
        
                                Eugenie Marlitt
                       Die Frau mit den Karfunkelsteinen
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Tante Sophie hatte die Klammerschürze vorgebunden und nahm Wäsche von der Leine.
Das Herz lachte ihr im Leibe, während sie unter den hochgespannten Seilen
hinschlüpfte - frischgefallener Schnee, ja, was war der gegen das Weiss der
bleichenden Tafeltücher und Leinenbezüge? - Seit urvordenklichen Zeiten war
stets das schönste Bleichwetter, sobald die Leinenschätze des ehrenwerten Hauses
»Lamprecht und Sohn« an die Luft gebracht wurden - »selbstverständlich!« Es sei
das so gut ein Vorrecht wie das berühmte Kaiserwetter, meinte Tante Sophie immer
mit listigem Augenzwinkern, denn es war jemand im Hause, der solche
»Blasphemien« absolut nicht hören mochte...
    Nun zog heute wieder die köstliche Sommerluft dörrend durch die feuchten
Lakenreihen, und die Julisonne schien ihre ganze Kraft in dem mächtigen Viereck
des Hofes zu konzentrieren. Ueber die Dächer schossen Schwalbenscharen, wie
stahlglänzende Pfeile, in den Hof herein; ihre Nester hingen an den steinernen
Fenstersimsen in der Bel-Etage des östlichen Seitenflügels, und es war niemand
da, der den kleinen Blauröcken wehrte, wenn sie auf den Simsen rasteten und in
ihrem aufdringlichen Gezwitscher kein Ende fanden. Ja, es wehrte ihnen weder ein
Menschenblick, noch eine fortscheuchende Handbewegung; denn nie klang eines der
Fenster droben in diesem Seitenbau, höchstens dass einmal im Jahre auf Stunden
gelüftet wurde; dann fielen die grossblumigen Gardinen wieder zusammen und liessen
es geduldig geschehen, dass ihnen die Sonne den letzten Farbenrest aus der
morschen Seidenfaser sog.
    Das Hauptaus, dessen Fassade auf den vornehmsten Platz der Stadt
hinausging, hatte der Zimmer und Säle genug, und der Bewohner waren nicht viele,
da brauchte man die obere Zimmerflucht des östlichen Seitenflügels nicht. Die
Leute sagten aber anderes. So hell und sonnig auch das angebaute Hinterhaus in
die Lüfte stieg, und so friedlich es erschien mit seinen hohen, stillen
Fenstern, es war doch der unheimliche Schauplatz eines Kampfes, eines
fortgesetzten, gespenstigen Kampfes bis in alle Ewigkeit. So sagten die Leute
draussen in Gassen und Strassen, und die darinnen widersprachen nicht. Warum auch?
Hatte es doch seit Anno 1795, wo die schöne Frau Dorotea Lamprecht in dem
Seitenflügel ihr Wochenbett abgehalten und da verstorben war, fast keinen
dienstbaren Geist der Familie gegeben, der nicht wenigstens einmal die lange
Schleppe eines weissen Nachtgewandes durch den Korridor hätte schleifen sehen,
oder gar gezwungen gewesen war, sich halbtot vor Schrecken platt an die Wand des
Ganges zu drücken, um die lange, hagere »Selige« im grauen Spinnwebenkleide an
sich vorüberzulassen. Drum schliefe auch niemand droben in dem Hause, sagten die
Leute.
    An dem »Unwesen« sollte ein Eidbruch schuld sein.
    Justus Lamprecht, der Urgrossvater des derzeitigen Familienoberhauptes, hatte
seinem sterbenden Eheweibe, der Frau Judit, feierlich zuschwören müssen, dass er
ihr keine Nachfolgerin geben wolle - es sei um ihrer zwei Knaben willen, sollte
sie gesagt haben; im Grunde aber war es glühende Eifersucht gewesen, die keiner
anderen den Platz an der Seite ihres zurückbleibenden Ehemannes gegönnt. - Herr
Justus hatte aber ein leidenschaftliches Herz gehabt, und seine schöne Mündel,
die in seinem Hause gewohnt, nicht minder. Sie hatte gemeint, und wenn sie in
die Hölle mit ihm müsse, sie lasse doch nicht von ihm und heirate ihn der
neidischen Seligen zum Trotz und Tort. Und sie hatten auch zusammen gelebt, wie
zwei Turteltauben, bis sich die schöne, junge Frau Dorotea eines Tages in den
Seitenflügel zurückgezogen, um sich in der mit fürstlicher Pracht ausgestatteten
Wochenstube ein neugeborenes Töchterchen in den Arm legen zu lassen. Herr Justus
Lamprecht hatte gesagt, nun sei er auf dem Gipfel des Glückes...
    Es war aber gerade strenger Winter gewesen, und just in der Weihnachtsnacht,
wo draussen alles zu Stein und Bein gefroren, war mit dem Glockenschlag Zwölf
langsam und feierlich die Türe der Wochenstube nach dem Gange hinaus
zurückgefallen, und die Selige war auf einer grauen Wolke, wie in Spinnweben
gewickelt, hereingekommen. Und die Wolke, der Spinnwebenrock, und der hässliche
Kopf mit der Spitzen-Dormeuse, alles war unter den seidenen Bettimmel gekrochen
und hatte sich auf der Wöchnerin so fest zusammengekauert, als solle dem
blühenden jungen Weibe das Herzblut ausgesogen werden. - Der Wartfrau waren Hand
und Fuss gelähmt gewesen, und sie hatte sozusagen in einer Eisgrube gesessen, so
mörderisch kalt war es von dem Spukwesen ausgegangen; die Sinne waren ihr
vergangen, und erst lange danach, als das Neugeborene geschrieen, war sie wieder
zu sich gekommen.
    Ja, das war nun eine schöne Bescherung gewesen! Die Türe nach dem
eisigkalten Gang hatte noch sperrangelweit offen gestanden, und von der bösen
Frau Judit war auch nicht ein Rockzipfelchen mehr zu sehen gewesen, im Bette
aber hatte Frau Dorotea aufrecht gesessen und unter heftigem Schütteln und
Schaudern mit den Zähnen geklappert und ganz wirr nach dem Kind in der Wiege
gesehen, und nachher war sie in Raserei verfallen, und nach fünf Tagen hatte
sie, ihr totes Kindlein im Arm, im Sarge gelegen. - - Die Aerzte hatten gesagt,
Mutter und Kind seien infolge heftiger Erkältung gestorben; die
pflichtvergessene Wärterin habe die Türe schlecht verschlossen, sei
eingeschlafen und habe verrückt geträumt - einfältiges Gewäsch! - Wenn das alles
so mit natürlichen Dingen zugegangen war, weshalb geschah es denn nachher, dass
die schöne Verführerin oft schon im Abendzwielicht aus der ehemaligen
Wochenstube gehuscht kam, und die graue Furie hinter ihr hersauste, um ihr von
hinten die langen, dürren Arme würgend um den Hals zu schlingen? - - -
    Die Firma »Lamprecht und Sohn« hatte zu Ende des vorigen Jahrhunderts noch
mit Leinen gehandelt, und die öfter wiederholte Bezeichnung »Türinger Fugger«
sollte gar nicht übel auf ihr Ansehen gepasst haben. - Dazumal hatte ihr grosser
Häuserkomplex am Markte einem Bienenstock geglichen, so lebendig war der
Menschenverkehr gewesen. - Bis unter die Dächer hinauf sollten die Leinenballen
aufgestapelt gewesen sein, und allwöchentlich waren mächtige Frachtwagen
schwerbeladen in die weite Welt hinausgefahren. Tante Sophie wusste das alles
ganz genau. Sie selbst hatte freilich jene Zeiten nicht gesehen; aber in ihrem
hellen Kopfe waren Familientraditionen, alte Geschäfts- und Tagebuchnotizen und
die verschiedenen, oft kuriosen Nachlassverfügungen so pünktlich registriert, wie
sie kaum der Archivar einer Regentenfamilie in den Annalen sammelt.
    So war denn auch die alljährliche Julibleiche eine Zeit der Reminiszenzen.
Da kamen uralte Wäschestücke auf die Leine, nicht der Benutzung wegen - bewahre!
- nur damit sie nicht vergilbten und in neue Brüche gelegt werden konnten. Und
die eingewebten Jäger und Amazonen, die mytologischen und biblischen Figuren in
dem Damastzeug mochten sich dann freilich jedesmal verwundern, wie still und
anders es in dem Hofe geworden, dass von Flachspreisen und Webelöhnen kein Wort
mehr fiel, kein hochgetürmter Frachtwagen durch die Torwölbung des Packhauses
rasselte, und das Schlagen der Webstühle in fast lautloser Stille erloschen war.
- Es ging ja wohl öfter ein Flüstern und Rauschen durch den Hof, aber das kam
vom Zugwind, der durch das Gesträuch und Gezweig fuhr - du lieber Gott, wie sich
doch die Welt änderte! - Grünes Blattwerk auf dem ehemaligen
Geschäftstummelplatz, der dazumal nicht die ärmlichsten Grasspitzen zwischen
seinem festen Bachkieselgefüge hatte aufkommen lassen! Je nun, hatte sich doch
das alte Steinpflaster im Laufe der Zeiten selbst nicht behaupten können! Eine
dichte Rasendecke lag jetzt auf dem etwas abschüssigen Terrain, schöne
Rosenbäume schüttelten ihre buntfarbigen Blütenblätter über das weiche Gras her;
es rauschte junges strotzendes Lindenlaub vor dem westlichen Seitenflügel, der
sogenannten Weberei, und das alte Packhaus, welches nach Norden hin den Hof
abschloss, war von oben bis unten völlig umschnürt von dem grünen Schuppenpanzer
des Pfeifenstrauches.
    Der Leinenhandel war längst vertauscht worden mit einer Porzellanfabrik, die
sich ausserhalb der Stadt, auf dem nahegelegenen Dorfe Dambach befand.
    Der gegenwärtige Chef des Hauses »Lamprecht und Sohn« war Witwer. Er hatte
zwei Kinder, und Tante Sophie, die Letzte einer Seitenlinie der Familie, führte
ihm die Wirtschaft, mit fleissigen Händen, in Zucht und Ehren und weiser
Sparsamkeit. Und die lustige Tante mit der grossen Nase und den gescheiten
braunen Augen hielt es für den klügsten Einfall ihres ganzen Lebens, eine alte
Jungfer geworden zu sein, dieweil auf diese Weise doch noch für ein Weilchen
eine echte Lamprechtsphysiognomie aus der Hausfrauenstube auf den Markt
hinausgucke. - Das klang nun freilich ebenso unangenehm nervenberührend für das
Ohr der Frau Amtsrätin, wie die stehende Bemerkung über das Kaiserwetter; aber
die Frau Amtsrätin war eine sehr feine Dame, die zu Hofe ging, und Tante Sophie
steckte stets die unschuldigste Miene auf, und so kam es nie zu einem Streit
zwischen beiden.
    »Amtsrats«, die Schwiegereltern des Herrn Lamprecht, wohnten im zweiten
Stock des Hauptauses. Der alte Herr hatte sein schönes Rittergut verpachtet und
sich zur Ruhe gesetzt; aber er hielt es in der Stadt nicht lange aus. Er liess
Frau und Sohn - seinen einzigen - oft allein und war weit mehr draussen in
Dambach, in der Landluft, wo ihm der Wald und das Hasenrevier greifbar nahe
lagen, und er in dem geräumigen, zu der Fabrik gehörigen Pavillon seines
Schwiegersohnes hausen konnte, so oft und so lange er Lust hatte. -
    Es schlug vier auf dem nahen Rataustürmchen; und mit der
Nachmittags-Kaffeestunde nahte das Bleichwerk seinem Ende. - Die Wäsche hatte
sich allmählich in den riesigen Korbwannen weiss und hoch wie Schneehügel
aufgetürmt, und Tante Sophie nahm zu allerletzt die Klammern behutsam von den
kostbaren Wäschealtertümern. Aber da gab es ihr plötzlich einen förmlichen Stich
durch das Herz.
    »Eine schöne Bescherung!« rief sie ganz erschrocken und betreten der
helfenden alten Magd zu. »Da guck' her, Bärbe! Das Tafeltuch mit der Hochzeit zu
Kana ist aus dem Leim gegangen - es hat einen mächtigen Riss!«
    »Ist auch alt genug - der reine Zunder! - Alles hat seine Zeit, Fräulein
Sophie!«
    »Was du doch gescheit bist, alte, kluge Bärbe! Das Sätzchen kann ich auch
auswendig. - O je, der Schaden geht dem Speisemeister geradeswegs durch die
ganze Physiognomie - da werde ich meine liebe Not mit dem Stopfen haben.« - Sie
hielt das dünngewordene, morsche Gewebe prüfend gegen das Licht.
    »Ein altes Erbstück ist's freilich! Die Frau Judit hat das Gedeck noch mit
eingebracht.«
    Bärbe räusperte sich laut und schielte verstohlen nach den Fenstern des
östlichen Seitenflügels empor. »Solche Leute, die keine Ruhe in der Erde haben,
die muss man nicht so laut beim Namen nennen, Fräulein Sophie!« rügte sie mit
gedämpfter Stimme und entschieden missbilligendem Kopfschütteln. »Justement in
der Zeit nicht, wo es wieder umgehen tut - der Kutscher hat es erst gestern
abend wieder weiss um die Gangecke laufen sehen -«
    »Weiss? Na, dann ist's ja doch der Spinnwebenrock nicht gewesen... Also der
nette dicke Kutscher spielt sich auf das Sonntagskind in Eurer Gesindestube? Das
sollte nur der Herr wissen! Ihr Hasenfüsse wollt wohl sein Haus wieder einmal in
aller Leute Mäuler bringen?« - Sie zuckte die Achseln und schlug das Tafeltuch
zusammen. »Mir, für meine Person, mir wäre das übrigens ganz egal. Es hört sich
eigentlich gar nicht schlecht an, wenn die Leute sagen: die weisse Frau in
Lamprechts Hause! - Alt und angesehen genug sind die Lamprechts ja! Den Luxus
können wir uns schon erlauben, so gut wie die im Schloss.«
    Diese letzten Worte waren offenbar nicht an die Adresse der Magd gerichtet -
Tante Sophiens braune Augen zwinkerten lustig nach der Lindengruppe vor der
Weberei. Dort funkelten ein paar Brillengläser auf dem feinen Nasenrücken der
Frau Amtsrätin. Die alte Dame hatte ihren Papagei ein wenig ins Grüne
heruntergetragen und hielt Wache bei ihm von wegen der Hauskatzen. Sie stickte,
und neben ihr, am weissgestrichenen Gartentische, sass ihr Enkel, der kleine
Reinhold Lamprecht, und schrieb auf seiner Schiefertafel.
    »Ich will nicht hoffen, dass Sie das ernstlich meinen, liebste Sophie!« sagte
die Frau Amtsrätin; eine leichte Röte war in ihr Gesicht getreten, und die Augen
blickten scharf über die Brille. »Mit solchen geheiligten Vorrechten spasst man
übrigens nicht; das ist unziemlich - Strengere als ich würden sagen
demokratisch!«
    »Ach ja, das sähe denen schon ähnlich!« lachte Tante Sophie. »Das sind
solche, die auch am liebsten wieder mit Feuer und Schwert in der Welt hantieren
möchten! Aber muss denn der Mensch gleich ein Demokrat sein, wenn er nicht wie
ein Wurm am Boden kriecht? Bei denjenigen, die da wiederkommen, um die
lebendigen Kreaturen ins Bockshorn zu jagen, ist doch kein Unterschied mehr, und
die weisse Schlossfrau muss ebensogut erst aus einem Moderhäufchen steigen, wie dem
Urgrossvater Justus sein schönes Dorchen auch!«
    Die alte Dame rümpfte die feine, kleine Nase und schwieg indigniert. Sie
legte ihren Stickrahmen weg und trat zu Bärbe. »Wie ist denn das - der Kutscher
will gestern abend auch in dem Gange etwas gesehen haben?« fragte sie gespannt.
    »Jawohl, Frau Amtsrätin, und der Schreck liegt ihm heute noch in allen
Gliedern. Er hat oben in den guten Stuben bis zur Dämmerstunde die Fussböden
gewichst, und nachher beim 'runtergehen ist's ihm gewesen, als wenn in dem Gange
hinten eine Türe sachte zugemacht würde - Frau Amtsrätin, in dem Gange, wo im
ganzen Leben kein Türschlüssel umgedreht wird! Na, kurz und gut - es ist ihm
freilich eiskalt über den Rücken gelaufen, und die Beine sind ihm bleischwer
geworden; aber er hat sich doch ein Herz gefasst, ist ein paar Schrittchen auf
die Seite geschlichen und hat um die Ecke geschielt. Und da ist's vor seinen
Augen in den langen Gang hingehuscht, ganz schlank und schmächtig und schlohweiss
von oben bis unten -«
    »Vergiss nur ja die schwarzledernen Handschuhe nicht, Bärbe!« warf Tante
Sophie ein.
    »Bewahr' mich Gott, Fräulein Sophie, nicht einen schwarzen Faden hat das
Unding an sich gehabt! Und wie's um die andere Gangecke saust, da fliegt alles
auseinander wie Schleierzeug und ist verschwunden gewesen, der Kutscher sagt,
wie Rauch im Winde. Den bringen um die Dämmerstunde nicht zehn Pferde wieder bis
an den Gang hin!«
    »Wird auch gar nicht verlangt von der Heldenseele - der gehört in den
Altweiberspittel mit seinem Spinnstubengewäsch!« sagte Tante Sophie halb
amüsiert, halb ärgerlich, und griff nach einer Serviette, um sie von der Leine
zu nehmen; aber in demselben Augenblick fuhr auch ihr Kopf herum. »Potztausend,
was kömmt denn da für ein Fuhrwerk angerasselt! Ja Gretel, bist du denn
närrisch?«
    Durch den hochgewölbten Torweg des Hauptauses kam ein hübscher
Kinderlandauer mit einem Gespann von zwei Ziegenböcken in den Hof
hereingebraust. Die Lenkerin, ein Mädchen von ungefähr neun Jahren, stand
aufrecht und hielt die Zügel stramm in den Händen. Der runde, breitrandige
Strohhut war ihr nach dem Nacken zurückgesunken und schwebte, von den
Bindebändern am Halse festgehalten, wie eine gelbe Heiligenscheibe hinter dem
dunklen Gelock, das wild im scharfen Zugwind aufflog.
    Das Gefährt rollte bis zu den Linden, unter denen der kleine Reinhold sass;
da erst wurde mit einem kräftigen Ruck Halt gemacht, zum Schrecken des
Papageien, der laut aufkreischte, während der Knabe von der Bank glitt.
    »Aber, Grete, du sollst ja nicht mit meinen Böcken fahren! Ich will's nicht
haben!« zankte Reinhold weinerlich, und sein blasses, schmales Gesichtchen
rötete der Zorn. »Es sind meine Böcke! Der Papa hat sie mir geschenkt!«
    »Ich tu's nicht wieder, ganz gewiss nicht, Holdchen?« versicherte die
Schwester, vom Wagen springend. »Geh, sei nicht böse! - Hast mich noch lieb?« -
Der Kleine kletterte wieder auf seine Bank und liess es nur widerwillig
geschehen, dass sie ihn mit stürmischer Zärtlichkeit umfasste. - »Siehst du, Hans
und Benjamin wollen ja doch auch ihren Spass haben! Die armen Kerle sind so lange
im Dambacher Stalle eingesperrt gewesen.«
    »Und du bist wirklich allein von Dambach hereingefahren?« fragte die Frau
Amtsrätin, Entrüstung und nachträglichen Schrecken in ihrer zarten Stimme.
    »Natürlich, Grossmama! Der dicke Kutscher kann doch nicht hinter mir im
Kinderwagen sitzen? - Der Papa ist nach Hause geritten, und ich sollte mit der
Faktorin wieder im grossen Wagen hereinfahren; aber die Trödelei dauerte mir zu
lange.«
    »Solch ein Unsinn! Und der Grosspapa?«
    »Der stand im Hoftor und hielt sich die Seiten vor Lachen, wie ich
vorbeisauste.«
    »Ja, du und der Grosspapa! Ihr seid mir« - die alte Dame verschluckte
weislich den Rest ihrer scharfen Bemerkung und zeigte mit dem Finger empört auf
Brust und Leib der Enkelin. »Und wie siehst du aus? So bist du durch die Stadt
gefahren?«
    Die kleine Margarete riss an der Schleife am Halse, um sich von dem Hute zu
befreien und streifte mit einem gleichgültigen Blick das gestickte Vorderblatt
ihres weissen Kleides. »Heidelbeerflecken!« sagte sie kaltblütig. »Es geschieht
euch schon recht, warum zieht ihr mir immer weisse Kleider an! Bärbe sagt's ja
immer, Packleinwand wäre am besten für mich -«
    Tante Sophie lachte, und eine männliche Stimme fiel ein. Fast mit der
kleinen Equipage zugleich war ein junger Mensch in den Hof gekommen, ein
auffallend hübscher, neunzehnjähriger Jüngling, der Sohn der Frau Amtsrätin und
ihr einziges Kind; denn sie war die zweite Frau ihres Mannes und nur die
Stiefmutter der verstorbenen Frau Lamprecht gewesen. Der junge Mann hatte einen
Stoss Bücher unter dem Arm und kam vom Gymnasium her.
    Die Kleine streifte ihn mit einem finstern Blick. »Du brauchst gar nicht zu
lachen, Herbert!« murrte sie geärgert, während sie die Zügel der Böcke wieder
aufnahm, um das Gespann nach dem Stalle zu bringen.
    »So? Werde mir's merken, meine kleine Dame! Aber darf man fragen, wie es mit
den Schularbeiten steht? Draussen beim Heidelbeeressen hat das gnädige Fräulein
schwerlich seine französische Lektion repetiert, und ich möchte wissen, wie viel
Kleckse das Schönschreibebuch heute abend zu verzeichnen haben wird, wenn die
Aufgabe per Dampf erledigt werden muss -«
    »Keine! Ich werde schon aufpassen und mir Mühe geben - gerade dir zum Trotz,
Herbert!«
    »Wie oft soll ich dir wiederholen, unartiges Kind, dass du nicht Herbert,
sondern Onkel zu sagen hast!« zürnte die Frau Amtsrätin.
    »Ach, Grossmama, das geht ja nicht, und wenn er zehnmal Papas Schwager ist!«
entgegnete die Kleine unwirsch und mit allen Zeichen der Ungeduld die dunkle
Lockenwucht aus dem Gesicht schüttelnd. »Wirkliche Onkels müssen alt sein! Ich
weiss aber noch ganz gut, wie Herbert mit Ziegenböcken gefahren ist und mit
Bällen und Steinen die Fenster eingeworfen hat. Und vom Doktor war ihm das Obst
verboten, und er hat doch immer ganze Hände voll Pflaumen heimlich aus der
Tasche gegessen - ja wohl, das weiss ich noch sehr gut! - Und jetzt ist er ja
auch weiter nichts, als ein Schulfuchs, der noch mit den Büchern unter dem Arme
geht. - Brr, Hans! Wollt ihr warten!« schalt sie auf das ungeduldige Gespann und
fasste die Zügel fester.
    Bei der sehr laut gesprochenen, rückhaltslosen Kritik aus kindlichem Munde
war der junge Mann dunkelrot geworden. Er lächelte gezwungen. »Du Naseweis, dir
fehlt die Rute!« presste er zwischen den Zähnen hervor, während sein
scheuverlegener Blick das gegenüberliegende Packhaus streifte.
    Die ein wenig schief hängende äussere Holzgalerie, die im oberen Stock vor
den Schiebefenstern dieses alten Hauses hinlief, war auch laubenartig von dem
Blattgeflecht des Pfeifenstrauches übersponnen; nur da und dort liess es Raum für
Luft und Licht, indem es einen Rundbogen wölbte. Und in einer solchen grünen
Nische blinkte es wie mattes Gold, und manchmal hob sich eine zarte, weisse Hand
hinter der Brüstung, um wie träumerisch über das lockere Goldhaar
hinzustreichen, oder sich hinein zu vergraben... In diesem Augenblick aber blieb
drüben alles still und unbeweglich.
    Die Frau Amtsrätin war die einzige, die das verstohlene Hinüberblicken des
Sohnes bemerkt hatte. Sie sagte kein Wort, aber ihre Stirn zog sich finster
zusammen, während sie dem Packhaus geflissentlich den Rücken wandte.
    »Liebste Sophie, mein Sohn hat recht - Gretchen wird von Tag zu Tag
unmanierlicher!« sagte sie hörbar gereizt zu Tante Sophie, wobei sie den Ständer
mit ihrem Papagei ergriff, um ihn wieder hinaufzutragen. »Ich tue mein
möglichstes, so oft das Kind oben bei mir ist, aber was hilft das alles, wenn
hier unten über ihre Ungezogenheiten gelacht wird? - Unsere selige Fanny war in
Gretchens Alter schon völlig Dame; sie hatte von klein auf Takt und Chic in
bewunderungswürdiger Weise. Was würde sie sagen, wenn sie ihr Kind so wild und
ungezügelt aufwachsen sähe, wenn sie hörte, wie das Mädchen so entsetzlich
geradeheraus und unverblümt zu sprechen gewohnt ist! - Ich verzweifle an irgend
einem Resultat diesem Kopf gegenüber!«
    »Hartes Holz, Frau Amtsrätin! Daran lässt sich freilich schwer schnitzeln,«
entgegnete Tante Sophie mit einem humorvollen Lächeln. »Ueber wirkliche
Ungezogenheiten lache ich nie - da seien Sie ganz ruhig! Aber damit macht mir
unsere Gretel das Leben auch gar nicht sauer... Mit den Knixen und Reverenzen
mag's freilich schwer halten - das glaub' ich Ihnen gerne; und darin kann ich
auch nicht helfen, denn ich bin keine von den sogenannten Weltpolitischen. Ich
sehe nur immer darauf, dass dem Wildfang seine schöne Wahrheitsliebe verbleibt,
dass das Kind nicht heucheln und schmeicheln und schöne Dinge sagen lernt, an die
es selbst nicht glaubt.«
    Währenddem brachte die kleine Margarete, die bei dem Wort »Rute« empört
aufgefahren war, als fühle sie bereits den Schlag, mit Bärbes Hilfe das Gefährt
unter Dach und Fach, und Reinhold zeigte dem jugendlichen Onkel seine
Schreibübungen auf der Schiefertafel.
    Der Knabe war von ausnehmend zarter Gestalt, ein dürftig
zusammengeschmiegtes Figürchen mit matten, langsamen Bewegungen.
    »In der Gretel steckt ein Überschuss von Kraft, der will sich austoben!«
fuhr Tante Sophie fort. »Wollte Gott, unser stilles, blasses Jüngelchen da« -
sie zeigte verstohlen nach dem Kleinen, und ihr Blick verdunkelte sich - »hätte
ein Teil davon!«
    »Ueber sogenannte Kraftmenschen habe ich meine eigene Ansicht, Liebste!«
entgegnete die Frau Amtsrätin achselzuckend. »Mir geht die distinguierte Ruhe
über alles! - Da sind wir übrigens wieder einmal bei dem alten Tema von
Reinholds Schwächlichkeit - wenn Sie wüssten, wie Sie mich mit dieser ewigen
Gespensterseherei irritieren! Mein Gott, Lamprechts einzige Hoffnung, sein
Kleinod! - Nein, Gott sei Dank, unser Junge ist innerlich ganz gesund! Der
Doktor beteuert es, und ich zweifle nicht, dass Reinhold später einmal seinem
Papa an Kraft und Gewandteit nichts nachgeben wird!«
    Diese Behauptung erschien sehr gewagt, wenn man das kümmerliche
Menschenpflänzchen am Gartentische mit dem Mann verglich, der in diesem
Augenblick in den Hof ritt.
    Herr Lamprecht kam von einer andern Seite, als sein Töchterlein, durch die
Strasse hinter seinem Besitztum, welche einst die mit Leinen befrachteten Wagen
frequentiert hatten. Er kam in der letzten Zeit meist diesen Weg. -
    Sowie die Reitererscheinung aus dem Dunkel des tiefen Packhaus-Torweges
auftauchte, hatte sie etwas überaus Imposantes. Herr Lamprecht war ein
auffallend schöner Mann, tannenschlank und dunkelbärtig, voll Feuer und Würde
zugleich in Haltung und Bewegungen.
    »Papa, da bin ich! Volle zehn Minuten früher als du! Ja, die Böcke laufen
anders als dein Luzifer, die laufen ganz famos!« triumphierte Margarete, die bei
dem Getrappel der Pferdehufen auf dem hallenden Torwegpflaster aus der
Stalltüre gesprungen kam.
    Das Geräusch des aufgestossenen Torflügels drunten brachte auch Bewegung in
das grüne Versteck der Holzgalerie, das gerade über der Einfahrt lag - der
blonde Kopf fuhr empor. - Vielleicht wurden das Grün der überhängenden Blätter
und die altersdunkle Hauswand dahinter zur besonderen Folie und liessen die
Maiblumenfrische des jungen Gesichts doppelt blendend hervortreten; auf jeden
Fall aber war das Mädchen im hellen Sommerkleide eine Gestalt, die sofort aller
Blicke auf sich ziehen musste.
    Sie bog sich, voller Neugierde, wie es schien, aus dem Blätterrundbogen;
dabei fielen zwei dicke Flechten vornüber und hingen jenseits des Geländers lang
herab, so dass der Zugwind die blauen Bandschleifen an ihren Enden hin und her
wehen machte.
    Und auf der Geländerbrüstung mochten Blumen liegen; bei der hastigen
Bewegung, mit welcher das Mädchen den Arm aufstützte, flogen ein paar schöne
Rosen herab und fielen vor den Hufen des Pferdes auf das Pflaster nieder. - Das
Tier scheute; aber der Reiter klopfte ihm beruhigend den Hals und ritt in den
Hof herein. Mit einem seltsam starren Blick, der weder rechts noch links zu
sehen schien, zog er beim Näherkommen den Hut; er war achtlos über die Blumen
hingeritten und hatte nicht einmal emporgeblickt nach dem offenen Gange, von
woher die duftenden Störenfriede gekommen - Herr Lamprecht war ein stolzer Mann,
und die Frau Amtsrätin begriff vollkommen, dass er den Bewohnern des Hinterhauses
wenig Beachtung schenke.
    Seine kleine Tochter dagegen schien anders zu denken. Sie lief bis zum
Packhaus und hob die Blumen auf. »Sie binden wohl einen Kranz, Fräulein Lenz?«
rief sie nach dem Gange hinauf. »Ein paar Rosen sind heruntergefallen - soll ich
sie Ihnen zuwerfen, oder hinaufbringen? Ja?«
    Keine Antwort erfolgte. Das junge Mädchen war verschwunden; es mochte sich,
erschrocken über das zurückscheuende Tier, in das Innere des Hauses geflüchtet
haben.
    Herr Lamprecht stieg indessen vom Pferde. Er war nahe genug, um zu hören,
wie seine Schwiegermutter mit missbilligendem Erstaunen zu Tante Sophie sagte:
»Wie kömmt denn Gretchen zu der Intimität mit den Leuten da drüben?«
    »Intim? - Davon weiss ich nichts. Ich glaube nicht, dass das Kind je die
Treppe im Packhause hinaufgestiegen ist. Nichts als das gute Herz ist's, Frau
Amtsrätin! Die Gretel ist eben hilfreich gegen jedermann; das ist die richtige
Höflichkeit und mir tausendmal lieber als solche, die aussen voller Komplimente
sind und innerlich recht grob denken in bezug auf andere Menschen... Es mag aber
auch bei dem Kinde die Freude an der Schönheit sein - ich mach's ja nicht
besser! Mir lacht immer das Herz im Leibe, wenn ich das schöne Mädchen dort auf
dem Gange hantieren sehe.«
    »Geschmacksache!« warf die Amtsrätin leicht hin, aber ihre Stirn furchte
sich in Missmut, und ein finsterer Seitenblick streifte den Sohn, der sich tief
über Reinholds Schiefertafel bückte. »Das blonde Genre hat nie Reiz für mich
gehabt,« setzte sie mit ihrer stets sanften, gedämpften Stimme hinzu. »Uebrigens
habe ich ja gewiss an Gretchens Zuvorkommenheit nichts auszusetzen; es überrascht
und freut mich vielmehr, dass sie auch höflich sein kann. Ich gehöre auch nicht
zu solchen, die innerlich grob in bezug auf andere Menschen denken, Liebste -
keineswegs; dazu bin ich zu mild und zu christlich! Aber ich stehe auch fest auf
meinen gut konservativen Anschauungen, nach welchen gewisse Grenzen absolut
aufrecht erhalten werden müssen... Das junge Mädchen - mag es auch als
Erzieherin in England gewesen sein und einen höheren Bildungsgrad erlangt haben
- allen Respekt vor diesem Streben! - aber ich sage trotz alledem: dieses
Mädchen ist und bleibt hier doch nur die Tochter eines Mannes, der für die
Fabrik arbeitet, und das muss für uns alle massgebend sein - hab' ich nicht recht,
Balduin?« wandte sie sich an ihren Schwiegersohn, der etwas Ungehöriges an dem
Sattelzeug seines Pferdes zu prüfen schien.
    Er hob kaum die Stirn, aber ein verstohlener Blitz zuckte seitwärts aus
seinen dunkelglühenden Augen, so jäh und grell, als wolle er die zarte sanfte
Frau zu Staub und Asche verbrennen. - Sie musste einen kurzen Moment auf die
Bestätigung ihres Ausspruchs warten, dann aber kam sie prompt und gleichmütig
von den Lippen des schönen Mannes: »Sie haben ja stets recht, Mama! Wer würde
sich wohl unterstehen, anderer Meinung zu sein?«
    Er drückte sich den Hut tiefer in die Augen und führte das Pferd nach dem
Stall in der Weberei.
 
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Unter den Linden ging es inzwischen ziemlich laut her. Margarete hatte die
aufgelesenen Rosen auf den Gartentisch gelegt - nur so lange, bis Fräulein Lenz
wieder auf den Gang herauskomme, sagte sie und kniete auf der Bank neben dem
kleinen Bruder nieder.
    »Da sieh her, Grete!« sagte Herbert und zeigte auf die Schiefertafel. Er sah
noch sehr rot aus, und seine Stimme klang so sonderbar zitterig und unterdrückt
- wahrscheinlich noch vom Aerger, dachte das kleine Mädchen. - »Sieh her,«
wiederholte er, »und schäme dich! Reinhold ist fast zwei Jahre jünger als du,
und wie schön und korrekt ist seine Schrift gegen deine Buchstaben, die so
hässlich gross und steif sind, als wären sie mit einem Stück Holz, und nicht mit
der Feder geschrieben!«
    »Aber deutlich sind sie,« entgegnete die Kleine ungerührt - »so schön
deutlich, sagte Bärbe, dass sie die Brille gar nicht erst aufzusetzen braucht wie
beim Gesangbuchlesen - warum soll ich mich denn da plagen mit den dummen
Schnörkelchen?«
    »Nun ja, das konnte ich wissen - du bist ein unverbesserlich faules kleines
Mädchen!« sagte der junge Mann, wobei er wie zerstreut eine der Rosen ergriff
und ihren Duft einatmete - er schien dies aber nur mit den Lippen zu tun.
    »Ja, faul bin ich manchmal in der Schule, das ist wahr!« gab die Kleine
ehrlich zu; »aber nicht in der Weltgeschichte - nur im Rechnen und -«
    »Und in den Schularbeiten zu Hause, wie dein Direktor klagt -«
    »Ach, was weiss denn der? Solch ein alter Mann, der fürchterlich schnupft und
immer nur in der Schule und in seiner engen, schrecklichen Gasse steckt - keine
Sonne scheint hinein, und seine Stube ist voll Tabaksqualm wie ein Schlot -, der
weiss viel, wie einem zu Mute ist, wenn man im Dambacher Garten im Grase liegt
und - halt, daraus wird nichts! Die wird nicht wegstibjetzt!« unterbrach sie
sich, warf ihren geschmeidigen Körper blitzschnell über die Tischplatte hin und
haschte nach der Rose, die Herbert, vermutlich abermals infolge seiner
Zerstreuteit, eben in der Brusttasche verschwinden liess.
    Aber der sonst so beherrschte junge Mann war in diesem Augenblick kaum
wieder zu erkennen. Ganz blass, die Augen voll Grimm, erfing er die kleine Hand,
noch bevor sie ihn berührte, und schleuderte sie von sich wie ein bösartiges
Insekt.
    Die Kleine stiess einen Schmerzenslaut aus, und auch Reinhold sprang
erschrocken von der Bank.
    »Holla - was geht denn da vor?« fragte Herr Lamprecht, welcher dem
herbeigeeilten Hausknecht sein Pferd überlassen hatte, und eben an den Tisch
trat.
    »Er darf nicht! Das ist so gut wie gestohlen!« stiess die kleine Margarete
noch unter der Einwirkung des Schreckens hervor. »Die Rosen gehören Fräulein
Lenz -«
    »Nun, und -?«
    »Herbert hat eine weisse genommen und in die Tasche gesteckt - gerade die
allerschönste!«
    »Kinderei!« zürnte die Frau Amtsrätin. »Was für abgeschmackte Spässe,
Herbert!«
    Herr Lamprecht sah erhitzt aus, als habe ihm der Ritt das ganze Blut nach
dem Kopfe getrieben. Er trat dem jungen Mann schweigend näher und wiegte die
Reitpeitsche in seiner Hand; und allmählich umschlich ein überlegenes,
verletzendes, spöttisches Lächeln seinen Mund; er kniff die Augen zusammen und
fixierte sein jugendliches Gegenüber von Kopf bis zu Füssen, und es war, als
sprängen Funken aus den Lidspalten in das Gesicht des jungen Menschen, der
heftig errötete.
    »Lasse ihn doch, Kleine!« sagte Herr Lamprecht endlich mit einem lässigen
Achselzucken zu seinem Töchterchen. »Herbert braucht das gestohlene Gut für die
Schule - er wird morgen in der botanischen Stunde seinem Professor eine rosa
alba vorzeigen müssen.«
    »Balduin! -« die Stimme erstickte dem jungen Manne, als würge eine Hand an
seiner Kehle.
    »Was befiehlst du, mein Junge?« wandte sich Herr Lamprecht mit ironischer
Beflissenheit um. »Habe ich nicht recht, wenn ich behaupte, der bravste Schüler,
der ehrgeizigste Streber, der je die Schulbank gedrückt hat, werde vor seinem
Abiturienten-Examen schlechterdings keinen anderen Gedanken haben, als die
Schule und abermals die Schule? - Geh, büffele nicht so übermässig! Du bist in
der letzten Zeit ganz hohläugig geworden, und dein pausbackiges Jungengesicht
verliert die Farbe; unser zukünftiger Minister aber braucht - du weisst, wie
jeder Minister heutzutage - Nerven von Stahl und ein ganz gehöriges Quantum
Eisen in seinem Blut.«
    Er lachte spöttisch auf, schlug den jungen Mann auf die Schulter und ging.
    »Auf ein Wort, Balduin!« rief ihm die Frau Amtsrätin nach und nahm zum so
und so vielten Mal den immer wieder hingestellten Ständer mit ihrem geliebten
Papagei auf.
    Herr Lamprecht blieb pflichtschuldigst stehen, obgleich er so ungeduldig
aussah, als brenne ihm der Boden unter den Sohlen. Er nahm auch seiner
Schwiegermutter den Vogel ab, um ihn zu tragen, und währenddem schoss Herbert wie
toll an ihnen vorüber in das Haus, und die steinerne Treppe hallte wider unter
den wilden Sätzen, mit welchen er aufwärts stürmte...
    »Nun hat Herbert doch recht behalten!« murrte Margarete und schlug zornig
mit der flachen Hand auf den Tisch. »Ich glaub's nicht! Der Papa hat nur Spass
gemacht - Herbert wird wohl dem Professor eine Rose mitbringen müssen! - Dummes
Zeug!«
    Sie raffte die übrigen Blumen zusammen, wand ihr seidenes Haarband um die
Stiele und lief nach dem Packhaus, um den kleinen Strauss über das Holzgeländer
zu werfen. Er blieb auf dem Sims liegen, niemand griff danach, nicht ein Schein
des hellen Musselinkleides wurde sichtbar, noch weniger aber dankte die sanfte
süsse Mädchenstimme, »die man so gern hörte«, vom Gange herab. - Missmutig kehrte
das kleine Mädchen unter den Lindenschatten zurück.
    Es war recht still geworden im Hofe. Tante Sophie und Bärbe hatten die
letzten Wäschestücke von der Leine genommen und die hochgetürmten Korbwannen ins
Haus getragen, der Hausknecht war, nachdem er die Stalltüre geschlossen,
ausgegangen, um Besorgungen zu machen, und der kleine, stille Junge sass wieder
auf der Bank und malte mit beneidenswerter Geduld seine gerühmten Buchstaben auf
die Schiefertafel.
    Margarete setzte sich neben ihn und faltete die kleinen, hageren,
sonnverbrannten Hände im Schosse; sie liess die ewig unruhigen Füsse baumeln und
verfolgte mit ihren lebendigen, klugen Augen den Flug der Schwalben, wie sie
über die Dächer herkamen und im scharfen Bogen die blauen Lüfte durchschnitten,
um unter den weit hervorspringenden Fenstersimsen des gegenüberliegenden
Seitenflügels zu verschwinden.
    Inzwischen kam Bärbe mit dem Wischtuch; sie fuhr mit demselben über den
Gartentisch, legte eine Kaffeeserviette auf und stellte das klirrende
Tassenbrett hin; dann fing sie an, die Waschleine aufzurollen. Von Zeit zu Zeit
warf sie einen ärgerlichen Blick nach dem Kinde, das so ungeniert und
angelegentlich seine Augen über die obere Fensterreihe des spukhaften Hauses
hinwandern liess; für die alte Köchin war das eine naseweise Herausforderung, die
ihr einen gelinden Schauder über die Haut jagte.
    »Bärbe, Bärbe, schnell, drehe dich um! es ist jemand drin!« rief die Kleine
plötzlich und zeigte mit dem ausgestreckten Finger direkt nach einem der Fenster
in Frau Doroteens ehemaliger Wochenstube, wobei sie von der Bank sprang.
    Unwillkürlich, als werde sie von einer fremden Macht herumgerissen, wandte
Bärbe den Kopf nach der bezeichneten Stelle und liess vor Schrecken den mächtig
angeschwollenen Waschleinenknäuel aus den Händen fallen. »Weiss Gott, der Vorhang
wackelt!« murmelte sie.
    »Unsinn, Bärbe! Wenn er bloss wackelte, so wäre das weiter gar nichts; das
könnte auch vom Zugwind sein!« sagte Margarete überlegen. »Nein, er war dort in
der Mitte« - sie zeigte abermals nach dem Fenster - »dort war er auseinander und
es hat jemand herausgesehen; und das ist doch närrisch - es wohnt kein Mensch
drin -«
    »Um tausend Gotteswillen, Kind, wer wird denn immer mit dem Finger
hinzeigen!« raunte Bärbe und griff nach der kleinen Hand, um sie niederzubiegen.
Sie war dicht vor die Kinder getreten, als wolle sie die Kleinen mit ihrer
breiten massiven Figur decken, und kehrte dem bezeichneten Fenster den Rücken -
um keinen Preis hätte sie noch einmal die Augen zurückgewendet. »Siehst du,
Gretchen, das hast du nun von deinem ewigen Hingucken! Ich wollte dir's vorhin
schon sagen, aber du bist ja immer gleich obenhinaus, und da war ich still...
Für so 'was, wie die Fenster da oben, muss der Mensch gar keine Augen haben.«
    »Abergläubische alte Bärbe - das sollte nur Tante Sophie hören!« schalt das
kleine Mädchen ärgerlich und suchte die vierschrötige Alte aus dem Wege zu
schieben. »Erst recht muss man hinsehen! Ich will wissen, wer das gewesen ist! Es
ging vorhin zu schnell - husch, war's wieder weg! - Ich glaube aber, es war
Grossmamas Stubenmädchen, die hat so eine weisse Stirn -«
    »Die?« - Jetzt war es an der gescholtenen Köchin, eine überlegene Miene
anzunehmen. »Erstlich, wie käme die in die Stube? Doch nicht durchs
Schlüsselloch? Und zum zweiten täte sie's auch gar nicht - nicht um die Welt,
Gretchen! Das naseweise Ding hat's gerade so gemacht wie du - die dachte auch,
ihr könnt's nicht fehlen, und da hat sie vorgestern abend in der Dämmerstunde
ebenso ihren Schreck weggehabt, wie gestern der Kutscher... Geh du lieber ,nauf
in die gute Stube mit den roten Tapeten, wo die alten Bilder hängen - die mit
den Karfunkelsteinen in ihren kohlpechschwarzen Haaren, die ist's! Die hat
wieder einmal keine Ruh' in der Erde und huscht im Hause 'rum und erschreckt die
Menschen.«
    »Bärbe, du sollst uns Kindern nicht solchen Unsinn vorschwatzen, hat die
Tante gesagt!« rief Margarete bitterböse und stampfte mit dem Fusse auf. »Siehst
du denn nicht, wie Holdchen sich ängstigt?« ... Beruhigend wie ein
Grossmütterchen legte sie die Arme um den Hals des Knaben, der mit
angsterfüllten, weit aufgerissenen Augen zuhörte. »Komm her, du armes Kerlchen,
fürchte dich nicht, und lass dir doch nichts weismachen von der dummen Bärbe! Es
gibt gar keine Gespenster - gar keine! Das ist alles dummes Zeug!«
    In diesem Augenblick trat Tante Sophie aus dem Hause. Sie brachte den Kaffee
und stellte einen grossen, zuckerbestreuten Napfkuchen auf den Tisch. »Kind,
Gretel, du siehst ja aus wie ein streitlustiges Kickelhähnchen! Was hat's denn
wieder einmal gegeben?« fragte sie, während Bärbe sich schleunigst aus dem
Staube machte und ihrem abwärts gerollten Leinenknäuel nachlief.
    »Es war jemand dort in der Stube,« antwortete die Kleine kurz und knapp und
zeigte nach dem Fenster.
    Tante Sophie, die eben den Kuchen anschnitt, hielt inne. Sie drehte den Kopf
um und streifte mit einem flüchtigen Blick die Fensterreihe. »Da oben?« fragte
sie mit halbem Lachen. »Du träumst am hellen Tage, Kind!«
    »Nein, Tante, es war ein wirklicher Mensch! Gerade dort, wo der Vorhang so
rot ist, da ging er auseinander. Ich sah ja die Finger, ganz weisse Finger, die
ihn schoben, und auf einen Husch sah ich auch eine Stirn mit hellen Haaren -«
    »Die Sonne, Gretel, weiter nichts!« versetzte Tante Sophie gleichmütig und
hantierte taktmässig mit ihrem Messer weiter an dem Kuchen. »Die spielt und
spiegelt in allen Farben auf den alten verwetterten Scheiben, und das täuscht.
Hätt' ich den Schlüssel, da müsstest du auf der Stelle mit mir hinauf in die
Stube, um dich zu überzeugen, dass kein Mensch drin ist, und dann wollten wir
sehen, wer recht behielte, du Gänschen! Den Schlüssel hat aber der Papa, und die
Grossmama ist eben bei ihm, und da will ich nicht stören.«
    »Bärbe sagt, die Frau, die im roten Salon hängt, hätte herausgesehen - die
läuft im Hause herum, Tante, und will alle Menschen erschrecken,« klagte
Reinhold in weinerlich ängstlichem Ton.
    »Ach so!« sagte Tante Sophie. Sie legte das Messer hin und sah über die
Schulter nach der alten Köchin, die aus Leibeskräften an ihrem riesigen Knäuel
wickelte. »Bist ja ein lieber Schatz, Bärbe - die richtige Jammerbase und
Todtenunke! ... Was hat dir denn das arme Weibchen im roten Salon getan, dass du
sie zum Popanz für die Urenkelchen machst?«
    »Ach, mit dem Popanz hat's keine Not, Fräulein Sophie!« entgegnete Bärbe
trotzig und ohne von ihrer Beschäftigung wegzusehen. »Gretchen glaubt's so wie
so nicht... Das ist ja eben das Unglück heutzutage! Die Kinder kommen schon so
superklug zur Welt, dass sie an gar nichts mehr glauben wollen, was sie nicht mit
Händen greifen können.« - Sie wickelte mit so grimmigem Eifer weiter, als gelte
es, all den kleinen Ungläubigen die Hälse zuzuschnüren. - »Glaubt der Mensch
aber nicht mehr an die Geister- und Hexengeschichten, da kömmt auch unser
Herrgott zu kurz, ja - und das ist eben die Gottlosigkeit heutzutage, und darauf
leb' und sterb' ich!«
    »Das magst du halten, wie du willst; aber unsere Kinder lässest du mir
künftig aus dem Spiel, ein für allemal!« gebot Tante Sophie streng. Sie schenkte
den Kindern Kaffee ein und legte ihnen Kuchen vor; dann ging sie, um ein
Rosenbäumchen von der Waschleine zu befreien, die sich durch Bärbes Ungestüm in
seinen Aesten verwickelt hatte.
    »Die Sonne war's aber nicht - das steht bombenfest! - Ich will's schon
herauskriegen, wer immer durch den Gang huscht und in die Stube schleicht!«
murmelte die kleine Skeptikerin am Kaffeetisch vor sich hin und brockte sich die
Obertasse voll Kuchen.
 
                                       3
»Auf ein Wort, Balduin!« hatte die Frau Amtsrätin gebeten, und seit Herr
Lamprecht die Ehre hatte, ihr Schwiegersohn zu sein, waren ihre Bitten stets wie
Befehle seinerseits respektiert worden. So auch heute. Er hatte zwar eine tiefe
Falte des Missmutes auf der Stirn, und am liebsten hätte er wohl dem verzogenen
Papagei, der fortgesetzt kreischend gegen seinen missliebigen Träger
protestierte, den bunten Hals umgedreht; allein davon wurde der Frau Amtsrätin
nicht das geringste bemerklich, um so weniger, als, sehr zur rechten Zeit, das
aus der oberen Etage kommende Stubenmädchen das Tier in Empfang nahm und
hinauftrug.
    So ging das zarte, schmächtige Frauchen ahnungslos und graziös neben dem
Schwiegersohn her; die Spitzenbarben ihres Häubchens wehten in der Zugluft des
Treppenhauses, und die kurze, dunkelseidene Schleppe raschelte vornehm über die
Stufen. - Sie waren ziemlich ausgetreten, diese breiten, mächtigen
Sandsteinstufen. Weit über zwei Jahrhunderte hindurch war alles, was das Haus an
Lust und Leid gesehen, da hinauf und hinab geglitten. Hochzeiten und
Tauffeierlichkeiten, Tanz- und Tafelfreuden, wie der letzte Prunkzug der
Hingeschiedenen - das alles, was den verschiedenen Generationen Kopf und Herz
bewegt und erfüllt, es war verbraust und verschmerzt, und nur die Fussspur war
verblieben. - Und jetzt stieg die zierliche alte Dame mit ihren kleinen
Goldkäferschuhen auch Stufe um Stufe hinauf, um droben eine Herzensbeklemmung
loszuwerden - Unmut und Besorgnis sprachen deutlich genug aus ihren Zügen.
    Herrn Lamprechts Privatwohnung bildete, hart an der Treppe gelegen, den
Schluss der langen Zimmerreihe in der mittleren Etage. Hinter diesen Räumen, nach
dem Hofe zu, lag der Korridor oder Flursaal, wie er im Hause genannt wurde, in
seiner Länge und gewaltigen Breite so recht der Raumverschwendung der alten
Zeiten entsprechend. Er endete erst hinter dem letzten Zimmer, dem sogenannten
roten Salon; dort bog er um die Ecke des angebauten östlichen Seitenflügels und
verengte sich zu dem dämmernden Gang hinter Frau Doroteens Sterbezimmer, in
welchen nur an dem entgegengesetzten äussersten Winkel, da, wo ein paar kleine
Stufen seitwärts in das Packhaus hinunterführten, das karge Tageslicht durch ein
hochgelegenes Fensterchen hereinfiel.
    In dem Flursaal standen altertümliche Kredenzen von wundervoller
Schnitzarbeit, und an der Rückwand, zwischen den herausführenden dunkelgebeizten
Flügeltüren der Zimmer, reihten sich Stühle hin, über deren Sitze und
Polsterlehnen sich noch derselbe gepresste gelbe Samt spannte, den einer der
alten Kaufherren einst aus den Niederlanden mitgebracht... Hier war manches
Menuett aufgeführt, mancher Festschmaus abgehalten worden, und es liessen sich
auch heute noch die hässliche Frau Judit in der Spitzendormeuse und das
verführerische junge Weib mit den Karfunkelsteinen im Haar als Herrinnen in die
altfränkische Ausstattung unschwer hineindenken. - Aber mochte auch vieles von
dem Prachtgerät der Urväter seinen Platz hier und in den Zimmern und Sälen
drinnen behauptet haben, vor der Wohnung des Hausherrn machte die Pietät Halt,
und der moderne Luxus übernahm die Herrschaft.
    Es war mehr das Boudoir einer Dame, als ein Herrenzimmer, in welches Herr
Lamprecht seine Schwiegermutter eintreten liess. Rosenholz und Seide,
Aquarellbilder und ein sanftes Rosalicht, das von den Vorhängen und
Polsterbezügen ausging - dies zarte Gemisch bildete zusammen eines jener süssen
Nestchen, in welchem man sich eine schöne junge Frau behaglich
zusammengeschmiegt denkt - und hier hatte in der Tat Herrn Lamprechts
verstorbene Frau gewohnt.
    Die Frau Amtsrätin ging auf einen der kleinen Lehnstühle zu, die, halb in
die Spitzen und Seidenfalten der Vorhänge vergraben, die tiefen Fensterwinkel
füllten. Ihr kam in diesem Raum nur selten noch der Gedanke an die Tochter, die
einst hier gewaltet; sie war es gewohnt, ihren Schwiegersohn an dem kleinen
Schreibtisch sitzen und all das zierliche Gerät benutzen zu sehen. Ein Mann von
starken Leidenschaften, hatte er sich nach dem Tode der jungen Frau in seinem
ersten Schmerz hier eingeschlossen, und seitdem war das Zimmerchen sein Tuskulum
verblieben.
    »Ach, wie reizend!« rief die alte Dame und blieb wie angefesselt vor dem
Schreibtisch stehen, neben welchem sie sich eben niedersetzen wollte. Sie war
auch reizend, die Malerei in Wasserfarben da auf dem Medaillon einer Briefmappe
- ein durchsichtiges Gegitter von zartem Farnkraut, und dahinter wie eingefangen
ein Stückchen des geheimnisvollen Spriessens, Lebens und Webens nahe dem
Waldboden. »Eine originelle Idee, und wie sauber ausgeführt!« setzte die Frau
Amtsrätin hinzu und nahm die Lorgnette zu Hilfe. »Hier das Blumengeistchen, wie
es sich begehrlich aus seinem Glockenblumenhäuschen nach der Erdbeere
hinüberreckt - wirklich ganz allerliebst! ... Eine Arbeit von schöner Damenhand,
Balduin? - Hab' ich recht?«
    »Möglich!« meinte er achselzuckend mit einem flüchtigen Seitenblick nach der
Mappe, während er sich bemühte, ein schiefhängendes Bild an der Wand gerade zu
rücken. »Die Industrie rekrutiert ja heutzutage eine ganze Armee helfender
Kräfte auch aus der Frauenwelt -«
    »Also nicht speziell für dich ausgedacht?«
    »Für mich?!« - Der kleine Nagel, der das Bild seitwärts in gerader Linie
festalten sollte, war herausgefallen - der grosse, stattliche Mann bog sich tief
nieder, um den Flüchtling auf dem Teppich zu suchen, und als er sich wieder
aufrichtete, da hatte ihm das Bücken das ganze Blut nach dem Kopfe getrieben...
»Liebe Mama, sollten Sie wirklich von dem allermächtigsten Faktor in unserem
modernen Leben, dem Egoismus, nichts wissen, und könnten Sie in der Tat
glauben, dass man heutzutage irgend etwas ganz umsonst, ohne die geringste
Hoffnung auf Erfolg tue?«
    Er sagte das noch abgewendet, wobei er den Nagel wieder in die Wand zu
drücken suchte. Nun erst wandte er der alten Dame sein Gesicht voll zu - um
seinen Mund zuckte es bitter und spöttisch. »Nehmen wir doch einmal alle die
schönen Damenhände unserer Kreise durch, und sagen Sie mir, welche von ihnen
wohl im stande sein würde, eine solch künstlerische, die grösste Geduld
erfordernde Aufgabe auszuführen für einen Mann, der - nicht mehr zu haben ist!«
    Er trat auf das andere Fenster zu, während sich die alte Dame in ihrem
kleinen, weichen Lehnstuhl zusammenschmiegte. »Nun ja, darin magst du wohl recht
haben!« sagte sie lächelnd und in dem gleichmütigen Tone, wie man längst
Feststehendes, Unanfechtbares und sattsam Bekanntes zugibt. »Es ist allerdings
stadtkundig, dass unsere arme, teure Fanny dein Gelöbnis der Treue für Zeit und
Ewigkeit mit in das Grab genommen hat. Erst vorgestern abend wieder war bei Hofe
die Rede davon. Die Herzogin sprach von der Zeit, wo meine arme Tochter noch
gelebt und eine vielbeneidete Frau gewesen sei, und der Herzog meinte, man solle
doch ja die sogenannte gute alte Zeit mit ihrem Biedersinn im Gegensatz zu der
heutigen nicht immer herausstreichen; der hochangesehene, wegen seiner Strenge
fast gefürchtete alte Justus Lamprecht zum Beispiel habe in seiner Jugendzeit
einen Treuschwur in eklatantester Weise gebrochen, während ihn sein Urenkel
durch edle Festigkeit beschäme.«
    Herr Lamprecht war hinter der roten Gardine verschwunden. Er hatte die Hände
auf den Fenstersims gestützt und sah über den Marktbrunnen hinweg in die
gegenüberliegende, vom Markt bergauf steigende Gasse hinein. - Der schöne Mann
hatte ein merkwürdiges Gesicht. Stolz, oder vielmehr Hochmut, in so scharfer
Linie ausgeprägt, würde jedem anderen Antlitz etwas gleichsam Versteinertes
gegeben haben; hier aber wirkte ein feuriges Blut unverkennbar überwältigend. Es
machte die Augen in unbezähmbarer Wildheit auffunkeln und liess ein
sanftverlangendes Lächeln unwiderstehlich um seine Lippen spielen, es jagte den
Glutstrom des Jähzornes in die Stirnadern und hauchte die Blässe des
Seelenschmerzes in die Wangen. Jetzt aber, bei den letzten Worten der alten
Dame, schlug Herr Lamprecht die Augen nieder. Er sah aus, als habe er die
Stützen seiner Seele, die stolze Zuversicht, den Mannestrotz, das Vollbewusstsein
reichen Besitzes nach innen und aussen für einen Moment vollständig verloren -
nahezu wie ein gescholtener und beschämter Schulknabe stand er da, den
dunkelbärtigen Kopf tief gesenkt und sich die Lippen fast wund beissend.
    »Nun, Balduin!« rief die Frau Amtsrätin und bog sich spähend vor, weil es so
still blieb in der Fensterecke. »Freut es dich nicht, dass man bei Hofe eine so
schmeichelhafte Meinung von dir hat?«
    Das Rascheln der Seidengardinen verschlang den tiefen Seufzer, der ihm über
die Lippen zitterte, während er in das Zimmer zurücktrat. »Der Herzog scheint
diese edle Eigenschaft lieber an anderen zu bewundern, als an sich selbst - er
hat eine zweite Frau!« sagte er bitter.
    »Ich bitte dich ums Himmelswillen, was führst du für eine Sprache!« fuhr die
alte Dame ganz alteriert empor. »Danken wir Gott, dass wir allein sind!
Hoffentlich haben diese Wände keine Ohren! - Nein, nein, Balduin, ich fasse es
wirklich nicht, wie du dir eine solche Kritik erlauben magst!« setzte sie
kopfschüttelnd hinzu. »Das ist ja doch ein ganz anderer Fall! Die erste Gemahlin
war sehr kränklich -«
    »Bitte, Mama, ereifern Sie sich nicht! Lassen wir doch das!«
    »Nun ja, lassen wir das!« ahmte sie ihm nach. »Du hast gut reden! An dich
wird der Versucher freilich nie herantreten. Nach Fanny muss es dir
selbstverständlich ganz unmöglich sein, auch nur ein vorübergehendes Interesse
für eine andere zu fassen. Die Herzogin Friederike dagegen -«
    »War boshaft und hässlich.« Herr Lamprecht warf diese Worte nur offenbar ein,
um das Tema auf fremdem Terrain festzuhalten.
    Sie schüttelte abermals missbilligend den Kopf. »Diese Ausdrücke würde ich
mir selbst nie gestatten - der Glanz und die Auszeichnung hoher Geburt versöhnen
und verschönen. Uebrigens ist ja dabei wie gesagt ein himmelweiter Unterschied;
den Herzog band kein Versprechen; er war frei und vollkommen berechtigt, eine
neue Ehe zu schliessen.«
    Damit lehnte sie sich wieder in ihren Stuhl zurück, schob die Spitzenbarben
ihrer Haube mit einer sanft gelassenen Bewegung aus dem Gesicht und faltete im
Schoss die Hände, auf die sie gedankenvoll niedersah. »Du kannst derartige
Dilemmas überhaupt nicht beurteilen, lieber Balduin. Fanny war deine erste und
einzige Liebe, und wir gaben dir mit Freuden unsere Tochter. Und als du dich mit
ihr verlobtest, da weinten deine Eltern Freudentränen und nannten dich ihren
Stolz, weil sich die Neigung deines Herzens nach oben und nie und nimmer in
unglückseliger Jugendverirrung abwärts gerichtet habe« - mit einem tiefen
Seufzer unterbrach sie sich und blickte bekümmert vor sich hin. »Gott weiss am
besten, welch sorgsam behütende, pflichtgetreue Mutter ich zu allen Zeiten
gewesen bin, gewiss nicht weniger, als deine Eltern: und doch muss es mir
passieren, dass mein Sohn auf Abwege gerät - Herbert macht mir in der letzten
Zeit unbeschreiblichen Aerger!«
    »Wie, der Mustersohn, Mama?« rief Herr Lamprecht. Er war während der langen
Rede seiner Schwiegermutter auf und ab geschritten, den Kopf vorgeneigt und in
mechanischem Tempo auf die regelmässig verstreuten Rosenbouketts im Teppichmuster
tretend. Jetzt blieb er an der entgegengesetzten Wand des Zimmers stehen und sah
spöttisch fragend über die Schulter zurück.
    »Hm!« räusperte sich die Frau Amtsrätin und reckte ihr Figürchen ziemlich
gereizt empor. »Das ist er ja wohl in vieler Beziehung auch noch. Er hat ein
grosses Ziel -«
    »Ei ja, wie ich schon vorhin unten im Hofe sagte. Er wird einmal steigen und
steigen, bis er mit seinen Fusstritten alle anderen Streber unter sich hat und
nichts mehr über sich weiss, als den Allerhöchsten im Staate.«
    »Tadelst du das?«
    »Ei bewahre, gewiss nicht, sofern er wirklich das Zeug dazu hat. Aber wie
viele werfen jetzt ihre wahren Ueberzeugungen von sich, heucheln und schmeicheln
und hängen sich der Macht an den Rockschoss, um aus bedientenhaften
Speichelleckern mit mittelmässigen Köpfen einflussreiche Männer zu werden!«
    »Du brandmarkst ja förmlich die treueste Hingebung und Selbstverleugnung!«
zürnte die alte Dame. »Aber ich frage dich, würdest denn du den Frevelmut, die
Dreistigkeit haben, einer höheren Orts gegebenen Richtung entgegenzutreten? -
Ich weiss doch recht gut, dass niemand lieber einer Einladung in die ersten Kreise
folgt, als du, und kann mich nicht erinnern, je einen Widerspruch gegen dort
herrschende Meinungen aus deinem Munde gehört zu haben.«
    Auf diese scharfe und jedenfalls wohlbegründete Bemerkung schwieg Herr
Lamprecht. Er sah angelegentlich in die gemalte Landschaft hinein, vor welcher
er eben stand, und fragte nach einer kurzen Pause: »Und welchen Vorwurf machen
Sie Herbert?«
    »Den einer entwürdigenden Liebelei!« platzte die alte Dame erbittert heraus.
»Wäre es nicht allzu deutsch und vulgär ausgedrückt, so würde ich sagen, ich
wünsche diese Blanka Lenz ins Pfefferland... Steht der Mensch doch aller
Augenblicke oben an den Flurfenstern und starrt nach dem Packhaus hinüber! Und
gestern weht mir der Zugwind im Treppenhause ein Rosapapier vor die Füsse, das
dem verliebten Jungen wohl aus einem Schreibheft gefallen sein mag -
selbstverständlich entielt es ein glühendes Sonett an Blanka! - Ich bin ausser
mir!«
    Herr Lamprecht stand noch an seinem Platze, mit dem Rücken nach seiner
Schwiegermama; aber es war eine seltsame Bewegung über ihn gekommen - er
schwang, genau wie vorhin im Hofe, die geballte Faust auf und ab, als fuchtele
er mit der Reitpeitsche durch die Luft.
    »Bah, dieses Milchgesicht!« sagte er, als sie wie erschöpft schwieg, und
liess die Hand sinken. Er reckte seine herrliche Gestalt hoch empor, und mit
einer militärisch strammen und doch eleganten Schwenkung drehte er sich auf dem
Absatz und stand so gerade dem deckenhohen Spiegel der Fensterwand gegenüber,
der ihm ein tiefgerötetes, verächtlich lächelndes Gesicht zeigte.
    »Dieses Milchgesicht ist der Sohn eines vornehmen Hauses - das vergiss
nicht!« entgegnete seine Schwiegermutter und hob den Finger.
    Herr Lamprecht lachte hart auf. »Verzeihen Sie, Mama, aber ich kann mit dem
besten Willen den Herrn Amtsratssohn ohne Bart, trotz des Glorienscheines seiner
Geburt, nicht für gefährlich und verführerisch halten!«
    »Darüber magst du die Frauen entscheiden lassen,« sagte die Frau Amtsrätin
hörbar empfindlich. »Ich habe alle Ursache, zu glauben, dass Herbert bei seinen
nächtlichen Promenaden unter der Holzgalerie, dem Balkon dieser Julia -«
    »Wie - er wagt es?« brauste Herr Lamprecht auf - in diesem Augenblick war
sein Gesicht nicht wieder zu erkennen, so furchtbar entstellte der Jähzorn die
schönen Züge.
    »Du sprichst von wagen dieser Malertochter gegenüber? Bist du von Sinnen,
Balduin?« rief die alte Dame tief empört und stellte sich plötzlich mit fast
jugendlicher Elastizität auf die kleinen Füsse. Aber der Schwiegersohn hielt dem
erbitterten Redestrom, der unausbleiblich erfolgen musste, nicht stand; er
entwich in die Fensterecke - dort trommelte er mit den Fingern so heftig auf den
Scheiben, dass sie dröhnten.
    »Sag mir nur ums Himmelswillen, was ficht dich an, Balduin?« rief die Frau
Amtsrätin in etwas herabgemildertem, aber immer noch entsetztem Ton und folgte
ihm in die Fensternische.
    Der Blick hinaus schien ihn wieder zu sich selbst gebracht zu haben. Er
hörte auf zu trommeln und sah seitwärts auf die kleine Frau nieder. »Das ist
Ihnen ein Rätsel, Mama?« fragte er höhnisch zurück. »Soll ich nicht empört sein,
wenn auf meinem Gebiet - ich will sagen, in meinem Hause - solche Stelldicheins
provoziert werden von dem - Bankrutscher, der er noch ist! - Unverschämt! da
wäre wirklich eine eklatante Züchtigung mit der Haselgerte noch ganz am Platze!«
Wieder schlugen die Flammen des Zornes gesteigert empor; aber er zwang sie
nieder. »Bah, alterieren wir uns nicht, Mama!« sagte er ruhiger und zuckte
verächtlich die Achseln. »Die Geschichte ist zu jungenhaft dumm! Mit dem
unreifen Bürschchen, das gerade jetzt ausschliesslich womöglich bis über beide
Ohren im Griechisch und Latein stecken müsste, wird man doch wohl noch fertig
werden - meinen Sie nicht?«
    »Nun sieh, da stehen wir ja auf ganz gleichem Boden, wenn du auch allzuhart
in deinen Ausdrücken bist!« rief sie sichtlich erleichtert. »Das ist's ja
gerade, weshalb ich dich um eine Besprechung bat... Denke aber ja nicht, dass ich
bei dieser Liebelei etwa gar eine Befürchtung für Herberts Zukunft hege - so
weit würde er sich nie vergessen -«
    »Eine Porzellanmalerstochter zu heiraten? - Guter Gott! Seine Exzellenz,
unser zukünftiger Staatsminister!« lachte Herr Lamprecht auf.
    »Herberts Karriere reizt dich ja heute ganz besonders zum Spott - immerhin!
Was geschehen soll, geschieht trotz alledem,« sagte sie spitz. »Aber das ganz
beiseite: Ich habe jetzt nur sein bevorstehendes Examen im Auge. Es ist unsere
heilige Pflicht, alles zu beseitigen, was ihn irgendwie abzieht, und das wäre
denn in erster Linie diese unglückselige Flamme drüben im Packhause.«
    Er war, während sie sprach, von ihr weggetreten und ging wieder auf und ab.
Und jetzt langte er nach einem der auf einem Bücherbrett stehenden
Miniaturbändchen, schlug es auf und schien den Inhalt zu mustern.
    Die alte Dame zitterte vor Aerger. Eben noch ohne einen eigentlichen Grund
bis zur Tollheit aufbrausend, zeigte er jetzt ein unverhehltes Gelangweiltsein,
eine geradezu impertinente Passivität! Aber sie kannte ihn ja - er konnte
zuweilen auch recht launenhaft und bizarr sein... Nun, diesmal musste er
stillhalten, bis ihr Zweck erreicht war.
    »Ich verstehe übrigens nicht, was das Mädchen so lange in Türingen zu
suchen hat,« fuhr sie fort. »Es hiess anfänglich, sie gehe nach England zurück
und sei nur auf vier Wochen zu ihrer Erholung bei den Eltern. Nun sind bereits
sechs Wochen ins Land gegangen, und so sehr ich mich auch bemühe und aufpasse,
ich sehe nicht, dass irgendwie zur Abreise gerüstet wird... Solche Eltern sind -
fast hätte ich gesagt Prügel wert! Das Mädchen liegt buchstäblich auf der faulen
Bärenhaut. Sie singt und liest, tänzelt hin und her und steckt sich Blumen in
die roten Haare, und die Mutter sieht ihr verzückt zu und plättet auf dem Gange
im Schweiss ihres Angesichts Tag für Tag die hellen Sommerfähnchen, damit das
Prinzesschen ja immer recht kokett und verführerisch aussieht... Und um dieses
Irrlicht flattern alle Gedanken meines armen Jungen! - Das Mädchen muss fort,
Balduin!«
    Die Blätter des Buches raschelten unter seinen immer hastiger umwendenden
Fingern. »Soll sie ins Kloster?«
    »Ich bitte dich inständigst, nur jetzt keinen Scherz! Die Sache ist
bitterernst. Das Wohin ist mir sehr gleichgültig; ich sage nur das Eine: Sie muss
fort aus unserem Hause!«
    »Aus wessen Hause, Mama? Meines Wissens sind wir hier im Hause Lamprecht,
und nicht auf dem Gute meines Schwiegervaters. Zudem wohnt der Maler Lenz weit
drüben über dem Hofe -«
    »Ja, das ist eben das Unbegreifliche!« fiel sie ein, klug über seine scharfe
Zurechtweisung hinwegschlüpfend. »Ich kann mich nicht erinnern, dass das Packhaus
je bewohnt gewesen wäre.«
    »Nun ist es aber bewohnt, liebe Mama,« sagte er mit fingiertem Phlegma und
warf das Buch lässig auf ein Tischchen.
    Sie zuckte die Achseln. »Leider - und ist noch dazu neu tapeziert worden für
die Leute. Du fängst an, deine Arbeiter zu verwöhnen -«
    »Der Mann ist kein gewöhnlicher Arbeiter.«
    »Mein Gott, er bemalt Tassen und Pfeifenköpfe! Deshalb wirst du ihn doch
wahrhaftig nicht so auszeichnen, dass er im Hause des Prinzipals wohnen darf? -
In Dambach ist doch wirklich Platz genug!«
    »Als ich Lenz vor einem Jahre engagierte, da stellte er die Bedingung, in
der Stadt wohnen zu dürfen, weil seine Frau an einem körperlichen Uebel leidet,
das oft plötzlich die rascheste ärztliche Hilfe nötig macht.«
    »Ach so!« - Sie schwieg einen Moment, dann sagte sie kurz entschlossen: »Nun
gut, dagegen lässt sich ja nichts einwenden, und es soll mir auch schon genügen,
wenn die Stimme nicht mehr über den Hof schallt, und das Hin- und Herschweben
der kleinen Kokette auf dem Gange ein Ende hat. Es gibt ja genug Mietwohnungen
für kleine Leute in der Stadt.«
    »Sie meinen, ich soll den Mann Knall und Fall aus seinem stillen Asyl
vertreiben, weil - nun weil er so unglücklich ist, eine schöne Tochter zu
haben?« - Seine Augen blitzten die alte Dame an - ein düsteres Feuer glomm in
ihnen auf. - »Würden nicht alle meine Leute glauben, Lenz habe sich etwas zu
schulden kommen lassen? Wie dürfte ich ihm das antun? - Das schlagen Sie sich
nur aus dem Sinn, Mama, das kann ich nicht!«
    »Aber, mein Gott, etwas muss doch geschehen! Das kann und darf nicht so
fortgehen!« rief sie in halber Verzweiflung. »Da bleibt mir nichts anderes
übrig, als selbst zu den Leuten zu gehen und dahin zu wirken, dass das Mädchen
abreist. Auf ein Geldopfer, und sei es noch so bedeutend, soll es mir dabei
nicht ankommen.«
    »Das wollten Sie in der Tat?« - Etwas wie ein geheimes Erschrecken klang in
seiner tonlosen Stimme mit. »Wollen Sie sich lächerrlich machen? Und vor allem,
wollen Sie mit diesem auffallenden Schritt auch mein Ansehen als Prinzipal in
den Augen aller schädigen? Soll man denken, von Ihrem Privatinteresse hänge das
Wohl und Wehe meiner Leute ab? Das kann ich nicht dulden« - er hielt inne; er
mochte wohl fühlen, dass er zu heftig für empfindliche Damenohren wurde. - »Es
ist mir stets eine Freude und Genugtuung gewesen, meine Schwiegereltern im
Hause zu haben,« setzte er beherrschter hinzu, »und das Gefühl der
unumschränkten Herrschaft in Ihrem Heim ist Ihnen gewiss niemals beeinträchtigt
worden; ich habe wenigstens zu allen Zeiten streng darauf gehalten, dass keines
der Ihnen zugestandenen Rechte auch nur um ein Jota verkümmert werde. Dafür
verlange ich aber auch, dass kein Uebergriff in mein Departement stattfindet.
Verzeihen Sie, liebe Mama, aber darin verstehe ich keinen Spass; ich könnte da
vielleicht sehr unangenehm werden, und das wäre für beide Teile nicht
wünschenswert!« -
    »Bitte, lieber Sohn, du steigerst dich in ganz unmotivierter Weise!« fiel
die Frau Amtsrätin kühl, mit einer vornehm abwehrenden Handbewegung ein. »Und im
Grunde ist es ja doch nichts als eine Laune, die du so hartnäckig verfichtst -
ein andermal wird es dir vollkommen gleichgültig sein, ob der Herr Maler Lenz
samt Familie ein Dach über dem Hause hat, oder nicht - dafür kenne ich dich! -
Nun immerhin! Selbstverständlich bin ich die Nachgebende. Vorläufig werde ich
freilich gezwungen sein, fortwährend auf Wachtposten zu stehen, und keine ruhige
Stunde mehr haben -«
    »Da seien Sie ganz ruhig, Mama! Sie haben an mir den besten Verbündeten!«
sagte er unter einem sardonischen Auflachen. »Mit den nächtlichen Promenaden und
schwülstigen Sonetten hat es ein Ende - mein Wort darauf! Wie ein Büttel werde
ich dem verliebten Jungen auf den Fersen sein; darauf können Sie sich
verlassen!«
    Draussen wurde die Flurtüre geräuschvoll geöffnet und trippelnde Schritte
kamen über den Saal.
    »Dürfen wir hereinkommen, Papa?« rief Margaretens Stimmchen, während ihre
kleinen Finger kräftig anklopften.
    Herr Lamprecht öffnete selbst die Türe und liess die beiden Kleinen
eintreten. »Na, was gibt's? - Das Dietendörfer Gebäck habt ihr gestern
aufgegessen, ihr Leckermäuler, und das Naschkästchen ist leer -«
    »Ach bewahre, Papa, das wollen wir gar nicht! Heute gibt's Napfkuchen
unten!« sagte das kleine Mädchen. »Tante Sophie will nur den Schlüssel haben -
den Schlüssel zu der Stube hinten in dem dunklen Gange, die immer zugeschlossen
ist -«
    »Und wo die Frau aus dem roten Salon vorhin in den Hof heruntergesehen hat,«
vervollständigte Reinhold.
    »Was ist das für ein Kauderwelsch? Und was soll das unsinnige Gewäsch von
der Frau aus dem roten Salon?« schalt Herr Lamprecht mit barscher Stimme, ohne
jedoch ein gewisses beklommenes Aufhorchen verbergen zu können.
    »Ach, das sagt ja die dumme Bärbe nur so, Papa! Die ist ja doch so
schrecklich abergläubisch,« entgegnete Margarete... Und nun erzählte sie von
dem, was sie am Fenster gesehen haben wollte, von dem grossen rotblumigen Boukett
in dem verschossenen Vorhang, das sich plötzlich zu einem breiten, dunklen Spalt
auseinander getan, von den schneeweissen Fingern und der Stirn mit den hellen
Haaren, und wie Tante Sophie dabei bleibe, die Sonne sei es gewesen, was doch
gar nicht wahr sei - und Herr Lamprecht wandte sich seitwärts und griff nach dem
hingeworfenen Miniaturbändchen, um es wieder auf das Bücherbrett zu stellen.
    »Ohne allen Zweifel ist es die Sonne gewesen, du Närrchen! Tante Sophie hat
ganz recht,« sagte er, und erst nachdem das Buch mit peinlicher Genauigkeit
wieder eingereiht war, drehte er sich um. »Ueberlege dir's doch selber, Kind!«
gab er ihr zu bedenken und tippte lächelnd mit dem Zeigefinger gegen die Stirn.
»Du kömmst herauf, um den Schlüssel zu der festverschlossenen Stube zu holen,
und ich habe ihn auch - er hängt dort im Schlüsselschränkchen. - Kann nun ein
Wesen von Fleisch und Bein durch Türfugen kriechen?«
    Die Kleine stand da und blickte nachdenklich vor sich hin. Ueberzeugt war
sie nicht, das sah man; auf der breiten, trotzigen Kinderstirn war deutlich zu
lesen: »Was meine Augen gesehen, das lasse ich mir nicht ausreden!« - ein
Gesichtsausdruck, den besonders die Grossmama »nicht vertragen« konnte. Und so
hatten auch Papas Argumente weiter keinen Erfolg, als dass das Kind ernstaft
sagte: »Du kannst mir's glauben, Papa, es war ganz gewiss Grossmamas
Stubenmädchen!«
    Herr Lamprecht lachte laut auf, und die Frau Amtsrätin konnte trotz ihres
Aergers nicht umhin, leise einzustimmen. »Die Emma, Kind? Nun, Gott bewahre
mich, was für tolles Zeug spukt in deinem Kopfe, Grete! - Weisst du auch,« wandte
sie sich mit bedeutungsvollem Augenzwinkern an ihren Schwiegersohn, »dass uns die
Leute im Hause wieder einmal das Leben recht schwer machen von wegen der
bewussten, neuaufgewärmten Sage? Reinholds Erwähnung der Frau im roten Salon mag
dir beweisen, dass die dummen Menschen selbst vor den Kindern den Mund nicht
halten können. Ein jedes will etwas gesehen haben, und diesmal nicht etwa blosse
Schatten und Wolken von Spinnweben - die Emma zum Beispiel schwur unter Zittern
und Zähneklappern, das gewisse Huschende sei nichts weniger als durchsichtig
gewesen, und aus den fliegenden Schleiern habe sich für einen Moment ein Arm
gehoben, so weiss und rund!« ... Sie nickte sprechenden Blickes ausdrucksvoll mit
dem Kopfe und presste die verschlungenen Hände gegen die Brust. - »Wenn nur nicht
bereits eine direkte Beziehung zwischen Herbert und gewissen Leuten dahinter
steckt! - Der Gedanke macht mir das Blut sieden.«
    »Sapristi - das wäre!« meinte Herr Lamprecht mit einem dämonischen Lächeln,
wobei er sich den Bart strich. »Da würden sich freilich Argusaugen und nie
schlafende Ohren nötig machen... Ich habe es übrigens satt bis zum Überdruss,
dieses ewige Geklätsch unter unseren Leuten - das Haus kommt förmlich in Verruf!
Es ist von jeher ein Fehler gewesen, dass man den Flügel so gar nicht benutzt
hat; dadurch hat das verrückte Traumgespenst einer alten Amme von Jahr zu Jahr
an Boden gewonnen. Dem will ich ein Ende machen! Am liebsten nähme ich gleich
ein paar Porzellandreher samt Familien aus Dambach herein; aber die Leute müssten
dann stets durch den Flursaal, an meinen Türen vorbei, und der Lärm passt mir
nicht! - Da werde ich den kurzen Prozess machen und selbst einmal eine Zeitlang
ab und zu in Frau Doroteens Zimmern hausen -«
    »Das wäre allerdings ein Radikalmittel!« warf die Frau Amtsrätin lächelnd
ein.
    »Und eine verschliessbare Türe, die den Gang nach dem Flursaal hin
abschlösse, wäre wohl auch am Platze - da hätten die Hasenfüsse, die hier oben zu
tun haben, keinen Grund mehr, um die Ecke zu schielen und sich so lange mit
Wonne zu gruseln, bis sie ihr eigenes Hirngespinst gesehen... Ich will mir die
Sache einmal überlegen!«
    Er griff nach einer Bonbonniere auf dem Schreibtisch. - »Na seht, da haben
sich ja doch noch so ein paar Leckerle verkrochen!« sagte er und füllte den
Kindern die Händchen mit Bonbons. »So - nun geht wieder hinunter! Der Papa hat
viel zu schreiben.«
    »Und der Schlüssel, Papa? Hast du den ganz vergessen?« fragte die kleine
Margarete. »Tante Sophie will jetzt gleich hinauf und die Fenster aufmachen. Sie
sagt, es käme kein Regen, und die Nachtluft müsste einmal so recht durchfegen;
und morgen sollen die Stuben und der Gang gescheuert werden.«
    Herr Lamprecht wurde rot vor Aerger. »Zum Henker mit dieser ewigen
Scheuerei!« brach er los und fuhr ungeduldig mit der Hand durch sein reiches
Haar. »Vor einigen Tagen hat der Flursaal förmlich geschwommen, und das Scharren
und Kratzen der Scheuerwische brummt mir heut noch in den Ohren... Daraus wird
nichts! Gehe du nur hinunter, Gretchen, und sage der Tante, das habe Zeit, ich
würde selbst mit ihr sprechen!«
    Die Kinder trollten sich, und auch die Frau Amtsrätin zog die Pelerine
fester über die Schultern, um zu gehen. Sie verabschiedete sich in ziemlich
gemessener Weise. Ihre Herzensbeklemmung war sie nicht losgeworden; der Herr
Porzellanmaler sass fester als je im Packhause, und der sonst so ritterlich
galante Schwiegersohn fing an, recht unangenehm bockbeinig zu werden. Und auch
jetzt, trotz seiner respektvollen Verbeugung, zeigten seine Augen nichts weniger
als Reue und Abbitte - weit eher die heimliche, brennende Ungeduld, allein zu
sein. - Sichtlich geärgert rauschte sie hinaus.
    Er blieb bewegungslos mitten im Zimmer stehen. Draussen fiel die Flurtüre
ins Schloss, dann trippelten die Goldkäferschuhchen Stufe um Stufe aufwärts; er
horchte, bis auch der letzte Laut im hallenden Treppenhause erstarb - dann
sprang er mit einem Satze an den Schreibtisch, riss die Briefmappe an sein Herz,
an seinen Mund, strich mit der Hand wiederholt über das kleine Aquarellbild, als
wolle er den Blick der alten Dame, der darauf geruht, fortwischen, und verschloss
die Mappe in den Schreibtischkasten. Das war das Werk einiger Sekunden gewesen.
Gleich darauf war das Zimmer leer... Dafür kamen bald leichte Abendschatten
herein; der Rosaschein erblasste, und im Zwielicht wurde das von der Wand
herniedersehende Bildnis der verstorbenen Frau Fanny unheimlich lebendig, so
sprechend lebendig, als werde die lebensgrosse Gestalt im nächsten Augenblick die
graue Atlasschleppe aufnehmen und auf den Teppich herniedersteigen, um, grau und
hager und die grossen Augen voll leidenschaftlichen Feuers, dahinzuhuschen, wie -
die selige Frau Judit...
 
                                       4
Drunten in der Familienwohnung war man inzwischen mit den Strapazen des
berühmten Bleichtages glücklich zu Ende gekommen. Bärbe hantierte bereits wieder
in ihrer blitzblanken, geräumigen Küche und bereitete das Abendessen. Der
Kalbsbraten wurde pünktlich besorgt und Salat und Kompotte hergerichtet; aber es
ging dabei nicht besonders friedfertig zu. Das Küchengeschirr klapperte
verdächtig laut gegeneinander, Kartoffeln rollten und hüpften vom Küchentisch
auf den Boden, und die Türe der Bratmaschine rasselte auf und zu, als sollte
sie aus den Angeln fliegen... Jungfer Bärbe war in der grimmigsten Laune. Tante
Sophie hatte ihr nochmals in ganz exemplarischer Weise den Text gelesen, weil
sie die Waschfrauen mit ihrer drastischen Beschreibung des wackelnden Vorhanges
so kopfscheu gemacht hatte, dass sie es ablehnten, die Scheuerei in dem
spukhaften Flügel zu besorgen... Also ausser dem Schreck auch noch eine
Strafpredigt für die alte Bärbe, die sich noch nötigenfalls totschlagen liess für
die Familie Lamprecht - Notabene, für Fräulein Sophie noch ganz extra! ... War
man denn wirklich so stockblind, so verrannt in Leichtsinn und Unglauben, dass
man nicht sah, wie das Unheil schon über dem Hause stand, dick und
kohlrabenschwarz wie das schönste Hagelwetter? Hatte es nicht jedesmal Tod und
Verderbnis zu bedeuten, wenn die Geister in dem dunklen Gange hin und her
liefen? Da brauchte man nur durch die Stadt zu gehen - jawohl, von Haus zu Haus
konnte man gehen, und in den Damengesellschaften, wie bei den Weibern am
Waschtrog, überall konnte man Dinge über das Unwesen in Lamprechts Hause zu
hören kriegen, dass einem die Haare zu Berge standen. Aber da sass »man« nun
urgemütlich drüben am Wohnstubenfenster und flickte dem Speisemeister in der
Hochzeit zu Kana das zerrissene Gesicht wieder zusammen, als ob alles Heil der
Welt von dem alten Tafeltuch abhänge und sonst nichts als eitel Sonnenschein im
Hause wäre! Na, immer zu! Einmal kam's, das stand fest! ... Und die
Küchenkassandra griff bei diesem Monolog ab und zu nach einem grossen irdenen
Topf auf der Bratmaschine, um mit einem Schluck verspäteten Nachmittagskaffees
den Aerger hinunterzuwürgen.
    »Man« sass übrigens nicht so urgemütlich am Wohnstubenfenster; denn es war
eine böse Aufgabe für Tante Sophiens kunstfertige Hand, die Züge des
Speisemeisters wieder in die ursprünglichen Linien zu bringen, ohne dass die
Stopferei sichtbar wurde. Und so überaus behaglich fühlte sich Margarete am
anderen Fenster auch nicht. Die Heidelbeerflecken waren mittels einer sauberen
Schürze dem beleidigten Auge entzogen worden; dann hatte Tante Sophie die Kleine
bei den Schultern gefasst und sehr energischer Weise an den grossen Tisch im
Fensterbogen dirigiert. »So - nun werden die Schularbeiten gemacht! Und Klexe
gibt's nicht - nimm dich zusammen, Gretel!« hatte sie gesagt.
    Da hiess es nun stillsitzen, inmitten der vier dicken Wände und den
Federhalter fest umklammern, auf dass er nicht seine Extraspaziergänge auf dem
weissen Papier mache! ... Droben am Abendhimmel färbten sich die Schäferwölkchen
rosenrot; das Fenster stand offen und aus der gegenüberliegenden,
bergansteigenden Gasse quollen ganze Ströme süssen Lindenblütenduftes herüber;
sie kamen durch das Turmtor der Stadtmauer, in welchem die Gasse droben
mündete, und über die uralten, geschwärzten Mauern selbst her, hinter welchen
die prachtvolle Lindenallee hinlief.
    Und vom Marktplatz schallte allerhand Tun und Treiben herein. Lehrjungen
gingen pfeifend mit der weitbauchigen Steinflasche vorbei, um das Abendbier zu
holen; aus allen Gassen kamen Mädchen und Frauen mit Holzbutten an den
Marktbrunnen, und die Mägde hielten Blechsiebe unter das Brunnenrohr und liessen
das frische, glitzernde Wasser über den grünen Beetsalat hinrauschen - das war
so hübsch, man musste immer wieder hinsehen. Und unter dem Fenster neckten sich
im Vorübergehen zwei kleine Bettelmädchen. Margarete bog sich hinaus, griff in
die Tasche und warf ihnen die vom Papa erhaltenen Bonbons in die aufgenommenen
Schürzchen. »Recht, Gretel!« meinte Tante Sophie. »Ihr nascht mir in der letzten
Zeit ohnehin viel zu viel, und die Kinder freut's.«
    »Ich verschenke meine Bonbons nicht,« sagte Reinhold, der auf dem Esstisch
einen Turm von seinen Bausteinen aufstellte. »Ich hebe sie mir auf. Bärbe sagt
auch immer bei allem, wer weiss, wie man's wieder brauchen kann!«
    »Potztausend, unserem Jungen guckt ja der Kaufmann aus allen Hautfältchen!«
lachte Tante Sophie und stopfte emsig weiter.
    Ja, die Tante hatte Recht - sie naschten in der letzten Zeit viel zu viel,
die beiden Kinder! Das süsse Zeug wollte gar nicht mehr munden... Wie anders doch
der Papa geworden war! Früher waren sie stundenlang oben bei ihm gewesen; er
hatte sie auf seinem Rücken reiten lassen, hatte ihnen Bilder gezeigt und
erklärt, Geschichten erzählt und Papierschiffchen gemacht, und jetzt? - Jetzt
lief er immer im Zimmer auf und ab, wenn sie kamen; er machte auch öfter böse
Augen und sagte barsch, sie störten ihn, er könne sie nicht brauchen. An die
hübschen Papierschiffchen war nicht mehr zu denken, ebensowenig an das Erzählen
von Märchen und anderen schönen Geschichtchen - - der Papa sprach lieber mit
sich selber, man konnte es nur nicht verstehen, es war bloss gemurmelt. Er fuhr
sich auch manchmal mit beiden Händen durch die Haare und stampfte mit dem Fusse
auf, und wusste wohl gar nicht mehr, dass die Kinder da waren; und wenn er sich
dann besann, da stopfte er ihnen schnell die Taschen und Hände voll süsser Sachen
und schob sie zur Türe hinaus, weil er schreiben, viel schreiben müsse... Ja,
das dumme Schreiben - man konnte es schon deswegen nicht ausstehen! - Und nach
all diesen deprimierenden Reflexionen mit ihrem hasserfüllten Schlussgedanken
wurde die Feder zornig tief ins Tintenfass getaucht, und da lag der allerschönste
Klecks auf dem Papiere.
    »Du Unglückskind!« schalt Tante Sophie und kam schleunigst herüber. Das
Löschblatt war zur Hand, aber beim Suchen nach dem Radiermesser musste Gretel
kleinlaut eingestehen, dass der Herr Direktor ihr das Messer weggenommen, weil
sie in der langweiligen Rechenstunde am Schultisch geschnitzelt habe. Und ehe
noch Tante Sophie ihrer sehr begründeten Entrüstung Luft machen konnte, war die
Kleine schon zur Türe hinaus, um »beim Papa ein Federmesser zu borgen«.
    Wenige Sekunden nachher stand sie mit sehr verdutztem Gesicht droben vor dem
Zimmer. Die Türe war verschlossen; es steckte kein Schlüssel, und durch das
Schlüsselloch konnte sie sehen, dass der Stuhl vor dem Schreibtisch leer stand...
Ja, was sollte denn das heissen? - Es war ja gar nicht wahr, das, was der Papa
vom vielen Schreiben gesagt hatte - er schrieb nicht, er war gar nicht zu Hause!
    Die Kleine sah sich um in dem weiten, mächtig grossen Flursaal. Er war ihr ja
so vertraut, und doch in diesem Augenblick so wunderlich neu und anders... Wie
oft tollte und jagte sie mit Reinhold hier herum; aber sie konnte sich nicht
erinnern, je allein hier oben gewesen zu sein.
    Nun war es zwar etwas dämmerig, aber so feierlich, so schön still in dem
Flursaal! Durch seine hohen Fenster sah man über den Hof und das sehr
tiefgelegene, niedere Packhaus hinweg, weit in die grüne, blühende Welt hinaus.
Auf den Kredenztischen stand allerlei funkelndes Trinkgerät, und die Stühle mit
den gelben Samtbezügen hatten auf dem dunkelholzigen Rücklehnengestell
geschnjetztes fremdartiges Gevögel zwischen Tulpen und langstieligem Blattwerk...
Tintenklecks und Federmesser waren total vergessen; der übermütige Wildfang mit
dem rückhaltslosen, derb aufrichtigen Wesen wandelte verschleierten Blickes von
Stuhl zu Stuhl, strich mit der Hand über den verblichenen Samt und träumte sich
in eine wunderliche Gedankenwelt, die kein Laut von aussen störte.
    Der letzte Stuhl stand in der Ecke, ziemlich nahe der Türe, die in den
roten Salon führte, und von da aus sah man schräg in den dunklen Gang hinter
Frau Doroteens Sterbezimmer hinein. Auch er, an dessen entgegengesetztem Ende
in diesem Augenblick ein letztes rosiges Abendwölkchen durch das hochgelegene
kleine Fenster hereinstrahlte, war ihr vertraut, er hatte nie Schrecken für sie
gehabt. Reinhold blieb freilich konsequent am Eingang stehen und traute sich nie
weiter; aber sie durchmass ihn immer wieder bis zu dem Treppchen, welches
seitwärts zur Bodentüre des Packhauses führte. Auf der einen Seite unterbrachen
schöngetäfelte Zimmertüren die einförmige Wandfläche, und an der Rückwand
standen zweitürige Kleiderschränke mit Metallbeschlägen.
    Tante Sophie hatte diese Schränke auch einmal aufgeschlossen und gelüftet,
und Margarete hatte hineinsehen dürfen. Da hing eine kostbare Brokatschleppe
neben der anderen, farbenbunt, und zum Teil auch schwer mit Gold und Silber
durchwirkt - lauter Staatskleider Lamprecht'scher Hausfrauen. Auch Frau Judits
Brautkleid, ihre Brautschuhe, wahre Ungetüme von Stöckelschuhen, waren
pietätvoll hier aufbewahrt; sie war ja die einzige Tochter und Erbin eines
vornehmen, sehr begüterten Hauses gewesen, ein bedeutender Teil des
Lamprecht'schen Reichtumes stammte von ihrer Mitgift her. Das wusste die kleine
Margarete nicht; sie würde wohl auch kein Verständnis dafür gehabt haben - sie
suchte nur manchmal mit ihren kleinen Händen an den Schranktüren zu rütteln, um
den geheimnisvollen Laut, das Aneinanderreiben der steifen Seide, herauszuhören.
    Nun war sie auch einmal mutterseelenallein hier. Der kleine Bruder war nicht
da, um sie am Rock zurückzuzerren, und sein ängstlicher Zuruf störte sie nicht.
Sie huschte tiefer in den Gang hinein und wollte eben vor einem der Schränke
stehen bleiben, als sie ganz deutlich ein Geräusch hörte, wie wenn jemand in
ihrer Nähe wiederholt auf ein Türschloss griffe. Die Kleine horchte auf, zog in
vergnüglicher Ueberraschung den Kopf zwischen die Schultern, kicherte in sich
hinein und schlüpfte in das dunkelnde Versteck neben dem Schrank, von wo sie die
schräg gegenüberliegende Türe sehen konnte... Na, aber die Augen wollte sie
sehen, die Tante Sophie machen würde, wenn sie hörte, dass es die Sonne doch
nicht gewesen war! Und »die Gretel« behielt recht, Emma war es gewesen, und wenn
sie zehnmal tat, als fürchte sie sich - sie steckte ja noch drin im Zimmer! Der
konnte ein tüchtiger Schrecken nicht schaden, ganz und gar nicht!
    In diesem Augenblick ging die Türe lautlos auf, und hinter ihr trat ein
kleiner Fuss von der erhöhten Schwelle auf die Gangdielen herab; dann huschte es
ganz weiss aus dem schmalen Spalt, zu welchem sich die Türe geöffnet hatte...
Von dem weissen Latzschürzchen und dem kokettgerafften Falbelkleid des
Stubenmädchens war nun freilich nichts zu sehen; ein dichter Schleier fiel
vermummend vom Scheitel über die ganze Gestalt her, und seine Spitzenkante
schleifte auf den Dielen nach. Aber es war doch Emma, die sich da einen Spass
machte - sie hatte solch ein Füsschen und trug stets nette Schuhe mit hohen
Absätzen und Bandrosetten. Vorwärts, drauf! Das gab einen famosen Spass!
    Gewandt wie ein Kätzchen schlüpfte das Kind aus seinem Versteck, flog der
Dahinhuschenden nach, warf sich mit der ganzen Schwere des kleinen Körpers von
rückwärts über die Gestalt her und umklammerte sie mit beiden Armen; dabei
geriet ihre kleine Rechte durch eine Schleieröffnung in das weiche, über die
Hüfte herabhängende Gewoge einer gelösten Haarflechte - sie griff fest zu und
zog zur Strafe für »den dummen Witz« so derb an den Haarenden, dass sich der
vermummte Kopf tief nach dem Nacken zurückbog...
    Ein Schreckensschrei, dem ein klagender Wehlaut folgte, scholl durch den
Gang - was dann geschah, kam so blitzschnell, so unerwartet, dass die Kleine sich
nie, auch später nicht eine klare Vorstellung machen konnte. Sie fühlte sich
gepackt und geschüttelt, dass ihr Hören und Sehen verging, ihr kleiner Körper
flog wie ein Ball um eine ganze Strecke, fast bis zum Eingang des Korridors,
zurück und stürzte zu Boden.
    Sie blieb, wie betäubt, mit geschlossenen Augen liegen, und als sie endlich
die Lider hob, da stand ihr Vater bei ihr und sah auf sie nieder. Aber sie
erkannte ihn kaum - sie entsetzte sich vor ihm und schloss unwillkürlich die
Augen wieder, instinktmässig fühlend, dass etwas Schreckliches kommen müsse; denn
er sah aus, als wisse er nicht, solle er sie erwürgen oder zertreten.
    »Steh auf! Was tust du hier?« fuhr er sie mit kaum erkennbarer Stimme an,
packte sie mit rauhem Griff und stellte sie auf die Füsse.
    Sie schwieg; der Schrecken, aber auch das Unerhörte der grausamen
Behandlung, verschloss ihr die Lippen.
    »Hast du mich nicht verstanden, Grete?« fragte er in etwas beherrschterem
Ton. »Ich will wissen, was du hier treibst!«
    »Ich wollte zuerst zu dir, Papa; aber die Türe war verschlossen, und du
warst nicht zu Hause -«
    »Nicht zu Hause? Unsinn!« schalt er und trieb sie vor sich her. »Die Türe
war nicht verschlossen, sag' ich dir - du wirst ungeschickt beim Oeffnen gewesen
sein! Ich war hier im roten Salon« - er zeigte nach der Türe, auf welche er die
Kleine zuschob - »als ich dein Geschrei hörte.«
    Margarete stemmte die Füsse fest auf den Boden, so dass Herr Lamprecht auch
stehen bleiben musste, und wandte ihm das Gesicht zu. »Ich habe doch nicht
geschrieen, Papa?« sagte sie mit weit geöffneten, erstaunten Augen.
    »Du nicht? Wer denn sonst? Du wirst mir doch nicht weismachen wollen, dass
noch jemand ausser dir hier oben gewesen ist?« - Er war ganz rot im Gesicht, wie
immer, wenn er zornig und ungeduldig wurde, und seine Augen blitzten sie drohend
an.
    Sie sollte gelogen haben! In dem Kind, welches die Aufrichtigkeit selbst
war, empörte sich jeder Blutstropfen. »Ich mache dir nichts weis, Papa! Ich sage
die Wahrheit!« beteuerte sie, mutig und ehrlich zu den flammenden Augen
aufblickend. »Du kannst dich darauf verlassen, es war jemand hier oben! Ein
Mädchen war's. - Sie kam aus dem Zimmer, weisst du, wo ich die Stirn mit den
hellen Haaren am Fenster gesehen habe. - Ja, da kam sie heraus und hatte Schuhe
mit Bandrosetten an, und wie sie weiterlief, da hörte ich, wie die Absätze auf
den Dielen klapperten -«
    »Bist du toll?« Er drehte sich mit einem Ruck nach dem Gange zurück. Das
rote Abendwölkchen war inzwischen weiter gesegelt, und durch das hochgelegene,
kleine Fenster sah nur noch der abgeblasste Himmel herein - ein graues
Dämmerdunkel fing an, den langen Korridor zu füllen.
    »Siehst du noch etwas, Grete?« fragte er, hinter ihr stehend und mit seinen
beiden Händen schwer auf die Schultern des Kindes drückend. »Nein? - Dann nimm
auch Vernunft an, Kind! Durch den Flursaal hätte das vermeintliche Mädchen nicht
entwischen können, denn wir selbst würden ihr den Weg versperrt haben; die
Türen, wie wir sie da sehen, sind verschlossen, das weiss ich am besten, denn
ich habe die Schlüssel - glaubst du aber, es könne ein Mensch auf dem einzigen
Weg, der übrig bliebe, durch das Fensterchen dort oben, hinausfliegen?«
    Scheinbar ruhiger nahm er sie bei der Hand und führte sie an eines der
Flursaalfenster. Er zog sein Taschentuch heraus und wischte ihr die Tränen vom
Gesicht, die ihr Schreck und Entsetzen vorhin erpresst hatten; sein Blick schmolz
plötzlich in schmerzlichem Mitleid. »Weisst du nun, dass du ein rechtes Närrchen
gewesen bist?« fragte er lächelnd, wobei er sich tief bückte, um in ihre Augen
zu sehen.
    Sie schlang stürmisch ihre kleinen Arme um seinen Hals. »Ich habe dich so
lieb, so lieb, Papa!« beteuerte sie mit der ganzen Inbrunst eines heissen,
zärtlichen Kinderherzens und drückte ihr schmales, sonnengebräuntes Gesichtchen
an seine Wange. »Aber du darfst auch nicht denken, dass ich gelogen habe... Ich
habe vorhin nicht geschrieen - sie war's! Ich dachte, es sei Emma und wollte sie
für ihren dummen Spass erschrecken. Aber Emma hat ja gar nicht so langes Haar,
das fällt mir eben ein, und meine Hand riecht noch nach Rosenöl, weil ich den
Zopf festgehalten habe, und das ganze Mädchen roch wie die schönsten Rosen -
Emma ist's doch wohl nicht gewesen, Papa! ... Durch das kleine Fenster kann
freilich niemand fliegen; aber vielleicht war die Türe an der kleinen Treppe
offen, weisst du, die Bodentüre vom Packhaus -«
    Er hatte schon vorhin, ungestüm emporfahrend, ihre Arme von seinem Nacken
gelöst, und jetzt unterbrach er sie mit einem lauten Auflachen; aber trotz
dieses Lachens sah er plötzlich so blass und so furchtbar böse aus, dass sich das
Kind scheu in die Fensterecke drückte.
    »Du bist ein obstinates, dickköpfiges Geschöpf!« zürnte er und seine Stirn
zog sich immer finsterer zusammen. »Die Grossmama hat recht, wenn sie sagt, die
richtige Zucht fehle. Um deinen Kopf zu behaupten, fabelst du das ungereimteste
Zeug zusammen... Wer möchte sich wohl in eine Rumpelkammer voll Ratten und
Mäusen verkriechen, bloss um ein kleines Mädchen, wie du eines bist, zu necken?
... Aber ich weiss schon, du bist zu viel in der Gesindestube, und da wird dir
der Kopf mit Fraubasen- und Spinnstubengeschichten vollgestopft, und nachher
träumst du am hellen Tage unmögliche Dinge. dabei bist du wild wie ein Junge,
und Tante Sophie ist viel zu schwach und nachgiebig. Die Grossmama hat mich
längst gebeten, der Sache ein Ende zu machen, und das soll nun geschehen, und
zwar sofort! Ein paar Jahre in fremder Zucht werden dich zahm und anständig
machen!«
    »Ich soll fort?« schrie das Kind auf.
    »Für ein paar Jahre, Grete,« sagte er milder. »Sei vernünftig! Ich kann dich
nicht erziehen; Grossmamas Nerven aber sind zu angegriffen, um dein ungestümes
Wesen in stetem Umgang zu ertragen, und Tante Sophie - nun, die ganze Wirtschaft
liegt auf ihr, und sie kann sich nicht so um dich kümmern, wie es sein müsste -«
    »Tue es nicht, Papa!« fiel sie mit einer für ein Kind fast unnatürlichen
festen Entschlossenheit ein. »Es hilft dir nichts - ich komme doch wieder!«
    »Das wollen wir sehen -«
    »Ach, du hast ja keinen Begriff, wie ich laufen kann! ... Weisst du noch, wie
du dem Herrn in Leipzig unseren Wolf geschenkt hattest und wie der gute alte
Hund nachher einmal frühmorgens draussen vor unserer Haustüre lag, todmüde und
schrecklich hungrig? Er hatte sich gesehnt, der arme Kerl, und da hatte er den
Strick zerrissen und war fortgelaufen, und so mache ich's auch!« - Ein
herzzerreissendes Lächeln flog um den bebenden Mund.
    »Glaub's schon, unbändig genug bist du ja! Allein es wird dir wohl nichts
übrigbleiben, als dich zu fügen - mit solchen kleinen Trotzköpfen macht man
kurzen Prozess!« sagte er streng. Er wandte sich dabei weg und sah anscheinend
durchs Fenster in den Hof hinab; in Wahrheit jedoch glitt sein scheuer
Seitenblick über das Gesichtchen, das jetzt einen furchtbaren inneren Aufruhr
widerspiegelte, und wie von einem unwiderstehlichen Impuls getrieben, bog er
sich rasch wieder nieder und strich mit der Hand sanft über die weiche,
plötzlich von einer wahren Fieberhitze überglühte Wange des Kindes.
    »Geh, sei mein gutes Mädchen!« redete er ihr zu. »Ich bringe dich selbst
fort - wir reisen zusammen. Und schöne Kleider sollst du haben, ganz wie unsere
kleinen Prinzessinnen.«
    »Ach, schenke sie lieber einem anderen Kind, Papa!« versetzte die Kleine
tonlos. »Bei mir gibt's immer schon am ersten Tage Risse und Flecken. Bärbe sagt
immer: Es ist schade um jede Elle Zeug, die der kleine Reissteufel auf den Leib
kriegt, und da hat sie ganz recht! - Ich will aber auch gar nicht so sein, wie
die kleinen Mädchen im Schloss« - sie hob trotzig den Kopf und hörte auf, an
ihren Fingern nervös zu pflücken -; »ich kann sie nicht leiden, weil die
Grossmama immer so vor ihnen knickst.«
    Ein sarkastisches Lächeln huschte über Herrn Lamprechts Gesicht; gleichwohl
sagte er in strengem Ton: »Siehst du, Grete, das ist's eben, was die Grossmama so
oft in Verzweiflung bringt! Du bist ein unhöfliches, kleines Ding und hast die
allerschlechtesten Manieren - man muss sich deiner schämen. Es ist die höchste
Zeit, dass du fortkommst!«
    Die Kleine schlug ihre feuchtflimmernden Augen sprechend zu ihm auf. »Hat
denn meine Mama auch fortgemusst, als sie noch ein kleines Mädchen war?« fragte
sie, das hervorbrechende Weinen mühsam niederkämpfend.
    Eine dunkle Blutwelle schoss ihm in das Gesicht. »Deine Mama ist immer ein
sehr artiges, folgsames Kind gewesen, da war es nicht nötig.« - Er sprach mit so
gedämpfter Stimme, als sei ausser ihm und dem Kinde noch irgend ein horchendes
Wesen im Flursaal, vor welchem sich der laute Ton scheue.
    »Ich wollte, sie wäre wieder da, die arme Mama! - Sie hat freilich Holdchen
lieber auf den Schoss genommen, als mich, aber da hat es doch nie geheissen, dass
ich fort sollte... Eine Mama ist doch besser als eine Grossmama! Wenn die ins Bad
reist, da freut sie sich und sagt kaum Adieu. Sie weiss nicht, wie ein Kind alle
lieb hat, alles, Papa, auch unser Haus, ach, und Dambach« - sie hielt inne, als
breche ihr kleines Herz schon bei dem Gedanken an eine Trennung. Das Köpfchen
nahezu an die Fensterscheibe gedrückt, suchte sie mit flehentlichem Aufblick die
Augen des stattlichen Mannes, der die Finger leise auf der Brüstung spielen liess
und sichtlich mit einer inneren Bewegung rang.
    Er schwieg bei der beredten Klage des Kindes. Sein Blick schweifte lange
ziellos über die weite Landschaft draussen, und als er sich endlich senkte, da
ging ein jäher Ruck durch die hohe Gestalt, und die Finger hörten auf zu
spielen... Der Papa war erschrocken - über was denn? Es war weit und breit
nichts zu sehen. Die Sonne war längst fort; auf den Feldern drüben rührte und
regte sich nichts; von den ein- und ausfliegenden Schwalben liess sich keine mehr
blicken; auch die Möwchentauben, die tagsüber das Dach des Packhauses
umflatterten, hatten den Schlag aufgesucht, und auf dem stillen Gange unter den
Blätterrundbogen des Pfeifenstrauches stand ja nur Blanka Lenz, wie an jedem
Abend, seit sie aus England gekommen war...
    Diesmal aber hatte das Kind keine Augen für das schöne weisse Gesicht, das
wie Mondlicht sanft aus dem dunklen Blattwerk drüben dämmerte - es sah nur, wie
der Papa tief aufseufzte, wie er stöhnend mit beiden Händen nach den Schläfen
fuhr und sie presste, als drohe ihm der Kopf zu zerspringen.
    Die Kleine schmiegte sich an seine Seite und blickte noch dringlicher zu ihm
empor. »Hast du mich noch lieb, Papa?«
    »Ja, Grete.« - Er sah sie aber nicht an, er starrte immer auf denselben
Punkt.
    »Gerade so lieb, wie du Reinhold lieb hast? Ja, Papa?«
    »Nun ja doch, Kind!«
    »Ach, da bin ich froh! Da wirst du mich doch auch hier lassen! - Wer sollte
denn auch mit Holdchen spielen? Wer sollte denn sein Pferdchen sein, wenn ich
nicht mehr da bin? Andere Kinder tun's nicht, weil er so schlimm mit der Gerte
haut. Gelt, Papa, es war nicht dein Ernst mit dem Fortreisen? Du hast mir nur
gedroht, weil ich so wild wie ein Junge bin? Aber ich will nun besser werden,
ich will auch höflich gegen die kleinen Prinzessinnen sein! ... Gelt, ich darf
dableiben, bei dir und allen? Papa, hörst du denn nicht?«
    Herr Lamprecht zuckte bei der Berührung der kleinen, seinen Arm schüttelnden
Hand wie aus einem marternden Traum empor. »Gott im Himmel, Kind, quäle mich
nicht auch mit deinen entsetzlichen Fragetönen! Es ist zum Verrücktwerden!« fuhr
er das zurückschreckende Kind an. Er wühlte mit beiden Händen in seinem Haar,
presste sich wiederholt die Stirn und schritt ein paarmal in wilder Hast auf und
ab.
    Es mochten eben nur die monotonen »Fragetöne« gewesen sein, die ihn in ihrer
dringlichen Wiederholung irritiert hatten - den Sinn derselben erfasste er wohl
erst nachträglich, als er ruhiger wurde. »Du machst dir einen ganz falschen
Begriff, Gretchen!« sagte er endlich stehen bleibend in milderem Ton. »Dort,
wohin ich dich bringen will, hast du eine Menge lustiger Spielkameraden, lauter
kleine Mädchen, die sich untereinander lieb haben wie Schwestern. Ich kenne
manches Kind, das bitterlich geweint hat, als es wieder nach Hause geholt
wurde... Uebrigens ist deine Erziehung in einem Institut eine längst
beschlossene Sache zwischen mir und der Grossmama - es handelte sich nur noch um
den Termin, um das Wann der Aufnahme. Ich habe nunmehr den Beschluss gefasst und
dabei bleibt's... Es ist am besten, ich gehe gleich zu Tante Sophie, um das
Nötige mit ihr zu besprechen.«
    Bei den letzten Worten schritt er nach der Flurtüre. »Geh mit, Grete! Hier
oben kannst du nicht bleiben!« rief er ihr zu, als sie unbeweglich in der
Fensterecke stehen blieb. Sie kam langsam mit gesenktem Kopf über den Saal her -
er liess sie an sich vorbei über die Schwelle gehen, dann drehte er den
Türschlüssel um, zog ihn ab und ging die Treppe hinunter.
 
                                       5
Herr Lamprecht kümmerte sich nicht weiter darum, ob ihm die Kleine auch folge.
Er war längst unten, und sie hatte ihn in die Wohnstube eintreten hören, als sie
noch oben an der Treppe stand. Die Hände auf das Geländer stützend, glitt sie
langsam Stufe um Stufe hinab. Die Türe der Wohnstube war offen geblieben; Herrn
Lamprechts starke, volltönende Stimme klang heraus, und Margarete hörte beim
Herabkommen, wie er zu Tante Sophie von lautem Schreien, Laufen im Korridor des
Seitenflügels, von eingebildeten Erscheinungen am hellen Tage und seinem
Verweilen im roten Salon sprach; er blieb dabei, dass das Kind sich die
Erscheinung im dunklen Gange eingebildet habe, dass daran die
»Fraubasen-Geschichten« der Gesindestube schuld seien, und dass Margarete sofort
in ein Institut übersiedeln müsse, um alle diese Eindrücke abzuschütteln und im
übrigen auch manierlicher und mädchenhafter zu werden.
    Leisen Schrittes ging die Kleine an der Türe vorüber. Sie warf einen
scheuen Blick in das Zimmer - der kleine Bruder hatte seinen Turmbau im Stich
gelassen und hörte mit offenem Munde zu, und Tante Sophiens liebes, lustiges
Gesicht war ganz blass und fahl; sie presste die verschlungenen Hände auf die
Brust, aber sie sprach nicht, »weil das ja doch nichts half«, dachte das kleine
Mädchen im Vorüberhuschen, denn wenn der Papa einmal mit der Grossmama zusammen
etwas beschloss, da half kein Bitten und Betteln mehr, die Grossmama setzte es
durch... Nur einer hatte noch Gewalt, wenn er dazwischen fuhr und kräftig
polterte und wetterte, und das war der Grosspapa in Dambach. Der half, das wusste
sie! Er liess seine Gretel nicht fortschleppen, am allerwenigsten aber in »den
grossen Vogelbauer, wo sie alle in einem Tone pfeifen mussten«, wie er stets
sagte, wenn die Grossmama auf ein Mädcheninstitut hinwies... Ja, er half! Was
wollten sie denn machen, wenn er - wie er immer tat, sobald ihm der Widerspruch
zu toll wurde - mit den starken Fingerknöcheln auf den Tisch klopfte und mit
seiner rauhen Stimme ernstaft sagte: »Ruhe bitte ich mir aus, Franziska! Ich
will es so, und hier bin ich Herr!«? Da ging ja die Grossmama stets hinaus, und
die Sache war abgemacht. Ja, war man nur erst in Dambach, dann hatte es keine
Gefahr mehr!
    Sie lief hinaus in den Hof, um die Ziegenböcke aus dem Stalle zu holen; aber
der Hausknecht hatte die Türe zugeschlossen, und eigentlich gab es doch wohl
auch zu viel Lärm, wenn der Wagen rasselte; dann kam irgendwer und machte ihr
das Tor vor der Nase zu, und sie musste dableiben... Da hiess es denn, sich
tapfer auf seine zwei Füsse stellen und hinauslaufen. Im Vorübergehen hatte sie
ihren Hut genommen, der noch auf dem Gartentisch lag; sie knüpfte die Bänder
unter dem Kinn und machte sich auf den Weg.
    Niemand hatte das Kind gesehen, als es durch den Torweg des Packhauses auf
die Strasse hinausschlüpfte. Es war keine Menschenseele im Hof; auch Blanka Lenz
hatte den offenen Gang wieder verlassen. Und draussen war es auch menschenleer;
die Leute sassen noch nicht vor den Haustüren, dazu war der Abend noch nicht
weit genug vorgeschritten; nur ein paar kleine barfüssige Jungen liessen auf dem
Kanal, der schmalen, seichten Wasserader, welche die Strasse in der Mitte
durchschnitt, Papierschiffchen schwimmen. »Die haben's gut!« dachte die Kleine
und marschierte über das Brückchen in die benachbarte Gasse; dann kam man zu
einem Durchbruch der Stadtmauer, und von da lief ein Fussweg durch die Felder und
eine niedere Anhöhe hinauf nach Dambach. Er machte zwar einen ziemlich weiten
Bogen und war einsam; aber sie kannte ihn und schlug ihn auch jetzt ein - über
der belebteren Chaussee wirbelten ja bei jedem Windhauch erstickende
Staubwolken, die sie heute Nachmittag beim Hereinfahren wie mit Mehl überpudert
hatten...
    Ach ja, heute nachmittag, da war noch alles gut gewesen! Sie hätte
aufschreien mögen vor Lust, als die Böcke mit ihr aus dem Dambacher Hoftor
gestürmt waren; der Grosspapa hatte gelacht und Hurra hinterdrein geschrieen, und
die Dorfkinder, ihre getreuen Spielkameraden, waren ein Stück mitgelaufen, und
die Jungen hatten untereinander gesagt: »Sapperlot, die kann's aber!« ... Nun
kam sie wieder, um sich beim Grosspapa zu verkriechen. Ach, wenn er sie doch ganz
und gar draussen behielte! Sie wäre ja um alles gern in die Dorfschule
gegangen... Dahinaus kam auch die Grossmama niemals - sie sagte immer, sie könne
den Fabriklärm nicht vertragen, und darauf meinte der Grosspapa allemal lachend:
und er bliebe draussen, weil er ihren Papagei nicht schreien hören könne.
    Während dieses Durcheinander in dem aufgeregten Hirn des Kindes kreiste,
trabten die kleinen Füsse im schleunigsten Tempo vorwärts. Ein langes Stück Weges
ging es durch wogende Getreidefelder, und da wurde es dem kleinen Mädchen doch
ein wenig beklommen zu Mute - seit sie mit Tante Sophie zum letztenmal hier
gegangen, waren die grünen, jetzt schon zu mattem Gelb bleichenden Wände auf
beiden Wegseiten so himmelhoch gewachsen. Nur immer eine kurze Strecke der
vielfach gewundenen Pfadlinie vor sich, war das winzige Menschenkind gleichsam
eingeschachtelt im Kornfelde, und der Käfer, der seine blauglänzenden Flügel
ausspannte und leise surrend aufflog, die buntlockige Winde, die sich an den
Halmen emporhalf, um droben Umschau zu halten, sie hatten es besser... Und zu
Häupten des Kindes wisperte es; ein seidiges Rieseln, wie wenn schleifendes
Gewand ganz leise daherkäme, machte es bänglich in die Höhe blicken; aber »Bange
machen gilt nicht, und es geht alles in der Welt mit natürlichen Dingen zu!«
sagte Tante Sophie immer, und drum konnte es auch kein mit leisen Sohlen auf der
wogenden Halmfläche einherwandelndes Wesen sein - es war nur der Abendwind, der
drüber hinging und die nickenden Aehren aneinander rieb.
    Und nun hörte ja auch die enge Gasse endlich auf; der Weg ging über
Kartoffel- und Rübenäcker, dann über zertretenen Graswuchs die Anhöhe hinauf,
die ein Laubwäldchen, das sogenannte Dambacher Hölzchen, krönte; dahinter lag
das Dorf. Wohl war es noch hell genug, dass das Kind die grossen Erdbeerbüsche mit
ihren weissen Blütensternen und glühroten Früchten zwischen den Stämmen am
Waldessaum sehen konnte; aber diesmal gab es weder Zeit noch Lust zum Pflücken
und Naschen; in atemlosem Lauf war es bergauf gegangen - das kleine Herz
hämmerte in der Brust, und der Kopf glühte und war so seltsam schwer, als sei
Blei in Stirn und Schläfen... Nun, in Grosspapas Stube war es kühl; da stand das
grosse Sofa mit den weichen Federkissen, auf welchem er stets sein
Nachmittagsschläfchen hielt, und da ruhte auch das Kind immer, wenn es sich müde
gelaufen hatte. Nur noch das Stückchen Weg hinter dem Dorfe weg - dann war ja
alles gut!
    Der weite Fabrikhof lag schweigend und menschenleer da, die Arbeiter hatten
längst Feierabend gemacht; und durch den anstossenden Garten mit seinen schönen
Anlagen und dem schmucken, klaren Teich, in welchem sich der Pavillon spiegelte,
ging auch kein anderes Leben, als das leise Rauschen der mächtigen Baumwipfel,
unter denen es bereits stark dämmerte. Nicht einmal Friedel, Grosspapas
Hühnerhund, bellte und kam auf das Kind zugesprungen - die Schwelle, auf welcher
er immer faulenzte, war leer, die Türe war auch zu, ja, sie erwies sich sogar
als fest verschlossen, und auf ein mehrmaliges Klingeln rührte und regte sich
nichts drinnen.
    In ratlosem Schrecken stand die Kleine vor dem stillen Hause - der Grosspapa
war gar nicht da! Das wäre ihr doch nie und nimmer eingefallen - es war ja so
selbstverständlich gewesen, dass er zu Hause sein musste, wenn sie kam... Sie
umging das Haus von allen Seiten; hätte eines der Fenster in der niederen
Erdgeschosswohnung offen gestanden, sie wäre, was sie schon oft im Übermut
getan, hinaufgeklettert und über die Brüstung ins Innere gesprungen, allein vor
allen Scheiben lagen die Rollläden - da war nichts zu machen.
    Das Weinen war ihr nahe, aber noch verschluckte sie tapfer die Tränen. Der
Grosspapa war wohl nur zum Faktor gegangen, und der wohnte ja gleich da drüben in
der Fabrik. Aber im Hofe sagte ihr eine junge Stallmagd, Faktors seien mit der
zurückkehrenden »Herrschaftskutsche« nach der Stadt zu einem Polterabend
gefahren; den Herrn Amtsrat aber habe sie schon vor einigen Stunden fortreiten
sehen; es sei heute Kegelkränzchen beim Oberamtmann in Hermsleben - das war ein
ziemlich entfernt gelegenes Gut.
    Lieber Gott im Himmel - was sollte nun solch ein armes, weitergelaufenes
Kind anfangen! - In der ersten Verzweiflung lief die Kleine wieder vor das
Hoftor, während die Magd in den Stall zurückkehrte. Aber schon nach wenigen
Schritten wurde Halt gemacht - nach Hermsleben konnte man doch unmöglich laufen,
das war ja viel, viel zu weit! Nein, das ging absolut nicht; da war es besser,
auf den Grosspapa zu warten - er kam vielleicht bald wieder!
    Damit lief das kleine Mädchen nach dem Pavillon zurück und setzte sich
geduldig auf die Schwelle der Haustüre. Das tat den müdgelaufenen Beinchen
gut, und auch die tiefe Ruhe und Stille ringsum war eine Wohltat nach dem
aufregenden Marsch. Wenn nur das dumme Hämmern in Stirn und Schläfen nicht
gewesen wäre; aber jetzt, wo sie sich in die Türecke schmiegte, machte es sich
doppelt fühlbar... Und nun gingen auch noch allerhand beängstigende
Vorstellungen durch den schmerzenden Kopf. Zu Hause war die Zeit des Abendessens
längst vorüber, und sie hatte bei Tische gefehlt. Man suchte ganz gewiss überall
nach ihr, und bei dem Gedanken, dass sich Tante Sophie um sie ängstigen könne,
tat ihr das kleine Herz bitter weh. Aber wenn es nur um Gotteswillen niemand
einfiel, sie hier in Dambach zu suchen, ehe der Grosspapa zurück war! Ganz
entsetzt fuhr sie empor, und ihre Augen forschten nach einem Versteck, in
welchem sie sich nötigenfalls verkriechen konnte. Denn nun, wo sie heimlich
davongelaufen war, blieb gar kein Zweifel, dass man sie gleich morgen fortbrachte
- dafür sorgte schon die Grossmama, diese unerbittliche Grossmama, die so
ungerecht sein konnte. Wenn Holdchen täppischer Weise hinfiel, dann wurde »das
wilde Mädchen« ausgezankt, weinte er aus Eigensinn, so hatte ihn gewiss »das
ungezogene Ding, die Grete« gereizt - dass doch solch eine Grossmutter niemals
wusste, wie lieb man sein Brüderchen hatte, und alles, ja den Bissen vom Munde,
ach wie gern, hingab, nur damit es lachen und fröhlich sein sollte! ... Ach ja,
die in der oberen Etage, sie waren alle nicht gut gegen die Grete! Und fast noch
schlimmer als die Grossmama war dieser Mosje Herbert, den sie durchaus Onkel
nennen sollte - ein schöner Onkel, der keinen Bart hatte, und noch gerade so,
wie sie auch, über den Schulaufgaben schwitzen musste! Ihr fehle die Rute, hatte
er heute nachmittag gesagt, und die Finger, die er ihr vor Aerger beinahe
zerdrückt hatte, taten noch weh... Wie der sich freuen würde, wenn sie die
Grete morgen wirklich in den Wagen zerrten und ohne Gnade in »den Vogelbauer«
schleppten! Aber das geschah ja nicht - Gott behüte! Sie wehrte sich mit Händen
und Füssen dagegen, sie wollte schreien, dass die Leute auf dem Markte
zusammenliefen! ... Ach, wenn doch nur endlich der Grosspapa käme!
    Aber es blieb totenstill im Garten; auch drüben auf der Chaussee hatte das
vereinzelte Rollen und Aechzen der Wagenräder aufgehört. Das Schweigen der Nacht
begann, wenn sie auch selbst noch zögerte, zu kommen. Es war ja ein goldener Tag
heute gewesen, und wie noch der heisse Sonnenatem schwer über der Erde brütete,
so schien sich auch ein Rest der funkelnden Tagesglorie in den Lüften
festzuhalten und nicht erlöschen zu wollen.
    Die Schlaguhr auf dem Türmchen des Fabrikgebäudes schnurrte Viertelstunde
auf Viertelstunde ab. Die neunte Stunde war schon vorüber, und nun war wohl das
Schlimmste überstanden. In der Stadt ging der Grosspapa stets um zehn Uhr zu
Bette - er hielt es sehr streng mit der Pünktlichkeit und kam gewiss bald nach
Dambach zurück... Ach ja, und wenn sie ihn dann von Hermsleben herangaloppieren
hörte, da wollte sie ihm entgegenlaufen und neben dem Pferde hertraben; dann sah
er doch wenigstens auf »seine wilde Hummel« herunter, und da konnte ihr niemand
etwas anhaben - niemand!
    Und es jagte in der Tat plötzlich ein Reiter daher - aber die Kleine lief
nicht nach dem Tore; sie horchte einen Augenblick mit starrem Entsetzen auf das
Getrappel der flüchtigen Pferdehufe, dann sprang sie mit einem wilden Satze aus
der Türecke, rannte um den Teich und kroch in das fast undurchdringliche
Gebüsch, welches sich zwischen die entgegengesetzte Seite des Teiches und das
den Garten vom Fabrikhofe trennende Eisengitter drängte. Der Reiter kam von der
Stadt her - es war der Papa, der sie suchte.
    Sie wühlte sich tief in den dornigen Busch; das weisse Kleid mit den
Heidelbeerflecken erhielt nun auch der Risse genug, und die Füsse versanken im
Morast; trotzdem kauerte sie auf dem nassen Boden nieder und schmiegte sich so
enge zusammen, als wolle sie ihren schmalen Körper auf ein Nichts reduzieren.
Mit zurückgehaltenem Atem, und die aneinanderschlagenden Zähne fest
zusammenbeissend, hörte sie zu, wie der Papa im Hofe mit der aus einem Fenster
herabsehenden Magd sprach. Das Mädchen sagte ihm, dass das Kind vor ihren Augen
umgekehrt und nach der Stadt zurück sei, sie habe es aus dem Tore fortlaufen
sehen.
    Trotz dieser Versicherung ritt Herr Lamprecht in den Garten herein.
Margarete hörte seitwärts hinter dem Gebüsch das wilde Schnauben Luzifers - der
Papa musste einen scharfen Ritt gemacht haben - dann kam der Reiter in ihren
Gesichtskreis. Er umritt den Pavillon und konnte vom Pferde aus den nicht grossen
Garten mit seinen Rasenplätzen und Gruppen von Ahorn- und Akazienbäumen recht
wohl übersehen. - »Grete!« rief er in alle dunkelnden Ecken hinein. Jedes andere
Ohr hätte aus diesem Schrei nichts als die namenlose Vaterangst zu hören
vermocht; für die Kleine aber, die regungslos im Gebüsch hockte und mit fast
wildem Blick jede Bewegung des Reiters verfolgte, war der Mann dort auf dem
Pferde in diesem Moment derselbe, der heute nachmittag, im dunklen Gange über
sie gebeugt, nicht gewusst hatte, ob er sie erwürgen oder zertreten solle. Und
jetzt, wo er, ihr ganz nahe, am Teichufer hielt und die Augen hinschweifen liess
über das seichte Gewässer, welches so blank und kristallklar dalag, dass man
selbst in der Dämmerung den weissen Sand auf dem Grunde schimmern sah, jetzt, wo
ihm diese Augen unter den starken, schwarzen Brauen glühten, wie immer, wenn er
»furchtbar böse« war, überkam das kleine Mädchen ein unbeschreibliches, ein
förmlich lähmendes Furchtgefühl - ohne Atem, wie versteinert kauerte es im
Gestrüpp, es hätte sich eher mit dem Fuss in das Wasser stossen lassen, als dass
ihm auch nur ein antwortender Laut entschlüpft wäre.
    Herr Lamprecht wandte sein Pferd und ritt wieder hinaus. Es mochte wohl der
Knecht des Faktors sein, der eben mit schlürfenden Schritten über den Hof herkam
und dem Reiter die Gittertüre öffnete. Herr Lamprecht sprach mit ihm und seine
Stimme klang so heiser und matt, als verlechze ihm die Kehle. Er fragte nach dem
Ausbleiben seines Schwiegervaters, und der Mann sagte ihm, dass der alte Herr aus
dem Kegelkränzchen selten vor zwei Uhr nachts zurückkäme. Was noch weiter
gesprochen wurde, war nicht zu verstehen. Herr Lamprecht ritt über den Hof zum
Tore hinaus, und der Mann schien ihn zu begleiten; aber nicht über die
Chaussee, durch die Felder wurde der Rückweg nach der Stadt eingeschlagen.
    Die kleine Entlaufene war wieder allein. Nun die seelische Erstarrung von
ihr wich, wurde sie sich des schmerzhaften Druckes bewusst, den die
zusammenstrebenden Zweige auf ihren eingezwängten Körper ausübten. Die
Bodennässe drang empfindlich durch die dünnen Zeugstiefelchen, und der Busch
wimmelte von Mücken, die ihr das Gesicht und die entblössten Arme blutdürstig
umsummten. Mühsam richtete sie sich auf und hob die tief eingesunkenen Füsse aus
dem Morast, der ihr schwer an den Sohlen kleben blieb. Jetzt brach sie in ein
leises, trostloses Jammern aus - der böse Busch wollte sie nicht wieder
fortlassen! Sie sollte dableiben in dem entsetzlichen Moderdunst, den sie durch
ihr Eindringen aufgerührt; gefangen wie ein armer, kleiner Spatz in dem harten,
zähen Geschlinge der Zweige, sollte sie warten, bis der Grosspapa käme! Ach, und
er kam ja nicht vor zwei Uhr nachts! Fünf lange Stunden sollte sie sich wehren
gegen die Mückenwolke, die ihr immer näher auf den Leib rückte, so oft sie auch
danach schlug! Und Frösche und Kröten gab's hier auch genug - Reinhold wollte
sogar einmal gesehen haben, dass eine lange, bunte Schlange aus dem Busch
gekrochen sei - sie schüttelte sich vor Grauen und fühlte es förmlich lebendig
werden um und unter ihren Füssen - alle Kraft zusammennehmend, arbeitete sie sich
wie toll durch die unheimliche Wildnis, bis die letzten starkstämmigen Ausläufer
rauschend und knackend hinter ihr zusammenschlugen.
    Es war eine jämmerlich zugerichtete kleine Gestalt, die nach dem Pavillon
zurück mehr taumelte als ging. Den Hut hatten ihr schon beim Eindringen die
oberen Aeste weggerissen - mochte er hängen bleiben! Auch das total zerfetzte
Kleid wurde nicht beachtet; nur die in eine Schlammkruste gehüllten Füsse, die
bei jedem Schritt über die breite, weisse Sandsteinstufe vor der Haustüre
pechschwarze Abdrücke hinterliessen, waren ein erschreckender Anblick.
    Am Himmel trat ein funkelnder Stern nach dem anderen hervor - die in die
Türecke gedrückte Kleine bemerkte es nicht. Wenn sie die schweren Lider hob,
dann sah sie nur, dass das Dunkel drunten den letzten schwachen Schimmer des
Teichspiegels verschlang - die Rasenplätze lagen schwarz unter den Bäumen,
allerhand vorbeischwirrendes Nachtgesindel machte sich bemerklich, Käuzchen
schrieen, und vom Dachboden des Pavillons kamen die räuberischen Fledermäuse.
Wie im Traume hörte sie vereinzeltes Hundegebell vom Dorfe her, und die Turmuhr
hatte wieder zwei Viertelstunden angezeigt... Noch viele, viele solcher
Viertelstunden mussten von dort oben herunterrasseln, bis es zwei Uhr war - ach,
wie schrecklich! - Die Nässe an den Füssen jagte ihr ein Frösteln nach dem
anderen über den Leib und die an die harte Türbekleidung gelehnte Stirn glühte
und schmerzte heftig... Ach, nur einmal, nur für ein paar Minuten den schweren
Kopf in ein weiches Kissen drücken und einen Schluck Wasser aus dem kühlen
Hofbrunnen zu Hause trinken dürfen - das musste wohltun! Tante Sophie goss immer
ein wenig Himbeersaft in das Glas, wenn man über Kopfweh klagte, und für solche
Mückenstiche, wie sie jetzt auf den Armen und Wangen brannten, hatte sie eine
lindernde Salbe - ach ja, es war gut sein bei Tante Sophie! Ein unbezähmbares
Sehnsuchtsgefühl nach der treuen Pflegerin wallte plötzlich in der Kleinen auf.
    Sie schloss die Augen wieder und träumte sich in die Schlafstube daheim. Die
Fenster gingen auf den stillen Hof, und das Brunnenplätschern klang leise und
ununterbrochen herein - es war von jeher das einlullende Wiegenlied der beiden
Kinder gewesen. Sie lag im weissen, weichen Bett, und Tante Sophie kühlte ihr das
brennende Gesicht und die zerstochenen Arme, bis sie einschlief... Ja, schlafen,
heimgehen und schlafen - das war's! Das war's, was sie mit einem Ruck emportrieb
und durch den Garten und über den Hof hinaus auf den Feldweg taumeln machte! Sie
hörte nicht mehr, dass die Uhr schlug, als sie das Hoftor verliess - das
ängstliche Zählen der Viertelstunden war vorüber; sie dachte auch nicht an die
Wegstrecke, die vor ihr lag, sie sah nur das Ziel, die weite, kühle Schlafstube,
in der sie den glühenden Körper mit seinen pochenden Pulsen ausstrecken durfte,
sie hörte Tante Sophiens gute Stimme und sah die Hände, die sie auf den Schoss
heben und ihre schwere, nasse Last von den Füssen streifen würden - was dann kam,
anderen Tages, daran dachte sie auch nicht mehr...
    Und die steifen Beinchen wurden gelenker mit der Bewegung. In immer wilderem
Lauf ging es hinter dem schweigenden Dorfe weg. Dann trat das Wäldchen hervor -
eine dunkle Masse, die nicht ahnen liess, dass sie aus Millionen säuselnder
Blätter und Blättchen zusammengewoben sei. Vorbei ging es auch hier in achtloser
Hast, und nur einmal prallte die kleine Laufende seitwärts - weisses Gewand
schwebte durch das Dickicht. Ach, es waren ja die Birken mit ihren hellen
Stämmen, sie standen nur nicht fest, sie waren so sonderbar wackelig, und der
kleine Stern, der gleich darauf drüben über dem Tale auftauchte - das Licht in
der hochgelegenen Türmerstube des Wachtturmes, welcher die Stadt beherrschte -
er schwankte auch, als ob der alte Bursche, der vierschrötige Turm, zu tanzen
anfange. Doch diese befremdende Erscheinung ging schnell wieder unter in dem
einen vorwärts hetzenden Trieb: Weiter! Heim zu Tante Sophie!
    Und im wispernden Kornfeld hörte sie Reinhold weinen, weil ihm »die wilde
Grete« seinen Turm umgeworfen habe, und Bärbe murmelte in einem fort von der
Frau mit den Karfunkelsteinen im Haar und von dem wackelnden Vorhang in der
verschlossenen Stube, und die roten Klatschrosen, die das Kind heute wie Fackeln
im Korn glühen gesehen, sie machten die enge dunkle Gasse heiss zum Ersticken;
aber mit dem Niederlegen auf die kühle Erde war es doch nichts - weit drüben
rief Tante Sophie immer wieder: »Vorwärts, Gretel! Mach, dass du heim kommst!«
    So lief sie gehorsam weiter, zuletzt freilich mit einknickenden Knieen und
keuchender Brust, bis die Stadt erreicht war. In manchem Haus der letzten Gasse,
durch die sie erschöpft schlich, brannte noch Licht, aber die Türen waren
geschlossen, und die matten Tritte des Kindes polterten förmlich auf dem hohlen
Kanalbrückchen, eine so tiefe Nachtstille webte bereits in Gassen und Strassen.
Und nun wölbte sich endlich der Torbogen des Packhauses über dem kleinen
Mädchen; nur war es schlimm, dass das schwere, altväterische Türschloss im
Torflügel gar so hoch sass, eine Kinderhand konnte es nicht erreichen. Nach
einer vergeblichen Anstrengung sank die Kleine auf dem niederen Prellsteine in
sich zusammen. Sie meinte, die ganze Welt drehe sich mit ihr im Kreise, und vor
dem Hämmern und Pochen ihrer Pulse könne sie nichts mehr hören; aber das Murmeln
des vorbeischiessenden Kanalwassers drang doch an ihr Ohr, und die Kühle, die es
ausströmte, wirkte belebend auf ihr hindämmerndes Bewusstsein. Und jetzt kam auch
jemand die Strasse daher; es waren kräftige Schritte, die sich dem Packhause
näherten, und nach wenigen Minuten trat ein Mann unter den Torbogen. So weit
durchlichtete der sternfunkelnde Himmel die Nacht doch, dass man die Umrisse
einer Gestalt zu erkennen vermochte - der Mann war Herr Lenz, der im Packhause
wohnte, und welchen die kleine Margarete gar gern hatte. Er warf ihr oft, wenn
sie im Hofe spielte, im Vorübergehen ein heiteres Scherzwort hin, und für ihren
freundlichen Gruss strich er mit liebkosender Hand über ihr Haar.
    »Lassen Sie mich auch mit hinein!« murmelte sie heiser, als er mit dem
Hausschlüssel das Tor geöffnet hatte und im Begriff war, einzutreten.
    Er fuhr herum. »Wer ist denn da?«
    »Die Grete.«
    »Was - das Kind aus dem Hause? - Um Gotteswillen, Kleine, wie kommst du denn
hierher?«
    Sie antwortete nicht und griff nur mit tastender Hand nach seiner Rechten,
die er ausstreckte, um ihr aufzuhelfen; aber das ging absolut nicht, und so nahm
er sie ohne weiteres auf den Arm und trug sie in die tiefe Torwölbung hinein.
 
                                       6
Da drin war es stockdunkel. Herr Lenz tappte mit seiner Last vorwärts und schlug
endlich eine Türe linker Hand geräuschvoll zurück. Gleich darauf fiel ein
Lichtschein von oben über die dahinterliegende steile Treppe herab.
    »Ernst?!« rief eine Frauenstimme angstvoll fragend herunter.
    »Ja, ich bin's mit Haut und Haar, heil und gesund, Hannchen! Guten Abend
auch, liebster Schatz.«
    »Nun, Gott sei Lob und Dank, dass du da bist! Aber liebster, bester Mann, wo
hast du denn gesteckt?«
    »Verlaufen hatte ich mich!« sagte er im langsamen Hinaufsteigen. »Dieser
verflixt schöne Türinger Wald lockt wie ein Irrlicht - immer ein Punkt
prächtiger als der andere! Da läuft man weiter und weiter und denkt nicht an den
Nachhauseweg. Entsetzlich müde Beine bringe ich heim; aber das Skizzenbuch ist
auch voll, Mutterchen.«
    Damit tauchte er über dem Treppengeländer auf, und seine Frau, die mit der
Lampe in der Hand oben stand, prallte zurück.
    »Ja, gelt, was ich da mitbringe, Hannchen? I nun, das habe ich drunten im
Torweg aufgelesen,« sagte er, auf der obersten Stufe stehen bleibend, mit halb
lächelndem, halb besorgtem Gesichtsausdruck. Er versuchte, den Kopf zu wenden,
um das Kind auf seinem Arme bei Licht zu besehen; allein es hatte die Arme
krampfhaft fest um seinen Hals geschlungen; und das Gesichtchen, von dem wirr
hereinfallenden Haar fast verdeckt, drückte sich an seine Wange.
    Frau Lenz stellte die Lampe schleunigst auf den Vorsaaltisch. »Gib mir das
Kind, Ernst!« sagte sie mit ängstlicher Hast und reichte nach dem kleinen
Mädchen. »Mit deinen armen müden Beinen darfst du keinen Schritt mehr tun -
Gretchen aber muss auf der Stelle fort! Man sucht sie seit vielen Stunden. Gott,
ist das ein Aufruhr drüben im Vorderhause! Alles rennt durcheinander und die
alte Bärbe heult in ihrer Küche, dass es bis zu uns über den Hof herschallt...
Komm her, Engelchen!« lockte sie mit sanfter, zärtlicher Stimme. »Ich trage dich
hinüber!«
    »Nein, nein!« wehrte die Kleine angstvoll ab und klammerte sich noch fester
an ihren Träger. Wenn drüben alles durcheinander rannte, da war auch die
Grossmama unten, und so wild und wirr es ihr auch durch den schmerzenden Kopf
sauste, über den Empfang von seiten der alten Dame war sie sich doch vollkommen
klar. »Nein, nicht hinübertragen!« wiederholte sie mit fliegendem Atem. »Tante
Sophie soll kommen.«
    »Auch recht, Herzchen! Dann holen wir die Tante Sophie,« beschwichtigte Herr
Lenz.
    »Ganz wie das Kindchen will,« bestätigte seine Frau, die besorgt auf die
heisere, nach Atem ringende Kinderstimme horchte und mit rascher Hand und
prüfendem Blick den Haarwust aus dem entstellten Gesichtchen strich. Schweigend
nahm sie die Lampe und öffnete die Stubentür.
    Das Packhaus, das älteste der aus der Urväter Zeiten stammenden
Hintergebäude, war ein massiver Bau mit dicken Wänden und tiefen Fensternischen,
dessen eigentliche Fassade nach Norden, der Strasse zugewendet, lag. Deshalb
wehte den Eintretenden eine so köstlich kühle, eine völlig reine, nur von
erfrischenden Resedadüften durchhauchte Luft entgegen. Hier, in dem stillen,
trauten Heim der Malerfamilie, überliess sich das Kind willig der sanften,
freundlichen Frau, die es auf den Schoss nahm, während Herr Lenz Hut, Plaid und
Reisetasche ablegte.
    »Blanka ist draussen auf dem Gange,« sagte die Frau als Antwort auf den
suchenden Blick, den ihr Mann durch das Zimmer gleiten liess. »Sie war dabei, ihr
Haar für die Nacht zu ordnen, als der Kutscher aus dem Vorderhause bei uns nach
Gretchen fragte. Wir hatten freilich schon längst die Unruhe drüben bemerkt;
Herr Lamprecht war zu ganz ungewohnter Zeit aus- und eingeritten, und im Hofe
wurde jeder Busch durchsucht. Allein wir hielten uns wie immer streng an deinen
Befehl, nichts zu sehen, was in Haus und Hof deines Prinzipales vorgeht. Seit
nun aber der Kutscher dagewesen ist, sitzt unser Kind draussen auf dem dunklen
Gange und ist nicht hereinzubringen - das liebe, kleine Ding da ist ihr
Augapfel, wenn sie es auch nur vom Sehen kennt - aber, um Gott, Kind, was ist
denn das mit deinen Füssen?« unterbrach sie sich; das Lampenlicht fiel auf die
schlammüberzogenen Stiefelchen, die über ihrem hellen Kleide herabhingen. Mit
hastigen Händen befühlte sie die Säume der zerschljetzten Röckchen, die auch die
Nässe des Sumpfbodens in sich gesogen hatten.
    »Das Kind ist im Wasser gewesen,« sagte sie halblaut und alteriert zu ihrem
Mann; »es muss so schnell wie möglich in trockene Kleider. Geh, rufe Blanka!«
    Er öffnete die Türe in der Rückwand der Stube. Der Raum dahinter, die
Küche, war dunkel, aber durch die gegenüberliegende, weit offene Türe, die nach
dem Gange führte, sah man einzelne Lichter des Vorderhauses herüberblinken.
    Auf den Ruf des Vaters eilten draussen leichte Schritte über die knarrenden
Gangdielen, dann trat die schöne Blanka aus dem tiefen Dunkel auf die
Türschwelle im weissen, spitzenbesetzten Frisiermantel, mit blassem Gesicht und
schlaff niederhängenden, nackten Armen, und das aufgelöste Haar wogte
goldglitzernd um sie her. »Bist du endlich gekommen, Vater?« fragte sie
vibrierenden Tones. Mit scheuer Haltung und niedergeschlagenen Augen blieb sie
stehen - es sah aus, als sei ihr das Lampenlicht, das sie so plötzlich und grell
überflutete, unerträglich, und sie habe den einzigen Wunsch, in das Dunkel
zurückzuflüchten.
    »Was - ist das der ganze Willkommengruss meiner Kleinen?« rief Herr Lenz
launig. »Weder Kuss noch Handschlag? Und ich habe doch ein verlorenes Schäfchen
mitgebracht! Siehst du denn nichts? Wer sitzt denn dort auf dem Schoss der
Mutter?«
    Mit einem Ausruf der Ueberraschung fuhr das junge Mädchen empor und flog auf
das Kind zu.
    »Sieh, sieh!« sagte Frau Lenz halb belustigt, aber doch auch ein wenig
verletzt. »Vater könnte wohl eifersüchtig werden! Du hast dich ja wirklich mehr
um das fremde Kind geängstigt, als um sein Ausbleiben! Jetzt hilf mir aber,
deinen Liebling zu säubern und ins Trockene zu bringen. Dort im unteren Fach der
Kommode müssen noch Röckchen und Strümpfe aus deiner Kinderzeit liegen, die
suche hervor!«
    Sie setzte die Kleine auf das Sofa und holte Waschwasser und ein Handtuch
herbei, während das junge Mädchen auf die Dielen niederkniete und mit fliegenden
Händen den Inhalt des Schubfaches durcheinander warf.
    »Wo bist du nur gewesen, Kindchen?« sagte Frau Lenz beim Lösen der Schleifen
und Knöpfe am Anzug des kleinen Mädchens - der Körper unter ihren Händen war in
Schweiss gebadet.
    »In Dambach war ich,« stiess Margarete hervor. »Aber der Grosspapa konnte mir
nicht helfen, er war nicht da.« - Und nun, während die Frau mit lauem Schwamm
die beschmutzten Füsschen wusch, nun war es, als müsse alles Erduldete, das sich
in die letzten Tagesstunden zusammengedrängt, von dem alterierten Kinderherzen
herunter. In krankhafter Hast wurde alles geschildert, die Schrecknisse im
Teichgebüsch und die Angst, dass der Papa vom Pferde steigen und den Busch
durchsuchen könne - und warum man zum Grosspapa gelaufen sei! Nun, weil immer
eine weisse Gestalt durch den dunklen Gang husche und die Leute erschrecke. Und
die Stube sei nicht verschlossen gewesen, ganz gewiss nicht! Sie habe deutlich
gehört, wie auf das Türschloss gedrückt worden sei, dann habe sie es schneeweiss
durch den Türspalt schlüpfen sehen, und unter dem Schleier habe langes Haar
herabgehangen; und weil das Mädchen so laut geschrieen, da wolle nun der Papa
die Grete ins Institut stecken.
    »Das ausgeprägteste Delirium! Die Kleine ist schwerkrank,« murmelte Herr
Lenz mit abgewendetem Gesicht. »Beeilt euch mit dem Umkleiden!« Und er stahl
sich leise hinaus, um Anzeige im Vorderhaus zu machen.
    Die Röckchen und Kinderstrümpfe mussten sich in eine unauffindbare Ecke
verirrt haben; denn die schöne Blanka kniete noch vor der Kommode und suchte. In
ihrem weissen Gewand und mit dem langen, blonden, rücksichtslos über die Dielen
geschleiften Haar sah sie aus wie eine zu Magddiensten erniedrigte Prinzessin.
Nun wurde auch noch ein zweites Schubfach geräuschvoll aufgezogen.
    Frau Lenz erhob sich ein wenig ungeduldig und trat hinzu. »Liebes Herz, das
dauert mir zu lange, und ein solcher Kram, dass man etwas nicht zu finden
vermöchte, ist doch bei mir nicht Mode... Wo hast du denn deine Augen, kleine
Maus! Da liegt ja das blaue Flanellröckchen obenauf, hier in der Ecke stecken
drei Paar Strümpfe, und da ist auch noch ein Nachtemdchen!«
    Sie nahm die Sachen heraus und schob die Kasten zu.
    Das junge Mädchen hatte keinen Grund mehr, in der halbdunklen Ecke zu
verweilen, und als es sich zögernd dem Licht wieder zuwendete, da schien selbst
aus den Lippen jeder färbende Blutstropfen gewichen zu sein.
    »Kind, wie magst du dich nur so alterieren!« rief die Mutter erschrocken.
»Es ist nicht so schlimm, wie der Vater meint. Bei Kindern stellt sich sehr
leicht starkes Fieber ein, vergeht aber auch schnell wieder. In einigen Tagen
ist dein Liebling wieder gesund - du wirst es sehen! ... Hier, stecke die müden
Beinchen in frische Strümpfe, während ich draussen einen kühlen Trank
zurechtmache.«
    Die Tochter rollte schweigend die Strümpfchen auseinander, kauerte vor dem
Sofa nieder und schickte sich an, die kleinen, nackten Füsse zu bekleiden; aber
kaum war die Küchentüre hinter der Frau zugefallen, als sich das junge Mädchen
mit einer leidenschaftlichen Gebärde aufrichtete, das Kind mit beiden Armen
umschlang und heftig an ihre Brust presste.
    Margarete öffnete die fieberglänzenden Augen weit vor Ueberraschung. »Ach,
Sie haben mich lieb, Fräulein Lenz? Ja?«
    Die schöne Blanka neigte bejahend den Kopf - im verhaltenen Schmerz klemmte
sie die Unterlippe zwischen die Zähne, und eine Träne stahl sich unter der
gesenkten Wimper hervor.
    »Es ist schön bei Ihnen in der kühlen Stube!« murmelte die Kleine und
drückte das Gesichtchen zärtlich in die blonde Haarflut, die über die Brust des
Mädchens fiel. »Ich möchte dableiben! ... Hierher kommt auch die Grossmama nicht,
niemals - die geht nie ins Packhaus - der Papa auch nicht. Aber Tante Sophie
kommt... Bringen Sie mich zu Bette!«
    In diesem Augenblick trat die Mutter wieder in das Zimmer.
    »Ach, und wie gut Sie riechen, Fräulein Lenz!« rief das Kind lauter und hob
tiefatmend den Kopf. »Wie die schönsten Rosen, gerade wie« - ein Paar heisser,
zuckender Lippen drückten sich fest auf den kleinen Mund und erstickten jedes
weitere Wort.
    »Aber, Blanka, das Kind ist ja noch barfuss,« schalt Frau Lenz. »Und wer wird
denn einen Patienten auch noch durch die eigene Angst aufregen! Geh nur weg,
kleine Ungeschickte! Ich will das Anziehen selbst besorgen.«
    In wenigen Minuten war sie mit dem Umkleiden fertig; Eile machte sich aber
auch in der Tat nötig; denn, wie schon im Kornfelde, so mischten sich jetzt
wieder Fiebergebilde in die Vorstellungen des Kindes. Frau Lenz hielt ihm das
hereingebrachte Trinkglas an die Lippen, und in gierigen Zügen wurde der
heissersehnte Kühltrank geschlürft. Gleich nachher kamen Schritte die Treppe
herauf, und Herr Lenz liess die Tante Sophie eintreten.
    Wer das humorbeseelte Gesicht der lustigen »alten Jungfer« kannte, der musste
erschrecken, so furchtbar hatte es die Angst der letzten Stunden in Linien und
Farben verändert. Mit einem stummen Gruss für die Hausfrau und das wieder in die
dunkle Ecke geflüchtete schöne Mädchen trat sie auf die kleine Margarete zu, die
ihr matt die Arme entgegenstreckte. Ein einziger prüfender Blick, ein Befühlen
der Kinderstirn, und sie wusste, dass hier ein schweres Erkranken im Anzuge war.
    »Das kommt davon, wenn man mit solch einem jungen Seelchen umgeht wie mit
einem schlechten Instrument, auf dem man herumdreschen kann, wie man will,«
sagte sie derb in rückhaltslosem Schmerz und unsäglicher Bitterkeit.
    Sie hüllte die Kleine in einen Plaid, den sie mitgebracht hatte, nahm sie
auf den Arm und reichte Herrn und Frau Lenz die Hand. »Dank, vielen Dank!« Mehr
brachte sie beim Verlassen des Zimmers nicht heraus.
    Drunten im Hofe aber löste sich eine hohe Gestalt aus dem Dunkel und trat
ihr entgegen. Die kleine Margarete schrak zusammen und ein Beben ging durch
ihren Körper, als zwei Hände nach ihr griffen - es war der Papa, der sie mit
einer ungestümen Bewegung an sich zog.
    »Mein liebes Kind, mein gutes Gretchen, erschrecke nicht, ich bin's, der
Papa!« sagte seine tiefe Stimme vibrierend. Er hielt sie fest an seiner
schweratmenden Brust, während er sie über den Hof trug, und in der
hellerleuchteten Hausflur, wo alle Hausbewohner auf ihn und das Kind
einstürmten, hob er Schweigen gebietend die Hand und ging an den Verstummenden
vorüber nach der Schlafstube der Kinder. - - -
    »Na, dann ist's ja gut! Zigeuner haben sie nicht gestohlen, und umgekommen
ist sie ja sonst auch nicht, Gott sei gelobt und gepriesen!« sagte Bärbe nachher
in der Küche zu den anderen und nahm den ersten Ohnmachtsbissen nach so vielen
Angststunden. »Aber sag' mir nur keiner, dass nun auch die Geschichte aus und
vorbei ist! Wer den armen Wurm mit seinen schlenkernden Aermchen und Beinchen
gesehen hat, wie ihn der Herr vorbeitrug, der weiss genug... Was hab' ich heute
nachmittag gesagt? Ein Unglück gibt's, hab' ich gesagt... Aber, da heisst's
immer: Die abergläubische Bärbe, der Unglücksrabe, die Jammerbase! I ja, spotten
kann ein jeder, das ist keine Kunst, aber beweisen, ja beweisen, das steht auf
einem andern Blatte. Wollen mal sehen, wer recht behält, die klugen Leute, die
an gar nichts glauben, oder die alte Bärbe mit ihrer Einfältigkeit! So eine, wie
die mit den Karfunkelsteinen, die wird sich wohl für nichts und wieder nichts in
dem Gang da oben 'rumtreiben! Es ist nicht das erste Mal, dass solch ein armes
unschuldiges Kindchen nachgeholt wird - denkt an mich - mit unserem armen
Gretchen geht's schief.«
    Bei diesen Worten legte sie die Gabel mit dem angespiessten Bissen wieder hin
und verhüllte ihr Gesicht mit der blauleinenen Schürze. - -
    Und wochenlang hatte die Küchenprophetin die schmerzliche Genugtuung, Tag
für Tag mit gesteigertem Nachdruck auf das, was sie gesagt, hinweisen zu können.
Bei all ihrem wirklichen Kummer dachte sie doch schon - ganz im stillen zwar,
aber wehmutsvoll ausmalend - an den schönsten Blumenkranz, der zu haben, und an
das goldgedruckte Karmen mit dem Namen »Barbara Wenzel« auf breitem, weissem
Atlasband, als die tüchtige Natur des Kindes siegte, und eine plötzliche
glückliche Wendung eintrat.
    Nun war wieder Sonnenschein im Hause. Herr Lamprecht, der in den Stunden der
Gefahr fast nicht vom Bette des Kindes gewichen war, richtete seine gebeugte
Gestalt auf, und in Blick und Gebärden brach sein feuriges Naturell wieder
durch, ja, die Leute meinten, er habe in seinem ganzen Leben nicht so
»siegerhaft« und herausfordernd ausgesehen, wie eben jetzt. Was aber die anderen
im Hause freudig bemerkten, das erbitterte die alte Bärbe förmlich. Er hatte
nämlich seinen Vorsatz, die spukhaften Appartements der verstorbenen Frau
Dorotea für eine Zeit selbst zu bewohnen, ausgeführt; auch der Korridor war
durch eine Türe vom Flursaal abgeschlossen worden. Für die alte Köchin war es
fast noch schlimmer als eine Gotteslästerung, wenn sie ihn droben ungeniert die
verblichenen Gardinen zurückziehen und in sündhafter Herausforderung an das
Fenster treten sah. Von der huschenden weissen Frau sprach nun niemand mehr -
natürlich! - durch eine dicke Bohlentüre konnte doch kein Christenmensch sehen!
Aber es wollte auch durchaus der Morgen nicht kommen, an welchem man den Herrn
mit umgedrehtem Genick in seinem Zimmer fand - im Gegenteil, es war wie gesagt,
als lebe er neu auf.
    Und der Grosspapa, der in der »Unglücksnacht«, von Hermsleben kommend, gar
nicht vom Pferde gestiegen, sondern gleich nach der Stadt weiter geritten war,
er schäkerte und scherzte auch wieder in seiner derb jovialen Weise; aber an dem
Tage, wo sein Liebling zum erstenmal die ganzen Nachmittagsstunden ausser Bett
sein durfte, da brannte ihm doch der Boden unter den Füssen und er ritt auf und
davon. Der infame Schreihals, das verzogene Beest in der oberen Etage jage ihn
aus seinen eigenen vier Pfählen, sagte er noch lachend vom Pferde herunter; und
die Frau Amtsrätin stand oben am Fenster und streichelte ihren Papagei und
reichte ihm mit zierlich gespitzten Fingern ein Stückchen Zucker.
    Zwei Tage nachher reiste auch Herr Lamprecht fort - auf lange, sagten seine
Leute im Kontor. Die kleine Margarete sah verwundert in sein Gesicht, als er
sich Abschied nehmend über sie bog und ihr die herrlichsten Dinge zu schicken
versprach. So habe ich den Papa noch nie gesehen, so »schrecklich vergnügt« und
so wunderlich mit seinen funkelnden Augen, meinte sie.
    »Das glaub' ich gerne,« sagte Tante Sophie. »Er freut sich, dass sein kleiner
Ausreisser wieder gesund ist, und wenn er die Geschäftstour hinter sich hat, dann
geht er nach Italien und wohl noch weiter. Er will sich wieder einmal die Welt
ansehen, und er hat recht! Nach der Angstzeit ist ihm der Spass zu gönnen - wir
alle haben auf lange genug. Ja, Gretel, an den Bleichtag werd' ich denken, so
lange mir ein Auge im Kopfe steht!«
    Und die Linden vor der Weberei hatten sich inzwischen sommerlich verdunkelt;
aus dem Rosenlaub leuchteten nur ganz vereinzelt, wie vom Himmel gefallene
Blutstropfen, die Blüten des Jaqueminot, und auf den glitzernden Wassern des
Brunnenbassins schwammen schon die ersten herabgewehten herbstgelben Blättchen,
als die kleine Genesene ins Freie entlassen wurde. Es war vieles anders
geworden; am verwunderlichsten aber war es doch, dass der Papa da oben gewohnt
hatte, wo nun, nach seiner Abreise, gerade heute gründlich gelüftet wurde. Die
Fenster standen weit offen, man sah die wundervolle Malerei am Plafond des
grossen, dreifenstrigen Wohnzimmers, und im anstossenden Gemach den Baldachin
eines grünseidenen Himmelbettes. Und auf den Fenstersimsen standen und lagen
behufs des Abstäubens allerhand moderne Gegenstände, Rauchutensilien,
Statuetten, Albums und ganze Stösse von Zeitungen - Herr Lamprecht hatte sich die
verfemten Räume vollkommen wohnlich und nach Bedürfnis eingerichtet.
    Die Kleine sah nachdenklich hinauf - aus dem Zimmer mit dem herrlichen
Deckengemälde war die Verschleierte geschlüpft, es war die zweite der Türen im
Korridor gewesen, hinter welcher der kleine Fuss im zierlichen Hackenschuh zum
Vorschein gekommen war. Seit sie wieder gesund war, wusste sie das alles ganz
genau; allein sie sprach nicht mehr darüber, aus Verdruss, weil niemand auf ihr
Fragen und Erzählen einging - sie wusste ja nicht, dass die Aerzte erklärt hatten,
die »Vision« im Korridor sei bereits der Ausbruch ihrer nervösen Krankheit
gewesen. Und so wurde der ganze Vorgang mit seinen unglücklichen Folgen
totgeschwiegen, wie auch nie wieder ein Wort über das Unterbringen der
»unmanierlichen Grete« in einem Institut verlautete...
    Auf dem offenen Gang des Packhauses war es auch totenstill; nur der lustige
Sommerwind fuhr manchmal durch das grünschuppige Geschlinge des
Pfeifenstrauches, stäubte es mutwillig auseinander und erregte ein flüsterndes
Geplapper der zurückfallenden Blätterzungen... In der hübschen Stube voll
Resedadüfte aber sass gewiss die Frau mit dem lieben zärtlichen Muttergesicht und
trauerte; denn die schöne Blanka war nun auch fort; sie war heute früh abgereist
und »wohl wieder in Kondition nach dem weltfremden Engelland gegangen«, wie
Bärbe heute morgen zu Tante Sophie gesagt hatte; und darüber war die kleine
Margarete aus ihrem halben Morgenschlafe emporgefahren und hatte still, damit
die Tante und Bärbe es nicht hören sollten, in ihr Kissen hinein geweint. In
diesem Augenblick aber, wo Reinhold in das Haus gegangen war, um seinen
Baukasten zu holen, und das kleine Mädchen allein unter den Linden sass, kam die
alte Köchin über den Hof her, die Hand unter der Schürze, und mit einem wahren
Inquisitorenblick die Fenster der obersten Etage im Vorderhause streifend.
    »Fräulein Sophie weiss drum und will, dass ich dir's geben soll, Gretchen;
aber die Frau Amtsrätin braucht's nicht gerade mit anzusehen,« sagte sie. »Wie
du krank warst, da hat das schöne Mädchen dort auf dem Gange gar manchmal
stundenlang auf mich gelauert, weil ich ihr immer sagen musste, wie es gerade um
dich stand. In den Hof 'runter gekommen ist sie kein einziges Mal, so lange sie
auch dagewesen ist - du lieber Gott, freilich, dein Papa und die Grossmama sind
stolze Leute und leiden keine Zutulichkeit und Dreistigkeit - nun aber heute in
aller Frühe, wie ich das Kaffeewasser am Brunnen holte, da kam sie über den Hof
her, schon im Schleierhut und mit der Reisetasche, und blass wie der Tod und
konnte aus keinem Auge sehen vor Weinen, weil's ja gerade fortgehen sollte in
die weite Welt. Und sie sagte, ich sollte dich vieltausendmal grüssen und dir das
geben.«
    Sie zog die Hand unter der Schürze hervor und legte ein kleines, weisses
Paket auf den Gartentisch - jubelnd zog die Kleine ein gesticktes
Margaretentäschchen aus dem Papier.
    »Still, still, Gretchen - musst nicht so schreien!« mahnte Bärbe. »Das war
gar eine eigene Geschichte heute früh, und schön war's nicht von der Frau
Amtsrätin, nein - alles was recht ist, sag' ich immer! - 's ist ja doch kein
Unglück, wenn der junge Herr Herbert auch gerade in dem Moment mit seinem
Trinkglas 'runter an den Brunnen kommt, wie er es ja jeden Morgen die ganzen
letzten Wochen getan hat! Er sah ganz krank aus, wie eine Leiche, und kam auf
das Mädchen zu - ich glaube, er hat was sagen wollen, vielleicht glückliche
Reise oder sonst eine Höflichkeit; aber da stand auch schon die Frau Amtsrätin
da, hat noch das Nachtmützchen aufgehabt, und der Schlafrock hat ihr um den Leib
gehangen, als ob sie geradewegs aus dem Bette hineingefahren sei; und Augen hat
sie gemacht, als wollte sie das Mädchen aufspiessen. Die hat sich aber nur tief
vor ihr verneigt und ist zu ihren Eltern gegangen, die im Torweg auf sie
gewartet haben - weisst du, Gretchen, unsere Frau Herzogin kann sich nicht
stolzer und vornehmer haben als die Malerstochter, von der Schönheit gar nicht
zu reden; und es kann wohl sein, dass das Stolze an ihr deine Grossmama geärgert
hat, denn eh' ich nur recht wusste wie, hat sie das Papier in meiner Hand
aufgerissen und hineingeguckt.
    »Fürs Gretchen ist's, Frau Amtsrätin! sag' ich.
    »So? sagt sie ganz laut und böse. Wie kömmt denn Fräulein Lenz dazu, meiner
Enkelin ein Andenken zu schenken? Und das hat das arme Mädchen noch in ihre
Ohren hineingehört und Vater und Mutter auch... Und den jungen Herrn hat's
gerade so gedauert wie mich - er hat schreckliche Augen gemacht und ist ins Haus
gestürmt... So, das war die Geschichte, Gretchen! Die Frau Amtsrätin wollte mir
zwar das Paketchen partout wegnehmen, aber ich hab' Fersengeld gegeben, und
Fräulein Sophie sagt, sie sähe gar nicht ein, warum du das Täschchen nicht
tragen solltest.«
    Sie ging wieder in ihre Küche, und die kleine Margarete sann und grübelte.
Das Herz tat ihr weh, und Zornestränen stiegen ihr auf, weil die guten Leute
im Packhaus gekränkt worden waren. Und Bärbe hatte recht, Herbert sah ganz
anders aus, so blass und so schrecklich ernstaft; er sprach mit niemand mehr,
nicht einmal mit Reinhold, der doch sein Liebling war. Ja, die Grossmama! Sie
konnte manchmal so furchtbar strenge Augen machen, und davor fürchtete sich der
grosse Primaner Herbert auch - das hatte die Kleine wohl bemerkt... Aber es half
doch alles nichts, und wenn die Grossmama noch so sehr zankte und noch so
schlimme Augen machte, sie trug das Täschchen doch, sie trug es alle Tage, auch
wenn einmal der Papa von seiner Reise zurückkam und sie ausschalt; denn stolz
war er, der Papa, vielleicht noch schlimmer als die Grossmama; das hörte man an
seinem barschen Ton, wenn er Befehle gab, und ausserdem sprach er nie mit den
Arbeitern, die unter ihm standen. Auch die Malersleute waren ihm zu gering; er
sah immer so aus, als wisse er gar nicht, dass jemand im Packhaus wohne, und auf
dem offenen Gange mochte sein, wer wollte, er grüsste nie hinauf. An dem
Unglücksabend war er ja auch nicht in das Haus gegangen und hatte lieber im
dunklen Hofe gewartet, bis sie herausgebracht worden. Nur während ihrer
Krankheit hatte er nicht stolz ausgesehen; sie hatte ihm sogar, als es besser
mit ihr ging, und er allein an ihrem Bett gesessen, von der hübschen Stube im
Packhaus erzählen dürfen, und von dem schönen Mädchen, wie es so weiss und mit
offenem Haar vom Gange hereingekommen, wie es ihren Kopf so fest an die Brust
gedrückt habe, dass ihr das weiche, dicke Haar ganz schwer über das Gesicht
gefallen sei. Und da hatte der Papa gar nicht gezankt - er war ganz still
gewesen; er hatte sie auf die Stirn geküsst und gerade so fest an sein
starkpochendes Herz gedrückt, wie es die schöne Blanka getan. Und darüber
verwunderte sie sich heute noch...
 
                                       7
Die Stadt B. war nicht die Residenz des Landes; aber ihre schöne, gesunde Lage
machte sie zum bevorzugten Sommeraufentalt des regierenden Herrn, trotzdem das
Schloss, auch in seinem Äusseren nichts weniger als imposant, für eine grössere
Hofhaltung kaum den nötigen Raum bot... In den letzten drei Jahren übrigens
machte sich »das nahe Zusammenrücken« der Sommergäste im Schloss nicht mehr so
nötig - die beiden schönen Prinzessinnen waren, kaum dem Kindesalter entwachsen,
weggeholt worden und hatten, selbst für Prinzessinnen, glänzende Partieen
gemacht, und der Erbprinz befand sich auf Reisen.
    Ob nun bereits der Wonnemond durch weiche Lüfte und süsse Düfte seine
köstlich klingende Bezeichnung verdiente, oder ob er, noch über liegengebliebene
Schneefelder der Berggipfel einherziehend, einen rauhen Aprilatem in die
letzten, zum flachen Land auslaufenden Täler des Türinger Waldes hineinblies,
gleichviel - pünktlich mit dem fünfzehnten Mai rückte alljährlich die
Wagenkolonne aus der Residenz in das hübsche B. ein, und bald darauf sah man die
Schlöte des Schlosses gastlich dampfen, die wohlbekannte Livree der herzoglichen
Bedienten tauchte in den Strassen auf, und vor den vornehmsten Häusern hielt dann
und wann eine Equipage - die Hofdamen machten Besuche. Auch das Lamprechtsche
Haus war eines der wenigen bürgerlichen, denen diese Auszeichnung widerfuhr -
die Frau Amtsrätin Marschall war heute noch so wohlgelitten bei Hofe wie vor
zehn Jahren; denn volle zehn Jahre waren verstrichen seit jenem unglückseligen
Bleichtag, an welchem die kleine Margarete aus Furcht vor dem Institut nach
Dambach gelaufen war.
    Die herzogliche Gnadensonne bestrahlte selbstverständlich auch alles, was
der alten Dame verwandtschaftlich nahe stand; so zum Beispiel wurde jetzt die
Firma Lamprecht und Sohn durch einen Kommerzienrat repräsentiert, den einzigen
der Stadt B., denn Serenissimus kargte sehr mit diesem Titel-Geschenk. Herr
Balduin Lamprecht war auch gegen die seltene Auszeichnung durchaus nicht
unempfindlich; seine Geschäftsfreunde behaupteten, er trüge seine Nase so hoch,
dass kaum noch mit ihm auszukommen sei. Früher habe er doch wenigstens
verbindliche Manieren gehabt, aber auch die seien untergegangen in einem
abstossend finsteren Hochmut. Seit Jahren hatte ihn niemand mehr lächeln sehen.
Er reiste viel in Geschäften und war tätig, wie kaum in den ersten Jahren
seiner Selbständigkeit; aber wenn er heimkam, da wurde es förmlich dunkel im
Hause, da sanken die Stimmen der Untergebenen zum Flüstern herab, in aller
Mienen lag ängstliche Spannung, und die Fusstritte klangen gedämpft, als fürchte
jedes, einen in irgend einer Ecke lauernden bösen Geist aufzuscheuchen. »Die
leidige Hypochondrie - ein Lamprechtsches Erbstückchen!« sagte achselzuckend der
Hausarzt im Hinblick auf die düstere Stimmung des Heimgekehrten, der sich oft
tagelang einschloss. »Tüchtig Wassertrinken und Holzsägen, das wäre am Platze!«
Und die Frau Amtsrätin nickte eifrig mit dem Kopfe dazu - einzig und allein das
alte Erbübel war's - sonst absolut nichts! - Tante Sophie aber lächelte
ingrimmig, wenn ihr dieser salomonische Ausspruch zu Ohren kam. »Jawohl, sonst
absolut nichts!« pflegte sie ihn ironisch zu bekräftigen. »Beileibe nicht etwa
das bisschen Sehnsucht nach einem richtigen Familienleben - ei bewahre! Der Mann
muss ja Gott danken, dass er einmal vor so und so viel Jahren eine Frau gehabt
hat, und kann nun bis an sein seliges Ende von der Erinnerung zehren... Der
Fanny muss doch die letzte Bosheit der seligen Judit gar zu gut gefallen haben,
weil sie's gerade so gemacht hat. Na meinetwegen, ich wollte nichts sagen, wenn
sie dem armen Kerl, dem Witwer, wenigstens ein paar stramme Buben hinterlassen
hätte; aber der Reinhold, das Angstmännchen - du lieber Gott, dem sah man's ja
schon im Wickel an, dass es irgendwo haperte!«
    Reinhold Lamprecht war in der Tat das Angstkind des Hauses verblieben. Er
litt an einem Herzfehler, der ihm jede geistige und körperliche Anstrengung
verbot. Er selbst fühlte die Entbehrung aller schönen Jugendfreuden wohl kaum,
denn sein ganzes Dichten und Trachten ging im Geschäft auf. Wenn aber der
Kommerzienrat den langen, bleichen, dünnen Zahlenmenschen mit der kühlen
Gemessenheit eines Greises am Schreibtisch stehen sah, unbekümmert ob draussen
Blütenschnee von den Bäumen flog oder wirkliche winterliche Flocken vor den
Scheiben wirbelten, da ging es wie Zorn und Grimm durch seine Züge, und ein
bitter verächtlicher Blick streifte das Häuflein Gebrechlichkeit, welches
dereinst das Haus Lambrecht repräsentieren sollte. Aber er sprach nie darüber;
er ballte nur im stillen krampfhaft die Faust, wenn die Frau Amtsrätin sich
freute, dass die vornehme Ruhe der seligen Fanny in so frappanter Weise auf den
Sohn übergegangen sei. Und eigentlich kränklich war der Stammhalter der
Lamprechts nach ihrem Dafürhalten absolut nicht - Gott behüte! Er war nur
zarter, empfindlicher Konstitution - eine Frau wie Fanny konnte
selbstverständlich nicht die Mutter von robusten Bauernkindern gewesen sein.
Margarete war ja auch bleich und schmächtig, aber kerngesund. Man musste nur ihre
Reisebriefe lesen - das Mädchen ertrug ja Strapazen und Anstrengungen wie ein
Mann! ... Diese Bravourstücke waren übrigens durchaus nicht nach dem Geschmack
der alten Dame; der Entwickelungsgang der Enkelin missfiel ihr gründlich. Ein
langjähriger Aufentalt in einem vom Adel frequentierten, etwas ortodox
angehauchten Pensionat, dann Vorstellung bei Hofe, und nach einigen Jahren der
Auszeichnung und des Triumphes als Abschluss eine gute Partie - so musste
eigentlich die Jugendzeit der einzigen Tochter eines reichen Hauses verlaufen.
Aber schon der Plan bezüglich des Institutes hatte ja an Margaretens Trotzkopf
scheitern müssen, und das Mädchen war zum stillen Aerger der Grossmama bis über
das vierzehnte Lebensjahr in seiner »entsetzlichen Urwüchsigkeit« verblieben.
Dann war allerdings ein plötzlicher Umschwung eingetreten.
    Die jüngere Schwester der Frau Amtsrätin war an einen Universitäts-Professor
verheiratet, dessen Name einen weitin geltenden Klang hatte. Er war Historiker
und Archäolog, und da ihm bedeutende Mittel zur Verfügung standen, so reiste er
viel, um für seine wissenschaftlichen Werke aus den Quellen selbst zu schöpfen,
und dabei war ihm seine Frau ein treuer Kamerad - Kinder hatten sie nicht. Nach
langem Aufentalt in Italien und Griechenland waren sie nun auch wieder einmal
in die Heimat zurückgekehrt, und die Frau Amtsrätin hatte sich glücklich
geschätzt, die Durchreisenden auf einige Tage beherbergen zu können, denn sie
war sehr stolz auf den Ruhm ihres Schwagers.
    Am ersten Tage war der »unmanierliche Backfisch«, die Grete, für die
zürnende Grossmama nicht zu finden gewesen - wer mochte denn auch einem
hochnotpeinlichen Verhör so geradewegs in die Hände laufen? - Der famose
gelehrte Grossonkel in Berlin hatte dem Mädchen von jeher einen gelinden Schauder
über die Haut gejagt. Das war so einer, der die unglücklichen Schulkinder
einfing, sie zwischen seine Kniee klemmte und examinierte, bis sie vor Angst
schwitzten. Gesehen hat sie ihn nie; aber er war selbstverständlich lang und
steif wie ein Stock, lachte nie und sah mit strengen stechenden Augen durch
grosse, runde Brillengläser. Am zweiten Morgen aber hatte sie sich im Flursaal,
einer offenen Salontüre schräg gegenüber, hinter dem Büffett verkrochen -
Professors frühstückten beim Papa. Und sie hatte grosse Augen gemacht; denn der
schöne alte Herr konnte lachen, wirklich so recht aus Herzensgrunde lachen. Er
hatte einen herrlichen, weissen, bis auf die Brust herabwallenden Vollbart und
dazu prächtige helle Augen ohne Brillengläser. Und wie ein Junger hatte er das
Glas mit dem funkelnden Goldwein gehoben und einen schalkhaften Toast
ausgebracht. Dann hatte er von den Schliemannschen Ausgrabungen auf dem Berge
Hissarlik erzählt, und sehr verwunderlich war es dabei gewesen, dass seine Frau,
die Grosstante mit dem glatt gescheitelten, vollen Grauhaar über dem klugen
Gesicht, auch drein gesprochen, und zwar ganz mit demselben Verständnis wie der
grosse Gelehrte. Ja, eine weite wunderherrliche Welt voll alter, versunkener und
nun wieder erstehender Geheimnisse hatte sich da aufgetan, und die lauschende
junge Unwissende hinter dem Büffett hatte sich allmählich aus ihrer kauernden
Stellung aufgerichtet; dann war es gewesen, als schleiche ein leiser,
nachtwandelnder Fuss über den Flursaal her, bis das langaufgeschossene Mädchen
unsicheren Blickes, in fluchtbereiter Haltung, aber im atemlosen Hören die
verschränkten Hände auf die Brust gepresst, unter der Salontüre erschienen
war... »Meine Grete - ein scheuer Vogel, wie Sie sehen!« hatte der Papa mit der
Hand nach ihr hingewinkt und damit den Zauber gebrochen. Im panischen Schrecken
war der scheue Vogel von der Schwelle geflohen, hatte, verfolgt von einem
vielstimmigen heiteren Gelächter, die Flursaaltüre klirrend hinter sich
zugeschlagen und war die Treppe hinab mehr gestürzt als gelaufen.
    Allein Flucht und trotziger Widerstand hatten nichts mehr genützt, die wilde
Hummel hatte sich rettungslos auf ein fremdes Gebiet verflogen; Lernbegierde und
Wissensdurst waren in der jungen Seele erwacht und hatten sie immer wieder zu
Füssen der Erzähler geführt, und als nach acht Tagen der Wagen vor dem
Lamprechtschen Hause gehalten hatte, um die Fortreisenden nach der Bahn zu
bringen, da war auch die »unmanierliche Grete« in Schleierhut und Reisemantel
aus der Haustüre getreten, verweinten Gesichts zwar und den letzten Jammerlaut
eines schweren Abschiedes auf den Lippen - aber man hatte sie mit nichten in den
Wagen schleppen müssen, und sie hatte auch nicht geschrieen, dass die Leute auf
dem Markte zusammenlaufen mussten, fest entschlossen und freiwillig war sie
mitgegangen, um bei Onkel und Tante zu lernen und sie auf ihren Reisen zu
begleiten.
    Darüber waren fünf Jahre hingegangen. Margarete war neunzehnjährig geworden
und hatte das väterliche Haus nicht wieder gesehen. Ihre Verwandten, vorzüglich
den Papa, hatte sie in der langen Zeit öfters, teils in Berlin, teils auf Reisen
bei verabredeten Rendezvous gesehen, und in den letzten zwei Jahren waren die
Besuche der Grossmama in Berlin immer häufiger geworden; sie wollte die Enkelin
heimholen; allein Onkel und Tante zitterten bei dem Gedanken an eine Trennung,
und das junge Mädchen selbst verspürte nicht die geringste Lust, sich am
heimischen Hofe vorstellen zu lassen, und so musste die Frau Amtsrätin zu ihrem
bittersten Verdruss immer wieder allein zurückreisen.
    Tante Sophie war, ausser Herbert, die einzige der Familie gewesen, die sich
ein Wiedersehen mit »der Gretel« hatte versagen müssen. Nein, das sollte ihr
einmal niemand nachsagen können, dass sie um einer Freude, eines
Herzensbedürfnisses willen den Haushalt je, auch nur für ein paar Tage, im
Stiche gelassen hätte! Es ging eben nicht und liess sich vor dem Gewissen nicht
verantworten, und da hatte das dumme, alte Herz mit seiner Sehnsucht absolut
nichts drein zu reden... Nun machte sich aber der Ankauf neuer Teppiche und
Portieren für die »guten Stuben« durchaus nötig, und Tante Sophiens Pelzmantel
verlor, trotz Steinklee und Pfeffer, seit Jahren die Haare - er musste
pensioniert werden. Ein neuer Pelzmantel war aber ein teures Stück, das konnte
man nicht nur so verschreiben und wie die Katze im Sacke kaufen, ebensowenig wie
die kostbaren Teppiche und Portieren; da hiess es gleich vor die rechte Schmiede
gehen, und deswegen dampfte Tante Sophie - viel eiliger, als es nötig, aber doch
nur »aus wirtschaftlichen Rücksichten« - eines Tages nach Berlin und stand
plötzlich unter strömenden Freudentränen in Margaretens Mädchenstübchen. Und
was alle bittenden, süssen und strengen Worte der Frau Amtsrätin nicht vermocht,
das tat der Anblick der unvergessenen mütterlichen Pflegerin; eine heisse
Sehnsucht wallte in dem jungen Mädchen auf - sie wollte heim auf einige Zeit,
heim, um über Weihnachten zu bleiben; Tante Sophie sollte ihr, wie einst dem
Kinde, den Christbaum in der trauten Wohnstube anbrennen. Und so wurde
verabredet, dass sie in der Kürze der heimkehrenden Tante folgen solle, aber ganz
im stillen, niemand durfte es wissen, Papa und Grosspapa sollten überrascht
werden. -
    So geschah es an einem stillen, milden Abend zu Ende des Septembers, dass die
junge Dame, zu Fusse von der Bahn kommend, den Türflügel des Packhauses hinter
sich schloss und einen Augenblick lächelnd unter dem dunklen Torweg stehen blieb
- sie schien noch auf das Knarren und Aechzen des alten Holzgefüges zu horchen,
obschon es sofort verhallt war. Gerade diese Laute hatten in ihr Kindesleben
hineingeklungen, so weit sie zurückdenken konnte, in ihre Spiele im Hofe und oft
noch aufschreckend in das süsse Hindämmern des ersten Schlafes hinein. Und wie
oft hatte Tante Sophie erzählt, dass gerade durch dieses Tor, Jahrhunderte
hindurch, die Leinenfrachten, dieses goldbringende Handelsgut der Lamprechts, in
die Welt hinausgegangen waren! Das hatte die wilde Hummel damals nicht
sonderlich interessiert; jetzt aber flog ihr Blick unwillkürlich empor, als
müsse er, trotz der Dunkelheit, an der Steinwölbung noch die Spuren der
hochgetürmten Planwagen finden können.
    In welchem Lichte erschien ihr überhaupt jetzt der stille Hof des alten
Patrizierhauses, seit sie durch Studium und belehrende Reisen sehenden Auges
geworden war! ... Wie festgebannt blieb sie stehen, nachdem sie mit erregt
pochendem Herzen einige Schritte vorwärts gelaufen. Unter ihren Füssen raschelte
dürres Laub; die mächtig gewachsenen lieben Linden hatten bereits zum grössten
Teil die Blätter abgeworfen, und hinter den Stämmen dunkelten die Mauern des
uralten Weberhauses. Heute, wie an jedem Abend, kam der starke Lichtstrom der
grossen Wandlampe drüben aus den Küchenfenstern; er legte sich breit über den Hof
hin, beschien grell wie immer seitwärts ein ganzes Stück des anstossenden
spukhaften Flügels und hob das mächtige, steinerne Brunnenbecken inmitten des
Hofes weiss aus dem Abenddunkel. Und jenes beleuchtete Stück Fassade des zwischen
das Packhaus und das grosse nüchterne, stillose Vorderhaus geklemmten Seitenbaues
zeigte zur Ueberraschung der Heimkehrenden den edelsten Renaissancestil, und die
Steinfigur, die sich hoch über den vier wasserspendenden Brunnenröhren hell
bestrahlt erhob, und nach welcher einst Herbert und später auch Reinhold mit
Kieseln geworfen, sie war eine feingegliederte Brunnennymphe vom schönsten
Ebenmasse - jeder der vandalischen Steinwürfe von damals entrüstete in diesem
Augenblick noch nachträglich die junge Kunstverständige... »Die Türinger
Fugger« hatten die Kauf- und Handelsherren Lamprecht einst um ihres Reichtumes
willen im Volksmund geheissen - in dem Erbauer des Seitenflügels mit dem dazu
gehörigen Brunnen hatte aber auch etwas von dem Kunstsinn der berühmten
Augsburger Leineweber gelebt, nur dass er seine Schöpfung, in herber, stolzer
Verschmähung alles Rühmens und Preisens, der Oeffentlichkeit entzogen und sie
lediglich zur eigenen Augenweide und Befriedigung in der Verborgenheit
aufgerichtet hatte. So war es recht! Die Tochter des alten Hauses hatte auch
ihre Dosis Bürgerstolz im Blute mitbekommen - er trug in diesem Moment der
Heimkehr seinen Teil an dem freudig erregten Schlag ihres Herzens. O ja, so ein
ganz klein wenig »hochmütig« war man! ...
    Von der Brunnenfigur hinweg glitt ihr Blick über die Küchenfenster und sie
empfand eine helle Wiedersehensfreude und lachte in sich hinein - da war
freilich von griechischen Linien nicht die Rede; Bärbe tauchte aus der Tiefe der
Küche auf und trat in den hellen Lampenschein. Sie war noch ebenso bärenhaft
vierschrötig und ungeschlacht wie ehemals; das dünne, graue, um den Kamm
gewickelte Zöpfchen am Hinterkopf hatte sich in seiner Position ausgezeichnet
konserviert, und das Mundwerk ging flott wie immer - einzelne Laute ihrer
spröden Stimme kamen durch das offene Fenster.
    Es ging überhaupt sehr lebhaft zu in der Küche. Verschiedene Hände mussten
beschäftigt sein, das Geschirr abzuwaschen, denn es klirrte und klapperte ohne
Aufhören; Bärbe und der Hausknecht trockneten die Teller, und ein hübscher
junger Bursch in feiner Livree ging eilfertig ab und zu.
    Ohne Zweifel war Diner im Hause. Margarete hatte schon beim Heraustreten aus
der finsteren Torwölbung durch die Flurfenster gesehen, dass droben in der
Bel-Etage, im grossen Salon, der Kronleuchter brannte. Das überraschte sie nicht;
Tante Sophie hatte ihr bereits in Berlin gesagt, dass jetzt immer »etwas los sei«
zu Hause; zwischen den Leuten bei Hofe und Amtsrats sei grosse »Herrlichkeit«,
und der Papa sei dadurch ein gar gesuchter Mann - und die braunen Augen hatten
dabei lustig gezwinkert... Ei nun, da war ja die beste Gelegenheit, sich die
Herrlichkeit in Bausch und Bogen zu besehen, ohne sich selbst sehen zu lassen,
gleichsam von der Tiefe einer Teaterloge aus! Es galt einen Versuch! -
    Sie ging durch die Hausflur in die Wohnstube. Da war es sehr dämmerig; das
Gaslicht kam schwach durch die Fenster herein und warf nur einen intensiveren
Lichtfleck auf die eine Wandfläche, auch auf das Zifferblatt der schönen grossen,
wohlbekannten Standuhr. Das behäbig langsame Ticken des alten Inventarstückes
berührte die Heimkehrende herzbewegend wie ein Gruss von lieber Menschenstimme.
    Tante Sophie war nicht da, sie hatte selbstverständlich oben »alle Hände
voll zu tun«; dafür war das ganze, grosse Zimmer von dem Duft ihrer
Lieblingsblumen erfüllt - auf dem Esstisch stand ein mächtiger Strauss Levkojen
und Reseda, wohl der letzte für dieses Jahr aus Tante Sophiens eigenem kleinen
Garten vor dem Tore - wie das alles anheimelte! -
    Margarete warf Hut und Mantel auf einen Stuhl, schwang sich auf den hohen
Fenstertritt und sah hinaus über den gashellen Markt hin... Alles wie sonst, da
sie noch in den Kinderschuhen gesteckt und die scharfen Steinkanten des
holprigen Pflasters unter den Sohlen gefühlt, da der kleine, zum Teil noch von
uralten Verteidigungsmauern eifersüchtig umschlossene Strassenkomplex, Stadt B.
genannt, für sie die Welt bedeutet hatte, in der sie um jeden Preis leben und
sterben gewollt! ... Alles wie sonst, der bemooste Neptun auf dem Marktbrunnen,
das Eckhaus schräg gegenüber mit seinem Steinbild über der gewölbten Türe -
welches besagte, dass der Hausbesitzer zum Bierbrauen berechtigt sei -, die
schrille, kleine Glocke auf dem Rataustürmchen, die eben halb acht schlug, das
ferne Klingeln verschiedener Schellen an den Ladentüren, und auch die edle
Wissbegierde der guten Landsmänninnen, die dort in einem Trupp an der Strassenecke
standen und, schlafende Kinder in ihre weiten, runden Kattunmäntel gewickelt,
lange Hälse machten; sie konnten sich nicht satt sehen an dem Kronleuchter, der
droben in Lamprechts guter Stube brannte, und zischelten wacker durcheinander -
der richtige, rechtschaffene Klatsch an der Strassenecke.
    Die junge Dame verliess ihren hohen Standpunkt am Fenster und lachte - sie
machte es ja nicht besser als die schnatternde Gesellschaft da drüben, sie
huschte ja jetzt auch hinauf, um zu sehen, was alles dieser Kronleuchter
beschien...
 
                                       8
Das lautlose Huschen wurde ihr nicht schwer. Ein neuer, breiter Läufer von
dickflaumigem Teppichstoff verschlang jeden Fusstritt auf der Treppe. Vor
Margarete her eilte der Livreebediente mit einer Platte voll
Selterswasserflaschen hinauf; er bemerkte die junge Dame nicht, und droben liess
er achtlos die Türe offen, weit genug für einen Flederwisch wie sie, meinte sie
und huschte durch den Spalt.
    Der Flursaal war spärlich beleuchtet; nur aus der weit offenen Salontüre
strömte der Kerzenglanz und teilte als breiter Streifen den mächtigen Raum in
zwei Hälften, und in dem Moment, wo der Bediente mit seinen Flaschen in die
offene Salontüre trat, schlüpfte Margarete hinter ihm weg in den dunkelnden
Hintergrund und trat in eine der Fensternischen.
    Sie konnte einen grossen Teil des Salons überblicken; und es war wirklich,
als sässe sie in der Teaterloge und sähe ein interessantes Lustspiel... Der
ersten Liebhaberin - das war die junge Fremde dort an der Tafel zweifellos -
konnte sie gerade in das Gesicht sehen; es war ein hübsches, volles, ruhig
lächelndes Gesicht auf schneeweissem, rundem Halse und breiten, üppigschönen
Schultern. Die junge Dame sass so, dass für die Beschauerin draussen der alte
berühmte Lamprechtsche Tafelaufsatz, ein mächtiges, mit Früchten und frischen
Blumen beladenes Kauffahrteischiff von gediegenem Silber, dicht neben ihr zu
stehen schien - das gab ein farbenprächtiges Bild; frischer waren die Blumen
auch nicht als der blonde Mädchenkopf mit seinem strahlenden Teint... Also, das
war sie, diese Heloise von Taubeneck, die gegenwärtig eine so dominierende Rolle
bei »Amtsrats« spielte! ... Nun, verwunderlich war es gerade nicht, dass die
Grossmama über diese neue Beziehung so »ganz und gar aus dem Häuschen« sein
sollte, wie Tante Sophie sich in Berlin ausgedrückt hatte. Eine Nichte des
Herzogs - sei es auch nur die Tochter des verstorbenen apanagierten Prinzen
Ludwig aus einer unebenbürtigen Ehe - dereinst Schwiegertochter nennen zu
dürfen, das übertraf ja weit, weit Grossmamas kühnste Wünsche! Wie sie wohl dies
unmenschliche Glück trug? -
    Nun, die ehrgeizige alte Dame lehnte denn auch dort an der Schmalseite der
Tafel, mit stolzseligem Gesichtsausdruck und die Hände fast andächtig gefaltet,
in ihrem Stuhl und verwandte kein Auge von der blonden Schönheit neben dem Sohn,
dem einzigen, vergötterten, der in rapider Geschwindigkeit Staffel um Staffel im
Staatsdienst erstieg und mit neunundzwanzig Jahren schon »ein Herr Landrat« war.
Wie oft hatte ihn Margarete als Kind aus Papas Munde spottweise »unser
zukünftiger Minister« nennen gehört! Nun war er in der Tat dem hochgesteckten
Ziel nahe, wie Tante Sophie in Berlin erzählt. Sie hatte gesagt, man munkele
bereits im Lande, dass ein Wechsel in Sicht sei - der bisherige Chef des
Ministeriums kränkele und habe den Wunsch, nach dem Süden zu gehen. Schlechte
Leute aber behaupteten, Seiner Exzellenz tue keine Ader weh; die Diagnose rühre
nicht vom Arzt, sondern von einer hohen Persönlichkeit her, und der Herr Landrat
Marschall würde, trotz seiner wirklich ausgezeichneten Fähigkeiten, keinesfalls
den Harrassprung in die hohe Stellung machen, wenn nicht eben - jenes Fräulein
Heloise von Taubeneck wäre. »Ja, die Welt ist gar schlecht mit ihrer losen
Zunge!« Damit waren diese neuesten Nachrichten aus der Heimat unter
bedauerlichem Achselzucken geschlossen worden; aber der Schalk hatte der Tante
aus jedem Augenwinkel gelacht. Uebrigens sei Herbert wirklich ein vornehmer Mann
geworden - hatte sie sich beeilt hinzuzusetzen -, wie geboren zu einer hohen
Beamtenstellung, wo man sich gegen Kreti und Pleti abschliessen müsse...
    Nun ja, er war ein hübscher Mann geworden, eine rechte Diplomatenfigur mit
seiner vornehmen Sicherheit in Tun und Wesen. Wenn sie ihm in der Fremde
plötzlich begegnet wäre, da hätte sie vielleicht gestutzt, aber auf den ersten
Blick ihn sicher nicht erkannt... Sie hatte ihn lange nicht gesehen, es mochten
wohl sieben Jahre darüber vergangen sein. Als Student hatte er seine Ferienzeit
meist auf Reisen verlebt, und wenn er ja einmal nach Hause gekommen, da war sie
dem »eingebildeten Studiosus«, der immer noch keinen Bart und deshalb auch kein
Anrecht auf den diktatorisch geforderten Onkeltitel gehabt, klüglich aus dem
Wege gegangen, und er hatte nie gefragt, wo sie stecke - selbstverständlich! -
    Nun war ihm aber der Bart gewachsen, ein schöner, dunkler, am Kinn leicht
geteilter Vollbart, und aus dem missachteten Studenten war ein Herr »Landrat«
geworden, der noch dazu mit vollen Segeln auf seine Verheiratung lossteuerte und
binnen kurzem eine Tante an seiner Seite haben würde; da konnte man mit gutem
Gewissen »Onkel« sagen - ja wohl, unbedenklich! Das junge Mädchen in der dunklen
Fensterecke lächelte schelmisch und liess die Augen weiter schweifen.
    Bei Betreten des Flursaales war ihr ein lautes Stimmendurcheinander
entgegengekommen; man hatte sehr lebhaft gesprochen, und sie meinte auch,
Grosspapas geliebte, rauhe Stimme herausgehört zu haben. Mit dem Eintritt des
Bedienten jedoch war es stiller geworden, und jetzt sprach nur eine einzige,
ganz angenehme, wenn auch etwas fette Frauenstimme; sie schien gewissermassen zu
dominieren, und in der Modulation lag, besonders wenn es galt, eine eingeworfene
Frage zu beantworten, eine merkliche Herablassung. Margarete konnte die
Sprecherin nicht sehen; sie mochte dem Papa zur Rechten sitzen, während Fräulein
von Taubeneck links seine Nachbarin war.
    Die unsichtbare Dame erzählte einen Vorfall bei Hofe, hübsch und
anschaulich, und unterbrach sich nur manchmal mit einem »nicht wahr, mein Kind?«
- was die schöne Heloise stets mit der Antwort »gewiss, Mama!« prompt und
gleichmütig bestätigte. So war es also Frau Baronin von Taubeneck, die Witwe des
Prinzen Ludwig, welche neben dem Papa sass... Wie stolz er aussah! Die finstere
Melancholie, welche die Tochter bei jedem Wiedersehen aufs neue erschreckt
hatte, schien heute wie weggewischt von den schönen, wenn auch stark alternden
Zügen. Die Grossmama war somit nicht die einzige, die sich in den Strahlen des
über der Familie aufgehenden Glücksgestirnes sonnte...
    Frau von Taubeneck beschrieb eben mit gesteigerter Lebendigkeit, wie das
Pferd des Herzogs alle Anstrengungen gemacht, seinen Reiter abzuwerfen, als sie
plötzlich aufhorchend verstummte. Ueber ihre ziemlich laute Stimme hinweg
schwebte ein Klang in das Zimmer herein, ein langausgehaltener Ton - er schwoll
und schwoll und blieb doch geisterhaft zart und unirdisch, bis er plötzlich
abriss, um eine Terz tiefer einzusetzen.
    »Magnifique! Was für eine Stimme!« rief Frau von Taubeneck halblaut.
    »Bah - 's ist ein Junge, gnädige Frau, ein aufdringlicher Bengel, der einem
seine Kehltöne an den Kopf wirft, wo man geht und steht!« sagte Reinhold, der an
der Tischecke neben der Frau Amtsrätin sass - seine schwache, knabenhafte Stimme
bebte im verhaltenen Aerger.
    »Ei nun ja, du hast recht - die Singerei im Packhause wird auch mir
nachgerade zu viel!« bestätigte die Grossmama und sah ihn besorgt von der Seite
an. »Aber es fällt mir doch im ganzen Leben nicht ein, mich darüber zu ärgern!
Hübsch ruhig, Reinhold! Die Familie im Packhause ist für uns ein notwendiges
Uebel, an welches man sich mit der Zeit gewöhnt - du wirst es auch lernen.«
    »Nein, Grossmama, grundsätzlich nicht!« versetzte der junge Mann, während er
mit nervöser Hast seine Serviette zusammenfaltete und sie auf den Tisch warf.
    »Puh, wie heftig!« lachte Fräulein von Taubeneck - was für herrliche Zähne
sie hatte! - »Viel Lärm um nichts! - Es ist mir nicht erfindlich, wie sich Mama
durch die paar Töne unterbrechen lassen konnte, noch weniger aber begreife ich
Ihren Zorn, Herr Lamprecht - so etwas höre ich gar nicht.« Sie hob den weissen,
bis an die Schulter entblössten Arm, nahm eine schöne Orange von dem Tafelaufsatz
und fing an, sie zu schälen.
    Reinholds bleiches Gesicht rötete sich ein wenig - er schämte sich seiner
Heftigkeit. »Ich ärgere mich nur,« entschuldigte er sich, »dass man den Singsang
so widerspruchslos hinnehmen muss. Der eitle Bursch sieht jedenfalls, dass wir
Gesellschaft haben, und meint, er gehöre auch dazu - unverschämt! - Er will um
jeden Preis bewundert sein.«
    »Wenn du das denkst, da bist du aber stark auf dem Holzwege, Reinhold!«
sagte Tante Sophie eben hinter ihm weggehend. Sie hatte bisher an der
Kaffeemaschine ihres Amtes gewaltet und einen starkduftenden Trank gebraut,
dessen erste Tasse sie auf einem Silbertellerchen der Frau von Taubeneck
persönlich präsentierte. Sie war in ihrem schweren, schwarzseidenen Ripskleide;
das volle, graue Haar sass wie immer in zwei glänzenden Scheitelpuffen zu beiden
Seiten der hellen Stirn, und darüber her fiel eine schöne schwarze Spitze. Sie
sah ganz vornehm aus, die mittelgrosse, gut konservierte Gestalt mit ihrem
sicheren Auftreten. Und die Zuckerschale von der Tafel nehmend, setzte sie
hinzu: »Der Kleine fragt viel nach unsereinem; der singt für sich selber wie der
Vogel auf dem Zweig. Das quillt ihm nur so aus der Brust, und ich hab' zu jeder
Stund' meine Freude dran - 's ist die reine Pracht und Herrlichkeit, eine wahre
Gottesstimme: Hören Sie's?« Sie sah sprechend über die Tafelrunde hin und neigte
den Kopf nach der Richtung des Hofes.
    »Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre!« sang der Knabe drüben im Packhause -
eine lieblichere Stimme hatte wohl noch nie zur Ehre Gottes gesungen.
    Reinhold warf der Tante einen Blick zu, der die Lauscherin im Fensterwinkel
empörte. »Wie kannst du dich unterstehen, in diesem auserwählten Kreise
mitzureden?« Diese Frage lag deutlich genug in den hochmütigen, fast farblosen
Augen, und daneben sprühte die tiefste Erbitterung. Margarete kannte ja das
schmale, fleischlose Gesicht, auf welchem das Muskelspiel so harte, scharfe
Linien zog, in jeder Regung; sie hatte es als Kind ängstlich studieren gelernt,
aus schwesterlicher Liebe und auch, weil man gewohnt war, sie für jeden
Heftigkeitsausbruch des schwächlichen Knaben verantwortlich zu machen. Geändert
hatte er sich nicht; er war immer gewohnt gewesen, um seines Leidens willen in
allem seinen Kopf durchsetzen zu dürfen; auch jetzt trieb ihm sein bodenloser
Eigensinn das Blut dunkel nach dem Gesicht; nervös unruhig griff seine Hand nach
verschiedenem Gerät auf der Tafel und stiess es durcheinander, bis ein scharfes
Klirren die unwillkürlich Lauschenden aufschreckte.
    »Pardon, ich war sehr ungeschickt!« stammelte er kurzatmig. »Aber die Stimme
macht mich ganz nervös - - sie klingt mir im Ohr, wie wenn ein Trinkglas mit
nassem Finger bestrichen wird.«
    »Nun, dem ist ja abzuhelfen, Reinhold,« sagte Herbert beruhigend. Er stand
auf und kam heraus in den Flursaal, um die der Salontüre gegenüberliegenden
offenen Fensterflügel zu schliessen...
    Also auch darin hatte sich nichts geändert. Reinhold war stets Herberts
Portégé und Liebling gewesen, und wie einst der Primaner und Student beeifert
gewesen war, dem kränklichen Neffen alles Aergerliche und Verstimmende aus dem
Wege zu räumen, so tat es auch zu dieser Stunde noch der Herr Landrat...
    Den Flursaal entlang gehend, inspizierte er auch die anderen Fenster und kam
an Margaretens Versteck heran. Sie drückte sich tiefer in die finstere Ecke, und
dabei rieb sich ihr Seidenkleid knisternd an der Wand.
    »Ist jemand hier?« fragte er aufhorchend.
    Sie lachte in sich hinein. »Ja,« sagte sie halblaut, »aber kein Dieb oder
Mörder, auch nicht die Ahne Dorotee aus der Spukstube - du brauchst dich nicht
zu fürchten, Onkel Herbert - es ist nur die Grete aus Berlin!«
    Damit trat sie aus dem Fensterwinkel - ein schlankes Mädchen, das sich
lächelnd mit lässiger Grazie ein wenig vorbog, um sich zur Bestätigung von dem
letzten Schrägstreifen des Kerzenlichtes bescheinen zu lassen.
    Er war unwillkürlich zurückgewichen und sah sie an, als traute er seinen
eigenen Augen nicht. »Margarete?« wiederholte er ungewiss, fragend und reichte
ihr etwas zögernd die Hand hin; sie legte die ihre kühl hinein, und er liess sie
ohne Druck wieder fallen - eine recht steife Begrüssung, aber ganz in der
Ordnung. »So bei Nacht und Nebel kommst du heim?« fragte er wieder. »Und niemand
im Hause weiss um dein Kommen?«
    Ihre dunklen Augen blitzten ihn mutwillig an. »Ja, weisst du, einen Kurier
wollte ich nicht vorausschicken - das kommt ein bisschen zu teuer für meine
Einkünfte; und da dachte ich mir, unterbringen werden sie dich schon zu Hause,
auch wenn du unverhofft kommst.«
    »Nun, wenn ich einen Augenblick im Zweifel war, ob die junge Dame da
wirklich die übermütige Grete sei, so weiss ich's jetzt - du kommst zurück, wie
du gegangen bist!«
    »Ich will's hoffen, Onkel!«
    Er wandte das Gesicht halb zur Seite, und da war's, als gehe ein leises
Lächeln durch seine Züge. »Was soll aber nun werden?« fragte er. »Willst du
nicht hereinkommen?«
    »O, beileibe nicht! Die Herbstkühle in den Kleidern, Staub und Russ auf dem
Gesicht; dazu eine heruntergetretene Falbel am Rock und ein Paar zerplatzter
Handschuhe in der Tasche - ein schönes Debüt vor dem Staatsfrack und brillanten
Hofschleppen!« - Sie deutete nach dem Salon, wo bereits wieder eine laute,
lebhafte Konversation im Gange war. »Auf keinen Fall, Onkel! du wirst dich doch
nicht so mit mir blamieren wollen?!«
    »Nun, wie du willst,« sagte er kühl und zuckte die Schultern. »Wünschest du,
dass ich dir den Papa oder Tante Sophie herausschicke?«
    »Gott behüte!« Sie trat unwillkürlich weiter vor und streckte die Hand aus,
um ihn zurückzuhalten; dabei tauchte ihr Kopf für einen Moment tief in das
herüberströmende Licht - ein feiner, anziehender Kopf, den dunkle Locken
umwogten - »Gott behüte - was denkst du? Zu einer Begrüssung im Dunkeln sind mir
die beiden viel zu lieb! - Ich muss ihre Gesichter klar vor mir haben, muss sehen,
ob sie sich auch freuen... Und müssen denn die da drüben durchaus wissen, dass du
mich als Horcherin an der Wand ertappt hast? - Ich schäme mich ohnehin genug.
Aber das Licht hier oben lockte zu verführerisch, und da taumelte die dumme
Motte hinein! ... Nun gehe ich wieder - ich habe genug gesehen!«
    »So? Und was hast du denn gesehen?« -
    »O, sehr viel Schönheit, wirkliche, bewunderungswürdige Schönheit, Onkel!
Aber auch viel Vornehmheit, viel - Herablassung - zu viel für unser Haus!«
    »Die Deinen finden das nicht!« sagte er scharf.
    »Es scheint so,« gab sie achselzuckend zu. »Die sind aber auch viel
gescheiter als ich. Mir hat von jeher der Dünkel meiner Ahnen, der alten
Leinenhändler, im Blute gesteckt - ich lasse mir nicht gern etwas schenken.«
    Er trat von ihr weg. »Ich werde dich wohl nun deinem Schicksal überlassen
müssen,« sagte er trocken, mit einer leichten steifen Neigung des Kopfes.
    »O, bitte - nur noch einen Augenblick! Wäre ich die Frau mit den
Karfunkelsteinen, dann könnte ich ungefährdet verschwinden und brauchte dich
nicht zu inkommodieren; so aber muss ich dich bitten, für einen Moment die
Salontüre zu schliessen, damit ich vorüber kann.«
    Er schritt rasch nach der Türe, ergriff beide Flügel und zog sie hinter
sich zu. Margarete flog durch den Flursaal; sie hörte, wie drinnen einstimmig
gegen das Schliessen der Türe protestiert wurde, und ehe sie die äussere Türe
hinter sich zudrückte, sah sie noch, wie die beiden Flügel langsam wieder
aufgingen, wie sich der bärtige Männerkopf noch einmal verstohlen herausbog,
jedenfalls um zu sehen, ob der Eindringling den Ausweg gefunden habe - lustig!
Der steifnackige Herr Landrat und die übermütige Grete im Komplott! Das hätte er
sich wohl zehn Minuten zuvor auch nicht träumen lassen! ...
    Ein Aufschrei empfing sie, als sie wieder in die dämmerdunkle Wohnstube
trat. Die nach der Küche führende Türe wurde aufgerissen, und Bärbe rannte
hinaus, dass ihr die Röcke flogen.
    »Sei gescheit, Bärbe!« rief Margarete lachend und ging ihr nach bis auf die
Schwelle der hellerleuchteten Küche. »Ich sehe ihr ja gar nicht ähnlich, der im
roten Salon, und so durchsichtig wie die spinnwebige Frau Judit bin ich doch
wahrhaftig auch nicht! ... Komm her und gib mir eine Hand, alte, treue Seele -
hab' mich gar manchmal nach dir gesehnt! Da« - sie streckte ihre schöne, schmale
Hand hin - »sie ist warm und von Fleisch und Bein! Du kannst sie getrost
anfassen!«
    Und »die alte, treue Seele« war plötzlich wie närrisch vor Freude. Sie fasste
nicht nur die Hand, sie schüttelte sie auch, dass dem jungen Mädchen Hören und
Sehen verging, und die Tränen stürzten ihr aus den Augen... Ja, da waren nun
fünf Jahre nur so verflogen, der Mensch wusste nicht wie! Und aus dem Gretel war
eine Dame geworden, fix und fertig, wie ein Döckchen! Aus dem Ausbund! - »Wie
eine kleine, wilde Katze ist sie mir gar manches Mal von hinterrücks auf meinen
breiten Buckel 'naufgesprungen, wenn ich kein Arg hatte und in meinen Aufwasch
vertieft war,« - sagte sie zu der Küchenmagd und wischte sich lachend die Augen
- »ja, zum Umstürzen war der Schreck allemal! - Aber« - ihre laute, grelle
Stimme sank zum Flüstern herab - »das sollten Sie doch nicht, Fräulein - ich
mein', mit solchen, wie die oben im Gange, soll sich der Mensch nicht
vergleichen! 's ist ein Aber dabei, und Sie sind ohnehin so blass, gar so blass!«
    Margarete verbiss mit Mühe das Lachen. »Also auch da alles beim alten! Nun
ja,« - ihre Mundwinkel zuckten in leiser Ironie - »an uns ist kein Tadel, gut
konservativ sind wir', sagte Tante Sophie immer, wenn Reinhold die abgerissenen
Arme und Beine meiner Puppen sorgfältig sammelte und als alten Besitz
respektierte... Hast recht, Bärbe, blass bin ich, aber doch frisch genug, um mich
meines Leibes und Lebens gegen deine Gespenster zu wehren. Und du sollst sehen,
in unserer starken Türinger Luft werden meine Backen bald rund und rot wie
Borsdorfer Aepfel sein... Aber horch!« - durch das offene Küchenfenster klang
wieder die Knabenstimme herein - »jetzt sage mir, wer singt denn drüben im
Packhause?«
    »'s ist der kleine Max, ein Enkelchen von den alten Lenzens. Seine Eltern
sollen gestorben sein, und da haben ihn die Grosseltern zu sich genommen. Er geht
hier auf die Schule und muss wohl das Kind von einem Sohn sein - er heisst auch
Lenz. Sonst kann ich nichts sagen. Sie wissen's ja, es sind so stille Leute; ob
sie Freud' oder Leid erleben, ein anderer Christenmensch erfährt's nicht. Und
unser Herr Kommerzienrat und die Frau Amtsrätin können's partout nicht leiden,
wenn unsereiner auch nur tut, als wohnten Leute im Packhause. 's ist von wegen
der Klatscherei, wissen Sie, Fräulein; und richtig ist's ja, so gemein darf sich
ein Haus wie unseres nicht machen... Der Kleine freilich fragt viel danach, was
bei uns Brauch ist - 's ist ein schönes Kind, Fräulein Gretchen, ein
Staatsjunge! - Aber der ist vom ersten Tage an mir nichts dir nichts in den Hof
'runtergestiegen, und da spielt er wie von Rechts wegen, akkurat wie Sie und der
junge Herr Reinhold klein da 'rumgetollt haben.«
    »Brav, mein Junge! Ein tapferer kleiner Kerl! Da ist Kraft und
Selbstbewusstsein drin!« - nickte Margarete vor sich hin. »Was sagt denn aber die
Grossmama?«
    »Ja, die Frau Amtsrätin, die ist freilich toll und böse, und der junge Herr
erst - ach, ach!« sie fuhr mit der Hand durch die Luft - »da gibt's viel böses
Blut! Aber es hilft alles nichts, und wenn's noch so deutlich durch die Blume
gegeben wird, der Herr Kommerzienrat hat keine Ohren... Ich glaube, im Anfang
hat er's gar nicht gesehen, dass das fremde Kind da 'rumgelaufen ist, wo's nicht
hingehört - er ist ja immer so in tiefen Gedanken - das kömmt vom schwarzen
Geblüt, Fräulein, nur davon! Nun ja, und solche Leute sehen manchmal nicht
rechts und nicht links, und andere Menschen sind für sie nicht auf der Welt.
Wie's ihm aber doch endlich beigebracht worden ist, da hat er gesagt, sie
sollten das Kind nur spielen lassen, wo es wollte, der Hof wär' gross genug - und
dabei ist's geblieben, und der Aerger muss 'nuntergewürgt werden.«
    Sie nahm eine Stecknadel aus ihrem Halstuch und steckte eine halbgelöste
Schleife am Kleid der jungen Dame fest; dann zupfte sie die Spitze am
Halsausschnitt zurecht und strich mit beiden Händen glättend über den etwas
zerknitterten Seidenrock. »So, nun kann's losgehen!« sagte sie zurücktretend.
»Die werden gucken da oben! so unverhofft und so mitten hinein in die grosse
Gesellschaft -«
    Margarete schüttelte den Kopf, dass die Locken flogen.
    Das war nun freilich nicht nach dem Sinn der alten Köchin. Es sei heute
»extra schön« oben, meinte sie, und beim Champagner würde es wohl richtig
gemacht worden sein zwischen der vom Hofe und dem Herrn Landrat... »Ein paar
schöne Menschen, Fräulein, und eine grosse Ehre für die Familie!« schloss sie ihre
Mitteilungen. »Gesehen hab' ich freilich von der ganzen Herrlichkeit noch
nichts, ich in meiner Küche hier unten; aber die Leute sagen's, und die
Neidhammel in der Stadt sagen auch, die Frau Amtsrätin würde ja wohl noch
zerplatzen vor lauter Hochmut... Ja, die losen Mäuler! Der Mensch kann sich
nicht genug in acht nehmen!« ...
    Mit diesen Worten nahm sie eine Tischlampe vom Sims, um sie für Margarete
anzubrennen; aber die junge Dame verbat sich alle Beleuchtung. Sie wollte im
Dunkeln warten, bis droben alles vorüber sei und stieg wieder auf den
Fenstertritt in der Wohnstube.
    Da sass sie nun und sann; und zu allem, was durch den jungen Kopf flog, sagte
die alte Uhr ihr ruhiges, gleichmässiges Ticktack und ebnete gleichsam die
hochgehenden Wogen in der Seele. Reinholds Gehässigkeit und sein und der
Grossmama Hochmut machten ihr das Blut wallen; aber es wurde niedergekämpft -
nein, die Heimkehr in das väterliche Haus liess sie sich absolut nicht
verbittern! Fort mit der unerquicklichen Wahrnehmung! ... Da war das Gesicht der
schönen Dame vom Hofe, das hatte nichts Aufregendes! Sie musste sehr überlegenen
Verstandes oder eine phlegmatische Natur sein, diese herzogliche Nichte mit der
unbeschreiblichen Ruhe und Gelassenheit in Zügen und Gebärden... Früher hatte
man kaum um die Existenz der schönen Heloise von Taubeneck gewusst. Prinz Ludwig
hatte einen hohen preussischen Militärposten bekleidet und seinen Wohnsitz in
Koblenz gehabt. Nur selten war er an den heimischen Hof gekommen, und das den
apanagierten Prinzen des herzoglichen Hauses zur Verfügung gestellte
Landschlösschen, der Prinzenhof, hatte lange Jahre unbewohnt gestanden. Es lag
ausserhalb der Stadt am Fusse eines ehemaligen Burgberges, den noch einzelne
Mauertrümmer krönten, und war ein einstöckiger Rokokobau mit Mansarde und den
nötigen Remisen und Stallungen, die unter dem Laubdach herrlicher alter Nussbäume
völlig verschwanden, während sich vor der geschnörkelten Vorderfront ein
hübsches, mit Blumengruppen und Statuen geschmücktes Rosenparterre hinzog. Vom
Dambacher Pavillon aus konnte man ja den Prinzenhof fast greifbar nahe liegen
sehen.
    Nun war er wieder bewohnt, und Tante Sophie hatte in Berlin viel von dieser
Veränderung gesprochen. Die Witwe des Prinzen Ludwig war froh gewesen, nach
seinem Tode hier »unterkriechen« zu können, wie sich der Kleinstädter insgeheim
drastisch genug ausdrückte; denn an Barem hatte der Verstorbene so gut wie
nichts hinterlassen, und die Witwenpension war keine allzugrosse. Wie man aber
wusste, hatte das herzogliche Paar eine warme Zuneigung zu der jungen verwaisten
Nichte gefasst, und vorzugsweise aus dem Grunde mochte es wohl geschehen, dass den
beiden Damen Subsistenzmittel zuflossen und Vorrechte zugestanden wurden, auf
die sonst nur Ebenbürtige Anspruch hatten.
    Nun, die Equipage, die eben über den Markt heranbrauste, und draussen vor der
Türe hielt, war elegant genug, um ein fürstliches Geschenk zu sein. Der offene
Wagen funkelte und glitzerte im Gaslicht, und das feurige Gespann schnaubte und
stampfte vor Ungeduld.
    Es währte geraume Zeit, bis man sich droben entschloss, aufzubrechen, bis das
Stimmengeräusch der Gesellschaft die Treppe herabkam, und der grosse Flügel des
Haustores zurückgeschlagen wurde, um den starken Lichtschein der Flurlampen auf
das Trottoir draussen strömen zu lassen.
    In diese grelle Beleuchtung trat zuerst die Baronin Taubeneck und watschelte
an Herberts Arm nach dem Wagen. Sie war von einer übermässigen Korpulenz, und die
Tochter, die ihr folgte, mochte ihr später darin ähnlich werden. Jetzt freilich
hatte ihre hohe, volle Gestalt noch schöne, ebenmässige Linien. Sie zog die
schwarze Spitzenhülle fester über das tief in die Stirn fallende Blondhaar,
setzte sich vornehm ruhig neben die keuchende Mama und sah sehr teilnahmlos auf
die übrigen Gäste herab, welche, noch einmal sich verabschiedend, den Wagen
umringten, um sich dann nach allen Richtungen hin zu zerstreuen.
    Herbert war sofort mit einer tiefen Verbeugung zurückgetreten - das sah
nicht aus, als habe die Verlobung in der Tat stattgefunden - die Frau Amtsrätin
dagegen hatte die Hand der jungen Dame zwischen die ihren genommen, sie presste
sie unter fortwährendem, nahezu aufdringlichem Sprechen und bog plötzlich, wie
von Zärtlichkeit überwältigt, ihr Gesicht auf die hell behandschuhte Rechte, um,
Margarete vermochte nicht zu unterscheiden, ob den Mund oder die Wange darauf zu
drücken.
    Sie fuhr unwillkürlich vom Fenster zurück. Das Blut stürmte ihr heiss nach
den Schläfen - sie schämte sich in tiefster Seele für die alte, weisshaarige
Dame, die ihre sonstige stolze Gemessenheit und Würde einem so jungen Geschöpf
gegenüber völlig verlor.
    Ganz erbittert sprang sie vom Fenstertritt. In was für ein armseliges,
beschränktes Tun und Treiben war sie zurückgekommen! Hatte sie deshalb den
weiten Flug in ferne Lande und alte Zeiten gemacht, und sich an dem berauscht,
was der Menschengeist im edlen Schönheitsgefühl, im Freiheitsdrange an Idealen
ersonnen und erstürmt, um hier an der widerlichsten Kriecherei zu sehen, wie
geistig arm der Mensch werden kann? ... Nein, der Käfig war zu eng! Auch nicht
die äussersten Spitzen der freiheitgewohnten Flügel ihres Geistes opferte sie, um
sich ihm anzubequemen! ... Das, was augenblicklich dominierend und entnervend
durch das gesammte moderne Leben ging, der Servilismus, die Machtanbetung, das
ungenierte Buhlen um die Gnade einflussreicher Persönlichkeiten, das waren jetzt
die Gespenster im Lamprechtshause, gegen die sie sich ihres Leibes und Lebens zu
wehren hatte! - Wahrlich, »die schöne Frau mit den Karfunkelsteinen«, die einzig
aus rücksichtsloser, heisser Liebe die Grabesruhe verwirkt, sie stand gross neben
den kleinen Seelen! ...
 
                                       9
Draussen rollte der Wagen davon. Margarete verliess die Wohnstube; aber sie flog
nicht, wie sie wohl gleich beim Kommen im ersten Impuls getan, den Ihren
entgegen - wie angefröstelt stieg sie langsam die wenigen in die Hausflur
führenden Stufen hinab.
    Herbert schien eben die Treppe hinaufgehen zu wollen, und der Kommerzienrat
kam über die Schwelle in die Hausflur zurück. Auf seinem Gesicht lag noch der
Glanz befriedigten Stolzes auf die seinem Hause widerfahrene Ehre. Er stutzte
bei Margaretens Erblicken, breitete aber gleich darauf unter einem Freudenruf
die Arme aus und zog die Heimgekehrte an seine Brust. Und da war auch wieder ein
Lächeln auf ihren Lippen.
    »Ei, bist du es wirklich, Gretchen?« rief die Frau Amtsrätin, die in diesem
Augenblick in Reinholds Begleitung von draussen hereintrat. »So ganz wider
Erwarten?« - Sie liess die Schleppe, die sie mit spitzen Fingern sorgsam hoch
über den Boden hielt, rauschend niedersinken, streckte dem jungen Mädchen die
Rechte entgegen und hielt ihr mit würdevoller Grazie die Wange zum Kusse hin.
Das schien die Enkelin nicht zu bemerken - sie berührte die grossmütterliche Hand
mit ihren Lippen und schlang dann die Arme um den Hals des Bruders... Ja, sie
hatte ihm vorhin ernstlich gegrollt! Aber er war ja ihr einziger Bruder, und er
war krank; das heimtückische Leiden raubte ihm die Jugend, allen Glanz, allen
Zauber der himmlisch schönen »achtzehn Jahre« ... Und wie das Herz unruhig und
beängstigend hastete in der schmalen Brust, an welche sie sich schmiegte! Wie
sein Körper sich frostig schüttelte unter dem kühlen Nachtauch, der vom Markte
hereinblies! -
    »Gehen wir hinauf! Die zugige Hausflur ist ein schlechter Begrüssungsort!«
mahnte der Kommerzienrat. Er legte seinen Arm wieder um Margaretens Schultern
und stieg mit ihr die Treppe hinauf, Herbert nach, der um eine Anzahl Stufen
voraus war.
    »Grosses Mädchen!« sagte der Papa und mass mit väterlich stolzem Blick die
jugendliche Gestalt neben sich.
    »Ja, sie ist noch recht gewachsen,« meinte die Grossmama, die an Reinholds
Arm langsam nachkam. »Musst du nicht auch lebhaft an Fannys Züge und Erscheinung
denken, Balduin?«
    »Nein, ganz und gar nicht! Die Gretel hat ein echtes Lamprechtsgesicht,«
entgegnete er, und seine Stirn verfinsterte sich.
    Droben im grossen Salon stand Tante Sophie an einem Seitentisch und zählte
das gebrauchte Silberzeug in einen Korb. Sie lachte über das ganze Gesicht, als
Margarete auf sie zuflog. »Dein Bett steht bereit, auf dem nämlichen Platz, wo
du als Kind alle deine lustigen und dummen Streiche verschlafen hast,« sagte
sie, nachdem sie unter der stürmischen Umarmung des jungen Mädchens zu Atem
gekommen war. »Und in der Hofstube nebenan ist's auch ganz huschelig und
gemütlich, wie du's immer gern hattest.«
    »Also ein Komplott!« meinte die Frau Amtsrätin mit scharfer Rüge. »Tante
Sophie war die Vertraute, und wir anderen mussten uns bescheiden, bis der grosse
Moment gekommen war!« Sie zuckte mit den Schultern und liess sich auf den
nächsten Stuhl nieder. »Wäre er nur früher gekommen, dieser grosse Moment, Grete!
Aber deine Heimkehr jetzt hat so gut wie gar keinen Zweck - der Hof geht in den
nächsten vierzehn Tagen nach M. zurück! von einer Vorstellung wird kaum noch die
Rede sein können.«
    »Sei du froh, liebe Grossmama! Du würdest doch keine Ehre mit mir einlegen.
Du glaubst gar nicht, was für ein Hasenfuss ich bin, was für ein schauderhaft
täppisches Ding, wenn ich die Courage verliere! Das heisst, vor unseren lieben,
alten Herrschaften würde ich standhalten - die sind mild und gütig und
verschüchtern ein zaghaftes Menschenkind nie geflissentlich. Aber die anderen -«
Sie brach ab und fuhr sich mit der Hand unwillkürlich durch die Locken. »Deshalb
bin ich ja aber auch gar nicht gekommen, Grossmama; der Weihnachtsbaum hat mir's
angetan, Weihnachten drunten in der Wohnstube! Ich habe mich satt gesehen an
all den Konfektfiguren und den Buchbindermeisterwerken, die Tante Elise kauft
und mühelos an den Baum hängt. Ich will wieder jene Vorbereitungsabende
durchleben, wo es draussen stürmt und schneit, und drin in der warmen Stube die
Nüsse auf dem Tische rasseln, das Blattgold herumfliegt, und aus der Küche der
Duft von selbstgebackenen Kringeln und allerhand undefinierbarem Wundergetier
durch die Schlüssellöcher und Türspalten zieht. Das Hübscheste wird freilich
fehlen - Tante Sophiens verdeckter Nähkorb, aus welchem dann und wann ein
Endchen von angefangenem Puppenstaat guckte; und über die Bilderbücher bin ich
leider auch hinaus. Aber von Bärbe verlange ich nach wie vor meinen
Pfefferkuchenreiter -«
    »Kinderei!« schalt die Frau Amtsrätin ärgerlich. »Schäme dich, Grete! Du
kommst ja nicht um ein Haar gebessert zurück!«
    »Ja, das sagte Onkel Herbert auch schon.«
    »Nicht in dem Sinne,« berichtigte der Landrat kühl. Er war mit in den Salon
hereingekommen, hatte sich bis dahin vollkommen passiv verhalten und stand eben
vor dem Tafelaufsatz, wo er mit vorsichtigem Finger die Blumen und Früchte
auseinander schob, um das wundervoll gearbeitete Takelwerk des Silberschiffes
besser sehen zu können... Ob er das alte, wohlbekannte Familienschaustück der
Lamprechts wirklich noch nicht gesehen hatte, der Herr Landrat? -
    »Was - du hast den Onkel schon gesprochen?« fragte Reinhold, sehr erstaunt
von der Birne aufblickend, die er sich schälte. »Wie ist denn das möglich?«
    »Sehr leicht, Holdchen, dieweil ich vorhin in Person hier oben gewesen bin
-«
    »Doch nicht in der Absicht, einzutreten?« rief die Frau Amtsrätin in
nachträglichem Schrecken.
    »Mit der Eskimofrisur und in dem grässlichen schwarzen Fähnchen?« setzte
Reinhold mit einer grotesken Abscheugebärde hinzu. »Hast dich ja ganz famos
herausgeputzt in deinem Berlin, Grete!«
    Margarete lachte und sah auf ihr Kleid herab. »Alteriere dich nicht,
Reinhold, es ist nicht mein einziges und bestes!« Sie wandte den Rocksaum
musternd und achselzuckend hin und her. »Armes Fähnchen! Frisch ist's freilich
nicht mehr. Es musste mit mir durch Pyramiden und Katakomben kriechen und ist von
Gletschereis und Gebirgsregen oft windelnass gewesen - der gute, alte Kamerad!
Nun habe ich mich seiner geschämt und ihn verleugnet! Onkel Herbert kann's
bezeugen, dass ich mir selber nicht schön genug war, um vor dem hohen Besuch zu
debütieren -«
    »Ich bitte dich ums Himmels willen, Kind, tue mir den einzigen Gefallen und
fahre dir nicht so nach Jungenart durch die Haare!« unterbrach sie die Grossmama.
»Eine schauderhafte Angewohnheit! Wie kommst du nur auf die wahnsinnige Idee,
dir das Haar kurz zu schneiden?«
    »Ich musste, Grossmama, und ohne ein paar heimlicher Tränen ist's auch nicht
abgegangen, das leugne ich gar nicht. Aber es war oft zum Verzweifeln, wenn die
Zöpfe morgens beim Flechten kein Ende nehmen wollten, und Onkel Teobald draussen
vor der Türe wartete und auf und ab lief vor Ungeduld und Angst, dass wir den
Zug oder die Post versäumen könnten. Und da machte ich kurzen Prozess, als es
nach Olympia gehen sollte, und griff zur Schere. Ich hätte mich kahl geschoren,
wenn es nötig gewesen wäre, so ungeduldig und auf das Weiterkommen erpicht war
ich selbst... Uebrigens ist die Sache gar nicht so schlimm, Grossmama. Mein
Struwwelhaar wächst wie Unkraut, und ehe du dich versiehst, ist wieder ein ganz
respektabler Zopf da -«
    »Da kannst du warten,« warf die alte Dame trocken ein. »Unsinn, kapitaler
Unsinn!« platzte sie dann zornig heraus. »Tante Elise konnte auch besser
aufpassen und den Streich verhindern!«
    »Die Tante? Ach, Grossmama, da sieht's erst schlimm aus! Mindestens um eine
Hand breit kürzer, als dies -« Sie zog einen ihrer Lockenringel mit einem
schelmischen Lächeln in die Länge.
    »Na, ihr mögt ein schönes Zigeunerleben führen auf euren gelehrten Touren!«
rief die alte Dame indigniert und strich nervös erregt einige Tortenkrümel auf
dem Tafeltuch zusammen. »Wie meine Schwester es fertig bringt, sich den
Berufsstudien ihres Mannes so unterzuordnen, das ist mir geradezu unfasslich. Wo
bleibt da das Recht der Frau auf die eigene angenehme Lebensstellung? ... Nun,
es ist ihre Sache - wie man sich bettet, so liegt man... Aber was soll nun
werden? Sieh dir noch einmal das Mädchen an, Balduin! Jahre können vergehen, bis
sie wieder präsentabel ist... Ich frage dich, Grete, wie willst du es anfangen,
in dem kurzen Gewirr eine Blume festzustecken, von einem Schmuckstück gar nicht
zu reden? Die Rubinsterne zum Exempel, die deiner seligen Mama so
unvergleichlich standen -«
    »Ah, die Karfunkelsteine? Die schöne Dore im roten Salon hat sie auf dem
Toupet?« fiel Margarete lebhaft fragend ein.
    »Ja, Gretel, dieselben,« bestätigte der Kommerzienrat, der sich bis dahin
schweigend verhalten und eben ein Glas Champagner rasch geleert hatte, an Stelle
der Grossmama. Er war erblasst, aber die Augen glühten ihm unter der Stirn, und
seine Finger umklammerten das Glas, als wollten sie es zu Scherben zerdrücken.
»Ich habe dich herzlich lieb, Kind, und will dir geben, was dein Herz verlangt;
aber die Rubinsterne schlage dir aus dem Sinne - solange ich lebe, kommen sie in
kein Frauenhaar mehr!«
    Die Frau Amtsrätin fuhr sich mit dem Taschentuch über die Augen und sah mit
traurig gesenkten Mundwinkeln in ihren Schoss nieder. »Ich begreife, ich verstehe
dich, lieber, lieber Balduin,« sagte sie in tief mitfühlendem Ton. »Du hast
Fanny allzusehr geliebt!«
    Ein bitteres Lächeln flog über sein Gesicht, und er hob die breiten
Schultern, als wolle er eine namenlose innere Ungeduld abschütteln. Klirrend
stiess er das Glas auf den Tisch und ging mit dröhnenden Schritten in das
Nebenzimmer, die Türe hinter sich zudrückend.
    »Armer Mann!« sagte die Frau Amtsrätin halblaut und beschattete einen Moment
mit der Hand die umflorten Augen. »Ich bin untröstlich über meine
Ungeschicklichkeit - ich hätte nicht an diese nie heilende Wunde rühren sollen!
... Und gerade heute war er so heiter, ich möchte sagen stolz glücklich! Seit
Jahren habe ich ihn zum erstenmal wieder lächeln sehen... Ach ja, es waren aber
auch wieder einmal ein paar himmlisch schöne Stunden, unvergesslich schön und
beglückend! ... Nur eines hat mir ein paarmal tatsächlich den Angstschweiss auf
die Stirn getrieben, liebste Sophie!« - das leise Aneinanderklirren des Silbers
hinter ihr verstummte, Tante Sophie horchte pflichtschuldigst dem, was da kommen
sollte - »es wurde zu langsam serviert. Mein Schwiegersohn wird wohl für solche
Fälle noch helfende Hände acquirieren müssen -«
    »Gott behüte, Grossmama, was soll denn das kosten?« protestierte Reinhold.
»Wir haben unsern Etat für dergleichen, und der wird absolut nicht
überschritten. Franz muss eben seine faulen Beine besser rühren! Ich werde
künftig schon Feuer dahinter machen!«
    Die Grossmama schwieg. Sie nahm ein paar halbwelke Rosen, die Fräulein
Heloise von Taubeneck in der Hand gehabt und auf ihrem Platz zurückgelassen
hatte, und steckte ihr spitzes Näschen hinein - sie widersprach dem erregbaren
Enkel nie direkt. »Es war aber hauptsächlich noch ein Bedenken, das mir im
Verlauf des Essens beängstigend aufstieg, beste Sophie« - sagte sie nach einer
augenblicklichen Pause über ihre Stuhllehne zurück - »war nicht doch das Menu in
etwas zu derber Weise zusammengesetzt? Wissen Sie, Liebste, ein wenig zu
spiessbürgerlich für unsere hohen Gäste? - Und das Roastbeef liess auch viel zu
wünschen übrig.«
    »Sie brauchen sich wirklich nicht zu ängstigen, Frau Amtsrätin,« entgegnete
Tante Sophie mit ihrem heitersten Lächeln. »Der Küchenzettel war, wie ihn die
Jahreszeit gibt, und ein Schelm gibt mehr, als er hat. Und das Roastbeef war
gut, wie es immer auf unsern Tisch drunten kommt. Draussen im Prinzenhof
verlangen sie das ganze Jahr durch kein so feines, teures Stück, wie mir der
Hofmetzger sagt.«
    »So! - Hm!« räusperte sich die Frau Amtsrätin und vergrub ihr Gesicht einen
Augenblick förmlich in den Rosen. »Ach, dieser köstliche Duft!« lispelte sie.
»Sieh mal, Herbert - diese weisse Teerose ist eine Neuheit aus Luxemburg, wie
mir Fräulein von Taubeneck sagte. Der Herzog hat sie ganz extra für den
Prinzenhof kommen lassen.«
    Der Herr Landrat nahm die Rose. Er besah ihren Bau, prüfte den Duft und gab
sie seiner Mutter zurück, ohne eine Miene zu verziehen.
    Wer sah diesem Mann an, dass er einst eine solche weisse Rose mit einer Wut
und Glut, als sei er plötzlich wahnwitzig geworden, geraubt und verteidigt und
um keinen Preis wieder herausgegeben hatte? - Margarete hatte diesen
rätselhaften Vorgang nie vergessen können, und jetzt war er ihr freilich kein
Rätsel mehr - der damalige Primaner hatte das schöne Mädchen im Packhause
offenbar geliebt; es war eine erste schwärmerische »Schülerliebe« gewesen, die
er von seinem jetzigen Standpunkt aus natürlicherweise mitleidig belächelte. Die
Zeit der Lyrik war längst vorüber, und die strenge Prosa des trockenen,
berechnenden Verstandes war an ihre Stelle getreten.
    Da war der Papa, der sich eben mit seinem Schmerz in das Nebenzimmer
geflüchtet, doch ein Anderer! Er konnte nicht vergessen. - Das Herz wallte ihr
über von Mitleid und warmer, kindlicher Liebe - kaum wissend, dass sie es tat,
öffnete sie geräuschlos die Türe, die er hinter sich geschlossen, und schlüpfte
in das Zimmer.
    Der Kommerzienrat stand unbeweglich in der dunkelnden Fensternische, in die
nur ein schwacher Schein der Hängelampe fiel, und schien auf den Markt
hinauszusehen. Der dicke Teppich machte die leichten Mädchentritte unhörbar, und
so stand sie plötzlich hinter dem in sich versunkenen Manne und legte ihm sanft
schmeichelnd die Hände auf die Schultern.
    Er fuhr herum, als sei die Berührung ein Faustschlag gewesen, und starrte
mit verstörten, wie wahnwitzig blickenden Augen der Tochter in das Gesicht.
»Kind,« stöhnte er, »du hast eine Art, die Hand aufzulegen -«
    »Wie meine arme Mama?«
    Er presste die Lippen aufeinander und wandte sich ab.
    Aber sie schmiegte sich fester an ihn. »Lasse deine Grete da, Papa! Schicke
sie nicht fort!« bat sie weich und innig. »Der Gram ist ein schlimmer Kamerad,
und mit dem lasse ich dich nicht allein... Papa, ich werde zwanzig Jahre alt -
gelt, schon ein recht altes Mädchen? - und habe mich ganz gehörig draussen in der
Welt umhergetummelt. Ich habe viel gehört und gesehen, für alles Schöne und
Grosse die Augen redlich aufgetan und mir manche Lehre brav hinters Ohr
geschrieben, wie Tante Sophie sagt... Und die Welt ist so wunderschön -«
    »Kind, lebe ich denn nicht auch in der Welt?« - Er deutete nach dem
anstossenden Salon.
    »Ob aber auch unter Menschen, die dir wirklich und wahrhaftig aus deiner
Seelenfinsternis emporhelfen könnten?«
    Er lachte hart auf. »Das freilich nicht! Die wohl zu allerletzt! Aber man
kann sich auch mit verschlossener Seele hie und da zerstreuen. Freilich, der
Katzenjammer kommt nachher mit doppeltem Elend und stürzt die arme Seele um so
tiefer in ihren grausamen Zwiespalt zurück.«
    »Nun, so würde ich mich dem nicht aussetzen, Papa!« sagte sie und sah mit
ernstem Blick zu ihm auf.
    Ein spöttischer Zug ging durch sein dunkles Gesicht, während er ihr mit der
Hand über das Haar strich. »Meine kleine Weise, du sprichst, wie du's verstehst
- wenn das so leicht wäre! ... Du bist durch Katakomben und Pyramiden gekrochen
und hast in Troja und Olympia an der Hand des Onkels dem Leben und Sein der
alten Welt nachgespürt, aber vom modernen Leben weisst du blutwenig. Mit dem
eigenen Selbstgefühl wird jetzt keiner fertig, der etwas gelten will, dazu
gehört auch etwas Sonnenschein, der aus den höchsten Kreisen kommt.« Er zuckte
die Achseln.
    »Das ist mir freilich unverständlich,« sagte sie, und das Blut stieg ihr in
das Gesicht. »Aber ich weiss doch mehr vom modernen Leben, als du denkst, Papa.
Der Onkel in Berlin duldet nichts Zweifelhaftes, im Dunkeln Kriechendes in
seinem Hause; da kommen nur helle Köpfe zusammen, und es wird frisch und frei
vom Herzen weg gesprochen. Sieh, und da sagte kürzlich einer: Ach ja, sie nennen
es den Klassenhass schüren, wenn wir uns unserer Haut wehren und gegen die
drohende Niederdrückung kämpfen! Meine Seele ist rein von Hass - mögen jene doch
steigen, so hoch sie wollen, ich sehe neidlos zu, sie müssen sich nur nicht
dabei auf unsere Leiber stellen wollen. Aber das ist's eben, mit ihrem Steigen
wachsen ihnen Kraft und Lust, uns niederzutreten. Allein selbst darum hasse ich
nicht; ich trage der Vergangenheit Rechnung. Die Abneigung, dem Bürgertum
Vorschub zu leisten, oder vielmehr das Streben, es nicht stark werden zu lassen,
liegt ihnen traditionsgemäss im Blute. Dagegen fühle ich Grimm, unbezwinglichen
Grimm gegen die feilen Fahnenflüchtigen aus unseren Reihen, die liebedienerisch
und um des persönlichen Vorteils willen das eigene Fleisch und Blut bekämpfen
und um so fanatischer wüten, als sie sich sagen müssen, dass sie der
Ehrlichgebliebene verachtet. So sagte Doktor -«
    »Auch nur einer, dem die Trauben zu sauer sind,« fiel der Kommerzienrat mit
lächelndem Hohn ein; »eine Motte, die sich die Flügel nicht verbrennen konnte,
einfach, weil sie dem Licht noch nicht nahe kommen durfte! Der schwenkt auch
noch einmal, meine liebe Grete! Wir sind eben Kinder unserer Zeit und keine
Spartaner... Und wenn es zehnmal nicht mit rechten Dingen zugegangen ist, und
wenn die Speichelleckerei in gröbster, abstossendster Weise zu Tage liegt, die
Welt bewundert trotz alledem das dekorierte Knopfloch und nennt den Liebediener
ehrfurchtsvoll bei dem neuen Titel, den er sich erschlichen hat... Zu jenen
Servilen gehöre ich nun allerdings nicht - ich will nichts haben, und zu
schwenken brauchte ich auch nie, denn ich habe niemals den Beruf in mir gefühlt,
mich wie ein Gladiator dem Herkömmlichen entgegenzustellen und mit
volksbeglückenden Tiraden mich lächerrlich zu machen. Das ist Verstandessache;
die unbezwingliche Scheu aber, das unwillkürliche Beugen vor dem, was man in
jenen hohen Regionen sagt und urteilt, liegt mir im Blute. Es ist stärker als
ich - ich kann nicht dafür, ich kann nicht darüber hinaus, mit dem besten
Willen, mit aller Kraft nicht!«
    Er liess das junge Mädchen plötzlich allein stehen in dem Fensterbogen und
schritt in fast wildem Tempo auf und ab. »Ja, wer plötzlich alles -
Charakteranlage und Erziehungsresultate - abschütteln und wie auf einsamer
Insel, ungesehen, sich so zeigen dürfte, wie es ihm in tiefster Seele aussieht,
wie er fühlt und leidet, ja der!« - er brach mit einer leidenschaftlichen
Gebärde ab.
    Die Energie und Bestimmteit dieses Mädchens hatte ihn offenbar für einen
Moment vergessen lassen, dass es seine junge Tochter war, vor deren Ohr sein
Schmerz laut wurde.
    »Geh jetzt hinunter, mein Kind!« sagte er sich bezwingend. »Du wirst müde
und hungrig sein - ich fürchte, es hat dir noch niemand etwas angeboten. Nun,
von dem Abhub der Tafel sollst du auch nichts essen. Tante Sophie wird dir schon
drunten einen gemütlichen Teetisch herrichten, und bei ihr bist du ja auch am
liebsten! Hast auch recht, Gretel - das ist Gold, lauteres Gold, und ich lasse
mich nicht irre machen, so oft man auch versucht, es zu verdächtigen... Was für
eine heisse Hand du hast, Kind! Und wie dir dein sonst so blasses Gesichtchen
glüht! Ja, siehst du, kleine, tapfere Bürgerin, die Politik -«
    »Die Politik? Ach Papa, ich bin ja nur ein Mädchen, ein kleines, dummes -
was geht mich die Politik an? Ich erzähle ja nur nach!« Sie lächelte schelmisch.
»Du wirst doch um Gottes willen nicht denken, dass die Grete den Männern ins
Handwerk pfuschen will? Gott soll mich behüten! Aber ich meine,« fuhr sie ernst
fort, »hier handle es sich ja nur um allgemein Menschliches, um Recht und
Unrecht, um moralische Kraft und Feigheit, um wahren Stolz und Niedertracht...
Und wäre deine Schilderung wirklich die Signatur unserer Zeit und bliebe
massgebend für immer, ei, da möchte man doch lieber gleich eine Mumie von Memphis
oder Teben sein und vor Jahrtausenden gelebt haben! Aber das ist nicht wahr!«
Sie schüttelte energisch den Kopf. »Wir leben trotz alledem in einer grossen
Zeit, wenn wir auch inmitten einer gewaltigen Brandung ringen müssen, sagt Onkel
Teobald immer. Das Gute und Echte wird schon obenauf kommen, und die
widerlichen Blasen, die der Kampf jetzt auf die Oberfläche treibt, werden nicht
ewig glitzern und die Schwachen blenden... Und du solltest nicht zeigen, wie du
fühlst? Aus Menschenfurcht dich verschliessen? Du, ein unabhängiger Mann,
solltest nicht nach deiner Façon ruhig und zufrieden werden dürfen? Was helfen
dir Gnaden- und Gunstbeweise von aussen, wenn du innerlich darbst und entbehrst
-«
    Er zog sie plötzlich unter die Hängelampe, bog ihren Kopf zurück und sah ihr
mit düsterdrohendem Blick tief in die Augen, die offen und furchtlos zu ihm
aufblickten. »Ist das Hellseherei, oder schleicht man mir nach? ... Nein, meine
Gretel ist ehrlich und wahrhaftig geblieben! Da gibt's kein Falsch!« Und er
schlang seinen Arm wieder um ihre Gestalt. »Mein braves Mädchen! Ich glaube, du
wärst die einzige Tapfere in der Familie, die zu mir hielte, wenn mich die Welt
in Bann und Acht erklärte -«
    »Natürlich, Papa, dann erst recht!«
    »Würdest mir helfen, eine unselige Schwäche zu überwinden?«
    »Ganz selbstverständlich, mit aller meiner Kraft, Papa! Probiere es nur mit
mir! Ich habe Courage für zwei. Hier meine Hand zu Schutz und Trutz!« Ein
schönes Lächeln, halb schalkhaft, halb ernst, flog um ihre Lippen.
    Er küsste sie auf die Stirn, und wenige Augenblicke nachher trat sie wieder
in den Salon.
    Tante Sophie war nicht mehr da. Sie war mit ihrem Silberkorb
hinuntergegangen und machte jedenfalls schleunigst den Teetisch zurecht. Der
Bediente löschte eben den Kronleuchter aus und Reinhold nahm das Konfekt, Stück
um Stück, von den Kristallschalen und legte es, pünktlich sortiert »zum
Wegschliessen« in verschiedene Glasbehälter. Die Frau Amtsrätin aber sass
behaglich zwischen Plüschpolstern hinter einem Sofatisch - weil es oben durch
fortgesetztes Lüften schauerlich kühl, hier unten aber noch so köstlich warm und
mollig sei, wie sie sagte - und legte ihre allabendliche Patience... Grossmama
und Bruder hatten somit nicht viel Zeit für die Heimgekehrte, und das
»Gutenacht« beider klang recht zerstreut und obenhin.
    Das junge Mädchen vermisste nichts, gar nichts! - Sie war froh, so leichten
Kaufs für heute davon zu kommen - hier oben war sie fertig... Nur als sie
draussen durch den dämmerigen Flursaal schritt, da stand einer im Fenster und sah
anscheinend in den Hof hinunter - der Herr Landrat! - An ihn hatte sie auch
nicht mehr gedacht; Kopf und Herz waren ihr übervoll von der rätselhaften Art
und Weise, wie sie ihren Vater eben gesehen. Für ihr klares, entschiedenes
Denken und Fühlen war ein solch düster geheimnisvoller Seelenzwiespalt etwas
ganz Verwunderliches, solch eine Männerseele in ihrem Widerstreit mochte wohl
schwer zu verstehen sein... Ob den dort, den kühlgewordenen, in Amt und Würden
stehenden Mann, nun doch auch vielleicht für einen Moment die Erinnerung packte
und ihn hinübersehen liess nach dem Gange, wo einst das Goldhaar der schönen
Blanka durch die grünen Blätter und Ranken geleuchtet?
    »Gute Nacht, Margarete!« sagte er in diesem Augenblick in einem anderen
Tone, als die beiden Beschäftigten im Salon.
    »Gute Nacht, Onkel!«
 
                                       10
Die »Hofstube« hatte von jeher etwas Verlockendes für Margarete gehabt. Sie lag
im Erdgeschoss des spukhaften Flügels und stiess dicht an die ehemalige
Schlafstube der Kinder. Ein gleicher halbdunkler Gang, wie der unheimliche
droben, lief hinter den Zimmern weg und trennte, auch um die Ecke laufend, die
Küche von der Wohnstube. - Die beiden Etagen standen in keiner Verbindung - es
war »zum Glück« keine Treppe da; man brauchte deshalb keine Angst zu haben, dass
es der weissen Frau oder dem Spinnwebenrock auch einmal einfallen könnte,
herunter zu huschen, wie Bärbe immer sagte. - Die Zimmerreihe der unteren Etage
wurde in ihrer Mitte durch eine Türe unterbrochen, die nach dem Hofe ging, eine
mächtige, schwere Türe mit massivem Klopfer, und zu beiden Seiten flankiert von
Steinfiguren im Hochrelief. Breite Stufen führten von ihr nieder auf den
Kiesweg, der den Rasen durchschnitt und direkt nach dem Brunnen lief.
    In der Hofstube standen lauter Möbel aus der Rokokozeit, die Tante Sophie
gehörten. Sie waren spiegelblank poliert, die Metallbeschläge blitzten, und
altes ererbtes, vielfach gekittetes Meissener Porzellan stand auf den
geschweiften Platten der Kommoden und auf dem Schreibtisch mit seinem hohen
Aufsatz voll zahlloser kleiner Schiebekasten. Die Stube war sozusagen Tante
Sophiens Schmuckkästchen, ihre »gute« Stube, urgemütlich und peinlich sauber,
wie es nur immer bei einer lustigen, lebensfrohen alten Jungfer sein kann. Nun
waren auch noch alle die umherstehenden, feingemalten Schalen und Vasen, selbst
die Potpourris mit mächtigen Blumensträussen aus dem kleinen Garten vor dem Tore
gefüllt - die bunten Rabatten mussten der Heimkehrenden zu Ehren völlig abrasiert
worden sein - und auf den weissen Dielen, die nie ein Firnisanstrich
»verunreinigt«, lag ein neuer, warmer Teppich, den Tante Sophie aus eigenen
Mitteln beschafft hatte...
    Und da war ihr der endlich heimgekehrte Liebling gleich beim Eintreten, als
der Lampenschein sich über alle die geliebten, wohlbekannten Familienreliquien
der alten Jungfer ergossen, um den Hals gefallen und hatte sie fast erdrückt...
Das Bett hatte auch richtig auf dem alten Platze gestanden, und Tante Sophie
hatte noch lange daneben gesessen und erzählt - lauter Liebes und Lustiges,
nicht ein Misston durfte in das neue Zusammensein fallen. Und jede der Pausen,
welche die heitere, humordurchdrängte Stimme gemacht, hatte das alte, eintönige
Brunnenlied der strömenden, plätschernden Wasser vom Hofe her ausgefüllt;
dazwischen hinein war auch ein paarmal das scharfe Kreischen der
Packhaustorflügel gefahren, und dann hatte die ehemalige wilde Hummel, die nun
weit, weit die Welt durchflogen und Kopf und Herz beutebeladen heimgebracht, mit
einem so süss und lieblich schlafenden Kindergesicht in den Kissen gelegen, als
habe sie sich nur bis nach Dambach und wieder heim müde gelaufen...
    Ja, das geliebte Dambach! Nun ging das Hin- und Herwandern wieder an. Der
Grosspapa war ja nicht beim Diner gewesen - er hatte sich, »wie immer, aus guten
Gründen um den auserlesenen Kreis herumgedrückt«, wie die Frau Amtsrätin sehr
pikiert bemerkte. - Da hiess es am anderen Morgen sich flink auf die Füsse machen
und durch die tautriefenden Stoppelfelder hinauswandern, obgleich der Papa
versicherte, dass der alte Herr nachmittags hereinkommen und mit ihm auf die
Hühnerjagd gehen wolle.
    Und das Wiedersehen draussen war noch viel schöner gewesen, als sich das
junge Mädchen in Berlin ausgemalt hatte. Ja, sie war sein Liebling geblieben!
Der prächtige Greis, knorrig von Gestalt und rauh von Wesen, er war ganz mild
und weich geworden; er hätte sie am liebsten wie ein Püppchen auf seinen breiten
Handteller gesetzt, um sie den herzulaufenden Fabrikleuten zu zeigen. - Sie war
über Mittag geblieben, und die Frau Faktorin hatte ihre allerschönsten
Eierkuchen backen müssen; aber auf ihren noch berühmteren Kaffee wurde nicht
gewartet - pünktlich auf die Minute warf der passionierte alte Jäger Flinte und
Büchsenranzen über, dann ging es auf der Chaussee im scharfen Marsch vorwärts.
    Drüben zur Seite lag der Prinzenhof. Luft und Beleuchtung waren so klar und
scharf, dass man die Blumengruppen auf dem Rasenparterre bunt herüberleuchten
sah. Allerdings hübsch genug war das Schlösschen geworden! Früher hatte es wie
ein verschlafenes Dornröschen zu Füssen des Berges gelegen - halb unter dem
schützenden Bettimmel des bergaufkletternden Waldes, den heute schon die gelben
und roten Flammen des Herbstes betupften - ohne Glanz und Farben und wenig
beachtet. Jetzt hatte es sich gereckt und gestreckt und die Augen aufgeschlagen;
zwischen den dunklen Nussbäumen glitzerte und flimmerte es, als sei eine Handvoll
Diamanten dort verstreut worden - die alten vermorschten und nie geöffneten
Jalousieen waren verschwunden, und neue, ungebrochene Spiegelscheiben füllten
die mächtigen steinernen Fensterrahmen.
    »Ja gelt, Gretel, wir sind vornehm geworden hier draussen?« fragte der
Grosspapa. Er zeigte mit ausgestrecktem Arm hinüber. Wie ein Recke schritt er
dahin, der Siebziger! Unter seinen Tritten krachte das Chausseegeröll, und sein
mächtiger weisser Schnauzbart leuchtete wie Silber in dem braunen, kühnen
Gesicht, das die breite, einst auf der Mensur geholte Schmarre quer über der
Wange von der einen Seite fast furchtgebietend machte. »Ja, vornehm und
fremdländisch!« bekräftigte er weiterstapfend; »wenngleich die Frau Mama eine
urdeutsche Pommersche ist, und die Tochter auch von väterlicher Seite her nichts
von John Bull, oder den Parlezvous français in den Adern hat - macht nichts! -
es wird doch auf englische Art gekocht und gegessen und französisch parliert
nach Noten... Ja, die alten Nussbäume werden wohl gucken und sich in ihr Herz
hinein schämen, dass sie in ihren alten Tagen wie dumme Bauernjungen dastehen und
in ihrer Jugend nicht lieber Platanen oder sonst was Vornehmes geworden sind.«
    Margarete lachte.
    »Ja, da lachst du, und dein Grossvater lacht auch! - Ich lache über den
Staub, den zwei Weiberröcke da herum« - er beschrieb mit ausgestrecktem Arm
einen weiten Bogen über die Gegend hin - »aufwirbeln - die reine Affenkomödie,
sag ich dir! ... Warst du schon im Prinzenhof? heisst's da, und bist du schon
vorgestellt? dort! Und der eine grüsst kaum, wenn man nicht, wie er, beim grossen
Diner gewesen ist, und ein anderer stiert einem ganz perplex, wie einem
notorisch Verrückten, ins Gesicht, wenn man sagt, dass man sich bedankt hat und
lieber in seinen vier Pfählen geblieben ist... Ja, guck, Gretel, der Mensch
lernt nicht aus! Hab da gemeint, ich lebe mitten unter lauter Hauptkerlen vom
türingischen Schlag, von echtem Schrot und Korn, und da quetschen sich jetzt
die alten Knasterbärte in den Frack, schütten sich Eau de lavande, oder anderes
Riechzeug« - er unterdrückte nur halb ein energisches Pfui Teufel! - »auf ihre
Schnupftücher und schlucken zimperlich eine Tasse Tee mit Butterbemmchen da
drüben - sie mögen schön dran würgen, die ausgepichten Burgunderschläuche die!«
    Margarete sah ihn von der Seite an; von der betonten Lachlust vermochte sie
keine Spur zu finden; wohl aber sprühte ihm der helle, ehrliche Manneszorn unter
den weissbuschigen, gerunzelten Brauen hervor. Sie hing sich schleunigst an
seinen Arm, hob den rechten Fuss und versuchte in seine weiten, militärisch
strammen Schritte einzulenken.
    Er schmunzelte und schielte seitwärts auf sie herunter. Die winzige Spitze
ihres eleganten Stiefelchens sah gar zu lächerrlich aus neben dem ungeheuren
Jagdstiefel. »Was für ein armes Spazierstöckchen! Und das will sich auch noch
mausig machen!« höhnte er. »Geh, gib's auf, Gretel! Da lebt die Junge dort« - er
zeigte nach dem Prinzenhofe zurück - »auf einem andern Fusse; Sapperlot, da muss
man Respekt haben! Freilich, ihr beide könntet in der Wiege umgetauscht sein -
solch ein polizeiwidrig kleines Pedal kommt dir nicht zu, und bei einer
Blaublütigen ist ein grosser Fuss allemal nur ein unbegreifliches, boshaftes
Naturspiel! ... Aber schön ist sie sonst, die junge Gnädige - alles, was wahr
ist! Weiss und rot wie Milch und Blut, blond - du braunes Maikäferchen musst dich
daneben verkriechen -, gross,« - er hob die Hand fast bis zu seiner Kopfeshöhe -
»schwer und feist, echt pommersche Rasse, und gesetzt und pomadig! Solch ein
Windspiel, wie eben eines neben mir hertrippelt, kommt da nicht auf.«
    »Ach, Grosspapa, das Windspiel freut sich seines Lebens, so wie es ist -
darüber lasse du dir ja kein graues Haar wachsen!« lachte das junge Mädchen.
»Uebrigens haben die armen Spazierstöckchen schon ganz Respektables geleistet,
und es fragt sich noch sehr, ob dein grosser Siebenmeilenstiefel da mit mir
Leichtfuss auf den Schweizerbergen konkurrieren könnte. Frage nur den Onkel
Teobald in Berlin!«
    Damit lenkte sie glücklich auf ein anderes Tema über. Der alte Mann war
tief ergrimmt und gereizt; er übergoss die zukünftige Schwiegertochter mit der
ganzen scharfen Lauge seines Spottes. Seine Beziehungen zu der Grossmama mochten
deshalb augenblicklich noch weit weniger friedfertig sein als gewöhnlich. Und er
hatte sicher wieder einmal recht, sein scharfer Blick trog selten; aber die
Enkelin konnte und durfte doch nicht Oel ins Feuer giessen, und so erzählte sie
in anschaulicher Weise von dem Hospiz auf dem Sankt Bernhard, wo sie mit Onkel
und Tante während eines furchtbaren Schneesturmes übernachtet, von allerhand
Erlebnissen in Italien und so weiter; und der alte Herr hörte ganz hingenommen
zu, bis der Packhaustorflügel hinter ihnen zufiel, und das abgefallene
Lindenlaub im Hofe unter ihren Füssen knisternd umherstob.
    Sie betraten eben die Flur des Vorderhauses, als ein winzig kleiner Hund,
ein Affenpinscher, durch einen schmalen Spalt des Haustores vom Markt
hereinschlüpfte. Er kläffte die Eintretenden mit hoher scharfer Stimme an.
    Margarete kannte das kleine Tier. Vor Jahren war Herr Lenz einmal von einer
Reise zurückgekommen und hatte es mitgebracht. Und es hatte ausgesehen, als sei
es das Schosshündchen einer Prinzessin gewesen. Blauseidene Bandschleifen hatten
aus seinem zottigen Fell geleuchtet, und an kalten Tagen war es in einer
schöngestickten Purpurschabracke auf dem Gange herumgelaufen. Trotz aller
Lockungen war es aber nie in den Hof zu den Kindern herabgekommen, die
Malersleute hüteten es wie ein Kind.
    Nun kam es da hereingelaufen, und gleich darauf wurde der Torflügel weiter
aufgestossen, und ein Knabe sprang ihm nach. Fast in demselben Moment klirrte
aber auch das in die Hausflur mündende Fenster des Kontors, und Reinholds Kopf
fuhr heraus.
    »Du infamer Bengel, habe ich dir nicht verboten, hier durchzugehen?« schrie
er den Knaben an. »Ist etwa der Torweg im Packhause nicht breit genug für dich?
... Das ist das Herrschaftshaus, und da hast du absolut nichts zu suchen, so
wenig wie deine Leute! Habe ich dir das nicht schon gesagt? Verstehst du denn
nicht deutsch, einfältiger Junge?«
    »Was kann ich denn dafür, wenn Philine mir ausreisst und hier hereinläuft?
Ich wollte sie fangen, aber es ging nicht gut, weil ich den Korb am Arme habe!«
entschuldigte sich der Kleine mit einem etwas fremdartigen Accent. »Und deutsch
kann ich sehr gut; ich verstehe alles, was Sie sagen,« setzte er gekränkt, aber
auch trotzig hinzu. Er war ein bildschönes Kind; ein wahrer kleiner Apollokopf,
umringelt von kurzgeschnittenen braunen Locken und strahlend in Frische und
Gesundheit, sass fest und hochgetragen auf dem kräftigen Nacken. Aber all diese
Lieblichkeit schien nicht vorhanden für den bleichsüchtigen jungen Menschen mit
dem tödlich kalten Blick und der keifenden Stimme, der am Kontorfenster stand.
    Und nun liess sich die entwischte Philine auch noch einfallen, die nach der
Wohnstube führenden Stufen hinaufzuspringen, als sei sie da zu Hause.
    Reinhold stampfte mit dem Fusse auf, während der Knabe ängstlich der
kläffenden Missetäterin um einige Schritte nachlief.
    »Nun mache dich nur schleunigst aus dem Staube, Junge,« scholl es erbittert
aus dem Fenster, »oder ich komme hinaus und schlage dich und deinen Köter
windelweich!«
    »Na, na, das wollen wir erst 'mal sehen, Verehrtester! Da sind auch noch
andere Leute da, die das zu verhindern wissen!« sagte der alte Amtsrat und stand
mit zwei Schritten vor dem Fenster.
    Reinhold duckte sich unwillkürlich vor der plötzlichen gewaltigen
Erscheinung des Grossvaters.
    »Bist mir ja ein schöner Kerl!« höhnte der alte Herr - Aerger und Sarkasmus
stritten in seiner Stimme. »Keifst wie ein Waschweib und machst dich mausig in
deines Vaters Hause, als hättest du den Hauptsitz in der Schreibstube. Geh, lass
dir erst die Federn wachsen und den Schnabel putzen! ... Warum soll denn das
Bürschchen da nicht durchgehen, he? Meinst vielleicht, er tritt euch von dem
kostbaren Steinpflaster da 'was herunter?«
    »Ich - ich kann das Kläffen nicht vertragen, es greift mir die Nerven an -«
    »Hör' mir auf mit deinen Nerven, Junge! Mir wird ganz übel bei dem Gewinsel!
Schämst du dich denn nicht, zu tun, als hätten sie dich im Altweiberspittel
erzogen? Meine Nerven!« ahmte er ihm zornig nach. »I, da soll doch -« er
verschluckte den Rest des Donnerwetters, zerrte an seinem Flintenriemen und
drückte sich den Hut mit der Spielhahnfeder fester in die Stirn.
    Inzwischen war auch Margarete nähergetreten. »Aber Reinhold,« sagte sie
vorwurfsvoll, »was hat dir denn der Kleine getan?«
    »Der? Mir?« unterbrach er sie höhnisch - die Courage war ihm zurückgekehrt.
»Na, wirklich, das hätte noch gefehlt, dass uns die Leute aus dem Hinterhause
auch noch direkt zu Leibe gingen! ... Sei du nur erst ein paar Wochen hier,
Grete, da wird es dir gerade so gehen wie mir, da wirst du dich umgucken,
Jungfer Weisheit! Wenn wir die Augen nicht offen halten, da wird bald kein
Fleckchen mehr im Hause sein, wo der Bursche dort« - er zeigte nach dem Knaben,
der eben seinen Handkorb auf den Boden setzte, um den widerspenstigen Hund
besser greifen zu können - »nicht Fuss fasst! ... Der Papa ist ganz unbegreiflich
indolent und nachsichtig geworden. Er leidet's, dass der Junge in unserem Hofe
herumtollt und sich mit seinen Schreibeheften unter den Linden breitmacht - auf
unserem Lieblingsplatz, Grete, wo wir, seine eigenen Kinder, unsere
Schularbeiten gemacht haben! Und vor ein paar Tagen habe ich mit eigenen Augen
gesehen, wie er ihm im Vorübergehen ein neues Buch auf den Tisch gelegt hat -«
    »Neidhammel!« brummte der Amtsrat unwillig.
    »Denke, was du willst, Grosspapa!« platzte der sichtlich Erbitterte heraus.
»Aber ich bin sparsam wie alle früheren Vertreter unserer Firma, und über
hinausgeworfenes Geld kann ich mich wütend ärgern. Man schenkt nicht auch noch
Leuten, die einem ohnehin auf der Tasche liegen. Jetzt, wo mir die Bücher
vorliegen, jetzt weiss ich, dass der alte Lenz nie auch nur einen Pfennig Mietzins
für das Packhaus gezahlt hat. dabei ist er ein so langsamer Arbeiter, dass er
kaum das Salz verdient. Er müsste notwendig per Stück bezahlt werden; aber da
gibt ihm der Papa jahraus jahrein seine dreihundert Taler, ganz einerlei, ob er
auch nur einen Teller einliefert oder nicht, und das Geschäft hat den bittersten
Schaden... Ich sollte nur einen einzigen Tag die Macht haben, da sollte aber
Ordnung werden, da würde aufgeräumt mit dem alten Schlendrian -«
    »Na, dann ist's ja ein wahres Glück, dass solche Grünschnäbel kuschen müssen,
bis -«
    »Ja, bis der Hauptsitz in der Schreibstube leer geworden ist,« ergänzte der
Kommerzienrat, der plötzlich dazwischen trat. Wahrscheinlicherweise hatte er
Schwiegervater und Tochter über den Hof her kommen sehen und sich schleunigst
fertig gemacht, um den pünktlichen alten Herrn drunten nicht warten zu lassen.
Er war im Jagdanzug und mochte wohl im Herabkommen den grössten Teil des
Wortwechsels am Kontorfenster mit angehört haben - es lag etwas Ungestümes in
seinem plötzlichen Hervortreten, und Margarete sah, wie ihm beim Sprechen die
Unterlippe nervös bebte. Er streifte übrigens das Fenster mit keinem Blick; er
zuckte nur die Achseln und sagte ganz obenhin, in fast jovialem Tone: »Leider
hat diesen Hauptsitz der Papa noch inne, und da wird sich das sehr weise
Söhnlein das Aufräumen für vielleicht noch recht lange Zeit vergehen lassen
müssen.«
    Damit reichte er begrüssend seinem Schwiegervater die Hand hin.
    Das Fenster wurde geräuschlos zugedrückt, und gleich darauf hing der dunkle
Wollvorhang so bewegungslos dahinter, als sei auch nicht der Schatten eines
Menschen daran hingestrichen. Der junge Heisssporn mochte sich in Nummer Sicher
hinter seinen Schreibtisch zurückgezogen haben.
    Unterdessen war es dem Knaben gelungen, die eigenwillige Philine
einzufangen; Tante Sophie, die eben mit einem Porzellankörbchen voll Gebäck aus
der Wohnstube kam, hatte ihm geholfen, indem sie sich breit über den Weg
gestellt. Nun klapperten seine kleinen Absätze die Stufen herab; auf einem Arme
hatte er den Hund, und an den anderen hängte er wieder seinen Korb - sein
Gesichtchen sah ganz alteriert aus.
    »Hast du geweint, mein Kleiner?« fragte der Kommerzienrat und bog sich zu
ihm nieder. Margarete meinte, sie habe noch nie diese Stimme so weich und innig
gehört, wie bei der teilnehmenden Frage, die dem sonst so kalt seinen Weg
gehenden, vornehm zurückhaltenden Mann gleichsam entschlüpfte.
    »Ich? - was denken Sie denn?« entgegnete der Kleine ganz beleidigt. »Ein
richtiger Junge heult doch nicht!«
    »Bravo! Recht so, mein Junge!« lachte der Amtsrat überrascht auf. »Du bist
ja ein Prachtkerl!«
    Der Kommerzienrat ergriff den Hund, der alle Anstrengungen machte, sich zu
befreien, und stellte ihn auf die Beine. »Er wird dir schon nachlaufen, wenn du
über den Hof gehst,« sagte er beruhigend zu dem Kinde. »Aber an deiner Stelle
würde ich mich doch schämen, mit dem Korbe über die Strasse zu gehen« - er sah
finster auf das Anhängsel an dem kleinen Arme, als ärgere er sich, die ideale
Gestalt dadurch entstellt zu sehen -; »für einen Gymnasiasten passt das nicht -
deine Kameraden werden dich auslachen.«
    »O - das sollen sie nur probieren!« Er wurde ganz rot im Gesicht und hob den
schönen Kopf keck und energisch wie ein Kampfhähnchen. »Ich werde doch für meine
Grossmama Semmeln holen dürfen? Unsere Aufwartfrau ist krank und die Grossmama hat
einen schlimmen Fuss, und wenn ich nicht gehe, da hat sie nichts zu ihrem Kaffee,
und da frage ich nicht viel nach den dummen Jungen.«
    »Das ist hübsch von dir, Max,« sagte Tante Sophie. Sie nahm eine Handvoll
Mandelgebäck aus ihrem Körbchen und reichte es ihm hin.
    Er sah freundlich zu ihr auf, aber er griff nicht zu. »Ich danke, ich danke
sehr, Fräulein!« sagte er und fuhr sich, selbst verlegen über seine Abweisung,
mit der Hand in die Locken. »Aber wissen Sie, Süsses esse ich niemals - das ist
nur für Mädchen!«
    Der Amtsrat brach in ein lautes Gelächter aus; sein ganzes Gesicht strahlte,
und plötzlich hob er das Kind samt seinem Korb hoch vom Boden auf und küsste es
herzhaft auf die blühende Wange. »Ja, der ist freilich aus einem anderen Holze!
Sackerlot, das wär' einer nach meinem Sinn!« rief er, indem er den Knaben wieder
aus seinen gewaltigen, kraftvollen Händen entliess. »Wie kommt denn das kleine
Weltwunder in die Rumpelkammer, in das alte Packhaus?«
    »'s ist ein kleiner Franzose,« sagte Tante Sophie. »Gelt, in Paris bist du
eigentlich zu Hause?« fragte sie den Kleinen.
    »Ja. Aber die Mama ist gestorben und -«
    »Sieh doch - deine Philine ist schon wieder echappiert!« rief der
Kommerzienrat. »Lauf ihr nach! Sie ist imstande und rennt bis hinauf zu der
alten Dame, die oben wohnt!«
    Der Kleine sprang die Stufen hinauf.
    »Ja, seine Eltern sollen beide gestorben sein,« sagte Tante Sophie halblaut
zu dem alten Herrn.
    »Das ist ja aber gar nicht wahr!« protestierte der Knabe von der Treppe
herab. »Mein Papa ist nicht tot, nur weit fort, sagte die Mama immer - ich
glaube, weit über dem Meer drüben.«
    »Und sehnst du dich denn nicht nach ihm?« fragte Margarete.
    »Ich habe ihn ja noch niemals gesehen, den Papa,« antwortete er halb
trocken, halb im Ton naiver Verwunderung darüber, dass er sich nach etwas sehnen
sollte, wovon er keine Vorstellung hatte.
    »Das ist ja eine närrische Geschichte? Den Teufel auch! - Hm!« brummte der
Amtsrat fast betreten und schlenkerte die Finger der rechten Hand, als habe er
sich an etwas verbrannt. »Da ist er ja wohl gar von einer Lenzschen Tochter?«
    »Kann ich nicht sagen - soviel ich weiss, ist nur eine da,« versetzte Tante
Sophie. »Wie hat denn deine Mutter geheissen, Jüngelchen?«
    »Mama und Apolline hat sie geheissen,« antwortete der Knabe kurz. Er war des
Ausfragens sichtlich müde und strebte an den Umstehenden vorüberzukommen.
Philine hatte sich endlich bequemt, den richtigen Ausgang zu suchen und war
bellend in den Hof hinausgelaufen.
    »Nun springe aber, Kleiner!« sagte der Kommerzienrat, der währenddem
schweigend, aber mit einer Ungeduld zwischen Hausund Hoftür hin und her
gegangen war, als brenne ihm der Boden unter den Sohlen, und er fürchte, etwas
von seinem Jagdvergnügen einzubüssen. »Pass auf, deine Semmeln kommen zu spät -
der Kaffee wird längst getrunken sein!«
    »Ach, der ist ja noch gar nicht gekocht!« lachte der Kleine. »Ich muss doch
erst Späne vom Boden herunterholen und kleinmachen.«
    »Mir scheint, sie machen dich zum Aschenbuttel da drüben,« sagte der
Kommerzienrat, indem seine dunklen Augen aufblitzend das Packhaus suchten.
    »Meinst du, das schade dem Bürschchen?« fragte sein Schwiegervater. »Ich
habe auch als neunjährige kleine Krabbe Holz für die Küche kleingemacht und bin
in Feld und Stall zur Hand gewesen, wie ein Hirtenjunge - bleibt das etwa an dem
Manne kleben? ... Was hat denn solch ein armer kleiner Schlucker für eine
Zukunft? - Da ist etwas faul und nicht in der Ordnung, so viel merk' ich; und ob
man je über das Meer wieder kommen und seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit
tun wird, das fragt sich - mit dem Wortalten in solchen Dingen ist heutzutage
nicht viel los. Na, und der Alte dort,« - er zeigte nach dem Packhause - »der
wird gerade auch nicht schwer an seinem Geldkasten zu schleppen haben; da
heisst's einmal für den Mosje da, sich durchschlagen und alle Kraft aufwenden,
dass im grossen Weltgetriebe der Kopf oben bleibt -«
    »Ich will ihn später ins Kontor nehmen,« fiel der Kommerzienrat mit
seltsamer Hast ein; er legte dabei seine Hand wie unwillkürlich schützend auf
den braunen Lockenkopf, als gehe ihm der Gedanke, dass dieses prächtige Kind im
Kampf ums Dasein untergehen könne, ans Herz.
    »Na, das ist ein Wort, Balduin, das freut mich! - Dann zieh' dir aber auch
den da drin« - er neigte den Kopf nach dem Kontorfenster, hinter welchem sich
eben wieder die Vorhangsfalten verräterisch bewegten - »erst besser, sonst
gibt's Mord und Totschlag.«
    Er klopfte seiner Enkelin zärtlich die Wange und reichte Tante Sophie
abschiednehmend die Hand. »Auf Wiedersehen, Base Sophie!« - er nannte sie stets
so - »ich werde diese Nacht wieder einmal in meiner Stadtkoje logieren - möchte
gern einen Abend mit Herbert und der Gretel zusammen sein. Bitte, es droben bei
der Gestrengen alleruntertänigst zu vermelden!« setzte er mit einer ironisch
feierlichen Verbeugung hinzu und trat hinaus auf den Marktplatz.
    Der Kommerzienrat blieb noch einen Moment wie angefesselt stehen. Er sah,
zurückgewendet, wie seine Tochter dem fortstürmenden Knaben bis weit in den Hof
hinein nachflog, ihm mit beiden Händen in das reiche Lockenhaar fuhr, und den
lachenden kleinen Bengel küsste. Das war ein liebliches Bild, anziehend genug, um
wohl einen jeden das Fortgehen vergessen zu machen...
    »Na, da hat sie ihn ja schon beim Schlafittchen!« sagte Bärbe, die am
Küchenfenster hantierte und schräg hinaus die Gruppe im Hofe auch sehen konnte,
schmunzelnd zu der Hausmagd. »Dachte mir's doch gleich, dass unser braves Gretel
mit dem Reinhold und der im oberen Stocke nicht in ein Horn blasen würde. Der
kleine Schlingel mit seinem schönen Krauskopfe tut's ja einem jeden an, der ein
Herz und keinen Stein in der Brust hat... Da läuft er hin und will sich
ausschütten vor Lachen über den Spass, dass ihn das schöne Mädchen bei den Haaren
erwischt hat! 's ist doch 'was Schönes um die liebe Jugend! Das musst du doch
selbst sagen, Jette - 's ist gleich ein ganz anderes Leben, wenn so ein junges
Blut unter uns alte Husaren kommt! Das frischt auf!«
    Und sie tat ein paar kräftige Züge aus dem geliebten Kaffeetopfe und
wischte sich den Schweiss von der Stirn. Es war heiss in der Küche. Die mächtige
Brat-und Backmaschine glühte und liebliche Kuchendüfte schwebten in die
sonnendurchfunkelte Herbstluft hinaus - es wurde gebacken, als solle eine ganze
Compagnie heisshungriger Soldaten vom Manöver einrücken; war aber alles nur der
einzigen heimgekehrten Tochter des Hauses zu Ehren...
 
                                       11
»Aber wahr ist's, Gretel - bist doch noch genau derselbige Kindskopf, wie
dazumal, wo du mir auf Tritt und Schritt nachgelaufen bist, beide Hände an
meinen Rockfalten, ganz einerlei, ob's auf den Boden oder in den Keller ging!«
sagte Tante Sophie halb lachend, halb ärgerlich in einer der späteren
Nachmittagstunden des anderen Tages. Sie stand im roten Salon der Bel-Etage, und
der Hausknecht reichte ihr die Bilder von den Wänden herab. Alle nach dem
Flursaal mündenden Türen der Zimmerreihe standen offen; das Tageslicht fiel
durch lauter vorhangentblösste Fenster, und aufgescheuchte Staubwölkchen flirrten
und tanzten lustig in den Flursaal hinaus. Neue Tapeten, neue Gardinen,
Portieren und Teppiche sollten für die voraussichtlich glänzende,
gesellschaftlich belebte Wintersaison in die Zimmer kommen - das gab auf Wochen
hinaus einen fürchterlichen Rumor.
    »Hier oben ist's nichts für dich, Gretel, Trotzkopf!« wiederholte die Tante
nachdrücklicher und winkte abwehrend dem jungen Mädchen, das lachend nun erst
recht auf der Schwelle Posto fasste. »Es zieht und stäubt - ganz unverschämt
stäubt's, sag ich dir! Möchte nur wissen, wo er immer wieder herkommt, der
verflixte graue Puder! Da rennt man das ganze Jahr durch mit Wischtuch und
Staubwedel hier oben herum, als wenn's extra bezahlt würde - und nun solche
Wolken! Die Alten da oben« - sie zeigte auf verschiedene noch hängende Oelbilder
längst vermoderter Geschlechter - »müssen sie geradezu aus ihren Perücken und
Haarbeuteln schütteln... Und dein Pudelkopf wird davon gerade auch nicht schöner
werden, Gretel!«
    »Schadet nichts, Tante! Ich bleibe da, und ehe du dich versiehst, hast du
auch meine beiden Hände wieder an deinen Rockfalten. Es ist eine gar verwirrte
Zeit, in der wir leben, der moderne Turmbau zu Babel - nur umgekehrt - wir bauen
nach unten, in die stockdunkle Nacht hinein. Man weiss kaum noch, was recht, was
schlecht, was krumm oder gerade, erlaubt oder verpönt ist, einen solchen
Mischmasch der Begriffe haben die famosen Baubeflissenen nach unten
zustandegebracht. Und da muss ein junges Ding wie ich froh sein, wenn es sich an
einen richtigen Steuermann festklammern kann - und der bist du, Tante!«
    »Geh weg! Ich dächte doch, gerade du hättest dein Köpfchen für dich und
liessest dir nicht so leicht ein X für ein U vormachen... Da, hilf mir - wenn du
denn durchaus nicht fortzubringen bist - nimm sie am anderen Ende, ich kann sie
nicht allein schleppen, die schöne Dore!«
    Und Margarete ergriff das eben von der Wand gehobene Bild und half es über
den Flursaal hinweg in den spukhaften Gang tragen, dessen Türe heute weit
zurückgeschlagen war. Dort lehnte schon eine ganze Reihe abgenommener Bilder an
den Wänden; da standen sie geschützt; kein vorübergehender Fuss berührte sie, und
nicht ein zudringlicher Sonnenstrahl schädigte ihre Farben.
    Sie war in der Tat schwer, die Frau mit den Karfunkelsteinen. Sie stand in
einem geschnitzten, reichvergoldeten, wenn auch nahezu erblindeten Rahmen, der
eine von breitem Band umwundene Rosen- und Myrtenguirlande bildete. Die Frau
hielt ja auch ein paar Myrtenzweiglein lässig zwischen den schlanken Fingern -
so war sie jedenfalls als Braut gemalt. Das Bild war ein Kniestück, das junge
Weib in smaragdfarbener, mit Silberblumen durchwirkter Brokatrobe darstellend -
aber was für ein Weib war das!
    Margarete hatte oft in kindlicher Neugier zu dem Bilde aufgeblickt; aber was
hatte sie damals von der Beseelung einer Gestalt, von der Darstellungskraft des
Pinsels verstanden? - Es war ihr immer nur aufgefallen, dass die hohe Frisur, die
bei all den anderen Lamprechtschen Hausfrauen und Töchtern schneeweisser Puder
bestäubte, ihre tiefe Schwärze behauptet hatte. Jetzt kniete das junge Mädchen
auf den Dielen vor dem Bilde und sagte sich angesichts dieser erstaunlichen
Haarfülle, aus deren nachtdunklem Geschlinge die täuschend gemalten fünf
Rubinensterne förmlich glitzerten, und von welchem einzelne gelöste Ringel
schlangenhaft weich auch über die zarte Brustwölbung hinabsanken, dass diese Frau
sich kühn und energisch gegen die herrschende Mode und die Verunglimpfung ihres
stolzesten Schmuckes verwahrt habe. Jetzt war es auch begreiflich, dass ihr der
Volksmund das Wandern nach dem Tode angedichtet. Ihre Zeitgenossen, welche das
Feuer aus diesen mächtigen dunklen Augen in Wirklichkeit hatten sprühen sehen,
und vor welchen die zarte, bis in die graziös gebogenen Fingerspitzen hinein
beseelte Erscheinung leibhaftig gewandelt und geatmet, sie hatten an ein
wirkliches Sterben und Erlöschen solchen Zaubers nicht glauben können.
    Es war doch etwas Wunderbares um so ein urdeutsches, altes Haus mit seinen
Traditionen, die sich an das altfränkische Gerät knüpften und jeden Winkel
belebten! Nur feierlicher, aber geheimnisvoller gewiss nicht war ihr beim
Beschreiten der marmorbelegten Korridore alter venezianischer Paläste zumute
gewesen, als jetzt im Vaterhause, wo die Gangdielen unter ihren Tritten seufzten
und die Gestalten der alten Leinenhändler die Wand entlang mit gespenstigem
Leben aus dem Halbdunkel auftauchten, in ihrer Reihe immer nur von einer der
stummen, geschlossenen Türen unterbrochen, hinter denen so manches Geheimnis
schlafen mochte.
    Wohl hatte der Papa einst das hier seit vielen Jahren herrschende Schweigen
gestört und sich in den verrufenen Zimmern einquartiert, um das abergläubische
Gesinde von seiner Gespensterfurcht zu kurieren, war auch bei seiner
jedesmaligen Heimkehr, die zu jener Zeit stets nur für wenige Wochen seine Reise
unterbrach, mit Vorliebe in diesem seinem »Tuskulum« verblieben. Aber schon nach
zwei Jahren hatte sich das geändert; der Ausblick in den stillen Hof mochte ihm
doch auf die Dauer nicht behagt haben. Nach einer fast halbjährigen Abwesenheit
hatte er eines Tages von der Schweiz aus angeordnet, dass das ehemalige Boudoir
seiner verstorbenen Frau wieder für ihn hergerichtet werde. Margarete erinnerte
sich noch, dass damals zu ihrer Betrübnis die rosenfarbene Polstereinrichtung,
die Aquarellen und Rosenholzmöbel in ein anderes Zimmer geschafft und durch ein
dunkles Meublement ersetzt worden waren. Und als er nach Hause gekommen, da
hatte er das grosse Oelbild seiner verstorbenen Frau, das einzige, welches seinen
Platz an der Wand behauptet, sofort in den anstossenden Salon hängen lassen - der
Anblick des Bildes, ebenso wie die ganze Einrichtung scheine ihm neuerdings die
alte Wunde aufzureissen, hatte die Grossmama gemeint und deshalb das Arrangement
vollkommen gebilligt. Die Zimmer im Seitenflügel aber waren unter seiner
speziellen Aufsicht wieder in den früheren Stand versetzt worden - auch nicht
der geringste Gegenstand der modernen Einrichtung war darin verblieben - dann
hatte er lüften und scheuern lassen, hatte eigenhändig die Vorhänge zugezogen
und den Schlüssel, wie früher auch, an sich genommen.
    Margarete bückte sich und sah durch das weite Schlüsselloch in das Zimmer
mit dem herrlichen Deckengemälde. Wie Kirchenluft wehte es sie an, und die
abgeblassten, transparenten Klatschblumenbouketts der Seidengardinen hauchten
drinnen über Dielen und Wände einen schwachrötlichen Schein. - Arme, schöne
Dore! In ihrem kurzen Leben angebetet, auf den Händen getragen, hatte sie ihr
ertrotztes Glück mit einem frühen Tode gebüsst; und nun sollten der Psyche auch
noch bis in alle Ewigkeit die Flügel geknebelt sein, auf dass sie immer wieder
angstvoll gegen die zwei engen Wände des düsteren Ganges aufflattern müsse!
    Wie durch fernes Nebelgewoge dämmerte in dem jungen Mädchen die Erinnerung
an die Weissverschleierte auf. Die mächtigen Reiseeindrücke, die sie draussen in
der Welt empfangen, das hochgesteigerte geistige Leben im Hause des berühmten
Onkels hatten diese Episode ihrer Kinderzeit ziemlich in ihrem Gedächtnis
verwischt, so zwar, dass sie schliesslich selbst oft gemeint, der ganze seltsame
Vorfall sei doch wohl auf den Ausbruch ihrer damaligen schweren Nervenkrankheit
zurückzuführen. In diesem Augenblick jedoch, wo sie wieder vor derselben Türe
stand, aus welcher »das Huschende« damals gekommen war, und schräg gegenüber den
riesigen Kleiderschrank stehen sah, hinter welchen sie sich versteckt, da gewann
der Vorgang wieder schärfere Umrisse, und es war ihr plötzlich, als müsse sie
auch jetzt, wie in jenem Moment, das Geklapper der forteilenden kleinen Absätze
wieder hören.
    An dem Schranke steckte der Schlüssel, dem ein mächtiges Schlüsselbund
anhing. Margarete öffnete die nur angelehnte Türe weiter und sah, dass Tante
Sophie verschiedenes Gerät auf das obere Regal gestellt hatte, um es während der
Zimmerrenovierung in Sicherheit zu wissen. An den Haken aber hingen die
kostbaren Brokatschleppen der Urgrossmütter noch in Reih und Glied, wie sie es
vor Jahren oft gesehen. Wie auf einem Tulpen- und Hyazintenbeet flammten da
alle starken Farben, und dazwischen funkelte Gold- und Silbergewebe und schweres
Borden- und Tressenwerk - ein bedeutendes, totes Kapital, das die Pietät und der
Stolz des alten Handelshauses unberührt im Schranke zerbröckeln liessen. Tief in
der dunkelsten Ecke schimmerte auch ein Streifen der smaragdfarbenen Schleppe,
in welcher sich die schöne Frau Dore hatte malen lassen. Margarete zog das
köstliche Fundstück ans Tageslicht. Ja, Tante Sophie hatte recht, wenn sie
behauptete, in alten Zeiten habe man für sein Geld solider gekauft. Das echte
Silber der eingewebten Blumen schimmerte, das Grün war vollkommen frisch und
unverblichen, und nur in den Falten zeigte sich der dicke, starrende Seidenstoff
etwas brüchig.
    Es war ein enges, schmales Mieder, an welches das junge Herz der Frau Dore
einst geklopft hatte. Margarete meinte, es müsse auch ihr selbst passen - und da
hatte plötzlich »der Kindskopf der lustigen Gretel« die Oberhand. Ganz nahe an
der Wand lehnte auch ein hoher Pfeilerspiegel; er stand den Bildern gegenüber.
Es schreckte die junge Uebermütige nicht, dass es just die hohe, stolze Gestalt
des Urgrossvaters Justus war, die der Spiegel zurückwarf. Sie löste das lange
Kragenband vom Halse und band sich die Lockenfülle hoch über der Stirn zum
Toupet. Die sternförmige Brosche, und die dazu gehörigen Ohrringe und
Manschettenknöpfe von böhmischen Granaten mussten die Rubinensterne vertreten,
und für einen ersten flüchtigen Blick täuschten sie auch hinlänglich.
    Es war doch wunderlich, dass die Natur noch einmal an Grösse und schmächtigem
Wuchs genau dieselbe Gestalt geschaffen hatte, wie sie vor fast einem
Jahrhundert durch das Lamprechtsche Haus gewandelt war. Das Mieder schmiegte
sich glatt und faltenlos an den Leib des jungen Mädchens, und das silberstoffene
Tablier des Rockes berührte gerade ihre Fussspitzen.
    Sie erschrak vor sich selber, als sie die letzte Spange des Brustlatzes
festgenestelt hatte und noch einmal vor den Spiegel trat. Sie sah auch ein wenig
scheu zur Seite, wo neben ihrer Schulter die Augen des Justus Lamprecht aus dem
Düster des Ganges glühten und seine beringte Hand so plastisch dort auf dem
grossen Folianten lag, als werde sie sich im nächsten Augenblick von der Leinwand
lösen und nach der Vermessenen herübergreifen... Nun, die frevelhafte Maskerade
sollte rasch ein Ende haben; in wenigen Minuten hing das Kleid unversehrt wieder
im Schranke, freilich nicht, ohne dass Tante Sophie die moderne Ahnfrau gesehen
hatte.
    Mit unwillkürlich verlangsamten Schritten und Bewegungen trat sie aus dem
Gange. Die Schleppe rauschte mit einem förmlichen Getöse über die rauhen Dielen
- in diesem panzerartig klirrenden Staatsgewande wäre der schönen Dore das
lautlose Huschen freilich nicht möglich gewesen.
    Der Hausknecht kam eben aus dem grossen Salon und schritt durch den Flursaal
nach dem Ausgang. Bei dem herankommenden Geräusch wandte er arglos den Kopf
zurück und schoss gleich darauf entsetzt mit einem grotesken Sprunge zur Türe
hinaus, die er rasselnd hinter sich zuschlug.
    Margarete lachte über den Effekt und trat über die Schwelle des grossen
Salons; aber sie wich betreten zurück, denn die Tante war nicht allein, Onkel
Herbert stand neben ihr am Fenster.
    Gestern nachmittag um dieselbe Zeit nun wäre es ihr sehr gleichgültig
gewesen, ob der Onkel dort gestanden oder nicht. Er hatte ja nie zu denen daheim
gehört, an die sie besonders gern oder gar mit Heimweh gedacht, und auch das
erste Wiederbegegnen bei ihrer Heimkehr hatte ihr keinerlei Interesse für ihn
geweckt. Seit gestern abend jedoch, wo sie einige Stunden droben bei den
Grosseltern mit ihm zusammen gewesen war, hatte sie ihm gegenüber das seltsame
Gefühl eines moralischen Unbehagens. Nicht, dass sie sich durch die
entusiastische Verehrung der Grossmama für den wohlgeratenen Herrn Sohn, oder
den unverkennbaren Respekt, welchen ihr Vater dem jungen Schwager
entgegenbrachte, hätte beeinflussen lassen - sie wusste ja, dass jene beiden
leider nur dem Glück huldigten, welches sich an seine Fersen zu hängen schien,
und einen Auserwählten in ihm sahen, weil Hochgestellte mit ihm wie mit
ihresgleichen verkehrten - das bestach sie nicht; nur der Grosspapa, der sonst so
gerade, unbestechliche Charakter hatte sie stutzig gemacht. Es war doch kaum zu
glauben, dass er völlig blind sei gegen die Art und Weise, wie sein Sohn Karriere
machte, dass er nicht wisse, welche Mächte ihn mühelos über Staffeln hinweghoben,
die andere erst nach jahrelanger Aufbietung aller eigenen Kraft zu erringen
vermochten. Und doch hatten dem alten Manne gestern inniges Wohlgefallen und
väterlicher Stolz frank und frei aus den Augen gestrahlt. Er hatte wiederholt
gegen das moderne Strebertum geeifert, das nie nach der Lauterkeit der Mittel
frage, um emporzukommen; Fuchsschwanz und Katzenbuckel und die Tartüffes seien
wieder einmal an der Tagesordnung, und der rechtschaffene deutsche Sinn müsse
sich vor den »Nachbarsleuten« schämen, die es mit ansähen, wie diese
schleichenden und buckeligen Figuren auf dem grossen Schachbrett Fuss zu fassen
suchten.
    Fühlte er in verblendeter Vaterliebe den Pfahl im eigenen Fleische nicht,
oder verstand es der Herr Landrat, ihm Sand in die Augen zu streuen? Der hatte
so gemütsruhig dabei gesessen, als sei dieses Anatema ganz in der Ordnung.
Nicht ein einziges Mal war ihm das Rot der Verlegenheit oder der Beschämung in
das Gesicht getreten; er hatte seine Zigarre geraucht und die feinen blauen
Duftringel nachdenklich mit den Augen verfolgt; wenn er aber gesprochen, dann
hatte es stets »Hand und Fuss gehabt«, wie Tante Sophie sich auszudrücken
pflegte.
    Uebrigens mochte doch der wahre Kern dieses Charakters sein wie er wollte,
das focht sie nicht weiter an; es verdross sie nur, dass er sich im Urteil über
die beiden Kinder seiner verstorbenen Schwester so gleich geblieben war - der
exemplarisch fleissige Reinhold von ehedem schien für ihn nichts von seinen
Tugenden eingebüsst zu haben, während er offenbar der »wilden Hummel« auch heute
noch nichts Gutes zutraute. Und hatte er nicht recht? Reinhold ging in seinem
Berufe auf; er war der kühle Verstand selbst - und in ihrem Kopfe spukten heute
noch tolle Fastnachtsscherze, wie Figura zeigte... Die Glut des Aergers im
Gesicht, versuchte sie, sich ungesehen zurückzuziehen. Die beiden dort wendeten
ihr den Rücken zu; sie schienen auf dem Fenstersims liegende Gegenstände zu
betrachten, und das Rasseln der draussen zugeschlagenen Türe mochte für ihr Ohr
das Rauschen der Schleppe übertönt haben. Nun aber war es wieder so still, dass
die erste Rückwärtsbewegung des jungen Mädchens die am Fenster Stehenden
aufmerksam machte. Tante Sophie wandte sich um und schien einen Moment
sprachlos; dann aber schlug sie die Hände zusammen und lachte laut auf.
    »Beinahe wär' dir's geglückt, Gretel! Ach ja, gelt, ein Hauptspass wär's
gewesen, wenn sich die alte Tante auch einmal gegrault hätte? Na, damit war's
nichts; aber es hat mir doch einen Stich durch und durch gegeben.« Sie drückte
unwillkürlich die Rechte auf die Brust. »Lasse dich nur um Gotteswillen vor
Bärbe nicht sehen! ... Nein, wie du doch der armen Dore ähnlich bist in der
Tracht, und hast doch kein Tröpfchen Blut von ihr in den Adern! Hast ja auch
sonst ein ganz anderes Gesicht mit deinem schmalen Näschen und den Grübchen in
den Backen -«
    »Gewisse Züge um Mund und Augen und die Haltung des Kopfes machen die
Aehnlichkeit,« fiel der Landrat ein. »Die schöne Dorotea hat es in ihrer
Oppositionslust kühnlich mit den Vorurteilen der Welt aufgenommen, wie ihr
ungepudertes Toupet und ihre Heirat beweisen. Sie muss Eigenwillen und Übermut
in hohem Grade besessen haben, und diese Charaktereigenschaften geben einen
besonderen Stempel.«
    Margarete hob gleichmütig die Augen nach dem gegenüberhängenden Spiegel, der
ihre ganze Gestalt zurückwarf. »Ja, wahr ist's, es liegt viel kindischer
Übermut in der dummen Maskerade! Aber Spass macht sie mir doch, köstlichen Spass!
- Und wenn alle Welt die Nase darüber rümpft, es war doch wonnig, in das
Staatskleid unserer weissen Frau zu schlüpfen... Und wahr ist's auch, dass ich
gern mit den Vorurteilen der Welt anbinde - ein Staatsverbrechen, das natürlich
gesetzten Leuten die Haare zu Berge treiben muss. Und darum hast du ganz recht,
Onkel Herbert, mir den Text zu lesen, wenn auch nur in der verblümten Form der
Satire...« Sie zupfte die schönen Niederländer Spitzen an Brustlatz und Aermeln
so ruhig und sorgsam zurecht, als sei sie vorhin nicht einen Augenblick ausser
Fassung gewesen, und trat tiefer in das Zimmer herein. »Ich fürchte nur, du
kommst auch jetzt nicht weiter mit mir, als damals, wo meine Schreibehefte und
das Hersagen der französischen Vokabeln dir die Nerven irritierten,« fuhr sie
achselzuckend fort. »Ich schreibe nämlich heute noch wie mit dem Zaunpfahl, und
vor Pariser Ohren lasse ich mein bisschen Türingisch-Französisch aus guten
Gründen nie laut werden.«
    »Geh, übertreib's nicht! So schlimm wird's nicht sein!« sagte Tante Sophie
lachend. »Da komm einmal her und sieh dir den Schaden an!« - Sie nahm die
Scherben einer antiken Vase vom Fenstersims und legte sie auf den grossen Tisch
inmitten des Zimmers. »Ich behüte die Sachen hier oben mit Augen und Händen und
hab' auch bis jetzt noch kein Unglück gehabt mit dem zerbrechlichen Zeug; und
nun macht mir der dumme Mensch, der Friedrich, den Streich und wirft die Vase da
vom Spiegeltisch... Und ich konnte nicht einmal zanken; dem armen Tapps
klapperten die Zähne aneinander vor Schreck, und es war fast zum Lachen, wie er
seine paar Groschen aus der Tasche holte, um den Schaden zu bezahlen. Ich weiss
nicht mehr, wieviel Dukaten die paar Tonscherben da gekostet haben sollen - ein
unsinniges Geld war's, das ist gewiss. Vetter Gottelf, dein Grossvater, Gretel,
hat diese Vase aus Italien mitgebracht.«
    Margarete war an den Tisch getreten. »Imitation, und noch dazu schlechte!«
sagte sie bestimmt nach kurzer Prüfung. »Der Grosspapa hat sich betrügen lassen.
- Wirf die Scherben getrost in den Schutt, Tante! Bärbes geliebter Kaffeetopf
ist von ähnlicher Abkunft.«
    »Das klingt ja so entschieden, als spräche Onkel Teobald selbst,« sagte der
Landrat vom Fenster her. »Nun begreife ich, dass er seine Mitarbeiterin bereits
schmerzlich vermisst -«
    »Mitarbeiterin?!« Sie lachte amüsiert auf. »Seinen dienstbaren Geist, einen
Erdgnomen, willst du sagen! So eine Art Wichtelmännchen, das geräuschlos den
Ofen in der Bibliotek besorgt, was kein Dienstbote kann; das dann und wann eine
Tasse starken Kaffes kocht und unbemerkt hinschiebt, wenn der grosse Forscher
angestrengt arbeitet, und ab und zu eidechsenhaft still die Treppenleiter der
Bibliotek hinauf- und hinabgleitet, um ihm mit der pünktlichen Bücherzufuhr die
Quellenstudien zu erleichtern - solch ein Wichtelmännchen, ja, das bin ich! ...
Und wenn hier und da etwas an mir hängen bleibt von dem Geist und dem Wissen,
das man dort gleichsam mit der Luft atmet, so ist das kein Wunder. Systematisch
geordnet und wirklich brauchbar aber ist das kunterbunte Chaos hier nicht« - sie
tippte mit dem Finger gegen die Stirn. »Wer verlangt das aber auch von einem
Mädchenkopf, gelt, Onkel?«
    Lächelnd warf sie das Vasenbruchstück auf den Tisch. »Woher aber weisst du,
dass Onkel Teobald meine kleinen Dienste vermisst?« fragte sie plötzlich lebhaft
aufblickend.
    »Das kannst du erfahren. Meine Mutter hat vorhin einen Brief von Tante Elise
erhalten. Du fehlst nicht allein in Onkels Studierstube, auch im Salon der
Tante, wo sich die Freunde des Hauses versammeln, wird deine schleunige Rückkehr
ersehnt... Herr von Billingen-Wackewitz ist wohl das enfant gâté in diesem
Salon?«
    »Aus welchem Grunde glaubst du das?« - Ein helles jähes Rot stieg ihr in die
Wangen, während sie die Brauen leicht zusammenzog.
    Er wandte den durchdringenden Blick nicht von ihrem Gesicht. »Das will ich
dir sagen. Ich möchte wetten, dass der lange, eingehende Bericht der Tante keine
fünf Zeilen aufzuweisen hat, in welchem der schöne Mecklenburger nicht
figuriert.«
    »Er ist Tante Elisens Protegé und einer der wenigen Adeligen, die das Haus
des Onkels, des alten Freiheitsschwärmers besuchen,« sagte sie, sich von ihm
wegwendend, erklärend zu Tante Sophie.
    Der Landrat lehnte sich mit dem Rücken an Sims und Fensterkreuz. »Also eine
politische Inklination, Margarete?« warf er spöttisch hin. »Tante Elise schreibt
anders darüber.«
    Ihre Augen funkelten in tiefverletztem Mädchenstolz; aber sie bezwang sich.
»Das sieht aus wie der Anfang eines Familienklatsches, und dazu sollte Tante
Elise, die geistreiche Frau, ihre Feder hergeben?« sprach sie mit ungläubigem
Achselzucken.
    Er lachte leise, aber hart auf. »Die Erfahrung lehrt, dass im Punkt des
Ehestiftens die Frauen insgesamt - gleichviel ob geistreich oder beschränkt -
ein und dieselbe kleine Schwäche haben.«
    »O, ich bitte mir's aus - ich nicht!« protestierte die Tante energisch. »An
solchen heiklen Dingen hab' ich mir nie die Finger verbrannt.«
    »Rühmen Sie sich nicht zu früh, Fräulein Sophie - Sie könnten gerade jetzt
stark in Versuchung kommen!« warnte er sarkastisch. »Herr von Billingen soll ein
schöner Mann sein -«
    »Ja, er ist gross von Gestalt und hat ein Gesicht weiss und rot wie eine
Apfelblüte,« warf Margarete ein.
    Er sah nicht auf von seinen Fingernägeln, die er angelegentlich zu
betrachten schien.
    »Vor allem trägt er einen Namen, der hochangesehen und sehr alt ist,« fuhr
er unbeirrt fort.
    »Jawohl, uralt!« bestätigte Margarete abermals. »Die Heraldiker streiten bis
auf den heutigen Tag, ob das seltsame Gebild in einem der Wappenfelder das
Feuersteinbeil eines Höhlenbewohners, oder ein Webstuhlfragment aus der späteren
Pfahlbauzeit sein soll.«
    »Potztausend, was für ein Stammbaum! Davor müssen sich ja unsere dicksten
Eichen verkriechen,« meinte Tante Sophie mit schelmischem Augenblinzeln. »Was,
so hoch willst du hinaus, Gretel?«
    Die Augen des jungen Mädchens sprühten förmlich in Mutwillen. »Mein Gott,
warum sollte ich denn nicht?« fragte sie zurück. »Ist das Hochhinauswollen nicht
ein Zug unserer Zeit? Und ich, ein Mädchen! ein Mädchen, das acht Lot Gehirn
weniger hat, als die Herren der Schöpfung, wie sollte ich mir darüber ein
eigenes Urteil bilden und meinen eigenen Weg gehen wollen! Nein, so vermessen
bin ich nicht! Ich laufe brav mit auf der Heerstrasse der Tagesmode und sehe
nicht ein, weshalb es mir nicht auch Spass machen soll, mehr zu werden und den
Staub meiner Abkunft von den Füssen zu schütteln.«
    »Na, das sollten unsere alten Herren da oben hören!« drohte die Tante und
zeigte auf einige noch nicht abgenommene Oelbilder der aus ihrer Allongeperücke
stolz und ernstaft von der Wand herabschauenden Kaufherren.
    Margarete zuckte lächelnd die Achseln. »Wer weiss, wie sie heutzutage mit
ihrem strengen Bürgersinn fertig würden! Wir sind Kinder unserer Zeit und keine
Spartaner! hörte ich kürzlich sagen; und so könnte es immerhin sein, dass die
alten, mit Bienenfleiss in Kontor und Lagerräumen schaffenden Lamprechts es
machten wie so viele jetzt, und sich glücklich schätzten, ihren Honig als
Mitgift der Töchter in den leeren Stock irgend eines alten, hochangesehenen
Geschlechts giessen zu dürfen... Das soll der Bürgerstolz heutigestags sein - so
sagen die Leute.«
    »So sagen die Leute,« wiederholte der Landrat kopfnickend.
»Selbstverständlich hast du diesen Ausspruch scharfer Zungen auch wieder nur von
anderen -«
    »Natürlicherweise,« bestätigte sie lachend. »Ich mache es genau wie andere
junge Mädchen auch - ich plappere nach, Onkel... Ich höre zu, wenn andere über
die heutigen Zustände diskutieren, und manches interessiert mich wirklich. So
zum Beispiel die Kletterstange voll wünschenswerter Dinge, die jetzt in der Welt
aufgerichtet sein soll -«
    »Und welcher die Streber in hellen Haufen zuströmen, nicht wahr, Margarete?«
unterbrach sie Herbert mit kaltem Lächeln.
    Ihr Blick, der dem seinen begegnete, verdunkelte sich. »Jawohl, Onkel!
Solche, denen der ehrliche Heimatboden nicht gut genug, der gerade Weg nicht der
beste ist. Manch braves Menschenkind soll bei dem Ansturm zu Boden getreten
werden. Sonst soll das Klettern leicht sein, sagen die Leute; man müsse immer
nur auf die äusseren Signale achten, um Gotteswillen aber nie auf irgend eine
innere Stimme, wie die des Herzens oder der wahren Ueberzeugung, sonst falle man
herab, wie der angerufene Nachtwandler vom Dach. Auch schöne Damenhände sollen
manchmal helfen -«
    »Pst!« machte Tante Sophie und hob den Zeigefinger in der Richtung des
Treppenhauses. Es mochte ihr wohl gelegen kommen, dass draussen Schritte
heraufpolterten und das Gespräch unterbrachen, welchem die übermütigen
Anspielungen des jungen Mädchens eine peinliche Wendung zu geben drohten. »Lauf
und wirf das Kleid ab, Gretel!« drängte sie. »Dem Schritte nach ist's Reinhold,
der herauskommt, und der kann selten einen Spass vertragen, er wird leicht grob!«
    Margarete flog nach der Türe. Sie vermied es ängstlich, mit dem reizbaren
Bruder in Kollision zu kommen; aber schon war es zu spät; Reinhold kam in
Begleitung der Grossmama den Flursaal entlang.
 
                                       12
Die Eintretenden prallten zurück vor der aus dem Rahmen gestiegenen »schönen
Dore«, die sich wieder bis an den Tisch inmitten des Salons zurückgezogen hatte,
die Stirn gesenkt, als erwarte sie widerspruchslos die Grobheiten, die auf ihr
Haupt niederregnen sollten.
    »Das ist wieder einmal ein verrückter Streich von dir, Grete! Den Tod könnte
man davon haben,« sagte denn auch Herr Lamprecht junior prompt, nachdem er zu
Atem gekommen war.
    »Ja, Holdchen, es war eine grenzenlose Albernheit,« gab sie sanft lächelnd
zu. dabei ging sie von Türe zu Türe, um die offenen Flügel zu schliessen - für
Reinhold war der Zug stets verderblich.
    »Unsinn!« murrte er und folgte jeder ihrer Bewegungen mit geärgertem Blick.
»Das rauscht und rasselt, und das Silber stäubt ab von den morschen Fäden. Der
Papa sollte nur kommen und sehen, wie du das kostbare Inventarstück über die
Dielen schleifst! Da wär's aus und vorbei mit seiner Vorliebe, die ihm geradezu
über Nacht gekommen sein muss - tut er doch gerade, als hättest du in Berlin die
Weisheit mit Löffeln gegessen!«
    »Rege dich nicht auf!« bat sie. »Ich gehe gleich. In wenig Minuten hängt das
Kleid an seinem Platze, und ich werde mich nie wieder daran vergreifen. Geh, sei
gut!« Sie legte bittend ihre zarten Fingerspitzen auf seine Hand, die er auf den
Tisch stützte; aber er schob sie weg. »Ach, lasse doch diese Kindereien, Grete!
Ich hab's von klein auf nicht leiden können, wenn man mir zu nahe kommt - das
weisst du doch!«
    Sie nickte lächelnd mit dem Kopfe, nahm vorsichtig das Kleid auf, um das
Lärmen beim Hinausgehen zu verhindern und ging zur Mitteltüre. Aber an der
Schwelle zögerte sie und wandte sich zurück.
    »Was sind denn da für Dummheiten geschehen?« hatte sie Reinhold sagen hören;
und nun sah sie, wie er die Vasenscherben durcheinander warf.
    »Ja, siehst du, Reinhold, das ist nun so ein kleines Malheur, wie es einem
bei einer gründlichen Räumerei leicht passiert,« sagte Tante Sophie
achselzuckend. Sie vermied es geflissentlich, den eigentlichen Missetäter, den
»armen Tapps«, zu nennen.
    »Was, ein kleines Malheur?« wiederholte der junge Mensch ganz empört. »Aber,
Tante, du scheinst auch nicht die blasse Ahnung von dem Geldwert zu haben, der
dir hier oben anvertraut ist! Bare zehn Dukaten hat diese Vase gekostet; ich
will es dir aus dem Inventarbuch beweisen - bare zehn Dukaten! ... Ja, weiss
Gott, es ist geradezu haarsträubend, wie oft aus Marotte mit dem Gelde gehaust
wird. Der gute Grosspapa ist auch so einer gewesen. Tausende stecken in dem Kram
aus Olims Zeiten, den er zusammengeschleppt hat. Die Antiquitätenhändler wissen
das und klopfen immer wieder an bei uns; aber der Papa wird allemal grob, und
ich würge dann tagelang an dem Aerger über die unverantwortliche Verschwendung!
... Aber es wird auch einmal anders, und dann weiss ich einen, der aufräumt. Da
wird alles versilbert, alles, was nicht absolut nötig ist zum Hausgebrauch.« Er
schüttelte den Kopf und warf die Scherbe in seiner Hand auf den Tisch. »Zehn
Dukaten! Ein Pappenstiel natürlicherweise! Eine Lappalie für alle in unserem
Hause, die nicht rechnen können.«
    »Na, sei nur ruhig; ich hab' das Einmaleins gründlich weg und brauche nicht
auf euren Kontorstühlen zu sitzen, um zu wissen, was das Geld wert ist,«
unterbrach ihn Tante Sophie gleichmütig. »Die zehn Dukaten sind aber schon
dazumal zum Fenster hinausgeworfen gewesen. Auch der Klügste lässt sich einmal
anführen mit nachgemachtem Zeug, wie das hier ist.« Sie zeigte auf die Scherben.
    »Wie - nachgemacht? Wer sagt denn das?«
    »Margarete sagt es,« sprach der Landrat, der langsam an den Tisch getreten
war.
    Reinhold lachte laut auf. »Die Grete? Diese da?« Er zeigte mit dem Finger
nach dem jungen Mädchen.
    »Ja, deine Schwester,« bestätigte Herbert mit festem verweisendem Blick in
das impertinent grinsende Gesicht des Neffen. »Ich möchte dich übrigens bitten,
den Ton, welchen du der Tante und deiner Schwester gegenüber noch so jungenhaft
unmanierlich anschlägst, nunmehr zu ändern. Es ist dir zeitlebens, deiner
reizbaren Nerven wegen, sehr viel nachgesehen worden, allzuviel, wie ich fürchte
- aber nun solltest du doch wissen, dass auch du Anstandspflichten hast.«
    Reinhold hatte den Sprecher anfänglich ganz perplex angestarrt, eine solche
ernste Rüge aus diesem Munde war ihm neu; aber bei all seiner Unverfrorenheit
war er doch ein feiger Bursche, der jedem Stärkeren aus dem Wege ging. Er nagte
an seiner Unterlippe und wagte kein Wort der Erwiderung. Scheu wegsehend, griff
er in die Brusttasche, zog einen Brief heraus und warf ihn so auf den Tisch, dass
das sehr grosse Siegel obenauf zu liegen kam. »Hier, Grete, der Brief ist vorhin
im Kontor für dich abgegeben worden,« sagte er mürrisch. »Nur des Wappens wegen,
das fast so gross ist, wie unser herzogliches, bin ich die zugige Treppe
heraufgeklettert; sonst ist es mir sehr egal, wer dir schreibt.«
    Das junge Mädchen war feuerrot geworden. Der Übermut, der vorhin ihre ganze
Erscheinung beseelt hatte, war kläglich zusammengesunken. Fast hilflos, mit
einem angstvoll scheuen Blick nach dem Briefe, stand sie da wie ein
tieferschrockenes Kind.
    »Das ist das Wappen der Herren von Billingen-Wackewitz, Reinhold,« sagte die
Frau Amtsrätin ganz feierlich, mit hörbarer Ergriffenheit. »Ich könnte dir
manches heilig aufgehobene Billetdoux mit diesem herrlichen Siegel zeigen. Ein
Fräulein von Billingen war früher Oberhofmeisterin bei unseren gnädigsten
Herrschaften. Sie war mir sehr gütig gesinnt und korrespondierte mit mir über
unseren Frauenverein... Mein Gott, wenn ich damals hätte denken sollen -« Sie
brach ab mit einem fast verzückten Aufblick, schlang ihren Arm um die Taille der
Enkelin und zog sie an sich. »Mein liebes, liebes Gretchen, du kleine
Spitzbübin!« rief sie mit tiefer Zärtlichkeit. »Also das ist der Magnet gewesen,
der dich in Berlin festgehalten hat? ... Und ich bin so unverantwortlich
kurzsichtig gewesen und habe dir Vorwürfe gemacht, während du berufen warst, ein
unaussprechliches Glück in unser Haus zu bringen. Solch eine blinde, ungerechte
Grossmama, gelt Herzenskind? Bist du mir böse?«
    Die Enkelin entschlüpfte der Umarmung und trat um einen Schritt weg. Sie
hatte ihre Fassung wiedergewonnen. »Ich habe keinen Grund, böse zu sein - ein
solches Gefühl würde sich auch wenig schicken für die Enkelin,« sagte sie fast
trocken und zupfte ordnend, mit einem Seitenblick nach Reinhold, an den Spitzen
des »kostbaren Inventarstückes«. »Solche Extravaganzen dürfen wir uns nicht
erlauben, solange ich im Staatskleid der schönen Dore stecke - Reinhold wird
zanken.«
    »Ach, wüsste er, was ich weiss,« entgegnete die alte Dame mit schalkhaftem
Augenblinzeln, »dann würde er nur mit mir finden, dass dir die Robe
unvergleichlich steht! Ja, so wie ich dich da vor mir sehe, mit der wirklich
vornehmen Haltung und dem - nun, auch eine Grossmama darf einmal schwach sein in
ihrer grossmütterlichen Eitelkeit - und dem durchgeistigten, pikanten Gesichtchen
- ja, so könntest du dich getrost den illustren Frauengestalten anreihen, die in
einem gewissen Saale von den Wänden blicken.«
    »Auch mit dem wilden Haar und den Jungenmanieren, Grossmama?!«
    Die Frau Amtsrätin wurde ein wenig rot und hob beide Hände empor. »Liebes
Kind - doch nein,« unterbrach sie sich - »ich will heute still sein! Morgen,
oder vielleicht auch erst in einigen Tagen, wirst du mir viel zu sagen haben,
unendlich viel, mein Kind, was mich lebenslang beseligen wird. Ich weiss es. Bis
dahin will ich mich bescheiden!«
    Margarete antwortete nicht. Mit scheuem Finger griff sie nach dem Briefe,
schob ihn in die weite Kleidertasche und ging hinaus, um die Staatsrobe wieder
an Ort und Stelle zu bringen. In diesem Augenblick erinnerte sich auch die Frau
Amtsrätin, dass sie ja eigentlich nur heruntergekommen sei, um sich bei Tante
Sophie ein Tortenrezept auszubitten; der Herr Landrat aber, der ja auch nur hier
eingetreten, weil er draussen im Vorübergehen das Geräusch der stürzenden Vase
gehört, hatte Hut und Stock vom Tische genommen und war mittlerweile in den
Flursaal hinausgegangen.
    Er stand vor dem nächsten Büffett und besah anscheinend sehr interessiert
die alten Humpen und Becher, als Margarete an ihm vorüber nach dem Gange
schritt. »Du wirst mir später einmal viel abzubitten haben, Margarete,« sagte er
halblaut, aber mit Nachdruck über die Schulter hinweg zu ihr.
    »Ich, Onkel?« Sie hemmte ihre Schritte und trat verstohlen lächelnd näher.
»Mein Gott, sofort, auf der Stelle soll es geschehen, wenn du es wünschest!
Töchter und Nichten müssen das, und können es auch getrost, unbeschadet ihrer
Mädchenwürde.«
    Er wandte sich voll nach ihr um; zugleich warf er aber auch auf den
herankommenden Reinhold einen so streng und finster zurückweisenden Blick, dass
der lange Mensch betroffen kehrt machte und mit den beiden alten Damen den
Flursaal verliess.
    »Du scheinst die Jahre, während welcher wir uns nicht gesehen haben, für
meine Person doppelt zu rechnen,« sagte Herbert finster. »Ich komme dir wohl
sehr alt und ehrwürdig vor, Margarete?«
    Sie bog ihr Gesicht ein wenig zur Seite und die übermütigen Augen huschten
musternd über seine Züge. »Nun, weisst du, gar so schlimm ist's nicht - ich sehe
noch kein einziges graues Haar in deinem schönen Barte.«
    »Schlimm genug, wenn du bereits danach suchst!« Er sah einen Moment weg
durch das nächste Fenster. »Es war mir ein wenig verwunderlich, bei deiner
Ankunft so respektvoll von dir begrüsst zu werden; meines Wissens hat mich immer
nur Reinhold Onkel genannt, du nie!«
    »Du hast recht - ich nie, trotz so mancher Strafpredigt! - Dein Onkelgesicht
imponierte mir nicht! Gerade wie Milch und Blut ist's, sagte Bärbe immer.«
    »Ach so - nun sind dir die Farben greisenhaft genug?«
    Sie lachte. »Ach, das spricht ja nicht mehr mit - der Bart macht's! Solch
ein aristokratisch gescheitelter Kinnbart imponiert, Onkel!«
    Er verbeugte sich ironisch.
    »Und dann - als ich dich vorgestern abend neben der schönen Dame sitzen sah,
und du kamst dann heraus in den Flursaal, Zoll für Zoll der erste Beamte der
Stadt, und deine ganze Erscheinung umleuchtet von dem Widerschein fürstlicher
Vornehmheit, da kam mir das Respektgefühl geradezu überwältigend, und ich
schämte mich furchtbar.«
    »Da muss ich ja wohl sehr entzückt sein, dass dir der Onkeltitel nun so flott
von den Lippen kommt?«
    Sie wiegte lächelnd den Kopf. »Nun weisst du, so ganz unbedingt ist das nicht
zu verlangen. Ich sehe recht gut ein, dass es nicht angenehm sein mag, von einem
so alten Mädchen, wie ich bin, Onkel genannt zu werden. Aber ich kann dir nicht
helfen. Wir armen Lamprechtskinder sind ohnehin zu kurz gekommen; wir haben nur
diesen einen Mutterbruder, und wenn auch nur ein Stiefonkel, musst du dir es doch
gefallen lassen, zeitlebens Onkel Herbert zu bleiben.«
    »Nun gut, ich bin's zufrieden, liebe Nichte. - Aber du wirst nun auch
wissen, dass du diesem anerkannten Onkel gegenüber die Pflicht des Gehorsams
übernimmst.«
    Sie stutzte; aber sofort ging auch ein Strahl des Verständnisses durch ihre
Züge. »Ah, du meinst das!« Sie legte die Hand dunkel errötend auf die Tasche, in
welcher das angekommene Schreiben steckte, und in ihren Augen glomm es wie
feindselig auf.
    Er sah nur mit halbem Blick hin und schwieg.
    »Ja, das ist's!« nickte sie mit Bestimmteit. »Du denkst genau wie die
Grossmama. Ihr seid stolz auf die Aussicht, die sich mir bietet, und öffnet dem
Freier Herz und Arme, ohne ihn je gesehen zu haben. Wozu auch? Kennt ihr doch
seinen Namen - mehr braucht es nicht... Nun kennst du aber auch den Querkopf
deiner Nichte, und vielleicht beschleicht dich die geheime Furcht, dass sie den
grenzenlos dummen Streich machen könnte, lieber Grete Lamprecht bleiben zu
wollen; da ist ein Recht mehr gegen den Oppositionsgeist von grossem Wert für die
Familie. Das Haus Marschall ist im Begriff, bis über die Wolken zu steigen, und
da verlangt es das eigene Interesse, dass auch die verwandten Lamprechts höher
gehoben werden.«
    »Es ist erstaunlich, wie scharfsinnig du bist!«
    Sie lachte. »Nein, Onkel, das Kompliment weise ich zurück! Du denkst zu
schmeichelhaft von mir. Der da,« - sie hob den kleinen Finger der Rechten - »der
sagt mir's nicht... Für mich ist die ganze Luft unseres Hauses beseelt und
lebendig; aus allen Gängen und Treppenwinkeln wispert und flüstert es mir zu;
denn ich bin an einem Ostersonntag geboren und habe mich immer sehr gut mit
unseren Hausgeisterchen gestanden. Und wie sie mir früher von den alten Zeiten
zuraunten, von den Silberfäden des Lein, die sich draussen auf Handelswegen
verwandelt und als eitel Gold in die Truhen meiner Urväter zurückgeflossen
seien, so flüstern sie jetzt von einem ganz anderen Glanz, von fürstlicher Huld
und Gnade, von der Gunst schöner, blaublütiger Frauen, und von dem alten
Plebejerblut, das nach jahrhundertelangem Sammelfleiss nunmehr reif sei, in einer
höheren Kaste aufzugehen.«
    »Ei, das sind ja ganz allerliebste Kobolde mit ihren kleinen Bosheiten, die
die Luft vergiften! Man sollte auf sie fahnden -«
    »Mit deinen Gendarmen, Onkel? Das gäb' aber einen Spass für die lustigen
Kameraden! Sie würden erst recht an meinem Ohr niederhocken und weiter erzählen
von dem neuen Teaterstück in Lamprechts Hause, in welchem sogar das dumme Ding,
die Grete, mitspielen soll - ein Freiherrnkrönchen auf das Struwwelhaar gesetzt,
und die Wandlung sei fertig, meinen sie... Aber weisst du, Onkel, ein ganz klein
wenig Stimme habe ich doch auch dabei, meinst du nicht? Das kleine Wörtchen Ja
muss doch auch gesagt werden. Und da nehmt euch nur in acht, dass der Vogel nicht
davonfliegt, ehe er gesungen hat! Mich fangt ihr nicht!«
    »Es käme auf eine Probe an -«
    »Versuch's, Onkel!« Sie sah halb über die Schulter nach ihm zurück, und ihre
Augen sprühten auf, als sei sie sofort bereit, den Wettlauf der Geister
anzutreten.
    »Ich nehme die Herausforderung an, darauf verlasse dich! Aber das merke dir,
habe ich den Vogel einmal, dann ist's um ihn geschehen!«
    »Ach, das arme Ding, da muss es singen, wie du pfeifst!« lachte sie. »Aber
ich fürchte mich nicht - ich bin eine Spottdrossel, Onkel, und könnte dich
leicht auf den verkehrten Weg locken!«
    Sie verbeugte sich graziös, unter heimlichem Lachen, und schritt eiligst
nach dem Gange hinter der Frau Doroteens Sterbezimmer, und während sie mit
flinken Händen die Spangen des Kleides löste, hörte sie, wie der Landrat den
Flursaal verliess. Zugleich wurde aber auch die Stimme ihres die Treppe
heraufkommenden Vaters laut. Die beiden Herren begrüssten sich, wie es schien,
unter der Tür; dann fiel diese zu und der Kommerzienrat ging nach seinem
Zimmer.
    Er war schon in aller Frühe nach Dambach geritten, war über Mittag draussen
verblieben und kam eben heim. Es drängte sie, ihn zu begrüssen, um so mehr, als
er heute Morgen düster schweigend, mit verfinstertem Gesicht zu Pferde gesessen
und für ihr fröhliches »Guten Morgen« vom Fenster aus kaum ein leichtes
Kopfnicken und kein Wort der Erwiderung gehabt hatte. Das war ihr schmerzlich
auf das junge, froh gestimmte Herz gefallen. Aber Tante Sophie hatte sie
getröstet. Das sei wieder einmal solch ein schlimmer Tag, wo man sich
stillschweigend zurückhalten und ihm aus dem Wege gehen müsse, hatte sie
gemeint. Er wisse da selbst am besten, was ihm not tue, um das schwarze
Gespenst los zu werden - das sei ein Ritt in die frische Luft hinaus und
Zerstreuung draussen im Fabrikgetriebe. Abends werde er schon »umgänglicher«
zurückkommen.
    Die Brokatschleppe der schönen Dore hing wieder in der tiefsten Schrankecke,
und Margarete war eben im Begriff, ihr Haar zu ordnen, als sie abermals die
Zimmertür ihres Vaters gehen hörte. Er trat wieder heraus und ging den Flursaal
entlang. Er kam rasch näher, und es schien, als schreite er direkt dem Gange zu.
    Margarete erschrak. Sie war in Unterkleidern und mochte sich überhaupt nicht
hier vor ihm sehen lassen; wusste sie doch nicht, in welcher Stimmung er
heimgekommen war und wie er ihr mutwilliges Attentat auf das ehrwürdige
Inventarstück des Hauses beurteilen würde. Ein wahres Angstgefühl packte sie.
Unwillkürlich schlüpfte sie in den Schrank, schmiegte sich tief in die
Seidenwogen - es war ihr, als versinke sie in rauschenden Gewässern - und zog
die Tür leise an sich.
    Wenige Augenblicke nachher kam der Kommerzienrat um die Gangecke. Durch die
schmale Türspalte konnte ihn die Tochter sehen. Der Ritt in die frische Luft
und das Fabriktreiben in Dambach hatten nicht an das Gepräge schwarzer
Melancholie gerührt, welches diese schöne Männererscheinung für alle im Hause
oft so furchterweckend machte. Er hatte einen kleinen Strauss frischer Rosen in
der Rechten und schritt achtlos zwischen den Bilderreihen seiner Vorfahren hin.
Nur das Oelbild der schönen Dore, welches schräg zwischen die Schrankecke und
die Wand gelehnt, ihm die bezaubernde Gestalt gewissermassen entgegentreten liess,
schien eine unheimliche Wirkung auf ihn zu üben. Er fuhr zurück und legte die
Hand über die Augen, als befalle ihn ein Schwindel. Dieses Erschrecken war
begreiflich. Drüben im roten Salon, hoch an der hellen Wand, trat das Dämonische
dieser Schönheit nie so sieghaft hervor, wie hier im spukhaften Halbdunkel... Er
murmelte leidenschaftliche Worte in sich hinein, packte wie in einem Wutanfall
das schwere Bild und kehrte es gegen die Wand. Der Rahmen schlug hart an das
Mauergestein und krachte in den Fugen.
    Der erschrockenen Tochter stockte der Atem. War es doch, als schlage aus dem
finsteren, melancholischen Brüten plötzlich die Flamme des Irrsinns empor, als
müsse die gewalttätige Hand zerstörungswütig das stille Kaufmannshaus zum
Schauplatz grauenvoller Ereignisse machen. Aber das Furchtbare geschah nicht.
Mit dem Verschwinden der Frauengestalt in der dunklen Ecke schien auch der Sturm
des in der Seele aufgeregten Mannes beschwichtigt. Er schritt weiter, dicht an
der Tochter vorüber, so dass sie durch die klaffende Türspalte sein heftiges
Ausatmen zu spüren meinte.
    Gleich darauf rasselte der Schlüssel im nächsten Türschloss. Der
Kommerzienrat trat ein, zog den Schlüssel wieder ab und schob drinnen den Riegel
vor.
    Ein Grauen überschlich die Lauschende. Was tat er drinnen, so allein mit
seinen dunklen Gedanken in den öden, verstaubten Räumen? - Niemand im Hause
ahnte, dass er noch hier verkehrte. Bärbe behauptete, er sei mit keinem Fuss
wieder in den Gang gekommen - dazumal müsse ihm doch gar zu arg aufgespielt
worden sein; denn für nichts und wieder nichts gebe kein beherzter Mann so
jämmerlich Fersengeld, dass er sich nicht wieder zurücktraue. Nun war er doch
drin - wie vergraben in der tiefen Stille und Dämmerung; denn kein Laut drang
heraus. - Vielleicht war es aber gerade diese grabesruhige Abgeschiedenheit, die
er schliesslich suchte, wenn er im Weltgetriebe seinen bösen Dämon nicht
abzuschütteln vermochte. Sie sänftigte wohl den inneren Sturm, das heisse, kranke
Blut, das ihm so beängstigend den Kopf verdunkelte... Ja, er war krank. Es war
nicht, wie die Grossmama fälschlich behauptete, ausschliesslich der Gram um ihre
verstorbene Mutter, der ihn so furchtbar verändert - war er doch in den ersten
Jahren nach ihrem Tode nicht so verbittert und schwarzgallig gewesen - nein, er
war krank, Wahngebilde verfolgten und marterten ihn; das hatte sie schon am
Abend ihrer Ankunft erkennen müssen. Er, der strengrechtliche, pünktliche Chef
der hochgeachteten Firma Lamprecht, der stolze Mann, auf dessen Ehre auch nicht
der leiseste Makel haftete, er bildete sich plötzlich ein, es könne eine Zeit
kommen, wo man mit Fingern auf ihn zeige, wo er verfemt sein werde in Kreisen,
denen sein falscher Ehrgeiz unablässig zustrebte. Das Herz krampfte sich ihr
zusammen vor Weh, indem sie sich vergegenwärtigte, wie er vor ihr, seinem Kinde,
in jenem Augenblick fast flehend gestanden und an ihre Mitilfe, ihre kindliche
Treue appelliert hatte. So weit hatte ihn die tückische Krankheit bereits
gebracht!
    Einen Moment noch horchte sie nach der verriegelten Tür hin - es blieb
totenstill dahinter -, dann stieg sie mit zitternden Knieen aus ihrem Versteck,
raffte ihre vorhin abgeworfenen Oberkleider zusammen und flog nach einem der
vorderen Zimmer, um dort ihren Anzug schleunigst wieder in Ordnung zu bringen...
Welch ein Glück, dass der Papa nicht zehn Minuten früher nach Hause gekommen war!
Versetzte ihn schon die gemalte, leblose Leinwand in eine so hochgradige
Aufregung, was wäre wohl geschehen, wenn er das unselige Weib scheinbar
leibhaftig jählings vor sich gesehen hätte! Dass die Mummerei bereits ein anderes
Unheil angerichtet, daran dachte ihre Seele nicht.
    Seit einer halben Stunde sass er drunten auf der Küchenbank, der erschrockene
Hausknecht. Die zitternden Beine trugen ihn noch immer nicht, und die sonst so
schön rot lackierten Backen blieben blass. Die ganze Küche roch nach Likör -
»nichts besseres als das!« hatte Bärbe gesagt und ihm ein beträufeltes Stück
Zucker um das andere in den Mund geschoben. Und das ganze Hausgesinde stand um
ihn her und konnte sich nicht satt hören und »graulen«.
    »Nein, nein, nein - ein für allemal nicht!« wiederholte er zum so und so
vielten Male entschieden. »Ich rühre sie nicht wieder an - nicht um die Welt!
Mag sie doch sehen, wie sie wieder hinaufkommt an ihren Haken... Ich und etwas
zerbrechen! - Du lieber Gott, meinen Pfeifenkopf habe ich nun schon an die
vierzehn Jahre, und soll mir ,mal einer herkommen und auch nur ein Ritzchen dran
finden! Und zeigen Sie mir den Teller oder das Glas, das ich beim Abtrocknen
hier in der Küche zerbrochen hätte, Bärbe! Sie können's nicht, mit dem besten
Willen können Sie's nicht - so was gibt's nicht bei mir! ... Und da oben fliegt
mir das Ding, die Vase, nur so aus der Hand! So ein heimlicher Puff von hinten
an den Ellbogen und, krach, da lag die Bescherung am Erdboden! Und das war die
Strafe, weil ich sie von ihrem Platz genommen hatte, die Boshaftige! ... Ich
dachte mir's gleich und wollte nicht. Die Stube wird ja nicht tapeziert,
Fräulein, sagte ich. Das Bild könnte am Ende hängen bleiben. - Aber Fräulein
Sophie glaubt ja an nichts - das Bild musste runter, absolut runter, und ich
armer Teufel kriegte die Prügel. Ja, den Schreck verwind' ich in meinem Leben
nicht! Und wie sie nachher auf mich zukam, just aus dem Rahmen 'raus, und das
grüne Kleid rauschte und brauste, und die Karfunkelsteine glühten ihr auf dem
Kopfe, wie Funken aus dem höllischen Feuer, da dachte ich, jetzt ist dein Brot
gebacken, 's ist aus mit dir! Die Türe hab' ich noch glücklich erwischt, und
sie krachte fürchterlich hinter mir zu; aber auf der Treppe hat's mir doch noch
eiskalt an den Hals gegriffen -«
    »Unsinn, Friedrich! Auf der Treppe tat sie Ihnen nichts mehr - sie kann ja
nicht über die Türschwelle!« sagte Bärbe und reichte ihm ein Likörgläschen hin.
»So - und nun nehmen Sie 'mal den Schluck Pfefferminzschnaps da, der bringt Sie
auf die Beine! ... Und dass ich's euch sage, ihr Leute - die Geschichte bleibt
unter uns! Bei der Herrschaft findet man ja doch keinen Glauben, und wenn man's
schwarz auf weiss brächte. Da wird allemal zuerst gelacht und nachher gezankt,
und man kriegt seine Totenunke und Jammerbase nur so an den Kopf geworfen und
hat seinen Aerger weg. Und den Leuten in der Stadt dürfen wir auch die Mäuler
nicht aufsperren - beileibe nicht! Die sind uns Lamprechts ohnehin nicht grün;
unser grosses Geschäft und das Ansehen und der unmenschliche Reichtum - das alles
passt den Neidhammeln nicht; für die ist ein Unglück in unserem Hause so gut wie
Zuckerbrot - und ein Unglück gibt's, das steht fest. Dazumal, wie unser Gretchen
beinahe gestorben ist, da hat es da oben auch so lange rumort, bis sie uns das
Kind halbtot ins Haus brachten... Da heisst's nun, die Ohren steif halten und
aufpassen. Ich sage euch, nehmt Feuer und Licht in acht - das ist unsere Sache!
Was freilich sonst geschehen soll, daran kann unsereiner nichts ändern... Mich
überläuft eine Gänsehaut -« Sie streifte zur Beweisführung den Aermel vom Arm
zurück. - »Jeden Augenblick kann's kommen - jeden Augenblick!« -
 
                                       13
Und in der darauffolgenden Nacht war es wirklich, als heule eine wehklagende
Stimme diese Prophezeiung nach, auch über den Markt und die ganze Stadt hin -
der erste Oktobersturm brauste durch das Land. Die Raben hatten den ganzen
Nachmittag in grossen Schwärmen wie toll über der Stadt gekreist, und abends war
die Sonne wie in einem Blutmeer untergegangen; der Glutschein hatte noch lange
auf den Turmspitzen und Kirchendächern gelegen. Und nun kam's. Die ganze Nacht
hindurch fauchte und johlte es in den Lüften und gönnte sich selbst kein
Aufatmen; und als es wieder Tag wurde, da pfiff die Sturmmelodie erst recht
durch die Strassen. Die Leute, die über den hochgelegenen Markt gingen, konnten
sich kaum auf den Füssen erhalten, und um die Strassenecken flogen Hüte und Mützen
im förmlichen Wirbeltanz.
    Die Frau Amtsrätin ärgerte sich. Ihre zarten Füsschen waren ein wenig
unsicher und wackelig geworden. Bei starkem Wind traute sie sich nicht mehr auf
die Strasse, und so mussten die auf den heutigen Tag festgesetzten Besuche mit der
heimgekehrten Enkelin in der Stadt unterbleiben.
    Margarete war desto zufriedener. Ihr erschien der freigewordene Nachmittag
wie geschenkt. Sie sass droben im Wohnzimmer der Grossmama und half der alten Dame
mit flinken Fingern an der grossen prachtvollen Stickerei. Der Teppich solle auf
Herberts Weihnachtstisch kommen, wurde ihr geheimnisvoll zugezischelt,
eigentlich aber sei er dazu bestimmt, im künftigen jungen Haushalt vor dem
Damenschreibtisch zu liegen. Und Margarete stickte unverdrossen an den
Blütenbüscheln, auf welche der Fuss der schönen Heloise treten sollte.
    Um vier Uhr kam auch der Herr Landrat vom Amte heim. Er hatte nebenan sein
Arbeitszimmer. Eine Zeitlang hörte man drüben Leute kommen und gehen; der
Amtsdiener brachte Aktenbündel, ein Gendarm machte eine Meldung, auch bittende
Stimmen wurden laut, und Margarete musste denken, wie doch die tiefe, behütete
Stille in den oberen Regionen des alten Kaufmannshauses völlig verscheucht sei
durch Bewohner, die den Namen Lamprecht nicht führten. Das hätten sich die alten
Kaufherren auch nicht träumen lassen! Es war immer ihr Stolz gewesen, das
mächtige Vorderhaus allein zu bewohnen und das obere Stockwerk lieber leer
stehen zu lassen, auf dass kein fremder Fuss das Recht habe, ihre schöne, breite
Treppe auf und ab zu wandern und profanen Lärm zu machen.
    Trotz des Sturmes, ja, gerade in einem Moment, wo die Fenster unter heftigen
Windstössen klirrten, wurde auch ein reizend arrangierter Korb voll köstlichen
Tafelobstes aus dem Prinzenhof gebracht. Der Frau Amtsrätin zitterten die Hände
vor Freude über die Aufmerksamkeit. Sie breitete schleunigst ein verhüllendes
Tuch über den Weihnachtsteppich und rief den Sohn herüber, nachdem sie den Boten
mit einem reichen Trinkgeld entlassen.
    Der Landrat blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen, als sei er
betroffen, noch jemand ausser seiner Mutter im Zimmer zu finden; dann kam er
näher und grüsste nach dem Fenster hin, an welchem Margarete sass.
    »Guten Tag, Onkel!« erwiderte sie seinen Gruss freundlich gleichmütig und
stickte an dem Teppichende weiter, das unter dem Tuch hervorsah.
    Er zog flüchtig die Brauen zusammen und warf einen zerstreuten Blick auf den
Obstkorb, den ihm seine Mutter entgegenhielt. »Seltsame Idee, bei solchem Wetter
einen Boten in die Stadt zu jagen!« sagte er. »Das hatte doch Zeit -«
    »Nein, Herbert!« unterbrach ihn die Frau Amtsrätin. »Das Obst ist frisch
gepflückt und sollte seinen Duftanhauch nicht verlieren. Und dann - du weisst ja,
dass man draussen nicht gern einige Tage vergehen lässt, ohne dass gegenseitig
Lebenszeichen ausgetauscht werden... Welch köstlicher Duft! - Ich werde dir
gleich einen Teller voll Birnen und Trauben arrangieren und hinüberstellen -«
    »Danke schön, liebe Mama! Freue dich nur selbst daran. Ich erhebe keinen
Anspruch - die Aufmerksamkeit gilt einzig und allein dir.«
    Damit ging er wieder hinüber.
    »Er ist empfindlich, weil das Liebeszeichen nicht direkt an ihn selbst
adressiert war,« flüsterte die Frau Amtsrätin der Enkelin ins Ohr, während sie
nach ihrer Brille griff und die Arbeit wieder aufnahm. »Mein Gott, noch kann und
darf ja Heloise nicht in der Weise vorgehen! Er ist so scheuverschlossen, so
unbegreiflich wenig selbstbewusst und scheint fast zu hoffen, dass sie zuerst das
entscheidende Wort herbeiführen soll. dabei ist er furchtbar eifersüchtig,
selbst auf mich, auf seine selbstlose Mama, wie du eben gesehen hast... Ja,
Kind, darin wirst du nun auch deine Erfahrungen machen!« setzte sie laut in
neckendem Tone hinzu und war damit wieder bei dem Tema angelangt, das der Bote
vorhin unterbrochen. Sie versuchte die Fensternische zum Beichtstuhl zu machen -
es handelte sich um das Schreiben des Herrn von Billingen-Wackewitz. Margarete
hatte das Papier gestern abend noch verbrannt, und die ablehnende Antwort war
bereits unterwegs, darüber entschlüpfte ihr aber kein Wort. Sie antwortete
diplomatisch einsilbig und war innerlich empört, dass die alte Dame den Namen des
Zurückgewiesenen einigemal so laut und ungeniert nannte, als gehöre er bereits
zur Familie. Es verletzte sie um so mehr, als die Türe des Nebenzimmers vorhin
nicht fest genug geschlossen worden war; der klaffende Spalt erweiterte sich
zusehends, und wer drüben aus und ein ging, konnte jede dieser indiskreten
Bemerkungen hören.
    Die Grossmama hatte die Türe freilich im Rücken und konnte nicht wissen, dass
sie offen stehe, bis sie durch ein Geräusch drüben aufmerksam wurde und sich
erstaunt umdrehte. »Wünschest du etwas, Herbert?« rief sie hinüber.
    »Nein, Mama! Erlaube nur, dass die Türe ein wenig offen bleibt; man hat mein
Zimmer überheizt!«
    Die Frau Amtsrätin lachte leise in sich hinein und schüttelte den Kopf. »Er
denkt, wir sprechen von Heloise, und das ist selbstverständlich Musik für sein
Ohr,« raunte sie der Enkelin zu und sprach sofort vom Prinzenhof und seinen
Bewohnern.
    Nicht lange mehr, da fing es an zu dämmern. Die Arbeit wurde zusammengerollt
und weggelegt, und damit waren auch die überschwenglichen Schilderungen der
Grossmama zu Ende. Margarete atmete auf und verabschiedete sich schleunigst. Sie
brauchte auch nicht einmal in das Nebenzimmer zu grüssen, die Türe war längst
wieder leise von innen zugedrückt worden.
    Im Treppenhause fing sich der Zugwind - kein Wunder! - in der Bel-Etage
stand ein Flügel des grossen nach dem Hofe gehenden Fensters offen, und der
Sturm, der von Norden her über das Dach des Packhauses kam, schnob direkt herein
und zog wie Orgelton an den hallenden Wänden hin.
    Beim Herabkommen sah Margarete ihren Vater an dem Fenster stehen. Der
Sturmwind fuhr ihm gegen die breite Brust und zerwühlte das volle Kraushaar auf
seiner Stirn.
    »Willst du wohl heruntergehen!« rief er heftig in das Tosen und Klingen
hinaus und winkte mit dem Arm über den Hof hin.
    Die Tochter trat an seine Seite. Er schrak zusammen und wandte ihr hastig
sein tieferregtes Gesicht zu. »Der Tollkopf dort will sich wahrscheinlich das
Genick brechen!« sagte er gepresst und zeigte nach dem offenen Gang des
Packhauses.
    Dort stand der kleine Max auf dem Geländersims des Ganges. Er hatte den
linken Arm leicht um den einen der Holzpfeiler gelegt, welche das weit
hervorspringende Dach trugen; den anderen streckte er deklamatorisch in die
brausenden Lüfte hinaus und sang; aber es war keine zusammenhängende Melodie; er
schlug nur die einzelnen Töne der Skala an und liess sie schwellen und aushallen,
als wolle er übermütig die Kraft seiner kleinen Lunge mit der des Sturmes
messen. Das waren die vermeintlichen Orgeltöne gewesen. Uebrigens mochte er den
Zuruf aus dem Vorderhause nicht gehört haben, denn er setzte von neuem ein.
    »Der fällt nicht, Papa!« sagte Margarete lachend. »Ich weiss am besten, was
man in diesem Alter riskieren kann. Das Gebälk auf unserem obersten Hausboden
könnte ganz andere Dinge von meinen Seiltänzerkünsten erzählen... Und der Sturm
kann ihm nichts anhaben, er hat ihn im Rücken... Freilich, dem alten Holzwerk da
drüben ist nicht zu trauen.« Sie zog ihr Taschentuch hervor und liess es zum
Fenster hinausflattern.
    Dieses Signal bemerkte der Kleine sofort. Er verstummte und sprang von
seinem hohen Posten. Sichtlich erschrocken und verlegen, machte er sich
allerhand auf dem Gange zu schaffen; er mochte sich schämen, beobachtet worden
zu sein.
    »Das Kerlchen hat Gold in seiner Kehle,« sagte Margarete. »Aber er ist ein
kleiner Verschwender. Mit zwanzig Jahren wird er wohl nicht mehr so unsinnig in
den Sturm hineinsingen, dann wird er das kostbare Material zu schätzen wissen...
Den bekommst du nicht in deine Schreibstube, Papa - das wird einmal ein grosser
Sänger.«
    »Meinst du?!« - Sein Auge funkelte sie eigentümlich, fast feindselig an.
»Ich glaube nicht, dass er dazu geboren ist, andere zu amüsieren.«
    Damit griff er nach dem Fenster, um es zu schliessen; aber in demselben
Augenblick riss ihm ein heulender Windstoss den Fensterflügel aus der Hand, ein
Stoss von so erschütternder Wucht, wie er selbst in der vergangenen wilden Nacht
nicht die Hausmauern erzittern gemacht hatte. Was in den nächsten Sekunden
vorging, die beiden vom Fenster Zurücktaumelnden sahen es nicht - sie meinten,
der Orkan fege das alte Kaufmannshaus und alles, was in ihm lebe und atme, mit
einem einzigen Ruck vom Boden weg - ein furchtbarer Krach, ein
nervenerschütterndes Getöse von stürzendem Trümmerwerk, dann ein momentanes
Verbrausen, als erschrecke der Wüterich selbst vor der Zerstörung und wage es
kaum, an die undurchdringliche, graugelbe Wolke zu rühren, die plötzlich den Hof
füllte!
    Das Packhaus! - Ja, von dorter wogten und wallten die Staubmassen!
    Mit einem wilden Satze sprang der Kommerzienrat an der Tochter vorüber und
die Treppe hinab. Margarete flog ihm nach; aber erst im Hofe gelang es ihr,
seinen Arm zu umklammern - stumm vor Entsetzen, konnte sie ihm nicht sagen, dass
er sie mitnehmen solle.
    »Du bleibst zurück!« gebot er und schüttelte sie von sich. »Willst du auch
erschlagen werden?« - Das waren Laute, die ihr durch Mark und Bein gingen, und
sie meinte zu sehen, wie sich ihm das Haar über dem verzerrten Gesicht sträube.
    Er stürmte fort, und sie griff nach dem nächsten Lindenstamm, um sich auf
den Füssen zu erhalten; denn eben brauste es wieder über den Hof hin. Ein Wirbel
fuhr in die Staubwand, trieb die kämpfenden Wolken erstickend nach dem
Vorderhause und schleuderte sie dann hoch hinauf gegen den dämmernden Himmel.
    Nun traten auch wieder feste Umrisse aus dem schleierhaften Gemenge. Das
Packhaus stand noch, aber als kaum zu erkennende Ruine. Die untere Hälfte des
schweren Ziegeldaches, die den offenen Gang schützend und verdunkelnd weit
überragt hatte, war in ihrer ganzen Länge herabgestürzt und hatte die
Stützpfeiler und das Ganggeländer mitgerissen. Drunten türmten sich die Trümmer
bis über die Fenster des Erdgeschosses, und noch rutschten gelockerte Sparren
und Ziegel nach und stürzten prasselnd herab.
    Es war ein lebensgefährlicher, von den niederregnenden Nachzüglern schwer
bedrohter Weg, der über den Trümmerhaufen - Margarete sah angsterfüllt ihren
Vater über das Chaos hinklettern, hier versperrende Balken zur Seite
schleudernd, dort bis über die Kniee zwischen Sparrwerk und Ziegelscherben
einsinkend, aber er kämpfte sich binnen wenigen Sekunden durch und verschwand im
Dunkel des Torweges.
    Verschiedene Aufschreie von den Fenstern des Vorderhauses her hatten seine
Anstrengungen begleitet, und nun stürzten alle Insassen des Hauses in den Hof
hinaus - Tante Sophie, das gesamte Dienstpersonal, und fast zugleich auch die
Herren aus der Schreibstube. Sie alle scheuchte der Sturm sofort dahin, wo
Margarete stand, unter die Linden, an die festen Mauern des Weberhauses.
    Nun, dem Herrn konnte nichts mehr geschehen! Die mächtige Torwölbung dort,
welche ihn aufgenommen, rüttelte auch der wütendste Orkan nicht um; aber das
Kind, das arme »Jüngelchen«, das war mit heruntergerissen, das lag erschlagen
unter der grausen Last! Eben noch hatte es Bärbe von ihrem Küchenfenster aus auf
dem Gange stehen sehen.
    Das Gesicht der alten Köchin war fahl vor Entsetzen, wie das eines
Gespenstes; aber noch im Laufen und gegen den Sturm kämpfend sagte sie mit
zitternden Lippen: »Na, ihr Leute - da ist's ja! Hat nun die alte Bärbe recht
oder nicht?« - Es war kaum zu verstehen, so erstickt von Staub, Sturm und
Schrecken klang die Stimme; aber gesagt musste es werden.
    Tante Sophie band ihr Taschentuch um die flatternden Haare und nahm ihre
Röcke fest zusammen. Ihr standen die Worte noch nicht wieder zur Verfügung, aber
Hand und Fuss waren flink zum Handeln geblieben. Trotz der immer noch fallenden
Ziegel und Holzstücke und des sie wütend umfauchenden Sturmes rannte sie über
den Hof nach dem Trümmerhaufen, unter welchem das arme, erschlagene Jüngelchen
liegen sollte, und die anderen folgten ihr unverweilt. Aber fast zu gleicher
Zeit erschien auch der Kommerzienrat droben in der offenen Küchentüre, welche
auf den Gang hinausführte. Er winkte abwehrend mit der Hand. »Zurück! Es ist
niemand verunglückt!« rief er hinab.
    Nun Gott sei Dank! - Die Gesichter hellten sich auf. Mochte doch nun noch
von dem wackeligen Dach herabfallen, was wollte - es tat niemand weh, und den
sonstigen Schaden heilten Zimmermann und Dachdecker. Man konnte getrost in die
schützende Hausflur retirieren.
    »Na ja - um ein Haar war's geschehen!« sagte Bärbe in resigniertem Tone und
rieb sich mit der Schürze den Staub vom Gesicht. »Es ist mir unbegreiflich, dass
der Junge davongekommen ist - rein unbegreiflich! Im allerletzten Augenblicke
stand er doch gerade noch beim Geländer.« Sie schüttelte ungläubig den Kopf.
»Na, es hat doch so sein sollen, und es ist ja ein Glück, ein Tausendglück, dass
nicht das Allerärgste passiert ist! - Für unser Haus wär's ja auch ganz
schrecklich gewesen, und niemand von uns hätte in seinem ganzen Leben wieder
froh werden können -«
    »Sei nicht so einfältig, Bärbe!« fuhr Reinhold auf sie hinein. Er war vorhin
in der Hausflur zurückgeblieben, weil er im Sturm mit Recht seinen
gefährlichsten Feind fürchtete. - »Du tust ja wirklich, als sei eines von
unserer Familie in Gefahr gewesen, und die Lamprechts hätten womöglich Trauer
anlegen müssen, wenn der Malerjunge verunglückt wäre. Albernes Gewäsch! - Aber
so seid ihr alle! Nur was euresgleichen angeht, kann euch alterieren; der
Schaden aber, den die Herrschaft von der dummen Geschichte hat, der ist für euch
Lappalie! Ihr denkt, wir haben das Geld scheffelweise, und da kann drauf und
drein gehaust und gewüstet werden - ich kenne euch!« - Er hob seine Hand mit den
langen, dürren Fingern schüttelnd gegen das bei einander stehende Gesinde und
wandte sich mit einem geringschätzenden Achselzucken von den Verblüfften ab.
    »Der Spass da drüben wird uns einen schönen Taler Geld kosten,« sagte er zu
den Herren der Schreibstube, indem er mit dem Kopfe nach dem Packhause
hinnickte. »Es ist unverantwortlich vom Papa, dass er die Hintergebäude so
verfallen lässt. Mir passiert so etwas später einmal ganz gewiss nicht; mir
entgeht kein verschobener Ziegel - darauf können Sie sich verlassen - und sollte
ich auf allen vieren in die Bodenecken kriechen und nachsehen! Ja, und« - er
verstummte plötzlich, schob die Hände in die Hosentaschen und lehnte sich, die
langen Beine vorstreckend, mit dem Rücken gegen die windgeschützte Flurwand -
der Kommerzienrat kam eben über den Hof zurück.
    Noch sah er tief alteriert aus und sein sturmzerwühltes Haar, das ihm wild
in die Stirn hing, verstärkte den Eindruck. Aber beim Erblicken des noch in der
Hausflur zusammenstehenden Menschentrupps nahm er sich sichtlich zusammen und
reckte seine Gestalt zu ihrer ganzen Höhe empor. Sein Auge begegnete kalt
abweisend den gespannten Blicken der Leute; es schien, als wolle er von
vornherein jede Frage abwehren - das Sprechen mit seinen Untergebenen war ja
überhaupt seine Sache nicht.
    Er winkte dem Hausknecht, gab ihm ein Medizingläschen, welches er in der
geballten Hand mitgebracht, und schickte ihn nach der Apoteke. »Der alten Frau
drüben hat der Schreck geschadet; sie ist sehr unwohl, und von dem helfenden
Mittel war kein Tropfen mehr im Glase,« sagte er kurz, fast barsch und doch wie
verlegen entschuldigend zu Tante Sophie, und eine leichte Röte lief über seine
Stirn - es war ja nur ein kleiner Samariterdienst, eine selbstverständliche
Hilfeleistung einem erkrankten Mitmenschen gegenüber, aber von seiten des
unnahbaren, hochmütigen Mannes war und blieb es eine unbegreifliche
Herablassung, und wie es schien, am meisten in seinen eigenen Augen.
    Margarete machte es in diesem Augenblick wie vorhin Tante Sophie, sie band
mit flinken Händen ein Tuch über den Kopf und ging schweigend nach der Hoftüre.
    »Wo hinaus, Gretchen?« fragte der Kommerzienrat und griff nach ihrem Arm.
    Sie strebte nichtsdestoweniger weiter. »Ich will nach der kranken Frau
sehen, wie es sich ja ganz von selbst versteht -«
    »Das wirst du bleiben lassen, mein Kind,« sagte er gelassen und zog sie
näher an sich. »Es versteht sich durchaus nicht von selbst, dass du dich um eines
Krampfanfalles willen in die Gefahr begibst, selbst schwer verletzt zu werden...
Frau Lenz soll an derartigen Anfällen sehr oft leiden, und es ist noch niemand
im Vorderhause eingefallen, ihr beizustehen. Ein solches Hinüber und Herüber ist
überhaupt nie Brauch bei uns gewesen, und ich wünsche durchaus nicht, dass darin
etwas geändert werde.«
    Bei diesem sehr bestimmt ausgesprochenen Wunsch und Willen löste Margarete
schweigend die Tuchzipfel unter dem Kinn. Die Dienerschaft verschwand lautlos
hinter verschiedenen Türen, und die Herren zogen sich schleunigst in die
Schreibstube zurück. Nur Reinhold blieb zurück. »Das geschieht dir recht,
Grete!« machte er schadenfroh. »Ja, eine blaue Schürze vorbinden und in die
armen Häuser gehen, um kranke Leute zu pflegen und schmutzige Kinder zu waschen,
das ist jetzt so Mode bei den jungen Mädchen; und da denkst du natürlich auch,
wunder wie schön sich Grete Lamprecht als so eine heilige Elisabet ausnehmen
müsste! Es ist nur gut, dass der Papa solchen Unsinn nicht leidet! - Und morgen
hört auch die Gelegenheit zu solch abgeschmacktem Getue von selbst auf, gelt,
Papa? Die Leute können doch unmöglich im Packhause bleiben, wenn gebaut wird?
Die müssen doch heraus?«
    »Das ist nicht nötig - die Leute bleiben, wo sie sind!« versetzte der
Kommerzienrat kurz, worauf sich Reinhold, die Hände tiefer in die Hosentaschen
vergrabend und die hohen Schultern noch höher hebend, in wortlosem Aerger
umdrehte und nach der Schreibstube ging.
    Der Kommerzienrat legte seinen Arm um die Tochter und führte sie nach der
Wohnstube. Er rief nach Wein, und die ersten Gläser des schweren Burgunders
wurden hinabgestürzt, als bedürfe es der ganzen Feuerglut des Weines, um eine
innere Stockung zu lösen.
    Margarete setzte sich auf den Fenstertritt, auf den Platz zu Tante Sophiens
Füssen, wo sie als Kind immer gesessen. Sie verschränkte die Arme um die Kniee
und lehnte den Kopf an das Sitzpolster des Armstuhles... Sie war allein mit dem
Papa. Inmitten dieser vier Wände war es heimlich und behaglich; vom Fensterbrett
herab durchwürzten die Topfblumen die reine, sanfterwärmte Zimmerluft; die Uhr
hatte sich durch den Aufruhr im Hause nicht irre machen lassen, sie tickte nach
wie vor, und die Schritte des schweigend auf und ab gehenden, ganz in sich
versunkenen Mannes hielten gleichmässig Takt mit dem sachtgehenden Pendel. Aber
draussen in den Lüften brauste es schauerlich; die Fenster klirrten, und dann und
wann kam über den Markt her der Lärm zuschmetternder Haustüren, oder
zurückgeschleuderter Fensterläden.
    »Das wird schliesslich noch den ganzen Dachstuhl vom Packhaus rütteln,« sagte
Margarete und hob den Kopf.
    »Ja, es werden noch Ziegel in Menge herabfliegen, aber das Dachgerüst
nicht,« entgegnete der Kommerzienrat. »Ich habe auf dem Hausboden nachgesehen.
Das alte Gebälk ist wie von Eisen, stark und festgefügt. Das, was zertrümmert im
Hofe liegt, ist ein elendes Flickwerk neueren Datums gewesen.«
    Er blieb einen Moment ihr zugewendet stehen, und das schon stark mit grauem
Dämmern gemischte Tageslicht fiel auf seine Züge. Der Wein tat seine
Schuldigkeit; er machte das Blut wieder rasch durch die Adern kreisen und
scheuchte die Schreckensblässe von Stirn und Wangen.
    »Und der kleine Max ist wirklich heil und unversehrt geblieben?« fragte die
Tochter.
    »Ja - das losgerissene Dachstück ist über ihn hinweggeschossen.«
    »Ein wahres Wunder! Da möchte man so gern glauben, dass sich zwei Hände
behütend über den kleinen Lockenkopf gebreitet haben - die Hände seiner toten
Mutter.«
    Der Kommerzienrat schwieg. Er wandte sich weg und goss Wein in sein Glas.
    »Ich kann den furchtbaren Eindruck nicht los werden - mir zittern noch Hände
und Füsse,« setzte sie nach einem augenblicklichen Schweigen hinzu. »Zu denken,
dass dieser schöne Junge voll Kraft und Leben plötzlich tot oder grässlich
verstümmelt unter den Balken und Scherben liegen könnte -« Sie brach ab und
legte die Hand über die Augen.
    Einen Augenblick blieb es still im Zimmer, so still, dass man ein erregtes
Stimmengemurmel von der Küche herüber hören konnte.
    »Unsere Leute können sich auch noch nicht beruhigen, wie es scheint,« sagte
Margarete. »Sie haben das Kind gern. - Der arme kleine Schelm! Er hat eine
einsame Kindheit. Der deutsche Boden ist ihm fremd, die Mutter tot, und der
Vater, den er nie gesehen hat, weit über dem Meer drüben -«
    »Der Kleine ist nicht zu beklagen, er ist der Abgott seiner Angehörigen,«
warf der Kommerzienrat ein. Er stand noch abgewendet, hielt das Trinkglas gegen
das Fensterlicht und prüfte den dunkelglühenden Inhalt; daher klang das, was er
sagte, wie halb verweht.
    »Auch der seines Vaters?« fragte das junge Mädchen herb und zweifelnd. Sie
schüttelte den Kopf. »Der scheint sich sehr wenig um das Kind zu kümmern. Warum
hat er es nicht bei sich, wo sein Platz ist, wohin es von Gott und Rechts wegen
gehört?«
    Das gefüllte Glas wurde unberührt wieder auf den Tisch gestellt, und ein
schattenhaftes Lächeln flog um die Lippen des nähertretenden Mannes. »Da geht
man wohl auch mit dem Papa schwer ins Gericht, der seine Tochter fünf Jahre lang
von sich gegeben hat?« fragte er immer noch lächelnd, aber mit jenem nervösen
Zucken der Unterlippe, das bei ihm stets ein Merkmal innerer Bewegung war.
    Sie sprang auf und schmiegte sich an ihn. »Ach, das ist doch ganz etwas
anderes!« protestierte sie lebhaft. »Deine wilde Hummel war dir zu jeder Zeit
erreichbar, und wie fleissig hast du sie besucht und nach ihr gesehen! Du
brauchst auch nur zu wünschen, und ich bleibe bei dir, jetzt und für immer. Der
Vater des kleinen Lenz aber -«
    »Für immer?« wiederholte der Kommerzienrat. Er ignorierte die letzten Worte
und sprach laut und rasch: »Für immer? - Kind, wie lange noch, da kommt ein
Wirbelwind aus dem Mecklenburger Lande und weht mir meine kleine Schneeflocke da
fort, auch für immer!«
    Sie trat von ihm weg, und ihr Gesicht verfinsterte sich. »Ach, weisst du das
auch schon? - Sie haben es ja sehr eilig, die Guten!«
    »Wen meinst du damit?«
    »Nun, wen denn sonst, als die Grossmama und Onkel Herbert, den gestrengen
Herrn Landrat!« Sie fuhr sich in komischem Zorn mit der Hand durch die Locken
und warf sie aus der Stirn. »Schauderhaft! Nun haben sie auch schon bei dir
miniert, und es sind noch keine vierundzwanzig Stunden, seit ihnen Tante Elisens
glorreiche Ausplauderei zu Ohren gekommen ist! ... Nun ja, ich soll schleunigst
unter die Haube! Sie brauchen gerade jetzt eine Gnädige in der Familie, eine
fremde Namensglorie, so etliche Weihrauchopferwolken, die unser schlichtes Haus
wohltätig verschleiern und allerhöchsten Orts angenehm in die Nase steigen -
und dazu soll das arme Opfer, die Gretel, geschlachtet werden... Aber so
geschwind geht das nicht!« - Sie lächelte mutwillig. - »Vor allem müssen sie das
Mädchen haben, wenn sie es binden wollen. Onkel Herbert -«
    »Was machst du dir für einen seltsamen Begriff vom Onkel!« unterbrach er
sie. »Der braucht uns Lamprechts nicht; ihm wird es sehr gleichgültig sein, was
für einen Namen du künftig trägst. Der will alles durch sich selbst. Wie mancher
scheitert durch dieses herausfordernde, wenig devote Prinzip - gerade in unserer
Zeit, wo jedes Einzelstreben in einer grossen Willensmacht aufgehen soll, ist es
missliebig, fast verpönt! Aber er darf sich das erlauben. Er ist ein
Sonntagskind, dem sich alle Hände ungerufen entgegenstrecken, ob er sie auch
schroff zurückweist. Ich glaube, selbst bei seiner Verheiratung wägt er immer
wieder ab, ob ihm die schöne Heloise nicht doch mehr zubringt, als er gibt -
daher sein Zögern.«
    »Nicht möglich!« Sie schüttelte ungläubig und erstaunt den Kopf, schlug die
Hände zusammen und lachte. »Das ist ja das schnurgerade Gegenteil von dem, was
die Welt über ihn sagt -«
    »Die Welt! - Den möchte ich sehen, der sich rühmen dürfte, zu wissen, was er
denkt! ... Ja, im geselligen Verkehr hat er verbindliche, zuvorkommende
Manieren; aber dies scheinbar Gefügige geht ihm kaum bis unter die Haut, so viel
weiss ich! Der ist durch und durch fest und zielbewusst. Ich neide ihm seine
Verstandeskühle, ach, und wie!« - Er seufzte tief auf, stürzte auf einen Zug das
Glas Burgunder hinab, und dann sagte er: »Jene Charaktereigenschaften tragen ihn
und haben ihn immer über sich nach den Sternen greifen lassen -«
    »Gott bewahre, Papa - nicht immer!« unterbrach sie ihn lachend. »Es hat auch
eine Zeit gegeben, wo er herabgestiegen ist und nach den Blumen der Erde
gegriffen hat! - Die wunderschöne Blanka Lenz mit den langen, blonden Zöpfen,
weisst du noch?« - Sie verstummte vor dem hässlichen, höhnischen Lachen, das ihr
Vater plötzlich aufschlug. Und nun ging er wieder so stürmisch und dröhnenden
Schrittes auf und ab, dass die alten Dielen unter seinen Füssen kreischten.
    Es währte eine geraume Zeit, bis er wieder vor ihr stehen blieb, und da
erschrak sie - er war ganz braunrot im Gesicht, und die Augen blickten wild wie
gestern, da er das Bild der schönen Dore gegen die Wand gekehrt hatte.
»Herabgestiegen! Ja, herabgestiegen - sagtest du nicht so?« - Er streckte den
Zeigefinger wie beweisführend gegen sie aus. »Siehst du wohl, dass es mit deinem
Nivellierungsprinzip nicht weit her ist? - Was weiss auch solch ein kleines
Mädchen!« warf er achselzuckend hin und fuhr sich ungestüm mit der Hand durch
das Haar. »Also eine Baronin Billingen soll meine Grete werden!« setzte er, sich
bezwingend, nach einer Pause hinzu. »Mir wär's schon recht! Ich könnte stolz
sein! Ich könnte vor alle die alten Herren in den Sälen oben hintreten und
sagen: Seht her, meine Tochter ist's, die die siebenzinkige Krone in unsere
Familie bringt -« Er brach ab und biss die Zähne zusammen, und Margarete, die
anfänglich verletzt emporgefahren war, hing ihm plötzlich am Arme und sah ihm
lächelnd unter das Gesicht.
    »Nun, da nimm die Baronin Tochter, du stolzer Papa, und führe sie! Aber
hübsch langsam, nicht so im Sturmschritt, wie du eben noch marschiert bist!«
sagte sie und fuhr ihm mit linder Hand über die dunkelgefärbte Stirn. »Du bist
mir da zu rot - das gefällt mir nicht! - So - eins zwei, eins zwei - immer
hübsch im Schritt! Und wenn du meinst, es sei meine Ansicht, wenn ich im Sinne
des Onkels spreche, dann bist du ein wenig im Irrtum... Ein Mann, der
schliesslich am Fürstenhofe freit, ist mit seiner ersten Liebe zu einer armen
Malerstochter herabgestiegen - so urteilt die sogenannte Welt und er selbst, von
seinem jetzigen Standpunkt aus, sicher in erster Linie... Ueber dein kleines
Mädchen und seine Prinzipien aber darfst du dich nicht so mokieren, böser Papa -
den Vorwurf der Inkonsequenz nehme ich sehr übel! - Mir wäre Blanka Lenz nicht
feil gewesen gegen die pommersche Schönheit draussen im Prinzenhofe, mag die auch
noch so weiss und rot und üppig sein - mir ganz gewiss nicht! War die schöne
Malerstochter doch damals das Ideal meiner entusiastischen Kinderseele! Ich
bekam immer förmliches Herzklopfen, wenn sie plötzlich auf den Gang heraustrat,
so strahlend frisch und anmutig, so unbeschreiblich lieblich, wie eine
Märchenfee! Die hätte ich mit tausend Freuden Tante genannt - bei der
herzoglichen Nichte werde ich's selbstverständlich bei einem tiefen
Vorstellungsknix und der Frage nach gnädigem Befinden bewenden lassen!«
    Sie sprach mit jenem Gemisch von Scherz und Ernst, das ihr ganzes Wesen
charakterisierte, und der Vater ging in dem langsamen Tempo, wie sie angegeben,
neben ihr. Er hatte den Kopf tief auf die Brust gesenkt, als sei er in seinen
eigenen Gedankengang versunken und höre kaum auf das Geplauder, aber sein Herz
schlug stark und ungestüm gegen ihren Arm - ruhig war er nicht.
    »Und nun im Ernst - mit der Baronin Tochter ist's nichts, Papa, wirklich
nicht - das wäre ein zu teurer Spass!« fuhr sie in demselben Tone fort. »Ich
meine, was fange ich mit einem blossen Namen an, wenn ich mein ganzes Sein und
Wesen, wie ich nun einmal bin, dafür hingegeben habe? Ein schlechter Tausch! ...
Der gute Hans Billingen mag mich ja wohl gern haben - ich denke es nur, weil er
für den Moment so total den Kopf verloren hat, dass er alles Ernstes um mich
freit - aber ein entsetzlicher Katzenjammer bliebe für ihn nicht aus, das weiss
ich! Der lange, dicke Goliat ist ein Hasenfuss, der ganz gehörig unter dem
mütterlichen Pantoffel steht, und diese Mama ragt ebenso turmhaft und
vierschrötig neben dem Sohne in die Höhe - und nun denke dir deine dünne,
schmale Grete dazwischen, denke dir, wie ihr die fürchterlich adelstolze alte
Schwiegermutter ein Federchen um das andere aus den Flügeln rupft, auf dass sie
nie wieder zurück kann in das heimische Nest, und die vornehme Welt nicht den
Kuckuck an seinen Federn erkenne! ... Und über die Schamröte auf den Wangen
dieser meiner Schwiegermama sollten sich die alten Herren droben freuen? Denke
doch nicht! Sie würden sich für die Siebenzinkige gerade so bedanken, wie ich!«
    Sie hemmte ihre Schritte, vertrat ihm den Weg und legte die Hände auf seine
Schultern. »Gelt, Papa,« bat sie beweglich, »du quälst mich nicht auch noch, wie
es die andern machen? Du lässt deine Schneeflocke wirbeln, wie sie will? Alt
genug bin ich ja doch auch, um meinen Weg selbst zu finden!«
    Er strich mit der Hand über den Lockenkopf, der sich an seine Brust
schmiegte. »Nein, ich zwinge dich nicht, Gretchen!« antwortete er mit einer
Sanfteit, die sie ergriff. »Vor Jahren hätte ich meine ganze Autorität
eingesetzt, um dich zu bestimmen; heute aber will ich dich nicht verlieren -
denn verloren wärst du mir in der Familie, wie du sie schilderst, doppelt
verloren, wie die Verhältnisse jetzt liegen... Der Sturm draussen rüttelt an
meiner Seele wie eine fanatische Predigerstimme, und ich bin müde und mürbe...
Ich brauche meinen kleinen Kameraden mit seinen hellen Augen, seinem strammen
Rechtsgefühl - wohl in der allernächsten Zeit, Grete -«
    »Abgemacht!« rief sie und schüttelte ihm die Hand, kräftig und herzhaft, in
der Tat wie ein Kriegskamerad. »Nun bin ich ruhig, Papa! Gerade jetzt, wo so
manche unseres Standes eingeschüchtert unterducken und katzbuckeln und zu ihrem
eigenen Schaden Altes, Vermorschtes neu stützen helfen, tut ein energisches
Lebenszeichen des Bürgerstolzes not, und sei es auch nur der eines - Mädchens...
Und nun will ich gehen und dir ein Glas frischen Wassers holen - du wirst immer
heisser im Gesicht!«
    Er hielt sie zurück mit dem Bemerken, dass er in seinem Zimmer ein Medikament
gegen die Schwindelanfälle habe, die ihn wieder einmal täglich heimsuchten. Mit
heissen Lippen küsste er sie auf die Stirn und ging hinaus.
    »Das kommt und vergeht wie ein Dieb in der Nacht! Mache dir keine Sorgen,
Gretel!« sagte Tante Sophie, die eben mit einem Arm voll Essgerät eingetreten
war, um den Abendtisch herzurichten, zu dem besorgten jungen Mädchen. Sie
ergriff die Weinflasche und hielt sie gegen das Licht. »Leer bis auf eine kleine
Neige!« schalt sie ärgerlich. »Da brauchst du dich nicht zu wundern, wenn der
Kopf rot wird. Der Doktor eifert jahraus, jahrein gegen die starken Weine; wenn
aber ein Schreck oder eine Sorge fortgespült werden soll, da muss allemal vom
stärksten her! Sie werden aber nie klüger, die Herren!«
                                       14
In der Wohnstube wurden die Rollvorhänge herabgelassen. Wer mochte auch noch
hinaussehen auf den Markt, wo sich die unglücklichen Menschenwesen, die das
gebieterische »Muss« ins Freie trieb, als unförmliche, flatternde Kleiderbündel
mit Lebensgefahr um die Strassenecken kämpften, wo der heulende Unhold das Wasser
im Brunnenbecken wütend peitschte und mit allem, was nicht niet- und nagelfest,
bis über die Dachfirste hinauf Fangball spielte. Es war bitter kalt geworden,
aber Tante Sophie löschte das Feuer im Ofen und stellte dafür die summende
Teemaschine auf den Tisch - heute müsse man von innen heizen, sagte sie, in die
Schlöte dürfe kein Feuerfunke mehr kommen. Sie hatte noch einmal die Runde durch
das ganze Haus gemacht und alle Türen, Fenster und Bodenluken untersucht und
meinte, sie wolle sich nicht wundern, wenn heute nacht auch noch das Dach des
Vorderhauses auf den Markt herunterspaziert käme - da oben sei es fürchterlich.
    Ein behagliches Beisammensein gab es heute nicht. Der Kommerzienrat wollte
nicht essen und blieb oben, und auch Reinhold zog sich, nachdem er mürrisch
schweigend eine Tasse Tee getrunken, mit seinem unbesiegbaren Zorn über die
Verwüstung des Packhauses, in seine Stube zurück. So blieben Tante Sophie und
Margarete allein und wachten der gefahrdrohenden Nacht entgegen. Auch die
Dienstleute gingen nicht zu Bette. Sie sassen in der Küche bei einander; die
Mägde steckten frierend die Arme unter die Schürze und die Männer kauten an der
kalten Pfeife und horchten in stummer Sorge auf das furchtbare Anschwellen der
Sturmesstimme... War es doch, als wolle der Orkan die uralte kleine Stadt, die,
seit einem Jahrtausend als treuer Wächter an die Pforte des Türingerwaldes
geschmiegt, allen Stürmen, allen Kriegsungewittern getrotzt hatte, in dieser
einen Nacht wie ein Kinderspielzeug in Splitter und Scherben zusammenschütteln.
Unter seinen Stössen erbebte die Erde, Schlöte und Ziegel rasselten von den
Dächern und zerbarsten auf dem Strassenpflaster, und in das Gebrüll und
Zornesschnauben hinein mischte es sich wie ein unirdisches Wehklagen, als seien
unter den Fusstritten des Dahinrasenden draussen auf dem stillen Fleck vor dem
Tore die tiefgebetteten Schläfer erwacht und durchirrten suchend die Gassen, in
denen sie vorzeiten gewandelt.
    Und gegen die zwölfte Stunde tat sich die Stubentür auf, und Bärbe
erschien auf der Schwelle, ganz blass, schaudergeschüttelt, und den Zeigefinger
der Rechten nach der Zimmerdecke emporgereckt. Es tappe und trampele wie mit
Reiterstiefeln ganz greulich oben im Gange, und dazwischen werde gepocht und
geklopft, als wenn jemand eingesperrt sei und »heraus wolle«, zischelte sie
hinter ihren zusammenschlagenden Zähnen, verschwand aber sofort wieder hinter
der sacht zugedrückten Türe, als sich Tante Sophie, ohne ein Wort zu sagen, aus
der Sofaecke erhob, die Sturmlaterne anzündete und mit Margarete das Zimmer
verliess.
    Oben im Flursaal brauste ihnen ein Zugwind entgegen, der sie zurückzuwerfen
drohte. Auf dem letzten Büffett brannte die grosse Tischlampe des
Kommerzienrates, und die Türe nach dem Gange stand weit offen. Von dort her
pfiff und orgelte es allerdings, als sause das wilde Heer durch den langen,
dunklen Schlund. Tante Tophie trug schleunigst die Lampe, aus welcher die
windgejagte Flamme hoch emporschlug, auf das geschützte vordere Büffett, und
währenddem betrat Margarete mit hochgehobener Laterne den Gang.
    Der Sturm hatte das Fenster am Ende des Ganges eingedrückt, sein eisiges
Blasen und Fauchen kam dort direkt vom Himmel herein; er warf den aufgerissenen
Flügel schmetternd hin und her und riss und stiess an den hingelehnten Bildern,
von denen ein Teil bereits am Boden lag - das war wohl das Tappen und Pochen
gewesen... Aber das Fenster war ja so klein; durch dieses enge Viereck konnte
sich unmöglich die gewaltige Windsbraut zwängen, die das Mädchen wütend anfiel
und Gang und Flursal mit ihrem Tosen erfüllte. Margarete kämpfte sich vorwärts,
und da prallte sie plötzlich zurück.
    Sie stand vor dem Treppchen, das seitwärts nach der Bodenkammer im Packhause
hinabführte; sonst war das eine düstere, abgeschlossene Ecke; jetzt aber sah der
dämmernde Himmel mit seinen Sternbildern durch das Dachgerippe des Packhauses
herein - der nie benutzte Türflügel hing zurückgeworfen nur halb in den Angeln,
und im Türrahmen, mühsam gegen den Anprall sich haltend, stand ihr Vater.
    Er sah den Laternenschein, der neben ihm hin auf die Dielen der Dachkammer
draussen fiel, und wandte sich um. »Du bist's, Gretchen?« fragte er. »Jagt dich
der Aufruhr auch durch das Haus? Es sieht schlimm aus hier oben. Wie vor den
Posaunenstössen des Weltgerichts stürzt das bisschen Menschenwerk zusammen - nicht
die Sonne allein, auch der Sturm bringt's an den Tag, mein Kind!« setzte er mit
einem unheimlichen Lächeln, das sie betroffen machte, hinzu. »Schau,
jahrhundertelang hat geheimnisvolles Dunkel unter dem alten Dach gespukt und nun
scheinen die Sterne auf die Dielenbretter und man meint die Fussspur von denen zu
sehen, die einst da gegangen sind.«
    Er stieg das Treppchen herauf; Tante Sophie kam eben auch den Gang daher.
Sie schlug die Hände zusammen. »Um alles in der Welt, hat denn der
Spektakelmacher uns Lamprechts ganz extra aufs Korn genommen? Das ist ja die
reine Wüstenei!« schalt sie empört und zeigte nach der aufgerissenen Türe.
»Seit Menschengedenken hat keine Seele an das Türschloss gerührt, und nun! - das
Loch muss auf der Stelle zugemacht werden, wenn wir nicht das Haus voll Ratten
haben wollen!«
    »Ratten?! - Mir war's eben noch, als käme eine weisse Taube
hereingeflattert,« sagte der Kommerzienrat wieder mit jenem höhnisch bitteren
Lächeln, das seine Lippen schmerzhaft aufzucken machte.
    Tante Sophie erschrak. »Na, das fehlte noch, dass uns auch der Taubenschlag
abgedeckt ist!« rief sie und trat resolut um einige Schritte hinaus, um zwischen
dem Balkenwerk hindurch nach dem Dach des Weberhauses zu sehen, wo ihre
gefiederten Pfleglinge hausten.
    Der Kommerzienrat wandte sich achselzuckend ab und ging hinunter in die
Erdgeschosswohnung. Er kam bald darauf mit dem Kutscher und dem Hausknecht
zurück, die eine Leiter und Balkenstücke trugen. Nur mit Mühe gelang es ihnen,
die Türe anzudrücken; dann wurden die Balken dagegen gestemmt.
    »Vielleicht war's gut, dass der Sturm einmal da durchgefegt ist,« hörte
Margarete den Kutscher bei der Arbeit halblaut zu dem andern sagen, während sie
mit ihrem Vater und Tante Sophie bemüht war, die umgeworfenen Bilder wieder
aufzurichten. »Da hinaus will's ja partout immer, das Unwesen! Ich hab's ja
selbst einmal mit eigenen Augen gesehen - es müssen nun an die zehn Jahre her
sein - wie die weisse Schleierwolke geradeswegs durch den Gang in die Ecke da
schoss, als ging es direktement ins Freie 'naus - ja prosit! - da war die Welt
mit Brettern verschlagen und das Schleierzeug zerflog und zerflatterte nur so an
den Wänden - immer die nämliche Geschichte, seit die Frau tot ist und nicht in
den Himmel kommen kann! ... Nun ist aber da ein Luftloch gewesen, gerade weit
genug, um so ein armes Weiberseelchen 'nauszulassen - das wär' gut für die
Herrschaft, und ihr wollte ich die Ruhe auch gönnen. Verdient hat sie's freilich
nicht; denn sie ist's doch gewesen, die ihren Liebsten 'rumgekriegt hat, dass er
der ersten Frau sein Wort nicht halten durfte. An so einer Falschheit sind
allemal die Weiber schuld, allemal!«
    Der Zugwind trug jedes Wort deutlich herüber, und den stolzen Kommerzienrat
mochte die Kritisierung seiner Vorfahren aus unberufenem Dienermund schwer
ärgern - Margarete sah, wie er die geballte Hand hob, als wolle er den Sprecher
züchtigen; aber er liess es bei einem zornigen: »Vorwärts! sputet euch!«
bewenden, worauf der Kutscher erschrocken die Leiter anlehnte und zu dem
Fensterchen emporkletterte, das ebenfalls möglichst verbarrikadiert wurde.
    Margarete verliess den Gang und trat für einen Moment in das nächste Fenster
des Flursaales. Aus verschiedenen Fenstern des Vorderhauses fiel heller
Lampenschein in den Hof, auf die sausenden Lindenwipfel und die spritzenden
Wasser des Brunnens, und mit Schmerz sah das junge Mädchen, dass die steinerne
Brunnennymphe über den vier wasserspeienden Röhren fehlte - der Sturm hatte auch
sie herabgerissen, wie ein mächtiges Simsstück droben am Dache des spukhaften
Flügels, über welche gähnende Lücke gerade ein breiter Lichtstreifen aus den
oberen Flursaalfenstern hinlief. Droben wachte man auch.
    Sie sah plötzlich ihren Vater neben sich stehen, während die beiden Männer
mit ihrer Leiter geräuschvoll hinter ihnen weg nach dem Ausgange trabten. Er
legte seine Hand schwer auf die Schulter der Tochter und zeigte empor nach dem
unbeweglich auf dem Dach liegenden Lampenschein. »Das sieht so still aus
inmitten des Aufruhrs, so stolz ruhig wie die Bewohner unserer vornehmen oberen
Etage selbst... Wenn sie wüssten! - Morgen wird es einen Sturm da oben geben,
einen Sturm, so wild wie der, unter welchem eben unser altes Haus in seinen
Fugen bebt!«
    Tante Sophie kam eben mit der Laterne um die Gangecke und da brach er kurz
ab. »Auf morgen denn, mein Kind!« sagte er, dem jungen Mädchen die Hand
drückend; dann nahm er die Lampe vom Büffett und zog sich in sein Zimmer zurück.
- -
    Nach Mitternacht legte sich der Sturm. Die Lichter in den Häusern der Stadt
erloschen, und die geängstigte Bewohnerschaft suchte noch schleunigst die
wohlverdiente Ruhe. Auch im Hause Lamprecht wurde es still; nur Bärbe warf den
Kopf in ihren buntgewürfelten Bettkissen hin und her und konnte vor Aerger nicht
schlafen - es war eben kein richtiges, festes Glauben und auch kein Verlass mehr
in der Welt. Nun schwatzten die beiden dummen Menschen, der Kutscher und
Friedrich, der Herrschaft auch »nach dem Munde«, und behaupteten, die Bilder
seien es gewesen und erst hatten sie doch kreideweiss in der Küche gesessen und
heilig und teuer geschworen, dass das Pochen und Stampfen oben im Gange nichts
anderes als Teufelsspuk sein könne. Aber nur Geduld - es kam schon noch, es kam!
-
    Am anderen Morgen war es förmlich kirchenstill in den Lüften. Die Sonne
übergoss alles Trümmerwerk, von den durchlöcherten Türmen und Kirchendächern an
bis zum niedergeworfenen Gartenstaket herab, mit warmem gleissenden Gold und
lockte ein wahres Brillantengefunkel aus den Scherben und Splittern der
zerschlagenen Fensterscheiben. Ja, der »Spektakelmacher« hatte viel Unheil
angerichtet, und die Handwerker hatten für die nächste Zeit vollauf zu tun, um
den Schaden gutzumachen.
    Aus Dambach war auch beim Morgengrauen ein Bote mit Hiobsposten gekommen.
Das Unwetter sollte die Fabrikgebäude dermassen beschädigt haben, dass eine
längere Betriebsstörung zu befürchten stand. Daraufhin war der Kommerzienrat in
aller Frühe hinausgeritten. Er habe ganz frisch ausgesehen und auch erst in
aller Ruhe seinen Kaffee getrunken, sagte Tante Sophie auf das ängstliche
Befragen Margaretens hin, die noch geschlafen hatte. Freilich habe er eine
Sorgenfalte zwischen den Augen gehabt; es sei ja auch keine Kleinigkeit, wenn
die Fabrik stille stehe, und ausserdem müsse tief in den Beutel gegriffen werden,
schon allein der Reparaturen an den Hintergebäuden wegen, denn da sehe es beim
Tageslicht geradezu gotteillos aus.
    Margarete trat auf die Türstufen des Seitenflügels hinaus und überblickte
den verwüsteten Hof, und in diesem Augenblick kam auch der Herr Landrat,
gestiefelt und gespornt, und die Reitgerte in der Hand, vom Vorderhause her und
ging nach den Pferdeställen. Ob er den alten Mann in der Tat nicht bemerkte,
oder ob auch für ihn das Prinzip im Vorderhause galt, nach welchem das Dasein
der Packhausbewohner möglichst ignoriert wurde, genug, er trat unter die
Stalltüre, ohne die höfliche Begrüssung des Malers Lenz zu erwidern, der in der
Nähe des Brunnens stand.
    Der alte, weisshaarige Mann war, wie es schien, lediglich über den das ganze
Packhaus absperrenden Trümmerhaufen geklettert, um die Bruchstücke der
zerschlagenen Brunnennymphe zusammenzusuchen. Er hatte eben den Kopf des
Steinbildes aus dem Grase aufgenommen, als Margarete zu ihm trat und ihm mit
herzlichem Grusse die Hand hinstreckte. - Sie hatte ihn ja immer lieb gehabt, den
stets heiteren, lebensfrohen, greisen Künstler, der mit so gutem, treuem Auge
durch seine Brillengläser in die Welt sah; und heute noch stand ihr jener Moment
vor der Seele, wo sie sich als Kind in ihrer trostlosen Verlassenheit mit dem
wonnigen Gefühl des Geborgenseins an seine Brust geschmiegt hatte. Das vergass
sie nie.
    Er freute sich wie ein Kind, sie wiederzusehen, und versicherte fröhlich auf
ihre teilnehmenden Fragen nach seiner erkrankten Frau, dass daheim alles wieder
wohlauf und zufrieden sei, wenn auch augenblicklich das Dach über dem Haupte
fehle. Der Sturm habe schlimm gehaust, seine ruchloseste Tat sei aber doch die
Zertrümmerung der Brunnennymphe, eines seltenen Kunstwerkes, das immer sein
Augapfel gewesen sei. Und nun sprach er über die köstlichen Linien des
Nymphenkopfes in seinen Händen und über verschiedene berühmte weibliche Statuen
der antiken Welt, ein Tema, auf welches Margarete lebhaft einging, um so mehr,
als der alte Mann ein ausgezeichnetes Kunstverständnis an den Tag legte... Und
währenddem war der Landrat wieder in der Stalltüre erschienen; er hatte das
junge Mädchen von dorter gegrüsst, und nun ging er wartend langsam unter den
Linden auf und ab.
    Margarete hatte seinen Gruss nur mit einem flüchtigen Kopfnicken erwidert -
die Art und Weise, mit welcher sich der hochmütige Büreaukrat dort isolierte,
empörte sie - nun, er brauchte ja auch für sie nicht da zu sein. Im Gespräch
weiter gehend, begleitete sie den alten Maler durch den Hof nach dem Packhaus;
dort sprang sie auf den Trümmerhaufen und hielt dem mühsam Hinaufkletternden
helfend beide Hände hin. So leicht sie war, das locker übereinander geworfene
Bollwerk krachte und wich doch unter ihren Füssen, und jeder noch so vorsichtige
Tritt des alten Mannes brachte es in schütternde Bewegung.
    Jetzt kam auf einmal Leben in die statuenhaft ruhige Erscheinung des
Landrats. Er warf seine Reitgerte auf den Gartentisch und eilte in förmlichem
Sturmschritt nach den Trümmern. Schweigend stieg er auf das nächste Balkenstück
und reckte die Arme empor, um die Schwankende zu stützen und ihr herabzuhelfen.
    »Ei beileibe nicht, Onkel! Du riskierst die Nähte deiner neuen Handschuhe!«
rief sie mit einem halben Lächeln und den Kopf nur wenig nach ihm zurückwendend,
während ihre Augen gespannt die letzte Anstrengung des alten Mannes verfolgten,
der eben drüben glücklich den Boden erreichte. »Adieu, Herr Lenz!« rief sie ihm
in warm herzlichem Tone zu, dann trat sie einen Schritt seitwärts und flog wie
eine Feder über die emporstarrenden Holzstücke hinweg auf die Erde nieder.
    »Das war eine unnütze Bravour, die schwerlich jemand bewundern dürfte,«
sagte der Landrat frostig, indem er ein herabgefallenes kleines Lattenstück von
seinem Fusse schüttelte.
    »Bravour?« wiederholte sie ungläubig. »Denkst du wirklich an Gefahr dabei? -
Hier unten erdrückt das morsche Bretterwerk niemand mehr.«
    Seine Augen streiften seitwärts ihre zarte, biegsame Gestalt. »Es käme
darauf an, wer zwischen diese nägelgespickten Trümmer geriete -«
    »Ah, danach zählst du den guten alten Maler zu den körperlich und moralisch
Unverwundbaren? Du rührtest weder Hand noch Fuss, ihm herüberzuhelfen, so wenig
wie du vorhin seinen höflichen Morgengruss erwidert hast.«
    Er sah fest und prüfend in ihre Augen, die in bitterer Gereizteit
flimmerten. »Das Grüssen ist wie Scheidemünze; es geht von Hand zu Hand und
bleibt an keinem Finger hängen,« entgegnete er ruhig. »Wenn du also glaubst,
beschränkter Hochmut hindere mich, einen Gruss zu erwidern, so irrst du - ich
habe den Mann nicht gesehen -«
    »Auch nicht, als er dort neben mir stand?«
    »Du meinst, ich hätte hinzutreten und auch mein Gutachten über den
Nymphentorso abgeben sollen?« unterbrach er sie und ein Lächeln flog um seinen
Mund. »Möchtest du wirklich, dass sich der, welchem du ja nicht oft genug den
ehrwürdigen Onkeltitel geben kannst, in seinen alten Tagen blamiere? ... Ich
verstehe nichts von diesen Dingen, und wenn ich mich auch dafür interessiere, so
habe ich doch nie Zeit gehabt, mich eingehend damit zu beschäftigen.«
    »O, Zeit und Lust genug, Onkel!« lachte sie. »Ich weiss noch genau, wie dort
unter den Küchenfenstern« - sie zeigte nach dem Vorderhause - »ein grosser Junge
stand, die Taschen voll Kiesel, und stundenlang die arme Brunnennymphe mit den
hübschen, runden Steinchen bombardierte -«
    »Ach sieh - so gibt es doch noch eine Zeit in deiner Erinnerung, wo auch
ich jung für dich gewesen bin -«
    »Ursprünglich willst du sagen, Onkel! - Eine Zeit, wo der Diplomatenfrack
noch nicht die möglichste Reserve auferlegte, wo der Kletterbaum nur als
Nebelbild in weiter Ferne dämmerte; eine Zeit, wo Glut und Leidenschaft in
deinen Augen flammten und deine Hand regierten - ich hab's empfunden, dort!« -
Sie deutete nach der Gartenmöbelgruppe unter den Linden. - »Gott weiss, in
welcher Ecke sie jetzt unbeachtet zerfällt, die weisse Rose, um welche damals mit
einer Erbitterung, einem Feuer gekämpft wurde, als sei sie das schöne, blonde
Mädchen unter den Aristolochiabogen selbst!«
    Sie sah mit Genugtuung, wie er wiederholt sich verfärbte. Von all denen,
die den Herrn Minister in spe, den zukünftigen Verwandten des Fürstenhauses
umschmeichelten, hätte es gewiss keiner gewagt, ihn an diese »Jugendtollheit« zu
erinnern - sie tat es mit Freuden. Er musste sich schämen, wenn er jene erste
entusiastische Liebe mit seiner heutigen Selbstsucht und Herzensverknöcherung
verglich.
    Aber eigentlich beschämt oder bestürzt sah er doch nicht aus. Er wandte sich
ab und überblickte den verwüsteten Gang des Packhauses, der einst mit seinem
üppig wuchernden grünen Pflanzenschmuck das schönste Mädchenbild umrahmt hatte.
Wie ein Zauberspuk war alles verschwunden. Das Rankengeflecht hatte das
stürzende Dach mit heruntergerissen und bis auf das kleinste Blättchen unter dem
grausen Scherben- und Splittergemenge begraben, und das Mädchen? - Seit sie
damals durch das Tor des Packhauses in die weite Welt gegangen, hatte kein
Menschenauge sie wiedergesehen, niemand wieder von ihr gehört.
    »Fata Morgana!« sprach er halblaut vor sich hin, wie in die Erinnerung von
damals verloren. Er hatte vorhin bei Erwähnung des Kletterbaumes leise
gelächelt, und auch jetzt spielte derselbe Zug um seine Lippen, während ein
leichtes Rot in seine Wangen stieg. »Die Rose nicht allein, auch eine blaue
Seidenschleife, die der Wind von dem blonden Haar in den Hof herabgeweht hatte,
und einige achtlos über das Ganggeländer geworfene, bekritzelte Papierschnitzel
liegen noch als treubehütete Reliquien in der Brieftasche von damals bei
einander,« sagte er, halb und halb ironisierend, und doch bewegt. Er schüttelte
den Kopf. »Dass du dich des Vorfalles noch erinnerst!«
    Sie lachte. »Wunderbar ist das doch nicht! Ich habe mich in jenem Moment vor
dir und deiner stummen, bleichen Wut gefürchtet - so etwas vergisst ein Kind so
wenig, wie einen Akt der Willkür, gegen den sich sein Gerechtigkeitsgefühl
empört. Der grosse Herr Primaner hatte stets gegen Raub und Diebstahl gedonnert,
wenn die Finger der naschhaften Grete mit dem Obstteller der Grossmama verstohlen
in Berührung gekommen waren, und da griff er nun selbst heimlich wie ein Dieb
nach dem Eigentum der schönen Blanka und liess es in der Brusttasche
verschwinden.«
    Jetzt lachte auch er. »Und seit jenem Moment bist du meine Widersacherin -«
    »Nein, Onkel, du hast ein schlechtes Gedächtnis. Gut Freund sind wir ja nie
gewesen, auch vorher nicht. Du hast die Erstgeborne deiner Schwester nie leiden
können, und ich habe dich konsequenterweise rechtschaffen dafür geärgert. Diese
Rechnung ist stets ehrlich und redlich ausgeglichen worden.«
    Seine Stirn hatte sich, während Margarete sprach, verfinstert und auch jetzt
blieb er ernst. »Das wäre mitin abgemacht gewesen,« sagte er; »trotzdem bist du
beflissen, jetzt erst recht Abrechnung mit mir zu halten -«
    »Jetzt, wo ich mich eifrig bemühe, dich nach Titel und Würden streng zu
respektieren?« Sie zuckte lächelnd die Schultern. »Wie es scheint, nimmst du mir
den Fürwitz übel, mit welchem ich dich an die rosa blanca erinnert habe; und du
hast ja auch recht, es war übereilt und nicht gerade taktvoll. Aber es ist
seltsam; seit ich vorhin mit dem alten Mann gesprochen habe, steht mir ein
verhängnisvoller Tag meiner Kindheit so lebhaft vor Augen, dass ich die
Erinnerung nicht los werde. Da habe ich die Malerstochter zum letztenmal gesehen
- sie war blass und verweint, und das starke, blonde Haar hing ihr aufgelöst über
den Rücken... Ich habe von klein auf eine fast närrische Schwäche für
Mädchenschönheit gehabt - die lebendigen schlanken Griechenmädchen haben mich
zum Aerger des Onkels ebenso interessiert, wie die ausgegrabenen Götterbilder,
und in Wien bin ich einer schönen Serbin durch Gassen und Strassen nachgelaufen;
und doch haben mir alle diese späteren Erscheinungen das Bild von Blanka Lenz
nicht verdrängen können... Die Frage nach ihr schwebte mir vorhin auf den
Lippen, trotzdem schwieg ich; mir war plötzlich, als müsste ich ihrem Vater mit
dem Tochternamen wehe tun. Das Mädchen ist so völlig verschollen - ich glaube,
niemand in unserem Hause weiss, was aus ihr geworden ist, oder -?« Sie verstummte
und sah ihn schelmisch beredt von der Seite an.
    »Ich weiss es auch nicht, Margarete,« versicherte er mit Humor. »Seit jenem
Morgen, wo sie abgereist ist, und der grosse Herr Primaner in seiner wilden
Verzweiflung erwog, ob wirklich das Leben des Weiterlebens noch wert, oder ein
Schuss ins Herz vorzuziehen sei, habe ich nie wieder von ihr gehört. Aber es ist
mir ergangen wie dir, ich habe sie nicht vergessen können, lange, lange nicht,
bis plötzlich - die Rechte gekommen ist; denn das war sie trotz alledem nicht
gewesen.«
    Margarete sah bestürzt zu ihm auf - das klang so wahr, so aus tiefster
Ueberzeugung heraus, dass ihr auch nicht der geringste Zweifel an der Echteit
seiner Gesinnung blieb. Er liebte diese Heloise von Taubeneck wirklich. Nicht um
seiner Karriere willen strebte er nach ihrer Hand, wie die böse Welt behauptete
- nein, er würde auch um sie werben, wenn sie die Malerstochter wäre... Der Papa
hatte doch recht gehabt mit seiner Versicherung, dass Herbert bei all seinem
brennenden Ehrgeiz, seinem energischen Emporstreben dennoch die krummen Wege
verschmähe...
    Mittlerweile war der Hausknecht wiederholt unter der Stalltüre erschienen,
und jetzt winkte der Landrat ihm zu. Sein Pferd wurde herausgeführt, und er
schwang sich hinauf.
    »Du reitest nach dem Prinzenhofe?« fragte Margarete, indem sie ihre Hand in
seine Rechte legte, die er ihr vom Pferde herab noch einmal bot.
    »Nach dem Prinzenhof und weiter,« bestätigte er. »Nach der Richtung hin hat
der Sturm schlimm gehaust, wie mir gemeldet wurde.« Mit sanftem Druck entliess er
die Hand, die er bis dahin festgehalten, und ritt davon.
    Margarete blieb unwillkürlich stehen und sah ihm nach, bis er seitwärts
hinter dem Torpfeiler des Vorderhauses verschwunden war. Sie hatte ihm unrecht
getan, und, was noch schlimmer war, sie hatte diesen falschen Standpunkt ihm
gegenüber wiederholt in verletzender Weise betont - das war peinlich... Und er
liebte sie wirklich, diese kühle, dicke, pomadige Heloise, den ausgesprochenen
Gegensatz der graziösen Libelle, die einst dort unter dem grünen Blätterbehang
gegaukelt! Unbegreiflich! Aber Tante Sophie hatte recht. »Ja, wo die Liebe
hinfällt!« sagte sie stets achselzuckend, wenn sie von dem »Weltwunder« sprach,
dass sich nämlich wirklich und wahrhaftig einer vorzeiten in ihre grosse Nase
verliebt habe... Mit nachdenklich gesenkter Stirn ging sie langsam nach der
Türe des Seitenflügels zurück. Da, im Grase neben dem Brunnenbecken lag das
abgeschlagene Händchen der Nymphe. Sie hob es auf, und beim Anblick der
charakteristischen Form musste sie an die verschiedenen Hypotesen des alten
Malers bezüglich des antiken Originales der Statue denken - aber auch nur einen
Moment; dann verschleierten sich ihre Augen wieder hinter den Wimpern, und wie
traumverloren stieg sie die Türstufen hinauf - das interessanteste Problem war
und blieb doch - die Menschenseele!
 
                                       15
Später füllte sich der Hof mit Arbeitern. Das Aufräumen der Trümmerstätte
verursachte einen wüsten Lärm, der das junge Mädchen bald aus ihrer trauten
Hofstube verjagte... Nun sass sie wieder wie ehemals auf dem Fenstertritt im
Wohnzimmer und tunkte die Feder in das grosse porzellanene Tintenfass, welches vor
Jahren so viel Kleckse in den Schreibeheften und auf den Schürzen der
ungeschickten Grete verschuldet hatte. - Sie wollte an den Onkel in Berlin
schreiben, aber sie fand die rechte Sammlung nicht; ihre Gedanken waren
fortwährend auf der Flucht vor der ängstlichen Spannung, welche sie seit heute
nacht beunruhigte. »Morgen wird es da oben einen Sturm geben, so wild wie der,
unter welchem eben unser altes Haus erbebt!« hatte ihr Vater im Hinweis auf die
obere Etage gesagt. Was da geschehen sollte und musste, war ihr ein Rätsel.
Zwischen dem Papa und den Verwandten droben schien das beste Einvernehmen zu
herrschen; auch nicht die geringste Spur eines Konfliktes trat zu Tage; und doch
mussten innere Differenzen obwalten, die dem Chef des Lamprechtshauses nachgerade
unerträglich geworden waren, denn er wollte ja um jeden Preis »ein Ende
machen...«
    Unter den Fenstern des Vorderhauses war es auch nicht viel stiller, als im
Hofe. Es war Markttag gewesen. Noch hörte man vereinzeltes Feilschen um Butter,
Eier und Obst herüber, und geleerte Holz- und Getreidewagen rasselten heimwärts
über das Pflaster. Dann zogen den Marktplatz entlang die Kurrendeschüler, der
wohlbekannte, aus den Schülern der höheren Lehranstalten rekrutierte Singchor...
B. war eine von den wenigen türingischen Städten, welche diese uralte, von den
gabenheischenden Bettelmönchen und den späteren Bacchanten herstammende Sitte
noch schützten und pflegten.
    Wie eine Schar Dohlen kamen sie daher, die Knaben und Jünglinge, in ihren
runden, schwarzen Mänteln, und schwarze Baretts auf die junge Stirn gedrückt.
Solch einer war auch Tante Sophiens Lieblingsheld, Martin Luter, gewesen, und
gleichgesinnt wie dessen Beschützerin, die edle Frau Cotta in Eisenach, bestritt
sie jahraus, jahrein den Mittagstisch für zwei arme Schüler aus ihrer eigenen
Tasche.
    Drüben vor der Apoteke sangen sie einen Choral, und bald darauf formierte
sich der weite Kreis vor Lamprechts Hause und intonierte das Lied: »Es ist
bestimmt in Gottes Rat«. - Sie sangen »schlecht und recht« mit ihren vom
Stadtkantor gedrillten Kehlen, die, so jung, meist mit Seele und Ausdruck noch
nichts zu schaffen haben; und doch griffen diese Töne seltsam bewegend an
Margaretens Herz, und ein Gefühl banger Beklemmung überschlich sie - ja der
gestrige furchtbare Schrecken, die Sturmesnacht und die augenblickliche innere
Spannung machten sich nun doch geltend, man war wunderlicherweise ein wenig
nervös.
    Und Tante Sophie kam herein, inspizierte wiederholt den hergerichteten
Mittagstisch und scheuchte eine naschhafte Fliege von der Obstschale. »Es muss
schlimm aussehen draussen in der Fabrik, dein Vater kommt gar nicht wieder,«
sagte sie zu dem jungen Mädchen am Fenster. »Bärbe brummt in ihrer Küche und
jammert um die Pastetchen, die derweil Saft und Kraft verlieren.« - Und nach
einem Blick aus dem Fenster über den Markt hin, wo die Schüler eben auseinander
gingen, und der ersehnte Reiter sich immer noch nicht zeigte, meinte sie: »Du
könntest schnell noch einmal die Treppe hinaufspringen, Gretel. Der Schlosser
ist droben und bringt die Bodenkammertüre in Ordnung. Ich hab' Sorge, dass er's
mit den hingelehnten Bildern nicht genau nimmt.«
    Margarete ging hinauf, an den unversehrten Bildern vorüber. Die
vorgestemmten Balkenstücke waren wieder entfernt, und die Türe stand offen wie
in der vergangenen Nacht. Der Schlosser hantierte an den losgerissenen Angeln,
und draussen unter dem freigelegten Dachgerüst waren Zimmerleute beschäftigt.
    Sie trat auf die kreischenden Bodendielen, unter das eisenfeste, gebräunte
Gebälk hinaus, das scharf gezähnt in den blauen Himmel hineinschnitt. Jetzt lag
die klare Oktobersonne auf der Fussspur, von welcher der Papa in der Nacht
gesprochen hatte. Sie schüttelte den Kopf - feine Sohlen waren sicher nie über
diese rohen, ungehobelten Bretter gegangen, höchstens der benagelte Schuh der
früheren Packer... Alte Häuser haben freilich ihre Geheimnisse, und für die
Sonntagskinder glitzern die Augen der Hausgeisterchen unter den schleierhaften
Staubschichten und Spinnweben, und das Zischeln von lichtscheuen Taten und
sonstigen schlimmen Dingen kommt aus allen Ecken. Warum aber gerade hier, in den
ehemaligen Lagerräumen unverfänglicher Leinenballen, der Sturm ein ungelöstes
Rätsel habe aufjagen und an den Tag bringen sollen, das begriff sie jetzt unter
dem lachenden Tageshimmel noch viel weniger, als in der Nacht, da der Papa so
wunderlich gesprochen...
    Hier oben in den Lüften wehte ein ziemlich starker Zugwind, der dem jungen
Mädchen das Haar aufflattern machte. Sie zog einen kleinen, schwarzen
Spitzenshawl aus der Tasche, band ihn über den Kopf und wollte eben die
Speicherräume entlang schreiten, als ein lautes Aufkreischen von Frauenstimmen
aus den offenen Küchenfenstern ihren Schritt hemmte... Kein Gesicht zeigte sich
an den Fenstern, wohl aber stürzte in diesem Augenblick der Kutscher in den Hof
und rannte nach den Ställen, und verschiedene andere Menschen, die nicht in das
Haus gehörten, liefen mit. Die Arbeiter sprangen von dem Trümmerhaufen, und im
Nu drängte sich inmitten des Hofes ein Menschenknäuel um einen Bauer, der mit
fliegendem Atem und so scheuer, gedämpfter Stimme sprach, als fürchte er, es
könne ein Widerhall von den Mauern laut werden.
    »Hinter dem Dambacher Hölzchen,« klang es wie verloren herauf, und »hinter
dem Dambacher Hölzchen haben sie ihn gefunden,« sagte plötzlich eine Stimme
dicht an der halb offenen Türe des nächsten Bodenraumes. Es war ein Lehrjunge,
der von unten heraufkam. »Sein Pferd ist an einen Baum angebunden gewesen,«
berichtete er atemlos weiter, »und er hat auf dem Moose gelegen - die
Marktweiber haben gedacht, er schliefe. Nun haben sie ihn wieder in die Fabrik
geschafft. Solch ein reicher Mann wie der, hat viele hundert Fabrikleute unter
sich und Kutscher und Bedienten, und hat doch so allein -« Er verstummte
erschrocken, vor dem entgeisterten Mädchenantlitz unter dem schwarzen
Spitzentuch, vor den grossen, entsetzten Augen und der schlanken Gestalt, die mit
schlaff herabhängenden Armen wie nachtwandelnd an ihm und den Gesellen
vorüberschritt. Sie fragte nicht: »Ist er tot?« Diese erblassten Lippen waren wie
im Krampfe geschlossen. Stumm glitt sie von Tür zu Tür, die Treppe des
Packhauses hinab, und durch das offene Tor auf die Strasse hinaus.
    Und nun ging es eilenden Fusses durch die abgelegenen, menschenstillen
Gassen, denselben Weg, auf welchem sie einst aus Furcht vor dem Institut
davongelaufen war... Ein erinnernder Gedanke an damals kam ihr freilich nicht;
sie schritt auch nicht durch wogende Kornfelder, von der nachwirkenden Abendglut
der Julisonne umbrütet - weitin breiteten sich die Stoppelflächen, von denen
Krähenscharen aufflogen. Sie hörte auch nicht das scharfe Gekreisch der Vögel,
die einzigen Laute über der grabesstillen Herbstflur - ihr war, als zöge der
Schülerchor neben und hinter ihr. »Es ist bestimmt in Gottes Rat« klang es fort
und fort und lief mit ihr... Und dann blieb sie sekundenlang stehen und presste
stöhnend die Hände auf die Ohren und schloss die Augen. Nein, nicht das
Schlimmste war geschehen! Nicht wie die schwanke Aehre, die ein einziger
Sensenschnitt hinmäht, sank solch eine eisenfest gefügte, kraftstrotzende
Gestalt dahin; nicht so griff die dunkle Hand in das hochgesteigerte Getriebe
menschlicher Pläne und Entschlüsse und wischte jäh entscheidende Worte von den
Lippen! - Weiter flogen die Füsse im rasenden Lauf über das Blachfeld, die Anhöhe
empor und durch das raschelnde Laub, mit welchem der nächtliche Sturm den Weg
hinter dem Wäldchen beschüttet hatte. Sie konnte ja nicht schnell genug
hinkommen, um die unsägliche Qual los zu werden, um zu sehen, dass es nur ein
heftiger Schwindelanfall gewesen, dass alles wieder gut, alles beim alten, dass
die Stimme wie immer zu ihr sprach, die Augen sie anblickten, und diese
entsetzliche Stunde wie ein grauenvoller Traum überstanden sei.
    »Hinter dem Dambacher Hölzchen haben sie ihn gefunden,« klang es aber wieder
aufschreckend in ihrem Ohr, und jetzt stockte ihr Fuss, und der ihr Herz süss
beschleichende Glaube an einen täuschenden Traum zerrann grausam. Da, wo sich
die Birken zwischen die Buchenstämme mischten, ja da war es gewesen! Da war der
Boden von Menschenfüssen zerstampft wie ein Kampfplatz, da hatte man mächtige
Aeste von den Bäumen gerissen, um Raum zu gewinnen. Ihre innere Kraft brach wie
unter einem Streich zusammen, und als das Wäldchen und die ersten Dorfhäuser
endlich hinter ihr lagen, und die Fabrikgebäude sich in Steinwurfsweite drüben
hindehnten, da lehnte sie sich mit wankenden Knieen an eine der Linden, die dem
Tor des Fabrikhofes gegenüber den Rast- und Erholungsplatz der Arbeiter
beschatteten.
    Im Hofe standen viele der Fabrikleute in Gruppen, aber kein Laut einer
Menschenstimme kam von dorter; man hörte nur die Huftritte eines Pferdes - es
war Herberts Brauner, der auf und ab geführt wurde. In demselben Augenblick, wo
Margarete die Linden erreichte, trat der Landrat drüben aus dem Garten in den
Fabrikhof, und fast zugleich bog von der seitwärts hinlaufenden Chaussee eine
Equipage ab und brauste vor das Tor. Wie durch einen Nebel sah das junge
Mädchen flatternde Bänder und wallende Hutfedern - die Damen vom Prinzenhofe
sassen im Wagen.
    »Um Gotteswillen, bester Landrat, beruhigen Sie mich!« rief die Baronin
Taubeneck Herbert entgegen, der an den Wagenschlag trat und sich verbeugte - er
war bleich wie ein Toter. »Gerechter! Wie sehen Sie aus! Also ist es doch wahr,
das Entsetzliche, Unglaubliche, das mir der Oberamtmann von Hermsleben eben beim
Begegnen mitteilte? Unser lieber, armer Kommerzienrat -«
    »Er lebt, Onkel - nicht wahr, er lebt?« sagte da eine flehende, in
verhaltenem Schmerz vergehende Stimme dicht neben ihm, und heisse Finger pressten
seine Hand.
    Er fuhr in heftigem Schrecken herum. »Um Gott, Margarete -!«
    Die Damen im Wagen bogen sich vor und starrten die reiche Kaufmannstochter
an, die, erhitzt und bestaubt, im einfachen Morgenkleid und einen schwarzen
Shawl um den Kopf gebunden, wie ein Dienstmädchen dahergekommen war. »Wie,
Fräulein Lamprecht, Ihre Nichte, lieber Landrat?« fragte die dicke Dame stockend
und ungläubig, aber auch mit jener beschränkten Neugier, die sich selbst in den
peinlichsten Momenten vordrängt.
    Er antwortete nicht, und Margarete hatte nicht einmal einen Blick für seine
zukünftige vornehme Schwiegermutter - was wusste sie in diesem entsetzlichen
Augenblick von den Beziehungen dieser drei Menschen zu einander! In wilder Angst
haftete ihr Auge auf Herberts verstörtem Gesicht.
    »Margarete -« er sprach nicht weiter, aber sein Ton voll innerer Qual sagte
ihr alles. Sie schauderte in sich zusammen, stiess seine Hand, die sie noch fest
umklammert hielt, von sich und schritt über den Hof nach dem Pavillon.
    »Es scheint ihr sehr nahe zu gehen - sie hat den Kopf total verloren,« hörte
sie die klare, kühle Stimme der schönen Heloise mitleidig hinter sich sagen.
»Wie wäre es sonst möglich gewesen, so derangiert die Strassen der Stadt zu
passieren!«
    In dem Hausflur des Pavillons standen zwei im Fortgehen begriffene Aerzte
der Stadt und die in Tränen schwimmende Faktorin, und halblaute Worte von
Gehirnschlag und einem schönen, beneidenswerten Tod schlugen an Margaretens Ohr.
Ohne die Augen zu heben, glitt sie an den Sprechenden vorüber und trat in das
Zimmer, wo der Papa sich aufzuhalten pflegte. Ja, da lag er auf dem Ruhebett -
sein schönes Gesicht hob sich in tiefer Blässe von dem dunkelroten Polster - ein
friedlich Schlafender, dem die jähe, schmerzlos hinraffende Hand alle dunkeln
Rätsel von der Stirn gestreift hatte! - Zu seinen Füssen sass der Grosspapa den
weissen Kopf in den Händen vergraben.
    Der alte Mann sah auf, als die Enkelin in stummem Schmerz an dem Ruhebett
niedersank - ihm war es nicht verwunderlich, sie »so derangiert« auf eigenen
Füssen ankommen zu sehen, er kannte seine Gretel. Schweigend, mit sanfter Hand
zog er sie an sich, und da, an seiner treuen Brust, brachen endlich die
wohltätigen Tränen unaufhaltsam hervor...
 
                                       16
Im Flursaal, zwischen der Türe des grossen Salons und dem gegenüberliegenden
mittleren Fenster, war der traditionelle Platz, wo alle, die im Leben den Namen
Lamprecht getragen, noch einmal in glanzvoller, wenn auch stummer Abschiedsrolle
erschienen, ehe sie das feuchte Mauergewölbe draussen auf dem stillen Platz vor
dem Tore bezogen. Hier hatte auch die böse Frau Judit gelegen, einen
lächelnden Glanz auf dem zornmütigen Gesicht - hatte sie doch ihren
verzweifelten Kampf mit dem Tode, nach dem bindenden, ihrem Eheherrn mühsam
abgerungenen Eid, sofort willig aufgegeben und ihren hageren, unschönen Leib zur
ewigen Ruhe ausgestreckt.
    Und hier, unter den fremdländischen, blühenden Gewächsen, die den
silberbeschlagenen Sarg der reichen Frau umstanden, sollte Herr Justus Lamprecht
die schöne Dore zum erstenmal gesehen haben. Sie war die verwaiste Tochter eines
fernen Geschäftsfreundes gewesen, welcher Herrn Justus testamentarisch zu ihrem
Vormund ernannt hatte. Und da sollte eines Abends eine Reisekutsche vor dem
Lamprechtschen Hause gehalten haben, und weil keine Menschenseele sich um das
Fuhrwerk gekümmert hatte, wohl aber erschrecklich viel Leute in das Haus und die
glänzend helle Treppe hinaufgeströmt waren, da sollte das angekommene fremde
Mädchen aus dem Wagen geschlüpft und mit den Leuten gegangen sein, bis sie oben
mit erschreckten Augen vor der toten Frau gestanden. Das war ihr erster Einzug
im Hause ihres zukünftigen Ehemannes gewesen, »ein ganz schlechtes Zeichen«, und
auch schon um deswillen hatte es dann später so kommen müssen, dass sie schon
nach wenigen Jahren auf derselben Stelle eingebahrt gelegen, wie ein schönes
Wachsbild, mit ihrem toten Engelchen im Arm, und im strengen, blumenlosen Winter
doch mit kostbaren, weiter geholten Blumen förmlich überschüttet; und die weisse
Seide ihres Sterbekleides war über den Sarg hinausgeflossen und hatte wie Schnee
ellenlang die Dielen des Flursaales bedeckt. Das erzählten sich die Leute heute
noch...
    Seitdem hatte noch manches stille Antlitz an dieser Stelle die letzten
geflüsterten Richtersprüche über sich ergehen lassen müssen; Väter und Söhne,
Mütter und Töchter, alle hatten auf dieser Station gerastet, und in Abwechselung
mit den greisenhaften, lebensmüden Auswanderern des Hauses hatte auch manche
vorzeitig in der Jugendblüte hingestreckte schöne Mannesgestalt da gelegen. Aber
einen Toten, wie den letztverstorbenen Lamprecht, hatte der Flursaal noch nicht
beherbergt. Alte Mütterchen, die unter dem Strom von Schaulustigen auch mühsam
die Treppe hinaufgeklettert waren, wussten das ganz genau zu sagen; sie hatten
ihr ganzes langes Leben hindurch nicht ein einziges Mal gefehlt, wenn in
Lamprechts Hause der Trauersaal hergerichtet war. Und sie hatten recht mit ihrer
Behauptung - lag doch dieser herrliche, reckenhafte Mann da, als werde und müsse
er jeden Augenblick, verwundert über sein seltsames Bett, aufspringen, die
Blumen abschütteln, den Schlaf aus den Gliedern recken und die Neugierigen mit
seinen feurigen Augen spöttisch anstrahlen! ... Und andere, die Männer, die
zusammen zischelten, hatten auch recht, wenn sie meinten, die letzte mächtige
Säule des alten Hauses sei mit ihm gebrochen - was nun werden solle? - Die
Schattengestalt, die da lang und schlotterig, den dünnen Hals in einen steifen
Halskragen gezwängt, und die dürren Finger in stetem Frösteln aneinander
reibend, hin und her glitt, sie war so jämmerlich anzusehen neben dem gewaltigen
Toten, dass man mit diesem Erben unmöglich rechnen konnte.
    Man hatte gefürchtet, der Schreck über die plötzlich hereinbrechende
Katastrophe werde auch für ihn verhängnisvoll werden; aber er war eigentlich gar
nicht sehr erschrocken gewesen; er hatte weit mehr erstaunt und konsterniert
ausgesehen, und war am ersten Tage wie im Traume umhergegangen. Nachher hatte
die Kühlheit seines Wesens die Leute im Kontor noch eisiger angeweht, als
bisher, und bei dieser Fassung und Objektivität war es auch niemand
verwunderlich gewesen, dass er schon am zweiten Tag probiert hatte, wie es sich
auf dem verwaisten Schreibstuhl des Heimgegangenen sitze.
    Die Trauerfeierlichkeiten waren vorüber. Der grösste Teil der Versammelten
hatte sich entfernt; nur da und dort zögerten noch einzelne, die sich nicht satt
sehen konnten an diesem »letzten Mal« in seiner Pracht und Herrlichkeit. Die
hervorragenden Teilnehmer an dem Einsegnungsakt, die Geistlichkeit, die Damen
vom Prinzenhofe, der stellvertretende Adjutant des Herzogs und die nächsten
Freunde des Hauses, verweilten noch im grossen Salon, wo sich auch die
Angehörigen des Verstorbenen versammelt hatten. Nur die Tochter des Hauses
fehlte. Sie hatte sich hinter die schwarztuchene, das mittlere Fenster mit ihrem
reichen Faltenwurf verhüllende Draperie zurückgezogen. Wie verwundet war sie in
diese dunkle Ecke geflüchtet. Musste es sein, dieses Zeremoniell, diese grausame
Schaustellung des Toten und der schmerzvollen Trauer der Ueberlebenden? Hier
oben, wo ihr war, als töne der plötzlich abgerissene Akkord eines Menschenlebens
in seinen letzten Schwingungen fort, wo sie meinte, der Flügelschlag der
geschiedenen Seele müsse mit rückwirkender Kraft nachzittern in dem ehemaligen
irdischen Heim, hier hatten die Tapeziere tagsüber gepocht und gehämmert, und
unermüdlich waren Tragbahren voll Orangerie treppauf geschleppt worden. - Und
musste es sein, dass sich eine Schar fremder Gesichter um den Sarg drängte,
während der Geistliche innige, ergreifende Abschiedsworte sprach? Aber je mehr,
desto grösser die Ehre für die Familie! Mit jedem neuen Wagen, der donnernd
drunten vorgefahren, war die zierliche Gestalt der die Honneurs machenden
Grossmama förmlich gewachsen... Und was für gedankenlose Redensarten gingen von
Mund zu Mund! Ein plötzlich dazwischentretender Fremder hätte meinen müssen, der
Verstorbene sei zeitlebens ein elender Krüppel, ein in jeder Hinsicht darbender,
verkümmerter Mensch gewesen, weil ihm ja »die ewige Ruhe, die Heimberufung aus
dieser Welt so zu gönnen war«.
    »Ihm ist wohl!« In allen Varianten wurde es gesagt; aber keiner dieser
Schönredner wusste, dass gerade in seinen letzten Lebensstunden eine
geheimnisvolle Mission sein ganzes Denken und Wollen durchdrungen und ihn zur
Ausführung unwiderstehlich gedrängt hatte.
    Er hatte keine Ahnung davon gehabt, dass der Tod mit ihm reite, als er sein
Haus verlassen. Draussen in der Fabrik war er der Ruhigste unter den durch die
Verwüstungen beunruhigten Leuten gewesen. Er hatte überall die Schäden
besichtigt und seine Befehle gegeben; dann war er heimwärts geritten - und da
hatte es ihn gepackt. Vom Schwindel überfallen, war er vom Pferde gestiegen und
hatte noch Kraft genug gefunden, das feurige Tier festzubinden und sich auf den
weichen, laubbestreuten Moosboden hinzustrecken. Wer aber konnte wissen, welche
Schrecken das plötzlich hereinbrechende Todesgefühl hinter der jetzt so glatten,
kalten Stirn kreisen gemacht? Fortgerissen, ohne erfüllt zu haben, »was ein Ende
nehmen sollte und musste« - kam wirklich ein so völliges Vergessen über die
entführte Seele, dass »ihr wohl« war, wie alle diese Leute wissen wollten?
    Die letzten der noch im Flursaal anwesenden Leute waren gegangen, und es war
so feierlich still geworden, dass man über das gedämpfte Stimmengemurmel im Salon
hinweg das vereinzelte Knistern der herabbrennenden Wachskerzen hören konnte...
Da kam der Maler Lenz aus dem tiefen, dunkelnden Hintergrunde des Flursaales, er
mochte wohl während der ganzen Zeremonie unbeachtet dort gestanden haben. Der
alte Mann war nicht allein, sein kleiner Enkel ging mit ihm und schritt auf das
Geheiss des Grossvaters unverweilt nach dem schwarzbeschlagenen, um einige Stufen
erhöhten Podium, auf welchem der Sarg stand. Der Kleine war eben im Begriff, den
Fuss auf die erste Stufe zu setzen, als Reinhold wie toll aus dem Salon
geschossen kam.
    »Da hinauf kannst du nicht, Kind!« stiess er kurzatmig, mit unterdrückter
Stimme, aber sichtlich empört hervor und zog den Knaben am Arme zurück.
    »Erlauben Sie, dass mein Enkel die Hand küsst, die -« Der alte Maler kam nicht
weiter, so bescheiden er auch seine Bitte vorbrachte.
    »Das geht nicht, Lenz - so verständig sollten Sie doch selbst sein!«
unterbrach ihn der junge Mann kurz abweisend. »Was hätte denn werden sollen,
wenn alle unsere Arbeiter mit diesem Ansinnen an uns herangetreten wären? Und
Sie werden mir doch zugeben, dass Ihr Enkel nicht um ein Titelchen mehr Recht
hat, als die Kinder unserer anderen Leute -«
    »Nein, Herr Lamprecht, das kann ich Ihnen nicht zugeben.« versetzte der alte
Mann rasch. Das Blut stieg ihm dunkel ins Gesicht. »Der Herr Kommerzienrat war
-«
    »Mein Gott, ja,« - gab Reinhold mit einem ungeduldigen Achselzucken zu -
»der Papa war allerdings oft unbegreiflich nachsichtig; aber so wie er im Grunde
dachte, lässt sich durchaus nicht annehmen, dass er dem Jungen eine solche intime
Annäherung im Beisein vornehmer Freunde« - er zeigte nach dem Salon zurück -
»gestattet haben würde. Ich muss ihn deshalb auch zurückweisen... Geh du nur
hin!« - er schob das Kind an den Schultern weiter und zeigte nach dem Ausgang -
»dein Handkuss ist nicht vonnöten!«
    Margarete schlug empört die schwarze Gardine auseinander und trat aus der
Fensternische. In demselben Augenblick kam aber auch Herbert eiligen Schrittes
aus dem Salon - er hatte in der Nähe der Türe gestanden. Ohne ein Wort zu
sagen, nahm er den Knaben an der Hand und führte ihn an Reinhold vorüber die
Stufen hinauf.
    »Lieber auf den Mund!« sagte der Knabe, das erblasste Gesichtchen von der
wachsbleichen, in Blumen gebetteten Hand wegwendend, in seiner kurzen, knappen
Ausdrucksweise halblaut zu seinem Führer. »Er hat mich auch manchmal geküsst -
wissen Sie, im Torweg, wo wir ganz allein waren.«
    Der Landrat stutzte einen Moment; dann aber nahm er den Knaben auf seinen
Arm und hob ihn über den Sarg. Und da bog sich der schöne Kinderkopf tief auf
den »stillen Mann« nieder, so dass seine braunen Locken die kalte Stirn
überfluteten, und küsste ihn auf die bärtigen Lippen.
    Dem jungen Mädchen, das noch, wie im energischen Hervortreten begriffen, mit
beiden Händen den schwarzen Tuchbehang auseinander hielt, ging es wie ein
Aufleuchten über das verhärmte Gesicht, und ein dankbarer Blick flog hinüber zu
dem, der mit ernstem, entschiedenem Protest die Lieblosigkeit von der
geheiligten Stätte wies.
    Indessen waren die im Fortgehen begriffenen Anwesenden geräuschlos aus dem
Salon gekommen.
    »Gott, wie erschütternd!« hauchte die Baronin Taubeneck, während der Landrat
die Stufen herabstieg und den Knaben sanft aus seinen Armen entliess. »Aber wie
ist mir denn?« - wandte sich die Dame leise an die Frau Amtsrätin - »ich kann
mich mit dem besten Willen nicht erinnern, dass noch so junge Angehörige der
Familie existieren.«
    »Sie haben ganz recht, gnädige Frau; meine Schwester und ich sind die
einzigen Ueberlebenden,« fiel ihr Reinhold fast heftig, tief erbittert und
verbissen in das Wort. »Der zärtliche Kuss sollte nur ein Dank für genossene
Wohltaten sein; sonst hat der Junge in unserer Familie absolut nichts zu suchen
- er gehört dem Manne da!« Bei diesen Worten zeigte er auf den alten Maler, der
schweigend die Hand des Kindes ergriff und mit einer dankenden Verbeugung gegen
den Landrat den Flursaal verliess.
    Es war, als gehe jeder Laut menschlicher Stimmen mit ihm, ein so tiefes,
verlegenes Schweigen trat ein. Der Widerspruch, so unschicklich laut am Sarge
eines Geschiedenen erhoben, mochte das Gefühl aller peinlich berührt haben. Es
fiel kein Wort mehr. Mit stummer Begrüssung ging man auseinander, und gleich
darauf fuhren drunten die Wagen nach allen Richtungen weg.
    »Dass du auch so frühe fort musstest, Balduin!« murmelte der alte Amtsrat in
schmerzlicher Klage. »Gnade Gott den armen Leuten, über die der herzlose Bursche
nun Macht hat, die unter seine Fuchtel müssen!«
    Der alte Herr war mit seiner Enkelin allein im Flursaal zurückgeblieben,
während die anderen den Fortgehenden das Geleit gaben. »Geh, mach ein Ende,
Gretel! Sei tapfer!« mahnte er bittend, indem er über das lockige Haar der
Weinenden strich, die im bitteren Abschiedsweh auf der obersten Stufe kniete.
Sie küsste die kalte Hand - war ihr doch, als dürfe sie den Hauch des
Kindermundes auf den Lippen des Toten nicht weglöschen - dann erhob sie sich und
ging an der Hand des Grossvaters nach den anstossenden Zimmern.
    »So, meine liebe Gretel, das Allerschwerste wäre überstanden!« sagte er
drinnen. »Und nun gehe du in Gottes Namen auf ein paar Wochen nach Berlin
zurück. Dort besinnst du dich am ersten wieder auf dich selber, und der arme,
gequälte Kopf da lernt wieder fest und aufrecht sitzen... Dann aber denke auch
an deinen alten Grossvater. Es wird gar einsam werden draussen in unserem lieben
Dambach, denn - er kommt nicht mehr!« - um den weissen Schnurrbart zuckte und
bebte es. - »Mir war er ein guter Sohn, mein Kind; wenn mir auch sein
eigentliches inneres Wesen zeitlebens ein Buch mit sieben Siegeln geblieben
ist.«
    Darauf ging er hinaus und schloss die Türe hinter sich, und Margarete
flüchtete in das abgelegenste Zimmer, den roten Salon - sie wusste, dass jetzt
draussen mit dem Kerzenlicht der letzte Glanz eines in den Augen der Welt weit
bevorzugten, reichen Erdendaseins erlosch, dass die letzten Vorbereitungen zu der
morgen in aller Frühe stattfindenden Uebersiedelung nach dem stillen kleinen
Haus vor dem Tore getroffen wurden... Ja, morgen um diese Zeit war alles
vorüber, und auch sie war weit, weit weg vom verwaisten Vaterhause! Heute noch,
mit dem letzten Zug kam der Onkel Teobald aus Berlin zu der Beerdigung, und
morgen mittag reiste er wieder ab und sie mit ihm.
    Sie ging auf und ab in dem schwach erleuchteten Zimmer, von dessen weiten,
hohen Wänden jeder ihrer Schritte widerhallte. Man hatte die ausgeräumte
Bel-Etage einstweilen nur notdürftig wieder hergerichtet - die Teppiche fehlten,
und der gesamte Bilderschmuck stand noch im Gange des Seitenflügels. Ein
mächtiges Viereck dunkelte auf der verblichenen Tapete - da hatte das Bild der
Frau mit den Karfunkelsteinen gehangen, der Schönen, Heissgeliebten, deren arme
Seele der grausame Aberglaube hundert lange Jahre im alten Kaufmannshause hatte
umherirren lassen, bis der Sturm hereingebraust war und sie auf seine Flügel
genommen haben sollte... O, jene Sturmnacht! Da hatte die Verwaiste zum
letztenmal in das Vaterauge geblickt! »Auf morgen denn, mein Kind!« hatte er
gesagt - das war der letzte Hauch seines Mundes für sie gewesen; dieses »morgen«
kam nie, niemals! - Sie presste die Stirn zwischen die Hände und lief von Wand zu
Wand.
    Da ging drüben die Salontüre. Herbert kam herein und durchschritt mit
suchendem Blick die Zimmerreihe. Er war im Ueberzieher und hatte den Hut in der
Hand.
    Margarete blieb stehen, als er auf die Schwelle trat, und ihre Hände sanken
langsam von den Schläfen nieder.
    »Haben sie dich so allein gelassen, Margarete?« fragte er innig
mitleidsvoll, wie sie ihn vor Jahren meist zu dem kranken Kinde Reinhold hatte
sprechen hören. Er kam herein, warf den Hut hin und ergriff die Hände des jungen
Mädchens. »Wie kalt und erstarrt du bist! Das öde, düstere Zimmer ist kein
Aufentaltsort für dich. Komm, gehe mit mir hinüber!« bat er sanft und hob den
Arm, um ihn stützend um ihre Gestalt zu legen; aber sie fuhr zurück und trat um
einige Schritte von ihm weg. »Meine Augen schmerzen,« sagte sie hastig,
erschrocken aus ihrer dämmernden Ecke herüber. »Das gedämpfte Licht tut ihnen
gut nach der grausamen Helle im Flursaal... Ja, hier ist's öde; aber still,
mitleidig still - eine wahre Wohltat für eine wunde Seele nach so viel weisen
Trostphrasen!«
    »Es war auch manch gutgemeintes Wort darunter,« begütigte er. »Ich begreife,
dass das heutige Zusammenströmen von Menschen und die Prunkentfaltung dein Gefühl
verletzt haben. Aber du darfst nicht vergessen, dass unser Verstorbener allezeit
Gewicht auf derartige öffentliche Kundgebungen gelegt hat - die glänzende
Totenfeier ist ganz in seinem Sinne verlaufen. Das mag dir ein Trost sein,
Margarete!«
    Er zögerte einen Moment, als warte er auf ein Wort von ihren Lippen; aber
sie schwieg, und da griff er wieder nach seinem Hut. »Ich fahre nach der Bahn,
den Onkel Teobald abzuholen. Er wird es besser verstehen, als wir alle,
erlösend zu deinem verschlossenen Schmerz zu sprechen; und deshalb bin ich froh,
dass er kommt... Aber muss es sein, dass du mit ihm nach Berlin zurückkehrst, wie
mir mein Vater eben sagte?«
    »Ja, ich muss fort!« antwortete sie gepresst. »Ich habe selbst nicht gewusst,
wie gut mir's bisher in der Welt ergangen ist - man nimmt das schöne glatt und
ungeprüft verlaufende Leben hin, wie das leichte Atemholen, um welches wir kaum
wissen. Nun kommt zum erstenmal ein grosses Unglück über mich, und ich bin ihm
nicht gewachsen, ich stehe ihm fassungslos gegenüber - es hat eine furchtbare
Macht über mich!« - Sie war ihm unwillkürlich wieder näher getreten und er sah,
wie der mühsam verbissene Schmerz ihre Stirn furchte. »Es ist schrecklich, immer
wieder ein und denselben Gedankengang durchlaufen zu müssen! Und doch habe ich
nicht die Kraft, ihn abzuschütteln; ja, ich bin zornig auf die, welche von aussen
her den Kreis unterbrechen... Und das wird hier nicht anders - drum muss ich
fort. Der Onkel hat Arbeit für mich, strenge Arbeit, an der ich mir emporhelfen
werde - er stellt einen neuen Katalog zusammen.«
    »Und die Menschen dort sind dir auch sympatischer -«
    »Sympatischer als der Grosspapa und die Tante Sophie? Nein!« unterbrach sie
ihn kopfschüttelnd. »Ich bin viel zu sehr ihresgleichen an Temperament und
Charakter, als dass andere Bresche zwischen uns legen könnten.«
    »Die beiden sind nicht deine einzigen Angehörigen hier, Margarete.«
    Sie schwieg.
    »Ach, die armen Totgeschwiegenen! Mit denen haben es die in Berlin freilich
leicht!« sagte er bitter lächelnd. »Die Edlen aus Pommern oder Mecklenburg, oder
irgendwoher können ruhig ihr Ritterschwert stecken lassen -« Er unterbrach sich
und wurde rot unter ihrem unwilligen Blick. - »Verzeihe!« setzte er rasch hinzu.
»Das durfte ich nicht - in diesen dunklen Stunden nicht!«
    »Ja, in diesen Unglücksstunden ist es grausam, mich an ein ewig lächelndes
Gesicht zu erinnern!« bestätigte sie fast heftig. »Ich fühle zum erstenmal, wie
gram man solchen wohlgenährten, rosigen, gleichmütigen Menschen sein kann, wenn
man tieftraurig ist... Man fühlt sich als gebeugte Jammergestalt, und da ragen
sie neben einem empor, blühend und seelenruhig, und in jedem Zuge steht zu
lesen: Was ficht mich das an? Die Junge vom Prinzenhofe stand heute auch so
neben mir draussen am Sarge, stolz und frisch und kühl bis ins Herz hinein; ihr
aufdringliches Parfüm erstickte mich fast, und das unaufhörliche Knistern ihrer
langen Schleppe reizte meine Nerven bis zur Unerträglichkeit - ich hätte mit den
Händen nach ihr stossen mögen.«
    »Margarete!« unterbrach er sie. Er ergriff mit sonderbaren Blicken ihre
Hand; aber sie wand sich los.
    »Besorge nichts, Onkel!« sprach sie herb. »So viel gute Manieren sind mir
doch noch verblieben. Und wenn ich zurückkomme -«
    »Nach abermals fünf Jahren, Margarete?« fiel er ihr ins Wort und sah ihr
gespannt in das Gesicht.
    »Nein. Der Grosspapa wünscht meine baldige Rückkehr. - Anfang Dezember komme
ich wieder.«
    »Dein Wort darauf, Margarete!« Er sprach das hastig und streckte ihr
abermals die Rechte hin.
    »Was kann dir daran liegen?« fragte sie achselzuckend mit einem scheuen,
halben Aufblick ihrer verweinten Augen; aber sie legte doch für einen Moment
ihre kalten Fingerspitzen in seine Hand.
    Drunten war der Wagen, der den Landrat nach der Bahn bringen sollte, längst
vorgefahren; und jetzt erschien die Frau Amtsrätin im grossen Salon und kam die
Zimmerreihe daher. Sie sah klein aus wie ein Kind in dem schlichten, wollenen
Trauerkleide, und das harte Schwarz ihrer Krepphaube machte das feine, verwelkte
Gesichtchen förmlich mumienhaft. Neben der offiziellen feierlichen Trauer in
ihren Zügen machte sich in diesem Augenblick aber auch eine Art von unwilligem
Befremden geltend.
    »Wie, hier finde ich dich, Herbert?« fragte sie, auf der Schwelle
verweilend. »Du hast dich so eilig von unsern teilnehmenden Freunden
verabschiedet, dass ich die Entschuldigung dafür nur in deiner beabsichtigten
Fahrt nach dem Bahnhof finden konnte. Nun wartet der Wagen längst vor dem Hause,
und du stehst hier bei unserer Kleinen, die schwerlich auf deine Tröstungen
hören wird - dafür kenne ich die Grete... Du wirst zu spät kommen, lieber Sohn!«
    Ein undefinierbares, schwaches Lächeln flog um die Lippen des »lieben
Sohnes«; aber er nahm pflichtschuldigst seinen Hut und ging schweigend hinaus,
während die Frau Amtsrätin den Arm der Enkelin in den ihren zog, um sie
fortzuführen. Droben in »Grossmütterchens« Salon sei es wohlig warm und die
Teemaschine summe, wie die alte Dame in trauervoll gedämpftem Tone sagte; Onkel
Teobald werde wohl sehr erkältet ankommen, und da tue eine Tasse heissen Tees
not... Und es sei doch sehr zu beklagen, dass der Onkel dem Einsegnungsakt nicht
habe beiwohnen können; eine solche illustre Trauerversammlung habe das
Lamprechtsche Haus noch nie gesehen; geachtete Namen allerdings immer genug; nie
aber hohen Adel - noch nie! Ob das nicht der herrlichste Abschluss eines stolzen
Menschenlebens sei? Ein Abschluss, über den sich die Engel im Himmel freuen
müssten.
 
                                       17
Es war Winter geworden, so ein rechter Winter türingischer Art, der die
Federbetten der Frau Holle oft so lange über die Berge und Taltiefen
ausschüttet, bis nur noch die niederen Firste der Dorfhäuser aus dem
silberweissen Gestäube hervorragen... Auch die kleine Stadt an der Pforte des
Türinger Waldes erhielt ihr redliches Teil der warmen Schneedecke. Blank und
glatt, und immer neue Millionen der Schneesternchen in sich einwebend, lag sie
da; alle Missetaten der Oktoberstürme, die mühsam geflickten Schäden an Mauern,
Dächern und Türmen und auch das wiederhergestellte Ziegeldach des Packhauses im
Lamprechtschen Hofe verschwanden unter dem eintönigen Weiss.
    Und draussen vor dem vergoldeten Eisengitter des halb offenen steinernen
Häuschens, dessen Falltüren sich vor acht Wochen über dem letztverstorbenen
Lamprecht geschlossen hatten, türmte der Flockenwirbel eine alabasterne Mauer,
ein Epitaphium; und wer lesen konnte, für den stand auf der glitzernden
Schrägseite: »Bleibet fern! Was hinter mir liegt, hat mit euch draussen nichts
mehr zu schaffen!« - Einsame Schläfer! Einer nach dem anderen waren sie hier
eingerückt, und wohl ein jeder der alten Kauf- und Handelsherren hatte bei
diesem notgedrungenen Abmarsch, beim Scheiden aus der geliebten Firma im stillen
gemeint: »Es wird nicht gehen ohne dich!« Aber es war gegangen. Das
Geschäftsgetriebe war stets über der vermeintlichen Lücke präzise
zusammengeklappt, und die Bücher hatten danach keinerlei Verlust zu verzeichnen
gehabt.
    So hatte sich auch die letzte Wandlung anscheinend geräuschlos vollzogen.
Reinhold war zwar noch minorenn, aber er hatte das achtzehnte Jahr überschritten
und sollte binnen kurzem mündig gesprochen werden, eine leere Form, deren
Vollziehung durchaus nicht erst abgewartet zu werden brauchte. Der junge
Kaufmann mit den kühlen Prinzipien eines greisen Kopfes hielt die Zügel schon
nach wenig Tagen stramm in den Händen; und er war sattelfest, das musste ihm ein
jeder lassen. Der erste Buchhalter und der Faktor, die einstweilen mit der
Fortführung der Geschäfte betraut waren, sanken neben ihm an Macht und Willen
zur Null herab, und machten ihr Einspruchsrecht, im Hinblick auf die kurze Dauer
ihres Amtes und die Reizbarkeit des Erben, nur selten geltend. Die anderen aber,
die Herren im Kontor und die in der Fabrik Beschäftigten, duckten sich scheu und
finster über ihre Arbeit, wenn der nervöse lange Mensch, schlotterig in Haltung
und Gliedmassen, aber mit Augen voll entschlossener, unerbittlicher Härte, in den
Arbeisräumen erschien. Der Kommerzienrat war auch streng gewesen und hatte den
Untergebenen selten ein freundliches Wort gegönnt; aber an seine Gerechtigkeit
hatte man nie vergebens appelliert, dies und seine Noblesse in Bezug auf die
Bezahlung seiner Leute - »leben und leben lassen« war sein Grundsatz gewesen -
hatte ihm bei all seinem Hochmut dennoch die Herzen aller geneigt gemacht.
    Daran übte jetzt der jugendliche Nachfolger eine geradezu vernichtende
Kritik.
    »Das alles hat ein Ende! - Dem Papa ist Geld genug durch die Finger gefallen
- er hat gehaust wie ein Kavalier, Kaufmann ist er nie gewesen!« sagte er und
begann »aufzuräumen« mit dem alten Schlendrian... Da wurde gleichsam über Nacht
vieles anders...
    Margarete war auch wieder da - seit vorgestern abend. Tante Sophie hatte die
Stunde ihrer Ankunft gewusst und war mit dem Wagen an die Bahn gekommen, und die
Frau Amtsrätin hatte sich herabgelassen mitzufahren, um die Verwaiste unter die
grossmütterlichen Flügel zu nehmen. Aber die alte Dame war nicht wenig überrascht
gewesen, mit der Enkelin auch den Herrn Landrat aus dem Coupé steigen zu
sehen... Er hatte sich als Abgeordneter des Landtages seit mehreren Wochen in
der Residenz aufgehalten und war erst in den nächsten Tagen zurückerwartet
worden. »Ein besonderer Fall« habe ihn für einige Stunden nach der nächsten
grösseren Station geführt, hatte er lächelnd gesagt, und da sei es ihm sehr lieb
gewesen, die heimkehrende Nichte zu treffen und sie während des mehrstündigen
Aufentaltes auf dem Bahnhof beschützen zu können... Die Frau Amtsrätin hatte
ärgerlich den Kopf geschüttelt über dies »unnütze Hin- und Herfahren« bei der
Kälte. »Der besondere Fall« hätte sich jedenfalls bequem auch auf dem Heimwege
abwickeln lassen; aber der Dampf mache es jetzt den Menschen allzuleicht, jeder
Laune nachzugeben.
    Und gestern in aller Frühe hatte er verabredetermassen mit dem Schlitten vor
der Türe gehalten, um Margarete mitzunehmen. Er habe seinem Vater eine
Mitteilung über das verpachtete Gut zu machen, hatte er gesagt, und da sei es
die beste Gelegenheit auch für sie, den Grosspapa zu begrüssen... Dann waren sie
hingeflogen über die weite, weisse Fläche draussen. Der Himmel war eine kompakte
Schneewolkenmasse gewesen, und eisige Windstösse hatten ihnen um die Ohren
gepfiffen und ihr den Schleier vom Gesicht gerissen. Die Zügel mit einer Hand
haltend, hatte er schleunigst die flatternde Gaze erfangen, war aus dem Aermel
seines weiten Pelzes geschlüpft und hatte den freigewordenen Teil der zottigen
Hülle um den frostbebenden Körper des jungen Mädchens geschlagen... »Lasse
doch!« hatte er gleichmütig gesagt und trotz ihres Sträubens den Pelz noch
fester um sie gezogen. »Töchter und Nichten können sich das getrost, unbeschadet
ihrer Mädchenwürde, von einem Papa oder alten Onkel gefallen lassen.«
    Und mit einem scheuen Seitenblicke nach dem Prinzenhof hatte sie gemeint,
man könne möglicherweise von dort aus die Mummerei sehen. »Nun, und wenn auch?
Wäre das ein Unglück?« hatte er mit einem lächelnden Blick auf sie wieder
geantwortet. »Die Damen werden wissen, dass das Rumpelstilzchen da neben mir gar
niemand anderes sein kann, als meine kleine Nichte...« Ja, freilich, die schöne
Heloise war ihrer Sache so gewiss, dass sie unmöglich auf einen zweifelnden
Gedanken kommen konnte!
    Gegen Abend war er wieder in die Residenz zurückgekehrt, um einer letzten
Sitzung beizuwohnen. In den gestrigen Tag hatte sich mitin so vieles
zusammengedrängt, dass Margarete erst heute gewissermassen zu sich selbst kommen
konnte.
    Es war Sonntag. Tante Sophie war in der Kirche, und die Dienstleute, Bärbe
ausgenommen, waren auch gegangen, die Predigt zu hören. So herrschte tiefe,
sonntägliche Stille im Hause, die der Heimgekehrten gestattete, die Eindrücke,
die sie bei ihrer Rückkehr empfangen, zu überdenken.
    Sie stand auf dem Fenstertritt und sah mit umflortem Blick über den
schneeflimmernden Marktplatz hinweg... War es doch, als herrsche nicht allein
draussen bittere Winterkälte - die Atmosphäre im Hause war auch kalt und frostig,
wie durchhaucht von unsichtbaren Eiszapfen... Es hatte ja früher auch oft genug
Zeiten gegeben, wo ein finsterer Geist durch das alte, liebe Heim gewandelt, wo
die Melancholie des Hausherrn einen Druck auf die Gemüter ausgeübt hatte. Aber
das war doch nur der Widerschein seiner Verstimmung gewesen, mit welcher er sich
ohnehin meist in die Einsamkeit seines Zimmers vergraben hatte. Alles, was sonst
das Vaterhaus traut und anheimelnd machen konnte, war dadurch nicht alteriert
worden. Er hatte sich nie in die altergebrachten häuslichen Einrichtungen
gemischt, hatte stets mit vollen Händen gegeben, und war somit bemüht gewesen,
das Behäbige seines Hausstandes für die Seinen und die ihm dienten, zu
erhalten... Wie hatte sich das geändert!
    Er sass in diesem Augenblick auch wieder drüben auf seinem Schreibstuhl,
hinter dem geliebten »Soll und Haben«, der Nachfolger; aber das Kontor war nicht
mehr allein der Schauplatz seiner Tätigkeit. Er war gleichsam überall. Wie ein
Schatten spukte die lange Gestalt im Hause umher, vom Dachboden bis zum Keller
hinab, und erschreckte die hantierenden Leute durch ihr plötzliches lautloses
Erscheinen. Bärbe jammerte, dass er ihr wie ein »Gendarm« auf den Fersen sei, er
rufe die fortgehenden Butter- und Eierfrauen an sein Kontorfenster und frage,
wie viel sie in der Küche abgeliefert hätten, und dann käme er selbst hinüber
und schimpfe über den »riesigen« Verbrauch; er ziehe ihr auch frisch aufgelegte
Holzstücke aus dem Bratfeuer und habe die grosse Küchenlampe mit einer ganz
kleinen vertauscht, die sich wie ein Fünkchen in der mächtig weiten Küche
ausnehme, und wobei sich der Mensch die alten Augen blind gucken müsse.
    »Geld verdienen, Geld sparen!« das war jetzt die Devise, und die kalten,
blutleeren Hände aneinanderreibend, versicherte der junge Chef bei jeder
Gelegenheit, jetzt erst solle die Welt wieder das Recht haben, die Lamprechts
als die Türinger Fugger zu bezeichnen - unter den letzten beiden Chefs sei der
Geldruhm halb und halb in die Brüche gegangen.
    Ueber Tante Sophiens Lippen war bis jetzt noch kein anklagendes Wort
gekommen, aber sie war recht blass geworden, das frische, geistige Leben war wie
weggewischt aus ihrem lieben, treuen Gesicht, und heute morgen beim Kaffee hatte
sie gesagt, dass sie mit dem nächsten Frühjahr ein paar Stuben und eine Küche an
ihr Gartenhaus anbauen lasse; draussen in der schönen Gottesnatur zu wohnen, das
sei immer ihr stiller Wunsch gewesen.
    Jetzt kam sie über den Markt her. Die Kirche war aus. Massenhaft strömten
die Andächtigen die Gasse herab, die von der Kirche nach der »Galerie«, dem
stattlichen, die Ostseite des Marktes begrenzenden Pfeilergang führte. Dort
wehten Schleier und Hutfedern, schleiften Samt und Seide über die Steinplatten.
Reich und arm, alt und jung, wanderten sie nebeneinander, ihres Lebens und
Daseins so sicher und gewiss - und vielleicht nächsten Sonntag schon ging so
mancher nicht mehr mit. Wer hört das Rauschen des Zeitwaltens über seinem
Haupte? - So sicher und gewiss waren einst auch die stolzgeschmückte Frau Judit
und die schöne Dore den Weg über den Markt hergegangen, den jetzt Tante Sophie
in ihrem neuen Pelzmantel beschritt.
    Auch die Kurrendeschüler kamen choralsingend daher. Margarete zog ihr
Pelzjäckchen über der Brust zusammen und ging hinaus, die Tante an der Türe zu
begrüssen, und in dem Augenblicke, wo sie den Torflügel öffnete, stimmten die
jungen Kehlen draussen das herrliche »Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre« in
ergreifender Weise an.
    »Hab' mir's ganz extra für den Sonntag bestellt - sonst werden nur Choräle
gesungen,« sagte Tante Sophie eintretend und schüttelte den Schnee von den
Schuhen. Aber Margarete hörte kaum, dass sie sprach. Sie stand und horchte
atemlos auf den hohen Sopran, der seraphimgleich, sieghaft und silberklar über
den anderen Stimmen schwebte.
    »Nun ja, 's ist der kleine Max aus dem Packhause,« sagte die Tante. »Der
kleine Kerl muss nun auch ums Brot singen.«
    Margarete trat auf die Schwelle der halboffenen Türe und sah hinaus. Dort
stand er, das schwarze Barett auf den Locken, die blühenden Wangen noch tiefer
gerötet durch die scharfe Winterluft, und mit den Tönen, die der warmen, jungen
Brust entquollen, wurde der Hauch des Atems zum Dampf vor seinem Munde.
    Sobald der letzte Ton verklungen war, winkte ihm Margarete, und er kam
sofort herüber und neigte sich wie ein kleiner Kavalier vor der jungen Dame.
    »Geschieht es mit dem Willen deiner Grosseltern, dass du bei der Kälte vor den
Türen singst?« fragte sie in fast unwilligem Ton, wobei sie die Hand des Knaben
ergriff und ihn zu sich auf die Schwelle zog.
    »Das können Sie sich doch denken, Fräulein!« antwortete er unumwunden und
wie empört. »Die Grossmama hat's erlaubt, und da ist's dem Grosspapa auch recht.
Es ist ja auch nicht immer so kalt, und das macht auch nichts - die frische Luft
ist mir gesund.«
    »Und wie kommt es, dass du unter die Schüler gegangen bist?«
    »Ja, wissen Sie denn nicht, dass wir Jungens damit viel Geld verdienen?« - Er
warf einen hastigen Blick hinter sich, wo eben die letzten kleinen Nachzügler
weiter gingen. »Lassen Sie mich!« drängte er ängstlich. »Der Präfekt zankt!« Er
zog sein kaltes Händchen gewaltsam aus der Rechten der jungen Dame, und fort war
er.
    »Da hat sich wohl auch vieles im Packhause geändert?« fragte Margarete
beklommen, wie mit zurückgehaltenem Atem.
    »Jawohl, meine liebe Grete, alles!« antwortete Reinhold an Stelle der Tante.
Er stand an seinem offenen Kontorfenster. »Und du sollst auch sogleich erfahren,
in welcher Weise sich's geändert hat. Habe nur zuvörderst die Freundlichkeit,
die Türe zu schliessen, es kommt mörderisch kalt herein... Die Nachbarsleute
werden sich wohl gefreut haben, dass Fräulein Lamprecht die selige Frau Cotta in
Eisenach nachäfft und die Kurrendeschüler ins Haus ruft - schade, dass du nicht
auch einen Napf voll Suppe in der Hand hattest! Das wäre noch rührender
gewesen.«
    Tante Sophie schloss die Türe und entfernte sich schweigend.
    »Die Tante macht jetzt immer ein Gesicht, als wenn sie Essig verschluckt
hätte,« sagte Reinhold achselzuckend. »Der neue, scharfe Besen, mit welchem
jetzt das Haus ausgefegt wird, gefällt ihr nicht - selbstverständlich, den Alten
mag es freilich nicht behagen, wenn frische Luft durch ihr warmes, verrottetes
Nest fährt; aber das ficht mich nicht an, und noch weniger werde ich der Tante
den Gefallen tun, das alte Lotterleben fortbestehen zu lassen und notorische
Faullenzer im Geschäft zu behalten. Der alte Lenz ist schon seit fünf Wochen
entlassen und hat mit Neujahr das Packhaus zu räumen... So, nun weisst du's,
Grete, weshalb der Junge vor den Türen singt. Andere Kinder müssen das auch -
es fällt ihnen keine Perle aus der Krone - und ich sehe nicht ein, weshalb der
Prinz aus dem Packhause zu gut dafür sein soll.«
    Er schlug das Fenster zu, und Margarete ging ohne ein Wort der Entgegnung in
die Hofstube. Dort hüllte sie sich in einen Shawl, schob eine kleine Geldrolle
in die Tasche und schritt gleich darauf über den Hof nach dem Packhause.
 
                                       18
Die Türe des alten Hauses fiel schwerfällig hinter der jungen Dame zu, und sie
blieb einen Moment regungslos am Fusse der Treppe stehen. - Diese Stufen war sie
an jenem entsetzlichen Tage heruntergekommen, um nach Dambach zu laufen und die
grause Gewissheit zu erlangen, dass sie eine Waise sei... Wenn er wüsste, wie der
Unmündige jetzt hauste! Wie er ohne Gnade und Erbarmen alles ausschied, was
nicht ganz mit seinen Rechenexempeln stimmte! ... An dem kleinen Max hatte der
Verstorbene sein Wohlgefallen gehabt - musste sie doch oft dabei an Saul und
David denken - der finstere, melancholische Mann hatte sich auch dem Zauber
nicht entziehen können, den der schöne, hellschauende Knabe auf alle ausübte.
Sie erinnerte sich, mit wie weicher Stimme er zu dem Kinde gesprochen, wie er
seinem Schwiegervater versichert hatte, dass er den Knaben später in sein Kontor
aufnehmen werde. Und hatte er nicht auch damals, inmitten des verwüstenden
Sturmes am Fenster gesagt, dass der Knabe wohl nicht dazu bestimmt sei, andere zu
amüsieren? ... Und nun sang das Kind in schneidender Winterkälte vor den Türen!
-
    Sie stieg die Treppe hinauf. Das Bretterwerk unter ihren Füssen war
schneeweiss, und ein feiner Wacholderduft wehte sie an - der echte Türinger
Sonntagsduft!
    Auf ihr leises Anklopfen erfolgte kein Herein, und auch ihr Eintreten wurde
nicht sofort bemerkt, obgleich die wachsame Philine sofort in der Küche
anschlug. In der einen tiefen Fensternische sass Frau Lenz und strickte an einer
bunten Wolljacke, und in der anderen stand der Arbeitstisch ihres Mannes; er sass
tiefgebückt über seiner Arbeit. Erst bei dem lauten, freundlichen Gruss der
jungen Dame sahen die beiden alten Leute auf und erhoben sich.
    Den erstaunten, gespannten Mienen des Ehepaares gegenüber geriet Margarete
plötzlich in Verlegenheit. Ihr warm aufquellendes Gefühl hatte sie hierher
getrieben, aber sie kam aus dem Hause, wo den alten Leuten ein unerbittlicher
Feind lebte, der ihnen das Brot vom Munde nahm und sie hinausstiess in Sorge und
Elend. Mussten sie nicht Bitterkeit und Misstrauen gegen alles empfinden, was von
dorter kam?
    Der alte Maler kam ihr zu Hilfe. Er bot ihr herzlich die Hand und führte sie
nach dem Sofa... Da sass sie nun in derselben Ecke, wo man vor zehn Jahren das
abgehetzte, fiebergeschüttelte Kind zärtlich gehegt und gepflegt hatte. Jener
Abend trat ihr in allen Einzelheiten vor die Seele, und sie begriff nicht, wie
der Papa nach solchen Beweisen von Hilfsbereitschaft und Güte für sein Kind in
seinem Hochmut gegenüber den Bewohnern des Packhauses bis an sein Ende hatte
verharren mögen. Und wie schlimm stand es jetzt erst um die alten Leute!
    Noch war der Mangel nicht sichtbar. Die Stube war wohlig durchwärmt. Ein
grosser warmer Teppich bedeckte den Fussboden; weder Möbel noch Gardinen sahen
verkommen und abgenutzt aus - man sah, es war all die Jahre her Geld und
Sorgfalt aufgewendet worden, das Behäbige des Heims zu erhalten. Inmitten des
Zimmers stand der hergerichtete Mittagstisch. Das frisch aufgelegte Tischtuch
glänzte wie Atlas, die Servietten steckten in feinen Ringen, und neben den
gemalten Porzellantellern lagen Silberlöffel.
    »Ich habe Sie in Ihrer Arbeit gestört,« sagte Margarete entschuldigend,
während sie den nächsten Stuhl einnahm und Herr und Frau Lenz sich auf das Sofa
setzten.
    »Es war keine Arbeit, nur ein Zeitvertreib,« erwiderte der alte Maler. »Ein
festes Arbeitspensum habe ich nicht mehr, und da male ich an einer Landschaft,
die ich vor Jahren angefangen habe. Freilich geht es langsam. Ich bin auf dem
einen Auge völlig erblindet, und das andere ist auch ziemlich schwach; so bin
ich immer nur auf die wenigen hellen Mittagsstunden angewiesen.«
    »Man hat Ihnen Ihr festes Arbeitspensum genommen?« fragte Margarete,
unumwunden auf ihr Ziel losgehend.
    »Ja, mein Mann ist entlassen,« bestätigte Frau Lenz bitter. »Entlassen wie
ein Tagelöhner, weil er als gewissenhafter Künstler die Arbeit nicht so
massenhaft lieferte, wie die jungen gedankenlosen Schmierer.«
    »Hannchen!« unterbrach er sie mahnend.
    »Ja, lieber Ernst, wenn ich nicht spreche, wer soll es sonst?« erwiderte sie
herb, und doch auch mit einem wehmütigen Lächeln in den vergrämten Zügen. »Soll
ich in meinen alten Tagen aufhören, das zu sein, was ich zeitlebens gewesen bin,
der Anwalt meines allzu bescheidenen, guten Mannes?«
    Er schüttelte den grauen Kopf. »Ungerecht dürfen wir aber auch nicht sein,
liebe Frau,« sagte er mild. »Für mein festes Einkommen habe ich allerdings in
den letzten zwei Jahren nicht mehr die entsprechende Arbeit geliefert, meiner
Augen wegen. Ich habe das auch gesagt und um Bezahlung per Stück gebeten, aber
der junge Herr will davon nichts hören. Nun, ihm steht ja das Verfügungsrecht
zu, wenn er auch noch nicht mündig erklärt ist, und die Testamentseröffnung noch
bevorsteht... Auf dieses Testament hoffen noch manche von den alten Arbeitern
draussen in Dambach, denen es ähnlich ergeht wie mir.«
    Margarete wusste von Tante Sophie, dass ein Testament ihres Vaters vorhanden
war, welches in den nächsten Tagen eröffnet werden sollte; aber es war nur eine
flüchtige Erwähnung gewesen, die Tante mochte nichts Näheres wissen. Das sagte
die junge Dame auf den eigentümlich gespannten Blick des alten Mannes hin. Sie
hatte auf diese Tatsache wenig Gewicht gelegt, noch weniger aber war ihr der
Gedanke gekommen, dass die letztwillige Verfügung des Verstorbenen möglicherweise
Reinholds Eigenmächtigkeiten rückgängig machen könne.
    »Mein Gott,« rief sie lebhaft, »wenn Sie meinen, dass das Testament vieles
ändern kann -«
    »Es wird und muss vieles ändern,« fiel Frau Lenz mit sonderbar harter
Betonung und Bestimmteit ein.
    Margarete verstummte für einen Moment, betroffen in den noch immer schönen,
blauen Augen der alten Frau forschend - eine Art von wilder Genugtuung funkelte
in ihnen auf. »Nun ja,« setzte sie dann nachdrücklich, mit schwerem Vorwurf
hinzu, »wozu dann die Grausamkeit, das Kind ums Brot auf der Strasse singen zu
lassen?«
    Frau Lenz fuhr empor und trat auf ihre Füsse. Sie war lahm und konnte sich
nur schwer fortbewegen; aber in diesem Moment schien sie von Schmerz und
Schwäche nichts zu fühlen. »Grausam? Wir? Gegen unser Kind, unseren Abgott,
unser alles?« rief sie wie ausser sich.
    Der alte Maler ergriff begütigend ihre Hand. »Ruhig Blut, liebes Herz!«
mahnte er mild lächelnd. »Grausam sind wir zwei alten Menschen nie gewesen,
gelt, Hannchen? Nicht gegen die kleinste Kreatur der Schöpfung, geschweige denn
gegen unseren Jungen... Sie haben ihn singen hören?« wandte er sich zu
Margarete.
    »Ja, vor unserem Hause, und das Herz hat mir wehe getan. Es ist so
bitterkalt - ich meinte, der Atem müsse ihm vor dem Munde gefrieren. Er wird
sich erkälten.«
    Herr Lenz schüttelte den Kopf. »Der kleine Bursche hat sich selbst hart
gewöhnt. Die Stube da ist ihm zu eng für seine Stimme, und da steht er oft, ehe
wir uns dessen versehen, droben am Bodenfenster oder auf dem offenen Gange und
singt in Sturm und Schneegestöber hinein.«
    Er war bei den letzten Worten aufgestanden, hatte zärtlich den Arm um seine
Frau geschlungen und sie sanft in die Sofaecke zurückgedrückt. »So - das Stehen
macht dir Schmerz, lieber Schatz. Und du musst auch deinen Alten nicht so
ängstigen mit der Erregteit, die dir allemal schadet! ... Ja, wissen Sie,
Fräulein, solch ein Frauenherz ist ein Wunder an Liebeskraft und
Liebesfähigkeit,« sagte er, seinen Platz wieder einnehmend, zu der jungen Dame.
»Man meint, mit der Hingebung und Aufopferung für die Kinder müsse es erschöpft
sein, und da kommen die Enkel, und das Grossmutterle ist wieder dieselbe Löwin,
die sie in der Jugendkraft gewesen.«
    Margarete dachte mit Bitterkeit an die alte Dame im oberen Stock des
Vorderhauses, für welche Kinder und Kindeskinder nur Stufen waren, auf denen sie
emporsteigen wollte.
    »Sehen Sie, da an den warmen Ofenkacheln lehnen die Hausschuhe, und in der
Ofenröhre steht heisses Warmbier für unseren kleinen Kurrendeschüler,« fuhr er
fort. »Und wenn er heimkommt, da strahlt er allemal vor Freude; denn seiner
Meinung nach hat er jetzt einen mächtigen Wirkungskreis - er sorgt für seine
Grosseltern.« - Der alte Mann lächelte, und dabei wischte er sich unter der
Brille eine Träne der Rührung fort.
    »Ja, es kamen ein paar fatale, ein paar schlimme Tage für uns, nachdem der
junge Herr mir aufgesagt hatte,« hob er wieder an. »Wir hatten die Schneider-und
Schuhrechnung für Max gezahlt, und unseren Kohlenvorrat angeschafft, und eine
Summe, auf die wir stets pünktlich rechnen konnten, war plötzlich weggefallen;
und da kam ein Abend, an welchem wir vor der leeren Kasse standen und nicht
wussten, wovon wir am andern Tag auch nur eine Suppe kochen sollten... Ich wollte
gehen und ein paar von unseren Silberlöffeln verkaufen; aber das Frauchen da« -
er zeigte mit zärtlichem Blick auf seine Frau - »kam mir zuvor. Sie nahm
Stickereien und Strickereien, die sie mit ihren geschickten Händen in
Mussestunden gearbeitet hatte, aus der Kommode und ging - so sauer ihr auch das
Gehen wird - mit Max in die Kaufläden, und da brachte sie nicht nur Geld,
sondern auch viel Bestellungen mit heim... Nun lasse ich alter Kerl mich von der
Hand ernähren, an die ich einst den Verlobungsring gesteckt hatte, in der
unerschütterlichen Ueberzeugung, dass mein Mädchen das Leben einer Prinzessin an
meiner Seite haben solle. - Ja, sehen Sie, das ist nun Künstlerleben und
Künstlerhoffen!«
    »Ernst!« unterbrach ihn Frau Lenz und drohte mit dem Finger. »Willst du
wirklich Fräulein Lamprecht weismachen, ich sei so eine gewesen, die sich ein
Schlaraffenleben bei dir erträumt hätte? ... Nein, Fräulein, er fabelt, der alte
Künstlerkopf! Zum Faulenzen habe ich nie Talent gehabt, dazu bin ich immer zu
rasch gewesen. Schaffen und Helfen, das war stets mein Lebenselement, und die
Ader hat auch Max von mir. Grossmama, sagte er auf dem Nachhauseweg, morgen gehe
ich unter die Kurrendeschüler. Der Herr Kantor hat zu mir gesagt, solch einen
kleinen Jungen mit meiner Stimme könnte er brauchen für seinen Chor, und die
Jungens bekommen ganze Taschen voll Geld -«
    »Wir suchten ihm die Idee auszureden,« fiel Herr Lenz ein; »aber er liess
nicht nach; er bat und weinte und schmeichelte, und da gab meine Frau endlich
den Ausschlag und erlaubte es -«
    »Aber nicht um des Erwerbes willen!« unterbrach sie ihn fast heftig
protestierend. »Denken Sie das um Gotteswillen nicht! Die paar Groschen liegen
unberührt im Kasten; sie sollen als ein Denkzeichen an die Zeit aufbewahrt
werden, wo das bittere Muss dem Kinde den Gedanken eingegeben hat, ums liebe Brot
vor dem Hause zu singen, das -«
    »Hannchen!« mahnte der alte Mann mit grossem Ernst und Nachdruck.
    Sie presste die Lippen aufeinander und sah mit seltsam loderndem, beredtem
Blick durch das gegenüberliegende Fenster in die froststarrende Luft hinein. Es
lag etwas Rachedürstendes in ihrem ganzen Wesen. »Das Kind ist schlecht genug
behandelt worden in dem grossen, stolzen Hause, seit es die deutsche Heimat
betreten hat,« sagte sie mit noch weggewandtem Blick grollend, wie zwischen
zusammengebissenen Zähnen hervor. »Der Kies im Hofe war zu vornehm für seine
Sohlen, und der Gartentisch unter den Linden wurde entweiht durch seine Bücher,
seine schreibenden Händchen. Und von dem Sarge droben im grossen Saal sollte er
weggescheucht werden wie -« Sie brach ab und legte die Hand über die Augen.
    »Mein Bruder ist krank und deshalb keines Menschen Freund; mit ihm dürfen
Sie nicht so streng ins Gericht gehen, auch andere müssen unter seiner
Schroffheit leiden,« tröstete Margarete sanft. »Dagegen weiss ich, dass mein Vater
den kleinen Max sehr gern gehabt hat, wie alle in unserem Hause. Ich weiss, dass
er für seine Zukunft hat Sorge tragen wollen, und aus dem Grunde bin ich
gekommen... Es würde auch ihm gewiss, wie mir, ans Herz gegangen sein, das
prächtige Kind draussen vor der Türe stehen zu sehen, und deshalb möchte ich Sie
bitten, dem kleinen Kurrendeschüler die gegebene Erlaubnis von heute ab zu
verweigern und mir die Freude zu gönnen -« Sie schob heisserrötend die Hand in
die Tasche.
    »Nein, kein Almosen!« rief Frau Lenz fast wild und legte die Hand auf den
Arm der jungen Dame. »Kein Almosen!« wiederholte sie beruhigter, als Margarete
die leere Hand aus der Tasche zog. »Ich fühle, Sie meinen es gut. Sie haben von
klein auf ein edles, braves Herz gehabt. Niemand weiss das besser als ich - Sie
trifft kein Vorwurf! ... Aber lassen Sie uns auch das bisschen Stolz darauf, den
über uns verhängten Schlag aus eigener Kraft pariert zu haben... Sehen Sie,« -
sie zeigte nach einer grossen Korbwanne im Fensterbogen, die bis an den Rand mit
bunter Stickerei gefüllt war - »das ist lauter fertige Arbeit! Wir brauchen
vorläufig nicht zu darben, und später wird Gott helfen! ... Max soll nicht
wieder auf der Strasse singen, ich verspreche es Ihnen heilig und teuer! Er wird
zwar jammern, aber er muss sich hineinfinden.«
    Margarete nahm die Rechte der alten Frau in ihre Hände und drückte sie warm.
»Ich kann Sie verstehen und werde gewiss nicht wieder so plump mit der Türe ins
Haus fallen,« sagte sie mit einem flüchtigen Lächeln. »Sie werden mir dagegen
gewiss erlauben, das Kind nach wie vor lieb zu haben und seinen Lebensgang im
Auge zu behalten.«
    »Wer weiss, Fräulein - die Verhältnisse wandeln oft ganz plötzlich die
scheinbar festesten Ansichten - wer weiss, wie Sie nach vier Wochen darüber
denken!« erwiderte Frau Lenz mit schwerer Betonung.
    »Nicht anders als heute auch, dafür möchte ich meinen alten Kopf verwetten!«
rief ihr Mann ganz entusiastisch. »Ich habe das kleine Gretchen in seinem Tun
und Wesen beobachtet, als es noch im Hofe spielte. Es gehört eine starke
Geschwisterliebe und Aufopferungsfähigkeit dazu, immer wieder das geduldige
Pferdchen eines verzogenen, kränklichen Bruders zu sein und sich widerstandslos
schlagen und peinigen zu lassen. Ich habe ferner gesehen, wie das liebe, kleine
Ding nach der Küche rannte und von der brummenden Bärbe für die Bettelkinder in
der Hausflur Butter auf die Brotstücken ertrotzte... Wollte ich alle die
erlauschten Züge eines guten, wackeren Herzens aufzählen, ich würde nicht
fertig. Und ich weiss, das Weltleben draussen hat von dem reichen Fonds nichts
genommen - das hat der alte Lenz gleich in den ersten Tagen nach der Rückkehr an
sich selbst erfahren.«
    Margarete hatte sich währenddem erhoben - sie war ganz rot und verlegen.
»Nun, dann haben doch wenigstens ein paar Augen die wilde Hummel nachsichtig
beurteilt,« sagte sie lächelnd. »Aber Sie sollten nur die Zensuren von damals
sehen, sollten wissen, wie oft mir der Kopf gewaschen werden musste meiner
Freveltaten wegen! Das ist freilich Geheimnis des Vorderhauses geblieben und
konnte Ihre gütige Meinung nicht alterieren... Nur in dem einen Punkte gebe ich
Ihnen recht - ich habe einen harten Kopf, den die Macht der Verhältnisse doch
nicht so leicht binnen vier Wochen wandeln dürfte.«
    Sie reichte den beiden alten Leuten Abschied nehmend die Hand und verliess,
von ihnen bis zur Treppe geleitet, das Packhaus. Sie ging weit gedankenvoller,
als sie gekommen war... War das ein köstliches Zusammenleben in dem alten Hause
da hinter ihr! Je heftiger das Schicksal auf die Herzen einstürmte, desto enger
schlossen sie sich aneinander an.
    Ihr Blick flog unwillkürlich über die vornehme obere Etage des Vorderhauses
- da herrschte freilich ein anderer Geist, »Anstand, gute Sitte, Konvenienz«
nannte ihn die Grossmama, und »verknöcherte Selbstsucht, gepaart mit
verachtungswürdigem Unterwerfungstrieb gegen Hochgestellte« der alte Mann, der
lieber einsam draussen auf dem Lande lebte, als dass er die Eisesluft atmete, in
welcher sich die distinguierte Frau Gemahlin gefiel. War es da ein Wunder, wenn
Herbert - aber nein, selbst im Geiste durfte sie ihn nicht mehr durch das
Vorurteil kränken, dass er herzlos sei! ... Er war gut zu ihr. Er hatte ihr sogar
zweimal nach Berlin geschrieben, fürsorglich, als sei er ihr Vormund, und sie
hatte ihm geantwortet. Daraufhin war er ihr bei ihrer Rückkehr auf die letzte
grössere Station entgegengekommen, in dem zartsinnigen Wunsche, ihr das
Wiederbetreten des vereinsamten Vaterhauses in etwas zu erleichtern... Das hatte
die Grossmama freilich nicht erfahren; sie hätte diese Zuvorkommenheit und
Herablassung des Herrn Landrats gegen das junge Ding, die Grete, sicher nicht
gebilligt, schon aus dem Grunde nicht, weil sie ihr das Leid angetan hatte,
durchaus nicht Baronin von Billingen werden zu wollen. Die alte Dame hatte
bitterböse darüber an ihre Schwester und Margarete geschrieben... Wie Herbert
über das Scheitern dieser Wünsche dachte, das war dem jungen Mädchen bis zur
Stunde dunkel geblieben. Er hatte die delikate Angelegenheit in keinem seiner
Briefe erwähnt, und sie war auf ihrer Hut gewesen, auch nur mit einem Worte
daran zu rühren...
    Mit diesen abschweifenden Betrachtungen war sie längst in die Hofstube
zurückgekehrt und hatte die Geldrolle wieder in den Kasten des Schreibtisches
gleiten lassen - unter einem abermaligen Erröten. So konnte und durfte sie ihre
Teilnahme für den kleinen Max nicht wieder betätigen wollen - der Weg war ihr
verschlossen. Sie fühlte sich machtlos; die Verhältnisse übersehen und wissen,
wie da zu wirken sei, das konnte nur ein Mann. Sie nahm sich vor, mit Herbert
darüber zu sprechen...
 
                                       19
Seitdem waren zwei Tage verstrichen. Der Landrat war noch nicht zurückgekehrt,
und deshalb herrschte tiefe Ruhe auf der sonst so frequentierten Treppe und im
oberen Stock. Margarete ging jeden Morgen pflichtschuldigst hinauf, um der
Grossmama guten Tag zu sagen. Das war stets ein saurer Gang; denn die alte Dame
grollte und zürnte noch heftig. Sie schalt zwar nicht laut - Gott behüte, nur
keine offenkundige Leidenschaftlichkeit! Der gute Ton hat ja dafür feinere und
desto sicherer treffende Waffen: Messerschärfe in Blick und Stimme, und Dolch-
und Nadelspitzen auf der Zunge. Aber diese Art und Weise des Angriffs empörte
die Enkelin doppelt, und sie brauchte oft ihre ganze Selbstbeherrschung, um
gelassen und schweigend zu ertragen... Meist ungnädig entlassen, ging sie dann
immer mit dem Gefühl der Erlösung die Treppe wieder hinab, um für einen Moment
in den Flursaal einzutreten. Es herrschte zwar eine mörderische Kälte in dem
weiten Saal, und Papas Privatzimmer waren versiegelt; nicht einer der traulichen
Räume, in denen er gelebt und geatmet, nicht der kleinste Gegenstand, den seine
Hand berührt, waren ihr zugänglich; sie musste sich mit der Stelle begnügen, wo
sie ihn zum letztenmal friedlich schlafend, einen Schein der Verklärung auf der
im Leben so finsteren Stirn, gesehen hatte. Aber an dieser Stelle überkam sie
doch immer das wehmütig wohltuende Gefühl, als spüre sie einen Hauch seiner
Nähe. Drunten geschah ja alles, um die Spuren seines Daseins und Wirkens
möglichst schnell zu verwischen...
    Heute morgen nun hatte Margarete beim Verlassen des Flursaales eine
Begegnung gehabt. Sie war rasch auf die Schwelle der Türe getreten und hatte
plötzlich Auge in Auge vor der eben vorübergehenden schönen Heloise gestanden.
Der jungen Dame um einige Schritte voraus war die Baronin Taubeneck die
Treppenwendung hinaufgekeucht; sie hatte, von der Anstrengung des Emporsteigens
ganz benommen, die aus dem Flursaal Tretende gar nicht gesehen; ihre Tochter
dagegen hatte sehr freundlich gegrüsst, ja, ihr Blick war sogar mit dem
unverkennbaren Ausdruck von Teilnahme über die Mädchengestalt in tiefer Trauer
hingeglitten, das konnte Margarete sich selbst nicht wegleugnen; und doch war
sie in Versuchung gewesen, den höflichen Gruss zu ignorieren und ohne ihn zu
erwidern, in den Flursaal zurückzuflüchten... Diese schöne gerühmte Heloise war
ihr nun einmal in tiefster Seele unsympatisch - weshalb? Sie wusste es selbst
kaum... So in nächster Nähe gesehen war die herzogliche Nichte in der Tat am
schönsten. Die herrliche Sammetaut des jungen Gesichts, die Pracht der Farben
und die grossen, glänzend blauen Augen blendeten förmlich, und der Grosspapa hatte
recht, wenn er sagte, davor müsse sich seine Enkelin, das braune Maikäferchen,
verkriechen. Selbst die phlegmatische Ruhe ihres Wesens machte sich im Gehen nur
als stolze Würde und Vornehmheit geltend. »Was, Neid, Grete?« hatte sich das
junge Mädchen selbst in diesem Augenblicke des aufsteigenden Grolles und
Widerwillens gefragt. Nein, Neid war es nicht! Ihr war es ja stets ein Genuss
gewesen, in ein schönes Mädchenantlitz zu sehen - Neid war es ganz bestimmt
nicht! Wohl aber mochte es die angeborene Verbitterung des plebejischen Blutes
gegen die Widersacher des Bürgertums sein - ja, das war der Grund! Und als die
Grossmama droben unter einem Wortschwall der Freude und Beglückung dem Besuch
entgegengekommen war, da hatte das junge Mädchen die Hände auf die Ohren gelegt
und war die Treppe hinabgeflohen.
    Drunten aber hatte der herrschaftliche Schlitten, eine herrliche Muschel mit
kostbarer Pelzdecke, vor der Türe gehalten, und nachdem später die Damen wieder
eingestiegen waren, da hatte die schöne Heloise mit ihrem weissen Schleier und
wehenden Goldhaar ausgesehen, als fliege eine Fee über den Schnee hin. O weh,
wie lächerrlich dagegen mochte neulich das zusammengeduckte »Rumpelstilzchen« im
Schlitten gehockt haben, wie frostgeschüttelt und hilfsbedürftig neben Herberts
vornehmer Erscheinung! -
    Den ganzen Tag über hatte sie bittere, aufdringliche Gedanken und
Empfindungen nicht los werden können; und dazu war es dunkel in allen Stuben.
Der Himmel schüttelte unermüdlich ein dichtes Flockengestöber über die kleine
Stadt her, und nur selten fuhr ein Windstoss lichtend durch die stürzenden
Schneemassen, die wie ein silberstoffener Behang alle Aussicht in Gassen und
Strassen verschloss... Erst am Abend, als die Lampe auf dem Tische brannte, wurde
es heimlicher in der Wohnstube und stiller in Margaretens Seele. Tante Sophie
war trotz des Schneewetters ausgegangen, um einige unaufschiebbare Bestellungen
zu machen, und Reinhold arbeitete in seiner Schreibstube; er kam überhaupt nur
noch herüber, wenn er zu Tisch gerufen wurde.
    Margarete ordnete den Abendtisch. Im Ofen brannten die Holzscheite
lichterloh und warfen durch die Öffnung der Messingtüre einen breiten,
behaglichen Schein über die Dielen, und von dem Gesims der unverhüllten Fenster
her, gegen die draussen die Schneeflocken wie hilflos flatternde Seelchen
taumelten, um an den erwärmten Scheiben rettungslos zu sterben, dufteten doppelt
süss Tante Sophiens Pfleglinge, ganze Scharen von Veilchen und Maiblumen... Nein,
gerade dem hässlichen Tage zum Trotze sollte nun der Abend gemütlich werden!
Bärbe brachte sauber garnierte kalte Schüsseln herein, und Margarete entzündete
den Spiritus unter der Teemaschine; und als Reinhold sagen liess, man möge ihm
ein belegtes Butterbrot hinüberschicken, er werde nicht kommen, da wurde das
Herz der Schwester erst recht leicht.
    Draussen fuhren mehrere Wagen vorüber, und es war auch, als halte einer
derselben vor dem Hause. War der Landrat zurückgekommen? - Nun, das erfuhr man
ja morgen, früher freilich nicht! - Margarete fuhr fort, Schinkenscheibchen auf
Reinholds Brot zu legen; sie sah auch nicht auf, als ein leises Türgeräusch an
ihr Ohr schlug. - Bärbe brachte jedenfalls noch etwas für den Tisch herein; aber
ein so kalter Luftzug, wie er eben über ihre Wange strich, kam doch nicht von
der warmen Küche her; unwillkürlich blickte sie auf, und da sah sie den Landrat
an der Türe stehen. Sie schrak heftig zusammen, und die Gabel mit dem Schinken
entfiel ihrer Hand.
    Er lachte leise auf und trat näher an den Tisch. Er war noch im Reisepelz,
und auf seiner Mütze glitzerten Schneeflocken, also direkt von draussen kam er
herein.
    »Aber solch ein Schrecken, Margarete!« sagte er kopfschüttelnd. »Warst wohl,
trotz deiner hausmütterlichen Beschäftigung, im sonnigen Griechenland, und der
Hans Ruprecht im Pelz riss dich in die rauhe Türinger Wirklichkeit zurück? ...
Nun, guten Abend auch!« setzte er in treuherzig Türinger Weise hinzu und bot
ihr die Hand - war ihr doch, als müsse es Freude sein, die sie aus seinen Augen
unter der Pelzmütze hervor anleuchtete.
    »Nein, in Griechenland war ich nicht,« antwortete sie, und die
augenblickliche innere Erregung bebte noch in ihrer Stimme nach. »Trotz Schnee
und Eis bin ich um die Weihnachtszeit doch lieber hier. Aber es ist für mich
etwas Unerhörtes, dich in unsere Wohnstube eintreten zu sehen. Du wirst selbst
wissen, dass diese Stube stets abseits von deinem Wege gelegen hat. Früher mag
dich der Kinderlärm verscheucht haben, und später« - der schmerzhafte Zug, der
seit dem Tode ihres Vaters ihre Lippen umlagerte, wich momentan einem
schelmischen Lächeln - »später das ausgesprochene Spiessbürgertum in der
Einrichtung und dem Leben und Weben hier unten.«
    Er zog ein kleines Paket aus der Rocktasche und legte es auf den Tisch. »Das
ist's, weshalb ich hier eingetreten bin, das einzig und allein!« sagte er
ebenfalls lächelnd. »Weshalb soll ich ein ganzes Pfund Tee, das ich für Tante
Sophie in der Residenz besorgt habe, zwei Treppen hinaufschleppen?« Nun nahm er
die Pelzmütze ab und schleuderte die letzten funkelnden Schneereste fort.
»Uebrigens irrst du in deiner Annahme - ich finde es urgemütlich hier, und dein
Teetisch sieht nichts weniger als spiessbürgerlich aus.«
    »Darf ich dir eine Tasse Tee anbieten? Er ist eben fertig -«
    »Ei wohl! Er wird mir gut tun nach der kalten Fahrt. Aber dann musst du mir
auch erlauben, dass ich meinen Pelz ablege.« Er mühte sich, die schwere Last
abzustreifen. Unwillkürlich hob Margarete den Arm, um zu helfen, wie sie es bei
Onkel Teobald zu tun gewohnt war; aber er fuhr zurück und ein Zornesblitz
sprühte aus seinen Augen. »Lasse das!« wies er sie fast rauh zurück. »Die
töchterliche Hilfe mag bei Onkel Teobald nötig sein - bei mir noch nicht!«
    Unmutig, mit einem letzten kräftigen Ruck riss er den Pelz von der Schulter
und warf ihn auf den nächsten Stuhl.
    »So, nun bin ich allerdings hilfsbedürftig - ich lechze nach deinem heissen
Tee!« sagte er gleich darauf und liess seine elegante Gestalt in die Sofaecke
gleiten. Seine Stirn war wieder heiter, und er strich sich behaglich den Bart.
»Aber ich bin auch hungrig, liebes Hausmütterchen, und solch ein appetitliches
Butterbrot, wie du es eben vor meinen Augen zurechtgemacht hast, sollte mir
schon schmecken und jedenfalls besser munden, als die Butterbrote droben, die
meine Mutter konsequent durch die Köchin herrichten lässt... Später, am eigenen
Herd, werde ich mir das allerschönstens verbitten - die Hausfrau muss mir
eigenhändig dergleichen Bissen mundgerecht machen, wenn sie nicht will, dass ich
hungrig vom Tische aufstehe.«
    Margarete reichte ihm den Tee; aber sie schwieg und sah ihn nicht an. Sie
musste denken, ob die stolze Heloise wirklich die Etikette so beiseite setzen und
mit ihren wundervollen weissen Händen die Butterbrötchen für den Herrn Gemahl
streichen würde? - Und Herbert selbst? Dachte er im Ernst so spiessbürgerlich
häuslich, Grossmamas Sohn, der Mann der Formen, mit denen er der Welt imponierte?
    »Du bist sehr still, Margarete,« unterbrach er das eingetretene kurze
Schweigen; »aber ich sah ein spöttisches Zucken deiner Mundwinkel, und das
spricht deutlicher als Worte. Du mokierst dich innerlich über die Häuslichkeit,
wie ich sie haben will, und meinst, mein Wille könne an so manchem scheitern.
Ja, siehst du, ich lese in deinen Zügen wie in einem Buche - du brauchst deshalb
nicht gleich so rot zu werden wie ein Pfingströschen - ich weiss mehr von deinen
Seelenvorgängen, als du denkst.«
    Jetzt sah sie verletzt und unwillig auf. »Schickst du deine Gendarmen
wirklich auch auf die Hetzjagd nach Gedanken, Onkel?«
    »Ja, meine liebe Nichte, das tue ich mit deiner gütigen Erlaubnis, und das
musst du dir schon gefallen lassen,« antwortete er leise lachend. »Mich
interessieren alle oppositionellen Gedanken und mehr noch solche, denen der Kopf
selbst nur widerwillig Raum gibt, gegen die er ankämpft, wie das junge Ross gegen
seinen oktroyierten Herrn, und die schliesslich glänzend siegen, weil ein
mächtiger Impuls hinter ihnen steht.«
    Er führte seine Tasse zum Munde und sah dabei aufmerksam zu, wie die
zierlichen Mädchenfinger flink das gewünschte Butterbrot zurechtmachten.
    »Ein Einblick in die Wohnstube hier muss in diesem Augenblick ausserordentlich
behaglich und anmutend sein,« hob er mit einem Blick auf die unverhüllten
Fenster nach einem momentanen Schweigen wieder an. »Da drüben« - er neigte den
Kopf nach der jenseitigen Häuserfront des Marktes - »könnte man uns füglich für
ein junges Ehepaar halten.«
    Margarete wurde flammendrot. »O nein, Onkel, die ganze Stadt weiss -«
    »Dass wir Onkel und Nichte sind - ganz richtig, meine liebe Nichte,« fiel er
sarkastisch gelassen ein und griff abermals nach seiner Tasse.
    Margarete widersprach nicht; aber eigentlich hatte sie sagen wollen: »Die
ganze Stadt weiss, dass du verlobt bist...« Nun, mochte er denken, was er wollte!
Er neckte sie in fast übermütiger Weise, und Humor, den sie bis jetzt nicht an
ihm gekannt, prickelte in jedem seiner Worte. Er war offenbar froh gelaunt und
brachte jedenfalls stillbeglückende Aussichten aus der Residenz mit. Aber sie
selbst war nicht in der Stimmung, sich mit ihm zu freuen, sie war unsäglich
deprimiert und wusste nicht weshalb, und wie man oft im inneren Zwiespalt
unbewusst gerade nach Widerwärtigem greift, nur um eine Wendung herbeizuführen,
so sagte sie, indem sie ihm das fertige Brötchen hinreichte: »Heute morgen hatte
die Grossmama Besuch - die Damen vom Prinzenhofe waren da.«
    Er richtete sich lebhaft auf, und eine unverkennbare Spannung malte sich in
seinen Zügen. »Hast du sie gesprochen?«
    »Nein,« erwiderte sie kalt. »Ich hatte nur eine flüchtige Begegnung mit der
jungen Dame im Treppenhause. Du weisst am besten, dass sie mich einer Anrede nicht
würdigen kann, weil ich im Prinzenhofe noch nicht vorgestellt bin.«
    »Ach ja, ich vergass! - Nun, du wirst das ja wohl nunmehr in den
allernächsten Tagen abmachen.«
    Sie schwieg.
    »Ich hoffe, du tust das schon um meinetwillen, Margarete.«
    Jetzt sah sie ihn an; es war ein finsterer Grollblick, der ihn traf. »Wenn
ich das Opfer bringe, mich in tiefer Trauer und in meiner jetzigen
Seelenstimmung zu der Komödie hinausschleppen zu lassen, so geschieht es einzig
und allein, um dem Drängen und den Quälereien der Grossmama ein Ende zu machen,«
versetzte sie herb. Sie hatte sich auf den nächsten Stuhl gesetzt und kreuzte
die Hände auf dem Tische.
    Ein kaum bemerkbares Lächeln schlüpfte um seinen Mund. »Du fällst aus deiner
Rolle als Hausmütterchen,« rügte er gelassen und zeigte auf ihre feiernden
Hände. »Die Gastlichkeit verlangt, dass du mir Gesellschaft leistest und auch
eine Tasse Tee nimmst -«
    »Ich muss auf Tante Sophie warten.«
    »Nun, wie du willst! Der Tee ist vortrefflich und soll mir trotz alledem
schmecken. Aber ich möchte dich doch einmal fragen, was hat dir denn die junge
Dame im Prinzenhof getan, dass du stets so - so bitter wirst, wenn von ihr die
Rede ist?«
    Eine glühende Röte schoss ihr in die Wangen. »Sie - mir?« rief sie wie
erschrocken, wie ertappt auf einem bösen Gedanken. »Nicht das mindeste hat sie
mir angetan! Wie könnte sie auch, da ich bis jetzt kaum in ihre stolze Nähe
gekommen bin?« Sie zuckte die Schultern. »Ich fühle aber instinktmässig, dass das
der Kaufmannstochter noch bevorsteht -«
    »Du irrst. Sie ist gutmütig -«
    »Vielleicht aus Phlegma - möglich, dass sie sich ungern echauffiert. Ihr
schönes Gesicht -«
    »Ja, schön ist sie, von einer unvergleichlichen Schönheit sogar,« fiel er
ein. »Und ich möchte gern wissen, ob heute morgen nicht etwas wie ein heimliches
Glück in ihren Zügen zu lesen gewesen ist - sie hat gestern Hocherfreuliches
erfahren.«
    Ach, also darum war er heute abend so übermütig, so voll übersprudelnder
Laune; das »Hocherfreuliche« betraf ihn und sie zusammen. »Das fragst du mich?«
rief sie mit einem bitteren Lächeln. »Du solltest doch am besten wissen, dass die
Damen vom Hofe viel zu gut geschult sind, um ihre Gemütsaffekte jedem profanen
Blick auszusetzen. Von heimlichem Glück konnte ich nichts bemerken; ich
bewunderte nur ihr klassisches Profil, die blühenden Farben, die prächtigen
Zähne bei ihrem gnädigen Lächeln und erstickte fast in dem Veilchenparfüm, mit
welchem sie das Treppenhaus erfüllte, und das, dieses Übermass war nicht vornehm
an der Aristokratin -«
    »Sieh, da war ja gleich wieder der bittere Nachgeschmack!«
    »Ich kann sie nicht leiden!« fuhr es ihr plötzlich heraus.
    Er lachte und strich sich amüsiert den Bart. »Nun, das war gutes, ehrliches
Deutsch!« sagte er. »Weisst du, dass ich in der letzten Zeit manchmal des kleinen
Mädchens gedacht habe, das ehemals mit seiner geradezu verblüffenden derben
Offenheit und Wahrheitsliebe die Grossmama nahezu in Verzweiflung gebracht hat?
... Das Weltleben draussen hatte nun diese Geradheit in allerliebste, kleine,
graziöse Bosheiten verwandelt, und ich meinte schon, auch der Kern der
Individualität sei umgewandelt. Aber da ist er, blank und unberührt! Ich freue
mich des Wiedersehens und muss wieder an die Zeiten denken, wo der Primaner
öffentlich im Hofe als Spitzbube gebrandmarkt wurde, weil er eine Blume
annektiert hatte.«
    Schon bei seinen ersten Worten war sie aufgestanden und nach dem Ofen
gegangen. Sie schob unnötigerweise ein Stückchen Holz um das andere in die
helllodernden Flammen, die ihre finster zusammengezogene Stirn, ihre sichtlich
erregten Züge anglühten... Sie ärgerte sich unbeschreiblich über sich selbst.
Das, was sie gesagt hatte, war allerdings die strikte Wahrheit gewesen, aber
dabei eine Taktlosigkeit, deren sie sich bis an ihr Lebensende schämen musste.
    Sie blieb am Ofen stehen und zwang sich zu einem Lächeln. »Du wirst mir
glauben, dass ich jetzt nicht mehr so penibel denke,« erwiderte sie von dorter.
»Das Weltleben härtet die Seele gegen allzu feine Auffassung. Es wird in der
heutigen Gesellschaft so viel gestohlen an Gedanken, man nimmt vom guten Namen
des lieben Nächsten, von seinem ehrenhaften Streben, von der Rechtlichkeit
seiner Gesinnungen so viel, als irgend zu nehmen ist, und möchte gar oft am
liebsten die ganze Persönlichkeit vom Schauplatz verschwinden machen, wie damals
die Rose in deine Tasche eskamotiert wurde. Diesen Kampf ums Dasein, oder
eigentlich diesen Diebstahl aus Selbstsucht und Neid kann man am besten im Hause
eines Mannes von Namen beobachten. Ich habe mir viel davon hinter das Ohr
geschrieben, und diese Weisheit allerdings auch mit einem guten Teil meiner
kindlich naiven Anschauung bezahlt... Du könntest mitin vor meinen Augen alle
Rosen der schönen Blanka in die Tasche stecken -«
    »Die wären jetzt sicher vor meiner räuberischen Hand -«
    »Nun, dann meinetwegen das ganze Rosenparterre vor dem Prinzenhofe!« fiel
sie schon wieder erregter ein.
    »O, das wäre denn doch zu viel für das Herbarium meiner Brieftasche, meinst
du nicht, Margarete?« Er lachte leise in sich hinein und lehnte sich noch
behaglicher in seine Sofaecke zurück. »Ich brauche mich auch nicht als Dieb dort
einzuschleichen. Die Damen teilen redlich mit mir und meiner Mutter, was an
Blumen und Früchten auf ihren Fluren wächst, und auch du wirst dir bei deinem
Besuche einen Strauss aus dem Treibhause mitnehmen dürfen.«
    »Ich danke. Ich habe keine Freude an künstlichen Blumen,« sagte sie kalt und
ging nach der Stubentüre, um sie zu öffnen. Tante Sophie war zurückgekommen und
stampfte und schüttelte draussen den Schnee von ihren Schuhen und Kleidern.
    Sie machte grosse Augen, als sich Herberts hohe Gestalt aus der Sofaecke
erhob und sie begrüsste. »Was, ein Gast an unserem Teetische?« rief sie erfreut,
während Margarete ihr Mantel und Kapotte abnahm.
    »Ja, aber ein schlecht behandelter, Tante Sophie!« sagte er. »Die Wirtin hat
sich schliesslich in die Ofenecke zurückgezogen und mich meinen Tee allein
trinken lassen.«
    Tante Sophie zwinkerte lustig mit den Augen. »Da hat's wohl ein Examen
gegeben, wie vor alten Zeiten? - Das kann die Gretel freilich nicht vertragen.
Und wenn Sie vielleicht ein bisschen ins Mecklenburgsche hineinspaziert sind, um
hinzuhorchen -«
    »Keineswegs,« antwortete er plötzlich ernst, mit sichtlichem Befremden. »Ich
habe gemeint, das sei abgetan?« setzte er fragend hinzu.
    »Bewahre! Noch lange nicht, wie die Gretel alle Tage erfährt!« entgegnete
die Tante stirnrunzelnd im Hinblick auf die Quälereien der Frau Amtsrätin.
    Der Landrat suchte prüfend Margaretens Augen, aber sie sah weg. Sie hütete
sich, auch nur mit einem Worte auf dieses widerwärtige Tema einzugehen, das die
Tante unvorsichtigerweise berührt hatte... Aber er sollte es nur wagen, mit der
Grossmama gemeinschaftlich vorzugehen und in sie zu dringen, ihren Entschluss doch
noch zu ändern - er sollte es nur wagen!
    Sie trat, beharrlich schweigend, hinter die Teemaschine, um Tante Sophiens
Tasse zu füllen; Herbert aber kehrte nicht wieder an den Tisch zurück. Er
übergab der Tante den mitgebrachten Tee und wechselte in verbindlicher Weise
noch einige Worte mit ihr; dann nahm er den Pelz auf den Arm und hielt Margarete
seine Rechte hin. Sie legte ihre Fingerspitzen flüchtig hinein.
    »Kein Gutenacht?« fragte er. »So bitterböse, weil ich dich bei Tante Sophie
verklagt habe?«
    »Das war dein Recht, Onkel - ich war nicht höflich. Böse bin ich nicht; aber
gerüstet!«
    »Gegen Windmühlen, Margarete?« - Er sah ihr lächelnd in die zornig
aufblickenden Augen; dann ging er.
    »Sonderbar, wie sich der Mann geändert hat!« sagte Tante Sophie und sah über
ihre Tasse hinweg heimlich lächelnd in das blasse Mädchengesicht, das, den
Fenstern zugewendet, mit verfinstertem Blick in das Schneegestöber
hinausstarrte. »Er ist immer gut und voll Höflichkeit gegen mich gewesen, das
kann ich nicht anders sagen; aber er war und blieb mir doch ein Fremder, von
wegen seiner vornehmen, kühlen Art und Weise... Jetzt ist mir aber oft ganz
kurios zu Mute, ganz so, als hätte ich ihn auch, wie euch, unter meiner Zucht
gehabt. Er ist so herzlich, so zutraulich - und dass er heute abend den Tee hier
unten genommen hat -«
    »Das will ich dir erklären, Tante!« unterbrach sie das junge Mädchen kalt.
»Es gibt Stunden, in denen man die ganze Welt umarmen möchte, und in einer
solchen Stimmung ist er aus der Residenz, vom Fürstenhofe zurückgekommen. Er
hat, wie er selbst sich ausdrückte, hocherfreuliche Nachrichten mitgebracht. Wir
dürfen demnach in der Kürze die endliche Proklamation seiner Verlobung
erwarten.«
    »Kann sein!« meinte Tante Sophie und leerte den Rest ihrer Tasse.
 
                                       20
Margarete stand am andern Morgen im offenen Fenster der Hofstube. Sie fegte das
dicke Schneepolster vom Steinsims draussen und streute Brotkrumen und Körner für
die hungernden Vögel. Droben über dem weiten Viereck des Hofes stand ein
klarblauer, frostflimmernder Himmel; nicht das kleinste Flöckchen hatte er
zurückbehalten, und wenn es noch da und dort silbern herniederstäubte, so kam es
von einem der müde gewordenen Lindenzweige, die einen Teil der schweren
Schneelast zu Boden sinken liessen... Es war sehr kalt. Keine Taube wagte sich
heraus auf die Flugstange, und die Vögel, für welche der Futterplatz
zurechtgemacht wurde, hungerten auch lieber in ihren Verstecken - nicht das
leiseste Fluggeräusch unterbrach die tiefe Morgenstille des Hofes.
    Margarete wollte eben frostdurchschauert das Fenster schliessen, als die
Türe des Stallraumes im Weberhause geöffnet wurde, und der Landrat auf seinem
schönen Braunen über die Schwelle ritt. Er grüsste herüber und kam direkt unter
das Fenster.
    »Du reitest nach Dambach zum Grosspapa?« fragte sie wie mit zurückgehaltenem
Atem.
    »Zunächst nach dem Prinzenhofe,« antwortete er, und zog glättend an seinem
neuen, eleganten Handschuh. »Vielleicht gelingt es mir besser als dir, in den
Zügen der jungen Dame zu lesen, was ich wissen will - was meinst du dazu,
Margarete?«
    »Ich meine, dass du das bereits weisst und durchaus nicht nötig hast, ein
Orakel zu befragen,« sagte sie schroff. »Ob dir aber die Dame so in aller Frühe
Rede stehen wird, das ist eine andere Frage. Sie sieht zu wohlgepflegt aus, als
dass man an ein Frühaufstehen glauben möchte.«
    »Da bist du wieder sehr im Irrtum. Ich wette, sie ist in diesem Augenblick
bereits bei ihrer Lady Milford im Stalle und sieht nach dem Rechten. Das Reiten
ist ihre Passion - du hast sie noch nicht zu Pferde gesehen?«
    Sie schüttelte den Kopf und warf ihn zurück.
    »Nun, sie reitet süperb und wird viel bewundert. Sie sieht in der Tat aus
wie eine Walküre, wenn sie auf ihrem stattlichen Pferd daherkommt. Diese Lady
Milford ist übrigens kein englisches Vollblut, ist vielmehr eine ehrliche
Mecklenburgerin, schön gebaut und fromm - du kennst vielleicht die Rasse -«
    »Jawohl, Onkel. Herr von Billingen hat zwei prächtige Mecklenburger
Wagenpferde.« Mit diesem Namen warf sie selbst trotzig den Fehdehandschuh hin.
Mochte er nun auf dem Terrain vorgehen, wie die Grossmama; das war ihr doch
lieber, als die unerschöpflichen Lobpreisungen einer Verhassten anhören zu
müssen. Gerüstet war sie ja, sie fühlte eine wahre Kampfbegierde in sich
aufglühen.
    Er bog sich vor und klopfte seinem Braunen, der unruhig wurde, den Hals. »Zu
diesen prächtigen Pferden gehört selbstverständlich ein eleganter Wagen?« fragte
er gelassen.
    »Gewiss - ein sehr schöner, selbst in Berlin bewunderter Wagen. Es sitzt sich
ganz hübsch im Fond, auf den silbergrauen Atlaspolstern. Herr von Billingen hat
Tante Elise und mich öfter ausgefahren -«
    »Ein vornehmer, stattlicher Kutscher -«
    »O ja, stattlich wohl, wie ich dir schon einmal gesagt habe! Gross und breit,
und weiss und rot wie eine Apfelblüte! Ganz der norddeutsche Typus, wie zum
Beispiel die junge Dame im Prinzenhofe.«
    Er warf einen schnellen Blick auf ihren trotzig geschwellten Mund, ihre
dunkel geröteten Wangen und lächelte. »Geh, schliesse das Fenster, Margarete! Du
wirst dich erkälten,« sagte er. »Solche Dinge erzählt man sich am besten am
gemütlichen Teetisch.« Er neigte sich grüssend und ritt fort, und sie schloss
hastig das Fenster.
    Auf den nächsten Stuhl niedersinkend, vergrub sie das Gesicht in den
verschränkten Armen, die sie auf den Fenstersims legte. Sie hätte weinen mögen
vor Erbitterung und Aerger über sich selbst - sie zog seiner lächelnden Ruhe
gegenüber stets den kürzern - - - - - -
    Gegen Mittag kehrte Herbert wieder zurück und bald darauf kam die Grossmama
herunter, um mit grosser Feierlichkeit anzuzeigen, dass die Herrschaften im
Prinzenhofe sie und die Enkelin heute nachmittag bei sich zu sehen wünschten.
    Nun flog der Schlitten in der dritten Nachmittagsstunde wieder über die
weite Schneefläche draussen. Diesmal sass die Grossmama neben dem jungen Mädchen,
erwartungsvoll und hoch aufgereckt; sie strotzte von Samt und Seide.
    Herbert fuhr selbst. Er sass hinter den Damen, und wenn er sich vorbog, da
konnte Margarete seinen Atem an ihrer Wange spüren. Heute brauchte sie seinen
Pelz nicht; sie hatte sich schleunigst einen warmen Pelzumhang gekauft, und es
war ihr vorgekommen, als habe er diese neue Acquisition beim Einsteigen mit
sarkastischem Blick gemustert.
    Das Rokokoschlösschen rückte wie im Fluge immer näher. Mit seinen mächtigen,
sonnenglitzernden Spiegelscheiben lag es in der weiten Schneelandschaft wie ein
Schmuckstück auf weissem Sammetpolster... Drüben in Dambach qualmten die
Fabrikschlöte, und diese Zeugen der Arbeit stiegen als riesige schwarze Säulen
in den Himmel hinein und verschleierten auf weite Strecken hin sieghaft seine
klare Bläue; aber die durchsichtige Luftschicht über dem Prinzenhofe berührten
sie nicht. Die Frau Amtsrätin bemerkte das mit hörbarer Befriedigung dem Sohn
gegenüber.
    »Wir haben augenblicklich Westluft,« sagte er. »Der Nordwind verfährt nicht
so glimpflich; er trägt oft die Rauchspuren bis in die Fenster hinein, wie die
Damen klagen.«
    »Aber mein Gott, liessen sich denn da nicht Vorkehrungen treffen?« rief die
alte Dame ganz empört.
    »Ich wüsste keine anderen, als dass man bei solcher Windrichtung einfach das
Feuer ausbliese -«
    »Und dann ginge ein Teil der Arbeiter spazieren und hätte nichts zu essen,«
warf Margarete bitter ein.
    Die Grossmama fuhr herum und sah ihr ins Gesicht. »Ist das ein Ton! ... Du
bist ja hübsch vorbereitet auf deine Vorstellung in einem hochadligen Hause! Ich
muss dich sehr bitten, dich und uns nicht etwa zu blamieren mit liberalen
Gemeinplätzen, wie ich sie leider an dir kenne! Der Liberalismus ist nicht mehr
Mode - Gott sei Dank! - In den Kreisen, in denen ich zu leben das Glück habe,
hat er nie Boden gefunden, und wenn hier und da einer der Unseren mit dem
früheren Humanitäts- und Freiheitsschwindel kokettiert hat, so ist er jetzt
desto gründlicher kuriert und - will es nicht gewesen sein.«
    Herbert liess in diesem Augenblick die Peitsche auf dem Rücken der Pferde
spielen und mit doppelter Schnelligkeit sauste der Schlitten über die glatte
Bahn, um nach kaum einer Minute vor der Haupttüre des Prinzenhofes zu halten. -
-
    »Ach ja, wir wohnen schauerlich einsam hier!« bestätigte die Dame des Hauses
eine dahin zielende Bemerkung der Frau Amtsrätin, und sah mit einem tiefen
Seufzer in die totenstille Schneelandschaft hinaus. Die Vorstellung war vorüber,
und man hatte sich im Salon niedergelassen.
    In den Kaminen der ineinandergehenden Zimmer knisterten und knackten die
brennenden Holzscheite; man sass behaglich und warm inmitten alter Pracht und
Herrlichkeit. Das Inventar des Prinzenhofes war seit alters her dasselbe
verblieben, gleichviel, ob ein apanagierter Prinz oder eine fürstliche Witwe die
jeweiligen Bewohner gewesen waren. Herrliche Möbel aus den Zeiten Ludwig des
Vierzehnten füllten die Zimmer, und das eingelegte Schmuckwerk ihrer Holzflächen
in Silber, Bronze und Schildpatt schimmerte und blitzte heute noch wie vor
länger als hundert Jahren. Nur die Polsterbezüge und die Gardinen schien man für
die jetzigen Bewohnerinnen erneuert zu haben; sie waren frisch und
geschmackvoll, aber sehr einfach.
    »Ich habe seit meinem sechzehnten Jahre in der grossen Welt gelebt,« fuhr die
dicke Dame fort, »und qualifiziere mich absolut nicht zum Eremitendasein. Ich
würde tatsächlich hier verkümmern, wüsste ich nicht, dass nunmehr eine Erlösung
kommen muss.« Sie warf dem Landrat einen lächelnden, verständnisinnigen Blick zu,
und er neigte zustimmend den Kopf. Die kleine Frau Amtsrätin aber wuchs förmlich
unter jenem Blicke. Sie sah entzückt zur Seite, wo die schöne Heloise sass.
    Die junge Dame lehnte in ihrem Armstuhl, reich gekleidet und stolz
nachlässig wie eine Fürstin. Sie hatte ein paar freundliche Worte zu Margarete
gesprochen und verhielt sich seitdem schweigsam. Aber es sprach in der Tat
heute mehr Seele aus ihren Zügen, und das erhöhte ihre Schönheit wahrhaft
überraschend. Ziemlich entfernt, aber in gerader Linie hinter ihr an der
Schmalseite des Salons hing das Oelbild einer Dame, ein Kniestück. Sie war in
schwarzem Samtkleide; herrliches blondes Haar quoll unter einem Hütchen mit
langer weisser Feder hervor, und ihre linke Hand ruhte auf dem Kopfe eines neben
ihr stehenden Windspieles.
    Die Aehnlichkeit zwischen ihr und der schönen Heloise war eine frappante,
und das sprach die Frau Amtsrätin mit bewundernden Blicken aus.
    »Ja, die Aehnlichkeit ist gross und leicht begreiflich - es ist das Bild
meiner Schwester Adele,« sagte die Baronin Taubeneck. »Sie war an den Grafen
Sorma verheiratet und starb zu meinem grossen Schmerz vor zwei Jahren. Und denken
Sie sich, mein Schwager, der sechzigjährige Mann, spielt uns jetzt den Streich
und heiratet die Tochter seines Gutsverwalters! Ich bin ausser mir!«
    »Das begreife ich,« sprach die Frau Amtsrätin ganz empört. »Es ist hart,
solche Elemente in der Familie dulden zu müssen, wirklich deprimierend. Aber
meines Erachtens sind die modernen Heiraten von der Bühne weg, wie sie die hohen
Herren jetzt belieben, doch noch viel schrecklicher. Wenn ich mir denke, dass
eine Teaterprinzessin, vielleicht gar eine Ballerina, die noch wenige Tage
zuvor in schamlos kurzen Röckchen von der Herrenwelt beklascht worden ist,
plötzlich als Herrin in solch ein altes Grafenhaus einzieht, da schaudert mir
die Haut, da empört sich jeder Blutstropfen in mir!«
    Der Landrat räusperte sich, und die Dame des Hauses ergriff ein Flacon und
atmete den Duft so eifrig ein, als sei ihr übel geworden.
    In diesem Augenblicke trat ein Bedienter ein und überreichte Fräulein von
Taubeneck auf silbernem Teller einen Brief. Sie ergriff das Schreiben mit ganz
ungewohnter Hast und zog sich in das Nebenzimmer zurück, und nach wenigen
Augenblicken berief sie den Landrat zu sich.
    Margarete sass dem Eckkamin des Salons gerade gegenüber. Der mächtige, etwas
nach vorn geneigte Spiegel über demselben warf einen Teil des Salons mit all
seinen blinkenden Gerätschaften zurück, aber er fing auch eine Fensterecke des
Nebenzimmers auf, einen lauschigen Winkel voll Blumen hinter Tüllgardinen.
    In dieser Fensterecke stand Heloise und reichte dem eintretenden Landrat den
geöffneten Brief hin. Er überflog den Inhalt und trat noch näher an die junge
Dame heran. Sie sprachen leise und eingehend miteinander, und mitten im Gespräch
bog sich die schöne Heloise plötzlich seitwärts, brach eine vollaufgeblühte rote
Kamelie vom Stock und befestigte sie eigenhändig mit einem vielsagenden Lächeln
in Herberts Knopfloch.
    »Mein Gott, wie blass Sie sind, Fräulein!« rief die Baronin in diesem Moment
und griff nach Margaretens Hand. »Sind Sie unwohl?«
    Das junge Mädchen schüttelte heftig, in sich zusammenfahrend, den Kopf, und
alles Blut schoss ihr in die Wangen. Sie sei gesund wie immer, versicherte sie,
und das Blasswerden sei wohl eine Nachwirkung der kalten Fahrt.
    Und jetzt kam auch Fräulein von Taubeneck in Herberts Begleitung wieder
herüber.
    Die Baronin hob mit einem Lächeln den Zeigefinger drohend gegen den Landrat.
»Was, mein schönstes Kamelienbäumchen haben Sie geplündert? Wissen Sie nicht,
dass ich's eigenhändig pflege, dass jede Blüte gezählt ist?«
    Heloise lachte. »Die Schuldige bin ich, Mama! Ich habe ihn dekoriert! ...
Und habe ich nicht alle Ursache dazu?«
    Die Mama nickte lebhaft zustimmend mit dem Kopfe und nahm eine Tasse Kaffee
von dem Präsentierbrett, das ein Bedienter eben herumreichte. Und nun blieben
die Kamelien das Gesprächstema. Die Baronin war eine eifrige Blumenzüchterin,
und der Herzog hatte ihr deshalb einen kleinen Wintergarten einrichten lassen.
    »Den müssen Sie sich nachher ansehen, Fräulein,« sagte sie zu Margarete.
»Die Grossmama kennt ihn bereits, sie bleibt bei mir und wir plaudern derweil ein
wenig, während der Landrat Sie hinüberführt.«
    Herbert kam dieser Aufforderung ziemlich eilig nach. Er liess Margarete kaum
Zeit, eine Tasse Kaffee zu trinken, weil er meinte, es würde sehr bald dämmerig
werden. Das junge Mädchen erhob sich, und während Heloise ihre seidenrauschende
Gestalt auf den Sessel vor dem geöffneten Flügel sinken liess und ziemlich
ungeschickt zu präludieren begann, verliessen die beiden den Salon.
    Sie durchschritten eine ziemlich lange Zimmerflucht, und von allen Wänden
sahen Angehörige des Herrscherhauses auf sie herab, im gestickten Hofkleide,
oder mit harnischgeschützter Brust - ein helläugiges Geschlecht mit weisser Haut
und blühenden Wangen und einem intensiven Rotgold auf den mächtigen
Schnauzbärten oder dem zierlichen Henriquatre.
    »In deiner langen Wollschleppe schwebst du geräuschlos wie die Ahnenfrau der
Rotbärte da oben durch das alte interessante Prinzenschlösschen,« sagte Herbert
zu seiner schweigenden Begleiterin.
    »Die würden mich nicht anerkennen,« versetzte sie mit einem über die Bilder
streifenden Blick; ich bin zu dunkel.«
    »Allerdings, ein deutsches Gretchen bist du nicht!« meinte er lächelnd. »Du
könntest leicht das Modell zu Gustav Richters italienischem Knaben gewesen
sein.«
    »Wir haben ja auch welsches Blut in den Adern - zwei Lamprechts haben sich
ihre Frauen aus Rom und Neapel mitgebracht. Weisst du das nicht, Onkel?«
    »Nein, liebe Nichte, das weiss ich nicht; ich bin in eurer Hauschronik nicht
so bewandert. Aber so wie ich gewisse Charakterzüge an der Nachkommenschaft
beurteile, müssen diese Frauen zum mindesten Dogentöchter oder sonstige
Prinzessinnen aus italienischen Palästen gewesen sein.
    »Schade, dass ich dir diese Illusion zerstören muss, Onkel! Sie passt so hübsch
zu deinen und Grossmamas Wünschen, und gerade unter diesen stolzen Augen allen« -
sie zeigte nach den Bildern - »wird dir die Berichtigung nicht angenehm sein;
aber daran lässt sich nichts ändern, dass die eine der Frauen ein Fischerkind, und
die andere eine Steinmetztochter gewesen ist.«
    »Sieh da, wie interessant! Da haben ja die alten, gestrengen Handelsherren
doch auch ihre romantischen Anwandlungen gehabt! ... Aber im Grunde genommen,
was geht denn mich die Vergangenheit des Lamprechtschen Hauses an?«
    Eine Art schmerzhaften Erschreckens ging durch die Züge des jungen Mädchens.
»Nichts, gar nichts hast du damit zu schaffen!« antwortete sie hastig. »Es steht
dir ja frei, die Verwandtschaft zu ignorieren. Mir kann das nur lieb sein; dann
habe ich von deiner Seite keine Einmischung und Quälerei zu befürchten, wie ich
sie täglich von der Grossmama erleiden muss.«
    »Sie quält dich?«
    Sie schwieg einen Moment. Anklagen hinter dem Rücken anderer war nie ihre
Sache gewesen, und hier sprach sie zum Sohn über seine Mutter. Aber die bösen
Worte waren ihr nun einmal entschlüpft und nicht rückgängig zu machen.
    »Nun, ich war ja auch ungehorsam und habe einen ihrer Lieblingswünsche nicht
erfüllt,« sagte sie, während Heloise drüben aus ihrem Präludium in ein
rauschendes modernes Musikstück überging. »Diese bittere Enttäuschung nagt an
ihr - das tut mir leid, und ich entschuldige ihre Missstimmung gegen mich,
soviel ich kann. Aber das ist mir unfasslich, wie sie trotz alledem noch hoffen
mag, mich umzustimmen, meine Entscheidung null und nichtig zu machen. Ich kann
das leidenschaftliche Verlangen, jenem exklusiven Kreise verwandtschaftlich nahe
zu kommen, überhaupt nicht verstehen; und ist es nicht auch dir verwunderlich,
dass die Grossmama so selbstverständlich auf das Anatema eingehen mochte, das die
Baronin gegen den Eindringling, die Zukünftige ihres Schwagers, schleuderte? Was
bin ich denn anderes als diese Gutsverwalterstochter?«
    Er lächelte und zuckte die Achseln. »Herr von Billingen ist ein Graf, und
die Lamprechts geniessen das Ansehen eines alten Patrizierhauses, so mag meine
Mutter denken, und deshalb ist mir ihr Verhalten nicht so verwunderlich. Weniger
verständlich bist du mir... Woher die leidenschaftliche Erregung gegen jene
Geburtsbevorrechteten, die oft in so erbitterter Weise zu Tage tritt?«
    Sie hatten bei diesen letzten Worten den Wintergarten betreten; aber weder
die Farbenpracht der blühenden Pflanzen, noch der ihr entgegenströmende
Blumenduft schienen für Margarete vorhanden. Sichtlich erregt blieb sie dem
Eingang nahe stehen.
    »Du beurteilst mich ganz falsch, Onkel,« sagte sie. »Nicht jene Exklusiven
sind es, mit denen ich zürne - dazu kenne ich sie zu wenig. Ich weiss nur, dass
sich von alters her grosse Vorrechte und Privilegien an ihre Namen knüpfen, und
dass vor ihrer Hochburg ein Engel mit feurigem Schwerte steht. Wie sollte mich
das feindselig stimmen? Die Welt ist weit, und man kann seinen Weg gehen, ohne
dass Anmassung und Geburtsdünkel verletzend an einen herantreten dürfen. Also
darin trifft mich der Vorwurf der Verbitterung nicht; wohl aber grolle ich mit
jenen, die meinesgleichen sind, und von denen Unzählige so glücklich sind wie
ich, auf eine grosse Summe bürgerlicher Tugenden in ihrer Familie zurückblicken
zu können. Sie sind so gut Geborene wie jene, sie haben auch Ahnen, von denen
verschiedene in tapferer Verteidigung ihres Eigentums so manchen hochgeborenen
Strauchritter in den Sand gestreckt haben.«
    Er lachte. »Und trotzdem weist eure gemalte Ahnensammlung keinen Mann in
Wehr und Waffen auf?«
    »Wozu auch?« fragte sie bitterernst zurück. »Im Leben und Streben ist jeder
ein ganzer Mann gewesen, wie der blühende Wohlstand seines Hauses, sein Ansehen
bei den Zeitgenossen bewiesen - braucht es da noch äusserer Abzeichen? - Wäre es
immer so geblieben, das Bürgertum hätte auch seine respektierte Hochburg. Aber
die Nachkommen ziehen es vor, zu katzbuckeln, ja sogar in serviler Weise Steine
hinzuzutragen, welche jene anderen zum Wiederaufbau alter, gestürzter Schranken
und Postamente brauchen... Das Genie, der Reichtum, die grossen Talente, sobald
sie dem bürgerlichen Boden in aufsehenerregender Weise entsteigen, werden wie
von einem Magnet in jene Sphäre gezogen und gehen drin auf, Macht und Ansehen
derselben immer aufs neue stärkend, während die Erhobenen dem geachteten Namen
ihrer Vorfahren undankbar ins Gesicht schlagen, um in dem neuen Stand mit
Widerwillen und Geringschätzung von den Erbeingesessenen geduldet zu werden.«
    Er war sehr ernst geworden. »Seltsames Mädchen! Wie tief geht dir die
Erbitterung über Dinge, die für andere junge Mädchen deines Alters kaum
existieren!« sagte er kopfschüttelnd. »Und wie hart klingt die Verurteilung in
deinem Munde! Noch vor kurzem wusstest du wenigstens diese herbe, strenge
Auffassung unter lächelnder Satire und Grazie zu verstecken.«
    »Ich habe seit dem Tode meines Vaters Lachen und Scherz verlernt,« fiel sie
mit zuckenden Lippen ein, und Tränen verdunkelten ihren Blick. »Weiss ich doch,
dass gerade ihn Vorurteil und falscher Wahn verblendet und sein Leben unheilvoll
verdüstert haben, wenn ich auch den eigentlichen Grund seiner Seelenqual nicht
kenne. Doch genug davon! Ich bitte dich nur um eins, Onkel! Nun du weisst, wie
ernst ich's meine, wirst du auch nicht anstehen, die Grossmama zu bestimmen, dass
sie mich nicht länger bestürmt - sie erreicht doch nichts!«
    »Wenn du den Mann liebtest, dann würden deine strengen Prinzipien
unterliegen, er bliebe der Sieger!«
    »Nein! Und tausendmal nein!«
    »Margarete!« - Er trat plötzlich auf sie zu und ergriff ihre beiden Hände.
»Ich sage wenn du ihn liebtest. Kannst du dir wirklich nicht denken, dass man, um
das Glück eines anderen Menschenlebens zu werden, seine Antipatien, seine
liebsten Neigungen, ja, ganz und gar sich selbst überwindet und hingibt?«
    Sie presste die Lippen aufeinander und schüttelte heftig den Kopf.
    »Du willst sagen, dass du kein Verständnis für das Wesen der Liebe hast?« Er
drückte ihre Hände fester, die sie ihm zu entziehen strebte.
    Ihre Augen hafteten am Boden, sie sah nicht auf. »Muss das sein?« murmelte
sie mit tieferblassten Lippen. »Ist ein solches Verständnis nötig für jedes
Menschenkind, und kann man nicht auch durchs Leben gehen, ohne jener dämonischen
Macht Raum zu geben?« Sie richtete sich plötzlich auf und entzog ihm mit einem
gewaltsamen Ruck ihre Hände. »Ich will nichts mit ihr zu schaffen haben,« rief
sie und in ihren Augen brannte ein wildes Feuer. »Seelenfrieden will ich und
nicht jenen mörderischen Kampf -« Einen Moment hielt sie wie erschrocken inne,
als ertappe sie sich selbst auf einer Unvorsichtigkeit. - »Ich würde übrigens
nicht unterliegen,« setzte sie beherrschter hinzu. »Mein bester Helfer wäre der
Kopf - ich hoffe, er ist hell und stark genug dazu.«
    »Glaubst du? Nun, so versuche es und leide, bis -« Er brach ab, und sie sah
scheu zu ihm auf - so tief erregt hatte sie seine Züge noch nicht gesehen. Aber
er hatte eine wunderbare Gewalt über sich selbst. Nachdem er den Wintergarten
einmal durchschritten, trat er wieder auf sie zu.
    »Wir müssen wieder in den Salon zurückkehren,« sagte er ganz ruhig. »Du
würdest in Verlegenheit kommen, wenn man dich drüben um dein Urteil befragte,
denn du hast nichts gesehen. Drum betrachte dir hier das prächtige
Palmenexemplar, dort die kanarische Dracaena. Und sieh, hier über das Tulpen-
und Hyazintenbeet hängt der spanische Flieder seine Trauben; sie sind am
Aufbrechen - ein wahres Frühlingsbild! Hast du dich nun ein wenig orientiert?«
    »Ja, Onkel!«
    »Ja, Onkel,« wiederholte er spöttisch. »Der Titel kommt dir ja heute wieder
einmal recht flott von den Lippen; du siehst hier wohl ganz besonders die
altehrwürdige Respektfigur in mir?«
    »Hier nicht anders als daheim auch.«
    »Also immer! Der Onkeltitel geht und steht mit mir, wie mit jenem der Zopf,
der ihm hinten hing. Nun, ich will ihn ertragen, bis du dich vielleicht einmal
auf meinen Namen besinnst.«
    Bald nachher sassen die drei wieder im Schlitten; aber sie fuhren nicht nach
der Stadt zurück. Der Landrat lenkte in den Feldweg ein, der das Ackerland
seitwärts durchschnitt und direkt nach Dambach führte. Sein Vater habe heute
morgen über Rheumatismus in der Schulter geklagt, und da wolle er doch sehen,
wie es um den Patienten stünde, sagte Herbert und trieb die Pferde an.
    Die Frau Amtsrätin kauerte missgelaunt in ihrer Ecke. Der Abstecher war
durchaus nicht nach ihrem Geschmack, aber sie wagte nicht, offen zu
protestieren. Statt dessen sprach sie sich missbilligend und sehr scharf über
Margaretens Schweigsamkeit aus - sie habe zwischen den Damen gesessen wie eine
Landpomeranze, der man jedes Wort abkaufen müsse, und die nicht »drei« zählen
könne.
    »Das Schweigen hat auch sein Gutes, Persönlichkeiten gegenüber, deren
Antezedenzien man nicht ganz genau kennt, liebe Mama,« raunte der Landrat dicht
an ihrem Ohr. »Mir wäre es heute auch lieber gewesen, du hättest dich nicht so
rückhaltslos über die Ballerinen ausgesprochen - die Baronin Taubeneck ist auch
eine gewesen!«
    »Grosser Gott!« Die Frau Amtsrätin sank mit diesem Ausruf wie vernichtet in
sich zusammen. »Nein, nein, das ist ein Irrtum, Herbert, eine bodenlose
Verleumdung böser Zungen!« raffte sie sich nach kurzem Besinnen wieder auf. »Die
ganze Welt weiss, dass die Gemahlin des Prinzen Ludwig von altem Adel gewesen ist
-«
    »Gewiss. Aber die Familie war seit langem total verarmt. Die letzten Träger
des alten Namens waren Subalternbeamte, und die zwei schönen Schwestern, die
Baronin Taubeneck sowohl, als auch die verstorbene Gräfin Sorma haben unter
angenommenem Namen als Tänzerinnen ihr Brot verdient!«
    »Und das sagst du mir heute erst?«
    »Ich weiss es selbst erst seit kurzem.«
    Die Frau Amtsrätin sprach kein Wort mehr. Wenige Minuten später hielt der
Schlitten im Dambacher Fabrikhofe. Das Abenddunkel war längst hereingebrochen,
und aus den langen Fensterreihen der Arbeitssäle fiel heller Lichtschein auf die
breite Schneefläche des Hofes.
    Die alte Dame zog tief aufseufzend, unter hörbarem Frostschütteln den Pelz
über der Brust zusammen und trippelte am Arm ihres Sohnes über den
schneebedeckten Kiesweg des Gartens. Bei der Biegung der Weglinie um den
festgefrorenen Teich sahen sie den Amtsrat am offenen Fenster seines Zimmers
stehen. Die Lampe brannte auf dem Tische hinter ihm; er war im Schlafrock und
klopfte seine Pfeife am Fensterbrett aus.
    »Nun sehe mir einer den Mann!« schalt die Frau Amtsrätin geärgert mit
unterdrückter Stimme. »Er behauptet, rheumatisch zu sein und stellt sich bei der
entsetzlichen Kälte ans offene Fenster!«
    »Ja, das sind so Reckengewohnheiten, Mama - die ändern wir nicht,« lachte
der Landrat und führte sie nach der Türe des Pavillons.
    »O je, was für ein rarer Besuch!« rief der alte Herr, sich vom offenen
Fenster zurückwendend, während seine Frau über die Schwelle schritt.
»Potztausend, Franziska, bist du's denn wirklich? Und so bei Nacht und Nebel,
bei Schnee und Eis? Das hat seinen Haken!« Er schloss schleunigst das Fenster,
durch welches allerdings ein eisiger Zugwind fauchte. »Soll ich Kaffee kochen
lassen?«
    Die alte, kleine Dame schüttelte sich förmlich. »Kaffee? Um diese Zeit? Nimm
mir's nicht übel, Heinrich, aber du verbauerst entsetzlich in deinem Dambach! es
ist ja nahezu Teezeit! ... Wir kommen vom Prinzenhofe -«
    »Dacht' ich's doch! Da sitzt der Haken -«
    »Und wollten nicht in die Stadt zurückkehren, ohne uns zu erkundigen, wie es
dir geht.«
    »Danke für gütige Nachfrage. Je nun, es reisst und zwickt mich in der linken
Schulter, und der Rumor wird mir manchmal ein bisschen zu bunt - das ist richtig.
Ich habe heute schon ein paarmal dazu gepfiffen, um wenigstens Takt in die
Geschichte zu bringen.«
    »Sollen wir dir nicht doch den Arzt herausschicken, Vater?« fragte Herbert
besorgt.
    »Nichts da, mein Sohn! In die alte Maschine da« - er zeigte auf seine breite
Brust - »ist zeitlebens kein Tropfen Quacksalbergift gekommen, da werde ich mir
doch nicht in meinen alten Tagen noch das Blut verderben! Die Faktorin ist mir
mit Senfspiritus fürchterlich zu Leibe gegangen und hat mir ein Wergbündel
übergebunden; sie behauptet, das würde helfen -«
    »Ja, besonders, wenn du bei der Kälte ans offene Fenster trittst, wie
vorhin!« sagte die Frau Amtsrätin anzüglich und fuhr mit dem Muff zerteilend
durch den Tabaksdampf, der sich nun bei geschlossenem Fenster sehr bemerklich
machte. »Ich weiss schon, mit dem Arzt darf man dir nicht kommen; aber du
solltest es wenigstens mit einem Hausmittel versuchen.«
    »Vielleicht einem Tässchen Kamillentee, Fränzchen?«
    »Nein, Lindenblüte mit Zitronensaft würde praktischer sein; das hilft mir
immer - du musst schwitzen, Heinrich!«
    »Brr!« schüttelte er sich. »Dann lieber gleich ins Fegfeuer! Siehst du,
Maikäferchen,« - er schlang seinen Arm um Margaretens Schultern, die längst Hut
und Mantel abgeworfen hatte und an seiner Seite stand - »so soll dein alter
Grossvater malträtiert werden! In den Spittel mit ihm, wenn er wirklich
Lindenblüte trinkt - meinst du nicht!«
    Sie lächelte und schmiegte sich an ihn. »In solchen Dingen bin ich
unerfahren wie ein Kind, Grosspapa, da darfst du nicht an mein Urteil
appellieren. Aber erlauben musst du mir schon, dass ich bei dir bleibe. Du darfst
nachts mit deinen Schmerzen nicht allein sein. Ich stopfe dir immer frische
Pfeifen, lese vor und erzähle, bis dir der Schlaf kommt.«
    »Das wolltest du, kleine Maus?« rief er erfreut. »Ach ja, mir wär's schon
recht! Aber morgen ist ja Testamentseröffnung, da darfst du nicht fehlen.«
    »Ich werde den Onkel bitten, mir den Schlitten herauszuschicken -«
    »Und der fürsorgliche Onkel wird pünktlich Sorge tragen,« sagte der Landrat
mit einer ironisch tiefen Verbeugung.
    »Abgemacht!« rief der Amtsrat. »Aber, Franziska, du retirierst ja in halbem
Sturmschritt nach der Türe! - Na ja, du wirst für die da drüben« - er hob die
Hand in der Richtung des Prinzenhofes - »deinen besten Staat angezogen haben,
und der wird hier eingeräuchert. Ich hab's freilich ein bisschen schlimm gemacht
mit dem Qualmen und Dampfen.«
    »Und mit was für einer Sorte!« warf sie malitiös und naserümpfend ein und
schüttelte an ihrer Seidenschleppe.
    »Nun, nun, ich bitte mir's aus! Es ist ein feines Kraut, ein kräftiges
Kraut! Davon verstehst du aber so wenig, wie ich von deinem Pekkotee,
Fränzchen... Aber geniere dich nur nicht! Es prickelt dir in deinen kleinen
Pedalen, so schnell wie möglich in die frische Luft zu kommen. Du hast mehr als
deine Schuldigkeit getan, hast dich in meine verräucherte Spelunke gewagt - wer
mir das vor einer halben Stunde gesagt hätte! ... Drum gib deiner kleinen Mama
den Arm, Herbert, und bringe sie schleunigst und fein säuberlich in den
Schlitten zurück.«
    Er öffnete galant die Türe, und die alte Dame schlüpfte an ihm vorüber,
beide Hände im Muff vergraben, und war gleich darauf im Dunkel jenseits der
Haustüre verschwunden.
    In diesem Augenblick bückte sich Margarete und nahm die Kamelie vom Boden
auf, die Herbert beim Lüften seines Pelzes unbewusst abgestreift hatte. Stumm
reichte sie ihm die Blume hin.
    »Ah, beinahe wäre sie zertreten worden!« sagte er bedauerlich und hielt die
Kamelie prüfend in den Lampenschein. »Das hätte mir sehr leid getan! Sie ist so
schön, so frisch und strahlend wie die Geberin selbst - findest du das nicht
auch, Margarete?«
    Sie wandte sich schweigend weg, nach dem Fenster, an welches die Grossmama
draussen ungeduldig klopfte, und er schob die rote Blume, wie einst die weisse
Rose, in seine Brusttasche und schüttelte seinem Vater zum Abschied die Hand -
dann ging auch er.
 
                                       21
Die Testamentseröffnung war vorüber und hatte so manchem der plötzlich
entlassenen missliebigen Fabrikarbeiter die bitterste Enttäuschung gebracht. Das
Schriftstück war alten Datums gewesen. Wenige Jahre nach seiner Verheiratung war
der Kommerzienrat mit dem Pferde gestürzt, die Aerzte hatten ihm und den Seinen
nicht verhehlen können, dass Lebensgefahr vorhanden sei, und da hatte er eine
letztwillige Verfügung getroffen. Dieses Dokument war sehr kurz und knapp
abgefasst gewesen, wie sich bei der heutigen Eröffnung herausgestellt. Die
verstorbene Frau Fanny war zur Universalerbin ernannt; auch war verfügt, dass das
Geschäft verkauft werden solle, weil damals noch kein männlicher Erbe existiert
hatte - Reinhold war erst ein Jahr später geboren. Dieser letzte Wille war
mitin nicht mehr rechtskräftig, und die beiden einzigen Erben, Margarete und
Reinhold, traten in ihre unverkürzten, natürlichen Rechte.
    Margarete war sofort nach dem Schluss des Eröffnungsaktes nach Dambach
zurückgekehrt, »weil der Grosspapa sie noch brauche«. Reinhold dagegen hatte sich
auf seinen Schreibstuhl gesetzt, hatte die kalten Hände aneinander gerieben und
dabei streng und finster wie immer die arbeitenden Kontoristen gemustert. Seine
Miene war unverändert - was auch hätte das Testament bringen können, das ihm die
bereits usurpierten Rechte auch nur um ein Titelchen zu kürzen vermochte? ...
Und die Leute schielten ängstlich mit gelindem Grauen nach dem unerbittlichen
gespensterhaften Menschen, der den Platz des ehemaligen Chefs nunmehr
vollberechtigt einnahm, und welchem sie auf Gnade und Ungnade für immer
überantwortet waren.
    Es war in der vierten Nachmittagsstunde desselben Tages. Der Landrat war
eben heimgekommen, und die Frau Amtsrätin stand im Vorsaal, mit einer
Verkäuferin um eine Henne feilschend. Da kam der Maler Lenz herein.
Schwarzgekleidet vom Kopf bis zu den Füssen trat er in einer Art von ängstlicher
Hast auf die alte Dame zu; sein sonst so friedensvolles, freundliches Gesicht
war ungewöhnlich ernst und trug die Spuren innerer Erregung.
    Er fragte nach dem Landrat, und die Dame wies ihn kurz nach dessen
Arbeitszimmer; aber sie musterte ihn doch prüfenden Blickes, bis er nach einem
bescheidenen Anklopfen im Zimmer ihres Sohnes verschwunden war. Der Mann war
sichtlich verstört, irgend eine schwere Last lag auf seiner Seele. Sie fertigte
die Handelsfrau schleunigst ab und ging in ihr Zimmer. Sie hörte den Mann drüben
sprechen; er sprach laut und ununterbrochen, und es klang, als erzähle er einen
Vorgang... Der alte Maler war für sie bis auf den heutigen Tag eine abstossende
Persönlichkeit verblieben; sie konnte es ihm nicht vergessen, dass seine Tochter
Blanka ihr einst schlaflose Nächte verursacht hatte... Was mochte er wollen? -
Sollte der Landrat bei Reinhold ein gutes Wort einlegen, auf dass der Entlassene
in Brot und Wohnung verbleiben dürfe? Das durfte nun und nimmer geschehen! -
    Die Frau Amtsrätin war eine äusserst feinfühlige, eine hochgebildete Dame,
das war männiglich bekannt. Wer behauptet hätte, ihr kleines Ohr unter dem
feinen Spitzenhäubchen komme zuzeiten in nahe Berührung mit der Zimmertüre
ihres Sohnes, der wäre als böswilliger Verleumder gebrandmarkt worden. Nun stand
sie aber in der Tat da, auf den Zehen und weit hinübergereckt und horchte,
horchte, bis sie plötzlich wie von einem Schuss getroffen zurückfuhr und weiss bis
in die Lippen wurde.
    Im nächsten Augenblick hatte sie die Türe aufgerissen und stand im Zimmer
ihres Sohnes.
    »Wollen Sie die Gewogenheit haben, Lenz, das, was Sie soeben behaupteten,
auch mir in das Gesicht hinein zu wiederholen?« herrschte sie gebieterisch, aber
sichtlich an allen Gliedern bebend, dem alten Manne zu - alle Sanfteit war wie
weggeblasen von dieser schrillen Stimme.
    »Gewiss will ich das, Frau Amtsrätin!« antwortete Lenz sich verbeugend mit
bescheidener Festigkeit, »Wort für Wort sollen Sie meine Erklärung noch einmal
hören. Der verstorbene Herr Kommerzienrat Lamprecht war mein Schwiegersohn -
meine Tochter Blanka ist seine rechtlich angetraute Ehefrau gewesen -«
    Die alte Dame brach in ein hysterisches Gelächter aus. »Lieber Mann, bis zum
Fasching haben wir noch weit - sparen Sie Ihre unfeinen Spässe bis dahin auf!«
rief sie mit zermalmendem Hohn und wandte ihm verächtlich den Rücken.
    »Mama, ich muss dich dringend bitten, in dein Zimmer zurückzukehren!« sprach
der Landrat und reichte ihr den Arm, um sie hinwegzuführen - auch er war bleich
wie ein Toter, und in seinen Zügen malte sich eine tiefe, innere Bewegung.
    Sie wies ihn unwillig zurück. »Wäre es eine Amtsangelegenheit, um die es
sich handelt, dann hättest du recht, mich aus deinem Geschäftszimmer zu weisen;
hier aber ist's ein schlau eingefädeltes Bubenstück, das unsere Familie
beschimpfen will -«
    »Beschimpfen?« wiederholte der alte Maler mit einer Stimme, die vor
Entrüstung bebte. »Wäre meine Blanka das Kind eines Fälschers, eines Spitzbuben
gewesen, dann müsste ich die schwere Beleidigung schweigend hinnehmen; so aber
verwahre ich mich entschieden gegen jede derartige Bezeichnung. Ich selbst bin
der Sohn eines höheren Regierungsbeamten geachteten Namens; meine Frau stammt
aus einer vornehmen, wenn auch verarmten Familie, und wir beide sind völlig
unbescholten durchs Leben gegangen; nicht der geringste Makel haftet an unserem
Namen, es sei denn der, dass ich mein Brot als akademisch ausgebildeter Künstler
schliesslich aus Mangel an Glück in der Fabrik habe suchen müssen... Aber es ist
in den bürgerlichen Familien, die zu Reichtum gelangt sind, Mode geworden, auch
von Mesalliance zu sprechen, wenn ein armes Mädchen hineinheiratet, und zu tun,
als sei das Blut entwürdigt, wie der Adel den bürgerlichen Eindringlingen
gegenüber behauptet. Und diesem völlig unmotivierten Vorurteil hat sich leider
auch der Verstorbene gebeugt und damit eine schwere Schuld gegen seinen zärtlich
geliebten Sohn auf sich geladen.«
    »O, bitte - ich wüsste nicht, dass der Kommerzienrat Lamprecht seinem einzigen
Sohn, meinem Enkel Reinhold, gegenüber irgend eine Schuld auf dem Gewissen
gehabt hätte!« warf die Frau Amtsrätin höhnisch, mit verächtlichem Achselzucken
ein.
    »Ich spreche von Max Lamprecht, meinem Enkel.«
    »Unverschämt!« brauste die alte Dame auf.
    Der Landrat trat auf sie zu und verbat sich ernstlich und entschieden jeden
ferneren verletzenden Einwurf. Sie solle den Mann ausreden lassen - es werde und
müsse sich ja herausstellen, inwieweit seine Ansprüche begründet seien.
    Sie trat in das nächste Fenster und wandte den beiden den Rücken zu. Und nun
zog der alte Maler ein grosses Briefkouvert hervor.
    »Entält das Papier die gerichtlich beglaubigten Dokumente über die
gesetzliche Vollziehung der Ehe?« fragte der Landrat rasch.
    »Nein,« erwiderte Lenz; »es ist ein Brief meiner Tochter aus London, in
welchem sie mir ihre Verehelichung mit dem Kommerzienrat Lamprecht anzeigt.«
    »Und weiter besitzen Sie keine Papiere?«
    »Leider nicht. Der Verstorbene hat nach dem Tode meiner Tochter alle
Dokumente an sich genommen.«
    Die Frau Amtsrätin stiess ein helles Gelächter aus und fuhr herum. »Hörst
du's, mein Sohn?« rief sie triumphierend. »Die Beweise fehlen -
selbstverständlich! Diese nichtswürdige Beschuldigung Balduins ist ein
Erpressungsversuch in optima forma.« Sie zuckte die Achseln. »Möglich, dass die
Verführungskünste der kleinen Kokette, die einst vor unseren Augen auf dem Gang
des Packhauses ihr Wesen getrieben hat, nicht ohne Wirkung auch auf ihn
geblieben sind; möglich, dass sich daraufhin draussen in der Welt eine intimere
Beziehung zwischen ihnen angesponnen hat - das ist ja nichts Seltenes
heutzutage, wenn ich auch Balduin einen solchen Liebeshandel nimmermehr
zugetraut hätte. Indes, ich will es zugeben - aber eine Verheiratung? Eher lasse
ich mich in Stücke hacken, als dass ich solchen Blödsinn glaube!«
    Der alte Maler reichte Herbert den Brief hin. »Bitte, lesen Sie,« sagte er
mit völlig tonloser Stimme, »und bestimmen Sie mir gütigst eine Stunde, zu
welcher ich Ihnen morgen auf dem Amte das weitere vortragen darf! Es ist mir
unmöglich, noch länger mein totes Kind so schmachvoll verlästern zu hören... Nur
mit der grössten Selbstüberwindung gestatte ich fremden Augen den Einblick in das
Schreiben -« Sein schmerzlicher Blick hing wie sehnsüchtig an dem Briefe, den
der Landrat an sich genommen hatte. »Es kömmt mir vor, wie ein Verrat an meiner
Tochter, welche die einzige Schuld, die sie je auf ihre Seele genommen hat, in
den Zeilen ihren Eltern beichtet. Wir haben keine Ahnung gehabt, dass mein Chef
und Broterr hinter unserem Rücken unser Kind zu einem Liebesverhältnis
verleitet hat - auf seinen dringenden Wunsch, sein strenges Gebot hin hat sie
uns alles verschwiegen... Wäre sie kinderlos gestorben, ich hätte die ganze
Angelegenheit auf sich beruhen lassen. Sie ist in fremdem Lande heimgegangen;
niemand in dieser Stadt hier hat um die seltsamen Verhältnisse gewusst, es wäre
somit keine Veranlassung dagewesen, für ihre Ehre einzutreten. So aber gilt es,
ihrem Sohn zu seinem Rechte zu verhelfen, und das will und werde ich mit allen
Mitteln, die mir zu Gebote stehen -« -«
    »Sie hätten das schon bei Lebzeiten meines Schwagers tun müssen!«
unterbrach ihn der Landrat fast heftig, nachdem er in sichtlich grosser Aufregung
das Zimmer durchmessen.
    »Herbert!« schrie die alte Dame auf. »Ist es möglich, dass du diesem
empörenden Lügengewebe auch nur den allergeringsten Glauben schenkst?«
    »Sie haben recht, ich bin dem herrischen Mann gegenüber allerdings schwach
gewesen,« versetzte Lenz, ohne auf den Ausruf der Amtsrätin zu hören. »Ich
durfte mich nicht mit Versprechungen von Zeit zu Zeit hinhalten lassen, wie es
leider geschehen ist... Als wir vor einem Jahre unseren Enkel sehen und zu uns
nehmen durften, da sagte der Kommerzienrat, dass ihm augenblicklich die
Verhältnisse noch nicht gestatteten, mit der öffentlichen Anerkennung seines in
zweiter Ehe geborenen Sohnes hervorzutreten. Dagegen werde er schleunigst sein
Testament machen, um schlimmstenfalls dem kleinen Max seine Sohnesrechte zu
sichern... Nun, er hat sein Versprechen nicht gehalten - im Vollgefühl seiner
Kraft mag ihm dieser schlimmste Fall, sein plötzlicher Tod, ganz unmöglich
erschienen sein... Aber ich verzage nicht - die Legitimationspapiere sind ja da,
der Trauschein, das Taufzeugnis meines Enkels, diese Papiere müssen sich im
Nachlass finden. Und deshalb komme ich zu Ihnen, Herr Landrat - es widerstrebt
mir, einen Rechtsanwalt hineinzuziehen. Ich lege die Sache in Ihre Hände.«
    »Ich nehme sie an,« versetzte Herbert. »In diesen Tagen werden die Siegel
abgenommen, und ich gebe Ihnen mein Wort, dass alles geschehen soll, um Licht in
die Angelegenheit zu bringen!«
    »Ich danke Ihnen innig!« sagte der alte Mann und reichte ihm die Hand. Dann
verbeugte er sich nach der Richtung, wo die Frau Amtsrätin stand, und ging
hinaus.
    Eine kurze Zeit blieb es still im Zimmer, so bedrückend still, wie es nach
dem ersten Windstoss eines heranziehenden Gewitters zu sein pflegt - man hörte
nur das Knistern der Papiere, die Herbert aus dem Kouvert nahm und entfaltete,
während die Amtsrätin wie geistesabwesend nach der Türe starrte, hinter welcher
»der Unglücksmensch« verschwunden war... Nun aber raffte sie sich auf.
    »Herbert,« rief sie entrüstet ihrem lesenden Sohn zu, »kannst du wirklich
deine Mutter in ihrer furchtbaren Aufregung und Erbitterung vor dir stehen
sehen, während du dich in das lügenhafte Geschreibsel jener erbärmlichen Kokette
vertiefst?«
    »Es ist kein lügenhaftes Geschreibsel, Mama,« sagte er aufblickend,
sichtlich erschüttert.
    »Ah, du bist gerührt, mein Sohn? ... Nun, das Papier ist geduldig, und die
schöne Dame wird selbstverständlich alle ihre Schreibekünste aufgeboten haben,
um ihren Eltern gegenüber ihrem Fehltritt ein Mäntelchen umzuhängen... Und ein
Mann wie du lässt sich auch betören und glaubt daraufhin -«
    »Ich habe schon vorher geglaubt, Mama.«
    »Lächerlich! - Das Gerede eines alten, halbblöden Mannes -«
    »Liebe Mama, gib es auf, dich und mich mit falschen Vorspiegelungen
beruhigen zu wollen; sieh lieber der Wahrheit gefasst ins Auge! ... Mit den
ersten erklärenden Worten des alten Malers war es, als würde mir eine Binde von
den Augen gerissen. Balduins ganzes geheimnisvolles Gebaren während der letzten
Jahre, zu welchem wir vergebens den Schlüssel gesucht haben, es liegt
entschleiert vor mir! Er hat einen furchtbaren inneren Zwiespalt mit sich
herumgetragen. Hätte ihm der Tod nicht diese zweite Frau entrissen, dann wäre es
anders gekommen. Das schöne, hochgebildete Weib an seiner Seite, hätte er es
wohl über sich vermocht, nach Jahr und Tag mit ihr in die heimischen
Verhältnisse zurückzukehren. So aber ist der Zauber gebrochen gewesen. Ihm ist
nichts geblieben, als die Tatsache, dass er der Schwiegersohn des alten Lenz
sei, und da hat der Feigling in ihm gesiegt - der erbärmliche Feigling!« zürnte
er. »Wie hat er's über das Herz bringen können, den Knaben, diesen prächtigen
Jungen, der sein Stolz sein musste, in seinem eigenen Hause, im Vaterhause des
Kindes zu verleugnen? Wie hat er's ertragen, dass Reinholds schielender Neid oft
genug den kleinen Bruder tückisch getroffen hat? ... Armer, kleiner Kerl! Wie er
mir am Sarg des Verstorbenen ins Ohr flüsterte: Ich will ihn lieber auf den Mund
küssen. Er hat mich auch manchmal geküsst, im Torweg, wo wir ganz allein waren
-«
    »Siehst du, mein Sohn, das alles beweist nur, dass ich recht habe, dass dieser
prächtige Junge ein - Bastard ist,« unterbrach ihn die Amtsrätin. Sie war ganz
ruhig geworden; es spielte sogar ein verlegenes Lächeln um ihren Mund. »Den
Hauptgrund aber, weshalb Balduin eine zweite Ehe nicht eingehen konnte und
durfte, scheinst du ganz zu übersehen: sein Gelöbnis, das Fanny mit ins Grab
genommen hat -«
    »Ja, das ist's, was ich meiner Schwester nur schwer verzeihen kann!« sagte
Herbert fast heftig. »Es ist eine Grausamkeit, eine Unnatur ohnegleichen, den
Trennungsschmerz eines Zurückbleibenden zu benutzen, um solch einen
unglückseligen Mann für Lebenszeit an eine Totenhand zu schmieden -«
    »Nun, darüber wollen wir nicht streiten; ich sehe das mit anderen Augen an
und sage mir, dass uns dieser Umstand die beste Gewähr ist und bleibt. Denke an
mich, die Papiere werden sich nicht finden - sie haben nie existiert! ... Nun,
desto besser! Die Sache lässt sich mit Geld abmachen; das Vermögen der beiden
rechtmässigen Erben wird freilich bluten müssen; allein was hilft es? Das kann in
aller Stille abgewickelt werden und ist doch dem Skandal, einen Stiefbruder so
vulgärer mütterlicher Abkunft zu haben, weit vorzuziehen.«
    Ihr Sohn sah ihr starr ins Gesicht. »Sprichst du im Ernste, Mutter?« fragte
er gepresst. »Du ziehst es vor, den Verstorbenen mit der Schuld eines ehrlosen
Verführers in der Erde belastet zu sehen? Grosser Gott, bis zu welcher
Unmoralität verirrt sich doch das unselige Standesvorurteil! ... War Fanny nicht
auch die Tochter eines Bürgerlichen? Und war ihre eigene Mutter, die erste Frau
meines Vaters, nicht auch ein einfaches Mädchen aus dem Volke gewesen?«
    »Recht so! Schreie diese Tatsachen in die Welt hinaus, jetzt, wo wir im
rapiden Steigen begriffen sind!« zürnte die alte Dame mit unterdrückter Stimme.
»Ich begreife dich nicht, Herbert. Woher auf einmal diese penible Auffassung?«
    »Ich habe nie anders gedacht,« rief er empört.
    »Nun, dann ist es deine Schuld, wenn ich mich irrte. Weiss man doch nie, wie
du denkst. Ein intimeres Aussprechen, wie es sich zwischen Mutter und Sohn
eigentlich von selbst versteht, gibt es bei uns nicht - man tappt dir gegenüber
stets im Finstern... Uebrigens denke du über die Sache, wie du willst, ich stehe
fest auf meinem Standpunkt. Ich ziehe es in der Tat vor, eine mit Geld
aufgewogene, gesühnte und verschwiegene Schuld in der Familie zu wissen, als
plötzlich die liebe Muhme oder Base von Kreti und Pleti zu werden... Dann
möchte ich aber auch fragen: Hast du denn gar kein Herz für Fannys Kinder? -
Wenn ein dritter rechtmässiger Erbe auftritt, so erleiden sie einen ungeheuren
Verlust.«
    »Es bleibt ihnen immer noch mehr als genug -«
    »In deinen Augen vielleicht, aber nicht in denen der Welt... Gretchen ist
eine der ersten Partien im Lande, und wenn sie auch kopflos genug die
glänzendsten Aussichten jetzt noch von der Hand weist, so wird und muss doch eine
Zeit kommen, wo sie verständig wird und diese Dinge ansieht, wie sie sind. Wie
es aber um diese ihre brillanten Aussichten stehen würde, wenn ein Drittel des
Lamprechtschen Vermögens einem Nachgeborenen zufiele, darüber bin ich keinen
Augenblick im Zweifel.«
    »Ein Mädchen wie Margarete wird begehrt werden, auch wenn ihr Vermögen noch
so sehr zusammenschmilzt,« sagte Herbert. Er war ans Fenster getreten, wo er
abgewendet von seiner Mutter verharrte. »Je weniger, desto besser!« setzte er
fast murmelnd hinzu.
    Sie schlug die Hände über dem Kopfe zusammen. »Die Grete? Ohne Geld? Was
machst du dir für Illusionen, Herbert! - Nimm ihr diesen Nimbus, und das
schmächtige Ding wird sein wie ein armer Vogel, dem man allen Federschmuck
ausgerupft hat! ... Nun wahrhaftig, fast möchte ich wünschen, du kämst nach
meinem Tod in die Lage, das Mädchen unter die Haube bringen zu müssen!«
    »Das sollte mir nicht schwer werden,« sagte er mit einem unmerklichen
Lächeln.
    »Ein klein wenig schwerer denn doch, als wenn du einen neuen Schreiber
anzustellen hättest - das glaube deiner alten Mutter, mein Sohn!« entgegnete sie
spöttisch. »Aber wozu um des Kaisers Bart streiten!« schnitt sie kurz den
Wortwechsel ab. »Wir sind beide erregt; ich über die Unverschämteit des
Menschen, der uns eine Bombe ins Haus wirft, welche sich, näher besehen, als ein
Schreckschuss erweist, und du, weil dir das Seelenbekenntnis einer ehemaligen
Flamme zu Gesicht gekommen ist... Wenn wir ruhiger geworden sind, dann wollen
wir weiter sprechen... Selbstverständlich bleibt die Angelegenheit vorläufig
unser beider Geheimnis. Die Kinder, Margarete und Reinhold, erfahren es noch
zeitig genug, wenn es gilt, die Abfindungssumme aus ihrem Erbe zu entnehmen, um
- für die unselige Verirrung ihres Vaters zu büssen - arme Kinder!«
    Damit verliess sie das Geschäftszimmer ihres Sohnes.
                                       22
Heute lag die Sonne breit über der Stadt, eine bleiche, machtlose Wintersonne,
die vergeblich an dem frostgehärteten Schneepanzer der Dächer sog und leckte.
Wohl rannen einzelne feine Wasserfäden abwärts, allein sie blieben als kleine
silberne Fransen an der Dachrinne hängen. Die zarten, sehnsüchtigen Zimmerblumen
hinter den Fenstern freuten sich aber trotz alledem des blassen Sonnenlächelns,
und Papchen im Salon der Frau Amtsrätin schrie und lärmte, als seien die
Goldfunken, die seinem Messingring und den glänzenden Bilderrahmen an den Wänden
entsprühten, eitel Sommerglanz, der hinunter ins Grüne des Hofes locke...
Papchen war aber auch noch extra vergnügt. Er hatte seit langem nicht so viel
Kosenamen, so viel Biskuit und Zuckerbrot von seiner Herrin erhalten, als heute.
Es war überhaupt, als fliege noch ein besonderer Sonnenschein durch die vornehme
obere Etage des Lamprechtshauses. Die Bettelkinder bekamen mehr Brot und weniger
Strafpredigten als gewöhnlich, die Köchin verliess öfter als billig ihren
Kochherd, um den schönen, fast noch neuen Hut immer wieder aufzuprobieren, den
ihr die Frau Amtsrätin geschenkt hatte, und das Stubenmädchen überlegte unter
lustigem Trällern, wie sich wohl ihr Geschenk, ein Kaschmirkleid der alten Dame,
am schönsten modernisieren lasse.
    Drunten in der Lamprechtschen Küche sah es anders aus, weil man ja doch ein
Herz und keinen Stein in der Brust hatte, wie Bärbe immer sagte. Um das Packhaus
hatte man sich freilich nicht zu kümmern, wie es seit Jahren Brauch und Gesetz
im Vorderhause war; aber wenn in einer Wohnung »nur über den Hof 'nüber« eine
Schwerkranke lag, da konnte es doch ein Christenmensch nicht fertig bringen, zu
tun, als sei dieses Haus ein blosser Steinhaufen, in welchem keine menschlichen
Herzen lebten, die in Angst und Bedrängnis schlugen. Und deshalb war man still
und gedrückt in der Küche und hantierte unwillkürlich geräuschloser als sonst
üblich.
    Bärbe hatte gestern gegen Abend Wasser am Hofbrunnen geschöpft, und da war
auch die Aufwärterin aus dem Packhause gekommen, um einen frischen Trunk zu
holen. Die Frau hatte tief alteriert erzählt, dass Frau Lenz vor einigen Stunden
einen Schlaganfall gehabt habe, sie könne nicht sprechen und die linke Seite sei
gelähmt - der Doktor, der noch an ihrem Bette sitze, nehme die Sache sehr
bedenklich. Und die Tränen waren ihr aus den Augen geschossen bei der
Schilderung, wie der alte Herr Lenz totenblass im Zimmer auf und ab gehe und die
Hände ringe und in seiner Angst und Herzensnot nicht einmal einen Blick für den
kleinen Max habe, der in einer Ecke am Bett der Grossmama kauere, ihr immerfort
in das entstellte Gesicht sähe, und auch nicht den kleinsten Mundbissen zu sich
nähme. Und dann hatte sie der alten Köchin weiter ins Ohr geraunt, Frau Lenz
habe schon den ganzen Tag über sehr aufgeregt ausgesehen, und nachmittags sei
der alte Herr nach Hause gekommen, ganz weiss im Gesicht und mit einer so
heiseren Stimme, als verlechze ihm die Kehle. Sie, die Aufwärterin, sei in die
Küche an ihre Aufwaschgelte gegangen; aber gleich darauf habe sie einen dumpfen
Fall gehört, und das sei drüben im Zimmer die Frau Lenz gewesen, die zu Boden
gestürzt sei... Was geschehen sein müsse, worüber sich die arme Frau erschreckt
habe, wisse sie nicht, hatte die Aufwärterin gesagt. Aber die Frau Amtsrätin
wusste es - der Landrat hatte den alten Lenz auf das Amt kommen lassen, um ihm
die unerbittliche Tatsache mitzuteilen, dass sich nichts, auch nicht das
kleinste Papierblättchen, nicht die geringste Notiz, weder über den gesetzlichen
Ehevollzug des verstorbenen Kommerzienrates mit seiner zweiten Frau, noch
bezüglich des nachgeborenen Sohnes im Nachlass gefunden habe. - -
    Das Geheimnis, das vom Packhause herüber mit seinen Fäden das stolze
Vorderhaus zu umspinnen gedroht hatte, schien somit dem Dunkel verfallen, das so
viele ungelöste Rätsel der Welt für alle Zeiten deckt. Noch blieb dem alten Lenz
allerdings die persönliche Nachforschung in den Kirchen von London, wo die
Trauung seiner Tochter, die Taufe seines Enkels stattgefunden; allein in dem
Briefe der jungen Frau war die Kirche nicht genannt, in welcher sie »als
glückseliges Weib an seiner Seite gestanden und den Ehering empfangen habe« ...
Der alte Lenz hatte ferner dem Landrat erzählt, er habe eines Tages von der
Pflegerin seiner Tochter, die zugleich ihre Freundin gewesen, die Nachricht
erhalten, dass ihm ein Enkel geboren sei, und drei Tage darauf sei ein Telegramm
eingelaufen mit der Meldung, dass die junge Frau im Sterben liege. Er habe zwar
schleunigst die Reise nach London angetreten, um sein einziges Kind noch einmal
zu sehen, sei aber doch zu spät gekommen - die Erde habe sie bereits gedeckt. -
Das Heim seiner Tochter, eine wahrhaft fürstlich eingerichtete Wohnung, habe er
verlassen gefunden; nur die Pflegerin sei noch dagewesen, um auf Befehl des
Kommerzienrates alles Mobiliar versteigern zu lassen. Sie habe ihm mitgeteilt,
dass der Kommerzienrat, nachdem er die letzte Handvoll Erde auf den Sarg der
Verstorbenen geworfen, sofort abgereist sei. Er habe sich wie ein Wahnsinniger
gebärdet, so dass sie ihm meist angstvoll aus dem Wege gegangen sei. Seinen
Knaben habe er nicht einmal angesehen, geschweige denn geliebkost - weil das
arme Kind die Veranlassung zu Blankas Tode gewesen. Trotzdem habe er den kleinen
Neugeborenen samt der Amme mit sich genommen, denn London wolle er nicht
wiedersehen, sollte er gesagt haben. Den ganzen Nachlass der Verstorbenen an
Kleidungsstücken, Leibwäsche und dergleichen habe er ihr für die Pflege
geschenkt, hatte die Dame hinzugesetzt, aus dem Schreibtisch aber habe er alle
Briefschaften und sonstigen Papiere an sich genommen. Nicht ein beschriebenes
Blättchen sei mehr in den Fächern zu finden gewesen, hatte der alte Lenz dem
Landrat weiter berichtet, und ein solch schriftliches Andenken von seiner
Tochter sei das einzige gewesen, das er sich gewünscht, auf welches er Anspruch
gemacht habe. So sei ihm nichts geblieben, als ihr kleiner Liebling, das
Hündchen Philine, das verlassen in einer Zimmerecke gekauert und ihm dankbar die
liebkosende Hand geleckt habe... Erst nach Jahresfrist sei damals der
Kommerzienrat in seine deutsche Heimat zurückgekehrt, ein völlig verwandelter
Mann, dessen Ausbrüche der Verzweiflung die alten Eltern seines heimgegangenen
Weibes tief erschüttert und geängstigt hätten... Im Dunkel der Nacht sei er zu
ihnen gekommen. Da erst hätten sie erfahren, dass er den kleinen Max nach Paris
in die Pflege der Witwe eines verstorbenen Geschäftsfreundes, einer
hochgebildeten, ausgezeichneten Frau gegeben habe. Das Kind sei damals gut
aufgehoben gewesen; der Kommerzienrat habe mit der Dame unausgesetzt
korrespondiert und sei stets von allem genau unterrichtet gewesen, was seinen
kleinen Sohn angegangen; dagegen habe er sich nie entschliessen können, das Kind
selbst wiederzusehen... Nun sei aber vor einem Jahre die Dame in Paris plötzlich
gestorben, und der Kommerzienrat habe den Entschluss ausgesprochen, den Knaben in
einem Institut unterzubringen. Dagegen sei indes Frau Lenz entschieden
aufgetreten - das Kind sei noch zu jung, es brauche notwendig noch das ruhige,
beglückende Leben, die Pflege inmitten der Familie, und nunmehr reklamiere sie
als Grossmutter den Knaben; sie habe lange genug die Sehnsucht nach Blankas Kinde
unterdrücken müssen; und erschreckt durch ihre Drohung, die Hilfe seiner
Verwandten anzurufen, falls er auf seinem Vorhaben bestehe, habe er den kleinen
Max eines Tages in die deutsche Heimat, in das grosselterliche Haus bringen
lassen... Wie ein Wunder habe sich damals eine plötzliche Umwandlung vollzogen;
beim Anblick des schönen, intelligenten Knaben sei wie mit einem Schlage die
tiefste Vaterzärtlichkeit unwiderstehlich in dem Herzen des finsteren Mannes
erwacht. Oft sei er spät abends ins Packhaus gekommen und habe stundenlang
schweigend am Bett des schlafenden Kindes gesessen, sein Händchen in der seinen
haltend. Er habe sich auch mit grossen Plänen für die Zukunft dieses seines
nachgeborenen Sohnes getragen.
    Das alles hatte der alte Maler schlicht und einfach dem Landrat im stillen
Amtszimmer mitgeteilt, und wenn noch ein Zweifel in Herberts Seele gelebt hätte,
vor der schmucklosen Darstellung des tiefbewegten alten Mannes wäre er sofort
verflogen. Aber hier entschied nicht die festeste Ueberzeugung, und wäre sie die
der ganzen Welt gewesen, sondern der Buchstabe, das »Schwarz auf Weiss«. »Ohne
gesetzlich beglaubigte Dokumente schweben alle Ansprüche rechtlos in der Luft,
deshalb reisen Sie!« hatte Herbert gesagt. »Sie werden auf grosse Schwierigkeiten
stossen und viel Zeit und Geld brauchen; aber um ihrer gerechten Sache willen
werden Sie die Schwierigkeit nicht scheuen und Ihre Zeit gern opfern, und das
Geld, nun das wird sich schon zur rechten Zeit finden, darum sorgen Sie sich
nicht!« Das war wenigstens ein schwacher Trost, ein Strohhalm gewesen, an den
man sich in der Bedrängnis klammern konnte; aber diesen Trost hatte der alte
Mann seiner Frau nicht einmal geben können - schon bei seinen ersten Worten war
sie vor seinen Augen zusammengebrochen...
    In der Schreibstube ging währenddem alles seinen gewohnten Gang. Hätte der
junge Chef ahnen können, dass es fern am Horizont gewitterhaft aufblitze, er
würde sein Augenmerk auf ganz andere Dinge gerichtet haben, als es die
Kleinigkeitskrämerei war, mit der er sich immer noch vorzugsweise beschäftigte.
Mit dem Aufräumen des alten Schlendrian war er immer noch nicht fertig. Es gab
noch da und dort Hintertüren, durch welche sich der Unterschleif ermöglichen
liess. Nicht allein im Hause musste man jedes Eckchen immer wieder inspizieren,
nein, auch der Hof verlangte wachsame Augen mit seinem zweiten Ausgang, dem
Packhaustor. Da gingen und kamen die Taglöhnerinnen, da konnten leicht
Viktualien und Holz aus der Küche und Hafer aus den Pferdeställen
»weggeschleppt« werden; deshalb wurde jeder »Ausguck« in den Hof freigelegt,
wurden jahrelang verschlossen gewesene Fensterläden täglich zurückgeschlagen.
Die Nachteile dieser Observationsposten hatte bereits Bärbe gestern empfunden,
als sie mit ihrem Eimer vom Brunnen zurückgekehrt war. Gleich darauf war der
junge Herr in die Küche gekommen, hatte die alte Köchin heftig ausgescholten und
sich ein für allemal den »neumodischen Mägdeklatsch« am Hofbrunnen verbeten.
    Heute nachmittag war auch Margarete von Dambach zurückgekehrt. Sie konnte
zufrieden sein mit dem Erfolg ihrer sorgsamen Pflege, dem Grosspapa ging es viel
besser. Aber der Hausarzt, den der Landrat insgeheim befragt, war der Ansicht
gewesen, dass das Uebel in dem allen Stürmen und Wettern preisgegebenen,
leichtgebauten Pavillon keinenfalls gänzlich gehoben werden könne; der alte Herr
möge doch lieber für die strengste Winterzeit nach der Stadt übersiedeln. Damit
hatte sich der Amtsrat einverstanden erklärt, und zwar um so eher deshalb, weil
er nicht in der oberen Etage wohnen sollte. Ein paar, gerade über den
Lamprechtschen Wohnräumen gelegene Zimmer der Bel-Etage sollten um des erwärmten
Fussbodens willen für ihn eingerichtet werden.
    Nun galt es, dem alten Herrn die Wohnung behaglich zu machen, und deshalb
war Margarete in der Stadt. Tante Sophie war glücklich, sie wieder zu haben,
wenn auch Bärbe ganz erschrocken meinte, dass das liebe »Gretelgesichtchen« gar
so schmal und vergrämt aussehe. Tante Sophie freute sich aber auch im stillen,
dass der Amtsrat nach der Stadt übersiedeln sollte; da war doch wieder ein
männlicher Wille im Hause, eine Stimme, die, wenn sie sich zum Befehl erhob,
Furcht und Respekt einflösste. Und das tat not, der kleinen, herrschsüchtigen
Frau im zweiten Stock gegenüber, die nun, nachdem sich die Augen des ehemaligen
Hausherrn geschlossen, ihre geheime Abneigung gegen »das derbe, unverschämt
gerade Frauenzimmer, die Sophie«, frei zu Tage treten liess, die sich in die
Hausangelegenheiten mischte und an dem Tun und Lassen »der alten Jungfer«
mäkelte, als sei sie ihr untergeben.
    Gleich in der ersten Stunde erfuhr Margarete von dem Jammer im Packhause.
Tante Sophie und Bärbe berieten in der Küche, wie sie wohl einige Erfrischungen
für die Kranke unbemerkt an den alten Lenz gelangen lassen könnten.
    »Ich trage sie hinüber,« sagte Margarete.
    Bärbe schlug die Hände über dem Kopfe zusammen. »Um Gotteswillen nicht - das
gäbe Mord und Totschlag!« bat und versicherte sie. Der junge Herr lauere an
allen Hinterfenstern; die Leute im Packhause seien ihm nun einmal ein Dorn im
Auge; er verachte sie noch viel mehr als der selige Herr Kommerzienrat. Ihr, dem
alten Dienstboten, habe er gestern abend den Kopf gewaschen und den Text
gelesen, nach Noten, bloss weil sie mit der Aufwärterin gesprochen; und wenn nun
gar die eigene Schwester sich »so gemein mache« - nein, den Mordspektakel wolle
sie nicht erleben!
    Margarete liess sich nicht beirren. Sie nahm schweigend das Körbchen mit den
Geleebüchsen und ging in die Hofstube. Dort hüllte sie sich in einen weiten,
weissen Burnus von flockigem Wollstoff und trat ihren Gang an.
    Aber sie traf es schlecht. In dem Augenblicke, wo sie die Stufen nach dem
Hausflur hinunterschritt, kam die Grossmama in elegantem pelzbesetztem Samtmantel
die grosse Treppe herab. Sie war offenbar im Begriff, einen Besuch in der Stadt
zu machen.
    »Was, so schneeweiss inmitten der tiefsten Trauer, Gretchen?« rief sie. »Du
wirst dich doch hoffentlich nicht so in der Stadt sehen lassen?«
    »Nein. Ich gehe ins Packhaus,« sagte Margarete fest, warf aber doch einen
scheuen Blick nach dem Kontor, wo das Fenster klirrte.
    »Ins Packhaus?« wiederholte die Frau Amtsrätin und trippelte doppelt
geschwind die letzten Stufen herab. »Da muss ich denn doch erst ein Wörtchen mit
dir reden.«
    »Ich auch!« rief Reinhold herüber und schlug das Fenster wieder zu. Gleich
darauf trat er in den Hausflur.
    »Gehen wir in die Wohnstube!« sagte die Grossmama. Sie warf ihren Schleier
zurück und ging voran, und Margarete musste wohl oder übel folgen, denn Reinhold
schritt dicht hinter ihr wie ein eskortierender Gendarm.
 
                                       23
Kaum in das Zimmer eingetreten, griff er ungeniert nach Margaretens Mantel und
schob ihn von dem Körbchen an ihrem Arme weg. »Himbeergelee, Aprikosengelee,« -
las er von den Etiketten der Glasbüchsen ab - »lauter gute Sachen aus unserem
Keller! ... Und die soll der Mosje Kurrendeschüler drüben essen, Grete?«
    »Der nicht!« sagte Margarete ruhig. »Du wirst wohl wissen, dass Frau Lenz
schwerkrank ist, dass sie einen Schlaganfall gehabt hat.«
    »Nein, das weiss ich nicht, mir kommen solche Dinge nicht zu Ohren, weil ich
nie mit unseren Leuten klatsche. Ich halte es genau wie der Papa, der nie danach
gefragt hat, ob die Leute im Packhause leben oder sterben.«
    »Und das ist die richtige Art,« bestätigte die Grossmama. »Strenge
Zurückhaltung muss der Fabrikherr beobachten - wo käme er sonst hin, seinen
Hunderten von Arbeitern gegenüber? ... Aber sage mir nur ums Himmels willen,
Grete, was dir einfällt, am hellichten Tage den Teatermantel da umzuhängen?«
Ihr Blick glitt mit scharfer Missbilligung über die weisse Umhüllung.
    »Ich wollte nicht so unheimlich dunkel an das Bett der Kranken treten -«
    »Was? Um dieser Frau willen unterbrichst du die Trauer für deinen Vater?«
rief die alte Dame erbittert.
    »Er wird es mir verzeihen -«
    »Der Papa?« lachte Reinhold kurz und hart auf. »Sprich doch nicht Dinge, an
die du selbst nicht glaubst, Grete! Damals, wo du auch, vor unser aller Augen,
die barmherzige Schwester im Packhause spielen wolltest, da hat er dir streng
ein für allemal den Besuch verboten, weil ein solches Hinüber und Herüber nie
Brauch im Hause gewesen sei. Und dass es bei seinem Wunsch und Willen bleibt,
dafür werde ich sorgen... Ist es nicht schon an und für sich eine unverzeihliche
Taktlosigkeit von dir, zu dem Menschen zu gehen, den wir wegen notorischer
Faulheit entlassen mussten.«
    »Der Mann ist halb erblindet -«
    »So, weisst du das auch schon? Nun ja, er sucht sich damit zu entschuldigen;
aber es ist nicht so schlimm. Uebrigens ist er bei weitem nicht lange genug im
Geschäft, als dass wir - selbst diese fingierte Erblindung angenommen -
verpflichtet wären, uns um ihn und seine Familie zu kümmern. Frage den
Buchhalter, der wird dir sagen, dass ich ganz korrekt handle! - Lege nur deinen
Teatermantel ab! Du wirst einsehen, dass du dich nachgerade lächerrlich machst
mit deinen unverlangten Samariterdiensten!«
    »Nein, Reinhold, das kann ich nicht einsehen,« entgegnete sie sanft, aber
fest; »so wenig wie ich glaube, auch hart und unbarmherzig sein zu müssen, weil
du es bist. Ich widerspreche dir ungern, weil ich weiss, dass dich jeder
Widerspruch aufregt; aber bei dem Wunsche, dir jeden Aerger zu ersparen, darf
ich nicht andere Pflichten verletzen.«
    »Dummheit, Grete! Was geht dich die Malersfrau an?«
    »Sie hat Anspruch auf Hilfe und Beistand ihrer Mitmenschen wie jeder andere
Kranke auch, und deshalb sei gut, Reinhold, und hindere mich nicht, das zu tun,
was ich für gut und recht halte!«
    »Und wenn ich dir es trotzdem verbiete?«
    »Verbieten?« wiederholte sie erregt. »Dazu hast du nicht das Recht,
Reinhold!«
    Er fuhr auf sie hinein und seine bläuliche Gesichtsfarbe verdunkelte sich
unheimlich.
    Die Frau Amtsrätin ergriff beschwichtigend seine Hand. »Wie magst du ihm nur
so schroff entgegentreten, Grete!« zürnte sie. »Allerdings steht ihm bereits ein
gewisses Recht zu. In kurzem wird er unumschränkter Herr hier sein; denn so viel
wirst du doch wissen, dass mit der Firma das alte Erbhaus der Lamprechts an den
einzigen männlichen Träger des Namens zu fallen hat -«
    »Der Tochter wird dann einfach ihr Anteil hinausgezahlt, und sie hat auf dem
Grund und Boden nichts mehr zu sagen und zu suchen, und wenn es zehnmal ihr
Geburtshaus ist!« fiel Reinhold mit seiner hämischen, knabenhaften Stimme so
hastig ein, als habe er schon längst auf die Gelegenheit gelauert, der Schwester
diese Eröffnung zu machen.
    »Ich weiss das, Reinhold,« sagte sie traurig, mit umflortem Blick, und der
gramvolle Zug um ihren Mund vertiefte sich. »Ich weiss, dass ich mit dem Papa auch
das alte, liebe Heim verloren habe. Aber noch bist du nicht der Herr hier, der
mich ausweisen darf, wenn ich mich nicht in allem widerspruchslos unterwerfe -«
    »Und deshalb wirst du für die paar Wochen auch noch der Dickkopf bleiben,
der du immer gewesen bist, und à tout prix ins Packhaus gehen, gelt, Grete?«
unterbrach sie Reinhold mit boshaften Augen. Er schob in fingiertem Gleichmut
nach gewohnter Art die Hände in die Taschen, obwohl er vor Aerger bebte. »Nun,
meinetwegen,« fügte er achselzuckend hinzu, »wenn du denn durchaus nicht auf
mich hören willst, so soll dir Onkel Herbert den Kopf zurechtsetzen!«
    »Den lasse aus dem Spiele, Reinhold,« wehrte die Grossmama lebhaft ab; »der
wird sich schwerlich hineinmischen! Hat er es doch auch entschieden abgelehnt,
Gretes Vormund zu werden - nun, was siehst du mich denn so sonderbar erschrocken
an, Grete? Mein Gott, was für Augen! ... Du wunderst dich, dass ein Mann wie er
sich hütet, einen Mädchenkopf in Zucht zu nehmen, der so voll Eigenwillen steckt
wie der deine? Nun, mein Kind, wer dich kennt, wird schwerlich in eine solche
Beziehung zu dir treten - denke nur an dein unverzeihliches Verhalten in Bezug
auf die Partie, die wir alle so sehr für dich wünschen! - Doch das gehört nicht
hierher! Ich habe Eile; mein Krankenbesuch bei der Geheimrätin Sommer fällt
sonst in unschickliche Zeit, und deshalb will ich dir kurz sagen, dass du dir
selbst einen Schlag ins Gesicht versetzest, wenn du zu den Leuten ins Packhaus
gehst... In der allernächsten Zeit werden dir Dinge zu Ohren kommen,
haarsträubende Dinge, die dich möglicherweise ein schönes Stück Geld kosten
können. Willst du aber trotzdem deinen Kopf behaupten, so verbiete ich dir
hiermit, als deine Grossmutter, ein für allemal den Besuch und hoffe den Gehorsam
zu finden, der sich ziemt!«
    Sie nahm ihren Muff vom Tische, zog den Schleier über das Gesicht und wollte
sich entfernen; aber Reinhold hielt sie zurück. »Du sprachst von Geld,
Grossmama?« fragte er in atemloser Spannung. »Ich will doch nicht hoffen, dass der
Mensch da drüben die Unverschämteit hat, Nachforderungen an unser Haus zu
stellen? - Er hat sich wohl gar an Onkel Herbert gewendet?«
    »Echauffiere dich nicht, Reinhold!« beschwichtigte die alte Dame. »Die Sache
schwebt sehr in der Luft; wer weiss, ob sie je Grund und Boden findet. Auf alle
Fälle aber wissen wir, dass diese Lenzens Schlimmes im Schilde führen - deshalb
kein Mitleid, sage ich! Man verschwendet nicht Wohltaten an seine notorischen
Feinde.«
    Sie verliess das Zimmer. Reinhold aber nahm das Körbchen mit den
Einmachbüchsen, das Margarete auf den Tisch gestellt hatte, und rief nach Tante
Sophie. Sie kam aus der Küche und er forderte ihr den Kellerschlüssel ab.
    »I Gott bewahre! den bekommst du nicht - in meinem Einmachkeller hast du
absolut nichts zu suchen!« erklärte Tante Sophie entschieden. »Bist ja ein
greulicher Topfgucker! ... Und den Topf lasse du nur ruhig stehen - du hast kein
Recht an die Sachen! Das ist Obst aus meinem Garten, das ich jedes Jahr für arme
Kranke einkoche.«
    Er stellte den Korb schleunigst auf den Tisch zurück; denn das wusste er von
Kindesbeinen an, die Tante war die lautere Wahrheit selbst, da gab es für ihn
keinen Zweifel. »Nun ja, dann habe ich freilich nichts damit zu schaffen,« gab
er zu, »und du kannst mit deinem Obst tun, was dir beliebt. Nur ins Packhaus
darfst du nichts schicken - das leide ich nicht!«
    »So - das leidest du nicht? Hör' mal, der Kopf da -« sie tippte sich mit dem
Zeigefinger gegen die Stirn - »der hat seit vierzig Jahren - denn so lange sind
meine guten Eltern tot - für sich allein, schnurstracks nach seinem guten
Glauben gehandelt und sich nicht drehen und wenden lassen, wie es anderen Leuten
gerade passte, und jetzt will solch ein Kiekindiewelt kommen und mir Vorschriften
machen? Das hat selbst dein seliger Vater nicht getan!«
    »O, der wäre noch ganz anders aufgetreten, wenn er gewusst hätte, dass dieser
Mosje Lenz sein Feind im stillen gewesen ist! Ich habe der Gesellschaft im
Packhause nie getraut; ihr scheinheiliges, stilles Getue ist mir von klein auf
zuwider gewesen. Nun, da der Papa die Augen zugetan hat, nun weisen sie die
Zähne - die reine Jesuitengesellschaft! ... Von der Grossmama aber ist es
unverantwortlich, uns solch beunruhigende Nachricht mit ungewissen Andeutungen
zuzuraunen - ich hätte auf volle Offenheit bestehen sollen! Aber ich weiss schon,
es ist mit ihr nichts anzufangen, wenn sie in ihrem Visitenmantel steckt; da
brennt ihr der Boden unter den Füssen, und sie tut, als hinge das Wohl der
ganzen Stadt von ihren Besuchen ab... Na, endlich wirst du vernünftig, Grete!
Recht so, trage deinen weissen Mantel wieder in den Schrank! Aber denke ja nicht,
dass ich dabei an deine vollständige Bekehrung glaube! Ich werde ein scharfes
Auge auf den Hof und das Packhaus haben, darauf verlasse dich.«
    Mit dieser Drohung verliess er die Wohnstube, während Margarete den Mantel
über den Arm hing, um ihn fortzutragen.
    »Aber sage mir nur, Gretel, was sind denn das für kuriose Geschichten? Was
ist's mit den alten Lenzens?« rief Tante Sophie, nachdem sich die Türe hinter
dem Fortgehenden geschlossen hatte.
    »Sie sollen unsere Feinde sein,« antwortete das junge Mädchen bitter
lächelnd.
    »Unsinn! Was wird noch alles in dem oberen Stock ausgeheckt werden!« zürnte
die Tante. »Wenn der alte Mann mit seinem guten, treuherzigen Gesicht falsch und
hinterrücks ist, da kann man nur getrost da zuschliessen,« - sie zeigte nach
ihrem Herzen - »dann taugt die ganze Menschheit nichts und ist nicht wert, dass
man sich um ihr Schicksal kümmert! ... Aber die Geschichte ist nicht wahr, da
will ich gleich meinen kleinen Finger verwetten!«
    »Ich glaube so wenig daran, wie du, und alle Andeutungen und Drohungen
würden mich nicht abhalten, zu der kranken Frau zu gehen,« sagte Margarete.
»Aber um Reinholds willen darf ich nicht. Er wird bei der geringsten Aufregung
so blau im Gesicht und das ängstigt mich unbeschreiblich, Tante! Sein Zustand
hat sich offenbar verschlimmert, wenn auch der Arzt es nicht zugeben will. Wie
dürfte ich da etwas tun, das ihn reizt und ärgert? - Wir müssen auf andere
Mittel und Wege sinnen, der Kranken ein wenig zu Hilfe zu kommen.«
    Ein wenig später ging sie hinauf in die Bel-Etage; sie hatte die für den
Grosspapa bestimmten Zimmer vorläufig lüften und heizen lassen. Die im Oktober
beabsichtigte Renovierung der Bel-Etage war bis jetzt selbstverständlich
unterblieben; noch standen die Bilder und Spiegel im Gange des spukhaften
Seitenflügels.
    Nun sollte wieder einiges Leben in die stillen Räume kommen, ein Wärmehauch
in die eisige Luft des mächtigen Flursaales, von welcher die junge Verwaiste
heute meinte, sie halte noch das ganze Wehe der unglückseligen Katastrophe in
ihrer Erstarrung gefangen... Hier, wo alle Fenster nach Norden gingen, herrschte
ein winterlich trübes Licht, und draussen auf der weiten Schneelandschaft, die
sich jenseits der Stadt hinbreitete und fern, fern an den wolkenlos blauen
Himmel stiess, glitzerte auch nur der bleichgelbe Schein der späten
Nachmittagssonne, alles so kalt und ohne Leben, so trostlos, als könne es dort
nie wieder grün oder in goldenen Halmen aus der Erde steigen, als würden die
dürr und schwarz in den Himmel starrenden Aeste der Obstbäume sich nie mehr mit
Blüten bedecken.
    Margarete trat in das letzte Fenster des Flursaales. Hier hatte sie die
Stimme ihres Vaters zum letztenmal für dieses Leben gehört, und hier in die
tiefe, dunkle Nische war sie nach fünfjähriger Abwesenheit in jugendlichem
Übermut geschlüpft, um »das neue Lustspiel« im väterlichen Hause unbemerkt mit
anzusehen... Ja, und da war auch der ehemalige Student als erster Beamter der
Stadt zu ihr getreten, und sie hatte sich über den »Herrn Landrat« lustig
gemacht und ihn innerlich verspottet... O, dass sie mit all ihrer gerühmten
Kraft, ihrem Eigenwillen diesen Standpunkt nicht wieder zu erringen vermochte!
Ihre Hand ballte sich unwillkürlich, und ihr Blick fuhr in ohnmächtiger
Erbitterung über die weite Welt draussen hin. Aber in diesem Moment erschrak sie
und fuhr heftig zurück - der Landrat kam über den Hof, vom Packhaustor her. Er
hatte möglicherweise ihre Zorngebärde beobachtet, denn er lächelte und grüsste
hinauf, und da floh sie in das für den Grosspapa bestimmte Wohnzimmer, den roten
Salon.
    Aber ihr schleuniges Zurückziehen half ihr nichts; wenige Augenblicke
nachher stand Herbert vor ihr... Er war fast jeden Tag nach Dambach gekommen um
seines Vaters willen, und doch reichte er ihr jetzt so froh die Hand hin, als
habe er sie seit lange nicht gesehen.
    »Es ist gut, dass du wieder da bist!« sagte er. »Nun wollen wir unsern
Patienten zusammen pflegen. Aber auch für dich selbst war es an der Zeit, in
dieses Haus mit seinen hohen, luftigen Räumen zurückzukehren - der Aufentalt in
der engen, dumpfen Pavillonstube hat dir nicht gut getan, du bist so blass
geworden.«
    Er suchte mit einem sarkastischen Lächeln und doch auch besorgt ihre Augen,
aber sie sah weg, und da fuhr er fort: »Das bleiche Mädchengesicht am Fenster
hat mich ein wenig erschreckt, als ich aus dem Packhause trat -«
    »Aus dem Packhause?« fragte sie ungläubig.
    »Nun ja, ich habe nach der armen, schwerkranken Frau gesehen - hast du etwas
dagegen einzuwenden, Margarete?«
    »Ich? - Ich sollte es dir verargen, wenn du so echt menschlich und
barmherzig handelst?« rief sie feurig. Ihr Blick strahlte auf; sie war in diesem
Augenblick vollkommen wieder das entusiastische Mädchen, dem das warme, edle
Empfinden das Blut rascher in die Adern trieb. »Nein, darin denke ich genau wie
du - Onkel!«
    »Nun sieh, da habe ich doch endlich einmal etwas in deinem Geist und Sinn
getan - ich höre es an dem Herzenston deiner Stimme! ... Wir empfinden beide
jugendlich warm - dazu passt aber ein ergrauter, knochensteifer Onkel nicht; du
fühlst das auch, denn der ehrwürdige Titel kam dir eben recht schwer von den
Lippen - wollen wir ihn nicht lieber begraben, den alten Onkel?«
    Jetzt glitt doch auch ein schwach lächelnder Zug um ihren Mund. Trotzdem
sagte sie abweisend: »Nein, es muss dabei bleiben! - Was würde auch die Grossmama
sagen, wenn ich in meine Kinderunart zurückfiele?«
    »Das wäre doch am Ende lediglich deine und meine Sache.«
    »O nein, so unbedingt ganz gewiss nicht! Die Grossmama wird ihre
Obervormundschaft über uns alle, solange sie lebt, nicht aus den Händen geben,
das weiss ich!« antwortete sie bitter. »Und du kannst von Glück sagen, dass sie
deinen Besuch im Packhause nicht bemerkt hat; sie würde sehr böse sein.«
    Er lachte. »Und was würde die Strafe für den alten Knaben sein? In der Ecke
knieen, oder kein Abendbrot bekommen? - Nein, Margarete,« setzte er ernst hinzu,
»so sehr ich auch bestrebt bin, Aergernis und Verdruss von meiner Mutter fern zu
halten und ihr das Leben nach Kräften leicht und angenehm zu machen, so wenig
darf ich ihr aber auch entscheidenden Einfluss auf meine Handlungen gestatten.
Und deshalb wirst du mich noch öfter aus dem Packhaus kommen sehen.«
    Sie sah hellen Blickes zu ihm auf. »Hätte sich vorhin ein Zweifel in meine
Seele geschlichen, vor deinem ruhigen Urteil wäre er geschwunden! Der alte
Maler, den ich von meiner Kindheit an lieb gehabt habe, kann nicht unser Feind
sein!«
    »Wer sagt das?«
    »Die Grossmama. Ist es wahr, dass er Nachforderungen an uns Geschwister
stellt?«
    »Ja, Margarete, es ist wahr,« bestätigte er sehr ernst. »Er hat viel von
euch zu fordern. Würdest du das ohne Protest über dich ergehen lassen?«
    »Wie könnte ich anders, wenn die Forderung eine gerechte wäre?« versetzte
sie ohne Zögern; aber die Röte eines plötzlichen Befremdens schlug über ihr
Gesicht.
    »Auch wenn diese Forderung dein Erbteil bedeutend schmälerte?«
    Sie lächelte flüchtig. »Es ist bisher immer von seiten anderer für mich
gesorgt und bezahlt worden; ich kann deshalb den eigentlichen Wert des
Geldbesitzes nicht beurteilen; darin aber bin ich meiner selbst gewiss, dass ich
tausendmal lieber mein Brot mit Nähen verdienen, als auch nur einen Groschen
haben möchte, der mir nicht zukäme... Ich weiss ja auch, dass du nichts Unbilliges
unterstützen würdest, und deshalb bin ich zu jedem Opfer bereit!«
    »Kleine Tapfere, die den Fuss sofort im Bügel hat, wenn es gilt, eine brave
Tat auszuführen!«
    Ihr Gesicht verfinsterte sich. »Ein schlecht gewähltes Bild für mich, die
ich nicht reiten kann,« warf sie herb und achselzuckend hin. »Die vornehme Welt
spielt in alle deine Gedanken hinein, Onkel!«
    Er verbiss ein Lächeln. »Was willst du? Dem Bann der Sphäre, in der man viel
lebt, entzieht sich so leicht keiner. Wärst du die Freiheitsdurstige, die
glühende Verfechterin eines stolzen, starken Bürgertums geworden, wenn du nicht
im Hause des Onkels Teobald gelebt hättest? Ich glaube schwerlich.«
    »Du irrst! Das ist nicht angeflogen, nicht eingeimpft, das ist mit mir
geboren. Es wäre Eigentum meines Blutes, meiner Seele gewesen, auch ohne den
erweckenden äusseren Einfluss, ungefähr so wie man sagt,« - ein Zug ihres
ehemaligen Mutwillens umspielte ihren Mund - »dass Raphael ein grosser Maler
gewesen sei, auch wenn er ohne Hände das Licht der Welt erblickt hätte.« Sie
wurde aber sofort wieder ernst und kam auf Herberts Mitteilung zurück. »Auf
welches Recht stützt der alte Lenz seine Ansprüche?« fragte sie unumwunden.
»Inwiefern ist er unser Gläubiger?«
    »Du wirst kurze Zeit Geduld haben müssen,« antwortete er zögernd, und seine
Augen streiften prüfend ihr Gesicht, als schwanke er, ob er jetzt schon sprechen
solle oder nicht.
    »Ach, das ist wohl eigentlich Sache meines Vormundes?« fragte sie scheinbar
gleichgültig, aber ihre Wangen färbten sich und ihre Stimme klang geschärft.
    »Noch hast du keinen Vormund,« entgegnete er leise lächelnd.
    »Allerdings vorderhand nicht - du hast es ja nicht werden wollen.«
    »Ah, ist dir das auch schon hinterbracht worden? - Nun ja, ich habe es
entschieden abgelehnt, weil mir alles Zwecklose in der Seele zuwider ist.«
    »Zwecklos? - Ach so, dann hat ja die Grossmama recht, wenn sie sagt, du
bedanktest dich für diesen Posten, weil mit meinem bodenlosen Eigenwillen doch
nichts auszurichten sei.«
    »Nun, stichhaltig wäre diese Begründung in der Tat - böse genug bist du
ja!« Er sah sie schalkhaft von der Seite an. »Indes, ich würde mich nicht
fürchten, ich würde mit diesem bodenlosen Eigenwillen schon fertig werden. Aber
ich habe einen anderen Grund und den sollst du in der allernächsten Zeit
erfahren.«
    Sie wurden unterbrochen; ein Tapezier trat herein. Der Landrat wollte neue
Fussteppiche für seinen Vater legen lassen. Nun kam der Mann, um den Fussboden der
Zimmer auszumessen, und während Herbert mit ihm verhandelte, schlüpfte Margarete
hinaus. -
    »Ja, recht hast du, Jette, 's ist ein wahres Elend!« sagte Bärbe seufzend zu
dem Hausmädchen in dem Augenblick, als Margarete drunten in der offenen
Küchentüre vorüber nach der Hofstube ging. Die alte Köchin rollte Teig auf dem
Nudelbrett aus. »Ja, Sünd' und Schande ist's, dass der Mensch hier im Hause nicht
einen Finger rühren darf, um den armen Leuten drüben beizuspringen!« ereiferte
sie sich. »Was wär's denn nun weiter, wenn ich einen Topf voll Nudelsuppe
'nübertrüge für den alten Mann und das Kind? Aber - dass Gott erbarm'! - das
wollt' ich nicht probieren! Der in der Schreibstube tät einem ja den Kopf
abreissen!« Sie streute zornig eine Handvoll Mehl über die breite Teigfläche.
»Ja, und es muss schlecht stehen um die alte Frau; die Aufwärterin hat eben
wieder Eis vom Brunnen geholt, und den Doktor hab' ich heute schon zweimal
kommen sehen - pass auf, Jette, die Frau stirbt! Sie stirbt! Meine Kochtöpfe
haben nicht für die liebe Langeweile den ganzen Vormittag im Ofen gesungen, das
bedeutet allemal Tod im Hause, allemal!«
 
                                       24
Am andern Tage herrschte viel Rumor in der Bel-Etage. Tapeziere, Tüncher und
Ofenputzer kamen und gingen, und Margarete war von früh an viel in Anspruch
genommen. Und das war gut; es blieb ihr nicht viel Zeit zum Nachgrübeln, das ihr
ohnehin die Nachtruhe geraubt - sie hatte fast die ganze Nacht mit offenen Augen
gelegen und heftige Stürme waren ihr durch Kopf und Herz gegangen.
    In dem roten Salon sollten die Bilder an ihren alten Platz gehangen
werden... Zum erstenmal wieder, seitdem die Totenkerzen im Flursal gebrannt
hatten, schloss Tante Sophie den Gang hinter Frau Doroteens Sterbezimmer auf,
und Margarete folgte ihr mit Wischtuch und Federstäuber; sie wollte das Reinigen
der Bilder selbst besorgen.
    Ein Grauen überlief sie beim Betreten des düsteren Ganges - es war ihr
umheimlich, ja fürchterlich geworden. Das geheimnisvolle Gebaren ihres Vaters an
jenem Nachmittage, da er sich in das Zimmer der schönen Dore eingeschlossen,
seine rätselhaften Andeutungen in der Sturmnacht - von welcher er gesagt, dass
auch sie, nicht die Sonne allein, Verborgenes an den Tag bringe - und der
grauenhafte Weg, der sie selbst über diese alten, ächzenden Dielen und den
Bodenraum des Packhauses hinweg an die Leiche des so jäh Hingerafften geführt
hatte, dies alles beklemmte und erschütterte sie von neuem.
    Sie trat so scheu und zaghaft auf, als müsse das Geräusch ihrer Schritte die
an den Wänden hingereihten Gestalten erwecken und beleben, und alle Geheimnisse
des alten Hauses, die sie ins Grab mitgenommen, würden plötzlich mit ihnen laut
werden.
    Noch lehnte das Bild der schönen Dore abgewendet in der Schrankecke, wie der
Verstorbene es damals hingeschleudert, der Sturm hatte nicht daran gerührt...
Doppelt erschütternd und herzbezwingend trat ihr beim Umwenden das schöne Weib
aus dem Rahmen entgegen, nachdem sie von so manchem ausdruckslosen, alltäglichen
Frauengesicht den Staub weggewischt hatte. Sie kniete vor dem Bilde noch einige
Augenblicke und sann, was wohl diese mächtigen Augen, der lieblich lächelnde
rote Mund verschuldet haben mochten, um noch nach hundert Jahren eine solche
Erbitterung hervorzurufen, wie sie der Verstorbene in jenem unheimlichen Moment
an den Tag gelegt hatte...
    Drunten aber sagte Friedrich, der Hausknecht, der aus dem roten Salon
gekommen war und einen scheuen Blick in den offenen Gang geworfen hatte: »Unser
Fräulein kniet jetzt gar vor der mit den Karfunkelsteinen! Wenn sie nur wüsste,
was ich weiss! Die Frau muss bei Lebzeiten ein wahrer Satan gewesen sein, dass sie
nicht einmal in ihrem Rahmen Ruhe hat. Das gotteillose Bild gehört von Rechts
wegen auf den Boden, hinter den Schlot, sag' ich - da kann sie meinetwegen ohne
Rahmen 'rumspazieren!«
    Aber das Bild kam nicht auf den Hausboden. Margarete hing es selbst mit
Hilfe des Tapeziers an seinen alten Platz. Dann ging sie hinunter in ihre stille
Hofstube, um sich ein wenig zu erwärmen.
    Sie setzte sich an das Fenster und sah in den beschneiten Hof hinaus. Die
Temperatur war etwas milder geworden, hier und da sank ein gelöstes
Schneebällchen von den Lindenästen; Finken, Meisen und Spatzen tummelten sich
auf den für sie hergerichteten Futterplätzen, und auch die Haustauben kamen
herab und halfen die reichlich gestreuten Körner aufpicken.
    Aber plötzlich flog die ganze Vogelgesellschaft lärmend auf - es musste
jemand in dem Hof vom Packhause herkommen. Margarete bog sich über die Brüstung,
und da sah sie den kleinen Max, wie er, die ängstlich suchenden Augen auf die
Küchenfenster geheftet, direkt auf das Vorderhaus zu, durch den Schnee stampfte.
    Die junge Dame erschrak. Wenn Reinhold den Knaben bemerkte, dann gab es
einen Sturm... Sie öffnete das Fenster und rief das Kind mit halb unterdrückter
Stimme zu sich. Es kam sofort herüber und zog sein Mützchen, und da sah sie
Tränen in den trotzigen Augen.
    »Die Grossmama will umgebettet sein, und der Grosspapa kann sie nicht allein
heben,« sagte er hastig. »Die Aufwärterin ist fortgegangen; ich habe sie überall
gesucht und bin in der Stadt herumgelaufen, aber ich kann sie nicht finden. Nun
haben wir niemand! Ach, das ist zu schlimm! Und da wollte ich zu der guten Bärbe
-«
    »Gehe nur und sage dem Grosspapa, es würde sofort Hilfe kommen!« raunte
Margarete hinab und schloss eilig das Fenster.
    Der Kleine lief spornstreichs heim, und Margarete griff nach ihrem weissen
Burnus und ging nach der Wohnstube.
    Tante Sophie war eben im Begriff, auszugehen.
    Das junge Mädchen teilte ihr im Fluge mit, dass augenblickliche Hilfe im
Packhause nötig sei, und schliesslich sagte sie: »Ich weiss jetzt, wie ich
unbemerkt hinüber kommen kann - durch den Gang und über den Bodenraum des
Packhauses! Hast du den Schlüssel zu der Dachkammer in Verwahrung?«
    Die Tante reichte ihr einen neuen Schlüssel vom Haken. »Da, Gretel, gehe du
in Gottes Namen!«
    Margarete flog die Treppe hinauf, nicht ohne einen ängstlichen Seitenblick
nach dem Kontorfenster zu werfen; aber der Vorhang hing unbeweglich hinter den
Scheiben; es war still und menschenleer in der Hausflur, wie sich vorhin auch
kein Gesicht an den Fenstern nach dem Hofe gezeigt hatte, und droben im roten
Salon waren nur noch die Tapeziere beschäftigt, den Teppich zu legen.
    Sie huschte durch den Flursaal und die noch zurückgeschlagene Türe des
Ganges; das neue Schloss der Dachkammertüre war schnell geöffnet, und auf dem
ganzen Bodenraum trat ihr kein Hindernis in den Weg, alle Türen standen offen,
auch die nach der Treppe führende war unverschlossen.
    Tief aufatmend trat Margarete in die Wohnstube der alten Leute. Es war
niemand drin; aber aus der nur angelehnten Küchentüre kam leises Geräusch. Die
junge Dame öffnete die Türspalte weiter und sah in den mit Kochdunst erfüllten
Raum hinein.
    Der alte Maler stand am Herd und bemühte sich eben, Brühe aus dem dampfenden
Fleischtopf in eine Tasse zu giessen. Er hatte die Brille auf die Stirn
hinaufgeschoben und machte ein ängstliches Gesicht - die ungewohnte
Beschäftigung des Kochens schien ihm viel Mühe und Kopfzerbrechen zu
verursachen.
    »Ich will Ihnen helfen!« sagte Margarete, indem sie die Küchentüre hinter
sich zuzog.
    Er sah auf. »Mein Gott, Sie kommen selbst, Fräulein?« rief er freudig
erschrocken. »Der Max hat mir den Streich gespielt, ohne mein Vorwissen in Ihrem
Hause Hilfe zu suchen - er ist eben ein resoluter kleiner Bursche, der nie
unverrichteter Sache heimkommen will.«
    »Er hat recht getan, der brave Junge!« sprach die junge Dame. dabei nahm
sie dem alten Mann den Fleischtopf aus der Hand und goss die Brühe durch den
Seiher, den der ungeschickte Koch vergessen hatte, in die Tasse.
    »Das ist die erste kräftige Nahrung, die meine arme Patientin geniessen
darf,« sagte er mit glücklichem Lächeln. »Gott sei Dank, es geht ihr um vieles
besser! Sie hat die Sprache wieder und der Doktor hofft das beste.«
    »Wird es ihr aber nicht schaden, wenn ein ungewohntes Gesicht, wie das
meine, ihr plötzlich nahe kommt?« fragte Margarete besorgt.
    »Ich werde sie vorbereiten.« Er nahm die Tasse und trug sie durch die
Wohnstube in die anstossende Kammer.
    Margarete blieb zurück - sie brauchte nicht lange zu warten. »Wo ist sie,
die Gute, die Hilfreiche?« hörte sie die Kranke fragen. »Sie soll hereinkommen!
- Ach, wie mich das freut und tröstet!«
    Die junge Dame trat auf die Schwelle und Frau Lenz streckte ihr den gesunden
Arm entgegen. Ihr Gesicht war so weiss wie das Leinen, auf welchem sie lag, aber
die Augen blickten bewusst.
    »Weiss und licht wie eine Friedenstaube kommt sie!« sprach sie bewegt. »Ach
ja, Weiss trug sie auch so gern, die von uns gegangen ist, um nie wieder zu
kommen -«
    »Sprich jetzt nicht davon, Hannchen!« mahnte ihr Mann ängstlich. »Du
sehntest dich ja, in eine bequemere Lage gebracht zu werden, und deshalb ist
Fräulein Lamprecht gekommen, wie ich dir schon sagte; sie will mir helfen, dich
umzubetten.«
    »O, ich danke! Ich liege gut, und wenn ich bis jetzt auf Nesseln gelegen
hätte, ich glaube, ich würde es nicht mehr fühlen... Mir ist jetzt so wohl! Der
Anblick des lieben, jungen Gesichts erquickt mich... Ja, ich hatte auch eine
Tochter, jung und schön und ein Engel an Herzensgüte. Aber ich war wohl zu stolz
auf dies Gottesgeschenk, und dafür -«
    »Aber Hannchen,« unterbrach sie der alte Mann in sichtlicher Angst. »Du
darfst nicht so viel sprechen! Und Fräulein Lamprecht wird sich nicht so lange
bei uns aufhalten können -«
    »Ich bitte dich, lasse mich reden!« rief sie heftig erregt. »Mir liegt ein
Stein auf der Brust, und der muss heruntergesprochen werden...« Sie schöpfte tief
und schwer Atem. »Kannst du dir nicht selbst sagen, dass eine unglückliche Mutter
auch einmal die traurige Wonne geniessen will, vor anderen von ihrem toten
Liebling zu sprechen? ... Sei unbesorgt, Ernst, du Guter, Getreuer!« setzte sie
beherrschter hinzu. »Hat mich nicht schon der Besuch des Herrn Landrats gestern
halb gesund gemacht? ... Ich konnte ihn freilich nicht sehen und sprechen; aber
gehört habe ich alles, was er dir drüben sagte. Er glaubt an uns, der edle Mann,
und da war jedes gute Wort Heilung für mich.«
    Sie zeigte auf ein Porzellanbildchen in Ovalform, das über ihrem Bette hing.
»Kennen Sie diese?« fragte sie, und ihr Blick richtete sich fast verzehrend auf
das Gesicht der jungen Dame.
    Margarete trat näher. Ja, diesen Kopf mit den taufrischen Lippen, den
cyanenblauen Augen und der goldenen Glorie einer mächtigen Haarfülle über der
Stirn, diesen hinreissend schönen Kopf kannte sie! -
    »Die schöne Blanka!« sagte sie bewegt. »Ich habe sie nie vergessen! - An
jenem Abend, wo mich Herr Lenz auf seinem Arme hier heraufgetragen hat, da hing
das Haar, das auf dem Bilde als Flechte über die Brust fällt, gelöst und
glitzernd wie ein Feenschleier über ihren Rücken hinab.«
    »An jenem Abend,« wiederholte die Kranke aufseufzend, »ja, an jenem Abend,
wo sie sich mit ihrem stürmisch bewegten Herzen ins Dunkel geflüchtet hatte! O,
über die ahnungslosen Eltern!« brach es von ihren Lippen. »O, über die blinde
Mutter, die ihr Lamm nicht zu hüten verstanden hat!«
    »Hannchen!«
    Die alte Frau beachtete den Einwurf und die flehentlich bittende Miene ihres
Mannes nicht.
    »Geh, mein liebes Kind,« wandte sie sich an den kleinen Max, der am Fussende
des Bettes sass. »Geh in die Küche zu Philine! Hörst du sie winseln? Sie will
herein, und der Arzt hat's doch verboten.«
    Der Knabe stand gehorsam auf und ging hinaus.
    »Ist er nicht ein gutes, schönes Kind?« fragte die Kranke aufgeregt, und in
ihren Augen funkelten Tränen. »Müsste nicht jeder Vater stolz sein, ein solches
Himmelsgeschenk zu besitzen? ... O, und er -! Ob er wohl der himmlischen
Seligkeit teilhaftig wird, der seines Sohnes Ehre und Lebensglück ins Grab
mitgenommen hat?«
    »Ich bitte dich, liebe Frau, sprich nicht mehr! Nur heute nicht!« bat der
alte Mann inständigst - er zitterte sichtlich an allen Gliedern. »Ich werde
Fräulein Lamprecht bitten, uns morgen noch einmal zu besuchen, dann wirst du
kräftiger und ruhiger sein.«
    Die Kranke schüttelte schweigend, aber energisch verneinend den Kopf und
ergriff mit der Rechten Margaretens Hand. »Wissen Sie noch, was ich Ihnen sagte,
als Sie mir versicherten, dass Sie unseren Max lieb hätten und seinen Lebensgang
im Auge behalten würden?«
    Margarete drückte die Hand sanft und beruhigend. »Sie sagten, die
veränderten Verhältnisse wandelten oft eine Ansicht ganz plötzlich, und wer
könne wissen, ob ich nach vier Wochen noch so dächte, wie in jenem
Augenblicke... Nun denn, die Beziehungen zwischen uns haben sich bereits
geändert, wie man mir sagt - inwiefern dies geschehen ist, weiss ich freilich
noch nicht; indes, mag sie doch sein, welcher Art sie will, was hat denn diese
Wandlung mit meiner Vorliebe für das Kind zu schaffen? Wird es dadurch weniger
liebenswert? ... Aber nun möchte auch ich herzlich bitten, sprechen Sie heute
nicht mehr! - Ich will jeden Tag zu Ihnen kommen, und Sie sollen mir alles
sagen, was Ihnen das Herz erleichtern kann.«
    Die alte Frau lächelte bitter. »Man wird Ihnen die Besuche bei der verhassten
Familie vielleicht heute schon nach Ihrer Rückkehr verbieten.«
    »Ich gehe einen Weg, der für die anderen nicht existiert. Ich bin auch heute
über Ihren Hausboden gekommen.«
    Die Augen der Kranken öffneten sich weit in schmerzlicher Aufregung. »Den
Unglücksweg, auf den mein armes Lamm gelockt worden ist?« rief sie
leidenschaftlich. »Ach ja, da ist sie mir zu Häupten hingegangen, und die
Mutter, die ihr Herzblut hingegeben hätte, um die Seelenreinheit ihres Kindes zu
bewahren, sie ist blind und taub gewesen, sie hat geschlafen wie die törichten
Jungfrauen in der Bibel... Ich habe ihn nie betreten, den unheilvollen Gang,
durch den die weisse Frau Ihres Hauses wandeln soll; aber ich weiss, es ruht ein
Fluch auf ihm, und sie, mein Abgott, ist daran zu Grunde gegangen. Gehen Sie ihn
nicht wieder!«
    »Das soll mich nicht abhalten - ich gehe ihn ja in Ausübung der
Nächstenpflicht!« sagte Margarete mit unsicherer Stimme und stockendem Atem. Ihr
war, als sehe sie plötzlich in eine geheimnisvolle, dunkle Tiefe hinein, aus
welcher bekannte Umrisse aufdämmerten.
    »Ja, Sie sind gut und barmherzig wie ein Engel; aber Sie können bei allem
guten Willen über menschliches Ermessen auch nicht hinaus!« rief die Kranke,
indem sie sich mit gewaltsamer Anstrengung in den Kissen aufrichtete. »Auch Sie
werden uns schliesslich verurteilen, wenn Sie hören, dass wir Ansprüche erhoben
haben, ohne die Beweise dafür erbringen zu können... O, guter Gott, nur einen
einzigen Lichtstrahl in dieser qualvollen Finsternis! ... Man wird uns
hinausjagen, und Blankas Sohn wird nicht wissen, wohin er sein Haupt legen soll,
das Kind, dem sie ihr junges Leben hat hinopfern müssen!«
    Mit völlig entfärbten Lippen ergriff Margarete die Hand der alten Frau.
»Nicht diese halben Andeutungen!« bat sie, mühsam die eigene furchtbare
Aufregung bemeisternd, die ihr Herz stürmisch klopfen machte und ihr fast den
Atem raubte. »Sagen Sie mir unumwunden, was Ihnen das Herz belastet, Sie sollen
mich ruhig finden, mögen diese Entüllungen sein, welcher Art sie wollen!«
    Der alte Maler bog sich hastig über die Kranke und flüsterte ihr einige
Worte ins Ohr.
    »Sie soll es noch nicht erfahren?« fragte sie und wandte unwillig den Kopf
weg. »Und weshalb nicht? Will man warten, bis du von London zurückgekehrt bist,
und wenn mit leerer Hand, dann bleibt es für alle Zeit ein ungelichtetes Dunkel?
... Nein, dann soll sie wenigstens wissen, dass es ein rechtmässiger Erbe ist, der
ausgestossen wird aus dem Hause seines Vaters, weil er nichts Schriftliches
aufweisen kann... Max ist so gut Ihr Bruder, wie der böse Gestrenge in der
Schreibstube!« sagte sie mit unerbittlicher Entschlossenheit zu der jungen Dame.
»Blanka war für ein kurzes Jahr Ihre Mutter, sie war die zweite Frau Ihres
verstorbenen Vaters.«
    Erschöpft sank ihr Kopf in die Kissen zurück; Margarete aber stand einen
Augenblick wie versteinert. Es war weniger die plötzliche rückhaltslose
Entschleierung der Tatsache, vor welcher sie erstarrte, als das grelle Licht
der Erkenntnis, das in einem einzigen Moment eine ganze Kette dunkler Vorgänge
beleuchtete.
    Ja, diese heimliche Ehe war es gewesen, welche die letzten Lebensjahre ihres
Vaters so furchtbar verdüstert hatte! Sie wusste jetzt, dass er den Sohn dieser
zweiten Ehe zärtlich geliebt und doch den Mut nicht gefunden hatte, ihn
öffentlich anzuerkennen. Aber sie wusste auch, dass mit jenem entsetzlichen
Moment, wo er fürchten musste, dieses geliebte Kind läge erschlagen unter den
herabgestürzten Dachtrümmern, der feste Entschluss in ihm gereift war, es nunmehr
in alle seine Rechte einzusetzen. »Morgen wird es einen Sturm da oben geben,
einen Sturm, so wild wie der, unter welchem eben unser altes Haus in seinen
Fugen bebt,« hatte er unter Hinweis auf die obere Etage in jener Sturmnacht
gesagt. Ja, heftigen Auftritten hatte er in der Tat entgegensehen müssen. Nun,
der Tod hatte ihm diesen Zusammenstoss mit den Vorurteilen der von ihm so sehr
gefürchteten vornehmen Welt erspart, aber um welchen Preis! -
    »Sie haben keine schriftlichen Beweise in den Händen, sagten Sie nicht so?«
fragte sie mit halb erstickter Stimme.
    »Keine,« erwiderte der alte Maler tonlos, und eine bittere Enttäuschung
sprach aus dem Blicke, den er auf die plötzliche Frage hin der jungen Dame
hinwarf. »Wenigstens keine solchen, die vor dem Gesetz gelten. Diese hat der
Verstorbene beim Tode meiner Tochter an sich genommen; aber sie sind in seinem
Nachlass nicht zu finden gewesen, sie sind spurlos verschwunden.«
    »Sie müssen und werden sich finden,« sagte sie fest. Damit ging sie nach der
Küche und kam gleich darauf, den kleinen Max an der Hand, wieder herein. »Er
soll mir zeitlebens ein lieber Bruder sein,« sagte sie bewegt, indem sie den
rechten Arm um den Knaben schlang und ihre Linke wie zum Schutz auf seinen
Lockenkopf legte. »Das Kind ist ein Vermächtnis meines Vaters für mich - ein
heiliges! ... Niemand hat einen Einblick in das Geheimnis seiner letzten
Lebensjahre gehabt; nur seiner Aeltesten hat er zuletzt Andeutungen gemacht. Sie
waren freilich rätselhaft für mich; aber jetzt weiss ich die Lösung. Hätte mein
Vater nur noch zwei Tage gelebt, dann trüge diese arme Waise hier längst unseren
Namen... Aber ich werde nicht ruhen noch rasten, bis sein entschiedener letzter
Wille, der ihm vor seinem Tode ausschliesslich Kopf und Herz erfüllt hat, zur
Geltung kommt... Nein, sprechen Sie nicht mehr!« rief sie, die Hand abwehrend
gegen die kranke Frau ausstreckend, die mit dem Ausdruck des Glückes in den
Zügen die Lippen öffnen wollte. »Sie müssen jetzt ruhen! Gelt, Max, die Grossmama
muss schlafen, damit sie bald wieder gesund wird?«
    Der Knabe nickte und streichelte die Hand der Grossmama. Er nahm seinen Platz
am Fussende des Bettes wieder ein, während die junge Dame, gefolgt von Herrn
Lenz, in die Wohnstube ging. Hier in dem tiefen Fensterbogen teilte er ihr zur
Orientierung noch Näheres leise, in flüchtigen Umrissen mit, und sie weinte
still dabei in ihr Taschentuch hinein. Die Nervenerschütterung war zu heftig
gewesen, und um der Kranken willen hatte Margarete standhaft die innere Bewegung
beherrscht; nun aber kam die Reaktion, und die erleichternden Tränen liessen
sich nicht mehr zurückdrängen.
    Ehe sie ging, sah sie noch einmal in die Schlafstube. Der kleine Max deutete
auf die Kranke und legte den Finger auf den Mund - sie schlief augenscheinlich
süss und fest; sie hatte die Last von der Seele gewälzt, und eine Jüngere, Starke
hatte sie auf ihre Schultern genommen. - - -
    Wenige Minuten später stieg Margarete die Bodentreppe im Packhause wieder
hinauf. Sie ging wie im Traume, aber in einem sturmvollen. Es war nicht viel
mehr als eine halbe Stunde vergangen, seit sie ahnungslos diese Stufen
hinabgehuscht war, aber welchen Umschwung aller Verhältnisse schloss diese eine
halbe Stunde in sich! ... Nun war es ja klar geworden, weshalb der Papa an ihre
Kraft und Treue appelliert hatte! Einer unseligen Schwäche hatte er sich
angeklagt - ja, diese Schwäche, die Furcht, dass ihn die vornehme Gesellschaft um
seiner zweiten Heirat willen in Bann und Acht tun werde, sie war es gewesen,
die ihm das Leben vergiftet hatte! -
    Sie blieb unwillkürlich stehen und sah nach dem Vorderhause hinüber. Ein
schneidender Wind pfiff durch die offene Dachluke, und glitzernde Eiszapfen
umstarrten wie Drachenzähne den schmalen Rundbogen. Margarete schauerte in sich
zusammen, aber nicht vor der Winterkälte, die kühlte ihr wohltuend das glühende
Gesicht - ihr traten die Kämpfe vor die Seele, die sich in dem alten Hause dort
abspielen mussten, bis das Recht triumphieren und der Jüngstgeborene in das
väterliche Haus einziehen durfte... Und hatte die kranke Frau nicht recht? War
dieser schöne, kräftige Knabe nicht ein wahres Himmelsgeschenk für das Haus
Lamprecht, das nur noch auf zwei Augen stand? - Aber was kümmerte die
kalterzige, hochmütige alte Dame im oberen Stock der gesicherte Fortbestand der
stolzen geliebten Firma? Das Kind war der Enkel der missachteten »Malersleute«,
und das genügte, um ihr jeden Blutstropfen zu empören und sie anzuspornen, die
Anerkennung der Waise so lange wie möglich zu hintertreiben. Und Reinhold, der
sparsame Kaufmann, der beide Hände fest auf den ererbten Geldkasten gelegt
hatte, er gab sicher keinen Groschen heraus, ohne die heftigste Gegenwehr! -
    Sie schritt weiter auf den Bodendielen, die unter ihren Füssen ächzten... Ach
ja, es waren nicht bloss die groben Sohlen der Packer darüber hingegangen, auch
feine, beflügelte Mädchenfüsse hatten huschend die ungehobelten Bretter berührt -
»eine weisse Taube« war einst hier aus und ein geflogen. Bei diesem plötzlichen
Gedanken stieg in ihr eine heisse Röte nach dem Gesicht, das sie einen Augenblick
in den Händen vergrub; dann schritt sie rascher der Türe zu, die nach dem
unheilvollen Gange führte - sie ahnte nicht, dass in der Tat das Unheil hinter
dieser Türe lauere.
 
                                       25
Im Vorderhause hatte sich inzwischen eine aufregende Szene abgespielt. Bärbe
hatte den Tapezieren eine Erfrischung hinaufgetragen, und nach einem kurzen
Gespräch mit den Leuten hatte sie die Türe geöffnet, um den roten Salon zu
verlassen; aber schmetternd war der Türflügel sofort wieder zugeflogen, und die
alte Köchin war mit einem Aufschrei ins Zimmer zurückgewankt. Sie hatte im
ersten Augenblick nicht zu sprechen vermocht; mit der Hand nach der Tür
deutend, war sie in den nächsten Stuhl gesunken und hatte sich die Schürze
verhüllend über den Kopf geworfen. Aber draussen war nun absolut nichts
Besonderes zu finden gewesen, wie der eine Arbeiter versicherte, der
hinausgegangen war, um zu sehen, was der robusten Alten einen solchen Schrecken
eingejagt habe.
    »Glaub's gern, nicht alle sehen's! Ach, das ist mein Tod!« hatte Bärbe unter
ihrer Schürze hervorgestöhnt. Dann hatte sie versucht, wieder auf die Beine zu
kommen; aber die waren so schwach und zitterig gewesen, dass sie eine geraume
Weile auf ihrem Stuhle hatte sitzen bleiben müssen. Nur ganz allmählich hatte
sie die Schürze fallen lassen und sich scheu umgesehen, und ihre gesunde
braunrote Gesichtsfarbe hatte ins Aschgraue gespielt. Aber sie war still gewesen
- das waren ja fremde Leute, die Gesellen da, denen durfte man doch den Mund
nicht aufsperren, die trugen's weiter, und dann wusste in ein paar Stunden die
ganze Stadt, was bei Lamprechts passiert war! -
    Zum Glück waren die Arbeiter bald darauf mit ihrer heutigen Aufgabe fertig
gewesen. Da hatte sie doch nicht allein den langen Flursaal passieren müssen.
Sie war mit den beiden Gesellen gegangen, hatte nicht rechts noch links gesehen,
und war endlich wieder in ihre Küche geschlichen - ja, »geschlichen«, hatte der
Hausknecht ausgesagt, - wie ein Gespenst sei sie dahergekommen und auf die
Aufwaschbank hingesunken. - Hier war aber ihr Mundwerk wieder flotter gegangen.
Nun war sie ihr auch erschienen, die mit den Karfunkelsteinen, und nun sollte
nur einer kommen und ihr ausreden wollen, was sie mit ihren eigenen Augen
gesehen hatte! Er sollte nur kommen!
    Und der Hausknecht samt der alten Jette hatten »Mund und Nase« aufgesperrt;
der Kutscher war auch dazu gekommen, und just in dem Moment, wo der Friedrich
gefragt hatte: »War sie auch im grasgrünen Schleppkleide, wie bei mir dazumal?«
- da war auch ein Lehrling aus der Schreibstube gekommen, um ein Glas
Zuckerwasser für den jungen Herrn zu fordern.
    »I bewahre - grün nicht!« hatte Bärbe kurzatmig, aber unter energischem
Kopfschütteln verneint. »Weiss, schneeweiss ist's in dem Gange hin um die Ecke
geflogen! Akkurat so muss sie im Sarge gelegen haben.« Und daran hatte sie eine
Schilderung geknüpft, die selbst dem Lehrling das Haar sträuben gemacht.
    Durch ihn aber war das Geschehnis bis in die Schreibstube gedrungen.
Reinhold war über das lange Ausbleiben des jungen Menschen heftig erzürnt
gewesen, und da hatte sich derselbe mit dem Aufstand in der Küche entschuldigt.
    Gleich darauf war der junge Herr herüber gekommen. Er hatte in einem dicken
Pelzrock gesteckt und seine warme Ottermütze auf dem Kopfe gehabt. »Du gehst
jetzt mit mir hinauf und zeigst mir die Stelle, wo du die weisse Frau gesehen
haben willst!« hatte er streng der an allen Gliedern zitternden alten Köchin
befohlen. »Ich will doch sehen, ob man dem Gespenst nicht endlich einmal auf den
Grund kommen kann! ... Ihr Hasenfüsse bringt mir das Haus immer mehr in Verruf -
wie soll ich da Mieter bekommen, wenn ich später einmal alle überflüssigen Räume
abgeben will? ... Vorwärts, Bärbe! Du weisst, ich verstehe absolut keinen Spass!«
    Und da hatte Jungfer Bärbe nicht einen Laut des Widerspruchs über ihre
bebenden Lippen gebracht. Sie war ihm mit einknickenden Knieen gefolgt, die
Treppe hinauf und den Flursaal entlang, ihr entsetzensvolles Sträuben an der
Gangecke hatte ihr auch nichts geholfen; er hatte sie am Arme gepackt und an den
sie geisterhaft anstarrenden Bildern vorüber geschoben, bis zu dem Treppchen,
das seitwärts nach dem Boden des Packhauses führte.
    Aber da war er plötzlich wie toll hinabgesprungen, hatte die nur angelehnte
Tür der Dachkammer ein wenig weiter aufgeschoben und durch den Spalt
hineingelugt, und als er Bärbe das Gesicht wieder zugewendet, da waren seine
grossen, grauen, toten Augen voll Leben gewesen, sie hatten gefunkelt wie die
einer tückischen Katze.
    »Nun marschiere du wieder hinunter in deine Küche,« hatte er boshaft
grinsend befohlen, »und sage den anderen Hasenfüssen, ein Gespenst, das einen
Korb voll eingemachter Früchte bei sich habe, sei nicht gefährlich! Vorher aber
gehe hinauf zur Grossmama. Ich lasse sie bitten, in den roten Salon zu kommen.«
    Bärbe hatte sich schleunigst aus dem Staube gemacht. Aber es war ihr
plötzlich nicht ganz geheuer zu Mute gewesen; sie hatte das unbestimmte Gefühl
gehabt, als habe sie einen recht dummen Streich gemacht. Und als Tante Sophie
gleich darauf von ihrem Ausgang zurückgekehrt war, da hatte sie nach einigen
Präliminarien zu erzählen begonnen, aber schon nach wenigen Sätzen war die Tante
entsetzt zurückgefahren. »O, du Unglücksbärbe, du!« hatte sie gejammert und war
so, wie sie von der Strasse hereingekommen, in Hut und Mantel, die Treppe
hinaufgeeilt.
    Sie hätte alles darum gegeben, ihrer »Gretel« einen heftigen Auftritt zu
ersparen, oder ihn wenigstens durch vorherige Vorstellung und Fürsprache zu
mildern, aber sie kam zu spät. In demselben Augenblick, wo sie den Flursaal
betrat, kam Reinhold in Begleitung der Grossmama aus dem roten Salon.
    Er machte eine tiefe ironische Verbeugung nach dem Gange hin, und die Frau
Amtsrätin rief hinüber: »Ei, meine liebe Grete, du scheinst dir ja als schöne
Dore recht zu gefallen! Neulich kamst du, wie aus dem Rahmen gestiegen, in ihrem
Brautrock, und heute erschreckst du die Leute im Hause als weisse Frau -«
    »Ja, als die Frau mit den Karfunkelsteinen!« ergänzte Reinhold. »Bärbe ist
wie verrückt! Sie hat den famosen weissen Teatermantel da durch den Gang laufen
sehen und das ganze Haus rebellisch gemacht. So muss es kommen! Ihr da unten
haltet gegen mich wie die Kletten zusammen, und nun verrät eine die andere, wenn
auch wider Willen!«
    Während dieses impertinenten Zurufes war Margarete um die Gangecke gekommen.
Sie antwortete nicht - die Bestürzung schien ihr die Lippen zu verschliessen.
    »Betrügerin!« schnauzte Reinhold sie an, indem er ihr näher trat. »Also auf
solchen Schleichwegen gehst du? Hast ja schöne Dinge draussen in der Welt
gelernt!«
    »Reinhold, mässige dich!« wies ihn Margarete mit ruhigem Ernst und wirklicher
Hoheit in die Schranken, während sie an ihm vorüber zu Tante Sophie gehen
wollte; aber er vertrat ihr den Weg. »'s ist recht, flüchte du nur zu deiner
Gouvernante! da hast du ja von jeher Schutz und Hilfe gefunden!« -
    »Du auch!« fiel Tante Sophie ein. »Eure Gouvernante war ich nie;« - eine Art
trockenen Auflachens kam ihr von den Lippen - »ich kann weder Französisch noch
Englisch, und aufs Polieren verstehe ich mich auch nicht - aber so etwas, wie
ungefähr der getreue Eckard, das bin ich gewesen. Ich hab' euch über Leib und
Seele meine beiden Hände gehalten, so gut ich's eben konnte, und mein bisschen
Kraft eingesetzt, solange ihr sie brauchtet, und wie dich deine schwachen
Beinchen jahrelang nicht tragen wollten, da sind es meine Arme gewesen, auf
denen du durch Haus und Hof und in die frische Luft hinausspaziert bist - ich
habe dich niemals fremden Händen überlassen... Nun kannst du laufen, aber nicht
zu anderer Freude. Du läufst wie ein Kerkermeister horchend von Tür zu Türe,
gönnst deinen Mitmenschen nicht einmal die Luft, geschweige denn eigene Gedanken
und eigenes Geniessen - alle sollen nach deiner Pfeife tanzen - das alte
Lamprechtshaus kommt mir nachgerade vor wie ein Zuchtaus. Und drum mein' ich,
es sei hoch an der Zeit, dass man geht. Dich und dein Gnadenbrot brauche ich
nicht; aber die Gretel, die nehm' ich mit!«
    Während dieser schneidigen Strafpredigt war der Kopf des langen jungen
Menschen immer tiefer in den dickzottigen Pelzkragen geschlüpft, und seine Augen
irrten scheu an den Wänden hin. Er erinnerte sich recht gut, wie die Tante
Sophie wochenlang Nacht für Nacht an seinem Krankenbette gewacht, ihm, dem meist
Appetitlosen, eigenhändig jeden Bissen mundgerecht zubereitet, und ihn noch als
siebenjährigen Knaben die Treppen hinaufgetragen hatte, und da mochte wohl das
Rot, das augenblicklich sein fahles Gesicht überflog, Schamröte sein. Die Frau
Amtsrätin aber war sichtlich empört.
    »Glauben Sie wirklich, wir würden unsere Enkelin mit Ihnen ziehen lassen?«
fragte sie erzürnt. »Das ist ein wenig kühn und voreilig, meine Liebe! Ich
meine, die reiche Erbin wird sich doch wohl bedenken, im ersten besten
Armeleutestübchen unterzukriechen.«
    Tante Sophie lächelte humorvoll. »Es ist nur gut für den Staat, dass Sie
nicht Einschätzungskommissar sind, Frau Amtsrätin! So schlimm, wie Sie denken,
ist's wirklich nicht - ich müsste ja nicht Lamprecht heissen! Wohlgemerkt, ich
sage das nur, um die Beschuldigung der Kühnheit und Voreiligkeit von mir zu
weisen!«
    Margarete trat auf die Tante zu und legte zärtlich den Arm um die geliebte
Gestalt. »Die Grossmama irrt,« sagte sie. »Erstens bin ich nicht die reiche
Erbin, für die man mich hält, und dann würde ich recht herzlich gern mit dir
auch in ein Armeleutestübchen ziehen, wenn ich nur bei dir bleiben dürfte. Aber
vorläufig dürfen wir beide das Haus nicht verlassen; ich habe eine Mission zu
erfüllen, und du musst mir beistehen, Tante!«
    »Nun, der Missionsweg soll dir von nun an verschlossen sein, Grete - ich
werde die Türe nach dem Packhause zumauern lassen - sie hat ohnehin keinen
Zweck - und damit basta! Ich will doch sehen, ob ich mir nicht Ruhe verschaffen
kann!« sagte Reinhold, indem er frostgeschüttelt den Pelz fester über die Brust
zusammenzog und nach dem Ausgang schritt - die schwache Regung eines guten
Gefühls war bereits wieder unterdrückt. »Uebrigens ist es - gelinde gesagt - ein
klein wenig unverschämt von dir, an deinem Erbteil zu mäkeln,« setzte er, sich
noch einmal zurückwendend, hinzu. »Du erhältst weit mehr, als es der Tochter von
Rechts wegen zukommt. Hätte der Papa - wie es seine Pflicht mir, dem
Geschäftsnachfolger, gegenüber gewesen wäre - beizeiten ein Testament gemacht,
dann stünden die Sachen jetzt anders; so aber muss ich Unsummen an dich
hinauszahlen.«
    »Ja, der Ansicht bin ich auch, dass mir dieses grosse Erbe nicht zukommt - ich
werde teilen müssen!« versetzte Margarete bedeutsam.
    »Mit mir noch einmal?« lachte Reinhold höhnisch auf. »Das wirst du bleiben
lassen! Du hast noch nicht einmal das Recht, darüber zu verfügen. Und ich will
auch deine Grossmut gar nicht, so wenig wie es mir einfällt, auch nur einen
Pfennig, oder das kleinste Rechtstüttelchen von dem Meinigen herauszugeben. -
Jeder bleibe für sich, das ist meine Maxime! ... Bei dieser Gelegenheit will ich
dir auch sagen, Grossmama, dass nirgends auch nur eine Spur von einem
Geschäftskontrakt zwischen dem Papa und dem Menschen da drüben« - er deutete
nach dem Packhause - »zu finden ist. Jene Nachforderung, mit welcher du so
geheimnisvoll tust, ist mitin Schwindel und für mich abgetan - ich will nun
gar nichts Näheres wissen! ... Uebrigens danke ich dir, dass du auf meine Bitte
heruntergekommen bist; du hast dich nun selbst überzeugen können, wie perfide
und hinterrücks meine Schwester zu handeln gewohnt ist.«
    Er ging hinaus und liess die Türe schallend hinter sich zufallen.
    Margarete war bis in die Lippen erblasst.
    »Nimm dir's nicht zu Herzen, Gretel!« tröstete die Tante Sophie. »Hast's ja
von klein auf nicht besser gewusst, bist immer der Sündenbock und Prügeljunge
gewesen! Und er ist dadurch ein herzloser Bursche, ein grausamer Egoist geworden
-«
    »So jung schon ein ganzer Mann wollen Sie sagen, liebe Sophie, ein Mann, der
sich kein X für ein U vormachen und nicht mit sich spassen lässt,« fiel die Frau
Amtsrätin ein. »Margarete trägt selbst die Schuld, wenn er ihr böse Dinge gesagt
hat. Sie durfte nicht zu den Leuten gehen, von denen sie wusste, dass sie
unstattafte Ansprüche an die Erben erheben.«
    »Jene Ansprüche sind gerecht,« sprach das junge Mädchen fest.
    »Was,« - fuhr die Grossmama auf - »diese Elenden haben gegenüber der Tochter,
als Dank für ihren Samaritergang, über den verstorbenen Vater gesprochen? Und du
glaubst die Fabel?« Sie zog mit hastigen Händen an ihrer Kapotte. »Hier ist
mir's zu kalt - du gehst jetzt mit mir hinauf, Grete, die Sache muss besprochen
werden!«
    Margarete folgte ihr schweigend, während Tante Sophie mit einem besorgten
Blick nach ihr die Treppe hinabging.
 
                                       26
Oben im Salon kreischte und schimpfte der Papagei beim Eintreten des jungen
Mädchens; sie hatte von Kindheit an das boshafte verhätschelte Tier nicht leiden
können, und das wusste Papchen sehr gut.
    »Sei artig, mein Liebling, mein Goldchen!« schmeichelte die alte Dame. Sie
reichte dem Schreier ein Biskuit und liebkoste ihn; dann nahm sie langsam und
bedächtig die Kapotte von ihrem Spitzenhäubchen und den Umhang von den Schultern
und legte beides sorgfältig zusammen.
    Margarete wurde bald rot, bald blass vor innerer Unruhe und Aufregung; sie
biss sich auf die Lippen, aber kein Wort entschlüpfte ihr; sie kannte ja diese
fingierte Gelassenheit - die Grossmama zeigte sich nie kälter und bedächtiger,
als wenn sie innerlich erregt war.
    »Nun, ich glaubte, du habest mir wunder was für weltumstürzende Mitteilungen
zu machen,« sagte die alte Dame endlich über die Schultern nach ihr hin, während
sie langsam den Kasten zuschob, in welchen sie Kapotte und Umhang gelegt hatte;
»statt dessen stehst du am Fenster und siehst über den Markt hin, als zähltest
du die Eiszapfen an den Dachrinnen.«
    »Ich erwarte, dass du mich fragst, Grossmama,« erwiderte das junge Mädchen
ernst. »Wäre ich doch so ruhig, um mich so harmlos beschäftigen zu können, wie
du meinst! Aber an mir bebt jeder Nerv.«
    Die Grossmama zuckte die Achseln. »Das hast du dir selbst zuzuschreiben,
Grete! Dein Vorwitz ist bestraft - du hattest im Packhause nichts zu suchen...
Ich war auch erschrocken, als uns der Mensch mit seiner unerhörten Behauptung
plötzlich wie vom Himmel herunter ins Haus fiel; aber in meinen Jahren geht der
Kopf mit dem Schrecken nicht mehr durch. Ich erkannte sehr schnell den Schwindel
und habe dem gewiegten Juristen, meinem Sohn, der sich merkwürdigerweise
düpieren liess, vorausgesagt, wie es kommen musste: der Alte kann seine Behauptung
nicht aufrecht erhalten, weil ihm all und jede Begründung fehlt. Er hat sich auf
den Nachlass deines seligen Vaters berufen - aber was brauche ich dir das alles
zu sagen?« unterbrach sie sich. »Du weisst es ja aus dem Munde deines Protegés
selbst; natürlicherweise unter der Beleuchtung, die er der Sache zu geben
beliebt; denn sonst würdest du vorhin nicht behauptet haben, seine Ansprüche
seien gerecht.«
    Margarete war lautlos über den Teppich hingeglitten, und jetzt stand sie,
ganz entfärbt vor innerer Erschütterung, wie ein Geist vor der alten Dame. »Dass
jene Ansprüche vollkommen gerecht und begründet sind, weiss ich aus einem anderen
Munde, Grossmama - - aus dem meines Vaters,« sagte sie mit bebender Stimme.
    Die Frau Amtsrätin prallte zurück. Im ersten Moment sprachlos vor
Bestürzung, starrte sie die Enkelin mit weit offenen, entsetzten Augen an. »Bist
du von Sinnen?« stiess sie endlich hervor. »Du wirst mir doch nicht Dinge
weismachen wollen, die kein vernünftiger Mensch glauben kann? - Dein Vater! Mein
Gott, man muss ihn gekannt haben, den strengverschlossenen Mann, der sich mit
einem einzigen zurückweisenden Blick unnahbar zu machen wusste, er sollte einem
unmündigen Ding wie dir ein solches Geheimnis mitgeteilt haben? - Nein, meine
liebe Grete, so alt war er noch lange nicht, um so kindisch geworden zu sein. -
Du massest dir da eine Mitwissenschaft an, über die ich lachen würde, wenn ich
dabei nicht deine Verblendung beklagen müsste. Wäre es denn wirklich so schön und
beglückend, dieses Kuckucksei im Lamprechtschen Nest zu wissen? ... Ich bitte
dich, stehe nicht gar so weise und überlegen vor mir - eine Haltung und Miene,
die jeden Blutstropfen in mir zur Wallung bringt!« - Sie trat im heftigsten
Unwillen um ein paar Schritte von dem jungen Mädchen weg, knüpfte mit unsicher
tappenden Fingern die Haubenbänder fester unter dem Kinn und fuhr sich mit dem
Taschentuch über die Stirn.
    »Wenn du deiner Sache so gewiss bist und sie so energisch vertrittst,« hob
sie nach einem augenblicklichen Schweigen wieder an, »dann kann ich auch
verlangen, dass du mir Wort für Wort wiederholst, was dein Vater gesagt haben
soll.«
    »Nein, Grossmama, verzeihe, aber das kann ich nicht!« entgegnete Margarete
mit feuchten Augen. »Mir ist sein Vertrauen ein Heiligtum, das ich nie
profanieren werde. Nur wo es gilt, für ihn zu handeln, da er es selbst nicht
mehr kann, da werde ich rücksichtslos seinen letzten Willen zur Geltung zu
bringen suchen. Gerade an seinem Todestage hat er den kleinen Bruder in alle ihm
zukommenden Rechte einsetzen wollen -«
    Sie hielt inne; die alte Dame hatte ein hässliches Hohngelächter
aufgeschlagen. »Den kleinen Bruder!« wiederholte sie zornbebend. »Du hast
wirklich die Stirn, eine solche Ungeheuerlichkeit deiner Grossmutter gegenüber
gelassen auszusprechen? ... Aber den Wortlaut dessen, was dir mitgeteilt worden
sein soll, willst du aus purer heiliger Scheu und Pietät nicht wiederholen? Ich
will dir sagen, weshalb du so rücksichtsvoll bist - weil du nichts Positives
weisst! Du hast läuten und nicht schlagen hören, hast hier und da ein
vereinzeltes dunkles Wort deines Vaters aufgefangen, und nun hältst du diese
Brocken neben die neue Wundergeschichte, und da es zu klappen scheint, fühlst du
dich berufen, dein Licht leuchten zu lassen! ... ... Es ist ja auch gar schön,
für die Verkannten und Verfolgten öffentlich in die Schranken zu treten! Und was
kümmert es solch eine sensationsbedürftige Natur, wenn dabei ein seit
Jahrhunderten respektierter Familienname in den Schmutz fällt?«
    »Sensationsbedürftig?« wiederholte das junge Mädchen mit finsterer Stirn,
indem es stolz den Kopf zurückwarf. »Ich bin gewiss, dass dieser hässliche Zug
unserer Zeit meine Seele auch nicht einmal gestreift hat; diese Beschuldigung
darf ich mitin getrost zurückweisen... Und die Wiederverheiratung eines Mannes
mit einem unbescholtenen Mädchen von feiner Bildung sollte seinem Familiennamen
Unehre machen, das soll ich glauben?« Sie schüttelte den Kopf. »Liebe Grossmama,
sei nicht böse, aber du bist ja auch eine zweite Frau, und wie hochgeachtet
stehen meine Grosseltern da!«
    »Unverschämt!« brauste die alte Dame auf. »Wie kannst du mich mit der ersten
besten hergelaufenen Person vergleichen! Du - aber wofür ereifere ich mich
denn!« unterbrach sie sich und reckte ihr zierliches Figürchen empor, um die
verlorene würdevolle Haltung wiederherzustellen. »Die ganze Geschichte dreht
sich ja doch nur um eine Beutelschneiderei, eine Erpressung von seiten der
Eltern; die verschollene Tochter kommt dabei kaum in Frage, wir tun ihr damit
nur eine unverdiente Ehre an - wer weiss, wo sie sich herumtreibt!«
    »Sie ist tot, Grossmama! Schmähe sie nicht in der Erde!« rief Margarete
empört. »Du darfst es nicht, eben um unserer Familienehre willen; denn - du
magst dich selbst täuschen wie du willst - sie ist trotz alledem die zweite Frau
meines Vaters gewesen!«
    »Wirklich, Grete? - Nun, dann frage ich nur, wo sind denn die Dokumente, die
es beweisen? ... Gesetzt, es verhielte sich alles genau so, wie die Leute im
Packhause behaupten, und du es in deiner unglaublichen Verblendung vertrittst -
gesetzt, er sei in der Tat durch seinen jähen Tod verhindert worden, die
geheime Ehe öffentlich anzuerkennen, dann, sage ich, müsste sich doch irgend ein
darauf bezügliches Papier in seinem Nachlass gefunden haben. Nichts von alledem!
Nicht die kleinste eigenhändige Notiz, geschweige denn gerichtlich beglaubigte
Atteste und Zeugnisse. Aber ich will noch weiter gehen. Ich will selbst
annehmen, dass die Dokumente in der Tat selbst existiert haben,« - sie machte
eine augenblickliche Pause - »so kämen wir dann notwendig zu dem Schlusse, dass
sie der Verstorbene selbst vernichtet hat, weil er nicht gewillt gewesen ist,
die Sache an das Licht der Oeffentlichkeit zu bringen. Und das, meine ich,
sollte dir genügen, die wahnsinnige Idee aufzugeben, infolge deren du dich für
die Vollstreckerin seines vermeintlichen letzten Willens hältst.«
    Margarete war zurückgewichen, als sei sie auf eine Schlange getreten. »Das
kann unmöglich dein Ernst sein, Grossmama! Was hat dir mein Vater getan, dass du
ihm einen solchen Schurkenstreich zutraust... Ach, sein Zaudern, seine Furcht
vor dem Urteil der Welt, vor dem Standesvorurteil, dem Moloch, der das
Lebensglück Tausender verschlingt, wie hart strafen sie sich in diesem
Augenblick! Wie hat sich diese unselige Schwäche schon bei Lebzeiten gerächt
durch die Qual inneren Zwiespaltes! ... Und nun dieses Ende, dieser grauenvolle
Abschluss, der ihm selbst kein Auslöschen seiner Verschuldung auf Erden gestattet
hat! Aber ich weiss, was er gewollt hat - Gott sei Dank, dass ich das weiss, dass
ich eine solche Verdächtigung, ein solches Brandmal von seinem Andenken abwehren
-«
    »Und damit einen Skandal an die grosse Glocke schlagen kann, gelt, Grete?«
ergänzte die Grossmama hohnvoll. »O, du Verblendete! ... Aber das ist dieser
verrückte heutige Idealismus, der blind und taub gegen die Wände und Schranken
rennt und nicht fragt, was dabei zusammenstürzt, wenn nur der falsche Wahn, die
überspannte, schiefe und sentimentale Weltanschauung siegt! ... Magst du doch
die Mitteilungen deines Vaters verstanden haben wie du willst! ich bleibe dabei,
dass er selbst gewünscht hat, den Schleier über einer dunklen Stelle seines
Lebens zu belassen. Und er hat es wünschen müssen, schon um unsertwillen - ich
will sagen, der Familie Marschall wegen. Wir hätten es wahrlich nicht um ihn
verdient, wenn durch seine Schuld auch ein Schatten auf unseren schönen,
makellosen Namen fiele, wenn über uns gezischelt würde in der Stadt und bei
Hofe, gerade jetzt, wo wir diesem erlauchten Kreise so nahe treten sollen! Ich
sage, um jeden Preis muss es verhindert werden, dass von dem Erpressungsversuch
des alten Lenz auch nur ein Laut in das Publikum dringt - die böse Welt glaubt
gar zu gern das Schlimmste und munkelt weiter, auch wenn ihr sonnenklar bewiesen
wird, dass sie sich irrt - und da hilft nur eines: Geld! - Um ein paar tausend
Taler werdet Ihr freilich ärmer werden; aber mit dieser Abfindungssumme wird
sich der alte Schwindler aus dem Staube machen und dahin zurückkehren, woher er
unseligerweise gekommen ist.«
    »Und das Kind? Der Knabe, der dieselben Rechte hat wie Reinhold und ich, was
soll aus ihm werden?« rief Margarete mit flammenden Augen. »Soll er hinausziehen
in die Welt, ohne das Erbe, das ihm von Gott und Rechts wegen zukommt, ohne den
Namen, auf den er getauft worden ist? Und mir mutest du zu, mit einer ungeheuren
Lüge auf dem Gewissen durchs Leben zu gehen? Ich sollte je wieder einem
ehrlichen Menschen ins Auge sehen können, wenn ich mir sagen müsste, dass ein
grosser Teil meines Erbes gestohlenes Gut sei, dass ich einen Menschen um sein
kostbares Eigentum, um den geachteten Namen seines Vaters betrogen habe? Und das
forderst du von mir, die Grossmutter von der Enkelin?«
    »Ueberspannte Närrin! Ich sage dir, das würden alle Vernünftigen, alle, die
auf Ehre und Reputation ihres Hauses halten, von dir fordern.«
    »Herbert nicht!« rief das junge Mädchen mit leidenschaftlichem Protest.
    »Herbert?« rügte die Frau Amtsrätin scharf, mit hochmütigem Befremden.
»Trittst du wieder in die Kinderschuhe zurück? Der Onkel, willst du sagen!«
    Ein jäher Farbenwechsel flutete über das Gesicht der Gemassregelten. »Nun
denn - der Onkel!« verbesserte sie sich hastig. »Er wird nie zu jenen
gewissenlosen Vernünftigen gehören, nie, niemals! Ich weiss es! Er soll
entscheiden -«
    »Gott bewahre! Du unterstehst dich nicht, mit ihm darüber zu sprechen, bis
-«
    »Bis wann, Mama?« fragte der Landrat plötzlich von seinem Zimmer her.
    Die alte Dame schrak zusammen, als sei ein jäher Donnerschlag ihr zu Häupten
hingerollt. »Ah, bist du schon so früh zurück, Herbert?« stotterte sie, verlegen
sich umwendend. »Du kommst ja wie hereingeschneit!«
    »Keineswegs. Ich stehe seit lange hier in der offenen Türe, allein ich fand
keine Beachtung.« Mit diesen Worten kam er herüber. Er sah ernst, ja finster
aus, und doch war es dem jungen Mädchen, als leuchte sein Blick blitzartig auf,
indem er ihr Gesicht streifte.
    »Ich würde mich sofort diskret zurückgezogen haben,« wandte er sich an seine
Mutter, »wenn die leidenschaftliche Verhandlung zwischen dir und Margarete nicht
auch mich anginge - du weisst, ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, Licht in die
Angelegenheit zu bringen.«
    »Auch jetzt noch, nachdem du dich hast überzeugen müssen, dass jeder
gesetzliche Anhaltspunkt fehlt?« fragte die alte Dame zitternd vor Aerger. Sie
zuckte die Schultern. »Nun, meinetwegen, steckt Fackeln an, um einen Schandfleck
zu beleuchten - mehr werdet ihr nicht erreichen! Dich, Herbert, begreife ich
nicht! Es liegt doch auf der Hand, dass die Papiere - wenn sie je existiert
haben, was ich durchaus bezweifle - aus guten Gründen verschwunden sind. Sagst
du dir nicht selbst, dass du dich mit diesem Aufbauschen des widerwärtigen
Handels an Balduin schwer versündigst?«
    »Wie - eine Versündigung nennst du es, wenn ich mich bemühe, seine Schuld
gutzumachen?« zürnte ihr Sohn. »Uebrigens kommt es für mich gar nicht mehr in
Frage, ob eine Vertuschung von seiten des Verstorbenen stattgefunden oder nicht;
ich vertrete hier das Recht des Lebenden, der nicht bestohlen werden darf. Ich
weiss bereits zu viel, um es geschehen zu lassen, dass das Dunkel über dem
widerwärtigen Handel, wie du die schwebende Frage nennst, verbleibt. Oder
glaubst du, ich würde mich je zum passiven Mitwisser einer verschwiegenen Schuld
qualifizieren? Margarete sagt aus -«
    »Komme mir nicht mit diesen Hirngespinsten!« rief die Frau Amtsrätin, in
erbitterter Abwehr beide Hände gegen ihn ausstreckend. »Man weiss zur Genüge, dass
es für solch einen müssigen Mädchenkopf nur eines sehr geringen Anhaltes bedarf,
um daran ein ganzes Gewebe von Phantastereien zu knüpfen.«
    Der Landrat wandte den Kopf seitwärts nach dem jungen Mädchen. »Lasse es
dich nicht kränken, Margarete!« sagte er.
    »Was für ein liebevoll tröstender Ton!« spottete seine Mutter. »Wirst du mit
einemmal ein zärtlicher Onkel, du, der für Fannys Aelteste nie auch nur eine
Spur von Sympatie gehabt hat? ... Immerhin! Haltet zusammen gegen mich, die
allein den Kopf oben behält! Mich werdet ihr nicht überführen, es sei denn, dass
ich's schwarz auf weiss sehe!«
    »Du wirst es schwarz auf weiss sehen, Mama!« sprach Herbert ruhig und
bestimmt. »Die Kirchenbücher in London werden nicht auch verbrannt sein.«
    »O, mein Gott! Damit willst auch du sagen, Onkel, dass mein Vater die in
seinen Händen befindlichen Papiere selbst vernichtet haben müsse?« rief
Margarete in einer Art von stiller Verzweiflung. »Das ist nicht wahr! Er hat es
nicht getan! Ich werde ihn verteidigen und gegen diesen schmachvollen Verdacht
ankämpfen, solange ich Atem in der Brust habe! ... Ich habe die
unerschütterliche Ueberzeugung, dass es keiner Reise nach London bedarf; die
Papiere müssen sich hier finden, wir müssen besser suchen.«
    »In dieser Illusion kann ich dich leider nicht bestärken,« entgegnete
Herbert. »Der ganze schriftliche Nachlass, alle Dokumente, selbst die
Geschäftsbücher sind auf das Gewissenhafteste durchsucht worden, auch nicht das
kleinste Briefblatt ist unseren Augen und Händen entgangen. Ich habe die ganze
Bel-Etage durchforscht, auch alle Fächer und Kasten der unbenutzten Möbel in den
Gesellschaftsräumen.«
    In diesem Augenblick flog eine tiefe Glut bis über die Schläfen des jungen
Mädchens - es war, als durchschüttere ein jäher Schrecken ihren Körper.
    »In den Gesellschaftsräumen der Bel-Etage, sagtest du?« fragte sie wie mit
zurückgehaltenem Atem. »Und die Zimmer im Seitenflügel?«
    Der Landrat sah sie gross an. »Wie hätte mir auch nur der Gedanke kommen
können, dort zu suchen?«
    »Im Spukzimmer der schönen Dore, das seit Jahren kein Menschenfuss betreten
hat!« setzte die Frau Amtsrätin mit Hohnlächeln hinzu. »Da siehst du ja,
Herbert, wie logisch es in solch einem kunterbunten Mädchengehirn zugeht!«
    »Ich habe den Papa kurz vor seinem Tode hineingehen sehen,« sagte Margarete
scheinbar ruhig, aber ihre Stimme wankte vor innerer Bewegung. »Er hat sich
damals eingeschlossen.«
    »So gehen wir unverzüglich!« rief der Landrat überrascht.
    Sie flog hinunter, um die Schlüssel zu holen. Nach wenigen Minuten kehrte
sie zurück und traf mit Herbert an der Türe des Flursaales zusammen; aber er
war nicht allein; seine Mutter, in dicke, warme Shawls und Tücher gewickelt,
ging an seinem Arm. Sie müsse doch auch dabei sein, wenn der Schatz gehoben
werde, sagte sie mit einem spöttischen Seitenblick auf die Enkelin.
 
                                       27
Margarete eilte voraus und schloss die Türe des Zimmers auf. - Zum erstenmal in
ihrem Leben trat sie auf diese Schwelle, hatte sie das wundervolle Deckengemälde
zu Häupten. Eine mit dem schwachen Hauch verdorrter Blumenreste gemischte,
rötlich durchschimmerte Luft schlug ihr entgegen - die tiefstehende
Nachmittagssonne fiel durch die roten Klatschblumen der zermürbten, aber in den
Farben ziemlich erhaltenen Brokatgardinen... Ueber diese Schwelle sollte die
weisse Frau schlüpfen, und manche der Gespensterseher hatten auch die
spinnwebige, furienhafte Frau Judit hinzugedichtet; über diese Schwelle waren
aber auch die Füsschen in den Hackenschuhen gehuscht, aus dem Prunkgemach nach
dem Dachboden des Packhauses, und hatten die Leute im Hause erschreckt und die
Sage von der wandelnden schönen Dore neu aufleben gemacht.
    Die Frau Amtsrätin fuhr beim Eintreten mit dem Taschentuch durch die Luft.
»Puh, was für eine hässliche Atmosphäre! Und diese Staubmassen!« rief sie ganz
empört und zeigte über die Möbel hin. - Da blinzelten allerdings Samt- und
Seidenschimmer und der Glanz der Vergoldung, die herrlichen Spiegelscheiben nur
schwach durch die weissgrauen Staubschleier. - - »Und da willst du uns
weismachen, dein Vater habe hier in seinen letzten Lebenstagen verkehrt, Grete?
... Ich sage dir, seit Jahren ist diese Türe nicht aufgemacht worden! ... Nun,
ein Wunder ist's freilich nicht, wenn du in dem Gange draussen alle möglichen
Visionen gehabt hast - da ist's ja zum Fürchten schrecklich!«
    Margarete schwieg. Sie sah den Landrat bedeutungsvoll an und zeigte auf eine
Fussspur, die über das staubige Parkett hinweg direkt nach dem Schreibtisch am
Fenster lief.
    Herbert zog die Fenstergardinen auseinander, und der abgesperrte
Sonnenschein kam breit herein und liess in seinem blassen Gold die köstlichen
Perlmutter-und Metallarabesken an dem Schreibtisch matt aufleuchten... Es war
ein herrliches Stück Möbel mit geschweifter Tischplatte und einem mächtigen
Aufsatz, dessen Mitte eine Schranktüre, zu beiden Seiten flankiert von einer
Unzahl kleiner Schiebekasten, breit einnahm.
    Die Frau Amtsrätin hatte ihren Kleidersaum aufgenommen und war, sichtlich
betroffen, auch der Fussspur nachgegangen. Nun stand sie mit langem Halse hinter
Sohn und Enkelin und konnte eine nervöse Spannung nicht verbergen.
    Der Schrankschlüssel drehte sich leicht und willig unter Herberts Hand, und
die Türe sprang auf. Der Landrat fuhr zurück, und die alte Dame stiess einen
schwachen Schrei aus; über Margaretens Gesicht aber flog verklärend ein Gemisch
von freudiger Ueberraschung und tiefer Wehmut. »Da ist sie!« rief sie wie erlöst
von Angst und Spannung.
    Ja, das war der herrliche Frauenkopf, wie ihn einst die Aristolochiabogen
umrahmt hatten! Das war der unvergleichliche, lilienhafte Schimmer der Haut, der
die Mädchenstirn so unschuldsvoll leuchten gemacht, das waren die in tiefem Blau
funkelnden Augensterne, über denen sich feine, dunkle Brauen wölbten! Nur die
blonden, einst über Brust und Nacken hinabfallenden Mädchenzöpfe fehlten - das
Haar türmte sich wellig gelockt hoch über der Stirn, und in der matten Goldflut
glitzerten die Rubinsterne der schönen Dore... Ach, deshalb sollten diese Steine
»nie wieder ein Frauenhaar schmücken, solange er lebe«, wie der Verstorbene an
jenem Gesellschaftsabend in so leidenschaftlicher Aufregung erklärt hatte! - Ja,
diese Frau mit den Karfunkelsteinen war ebenso geliebt und beweint worden, wie
die erste, die wandelnde weisse Frau des Lamprechtschen Hauses! Der alte Justus
hatte sich nie wieder verheiratet und war ein finsterer, verbitterter Mann bis
an sein Lebensende verblieben, wie sein Nachkomme, der vielbeneidete Balduin
Lamprecht auch... Was für ein dämonischer Zug der Seelen mochte die schöne
Blanka wohl veranlasst haben, sich genau so zu kostümieren wie ihre unglückliche
Vorgängerin, die den gleichen verhängnisvollen Schritt wie sie getan, und ihn
mit ihrem jungen Leben gebüsst hatte! -
    Ein betäubender Duft entquoll dem Schranke; rings um das Bild waren Rosen
aufgehäuft, Rosenmumien, die wie Weihopfer hier hatten welken müssen. Vor dem
Bilde lag auch der letzte kleine Strauss, den Margarete an jenem Nachmittag in
der Hand ihres Vaters gesehen - die schöne Blanka musste Rosen und Rosenduft sehr
geliebt haben.
    »Nun, das Bild beweist noch nichts!« rief die Frau Amtsrätin mit
vibrierender Stimme in das plötzlich eingetretene Schweigen der Ueberraschung,
der Erschütterung hinein. »Es wird so sein, wie ich dir sagte, Herbert! Bewiesen
ist in der Tat nur, dass der Schwächling allerdings für eine Zeit in die Netze
der Kokette gefallen ist.«
    Ohne zu antworten zog der Landrat an einem der kleinen Schiebekasten, allein
derselbe gab nicht nach.
    »Der Schrank wird ähnlich konstruiert sein, wie Tante Sophiens Schreibtisch
in der Hofstube,« sagte Margarete. Sie griff in das Innere des Schrankes und zog
an einer schmalen, vorspringenden Holzleiste; mit diesem einen Ruck waren alle
Kasten zur Linken erschlossen.
    In den unteren Fächern lagen viele moderne Schmuckstücke, vermischt mit
bunten Bandschleifen, jedenfalls lauter Reliquien für den verwaisten Mann; dann
kam aber ein mit Papieren gefüllter Kasten an die Reihe. Margarete hörte, wie
plötzlich die Atemzüge der jetzt dicht hinter ihr stehenden Grossmama tief und
schwer gingen; das alte, feine Frauenprofil erschien über ihrer Schulter - es
war vollständig entfärbt, und die Augen bohrten sich förmlich in den
Kasteninhalt.
    Nur einige mit schwarzem Band umwickelte Briefpakete machten diesen Inhalt
aus; obenauf aber lag ein einzelnes Kouvert mit der Aufschrift von der Hand des
Verstorbenen.
    »Dokumente, meine zweite Ehe betreffend!« las der Landrat laut.
    Die Frau Amtsrätin stiess einen Aufschrei der Entrüstung aus. »Also doch?«
rief sie, die Hände zusammenschlagend.
    »Grossmama, sei barmherzig!« bat Margarete innig flehend.
    »Es bedarf keiner Barmherzigkeit, Margarete,« sprach der Landrat
stirnrunzelnd. »Ich begreife nicht, Mama, wie es dir überhaupt möglich gewesen
ist, die Nichtbestätigung zu wünschen. Das sonnenklare Recht des Knaben wäre
auch ohne diese Papiere zur Geltung gekommen, und die Welt hätte in der Kürze
erfahren müssen, dass ein nachgeborener Sohn aus zweiter Ehe existiere. Das
Auffinden dieser Dokumente hier hat mitin nur insofern Wert, als es uns, den
Nächststehenden, beweist, dass Balduin nicht beabsichtigt hat, die Ehre seines
toten Weibes, seines Kindes um des Anatemas der vornehmen Welt willen zu
schädigen.«
    »Das habe ich gewusst!« rief Margarete mit aufstrahlenden Augen. »Nun bin ich
ruhig!«
    »Ich aber nicht!« zürnte die alte Dame. »Mir vergällt dieser Skandal meine
letzten Lebensjahre. Schande über ihn, der uns eine so empörende Komödie hat
mitspielen lassen! Ich habe bei Hofe sein Lob gesungen, so viel ich konnte. Sein
Ansehen bei den höchsten Herrschaften verdankte er mir, mir allein. Wie wird man
zischeln und spotten über die blödsichtige Marschall, die ahnungslos den
Schwiegersohn des alten Lenz in die höchsten Kreise eingeführt hat! ... Ich bin
blamiert für alle Zeiten! Ich bin unmöglich geworden bei Hofe! ... O, hätte ich
mich doch nie herbeigelassen, in das Krämerhaus zu ziehen! Jetzt wird man mit
Fingern auf dieses Haus zeigen, und wir, die Marschalls, wohnen drin, und du,
der erste Beamte der Stadt - ich bitte dich, Herbert, nur nicht diese gelassene
Miene!« unterbrach sie sich mit grosser Heftigkeit. »Dieser Gleichmut kann dir
teuer zu stehen kommen! Auch für dich wird die schmutzige Geschichte
möglicherweise Folgen haben, die -«
    »Ich werde sie zu tragen wissen, Mama,« fiel er mit unerschütterlicher Ruhe
ein. »Balduin -«
    »Still! Wenn du noch einen Funken von Sohnesliebe in dir hast, so nenne
diesen Namen nicht! Ich will ihn nie wieder hören, mit keinem Laut will ich je
wieder an ihn erinnert sein, der uns belogen und betrogen hat, der Meineidige -«
    »Halt!« rief Herbert, indem er stützend seinen Arm um Margarete legte, die
totenblass und zitternd sich an der Tischkante festielt. Die Adern schwollen ihm
auf der Stirn. »Keinen Schritt weiter, Mutter!« protestierte er heftig zürnend,
es klang aber auch ein tiefschmerzlicher Ton mit. »Sagst du dich so
schonungslos, so unglaublich selbstisch los von Balduin und mitin auch von
seiner Waise, so stehe ich zu ihr! Ich dulde es nicht, dass noch ein einziges
böses Wort fällt, unter welchem sie leiden muss, die ohnehin noch schwer am
Trennungsschmerz trägt! ... Aber auch Balduin lasse ich nicht länger schmähen! -
Wohl, er ist schwach gewesen, und mir ist sein unmännliches Schwanken unfasslich;
allein es liegen Milderungsgründe für seine Handlungsweise vor... Du selbst
beweisest in diesem Augenblicke am schlagendsten, was für Stürme ihn umtobt
haben würden, wenn er zur rechten Zeit männlich offen gesprochen hätte... Er hat
sich betören lassen durch die Lockung, der gesuchte Mann eines exklusiven
Kreises zu sein; er hat sich Schritt um Schritt tiefer verstrickt in einem Netz
der unnatürlichsten Widersprüche, und ich sage selbst, dir und allen denen
gegenüber, die so denken wie du, Mama, hat ein gewisser Mut dazu gehört,
plötzlich als ein Mann aufzutreten, der sich von all euren Vorurteilen
emanzipiert hat und dem natürlichen Zuge seines Herzens gefolgt ist... Dieser
Fall in der eigenen Familie sollte dir doch die Augen öffnen und dir zeigen,
wohin diese geschraubten Ansichten, dieses Verleugnen der Natur des gesund und
richtig empfindenden Menschenherzens führen muss: zu verschwiegenen, entnervenden
Seelenqualen, zu Lug und Trug, und gar oft zum Verbrechen... Ein Teil von
Balduins Schuld fällt auch auf die heutige Gesellschaft, ihn trifft nicht allein
der Vorwurf, eine Komödie aufgeführt zu haben!«
    Die Frau Amtsrätin hatte sich immer weiter von Herbert entfernt, während er
sprach; es war, als wolle sie die Kluft, die sich plötzlich durch den Kontrast
der Ansichten zwischen Mutter und Sohn auftat, auch räumlich erweitern. Mit
fest zusammengepressten Lippen schritt sie zur Türe - dort wendete sie sich noch
einmal um.
    »Auf alles, was du mir eben gesagt hast, habe ich selbstverständlich kein
Wort der Erwiderung,« rief sie mit zornbebender Stimme in das Zimmer zurück.
»Ich sollte meinen, mit meinen Prinzipien sei ich bisher ganz leidlich durch die
Welt gekommen; sie sind der beste Teil meines Ich, sie sind mein Stolz, mit
ihnen stehe und falle ich! ... Du aber sieh dich vor! Dieses Liebäugeln mit dem
grundsatzlosen modernen Liberalismus verträgt sich nie und nimmer mit deiner
Stellung! ... doch was rede ich da! Ich bin viel zu taktvoll, um dir gute
Ratschläge geben zu wollen. Draussen im Prinzenhofe und vor den Ohren unserer
allerhöchsten Herrschaften wirst du dich wohlweislich hüten, solche Ansichten
laut werden zu lassen.«
    »Mit den Damen im Prinzenhofe politisiere ich grundsätzlich nicht; der
Herzog aber kennt meine Gesinnungen bis auf den Grund, ich habe ihn darüber nie
im Zweifel gelassen,« versetzte der Landrat sehr ruhig.
    Sie sagte nichts mehr. Mit einem leisen ungläubigen Auflachen überschritt
sie die Schwelle und drückte die Türe hinter sich zu.
    Margarete hatte sich währenddem in die nächste Fensterecke zurückgezogen;
sie war vorhin erschreckt dem stützenden Arm sofort entschlüpft. »Du hast dich
mit ihr entzweit um unsertwillen,« klagte sie jetzt mit schmerzhaft zuckenden
Lippen.
    »Das darfst du dir nicht so zu Herzen nehmen,« erwiderte er, noch mit der
Aufregung kämpfend, die ihn so heftig durchschüttert hatte. »Sei du ganz ruhig!«
setzte er sanft begütigend hinzu. »Der Riss heilt wieder zu. Meine Mutter wird
sich besinnen; sie wird sich erinnern, dass ich ihr immer ein guter Sohn gewesen
bin, trotzdem ich mit meinen Lebensanschauungen auf eigenen Füssen stehe.«
    Er prüfte die Dokumente und nahm sie an sich. »Ich gehe jetzt ins Packhaus,«
sagte er. »Jede Verzögerung ist eine Sünde den alten Leuten gegenüber... Das ist
ein Weg, um welchen mich alle guten Menschen beneiden müssen! Aber noch eins:
Bist du dir auch völlig klar darüber, wie es sein wird, wenn ein Dritter neben
euch, den verwöhnten beiden Einzigen, in gleiche Rechte tritt? Wenn der Knabe
aus dem Packhause plötzlich zu denen zählt, die von den Wänden eures Hauses
niedersehen, und auf welche du so stolz bist? ... Du hast heute die Aufklärung
aus allen Kräften erstrebt, um einen entehrenden Verdacht von dem Andenken
deines Vaters zu nehmen -«
    »Gewiss. Aber ich habe auch zugleich für das Recht des kleinen Bruders
gekämpft. Mir soll er tausendmal willkommen sein - ich werde ihn mit offenen
Armen empfangen! Gibt er doch auch meinem Dasein einen neuen Wert. Ich werde für
ihn denken und sorgen dürfen; ich will ihn bewachen als ein Kleinod, das mir
mein Vater anvertraut hat. Und eine solche Aufgabe ist wohl des Lebens wert!«
    »Bist du so arm an Hoffnungen für dein eigenes junges Leben, Margarete?«
    Ein finsterer Blick traf ihn. »Dein Beileid brauche ich nicht -
bemitleidenswert arm ist man nur, wenn man sich mit seinem Schicksal nicht
abzufinden weiss,« versetzte sie schroff.
    »Nun, da behüte dich Gott, dass dir nicht einmal dieses schöne, tönerne
Piedestal unter den Füssen zusammenbricht!« - Ein leises Lächeln stahl sich um
seine Lippen; sie bemerkte es nicht, weil sie über die Schulter weg in den Hof
hinaussah. - »Aber ich will dich ja nicht kränken, Gott soll mich bewahren! Wir
sind heute so hübsch im gleichen Schritt und Tritt gegangen - wer weiss, was uns
das Morgen bringt! Drum gib mir eine Hand, eine Freundeshand!«
    Er hielt ihr die Rechte hin, und sie legte die ihre hinein, ohne Druck, ohne
die geringste Bewegung auch nur der Fingerspitzen. »Hu, wie kalt, wie
beleidigend kalt! ... Nun, ein alter Onkel muss auch eine Unfreundlichkeit
hinnehmen können; dafür hat er ja die Last der Jahre und die Weisheit voraus,«
setzte er mit gutem Humor hinzu und entliess die Hand aus der seinen.
    Er schob die Holzleiste an ihren alten Platz, verschloss den Schrank und nahm
den Schlüssel an sich. »Den Zimmerschlüssel werde ich mir in diesen Tagen noch
einmal ausbitten,« sagte er. »Ich bin gewiss, dass der Schreibtisch noch manches
entält, was uns die Regulierung der ganzen Angelegenheit erleichtern wird...
Und nun halte dich hier nicht länger auf, Margarete! Ich habe es empfinden
müssen, dass du bis ins Herz hinein frierst.«
    Gleich darauf hatte er das Zimmer verlassen. Margarete aber ging noch nicht.
Sie stand in der Fensterecke und blickte über den Hof hin. Sie fror nicht; die
Zimmerkälte kühlte ihr wohltätig die pochenden Schläfen.
    Drunten am Brunnen stand Bärbe und liess Wasser in ihren blanken Eimer
laufen. Die abergläubische Alte ahnte noch nicht, dass die Rolle ihrer Frau mit
den Karfunkelsteinen ausgespielt war für immer... Ja, nun war das Rätsel gelöst,
das jahrelang verdunkelnd über dem Lamprechtshause geschwebt hatte!
    Margarete sah hinüber nach den schneebeladenen Linden vor dem Weberhause.
Dort hatte einst die »wilde Hummel« gesessen und die sogenannte »Vision« von der
schneeweissen Stirn zwischen den buntseidenen Fenstergardinen gehabt. Und jetzt
stand sie selbst hier oben und wusste, dass es die schöne Blanka gewesen war, die
schleierverhüllt als weisse Frau gespukt hatte... Welch ein Zauber war von dieser
Gestalt ausgegangen, von diesem rosenduftenden Mädchen, das selbst den gereiften
älteren Mann, den stolzen Chef ihres Vaters zu ihren Füssen gezwungen! ... Neben
ihm hatte freilich der damalige hochaufgeschossene Primaner mit dem rotwangigen
Jünglingsgesicht gar nicht in Frage kommen können. Jetzt allerdings war das
anders, o, so ganz anders! Er war der Vielumworbene, dem sich selbst die stolze
Schönheit, die herzogliche Nichte, zu eigen geben wollte - Margarete schrak
zusammen, denn da kam er eben über den Hof her und schritt rasch nach dem
Packhause.
    Er winkte grüssend herauf, Bärbes Kopf fuhr herum; der Eimer entglitt ihren
Händen, und das verschüttete Wasser strömte über die schützende Holzdecke des
Brunnenbassins. Die alte Köchin stand, zur Salzsäule geworden, unter dem
spukhaften Fenster, aus welchem das junge Menschenkind aus Fleisch und Bein auf
sie herniedersah.
    Margarete trat zurück und zog die Vorhänge zusammen. Nun herrschte wieder
jenes Dämmerlicht, das die Wände rötlich überhauchte und den spielenden
Amoretten an der Zimmerdecke ein geheimnisvolles Leben verlieh. Diese
pausbäckigen Lockenköpfchen da oben hatten zu verschiedenen Zeiten auf zwei
schöne junge Frauen des Lamprechtshauses so schalkhaft herabgelugt, wie sie auch
heute noch, unter Blumengewinden und Schleierwolken hervor, dem
druntenstehenden, tiefbewegten Mädchen zublinzelten... Die dunkelhaarige Frau
hatte ihren Liebestraum hier beschlossen, die mit den goldigen Mädchenzöpfen ihn
aber begonnen. Beide hatten früh sterben müssen. Ein Jahr, ein kurzes Jahr des
Glückes war ihnen vergönnt gewesen; aber wog diese Spanne Zeit nicht ein ganzes
langes Leben voll Entsagung auf? - Das junge Mädchen ballte die Hände und biss
die Zähne zusammen - waren sie schon wieder da, diese qualvollen Gedanken und
Empfindungen, mit denen sie rang auf Tod und Leben? Sie hatte sich gerühmt, ihr
bester Helfer sei der Kopf, und dieses Wort durfte nicht zu Schanden werden, sie
musste daran festalten, und wenn sie dabei zu Grunde gehen sollte. Sie übernahm
jetzt neue ernste Pflichten - genügte nicht auch treue Pflichterfüllung, um das
Leben liebenswert zu machen? Musste es durchaus ein überschwengliches Glück sein?
    Sie trat hinaus in den Gang und verschloss die Zimmertüre...
    Und als bald darauf der Abend hereinbrach, und es dunkel wurde in allen
Gängen und Winkeln des Hauses, da hatten die Hausgeisterchen viel miteinander zu
flüstern. Das alte Geschlecht der »Türinger Fugger« stand nicht mehr allein auf
zwei Augen - ein kräftiger, kraftstrotzender kleiner Nachkomme trat neben den
ärmlichen, dahinwelkenden Spross, den der alte Stamm zuletzt getrieben; und die
Kauf- und Handelsherren, die noch im Konterfei, in Reih und Glied an den Wänden
des dunklen Ganges lehnten, konnten stolz sein; denn der kleine Bursche war
wirklich und leibhaftig einer der Ihren, wie sie ja auch im Leben samt und
sonders schöne, intelligente Leute voll Kraft und Körperstärke gewesen waren.
    Und im Packhause sass dieser hoffnungsvolle Erbe auf den alten Knieen seines
Grossvaters, neben dem Bett der genesenden Frau und aus den Augen der alten Leute
strahlte das Glück. Nun waren Kummer und Seelenpein überwunden; und ob auch
draussen am niederen Dach die Eiszapfen blinkten und ein dickes Schneepolster
gegen die Scheiben drückte, hier innen ging ein belebender Frühlingsodem durch
die Räume. Im Kachelofen knisterte das Feuer, und der sanfte Lampenschein
breitete sich über jedes liebe Stück der altgewohnten Einrichtung, und zum
erstenmal wieder überkam das traute Heimgefühl die alten Leute, die ja bereits
mit einem Fuss in der weiten Welt gestanden und nicht gewusst hatten, wohin sie
mit dem ausgestossenen Enkel ihre müden Schritte lenken sollten.
    Im Vorderhause aber legten sich die Wogen, die der ereignisvolle Tag
aufgestürmt hatte, nicht so bald. Die Frau Amtsrätin hatte sich in ihr Zimmer
eingeschlossen und liess niemand vor. Ihre Leute schüttelten verwundert die Köpfe
über das Gebaren der alten Dame, die »so voll Gift und Galle und bis in den
Grund der Seele hinein geärgert«, heraufgekommen war. Sie hatte befohlen, dass
das Abendbrot dem Herrn Landrat allein serviert werde, und nachdem sie Papchen
einen widerwärtigen Schreier gescholten, war sie in ihr Schlafzimmer gegangen
und hatte innen den Riegel vorgeschoben...
    Und Bärbe hätte auch nie gedacht, dass sie das erleben werde, was ihr der
heutige Tag gebracht hatte: die Erkenntnis, dass sie ein ganz nichtsnutziges
Frauenzimmer und nicht wert sei, dass die Sonne sie bescheine... Sie war vor
einer Stunde ganz entsetzt vom Brunnen gekommen und hatte Tante Sophie
zugeraunt, dass sie Fräulein Gretchen leibhaftig und mutterseelenallein am
Fenster der Spukstube gesehen habe. Aber da war endlich ein schweres Gericht
über sie und ihren unseligen Aberglauben ergangen! Es hatte von seiten der Tante
Sophie eine »Kopfwäsche« gegeben, an die sie denken musste, solange ihr ein Auge
im Kopfe stand... O, über die dumme, blinde, alte Person, die Bärbe! Sie hatte
ja das liebe Gretchen für die Frau mit den Karfunkelsteinen angesehen, hatte mit
ihrem Geschrei das ganze Haus auf die Beine gebracht und den bösen Gestrengen
aus der Schreibstube auf die Schwester gehetzt - ach, und da sollten böse, böse
Reden gefallen sein! ... Nein, sie war wirklich nicht wert, dass der liebe
Herrgott seine Sonne über sie scheinen liess, und eher wollte sie sich die Zunge
abbeissen, als dass ihr je wieder ein Wort über das Unwesen droben im Gange
entschlüpfte! ... Und so sass sie auf der Küchenbank und weinte herzbrechend in
ihre Schürze hinein.
    Währenddem gingen Margarete und Tante Sophie in der Wohnstube auf und ab.
Das junge Mädchen hatte den Arm um die Tante gelegt und ihr den gewaltigen
Umschwung im väterlichen Hause mitgeteilt... Es war dunkel in der Stube; die
brennende Lampe war sofort wieder hinausgeschickt worden - es brauchte niemand
zu sehen, dass die Tante geweint hatte; eine solche Weichmütigkeit gestattete sie
sich nur äusserst selten. Aber war es nicht ein Jammer, dass der Mann neun volle
Jahre mit seinen verschwiegenen Seelenqualen neben ihr gegangen war? Und sie
hatte sich harmlos ihres Lebens gefreut und nicht geahnt, dass sich rund um sie
her ein solches Drama abspiele! ... Und das Kind, der liebe, prächtige Junge, er
hatte nicht das väterliche Haus betreten, nicht an seines Vaters Tische essen
dürfen - das Herz hätte sich ja doch dem Balduin im Leibe umwenden müssen! ...
»Du lieber Gott, was sich doch die Menschen alles antun um ein bisschen mehr
oder weniger, höher oder niedriger willen!« sagte sie zum Schluss und wischte
sich die letzte Tränenspur vom Gesicht. »Unser Herrgott hat sie geschaffen,
ohne Wehr und Waffen als ein friedliches Geschlecht; aber da schärfen sie sich
die Zunge zum Messer und schmieden sich selber eiserne Panzer um die Herzen, auf
dass nur ja niemals Friede sei auf Erden!«
    An der Schreibstube ging der Sturm heute noch ungehört vorüber. Der junge
»Gestrenge« sass hinter seinen Büchern und kalkulierte. Er liess sich nicht
träumen, dass er falsch rechne, dass mit nächstem ein Fingerchen an dieser
Schreibstube anpochen, und der kleine Verhasste aus dem Packhause Einlass, Sitz
und Stimme fordern werde - von Rechts wegen!
 
                                       28
Die Frau Amtsrätin hatte am andern Tage noch nicht ausgetrotzt. Sie war für
niemand sichtbar; nur das Stubenmädchen durfte bei ihr aus und ein gehen, und
als der Landrat mittags vom Amt zurückkam und um Zutritt bitten liess, da wurde
ihm der Bescheid, dass die Nerven der alten Dame noch allzusehr erschüttert
seien, sie bedürfe für einige Tage der ungestörtesten Ruhe. Er zuckte die
Achseln und machte keinen weiteren Versuch, in das selbstgewählte Exil seiner
Mutter einzudringen.
    Nachmittags kam er herunter in die Bel-Etage. Er hatte sein Pferd satteln
lassen und war im Begriff auszureiten.
    Margarete war allein in dem für den Grosspapa bestimmten Wohnzimmer und legte
eben die letzte Hand an die behagliche Einrichtung. Am Spätnachmittag sollte sie
im Glaswagen nach Dambach fahren, um am nächsten Morgen mit dem Patienten in die
Stadt zurückzukehren.
    Sie hatte Herbert heute schon gesprochen. Er war in aller Frühe im Packhause
gewesen und hatte ihr Morgengrüsse von dem kleinen Bruder und seinen Grosseltern
und die Beruhigung gebracht, dass die gestrige heftige Nervenerschütterung der
Kranken nicht im geringsten geschadet habe; sie gehe im Gegenteil ihrer völligen
Wiederherstellung mit raschen Schritten entgegen, wie er vom Arzt wisse.
    Nun kam er hier herein, um auch noch einmal Rundschau zu halten. Margarete
placierte eben ein schönes, altes, den Lamprechts gehöriges Schachbrett in der
Zimmerecke unter dem Pfeifenbrette. Er übersah von der Türe aus den äusserst
gemütlichen Raum.
    »Ah, wie das anheimelt!« rief er näherkommend. »Da wird unser Patient seine
einsame Pavillonstube nicht vermissen! Ich freue mich, dass wir ihn endlich hier
haben werden! Wir wollen ihn zusammen pflegen und für sein Behagen und
Wohlbefinden treulich sorgen - ist dir's recht, Margarete? Es soll ein schönes,
inniges Zusammenleben werden!«
    Sie hatte sich weggewendet und zog und ordnete an den verschobenen Falten
der nächsten Portiere. »Ich weiss mir nichts Lieberes, als mit dem Grosspapa
zusammen zu sein,« antwortete sie, ohne sich umzusehen. »Aber mein kleiner
Bruder hat jetzt auch Ansprüche an mich, und ob der Grosspapa sich an das Kind so
schnell gewöhnen wird, um es neben mir in seiner Nähe zu dulden, das steht doch
sehr in Frage. Ich muss dann meine Zeit zwischen ihnen teilen.«
    »Ganz recht,« gab er zu. »Und die Sache hat auch noch eine Seite, die
beleuchtet sein will. Nichts ist natürlicher, als dass sich die Jugend zur Jugend
gesellt; wir zwei alten Leute - mein guter Papa und ich - können mitin nicht
von dir verlangen, dass du dich für uns allein aufopferst. Aber - lasse mit dir
handeln - dann und wann ein Abendplauderstündchen, willst du?«
    Sie wandte sich mit einem schattenhaften Lächeln nach ihm um, und er griff
nach seinem hohen Hut, den er auf den Tisch gelegt hatte - sein nicht
zugeknöpfter Ueberzieher liess einen tadellos eleganten Gesellschaftsanzug sehen.
    Er bemerkte ihren befremdeten Blick. »Ja, es liegt heute noch vieles vor
mir,« sagte er erklärend. »Zunächst habe ich die Aufgabe, meinem Vater
Mitteilung von dem Umschwunge der Verhältnisse in eurer Familie zu machen, und
dann« - er zögerte einen Moment, dann fügte er um so rascher hinzu: »Du bist die
erste, die es erfährt, selbst meine Mutter weiss es noch nicht - dann gehe ich
nach dem Prinzenhofe zur Verlobung!«
    Sie wurde schneeweiss über das ganze Gesicht, und ihre Rechte hob sich
unwillkürlich nach dem Herzen. »Dann darf ich dir ja wohl jetzt schon Glück
wünschen,« stammelte sie tonlos.
    »Noch nicht, Margarete,« wehrte er ab, und auch in seinen Zügen malte sich
plötzlich eine tiefe innere Bewegung; aber er unterdrückte sie rasch. »Heute
abend, wenn ich nach Dambach komme, um von da nach der Stadt zurückzukehren,
sollst du Gelegenheit haben, den Onkel glücklich zu sehen.«
    Er winkte mit der Hand nach ihr zurück und ging eiligen Schrittes hinaus.
Bald darauf sah sie ihn über den Markt reiten.
    Sie blieb bewegungslos am Fenster stehen. Die krampfhaft verschränkten Hände
fest auf die Brust gedrückt, starrte sie in das Stück Himmel hinein, das sich,
heute durch einen schmutzig grauen Wolkendunst getrübt, über den weiten
Marktplatz spannte... Wohl durchkreiste das Blut in wilder Wallung ihre Adern,
und doch fühlte sie sich tödlich matt, als sei sie mit einem Streich zu Boden
gestreckt worden... Ja, dahin war sie gekommen! Vor wenigen Monaten noch war ihr
die Welt zu eng gewesen, himmelstürmend in Übermut, Jugendlust und
Freiheitsdrang hatte sie jede Fessel verlacht, und heute dominierte in dem
armseligen bisschen Gehirn ein einziger Gedanke, und ihre arme Seele wand sich
kläglich hilflos am Boden, zum Gaudium all derer, die gern am Boden kriechen,
die stolze Seelen hassen und verfolgen. Aber musste denn die Welt um die Wunden
wissen, die ihr in Kopf und Herzen brannten? Gingen nicht viele durchs Leben und
nahmen Geheimnisse mit ins Grab, um die kein Mitlebender gewusst hatte? - Und
dazu musste auch sie die Kraft finden. Sie musste lernen, ruhig in ein Paar Augen
zu blicken, welche die grösste Macht über sie hatten; sie musste es über sich
gewinnen, zuvorkommend mit einer schönen Frau zu verkehren, die sie
verabscheute, und in einem Heim aus und ein zu gehen, in welchem diese Frau als
Herrin, als ihre hochgeborene Tante schaltete und waltete.
    Später kam sie in die Wohnstube herunter und rüstete sich zur Fahrt nach
Dambach. Tante Sophie schalt, dass sie den Kaffee stehen lasse und den Kuchen
nicht anrühre, den die zerknirschte Bärbe heute morgen einzig und allein für sie
gebacken habe; allein das junge Mädchen hörte kaum, was sie sagte. Sie knüpfte
schweigend die Hutbänder unter dem Kinn; dann legte sie den Arm um Tante
Sophiens Hals - und da überkam sie eine plötzliche Schwäche, nämlich der tiefe,
sehnsüchtige Wunsch, hier, wie sonst in ihrer Kindheit, in jeglicher Bedrängnis
Zuflucht zu suchen und in das Ohr der Tante alles zu flüstern, was ihr Inneres
durchtobte - unter dem Zureden der treuen Pflegerin war sie ja stets ruhiger
geworden. Aber nein, das durfte nicht geschehen! Die Tante durfte nicht den
Jammer erleben, sie so unglücklich zu wissen!
    Und so schloss sie die Lippen fest aufeinander und bestieg den Wagen.
    Draussen, jenseits der Stadt, liess sie das Glasfenster herunter. Von Süden
her kam ein leichter Wind und wehte sie an mit jenem süssen Hauch, der das starre
Eis zu rinnenden Tränen zwingt, der die Schneelast von Baum und Strauch löst,
und ein wundersames Regen in allem weckt, was da lebt und webt, auch im
Menschenherzen - es war Tauwetter im Anzuge... Und weich wie die Luft lag auch
das erste Abenddämmern auf der Gegend; die harten, unvermittelten Töne der
winterlichen Tagesbeleuchtung erloschen zu einem einzigen milden Grau, aus
welchem bereits da und dort das Lampenlicht vereinzelter Dorfhäuser auftauchte.
Und dort zur Rechten flimmerte es, als liege eine Perlenkette in schwach
goldigem Glanze zu Füssen der alten Nussbäume - die ganze Fensterreihe des
Prinzenhofes war beleuchtet, die Verlobungskerzen brannten...
    Sie drückte sich tief in die Wagenecke, und erst als der Kutscher von der
Chaussee ab in den Fahrweg nach der Fabrik einlenkte, und der Prinzenhof im
Rücken liegen blieb, da sah sie auf, scheu und ungewiss, fast wie ein furchtsames
Kind, das sich zu vergewissern sucht, ob eine unheimliche Erscheinung auch in
der Tat verschwunden sei.
    Der Grosspapa empfing sie mit freudigem Zuruf, und bei dem Laute der lieben,
rauhen Stimme raffte sie sich auf und suchte möglichst unbefangen seinen Gruss zu
erwidern. Aber der alte Herr war heute auch ernster als sonst. Zwischen seinen
Brauen lag ein Zug finsteren Grolles. Er rauchte nicht, seine Lieblingspfeife
lehnte kalt in der Ecke, und nachdem die Enkelin Hut und Mantel abgelegt, nahm
er seine Wanderung durchs Zimmer, welche sie durch ihre Ankunft unterbrochen
hatte, wieder auf.
    »Ja gelt, wer hätte das gedacht, Maikäferchen?« rief er plötzlich vor ihr
stehen bleibend. »Ein Narr, ein vertrauensseliger Schwachkopf ist dein alter
Grossvater gewesen, dass er die Augen nicht besser aufgemacht hat! Nun kommt das
wie ein plötzlicher Hagelschauer aus blauem Himmel über einen her, und man steht
da wie in den April geschickt, und muss die Bescherung hinnehmen und Ja und Amen
dazu sagen, als wenn man's gar nicht anders erwartet hätte.«
    Sie schwieg und sah zu Boden.
    »Arme Kleine, wie verstört und elend du aussiehst!« sagte er, indem er die
Hand auf ihren Scheitel legte und ihr Gesicht der Lampe zuwendete. »Nun, ein
Wunder ist's nicht; Schwerenot noch einmal, das ist mehr als genug, um einen
alten Kerl wie mich ausser Rand und Band zu bringen! Und du verbeissest es und
trägst es still und tapfer! ... Herbert sagt, wie ein Mann, ein braver, mutiger
Kamerad habest du neben ihm gekämpft.«
    Sie wurde feuerrot und sah ihn an, als schrecke sie aus einem Traume empor.
Er sprach von den Entüllungen in ihrer Familie, während sie gemeint hatte, sein
Groll gelte Herberts Verlobung... Es stand schlimm um sie! So ausschliesslich
beherrschte sie der Gedanke an das, was zu dieser Stunde drüben im Prinzenhofe
vorging, dass alles andere daneben spurlos versunken war.
    »Aber, nun pass auf, Kind!« hob er wieder an. »In der Kürze wird man uns in
unserem guten Krähwinkel auf das Allerschönste zerzausen. Die Klatschbasen haben
vollauf zu tun, und es soll mich nur wundern, wenn sie nicht den Ausrufer auf
den Markt schicken und die pikante Geschichte, so da geschehen im Hause
Lamprecht, ausschellen lassen... Na, tut nichts! Um das Gerede in der Stadt
hab' ich mich mein Lebtag nicht gekümmert, und die Sache an sich wird ja wohl
auch zu ertragen sein; nur eines verwinde und verzeihe ich nicht - pfui Teufel,
über die Feigheit, die Grausamkeit, mit der ein Vater sein Kind verleugnet und
-«
    »Grosspapa!« unterbrach ihn Margarete flehentlich bittend und legte ihre Hand
auf seinen Mund.
    »Nun, nun,« brummte er und schob die kleinen kalten Finger von seinem
Schnauzbarte, »ich will still sein, um deinetwillen, Gretel. Ich will dir auch
das Leben nicht sauer machen mit ungewünschten Ratschlägen und zudringlichen
guten Lehren; denn du wirst selbst am besten wissen, dass ihr viel gutzumachen
habt an dem kleinen Burschen, der euch ins Haus gefallen ist, und auch an dem
armen Kerl, dem alten Lenz. Möcht' nur wissen, wie der's fertig gebracht hat,
nicht mit beiden Beinen hineinzuspringen in die Geschichte und von dem - na, von
deinem Vater, gleich zu Anfang das klare Recht für den Jungen zu fordern! Na ja,
ein Künstler, eine stille Mondscheinnatur; wie soll da der Ingrimm, die Empörung
hineinkommen!« -
    Die Frau Faktorin hatte einen schönen Abendtisch hergerichtet; aber
Margarete konnte nicht essen. Sie bediente den Grosspapa und sprach lebhaft
dabei, und nach Tische stopfte sie ihm eine Pfeife. Dann packte sie seine Bücher
in eine Kiste und trug alles herbei, was sich zur morgigen Fahrt nötig machte.
Sie lief treppauf, treppab, und da blieb sie plötzlich an einem Fenster der
unbeleuchteten Oberstube stehen und presste beide Hände gegen die Brust, in
welcher das Herz zu zerspringen drohte. Fast greifbar nahe blitzten dort die
hohen, lichtfunkelnden Fenster des Prinzenhofes durch das Nachtdunkel herüber,
und bei diesem Anblick brach der letzte Rest von Selbstbeherrschung, den sie mit
fast übermenschlicher Kraft dem Grosspapa gegenüber behauptet hatte, in ihr
zusammen.
    Mit einem Jammerlaut aus tiefster Brust warf sie sich auf das nahestehende
Sofa und wühlte das Gesicht in die Polster. Da zogen sie nun sieghaft an ihr
vorüber, die Bilder, denen sie hatte entrinnen wollen! Sie sah frohe, glückliche
Menschen in den blumendurchdufteten, strahlenden Räumen des kleinen Schlosses,
sah vor allem die Braut, die blonde Schönheit, die das Fürstenblut in ihren
Adern nicht geltend machte, die ihren stolzen Namen aufgehen liess in dem eines
bürgerlichen Beamten um ihrer Liebe willen. Und er daneben - sie sprang auf und
floh aus dem Zimmer.
    Drunten sass der Amtsrat in seiner Sofaecke hinter dem Tische. Er war
offenbar ruhiger geworden, denn er las die Zeitung und rauchte seine
frischgestopfte Pfeife.
    Margarete griff nach ihrem Mantel. »Ich muss einen Augenblick in die frische
Luft hinaus, Grosspapa!« rief sie von der Türe her dem Lesenden zu.
    »Geh du, Kind,« sagte er. »Wir haben Südwind, der löst die Spannung in der
Natur und ihren Kreaturen und macht vieles gut, was der Mosje Isegrimm vom
Nordpol her verbrochen hat.«
    Sie ging hinaus, an dem Teich vorüber, der, hartgefroren unter seiner
Schneedecke, kaum vom Wege zu unterscheiden war. In den Fabrikräumen brannte
längst kein Licht mehr - es war still im Hofe, und nur der grimme Kettenhund kam
aus seiner Hütte und schlug an, als die junge Dame das Tor passierte.
    Draussen über die Felder her sauste der Tauwind, der in der hereingebrochenen
Nacht allmählich zum Sturm anwuchs; er zerwühlte das unbedeckte Haar der
Dahinschreitenden, aber ihr Gesicht badete er gleichsam in weichen, feuchten,
schmeichelnden Wogen.
    Es war sehr dunkel; auch nicht das kleinste Sternenlicht blinzelte der Erde
zu; der Himmel hing voll schwerer, tiefgehender Wolken, die jedenfalls in dieser
Nacht noch als warmer Regen niederrieselten. Dann war allerdings die Spannung
gelöst, und es tropften wohltätige Tränen von Ast und Zweig und nahmen der
Mutter Erde den weissen Totenschleier vom Gesicht. Ja, wer sich ausweinen konnte!
Aber so mit trockenen, brennenden Augen in ein Leben voll unausgesprochener
Schmerzen hineinsehen zu müssen!
    Wo hinaus sie wollte? Immer dem Lichte nach, dem verderblichen Lichte, das
dem Nachtfalter die Flügel verbrennt und ihn tötet! Und wenn ihr dort aus den
Fenstern lodernde Flammen entgegengeschlagen wären, sie hätte den Fuss nicht
rückwärts zu wenden vermocht! Weiter, weiter, selbst in den Tod hinein, wenn es
sein musste!
    Sie lief mehr als sie ging den festgetretenen Weg entlang, der das Ackerland
durchschnitt. Noch knirschte der Schnee unter ihren Füssen; das war bisher der
einzige Laut gewesen, der die Nachtstille unterbrochen; aber nun, nachdem auch
die Chaussee überschritten war, und das weite Parterre des Prinzenhofgartens
sich vor ihr hinbreitete, trug ihr der Wind rauschende Akkorde zu - im Schloss
wurde Klavier gespielt. Da sass die Braut am Flügel - keine zarte heilige Cäcilie
mit durchgeistigtem Gesicht, weit eher eine Rubensgestalt von üppiger Fülle und
blühendstem Inkarnat - das volle Blondhaar glitzerte im Lichte der Kronleuchter,
und die schöngebogenen Finger glitten über die Tasten - aber nein, unter ihren
Fingern erbrauste das Instrument nicht in so erschütternd beseelter Weise,
Heloise von Taubeneck spielte stümperhaft und geistlos, wie sie neulich zur
Genüge gezeigt hatte! - Aber wer es auch sein mochte, der da spielte, er hatte
teil an der Feier, die man heute beging - ein wahrer Sturm von Jubel und
Begeisterung brauste durch den Vortrag.
    Vor der Nordfront des Schlösschens breitete sich ein mächtiger Lichtschein
hin. Der weite, im Sommer von buntfarbigen Blumengruppen unterbrochene
Rasengrund lag fleckenlos weiss, ein einziges glitzerndes Schneefeld, hinter dem
Rankrosenspalier, das ihn von dem dicht an die Hausmauern stossenden Kiesplatz
schied. Dieser Platz war ziemlich von Schnee gesäubert, nur eine dünne,
festgetretene Schicht lag auf den Kieseln.
    Margarete war bis hierher gekommen, ohne irgendwie durch Menschennähe
erschreckt zu werden. Nun mässigte sie ihren Laufschritt und ging unter den
Fenstern hin. Was sie hier wollte? Sie wusste es selbst kaum - eine
geheimnisvolle, furchtbare Gewalt trieb sie wie der Sturm in den Lüften vor sich
her; sie musste laufen und sehen und wusste doch, dass gerade der Anblick der
Glücklichen ihr wie Dolchstiche das Herz zerfleischen musste.
    In dem Salon, wo der Flügel stand, waren die weissen Rollvorhänge
herabgelassen; kein Schatten einer menschlichen Gestalt bewegte sich hinter dem
transparenten Gewebe, man lauschte, wie es schien, regungslos dem meisterlichen
Spiele. Dagegen waren die drei Fenster des anstossenden Zimmers, in dessen Nähe
das junge Mädchen stehen geblieben war, nicht verhüllt. Das Licht des
Kronleuchters floss in grellem Glanze durch die Scheiben und auf die
Fürstenbilder, die im Hintergrunde des Zimmers von der Wand herabsahn. Das war
der Speisesaal; hier hatte das Verlobungsdiner stattgefunden; zwei Lakaien waren
beschäftigt, die Tafel abzuräumen; sie hielten die angebrochenen Flaschen gegen
das Licht und tranken die Reste aus den Weingläsern.
    Die Schlussakkorde des Musikstückes waren längst verhallt, und noch stand
Margarete neben einer der niederen Kugelakazien, welche da und dort das
Rankrosenspalier unterbrachen. Der Wind warf ihr das Haar von Stirn und Schläfen
zurück und stäubte die gelockerten Schneereste von dem dürren Gezweig des
Bäumchens über sie her. Sie fühlte es nicht. Ihr Herz hämmerte in der Brust,
mühsam rang sie nach Atem, während ihre heissen Augen unablässig über alle
unverhüllten Fenster irrten - einmal mussten sich die Glücklichen doch zeigen. O,
der Törin, die in Wind und Wetter harrte und aushielt, um einen tödlichen
Streich zu empfangen! - Da wurde plötzlich eine Türe, ziemlich am Ende der
Hausfront, geöffnet. Aus einem schwach beleuchteten Entree trat ein Mann und
stieg die niedere Freitreppe herab, während die Türe hinter ihm wieder
geschlossen wurde.
    Einen Augenblick stand die Lauscherin wie gelähmt vor Schrecken. Das
Rosenspalier hinderte sie, über den Rasengrund in die Dunkelheit des freien
Feldes hinaus zu flüchten, und vor ihr lag der lange, fast tageshell beleuchtete
Kiesplatz. Aber da gab es kein Besinnen, gesehen wurde sie, und nur ihre flinken
Füsse konnten sie vor einer unausbleiblichen Demütigung retten. So floh sie wie
gejagt den Kiesplatz entlang und über die Auffahrt vor dem westlichen Portal des
Schlösschens hinaus ins Freie.
    Hier packte sie der Wind; er trieb sie vor sich her wie eine Schneeflocke
und erleichterte ihr die Flucht; allein weder er, noch ihr eigenes Dahinfliegen
konnten ihr helfen - die Männerschritte, die sie verfolgten, kamen näher und
näher. Der Weg war glatt und schlüpfrig geworden, sie glitt plötzlich aus und
sank auf ein Knie nieder - in diesem Moment eines namenlosen Entsetzens umfasste
sie ein kräftiger Arm und hob sie empor.
    »Spottdrossel, hab' ich dich?« rief Herbert und schlang auch den anderen Arm
um das atemlose, an allen Gliedern bebende Mädchen. »Nun sieh, wie du wieder
frei wirst! Mit meinem Willen niemals! Der Spottvogel, der mir unbesonnen ins
Garn geflogen ist, gehört mir von Gott und Rechts wegen! Bist du's wirklich,
Margarete? - Ah, sie ist gekommen in Sturm und Regen!« recitierte er und
verhaltener Jubel durchbebte seine Stimme.
    Sie strebte vergebens, sich loszuwinden, er umschloss sie desto fester. »O
Gott, ich wollte -«
    »Ich weiss, was du wolltest,« unterbrach er die fast weinend hervorgestossenen
Worte. »Du wolltest die erste sein, die dem Onkel gratulierte! Deshalb bist du
durch Sturm und Wetter über weite, öde Felder gelaufen, hast vor lauter Eifer
vergessen, eine warme Hülle über deinen Tollkopf zu werfen, und bei alledem hast
du dich rettungslos verflogen und wirst obendrein deine Glückwünsche nicht los
werden, es sei denn, dass wir umkehrten und dem Prinzen Albert von X und seiner
Braut unsere Aufwartung machten. Aber du wirst einsehen, dass dein windzerzauster
Lockenkopf in diesem Augenblick nicht gerade salonfähig ist.«
    Jetzt hatte sie sich losgerissen. »Dein Glück macht dich übermütig!« stiess
sie in schmerzlichem Zorn hervor. »Das ist ein grausamer Scherz!«
    »Ruhig, Margarete!« mahnte er mit sanftem Ernst, indem er sie wieder an sich
zog und ihre widerstrebende Hand fest in seine Linke nahm. »Ich scherze nicht.
Fräulein von Taubeneck ist nach längerem Hoffen und Harren endlich mit hoher
landesherrlicher Bewilligung die Braut des Prinzen von X geworden; und jetzt
darf es ja ausgesprochen werden, dass ich in dieser Angelegenheit der Vermittler
gewesen bin. Die rote Kamelie, mit welcher ich neulich dekoriert wurde, war ein
Dankesausdruck für meine sieggekrönten Bemühungen... Darin also hast du schwer
geirrt. Dagegen muss ich dir nach einer anderen Seite hin recht geben. Ich bin
wirklich übermütig! Ich triumphiere! Ist mir nicht mein Glück von selbst in die
Arme gelaufen? Ja, bist du nicht gekommen in Sturm und Regen, getrieben von
böser Eifersucht, die ich längst in deinem Herzen gelesen habe? Denn du bist und
bleibst die Grete, deren gerades, offenes Wesen keine Weltpolitur hat schädigen
können. Nun leugne noch, wenn du kannst, dass du mich liebst -«
    »Ich leugne nicht, Herbert!«
    »Gott sei Dank, er ist begraben, der alte Onkel! Und du bist fortan nicht
meine Nichte, sondern -«
    »Deine Grete -« sagte sie mit schwacher Stimme, von dem jähen Wechsel
zwischen Glück und Leid völlig überwältigt.
    »Meine Grete, meine Braut!« ergänzte er mit siegerhaftem Nachdruck. »Nun
wirst du auch wissen, weshalb ich es abgelehnt habe, dein Vormund zu werden.«
    Er hatte sich längst so gestellt, dass er sie mit seiner hohen Gestalt vor
dem brausenden Winde schützte; nun bog er sich nieder und küsste sie innig; dann
nahm er den Seidenshawl von seinem Halse und band ihn sorglich über ihr
unbedecktes Haar.
    Nunmehr schritten sie in raschem Tempo der Fabrik zu; und dabei erzählte er
der Aufhorchenden, dass er von der Universitätszeit her mit dem jungen Fürsten
von X befreundet sei. Derselbe habe ihn gern und gebe viel auf sein Urteil. Vor
einem halben Jahre nun habe der jüngere Bruder des Fürsten die schöne Heloise am
Hofe ihres Onkels kennen gelernt und eine tiefe Neigung für sie gefasst. Diese
Neigung sei auch von ihrer Seite erwidert worden, und ihr Onkel, der Herzog,
habe dieselbe begünstigt. Dagegen sei der fürstliche Bruder ein entschiedener
Gegner der Verbindung gewesen, auf Grund der illegitimen Geburt der jungen Dame.
Der Herzog habe schliesslich ihn, Herbert, in das Geheimnis gezogen und die
Vermittelung in seine Hand gelegt, und dass dieselbe zum glücklichen Ziele
geführt, beweise die heutige Feier im Prinzenhofe.
    »Hast du das wundervolle Klavierspiel gehört?« fragte er zum Schluss.
    Sie bejahte.
    »Nun, das war er, der Bräutigam, der sein Glück in alle Lüfte
hinausjubelte... Morgen wird unsere gute Stadt auf dem Kopfe stehen vor
Erstaunen über das Ereignis. An beiden Höfen ist das strengste Stillschweigen
beobachtet worden, und dass ich das Geheimnis ebenso streng behütet habe,
versteht sich von selbst. Nur mein guter Papa hat darum gewusst. Ich hätte es
nicht ertragen, wenn er auch nur stutzig geworden wäre gegenüber dem allgemein
kolportierten, albernen Märchen von meiner Bewerbung um Fräulein von Taubenecks
Hand! ... Aber mit dir habe ich nun noch eine Rechnung abzumachen. Du hast mich
für einen Erzbösewicht verschrieen, hast mir die schnödesten Bitterkeiten gesagt
über mein Buhlen um Fürstengunst; einer jener gewissenlosen Streber sollte ich
sein, die, über das Lebensglück anderer hinweg, die höchste Spitze des
Kletterbaumes zu erreichen suchen, gleichviel, ob sie für eine hohe,
verantwortliche Stellung befähigt sind oder nicht, und was dergleichen schöne
Dinge mehr sind - was hast du darauf zu sagen?«
    »O, sehr viel!« antwortete sie, und wenn es nicht tiefdunkle Nacht gewesen
wäre, so hätte er sehen müssen, wie das liebliche, schalkhafte Lächeln, das ihn
beim ersten Wiedersehen an der »übermütigen Grete« überrascht und entzückt
hatte, ihr Gesicht belebte. »Wer hat mich geflissentlich in dem Glauben
bestärkt, dass der Landrat Marschall um die Nichte des Herzogs freie? Du selbst.
Wer hat das schlimme Feuer der Eifersucht in einem armen Mädchenherzen entfacht
und böswillig zur hellen Flamme angeblasen? Du, nur du! Und wenn ich anfänglich
nicht glauben konnte, dass du Liebe, wahre, tiefe Liebe für die schöne, aber
erschrecklich indifferente Heloise fühltest, so geschah das aus Respekt vor
deiner geistigen Ueberlegenheit, und ich musste, wie die böse Welt auch, zu dem
Schluss kommen, dass die weissen Hände der herzoglichen Nichte erkoren seien, dich
auf die höchste Staffel des Kletterbaumes, den Ministerposten, zu heben...
Abbitten werde ich nicht mehr - wir sind quitt! Du hast selbst glänzend Revanche
genommen. Denke nur an das arme Mädchen, das du der Nacht und Nebel zu einem
Gang nach Canossa getrieben hast!«
    Er lachte leise in sich hinein. »Das konnte ich dir nicht ersparen - ich
habe ja selbst dabei gelitten. Aber es war doch schön, zu beobachten, wie du mir
Schritt um Schritt näher kamst! Nun aber genug des Kampfes! Friede, seliger
Friede sei zwischen uns!« Er schlang seinen Arm um ihre Schultern, und nun ging
es in wahrem Sturmschritt fürbass.
 
                                       29
Am anderen Morgen war es, als sei die gute Stadt B. durch plötzlichen
kriegerischen Trommelwirbel aus dem gewohnten Geleise des Werkeltages
aufgeschreckt worden. Das Gerücht von der Verlobung im Prinzenhofe lief von Mund
zu Mund, und dass keine Menschenseele auch nur »eine blasse Ahnung« davon gehabt
hatte, ja, dass selbst die Damenkränzchen mit ihrem unbestrittenen Monopol für
Spürsinn und Kombinationen so stockblind gewesen waren, das machte allerdings
die Leute nahezu auf dem Kopfe stehen.
    Durch das Stubenmädchen kam auch die alarmierende Nachricht brühwarm in das
Schlafzimmer der Frau Amtsrätin. »Unsinn!« rief die alte Dame verächtlich, fuhr
aber doch mit beiden Füssen aus dem Bette und stand nach wenigen Minuten im
Schlafrock und Nachtäubchen vor ihrem Sohne.
    »Was ist das für ein fabelhaft dummes Gerede über Heloise und den Prinzen
von X, das die Bäckerjungen und Metzgerfrauen von Haus zu Haus tragen?« fragte
sie, das Türschloss in der Hand.
    Er sprang auf von seinem Schreibstuhl und bot ihr die Hand, um sie tiefer
ins Zimmer zu führen; aber sie wies ihn zurück. »Lasse das!« sagte sie hart.
»Ich habe nicht die Absicht, hier zu bleiben. Ich will nur wissen, wie es
möglich ist, dass ein solch grundloses Gerücht entstehen konnte.«
    Er zögerte einen Moment. Sie tat ihm leid, dass sie diesen bitteren Kelch
leeren musste, wenn sie auch selbst die Schuld trug; aber nun sagte er ruhig:
»Liebe Mama, die Leute reden die Wahrheit, Fräulein von Taubeneck hat sich
allerdings gestern mit dem Prinzen von X verlobt.«
    Das Türschloss entglitt ihrer Hand - sie fiel fast um. »Wahr?« stammelte sie
und griff nach ihrer Stirn, als zweifle sie an ihrem eigenen Verstande.
»Wirklich wahr?« wiederholte sie und sah ihren Sohn mit funkelnden Augen an;
dann brach sie in ein hysterisches Gelächter aus und schlug die Hände zusammen.
»Da hast du dich ja schön an der Nase herumführen lassen!«
    Er blieb vollkommen gelassen. »Ich bin nicht geführt worden, wohl aber habe
ich das Brautpaar zusammengeführt,« entgegnete er ohne die mindeste Gereizteit
und knüpfte daran mit wenig Worten die Mitteilung des Sachverhaltes.
    Sie hatte ihm, während er sprach, immer mehr den Rücken gewendet und nagte
erbittert an der Unterlippe. »Und das alles erfahre ich jetzt erst?« fragte sie,
nachdem er geendet, mit zuckenden Lippen über die Schulter zurück.
    »Kannst du von deinem Sohne wünschen, dass er ein ihm anvertrautes Geheimnis
vor Damenohren laut werden lässt? Ich habe nach Möglichkeit gegen deinen Irrtum
angekämpft; ich habe dir oft genug erklärt, dass mir Fräulein von Taubeneck
vollkommen gleichgültig sei, dass es mir nicht einfiele, mich je ohne Liebe zu
binden. Du hast für alle diese Versicherungen stets nur ein geheimnisvolles
Lächeln und Achselzucken gehabt -«
    »Weil ich sah, wie dich Heloise mit ihren Blicken verfolgte und -«
    Er errötete wie ein Mädchen. »Und ist das nicht einseitig gewesen? Kannst du
dasselbe von mir behaupten? Fräulein von Taubeneck ist sich ihrer Schönheit
bewusst und kokettiert mit allen. Solche Blicke sind wohlfeil - mir machen sie
nicht den geringsten Eindruck. Du aber solltest doch wissen, dass das ein
leichter amüsanter Tauschhandel ist, den die meisten für erlaubt und durchaus
nicht für verpflichtend halten. Fräulein von Taubeneck wird trotz alledem eine
brave Frau werden - dafür bürgt schon ihre grosse Gemütsruhe.«
    Die Türe fiel wieder zu, und die alte Dame verschwand mit blassem,
verstörtem Gesicht abermals in ihrem Schlafzimmer. Aber eine Stunde später eilte
das Stubenmädchen zur Schneiderin und in die Putzhandlung, und der Hausknecht
rumorte auf dem Boden und schleppte verschiedene Koffer und Köfferchen die
Treppe hinab - die Frau Amtsrätin wollte nach Berlin zu ihrer Schwester reisen.
    Und als gegen Mittag der Amtsrat seinen Einzug hielt und am Arme seines
Sohnes die Treppe im Lamprechtshause hinaufstieg, da kam just seine Frau im
Pelzmantel und Schleierhut von oben herab, um in der Stadt Abschiedsbesuche zu
machen. Sie sprach überall von ihrem längstgehegten, sehnsüchtigen Wunsche, doch
auch wieder einmal eine gute Oper und Konzerte zu hören, der sie nunmehr
unwiderstehlich nach Berlin locke. Das Ereignis im Prinzenhofe wurde nur
nebenbei berührt, und lächelnd als etwas längst Gewusstes behandelt, über das
sich selbstverständlich jedes loyale Herz innig freuen müsse; der Allerintimsten
aber flüsterte sie ins Ohr, dass sie den anfänglichen Widerstand des Fürsten von
X sehr wohl begreife - es sei nicht jedermanns Sache, die Tochter einer
ehemaligen Ballerina in seine Familie aufzunehmen.
    Mit ihrer Abreise wurde es für einige Tage still und friedlich im alten
Kaufmannshause; aber dann kam noch ein Sturm, der allen Bewohnern das Herz
erbeben machte. Reinhold musste endlich die Umwandlung der Familienverhältnisse
erfahren. Der alte Amtsrat und Herbert waren möglichst vorsichtig zu Werke
gegangen; allein die Entüllungen hatten trotz alledem die Wirkung einer
zerspringenden Bombe gehabt. Reinhold geriet in eine furchtbare Aufregung. Er
schrie und tobte und erging sich in den heftigsten Anklagen gegen seinen
verstorbenen Vater. Sein leidenschaftlicher Protest half ihm freilich nichts, er
musste sich schliesslich fügen. Aber von da an zog er sich noch mehr als früher
zurück von der Familie - er ass sogar allein auf seinem Zimmer, aus Furcht, dass
er dem kleinen Bruder einmal in der Wohnstube begegnen könne; denn mit »dem
Burschen« wolle er nie und nimmer etwas zu schaffen haben, und wenn er hundert
Jahre alt werden solle, wiederholte er immer wieder.
    Für diesen Ausspruch hatte der alte Hausarzt immer nur ein melancholisches
Lächeln - er wusste am besten, wie es um die Altersaussichten seines Patienten
stand. Er forderte deshalb möglichste Nachgiebigkeit und Schonung von seiten der
Verwandten für den Kranken, und das geschah bereitwilligst. Der kleine Max
kreuzte seinen Weg nie. Die Türe nach dem Packhause war nicht zugemauert
worden; auf diesem Wege wurde der lebhafte Verkehr zwischen dem Vorder- und
Hinterhause vermittelt... Der Amtsrat hatte den prächtigen Knaben an sein Herz
genommen, als sei er auch ein Kind seiner verstorbenen Tochter, und Herbert war
sein Vormund geworden.
    In Stadt und Land machte, wie vorausgesehen, das geoffenbarte Geheimnis des
Lamprechtshauses grosses Aufsehen; es blieb lange Tagesgespräch, und in den
Klubs, den Damenkränzchen und auf den Bierbänken wurde für und wider debattiert
- die Lamprechts wurden in der Tat »auf das Allerschönste zerzaust«. Dieser
Widerstreit blieb jedoch ohne jedwede Einwirkung auf das jetzige friedvolle
Zusammenleben in Grosspapas Zimmer, dem roten Salon. Man kam da täglich zusammen,
ein enger Kreis von Menschen, die innige Liebe und Zuneigung verband. Und auf
dieses Bild der Eintracht zwischen alt und jung sah »die Frau mit den
Karfunkelsteinen« lächelnd und augenstrahlend herab.
    »Die Schönheit der Frau da oben ist so dämonisch und packend, dass man sich
vor ihr fürchten könnte,« sagte Frau Lenz eines Abends erblassend zu Tante
Sophie, die neben ihr auf dem Sopha sass und Margaretens Namenschiffre in eine
Ausstattungsserviette stickte. Eine Lampe stand auf der Kommode unter dem Bilde,
und aus dem Lichtstrom tauchte das junge Weib so lebenatmend empor, als werde es
im nächsten Augenblick die Lippen öffnen, um auch ein Wort in die Unterhaltung
zu werfen.
    »Dieser verderbliche Zauber muss sich meiner armen Blanka förmlich an die
Fersen geheftet haben, als sie von hier wieder in die Welt hinausgegangen ist,«
setzte die alte Frau mit gepresster Stimme hinzu. »Sie hat sich am liebsten mit
den Steinen geschmückt, die dort in den dunklen Haaren stecken, und in ihren
letzten Fieberträumen hat sie mit der schönen Dore gerungen, die - sie mitnehmen
wolle.«
    Der Landrat stand auf und rückte die Lampe fort, so dass die Gestalt wieder
ins Halbdunkel zurücktrat. »Ich habe die Rubinsterne heute in den Händen gehabt
und sie weggeschlossen... In dein Haar werden sie nie kommen!« sagte er zu
Margarete.
    Sie lächelte. »Denkst du wie Bärbe?«
    »Das nicht - aber an den Neid der Götter muss ich denken. Und so mag das
unheimliche rote Gefunkel für künftig in Frieden ruhen!«
    Bärbe aber sagte fast zu derselben Stunde drunten in der Küche zu den
anderen: »Der Weg, den unser Junge jetzt alle Tage durch den Gang machen muss,
will mir aber nicht gefallen. Die mit den Karfunkelsteinen hat ihr Kindchen mit
in die Erde nehmen müssen, und da ist nun so ein schöner strammer Stammhalter
dageblieben, und das macht boshaftig.«
    »Jetzt müssen Sie sich aber die Zunge abbeissen, Bärbe!« sagte der
Hausknecht. »Sie haben ja von dem Unwesen in Ihrem ganzen Leben nicht wieder
sprechen wollen.«
    »Ach was, einmal ist keinmal! Am besten wär's, der Gang würde vermauert;
denn wer kann's wissen, ob nicht jetzt gar auch noch der schöne Flachskopf neben
der Schwarzhaarigen umgehen tut?« ...
    Der Glaube an dunkle Mächte wird nicht sterben, solange das schwache
Menschenherz liebt, hofft und fürchtet!
 
    