
        
                                Teodor Fontane
                                  Graf Petöfy
                                     Roman
                                  Erstes Kapitel
In einer der Querstrassen, die vom »Graben« her auf den Josephsplatz und die
Augustinerstrasse zuführen, stand das in den Prinz-Eugen-Tagen erbaute Stadtaus
der Grafen von Petöfy mit seinem Doppeldach und seinen zwei vorspringenden
Flügeln. Ein altmodisches Hochparterre, dazwischen ein Hof und ein etwas
vernachlässigtes, den ganzen Bau nach vornhin abschliessendes Eisengitter. Ging
man an einem dunklen Tage hart an diesem Eisengitter vorüber und sah durch seine
rostigen Stäbe hin auf den mit Kies bestreuten Vorhof, so gewann man den
Eindruck, dass hier alles längst tot und ausgestorben sei; trat man aber
umgekehrt auf das Trottoir der andern Strassenseite hinüber, so bemerkte man an
allerlei kleinen Zeichen und nicht zum wenigsten an einem gedämpften
Lichtschimmer, der abends durch die nicht ganz zugezogenen Gardinen fiel, dass,
wenn nicht der ganze Bau, so doch die zwei vorspringenden Flügel desselben
bewohnt sein mussten.
    Und so war es auch.
    Die beiden letzten Petöfys, Graf Adam und seine Schwester Judit, eine seit
vielen Jahren verwitwete Gräfin von Gundolskirchen, bewohnten das Palais in
getrennter Wirtschaftsführung und benutzten in Gemeinschaftlichkeit nur die dem
Corps de logis angehörigen Repräsentationsräume.
    Die »Gesellschaft«, die sich in diesen Räumen zu versammeln pflegte, war, je
nachdem der Bruder oder die Schwester »invitiert« hatte, von sehr verschiedenem
Gepräge.
    Beide Geschwister gefielen sich nämlich in einem ausgesprochenen
Protegieren, aber während die Protektion des Grafen der Kunst galt, galt die der
Gräfin der Kirche, weshalb es weder ausbleiben noch überraschen konnte, dass sich
in denselben Empfangsräumen eine sehr verschiedene Gesellschaftselite: die
Wolter und der Kardinal von Schwarzenberg, abwechselnd bewegte. Nur selten, dass
man eine Vereinigung beider Elemente wagte.
    Graf und Gräfin waren jeder zu seinem Teil ebenso voll Hingebung wie voll
Wohlwollen, und doch hätt es keiner allzu scharfen Beobachtung bedurft, um
wahrzunehmen, dass die Protektion, in der sie sich ergingen, etwas von einer
noblen Passion an sich trug. Sie fühlten eine gewisse Leere, wollten sie
standesmässig ausfüllen und trafen darnach unter dem, was ihnen zur Hand war,
ihre Wahl.
    Aber dieser Entstehung ihrer Passion waren sich beide seit lange nicht mehr
bewusst und standen vielmehr in Aufrichtigkeit und gutem Glauben jeder an seinem
Platz.
 
                                Zweites Kapitel
Es war Ende Januar, einer jener unfreundlichen Tage, wo der Himmel nicht weiss,
ob er nebeln oder nieseln soll. Grau zogen die Wolken über die Dächer hin, und
die stille Strasse, darin das Petöfysche Palais gelegen war, war noch stiller als
gewöhnlich. Aber vor dem Palais selber herrschte Leben, und nicht nur Azaleen,
Rhododendren und andere hohe Topfgewächse, sondern auch allerlei Kästen und
Futterale mit Musikinstrumenten und endlich Körbe, darin kunstvoll aufgetürmtes
Gebäck die schrägstehenden Deckel wie zur Seite geschoben hatte, wurden
abgeladen.
    Kein Zweifel, der alte Graf gab heute sein Winterfest.
    Inzwischen war die zwölfte Stunde herangekommen, das Gewölk zog ab, der
Himmel begann zu blauen, und als angesichts dieser erfreulichen Zeichen ein in
der Nähe wohnender Taubenzüchter ein Volk Tauben in die Luft steigen liess, um
den bevorstehenden Wetterumschlag aller Welt zu verkünden, fuhr vor dem
Petöfyschen Palais ein elegantes Cabriolet vor.
    In dem Hause gegenüber aber, in dessen erstem Stock ein grosses Putz- und
Konfektionsgeschäft war, erschienen sofort drei, vier Mädchenköpfe, junge
Demoiselles, am Fenster und sahen neugierig auf den jungen Offizier, der eben
die Zügel in die Hand seines Dieners legte.
    »Ah, der Herr Neffe, Graf Egon!« rief eines der jungen Mädchen. »Und wie ihm
der Attila sitzt! Ein Husar ist doch das Schönste.«
    Niemand widersprach, entweder, weil man derselben Ansicht war, oder
vielleicht auch, weil die Sprecherin ein für allemal als Autorität in derlei
Dingen einschliesslich aller Angelegenheiten des Hauses Petöfy galt; der junge
Kavalier aber, der zu dieser Bemerkung über die Vorzüge von Husarentum und
Attila Veranlassung gegeben hatte, wandte sich seinerseits vom Gitter her rasch
auf das Portal zu, vor dessen Eingang ein pechschwarzer Walache stand, ein Ideal
von einem Türhüter, gross und dick und mit zwei Schnurrbärten, von denen der
eine, der kleinere, wie ein Dachreiter auf dem andern sass.
    »Noch zu Haus?« fragte der als Graf Egon und Neffe des Hauses bezeichnete
junge Offizier und stieg, als der Walache gravitätisch sein »Ja« genickt hatte,
die breite, nur wenig Stufen zählende Marmortreppe hinauf.
    Ein langer Korridor lief auf das Frontzimmer zu, das von Graf Adam bewohnt
wurde. Niemand erschien, um zu melden, auch Andras nicht, der erst
sechzehnjährige Groom und Liebling, der seit kurzem an des erkrankten
Kammerdieners Stelle den persönlichen Dienst beim Grafen hatte. So trat der
Neffe denn unangemeldet ein, streckte sich ohne weiteres, den Oheim bei der
Toilette vermutend, in einen Schaukelstuhl und musterte das Zimmer, das er von
langher kannte, doch so genau zu betrachten nie zuvor Gelegenheit gehabt hatte.
Der Charakter seines Bewohners sprach sich in allem aus und verriet gleichmässig
den Militär wie den Junggesellen und Teaterhabitué. Vor dem Fenster stand ein
beinahe mannshohes Bauer mit einem Kakadu darin, während im übrigen alle Wände
mit einer ganzen Galerie von Bühnengrössen, unter denen die Rachel den Ehrenplatz
einnahm, überdeckt waren. Ebenso lagen Albums umher, auf deren einem in grosser
Golddruckaufschrift »Collection of beauties« zu lesen war.
    Egon begann eben darin zu blättern, als er den kleinen, staffeleiartigen,
immer das Neueste tragenden Ständer eines aquarellierten Blattes gewahr wurde.
Neugierig trat er heran und sah nun, dass es die Wolter als Messaline war in
jenem verführerischen Moment, wo sie den Sohn des Paetus auf einem Blumenlager
empfängt.
    Egon war noch in Bewunderung vertieft, als der alte Graf eintrat und den
Neffen in einem eleganten Visitenanzuge, den er augenscheinlich eben erst
angelegt hatte, begrüsste.
    »Nun, Egon, zufrieden mit dem Bilde?«
    »Süperb!«
    »Mein ich auch. Makart hat sich hier selbst übertroffen. Ich ziehe diese
Skizze seinen grösseren Bildern vor. Überhaupt in dem, was Künstler Ausführung
nennen, geht soviel von der Hauptsache verloren. Was der Moment schafft, ist
immer das Beste. Byron hatte ganz recht, sich mit einem Tiger zu vergleichen,
der alles gleich im ersten Sprunge packen müsse. Gleich oder gar nicht. So liegt
es.«
    »Die Fachleute denken meist anders darüber«, entgegnete der Neffe, der die
Vorliebe des Oheims für Kunstgespräche kannte. »Hört man sie, so sollte man
glauben, skizzieren könne jeder und Ideen haben sei so ziemlich das Trivialste
von der Welt. Aber lassen wir das. Ich komme, nach deinen Befehlen zu fragen. Es
wird heute getanzt werden. Für den Fall, dass du noch Aufträge hast, steh ich mit
meiner ganzen Zeit zu Diensten. Ich habe mich beurlaubt und bitte dich, über
mich zu verfügen.«
    »Obligiert, Egon. Aber es ist alles im Gange, die Cotillonüberraschungen mit
eingeschlossen, und das eine, was noch fehlt, muss ich selber beschaffen, oder
sag ich lieber, in Ordnung bringen. Eben deshalb siehst du mich bereits
gestiefelt und gespornt. Es handelt sich um die reizende Franz, die heute,
Pardon, wenn ich etwas übertreibe, die Königin unseres Festes sein soll.«
    »Sagen wir die Nouveauté.«
    »Gut, auch das. Nouveauté: nicht übel. Und um diese Nouveauté soll ich
kommen, weil es der unbedeutenden kleinen Stiglmayr, die geradeso hausbacken ist
wie ihr Name, beliebt hat, sich einen Katarrh anzuschaffen oder eine Migräne.
Nun soll die Franz statt ihrer spielen. Lies. Es ist zum Rasendwerden. Du siehst
mich auf dem Wege zu ihr. Es wird sich doch unter den zwanzig jungen und alten
Damen irgendeine Vertretung finden lassen, ohne gerade die Franz für diese Rolle
heranzuziehen. Wirklich, so mal à propos wie möglich! Denn gerade heute hatt ich
vor, sie deiner Tante Judit vorzustellen, woran mir, offen gestanden, liegt.
Den Rest überlass ich schliesslich der Franz selbst, ihrer Klugheit und ihrer
Anmut.«
    »Anmut?«
    »Ja; so sagt ich. Überrascht dich das Wort?«
    »Einigermassen. Um anmutig zu sein, ist sie nicht mehr jung genug. Es gibt
eine Frauenanmut von vierzig, aber keine Mädchenanmut von sechsundzwanzig.«
    »Du gehst höher hinauf, als die Galanterie gestattet, oder meinetwegen auch
weiter zurück.«
    »Und ich meinerseits fürchte nur, dass das Kirchenbuch noch weiter
zurückgeht.«
    »Oh, nichts davon. Es gibt nichts Gröblicheres als Kirchenbücher. Aber alt
oder jung, ich habe sie gern und mag sie für mein Fest nicht entbehren, am
wenigsten heut. Scheitert alles, so muss sie noch nach der Vorstellung
erscheinen. Das dumme Ding von Lustspiel, das gegeben wird, kann doch höchstens
vier Akte haben, vielleicht nur drei: gegen neun ist alles aus, und das Fräulein
hat noch vollauf Zeit zur Toilette.«
    »Wird aber angegriffen sein.«
    »Um desto besser. Ich habe das beobachtet. Unsere Teaterdamen sind nie
reizender als unmittelbar nach dem Spiel. Sie haben dann noch etwas von dem
künstlerischen Hochflug und sind doch zugleich leise fatigiert von der
Anstrengung. Dieser Kampf ist entzückend. Un peu languissant. Aber wem sag ich
das?«
    Egon wollte sich mit Rücksicht auf die Visite, die der Oheim noch vorhatte,
von seinem Platz erheben, der alte Graf aber hielt ihn zurück und sagte:
    »Noch ein Wort, ehe ich dich fortlasse. Du kennst Tante Judit besser als
ich - Geschwister kennen sich eigentlich überhaupt nicht -, wogegen du des
Vorzugs geniessest, nur ihr Neffe zu sein, und so sage mir denn, glaubst du, dass
wir der Tante die Franz plausibel machen, oder mit anderen Worten, dass ich ihr
zumuten darf, sie bei nächster Gelegenheit in ihren petit cercle zu ziehen?
Haben wir Chancen oder nicht? Judit ist im ganzen genommen ohne
Standesvorurteile, was ich gerecht genug bin ihr als eine der wenigen Segnungen
ihrer strengen Kirchlichkeit in Rechnung zu stellen. Jedenfalls bin ich mitunter
überrascht, sie so zu sehen, wie sie ist. Aber eine Schauspielerin! Und nun gar
noch eine solche! Ja, wenn es eine Tragödin wäre, Volumnia oder Arria oder
mindestens die alte Galotti. Das Fach der Heldenmütter ist, wenn nicht geradezu
sakrosankt, so doch immer mehr oder weniger zulässig, eine
Respektabilitätsflagge, die das Fahrzeug deckt. Aber Liebhaberin, Soubrette!
Soubrette, die reine Piratenflagge!«
    »Doch wen soll sie rauben?«
    »Vielleicht mich«, lachte der Oheim und fuhr dann fort: »Es gibt keine
Torheit, deren sie mich nicht für fähig hält. Sie würde schliesslich jede
verzeihen, aber die tollste hält sie für möglich. Sie sieht in mir einen ewigen
Jüngling und beweist mir, dass mein Leben eine Kette von Jugendtorheiten sei, ja,
sie hat sich, glaub ich, in den Kopf gesetzt, eine Jugendtorheit werde auch mein
Leben beschliessen. Zuletzt wär es nicht das schlimmste. Jedenfalls gut
ungarisch, und am Ende stirbt sich's besser jugendlich als ältlich.«
    In diesem Augenblick hörte man Militärmusik, und der alte Graf erhob sich.
»Ein Uhr. Es ist die höchste Zeit. Und nun mache der Tante drüben deinen Besuch
und sondiere. Du musst sehen, aus des Fräuleins Namen einigen Nutzen zu ziehen. 
Franziska Franz - man kann kaum österreichischer aus der Taufe gehoben sein. Ist
es nicht, als flattere der Doppeladler direkt über einem? Ich vertraue ganz
deiner Klugheit. Und erzähl ihr auch, vielleicht käme Liszt; das macht sie guter
Laune. Alles, was Pio Nono mit der Hand gestreift hat, ist gesegnet ein für
allemal. Ich persönlich ziehe die Wolter vor.«
    Und so sprechend, gingen sie den Korridor hinunter bis an die Marmortreppe,
wo man sich rasch trennte, der alte Graf, um dem Fräulein, Graf Egon aber, um
der Tante seinen Besuch zu machen. Alles, was er eben gehört hatte, ging ihm
durch den Kopf, ohne dass es ihn geradezu verstimmt hätte, denn er liebte den
Oheim wirklich und verzieh ihm gern und leicht seinen dann und wann etwas
exzentrisch auftretenden Teaterentusiasmus. Aber wenn dieser Entusiasmus auch
noch grösser und seine Liebe zum Oheim geringer gewesen wäre - der Onkel war eben
ein »Erbonkel« und musste daraufhin um so vorsichtiger behandelt werden, als das
durch die Tante repräsentierte Gundolskirchensche Vermögen ohnehin in einer
steten Gefahr war, von der Familie fort - und irgendeinem kirchlichen Orden,
sehr wahrscheinlich dem der Liguorianer, zuzufallen.
 
                                Drittes Kapitel
So verging der Vormittag.
    Am Abend war das Fest, die junge Schauspielerin erschien und wurde der
Gräfin Judit vorgestellt.
    Aber ehe diese Vorstellung stattfinden konnte, hatte sich ein Zwischenfall
ereignet, der, wenn nicht das Fest selbst, so doch die Stimmung desselben
ernstaft in Frage gestellt hatte.
    Zu neun Uhr war geladen worden, und der alte Graf wartete schon der ersten
Gäste, namentlich aber Judits, als Egon in Begleitung zweier Freunde, der
Grafen Pejevics und Coronini, erzherzogliche Adjutanten wie er, im Festsaal
erschien und in sichtlicher Erregung auf den Oheim zuschritt. Dieser begrüsste
die Herren mit der ihm eigenen Artigkeit, nahm aber an ihrer Haltung sehr bald
wahr, dass etwas geschehen sein müsse.
    »Was gibt es, Egon?«
    »Gablenz...« Er stockte.
    »Nur heraus. Ich ahne.«
    »Hat sich erschossen. Eben hatten wir das Telegramm. Ich wollte nicht, dass
dir unvorbereitet und inmitten deiner Gäste die Nachricht käme.«
    Die beiden jungen Grafen bestätigten die Mitteilung.
    Es war in einer kleinen, aus Lorbeer und Palmen arrangierten Nische, wo man
das kurze Gespräch geführt hatte.
    Der alte Graf antwortete nicht, stützte sich nur auf einen Marmortisch, der
hier samt ein paar Stühlen stand, und machte dann eine Handbewegung, in der er
die Herren aufforderte, sich zu setzen. Gleich darnach aber nahm er selber Platz
und sah, während er an seinem weissen Bart drehte, stumm vor sich hin. Es war
augenscheinlich, dass er mit seinen Gedanken abwesend war und momentan seiner
Besucher vergass.
    »Er war dir lieb und wert«, nahm Egon, dem die Situation peinlich zu werden
anfing, endlich das Wort.
    Aber der Graf verharrte noch immer in seinem Schweigen. Erst nach einer
Weile war es, als ob er erwache. »Lieb und wert, sagtest du, wohl, aber das sagt
nicht genug. Er war mein Freund, das sagt mehr.« Und dabei flogen ihm die
Lippen. »Ich weiss, es wird viel gegen ihn gesagt werden, und es ist viel gegen
ihn zu sagen, oder doch manches. Aber gegen wen nicht? Er war ein vollkommener
Kavalier und hielt es mit dem Wort: Ich marchandiere nicht. Und an dem
Festalten an diesem Wort ist er zugrunde gegangen. Hätt er mit dem Ehrenpunkte
marchandieren können, er lebe noch.«
    »Unter allen Umständen ein beklagenswerter Ausgang«, antwortete Graf
Coronini, dem die Verteidigung in ihrem Überschwang und zum Teil auch in einer
Verkennung des Tatsächlichen offenbar missfiel. »Ein beklagenswerter Ausgang, und
um so beklagenswerter, als der Zweck, um dessentwillen so gehandelt wurde, nicht
erreicht wird. In gewollter Wahrung seiner Ehre hat er sie nur aufs neue
blossgestellt.«
    Ein scharfer Blick, der den jungen Grafen traf und in nicht geringe
Verlegenheit brachte, schoss in diesem Augenblick aus dem von Natur schon etwas
geröteten Auge des alten Petöfy. Zugleich aber nahm dieser wieder das Wort und
sagte: »Graf Coronini, Pardon, aber dem Ernste solcher Fragen ist mit
Alltagsbetrachtungen und einer landläufigen Moral nicht beizukommen. Ich bin mit
Ihrem Vater, dem Grafen, jung gewesen, ein halb Jahrhundert liegt dazwischen,
und so müssen Sie mir, einem alten Grognard, diese Sprache zugute halten. Es ist
ein tiefes und schönes Wort, das Wort von der süssen Gewohnheit des Daseins;
alles, was lebt, hängt auch am Leben, und nur der geht, der gehen muss. Unter den
vielen Bücherweisheitssätzen, die mir von Grund aus zuwider sind, steht der von
der besonderen Feiglingschaft derer, die das Pistol in die Hand nehmen, obenan.
Nach dem bisschen Lebensweisheit, das ich mir anzueignen in der Lage war, hört
das Pistol auf, wo die Feigheit anfängt, und hört die Feigheit auf, wo das
Pistol anfängt. Wer es in die Hand nimmt, ist durch schwere Kämpfe gegangen.
Achtung vor dem Unglück! Und nun gar der Ehrenpunkt; die Ehre! Jeder, der
überhaupt davon hat, weiss allein, wo sie für ihn liegt oder nicht liegt. Bitten
wir Gott insgesamt, dass der Kelch der Erniedrigung, welchen Inhalts er auch sein
möge, gnädiglich an uns vorübergehe; wenn er aber doch kommt und der, der ihn
trinken soll, ihn nicht trinken mag und gewaltsam und für immer seine Lippen
dagegen schliesst, so denk ich, wir respektieren den Toten und sein Tun.«
    Graf Coronini, den eine glückliche Leichtlebigkeit auszeichnete, sprach in
gewinnendster Weise sein Bedauern über das ihm entschlüpfte Wort aus, und als
wenige Minuten später unter einem raschen Zustrome der Saal sich zu füllen
begann, zeigte sich's, dass der kleine Disput ein Glück für den Verlauf des
Festes gewesen war. Der alte Graf, eine durchaus nervöse Natur, hatte sich in
seiner Philippika gegen Graf Coronini nicht nur den aufsteigenden Groll, sondern
vor allem auch die voraufgegangene schmerzliche Bewegung von der Seele
heruntergeredet und liess nun als Wirt bis zum letzten Geigenstriche nichts von
seiner gewöhnlichen Liebenswürdigkeit vermissen.
Seit jener Soiree war eine volle Woche vergangen, und selbst die jungen
Demoiselles in dem gegenübergelegenen Konfektionsgeschäfte hatten den anfänglich
unerschöpflich scheinenden Gesprächsgegenstand als erledigt ausser Kurs gesetzt,
um sich in ihrer Eigenschaft als Chorus des Hauses Petöfy neuen intrikaten
Fragen zuzuwenden.
    Es war Abend, nicht mehr ganz früh, und der Gaskronleuchter, der mit seinen
Milchglasglocken über dem Arbeitstische hing, brannte schon seit Stunden.
    »Ich weiss etwas«, sagte Resi, die heute wie gewöhnlich den Chorführer
machte.
    »Was?«
    »Die Franz ist heute bei der alten Gräfin drüben. Ganz intim. Kleiner
Zirkel. Bei dem Grafen in der Soiree neulich, nun, das war nicht viel. Aber bei
der Gräfin, die so fromm ist, das bedeutet etwas. Was wohl Pater Fessler dazu
sagen mag?«
    »Ja, der«, unterbrach eine Kleine, nach innenhin Verwachsene, von der Resi
mit Vorliebe zu sagen pflegte, der liebe Gott hab ihr eine Stufe ins Kleid
genäht. »Ja, der, der Fessler! Ein schöner Mann, dem könnt ich alles beichten.
Und es übergruselt mich ordentlich, wenn ich bloss daran denke.«
    »Du?« lachten alle. »Du? Was beichtest du denn?«
    Als aber die Heiterkeit sich wieder gelegt hatte, sagte eine dritte: »Ja,
der Fessler! Sage, Resi, du hörst ja das Gras drüben wachsen, wie kommt der nur
ins Petöfysche Haus? Er ist ja doch ein Steirer, und drüben ist alles
ungarisch.«
    »Oh, nicht doch«, antwortete die Gefragte. »Nicht alles; nur halb. Auf der
linken Seite, wo der Graf wohnt, da freilich ist alles ungarisch, aber auf der
rechten, wo die Gräfin wohnt, ist alles deutsch. Und der Graf und die Gräfin
sind auch immer im Krieg.«
    »Aber sie sind doch Geschwister, oder sind sie nicht?«
    »Gewiss sind sie. Graf Adam und Gräfin Judit und die Gräfin Eveline, die die
schönste war und nun tot ist, die waren Geschwister. Und waren alle drei rabiat
ungarisch und die beiden jungen Gräfinnen am meisten. Ich weiss es von dem alten
Koloman Czagy, des Grafen Kammerdiener, der jetzt krank auf Schloss Arpa liegt,
weil er die Gelbsucht hat, er soll ganz abgemagert sein und aussehen wie eine
Zitrone. Ja, von dem weiss ich es. Als dann aber die Gräfin Judit den alten
Gundolskirchen und die Gräfin Eveline den schönen Asperg heiratete, den Vater
von dem jungen Grafen, da war es mit dem Rabiatischen und dem Ungrischen vorbei.
Nix mehr Magyar. Und beide wurden gut steirisch. Und von daher schreibt sich
auch der Fessler.«
Pater Fessler, als dies Gespräch geführt wurde, sass bereits drüben in dem kleinen
Salon der Gräfin, in dem mehrere Lampen brannten, aber alle mit einem durch
Bilderschirme gedämpften Licht. Diese Lichtschirme waren eine Spezialität des
Salons und spielten eine Rolle darin, insonderheit einer, der auf der einen
Seite die Correggiosche Nacht und auf der andern die büssende Magdalena von Carlo
Dolci zeigte. Alles machte den Eindruck von Behagen und Stille. Dicke Teppiche
lagen ausgebreitet, und ein feiner Parfüm wie von Ambra war in der Luft. Er
schien von einem Lämpchen zu kommen, das auf einem Ecktisch stand und mit einer
kleinen blauen Flamme brannte. Darüber hing der Gundolskirchensche
Lieblingsheilige, der heilige Florian.
    Es schien, dass der Pater eben aufbrechen wollte. Die Gräfin hielt ihn aber
zurück und sagte: »Nein, lieber Freund, Sie müssen noch bleiben und den Tee mit
uns nehmen. Es liegt mir daran. Und doch andererseits...«
    Er verbeugte sich, um seine Zustimmung auszudrücken.
    »Und doch andererseits«, wiederholte die Gräfin, »bin ich in einiger Sorge
vor Ihrer Kritik. Es entgeht Ihnen nichts, und ich fürchte, Sie werden allerlei
sehen und hören müssen, was Sie, das mindeste zu sagen, nur wenig angenehm
berühren kann. Denn um was wird es sich handeln? Um Rivalitäten und
Teaterintrigen. Aber ich konnt es meinem Bruder, dem Grafen, nicht abschlagen
und mocht auch nicht.«
    Fessler schien hier unterbrechen zu wollen, aber die Gräfin fuhr fort: »Und
dann ist sie Luteranerin oder Kalvinistin, oder was weiss ich, und wird also
sehr wahrscheinlich an der ewig wiederkehrenden protestantischen Ungezogenheit
kranken, ihre ketzerischen Naivitäten in einem Tone vorzutragen, als ob ein
Appell unmöglich sei.«
    »Lassen wir sie, meine Gnädigste«, sagte der Pater. »Ich für meine Person
habe nichts lieber als diesen Ton und vergnüge mich immer wieder, die
verlorengegangenen oder doch in Abfall geratenen Kinder unserer Kirche von
kirchlichen Dingen reden zu hören, von Dingen also, die sie nicht verstehen und
doch auch wieder sehr gut verstehen. Es ist immer unterhaltlich und lehrreich.
Und am unterhaltlichsten und lehrreichsten erscheinen mir allemal diese Preussen
in ihrer rechtaberischen Ausgesprochenheit und ihrem ehrlichen Glauben an eine
preussische Verheissung mit dem Alten Fritzen als Gott oder wenigstens als
Nationalheiligen. Ich habe viel gegen sie zu sagen und nehme sie, wie sich von
selbst versteht, als unsere geschworenen und allerechtesten Feinde, zugleich
aber doch als solche, denen gegenüber mir das sonst so schwierige Liebet eure
Feinde nie sonderlich schwer geworden ist. Sie haben etwas Anregendes und
überhaupt manches vor uns voraus. Und darunter sogar Grosses.«
    »Und das wäre?«
    »Beispielsweise die Freiheit. Nicht die politische, die nicht viel, und auch
nicht die soziale, die noch weniger bedeutet, aber die innerliche. Sie prüfen
die Dinge, sind kritisch und leben selbständig aus sich heraus. Und das ist ein
Heilsweg; ja, lassen Sie mich hinzusetzen: unter richtiger Voraussetzung der
einzige Weg, der zum Heile führt.«
    Die Gräfin sah ihn verwundert an, Fessler aber fuhr fort: »Sie sind
überrascht, gnädigste Gräfin, und doch bin ich Ihrer schliesslichen Zustimmung
sicher. Es gibt eine höchste Lebensform, und diese höchste Lebensform heisst: in
Freiheit zu dienen. Das Dienen aus blossem Zwang heraus ist tot, und erst aus
einem selbstgewollten, weil als unerlässlich erkannten Verzicht auf die Freiheit
erblüht uns der echte, welterlösende Glauben. Aber um auf die Freiheit
verzichten zu können, dazu muss man sie vorher haben. Sie haben ist das Erste,
sich ihrer begeben das Zweite. Den ersten Schritt hat der Protestantismus getan.
Vermag er auch den zweiten Schritt zu tun, den Schritt zu Rückkehr und
freiwilliger Unterordnung unter das Gesetz, so haben wir in ihm das Ideal. In
hoc signo vinces. Da liegt die Zukunft, das Geheimnis einer höher potenzierten
Welt.«
    Als die Gräfin eben antworten wollte, wurde der als Portière dienende
Teppich zurückgeschlagen, und die junge Dame, die zu diesem Gespräche wenigstens
mittelbar die Veranlassung gegeben hatte, trat ein und schritt rasch und mit
einem leisen Anfluge von Verlegenheit auf die Gräfin zu. Diese hatte sich
erhoben und bot ihr die Hand, die die junge Schauspielerin mit Devotion küsste.
Dann verneigte sie sich gegen den Geistlichen, der sich mit erhoben hatte,
während die Gräfin vorstellte: »Pater Fessler - Fräulein Franziska Franz.
    Ich erwarte seit einer halben Stunde schon meinen Bruder, den Grafen«, fuhr
die Gräfin fort, während sie die junge Dame neben sich einlud. »Er ist sonst die
Pünktlichkeit selbst. Bis zu seinem Erscheinen, liebes Fräulein, werden wir uns
also mit Pater Fessler einzurichten haben. Glücklicherweise sind Sie lange genug
in Wien, um zu wissen, dass die Jesuiten, um das Schrecklichste vorwegzunehmen,
aller Schrecklichkeit unerachtet, doch sehr umgängliche Leute sind. Und die
Liguorianer eifern ihnen wenigstens nach. Nicht wahr, Pater Fessler?«
    Dieser lächelte, während Franziska nicht zögerte, das Wort »umgänglich«, das
ihr sehr apropos ausgesprochen worden war, geschickt aufzugreifen, um nun
ihrerseits daran anknüpfend die »Tugend der Umgänglichkeit« als eine spezifisch
wienerische zu preisen.
    »Ich hör es gern«, erwiderte die Gräfin, »dass Ihnen unser Wien gefällt. Es
ist nicht immer so. Das norddeutsche Wesen ist doch sehr anders.«
    »Sehr anders«, wiederholte die junge Schauspielerin. »Gewiss. Aber vielleicht
liegt gerade hierin der Grund, dass sich das Norddeutsche zu dem Wienerischen
hingezogen fühlt, denn das Wienerische hat neben dem Vorzuge der Umgänglichkeit
auch noch andere Vorzüge, die das in den Schatten stellen, was gelegentlich mit
zu viel Güte gegen uns als unsere besondere Tugend betrachtet wird. Wir
empfinden tief das Unausreichende des bloss Angelernten. Eine Sehnsucht nach dem
Einfacheren, Natürlicheren regt sich beständig in uns, und diese Sehnsucht ist
vielleicht unser Bestes.«
    Ein freundlicher Blick Fesslers, der mit feinem Ohre heraushörte, dass all
das, wenn nicht selbständig gedacht und gefühlt, so doch wenigstens aufrichtig
nachempfunden war, streifte die Künstlerin, die, nunmehr ihrerseits durch diesen
Blick ermutigt, in ihrem Tema fortfuhr:
    »Und diese sich in gefällige Formen kleidende Natürlichkeit, die Wien so
zweifellos vor uns voraushat, woher kommt sie? Wenn mich nicht alles täuscht, so
spricht die Kirche dabei mit, die ja von alten Zeiten her die Formen des Lebens
bestimmte, die Kirche samt den Dienern der Kirche. Pater Fessler wolle mir nach
einer nur nach Minuten zählenden Bekanntschaft eine solche Liebeserklärung in
Überfallsform freundlichst zugute halten. Aber dabei muss es auf jede Gefahr hin
bleiben, ausser Ihrer schönen Kaiserin hat Wien nichts, das mich so sympatisch
berührte wie seine Geistlichkeit, Jesuiten und Liguorianer mit eingeschlossen.«
 
                                Viertes Kapitel
Das Erscheinen des alten Grafen, der sich lebhaft und beinahe hastig
entschuldigte, die Stunde so schlecht gehalten zu haben, unterbrach das
Gespräch. Graf Egon war mit ihm. Eine Vorstellung fand nicht statt; man kannte
sich bereits von der Soiree her.
    »Oh, nichts von Entschuldigungen!« sagte die Gräfin, als beide Herren ihre
Plätze genommen hatten. »Wir haben dich, um die Wahrheit zu gestehen, nicht
vermisst, auch Egon nicht, am wenigsten in dieser letzten Minute, wo wir in der
bevorzugten Lage waren, Confessions entgegennehmen zu können. Und du weisst ja,
Bruder, wieviel uns Confessions bedeuten! Unser lieber Gast sprach nämlich mit
Vorliebe von Wien und nicht bloss von Wien, sondern auch von Liguorianerpatres,
was dich vielleicht am meisten überraschen wird. Ob auch erfreuen?«
    »Mich erfreut alles, was unsere liebe Freundin sagt oder tut, und selbst
Fessler wird mir in diesem Falle zustimmen.«
    Dieser nickte.
    Die junge Schauspielerin aber warf einen Blick auf Egon, dessen Gegenwart
sie befangen zu machen schien, und sagte dann, während sie den leichten Ton
ihres voraufgegangenen Geplauders wiederzugewinnen trachtete:
    »Fast muss ich fürchten, mich mit meinen Confessions ins Komische gestellt zu
haben. Aber mein Rollenfach, das das Naive wenigstens streift, mag mich
entschuldigen. Unser Beruf gibt uns schliesslich unsern Ton und unsere Haltung.«
    »Und wenn nun das Naive vielleicht Ihre Naturanlage wäre?« scherzte der alte
Graf.
    »Das ist es leider nicht. Ich bilde mir wenigstens ein, überlegend und
beinahe berechnend zu sein, eine nüchterne norddeutsche Natur. Und wenn sich mir
meine Wünsche erfüllen, so werd ich eine Kaufmannsfrau.«
    »Das werden Sie nie«, warf Egon kurz und mit grosser Bestimmteit ein.
»Angenommen selbst, meine Gnädigste, dass Sie's in Ihrer Charakteraufrechnung in
jedem Einzelpunkte getroffen hätten, in der Summa: Kaufmannsfrau, sicherlich
nicht.«
    »In der Summa sicherlich nicht«, wiederholte der alte Graf. »Egon spricht,
als ob er einen Zahlkellner reprimandieren wollte. Summa, Fazit, Addition. Ich
bitte dich, von welcher Welt ziehst du den Vorhang! O diese moderne Jugend!
Etwas unselig Geschäftliches ist in Sprache, Bilder und Anschauungen
eingedrungen. Ein Unglück, dass sich unsere Jugend dem Teater so sehr
entfremdet.«
    Fessler lächelte.
    »Sie lächeln, Fessler, und wollen andeuten, alles moderne Weltenunglück, das
in Ihren Augen natürlich sehr anders aussieht als in den meinigen, komme von
etwas ganz anderem her. Aber glauben Sie mir, die Kirche tut es nicht, und unter
allen Umständen lässt sich auf dem ihrem Zepter unterstellten Gebiete jede Stunde
gründlich und erfolgreich nachexerzieren. Nur bei der Kunst heisst es: Was
Hänschen nicht lernte, lernt Hans nimmermehr, während es doch zum Fromm- und
Christlichwerden eigentlich nie zu spät ist.«
    »Und doch empfiehlt es sich, vor Toresschluss damit anzufangen.«
    Alles lachte, nicht zum wenigsten der alte Graf, der in übermütiger Laune
fortfuhr: »Vor Toresschluss sagen Sie, Fessler. Bah, in diesen heiligen Hallen, in
denen man die Rache nicht kennt und kaum die Sünde, kann von vor Toresschluss
überhaupt nie die Rede sein. Ja, Judit. Ein Gefühl, als ob in deinem Salon
tagaus, tagein zelebriert werde, kann ich nie loswerden, und daran ist neben
anderem die kleine Ambralampe schuld, der ich mich beständig versucht fühle das
Lebenslicht auszublasen. Aber sie steht ja direkt unterm Schutz des
Gundolskirchenschen Spezialheiligen, und so bin ich mir nie sicher, ob ich sie
nicht allen Ernstes als eine halbe Ewige Lampe anzusehen habe.«
    Das Eintreten eines Dieners unterbrach ihn; Couverts wurden gelegt und
Gläser gestellt, ohne dass im übrigen die Plätze gewechselt worden wären. Auch
eine Zeitung kam, und während Franziska mit dem Pater, Egon aber mit der Tante
sprach, tat der alte Graf einen Blick in das Wochenrepertoire.
    »Seh ich recht, man hat den Zriny wieder hervorgesucht, beiläufig nicht die
schlechteste Wahl. Et voilà mes amis, die Helene Zriny. Aber wissen Sie, meine
Gnädigste, dass ich Ihnen ernstlich zürne, mir gerade das verschwiegen zu haben,
mir, Ihrem Verehrer und Freunde!«
    »Vielleicht aus Sorge.«
    »Wie das?«
    »Ich bange mich vor der Rolle.«
    »Dann freilich sind Sie verloren. Denn Sie werden dann das nicht treffen,
was in dieser Rolle das meiste bedeutet: das Nationale. Sich fürchten ist das
Unungrischste von der Welt. Aber Sie werden sich nicht fürchten, und wenn Ihnen
doch vielleicht ein paar Anwandlungen kommen, so wird der Elan Ihres Talents
gross genug sein, Ihr Temperament zu zwingen und siegreich mit fortzureissen. Oh,
dass Sie Magyarin wären!«
    »Ungefähr das Schmeichelhafteste, mein liebes Fräulein«, unterbrach hier
lächelnd die Gräfin, »das Ihnen im Hause Petöfy gesagt werden kann. Denn mein
Bruder erklärt Sie damit auf halbem Wege für würdig, eine Magyarin zu sein, er
würde sonst die Tatsache, dass Sie's nicht sind, nicht so lebhaft beklagen. Und
dabei sind Sie mutmasslich ohne jede Vorstellung von dem Vollgewicht einer
solchen Ehrenbezeugung und kennen überhaupt nichts von Ungarn als den Attila
unserer Husaren.«
    »O doch, doch; das Fräulein kennt und weiss mehr, viel mehr, und sie soll uns
selber sagen, was sie von Ungarn weiss.«
    »Es ist nicht viel und wohl eigentlich zuwenig, wenn ich bedenke, dass ich
nun schon ins dritte Jahr eine Wienerin bin, und ausserdem hinzurechne, dass Wien,
ich möchte sagen, die Vorhalle von Ungarn ist, die Tempelstufe.«
    Der Liguorianer, ein ausgesprochener Steirer, freute sich des kleinen
Spottes und Egon kaum minder. Der alte Graf aber gab sich das Ansehen, als nähme
er's ernstaft, und sagte: »Vorhalle, Tempelstufe; davon dürfen unsere Wiener
nichts hören, die sich das Herz der Welt bedünken. Im übrigen schuldet uns das
Fräulein immer noch ihren Bericht über Ungarn, und ich kann ihr ein Examen
rigorosum auf diesen Punkt hin nicht ersparen, schon weil ich recht behalten
möchte.«
    »Nun, ich gebe gern, was ich weiss«, entgegnete das Fräulein, »und ich
unterscheide deutlich zwei Grade der Erkenntnis: einen romantischen und einen
lyrischen. Das sind freilich keine rechten Unterscheidungen, denn die Romantik
kann lyrisch und die Lyrik kann romantisch sein; aber ich bitte
nichtsdestoweniger, es gelten zu lassen.«
    »O gewiss«, sagte die Gräfin. »Also das Romantische.«
    »Ja, damit fing es an. Es war, als ich noch ein Kind war und auf unserem
Kirchplatze, gerade vor unserer Tür, alljährlich zweimal die Jahrmarktsbuden
standen: Buden mit Naschwerk und Pfefferkuchen und dazwischen allerlei
Bänkelsänger und Leiermänner. Und immer wo solch ein Leiermann stand, stand auch
eine buntbemalte Leinewand, auf der eine Geschichte, meist in zwölf
Bilderfeldern, abgebildet war. Auf dem ersten Bilde lag die Welt allemal in
bürgerlichem Frieden, und eine junge Mutter beugte sich über ein Wiegenkind; auf
einem der Mittelbilder trat dann in gebotener dramatischer Steigerung ein
schwarzer, bärtiger Mann aus einem Waldesdunkel hervor und an die junge,
zufällig des Weges kommende Mutter heran, während auf dem zwölften und letzten
Bilde Mal für Mal ein Gerüst aufgeschlagen war mit einem niedrigen Stuhl darauf,
und auf eben diesem Stuhle sass der bärtige Mann aus dem Waldesdunkel. Aber jetzt
mit verbundenen Augen und einem Rotmantel mit dem Schwerte hinter sich. Und wenn
ich dann dem Liede, das dazu gesungen wurde, begierig und angstvoll zuhörte, so
vernahm ich jedesmal, das sei geschehen im schönen Ungarlande zwischen
Stuhlweissenburg und Debreczin, und ich darf wohl sagen, ich kenne bis diese
Stunde keine Stadt und keinen Namen, die mir so mit Schreck und Grusel
imprägniert erschienen wie diese beiden.«
    »Ei, das beklag ich, meine Gnädigste«, sagte der Graf. »Da wird unser altes
Schloss Arpa darauf verzichten müssen, Sie je in seinen Mauern zu sehen, denn
Stuhlweissenburg ist unsere nächste grosse Stadt.«
    »Oh, ich hab es auch überwunden. Und Ungarn selbst hat es mich überwinden
gelehrt.«
    »Mit Hülfe der zweiten Epoche?«
    »Ja, die gnädigste Gräfin erraten es; mit Hülfe der zweiten Epoche. Da war
ich in einer Pension. Aber ich war schon fast erwachsen und in Vorbereitung auf
das, was aus mir werden sollte. Da hatten wir von Zeit zu Zeit auch
Deklamierübungen, und bei solcher Gelegenheit war es, dass eine Mitschülerin von
mir ein Lied von Lenau vortrug.«
    »Ah, von Niembsch!«
    »Ich kannte Lenau schon. Er ist überhaupt sehr beliebt in Norddeutschland,
und den Teich, den regungslosen, in den der Mond seine bleichen Rosen flicht,
kennt jedes dreizehnjährige Mädchen und jubelt in ihrem kleinen Herzen, wenn die
berühmte Stelle von dem süssen Deingedenken kommt, am meisten aber, wenn sie zum
Schluss erfährt, dass dies süsse Deingedenken auch ein stilles Nachtgebet gewesen
sei.«
    Fessler lächelte vor sich hin, und auch die Gräfin, die nach Art aller
vornehmen alten Damen eine Vorliebe für kleine Gewagteiten hatte, war ganz
enchantiert und nickte dem Bruder zu.
    »Wohl, ich kannt ihn also«, nahm Franziska wieder das Wort. »Aber speziell
das Gedicht, das an jenem Tage deklamiert wurde, das kannt ich nicht, und als es
zu Ende war, war ich so hingerissen, dass ich auf die Mitschülerin zustürzte und
sie umarmte und küsste, was mir beiläufig einen nachträglichen Verweis zuzog.«
    »Und wie hiess es?«
    »Ich weiss es nicht mehr sicher, aber ich glaube fast, es hiess Nach Süden.
Und vielleicht erkennen Sie's, wenn ich Ihnen den Inhalt in aller Kürze
skizziere.«
    »Wir bitten darum.«
    »Es leitet sich mit einer Gewitterschilderung ein, und die halb schon wieder
von Licht durchglühten Wolken ziehen südwärts auf Ungarn zu. Der Dichter selbst
aber folgt dem Zuge dieser Wolken und begleitet ihr Südwärtsziehen mit dem
sehnsuchtsvollen Ausrufe: Ja, nach Süden steht mein Herz!«
    »Und nun?«
    »Und nun, auf dem dunklen Hintergrunde der Wolken, erwächst ihm
fatamorganaartig ein Heimatsbild: ein Waldtal und ein Mühlbach, und an dem
rauschenden Mühlbach erblickt er die Geliebte, die, sein eigenes
Sehnsuchtsgefühl erwidernd, in Verlangen nach ihm aussieht und Wind und Wellen
um ihn befragt. Aber Wind und Wellen ziehen weiter und weigern ihr die Antwort,
und das Lied selbst verklingt in der wunderbaren Strophe:
Dunkler wird der Tag und trüber,
Lauter wird der Lüfte Streit -
Hörbar rauscht die Zeit vorüber
An des Mädchens Einsamkeit.«
»Ah, das ist schön«, sagte der alte Graf, »und ich klage mich an, es nicht
gekannt zu haben. Er war ein Freund unseres Hauses und speziell das enfant gâté
meiner Mutter, die sich, wenn das Gespräch auf ihn kam, jedesmal ihres ganzen
Albionstolzes entschlug, womit sie sonst stärker, allerdings auch berechtigter
als Lady Milford umgürtet war, und nicht müde wurde, zu versichern, dass sie die
ganze grossbritannische Lyrik um eines einzigen Lenauschen Gedichtes willen
hingebe. Ja, Fessler, das war unser altes Wien, an das ich doch oft mit
herzlicher Freude zurückdenke. Da wurde noch vieles verziehen, was jetzt
unverzeihlich dünkt, und beispielsweise mit dem lieben Gott auf dem Kriegsfuss zu
stehen galt noch einfach für interessant. Auch unser guter Lenau verstand sich
darauf, aber es war au fond nicht böse gemeint, und aller ateistischen
Rodomontaden unerachtet, spukte doch eigentlich das Kirchliche darin vor. Er kam
nur nicht voll damit zurecht und starb zu früh. Und zudem der verdammte
Poetenehrgeiz! Unter allen Umständen aber sind wir ihm zu Dank verpflichtet, uns
das auf dem Wege zwischen Stuhlweissenburg und Debreczin fast schon
verlorengegangene Herz unserer lieben Freundin in einer zweiten ungrischen
Epoche zurückerobert zu haben. In einer zweiten ungrischen Epoche, nach der wir
hoffentlich sehr bald eine noch schönere dritte zu verzeichnen haben werden.«
    »Ich glaube, dass sie für mich bereits begonnen hat.«
    Eine kleine Stutzuhr schlug eben zehn, und die junge Schauspielerin erhob
sich. Egon bat, sie begleiten zu dürfen. Sie nahm das Anerbieten an ganz nach
Art einer Dame, die solcher Huldigungen und Dienste gewöhnt ist, und
verabschiedete sich, wie sie gekommen, mit einem Handkuss bei der Gräfin, während
sie sich gegen Fessler verneigte.
    Der alte Graf aber geleitete sie bis in das Vorzimmer und half ihr hier sich
in ein Spitzentuch hüllen, das sie kleidsam um Kopf und Hals trug. Dann in den
Salon der Schwester zurückkehrend, liess er sich in einen Fauteuil in aller
Bequemlichkeit nieder und sagte: »Nun, Judit, wie findest du sie?«
    »Charmant.«
    »Und?«
    »Und pointiert.«
    »Und?«
    »Ich weiss nicht weiter zu sagen. Aber fragen wir Fessler.«
    »Und klug«, fügte dieser hinzu, während er wie zerstreut mit einer an der
Tischdecke herabhängenden Seidenpuschel spielte. »Wir werden allerhand von ihr
lernen können.«
    »Lernen! Ein Liguorianerpater und lernen! Und da spricht man noch von dem
Hochmut der Kirche.«
Es hatte mittlerweile geschneit, und ein paar Hausdiener fegten eben den Schnee
beiseite. Egon reichte Franziska den Arm, war aber ersichtlich in Verlegenheit,
wie das Gespräch beginnen, und so hatten sie denn schon den Vorhof und das
Gitter passiert, als er endlich das Wort nahm.
    »Ein trübseliges Wetter«, begann er. »Nun wieder Schnee. Der Wind dreht sich
in einem fort. Ich mache mir nichts aus dem Winter.«
    »Oh, da denk ich doch anders. Ich liebe den Winter, nur muss er wirklich ein
Winter sein. Es ist damit wie mit den Menschen: auf Beständigkeit kommt es an.
Mit einem launenhaften Winter, der heute so ist und morgen so, mit dem ist
nichts anzufangen, aber ein echter und zuverlässiger Winter, der sich
einrichtet, als woll er nie wieder gehen der ist schön wie der schönste Sommer.
Doch das wissen sie hier nicht. Einen Schneesturm haben sie wohl, aber die
stille, feste Kälte, die Brücken baut und trägt und hält, die fehlt ihnen.«
    Egon antwortete nicht; es schien nur, dass er überlegte, was sie mit dem
allem gemeint haben könne. Denn obwohl sie sich selbst für berechnend ausgegeben
hatte, so hielt er sie doch für noch viel berechnender, als sie war. Erst als
sie bei dem hell erleuchteten und noch vollbesetzten Café Daum vorüberkamen,
wies er darauf hin und sagte:
    »Das Teater muss eben aus sein. Ich wette, dass in diesem Augenblicke
Dutzende von Pfeilen gespitzt und abgeschossen werden. Ein Glück, dass sie
vorbeifliegen.«
    »Ach, solche Pfeile fliegen nie vorbei, wenigstens nie ganz, und die
spitzesten am wenigsten.«
    »Aber sie töten nicht, solange sie nicht vergiftet sind.«
    »Die ganz spitzen sind immer vergiftet. Das lässt sich an jedem Mückenstiche
studieren.«
    »Aber Gott sei Dank auch die Ungefährlichkeit.«
    »Nur leider nicht die Schmerzlosigkeit, und wenn ihrer viele kommen, so hat
man ein Fieber und eine schlaflose Nacht.«
    »Und so spricht ein Liebling des Publikums, ein Verzug, ein Glückskind?«
    »Viel Feind, viel Ehr. Aber auch viel Ehre, viel Feind. Und ein Glückskind!
Nun ja; vielleicht. Aber an jedes Glück hängt sich ein Unglück.«
    »Umgekehrt, ein Glück kommt nie allein.«
    Unter so zugespjetzter Rede waren sie bis an den Kärntnerring und die
Schwarzenbergbrücke gekommen und gingen nun auf die Salesinergasse zu, deren
vorderstes Eckhaus Franziska bewohnte. Das eine Fenster war hell erleuchtet und
schickte sein Licht ihnen entgegen über den Platz hin.
    »Und was, wenn die Frage nicht zudringlich ist, finden Sie nun daheim, meine
Gnädigste?« nahm Egon das Gespräch wieder auf.
    »Oh, das Beste, was man finden kann: ein Feuer im Kamin und ein Paar warme
Schuhe.«
    »Einigermassen genügsam.«
    »Und dazu Lieb und Treue und ein Geplauder von der Heimat.«
    »Und wer gewährt Ihnen das?«
    »Mein zweites und mein besseres Ich, meine Freundin und Dienerin zugleich.
Und wenn sie nicht gleichen Alters mit mir und sehr streng und sehr tugendhaft
wäre so würd ich sie Ihnen kurzweg als die Amme der italienischen Komödie
vorstellen. Aber eins ist sie gewiss: in jeder Sorge mein Trost und in jeder
unklaren Sache mein gutes Gewissen.«
    »Beneidenswert!«
    »Ei, das mein ich auch... Aber hier sind wir am Ziel, Graf Egon.« Und die
Glocke ziehend und ihm dankend, stieg sie rasch die Stufen hinauf.
Auf der dritten Treppe wurde sie von ihrer Dienerin empfangen und trat gleich
darnach in den Vorflur, wo sie die Schneestäubchen von ihrem Mantel
abschüttelte. »War niemand da, Hannah? Nein? Nun, desto besser, und nun bringe
mir den Tee.«
    »Ja, darauf ist heute nicht mehr gerechnet, Schatz. Ich habe keinen Tropfen
Rahm im Hause.«
    »Tut nichts, dann nehmen wir einen Tropfen Kirschwasser. Irgendwas wird doch
dasein. Aber eile dich. Ich hab es so kalt.«
    Und eine Viertelstunde später sass Franziska zurückgelehnt in einem
Schaukelstuhl und sah in die Kaminflamme, während Hannah ihr den Tee bot und
sich neben sie setzte.
    »Hier, noch ein Oblatenbrot«, sagte diese; »glücklich gerettet. Und nun
erzähle.«
    »Ja, das ist leicht gesagt, Hannah. Erzähle! Aber was? Eigentlich weiss ich
selber nichts, und woher sollt es auch kommen? Eine Gräfin kann einem doch nicht
gleich ihre Lebensgeschichte zum besten geben.«
    »Ist auch nicht nötig und will ich auch nicht wissen. Nur ein bisschen von
allem oder doch von der Hauptsache. Nimm also wenigstens einen Anlauf und sage
mir, wer da war und wie sie hiessen.«
    »Nun gut. Also da war zunächst die Gräfin selbst, von der die Karte kam, und
dann ihr Bruder, der alte Graf. Nun, den kennst du. Du hast ihn ja neulich
selber gesehen und gesprochen und könntest mir eigentlich sagen, ob er dir
gefallen hat. Was denkst du von ihm? Was sagst du?«
    »Dreierlei.«
    »Gut; nenn es.«
    »Er ist alt und möchte gern jung sein, er spielt den Weltmann und ist
eigentlich bloss ein Wiener, und drittens und letztens: er glaubt, dass sich alle
Weiber um ihn reissen, und wird doch eigentlich nur genasführt.«
    »Er gefällt dir also nicht?«
    »O doch. Er gefällt mir schon.«
    »Ein Geck kann einem nicht gefallen.«
    »Er ist auch kein Geck. Mitunter streift er daran oder steht auch schon
mittendrin. Denn er hat all die Narrheiten eines alten Junggesellen und
Teaterentusiasten. Aber ganz zuletzt ist er doch wieder anders. Ich glaube,
dass er ein sehr gutes und braves und sogar ein edles Herz hat. Er ist vornehmer
und besser als irgendeiner der jungen und namentlich der alten Herren, die dir
einen Besuch gemacht haben.«
    »Sieh, das freut mich, dass du das sagst. Und in seinem eigenen Hotel oder in
dem seiner Schwester ist er noch viel liebenswürdiger als hier. Denn hier fühlt
er die Verpflichtung, mir nach Art alter Herren den Hof zu machen, in seinem
Hause dagegen fühlt er nur die Verpflichtung, artig zu sein. Und das ist für
unsereins schliesslich mehr. Du weisst ja, wie man gewöhnlich mit uns spricht. Und
nun will ich dir auch sagen, wer die beiden anderen in der Gesellschaft waren.
Der eine war ein Liguorianerpater, ein Fünfziger, gross und stattlich, und der
andere, nun, der andere, das war ein junger Graf, Graf Egon, ein Neffe des
alten, ich glaube, sehr hübsch und Adjutant bei Erzherzog Rainer.«
    »Und hat dir natürlich am besten gefallen?«
    »Nein, nicht das. Er hat mir nur nicht missfallen; das ist alles, was ich
sagen kann. Er hat etwas von dem mir unerträglichen Von oben herab, und wenn ich
mich entscheiden und jedem einzelnen einen Rang in meinem Herzen anweisen
sollte, so würd ich die Gräfin obenan stellen und dann den Pater. Oh, sie waren
beide charmant und dabei so klug und verbindlich, wie nur vornehme Katoliken
sein können. Schon ihre Stimmen...«
    »Ja, sie haben eine verführerische Stimme, Fränzl! Ich weiss davon. Aber das
darfst du mir nicht antun und deinem Pastor-Vater im Grabe nicht, so lau und
flau er war, dass du zu viel auf diese Stimme hörst... Nur auf meine musst du
hören, wenigstens jetzt, in diesem Augenblick, und die mahnt dich, dass es auf
Mitternacht geht und morgen um zehn Uhr Probe ist. Mach also, du musst
ausschlafen.«
    »Aber erst noch unsern Spaziergang, sonst schlaf ich überhaupt nicht. Und
ausserdem bin ich abergläubisch.«
    Hannah brachte Mantel und Kappe, wickelte Franziska darin ein, und nun
stiegen Herrin und Dienerin eine nur wenige Stufen zählende Treppe hinauf, die
vom dritten Stock aus direkt auf das Flachdach des Hauses führte. Hier standen
den Sommer über allerhand Kübel und Topfgewächse, jetzt aber sah man nichts als
ein paar Bretterlagen und einen Berg Schnee, den der Wind nach der einen Seite
hin zusammengefegt hatte.
    Sie gingen ein paarmal auf und ab und sahen auf die Stadt, auf deren
verschneite Dächer das Mondlicht fiel. Aus der Ferne her hörte man das Läuten
einzelner Schlitten, aller eigentliche Lärm aber schien erstickt unter dem
weissen Tuch.
    Und nun traten sie bis an die Brüstung, wo der zusammengewehte Schnee lag,
und sahen in den Winterhimmel hinauf, der in wundervoller Pracht über ihnen
glitzerte.
    »Sieh, das ist der Grosse Bär. Und da sind wir zu Haus, da liegt unsere
Jugend, unsere Kindheit. Ach, Hannah, es war doch unsere schönste Zeit, als wir
noch abends in den Turm gingen und die Betglocke läuteten und die Grabsteine der
alten Pastoren anstarrten, die mit ihren Ringkragen an den Wänden umherstanden.
Und wenn uns dann der Glockenstrick aus der Hand fuhr und mit einem Mal in die
Höhe schnellte, sieh, da war mir's immer, als hätte sich der Gottseibeiuns über
unser Läuten gebost und den Strick uns weggezogen.«
    »Ach, rede nicht so, Fränzl; wenn du so sprichst, dann überdenkst du
jedesmal etwas Tolles oder Törichtes.«
    »Aber diesmal nicht. Ich überdenke gar nichts. Ich habe nur mit einem Mal
eine schmerzliche Sehnsucht nach dem Kirchenplatz hin, wo wir spielten und uns
auf die Holzstämme setzten und Geschichten erzählten. Und von fernher hörten wir
dann das Meer, das draussen rauschte. Mir ist's, als hört ich's noch.«
    »Willst du zurück?«
    Franziska schüttelte den Kopf. »Nein, nicht zurück. Eine Sehnsucht ist etwas
anderes als der Wunsch, es wiederhaben zu wollen. Was sollt ich auch da? Mit
einer Schauspielerin ist es ein eigen Ding. Im Petöfyschen Hause gilt sie viel
oder vielleicht viel, aber im Hause von Bäckermeister Utpatel, auf dessen Bank
wir immer sassen und Butterblumenstengel zusammensteckten, in dessen Hause gilt
sie wenig oder nichts. Nein, Hannah, nicht zurück! Aber zurück oder nicht, die
Liebe bleibt, und einen Gruss wollen wir wenigstens in die Heimat
hinüberschicken.«
    Und sie nahm eine Handvoll Schnee vom Boden und warf ihn nach Norden zu. Der
Nachtwind aber, der ging, zerstäubte den Ball wieder und trug die Kristallchen
blinkend durch die Luft.
 
                                Fünftes Kapitel
Einige Wochen lang setzte sich der Verkehr Franziskas mit dem Petöfyschen Hause
fort, dann aber brach er etwas auffällig ab, und selbst die Besuche, die der
Graf noch eine Zeitlang in dem Eckhause der Salesinergasse gemacht hatte, hörten
auf. Es hiess, was auch zutraf, er sei verreist, und erst von Paris aus gab er
wieder ein Lebenszeichen und entschuldigte sich in den verbindlichsten Worten
seiner plötzlichen Abreise halber. Aber so verbindlich diese Worte waren, so
waren sie doch kühler als gewöhnlich oder wenigstens befangener.
    Franziska fühlte das heraus, war indessen an derartig wechselnde Vorgänge zu
sehr gewöhnt, um ein besonderes Gewicht darauf zu legen.
    Anders in dem engeren Zirkel, der sich nach wie vor an jedem dritten Abend
im Salon der Gräfin versammelte. Hier wurde nicht bloss dem Ausbleiben des
Fräuleins, sondern weit mehr noch der Abreise des Grafen eine gewisse Bedeutung
beigelegt, bei welcher Gelegenheit man nicht unterliess, sich die seltsamsten
Dinge zuzuflüstern. Der alte Graf sei regelrecht verliebt oder interessiere sich
wenigstens bis zur Torheit für das junge Fräulein, und so sei denn die ganze
Pariser Reise nichts weiter als eine Flucht. Die Gräfin habe mit Rücksicht auf
den eigensinnigen Charakter des Grafen anfänglich seiner Reise widersprochen,
natürlich nur in der Absicht, ihn durch solchen Widerspruch in seinem Plane
desto fester zu machen. Andere dagegen wollten von dem allem nichts wissen und
hoben ihrerseits hervor, dass die »jours de fête« für den alten Grafen vorüber
seien; sie begegneten aber nur dem Spott aller medisanten Klub- und
Kasinohabitués, die nicht müde wurden, auf den siebenzigjährigen Goete, ja
zuletzt sogar auf König Sigurd Ring hinzuweisen, der noch mit neunzig Jahren in
Leidenschaft verfallen und auf die Freite gezogen sei. Der Graf aber sei
Vollblutungar und könne mehr.
    Ein Echo dieser Gespräche würde zweifellos auch bis zu Franziska hinauf
gedrungen sein, wenn diese nicht durch ein nervöses Fieber, in das sie bald nach
der Abreise des Grafen verfiel, vor allem derartigen Gerede bewahrt geblieben
wäre. Sie lag wochenlang in jenem apatischen Dämmerzustande, der der Begleiter
und fast auch der Freund dieser Krankheit ist, und als endlich dieser Zustand
geschwunden und ihr ein wenigstens umschleiertes Interesse für die Dinge des
Lebens zurückgekehrt war, da waren viele Wochen vergangen und beinahe heisse
Sommertage da, trotzdem erst Frühling im Kalender stand.
    Am letzten Apriltage sass Franziska an ihrem Fenster und sah zum ersten Male
wieder auf das bunte Treiben der Stadt unten, und siehe da, noch ehe die Mitte
des Mai heran war, war sie schon in einem jener reizend gelegenen, in weitem
Halbkreise die Hauptstadt nach Süden hin umziehenden Villendörfer einquartiert
und genoss hier die Wonne der Rekonvaleszenz. Es hatte sich dabei so glücklich
getroffen, dass eine befreundete Kollegin - und zwar um so befreundeter, als sie
das Fach der hoben Tragödie kultivierte - mit ihr in die Sommerfrische gegangen
war, einer Molkenkur halber, die sie sich unter Hinweis auf ihr »total
erschöpftes Organ« vom Teaterarzt hatte verordnen lassen. Eine Verordnung, in
die dieser lächelnd, aber doch zugleich auch mit der Bemerkung gewilligt hatte:
»Wollte Gott, Fräulein Phemi, dass ich mich annähernd Ihres Organs erfreute.«
    Natürlich war auch Hannah mit draussen, und alle drei bewohnten ein halbes
Parterre, das nach der Rückseite hin einen einfachen Garten mit Kaiserkronen und
Feuerlilien, in Front aber eine durch Glasfenster und Leinwandwände geschützte
Veranda hatte. Schräg gegenüber von ihnen befand sich ein grosses, mit
Oleanderbäumen umstelltes Hotel, und zwischen hüben und drüben lief ein
chaussierter Strassendamm, auf dem, die heissen Mittagsstunden abgerechnet, ein
beständiges Fahren war. Denn der Ort war nicht nur Eisenbahnstation, sondern von
alter Zeit her auch Knotenpunkt vieler Strassen, die von hier aus strahlenförmig
in die steirischen Vorberge hineinführten, ein entzückendes Hügelland, über das
hinweg, sobald die Sonne zu sinken begann, das Hochgebirg in blauem Dämmer
aufragte.
    Heute jedoch war der Abend noch fern, und beide Freundinnen sassen
frühnachmittags in der Veranda, deren Glasfenster man ausgehoben hatte, weil es
nach einer kurzen Regenzeit in den letzten Tagen wieder sehr warm geworden war.
Auf einem hart an der Brüstung stehenden Tische lagen Muster, Decken und
Wollknäuel umher, und die Tapisserienadel beider Damen, welche letzteren an
einer grossen Stickerei beschäftigt schienen, ging hurtig hin und her. dabei war
eine rechte Nachmittagsstille, nichts wach, und nur aus dem Garten kamen ein
paar gelbe Schmetterlinge, haschten sich und flogen dann weiter die Strasse
hinunter. Franziska sah ihnen nach, bis sie schliesslich über die Dächer hin
verschwanden, und war noch in ihrem Sehen und Sinnen verloren, als vom Flur her
ein reizender Blondkopf erschien, ein etwa zehnjähriges Mädchen, das an ihnen
vorüber in Hast und Sturm auf die Strasse zulief, einen Tonnenreifen vor sich,
den es mit dem Handgriff eines allem Anscheine nach sehr eleganten Fächers
schlug. An dem Reifen selbst waren kleine Blechstücke befestigt, und bei jedem
Schlage gab es einen Klang, als ob ein Tambourin oder Kinderjanitschar
geschüttelt würde.
    »Lysinka«, rief die Tragödin und lachte. »Sieh nur, Franziska, sie hat
meinen besten Fächer genommen, ein Geschenk von Graf Pejevics von der letzten
Redoute her. Ein wahres Prachtstück, ich meine den Fächer. Und nun hantiert der
Unhold damit, als ob es ein Trommelstock wäre... Lysinka!«
    Aber die Kleine hörte nicht mehr, sondern jagte schon die chaussierte Strasse
weiter hinauf und auf das grosse, mit Oleanderbäumen umstellte Hotel zu, vor dem
eben ein paar gelbe Reisewagen mit zurückgeschlagenem Verdeck hielten. Man sah
ordentlich, wie das schwarze Leder in der Sonne brannte, während ein paar
Hühner, die sich vom Hofe her eingefunden hatten, die Körner aufpickten, die
zerstreut umherlagen. Hier machte Lysinka halt, sah sich inmitten der pickenden
Hühner einen Augenblick um und jagte dann in geschickter Biegung, und die
Veranda, wo Phemi und Franziska sassen, aufs neue passierend, nach der andern
Seite hin die Strasse hinunter.
    »Ein reizendes Kind!« sagte Franziska. »Du musst es sehr lieben. Tust du?«
    »Gewiss tu ich's. Oder glaubst du, dass der hohe Stil der Tragödie dergleichen
ausschliesst? Auch Medea...«
    »Nichts von der. Ich will von Medea nichts wissen. Ich will nur wissen...«
    »Ein Geheimnis.«
    »Unter Schauspielerinnen gibt es keine Geheimnisse. Das solltest du wissen,
Phemi. Zudem hab ich dir alles aus meinem Leben erzählt, Abenteuer und
Nichtabenteuer.«
    »Nun gut; so rate.«
    »Gräflich? Hocharistokratie?«
    »Höher.«
    »Ah, ich seh schon, du willst dich auf einen Erzherzog hin ausspielen. Aber
ehe ich dir das glaube...«
    Hannahs Erscheinen machte hier dem Gespräch ein Ende. Sie kam mit einem
grossen Tablett, das sie vorläufig auf die rechtwinklige Brüstung der Veranda
setzte, legte dann sorglich ein Tuch und arrangierte den Kaffeetisch.
    »Und nun, Hannah, Juwel unserer Krone«, hob Phemi wieder an, »schaff uns
auch etwas Krausgebackenes oder einen Napfkuchen oder, um auch in Öslau gut
wienerisch zu bleiben, einen Gugelhupf. Denn du musst wissen, ich habe heute den
Lammbraten vorübergehen lassen - er hat immer so etwas Ungeborenes -, und so
klingt es denn in den Tiefen meiner Seele: Was du vom Lamm zu Mittag
ausgeschlagen, bringt nur der Gugelhupf zurück. Oh, ein himmlisches Wort, bei
dem ich ordentlich fühle, wie's hier mitupft. Und nun geh, Hanning, geh; ich
habe ein drittes Haus von hier etwas appetitlich Braunes im Schaufenster stehen
sehen, heute früh, als wir von der Promenade kamen, und die leere Strasse sieht
mir nicht darnach aus, als ob sich Öslau mittlerweile daran vergriffen haben
könnte... Hier mein letzter Fünfguldenschein!«
    »Ach, Fräulein Phemi, wenn Sie nur nicht immer vergessen wollten, dass wir
Krachzeiten haben.«
    »Unsereins hat nie Krach, Hannah. Übrigens wecke keine traurigen Gedanken in
mir, denn schliesslich und auf einem Umwege bin ich doch daran beteiligt. Und nun
geh, ehe es zu spät ist. Wir leben zwar in einer gedankenarmen Zeit, aber die
Not einer Öslauer Kaffeestunde macht auch den Ärmsten erfinderisch. Also vite,
vite.«
    Hannah ging. Als sie fort war, beugte sich Franziska vor und sagte: »Du
kannst dir gratulieren und stolz sein, Phemi, bei Hannah in solcher Gunst zu
stehen. Eigentlich hält sie nicht viel von uns. Ihr Vater war Totengräber, und
davon ist ihr was geblieben. Und am meisten wundert es mich, dass sie mit dem
Blondkopf so gut steht, mit der Lysinka. Sie hat ordentlich einen Narren an dem
Kind und erklärt es rundheraus für einen Engel. Und das geht doch
schlechterdings nicht, oder das ganze Kapitel von der Erbsünde...«
    »Nichts davon! Um darüber zu sprechen, muss man so studiert sein wie du. Das
alles ist nicht mein Sach. Aber wenn du dich über die Hannah wunderst, weil sie
trotz all ihrer Tugend an dem Kinde hängt und dem Kinde nicht die Mutter und der
Mutter nicht das Kind anrechnet, so zeigst du nur, wie wenig du die Menschen
kennst. Und bist doch an die Vierundzwanzig.«
    »Eben gewesen«, lachte Franziska.
    »Nun, siehst du! Freilich, ich könnte deine Mutter sein oder wenn nicht
geradezu deine Mutter, so doch deine Stiefmutter...«
    »Dazu bist du wieder zu gut und verwöhnst mich zu sehr.«
    »Also deine Mutter. Und nun höre. Was ich dir hinsichtlich deiner Hannah und
ganz speziell hinsichtlich ihrer Liebe zu dem Kinde zu sagen habe, das heisst
einfach...«
    »Nun?«
    »Das heisst einfach: es lebt sich am besten mit der Tugend.«
    »Das hat einen Doppelsinn.«
    »Ich wollt ihm den Doppelsinn nicht geben, und stünde mir auch schlecht an.
Es soll nur heissen: es lebt sich am leichtesten und am bequemsten mit guten und
unschuldigen Leuten. An Tadel oder Vorwurf ihrerseits ist nie zu denken. Im
Prinzipe sind sie streng und streng auch gegen sich selbst. Aber was von anders
Geartetem an sie herantritt, dagegen sind sie mild, und es ist fast, als freuten
sie sich, eine Bekanntschaft damit zu machen. Es soll sich ja, wie die
Katoliken sagen, das Heilige durch Handauflegen fortpflanzen etwa nach Art
eines elektrischen Stroms, und so strömt auch vielleicht ein kleiner,
prickelnder Strom des Unheiligen von unsereinem aus. Jeder nach seinen Mitteln
und Kräften.«
    »Ach, Phemi, wie du nur redest! Du bist ja gar nicht so.«
    »Man kann sich nicht unheilig genug machen. Eine durchgängerische Demut ist
das letzte Mittel, sich wenigstens einen Schimmer aus der ewigen Strahlenkrone
zu retten... Aber ums Himmels willen, Fränzl, sieh dich um, da kommt ja Graf
Egon.«
    Franziska hatte sich vorgebeugt und erkannte nun auch ihrerseits den Grafen,
der eben drüben aus dem Hotel getreten war und noch einmal zurücksah, um nach
einem Balkon hinauf zu grüssen, der am ganzen ersten Stock entlanglief und durch
Holzpfeiler getragen wurde. Sein Gruss selbst aber galt einer alten Dame, der
Gräfin.
    Egon war allein, nur von einer Ulmer Dogge begleitet, einem prächtigen Tier,
das augenscheinlich ungeduldig seinem Herrn auf der chaussierten Strasse bis an
die Veranda hin vorauflief. Einen Augenblick später aber war auch der junge Graf
heran und gewahrte die beiden Damen, die sich anscheinend in ihre Tapisserie
vertieft hatten. Er fuhr ganz ersichtlich zusammen, als ob ihm die Begegnung mit
ihnen mehr ein Schreck als eine Freude gewesen wäre, fand sich aber rasch wieder
zurecht und trat an die Brüstung heran, um beide mit aller Courtoisie zu
begrüssen.
    Phemi hatte sich zum Gegengruss erhoben und überstürzte den Grafen sofort mit
einer Frageflut, die keine Dämme kennen zu wollen schien, am wenigsten aber den
der Diskretion. Endlich schwieg sie.
    »Meine Gnädigste«, lächelte Graf Egon, »alles zu beantworten, müsst ich den
letzten Zug abwarten können, was mir leider versagt ist. Aber ein Anfang liesse
sich wenigstens machen, immer vorausgesetzt, dass Sie geneigt sind, mir einen
Platz an Ihrem Kaffeetische zu gönnen.«
    Er voltigierte, während er dies sagte, leicht über die Brüstung hin und
setzte sich in einen Gartenstuhl, den er selber aus einer Ecke herangeschoben.
    »Ehe ich aber beginne«, fuhr er fort, »denn Fragen sind einer Gegenfrage
wert, bitte ich, mir sagen zu wollen, was Sie nach diesem Erdenwinkel geführt
hat?«
    »Ich war krank«, antwortete Franziska, »viele Wochen lang, und die stillen
Tage hier sollen mich wieder gesund machen.«
    All dies war in einem durchaus ruhigen Tone gesprochen, und doch klang
ungewollt und ungewusst etwas wie Vorwurf darin. Egon geriet denn auch in eine
leise Verwirrung, an der die Sprecherin erst erkannte, welche Bedeutung er ihren
Worten gegeben hatte. Sie fuhr daher rasch und mit soviel Unbefangenheit wie
möglich fort: »Es ist erquicklich, die reine Luft hier zu geniessen, am
erquicklichsten aber ist doch die geistige, darin ich lebe. Wenn ich nicht irre,
hat irgendein alter oder neuer Philosoph ausgesprochen, es mache nichts so
gesund wie Heiterkeit, und die Wahrheit dieses Satzes hab ich hier an mir selbst
erfahren. Denn Sie müssen wissen, Graf Egon, es gibt nichts Heitereres und
Vergnügteres als eine Tragödin. Nicht wahr, Phemi?«
    Diese patschelte die Hand, die Franziska, während sie so sprach, ihr gegeben
hatte, zugleich aber nahm sie selber das Wort und sagte: »Was das für
Anwandlungen sind! Ich bitte dich, ich soll mich nicht auf das Archidukale hin
ausspielen, und du spielst dich auf das Sentimentale hin aus. Und nun wirst du
schliesslich noch rot und scheinst als Naive nicht einmal zu wissen, dass mit
Hilfe solcher Anspielungen nie und nimmer das geringste verraten wird. Und wenn
Graf Egon auch raten wollte bis an den Jüngsten Tag, er erriete doch nicht, um
was es sich hier handelt.«
    »Ich fürchte wirklich, nein.«
    »Nun, siehst du. Zudem soll man an den kleinen Freuden des Lebens nicht ohne
Not vorübergehen, das verübeln einem die Schicksalsmächte, von denen ich schon
von Metier wegen zu reden weiss. Und zu diesen kleinen Freuden des Lebens gehört
es auch, in Geheimnissen und Anspielungen zu sprechen. Einige sagen freilich, es
sei ein schlechter Ton und nicht artig. Aber was ist artig? Eine Beschäftigung
für arme Leute.«
    »Gut, es mag so sein, aber du hast umgekehrt eine zu stark ausgeprägte
Neigung, dich unter Ignorierung der armen Leute mit deinen Königinnen zu
verwechseln. Ist es nicht so, Graf Egon?«
    »Im Gegenteil, meine Gnädigste. Bedaure, widersprechen zu müssen. Ich
meinerseits bin immer nur überrascht, unsere Freundin in so genialer Weise die
Rollengebiete wechseln und aus der Sprache der Königinnen in die der echtesten
Weiblichkeit übergehen zu sehen.«
    »Eine Genialität«, lachte Phemi, »die Sie mutmasslich überschätzen. Immer,
mit Ausnahme der Pastoren, ist es einem jeden ein liebes und leichtes, aus dem
Aufgesteiften in das Natürliche zu verfallen. Erinnern Sie sich der
mytologischen Gotteiten, und wie begierig dieselben allezeit waren, aus ihrer
Göttlichkeit herauszutreten. Und nun gar erst die Götter und Göttinnen dieser
Welt! Als Hofmann sollten Sie wissen und wissen es auch, wie schwer arme junge
Königinnen an ihrem Hermelin zu tragen haben. Da haben wir beispielsweise die
Königin Anna von England, allerdings nur in einem historisch angekränkelten
Stück. Aber gleichviel, die Figur soll echt sein. Und nun beobachten Sie, woran
hängt sich dieser Königin Anna königliches Herz? An einen Fähnrich. dabei
verwechselt sie die zwölf Millionen Staatsschulden mit den Toten bei Malplaquet.
Zwölf Millionen Tote! Viel, sehr viel; aber am Ende warum nicht? Ihr Fähnrich
blieb ihr ja, und so rollt ihr die Zahl so gemütlich von der Lippe, wie wenn's
eine Bagatelle wäre. Da haben Sie Königinnen! So sehen wirkliche Königinnen aus,
und einer armen Sklavin gleich mir, die nur die Königinnen spielt, sollt es
schwer werden, aus der Zepter-und-Kronen-Sprache herauszufallen? Und noch dazu
hier, hier in Öslau. Hier bin ich Mensch, hier will ich menschlich fühlen, ja,
Graf, auch dann noch, wenn Sie samt Franziska superior über mich lächeln, weil
ich mutmasslich wieder einmal falsch zitiert habe, was aber Ihre gerechte Strafe
dafür sein mag, dass wir immer noch nicht wissen, um was sich's handelt und um
was Sie hier waren. Und nun dring ich allen Ernstes auf eine Generalbeichte.«
    »Die wir sicherlich längst hätten, Phemi, wenn du dem Grafen nur einen
Zollbreit Raum zum Niederknien gegönnt hättest.«
    Egon verneigte sich zustimmend und erzählte nun in Kürze, dass die Tante seit
etwa acht Tagen hier in Öslau sei, drüben im Hotel. Er sei gekommen, ihr Briefe
zu bringen, darunter auch Briefe von Graf Adam.
    »Und wie geht es dem Grafen?« fragte Franziska.
    »Gut. So nehm ich wenigstens an. Es geht ihm überall gut, wo sich eine grosse
Oper und eine Opéra comique verfindet. Freilich fehlt ihm das Napoleonische
Regiment, und die Regierung im schwarzen Frack ist nicht gerade sein Ideal. Er
liebt das Bunte, darin ganz Ungar, aber zuletzt bleibt doch Paris Paris und
spottet jeder Kleiderfrage. Mit der Viardot hat er die Freundschaft erneuert und
mit der Sarah Bernhardt diniert, ein Diner, von dem sich mindestens eine Woche
lang in entusiastischer Erinnerung zehren lässt. Mitte Juni will er nach
Trouville, wenn nicht nach Biarritz, er ist aber unberechenbar und hält
eigentlich jeden Tag für verloren, den er, etwa Schloss Arpa abgerechnet,
ausserhalb Wien zubringt.«
    In diesem Augenblick hörte man aus der Ferne her den Pfiff einer Lokomotive.
»Das ist mein Zug, meine Damen, und ich muss eilen.«
    »Oh, Sie haben noch sieben Minuten.«
    Und er setzte sich wirklich wieder. Aber die Dogge, die sich all die Zeit
über vor die kleine Verandatür gelagert und den Kopf zwischen die Pfoten
gesteckt hatte, gab jetzt so sichtliche Zeichen von Ungeduld und schlechter
Laune, dass ihr Herr unter scherzhaftem Hinweis auf den malkontenten Begleiter
sich wieder erhob.
    »Ein schönes Tier!« sagte Phemi. »Fast zu schade...«
    »Für sein Coupé?« ergänzte lachend der Graf. »Gewiss. Und würd es auch sehr
übelnehmen, sich darin untergebracht zu sehen, denn er steckt ganz und gar in
Standesvorurteilen. Ich muss es eben mit dem Schaffner versuchen. Missglückt es,
so macht er die vier Meilen zu Fuss. Apropos, ich darf doch der Tante von Ihrem
Hiersein melden? Au revoir.«
    Und er ging rasch die Strasse hinunter, an deren nahem Ausgange das
Bahnhofsgebäude gelegen war. Eben fuhr der Zug ein. Eine Minute darnach aber gab
die Glocke schon wieder das Abfahrtszeichen, und beide Damen sahen nur noch die
weisse Dampfwolke, die, sich verflüchtigend, über die letzten Häuser hinzog.
    Weder Phemi noch Franziska sprach. Jede hing ihren Gedanken nach.
 
                                Sechstes Kapitel
Graf Egon hielt Wort, und schon den zweiten Tag darnach, als beide Freundinnen
von einem Mittagsspaziergang zurückkehrten, fanden sie zwei Karten vor, die von
einem Lohndiener abgegeben waren, während die Gräfin selber in einem
zurückgeschlagenen Wagen vor der Veranda gehalten hatte. Phemi drehte die für
sie bestimmte Karte hin und her und las mit Betonung jeder einzelnen Silbe:
»Reichsgräfin Judit von Gundolskirchen, geborene Gräfin Petöfy. Wundervoll, und
kommt in der Schale, wenn ich erst wieder in Wien bin, obenauf. An Grafen ist
kein Mangel bei mir, aber Gräfinnen sind desto seltener. Glaube mir, Fränzl,
dergleichen ist nicht nur hübsch, sondern auch nützlich, und man muss jede gute
Brise benützen... Und in einem Wagen, sagtest du, Hannah?«
    »Ja, in einem Wagen«, bestätigte Hannah. »Und es war eigentlich nur der
Hotelwagen von drüben, aber alles herrschaftlich zurechtgemacht und der Kutscher
mit Handschuhen. Er sah so feierlich aus, dass mir das Lachen ankam. Und dazu der
lange Sepp als Lohndiener und einen Frack an. Und alles bloss für uns, Fräulein
Phemi, wirklich bloss für uns. Denn an der nächsten Ecke sah ich sie kehrtmachen,
und ehe ich noch bis hundert zählen konnte, hielten sie schon wieder vor dem
König von Ungarn.«
    Franziska war mehr bestürzt als erfreut. Allerdings waren ihr die
Winterabende bei der Gräfin in durchaus freundlicher Erinnerung, aber die
Beziehungen von damals wieder aufgenommen zu sehen entsprach wenig ihren
Wünschen.
    Am andern Tage gaben beide Damen in Abwesenheit der Gräfin ihre Gegenkarten
ab, und Franziska lebte der Hoffnung, dass es dabei sein Bewenden haben werde.
Darin irrte sie jedoch, und schon derselbe Tag war dazu bestimmt, eine
persönliche Begegnung herbeizuführen.
    Es kam dies so:
    Zu den kleinen Zerstreuungen Franziskas und Phemis gehörte namentlich auch
der Bahnhofsbesuch, wo sie zu promenieren und das bunte Treiben der ankommenden
und abgehenden Züge zu beobachten pflegten. Auch heute hatten sie sich
eingefunden und bogen eben aus den Anlagen in den parallel mit der Bahn
laufenden Kiesweg ein, als Franziska der Gräfin ansichtig wurde, die, von ihrer
Kammerjungfer gefolgt, auf dem Perron auf und ab ging und ebenfalls den von Wien
kommenden Vieruhrzug abzuwarten schien. Es fehlten nur noch einige Minuten. Ein
Sichvermeidenwollen wäre wenig schicklich, ausserdem auch undurchführbar gewesen,
und so trat denn Franziska an die Gräfin heran und bat nach den ersten
Begrüssungsworten, ihr ihre Freundin Euphemia La Grange vorstellen zu dürfen. Die
Gräfin reichte dem Fräulein die Hand und sprach ihr Bedauern aus, den ihr
zugedachten Besuch der beiden Damen verfehlt zu haben, zugleich Franziska
versichernd, wie sehr sie sich freue, die so plötzlich unterbrochene
Winterbekanntschaft in diesen schönen Maitagen erneuern zu können.
    »Ich habe von Ihrer andauernden Krankheit gehört«, fuhr sie fort, »und muss
mich anklagen, mich dabei so säumig und anscheinend teilnahmlos gezeigt zu
haben. Aber ich war gut unterrichtet, erst durch meinen Bruder und später durch
meinen Neffen, Grafen Egon. Und nun bitt ich die Damen, einen Platz für mich
suchen oder wenigstens die Promenade wieder aufnehmen zu wollen, denn meine Füsse
versagen mir im Stehen den Dienst und mahnen mich an die lange Reihe meiner
Jahre.«
    dabei schritt sie den Damen vorauf auf ein Tempelchen zu, das auf einem
künstlich aufgeworfenen Hügel inmitten der Anlagen errichtet war. Ehe sie jedoch
die Stufen desselben erreichen konnte, hörte sie schon das Herannahen des Zuges
und entschuldigte sich nun, das eben erst begonnene Gespräch auch schon wieder
abbrechen zu müssen, aber sie sei hier, um einen lieben Freund zu begrüssen, den
sein Weg von Wien aus nach Wiener Neustadt führe. »Sie kennen ihn ja, mein
liebes Fräulein«, setzte sie hinzu, »Pater Fessler, ein eifriger Verehrer von
Ihnen und als solcher oft der Gegenstand unserer Neckereien. So Sie mir
gestatten, bring ich ihm Grüsse von Ihnen.« Und damit empfahl sie sich und ging,
von ihrer Jungfer gefolgt, auf den Perron zurück.
    Euphemia sah ihr nach und sagte: »Charmante alte Dame, jeder Zoll eine
Gräfin. Ich glaube zwar, trotz aller Liebenswürdigkeit, sehr stolz. Aber es ist
mit dem Stolz wie mit der Tugend, worüber ich dir erst neulich einen kleinen
Vortrag gehalten habe; weisst du noch? Und sieh, alles, was ich dir damals von
der Tugend und den Tugendhaften sagte, das passt auch auf die Stolzen. Ich leg
ihre Karte noch mehr obenauf... Aber wer ist nur der Pater Fessler?«
    »Überzeuge dich selbst; eben ist er ausgestiegen und spricht mit der
Gräfin.«
    »Ein schöner Mann.«
    »Und sehr angenehm im Umgang.«
    »Er wird dich am Ende noch bekehren.«
    »Zweifle.«
    »Wer weiss? Eine geborene Predigerstochter und gewordene Liebhaberin und
Soubrette, nimm mir's nicht übel, Fränzl, aus solchen Zutaten kann alles
werden.«
Seit dieser Begegnung hatte sich ein Verkehr zwischen hüben und drüben
entwickelt, der sich indessen auf blosse Begrüssungen beschränken zu wollen
schien. Jeden Morgen, wenn beide jungen Damen auf ihrer Veranda sassen und Phemi
die Zeitung studierte - denn sie war eine Politikerin, ungemein für Freiheit und
noch mehr für Aristokratie -, erschien die Gräfin auf ihrem Balkon, anscheinend
um nach dem Wetter, in Wahrheit aber, um nach den jungen Damen zu suchen, und
wenn dann diese sich erhoben, um ihren Respekt zu bezeugen, so nickte sie beiden
ihren Morgengruss zu, bevor sie sich wieder in ihre Zimmer oder am liebsten auf
einen nach hinten zu gelegenen Gartenbalkon zurückzog.
    Aber dabei blieb es.
    »Es wird nicht viel«, sagte Phemi, die sich über dies Halbverhältnis
ärgerte. »Wir kommen nicht von der Stelle mit ihr, und am Ende wär es besser
gewesen, wenigstens für mich, Graf Egon hätte mir dies Öslauer Idyll und die
Ruhe meiner Seele nicht gestört. Ach, es war so still hier, Franziska, so
konflikt- und tragödienlos, und wenn ich vielleicht doch noch Medea war, so war
es Medea während der Freundschaftsschliessung mit Kreusa, die Zeit vor der
Eifersucht und den unliebsamen Gefühlen überhaupt. Wirklich, ich war wie
Fridolin in der Ballade so sanft und rein und natürlich auch glücklich, aber
seitdem dieser Maledetto von Egon hier war, ist eine totale Gemütsveränderung
mit mir vorgegangen. Ich habe meine Fridolinrolle vertauscht und könnte mich
jeden Augenblick ans Spinnrad setzen. Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer.
Wirklich, Schatz, ich werde täglich nervöser, und wenn nicht bald etwas
geschieht, so reis ich ab.«
    »Ich weiss, du wirst bleiben, Phemi; du hast ein Zeugnis auf Molkenkur und
musst nun aushalten. Alles straft sich und am meisten das Lügen... Aber da kommt
ja der lange Sepp von drüben, und wenn ich sein Zwinkern und seine Wichtigkeit
recht verstehe, so bringt er uns eine Botschaft.«
    Und wirklich, er kam von der Gräfin und übergab ein an Franziska gerichtetes
Billet. Es lautete:
    »Vielleicht ist es den Damen genehm, an einer Partie teilzunehmen, die wir
heute nachmittag in die Berge machen wollen. Mein Neffe Egon und mit ihm der
junge Graf Pejevics, der Fräulein Phemi zu kennen vorgibt, sind mit dem letzten
Bahnzuge hier angekommen und rechnen auf ein Ja der beiden Damen. Am meisten
aber Ihre Judit v. G.«
    Eine kurze Nachschrift, in der es hiess: »Nicht später als drei«, war
hinzugefügt, und der Bote brachte die Nachricht zurück, dass sich beide Damen zu
festgesetzter Stunde die Ehre geben würden.
    Und wirklich um Punkt drei schritten sie dem »König von Ungarn« zu, vor
dessen Freitreppe der heute jeder Galavorrichtung entkleidete Hotelwagen bereits
hielt. Auch die Gräfin war schon da, stellte die Herren und Damen einander vor,
trotzdem diese sich von kurz oder lang her bereits kannten, und bat, als sie
dessen gewahr wurde, ihrer Zerstreuteit halber um Entschuldigung. Endlich aber
wandte man sich der wichtigen Frage zu, wie hinsichtlich des Gehens und Fahrens
die Rollen zu verteilen seien, und entschied sich nach längerer Debatte dahin,
dass die Gräfin und Graf Egon in der Serpentine den Berg hinauffahren, die beiden
Damen aber in Begleitung von Graf Pejevics einen näheren Fussweg einschlagen
sollten. Oben auf dem Berge werde man sich dann ziemlich a tempo treffen. Und
nun trennte man sich, und die wenigstens auf Augenblicke noch zurückbleibende
Jugend sah dem mit Egon und der alten Gräfin langsam dahinfahrenden Wagen nach.
    »Ich sollte nun wohl Ihren Führer machen«, hob Graf Pejevics an, »aber
obschon Generalstäbler, erkenn ich mich doch unfähig dazu. Sie müssen helfen,
meine Damen, und mir die nötigen Direktiven geben. Ein ganz besonderes Vertrauen
aber hab ich zu der Strategie von Fräulein Phemi La Grange.«
    Phemi war es zufrieden und schlug vor, einen etwas abseits gelegenen
Zickzackweg zu benützen, einmal, weil es dabei was Tüchtiges zu steigen und zu
klettern gebe, was doch immer die Hauptsache bleibe, vor allem aber, weil man
vorher einen grossen Wiesengrund, einen vollkommenen Wurstelprater, zu passieren
habe, bei dessen Anblick man sich mal wieder wienerisch fühlen, ja vielleicht
sogar ein paar Kolleginnen in ihren Geheimnissen der Kunst und des Lebens
belauschen könne.
    Niemand widersprach, und so traten sie denn aus einem bloss aus Remisen und
Stallgebäuden bestehenden Gässchen, das sich dicht hinter dem Hotel hinzog, auf
einen ansteigenden Ackerstreifen hinaus und wurden hier alsbald einer
querlaufenden Senkung gewahr, in der sich ein Schützenplatz etabliert hatte. Die
Schützen ihrerseits waren auch schon fleissig am Werk, aber das anderweite Fest-
und Jahrmarkttreiben ruhte noch oder befand sich doch höchstens in einer
verschwiegenen Vorbereitung für den Abend. Selbst der Mann in der Würfelbude
nickte, denn niemand in der heissen Nachmittagsstunde war da, der sein Glück
hätte versuchen mögen. So war das Budentreiben, das in diesem Augenblick
eigentlich kein Treiben war.
    Aber der von Phemi beliebte Weg lief auch nur eine kurze Strecke lang in
Front dieser Buden hin und bog vielmehr nach fünfzig Schritten schon an einem
mehrstöckigen Carrousel vorbei, dessen Fahnen jetzt schlaff in der Luft
herabhingen, in einen hinter der Budenreihe hinlaufenden Seitenweg ein.
    »Ah, hier fängt es an«, sagte Phemi, während sie sich voll augenscheinlicher
Befriedigung umblickte. »Hier sind wir hinter den Kulissen.«
    Und wirklich, es war, wie sie sagte. Der den langen Degen verschluckende
Spanier, der magere Feuerkönig, der Herkules, der sich den Amboss auf die Brust
packen, und der Pyramidenmann, der sich seine drei Kinder auf die Schultern
stellen lässt - alle traten einem hier in schöner Menschlichkeit entgegen, am
menschlichsten aber, wie selbstverständlich, die Frauen, die sich, während sie
wuschen und plätteten oder ein Kleidungsstück mit einem neuen Flitter besetzten,
zu gleicher Zeit ihren zum Teil weitgehendsten Mutterpflichten unterzogen. Es
war nichts Schlimmes, was dabei zutage trat; da man indes nicht wissen konnte,
was vielleicht noch komme, so waren beide Damen, und sogar Phemi, doch
schliesslich froh, als sie die »Wohnungswagen« hinter sich und statt ihrer die
nun beginnende Reihe der Gepäckwagen zur Seite hatten. Es fehlte hier an all und
jedem Beängstigenden, und an Stelle davon traten Genrebilder von durchaus
harmlosem Charakter. In einer an vier Ketten hängenden Schosskelle schlief eine
Hundefamilie, während auf dem Rand einer grossen Trommel ein ältlicher und etwas
fadenscheiniger Rabe sass, in betreff dessen es zweifelhaft blieb, ob er sich
bloss zufällig hier eingefunden oder aber den Rang eines wirklichen Mitgliedes
der Truppe habe. Phemi war natürlich der letzteren Ansicht und beteuerte
wiederholt, dass ein Schützenplatz ohne Wahrsagerei gar nicht möglich und die
vorhin gesehene schwarze Frau mit dem Kind an der Brust aller Wahrscheinlichkeit
nach die Lenormand dieses Kreises gewesen sei. Sie habe durchaus auch die
Requisiten dazu gehabt: einen stechenden Blick und einen falschen Scheitel. Und
das dritte sei eben dieser Rabe. Übrigens käme die Wahrsagerei wieder in Mode,
was auch gut und erklärlich sei, denn je freier der Mensch werde, desto nötiger
werd ihm der Hokuspokus.
    Graf Pejevics, der gerade vornehm genug war, um ungestraft liberalisieren zu
können, wollte demgemäss widersprechen, aber Phemi ging mit Hülfe von Spiritismus
und Amerikanismus, zwischen denen sie gleichzeitig auch allerlei natürliche
Zusammenhänge finden wollte, sofort zu Beweisen über und zeigte sich dabei so
beredt und zeitungsbelesen, dass man den ansteigenden Talweg bereits halb hinauf
war, als der Anblick des jetzt in gleicher Höhe mit ihnen fahrenden Hotelwagens
ihren Vortrag momentan unterbrach.
    »Ah, die Gräfin!« Und sie grüsste mit ihrem Tuch über die tiefe, mit Tannen
besetzte Schlucht hinweg.
    »Phemi!« sagte Franziska.
    Phemi nahm aber den Tadel, der sich darin ausdrückte, nicht an und sagte nur
lachend: »Ich weiss schon, was ich tu. Frage nur Graf Pejevics. Man muss die
vornehmen Leute nicht immer daran erinnern, dass sie vornehm sind.« Und dabei
winkte sie ruhig weiter. »Übrigens lass dir sagen, Schatz, dass das alles nur
uraltes Sommerfrischen- und Badevorrecht ist. In der Stadt rückt sich's leicht
wieder zurecht.«
    Eine Viertelstunde später waren unsere drei Fussgänger glücklich oben, und
als gleich darnach auch der Wagen erschien, hatte Phemi bereits einen Platz
gefunden, der jeden erdenkbaren Vorzug in sich vereinigte: temperierte Sonne,
Schutz vor Wind und Zug und einen wundervollen Blick in die Landschaft.
    »Wie schön!« sagte die Gräfin, und Franziska gab ihr ein Mäntelchen um,
während Egon ein Kissen aus dem Wagen und Graf Pejevics eine Fussbank
herbeiholte. »Hier bleiben wir, nicht wahr, und schonen unsere Kräfte? Wenn man
das Gute hat, muss man das Bessere nicht auf allerlei Gefahr hin haben wollen.
Und nun, Egon, mache den Wirt; oder besser noch, Fräulein Phemi. Zu der hab ich
ein Vertrauen und bin ganz sicher, dass sie nicht bloss den artigsten und
raschesten Kellner, sondern auch den besten und frischesten Kuchen für uns
entdecken wird.«
    Und nun kamen heitere Stunden oben auf dem Aussichtspunkte, schön und heiter
auch für Franziska, die das Berg- und Burgenpanorama noch nicht kannte, darunter
Schlösser und Türme, die seit der Türkenzeit in Trümmern lagen. Am meisten
interessierte sie die Ruine von Schloss Merkenstein, und Graf Egon, der
landeskundig war, erzählte von einer rätselvollen Buchstabeninschrift: »O. H. I.
N. N.«, die sich bis diesen Tag an dem stehengebliebenen Portal der Burgruine
befinde. Phemi, die sich mitunter auf die Wissenschaftlichkeit hin ausspielte,
wollte die Bedeutung davon für ihr Leben gern erraten und ruhte nicht eher, bis
ihr Egon die Buchstaben ins Notizbuch geschrieben und schliesslich, als alles
Raten umsonst geblieben, die Versicherung gegeben hatte, dass nur der Wiener Witz
bis dato die Deutung dafür gefunden habe.
    »Welche?« fragte das Fräulein neugierig.
    »Oesterreich Hinkt Immer Noch Nach.«
    Und nun gab es ein norddeutsch übermütiges Lachen von seiten der beiden
jungen Damen, das erst schwieg, als sie halb erschrocken einen spöttisch
superioren Zug um den Mund der beiden Grafen spielen sahen. Aber Phemi witzelte
rasch die kleine Verstimmung fort, und Graf Pejevics, der erst wenige Tage
wieder aus England zurück war, wohin er sich der Rennen halber begeben hatte,
wurde jetzt eindringlich gebeten, über seine Reise zu berichten, ganz besonders
auch von seiten der alten Gräfin.
    »Ich bin halb von englischer Extraktion«, sagte diese. »Meine Mutter war
eine Howard und meiner Mutter Mutter eine Talbot.«
    »Eine Talbot!« wiederholte Phemi mit einem beinahe komisch wirkenden Ernste,
dem man es deutlich anhörte, dass die halbe »Jungfrau von Orleans« an ihrem
inneren Auge vorüberzog.
    »Aber trotz dieser nahen und nächsten Beziehungen«, fuhr die Gräfin fort,
»war ich nie dort. Ich hab eine Scheu vor der Überfahrt und höre jedesmal zu
meinem Troste, dass es keinen schlimmeren Pas geben soll als den Pas de Calais.
Indessen, wenn ich auch niemals dort war, ich höre doch gern davon. Alles ist
interessant und eigenartig und zeigt uns das Leben von einer neuen Seite. Wie
fanden Sie London?«
    »Vor allem ohne Londoner und beinahe auch ohne Engländer. Es ist dasselbe
wie mit Wien, wie mit allen grossen Städten. Sie werden zum Rendezvous für die
Provinzen oder die Welt überhaupt. In London ist alles irish und scotch, und
wollte man die Deutschen zählen, so fände man wahrscheinlich mehr als in unserem
guten Wien. Im übrigen, um auch das noch zu sagen, ich kann mich mit einer
Lebensweise nicht befreunden, die den Tag mit Speck und Ei beginnt und ihn mit
Cognac abschliesst. Kardinal Antonelli soll denn auch ausgerufen haben: Ich mag
kein Volk, das vierzig Sekten und eine Sauce hat. Er hätte nach meinen
Erfahrungen auch noch hinzusetzen können: Alles sei schwer und massig in diesem
Lande, sogar die Träume. Wenigstens sprechen sie selber von plumpudding dreams.«
    Es fehlte, wie sich denken lässt, nicht an Opposition dagegen, am meisten von
seiten Phemis, die nicht müde wurde, vom Grossen Freibrief an, über Milton und
Shakespeare weg bis zu Scott und Tackeray hin, alles zu loben und zu preisen.
Egon und Graf Pejevics amüsierten sich ersichtlich und stimmten mit ein oder
widersprachen auch, je nach Laune.
    So schwanden die Stunden, und erst als die Sonne gesunken und statt ihrer
die Mondsichel sichtbar geworden war, erhob man sich, um den Rückweg anzutreten.
    Auch die Gräfin zog jetzt vor zu gehen und sprach nur den Wunsch aus, dass
der am wenigsten abschüssige Weg eingeschlagen würde. Graf Pejevics bot ihr den
Arm, und Phemi plauderte nebenher, während Egon mit Franziska folgte.
    Man ging anfänglich sehr vorsichtig, vorsichtiger noch als nötig; als man
aber die Kuppe passiert und die breiteren Gelände gewonnen hatte, machte sich's,
dass man nicht nur in aller Bequemlichkeit, sondern auch in einem beflügelten
Marschtempo marschieren konnte. Denn das bunte Treiben auf dem Schützenplatz
unten hatte mittlerweile begonnen, und die festen Takte von Trommel und Pauke
drangen bis hoch an den Abhang hinauf. Um jedes Carrousel her waren Lichter und
Lampions, und inmitten eines eingefriedigten Platzes, auf dem trotz der
Mondhelle noch viele Pechfackeln brannten, erkannte man nicht nur Pierrot und
Harlekin, sondern hörte ganz deutlich auch das Gelächter, das die Kapriolen und
Witze beider begleitete.
    »Wir kommen gerade zu guter Zeit«, wandte sich Egon an seine Begleiterin.
»Und ich freue mich darauf. Können Sie sich denken, dass ich ein wirkliches
Vergnügen an diesen Dingen habe?«
    »Gewiss«, antwortete Franziska, »das dürfen Sie, das ist Ihr gutes Recht. Und
wenn ich an Ihrer Stelle wäre, so würd ich es auch haben. Aber unsereins ist
doch mehr oder weniger geniert und empfindet leicht eine Verwandtschaft heraus,
die schliesslich bedenklich ist.«
    »Sie scherzen«, sagte der Graf, »oder wenn es wirklich Ihr Ernst ist, so
möcht ich fast von Empfindelei sprechen dürfen.«
    »Empfindelei vielleicht. Aber Scherz, nein. Ich nehm es ganz ernstaft. Auch
glaub ich kaum, dass ich damit vereinzelt dastehe.«
    »Phemi?« lachte der Graf.
    »Nein, Phemi nicht. Aber andere, wobei mir eine kleine, dasselbe Gefühl
ausdrückende Lenau-Geschichte wieder in Erinnerung kommt, die mir Bauernfeld
letzten Winter erzählte.«
    »Darf ich sie wissen?«
    »Gewiss. Ich habe die Namen und näheren Umstände vergessen, aber gleichviel.
In irgendeinem Wiener Restaurant, in dem Lenau verkehrte, befand sich eine junge
Person, die nicht bloss die Gäste bediente, sondern auch Verse machte. Diese
Verse nun wurden bei bestimmter Gelegenheit an Lenau gegeben, der sie las und
sofort in eine befangene Stellung zu der neu entdeckten Dichterin geriet. Alles,
was sie geschrieben hatte, war unter mittelmässig, aber sich auch fernerhin von
ihr bedienen zu lassen erschien ihm nichtsdestoweniger unmöglich oder doch im
höchsten Grade peinlich. Er sah in ihr die Kollegin, die Mitschwester und wusste
sich schliesslich nicht anders zu helfen, als dass er fortblieb. Es hat das, als
mir Bauernfeld davon sprach, einen grossen Eindruck auf mich gemacht, und ich
würd es einen feinen und liebenswürdigen Zug an Lenau nennen, wenn ich mir nicht
selber damit eine Schmeichelei sagte.«
    »Die Sie sich mit gutem Gewissen sagen dürfen«, antwortete der Graf und nahm
einen Augenblick ihre Hand. »Übrigens freut es mich aufrichtig, Sie so
lenaubegeistert zu finden. Heute schon zum zweiten Male.«
    »Wie das? Zum zweiten Male?«
    »Nun, meine Gnädigste, Sie werden doch allen Ernstes nicht glauben wollen,
dass ich das schöne Nach-Süden-Lied, wie Sie's damals nannten, und seine
Schlussstrophe vergessen haben könnte?«
    »Welches?«
    »Hörbar rauscht die Zeit vorüber an des Mädchens Einsamkeit ... Ich glaube,
so hiess es. Es hat mich damals in seiner melancholischen Schönheit eigentümlich
ergriffen und war der erste Plauderabend bei der Tante. Nur Fessler war zugegen
und draussen Schnee gefallen. Entsinnen Sie sich noch?«
    Franziska war betroffen, aber es gelang ihr, ihre Verlegenheit zu verbergen,
und in einem immer lebhafter werdenden Gespräche schritten beide die Berglehne
hinunter und auf die Budengasse zu.
    »Sollten wir nicht lieber einen Umweg machen?«
    »Oh, nicht doch«, antwortete die Gräfin, an die sich seitens Franziskas
diese Frage gerichtet hatte. »Mein Leben verläuft viel zu still und einsam, als
dass es mir nicht eine Freude sein sollte, von ungefähr unter Menschen zu kommen.
Ich such es nicht auf, aber wenn es sich gibt, so heiss ich es jedesmal
willkommen.«
    Und so mündete man denn wirklich in das bunte Fest- und Jahrmarkttreiben
ein.
    Eine Menge grosser Schaubuden war da, Panoramen, an denen sie, dem
Menschenzuge folgend, rasch vorübergingen, bis ihnen zuletzt ein kleines Zelt
auffiel, über dessen Eingang in Transparent die Worte standen: »Einzige
Verkündigung der Wahrheit«, und darunter in kleiner Schrift: »Fünfzig Kreuzer.«
    »Ah!« sagte Phemi, »da muss ich hinein. Oft ist mir die Wahrheit umsonst
gesagt worden, aber sie war auch darnach. Nichts ist umsonst, nicht einmal die
Wahrheit.«
    Und sie schickte sich wirklich an, in das Zelt einzutreten.
    Aber Franziska zog sie wie mit Gewalt zurück und sagte: »Du bleibst!«
    Eine momentane Verlegenheit trat ein und schwand erst wieder, als man aus
der Budengasse heraus war.
    »Ich war überrascht, Sie so heftig zu sehen«, nahm endlich Egon das Gespräch
wieder auf. »So heftig und so bestimmt.«
    »Und noch dazu gegen Phemi«, setzte Franziska lachend hinzu. »Phemi selbst
aber wird mir am ehesten verzeihen. Ich konnte nicht anders und habe nun mal
einen tiefen Widerwillen dagegen. Unser ganzes Leben ist eine Kette von Gnaden,
aber als der Gnaden grösste bedünkt mich doch die, dass wir nicht wissen und nicht
wissen sollen, was der nächste Morgen uns bringt. Und weil wir's nicht wissen
sollen, sollen wir's auch nicht wissen wollen.«
    »Auch nicht einmal im Scherz, im Spiel?«
    »Auch nicht einmal im Spiel. Denn es ist ein Spiel mit Dingen, die nicht zum
Spielen da sind. Ich muss es wiederholen, ich hasse jede Neugier, die den
Schleier von dem uns gnädig Verborgenen wegreissen will; aber am meisten
widerstreitet mir doch die Neugier, die nicht einmal ernstaft gemeint ist. Es
gibt der tückischen Mächte genug, und ihre listig lauernde Feindschaft auch noch
durch Spiel und Spott herausfordern zu wollen tut nie gut und ist der Anfang vom
Ende.«
    Der Graf schwieg.
    Bald darnach aber trennte man sich vor Phemis und Franziskas Veranda, bis
wohin die Gräfin in Artigkeit gegen die jungen Damen diese begleitet hatte.
 
                               Siebentes Kapitel
Am andern Morgen sassen beide Freundinnen eine halbe Stunde früher als sonst in
der Veranda, deren Leinwandvorhänge nach der einen Seite hin halb zurückgezogen
waren, während gegenüber, wo die Vorhänge fehlten, eine Hängematte hing, in der
sich Lysinka schaukelte.
    Sie war in ein Bilderbuch vertieft und überliess deshalb, ohne wie sonst wohl
zuzuhorchen, die beiden Damen ihrem Gespräche, das sich selbstverständlich um
die Partie vom Tage vorher drehte. Dann aber entstand eine Pause, bis Franziska
plötzlich und mit einiger Befangenheit fragte: »Sagtest du nicht, dass die
Belmonti geschrieben habe?«
    »Ja.«
    »Und dass sie sich Lysinka zurückerbeten?«
    »Ja.«
    »Und willst du nicht darauf eingehen? Offen gestanden, ich glaube, dass die
Belmonti recht hat und dass du diese Ferien länger ausdehnst, als dem Kinde gut
ist.«
    Phemi lachte herzlich, dann aber sagte sie: »Ja, Fränzl, es hilft dir
nichts, du musst nun schon deutlicher mit der Sprache heraus. Denn du wirst mir
doch nicht wirklich und ernstaft einreden wollen, dass du Lysinkas halber
Erziehungssorgen hättest. Ich würde glauben, du wolltest sie los sein, wenn ich
nicht umgekehrt wüsste, dass du sie fast so gern hast wie Hannah. Also beichte.«
    Franziska sah verlegen vor sich hin, und Phemi, der ihre Verlegenheit leid
tat, setzte deshalb ohne weiteres hinzu: »Nun, lass nur, ich brauche deine
Beichte nicht und will dir sagen, was es ist. Sieh, ich bin lange nicht so
gescheit wie du, hab aber bessere Augen und sehe gleich, wie's steht und im
Herzen aussieht. Auch in deinem. Und deshalb weiss ich, es kommt alles nur daher,
weil du wieder Reputationsanfälle hast und einfach fürchtest, die Nichte könnte
dich über kurz oder lang in Verlegenheit bringen, die Nichte, die mir wie aus
dem Gesicht geschnitten ist und an deren Nichtenschaft deshalb niemand glaubt.
    Sieh«, fuhr sie fort, »du bist ein so guter Kerl, dass ich dir nichts
übelnehme, schon lange nicht. Empfindeleien sind ohnehin nicht meine
Spezialität, und so begnüg ich mich denn in dieser dir Sorge machenden
Lysinka-Sache mit dem geflügelten Wort: Es ist mein Kind, es bleibt mein Kind,
ihr gebt mir nichts dazu, noch dazu klassisches Zitat. Und sogar vom alten
Goete, der immer recht hatte.«
    »Nicht immer.«
    »Aber doch in solchen Dingen. Er verstand sich zu gut darauf. Jedenfalls hab
ich vor, mich nach diesem Spruche zu richten und Madame Belmonti noch eine Weile
warten oder meinetwegen auch sich ängstigen zu lassen.«
    Franziska schwieg. Endlich sagte sie: »Verzeih, Phemi, dass ich davon sprach.
Es war nicht recht. Aber ich dachte, man könne nicht gleichzeitig zwei Dinge
wollen, die sich einander ausschliessen. Es liegt dir selber an dem Umgange mit
drüben und muss auch so sein, denn es ist eine herrliche Frau, diese alte Gräfin,
ganz von jener Feinheit, Nachsicht und Milde, die, wie du mit Recht sagtest,
immer nur bei den Frommen und Vornehmen zu finden ist. Aber man darf ihr
umgekehrt auch nicht zuviel zumuten, und wenn wir wirklich einen auch nur
oberflächlichen Verkehr mit ihr unterhalten wollen, so müssen doch Fragen
ausgeschlossen sein, die, wenn sie wie zufällig in Gegenwart Graf Egons zur
Sprache kämen, unzweifelhaft zu Verlegenheiten und hinterher zu Witzeleien und
allerhand Medisance führen würden.«
    »Du bist ein Kindskopf«, lachte Phemi. »Lehre mich doch die vornehme Welt
kennen. Ich stecke länger darin und will dir sagen, wie's liegt. Auch die Besten
nehmen uns bloss so hin. Sie lassen sich's gefallen, dass wir ihnen die Zeit
vertreiben, und sind auch wohl dankbar dafür, aber von unserer Tugend und Sitte
zu hören ist ihnen nur langweilig. Denn sie glauben nicht daran, und weil sie
nicht daran glauben, erscheint ihnen unser Tugendanspruch einfach prätentiös.
Wir sollen nicht bloss tatsächlich anders sein wie sie, nein, sie wollen sich
dieses Unterschiedes auch bewusst werden. Und so glaube mir denn, es wird ihnen
gar nicht schwer, uns zu pardonnieren, aber uns zu respektieren ist ihnen lästig
und unbequem. Du hast keine Vorstellung davon, in wie vielerlei Kleider sich der
menschliche Hochmut steckt. Und auch die Gräfin drüben, sosehr ich sie verehre,
wird schliesslich keine Ausnahme machen... Aber sieh nur, wer ist denn der alte
Herr, der sich drüben im Hotel eben über die Balkonbrüstung lehnt und hieher
lorgnettiert, als kenn er uns? Ist das nicht...?«
    Und im selben Augenblick erkannten beide den alten Grafen und erwiderten
seinen Gruss.
    Wirklich, er war es, und ehe sich beide Damen noch in ihren Verwunderungen
und Mitteilungen erschöpft hatten, erschien er bereits in Person, um ihnen einen
Morgenbesuch zu machen. Er war unbefangen, auch Franziska gegenüber, und
lächelte nur, als Phemi genau so, wie sie damals Egon bestürmt hatte, halb in
wirklicher und mehr noch in erkünstelter Neugier mit hundert Fragen auf ihn
einzudringen begann. Es habe verlautet, wenn auch nur gerüchtweise, dass er den
Sommer in Trouville zubringen werde; statt dessen habe, wie der Augenschein
lehre, Wien oder doch Öslau gesiegt, woraus sie den Schluss ziehe, dass das
entkaiserte Frankreich auch zugleich ein entzaubertes Frankreich für ihn gewesen
sei.
    Der Graf in seiner Antwort schwankte zwischen Zugeben und Bestreiten und
versteckte dabei den eigentlichen und wahren Grund seiner Rückkehr hinter
allerlei Scheingründen, in deren übermütiger und etwas grotesker Ausmalung er
sich gefiel. Es sei wirklich sein Plan gewesen, während der heissen Monate nach
Trouville zu gehen, aber weil die Saison erst Mitte Juli beginne, habe er zu
viel Zeit gehabt, sich in seiner Phantasie mit dem Badestrand und seinen Bildern
zu beschäftigen, eine Beschäftigung, an der schliesslich die ganze Reise
gescheitert sei; was übrigens niemanden in Verwunderung setzen werde, der das
Übergewicht der Vorstellung über die Wirklichkeit irgendeinmal an sich selbst
erfahren habe. Das fait accompli bedeute gemeinhin nicht viel, aber in der
Erwartung der Dinge liege Himmel und Hölle. Das habe sich ihm in den Tagen
seiner Phantasiebeschäftigung mit dem Trouviller Badestrand auch wieder recht
fühlbar gemacht. Er habe nichts gegen Urzuständlichkeiten, und das letzte, woran
er kranke, sei Prüderie, ja das Paradiesische, das Mittelafrikanische, das
Mytologische, gleichviel, welcher Ausdruck seitens der Damen bevorzugt werde,
werde niemals von ihm beanstandet werden; aber er hasse die Mischgattungen und
müsse statt ihrer auf Einheit und Reinheit des Stiles dringen. Jeder ehrlich
gemeinte Versuch, das alte Teatervorhangtema: Neptun und Arion samt dem ganzen
Corps de ballet der Weltmeere, zu neuem, wirklichen Leben erblühen zu lassen,
dürfe seiner Zustimmung ein für allemal sicher sein, aber verschämte
Halbzustände, Zustände, die nicht Fisch und nicht Vogel seien, hätten diese
seine Zustimmung mit gleicher Entschiedenheit nicht. Und so dürfe er sich denn
allerdings berühmen, ausschliesslich unter der Wucht ästetischer Bedenken einen
fluchtartigen Rückzug aus Frankreich angetreten zu haben.
    Während er so sprach, war Lysinka neugierig aus ihrer Hängematte
herausgekrochen und stellte sich ohne jede Spur von Verlegenheit mit an den
Tisch, ganz so, wie verwöhnte Kinder zu tun pflegen. Ihr Auge ging dabei
beständig umher und sah jeden einzelnen wie fragend und doch auch wieder halb
verständnisvoll an. Es war ersichtlich, dass sie dem alten Grafen, der
unwillkürlich seine Hand über ihr langes blondes Haar hingleiten liess, ungemein
gefiel; ehe er aber eine Frage zu tun imstande war, sagte Phemi, die mit
Franziskas aufsteigender Verlegenheit ein Mitleid haben mochte: »Das war nun
also Trouville, Herr Graf. Und nun Paris, Paris, von dem ich so gerne höre, das
mein Ideal und meine Sehnsucht war von Kindheit an und das ich schon um meiner
Kunst willen so gern gesehen und befragt und studiert hätte. Ja, wirklich, um
meiner Kunst willen. Eine reizende junge Kollegin von mir, natürlich
Liebhaberin, phantasierte neulich sogar von der Heiligkeit ihrer Kunst. Es war
komischer als Tewele. Doch ich verirre mich von der Hauptsache, von Paris, über
das wir, nicht wahr, Fränzl, um so lieber berichten hören, als uns Graf Pejevics
gestern erst von London erzählt hat.«
    »Und wie fand er London?«
    »Er klagte, dass alles zu schwer sei, sogar die Träume.«
    »Je nun«, lachte der Graf, »die sind heuer auch in Frankreich gerade schwer
genug. Es sind Rüstungs-und Waffenträume, Vierundzwanzigpfünder mit der
Aufschrift Revanche. Ja, die Franzosen sind und bleiben Kinder. Aber so schwer
ihre Träume sind, so leicht ist ihr Leben nach wie vor, und ich habe keinen
Unterschied entdecken können zwischen sonst und jetzt. Das entkaiserte
Frankreich, um Fräulein Phemis Wort zu wiederholen, ist nicht entzaubert. Und
warum nicht entzaubert? Weil es zu den Vorzügen oder meinetwegen auch zu den
Schwächen dieses Volkes gehört, im steten Wechsel der Dinge sich selbst immer
gleichzubleiben. Ich habe es nun unter einem halben Dutzend widerstreitender
Regierungen im wesentlichen ohne jede Veränderung gesehen und möchte mich fast
verwetten, dass es auch dasselbe war, als die Trikoteusen um die Guillotine herum
sassen und schnupften und plauderten und Strümpfe strickten. Es ist ein
Phantasievolk, dem der Schein der Dinge vollständig das Wesen der Dinge
bedeutet, ein Vorstellungs- und Schaustellungsvolk, mit einem Wort, ein
Teatervolk.«
    »Wie die Wiener?«
    »O nicht doch, meine Gnädigste. Die Wiener sind ein Vergnügungsvolk und
gehen ins Teater, um unter Lachen und Weinen sich etwas vormachen zu lassen,
aber auch der Passionierteste fühlt sich schliesslich auf seinem Parkett- oder
Parterreplatz immer noch wie zu Gast. Anders der Franzose. Der ist da zu Hause,
füllt die Hälfte seines Daseins mit Fiktionen aus, und wie die Stücke sein Leben
bestimmen, so bestimmt das Leben seine Stücke. Jedes ist Fortsetzung und
Konsequenz des andern, und als letztes Resultat haben wir dann auch
selbstverständlich ein mit Teater gesättigtes Leben und ein mit Leben
gesättigtes Teater. Also Realismus! Auf der Bühne gewiss, aber auch weitergehend
in der Kunst überhaupt. Welche Lust, ein französisches Schlachtenbild zu sehen,
auf dem die Säbel nicht angeklebt sind, sondern wirklich geschwungen werden.
Elan auch da, Leben und Wirklichkeit. Und nun gar erst der Roman!«
    »Ah, Sue; Balzac.«
    »Überholt.«
    »Flaubert?«
    »Überholt.«
    »Nun, wer denn?«
    »Eine neue Grösse. Zola. Emile Zola.«
    »Was sehr unfranzösisch klingt.«
    »Und es auch ist. Italiener von Abstammung, wie die meisten berühmten
Franzosen.«
    »Und was will er?«
    »Ja, das ist schwer zu sagen, meine Gnädigste, weil er sehr vieles will und
dies viele zu gleicher Zeit. Er hat jedenfalls seine Wahlverwandtschaften
gelesen und sieht in dem, was wir das Seelische zu nennen gewohnt sind, also zu
meinem lebhaften Bedauern auch in der ganzen Machtsphäre der Liebe, nur sehr
äusserliche, sehr natürliche Prozesse. Die Blutmischung spielt eine Rolle von
Bedeutung und natürlich auch die Nerven. Aber das ist nicht die Hauptsache. Bis
jetzt war es, wenn ich mich nicht irre, das Auge, was in dem bekannten und
entscheidenden grossen Romanmomente den Ausschlag zu gehen hatte; der neue
Romancier mit dem italienischen Namen aber geht weit, weit darüber hinaus und
zieht nicht mehr und nicht weniger als die Gesamteit aller Sinne heran.
Gambettistische Levée en masse, wenn Sie wollen. Es hat unleugbar manches für
sich, und ich breche nur ab, so gern ich fortführe, weil das Tema zu delikat
und voll ganz besonderer Schwierigkeiten ist. Einer seiner Romane heisst
beispielsweise Der Bauch von Paris.«
    »Ah«, sagte Phemi. »Sehr interessant. Das verspricht etwas. Und das
Neueste?«
    »Das Neueste? Nun, das las ich in dem Feuilleton einer Zeitung, und der
Titel lautete, so mir recht ist: La faute de l'abbé Mouret. Der Herr Verfasser
beschwört darin den Sündenfall, also ein immerhin interessantes Tema, noch
einmal herauf und lässt ihn sich in einem modernen Blumenurwald vollziehen, dem
er in offenbar gewolltem Anklang an das altehrwürdige Paradies den Namen
Paradoux gegeben hat.«
    »Und wie führt sich Adam ein?«
    »Vollkommen dezent.«
    »Auch vor dem Fall?«
    »Auch da, meine Gnädigste. Denn der Adam, um den es sich in dem Romane
handelt, ist eben kein wirklicher Adam, sondern in jedem Sinn ein Kostüm-Adam
und in Wahrheit niemand anderes als der Abbé Mouret selbst, ein schöner und
liebenswürdiger junger Herr, der sich, wie's einem Abbé geziemt, mit Händen und
Füssen sträubt und wehrt und die Frucht vom Baume der Erkenntnis mit ihrer von
Minute zu Minute röter und verführerischer werdenden Backe gern wegbeten möchte.
Doch umsonst. Er fällt!«
    »Natürlich.«
    »Natürlich?« wiederholte Franziska. »Warum natürlich? Ich verlange, dass
Gebete helfen... Und wie straft sich seine Schuld?«
    »Er geht leer aus.«
    »Comme toujours. Und Eva?«
    »Stirbt. Aber selbstverständlich nicht auf dem herkömmlichen Wege, sondern
trägt sich höchst eigenhändig ihr Sterbelager aus der Gesamtflora des Paradoux
zusammen, schläft ein und chloroformiert sich mit Blumenduft zu Tode.«
    »Das möcht ich aber doch wirklich lesen.«
    »Ein Entschluss, in dem ich Sie nur bestärken kann. Und seien Sie versichert,
dass jede Seite Sie fesseln wird, aller Einwendungen unserer kritischen Freundin
unerachtet. Über das Anfechtbare hilft schliesslich die fremde Sprache hinweg.
Ich werde mich mühen, Ihnen die Blätter zu verschaffen. Und nun lassen Sie mich
meinen ersten, ohnehin über Gebühr ausgedehnten Besuch rasch abbrechen. Auf gute
Nachbarschaft, meine Damen. Bis morgen.«
    Und damit erhob er sich, um seinen Morgenspaziergang in der Richtung auf den
Bahnhof hin fortzusetzen. Als er eben die Veranda passiert hatte, lief ihm
Lysinka, die draussen Federball spielte, nach, nahm seine Hand und sagte: »Guten
Tag. Ich werde dich begleiten.«
    Franziska war es nicht recht, aber Phemi lachte nur und sagte »Sieh doch, er
freut sich, das Kind an der Hand zu haben. Ach, Fränzl, du glaubst gar nicht,
wie gleichgültig Legitimitätsfragen sind. Natürlich den Erbschaftspunkt
abgerechnet.«
 
                                 Achtes Kapitel
In derselben halben Stunde sass die Gräfin drüben vor einem an ihrem
Balkonfenster stehenden Schreibtisch, um einen Brief an Fessler zu richten. Aber
das entzückende Bild, das sich vor ihr ausbreitete, machte, dass sie die Feder,
die sie vor einer Weile schon zur Hand genommen hatte, wieder niederlegte. Hoch
über die mit Wein und Laubholz besetzten Berge hin zog ein silberglänzendes
Gewölk, während unten im Tale schon die mit jedem Augenblicke bedrücklicher
werdende Hitze des Tages lag. Ein Fähnlein, das die Schützenplatzstelle
bezeichnete, hing schlaff am Mast herab und regte sich immer nur, wenn ein
Luftzug ging. Plötzlich aber klang ein Paukenschlag vereinzelt und wie zufällig
herüber, und die Gräfin, ihrem Sinnen dadurch entrissen, nahm die Feder wieder
auf und schrieb:
»Lieber Freund!
    In meinem Leben hier hat sich seit voriger Woche manches geändert, und seit
gestern ist es ein Saus und Braus. In aller Frühe kam Egon Asperg und mit ihm
der junge Pejevics, der, wie Sie vielleicht wissen, einige Wochen der Rennen
halber in England war. Ich freute mich aufrichtig und beschloss, den Tag in aller
Heiterkeit mit ihnen zu verbringen, würd aber damit gescheitert sein, wenn ich
nicht die beiden jungen Damen, deren ich neulich schon Ihnen gegenüber Erwähnung
tat, als Hülfstruppe hätte heranziehen können. Ein paar junge Schauspielerinnen
interessieren eben lebhafter als eine Tante von beinahe siebzig. Und heute mehr
denn je. Denn die Dinge, die für uns das Leben ausmachen, erscheinen mir in den
Herzen der gegenwärtigen Generation um noch vieles erstorbener als in dem der
vorigen. Mein Bruder hat wenigstens noch Spott für diese Dinge, Graf Egon aber
nur Schweigen und Gleichgültigkeit. Indessen ich will nicht anklagen, sondern
berichten.
    Ein Ausflug in die Berge ward also verabredet. Egon und ich zu Wagen, alles
andere zu Fuss, so brachen wir in zwei Partien auf, um oben auf der Kuppe von
Heiligenkreuz wieder zusammenzutreffen. Die beiden jungen Damen waren
allerliebst, was Sie, der Sie der jüngeren von Anfang an Ihre Sympatien
entgegenbrachten, nicht überraschen wird. Ich meinerseits möchte fast der
älteren, dem Fräulein Phemi, wie sie kurzweg genannt wird, den Vorzug geben. In
Fräulein Franz steckt allerdings ein bedeutenderer Fonds, aber eben weil sie
bedeutender ist, ist sie zugleich auch minder bequem und stellt uns, als übe sie
Kritik, unter eine beständige Kontrolle. Wie ganz anders dagegen das ältere
Fräulein! Von einer gewinnenden Offenheit und Schelmerei, vergisst sie, die Worte
zu wägen, oder will es vielleicht auch nicht und überhebt uns dadurch der
Notwendigkeit, auf uns selber in jedem Augenblick ängstlich achten zu müssen.
Auf uns achten ist freilich Pflicht, aber ängstlich auf uns achten wird leicht
zur Pein.
    Gegen neun Uhr waren wir von unserer Partie zurück, Egon und Graf Pejevics
verliessen mich gegen zehn, und ich hoffte, die nächsten vierundzwanzig Stunden
in einer vollkommenen Ruhe, nach der ich mich sehnte, zubringen zu können, da
wirbelte heute mit dem frühesten mein Bruder, Graf Adam, in mein Zimmer und
meine Stille hinein. Auf wie lange, steht dahin. Er sprach anfangs von einem
halben Tag nur, aber seine Pläne haben sich rasch geändert. Sehr begreiflich. Er
ist eben drüben bei den jungen Damen, was Ihnen genug sagt, und gönnt mir durch
diesen seinen Besuch die Musse zu diesen Zeilen an Sie.
    Ja, dass ich es Ihnen gestehe, mein lieber Freund, ich bin in Sorgen, in
denselben Sorgen, die mich diesen Winter erfüllten und deren äussere Veranlassung
Sie so gut kennen wie die tiefere Charakterbegründung. Und dies letztere wiegt
am schwersten. Er hat es versäumt, sich zu rechter Zeit seiner Jahre bewusst zu
werden, ist der ewig Jugendliche geblieben, unstet und rastlos, und hat zum
Überfluss auch noch eine Neigung ausgebildet, gegen all das anzustreben und unter
Umständen auch anzustürmen, was er Vorurteile des Standes und der Gesellschaft
nennt. In ewiger Fehde hab ich diese seine Rastlosigkeit bekämpft, und doch fühl
ich jetzt, dass gerade sie das Korrektiv und der Schutz seines Lebens war, so
sehr, dass ich seit kurzem oder doch seit heute vor dem Moment bange, der dieser
seiner Rastlosigkeit ein Ende machen und ihn umgekehrt mit einer plötzlichen
Sehnsucht nach einem Ruhehafen erfüllen könnte. Denn er wird auch dabei wieder,
um das mindeste zu sagen, unherkömmlich verfahren und seinem Tun den Stempel des
Aparten und Adoleszenten aufdrücken. Es entspricht das seiner Eitelkeit, von der
ich ihn trotz all seiner Vorzüge nicht freisprechen kann. Und alle diese Dinge,
fürcht ich, sind nahe, sehr nahe. Der Umstand, dass er in dem Momente seiner
Rückkehr nach hier eben das vorfand, was er, als er nach Paris ging, zu fliehen
gedachte, wird nicht ohne Wirkung auf sein Gemüt und seine Handlungsweise
bleiben. Denn er ist abergläubisch und glaubt an Zeichen. Er ist jetzt sicher,
dass ihm ein solches Zeichen gegeben wurde.
    Schreiben Sie mir, lieber Freund, wie Sie sich persönlich zu dieser Frage
stellen, und seien Sie dabei rückhaltlos offen. Ich habe zu lange gelebt und zu
viel vom Leben gesehen, um mich schliesslich nicht in allem zurechtfinden zu
können. Es verwundert mich nichts mehr oder nur weniges noch. Zudem geschieht
nur, was geschehen soll, und unerschütterlich bleibt mir der Glaube, dass denen,
die Gott liebhat, alle Dinge zum Besten dienen. Vor allem auch die Prüfungen.
Ich verharre, lieber Freund, als Ihre herzlich ergebene
                                                                   Judit von G.
Nachschrift. Im Begriff, die vorstehenden Zeilen zu couvertieren, kommt Ihr
Brief, auf den ich mich beeile wenigstens in einer kurzen Nachschrift noch
Antwort zu geben. Ich bin ganz Ihrer Meinung, dass für die total verwaiste
Gemeinde von Amratskirchen etwas geschehen muss, um so mehr, als unsere
Regierung solcher doch naheliegenden Pflichten sich überhoben glaubt. Es fehlt
ihr niemals an Mitteln, wenn es neue Regimenter oder Uniformen, aber immer an
Mitteln, wenn es eine Kirche gilt. Und doch ist Österreich auf ihr erwachsen.
Felix Austria nube. Gewiss; aber jeder andern Vermählung ging die mit der Kirche
voraus. Ich vertraue, dass die Zeiten nahe sind, wo sich die Machtaber dieser
Tatsache wieder erinnern werden. Es ist das Verderben unserer Tage, dass wir,
losgelöst vom Göttlichen, alles aus unserer Kraft und Weisheit herausgestalten,
alles uns selbst und nicht der ewigen Gnade verdanken wollen. Es gibt keine neue
Weisheit, und der ist der Weiseste, der dies weiss und darnach handelt. Ich bitte
Sie, fünfhundert Gulden für mich zeichnen und meinen Namen an die Spitze der
Liste stellen zu wollen. Mit mehr öffentlich herauszutreten erscheint mir nicht
tunlich, aber es ist mir recht, wenn wir unter der Hand die Summe verdoppeln.
                                                                       J. v. G.«
 
                                Neuntes Kapitel
Phemi war am letzten Tag ihrer nie begonnenen Kur, und zwar unter Zitierung
einer gefühlvollen Stelle, von Öslau nach Wien zurückgekehrt, aber das Leben auf
der Veranda blieb unverändert dasselbe: der alte Graf erschien täglich, um
seinen Besuch zu machen, und nur die Gräfin zeigte sich wieder etwas
zurückhaltender.
    Franziska, sosehr sie von Anfang an und mehr noch bei Wiederaufnahme der
Bekanntschaft zu der liebenswürdigen alten Dame sich hingezogen gefühlt hatte,
nahm nichtsdestoweniger diese Wandlung wie schon die während der Wintermonate
leicht und ruhig hin und fand sich darein, ohne der Ursache irgendwie neugierig
nachzuforschen. Es erschien ihr von alter Zeit her als das Vorrecht vornehmer
Leute, launenhaft zu sein und auf Sonne bedeckten Himmel und auf bedeckten
Himmel wieder Sonne folgen zu lassen.
    Dieser Zeitpunkt von »wieder Sonne« kam denn auch rascher noch als erwartet
und war das Resultat eines Pater Fesslerschen Briefes, an dessen Schlusse sich
folgende Worte fanden:
    »Alles in allem, meine gnädigste Gräfin, würde der Eintritt dessen, was
Ihnen als sorgenvolle Möglichkeit vorschwebt, nicht gerade das Schlimmste
bedeuten, und zwar deshalb nicht, weil es Befürchtungen abschlösse, die
beständig in Sicht zu haben beinahe unerfreulicher und jedenfalls beunruhigender
ist, als sie sich erfüllen zu sehen. Es rechnet sich eben besser mit Tatsachen
als mit Möglichkeiten. Ausserdem, so mich nicht alles täuscht, ist die Wahl in
mehr als einem Stück gut getroffen und die Seele der jungen Dame von einer
Legierung, aus der eine Glocke werden kann, die klingt.«
    Bei der Abhängigkeit, in der die Gräfin seit so manchem Tag und Jahr von
ihrem Beichtvater stand, schuf dieser Brief einen beinahe sofortigen
Stimmungsumschlag und stellte Franziska gegenüber den Ton freundlichen
Entgegenkommens wieder her, der seitens der alten Dame bis zu dem Eintreffen
Graf Adams geherrscht hatte. Ja, sie war dieser Wandlung insoweit geradezu froh,
als sie sich überhaupt ungleich mehr durch Pflichterwägungen und
Klugheitsrücksichten als durch den Zug ihres Herzens zu Zurückhaltung und Kühle
hatte bestimmen lassen. dabei hing sie, Nächstliegendes überspringend, allerlei
Lieblingsplänen, am meisten aber dem ihr ein besonderes Wohlgefühl schaffenden
Gedanken einer Konversion nach. Und dieses Wohlgefühl steigerte sich noch, als
eine halbe Woche später Pater Fessler selber in Öslau eintraf, um, wie seine
Sommergewohnheit war, grosse Fusspartien in die Berge zu machen, »aus
Naturschwärmerei«, wie die Gräfin, »aus dem Wunsche, wieder schlanker zu
werden,« wie der Graf behauptete.
    Regelmässig auf diesen Partien sah sich der Pater von Graf Adam, der selber
noch ein guter »Steiger« war, begleitet, und während sie so halbe Tage lang in
den Bergen umherkletterten, war Franziska drüben bei der Gräfin und mühte sich,
ihr durch Vorlesen oder Plauderei die Stunden der Einsamkeit zu verkürzen.
Ein solcher Tag war auch heute wieder. Der Lehnstuhl der alten Dame war, als der
Sonnenhall eben zu sinken anfing, auf den Balkon geschoben worden, und von den
Bergen her klang die Vesperglocke.
    Beide horchten hinüber und sahen dabei still auf den Glutstreifen, der noch
über den Tannen hing. Als aber die Glocke eine Weile schwieg, sagte die Gräfin:
»Ist es nicht schön? All das habt ihr nicht in eurem protestantischen
Nebellande.«
    »Doch, gnädigste Gräfin, wir haben es auch. Wir nennen es nur anders.«
    »Und das wäre?«
    »Wir nennen es die Betglocke läuten, und ich habe selber unzähligemal an dem
Glockenseil gezogen. Überhaupt möcht ich doch sagen dürfen, wir sind nicht voll
so heidnisch, wie die gnädigste Gräfin glauben. Wir haben auch den Gekreuzigten,
und jede Kirche hat sein Bild, zu dem wir andächtig aufblicken.«
    Die Gräfin lächelte halb ungläubig, aber doch halb auch wie freudig
überrascht und sagte dann: »Ich habe mir erzählen lassen, in euren Kirchen hinge
noch immer der wittenbergische Doktor, den ihr den Reformator und
Wiederhersteller der reinen Lehre nennt, und in mancher Gemeinde ginge man noch
einen Schritt weiter und verehre bloss den preussischen König. Ich meine den König
Friedrich den Zweiten. Und man hat mir sogar gesagt - ich zögere freilich, es
nachzusprechen -, es gäbe Bilder, auf denen er wie Gott selber im Himmel sässe
mit seinen Generalen rund um sich her, und jeder Preusse glaube mehr oder weniger
ernstaft, dass sein grosser König von dort aus regiere bloss in der Absicht, sein
Land immer grösser zu machen.«
    »Ja, solche Bilder gibt es, gnädigste Gräfin, aber doch nicht in unseren
Kirchen. In unseren Kirchen haben wir ausser dem Christusbilde, von dem ich schon
sprach, nur Kriegsdenkmünzen und grosse schwarze Holztafeln, auf denen mit weisser
Schrift die Namen derer stehen, die für König und Vaterland gestorben sind. Und
wenn uns die Predigt oder das oft sehr vielstrophige Lied, das gesungen wird, zu
lange dauert, so lesen wir diese Namen, und es ist dann mitunter ein Glück, dass
sie da sind.«
    »Und keine Jungfrau Maria?«
    Franziska lächelte.
    »Sie lächeln, mein liebes Fräulein, und haben ein Recht, es zu tun. Es ist
wirklich ein grosses Unrecht, dass wir sowenig voneinander wissen und uns
gegenseitig verurteilen ohne Kenntnis dessen, das wir zum Gegenstand unserer
Herzensfeindschaft machen. Ich habe mitunter ein rechtes Verlangen, aus dieser
Unkenntnis herauszukommen, und Sie, liebe Franziska, sollen mir dazu helfen. Sie
müssen mir alle norddeutschen Sitten und Gebräuche schildern, und wenn das
Erzählte nicht aus der protestantischen Kirche sein kann, nun dann, so lassen
Sie's aus dem protestantischen Leben sein. Aus dem Leben kann ich dann
Rückschlüsse ziehen auf den Glauben, weil das Leben ein Kind des Glaubens ist.
Ich denke mir, meine liebe Franziska, wir beginnen am besten gleich, oder Sie
geben mir, wenn nicht mehr, so doch wenigstens einen Vorschmack. Erzählen Sie
mir von Ihrer Stadt an der Ostsee. War es nicht an der Ostsee?«
    Franziska nickte.
    »Nun denn, da muss ja die Stelle ganz in der Nähe sein, wo der König von
Tule seinen Becher ins Meer geworfen. Ohne die Ballade wüsst ich nichts davon,
und so hat auch das allerweltlichste Gedicht immer noch sein Gutes. Ich denke
mir Ihre kleine Stadt auf einer Sandbank gelegen und immer in Gefahr, vom Meere
verschlungen zu werden. Ist es so?«
    Franziska hatte mit ihrer Antwort auf die verschiedenen Fragen und Wünsche
der Gräfin eben begonnen, als Graf Adam und Fessler eintraten und nach kurzer
Begrüssung der Damen ihre Stühle bis ebenfalls an die Balkontür rückten.
    »Stören wir?«
    »Oh, nicht doch«, sagte die Gräfin. »Im Gegenteil, wie gerufen. Unsere liebe
Freundin war eben im Begriff, mir etwas von ihrer nordischen Heimat
vorzuplaudern, einer kleinen Hafen- oder Badestadt an der Ausmündung der Oder.«
    »Ah, an der Oder«, wiederholte Fessler. »Ein gut katolischer Strom.«
    »Ja«, warf Franziska rasch ein. »Aber doch nur zu Beginn, nur in der Enge
des Gebirges. Sobald er ins Freie tritt, wird er protestantisch und immer
protestantischer, je mehr er sich dem freien Meere nähert.«
    »Um endlich darin unterzugehen«, schloss Fessler mit übrigens verbindlicher
Handbewegung.
    »O nur keine Neckereien auf diesem Gebiet«, beschwor der Graf. »Ich plädiere
für Schluss dieser Kriegsführung und will lieber von dem Ostseestädtchen hören,
darin unsere Freundin das Licht der Welt erblickte. Das interessiert mich mehr.
Ich denk es mir wie Vineta, poetisch, gruselig und ewig gefährdet. Hab ich
recht?«
    »Je nach der Jahreszeit, wo Sie den Fuss auf unsere Schwelle setzen. Kommen
Sie zur Sommerzeit, so sieht es aus wie dies Öslau, nur noch bunter und aparter
und eigentlich auch noch hübscher und heiterer.«
    »Das ist unmöglich.«
    »Oh, Sie sollen selbst entscheiden. Da haben wir zunächst unsern Strom,
dessen breite Wasserfülle schon die Nähe des Meeres ahnen lässt. Und keine
tausend Schritte vor seiner Mündung, da wächst die Stadt auf und zieht sich
einreihig an einem Pfahlwerk entlang, an dessen steil abfallender Wasserseite
die Schiffe liegen, gross und klein, mit ihren vergoldeten Namen am Spiegel und
einer überlebensgrossen, in Holz geschnittenen Figur am Bug. Auf dem breiten Damm
aber, der dem Schlängellaufe des Flusses folgt, bewegen sich Handel und Verkehr
wie unter einem Walde spalierbildender Maste. Denn zu beiden Seiten erheben sich
diese Maste, sowohl auf den Schiffen wie vor den Häusern gegenüber.«
    »Und wie sind diese Häuser?«
    »Oft so niedrig, dass man die Hand aufs Dach legen kann. Aber immer frisch
geweisst. Und auf dem hohen Dache, das meist dreimal höher ist als das
eigentliche Haus, auf diesem Dach erhebt sich ein Giebel und auf dem Giebel eine
Flaggenstange, daran ein langes schmales Band oder auch eine sich bauschende
Flagge weht. Und keine Flagge dieselbe; denn in jedem dieser Häuser hat ein
anderes Land seinen Sitz und seinen Schutz, und während über dem einen der
österreichische Doppeladler flattert, flattert über dem andern der türkische
Halbmond oder der chinesische Drache. Es gibt nichts Bunteres und Lachenderes
als das Flaggen einer solchen Hafen und Handelsstadt. Und je kleiner, desto
mehr. Denn gerade diese Kleinheit unterstützt den Effekt. Überall da, wo hohe
gotische Giebel in ihrem finstern historischen Ernst aufragen, da verschwindet
der heitere Flaggenschmuck in dem umherliegenden Dunkel; in den kleinen und kaum
hundert Jahre alten Städten aber, die keine Geschichte haben und in ihrer
Kleinheit und Sauberkeit fast aussehen, als wären sie gestern erst aus der
Spielschachtel genommen, in ihnen ist die Flagge die Hauptsache, das flatternde
Band am Hut, das dem Ganzen erst Ansehen und Charakter gibt.«
    »Und wie geht nun das Leben in solcher Flaggenstadt?«
    »So heiter wie die Flaggen, die drüber wehen. Ach, mir schlägt das Herz,
wenn ich an die Tage zurückdenke, wo wir, Hannah und ich, mit unseren Mappen
unterm Arm von der Schule her den Weg nach Hause machten. Es war immer ein
weiter Weg und ging am Strom entlang, an dem die Schiffe schräg oder auch wohl
mit ihrem Rumpfe nach oben lagen, um sie desto bequemer mit Werg ausstopfen und
die Fugen mit Schiffsteer ausgiessen zu können. Am Bollwerk hin aber und um
geschwärzte, dreibeinige Grapen herum hockten Arbeiter und alte Matrosen und
unterhielten das Feuer oder rührten in dem brodelnden Pech, dessen Qualm die
Luft erfüllte.«
    »Hätte mir's appetitlicher gewünscht.«
    »Auch derlei gab es. Denn nicht überall wurde kalfatert, und viele Schiffe
waren da, darauf ausser dem Schiffshund nur noch ein Koch und ein Junge die lange
Winterwache hielten. Und auch die hantierten um die Mittagsstunde, nach Art der
anderen, um ein Uferfeuer her. Aber statt des Grapen waren nur zwei Ziegelsteine
da mit einer Bratpfanne darauf, in die jedesmal, wenn wir vorübergingen, eben
Kartoffeln und Speck und grosse Zwiebelstücke hineingeschnitten wurden. Und nun
zog der Wrasen davon durch die Luft. Ach, welche Wonne! Vor nichts in meinem
Leben hab ich je wieder mit soviel Begehrlichkeit gestanden, und die beste
Mahlzeit hätt ich drum hingegeben, wenn ich mich auf der Stelle bei diesem
primitiven Gerichte hätte mit niederhocken und zu Gaste laden können.«
    »Glaub's«, lachte der alte Graf. »Kommt mir doch bei der blossen Beschreibung
ein kleines Gelüst darnach. Aber das ist alles Idyll und Genre; wo bleibt
Vineta? Wo bleibt der Schrecken der Elemente?«
    »Auch der kam gelegentlich, aber immer erst um die Novemberzeit. Und wir
sassen dann, ohne der Gefahr zu gedenken, oder vielleicht auch uns getröstend,
dass sie gerade diesmal nicht kommen werde, still um unsern Arbeitstisch her und
überlegten, den Griffel oder die Feder aus der Hand legend, was wir uns wohl zum
Christfest wünschen sollten. Und wenn wir dann einen Scheffel Wünsche
durchberaten hatten, dann hiess es: Zu Bett!, und wir nahmen die
Weihnachtsbilder, wie wir sie von frühester Kindheit an kannten, mit in unsern
Traum und sahen die Krippe mit dem Kindlein und den Stern überm Haus. Und auch
Joseph und die Jungfrau Maria.«
    »Und die Jungfrau Maria«, wiederholte die Gräfin und lächelte. »Aus euren
Kirchen habt ihr sie verbannt, aber an eurem Herde lebt sie fort. Oh, sie stirbt
nicht aus, die Gebenedeite!«
    »Lassen wir die Jungfrau«, sagte der alte Graf, »ich dürste jetzt nach
Vineta.«
    »Nun denn also, wir nahmen die Bilder mit in unsern Traum und sahen den
Himmel offen und die Engelscharen herniedersteigen. Aber mit einem Male gab's
einen unheimlichen Stoss uns zu Häupten, ein Rütteln und Schütteln begann, und
wir fuhren aus unserem Kinderschlaf in die Höhe und sahen erschreckt und blass
einander an, denn wir wussten nun, dass der Nordwester doch gekommen sei, derselbe
gefürchtete Nordwester, von dem wir gehofft hatten, er werde diesmal wenigstens
an uns vorübergehen, und von dem uns die Kindermuhme von Jugend auf erzählt
hatte: der könn uns wegschwemmen, und eines Tages werd er's auch, denn er sei
der eigentliche Herr hier und wir lebten nur von seiner Gnade, und wenn er
wolle, so wär es mit uns vorbei. Ja, dann beteten wir, aber wir wussten nicht,
was wir sagten, denn wir dachten nicht an Gott und Glauben, sondern bloss an
unsere Not und Gefahr, und unsere Seele war nichts als Angst und Aufhorchen auf
den Sturm. Oh, noch jetzt überrieselt's mich, wenn ich an jene Schreckensnächte
denke. Die vom First abgerissenen Hohlsteine klinkerten über das Dach hin, in
dem Rauchfang ging ein Geheul, alle Läden und Türen klappten oder klapperten,
und wenn dann mit eins eine Pause kam, so war es am schlimmsten und zitterten
wir am meisten, denn dann hörten wir durch das tiefe Schweigen hin das Gebrause
des Meeres draussen, das an die Dünen und Dämme schlug und die grossen
eingerammten Steine wie Kiesel aus der Westermole wusch. Am Bollwerk aber, trotz
der Ziegel und Fahnenstangen, die niederstürzten, war alles Geschäftigkeit, und
wir sahen durch unsere Giebelfensterscheibe, deren kleine Gardine wir ängstlich
zurückgestreift hatten, wie sie drunten die Schiffe fester an die Pfähle banden,
aber doch zugleich auch die Boote von Bord her ans Ufer brachten, um eine letzte
Rettung zu haben für den Fall, dass es zum Schlimmsten käme. Denn der Nordwester
staute nicht nur den Strom zurück, sondern trieb auch das Flutwasser mit solcher
Gewalt von draussen her in den Strom hinein, dass es am Kai hin oft nur noch
zollbreit unter der obersten Balkenlage stand. Und einmal - ich seh es, als ob
es gestern gewesen wäre - stieg es drüber hinaus, und im Nu war die niedriger
liegende Stadt ein See von einem Punkte zum andern, und in unsern Flur hinein
stürzte die Welle. Da schrien wir auf, denn nun erfüllte sich unser Schicksal,
und wir mussten untergehen, wie Vineta untergegangen war.«
    »Aber der Herr, der den Winden gebietet...«
    »Gebot ihnen auch diesmal wieder, und was in der Nacht unser Entsetzen
gewesen war, das war tags darauf unsere Lust und unsere Wonne. Die
flottgemachten Boote fuhren jetzt hin und her: unser Nachbar, der Bäcker,
landete mit seinen Wecken und Semmeln, und als es Tag geworden und ein klarer
blauer Himmel über der Stadt war, waren wir glücklich, uns zu Schiff abholen und
zu Schiff in die Schule fahren zu können. Und glücklich wie wir war die ganze
Stadt. Über Tonnen und Bretter hin ging der Verkehr, bis nach abermals einer
Woche die grosse Sintflut verlaufen und ein dichter Schnee gefallen war.
    Und unter Schellengeläute ging's nun durch die verschneite Stadt hin, über
deren Schneedächern die Wimpel und Flaggen jetzt wieder flatterten und beinahe
lustiger noch flatterten als um Johannistag und die Sommerzeit.«
 
                                Zehntes Kapitel
An diese Schilderungen hatte sich noch eine ziemlich lebhafte Plauderei zwischen
Fessler und Franziska geknüpft. Er liess sich aus dem Gesellschaftsleben der
kleinen norddeutschen Stadt erzählen und tat Fragen über Fragen. Am meisten
interessierten ihn die Bilder aus dem luterischen Pfarrhause: der reiche
Kindersegen, das Whistspiel und die Pastoralkonferenzen. Alles begegnete sowohl
von seiner wie von der Gräfin Seite der unverkennbarsten Teilnahme, jede Miene
verriet es, und nur Graf Adam, der doch sonst der lauteste Bewunderer solcher
Schilderungen und Gespräche zu sein pflegte, war auffallend still geworden. Er
sann offenbar anderen Fragen und Dingen nach, antwortete zerstreut und spielte
mit der Gardinenquaste, die neben seinem Stuhle herabhing. Er war deshalb auch
einverstanden damit, dass man früher aufbrach als gewöhnlich, und gefiel sich
weder in Neckerei noch Widerspruch, als Fessler um die Ehre bat, Franziska bis an
ihre Wohnung begleiten zu dürfen. Ja, er lächelte kaum und zog sich, als beide
gingen, in sein Zimmer zurück, das unmittelbar über dem Salon seiner Schwester
gelegen war.
    Diese war daran gewöhnt, die nervöse Lebhaftigkeit ihres Bruders ohne
besondere Veranlassung in ihr Gegenteil umschlagen zu sehen, und verwunderte
sich deshalb erst, als er am nächsten Morgen ohne weitere Grundangabe sein
Ausbleiben beim Frühstück entschuldigen liess. Zugleich hörte sie, dass er in
seinem Zimmer auf und ab schritt, wie jemand, der von einer schweren inneren
Unruhe gequält wird. Was mocht es sein? Was war vorgefallen, das ihn hätte
verstimmen können? Sie sann darüber noch nach, als der alte Graf in ihren Salon
eintrat, eleganter gekleidet als gewöhnlich und überhaupt in einer Haltung wie
jemand, der zur Audienz erscheint oder einen ernstaften Vortrag halten will.
    Er ging auf die Schwester zu, begrüsste sie mit besonderer Artigkeit und nahm
einen Stuhl. Aber er kippte mit demselben nur hin und her, während er sich über
die hohe Lehne desselben vorbeugte.
    »Habe mit dir zu sprechen, Judit. Bist du bei Laune?«
    Die Gräfin war ersichtlich unruhig geworden. »Ich glaube, du weisst, Adam,
dass ich das nicht kenne, was man Laune nennt. Aber vor allen Dingen bitt ich
dich, Platz zu nehmen.«
    »Nein, nicht Platz nehmen; ich kann dann nicht sprechen; es wird dann alles
wie Staatsaktion. Lass mich hier stehen oder noch lieber auf und ab gehen; der
Teppich wird ohnehin Sorge dafür tragen, es nicht allzu störend für dich zu
machen. Und nun ist es wohl das beste, mit der Tür ins Haus zu fallen: ich habe
vor, mich zu verheiraten.«
    Judit erschrak heftig, aber sie war doch andererseits auch so vorbereitet
darauf, dass es ihr gelang, ihre Ruhe rasch wiederzugewinnen. Und so sagte sie
denn: »Warum solltest du nicht? Es war einst der Wunsch meines Lebens.«
    »Einst«, wiederholte der Graf mit einem Anfluge von Bitterkeit oder doch
Ironie.
    Die Gräfin aber achtete des ironischen Tones nicht und fuhr ihrerseits
einfach fort: »Und wen? Aber wozu frag ich noch!«
    »Und wie stellst du dich zu meiner Wahl?«
    »Nun, sie hat Chic.«
    »Und du Misstrauen?«
    »Nein. Ich habe sogar eine Vorliebe für sie.«
    »Gut. Dann bin ich deiner schliesslichen Zustimmung sicher, obschon ich, um
offen zu sein, vom Allerweltsstandpunkt aus mancherlei Schwierigkeiten und
Hindernisse keinen Augenblick verkenne: Geburt und Stand und Konfession.«
    »Ja«, sagte Judit, »das trennt euch, Geburt und Stand und Konfession. Aber,
mein lieber Adam, was euch eigentlich trennt, das hast du nicht genannt. Geburt
und Stand, sagtest du. Nun wohl, in kleinen Verhältnissen bedeuten sie viel und
schaffen vielleicht unübersteigliche Schwierigkeiten; aber das Haus Petöfy darf
sich freier bewegen, und in dem Augenblicke, wo das Ja gesprochen ist, ist auch
ausgeglichen, was Geburt und Stand vermissen liessen.«
    Er war ersichtlich erfreut, sie so sprechen zu hören, und nickte zustimmend.
    »Also nicht das«, fuhr die Gräfin fort. »Und auch die Konfessionsfrage
nicht, die Frage nach der Rechtgläubigkeit, die mich viel weniger ängstigt, als
du vielleicht glaubst. Ich habe das Vertrauen zu der Macht unserer Kirche, der
Macht meiner Gebete zu geschweigen, dass sie den mir wünschenswerten Ausgleich
wenn nicht schaffen muss, so doch schaffen kann. Aber eines kann sie nicht
ausgleichen den Unterschied der Jahre.«
    »Welches Wunder auch ungefordert bleibt.«
    »Und doch wäre es gut, es vollzöge sich. Ich wollte, du wärest weniger blind
oder es schärfte sich doch dein Auge.«
    »Blind?« nahm er jetzt erregt und mit einem Anfluge von Überlegenheit das
Wort. »Blind. Bin ich es denn? Du verkennst mich beständig, Judit, indem du
meine Fehler entweder übertreibst oder sie vielleicht auch in aller
Aufrichtigkeit grösser siehst, als sie sind. Sieh, ich habe lange den Eitelkeiten
dieser Welt gelebt und dabei vieles nicht gesehen, was ich nicht sehen wollte.
Wer aber sein Auge schliesst, ist noch nicht blind. Ich weiss genau, was siebenzig
Jahre bedeuten und dass sie der Zypresse näher stehen als der Rosenlaube. Der
Sprosser im Fliederbusch hat für mich ausgeschlagen. Ich weiss das. Glaube mir,
Judit. Und weil ich es weiss, so bitt ich dich aufrichtig, erspar es mir, mich
in meinen alten Tagen noch auf irgendwelchem Liebesweg oder wohl gar in
Erwartung ausstehender Zärtlichkeiten ertappen zu wollen. Lass dir sagen, wie's
liegt. Ich habe das Einsamkeitsleben satt und habe vor allem auch die Mittel
satt, die sonst dazu dienen mussten, dieser Einsamkeit Herr zu werden. Es ist mir
klargeworden, dass man die Leere nicht mit Leerheiten ausfüllen oder gar heilen
kann, und so steh ich denn vor einem neuen und nach einer sehr entgegengesetzten
Seite hin liegenden Ausfüllversuche. Du hast es gut gehabt und hast unter
Fesslers Assistenz dein Lebensmanna in der Kirche gefunden, und etwas von
wirklicher Himmelsfreude hat dein irdisch Dasein durchleuchtet. Ich weiss wohl
und weiss es alles Ernstes, dass dergleichen ein Glück ist; aber ich habe nicht
das Talent dafür und muss mich mit etwas Irdischerem und Alltäglicherem behelfen.
Jeder sucht das Glück auf seine Weise...«
    »Und findet es doch nur da, wo es wirklich liegt...«
    »Ich bitte dich, Judit, nicht das; nichts aus diesem Tone...
Begreiflicherweise liegt es mir sehr fern, dich gerad in diesem Augenblicke
herausfordern zu wollen, denn ich bedarf deiner Unterstützung, aber was du da
für mich hast und mir hinwirfst, das sind Münzen, die der Bettler aufsucht,
nicht ich. Es gibt nichts, das mich so nervös machte wie Gemeinplätze, darüber,
um ihre Dürftigkeit zu verbergen, irgendein Segen mit irgendeinem Aplomb
ausgesprochen wurde. Viel, viel mehr als derartig abständige Christlichkeiten
bedeuten mir in diesem Augenblick ein paar heidnische Gotteiten dritten Ranges,
kleine Göttinnen, in betreff deren ich nicht einmal weiss, ob sie mytologisch
verbürgt und nicht vielleicht bloss Geschöpfe meiner eigenen Erfindung und
Ernennung sind.«
    »Und die wären?«
    »Erst die Göttin der Zerstreuung, dann die der Beschwichtigung und
Einlullung und endlich die der Plauderei. Das wären so drei, die meiner Not am
meisten entsprechen und mir vielleicht aufhelfen würden. Glaube mir, Judit, ich
sehne mich nach Rast und Ruhe seit Jahren schon, aber jedesmal, wenn ich sie zu
haben vermeinte, summte mir eine Fliege durchs Zimmer und störte mich. Und sieh,
diesen Störenfried meiner Ruhe, der in beständiger Metamorphose heute diese und
morgen jene Gestalt annimmt, diese böse Fee möcht ich mir durch eine gute Fee
verscheuchen, am liebsten aber wegplaudern lassen. Und das kann niemand besser
als sie. Sie hat den guten Verstand der Norddeutschen und übt die Kunst der
Erzählung und Causerie wie keine zweite. War es nicht gestern erst, als gingen
wir mit ihr an dem Bollwerk entlang und sähen die Giebel und Mastspitzen und die
hereinbrechende Flut! Und dazu welche Stimme! Mein Ohr horcht auf jedes Wort,
das sie spricht, und du musst dir's vorstellen, als hätt ich eine beständige
Sehnsucht nach einer Melodie.«
    Die Gräfin lächelte. »Weisst du, wie du sprichst, Adam? Ganz nach Art eines
Prinzen, der einen Vorleser oder, wenn's hoch kommt, einen Cellospieler sucht.«
    »Und doch such ich weder den einen noch den andern, und der Fehler in deinem
Vergleiche, Judit, ist einfach der, dass du den tiefen und geheimnisvollen
Unterschied übersiehst, der in dem Gegensatz der Geschlechter liegt. Auch für
den noch, der mit Hülfe seiner Jahre mit dem kleinen, pausbackigen Gott und
seinem Gefolge längst abgeschlossen hat. Ein klug schwatzender Vorleser, den ich
herbeiklingle, wäre mir rundheraus ein Greuel, eine Gräfin Petöfy aber, die mir
ein Romankapitel vorliest oder ein Chopinsches Notturno vorspielt, der küss ich
die Hand.«
    »Und wie glaubst du nun, dass sich Franziska zu solchem Antrage stellen
wird?«
    »Das sollst du von ihr erfahren. Eben deshalb mache ich dich zu meiner
Vertrauten.«
    »Und wenn sie nun ja sagt, was glaubst du, dass daraus wird?«
    »Mein Glück.«
    »Erkauft durch das ihre. Denn junges Blut will junges Blut, und was sie dir
bringt, ist ein Opfer.«
    »Ein Opfer? Wer verlangt das? Ich nicht. Du verkennst mich beständig, auch
hier wieder, auch wieder in diesem Punkte; denn alles, was dir bloss egoistische
Laune dünkt, ist ein Kalkül, der auch das Recht des andern scharf mit in
Berechnung zieht. Opfer! Es soll umgekehrt ein Verhältnis werden, das sich auf
vollkommener Freiheit aufbaut, ein Ehepakt, der statt der
Verklausulierungsparagraphen ein einziges weisses Blatt hat. Carte blanche. Ja,
Judit, lass mich das Wort wiederholen. Wir sind unter uns und dürfen uns
vielleicht um unserer Stellung und unserer Jahre willen gestehen, dass wir über
Alltagsbegriffe, die schliesslich doch immer nur Lüge verdecken, einigermassen
hinaus sind.«
    Judit lächelte.
    Der alte Graf aber übersah es oder nahm es auch wohl als Zustimmung und fuhr
deshalb, immer lebhafter werdend, fort: »Ich habe mich zu
Feierlichkeitsbetrachtungen angesichts dieser Dinge nie heraufschrauben können.
Es hänge die Welt daran, versichern einige mit Emphase, was mir immer nur ein
Beweis sein würde, dass die Welt an etwas sehr Inferiorem hängt. Rundheraus, all
das sind Erwägungen und Betrachtungen aus der Sphäre von Gevatter Schneider und
Handschuhmacher. In der Obersphäre der Gesellschaft bestimmt die Politik und
unter Umständen auch die blosse Lebenspolitik die Heiraten und Bündnisse,
Bündnisse, bei deren Abschluss es noch jederzeit fernegelegen hat, dem Herzen
seine Wege vorschreiben zu wollen.«
    »Aber doch der Pflicht.«
    »Nun wohl, der Pflicht. Aber was ist Pflicht? Was wir so kurzweg als Pflicht
bezeichnen, zerfällt wieder in Einzelpflichten, in betreff deren es Sache des
Übereinkommens bleibt, welche gelten sollen und welche nicht. Ich habe nicht
vor, auf alle zu verzichten, aber doch auf viele. Weiss ich doch, dass sie jung
ist. Und sie soll jung sein und Freude haben und jede Stunde geniessen. Oder
glaubst du, dass ich jemals Lust bezeigen könnte, zu den Traditionen der
eingemauerten Nonne zurückzukehren? Umgekehrt, es würde mich glücklich machen,
sie von unseren besten Kavalieren umworben und unser altes Schloss Arpa zum
Minnehof à la Wartburg erhoben zu sehen. Ja, Judit, meine Phantasie schwelgt in
solchen Bildern und Vorstellungen. Ich höre schon den Marsch aus dem Tannhäuser
und sehe Perczel oder gar den alten Szabô sich als Wolfram von Eschenbach vor
ihr verbeugen. Ein heiteres Leben will ich um mich haben, ein Leben voll Kunst,
voll Huldigung und Liebesfreude. Was daneben zu wahren bleibt, das heisst
Dekorum. Nichts weiter. Anstoss geben oder geben sehen ist mir gleich
unerträglich; mais c'est tout. Diskretion also, Dekorum, Dehors.«
    »Und mit diesen Vollmachten ausgerüstet, soll ich die Frage tun und die
Verhandlungen führen?«
    »Ja. Willst du's?«
    »Ich will es, weil ich es wollen muss und weil mein Widerspruch in deinen
Entschliessungen nichts ändern würde. Gegenteils. Widerspruch hat dich immer nur
gereizt und dich eigenwilliger gemacht in dem, was du wolltest. Also noch
einmal, ich will. Ich weiss auch sehr wohl, es sind solche Verbindungen, wie sie
dir in diesem Augenblick als ein Ideal vorzuschweben scheinen, jederzeit
geschlossen worden; die Kirche verbietet sie nicht. Die Kirche betont nur die
Heiligkeit der Ehe, nicht das Glück der Ehe. Was ich dir also noch zu sagen
habe, kommt nicht aus Prinzip oder Dogma, sondern einzig und allein aus dem
Herzen einer Schwester, die dich liebt. Und als solche rufe ich dir zu: Gehe
nicht diesen Weg, halte vielmehr inne, wenn du noch innehalten kannst. Ich
prophezeie dir...«
    »Ich glaube nicht an Prophezeiungen.«
    »Nun denn, so sollen sie dir auch nicht werden, und nur einem Worte noch
öffne dein Ohr und deine Seele. Sieh, du teilst die Pflicht in Pflichten und die
Pflichten selbst wieder in solche, die dir je nach Gefallen unerlässlich oder
aber auch erlässlich erscheinen. Und zu den unerlässlichen rechnest du vor allem
die Diskretion und das Dekorum und die Dehors. Aber das sind vage Begriffe. Wo
ziehst du scharf die Grenze zwischen dem, was stattaft und unstattaft ist? Was
liegt innerhalb deiner Dehors, und was liegt ausserhalb?«
    Es war ersichtlich, dass er hier unterbrechen wollte. Judit aber nahm seine
Hand und fuhr, immer eindringlicher werdend, fort: »Und zu dem einen Worte.
Bruder, noch ein zweites. Du glaubst allerpersönlichst deiner wenigstens sicher
zu sein, sicher in dem, was du Drüberstehen und Anschauungsfreiheit und
Vorurteilslosigkeit nennst. Aber auch darin irrst du. Du bist weder deines
Herzens noch deiner Meinungen sicher, und was dir heut ein Nichts bedeutet, kann
dir morgen eine Welt bedeuten. Schwankend ist alles, und fest allein ist Gottes
Gebot. Auch das ungesprochene, das still und stumm in der Natur der Dinge liegt.
Ich beschwöre dich, Bruder, überleg es. Es leitet mich nur die Liebe zu dir.«
    »Und der alte Erziehungshang.«
    »Ein Wort, aus dem ich sehe, dass es zu spät ist und dass du's unabänderlich
willst. Und so werd ich denn das Gespräch mit Franziska haben. Aber nicht hier;
erst wenn wir alle wieder in Wien sind.«
    Er war es zufrieden, nahm Hut und Stock und verliess das Zimmer, indem er ihr
zerstreut einige Worte des Dankes sagte.
    Sie sah ihm nach und griff in ihrer Angst und Unruhe nach einem
Andachtsbuch, um darin zu lesen. Aber es wollte nicht gelingen.
    »In welche Lagen uns doch das Leben führt! Ich eine Freiwerberin. Und in
einer Sache, die mich betrübt und erschreckt!«
 
                                 Elftes Kapitel
Eine Woche später hatte man sich wieder in dem alten Petöfyschen Palais
eingerichtet, und schon den Tag darauf empfing der Graf durch Andras, der den
Verkehr zwischen den beiden Flügeln unterhielt, einige Zeilen, in denen ihm
Judit in aller Kürze mitteilte, dass sie Franziska gesprochen habe. Dieselbe sei
dem Anschein nach nicht allzu sehr überrascht oder doch wenigstens vollkommen
ruhig gewesen und erwarte seinen Besuch.
    Es war elf Uhr, als ihm diese Zeilen zu Händen kamen, und vor Ablauf einer
Stunde schon war er auf dem Wege nach der Salesinergasse. Das Leben in der
Ringstrasse kam ihm heute noch heiterer vor als gewöhnlich, und das Haus selbst,
das in mittäglichem Sonnenschein dalag, schien ihm, als er von der Innenstadt
her in die Vorstadt einbog, nur Glück und Freude bedeuten zu sollen.
    Oben traf er Hannah, die mit einem Anfluge von Verlegenheit ihn einzutreten
bat. Das Fräulein sei zur Probe, müsse jedoch sehr bald wieder dasein.
    Das Zimmer, in das er von Hannah geführt worden, war dasselbe, in welchem
Franziska nach ihrem ersten Plauderabend bei der Gräfin eine Schilderung des
cercle intime versucht hatte. Nichts darin, das im geringsten an ein Boudoir
erinnert hätte, vielmehr herrschte statt alles russisch Patchoulihaften, das
sonst wohl den Zimmereinrichtungen junger Schauspielerinnen eigen zu sein
pflegt, eine norddeutsche Schlichteit und Ordnung und eine beinahe holländische
Sauberkeit vor. Auf dem Sofatische stand eine Marmorschale mit Weinlaub und
Erdbeeren darin und daneben ein Schmuckständerchen, das hier wie zufällig oder
vielleicht auch in der Hast einer etwas zu spät beendeten Toilette
stehengeblieben war. Ein Kettenarmband lag auf dem Tische daneben, an dem
Ständerchen selbst aber hing ein einfaches, nur aus zwei Golddrähten
zusammengelegtes Ringelchen, das statt eines Steins nichts als eine Goldplatte
mit einem emaillierten Vergissmeinnicht zeigte.
    Der Graf hing eben noch seinen Betrachtungen über das Ringelchen nach, das
augenscheinlich ein Geschenk aus der Schul- oder Konfirmandenzeit her war, als
Franziska durch eine Seitentür eintrat und ihn, unter Ausdruck ihres Bedauerns
über eine Verspätung auf der Probe, mit leichter Handbewegung aufforderte,
seinen Platz auf dem Fauteuil wieder einzunehmen.
    Er seinerseits hatte sich einige Worte zurechtgelegt, Worte, darin sich der
»Graf« und der »Liebhaber« ziemlich genau die Waage hielten. Aber ihr Erscheinen
änderte sofort seinen Entschluss und liess ihn umgekehrt empfinden, dass es geraten
sein würde, das erste Wort ihr zu lassen.
    Auch Franziska schien es von dieser Seite her anzusehen und das »erste Wort«
als ihr gutes Recht in Anspruch zu nehmen. Sie sagte deshalb, während sie sich
auf das Sofa niederliess: »Ihr Vertrauen zu meinen Erzählungskünsten, Graf...«
    Er drohte scherzhaft mit dem Finger, aber Franziska liess sich nicht stören
und fuhr in leichtem und beinahe übermütigem Tone fort:
    »Ja, Graf, wir Frauen bleiben immer dieselben und wollen schliesslich um
unseres Ichs willen adoriert werden. Und nur um unseres Ichs willen. Darin bin
ich wie andere. Statt dessen erscheint Graf Petöfy mit einem
allerschmeichelhaftesten Antrage, der aber alles Schmeichelhaften unerachtet
doch schliesslich auf nichts anderes hinausläuft als darauf, eine
Märchenerzählerin, eine Redefrau haben zu wollen, etwa wie Louis Napoleon einen
Redeminister hatte. Werbung um eine Plaudertasche. Vielleicht der einzige Fall
in der Weltgeschichte, die nach dem Masse meiner allerdings vorwiegend aus dem
historischen Lustspiel herstammenden Geschichtskenntnis immer nur das Umgekehrte
zu verzeichnen hatte. Nämlich: mulier taceat...«
    »... in ecclesia«, lachte der Graf. »Und zwar nur in ecclesia. Sie dürfen
nicht halb zitieren, Franziska. Gleichviel indes, ich weiss nun alles; Sie würden
anders zu mir sprechen, wenn Sie vorhätten, mir mit einem Nein entgegenzutreten.
Ich bin unendlich glücklich darüber, und wenn Sie das Ohr für die Stimme des
Herzens haben - und Sie haben dies Ohr -, so wird es Ihnen auch gesagt haben,
dass ich, um Ihre Worte zu wiederholen, keine Redefrau, keine Plaudertasche will,
die mir Geschichten erzählt und mich abwechselnd durch Drolerien und Anekdoten
unterhält. Allerdings will ich unterhalten sein, aber auch das Unterhaltlichste,
das Beste, das Sie mir aus Ihrer Gaben Fülle zu bieten imstande sind, wenn ich
es loslöste von Ihnen, von Ihrer Person, so wäre das Beste das Beste nicht mehr.
Der Zauber Ihrer Rede sind schliesslich doch Sie selbst. Und so komme ich denn
noch einmal mit diesen meinen ausgestreckten Händen und bitte Sie, dem, was mir
vom Leben noch bleibt, einen Inhalt und mit dem Inhalt einen Glanz, ein Glück
und eine Freude geben zu wollen.«
    Es schien, dass Franziska nach einer Antwort suchte, der alte Graf aber fuhr
fort:
    »Ich lese deutlich, was in Ihrer Seele vorgeht. O dieser Selbstling, der im
Grunde nur einen gefälligen Ton für sein Ohr oder ein sich einschmeichelndes
Bild für sein Auge sucht und doch zugleich einen Lebenseinsatz fordert, ein
Leben und ein Herz. Aber nein, Franziska, kein Herz oder doch nicht das, was die
Welt, die Jugend ein Herz zu nennen beliebt. Ein anderes, das nichts weiter
bedeutet als Sympatie. Meine Wünsche, dessen bin ich gewiss, halten sich
innerhalb des Erfüllbaren. Worauf bin ich aus? Ich kann keine trüben Gesichter
sehen und liebe Licht und Lachen und Esprit und Witz. Das ist alles, und nur
darauf bin ich aus. In meiner Jugend galt ein Champagnerleben als ein Ideal.
Aber auch das ist mir zu schwer. Es gibt eine Luft, unter deren Einatmung die
Freude kommt und heitere Bilder aus der Seele spriessen. Nach der Luft dürst ich,
und ich habe sie, wenn ich in Ihrer Nähe bin. Um diese Nähe werb ich, Franziska,
nicht um mehr. Sie sollen frei sein und die Grenzen Ihrer Freiheit selber
ziehen; Ihr feiner Sinn ist mir Bürge, dass Sie sie richtig ziehen werden.«
    Franziska lächelte leise vor sich hin, und eine Verlegenheit, die sie,
während sie sich ähnlicher Worte der Gräfin erinnerte, wenigstens momentan
beschlichen hatte, fiel rasch wieder von ihr ab. »Ich glaube, Graf«, sagte sie,
mit Geflissentlichkeit einen halb scherzhaften Ton anschlagend, »Sie verkennen
mein Geschlecht. Ich sehe Schwierigkeiten, aber ich sehe sie nicht da, wo Sie
sie sehen. Unser Erbteil ist Neugier, nichts weiter, und was sich aus der ewig
beargwohnten Welt der Gefühle mit einmischt, das wiegt nach meiner Erfahrung
nicht allzu schwer. Ich kenne die Skala dieser Gefühle, habe die Mittelgrade
selbst durchmessen und bin ohne rechten Glauben an die Hoch- und Siedegrade der
Leidenschaft. Also nicht das, Graf... Und auch nicht die Kunst. Es gab freilich
einmal eine Zeit, in der ich ehrlich und aufrichtig des Glaubens war, ohne Kunst
nicht leben zu können. Aber auch das liegt hinter mir. Um in diesem Glauben zu
verharren, dazu muss man eine Törin oder ein Genie sein. Und ich bin weder das
eine noch das andere.«
    »Und doch...«
    »Nein, kein doch; nur einfach ein Geständnis meiner Furcht. Ich fürchte mich
vor dem kleinen Kriege, der meiner harrt, vor dem Neid auf der einen und dem
Hochmut auf der andern Seite, vor den Kränkungen und Nadelstichen, die mir nicht
erspart bleiben werden.«
    »Und ich meinerseits wüsste niemand, der sich zu diesen Nadelstichen versucht
fühlen könnte, niemand. Und kämen sie doch, nun so gibt es Mittel, ihnen zu
begegnen. Das mag meine Sorge sein. Frisch auf denn, Franziska, Mut und
Hoffnung! In mein altes Schloss Arpa soll wieder das Leben einziehen, und das
Ungarn der Wirklichkeit soll Sie das Ungarn Ihrer Kinderphantasie, so denk ich,
für immer vergessen lassen.«
 
                                Zwölftes Kapitel
Als der Graf sich erhoben und in herzlicher Weise verabschiedet hatte, trat
Franziska vom Sofa her ans Fenster. Die frisch eindringende Luft tat ihr wohl,
und sie setzte sich an die Brüstung und sah auf das Strassentreiben. Aber an
ihrem inneren Auge zogen sehr andere Bilder vorüber: ein Schloss und ein See,
Freitreppen und Korridore, Jagdzüge, Wald und Steppen und dazu Kavaliere mit
ihren Damen, die flüsterten und kicherten. Und ihre Blicke massen sich, und sie
begegnete dem Hochmut, den man für sie hatte, mit gleich hochmütiger Miene.
    Sie hing solchen Bildern noch nach, als Hannah von der Tür her auf sie
zukam, ihr zutraulich das Haar zurückstrich und dann sagte: »So soll es nun also
doch sein.«
    »Hast du gehorcht?«
    »Nein. Ich horche nie. Mein Vater selig litt es nicht und sagte, das sei von
den kleinen Sünden eine der grossen. Was nicht für einen gesprochen wird, das
darf man auch nicht hören und wissen wollen. Ich sah den Grafen, als er ging,
und las es ihm von der Stirn.«
    »Und was sagst du?«
    »Ja, Fränzl, was soll ich sagen?«
    »Alles, was du denkst.«
    »Nun, ich denke vielerlei.«
    »Halte mit nichts zurück. Dass du's nicht billigst, das seh ich, und so
kannst du gleich mit dem Warum anfangen. Oder sind der Gründe so viele?«
    »Ja, viele sind es, Fränzl.«
    »Offen gestanden, das ist mir lieb; denn viele sind nicht so schlimm wie
einer. Viele bringen sich untereinander um, und was dann übrigbleibt, bedeutet
nicht viel. Also nenne sie nur; je mehr, je besser.«
    »Er ist alt und du bist jung.«
    »Gut.«
    »Er ist ungrisch-wienerisch und du bist preussisch-pommerisch.«
    »Gut.«
    »Er ist katolisch und du bist protestantisch.«
    »Gut.«
    »Er ist ein Graf und du bist eine Schauspielerin.«
    Franziska nickte. »Wohl, Hannah, alles wahr. Aber zuletzt trifft doch das
zu, was ich dir eben schon gesagt habe. Sage selbst. Er ist gerade Wiener genug,
um den Katoliken, und auch wieder Ungar genug, um den Wiener in Ordnung zu
halten. Und so bleibt denn wirklich nichts übrig als ein alter Graf und eine
junge Schauspielerin.«
    »Und glaubst du, dass die gut zueinander passen?«
    »Ich will es nicht als Regel aufstellen. Aber es gibt Ausnahmen, und unter
den Ausnahmen ist es eine der gewöhnlichsten und der zulässigsten. Und erklärt
sich auch. Im allgemeinen, darin hast du ja recht, gehört zu einem Grafen eine
Gräfin; wer wollte das bestreiten? Aber wenn es keine Gräfin sein kann, so kommt
nach der Gräfin gleich die Schauspielerin, weil sie, dir darf ich das sagen, der
Gräfin am nächsten steht. Denn worauf kommt es in der sogenannten Oberschicht
an? Doch immer nur darauf, dass man eine Schleppe tragen und einen Handschuh mit
einigem Chic aus- und anziehen kann. Und sieh, das gerade lernen wir aus dem
Grunde. So vieles im Leben ist ohnehin nur Komödienspiel, und wer dies Spiel mit
all seinen grossen und kleinen Künsten schon von Metier wegen kennt, der hat
einen Pas vor den anderen voraus und überträgt es leicht von der Bühne her ins
Leben.«
    »Ich will es gelten lassen, Fränzl. Aber dann bleibt immer noch alt und
jung.«
    »Hältst du das für so schlimm?«
    »Nein. Oder wenigstens nicht immer. Ich könnt es. Aber man muss seiner sicher
sein.«
    »Ich glaube meiner sicher zu sein. Und über diesen Punkt, über den ich jetzt
soviel hören muss, auch von dir, muss ich dir mal ein ernstes Wort sagen. Aber du
musst auch aufmerksam sein. Denn ich weiss wohl, wenn dir etwas nicht passt, so
hast du Wachs in den Ohren und antwortest, ohne gehört zu haben.«
    »Sprich nur; ich höre schon.«
    »Ob ich meiner sicher sei! Ja, liebe Hannah, wer ist schliesslich seiner
sicher, ganz sicher? Aber sicher oder nicht, du darfst mir nicht immer mit
Betrachtungen und einer Angst und Sorge kommen, als ob ich sechzehn wäre, mit
anderen Worten also, du darfst nicht sprechen, gerade du nicht, als ob ich, wenn
nicht direkt in Passionen steckte, so sie doch jeden Tag zu gewärtigen hätte. Du
musst schliesslich am besten wissen, wie's steht. Oder müsstest es wenigstens
wissen. Ein für allemal also, ich habe keine grossen Passionen, ganz gewiss nicht,
und wenn ich sie vor Jahr und Tag vielleicht hatte - vielleicht, sag ich, denn
ich habe nicht Lust und Mut, jedes Bagatellgefühl für eine grosse Passion
auszugeben -, so liegen sie hinter mir.«
    »Du musst dich nicht so hineinreden, Franziska; das zeigt nur, dass ich doch
vielleicht recht habe. Wenn aber auch nicht, denn wer sieht ins Herz, so hab ich
doch in dem einen recht, um das sich's hier überhaupt nur handelt. Es ist etwas
mit dem jung und alt, und dabei bleibt es. Und nun gar in der Ehe.«
    »Gewiss ist es was damit. Aber aus einem ganz andern Grunde, wie du glaubst.«
    »Und der wäre?«
    »Weil die Jahre, wenn sie doppelt und dreifach auftreten, auch das Mass der
Unfreiheit verdoppeln und verdreifachen, jener Unfreiheit, in die man sich
ohnehin in jeder Ehe begibt. Und da liegt es. Nur da. Früher, als ich noch in
meines Vaters Hause war, hab ich viele Traureden mit angehört, und immer war es
dasselbe Tema: Begrabt euer eigen Ich. Immer Unterordnung, immer Opfer um des
andern willen. Davor, meine liebe Hannah, erschreck ich. Zu dem Grafen konnt ich
in diesem Sinn nicht sprechen und sprach ihm deshalb von Kränkungen und
Nadelstichen, die meiner vielleicht harren würden und gewiss auch harren werden,
aber der eigentliche Grund ist doch der, den ich dir eben genannt habe, die
Freiheitsfrage. Jetzt beherrsch ich ihn. Ob ich ihn als Gräfin auch noch
beherrschen werde, dünkt mir zweifelhaft, ohne dass ich deshalb an einen Oger
oder Blaubart denke. Durchaus nicht. Er ist innerlich viel zu fein und vornehm
und nebenher auch viel zu sehr von mir eingenommen, um jemals den launenhaften
Tyrannen zu spielen; er wird mir immer zuliebe leben und meine Wünsche
belauschen und erfüllen. Aber je mehr er das tut, je weniger frei werd ich sein
und mich auch meinerseits schicken müssen. Ich weiss wohl, dass man das soll. Aber
ob ich's auch immer können werde? Nimm eine Kleinigkeit. Du weisst, ich liebe
Nelken, und hätt ich mir nicht eben erst all und jede Passion abgesprochen, so
hätt ich nicht übel Lust, mir eine regelrechte Nelkenpassion zuzuschreiben. Und
nun stelle dir vor, dass er vielleicht Nelken nicht leiden oder wenigstens den
Geruch davon nicht ertragen kann. Was würde geschehen? Ich würde natürlich
sofort auf meine Lieblingsblume verzichten, aber doch zugleich den Wunsch und
das Verlangen darnach nie mehr loswerden. Und so könnt es sich ereignen, dass ich
aus Sehnsucht nach einer Blume krank und unglücklich würde. Lache nicht, solche
Torheiten kommen vor. Alles in allem, ich bin zu lange meinen eigenen Weg
gegangen; Unterordnung und Ehe sind immer schwer, aber sie werden schwerer, wenn
zu der eheherrlichen Autorität auch noch die der Jahre kommt.«
    »Und warum willst du's, wenn du so denkst? Warum tust du's?«
    »Weil unser Herz ein kompliziertes Ding ist, ein Ding mit vielen und oft
widerstreitenden Wünschen, und weil die Freiheit, so hoch ich sie stelle, doch
schliesslich nicht alles in der Welt bedeutet. Es gibt eben auch anderes noch,
Dinge, die gelegentlich noch mehr bedeuten oder wenigstens bedeuten können.«
    »Ja, bei gewöhnlichen Leuten.«
    »Auch bei sehr nicht-gewöhnlichen. Umgekehrt; je höher hinauf, je mehr hab
ich recht. Oder glaubst du beispielsweise, dass es leicht sei, der Freund eines
Prinzen oder Erzherzogs zu sein? Du schüttelst den Kopf. Nun gut, also nicht
leicht. Und nun sieh dir den Grafen Pejevics an, den du ja kennst und gern hast
und der mir ganz wundervoll hieher passt, wie gerufen. Wie steht es nun mit dem
Grafen? Er ist ein grosser Magnatensohn, einer der Allerreichsten und
Vornehmsten, also natürlich auch der Freiesten, und wenn er auf seine Güter
geht, so küsst ihm alles den Rockschoss und, wenn er will, auch die Steigbügel.
Und doch ist er hier und spielt den Erzherzogsadjutanten und Galopin. Und warum
das alles? Einfach, weil die Abhängigkeit von einem Erzherzog ihm schliesslich
doch noch mehr bedeutet als seine ganze Magnatenfreiheit, Rockschoss- und
Steigbügelkuss mit eingeschlossen. Und ähnlich ergeht es mir. Offen gestanden,
ich hätt es vor kurzem noch nicht gedacht und mich anders taxiert. Aber tritt
erst mal die Versuchung an uns heran, so merken wir bald, dass wir nicht anders
sind als andere; die Weltlust reisst uns hin und nicht zum wenigsten der Ehrgeiz.
Ja, der Ehrgeiz ist ein grosser Versucher.«
    »Aber nicht der grösste.«
    »Welcher andere?«
    »Sag es dir selbst.«
    In diesem Augenblick hörten beide, dass draussen die Glocke gezogen wurde,
zweimal, aber nicht stark, und Hannah ging, um nachzusehen. Ein Diener gab ohne
weitere Bemerkung ein Bouquet ab, in das eine Karte gesteckt war. Auf der Karte
selbst aber stand: »Egon Graf Asperg.«
    Franziska wurde rot. Wusste der junge Graf schon von dem Geschehenen? Oder
war es ein Spiel des Zufalls?
 
                              Dreizehntes Kapitel
Die Nachricht von einer stattgehabten Verlobung zwischen dem Grafen und
Franziska machte viel von sich reden; als aber einen Monat später erst in der
Augustiner- und dann in der protestantischen Kirche der Gumpendorferstrasse die
Doppeltrauung stattgefunden hatte, beruhigte man sich um so rascher, als alles,
was von medisanten Bonmots in Kurs gesetzt werden konnte, schon in den Tagen
vorher verausgabt worden war. Unter allen Umständen kam nichts davon zur
Kenntnis des gräflichen Paares, das sich unmittelbar nach der Trauung, nur in
Begleitung von Andras und Josephinen, einem neu engagierten und echt
wienerischen Kammermädchen, zu mehrwöchentlichem Aufentalte nach Oberitalien
begeben hatte. Von dort aus sollte dann die Rückreise direkt nach Schloss Arpa
hin angetreten werden, wohin Hannah in Begleitung einiger anderen Dienerschaften
schon gleich nach der Hochzeit aufgebrochen war. Franziska hatte sich schwer von
ihr getrennt, aber gerade bei der Vertraulichkeit, die zwischen ihnen herrschte,
diese Trennung doch auch wieder als nötig angesehen.
    Der Aufentalt in Oberitalien begann am Gardasee, woran sich dann ein Besuch
von Venedig schloss, von Venedig, das Franziska noch viel schöner fand, als sie
gedacht und geträumt hatte. Nichtsdestoweniger war sie, nachdem sie zehn Tage
lang alles Gefrorene durchgekostet und eine Legion von Erbsendüten an die
Markusplatztauben verfüttert hatte, am elften Tage froh, den Aufentalt
abgebrochen zu sehen, und zwar um so mehr, als der Graf willens war, auf der
Rückreise noch Etappen zu machen, vor allem in Verona, das vor länger als einem
halben Jahrhundert sein Garnisonsort und der Schauplatz seiner ersten Triumphe
gewesen war. Franziska hatte lachend eingewilligt, aber doch nur unter dem
Zugeständnis, dass ihr das Haus und Grab der Julia Capulet gezeigt werde, »weil
Liebesgeschichten mit tragischem Ausgange nun mal ihre Passion seien«. Und nach
diesem Programm war die Rückfahrt auch wirklich angetreten und ausgeführt
worden, erst in kleinen, oft unterbrochenen Tagereisen, bis man endlich, von
Station Bozen aus den Eilzug benützend, in zwölfstündiger Fahrt die Südspitze
des grossen Arpasees erreicht hatte. Hier an der Südspitze lag Nagy-Vasar, ein
Flecken, von dem aus dreimal täglich ein Dampfschiff bis zu dem am Nordufer des
Sees und zugleich zu Füssen von Schloss Arpa gelegenen Städtchen Szegenihaza ging.
    Das Schiff hatte sich eben in Bewegung gesetzt, denn die Abfahrtszeit, zwei
Uhr, war schon vorüber; als aber der auf seiner Kommandobrücke stehende Kapitän
des Schiffes des Grafen ansichtig wurde, gab er Contredampf, legte noch einmal
an und empfing respektvoll die Herrschaften. Franziska sah auf der Stelle, wie
beliebt der Graf war und welches Ansehen er bei hoch und niedrig genoss.
    Es war ein glühheisser Tag, aber das ausgespannte Zeltdach und mehr noch der
Wind, der ging, liessen die Hitze nicht unangenehm empfinden. Am wenigsten
empfand sie Franziska, die nicht müde wurde, die prächtigen Bilder, die der See
bot, in sich aufzunehmen. Wohl war der Gardasee schöner gewesen, aber alles
interessierte sie hier mehr, weil sie berufen war, zu dem allem in eine nähere
Beziehung zu treten. Der alte Graf las nicht eigentlich, was in ihrer Seele
vorging, aber er freute sich doch lebhaft ihrer aufrichtigen und ganz
unverkennbaren Teilnahme.
    »Nun, glaub ich«, hob er an, »wird es an der Zeit für mich sein, den
Cicerone zu machen. Sieh, das da drüben ist Szent-Görgei. Und dies hier unten am
Abhang mit den zwei Windmühlen, das ist Mihalifalva.«
    »Mihalifalva! Wie schön das klingt!«
    »Und ist doch das Prosaischste von der Welt. Was meinst du wohl, was sich
hinter diesem Mihalifalva verbirgt? Mihalifalva heisst Michelsdorf. Alles hier
herum ist falva, sehr natürlich, denn falva heisst Dorf. Und damit hast du den
Schlüssel, der dir den ganzen poetischen Zauber aufschliesst. Das da mit dem
Schindelturm ist Iwanifalva. Wundervoll, denkst du. Nicht wahr? Aber bei Lichte
besehen heisst es Hansdorf.«
    Unter allerlei Fragen, die Franziska tat, wurde der Graf immer beredter und
begleitete die Namen der umherliegenden Dörfer und Städte bald auch mit
Anekdoten, unter denen einige nicht nur pikant genug, sondern auch ganz darauf
berechnet waren, Franziska die Gesellschaftskreise kennenzulehren, in die sie
nun binnen kurzem eintreten sollte.
    Gegen sechs legte das Dampfschiff an der weit vorgebauten Landungsbrücke von
Szegenihaza an, das Endstation und für die Nordhälfte des Sees genau dasselbe
wie Nagy-Vasar für die Südhälfte war. Etwas landeinwärts erhob sich Schloss Arpa
steil und mächtig und überblickte den See.
    »Sieh«, sagte der Graf und wies hinauf.
    Andras und Josephine blieben des Gepäckes halber zurück, und in einem
leichten Korbwagen, dessen Trittbrett sich nur handhoch über der Erde befand,
fuhren jetzt Graf und Gräfin von der Landungsbrücke her auf das Schloss zu. Die
Sonne stand hinter einem alten, halb abgebrochenen Steinturm, an dem anscheinend
zwei nach aussen hin an einem Balken oder einer Welle hängende Glocken gezogen
wurden und sich schattenhaft hin- und herbewegten, während ihr immer mächtiger
werdender Klang die Luft erfüllte. Der Weg war wie eine Tenne, zu beiden Seiten
stand der Mais übermannshoch, und dazwischen dehnten sich grosse Beete mit
Wassermelonen, die durch einen vom Schlossberg herabkommenden Bach bewässert
wurden. Im Fluge ging es daran vorüber, die kleinen Pferde schüttelten ihre
Mähnen, und in das tiefe Geläut der Glocken klang der Ton ihrer Glöckchen.
    Aber nun kam die Steigung, und die Pferde fielen wie von selbst aus dem Trab
in den Schritt. Auch das Läuten oben wurde schwächer und schwieg endlich ganz,
so dass der Graf den Kutscher auf ungrisch fragte, was es sei. Bevor dieser aber
antworten konnte, begann das Läuten wieder; es waren indes nicht zwei Glocken
mehr, die gingen, sondern nur eine.
    Franziska ihrerseits hatte bei der Fülle von Bildern, die sich ihr boten,
des Zwischenfalles nicht acht. Alle hundert Schritte waren Laubgirlanden
gezogen, an denen die Petöfyschen Farben flatterten, und auf einzelnen
Felsvorsprüngen standen Männer und Frauen und schwenkten ihre Tücher und Hüte.
So kamen sie bis an das Tor und fuhren unter seinem Wappenstein fort in den
Schlosshof ein.
    Der Graf sprang aus dem Wagen, bot Franziska den Arm und führte sie von der
Rampe her in die grosse dunkle Flurhalle. Hier hatten zahlreiche Dienerschaften
Spalier gebildet und grüssten und knicksten, während Graf und Gräfin an ihnen
vorüber in den oberen Stock hinaufstiegen, in dem eine Reihe Zimmer für
Franziska hergerichtet war. Der Graf, wie wenn sie sein Gast gewesen wäre,
verneigte sich vor der Entreetür und sagte mit einem ihm sonst uneigenen Ernste:
»Gesegnet sei dein Ein- und Ausgang...! Ich schicke dir nun Hannah... Sie hat
sich, seh ich, nicht vordrängen wollen, aber du wirst ihrer bedürfen.« Und nach
diesen Worten empfahl er sich und ging in das Erdgeschoss zurück, wo die von ihm
bewohnten Räume gerade unter den ihrigen lagen.
    In Franziskas Zimmer dämmerte das Licht des scheidenden Tages. Was sie
zunächst sah, war ein Muttergottesbild über ihrem Schreibtisch. Es gab ihr im
ersten Augenblick einen Schreck, und als Hannah gleich darnach eintrat, ging sie
rasch auf diese zu und umarmte sie.
    Hannah ihrerseits machte sich los, um ihrer Freundin, die sie jetzt verlegen
und doch zugleich auch mit einem Anfluge von Schelmerei »ihre liebe Gräfin«
nannte, die Hand zu küssen. Aber Franziska schloss ihr den Mund und sagte: »Was
Gräfin! Gräfin bin ich vor den Leuten. Hier bin ich deine Franziska. Wie's war,
so bleibt es... Gott, liebe, liebe Hannah, wie du mir gefehlt hast! Jede Stunde.
Sieh, der Graf ist so gut gegen mich, zu gut... Aber erst nimm mir den Mantel ab
und dies noch, und nun gib mir ein Glas Wasser, damit will ich anfangen im
schönen Ungarland. Ich bin so benommen, so verschmachtet... so, das hat mich
erquickt..., verschmachtet von der Hitze, von dem vielen Sehen und der Aufregung
und Fremdheit. Sieh doch nur.« Und sie wies auf das Muttergottesbild.
    »Ich musst es lassen, Fränzl, und auch den Rosenkranz, den sie dem kleinen
Christus über den Arm gehängt haben. Aber das grosse weisse Lilienbouquet, das
drunter stand, das hab ich dem alten Gärtner wieder abdisputiert und ihm gesagt,
die Gräfin kriege Kopfweh.«
    »Da hast du recht getan. Und nun geh vorauf und zeige mir die Räume, darin
ich wohnen soll.«
    Es waren nur wenige Zimmer. An das Wohnzimmer, darin sich beide zunächst
befanden, schloss sich ein Toiletten- und Schlafzimmer. Dann aber kam ein
Treppchen, nur drei, vier Stufen, das zu Hannahs Gelass, einem eingebauten
Alkoven, hinaufführte.
    »Das ist nun also mein neues Heim«, sagte Franziska. »Weisst du, Hannah, es
gefällt mir und gefällt mir auch namentlich um deshalb, weil es nicht grösser
ist, als es ist; nicht so endlos. Und nun zeige mir auch, was wir nach der
andern Seite hin haben. Oder sage mir's wenigstens.«
    »Da haben wir erst den Saal mit dem grossen Balkon und hinter dem Saal ein
Billardzimmer und die Bibliotek. Und hinter der Bibliotek die Bildergalerie.«
    Hier wurde Hannah durch das Eintreten eines alten und kränklich aussehenden
Dieners unterbrochen, der mit vieler Förmlichkeit meldete, dass der Graf die Frau
Gräfin erwarte, so's der Frau Gräfin genehm sei... Auf der Veranda.
    »Wer war der Alte?« fragte Franziska.
    »Das war Herr Koloman Czagy, des Grafen erster Kammerdiener. Er kränkelt
seit einiger Zeit und war deshalb letzten Winter nicht mit in Wien, sonst hätten
wir seine Bekanntschaft schon früher machen müssen. Ja, Herr Koloman ist mit dem
Grafen jung gewesen und gilt fast noch mehr als der Andras.«
    »Ah, ich versteh. Aber unter allen Umständen will ich den Grafen, seinen
Herrn, nicht warten lassen! Arrangiere mir nur das Haar ein wenig, es ist so
zerzaust vom Wind, und erzähle mir dabei. Du musst ja während dieser drei Wochen
eine ganze Welt von Dingen erlebt haben, und wenn ich dich so stehen sehe,
kommst du mir schon halb ungrisch vor. Bring mir nur ein paar Worte bei, dass ich
wenigstens Guten Tag oder Wie geht es Ihnen? sagen kann. Ich will dem Grafen
eine Freude machen. Er ist so dankbar für Kleinigkeiten.«
Der Tee ward auf der Veranda genommen und dabei lebhaft und in heiterem Tone
geplaudert.
    »Ich hoffe, dass nichts fehlt«, sagte der Graf.
    »Im Gegenteil«, scherzte Franziska. »Mehr ist da, als ich erwarten durfte,
selbst eine Muttergottes über dem Schreibtisch.«
    Er lachte.
    »Ja, Fränzl, ohne das tun wir's halt nit, und a bissel fürs Haus ist auch in
alle Wege gut, wie Riechsalz oder Melissengeist. Ehe man's sich versieht,
braucht man's und fragt nicht lang, ob es aus einer Klosterapoteke stammt oder
aus einer andern. Konfession! Bah, das bedeutet nicht viel. Es gibt so vieles,
was drübersteht und sich unmittelbar an den Menschen wendet, er sei so oder so.
Sieh, ich glaub eigentlich nichts und überlass es meiner Schwester-Gräfin, mich
aus dem Fegfeuer oder auch noch von woandersher freizubeten, aber unsere
schwache Natur ist doch schliesslich immer stärker als unser stärkster Unglaube,
der au fond bloss renommiert und keine Courage hat, das weiss ich von mir selbst,
und sowie was auf dem Spiele steht oder auch bloss eine Gicht oder ein Zwicken
kommt, so schiel ich nach meinem heiligen Stephan hinüber, der über meinem
Schreibtisch steht, gerad so wie das Muttergottesbild über dem deinen, und sage:
Nun hut dich und sput dich, Stephanerl, und tu was für einen Magyar und
ehrlichen Christenmenschen. Und sieh, Fränzl, ich denke mir, so was steckt in
jedem und am End auch in einer kleinen, lieben Ketzerseele.«
    So ging das Gespräch, ganz wie der Graf es liebte, pointiert und an Klippen
hin, aber so munter und gut gelaunt es zu sein trachtete, der Ton voller
Unbefangenheit wollte doch nicht aufkommen. Ihn beschäftigte die Frage, wie sie
sich in dieser ihr fremden Welt wohl zurechtfinden werde, während sie von der
Sorge beherrscht blieb, dass eine tiefe Verlegenheit, die sie fühlte, sich doch
vielleicht in ihrem Auge verraten haben möchte.
    Der Abend brach endlich herein, und ein kühlerer Luftstrom kam vom See her,
aber es war kein Wind, die Lampe flackerte nicht, und der lang herabhängende
Schleier derselben bewegte sich nur, wenn sich einer der Nachtschmetterlinge
darin verfing. Endlich wurde der Mond über dem Gebirge sichtbar und stand so
licht und klar da, wie wenn er den Frieden besiegeln wolle, der drunten
ausgebreitet lag. Franziska blickte still und tief aufatmend hinauf, und auch
der Graf schwieg, als er sah, wie das Bild sie berührte.
    Dann erhob sie sich und bot ihm eine gute Nacht.
Oben fand sie Hannah, die die Fenster geöffnet hatte.
    »Wonach siehst du?«
    »Nach dem Giessbach, der hier links vom Schlossberg kommt. Er sickert jetzt
bloss so hin und wartet auf die Regenzeit. Da soll's dann eine Pracht sein.«
    »Ist aber doch besser so. Der Regen macht immer trüb und sperrt alles ein.
Ich bin für Sonne, Licht und freie Bewegung, nur freilich heute nicht mehr. Es
war doch ein anstrengender Tag, der mich müde gemacht hat. Komm, kleide mich aus
und erzähle mir; ich hab ohnehin noch allerlei Fragen. Sage, spukt es hier?«
    »Ich habe noch nichts gesehen.«
    »Das beruhigt mich nicht ganz. An dich können sie nicht heran, du bist wie
das leibhaftige Vaterunser. Aber jedes alte Schloss hat nun mal einen Spuk. Ich
weiss es aus unserer Gegend, und es wird hier nicht anders sein. Auf jede hundert
Jahre kommt ein Gespenst.«
    »Aber wie du nur sprichst. Da müssten wir hier ja zwei haben.«
    »Und haben wir gewiss auch.«
    »Ein schwarzes und ein weisses«, lachte Hannah. »Und du willst eine
Protestantin sein und eine Pastorstochter? Nein, das hat mir mein Vater selig
mit dem Stock ausgetrieben. Und ich dank es ihm noch. Das ist so für Wilde. So
wie hier.«
    »Wilde? Das darfst du nicht sagen; ich werde dich beim Grafen verklagen. In
Ungarn ist alles gut und hohe Kultur. Aber nun geh, ich werde sehen, was ich
träume. Was man in der ersten Nacht träumt, das bedeutet was.«
    »Schlafe nur überhaupt, das bedeutet dir das Beste.«
    Damit trennten sie sich, und nur die Türen bis zu Hannahs Schlafzimmer hin
sollten offenbleiben. Franziska hörte noch, wie Hannah die Stufen zu dem Alkoven
hinaufstieg; dann wurd es still.
    Aber nicht auf lange. Rechtshin, im Gebirge, mocht es gewittert haben, und
heftige Windstösse, die jetzt über den See kamen, umlärmten das Schloss so heftig,
dass Franziska trotz aller Müdigkeit davon geweckt wurde. Was sie besonders
erschreckte, war ein Rasseln wie von Eisenstäben, und so stand sie denn auf und
trat in den ihrem Wohnzimmer vorgelegenen grossen Saal ein, um hier nach der
Ursache zu sehen. Alsbald bemerkte sie, dass es ein weit vorgebauter alter Balkon
sei, dessen vom Winde gerütteltes Gitterwerk solchen unheimlichen Ton gab. Ihre
Beängstigung schwand jetzt, aber zu noch weiterer Beruhigung ging sie doch bis
zu Hannahs Alkoven und horchte hier auf das Atemholen der fest und ruhig
Schlafenden.
    »Ein gutes Gewissen«, sagte sie. »Warum bang ich mich? Ich war doch sonst
nicht so furchtsam.«
    Und sie tappte sich wieder zurück und schlief endlich ein.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Franziska war früh wach, setzte sich an das offene Fenster und sah auf den See
hinaus, den von rechts her hohe Berge, von links her Hügelzüge mit Dörfern und
Weingärten einfassten. Einer aus der Reihe dieser Hügel aber, der höchste, war
der Schlossberg, dessen steiler Abfall ihn, in der Front wenigstens, noch höher
und stattlicher erscheinen liess, als er war. Er bezeichnete genau die Stelle, wo
die Hügellandschaft in das gebirgige Terrain überzugehen anfing. Am Fusse wand
sich ein Bach, und Franziska, die gerne sehen wollte, woher er komme, bemerkte,
nachdem sie seinen Lauf auch nach aufwärts hin verfolgt hatte, dass es derselbe
von der Schlossberghöhe herabkommende Giessbach sei, nach dem Hannah am Abend
vorher ausgeschaut hatte.
    Sobald sie sich in dem allem zurechtgefunden, wandte sie sich wieder in das
Zimmer zurück, um sich hier allmählich und mussevoll mit dem Raum vertraut zu
machen, darin sie nun leben sollte. Die Möbel waren alt, aber wohlerhalten, und
jedes Stück interessierte sie, zumeist eine Rokokokommode, die mit Schildpatt
und grossen goldenen Griffen reich ausgestattet war. Über dieser Kommode befand
sich eine Bücheretagère von Nussbaumholz, auf deren oberstem Bord allerlei
Meissner und chinesisches Porzellan stand, links und rechts zwei kleine Pagoden.
Sie setzte dieselben in Bewegung und sah ihrem gravitätischen Kopfnicken zu.
Dann aber nahm sie neugierig einige Bände.
    »Was mag man nur früher hier gelesen haben?«
    Es waren deutsche, französische, namentlich aber englische Bücher in
buntester Reihenfolge. »Werters Leiden« und Tomas a Kempis' »Nachfolge
Christi« standen friedlich nebeneinander; dann kamen die »Canterbury Tales« in
einer illustrierten Prachtausgabe, zuletzt aber Rousseau, mehrere Bände. Nichts
war da, was auf einen bestimmten Geschmack hingedeutet hätte, nur auf jene
literarisch gebildete Teilnahme, wie sie während der zweiten Hälfte des vorigen
Jahrhunderts in der Mode war.
    Um neun Uhr wurde das Frühstück genommen, und Franziska begab sich auf die
Veranda. Der Graf, als er sie kommen sah, warf die Morgenzigarette fort, legte
die Zeitung aus der Hand und erhob sich aus seinem Schaukelstuhl, um die neue
Schlossherrin zu begrüssen. Sie trug ein Morgenkleid von weissem Kaschmir und
empfing Schmeicheleien und Huldigungen von seiten des Grafen, der einen
ausgebildeten Sinn für Toilettendinge hatte. Sie setzte sich ihm gegenüber, und
keinen Augenblick im Zweifel, welcher Ton anzuschlagen sei, begann sie von ihrer
ausgestandenen Angst und Unruhe zu berichten.
    »Und nun sage mir, Petöfy, habt ihr wirklich keine Gespenster?«
    »Nein, Fränzl, in dem einen Stücke sind wir durchaus modern. Ein paarmal hat
uns der Toldy dergleichen aufreden wollen; aber es kam nicht. Ich vermute, aus
Respekt vor meinen Pistolen.«
    »Und doch glaub ich an Spuk und dergleichen.«
    »Ich auch. Aber es muss was vorausgegangen sein, und dies alte Schloss Arpa,
soweit ich seine Geschichte zurückverfolgen kann, ist einfach nur aus Stein und
Mörtel aufgebaut worden und ist nichts dazwischen. Und sieh, wo die Dinge so
schlicht und alltäglich liegen, da fehlen die Vorbedingungen für den Spuk. Ich
möchte sagen, die Petöfys haben der Gespensterwelt nicht genug zu Gefallen getan
und sich viel zu sehr als prosaisch ordentliche Leute geriert.«
    »... So dass ich also behaupten darf, in eine durchaus respektable Familie
gekommen zu sein.«
    »Darfst du«, lachte der Graf. »Und wirklich, ein paar Kleinigkeiten, ein
paar sehr lässliche Sünden abgerechnet, wie Schwester Judit sagen würde, sind
wir über das Hausbackenste nicht hinausgekommen. Eigentlich nie. Mein
Urgrossvater liess sich anfänglich gut an und entführte von Brüssel her eine
Comtesse Damremont, aber es hielt nicht lange vor, er heiratete sie gleich nach
der Entführung und strich also die Schuld aus seinem Schuldbuche wieder aus.
Darnach kam mein Grossvater, der in der Struenseezeit als Gesandter in Kopenhagen
einen Grafen Schimmelmann im Duell über den Haufen schoss. Aber das ist auch
alles.«
    »Und am End auch gerade genug.«
    »Vielleicht. Nur nicht genug, um dir oder mir oder irgendwem anders durch
Erscheinung einer Dame blanche die Nachtruhe zu stören. Und nun erlaube mir, dir
von dieser Lachsforelle vorzulegen, eine Delikatesse, neben der selbst die
Felchen im Bodensee verschwinden. Natürlich Spezialität von Schloss Arpa. Aber
nun Pardon, wenn ich dich schon verlasse; meine Leute graben mir im Park einen
artesischen Brunnen und sind schon, glaub ich, über den Mittelpunkt der Erde
hinaus. Alles, was Magyar ist, ist eigensinnig und will sein Ziel und Glück
allemal da finden, wo er's zu suchen angefangen hat. Und wenn's eine Handbreit
daneben liegt, so lässt er's liegen.«
    »Was mir, beiläufig, gefällt. Man muss das Glück zu zwingen wissen.«
    »Gewiss, aber seine Launen auch zu respektieren verstehen. Und nun au
revoir.«
    Auch Franziska erhob sich und ging in ihr Zimmer zurück.
    Oben fand sie Josephinen. »Ach, lass es heut, Josephine; Hannah soll kommen.«
    Josephine knickste verdrossen und einigermassen pikiert darüber, sich durch
eine Rivalin verdrängt zu sehen, gleich darnach aber erschien Hannah mit dem
Toilettenmantel und stellte sich hinter den Stuhl ihrer Herrin.
    »Weisst du, Hannah, mir ist, als hätt ich dich fünf Jahre lang nicht gesehen,
und doch ist es, lass mich rechnen, erst neunzehn Tage, dass wir von Wien nach
Italien abreisten. Ich hätte dich so gerne mitgehabt. Und dann dacht ich auch
wieder, es sei besser so.«
    »Das war es auch.«
    »Vielleicht. Aber jede Stunde hast du mir gefehlt.«
    »Und doch soll es in Italien so wunderschön sein und so viel zu sehen, dass
man gar nicht weiss, wie man damit zu Ende kommt.«
    »Das ist es ja, Hannah, und eben deshalb ist es am besten, man fängt gar
nicht erst an. Du hast keine Vorstellung, wie müd ich immer war. Und dabei musst
ich in einem fort bewundern und alles schön finden und glücklich sein.«
    »Ja, glücklich sein; warst du's denn nicht?«
    »Oh, gewiss war ich's. Er ist ja so gut gegen mich und überschüttet mich mit
Aufmerksamkeiten und Freundlichkeiten. Und auch mit Geschenken. Aber sieh, es
ist ein Unglück, ich hänge nicht an Geschenken; ich finde sie beschwerlich und
langweilig. Und nun denke dir, immer Ketten und Gehänge, daraus man sich nichts
macht, und zehntausend Bilder, die man nicht versteht.«
    »Zehntausend?«
    »Oder sage die Hälfte, meinetwegen, aber das macht gar keinen Unterschied.
Einer von den berühmten Malern hat das Paradies gemalt, auf dem tausend Figuren
sind; ich glaube, so viele kommen gar nicht ins Paradies hinein. Der Graf war
auch der Meinung und freute sich, als ich's sagte, denn ich muss es dir
wiederholen, er ist von einer beständigen Güte gegen mich und findet alles
hübsch und reizend, was ich sage, so dass es mich geradezu beschämt. Aber während
ich das von dem Paradiese so scherzhaft und zu seiner wirklichen Erheiterung
hinsagte, war er doch zugleich auch ein wenig ärgerlich auf mich, und warum?
Weil es wie Kritik klang und er in einem fort immer nur Bewunderung, immer nur
Kunstbewunderung von mir verlangte.«
    »Du bist doch aber selbst eine Künstlerin.«
    »Eben weil ich es bin oder es zu sein mir wenigstens einbilde, gerade
deshalb bin ich so sehr gegen Überspannteiten auf diesem Gebiet. Immer nur die,
die von Kunst wenig wissen und verstehen, finden alles himmlisch und göttlich.
Auch der Graf hat mehr Begeisterung als Verständnis. Erinnere dich nur, genau
genommen, wusst er auch vom Teater nicht viel, trotzdem er die Wolter elfmal als
Messaline gesehen hatte. Das sieht wie Studium aus, bedeutet aber wenig oder
nichts. Er kennt eigentlich nur Personen, die ihm gefallen, und solche, die ihm
missfallen. Und das nennt er dann Kunst und Kritik! Und nun gar Bilder... Aber
stelle dich hierher, dass ich den Blick auf den See frei habe... Nun, also
Bilder, sagt ich. Ja, was tat er? Er nannte die Namen, und diese Namen gingen
ihm glatt genug über die Lippen, denn er spricht recht gut Italienisch. Aber das
ist auch alles. Und weil er zufällig viele Jahre lang in Verona gestanden hat,
so sprach er am liebsten.. . Aber kennst du Paul Veronese?«
    »Gott, Franziska, wir sind doch aus einem gebildeten Lande.«
    »Nun gut also. Da hättest du nun hören sollen, was er mir alles vorschwärmte
von Kolorit und pastos und satten Farben. Ja, du lachst, aber wirklich von
satten Farben. Und das alles, wenn man elend und hungrig ist und kaum noch
stehen kann, denn sie haben nirgends Stühle, bloss Bilder und immer wieder
Bilder. Ach, da hiess es dann sich zusammennehmen, und mir war oft das Weinen
nahe. Und doch ist er so gut, und ich muss und will ihm zuliebe leben, auch in
kleinen Dingen. Denn an kleinen Dingen hängt ja das Glück und in der Ehe erst
recht. Und ich bin doch nun in der Ehe.«
    »Versteht sich, bist du.«
    Franziska errötete. Dann fasste sie sich wieder und sagte: »Ja, Hannah, da
hast du mir gefehlt und bei hundert anderen Gelegenheiten. Denn die Josephine
dalberte nur immer, erst mit dem Zimmerkellner und dann mit dem Andras, trotzdem
er noch ein halbes Kind ist und erst sechzehn wird... Aber, o Gott, was schwatz
ich da von Venedig und Josephinen, all das bedeutet ja nichts, und nur das
bedeutet was, wie dir's ergangen ist, dir, meiner lieben Hannah. Denn darin
spiegelt sich mein eigenes Leben und wie mir's in Zukunft ergehen wird. Und nun
sage mir, wie die Leute hier sind. Alles, was du mir gestern erzählt hast, war
lange nicht genug und nur so notdürftig drüber hin. Ich will aber alles wissen,
alles, ob sie freundlich und entgegenkommend sind oder zurückhaltend, offen oder
verschlagen, gewjetzt oder abergläubisch, mit einem Wort, gut oder böse.
Verschweige mir nichts. Und nun sprich und stelle sie mir vor, einen nach dem
andern, als ob sie leibhaftig vor mir stünden.«
    »Also der alte Czagy...«
    Franziska nickte.
    »Der ist der Erste, daran ist kein Zweifel. Er hat mehr Einfluss als alle
anderen zusammengenommen. Aber wichtiger für dich ist doch eigentlich der kleine
Kaplan.«
    »Ein Kaplan? Hier im Schloss?«
    »Nein, unten in der Stadt. In Szegenihaza. Wenn du das Glas nimmst, kannst
du sein Haus sehen.«
    »Und dann?«
    »Nun, dann haben wir noch den Toldy, den alten Toldy.«
    »Oh, den kenn ich. Das ist des Andras Vater.«
    »Ja. Aber ausser dem Andras hat er noch elf andere Kinder. Je mehr Magyar, je
mehr Freiheit, ist einer von seinen Sätzen und Glaubensartikeln.«
    »Also wohl überspannt?«
    »Ich weiss es nicht sicher. Nur das weiss ich, er war Honvedfähnrich und hat
einen Hieb über den Kopf von Anno neunundvierzig her. Es kann also wohl sein.
Ist immer ungrisch rabiat und hasst alles, was kaiserlich ist. Aber ehrlich und
kreuzbrav und kann erzählen und Geige spielen und hat nicht bloss den Garten und
das Treibhaus unter sich, sondern auch die Galerie. Da weiss er gut Bescheid und
kennt jeden Petöfy.«
    »Gut. Aber als ich gestern hier ankam, hab ich nicht drei, sondern dreissig
gesehen oder doch nicht viel weniger. Ich erschrak ordentlich. Ein paar sahen
aus wie Zigeuner.«
    »Und sind es auch, und sind eigentlich alle wie Zigeuner oder
Mäusefallenhändler. Alle schlank und braun und langes Haar und gutmütig und
lachen immer. Aber ich trau keinem nicht. Wutsch, ist ein Löffel weg. Es ist
alles wie in einer Verschwörung.«
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Bald darnach war die Toilette beendet, und Franziska, während sich Hannah noch
im Zimmer um sie her zu tun machte, nahm auf gut Glück eins der Bücher vom
Bücherbord und setzte sich in das Nischenfenster, um zu lesen. Aber sie war
zerstreut, der Sinn stand ihr nach anderen Dingen, und so legte sie das Buch
wieder beiseite und sagte:
    »Es geht nicht, Hannah. Ich möchte lieber etwas sehen, den Park oder den
Garten. Sage, was bedeutet der grosse Saal hier nebenan, der jetzt wahrscheinlich
zu seiner eigenen Verwunderung nichts weiter ist als ein Entree zu meinem
Zimmer.«
    »Das ist der Esssaal aus der Türken- oder der Prinz-Eugen-Zeit her, wo der
Neubau des Schlosses eben fertig geworden war. Und Toldy zeigte mir auch die
Stelle, wo Prinz Eugen leibhaftig gesessen hat.«
    »Oh, das interessiert mich. Prinz Eugen! Komm, das will ich sehen. Du musst
mich überhaupt im Schloss hier umherführen und mir alles sagen, was du weisst.
Ich habe dann auch Stoff für den Grafen und kann ihm Konversation machen. Er hat
es so gern. Bis jetzt kenn ich ja nur meine drei Zimmer.«
    Unter diesen Worten war Franziska, von Hannah gefolgt, in den grossen Saal
eingetreten. Dieser lief durch die ganze Schlosstiefe, weshalb er auch zwei
Balkone hatte, von denen der eine weit über den See hin ins Land hinaussah,
während sich der andere mit einem Blick auf den Schlosshof begnügen musste. Hohe
Glastüren führten auf beide hinaus. Der Saal selbst war von hellgelbem,
poliertem Stuck, desgleichen der Plafond, an dessen vier Ecken ebensoviel Engel
in den Saal herniederhingen und in die Tuba bliesen.
    Franziska sah hinauf und sagte: »Die Wahrheit zu gestehen, Hannah, ich freue
mich, diese vier Engel nicht beständig über mir zu haben. Sie blasen den
Petöfyschen Ruhm in die Welt hinaus, und das ist gut, aber unter ihnen zu sitzen
ist gefährlich. Zeige mir lieber, wo Prinz Eugen gesessen hat.«
    »Ich weiss nur, was ich von Toldy weiss: der Prinz habe die Balkontür gerade
im Rücken gehabt.«
    »Welche?«
    »Die dort, die nach dem Hofe hin.«
    Und nun suchten beide die Stelle, wo der Prinz notwendig gesessen haben
müsse, lachten, als sie sie gefunden hatten oder doch gefunden zu haben
glaubten, und traten endlich wie zum Lohn für ihre Mühe durch die Glastür auf
den Balkon hinaus.
    Aber nicht auf lange. Die Vormittagssonne fiel von der Seite her blendend
auf den Schlosshof und zwang sie, wieder zurückzutreten, um im Schatten der
Türpfeiler besser sehen zu können.
    »Ah, das ist schön«, sagte Franziska, während sie den Hof mit ihrem Lorgnon
musterte. »Du hast mir nur von Türkenzeit und von zweihundert Jahren erzählt,
aber das, was hier drüben steht, ist ja viel, viel älter. Und dass es so dicht
eingesponnen daliegt, das lieb ich am meisten. Sieh doch nur hier, eine pure
Wildnis.« Und dabei wies sie nach rechts hin auf ein niedriges und halb
zerbröckeltes Mauerstück, das in seiner Front von Weinlaub halb überwuchert war,
während von der Rückseite her allerlei Holunder- und Ebereschenbäume mit ihren
schwarzen und roten Beeren in den inneren Schlosshof hineinwuchsen. »Und dies
hier«, fuhr sie fort, »dies hier mit dem niedrigen Rundbogen, das muss die
Kapelle sein, vielleicht nicht mehr im Gebrauch, aber doch in alter Zeit
gewesen, viele hundert Jahre zurück. Versteht sich, da sind ja die zwei Nischen,
wo die Heiligen gestanden haben, und der überhängende Turm. Und sieh nur, da ist
auch das Glockenseil... Ach, Hannah, es bleibt dabei, das waren doch unsere
besten Tage, wie wir noch mit dem Kirchenschlüssel in den Turm gingen und an dem
Glockenseil zogen und den Abend einläuteten.«
    Franziska, während sie so sprach, war wieder auf den Balkon hinausgetreten
und schützte sich jetzt, so gut es ging, mit der Hand gegen die Sonne. dabei sah
sie nach dem Glockenturm hinauf, der im wesentlichen nichts war als eine vom
Giebel her vorgeschobene Holzwelle mit einem hölzernen Schrägdach darüber. Auf
dem Wellbaum aber, ganz wie segelreffende Matrosen auf einer Rahe liegen, lagen
ein paar Arbeiter und zogen ein starkes Tau durch eine der Glockenösen, während
ein paar andere von Dach und Giebel her ihre Kameraden bei der Hantierung
unterstützten. Und wirklich nicht lange mehr, so sah Franziska, wie sich die
grössere Glocke zu senken begann, langsam und allmählich, bis sie das starke
Bohlenbrett einer mit vier kleinen Pferden bespannten Schleife berührte, die
mittlerweile von dem Torbogen her unter den Turm gefahren war.
    Alles ging lautlos vonstatten, ohne dass irgendeiner der Schlossbewohner durch
Neugier herbeigelockt worden wäre, vielleicht weil die Sonne so glühendheiss auf
den Hof fiel. Endlich aber erkannte Franziska den Kutscher, der sie gestern vom
Dampfschiff her abgeholt hatte.
    »Was gibt es?« fragte sie hinunter.
    »Kaput, Gräfin gnädigste.«
    »Gestern?«
    »Gestern«, klang es zurück. Und ehe sie weiter fragen konnte, setzte sich
der Zug auch schon in Bewegung und bog vom Hof her in den Schlängelweg ein, den
man unter dem Portal hin noch eine Strecke weit verfolgen konnte.
    Franziska war blass geworden und zitterte. »Hast du's gehört?«
    »Was?«
    »Du fragst noch? Als man zu meinem Einzuge läutete...«
    »... hatte die Glocke schon einen Sprung. Das ist es und weiter nichts.
Glaube mir, ich versteh mich auf Glocken, und wenn du durchaus was von Zeichen
und Auslegung haben willst, so sag ich dir, es heisst: Alles, was hier nichts
taugt oder einen Sprung hat, das muss jetzt ans Licht und offenbar werden. Ein
neues Leben unter der neuen Gräfin! Ja, Fränzl, das heisst es.«
    »Ach, Hannah, das sagst du so, weil du mir ansiehst, dass es mir einen Stich
ins Herz gegeben hat, und weil du mich trösten willst. Aber du redest es mir
nicht fort. Es gibt eben Zeichen und Träume.«
    »Für die, die daran glauben. Ich habe meinen luterischen Katechismus und
das Gesangbuch. Und das ist besser als Traumbuch und Aberglauben.«
Eine Stunde später war der Graf zurück und liess fragen, ob die Gräfin eine
Spazierfahrt mit ihm machen und darnach die Bildergalerie besichtigen wolle. Der
alte Toldy habe schon Ordre, die Vorhänge zurückzuziehen und für Luft und Licht
zu sorgen.
    Franziska war froh - an ein »Nein« war ohnehin nicht zu denken -, und in
halb wiedergewonnener guter Laune bestieg sie gleich darnach den Korbwagen, in
dem sie schon gestern die Fahrt vom Dampfschiff bis zum Schloss gemacht hatte.
Der Graf fuhr selbst, war sehr aufgeräumt und fragte viel und rasch, schwieg
aber beharrlich über den Zwischenfall, trotzdem die Gerätschaften und Taue noch
umherlagen, deren man sich bei dem Herabholen der Glocke bedient hatte.
    Der Park war eine Schöpfung aus des Grossvaters Tagen her und überdeckte den
halben Schlossberg, der nach rückwärts hin ebenso sanft und allmählich wie nach
vorne hin steil und plötzlich abfiel. Auf der allmählich abfallenden Seite waren
fünf grosse Terrassen angelegt, die zunächst durch Treppenstufen, aber nebenher
auch durch in der Serpentine gebaute Fahrwege miteinander Verbindung hielten.
Innerhalb dieser Wege ging jetzt die Fahrt. Auf der zweiten Terrasse befand sich
die Stelle, wo der artesische Brunnen gegraben wurde, dann kamen gespannte
Teiche mit Hängeweiden, bis endlich eine schon ganz am Fusse des Berges gelegene
Hütten- und Häuserreihe folgte, darin alles wohnte, was man trotz seiner
Zugehörigkeit zu Haus und Herrschaft oben im Schloss nicht haben wollte: Slowaken
und Walachen und der alte Zigeunerkönig Hanka, der von hier aus seinen meist auf
der Wanderschaft begriffenen, ziemlich zahlreichen Clan regierte. Zuverlässig
war nur Klaus Ambronn, ein deutscher Schmied aus den Rheinlanden her, der,
soweit es ging, nach dem Rechten sah und das Amt eines Vogts oder Schulteissen
verwaltete.
    Der Graf freute sich der Teilnahme, die Franziska sichtlich bewies und die
noch wuchs, als sie wahrnahm, dass unter des Schlossherrn Passionen auch die
Parkpassion eine Rolle spielte. Geschickt raffte sie zusammen, was ihr von
Sanssouci, Wörlitz und dem Dresdener Grossen Garten her noch in Erinnerung war,
und zog allergewagteste Parallelen, die jedoch dadurch eher gewannen als
verloren, indem sie dem Grafen, was er sehr liebte, Gelegenheit zu
Berichtigungen und Erklärungen boten.
    Ausgangs der Hütten- und Häuserreihe stand eine Gruftkapelle, wenig über
hundert Jahre alt, durch deren Gitterstäbe Franziska die grossen Metallsärge
stehen und eine, so schien es, von der Wölbung herunterhängende Lampe mit mattem
Schimmer brennen sah. Sie wollte fragen, was es sei, bezwang sich aber und
schwieg und beglückwünschte sich gleich darnach zu diesem Schweigen, als sie von
der Kapelle her in einen entzückenden Wiesengrund einbogen, darin ein von einem
Nachbarberge herabkommender Bach schäumte. Zahlreiche Birkenbrücken führten von
einem Ufer aufs andere hinüber und herüber, und an eben diesem Bache hin ging
jetzt eine halbe Stunde lang die Fahrt, bis der Graf, eine Kurve nach rückwärts
hin beschreibend, einen breiten Platanenweg ereichte, der in seiner Verlängerung
allmählich wieder auf die Schlosshöhe hinaufführte.
    Franziska war sehr glücklich. Namentlich die Wiesengrundpartie hatte sie
wirklich erquickt, und ein leises Unbehagen kam ihr erst wieder, als sie bei der
Rückkehr in den Schlosshof des Glockenturms und der offenen Dachstelle darüber
ansichtig wurde. Doch es ging rascher vorüber, als sie dachte, vielleicht weil
ihr Hannahs Bild wieder in Erinnerung kam. »Ja, diese Bibel- und
Gesangbuchleute«, sagte sie, »sie sind doch beneidenswert und nicht bloss besser,
sondern auch klüger als wir. Wirklich, es verlohnte sich nicht, eine Stunde zu
leben, wenn ein Menschenlos daran hinge, ob eine Glocke springt oder nicht.«
 
                              Sechzehntes Kapitel
Der alte Toldy, der den Gärtner inzwischen abgelegt und den Galeriediener
angezogen hatte, wartete schon auf der Rampe. Mit ihm Andras.
    »Alles in Ordnung, Toldy?« fragte der Graf.
    Toldy nickte.
    »Gut. Aber wir wollen nicht hier hinauf, nicht die grosse Treppe; ich will
der Gräfin den alten Turm zeigen.«
    Unter diesen Worten nahm er Franziskas Arm und führte sie, während Andras
vorauflief und Toldy folgte, bis an einen alten, an den neueren Schlossbau sich
anlehnenden Eck- und Feldsteinturm, in dem eine Wendeltreppe zwei Stock hoch
hinaufstieg. Alles Licht kam durch schmale, nur handbreite Scharten, die von
fünf Schritt zu fünf Schritt das dicke Mauerwerk durchbrachen. An einer dieser
Öffnungen hielt der Graf und wies auf die Landschaft, die sich gerade von hier
aus in einer besonderen Schönheit zeigte: weitin sichtbar flimmerte der See,
rechts daneben aber stieg ein hoher und scharf profilierter Felskegel auf, der
»der Bischof« hiess, weil man den Stab und die Bischofsmütze deutlich erkennen zu
können glaubte.
    Wieder einige Stufen höher war an Stelle der Scharten eine niedrige, mit dem
Neubau Verbindung haltende Spitzbogentür, und hier stand Andras, um durch eine
tunnelartige Passage hin den Weg zu zeigen. Der Graf bückte sich und reichte von
rückwärts her Franziska die Hand.
    Als diese glücklich aus dem Defilee heraus war, war sie frappiert von der
Anmut des unmittelbar dahinter gelegenen Zimmers, das in diesem Augenblicke nach
der eben passierten Enge beinahe geräumig wirkte, trotzdem es nur ein einziges,
erkerartig vorspringendes Fenster, ein sogenanntes bow-window, hatte. Dies
Zimmer hiess das Howardcabinet und entielt ausschliesslich Landschaften, die der
englischen Mutter des Grafen, der schönen Arabella Howard, bei Gelegenheit einer
Erbschaft zugefallen waren. Einige dieser Landschaften waren von Gainsborough,
andere von Everdingen oder doch aus seiner Schule. Franziska, trotz allem, was
sie vor wenig Stunden erst über Galeriebesuch gesagt und geklagt hatte, hatte
doch Verständnis für Bilder und erkannte leicht, dass es sich hier um etwas
Besonderes und Hervorragendes handle, was eine sorgliche Musterung nicht nur
verlohne, sondern sogar fordere; der Graf aber verriet augenscheinlich Ungeduld
und wollte weiter, weil er sich auf den Eindruck freute, den der Ahnensaal auf
Franziska machen würde.
    Diese Freude blieb ihm aber aus, denn im selben Augenblick, wo man unter
Zurückschlagung einer Portière von dem Cabinet her in den Bilder- und Ahnensaal
eingetreten war, erschien auch schon Herr Koloman Czagy mit der Meldung, dass
Besuch gekommen sei.
    »Wer?« fragte der Graf ungehalten und beinahe barsch.
    »Oberst Szabô mit Baron Perczel und Graf Devaviany.«
    »Ah, Szabô«, rekolligierte sich der Graf. »Unsere medisanteste Zunge! Die
Herren sind offenbar neugierig, dich kennenzulernen, und warten auf den
Augenblick, um mit ihrer Klatsch- und Lügenpost um unsern See herumfahren zu
können. Aber meinetwegen. Komm, lass uns abbrechen, Fränzl; ich werde dich
vorstellen.«
    »Ist es so dein bestimmter Wunsch und Wille?«
    »Wille? Was Wille! Der deine gilt; du bestimmst.«
    »Dann zieh ich es vor, hier zu bleiben und die Neugier der drei Herren noch
ein weniges warten zu lassen.«
    »Einverstanden. Man soll es den Klatschbasen beiderlei Geschlechts nicht
allzu bequem machen. Und nun sieh dich um in der Galerie. Toldy kennt sie besser
als ich.«
    Damit ging er, und Franziska blieb mit Toldy zurück. Dieser, sowenig er von
Bildern verstand, war doch in dem einen ein guter und geschulter Galeriediener,
dass sich die schwere Kunst, »nicht zu stören«, all seiner sonstigen
Plauderhaftigkeit zum Trotz angeeignet hatte. Klug hielt er sich zurück, auch
heute wieder, immer abwartend, ob Franziska nach ihm verlangen würde.
    Diese trat ohne weiteres an eine der Längswände heran, an der sich in
stattlicher Reihe die lebensgrossen Bilder der Familie Petöfy befanden. Über
alles, was noch Rüstung und hohe Reiterstiefel trug, ging sie schnell hinweg und
verriet erst Aufmerksamkeit, als sie bei Bildnissen angekommen war, die diesem
Jahrhundert angehörten. Alle hatten Inschriften, entweder unmittelbar auf der
Unterleiste des Goldrahmens oder aber auf kleinen Täfelchen, die, so schien es,
neuerdings erst angehängt worden waren. Eine Rotblondine mit einem Rembrandtut
und einer Straussenfeder darauf fesselte sie ganz besonders. Sie zweifelte keinen
Augenblick, wer es sei, befragte aber doch das Täfelchen und las: »Arabella
Howard, geb. 9. März 1785 auf Arundel Castle, Sussex; vermählt 21. März 1803 mit
Graf Michael Petöfy; gest. 11. Februar 1837 auf Schloss Arpa.«
    Des Grafen Mutter also, wie sie gedacht hatte. Das Bild schien bereits Jahr
und Tag vor der Verheiratung, trotzdem diese schon mit achtzehn Jahren
stattgefunden hatte, gemalt worden zu sein und liess die Lady jugendlicher als
ihre zwei Töchter erscheinen, unter denen nur die Züge der jüngeren an die der
Mutter erinnerten. »Eveline Gräfin Petöfy, geb. 10. November 1816, vermählt mit
Graf Aribert Asperg 1841, gest. den 13. August 1845 zu Wien.« Das Täfelchen trug
einen Flor, und Franziska sagte, während sie die beiden letzten Zahlen verglich:
»Ein kurzes Glück, wenn es ein Glück war.«
    Das letzte Bild, das in der Reihe hing, war das des Grafen, etwa vor zehn
Jahren erst gemalt. Er trug Frack und Ordensstern; das Haar war noch voll, aber
schon beinahe weiss.
    Zwischen diesem Bild und dem abschliessenden Eckpfeiler war noch ein Platz
frei. Franziska blickte fest auf die leere Stelle, bis sie sich selbst zu sehen
und das Täfelchen zu lesen glaubte. »Franziska Franz, geboren...« Und ein banges
Gefühl überkam sie plötzlich, wie wenn sie hier doch nur eine Fremde sei, nur
durch Laune geduldet und zugelassen. Aber dies Gefühl währte nicht lange. Sie
hatte zuviel von vornehmer Welt gesehen, um sich durch blosse Namen auf länger
als einen Augenblick imponieren zu lassen. Und so wandte sie sich von den
Ahnenbildern fort und trat an die Längswand gegenüber.
    Hier befanden sich grosse Tableaux mit viel Rot und Gelb, über deren Rot und
Gelb noch mehr Grau schwebte. »Schlachtenbilder also.« Gleich das erste - die
Täfelchen fehlten hier war unverkennbar ein Bild aus der Zeit der Türkenkriege:
Halbmond und Rossschweife füllten das Feld, und in der Mitte sprang eine Festung
in die Luft.
    »Zriny«, sagte sie lächelnd. Aber mit diesem Zrinybilde, mit dem das
Türkische begann, schloss es auch wieder, und was weiter kam, waren neuere
Schlachten, die nicht weiter zurückgingen als bis Gross-Aspern oder Marengo. Sie
sah flüchtig drüber hin und sammelte sich erst wieder, als sie bei dem letzten
angekommen war, auf dem sich zwei feindliche Heere gegenüberstanden, von denen
das eine, so schien es, eben die Waffen gestreckt hatte. Die Waffen lagen aber
nicht am Boden, sondern waren zu Pyramiden zusammengestellt, an denen bunt und
malerisch Czakos, Säbel und Patrontaschen hingen. Im Vordergrunde blickten
einige der gefangenen Führer finster schmerzlich zur Erde, während sich auf den
Gesichtern der Soldaten abwechselnd Wut und Verzweiflung spiegelten. Was war es?
Auch hier fehlte das Täfelchen, aber in dem Rahmen selbst war eingeschrieben:
»Vilagos, 13. August 1849.«
 
                             Siebenzehntes Kapitel
Diese Kapitulation von Vilagos war augenscheinlich das beste Galeriebild, aber
sich in dem, was Porträt darauf war, zurechtzufinden, wollte Franziska trotz
aller Anstrengung nicht gelingen. Und so sah sie sich schliesslich doch
gezwungen, Toldy heranzuwinken. Für diesen ein langersehnter Moment.
    »Ich finde mich nicht zurecht, Toldy«, sagte sie. »Hier links, soviel erkenn
ich an den grünen Uniformen, ist alles russisch, und das hier seid ihr. Aber ich
kenne niemand. Wer ist der hier, der Graubart?«
    »Ist Kiss; General.«
    »Tot?«
    »Tot. Piff, paff!« Und er hob beide Arme, wie zum Gewehranschlag.
    »Und der hier?«
    »Ist Nagy Sandor; General.«
    »Tot?«
    »Tot.« Aber statt der Bewegung des Gewehranschlages machte er jetzt die des
Gehenktwerdens. »Und«, fuhr er nunmehr, ohne weitere Fragen abzuwarten, in immer
lebhafter werdendem Tempo fort, »hier Leiningen, General; tot. Und hier Aulich,
General; tot. Und hier Rüdiger, General; aber russischer General. Und hier
Görgei, Hund.«
    »Das darfst du nicht sagen, Toldy.«
    »Darf ich sagen, Gräfin gnädigste. Görgei Verräter, und Verräter... Hund.«
Und dabei funkelten ihm die alten Augen, und ein ungrisch unverständlicher
Redestrom kam von seinen Lippen, dem Franziska nichtsdestoweniger mit Hülfe
zahlreich eingestreuter Namen entnehmen konnte, dass vom Grafen Ludwig Battiany,
ganz besonders aber von den Galgenexekutionen vor Arad die Rede war.
    Als er endlich schwieg, dankte sie dem Alten, ohne seinen Hass gegen
Österreich und Görgei noch irgendwie weiter rektifizieren zu wollen, und verliess
den Bildersaal, um unter Vermeidung der Wendeltreppe durch das Billardzimmer in
ihre Wohnräume zurückzukehren.
Als sie diese betrat, heimelte sie das überaus Behagliche darin an, aber die
Fahrt und mehr noch die Galerie hatten sie müde gemacht, und so streckte sie
sich auf eine dem Fenster gegenüberstehende Chaiselongue und schlief ein.
    Als sie wieder erwachte, stand Hannah in der Tür.
    »Ich wollte dich nicht stören, denn du brauchst Schlaf; aber der Graf
schickt eben schon zum zweiten Male: die Herren würden zu Tische bleiben. Er
erwartet dich also.«
    Franziska fühlte sich wenig angenehm von dieser Meldung berührt und erschrak
fast. Es war ihr nicht zu Sinn, eine Konversation mit ungrischen Edelleuten zu
führen, mit Kavalieren, deren Ton und Ausdrucksweise sie von ihren Wiener Tagen
her nur zu gut kannte. Mit wachem Auge weiterzuträumen wäre ihr das ungleich
Liebere gewesen. Es galt aber, sich dieser Stimmung so rasch wie möglich zu
entreissen, und so setzte sie sich an den Spiegel, um ihrer Toilette den Abschluss
zu geben.
    »Gib mir noch das venezianische Collier, Hannah; ich glaube, der Graf freut
sich, wenn ich es trage. So. Und nun noch den Fächer. Ach, Hannah, ich wollte,
ich säss erst wieder an diesem Tisch hier und hätte nichts um mich und nichts
über mir als die Muttergottes und den kleinen Christus, der mir den Rosenkranz
entgegenhält. Ich wollt ihn lieber zwölfmal abbeten als von Oberst Szabô zwölf
Artigkeiten hören. Ich empfinde doch nur Gêne dabei.«
    »Sei nur erst im Feuer, so kommt dir der Mut. Es ist gerade wie beim
Teater.«
    »Ja, du hast recht, ganz so. Sie sind auch wirklich nur gekommen, mich als
Gräfin auftreten zu sehen. Und haben nebenher noch das Vergnügen, selbst
mitspielen zu dürfen.«
Vorstellung und Begegnung waren ganz so verlaufen, wie Hannah prophezeit hatte.
Nach Überwindung einer ersten Scheu war Franziska gesprächig geworden, und bei
Schluss der Tafel stand es ausser Frage, dass man sich gegenseitig gefallen hatte.
Nur eines war ihr unbequem gewesen: ein gewisses Übermass von Zurückhaltung und
Respektsbezeugung, das augenscheinlich vorher verabredet worden war. Aber sie
war andererseits zu klug und zu billig denkend, um nicht den Unmut darüber
verhältnismässig leicht zu verwinden. »Die goldene Mitte zu halten ist unter
allen Umständen schwer, und die vornehme Welt kann es am wenigsten. Es dünkt ihr
das bequemste, sich in Extremen zu bewegen.«
    Der Kaffee war nicht auf der Veranda, sondern auf der obersten Parkterrasse
genommen worden, von der aus sich das Landschaftsbild weniger grossartig als in
der Front, aber dafür auch um so lieblicher präsentierte. Das, was voll
künstlerischen Sinnes von seiten des Grafen an dieser Stelle geschehen war,
steigerte nur diesen Eindruck, und so konnte es denn kaum ausbleiben, dass
Huldigungen über Huldigungen gegen ihn laut wurden, am meisten im Hinblick auf
den Teich und die Trauerweiden, über die mehrere hohe, dunkle Zypressen von der
untern Terrasse her hinwegragten. In der Tat, es war ein entzückendes Bild und
der Abend ohne Luftzug und ohne Schwüle. Nur dann und wann kam von den
Rosenbeeten her ein leiser Hauch herüber.
Es war kurz vor Sonnenuntergang, als die drei Herren aufbrachen. Ihr Wagen
verfolgte von Terrasse zu Terrasse denselben Schlängelweg, den Graf und Gräfin
auf ihrer Vormittagsfahrt innegehalten hatten, und beide sahen jetzt dem im
schnellsten Trabe dahinjagenden Gefährte nach, bis es die letzte Biegung bei der
Gruftkapelle gemacht und sich in dem Wiesengrunde, darin es bereits dunkelte,
verloren hatte. Aber noch in dem Dunkel verfolgten sie die Spur.
    Als Franziska nach einer Weile wieder Platz genommen, nahm der Graf ihre
Hand und sagte:
    »Du hast dich tapfer gehalten, Fränzl, und auf den alten Szabô kannst du nun
rechnen. Devaviany bedeutet nicht viel, er ist von alter Zeit her ein Narr und
denkt an nichts als an seine Handschuhe. Sahst du wohl, wie kokett er sie strich
und streichelte? Bleibt also nur noch Perczel. Und der ist bon garçon. Szabô
allein gilt; er hat den Ruf und Ruhm, den alle Spötter haben, nicht vor Gott,
aber doch in der Gesellschaft und zumal in der unsrigen. Und weil ich nun mal
von der Gesellschaft spreche, so lass mich auch gleich von unserem Leben
sprechen, das halt kein Leben sein kann wie bei Véfour oder Véry. Soviel steht
leider fest. Es hilft aber nichts, Fränzl, und auf ein bisschen Einsamkeit und
Langeweile wirst du dich schon gefasst machen müssen. Ich kann's nicht aus der
Welt schaffen.«
    »Und sollst du auch nicht, Petöfy. Es ist mir so recht, wie's ist. Dass ich
dir's nur gestehe, mich erquickt diese Stille geradezu.«
    »Gewiss, solange dir noch der Lärm der grossen Stadt im Ohre klingt. Aber ist
der erst mal verklungen, ganz verklungen, so verlangst du auch wieder darnach.
Gib acht, ich weiss das. Und so hab ich mir's denn überlegt, wie wir's machen
wollen, um die grosse Leere nicht aufkommen zu lassen oder sie doch wenigstens
hinauszuschieben. Denn zuletzt kommt sie doch. Und nun höre. Mit unserem Schloss
hier bist du so gut wie fertig, und wenn nicht heute, so doch morgen. Man kann
eben nicht immer auf den See sehen, so schön er ist, und ausser dieser Terrasse,
die dir den Blick in den Park und die niedergehende Sonne gönnt - sieh nur, wie
sie da zwischen den Zypressen hängt -, hast du nichts hier als den alten Turm
und die Bibliotek und die Bildergalerie. Vielleicht noch das Billard. Spielst
du?«
    »Nein.«
    »Also Beweis mehr, wie nötig uns ein Programm ist.«
    »So gib es.«
    »Ich denke mir also, wir haben ein gemeinschaftliches Frühstück ein für
allemal, und du plauderst mir dabei vor, was du die Stunden vorher geträumt
hast. Gute Träume kommen einem Sensationskapitel am nächsten; übrigens brauchen
sie nicht wahr zu sein, nur hübsch und unterhaltlich. Und dann entlass ich dich
in Gnaden, und du bist frei bis zu Tisch. Aber so leicht das klingt, so schwer
wiegt es, denn es ist eine lange, lange Zeit, und unser Besuch heute hat uns nur
zufällig mit einer Ausnahme debütieren lassen. Also frei bis zu Tisch, bis
sechs. Dann speisen wir, und gleich darnach beginnt unser eigentlicher Tag oder,
sag ich lieber, der meinige. Nach Tisch haben wir dann noch eine Fahrt etwa wie
heute früh, und unterwegs erzählst du mir dies und das und gibst mir eine
Quintessenz aus der Plauderecke der Zeitung.«
    »Auch vom Teater?«
    »Ei, gewiss. Das ist ja gerade das Beste, Fränzl, das ist die Hauptsach. Es
war mir schon recht heute, dass der Geck von Devaviany meiner lieben kleinen
Gräfin die Ehre gegönnt und über seine neuesten Coulissenconnaissancen - denn er
wechselt jede dritte Woche - geschwiegen hat, aber wenn wir unter uns sind,
Fränzl, und in dem Korbwägelchen über die Wiese fliegen, ei, dann will ich auch
hören, was mir Spass macht, von dem Speidel und dem Spitzer und dem Herrn von
Dingelstedt und dem Herrn von Laube. Versteht sich. Und will auch hören, ob uns
der Strakosch wieder ein neu Genie präpariert oder ob uns der Herr von Wilbrandt
eine neue römische Kaiserin appetitlich zurechtmacht. Ja, Fränzl, davon will ich
hören. Und dann nehmen wir unsern Tee, wär's auch nur, weil ich die kleine blaue
Flamme so gerne seh, viel lieber als die bei Schwester Judit, und nach dem Tee,
nun, da spielen wir ein Schach oder noch lieber ein Piquet. Aber du darfst nicht
betrügen und nicht vierzehn Buben ansagen, wenn du sie nicht hast. Und wenn dann
Vollmond ist oder auch nur die Sichel über der Terrasse steht, dann lass ich den
Hanka kommen und den Toldy - denn wenn wir sie beide haben, dann überbieten sie
sich und will jeder der Erste sein -, und dann haben wir einen Czardas und sehen
zu, wie sich das junge Volk im Kreise dreht.«
    »Und ich tanze mit«
    »Tanzt Gräfin mit«, lachte der Graf. »O gewiss, das passt. Und der Andras weiss
sich zu schicken. Ist Magyar.«
    »Und bei solchem Leben, Petöfy, willst du mir noch von Einsamkeit und
Langeweile sprechen? Das ist ja wie aus dem Märchen.«
    »Ja, Fränzl, wie aus dem Märchen. Freilich. Aber ein Märchenleben ist kein
Leben. Es fehlt was darin.«
    »Und das wäre?«
    »Die Menschen.«
    »Ich entbehre sie nicht.«
    »Jetzt nicht, heute nicht. Aber es wechselt alles. Und ein Tag ist kurz und
ein Tag ist lang.«
 
                              Achtzehntes Kapitel
Der andere Morgen sah beide wieder auf der Veranda.
    »Nun, Fränzl, immer im Programm. Paragraph eins: wie hast du geschlafen?
Paragraph zwei: was hast du geträumt?«
    »Es war leider etwas wirr. Ich sah Szabô, den alten Obersten, in einer
Gesellschaft schöner Damen, die sogleich neugierig einen Kreis um ihn schlossen.
Und dabei sagte mir eine Stimme, dass von mir gesprochen werden würde, weshalb
ich in eine Fensternische trat, um besser horchen zu können, was unschicklich
ist, aber in drei Vierteln aller Lustspiele wird gehorcht, und so musst du mir's
verzeihen, wenn ich von der lieben alten Gewohnheit nicht gleich lassen kann.
Wenigstens im Traume nicht.«
    »Und sollst auch nicht. Bleibe, wie du bist. Aber weiter, weiter. Du
horchtest also.«
    »Ja, wenigstens eine Weile. Sehr bald indes schlich ich mich wieder näher
und sah nun, dass aus dem Kreise schöner Frauen ein Kreis alter Militärs geworden
war, alle mit dicken goldenen Epauletten, und nur Szabô schien unverändert. Als
ich aber schärfer zusah, war es Szabô nicht mehr, sondern Görgei.«
    »Du hast das Bild in der Galerie gesehen, und so kam es in deinen Traum.
Oder ist alles bloss Dichtung?«
    
    »Dichtung und Wahrheit. Ich hab es mir etwas zurechtgemacht, um eine Brücke
zu finden.«
    »Eine Brücke? Wohin? Wozu?«
    »Zu Fragen, die wie politische Fragen aussehen und doch schliesslich keine
sind, sondern nur allerpersönlichste Fragen und Lebensfragen dazu.«
    »Da bin ich doch neugierig. Also.«
    »Nun, sich, ich habe dich für wienerisch und gut kaiserlich gehalten und
sehe plötzlich, seit ich hier bin, dass es doch sehr anders mit dir liegt. Ich
atme hier nicht bloss ungrische Luft, sondern bin auch sonst noch in einer
ungrischen Atmosphäre. Darüber musst du mich aufklären und mich einweihen in die
letzten und besten Interessen deines Herzens. Und dass ich eine Fremde bin,
erleichtert es dir und mir. Ich bin eben als Fremde nicht österreichisch und
nicht habsburgisch, und wenn es sich darum handelt, ungrisch zu sein oder
ungrisch zu werden, so liegt nichts in mir, was mich daran hinderte. Nimm mich
also als das vielzitierte weisse Blatt, auf das, wenigstens politisch, noch eine
ganze Welt von Weisheit geschrieben werden kann. Allen Ernstes, ich proponiere,
dass wir auch die Politik auf unser Programm setzen und dass ich, was dasselbe
sagen will, in meinem täglichen Zeitungsrapport nicht gebunden bin, bei der
Schratt oder der Frank ein für allemal stehenzubleiben. Ich kenne dich zu gut,
als dass ich glauben sollte, du hieltest Teaterdinge für Weltbegebenheiten. Es
tötet dir nur ein paar müssige Stunden weg, und Gräfin Judit täuscht sich, wenn
sie glaubt, dass das wirklich dein Leben und deine Welt sei. Hab ich unrecht? Und
ist es zudringlich, wenn ich darüber ein Wort zu hören wünsche?«
    »Nein, Fränzl, ist nicht zudringlich. Und bist auch viel zu klug, um es zu
sein. Ich freue mich, dass du fragst, und beinahe mehr noch, dir unumwunden
antworten zu können. Aber womit beginn ich? Gleichviel! In dem, was du hier
gesehen hast, hast du richtig gesehen; es ist alles gut ungrisch, und mein altes
Herz empfindet es als ein Glück und eine Gnade, dass es so sein darf und dass
alles gekommen ist, wie's kam. Es hätt eben auch anders kommen können, und dann
weiss ich nicht, was aus mir geworden wäre. Jedenfalls kein Glücklicher, der ich
jetzt bin, und jetzt mehr denn je.«
    Bei diesen Worten nahm er Franziskas Hand und fuhr dann fort, während er sie
mit besonderer Freundlichkeit anblickte: »Sieh, Fränzl, meine Jugend und meine
besten Mannesjahre fallen noch in eine Zeit, darin es Fragen wie diese gar nicht
gab. Unser altes Österreich war so bunt, wie's auch heute noch ist, aber die
Farben vertrugen sich untereinander. Ein jeder hing mit Leib und Leben am
Kaiserhaus, und weil das Kaiserhaus gut wienerisch war und wir alle mit, so
wunderte sich keiner darüber, dass die ganze bunte Landkarte von Wien aus regiert
wurde. Das war so Herkommen, immer so gewesen. Und nun vollends in der Armee; da
hätt ich den sehen wollen, der mir etwas gegen deinen Namensvetter, den Franzl,
oder auch nur gegen das Ferdinandl gesagt hätt, obwohlen das Ferdinandl ein
schwaches Mandl war. Aber ich verliere mich.«
    »O nein, nein. Nur weiter. Ich höre.«
    »Nun also, so war's, und es hätt auch ohne Schaden so bleiben können,
wenigstens für mich, der ich kein Politiker war und auch eigentlich bis diese
Stunde nicht bin. Aber eines Tages, wie der Frühling kommt, so sagen die einen,
oder wie der Dieb in der Nacht kommt, so sagen die anderen, eines Tages waren
andere Zeiten angebrochen, und das Feuer, das wir bis dahin, wenn's irgendwo mal
brannte, mit unseren Militärstiefeln leicht ausgetreten hatten, das brannte
jetzt durch ganz Österreich hin, am meisten aber hier, und ehe du drei
Vaterunser beten kannst, war unser Ungarland wie verkehrt oder meinetwegen auch
wie verhext, und auf jeder Fahne stand und flatterte: Lieber ungrisch sterben
als kaiserlich verderben. Auf jeder Fahne stand es, sag ich, und in jedem Herzen
dazu. Ja, Fränzl, wir hatten eine Revolution, und Revolutionszeit ist schwere
Zeit, und mehr als einer ist an ihr zugrunde gegangen. Lass dir's von Toldy, der
mit dabei war, erzählen, wie sie die Sieben am Festungstore von Arad gehängt
haben, gehängt um was? Bloss weil sie's Ungarland mehr geliebt als den Eid, den
sie dem Kaiser geschworen.«
    »Und du, Petöfy?«
    »Nun, ich, ich tat das, was sonst immer als das Schlechteste gilt und meist
auch ist, ich wählte nicht links und nicht rechts. Aber diesmal war es doch das
Beste. Musst es auch sein. Denn sieh, Fränzl, wenn einer ein richtiges Herz hat
und tut dann das, was das Herz ihm sagt, das ist immer das Richtige, komme, was
mag. Und so trat ich denn vor ihn hin, vor meinen Kaiser und Herrn, der
dazumalen nicht in Wien, sondern auf Schloss Innsbruck war, und bat ihn um meine
gnädigste Demission. Ich habe, so sagt ich ihm, eh ich Eurer Majestät schwur,
Ungarn geschworen; das ist der ewige Blutschwur, den jeder seinem Lande schwört,
dem Stück Erde, darauf er geboren. Hier mein Degen! Ich hab ihn für Osterreich
geführt, und ich kann und will ihn nicht gegen Österreich führen. Aber auch
nicht im Kriege gegen mein Land und seine Fahnen. Und nun verurteilen mich Eure
Majestät, wenn es so sein muss. Eine Wolke lag da wohl auf seiner Stirn, aber er
gab mir doch den Degen zurück und entliess mich in Gnaden, und was nebenher
Ungnade war und blieb, das diktierte die Politik, aber nicht sein edles Herz.
Ich ging ins Ausland, in alle Welt. Und nun kennst du den alten Petöfy, der
aller Zeiten Wandlungen unerachtet geblieben ist, was er war: gut kaiserlich und
gut wienerisch, aber freilich auch gut ungrisch. Und wenn es zum letzten geht,
gut ungrisch über alles. Bist du zufrieden?«
    »Zufrieden und dankbar. Ich kenne nun die Richtung, in der ich zu gehen, und
den Ton, den ich anzuschlagen habe. Von Überzeugungen, soviel bleibt, soll man
nicht lassen, aber wo sie fehlen und fehlen dürfen, da soll man sich den
Überzeugungen anderer anbequemen. Ich glaube, das ist Pflicht überhaupt und die
meinige noch im besonderen, denn darin täuschst du dich, Petöfy, die blosse
Causerie reicht nicht aus für unser Leben, ebensowenig wie das beste Feuilleton
für eine Zeitung ausreicht; es muss noch etwas Ernstaftes hinzukommen, sonst
wird das Scherzhafte bald schal und abständig. Ich beginne morgen Ungrisch, und
sind wir im nächsten Sommer wieder hier, so lese ich dir den Pesti Hirlap in der
Ursprache vor oder wohl gar Jokais neuesten Roman.«
    »Im nächsten Sommer«, wiederholte Petöfy. »Wer weiss, was dann ist. In meinen
Jahren hat man gelernt, nach Tagen zu rechnen, und nimmt den Tag, als ob er das
Leben wäre.«
    Beide schwiegen. Ein leiser Zugwind ging und hob ein paar welke Blätter in
die Luft, von denen eines auf Petöfys Hand niederfiel. Er nahm es und sagte:
»Sieh die Bestätigung. Es wird Herbst.«
    »Aber nicht Winter. Und von Herbst bis Winter ist eine lange Zeit.«
 
                              Neunzehntes Kapitel
Es waren Wochen vergangen, und das Leben auf Schloss Arpa gestaltete sich ganz
nach Wunsch. Franziska hatte wirklich mit ungrischen Studien begonnen, und
tagtäglich kam der kleine, den Unterricht leitende Geistliche von Szegenihaza
herauf. Es war ein rundes und behagliches Männlein und verriet den früheren
Klostermönch unter anderem auch darin, dass er einem immer für ihn
bereitstehenden Frühstücke sowohl vor wie nach dem Unterricht lebhaft und
geräuschvoll zusprach, bei welcher Gelegenheit er die Fragen seiner Kirche
heiter und humoristisch, aber doch zugleich auch mit vielem Takt, und ohne
seiner Stellung etwas zu vergehen, zu behandeln wusste. Franziska zog oft
Parallelen zwischen diesem Ton und dem, der ihr noch aus dem elterlichen Hause
her erinnerlich war, ein Ton, der trotz etwas persönlich Freiem im Auftreten
ihres Vaters in Gegenwart von Amtsbrüdern immer etwas schwerfällig
Wichtigtuerisches und, was das schlimmste war, auch etwas Salbungsvolles gehabt
hatte.
    Neben dem kleinen Geistlichen war es besonders der alte Toldy, zu dem sie
sich mehr und mehr hingezogen fühlte. Beinahe täglich besuchte sie sein kleines,
hinter einer Weinlaube verstecktes Wohnhaus, »die Gärtnerei«, darin seit einem
Jahre die Mutter fehlte, kümmerte sich um die jüngeren Kinder und half dem
Hauswesen auf, das etwas im argen lag. Traf sie den Alten selbst, so wurde sie
nicht müde, sich aus seiner Honvedzeit und von den Heldenkämpfen des Jahres 1849
erzählen zu lassen und dabei ruhig hinzunehmen, dass jede dieser Erzählungen mit
einer Flut ungrischer Verwünschungen endigte. Nur einmal unterbrach sie diesen
Redestrom, um ihm wie damals in der Bildergalerie begreiflich zu machen, in
Ungarn wären sie Patrioten, in Wien aber Verräter gewesen und auf Verräterei
stünde der Tod überall in der Welt - Auseinandersetzungen, die für ihn natürlich
ohne Beweiskraft und durchaus in den Wind gesprochen waren. »Ungar liebt
Vatterland, und wer liebt Vatterland, ist Held.« Und gleich darnach wie zur
Bekräftigung dieses Satzes war er ins Rezitieren gekommen und hatte sein Leib-
und Lieblingslied angestimmt: »Es stehen sieben vor Arads Tor.«
    Solcher Lieder aus der Revolutionszeit kannte Toldy sehr viele, daneben aber
auch alte Lieder, die schon im Volksmunde lebendig waren, als von Schloss Arpa,
dem neuen Schloss Arpa, noch kein Stein auf dem andern stand. Ja, seines
neunundvierziger Entusiasmus unbeschadet, hielt er an diesem uralten
Liederschatze fast noch fester als an dem neuen, und tagtäglich, wenn er in der
Mittags- oder Abendstunde nach Hause kam und sich's unter der Laube bequem
gemacht hatte, liess er seine Kinder diese volkstümlichen Weisen singen und
begleitete den Gesang derselben auf der Geige. Denn er war, wie schon der Graf,
als er mit Franziska das Programm entwarf, in aller Kürze bemerkt hatte, ein
vorzüglicher Geiger und stand in dieser seiner Kunst nur um ein geringes hinter
dem unten im Dorfe wohnenden Zigeunerkönig Hanka zurück.
    Einmal traf es sich, dass Franziska hinzukam, als die Kinder so mehrstimmig
sangen, und wie gefangengenommen von der einschmeichelnden und zugleich doch so
schwermütigen Melodie, blieb sie hinter einer Buchsbaumhecke stehen und horchte,
bis der Gesang zu Ende war. Nun erst gab sie ihren Versteckplatz auf und schritt
auf das Gärtnerhaus zu, vor dem im Halbschatten der nach vornehin offenen
Weinlaube die zwei ältesten und zwei jüngeren Töchter Toldys sassen, jene mit dem
Aufziehen von Paprikaschoten, diese mit dem Aushöhlen kleiner Kürbisse
beschäftigt. Toldy selbst hielt noch die Geige in der Hand. Alles erhob sich,
als man die Gräfin kommen sah, und die beiden jüngeren Kinder, die Franziskas
Lieblinge waren, eilten ihr entgegen, um ihr das Kleid zu küssen.
    »Ich habe zugehört, Toldy. Das war ja wunderschön, aber so traurig. Ist es
wirklich so traurig, oder habt ihr es nur so gesungen?«
    »Ist traurig, Gräfin.«
    »Und was ist es denn?«
    »Ist Lied von Barcsai.«
    »Barcsai? Wer war das? Ein berühmter Räuber? Oder auch piff, paff?«
    »Nix piff, paff. Barcsai Freund.«
    »Freund? Von wem?«
    Aber Toldy schwieg nur und fuhr mit dem Zeigefinger wie zum Stoss durch die
Luft, augenscheinlich um auszudrücken, dass Barcsai erstochen worden sei.
    »Erstochen? Wer hat ihn erstochen?«
    »Graf.«
    »Welcher Graf?«
    »Graf... Nix Name.«
    Franziska lachte. »Der arme Graf. Da hat Barcsai mehr Glück gehabt, der hat
doch wenigstens einen Namen. Aber weisst du wohl, Toldy, dass ich das Lied haben
möchte.«
    Sie sprach das so hin und war deshalb einigermassen überrascht, eine Minute
später den alten Toldy, der das bloss hingeworfene Wort als einen Befehl genommen
hatte, mit einem mittlerweile hervorgesuchten Blatt erscheinen zu sehen.
    »Ist Barcsai.«
    Sie nahm das Blatt und sah, dass es ein echter Jahrmarktsdruckbogen war mit
einem noch viel echteren Jahrmarktsbilde darauf: eine mit Strohkränzen
umwickelte Frau, schon ganz in Flammen stehend.
    Franziska fuhr zusammen. Aber ihre Neugier überwog doch, und so sagte sie:
»Habe Dank, Toldy. Morgen schaff ich's dir zurück oder bring es selbst. Ich will
es nur übersetzen und dem Herrn Curatus vorlegen, bei dem ich Ungrisch lerne. Du
weisst doch davon?«
    Und damit erhob sie sich und kehrte durch den Park ins Schloss zurück.
    Es lag ihr wirklich daran, den kleinen Geistlichen in Verwunderung zu
setzen, und rasch erkennend, dass ihr wenigstens der Anfang der Ballade, der aus
lauter Alltagsworten bestand, nirgends Schwierigkeiten machen würde, setzte sie
sich an ihren Schreibtisch und schrieb, ohne dass sie das Wörterbuch zu Rate
gezogen hätte:
»Vater, Vater, lieber, guter Vater,
Meine liebe Mutter liebt Barcsai.«
»Hörst du, Weib, was unser Kind da plaudert?«
»Hör wohl, was es plaudert, liebster Gatte.
Töricht ist es. Weiss nicht, was es redet.«
Und er eilt von hinnen, fort auf Tolna,
Ging die Hälfte Weges - kam dann wieder.
»Öffne, Weib, die Türe, öffne, Gattin!«
»Ja, ich öffne, öffne schon, mein Gatte,
Lass den Rock nur um den Leib mich werfen,
Lass die Linnenschürze nur mich umtun,
Lass die roten Stiefel nur mich anziehn.«
Aber jener sprengte schon die Türe.
Hier legte Franziska die Feder nieder und überflog das wenige, was noch folgte.
Wo das sprachliche Verständnis einen Augenblick versagte, half ihr das Bild nur
zu gut nach, und so wusste sie zum Schluss, dass das unglückselige Weib, »weil es
den Barcsai geliebt«, bei einem durch den Gatten veranstalteten Rachegastmahl
diesem und seinen Gästen als brennende Fackel gedient hatte.
    Sie schob entsetzt das Blatt beiseite.
    In diesem Augenblick aber meldete der alte Czagy, dass der Graf die Frau
Gräfin zum Tee bitten lasse. Sie liess ihm ihr Erscheinen zurücksagen, und als
sie sich gleich darnach in einem kurzen Gespräche mit Hannah wieder gesammelt
hatte, kam ihr plötzlich der Einfall, ob es sich nicht empfehlen würde, das
ganze Vorkommnis ins Scherzhafte zu ziehen und dem Grafen eine humoristische
Szene daraus zu machen. Wirklich, es war ein vorzüglicher Stoff, aber sie fühlte
doch allzu deutlich, dass es missglücken werde. So gab sie denn den Plan wieder
auf und begnügte sich damit, bei der Teeplauderei von Toldy zu sprechen und von
der kleinen Marischka, die mit jedem Tage reizender und drolliger werde.
 
                              Zwanzigstes Kapitel
Der Curatus, der am andern Vormittage wie gewöhnlich zum Unterricht kam, war mit
der Übertragung zufrieden und erheiterte sich an Franziskas Entsetzen über den
Inhalt der Ballade. dabei nahm er zugleich Veranlassung, den Literarhistoriker
zu spielen, Barcsai sei Lieblingsballade von alter Zeit her und seinem Stoffe
nach nicht schrecklicher als andere. Das sei nun mal Balladenrecht, wenigstens
in Ungarn. Es gäbe kaum ein altes Volkslied, darin nicht Verrat und Untreue
vorkämen, denn das Lied spiegle das Leben. Allerdings verlange das Volksgefühl
hinterher auch Sühne, ja, sei dabei ziemlich streng und gestatte meist nur die
Wahl zwischen Eingemauert- und Angezündetwerden. Aber das letztere werde
bevorzugt, weil es bunter und lebendiger sei.
    So ging das Geplauder, und alle Schrecknisse der Barcsaiballade waren aus
ihrer Seele weggescherzt, als der Graf sie gleich nach Ablauf der
Unterrichtsstunde zur Spazierfahrt abholte.
    Diese Spazierfahrten, die meist in die Berge hinein, aber auch wohl um die
nördlichen Buchtungen des Sees gingen, blieben Franziskas besondere Freude, was
nicht überraschen durfte. Der Graf war auf diesen Fahrten am gesprächigsten und
plauderte dann viel von seinen Kinder- und Jugendjahren, von seiner
geschwisterlichen Liebe zu Gräfin Judit und wie schön und reizend sie gewesen
sei, bis endlich der alte Gundolskirchen, ein hausbackener Steiermärker, einer
von denen, die mit Reiterstiefeln zur Welt kommen, an die Stelle der ihr
angeborenen magyarischen Grazie die deutsche Würde vulgo Schwerfälligkeit
gesetzt habe, den Rest habe dann die Kirche getan.
    Allemal, wenn das Gespräch diese Richtung nahm, nahm Franziska wahr, dass es
dem Grafen in der Neigung lag, über die kirchlich und zugleich
schwerfällig-deutsch gewordene Schwester Judit in einen spöttischen Ton zu
verfallen, aber ebensowenig entging ihr, dass es diesem spöttischen Ton an
Unbefangenheit gebrach. Soviel er sich dagegen sträuben mochte, die Schwester
hatte doch das, was ihm fehlte: Klarheit und Einheit. Sie war jede Stunde
dieselbe, während er auf jedem Gebiete schwankte. Selbst sein prononciert
ungrischer Patriotismus, so voll und ehrlich er war, war doch schliesslich nicht
ganz das, wofür er ihn ausgab, und so kamen ihm selbst zum Trotz immer wieder
Stunden, in denen er empfand, ohne Hof und Hauptstadt eigentlich nicht
existieren zu können. Es ging eben ein Bruch durch sein Leben und seine
Denkweise.
    Wochen vergingen. Eine besondere Freude war ihm die Vorliebe, mit der
Franziska ihren Studien oblag, und nur ein Schatten lagerte sich über diese
glückliche Zeit: allerlei Herrenbesuch aus der Nachbarschaft kam, oft mehr, als
lieb und bequem war, aber die Damen blieben aus und liessen mit jedem Tage
deutlicher erkennen, dass man die Mesalliance betonen wolle. Der Graf ärgerte
sich heftig und begann den Besuchern, ja selbst Szabô gegenüber, eine grosse
Kühle zu zeigen und liess sich dann im Gespräche mit Franziska, wenn der Besuch
endlich fort war, bis zu Bitterkeiten und Drohungen hinreissen. Er sei nicht
gewohnt, einen solchen Affront zu dulden; ob man ihn etwa zwingen wolle, sich an
die Revision der ungrischen Stammbäume zu machen? Er habe lange genug gelebt, um
das Wunderbarste darüber berichten zu können. In dieser erregten Sprache ging es
weiter. Aber so heftig er war, so wurd es doch schliesslich Franziska nie schwer,
die Zornesfalte wieder wegzudisputieren. »Lass, Petöfy, du zwingst mich sonst,
dir einen Kursus über vornehme Welt zu halten! Ich will dir erzählen, wie's
kommt. Eines Tages sind wir in Pest, und ein Erzherzog oder vielleicht die
Kaiserin selbst ladet uns in ihre Zirkel. Andrassy reicht mir den Arm, und
Prinzessin Gisela gebt eine Viertelstunde lang in irgendeinem Poetensteig oder
noch besser auf einer freien Parkwiese, wo wir hundert Zuschauer haben, mit mir
spazieren. Sieh, ich biete jede Wette, den andern Vormittag weiss ich mich vor
Besuch, auch vor Damenbesuch, nicht mehr zu retten.«
    Es war eines Morgens im September, als dies Gespräch geführt wurde.
Franziska zog sich gleich darnach in ihre Zimmer zurück und klingelte nach
Josephinen. Diese war meistens guter Laune, hatte Neuigkeiten und erhielt jeden
Tag einen langen und zärtlichen Brief von ihrem Wiener Bräutigam, was sie
freilich nicht hinderte, sich von dem halben Schloss Arpa den Hof machen zu
lassen. Dieses beständige Kokettieren, und noch dazu nach allen Seiten hin,
berührte Franziska wenig angenehm, aber der Wiener Brief und die Lust und
Ungenierteit, womit seitens der Empfängerin der Inhalt desselben jedesmal zum
besten gegeben wurde, liessen sie doch über manches hinwegsehen und brachten es
zuwege, dass die Toilettestunde keineswegs zu den schlimmsten des Tages zählte.
    »Nun, Josephine, was schreibt er heute?«
    »Kein Brief gekommen.«
    »Aber die Zeitungen sind doch schon da. Vielleicht ist er dir untreu
geworden.«
    »O nicht doch, gnädigste Gräfin, das kann nicht sein. Ich hab einen Charme
von klein auf, und wer den Charme hat, von dem kann keiner wieder los.«
    »Er könnt aber doch gehört haben, dass du hier herumkokettierst und sogar mit
dem Andras dein Wesen treibst.«
    »Mag er. Da wird er bloss eifersüchtig, und mit der Eifersucht wächst der
Charme. Das weiss ich. Übrigens brauchen wir heute keine Briefe, gnädigste
Gräfin, denn wir haben genug mit uns selber zu tun. Ist ja seit gestern abend,
als wäre der Böse los im Gebirg und auf dem See.«
    »Was gibt es denn?«
    »Ein Wildschwein hat dem Försterssohn von Szent-Görgei die Seit aufgerissen;
liegt auf den Tod. Und auf dem See gestern abend, als die Fähre von Nagy-Förös
nach Mihalifalva hinüber wollt, ist das Boot umgekippt, und ihrer elf sind
ertrunken. Und der elfte war der Kaplan, das heisst ein junger Kaplan, hübsch und
blass, der einem Kranken die Sterbesakramente bringen wollt. Und hat das
Allerheiligste hoch in der Hand gehalten, immer über dem Wasser. Aber es hat ihn
auch nicht retten gekonnt.«
    »Ich begreife nicht, dass mir der Graf nicht davon gesprochen hat.«
    »Es kommt eben erst aufs Schloss, und der Herr Graf wissen es noch keine
Viertelstund. Es ist das Neueste.«
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
Die Nachricht von dem Unglück auf dem See hatte Franziska wirklich erschüttert,
aber Josephinen, als sie nach einer halben Stunde das Zimmer wieder verliess, war
es nichtsdestoweniger gelungen, das Gleichgewicht in ihrer Herrin Seele
wenigstens so weit wiederherzustellen, dass alle vorerzählten Ereignisse nur noch
nachwirkten, als ob sie sich im vorigen Jahrhundert oder weit weg in einem
überseeischen Lande zugetragen hätten. In keinem Falle nahm Franziska
Veranlassung, ihre Tagesordnung dadurch stören zu lassen, die für heut einfach
lautete: Brief an Gräfin Judit.
    Unmittelbar nach ihrer Ankunft hatte sie bereits an diese geschrieben, aber
doch nur wenige Zeilen, Zeilen, auf die weder eine Antwort erwartet noch
eingetroffen war. So lag denn eine wirkliche Schreibepflicht vor.
    »Schon seit einigen Tagen, meine gnädigste Gräfin, war ich willens, meiner
ersten Benachrichtigung von hier einen längeren Brief folgen zu lassen, sah mich
aber immer wieder an der Ausführung meines Vorhabens verhindert.
    Auch der heutige Tag schien mich durch ein schweres Unglück auf unserem See,
das dem Geistlichen von Nagy-Förös das Leben kostete - selbst das Allerheiligste
versank in die Tiefe -, meinem Vorhaben abermals untreu machen zu wollen. Ich
entreisse mich aber der dadurch hervorgerufenen Stimmung und schreibe.
    Vierzig Tage sind es heute, dass ich auf Schloss Arpa bin, und die lange kurze
Zeit liegt hinter mir wie ein Traum. Die Güte des Grafen gegen mich ist
grenzenlos, seine Nachsicht rührend, seine Meinung von mir beschämend. Er
findet, dass mir nicht ausreichend gehuldigt wird, und zürnt darüber mit der
Nachbarschaft, die sich seiner Ansicht nach mehr als stattaft zurückhält; es
gelingt mir aber immer wieder, einen Ausbruch seiner Empfindlichkeit zu hindern
und ihm den gegenwärtigen Zustand als einen erklärlichen, entschuldbaren und
sehr wahrscheinlich auch vorübergehenden darzustellen.
    Ich habe mich nun hier völlig eingelebt, und so mag es mir gestattet sein,
Ihnen, meine gnädigste Gräfin, ein Bild dieses Lebens zu geben.
    Den Morgen verbring ich mit Petöfy; dann folgen viele Stunden, in denen ich
mir allein gehöre. Das Zimmer, das ich bewohne - das zweifensterige neben dem
grossen Esssaal -, gönnt mir einen Blick über den See, dessen Schönheit mich immer
wieder entzückt. Anfänglich jeden Tag und jetzt jeden zweiten Tag kommt der Herr
Curatus von Szegenihaza herauf und gibt mir eine Sprachstunde (magyarisch), die
sehr oft eine Doppelstunde wird. Gescheit und fromm, dabei persönlich ohne
jedweden Anspruch, gehört er ganz jenen selbstsuchtlosen und aller Eitelkeit
entkleideten Geistlichen zu, denen man in Ihrer Kirche häufiger begegnet als in
der unsrigen. Ich disputiere mit ihm beinahe mehr, als ich konjugiere, woraus
mir der Vorteil wird, im Ungrischlernen auch zugleich die katolische Kirche
kennenzulernen, von der ich offen gestanden bis dahin sehr unausreichende
Begriffe hatte.
    Neben dem Geistlichen ist es der alte Toldy, der meine Zeit am meisten in
Anspruch nimmt. Er lebt mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart, und
unter den Gegenständen seiner Adoration steht Comtesse Judit obenan. Ein wahres
Kreuz könnte mir sein bei jeder Gelegenheit hervortretendes Magyarentum sein,
wenn nicht die Naivität, mit der sich dasselbe gibt, etwas Versöhnendes und oft
etwas geradezu Rührendes hätte. So nehm ich ihn denn als Type, folg ihm
liebevoll auch in seinen Schwächen und vervollständige durch mein Geplauder mit
ihm die Sprachstudien, zu denen der Geistliche von Szegenihaza die Fundamente
legt. Meine Fortschritte setzen mich beinahe selbst in Verwunderung, aber mehr
noch, als sie mich verwundern, beglücken sie mich. Denn ich gehöre nun diesem
Lande mit meinem Herzen, und wenn vielleicht nicht voll mit meinem Herzen, so
doch mit meinen Entschlüssen an und will das ganz sein, was zu sein ich mir an
jenem mir unvergesslichen Tage vornahm, der mir zuerst Ihr schönes Herz und Ihre
wohlwollenden Gesinnungen für mich offenbarte. Nach dem nur kurzen Diner, sechs
Uhr, folgen Fahrten über Land, ein paarmal auch schon über den See. Das schönste
Wetter hat uns bis jetzt begünstigt; nicht einmal ein Gewitter zog in den heissen
Tagen herauf. Den Tee nehmen wir abwechselnd auf der Plattform in Front des
Schlosses oder auf der obersten Gartenterrasse, die sich mehr und mehr in einen
Blumengarten verwandelt hat. Ich erzähle dann, was ich von Josephine gehört oder
auch in den Zeitungen gelesen habe, wobei mich immer wieder die schöne Milde des
Grafen überrascht und ein Gerechtigkeitssinn, der, so möcht ich annehmen, auch
Sie, gnädigste Gräfin, in Erstaunen setzen würde. Denn er ist doch anders, als
Sie vermeinen, anders in diesem und manchem andern Punkte. Wohl zeigt er sich
unruhig und unbefriedigt und sucht die Ruhe nicht da, wo sie vielleicht einzig
und allein zu finden ist, aber er sucht sie doch und nicht bloss in dem, was man
Zerstreuungen nennt. Er birgt vielmehr umgekehrt einen Schatz von Gemüt in
seinem Herzen, und dass er nur selten und immer nur flüchtig und andeutungsweise
davon spricht, ist mir ein Beweis mehr von seiner tiefer angelegten Natur. Erst
gestern abend auf unserer Spazierfahrt bei Sonnenuntergang, was er besonders
liebt, überraschte mich wieder ein Wort von ihm. Die Sonne stand schon unter dem
Horizont, aber in dem zurückgebliebenen Glutscheine spiegelte sich noch von
unten her ihr Schattenbild. Er wies darauf hin und sagte: Sieh, Franziska, das
ist das Leben oder doch sein Ausgang. Wenn die Sonne fort ist, bleibt uns ihr
Bild noch eine Weile zurück, aber ein Schattenbild nur, und auch das ist kurz.
In dieser Weise spricht er öfter zu mir und verrät darin einen Anflug von
Resignation, der mich betrübt. In allem andern aber bin ich glücklich und
unzweifelhaft um vieles glücklicher, als ich zu hoffen wagte. Gute Sterne haben
bisher über meinem Leben auf Schloss Arpa gestanden, und von dem, was ich
fürchtete, hat sich nichts erfüllt. Ich fürchtete mich vor Unfreiheit, auch vor
Unfreiheit in kleinen Dingen, aber in Wahrheit bin ich freier geworden. Wieviel
schöner ist dies Leben als das, das abgeschlossen hinter mir liegt und in dem
eines war, das mich stets empörte: das Sichbewerbenmüssen um Gunst und Liebe.
Hier hab ich beides als ein freies Geschenk.
    Anfang Dezember will Petöfy wieder nach Wien zurück. Ich freue mich darauf
und auch nicht. Das laute, grossstädtische Leben hat einen unendlichen Reiz für
mich gehabt und hat ihn vielleicht noch, aber ich möchte nur Zuschauer darin
sein und nur andere leben und erleben lassen. Selbst wieder eine Rolle darin zu
spielen widerstrebt meinem innersten Herzenszuge. Mir will es scheinen, dass ich,
wenn nicht für die Stille, so doch für die Kontemplation geboren und in dem, was
mir zurückliegt, in einem Irrtum befangen gewesen bin. Ich habe noch eine
Sehnsucht, aber diese Sehnsucht ist nicht die Welt. Oder irrt ich auch darin
wieder? Schliessen Sie mich in Ihre Gebete ein. Ihre Ihnen dankbar und herzlich
ergebene
                                                               Franziska Petöfy«
 
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
Abermals waren Wochen vergangen, und in Ablösung der sonnigen Tage, die seit
Anfang August über Schloss Arpa gestanden, hatten sich Regentage eingestellt. »Es
regnet wie auf dem Szekler Landtage«, sagte Franziska scherzhaft, und als der
Graf nach der Bedeutung davon fragte, rezitierte sie zu seiner nicht geringen
Erheiterung das gleichnamige Chamissosche Gedicht.
    »Ei, da muss ich aus einem norddeutschen Gedicht erfahren, wie's auf dem
Szekler Landtag aussieht«, lachte der Graf, und jedesmal, wenn er Franziska
begegnete, wies er auf die Wasser, die draussen nach wie vor niederströmten, und
wiederholte die Refrainzeile: »Der Regen regnet immer noch.«
    Als es mit diesem Wetter anfing, versuchten beide zunächst noch ihre
Spazierfahrten fortzusetzen, am dritten Tag aber waren die Wege bereits so
grundlos geworden, dass man es aufgeben musste. Nichts blieb ihnen als eine
Promenade durch die Gewächshäuser und ein tagtägliches fleissiges Billardspiel,
das Franziska wenigstens im Anfang sichtlich bemüht war zu lernen. Aber weder
das eine noch das andere konnt ihr eine rechte Freude schaffen, in den
Treibhäusern war es zu wasserschwül, und das Billardspiel ärgerte sie, weil es
ihr nicht gelang, es im Umsehen zu bemeistern. In allem, was sie tat, wollte sie
rasche Resultate sehen. Nichtsdestoweniger hielt man sich bei Stimmung und fand
immer neue Mittel, um ein sich anmeldendes Unbehagen aus dem Felde zu schlagen.
In allen Kaminen brannten riesige Feuer, der kleine Geistliche, wenn er zur
Unterrichtsstunde kam, ward über den halben Tag hin festgehalten, und die kaum
dreijährige Marischka, Toldys Jüngste, sah ihren Geburtstag gefeiert, als ob sie
wenigstens eine Prinzess gewesen wäre. Zweimal gab es auch Tanz. Zigeuner, denen
man bei dem Unwetter einen Unterschlupf in einer Schlossbaracke gegönnt hatte,
spielten zum Dank dafür ihre Czardas (Hanka selber war mit heraufgekommen), und
Graf und Gräfin sassen all die Zeit über in der grossen Halle, darin sich die
Dienstleute versammelt hatten, und sahen dem Treiben zu. Selbst Josephine tanzte
mit, unter den Klängen der Musik sich einer Exklusivität entschlagend, auf die
sie sonst nur in ihren intimsten Privatverhältnissen zu verzichten pflegte.
    So ging es andertalb Wochen, und man hätte sich in neue gute Tage, die doch
endlich anbrechen mussten, hinübergerettet, wenn nicht Krankheit gekommen wäre.
Erst erkrankte Hannah und den Tag darauf auch der Graf.
    Franziska nahm es nicht allzu schwer damit oder gab sich wenigstens das
Ansehen davon, und als Hannah sie wegen der doppelten Krankenpflege bedauern
wollte, sagte sie: »Hannah, ich begreife dich nicht. Wie du nur so töricht sein
und alles so falsch ansehen kannst! Du tust mir leid, und der Graf tut mir leid,
aber sprich nur nicht von Mitleid mit mir. Mir konnt eben nichts Besseres
geschehen als eure Krankheit. Ich bin doch nun das Billardspiel los und die
Promenaden im Treibhaus und kann mich statt dessen mit etwas Vernünftigem
beschäftigen, also zum Beispiel, ob eure Zudecke sich verschoben hat oder ob ihr
vielleicht heimlich ein Buch habt, aus dem ihr lesen wollt und nicht sollt.
Glaube mir, Hannah, ich schwärme geradezu für Barmherzige-Schwesterschaft oder,
wenn dir das zu katolisch klingt, für Diakonissentum; wenigstens hier. Der Graf
wollt es mir auch abdisputieren und einige meiner Krankenpflegepflichten in die
Küche verweisen, die Katis und Nanis hätten ohnehin nichts zu tun, aber ich hab
ihn bekehrt und ihm rundheraus gesagt, erst käme ich und dann die Katis, und
ich hätte nicht Lust, mir eine so gute Gelegenheit zum Zeitvertreib entgehen zu
lassen. Und sieh, Kind, so liegt es wirklich. Ich gönne dir alle mögliche
Gesundheit, weil ich weiss, dass du Krankheit nicht leiden kannst, aber wenn ich
ein bisschen egoistischer wäre, so wünscht ich dir jeden Tag einen furchtbaren
Wadenkrampf, so furchtbar und so heftig, dass ich dich ganz in Senfpflaster
einwickeln müsste. Das kenn ich alles noch von meiner seligen Mutter her, und war
eigentlich schlimm genug, aber mitunter war es auch eine wahre Wonne, wenn's
einen so in die Augen biss, bis die Tränen kamen.«
    »Male den Teufel nicht an die Wand.«
    »Wegen des Krampfes oder wegen der Tränen?«
    »Vielleicht wegen beidem. Ich hab es nicht gern, wenn du so sprichst,
Franziska. Bedenke doch, ich kenne dich von klein auf und weiss nur zu gut, dass
dir ganz anders ums Herz ist. Es geht etwas in dir vor, und du willst es nur
nicht aufkommen lassen.«
    »Ach, du bist eine Törin. Aber lassen wir's. Ich will nun fort und nach
deinem Leidensgefährten sehen, er wird sonst ungeduldig. Hier stell ich dir die
Medizin her und das abgebrauste Brausepulver. Und nun hast du alles, was du
brauchst, zur Hand. Oder soll ich dir lieber noch die Josephine schicken?«
    »O nein.«
    Und nach diesem Zwiegespräch ging sie treppab. In dem Zimmer unten lag der
Graf auf einem Feldbett, nur mit einem Militärmantel zugedeckt. Er hatte so
seine Vorstellungen von dem, was sich für einen Soldaten gezieme, wohin vor
allem auch ein künstlich genährtes Entsetzen vor dem Federbett gehörte. Nichts
als das Ticktack der Uhr unterbrach die Stille. Die schweren Damastvorhänge der
Fenster waren geschlossen, und nur vom Tisch her, auf dem eine mit einem
Schleier verhangene Lampe stand, fiel ein mattes Licht auf das Lager des
Kranken.
    »Ei, das ist hübsch, dass du kommst, Fränzl. Ich habe die Minuten gezählt. Es
ist so leer und öde hier, so leer und öde für mich schon, und wie muss es erst
für dich sein! O dieser Regen! Es regnet, regnet immer noch. Vorzüglich! Ich
kann diese Zeile von eurem französisch-preussischen Dichter gar nicht loswerden.
Aber nun setz dich und nimm den Lampenschleier fort, ich will dich deutlicher
sehen können. Oder lass ihn doch lieber, ich komme sonst auch in eine helle
Beleuchtung, und ein Kranker präsentiert sich am besten im Halbdunkel, wenn er
sich überhaupt präsentiert. Ein vermaledeites Wetter! Und dreimal vermaledeit
diese Neuralgie! Hier in der Hüfte sitzt es. Sie nannten es Ischias, die Herren
Doktoren, aber das ist mir gleich, sie könnten es auch Inferno genannt haben
oder geradezu Hölle. Judit, wenn sie davon hörte, würde sagen, es spuke vor.
Aber es kann nicht jeder in den Himmel kommen. Dazu muss man eben einen
Beichtvater haben wie Fessler, der fromm genug ist, einen Luzifer loszubeten.
Glaubst du nicht auch? Apropos, ist ein Brief von Judit gekommen?«
    »Nein.«
    »Ich finde, sie lässt lange damit warten, und doch gibt es Situationen, in
denen man umgehend schreiben muss oder doch in derselben Woche noch. Und nun sind
es über zwei.«
    »Die Gräfin kann krank sein wie du.«
    »Kaum. Wer sich jeden Tag so reinbeichtet wie Judit, bei dem gedeiht keine
Neuralgie. Krankheit wächst nur auf dem Beet der Sünde, sagen die Frommen, und
vielleicht haben sie recht. Unter allen Umständen halten sie sich dessen gewiss,
solange sie nicht persönlich in die Zwickmühle genommen werden, und nur eines
ist mir noch gewisser, dass du hier seit vierzehn Tagen ein elendes und tristes
Leben führst und dass mit diesem Elend und dieser Tristeit ein Ende gemacht
werden muss. Ja, Fränzl, ein Ende gemacht, und wenn ich die Ziegler auf
Gastrollen, etwa Medea zweimal täglich, oder euren Bismarck auf eine Bärenjagd
in den Karpaten einladen sollte - gleichviel, wir müssen heraus aus dieser
Dumpfheit, in die kein Licht und keine Freude dringt.«
    »Ich bitte dich, Petöfy, denk an dich und nicht an mich. Ich habe gute
Tage.«
    »Gute Tage? Graue Tage hast du.«
    »Nein, gute Tage, sag ich. Und wenn sie nebenher grau sind, so lass sie; die
grauen sind nicht die schlimmsten. Nichts ist schwerer zu ertragen als eine
Reihe von guten Tagen.«
    »Ist schon recht. Aber es hat's ein Mann gesagt, und ihr, ihr empfindet
anders: ihr seid für Gegensätze, könnt Schwarz ertragen, aber nicht Grau, Tod
und Unglück, aber nicht Langeweile. Kenne das und habe mir auch schon einen Plan
ausgedacht. Sobald ich die Hand wieder rühren kann, schreib ich an Phemi.«
    »Nein, Petöfy. Das unterlass. Ich bitte dich darum.«
    »Aber ihr stimmtet doch so gut zusammen, und so mich nicht alles täuscht,
hattest du wirklich ein Herz für sie.«
    »Hatt ich auch und hab ich noch. Ich bin ihr ganz aufrichtig zugetan, und
wenn sie meiner je bedürfen sollte - sie wird es nicht, sie weiss eben für sich
selbst zu sorgen -, so werd ich mich vor der Lächerlichkeit und vor der
Undankbarkeit hüten, ihr gegenüber die Fremde herauskehren zu wollen oder wohl
gar die Gräfin. Ich bin dessen überhaupt nicht fähig. Ich weiss das. Aber ebenso
gewiss weiss ich auch, dass ich keine Veranlassung habe, diese Beziehungen ohne Not
wieder anzuknüpfen. Ich bin nun aus dem Kreise heraus und wünsche mich nicht
wieder hinein. Am wenigsten aber wünsche ich ein zweilebiges Leben zu führen,
ein zweilebiges, das nach meiner Meinung nicht viel besser ist als keins.«
    Er hatte den Kopf anfangs missmutig hin und her gewiegt, aber diese Misslaune
ging rasch wieder in eine freundlichere Stimmung über. »Und so soll es denn
immer Hannah sein! Hannah und immer wieder Hannah. Weisst du, Fränzl, ich
bewundere deine Genügsamkeit und dass ihr euch nicht ausplaudert.«
    »Oh, wir können uns nicht ausplaudern, weil wir, was dich vielleicht
überraschen wird, eigentlich überhaupt wenig plaudern.«
    »Je nun, was tut ihr denn?«
    »Wir verstehen uns.«
    »Das ist freilich viel.«
    »Beinahe alles.«
    »Nun gut. Aber ist sie nicht etwas zu nüchtern oder doch wenigstens nüchtern
überhaupt?«
    »Immer nur da, wo sie's sein darf, wo Nüchternheit ausreicht oder hingehört.
Ich möchte sagen: nüchtern für alle Tage.«
    »Und feiertags?«
    »Ist sie voll Mut und Leidenschaft und liebt mich so, dass sie jeden
Augenblick für mich sterben würde.«
    »Das glaubst du?«
    »Nein, ich weiss es und weiss es seit lange, seit meinem zehnten Jahr, da fing
es an. Und wie sie sich damals gezeigt hat, so zeigt sie sich noch. Ich bin
ihrer so sicher, wie dass ich lebe, ja, mein Zutrauen zu ihr ist grenzenlos.
Sieh, um dir nur ein Beispiel zu geben, ich ängstige mich beim Gewitter, aber in
ihrer Gegenwart fällt alle Furcht von mir ab. Es ist mir dann, als stünde mein
Schutzgeist neben mir. Eigentlich könnt ich dir von ihr erzählen, von ihr und
meiner Kinderzeit. Aber sage mir, wenn der Anfall kommt und die Schmerzen; ich
weiss, du bist dann am liebsten allein.«
    »Erzähle nur; ich höre. Kinderzeit ist ohnehin unsere beste Zeit und die
lehrreichste dazu. Da leben wir noch so recht eigentlich und zeigen uns, wie wir
sind. In dem, was nachher kommt, ist soviel Zurechtgemachtes. Auch im Guten.«
    »Avis au lecteur.«
    »O nicht doch, Fränzl, ich hasse das, ich hasse das Hinterrückssprechen in
Winken und Andeutungen. Aber du wolltest mir von Hannah erzählen, und wie sie
zuerst dein Champion wurde, dein Ritter ohne Furcht und Tadel. War es nicht so?«
    »Ja. Du darfst es so nennen, denn es gab etwas von einer regelrechten
Schlacht, und Blut floss. - Aber es ist kalt geworden. Erlaube mir also, dass ich
zunächst für Feuer sorge, soweit die paar Kohlen dazu reichen, und vor allem
diesen Schirm beiseite schiebe. Das Halbdunkel hier ist nur gut für
Gespenstergeschichten, und die wären das letzte, was ich erzählen möchte.«
    »Gib deiner Geschichte jede Beleuchtung, die du für gut hältst, vor allem
aber gib die Geschichte.«
    »Nun, also Hannahs Vater war Küster an der Kirche, wo der meinige Prediger
war...«
    »Ich entsinne mich...«
    »Er war aber nicht bloss Küster, sondern auch Totengräber, was ihm in meinen
Augen noch ein besonderes Ansehen gab. Er hatte langes weisses Haar, viel weisser,
als es seinen Jahren nach hätte sein müssen, und sah eigentlich immer aus, als
ob er irgendeinem das letzte Gebet sprechen wolle. Trotz allem Grauen aber, das
mir sein Ernst und seine Hagerkeit einflössten, hatt ich ihn gern oder doch nicht
ungern, weil mir alles an ihm apart vorkam und nicht zum wenigsten seine
Wohnung, die dicht neben dem Kirchhofsgitter lag und eigentlich geradeso wirkte
wie der alte Stedingk selber. Denn das war sein Name, Tordeson Stedingk, und es
hiess, dass er von den schwedischen Stedingks herstamme. Sommers standen immer
frisch angestrichene Bahren, die trocknen sollten, um sein Haus her, Grund genug
zu Grusel und Angst, am meisten aber ängstigte mich ein kleines Gärtchen, das
von Buchsbaum eingefasst war und darin nur immer Studententblumen blühten. Einmal
sah er mich und rief mich heran, um mir eine dieser gelben Blumen zu geben, aber
ich war wie starr vor Schreck und schüttelte nur den Kopf. Als ich mich endlich
wieder erholt hatte, lief ich fort und hatte dabei das Gefühl, als ob mich
irgendwer an den Hacken halte.«
    »Das wird aber doch eine Gespenstergeschichte.«
    »Nein, nein. Ich verirre mich bloss und krame mehr aus, als zu meiner
Geschichte gehört, alles nur, weil die Bilder von alter Zeit her wieder lebendig
werden und so mächtig auf mich einstürmen, dass ich mich ihrer nicht ganz
erwehren kann.«
    Und sie tupfte, während sie so sprach, mit ihrem Taschentuch über die Stirn
hin und fuhr dann fort:
    »Unser eigentlicher Spielplatz war ein grosser Grasplatz um die Kirche her,
auf dem Bauholz und allerlei Stämme lagen, die, wenn der Herbst kam, geschnitten
werden sollten, Kiefern und Tannen und auch wohl Birken- und Eschenholz, in der
Mitte des Platzes aber war ein Tümpel, durch den die Jungen, die gute
Stelzenläufer waren, immer durchmarschierten, was mich so mit Neid und Entzücken
erfüllte, dass ich's auch zu lernen anfing und nicht eher zufrieden war, als bis
ich mit allen um die Wette mitten im Wasser stehen und auf einer Stelze
balancieren und mit der andern präsentieren konnte. Du kannst dir denken, welche
Wonne das war.«
    Petöfy nickte seine Zustimmung.
    »Aber«, fuhr Franziska fort, »was war der Kirchplatz im Vergleich zu dem
Kirchhof, der dicht daneben lag und über dessen niedrige Mauer weg die
Hagebuttensträucher bis in die Strasse hineinwuchsen. An dem Kirchhofe hing unser
ganzes Herz. Eigentlich war es kein rechter Kirchhof mehr, denn was starb, wurde
seit Jahr und Tag schon vors Tor hinausgetragen und auf einem abgesteckten und
ummauerten Stück Heideland begraben, einzelne Familien in der Stadt aber hatten
noch ein Anrecht an den alten Kirchhof, und so kam es, dass immer noch von Zeit
zu Zeit auf ihm beerdigt wurde. Das war denn allemal ein Festtag für uns, und
wenn am Abend vorher, so gegen Sonnenuntergang, der alte Stedingk aus seiner
Hoftür trat und sich ans Graben machte, so fehlte keiner von uns, weil jeder
neugierig war, ihn das Grab aufschütten zu sehen. Und einmal hatten wir auch
wieder so gestanden und zugesehen und, als er zuletzt fertig war, unser schon
draussen auf dem Kirchplatz begonnenes Spiel auf dem Kirchhof drinnen wieder
aufgenommen. Es hiess Hirsch und Jäger - ich weiss nicht, ob ihr das Spiel hier
auch habt -, der stärkste Junge, wie sich denken lässt, war allemal der Hirsch,
der aufgestöbert oder auch in seinem Versteck überrascht, umstellt und zur
Kapitulation gezwungen werden musste. Dieser stärkste Junge nun, der damals mit
uns spielte, hiess Willy Tompson und war eines reichen Schiffsreeders Sohn,
dessen Familie von Inverness oder Aberdeen herübergekommen war. Denn in der
kleinen Stadt war alles schottisch oder schwedisch, weil der Handel dahin ging.
Nun, dieser Willy war eigentlich ein blondes Prachtstück, trotzdem er übermütig
und hochfahrend und ein vollkommener Tyrann war, der uns in Schrecken und
blindem Gehorsam hielt.
    Wenn ein Streit ausbrach, so stand alles auf seiner Seite, bloss aus Furcht
vor ihm, und dass ihm irgendwer widersprochen hätte, kam eigentlich gar nicht
vor.«
    Der alte Graf richtete sich auf, ersichtlich immer interessierter, weil er
bei dieser Schilderung die Bilder seiner eigenen Jugend wieder vor sich
aufsteigen sah.
    »Und so war es auch an dem Abend«, fuhr Franziska fort, »von dem ich
erzähle. Kaum dass unser blonder Tyrann ausgeflogen und in seinem Versteck
untergekrochen war, so war auch schon alles hinter ihm her, hierhin, dortin,
und während er sonst darauf rechnen durfte, nie gefunden zu werden, und dann
ganz zuletzt wie gutwillig zum Vorschein kam, um uns zu verhöhnen und
auszulachen, so hatten wir ihn heut in fünf Minuten schon. In einer der
Kirchhofsecken stand nämlich in schräger Stellung ein gusseisernes Monument, und
in dem dreieckigen Winkel, der dadurch gebildet wurde, sass er und war nun
gefangen. Unter einem ungeheuren Jubel holten wir ihn hervor, um ihn über den
Kirchhof hin bis an die Anschlagstelle zurückzuführen. Als wir aber bis an die
frisch gegrabene Grube gekommen waren, riss er sich plötzlich los, packte mich,
die ich ihn besonders verhöhnt haben mochte, beim Zopf und schrie: Franze, du
bist schuld; du hast geguckt, du hast mich verraten. Ich sah, wie wütend er war,
und legte mich aufs Versichern meiner Unschuld, aber er wurde nur immer wütender
und schrie: Bekenn es, sag es, dann schenk ich's dir; sonst, sonst..., und nun
fing er an zu schwören: Sonst werf ich dich hier ins Grab. In meiner namenlosen
Angst fiel ich vor ihm aufs Knie, gerad als ob sich's um mein Leben gehandelt
hätte, und wirklich, ich glaub auch, ich hätt es nicht überlebt. Aber er wollte
von nichts hören und wissen und zerrte mich auch wirklich schon auf die Stelle
zu, wo mitten in dem eben aufgeworfenen Sandhaufen das grosse Grabscheit des
alten Stedingk wie ein Kreuz im Zwielicht aufragte. Von den anderen Jungen hatte
keiner den Mut, für mich einzutreten; als er jetzt aber oben stand und mich
unerbittlich nach sich zog, sprang Hannah vor und sagte: Lass sie los! Er aber
lachte bloss, und es war auch zum Lachen, denn Hannah, die jetzt so derb und
gesund aussieht, war damals ein blasses und schwächliches Kind und so
mondscheinen, dass man sie durch und durch sehen konnte. Lass sie los! rief sie
noch einmal und legte die Hand auf die Grabscheitkrücke. Dummes Ding, du sollst
mit hinein. - Lass sie los! rief sie zum dritten Mal, während ihr die Augen wie
aus dem Kopfe traten, und als er noch immer nicht abliess und mich weiter zerrte,
riss sie plötzlich das Grabscheit aus der Erde heraus und stiess es ihm mit
solcher Gewalt vor die Brust, dass er rückwärts taumelte. Voll Geistesgegenwart
griff er im Fallen noch nach einem Hagebuttenstrauch und hielt sich fest,
während ihm zu unser aller Entsetzen das Blut über die Turnjacke floss; denn das
nach oben hin ausgleitende Grabscheit hatte mit einer seiner scharfen Ecken ihm
das Kinn bis an die Lippe hin aufgeschnitten. Und so hielt er sich eine Weile
noch, bis er zuletzt ohnmächtig vor Schmerz und Blutverlust in denselben
Hagebuttenstrauch hineinfiel, der ihn vor dem Niederstürzen ins Grab bewahrt
hatte. Blut besiegelt, sagt das Sprichwort, und das Blut, das an diesem Tage
floss, Petöfy, hat Hannahs und meine Freundschaft fürs Leben besiegelt.«
    »Aber was wurd aus dem Jungen, dem zweiten Helden der Geschichte?«
    »Nun, den haben wir vor drei Jahren in Leipzig mit dem ganz zerhauenen
Gesicht eines alten Korpsburschen wiedergesehen. Er liess sich bei mir melden,
als ich dort zu Gastspiel war, war sans phrase reizend, und als er endlich auch
Hannahs ansichtig wurde, brach er in einen wahren Höllenjubel aus und rief
einmal über das andere: Sieh, Hannah, es ist immer so weitergegangen. Aber die
hier, und dabei wies er auf die Narbe am Kinn, ist doch die beste.«
    Der Graf war ernst geworden und sagte: »Fränzl, ich könnte dich um deine
Hannah beneiden, wenn beneiden meine Sache wär. Aber das ist gewiss, sie ist ein
Schatz für dich, den du festalten musst.«
    »Das will ich auch. Aber zunächst will ich nachsehen, ob sie nichts versäumt
und keine Torheiten begangen hat. Denn sobald sie krank ist, ist sie, was
Medizin angeht, voll Ungehorsam und Unvernunft.«
    »Ein Beweis mehr für ihre Vernünftigkeit. Ich werde schliesslich auch noch
ein Hannahschwärmer werden.«
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
Hannah schlief fest und atmete ruhig. Das Fieber hatte sichtlich nachgelassen,
und leise, wie sie gekommen war, verliess Franziska, die wohl wusste, dass dieser
Schlaf die Genesung bedeute, den Alkoven wieder, um in ihrem Wohnzimmer vor dem
Kamin Platz zu nehmen.
    Das Feuer darin war halb niedergebrannt, aber über dem Kamin befand sich ein
Ofen, der seine Heizung von aussen her empfing und trotz vorgerückter Stunde noch
eine behagliche Temperatur ausströmte, was nicht überraschen durfte, denn der
erst beim Beginn der Regentage zum Vorschein gekommene schnauzbärtige Slowake,
dem das Heizungsdepartement unterstellt war, pflegte lieber zuviel als zuwenig
zu tun.
    Es war noch nicht spät, und Franziska nahm auf gut Glück ein Buch vom
Bücherbord. Es war ein Band von Rousseau, die »Confessions«, und sie sah im
Durchblättern, dass wenigstens auf den ersten fünfzig Seiten viele dünne
Bleistiftstrichelchen an den Rand gemacht worden waren. Die Leserin indes, sehr
wahrscheinlich die Mutter des Grafen, schien sich im Weiterlesen immer
ablehnender gegen den Autor verhalten zu haben, denn der Strichelchen, die ganz
unzweifelhaft Zustimmung ausdrücken sollten, wurden immer weniger und der
Fragezeichen immer mehr. In der Mitte des Buches aber lag ein weisses,
goldgerändertes Blatt mit einem Spruch darauf, und dieser Spruch selbst lautete:
»Vor jedem steht ein Bild des, was er werden soll. Solang er das nicht ist, ist
nicht sein Friede voll.« Franziska stutzte. »Wie schlicht«, sagte sie, »wie
nüchtern fast! Und doch bewegt es mich. Und warum? Ist es, weil ich das Bild
dessen, was ich werden soll, ahnungsvoll bereits vor mir sehe, oder ist es
umgekehrt, weil ich es nicht sehe? Sonderbar.«
    Sie legte das Buch wieder aus der Hand, gab ihren Platz vor dem Kamin auf
und setzte sich in die Fensternische. Wenn nicht alles täuschte, so musste sich
das Wetter zum Guten geändert haben; nur kalt schien es geworden zu sein, denn
die Scheiben beschlugen sich, und die Tropfen zogen Rinnen über das Glas. »Ich
muss doch sehen«, sagte sie neugierig und erhob sich halb von ihrem Sitz, um den
Fensterflügel zu öffnen.
    Wirklich, der Regen hatte nachgelassen, und nur ein Nebel, der aus der
halbüberschwemmten Landschaft aufstieg, lagerte noch zwischen Schloss und See.
Seine Dichtigkeit hinderte den Schall, und nichts von Lärm und Leben drang von
unten herauf, bis mit einem Male, wenn auch schwach und gedämpft nur, die Glocke
des sich eben nähernden Dampfschiffes vernehmbar wurde. Sie freute sich des Tons
und suchte begierig nach dem Schiff, aber nach mehreren Minuten erst sah sie,
dass ein dunkelroter Schimmer allmählich und wie mühevoll durch den Nebel brach.
Das war das Laternenlicht vorn am Bugspriet, und nun wuchs es und wurde ein
Feuerauge. Sie konnte den Blick nicht davon abwenden und hatte das Gefühl dabei,
dass das noch unsichtbare Schiff ihr etwas bringen müsse. Was? Nun, zum mindesten
ein Zeichen aus der Welt.
    Endlich schwieg das Läuten, und sie hörte nur noch den Pfiff und das Zischen
des Dampfes, der abgelassen wurde.
    Sie schloss das Fenster wieder. Josephine kam, um ihr beim Auskleiden
behülflich zu sein, aber Franziska schickte sie wieder fort, weil ihr daran lag,
sich ungestört ihren Gedanken und Träumereien überlassen zu können. Alte Bilder
zogen herauf und mit ihnen ein Gefühl unendlicher Sehnsucht. Wonach? Wohin? In
ihre Kindheitstage zurück? War sie glücklicher gewesen, als sie mit Hannah auf
dem Kirchplatze gesessen und hinaufgesehen und die Sterne gezählt hatte? Nein.
Unbefriedigt damals wie heute. »Und so haben wir denn nichts sicher als ein ewig
ungestilltes Verlangen?«
    Immer leidenschaftlicher und fiebriger drängten sich ihr die Fragen, bis sie
zuletzt ermattet einschlief. Aber nicht lange, so war sie wieder wach, warf
einen Plaid über und trat auf den Balkon hinaus, auf denselben Gitterbalkon, auf
dem sie schon einmal, damals von Angst und Schreck wie heute von Unruhe
gepeinigt, gestanden hatte. Der Nebel war fort, eine scharfe Luft zog vom
Gebirge her, und sie sog die Kühle begierig ein. Über einem der bewaldeten
Vorberge stand die Mondessichel, und an ihr vorüber zogen die Reste der
Regenwolken endlos und in fliegender Hast. Alles war längst still in Schloss und
Stadt, nur ein dumpfes Donnern und Brausen traf ihr Ohr, und als sie hinhorchte,
woher es komme, sah sie, dass es der unter den tagelangen Regengüssen
angeschwollene Bergbach war, der ihr zur Linken über die Klippenwand hin in die
Tiefe schoss. Die ganze Wassermasse lag in Nacht und Dunkel, und nur immer auf
Augenblicke, wenn die Sichel drüben ihr Licht herüberschickte, leuchtete der
Schaum auf. Aber unausgesetzt hörte sie von der Klippenwand her das eintönig
mächtige Rauschen, und dazu klang es plötzlich und erinnerungsvoll in ihrer
Seele:
Hörbar rauscht die Zeit vorüber
An des Mädchens Einsamkeit.
Es waren dieselben Worte, die damals an jenem ersten Abend in Gräfin Judits
engerem Kreise den alten Grafen entzückt und vielleicht über ihr und sein Leben
entschieden hatten.
 
                           Vierundzwanzigstes Kapitel
Franziska hatte nach der unruhigen Nacht länger geschlafen als gewöhnlich, so
dass, als sie zu später Stunde erwachte, die Sonne bereits hell ins Zimmer
schien. Alles war wie verändert und ihre melancholische Stimmung wie mit dem
Regen fortgezogen.
    Auch die beiden Kranken hatten sich erholt und gingen unter dem Einfluss des
Wetterumschlags ihrer Genesung ersichtlich entgegen. Der Graf sass aufrecht in
seinem Feldbett, und Tür und Fenster waren geöffnet, um dem Licht überall
Zutritt zu gönnen. Franziska versäumte nicht, von der so vorteilhaft veränderten
Situation auch ihrerseits Nutzen zu ziehen und über das Schiff und das Feuerauge
zu berichten, die sie beide bis in ihren Traum hinein verfolgt hätten. Übrigens
sei sie sicher, dass ihr das Schiff eine Neuigkeit gebracht habe.
    »Hat es auch, Fränzl, einen Brief von Judit. Sie kommt und Egon auch, und
beide warten nur noch auf bessere Tage.«
    Franziska, während der Graf diese Worte sprach, sah vor sich hin und
wechselte die Farbe.
    »Du freust dich nicht?«
    »O doch, ich freue mich. Und wie könnt ich auch anders, als mich freuen? Du
weisst, wie sehr ich die Gräfin verehre, ja wie sehr ich sie liebe; Wochen und
Tage, die sie mir hätte vergällen können, hat sie mir zu den unvergesslich
glücklichsten gemacht. Ich freue mich wirklich und aufrichtig, und wenn ich doch
vielleicht einen Augenblick erschrak, so geschah es in dem Gedanken, aus dieser
mir liebgewordenen Stille plötzlich und unerwartet herausgerissen zu werden.«
    Er sah sie scharf an, aber sie hatte durchaus die Herrschaft über sich
zurückgewonnen und begegnete ruhig seinem Blick.
    »Im übrigen«, nahm der Graf wieder das Wort, während er unter Papieren
umhersuchte, die neben ihm auf dem Tisch lagen, »im übrigen hat der Brief an
mich auch eine Einlage. Da! Schwester Judit scheint sich wie gewöhnlich nicht
ganz kurz gefasst zu haben. Im Briefeschreiben ist sie noch ganz die Dame des
vorigen Jahrhunderts, obschon sie dem unsrigen angehört und sich sogar den Tag
von Austerlitz als ihren Geburtstag ausersehen hat. Beiläufig die wenigst
patriotische Tat ihres Lebens.«
    Franziska hatte den Brief genommen, augenscheinlich in der Absicht, ihn auf
ihrem Zimmer in aller Musse zu lesen, aber Petöfy war andern Sinnes und fuhr
fort: »Ich bin neugierig zu hören, was sie dir schreibt. Es werden keine
Staatsgeheimnisse sein, überflieg es also und lass mich wissen, was ich wissen
darf. Nur die Überschrift möcht ich mit eigenen Augen sehen... Liebe Gräfin...
Ah, das ist gut; und nun lies.«
    Franziska nahm den Brief zurück und las:
    »Ich bin noch altmodisch genug, meine liebe Franziska, Briefe durch Einlage
zu schicken; in meiner Jugend tat man dies oft und gern, jetzt lächelt man
darüber. Jede neue Zeit dünkt sich eben klüger als die vorausgegangene. So war
es von jeher, und ich entsinne mich, über vieles gelacht zu haben, was meine
Mutter, trotzdem sie doch manches Freiere von England her mit herübergebracht
hatte, noch als einen Gegenstand von besonderer Wichtigkeit ansah.«
    »Alltagsbetrachtung!« unterbrach der Graf. »Aber lass uns weiter hören.«
    »Ich freue mich, dass Dein Leben auf Schloss Arpa Dich so glücklich macht, und
find es klug, dass Du das Ungrische so gleichsam von verschiedenen Seiten her in
Angriff nimmst. Aber wenn Du den Rat einer alten Frau nicht verschmähst, so gehe
darin nicht zu weit. Es wird das klügste für Dich sein, deutsch zu bleiben und
das Ungrische nur so weit gelten zu lassen, soweit es gelten muss. Alles, was in
Deinem neuen Leben an Dich herantritt, musst Du freundlich ansehen und ein Wort
der Anerkennung dafür haben, auch selbst gegen besseres Wissen, aber Du darfst
nicht selbst ungrisch sein oder werden wollen. Es wird einem ein solches Opfer
in den seltensten Fällen gedankt. Und kann auch kaum. Denn so gewiss ein
Sichselbstvergessen unser Schönstes ist, so geziemt sich dies Selbstvergessen
doch immer nur im Sinn und Dienste des christlichen Ideals. Wir sollen unser Ich
opfern um der erlösenden Liebe willen, das ist etwas Grosses, aber wir sollen
uns, unser Volk und unsere Sprache nicht aufgeben, bloss um einer andern in
gleicher Selbstsucht und Selbstgerechtigkeit befangenen Nationalität willen.«
    »Und doch hat sie's getan. Aber fahre fort.«
    »All das ist weder nach Gottes Gebot noch nach dem Gesetz der Klugheit, und
ich lebe der Überzeugung, dass der Herr Curatus von Szegenihaza diese meine
Meinung teilen wird. Wär es anders, so wär er mehr ungrisch als christlich, was
ich nach dem Bilde, das ich in früherer Zeit von ihm empfangen habe, nicht
glaube. Der Unglücksfall auf dem See hat mich tief erschüttert, am meisten aber,
dass die Gegenwart des Allerheiligsten das Unglück nicht abwenden konnte.
Vielleicht dass um eines Schuld und Missetat willen soviel Unschuldige den Tod
miterleiden mussten.«
    »Judit hat eine Neigung«, warf hier der Graf ein, »an den einfachsten
Erklärungen vorüberzugehen und immer nach wenigstens einem Geheimnis zu suchen,
wenn es ein Wunder nicht sein kann. Das Fährboot kenterte, weil es überladen und
der Fährmann betrunken war. C'est tout. Aber lass mich auch den Schluss hören.«
    »Durch Graf Adam wirst Du, noch ehe Du diese Zeilen liest, von unserer
Absicht eines kurzen Herbstaufentalts auf Schloss Arpa vernommen haben. Wenn ich
sage, von unserer Absicht, so heisst das, Egon begleitet mich. Er wünscht an den
Wolfsjagden teilzunehmen, die der alte Graf Pejevics in der Umgegend von Schloss
Falcavar und auf seinen Gütern überhaupt abzuhalten gedenkt. Auch der junge
Graf, den du ja kennst, wird, wenn er Urlaub erhält, bei den Jagden zugegen
sein. Ich freue mich sehr auf diesen Aufentalt, den ersten wieder seit nun
gerade zehn Jahren. Wohl ist es wahr, die Stätten unserer Jugend bleiben uns
allzeit teuer, und wir hängen daran mit der Kraft einer ersten Liebe.
    Sage dem Pfarrer meinen Gruss, ebenso dem alten Toldy. Sowie der Regen
nachlässt, den wir hier unausgesetzt seit fast zwei Wochen gehabt haben, brechen
wir auf. Ein Telegramm meldet Euch zuvor noch Bestimmtes und wenn nicht die
Stunde, so doch den Tag unserer Ankunft. In herzlicher Ergebenheit Deine
                                                       Judit v. Gundolskirchen,
                                                             geb. Gräfin Petöfy«
Franziska legte den Brief aus der Hand und sagte: »Wie liebenswürdig! Und am
liebenswürdigsten da, wo sie mich tadelt. Ich glaube, dass sie recht hat und dass
es in der Tat eine Gefahr in sich birgt, sich irgendwo gewaltsam einbürgern zu
wollen. Ich muss alles mehr abwarten lernen. Das aber überrascht mich doch, und
du selbst, Petöfy, schienst etwas der Art andeuten zu wollen, die Gräfin, deine
Schwester, so wenig ungrisch zu sehen, trotzdem sie doch ihrer ungrischen
Jugendtage mit Vorliebe zu gedenken scheint. Ist sie deutsch geworden ihrem
deutschen Eheherrn oder einfach ihrem deutschen Namen zuliebe?«
    »Weder das eine noch das andere. Kirchliche Leute haben eben die Kirche. Die
bedeutet ihnen Heimat und Vaterland, und nur die. Die Nationalitäten sind ihnen
nichts und empfangen ihre Schätzung erst aus der Frage, wieweit sie der Kirche
dienen oder nicht. Übrigens ist Judit nach Art aller Langsamen und
Schwerfälligen auch rascher Entschlüsse, ja vollkommener Überhastungen fähig,
und da wir, wie der Augenschein, Gott sei Dank, zeigt, seit sechs Stunden ein
anderes Wetter haben, so können wir sie nach sechsmal sechs Stunden erwarten.
Ich werde mich also von heut an in Papier Fayard wickeln und mit meinem Rest von
Hüftweh wenigstens soweit aufzuräumen suchen, um die Häuser Gundolskirchen und
Asperg auf gut ungrisch empfangen zu können.«
 
                           Fünfundzwanzigstes Kapitel
Den dritten Tag darnach kam ein Telegramm: »Wir treffen mit dem Mittagsdampfer
ein; Egon.« Und wenn schon in den Tagen vorher ein Lüften und Klopfen, ein
Schieben und Stellen gewesen war, so verdoppelte sich jetzt der
Einrichtungseifer. Für Gräfin Judit wurden die Zimmer bestimmt, die neben denen
ihres Bruders gelegen waren, während für Egon, wie schon bei manchem früheren
Besuche, wieder die kleine Turmstube hergerichtet wurde, womit der in seinem
unteren Teile nur ein Treppenhaus bildende alte Schlossturm nach obenhin
abschloss. Egon, wenn er hier wohnte, stieg dann oft und gern auf die Plattform
hinauf und erfreute sich von dieser aus der wunderbar schönen Aussicht über den
See. Der alte Graf behandelte dies als »deutsche Romantik« und spottete darüber,
obschon er selbst in Dinge verfallen konnte, die viel romantischer waren.
    Und nun brach der Tag an, wo sie kommen sollten. Franziska war früh auf,
nahm noch einmal bis in die Turmstube hinauf eine Musterung vor und stand eben
auf dem Punkte, durch den grossen Esssaal in ihre Zimmer zurückzukehren, als sie
Hannahs ansichtig wurde, die von dem der alten Kapelle gegenüber gelegenen
Balkon her irgendeinem auf dem Schlosshofe stattfindenden Vorgange neugierig
zuzusehen schien.
    »Was hast du?« fragte sie, Hannah aber winkte nur halb geheimnisvoll, so
still wie möglich heranzutreten, und als Franziska diesem Winke folgte, sah sie,
dass eine Taube bemüht war, ein grosses Wollknäuel abzuwickeln, das mitten auf dem
Schlosshof lag und von einer der Mägde verloren sein musste. Das Tierchen, eine
Kropftaube, pickte beständig daran herum und ruhte nicht eher, als bis es einen
wohl zwanzig Fuss langen Faden abgewickelt hatte, mit dem es nun, während das
unten liegenbleibende Knäuel sich abwechselnd hob und wieder fiel auf eine dicht
neben dem Glockenstuhl befindliche Maueröffnung zuflog. Es war ganz ersichtlich,
dass es den unten von ungefähr gemachten Fund benutzen wollte, sich oben ein Nest
zu bauen, und als Hannah wahrnahm, dass alles beinahe abgewickelt war, schickte
sie sich an, an das alte Knäuel ein neues anzubinden, bloss um sich zu
vergewissern, wie lange das Tier wohl in seinem Fleisse verharren würde.
Franziska litt es aber nicht und sagte: »Du darfst es dem, der sein Nest bauen
will, nicht zu schwer machen.«
    »Ich mach es ihm nicht schwerer, als er sich's selber macht. Dieser Kröpfer
kann ja den Faden, wenn er will, jeden Augenblick wieder fallen lassen.«
    Es war nur ein kleiner und unbedeutender Hergang, und doch haftete das Bild
davon in Franziskas Seele. »Trieb!« sagte sie. »Wohl nichts weiter als Trieb.
Aber er bedeutet Arbeit und Mühe um Lebens und Liebe willen.«
    Und sie hing diesen und ähnlichen Betrachtungen noch eine Weile nach.
    Aber die Mittagsstunde war nahe heran, und der Graf liess sagen, dass der
Wagen in einer Viertelstunde vorfahren werde. Da galt es denn, sich zu eilen.
Sie wusste, wie sehr er auf Pünktlichkeit hielt, und trat eine Minute vor der
Zeit in sein Zimmer in leichtem Hut und schwarz und weiss gestreiftem Burnus,
darin er sie mit Vorliebe sah. Die Kapuze mit der Quaste daran und mehr noch der
seidenglänzende Stoff, der im Winde bauschte, kleideten sie in der Tat
vorzüglich. Ein zweiter, leerer Wagen, ebenfalls zweisitzig, folgte. Den Bergweg
hinunter ging es in einem mässigen Trab, unten aber jagten die Pferde durch die
Tümpel hindurch, die hier noch überallhin von der Regenzeit her standen. Der
Mais ragte hoch auf, so hoch, dass auf eine ganze Strecke hin der Ausblick
gehindert war, kaum indes, dass ihr Wagen die Maisplantage hinter sich hatte, so
ward auch schon der Dampfer sichtbar, der auf die Anlegestelle zusteuerte.
    »Rasch, rasch!« rief der Graf, indem er dem Kutscher einen Schlag auf die
Schulter gab und auf das immer näher kommende Schiff deutete, dessen
unausgesetztes Läuten eine ganze Welt von Ankömmlingen erwarten liess. Aber nur
wenige Passagiere standen unter dem ausgespannten Dach, dessen rot eingefasste
Borte lustig hin und her flatterte. Franziska glaubte die Gräfin schon von
fernher erkannt zu haben und wies auf eine stattliche Gestalt in schwarzer Robe;
der alte Graf aber, der schärfer sah, lachte herzlich, dass sie den Geistlichen
von Nagy-Vasar, »der freilich noch schwärzer als Schwester Judit sei«, mit
dieser verwechselt habe.
    Fast im selben Augenblick, wo der Wagen hielt, hielt auch der Dampfer.
    Egon, in Jagdrock und steirischem Hut, sprang ans Ufer, umarmte den Oheim
und küsste Franziska die Hand. Er schien in ausgiebigster Laune, freilich auf
Kosten der alten Gräfin, die noch immer nicht sichtbar wurde. Die Tante habe
sich zu Beginn der Fahrt auf Deck befunden und bei den gleichgültigsten Stellen
im heissesten Sonnenbrande tapfer ausgehalten, im Moment aber, wo der See breit
und schön geworden sei, habe sie sich in die Kajüte zurückgezogen, nicht um zu
schlafen, was er gelten lasse, sondern um eines seekranken Kanarienvogels
willen, der seit etwa zwei Monaten mit Fessler die Herrschaft teile. »Mais
voilà.« Und nun wies er auf die Tante, die mit dem Vogelbauer in der Hand eben
die Kajütentreppe heraufkam und gleich darnach auch die kleine Rollbrücke
passierte, die man inzwischen von der Landungsstelle her auf das Schiffsdeck
geschoben hatte.
    Die Begrüssung war herzlich, weniger mit dem Bruder als mit Franziska, deren
Handkuss sie mit einem Kuss auf die Stirn erwiderte. »Wie gut dir die Luft von
Schloss Arpa bekommen ist! Vortrefflich. Du siehst besser und frischer aus als in
Öslau. Und das waren doch auch schöne Tage. Nicht wahr? Hörst du noch dann und
wann von dem reizenden Fräulein Phemi?«
    Unter solchem Gespräch und Geplauder hatte man von der Landungsbrücke her
den Punkt erreicht, wo die beiden Wagen hielten, Franziska nahm im ersten neben
der Gräfin Platz, Egon aber im zweiten neben dem alten Grafen. Und im Fluge ging
es nun auf Schloss Arpa zu.
    »Nun, meine liebe kleine Gräfin«, sagte Judit, während sie die Quaste, die
beständig hin und her flog, in Franziskas Kapuze zurückstopfte, »nun sage mir:
come sta? Wie lebt sich's mit diesem Ungeheuer von Bruder, mit diesem Infidèle,
mit diesem Überbleibsel aus dem Nachlasse des Herrn von Voltaire? Du hast mir
geschrieben, du seist glücklich, und dein Teint und deine klaren Augen scheinen
es mir bestätigen zu wollen, aber, meine teure Franziska, Briefe lügen und Teint
und Augen auch. Aber was nicht lügt, das ist die Stimme, und so sage mir denn,
denn so schön und so frei fahren wir nicht wieder in die Welt hinein, sage mir
also: bist du glücklich?«
    Franziska nahm Judits Hand und küsste sie. Dann sagte sie, während sie zu
der Gräfin aufsah und ihre Hand, die sich wie Wohlwollen anfühlte, fest in der
ihrigen behielt: »Ich habe mehr Glück gewonnen, als ich erwartete. Der Graf
liebt mich und ist edel und gerecht. Ob ich glücklich bin? Ich weiss es nicht,
gnädigste Gräfin, aber ich hoff es. Vielleicht kann man glücklich sein, wenn man
es sein will, und ich hab einmal gelesen, man könne das Glück auch lernen. Das
hat mir gefallen. Und wirklich, es muss Mittel dazu geben.«
    »Ja, das Gebet. Und vor allem das eine: Führ uns nicht in Versuchung.«
    Auch in dem Wagen, der folgte, ging das Gespräch. Etwas von dem
Schlammwasser spritzte gegen Egons Hut, der ihn abnahm, um ihn wieder zu
säubern. »Sieh, gerad an den Gemsbart«, sagte der Oheim. »Und so straft dich
denn der erste magyarische Tümpel für dein unmagyarisch Herz. In allem Ernst,
Egon, du kannst in dem Gemsbartute nicht zu dem alten Pejevics fahren, der,
weil er eigentlich kein Magyar ist, selbstverständlich den Doppelmagyaren
spielt. Aber gleichviel, deine Mutter war eine Petöfy, das vergisst man dir nicht
und fordert einen Reiherbusch oder eine Adlerfeder von dir, solange du hier
bist. Du kennst unsere kleinen Schwächen.«
    »Und unterwerfe mich ihnen. Am wenigsten aber möcht ich mir die Jagd und die
Stimmung auf Schloss Falcavar verderben. Weisst du, wer zugegen sein wird?
Natürlich Szabô.«
    »Der gewiss und sehr wahrscheinlich auch Perczel. Devaviany zweifelhaft.
Familienmalheur. Im übrigen steh ich mit der Nachbarschaft auf einem Grollfuss
und weiss eigentlich so gut wie nichts. Man beliebt nämlich, meine Gräfin nicht
gräflich genug zu finden, oder bemängelt ihren Stammbaum. Ich bin aber nicht
gewohnt, mir Vorschriften machen oder wohl gar alte Vorurteilsalbernheiten als
ebensoviel Weisheit aufdrängen zu lassen.«
    »Und so lebt ihr denn ziemlich einsam?«
    »Nein und ja. Jedenfalls einsam genug, um sich eines lieben Besuches doppelt
zu freuen.«
    Und damit fuhr ihr Wagen unter dem Portal fort in den Schlosshof ein.
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel
Seit jenem Ankunftstage war eine geraume Zeit, über drei Wochen, vergangen und
Egon längst wieder von den grossen Jagden im Pejevicsschen Schloss zurück. Man
war mitten im Oktober und sprach bereits von Abreise, das wundervolle Wetter
aber, das jetzt ausgleichen zu wollen schien, was der Regen vorher verschuldet
hatte, schob den Termin immer wieder hinaus. Auch war es mit dem Aufbruch ein
gut Teil weniger ernstaft gemeint, als es den Anschein hatte, wenigstens von
seiten Egons, der nicht müde wurde, das »sich in der Ellipse bewegende Leben
oder, was dasselbe sagen wolle, das Leben mit dem Doppelmittelpunkte zweier
Tanten« als eine neue und höchste Daseinsform zu proklamieren.
    Mit Franziska stand er überhaupt auf dem Neckfuss und versicherte, dass sie
gleich vom ersten Augenblick an ihn in ihrer neuen Eigenschaft als »Magyarin«
enttäuscht habe. Schon am Dampfschiff hab es begonnen. Er habe sie nämlich auf
einem Rassepferd erwartet, im Reitkleid, mit wehendem Schleier und englischer
Gerte; statt dessen sei sie wohlverwahrt in einem Korbwagen herangekommen, ganz
wie protestantische kleine Comtessen, die zum Religionsunterricht oder zum
Kinderball in die Stadt gefahren werden. Ja, so hab es begonnen, und was er
seitdem hier erlebt habe, habe seine Verwunderung und seine Betrübnis nur
gesteigert und ihn mehr und mehr erkennen lassen, auf wie falschen Wegen sie
wandle. Sie wolle magyarisch sein oder doch wenigstens werden und fange das
Magyarische mit der Korrekteit an, während sie's umgekehrt mit der
Unkorrekteit versuchen müsse. Korrekteit, und noch dazu solche, zu der man
durch Grammatik und die kleine Kirchengrösse von Szegenihaza herangebildet werde,
sei durchaus alltäglich, und was alltäglich sei, sei nicht ungrisch. In Ungarn
müsse das Leben in der Attacke genommen werden. Und er wette, dass sie, richtig
geleitet, den Mut und die Geschicklichkeit und vielleicht auch schon ein Stück
Vorbildung dazu besässe. Die richtige Leitung aber habe gefehlt. Das Nächste sei,
den kleinen Geistlichen unten auf Urlaub zu schicken, für den Rest hoff er sich
persönlich verbürgen zu können.
    Egon, wenn er so neckte, durfte der Zustimmung des alten Grafen jedesmal
sicher sein, der nur noch hinzuzufügen liebte: Franziska habe zuviel von des
Goldschmieds Töchterlein mit Gebetbuch und Trippelschritt; sie sei nicht bloss
deutsch, sie sei sogar schwäbisch. Nur Gräfin Judit opponierte, wenn so
gesprochen wurde, schüttelte den Kopf und wollte von Steeplechase nichts wissen.
Franziska sei mehr auf die Betrachtung als auf die Durchlebung der Dinge
gestellt und werde den Geistlichen, wenn er ausbleibe, gewiss schmerzlich
vermissen; sie säh es durchaus als ihre Pflicht an, um Franziskas willen in
diesem Sinne zu sprechen. In Wahrheit aber sprach sie nur deshalb mit soviel
Wärme für das Weitererscheinen des Herrn Curatus, weil sie persönlich nichts
lieber hatte als Plaudereien über Beichtgang und den Stand der Sittlichkeit in
der Gemeinde.
    Franziska, wenn der Kampf der Parteien in dieser Weise tobte, horchte
dankbar lächelnd dem Lobe zu, das ihr von der alten Gräfin gespendet wurde, war
aber doch zu jung, als dass sie nicht die bald in Angriff genommenen Lektionen im
Sattel denen in der Grammatik vorgezogen hätte. Mitunter schloss sich der alte
Graf an, meist aber war es Andras, der das junge Paar in die Berge hinein
begleitete.
    Während dieser Ausflüge war es denn auch, dass sich Egon und Franziska recht
eigentlich erst kennen und ein Gefallen aneinander finden lernten. In der rasch
durchtrabten Plaine sprachen sie wenig, aber in das Schluchten- und
Waldeswirrwarr einbiegend, wo zwischen Gestrüpp und Unterholz hin der Weg erst
gebahnt werden musste, wurde ihr Gespräch lebhaft.
    Egon zeigte sich dann sehr anders als im Kreise daheim. Er liess den
spöttischen Ton fallen, sprach ernst und einfach und vermied Fragen, die für ihn
ohnehin so gut wie beantwortet waren. Er sah deutlich, dass Franziska vor einer
Aufgabe stand, die schliesslich ihre Kraft übersteigen würde. Sie gab sich
freilich kühl. Aber war sie's? Er hegte Zweifel und sah sich eines Tages in
diesen seinen Zweifeln bestärkt. In einem benachbarten adligen Hause nämlich
hatte sich ganz vor kurzem erst ein Entführungsroman abgespielt, in dem eine
Schwägerin Graf Devavianys die Schuldige, nach Ansicht andrer aber, und zwar mit
Rücksicht auf ihren sittenverdorbenen und grundschlechten Eheherrn, die Heldin
war. Auch Franziska trat für die Verklagte mit lebhaften Worten ein, und als
Egon, übrigens mehr aus Überlegung als aus Überzeugung, ihr widersprach, wurde
sie mit jedem Momente heftiger und erregter. Einer der ihr feststehenden Grund-
und Lebenssätze sei der von der Gegenseitigkeit der Pflichten, und die
Forderung, eine gewohnheitsmässige Pflichtuntreue mit unerschütterlicher
Pflichttreue beantworten zu sollen, empöre sie geradezu, ja mehr, sie fühle ganz
deutlich, dass sie durch Verrat und Untreue, denen sie wie selbstverständlich
hingeopfert werden solle, zu den extremsten Dingen hingerissen werden könne.
Dank und Pietät, ohne die die Welt roh und gemein sei, seien ihr, so hoffe sie
wenigstens, tief ins Herz geschrieben, aber ebenso tief berge sie den
leidenschaftlichen Hang nach Wiedervergeltung in ihrem Gemüt, und wenn sie
zurückblicke, so gäb es für sie kein Gefühl, in dem ihre Phantasie so geschwelgt
habe wie in dem befriedigter Rache.
    Egon, während sie so sprach, hatte sie von der Seite her scharf beobachtet
und hielt ich von dem Augenblick an mehr noch als vorher überzeugt, dass die
Kühle, die sie zeigte, nur Täuschung sei.
    Sein Interesse wuchs aber, je mehr ihn diese Frage beschäftigte.
 
                          Siebenundzwanzigstes Kapitel
Auch die Beziehungen, die Franziska zur alten Gräfin unterhielt, gestalteten
sich, soweit eine Steigerung überhaupt noch möglich war, immer freundlicher und
erfuhren durch kleine, halb scherzhafte Meinungsverschiedenheiten keine
Schädigung, weil man sich in ernstaften Dingen einig wusste. Dies trat schon an
einem der ersten Tage hervor, wo Gräfin Judit, ihre Scheu gegen Treppensteigen
überwindend, einen speziellen, allerdings auch wohl von Neugier diktierten
Anstandsbesuch bei Franziska gemacht und eine herzliche Plauderstunde mit dieser
gehabt hatte. Gleich beim Eintritt war sie froh überrascht gewesen, dem
Muttergottesbilde wiederzubegegnen, das sie sich sehr wohl entsann in den Tagen
ihrer Kindheit an eben dieser Stelle gesehen zu haben. Und wirklich, nur der
Rosenkranz am Arm des Christkindes war neu hinzugekommen. Franziska, die rasch
bemerkte, was im Gemüte der alten Gräfin vorging, schob ihr einen bequemen
Sessel heran, setzte sie sorglich hinein und sagte dann erklärend und in einem
gedämpften Tone: sie habe sich wohl gedacht, dass ihr das Muttergottesbild eine
besonders liebe Erinnerung sein werde, weshalb sie denn auch eine Weile
geschwankt habe, ob sie's nicht von der Konsole herabnehmen und unten im
Schlafzimmer der Gräfin aufstellen solle. Aber sie woll es nur gestehen, sie
habe sich ihrerseits nicht davon trennen mögen. Denn das Muttergottesbild sei
das erste gewesen, von dem sie hier auf Schloss Arpa begrüsst worden sei, noch
früher als von Hannah, und sosehr sie sich im ersten Augenblick als Protestantin
über diesen Gruss verwundert und beinahe erschreckt habe, so sei's ihr doch am
andern Tage schon gewesen, als wüchse das kleine Nischendach und nehme sie mit
unter seinen Schutz.
    Von all diesem, als Franziska so sprach, war der guten Gräfin Herz so ganz
getroffen worden, dass sie bewegt geantwortet hatte: Franziska habe recht getan,
das Bild an alter Stelle zu lassen; man solle, nach dem Sprüchwort, alte Bäume
nicht verpflanzen, aber alte Heiligenbilder auch nicht, und so hoffe sie sich
keiner Sünde schuldig zu machen, wenn sie rundheraus ausspreche, die Heiligen
segneten überall, aber da, wo sie gerade stünden und schon von alter Zeit her
gestanden, da hätten sie doppelte Macht und noch ganz besondere Wurzeln ihrer
Kraft. Und dieser Kraft bedürfe der eine mehr als der andere. Franziska sei
jung, und ein junges Herz, eben weil es jung sei, brauche zwiefach Trost und
Beistand. Ein altes finde sich schon eher zurecht. Und darnach hatte man das
Gespräch fallenlassen, das nichtsdestoweniger oder vielleicht gerade, weil man
es still nachwirken liess, das gute Verhältnis zwischen beiden noch um ein
erhebliches befestigt und auch wohl Hoffnungen in dem Herzen der alten Gräfin
angeregt hatte. Denn sie war nach wie vor nicht frei von dem Hange nach
Bekehrung und hielt es mit dem Fischzuge Petri. Schon in Wien hatte sie mit
Fessler die Möglichkeit eines Übertritts erwogen und an dem Tage, der dem
vorerwähnten Gespräche mit Franziska folgte, diesen Punkt auch brieflich wieder
aufgenommen. Aber erst einem zweiten kleinen Ereignisse war es vorbehalten, sie
hinsichtlich ihrer Konversionspläne mit voller, wenn auch freilich abermals
missverstandener Hoffnung zu erfüllen. Das Ereignis selbst aber war das folgende.
    Schon bald nach Egons und der alten Gräfin Ankunft auf Schloss Arpa war von
einem Besuch unten in der Gruftkapelle gesprochen worden, immer jedoch hatte
sich's wieder zerschlagen, bis endlich seitens des alten Grafen, sowenig ihm
persönlich an diesem Kapellenbesuche lag, ein Trumpf darauf gesetzt worden war.
»Fahren oder Gehen« stand allein noch zur Frage. Schwester Judit, die sich vor
dem Bergab und mehr noch vor der raschen Zickzackbewegung fürchtete, entschied
sich für Gehen mit dreimaliger Rast, und zwar erst bei Toldy, dann bei den
Hängeweiden und zuletzt bei Schmied Ambronn unten, in dessen Verwahrsam sich
auch der Gitterschlüssel befand. Unten angekommen, setzte man sich auf eine
zwischen zwei Pappeln stehende Bank, gerade der Schmiede gegenüber, und sah dem
Schmied, der eben ein Pferd beschlug, bei seiner Hantierung zu. Tante Judit war
entzückt. »Sieh, Franziska, das hab ich nun seit fünfzig Jahren nicht mehr
gesehen, seit meinen Mädchentagen nicht. Wo hat man nur immer seine Augen? Nie
da, wo man sie haben sollte. Man achtet soviel auf Schlechtes und Hässliches im
Leben und auf das Gute nicht. Sieh doch nur das Eisen, womit er den Huf abstösst,
und das Sprühfeuer auf dem Herd.«
    Der Schmied, als er die Herrschaften erscheinen sah, hatte sich bei seiner
Arbeit unterbrechen wollen, war aber dem Widerspruche des Grafen begegnet. »Habe
lange genug in Deutschland gelebt, mein lieber Ambronn, um euer Sprüchwort zu
kennen: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Also nur erst fertig hier. Wir haben
Zeit und die Toten auch. Übrigens seht nur, wie Gräfin Judit Euch zusieht; sie
verschlingt Euch fast, so gut gefallt Ihr ihr. Und ist nicht der schlimmste
Geschmack, den sie hat. Nicht wahr, Judit? Aber dafür müsst Ihr sorgen, Ambronn,
dass der Jung am Blasbalg seine Schuldigkeit tut und dass die Funken immer höher
fliegen. Haben wir die, so haben wir alles, und es kann dann so lange dauern,
wie's will. Ist dann, als ob wir Feuerwerk hätten.«
    Der Schmied, der vornehme Leute sehr gut kannte, beeilte sich
nichtsdestoweniger, und ehe zehn Minuten um waren, erschien er mit dem Schlüssel
und bog, vorangehend, auf den kleinen Platz ein, auf dem die Kapelle gelegen
war.
    Es war ein Grasplatz mit zwei runden Asterbeeten und einem Kiesweg
dazwischen; mitten auf dem Kiesweg aber stand eine Sonnenuhr. Egon wies darauf
hin, als er mit Franziska vorüberging. »Für wen?«
    Und nun stieg der Schmied die Steinstufen hinauf und öffnete die grosse
Gittertür, dieselbe, durch die Franziska gleich am ersten Ausfahrtstage mit dem
Grafen einen Blick geworfen und das Flimmern der Ewigen Lampe gesehen hatte.
    Drinnen sah es etwas vernachlässigt aus, der Graf war eben kein
Kapellenbesucher. Und nun gar eine Gruftkapelle! Staub und Spinnwebe lagerten
über allem, und der unausgesetzt aufsteigende Qualm der Ewigen Lampe hatte das
steife byzantinische Marienbild, das an der Wand dahinter aufragte, halb
überblakt. Die strengen Züge schienen noch strenger geworden, und nur das
Christkind, das nach der Weltkugel griff, lächelte.
    Franziska konnte sich von dem Bilde nicht trennen und sah andächtig und
bewegt hinauf, während Egon, der zum ersten Male hier war, ziemlich abgespannt
an den Särgen hinschritt und sie wiederholentlich zählte, trotzdem zur
Feststellung ihrer Zahl ein einziger Blick genügte. Nur auf dem letzten Sarge
lag ein Kranz, aber verwelkt, weil er nur einmal alljährlich erneuert wurde.
    Der alte Graf schien nicht viel interessierter als Egon, am lästigsten aber
war ihm das Anstandsschweigen, die gezwungene Rücksicht auf Gebete, die, Judit
abgerechnet, mutmasslich von keinem gesprochen wurden. Endlich trat er in die
Lücke, die noch zwischen dem letzten Sarg und dem Wandpfeiler war, und sagte:
»Sieh, Judit, zwei Plätze noch, für dich und für mich. Kommt noch wer, so
müssen wir zusammenrücken. Die Petöfys haben es an Politesse nie fehlen lassen.«
    Franziska gab es einen Stich, als er so sprach. Gehörte sie nicht hierher?
Überkam ihn plötzlich eine Standes- und Hochmutslaune? Nein, unmöglich. Wenn er
sich eben halb scherzhaft seiner Politesse berühmt hatte, so wusste sie, dass er
eines besass, das ungleich höher stand: Edelsinn und ein innerstes Widerstreben,
anderer Gefühle zu verletzen. Aber wenn es nicht Hochmutslaune war, was war es
dann? War es, dass er sie zart und rücksichtsvoll in ihrer Eigenschaft als
Protestantin nicht ohne weiteres an die katolische Stelle hin einladen wollte?
Sie kam zu keinem Abschluss und ging ernst und sinnend neben der alten Gräfin
her, die, halb durch ihre Wünsche, halb durch ihre Korrespondenz mit Fessler
präokkupiert, all diesem Ernst und Sinnen eine andere Deutung gab und an die
Möglichkeit dachte, dass der Moment vor dem verblakten Marienbilde doch
vielleicht ein Erweckungsmoment gewesen sein könne.
Unter denselben Pausen, die man beim Hinabsteigen gemacht hatte, stieg man auch
wieder bergan und war eben bei dem Teich und seinen Hängeweiden angekommen, als
man etwas höher hinauf ein Schluchzen, Lärmen und Lamentieren hörte, das, wenn
nicht alles täuschte, von der Stelle herkam, wo hinter dem langen Weingange die
Gärtnerei gelegen war. Und wirklich, als man sich mit soviel Raschheit, wie das
Astma der alten Gräfin nur irgendwie zuliess, jener Vorlaube genähert hatte, vor
der Franziska damals an dem Barcsaitage mit soviel Devotion und Liebe von seiten
der Toldyschen Kinder empfangen worden war, sah man, dass sich hier etwas
Ungewöhnliches ereignet haben müsse, denn nicht nur lief Toldy wie von der
Tarantel gestochen auf und ab, auch die beiden ältesten Töchter starrten, den
Kopf auf die Hand gestützt, in Traurigkeit vor sich hin, während vier kleinere,
von denen keines über sieben zählte, bald an dem Rock des Vaters, bald an Kleid
oder Schürze der beiden älteren Schwestern hingen und jenes Wehgeschrei
fortsetzten, das man schon auf Mittelhöhe des Abhanges gehört hatte. Franziska,
die für alles Toldysche voll wirklicher Zärtlichkeit war, eilte, wie sie den
Jammer sah, allen anderen vorauf, den beiden ältesten Mädchen entgegen, aber ehe
sie noch eine Frage stellen konnte, hatte sich Toldy selbst schon vor dem Grafen
in die Knie geworfen und überflutete diesen mit einem Redestrom, in dem
Marischka das dritte Wort war. Marischka sei fort, Marischka habe drunten auf
der Wiese gespielt mit Stellmacher Szekelis grosser Aranka, die schon ins zwölfte
Jahr geh, und mit Zsoldos kleinem Görgeli, der noch kleiner sei als Marischka.
Und mit eins sei von der Seite her ein böses altes Weib mit einem roten Tuch um
den Kopf aus dem Erlenbusch herausgesprungen und hätte die Marischka gepackt und
weggezerrt. Und das Kind habe nicht einmal geschrien, so todangst sei es
gewesen. Und der kleine Görgeli sage, sie hätten's in einen Sack gesteckt. Aber
das sei nicht wahr, das sei bloss aus dem Märchen, wo die Kinder immer in einen
Sack gesteckt würden, nein, das glaub er nicht; aber weg sei die Marischka und
er müsse sie wiederhaben, denn Marischka sei das Nestühnchen und ein Engelchen
und er solle nur die Gräfin gnädigste fragen, die wiss es auch, dass es ein
Engelchen sei.
    So ging es noch eine gute Weile, während die Kinder ebenfalls niederknieten
und ihre Händchen falteten und jämmerlich weiterweinten und -schluchzten. Es war
rührend, die Liebe der kinderreichen Familie zu dem verlorengegangenen Liebling
zu sehen, aber in das Rührende mischte sich freilich auch ein Beisatz von
Komischem, der, wenn nicht von Judit und Franziska, so doch von Egon und dem
alten Grafen empfunden wurde.
    »Ja, Toldy«, sagte dieser endlich, »ich will tun, was du willst, aber du
musst mir sagen, was und wie. Gegen wen hast du Verdacht? Wohin sind sie
gegangen? Und wen nehmen wir mit?«
    »Istem Magyar, ich weiss: der Hanka muss helfen. So wir haben Hanka, haben wir
auch Marischka. Hanka ist König. Aber Hanka hat Hass gegen Toldy, zweimal, erst
Hass wegen dem Spiel« - und er machte die Bewegung eines Geigenstrichs -, »und
dann Hass, weil Toldy gesagt hat - aber Toldy hat es nicht gesagt -, das letzte
Feuer, das sei von ihm, von dem Hanka gewesen. Aber wenn Graf sagen: Hanka,
hilf!, dann hilft Hanka und vergisst Hass. Denn Hanka liebt Graf und fürchtet
Graf.«
    Einem solchen Appell an Hülfe war natürlich nicht zu widerstehen, und so
wurde denn, als man das Schloss erreicht hatte, sofort an »König Hanka«
geschickt, der alsbald auch zurücksagen liess: er wisse nichts weiter, als dass
drei Lager am grossen See seien; an alle drei woll er schicken und alle drei
seinen Willen wissen lassen. Aber es werde sich keiner zu dem Kindesdiebstahl
aus freien Stücken bekennen wollen, und so werde man's doch suchen müssen, bis
man's finde. Aber finden werde man's.
    Nach Eingang dieser Nachrichten beruhigten sich alle Parteien, am meisten
Andras, der sich von Anfang an ziemlich kühl gezeigt und im Gegensatz zu dem
Rest der Familie zu Hannah, die seine Vertraute war, dahin ausgesprochen hatte,
dass das Toldysche Haus überhaupt auf zuviel Augen stehe. Was aber die Marischka
beträfe, so sei sie wohl ein Verzug, aber kein Engel. Ein Punkt, über den zu
sprechen er um so geeigneter war, als er selber ungebührlich verzogen wurde.
Ja, man beruhigte sich, und Egon, als die Teestunde da war, stand bereits an dem
Punkt, alles von der heiteren Seite zu nehmen. Zugleich sprach er gegen
Franziska, die dabei zustimmend nickte, die Hoffnung aus, sie werde die für den
andern Tag anberaumte grosse Suche mitmachen, immer vorausgesetzt, dass sich bis
dahin nicht alles wieder geregelt habe, was freilich das wahrscheinlichste sei.
Denn das ganze Gesindel hänge zusammen, und nachdem König Hanka seinen Ukas
nunmehr erlassen habe, werde sich das »Engelchen« am andern Morgen auf Toldys
Türschwelle vorfinden.
    Aber dies erfüllte sich nicht, und als um die zehnte Stunde noch immer an
keine Marischka zu denken war, brach man in zwei starken Trupps auf, von denen
der alte Graf die für das linke, Graf Egon die für das rechte Seeufer bestimmte
Kolonne führte. Bei der ersteren war auch Toldy, bei der zweiten aber Andras und
Franziska, welch letztere trotz alles Abmahnens der alten Gräfin ihrer Neugier
und einem kleinen in ihr aufsteigenden Abenteuerhange nicht hatte widerstehen
können. Unten in Szegenihaza schloss sich dem Egonschen Trupp auch noch der
kleine geistliche Herr an, anscheinend um dem Ganzen eine höhere Weihe zu geben,
in Wahrheit aber aus Vorliebe für die junge Gräfin und in dankerfüllter
Erinnerung an die Stunden und Tage, die sein armes, kleines Leben einen Sommer
lang beglückt hatten.
    Egon hiess ihn willkommen, und in jagdgerechtem Absuchen immer wieder von der
Peripherie der Gehölze her bis in das Innere vordringend, ritt man von Dorf zu
Dorf, auch sonst noch auf jede Kleinigkeit achtend. Aber die Sonne stand schon
ziemlich tief, ohne dass man einer Spur des Kindes begegnet wäre. Franziska hing
den Kopf, während Egon in wirklicher oder erkünstelter Verstimmung über den
Schuft von Hanka herfiel, der bloss grosse Worte gemacht habe, sehr wahrscheinlich
aber mit im Komplott sei. Das ganze Vergnügen sei wie Dachsgraben ohne Dachs,
und alles in allem habe der Junge, der Andras, ganz recht, wenn er von zu vielen
Geschwistern im Hause Toldy spreche.
    Bei solchem Geplauder waren sie bis in die Nähe der Südspitze des Sees
gekommen, als sie plötzlich einige hundert Schritte hinter sich ein Rufen hörten
und in raschem Sichwenden Andras erkannten, der, eine Strecke Weges
zurückgeblieben, in seiner Linken etwas in die Höhe zu halten schien. Gleich
darnach aber hörten sie, dass er Marischkas kleine Schuhe auf dem Grabenrande
gefunden habe, ganz so wie hingestellt, um leicht und bequem gesehen zu werden;
dies sei der eine, den andern aber hab er stehenlassen, um die Stelle nicht zu
verpassen; er wette jetzt seinen Kopf, hier würden sie die Marischka finden, tot
oder lebendig. Alle waren derselben Meinung und umstellten, als ihr Trupp heran
war, eine von Disteln, Gras und Heidekraut überwachsene Gemarkung, auf der sie
nun abermals wie zum Kesseltreiben vorgingen. Und siehe da, was man vermutet
hatte, traf ein, und zwischen hohem Farnkraut, ein Tuch unterm Kopfe, lag das
Kind und schlief. Auch ein weniges von Brot war ihm in die Tasche gesteckt
worden. Alles jubelte, sogar Egon, und jeder bedauerte, dass der alte Toldy, weil
bei der andern Kolonne, sein Glück nicht gleich erfahren könne. Zwei, drei
Schlossleute brachen denn auch auf, ihn an der andern Seeseite zu suchen, der
Rest aber legte das übermüdete Kind, das ruhig weiterschlief, in einen Korb und
machte kehrt, um nunmehr unter Führung des Geistlichen an demselben Ufer hin, an
dem man gekommen war, den Rückweg anzutreten.
    Dies war ein mehr als dreistündiger Weg, den die vom langen Ritt sich
ohnehin ermüdet fühlende Franziska nicht auch noch im Sattel zurückzulegen
wünschte, weshalb sie vorschlug, lieber in der einmal eingeschlagenen Richtung
bis zu dem nahen Nagy-Vasar hin weiterreiten und von dort aus das letzte
Dampfschiff zur Heimfahrt benutzen zu wollen. Andras solle sie beide begleiten.
    Egon war mit dem Vorschlage zufrieden, und so ritten sie denn auf den
Flecken und seine Dampfschiffstelle zu.
 
                           Achtundzwanzigstes Kapitel
Es schlug eben sechs in den umliegenden Dörfern, als Egon und Franiska, nur von
Andras begleitet, auf Nagy-Vasar zuritten. Was sie nach rechts und links hin vor
sich hatten, waren Äcker und Wiesen, und nur dann und wann unterbrach ein mit
Tannen untermischtes Birkengehölz die sich bis an den See hin dehnende Plaine.
Der Weg konnte keine halbe Stunde mehr sein, und so mussten sie das um sieben Uhr
abgehende Boot noch bei guter Zeit erreichen, auch wenn sie nur Schritt ritten.
    Aber gleich das erste Gehölz, das sie zu passieren hatten, gab ihnen einen
Aufentalt, indem sie ziemlich in der Mitte desselben einen Feuerschein zwischen
den Bäumen hin wahrnahmen und allerlei Stimmen zu hören glaubten. Es schien ein
Streit.
    »Wir müssen hinein und sehen, was es ist«, rief Egon, sein Pferd rasch
herumwerfend, während ihm Andras und Franziska durch die weissen Birkenstämme hin
folgten. Aber sie fanden nichts und kehrten endlich nach längerem Suchen auf die
grosse Strasse zurück.
    »Ich hoffte schon«, sagte Egon, »dass wir dem Toldy noch ein zweites, ein
Pflegekind mitbringen könnten.«
    »Dessen er sich in dem Glück über das eigene Kind auch sehr wahrscheinlich
gefreut haben würde.«
    »Ganz unzweifelhaft. Denn zu den vielen Unerklärlichkeiten des Daseins
gehört auch die, woher die gewöhnlichen Leute, die sogenannten Enterbten der
Gesellschaft, ihre Zärtlichkeit nehmen.«
    »Ich dächte, daher, woher andere sie gemeinhin auch nehmen oder doch nehmen
sollten, aus dem Herzen.«
    »Gewiss. Aber wo die Not des Lebens nicht bloss mitspricht, sondern oft
geradezu mitschreit, erscheint es mir immer rätselhaft, dass die Stimme des
Herzens überhaupt noch gehört wird. Eine meistens doch nur leise Stimme.«
    »Warum leise? Sie kann auch laut sein. Aber freilich, ich wundere mich
nicht, Sie diese Sprache führen zu hören. War Ihnen doch die ganze Suche von
Anfang an nur ein Sport.«
    Egon biss sich auf die Lippen und sagte mit einem Tone, darin eine gewisse
Schärfe lag: »Vielleicht.« Aber rasch wieder einlenkend, fuhr er fort: »Ich
begreife Sie nicht, Franziska. Welche Vorwürfe! Sie werden sich doch, Pardon,
nicht auf das Gefühlvolle hin inszenieren wollen! Gerade Sie. Das ist ganz
unmöglich. Ich möchte nicht gern über diesen Punkt eine Meinungsverschiedenheit
oder auch nur Unklarheit zwischen uns herrschen sehen, und so lassen Sie mich
Ihnen denn sagen, dass es in meinen Augen nichts Trivialeres gibt als
Sentimentalitäten. Und darin, denk ich, stimmen wir zusammen. Ich gönne dem
Gesamtause Toldy sein Glück und sein Geschluchze, denn alle diese Menschen, die
Weiber natürlich vorauf, haben eine merkwürdige Gabe, zu jeder ihnen beliebigen
Zeit in einen Strom von Tränen ausbrechen zu können, aber offen gestanden, ich
habe kein Vertrauen zu der Aufrichtigkeit und noch viel, viel weniger zu der
Tiefe solcher Gefühlsefferveszenz.«
    »Efferveszenz!« wiederholte sie. »Welche Welt von Gleichgültigkeit drückt
sich in diesem einen Fremdwort aus! und diese Gleichgültigkeit haben Sie für das
Höchste. Denn das ist es, wenigstens unter den irdischen Dingen. Ich kenne diese
Leute, diese sogenannten Enterbten, und wenn ich mir nun ausmale, wie der alte
Toldy das Kind in die Höhe hebt und es küsst und umhalst und wie's dann reihum
geht und jeder es halten und wieder haben will, so wird es mir heiss und kalt ums
Herz, und ich beklage geradezu, nicht Zeuge davon sein zu können. Wie leer ist
anderer Leben dagegen!«
    »Anderer?«
    »Oder sagen wir unser, Ihres, meines. Ich habe nicht gelernt, aus meinem
Herzen ein Geheimnis zu machen, und will es auch als Gräfin Petöfy nicht
lernen.«
    
    »Ich erkenne Sie nicht wieder, Franziska.«
    »Weil Sie mich nie gekannt haben... Aber wir werden uns in Trab setzen
müssen, Egon, oder wir verfehlen das Schiff.«
    Andras wurde herangerufen, um über die beste Richtung Auskunft zu geben, ehe
er aber noch antworten konnte, hörten alle drei schon das erste Läuten vom
Dampfschiff her. »Allez!« und in einer rascheren Gangart ging es jetzt über
einen Feldweg und gleich darnach in schräger Richtung über eine Wiese hin, um
mit Hülfe dieser Schräglinie die Hälfte des Weges abzuschneiden. Aber in der
Mitte der Wiese war eine Sumpfstrecke, darin die Pferde so tief einsanken, dass
sie kehrtmachen und die Hauptstrasse wieder aufsuchen mussten.
    Endlich trotz alledem hatten sie Nagy-Vasar erreicht und jagten nun, um das
Versäumte wieder einzuholen, die lange, winklige Gasse hinauf auf den See zu,
von woher eben das dritte Läuten herüberklang. Aber ehe sie noch die letzte
Biegung gemacht hatten, löste sich das Schiff schon vom Bollwerk und war bereits
in voller Fahrt, als sie die Landungsbrücke zwei Minuten zu spät erreichten.
Andras, im ganzen Stolz eines gräflichen Dieners, rief dem Kapitän ein ziemlich
befehlshaberisches »Halt!« nach und erwartete nicht anders, als dass der Respekt
vor seinem Grafen allerhand Wunder wirken werde. Dies Wunder aber blieb aus, da
Kapitän und Schiffsleute weder Egon noch Franziska erkannten, und so setzte das
Boot denn seine Fahrt ruhig fort, während sich das an der Anlegestelle
herumstehende Volk seiner kleinen Schadenfreude hingab und kicherte.
    »Que faire?« fragte Egon, der sich rasch vom Pferde geschwungen hatte. »Wir
werden uns in der nächsten Schenke wohl oder übel einquartieren oder vielleicht
besser noch bis Mihalifalva reiten müssen. Da finden wir etwas, das einem
Gastof ähnlich sieht.«
    Auch Franziska war aus dem Sattel gestiegen. »Ich denke, wir nehmen ein
Segelboot und versuchen es mit einer Fahrt über den See... Sagt, Leute, wie
lange fahren wir bis Szegenihaza?«
    Diese Frage hatte sie an eine Gruppe von Personen gerichtet, die bis dahin
in dem Ausdruck ihrer Schadenfreude voran gewesen waren, jetzt aber bei der
Aussicht auf Lohn und Verdienst mit einem Male sehr ernst und respektvoll
wurden.
    »Zwei Stunden«, sagte der eine. »Drei«, verbesserte der andere. So ging es
hin und her, bis man sich dahin einigte, dass es in drittalb Stunden zu machen
sei, wenn man ein kleines, leichtes Boot, ein Segel und zwei gute Ruderer nähme.
Der Wind sei nicht ungünstig, Südwest, und die Sterne zögen immer heller herauf.
    Alles Volk, das zur Hand war, war denn auch sofort bereit, ein auf den
Strand gezogenes Boot wieder flottzumachen, Egon aber nahm Franziskas Hand und
sagte: »Franziska, Sie nehmen die Sache von der romantischen Seite. Fast ist es,
als trügen Sie Verlangen nach einem Abenteuer. Aber erinnern Sie sich, dass
Abenteuer und Gefahr Geschwisterkinder sind. Ich habe manches von diesem See
gehört und muss Ihnen sagen, dass Sie beides haben können, Abenteuer und Gefahr.«
    »Beides?« scherzte sie. »Nun, dann um so besser. Übrigens vergessen Sie, dass
ich aus einer Seestadt bin. Und weil ich es bin, weiss ich mit aller nur
möglichen Sicherheit, dass es gerad umgekehrt liegt und dass keine Gefahr im Anzug
ist. Schiffersleute sind die sorglichsten und beinahe ängstlichsten Leute von
der Welt, und wenn ein Bootführer mir sagt: Heute fahr ich, so fahr ich mit ihm,
wohin er will, und wenn es in einer Nussschale wäre.«
    »Gut, ich bin es zufrieden. Unter allen Umständen würd es mir schlecht
anstehen, noch weiter abmahnen zu wollen. Also wir fahren!«
    Andras hatte, während dies Gespräch geführt wurde, die drei Pferde bei dem
Schenkwirt untergebracht. Als er zurückkam, schwamm das Boot schon, und abermals
eine Minute später löste sich's unter dem Zurufen der Menge von dem Brückenpfahl
ab, an dem man es kurz vor dem Einsteigen zu grösserer Bequemlichkeit angekettet
hatte. Jeder hatte seinen Platz: Andras am Steuer, Egon und Franziska dicht vor
ihm; von den beiden Schiffsleuten aber, denen man sich anvertraut hatte, hielt
der eine die Segelleine, während der andere bequem ausgestreckt am Boden lag und
seinen wollhaarigen Mohrenkopf gegen die Kielspitze lehnte. Nichtsdestoweniger
war er ersichtlich die Hauptperson und gab durch kurze Bewegungen mit seiner
Stummelpfeife dem gegenübersitzenden Andras an, ob er mehr nach rechts oder nach
links hin steuern solle.
    Die Fahrt war entzückend, keine Welle ging, und Egon und Franziska, die den
Blick auf den anscheinend in endloser Ausdehnung vor ihnen liegenden See frei
hatten, konnten noch eine Zeitlang die durchglühte Rauchwolke des ihnen
vorauffahren den Dampfschiffs erkennen. Endlich aber schwanden Schiff und
Glutschein, und von Licht war nichts mehr sichtbar als die Pünktchen in den
Hüttenfenstern am Ufer. Andras begann ein Lied, unsicher erst und befangen; als
aber gleich darnach sein Gegenpart am Kiel und wieder einen Augenblick später
auch der Mann am Segel einzufallen und Egon im Takte Bravo zu klatschen begann,
wurde das Singen immer kräftiger und voller und klang melodisch in die Nacht
hinein.
    Egon nahm Franziskas Hand und sagte: »Wie schön!«
    »Romantisch«, neckte diese. »Zuletzt behalt ich doch recht mit unserer
Fahrt.«
    Aber immer einsamer ward es. Die letzten Lichtfünkchen am Ufer erloschen,
und nur die Sterne glühten noch über ihnen.
    So war eine Stunde wohl vergangen, und sie mussten eben den Punkt erreicht
haben, wo zwischen zwei Bergmassen das Wetterloch und sehr wahrscheinlich in
Folge beständig kreisender Luftströmungen eine von den Schiffern gefürchtete
Trichterbewegung, ein Strudel, auf dem See war. Egon wusste von diesen Strudeln
und ihrer Gefahr, aber auch wenn er nicht davon gewusst hätte, würd ihn die
plötzlich veränderte Haltung der beiden Bootsleute darauf aufmerksam gemacht
haben. Der jüngere, der bis dahin die Segelleine gehalten hatte, reffte
plötzlich ein, während der andere seine Pfeife beiseite warf und rasch
aufsprang, um dem andern bei seiner Arbeit behülflich zu sein. Ihr Singen hatte
schon vorher aufgehört. Und nun nahmen beide die grossen Ruder zur Hand und
griffen mit einer Anstrengung ein, die deutlich erkennen liess, dass man entweder
den Kurs ändern oder einen immer stärker werdenden Widerstand besiegen wolle.
    Franziska hatte all dessen nicht acht und sah nur auf die blinkenden
Tropfen, die vom Ruder fielen. Sie war müde geworden und bedauerte nichts
weiter, als dass das Singen aufgehört habe. Plötzlich aber überlief es sie
fröstelnd und fiebrig, und sie sagte leise vor sich hin: »Mich friert.«
    Wirklich, es kam eiskalt vom Gebirge her, während zugleich hoch oben in der
Luft ein feines Getön, ein unheimliches Pfeifen anhob. Und als Egon jetzt
hinaufsah, sah er, dass die Sterne fort waren. Er schwieg indes und fragte nur
den mit dem Mohrenkopf, ob er nicht eine Decke für die Gräfin habe. Der nickte,
gab dem andern sein Ruder mit in die Hand und kam gleich darnach mit zwei Decken
zurück, die bis dahin in der Nähe des Steuers unter einem Stück Segeltuch
gelegen hatten. Franziska stand auf und wollte sich darin einhüllen, aber sie
hatte nicht mehr Kraft genug und streckte sich endlich auf Egons Bitten am Boden
des Bootes hin aus, auf dem man ihr eine Kopflage zurechtgemacht hatte. Dann
nahm Egon die Decken und deckte sie zu.
    Es war höchste Zeit, denn kaum dass sie so lag, so kam es auch schon wie eine
Spirale die Luft herunter und hob das Wasser samt dem Boot in die Höhe, als ob
ein Kork gezogen würde. Dazu wuchs das unheimliche Gepfeif, und als Egon jetzt
unwillkürlich dem wenigstens anscheinend aus der Höhe niedersteigenden Tone nach
obenhin folgte, sah er, dass die Sterne wieder da waren. Aber sie standen jetzt
an einem wunderbar durchglühten Himmel, und ihr Licht, das eine Stunde vorher
noch so still und friedlich auf die Welt herabgeblickt hatte, sah jetzt auf sie
nieder, als ob es Unheil und Untergang bedeute.
    »Mich friert«, wiederholte Franziska, während sie mit der Hand auf ihre
Schläfe wies; Egon aber, ohne sich zu besinnen, riss jetzt den langen blauen
Schleier von dem neben ihr liegenden Reitut und wand ihn um ihre Stirn, und der
freundlich matte Blick, der ihn traf, verriet ihm, dass er's mit diesem Dienste
getroffen habe.
    Die Bootsleute hatten mittlerweile die Ruder eingezogen, und Egon, der eine
Hoffnung daran knüpfen mochte, fragte: »Sind wir heraus?«
    Aber keiner antwortete.
    »Soll ich helfen?« fuhr er fort. »Wenn ihr müde seid, ich versteh's. Und
Andras versteht es auch.«
    Aber sie schwiegen weiter.
    »Hört doch. Ich seh, ihr habt noch zwei andere Ruder; gebt sie nur her. Vier
können mehr als zwei. Wir wollen mit anfassen.«
    Alles still.
    »Basseremtete!« rief jetzt Egon im Zorn. »Sprecht. Ich will Antwort haben.
Wir kommen nicht von der Stelle, drehen uns bloss und müssen doch am Ende
heraus.«
    »Müssen?« wiederholte der ältere nur, während er lächelnd seine Pfeife nahm
und damit spielte.
    Franziska war bis dahin halb apatisch dem Gespräche gefolgt. Sie sah nun,
wie's stand, und Egon die Hand reichend, sagte sie: »Verzeih! Ich bin schuld.«
    »Woran?«
    »An unserem Tod.«
    »Wir leben.«
    »Aber wie lange noch? Und es ist auch das Beste so. Wenigstens das Beste für
mich. Der Tod löst alles Wirrnis, das ich heraufbeschworen habe. Was sollt ich
noch hier? Ich sterbe gern, Egon, und gerade so, so. Das Glück bleibt mir treu
bis zuletzt... Aber du?«
    »Nein, nein, Franziska. Es kann nicht sein; nicht so. Wir leben noch, müssen
leben.« Und er ergriff ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen.
    In diesem Augenblicke schwieg das Pfeifen und Singen oben in der Luft, und
statt seiner gab es einen schweren, dumpfen Schlag, wie wenn ein Segel im Winde
hin und her klappt. Und dabei legte sich das Boot auf die Seite, so weit und so
tief, dass es kentern zu wollen schien; aber als es wieder stand, griffen beide
Bootsleute mit ihren Rudern ein, und alle fühlten jetzt, auch Franziska, dass sie
dem Tod entronnen und aus dem Trichter heraus seien.
    Egon hatte das Steuer genommen.
    »Wohin?« rief er. Aber der, der den Führer machte, wies nur auf ein
Inselchen, das sie jetzt, keine hundert Schritte mehr entfernt, aus dem
Wogenschwall aufragen sahen. Es war ein Schieferfelsen mit angespültem Schlick
und Sand, an dessen Abhang die Möwen ihre Nester hatten. Aber keine war zu
sehen, alle steckten in ihren Felsenlöchern, und nur ein Fischreiher, so schien
es, stand auf der kahlen Höhe und hielt Umschau.
    »Wohin?« wiederholte Egon seine Frage.
    Doch statt aller Antwort kam diesmal ein Wellenstoss und warf das Boot auf
den Strand.
    Alles sprang in die Brandung, und durch Schaum und Gischt hin watete man auf
das Vorland zu, das zwischen dem Felsen und dem See lag. Allen voran Franziska,
der mit der Hoffnung auf Leben auch die Lust am Leben wiedergekommen war, und
als sie jetzt aus Tod und Brandung heraus mit einem Male wieder den trockenen
Sand unter ihren Füssen knirschen fühlte, warf sie sich nieder und griff in den
Sand hinein, als ob sie das Leben selbst mit aller Kraft aufs neu erfassen
wolle. dabei sprach sie Dankesworte vor sich hin und weinte und schluchzte, bis
ihr Weinen und Schluchzen endlich schwieg.
    »Komm!« bat Egon.
    Aber sie hörte nicht mehr, und als er sie vom Boden emporhob, sah er, dass
sie besinnungslos war und eine Ohnmacht ihr Leben in Banden hielt.
    »Ist eine Hütte da?«
    »Ja. Da, wo der Rauch zieht.«
    Und sich untereinander ablösend, trugen sie sie die roh in den Felsen
gehauenen Stufen hinauf, bis man oben vor der Fährhütte hielt.
 
                           Neunundzwanzigstes Kapitel
Die Insel, darauf das Boot angelaufen war, lag nur in geringer Entfernung vom
Ostufer des Sees, so dass, als der Sturm eine Stunde später nachgelassen hatte,
von seiten Egons beschlossen werden konnte, Botschaft an den alten Grafen zu
senden. Ein zwölfjähriger Junge, der den See wie sein Vaterunser kannte, war
auch zu der Botschaft bereit, setzte glücklich über und traf um zwei Uhr nachts
auf dem Schloss oben ein. Er fand noch alles wach und übergab an Graf Adam einen
Zettel, den Egon geschrieben hatte. Dieser lautete: »Gerettet. Franziska matt
und erschöpft. Bei Tagesanbruch fahren wir mit der Fähre bis Szent-Görgei, wo
wir einen Wagen erwarten. Egon.«
    Der Graf, als er gelesen, gab den Zettel an Judit. Diese war in äusserster
Erregung, sah in allem nur Wunder und Gebetserhörung und versprach, eine
Kirchenschenkung zu machen, während ihr Bruder das Rettungswunder auf die zwei
Bootsleute schob und sich dahin entschied, es diesen zugute kommen zu lassen.
    »Im übrigen«, schloss er, »da wir nun Egon und Franziska geborgen wissen,
wollen wir auch uns selber bergen. Etwas Schlaf ist immer gut, es fehlt uns
sonst an Kraft, uns morgen unserer Geretteten zu freuen. Denn eine Freude mit
müden Augen ist nur halbe Freude. Also gute Nacht.«
    Am andern Morgen regte sich bis zu verhältnismässig später Stunde nichts im
Schloss, und zehn Uhr war längst vorüber, als man sich endlich beim Frühstück
traf und nach voraufgegangener herzlicher Begrüssung an ein Fragen und Erzählen
ging.
    Franziska hatte das Wort und sprach lebhaft und anziehend, aber obschon sie
hinter ihrem Erzählerrenommee nicht eigentlich zurückblieb, so blieb doch vieles
in ihrem Vortrage dunkel und lückenhaft und gewann erst wieder Leben und
Unbefangenheit, als sie mit gewohnter Vorliebe für die Kleinmalerei zur
Schilderung des Fährhauses und seiner Insassen überging. Alle Geschichten ihrer
Kindertage seien ihr in demselben Augenblick wieder lebendig geworden, wo sie
sich beim Erwachen aus ihrer Ohnmacht in dem aus Feldstein und Rasenstücken auf
gebauten Fährhause mitsamt der alten Fährhaushexe vorgefunden habe. Wirklich,
alles sei halb Märchen, halb Walter Scott gewesen. Aber kein Kaffee der Welt hab
ihr je so geschmeckt wie dieser Fährhaus- und Hexenkaffee, was schliesslich auch
wieder nicht zu verwundern und jedenfalls kein Mirakel sei. Denn die Lage, darin
man sich gerade befinde, bestimme nicht nur unser Tun, sondern auch unseren
Geschmack, und während ihr, um nur ein Beispiel zu gehen, bis dahin Blak und
Torfqualm der Inbegriff alles Lästigen und Widerlichen gewesen sei, denke sie
jetzt mit Dankbarkeit an die Blak- und Torfqualmwolke zurück, aus der ihr in
eben dieser Fährhütte das Leben neu niedergestiegen sei.
    »Das Glück kommt immer in der Wolke«, lachte der alte Graf, »und wer es
nicht aus der Mytologie weiss, nun, der weiss es aus den Bildergalerien. Und du
darfst darüber nicht verlegen werden, Franziska, denn ich wage die Behauptung
und erhebe sie hiermit zum Dogma: Alles, was noch gemalt werden kann, ist auch
noch salonfähig. Und dabei bleibt es, auch wenn Schwester Judit mir Blicke
zuwirft, als ob sie den grossen Bann über mich verhängen wolle. Sie vergisst eben
ganz und gar, dass wir dem frohen Ereignis, das sich zugetragen, auch ein
Dankopfer zu bringen haben, und das meine besteht in etwas Übermut und guter
Laune. Jeder nach seinen Kräften. Judit freilich wird auf der Rettungsinsel
lieber eine Kapelle bauen und eine heilige Franziska darin aufstellen lassen,
immer vorausgesetzt, dass es eine solche gibt. Vorläufig aber stell ich ernstlich
zur Frage: wer fährt mit? In einer Stunde nämlich muss ich auf drei Tage zur
Gerichtssitzung nach Gruz, diesem verdammtesten aller verdammten Nester, das
keinen Pflasterstein und auf tausend Mäuler in Bausch und Bogen dreitausend
Rüssel hat. Eins zu drei. Aber was sag ich, eins zu drei? Wer eine
Gerichtssitzung mitmacht, der rechnet sich noch ganz andere Prozentsätze heraus.
Doch das beiseite. Was meint ihr, Egon, Franziska? Ihr könntet mich bis
Mihalifalva begleiten und mir bei der Gelegenheit als erste Wallfahrer eure
Rettungsinsel zeigen.«
    Egon und Franziska schwiegen unschlüssig, Judit aber war mit grosser
Entschiedenheit dagegen. Es sei besser, des Jüngstvergangenen in Andacht und
Stille zu gedenken als spöttisch und persiflierend aus dem Inselchen eine
Pilgerstätte zu machen.
    Der Graf lachte, war es aber zufrieden und brach allein auf, um an dem so
wenig schmeichelhaft von ihm geschilderten Komitatsort einer dreitägigen
Gerichtssitzung beizuwohnen.
 
                              Dreissigstes Kapitel
Eintönig waren die drei Tage vergangen; Egon und Franziska mieden sich und
trafen sich nur bei Tisch und beim Tee, und während der Stunden, wo sonst so
lebhaft geplaudert zu werden pflegte, war es jetzt still, als ob man sich nichts
zu sagen habe. Judit hatte dessen am ersten Tage nicht acht, am zweiten aber
bemerkte sie's, und am dritten sprach sie's unumwunden aus. Nun besannen sich
Egon und Franziska wieder und nahmen ein Gespräch auf, lebhaft, pointiert und
überhaupt anscheinend wie früher. Aber es lachte niemand. Die Worte, die
gewechselt wurden, entbehrten aller Unbefangenheit.
    Am vierten Tage früh kam ein Telegramm aus Gruz, worin der Graf meldete, dass
er statt am Vormittage, wie gewollt, erst spät am Abend eintreffen werde.
    Das Blatt ging von Hand zu Hand, ohne dass eine Bemerkung gemacht worden
wäre; dann aber zog sich Franziska zurück und sah, oben in ihrem Zimmer
angekommen, in das Kaminfeuer, das lustig flackerte. Hannah erschien aus dem
Nebenzimmer, um ein Scheit aufzulegen, eigentlich aber, weil sie sah, dass ihre
Herrin und Freundin bedrückt war und sprechen wollte.
    »Setze dich auf das Kissen hier«, sagte Franziska nach einer Weile. »So;
hier. Und nun bleib und erzähle mir etwas Hübsches, etwas Freundliches, etwas
Trostreiches. Ich brauch es so sehr. Ich habe Sehsucht nach Wien, nach Welt und
Menschen und wollte, wir wären erst fort von hier.«
    »Ich wollt es auch, aber glaubst du, dass es hilft?«
    »Was?«
    »Dass wir hier fortgehen. Ich meine, Fränzl, es muss hier anfangen.« Und dabei
wies sie mit dem Finger auf Franziskas Herz.
    Diese schwieg und sah vor sich hin.
    »Ja, Fränzl, du musst wieder einen Willen haben; konntest dich doch sonst
bezwingen. Aber die langen Regentage sind schuld, da fing es an. Und das zweite
war, dass sie die Marischka wegstahlen, und das dritte, dass das Dampfschiff fort
war. Ach, an derlei hängt es immer, und in so kleine Haken hakt der Teufel am
liebsten ein. Ich sorge mich jetzt vor dem, was kommt. Denn sieh dich vor,
Fränzl ich versteh mich auf Augen, und ein so gutes Herz er hat, so heisses Blut
hat er. Er ist ein Feuertopf, und fällt erst mal ein Funke hinein, so haben wir
ein Geprassel und einen Krach und Knall. Ich beschwöre dich, hast du mir nichts
zu sagen, nicht ein kleines Wort, das mich beruhigen könnte?«
    Franziska schüttelte den Kopf.
    »Fränzl, Gräfin«, fuhr Hannah fort, »ich begreife dich nicht. Du weisst, ich
war damals dagegen, in Öslau schon und dann in Wien. Aber als du's durchaus
wolltest, da begab ich mich und dachte bei mir: Nun, sie muss es am Ende wissen,
was ihr Herz kann und nicht kann. Und du berühmtest dich auch. Und nun endet es
so. Bezwinge dich und denke, du bist noch jung. Ich will dich nicht mit
Tugendrederei quälen; ach Gott, Tugend! Aber sei klug und bedenke, was Phemi dir
immer sagte: Bis dreissig ist es nichts. Und sieh, ehe du dreissig bist, bis dahin
ist noch lang und ändert sich vielleicht viel. Du musst nur warten können.«
    »Ich glaube wohl, dass du recht hast, Hannah, aber es ist nun einfach zu
spät. Und dann, dann... Aber ich will mich nicht bergen und flüchten dahinter:
es wäre kleinlich und unedel gegen ihn und vielleicht Schlimmeres noch. Also
lassen wir's. Ich fühle meine Schwäche, mein Unrecht, und ich bekenne mich
dazu.«
Als Hannah und Franziska so sprachen, war Egon erst in den Park und dann über
die breite Dorfwiese fort in die Berge gegangen. Heute zu Fuss.
    Es war derselbe Weg, den er in den ersten Wochen seiner Anwesenheit fast
alltäglich mit Franziska gemacht und auf dem ihm das Gespräch über den
Entführungsroman in der Devavianyschen Familie zum ersten Mal einen bestimmten
Blick in Franziskas leidenschaftliche Natur gegönnt hatte. Hoch oben, am
Waldsaume hin, lag Tannen- und Birkenholz in Klaftern aufgeschichtet, und müde
vom Steigen nahm er auf einer dieser Klaftern Platz. Er sah vor sich hin,
zeichnete Figuren in den Sand und überdachte seine Lage.
    »Was tun? Ich habe nur zwei Wege: weiter treiben oder Rückzug. Und der eine
Weg ist um nichts besser als der andere. Weiter treiben und auf Geheimnis hoffen
- eine Hoffnung, die jedesmal trügt. Denn alles dunkel Verschwiegene wächst sich
ans Licht, heut oder morgen. Also Rückzug oder, was dasselbe sagen will:
Rückfall in die Gewissenhaftigkeit, in eine Gewissenhaftigkeit, an die niemand
glaubt und am wenigsten die, der man damit zu sagen scheint: Ich bin
gewissenhafter als du. Die Weiber haben dies Rückzugsrecht, nicht wir. Unser
Rückzug ist allemal Erkühlung oder Feigheit oder Überdruss. Oder wird doch so
gedeutet. Also nur weiter! Wer ehrlich sein will, muss mit Ehrlichkeit anfangen.«
    Der Weg, auf dem er aufgestiegen war und auf den er jetzt von der Höhe her
zurücksah, lief wie ein Faden zwischen den Waldwiesen hin, und ein Wässerchen,
das halb in Binsen stand, schlängelte sich nebenher. In den Binsen aber ging der
Wind, denn seit dem Sturm auf dem See war wieder ein Wetterumschlag eingetreten,
und grauschwarze Wolken, aus denen dann und wann ein Regenschauer niederfiel,
zogen endlos vom Gebirg her über das Schloss hin. Auch in diesem Augenblicke
wieder lag der Glockenturm in solchem Gewölk, und ein fahler Lichtschein, der
von der entgegengesetzten Seite her auf die graue Wand fiel, steigerte nur das
Unheimliche des Anblicks. Um ihn her die Stelle, wo das Holz aufgeklaftert lag,
war windgeschützt, aber aus dem Walde kam dann und wann ein Luftstrom und
schüttelte von dem überhängenden Gezweig einige Tropfen auf ihn nieder. Alles in
Nähe und Ferne war wie in eine grosse Trübe gekleidet.
    Er erhob sich endlich, um seinen Rückweg anzutreten, wollte jedoch den
Schlängelpfad, auf dem er gekommen war, nicht wieder einschlagen und zog es vor,
weglos über eine den steilen Abhang bedeckende Wiese hinabzusteigen. Diese Wiese
war aber glatter und abschüssiger, als er dachte, so dass er sich, um nicht
auszugleiten, an allerlei Gebüsch, Weissdorn und Hagrosen, festalten musste, die
den ganzen Abhang hinauf und hinab gepflanzt waren oder auch wohl sich selber
gepflanzt hatten. An einem dieser Büsche blühte noch eine verspätete Rose; die
brach er und nahm sie mit sich, einen Augenblick von der Hoffnung und fast auch
von dem Glauben erfüllt, ein Unterpfand künftigen Glückes in ihr empfangen zu
haben.
    Aber welches war das Glück?
    Und nun sprang er über den Binsenbach fort und hielt wieder die grosse
Strasse, bis er zuletzt an ein tieferes Wasser kam, das an seinem Uferrande von
Werft und Weiden überwachsen war. Es hiess, dass erst ganz vor kurzem einer an
dieser Stelle gefunden worden sei, halb verschlammt und begraben und nur die
rechte Hand ausgestreckt nach dem niederhängenden Gezweig. Und keiner wusste, war
es Untat oder ein Unglück.
    In weitem Bogen ging er um das verschlammte Wasser herum, aber als er's im
Rücken hatte, war ihm doch, als folg ihm wer.
    Er blieb stehen, da stand der andere auch. Und es überlief ihn eiskalt.
    Erst nach einer Weile nahm er wahr, dass es der Widerhall seiner eigenen
Schritte gewesen, was er unheimlich und gespenstisch neben und hinter sich
gehabt hatte.
 
                           Einunddreissigstes Kapitel
Der Graf war spät abends, wie sein Telegramm gemeldet, wieder auf Schloss Arpa
eingetroffen, aber erst am andern Morgen begrüsste man sich. Er war sehr heiter
und aufgeräumt und erzählte von allerlei Zwischenfällen. Ein feiner Sinn für das
Komische, der ihn auszeichnete, gab all seinen Schilderungen Kolorit und Leben.
    »Aber nun will ich wissen«, fuhr er fort, »was inzwischen hier vorgegangen
ist, hier und draussen in der Welt. Denn ich habe seit vier Tagen kein
Zeitungsblatt in der Hand gehabt und weiss nicht einmal, ob Gambetta mittlerweile
seine Revanche genommen hat oder nicht. Ich vermute, nicht, aber es wäre mir
lieb, die Bestätigung zu hören. Und zwar möcht ich sie, wenn es sein kann, von
Schwester Judit hören. Ja, Judit soll lesen, hält sie doch ohnehin seit einer
Viertelstunde das Zeitungsblatt in der Hand und wartet darauf, dass ich schweigen
soll. Ich habe mich zwar in meinem Redestrom durch ihre stille Kritik nicht
stören lassen, aber doch beständig gefühlt, dass sie mit ihrer Ungeduld und ihrer
Trauermiene meinem ganzen Gruzer Komitatsvortrage das Mark ausgesogen hat. So
denn zur Strafe, Judit, lies und fange mit Frankreich an. Es ist immer noch das
Interessanteste. Selbst ihr Gezänk ist voller Leben.«
    Er sprach weiter und schien es mit seinem Verlangen, etwas aus der Welt
hören zu wollen, nicht allzu dringlich gemeint zu haben. Endlich aber entsann er
sich wieder und sagte: »Nun, was hast du gefunden? Gib uns die Quintessenz.«
    »Ich habe nichts gefunden, Adam. All diese Zänkereien, die dich
interessieren, interessieren mich nicht, und was mich wiederum interessiert, das
sind Anekdoten und Notizen, über die du spöttisch hingehst.«
    »Es käme doch auf einen Versuch an. Ich bin schliesslich auch durchaus der
Mann der Anekdote.«
    »Nun denn, im Hospitale zu Charenton, so berichtet hier die Augsburgerin,
ist hundertunddrei Jahre alt ein Mensch gestorben, den man allgemein den
Glasmenschen nannte.«
    »Sonderbar. Ein l'homme de fer ist mir auf meinen Weltfahrten irgendwo
vorgestellt worden, ich glaub in Strassburg. Aber ein l'homme de verre ist mir
neu. Warum hiess er so?«
    »Weil er sich selber einbildete, von Glas zu sein.«
    »Also durchsichtig?«
    »Ja.«
    »Sagt die Notiz nichts weiter? Du bist so einsilbig, Judit. Ich möchte mehr
wissen. Wie verbracht er sein Leben?«
    »Er lebte korrekt.«
    »Nur in der Ordnung. Wer von Glas ist, hat die Verpflichtung, korrekt zu
leben; er kann ja jeden Augenblick in seinem Triebwerk kontrolliert werden. Was
meinst du, Franziska?«
    Diese senkte den Blick, überwand sich aber und sagte: »Die Seele, mein ich,
bleibt unsichtbar.«
    »Ja, die Seele. Aber es wäre schon immer was, das Herz arbeiten zu sehen.«
    »Es ist das so nötig nicht«, sagte Judit. »Alles hat seinen Widerschein,
und auch das Herz spiegelt sich. Wir sind alle viel mehr Glasmenschen, als du
glaubst, Bruder. Und es ist schliesslich auch ein Glück, dass es so ist.«
    »Aber ein grösseres noch, dass es als Regel nicht so ist. Nur der Irrtum ist
das Leben.«
    »Oder die Wahrheit.«
    »Ach, die Wahrheit? Glaube mir, Judit, die Welt bleibt ewig in der alten
Pilatusfrage stecken.«
    Egon, als dies Gespräch schwieg, trat auf die Veranda. Dann kam er zurück
und entschuldigte sich für den Tag, er habe eine Verabredung; Fasanenjagd mit
Szabô. Nach ihm erhob sich auch Franziska, der der Boden unter den Füssen
brannte. War dies alles Zufall, oder war es mehr? Sie ging auf ihr Zimmer, froh,
aus dem Kreuzfeuer heraus zu sein.
    Nur Graf Adam und Gräfin Judit blieben, jeder anscheinend in seine Lektüre
vertieft. Aber die Gräfin war es nicht, und als eine kleine Weile vergangen war,
legte sie die Zeitung nieder und sagte: »Hast du noch nicht an Aufbruch gedacht,
Adam? Ich meine nach Wien. Die Tage werden kurz...«
    »Und dir zu lang«, unterbrach der Graf. »Der kleine Mann unten ist freilich
kein Pater Fessler; aber Pardon, Judit, so steht nicht jeder zu dieser Sache.
Was sollen wir jetzt in Wien? Es ist noch um einen Monat zu früh, und verlängern
wir die Saison um diese vier Herbsteswochen, so nehmen die Frühjahrswochen kein
Ende. Zudem bin ich einigermassen Gewohnheitsmensch und treffe nicht gern vor dem
zweiten Dezember in Wien ein. Also, wenn du willst, auch ein Mann des zweiten
Dezember.«
    »Ich würde mich nie so nennen, Adam, auch im Scherz nicht. Und nun gar du,
der im Aberglauben steckt. Aber was ich dir sagen wollte: du verfällst zu sehr
in deinen alten Fehler.«
    »Und der nennt sich?«
    »Ein liebenswürdiger Egoist zu sein. Ehedem durftest du das. Aber du bist
heute nicht mehr der, der du vor einem Jahre warst, und hast heute kein Recht
mehr, so bon gré, mal gré von deinem gewohnheitsmässigen zweiten Dezember zu
sprechen.«
    »Ich verstehe dich nicht.«
    »Oh, du verstehst mich sehr gut; ich seh es an dem Zucken um deinen Mund.
Aber ich kann alles, was ich zu sagen habe, dir schliesslich in einem einzigen
Worte sagen, und dies eine Wort ist ein Name.«
    »Hat sie geklagt?«
    »Mit keiner Miene; solche Naturen klagen nicht. Aber ob sie nun geklagt hat
oder nicht, das bleibt bestehen: du mutest ihr mehr zu, als sie tragen kann. Und
wenn ich vorher von Wien sprach und von unserer Abreise dahin, so heisst das
einfach: sie muss aus dieser Einsamkeit heraus.«
    »Einsamkeit. Was heisst Einsamkeit? Ich hab es in ihre Wahl gestellt, ob sie
Besuch haben wolle oder nicht, und hab ihr beispielsweise von Phemi gesprochen.
Sie hat es aber abgelehnt. Das war, ehe ihr kamt, ja, ehe wir wussten, dass ihr
kommen würdet. Nun seid ihr seit einem Monat hier, und jeder Tag ist so bunt wie
das Laub im Park draussen und so plapperhaft wie ein Elsternest. Ist das
Einsamkeit? Du bist hier, Egon ist hier, und zum Überfluss et pour combler le
bonheur sorgt auch noch der Himmel für entführte Kinder, für Schiffbruch und
Abenteuer.«
    »Eben deshalb«, unterbrach hier die Gräfin und verliess langsam das Zimmer.
Es war fast, als ob sie darauf gerechnet habe, von ihm zurückgerufen zu werden.
    Aber seine Verwirrung war zu gross, so gross, dass er in Schweigen verharrte.
Sein Auge rötete sich, wie es stets geschah, wenn ihn ein Gegenstand erregte;
dann warf er die Zigarette durch die Balkontür, nahm ein Buch, das auf dem
Nebentische lag, und blätterte mit dem Finger über den Rand hin, wie wenn man
über ein Spiel Karten fährt. Er war bis ins Tiefste getroffen. Aber seine
vertrauensselige Natur überwand es wieder, und indem er eine Spalte der Zeitung,
aus der Judit vorgelesen hatte, mit dem Auge durchlief, ohne sich im geringsten
um den Inhalt zu kümmern, sprach er vor sich hin: »Es ist Judit, wie sie leibt
und lebt, und ich werde sie nicht ändern. Die hellste Seele von der Welt und
dabei passionierte Schwarzseherin. Überall geheimnist sie was hinein. Das hat
sie sich von den Pfaffen angenommen, die sich nichts vorstellen können ohne
Dunkel, Komplott und Intrige. Welche Widersprüche leben doch in unserer Natur;
sie selbst hat nie den kleinsten Höllenfaden gesponnen, und wenn der Himmel der
Hölle Preis wäre, sie würde diesen Faden nicht spinnen können. Aber weil sie von
Jugend auf gehört hat, es gäbe dergleichen in der Welt, so sieht sie's nun
überall. Übrigens ist es leicht, Rat zu schaffen. Egon hat sich eben
verabschiedet, und so passt es für heute nicht; aber was heute nicht passt, passt
morgen, und morgen mit dem frühesten werd ich ihn stellen und ihm rundheraus
erzählen, was der Tante Judit auf der Seele brennt.«
    Er wiegte sich, als er so sann, in dem Schaukelstuhle hin und her und ging
dabei das Gespräch, das er mit Judit gehabt hatte, noch einmal durch. »Wie
verlief es doch? Ich hatte von Egon gesprochen. Aber Egon war nicht das letzte
Wort... Schiffbruch und Abenteuer sagte ich, und dann antwortete sie: Eben
deshalb.«
    Er sprang auf und schlug sich vor die Stirn. »Wenn...« Aber er wurde seiner
Erregung abermals Herr. »Unsinn! Es ist Judit; c'est tout. Woher will sie's
wissen. Als ob sie mit im Boot oder wohl gar mit in dem räucherigen Fährhaus
gewesen wäre. Sie braucht Geschichten und macht sie sich, das ist alles, und am
Ende, warum nicht? Die Menschen machen sich ihre Götter, warum sollen sie sich
nicht auch ihre Geschichten machen? Bedürfnis und Angebot, das alte Lied.
Übrigens freu ich mich auf das Gesicht, das Egon...«
    In diesem Augenblicke trat Andras ein, um den Frühstückstisch abzuräumen.
»Der weiss es«, schoss es dem Grafen durch den Kopf, und ehe er noch einen
bestimmten Plan fassen oder zu reiferer Überlegung kommen konnte, fuhr es schon
aus ihm heraus: »Andras, mein Junge, ich habe dich so gut wie noch nicht
gesehen, seit du mit auf dem See warst. Hast dich tapfer und brav gehalten, hat
mir die Gräfin erzählt, und Graf Egon...«
    Der Junge lächelte.
    »Sieh, das hör ich gern, Andras, und du kannst dir auch etwas wünschen,
jetzt gleich, oder wenn du mal gross bist und eine Braut hast, hier oder in Wien.
Aber hübsch muss sie sein, hörst du! Bist ja selber ein hübscher Jung. Und dann
heiratest du sie...«
    »Will nicht, Graf.«
    »Will nicht. Was heisst will nicht? Du wirst schon wollen. Und dann kommen
wir alle zu deiner Hochzeit, ich und die Gräfin und Graf Egon. Ja, die Gräfin
und Graf Egon auch: die gehören ja jetzt zusammen, weil sie zusammen in dem Boot
und in der Gefahr waren. Und Gefahr schliesst die Menschen zusammen, das weiss
ich... Und du hast nichts auf dem Herzen? Und hast mir nichts zu sagen, Andras?«
    »Nein, Herr.«
    »Und weisst nichts?«
    »Nein, Herr.«
    »Und willst auch nichts wissen?«
    Andras hatte sein »Nein, Herr« schon ein drittes Mal auf der Zunge, besann
sich aber rasch und sagte, während er sich vor dem Grafen aufrichtete: »Was,
Herr?«
    In dem Tone lag etwas, was den Grafen beschämte.
    »Nichts«, sagte dieser ruhiger. »Es ist gut so. Wir gehen in dieser Woche
noch nach Wien. Und du mit.«
 
                           Zweiunddreissigstes Kapitel
Eine Woche später war man wieder in Wien.
    Der Graf hatte noch am selben Tage, wo sein Gespräch mit Judit
stattgefunden, seinen Entschluss ausgesprochen, als Reisemarschall voraufgehen
und im Stadtpalais, in dem man inzwischen eine Reihe neuer Zimmer eingerichtet
hatte, nach dem Rechten sehen zu wollen, in Wahrheit aber lag ihm nur daran, ein
Zusammensein mit Egon in demselben Coupé zu vermeiden. Er fühlte deutlich, dass
er den rechten Ton nicht treffen, auch vielleicht der ihm eigenen Neigung zu
Sarkasmen nicht immer widerstehen werde, was, wenn unberechtigt, einfach
beleidigen und, wenn berechtigt, als ein Auskunftsmittel in Altweibermanier
erscheinen musste. Dem einen aber wie dem andern wollt er sich entziehen. In Wien
liessen sich dann die Begegnungen einschränken, wenn sich dies, was doch immer
noch in Zweifel lag, überhaupt als wünschenswert herausstellen sollte. Die
Zerstreuungen der grossen Stadt waren jedenfalls das beste Mittel, ihm einen
freieren Blick und ein eigenes, selbständiges Urteil zurückzugeben.
    Wirklich, diese Zerstreuungen übten auch ihre Wirkung auf ihn, und sie
konnten es um so leichter, als sich seinem anscheinend nur oberflächlich, in
Wahrheit aber scharf beobachtenden Auge nichts zeigte, was dem in seiner Seele
wachgerufenen Argwohn irgendwelche Nahrung hätte bieten können. Egon, wenn er
abends im Salon der alten Gräfin erschien, war ernster und schweigsamer als
gewöhnlich, aber in seinem Benehmen gegen Franziska liess sich weder eine
besondere Zurückhaltung noch auch eine besondere Vertraulichkeit entdecken. Und
so durft es denn nicht wundernehmen, dass dem alten Oheim, wenn nicht ein volles
Vertrauen, so doch ein gewisser seelischer Mittelzustand zurückkehrte, der
gerade hoffnungsreich genug war, ihn zur Eröffnung der Saison eine musikalische
Soiree mit sich anschliessender Ballfestlichkeit veranstalten zu lassen, eine
Reunion, zu der ausser der Künstler- und Gelehrtenwelt auch alle diejenigen
Personen der Aristokratie geladen worden waren, auf deren Erscheinen man mit
Sicherheit rechnen durfte.
    Man hatte nur noch drei Tage. Da jedoch alle Vorbereitungen längst getroffen
worden, so waren gerade diese Tage freie Tage, die denn der Graf auch vorhatte
so gut altwienerisch wie möglich zu verbringen. Im Teater also. Das Gastspiel
eines ausgezeichneten norddeutschen Künstlers, der zugleich ein besonderer
Liebling des Grafen war, forderte noch besonders dazu auf.
    »Ich habe für heute abend zu der Vorstellung unseres alten Freundes eine
Loge genommen«, sagte der Graf, als er Franziska beim zweiten Frühstück
begrüsste. »Wir werden ihn, nachdem wir die Partie Piquet und leider auch die
Beiden Klingsberge versäumt haben, wenigstens in einer neuen Rolle sehen.«
    »Und in welcher?« fragte Franziska.
    »Als Herzog von Chevreuse; ein Scribesches oder Dumassches Stück mit
gleichgültigem Titel und gerade schon wieder alt genug, um als neu gelten zu
können. Ich entsinne mich, es in den letzten Louis-Philipp-Tagen in Paris
gesehen zu haben, habe jedoch keine Ahnung mehr, was es ist.«
    »Seinem Titel nach sehr wahrscheinlich eines jener französischen
Memoirenstücke, die nie schlecht und nie gut sind und mir immer ein Horreur
waren. In meiner Erinnerung haben sie nicht bloss alle dieselbe Physiognomie,
sondern auch dieselben Personen: einen König und eine Königin, eine merkwürdig
naive Prinzessin, ein paar Herzoge mit pomphaften Namen einschliesslich
irgendeiner Maintenon oder Pompadour und dazwischen einen Perin oder Figaro, der
alles einfädelt oder nasführt, oder wohl gar einen Narziss, der der ganzen
Grandseigneurschaft die haarsträubendsten Sottisen sagt.«
    »Schau, Fränzl«, entgegnete der Graf, der diesen Ton liebte, »du hast ja
deine gute Laune wieder. Ich sehe nun, dass es Zeit war, aus unserem alten
Dohlennest aufzubrechen; die Wiener Luft atmet sich doch besser und legt sich
dir weicher ums Herz, nicht wahr? Ich hab übrigens die Loge links genommen, die
grössere, denn ich rechne nicht bloss auf Egon, der sich angesagt hat, sondern
auch auf Judit. Sie muss durchaus einmal heraus und nicht immer nur Fessler sehen
und von der heiligen Genoveva hören.«
    Und wirklich, die gute Gräfin, in der sich aller Frömmigkeit unerachtet doch
dann und wann noch die Wienerin alter Tage regte, hatte sich bestimmen lassen,
der Vorstellung beizuwohnen, und eine kleine Zeit nach Beginn derselben erschien
man allerseits und nahm die Plätze: Gräfin Judit und Franziska vorn, dahinter
der alte Graf samt Egon und Graf Pejevics, welcher letztere sich ihnen im Foyer
erst angeschlossen und den eigenen Platz im Stiche gelassen hatte. Zu Beginn des
Stückes wandte sich Franziska mehrfach um und schien, während sie Petöfy
freundlich zunickte, fragen zu wollen: »Ist es nicht genau das, was ich dir im
voraus erzählt habe?« Bald aber wurde sie befangen und unruhig, und als die
grosse Szene kam, in der der alte Herzog in altfranzösischer Ritterlichkeit immer
noch Worte des Vertrauens an den Galan seiner jungen und bereits in Schuld
verstrickten Herzogin richtete, stieg ihr das Blut derart zu Kopf, dass es sie
momentan wie Schwindel und Ohnmacht überkam. Aber es schwand wieder, und die
tiefe Bewegung ihres Herzens war zuletzt doch grösser als alle Furcht und
Verlegenheit, und eine Träne fiel auf den Handschuh ihrer auf der Brüstung
ruhenden linken Hand. Der alte Graf, in dessen Herzen der Inhalt des Stückes
alle Zweifel und Bitternisse der letzten Wochen wieder lebendig werden liess, war
in kaum geringerer Erregung, aber er bezwang sich und bewahrte gute Haltung bis
zuletzt.
    »Es erscheint mir outriert«, sagte Judit, die nach dem Fallen des Vorhangs
noch wie herkömmlich in der Loge blieb, um sich die grossen Wasser draussen erst
verlaufen zu lassen. »Wirklich, Adam, ich find es übertrieben.«
    »Ich auch«, lachte dieser in einer ihm plötzlich und beinah ungezwungen
zurückkehrenden guten Laune. Von Grand aus nervös und allem Komischen
zugänglich, entspross ihm aus der Alltagsbetrachtung seiner Schwester eine Fülle
wirklicher Heiterkeit. Im übrigen aber entielt er sich jedes Eingehens auf das
Stück und begnügte sich damit, das Spiel des Gastes, den er in anderen Rollen so
hoch stellte, ziemlich scharf zu kritisieren. »Er ist doch nur gross im Genre.
Das Tragische versagt ihm. Auch hätt ich ihn seiner Maske nach eher für einen
portugiesischen Granden aus der Pombalzeit als für einen französischen
Grandseigneur gehalten.«
    Einen Augenblick später erhob man sich und kehrte gemeinschaftlich in das
Petöfysche Palais zurück, wo der Tee wie gewöhnlich im Zimmer der alten Gräfin
genommen werden sollte. Fessler wartete schon der Heimkehrenden und empfing die
Gräfin mit einem Scherzworte.
    »Rückfall in alte Torheiten«, erwiderte diese nicht ganz frei von
Verlegenheit. »Und wissen Sie, Fessler, womit mein Bruder mein Gewissen zu
beschwichtigen gesucht hat? Mit dem sakrilegischen Satz: ein Komödiant könnt
einen Pfarrer lehren.«
    »Es kommt auf den Pfarrer an«, entgegnete der Liguorianer und nahm gut
gelaunt und unter Verneigung gegen Graf Adam seinen Platz am Tisch, auf den eben
die Couverts gelegt und die Gläser gestellt wurden.
    Das sich entspinnende Gespräch behandelte natürlich den Herzog von
Chevreuse, und Egon kam in die peinliche Lage, den Inhalt des Stücks vor Fessler
skizzieren zu müssen. Er tat es aber in guter Haltung, und auch Franziska, die
sich wieder zurechtgefunden hatte, blieb anscheinend unbefangen.
    Es war nur Claret aufgestellt worden, und Egon, seit lange daran gewöhnt, im
Salon der Tante den Wirt zu machen, nahm eben eine der Flaschen, um selber den
Kork zu ziehen. Es gelang ihm aber, wie der Zufall eben sein Spiel treibt, nicht
ohne Kraftanstrengung, und als er die Flasche wieder niedersetzte, sah die
Tante, dass er an dem Ringfinger der linken Hand blutete.
    »Was hast du?« fragte die Gräfin.
    Und es stellte sich nun heraus, dass ein kleines, dünnes Ringelchen, das er
halb versteckt unter einem grossen Türkisringe trug, in Folge der Anstrengung
zerbrochen und mit einer seiner Spitzen ihm in das Fleisch eingedrungen war. Er
zog das Ringelchen ab und schob es, so gut es ging, auf den Ringfinger der
andern Hand, der Oheim aber erkannte sofort, dass es der kleine Ring mit dem
Emaillevergissmeinnicht war, der damals in Franziskas Zimmer an dem
Schmuckständerchen gehangen und ihn um seiner Einfachheit willen so sehr
frappiert hatte.
    »Wie du nur blutest«, sagte er, während er noch immer auf den Ring sah. »Und
solch Ringelchen! Man sollte nicht glauben, dass es so tief verletzen könne. Wo
stammt es nur her? Alles in allem kann es weder aus den Kronjuwelen der Petöfys
noch aus denen der Aspergs kommen.«
    »Ich trag ihn noch von der École militaire her«, stotterte Egon. »Es war
unser Verbindungszeichen.«
    »Ah, Verbindungszeichen. Wohl, wohl: das gewöhnliche Los der Ringe. Nun,
hoffentlich nichts Hochverräterisches. Unter allen Umständen aber nehmt euch in
acht, ihr jungen Leute. Wir sind noch nicht so heraus aus der alten Zeit, als
manche glauben; es findet sich immer noch mal ein Spitzel, der uns auf die
Finger sieht.«
    Und damit kehrte das Gespräch auf allerlei Teaterdinge zurück.
 
                           Dreiunddreissigstes Kapitel
Er sah nun klar, und nur in dem einen sah er nicht klar, was zu tun sei. Sollte
er sich den lächerlichen Herzog zum Muster nehmen, über den Judit in ihrem
einfachen Ausspruch: »Ich find es aber doch übertrieben«, erbarmungslos zu
Gericht gesessen hatte? Nein, es ging nicht. Und überhaupt, was war denn
geschehen? Es war nur geschehen, was geschehen musste. War er nicht allezeit so
stolz gewesen auf seine Kenntnis von Welt und Menschen, vor allem auch auf sein
Freisein von Vorurteilen in dem, was er den natürlichen Gang der Dinge nannte?
Was gab ihm jetzt ein Recht zu der Annahme, dass ihm zuliebe dieser natürliche
Gang der Dinge sich in sein Gegenteil verkehren werde?
    In solche Betrachtungen vertieft, die beständig zu Selbstanklagen wurden,
schritt er, als er von Schwester Judit in den andern Flügel zurückgekehrt war,
auf dem Teppich seines Zimmers auf und ab. Er öffnete das Fenster und sah,
während ein gedämpfter Lärm von der innern Stadt her herüberscholl, auf die
stille Strasse hinunter. Ein offener Wagen, in dem ein junges Paar sass, rollte
vorüber, und das Licht der Gaslaterne fiel auf eine zarte Gestalt, Mädchen oder
Frau, die sich müd und glücklich an die Schulter des Geliebten lehnte.
    »Sie sind jung und lieben einander. Und das ist das Natürliche. Narr, der
ich war, als ich mir ein Etwas ausdachte, das halb von der Sultanin
Scheherezade, aber halb auch von der heiligen Elisabet abstammen sollte; Dame
von Welt, aber auch Nonne, weiblicher Esprit fort, aber in Klausur. Im
Einfachsten hab ich mich verrechnet... Es gibt wohl Vögelchen, die winterlang
das Bauer nicht verlassen und nicht fortfliegen, auch wenn ihre Gefängnistür
offensteht. Gewiss. Aber wenn der Frühling gekommen ist und es draussen lockt und
ruft, dann regt sich's doch, dann siegt doch der Hang und Drang im Herzen, und
frei sein in der Luft hoch oben und sich jagen und schwingen und zwitschern, das
ist dann mehr. Ich wusst es wohl, aber ich vergass es, weil ich's vergessen
wollte.«
    So sprach er vor sich hin und trat dann vom Fenster her wieder an seinen
Arbeitstisch zurück, auf dem in geschnitztem Rahmen eine Photographie Franziskas
stand. Er nahm sie von der kleinen Staffelei. »Das war damals, als wir in Riva
waren; ich entsinne mich noch des Tages. Und wie klug und ruhig sie mich
anblickt.
    Aber darf sie's nicht?« unterbrach er sich plötzlich, und unter ihrem
ruhigen Blicke schien ihm selber etwas wie Ruhe wiederzukommen. »Was weiss ich am
Ende? Was hab ich in Händen? Ich habe nichts als den Ring, auf den hin ich den
Schwiegersohn des alten Brabantio spielen könnte. Soll ich's? Soll ich aus der
Taschentuch- eine Ringszene machen und ihr statt des entsetzlichen the
handkerchief das etwas besser klingende the ring, the ring zurufen? Es gibt
hundert Ringe, hunderttausend, und der Boden, auf dem ich steh, ist recht
eigentlich der Fruchtboden aller bösen Einbildungen.«
    Und so fuhr er fort, seinen Verdacht geflissentlich einzulullen und alles,
was ihm eben noch als Beweis gegolten hatte, wieder wegzubeweisen.
    In aller Frühe war er auf und fand sich pünktlich um neun Uhr beim Frühstück
ein; aber Franziska fehlte noch, und statt ihrer erschien Hannah und meldete:
die Gräfin liesse sich entschuldigen, auch für den Tag; aber zum Tee werde sie
drüben bei Gräfin Judit sein und hoffe den Grafen dort zu treffen.
    »Was ist es, Hannah?«
    »Ein Fieber. Sie hat kein Auge zugetan.«
    »Ein Fieber. Ist das alles? Ich finde die Gräfin seit kurzem so verändert.
Was meinst du?«
    »Verändert? Vielleicht... Ich weiss es nicht...«
    »Ich weiss es nicht«, wiederholte der Graf, als Hannah gegangen war. Und
damit brach alles, was er mühsam von sich wegbewiesen hatte, wieder über ihn
herein und liess sein ganzes Trostgebäude zusammenstürzen. »Ich weiss es nicht.
Wahrlich, es klang fast, als ob ich Franziska selber darum befragen solle. Soll
ich es? Sie würde sich mir unterwerfen und nichts leugnen und ihre Schuld auf
sich nehmen... Aber ach, was schwatz ich nur! Ihre Schuld? Schuld, Schuld! Dass
das hässlich anmassliche Wort mir immer wieder auf die Lippe tritt, dass ich es nur
zu denken wage! Hab ich ihr nicht selber im voraus den Ablasszettel in die Hand
gegeben? Bin ich nicht das Kind, das etwas wiederfordert, das es zuvor
weggeschenkt hat? Bin ich nicht der Gläubiger, der bis Ultimo warten will und am
dritten Tage schon nach Zahlung verlangt? Und wenn ich den Ausgang aus dem
Wirrsal nicht finden kann oder wenigstens nicht den, der ins Lichte führt, wer
ist schuld? Wer? Ich, ich allein. An mir ist es, die Konsequenzen eines falschen
Exempels auf mich zu nehmen, und ich will es und werd es.«
    So stürmten Fragen und Betrachtungen auf ihn ein, aber nach einer Weile fuhr
er ruhiger fort: »Eine der lästigsten Erscheinungen in Leben und Gesellschaft
ist mir immer der Störenfried gewesen; ich mag seine Rolle nicht spielen. Und
zudem, was ist der einzelne? Nichts. Und nun gar der einzelne, wenn er gelebt
hat und seine Tage hinter ihm liegen. Es kann auch ein Glück sein, ein letztes
und höchstes, dem Glück an derer die Wege zu bereiten.«
    Er rief Andras, liess sich ankleiden und ging in die Stadt, um inmitten ihres
bunten Treibens den Tag zu verbringen. Er freute sich an allem und war in der
Stimmung wie jemand, der aus einer schönen Gegend scheidet und im Abschiede sich
das Bild derselben noch einmal fest und warm ins Herz prägen will. Er sah in
Sankt Stephan hinein, wo man eben ein Hochamt zelebrierte, ging dann den
Kohlmarkt hinunter und trat in die Kirche der Augustiner, zu der das Haus Petöfy
von alter Zeit her hielt. Ein paar Lichter brannten, ein Wispern und Murmeln
ging, und er sah still auf die Stelle vor dem Altar und gedachte des Tages, des
Tages seiner Vermählung, an dem er das letzte Mal hier gestanden hatte. Dann
verliess er die Kirche wieder, nahm sein Diner, las eine Zeitung und vergnügte
sich eine Weile vor der »Burg«, wo die Vorstellung eben begonnen haben musste.
Danach ging er wieder auf sein Palais zu, denn die Stunde war nahe, wo man sich
bei Schwester Judit zu versammeln pflegte.
    Wirklich, Franziska war da. Sie sass neben Fessler und plauderte mit ihm in
jenem neckischen Tone, der von ihrer ersten Begegnung an zwischen ihnen
beibehalten war und namentlich dem Pater ein ersichtliches Behagen weckte. Zur
andern Seite hatte Graf Pejevics Platz genommen, und nur Egon fehlte, was Fessler
veranlasste, nach dem »Jüngstverwundeten der kaiserlichen Armee« zu fragen, aber
zugleich auch nach dem »mitlädierten Inkulpaten, dem kleinen Ringe« - Fragen, an
die sich dann wie von selbst ein Gespräch über Ringe und Ringinschriften
anschloss, zu dem jeder nach Kräften, am meisten aber Graf Pejevics beisteuerte,
der ein Numismatiker war und durch allerlei Kuriositäten und Niedlichkeiten
überraschte. Nur Fessler hatte geschwiegen, bis er zuletzt, nach seiner
Lieblingsdevise befragt, unter Lächeln bemerkte, dass es sonderbarerweise der
Ring- oder Petschaftsspruch eines Protestanten sei, der ihm unter allem, was er
auf diesem Gebiete kenne, den nachhaltigsten Eindruck gemacht habe.
    »Eines Protestanten?« fragte Judit neugierig. »Wessen?«
    »Tomas Carlyles.«
    »Und der Spruch selbst?«
    »Entsage!«
    Niemand antwortete. Nur Franziska sagte: »Wie schön!«
    Und eine momentane Stille folgte.
    »Kannst du's?« fragte der alte Graf leise, während er sich zu Franziska
niederbeugte.
    Sie sah eine Weile vor sich hin. Dann hob sie das Auge wieder und sah ihn
still und ruhig an, und etwas wie Wehmut und Bitte lag in ihrem Blick.
 
                           Vierunddreissigstes Kapitel
Er war durch diesen Blick entwaffnet, zugleich in seinem Herzen bewegt und nahm
Franziskas Hand und küsste sie, dann rasch aufbrechend, sprach er von Briefen,
die noch zu schreiben seien, und ging in den andern Flügel hinüber. Hier nahm er
an seinem Schreibtisch Platz, erhob sich aber bald wieder, um auf und ab
schreitend erst ruhiger in seinem Gemüte zu werden.
    »Es war ein Bekenntnis, wie sie mich so ansah und mit ihren klugen Augen ihr
zu verzeihen bat. Aber was soll ich ihr verzeihen? Immer die törichte alte
Frage. Nichts, nichts. Während ich sie beständig warnte, das Leben nicht als
Märchen zu nehmen, hatt ich mir doch meinerseits ein Märchen ausgedacht, und ihr
guter Wille, mir zu Willen zu sein, bestärkte mich in dem Glauben an eine
Märchenmöglichkeit. Ja, ihr guter Wille, mir zu Willen zu sein! Das war es; sie
hat mich einfach verwöhnt. Hätte sie mir von Anfang an gesagt: Aber eines muss
sein, Petöfy, darauf dring ich; wir bleiben in Wien, unter Menschen, und ich
vergrabe mich nicht in eine Schlosseinsamkeit; ich muss Verehrer und Anbeter um
mich haben, die mir schöne Dinge sagen und die mich heut in das Konzert und
morgen in die Oper begleiten - ja, hätte sie sich von Anfang an auf solch freien
und allerfreiesten Ton gestellt, auf einen Gesellschafts- und Lebensfuss, auf den
sie sich stellen durfte, so hätte mir ihre Plauderei genügt, und ihr bon sens
und der Sonnenschein ihrer ewig guten Laune wären mein Glück gewesen. Das war
es, was ich damals in Öslau wollte. Statt dessen hatte sie's besser mit mir im
Sinn... Wohl, ich wäre glücklicher geworden, wenn sie dies Bessere nie gewollt
und, statt auf ihr Recht und ihre Freiheit zu verzichten, sich umgekehrt von
Anfang an auf ihr Recht und ihre Freiheit gestellt hätte. Gewiss, gewiss. Aber
soll ich den Entrüsteten spielen, bloss weil sie sich freiwillig höher
eingeschätzt hat, als ihr Vermögen war?!«
    Er stellte sich vor den Kamin und warf ein Scheit in die halb erloschene
Flamme. »Mein Kalkül war falsch, und Judit hatte recht. Das ist alles. Es tut
nie gut, sich in künstliche Situationen hineinzubegeben und sich auszurechnen,
wie's kommen müsse. Die Rechnung stimmt nie. Wir kennen uns nie ganz aus, und
über Nacht sind wir andere geworden, schlechter oder besser. Schlimm, wenn wir
uns schlechter finden, aber oft schlimmer noch, wenn besser. Es gibt dann ein
Wirrsal, draus kein Entrinnen ist, und dass wir, sie wie ich, das Leben
ernstafter zu nehmen anfingen, als es geplant war, das entscheidet nun über
mich und vielleicht auch über sie.«
    Von der Flamme fort sah er jetzt in die Höhe, wo dicht über dem Kamin, ja
mit dem breiten Goldrahmen die Kaminkonsole berührend, ein Bild hing, sein Bild,
im Attila und das Ordensband über der Brust. Typisch der Kavalier. Und er
lächelte. »Ja, was ich wollte, war eine Kavalierslaune, von der ich schliesslich
einsehen muss, dass sie nicht der Schlüssel war, der überallhin schliesst. Aber für
das, was ich noch vorhabe, für das, was noch zu tun übrigbleibt, dafür passt sie;
nur nicht Umkehr oder die Blâme der Unkonsequenz, und wenn es von alter Zeit her
als ein Höchstes gegolten hat, anderen zuliebe zu leben, so kann es unmöglich
ein Niedriges sein, demselben Zweck und Ziel auch mal von der andern Seite her
beikommen zu wollen. Auf den Zweck kommt es an, der entscheidet, der heiligt.
Alter Grundsatz der Kirche. Wie sich wohl Fessler dazu stellen wird?«
    Er setzte sich jetzt nieder und schrieb eine Stunde lang, anscheinend
Geschäftliches, das er schliesslich untersiegelte. Dann nahm er einen Briefbogen,
warf rasch einige Zeilen hin, überflog noch einmal den Inhalt und verschloss
beide Schriftstücke.
    Den andern Morgen war er früher als gewöhnlich auf und klingelte. »Bringe
das Frühstück, Andras. In einer Stunde will ich ausreiten.«
    Im Palais war alles noch still, als der Graf sich in den Sattel hob und
zunächst über den Josephsplatz auf den Kärntnerring und die Schwarzenbergbrücke
zuritt. Andras folgte. Das Eckhaus der Salesinergasse, darin Franziska gewohnt
hatte, lag in einem grauen Novembernebel; er sah hinauf, aber die Fenster der
oberen Etage waren unerkennbar. »Ich soll es nicht sehen. Alles hat seine
Bedeutung.« Auf dem Heumarkt, am Fluss und seiner Brücke hin herrschte schon das
lebhafte Treiben, das hier allmorgendlich anzutreffen ist, aber es hatte nichts
von seiner gewohnten Bunteit, und die Gestalten schoben sich wie Schatten
aneinander vorüber. »Ist es doch, als ob es ein Unterweltsjahrmarkt wär. Und
hätte doch mein altes Wien gerne noch mal in Lust und Farbe gesehen.«
    An der Tegetoffbrücke bog er wieder ein und lenkte sein Pferd am Stadtpark
hin auf die grosse Franz-Josephs-Kaserne zu, die grau verschleiert wie eine
Wolkenburg dastand. Vom Kasernenhofe her klangen Trommeln und Hörner, aber dumpf
wie Notsignale. So ritt er durch die Leopoldstadt bis in den Prater.
    Als er draussen war, fiel der Nebel so stark, dass es sich einen Augenblick
anliess, als ob die Sonne hervorkommen wolle. Doch es blieb bei dem guten Willen,
und nur der Blick in die Landschaft war frei geworden. Er ritt an Plätzen
vorbei, daran sich hundert Erinnerungen für ihn knüpften, bis er zuletzt auf
eine künstlich aufgeworfene Höhe gekommen war, von der aus man einen Wiesengrund
übersah, eine Niederung mit Tümpeln und Wasserlachen und ein paar schmalen
Sandstreifen dazwischen. Eine der Lachen hatte Zufluss aus einem Graben, und das
Wasser stieg in Folge davon so rasch, dass es nicht bloss die Sandstreifen,
sondern zugleich auch eine hier eingenistete zahlreiche Kolonie von Feldmäusen
mit Überschwemmung und Untergang bedrohte. Zu hundert und aber hundert kamen sie
von links und rechts her aus ihren Löchern hervor, um sich auf eine
höhergelegene Stelle hin zu retten. Aber kaum dass sie sich hier gesammelt
hatten, so schoss auch schon von einer danebenstehenden und in ihrer ganzen obern
Hälfte mit Nestern überdeckten Pappel allerlei Krähenvolk auf die geflüchteten
Mäuse nieder und fuhr mit ihnen als gute Beute davon.
    Der alte Graf hatte sein Pferd angehalten, um dem sonderbaren Schauspiele
zuzusehen. »Überall dasselbe: keine Flucht vor dem, was einmal beschlossen.«
    Er ritt weiter in den Prater hinein und eine halbe Stunde später an dem
Liechtensteinschen Garten vorüber heimwärts auf sein Palais zu.
    Es war elf Uhr, als er hier wieder eintraf und das Pferd abgab. Er sprach
mit dem Türhüter, der wie gewöhnlich am Eingang in das Vestibül stand, und
erkundigte sich, ob die grossen Topfgewächse schon angekommen seien.
    »Alles da.«
    »Gut. Aber ich will es doch sehen. Komm. Oder nein, bleib; Andras soll mich
begleiten.«
    Und er stieg in den oberen Stock hinauf, in dem für das heute stattfindende
Fest alles bereits in Geschäftigkeit war.
    »Es wird niemand erscheinen«, sprach er vor sich hin. »Aber ich will die
Stelle doch sehen, wo Graf und Gräfin Petöfy die Saison eröffnen und ihren
ersten Ball geben wollten. Und will mir auch die Palmen und sogar die
Lebensbäume betrachten, die nun wohl eine Woche lang im Hause bleiben und mir
dann von hier aus bei den Augustinern ihren letzten Liebesdienst leisten
werden.«
    Unter diesem Selbstgespräche war er eingetreten und sah auf den ersten Blick
und mit besonderer Befriedigung, dass Aufstellung und Anordnung genau so waren
wie letzten Winter, als Franziska zum ersten Male hier erschien. Auch die grüne
Nische war wieder arrangiert, in der er damals, als die Nachricht von Gablenz'
Tode kam, mit Egon und Graf Coronini gesessen und des jungen Rittmeisters
unliebsame Bemerkungen so scharf zurückgewiesen hatte. Jedes seiner eigenen
Worte kam ihm wieder in Erinnerung, und er lächelte: »War es eine Vorahnung?
Jedenfalls ist es mir lieb, damals nicht anders gesprochen zu haben.«
    Er ging vom Saal her den langen Korridor hinunter. Als er die Zimmerreihe
passierte, darin Franziska jetzt wohnte, traf er Hannah.
    »Ist die Gräfin zu Haus?«
    »Nein. Eben fort; sie braucht noch einiges für den Abend.«
    »Es ist gut so. Wenn du sie siehst, sag ihr, dass ich nach ihr gefragt. Aber
vergiss es nicht.«
    Er gab ihr die Hand, was ihr auffiel. Dann ging er auf sein Zimmer zu, darin
Andras eben das Fenster schloss.
    »Ich bin für niemand zu sprechen, Andras. Für niemand. Und diesen Brief gib
an die Gräfin, wenn sie zurück ist. Und nun geh. Ich will allein sein.«
 
                           Fünfunddreissigstes Kapitel
Eine Woche darnach, nachdem seitens der Kirche sein gewaltsamer Tod auf einen
Anfall von Melancholie gedeutet worden war, war Totenfeier bei den Augustinern,
und das Wappen der Petöfys stand zu Häupten des Katafalks, darüber die schwarze
Sammetdecke mit dem Silberkreuz ausgebreitet lag. Im Halbkreis um den Altar her
aber sassen ausser den nächsten Angehörigen auch entferntere Leidtragende der
Familien Asperg und Gundolskirchen, während das ganze Schiff der Kirche von
Uniformen blitzte. Daneben viel Volks. Denn der Heimgegangene hatte die Werke
der Barmherzigkeit allezeit geübt und war ein Christ in seinem Tun gewesen, wie
sehr es sein Wort auch bestritten haben mochte. Viele waren selbstverständlich
nur aus Neugier gekommen und erzählten im Flüstertone, was sie von seinem Tode
gehört hatten: er habe zurückgelehnt in seinem Schreibstuhl gesessen, auf den
ersten Blick ohne Zeichen äusserer Verletzung oder überhaupt dessen, was
geschehen sei, denn er habe sich nach innen hin verblutet. Auch über das, was
seinen Tod verschuldet, wurde gemutmasst: es habe sich um ein Hofamt gehandelt,
das eben vakant geworden und in früherer Zeit immer bei den Petöfys gewesen sei,
der Kaiser aber hab es nicht gewollt, entweder wegen der jungen Gräfin oder noch
von Neunundvierzig und der Revolution her. Und das habe der alte Graf nicht
verwinden können. So ging das Gespräch. Alles schwieg aber vom selben Augenblick
an, wo Pater Fessler vor dem Altar erschien und mit der ihm eigenen, beinah
kirchenfürstlichen Würde die Zelebrierung des Totenamtes begann. Die
Responsorien klangen, und die Kerzen auf den mit Flor umwundenen Leuchtern
brannten dunkler noch als gewöhnlich in dem Weihrauchgewölk, das über ihnen lag.
    Eine Stunde später leerte sich die Kirche wieder, und die Dienerschaften des
Grafen trugen den Sarg zu vorläufiger Unterkunft in eine der Seitenkapellen.
    Es war zu verhältnismässig früher Stunde, dass die Feier stattgefunden hatte;
die nächsten Leidtragenden kehrten in das Palais Petöfy zur Gräfin Judit
zurück, während die junge Gräfin ohne Säumen nach Schloss Arpa hin aufbrach, in
dessen Gruftkapelle der alte Graf am drittfolgenden Tage beigesetzt werden
sollte.
    Die Fahrt währte nur wenige Stunden, und die verschleierte Nachmittagssonne
stand noch über den Bergen, als Franziska bei Nagy-Vasar den Schnellzug verliess
und unmittelbar darnach das Schiff bestieg.
    Ein jeder an Bord wusste von dem Tode des Grafen, und die Flagge wehte von
Halbmast.
    Als das Schiff an der Landungsbrücke von Szegenihaza angelegt hatte, war die
Sonne schon gesunken, und Franziska nahm allein Platz in dem ihrer harrenden
Wagen. Ach, wie verändert alles seit jenem Julitage, wo sie hier zum ersten
Male, den blauen Himmel über sich, über die sonnige Fläche hingeflogen war. Auf
den Feldern standen heut überall Tümpel und Lachen, und durch den aufgeweichten
Boden hin ging es langsam und oft im Schritt auf das Schloss zu, dessen Umrisse
sich im Nebel und Zwielicht kaum noch erkennen liessen. Alles war öde und
abgestorben, und nichts als ein Rest von gelbem Laube hing noch an den Bäumen,
die hie und da neben dem Wege standen. dabei tiefe Stille, nur dann und wann
unterbrochen, wenn ein paar Krähen aufflogen.
    Und nun hatte der Wagen den Punkt erreicht, wo der Weg in Schlängellinie
bergan zu steigen begann. Als sie bis zur halben Höhe hinauf waren, hielt ihr
Gefährt, und Franziska sah, als sie sich vorbeugte, dass man nicht weiter konnte,
weil ein schwerer, ebenfalls bergan fahrender Lastwagen die Passage so gut wie
gesperrt hielt.
    »Was ist es?« fragte sie den Kutscher, als das Gezänk mit dem Vordermann
einen Augenblick schwieg.
    »Is Glocke, Gräfin gnädigste«, antwortete der Kutscher und rief dem andern
zu, dass er links bis an den Rand hin ausbiegen und die Felsen- oder Innenseite
freigeben solle. Mühsam geschah es, und einen Augenblick später fuhr Franziska
dicht an dem Wagen und seiner mit einem schwarzen Segeltuch überdeckten Last
vorüber.
Im Schloss fand sie's wohnlicher, als sie zu hoffen gewagt hatte; den zweiten
Tag, wie verabredet, kam Gräfin Judit, und am dritten Tage stand der letzte
Petöfy vor dem Altar unten in der Gruftkapelle. Die Zeremonie wiederholte sich
hier wie bei den Augustinern, nur mit dem Unterschiede, dass statt des
stattlichen Fessler der kleine Pfarrer von Szegenihaza die Totenmesse las und an
Stelle der vornehmen Welt nur Dienerschaften und Tagelöhner um den Altar mit dem
grossen, verblakten Marienbilde her versammelt waren. In Front aber sassen die
beiden Gräfinnen selbst, den Blick auf den mit neuen Kränzen geschmückten Sarg
gerichtet. Auch Hannah war in einem fast bis ans Kinn reichenden Trauerkleide
anwesend und sah ernst und teilnahmvoll vor sich hin, immer aber, wenn wieder
unverständliche lateinische Sätze gesprochen und das Weihrauchfass geschwenkt
wurde, lag etwas wie Verdriesslichkeit und Überhebung auf ihrem Gesicht. Endlich
schloss die Feier, alles kehrte zu seinem Tagewerk zurück, und nur die Glocken
oben klangen noch über Land und See hin.
    Es waren aber wieder zwei, die geläutet wurden.
Franziska hatte sich bald darnach in ihr Zimmer zurückgezogen und blickte,
nachdem sie lange vergeblich sich zu beschäftigen und in einem Andachtsbuche zu
lesen versucht hatte, zu der Nische mit dem Baldachin hinauf, von woher ihr das
Christkind den kleinen Arm entgegenstreckte. Sie nahm den daran hängenden
Rosenkranz und liess die Perlen desselben eine nach der andern durch ihre Finger
gleiten. Da war es ihr, als ob hinter ihr die Tür ging, und Hannahs ansichtig
werdend, steckte sie, wie von einer leisen Verlegenheit erfasst, den Rosenkranz
in den Gürtel, in der Hoffnung, dass seine Perlen auf dem schwarzen Kleide
vielleicht weniger sichtbar sein würden.
    Aber Hannah sah es doch und sagte: »Lass nur. Ich hab es mir lange gedacht.
Es kommt nun doch so.«
    »Vielleicht. Aber denke dich in meine Lage. Kannst du mir böse sein?«
    Hannah schüttelte den Kopf.
    »Du bist mir also nicht böse. Nun, das ist gut, aber es ist mir nicht genug.
Ich will auch deine Guteissung. Und wenn du mir die nicht geben kannst, so will
ich wenigstens, dass du sagst: Ich glaube selbst, es geht nicht anders.
    Sieh«, fuhr Franziska fort, als Hannah immer noch schwieg, »du bist so
gescheit und musst einsehen, dass alles sein Gesetz und seine natürliche Folge
hat. Ich bin nun Gräfin Petöfy, ja, seitdem ich dies schwarze Kleid trage, mehr
als vorher. Es war nicht nötig, dass ich's wurde; vielleicht wär es besser
gewesen, ich wurd es nicht. Aber ich bin es jetzt und kann den Schritt nicht
rückwärts tun. Dies Schloss ist mein und sein Besitzantritt, wie du weisst, an
keine Bedingung geknüpft; ich hab es zu freiem Eigentum. Also wieder mal eine
»Freiheit«, wirst du sagen. Aber diese Freiheit wenigstens will ich zu
gebrauchen verstehen, und nur das soll geschehen, was mir ziemt.«
    »Und glaubst du wirklich, dass dir als erstes geziemt, einen Rosenkranz, wenn
auch verschämt, an deinen Gürtel zu stecken?«
    »Ja, Hannah. Ich will nun Pflichten leben. Es soll dies nicht bloss mein
Wittum, es soll auch mein Wirkungskreis sein, und ich kann hier nicht wirken als
eine Fremde. Was dieser Leute Sinnen und Trachten ausmacht, muss auch mein Sinnen
und Trachten ausmachen; wir müssen eins sein in diesen Dingen, sonst geht es
nicht.«
    Hannah antwortete nicht.
    »Sprich. Was denkst du?«
    »Was ich denke? Nun, Franziska, Gräfin, da du's durchaus wissen willst, was
ich denke, so will ich dir's auch sagen. Ich denk an meinen Vater selig, den ich
eines Abends, als er dachte, ich schliefe schon, in seinem Halbplatt zu meiner
Mutter sagen hörte: Hür, Olling, mit uns oll Paster Franzen is dat nich veel.
Hüt is he so, un morjen is he so. Und als meine Mutter nun widersprach und zum
Guten reden wollte, da wurd er ärgerlich und sagte: Nei, nei, Mutter, bis still;
dat versteihst du nich; ick awer, ick kenn en. Un wenn morjen de Franzos or de
Russ kümmt un uns vörpriestern deiht, »mit uns Herrn Christus wihr dat man nix,
und de heil'ge Niklas, de wihr ollens«, denn priestert oll Franzen övermorjen:
»Un de heil'ge Niklas is ollens.« Und sieh, Franziska, das hast du von deinem
Vater selig geerbt. Aber ich will nicht, dass sich meiner im Grabe rumdreht. I,
da ging' ich ja lieber bis an der Welt Ende. Weiss wohl, manchem is es bloss
wenig. Aber manchem is es auch viel.«
    »Und so willst du fort?«
    »Nein. Ich hab dich nun mal in mein Herz geschlossen, und weil ich dich
liebe, bleib ich. Aber bei meinem luterischen Katechismus bleib ich auch.«
    Am andern Morgen trafen sich die beiden Gräfinnen, und Gräfin Judit
erzählte, sie habe Fessler um seinen Besuch auf Schloss Arpa gebeten, in der
Voraussetzung, dass Franziska diesen Schritt billigen werde.
    Franziska küsste die Hand der alten Gräfin und sagte: »Nie werd ich Schritte
missbilligen, die Gräfin Judit getan hat oder zu tun für gut findet.«
    Beide Damen sprachen dann noch über vieles, was zu regeln und anzuordnen
sei, zuletzt aber sagte Judit: »Ich stimme dem zu, meine liebe Franziska, dass
du dich zurückziehen und der Betrachtung und den guten Werken leben willst. Aber
du bist noch jung, und der Zug in die Welt hinein ist mächtig. Und so denk ich
denn, wir rechnen vorläufig noch mit der Welt, die so vielen Zauber hat. Ich
habe dein Vertrauen gewonnen, fast deine Beichte; jede Scheidewand zwischen uns
ist gefallen, und unser Fühlen und Denken gehört einander. Ist es nicht so? Nun
denn, so gestatte mir schon heute die Frage: Wirst du Egon deine Hand reichen?«
    »Ich wünsche, dass er sie nicht fordert, aber wenn er sie fordert: nein.«
    »Es klingt etwas Herbes in deiner Antwort. Verdient er es?«
    »Nein. Aber wir sind allemal hart gegen die, die schuld sind an unserer
Schuld. Und um so härter, je schuldiger wir uns selber fühlen.«
    »Und wer soll dich schützen?«
    »Ich denke, sie, die schon so viele Gräfinnen Petöfy beschützt hat.«
    Und sie wies auf die Nische, daraus das Bild der Maria niederblickte.
 
    