanischen Küste.«
    Während er noch so vor sich hin plauderte, stand er vor dem St. Arnaudschen
Hause, das aber, wie die Nummer jetzt auswies, nicht das Haus mit der
Alhambrakuppel, sondern ein benachbartes von kaum minderer Eleganz war, wie
gleich sein Eintritt ihm zeigen sollte. Die Stufen waren mit Teppich, das
Gelände mit Plüsch belegt, während die buntbemalten Flurfenster ein mattes Licht
gaben. Eine Treppe hoch angekommen, las er: »Oberst v. St. Arnaud.«
    Er klingelte. Niemand aber kam.
    »Also noch verreist. Ich will's aber doch noch einmal versuchen. Solange die
Herrschaften nicht da sind, sitzen die Dienerschaften auf den Ohren.«
    Und er klingelte wieder.
    Wirklich, ein hübsches Mädchen kam, eine Jungfer, etwas verlegen. Sie schien
in einer intimen Unterhaltung gestört worden zu sein oder doch mindestens in
ihrer Toilette.
    »Die gnädige Frau schon zurück?«
    »Erst heut über acht Tage.«
    »Von Nordernei?«
    »Nein. Von dem Gut.«
    »Ah, von dem Gut«, sagte Gordon, als ob er wisse, dass ein solches existiere.
Dann ging er wieder, nachdem er sein Bedauern ausgesprochen hatte, die
Herrschaften verfehlt zu haben.
    »Also noch auf dem Gut. Das will sagen, auf dem Gute der Frau. Denn Obersten
haben keine Güter. Es gibt zwar Dotationen, aber die kommen erst später, wenn
sie überhaupt kommen.«
    Und damit trat er wieder auf den Platz hinaus.
 
                              Achtzehntes Kapitel
Erst in einer Woche sollte Cécile von dem Gute zurückkehren. Das erschien Gordon
eine lange Zeit, und die Tage wollten kein Ende nehmen, noch weniger die Abende,
was ihm Veranlassung gab, es mit dem Teater zu versuchen. Aber er empfand
wieder ganz die Wahrheit dessen, was ihm einst ein Freund über Teater und
Teaterbesuch gesagt hatte: »Man muss oft hingehen, um Vergnügen daran zu finden;
wer selten hinkommt, leidet unter der Unwahrheit dessen, was er sieht.« Er gab
also den Teaterbesuch wieder auf, vielleicht rascher, als recht und billig war,
und musst es schliesslich noch als ein besonderes Glück ansehen, in dem ihm nahe
gelegenen »Hôtel du Parc« einen ihm zusagenden Platz für Unterbringung seiner
Abende zu finden. Er sass hier oft halbe Stunden lang und länger in dem schmalen
Glaspavillon und las entweder die Zeitungen oder plauderte mit dem Wirt.
    Eines Abends traf er in eben diesem Glaspavillon auch die beiden Berliner
wieder, die, vom »Hotel Zehnpfund« her, ihm noch gut in der Erinnerung waren,
und er würde sicherlich nicht versäumt haben, sie zu begrüssen, wenn sie nicht in
Begleitung ihrer Damen gewesen wären, die, nachdem ihnen ganz ersichtlich
Gordons Name zugetuschelt worden war, sofort Anstandsgesichter aufsetzten und
jeden Versuch ihrer Ehemänner zu Fortführung einer unbefangenen oder gar heiter
ungenierten Unterhaltung energisch ablehnten. In dieser erkünstelten Würde
verharrten sie denn auch bis zuletzt und brachen, nachdem sie sich gegen den sie
begleitenden und ihnen bekannten Wirt nur im letzten Momente noch mit
verstecktem Lächeln verbeugt hatten, unter entsprechender Pomphaftigkeit auf.
    »Kannten Sie die Herrschaften?« fragte Gordon. »Ich war im Juni mit ihnen in
Tale zusammen; das heisst mit den beiden Herren. Da waren sie ganz anders, etwas
laut, etwas sonderbar, so berlinisch.«
    »Ja«, lachte der Wirt. »Das ist immer so. Richtige Berliner gibt es
eigentlich nur noch draussen und auf Reisen. Zu Hause sind sie ganz vernünftig.«
    »Besonders, wenn die Frauen dabei sind.«
    »Ja, dann besonders.«
Zwei Tage später war die Zeit um, wo die St. Arnauds zurück sein wollten, und
Gordon zählte jetzt die Stunden, um am Hafenplatz wieder vorzusprechen. Er
bezwang sich aber und liess abermals drei, vier Tage vergehen, eh er sich
anschickte, seinen Antrittsbesuch zu machen.
    Diesmal nahm er seinen Weg am Wrangelbrunnen und der Mattäikirche vorbei,
welchen Umweg er nur der längeren Vorfreude halber wählte.
    »Nun aber ist es Zeit.« Und damit bog er, vom Schöneberger Ufer her, links
ein und passierte gleich danach die kleine, hier noch aus älterer Zeit her den
Verkehr nach dem Hafenplatz hin vermittelnde Dreh-und Gitterbrücke. Schon von
fern her sah er nach der Beletage hinauf und nahm nicht ohne Sorge wahr, dass die
zusammengesteckten Gardinen nach wie vor die ganze Fensterbreite verdeckten. Als
er aber die Treppe hinaufstieg und den letzten Absatz derselben glücklich
erreicht hatte, liess ihm die den Türrahmen einfassende Laubgirlande keinen
Zweifel mehr, dass die Herrschaften zurückgekehrt sein müssten. Oben angekommen,
fuhr er mit leiser Hand über das schon halb trockene Laub hin und sagte, wie
wenn er an dem Raschelton die Zeit gemessen habe: »Drei Tage.«
    Nun erst zog er die Glocke. Dasselbe nach Wesen und Sprechart
oberschlesische Mädchen erschien wieder, das ihm schon bei seinem ersten Besuche
geöffnet hatte, diesmal mit bemerkenswerter Raschheit. Er nannte seinen Namen,
und einen Augenblick später kam Antwort: »Die gnädige Frau lasse bitten.«
    Gordon folgte, den Korridor entlang, bis an den sogenannten Berliner Saal,
an dessen Schwelle Cécile bereits stand und ihn begrüsste. Sie sah frischer und
jugendlicher aus als in Tale, welchen Eindruck ein helles Sommerkostüm noch
steigerte. Gordon war wie betroffen, und einer fast ans Sentimentale streifenden
Empfindung hingegeben, nahm er ihre Hand und küsste sie mit Devotion.
    »Herzlich willkommen«, sagte sie. »Und vor allem schönen Dank für Ihren
Brief; er hat mir so wohlgetan. Und wie liebenswürdig, dass Sie Wort halten und
unsrer gedenken.«
    Gordon erwiderte, dass er vor zehn Tagen schon nachgefragt habe.
    »Susanne hat uns davon erzählt. Und die Beschreibung, die sie machte, war so
gut, dass St. Arnaud und ich gleich auf Sie rieten. Aber nun vor allem Pardon,
dass ich Sie nicht in unsren Glanzräumen empfange. Wir sind noch wie zu Gast bei
uns selbst und beschränken uns auf ein paar Hinterzimmer. Ein Glück, dass wir
wenigstens einen leidlich repräsentablen Gartenbalkon haben. Übrigens finden Sie
Besuch. Erlauben Sie, dass ich voraufgehe.«
    Gordon verneigte sich, und einen Augenblick später traten beide, nach
Passierung eines schon im Seitenflügel gelegenen und mit Philodendrons und
andren Blattpflanzen fast überfüllten Raumes, auf einen Vorbau hinaus, der, aus
Stein aufgeführt, mehr einem nach vorn hin offenen Zimmer als einem Balkone
glich. Eiserne Stühle samt Tisch und Etagère standen umher, während auf einer
mit Kissen belegten Gartenbank ein alter Herr mit schneeweissem Haar sass, der
sich, als er Gordons gewahr wurde, von seinem Platz erhob.
    »Erlauben mir die Herren, Sie miteinander bekannt zu machen: Herr von
Leslie-Gordon, Herr Hofprediger Doktor Dörffel. Aber nun, wenn ich bitten darf,
placieren wir uns. Der Stuhl in der Ecke da... wahrscheinlich verstaubt..., aber
gleichviel, helfen Sie sich, so gut es geht. Und nun, Herr von Gordon, bitt ich,
Ihnen ein Glas von diesem Montefiascone einschenken zu dürfen. Oder der Herr
Hofprediger übernimmt es vielleicht; er hat ruhige Nerven und eine sichere Hand,
während ich immer noch das Fingerzittern habe; Meer- und Gebirgsluft haben mir
gleichmässig die Hülfe versagt. Aber nichts von solch unerfreulichen Dingen. Ihr
Wohl, Herr von Gordon.«
    »Und das Ihre, meine gnädige Frau.«
    Cécile dankte. »Erinnern Sie sich noch des Tages, wo wir das letzte Mal so
zusammensassen?«
    »Oh, wie könnt ich des Tages je vergessen.«
    Und er begann nun den Reim zu zitieren, worin Rosa von der »Perlen schönster
Perle« gesprochen hatte.
    Cécile liess ihn aber nicht aussprechen und sagte: »Nein, Herr von Gordon,
Sie dürfen mich nicht in Verlegenheit bringen, und am wenigsten hier vor meinem
väterlichen Freunde. Ja, die Schmerlen und der Rodensteiner. Und als dann die
Turner aufmarschierten! Es war so reizend. Aber das Reizendste von allem ist
doch, dass wir in diesem Augenblicke darüber sprechen und den Herrn Hofprediger
nicht nur in unsre gemeinschaftlichen glücklichen Erinnerungen einweihen,
sondern auch auf Verständnis rechnen können. Denn er hat selber ein gut harzisch
Herz und ist ein Quedlinburger, wenn ich nicht irre.«
    »Nein, meine gnädigste Frau, nur ein Halberstädter.«
    »Nur, nur«, lachte Gordon. »Jedenfalls beneid ich den Herrn Hofprediger um
seine Geburtsstätte.«
    »Zuletzt ist jeder Platz gerade gut genug, um darauf geboren zu werden.«
    »Gewiss. Aber doch der eine vor dem andern. Und wenn ich meinerseits mir
einen Platz hätte wählen können, so hätt ich mir Lübeck gewählt oder Wismar oder
Stralsund, weil ich die Hansa-Passion habe. Gleich nach der Hansa aber kommt der
Strich von Halberstadt bis Goslar. Und als drittes erst kommt Türingen.«
    Der Hofprediger reichte Gordon die Hand und sagte: »Darauf müssen wir noch
eigens anstossen; erst Hansa, dann Harz und dann Türingen. Mir aus der Seele
gesprochen, trotzdem es fast sakrilegisch ist. Denn ein richtiger luterischer
Geistlicher muss eigentlich auch zur Luter-Gegend halten.«
    »Gewiss, zur Luter-Gegend, die die Dioskuren von Weimar uns gleich noch als
Zugabe bringt. Aber der Harz hat nun mal meine ganz besondren Sympatien, und
ich liebe jedes harzische Lied und jede harzische Sage, von Buko von Halberstadt
an bis zu des Pfarrers Tochter...«
    »... von Taubenhayn«, ergänzte der Hofprediger. Aber im selben Augenblicke
wahrnehmend, dass Cécile, wie bei jedem unpersönlich bleibenden Gespräche, voll
wachsender Abspannung dreinsah, brach er rasch ab oder mühte sich wenigstens,
auf etwas Näherliegendes einzulenken. »Ja, der Harz!« fuhr er fort. »Wir sind
ganz d'accord, Herr von Gordon. Und nun gar mein liebes altes Halberstadt, von
dem ich mit dem König von Tule singen möchte, es ging ihm nichts darüber - so
sehr häng ich daran. Und doch, wenn ich mich umtun und einen Fleck Erde nennen
sollte, der vielleicht angetan wär, ihm in meinem Herzen den Rang streitig zu
machen, so wär es unser gutes Berlin. Und worin den Rang streitig macht? Just in
dem, was ihm am meisten abgesprochen wird, in landschaftlicher Schönheit. Bitte,
treten Sie hier heran, Herr von Gordon, hier an diese Brüstung, und dann
urteilen Sie selbst. Wenn Sie den ganzen Harz auf den Kopf stellen, so fällt, so
schön er ist, kein Stück Erde heraus wie das hier.«
    Und wirklich, er durfte so sprechen, denn was sich da, vom ersten Herbste
kaum angeflogen, zu Füssen des Balkons ausbreitete, war eine Art Föderativstaat
von Gärten, zwanzig oder mehr, die, durch niedrige, kaum sichtbare Heckenzäune
voneinander getrennt, ein einziges grosses Blumencarré bildeten: Astern in allen
Farben, aus denen Rondele von Canna indica emporblühten. Die Mittagssonne
blitzte dazwischen, und auf einer ihnen gegenübergelegenen Veranda standen Damen
im Gespräch und fütterten Tauben, die, von einem Nachbarhofe her, auf die
jenseitige Balkonbrüstung geflogen waren.
    »Insel der Seligen«, sagte Gordon vor sich hin und bedauerte doch schon im
selben Augenblicke, das Wort gesprochen zu haben, weil er wahrnahm, wie peinlich
Cécile davon berührt wurde. Doch es ging vorüber, und sich rasch wieder in ihre
gute Laune zurückfindend, sagte sie: »Wissen Sie, dass ich all die Zeit über an
den alten Emeritus und den Professor mit dem sonderbaren Namen gedacht habe.
Braunschweig oder Anhalt war das ewige Tema. War es nicht so? Und nun ist Harz
oder Türingen das erste Gespräch, das ich Sie führen höre. Nein, mein Herr
Professor Aus dem Grunde, zu dem Behufe wollen wir uns nicht wiedergesehen
haben.«
    Gordon versprach feierlichst Besserung, fragte nach dem Obersten und zuletzt
auch nach Rosa, und ob Nachrichten von ihr eingetroffen seien, was bejaht wurde.
Dann erhob er sich, verneigte sich mit vieler Artigkeit gegen den Hofprediger
und empfahl sich, während Cécile nach dem Diener klingelte.
»Nun«, fragte Cécile, »welchen Eindruck haben Sie von ihm empfangen?«
    »Einen guten.«
    »Ohne Einschränkung?«
    »Fast. Er ist klug und gewandt und, wie ich glaube, von untadliger
Gesinnung.«
    »Aber?«
    »Er hat, so lebhaft und sanguinisch er ist, einen eigensinnigen Zug um den
Mund und ist mutmasslich fixer Ideen fähig. Ich fürchte, wenn er sich etwas in
den Kopf gesetzt hat, so will er auch mit dem Kopf durch die Wand. Das
Schottische spukt noch in ihm nach. Alle Schotten sind hartköpfig.«
    »Ich hab ihn umgekehrt immer nachgiebig gefunden und überaus leicht zu
behandeln.«
    »Ja, alltags und in kleinen Dingen.«
    Cécile schwieg sichtlich verstimmt, weshalb der Hofprediger, einlenkend,
fortfuhr: »Im übrigen, meine gnädigste Frau, dürfen Sie Bemerkungen wie diese
nicht ernstafter nehmen, als sie gemacht werden. Alles, was ich gesagt habe,
sind Sentiments und Mutmassungen. Ich bin Hofprediger, aber nicht Prophet, auch
nicht einmal von den kleinen. Und wenn ich recht hätte! Was bedeutet Eigensinn?
Unser Leben ist voller Fallgruben, und wer in die des Eigensinns fällt, fällt
noch immer nicht sonderlich tief. Da gibt es ganz andre. Herr von Gordon, wenn
mich nicht alles täuscht, ist ein Mann von Grundsätzen und doch zugleich frei
von Langweil und Pedanterie. Man erkennt unschwer den Mann, der die Welt gesehen
und die kleinen Vorurteile hinter sich geworfen hat. So recht eine
Bekanntschaft, wie Sie sie brauchen. Denn es bleibt bei meinem alten Satze, Sie
verbringen Ihr Leben einsamer, als Sie sollten.«
    »Im Gegenteil, nicht einsam genug. Was sich Gesellschaft nennt, ist mir
alles Erdenkliche, nur kein Trost und keine Freude.«
    »Weil die Gesellschaft, die sich Ihnen bietet, hinter Ihren Ansprüchen
zurückbleibt. Sie lächeln, aber es ist so, meine gnädigste Frau. Was Sie
brauchen, sind unbefangene Menschen, Menschen, die die Sprache zum Ausplaudern,
nicht aber zum Cachieren der Dinge haben. Und zu diesen Unbefangenen zählt Herr
von Gordon. So wenigstens ist der Eindruck, den ich von ihm empfangen habe.
Pflegen Sie seine Bekanntschaft, und er wird Ihnen das Licht und die Freude
geben, die Sie so schmerzlich vermissen.«
    Sie schüttelte den Kopf.
    Er aber nahm teilnehmend ihre Hand und sagte: »Was ist es wieder, meine
liebe gnädigste Frau? Sie müssen diese Melancholie von sich abtun. Es gehört
nicht zu den Machtmitteln unserer Kirche, den Himmel aufzuschliessen und
seligzusprechen. Aber so wir nur den rechten Glauben haben, so trägt unser
Heiland unsere Schuld. Diese freudige Gewissheit haben wir, und Sie dürfen sich
nicht mit Vorstellungen quälen, die darauf aus sind, diese Gewissheit immer
wieder in Frage zu stellen. Ich weiss wohl, was diesen Ihren beständigen Zweifeln
zugrunde liegt, es ist das, dass Sie, vor Tausenden, in Ihrem Herzen demütig
sind. Und diese Demut soll Ihnen bleiben. Aber es ist doch zweierlei die Demut
vor Gott und die Demut vor den Menschen. In unserer Demut vor Gott können wir
nie zu weit gehen, aber in unserer Demut vor den Menschen können wir mehr tun
als nötig. Und Sie tun es. Es ist freilich ein schöner Zug und ein sicheres
Kennzeichen edlerer Naturen, andere besser zu glauben als sich selbst, aber wenn
wir diesem Zuge zu sehr nachhängen, so verfallen wir in Irrtümer und schaffen,
weit über uns selbst hinaus, allerlei Schädigungen und Nachteile. Damit sprech
ich dem Hochmute nicht das Wort. Wie könnt ich auch? Ist doch Hochmut das recht
eigentlich Böse, die Wurzel alles Übels, fast noch mehr als der Geiz, und hat
denn auch die Engel zu Fall gebracht. Aber zwischen Hochmut und Demut steht ein
drittes, dem das Leben gehört, und das ist einfach der Mut.«
    Er hatte sich erhoben, und beide waren an die Balkonbrüstung getreten, von
der aus sie jetzt die stille, vor ihnen ausgebreitete Blumenwelt überblickten.
Eine Weile schwiegen sie. Dann sagte Cécile: »Mut! Vielleicht hätt ich ihn, wenn
ich nicht in trüben Ahnungen steckte. Die mir jetzt zurückliegenden glücklichen
Tage, welchem Umstande verdank ich sie? Doch nur dem, dass er, den Ihre Güte mir
zum Freunde geben möchte, sieben Jahre lang draussen in der Welt war und ein
Fremder in seiner eigenen Heimat geworden ist. Er weiss nichts von der Tragödie,
die den Namen St. Arnauds trägt, und weiss noch weniger von dem, was zu dieser
Tragödie geführt hat. Aber auf wie lange noch? Er wird sich rasch hier wieder
einleben, alte Beziehungen anknüpfen, und eines Tages wird er alles wissen. Und
an demselben Tage...«
    Sie brach hier ab und schien einen Augenblick zu schwanken, ob sie
weitersprechen solle. Dann aber fuhr sie voll wachsender Erregung fort: »Ja,
mein Freund, er wird eines Tages alles wissen, und an demselben Tage wird auch
der heitere Traum, den ich träumen soll, zerronnen sein. Und, dass ich es sagen
muss, ein Glück, wenn er zerrinnt. Denn wenn er jemals Gestalt gewönne...«
    »Dann? was dann, meine gnädigste Frau?«
    »Dann wäre jeder Tag ein Bangen und eine Gefahr. Denn es verfolgt mich ein
Bild, das ich nicht wegschaffen kann aus meiner Seele. Hören Sie. Wir gingen,
als wir noch in Tale waren, St. Arnaud und ich und Herr von Gordon, eines
Spätnachmittags an der Bode hin und plauderten und bückten uns und pflückten
Blumen, bis mich plötzlich ein glühroter Schein blendete. Und als ich aufsah,
sah ich, dass es die niedergehende Sonne war, deren Glut durch eine drüben am
andern Ufer stehende Blutbuche fiel. Und in der Glut stand Gordon und war wie
davon übergossen. Und sehen Sie, das ist das Bild, von dem ich fühle, dass es mir
eine Vorbedeutung war, und wenn nicht eine Vorbedeutung, so doch zum mindesten
eine Warnung. Ach, mein Freund, suchen wir ihn nicht zu halten, wir halten ihn
nicht zu seinem und meinem Glück. Sie sind der einzige, der es wohl mit mir
meint, der einzige, der reinen Herzens ist, und ich beschwöre Sie, helfen Sie
mir alles in die rechten Wege bringen und vor allem beten Sie mir das Grauen
fort, das auf meiner Seele liegt. Sie sind ein Diener Gottes, und Ihr Gebet muss
Erhörung finden.«
    Sie war unter diesen Worten in ein nervöses Fliegen und Zittern verfallen,
und der Hofprediger, der wohl wusste, dass ihr, wenn diese hysterischen Paroxysmen
kamen, einzig und allein durch ein Ab- und Überleiten auf andere Dinge hin und,
wenn auch das nicht half, lediglich durch eine fast rücksichtslose Herbheit zu
helfen war, sagte, während er sie bis an ihren Platz zurückführte: »Dieser
Überschwang der Gefühle, meine gnädigste Frau, das ist recht eigentlich der böse
Feind in Ihrer Seele, vor dem Sie sich hüten müssen. Das ist nicht Ihr guter
Engel, das ist Ihr Dämon. Überschwenglichkeiten, die sich ins Religiöse kleiden,
ohne religiös zu sein, haben keine Geltung vor Gott, ja, nicht einmal vor dem
Papste. Wovon ich mich selbst einmal überzeugen durfte.«
    Der nüchterne Ton, in dem er dies sagte, machte sie stutzen, aber eine gute
Wirkung, an der die Neugier einigen Anteil haben mochte, war doch für den sie
scharf beobachtenden Hofprediger unverkennbar, und so nahm er denn aufs neue
herzlich und zutulich ihre Hand und wiederholte: »Ja, meine gnädigste Frau,
nicht einmal vor dem Papste, wovon ich mich selbst einmal überzeugen konnte.
Vielleicht erinnern Sie sich, dass ich Hauslehrer und dann Reisebegleiter bei dem
jungen Grafen Medem war und mit ihm nach Rom ging. Als wir daselbst eines Tages
zu Schiff nach Terracina wollten, traf es sich, dass auch der Papst, der alte
Gregor XVI., dieselbe Reise machte, damals schon ein hoher Siebziger. Ich seh
ihn noch, wie er über die Schiffbrücke kam und, umgehen von seinen
Dienerschaften, auf ein Zeltdach zuschritt, das man eben in der Nähe des Steuers
für ihn aufstellte. Kaum aber, dass er sich hier placiert hatte, so drängte sich
auch schon eine die Fahrt mitmachende Frau durch alle Dienerschaften hindurch,
warf sich vor ihm nieder und umfasste seine Knie. Sie war augenscheinlich aus der
Campagna nach der Stadt gekommen und rief jetzt, unter fortwährenden heftigen
Selbstanklagen, die Vergebung des Heiligen Vaters an. Der liess sie denn auch
eine Weile gewähren, als es aber andauerte, trat er zuletzt an den Schiffsrand
und sagte kalt und abwehrend: Una entusiasta.«
    Cécile starrte verwirrt und verstimmt vor sich hin, war aber doch sichtlich
aus dem Bann ihrer Ängste heraus, und so durfte denn der Hofprediger in einem
mit jedem Augenblicke freundlicher werdenden Tone fortfahren: »Und nun zürnen
Sie mir nicht, meine gnädigste Frau, wegen eines Mangels an Rücksichtnahme. Kenn
ich doch Ihren beweglichen und im letzten auch gesunden Sinn und weiss deshalb,
Sie werden sich endgiltig aufrichten an dieser Geschichte. Die Heilslehren
existieren und sollen uns Brot und Wein des Lebens sein. Aber sie sind nicht ein
Schlagwasser oder Riechsalz, um uns in jedem beliebigen Momente plötzlich aus
unserer Ohnmacht aufzuwecken. Es gibt auf diesem Gebiete nichts Plötzliches,
sondern nur ein Allmähliches, auch die geistige Genesung ist ein stilles
Wachsen, und je tiefer Sie sich mit dem Glauben an den Erlösertod Jesu Christi
durchdringen, desto sicherer und fester wird in Ihnen der Friede der Seele
sein.«
 
                              Neunzehntes Kapitel
Während der Hofprediger mit Cécile dies Gespräch führte, schlenderte Gordon am
andern Kanalufer auf seine Wohnung zu, bog aber, als er auf diesem Rückwege die
Pfeiler der die Strasse kreuzenden Eisenbahnbrücke passiert hatte, zunächst nach
links hin in einen wenig belebten Weg ein, um hier, am Potsdamer Bahndamm
entlang, ungehinderter seinen Gedanken nachhängen zu können. Ahnungslos
hinsichtlich des Stimmungsumschlages, der sich, nachdem er den Balkon verlassen,
im Gemüte seiner Freundin vollzogen hatte, war das ihn beherrschende Gefühl
lediglich ein freudiges Staunen über die vorgefundene Wandlung zum Guten und
Gesunden hin. Ja, die Cécile seiner Talenser Tage war eine schöne, trotz aller
Melancholie beständig nach Huldigungen ausschauende Dame gewesen, während die
Cécile von heut eine heitre, lichtvolle Frau war, vor der der Roman seiner
Phantasie ziemlich schnell zu verblassen begann.
    »Was bleibt übrig? Ich glaube jetzt klar zu sehen. Sie war sehr schön und
sehr verwöhnt, und als der Prinz, auf den mit Sicherheit gerechnet wurde, nicht
kommen wollte, nahm sie den Obersten. Und ein Jahr später war sie nervös, und
zwei Jahre später war sie melancholisch. Natürlich, ein alter Oberst ist immer
zum Melancholischwerden. Aber das ist auch alles. Und schliesslich haben wir
nichts als eine Frau, die, wie tausend andre, nicht glücklich und auch nicht
unglücklich ist.«
    Unter solchem Selbstgespräche war er bis an die Bülowstrasse gekommen und
wollte sich eben, unter Benutzung derselben, in weitem Bogen wieder zurück nach
dem Tiergarten schlängeln, als er, in einiger Entfernung, eines Begräbniszuges
gewahr wurde, der nach dem Mattäikirchhofe hinaus wollte. Der gelbe, mit
Kränzen überdeckte Sarg stand auf einem offnen Wagen, in dessen Front ein
schmales, silbernes Kreuz beständig hin und her schwankte. Hinter dem Wagen
kamen Kutschen und hinter den Kutschen ein ansehnliches Trauergefolge. Gordon
wäre gern ausgewichen, aber der gehabten Anwandlung sich schämend, blieb er und
liess den Zug an sich vorbeipassieren. »Es ist nicht gut, die Augen gegen derlei
Dinge zu schliessen, am wenigsten, wenn man eben Luftschlösser baut. Der Mensch
lebt, um seine Pflicht zu tun und zu sterben. Und das zweite beständig
gegenwärtig zu haben erleichtert einem das erste.«
Gordon wuchs sich rasch wieder in Berlin ein und war nur verwundert, nach wie
vor keinen Brief aus Liegnitz eintreffen zu sehn, auch nicht, als er die
saumselige Schwester gemahnt hatte. Seine Verwunderung war aber nicht
gleichbedeutend mit Verstimmung, vielmehr gestand er sich, alles in allem nie
glücklichere Tage verlebt zu haben. Auch nicht in Tale. Wenn es sein konnte,
sprach er täglich bei seiner Freundin vor und erneuerte, dabei die freundlichen,
gleich bei seinem ersten Besuche gehabten Eindrücke. Was ihn einzig und allein
störte, war das, dass er sie nie allein fand. Mitte September traf Céciles
jüngere Schwester auf Besuch ein und wurde ihm als »meine Schwester Katinka«
vorgestellt. Bei diesem Vornamen blieb es. Sie war um mehrere Jahre jünger und
ebenfalls sehr schön, aber ganz oberflächlich und augenscheinlich mehr nach
Verhältnissen als nach Huldigungen ausblickend. Cécile wusste davon und schien
erleichtert, als die Schwester wieder abreiste. Der Besuch hatte nur wenig über
eine Woche gedauert und war niemandem zu rechter Befriedigung gewesen. Auch
Gordon nicht. Desto grössere Freude hatte dieser, als er eines Tages Rosa traf
und von ihr erfuhr, dass sie verhältnismässig häufig im St. Arnaudschen Hause
vorspreche, weshalb es eigentlich verwunderlich sei, sich bis dahin noch nicht
getroffen zu haben. Das müsse sich aber ändern, womit niemand einverstandener
war als Gordon selbst. Und zu dieser Änderung kam es denn auch; man sah sich
öfter, und erschien bei diesen Begegnungen auch noch der in der benachbarten
Linkstrasse wohnende Hofprediger, so steigerte sich der von Rosas Anwesenheit
beinah unzertrennliche Frohsinn, und vom Harz und seinen Umgebungen schwärmend,
erging man sich in Erinnerungen an Rosstrappe, »Hotel Zehnpfund« und Altenbrak.
Der Oberst war selten da, so selten, dass Gordon sich entwöhnte, nach ihm zu
fragen. »Er ist im Club«, hiess es ein Mal über das andre. Der Club aber, um den
sich's handelte, war kein militärischer, sondern ein Haute-Finance-Club, in dem
Billard, Skat und L'hombre mit beinah wissenschaftlichem Ernst gespielt wurde.
Nur die Points hatten eine ganz unwissenschaftliche Höhe.
    Neben Rosa war es der alte Hofprediger, der, wenn man gemeinschaftlich
heimging, über diese kleineren oder grösseren Inkorrekteiten Aufklärung gab,
meistens vorsichtig und zurückhaltend, aber doch immer noch deutlich genug, um
Gordon einsehen zu lassen, dass er es mit seinem in seinem langen Skriptum an die
Schwester im halben Übermute gebrauchten »Jeu-Oberst« richtiger, als er damals
annehmen konnte, getroffen habe. Teilnahme mit Cécile war, wenn er derlei Dinge
hörte, jedesmal sein erstes und ganz aufrichtiges Gefühl, aber eine nur zu
begreifliche Selbstsucht sorgte gleichzeitig dafür, dass dies Gefühl nicht
andauerte. St. Arnaud war nicht da, das war doch schliesslich die Hauptsache, das
gab den Ausschlag, und weder seine Blicke noch seine spöttischen Bemerkungen
konnten das Glück ihres Beisammenseins stören.
    Ja, diese Septembertage waren voll der heitersten Anregungen, und Briefchen
in Vers und Prosa, die von seiten Gordons beinah jeden Morgen an Cécile
gerichtet wurden, sei's, um sie zu begrüssen oder ihr etwas Schmeichelhaftes zu
sagen, steigerten begreiflicherweise das Glück dieser Tage. St. Arnaud
seinerseits gewöhnte sich daran, diese Billets doux auf dem Frühstückstische
liegen zu sehn, und leistete sehr bald darauf Verzicht, von solcher
»Mondscheinpoesie« weitere Notiz zu nehmen. Er lachte nur und bewunderte, »wozu
der Mensch alles Zeit habe«. Cécile selbst, voll Misstrauen in ihre
Rechtschreibung, antwortete nur selten, wobei sie sich zurückhaltender und
ängstlicher als nötig zeigte, da Gordon bereits weit genug gediehen war, um in
einer mangelhaften Ortographie, wenn solche sich wirklich offenbart haben
sollte, nur den Beweis immer neuer Tugenden und Vorzüge zu finden.
 
                              Zwanzigstes Kapitel
So waren vier Wochen vergangen, als Gordon, an einem der letzten Septembertage,
eine Karte folgenden Inhalts erhielt: »Oberst von St. Arnaud und Frau geben sich
die Ehre, Herrn v. Leslie-Gordon zum 4. Oktober zu einem Mittagessen einzuladen.
5 Uhr. Im Überrock. U.A.w.g.«
    Gordon nahm an und war nicht ohne Neugier, bei dieser Gelegenheit den St.
Arnaudschen Kreis näher kennenzulernen. Was er, ausser dem Hofprediger, bis dahin
gesehen hatte, war nichts Hervorragendes gewesen, ziemlich sonderbare Leute, die
sich allenfalls durch Namen und gesellschaftlich sichere Haltung, aber wenig
durch Klugheit und fast noch weniger durch Liebenswürdigkeit ausgezeichnet
hatten. Beinah alle waren Frondeurs, Träger einer Opposition quand même, die
sich gegen Armee und Ministerium und gelegentlich auch gegen das Hohenzollerntum
selbst richtete. St. Arnaud duldete diesen Ton, ohne persönlich mit
einzustimmen, aber dass er ihn überhaupt zuliess, war für Gordon ein Beweis mehr,
dass es keine Durchschnitts-Duellaffaire gewesen sein konnte, was den Obersten
veranlasst oder vielleicht auch gezwungen hatte, den Dienst zu quittieren. Etwas
Besonderes musste hinzugekommen sein.
    Und nun war der 4. Oktober da.
    Gordon, so pünktlich er erschien, fand alle Geladenen, unter denen der
Hofprediger leider fehlte, schon vor und wurde, nachdem er Cécile begrüsst und
ein paar Worte an diese gerichtet hatte, dem ihm noch unbekannten grösseren
Bruchteile der Gesellschaft vorgestellt. Der Erste, dem Range nach, war General
von Rossow, ein hochschultriger Herr mit dünnem Schnurr- und noch dünnerem
Knebelbart, dazu braunem Teint und roten vorstehenden Backenknochen; nach Rossow
folgte: von Kraczinski, Kriegsministerialoberst und polnisch-katolisch,
Geheimrat Hedemeier, hager, spitznasig und süffisant, Sanitätsrat Wandelstern,
fanatischer Anti-Schweninger, und Frau Baronin von Snatterlöw. Gordon verneigte
sich nach allen Seiten hin, bis er Rosas gewahr wurde, der er sich nunmehr rasch
näherte. »Wir sind hoffentlich Nachbarn...« - »Geb es Gott.« Und nun trat er
wieder an Cécile heran, um sich, wegen einiger ihm vorgeworfenen Unklarheiten in
seinem gestrigen Morgenbillet, so gut es ging, zu verantworten.
    »Ich habe die schlechte Gewohnheit«, schloss er, »in Andeutungen zu sprechen
und auf Dinge hinzuweisen, die von zehn kaum einer kennt, also auch nicht
versteht.«
    Sie lachte. »Wie gütig Sie sind, über den eigentlichen Grund so leicht
hinwegzugehen und gegen sich selbst den Ankläger zu machen. Sie wissen am
besten, dass ich nichts weiss. Und nun bin ich zu alt zum Lernen. Nicht wahr, viel
zu alt?«
    In diesem Augenblicke wurden die Flügeltüren geöffnet, und Gordon brach ab,
weil er sah, dass General von Rossow auf Cécile zukam, um ihr den Arm zu bieten.
Kraczinski, Hedemeier, Wandelstern und einige andere folgten mit und ohne Dame.
    Die Plätze waren so gelegt, dass Gordon seinen Platz zwischen der Baronin und
Rosa hatte.
    »Gerettet«, flüsterte diese.
    »Gerichtet«, antwortete er mit einem Seitenblick auf die Baronin, eine
hochbusige Dame von neunundvierzig, mit Ringellöckchen und Adlernase, die sich,
ärgerlich über das Geflüster zwischen Gordon und Rosa, mit Ostentation von
Gordon ab- und ihrem anderen Tischnachbar zuwandte. Sie nannte das »ihre
Revanche nehmen«.
    Die Revanche war aber nicht von Dauer, und ehe noch das Tablett mit dem
Tokaier herumgereicht wurde, setzte sie, wie das ihre Gewohnheit war, bereits
höchst energisch ein und sagte mit einer ans Männliche grenzenden Altstimme:
»Sie waren in Persien, Herr von Gordon. Man spricht jetzt soviel von persischer
Zivilisation, namentlich seit den umfangreichen Übersetzungen Baron Schacks
(jetzt Graf Schack), eines Vetters meines verstorbenen Mannes. Ich kann mir aber
nicht denken, dass diese Zivilisation viel bedeute, da persische Minister hier im
Königlichen Schloss, wenn auch freilich durch kulturelle Gebräuche dazu
veranlasst, eine ganze Reihe von Hämmeln eigenhändig geschlachtet und die
Schlachtmesser an den Gardinen abgewischt haben.«
    »Ich halte dies für Übertreibung, Frau Baronin.«
    »Sehr mit Unrecht, mein Herr von Gordon. Ich hasse Übertreibungen, und was
ich sage, ist offiziell. Übrigens missverstehen Sie mich nicht. Ich gehöre nicht
zu der Gruppe devotest ersterbender Leute, die königliche Schlossgardinen ein für
allemal als ein Heiligtum ansehen. Im Gegenteil, ich hasse missverstandene
Loyalitäten. Ein freier Sinn ist das allein Dienliche wie das allein Ziemliche.
Servilismus und niedrige Gesinnung sind in meinen Augen unwürdig und
hassenswert. Ein für allemal. Aber Anstand und Sitte stehen mir hoch, und
blutige Messer an hellblauen Atlasgardinen abwischen, gleichviel, ob dieses
Horreur in königlichen Schlössern stattfindet oder nicht, ist ein Roheitsakt,
den ich beinah unsittlich nennen möchte, jedenfalls unsittlicher als manches,
was dafür angesehen wird. Denn auf keinem Gebiete gehen die Meinungen so weit
auseinander als gerad auf diesem. Ich werde mich durch Sätze wie diese keinen
Verkennungen Ihrerseits aussetzen, denn ich spreche zu einem Manne, der die
Wandelbarkeit moralischer Anschauungen, wie sie Race, Bodenbeschaffenheit und
Klima mit sich führen, in hundertfältiger Abstufung persönlich erfahren hat. Irr
ich hierin, oder bin ich umgekehrt Ihrer Zustimmung sicher?«
    »Vollkommen«, sagte Gordon, nahm aber doch die Pause, die der eben bei der
Baronin erscheinende Turbot ihm gönnte, wahr, um Rosa zuzuflüstern:
»Emanzipiertes Vollblut. Furchtbar.«
    An der andern Seite des Tisches wurden statt der Steinbutte Forellen
präsentiert, und Cécile, die sich auf einen Augenblick von ihrem zweiten
Nachbar, dem beständig ironisierenden Geheimrat, frei zu machen wusste, sagte zu
Gordon über den Tisch hin: »Aber von den Forellen müssen Sie nehmen, Herr von
Gordon. Es sind ja halbe Reminiszenzen an Altenbrak. Denn von der Forelle bis
zur Schmerle, so wenigstens versicherte uns der alte Emeritus, ist nur ein
Schritt.«
    Rosa, der dieser Zuspruch mitgegolten hatte, nickte. General von Rossow aber
griff das Wort auf und bemerkte mit krähender Kommandostimme: »Nur ein Schritt,
sagen Sie, meine gnädigste Frau. Nun gut. Aber, Pardon, es gibt grosse und kleine
Schritte, und dieser Schritt ist einfach ein Riesenschritt. Ich war letztes Jahr
in Harzburg, unerhörte Preise, Staub und Wind und natürlich auch Schmerlen. Ein
erbärmlicher Genuss, der nur noch von seiner Unbequemlichkeit und Mühsal
übertroffen wird. Es kommt gleich nach den Artischocken, ebenso langweilig und
ebenso fruchtlos. Und um diesen fragwürdigen Genuss zu haben, war ich bei
vierundzwanzig Grad Réaumur auf den Burgberg hinaufgestiegen.«
    »Und liessen sich die Schmerlen im Freien servieren«, lachte St. Arnaud. »Im
Freien und vielleicht sogar an der grossen Säule mit der berühmt gewordenen
Inschrift: Nach Canossa gehen wir nicht. Aber wir gehen doch.«
    »Und gehen auch noch weiter«, fiel der Geheimrat ein, der (schon unter
Mühler »kaltgestellt«) den bald darauf ausbrechenden Kulturkampf als Pamphletist
begleitet, seine Wiederanstellung jedoch, trotz andauernder Falk-Umschmeichlung,
nicht durchgesetzt hatte. »Ja, noch weiter.« Und dabei hob er seine goldene
Brille, mit der Absicht, sie zu putzen, wie das seine Gewohnheit war, wenn er
einen heftigen Ausfall plante. Die Götter aber widerstritten diesem Versuche,
denn der linke Brillenhaken hatte sich in einem Löckchen seiner blonden Perücke
verfjetzt und wollte nicht nachgeben. Unter glücklicheren und namentlich
gesicherteren Toupet-Verhältnissen würd er nun freilich, aller Widerhaarigkeit
zum Trotz, mit jener »Energie« vorgegangen sein, die sieben Jahre lang sein
Programm und den Inhalt seiner Pamphlete gebildet hatte, dieser Sicherheit aber
entbehrend, sah er sich auch hier gezwungen, den Verhältnissen Rechnung zu
tragen und auf ein rücksichtsloses Vorgehen zu verzichten, das ihn an seiner
empfindlichsten Stelle blossgestellt haben würde. Schliesslich indes war das
Häkchen aus dem Toupet heraus, und mit einer Ruhe, die den Mann von Welt zeigte,
nahm er seinen Satz wieder auf und sagte: »Ja, meine Herrschaften, und gehen
auch noch weiter. Das heisst also bis nach Rom. Es sind dies die natürlichen
Folgen der Prinzipienlosigkeit oder, was dasselbe sagen will, einer Politik von
heut auf morgen, des Gesetzmachens ad hoc. Ich hasse das.«
    Die Baronin, die sich in dieser Wendung zitiert glaubte, klatschte mit ihren
zwei Zeigefingern Beifall.
    »Ich hasse das«, wiederholte der Geheimrat, während er sich gegen die
Snatterlöw verbeugte, »mehr noch, ich verachte das. Wir sind kein Volk, das,
seiner Natur und Geschichte nach, einen Dalai-Lama ertragen kann, und doch haben
wir ihn. Wir haben einen Dalai-Lama, dessen Schöpfungen, um nicht zu sagen
Hervorbringungen, wir mit einer Art Inbrunst anbeten. Rundheraus, wir schwelgen
in einem unausgesetzten Götzen- und Opferdienst. Und was wir am willfährigsten
opfern, das ist die freie Meinung, trotzdem keiner unter uns Älteren ist, der
nicht mit Herwegh für den Flügelschlag der freien Seele geschwärmt hätte. Wie
gut das klingt. Aber haben wir diesen Flügelschlag? Haben wir diese freie Seele?
Nein, und wieder nein. Wir sind weiter davon ab denn je. Was wir haben, heisst
Omnipotenz. Nicht die des Staates, die nicht nur hinzunehmen, die sogar zu
rühmen, ja die das einzig Richtige wäre, nein, wir haben die Omnipotenz eines
einzelnen. Ich nenne keinen Namen. Aber soviel bleibt: Übergriffe sind zu
verzeichnen, Übergriffe nach allen Seiten hin, und soviel Übergriffe, soviel
Fehlgriffe. Freilich, wer diesen Dingen, direkt oder indirekt, durch Jahrzehnte
hin nahegestanden hat, der sah es kommen, dem blutete seit lange das Herz über
ein System des Feilschens und kleiner Behandlung grosser Fragen. Und wo die
Wurzel? womit begann es? Es begann, als man, Arnims kluge Worte missachtend,
einen Hochverräter aus ihm stempeln wollte, bloss weil ein Brief und ein
Rohrstuhl fehlte. Was aber fehlte, war kein Brief und kein Rohrstuhl, sondern
einfach Unterwerfung. Daran gebricht es. Arnim hatte den Mut seiner Meinung, das
war alles, das war sein Verbrechen, das allein. Aber wenn es erst dahin gekommen
ist, meine Herren, dass jede freie Meinung im Lande Preussen Hochverrat bedeutet,
so sind wir alle Hochverräter, alle samt und sonders. Ein Wunder, dass Falk mit
einem blauen Auge davongekommen ist, er, der einzige, der den Blick für die
Notlage des Landes hatte, der einzige, der retten konnte. Nach Canossa gehen wir
nicht! O nein, wir gehn nicht, aber wir laufen, wir rennen und jagen dem Ziele
zu und überliefern, einer beliebigen und beständig wechselnden Tagesfrage
zuliebe, die grosse Lebensfrage des Staats an unseren Todfeind. Die grosse
Lebensfrage des Staats aber ist unsere protestantische Freiheit, die Freiheit
der Geister!«
    Die Baronin war hingerissen und steigerte sich bis zu Kusshändchen. »Ihr
Wohl, Herr Geheimrat! Ihr Wohl, und die Freiheit der Geister!«
    Einige der Zunächstsitzenden schlossen sich an, und sehr wahrscheinlich, dass
sich ein allgemeiner Toast daraus entwickelt hätte, wenn nicht der alte General
ziemlich unvermittelt dazwischengefahren wäre. Der Beginn seiner Rede verfiel
zwar dem Schicksal, überhört zu werden, aber mehr ärgerlich als verlegen
darüber, nahm er schliesslich seine ganze Stimmkraft zusammen und ruhte nicht
eher, als bis er sich mit Gewalt Gehör verschafft hatte: »Sie sprechen da von
der Freiheit der Geister, mein lieber Hedemeier. Nun ja, meinetwegen. Aber
machen wir nicht mehr davon, als es wert ist. Wir sind unter uns« (ein Blick
streifte Gordon), »ich hoffe, sagen zu können, wir sind unter uns, und so dürfen
wir uns auch gestehen, die protestantische Freiheit der Geister ist eine
Redensart.«
    »Erlauben Sie ...«, warf Hedemeier dazwischen.
    »Ich bitte Sie, mich nicht unterbrechen zu wollen«, fuhr der alte General
mit überlegener Miene fort. »Sie haben gesprochen, jetzt spreche ich. Ihr
verflossener Falk, ich nenn ihn mit Vorbedacht Ihren Falk, hat es gut gemeint,
darüber kann kein Zweifel sein. Aber pourquoi tant de bruit pour une omelette
...«
    Alles lachte, denn es traf sich, dass eine dicht mit Omelettschnitten
garnierte Gemüseschüssel in eben diesem Augenblicke dem General präsentiert
wurde.
    Dieser, sonst überaus empfindlich gegen derartige Zwischenfälle, nahm
diesmal die ziemlich lang andauernde Heiterkeit mit gutem Humor auf und
wiederholte, während er eine der Schnitten triumphierend in die Höh hielt: »Pour
une omelette... Ja, wie viele Menschen, mein lieber Hedemeier, glauben Sie denn
bei dieser sogenannten Canossa-Frage wirklich interessiert? Sehr viele sind es
nicht. Dafür bürge ich Ihnen. Auf Ehre. Manches sieht man denn doch auch, ohne
gerade zum Kultus zu gehören oder, Pardon, gehört zu haben. Berlin hat dreissig
protestantische Kirchen, und in jeder finden sich allsonntäglich ein paar
hundert Menschen zusammen; ein paar mehr oder weniger, darauf kommt es nicht an.
In der Melonenkirche habe ich einmal fünfe gezählt, und wenn es sehr kalt ist,
sind es noch weniger. Und das, mein lieber Hedemeier, ist genau das, was ich die
protestantische Freiheit der Geister nenne. Wir können in die Kirche gehen und
nicht in die Kirche gehen und jeder auf seine Façon selig werden. Ja, meine
Freunde, so war es immer im Lande Preussen, und so wird es auch bleiben, trotz
allem Canossa-Gerede. Das Interesse hält immer gleichen Schritt mit der Angst,
und Angst ist noch nicht da. Jedenfalls ist es keine Frage, daran die Welt hängt
oder auch nur der Staat. Der hängt an was ganz anderem. Die Welt ruht nicht
sicherer auf den Schultern des Atlas als der preussische Staut auf den Schultern
seiner Armee..., so lautete das Friderizianische Wort, und das ist die Frage,
worauf es ankommt. Da, meine Herrschaften, liegt Tod und Leben. Der
Unteroffizier, der Gefreite, die haben eine Bedeutung, nicht der Küster und der
Schulmeister; der Stabsoffizier hat eine Bedeutung, nicht der Konsistorialrat.
Und nun sehen Sie sich um, wie man anitzo verfährt und unter welchen Missgriffen
und Schädigungen man zur Besetzung massgebendster Stellen schreitet. Ich meine
vom Generalmajor aufwärts. Alles, was sich dabei höherer Gesichtspunkt nennt,
ist Dummheit oder Verrannteit oder Willkür. Und in manchen Fällen auch einfach
Klüngel und Clique.«
    »Sie meinen...«
    »Einfach das Cabinet. Ich habe keine Veranlassung, damit zurückzuhalten und
aus meinem Herzen eine Mördergrube zu machen. Ich meine das Cabinet, das sich's
zur Aufgabe zu stellen scheint, mit den Traditionen der Armee zu brechen. Wenn
ich von Armee spreche, sprech ich selbstverständlich von der friderizianischen
Armee. Was uns heutzutage fehlt und was wir brauchen wie das liebe Brot, das
sind alte Familien und alte Namen aus den Stammprovinzen. Aber nicht Fremde... «
    Kraczinski, der zwei Brüder in der russischen und einen dritten in der
österreichischen Armee hatte, lächelte mit kriegsministerieller Überlegenheit
vor sich hin, von Rossow aber fuhr fort: »Der Chef, trotz altem livländischen
Adel, der hingehn mag, ist, von meinem Standpunkt aus, ein homo novus, der der
unglückseligen Anschauung von der geistigen Bedeutung der Offiziere huldigt.
Alles Unsinn. Wissen und Talent ruinieren nur, weil sie bloss den Dünkel
grossziehen. Derlei Allotria sind gut für Professoren, Advokaten und
Zungendrescher, überhaupt für alle die, die sich jetzt Parlamentarier nennen.
Aber was soll das dem Staat? Der verlangt andres. Auf die Gesinnung kommt es an,
auf das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem Stammlande, das nur die haben,
die schon mit am Cremmer-Damm und bei Ketzer-Angermünde waren. Aber das wird
jetzt übersehen, übersehen in einer mir ganz unbegreiflichen Weise. Denn die
höhere Disziplin ist lediglich eine Frage der Loyalität. Und das wissen auch die
Hohenzollern. Aber weil sie nicht gerne dreinreden und allzu bescheiden sind und
immer glauben, die Herren vom grünen Tisch (und die Armee hat auch ihren grünen
Tisch) müssten es besser wissen, so lassen sie sich bereden und betimpeln. Ein
erbärmlicher Zustand. Und dass es nicht zu ändern ist, das ist das schlimmste.
Napoleon konnte nicht alle Schlachten selber schlagen, und die Hohenzollern
können nicht allerpersönlichst in alle Winkel der Verwaltung hineingucken. Da
liegt es, mein lieber Geheimrat. Da, nur da. Canossa hin, Canossa her.
Pressfreiheit, Redefreiheit, Gewissensfreiheit, alles Unsinn, alles Ballast, von
dem wir eher zuviel als zuwenig haben.«
    Cécile sah verlegen vor sich nieder. Sie kannte längst diese vom Ärger
diktierte Beredsamkeit, die sie, bei früheren Gelegenheiten, immer nur als
überflüssig, aber nicht als sonderlich störend empfunden hatte. Heute peinigte
sie's, weil sie sah, was in Gordons Seele beim Anhören dieser Renommistereien
vorging. Auch St. Arnaud empfand so, weshalb er es für ratsam hielt, sich der
Situation zu bemächtigen und in geschickter Anknüpfung an die Rossowschen Worte
»von der Bedeutung alter Familien« auf die Gordons überzugehen, die, seit dem
Dreissigjährigen Kriege, jedenfalls aber seit dem Schillerschen »Wallenstein«,
uns als unser eigenstes Eigentum angehören. Oberst Gordon, Kommandant von Eger,
zähle zu den besten Figuren im ganzen Stück, und er glaube sagen zu können, die
Tugenden desselben fänden sich in dem neuen Freunde seines Hauses vereinigt. Er
trinke deshalb auf das Wohl seines lieben Gastes, des Herrn von Gordon.
    Gordon, der wohl wusste, dass rasches Erwidern die beste, jedenfalls aber die
leichteste Form des Dankes sei, nahm unmittelbar nach diesem Toaste das Wort und
bat, nachdem er in einer scherzhaft durchgeführten Antitese den »Obersten St.
Arnaud des 4. Oktober« dem »General St. Arnaud des 2. Dezember«
gegenübergestellt und in Cécile die Lichtgestalt, die den Unterschied zwischen
beiden besiegte, gefeiert hatte, das Wohl der liebenswürdigen Wirte proponieren
zu dürfen.
    Sein Trinkspruch war vorzüglich aufgenommen worden, am entusiastischsten
von der Baronin, die bei dieser Gelegenheit selbstverständlich nicht ermangelte,
von ihrer im vorigen Sommer in Ragaz stattgehabten Promenadenbegegnung mit der
Kaiserin Eugenie zu sprechen, »einer Frau, die, wenn sie, statt ihres Polisson
von Gatten, das Heft in Händen gehabt hätte, Frankreich ganz anders regiert,
jedenfalls aber männlicher verteidigt und höchstwahrscheinlich gerettet haben
würde«.
    Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben, und als sich, nach abermals einer
Minute, die gesamte Herrenwelt, mit Ausnahme des bei den Damen verbliebenen St.
Arnaud, in das Rauchzimmer zurückgezogen hatte, nahm von Rossow - der vor gerade
dreissig Jahren, als Hauptmann im Alexander-Regiment, einen schwachbesuchten
Casino-Vortrag über den »2. Dezember« gehalten hatte - noch einmal in der
St.-Arnaud-Frage das Wort und sagte, während er den dritten ihm präsentierten
Chartreuse mit einer an Grazie grenzenden Raschheit niederstürzte: »Was
übrigens, mein werter Herr von Gordon, Ihre Gegenüberstellung oder meinetwegen
auch Ihre Parallele betrifft, nun ja, der damalige St. Arnaud und der
gegenwärtige, sie lassen sich, wenn's sein muss, vergleichen, und soviel
konzedier ich Ihnen ohne weiteres, dass mit dem unseren auch schlecht
Kirschenpflücken ist. Auch der unsere, wenn ich ihn recht beurteile, hat ein
tiefes Überzeugtsein von der Gleichgültigkeit des Einzelindividuums, und dass er
das Jeu liebt, wie sein berühmter Namensvetter, werden Sie mutmasslich ebenfalls
wissen. Aber der napoleonische, der Anno 51 die ganze Geschichte gemacht hat,
war ihm denn doch um einiges über. Ein Deubelskerl, sag ich Ihnen. Und dabei
filou comme il faut. Unsere schöne Cécile, was Sie freilich nicht wissen
konnten, lässt sich denn auch in Anbetracht all dieser Umstände nicht gern an die
Namensvetterschaft erinnern, St. Arnaud selbst aber ist stolz darauf. Und kann
auch. Wenn wir unruhige Zeiten kriegen, und man kann nie wissen, so wächst er
sich vielleicht noch in was hinein. Talent hat er. Sehen Sie nur das
Faunengesicht, mit dem er zu dem arrondierten kleinen Fräulein spricht. Malerin,
nicht wahr? Wie heisst sie doch?«
    »Fräulein Rosa Hexel.«
    »Mit einem x?«
    »Ja, Herr General.«
    »Na, das passt ja. Nur keine Spielverderberei. Da kommt übrigens das Tablett
noch mal. Chartreuse. Den kann ich Ihnen empfehlen.«
Um neun Uhr brach man auf. Alles drängte sich im Korridor, und Cécile fragte die
Malerin, ob der Diener eine Droschke holen solle. Rosa dankte jedoch, Herr von
Gordon werde sie bis an den Platz begleiten, und dort finde sie Pferdebahn.
    Unten bot ihr Gordon denn auch den Arm und sagte: »Wirklich nur bis an den
Platz? Und nur bis an die Pferdebahn?«
    »O nicht doch«, lachte Rosa. »Was Sie nur denken? So leicht kommen Sie nicht
davon. Sie müssen mich bis nach Hause bringen, Engel-Ufer, und ich schenke Ihnen
keinen Schritt. Aber sahen Sie nicht die Gesichter, als ich bloss Ihren Namen
nannte? Der Geheimrat hob den Kopf, wie wenn er eine Fährte suche. Man muss es
den Schandmäulern nicht zu leicht machen. Und das sind sie samt und sonders, die
ganze Gesellschaft.«
    »Ich fürchte, dass Sie recht haben. Aber doch alles in allem nicht übel,
nicht dumm.«
    »Nein, nicht dumm.«
    »Und auch nicht uninteressant.«
    »Nein, auch nicht uninteressant. Und au fond doch wieder. Es sieht alles
nach was aus und klingt leidlich. Aber was ist es am Ende? Chronique
scandaleuse, Malicen, Absetzen einiger Bitterkeiten. Und dann hat jeder sein
elendes Steckenpferd. Der Klügste bleibt immer St. Arnaud selbst, er steht
drüber und lacht. Aber dieser alte General! Ich verstehe nichts von Politik und
noch weniger von Armee, wer mir aber ernstaft versichern will, dass ein kluger
General Müller allemal eine Landeskalamität und neben einem Hampel von
Hampelshausen nie zu nennen sei, wer mir das ernstaft versichern will, mit dem
bin ich fertig, und wenn ich ihn trotz alledem interessant finden soll, so bin
ich dazu zwar bereit, aber frag mich nur nicht wie.«
    »Schau, schau, Fräulein Rosa, das sprüht ja wie ein pot à feu.«
    »Der ich auch bin. Und wenn ich nun gar erst von diesem Geheimrat rede, da
sprüh ich nicht bloss, da zisch ich wie eine Schlange, versteht sich
Feuerwerksschlange.«
    »Und doch war vieles richtig, was er sagte.«
    »Vielleicht; vielleicht auch nicht. Ich versteh nichts davon. Aber unehrlich
war es jedenfalls. Er ist ein schlechter Kerl, frivol, zynisch, und kein
Frauenzimmer, und wenn es die keusche Susanne wäre, kann eine Minute lang mit
ihm zusammen sein, ohne sich einer Unpassendheit ausgesetzt zu sehen. Er
versteht unter protestantischer Freiheit die Freiheiten, die er sich nimmt, und
deren sind viele, jedenfalls genug. Sein ganzer Liberalismus ist Libertinage,
weiter nichts. Ein wahres Glück, dass man ihn beiseite geschoben hat. Er schreibt
jetzt, natürlich pseudonym, an einer neuen Broschüre. Dass er unterhaltlich ist,
will ich nicht bestreiten, aber St. Arnaud könnte was Besseres tun, als ihn
auszuzeichnen und ihn neben unsere schöne Cécile zu setzen. Ich hoffe, sie
duldet ihn nur. Aber auch das ist schon zuviel. Er sollte zum Islam übertreten
und Afrikareisender werden. Da gehört er hin. Und irgend so was passiert ihm
auch noch.«
    Gordon lachte. »Bravo, Fräulein Rosa. Fehlt von den Gästen eigentlich nur
noch die Snatterlöw.«
    »Über die zu sprechen ich mich hüten werde. Haben Sie doch, mein werter Herr
von Gordon, in aller Intimität zwei Stunden lang neben ihr gesessen. Und ich sah
wohl, wie sie jedesmal Ihren Arm nahm und ihn zustimmend drückte. Sie hat
überhaupt etwas von einer Massage-Doktorin.«
    »Und Cécile?«
    »Ach, die arme Frau! Es wird wohl auch nicht alles sein, wie's sein sollte.
Schönheit ist eine Gefahr von Jugend auf; nicht als ob ich aus Erfahrung
spräche, dafür ist gesorgt. Aber sie ist lieb und gut und viel zu schade. Gebe
Gott, dass es ein gutes Ende nimmt.«
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
Es war spät geworden, und der Wächter patrouillierte schon durch die Lennéstrasse
hin, als Gordon wieder vor seiner Wohnung anlangte. Rosa hatte, den ganzen Weg
über, fast unausgesetzt gesprochen, am meisten über St. Arnaud, auf den sie
wiederholt und mit einer gewissen Teilnahme zurückgekommen war. »Er lässt viel zu
wünschen übrig, und ich möcht ihn nicht zum Feind und fast ebensowenig zum
Freunde haben; aber trotz alledem ist er immer noch der Beste, weil der
Ehrlichste. Natürlich seine arme Frau ausgenommen. Erst gestern wurde bei
Grolmans von ihm gesprochen, und wenn auch nicht gerade mit Respekt, so doch
mindestens mit Bedauern. Es war ein Unglück, dass er den Dienst quittieren musste.
Blieb er in der Armee, so war alles gut oder konnt es wieder werden. Jetzt ist
er verbittert, befehdet, was er früher vergöttert hat, und sitzt auf der Bank,
wo die Spötter sitzen. Und das ist eine schlimme Bank. Er war ganz Soldat und
ging darin auf. Nun hat er nichts zu tun und steht im Tattersall umher oder
besucht den Club, ja, fast lässt sich sagen, er lebe da. Vor Tisch liest er
Zeitungen, nach Tisch spielt er Whist oder Billard; das klingt sehr harmlos,
aber, wie Sie vielleicht wissen werden, es geht um Summen, die für unsereins ein
Vermögen bedeuten.«
    Gordon folgte jedem Wort und fragte nach dem, was ihn selbstverständlich am
meisten interessieren musste: nach dem Verhältnis und der Lebensweise des
Ehepaares untereinander. Aber was er als Antwort darauf hörte, war im
wesentlichen nur eine Bestätigung dessen, was er schon während der Harzer
Sommertage beobachtet hatte. »Ja«, schloss Rosa, »sein Verhältnis zu Cécile, da
hab ich kein gutes Wort für ihn. Mitunter freilich hat er seinen Tag der
Rücksichten und Aufmerksamkeiten, und man könnte dann beinahe glauben, er liebe
sie. Aber was heisst Liebe bei Naturen wie St. Arnaud? Und wenn es Liebe wäre,
wenn wir's so nennen wollen, nun so liebt er sie, weil sie sein ist, aus
Rechtaberei, Dünkel und Eigensinn, und weil er den Stolz hat, eine schöne Frau
zu besitzen. In Wahrheit ist er ein alter Garçon geblieben, voll Egoismus und
Launen, viel launenhafter als Cécile selbst. Die Ärmste hat ihr Herz erst
neulich darüber zu mir ausgeschüttet. Er hält, sagte sie, viertelstundenlang
meine Hand und erschöpft sich in Schönheiten gegen mich, und gleich danach geht
er ohne Gruss und Abschied von mir und hat auf drei Tage vergessen, dass er eine
Frau hat.«
    Das und viel anderes noch ging Gordon im Kopfe herum, als er wieder in
seiner Wohnung war; vor allem aber klang ihm das im Ohr, was Rosa gleich zu
Beginn ihrer Unterhaltung gesagt hatte: »Gebe Gott, dass es ein gutes Ende
nimmt.«
Zu guter Zeit war er auf und bei seinem Kaffee, schob aber die Zeitungen, die
die Wirtin gebracht hatte, zurück. Alles Behagens unerachtet, war er in keiner
Lesestimmung und beschäftigte sich nach wie vor mit dem, was ihm der gestrige
Tag gebracht hatte. Die Fenster standen auf, und er sah hinaus auf den
Tiergarten. Ein feiner, von der Morgensonne durchleuchteter Nebel zog über die
Baumspitzen hin, die, trotz der schon vorgerückten Jahreszeit, kaum ein welkes
Blatt zeigten; denn am Tage vorher war es windig gewesen, und das wenige, was
sich bis dahin von gelbem und rotem Laube mit eingemischt hatte, lag jetzt unter
den Bäumen und bildete Muster auf dem Rasenteppich. Dann und wann fuhr ein
Wasserkarren langsam durch die Strasse; sonst alles still, so still, dass Gordon
es hörte, wenn die Kastanien aufschlugen und aus der Schale platzten.
    Ein immer wachsendes Wohlgefühl überkam ihn. »Ich glaube, ich bin so
glücklich, weil ich wieder in der Heimat bin. Wo war ich nicht alles? Aber
solche Momente hat man nur daheim.«
    Als er sich wieder zurückwandte, vernahm er deutlich, dass draussen auf dem
Korridor gesprochen wurde. »Der Herr muss unterschreiben.« Und gleich danach trat
der Briefträger ein. Er brachte Karten und Geschäftsanzeigen, der
eingeschriebene Brief aber, über dessen Empfang quittiert werden musste, war der
langerwartete von Schwester Clotilde.
    »Nun endlich.«
    Gordon setzte sich in den Schaukelstuhl am Fenster, um hier con amore zu
lesen.
    »Mein lieber Roby. Deinen zweiten Brief, in dem Du Dich über mein Schweigen
beklagst, erhielt ich gleichzeitig mit dem ersten. Ich fand beide hier vor, als
ich vorgestern abend von meinen Weltfahrten nach meinem lieben Liegnitz
zurückkehrte. Dein Brief aus Tale war mir selbstverständlich nach Johannesbad
und, weil er mich dort nicht mehr traf, nach Partenkirchen hin nachgeschickt
worden. An letzterem Orte kam er früher an als wir (wir heisst Kramstas und ich),
was die Partenkirchner Post veranlasste, Deinen Brief nach Liegnitz
zurückzuschicken. Da hat er zwei Monate lang gelagert. Du siehst, ich bin ausser
Schuld.
    Eine Welt von Dingen habe ich, seitdem Du hier warst, erlebt: die junge
Kramsta hat sich mit einem Offizier verlobt, Helene Rotkirch ist Hofdame bei
der Prinzessin Alexandrine geworden, und der alte Zedlitz hat sich wieder
verheiratet. Und nun erst die jetzt zurückliegende Reise mit ihren hundert
Bekanntschaften und Eindrücken! Aber ich werde mich hüten, Dir von Berchtesgaden
und dem Watzmann eine lange Beschreibung zu machen, einmal, weil Dir 8000 Fuss
nicht viel bedeuten können, und zweitens, weil ich annehme, dass junge Kavaliere,
die sich nach einer schönen Angebeteten erkundigen, lieber von dieser
Angebeteten als vom Watzmann hören wollen.«
    Gordon lachte. »Ganz Clotilde. Und wie recht sie hat.«
    »... Also die St. Arnauds. Nun wir kennen sie hier recht gut, oder doch
wenigstens die Vorgänge, die seinerzeit viel von sich reden machten. Es war
nicht gerade das Beste, wobei Dich das eine trösten mag, dass es, alles in allem,
auch nicht das Schlimmste war.
    St. Arnaud war Oberstlieutenant in der Garde, brillanter Soldat und
unverheiratet, was immer empfiehlt. Man versprach sich etwas von ihm. Es sind
jetzt gerade vier Jahre, dass er in Oberschlesien Oberst und Regimentskommandeur
wurde. Den Namen der Garnison hab ich vergessen; übrigens auch ohne jede
Bedeutung für das, was kommt. Er nahm Wohnung in dem Hause der verwitweten Frau
von Zacha, richtiger Woronesch von Zacha, in deren blossem Namen schon, wie Dir
nicht entgehen wird, eine ganze slawische Welt harmonisch zusammenklingt. Frau
von Zacha war eine berühmte Schönheit gewesen; ihre Tochter Cécile war es noch.
Jedenfalls fand es der Oberst und verlobte sich mit ihr. Vielleicht auch, dass er
sich in dem Nest, das ihm die Residenz ersetzen sollte, bloss langweilte.
Gleichviel. Drei Tage nach der Verlobung empfing er einen Brief, worin ihm
Oberstlieutenant von Dzialinski, der älteste Stabsoffizier, seitens des
Offiziercorps und als Vertreter desselben die Mitteilung machte, dass diese
Verlobung nicht wohl angänglich sei. Daraus entstand eine Szene, die mit einem
Duell endete. Dzialinski wurde durch die Brust geschossen und starb vor Ablauf
von vierundzwanzig Stunden. Das Kriegsgericht verurteilte St. Arnaud zu neun
Monaten Festung, wobei, neben seiner früheren Beliebteit, auch die Tatsache mit
in Rechnung gestellt wurde, dass er provoziert worden war. Provoziert, so
gerechtfertigt die Haltung Dzialinskis und des gesamten Offiziercorps gewesen
sein mochte.«
    Gordon legte den Brief aus der Hand und wiederholte: »So gerechtfertigt
diese Haltung gewesen sein mochte. Warum? Wodurch? Aber was frag ich? Clotilde
wird mir die Antwort nicht schuldig bleiben.«
    Und er las weiter.
    »Und hier ist nun die Stelle, mein lieber Robert, wo Herr von St. Arnaud
zurück- und Frau von St. Arnaud in den Vordergrund tritt. Was lag vor, dass das
Offiziercorps gegen seinen eigenen Obersten Front machen musste? Cécile war eine
Dame von zweifelhaftem oder, um milder und rücksichtsvoller zu sprechen, von
eigenartigem Ruf. Als sie kaum siebzehn war, sah sie der alte Fürst von
Welfen-Echingen und ernannte sie bald danach, und zwar nach wenig schwierigen
Verhandlungen mit Frau von Zacha, zur Vorleserin seiner Gemahlin, der Fürstin.
Die Fürstin war an derartige Ernennungen gewöhnt, erhob also keinen Widerspruch.
So kam Cécile nach Schloss Cyrillenort, lebte sich ein, begleitete das fürstliche
Paar auf seinen Reisen, war mit demselben in der Schweiz und Italien, las am
Teetisch vor (aber selten) und blieb im Schloss, als die alte Fürstin gestorben
war. Nicht sehr viel später schied auch der Fürst selbst aus dieser Zeitlichkeit
und hinterliess dem schönen Tee-Fräulein ein oberschlesisches Gut, zugleich mit
der Bestimmung, dass es ihr freistehen solle, Schloss Cyrillenort noch ein Jahr
lang zu bewohnen. Es lag dem schönen Fräulein aber fern, aus diesem ihr
bewilligten Witwenjahr irgendwelchen Nutzen ziehen oder sich überhaupt unbequem
machen zu wollen, und erst als Prinz Bernhard, der Neffe, zugleich Erbe des
verstorbenen Fürsten, auch seinerseits den Wunsch äusserte, dass sie Schloss
Cyrillenort nicht verlassen möge, gab sie diesem Wunsche nach und blieb. Prinz
Bernhard kam von Zeit zu Zeit zu Besuch, dann öfter und öfter, und als das
Trauerjahr um war, zog er von Schloss Beauregard, das er bis dahin bewohnt hatte,
nach dem Hauptsitz und Stammschloss der Familie hinüber. Sonst blieb alles beim
alten; nichts änderte sich, auch nicht in den Ausflügen und Reisen, die nur
weiter gingen und bis Algier und Madeira hin ausgedehnt wurden. Denn wenn der
alte Fürst alt gewesen war, so war der junge krank. Er starb schon das Jahr
darauf, und man erwartete nunmehr allgemein, dass die schöne Cécile dem von ihr
protegierten Kammerherrn von Schluckmann (der, nach Ableben des alten Fürsten,
als Hofmarschall in die Dienste des jungen eingetreten war) die Hand zum Bunde,
zum Ehebunde, reichen würde. Dieser Schritt unterblieb aber, aus Gründen, die
nur gemutmasst werden, und die schöne Frau kehrte jetzt, wie sie's schon
unmittelbar nach dem Tode des alten Fürsten beabsichtigt hatte, zu Mutter und
Geschwistern zurück, von denen sie sich mit Jubel empfangen sah. Eine
verhältnismässig glänzende Wohnung wurde genommen, und in dieser Wohnung war es,
dass St. Arnaud, zwei Jahre später, die still und zurückgezogen lebende Cécile
(damals noch katolisch) kennenlernte. Sie soll inzwischen übergetreten sein;
einer Euerer beliebtesten Hofprediger wird dabei genannt.
    Da hast Du die St.-Arnaud-Geschichte, hinsichtlich deren ich Dich nur noch
herzlich und inständig bitten möchte, von Deiner durchgängerischen Gewohnheit
ausnahmsweise mal ablassen und das Kind nicht gleich mit dem Bade verschütten zu
wollen. Als Leslie-Gordon kennst Du natürlich Deinen Schiller und wälzt
hoffentlich mit ihm, als ob es sich um Wallenstein in Person handele, die
grössere Schuldhälfte den unglückseligen Gestirnen zu. Wirklich, mein Lieber, an
solchen unglückseligen Gestirnen hat es im Leben dieser schönen Frau nicht
gefehlt. Ihre frühesten Jugendjahre haben alles an ihr versäumt, und wenn es
auch nicht unglückliche Jahre waren (vielleicht im Gegenteil), so waren es doch
nicht Jahre, die feste Fundamente legen und Grundsätze befestigen konnten. Eva
Lewinski, die, wie Du Dich vielleicht entsinnst, lange bei den Hohenlohes in
Oberschlesien war und ihre Kinderjahre mit Cécile verlebt hat, hat mir
versprochen, alles aufzuschreiben, was sie von jener Zeit her weiss. Ich schliesse
diesen Brief erst, wenn ich Evas Zeilen habe... Diesen Augenblick kommen sie.
Lebe wohl. Elsy ist in Görlitz bei der Grosstante, daher kein Gruss von ihr. In
herzlicher Liebe
                                                                Deine Clotilde«
 
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
Gordon war in der höchsten Erregung. Einzelnes, was er in der Charlottenburger
Villa, gleich nach seinem Eintreffen in Berlin, und dann gestern wieder aus dem
Munde des alten Generals gehört hatte, hatte freilich nicht viel Gutes in Sicht
gestellt, aber dieser Schlag ging doch über das Erwartete hinaus.
Fürstengeliebte, Favoritin in duplo, Erbschaftsstück von Onkel auf Neffe! Und
dazwischen der Kammerherr - ein Schatten, der sich schliesslich gesträubt hatte,
sich zum Ehemann zu verdichten.
    Er warf den Brief fort und erhob sich, um in hastigen Schritten im Zimmer
auf und ab zu gehen. Dann aber trat er an das zweite, bis dahin geschlossene
Fenster und riss auch hier beide Flügel auf, denn es war ihm, als ob er ersticken
solle.
    Der eingelegte Zettel von Eva Lewinski (nur ein halber, eng bekritzelter
Briefbogen) war auf den Teppich gefallen. Er nahm ihn jetzt wieder auf und
sagte: »Besser alles in einem. Lieber die ganze Dosis auf einmal als
tropfenweis. Und wer weiss, vielleicht ist auch etwas von Trost und Linderung
darin.«
    Und er setzte sich wieder und las.
    »An alles andre, meine liebe Clotilde, hätt ich eher gedacht als daran, dass
ich noch einmal in die Lage kommen könnte, von der Familie Zacha zu plaudern.
Und zu Dir! Nun, wir waren Nachbarn, und solange der alte Zacha lebte, der
übrigens nicht alt war, ein mittlerer Vierziger, ging es hoch her. Er war ein
Betriebsdirektor bei den Hohenlohes, verstand nichts und tat nichts (was noch
ein Glück war), gab aber die besten Frühstücke. Kavalier, schöner Mann und
Anekdotenerzähler, war er allgemein beliebt, freilich noch mehr verschuldet,
trotzdem er ein hohes Gehalt hatte. Plötzlich starb er, was man so sterben
nennt; die Verlegenheiten waren zu gross geworden. Das Wie seines Todes wurde
vertuscht.
    Ich sehe noch die Frau von Zacha, wie sie dem Sarge folgte, tief in Trauer
und angestaunt von der gesamten Männerwelt. Denn Frau von Zacha, damals erst
dreissig, war noch schöner als Cécile. Diese mochte zwölf sein, als der Vater
starb, aber sie wirkte schon wie eine Dame, darauf hielt die Mutter, die wohl
von Anfang an ihre Pläne mit ihr hatte. Verwöhntes Kind, aber träumerisch und
märchenhaft, so dass jeder, der sie sah, sie für eine Fee in Trauer halten musste.
    Kurz nach dem Tode des Vaters ging es. Die junge Herzogin auf Schloss Rauden,
die sich für die schöne Witwe mit ihren drei Kindern interessierte, gab und
half. Aber die Wirtschaft war zu toll, und so zog sie zuletzt ihre Hand von den
Zachas ab. Alles, was diesen blieb, beschränkte sich auf eine kleine Pension. An
Erziehung war nicht zu denken. Frau von Zacha lachte, wenn sie hörte, dass ihre
Töchter doch etwas lernen müssten. Sie selbst hatte sich dessen entschlagen und
sich trotzdem sehr wohl gefühlt, bis zum Hinscheiden ihres Mannes gewiss und
nachher kaum minder. Es stand fest für sie, dass eine junge schöne Dame nur dazu
da sei, zu gefallen, und zu diesem Zwecke sei wenig wissen besser als viel. Und
so lernten sie nichts.
    Oft mussten wir lachen über den Grad von Nichtbildung, worin Mutter und
Töchter wetteiferten. Alle Quartal kam ihre Pension. Dann gaben sie
Festlichkeiten und schafften neue Rüschen und Bänder an, auch wohl Kleider, aber
immer noch Trauerkleider, weil die Mutter wusste, dass ihr Schwarz am besten
stände. Vielleicht auch, weil sie gehört hatte, dass Königin-Witwen die Trauer
nie ablegen.
    Sie hatte ganz verschrobene Ideen und war abwechselnd unendlich hoch und
unendlich niedrig. Sie sprach mit der Herzogin auf einem Gleichheitsfuss, am
liebsten aber unterhielt sie sich mit einer alten Waschfrau, die in unsrem Hause
wohnte. War dann das Geld vertan, was keine Woche dauerte, so hatten sie zwölf
Wochen lang nichts. Es wurde dann geborgt oder von Obst aus dem Garten gelebt,
und wenn auch das nicht da war, so gab es Pilzchen. Aber glaube nur nicht, dass
Pilzchen wirklich Pilze gewesen wären. Pilzchen waren grosse Rosinen, in welche,
von unten her, halbe Mandelstücke gesteckt wurden. Das war mühevoll genug, und
mit Anfertigung davon verbrachte Frau von Zacha den ganzen Vormittag, um die
Götterspeise dann mittags auf den Tisch zu bringen. Inmitten des Schüsselchens
aber lag, um auch das nicht zu verschweigen, eine besonders grosse Rosine, die
nicht nur den ihr zuständigen Mandelfuss hatte, sondern auch noch von zwei
horizontal liegenden und ebenfalls aus Mandelkern geschnittenen Speilerchen
kreuzartig durchstochen war. An den vier Spitzen dieser Speilerchen sassen dann
ebenso viele kleine Korinten und stellten das morceau de résistance her, das in
der Sprache der Zachas le Roi Champignon hiess. Eine Bezeichnung, von der die
Leute sagten, dass sich sowohl der Witz wie das damalige Französisch der Familie
darin erschöpft habe.
    Dies, meine liebe Clotilde, sind meine persönlichen Erlebnisse,
Kindererlebnisse. Was dann weiter kam, weisst Du besser als ich. Wie immer Deine
                                                                         Eva L.«
Gordon hielt den Zettel in der Hand und zitterte. Dann aber war es mit eins, als
ob er seine Ruhe wiedergefunden habe. »Ja, das entwaffnet! Grossgezogen ohne
Vorbild und ohne Schule, und nichts gelernt, als sich im Spiegel zu sehen und
eine Schleife zu stecken. Und nie zu Haus, wenn eine Rechnung erschien. Und doch
tagaus und tagein am Fenster und in beständiger Erwartung des Prinzen, der
vorfahren würde, um Katinka zu holen oder vielleicht auch Lysinka, trotzdem
beide noch Kinder waren. Aber was tut das? Prinzen sind fürs Extreme. Vielleicht
nimmt er auch die Mutter. Alles gleich, wenn er nur überhaupt kommt und
überhaupt wen nimmt. Sie gönnen sich's untereinander. Er ist ja generös, und
dann können sie weiterspielen. Ja, spielen, spielen; das ist die Hauptsache. Nur
kein Ernst, nicht einmal im Essen. Ach, wer schön ist und immer in Trauer geht
und Pilzchen isst, der ist für die Fürstengeliebte wie geschaffen. Arme Cécile!
Sie hat sich dies Leben nicht ausgesucht, sie war darin geboren, sie kannt es
nicht anders, und als der Langerwartete kam, nach dem man vielleicht schon bei
Lebzeiten des Vaters ausgeschaut hatte, da hat sie nicht nein gesagt. Woher
sollte sie dies Nein auch nehmen? Ich wette, sie hat nicht einmal an die
Möglichkeit gedacht, dass man auch nein sagen könne; die Mutter hätte sie für
närrisch gehalten und sie sich selber auch.«
    Er drehte den Zettel noch immer zwischen den Fingern, zupfte daran und
knipste gegen Rand und Ecken, alles, ohne zu wissen, was er tat. Endlich erhob
er sich und sah auf die Baumwipfel hinüber, die jetzt in vollem Morgenlichte
lagen.
    »Die Nebel drüben sind fort, aber ich stecke darin, tiefer, als ob ich auf
dem Watzmann wär. Und ist man erst im Nebel, so ist man auch schon halb in der
Irre. Que faire? Soll ich den Entrüsteten spielen oder ihr sagen: Bitte, meine
Gnädigste, schicken Sie den Hofprediger fort, ich bin gekommen, um Ihre Beichte
zu hören. Und dann zum Schluss: Ei, ei, meine Tochter. Oder soll ich ihr von
Bussübungen sprechen? Oder von den Zehn Geboten? Oder vom höheren sittlichen
Standpunkt? Oder gar von der verletzten Weiblichkeit? Ich habe nicht Lust, mich
unsterblich zu blamieren und Zeuge zu sein, dass sie lächelt und klingelt und
ihrer Zofe zuruft: Bitte, leuchten Sie dem Herrn.«
    Er trat, als er so sprach, vom Fenster an die Spiegelkonsole, wo, neben Uhr
und Notizbuch, auch sein Zigarrenetui lag. »Ich werde mir eine
Gleichmuts-Havanna anzünden und die eine Wolke mit der andern vertreiben.
Similia similibus. Kolonel Taylor pflegte zu sagen, alle Weisheit stecke im
Tabak. Und ich glaube fast, er hatte recht. Ich werde meine Besuche bei den St.
Arnauds ruhig fortsetzen und mir gar keinen Plan machen, sondern alles dem
Augenblicke überlassen. Ich glaube wirklich, das ist das beste: sie freundlich
ansehen und mit ihr plaudern wie zuvor, als wüsst ich nichts und als wäre nichts
vorgefallen... Und am Ende, was ist denn auch vorgefallen? Was kümmert mich
Serenissimus und sein Tee-Fräulein? Oder Serenissimus II.? Oder gar der
Kammerherr und Hofmarschall? Ach, wenn ich jetzt an Jagdschloss Todtenrode
zurückdenke... Deshalb schrak sie zusammen und wandte sich ab, als wir in die
gespenstischen Fenster guckten. Und schon vorher, in Quedlinburg, als ich über
die Schönheitsgalerien und die Gräfin Aurora so tapfer perorierte, schon damals
war es dasselbe. Nun klärt sich alles... Arme, schöne Frau!«
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
Er wollte nichts tun, in seinem Benehmen nichts ändern, und doch liess er drei
Tage vergehen, ohne bei den St. Arnauds vorzusprechen.
    Endlich, den vierten Tag, nahm er sich ein Herz.
    Es war inzwischen herbstlich und windig geworden, und die Blätter tanzten
vor ihm her, als er über den Hafenplatz ging. Er warf einen Blick hinauf und
sah, dass überall, ganz wie damals bei seinem ersten vergeblichen Besuche, die
Holzjalousien herabgelassen waren. Nur in St. Arnauds Zimmer standen die
Fensterflügel weit auf, und die Gardinen wehten im Winde.
    »Wieder im Tattersall oder im Club. Nie zu Haus. Es scheint wirklich, dass er
sie manchen Tag keine Stunde sieht, und Rosa mag recht mit ihrer Mutmassung
haben, dass seine Liebe, wenn überhaupt vorhanden, von ganz eigner Art sei.
Jedenfalls wird sie dieser Art nicht froh, soviel steht fest, soviel seh ich.
Und beinahe, wenn ich zurückdenke, hab ich ihr eigen Geständnis davon. Und kann
es anders sein? Die Liebe lebt nicht von totgeschossenen Dzialinskis, vielleicht
gerade davon am wenigsten, sie lebt von liebenswürdigen Kleinigkeiten, und wer
sich eines Frauenherzens dauernd versichern will, der muss immer neu darum
werben, der muss die Reihe der Aufmerksamkeiten allstündlich wie einen Rosenkranz
abbeten. Und ist er fertig damit, so muss er von neuem anfangen. Immer dasein,
immer sich betätigen, darauf kommt es an. Alles andere bedeutet nichts. Ein
Armband zum Geburtstag, und wenn es ein Kohinur wäre, oder ein Nerz- oder
Zobelpelz zu Weihnachten, das ist zuwenig für dreihundertfünfundsechzig Tage.
Wozu lässt der Himmel soviel Blumen blühen? Wozu gibt es Radbouquets von Veilchen
und Rosen? Wozu lebt Felix und Sarotti? So denkt jede junge Frau, wobei mir zu
meinem Schrecken einfällt, dass ich auch ohne Bouquet und ohne Bonbonnière bin.
Also nicht besser als St. Arnaud. Und er ist doch bloss ein Ehemann.«
    Unter solchem Selbstgespräche war er bis an das Haus gekommen, dessen Tür
sich im selben Augenblick öffnete, wie wenn sein Erscheinen von der Portierloge
her bereits bemerkt worden wäre. Wirklich, ein kleines Mädchen sah neugierig
durch das Guckfenster und schien auf seinen Gruss zu warten. Er nickte denn auch
und stieg die Treppe hinauf.
    Gleich auf dem ersten Absatz traf er den von Cécile kommenden Geheimrat.
»Ah, Herr von Gordon«, grüsste dieser. »Les beaux esprits se rencontrent. Die
Gnädigste fühlt sich unwohl; leider, oder auch nicht leider; je nachdem, wie
man's nehmen will. Sie wissen, es ist ihr ewig Weh und Ach...«
    Und er lachte, während er unter nochmaliger legerer Hutlüftung an Gordon
vorüberging.
    Dieser war von der Begegnung aufs unangenehmste berührt, und um so
unangenehmer, als ihm an dem Diner-Tage nicht entgangen war, dass Cécile viel
Entgegenkommen für ihren geheimrätlichen Tischnachbar gehabt hatte. Sein
frivoler Witz machte sie lachen, und was seine kaum die nötigsten Schranken
innehaltende Dreistigkeit anging, von der Rosa gesprochen hatte, so hatte Gordon
gerade lange genug gelebt, um zu wissen, dass die Dreisten die Vorhand haben.
    Und nun war er die Treppe hinauf und zog die Klingel.
    »Die gnädige Frau wird sehr erfreut sein«, empfing ihn die Jungfer und
meldete: »Herr von Gordon.«
    »Ah, sehr willkommen.«
    Cécile war wirklich leidend, hatte den Lieblingsplatz auf dem Balkon aber
nicht aufgegeben. Die kleine Bank mit den zwei Kissen war fortgeräumt, und statt
ihrer stand eine Chaiselongue da, darauf die Kranke ruhte, den Oberkörper mit
einem Shawl, die Füsse mit einer Reisedecke zugedeckt, in die das Wappen der St.
Arnauds oder vielleicht auch das der Woronesch von Zacha eingestickt war. Auf
einem Tischchen daneben stand ein phiolenartiges Fläschchen samt Wasser und
Zuckerschale.
    Gordon, als er sie so sah, war tief bewegt, vergass alles und wollte Worte
der Teilnahme sprechen. Sie liess es aber nicht zu, nahm vielmehr ihrerseits das
Wort und sagte, während sie sich mit Anstrengung an dem Rückenkissen höher
hinaufrückte: »So spät erst. Ich habe Sie früher erwartet, Herr von Gordon...
Hat unser kleines Diner so wenig Gnade vor Ihren Augen gefunden? Aber setzen Sie
sich. Dort unten steht noch ein Stuhl. Werfen Sie das Tuch beiseit; oder nein,
geben Sie's her, ich will es noch über den Shawl decken. Denn offen gestanden,
mich friert.«
    »Und doch haben Sie sich hier ins Freie gebettet, als ob wir Juli statt
Oktober hätten.«
    »Ja, der Geheimrat, der eben hier war, war derselben Meinung und tadelte
mich, ja, drang in dem ihm eigenen Tone darauf, mich persönlich umbetten zu
wollen.«
    »Ein Ton, den ich höre. C'est le ton, qui fait la musique.«
    »Freilich. Und bei niemandem mehr als bei dem Geheimrat. Und doch amüsiert
er mich; ich gestehe es, wenn auch vielleicht wenig zu meinem Ruhme. Man hört
soviel Langweiliges, und er ist immer so pikant. Aber warum ich hier in dieser
Oktoberfrische liege, das macht, dass ich einfach keine Wahl habe. Denn lass ich
mich in die Vorderzimmer bringen, so hab ich, so hoch sie sind, keine Luft, und
so kommt es denn, dass ich das Frösteln und schlimmstenfalls selbst ein
Erkältungsheber vorziehe. Von zwei Übeln wähle das kleinere. Nun aber fort mit
dem ganzen Tema. Nichts ist langweiliger als Krankheitsgeschichten, wenn nicht
zwei zusammenkommen, die sich untereinander überbieten. Und zu diesem
Rettungsmittel werden Sie nicht greifen wollen. Erzählen Sie mir also lieber von
Rosa. Wissen Sie, dass ich schon eifersüchtig war. Immer sprachen Sie leise
miteinander, wie wenn Sie Geheimnisse hätten, und als der alte General seinen
letzten Trumpf ausspielte, gab es ein verständnisvolles Händedrücken. Oh, mir
ist nichts entgangen. Und dann zuletzt noch das Chaperonnieren bis an die
Pferdebahn. Nun, das klingt freilich ebenso harmlos wie nah, ist aber doch
schliesslich ein ziemlich weiter Begriff und reicht, wenn es sein muss, bis an das
Engel-Ufer. Beiläufig, wie kann man am Engel-Ufer wohnen, eine Künstlerin und
eine Dame.«
    »Ach, Sie haben leicht spotten, meine gnädigste Frau. Wissen Sie doch am
besten, wie's liegt. Rosa! Mit Rosa könnte man um den Äquator fahren, und man
landete genauso, wie man eingestiegen. Ich habe sie bis an ihre Wohnung geführt,
und wir haben eine Welt besprochen und bewitzelt. Und doch, wenn ich, statt
ihrer selbst, eins ihrer Bilder unterm Arm gehabt hätte, so wär es dasselbe
gewesen. Um es kurz zu sagen, ihr Charmantsein ist ohne Charme, und ich kenne
Frauen, deren zustimmendes Schweigen mir mehr bedeutet als Rosas witzigstes
Wort.«
    Cécile lächelte und verschmähte es, sich das Ansehen zu geben, als ob sie
Sinn und Ziel seiner Worte nicht verstanden habe. Zugleich aber schüttelte sie
den Kopf und sagte: »Sie werden besser tun, mir von meinen Tropfen zu geben. Da,
das Fläschchen. Es ist ohnehin schon über die Zeit. Aber zählen Sie richtig und
bedenken Sie, welch ein kostbares Leben auf dem Spiele steht. Es ist Digitalis,
Fingerhut. Entsinnen Sie sich noch der Stunden, als wir von Tale nach Altenbrak
hinüberritten? Da stand es in roten Büscheln um uns her, kurz vor dem Birkenweg,
wo sich die Turner gelagert hatten und dann aufsprangen und vor uns
präsentierten.«
    »Vor Ihnen, Cécile ...«
    »Ja«, fuhr diese fort, ohne der Unterbrechung zu achten, »damals glaubte ich
nicht, dass der Fingerhut für mich blüht. Seit gestern aber ist mir auch noch
eine Herzkrankheit in aller Form und Feierlichkeit zudiktiert worden, als ob ich
des Elends nicht schon genug hätte. Fünf Tropfen, bitte; nicht mehr. Und nun
etwas Wasser.«
    Gordon gab ihr das Glas.
    »Es schmeckt nicht viel besser als der Tod... Nun aber setzen Sie sich
wieder und erzählen Sie mir von Ihrer eigentlichen Tischnachbarin. Interessante
Frau, die Baronin. Nicht wahr? Und so distinguiert!«
    »Jedenfalls mehr dezidiert als distinguiert. Den Zweifel, diesen Ursprung
oder Sprössling aller Bescheidenheit, haben die Götter beispielsweise nicht in
ihre Brust gelegt; dafür aber den Hass, wenigstens den redensartlichen. Gott, was
hasste diese Frau nicht alles! Und dazu welch ein Appetit! Und jedes dritte
Gericht ihr Leibgericht; Pardon, sie brauchte wirklich diesen Ausdruck. Ach,
Cécile, wie kommen Sie zu diesem Mannweib, zu solcher Amazone, Sie, die Sie ganz
Weiblichkeit sind und...«
    »Und Schwäche. Sprechen Sie's nur aus. Und nun elend und krank dazu!«
    »Nein, nein«, fuhr Gordon in immer wärmer und leidenschaftlicher werdendem
Tone fort: »Nein, nein; nicht krank. Sie dürfen nicht krank sein. Und diese
dummen Tropfen; weg damit samt der ganzen Doktorensippe. Das brüstet sich mit
Ergründung von Leib und Seele, schafft immer neue Wissenschaften, in denen man
sich vor Psyche nicht retten kann, und kennt nicht mal das Abc der Seele.
Verkennung und Irrtum, wohin ich sehe. Ach, meine teure Cécile, Sie haben sich
hier in bittere Kälte gebettet, um freier atmen zu können. Aber was Ihnen fehlt,
das ist nicht Luft, das ist Licht, Freiheit, Freude. Sie sind eingeschnürt und
eingezwängt, deshalb wird Ihnen das Atmen schwer, deshalb tut Ihnen das Herz
weh, und dies eingezwängte Herz, das heilen Sie nicht mit totem Fingerhutkraut.
Sie müssten es wieder blühen sehen, rot und lebendig wie damals, als wir über die
Felsen ritten und der helle Sonnenschein um uns her lag. Und dann abends das
Mondlicht, das auf das einsame Denkmal am Wege fiel. Unvergesslicher Tag und
unvergessliche Stunde.«
    Sie sog jedes Wort begierig ein, aber in ihrem Auge, darin es von Glück und
Freude leuchtete, lag doch zugleich auch ein Ausdruck ängstlicher Sorge. Denn
ihr Herz und ihr Wille befehdeten einander, und je gewissenhafter und ehrlicher
das war, was sie wollte, je mehr erschrak sie vor allem, was diesen ihren Willen
wieder ins Schwanken bringen konnte. Sie hatte sich gegen sich selbst zu
verteidigen, und so sagte sie denn: »O nicht so, lieber Freund. Sehen Sie die
roten Flecke hier? Ich fühle wenigstens, wie sie brennen. Glauben Sie mir, ich
bin wirklich krank. Aber, wenn ich auch gesund wäre, Sie dürfen diese Sprache
nicht führen. Um meinetwegen nicht und auch um Ihretwegen nicht.«
    Es war ersichtlich, dass er diese Worte nicht recht zu deuten verstand, und
so wiederholte sie denn: »Ja, auch um Ihretwegen nicht. Denn diese Sprache,
soviel sie bedeuten will, ist doch nur Alltagssprache, Sprache, darin ich jeden
Ton und jede kleinste Nuance kenne. Das wenigstens hab ich gelernt, darin
wenigstens hab ich eine Schule gehabt. So spricht herkömmlich ein Mann von Welt
zu einer Frau von Welt, und es fehlen nur noch die Herabsetzungen und
Verkleinerungen, ich sage nicht, wessen, und die versteckten Anklagen, ich sage
nicht, gegen wen, um das Herkömmliche dieser Sprache vollkommen zu machen. Ein
Glück für mich, dass Ihr Taktgefühl mich vor diesem Äussersten wenigstens zu
bewahren wusste.«
    Sie schob, als sie so sprach, sich abermals aufrichtend, den Shawl zurück
und setzte dann in wieder freundlicher werdendem Tone hinzu: »Nein, Herr von
Gordon, nicht so. Bleiben Sie mir, was Sie waren. Ich finde Sie so verändert und
frage vergebens nach der Ursache. Aber was es auch sein möge, machen Sie mir
mein Leben leicht, anstatt es mir schwer zu machen, stehen Sie mir bei, helfen
Sie mir in allem, was ich soll und muss, und täuschen Sie nicht das Vertrauen
oder, wozu soll ich es verschweigen, das herzliche Gefühl, das ich Ihnen von
Anfang an entgegenbrachte.«
    Gordon schien antworten zu wollen, aber sie wies nur auf die Karaffe, zum
Zeichen, dass sie zu trinken wünsche, trank auch wirklich und fuhr dann aufatmend
fort: »Es drückt mich mancherlei. Sie haben gesehen, wie wir leben; es ist
soviel Spott um mich her, Spott, den ich nicht mag und den ich oft nicht einmal
verstehe. Denn die grossen Fragen interessieren mich nicht, und ich nehme das
Leben, auch jetzt noch, am liebsten als ein Bilderbuch, um darin zu blättern.
Über Land fahren und an einer Waldecke sitzen, zusehen, wie das Korn geschnitten
wird und die Kinder die Mohnblumen pflücken, oder auch wohl selber hingehen und
einen Kranz flechten und dabei mit kleinen Leuten von kleinen Dingen reden, von
einer Geiss, die verlorenging, oder von einem Sohn, der wiederkam, das ist meine
Welt, und ich bin glücklich gewesen, solang ich darin leben konnte. Dann, ich
war noch ein halbes Kind, wurd ich aus dieser Welt herausgerissen, um in die
grosse Welt gestellt zu werden, und ich habe mich, solang es galt, auch ihrer
Freuden gefreut und an ihren Torheiten und Verirrungen teilgenommen. Aber jetzt,
jetzt sehne ich mich wieder zurück, ich will nicht sagen, in kleine
Verhältnisse, die würd ich nicht ertragen können - aber doch zurück nach Stille,
nach Idyll und Frieden und, gönnen Sie mir, es auszusprechen, auch nach
Unschuld. Ich habe Schuld genug gesehen. Und wenn ich auch durch all mein Leben
hin in Eitelkeit befangen geblieben bin und der Huldigungen nicht entbehren
kann, die meiner Eitelkeit Nahrung geben, so will ich doch, ja, Freund, ich will
es, dass diesen Huldigungen eine bestimmte Grenze gegeben werde. Das habe ich
geschworen, fragen Sie nicht, wann und bei welcher Gelegenheit, und ich will
diesen Schwur halten, und wenn ich darüber sterben sollte. Forschen Sie nicht
weiter. Es ist hier mehr Tragödie zu Haus, als Sie wissen. Und nun verlassen Sie
mich, ich bitte Sie. Der Arzt kann jeden Augenblick kommen, und ich möchte
nicht, dass mein Puls ihm verriete, wie sehr ich seine Vorschriften missachtet
habe.«
 
                           Vierundzwanzigstes Kapitel
In grosser Bewegung hatte Gordon Cécile verlassen, und erst auf dem Heimwege kam
er wieder zur Besinnung und überdachte sein Benehmen. Er hatte sich wirklich dem
Augenblick überlassen und war, als er sie krank und schmerzlich resigniert sah,
nur voll herzlicher Teilnahme gewesen. Aber dies Gefühl reiner Teilnahme hatte
nicht angedauert. Aller Krankheit und Resignation unerachtet oder vielleicht
auch gesteigert dadurch, war etwas Bestrickendes um sie her gewesen, und diesem
Zauber aufs neue hingegeben, war er schliesslich doch in eine Sprache verfallen,
die zu mässigen oder gar schweigen zu heissen er nach dem Inhalt von Clotildens
Briefe nicht mehr für geboten gehalten hatte. Worte waren gesprochen,
Andeutungen gemacht worden, die vor einer Woche noch unmöglich gewesen wären.
»Ja«, schloss er seine rückblickende Betrachtung, »so war es, so verlief es. Und
dann antwortete sie so dringend wie nie zuvor und zugleich so demütig wie
immer.«
    Unter solchem Selbstgespräche war er bis an das Tiergarten-Hotel und gleich
danach bis in die unmittelbare Nähe der Lennéstrasse gekommen. Aber zu Hause,
zwischen Alltagsmöbeln und bei nichts Besserem als zwei Schweizerlandschaften in
Öldruck, die schon unter gewöhnlichen Verhältnissen eine Qual für ihn waren,
sich einzupferchen, widerstand ihm heute doppelt, und so ging er an seiner
Wohnung vorüber und auf eine Bank zu, die, trotzdem die Oktobersonne einladend
darauf schien, unbesetzt war.
    Er lehnte sich, den Arm aufstützend, in eine der Ecken und sann und
rechnete, bis allmählich eine Bilderreihe, darin es auch an grotesken Gestalten
nicht fehlte, die Reihe seiner Gedanken ablöste. Vorauf erschien die schöne Frau
von Zacha, ganz in Krepp, mit grossen schwarzen Jettperlen dreimal um Brust und
Hals, und an den Perlen ein Kruzifix bis auf den Gürtel. Und dann sah er Cécile,
wie sie die Strasse hinaufsah. Und dann kamen die, auf die sie wartete: erst ein
Alter in Jagdjoppe, rüstig und jovial und mit grauem Backenbart, englisch
gestutzt und geschnitten, und dann ein Junger in Reisekostüm, fein und
durchsichtig und hüstelnd, und dann ein dritter in Uniform, mit hohen Schultern
und Gold am Kragen. Und er musste lachen und sagte: »Marinelli. Ja, kleiner
Fürsten Hofmarschall... Und in der, Welt hat sie gelebt. Traurig genug. Aber was
beweist es? Soll ich daraus herleiten, dass sie mir eine Komödie vorgespielt und
dass alles nichts gewesen sei wie der Jargon einer schönen Frau, die sich
unbefriedigt fühlt und die langen öden Stunden ihres Daseins mit einer
Liebesintrige kürzen möchte? Nein. Wenn dies Lug und Trug ist, dann ist alles
Lüge, dann bin ich entweder unfähig, wahr von unwahr zu unterscheiden, oder die
Kunst der Verstellung hat in den sieben Jahren meiner Abwesenheit wahre
Riesenfortschritte gemacht, solche, dass ich mit meiner schwachen Erkenntnis
nicht mehr folgen kann.«
    Er wollte sich losmachen von diesen und ähnlichen Betrachtungen, aber es
brodelte weiter in seiner Seele. »Die Welt ist eine Welt der Gegensätze, draussen
und drinnen, und wohin das Auge fällt, überall Licht und Schatten. Die
dankbarsten Menschen überschlagen sich plötzlich in Undank, und die Frommen, mit
dem seligen Hiob an der Spitze, murren wider Gott und seine Gebote. Was hat
nicht alles Platz in einem Menschenherzen? Alles verträgt sich, man rückt mit
gut und bös ein bisschen zusammen, und wer heute sittlich ist und morgen frivol,
kann heute gerade so ehrlich sein wie morgen. Clotilde hatte recht, als sie
mich ermahnte, das Kind nicht mit dem Bade zu verschütten. Und was sagte Rosa:
Die arme Frau. Sie muss also doch Züge herausgefunden haben, die Teilnahme
verdienen. Und das sagt viel. Denn die Weiber sind untereinander am strengsten,
und wo sie pardonieren, da muss Grund für Gnade sein.«
    In diesem Augenblicke kam eine Spreewaldsamme mit einem Kinderwagen und nahm
neben ihm Platz. Er sah nach ihr hin, aber die gewulsteten Hüften samt dem
Ausdruck von Stupidität und Sinnlichkeit waren ihm in der Stimmung, in der er
sich befand, geradezu widerwärtig, und so stand er - übrigens zu sichtlicher
Verwunderung seiner Bankgenossin - rasch auf, um weiter in die Parkanlagen
hineinzugehen.
    Als er nach einer Stunde müd und abgespannt nach Hause kam, übergab ihm der
Portier einen Brief und ein Telegramm. Der Brief war von Cécile, soviel sah er
an der Aufschrift, und die Frage, woher die Depesche komme, war ihm deshalb,
momentan wenigstens, gleichgültig. Er stieg hastig in seine Wohnung hinauf, um
zu lesen, oben aber überkam ihn eine Furcht. Endlich erbrach er den Brief. Er
lautete: »Lieber Freund. Es geht nicht so weiter. Seit dem Tage, wo wir das
kleine Diner hatten, sind Sie verändert, verändert in Ihrem Tone gegen mich. Ich
sprach es Ihnen schon aus und wiederhole, dass ich darauf verzichte, nach dem
Grunde zu forschen. Aber was der Grund auch sei, fragen Sie sich, ob Sie den
Willen und die Kraft haben, sich zu dem Tone zurückzufinden, den Sie früher
anschlugen und der mich so glücklich machte. Prüfen Sie sich, und wenn Sie
antworten müssen nein, dann lassen Sie das Gespräch, das wir eben geführt haben,
das letzte gewesen sein. Es gilt Ihr und mein Glück. Die zitternde Handschrift
wird Ihnen sagen, wie mir ums Herz ist, das in allen Stücken nicht will, wie's
soll. Aber ich beschwöre Sie: Trennung, oder das Schlimmere bricht herein. Über
kurz oder lang würde Sie der Beruf, den Sie gewählt, doch wieder in die Welt
hinausgeführt haben - greifen Sie dem vor. Ich vergesse Sie nicht. Wie könnt ich
auch! Immer die Ihrige
                                                                         Cécile«
Er war bewegt, am bewegtesten durch das rückhaltlose Geständnis ihrer Neigung.
Aber er ersah eben daraus auch den ganzen Ernst dessen, was sie nebenher noch
schrieb, sie hätte sich sonst zu solchem Geständnisse nicht hinreissen lassen.
    »Ob ich den Willen und die Kraft habe, fragt sie. Nun, den Willen, ja. Aber
nicht die Kraft. Vielleicht, weil auch der Wille nicht der ist, der er sein
sollte. Woher sollt ich ihn auch nehmen? Ich kann hier nicht leben und an ihrem
Hause Tag um Tag gleichgiltig vorübergehen, als wüsst ich nicht, wer hinter den
herabgelassenen Rouleaux seine Tage vertrauert. Und so hab ich denn beides
nicht, nicht die Kraft und nicht den Willen.«
    Als er so sprach, überflog er noch einmal die letzten Zeilen und griff dann
erst nach dem Telegramm. Es kam aus Bremen und entielt die kurze Weisung,
herüberzukommen, weil sich dem Unternehmen seitens der dänischen Regierung neue
Schwierigkeiten in den Weg gestellt hätten.
    »Ohne den Brief wäre mir das Telegramm ein Greuel gewesen, jetzt ist es mir
ein Fingerzeig, wie damals der Befehl, der mich aus Tale wegrief. Nur dass die
Situation von heute pressanter und das Glück im Unglück ersichtlicher ist. Es
bleibt ewig wahr, man soll nicht mit dem Feuer spielen. Trivialer Satz. Aber die
trivialsten Sätze sind immer die wahrsten. Und so denn also Rückzug! Er wird mir
leichter, als ich's vor einer Stunde noch gedacht hätte, denn alles, was gut und
verständig in mir ist, stimmt mit ein und kommt mir zu Hülfe. Sich düpieren
lassen oder Spielzeug einer Weiberlaune zu sein, widersteht mir. Aber hier ist
nichts von dem allen, nicht Düpierung, nicht Weiberlaune, nicht Spiel. Arme
Cécile. Dir ist die höhere Moral nicht an der Wiege gesungen worden, und
Oberschlesien mit Adelsanspruch und Adelsarmut war keine Schule dafür. Nur zu
wahr. Aber es war ein guter Fond in ihr, ein ästetisches Element, etwas
angeboren Feinfühliges, das sie gelehrt hat, echt von unecht und Recht von
Unrecht zu unterscheiden. Etwas aus der Zeit, wo die Pilzchen mit dem Roi
Champignon auf dem Tisch standen, ist ihr freilich geblieben und wird ihr
bleiben, aber sie will aus dem alten Menschen heraus, aufrichtig und ehrlich,
und sie daran hindern zu wollen wäre niedrig und geradezu schlecht. Also weg,
fort! Leben heisst Hoffnungen begraben.«
    Er sprach es in gutem Glauben vor sich hin. Aber plötzlich besann er sich
und lächelte: »Hoffnungen - ideales Wort, das für meine Wünsche, wie sie nun mal
sind oder doch waren, nicht recht passen will. Aber müssen denn Hoffnungen immer
ideal sein, immer weiss wie die Lilien auf dem Felde? Nein, sie können auch Farbe
haben, rot wie der Fingerhut, der oben auf den Bergen stand. Aber weiss oder rot,
weg, weg.«
    Und er klingelte nach der Wirtin und gab Ordres für seine Abreise.
 
                           Fünfundzwanzigstes Kapitel
Den andern Morgen war er in Bremen und nahm Wohnung in »Hillmanns Hotel«, einem
entzückenden Gastause, das er schon aus früheren Aufentalten kannte. Die
Fenster in seinem Zimmer standen auf, und er sah abwechselnd über die die
Vorstadt von der Altstadt trennende Esplanade hin in die buntbelebte Sögestrasse
hinein und dann wieder unmittelbar auf eine neben der ganzen Hotelfront
hinlaufende mit Kies bestreute Rampe, darauf die Gäste sassen und eben ihren
Frühkaffee nahmen. Denn es war noch milde Luft, und die mächtigen Bäume des
benachbarten Wallgangs bildeten einen Schirm, der die ganze Rampe zu einer
windgeschützten Stelle machte. Hier wollt er auch sitzen, und als er sich
umgekleidet hatte, stieg er treppab und nahm an einem der Tische Platz. Das
Treiben, das vorüberwogte: Rollwagen, die nach dem Hafen fuhren, Mägde, die zu
Markt, und Kinder, die zur Schule gingen, alles tat ihm wohl und gab ihm ein
stilles Behagen wieder, das er seit dem Tage, wo Clotildens Brief eintraf,
nicht mehr gekannt hatte. dabei sah er Cécile beständig vor sich, die, wie ein
hinschwindendes Nebelbild, ihn aus weiter Ferne her zu grüssen und doch zugleich
auch abzuwehren schien. Das war die rechte Stimmung, und er liess sich Papier und
Schreibzeug bringen und schrieb:
    »Hochverehrte gnädigste Frau, liebe, teure Freundin. Als ich gestern
nachmittag Ihre Zeilen empfing, empfing ich auch ein Telegramm, das mich hierher
berief. Es hätte mich noch vierundzwanzig Stunden vorher unglücklich gemacht,
jetzt war es mir willkommen und half mir, wie schon einmal, über Schwanken und
Kämpfe fort.
    Ich soll mich zurückfinden in den Ton unserer glücklichen Tage, so schrieben
Sie mir gestern. Mit Ihnen am selben Orte, dieselbe Luft atmend, würd ich es nie
gekonnt haben; aber in dieser Trennung werd ich es können oder es lernen, weil
ich es lernen muss. Es ist noch früh am Tag, und ich habe noch niemand aus dem
Kreise meiner Auftraggeber gesprochen, aber wenn sich mir erfüllt, was ich von
Herzen wünsche, so brechen alle Verhandlungen ab, die mich an diese Küste
fesseln, und an ihre Stelle treten wieder Missionen, die mich aufs neue weit in
die Welt und in die Fremde hinausführen. Denn in der Fremde nehmen wir,
zurückblickend, das Bild für die Wirklichkeit, und die Sehnsucht, die sonst uns
quälen würde, wird unser Glück. Über lang oder kurz hoff ich wieder über die
Schneepässe des Himalaja zu gehen, überall aber, und je höher hinauf, desto
mehr, werd ich der zurückliegenden schönen Tage gedenken, an Quedlinburg und
Altenbrak und das Denkmal auf der Klippe... Träume nur und Visionen, aber man
nimmt seinen Trost, wie und wo man ihn findet. Liebe, teure Freundin, Ihr
innigst ergebener
                                                                  Leslie-Gordon«
Gordon sah einer Antwort entgegen, aber sie kam nicht, was ihn anfangs halb
beunruhigte, halb verstimmte. Die geschäftlichen Verhandlungen indes, die den
Oktober über andauerten und ihn zu Vermessungen und sonstigen Feststellungen
erst nach Schleswig und dann hoch hinauf bis an den Limfjord führten, liessen
eine Kopfhängerei nicht aufkommen. Erinnerungen erfüllten sein Herz, aber jedes
leidenschaftliche Gefühl schien begraben, und er freute sich der Wendung, die
diese Lebensbegegnung, deren Gefahren er wohl einsah, schliesslich genommen
hatte.
    So war seine Stimmung, als er ganz unerwartet die Weisung erhielt, abermals
nach Berlin zurückzukehren. Er erschrak fast, aber die Verhältnisse gestatteten
ihm keine Wahl, und an einem grauen Novembernachmittage, dessen Nebel sich in
dem Augenblicke, wo der Zug hielt, zu einem Landregen verdichtete, traf er in
Berlin ein und stieg in dem »Hotel du Parc« ab, in demselben Hotel also, darin
er während seines Septemberaufentaltes täglich verkehrte und seinen
Mittagstisch genommen hatte.
    Das Zimmer, das ihm angewiesen wurde, lag eine Treppe hoch, nach der
Bellevuestrasse hinaus, und hatte den Blick auf das von Bäumen umstellte Podium,
auf dem er ehedem, wenn er vom Hafenplatze kam, manch glückliche Stunde
verplaudert hatte. Das lag nun zurück, und auch die Szenerie war nicht mehr
dieselbe. Die Kastanienbäume, die damals, wenn auch schon angegelbt, noch in
vollem Laube gestanden hatten, zeigten jetzt ein kahles Gezweig, und vom Dach
her, just an der Stelle, wo man den ganzen sommerlichen Tisch- und Stühlevorrat
übereinandergetürmt hatte, fiel der Regen in ganzen Kaskaden auf das Podium
nieder.
    Gordon überkam ein Frösteln.
    »Hoffentlich ist das nicht die Signatur meiner Berliner Tage. Das würde
wenig versprechen. Aber am Ende, was kann man von einem Novembernachmittag
erwarten! Some days must be dark and dreary - ich weiss nicht, sagt es Tennyson
oder Longfellow, jedenfalls einer von beiden, und wenn etliche Tage dunkel und
traurig sein müssen, nun denn, warum nicht dieser? Ein Feuer im Ofen und eine
Tasse Kaffee werden übrigens die Situation um ein erhebliches verbessern.«
    Er zog die Klingel, gab seine Ordres und tat einige Fragen an den Kellner.
    »Was gibt es im Teater?«
    »Störenfried.«
    »Etwas antik. Und im Opernhause?«
    »Tannhäuser.«
    »Haben Sie Billets?«
    »Ja, Parquet und ersten Rang. Niemann singt und die Voggenhuber.«
    »Gut. Erster Rang. Deponieren Sie's beim Portier.«
Kurz vor sieben hielt die Droschke vor dem Opernhause, und der allezeit
bereitstehende Wagenschlagöffner sagte mit der ihm eigenen und bei Glatteis und
trockenem Wetter immer gleichklingenden Fürsorge: »Nehmen Sie sich in acht.«
    Gordon freute sich des voll und glänzend besetzten Hauses und liess von
seinem Umschauhalten erst ab, als der Taktstock sich erhob und die Ouvertüre
begann. Er kannte jeden Ton und folgte mit Verständnis und Freudigkeit, bis er
plötzlich, in einer ihm gegenüberliegenden Loge, Céciles gewahr wurde. Sie sass
vorn an der Brüstung, neben ihr der Geheimrat, der ihr, während der Fächer sie
halb verdeckte, kleine Bemerkungen zuflüsterte, wobei beider Köpfe sich
berührten. So wenigstens schien es Gordon. Und nun ging der Vorhang auf. Aber er
sah und hörte nichts mehr und starrte nur, während er Kinn und Mund in seine
linke Hand vergrub, nach der Loge hinüber, ganz und gar seiner Eifersucht
hingegeben und von einem prickelnden Verlangen erfüllt, lieber zuviel als
zuwenig zu sehen. Es schien aber, dass beide dem Spiele nicht nur oberflächlich,
sondern aufmerksam und mit einem gewissen Ernste folgten, und nur dann immer,
wenn eine leere Stelle kam, beugte sich der eine zum andern und sprach
abwechselnd ein kurzes Wort, das von seiten Céciles meistens mit einem Lächeln,
von seiten des Geheimrates aber Mal auf Mal mit einem komisch gravitätischen
Kopfnicken beantwortet wurde.
    Gordon litt Höllenqualen, und über seine Rache brütend, war er nur darüber
in Zweifel, ob er sich im gegebenen Moment (und der Moment musste sich geben)
lieber als »böses Gewissen« oder als »Mephisto« gerieren solle. Natürlich
entschied er sich für das letztere. Spott und superiore Witzelei waren der
allein richtige Ton, und als ihm dies feststand, fiel zum ersten Male der
Vorhang.
    Drüben aber leerte sich die Loge, darin nur Cécile mit ihrem Hausfreunde
zurückblieb.
    Und nun stürmte Gordon hinüber, um sich der gnädigen Frau vorzustellen.
    Der Geheimrat hatte sein Glas genommen und musterte den Vorhang. Als er sich
eben wieder wandte, vielleicht um seiner Freundin und Nachbarin eine
kunstkritische Bemerkung über Arion und noch wahrscheinlicher über die
badelustige Nereidengruppe zuzuflüstern, sah er den inzwischen eingetretenen
Nebenbuhler, der, mit halbem Gruss ihn streifend, sich eben gegen Cécile
verneigte.
    »Welches Glück für mich, meine gnädigste Frau«, begann Gordon in seinem
spitzesten Tone, »Sie schon heut und an dieser Stelle begrüssen zu dürfen. Ich
hatte vor, mich Ihnen morgen im Laufe des Tages zu präsentieren. Aber es trifft
sich günstiger für mich. Darf ich mich nach Ihrem Befinden erkundigen?«
    Cécile zitterte vor Erregung und fand in dem Krampf, der ihr die Sprache zu
rauben drohte, nichts als die mit höchster Anstrengung gesprochenen Worte: »Die
Herren kennen einander? Geheimrat Hedemeier... Herr von Gordon.«
    »Hatte bereits die Ehre«, sagte Gordon, während er sich auf einem der frei
gewordenen Plätze niederliess. Gleich danach aber, sich leger auf eine
Seitenlehne stützend, fuhr er im Tone forcierter guter Laune fort: »Ein volles
Haus, meine Gnädigste, jedenfalls voller, als man bei einer Oper glauben sollte,
die nun schon dreissig Jahre spielt und jeder auswendig kennt. Es muss der Stoff
sein oder die glänzende Besetzung. Ich vermute, Niemann. Er ist doch der
geborene Tannhäuser, und kein anderer reicht da heran. Wenigstens nicht auf der
Bühne. Für mich sind es Auffrischungen aus Tagen her, in denen ich noch des
Vorzugs genoss, mit der silbernen Gardelitze, deren sich, einigermassen
überraschlich, auch das Regiment Eisenbahn erfreut, hier sitzen zu dürfen, halb
als Kunstentusiast, halb als militärisches Hausornament. Übrigens empfang ich
den Eindruck, als ob Kamerad Hülsen immer noch seine Gnadensonne über Gerechte
und Ungerechte scheinen lasse. Sehen Sie da drüben, meine Gnädigste! Die reine
Levée en masse, wie gewöhnlich mit Regiment Alexander an der Tête.«
    Cécile hörte den spöttischen Ton nur halb heraus, desto deutlicher der
Geheimrat, der denn auch, ersichtlich, um den draussen in der Welt von »Europens
übertünchter Höflichkeit« frei gewordenen »Kanadier« zu markieren - mit der ihm
eigenen Ironie replizierte: »Sie waren nur sieben Jahre fort, Herr von Gordon?
Ich dachte, länger.«
    Gordon, der den Wert einer gelungenen maliziösen Bemerkung auch dann noch zu
schätzen wusste, wenn sich die Spitze derselben gegen ihn selber richtete, fand
sich momentan in eine leichte, gute Stimmung zurück und antwortete: »Zu dienen,
mein Herr Geheimrat; leider nur sieben Jahre, weshalb ich vorhabe, die Zahl
baldmöglichst zu verdoppeln, und zwar um meiner weiteren Ausbildung willen.
Natürlich Charakter-Ausbildung. Glückt es, so hoff ich einen richtigen
Naturmenschen zu erzielen, an dem nichts Falsches ist, auch nicht einmal
äusserlich. Aber ich sehe, die Loge fängt an, ihre früheren Insassen wieder
aufzunehmen und mich an Rückzug zu mahnen. Ich darf mich doch der gnädigen Frau
recht bald in ihrer Wohnung vorstellen?«
    »Zu jeder Zeit, Herr von Gordon«, sagte Cécile. »Lassen Sie mich nicht
länger warten, als Ihre geschäftlichen Obliegenheiten es fordern. Ich bin so
begierig, von Ihnen zu hören.«
    All das wurd in Hast und Verlegenheit gesprochen, und sie wusste kaum, was
sie sagte. Gordon aber empfahl sich und ging in seine Loge zurück.
    In dieser angekommen, gab er sich das Ansehen, als ob er dem zweiten Akt mit
ganz besonderem Interesse folge, und wirklich nahm ihn der Wartburgsaal und das
Erscheinen der Sänger eine Weile gefangen. Aber nicht auf lang, und als er
wieder hinübersah, sah er, dass Cécile die Loge verliess und der Geheimrat ihr
folgte.
    Das war mehr, als er ertragen konnte; tollste Bilder schossen in ihm auf und
jagten sich, und ein Schwindel ergriff ihn. Als er es mühsam überwunden, sah er
nach der Uhr: »Halb neun. Spät, aber nicht zu spät. Und sie sagte ja: zu jeder
Zeit willkommen.«
    Und damit erhob er sich, um dem flüchtigen Paare zu folgen. Fand er sie,
schlimm genug, fand er sie nicht ... Er mocht es nicht ausdenken.
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel
»Ah, Herr von Gordon«, sagte die Jungfer, als der zu so später Stunde noch
Vorsprechende mit aller Kraft (vielleicht um sein schlechtes Gewissen zu
betäuben) die Klingel gezogen hatte.
    »Treff ich die gnädige Frau?«
    »Ja. Sie war im Teater, ist aber eben zurück. Die Herrschaften werden sehr
erfreut sein.«
    »Auch der Herr Oberst zugegen?«
    »Nein, der Herr Geheimrat.«
    Gordon wurde gemeldet, und ehe noch die Antwort da war, dass er willkommen
sei, trat er bereits ein.
    Cécile und der Geheimrat waren gleichmässig frappiert, und das spöttische
Lächeln des letztern schien ausdrücken zu wollen: »Etwas stark.«
    Gordon sah es sehr wohl, ging aber drüber hin und sagte, während er Cécile
die Hand küsste: »Verzeihung, meine gnädige Frau, dass ich von Ihrer Erlaubnis
einen so schnellen Gebrauch mache. Aber, offen gestanden, im selben Augenblicke,
wo Sie die Loge verliessen, war mein Interesse hin und nur noch der Wunsch
lebendig, den Abend an Ihrer Seite verplaudern zu dürfen. Als Antrittsvisite
keine ganz passende Zeit. Indessen Ihr freundliches Wort... Und so verzeihen Sie
denn die späte Stunde.«
    Cécile hatte sich inzwischen gesammelt und sagte mit einer Ruhe, die
deutlich zeigte, dass ihr unter diesem unerhörten Benehmen ihr Selbstbewusstsein
zurückzukehren beginne: »Lassen Sie mich Ihnen wiederholen. Herr von Gordon, dass
Sie zu jeder Zeit willkommen sind. Und die späte Stunde, von der Sie sprechen...
Nun, ich entsinne mich eines Plauderabends mit dem Hofprediger, wo Sie später
kamen. Auch aus dem Teater. Es war ein Don-Juan-Abend, und Sie hatten den
Schluss abgewartet.«
    »Ganz recht, meine gnädigste Frau. Man will immer gern wissen, was aus dem
Don Juan wird.«
    »Und aus dem Masetto«, setzte Hedemeier hinzu, während er sich von dem
Fauteuil, auf dem er eben erst Platz genommen hatte, wieder erhob.
    »Aber Sie wollen doch nicht schon aufbrechen, mein lieber Geheimrat«,
unterbrach ihn Cécile, der in diesem Augenblick ihre ganze Verlegenheit
zurückkehrte. »Schon jetzt, schon vor dem Tee. Nein, das dürfen Sie mir nicht
antun und Herrn von Gordon nicht, der ein gutes Gespräch liebt. Und was hat er
an dem, was ich ihm sage? Nein, nein, Sie müssen bleiben.« Und sie zog die
Glocke... »Den Tee, Marie... Hören Sie doch, lieber Freund, wie draussen der
Regen fällt. Ich erwarte noch den Hofprediger; er hat es mir zugesagt. Noch
einmal also, Sie bleiben.«
    Aber der Geheimrat war unerbittlich und sagte: »Meine gnädigste Frau, der
Club und die L'hombre-Partie warten auf mich. Und wenn es auch anders läge, man
soll nie vergessen, dass man nicht allein auf der Welt ist. Es wär ein Unrecht,
Herrn von Gordon so benachteiligen zu wollen. Er hat viele Wochen hindurch Ihrer
Unterhaltung entbehren müssen und Sie der seinigen; nun bringt er Ihnen eine
Welt von Neuigkeiten, und ich bin nicht indiskret genug, bei diesen Mitteilungen
stören zu wollen. Wenn Sie gestatten, sprech ich morgen wieder vor. Vorläufig
darf ich vielleicht dem Herrn Obersten einen herzlichen Empfehl bringen. Auch
von Ihnen, Herr von Gordon?«
    Gordon begnügte sich damit, sich kalt und förmlich gegen den Geheimrat zu
verneigen, der, inzwischen an Cécile herangetreten, ihre Hand an seine Lippen
führte. »Wie gerne wär ich geblieben. Aber es ist gegen meine Grundsätze. Nennen
Sie mir nicht den Hofprediger; Hofprediger stören nie. Wer berufsmässig Beichte
hört, steht über der Indiskretion. Übrigens ist er noch nicht da. Bis morgen
also, bis morgen.« Und er ging. Im selben Augenblicke brachte Marie den Tee. Sie
wollte den Tisch arrangieren, aber Cécile, die das, was in ihr vorging, nicht
länger zurückdämmen konnte, sagte: »Lassen Sie, Marie«, und wandte sich dann
rasch und mit vor Erregung und fast vor Zorn zitternder Stimme gegen Gordon.
»Ich bin indigniert über Sie, Herr von Gordon. Was bezwecken Sie? Was haben Sie
vor?«
    »Und Sie fragen?«
    »Ja, noch einmal: was haben Sie vor? was bezwecken Sie? Sprechen Sie mir
nicht von Ihrer Neigung. Eine Neigung äussert sich nicht in solchem Affront. Und
in welchem Lichte müssen Sie dem Geheimrat erschienen sein.«
    »Jedenfalls in keinem zweifelhafteren als er mir. Lassen Sie das meine Sorge
sein.«
    »Aber in welchem Lichte lassen Sie mich vor ihm erscheinen. Und Sie
begreifen, mein Herr von Gordon, dass das meine Sorge ist. Ich habe Sie für einen
Kavalier genommen oder, da Sie das Englische so lieben, für einen Gentleman und
sehe nun, dass ich mich schwer und bitter in Ihnen getäuscht habe. Schon Ihr
Besuch in der Loge war eine Beleidigung; nicht Ihr Erscheinen an sich, aber der
Ton, der Ihnen beliebte, die Blicke, die Sie für gut fanden. Ich habe Sie
verwöhnt und mein Herz vor Ihnen ausgeschüttet, ich habe mich angeklagt und
erniedrigt, aber anstatt mich hochherzig aufzurichten, scheinen Sie zu fordern,
dass ich immer kleiner vor Ihrer Grösse werde. Meiner Tugenden sind nicht viele,
Gott sei's geklagt, aber eine darf ich mir unter Ihrer eigenen Zustimmung
vielleicht zuschreiben, und nun zwingen Sie mich, dies einzige, was ich habe,
mein bisschen Demut, in Hochmut und Prahlerei zu verkehren. Aber Sie lassen mir
keine Wahl. Und so hören Sie denn, ich bin nicht schutzlos. Ich beschwöre Sie,
zwingen Sie mich nicht, diesen Schutz anzurufen, es wäre Ihr und mein Verderben.
Und nun sagen Sie, was soll werden? Wo steckt Ihr Titel für all dies? Was hab
ich gefehlt, um dieses Äusserste zu verdienen? Erklären Sie sich.«
    »Erklären, Cécile! Das Rätsel ist leicht gelöst: ich bin eifersüchtig.«
    »Eifersüchtig. Und das sprechen Sie so hin, wie wenn Eifersucht Ihr gutes
und verbrieftes Recht wäre, wie wenn es Ihnen zustünde, mein Tun zu bestimmen
und meine Schritte zu kontrollieren. Haben Sie dies Recht? Sie haben es nicht.
Aber wenn Sie's hätten, eine vornehme Gesinnung verleugnet sich auch in der
Eifersucht nicht, ich weiss das, ich habe davon erfahren. Sie konnten Schlimmeres
tun, als Sie getan haben, aber nichts Kleineres und nichts Unwürdigeres.«
    »Nichts Unwürdigeres! Und was ist es denn, was ich getan habe? Was sich
erklärt, ist auch verzeihlich. Cécile, Sie sind strenger gegen mich, als Sie
sollten; haben Sie Mitleid mit mir. Sie wissen, wie's mit mir steht, wie's mit
mir stand vom ersten Augenblick an. Aber ich bezwang mich. Dann kam der Tag, an
dem ich Ihnen alles bekannte. Sie wiesen mich zurück, beschworen mich, Ihren
Frieden nicht zu stören. Ich gehorchte, mied Sie, ging. Und der erste Tag, der
mich nach langen Wochen und, Gott ist mein Zeuge, durch einen baren Zufall
wieder in Ihre Nähe führt, was zeigt er mir? Sie wissen es. Sie wissen es, dass
dieser spitze, hämische Herr von Anfang an mein Widerpart war, mein Gegner, der
ein Recht zu haben glaubt, sich über mich und meine Neigung zu mokieren. Und
eben er, er mir vis-à-vis in der Loge, sichrer und süffisanter denn je zuvor,
und neben ihm meine vergötterte Cécile, lachend und heiter hinter ihrem Fächer
und sich ihm zubeugend, als könne sie's nicht abwarten, immer mehr von seinen
Frivolitäten einzusaugen, von all dem süssen Gift, darin er Meister ist. Ach,
Cécile, meine Resignation war aufrichtig und ehrlich, ich schwör es Ihnen; ich
kam nicht wieder, um Ihre Ruhe zu stören, aber einen andern bevorzugt sehen und
so, so, das war mehr, als ich ertragen konnte. Das war zuviel.«
    All das wurde gesprochen, während beide heftig erregt über den Teppich
hinschritten; das Flämmchen unter dem Wasserkessel brannte weiter, und der Dampf
stieg in kleinen Säulen zwischen den beiden Bronzelampen in die Höh. Alles war
Frieden um sie her, und Cécile nahm jetzt seine Hand und sagte: »Setzen wir uns,
vielleicht dass wir dann ruhigere Worte finden... Sie suchen es alles an der
falschen Stelle. Nicht meine Haltung im Teater ist schuld und nicht mein Lachen
oder mein Fächer, und am wenigsten der arme Geheimrat, der mich amüsiert, aber
mir ungefährlich ist, ach, dass Sie wüssten, wie sehr. Nein, mein Freund, was
schuld ist an Ihrer Eifersucht oder doch zum mindesten an der allem
Herkömmlichen hohnsprechenden Form, in die Sie Ihre Eifersucht kleiden, das ist
ein andres. Sie sind nicht eifersüchtig aus Eifersucht: Eifersucht ist etwas
Verbindliches, Eifersucht schmeichelt uns, Sie aber sind eifersüchtig aus
Überheblichkeit und Sittenrichterei. Da liegt es. Sie haben eines schönen Tages
die Lebensgeschichte des armen Fräuleins von Zacha gehört, und diese
Lebensgeschichte können Sie nicht mehr vergessen. Sie schweigen, und ich sehe
daraus, dass ich's getroffen habe. Nun, diese Lebensgeschichte, so wenigstens
glauben Sie, gibt Ihnen ein Anrecht auf einen freieren Ton, ein Anrecht auf
Forderungen und Rücksichtslosigkeiten und hat Sie veranlasst, an diesem Abend
einen doppelten Einbruch zu versuchen: jetzt in meinen Salon und schon vorher in
meine Loge... Nein, unterbrechen Sie mich nicht... ich will alles sagen, auch
das Schlimmste. Nun denn, die Gesellschaft hat mich in den Bann getan, ich seh
es und fühl es, und so leb ich denn von der Gnade derer, die meinem Hause die
Ehre antun. Und jeden Tag kann diese Gnade zurückgezogen werden, selbst von
Leuten wie Rossow und der Baronin. Ich habe nicht den Anspruch, den andre haben.
Ich will ihn aber wieder haben, und als ich, auch ein unvergesslicher Tag,
heimlich und voll Entsetzen in das Haus schlich, wo der erschossene Dzialinski
lag und mich mit seinen Totenaugen ansah, als ob er sagen wollte: Du bist
schuld, da hab ich's mir in meine Seele hineingeschworen, nun, Sie wissen, was.
Und ob ich in der Welt Eitelkeiten stecke, heut und immerdar, eines dank ich der
neuen Lehre: das Gefühl der Pflicht. Und wo dies Gefühl ist, ist auch die Kraft.
Und nun sprechen Sie; jetzt will ich hören. Aber sagen Sie mir Freundliches, das
mich tröstet und versöhnt und mich wieder an Ihr gutes Herz und Ihre gute
Gesinnung glauben macht und mir Ihr Bild wiederherstellt. Sprechen Sie ...«
    Gordon sah vor sich hin, und um seinen Mund war ein Zucken und Zittern, als
ob die Worte, die sie so warm und wahr gesprochen, doch eines Eindrucks auf ihn
nicht verfehlt hätten. Aber im selben Augenblicke trat das Bild wieder vor seine
Seele, davon er, vor wenig Stunden erst, Zeuge gewesen war, und verletzt in
seiner Eitelkeit, gequält von dem Gedanken, ein blosses Spielzeug in
Weiberhänden, ein Opfer alleralltäglichster List und Laune zu sein, fiel er in
sein kaum beschwichtigtes Misstrauen und, schlimmer, in den Ton bittren Spottes
zurück.
    »Sie sind so beredt, Cécile«, sprach er vor sich hin. »Ich wusste nicht, dass
Sie so gut zu sprechen verstehen.«
    »Und doch ist es nicht lange, seit ich Ihnen Ähnliches und mit gleicher
Eindringlichkeit sagen musste. Schlimm genug, dass mir Ihr Wiedererscheinen eine
Wiederholung nicht ersparte. Was Sie Beredsamkeit nennen, nenn ich einfach ein
Herz.«
    »Und ich habe diesem Herzen geglaubt!«
    »Sie haben ihm geglaubt. Also in diesem Augenblicke nicht mehr! Und was
glauben Sie jetzt? Was glauben Sie noch?«
    »Dass wir uns beide getäuscht haben... Wir bleiben unsrer Natur treu, das ist
unsre einzige Treue... Sie gehören dem Augenblick an und wechseln mit ihm. Und
wer den Augenblick hat...«
    Er brach ab, verbeugte sich und verliess das Zimmer, ohne weiter ein Wort des
Abschieds oder der Versöhnung gesprochen zu haben. Im Vorzimmer schoss er, mit
allen Zeichen äusserster Erregung, an Dörffel vorüber, der einen Augenblick
später in den Salon eintrat.
    Als Cécile seiner ansichtig wurde, stürzte sie dem väterlichen Freund
entgegen und beschwor ihn unter Tränen um seinen Beistand und seine Hülfe.
 
                          Siebenundzwanzigstes Kapitel
Cécile kam spät zum Frühstück, und St. Arnaud, das Zeitungsblatt aus der Hand
legend, sah auf den ersten Blick, dass sie wenig geschlafen und viel geweint
hatte. Sie begrüssten sich und wechselten dann einige gleichgiltige Worte. Gleich
danach nahm St. Arnaud die Zeitung wieder auf und schien lesen zu wollen. Aber
er kam nicht weit, warf das Blatt fort und sagte, während er die Tasse beiseite
schob: »Was ist das mit Gordon?«
    »Nichts.«
    »Nichts! Wenn es nichts wäre, so früg ich nicht, und du wärst nicht verwacht
und verweint. Also heraus mit der Sprache. Was hat er gesagt? Oder was hat er
geschrieben? Er schrieb in einem fort. Ewige Briefe.«
    »Willst du sie lesen?«
    »Unsinn. Ich kenne Liebesbriefe: die besten kriegt man nie zu sehen, und was
dann bleibt, ist gut für nichts. Übrigens sind mir seine Beteuerungen und
vielleicht auch Bedauerungen absolut gleichgiltig; aber nicht sein Auftreten vor
Zeugen, nicht sein Benehmen in Gegenwart andrer. Er hat dich beleidigt. Der
Hauptsache nach weiss ich, was geschehen ist; Hedemeier hat mir gestern im Club
davon erzählt, und ich will nur die Bestätigung aus deinem Munde. Das in der
Loge mochte gehen, aber dich bis hierher verfolgen, unerhört! Als ob er den
Rächer seiner Ehre zu spielen hätte.«
    »Sprich dich nicht in den Zorn hinein, Pierre. Du willst von mir hören, was
geschehen ist, und ich sehe, du weisst alles. Ich habe nichts mehr
hinzuzusetzen.«
    »Doch, doch. Die Hauptsache fehlt noch. All dergleichen hat eine
Vorgeschichte und fällt nicht vom Himmel. Am wenigsten vom Himmel. Gordon ist
ein Mann von Familie, von Welt und Urteil, und ein solcher Mann handelt nicht
ins Unbestimmte hinein. Er befragt die Situation. Und diese Situation will ich
wissen, will ich kennenlernen. Schildre sie mir; ich denke, dass du sie mir
schildern kannst, und zwar ohne sonderliche Verlegenheiten und Verschweigungen.
Ein paar Ungenauigkeiten mögen mit drunterlaufen, meinetwegen, ich ereifere mich
nicht um Bagatellen. Im übrigen, ich gestatte mir, das vorläufig anzunehmen,
kann nichts vorgekommen sein, was das Licht des Tages oder meine Mitwissenschaft
zu scheuen hätte. Denn man fordert mich nicht heraus, niemand, am wenigsten
meine Frau, die, soviel ich weiss, eine Vorstellung davon hat, dass ich nicht der
Mann der Unentschiedenheiten und Ängstlichkeiten bin. Aber du kannst das uralte
Frau-Eva-Spiel, das Spiel der Hinhaltungen und In-Sicht-Stellungen über das
rechte Mass hinaus gespielt haben, gerad unklug und unvorsichtig genug, um
missverstanden zu werden. Liegt es so, so werd ich meine schöne Cécile bitten, in
Zukunft etwas vorsichtiger zu sein. Liegt es aber anders, bist du dir keines
Entgegenkommens bewusst, keines Entgegenkommens, das ihm zu solchem Eklat und
Hausfriedensbruch auch nur einen Schimmer von Recht gegeben hätte, so liegt eine
Beleidigung vor, die nicht nur dich trifft, sondern vor allem auch mich. Und ich
habe nicht gelernt, Effronterien geduldig hinzunehmen. Über diesen Punkt verlang
ich Auskunft, offen und unumwunden.«
    Cécile schwieg. Aber wahrnehmend, dass es vergeblich sein würde, ihn durch
halbe Worte von seinem Vorhaben abbringen zu wollen, sagte sie: »Was ich zu
sagen habe, ist kurz. In Tale waren wir unter deinen Augen, und kein Wort ist
gesprochen worden, das sich nicht gleichzeitig an alle Welt, an dich, an den
Emeritus, an Rosa gerichtet hätte.«
    St. Arnaud wiegte den Kopf und lächelte, während Cécile, die des Heimrittes
von Altenbrak gedenken mochte, nicht ohne Verlegenheit vor sich hin blickte.
    »Dann«, fuhr sie fort, »sahen wir uns hier. Es blieb, wie's gewesen. Er war
voll Rücksicht und Aufmerksamkeiten, und nichts geschah, was den Respekt gegen
mich auch nur einen Augenblick verleugnet hätte. Seine Konversation war leicht
und gefällig, mitunter übermütig, aber trotz dieses Anfluges von Übermut hört
ich aus jedem Wort eine grosse Zuneigung heraus, ein Gefühl, das mir wohltat und
mich beglückte. So waren seine Worte; so waren auch seine Briefe.«
    »Lass die Briefe.«
    »Du darfst mich nicht unterbrechen. Ich sage, so waren auch seine Briefe.
Dann kam das kleine Diner, wo wir Rossow und die Baronin zu Tisch hatten, und
von dem Augenblick an war er ein andrer. Die Hergänge jenes Tages können ihn
nicht umgestimmt haben, aber unmittelbar danach müssen Dinge zu seiner Kenntnis
gekommen sein, ich brauche dir nicht zu sagen, welche, die sein Auftreten und
seinen Ton veränderten.«
    »Erbärmlich. Eine Infamie.«
    »Nein, Pierre.«
    »Gut. Weiter.«
    »Ich empfand auf der Stelle diese Veränderung und wies in einem Gespräche,
darin ich mich ihm offen gab und zugleich Scherz und Ernst zu mischen suchte,
darauf hin, dass er diesen veränderten Ton nicht anschlagen dürfe, weder als Mann
von Ehre noch als Mann von Welt, und ich hatte den Eindruck, dass er mir selber
zustimmte. Wenigstens entsprach dem sein unmittelbares Tun. Er verabschiedete
sich in ein paar Zeilen und verliess Berlin. Erst gestern ist er zurückgekehrt.
Das andre weisst du. Du musst es als einen Anfall nehmen.«
    »Ich versteh, als einen Anfall von Eifersucht. In der Tat, er geriert sich,
als ob er legitimste Rechte geltend zu machen hätte; Prätension über Prätension.
Aber, mein Herr von Gordon, Sie sind in der falschen Rolle.«
    dabei schoss sein Auge heftige Blicke, denn er war an seiner empfindlichsten,
wenn nicht an seiner einzig empfindlichen Stelle getroffen, in seinem Stolz.
Nicht das Liebesabenteuer als solches weckte seinen Groll gegen Gordon, sondern
der Gedanke, dass die Furcht vor ihm, dem Manne der Determinierteiten, nicht
abschreckender gewirkt hatte. Gefürchtet zu sein, einzuschüchtern, die
Superiorität, die der Mut gibt, in jedem Augenblicke fühlbar zu machen, das war
recht eigentlich seine Passion. Und dieser Durchschnitts-Gordon, dieser
verflossene preussische Pionier-Lieutenant, dieser Kabelmann und internationale
Drahtzieher, der hatte geglaubt, über ihn weg sein Spiel spielen zu können.
Dieser Anmassliche...
    Cécile las in seiner Seele, und Angst und Sorge vor dem, was jetzt
mutmasslich kommen musste, befiel sie. Sie nahm deshalb seine Hand, mit der er auf
dem Tischtuch in nervöser Unruhe hin und her fuhr, und sagte: »Pierre, versprich
mir eins.«
    »Was?«
    »... Dich nicht zu Gewaltsamkeiten fortreissen zu lassen. Alles, was
geschehen ist, ist natürlich und, weil natürlich, auch verzeihlich. Es ist keine
Beleidigung darin, wenigstens keine gewollte Beleidigung.«
    »Ich werde nicht mehr tun als nötig, aber auch nicht weniger. An dieser
Zusage musst du dir genügen lassen.«
    Bei diesen Worten erhob er sich von seinem Platze, ging in sein
Arbeitszimmer und nahm hier, wie wenn er vorhabe, sich's bequem zu machen,
zunächst eine Zigarre. Dann schritt er ein paarmal auf dem türkischen Teppich
auf und ab, setzte sich an seinen Schreibtisch und malte langsam und mit
sorglicher Handschrift die Adresse: »Sr. Hochwohlgeboren, Herrn von
Leslie-Gordon...«
    »Aber wo?« unterbrach er sich, während er auf einen Augenblick die Feder
wieder aus der Hand legte. »Nun, er wird sich ja finden lassen... Wozu haben wir
Zeitungen und die Rubrik Angekommene Fremde. Unterschlagen wird er sich doch
nicht haben.«
    Und nun schob er das Couvert zurück, nahm einen Briefbogen mit Wappen und
Initiale und schrieb.
    »Über den Doppelbesuch, den Sie, mein Herr von Gordon, gestern abend der
Frau von St. Arnaud erst in der Loge, dann in der Wohnung derselben abgestattet
haben, bin ich unterrichtet worden, übrigens nicht durch Frau v. St. Arnaud
selbst, die vielmehr - wie mir gestattet sein mag, in pflichtschuldiger
Berücksichtigung Ihrer Gefühle hinzuzusetzen - in einem eben mit mir gehabten
Gespräche nicht Ihre Anklägerin, sondern Ihre Verteidigerin gemacht hat. Aber
gerade diese Verteidigung richtet Sie. Dass Sie, mein Herr von Gordon,
unmittelbar vor Ihrer Abreise von Berlin, einen Ton angeschlagen und ein Spiel
gespielt haben, das Sie besser nicht gespielt hätten, verzeih ich Ihnen. Ich
finde mich darin zurecht, denn ich kenne die Welt. Dass Sie dies Spiel aber trotz
Abmahnung und Bitte wiederholten, und vor allem, wie Sie's wiederholten, das,
mein Herr von Gordon, ist unverzeihlich. Frau von St. Arnaud, als sie
rückhaltlos ihr Herz vor Ihnen offenbarte, begab sich dadurch in Ihren Schutz,
und einer Frau diesen Schutz zu versagen ist unritterlich und ehrlos. Dies habe
ich Ihnen, mein Herr v. Gordon, aussprechen wollen und gewärtige durch General
v. Rossow das Weitere.
                                                                  v. St. Arnaud«
 
                           Achtundzwanzigstes Kapitel
Gordon sass in dem Glaspavillon des Hotels, als St. Arnauds Brief eintraf. Er las
und verzog keine Miene. Dass sich etwas der Art vorbereiten würde, war ihm von
dem Augenblick an wahrscheinlich, wo der Geheimrat, um in den Club zu gehen, den
Salon Céciles verlassen hatte. Das Wahrscheinliche war nun da. Nichts von Furcht
überkam ihn, und wenn etwas davon ihn angewandelt hätte, so würd ihn der
unendlich hochmütige Ton des Briefes dieser Anwandlung rasch wieder entrissen
haben. War er doch selber ein Trotzkopf und von einem Selbstgefühle, das dem
seines Gegners unter Umständen die Spitze bieten konnte. »Gemach, mein Herr
Oberst; Sie halten nicht vor Ihrer Front, und ich bin nicht Ihr jüngster
Lieutenant. Oder glauben Sie, dass ich devotest um Entschuldigung bitten und mich
vor Ihnen klein machen soll, bloss weil Sie das Totschiessen als Geschäft
betreiben. Sie täuschen sich. Ich hab auch eine feste Hand und den ersten Schuss
dazu, wenn die Gesetze der Ehre noch dieselben sind. Der Ehre. Was sich nicht
alles so nennt! Nun, sei's drum ... Aber wen schick ich an Rossow? Ich werde
nach der Villa hinausfahren... Der Bruder der jungen Frau...«
    Die Dinge regelten sich in der Tat innerhalb weniger Stunden, und weil
beiden Parteien daran lag, allerlei Weiterungen und Hemmnisse vermieden zu
sehen, wie sie nicht wohl ausbleiben konnten, wenn Cécile davon erfuhr, so kam
man überein, an demselben Abende noch den Dresdner Schnellzug benutzen und am
andern Morgen, in einem in der Nähe des Grossen Gartens gelegenen Wäldchen, den
Handel ausfechten zu wollen.
Cécile, so gut sie St. Arnauds ungestümen Charakter kannte, gewärtigte keinen
unmittelbaren Zusammenstoss und war deshalb nur verstimmt, aber nicht eigentlich
geängstigt, als sie den andern Morgen hörte, der Oberst, dessen
Unregelmässigkeiten sie kannte, sei tags vorher nicht nach Hause gekommen.
    »Er ist der Mann der Exzentrizitäten. Was wird vorgekommen sein? Ein Sport,
eine Clublaune, vielleicht ein Wettritt neben dem Eisenbahnzuge her. Und dann
Nachtquartier in einer Dorfschenke mit der Devise: Je schlechter, je besser.«
    Sie nahm ein Buch zur Hand und versuchte zu lesen. Aber es ging nicht, und
als auch ein Gespräch mit dem Papagei versagte, zog sie sich in ihr Schlafzimmer
zurück, um hier früher als sonst Toilette zu machen.
    »Ich will zu Rosa. Freilich am Ende der Welt. Aber seit Wochen hab ich ihr
einen Besuch versprochen, und ich sehne mich nach einem guten Menschen.«
    In ihrem Schlafzimmer war ein eleganter Kamin, vor dem die Jungfer sich eben
beschäftigte. Diese warf Kohlen und Tannäpfel auf und suchte mit einem kleinen
Blasebalg das halb ausgegangene Feuer wieder anzufachen.
    »Ah, das ist gut, Marie. Mach es uns warm: ich friere. Du könntest mir noch
den Shawl bringen.«
    Während dieser Worte ging draussen die Klingel, und Cécile hörte, wie des
Obersten Diener ein längeres Gespräch hatte.
    »Sieh, was es ist.«
    Marie ging und kam mit einem Briefe zurück, der eben abgegeben war. Er trug
nur die Aufschrift: »Frau von St. Arnaud, Hafenplatz 7a.« Und Cécile sah, dass es
Gordons Handschrift war.
    »Geh, Marie... nein, bleib.«
    Und mit zitternder Hand riss sie das Couvert auf und las.
    »Verzeihung, gnädigste Frau, Verzeihung, liebe Freundin. Ich hatte wohl
unrecht, nein, ich hatte gewiss unrecht. Aber der Sinn war mir gestört, und so
kam es, wie es kam. Ein berühmter Weiser, ich weiss nicht, alter oder neuer Zeit,
soll einmal gesagt haben, wir glaubten und vertrauten nicht genug, und das sei
der Quell all unsres Unglücks und Elends. Und ich fühle jetzt, dass er recht hat.
Ich hätte, statt Zweifel zu hegen und Eifersucht grosszuziehen, Ihnen vertrauen
und der Stimme meines Herzens rückhaltslos gehorchen sollen. Dass ich es
unterliess, ist meine Schuld. Ich werde Sie nicht wiedersehen, nie, was auch
kommen mag. Sehen Sie mich allezeit so, wie ich war, ehe die Trübung kam. Immer
der Ihre. Wieder ganz der Ihre.
                                                                          v. G.«
Das Blatt entglitt ihrer Hand, und ein heftiges Schluchzen folgte.
    Marie sprang herzu, liess die halb Ohnmächtige in den Fauteuil nieder und
griff nach dem Kölnischen Wasser, das auf dem Kaminsims stand. Aber Cécile
richtete sich mit Anstrengung wieder auf und sagte: »Lass. Es geht vorüber. Weisst
du, Marie ... Herr von Gordon ...«
    »Jesus Maria, gnädige Frau...«
    »Da. Lies. Das sind seine letzten Worte.«
    Und die Jungfer bückte sich nach dem auf den Kaminteppich gefallenen Brief,
um ihn Cécile zurückzugeben. Aber diese schüttelte nur den Kopf und sagte,
während sie nach der Konsoluhr zeigte: »Merk die Minute ... Er ist erschossen
... jetzt.«
 
                           Neunundzwanzigstes Kapitel
Am andern Morgen brachten alle Zeitungen folgende gleichlautende Notiz:
    »Wie wir aus Dresden erfahren, hat gestern um neun Uhr früh, in Nähe des
Grossen Gartens, ein Duell zwischen dem Obersten a. D. von St. Arnaud und dem
früher ebenfalls der preussischen Armee zugehörigen Zivilingenieur von
Leslie-Gordon stattgefunden. Herr von Leslie-Gordon fiel, während von St. Arnaud
nur leicht an der linken Seite verwundet wurde. Herr von Gordon wird, einer
letztwilligen Verfügung entsprechend, nach Liegnitz, wo zwei seiner Schwestern
leben, übergeführt werden. Herr von St. Arnaud hat Sachsen unmittelbar nach dem
Rencontre verlassen. Über die Veranlassung zu dem Duell verlautet nichts
Bestimmtes, da die Sekundanten jede Auskunft verweigern.«
Vier Tage danach traf unter der Adresse der Frau von St. Arnaud nachstehender
Brief in Berlin ein:
                                                       »Mentone, den 4. Dezember
Meine liebe Cécile! Was geschehen ist, wirst Du mittlerweile durch Rossow
erfahren haben, und über meinen persönlichen Verbleib gibt Dir der Poststempel
Auskunft. Ich habe hier im Hotel Bauer (es findet sich überall dieser Name)
Wohnung genommen und geniesse der Ruhe nach all den Vorkommnissen und unruhigen
Bewegungen der nun zurückliegenden Woche. Selbst von einer gewissen
Herzensbewegung darf ich sprechen, zu der ich mich, Dir gegenüber, gern bekenne.
Der Ausgang der Sache machte doch einen Eindruck auf mich, und so bot ich ihm
die Hand zur Versöhnung. Aber er wies sie zurück. Eine Minute später war er
nicht mehr.
    Ich hoffe, dass Du das Geschehene nimmst, wie's genommen werden muss. Tu l'as
voulu, George Dandin. Sein Benehmen war ein Affront gegen Dich und mich, und er
hätte mich besser kennen müssen. Übrigens bin ich seinem Mute Gerechtigkeit
schuldig und mehr noch seiner unsentimentalen Entschlossenheit, die mir beinah
imponiert hat. Denn er wollte mich treffen, und seine Kugel, die mir die Rippen
streifte, ging nur zwei Finger breit zu weit rechts. Sonst war ich da, wo er
jetzt ist. Dass Du mit ein paar Herzensfasern an ihm hingst, weiss ich und war mir
recht - eine junge Frau braucht dergleichen. Aber nimm das Ganze nicht
tragischer als nötig, die Welt ist kein Treibhaus für überzarte Gefühle.
    Dass ich mich den Langweiligkeiten einer abermaligen Prozessierung entzogen
habe, wirst Du natürlich finden. Ich werde mit nächstem sechzig und fühle keinen
Beruf in mir, abermals ein Jahr lang (oder vielleicht noch länger) um den
Julius-Turm spazierenzugehen. So zog ich denn die Riviera vor.
    Empfiehl mich Rossow. Er hat sich in der ganzen Affaire brillant benommen
und teilte nach seinen Verhandlungen mit Gordon ganz meine Meinung über diesen.
Gordon täuschte durch glatte Formen; anfangs auch mich. Im Grunde seines Herzens
war er hochmütig und eingebildet, wie die meisten dieser Herren. Er überschätzte
sich, weil ihm das Weltfahren zu Kopfe gestiegen war, und missachtete die
gesellschaftlichen Scheidungen, die wir, diesseits des grossen Wassers, vorläufig
wenigstens noch haben.
    Wenn Deine Gesundheit es zulässt, erwart ich Dich spätestens in nächster
Woche. Die Luft hier ist entzückend, keine Spur von Winter, alles noch in Blüte
oder schon wieder in Blüte. Komm also. Der Pflicht der Abschiedsbesuche sind wir
ja Gott sei Dank überhoben; jede Situation hat ihre Meriten. Im übrigen wird es
gut sein, wenn Dich Marie begleitet, die hier, was ihr den Abschied von Fritz
vielleicht erleichtert, das Katolische näher und bequemer hat als in Berlin. Au
revoir,
                                                                Dein St. Arnaud«
Drei Tage nach Eintreffen dieses Briefes richtete der Hofprediger Dörffel das
folgende Schreiben an den Obersten von St. Arnaud:
    »Mein Herr Oberst. Es liegt mir die Pflicht ob, Sie von dem am 4. dieses
erfolgten Ableben Ihrer Gemahlin in Kenntnis zu setzen und mich dabei der mir
seitens derselben gewordenen schriftlichen Aufträge zu entledigen.
    Ich bitte, zunächst chronologisch berichten zu dürfen.
    Ihre Frau Gemahlin war schwer leidend seit dem Tage, wo die
Zeitungsnachricht eintraf; sie wollte niemand sehen, folgte widerwillig den
Anordnungen des Arztes und sah von den Bekannten nur Fräulein Rosa und mich. Ich
sprach täglich vor, in der Regel in den Mittagsstunden. Vorgestern, bei meinem
Erscheinen, fand ich die Jungfer in Tränen und erfuhr, die gnädige Frau sei tot.
    Als ich in das Zimmer trat, sah ich, was geschehen.
    Frau v. St. Arnaud lag auf dem Sofa, ein Batisttuch über Kinn und Mund. Es
war mir nicht zweifelhaft, auf welche Weise sie sich den Tod gegeben; ihre Linke
hielt das kleine Kreuz mit dem Christuskopf, das sie beständig trug. Der
Ausdruck ihrer Züge war der Ausdruck derer, die dieser Zeitlichkeit müde sind.
Auf dem Tisch neben ihr lag ihr Gebetbuch, in das sie, zusammengeknifft und nach
Art eines Lesezeichens, einen an mich adressierten Brief gelegt hatte. Dieser
Brief, das Beichtgeheimnis eines demütigen Herzens, ist mir unendlich wertvoll,
weshalb ich bitte, den Inhalt desselben Ihnen, mein Herr Oberst, nur
abschriftlich und nur in seinem sachlichen Teile mitteilen zu dürfen. Es heisst
in diesem Letzten Willen:
    Ich wünsche nach Cyrillenort übergeführt und auf dem dortigen
Gemeindekirchhofe, zur Linken der fürstlichen Grabkapelle, beigesetzt zu werden.
Ich will der Stelle wenigstens nahe sein, wo die ruhen, die in reichem Masse mir
das gaben, was mir die Welt verweigerte: Liebe und Freundschaft und um der Liebe
willen auch Achtung... Vornehmheit und Herzensgüte sind nicht alles, aber sie
sind viel.
    Mein Vermögen erhält meine Mutter, mein Gut St. Arnaud. Nach seinem Tode
fällt es an die fürstliche Familie zurück.
    Über die Dinge, die mich täglich umgaben, bitt ich St. Arnaud, Verfügung
treffen zu wollen, und bestimme meinerseits nur noch, dass die Konsoluhr und der
türkische Shawl an Marie, das Gebetbuch mit den Aquarellinitialen an Rosa, das
Opalkreuz aber, das mir beistehen soll bis zuletzt, an Sie, mein väterlicher
Freund, fallen soll. Ihre hundertfach erprobte Milde wird nicht Anstoss daran
nehmen, dass es ein katolisches Kreuz ist, und auch daran nicht, dass ich, eine
Konvertitin, meine letzten Gebete an eben dies Kreuz und aus einem katolischen
Herzen heraus gerichtet habe. Jede Kirche hat reiche Gaben, und auch der Ihrigen
verdank ich viel; die aber, darin ich geboren und grossgezogen wurde, macht uns
das Sterben leichter und bettet uns sanfter.
    So, mein Herr Oberst, die Bestimmungen der gnädigen Frau, denen ich
meinerseits nur noch hinzuzufügen habe, dass in Gemässheit derselben verfahren
werden und heute nacht noch, und zwar von mir persönlich begleitet, der Kondukt
nach Cyrillenort stattfinden wird. Dort werden wir die Tote morgen um die zehnte
Stunde zur Ruhe bestatten. Die Vorbereitungen dazu sind bereits getroffen.
    Der Friede Gottes aber, der über alle Vernunft ist, sei mit uns allen.«
 
    