
        
                               Ludwig Anzengruber
                               Der Sternsteinhof
                                        I
Ein Gussregen war herniedergerauscht. Wallend und gischend schoss das sonst so
ruhige Wässerlein zwischen den zwei Hügeln dahin; auf der Höhe des einen stand
ein grosses, stolzes Gehöft, am Fusse des andern, längs den Ufern des Baches, lag
eine Reihe von kleinen Hütten.
    Die letzte dieser Hütten war gar verwahrlost, der Türstock stand fast frei
in der geborstenen Mauer, die Fensterrahmen hingen schief, hie und da guckte ein
nackter Stein aus dem rauhen, verwitterten Anwurfe hervor, und wenn auch die
ärgsten Risse und Sprünge mit Lehm verschmiert und mit Heu und Streu verstopft
waren, so machte das den Anblick nicht besser. Dahinter stieg ein schmaler
Streif bearbeiteten Bodens hinan, bestellt mit etlichen Gemüsebeeten, einem
Acker mit Krautköpfen und einem anderen mit Kartoffelpflanzen. Die Einfriedung
dieses Besitztums war mehr angedeutet als wirklich, von Schlingpflanzen
umwucherte Pflöcke standen weitab voneinander, und quer zwischen deren
gabelförmigen Enden lagen vermorschte, schlanke Baumstämme.
    Wenn der Bach, in den sie allen Unrat leiteten und warfen, träge dahinfloss,
dann machte er der ärmlichen Siedlung viel Unlust, dann befiel auch die
Beschränktesten da unten eine unklare Empfindung, in welcher Enge, in welchem
Schmutze sie dahinlebten; aber heute wuschen die Wasser dahin, und in die
kühlende Feuchte der Luft mischte sich frischer Erdgeruch und würziger
Pflanzenduft, und auf dem Sternsteinhof dort oben konnten sie es auch nicht
wohlatmiger und gesünder haben.
    Auf dem Bänklein vor der letzten Hütte sass ein etwa vierzehnjähriges
Mädchen, ausser einem Kopftuche, einem Hemdchen von ungebleichtem Linnen und
einem verwaschenen, blauen, weiss getüpfelten Röckchen hatte es nichts am Leibe.
Die Kleine hatte die Füsse an sich gezogen, dass sie in der Luft baumelten, nur
manchmal streckte sie den linken aus, drückte die Sohle in die feuchte Erde und
sah nach dem Grübchen, bis sich dieses mit Wasser füllte, dann war der Schuh
fertig. Ja, wer Schuhe hätte, der könnte unter die reichen Leute gehen, wohl
auch da hinauf nach dem Sternsteinhof.
    Sie hob wieder das Köpfchen. Von ihrem Gesichte war nichts zu sehen als das
runde Kinn, der untere Teil der vollen Backen und die Spitze der kleinen Nase
zwischen dem Spalt des Kopftuches, das sie zum Schutze der Augen tief in die
Stirne gezogen hatte, denn das war auch nötig; hinter dem Hügel, ihr im Rücken,
ging eben die Sonne unter, und daher flammten die Fenster des Gehöftes, nach dem
sie so unverwandt hinsah, in sprühendem Feuer. Das nasse Schieferdach des
Wohnhauses, das dort inmitten weitläufiger Wirtschaftsgebäude stand, verschwamm
förmlich in dem tiefdunklen Grau der Wolken, die dahinter standen und nur an den
Rändern einen ganz schmalen, rotgoldenen Saum zeigten, so dass es fast aussah,
als reiche der Sternsteinhof bis an den Himmel.
    Wunder hätte es das Kind nicht genommen! So weit der Hügel reicht - oh, wie
weit war das -, gehört aller Boden zum Sternsteinhof und noch ein gutes Stück
ebenen Landes dazu. Was die Wiesen an Vieh ernähren konnten, die Äcker zu tragen
vermochten, das hatte der Sternsteinhofbauer in Ställen und Scheunen. Das sagten
ja die Leute, dass ihm alles wie vom Himmel fiel, seit er den feurigen Stein, die
Sternschneuze, die just zur Zeit, als er den neuen Hof zu bauen begann, auf
seinen Grund herniederschoss, aus der Erde heben und in das Fundament einmauern
liess.
    Plötzlich wirbelte inmitten des dunklen Grau ein helles, sandfarbes Wölkchen
lustig empor, der Rauch, der aus einem der Schornsteine ober dem Schieferdache
aufstieg. Das Mädchen starrte darnach hin und seufzte leise. Von der Seite
gesehen, mit dem übergebundenen Tüchelchen, dessen Zipfel, hohl und spitz, das
Gesicht verdeckte, musste sich ihr Köpfchen wie das eines kurzschnäbeligen Vogels
ausnehmen, und nachdem sie vorhin zu dem Goldrande der Wolken aufgeblickt hatte
und nun gerade vor sich hinsah, so war es, als hätte zuerst der Vogel, etwa aus
der jungen Saat, in die blaue Weite geguckt und plötzlich beäugle er etwas ganz
Nahes und besänne sich, ob er darauf losgehen solle.
    Ganz so sah es wenigstens nach der Meinung eines halbwüchsigen Bürschchens
aus, das schon längere Zeit hinter den Zweigen der mannshohen Büsche im
Vorgärtchen der Nachbarhütte lauerte. Als der putzige Vogel da drüben den
Schnabel senkte, übermannte den Burschen die Lustigkeit seiner Vorstellung so,
dass er mit dem Knebel, den er sich aus einem seiner Hemdärmel drehen wollte, um
den lauten Ausbruch seiner Heiterkeit zu ersticken, nicht mehr rechtzeitig
zustande kam und nun in ein prustendes, grölendes Lachen ausbrach, dem aber
sofort ein krampfartiger, pfeifender Husten folgte.
    Die Kleine schrak anfangs heftig zusammen, jetzt aber klatschte sie in die
Hände und rief lachend: »Siehst, das geschieht dir recht, Muckerl, das ist die
Straf dafür, dass du die Leut so erschreckst.«
    Was auch der Angeredete zu entgegnen gedachte, eine Entschuldigung oder eine
Grobheit, für den Augenblick musste er die eine wie die andere für sich behalten.
Er lehnte an der Mauer und rang nach Luft, und in sein Gehuste klang das helle,
fröhliche Lachen von drüben.
    Eine dralle, behäbige Frau setzte mit einem ärgerlichen Rucke Pfanne und
Topf, die sie eben zur Hand genommen, auf den Herd zurück und trat unter die
Türe.
    »Was gibt's denn da wieder für Dummheiten?« sagte sie.
    »Muckerl, du wärst wohl jetzt alt genug, um gescheit zu sein.«
    »Es is ja aber weiter nix, Mutter, als a bissel a Hetz«, sagte der Bursche.
    Die mütterliche Mahnung an sein Alter schien allerdings wohlangebracht. Wie
er so dastand, barhäuptig und barfüssig, in Hemdärmeln, verlegen an dem einen,
einzigen Hosenträger zerrend, erschien er so engbrüstig, so völlig in der
Entwicklung zurückgeblieben, kaum so gross wie das Dirnchen vor der Hütte
nebenan, und er mag es wohl ein um das andere Mal vergessen, dass er volle drei
Jahre mehr zähle, wie denn auch die Leute, denen davon gesagt wird, sich's
gewöhnlich wiederholen lassen und dazu noch den Kopf schütteln.
    Für Personen, die schon etliche Male die Gelegenheit wahrnahmen,
wohlangebrachte Mahnungen zu äussern, hatte es sicher nichts Überraschendes, dass
Muckerl, sobald ihm die Mutter den Rücken kehrte, zum Vorgärtel hinaushuschte.
    Er näherte sich dem Mädchen.
    »Gutn Abend, Helen.«
    »Gutn Abend, Muckerl. Rück zuher.« Sie machte ihm auf dem Bänkchen Platz.
»Was hast denn vorhin so gelacht wie nit gscheit?«
    »Über dein Vogelhauben. Geh, tu s' weg.« Er löste ihr den Knoten.
    Das Dirnchen griff nach dem Tuche, das ihr in den Nacken sank, und legte es
vor sich in den Schoss. »Was irrt dich denn das, dummer Ding?«
    »Freilich irrt's mich, weil ich dein Gsicht gern säh.«
    »Na, so gaff.« Sie drehte den Kopf über die eine Schulter nach ihm und sah
ihm ganz nah, ohne zu lachen, in die Augen. »Hast leicht noch kein solchs
gsehn?«
    Er schüttelte den Kopf.
    Es war ein vollbäckiges Kindergesicht mit gesundem Rot auf der kaum merklich
braun angehauchten Haut, umrahmt von reichen Flechten schwarzen Haares mit
bläulichem Schimmer. Die Stirne war frei, wölbte sich oben etwas vor, das gerade
Näschen zeigte einen fein modellierten Rücken und zierliche Nüstern, die
brennend roten Lippen waren voll, die obere schien ein klein wenig aufgeworfen,
die untere bisschen eingekniffen, unter dichten Augenbrauen und zwischen schwer
befransten Lidern funkelten ein Paar graue Augen mit merkwürdig grossen, dunklen
Sternen.
    Nachdem das Mädchen eine Weile den bewundernden Blicken des Jungen
standgehalten, sagte es spöttisch: »Wenn ich auch dir gfall, Muckerl, so lass dir
sagen, du mir gar nit.«
    »Das glaub ich«, lachte der Junge. Er hatte ja alle Morgen beim Kämmen sein
Bild im Spiegel vor sich und wusste, wie er aussah mit seinem braunen, borstigen
Haarschopf über der breiten Stirne, der knolligen Nase darunter, den schmalen
Lippen, den fahlen, eingesunkenen Wangen; nichts war auffallend an ihm als die
grossen schwarzen Augen, und die waren nicht schön, denn sie traten zu stark aus
den Höhlen.
    »Das glaub ich, Helen«, wiederholte er. Er nahm es von der besten Seite. Wie
einer aussieht, dafür kann keiner, und dagegen kann er auch nichts machen.
    »Völlig schiech bist, Muckerl«, neckte die Dirne.
    »Und du rechtschaffen sauber«, sagte der Junge.
    »Das ist halt jetzt«, sagte sie ernst, »denk aber, was ich zu wachsen hab,
bis ich gross bin wie andere Leut. Meinst, ich bleib sauber?«
    »Die Säuberste wirst da herum.«
    »Das ist auch was!« Die Kleine rümpfte das Näschen.
    »Sag ich denn, da in Zwischenbühel?« fuhr Muckerl eifrig fort. »Im ganzen
Landviertel, mein ich.«
    »Geh, dummer Bub, fopp ein anders! Du wirst alle grossgwachsenen Weibsleut
und uns kleine Menscherln alle vom ganzen Landviertel kennen!«
    »Das hat's auch gar nit not. Hat's nit zugetroffen, was ich vor zwei Jahr
von der Reitlers Eva gsagt hab? dass die ihrn langen Leib und d' kurzen Füss
behalt? Nun, und kommt die heut, grossgwachsen, nit dahergschritten wie ein Gans,
die ein'm anblasen will?«
    »Du hast recht, völlig hast recht, Muckerl«, lachte Helen, dann fasste sie
ihn plötzlich an beiden Händen. »Sag, verstehst du leicht wahrsagen, wie ein
Zigeuner?«
    »Sei nit einfältig, ich versteh nur, was 'n Leuten gfallen mag, und schätz
wohl auch, ob, was ich heut seh, sich darnach auswachst, und das ist mir so
unterm Holzschnitzen kommen. Du weisst, mit Löffeln und Rühreln hab ich schon -
kaum aus der Schul - angfangt, später hab ich wohl auch ein'm heiklichen Bauern
an einer Stuhllehn oder am Türsims was gschnjetzt, aber das gfreut mich schon
lang nimmer, tragt auch nur wenig Groschen, damit erhalt ich mein Mutter nit und
käm selber mein Lebtag zu nix. Weisst, zulernen will ich. Denen, die d' weltlichn
Mandeln und Heiligenbilder machen, will ich's nachtun. Der Herr Pfarrer hat's
auch schon meiner Mutter versprochen, den ersten Heiligen, den ich zuweg bring,
nimmt er in unser Kirchen. Schon a Zeit schau ich mir alle Sach daraufhin an, ob
s' ihr Holz wert wär, wenn man s' schnitzte, und dasselbe kann ich mir dann auch
so leibhaftig ins Pflöckl hneindenken, dass ich mein, ich dürft nur mitm Messer
nachgehn, dass ich's herauskrieg, aber zu eilig bin ich drauf aus, und da fallt
oft da und dort a Span zviel weg, und 's Ganz wird mir schief und schelweanket;
hab ich erst a sichere Hand, dann bin ich Meister und schneid nur Gfallsams,
wofür mich 's Holz nit reut.«
    Die Kleine hatte die ineinandergeschlungenen Hände auf die Schulter des
Burschen gelegt und stützte sich so auf diese. »Gelt«, sagte sie, »mich tätst
schnitzen?«
    »Wie d' dasitzst, von Kopf bis zun Füssen, aber lieber noch, wann d' einmal
grossgwachsen bist. Verlass dich drauf, du wirst bildsauber, Helen; um dich werdn
sich die Buben raufen.«
    »Muckerl! Du Himmelsackermenter! wo steckst denn?« rief es von nebenan.
»Gleich komm! 's Nachtmahl steht afm Tisch!«
    »Die Mutter«, flüsterte der Junge und glitt von dem Bänkchen herab. »Gute
Nacht, Helen! 's kann wohl sein -«
    »Was denn?«
    »Dass ich dann auch mitrauf.«
    Er huschte davon.
    Als er in dem rein und sauber gehaltenen Stübchen bei Tische sass, keifte die
Mutter: »Wie oft soll ich dir's noch sagen, mach dich da drüben nicht unnütz. Du
bist doch wahrhaftig kein Kind mehr, und ein Bursch in deinen Jahrn vergibt sich
etwas, und es ist auch ganz unschicksam, wenn er sich mit so ein halbwüchsigen
Menscherl umtreibt. Verträglich bin ich gern mit alle Nachbarsleut, aber
vertraulich nit mit jedem und mit den Zinshoferischen wohl zur allerletzten
Letzt. Die Dirn wachst um die Alte auf, und die kenn ich noch von meiner ledigen
Zeit her, die ist von der Art, die keinem ein Guts tut, sie hätt es denn dabei
besser, und der nichts Übles zustosst, ohne dass sich's zugleich für andere
schlechter trifft.«
    Muckerl hatte sehr aufmerksam zugehört, jetzt schloss er den offenen Mund
hinter einem Löffel Suppe. Er ass schweigend weiter. Offenbar war ihm das Gesagte
so unverständlich, dass er ihm mit keiner Frage beizukommen wusste.
    Unter der Türe der verwahrlosten Hütte zeigte sich die schlanke, hagere
Gestalt eines alten Weibes. Nichts als die blitzenden, grossen, grauen Augen
hatte die Alte mit dem Kinde gemein.
    »Komm h'rein, essen.«
    »Essen?« fragte die Kleine gedehnt. »Wieder ein Schmalzbrot?«
    »Sei du froh, wenn wir Schmalz darauf haben, es schmeckt doch weniger hart
wie trocken.«
    Gähnend trat das Kind in die Stube, schloss aber hastig den Mund und zog die
Nase kraus vor der moderigen Feuchte, die in dem engen Räume gärte und ihn noch
unfreundlicher machte, als er es in seiner Unwohnlichkeit ohnehin schon war.
    »Die Kleebinderin ärgert's wohl gross«, sagte die Alte, »dass dir ihr Muckerl
nachschleicht?«
    »Kann ja sein«, antwortete die Kleine, indem sie den Kopf zurückwarf und die
Schultern hob, als wollte sie andeuten, der grosse Ärger der Kleebinderin sei ihr
ganz gleichgültig.
    »Du fangst aber bissel früh an«, fuhr die Alte mit gutmütigem Spotte fort,
»dir sagen zu lassen, dass du schön bist.«
    »Ich hab ihn nit grufen und kein Anlass zur Red geben«, entgegnete
schnippisch das Mädchen, nahm mit unwilliger Gebärde das dargereichte, mit
triefendem Fett beschmierte Brot an sich und ging zur Hütte hinaus. An grossen,
harten Brocken kauend, stand sie dort und sah nach dem Sternsteinhof hinauf, der
dort oben lag wie ein Schloss.
    Alle Märchen, von denen sie gehört oder gelesen hatte, vermischten sich in
ihrem Kinderkopfe. - -
    Da war einmal eine blutjunge, bettelarme Dirne, wohl war sie bildsauber,
aber das merkte ihr niemand an, denn sie hatte nur schlechte Kleider, und mit
denen lag sie nachts in der Herdasche; der war es aufgegeben, auf einer
glühenden Pflugschar über ein Wasser zu schreiten, einen gläsernen Berg
hinanzuklettern und in dem Schloss dort oben einem bösen, alten Weibe, das den
Schlüsselbund nicht ausfolgen wollte, den Kopf zwischen Deckel und Rand einer
eisernen Truhe abzukneipen, dann aber war das Schloss entzaubert, gehörte mit
allem Hab und Gut innen und allem Grund und Boden aussen der armen Dirne, die nun
bis an das Ende ihrer Tage herrlich und in Freuden lebte.
    Wahrhaftig, die kleine Zinshofer Helene war ein weltkluges, entschlossenes
Kind. Sie schätzte ganz richtig, dass viel Anstrengung, Mühsal und Pein auf dem
Wege nach solch einem verzauberten Schloss liegen müsse, auf die Hilfeleistung
gütiger Feen machte sie sich keine Rechnung, »schöne Prinzen« schienen ihr kein
dringliches Erfordernis, und »alte Weiber« mochten sich vorsehen.
 
                                       II
Helene erfüllte die Vorhersagung des Kleebinder Muckerl. Ja, sie übertraf, wie
er sich selbst gestehen musste, seine Erwartungen. Freilich, einige Zeit war
darüber vergangen, aber wer fragte nach, wo die hingekommen? Der Muckerl
wenigstens tat es nicht, dem war sie kurzweilig genug geschwunden; was sie
gebracht hatte, war gut, was sie noch bringen konnte, wird besser sein, und dem
sah er freudig und geduldig entgegen.
    Er verstand sich jetzt aufs Holzschnitzen, er erhielt seine Mutter und kam
für das ganze Hauswesen auf. Das erste, was er vornahm, als er seine Hand sicher
fühlte, war kein leichtes Stück und bezeugte guten Mut und Selbstvertrauen; ein
ganzes »Krippel« stellte er fertig, die Heilige Familie im Stalle zu Betlehem,
Öchslein und Esel fehlten nicht, nur die Hirten liess er weg, an deren Stelle
dachte er sich eben die fromme Gemeinde von Zwischenbühel, denn die war ja da,
um anzubeten, und darum schnitzte er keine hölzerne Andacht hinzu. Der Pfarrer
stellte, versprochenermassen, das Bildwerk in der Kirche auf, da er es aber doch
nicht für ein Kunstwerk halten mochte, auf dessen Besitz man gegen einen
umherstreifenden Touristen oder sei es auch nur gegen einen Konfrater stolz tun
konnte, so beschloss er, es der Geschmacksrichtung seiner Pfarrkinder
näherzubringen, und liess von einem durchreisenden Künstler, der sich einen
Flächenmaler nannte, weil er Fensterläden, Türbalken und Haustore behandelte,
die Figuren mit schreienden Ölfarben anstreichen.
    Die Gemeinde fand das über alle Massen schön, und einige versetzte allein der
Geruch des frischen Anstriches in eine andächtige Stimmung. Als Muckerl sein
Werk mit Farbe überdeckt fand, geriet er in eine sehr geteilte Stimmung. Die
Farbe, ja, die Farbe macht sich ganz gut, es schaut das Ganze wie lebendig her,
und der Pfarrer mochte wohl recht haben, als er sie dazutun liess, aber Fleisch,
Gewand und Haare waren immer ein Klecks, und da glänzte es an Stellen, wo es
nicht gehörig war. Muckerl sah mit Befremden, wie manche Falte, die er
geschnitten hatte, unschöne Buckel machte, und wieder, wie eine andere vom Leibe
abstand, wo sie sich schmiegen sollte; womit er es versehen hatte, das trat nun
auffällig hervor, dagegen verschwanden die Gesichtszüge seiner Heiligen, von
denen er überzeugt war, sie wären ihm aufs beste geraten, ganz unter einem dicht
aufgetragenen Anstriche. Wahre Puppenköpfe hatten sie auf den Schultern sitzen.
Plötzlich entsann er sich des kleinen, hölzernen, bunten Türken, der ober dem
Krämerladen als Zeichen des Tabaksverschleisses angebracht war.
    »Der Himmelherrgottssakkermenter«, murmelte er ziemlich laut, »hat mir 's
Ganze verschändt.« Erschrocken fuhr er zusammen und bekreuzte sich.
    Das war aber doch nicht recht vom hochwürdigen Herrn, dass er einen solchen
hat über die Sach lassen! Hätt er nit dazu einen andern finden können? War es
nit ganz unaufrichtig, dass er überhaupt gar nit hat verlauten lassen, dass eine
Farbe dazu soll und dass er sie darauf haben will? Die Farb mag der Muckerl nit
verreden, sie mag ja 'm Messer nachhelfen, aber decken darf sie nicht, was das
gut gemacht. Wer aber soll das machen? Wer kann sich wohl besser dazu anschicken
als der, dem 's selbe Schnitzwerk von der Hand gangen is? Das lernen wird keine
Hexerei sein, und der Muckerl will's erlernen.
    Er erlernte es. Bald wunderte sich das ganze Dorf über die bunten
Holzstatuetten, die er zwischen den Fenstern zur Schau stellte, kein Heiliger
des Kalenders brachte ihn in Verlegenheit, denn da er mit der himmlischen
Familie fertig geworden, wird er doch Aposteln, Notelfern, Märtyrern, heiligen
Frauen und Jungfrauen beizukommen wissen.
    Nicht lang, so hatte man es auch in der Umgegend Rede, was für ein
Geschickter da drüben in Zwischenbühel sitze, und wenn einer ein Herrgott, eine
Gnadenmutter oder ein Heiligen brauche, so dürfe er nur zu dem gehen. Aber nur
wenige kamen, und die feilschten rechtschaffen; am meisten ängstigten den
Muckerl die sogenannten Herrgottlkramer, die mit solcher frommer Ware das Land
abliefen; sie dachten ihn als billige Bezugsquelle auszunützen und verhielten
sich ihm gegenüber wie Kunständler in einer Grossstadt gegen einen talentierten
Anfänger in der Malerei.
    Schwere Sorge beschlich oft den Muckerl. Selten, gar selten war es, dass ein
Bäuerlein, ein altes Mütterchen, eine junge Dirne Nachfrage hielt, noch
seltener, dass er nach stundenlangem Feilschen einen Herrgott, der nicht genug
blutig sein konnte, einen Namenspatron, der nie »andächtig« genug schien,
verkaufte; die Herrgottlkrämer bekam er öfter zu Gesichte, die aber machten ihn
mit ihren Ausstellungen schwitzen, mit ihren Anboten ganz verzagt, und oft rief
er sie unter Tränen in den Augen zurück, wenn sie an der Türe in wegwerfendster
Weise fragten: »Na, gibst mir's diesmal mit oder nit? Noch ein Gang her is mir
der ganze« - folgte ein sehr derber Ausdruck - »nit wert!«
    Aber da fand sich mit einmal ein Absatz. Eines Abends trat ein Mann in
Muckerls Hütte, nannte sich einen Handelsagenten für religiösen Hausrat, hätte
das Beste sagen hören über den Heiligenschnitzer zu Zwischenbühel und wäre
gekommen, dessen Ware zu sehen. Er äusserte sich über die vorgelegten Proben sehr
freundlich, lächelte mitleidig, als er den Preis erfuhr, um den bisher diese
Arbeiten abgegeben wurden, bot sofort das Fünffache, gab Vorschuss und bestellte
nach Dutzenden. In der Stadt, beteuerte der Herr Agent, hätte man derlei nötiger
als am Lande, dort wäre mehr Geld, aber auch mehr Gottlosigkeit, darum gehe man
jetzt daran, den religiösen Sinn zu heben, was am besten durch massenhaften
Umsatz von billigem und gefälligem religiösen Hausrat zu bewerkstelligen sein
dürfte, wofür denn eine Handelsgesellschaft aufkommen wolle. Der Herr Kleebinder
möge nur darauf achten, immer gleich gute Ware zu liefern, so würde ein
lohnender Absatz für längere Zeit gewiss sein.
    Muckerl schwamm in Seligkeit, fast hätte er sich vergessen und wäre dem
kleinen, säbelbeinigen Männlein um den Hals gefallen, aber ein leider in den
unteren Volkskreisen eingewurzeltes Vorurteil liess ihn davon abstehen, denn der
Mann, der sich mit der Hebung des christlich-religiösen Sinnes befasste, war,
beschämenderweise, ein Jude.
    Nun rückte gute Zeit ins Haus, mit ihr aber auch manches, das die alte
Kleebinderin derselben nicht recht froh werden liess und sie ihr endlich gar
verleidete.
    Es war an einem Samstagabende, als Muckerl den Hügel hinter den Hütten
herabkam. Er trug seine kurze Jacke mit blanken Knöpfen, seinen saubern
Brustfleck, seine guten Schuhe, kurz, sein Feiertagsgewand; seine bestaubten
Füsse, sein erhitztes Gesicht liessen schliessen, dass er nicht von nah, wohl gar
von der Kreisstadt heimkehrte.
    Er trug ein kleines Päckchen, es war in sein rotes, geblümtes Taschentuch
eingeschlagen und kam in keiner seiner Hände noch sonst zur Ruhe; er fasste es
bald in die Rechte, bald in die Linke, drückte es gegen seine Brust, barg es im
Rücken, schob es unter die eine oder die andere Achsel und holte es sofort
wieder hervor.
    Vorsichtig lugte er durch die Zweige des lebenden Zaunes in seinen Garten,
und als er seine Mutter nicht um die Wege sah, war er mit einem Sprunge auf
Nachbarboden und trat durch die rückwärtige Türe in die Zinshofersche Hütte.
    Er fand Helene mit der Alten zusammensitzen, Rüben schälen und in einen Topf
schneiden.
    »Guten Abend miteinander«, sagte er.
    »Guten Abend«, sagten die beiden.
    »Wie geht's?« fragte er. »Wie geht's? Soweit ich's euch abzusehen vermag,
nit übel, denk ich. In der Stadt bin ich gwesen. Halt ja. Müd bin ich, erlaubts
schon, dass ich mich setz.«
    Das Mädchen wies mit der Hand, in der es das Messer hielt, nach der
Gewandtruhe, die in der nahen Ecke stand.
    Muckerl setzte sich. Er hielt das Paket an beiden Enden angefasst und drehte
es zwischen den zehn Fingern fortwährend herum.
    Nach einer Weile sah die Alte auf, wobei ein finsterer Blick die Tochter
streifte, und sagte: »Na, wie schaut's denn aus in der Stadt?«
    »Ich dank der Nachfrag«, entgegnete Muckerl, »es ist völlig schön dort und
so gangbare Wege haben s', ganze Steinplatten. Ja, Helen, wie ich da drauf
gleichen Schritts getrabt bin, hab ich an dich gedacht.«
    »An mich? Ich wüsst nit, was ich mitm Stadtleuten ihren Pflaster zu schaffen
hätt.«
    »Dort tritt sich nit leicht eins ein Scherbe, ein Nagel oder solchs
Teufelszeug ein, wie da bei uns schnell gschehen is und erst neulich dir.«
    »Ah, ja so. Das ist längst wieder heil. Schau mal.« Die Dirne streckte vom
niedern Schemel, auf dem sie sass, den rechten Fuss dem Burschen hin.
    »Mein Seel«, sagte der, »ganz sauber verheilt. Wär auch schad um die fein
Füss, wann s' ein Narbe verschandeln möcht.«
    »Is dir leid drum, so breit mir halt, wo ich geh und steh, eine Strohdecken
drunter.«
    »Da weiss ich mir eine bessere Abhilf. Ich gib ein Futteral drüber.« Der
Bursche sagte das mit kurzem, wie Husten klingendem Lachen und ward darnach rot
bis unter die Haare. »Das heisst«, fuhr er stotternd fort, »das heisst, wenn halt
d' Zinshofer Mutter damit einverstanden wär, so wären da ein Paar Schuh.«
    Die Dirne blickte ihn von der Seite an. »Nur der Mutter Einverständnis
braucht's, meinst du? Ich denk, es ist die Frag, ob ich s' tragen will?«
    »Du wolltst sie nit?« stammelte Muckerl.
    »Dir, seh ich, muss mer schon z' Hilf kommen«, sagte die Alte. »Du musst auch
erst bei jungen Weibsleuten aufhorchen lernen, die verreden oft, wonach ihnen
Herz und Hand giert.«
    »Was du alles weisst«, höhnte die Dirne, dann wandte sie sich an Muckerl.
»Wirst wohl auch was Rechts eingekauft haben? Lass mal schaun, dass ich ein
Ungschickten auslach. Werd dir wohl fürn guten Willen danken müssen, passen
werdn s' mer eh nit.«
    »Wird sich ja weisen«, schrie Muckerl, der plötzlich wieder in scherzhafte
Laune geriet, in hoch gehobener Hand das Bündel schwang, als ziele er in
bedrohlicher Weise nach dem Kopfe der Dirne. »Gleich kommt's.«
    »Na, sei so gut«, kreischte Helen, fuhr vom Sitze empor und entrang ihm das
Tuch. Nachdem sie dasselbe aufgeknüpft hatte, betrachtete sie die Schuhe. Sie
stützte das rechte Bein auf den Schemel und hielt die Sohle des Schuhes an die
des Fusses. »Schau«, sagte sie, »wahrhaftig, die könnten mir recht sein, und
schön sein s' auch, recht schön.« Sie drehte sie eine Weile in den Händen, bot
sie ihm dann zurück. »Da nimm s' wieder«, seufzte sie.
    »Ja, warum denn?« fragte ganz ratlos der Bursche. »Warum denn, Helen?«
    »Nein, Muckerl, ich muss danken, wirklich muss ich dir recht schön danken. Ich
sag's, wie's wahr is. Da dazu ghören Zwickelstrümpf, die hab ich nit, und mit
blossen Füssen tret ich lieber auch auf d' blosse Erd als auf Leder. Auslachen mag
ich mich nit lassen.«
    »Du Närrisch«, sagte mit triumphierender Miene der Bursche, »meinst du, ich
denk nur vom Gründonnerstag auf Karfreitag? Ah mein, nein.« Er zerrte ein
kleines Päckchen hervor, das er in eine Jackentasche gezwängt hatte. »Da schau,
was da drein is.«
    Es waren Zwickelstrümpfe und hochrote Strumpfbänder mit Seidenbandschleifen.
    »Muckerl«, schrie die Dirne, vor Freude die Hände zusammenschlagend. »Du
bist doch ein guter Bub.«
    »Ja, gut is er, der Muckerl«, sagte die Alte.
    Helen setzte sich neben den Burschen. »Na, därfst auch zuschaun, wie ich s'
anleg.« Ohne sich im mindesten durch seine Nähe beirrt zu fühlen, probierte sie
Strümpfe und Schuhe an. »Wie das passt«, lachte sie, »du dürftst von mein Füssen
's Mass gnommen haben.«
    »Das hab ich auch, mitn Augen; drauf muss ich mich ja verstehen, von welcher
Gröss Hand, Fuss und Kopf zu eines Menschen seinm Leib passen.«
    Die Dirne hielt den Saum des Rockes in der Höhe, wo die Strumpfbänder sassen,
um die Beine geschlagen und betrachtete selbstgefällig ihre Füsse. »Bis daher«,
sagte sie lächelnd, »ist die Prinzessin fertig, von da ab fangt 's Bettelweib
an, und das ist weitaus 's grössere Stück.«
    Muckerl erhob sich. »Nur nit verzagt. Kommt Zeit, kommt Rat. Noch ist nit
aller Tage Abend. Gut Nacht. 's ist jetzt Zeit, dass ich geh, sonst ängstet sich
d' Mutter oder schilt gar. Gute Nacht miteinander!«
    Schon am andern Morgen hatte er Ursache, zu bereuen, dass er an seine
Gutmütigkeit so gar keinen Vorbehalt geknüpft. Helen kam vorbeigelaufen, als sie
aber ihn und die alte Kleebinderin in der Küche stehen sah, verweilte sie sich
ein wenig. »Guten Morgen«, rief sie, und rasch einen Fuss nach dem andern
vorstreckend, fuhr sie fort, »eine närrische Freud hab ich mit den Schuhen und
Strümpfen. 's is gleich ein anderes Gehen. Dank dir schön dafür, Muckerl.«
    Die alte Frau sah ihren Sohn mit einem Blicke an, vor dem er sich verlegen
zur Seite krümmte.
    Die Dirne wies die glänzenden Zähne, warf beiden einen boshaft lachenden
Blick zu und lief weiter.
    Die Kleebinderin faltete die Hände ineinander und liess sie in den Schoss
fallen. »Muckerl!« Meht war sie ausserstande hervorzubringen, die Überraschung
verschlug ihr die Rede, über welchen Umstand der gewissenhafte Bursche sich
jedes heuchlerischen Bedauerns entielt, dagegen fand er es sehr unbehaglich,
dass sie diesen Tag über, sooft sie seiner ansichtig wurde, mit dem Kopfe
schüttelte.
    Etwa eine Woche darnach kam Muckerl wieder einmal aus der Stadt zurück, aber
diesmal umging er das Dorf nicht, er hielt sich auf der geraden Strasse und
schlenkerte auffällig mit den Armen, als wollte er die Leute, die eben um die
Wege waren, sehen lassen, dass er mit leeren Händen käme.
    Gleichen Weges war eine gute Weile zuvor Helene mit flinken Füssen durch das
Dorf gerannt, sie hielt dabei ein schweres Bündel mit beiden Armen gegen die
Brust gepresst. Jetzt kniete sie inmitten ihrer Stube, vor ihr auf dem Boden
lagen Wäschstücke, Latzschürzen, Röcke und ein Sammetspenser ausgebreitet, und
sie sah unter den langen Wimpern auf all die Herrlichkeiten herab, ein Lächeln
innerster Zufriedenheit in den Winkeln der aufeinandergepressten Lippen.
    Die alte Zinshoferin schlug ein über das andere Mal die Hände zusammen.
Endlich fragte sie: »Vom Muckerl?«
    Das Mädchen nickte.
    »Wofür hat er dir's gegeben?« fragte die Alte mit scharfem Tone, der jedoch
bei ihrem lauernden Blick und gemeinen Lächeln nicht nach mütterlicher Strenge
klang, sondern nach rüder Neugierde, die zu wissen verlangt, woran man sei, und
Herrischkeit, die bestimmen will, wohin es weiter solle.
    Die Dirne sah stirnrunzelnd empor. »Wofür? Dafür, dass ich ihm auf der
Strassen nit 'n Weg und daheim nit d' Tür weis. Für weiter nix!« Sie lachte
höhnisch auf. »Du musst wohl dein Zeit a dankbars Gemüt ghabt haben, weil d' so
fragen magst!«
    Als Muckerl der weit ausserm Ort, im Busche, ihn erwartenden Dirne das Bündel
einhändigte, liess er sich von ihr zwei Dinge in die Hand versprechen, dass sie in
ihrem neuen Putz seiner Mutter nicht unter die Augen gehe und dass sie sich
nächsten Sonntag von ihm ins Wirtshaus führen lasse. Ob er auch nur einen
Augenblick daran dachte, wie ungereimt es war, der Mutter verheimlichen zu
wollen, was Sonntags jeder als Neuigkeit von der Schenke mit heimtragen wird?
Ach, der Bursche dachte wohl an gar nichts, als wie schön, wie gar aus der Weis
schön die Dirne war!
    In der Samstagnacht, vor dem Einschlafen, drehte sich Helen im Bette nach
der Mutter um. »Hörst? Ich hab vergessen, dir zu sagen, morgen führt mich der
Muckerl ins Wirtshaus.«
    »Und du gehst?«
    »Warum nit? Wozu hätt ich mein Putz? Jetzt, wo ich unter d' Leut gehen kann,
hab ich kein Ursach mehr, ihnen fernzbleiben.«
    »Na, da heisst aber auch schon vom Montag 's Kleebinder Muckerls sein
Schatz.«
    »Meintwegen, mir schadt's nit, und ihm macht's ein Freud, und die gönn ich
ihm.«
    »Die gönnst ihm?« murrte die Alte. »Spiel du dich nit auf die Erkenntliche
hinaus! Wär dir so ums Herz, so ging wohl dein Mutter allen andern vorauf! Nit?
Aber wann nur du dich zsammstatzen kannst, so mag ich nebenherrennen wie ein
Hadernkönigin. Der Muckerl würd mich auch bedenken, wann du ihm nur ein gut Wort
gäbest.«
    »Ich hab um mein Sach keins an ihn verlorn, werd ich doch nit um fremde
betteln.«
    »Ja, das stünd dir nit an, du hochfahrigs Ding! Haltst dich leicht schon
vorm Bettelngehen sicher? Nimm nur dein Holzschneider. Fahrt ihm einmal
unversehens der Schnitzer in d' Hand und bleiben ihm die Finger verkrümmt, is's
mit der ganzen Herrlichkeit vorbei. Hättst wohl auch auf was Gescheiters warten
können.«
    In selbstgefälliger Eitelkeit, die Worte dehnend und singend, entgegnete die
Dirne: »Zuwarten und aufdringen is nit mein Sach.« Sie befühlte ihre vollen
Arme, die sie vor sich über der Bettdecke liegen hatte, den einen mit dem
andern. »Mit solche Arm braucht mer nur festzhalten, was einm taugt unter dö,
was darnach greifen.«
    »Freilich wohl, dalkete Gredl! Aber lass mer sich einmal drauf ein, dann halt
mer nit nur, mer wird auch ghalten und mag nit loskommen.«
    Das Mädchen kehrte sich gegen die Wand und gähnte. »Pah, wär mir drum,
riskieret ich halt ein blaues Fleckel.«
 
                                      III
Der Sonntag hat seine festliche Stimmung vom ersten Läuten der Kirchenglocken,
das in der Morgenluft verklingt, bis nachmittags, wo man, vom Segen heimkehrend,
wieder über die heimische Türschwelle tritt; darnach aber, wenn die Sonne sich
neigt und die Vögel zu lärmen aufhören, während »Manner und Buben« im Wirtshause
damit anheben, beginnt für jene, die in den Stuben sitzen, für die Bäuerinnen,
für die Bursche, die kein Geld haben, für die Bauern, die es sparen wollen, für
die Unkräftigen, die vom Siechtum eben erstanden sind oder sich in dasselbe
gelegt haben, eine verlassene, nachdenkliche, ja langweilige Zeit.
    Gegen das Verlassensein hilft freundnachbarlicher Besuch, gegen die
Nachdenklichkeit unterhaltsame Ansprach, welche auch der Langweile nicht
aufzukommen gestattet. Es war daher recht christlich von der alten Matzner Resl
am oberen Ende des Ortes, dass sie sich entschloss, die Kleebinderin am unteren
Ende desselben heimzusuchen. Die alte Resl befand sich nicht einmal allein auf
ihrem Stübel, sie hatte da jedzeit ihr einzig Kind, die Sepherl, um sich; mochte
sie übrigens auch einen klein wenig selbstsüchtigen Anlass zu dem Besuche bei der
Mutter Muckerls haben, so soll das der Christlichkeit ihres Unternehmens keinen
Abbruch tun, wer kann im Verkehre unter Menschen diese Schwäche hoch aufnehmen,
die selbst der Frömmste im Verkehr mit Gott nicht los wird, durch den er für
sich die ewige Seligkeit zu gewinnen hofft.
    So gingen denn Mutter und Tochter die schmale Strasse zwischen der
Häuserzeile und dem Ufer des Baches dahin.
    Sepherl war eine mannbare Dirne, mittelgross, mehr sehnig als voll gebaut,
was, wie die Rauheit ihrer Hände, von früher, harter Arbeit herrühren mochte;
sie hatte ein rundes, gutmütiges Gesicht, das Schönste in selbem waren grosse,
frische, blaue Augen, die sie oft, wie wundernd, weit aufriss, und daher rührte
wohl die dünne, in der Mitte gebrochene Falte, die ober den Brauen von einer
Schläfe zur andern lief. Ihr Mund war klein, wie im Wachstum zurückgeblieben,
und nahm sich, geschlossen, die blutroten Lippen in tiefe Winkel verlaufend, wie
der eines Kindes aus, das dem Weinen nahe ist.
    Die alte Kleebinder sass bei geschlossener Türe am Fenster, als die beiden in
das Vorgärtchen traten. Sie beeilte sich ihnen entgegen.
    »Bist allein«, sagte die Resl.
    »Ja, mein Muckerl is ins Wirtshaus.«
    »Ich weiss.«
    »Tut euch setzen. Sepherl, nimm dir den Sessel aus dem Eck dort. Is recht
schön, dass ihr euch wieder einmal anschaun lasst.«
    »Freut uns, wann wir dir nit unglegen kommen. Heut is a schöner Tag, und 'n
Weg von uns her kann mer wohl für ein klein Spaziergang rechnen. Es wär auch gar
nit unlustig zu gehen, tät nur der Bach nit sein, der stinkt so viel.«
    »Ja, so viel stinken tut er«, sagte Sepherl mit dünner Stimme und wunderte
sich hinterher, das heisst, sie machte grosse Augen, sei es über die üble
Eigenschaft des Baches oder weil sie ungefragt dazwischengesprochen.
    »Dich sieht mer aber fast gar nit ausser Haus, Kleebinderin?«
    »Ich komm so viel schwer ab. Weisst ja, Matzner Resl, mein Muckerl arbeit
heim. Feldarbeit braucht kein Nachräumen, aber Stubenarbeit braucht's, man
glaubt nit damit fertig z' werden. Ja, er schafft aber auch fleissig die ganze
Woche über. No, wollt er sich heut einmal lustig machen, hab ich mir gedacht,
soll er.«
    »Hast recht, Kleebinderin. Ich kann nit anders sagen, als dass du recht hast.
Er is a braver Bub und gönnt dir, als seiner Mutter, ja auch alles Gute.«
    »Das tut er. Der liebe Gott mag ihm's lohnen.«
    »Amen!« sagte die alte Resl, dann deutete sie nach der oberen Lade eines
breiten Wäschschrankes. »Gelt, jetzt is wohl wieder Geld da drein, wie der alte
Kasten schon seit viel Jahr nimmer beisamm gsehn hat?«
    »Es is schon eins drein«, sagte die Kleebinderin, vom Ellbogen auf die Hände
dazu beteuernd schüttelnd, »ich sag nit, dass keins drein wär, aber so viel, wie
du vermeinst, mein liebe Matznerin, wohl nit! Musst ja bedenken, dass aus 'n
harten Zeiten her noch Schulden zu zahlen waren, und was 's Arbeitszeug kost und
d' Farben, wie hoch d' Fracht z' stehn kommt, und was einm d' Steuer abbricht,
Jesus, du mein!« Sie beugte sich, beide Hände auf die Knie gestützt, vor und
sprach zur Diele hinab. »Kannst mir's glauben, wann d' besten Freund kämen, nit
ein Heller hätten wir zu verleihen.«
    »Mein liebe Kleebinderin, wer so gut als ich weiss, wie einm nach notafter
Zeit jeder zruckglegte Groschen anlacht, dem leidt's d' Freundschaft nit, dass er
davon borgen kommt. Musst also nit meinen, ich hätt an dein Geldtruhen klopfen
wolln.«
    »Glaub's eh nit, bist ja von je a Sparmeisterin gwest.«
    »Musst auch nit glaubn, ich vermut gar so viel bei dir. Gott sei Dank,
Rechnen hab ich noch nit verlernt. Es is wahr, ös habts jetzt ein schön
Einkommen, und der Muckerl is rechtschaffen fleissig, aber dafür will er halt
auch sein Aufheiterung haben, wie ja billig is; doch das leucht einm ein, dass du
kein Haus sparen kannst, bei dem Aufwand, den er macht.«
    »Mein Muckerl?!«
    »Na ja, und es wird ihm's auch niemand verdenken, dass er sein jung Lebn
gniesst und sich wie andere Bursche mitn Schatz ins Wirtshaus setzt.«
    »Mein Muckerl? mit ein Schatz?«
    »Und sauber is die Zinshofer Helen, da lasst sich nix sagn.«
    »Die Zinshofer Dirn?«
    »Und gegen d' Armut, die s' plagt, kommt ja der Muckerl auf. Schand macht s'
ihm keine, sie kann sich sehn lassen neben ihm, wie er s' jetzt hrausputzt hat
von Kopf bis zun Füssen.«
    »Von Kopf bis zun Füssen, sagst? Oh, der scheinheilige Lotter! Und ich wüsst
um die ganze Gschicht nit einmal von Füssen an, wenn nit das kecke Mensch, um
mich z' ärgern, die Schuh und Strümpf gwiesen hätt, die er ihr kauft hat.«
    »Jesses! - So ein Unbedacht! - Heilige Mutter Anna! - Hätt ich nur nix
gsagt!« Die alte Resl legte nach jedem dieser An- und Ausrufe die Hand vor den
Mund, aber nur, um sie sofort wieder wegzunehmen, und nach dem letzten fasste sie
nach den Händen von Muckerls Mutter. »Musst mir nit bös sein, Kleebinderin.«
    »Ich muss dir wohl danken«, entgegnete diese niedergeschlagen, »dass du mir
noch heut rechtzeitig damit ins Haus kommen bist und ich nit morgen vor alln
Leuten im Ort ein Narren gleich schau.«
    »Nimm's nit übel, Kleebinderin, dass ich's frei bered; mir is gleich die Sach
nit recht richtig vorkommen, und ich mocht schwer daran glauben, aber sag
selber, musst ich nit? Konnt ich mir denn denken, du wüsstest um nix? Freilich war
mir ratselhaft, wie sich's hat schicken mögen, dass dir mit einmal d'
Zinshoferschen Leut recht sein, die du nie hast leiden mögen!«
    »Nach all dem, heut weniger wie je. Jesses, der gottlos Bub!«
    »Aber was wahr is, Kleebinderin, is wahr, d' Schönste hätt er an ihr.«
    Die Kleebinderin wies mit der Hand alle Schönheiten entschieden von sich.
    »Ja, ich an deiner Stell gäb auch nix drauf. Dein Bub is a braver Bub, ein
guter Bub, aber d' Schönheit plagt 'n just nit, und nebn der Zinshofer Dirn
kommt er gar nit auf. Heirat ein Mann z' tief unter sein Vermögen, is er seiner
Wirtschaft feind, betrat er z' hoch über sein Schönheit, is er's seiner Ruh.«
    »Mein liebe Matznerin, das is a dalket Reden! Für mein Bubn is mer d'
Schönste grad sauber gnug, und wär d' Zinshofer Dirn nur anderer Leut Kind, so
sorget ich nit.«
    »Verzeihst schon, aber soviel wie du von deinm Muckerl kann auch die
Zinshofer von ihrer Helen halten, denn jede Mutter hat 's schönste Kind, und die
Alte achtet's wohl für kein Gnad, die vom Himmel fallt, wann dein Sohn ihr Dirn
zum Weib nähm! Mein liebe Kleebinderin« (diese Ansprache überzuckerte jedesmal
eine bittere Pille, die eine Alte der andern einzugeben Lust hatte), »halt du
dein Bubn, so hoch d' willst, aber afs Kirchdach musst 'n nit setzen; wo junge
Leut gnug af ebenen Boden ohne Bschwer sich zsammfinden mögen, wird ihm kaum
einer andern Mutter Kind dortin nachsteigen. Freilich, ein arms Hascherl wüsst
ich, das sich lang schon einbildt, er säss so hoch über alle andern, und sich 'n
gern herunterholet, aber kein Leiter findt, die hinanreicht.« Sie streichelte
Sepherls Scheitel und tätschelte deren Wange. Die Dirne ward glührot im Gesichte
und blickte wieder wundernd auf. Frau Resl erhob sich. »Nun, denk ich, wär gnug
gschwätzt, vielleicht schon alls zviel; aber wenigstens weisst, woran d' bist,
Kleebinderin, und wann d' dazuschaust, so liess sich wohl noch verhüten, was dir
etwa nit in Kram taugt. No, nix für ungut. Bhüt Gott!«
    »Bhüt Gott! kommt gut heim. Völlig verwirrt hat mich euer Reden. Gute
Nacht!«
    »Gute Nacht, Kleebinderin!«
    Auf der Strasse fragte die Dirne mit leiser, klagender Stimme: »Nun sag mir,
mussten grad wir ihm 'n Verdruss ins Haus tragen?«
    »Du Tschapperl du! Hätten wir ihm den ersparen können?! Ich wollt mir nur
niemand bei der Kleebinderin zuvorkommen lassen; sie sollt sehn, dass alte
Freundschaft die erste am Platz is, und sie sollt hören, was mich schon lang
druckt zu sagen, nit meinerwegen, sondern deintwegen.«
    Das Mädchen schüttelte den Kopf. »Morgen weiss er's, dass wir da waren, und
schaut mich mit kein guten Aug mehr an.«
    »Bisher hat er dich mit gar keinm angschaut! Is dir so um sein Anschaun,
kannst ja zfrieden sein, wann er derweil auch nur böse Augen in dir stecken
lasst. Kommt Zeit, kommt Rat.«
    Beide schritten längs des Baches dahin, von dem nun in der Abendkühle eine
widerlich riechende Feuchte aufstieg.
    Allein gelassen, geriet die Kleebinderin, je mehr sich die Zeit dehnte, in
immer grössere Aufregung und Befürchtungen, der Falschheit ihres Sohnes wegen, so
dass zuletzt die arme Alte ebensowenig an einer Stelle zur Ruhe kam wie eine Maus
in der Falle.
Das Wirtshaus lag am oberen Ende des Dorfes. Da der Garten etwas anstieg, so war
eine Kegelbahn in selbem nicht anzubringen, weder der Höhe noch der Quere nach;
bergauf hätte kein Spieler die Kugel bis zu den Kegeln zu treiben vermocht, sie
von selbst bergunter laufen zu lassen, dabei wär weder Kunst noch Spass gewesen,
und quer, nach einer Seite überhängig, musste es ja jeden Schub verreissen und käm
der beste Scheiber vor lauter Anwandeln zu keinem Spiel. Aber kegeln wollten die
Bauern, und so war denn die Bahn vor dem Hause längs der Strasse angebracht, und
wer einkehren wollte, musste unter dem Vordach hindurch, an den lärmenden, meist
hemdärmeligen Spielern vorbeigehen.
    Als der Kleebinder Muckerl mit der Zinshofer Helen herankam, blickten alle
verwundert auf.
    »Je, Muckerl, getraust du dich auch einmal von deine Herrgottln weg?« rief
der Wirt und folgte den beiden durch den Hausflur, an Gaststube und Küche
vorbei, in den Garten nach.
    Der Bursche, der eben zum Schub angetreten war, verzog das Maul, verdrehte
die Augen und liess, als ob er über diese Begegnung auf das nächste vergässe, die
schwere Kugel aus der Hand fallen, worauf er einen Schrei tat und auf einem
Beine herumhüpfte, als sei das andere geschädigt worden.
    Es musste das ein guter Spass sein, weil ihn alle belachten.
    Im Garten war es kühl und fast einsam. An einem Tische sassen zwei alte
Bauern und an einem zweiten ein Knecht mit einer Dirn.
    »Was soll ich bringen?« fragte der Wirt. »Wirst wohl ein Wein wolln, ein
bessern, versteht sich, und ein Backwerk? Wirst dich nit spotten lassen?«
    Versteht sich, dass der Muckerl sich nicht spotten liess.
    »Sapramost«, rief einer der Bursche draussen, »ist aber die Zinshoferische
sauber, die is die Schönst wordn von alln!«
    Auf der Bank hinter dem lange Tische, auf dem die Spieler ihre Krüge stehen
hatten, sassen etliche Dirnen, die mochten, während der Schatz kegelte, zusehen
oder untereinander plaudern, durften auch ab und zu einen Schluck nehmen. Hatte
eine ein Glas mit süssem Weine vor sich und etwa gar eine Zuckerbrezel dazu, so
war das eine grosse Aufmerksamkeit, oder sie - bezahlte sich's selbst.
    Bisher hatten sie ziemlich fremd gegeneinander getan und sich nur wenige
Worte gegönnt. Oft sah eine die andere misstrauisch von der Seite an und dann
wieder von ihr weg nach der Kegelbahn und verfolgte eifrig den Gang des Spieles
oder tat wenigstens so, während sie mit dem Schatz zu liebäugeln versuchte und
dabei auch beobachtete, »ob nit die daneben ein schlechts Mensch mache« und ihn
ihr abzuwenden verlangt, wobei es allerdings vorkam, dass die Betreffende selbst
einen Augenblick darauf vergass, dass sie seit acht Tagen mit einem »Neuen« gehe
und aus alter Gewohnheit dem »Früheren« zulächelte. Jetzt aber, wo mit einmal
die Zinshoferische die Schönste sein sollte, rückten sie naserümpfend zusammen,
zogen bedauernde und spöttische Gesichter gegeneinander und wussten wohl, wem das
Bedauern und der Spott galt.
    »Merkwürdig«, sagte der Wirtshannsl, nebenbei bemerkt, seines Vaters beste
Kundschaft, »merkwürdig, dass bis heut keiner von uns um der ihr Sauberkeit gwusst
hat!«
    »Kein Wunder«, sagte ein anderer, »wann hat man s' voreh auch zu Gsicht
kriegt? Nit ausser, nit unter der Arbeit. Ihr Hütten liegt am untersten untern
End, und müsst mer erst gwusst habn, was mer dort z' suchen hat, eh man sich nach
Feierabend dahin müd läuft, und ins Tagwerken hat s' ihr Mutter nit gschickt.«
    Das war richtig, die Helen hatte noch niemand arbeiten gesehen.
    Als jetzt ein stämmiger Bursche in die Ärmel seiner Jacke schlüpfte und
sagte: »Die Schnur is aus, scheibts ohne meiner weiter! Ich geh, mir die zwei
Leuteln anschaun«, da schrien die Dirnen lachend: »Tu dich nur nit in Kleebinder
Muckerl verschaun!« Sie bildeten jetzt eine Kette und hatten gegenseitig die
Arme um Nacken und Hüften geschlungen.
    »Sorgts nur, dass euch keiner von euere Muckerln ausreisst«, sagte der
Stämmige mit pfiffigem Augenblinzeln.
    Nicht lange, so war ein Bursche nach dem andern verschwunden, und bei den
Dirnen, die nun aneinanderrückten wie Schafe, wenn's donnert, blieb niemand
zurück als der Wirtshannsl. Der Schalk wusste, dass er nun als der »einzig
Gscheite« bei den armen, vernachlässigten Geschöpfen einen Stein im Brette haben
werde, und da verletzte Eitelkeit gar manche veranlasste, sich so zu benehmen,
als wäre ihr darum zu tun, die widerfahrene Kränkung auch zu verdienen, so sah
er einem recht unterhaltsamen Abend entgegen. Wirklich schallte es bald unter
dem Vordache vor lautem Gelächter und Geschrei, das manchmal in ein grelles
Aufkreischen ausartete. -
    Der Kleebinder Muckerl war im Orte wohlgelitten, in besonderer Achtung stand
er nicht, kam ihm ja auch gar nicht zu. Körperkraft, Arbeitstüchtigkeit,
erwirtschaftetes, auch überkommenes Geld wertet der Bauer frischweg, darauf
versteht er sich, das bewährt sich unter seinen Augen als zu Nutz und
wünschenswert; vor dem Manne, dem man nicht auf den Grund der vollen Tasche zu
sehen vermag, rückt er den Hut und gibt ihm, als einem, dem Gott über die andern
emporgeholfen hat, wie der hohen Obrigkeit, aus Respekt, kurze Reden. Alle
andere Schätzung und Wertung ist ihm überkommen, selbst was unseres lieben
Herrgotts und all seiner Heiligen Gnad und Barmherzigkeit anlangt, verlässt er
sich auf seines Pfarrers Wort und Lehr. Alles, was in seinem Kreise dem
Hergebrachten zuwiderläuft, macht ihn verlegen und misstrauisch, 's mag ja von
Gott gegeben sein, 's könnt's aber auch der Teufel geschenkt haben, wer weiss
sich da schnell aus? Und gar, was so inmitten zwischen dem Weltlichen und
Heiligen liegt, das Gebiet der Kunst, das ist ihm allzeit nebelgrau geblieben
und dürfte es ihm wohl bleiben; vor einem Kunstgegenstande wagt er sich kaum
über das reservierte Urteil hinaus: Das schaut schön aus! Da war denn nun der
Kleebinder-Muckerl, klein und knirpsig, sicher ausserstand, auf dem Felde seinen
Mann zu stellen, freilich war sein Glück, dass er findig und geschickt genug war,
sich daheim mit leichterer Arbeit mehr Geld zu verdienen als manche andere mit
der harten; aber feiern durfte er auch nicht, und seinm Sack war wohl noch auf'n
Grund zu sehn, übrigens, war solche Arbeit überhaupt welche zu nennen und Ehr
dabei aufzuheben? Wohl heisst's, zu Zwischenbühel, da sitzt einer, der versteht's
Herrgottlmachen und Heiligenschnitzen, aber (die guten Zwischenbüheler empfanden
instinktiv, dass ihr Dorfkind kein Genie sei) wenn er's gar so ausbündig, so
aller Welt ungleich verstünd, säss er nit mehr unter uns. Eben dieses Gefühl der
Gewöhnlichkeit Muckerls, das dem unzureichenden Grunde, ihn als etwas Besonderes
zu betrachten, entsprang, machte ihn wohlgelitten; nur wollten ihn die Bursche
unter sich nicht als einen Gleichen gelten lassen, und schau eins, nun möcht mit
einmal das Halbmännel, der Stubnschaffer gar vor allen was voraushaben und mit
der Schönsten vom Ort gehn?!
    Dazu dürft ihm doch wohl der Weg zu verlegen und zu verleiden sein.
    Wär anders denen unterm Vordache draussen die Lustigkeit vom Herzen gegangen,
so hätten sie die Gesellschaft, die da rückwärts im Garten sass, verlachen
können, denn die kam zu keinem Behagen.
    Der Stämmige, der zuerst hinausgeschlichen war, hatte sich ohne viel
Umstände an Muckerls Tisch gesetzt; nachdem er dem Herrgottlmacher ein paar
kurze Reden gegönnt, wobei er, über dessen Achsel weg, Helenen zublinzelte, ging
er sofort daran, sich dieser gegenüber als den Spasshaften und Zutätigen zu
bezeigen, denn er hielt dafür, dass der Deckel rasch vom Korbe müsse, wenn er
Hahn darin sein wollte, denn die andern Bursche würden nicht lang wegbleiben;
aber schon der nächste, der hinzukam, fand ihn verdrossen mit einer
hochgeröteten Backe dasitzen.
    Und alle die Bursche, wie sie sich nun hinzufanden, richteten erst vorab
paar Worte an den Muckerl, dann reckten sie die Hälse und sprachen von dem
nächsten Tisch herüber zu der Dirne, als sässe die allein unter ihnen.
    »Zinshofer Dirn, anschaun is wohl erlaubt?«
    »Wenigstens nit verboten«, sagte sie.
    »Könntst uns ein Gfallen erweisen -«
    »Wüsst kein Grund.«
    »Sag uns, wie d' so sauber sein magst?«
    »Dank fürs Kumplament, is mir leid, dass ich's nit zruckgeben kann.«
    »Macht nix. Auf d' Säubrigkeit von andere verstehst dich halt nit. Dös sieht
man.«
    Alle Bursche lachten und, zum Ärger der Dirne, Muckerl mit.
    Da sass sie nun, wie sie es gewollt, unter Leuten und wünschte sich weit weg.
Hätte sie lieber die dumme Geschichte mit dem Muckerl, wo doch noch nichts
dahinter war, geheimgehalten! Was brauchte sie die durchs ganze Ort zu tragen
und von morgen an sein Schatz zu heissen? Dafür haben sie auch die Bursche
genommen, als sie vorerst Muckerl ansprachen, als ob sie gar nicht da wäre, aber
statt nur ihre Ansprach zu suchen und dadurch zu zeigen, hier sässen zwei, die
kein Drittes neben sich leiden, hat er sie wie allein sitzen lassen, und da
haben denn die andern getan, als ob er nicht da wäre, und die Hände nach ihr
ausgereckt, wie nach einem Ding, das man nur aufzugreifen braucht, etwa wie die
junge Katz beim Fell, und er ist daneben gesessen, hat keinem auf die Finger
geklopft, er hat sich nicht um sie gewehrt, nein, er hat sie sich um ihn wehren
lassen, als wär er ihrer so ganz sicher und sie müsste sich in allem, lieb oder
leid, in ihn schicken. Lachen mag er, statt in den Tisch zu schlagen, als man
ihr ins Gesicht bietet, sie vergäb sich was, wenn sie mit ihm ging!
    Diese Gedanken schossen ihr durch den Kopf, während sie die fortdauernden
Stichelreden der Burschen zungenfertig zurückgab. In augenfälligem Unbehagen sass
sie da, zwischen den Händen, die sie vor sich auf den Tisch gestemmt hielt, ihr
Taschentuch zerrend und zerknüllend; mit klarer Stimme, die aber etwas höher
klang als sonst, schnellte sie ihre Gegenreden heraus und schielte dabei unter
den zusammengezogenen Brauen nach einer leeren Tischplatte neben, nur manchmal
warf sie Muckerl, der an ihrer Seite duchste, einen zornigen Blick zu, wenn der
gutmütige Bursche in das allgemeine Gelächter einstimmte und dadurch die
Heiterkeit auf ihrer beider Kosten auf das bedenklichste erhöhte.
    Der Klang einer Ziter am Nebentische machte sie zusammenschrecken. Sie
wusste, was nun kommen werde. Gegen alle Red glaubte sie aufkommen zu können und
keine schuldig bleiben zu müssen, aber singen konnte sie nicht, dazu war ihre
Stimme zu schrill, und dafür fehlte ihr das Gehör, das wusste sie vom
Kirchengesange her, auch aufs Wortreimen versteht sie sich nicht und hat nie auf
solche Alfanzerei etwas gegeben; gegen Trutzliedeln ist sie wehrlos.
    Da hob schon einer damit an.
»Beim Herrgottlmachen,
Bein Heiligenschnitzen
Tu ich mich d' ganz Wochen
Krump und bucklet sitzen.«
Darauf sang ein anderer:
»Ich kenn ein jeds Fladerl,
Jeds Maserl im Holz -
Und 's allerschönst Maderl,
Dös wär halt mei Stolz!«
Nun kam der Stämmige an die Reihe.
»Spannst du dich mit der Schönsten zsamm,
Gib, Herrgottsschnitzer, acht,
Am End, da hättst damit erst dann
Ein Herrgotts-Schnitzer gmacht!«
Das zündete. Aber ehe noch das stürmische Gelächter sich beruhigen konnte, hatte
Helen den Muckerl an der Hand gefasst, emporgezogen und war mit ihm dem Ausgange
zugeschritten.
    »Oh! Hoho!« schrien die Bursche. »Schon fortgehn, wo's erst lustig wird, und
's schönste Paar dazu?!«
    Obwohl es nun auch dem Muckerl für ausgemacht galt, dass er just nicht unter
Freunden gesessen habe, wofür er ihnen, ohne »Behüt Gott« zu sagen, den Rücken
kehrte, so konnte ihn doch der Spott über das schönste Paar, den er auf sich
gemünzt und vom Neide eingegeben glaubte, nur schmunzeln machen.
    Die Dirne aber fühlte nur eine Spitze gegen sich heraus, weil sie mit einem
so gar Ungleichen gehe, der obendrein weder Maul noch Hand zu brauchen wusste,
der sie reden und sich von ihr leiten liess. Mit einem trotzenden Blick in all
die spöttischen Gesichter wandte sie sich unter der Schwelle ab und schritt Hand
in Hand mit dem Burschen hinweg. Bis sie das Wirtshaus ausser Sicht hatten,
gingen sie so, dann gab ihn das Mädchen frei und trat von ihm zurück.
    »Aber warum denn, warum denn?« fragte der Bursche, der den kräftigen Druck
ihrer Hand nicht ungerne weiter empfunden hätte.
    »Es war nit deshalb«, sagte sie.
    Sie sprach es nicht aus, weshalb sie nach seiner Hand hätte fassen können,
noch, was anderes sie veranlasste, es zu tun, aber der Bursche verstand sie und
schritt, vor sich hinblickend, neben ihr her.
    Sie sprachen kein Wort und gingen mit raschen, hallenden Schritten durch das
Dorf.
    Bei seiner Hütte angelangt, bot ihm die Dirne kurz: »Gute Nacht!« Sie
übersah wohl in der Dunkelheit des Burschen dargereichte Hand und war ihm rasch
aus den Augen.
    Ihre Türe hörte er knarren, ein paar keifende Worte der Alten, dann war
alles ringsum stille. Die Sterne brannten hoch oben am Himmel, die Mondsichel
glänzte. Fern bellte ein Hund, und nun hörte er auch den Bach leise gurgeln.
    Seufzend wandte er sich ab und schritt nach seinem Häuschen.
 
                                       IV
Als Muckerl in die Schlafkammer trat, richtete sich die Kleebinderin im Bette
auf.
    »Noch wach, Mutter?«
    »Ja.«
    »Aber wie kommt denn, dass d' so spät noch auf bist?«
    »Ich denk, wohl daher, weil ich nit schlafen kann.«
    »Ei, mein.«
    »Hast dich gut unterhalten?«
    »So, so.«
    »Warst allein?«
    Muckerl blieb die Antwort schuldig.
    »Ob d' allein warst, frag ich. Druckt dich doch 's Gewissen, du falscher,
hinterhälterischer Bub du, weil d' dich mit der Sprach nit heraustraust? Meinst,
die Sach bessert, wenn mir's fremde Leut zutragn?«
    »Ah, mischen sich schon welche ein?«
    »Mit der Zinshofer Helen bist gwesen.«
    »Na, so war ich halt mit ihr.«
    »Ja, leider Gotts, wär's ein andere -«
    »Mir steht kein andere an.«
    »Kein Wort verlieret ich, aber grad die!«
    »Ich weiss, du kannst s' nit leiden, und so verlierst mehr als ein Wort
drüber und hebst nachtschlafender Zeit zun streiten an. Ich aber hab kein Lust,
mit dir z' warteln, und 'n Schlaf versäumen taugt mer auch nit, wo ich morgen
fruh an die Arbeit will. Gute Nacht!«
    »Schön! Der Mutter 's Maul verbieten und ausm Gsicht gehn, das hast also
schon abglernt von ihr und glaubst, dass dabei ein Segen sein kann?«
    »Jesses! Was du dir einbildst! Gott soll mich strafen, wann von dir a Red
war. Nix als mein Ruh will ich, weil da drüber doch nit ruhig mit dir z' reden
is.«
    »Weil d' nit ruhig zuhören magst, so sag. Ich glaub dir ja recht gern, dass
sie über mich kein Wort verloren hat, sie wird's schon so zustand bringen, dich
deiner Mutter abwendig zu machen, wie sie's ja auch ohne ein Wort zustand
gebracht hat, dass du dir ihr z'lieb über deine Kräften Auslagen machst.«
    »Selb war mein freier Willen.«
    »Du hast noch einen freien Willen!«
    »Und über meine Kräfte war's nit.«
    »So? Hast du's so überflüssig? Hast du's scheffelweis stehn, dass du nur
zuzgreifen und nit zu rechnen brauchst? Na, is mir lieb, aber 's ist auch 's
erstemal, dass ich davon hör! Doch lass dir sagen, wenn d' dich schon aufn
Guttäter hnausspielen willst, so gib dein Almosen an Bedürftigere und an Leut,
die's verdienen.«
    »Es war kein Almosen.«
    »Freilich nit, glaub's wohl, ein Präsent war's, wo du noch hast schön bitten
müssen, dass 's ja möcht freundlich angnommen werden; denn ein Almosen z' nehmen,
sind d' Zinshoferschen viel z' stolz, obwohl nit eins im Ort is, das so nix
hätt, wie die nix haben.«
    »Aber, Mutter«, schrie Muckerl, vor Ärger lachend, »das is schon hellauf zum
Verzweifeln, wie du daherredst, erst soll ich's an Bedürftigere gebn, und dann
weisst selber niemand, der weniger hätt wie die! 's is ja ein Unsinn!«
    »Immer besser, Muckerl, immer besser! Heiss du deiner Mutter Reden unsinnig,
aber Unsinn oder nit, ich hab nit nur von Bedürftigere gredt, sondern auch von
solche, die's verdienen.«
    »Na ja, du redest so fort, 's eine ins andere, und drüber würd der Morgen
grau. Ich hab schon gsagt, Almosen war's keins, dass ich nachm Bedürfen oder
Verdienen fragen müsst, mir war ums Schenken, und von dem Meinm werd ich wohl
weggeben dürfen, was ich entbehren mag!«
    »Sag lieber, was andere nit entbehren mögen!«
    »Mein Geld is's aber doch«, sagte der Bursche trotzig, »und um das bissel,
was ich mir von mein Verdienst zruckbhalten hab und wovon du gar nix wüsstst,
wenn dir nit fremde Leut davon gsagt hätten, brauchtest du kein so gwaltig
Aufheben z' machen! Unsere Kastenladeln hast stürzen können, wie d' willst, 's
wär kein luketer Sechser hrausgfallen, bis ich zun schnitzen anghobn hab; alls
Geld, was jetzt im Haus is, rührt von meiner Arbeit her, von dem hab ich dir nix
gnommen und nimm dir nix, so kannst dich wohl zufriedengebn!«
    Die Kleebinderin schlug die Hände zusammen und blickte zur Stubendecke auf,
wie über eine ganz unerhört unbillige Zumutung. »Zufriedengebn?!« sagte sie mit
weinerlicher Stimme. »Bin ich denn a schlechte Mutter, die ihrm Kind kein Freud
gönnt und verlangt, dasselbe soll sich z' Tod arbeiten, dass du mir 's Geld
vorwerfen magst?! Hast du mich je klagen ghört die lange Zeit über, wo ich
allein hab schaffen und sorgen müssen, dass wir uns ehrlich fortbringen? Ich hab
kein Müh und kein Plag gscheut, uns 'n Mangel fernzhalten, und dabei nie keine
andere Meinung ghabt, als dass ich tät, wie einer rechtschaffenen Mutter zukäm!
Wenn alleinige Weiberarbeit was zu erübrigen vermöcht, so hätt der Kasten nit
erst auf dein Geld zu warten brauchen, womit du jetzt grosstust und mit dem ich
mich zufriedengeben sollt, auch für die Kränkung, dass zwischen uns, die wir noch
kein Tag geschieden waren, jetzt mit einmal ein Fremde stehen soll, mir just die
Allerwildfremdeste, die du hast finden mögen! Nein, Muckerl, gegen das kommst du
mit deinm Geld nit auf, und wenn du sagst, dass du mir nix davon nähmst, so sag
ich, sei ohne Sorg, ich nimm dir nix davon, kein Groschen! Bin ich dir im Weg,
so geh ich. Konnt ich die Jahr her 'n Unterhalt für zwei bestreiten, werd ich
mit Gotts Hilf wohl noch so viel arbeiten können, dass ich mich allein
fortfristen mag.« Sie drückte schluchzend den Kopf in die Kissen.
    Der Bursche streckte ratlos die Arme gegen die Alte aus. »Mutter! Ich bitt
dich, tu doch gscheit! Verfall nit af Gedanken und sinn Sachen aus, womit d' ein
frei verzagt machen könnst! Lass dir sagn, was kann denn ich dafür, dass mir grad
die Dirn gfallt? Aber schau dir nur die andern dagegen an! D' mehrsten tun 'n
Augen weh, wenig vertragen ein näher Zusehn, und keine is ihr gleich. Noch bevor
ich gwusst hab, was die zweierlei Leut auf der Welt bedeuten, hat mir schon keine
andere gefallen und jetzt erst recht nit! Kein grösser Unglück könnt ich mir
denken, als wann die nit mein würd. Wahrhaftig, ich will nit davon sagen, obwohl
ich mir's oftmal schon ausgedacht hab, was für ein Segen das sein wird für die
Arbeit, wenn mir vom frühn Morgen bis Feierabend so was Schöns im Haus untern
Augen h'rumgeht, das is just, als ob einm beim Schnitzen und Pinseln was
geschickt die Hand führet; aber nit, wie ich denk, mit ihr meins Lebens froh z'
werden, muss ich dir sagen, dass d' mich recht verstehst, sondern dass's ohne ihr
weiter für mich kein Freud auf der Welt gäb! Gegen 's selbe Einsehn hab ich mich
a Zeit hart gnug gwehrt, denn nit nur deiner Warnung bin ich eingedenk gwest;
soviel eins bei einm solchen Blindekuhspiel noch z' sehn vermag, hab ich auch
gsehn, zerst an mir hrunter, dass ich mich in der Säubrigkeit nit ihr an d' Seit
stellen kann, dann ein wenig z' nebenher an ihr hin, wo ich manchs gmerkt hab,
was mir nit hat gfallen mögn und noch nit gfallen mag, aber trotzdem kenn ich
kein andern Wunsch und Willn, als sie zu haschen und zu halten. Ja, sie is
eitel, unwirtschäftlich und trutz, wie viel sind das aber auch, um die sich nit
d' Müh lohnen möcht, es ihnen abzgwöhnen? Sie aber - das war gleich mein Denken
- könnt wohl noch recht, ganz recht werdn, wann sie allweil um dich wär, wann s'
von dir zulernet! Drum hab ich ghofft, weil ich nit von ihr lassen kann und sie
mir doch auch gut is, dass du sie doch einmal, mir zlieb, leiden kannst!«
    »Ja, weil du das eine nit kannst, soll ich's himmelweit andere können«,
murmelte die Kleebinderin. »So sein die Kinder! Von ihrm ersten Schrei an müssen
sich die Eltern in sie schicken. Dös klein bissel Folgsamkeit, was grad nur die
Zeit, von wo s' d' Kinderschuh antun, bis wo sie s' vertreten haben,
nebenherlauft, is gar nit der Red wert. Na, wolln's einmal überschlafen. Gute
Nacht!«
    »Gute Nacht, Mutter«, sagte Muckerl und zog, tief einatmend, die Decke an
sich.
    Die Kleebinderin begann nun eine ernste Selbstschau zu halten. Wozu war auch
das leidige Gezänk? - rückte sie sich vor. Bin doch nit gar so alt, dass ich mir
nimmer vorstelln könnt, wie einm jung z'mut is. Warum will ich Heu gegen 'n Wind
häufeln und meinm Bubn die Dirn verleiden, ohne der er nit sein mag, statt mich
z' freun, dass sie ihm gut is? Weil ich nit will, dass einm andern gfallt, was mir
nit, und eigentlich hab ich's doch nur gegen die alte Zinshoferin, die hat nie
was taugt, aber was kann die Junge für ihr Mutter? Muss s' just derselben
nacharten? Kreuzbrave Eltern habn oft schlecht geratene Kinder; 's kann doch
auch einmal umgekehrt der Fall sein. Wenn d' Helen erst da im Haus sein wird, wo
s' nix Unrechts sieht noch hört, und sie lasst sich bedeuten, gar so unlenksam
wird sie ja nit sein, warum sollt sie nit a brav Weib abgeben, fürn Muckerl
schon gar, der gwiss a braver Mann wird?! Eher, als nit! Aber all dös hätt ich
vorhin bedenken solln, statt dass ich unvernünftig mich in d' Hitz red, bis ich
vor Gift und Gall nimmer aus weiss. Bin doch wahrhaftig recht a bösartig,
eigensinnig alt Weib! - -
    »Muckerl«, rief sie halblaut, »schlafst schon?«
    »Nein, Mutter.«
    »Ich denk just, dass mer der Leut Gred und Zwischentragerei ein End macht und
die Sach fein schicksam einfädelt, dürft wohl graten sein, die Zinshoferischen
zu uns z' laden. Taugt dir's, so hätt ich nix dagegen, wann du s' am nächsten
Sonntag herüberbittst.«
    »Ja, Mutter.«
    Mehr sagte er nicht, aber darüber, wie er es sagte, war die alte Frau recht
vergnügt.
So fanden sich denn am Sonntagnachmittag die vier Leute im Kleebinderhäusel
zusammen. Die beiden Bäuerinnen sassen sich gegenüber und sagten sich weder
Liebes noch Leides, sondern sprachen vom Wetter und vom Wirtschaften; die
Kleebinderin, ihrer Überlegenheit bewusst, redete ein langes und breites, und die
Zinshoferin, öfter verstohlen gähnend, warf Kurzes und Schmales dazwischen.
Helene bezeigte sich mehr respektvoll als freundlich, sie sah meist vor sich
nieder, selten blickte sie nach Muckerl, der ihr gegenübersass und kein Auge
wandte. Er war der einzige, den die Langweile nicht anfocht, weil er sich ganz
rückhaltlos zufrieden und glücklich fühlte.
    Vom nächsten Tage an galt es im Dorfe für ausgemacht, dass nunmehr alles
zwischen dem Kleebinder-Muckerl und der Zinshofer-Helen in Richtigkeit sei. Die
Dirne blieb sich übrigens in ihrem Verhalten ganz gleich, was die alte
Kleebinderin veranlasste, immer nachdrucksamer mit dem Kopfe zu schütteln. Es
eilte der Helen gar nicht, sich bei der Mutter Muckerls einzuschmeicheln, sie
suchte deren Umgang nicht und hielt ihr bei Begegnungen gleichmütig stand, so
wie sie auch die Neigung des Burschen weder ermutigte noch ablehnte; ja, einem
weniger Gutmütigen hätte sie sicher das Schenken verleidet, sie verstand sich zu
keiner Bitte und zu keinem Danke.
    Hatte sie Kleider oder Schuhzeug abgetragen, so sagte sie zu Muckerl: »Nun,
schau einmal, wie schnell das ruiniert! Sein doch recht betrügerische Leut, die
so was verkaufen mögen, und du lasst dir auch alle schlechte War aufhängen.« Oder
wenn es sie nach irgend etwas verlangte, einem Schmuckgegenstande und derlei, so
fragte sie: »Meinst nit auch, dass das schön wär und mich kleiden möcht?«
    Er suchte dann bessere Ware und auch das Schöne und Kleidsame
herbeizuschaffen.
    Sie schlug es dem Muckerl rundweg ab, sich von ihm noch mal in das Wirtshaus
führen zu lassen. Er tauge eben nicht unter Leute und darum sei es schwer, mit
ihm unter ihnen zu sitzen. Am Kirchtag aber - das verspricht sie - geht sie mit
ihm auf den Tanzboden.
    »O du mein Gott«, klagte die Kleebinderin, »die Dirn hat ein Stolz, wie ich
nie glaubt hab, und je mehr der Bub unterduckt, je stolzer tut sie, und mit
allem stellt er sich zufrieden.«
    Er stellte sich nicht zufrieden, er war es wirklich. Lieber wie eine, die
sich z' gring acht, muss ihm doch die Dirn sein, die sich vielleicht ein bissel
z' hoch halt, aber doch nit zu gut für ihn. Nein, das tut sie nit. Er weiss ja,
was ihm auf nächste Kirchweih bevorsteht!
    Es war noch ziemlich lange bis dahin.
 
                                       V
Dass schöne Mädchen gerne unscheinbare neben sich dulden, dürfte nicht schwer zu
erklären sein, und dass letztere sich den ersteren aufdrängen, hat seinen Grund
wohl darin, weil im Umgange mit einer so viel Umworbenen vielseitigere
Aufschlüsse über das zu erwarten stehen, was nun einmal der grossen Mehrheit der
Menschen das Interessanteste im Leben ist und bleibt, über das Lieben und
Geliebtwerden. Dass sich die minder hübschen dabei auch mit der Hoffnung trügen,
gelegentlich einen der herzwunden Abgewiesenen für sich in Beschlag zu nehmen,
mag im allgemeinen wohl nur eine boshafte, durch nichts begründete Anschuldigung
sein.
    Unter den Dirnen, die sich zu Helen gesellten, war auch die Matzner-Sepherl.
Die Hartändige mit den wundernden Augen wusste sich einzuschmeicheln, sie pries
so rückhaltlos die Schönheit der Kameradin und andernteils wusste sie den Muckerl
nicht genug zu loben, so dass sie es nur rechtschaffen recht fand, dass die
Schönste nicht mit einem der gmein Bauersleut, sondern mit einem so
Kunstfertigen und Ausbündigen hausen wolle; was ganz angenehm zu hören war.
    Sepherl teilte auch mit Helene die neidische Bewunderung des
Sternsteinhofes, während alle anderen da unten am Fusse des Hügels sich mit dem
gotteingesetzten Unterschiede zwischen reich und arm zufriedengaben und von
keinem Wünschhütchen träumten, das sie auf den Gipfel versetzen könnte.
    Sepherl war schon zu öfteren Malen auf dem reichen Hofe gewesen, sie hatte
dort eine alte Base, die seit dem vor Jahren erfolgten Tode der Bäuerin dem
Hauswesen vorstand; diese brave Schaffnerin tat sich nicht wenig auf ihre
Bedeutung zugute, schätzte aber ganz richtig, dass sie selbe nur dem mächtig
grossen Anwesen verdanke, und liess sich bei günstiger Gelegenheit gerne dazu
herbei, ein oder das andere Dorfkind darauf herumzuführen und zu verblüffen. Ein
paarmal hatten die beiden Dirnen die Alte aufgesucht, ohne mehr als deren
allerdings recht wohnliches Stübchen vom ganzen grossen Sternsteinhof gesehen zu
haben, dann aber wurden sie auf den nächsten Sonntagnachmittag geladen, wo die
Herrenleute »aus« sein würden und auch wenig Gesinde sich daheim verhalten
werde.
    Es war ein sonniger Herbstnachmittag, an dem die beiden Dirnen in Begleitung
Muckerls längs des Baches durch das Dorf schritten, bis wo in Mitte desselben,
der Kirche gegenüber, die Brücke über das Wasser und auf den Weg führte, der zum
Sternsteinhof hinanstieg.
    »Bhüt dich Gott, Muckerl«, sagten die beiden, denn der war nicht geladen
worden, und ihn mitbringen wäre eine Unhöflichkeit gewesen. »Bhüt dich Gott, und
lass dir unterdes die Zeit nit lang werden.«
    »Habt derwegen kein Sorg«, sagte er, indem er sich auf das Brückengeländer
stützte. »Unterhaltet euch gut.«
    Helen war boshaft genug, ihm ein »Auch soviel« zuzurufen, dann eilten die
Dirnen mit flinken Füssen den Hügel hinan.
    »Wirst sehen, Helen«, keuchte Sepherl, der es nicht gelingen wollte, den
halben Schritt, den sie gegen die Kameradin zurückblieb, einzubringen, »wirst
sehen, wieviel und was's alls da oben gibt; ganz weg wirst sein darüber.«
    Helene lächelte mit den geöffneten Lippen, zwischen denen sie im raschen
Gehen die Luft einsog. Sie nahm sich vor, nicht »ganz weg« zu sein.
    Aber was sind menschliche Vorsätze ungekannten und ungeahnten Eindrücken
gegenüber? Die alte Schaffnerin empfing die beiden Mädchen mit herablassender
Freundlichkeit, bewirtete sie mit einer Schale Kaffee, ein seltenes Getränk für
Leute von da unten, das sollte die richtige Stimmung hervorrufen, denn leerer
Magen macht trübe Augen, dann ging es ans »Umsehen«.
    Für Sepherl war dabei nichts Neues zu sehen, sie schenkte all dem
Aufgezeigten und Vorgewiesenen einen flüchtigen Blick - wobei ihre Augen immer
noch verwundert genug taten, um die ehrgeizige Frau Bas bei guter Laune zu
erhalten - und machte sich das Vergnügen, auf Helenens Gesicht zu achten; diese
brauchte sich anfangs gar nicht Gewalt anzutun, um das gleichgültigste von der
Welt beizubehalten, denn als es im Erdgeschosse durch die Gesindestuben ging,
fand sie eben nur mehr Stuben und mehr Hausrat auf einem Flecke, als sie sonst
Gelegenheit hatte, beisammen zu sehen, indes weder die einen noch der andere vom
Gewohnten sich unterschieden. Als sie aber über den Hof nach den
Wirtschaftsgebäuden folgte, die mit den blanken, handlichsten Geräten, ja mit
Maschinen voll bestellt waren, zu deren Gebrauchserklärung sie allerdings noch
stolz mit dem Kopfe nickte und ein erheucheltes Verständnis murmelte, als sie an
den Scheuern mit den aufgehäuften Vorräten vorbeikam und im Geflügelhofe
Hunderte von girrend, krähend, quackend und kollernd sich brüstenden Tieren sie
wirre machten und als sie endlich in den übergrossen Ställen vor einer ganzen
Herde Vieh stand, ein Stück immer schöner wie das andere, da waren ihre Augen
denn doch allmählich grösser geworden, und befangen schlich sie nebenher, als es
zurück nach dem Wohnhause ging, dessen Oberstock nun erstiegen ward.
    Was sie da sah, als sie mit eingehaltenem Atem von Stube zu Stube ging, an
Notwendigem in ausgesuchter Form und an Entbehrlichem, das breit, wie hier nicht
zu entraten, an seinem Orte stand, der reiche Vorrat an Wäsche und Kleidern, der
ihr einen halblauten Schrei der Verwunderung erpresste, als die Schaffnerin die
Schränke aufschloss, der grosse versperrte Schrank, dem sie einen scheuen Blick
zuwarf, als sie hörte, er wäre bis ans oberste Fach mit reichem Geschirr und
Silbergeräte angefüllt, endlich die eiserne Kasse, der weder ein Dieb noch das
Feuer ankonnte, worin der Bauer bar mehr liegen hatte, als alle Dörfler da unten
zusammen mit Häusern und Gründen schwer waren, und vor der sie fast andächtig
die Hände faltete, all das verschmolz in ihr zu einem Bilde der Macht und
Herrlichkeit des Reichtums.
    Gedrückt und verschüchtert verliess sie das Haus und atmete froh auf, als es
nach dem Garten ging. Die beiden Dirnen wurden übrigens von der Alten auch nur
dahin geführt, weil sich dort, von einer grossen Rebenlaube aus, am schönsten
weisen liess, was für Liegenschaften zum Sternsteinhofe gehörten. Es war viel
Grund und Boden, aber den Eindruck ausschliesslichen Besitzes machte er doch
nicht, er reichte nicht, bis wo Himmel und Erde in eins verschwammen, und rings
lag doch auch viel fremdes Eigentum.
    Die Schaffnerin setzte den Dirnen noch ein Gläschen Wein vor, damit diese,
wie sie wohlwollend bemerkte, wieder zu Leben kämen, dann entliess sie die
beiden, sehr zufrieden darüber, ihnen Anlass gegeben zu haben, das weniger als je
zu sein.
    Eine gute Strecke legten die Mädchen schweigend zurück, dann blieb Helene
stehen und sah nach dem Hofe. »Hast recht ghabt, Sepherl«, sagte sie, »man kann
wirklich ganz weg sein.«
    »Gelt ja?« sagte die.
    »Denk nur«, fuhr Helene fort, »die, welche mal den Bubn vom
Sternsteinhofbauer kriegt ... er hat ja wohl nur den ein?«
    »Wie d' fragen magst? Freilich, nur 'n Toni.«
    »Die den einmal kriegt und da oben hinauf zu sitzen kommt, die muss's schon
so gut haben, wie's kein Prinzessin auch nit besser haben kann!«
    »Pah, was d' redst! Einer Prinzessin, die gwohnt is, vom goldenen Geschirr
zu essen und dass die Soldaten vor ihr 'Gwehr hraus' schreien, der fehlet noch
viel! Meinst denn, so a recht a reiche Bauerstochter bekäm da sonderlich mehr
unter d' Händ, als s' von ihrs Vaters Hof her gwöhnt is? So arme Menscher, wie
wir, glaubeten sich dort freilich wie im Himmelreich, aber von uns kommt keine
hnauf.«
    »Schwerlich«, seufzte Helen.
    »Gar nit, sag ich dir! Du denkst nit, wie stolz die allzwei sein, der Alte
wie der Junge. Kein Dirn im Ort, soviel wir ihrer auch sein, halt der Toni auch
nur des Danks fürs Grüssen wert.«
    »Da gschieht nur denen recht, die ihn anreden«, rief Helen, »ich grüss ihn
nit!«
    »Und wenn er sich ja unterstünd«, fuhr Sepherl fort, »auf unsereine ein Aug
z' werfen, sein Vater schlüg ihm allzwei ausm Kopf.«
    »Gschäh ihm so wegen mir - Gott verzeih mir d' Sünd, aber ich könnt's
zufrieden sein. Dann müsst's der Alte trotz 'm Sternsteinhof billiger geben, und
um den nähm ich auch 'n blinden Toni.«
    »Pfui, wie du auch nur so grauslich daherreden magst, wo du doch schon für
dein Teil ein Bubn hast, auf den d' stolz sein kannst! Der Toni vom
Sternsteinhof, wie reich er is, stellt sein Tag nix vor als ein Bauern, gegn den
is wohl der Kleebinder Muckerl ein ganz anderer. Dazu is der hochmütige
Sternsteinler - wann d' dir ihn je von der Näh betracht hast, musst mir recht
geben - weitaus nit der Schönste und Stärkste, und er kann doch wahrlich nit,
wie der Muckerl, was ihm an Kräftigkeit und Hübschheit fehlt, ausgleichen durch
sein Künstlichkeit und sein Bravheit und sein Guteit.«
    »Schau, was du alls über ihn weisst«, lachte Helen, »schier werd ich mit dir
eifern müssen, es hat völlig 'n Anschein, als ob d' in mein Muckerl verliebt
wärst.«
    Sepherl wandte ihr errötendes Gesicht ab. »Geh zu, sei nit törig.«
    »Brauchst ja nit rot z' werden, wenn es nit wahr is«, neckte Helene. Es
machte ihr Spass, da sie sich den unbestreitbaren Besitz des Burschen von Sepherl
geneidet dachte, diese durch lose Reden zu ärgern. Sie schlug ihr derb auf die
Achsel. »Na, trutz nit! Wann dir gar so um ihn is, kannst ihn ja habn. Gib mir
ein gut Wort, so lass ich 'n dir.«
    »Hast du auch nur ein Laut von mir ghört, der dir das Recht gibt, ein solche
Red wider mich z' führn?« zürnte Sepherl. »Dass der Muckerl kein andere will wie
dich und, selbst wenn er eine möchten tat, mich schon af d' allerletzt, das
weisst, und weil du's weisst, so lass dir auch sagen, dass dich solch unbsinnt
Schwätzen nur selber verunehrt und ich mich für dein Gspött noch allweil z' gut
halt!«
    »Bist du aber empfindlich«, sagte Helene, über die Achsel nach ihr blickend.
»Wann der Bub mein is, so werd ich mir doch über das Meine ein Spass erlauben
dürfen? Und sag ich scherzweis, ich tät dir 'n gönnen, so darf das doch dich nit
beleidigen, die 'n für so ein Ausbund halt! Das im Gspass, im Ernst aber - is er,
wie er is, ich bin auch, wie ich bin -, vermöcht ihn ein andere nur an klein
Finger z' fassen, kannst mir glauben, dass ich 'n ihr schon nit mehr streitig
machet.«
    Ja, so durfte die Zinshofer Helen wohl reden. Sepherl nickte zustimmend.
»Wär auch ein Einfall, sich mit dir z' messen, der Muckerl tät dazu nur lachen.
Aber schau, da is er und steht noch allweil geduldsam auf der Brucken.«
    Er stand wirklich noch da. Viel Wasser war, während er hier wartete, den
Bach hinabgeflossen, und er fragte sich, wieviel wohl noch da unter der Brücke
werde hinweglaufen müssen, bis sich schicken wird, was er wünscht und hofft?
    Er stand, dass der Bach gegen ihn floss, sah nur das währende Zudrängen und
Herankommen und achtete nicht auf das gischende, wallende, rastlose Gerinne, das
hinter seinem Rücken, was es gebracht hatte, Scheit oder Halm, auch mit sich
fortführte.
Früh am nächsten Morgen fand sich Helene auf dem Sternsteinhof ein.
    »Je, was machst du da?« fragte die alte Schaffnerin, als sie ihrer ansichtig
wurde.
    »Denk«, sagte die Dirne, indem sie nach ihrem rechten Ohrläppchen wies, »ein
Ohrring is mir verlorengegangen. Hab ich ihn nit da heroben bei euch verstreut?«
    »Hab nix gsehn.«
    »Sollt er dir gleichwohl unterkommen -«
    »Will schon darauf achten.«
    Über den Hof kam ein untersetzter, stämmiger Bursch auf die beiden
zugeschritten.
    »Da kommt unser Bauerssohn«, flüsterte die Alte, die Dirne mit dem Ellbogen
anstossend.
    Helene betrachtete den Herantretenden. Er hatte krauses, schwarzes Haar,
eine gerade, ziemlich fleischige Nase und braune, hell leuchtende Augen. Sie
erwartete nach dem, was Sepherl über ihn gesagt hatte, keinen Gruss, aber sie
grüsste auch nicht.
    »Wen hast denn da bei dir, Katel?« fragte er.
    »'s is die Zinshoferische von da unten«, sagte die Alte mit einer
beiläufigen Handbewegung nach dem Fusse des Hügels, welche dartun sollte, wie
wenig für hier oben das da unten zu bedeuten habe. »Die Matzner-Sepherl hat s'
gestern mit heraufgebracht, und da hab ich ihr grosse Augen machen gelehrt. Über
lauter Aufschaun hat s' gar ein Ohrring verloren, ohne dass sie es gemerkt hätte.
Gelt ja, du?« Sie legte ihre knöchernen Finger auf die runde Schulter der Dirne.
    »Wahr ist's«, sagte Helene, »schön habt ihr's da heroben.« Sie sagte das
aber in einem Tone gleichmütiger Anerkennung, wie wenn sie gestern gerade nicht
gar zu Ungewöhnliches gesehen hätte und als ob sie etwa mehr
absonderlichkeitshalber als aus sonst irgendeinem Grunde in der armseligsten
Hütte da unten wohne.
    »Na, wenn dir's gefallen hat«, sagte der Bursche, »kannst ja öfter kommen.«
    »Bist gutmütig«, lachte die Dirne, »denkst, mit den Augen tragt euch keins
was hinweg und gönnst einm 's Anschaun.«
    »Bist du so interessiert?« schmunzelte der Bursche. »Wer weiss, 's eine oder
's andere könntst du einm leicht wohl abbetteln.«
    »Meinst?« entgegnete sie, ihm voll in die Augen sehend. »Wenn ich's drauf
antragen möcht, könnt's ja sein; aber aufs Betteln verleg ich mich eben nit, ich
bsinn mich noch oft, ob ich nimm, was mer mir antragt.« Sie wandte sich an die
Schaffnerin. »Also sei so gut, wegen 'm Ohrringel. Solltst's zufällig doch
finden, so leg mir's af d' Seit. Es wär mir leid, fand sich's nit, 's eine nützt
mir nix ohne 's andere, und obendrein is's ein Geschenk. Schau, so sehen s'
aus.« Sie bog den Hals und reckte den Kopf hinüber, dass die Alte im linken
Ohrläppchen den Ring betrachten konnte, dann kehrte sie sich ab. »Bhüt Gott
miteinander!«
    Der Bursche tat einen leisen Pfiff. »Die ist bissel hoffartig, scheint mir.«
    »Mir schon auch«, meinte die alte Katel.
    »Aber gleichwohl sauber, das muss ich schon sagn.«
    »Sie ist 'm Kleebinder-Muckerl sein Schatz.«
    »'m Holzmandelmacher?«
    »'mselbn.«
    »So.«
    Als Helene in der Hütte unten anlangte, keifte die alte Zinshofer: »Wo
streichst du schon herum in aller Früh?«
    »Afm Hof oben war ich. Ich muss gestern dort ein Ohrringel verstreut habn -«
    »Pah, du Gans, schau ein andermal doch lieber vorerst ordentlich im Haus
nach, eh d' nach allen Enden auslaufst. Dein Ohrring liegt in der Tischlad, grad
vorhin hab ich's gsehn.«
    »Jesses, nein, was ich für ein verlorenes Ding bin! Freilich, da ist's. Na,
da bin ich recht froh. Hätt mir 'n Gang und die Angst darum ersparen können.«
    Sie tat einen scheuen Blick nach der Mutter und lächelte, als diese ihr den
Rücken kehrte, vor sich hin.
    Es war nach dem Mittagessen, als der Toni vom Sternsteinhof, nachdem er in
der Küche seine Pfeife in Brand gesetzt, ins Freie trat und langsam quer über
die grosse Wiese hinabzugehen begann; einem anderen hätte es übel bekommen
können, das liebe Gras so in den Boden zu treten, wer aber wollte es ihm wehren,
dem künftigen Eigner? Nicht einmal der gegenwärtige, sein Vater, hätte ihn
darüber vor den Leuten grob anlassen mögen, und einen »Rüppler« hinterher unter
vier Augen scheute der Bursche um so weniger, als es dabei bisher noch immer -
und um ganz anderer Streiche willen - ganz glimpflich abgelaufen war. Der Alte
tat sich allerdings auf seine Strenge etwas zugute, aber wenn ihm im Tun und
Lassen seines »Einzigen«, auf den er stolz war, etwas missfiel, so begnügte er
sich, seine Überlegenheit dadurch zu zeigen, dass er mit lautem Geschrei und
Poltern das Unvernünftige, Unschicksame oder Unwirtschaftliche des Geplanten,
Geschehenen oder Unterbliebenen aufwies, bis ihm der Atem oder der Faden der
Rede ausging; der Junge hatte dabei nur demütig zuzuhören, und das war er gern
zufrieden.
    Toni hatte etwa zwei Dritteile des Weges, hinab zum Rande des Baches,
zurückgelegt, als er die Türe der letzten Hütte da unten sich öffnen und Helene
heraustreten sah. Die Dirne schwenkte ein Wäschstück in der Hand und setzte
vorsichtig Fuss vor Fuss in die Tapfen früherer Tritte, welche wie Stufen an das
Wasser hinabführten, dort bückte sie sich, senkte den vollen Arm in das Gerinne
und wusch das Leinenzeug.
    Bei dem Erscheinen des Mädchens kniff der Bursche die Augen zusammen und zog
den Mund breit. Er setzte langsam seinen Weg fort, bis er am Rande des Baches,
zwischen zwei verkrüppelten Weiden, der Wäscherin gerade gegenüberstand. »Pst!
Pst!« machte er.
    Die Dirne fuhr mit einem Schrei empor, und da sie beide Hände mit
ausgespreiteten Fingern, etwas unter dem Halse, gegen ihre volle Brust drückte,
so entglitt ihr das Wäschstück, sie fand eben noch Zeit, mit einer Fussspitze
darauf zu treten, damit es nicht fortschwimmen könne.
    »Jesses, was du mich aber erschreckt hast«, sagte sie leise.
    Wieder spielte um den Mund des Burschen ein spöttisches Lächeln, verflog
aber schnell, und er sagte, ebenfalls leise, im Tone neckender Vertraulichkeit:
»Geh zu, wo du da d' Wiesen, wie breit sie liegt, vorn Augen hast, siehst mich
wohl schon a Weil da heruntersteign.«
    Die Dirne zog die Brauen zusammen und biss auf die Unterlippe, während sie
sich rasch zum Wasser niederbeugte.
    Nach einer Weile sagte er: »Du, ich hätt mit dir wohl was z' reden.«
    Sie schwenkte hastig das Linnen, dann fasste sie es mit beiden Händen, drehte
es zusammen und rang es aus; dabei hatte sie sich erhoben, aber erst als sie
damit fertig war, kehrte sie ihr hoch gerötetes Gesicht dem Burschen zu und
sagte hart und rauh: »Ich wüsst nit, was du mir zu sagen hättest, und ich bin
auch gar nit neugierig.« Sie wandte sich zum Gehen.
    »Lass's bleiben«, murrte der oben und schwenkte um, und unter dieser Bewegung
glaubte er wahrzunehmen, dass die Dirne an der Türe der Hütte, über ihre Achsel
weg, ihm lachend nachblickte, das bewog ihn, auch den Kopf zu drehen, aber er
begegnete nur ihren grossen, herausfordernd abgünstigen Augen und stieg
verdrossen, den Hut im Nacken, die Hände in den Hosentaschen, spreitbeinig den
Weg hinan, den er herabgekommen war.
    Wenn auf dem langen Tische in der Gesindestube des Sternsteinhofes die
Schüsseln dampften, so trat der Bauer hinzu und sprach mit lauter Stimme das
Tischgebet, Knechte und Mägde murmelten es nach, dann setzte er sich, langte
paarmal mit dem Löffel, Verkostens halber, nach dem Aufgetragenen, was den
andern das Zeichen gab, sich, wie sie dem Rang nach in der Reihe sassen, die
Teller voll zu schöpfen oder zu häufeln. Während die Dienstleute assen, spielte
der Bauer mit dem Löffel, beobachtete, ob nicht etwa einer oder eine ein
»heikliches« Gesicht mache, und richtete an einzelne kurze Fragen und Reden, zum
Schlusse sprach er die Danksagung und ging mit Toni in die reiche Stube hinauf,
wo sich's beide an einem sorgfältiger bestellten Tische wohl sein liessen, wie
ihnen zukam, da sie es ja doch nach unseres lieben Herrgotts unstreitigem Willen
besser auf der Welt haben sollten wie andere Leute.
    Abends nach der Mahlzeit, wenn die alte Katel das Tischgeräte weggetragen
hatte, blieben Vater und Sohn ungestört.
    Der Sternsteinhofbauer war, trotz er mit etwas vorgebeugten Schultern ging
und sass, einen halben Kopf grösser wie sein Bub, auch hatte er einen
beträchtlichen Leibesumfang, und auf einem Stiernacken trug er den grossen Kopf
mit der niederen, breiten Stirne. Über den Hängebacken blinzten kleine, graue,
bewegliche Augen, beschattet von dichten Brauen, braun wie das kurz geschorene
Haar und der Backenbart, welcher vom oberen Rande der Ohren bis zu deren
Läppchen reichte, eine knollige Nase ragte über einen Mund mit dicken, wulstigen
Lippen, zwischen denen er den Atem schnaufend einsog und die Laute dröhnend
hervorstiess.
    Den Toni beschäftigte die Frage, ob wohl der Alte um seinen Wiesenfrevel
wisse? Er sollte darüber nicht lange im unklaren bleiben.
    Der Bauer beugte sich bis zur Tischkante vor, sah seinen »Einzigen« mit
emporgezogenen Augenbrauen an und begann mit dem Kopfe wie eine Pagode zu
nicken. »Bist mir a rarer Vogel, du!« summte er.
    »Warum, Vater?«
    »Warum? Warum? Wirst's wohl wissen, warum, und dass ich das duckmäuserische
Gefrag nit leiden kann, weisst auch! Bist heut leicht nit d' ganze Wiesen
querhnunter und querauffi gelatscht? Was denkst denn eigentlich dabei, wem du da
sein Gut in Grund und Boden hneintrittst, 's meine oder 's deine? Ich mein
schier, 's wird 's meine sein, noch lang nit 's deine, verstehst, und dass du mir
's meine schädigst, dagegn tu ich Einspruch! Komm du mir nur nit etwa mit der
dalketen Red, dass 's ja doch mal 's deine sein wurd, da hat's, wie gsagt, noch
lang hin, und wann du dich gleichwohl in dein Gedanken als künftigen Eigner
aufspielst, so ist dieselbe Urassigkeit nur noch dümmer, und ich seh wohl, es is
a reine Gnad vom Himmel, je länger er mich da af der Wirtschaft sitzen lasst, und
so lang ich mich noch bissel rühren kann, denk du auch nit ans Verheiraten und
dass ich dir in d' Ausnahm geh! Noch lang nit! Denn kaum wärst du da Herr davon,
rennest mer wohl mit lustige Brüderln gleich rudelweis über Felder und Wiesen
und tretest 'n Gottessegen in d' Erd; das is aber der Anfang vom
Verwirtschaften, und da könnt ich's wohl bald erleben, dass mein Ausnahmstübel
mit einmal kein Dach und keine Mauern mehr hätt! Ach nein, ich hab wohl mein
findigen Notarjus; wann ich mal geh - noch denk ich nit dran - aber dann muss der
mir d' Sach so verklausulieren, wann gleich kein Stein vom Haus und kein
Fussbreit vom Boden mehr dein bleibt, dass doch ich da mein Verbleiben und
Auskommen hab, und für den Fall löffel du aus, was d' dir einbrockt hast, von
mir darfst nit 's gringste erwarten; als Ausnehmer kann ich kein Einleger
brauchen. Verstehst? Ja, da sitzt er, der Lalli, und lasst in sich hneinreden wie
ein Stock!« Er schlug mit der Hand in den Tisch. »Sag mir nur, 's eine möcht ich
doch wissen, was hast denn eigentlich af der Wiesen z' suchen ghabt?«
    »Aber gar nix nit, Vater. Frei gstanden, es war halt ein unbsinnts Stückl.«
    »Ein unbsinnts Stückl? Na ja, hab mir's eh denkt, dös is allweil dein letzte
Red. Bis zum Hals hnauf hab ich s' schon, deine unbsinnten Stückeln! Komm mir
nit wieder damit!«
    »Es wird nix mehr vorkommen.«
    Der Alte erhob sich. »Sagst auch allweil, aber wann du glaubst, mit mir
spassen zu können, werd ich dir doch nächst ein Ernst zeigen.«
    »Wird nit notwendig sein.«
    Der Bauer duckte den Kopf zwischen die emporgezogenen Achseln und ging
murrend nach der Türe.
    »Gute Nacht, Vater«, rief Toni und sah ihm verstohlen schmunzelnd nach.
    Der Alte ging nach seiner Schlafkammer, die nichts entielt als ein
Nachtkästchen, zwei Stühle und ein Bett mit eisernem Gestelle; da hält sich kein
Ungeziefer, und auf Strohsack, Rosshaarpolster und unter rauher Kotze schläft
sich's am gesündesten, das hatte dem Sternsteinhofbauer einer versichert, der
bei den Soldaten gewesen und trotz ausgestandener Strapazen hundert Jahre alt
geworden war, und so weit hoffte er es auch zu bringen. Er dachte, dass er noch
lange nicht ins Ausgeding müsse und an den »unbsinnten Stückeln« seines Sohnes
immer eine gute Ausrede haben werde, wenn er vor der Zeit und zu dessen Gunsten
auch nicht wolle.
    Das hätte der Toni wissen sollen; ihm würde über seinen nachsichtigen Vater
das Lachen vergangen sein.
 
                                       VI
Am Morgen des zweiten Tages darnach lehnte der Toni vom Sternsteinhof an der
Bretterwand einer Scheuer und schmauchte sein Pfeifchen. Er sah hinab nach dem
Häuschen des Kleebinder-Muckerl, der sich im Vereine mit dem alten Tagwerker
Gregori mühte, eine grosse Kiste heraus und auf einen Schiebkarren zu schaffen;
nachdem sie das fertiggebracht, bückte sich der Alte, um das Scheibband, das ihm
von den Achseln herabbaumelte, an die Handhaben zu legen, dann spuckte er in die
Fäuste, griff zu und fuhr des Weges.
    Die Helen, die unter ihrer Türe gestanden hatte, kam jetzt herzu, Muckerl
fasste sie an der Hand, und beide schritten plaudernd langsam hinterher. Die alte
Kleebinderin lief in das Vorgärtel, nickte und sah ihnen lange nach.
    Die Dirne ging mit blossem Kopfe, sie wird also den Holzschnitzer nur eine
Strecke und nicht allzuweit begleiten.
    Toni paffte in kurzen, hastigen Stössen Rauchwölkchen aus seiner
Morgenpfeife, während er den beiden da unten wandelnden, immer kleiner werdenden
Gestalten mit den Augen folgte, bis er sie ganz am oberen Ende des Ortes, nicht
grösser wie Krähen im Schnee, hinter der Wegkrümmung verschwinden sah. Er blickte
um sich, und da er niemand in der Nähe merkte, machte er sich eilig davon,
legte, fast laufend, die Strecke bis zur Brücke zurück, dort lehnte er sich ans
Geländer, verschnaufte ein wenig und ging dann langsam zum Dorfe hinaus.
    Er schritt bedächtig immerzu, bis er auf Helene traf, die gerade unter dem
Busche stand, wo sie sich damal verstohlenerweis mit Muckerl zusammengefunden.
    »Grüss dich Gott, Dirn«, sagte der Toni.
    »Auch soviel«, entgegnete Helen.
    »Wohin 's Wegs?«
    »'n Muckerl hab ich begleit, jetzt geh ich wieder heim.«
    »So, 'n Muckerl? Is das dein Schatz?«
    »Ich wüsst nit, warum ich dich in dem Glauben irrmachen sollt; er wird schier
so was sein.«
    »Wundert mich.«
    »Dass ich ein Schatz hab?«
    »Dös nit. Eine wie du kann zehn für ein habn, wann s' will.«
    »Na, jetzt weisst, ebn wenn's afs Wollen ankommt, da taugn mir die zehne für
ein schon gar nit; da wär mir schon einer wie zehne lieber.«
    »Ja, aber so einer wie zehne is doch der Muckerl nit!«
    »Das sag ich auch nit, aber lass mir 'n in Fried. Dass er mir mehr gilt wie
ein anderer, mag dir völlig gnügen, um wie viel mehr, kann dir gleich sein.«
    »Nein, das is mir ebn nit gleich, das möcht ich wissen, du, als d' Schönst«
- -
    »Schwätz du nit von der Schönsten! Lang bevor ihr anghoben habt, mich als
dieselbe auszschreien, hab ich ihm schon dafür golten. Vielleicht verstehst, dass
er dadurch schon gegn andere voraushat; vielleicht auch nit, jednfalls erspar
ich 's Erklären.«
    »Verstünd's eh, wann er nur wie unsereiner und kein so Halbmandl wär, oder
du eine, die sich mit jedem zfriedengebn müsst, das is aber nit, und zu dir passt
ein Säuberer.«
    »Ah, mein, dem frag ich grad nach! Säubrigkeit hab ich für mich selber gnug,
und von einm andern seiner lasst sich nichts hrunterbeissen.«
    »Freilich nit, aber es könnt sich ja einer finden, der mehr hat wie der
Muckerl, wovon mer hrunterbeissen kann, und da wurd doch nit schaden, wenn der
nämliche ein wengerl leidlicher zun anschaun wär?«
    Die Dirne sah den Burschen mit zugekniffenen Augen von der Seite an.
»Natürlich, weisst du mir auch gleich ein solchen?«
    »Könnt sein«, schmunzelte Toni, »und am End is er gar nit weit von da.«
    »Wann d' ihm begegnest, so sag: ich liess ihn schön grüssen und meintalbn
möcht er nur bleiben, wo er is.«
    »Ich werd ihm's sagen, glaub aber nit, dass er sich daran kehrt.«
    »Das is sein Sach. Und jetzt, bhüt Gott!«
    »No, eil nit, ich ging gern noch mit dir -«
    »Kannst ja, wann mer ein Weg haben.«
    »Dass mer sich ausreden, aber da durchs Ort -«
    »Dir zlieb werd ich doch kein Umweg machen?! Ich wüsst nit, warum und wozu.
Was ich von dir anhörn mag, das kannst schon auf offener Strassen vorbringen,
wenn auch Leut untern Türen stehen oder ausn Fenstern schauen.«
    »Eben der Leut wegen is mir um dich.«
    »Um mich? Was brauch ich die Leut z' scheuen, wo ich ihnen untern Augen
herumgeh? Aber du fürchtst wohl, dass deinm Vater zu Ohren kommt, du wärst da
herunten mit einer von uns gsehn wordn?«
    »Oh, hoho!« lachte der Bursche. »Da kennst du mein Vadern schlecht; der
schreit wohl bei jedem Anlass rechtschaffen herum, aber schliesslich, wie gross er
is, steck ich 'n doch in Sack.«
    »Da gib nur Obacht, dass d' dir nit doch einmal die Taschen dabei zerreisst.«
    »Kein Sorg! Bei meinm Vadern richt ich alls, was ich will.«
    »Alles?«
    »Alles!«
    »Na, 's wird wohl auch bei allm Bisherigen um nix Bsonders ghandelt habn.«
    Toni begann mit grossem Eifer von seinen unbsinnten Stückeln zu erzählen,
aber er verstummte, als sie an den ersten Hütten des Dorfes vorbeischritten.
    »Da hast's«, flüsterte er, »da stehen schon welche und gaffen.«
    »Lass s' doch, wenn s' Zeit und Lust dazu habn«, sagte die Dirne und begann
sofort mit lauter Stimme von dem Wetter, den Ernteaussichten, ihrem Haushalt und
ihrer Wirtschaft zu reden, bis zur Brücke, wo sie dem Burschen »gute Mahlzeit«
bot.
    »Nur eins noch«, sagte der.
    »Was?«
    »Willst mir wirklich kein Glegenheit gebn, dass ich mich einmal mit dir
ausreden könnt?«
    »Nein, wirklich nit.«
    »Warum?«
    »Warum, willst wissen? Weil mir der Spatz, den ich da herunten samt sein
Nest in Händen hab, lieber is wie du stolzer Tauber da drobn afm Dach vom
Sternsteinhof.«
    Der Bursche stiess ein paar kurze, höhnende Lachlaute aus, dann sah er der
Wegschreitenden eine gute Weile nach, plötzlich ward er es müde, stemmte die
Ellbogen auf dem Brückengeländer auf, schob alle zehn Finger unter den Hut,
dessen Krempe ihm dabei tief in die Stirne fiel, und kraute sich in den Haaren.
    So sah ihn Helene noch lange dort stehen, als sie mit der alten Kleebinderin
an der Vorgärteltüre plauderte.
Auf dem Sternsteinhofe wurden Knechte und Mägde zum fleissigen Kirchenbesuche
angehalten, aber der Bauer und sein Sohn nahmen es damit nicht so genau; war es
ihnen vormittags nicht gelegen, Gott die Ehre zu geben, so liessen sie sich, wenn
nichts dazwischenkam, nachmittags beim Segen sehen; öfter fuhren sie auch nach
dem nahen Marktflecken, wo sie mit Bauern, die ebenfalls reich, also mehr
ihresgleichen waren, verkehren konnten, und da schickte es sich häufig, dass sie
erst inmitten oder zu Ende des Gottesdienstes hintrafen und ihnen just Zeit
blieb, ein paar andächtige Vaterunser zu beten, ehe es zu dem Wirtshaustisch
ging.
    Aber seit seiner Begegnung mit Helene im Busch versäumte Toni keine
Frühmesse, blieb die Predigt über und besuchte nachmittags den Segen. Er liess
den Bauer allein auf dem Hofe sitzen, auch allein nach dem Marktflecken fahren
und sprach sich dem Alten gegenüber sehr verständig dahin aus, dass derselbe als
Herr in allem seinen freien Willen haben müsse, wie gut es aber auch sei, wenn
einer an seiner Statt, den Dienstleuten zum erbaulichen Beispiele, sich
gehörigerweis in der Dorfkirche sehen lasse.
    Zweimal noch unter der Zeit war er Helenen über den Weg gelaufen. Er sah sie
unten der Strasse entlangkommen und eilte nach der Brücke, um sie zu überholen,
aber sie war stets flinker gewesen, und ihm blieb nichts über, als ihr in
einiger Entfernung zu folgen, und da kehrte sie sich das eine wie das andere Mal
an der Hütte der alten Matzner-Resl gegen ihn, sah ihn mit grossen Augen
befremdet, ihm kam vor, auch ein wenig spöttisch an und verschwand unter der
Türe, um nach einer Weile mit Sepherl herauszutreten und eifrig plaudernd, ohne
einen Blick zur Seite zu tun, mit der Kameradin vom oberen Ende des Dorfes zum
unteren zurückzukehren.
    Nun geschah es oft, dass der Toni mitten unterm Essen Gabel und Messer aus
der Hand legte, statt der Arbeit nachzugehen, in irgendeinem Winkel stand, sass
oder lehnte und in das Narrenkastel guckte, das heisst, ausdruckslos vor sich
hinstarrte; das alles mochte er mehr als vier Wochen getrieben haben, als ihm
der Bauer eines Mittags vom Tische weg ins Freie nachfolgte.
    »Nun, Bub«, sagte er, »an dir kann wohl der Herr Pfarrer sein Freud habn.«
    »Warum, Vater?«
    »Weil d' dich so nachdrucksam afs Fasten und Beten verlegst.«
    »Ich? Mich?«
    »Ja, du dich! Und lass dir sagen, wenn d' dich kastein willst, so hätt ich so
weit nix dagegn, aber das beschauliche Wesen - tu mir d' Freundschaft - leg ab!
Der Sternsteinhof is kein Kloster, und es bringt da kein Verdienst, sondern nur
Schaden, wann du dein Arbeit so ganz beiseite setzst.«
    »Das tu ich doch nit, das bildst d' dir ein«, sagte der Bursche, indem er
sein errötendes Gesicht wegwandte.
    »Ja, 's is a wahre Einbildung, gelt?« lachte der Alte und entfernte sich,
paarmal nach seinem Sohne zurückblickend, es berührte ihn wie immer gar nicht so
unangenehm, wenn er sich diesem überlegen zeigen konnte.
    Toni ging durch den Hausflur in den Garten. Er liess sich in der Rebenlaube
nieder. Er stützte den Kopf mit der Linken, den Ellbogen hatte er auf das eine
Knie aufgestemmt, auf dem andern lag flach seine Rechte; so sass er nachdenklich
eine geraume Weile, dann seufzte er auf: »So kann's nit fortgehn.«
    Der Garten hatte ein Seitenpförtchen, von welchem ein ausgetretener Weg auf
dem Kamme des Hügels über die Wiesengründe führte. Wer diesem schmalen Steig,
der sich mählich bergab verlor, folgte, hatte das Dorf im Rücken. Toni
schlenderte bedächtig auf selbem dahin, oft blieb er stehen und sah nach der
letzten Hütte da unten in Zwischenbühel.
    Plötzlich riss es ihn herum, und er beugte den Oberleib vor und streckte den
Hals. Helene war auf die Strasse getreten. Kein Zwinkern der Augen, kein Zucken
der Mundwinkel wie damals, als er über die Wiese nach dem Bache hinunterstieg,
zeigte sich jetzt in dem Gesichte des Burschen, nur die äusserste Spannung war
darin zu lesen, mit welcher er von der Höhe aus jede Bewegung der Dirne
beobachtete.
    Helene trug einen kleinen Buckelkorb, sie stand eine Weile und blickte um
sich, dann ging sie unten an dem Ufer des Baches in der gleichen Richtung fort
wie Toni oben am Kamme des Hügels.
    Gewiss, sie ging dürres Astwerk oder Tannenzapfen auflesen in dem kleinen
Nadelholzbestande, welcher der Gemeinde gehörig war und der »tote Wald« hiess; es
war das ein kümmerliches Gehölze, nahe dem Rande des Baches, der es bei
Hochwasser überflutete und Sand und Gerölle zwischen den Stämmen liess, aber ganz
war es dem Verderben geweiht, seit der Borkenkäfer dort zu hausen begann; kahl
ragten die schlanken Schäfte empor, morsch brachen sie in sich zusammen, nur
wenige gesunde Bäumchen fristeten noch für unbestimmte Dauer ihr Sein. Der tote
Wald war aufgegeben. Selbst des Leseholzes wegen gab es keinen Streit, nur die
Allerärmsten des Ortes schickten ab und zu ihre Kinder, um von dem Geäste
heimzuholen, was einem nicht unter dem Griffe zermürbte.
    Dass ihn die Dirne gesehen habe und ihm nun geflissentlich über den Weg
laufe, das galt dem Burschen für ausgemacht, doch empfand er diesmal keine
freudige Genugtuung darüber, er fühlte sich vielmehr bange und beklommen, einen
Augenblick wünschte er sogar, sie möchte nicht gekommen sein, doch weil sie es
war, achtete er bald auf nichts mehr, als mit der Gestalt, die flink auf der
Strasse da unten sich fortbewegte, gleichen Schritt zu halten.
    Nahe, wo der Steig endete, führte er hinter den Büschen knapp am Rande des
Baches dahin; dort blieb der Bursche einen Augenblick stehen, mit verhaltenem
Atem und ohne Regung, damit er nicht unversehens an einen Zweig des Strauches
rühre, der ihn deckte. Nur durch das schmale Bett des Wassers getrennt, ihm
gerade gegenüber sass die Dirne auf einem Erdaufwurf, der Schuh mochte sie wohl
gedrückt haben, sie hatte ihn ausgezogen und schüttelte ihn, dann zog sie ihn
wieder an, streckte den Fuss zierlich vor und lockerte ihr Strumpfband, darauf
erhob sie sich und schritt in den Tann, hinter dessen schlanken Stämmen sie
verschwand. Toni legte die kurze Strecke Weges bis an den Bach zurück, lief über
den Baumstamm, der da statt einer Brücke diente, und sah nahe im toten Walde
Helene erwartend stehen. Er ging entschlossen auf sie zu.
    Sie liess ihn auf drei Schritte herankommen, dann warf sie mit dem einen Arme
den Korb von der Schulter zur Erde und streckte den anderen gegen ihn aus. »Das
muss einmal ein End haben«, rief sie.
    »Das mein ich auch«, sagte der Bursche und nickte dazu ernst mit dem Kopfe.
    »Ganz offen gesteh ich's«, fuhr sie fort, »heut hab ich dich wohl von der
Höhen daherkommen gsehn und es drauf anglegt, dass ich mit dir zusammtreff, weil
mir dein Nachlaufen durchn Ort und ewig Angaffen in der Kirchen hitzt schon
einmal z' dumm wird! Hilft's bei dir nit, wenn mer, was dich angeht, kurz und
bündig in einm Sprüchel sagt, brauchst du zum Verstehen leicht ein Predigt oder
ein Litanei?«
    »Red dich aus, red dich nur aus«, sagte Toni, indem er vor sich zu Boden
sah.
    »Du bildst dir wohl ein, du wärst gar ein Besondrer und alle anderen gring
gegen dich? Freilich, du bist der einzige Sohn vom reichen Bauer afm
Sternsteinhof und selber einmal der Herr drauf, halt ja, das bist du, aber
desstwegn brauchst doch mich nit für ein schlechts Mensch z' halten!« Sie hatte
unterdem von den nahe stehenden Bäumen dürre Äste abgebrochen und neben dem Korb
hingeworfen, jetzt schwang sie eine dünne Gerte in der Hand und führte damit
einen Luftieb gegen den Burschen. »Haltst mich leicht nit dafür?«
    »Wie käm ich auf den Gedanken?« sagte er kleinlaut, ohne den Blick vom Boden
zu erheben.
    »Bist noch nit draufkommen, so helf ich dir drauf! Was willst mit all deinm
Nachlaufen und Aufdringlichkeiten bezwecken, als dass ich den Burschen, der's
ehrlich mit mir meint, fahrenlassen sollt, dir zlieb, der's nit in Ehren meint,
nit in Ehren meinen kann noch darf?!«
    Toni blickte auf. »Wieso nit könnt und nit dürft?«
    »Dumme Frag«, zürnte die Dirne. »Nimm du mich nur nit für gleicherweis so
dumm und ehrvergessen, dass ich dir ein Ghör schenken und dabei übersehen könnt,
wie gross und breit der Sternsteinhof zwischen uns zweien liegt, von wo ich
niemal Hoffnung hab, aus einer Fensterrahm auf Zwischenbühel herunterzschauen.
Jetzt weisst mein Meinung, und von heut, bitt ich mir aus, bleib von mein Wegn
und schau in der Kirchen, wohin z' schauen hast, wann dich d' Frommheit
hneinführt, nachm Altar und nach der Kanzel, aber nit nachn Weiberbänken;
meintwegn auch dahin, aber nach einer andern.«
    »Bist fertig? So hör auch mich an. Ob ich gegn andere stolz bin, kommt da
nit in Frag, du hast dich in derer Hinsicht gwiss nit über mich zu beklagen; wär
ich nur halb so übelnehmerisch wie du, so laufet ich jetzt wohl schon heimzu,
übrigens gschieht's weder aus Demütigkeit, noch tu ich mir ein Zwang an, dass ich
dir standhalt, es is mir nur drum, dass ich dich seh und hör, und hast kein
freundlich Gsicht und kein gut Wort für mich, so nimm ich auch mit ein finstern
und mit unbschaffene vorlieb, und dafür, dass ich dich gern hab, kann ich just
sowenig wie der Herrgottlmacher, möcht also nit, du nähmst mir's übler auf und
legest mir's anders aus wie dem.«
    Helene hob die runden Schultern.
    »'s tät deiner Ehr nit 'n gringsten Abbruch, wann d' dich mitleidig
bezeigest zu mir.«
    Helen runzelte die Brauen. »Du Narr du, setz dir keine Dummheiten in Kopf,
so fehlt dir gleich nix!«
    »Hast schon recht, wenn du's ein Dummheit nennst und ein allmächtige dazu!
Alles, was du dagegen vorgebracht hast, und mehr noch, hab ich mir selber gsagt,
mich z' Anfang gnug dawider gsperrt und gspreizt, und doch hat's mich
unterkriegt, dass ich mich jetzt nimmer ausweiss. Leni, mein Seel und Gott, auf
dein Red vorhin, dass der Sternsteinhof zwischen uns zwein stünd, hätt mir einer
sagen können, derselbe wär niedergebrennt bis afn Grund, mir wär's nit
nahgangen.«
    Die Dirne lachte laut auf. »Das kannst ja erprobn. Zünd ihn an!«
    »Das is ein sündhaft Reden. In Vatershaus wird doch keiner Feuer anlegen.«
    »No, mein nur nit, dass ich dich dazu anstiften möcht! Ich wollt dir nur
weisen, dass's schliesslich doch allweil af mein frühers Sagen hnauslauft und jeds
weitere Reden zwischen uns überflüssig is. Hättst du dein Hof eben nit, könnt
mer dir a ehrlich Absicht zutrauen, so bist du aber der Toni vom Sternsteinhof,
und die Dirn, die sich mit dir einlasst, vergibt sich von vorhinein.«
    »Als ob ich's - wie ich bin - nit ehrlich meinen könnt! Afm Sternsteinhof
bleibt's nit allweil so bstellt wie jetzt, kann auch ein Veränderung eintreten.«
-
    »Wenn dein Vater sterbet, meinst?« Die Dirne sah ihm bei der Frage scharf in
die Augen.
    Er wandte sich ab. »Ich wünsch ihm den Tod nit, bewahr, aber gsetzt -«
    »Der Mann is noch nit so alt, dass er von heut af morgen stirbt; der kann's
noch ein Reih von Jahrln mitmachen. Glaub kaum, dass d' eine findst, die sich,
dadrauf z' warten, einlasst.«
    »'s wär auch das nit notwendig, nur af a schicksame Glegenheit brauchet mer
z' passen, dann krieget ich ihn schon herum. Was mir anliegt, das setz ich bei
ihm durch, da bin ich sicher.«
    »Das hast schon einmal gsagt.«
    »Du kannst auch drauf glaubn, und über kurz oder lang vermöcht ich dir's
auch zu weisen. Nach der Leut Gred frag ich 'n Teuxel. Auf dich allein kommt's
an. Aufrichtig gsagt, Leni, liessest du den Muckerl gehn und haltest zu mir, wann
-«
    »Was, wann?«
    »Wann ich dir 's heilig Versprechen gäb, dass ich dich zur Bäuerin afm
Sternsteinhof mach?!«
    »Geh zu«, schrie sie auf, mit beiden Armen abwehrend. Ein flüchtiges Zittern
überlief ihren Körper, dann stand sie starr mit leuchtenden Augen, zwischen den
halb geöffneten Lippen den Atem hastig, aber geräuschlos einsaugend; sie fuhr
mit der Rechten nach dem linken Arm, den sie dicht an den Leib geschmiegt hielt,
und kneipte sich paarmal in das pralle Fleisch; dann bückte sie sich rasch nach
dem Korbe und warf das Reisig, das herumlag, in denselben. Als sie sich mit hoch
gerötetem Antlitz wieder aufrichtete, sagte sie neckend: »Meinst, ich trau dir
nur gleich so? Das müsstst mir schriftlich gebn.«
    »'s gilt schon«, sagte ernstaft der Bursche. »Heut schreib ich's noch
nieder. Find du dich morgen da an der Stell ein, kannst's haben.«
    »Ich komm schon«, lachte sie, »ich bin ja auch neugierig, was du für eine
Handschrift schreibst. Bhüt dich Gott derweil!« Sie warf den Buckelkorb über die
Achsel, nickte dem Burschen freundlich zu und lief ein paar Schritte, dann hielt
sie inne und kam bedächtig zurück. »Lass's doch lieber sein«, sagte sie.
    »Ja, warum denn aber?«
    »Armer Hascher, am End reuet dich der ganze Handel.«
    »Mich nit, da drauf gib ich dir mein Wort.«
    »Lass gscheiterweis mit dir reden, Toni. Jetzt, wo ich wohl glauben muss, dass
du's ehrlich meinst, wär es von mir nit rechtschaffen, wenn ich dir verhehlen
tät, was mir eben für Bedenken durchn Kopf schiessen. Bevor sich nit d'
schicksame Glegenheit findt, wo du dein Vadern herumzkriegen glaubst, können wir
uns nit offen als Liebsleut zeigen, denn was ihm bis dahin verschwiegen bleiben
soll, dürfen wir nit in der Leut Mäuler bringen; wir müssen also heimlich
zueinand halten. Gelt ja?«
    Toni nickte.
    »Und da is's wohl nit gut möglich, dass ich, ohne ein Aufsehn z' machen und
ein aufdringlichs Gefrag zu wecken, 'n Muckerl, so mir nix, dir nix, abweis, und
du kannst auch nit verlangen, dass ich's tu, solang die Sach noch in Lüften
hängt; denn ein wie fests Zutraun du auch haben magst, so is uns ein rechter
Ausgang doch nit verbrieft. Gelt nein? So is wohl für all Fäll besser, ich lass
den Bubn noch weiter neben mir herzotteln und tu dazu nix dergleichen.«
    »O nein! Musst mich nit für gar so einfältig halten!« brauste der Bursche
auf. »Wann du die Meine sein willst, leid ich nit, dass ein anderer an dich
rührt.«
    »Mein lieber Toni, da hast du nix z' leiden, das müsst wohl vorerst ich, und
dass d' derhalbn ganz sichergehst, so sag ich dir: sowenig ich mir den Bubn hab
nah kommen lassen und nah kommen liess, bevor ich ihm nit als Weib anghör,
ebensowenig sollst du mir nah kommen, bevor ich nit als Bäurin afm Sternsteinhof
sitz! Is dir das nit anständig, meinst du's anders, so magst dein Gschrift nur
bhalten!«
    »Af Ehr und Seligkeit! Leni, einer anderen trauet ich nit soviel, aber du
darfst dir schon alls herausnehmen gegn mich! Tu, wie d' glaubst und für recht
haltst; dem, was mich dabei verdriesst, muss ledig ich nach einm End sehn; sei nur
freundlich zu mir, gib mir öfter Glegenheit, dass ich dich sehen und hören mag
und bei'n Händen fassen kann -«
    Sie standen Hand in Hand und lächelten sich an. Da zog die Dirne die Hände
zurück und sagte: »Morgen is auch ein Tag. Morgen beredn wir 's andere. Aber
weil d' mein braver Bub sein willst und weil d' so willig Vernunft angnommen
hast - ich bin sonst wohl gar nit freigebig - doch geh her, sollst ein Lohn
dafür habn.« Sie schlang ihm den Arm um den Nacken und presste ihre Lippen auf
die seinen, dann lief sie eilig auf und davon.
    Toni ging an den Bach, er taumelte, als er den Steg überschritt, so dass er
ärgerlich auflachte, dann ging er, wie träumend, über die Wiese dem
Sternsteinhofe zu. Von der Höhe sah er, ferne auf der Strasse unten,
verschwindend klein, die Gestalt der Dirne sich hastig fortbewegen, und manchmal
schien ihm, als unterbräche ein Sprung oder ein Stolpern die Gleichmässigkeit
ihrer Schritte.
    In der nächstnächsten Nacht, als die alte Zinshofer eingeschlafen war und
»Holz zu sägen« begann, erhob sich Helene vom Lager, trat an das Fenster, zu dem
der Vollmond hereinschien, und griff nach einer bereitgehaltenen Nadel; sie
nähte an einem kleinen Leinwandtäschchen, fügte eine Schnur daran, und nachdem
sie das Anhängsel um den Hals genommen, schlüpfte sie wieder unter die Decke.
Sie schlief unruhig, und wenn sie halbwach nach dem Täschchen griff, so
knitterte das, als ob es ein Papier entielte. Es umschloss auch ein solches -
das Eheversprechen des Toni vom Sternsteinhof.
 
                                      VII
Schon einige Male hatte die Sepherl, wenn sie vom oberen Ende nach dem unteren
kam, um Helene aufzusuchen, diese nicht daheim getroffen.
    Die alte Zinshofer sagte, sie wäre in den toten Wald gegangen, und lachte
über die närrische Dirn, die jetzt fast jeden andern Tag dahin liefe, Klaubholz
sammeln, wobei sie immer für einen gesunden Span hundert mit Wurmmehl
heimbrächte; aber besser sei doch, sie tue etwas, wenn sie damit auch nichts
richte, als sie möcht gar faulenzen und etwa auf dumme Gedanken gebracht werden.
    Eines Tages aber setzte sich 's Sepherl in den Kopf, die Kameradin
wiederzusehen, und entschloss sich, selbe auf dem Heimweg oder an Ort und Stelle
zu überraschen. Sie ging nach dem toten Walde. Die lange Strecke bis hin hatte
sie keine Begegnung, doch als sie vor den Tannen stand und eben beide Hände hohl
vor den Mund legte, um durch einen lauten Ruf ihre Anwesenheit und Wartestelle
der Gesuchten kundzugeben, da krachten im Gehölze dürre Zweige unter nahenden
Tritten. Sie liess erschreckt beide Arme sinken, als sie an der Seite Helenens
den Toni vom Sternsteinhof herankommen sah. Der Bursche duckte sich allerdings
sofort hinter die Stämme, aber es war zu spät, um nicht bemerkt zu werden.
    Helene schritt auf Sepherl zu. »Je, du bist da? Grüss dich Gott!«
    »Grüss dich auch Gott«, antwortete kurz die Angesprochene.
    Helene fasste die Dirne an der Rechten, um Hand in Hand mit ihr
dahinzuschlendern, aber da Sepherl mit unwilliger Gebärde sich losriss, fragte
sie: »Na, was is's denn? Was hast denn?«
    »Du warst nit allein!«
    »Wer sollt denn bei mir gwest sein?«
    »Für blind müssts mich nit nehmen und Verstecken is vor klein Kindern gut.
Ich hab 'n ganz gut gsehn, 'n Bauerssohn vom Sternsteinhof.«
    »Und wann er's war? Kann ich ihm 'n Ort verwehren?«
    »Davon is kein Red, aber heut is nit 's erste Mal, dass d' hertriffst. Er
sucht dich da, und du lasst dich finden. Solltst dich wohl schämen!«
    »Ich wüsst nit warum. Denkst du von mir Schlechts?«
    »Ich will just nix Schlechts von dir denken, aber Rechts kann ich doch auch
nit, wo du zu noch ein haltst nebn 'm Muckerl.«
    »Du sollst dich hüten, z' sagn, dass ich's mit ein andern halt. Wo hast denn
'n Beweis? Übrigens, schätz ich, bist du weder zu mein Richter noch zu sein
Wachter bstellt!«
    »Trutzig tun steht dem gar wohl an, den man af üblen Wegn betrifft.«
    »Auf üblen Wegn?!« schrie Helene.
    »Ja, af üblen Wegn«, ereiferte sich Sepherl, »ich sag, af üblen Wegn, weil
s' seitab von Ehrlichkeit und Ehrbarkeit führn. Von zwein muss doch allweil einer
der Betrogene sein, nit? Und wer's da wär, is für mich gar kein Frag! Was willst
denn mit dem reichen Bauerssohn? Vielleicht dein Gspass habn, weil's doch zu kein
Ernst führen kann? 's selbe steht schon einm Weibsleut übel gnug an und is nit
ehrlich gegn den, der's ernst meint; denn ehrlicherweis kann man nur einm
anghörn fürs Leben, oder verlangst du s' leicht paarweis für Zeit und Weil?!«
    »Purr! Hast du ein Maul! Kann mich aber von dir nit beleidigen. Ich weiss ja,
gegn eine, die bei mehr Mannleuten Anwert findt, da redt der Neid aus euch, bei
denen sich der eine einzige fürs Leben ewig nit einstelln will! Überhaupt
versteh ich nit, wie du da so aufbegehrn magst! Dir kann ja recht sein, wenn ich
mich mitm Muckerl entzwei, vielleicht wirst du dann eins mit ihm.«
    »Lass dir sagen«, schrie zornrot Sepherl, »lass dir sagen, du bist 'n gar nit
wert, du grauslichs Ding du! Und dass d' es weisst, mit dir geh ich auch gar
nimmer.« Sie lief etliche Schritte voraus.
    »Geh zun Teuxel, wann d' willst! Wer bist denn du, dass ich mir a Gnad aus
deiner Freundschaft machen müsst?!«
    Schweigend rannten die beiden auf der Strasse dahin, eine voran, die andere
hinterher.
    Helene biss sich auf die Lippen. Nach einer Weile rief sie: »Du, Sepherl!«
    »Was gibt's?« fragte die Angerufene, ohne stehenzubleiben oder den Kopf zu
wenden.
    »Du wirst doch von dem Heutigen nix weiter verlauten lassen? Gelt nein?«
    »Wenn ich nit darnach gfragt werd, nit!« lautete die trockene Antwort.
    Sepherl wurde aber gar bald darnach gefragt, die Entfremdung zwischen ihr
und Helenen fiel zuerst der alten Matzner Resl auf, und diese machte das in
Erfahrung Gebrachte der Kleebinderin zu wissen, welche den Muckerl davon in
Kenntnis setzte und am Schlusse einer sehr eindringlichen Rede fragte, ob er
nach allem, was er sich schon habe gefallen lassen, sich auch das noch gefallen
lassen wolle.
    Muckerl erklärte mit aller Entschiedenheit, die ihm zu Gebote stand, dass er
das nicht gesonnen sei und die Dirne rechtschaffen zur Rede stellen werde. Er
machte sich auch denselben Abend noch auf den Weg nach dem toten Walde; doch als
er des Gehölzes ansichtig wurde, stand er von dem Gedanken ab, es zu betreten.
Scheute er ein Zusammentreffen mit dem Burschen, oder fürchtete er, bei einer
Überraschung vielleicht mehr zu sehen, als ihm lieb sein möchte? Darüber gab er
sich keine Rechenschaft, meinte nur, dass er es eigentlich ja doch nur mit der
Dirne allein zu tun habe, und setzte sich unweit des Tanns auf einen
Geröllhaufen, um die Heimkehrende zu erwarten; als er sie endlich herankommen
sah, erhob er sich und ging ihr entgegen.
    Als er vor ihr stehenblieb, tat sie noch einen Schritt auf ihn zu und stand
so hart an ihm, dass er hätte aufblicken müssen, um ihr in die Augen zu sehen,
aber er hob den Kopf nicht und sagte leise: »Ich hätt mit dir z' reden.«
    »So red!«
    »Ich weiss, wo du herkommst.«
    »Das is kein Kunst, es weiss jeder, woher der Weg führt.«
    »Ich mein, von wem du herkommst, mit wem du warst, weiss ich.«
    »Nun?«
    »Mitm Sternsteinhofer-Bubn treibst d' dich da herum.«
    »Was weiter?«
    »Das brauch ich mir nit gfallen z' lassen!«
    »Wann d' dich überhaupt drum z' bekümmern hättst, freilich nit!«
    »Was sagst du?« fragte, durch die kurzen Reden der Dirne erregt, der kleine
Bursche mit erhobener Stimme. »Was sagst du? Ich hätt mich da drum nit zu
bekümmern? Ich mich nit?! Musst ich nit dastehn, wie ausn Wolken gfalln, wie d'
Mutter davon z' reden anghobn hat?!«
    »So, dein Mutter hetzt dich also gegn mich auf? Gut, dass ich's weiss.«
    »Sag du nur nix gegn mein Mutter, damit kommst du nit auf; mein Mutter is
ein Ehrenweib -«
    »Mag sie zehnmal ein Ehrenweib sein«, schrie jetzt Helene, »desstwegen bin
doch ich auch noch kein schlechte Dirn! Ein einzigs find mer auf im ganzen Ort,
das mir a Schlechtigkeit nachsagen kann!«
    »So? Und zeigt das von einer Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit und Bravheit,
wann du mit einm andern gehst?«
    »Wann ich ging - ich sag wann -, so ging ich allweil nur mit einm, von ein
andern weiss ich nix!«
    »Von ein andern weisst nix? Wer wär denn nachher ich, wenn ich nit der eine
bin, mit dem zu gehn hast?«
    »Mit dem ich z' gehn hab? No hörst, Muckerl, jetzt seh ich wohl, du willst
eifern, und dazu hast du doch gar kein Recht.«
    »Bin ich nit dein Schatz?«
    »Warst's vielleicht, kannst's noch sein, oder bist's gar niemal gwesen.
Schatz nennt auch der Fuhrmann d' Kellnerin vom Wirtshaus, wo er alle heilige
Zeit einmal einkehrt. Das Wörtl Schatz wird viel beredt, aber sagt nix.«
    »Und du redst jetzt auch nur, weil d' nix z' sagen weisst! Ich hab's vom
Anfang nit anders gmeint, als dass du mein Weib werdn solltst, und ich durft nach
deinm Bezeign wohl auch voraussetzen, dass du dazu 'n Willen hast; und dass du
mein Bewerben gar nit oder anders verstanden hättst, das glaub ich nit, denn von
der Zeit, wo s' 'n ersten Schuh selber an d' Füss bringt, is jede Dirn so
gscheit, dass sie sich in denen Sachen auskennt; und wann du meinst, es könnt dir
kein einzigs im ganzen Ort a Schlechtigkeit nachweisen, so irrst dich! Einm
einzigen fragt freilich 's ganze Ort wenig nach, und wie d' Sach zwischen uns
zwein steht, so bringt's dich just auch nit ins Gschrei; schlecht handelst aber
trotzdem gegen mich, wann du mir hinterm Rücken mein ehrlich Meinung so übel
vergiltst!«
    »Tu jetzt dein Maul zu und d' Ohren auf, damit ich dir beibring, wie wir
eigentlich zueinand stehen. Davon, dass ich dein Weib werden sollt, war zwischen
uns, wann d' dich recht bsinnen willst, niemal die Red! Präsent hast mir gmacht,
eingladen hast mich zu euch h'nüber, das war alles! Das hast du freiwillig; ich
hab dir nix nit abgebettelt und mich euch auch nit aufdrängt. Dass ich 's
gschenkte Gewand nit zruckgwiesen und af gute Bissen an eurem Tisch kein Spott
glegt hab, das kann mir auch nur verübeln, wer mich nit bloss und hungrig hat
herumrennen gsehn. Da draufhin konnt ich mich aber doch nit unfreundlich gegn
dich bezeigen? Kein Hund knurrt die Hand an, die 'n streichelt und füttert. Ich
konnt mir wohl denken, dass dir nit alleinig drum sein würd, an mir a gut Werk z'
tun, aber ich braucht's auch nicht anders aufznehmen, denn bis afn heutigen Tag
hast du mich ungfragt neben dir herlaufen lassen. Reut dich jetzt dein
Weggschenkts, so schick ich dir zruck, was ich davon noch im Bsitz hab, aber das
Recht räum ich dir nit ein, mit mir z' eifern und mich z' Red z' stellen! So
steht die Sach zwischen uns zwei, und damit habn wir ausgredt!«
    Muckerl begann sich hinter dem Ohr zu krauen. »Mein Gschenkts nimm ich
nimmer zruck«, stotterte er, »und was 'es Fragen anlangt, so hab ich's nur
unterlassen, weil ich gmeint hab, es verstünd sich doch alles von selber. Wann
d' aber gfragt sein willst, so könnt ich dös doch gleich hitzt an der Stell.«
    »Nach dem, was d' heut schon alls gredt hast, verlang ich mir nix mehr von
dir z' hören. Wann überhaupt, so dürft's a ziemliche Weil dauern, bis ich dir
das Geredte vergiss!«
    »Aber schau, Helen - wann 's noch bös gmeint gwest wär! - Aber, geh zu - du
wirst doch nit so sein?«
    »Eingedenk deiner Guteit gegn mich will ich dir was sagn. Wann dir
anständig is, mit mir zu verkehren wie bisher und anders nit, wie ich dir vorhin
ausdeut hab, so will ich's weiter mit dir versuchen und dir dein dumm
Aufbegehren verzeihn.«
    »Dadrauf gib mir d' Hand!«
    »Da hast's.«
    »Gelt ja, es gilt aber auch dafür, dass d' 's mit kein andern haltst?«
    Sie zog die Hand zurück. »'s kann dir wohl gnügen, wenn ich sag, dass ich's
mit keinm andrerweis halt wie mit dir!«
    »No, nit zürn dich! 's machet mich völlig unglücklich, wann ich dich bös af
mich wüsst. Werd mir nur bald wieder ganz gut, dass ich dir abfragen mag, was ich
gern höret.«
    »Vor allm lass nur du dich nit wieder aufhetzen, und wär's auch von einm
Ehrnweib, wie dein Mutter is! Wann der Sau 's Ohr fehlt, so fasst's kein Hund
dran, und wann a Gred kein Grund hat, so sucht mer ihm vergebens ein Anhalt.«
    Muckerl begann nun seine Mutter zu entschuldigen. Sie hätte, nur aus Sorg um
ihn, verlogenen Bescheid für wahr genommen; es also im Grunde niemandem übel
gemeint, auch nicht der Helen, der sie ja bislang, eh sie durch das unbschaffene
Gered irrgemacht wurde, alles Gute gegönnt habe und wieder gönnen werde, nachdem
sich jetzt all das Nachgesagte als falsch herausgestellt. Doch, über das
hartnäckige Schweigen und die trotzigen Gesichter der Dirne sich mehr und mehr
ereifernd, gelangte er mählich dahin, seiner Mutter immer weniger Dank für ihre
Sorge zu wissen, schliesslich es ganz ungerechtfertigt zu finden, dass sie sich
überhaupt da eingemengt habe, und als er sich von der Dirne bei deren Hütte
verabschiedete, war er der alten Frau ernstlich böse geworden.
    Die Kleebinderin hatte alle Mühe, dem verdrossenen Burschen das Vorgefallene
abzufragen, dann schlug sie darüber im Geiste die Hände über dem Kopfe zusammen.
Sie beschloss, Helene nun öfter ins Haus zu laden und jedmal, solange es anginge,
daselbst zu verhalten; für die rauhe Jahrzeit sollte Muckerl an Kleidern nicht
mehr schenken, als notwendig, sich aus der Türe zu wagen, damit die Dirne, auch
ungeladen, den warmen Ofen aufsuchen käme und sich gewöhne, in der Stube zu
sitzen, und schon mit dem nächsten Fasching sollte dann alles zu gutem Ende
gebracht und Hochzeit sein. Ein verheiratet Weib hat weniger Anfechtung und mehr
Furcht vor üblen Ruf; welchs sich nit dazu verstund, Ungebühr dem Haus
fernzhalten und derselbn ausserhalb auszuweichen, das müsst schon gar ein
schlechts Geschöpf sein - und für ein solches mochte die Kleebinderin ihre
künftige, wenn auch unwillkommene Schwiegertochter doch nicht halten.
 
                                      VIII
Der himmlische Patron der Kirche zu Zwischenbühel, Sankt Koloman, ist ein
»später Heiliger«, sein Tag fällt auf den dreizehnten Oktober. Da sich aber das
Wetter in der ersten Hälfte dieses Monates meist leidlich anliess, so dass die
Tanzlustigen sich im Freien, auf der Wiese hinter dem Gastausgarten,
herumtreiben konnten, wo eine grosse Scheuer zum Tanzboden umgestaltet war, so
fand der Zwischenbüheler Wirt für die Gäste, die unter Dach bleiben wollten,
sein Auslangen mit zwei Stuben, der gewöhnlichen Gaststube und seiner Wohnstube,
die er für diesen Tag ausräumte; letztere nahm der Sternsteinhofbauer in
Beschlag, der sich jede Kirchweih vor den »Unteren« sehen lassen wollte als
einer, dem nichts zu gut und nichts zu teuer; ihm gesellte sich eine Schar
»grosser Bauern« von fern und nah, die ihn alle in seinem Hochmute unterstützten,
wenn auch keiner unternahm, es ihm gleichzutun.
    Einige unter ihnen hielten aber nicht nur dieses Unterfangen für zu
ungeheuerlich, sondern verzichteten überhaupt darauf, auch nur in bescheidener
Weise neben dem Sternsteinhofbauer glänzen zu wollen, fanden es ungleich
angenehmer und nutzbringender, sich von ihm zechfrei halten zu lassen und nur,
wie es Gästen eines solchen Wirtes zukam, dafür zu sorgen, dass »gehörig was
draufginge«.
    Darunter war einer, dessen Bescheidenheit fast der Tugend der
Selbstverleugnung gleichkam, wenn man bedachte, dass gerade er es vermocht hätte,
so tief in den Sack zu langen wie der Sternsteinhofer, und so wenig wie der
befürchten musste, die Finger leer herauszuziehen. Es war das ein langer, dürrer
Mensch mit eingesunkener Brust, hohlen Wangen und tiefliegenden, unter buschigen
Brauen hervorblitzenden, dunklen Augen, zwischen denen scharf eine Hakennase
vorragte, die Lippen hielt er zusammengekniffen; wenn er sie öffnete und sprach,
so sah es aus, als ob er seine Rede vorab auf ihren Geschmack prüfe. Das
Feiertagsgewand, das er trug, sah unsauber aus. Er hiess der Käsbiermartel,
Martin war nämlich sein Taufname, und die andere Bezeichnung verdankte er der
gewiss löblichen ökonomischen Eigenheit, mit einem Glase Bier und einem Stück
Käse vor sich bei stundenlangen Zechgelagen auszuharren; für diesmal aber, wo es
galt, dem, was der Sternsteinhofer »auftragen und vorfahren« liess, alle Ehre
anzutun, kam er seiner Gastpflicht in solchem Masse nach, dass öftere Male am
Tische die zarte Äusserung laut wurde: »Ja, Käsbiermartel, wo frisst und saufst
denn du nur alls das hin?« Daraufhin blickte er von seinem Teller auf, mit
arbeitenden Backen und dem überlegenen Lächeln eines Mannes, dem es gelungen,
plötzlich einen schönen, bisher unbeachtet gebliebenen Zug seines Charakters zu
entüllen.
    Der Käsbiermartel war nicht ohne Begleitung von Schwenkdorf, wo er hauste,
auf den Zwischenbüheler Kirchtag herübergefahren, er hatte sein einziges Kind,
die etwa zwanzigjährige Sali mitgebracht, welche nun mit dem Toni vom
Sternsteinhofe draussen im Wirtshausgarten sass.
    Die Dirne war hoch aufgeschossen, so dass sie trotz einer gewissen Fülle
etwas derbknochig aussah. Die schwarzbraunen, dickhaarigen Scheitel, die
starken, geschwungenen Brauen und die gebogene Nase - glücklicherweise nur ein
schwaches Abbild der väterlichen - verliehen ihrem länglichen Gesichte den
Ausdruck der Willensstärke, der aber durch die fast schüchternen Blicke ihrer
dunkeln, in einem unbestimmten bläulichen Glanze schwimmenden Augen wieder
wettgemacht wurde. Rosalie schien nicht gewohnt, sich unter fröhlichen Menschen
zu bewegen, sie sah deren lärmend lustigem Treiben zugleich verschüchtert und
neugierig zu; sie schien nicht zu wissen, was sie, als reiche Bauerstochter, für
Respekt von Seite ihres Tänzers beanspruchen konnte, auch nicht, was die ärmste
Dirne in solchem Falle für Aufmerksamkeiten fordern würde; schweigend sass sie an
der Seite des wortkargen Burschen, und wenn er sie an der Hand aufzog und sagte:
»Springen wir auch mal herum«, oder ihr Glas füllte und ihren Teller mit
Backwerk häufte, so dankte sie ihm mehr mit Blicken als mit Worten. Sie dachte
wohl, es sei echt männisch, sich wenig mit einem Weibe abzugeben.
    Den Toni vom Sternsteinhof nahm es zwar wunder, dass Käsbiermartels Sali es
nicht rügte, wie mürrisch und verdrossen er neben ihr sitze, aber er war es in
die Haut hinein zufrieden; er sorgte nur, seiner Verstimmung so weit Herr zu
bleiben, dass niemand dem Grund derselben auf die Spur zu kommen vermöge. Er
bemühte sich, die gleichgültigste Miene von der Welt beizubehalten, während er
Helene nicht aus den Augen liess, wenn sie plaudernd mit dem Holzschnitzer über
den Rasen dahinschritt oder beim Tanze in den Armen des unbeholfenen Knirpses
sich »gering« machte, damit der sie herumschwenken oder in die Höh lüpfen
konnte; verlor sie sich aber ganz in dem Gewühle, so dass sie nicht mehr zu sehen
war, dann befiel den Toni eine Unruhe, er machte einen langen Hals, rückte auf
dem Sitze hin und her, erhob sich wohl auch ein und ein anderes Mal.
    Eben begann wieder der Bass zu schnurren, die Trompete zu schmettern und die
Klarinette zu gellen, die Paare traten zum Tanze an; der Kleebinder Muckerl
hatte diesmal die Matzner Sepherl aufgezogen. Helene kam langsam über die Wiese
dahergeschritten bis an den Zaun, der diese von dem Garten schied, sie warf
einen Blick herüber, dann kehrte sie sich ab, lehnte sich mit dem Rücken gegen
das Gatter und stützte den vollen Arm auf einen Pfahl. Sie hielt das Gesicht dem
Tanzboden zugewendet.
    Toni erhob sich, er winkte der Dirne an seiner Seite mit der Hand zu und
sagte: »Bleib nur, ich will bloss ein kleins wengerl schaun.« Er ging auf den
Zaun zu und blieb zwei Schritte hinter Helenens Rücken stehen. »Leni«, rief er
halblaut.
    Durch eine kaum merkliche Bewegung des Kopfes zeigte die Dirne, dass sie nach
ihm hinhorche.
    »Ich bitt dich«, fuhr er fort, »schau dir nur die schmerzhafte Muttergottes
an, die s' mir da an d' Seiten gsetzt haben.«
    Die Dirne griff spielend die Schürze auf und führte sie gegen das Gesicht,
darunter die hohle Hand zu bergen, die sie vor den Mund legte. »Das is gut fürn
Unterschied«, flüsterte sie.
    »Wenn man ihr dein Halbmandel quer übern Schoss leget, wär 's Karfreitagbild
fertig; zun bussfertigen Gedanken-Erwecken taugen die zwei.«
    Helene kicherte unter der Schürze.
    »Noch eins, Leni. Komm morgen!«
    »Werd nit können.«
    »Es is um nix Grings.«
    »Werd halt schaun.«
    »Bhüt dich Gott.«
    Die Dirne neigte den Kopf, während der Bursche sich entfernte, und ging dann
so bedächtig, wie sie gekommen, nach dem Tanzboden zurück.
    Als der Toni an den Tisch trat, sah er zwei Gestalten, eine dicke und eine
dünne, seinen Vater und den Käsbiermartel, in dem Hausflur erscheinen und sich
nach dem Garten wenden, rasch bot er der Sali die Hand. »Springen wir wieder mal
mit herum«, rief er und zog das Mädchen hastig mit sich fort; als die Alten am
unteren Ende des Gartens eintraten, eilten die Jungen just zu seinem oberen
hinaus.
    Der Käsbiermartel zeigte mit seinem knöchernen Arm nach dem Paare. »Schau,
wie schön sauber sie mit ihm Schritt halt«, schmunzelte er. »Ich sag dir, sie
mag ihn leiden.«
    »Wundert mich nit, is auch ein sauberer Bub«, sagte der Sternsteinhofbauer.
    »No, so uneben is die Dirn just auch nit, dass s' ihm zwider sein müsst!«
    »Bewahr.«
    »Also gebn wir s' einmal zsamm, wie wir's schon seit langem übereins worden
sein!«
    »'s hat ja noch Zeit.«
    »'s hat Zeit! 's hat Zeit! Bei dir hat's Zeit! Die Dirn is mannbar, sag ich
dir, warum sollt s' d' schönst Zeit verpassen und überständig werdn, wie wann s'
ein arms Waiserl wär, das nix nit mit ins Haus brächt wie 'n gflickten Kittel,
den s' am Leib tragt?!«
    »Ich weiss ja, was s' mitkriegt, 's is wohl schon a Weil her, dass d' mir's
gsagt hast, aber ich hab's noch nit vergessen.«
    »Is ja recht, wann dir's gmerkt hast. Was ich biet, das biet ich, und
dadrauf kannst mich an der Stell beim Wort nehmen; halt aber du nur mit dem
deinm nit ewig lang zruck. Bei gar zviel Zeit zum Umschaun fänd sich am End doch
was anders!«
    »Das fürcht ich nit. Ich kenn dich z' gut. Du bist af dein Vorteil. Du
neidst 'm Gulden seine hundert Kreuzer. Von alln, die d' mir gleichstelln
kannst, habn die ein'n nur Dirndeln, die andern zwei oder mehr Bubn, unter die
's Ganze einmal aufteilt wird. Stimmt mein Rechnung?«
    »Freilich stimmt s'! Freilich stimmt s'! Aber schau, könnt sich leicht a
bessere Glegenheit schicken wie 's nächst Frühjahr, wo s' dein Sohn zur
Abstellung einberufen werdn, dass mer 'n gleichzeit von Soldaten frei und zun
Bauern macheten?! Dass ich 'n von Militari losbring, das lass mir über, ich weiss
mehr als ein Weg dazu, du brauchst nur d' Kosten af dich z' nehmen.«
    »Das weiss ich, dass du s' nit tragen wirst, und du weisst, dass ich einer bin,
wo's kein Haus kost, dem 's af kein Hütten ankommt! Aber dös is unbillig, dass
ich mein Hof meinm schweren Geld nachwerfen sollt, um mir ein Herrn z' setzen.«
    »No ja, du bist halt unbegnügsam, du hast dir noch allweil nit gnug herrisch
gtan af der Welt! Wann ich ein Bubn hätt, ich säss schon lang in der Ruh.«
    »Du hast aber kein, und wenn du dein Dirn ausm Haus gibst, bist du nur noch
freierer Herr drauf! Dös is ein ungleicher Handel zwischen uns, und der verlangt
sein Besinnen, und Besinnen, dass 's ein nit reut, braucht sein Zeit; darum lass
ich mich nit drängen. Nun is gnug dadavon gredt, schaun wir lieber ein bissel
tanzen zu.«
    »Gut, gut, schaun wir zu. - - Aber 's Drängens wegen is's mir nit gwest, dass
d' glaubst. Ich wollt dich nit drängen.«
    »Das würd dir auch viel helfen, ausghungerter Zsammscharrer«, murrte der
Sternsteinhofbauer, indem er vorauf aus dem Garten schritt.
    »Dich spann ich doch noch in Karren, angfressener Geldvertuer«, brummte der
Käsbiermartel, hinten nachtrabend.
Als am nächsten Nachmittage Helene dem toten Walde zuschritt, trieben schwere,
graue Wolken vor einem kalten Winde einher. Es begann zu »gräupeln«. In einem
Augenblicke schien aller Raum zwischen Himmel und Erde allein von den
durcheinanderfegenden und -wirbelnden weissen Kügelchen erfüllt; das währte
einige Minuten, dann wurde ebenso plötzlich die Luft wieder hell, eine mürbe,
flaumige Schichte über dem Wege dämpfte selbst den Hall der Tritte, und die
Stille, die rings geherrscht hatte, dünkte dem Gehör nun lautloser wie zuvor.
    Das Mädchen zog erschauernd das Tuch an sich. Auf der kurzen Strecke, die es
noch bis ans Ziel zurückzulegen hatte, kam ihm der Bursche entgegen.
    Er bot zum Grusse die Hand. »Im Wald hat's mich nit länger gelitten«, sagte
er, »ich musst doch schauen, ob du bei dem argen Wetter kämst. Ich dank dir, dass
d' dich nit hast abhalten lassen. Es is zu unfreundlich, als dass ich dich lang
da verhalten möcht; ich werd's kurz machen. D' schlimme Jahrzeit is vor der Tür,
und bald werden mer heraussen im Freien uns nimmer zusammfinden können; dass wir
aber 'n ganzen langen Winter über uns nur von fern und wie fremd begegnen
sollten, ohne ein vertraulich Beinandsein, dazu kann ich mich nit verstehen, und
das kannst auch du nit verlangen.«
    Helene sah vor sich hin auf den Boden, sie hob die Schultern. »Was is da zu
machen?« sagte sie leise.
    »Das werd ich dir sagen. Dein Mutter soll ein gscheit Weib sein, das ein
Einsehen hat; nit wie andere, die sich, alt, nimmer erinnern mögen, dass sie
selber auch einmal jung gwest wären, und nun 'n Verliebten kein frohe Stund
gönnen und denselben alles für Sünd und Schand aufrechnen! Mein Vader, der halt
wieder 's Ganz für a Dummheit, und vor ihm muss ich wohl unser Sach gheimhalten,
bis ich ihm einmal a nachgiebige Stund ablauer, denn käm er früher dahinter, so
möcht uns das leicht 's ganze Spiel verderben, aber vor deiner Mutter hab ich
mich bei meinm ehrlichen Absehen nit z' scheuen; der könntst wohl alls Unsere
anvertrauen, und was kann s' nachher viel dagegen haben, wann ich von Zeit zu
Zeit bei euch einsprech? Da sein wir weit sicherer wie unter freiem Himmel. In
euerer Hütten sucht mich gewiss neamand.«
    »Geh, was du einm zumutst«, schmollte die Dirne. »Da müsst ich mich ja frei
z' Tod schämen, wann ich ihr das beichten sollt! Was würd sie sich denn denken
von mir, wo ich s' bisher hab glauben gmacht, mir vermöcht's keiner anzutun und
ich liess 'n Kleebinder Muckerl nur aus Gnaden neben mir herlaufen?«
    »Was sie sich denken würd? Dass du hinter einm Unlieben seinm Rücken einm
Liebern nachtrachtst, wie sie vielleicht selber einmal getan hat, das würd sie
sich denken. Dann müsst ja auch dein Mutter kein Kopf für ihrn Vorteil und kein
Herz für dich haben, wann s' dich nit lieber wie da herunten als
Herrgottlmachersweib obn afm Sternsteinhof als Bäurin sitzen sähet!«
    »Mein lieber Toni, da hat's wohl noch ein Weil hin!«
    »Wir dürfen uns d' Weil nit lang werden lassen, eben drum müssen wir uns
öfter sehen und reden können, dadrüber vergeht Zeit und schickt sich Glegenheit
und fördert mit einmal, eh wir's denken und ohne Zutun, 'n rechten Ausgang.«
    »Ohne Zutun? Das mein ich wohl nit.«
    »Und ich auch nit so, dass ich alls 'm leidigen Zufall überliess. Gäb doch der
Herrgott sein Segn 'n Feldern umsonst, wann der Bauer kein Saat streuen möcht.
Jeds von uns muss sein Teil dazutun, das versteht sich, wie d' Reih an mich
kommt, bin ich gleich dabei; jetzt ist's an dir, red mit deiner Mutter, sonst
bleibt uns kein Rat.«
    »Ich werd reden. Wann kommst?«
    »Übermorgen, wann's schon schön finster sein wird.«
    »Is recht.« Sie reichte ihm die Hand zum Abschiede.
    Er hielt sie an derselben zurück. »Gelt, aber dein Mutter wird da wohl schon
übers erste Verwundern hnaus sein, dass s' kein Aufhebens und kein Getue macht,
wann ich komm?«
    »Mein Mutter wundert sich überhaupt nit bald über was.«
    »Weil s' halt a gscheit Weib is.«
    »O ja, in Sachen, wozu d' kein Verstand brauchst.«
    »Ei, du mein«, seufzte besorgt der Bursche, »mir scheint gar, ihr habt euch
zertragen.«
    »'s kommt öfter vor; aber sorg nit, tu ich auch selten, wie sie will, so tut
sie doch meist, wie ich will. Komm nur. Husch! Wie's aber kalt is, ich mach, dass
ich heimfind. Bhüt dich, Toni.«
    Sie lief von dem Burschen weg, und der blickte ihr, sich in den Hüften
wiegend, nach, solange er noch einen Zipfel ihres Gewandes im Winde flattern
sah.
    In der letzten Hütte war das Licht erloschen. Die alte Zinshofer lag des
Schlafes gewärtig, da trippelte Helene an deren Bett heran und setzte sich an
den Rand desselben zu Füssen der Mutter.
    »Ich hätt dir was zu sagen.«
    »Muss das heut noch sein?« murrte die Alte.
    »Weil ich just d' Kurasch dazu hab, möcht ich's nit aufschiebn.«
    »Muss was Saubers sein, was d' z' sagen a Kurasch brauchst!«
    »Wirst's ja hörn.«
    »No, so mach schnell; brich mir nit vom Schlaf ab mit deine Dummheiten.«
    »Übermorgen, wenn's finstert, werdn wir ein Besuch kriegn.«
    »Was für 'n?«
    »'n Toni vom Sternsteinhof.«
    »'n Toni vom Sternsteinhof? Was will uns der?«
    Die Dirne kicherte verlegen und spielte an der Bettdecke. »Wie d' fragen
magst!« flüsterte sie. »Gern hat er mich halt.«
    »So, das is freilich 's Neuste! Wann d' aber glaubst, ich würd da ruhig
zuschaun und mich etwa gar nit getraun, dem Bubn d' Tür z' weisen, weil er der
Sohn vom Sternsteinhofbauer is, und mich da sowenig einmengen, wie ich mich
wegen 'm Kleebinder-Muckerl eingmengt hab, da dürftst dich doch irren! Zu was
denn eigentlich, du dumms Ding, gstehst mir dös ein? Um mein Rat is dir doch
nit, dem hast nie nachgfragt, hast allweil gtan, wie d' wolln hast, und
könntst's hitzt auch, wann dir just an so einer Liebschaft fürs gache Glück
glegn is, nur verlauten darf nix davon; aber unter mein Augen lass ich dich nit
die Henn mit zwei Hahnen spieln, dass d' nachher, wann d' allein afm Mist
bleibst, leicht mir vor 'n Leuten d' Schuld gäbst? Ah, nein!«
    »Ich denk, ich war da doch gscheiter, als mich d' Mutter halt. Du dankst
Gott, wann ich dich af dem Mist, worauf ich z' sitzen komm, auch dein Körndel
scharren lass! Will er mich, so kann er mich nur als Bäurin afm Sternsteinhof
habn, und das will er.«
    »Du Narr du, af so Reden gibst du was?«
    »Da is nit von Reden d' Red, das hab ich schriftlich.«
    »Schriftlich?!« Die Alte erhob sich mit einem Ruck und setzte sich im Bette
auf. »Schriftlich, sagst? Jesus, nein! Das musst mir vorweisen, wann ich dir
glauben soll? Mach nur gleich Licht!«
    Der Docht flammte auf. Beide Weiber sassen aneinandergeschmiegt an dem
Tische, der knöcherne Arm der Alten ruhte auf der Schulter der Jungen, so
buchstabierten sie zusammen das Schriftstück. Dann musste die Dirne erzählen, wie
sie mit dem Burschen bekannt geworden.
    Die Zinshofer schlug öfter vor Erstaunen in die Hände. »Nein, nein, bist du
aber eine Gfinkelte«, rief sie, »das hätt ich gar niemal in dir vermut!«
    Nun unterrichtete Helene ihre Mutter von den Verabredungen, die getroffen
waren, um vor Tonis Vater die Sache bis zur »schicksamen Glegenheit«
geheimzuhalten, und forderte zur Vorsicht auf.
    »Eh beiss ich mir lieber die Zung ab, eh ich ein unbedacht Wort sag; dadrauf
könnt ihr euch verlassen«, beteuerte die Alte. »Kannst dich überhaupt in allm
und jedn af mich verlassen; bist ja mein bravs, gscheits Kind!« Sie tätschelte
zärtlich den vollen Nacken der Dirne, dann fuhr sie fort: »Ich muss nur lachen,
wann ich mir vorstell, was seinzeit wohl die Kleebinderischen für Gsichter dazu
machen werden! Wir warn uns nie freund, und ich vergönn's ihnen, dass s' nachher
voll Gift und Neid 'm auskommenen Vogel da hinauf nachschaun können, wo er z'
Nest sitzt, afm Sternsteinhof.«
    Und nun begannen beide eifrig zu schwätzen, zählten die Annehmlichkeiten des
»Nestes« auf, planten, wie sie sich's in selbem wollten behagen lassen, und
wurden es nicht müde bis gegen Morgengrauen; da sank das Kerzenstümpfchen
verlöschend in den Leuchter, und sie sassen im fahlen Zwielichte.
Der Winter kam mit aller Strenge ins Land.
    Wenn die gefrorene Erde unter der Sohle klingt, so braucht, wer auf
verstohlenen Wegen geht, nur sachter aufzutreten, um nicht gehört zu werden; ein
Übel ist in dem Falle freilich der Schnee, denn der behält die Tritte auf mit
allen Schuhnägelspuren und verrät, woher sie kamen und wohin sie gingen.
    Die alte Kleebinderin schüttelte öfter den Kopf, wenn sie an manchem frühen
Morgen den Schnee, der über Nacht gefallen war, vor der Zinshoferischen Hütte
rein, gegen den Bach zu, weggefegt sah, während er andere Male dort Tage über
gut liegen hatte, aber sie dachte nichts Arges; derlei Wunderlichkeiten
bestätigten nur, was ihr seit langem für ausgemacht galt, dass es in den Köpfen
der Nachbarsleute nicht ganz richtig sei.
    Auch die alte Katel auf dem Sternsteinhofe schüttelte den Kopf, aber sie
dachte dabei Arges, und eines Tages nahm sie sich das Herz und zog den Bauer zur
Seite und fragte:
    »Wirst mir's nit für übel nehmen, wann ich dir was sag?«
    »Kommt darauf an, was's sein wird«, entgegnete er. »Red! Fürs Übelnehmen
kann mer doch nit zun voraus einstehn.«
    »Dein Sohn soll's mit einer von da unten halten.«
    »So? Könnt ja sein. Lass ihm die Freud.«
    »Aber bedenkst denn auch? 's is doch sündhaft.«
    »Lass dir was sagen. Da heroben af mein Hof schau ich af Zucht und
Ehrbarkeit, wie mir zukommt, und unter mein Augen leid ich kein Lotterei und
kein schandbarn Verkehr; aber für das, was sich etwa eins auswärts hinter mein
Rücken beigehen lasst, hab ich nit aufzkommen! Mag's Knecht oder Dirn oder mein
leiblicher Sohn sein, 's is dann jedm sein eigene Sach, und derwegen mag er sich
auch abfinden, mit ihm selber, mitm andern, was mitalt, und mitm Beichtvatern.«
    »No nimmst mir's halt doch übel, dass ich gredt hab.«
    »Gar nit. 's war recht, dass d' redst, was d' weisst; aber ich weiss von nix,
und da stünd mir 's Reden übel an.«
    »Aber schau, könntst nit daraufhin den Bubn doch ins Gebet nehmen?«
    »Dass ich vor ihm dasteh wie ein Narr, wann er mir's ableugnet? Nein, da wart
ich lieber ruhig ab; is was an der Sach, dann kommt er mir schon von selber.
Gschehne Sünden beicht mer 'm Pfarrer und gmachte Dummheiten 'm Vadern.«
    »Dann könnt's etwa z' spät sein.«
    »Z' spät? Möcht wissen, in welcher Weis? Wie tief er sich auch einglassen
haben mag, dafür können wir aufkommen.« Der Bauer schlug mit der Rechten an die
Stelle, wo er an Markttagen den Geldgurt trug. »Und auf das, was er sich etwa
sonst in Kopf setzt, da gib doch ich nix?! Nit so viel!« Er schnippte mit den
Fingern und schritt spreitbeinig über den Hof.
 
                                       IX
Je näher der Fasching kam, desto nachdenklicher zeigte sich der Zwischenbüheler
Wirt, endlich musste sein besorgliches Wesen auch der Wirtin auffallen.
    »Vater«, sagte sie, »ich merk dir schon lang an, dir will was nit recht
zusammengehn. Was hast denn?«
    Seine Stirne bewölkte sich noch mehr ... »Mutter«, seufzte er, »meine
Ahnungen hab ich.«
    »Jesus! Es geht dir doch nit vor, dass eins von uns versterben sollt?«
    »Das verhüt Gott! Nein, darauf hab ich kein Gedanken. Schaden fürcht ich. Du
weisst, af der letzt Kirchweih is kein Glas zerschlagen worden ausser wie in
Unachtsamkeit, was mer nachher bei der Zech mit angekreidt hat, kein Zaun haben
s' umgebrochen, kein Sesselhaxen ausgdreht; alles is glatt und schön sauber
verlaufen.«
    »Gott sei Dank, ja! 's wird dir doch nit leid sein, dass dösmal nit grauft
wordn is?«
    Der Wirt schüttelte bedenklich den Kopf. »Hast du's d' Jahr her, die wir da
af der Wirtschaft sitzen, nur einmal erlebt, dass's ohne Rauferei abgangen wär?«
    »Dös nit, 's is jedmal grauft wordn.«
    »No eben, so haben sie 's letzt Mal a Glegenheit zum Austosen versäumt, und
was nit rechtzeit kommt, das kommt nachträglich nur ärger! Hjetzt werdn s' bei dö
Faschingstreitigkeiten 's Zruckverhaltene einbringen wolln und dabei doppelt
hausen; und wann s' drüber mein ganz Anwesen verwüsten, so is mir dös a schöner
Nutzen!«
    Schlimme Ahnungen haben vor guten die wenig empfehlende Eigenheit voraus,
dass sie selten trügen.
    Ein Gewitter braut wohl länger in der Luft, als einer denkt, der die Wolken
rasch am Himmel heranziehen sieht. Wer weiss zu sagen, von welch entfernten
Mooren, Weihern, Seen und Flussstrecken es seine Kräfte an sich gesogen und
mählich zurechtgemacht? Man spricht zwar oft bei noch klarem Himmel davon, dass
ein Wetter kommen werde, man hat auf Vögel, Spinnen und Pflanzen achten gelernt,
aber wenn es da ist, mit seinen rollenden Donnern und flammenden Blitzen, dann
wirkt es doch, trotz aller Vorhersage, wie ein Unvorhergesehenes. Es mag
ungereimt klingen, aber nur zu oft hat sich, was in dieser Welt wie urplötzlich
hereinbrach, langer Hand vorbereitet. Das gilt von blutigen Völkerschlachten wie
von weniger erschütternden Wirtshauskeilereien. - -
Der Toni vom Sternsteinhof fühlte sich durch sein Verhältnis zu Helenen immer
mehr bedrückt und gedemütigt, nicht weil es ein heimliches war, hätte ein
solches, allein zwischen ihm und der Dirne, bestanden, er würde sich's gerne
eine gute Weile über gefallen lassen haben; aber dass sie jeden Verkehr mit ihm
im Umgange mit einem andern ableugnen und diesen durch freundliches Bezeigen bei
gutem Glauben erhalten sollte, das schien ihm je länger, je schwerer zu
verwinden.
    Zwar lachte man in der Zinshoferschen Hütte über den Eifer, mit welchem die
Kleebinderin darauf drang, dass noch diesen Fasching alles richtig werde, als ob
die Alte an ihres Sohnes Statt das Mädchen heiraten wollte, und man war um den
Grund nicht verlegen, der einen Aufschub forderte und rechtfertigte, man
brauchte nur das geringe Alter Helenens vorzuschützen, diese war ja wirklich
erst siebzehn vorbei; aber das war schliesslich doch nur aufgeschoben und nicht
aufgehoben, und die Beziehungen des Herrgottlmachers zu der Dirne blieben nach
wie vor dieselben. Toni drang immer ungestümer darauf, dass Helene, wenn sie ihm
vertraue, ganz mit dem Muckerl brechen solle.
    Sooft das geschah, stellte sich die Dirne ganz ratlos dazu, meinte, das
mache wohl schwere Ungelegenheit und erwecke den Verdacht; zuletzt wandte sie
sich jedesmal an ihre Mutter mit der Frage, was zu tun sei. Die Antwort lautete
auch jedesmal, Helene möge tun, wie sie wolle, sie - die alte Zinshofer - hätte
freilich darüber ihre eigenen Gedanken, und nun folgte irgendeine lehrreiche
Vergleichung der beiden Bursche mit Bezug auf deren Bewerbung um die Tochter; da
war einmal der Kleebinder Muckerl der Weissfisch im Ghalter und der Toni vom
Sternsteinhof der Goldfisch im fliessenden Wasser, ein andermal der erste der Has
im Ranzen und der zweite eben ein solcher im weiten Feld, denn in diesem Teile
ihrer Rede befleissigte sich die fürsorgliche Mutter einer steten Abwechslung, da
sie einen erziehlichen Zweck vor Augen hatte und daher ihr Kind nicht durch
Wiederholungen ermüden wollte.
    Helene sass dann auch wie eingeschüchtert, und wenn sie nach einer kleinen
Weile wieder aufblickte, begann sie leise den Burschen zu fragen, ob er denn
noch keine Gelegenheit gefunden habe, mit seinem Vater zu reden, wann sich wohl
eine dazu schicken werde und ob er sich wohl schon beiläufig ausgedacht habe,
wie er die Sache vorbringen möchte?
    Darauf wischte der Bursche mit dem Ärmel über die Stirne und entgegnete
ebenso leise: Gelegenheit habe er wohl noch keine gefunden, wisse auch nicht zu
sagen, wann sich eine solche schicken werde, hätt sich auch nicht ausgedacht,
wie er die Sache angehen wolle, da er ja nicht wissen könne, was der Vater reden
würde; 's müsse da eben ein Wort das andere geben!
    »Siehst«, schmollte dann die Dirne, »du förderst für dein Teil gar nichts,
denkst nit mal drauf, und von mir verlangst nicht nur, dass ich für das Meine
aufkomm, sondern sogar darüber tu. Ich sollt 'n Kleebinder Muckerl aufgeben und
dürft mich, gäb's drüber unter 'n Leuten ein Gemunkel, doch nit gleich frei zu
dir bekennen! Gelt, nein? Und wenn ich zu dir sagen möcht: Mach du jetzt vor
allen Leuten mich ihm streitig! du getrauest dich's auch nit. Gwiss nit! Solltst
also wohl ein Einsehn habn.«
    Da heuchelte er ein solches, weil er sich nicht anders zu helfen wusste.
    Wenn der Toni zugegen war, sass die alte Zinshofer an dem Tische vor dem
Lichte, so dass ihr breiter Schatten die Stube verdunkelte und einer, der etwa
zufällig zum Fenster hereinsah, nichts zu unterscheiden vermochte. Beide Türen
waren versperrt; sollte jemand an die vordere pochen, so konnte der Bursche zur
rückwärtigen hinausschlüpfen, wurde es an dieser laut, so stand ihm die nach der
Strasse offen; wenn er so, Hand in Hand mit der Dirne, auf der grossen Gewandtruhe
in der Ecke sass und ihm der Gedanke kam, dass er einmal vor dem Herrgottlmacher,
der Einlass verlange, flüchten müsste und die Hand, die er eben, Finger zwischen
Finger, mit der seinen umspannte, der des Schluckers das gleiche Spiel nicht
sollte wehren können, da war ihm, als ginge der alte Kasten unter ihm an und
senge ihm Kleider und Glieder.
    Unleidlich wurde es ihm mehr und mehr in der Hütte, aber unleidlicher schien
es ihm, fernzubleiben, und so kam er immer wieder.
    Der Fasching war mittlerweile ganz nahe herangerückt. In der Woche, welche
dem Sonntage voraufging, an dem im Zwischenbüheler Wirtshause die Geigen zum
ersten Tanz erklingen sollten, fragte der Toni die Helen, ob sie mit dem Muckerl
hingehen werde.
    »Er hat mich dazu aufgfordert«, war die Antwort, »ich konnt nit gut
ausweichen.«
    »Ich werd auch hinkommen«, sagte der Bursche.
    »Ist recht«, sagte die Dirn.
    »Getraust dich wohl auch paarmal mit mir herumztanzen?«
    »Getrauen?« Sie hob trotzig den Kopf. »Ich denk nit mal dran, dass ich mir
damit was getrau! So weit halt ich mich noch meins Willens Herr, dass ich tanz,
mit wem und wie oft mir beliebt, ohne viel z' fragen!«
    »Ist recht«, sagte diesmal der Bursche.
    Sonnabend aber sagte der Sternsteinhofbauer zu Toni: »Morgen is in
Schwenkdorf drüben beim Gmeindwirt ein Ball, der Käsbiermartel will, dass wir
dabeisein sollen; nun hab ich bei so was nix mehr z' suchen. Zuschaun langweilt
mich, ich bleib heim, fahr du allein hin.«
    »Dös is doch nit billig, Vater«, lachte der Toni, »du bleibst heim, weil d'
d' Langweil fürchtst, und ich sollt hin, obwohl ich zun voraus weiss, dass ich
mich auch nit unterhalt.«
    »Wär nit übel, ein jung Blut, wie du!«
    »Ich bleibet auch lieber heim.«
    »Das geht nit an. Meinm Wegbleiben fragt niemand nach, aber deins würd mer
mir verübeln, denn af dich is's eigentlich abgsehn; der Käsbiermartel will, dass
du mit seiner Dirn tanz'st. 's sollt dir a Ehr sein! Sie sieht dich nit ungern,
scheint's.«
    »Das gilt mir gleich! Mir gfallt die gar nit.«
    »Aufs Gfallen oder Nitgfallen hin lass ich dir noch lang Zeit; aber das sag
ich dir frei offen, unter uns Vatern is's bschlossene Sach, dass s' dir nit
ausbleibt, und hast du s' erst, wirst dich schon drein schicken. Ghört einm eine
einmal unweigerlich zu, dann verunehrt mer s' nit selber und gwinnt ihr, wohl
oder übel, gute Seiten ab.«
    »Das erlebst niemal, dass ich dir die nimm!«
    »Bub! - Das will ich hitzt nit von dir ghört haben, denn ich hab dich nit
darnach gfragt, denk auch nit dran, dass ich's jemal tu! Du fahrst morgen nach
Schwenkdorf h'nüber, dabei bleibt's!«
    Da sich der Alte bei diesen Worten erhob, so fuhr auch Toni vom Sitze empor
und fasste mit der Rechten nach seines Vaters Arm.
    »Kein Wort weiter«, grollte der Bauer. »Sorg du, dass ich über dein Betragen
kein Klag hör. Damit is ausgredt!«
    Er ging aus der Stube. Der Bursche sank in den Stuhl zurück und sass lange,
den Kopf auf beide Hände gestützt, plötzlich stand er auf und blickte wild nach
der Türe, die sich hinter dem Abgegangenen geschlossen hatte. »Allz'herrisch is
närrisch!« murrte er. »Bschliess du nur anderer Sach und verweiger einm d'
Einred, gut! Aber, so wahr ich da steh, ich komm dir zuvor und setz 's Meine ins
Werk und stoss dir und deinm Käsbiermartel d' Köpf zsamm, dass s' euch brummen.
Ich weiss, wann ich dir mit Fertigem komm, dann heisst mich wohl selber reden, und
wann d' dich dösmal ein für allemal ausgschrien hast, so findt sich alls
Weitere. Ich kenn dich doch nit erst seit heut, mich aber sollst noch
kennenlernen!«
    Und der Gedanke, wie er das »Fertige« auch fertigbrächte, hielt den Burschen
die halbe Nacht wach.
Der Wirt von Zwischenbühel hatte seine Betten abgeschlagen und samt Schränken
und anderem Hausrat nach dem Bodenraum schaffen lassen. Seine Wohnstube war als
Schanklokal eingerichtet und das frühere, mit sauber gescheuerter Diele und
Tannenreisiggehängen an den Wänden, zum Tanzsaal geworden. Alle Türen im Hause
waren ausgehoben, so dass man, ohne eine Türschnalle zu drücken, aus und ein
laufen konnte, ebenso die Fenster des Tanzlokals, obgleich durch selbe eine
prickelnde Luft hereinstrich; diese und die Leute werden ja nach ein paar Tänzen
warm werden.
    Diese »Tänze« im Fasching waren sonst immer friedlich verlaufen, es geschah
wohl, dass zwei aneinandergerieten und nach einiger unzarter Behandlung der
Schwächere den Gescheiteren machte, der nachgab; in solchen Fällen nahm der Wirt
die Effekten des Nachgiebigen an sich, setzte ihm vor der Schwelle den Hut auf,
drückte ihm die Pfeife in die Hand und munterte ihn auf, »sich nichts daraus zu
machen, bald wiederzukommen, denn heut wär 's nit wie alle Tag«.
    Drohten mehrere in Streit zu geraten, so legte er sich dazwischen,
versöhnte, wo es anging - ein gutes Werk, das sofort seine Zinsen trug, denn die
erneuerte Freundschaft wurde mit frisch gefüllten Krügen bekräftigt -, ging dies
aber nicht an, so entschlug er sich bescheiden jedes Schiedsrichteramtes und
warf in edler Unparteilichkeit die Hauptschreier vor die Türe.
    Fasching über war mit den Leuten besser auszukommen, da waren die
Zwischenbüheler eben unter sich, kein fremdes Gesicht darunter; die Auswärtigen
hatten ja in ihrem Ort selbst Tanzunterhaltung. Mit der Kirchweih war's ein
anderes, da gab es für den gleichen Tag oft auf Meilen in der Runde keine so
vielversprechende Lustbarkeit; was Wunder, wenn sich auch von meilenweit Gäste
dazu einfanden? Die führten meist - unversehens oder wohl auch absichtlich -
Unfug und Streit herbei. Dass die vorjährige Kirchweih so glimpflich abgelaufen
war, dafür dankte die Zwischenbüheler Wirtin dem lieben Gott und schrieb es
insonders den harten Zeiten zu, die den Leuten den Übermut benähmen. Dass von
diesem ersten bis zum letzten alle diesjährigen Bälle den vorangegangenen auf
ein Haar gleichen würden, das war ihre Überzeugung, und das sagte sie auch ihrem
Manne und fand es für gar albern, wie er eins da mit seinen Ahnungen erschrecken
möge.
    Der Wirt lächelte und nickte in freudig eingestehender Beschämung dazu, zum
Reden hatte er keine Zeit. Der Tag hatte sich gut angelassen und schien ebenso
enden zu wollen. Stunde um Stunde war in lärmender Lustigkeit, ohne das
geringste Anzeichen einer beginnenden Entzweiung verstrichen. Eifernde hatten
sich durch ein Scherzwort begütigen, Aufbegehrerische auf die Stühle, die sie
schon hinter sich gestossen hatten, wieder zurückziehen lassen. Schon begann eine
friedliche Auslese der schwächeren, aber trotzdem und vielleicht eben darum
nicht ungefährlichen Elemente der Gesellschaft; manch einer, der »mühselig und
überladen« war, taumelte durch den Flur nach dem Garten, stöhnte zu den Sternen
auf und wies dem Monde ein gleich fahles Gesicht oder schlug nach wenigen
Schritten zu Boden, blieb auf der mütterlichen Erde liegen und deckte sich mit
dem ewigen Himmel zu.
    Wie hätte es den Wirt von Zwischenbühel, der heute paar Arme zuwenig hatte,
gaudiert, wenn er den von Schwenkdorf hätte sehen können, der viere zuviel
hatte: zwei, die ihm am Leibe angewachsen waren und die er, um kein Aufsehen zu
machen, in anscheinender Gleichmütigkeit in den Hosentaschen vergrub, und zwei
geistige, die er in heller Verzweiflung über dem Haupte rang, so dass ihm vorkam,
als ob ihn darüber wirklich die Schulterblätter schmerzten. Es konnte aber auch
nicht mit rechten Dingen zugehen! Da sprangen Knechte und Mägde,
Kleinhäuslerbuben und -dirnen auf dem Tanzboden herum, von den reichen
Bauerssöhnen aber liess sich auch nicht einer blicken, und die Töchter der
häbigsten Anwesner, Käsbiermartels Sali obenan, sassen gekränkt und gelangweilt
neben den scheltenden Angehörigen.
    Es hatte sich aber ganz ohne Hexerei so gefügt.
    Der Toni vom Sternsteinhof war beizeiten auf dem einspännigen
Steirerwägelchen vom Hause weggefahren. Als er Zwischenbühel ausser Sicht hatte,
begann er auf das Pferd loszupeitschen.
    »Krampen, elendiger, greif aus!« schrie er. »Gelt, zun Tanz sollst mich
schleppen, kupplerische Schindmährn? Drum stünd dir ein scharfs Traberl nit an,
weil d' meinst, 's hätt kein so Eil und wir träfen noch allweil fruhzeitig gnug
hin! Dö Mucken lass dir vergehn! Sorg nit, du sollst noch heut ein übrigs vom
Tanz haben, dass dir die Zungen hraushängt. Hiö!«
    Hier, wie oft anderswo, war es ein wahrer Segen für die Reputation des
Menschen, dass sich das Tier weder auf dessen Rede noch Handlungsweise verstand.
Die arme braune Stute ahnte also gar nicht, dass ihr eine Leidenschaft fürs
Tanzen zugemutet wurde; von dem Geschrei hinter ihr und den Peitschenhieben aber
fühlte sie sich bedeutet, dass es sich ums Laufen handle, und das tat sie denn
rechtschaffen.
    In Schwenkdorf gab es mehrere reiche Bauern, deren Söhnen hatte sich der
Toni als Kamerad angeschlossen, und wenn er unter ihnen sass, liessen sie ihn gern
als »Ersten« gelten, war er abwesend, so folgten sie der Leitung und den
Eingebungen des Tollsten und Geschwänkigsten, und dafür galt der Müller-Simerl:
auf dessen Mitwirkung zählte der Toni. Nahe bei Schwenkdorf lenkte er von der
Strasse ab und fuhr, hinter dem Orte, in leichtem Trott nach der Mühle.
    Er traf den Simerl daheim und machte ihm den Vorschlag, den heurigen
Fasching mit einem »kapitalen Stückel einzuweihen«, wobei sie zwei Fliegen mit
einer Klappe schlügen; nämlich, keiner von ihnen, was ein rechter Bub sei,
sollte auf den Schwenkdorfer Tanzboden gehen, sondern mit ihm fahren, ins
Zwischenbüheler Wirtshaus einfallen und den Buben die Dirnen wegnehmen. Fix
hnein! Den Ärger hüben und drüben! Und wurd das ein Aufsehen machen! Z'
Schwenkdorf und z' Zwischenbühel und weiter in der ganzen Gegend gäb's 'n Leuten
fürs liebe lange Jahr z' reden!
    Der Gedanke war zu schön, um unausgeführt zu bleiben. Simerl und Toni liefen
Gehöft aus und Gehöft ein, um Teilnehmer zu werben, und als die Musikanten im
Schwenkdorfer Wirtshause zu trompeten begannen, als wollten sie - wie der Simerl
meinte - das Dach vom Haus weg gegen 'n Himmel blasen, stand im Hofe der Mühle
eine Schar junger Bursche, untereinander mit verhaltenem Lachen flüsternd, und
mancher fühlte sich ganz angenehm beklommen vor Aufregung über die Heimlichkeit,
Schelmerei, Rauflust und Dirnverschreckung, die alle da so hübsch in einem mit
unterliefen.
    Der alte Müller, Simerls Vater, half selbst mit, das Steirerwägelchen in den
Schupfen zu schieben und Tonis braune Stute an den schweren Leiterwagen zu
spannen; seine Triefäuglein glänzten vor Bosheit, und das Kinn seines zahnlosen
Kiefers wackelte vor Lachen. »Unterhalts enk gut, ös Sakra«, kreischte er, als
der Wagen davonfuhr. »Lustig, nur lustig heut«, nickte er, dem Gefährt
nachsehend, »morgen bringt schon der ein und der andere a blutigs Köpferl heim.«
Diese Voraussicht schien übrigens den Alten nicht im mindesten zu beunruhigen,
denn er hüpfte dabei lachend empor, als wollte er mit seinen dürren Beinen einen
Rundsprung versuchen; als ihm dieser misslungen war, schloss er das Tor und
schlich in das Haus.
    Von den Burschen, auf deren Beteiligung gerechnet worden war, fehlte auch
nicht einer; der »lautern« Unterhaltung halber nahm man auch noch ein paar
bekannte Söffer und Raufer mit, denen freie Zeche in Aussicht stand, und so
hatten sich fünfzehn junge Leute zu einer Dummheit und mehrerem Unfug
zusammengefunden. Hätte der Toni für etwas Vernünftiges und Rechtes Genossen
geworben, so hätte er wohl keines Leiterwagens bedurft, um sie an Ort und Stelle
zu fördern.
    Eine gute Strecke liess er das Pferd im Schritt gehen, dann griff er zur
Peitsche, und polternd flog der Wagen dahin. Ohne Rast, über Stock und Stein
ging es. Das war der Tanz, welchen Toni der braunen Stute verheissen hatte.
    Über dem Musikgedröhne und Tanzgestrampfe hätten die Zwischenbüheler das
Heranrasseln des Wagens wohl überhören können, aber das grelle Gejauchze, mit
dem die Ankömmlinge ihr Ziel begrüssten, schlug durch allen andern Lärm durch,
der Reigen löste sich, die Leute drängten an die Fenster, die Musik verstummte,
der Wirt stand erschreckt, er kraute sich in den Haaren, und als er sich besann
und, um draussen nachzusehen, zur Türe stürzte, ward er von den Hereinstürmenden
unsanft beiseite geschleudert.
    »Grüss Gott mitsamm, Vetter und Mahm!« schrie Toni. »Da sein wir auch, jetzt
kann's erst lustig werden. Aufgspielt, Musikanten!« Er warf den Spielleuten eine
Banknote zu, und die geigten und bliesen sofort drauflos.
    Die Zwischenbüheler vermochten ihrer Überraschung nicht gleich Herr zu
werden, die Dirnen liessen sich unter verlegenem Lachen von den Schwenkdorfern
zum Tanz aufziehen, und die Bursche dachten nicht daran, es zu verhindern.
    Der Toni hatte Helene von der Seite Muckerls weggeholt. »Komm«, sagte er zu
ihr. »Erlaubst's schon«, murrte er gegen ihn.
    »Um Gottes willen, Toni«, flüsterte die Dirne unter dem Tanze, erschreckt
ihn anstarrend, »was soll's geben? Ich dacht, du kämst allein. Wozu hast du die
Wildling mitgebracht?«
    »Frag nit. Wirst's ja sehn«, raunte er. »Hast mir ja schon mehr als einmal
vorgworfen, ich getrauet mich nit, dich ihm streitig z' machen.«
    Sie stand plötzlich stille und versuchte, ihn an der Hand zurückzuhalten.
»Hast mit deinm Vadern gredt?«
    »Weiter!« Er riss sie herum. »Kein Wörtel noch.«
    »Aber, Toni -!«
    »Sorg nit! Wie's bisher gwesn, ertrag ich's nimmer länger. Was ich tu,
verantwort ich. Verstehst? Ich!«
    »Was willst tun?«
    »Tanz! Schnatter nit! Erfahrst's schon!«
    Die Klarinettetöne verstiegen sich just wie Lerchentriller zu ganz
unglaublichen Höhen, da rumpelte der neidische Bass dazwischen und brach mit ein
paar dröhnenden »Schrumm, schrumm« das Ganze plötzlich ab.
    Erhjetzt traten die Paare auseinander.
    Die Schwenkdorfer drängten vom Tanzboden nach der Schankstube. Toni leitete
Helene an der Hand hinüber und liess sie an seiner Seite niedersetzen. Noch
etliche Dirnen folgten über eifriges Zureden den Schwenkdorfern nach, es waren
das solche, die sich von ihrem Liebsten vernachlässigt fühlten oder beleidigt
glaubten und ihm nun am Arme eines andern Burschen spöttisch zublinzten: Das
hast davon, so gschieht dir, weil ich mit mir nit spassen lass!
    Die Schwenkdorfer liessen sich nicht spotten, und der Wirt musste
herbeitragen, was gut und teuer.
    Mitten im Gelärme schrie Toni, auf Helene zeigend, seinen Kameraden zu:
»Bubn! das wird mein Bäurin!« Die Bursche schmunzelten und sahen sich dabei mit
zwinkernden Augen pfiffig an, die paar Zwischenbüheler Dirnen am Tische lachten
laut auf.
    »Lacht nit«, erboste sich Toni. Er legte seine Linke mit ausgespreiteten
Fingern auf das rechte Bein Helenens. »Die wird meine Bäuerin!«
    Nun lachten die Bursche, die Dirnen sahen sich achselzuckend an.
    »Lass's gut sein«, sagte Toni zu dem Mädchen, das darüber ganz verblüfft
dareinsah, »heut übers Jahr lachen s' nimmer.«
    Während es in der Schankstube »hoch« herging, hatten sich im Tanzlokale die
Zwischenbüheler grollend in eine Ecke zusammengedrängt.
    »Das geht nit an!« sagte ein stämmiger Bursche, der alle um eine volle
Kopflänge überragte. »Kein zweits Mal dürfen wir die Sackermenter nimmer zun
Tanz antreten lassen, sonst wär's gfehlt; nachher stunden wir bis in d' Fruh da
hrum wie denen ihnere Narren und 'n Menschern zum Spott! Fackeln wir nit lang!
Dö werdn mer doch noch meistern können? Gehn wir über sie! Dö solln schneller
drausst sein, wie s' hreinkommen sein!«
    »Fangen wir was an mit sö!« murmelten ein paar Eifrige.
    »Nix leichter wie dös«, fuhr der Stämmige fort, »gehts jeder, dem sein Dirn
sich hitzt drüben traktiern lasst, und schafts ihr 's Herüberkommen.«
    Die Betreffenden murrten: Die Dirnen könnten in drei Teuxels Namen bleiben,
wo sie wären, es läg keinem mehr etwas an der seinen.
    »Ös Löllappen«, schrie der Aufhetzer, »freilich liegt an keiner nix, aber
das können wir uns Zwischenbüheler Bubn doch nit nachsagen lassen, dass da im
eigenen Ort nit wir die Herren wärn, sondern dö von Schwenkdorf! Geh,
Kleebinder-Muckerl, du bist kein so Letfeigen, und dir kann an deiner Dirn schon
was liegn. Biet s' umhi! Wir stehen schon zu dir!«
    Dieser Auftrag kam dem Muckerl sehr gelegen. Das in ihn gesetzte Vertrauen
und der zugesagte Beistand hoben seinen Mut. Er war gekränkt und gereizt durch
die rücksichtslose Weise, mit der ihn Helene verlassen hatte und nun allein
stehenliess, unbekümmert darum, wie ihm dies gefallen oder nicht gefallen mochte.
Er wollte einmal öffentlich sein Recht auf die Dirne behaupten und diese
zwingen, es selbst anzuerkennen, denn die Hochnäsigkeit, mit der sie ihn bisher
unter vier Augen behandelte, scheut sie sich wohl hier vor den Leuten zu zeigen.
Mag sie nachher paar Tage trutzen, aber auch wissen, dass er nicht der Bursche
sei, der sich just alles gefallen liesse; das macht ihm Ehr und lehrt sie
nachgeben.
    Er trat also in die Schankstube und sagte: »Gleich geht der Tanz wieder
los.«
    Ein Schwenkdorfer sagte über die Achsel weg: »Danken schön fürs Ansagen.
Brauchts nit z' fürchten, dass wir wegbleiben.«
    »Um euch is kein Frag. Bleibts, wo's wollts. Helen!«
    Sie sah nach ihm und tat ganz unbefangen.
    »Komm her!«
    »Nit schlecht«, lachte der Toni. »Du haltst s' wohl für ein Pummerl, der
laufen müsst, wann du 'schön herein da' sagst!«
    »Mit dir red ich nit, Sternsteinhoferbub«, sagte Muckerl. »Helen, komm mit
mir hraus, sag ich!«
    »Ja, wenn du so ein gstrengen Herrn hast«, höhnte Toni gegen das Mädchen,
»dann heb dich nur lüftig und eil!«
    Helene sass zornrot, sie streckte die gefalteten Hände in den Schoss und zog
die Beine unter den Stuhl.
    »Du siehst, sie will nit«, fuhr Toni, zu Muckerl gewendet, fort, »geh dir
also a andere suchen, uns is nit um dein Gsellschaft.«
    »Ich geh nit ohne ihr.«
    »Hüblinger«, schrie der Toni einem vierschrötigen Burschen zu, »mir scheint,
der findt nimmer die Tür, weis ihm 'n Weg.«
    Der breitschulterige, baumlange Bursche trat auf Muckerl zu und gab ihm
einen leichten Stoss, der den kleinen Herrgottlmacher gleichwohl wanken machte.
»Geh, sei gscheit«, sagte er zu ihm, »mach fort, bist ja unnötig.«
    »Nein«, knirschte Muckerl.
    »Na, sei nit dumm, Büberl«, sagte gutmütig der Hüblinger. »Wirst doch nit
wolln, dass ich dir was mit afn Weg gib? Könntst z' schwer dran z' tragen haben.«
    Da Muckerl in das laute Gelächter der Schwenkdorfer auch etliche
Zwischenbüheler einstimmen hörte, so geriet er vor Wut ausser sich und führte
nach der Brust seines Gegners einen Faustschlag. Der Hüblinger sah ganz verdutzt
darein, als er sich für seine gute Meinung so übel gelohnt fand, und holte eben
mit der Rechten sehr sachte, fast fürsorglich aus, da stürzte der Toni
dazwischen.
    »Den lassts mir«, schrie er, »das is mein Mann!«
    Nach kurzem Ringen ward der Kleebinder Muckerl in eine Ecke geschleudert und
schlug dort so wuchtig mit dem Rücken gegen eine scharfe Tischkante, dass er,
laut aufstöhnend, zusammenbrach.
    Da kam durch die Türe ein irdenes Weinkrüglein geflogen, das offenbar nach
dem Kopf des Toni gezielt, aber zu hoch angetragen war, es schmetterte gegen das
Kinn Hüblingers; der stand starr, aber nur einen Augenblick, dann fuhr er, wie
toll, aus der Stube; das hatten die Zwischenbüheler vorausgesehen, sie stoben
auseinander und einer, der sich aussen knapp an die Mauer drückte, stellte dem
Verfolger ein Bein, so dass der mit grossem Gepolter hinfiel, und nun versuchten
sie, ihn an den Armen und beim Schopfe nach dem Tanzboden hinüberzuziehen.
Hüblinger, dem sofort die Vermutung aufdämmerte, dass es ihm, wenn er heraussen
bliebe, wohl weniger »verschlüge«, als wenn ihn seine Gegner hineinbekämen,
begann aus Leibeskräften zu schreien: »Helfts, helfts, helfts mer doch,
Leuteln!«
    Auf das eilten die Schwenkdorfer herbei und fassten ihn an den Füssen und
zogen ihn daran zurück. Es begann ein erbittertes Hin- und Hergezerre. Bald war
der Hüblinger mit Kopf und Armen im Tanzlokal, bald mit den Beinen, so lang sie
waren, in der Schankstube, immer aber mit dem Rumpf in dem Flur. Mit einmal
boten die Zwischenbüheler ihrerseits alle Gewalt auf, und als sie vom anderen
Ende her auch den äussersten Kraftaufwand verspürten, liessen sie lachend los, die
Schwenkdorfer prallten zurück und schleiften, bis in die Mitte der Stube
taumelnd, den Geretteten nach sich, dessen Gesicht dabei die Diele fegte, bis
sie ihn schwer auf selbe niederplumpsen liessen.
    Der Riese blieb eine Weile auf beiden Ellbogen und Knien mit nachdenklich
gesenktem Haupte liegen und überlegte den Fall, der so ganz sein eigener war,
dann raffte er sich empor, bedeutete, dass er für diesmal genug habe und die
andern ihre Sache ohne ihn ausmachen könnten, wankte in eine Ecke und blieb
dort, den Kopf zwischen den Händen, sitzen.
    Die andern wollten eben darangehen und, seinem freundlichen Rate folgend,
die Sache ohne ihn zum Austrag bringen, als der Wirt herbeigeeilt kam.
    »Hansl! Hansl!« zeterte er.
    Aber der Rabensohn meldete sich mit keinem Laut, er hatte sich vor das Haus
geschlichen und war den geängstigten Dirnen, die zu den Fenstern hinaus
flüchteten, beim Heraussteigen behilflich.
    Ohne auf den Ungeratenen zu warten, stürzte sich der Wirt mitten unter seine
aufgeregten Gäste. »Ausghalten!« befahl er. »Das sag ich enk, Bubn, grauft wird
da nit bei mir!«
    »Meng dich nit ein«, schrie man ihm entgegen.
    Mit autoritativer Gebärde streckte der Wirt gegen einen der Schreier den Arm
aus, da ward er aber gleichzeitig von einem Dutzend angefasst und flog aus der
Stube, dass der Türstock schütterte und der Kalk von der Wand blätterte. Er kam
nicht wieder zum Vorschein, überliess es den Gästen, sich selbst zu bedienen, und
wünschte aus ergrimmter Seele Tiefen, dass keiner dabei zu kurz kommen möge.
    Indes waren die Zwischenbüheler und die Schwenkdorfer aneinandergeraten;
aber bald schämten sie sich, dass sie wie die Bestien des Waldes sich mit Zähnen
und Klauen, Pranken und Hufen anfallen sollten, das Gefühl menschlicher Würde
erwachte und rüttelte auch die Erfindungsgabe auf; Schwache, die auf eine
Ausgleichung der Kräfte bedacht waren, Starke, deren Arme an den
zurückweichenden Feigling nimmer zu reichen vermochten, begannen Stuhlbeine
auszudrehen und nach beweglichen Gegenständen zu suchen, die, nach festen
Zielpunkten geschleudert, sich oft sehr nützlich erwiesen. Nicht lange, so
arbeitete man nur mit künstlich verlängerten Armen und mit Wirkungen in die
Ferne.
    Dumpfes Gestrampfe und Geschiebe, einzelne Flüche und Aufschreie begleiteten
den Vorgang, die Bursche vermieden alles überflüssige Getobe und Gelärme und
führten den Kampf mit einer Art Verbissenheit. Die eine wie die andere Partei
sah zwei Fälle für möglich an, die Verwirklichung des einen galt es anzustreben,
die des andern zu verhindern, aber das hielt jede für ausgemacht, zum Schlusse
mussten die Zwischenbüheler das Haus behaupten und die Schwenkdorfer draussen
liegen oder umgekehrt; doch daran dachte keine von beiden, dass es noch ein
Drittes gebe, das unversehens eintreten könne, und dieses Ungeahnte ward
mittelbar durch zwei Bursche herbeigeführt, die bewegliche Gründe hatten, sich
aus dem Schlachtgewühle zurückzuziehen.
    Der eine war der überlange Zwischenbüheler, dem ein äusserst unangenehmes
Schmerzgefühl die noch unangenehmere Vermutung erweckte, man habe ihm linksseits
alle Rippen eingeschlagen. Er lehnte bleich und schwitzend an der Mauer,
jammerte und flehnte wie ein Kind, was ihn aber nicht hinderte, sobald sich ihm
in dem allgemeinen Gebalge der Rücken eines Schwenkdorfers nahe schob, unter
Tränen auf denselben loszudreschen, dass der Betroffene schreiend sich wegwand;
dabei unterbrach er für keinen Augenblick seine Schmerzausbrüche und heulte ohne
Aufhören in gellend hohen Tönen: »Ös Raubergsindel miteinander! Ös Mörderbande!
Was wird mein Mutter dazu sagn? Ös Schindersknecht! ...«
    Der kindliche Zug - die Bedachtnahme auf seine Mutter - würde ihm alle Ehre
gemacht haben, wenn man nicht gewusst hätte, dass er der armen Alten, die nah auf
einem Bauernhofe in harter Arbeit verkümmerte und verkrümmte, seit Jahren nicht
nachfragte; es wäre vielleicht lohnend für Physiologen und Psychophysiker,
nachzuforschen, inwieferne wohl solch ein plötzliches Wiedererwachen der
Kindesliebe mit einer leichteren oder schwereren körperlichen Verletzung im
Zusammenhange steht.
    Während der Lange heulte, wütete ein kurzer, stämmiger Schwenkdorfer, dem
man einen Krug allerdings sehr unpassend und unsanft auf das Nasenbein gesetzt
hatte, Stube aus und Stube ein, brüllte die bindendsten Schwüre, dass er »alles
zusammhauen« werde, und wo er auf einen Gegenstand traf, der zu Splitter oder
Scherben gemacht werden konnte, da erfüllte er auch als Christ seinen Eid.
    Die Wirkung blieb nicht aus, mag man sie nun durch Hinweise auf den
menschlichen Nachahmungstrieb, auf das Zusammenstimmen der Nervenstränge vieler
mit denen eines einzelnen, welche den Grundton eines Überreizes angeben und
festalten, oder durch eine Kombination dieser beiden Annahmen zu ergründen
versuchen, sicher ist, dass das, was sich nun ereignete, seit alter beobachtet
wurde und zu den Sprichwörtern: »Böses Beispiel verdirbt gute Sitten«, »Ein Narr
macht zehn« und ähnlichen Anlass gab. Die Raufer, die sich bisher in Ausbrüchen
des Schimpfes und Zornes, der Lust über anderer Leid und des Leides über anderer
Lust so zurückhaltend bezeigt hatten, wurden infolge des langgezogenen Geheuls
und des brüllenden Gefluches, unter dem Holzwerk zerkrachte und Geschirr
zerbarst, immer aufgeregter und lauter, bis zuletzt das Haus dröhnte von wüstem,
weitin hallendem Lärm.
    Der war zwar nicht darnach, die Toten zu erwecken, aber jene, die draussen im
Wirtshausgarten in seliger Selbstvergessenheit lagen, rief er wieder ins
Bewusstsein. Es waren ihrer fünf. Sie setzten sich auf, rieben sich die Augen und
lauschten; ein Lächeln verklärte ihre Gesichter, und sie versuchten es, wenn sie
auch etwas stier dazu sahen, einander verständnisinnige Blicke zuzuwerfen;
plötzlich aber verfinsterten sich ihre Züge, es erfüllte sie mit bitterem Groll,
sich von einer solchen Ergötzlichkeit ausgeschlossen zu finden.
    Mit einem Ruck rafften sie sich vom Boden auf, brachen Zaunpfähle aus,
schlugen mit einer Mistarke und einer Gartenhaue so lange gegen die Steine an
der Kellertüre, bis ihnen die Stiele in Händen blieben, und so bewehrt,
schritten sie in das Haus.
    Ihr Eintritt in die Stube wurde gar nicht beachtet. Sie sprachen kein Wort,
es schien ihnen das auch ganz überflüssig, in der Sache sahen sie ganz klar,
wenn auch das sonst nicht der Fall war; hier wurde gerauft und ohne sie! Kein
Gefühl für Landsmannschaft und Ortskindschaft bewegte ihr starres Herz. Sie
holten mit ihren Knütteln so hoch und kräftig aus, dass ein wettsüchtiger
Engländer keinen Penny für die härteste Schädeldecke riskiert haben würde, zum
Glück aber versagten ihnen die Arme, und die Streiche fielen wuchtig auf Waden
und Schienbeine hernieder; noch ein und ein anderes Mal wiederholten sie diese
Bedrohung der Köpfe und Schädigung der Beine, dann war die Stube und das Haus
leer.
    Ein Blick auf die Angreifer hatte auch die Hartnäckigsten belehrt, dass sie
es mit Leuten zu tun hätten, die nicht mit sich reden liessen, und wer bei dem
Versuch dazu den zweiten Streich abbekam, der hatte vollauf und nicht Lust, den
dritten abzuwarten, und so waren denn alle, fluchend, ärgerlich lachend und so
eilig, als sich dies hüpfend und hinkend tun liess, hinausgeflüchtet.
    Die fünfe blickten sich unter ernstem Kopfnicken an, stützten sich auf ihre
Tremmel und verschnauften. Als sie das Haus verliessen, war, so weit sie vor und
hinter sich sehen konnten, kein Mensch mehr um die Wege; sie schritten in einer
Reihe und schweigend dahin, nur wenn zufällig einer an einen anderen taumelte,
so wiegte der Angestossene im Handgelenke den Knüttel und fragte leise, aber
eindringlich: »Willst was, willst leicht was, du?«, worauf ihn der Angeredete
treuherzig beruhigte: »Nein, nix nöt, gar nix nöt.«
    So gingen sie mit hallenden Tritten durch die stille Nacht, ernst und
wortlos, wie Racheengel, die eine strenge, aber unabweisbare Pflicht erfüllt
hatten.
Schon bevor die allgemeine Schlägerei losbrach, hatte sich der Toni vom
Sternsteinhof mit Helenen entfernt. Er benützte den Augenblick, wo der Wirt
vermitteln wollte, und schlüpfte mit der Dirne auf den Flur hinaus. Beide gingen
dann durch den Garten und über die Wiese und gewannen den Fusssteig, der hinter
dem Orte, an den Planken und Umzäunungen der Gärten, hinlief.
    Während dieses Paar den Weg hoch über der Strasse verfolgte, bewegte sich
unten auf dieser ein anderes mühselig fort, das einen dritten buchstäblich auf
den Händen trug.
    Kaum hatte der Wirtshansl die Matzner Sepherl aus dem Fenster gehoben, so
bat und beschwor ihn diese, den Kleebinder Muckerl nach Hause schaffen zu
helfen. Der Bursche liess sich dazu bereden; für die Person des Herrgottlmachers
empfand er einiges Mitleid, und für seine eigene versprach er sich von dem
Geschleppe eine »Hetz« und an Ort und Stelle Dank und Preis als Helfer,
Befriedigung seiner Neugierde, wie sich die alte Kleebinderin dazu gehaben
werde, vielleicht auch nasse Augen, denn Tränen über fremdes Missgeschick stehen
einem wohl an und werden stets von einem beruhigenden, tröstlichen Gefühle
begleitet.
    Sepherl und der Wirtshansl hoben den Muckerl von der Stelle, wo er
zusammengebrochen war, auf, sie gaben sich die Hände, er musste sich darauf
setzen und seine Arme um die Nacken beider schlingen, und so trugen sie ihn
fort.
    Sepherl zürnte, schmähte und schalt während des ganzen langen Weges Helenens
halber, indes der Wirtssohn aus Widerspruchsgeist diese zu entschuldigen und zu
rechtfertigen versuchte, der Kleebinder Muckerl schüttelte gleichermassen über
Anklage und Verteidigung den Kopf.
    Toni und Helene kamen von rückwärts an die Zinshofersche Hütte heran.
    »Nix, gar nix verschlagt's, sag ich dir«, sprach eifrig der Bursche, »und
was ich dir sag, das wirst mir doch glaubn? Gelt du?« Er hatte seinen Arm um die
Hüfte der Dirne gelegt, jetzt zog er sie an sich, dass sie stillestehen musste,
und suchte ihre Lippen mit den seinen. »Bist mein, wirst mein und bleibst mein!
Verlass dich! Nur bis zun Hals hnauf hab ich s' schon ghabt, die Heimlichtuerei,
mich selbn hat s' schon redscheu gmacht, und wann ich vorm Vadern damit hab
hrausrucken wolln, war mir, als könnt ich an 'm ersten Wort erwürgen; das hat's
jetzt Rat, aufs heutige fahrt er schon morgen über mich los. Soll sich nur
ausreden. Was will er denn machen? Offen hab ich Farb bekennt, und 'n
Käsbiermartel hab ich ihm verfeindt, das halt! Ich kenn die zwei Alten, is einer
wie der andere dickkopfet; der Langnasete kann mir sein Dirn nimmer nachwerfen,
er muss beleidigt tun, und mein Vader is z' stolz, sie ihm abzfordern, so bleibt
s' vom Sternsteinhof weg und kommt ein vieltausendmal Liebere und Schönere
drauf! Gelt?« - Er zog sie wieder an sich. - »Nur kein Angst! Auf morgn hab ich
mich vorgsehn und stell mein Mann, wie ich 'n heut gstellt hab. Bist nit
schlecht drüber erschrocken, was? Ja, hättst mer 's Streitigmachen nit nahlegen
dürfen, wo du hättst wissen können, dass ich dich 'm Teufel streitig mach, wann's
drauf ankäm. Morgen lass ich 'n Sternsteinhofbauer austoben, und dann, schön
fürsichtig, dass nix bricht, bieg ich mir mein Sach, wie mir taugt.«
    Beide traten durch die rückwärtige Türe in die Hütte. Helen machte sich von
dem Burschen los und lief auf die Mutter zu. »Denk dir«, rief sie aufgeregt,
»was der Toni heut angstellt hat!«
    Aber sie hatte kaum Zeit, in fliegender Hast das Vorgefallene zu berichten,
da wurden aussen Tritte hörbar, und es pochte an der vordern Türe; Toni und
Helene eilten zur rückwärtigen hinaus, und die alte Zinshofer öffnete.
    Die Kleebinderin stürzte herein. »Ist sie da?« schrie sie.
    Die Zinshofer trat einen Schritt vor, um den Ausblick nach der halb
offenstehenden Türe im Rücken zu decken, dann sagte sie: »Nein, wie d' siehst.«
    »Oh, das schlechte, heillose Mensch!« zeterte die Kleebinderin. »Nit umsonst
hat mir's schon von allem Anfang an geahnt, dass kein Glück und kein Segen dabei
sein kann, mit der zu gehen! Nun liegt er dahin wie ein Hund und verlangt noch
nach ihr, der Narr! Jetzt soll er's nur auch gleich zu hören kriegen, dass sie
nit einmal da is, und wie recht ich hab! Aber du, Zinshoferin, du komm und schau
dir an, wohin's mit einem kommt, der's mit so 'ner Schanddirn ehrlich meint, wie
die deine eine is!«
    Sie zerrte die Zinshofer an der Hand nach sich aus der Hütte.
    Helene hatte sich zitternd an Toni geschmiegt, jetzt löste sie die Arme von
seinem Halse und sagte: »Jetzt geh.«
    »Nit, wann jetzt gleich afm Fleck die Welt unterging«, stammelte er, sie an
sich pressend. »Heut spieln wir alles gegen alles, halt auch du 'n Einsatz.«
    Sie erschauerte, wollte reden, ihn zurückdrängen, aber sie öffnete nur den
Mund, um mit lächelnden Lippen tief aufzuseufzen, und ihre Arme sanken kraftlos
herab.
 
                                       X
Am Morgen darauf war im Dorfe von nichts anderem die Rede als von dem Überfall
der Schwenkdorfer unter der Führung des Toni vom Sternsteinhof, und die Dirnen,
die mit letzterem an einem Tische gesessen, erzählten auch, dass er die Zinshofer
Helen für sein künftige Bäuerin erklärt habe, was viel Spass gemacht hätte, da
die hochnäsige Gredl es für Ernst zu nehmen schien.
    Die Schürze voll dieser Neuigkeiten, kam die Matzner Sepherl zur alten
Katel, die sich über das Gehörte bekreuzigte und segnete. Knechte und Mägde auf
dem Sternsteinhofe, die gestern dabeigewesen, zeigten sich zwar sehr rückhältig
bei der Umfrage, welche die Alte unter ihnen hielt, als sie aber aus deren
eigenem Munde hörten, was sie sich auszuschwatzen scheuten, da nickten alle
bestätigend und lachten: »Was fragst denn, wann d' eh alles weisst?!«
    Der Bauer stand nachdenklich inmitten des Hofes, als sich die getreue
Schaffnerin an ihn heranschlich. Er sann gerade darüber nach, wo wohl der Toni
Ross und Wagen gelassen haben mochte, die nirgends zu sehen waren. Es sind das
doch keine Gegenständ, die einer wie Pfeife und Tabaksbeutel unter einer
Wirtshausbank mag liegenlassen und vergessen.
    Die Katel hatte ihre Meldung kaum beendet, als der alte Müller von
Schwenkdorf auf den Hof gefahren kam. Er führte hinter seinem eigenen Wagen das
vermisste Gefährt und Gespann mit. »Grüss Gott, Sternsteinhofbauer«, sagte er.
    »Grüss Gott«, murrte der und zog ein finsteres Gesicht. Von allen Menschen,
die ihm zuwider waren, war ihm der Alte der zuwiderste.
    Der Müller blinzte ihn boshaft an, schnalzte paarmal mit der Peitsche, dann
begann er: »Bring dir da dein Wagerl und dein Rösserl zruck, was uns gestert der
Toni gliehen hat, zun einmal hrüber- und wieder umhifahren. Ein Mordsbursch,
dein Toni! Wünschet ich mir einen zweiten, wünschet ich mir den. An dem kannst
noch dein Freud erlebn, Sternsteinhofbauer. Hihi. Kommt da angfahrn, packt 'n
ganzen Rudel, dö rarsten Bubn, zsamm - heidi -, lassn mer d' Schwenkdorfer
Urseln sitzen und fahrn mer raufen nach Zwischenbühel! Ladt s' afn Leiterwagen
und teufelt mit sö davon, 'm Bräunl sein d' Augen ausm Kopf und d' Zungen ausm
Hals ghängt. Na, dann war aber auch bei uns drenten a Verdriesslichkeit und ein
Erbosen! Der Käsbiermartel hat sein Sali beizeiten aufpackt und is heim, und in
seiner Stubn war er mehr mitm Kopf an die Tram wie mitn Füssen af der Erd, so
gsprungen is er, wie ein greizter Aff im Käfig. Na und da herenten bei enk muss
auch nit schlecht grauft worden sein. Mein Bub liegt mit drei Löcher im Kopf, in
jeds könnt mer an Faust stecken. Gschieht ihm recht, dem Sakra. Mer muss nit nur
schaun, wo mer selber hinhaut, sondern auch, wo ein anderer herhaun könnt. So
habn wir's ghalten unserer Zeit. Was? Han? Nit?«
    Der Sternsteinhofbauer runzelte die Stirne.
    »Ah, ja richtig! Nix für ungut!« fuhr der Alte fort. »Fallt mer grad bei, du
warst ja ein schwacher Raufer; wie oft hab ich dich selber wo in einm Winkerl
ghabt und abtöllnt, dass's a Freud war. Viel Schur hab ich dir antan, bei dö
Dirndeln auch. Jesses, wie lang dös schon her is! Wenn mer bedenkt, wie die Zeit
vergeht! Na, 's hat mich gfreut, dass ich dich bei derer Glegenheit wieder einmal
gsehn hab, weil d' mer ja sonst völlig überall ausweichst. Also bhüt Gott! Aber
eins noch, dass ich nit vergiss. Er schlaft wohl noch, dein Bub? Könntst ihm's
ausrichten, wann d' so gut sein möchtst. Mein Bub lasst dein Bubn schön grüssen,
und wann der Toni wieder einmal Kameraden sucht, dö d' Schläg af ihnere Buckeln
nehmen, während er sich mit einer saubern Dirn wegschleicht, so soll er nur ja
nit afn Simerl vergessen; lasst der ihm sagen! A Feine muss dö aber wohl sein!
Drei Löcher im Kopf von meinm Bubn sein mir lieber, als der setzet sich so was
drein! Ja, so zwei, dö d' nit zsammgibst und nit auseinandkriegst, können dir
viel Unglegenheit machen. Hihi!«
    Er riss sein Wägelchen herum und jagte davon.
    Der Sternsteinhofbauer musste zur Seite springen, wollte er nicht die Räder
über den Zehen haben. Er schickte einen schweren Fluch dem »alten Lump« nach,
dann wandte er sich an die alte Katel und hiess sie das Mittagessen auftragen.
    Er selbst begab sich hinauf nach der Schlafkammer seines Sohnes. Er pochte
an die Türe. »Schon wach?« fragte er barsch.
    »Ja«, tönte es von innen.
    »So komm, essen.«
    »Ich mag nix.«
    »Du könntst einm wohl auch 'n Appetit verderben«, murrte der Alte, dann
sagte er laut: »Paar Löffel Suppen werdn deinm wüsten Magen ganz zutraglich
sein. Komm nur!«
    Als die beiden einander bei Tische gegenübersassen, tat der Junge, über den
Teller weg, einen raschen Blick nach dem Alten, der mit zusammengezogenen Brauen
vor sich hinstarrte.
    Sicher, der wusste genug. Mag er -! Vielleicht alles, was die wussten, die
dabei waren, und auch nichts, wovon keiner! - Noch einmal blickte der Bursche
auf, wie ein Schalk, dann senkte er den Kopf und legte den Löffel weg.
    »Schon abgspeist?« begann der Alte.
    »Ja.«
    »Ich hör, du hast dich gestert nit lang in Schwenkdorf verhalten?«
    »Gar nit. Wir habn d' Langweil gfürcht, ich und d' andern.«
    »Dann seids hrüber?«
    »Dann sein wir hrüber.«
    »Habts euch gut unterhalten?«
    »So ziemlich.«
    »Sollst ja auch grauft habn?«
    »Ja, 'n Herrgottlmacher hab ich wohl hinglegt, dass er afs Aufstehn vergessen
hat.«
    »Rar dös! Wann der klagbar wird, kann mer noch 'n Bader zahln. Wegn was is's
denn hergangen?«
    »Er wollt sein Dirn nit an unsern Tisch sitzen lassen.«
    »Und da musstst du dich drum annehmen? Versteht sich. Bist wohl in die Seine
verschameriert?«
    »Kann's nit laugnen.«
    »Is dö gar so sauber?«
    »Kein so Saubere hast du noch gar nit gsehn, nit mal d' Mutter.«
    »Dös is wenig gsagt, dein Mutter war nit sauber, aber zugbracht hat s' brav.
Wie heisst denn dieselbe?«
    »Zinshofer Helen.«
    »Zinshofer? Das is ja die Alte, die unter den Hungerleidern da unten am
allermeisten nix hat?«
    »Habn tun s' nix, das is wohl wahr.«
    »Trotzdem hör ich, dass d' hättst verlauten lassen, du nahmst die Dirn zur
Bäurin?«
    »So hab ich gsagt.«
    »Ein schlechter Gspass, dös.«
    »Kein Gspass! 's is mir völlig ernst.«
    »Du bist a Narr!«
    »Kann sein, man sagt ja, Verliebte wärn närrische Leut. Ich hab mir nur
denkt, weil mer doch eh 's mehrste haben von alle da in der Gegend, so möcht
just nit so dumm sein, wann afn reichsten Hof auch d' schönste Bäurin z' sitzen
käm!«
    »Lass mich aus mit der Schönheit! 's erst Kindbett nimmt dö oft mit fort;
dann hast 'n Schleppsack afn Hals, aber 'n leeren. Kein Kind bist nimmer. Dö
Gschichten, was wir als klein anghört habn, wo Betteldirn'n von Kaisern und
Königen heimgführt wordn sein, dö habn sich im Fabelland zutragn; dass aber der
Sternsteinhof weit aussertalbn von selbm liegt, das brauch ich dir wohl nit erst
z' sagn!« Er erhob sich und strich mit der flachen Hand über das Tischtuch. »Nun
is gnug! Schlag dir die Dummheit ausm Kopf.«
    »Das geht nit an«, sagte der Bursche. »Ich muss dir noch was eingstehn.« Er
spreitete die Beine auf dem Sitze auseinander, beugte sich vor und sah starr
nach dem Salzfasse, während er langsam sprach: »Wann ich auch die Dirn
sitzenlassen möcht, was mir nit einfallt, so braucht sie's nit z' leiden. Sie
hat's schriftlich.«
    
    »Was schriftlich?«
    »Mein Ehversprechen.«
    »Dein Ehversprechen?« lachte höhnisch der Alte. »Ja, bist denn du in Jahrn,
wo d' ohne mein Einwilligung eins geben kannst? Wärst drein, ich jaget dich
jetzt af der Stell vom Hof! So aber hat a Schriftlichs von dir noch gar kein
Gültigkeit. Hat dir die Dirn drauf Glauben gschenkt, dumm gnug von ihr, dann
kannst du dir in d' Faust lachen, und sie muss sich gfalln lassen, wann s' noch
hinterher d' Leut verspotten.«
    »Ich geb denen kein Anlass dazu. Schriftlich oder mündlich, ich halt mein
Wort.«
    »Du Himmelherrgottssakkermentslotter du!« brüllte der Sternsteinhofbauer,
mit der Faust in den Tisch schlagend. »Traust du dich, mir ins Gsicht z'
trutzen, mir ins Gsicht? Wo du dasitz'st und Wörtl für Wörtl zugebn musst, dass
mir nit um eins zviel bericht wordn is über dein gestrig Stückel?!«
    Der Bursche fuhr vom Stuhl empor und schrie dazwischen: »Dös is 's erste
nit, aber wann d' dich dreinschickst, so könnt's wohl 's letzte sein!«
    »Dass 's letzte sein wird, dafür lass nur mich sorgen, aber 's Dreinschicken,
das is dein Sach. Bisher hab ich dir allein Unbsonnenheiten und dumme Streich
nachzsehen ghabt, gestert aber hast dich offen gegn mein Willn - gegn deins
leiblichen Vaders Willen - aufglehnt! Ich denk, du hast noch z' wollen, wie ich
will, und drum frag ich dich kurz und mein dir's gut: heiratst du seinzeit, dö
ich dir bestimm, und gibst von heut alln Verkehr mit der Dirn da unten auf?«
    »Dadrauf sag ich dir ebnso kurz, dass ich kein andere heirat und 'n Verkehr
mit derer Dirn nit lass! Verhalt mich dazu, wann d' kannst! Sperr mich ein, so
brech ich dir aus. Tu, was d' willst, so find ich mein Weg zu ihr und dort mein
Bleiben.«
    Der Sternsteinhofbauer fuhr mit beiden Fäusten nach der Brust und schüttelte
sich an der Jacke. Nachdem er eine Weile nach Atem gerungen, sagte er langsam
und leise, doch dröhnte jedes Wort halblaut nach: »Merk dir's gut, was d' mer
gsagt hast: du nahmst kein andere und vom Verkehr mit derer Betteldirn vermöcht
ich dich nit abzbringen!«
    Toni nickte trotzig mit dem Kopfe.
    »Du hast mir damit«, fuhr der Alte fort, »'n kindlichen Gehorsam aufkündt.
Versteh mich wohl! Es darf dich daher gar nit wundern, wann ich mein Hand von
dir abzieh. Dadrauf mach dich nur gfasst.«
    Er ging aus der Stube.
    Der Bursche blickte ihm verblüfft nach. Wie war das diesmal doch ganz anders
gegen sonst alle Male, wo der Alte, wenn er ausgescholten hatte, begütigt
davonging? Freilich, die Sache war gewichtiger wie noch keine, und gleich, so
auf das erste Wort hin, mochte der wohl nicht nachgeben! Doch was er gesprochen,
war sicher auch nicht sein letztes! Bald, vielleicht morgen schon, kommt er
wieder angerückt und dann so oft, bis er es müde werden wird. Da heisst's eben,
sich mehrmal mit ihm herumbeissen, und heute, fürs erstemal, war es ja ganz gut
abgelaufen. Ein blinder Schuss mag Spatzen und Diebe scheuchen und ein leeres
Drohen Kinder und Narren!
    Toni eilte hinab nach Zwischenbühel. Er hielt den Kopf hoch, als er rasch an
den Hütten vorüberschritt, und wenn er merkte, dass er beobachtet wurde, so sah
er mit herausfordernden Blicken hinter sich.
    Als er in der Zinshoferschen Hütte die Dirne, die auf seinem Schosse sass, in
den Armen hielt, da vergass er ganz, warum er eigentlich gekommen, und erst auf
die Nachfrage Helenens erzählte er, was vorgefallen war; da die beiden
Frauenzimmer doch etwas ängstlich dareinsahn, so beruhigte er sie, es stünde ja
alles ganz gut, würde nur immer besser werden, anders könne er es selber nicht
sagen.
    Während er unten im Dorfe sass, fand sich der Käsbiermartel oben auf dem
Sternsteinhofe ein.
    »Ich komm, mich über dein Bubn beklagen«, war sein erstes Wort, als er den
Bauer erblickte.
    »Ich weiss eh alles«, murrte der.
    »Wann d' eh alles weisst«, fuhr der Käsbiermartel fort, »so weisst auch, dass
's hitzt mit unserer Verschwiegerung nix mehr sein kann.«
    »Warum nit?« brauste der Sternsteinhofbauer auf. »Ist dir mein Bub etwa mit
einmal z' schlecht oder dein Dirn zu rar?!«
    Der Käsbiermartel sah ihn gross an, dann sprach er langsam, die verkniffenen
Lippen mehr als sonst bewegend, als spräche er Brocken, die er vorher noch ein
wenig glätten wolle: »Wann d' mer so kommst, dann, frei hraus, ja!«
    »Käsbiermartel!«
    »Sternsteinhofer! Was willst? Is mer gleich dein Bub z' schlecht, so bleibst
doch du mir recht. Davon is der Beweis, dass ich heut schon da bin. D'
Verschwiegerung aufsagn hätt Zeit ghabt; das geht mir nit gar so nah, wie ich
auch siech, dass's dir nit nahgeht. Aber wann d' dein Sohn von d' Soldaten
freikriegen willst, so wär jetzt d' höchst Zeit, dass ich geh a gut Wort einlegn
und du ...« Er machte eine allgemein verständliche Bewegung mit Daumen und
Zeigefinger.
    »Spar du dir d' guten Wort, ich spar 's andere.«
    »Was meinst?«
    »Dass ich mich für dein Freundlichkeit bedank, aber kein Gebrauch davon
mach.«
    »Aber dann nehmen s' dir 'n heilig.«
    »Solln s' 'n.«
    »So redst hitzt, hintnach aber reut's dich.«
    »Gott bewahr, niemal, sag ich dir, Käsbiermartel! Er soll nur 'm Kalbsfell
folgen oder neuzeit der Blechblasen. Dös is ihm gsund, dös is 's einzige Mittel,
um ihm d' Unbotmässigkeit ausztreiben, mit der er mir zugstiegen käm; 's is nit
erhört, denk dir, einm Bettelmensch wegn!«
    »Na siehst, das kimmt von ewigm Zuwarten. Hättst ihn gleich zsammgebn mit
der Sali, wär ihm d' andere gar nit in Sinn kämma.«
    »Verlass dich drauf, dö exerzieren s' und manövrieren s' ihm schon wieder
hraus. Das geht hitzt in einm! Eigentlich wär ja für dein Dirn dabei gar nix
verlorn.«
    »Drei Jahr.«
    »Drei Jahr! Was sein drei Jahr? Drei Jahrn frag ich nit nach, so alt ich
bin! Und wann bis dahin dein Sali noch nit unter der Hauben wär ...«
    »Deinm Bubn wegn werd ich s' nit in d' Selchkuchel hängen!«
    »Dös brauchst nit, sie erhalt sich wohl auch so frisch. Ich sag ja nur, wann
der Fall wär, dann -!«
    »Na ja, dann, wann! Da is noch allweil Zeit z' reden, bis d' Zeit sein
wird.«
    »Hast recht. Hjetzt davon reden, hat wirklich kein Schick und kein Absehn und
möcht uns nur allzwein d' Gall riegeln.«
    »Wohl, is eh a so.«
    Sie schüttelten sich die Hände und schieden.
 
                                       XI
Zwei fanden sich in ihren Voraussetzungen getäuscht; der Kleebinder Muckerl,
welcher erwartete, dass Helene schon am nächsten Tage an sein Krankenlager eilen,
ihn beklagen und sich entschuldigen würde, und der Toni vom Sternsteinhof, der
einer Fortsetzung des Streites am Mittagstisch noch für den Abend des gleichen
Tages entgegensah. Das Mädchen blieb fern und der Alte stumm.
    In der Hütte des Herrgottlmachers sprach die Matzner Sepherl ein, sooft sie
Zeit hatte abzukommen, und teilte sich mit der alten Kleebinderin in der Pflege
des Kranken. Auf dem Sternsteinhofe ging alles seinen gewohnten Gang.
    Darüber verflossen Tage und wurden zu Wochen, in der vierten durfte Muckerl
das Bett verlassen. Er hatte alle Bezeigungen von Freundlichkeit und Sorge
seitens der Sepherl gleichmütig hingenommen und litt es auch jetzt, dass diese
seiner Mutter behilflich war, ihn wie ein Kind, das erst das Gehen gewöhnen
müsse, nach dem Werktische zu leiten.
    Tief aufatmend sass er dort, Sepherl zog einen Stuhl herzu und setzte sich an
seine Seite. Die alte Kleebinderin stand mit gefalteten Händen, sah ihren Buben
lange nachdenklich an und nickte mit dem Kopfe wie jemand, der sich in etwas
schickt, das nun einmal vorüber sei und weit übler hätte ablaufen können. Dann
ging sie aus der Stube und liess die beiden allein.
    Sepherl fasste Muckerls Hand. »Wie froh bin ich«, sagte sie, »dass wir dich
wieder so weit haben.«
    Er starrte vor sich hin, zog sachte seine Hand zurück und begann unter
seinen Schnitzmessern und Werkgeräten zu kramen.
    »Schau« - schwätzte die Dirne weiter -, »nun hätt ich an dich eine grosse
Bitt. Nämlich, ich hab ein Gelöbnis getan für den Fall, dass alles gut ablaufen
tät; aber dasselbe zu halten wär ich allein nit imstand und hab schon zum
vorhinein drauf gerechnet, dass du das Deine dazu tun würdst, und das is
eigentlich 's allermeiste, wie ich dir frei sagen muss. Gelt, ich bin dreist?«
    Er blickte auf. »Gar nit«, sagte er, »ich bin dir viel Dank schuldig.«
    »Deswegen doch nit; Danks halber verlang ich mir nix! Hör mich an. Ich hab
der allerheiligsten Jungfrau ein Bildnis versprochen für unser Kirchen; denk
dir, wie ich kindisch bin, schnitzen müsst's freilich du, ledig 's Aufstellen wär
mein Sach. In Gedanken hab ich's ghabt, weisst, als die Allerreinste, af der
Weltkugel stehend, die Schlang untern Füssen; 's Jesukind tät wegbleibn, dass
dir's weniger Arbeit macht und billiger kommt. Verstehst?« Sie sah auf ihre
Schürze nieder, die sie glattstrich, und flüsterte: »Was d' dafür kriegst, das
zahlet ich dir schon kleinweis, so nach und nach, wann d' mer d' Freundschaft
erweist.«
    »Bist gscheit?« fragte der Bursche. »Von dir werd ich noch ein Geld nehmen!
Ganz umsonst mach ich dir's, wie ja auch du umsonst meiner Mutter beigstanden
bist in der schweren Zeit.«
    »Das geht nit, Muckerl, das darf ich nit annehmen! Ah, wenn ich mir's
schenken liess, da käm ich freilich leicht davon! Fremde gute Werk und anderer
Eigentum könnt jeder Narr 'm Himmel geloben, da wär weiter kein Verdienst dabei!
Nein, nein, gschenkt nehm ich's nit, das wär grad soviel, als ob ich Unserer
Lieben Frau nit Wort hielt, wenn ich alls einm andern zuschieb und gar nix dazu
tun tät.«
    »Is a Unsinn«, brummte der Bursche ärgerlich, dann blinzte er die Dirne von
der Seite an und sagte ernst: »No, weisst was, zahl mir halt d' Farb, die ich für
'n Anstrich brauch.«
    »Wird dös wohl viel ausmachen?« fragte die Dirne rasch.
    Muckerl hielt die Hand vor den Mund und hustete, dann antwortete er kurz:
»Für eins, was so wenig hat wie du, allweil noch gnug.«
    »Ich dank dir aber schon recht vielmal, Muckerl.« Sepherl blickte ihn dabei
zärtlich an. »Ich kann sagen, da hast mir wohl ein schweren Stein vom Herzen
gnommen! Und weisst, aufstellen wollen wir dann das Bild nach der Zeit, wo du von
der Stellung heimkommst, denn ich denk, dich werden s' doch nit zun Soldaten
nehmen.«
    Der Bursche schüttelte den Kopf und sah wehmütig lächelnd an seinem
abgezehrten Körper hinab. Dann begann er mit der Dirne ganz ernstaft zu
akkordieren - gleich als hätte er es mit einer häbigen Bäuerin zu tun -, wie
hoch, welcher Weis sie wohl das Bildnis haben wolle, und schmunzelte nur
verstohlen über ihre redseligen Erklärungen. Zuletzt hiess er sie aus dem Vorrate
einen ziemlich schweren Block auf den Arbeitstisch schaffen. Die Figur sollte
über ein drittel Lebensgrösse haben. Von dem Tage an beschäftigte er sich mit
dieser Arbeit.
An einem Abende der sechsten Woche war es, dass in der letzten Hütte des Ortes
zwei Gesichter sich anstarrten, aus denen jeder Tropfe Blutes gewichen war.
    Nach langem, peinlichem Schweigen löste sich der Krampf des einen, und wie
unter Fieberfrostschütteln fielen die Worte:
    »Du darfst mich nit in der Schand lassen.«
    Das löste auch die andere Zunge, sie mochte am trockenen Gaumen geklebt
haben, so heiser klang es: »Ich weiss mir da kein Rat, als ihr müssts hnauf aufn
Hof, 'm Alten unter die Augen.«
    Nun folgte erst ein verstörtes, zielloses Hin- und Widerreden und zuletzt
eine in angstvoller Hast sich überstürzende Einigung.
    Eine bange Nacht ging dem kommenden Morgen vorauf. Der Reif lag noch auf den
jungen Gräsern und Blättern, als sich zwei Frauenzimmer durch das Dorf
schlichen, sachte, als scheuten sie den Hall ihrer eigenen Tritte, über die
Brücke huschten und den Weg nach dem Sternsteinhofe einschlugen.
    Das Gesinde machte grosse Augen, als es so in aller Frühmorgens die Zinshofer
mit ihrer Dirn heransteigen sah. Die Junge schritt aufrecht an Knechten und
Mägden vorüber und gab ihnen nicht Gruss noch Wort; die Alte folgte duchsig nach,
sie nickte jedem und jeder zu und grüsste mit einschmeichelnder Freundlichkeit.
    Man achselzuckte und lachte hinter den beiden her. Was der Aufzug wohl zu
bedeuten hatte?
    Der Sternsteinhofbauer sass mit Toni beim Frühstück. Er blickte verwundert
auf, als es an der Türe pochte. Toni schrak zusammen, er legte seine Pfeife auf
den Tisch, erhob sich und öffnete die Türe.
    »Vader«, sagte er bedeutsam.
    Die beiden Hereintretenden stammelten ihren Gruss und blieben an der Schwelle
stehen. Hier senkte das Mädchen tief den Kopf, während es die Alte für passend
hielt, eine so steife Haltung anzunehmen, als sich mit dem Respekte vor dem
grossen Bauern und ihren müden Knochen vertrug. Sie fand es da ganz am Platze,
die beleidigte Mutter hervorzukehren, beileibe aber nicht die in ihrem Kinde,
sondern die durch dasselbe beleidigte; sie fixierte mit finstern Blicken den
Aufsteckkamm und die zusammengerollten Zöpfe ihrer Tochter; eine strenge Mutter,
die gewillt ist, ihre Verzeihung von der Nachsicht und Verzeihung anderer
abhängig zu machen.
    Der Bauer schmauchte seine Pfeife ruhig fort, tat einen flüchtigen Blick
nach den beiden Frauenzimmern, sah dann eine gute Weile seinem Sohne boshaft in
das Gesicht, ehe er barsch fragte: »Was soll denn dös?«
    »Das is sie, Vader«, begann der Bursche mit stockendem Atem. »Ich wollt -
dass du sie sehn solltst - weil du sie ja gar noch nit kennst -«
    »War ein ganz unnötig Herbemühen«, murrte der Bauer. »Dö Katz kauf ich auch
nit ausserm Sack.«
    »Hab doch a Erbarmnis mit den armen, verschreckten Weibsleuten«, bat Toni.
»Hör eher an, was sie zu sagen haben; du weisst gar nit, wie du dich versündigst,
wann d' jetzt noch alles im vorhinein verredst.«
    Der Alte zog die Brauen in die Höhe. »Oho! Willst du mich vor einer
Versündigung fürchten machen? Von einer mein kann da kein Red sein, und für a
fremde hab doch ich nit aufzkommen! Übrigens mögn d' Weibsleut sagn, was s' z'
sagen haben, aber du meng dich mit kein Wörtl drein, das beding ich mir aus,
sonst sein wir gleich fertig!«
    »Gut, Vader, ich werd mich mit kein Wörtl einmengen«, beteuerte Toni. »Bei
allem, was d' angibst und tust, will ich an mich halten! Aber das lass dir auch
gsagt sein und merk dir's gut, wie du dich heut nimmst und gibst, das entscheidt
zwischen uns zwei für alle künftige Zeit -«
    »Schau, Bub, drohn musst nit«, fiel ihm der Bauer mit anscheinender
Gutmütigkeit in die Rede. »'s Drohen führt zu nix; drum hab ich mir's auch gegn
dich ganz abgwöhnt. Lass du dö Weibsleut ihner Sach vorbringen, wer weiss,
vielleicht komm ich mit ihnen besser auseinander, wie d' denkst.« Er wandte sich
nach der Türe. »Na, so redts.« Als die so geradezu Aufgeforderten lange keine
Worte zu finden vermochten, trat er ganz nahe an die Dirne heran. »Dich hätt ich
wohl für kecker ghalten, wo du doch da afm Sternsteinhof Bäurin werdn willst!«
    »Dein Sohn hat mir's so versprochen«, sprach leise die Dirne und unter der
Rede räuspernd, »und du wirst ihm wohl daraus kein Vorwurf machen,
Sternsteinhofbauer, dass er auf Ehr halt!«
    »Gar nit, 's Versprechen is recht ehrbar, aber was 's Halten angeht, da hab
ich ebn auch ein Wörtl dreinzreden -«
    »Das is vor Gott und 'n Menschen dein Recht.«
    »Daran hätt er eben denken solln, bevor er verspricht.«
    »Ich hätt mich nit hergetraut, wann ich mir nit gwiss wär, dass ich dir,
einmal da herobn, kein Schand machen würd; weil ich mir aber des gewiss bin, dass
ich dir in keinm Weg eine machen tät, so bin ich gekommen, dich mit aufgehobenen
Händen zu bitten, lass du ihn sein Wort halten!«
    Der Bauer kniff die Augen zusammen.
    Dreister werdend, fuhr die Dirne fort: »Alls Vertrauen hab ich zu dir.
Schau, was ich schriftlich von ihm hab -«
    »'s hat kein Gültigkeit«, schaltete der Alte ein.
    »Du sagst's, und dir muss ich glauben. Aber in deine Händ leg ich's zrück«,
sie drückte ihm das zerknitterte Papier in die Rechte, welche sie dabei mit
beiden Händen anfasste und nicht mehr losliess. »Sein mündlich Wort auch, mein
ganz's Glück und Leben, mein Ehr und Hoffen leg ich in deine Hand, von dir
allein erwart ich's wieder!« Sie sah ihn mit grossen, flehenden Augen an, die
sich langsam mit Tränen füllten, so dass jetzt Tropfe auf Tropfe über ihre Wange
rollte.
    Der Bauer trat einen Schritt zurück und sagte, die Achsel lüpfend, zur
Alten: »Zinshoferin, du wirst einsehn, all das sein Kindereien, das kann nit
sein und geht nit an! Mich dauert 's junge Blut, aber das ganze jammerige Getu
wär uns allzsamm erspart blieben, hättst du, wie sichs ghört, dein Dirn
bewacht.«
    Die Alte blickte mit verdrehten Augen nach der Stubendecke auf, die sollte
Zeuge sein, wie hart und ungerecht sie da angeklagt wurde.
    Der Bauer hatte das Heiratsversprechen Tonis entfaltet.
    Helenen zuckten die Finger, es wieder an sich zu nehmen.
    Der Alte sagte, über die Achsel hinweg, rauh zu Toni: »Da sieht man, was
dabei hrauskommt, wenn Bubn, kaum aus der Schul, sich in solche Sachen
einlassen. Lass dir dein Lehrgeld zruckgebn. Schreibst da 'seinzeit' und solltst
doch wissen, dass's nach der Schrift 'seiner Zeit' heissen muss.« Er zerriss das
Blatt in kleine Stücke, die auf die Diele niederstoben.
    Da warf sich Helene vor ihm auf die Knie. »Sternsteinhofbauer«, kreischte
sie, »so wahr du af a glückselige Sterbstund hoffst, beug nit aus, red nit hrum,
erbarm dich meiner Not! Ich hab ganz afm Toni sein Wort vertraut - sei du nit
dawider, dass er mir gibt, was er mir gnommen, mein Ehr!« Sie rang, laut
aufschluchzend, die Hände.
    »Lump, elendiger!« schrie der Alte. »So weit is's schon mit dir, dass d'r
kein Gwissen draus machst, eine ins Elend z' bringen?! - Steh auf, Dirn! Steh
auf, sag ich!«
    »Nit eher, Sternsteinhofbauer, um die Welt, nit eher, und müsst ich ein
Ewigkeit daliegn, bis du verzeihst und mich mit ihm zsammgibst!«
    »No, no, nur fein gscheit! Weil du unvernünftig warst, kannst nit verlangen,
dass's andere auch sein solln! 's Gschehene lasst sich - leider Gotts - nimmer
ungschehn machen, aber was mir in dem Fall z' tun obliegt, das werd ich auch
tun, vielleicht über Erwarten, denn Kargerei und Schmutzerei lasst sich der
Sternsteinhofbauer nit nachsagen.« Er kehrte sich ab und ging nach einem
Schrank, an welchem er eine Lade herauszog.
    Helene sah ihm mit glühenden, nun trockenen Augen nach, und hinter den
geöffneten Lippen schlugen ihr die Zähne zusammen.
    Der Alte fuhr fort. »Wie sich's weiter schicken wird, das is dermal nur Gott
allein bewusst, aber wann's not tut, so will ich auch für künftighin meine Hand
nit von dir abziehn. Fürs erste, nimm das!« Er drückte dem Mädchen einen Pack
Banknoten in die Hand.
    Mit einem Ruck stand Helene aufrecht und warf ihm das Geld vor die Füsse.
»Geld? Geld bietst du mir?« schrie sie. »Geld für meine Ehr?! Für die reicht mer
just dein Sternsteinhof - weniger nit! -« Sie presste beide Hände gegen die
Brust, und die Sprache versagte ihr.
    Der Bauer zog den Mund breit und starrte ihr mit pfiffigem Blinzeln in die
zornsprühenden Augen. »Und aufn Hof war's alleinig abgsehn, wie ich hitzt wohl
merk«, höhnte er. »Bist a Überschlaue, du! Wär der Bub nit der Toni vom
Sternsteinhof gwest, er hätt dir nie in d' Näh kommen dürfen; find's auch
begreiflich, wüsst nit, wie sich eine sonst in ihn verschauen könnt. Aber fein
hast's eingfädelt, das muss mer sagen! Nit umsonst hast dir Wort und Schrift
geben lassen, und auch dein Leichtsinn war nit unüberlegt; denn hitzt schaut's
völlig darnach aus, als wär von deiner Seit der Handel ehrlich und die War echt,
während mer dir vorentalten tät, was mer nur versprochen hat, um dich
dranzkriegen! Du siehst, ich kenn mich aus. Es is ebn leichter, ein jungen
Gimpel fangen, als einm alten Fuchs Eisen stellen. Sei lieber fein vernünftig« -
er wies nach den auf dem Boden liegenden Bankzetteln - »und lass nit liegen, was
allein für dich da z' holen is, um das, was d' nie kriegst.«
    Immer verzerrter war das Gesicht der Dirne geworden, immer krampfhafter
arbeiteten ihre Züge, jetzt ballte sie die Faust gegen den Alten und taumelte
zur Türe hinaus. Sie hatte keinen Blick für Toni, der trotzig beistimmend ihrem
Abgange zunickte, keinen für die Mutter, die nicht ermüdete, stumm die Hände
gegen den Bauern auszustrecken und dann beteuernd an die Brust zu legen, nur ein
Gefühl beherrschte ihr Sinne und Seele, das des erbittertsten Hasses, verschärft
durch die quälende Empfindung ihrer Ohnmacht, und während sie Stufe um Stufe,
Fuss vor Fuss die Treppe hinunterwankte, tat sie das Stossgebet: Gott möge sie den
Tag erleben lassen, an dem sie dem protzigen Bauern all das Heutige heimzahlen
könne!
    »Was willst du noch?« herrschte der Alte die Zinshofer an, die noch immer an
der Türe stand.
    Sie blickte verlegen und begehrlich nach den auf der Diele liegenden
Scheinen.
    »Ah, dir tut 's Geld leid?« lachte er. »No, so nimm's! Aber sorg dafür, dass
die Dirn Dummheiten und Aufhebensmachen sein lasst! Je weniger davon unter d'
Leut kommt, desto gscheiter is's für sie selber.« Er schob ihr die Banknoten mit
dem Fusse zu.
    Das Weib lächelte dankbar, raffte das Geld auf und schlich mit einem
»Vergelt's Gott« davon.
    »Vader«, sagte Toni, ganz nahe an den Bauer herantretend, »ich hab mein Wort
ghalten, ich hab mich nit eingmengt, aber jetzt reden wir zwei miteinander.«
    Der Alte mass ihn mit einem geringschätzigen Blicke. »Na, so red zu.«
    »Solang ich noch minderjährig bin, darf ich ohne dein Einwilligung nit
heiraten -«
    »Das steht.«
    »Darum werd ich halt d' Grossjährigkeit abwarten. Bis dahin aber zieh ich
mich mit der Dirn zusamm.«
    »Wohin denn?«
    »Das weiss ich selber noch nit. Kommt drauf an, wo ich ein Platz find. Von
morgen an verding ich mich als Knecht.«
    »'s wird dich niemand nehmen.«
    »Oho! Dadrauf hoff du nur nit. Ich kann arbeiten.«
    »Dummer Bub, wie d' daherredst! Was ist da meinseits z' hoffen oder z'
fürchten? Dich wird kein Bauer nehmen, weil d' Stellung vor der Tür is.«
    »D' Stellung?«
    »No ja. Mer nimmt doch kein Knecht, der einm etwa in vierzehn Tagn mitm
Sträussel afm Hut von der Arbeit davongeht.«
    »Du liess'st mich zun Soldaten?«
    »Gwiss.«
    »Du willst mich nur schrecken. Ich hör ja schon lang von einm Abreden mitm
Käsbiermartel -«
    »Da war noch a andere Abred dabei, und is hitzt die eine mit der andern
hinfällig wordn.«
    »Vader, dadrein schick ich mich niemal, so unter wildfremde Leut in ein
andern Weltteil! Da mach's kürzer, schlag mich lieber gleich tot.«
    »Dös werd ich mir überlegn; kein Schad wär wohl nit um dich, aber ich müsst
dich für ein Guten zahln.«
    »Tu ich mir halt selber was an!«
    »Larifari, dö's tun, sagn's nit, und dö's sagn, tun's nit!«
    »No und wann ich auf und davon renn?!«
    »So bringen s' dich halt ein, und du kannst in Handschelln, 'n Schandarm
hinter deiner, durch ein paar Ortschaften spaziern.«
    »Und just nit gib ich mich! Allzsamm verderb ich euch 's Spiel! Was denn
nachher, wann ich mir zufällig ein Finger von der Hand hack?!«
    »Dös tu! Dann nehmen s' dich erst recht, stecken dich af a Festung wohin zu
einer Strafkumpanie, und da kannst dir karren und schaufeln gnug. Jo, mein
Bürschel!«
    »Vader, möchtst gscheiderweis mit dir reden lassen. Was ich da vorbracht
hab, war ja lauter Unsinn. Wann d' etwa meinst, ich sollt mer doch noch mal alls
reiflich überlegn, so könnt ja sein, dass ich mich ganz anders bsinn, nit?«
    »Nein, nein, müh dich nit! Frei hraus, dir trau ich nimmer. Freilich, um
loszkommen, wär dir kein Versprechen z' heilig; aber du erspar dir dös und ich
mir d' Reu hintnach. Unter den Griff, unter dem ich dich hitzt hab, krieget ich
dich dann kein zweits Mal wieder, und du wärst ganz der Kerl darnach, der mich
leicht nachher noch einzschüchtern versuchet, durchs Drohen, dass d' mer zwegn
der Befreiung bei Gricht Anständ machest! Ah, nein. Ehrlich währt am längsten.
Ich tu mein Pflicht, tu du d' deine, dien deine drei Jahrln, 's wird dich nit
umbringen.«
    »Und könnt dös etwa nit sein?! Bedenk dös, eh d' so gegn dein eigen Fleisch
und Blut handelst!«
    »Sorg nit, es is bedacht. Ich handel da nach bestem Wissen und Gwissen. War
dir der Vader z' gring, dass d' ihm ghorchst und folgst, nun, so kriegst hitzt
ein andern Herrn; der Kaiser, der is mehr, vielleicht macht der dich zu einm
ordntlichen Menschen. Ich will's wünschen.« Er schlug dem Burschen auf die
Achsel. »Halt dich auch brav dazu!«
    Dann fiel die Türe hinter dem Alten ins Schloss, und Toni blickte verstört um
sich. - Darum also hatte der Bauer den Streit nach jener Faschingsnacht nimmer
Rede gehabt, weil er es nicht der Mühe wert gehalten, weil alles schon zuvor bei
ihm aus- und abgemacht war? Und wie er damal auf seinem letzten Wort bestanden,
so wird er's wohl auch diesmal! Da ändert keins mehr was, und je mehr sich eins
dabei vergäb, je weniger richtet's!
    Der Bursche schlug sich mit der Faust vor die Stirne; dann löste er mählig
die Finger und fuhr sich damit durch die Haare. Lange stand er so, trübe vor
sich hinstarrend und hastig durch die geschwellten Nüstern atmend. Plötzlich
fuhr er auf, lief zur Stube hinaus, die Treppe hinab, über den Hof und des Weges
nach dem Dorfe entlang.
    Wohin? Zur Helen? Ei, Herrgott, um der ihren Jammer anzuhören und sein Teil
noch hinzuzutragen? Damit ist doch weder ihm noch ihr geholfen, und wahrlich, 's
Elend hat er für heute schon übergnug. Morgen ist auch ein Tag. Bis dahin mag
jedes zusehen, wie es mit dem Seinen allein zurechtkommt. Lieber ins Wirtaus!
    Er kam spät in der Nacht heim. Beim Ausziehen schleuderte er einen Stiefel
nach dem andern an die Türe, dass es durch das stille Haus dröhnte, dann öffnete
er leise und lauschte; ihm war, als hörte er in der Kammer am Ende des Ganges
den Alten fluchen, da reckte er den Arm in die Finsternis vor ihm, schüttelte
die Faust und schrie: »Schinder!« Hierauf klinkte er zu und fiel auf das Bett.
    Am nächsten Morgen entfernte er sich früh. Wieder machte er auf der Brücke
halt und überlegte, ob er der Dirne einen Morgengruss zum Fenster hineinrufen
solle. Hm, verweinte Augen sehen so unlustig, und welch Geplärr - musste er
fürchten -, dass sich erst dann anhöbe, wenn so ein Wort das andere gäb und er
mit allem herausgerückt käm?! Nein, es steht übel gnug um sie, was soll sie sich
auch noch darüber kränken, wie arg es um ihn stünde? Wenigstens hat's Zeit
damit; auf das, was mit derselben sich hätt glücklich schicken können, wollt sie
nit warten, aber ein neu Pack Unheil aufs alte oben hnauf wird sie wohl erwarten
können! So denkt er; auch, dass sich der Tag mit den Schwenkdorfer Kameraden
angenehmer totschlagen liesse. Er ging zum Dorfe hinaus.
    Drei Nächte blieb er fort, in der vierten kam er auf der Zwischenbüheler
Strasse dahergetaumelt, er stolperte an der Brücke vorüber und besann sich erst,
als er schon ein gutes Stück von derselben entfernt war. Er begann albern zu
lachen und schalt seine Beine liederliche Gasselgeher, dann ging er die Strecke
zurück. Am unteren Ende des Ortes hatte er nichts zu suchen. Die Dirn, die
leidige Dirn mit ihrer Ungeduldsamkeit ist eigentlich doch an all seinem
Unglücke schuld! An ihr wär's gewesen, gescheiter zu sein, das ist den
Weibsleuten ihr Sach, wenn den Mann der Verstand verlässt; dazu werden sie ja
auferzogen und bewacht! Von heut auf morgen wollte sie das Zusammenkommen
erzwingen, und nun ist ein Auseinandermüssen daraus geworden auf grimmge Zeit
und Weil und alle Weit und Fern! Nun haben sie's alle beide! Recht bedacht, ist
es nur billig, wo ihm das Fortgehen das Herz abdrücken will, dass ihr das
Dableiben Leidwesen macht! Nur recht und billig, weil sie so hat sein können,
und das müsst er ihr ins Gesicht sagen, wenn sie gleich jetzt vor ihm stünd, aber
das tät so unfein und streitig klingen, und darum will er ihr lieber gar nit
unter die Augen, bis ihm wieder anders ums Gemüt ist und er ihr gute Wort geben
kann - die ist er ihr wohl schuldig -, aber früher nit, bis ihm anders ums Gemüt
ist, bis dahin wird sie warten müssen.
    Tonis Gemütszustand schien sich aber nicht zu bessern, denn Helene erwartete
den Burschen Tag für Tag vergebens. Erst an dem Abende, wo die Zwischenbüheler
Buben von der Stellung heimkehrten, sah sie ihn zum ersten Male wieder; er
stand, ferne von ihr, mitten in der lärmenden Schar, den Hut mit dem Sträusschen
weit aus der Stirne gerückt, und schrie als einer der Lautesten. Ein Bursche
mochte ihn auf die Anwesenheit der Dirne aufmerksam gemacht und zu necken
begonnen haben, denn plötzlich klatschte er sich auf das rechte Bein und drehte
sich auf dem linken herum und kehrte ihr den Rücken zu.
    Früh am Morgen darauf holten die Schwenkdorfer Buben den Toni vom
Sternsteinhof ein, um gemeinsam nach der Stadt zu ziehen, wo sie einkaserniert
werden sollten.
    Wenn anders eine ganz unvernünftige Anstrengung der Stimmbänder durch
Schreien, Jauchzen und Singen auf eine frohe Seelenstimmung schliessen lässt, so
waren die jungen Leute, welche da den Ort verliessen, die zufriedensten,
glücklichsten Menschen. Den Müller Simerl von Schwenkdorf riss vermutlich nur die
Fröhlichkeit seiner Kameraden mit, der Anlass, den diese zur selben hatten,
fehlte ihm, seinen Hut zierte kein Sträusschen, denn der Arme hatte sich vier
Wochen vor der Stellung auf einer Hochzeit beim Freudenschiessen den Daumen der
rechten Hand zerschmettert. »So kommt mancher oft ums Schönste«, klagte er
seinen scheidenden Freunden.
    Als der Zug eine Strecke weit ausser Ort war, erhob sich unter einem Busche
am Wege eine Dirne und erwartete das Herankommen der Rekruten.
    Toni erkannte Helene.
    »Du«, sein Nachbar stiess ihn mit dem Ellbogen an, »mir scheint, da kriegst
was mit afn Weg, ich glaub aber nit, dass's a Bussl sein wird.«
    Toni zog den Mund breit und blinzte pfiffig dazu. »Ah, was!« sagte er.
»Gehts nur voran, ich hol euch bald ein.«
    Er blieb ein paar Schritte zurück.
    Die Voranschreitenden streckten unter Scherzreden die Arme gegen die Dirne,
sie am Kinn oder um die Hüfte zu fassen, aber sie lief, an ihnen vorüber, auf
Toni zu.
    Als dieser sie herankommen sah, da fiel ihm doch ihre Schönheit ins Auge und
ihr Verlust aufs Herz. Nur die verweinten Augen, das vergrämte Gesicht, das
Gejammer und Geklage hatte er gefürchtet und gemieden; wie sie aber jetzt sich
ihm näherte, zwar mit bösem Geschau und zornroten Wangen, doch so stramm und
entschlossen, da zuckte es ihm in den Händen, diese ihr entgegenzustrecken, sie
an den ihren festzuhalten, zu fragen, ob sie ihm treu bleiben wolle, dieweil er
ferne sei, ihr zu sagen, dass nichts vermöge, ihn von ihr abwendig zu machen, und
dass alles noch gut werden würde!
    Denkend, wie das die Dirne überraschen müsse, die ihm jetzt ganz erregt und
wild nahe trat, öffnete er lächelnd die Lippen.
    Da stand sie hart an ihm. »Schuft!« schrie sie und spuckte ihm ins Gesicht.
    Aufstöhnend holte er mit der Faust aus, aber das Mädchen wich flink zurück
und lief eilig gegen das Dorf.
    Er hörte das laute Gelächter seiner Kameraden, die in einiger Entfernung
stehengeblieben waren, da fuhr er sich mit dem Ärmel der Jacke über das Gesicht
und begann vor Zorn zu weinen, dass es ihn schütterte; aber bald ermannte er sich
und eilte auf die Wartenden zu. »Vorwärts!« schrie er. »Das wär überstanden!
Lachts nit! Was will mer denn machen gegn ein Weibsbild? Das muss mer sich
gfallen lassen, und jeder von euch leidet gern, dass so a Saubere ihm darum bös
würd, weil s' ihm vorher z' gut gwesen war!«
    »Recht hast, Toni, neiden tun s' dir s', weiter nix!« rief der Müller Simerl
und stimmte an:
»Ei meingerl - sagt 's Dirndel - bin ich dir hitzt z' schlecht?«
Hoiöh, hoiöh, hodero!
Und früher, du Rauber, da war ich dir recht!
Hoiöh, hoiöh, hodero!
Der Bub, der sagt drauf: 's liegt mer hitzt nix mehr dran,
Hoiöh, hoiöh, hodero!
Weil ich dich, mein Schatzerl, schon auswendig kann!
Hoiöh, hoiöh, hodero!«
Der Sänger begann nun, sich über die Freuden der Liebe in jener naiven
Anschaulichkeit auszulassen, welche man heutzutage nur noch dem unverdorbenen
Volke oder einem alttestamentarischen Könige nachsieht. Unter diesem zarten,
sinnigen Liede, dessen Jodler die Bursche begeistert unisono grölten und
fistelierten, ging es des Weges weiter.
    Helene war in fliegender Hast durch das ganze Dorf gerannt, bei ihrer Hütte
angelangt, warf sie sich auf die Schwelle nieder und lag, unter krampfigem,
stossendem Geschluchze, laut heulend.
    Die Türe hinter ihr öffnete sich, und die alte Zinshofer flüsterte: »Dummes
Ding, komm hrein, komm hrein, mach kein Aufsehen.«
    Helene schüttelte heftig den Kopf und wehrte mit den Armen ab. Lange lag
sie, gerüttelt, das Herz wie unter einem furchtbaren Drucke angstvoll hämmernd,
ihrer selbst nicht Herr; dann setzte sie sich auf und starrte vor sich hin, über
den Bach, wo hinter den Weiden die grüne Matte anstieg. Sie hielt den Blick,
unter gesenkten Lidern, nach dem Fusse des Hügels gerichtet, keine Wimper zuckte
empor, um verstohlen nach dem Kamme zu sehen, ob dort noch das Gehöft stünde.
    Sie kehrte sich seufzend ab. Flüchtig streifte ihr Auge die Nachbarhütte,
dann beschattete es die Hand, mit der sie sich über die Stirne strich. Nachdem
sie eine geraume Weile nachsinnend gesessen, hob sie den Kopf und blickte
unbefangen wie ein Kind, das eine Züchtigung vom vorigen Tage überschlafen. Sie
zog das rechte Bein an sich, lockerte den Schuh und nahm ihn ab. Mit dem Absatze
scharrte sie kleine Kiesel aus der Erde und schnellte sie mit der Spitze der
Sohle gegen das Vorgärtchen der Nachbarhütte. Sie trieb dieses Spiel mit grossem
Eifer und sah jedem Steinchen nach, wie nah es fiel oder wie weit es traf, bis
es ihr zuletzt gelang, paarmal hintereinander Steine in des Nachbars Garten zu
werfen, die sie raschelnd durch die Büsche gleiten hörte; da passte sie sich den
Schuh wieder an, erhob sich und trat in die Hütte.
 
                                      XII
Muckerl war ohne Sträusschen auf dem Hute von der Stellung zurückgekehrt. Obwohl
man das allgemein erwartete, so hatten doch die Kleebinderin und die Matzner
Sepherl mit nicht geringem Bangen seiner Heimkunft entgegengesehen. Die Angst
der alten Frau war übrigens ganz überflüssig, sie hätten ihr den Buben nicht
genommen, und wäre der auch ein Riese gewesen, ja, er hätte sich nicht einmal zu
stellen brauchen, wenn sie rechtzeitig gehörigen Ortes dagegen eingeschritten
wäre, denn als der einzige Sohn einer Witwe, welcher deren Unterhalt bestreitet,
war er militärfrei; aber es nahm sich eben keiner die Mühe, sie darüber zu
belehren. Wo es Pflichten zu erfüllen gilt, da weiss die Ortsobrigkeit auf Meilen
in der Runde die Armen und Ärmsten zu finden, ihre Rechte - es sind deren nicht
allzu viele - lehrt sie niemand suchen.
    Nach dem lärmenden Abzuge der Rekruten war es ziemlich stille geworden im
Dorfe. Die Bauern, deren Söhne fortgezogen waren, fluchten leise, denn der
Entgang zweier kräftiger Arme machte sich bald auf den kleinen Wirtschaften
allerorten fühlbar; nun mussten sich die Alten entweder in vermehrter
Arbeitsplage selbst hinunterschinden oder in den Beutel langen und einen Knecht
dingen; es bedurfte just keiner besonderen Arbeitsscheu oder Sparsamkeit, um sie
auf jene neidisch zu machen, die keine tauglichen Buben, aber dafür
augenscheinlich mehr Patriotismus besassen, indem sie oft nachdrücklichst ihren
Söhnen erklärten: »Kerl, mir tut nur leid, dass dich der Kaiser nit gnommen hat,
und wann er dich heut noch wollt, gleich könnt er dich habn!«
    Ganz anders und, wie sich das bei ihnen von selbst versteht, edler dachten
die Weibsleute von der Sache. Mütter und Schwestern bangten und sorgten nur, was
aus dem Steffel, Seppel oder Martel würde, »wenn ein Krieg auskäm«, und gar die
Dirnen, deren Schatz fortgezogen war, die machten sich über dieses Äusserste
hinaus noch herzinnerste Sorgen, was das lustige Soldatenleben an ihrem liebn
Bubn verderben könnte?! Warum sie sich besagtes Leben gar so lustig dachten,
darüber konnten sie sich selbst oder wollten sie anderen nicht Rechenschaft
geben; aber so eine war wirklich gar übel daran!
    Für einen Menschen, der mit der Eigenart seines Geschlechtes einigermassen
vertraut ist, hatte es gar nichts Auffälliges, dass die Männer, trotz ihrer rohen
Anschauungen, wenig dem Glücke der alten Kleebinderin nachfragten, während
diese, gerade der edleren, weiblichen Denkweise zufolge, mit einmal mehr
Neiderinnen zählte, als sie je zuvor in ihrem ganzen Leben besessen.
    Gewöhnliche Naturen ziehen es indes vor, sich beneiden und nicht bedauern zu
lassen, und Muckerls Mutter war eine sehr gewöhnliche. Wenn die Sonne über dem
Hügel, auf dem der Sternsteinhof stand, heraufkam und das breit einströmende
Licht in der kleinen Hütte alles glänzen und gleissen machte, was dazu angetan
war, die Werkzeugklingen auf dem Arbeitstische des Burschen, die Bleche und
Glasuren der Küchengeschirre, die Bilderrahmen und die Messingbeschläge der
Schränke, da dünkte der alten Frau, das liebe Tagesgestirn leuchte wieder so
wärmend und erfreuend, wie es das zu ihren besten Zeiten getan, wo sie als
sorgenloses Kind, als aufgeweckte Dirn, als junges Weib und Mutter unter seinen
Strahlen sich fröhlich tummelte und - bräunte.
    Am Sonntage, nachmittags, nach dem Segen, gingen die alte Kleebinderin und
Muckerl, die alte Matzner und Sepherl zusammen durch das Dorf. Die beiden Alten
trippelten nebeneinander her, und die zwei jungen Leute schritten ihnen vorauf.
Die drei Frauenzimmer trugen erstaunlich grosse Gebetbücher in den Händen, es
mochte viel Trost und Erbauung in einem solchen Platz haben.
    Wenn der Bursche an die Dirne ein Wort verlor oder diese eines an ihn,
wackelten die zwei alten Weiber mit den Köpfen und sahen sich bedeutungsvoll an.
    »Du, Sepherl«, sagte Muckerl, »die Muttergottesin, die d' bei mir bestellt
hast, is fertig, der Anstrich is schon trocken, wann du willst, kannst s' morgen
schon in d' Kirchen tragen. Ich hoff, du wirst zufrieden sein.« Er schmunzelte
dazu.
    »Das mein ich schon auch«, sagte sie ernst.
    Daheim stellte er die Statuette auf seinen Arbeitstisch und fragte die
Dirne, wie sie ihr gefalle.
    Sepherl stand lange davor mit wundernden Augen, dann sagte sie leise:
»Weisst, die Schlange, das muss ich schon sagen, is dir gar gut graten, völlig
fürchten könnt mer sich vor dem Vieh.«
    Muckerl lachte laut auf. »Und von der Heiligen sagst nix?«
    »Die is z' schön«, flüsterte die Dirne.
    »Gar z' schön!« lachte er noch lauter.
    »Schau, Muckerl«, fuhr die Sepherl fort, »du musst mer's nit übel aufnehmen,
ich red nur, wie ich's versteh, und ich versteh leicht gar wenig davon, aber
schon lang wollt ich dir's sagen, deine Heiligen kommen mir doch alle vor wie
reicher Leut Heilige.«
    »Reicher Leut Heilige - was benamst d' als selbe?«
    »Mein Gott, so Bildeln halt, was reicher Leut Augen schmeicheln, als ob
gleich ihnen d' lieben Heiligen ein Ansehn hätten, so füllig und ausgestalt, wie
wenn ein gring Sorgen und Mühen dazu gehöret, dass eins sich 's Himmelreich
erstreit! Zviel weltlich machst d' Heiligen, und Männer und Weiber machen sich
unterm Anschaun leicht andere Gedanken, wie sie sollten.«
    »Na, wie solln s' denn deinm Dafürhalten nach nachher ausschaun?« fragte
gereizt der Bursche.
    »Dös weiss ich nit, dös kann ich nit sagen, aber so nit, Muckerl, wie die
dein. So schaut keins aus nach überstandener Qual und Marter und harter Buss und
schwerem Lebn, ehnder wie unsereins, hrunterkommen und zerrackert.«
    »Geh, dalkete Gredl, an meinsgleichen, was sich selber nit z' helfen weiss,
werd ich mich doch nit um Hilf wenden, das tu ich doch nur mit rechtem Vertraun
ans ausbündig Schöne und ans alles Überwindsame, dem kein Not und Elend ankann.«
    »Du hast all dein Lebtag nit verstanden, was beten heisst, wann d' dich einer
Fürbitt wegen ans ausbündig Schöne halten willst und an was kein Not ankann und
was auch dein Ungstalt nit begreift und dein Jammer nit versteht.«
    »Deinm Reden nach müsst mer wohl 'n Teufel schön machen und d' Heiligen
verunziern? Nit? Wann d' dadraufhin noch nit einsiehst, wie d' dalket
daherplauscht und kein Begriff von der Sach hast, tust mer leid!«
    »Kann ja sein, dass d' recht hast, und ich hab ja gleich gsagt, dass ich
möglich davon gar nix versteh; aber dö Muttergottesin da is mein Bestelltes, und
das werd ich wohl bereden dürfen, dass die mir nit gfallt, und, frei hraus, dö
nimm ich nit, dass d' es weisst.«
    »Aber warum denn nit?«
    »Weil s' af a Haar dem heillosen Nachbarsmensch, der Zinshofer Helen,
gleicht.«
    »Gleicht, aber nit is!« schrie Muckerl, im ganzen Gesichte erglühend. »Weht
der Wind über das Eck? Soll s' vielleicht nach dir gschnjetzt sein, du
Hanfputz?!«
    Die Dirne starrte den Burschen mit ihren wundernden Augen ängstlich an, ihr
weinerlicher Mund begann zu zucken, sie legte beide Hände vor die Brust und
sagte nach einer Weile mit klagend dehnender Stimme: »Das wollt ich nit haben,
Muckerl, dass d' dich über mich erzürnst. So hoffärtig bin ich gar nit, dass ich
nur dran denk, du könntst ein Bild nach mir schnitzen; aber du wärst kein
Christ, Muckerl, wann d' nit einsähest, wie ein grosse Sünd das wär, wann mer ein
solchs in der Kirch zur Andacht aufstellet, das einer gleichschaun möcht, die
noch dazu in selbem Ort 'n Leuten unter 'n Augen herumlauft, und wär s' auch d'
Bravste; doch mit der hiess's d' Heilig Jungfrau gradzu verschänden.«
    »Himmelherrgottsakkerment«, fluchte Muckerl, »so soll s' gleich auch schon
der Teufel holn!« Er schwang das Schnitzmesser.
    »Jesses und Josef, Muckerl, der Herr verzeih dir dö Sünd!« kreischte Sepherl
und fiel ihm in die Rechte.
    »Na, lass nur«, sagte er, wieder gutmütig lächelnd. »Ich will ihr nur bissel
d' Nasn zustutzen. Wirst sehen - du weisst gar nit, was d' Nasn in einm Gsicht
bedeut -, wie gschwind sie anders ausschaun und niemand mehr gleichen wird.«
    Er begann zu schnitzen, während die Dirne mit eingehaltenem Atem über dem
Werktische lehnte und ängstlich zusah, immer bereit, ihm das Messer zu
entreissen, wenn ihr etwa scheinen sollte, dass es zu tief griffe.
    Muckerl legte schmunzelnd das Werkzeug weg. Er hatte den zarten Bug der Nase
und den feinen Schwung der Nüstern ins Rundliche verschnitzelt, und die Madonna
trug nun, obgleich es ihr gar nicht zu Gesichte stand, Sepherls Nase. Davon
ahnte die Dirne freilich nichts, sie sah nur, dass die verhasste und lästernde
Ähnlichkeit gänzlich verschwunden war, und klatschte vor Freude in die Hände wie
ein überglückliches Kind; ihr Jubel lockte die beiden alten Frauen herbei, man
bestaunte und belobte das Bildwerk nach Gebühr, während Muckerl die durch das
Schnitzmesser blossgelegten Stellen wieder mit Farbe bestrich. Als Sepherl mit
ihrer Mutter sich zur Heimkehr anschickte, gab er ihr das Liebfrauenbild mit und
schrie ihr, noch von der Schwelle aus, nach, »sie möcht sich wohl im Tragen vor
der Himmelmutter ihrer nassen Nasen in acht nehmen«.
    So schieden sie unter fröhlichem und freudigem Lachen. Die Frauen wähnten
die Erfüllung ihrer geheimen Wünsche und Hoffnungen so nahe bevorstehend, dass
sie schon in wachen Träumen, hingeworfenen Andeutungen und halben Reden ein
Glück vorzukosten begannen, von welchem der, dem sie alle sich dafür
verpflichtet fühlten - nicht etwa Gott -, der Kleebinder Muckerl, gar nicht
berührt wurde.
    Am andern Morgen, lange bevor noch die Glocken zur Frühmesse riefen,
erwachte Sepherl. Ein feiner Duft von frischer Ölfarbe erfüllte die Stube. Das
Mädchen besann sich, warf die Kleider über, schritt auf den grossen Wäschschrein
zu, auf welchem die Statuette stand, stützte die Ellbogen auf und faltete die
Hände.
    »Allergebenedeiteste Jungfrau! Weil ich dich noch da bei mir hab, erlaub,
dass ich mit dir red; denn wenn ich dich später zur Kirch bring, hat der Mesner
ein Menge z' fragen und z' sagen, und die Leut drängen auch zu, so dass sich dort
für mich kaum a Glegenheit schicken möcht, mit dir unter vier Augen z' sein. Gar
schön tät ich dich bitten, schenk 'm Kleebinder Muckerl 'n lieben Gsund völlig
wieder, dass ihm kein Nachmahnung an sein Siechtum verbleibt, lass 'n gscheit
werdn, dass er einsieht, wie 'n d' Zinshofer Helen eigentlich gar niemal gern
ghabt hat und seiner gar nit wert is, und wann dir recht wär, so hätt ich nix
dagegn, wann du ihn mir zum Manne gäbst. Ich würd ihm schon treu bleiben und
fleissig sein und alles verrichten und erleiden, was halt sonst noch im heiligen
Ehstand not tut und sein muss, was du ja selber weisst, hochgebenedeite
Gottesmutter und allerreinste Jungfrau!«
    Als die Glocken klangen, nahm sie das Bild in ihre Arme und lief damit
davon, sie lüpfte es, so schwer es war, küsste es auf die Wange, kurz, hätschelte
es wie ein Kind seine Puppe; plötzlich aber besann sie sich auf das Ungehörige
ihres Gebarens und trug die Statuette, aufrecht gehalten und in gemessenen
Schritten, nach der Kirche.
    Später fiel ihr oftmal der Gedanken schwer aufs Herz, ob sie sich nicht etwa
durch ihre kindische, »unrespektierliche« Vertraulichkeit die himmlische
Fürsprache verscherzt habe. Denn im Laufe desselben Tages noch, während sie am
oberen Ende des Dorfes ihrer harten Arbeit nachging, trugen sich am unteren Ende
Dinge zu, deren Folgen ihr manchmal den Stossseufzer erpressten: »Himmlische
Gnadenmutter, ich will nit murren, aber das war damal doch nit schön von dir!«
Die Sonne stand schon ziemlich hoch am klaren Himmel, als der Kleebinder Muckerl
in den rückwärtigen Garten trat und dort langsam auf und nieder zu schreiten
begann. Die Luft fächelte lind und rein, denn der Bach sammelte in sein Bett den
gerinnenden Schnee und wusch es vom Kies bis zum Uferrande; die Knospen waren
geplatzt, und Bäume und Büsche standen in Blüte oder jungem Grün, doch machte
diese zarte Zier die Äste und Zweige noch nicht schatten und gab zwischendurch
dem Blicke die weiteste Ferne und nächste Nähe frei.
    Ganz nah, vom verwahrlosten Nachbargarten her, schimmerten drei farbige
Flecke, der rote Rock, das graue Linnenhemd und das bunte Kopftuch eines
Frauenzimmers, das, am Boden kauernd, mit einem Messer die Erde eines Beetes
lockerte und alles, was da schon grün aufgeschossen war, mit Stumpf und Stiel
ausjätete. Daneben auf dem Kies lag eine Tüte von grauem, geschöpftem Papier,
mit vergilbten Schriftzügen bedeckt, das »Taufzeugnis« eines, der lange nicht
mehr lebte; ein buntes Gemenge von Samenkörnern war daraus hervorgerollt, und
über dieses furchtbare Geschütte und Gerölle suchte eben eine kleine Mücke
zappelnd den Weg, welche wohl keinen Grund dafür wusste, warum sie sich nicht der
Flügel, die ihr am Leibe angewachsen waren, bediente.
    Das eifrig geschäftige Weib hielt den Kopf tief gebeugt; dass es jung war,
das verrieten die vollen und doch sehnigen Arme, das verriet der runde Nacken,
bei dessen wechselnder Bewegung sich das Hemd strammte und zugleich fältelte.
    Der Muckerl wusste gar wohl, wer das war. Er hatte die drei farbigen Flecke
nur so nebenher wahrgenommen, und doch tanzten sie ihm Weges auf und ab vor den
Augen.
    Aber brauchte er die Dirne zu scheuen? Denk nicht! Wie sie ihm auch begegnen
mag, nicht! Und wie sie das würd, das möcht ihn schon neugiern - schier -
gwaltig auch noch. -
    Mit eins blieb er hart am Zaune, kaum zwei Schritte von ihr, stehen. Eine
geraume Weile starrte er hinüber. Sie musste wissen, dass und wie nah er zur
Stelle sei, auch ohne ihn zu sehen; sie musste den Schritt, mit dem er plötzlich
herangetreten, gehört haben. Der Schatten vom Rande seines Hutes streifte das
Beet, in dem sie grub, aber sie jätete weiter, als hätte sie sonst auf nichts
acht.
    Wollte sie es abwarten, bis er wieder fortginge? Liegt ihr seine Näh so hart
auf? Schon recht! Er will doch sehen, wer es eher müde wird.
    Nun räusperte sie leise und sagte, ohne aufzublicken, halblaut: »Bist du mir
bös?«
    Als er lange nicht antwortete, wandte sie ihm ihr Gesicht zu. Ihre Lider
waren gerötet, die Augen sahen verweint aus.
    Da schüttelte er traurig den Kopf.
    Sie stiess das Messer in die Scholle, rückte auf den Knien herzu bis an den
Zaun, griff den Saum ihres Rockes auf, reinigte ihre Finger von der Erde und
sagte dann: »So gib mir dein Hand.«
    Er reichte sie ihr dar und sagte mit schluckender Stimme:
    »Ich bin dir's nit.«
    Sie sah ihn überrascht an: »Ich doch dir nit«, flüsterte sie.
    Er zog seine Hand zurück und rang sie mit der andern ineinander. »Helen, wie
hast mir nur das antun können?!«
    Sie kehrte sich ab und bohrte mit dem Messer, das sie wieder ergriffen
hatte, paarmal in die Erde. »Ich weiss's selber nit«, brach sie mit rauher Stimme
los, es klang hart, fast abstossend. »Es muss mich rein der Teufel gritten haben.
Schad, dass mer's beredt! Gschehens lasst sich nimmer ungschehn machen.«
    »Aber doch vergessen.«
    »Das kannst du ja leicht für dein Teil, wie überhaupt d' Mannleut in denen
Stücken besser dran sein. Redn mer von was andern.« Sie erhob sich, warf das
Messer hinter sich und trat einen Schritt näher. »Därf mer bald gratuliern?«
    »Wem meinst? Und wozu?«
    »Na, euch, dir und der Sepherl, 'm einm zum andern.«
    
    Er ward rot und verlegen wie ein Mensch, den eine schamlose Nachrede
verwirrt. »Da bist falsch bericht«, stotterte er, »an so was denkt keins von uns
zwein.«
    »Die Sepherl gwiss, das sag ich dir; ich weiss das seit langem, ohne dass sie
mir's hätt einzgstehn brauchen, noch von der Zeit her, wo wir miteinander gangen
sein.«
    Muckerl seufzte tief auf. »Sie is wohl a brave Dirn, aber sie möcht mich
bedauern, wann's so wär, wie du sagst; an dein Stell kann keine treten.«
    »Und ich auch nit mehr an selbe zruck.«
    »Warum?« fragte er eifrig. »Warum nit? Warum sollt's jetzt, wo der
Störenfried fort is, nit zwischen uns wieder werden können, wie es war?«
    »Wir hätten uns ja heiraten sollen!« lachte sie schrill und höhnisch auf. Es
war ganz unangenehm anzuhören. Dann fuhr sie mit gedämpfter Stimme fort: »Nach
dem mittlerweil Gschehnen überlegst du dir's wohl, was ein andrer übelgmacht
hat, gutzmachen, und ich bin zu gewjetzt, als dass ich's mit einm zweiten noch
verschlechter.«
    Der Bursche sah sie mit grossen Augen an. »Ich versteh dich nit«, sagte er,
»nur wann d' meinst, dass ich's anders mein als ehrlich, so hast a falsche
Meinung.«
    »Tschapperl«, sagte sie, ihm ganz nahe tretend und fest in die Augen
blickend. »Du weisst eben wenig vom Gschehnen. War der Bub vom Sternsteinhof
gegen dich grob, so war er gegen mich ein Schuft! Dass ich dich aufgegeben und
mich mit ihm einglassen hab, das muss ich jetzt schwer gnug büssen; du kannst
zfrieden sein! Er hat versprochen, dass er mich zu seiner Bäuerin macht und ...
Was soll ich dir's für dein ehrlich Meinen nit gleich da an der Stell sagen, was
ich nit lang mehr vor 'n Leuten werd verbergen können? ... In d' Schand hat er
mich gbracht!«
    Der Bursche begann zu zittern, sein Antlitz ward kreidebleich, seine
Mundwinkel zuckten, und die Augen, mit denen er die Dirne kläglich anstarrte,
füllten sich mit Tränen.
    Sie wandte das plötzlich erglühende Gesicht von ihm ab, und mit beiden
Händen ihn ober den Ellbogen fassend und sachte rüttelnd, raunte sie ihm zu:
»Aber - Muckerl - es is ja nit wahr.«
    Er schüttelte leise.
    Da drückte sie den Kopf gegen seine Brust und rief schluchzend: »Es is wahr
- ja, es is wahr -, ich bin ganz elend und verloren! Stoss mich weg! Stoss mich
weg von dir!«
    Aber er liess sie gewähren, und nach einer Weile fühlte sie seine Hand ihren
Scheitel begütigend streicheln.
    Und wie sie so an ihn geschmiegt war, mit gesenkten, tropfenden Wimpern, das
Ohr an seinem hämmernden Herzen, vergalt sie ihm die Schwäche, die immerhin
grossmütige Schwäche, mit der er sie eine für ihn herbste Wahrheit nicht
entgelten liess, mit einer überzuckerten Lüge: »Wärst du mir je gekommen« - ihre
Stimme stöhnte noch unter einzelnen Nachstössen des verwundenen Schluchzens -,
»nur halb so aufdringlich wie der Lump, es könnt heut alls anders sein.«
    Der Bursche holte so aus dem Tiefinnersten Atem, dass es den Kopf der Dirne
von seiner Brust wegstiess. »Helen«, stammelte er, »was will ich machen? - Ich
kann mir nit denken, ohne dich z' sein. - Wenn ich dich doch nähm -«
    »Für den Fall - eh d' weiterredst - lass dich bedeuten! Wie ich jetzt vor dir
steh, als ledige Dirn im Unglück, muss ich wohl dein wie jeds Menschen sein
Mitleid dankbar hinnehmen; nähmst du mich aber zum Weib -« sie richtete sich
auf, legte ihre Hand schwer auf seine Schulter und fuhr hart und rücksichtslos
fort: - »dann verlanget ich, behandelt zu werdn wie jeds anders solchs, und
nachdem ich dir offen alles gebeicht und ehrlich gestanden hab, dass du mich
unter dein Dach kriegst nit wie sonst der Brauch und auch nit allein, vertraget
ich weder, dass du sagest, du hättst mich nur aus Mitleid gnommen, noch, dass du
mir ein Vorwurf ausm Vergangenen machest!«
    »Ich machet dir auch kein und tät schon rechtschaffen sorgen für dich und
für das - andere.«
    Sie sah ihn mit grossen Augen durchdringend an. »Dein Ernst?«
    Er nickte und bot ihr beide Hände.
    Sie schlug ein und sagte kurz und fest: »Es gilt!« Da aber überwältigte sie
die Rührung über die Gutmütigkeit des Burschen, sie drückte seine Rechte an ihr
Herz, dann an die Lippen. »Muckerl«, rief sie, »du bist doch mein wahrhafter
Helfer in der Not! Dass du mich so liebhast und vor der Schand errettst, das
vergess ich dir in alle Ewigkeit nit!«
    Sie meinte es in diesem Augenblicke gewiss aufrichtig, aber, ach, die
kurzlebigen Menschen denken nicht, wie viel an den Ewigkeiten, mit denen sie um
sich werfen, oft eine kleine Spanne Zeit ändert.
    Nachdem sie eine Weile schweigend sich an den Händen gehalten, fragte die
Dirne, den Burschen zärtlich anblickend:
    »Kannst hrüber?« Sie meinte, über den Zaun.
    Er deutete lächelnd nein.
    »Dann komm ich!« Sie schwang sich flink über das niedere Gatter, ohne auf
ihre lüftige Gewandung zu achten; sah es doch niemand als der eine, vor dem ihr
ja fürder jede Scheu ausgeschlossen schien. Nun hing sie an seinem Halse und
presste die dürstenden Lippen auf die seinen, und er taumelte unter ihrer Last,
wie trunken von ihren Liebkosungen.
    Da rief es vom Hause her: »Komm essen!« Als aber die Kleebinderin in den
Garten heraustrat, kreischte sie laut auf: »Muckerl!«
    Die Dirne tat nur einen Schritt zur Seite hinter das dürftige Gebüsch. Sie
kehrte der Alten den Rücken zu, und diese sah sie noch ein paarmal den Kopf
neigen und mit den Händen ausdeuten, ehe der Bursche sich verabschiedete und
langsam herankam.
    Als Muckerl vor der alten Frau stehenblieb, die ihn mit weit aufgerissenen
Augen fragend anstarrte, wies er mit dem Daumen seiner Rechten hinter sich und
sagte zutraulich:
    »Musst wissen, Mutter, wir sind wieder gut.«
    »Wer?« schrie sie entsetzt.
    »Na, ich und d' Helen«, entgegnete er, mit Mund und Augen freudig lächelnd.
    Die Kleebinderin schlug die Hände zusammen und flocht die Finger ineinander,
so schritt sie vor ihm her nach der Stube, wo sich beide zu Tische setzten. Da
die Alte das Fragen unterliess, so blieb dem Jungen das Sagen erspart. Er
beschäftigte sich angelegentlich mit dem Essen, während sie nachdenklich über
ihrem leeren Teller sass, was ihm übrigens gar nicht auffiel.
    Wenn es wahr ist, dass seelische Erschütterungen auf die Befriedigung
gemeiner leiblicher Bedürfnisse vergessen lassen, wonach sich die Verwaltung von
Volksküchen viel ökonomischer gestalten liesse, falls psychische Konflikte
billiger zu beschaffen wären wie Rindfleisch, wenn es ferner wahr ist, dass
Appetitlosigkeit der Prüfstein wahrer Liebe ist, dann, ja dann hatte bei all dem
Bedeutsamen, was die letztverflossenen Viertelstunden den Kleebinder Muckerl
erleben liessen, dessen Gemüt und Herz gar nichts zu tun; sicherlich veranlasste
ihn keines von diesen beiden, nachdem er Messer und Gabel aus der Hand gelegt,
den Gurt zu lockern.
    Gar anders als die Mutter des Burschen nahm die der Dirne die Sache auf.
    »Hast du aber ein Glück«, rief lachend die alte Zinshofer.
    Helene runzelte die Stirne. »Was Glück? Mer zertragt sich und findt sich
wieder zusamm, das kommt häufig gnug vor.«
    Die Alte verzog höhnisch den Mund. »Freilich, häufig gnug, aber so wie in
deinm Fall doch nur selten. Weiss er denn alles?«
    »Gwiss. Ich betrüg kein'n!«
    »Na, und jetzt kimmst nit mit leeren Händen.«
    »Mutter«, schrie die Dirn zornig, »wann du mir von dem Geld redst, das ich
dem Alten vor d' Füss gworfen hab und das du dir ohne meinm Wissen und Willen
zug'eignet hast, so lass dir sagen, dass ich auch noch heut davon nix weiss und nix
will! Überhaupt, hüt du dein Zung! Wann d' nur mit einm einzign unbedachtsamen
Wort 'n Hausfrieden zwischen mir und mein Mann störst, so hat's gute Auskommen
zwischen uns zwei ein End, und du sollst mich kennenlernen!«
    »Na, na«, murmelte die Alte, »ich mein, ich kenn dich eh, Giftnickl du!
Schau einmal!«
    Damit schlich sie sich beiseite.
    Als abends die Matzner Sepherl kam, sass die Kleebinderin im Vorgärtel, sie
erhob sich und hielt die Dirne, die mit freundlichem Grusse an ihr vorüber
wollte, am Arme zurück. »Bleib ein wenig«, sagte sie, »ich wart da schon d'
längste Zeit auf dich; ich muss dir doch sagen, was Neues da bei uns vorgeht,
willst dann noch hnein, armer Hascher, so kannst's ja.«
    »Je, du mein! Ja, was gibt's denn?«
    »Sie sind wieder auf gleich.«
    Die Dirne machte ihre wundernden Augen noch grösser. »Sie sein wieder auf
gleich? Ja, wer denn, Kleebinderin?«
    Die alte Frau deutete nach der eigenen Hütte und dann nach der
Zinshoferschen. »Hm! Der da drin und dö dort drübn!«
    »Ei, so lach! Das is doch sein Ernst nit. Wie s' gegn ihn war ...«
    »Daran denkt er nit, und sie lasst 'n sich nit drauf bsinnen. Nun, er mag
tun, wie er für recht halt. Er is gross gnug, um sein Willen z' haben, und alt
gnug zun Überlegen; aber das weiss ich, wenn er die heirat, ich bleib nit im
Haus!«
    Das Mädchen starrte der Alten in die feuchten Augen, plötzlich senkte es den
Kopf, sagte tief aufseufzend: »Nun, so bhüt dich Gott, Kleebinderin«, kehrte
sich ab und ging ungleichen Schrittes den Weg zurück, auf dem es hergekommen
war, eine Strecke säumig schlendernd, die andere schusslich dahineilend. Die
Leute, an welchen die Dirne, so verworren und verloren, vorüberstrich, lachten
und meinten: »D' Matzner Sepherl tut schier was suchen, hat wohl 'n gestrigen
Tag verloren.«
    Möglich! Und vielleicht nicht nur den gestrigen, sondern mehrere Tage mit
allem, was diese sie Liebes und Gutes hoffen liessen!
 
                                      XIII
An einem der nächsten Abende kam die Kleebinderin zur alten Matzner gelaufen. In
der rückwärtigen Kammer, auf einer Gewandtruhe, neben dem Fenster, durch dessen
blauen, rotgeblümten Vorhang die Strahlen der untergehenden Sonne brannten,
sassen die beiden Weiber, und ihre einander zugekehrten Gesichter erschienen
halbseitig wie blau und rot tätowiert. Sepherl kauerte auf einem Schemel im
Winkel und horchte wundernd zu.
    »Ich kenn mich nit aus, Matznerin«, klagte die Kleebinder, »nit um die Welt
kenn ich mich aus. Schon 'n frühen Morgen kommt das Mensch an 'n Zaun und ruft
dem Bubn ein Gruss zu, und dann geht das Hin- und Hergelauf an. 'n Tag über rennt
s' alle Daumlang herzu und zärtelt und läppelt mit ihm, dass einm vom Anschaun
nit gut werdn könnt, und 's Ganz is am End doch nix wie Falschheit, denk ich!
Lasst sie sich einmal a Weil länger nit blicken, so schleicht ihr der Lapp nach,
wie scheu er auch sonst gwest is; sie muss 'n rein behext habn!«
    »Wär nit unmöglich«, nickte die Matzner, »die Dirn is mir nit z' gut für so
Praktiken, und ihr Mutter weiss wohl auch dazu Rat, die schaut nit umsonst aus,
wie wann s' afm Besen reiten könnt; aber was half's, wann mer's gleich z'
beweisen vermöcht, wo s' heuttags in den Grichten nit mehr drauf glauben?!«
    Sepherl schüttelte seufzend den Kopf - nicht über den Unglauben der
Gerichte, sondern weil sie bedauerte, dass bei der Gottlosigkeit so wirksamer
»Praktiken« eine brave Dirn an deren Anwendung gar nicht denken durfte.
    »Ich sag dir, Matznerin«, fuhr die Kleebinder eifrig fort, »ich werd noch
krank vor Ärger. Jedn freien Augenblick, den s' habn, stecken s' beieinander,
und wann s' kein habn, so machen sie sich ein. Ging eins verloren, wär nur d'
Möglichkeit, dass mer's mitm anderm zsamm fänd; aber dafür niemal keine, dass du
s' auseinander brächtst! Und bei all dem Getu und Getreib, wo sie sich eh kaum
ausn Augen kommen, begreif ich nit, warum s' 'n Tag völlig gar nit erwarten
können, wo's zur Kirchen geht.«
    »Wann soll denn d' Hochzeit schon sein?«
    »Nach ihrn Redn, heut über vierzehn Tägn.«
    »Dös geht ja nit. Wo blieb denn da 's kirchlich Aufgebot von der Kanzel,
drei Sonntäg hintereinander?!«
    »Sie lassen sich ein für allemal verkünden.«
    »Das geht ja nit.«
    »Aber mitm Dispens.«
    »Mitm Dispens? Ah, freilich wohl! Schau, mer muss sich nur z' helfen wissen.
Ehnder hat man gsagt, 's ging was so schnell wie mit der Post, neuzeit mag mer
wohl sagn, wie mit der Eisenbahn. Hihihi!«
    »Mein liebe Matznerin, ein Fremds hat da leicht lachen. Du steckst eben nit
in meiner Haut und weisst nit, wie mir is. Dank du Gott dafür!«
    »Mein liebe Kleebinderin, sei nit harb, ich hab ja nit über dich glacht,
sondern über dö.«
    »Glaub dir's, glaub dir's schon. Ich biet doch auch kein Anlass dazu, hitzt,
wo sich mein einzig Kind von mir abwendt und ich mir fremd wo ein Unterkunft
suchen muss.«
    »Aber Kleebinderin - -«
    Diese war mit der Schürze vor den Augen aufgestanden.
    Sepherl eilte herzu. »Das lasst der Muckerl niemal gschehn.«
    Die alte Frau liess das Vortuch sinken. »In derselben Wirtschaft, was dann
anhebt, kann ich nit bleiben und mag auch nit!« Sie streckte die Hand zum
Abschied hin. »Nun mach ich euch weiter keine Unglegenheit, bhüt dich Gott,
Matznerin.«
    »Behüt dich Gott, Kleebinderin! Sepherl, begleit s' heim, d' Kleebinderin!
Jesses, jesses, hat mer oft im Alter ein Kreuz, woran mer jung gar nit denkt.«
Über diesen unstreitigen Erfahrungssatz verfiel die alte Matzner, während sie
den Davongehenden nachblickte, in ein chronisches Kopfschütteln.
    Sepherl schritt neben der Mutter des Holzschnitzers einher, und da diese
unterwegs nicht zum Sprechen aufgelegt schien, so beschränkte sich die Dirne
darauf, von Zeit zu Zeit zu versichern, all das jüngst Geschehene wär »schon aus
der Weis - ja völlig aus der Weis tät's sein«.
    Als die beiden die Hütte erreichten, fand gerade in dem Rahmen eines
offenstehenden Fensters ein schäkerndes Gebalge zwischen Helene und Muckerl
statt. Die Dirne drohte dem Burschen, sie werde ihn beim »Schüppel« nehmen, und
er vermass sich »bei seiner Seel«, wenn er sie bei den Händen zu fassen kriegte,
ihr alle Finger auszudrehen oder ihr den kleinen wurz abzubeissen.
    Sepherl machte die wunderndsten Augen. Alle Finger will er der ausdrehen
oder 'n klein wurz abbeissen! Schau, das hätt sie ihm gar nie zugtraut, dass er
vermöcht so - zärtlich z' tun!
    Als Muckerl der Herankommenden ansichtig wurde, rief er: »Grüss Gott, Mutter!
Gutn Abend, Sepherl!«
    »Je«, sagte die Helen, »Sepherl, was machst denn du da?«
    Was sie da mache? Sie, die da unterm Dach schwere Zeiten hat tragen helfen?
Und das fragt die, welche dieselbn herbeigführt hat und ihr jetzt bei gutem
Wetter wieder breit die Tür verstellt! Oh, wie das hochmütig und höhnisch war! -
Dafür nahm es die eifersüchtige Dirne, und ihrem Empfinden nach hatte sie recht;
Helene aber dachte nicht, dass so ein unbeholfenes, unschönes Ding sich einbilde,
man könne ihm ernstlich übelwollen oder überhaupt gegen es hochmütig sein. Sie
hatte, ohne eine Antwort abzuwarten, die Neckerei mit dem Burschen wieder
angehoben.
    Sepherl stemmte den einen Arm in die Seite und schüttelte den andern gegen
das Paar. »Galsterts nur nit gar soviel«, rief sie kichernd, »sonst habt ihr's
mit d' Bauern z' tun, dö brauchen hitzt schön Wetter, und wann Kaibeln raufen,
kimmt bald ein Regen!« Damit lief sie fort, und oft schlug sie mit der geballten
Rechten in die flache linke Hand und lachte: »Dösmal hab ich ihr's gebn! Ah, ich
lass mich nit feanzen! Dösmal hab ich ihr's ghörig gebn!« Zwar hat sich der
Muckerl auch ihre »spitze Red« gefallen lassen müssen, dem war nicht abzuhelfen,
aber rechtschaffen freuen tat es sie nur, der hochmütigen Dirn eins angehängt zu
haben.
    In ganz Zwischenbühel wunderte man sich darüber, »wie der Herrgottlmacher
mit der Zinshofer Helen so gschwind wieder übereins hat werden können«, und
besonderes Aufsehen machte es, »dass's den zwein Leuteln mitm Hochzeitmachen so
unmenschlich eilt«. Auch im Pfarrhofe kam die Rede darauf.
Die Zwischenbüheler Kirche war gar klein geraten, man hatte sie, seitab der
Strasse, auf den Hügel hingebaut, und eine ziemliche Anzahl niederer, breiter
Stufen, für altersmüde Beine vorgesehen, führten zu ihr hinan, und eine eiserne,
längs der Wand festgenietete Stange leitete die zitternden Hände.
    Rechter Hand umfriedete eine verfallene Bruchsteinmauer ein kleines
Grundstück, durch die schwarz angestrichenen Latten des Tores sah man
tiefgrünen, hügeligen Rasen, aus dem hie und da ein Kreuz ragte. Die Torflügel
standen halb zugelehnt, und zwischen den Gräbern graste eine braungefleckte Kuh,
sie beschnüffelte eben ein ganz verwittertes Blechschild, das einst jeden, der
sich aufs Lesen verstand, davon benachrichtigte, dass hier die Margarete Zauner,
genannt »Schluckaufgredl«, Kuhmagd beim Hochleitnerbauer, beerdigt liege. Die
kannte vielleicht bei Lebzeiten die Braungefleckte noch als Kalb.
    Linker Hand lehnte sich der Pfarrhof an das Kirchlein, klein und
unansehnlich wie dieses; zwei Fenster im Erdgeschosse und zwei im Stockwerke und
an Stelle des dritten, ober dem Tore, eine Nische, in welcher ein Heiliger
stand, von dem unter den ältesten Leuten im Dorfe die Sage ging, es wäre der
heilige Pamphilius gewesen, denn dermalen war das Steinbild durch langjährige
Unbilden des Wetters so mitgenommen, dass davon nicht mehr übergeblieben als eine
höchst fragwürdige Verallgemeinerung menschlicher Gestalt.
    Ein kleiner Hofraum, in welchem der Stall für die Braungefleckte stand, und
ein schattiges Gärtchen stiessen rückwärts an das Haus, dessen niedere Gemächer,
man konnte in jedem mit ausgereckter Hand an die Decke reichen, drei Personen
bewohnten. Die Stube unten, gleich neben dem Tore, war als Pfarrkanzlei
eingerichtet, und die anschliessende Kammer, mit den Fenstern nach dem Hofe,
hatte ein junger Hilfsgeistlicher inne; im Stockwerke waren diese Wohnräume
getrennt und mündeten Tür an Türe nach dem Gange; da hauste der Herr Pfarrer in
der Stube und die Pfarrköchin in der Kammer nebenan, aber in Zwischenbühel hatte
dessen niemand ein Arg, denn die Pfarr-Regerl war ein überjähriges, langes,
dürres Weibsbild; die Bauern meinten, vor der liefe der Teufel davon, wenn sie
ihm Karessen mache, und der höllische Erbfeind soll doch sonst nicht heikel
sein. Man sagte der Regerl nach, dass sie wie die »teuere Zeit« aussehe und der
Herr Pfarrer wie die »gute Stund selber«; er sah auch unter dem
kurzgeschnittenen, schneeweissen Haar mit dem gutmütigsten Gesichte in die Welt,
über dem zahnlosen, freundlich lächelnden Munde und den rot angehauchten
Bäckchen blinkten ein Paar klare, graue Augen, forschend und traulich, selten
sass davor, auf dem leicht gebogenen Sattel der Nase, die Brille mit der
Horneinfassung, meist schob sie der alte Herr nach der Stirne hinauf, da er
ihrer nur zum Lesen bedurfte. Von Gestalt war er ein kleines Männlein, kurz,
beweglich, nirgendwo lange standhaltend, was ja auch zu dem Vergleiche mit der
guten Stunde passte, wie jeder bezeugen wird, der eine solche einmal erlebt.
    Als vor ungefähr einem Jahre der hochwürdige Herr Leopold Reitler, Pfarrer
zu Zwischenbühel, merkte, dass ihm beim Schreiben manchmal die Hand versage und
er sich obendrein über einigen Vergesslichkeiten ertappte, da schritt er bittlich
um einen geistlichen Hilfsarbeiter ein, der ihm denn auch nach überraschend
kurzer Frist in der Person des hochwürdigen Herrn Kaplans Martin Sederl
zugeteilt ward.
    Der junge Kleriker war ein hoch aufgeschossener, derbknochiger Mensch, er
trug den Kopf, zu dessen beiden Seiten die Ohren fast platt anlagen, auf
vorgerecktem Halse, das kurze, braune Haar fiel ihm struppig in die niedere
Stirne, in seinem durch die vortretenden Backenknochen und derben Kinnladen
auffallend breiten Gesichte verschwand eine kaum nennenswerte Nase und trat
dagegen ein schrecklich grosser Mund hervor, dessen Lippen über einem Gebiss von
langen, stellenweise missfärbigen Zähnen fletschten, selbst die glänzenden
dunklen Augen machten keinen gewinnenden Eindruck, da er sie beständig rollte;
mochte er auch durch dieses unvorteilhafte Äussere gegen mancherlei Anfechtungen
gefeit sein, so förderte ihn dasselbe durchaus nicht in seinem Berufe und gab
erst vor kurzem den Anlass, dass er in der benachbarten Diözese, wo er in einem
grösseren Pfarrsprengel wirkte, das Opfer eines unverzeihlichen Missgriffes
geworden war.
    Ein Gutsbesitzer fühlte sich sterbenskrank. Für den Mann blieb sonst die
Kirche, wo sie war, nämlich zwei Stunden Weges seitab seiner Strasse; aber nun
gab er dem Andringen seiner Verwandten und Freunde nach und wollte sich, »der
Leute wegen«, die »letzten Tröstungen« gefallen lassen. Es wurde also nach der
Pfarre geschickt, und dort dachte man, es sei ganz gleichgültig, wen man
abordne; war der berüchtigte Freigeist unbussfertig, dann kam ihm keiner recht,
und wollte er sich wahrhaft bekehren, so war dazu jeder gut; es wurde daher ohne
weiters der Kaplan Sederl samt dem Kirchendiener in die Kutsche gepackt und an
Ort und Stelle spediert.
    Als der junge Mann allein an dem Sterbelager sass und sich mühte, dem flachen
Gesichte einen salbungsvollen, auferbaulichen Ausdruck zu geben, als er das
grosse Maul öffnete und in einem erschrecklichen Deutsch zu sprechen begann,
jeden einzelnen Vokal wie einen Doppellaut dehnend und mit Weiche und Härte der
Mitlaute ein bedenkliches Wechselspiel treibend, da geriet der Kranke in eine so
ausgelassene Heiterkeit, dass der Kaplan bestürzt und entrüstet die Flucht
ergriff. Wenige Tage darnach war der Gutsbesitzer auf dem Wege der Besserung,
aber in der Pfarrei vermochte man sich dieses medizinischen Erfolges auf Kosten
des teologischen nicht zu erfreuen, und man wäre den im Grunde ganz
unschuldigen Martin Sederl gerne losgeworden, hätte man nur gewusst, wohin mit
ihm; im Konsistorium, wo die Eingaben der beiden Pfarrämter zusammentrafen, ward
die eine durch die andere erledigt, und so kam der hochwürdige Herr Kaplan,
schneller als er und andere es dachten, nach Zwischenbühel.
    Da sass er nun in der dumpfigen Kanzleistube an dem verstaubten Amtstische
und las, da er sich vor Langweile nicht auswusste, die Eintragungen in den
Kirchenbüchern, was ihn allerdings längere Zeit beschäftigen konnte, da selbe
hundertfünfzig Jahre zurückreichten. Fliegen umschwärmten ihn, und wenn sich
eine oder mehrere auf seinem Kopfe tummelten und in dem steifen Haar verwirrten,
so schlug er mit der flachen Hand darnach; einem Statistiker würde es nicht
schwergefallen sein, durch Ermittlung der Ziffer des Prozentsatzes der Getöteten
einem Gesetze auf die Spur zu kommen, das, im Hinblick darauf, dass meist nur die
verbuhlten Individuen der Gattung diesem Verderben sich aussetzten und ihm
anheimfielen, einer sittlichen Basis nicht ermangelt hätte; aber der Kaplan
hielt wenig von den Wissenschaften, von der Statistik das allerwenigste, die
Geschicke der Menschen standen ja in Gottes Hand, und erschlagene Fliegen zählt
man höchstens, wenn es eine Wette gilt, wer mehr erschlüge.
    Er hob eben wieder die Hand, liess sie aber auf halbem Wege sinken, denn im
Flur wurden hastig schlurfende Schritte laut, die Türe öffnete sich, und der
Pfarrer schoss herein in die Stube.
    »Guten Morgen! Guten Morgen!« rief er dem sich erhebenden Kaplan zu.
»Bleiben S' sitzen, bleiben S' sitzen, lieber Sederl! Schau einmal« - er nahm
das lange Rohr seiner Pfeife aus dem Munde und deutete mit der Federspule nach
den auf dem Boden liegenden Fliegen -, »Sie sein ja so ein arger Fliegentöter,
wie der römische Kaiser Domitianus, von dem ein Höfling einm, der a Audienz
unter vier Augen wollt, gsagt hat, der wär allein, nit amal a Fliegn bei ihm.«
    »So weit hab ich es noch nit gebracht«, meinte der Kaplan, und wenn er
sprach, wie ihm der Schnabel gewachsen, so klang das ganz erträglich. »Seine
römische Majestät hat sie wohl bei geschlossenen Fenstern erschlagen.«
    »Hm«, der Pfarrer schüttelte den Kopf, »weiss nit, Fensterscheiben hat's
damal noch nit gegeben, Fliegengatter vielleicht -«
    »Er hat s' wohl mehr im Griff gehabt.«
    »So wird's sein«, lachte der alte Herr, schulterte sein Pfeifenrohr und
drückte die Asche im Tonkopfe mit dem Daumen zusammen, dann sog er an der
Spitze, um zu erproben, ob noch ein Stäubchen glimme; es bekam ihm übel,
verkohltes Gekrümel flog ihm in den Mund, er eilte zum Spucknapf und sprudelte
und spuckte. »Kreuzdividomini«, schimpfte er, »dass ich allweil vergess, dass aus
aus ist.« Er klopfte mit der Pfeife so energisch gegen das Fensterbrett, dass die
Tonscherben hinaus ins Freie sprangen. »Oh, Sakra hnein, jetzt is s' hin auch
noch!«
    Der Kaplan lehnte sich mit einem überlegenen Lächeln in seinem Stuhl zurück
und begann - vermutlich wähnte er, der Geist sei über ihn gekommen - in fremder
Zunge zu reden: »Här Bfarrer, Sie zaigen da eihnen so hibschen Zoornesaifer,
deer auhf gresere Dünge ankewahndt...«
    Der Pfarrer drehte sich auf dem Absatze nach dem Sprecher um. Er kniff die
Augen zusammen, als wolle er sich seinen Mann genauer betrachten. »Sein S'
gscheit? Sie werdn doch mir kein Predigt halten wolln, Herr Sederl? Wo wolln S'
denn hnaus damit?«
    Sederl vermied das ihm abträgliche Hochdeutsch, als er fortfuhr: »Nehmen S'
's nit übel, ich bin jetzt lang genug um Sie, seh, dass Sie das Zeug dazu hätten,
so recht dareinzuteufeln, aber Sie erhitzen sich über Kleinigkeiten, statt ...«
    »Das is a Fehler«, fiel ihm der Pfarrer eifrig ins Wort, »ein leidiger
Temperamentsfehler, da habn S' vollkommen recht, mein lieber Sederl! Sooft mir
so ein verluderter Ausdruck hrausfahrt, reut mich's und bitt ich unsern
Herrgott, dass er mir d' Sünd verzeiht, und schäm mich nit wenig, mich alten -
mich alten Menschen über so einer Ungebühr zu ertappen, wogegen ich jahraus und
-ein 'n Bauern gute Lehren geb! Nun, Sie habn gsehn, das vorhin war wegn der
verhöllten Pfeifen, das is mein Schaden gwest, den ich durch mein Zornmütigkeit
nur grösser gmacht hab, dass ich mich aber einmeng und dadurch etwa ein fremden
vergrösser, da werd ich mich hüten; überhaupt, Gott dienen und Dreinteufeln,
stimmt mir nit. Doch weil wir just auf dem Gegenstand sein, reden wir sich aus!
Sie sind noch jung, Herr Kaplan, und können zulernen, und ich bin nit zu alt,
mich aufklären zu lassen. Reden wir sich aus! Wo nachher, meinen S' denn, dass
'sselbe Dreinteufeln am Ort wär?«
    »Der Johann Nepomuk Kleebinder und die Helene Zinshofer haben das einmalige
Aufgebot erwirkt und können in wenig Tagen über Hals und Kopf in den heiligen
Ehstand treten.«
    »Wohl!«
    »Nach dem Gemunkel und Gered der Leute dürfte aber eine Entwürdigung des
Sakramentes dahinterstecken, die für die Gemeinde vom übelsten Beispiel sein
könnte.«
    »Versteh, versteh Sie vollkommen, Herr Kaplan. Aber auf Dürfen und Können
können und dürfen wir nichts geben. Wo Sie fürchten, in Schmutz zu greifen, da
halten S' als reinlicher Mensch die Händ davon. Alles Gred und Gmunkel hat nicht
Hellers Wert für mich, erst wenn sich dessen volle Wahrheit im Beichtstuhl
erweisen sollt, tritt die Frag an mich heran, wie wohl das räudige Schaf am
heilsamsten zu behandeln wär, ob ich 'n Stab Wehe oder 'n Stab Sanft dazu aus 'm
Winkel langen soll, und bitte, Herr Kaplan, bitte, sich eben just da an meine
Stell zu versetzen. Was würden Sie tun? Würden Sie durch ein besonderes
Veranstalten, und wär's auch nur durch ein Verdonnern in der Amtsstube, wo jeds
horchen herzurennt, das in der Näh weilt, würden Sie durch so was Vergehen, die
schon unters Beichtsiegel gnommen sind, 'n Leuten zu vermerken geben? Wollen Sie
die Gfallnen, statt sie aufzurichten, tiefer niederducken und die andern drüber
wegsteigen lassen und in ihrer Schadenfreud und Hochmütigkeit bestärken? Wollen
Sie einm Gschöpf, das die Unsauberkeit, in der 's bisher gsteckt hat, mit einmal
inne wird und sich rechten Wegs besinnt und voll Angst und Verzagteit auf selbm
hinflücht, denselbigen verlegn und erschweren? Wolln Sie das?« Er machte dabei
mit dem Pfeifenrohre einen Ausfall gegen den jungen Kleriker und traf mit der
Federspule dessen zweiten Rockknopf.
    Der Kaplan knickte, beide Hände vorstreckend, in dem Stuhle zusammen, als ob
ihn der Stoss niedergeworfen hätte. »Mein Gott, nein«, sagte er.
    »Ich denk selber, dass Ihnen dazu 's Herz versaget«, fuhr der Pfarrer fort.
»Schaun S', Hasen vom Kohl scheuchen und Gäns in Stall treiben, is halt
zweierlei! Um von üble Vorsätz abzschrecken, mag's schon taugn, ein rechten Lärm
z' schlagen, aber 'm Gschehnen gegenüber richt mer mit alle
Himmelheiligkreuzdonnerwetter nix, und wann einer da werktätig Reu bezeigt, so
muss ich trachten, dass ich ihn bei gutm Mut und Willen erhalt! Die Leut sündigen
oft in aller Unschuld, will sagen aus purer Dummheit, Bosheit liegt ihnen fern,
und 'm Dolus fragt selbst die irdische Gerechtigkeit nach. Nun mag's in dem Fall
mit der Braut schlimm gnug bestellt sein, aber 'n Umständen nach is es
ausgeschlossen, dass das 'm Bräutigam verborgen bleibt, und der is ein braver
Bursch, und wenn der 'n Mantel der christlichen Nächstenlieb über 'n Schaden
breit, soll ich 'n nachher aufdecken? Soll ich die Dirn, die sich grad noch
rechtzeit, bevor sie sich verloren gibt, auf Zucht und Ehrbarkeit zurückbesinnt,
hart anlassen und machen, dass s' auch nur für ein Augenblick ihre guten Vorsätz
bereut?« Er reckte die Hand empor und schüttelte mit den gespreizten Fingern.
»Ah, nein, nein, mein Lieber! Ich weiss zu gut, was so eine zrückgtretene Reu
stiften kann, das is wie bei einm Ausschlag, und die Folg möcht ich nit auf mein
Gwissen nehmen!«
    »Ich ja auch nit«, seufzte der Kaplan.
    »Und was Sie von einm üblen Beispiel und Entwürdigung reden, trifft auch nit
zu. So ein ledigs Zsamm- und Auseinanderlaufen findt mer, leider Gotts, gnug da
herum in der Gegend, und in dem liegt 's üble Beispiel, nit an denen, die 'n
kirchlichen Segen ansuchen. Es kann auch von keiner Entwürdigung des Sakraments
die Red sein, denn dem der Eh geht, wie wir wissen, das der Buss voran, auf alle
Fälle treten also beide Teile rein vor 'n Altar hin; ins Herz vermag ich keinm
z' schaun; steckt noch in irgendeinm Falterl ein Schmutz vom Vorhergegangnen,
oder nimmt eins die aufzuerlegende Pflicht nit ernst gnug, so hat das jeds mitm
Herrgott allein auszmachen, und dessen is, wie gschrieben steht, das Gericht;
wir sind nur seine Gnadnverwalter, und die habn wir auszteilen, wie ich mein,
nach der Vorschrift, nit gepfeffert und nit überzuckert.«
    Der alte Herr hatte das Pfeifenrohr an den Enden angefasst und wiegte mit den
Armen, jetzt machte er einen heftigen Ruck, dass es sich bog, »knack«, sagte es;
er schlug ärgerlich die beiden Stümpfe gegeneinander, schleuderte sie dann nach
einer Ecke und bewegte die Lippen, da er sich aber nichts verlauten liess, so mag
es dahingestellt bleiben, ob er nicht etwa im stillen, ganz für sich, einen
»verluderten Ausdruck« gebrauchte.
    Er warf die Hände über den Rücken, machte ein paar Schritte, räusperte sich
und hob wieder an: »Ja, mein lieber Herr Sederl, Sie kennen halt die Menschen
noch viel zuwenig und gar erst die Leut, die Leut! Man nennt uns nit umsonst
Seelenärzt, wenn auch neuzeit gesagt wird, Seel hätt der Mensch gar keine, das
is Wortfechterei und Silbenstechen; der Mensch hat so was wie eine Seel, das sag
ich allen gelehrten Herren zu Trutz, ich, der ich jetzt meine guten dreissig Jahr
dasitz auf einer und der nämlichen Pfarr und alle meine Patienten vom ersten bis
zum letzten, vom ältesten bis zum jüngsten genau kenn! Der Mensch hat eine Seel,
die ihm im gsunden Körper verkümmern und übern siechen hinauswachsen kann, ein
Ding, das z' tiefinnerst uns per du anredt, und wann das sagt: 'Du Halunk', so
gebn wir uns bei alln Reichtümern und Ehren der Welt nit zfrieden, und wann es
sagt: 'Du braver Kerl', so halten wir getrost aller Verleumdung und Verfolgung
stand. Wenn aber Gottlosigkeit und Zweifel, eigene oder fremd woher, der Seel d'
Red verschlagen, so wird sie krank, und wir haben dann die Wahl, wie wir ihr
Luft machen wollen, durch die Furcht vorm Teufel und der Höll oder durch d'
Hoffnung auf Gottes Erbarmung und das Himmelreich, und da weiss ich's nit anders,
als dass der Mensch die Erbarmung sucht; der Sündigste verstockt und verhärtet
sich gegen die Furcht, aber die Zeit und die Stund kommt, und wär's seine
letzte, wo er sein Ohr der Botschaft von der Gnad und Erbarmnis Gottes zuneigt.
Paarmal schon bin ich an die Sterbebetten von Erzhalunken grufen worden und
hätt, lieber als nit, gleich nach 'm Sündenbekenntnis davonrennen und sie allein
liegen lassen mögen, aber wann s' mich angschaut habn mit Augen wie ein
winselnder Hund an der Ketten, der 'n Bauer mit 'm Tremmel herzukommen sieht,
ja, du mein Gott, da hab ich alln Trost, mag er gschrieben stehn oder nit,
aufgewendt, dass ich ihnen über ihr letzte Not hinweghelf. So was will
durchgmacht sein, von dem Augenblick an, wo man sich aus hellem Mitleid um so
ein verlornen Menschen zu ängstigen anhebt, bis dahin, wo einm mit einmal hart
und leid um ihn gschieht, bis zletzt, wo man sich zugleich mit ihm beruhigt und
in selbem gott- und weltergebenen Frieden, wie er von der Erd, aus 'm Haus
scheidt. Sederl! Solche Wunder der Barmherzigkeit muss man erlebt und Gott die
Ehr dafür gegeben haben, dann entschliesst man sich wohl zur eindringlichen
Vermahnung, zum aufmunternden Zuspruch, aber aufs Dreinteufeln gibt man nit so
viel.« Er schnippte mit den Fingern.
    Der Kaplan sah aus dunkelrotem Gesichte mit leuchtenden Augen nach dem
Pfarrer. Er erhob sich und streckte ihm die Hand hin. »Verzeihen S'«, flüsterte
er.
    »Ah, gehn S' mir weg, da gibt's nix zu verzeihen! Sie sind hierorts mein
Assistent, als solchen kann ich Sie nit auf eigene Faust herumdoktern lassen und
muss Sie wohl über mein Metod, die sich d' Jahr her bewährt hat, aufklärn, so
wie ich drauf schaun muss, dass Sie erst mit unsere Patienten vertraut werden. Es
is gar eigen und merkwürdig mit 'm Volk.« - Er wiegte nachdenklich den Kopf. -
»Stelln S' Ihnen vor, was die letzten Tröstungen anlangt, passiert's mehrfach,
dass einer, in dessm Herzkammerl es unsauber gnug ausschaut, sich steif und fest
'n Himmel erwart, während ein alts, fromms Mütterl, was nie keiner Fliegn ein
Leid angtan, die Höll fürcht, wie nit gscheit. Es is mir unerklärlich, aber es
hat ganz 's Ansehen darnach, als wär bei solchn Leuten, die doch nit davon
glesen noch ghört habn, von selber der Gedanken erwacht, dass Gott von allm
Vorhinein, ohne dass durch 's Menschen eigenes Dazutun dran was z' ändern stünd,
ein Teil zur Seligkeit und 'n andern zur Verdammnis bestimmt hätt!«
    Der Kaplan machte den Versuch, Runzeln zu ziehen, was aber nicht gelang, da
sich die Haut über seine niedere Stirn glatt wie ein Trommelfell spannte.
»Ärlauhben, woo aaber füntet sihch teer Getange?« fragte er, erregt und -
hochdeutsch.
    Der Pfarrer sah ihn mit hoch gehobenen Augenbrauen erstaunt an. »Im heiligen
Augustin«, antwortete er, »wenn anders mein Gedächtnis im Behalten nit schwach
gwordn ist.«
    Sederl sah vor sich hin, er stemmte die Fingerspitzen gegeneinander und
drückte langsam Handfläche an Handfläche. »Verzeihen S'«, murmelte er, »'s
meinige hatte mich für'n Augenblick verlassen. Übrigens ist diese Meinung ...«
    »Nur spekulativ, wie es mehr oder weniger alles is, was in Glaubenssachen
übers Credo hnausgeht. Ich hab's nur vorgebracht, weil's mir z' Anfang meiner
Seelsorg viel z' denken geben hat, und ich war damal der Meinung, solche
Anschauungen unter 'n Leuten hätten ihrn Grund in der Übermütigkeit der einn,
denen ihr Lebn lang alls Gute zugflossen is, ohne dass sie ein Finger darnach
auszurecken brauchten, und in der Verzagteit der andern, die von der Wiegn an
alls Elend verfolgt hat. Mag schon was Wahrs dran sein, aber für alle Fälle
wollt's nit ausreichen, und bei näherm Zusehen bin ich auf welche getroffen, die
'n Katechismus mit gar eigene Augen lesen und für d' Gebote Gottes und die
Vorschriften der Kirche völlig farbenblind sein; mit solchen hat mer erst a
hells Kreuz, ob s' d' Gnad Gottes mitm irdischen Wohlergehn, die Andachtsübungen
mitn guten Werken verwechseln oder anderswas anderswie, das is ein Teufel. Und
soviel ich bisher Glegenheit ghabt hab, die Dirn, über die wir 'n Dischkursch
führn, zu beobachten, scheint mir, die is eine von derer Gattung. Na, wann s' dö
Tag zur Beicht kommt, hörn S' ihr s' ab, Herr Kaplan! Sie können dabei was
lernen.«
    »Gerne.«
    Es pochte, ein halbwüchsiges Dirnchen schlüpfte zur Türe herein, drückte mit
einem Stosse seiner Rückseite sie wieder ins Schloss, lief dann auf beide
Geistlichen zu und küsste ihnen die Hände.
    »Ah, du bist's, Hannerl?« fragte der Pfarrer, die Kleine in die pralle Wange
kneipend. »Kann mir's denken, warum d' herlaufst. Hat gwiss der Storch schon a
Gschwisterl gbracht?«
    Das Kind nickte.
    »Is 's a Brüderl?«
    Das Kind schüttelte den Kopf.
    »Ein Schwesterl also. Sollst wohl d' Tauf ansagn?«
    Die kleine Dirne nahm jene schwermütige, einfältige Miene und summende,
klagende Sprechweise an, welche sie den Erwachsenen bei Beileidsbezeigungen
abgelauscht hatte. »'s Kindl bleibt uns nit, drum is d' Hebmutter mit der
Nachbarsliesel als Gödin hraufgrennt, dass's nur gleich gtauft wird. Sie warten
in der Kirchen.«
    Der Pfarrer stürzte aus der Stube und lief kopfschüttelnd nach dem
Gotteshause, um ein Wesen in die christliche Gemeine aufzunehmen, das, ohne in
einer Wiege gelegen zu haben, in den Sarg gebettet werden sollte.
Der Kleebinder Muckerl und die Zinshofer Helen waren von der Kanzel geworfen
worden. Am darauffolgenden Nachmittage stieg die Dirne die breiten Stufen zur
Kirche hinan, langsam, mit gesenktem Kopfe; oben angelangt, wandte sie sich nach
links und schritt dem Pfarrhause zu. Dort stand sie eine Weile unschlüssig vor
der Türe der Kanzleistube, dann pochte sie leise, auf den Zuruf von innen fasste
sie mit unsicherer Hand an die Klinke und trat ein.
    Hinter dem Schreibtische sass der Kaplan, den Kopf über einen mächtigen
Folianten geneigt, sie sah nichts von ihm als seine grossen Hände, mit denen er
die Deckel des Buches umklammerte, und seine Schädeldecke mit dem struppigen
Haar, in dessen Mitte ein kahler Fleck, die Tonsur, glänzte.
    »Gelobt sei Jesus Christus«, sagte sie.
    »In Ewigkeit!«
    Ein Schwarm von Fliegen surrte an ihr vorüber. Sie wehrte einige ab und sah
zu, wie sie sich jagten, zerstreuten und mählich an verschiedenen Stellen wieder
zur Ruhe kamen; dann flüsterte sie: »Hochwürden ...«
    »Was gibt's?« fragte der Geistliche, ohne aufzublicken.
    »Ich bin d' Zinshofer Helen - die Braut -«
    »Weiss es.«
    »Da wär ich halt und tät gern beichten.«
    »Jetzt gleich?«
    »Wenn's sein kann und ich nit unglegen komm, Hochwürden, wär mir's lieber,
jetzt gleich.«
    Der Kaplan nickte, schob das Lineal als Lesezeichen zwischen die Blätter,
klappte das Buch zu und erhob sich. Erst jetzt, wo er vor der Dirne stand,
richtete er seine unsteten Augen auf sie, sie blickte ihn schüchtern an, da
senkten beide die Wimpern und sahen, wie zuvor, nach der Diele.
    Der Ton der Stimme klang rauh und die Rede unfreundlich, als der Kaplan
sagte: »Geh Sie voraus in die Kirche, sammle Sie sich noch ein wenig, ich komme
gleich nach.«
    Als sie allein in die leere Kirche trat und selbst ihr leiser Tritt auf den
Steinfliesen einen Hall weckte, der in den hohen Gewölben zitternd, wie klagend,
erstarb, da blickte sie scheu um sich, atmete schwer auf und presste beide Hände
an das Herz.
    Der junge Priester ging an ihr vorüber nach der Sakristei. Er legte sich
selbst die Alba, das weisse Chorhemd, an, hing sich die Stola um und setzte das
Käppchen auf, dann begab er sich in den Beichtstuhl; das Taschentuch in seiner
Linken hielt er vor das Gesicht, mit der Rechten machte er das Zeichen des
Kreuzes über die Dirne und neigte das Ohr seitwärts nach dem Gitter, hinter dem
es nun zu wispern und zu flüstern begann. - -
    Das Tuch ist ein notwendiges Requisit. Die Augen hält der Priester
geschlossen, die verraten nichts, die untere Hälfte seines Gesichtes aber deckt
das Tuch; gut, wenn es nichts zu verhüllen hat als etwa das Lächeln über naive
Geständnisse kindlicher Seelen und nicht das starre Erstaunen, das jähe
Erschrecken, den fröstelnden Ekel über ungeahnte Laster, Missetaten und
Gemeinheiten.
    Bei seinen bisherigen Beichtkindern hätte Kaplan Sederl allerdings des
Tuches nicht bedurft. Man hatte ihm jene alten Frauenzimmer zugewiesen, die
ihres chronischen Seelenleidens halber allwöchentlich in die Kirche gelaufen
kamen und manchen wackern Priester ärgerten; ferner musste er aushelfen, wenn man
die Schulkinder zur österlichen Beichte führte. Die Sündenbekenntnisse, welche
er zu hören bekam, waren daher keineswegs aufregender Natur, er war aber auch
anderseits ein sehr ernster Mann, der kein Geständnis leichtzunehmen vermochte
und jedes in aller Weit- und Breitschweifigkeit behandelte, darum drängten sich
die alten Weiber an ihn heran, während Knaben und Mädchen, nur vom Lehrer
hingewiesen, sich vor seinem Beichtstuhle anreihten und, wenn es irgend anging,
sich sachte wieder davonstahlen; es galt für eine Art Schulstrafe, bei Kaplan
Sederl beichten zu müssen.
    Was sich nun aber hier, wo er zum ersten Male in der kleinen Dorfkirche zur
Beichte sass, an die vorgeschriebene Reue- und Leiderweckung anschloss, war nicht
das herabgeleierte, aus dem Beichtspiegel« zusammengesuchte Geständnis eines
Kindes, nicht das selbstquälerische, von Seufzern begleitete Geschwätz einer
hysterischen Alten, es war das Bekenntnis eines reifen Wesens, das sich bewusst
war, gesündigt zu haben, eine Selbstanklage, die in allen Punkten zu Recht
bestand und, obwohl stotternd, doch im Tone trockenster Aufzählung vorgebracht
wurde.
    Heiss und kalt überlief es den jungen Geistlichen. Ihn empörte diese von
keiner Regung der Scham begleitete Aufdeckung moralischer Gebreste und Schäden,
er vergass, dass die Vorschrift dem Beichtkinde auftrug, sich dem Beichtiger
gegenüber von der Scham nicht beeinflussen zu lassen. Zum ersten Male hatte er
Gelegenheit, in die Tiefen eines menschlichen Herzens zu blicken, und er fand da
nicht Verlass noch Treue, ohne dass er ahnte, wie wenig überhaupt davon in der
Welt vorkam und fortkam und, schon als zarter Schössling roh unter fremde Füsse
getreten, mit eigenen Händen, leichtfertig oder verzweifelnd, ausgerauft wurde,
da es ja doch keinem zu Nutz noch zu Genuss gedieh.
    Er liess die Hand mit dem Tuche sinken, mit zornigen Augen sah er durch das
Drahtgeflechte des Gitters und begann zu eifern.
    Damit hatte er es versehen, und doch machte dieses Versehen die Beichte ihm
lehrreich und verhalf ihm zu einem der bleibendsten Eindrücke in seiner
Erinnerung.
    Helene starrte ihn erst erschreckt an, dann begannen sich ihre Augen mit
Tränen zu verschleiern. In stammelnder Erregung brachte sie Aufklärungen und
Erläuterungen über ihr Tun und Lassen vor, durch welche dasselbe entschuldigt
werden, in milderem Lichte erscheinen sollte, immer aber fand sie sich zuletzt
einem schlechten Willen, einer sträflichen Schwachheit gegenüber, denen sie
nachgegeben hatte, welche ihr selbst unerklärlich waren und nun geradezu wie
Eingebungen des Bösen erschienen. Jammernd rang sie die Hände, brach in ein
krampfhaftes Schluchzen aus und stiess sich die Stirne an dem geschnitzten Zierat
des Beichtstuhles blutig.
    Da überkam, jäh wie eine Offenbarung, den jungen Priester die Erkenntnis,
warum der, an dessen Statt er nun des Amtes zu walten vorgab, nicht jene, die
vertrockneten oder reinen, unberührten Herzens auf den Höhen des Lebens
wandelten, zu sich berufen hatte, sondern die der Führung und des Trostes
Bedürftigen, die Kinder, die Mühseligen und Beladenen und die Sünder, und warum
die alte Welt bis in ihre Grundfesten erschüttert wurde durch die neue
Botschaft, welche an Stelle des starren Gesetzes die Liebe, an Stelle der Strafe
die Gnade zu setzen verhiess.
    Und nun begann der Kaplan beruhigend und tröstend zuzusprechen, und je
leiser das Stöhnen der vor ihm Knienden wurde, je mehr ihre geknickte Gestalt
sich aufrichtete, je inniger und vertrauender ihr Blick auf ihm haftete, je
überzeugender und eindringlicher ward seine Rede, und nie hatte er, so ganz
eingedenk ihres Gewichtes, die Lossprechungsformel feierlicher und andächtiger
ausgesprochen.
    Als er aus dem Beichtstuhle trat und das junge, schöne Weib zu ihm aufsah
mit dem bleichen, reglosen, frommen Antlitze, da meinte auch er sagen zu dürfen:
»Wer sich rein fühlt, der werfe den ersten Stein auf sie! Gehe hin und sündige
nicht mehr!« Mächtig hob sich seine Brust. Er reckte sich empor. Heiliger Ernst
lag über seinen Zügen, und aus seinen Augen blickte eine milde und gelassene
Ruhe, als sähe er die Dinge in dem Lichte einer weltentlegenen Sonne, in all
ihrem dürftigen Scheine und ewigen Wandelbarkeit. Zu der Stunde war dieser
hässliche Mensch schön; schön, wenn es je eine durchgeistigte Form über eine
leere vollendete davontrug.
    Er trat an die Dirne heran. Die Worte seines Herrn und Meisters zu
gebrauchen schien ihm doch eine Entwürdigung. Er berührte flüchtig mit der Hand
ihren Scheitel und hiess sie mit leiser Stimme aufstehen und gehen.
    Helene raffte sich rasch auf und lief nach der Kirchenpforte, der Kaplan
schloss hinter ihr ab, begab sich in die Sakristei, wo er hastig seinen Ornat
ablegte und dann durch ein kleines Pförtchen hinaus ins Freie trat.
    Es begann zu dämmern.
    Hinter der Kirche lief durch dichten Busch ein schmaler Pfad, wenige
Schritte lang, bis zur Ecke der niederen Friedhofmauer, dort lehnte sich der
junge Geistliche an das Gestein und sah über die Ruhestätte der Toten hinweg, in
die Ferne. Einzelne Sterne blinkten dort über den Hügeln.
    Und dort in unermessenen Weiten, dahinter dem allem, wo kein Stern mehr
kreist, waltet, was die Myriaden Stäubchen aufleuchten, erglühen, wirbeln macht,
alle zu sich emporzwingt, und zu dem aller Staub aufstrebt, der tote wie der
belebte - jene alleinige Kraft und Macht, die auf öden Gestirnen die Steine
klingen lässt und auf bewohnten den Hall atmender Kehlen weckt und die
unmittelbar an uns rührt, wenn Hohes, Hehres, Gewaltiges uns in erschauernder
Seele erfasst, von dem wir nicht wissen, woher es uns komme, nur, dass es nicht
des Staubes ist!
    Aus solch innerster Lohe brach wohl die heilige Flamme der Offenbarung
hervor, und für den, der getreulich ihre Wärme und Segnungen spendet, kommt die
Stunde, da ein Funke ihrer Glut in seinem Herzen anglimmt und er sich einen Teil
jener all-einen Kraft fühlt!
    Der junge Priester breitete die Arme gegen den Himmel; da raschelte etwas
zwischen den Gräbern, eine Maus oder eine Eidechse, er schrak leicht zusammen
und sah eine Weile nach dem welligen Rasen hinüber, dann faltete er die Hände
und senkte demütig das Haupt.
    »Dem Herrn allein die Ehre und mir den Frieden des Wandels nach seinem
Worte.«
    Ach, nur selten sind jene Augenblicke überwältigender Begeisterung, in denen
der Mensch gleichsam einen Weg aus sich heraus und über sich hinweg findet!
Rasch zerrt das Alltägliche ihn wieder an sich und stopft ihn unter den
gewohnten Hausrat, der fast zu einem Teil des Selbst geworden ist, und je
niedriger ein Gerät, um so aufdringlicher erscheint dessen Dienstleistung; es
ist, als ob dasselbe spöttisch kicherte: Euer Herrlichkeit geruhten ein wenig
Gott zu spielen, haben aber darüber meinen Gebrauch doch nicht verlernt.
    Schon am nächsten Nachmittage stak der Kaplan wieder in der dumpfigen
Amtsstube. Vor der Türe derselben stand lauschend der Pfarrer. Von Zeit zu Zeit
schallte innen ein klatschender Klaps. Als es dem alten Herrn zuviel ward,
polterte er lachend hinein. »Lieber Herr Sederl, nein, das kann nit weiter so
fortgehen, die Verantwortung nähm ich nit auf mich. Sie legen ja förmlich Hand
an sich! Gleich morgen früh schick ich zum Kramer um ein Fliegnpapier, wolln
hoffen, dass mer bei dem Spitzbubn ein echts kriegt und wir die Racker loswerdn,
denn wenn wir's mitm draufgstreuten Zucker nur füttern möchten, dann hättn mer
uns rein noch welche dazukauft.«
    Helenens Schreck im Beichtstuhle war ein aufrichtiger, der Ausbruch ihres
Jammers kein gemachter, berechneter. Sie fürchtete eine Verweigerung der
Absolution, eine entehrende Blossstellung vor den Leuten oder irgendein anderes,
sie wusste selbst nicht, was, das ebenso all ihre Aussichten und Pläne für die
Zukunft zernichten konnte. Sie vermochte auch auf dem Heimwege ihrer Aufregung
noch nicht Herr zu werden und gelobte dankbaren Herzens, sich von Zeit ab brav
und rechtschaffen zu halten, »weil nur diesmal alles gut ausgegangen«.
    Zur Stunde aber, wo Kaplan Fliegentöter vom Pfarrer überrascht wurde,
musterte sie ihren Brautstaat, der über ihrem Bette ausgebreitet lag, und
trällerte dabei und sang Schnadahüpfeln:
»Kein Katz, was nit maust,
Kein Spatz, was nit fliegt,
Kein Bäurin, was haust
Und 'n Mon nit betrügt.«
Das war gestern eine Beicht gewesen! Ei, wohl, eine schwere, harte Beicht. Gott
sei Dank, dass es überstanden war!
    Der alte Pfarrer kannte seine Beichtkinder und war überzeugt, dass einige von
ihnen nur durch geänderte Verhältnisse, in die sie sich wohl oder übel schicken
mussten, zur Vernunft zu bringen wären, darum sah er es wohl auch gerne, wenn die
Zinshofersche Dirn unter die Haube kam, und darum sagte er bezüglich jener
Beichte - da ihn ein leises Misstrauen gegen einen beidteiligen, nachhaltigen
Erfolg derselben beschleichen mochte - zu dem Kaplane: Sie können dabei was
lernen!
    Damit behielt er recht.
 
                                      XIV
Wenige Tage vor der Hochzeit Muckerls mit Helenen legte sich die alte
Kleebinderin krank zu Bette. Es bot dies willkommenen Anlass, jede lärmende
Feier, welche leicht zu bösartigen Spässen und gehässigen Ausschreitungen
Gelegenheit geben konnte, zu unterlassen und sich mit einer stillen Trauung zu
begnügen, ohne dass es aussah, als ob man sich durch Furcht vor den Leuten
einschüchtern und im freien Willen beschränken liesse.
    Freilich fiel es dem jungen Weibe hart, so ohne Sang und Klang in sein neues
Heim ziehen zu müssen. Helene hätte eher allem Spott und Hohn getrotzt als auf
etwas verzichtet, das sie in eigenen und fremden Augen gegen andere
Hochzeiterinnen zurückstehen liess, da es sich aber schickte, dass sie sich mit
der Lage ganz in der Weise abzufinden hatte, wozu jede andere der gleiche Fall
verpflichtete, so war sie heimlich darüber froh.
    Am Abende des Hochzeitstages eilte sie hinüber nach ihrer Hütte, ihr
»Sacherl« - wie sie ganz freimütig eingestand - »zurückzuholen« in das Haus,
woher es gekommen.
    Die alte Zinshofer sass nachdenklich und gedrückt auf der Gewandtruhe, sie
hatte den einen Arm über das nicht allzugrosse Bündel gelegt, Helene zog ihr
dasselbe darunter hinweg und sagte, in der Stube herumblickend: »Schau, jetzt
hast 'n ganzen Raum für dich; wird dir auch wohltun. Gute Nacht!«
    Mit diesen Worten verabschiedete sie sich von der Stätte ihrer Kindheit und
von der Mutter.
    Vom nächsten Morgen an schaltete sie im Kleebinderischen Heimwesen. Sie
fragte nicht nach, wie die Schwiegermutter es bisher mit manchem gehalten habe
und wohl auch fürder damit gehalten wissen wollte; die arme Alte aber, die siech
darniederlag, konnte sich nicht einmengen, wenn sie auch gewollt hätte. Kam die
Zinshofer mit unerbetenen Ratschlägen, so wurde sie von der jungen Kleebinderin
zum Hause hinausgescholten, wofür die gekränkte Mutter dem ungeratenen Kinde die
Strafe Gottes in Aussicht stellte; doch liess der Himmel in bekannter Langmut den
unkindlichen Frevel »aufsummen«, obwohl die Alte allwöchentlich mindestens
einmal zeternd und belfernd von der Jungen hinweglief.
    Des Holzschnitzers Mutter, das arme, kranke Weib, war nun freilich
ausserstande, das Haus zu verlassen, auch machte das schwere Siechtum sie anderen
Sinnes; sie wollte in der Hütte sterben, in der sie die längste Zeit ihres
Lebens verbracht, sie wollte in ihren letzten Tagen ihr einziges Kind um sich
haben, wie nah es ihr auch ging, dessen Neigung mit einer anderen teilen zu
müssen, und mit welcher anderen! Sie misstraute derselben, ja, sie bangte, »weil
sie so gar elend und unnütz herumläge«, dass das junge Weib sie dem verliebten,
nachgiebigen Manne ganz entfremden und verleiden könne, und sie glaubte vorbauen
zu müssen und sagte oft, ohne eigentlichen Anlass: »Wenn ich merken tät, dass ich
da im Haus zur Last fall, ich ging gleich, mich sollt nix halten.«
    Daraufhin blickte der Sohn sie jedesmal mit grossen, bittenden Augen an, aber
er blieb stumm; dass ihn irgend etwas von seiner Mutter zu trennen vermöchte,
schien ihm so ganz undenklich, dass es ihm zu einer Entgegnung an Worten gebrach,
und so unterblieb auch jede Beteuerung seiner unveränderten Kindesliebe, nach
welcher die arme Kranke wohl erwartend hinhorchte und die sie ihm, sich zur
Tröstung und Beruhigung, von der Zunge lösen wollte. Es war aber noch ein
anderes, das ihm die Kehle zuschnürte; er merkte die Eifersucht zwischen der
alten und der jungen Frau, und da doch an beiden sein Herz hing, so hielt er es
für überflüssig, der einen in Gegenwart der andern gute Worte zu geben, und
vermied es des lieben Hausfriedens willen.
    Ob Helene den Einfluss ihrer Schwiegermutter fürchtete oder nicht, davon war
sie überzeugt, dass diese nicht gut auf sie zu sprechen war, und verliess daher
nur selten und auf kurze Zeit das Haus, »um der Alten nit Gelegenheit zu geben,
's Maul auszuleeren und hinterrücks zu schimpfen und zu hetzen«.
    War aber das junge Weib auswärts, dann legte Muckerl sein Werkzeug aus der
Hand und ging hinüber in die Kammer zur Kranken. Mit Schrecken betrachtete er
den unförmlichen, von der Wassersucht entstellten Leib, die abgezehrten Arme der
hilflos Darniederliegenden. Er zog sich einen Stuhl an das Bett, erfasste die auf
der Decke liegende knöcherne Rechte und hielt sie, bis er die trockene Hitze
derselben quälend empfand und sie sachte freigab. Dann hätte er oft gerne beide
Hände vor das Gesicht geschlagen und laut aufgejammert, aber er wollte es ja der
armen Alten nicht merken lassen und sich selber des Gedankens erwehren, wie
schlimm es um sie stünde.
    Im Monate August war es, an einem Nachmittage, heiss und stille rings, als
ruhte die Welt, durch Arbeit ermüdet, als hätte sich die Sonne im Wärmen und
Leuchten, die Geschöpfe und Pflanzen im Regen, Bewegen und Wachsen übernommen.
Muckerl steckte den Kopf zur Kammertüre hinein. »Die Leni is fort«, sagte er,
»da muss ich doch gleich dir nachschaun, dieweil die nit eifern kann, du bist ja
wohl mein zweiter Schatz.«
    Die Kranke lächelte nicht wie sonst dem Eintretenden zu, ihre Augen glänzten
feucht, das Gesicht war fahler, sie schien erregt.
    »Wie geht's denn, Mutter?« fragte er, näher hinzutretend.
    »Wie soll's gehn?« murmelte sie. »Nit gut, wie immer, wo's afs End zugeht.«
    Er schüttelte den Kopf.
    »Beutel 'n Kopf nit, Muckerl, 's is doch so, und daran is nix zu ändern.
Freilich wohl, dich wird's schmerzen, armer Bub, ich weiss, ich weiss ja, dafür
kenn ich dich; sein ja auch lang gnug zusammengwest, die Täg zähln wir wohl
leicht an 'n Fingern her, wo wir uns einmal ausn Augen warn. Aber andern wird
just nit viel dran glegen sein.«
    »Red nit so, Mutter. Wer könnt dir 'n Tod wünschen?«
    »Ich muss dir nur sagen, Muckerl, leichter käm mich 's Sterben an, wann die
Heirat nit gwest wär; aber 's Menschen Will is sein Himmelreich, du warst alt
gnug, den dein zu habn, so wollt ich mich nit einmengen, obwohl mir's von allm
Anfang an nie recht war.«
    Der Holzschnitzer blickte zu Boden.
    Die Kranke holte tief Atem, dann fuhr sie fort: »So schickt ich mich drein
und hab der Helen nie was in Weg glegt, freilich wär mir auch nie eingfalln, sie
könnt so sein, wie sie is.«
    »Wie is sie denn?« stotterte Muckerl.
    »'n Vormittag war d' Matzner Sepherl da und hat d' Botschaft gbracht, der
Kleinleitner Paul, der schon d' Jahr her siech liegt, wär heut fruh von seinm
Leiden erlöst wordn; da hab ich deutlich ghört, trotzdem s' mitm Rührlöffel afs
eisern Häfen gschlagen hat, wie die Helen sagt: 'Alle Leut sterben, nur die Alte
nit!'«
    »Mutter!« schrie Muckerl auf. »Das is von ihr nur ein unbsinnts Reden, sie
meint's nit so. Sei gwiss!«
    »Lass gut sein«, sagte die Alte, »wie sie's auch meint, ich weiss, davon stirb
ich nit. Ihr Meinen bricht mir kein Stund ab und legt mir keine zu. Nur
rechtschaffen schmerzen könnt's mich, wann ich s' lieb hätt; aber so wie ich sie
jetzt kenn, hat's kein Gfahr.«
    »Tu ihr's halt verzeihen, Mutter«, sagte Muckerl mit gepresster Stimme, »und
musst nimmer dran denken; weisst ja, wie ich dich liebhab.«
    Er stand ganz nahe dem Bette, und als die alte Frau die schwachen Arme zu
ihm erhob, da beugte er sich hernieder, und sie tätschelte ihm mit zitternder
Hand die Wange.
    »Ich weiss, freilich weiss ich's.«
    Es gibt Liebkosungen, die wehe tun, es sind die unserer scheidenden Lieben,
wo jeder Kuss, jede Umarmung, jeder matte Händedruck uns sagt: Es ist nicht lange
mehr, dass wir uns haben.
    »Bhüt Gott, Mutter, ich muss jetzt - -«, stammelte der Holzschnitzer, und als
ihn die Arme der Kranken freigaben, schlich er aus der Kammer, sachte schloss er
die Türe hinter sich, dann aber stürzte er hastig hinaus in den Garten, sank
dort in der schattigen Laube auf die Bank, presste beide Hände vor das Gesicht,
und zwei schwere Tropfen rollten zwischen den Fingern über die Knöchel herab.
    Und doch hatte die Kleebinder gelogen, sie gab sich für stärker, als sie
war; ihr hatten die Worte Helenens »rechtschaffen wehe getan«! Mag sich ein
Kranker auch selber für aufgegeben betrachten, die Mahnung daran von fremder
Lippe schmerzt und schreckt ihn, denn sie rückt gleichmütig so nahe, gar so
nahe, um was er mit fürchtendem Zagen und bangen Schauern sich quält in den
stillen Stunden des Tages und in wachen Nächten. Hier war es eine ungeduldige
Mahnung, und die sie verlauten liess, des einzigen Sohnes Weib!
    Während der junge Mann mit dem Schmerze rang, der ihm die Brust
zusammenschnürte, wenn er der ihm ganz unverständlichen Herzlosigkeit seines
Weibes gedachte, das ja allein ihm zuliebe der Mutter gut sein musste, lag die
alte Frau in ihrem Kämmerlein mit gefalteten Händen und starrte mit
tränenverschleierten Augen vor sich hin. Eines sich nah, zunächst wissen, dem
man nicht früh genug sterbe! Das war wieder ein quälender Gedanke mehr, die
viele Zeit über, wo sie mit sich allein war wie eben jetzt.
    Was mag in einsamen Stunden in der Seele eines Todkranken vorgehen?
    Was sann die alte Frau, allein gelassen mit dem Gedanken an den Tod? Was
dachte sie beim Kommen und Gehen des Sohnes? Wenn er kam: seh ich ihn doch
wieder; wenn er ging: vielleicht nimmer! Seh es nicht mehr, mein Kind, höre
nicht mehr seine Stimme, empfind nicht mehr sein treuherzig Liebbezeigen! Es ist
doch ein Eigenes um das Sterben! - Eine schwere Träne rollte über die
eingefallene Wange. Da hört sie Tritte, trocknet die Augen und blickt nach der
Türe, aussen wird es wieder stille, wieder spinnt sich der Gedanke fort: Es ist
doch ein Eigenes ... wieder feuchten sich die Wimpern. Was sie all für
Scheidensweh dachte, wer weiss es? Ach, warum nimmt der Mensch tausendfach
Abschied, um einmal zu gehen?
    Als der Monat um war, sagte sie: »Ich hätt nimmer gedacht, dass ich den
Ersten noch erleb.« Dann aber kam ein Tag, wo es das Leiden über die geduldige
Frau gewann und sie nur den einen Wunsch herausstiess: »Ein End will ich, ein
End«, und da war es, wo auch der Sohn darunter zusammenbrach und laut aus
tiefster Brust aufschluchzte. Sie aber sagte: »Lass gut sein, ich kann mir wohl
denken, wie dir is.«
    Und nun kamen jene qualvollen letzten Tage und Nächte, deren Erinnerung nach
Jahren noch jeden durchschauert, den je Liebe oder Pflicht an das Sterbelager
eines Schwerkranken bannte. Diese schwere Zeit über war Helenen kein Vorwurf zu
machen, sie wich nicht von der Seite der Kranken, sie war ihr Tag und Nacht zu
Dienst, unverdrossen eilte sie an den Herd, kochte und briet zu ganz
ungewöhnlicher Stunde, wenn gerade ein sogenanntes falsches Gelüste bei der
Leidenden sich einstellte. Sie rief Muckerl aus der Arbeitsstube herbei, als die
alte Frau in Zügen lag, damit diese, welche sicher nur noch der Wunsch nach der
Gegenwart des Sohnes festielt, leichter sterbe. Helene drückte der Toten auch
die Augen zu und schloss ihr den Mund, da Muckerl sich scheute, Hand an die
Leiche zu legen.
    Als die Blätter eben zu vergilben und zu welken begannen, senkte man den nun
zur Ruhe gekommenen armen, gemarterten Leib in die Erde. Vom Grabe weg eilte
Helene flinken Schrittes voraus, um daheim die Fenster zu öffnen und das Haus zu
lüften.
    An Muckerl, der mit gesenktem Kopfe und hängenden Armen, wie träumend,
einherschlich, hatte sich die Matzner Sepherl angeschlossen, sie bezeigte ihm
ihre Anteilnahme nicht mit Worten, sondern durch Seufzer und »erbärmliches
Getue«.
    Plötzlich blieb der Holzschnitzer stehen, es presste ihn etwas auf dem
Herzen, und es würgte ihn im Halse, er musste es aussprechen. »Es ist arg«,
brachte er mühsam heraus.
    Die Dirne fasste ihn begütigend mit beiden Händen über dem Ellbogen seines
linken Armes.
    »Meinst du, die lüftet nit gern?« fragte er flüsternd.
    »Sie muss ja wohl, Muckerl, der Totngruch is übel und verzieht sich so
schwer.«
    »Sie tut's gern, weil sie froh is, dass mein Mutter ausm Haus.«
    »Jesus, Maria!« Sepherl faltete die Hände und starrte ihn erschreckt an.
    Er nickte ihr mit tränenden Augen zu, dann winkte er nach ihrer Hütte, bei
der sie eben angelangt waren, und ging von dem Mädchen hinweg.
Etwa zwei Monate darnach ward in der Hütte des Holzschnitzers eines geboren, das
dort niemand rechte Freude machte; es war ein Knabe, man taufte ihn, nach dem
Namen des Mannes seiner Mutter, Johann Nepomuk.
    Helene betreute das Kind sorgfältig, aber sie zärtelte und spielte mit ihm
nur, wenn sie in überaus guter Laune sich selber gleichsam vergass, und das kam
äusserst selten vor; da mochte denn wohl zu Anfang dem Manne das Kleine dauern,
und er versuchte es, mit ihm zu schäkern, aber er kam damit nicht recht
zustande, weil ihn dabei stets das Weib gar eigentümlich grossäugig und mit
spöttischem Lächeln beobachtete; bald liess er es jedoch ganz sein, nachdem ihm
Helene einmal murrig den Knaben von der Seite gerissen und gesagt hatte: »Zu was
das? Das kommt ihm nit zu. Wenn du dein Wort haltst, es z' füttern, mehr zu
verlangen hat es kein Recht.«
    So aber hatte es der redliche Mann nicht gemeint, als er sein Versprechen
gab, auch rechtschaffen für das »andere« zu sorgen, und dass dieses nun, wie
fremd im Hause, heranwachsen sollte, verleidete ihm die Sorge für dasselbe.
    Nicht lange hauste er mit Helenen allein unter einem Dache, so musste er sich
im stillen eingestehen, wie doch alles gar anders gekommen war, als er sich's
gedacht. Wohl sah er bewundernd zu dem jugendschönen, stattlichen Weibe auf und
anerkannte dessen überlegenen praktischen Sinn für Wirtschaft und Leben, aber in
diesem selben Sinne, dem nur das Gegebene zu Recht bestand, der genau abwog, was
jedem »zukam«, und selbst die dargebotene fremde Hand zurückwies, um die eigene
frei zu behalten, handelte sie auch, wenn sie die Zärtlichkeiten des Mannes über
sich ergehen liess und dessen schmeichelnde Hand von dem Kinde abwehrte, dem
übrigens auch sie nur eine gestrenge Pflegerin war und blieb, da es in ihren
Augen nicht viel mehr Anspruch als den auf Gastrecht hatte. Tag für Tag
vergällten solche erkältende Wahrnehmungen dem Manne die Freude über ihren
Anblick und das Behagen über ihr umsichtiges, häusliches Walten; mit Gewalt
jagte es dann immer in seiner Seele den trüben Gedanken auf, dass sie es gewesen,
welche die letzten Lebenstage seiner Mutter verbittert, und so, in raschem
Wechsel bald angezogen von ihr, bald abgestossen, fühlte er sich bald müde,
herzensmüde.
    Sie war nun allerdings unbestrittene Herrin im Hause, aber in welchem? Wer
war sie? 's Zwischenbüheler Herrgottlmachers Weib! - Wenn sie abends mit dem
kleinen Hans auf dem Arme unter die Türe trat und hinauf sah zu dem
Sternsteinhofe, der mit vom Sonnenuntergange erglühenden Fenstern vor ihr lag,
wie sie als Kind oft ihn gesehen, dann hätte sie gerne Steine von der Strasse
raffen und all die blinkenden Scheiben zu Scherben werfen mögen; aber wie weit,
wie weit lag der prangende Hof, für sie wohl gar wie aus der Welt!
    Einmal streckte das Kind nach dem Gefunkel auf der Höhe die Ärmchen aus, sie
sah es überrascht an. »Weisst du auch, wo d' hinghörst? Wo wir allzwei sollten
sitzen, wenn auf Wort und Schrift untern Menschen ein Verlass wär?!«
    Die Röte schoss ihr plötzlich in das Gesicht, sie sah scheu um sich, ob
jemand in der Nähe, der sie gehört haben könnte.
    »Närrisch! Der Fratz meint ihn nah wie zun Greifen! Ob das was vorbedeut?
Mein Jesus, den Gedanken nit loszuwerden, was das für ein Unsinn is!«
    Sie stand und starrte hinauf, bis der Glanz erloschen war.
    In der Arbeitsstube aber sass der Mann, am Werktische verkümmernd und
verkrümmend, fleissig schnitzelnd und pinselnd, geleckte Figuren, angestrichene
Puppen, aber seine Besteller waren es zufrieden, und dessen war er's auch.
 
                                       XV
Es war eine gar eigentümliche Begrüssung, die zwischen Vater und Sohn stattfand,
als nach dreijähriger Militärdienstzeit der Toni auf den Sternsteinhof
zurückkehrte.
    Die beiden wussten die lange Zeit über nur wenig voneinander. Schreiben war
eben nicht ihre Sache. Der Alte überliess es dem Schulmeister, mit einigen Worten
das Geld zu begleiten, das dem Burschen regelmässig zugeschickt wurde, damit sich
derselbe auch im Soldatenstande als der reiche Bauerssohn »zeigen« konnte; der
Junge schrieb nur, wenn er mitten im Monate in die Klemme geriet, und er erhielt
auch stets das Erbetene, dann aber mit ein paar eigenhändigen Zeilen des
Sternsteinhofers, welche weder Kosenamen noch Segenswünsche entielten.
    Als der Alte den Brief empfing, der die Ankunft des Sohnes für den folgenden
Tag anzeigte, liess er das Steirerwägelchen instand setzen, und ein Knecht musste
in der Nacht hinüberfahren nach der Kreisstadt, welche an der Bahn lag.
    Am andern Morgen rasselte das Gefährt in den Hof. Der Sternsteinhofbauer
stand an der Schwelle des Hauses, die Hände über den Rücken gelegt, und
betrachtete den Heimkehrenden aufmerksam. Wie jener stehen, so blieb dieser
sitzen.
    »No, da wär ich wieder«, sagte er, und nach einer Weile:
    »Grüss Gott, Vader.«
    Der Alte nickte. »Grüss dich Gott. Siehst, jetzt bist wieder da, hast's
überstanden.«
    »Reservist bin ich halt«, murrte der Bursche.
    Der Bauer warf gleichmütig den Kopf auf, als wollte er bedeuten: Weiss's
ohnehin, und obwohl er merkte, das Gesicht des Burschen, fahl und welk, mit
blauen Ringen um die Augen, sähe nicht nur übernächtig so aus, sagte er doch zu
ihm: »Schaust gut aus, hat dir nit schlecht angschlagn.«
    »No, etwa nit? Das ging' einm noch ab!« rief Toni. Er schwang sich vom
Wagen, strampfte mit den Füssen auf und reckte sich. »Ah, war das a Radlerei und
Herumwerfen. Froh, wann mer wieder afn Füssen isl Bis zun Essen is wohl noch a
Weil hin?«
    »Dös schon, aber willst vorher was -? -«
    »Nein, dank schön. Hast wohl nix dagegen, wann ich mich derweil bissel unten
im Ort umschau?«
    »Gar nix.«
    Toni hob die Hand zum Hutrande, wie er als Soldat gewohnt war, sie zum Grusse
an den Schirm der Kappe zu legen, schwenkte um und ging hinab nach
Zwischenbühel.
    Er schlenderte längs des Baches hin. Hie und da ward er aus den Häusern
grüssend angerufen, eines oder das andere lief ihm wohl auch in den Weg, aber er
fertigte die Neugierigen mit kurzen Gegenreden ab und schritt weiter nach dem
unteren Ende des Ortes. Nahe der vorletzten Hütte, inmitten der Strasse, spielte
ein Kind im Sande, er kam bis auf wenige Schritte an dasselbe heran und blieb,
es beobachtend, stehen, und als es nun das kraushaarige Köpfchen hob und ihn mit
den grossen, braunen Augen anblickte, trat er rasch zu ihm, schon beugte er sich
herab und hob die Hand, um den Scheitel des Kleinen zu streicheln, da stürzte
Helene herbei und riss das Kind vom Boden an sich.
    »Du rühr mir's nit an«, keuchte sie.
    »Närrisch, warum grad ich nit?« flüsterte er.
    »Du fragst?« zischte sie zwischen den Zähnen hervor. Aus ihrem
leichenblassen Gesichte starrten ihn ihre Augen so zornfunkelnd an, dass er
unwillkürlich einen Schritt zurücktrat, dann aber verzerrte er den Mund und
stiess ein paar kurz abbrechende Lachlaute hervor, doch sie kehrte sich ab von
ihm und schritt, das zappelnde Kind an der Hand nachzerrend, der Hütte zu.
    Als der Sternsteinhofbauer mittags den Teller von sich schob und sich
behaglich in den Grossvaterstuhl zurücklehnte, fragte er den gegenübersitzenden
Toni: »No, Neuigkeiten im Ort?«
    Der Bursche zuckte die Achseln.
    »Dös trau ich mir wohl z' raten, dass's dich gwaltig neugiert hat nach der
jungen Herrgottlmacherin.«
    »Nun ja. Begegnet habn mer sich.«
    Der Alte zog die Brauen in die Höhe und warf einen ausholenden Blick nach
dem Burschen.
    »Bin ungnädig gnug aufgnommen wordn«, lachte der ärgerlich.
    »Gschieht dir ganz recht. Hätt ich dir vorausgsagt, einbilderischer Ding! Du
bist ihr niemal im Sinn glegn, der Hof is's gwest, und hitzt sähet dö lieber ein
Hasen übern Weg laufen wie dich. Dö is nit dalket, dö tut keinm was zlieb ohne
Absehn, und nun hätt's ja gar keins! Drum mach dir keine unverlaubten Gedanken.«
    »Fallt mer eh nit ein.«
    »Zeit wär's, dass du döselbn und andere Dummheiten sein liess'st.«
    »Bist sicher!«
    »- z' Ostern kimm ich wieder, sagt 's Beichtkind zun Pfarrer.«
    »Sorg nit, du hast mich gscheit gnug gmacht.«
    Der Alte lachte - und diesmal hätte er es besser unterlassen.
Früh am andern Morgen sagte Toni: »Hast wohl nix dagegen, Vader, wann ich mich
heut ausserm Haus hrumtreib? Will mer ein weng d' Füss vertreten, vielleicht triff
ich auch mit einm Kameraden zsamm.«
    »Tu, wie d' willst«, murrte der Bauer, »dass d' dich nit zur Arbeit antragen
wirst, hab ich mir denkt. Soldaten verderbn 'n Bauern, ob mer s' ihm ins
Quartier legt oder ihn selber dazu nimmt.«
    »No ja, fürn Anfang muss mer sich freilich erst wieder eingwöhnen, aber das
gibt sich. Man kann doch nit allweil hrumstromen.«
    »Wohin geht denn d' Reis?« forschte der Alte.
    Der Bursche zog ein gleichmütiges Maul und neigte den Kopf gegen eine
Achsel. »Wohin mich d' Füss tragen, halt 'm Weg nach.« Welchen er einzuschlagen
gedachte, sagte er nicht.
    Einige Stunden später trat er zu Schwenkdorf in Käsbiermartels Stube. Er
fand dort Sali, die über einer Näharbeit sass.
    »Grüss Gott«, sagte er.
    »Auch soviel.« Sie war aufgestanden und schob, was sie in Händen hatte, zur
Seite, dann schritt sie nach der Türe. »Der Vader wird gleich kommen.«
    Toni verstellte ihr den Weg. »Du bist mir bös und hast 's Recht dazu. Der
Gedanken hat mer 'n Gang her schwer gnug gmacht. Drum is mir lieb, dass ich
allein mit dir reden kann - wann d' mich anhörn willst -, bevor dein Vader
kommt; denn einm Mon gegnüber meint mer sich doch was z' vergeben, wann mer
eingstehn soll, wie gross mer gfehlt hat. Was mer aber leichtfallt, das is, dass
ich dich um Verzeihn bitt für mein Grobheit; ja wohl war das eine und a
ausgiebige dazu, schon am Kirtag mein wenig Aufschaun auf dich und nachher gar
's Sitzenlassen am Faschingball. So tät ich dich denn recht schön bitten, dass d'
nimmer dran gedenken und mir's nit nachtragen möchtst.«
    »Weil d' mir's so orntlich und wie ghörig is abbittst, so will ich dir's
auch nimmer gedenken noch nachtragn.«
    »So gib mir d' Hand drauf, dass d' mir wieder gut bist.«
    Sie reichte ihm die Hand. »Ich bin dir wieder gut, aber anderscht nit, wie
's früher zwischen uns gwesen is.«
    »Mein liebe Sali, wann ich meins Lebens froh werden soll, so muss's besser
kommen. Hör mich an - aber zun Zeichen, dass d' kein Groll mehr hast, sitz da
nieder neben mir.« Er führte sie nach der Bank, welche die Vertiefung des einen
Fensters ausfüllte, und zog sie an seine Seite, dann fuhr er fort: »Lass dir nur
sagen, wie alls so kommen is, ich möcht nit, ich käm dir unverständlich vor,
denn jeds Ding hat sein Grund. Ich weiss nit, ob auch dir, aber mir war's
unbewusst, dass zwischen unsern zwei Alten schon lang bschlossene Sach war, wir
sollten uns heiraten, und zur selben Zeit, wo ich 's erstemal davon ghört hab -
drei Jahr is's her, nit früher hat's mein Vader Wort ghabt -, da is's just so
hrauskommen, als ob mer mir dich wollt hnaufnötigen, und Nötigen hat's doch nit
not bei einer Dirn, wie du bist, und nötigen lasst sich auch kein Bub, wie ich
bin; überdem will ich dir's nur frei eingstehn, dass zur selbn nämlichen Zeit ich
mit einer im Ort a Bandlerei ghabt hab. Du siehst, ich geh nit drauf aus, dir
was vorzlügen, und schäm mich der Wahrheit nit.«
    »Das nähm ich dir auch gross übel. Mer weiss ja, dass ihr Mannleut oft mit mehr
als einer geht, bevor ihr auf die trefft, mit der ihr dann hausen wollt.«
    »Du bist a grundgscheite Dirn und wirst wohl auch verstehn, dass mir damals
die Sach allentalben kein rechten Schick ghabt hat.«
    »Es wär auch gar nit recht gwest, wo du's mit einer ghalten hast, an die
Hochzeit mit einer andern z' denken. Ich hätt mich schön bedankt für d' Ehr, mit
dir zun Altar z' gehn, wo dir die Dirn noch im Sinn liegt; so was muss völlig
vorbei sein, denn 's Weib darf keiner nachstehen.«
    »Blitz hnein, in allm hast recht! Hjetzt is aber dö dumme Gschicht lang schon
völlig vorbei -«
    Sali rückte näher und legte ihm die Hand auf die Schulter.
    »Döselbe hat gheirat, kurz drauf«, schmunzelte er, ihrer Frage zuvorkommend.
»Denk's kaum, wie s' ausgschaut hat. Hjetzt bin ich kein heuriger Has mehr, und
hitzt weiss ich, was mer taugt, und hitzt, Sali, wann nur du einverstanden wärst,
nähm ich dich zun Weib, ob's unsern zwei Vadern glegen käm oder nit!«
    »Das is a unkindlich Reden! Da bin ich viel anderscht wie du. Wann's mein
Vader will, der deine nix dagegen hat und du's zfrieden bist -«
    »'s gilt schon, mein Dirndl! O du mein Dirndl!« rief der Bursche und schloss
sie in seine Arme und presste seine Lippen auf die ihren.
    Einige Augenblicke hielt sie sich, wie erschreckt und scheu, reglos; dann
wehrte sie den Burschen ab und erhob sich flink. »Du bist ein Schlimmer! Jetzt
is's Zeit, ich lauf nachm Vadern!« Damit war sie aus der Stube.
    »Ei, du mein«, sagte Toni, »dö is wie ein Stück Holz. Na, wann auch, was
tut's? Holz im Haus und Jagd im Wald macht 'n Förster bezahlt.«
    Nach einer kleinen Weile kam der Käsbiermartel angetrabt. »Na, du Lotter«,
schalt er im Eintreten, »bist wieder heim?«
    »Wie d' siehst.«
    »Du Sakra du, und hitzt kommst mer gar her, der Dirn 'n Kopf verdrehn? Na,
das sag ich dir nur frei gleich, Dummheiten leid ich nit, willst kein Gscheiten
machen, so bleib mer weg!«
    »Käsbiermartel, ich kann dir gar nit sagen, wie ehrlich ich's diesmal mein,
aber du kennst mein Vadern, du weisst, der hat mehr Ausflüchten wie a Fuchs. Lass
dich bedeuten, wie mer den jeden Schluf verlegen wollen; desstwegen bin ich da.«
    »Sali«, schrie der Käsbiermartel. Das Mädchen musste Wein und Rauchfleisch
auftragen, dann setzten sich die beiden Männer zusammen, und der Käsbiermartel
liess sich bedeuten.
»No, Toni«, sagte am Sonntagmorgen der Sternsteinhofbauer, »fahrst mit hnüber
nach Schwenkdorf? Hast ja mehr kein Ursach, dass d' dich grad in der
Zwischenbüheler Kirchen als leuchtends Beispiel fürs Gsind hinstellst.«
    »Dös nit, aber drent is's mir zwider.«
    »Zwegn we denn?«
    »'m Käsbiermartel und seiner Dirn halber.«
    »Haha, bsinnst dich af dö?«
    »Nein, vergessen werd ich döselbe, wegn der ich so einklemmt wordn bin.«
    »Is eigentlich a arms Hascherl, hat da wieder die drei Jahr af dich gwart.«
    »Af mich? Da könnt s' noch lang warten. Wär doch a heller Unsinn, wann ich
hitzt ans Heiraten dächt, als Reservist.«
    »Wie lang hast noch?«
    »Siebn Jahr Reserv und zwei Jahr Landwehr.«
    »Macht neune. Sakra hnein, is a Zeit!«
    »Ja, und wann während derselben wo was auskäm, könnt ich von Weib und Kind
und Haus und Hof davonrennen, und dös gebn s' keinm schriftlich, dass er auch
wieder zruckkommt.«
    »Jo und ich, wann ich mittlerweil in der Ausnahm säss, ich rühret nit an das
Deine, ob's hitzt zruckging oder vorwärtskäm.«
    »Dös wär mir auch gar nit lieb, d' Wirtschaft vertragt nur ein Herrn, ehnder
nehmet ich mir noch ein orntlichen Pfleger.«
    Der Alte blickte ihn von der Seite an. »Hast ja recht und Zeit gnug zun
Aussuchen. Aber schau mal, wann d' vom Militär frei wirst, bist grad in
schönsten Jahrn und die Dirn -«
    »Dö wird just draus sein.«
    »Paperla, was s' an Schönheit verlorn hat, das hat s' mittlerweil an Geld
zugnommen. Ich sag dir, wann ich 'n alten Käsbiermartel hrumkrieg, dass der dir
dö Dirn bis af d' selbe Zeit aufbhalt, so heiratst du dö und kein andere, da
hilft d'r kein Widerred.«
    »Wegn derer werd ich mich unnötigerweis kein zweits Mal mit dir streiten.
Wart mer's ab.«
    »Wart mer's ab! No, so kimm mit, 's wird lustig werdn. Heut frozzel ich den
alten Geizkragn, dass er Blut schwitzen soll.« Mit diesem christlichen Vornehmen
kletterte er auf den Kutschbock, Toni nahm an seiner Seite Platz, und sie fuhren
nach Schwenkdorf zum Gottesdienste.
    Nach demselben sassen sie im Wirtshause, der Sternsteinhofbauer auf seinem
gewohnten Platze, neben dem Käsbiermartel. »Schau«, sagte er diesem, »da wär der
Bub wieder.«
    »Ich sieh 'n.«
    »Dünkt mich, er wär nit übler wordn.«
    »Mag sein.«
    »Und dein Dirn hat auch nicht abgnommen.«
    »Nein.«
    »No, was is's?«
    »Was soll denn sein?«
    »Gäb dös noch a Paarl?«
    »Ihner zwei gebn allmal eins.«
    »Geh zu, laugn's nit, du hast die Schritt und die Wörter gar nit zählt, die
d' aufgwendt hast, um dö zwei zsammzbringen.«
    »Fallt mer nit ein, z' laugnen.«
    »Froh gwesen wärst!«
    »Dös wär ich auch, ich mag's ja hitzt ganz ungscheut eingstehn, wo mer nix
mehr dran liegt.«
    »Es läg dir nix mehr dran?«
    »Nein, ich will andersdwo hnaus mit der Dirn. Der reiche Produktenhandler
von der Kreisstadt war schon paarmal bei uns und hat anghobn, so dergleichen z'
reden. No und Bäurin muss s' ja just nit sein.«
    »Der Produktenhandler, sagst? Das is ja a alter Schüppel.«
    »Jung is er nimmer, aber was is dabei? Ich hab mein Kind anders zogn wie
andere Leut 's ihnere. Wann ich sag: Sali, du heiratst 'n Grosssultl! so heirat
s' ihn!«
    »Meinetest's deinm Kind gut! Wär a Partie, mit dö vieln Weiber!«
    »Ei, du mein, weil wir's etwa christlich soviel genau nehmen mit der ein
Einzigen!?«
    »Du taugest ja zu einm Türken.«
    »Beileib, ich bin z' mager, dös sein lauter Ausgfressene; du gäbest so ein
rechten Hallawachel ab.«
    »Käsbiermartel!«
    »Was denn, Sternsteinhofer?«
    Es war allerdings an dem Tische recht lustig geworden, aber dem
Käsbiermartel stand kein heller Tropfe an der Stirne, geschweige denn Blut.
    Der Sternsteinhofbauer leerte sein Glas auf einen Zug, dann blinzte er den
am Tische Sitzenden mit zusammengekniffenen Augen zu: Passt auf, wie ich ihm's
heimgeb!
    »Ich hör wohl schlecht?« spöttelte er. »Oder hat er vorhin wirklich vom
Kinderziehn gredt? Was hat er denn zogn? A Dirn. Wann mer so a Waiserl
anschreit, fallt's eh gleich in d' Fraiss. Dös is kein Kunst. Dass er sich da noch
z' reden traut gegn ein, der Bubnziehn versteht!«
    »Wie sich gewiesen hat vor drei Jahrn.«
    »Dös hat sich's auch, ich hab ihm 'n Daum ghörig afs Aug gdruckt.«
    »Ja, und dabei is ihm nit nur 's Aug, auch d' Hosen blau wordn.«
    »Du weisst ja gar nit, du Hasenkopf, dass ich damal zwei Fliegen mit einer
Klappen gschlagen hab! Ihn hab ich einer Dummheit ausn Weg gschickt, und vor dir
hab ich mir Ruh gschaft, dass d' mer nit allweil vom 'in d' Ausnahm gehn'
vorredst.«
    Der Käsbiermartel spitzte freundlich den Mund. »Dö zwei Fliegn lass ich dir
gelten, aber pariert hat er dir nit, und dös tut er dir auch heut noch nit.«
    »Käsbiermartel!«
    »Was denn? Brauchst nit so umhiezlugen nachm Bubntisch. Er sitzt nit dort,
säss er dort, hätt ich's doch nit beredt vor seiner. Aber dabei bleib ich, er
pariert nit! Schaff du ihm hitzt, was d' damal, er sagt dir wieder: Nein!«
    »Schleicht schon af der alten Fährt, der Fuchs«, murmelte der
Sternsteinhofer vor sich hin.
    »Muss dich nit beleidigen«, fuhr der Lange fort, »aber jede Wett halt ich dir
dadrauf!«
    »Du bist einer, der was verwett, was setzst denn ein?«
    »Meine zwei Braun, wie s' draussen vorm Wagen stehen, gegn dein magerste
Kuh.«
    »Du bist a Narr! So heilig als was, hätt ich dö noch heut hinter mein Wagerl
am Halfter.«
    »Ich steh dir dafür, dass s' im Gschirr bleibn!«
    »Dös bleibeten s' ja sowieso«, schrie einer am Tische. »Du hast ja beim
Wettanbot gsagt: wie s' draussen vorm Wagen stehen, und vorm Wagen stehen s' im
Gschirr.«
    »Freilich«, pflichteten mehrere bei, »'s Gschirr wär mitverspielt!«
    Der Sternsteinhofbauer schielte über die Achsel nach dem Käsbiermartel. »No,
wie wird dir denn? Traust dich noch?«
    »Ich bleib bei mein Bot.«
    »'s gilt!«
    Beide schlugen ein.
    »Holla! A Wett!« Alle Krüge trommelten auf der Tischplatte. »He, Wirt, jetzt
schenk vom Besten ein, der Wettalter, was gwinnt, zahlt alls und d'
Zeugenschaft braucht a Anfeuchting! Der Knerzhuber macht 'n Schiedsrichter und
bringt d' Sach ins klare!«
    Der mit solcher Einstimmigkeit zur Würde eines Vorsitzenden Erhobene war
keineswegs eine imponierende Persönlichkeit, schon der Name kennzeichnete ihn
für den Kundigen als das gerade Gegenteil einer solchen; denn er hiess eigentlich
schlechtweg »Huber«, musste sich aber, wie unter Bauern jeder einer grösseren
Namensvetterschaft Angehörige, einen auszeichnenden Zusatz gefallen lassen; der
seine war die Vorsilbe »Knerz«, welche auf einen im Wachstume arg
zurückgebliebenen Menschen hindeutet. Doch Mutter Natur gleicht gewöhnlich ihre
kleinen Ungerechtigkeiten selbst aus, besonders wenn man ihr dabei vernünftig an
die Hand geht; Knerzhuber reichte zwar an keinen, wie sie da um den Tisch sassen,
heran, aber an Umfang übertraf er jeden.
    Der kleine, kugelrunde Mann erhob sich, was immer, ausser für die
Zunächstsitzenden, ein Geheimnis blieb, denn bei seinen äusserst kurzen, etwas
krummen Beinen sah er im Stehen nicht um ein Haar höher aus wie im Sitzen. Mit
dünner, zwitschernder Stimme tat er die Frage über den Tisch:
    »Alsdann, was soll's gelten?«
    Der Sternstcinhofbauer antwortete: »Käsbiermartels zwei Braun, wie s' drausst
vorm Wagen stehen, gegn a Kuh aus mein Stall.«
    »D' magerste«, setzte der Martel hinzu.
    »Und was is strittig?« zwitscherte Knerzhuber.
    »'s is Käsbiermartels Meinung«, erklärte der Sternsteinhofer, »dass ich meins
Bubn nit Herr wär und dass der sich weigern wurd, wann ich ihm schaff, dass er dem
da sein Sali zun Weib nimmt. Herentgegen behaupt aber ich, dass der Toni gegn
mein Willen nit muckt! Verstanden?«
    »No freilich, wohl, wohl, dös is einfach«, murmelten alle.
    Ein Bauer stand auf und schob den Stuhl zurück.
    »Wohin denn? Wohin denn?« quickte Knerzhuber.
    »Nun, 'n Toni holt mer, fragt 'n, der sagt ja oder nein, und dö Gschicht is
im Handumkehrn ausgmacht.«
    Der kleine Mann wies mit dem ausgestreckten rechten Arme auf den verlassenen
Sessel hin. »Sitz nieder, sitz nur wieder nieder, sag ich! Manner, afn ersten
Augnschein nimmt sich freilich d' Sach aus, als könnt da vom Fleck weg der eine
d' Ross mit ihm fortführen oder der andere hingehn und d' Kuh heimtreiben; aber
doch is's a ganz verzwickte Wett. Freilich, sagt der Bub nein, dann hätt der
Sternsteinhofer verspielt, aber wann hätt derselbe gwonnen? Denn dadermit, dass
der Toni ja sagt, is noch nix erwiesen; sein kindlichn Respekt und Ghorsam zu
bezeigen, müsst er auch darnach tun, denn sonst wäre ja sein Ja nit ja, und
dadrum könnten erst nach seiner Hochzeit mit der Sali - und früher nit - 'm
Sternsteinhofer dö zwei Bräuneln ausgfolgt werdn.«
    »Unsinn«, murrte der Sternsteinhofer, aber die andern alle kopfnickten sich
einverständlich zu, und der Käsbiermartel blickte vor sich hin mit der
stillbegnügten Miene eines Mannes, dessen Sache sich ganz nach Erwarten anlässt.
Er vermied es, seinen Nachbar anzusehen.
    »Sollt aber 'n beiden Wettaltern dran glegn sein«, hob der Knerzhuber
wieder an, »dass die Sach ihrn Austrag findt, bevor wir sich da von' Sitzen
heben, so hätt ich ein Vorschlag z' machen.«
    »So red«, schrie der eine.
    »Lass hören«, murmelte der andere.
    »Wann sich dö zwei Vadern d' Händ drauf geben, dass s' ihnere Kinder nach
einer bstimmten Zeit wolln Hochzeit machen lassen - es muss aber a
menschenmögliche Zeit sein mit 'r gnauen Angab von Jahr und Tag -, so soll das
als a ehrlicher Verspruch gelten, und wann dann der Bub mit der Sach und auch
mit der Zeit einverstanden is, so steht nimmer nix entgegen, dass der
Sternsteinhofer 'n Wettpreis an der Stell von da mit fort nimmt.« Das kleine
Männel schlug bekräftigend in den Tisch, dann setzte es sich nieder - was, wie
bemerkt, seinem Ansehen keinen Eintrag tat - und gönnte den beiden Gegnern Zeit
zur Überlegung.
    Die Beisitzer murmelten beifällig.
    Der Sternsteinhofer hatte sich hoch aufgereckt und eine Weile auf den Rücken
des gebückt sitzenden Käsbiermartel herabgesehen, nun legte er ihm die Hand auf
die Schulter. »No, du, was sagst denn dazu?«
    »Was soll denn ich dazu sagn?« knurrte der. »Ich denk, die Kuh z' gwinnen!
Verspiel ich d' Ross, bekümmert mich grad, wann du dö kriegst, und werd ich dir
noch dazu verhelfen, nit?«
    »No, nur nit ungschickt! gwett is gwett! und bin ich einverstanden mit einer
menschenmöglichn Zeit in Jahrn und Tagn, so kannst du's auch sein.«
    »Ah, nein, nein, hitzt kämen d' Finessen!«
    »Was wär dabei für a Finess?« lachte breit der Sternsteinhofer.
    »Soll ich dir traun? soll ich dir traun?« Der Käsbiermartel musste sich in
einer ausserordentlich bedenklichen Lage fühlen, so nachdrücklich kraute er sich
hinter den Ohren. »Wenn ich dir traun soll, dann müsst dein Handschlag aber auch
dafür gelten - und wär's gleich schon 'n morgigen Tag, wo die zwei miteinand zun
Altar gingen -, dass du vom Hochzeitmahl weg in dein Stüberl gingst und d' jungen
Leut Herrn sein liess'st afm Hof.«
    »Einverstanden.«
    Die beiden Alten boten ein schönes Bild echt menschlicher Eintracht, wie sie
so dasassen, sich die breiten Tatzen drückend und einer den andern von der Seite
mit lauernden Augen anblinzend.
    »Also abgmacht«, sagte der Sternsteinhofer mit Nachdruck, dann fuhr er
gleichmütiger fort: »Mein Wort z' halten wird mer nit schwerfalln, denn nach
denselben Jahrn und Tagn werd ich wohl 's Hausens schon müd sein - -«
    »Na siehst«, schrie der Käsbiermartel, »ich hab's ja gwusst, da kimmt d'
Finess zun Vorschein! Af dein alte Bockköpfigkeit lauft's hnaus, dass ich mein
Dirn deinm Bubn aufbehalten sollt, und wurd s' gleich drüber steinalt und
kleinwinzig, bis dir's taugt und bis dir's glegen käm!«
    »No, und was war denn das vorhin von dir, wann nit dein alte
Aufdringlichkeit, mit der d' mir schon d' Jahr her zuredst, mich zur Ruh z'
setzn?! Von dir war ich's gwärtig, hast du von mir was anderscht erwart? In
unsern Alter ändert mer sich doch nimmer. Also mach keine Mäus, schick dich,
woh'nein d' musst, und lass mich hitzt bsinnen, dass ich die Zeit aussprech -«
    »Nein, nein!« Der Käsbiermartel fuhr schreiend vom Sitze empor und focht
dazu wie verzweifelnd mit den Händen in der Luft herum; man hatte noch nie ihn
sich so gebärden sehen. »Nein, nein, das geht nit an! das is nit recht und
billig! dös gibt's nit, dass du's selber bestimmst!«
    »Bist letz?« fragte erstaunt der Sternsteinhofer. »Wer soll's denn bstimmen,
wann nit ich?!«
    »Du nit! Dich will ich nit! brauch dich auch nit z' wollen!« fuhr der
Käsbiermartel schreiend fort. »Hör mich an! hörts mich an, Manner! Mich reut's,
wieviel ich Haar afm Kopf hab; ich wett eh selten, mit dem hätt ich's schon gar
nit solln, mitm Sternsteinhofer nit, der is gar fein! Schier gib ich mein Wett
verlorn, aber solln d' Ross hin sein, solln d' jungen Jahr von meiner Dirn
verspielt sein, hitzt verschreib ich mich 'm Wetteufl mit Haut und Haarn, ob er
mir wohl will oder übel! Hat der Toni 's eine z' entscheiden, so soll er auch 's
andere, sagt er: ja, so soll er auch sagn: wann! Dös is nit mehr wie billig!«
    »Dös is auch nur billig«, sagten die Beisitzer.
    Der Sternsteinhofbauer erhob sich. »Das ganze Geschrei und Getue hättst dir
ersparen können. Ich bin ganz einverstanden damit.« Er beugte sich herab und
raunte dem Käsbiermartel ins Ohr: »Du Fuchs, dem eilt's ebensowenig wie mir.«
    Einen Augenblick sah der Lange erschreckt auf. Aber er hatte sich ja -
bedeuten lassen! Sofort senkte er wieder den Kopf und schmunzelte die
Tischplatte an.
    Der Sternsteinhofer winkte den andern Tischgenossen mit lachenden Augen zu.
»Hjetzt geh ich mir meine Ross anschaun«, sagte er.
    »Da gehn mer mit«, schrien alle lachend.
    »Wir müssen ja«, lärmte einer, »schon damit kein Abreden stattfindt zwischen
'm Alten und 'm Bubn!«
    Der Alte hob drohend den Finger gegen den Vorlauten. »Du! so was sag nit!
das is mer kein Gspass! Unehrlich wär ja eh verspielt.«
    Toni sass im Hofe auf dem Verschluss einer grossen Wasserbottich, in welche das
Rohr der Dachrinne mündete. Als die spektakulierende Schar aus dem Flur trat,
lief eine Kellnerin von ihm hinweg, mit der er eben geschäkert hatte.
    »Schau, du Grasteufel! Du hast's not, af Lottereien z' denken«, sagte der
Sternsteinhofer. »Denk du lieber an deine neun Jahr.« Er fasste ihn an einem
Knopfe der Joppenklappe und gab ihm einen kleinen Ruck. »Neun Jahr hat er noch,
Manner, und pariern und ja sagn heisst's« (wieder ein Ruck) »bein Einberufen -
sonst ging's ihm übel!« Er gab ihm einen derben Schlag auf die Schulter, und
ohne auf die teils verdutzten, teils verschmitzten Gesichter seiner Geleitmänner
zu achten, schritt er gegen den Schupfen, unter welchem Käsbiermartels Wagen
stand, ganz ernstaft seine Rede schliessend: »Ja, ja, sein gar streng, die
Kriegsgrichten.«
    Nachdem man die Pferde beaugenscheinigt hatte, kam er wieder über den Hof
zurück. »Komm mit«, sagte er im Vorbeigehen zu Toni, und als sie in die
Wirtsstube eingetreten waren, stellte er sich dem Burschen gegenüber, und ihn
gerade ins Auge fassend, begann er: »Horch mal auf und versteh mich wohl. Es
soll sich hitzt weisen, ob auch dir deins Vaters Will höher gilt wie dein
eigener; drum erwart ich kein Widerred, wann ich dir sag: du betratst
Käsbiermartels Sali. Dö Zeit zu bstimmen, wann d' Hochzeit sein soll, is nach
Abmachen dir überlassen; du kennst alle Umständen, weisst, was d' z' sagen hast,
also braucht's kein lang Bsinnen. Red!«
    Der Bursche blickte dem Alten trotzig in das Gesicht. »Wann mer eh kein
Widerred erlaubt is, was will ich denn machen? Gut, so heirat ich halt d' Sali.
Es is mer nur lieb, dass ich doch wenigstens selber dö Zeit bestimmen kann, wann
das sein soll, und da bitt ich auch mir jede Widerred aus! Muss's schon sein,
will ich drüber nit alt werdn; in acht Wochen is Hochzeit!«
    In dem brausenden Gelärme, das jetzt losbrach, erstarb ein unartikulierter
Schrei des Sternsteinhofbauers.
    »Wirt! Wirt! Wirt!« - »Jetzt weisst, an wen d' dich z' halten hast!« - »Der
Sternsteinhofer zahlt!« - »Füll ein frischen ein!«
    Man schüttelte dem Alten die Hände, er stand und starrte sprachlos vor sich
hin; erst als der Käsbiermartel hinzutrat und, ihn mit beiden Armen an den
Schultern rüttelnd, rief: »So hast richtig gwonnen, du Himmelsakra, du?! No,
sein dir vergönnt, dö zwei Braun, sein dir vergönnt, weil's dein Bub so gut mit
meiner Dirn meint!« - da schien der Sternsteinhofer wieder zu sich kommen, er
stiess den Langen zur Seite, wies wiederholt nach dem Tische, was die Wettzeugen,
da eben die frisch gefüllten Krüge hingesetzt wurden, einer freundlichen
Einladung gleich erachteten, dann fasste er den Toni über dem Ellbogen, mit einem
Griffe, über den der Bursche einen lauten Aufschrei nur mit Mühe verbiss, führte
ihn aus der Stube, zerrte ihn in einen finstern Gang, der an den Flur stiess und
drängte ihn dort in eine Mauerecke. »Hundling, elendiger«, keuchte er, »mitm
Peitschenstecken schlag ich dir 'n Schädel ein bein Heimfahrn und schmeiss dich
in Strassengraben.«
    »Bist narrisch«, ächzte der Bursche, mit verzerrtem Gesichte sich unter dem
harten Griffe des Alten krümmend, »was hab ich dir denn gtan?«
    »Abkartelt war 's Ganze, um Haus und Hof habts mich betrogen!« Er riss den
zappelnden Burschen an sich und warf ihn dann an die Wand, dass es dröhnte.
    »Nit noch mal rühr mich an!« kreischte der. »Rühr mich nit an, sonst schrei
ich um Hilf! - Ich weiss von nix. Und wann's wär, wie du denkst, wer hat dich
denn wetten gheissen, wer hat dich denn gezwungen, Wort und Handschlag zu geben?!
Das alls hast freiwillig, und ehrnhafter sitz'st wohl in der Ausnahm, wann du
dir nix merken lasst, als wann du Lärm schlagst und afn Hof zun Gspött 'n Leuten
als der gfoppte Siebngscheite unter d' Augen gehst.«
    Toni verstand sich überhaupt nicht darauf, seinem Vater einen Wunsch an den
Augen abzusehen, derjene aber, der jetzt aus denselben leuchtete, war doch etwas
gar zu unväterlich. Hätten Blicke die Macht zu versteinen, zu versengen, zu
vergiften, der Bursche wäre nicht lebend von der Stelle gekommen. Plötzlich
krampfte sich dem Alten der Mund und die ganze untere Partie des Gesichtes
zusammen, als ob er eine unreife, herbe Frucht zwischen den Zähnen hätte. Er
kehrte dem Burschen den Rücken zu und schritt langsam nach der Gaststube zurück.
    Dort sass er, in sich gekehrt, wortkarg und leerte fleissig sein Krüglein.
    Es war spät am Nachmittage, als sechs Bauern den Sternsteinhofer hinaus nach
dem Schupfen trugen. Einer ging dem Zuge mit einer Fahne vorauf, es war
eigentlich ein Besenstiel, an dem ein Tischtuch flatterte, sie ward gesenkt, als
man den Volltrunkenen in das Korbgeflechte seines Wägelchens auf Stroh bettete.
Man legte ihm, statt der Heiligenbilder, Spielkarten auf die Brust, und er
ermunterte sich gerade noch so weit, dass er die Blätter zusammenraffen und dem
Spassvogel an den Kopf werfen konnte, der sich eben anschickte, im lamentablen
Vorbetertone eine Danksagung der »tüftrauörndön Hüntörblübönön« an die
»gööhrden, vörsahmöldön Anwösöndön« herabzuleiern.
    »Fahr zu, Halunk!« lallte der Trunkene.
    »Bhüt Gott, Käsbiermartel!« rief der Toni vom Kutschbock. »Du siehst, heut
kann ich nit abkommen. Grüss mer d' Sali!«
    Der Wagen rasselte davon, und hinterher liefen die zwei gewonnenen Braunen
und sahen mit breiten Mäulern und ernsten Augen auf die gefallene Grösse herab,
die vor ihnen im Stroh von einer Seite zur anderen kollerte. Von Zeit zu Zeit
hob der Bauer die schweren Lider und stierte die teilnahmslosen, gleichmütigen
Tiergesichter an, mit einem leisen Fluche schloss er dann wieder die Augen; sah
er aber die beiden Pferde die Köpfe zusammenstecken, als hätten sie Wunder was
Heimlichs miteinander, so geriet er in Wut und traktierte sie mit Faustschlägen;
durch ihr Aufbäumen und Schlagen zerrten sie dann das Wägelchen hinter sich, und
Toni hatte alle Mühe, sie wieder zu beruhigen.
    Diese kleine Beschwer vermochte jedoch nicht die gute Laune des Burschen zu
schmälern; er pfiff leise vor sich hin, und manchmal, wenn er mit einer halben
Kopfwendung hinter sich ins Grät nach dem »herumschloddernden« Alten blickte,
überkam es ihn auch, dass er lachte, aber vorsichtshalber mit geschlossenem
Munde, durch die Nase.
    Ja, bei den Soldaten lernt man sich auf Pfiffe verstehen! Wie häufig in der
Welt, trägt es auch da die Keckheit über den Verstand davon, das
Feinsteingefädelte, was der aussinnt, verspielt, und das Plumpste, was oft mit
Händen zu greifen, gewinnt. Der Toni überliess sich der ungetrübten Freude über
den Erfolg seiner »Kriegslist«. Nur etliche Male während der langen Fahrt
befühlte er seinen Kopf und seinen linken Arm; wo er gegen die Wand schlug, wird
es wohl Beulen geben, und wo sich die Finger des Alten eingekrallt hatten, blaue
und braune Flecken.
    »Kein Drandenken wert! heiler hätt ich nit davonkommen können. Eh, Füchsin,
bleibst im Schritt! Merkst, dass's heimzu geht? Kannst 'n Stall nit erwarten? Ich
werd dir -«
    Ganz nahe lag der Sternsteinhof. -
    In acht Wochen Herr drauf!
 
                                      XVI
Was sich im Wirtshause zu Schwenkdorf zugetragen, das kam dort wie zu
Zwischenbühel noch am nämlichen Sonntagabende unter die Leute, und einer trug es
dem andern als eine »wahrhafte Neuigkeit« zu, dass über acht Wochen der
Sternsteinhofer Toni mit des Käsbiermartels Sali Hochzeit halten werde. Wenn es
auch allgemein wundernahm, wie rasch sich das schickte und dass der »riegelsame«
Alte sich so mit eins entschloss, »in d' Ruh z' gehen«, so war doch nichts
Auffälliges dabei, der Bauer wollte eben seinen Willen haben, und der Bub
gehorsamte; es waren nur ein paar überfindige Köpfe, die darüber schüttelten und
unter sich etwas von »Aufgesessen sein« verlauten liessen, aber beileib nicht zu
laut, denn sie gehörten zur klugen Brüderschaft, welche die Wahrheit im Sack
behält, wohl wissend, dass sie für den Besitzer kein Hecketaler, dem Reichen, dem
man sie bietet, meist ein unliebsames Schaustück und dem Bettler ein
abgegriffener Groschen sei, den er nicht einmal geschenkt nimmt.
    Am Montage war der Sternsteinhofer noch nicht imstande, über seine Lage
nachzudenken, den Schmerz ersparte ihm ein Weh, nämlich Kopfweh; er hatte eines
von jenen, wobei dem Menschen vorkömmt, das Oberstübchen wäre rein ausgeräumt
und es säss ein fleissiger Werkmeister darinnen und bohrte und sägte und hämmerte,
einmal mit spitzem Hammer, dann mit stumpfem Schlegel. Bis er Feierabend macht,
verelendet man einen Tag wie nichts.
    Dienstags ging der Bauer seinen gewohnten Beschäftigungen nach, doch
erpresste es ihm mehrmal den Seufzer: »Ja, ja, mein lieber Hof, hitzt kimmst bald
in andere Händ!« Mittwochs betrübte ihn der Gedanke: dieselben Hände möchten
wohl weder die fleissigsten noch die geschicktesten sein. Am Donnerstage beklagte
er das »arme« Anwesen, das ihn, seinen alten Herrn, gewiss schwer vermissen
werde, aber er könne leider nicht helfen, Einmengen sei seine Sach nit! Freitags
war er zur Überzeugung gelangt, dass ohne ihn alles hinter sich gehen müsse, und
Sonnabends beruhigte ihn vollends die Schlussfolgerung: bei der hinterlistigen
Weis, mit der sich der junge Bauer und die Schnur hier eingedrängt hätten, könne
kein Segen sein, die beiden würden's heisser auszubaden haben, als sie gedächten,
bis ihnen schliesslich der Hof unten durchwischte und sie in D ... k zu sitzen
kämen; diese tröstliche Voraussicht, die ihm in viel drastischeren, nicht gut
wiederzugebenden Bildern vorm geistigen Auge schwebte, versöhnte ihn mit seinem
Schicksale, so dass er Sonntags zu Schwenkdorf vor der Kirche Käsbiermartels Sali
so freundlich und väterlich begrüsste, als er es eben vermochte und wie es von
ihm eigentlich gar nicht zu erwarten stand.
    Von nun ab nahmen ihn nur noch zwei Dinge in Anspruch, die Vorbereitungen
zur Hochzeit und die Errichtung seines Ausgedings, denn eine Hochzeit wollte er
»zurüsten«, über welche die Leute von nah Mäuler und Augen aufreissen und die von
fernher die Hälse darnach recken sollten, und auf einem Ausgeding wollte er
sitzen wie sonst keiner im Land. Der »findige Notarjus«, der den Heiratskontrakt
aufzusetzen hatte, musste auch die Schenkungsurkunde niederschreiben, durch
welche der Sternsteinhofer Haus und Hof mit allen Liegenschaften und Gründen und
ein gut Stück bar Geld dazu seinem Sohne als Eigen übergab; den Rest seines
Ersparten jedoch samt der eisernen Kasse, einige genau bezeichnete
Einrichtungsgegenstände und etliche ebenso genau beschriebene Stücke Viehes
behielt der Alte für sich sowie auf der von Zwischenbühel abgekehrten
Sonnenseite des Hügels einen Teil des Gartens und daneben etwas Grund, dort
wollte er sich anbauen und, wenn das Häuschen nebst den Ställen unter Dach sein
wird, mit all seinem Eigen dahin übersiedeln; bis auf die Zeit aber, so war es
ausbedungen, sollte die »Eiserne« an Ort und Stelle, sein Vieh in den
gemeinsamen Stallungen und er in seinem Kämmerlein unangefochten Verbleib haben,
denn er war vorsichtig genug, sich nicht der Gefahr auszusetzen, etwa
gelegentlich eines Streites mit allem Um und Auf vor das Haus gesetzt zu werden
und, ehe er noch ein solches hatte, einem »armen Abbrandler« gleich, unter
Gerumpel und blökendem Vieh ratlos dazustehen.
    Am frühen Morgen des Tages, an welchem der Toni zur Trauung nach Schwenkdorf
hinüberfuhr, hatte das junge Weib des Holzschnitzers das Haus verlassen, um vor
dem Eintreffen des Brautzuges dort in der Kirche sein zu können. Jene
nervenaufregende, alle Furcht und Scheu bezwingende Neugierde, welche dem Manne
die sträubenden Blicke auf Grauenhaftes, Widerwärtiges, Quälendes lenkt und dem
Weibe die Augen nicht davon abwenden lässt, welche die Menschen nach
Richtplätzen, Leichenhöfen und Unglücksstätten drängen macht, jener Trieb, Arges
zu schauen, hatte Helene befallen, hatte ihr den weiten Weg unter die Füsse
gegeben und bannte sie nun in der Kirche am Fusse des Pfeilers fest, an welchem
sie mit hochklopfendem Herzen und verhaltenem Atem lehnte, bis alles - vorüber
war; dann schlüpfte sie mit im Gedränge hinaus und lief auf schmalen, nur
einzeln gangbaren Pfaden über Felder, Halden und Hänge und kehrte auf weitem
Umwege, durch den Busch, der auf dem Hügel hinter dem Orte oberhalb ihrer Hütte
lag, nach Zwischenbühel heim.
    Dort brauste, dröhnte und schütterte schon die Luft von dem Gelärme,
Musizieren und Schiessen auf dem Sternsteinhofe. Wie dadurch befangen und beirrt,
verrichtete Helene lässig und nebenher einige Hausarbeit, und als der Abend kam,
bei dessen Schweigen das geräuschvolle Treiben auf der Höhe gegenüber bald
allein in aller Weite das grosse Wort führte, da brachte sie das Kind zu Bette,
bot dem Manne gute Nacht und trat unter die Türe des Häuschens, dort stand sie,
das rechte Bein über das linke geschlagen, die Hände über dem Schoss gefaltet,
den Kopf an den Türpfosten gelehnt, und starrte hinauf nach dem Sternsteinhof.
    Von dorter sang und klang, hallte und schallte es durch die stille Nacht,
von Zeit zu Zeit prasselte leuchtend eine Rakete empor, und dieses Getöse und
Gebraus wird Stunde für Stunde fortwähren bis zum Frührot und sich erst im
hellen Sonnenschein des Tages mählich beruhigen; dann hebt es wohl morgen,
vielleicht auch noch übermorgen, nach Tischzeit wieder an und verliert sich mit
den abziehenden Gästen. Morgen werden die Zurückgebliebenen sich überlärmen, um
die Weggegangenen zu ersetzen, und übermorgen werden alle der guten Tage
herzlich müde sein.
    Ein grelles Jauchzen, das einer aufsteigenden Raketengarbe nachgellte,
machte das junge Weib fröstelnd zusammenschrecken, es strich mit der Hand über
die Stirne, ermunterte sich, schloss die Türe und suchte sein Lager auf. - -
    Käsbiermartels Sali schien wirklich wie von Holz; wenigstens heut an ihrem
Ehrentage, ihrer nunmehrigen Würde als junge Sternsteinhofbäuerin eingedenk,
ging, stand, sass und tat sie so hölzern, dass Toni heimlich darüber lachen musste,
aber er gestand sich auch, dass sie aus gutem Holze wäre. Er hatte mittlerweile,
was die Weiberleut anlangt, zugelernt - der Soldatenstand soll ja auch in der
Beziehung eine gute Schule sein - und wusste einen Unterschied zu machen zwischen
den einen, die, schalkischen Krämern gleich, welche Schleuderware feilbieten,
ebenso gerne betrügen, als sie das »Betrogenwerden« leicht verwinden, und den
andern, die, nicht lecker nach Unerlaubtem, sich jeden unlauteren Handel von
vorneherein verbieten und die Schlagfertigsten unter ihnen wohl auch dem
zudringlichen Krämer als Abstandsgeld eine Münze verabfolgen, die, unter Brüdern
fünf Gulden wert, selbst vor Gericht nur Kursschwankungen unterliegt und, seit
die Welt steht, noch nie mit falscher Präge vorgekommen ist, trotzdem aber an
öffentlichen Kassen nicht an Zahlungs Statt angenommen wird, wogegen sich
allerdings vorab die Steuereinnehmer höchlich verwahren würden.
    Ob dem Sternsteinhofer Toni je unter der Hand einer oder der anderen
ehrenfesten Schönen jene einseitige Schamröte aufgestiegen, welche nicht das
Resultat eines physiologischen Prozesses, sondern das einer fremden
Kraftäusserung ist, davon hat er nichts verlauten lassen, wie denn solchen
Vorkommnissen gegenüber selbst die geschwätzigsten Männer sich strengster
Diskretion zu befleissigen pflegen; sicher ist, er empfand Genugtuung darüber,
dass er nunmehr auch von einer solchen Ehrbaren nur »Liebes« zu gewärtigen habe,
und es schmeichelte seinem Stolze, in deren Alleinbesitz und ihr Herr zu sein.
    Dass diese seine Bäuerin sich nicht gegen ihn auflehnen werde, dessen war er
gewiss; er hatte die acht Wochen über Zeit genug, sie kennenzulernen, und es
hätte dazu nicht einmal so vieler Tage bedurft. Die Strenge, die in ihrem etwas
scharf geschnittenen Gesichte lag, deutete auf Selbstbewusstsein und ernste
Auffassung eigener und fremder Pflicht, aber galt nur den Leuten, um sich nichts
zu vergeben, galt nur dem Gesinde, um es nicht lässig werden zu lassen, dem
Manne nicht, dem sprach das dunkle, im bläulichen Glanze schimmernde Auge und
nur das; das junge Weib war eines jener Geschöpfe, die mit einem Blicke auf den
Mann für ihn durchs Feuer gingen, wenn es sein müsste, ihm aber hinwieder ihr
Leblang kein zärtliches Wort gönnen und das eine so selbstverständlich finden
wie das andere.
    Es war nach Mitternacht, als die Hochzeitsgäste, deren Orts- und Zahlensinn
wohl einigermassen getrübt sein mochte, mit einmal die Abwesenheit des Bräutigams
und der Braut wahrnahmen, eine Entdeckung, die grossen Lärm und einen Aufwand
bedenklicher, aber keineswegs neuer Witze veranlasste; alle taumelten auf und
wollten den beiden Schwiegervätern zutrinken, aber die Gläser klangen nur mit
dem des schmunzelnden Käsbiermartels zusammen, der Bräutigamsvater fehlte.
    Der alte Sternsteinhofer war kurz nach dem Aufbruche des Paares weggegangen,
er fand dasselbe oben in der grossen Stube; der junge Bauer hatte seinen Arm um
die Hüfte der jungen Bäuerin gelegt, und beide blickten verwundert auf, als sie
jemand herankommen hörten.
    »Du bist's, Vader?« fragte Toni. »Kommst hitzt unglegn.«
    »Geh gleich wieder«, brummte der Alte, »wollt nur schaun, doch nit nach
euch.« Er trat vor seine eiserne Kasse und rüttelte an der Schrankklinke, nickte
befriedigt mit dem Kopfe, dann griff er in die Westentasche, brachte den
Schlüssel zum Vorschein, schloss auf und langte mit der Hand in das Fach, Papiere
rauschten unter seinen Fingern, ein Geldsäckchen klirrte gegen ein anderes, er
pfiff leise vor sich hin und warf die Türe wieder zu. »Ein guten Rat tät ich
euch gebn«, sagte er, sich an das Paar wendend. »Beileib kein Einmengen in euer
Hausen - das is euer Sach - dem schau ich zu, und da tu ich euch nix zwider,
aber auch nix zlieb, das sag ich gleich; nur eins mein ich, gar ganz mit mir
verderben sollts euch's nit. Es is noch was da!« Er schlug hinter sich mit der
flachen Hand gegen den Schrank. »Gute Nacht!«
    »Gute Nacht, Vader«, sagte Toni.
    »Gut Nacht«, flüsterte Sali.
    Die schweren Tritte des alten Bauern verhallten auf der Treppe.
Mit dem Nichteinmengen des alten Sternsteinhofbauers in die Wirtschaft des
jungen hatte es bald ein gar eigenes Bewandtnis. Der iunge Bauer war nämlich des
guten Glaubens, es sei kindleicht, sich als Herrn des grossen Anwesens
aufzuspielen, denn all die Jahre her war es nicht anders gewesen, als mache sich
da alles von selber; er erhielt gleich den andern sein Teil Arbeit aufgetragen,
und wenn er irgend sonst mit Hand anlegen wollte oder eine Frage ihm beifiel, so
liess es der Alte weder an Unterweisung noch Aufklärung fehlen, aber der Toni war
nicht sonderlich neugierig und der Alte, ungefragt und »unangegangen«, gar nicht
mitteilsam; der letztere wollte ja noch eine gute Weil »hausen und herren« und
dann erst, etwa ein Jahr vor der ihm gelegenen und genehmen Hochzeit des Sohnes,
Anlass nehmen, den Burschen in alles und jedes vom Kleinsten bis ins Grösste
einzuweihen und sich nicht Zeit und Mühe reuen zu lassen, bis derselbe sich
tüchtig »eingeschossen«; das hatte sich nun der Bub durch das »hinterlistig 'n
Vadern ums Seine narren« gründlich verscherzt. Gar bald trat manches an den
jungen Bauern heran, wo dieser nicht Rat wusste; das Gesinde befragen, ging doch
nicht an, der Schwiegervater zu Schwenkdorf war denn doch etwas aus der Hand
gelegen, und merkte der, wieviel in fremder Wirtschaft auf sein Meinen ankäme,
dann konnte sich derselbe wohl mit der Zeit gar unliebsam überheben; so blieb
denn schliesslich, wenn sich eine Sache recht zweifelhaft anliess, dem Toni nichts
über, als den alten Sternsteinhofbauer auszuholen. Er schlich dann immer hinzu
und redete so nebenhin und nebenher, tat dabei das Maul kaum auf, aber spitzte
desto mehr die Ohren. »Sag mal, was war da alter Brauch? der neue könnt etwa nit
taugen«, oder: »Damit halt ich 's wohl anders wie du, was meinst dazu?«
    Der Alte streckte sich dann jedesmal, sog die Luft ein, dass sein breiter
Brustkasten sich hob, und dröhnte dann heraus: »Was fragst nachm altn Brauch und
wie's andre halten? Tu, wie d' glaubst, wird ja recht sein, bist doch der Herr!
Zwei Anordner taugn nit af einm Anwesen, wie d' einmal gsagt hast. Liegt dir d'
Arbeit z' schwer auf, was nimmst denn kein Pfleger, wie d' dich in der nämlichen
Red hast verlauten lassen? Schau halt um ein orntlichen. So ein Pfleger pflegt
freilich vorerst sein Sack, aber versteht er was, so erwirtschaft er doch mehr,
als wie er dir stehlen kann, nur wann er nix versteht, is's gfehlt, dann geht er
mit der vollen Taschen, und dir bleibt a Loch in der dein'n.«
    Der junge Bauer mochte, wie oft er wollte, in den saueren Apfel beissen, er
trug nichts davon als stumpfe Zähne; er begann ernstlich zu sorgen, Schadens
wegen - dass er es für den Spott der Umgegend nicht brauche, das wusste er; in
seiner Not vertraute er sich der Bäuerin an, diese machte zwar grosse Augen und
schüttelte bedenklich den Kopf, aber sie war sofort entschlossen, die Sache in
die Hand zu nehmen, um den Alten umzustimmen; seit der dahintergekommen, dass sie
um den Streich, den man ihm mit der Wette gespielt, nicht vorher gewusst habe,
war sie ihm als Schwiegertochter viel leidlicher geworden. Sali lief von der
Stelle zu ihm und sprach auf ihn ein, sie klagte die Verlegenheiten ihres
Mannes, und da müsse sie nur frei gleich heraussagen, dass der schrecklich
leichtfertig gehandelt hätte, weil er sich zugedrängt, wo er doch zuvor wissen
konnte, dass er nicht aufkäme, aber der Vater möchte bedenken, dass auch sie
mitbetroffen würde und doch an allem Geschehenen nicht die geringste Schuld
trage, und wie schad es um das schöne Anwesen wär, und dass der Toni, wenngleich
recht unbesinnt, doch sein Einziger sei - und so bettelte und schmeichelte sie
dem Alten die nötigen Ratschläge und Auskünfte ab.
    Was dem alten Sternsteinhofer die Zunge löste, war aber nicht etwa
erwachender Gerechtigkeitssinn, der sich dagegen setzt, Unschuldige mit den
Schuldigen leiden zu lassen, wer das gedacht hätte, der kannte den Alten
schlecht; dessen Inkonsequenz entfloss keiner so lauteren Quelle, sondern - mit
Bedauern sei es gesagt - einem weiten, übervollen Becken menschlicher
Schwachheit. Wohl widersprach es ganz und gar seinem anfänglichen Vorsatze,
hübsch beiseite zu stehen und ruhig zuzusehen, wie die jungen Leute
abwirtschafteten, dass er nun dem einen Teile ratend beisprang und dadurch die
Fehler des anderen ausglich, aber nach wie vor blieb er gegen Toni unfreundlich,
dessen Dank und Annäherung er schroff zurückwies; das hätte dem jungen Bauern
allerdings nicht schwer aufgelegen, doch als er sich's recht bequem zu machen
dachte und die Bäuerin zu direkten Anfragen an den Vater veranlasste, da sagte
der: »Ei, du irrst wohl, das und das weiss der Toni sicher, er hat mir darüber
nichts verlauten lassen.« So musste denn jeder Angelegenheit halber vorab der
Bauer seine Not klagen und eingestehen, dass er nicht auswisse, und dann die
Bäuerin ihres Mannes »Übernehmen« bedauern und Abhilfe erbitten, das war es,
worauf der alte Sternsteinhofer bestand, dieses Demütigen und Betteln
schmeichelte seiner Eitelkeit!
    Allerdings waren die jungen Sternsteinhofleut keine gemeinen Rotfüchse,
sondern von einer edleren Gattung, etwa blaue, und es kostete sie einige
Überwindung, sich zu solchen gefügen und schmiegenden Schlichen zu verstehen,
als sie aber merkten, dass der alte Rabe auf andere Weise nicht zu bewegen war,
den Schnabel aufzusperren und den Käse fallen zu lassen, ergaben sie sich darein
und taten ihm seinen Willen, um den ihren durchzusetzen.
    Unter solchen Umständen, alles ihm zukommenden Respektes sicher, eilte es
dem Alten gar nicht, seine Ausnahm unter Dach zu bringen, doch als etwa nach
einem Jahre auf dem Sternsteinhofe ein Kleines zu erwarten stand, da liess er
sich die Beschleunigung des Baues sehr angelegen sein, brachte Stunden auf dem
Arbeitsplatze zu und schalt und eiferte mit den Werkleuten, denn sobald das Kind
oben einzog, wollte er herunterziehen; »an Kindergeschrei fänd er in seinm Alter
mehr kein Gefallen«, sagte er.
 
                                      XVII
Mit einbrechender Nacht war der Wagen über die Brücke gedonnert und durch das
Dorf gerast, man konnte nicht schnell genug den Kopf nach dem Fenster wenden,
vorüber war er.
    Vor dem Wirtshause hatte der Wirt gestanden, in dem Fuhrmanne einen Knecht
vom Sternsteinhof erkannt und, in mächtigen Sätzen nebenherrennend, ihn
angerufen.
    »Wohin, Wastl?«
    »In d' Stadt.«
    »Was eilt?«
    »Der Bäurin - 'n Doktor!«
    Worauf die Wirtin die Hände zusammengeschlagen. »Unsre Liebe Frau steh der
armen Seel bei!«
    Mit frühem Morgen kehrte der Wagen wieder, und als er oben im Gehöfte
anhielt, stürzte der junge Bauer stieren Blickes und wirren Haares herbei, den
kleinen, vierschrötigen Mann, der abstieg, beim Arme anfassend. »Helfts, helfts,
Herr Doktor, ich kann den Jammer nimmer länger anschaun!«
    Der Arzt gelangte, mehr hinangedrängt und geschoben als selbst steigend, die
Treppe hinauf.
    Drei viertel Stunden später lag oben in der dunkeln Stube, deren verhangene
Fenster Licht und Luft ausschlossen, ein gar schwaches, zartes, gelbsüchtiges
Kind und ein sieches Weib.
    Als der Doktor, sich fleissig mit dem buntseidenen Taschentuche die Stirne
trocknend, vom jungen Bauer geleitet die Stiege herabkam, wollte eine Magd die
folgenden Reden erlauscht haben.
    »Herr«, sagte der Bauer, »das wär dann, als hätt ich kein Weib.«
    »Euch davon zu verständigen«, sagte der Arzt, »war meine Pflicht. Ob Ihr sie
überhaupt noch lange behalten werdet, weiss ich nicht, wenn Ihr sie aber bald los
sein wollt, braucht Ihr bloss meinen Rat zu überhören.«
    Da erblickte der Bauer die Dirne, sie ward von ihm angerufen und musste eine
Flasche Wein, Schinken und Brot für den Doktor nach der Laube schaffen. Die
Gefrässigkeit, mit welcher das kleine, runde Männchen darüber herfiel, und dessen
schmatzendes Behagen war für die dermalige Gemütsstimmung Tonis ein so
widerspruchsvoller Anblick, dass er sich hastig mit der Andeutung, »oben
nachsehen zu müssen«, hinweg begab, was sicher auch dem Doktor sehr gelegen kam,
der, allein gelassen, sofort jede beileidige Miene ablegte und unter dem Kauen
einem hohen Grade von Wohlbefinden in unartikulierten Lauten Luft machte.
    Drei Tage darnach war die Taufe. Sie sollte in aller Stille verlaufen, denn
die Sternsteinhofbäuerin lag so kraftlos dahin, als ob sie sich Lebens oder
Sterbens besönne, und bei jedem aufdringlicheren Laut durchrieselte es sie vom
Kopfe bis zu den Füssen.
    Als der junge Bauer, von nur wenigen Gästen geleitet, mit der Patin, einer
der reichsten Bäuerinnen in der Umgegend, und der Hebmutter, welche in einem
reichen Taufzeuge ein winziges, missfarbiges Würmchen trug, die Stufen zur Kirche
hinanstieg, lehnte an der Mauerbrüstung, dem Portale gegenüber, das Weib des
Herrgottlmachers mit dem derben, pausbäckigen Buben auf dem Arme.
    Er starrte Helenen ins Gesicht, sie sah mit leicht gerunzelten Brauen nach
ihm, auch das Kind blickte ihn so grossäugig und ernst an, da senkte er den Kopf,
und sein Blick glitt an der kräftigen Gestalt des Weibes herunter.
    Die Taufzeugen traten in die Kirche, die heilige Handlung begann. Nachdem
die reiche Bäuerin namens des Täuflings versprochen, alles zu glauben, was die
Kirche zu glauben vorschreibt, und dem Teufel und seinen Werken zu entsagen,
erhielt das kleine Geschöpf, es war ein Mädchen, zu Ehren der Patin deren Namen
Juliana.
    Als der Zug die Kirche verliess, ging der junge Sternsteinhofer vorgeneigt,
wie wenn er vor sich auf dem Boden nach etwas suchte, er wusste, dass Helene noch
da war, er fühlte es, dass sie ihn beobachtete, er hätte es auch gewusst und
gefühlt, ohne die Schuhspitze ihres rechten Fusses zu sehen, die spielend kleine
Kiesel wegschnellte.
    Vier Wochen mochten seit dieser Begegnung vergangen sein, der zweiten in den
andertalb Jahren seit Tonis Heimkehr, da kam eines Abends, ziemlich spät, die
alte Zinshofer noch herübergelaufen und lud Helene mit wichtigtuenden Gesten und
heimlichem Augenwinken ein, in die alte Hütte hinüberzukommen.
    Der jungen Kleebinderin war solch verstecktes und verhehlendes Gebärden
zuwider, sie fuhr die Alte mürrisch an, doch gleich am Ort auszusagen, was es
gebe, aber da diese rasch hinaushuschte, so folgte sie ihr verdrossen nach.
    Als die beiden drüben eintraten, sass der junge Sternstein-hofer auf der
Gewandtruhe, den Rücken an die Wand gelehnt, mit herabhängenden Armen und drehte
langsam, wie müde, den Kopf nach der Türe.
    Helene blieb an der Schwelle stehen, sie streckte den vollen, runden Arm
gegen ihn aus und schüttelte mit der Hand.
    Schon hatte sie mit der Rechten die Klinke erfasst, um wegeilend die Türe ins
Schloss zu drücken, da stemmte sie plötzlich die Linke gegen die Hüfte und fragte
in scharfem, grollendem Tone: »Was willst denn du eigentlich da?«
    »Nix«, antwortete der junge Bauer, »gar nix. Dein Hrüberrufen hab ich nit
verlangt und hätt's auch nit glitten, wenn ich drum gwusst hätt; das war ein
Einfall von deiner Mutter, zu der bin ich kommen, mein Jammer und Elend klagn
und mich auszureden drüber, wie anders alls hätt werden können. Dös wird mir
doch verlaubt sein? Und ihr verüble nur nit ihr Mitleid für mich.«
    »Dir kommt nur heim, was du an mir gesündigt«, sagte Helene, damit trat sie
hinaus, man hörte das Getrappel einiger eilender Schritte und dann das Scharren
der Sohlen auf der Steinstufe vor der Türe des Nachbarhauses.
Es war den Leuten einleuchtend, dass es dem jungen Sternsteinhofer hart aufliegen
müsse, anstelle einer rührigen, lebfrischen Bäuerin so mit einem Schlag eine
nichtsnutze, serbelnde auf dem Anwesen zu haben, und die Klügeren, die nicht
jeden nach sich selbst beurteilten, behaupteten auch, sie hätten es vorhersagen
können, wie er sein Unglück aufnehmen würde. Gram und Herzleid halten manchen an
kurzem Faden fest am Orte, und so einer arbeitet dann oft doppelt soviel wie
sonst, um des Leidwesens Herr zu werden, oder das wird der seine, dann sitzt er
untätig dahin und verstumpft im fortwährenden Anblicke des Jammers; einen andern
jagen sie zum Haus hinaus, dass er wie im Nebel herumläuft, nur vom Heim
wegtrachtend, oder gar in allen Wirtsstuben zuspricht und im Trunke Vergessen
sucht. Dass der Toni den Sternsteinhof mit dem Rücken ansehen werde, das wollten
eben die Klügeren vorausgesehen haben, jene aber, die immer anders täten, als
ein anderer getan hat oder tut, die ihm das Überarbeiten und das »Herumknotzen«
in der Krankenstube - eins sein Schad und keins der Bäuerin Nutz - übelgenommen
haben würden, sie fanden es nun gar nicht schön, dass er auslief und das arme
Weib vereinsamen lasse, es war in ihren Augen nicht zu entschuldigen, aber doch
begreiflich. Nur über eines schüttelten bald die Bedachtsamen wie die
Übelnehmerischen die Köpfe, über den häufigen Zuspruch des jungen Bauern bei der
alten Zinshofer. Es vergingen wenige Abende, wo man ihn nicht nach der Hütte der
Alten gehen oder des Weges von derselben kommen sah.
    Quacksalberte vielleicht die Alte, um der Sternsteinhoferin »'n lieben
Gsund« wiederzugeben? Schon möglich. Vor Zeiten sagte man ihr nach, dass sie sich
auf Kräuter und Tränk verstehe.
    Aber doch wohl nicht. Denn der Bauer ging immer mit leeren Händen von ihr,
und Sympatie wird doch das keine gewesen sein, dass er dann, wenn er sich
unbelauscht glaubte, in das Vorgärtel des Herrgottlmachers schlüpfte, geraume
Weil vor dem Häuschen stehenblieb und an einer Fensterscheibe fast die Nase
platt drückte? Auch ging auf dem Sternsteinhofe die Rede, man wüsste recht gut,
welches Wegs der Bauer herkäme, denn sei er bei der alten Hexe gewesen, dann
gebe er der Bäuerin kein gutes Wort.
    Zweimal kam es sogar zu lärmenden Auftritten. Der Bauer überhäufte die
Bäuerin mit kränkenden Vorwürfen über ihr ungesundes Wesen, von dem sie wohl
gewusst haben werde, aber es ihm verheimlicht hätte, und als sie mit tränenden
Augen auf die Wiege hinwies, kehrte er derselben, das Kind verschimpfierend, den
Rücken; beide Male war er unter Tages im Dorfe unten gewesen, Helene war eben
auswärts, und die alte Zinshofer hatte ihr Enkelkind, den kleinen, kraushaarigen
Nepomuk, in ihre Hütte herübergeholt.
    Helene war es wohl in etlichen mondhellen Nächten, wo sie länger wach lag,
vorgekommen, als ob etwas vor dem Fenster schattete, aber sie hatte es nicht arg
noch acht; erst als man im Dorfe von den nächtlichen Gängen des jungen
Sternsteinhofers zu sprechen begann und der kleine Muckerl von einem schönen,
freundlichen Bauern schwätzte, der ihm viele schöne Sachen verspräch, da reimte
sie sich das Gerede der Leute und das Geplauder des Kindes zusammen.
    Noch am selben Abende, nachdem sie sich darüber klargeworden, sass sie
inmitten der Stube und machte einen langen Hals nach dem Fenster, und als aussen
Toni der Strasse entlang kam, erhob sie sich kurz darauf und lief nach der Hütte
ihrer Mutter.
    Sie riss die Türe hastig auf und warf sie schmetternd hinter sich zu, dann
trat sie hart an den Bauern heran, die geballte Faust vor seinem Gesichte
rüttelnd. »Du bist ein elendiger Kerl! Is's dir nit gnug, einmal an meinm
Unglück schuld gwest z' sein? Willst mich hitzt auch noch als Weib in Verruf
bringen?«
    Die Zinshofer drängte sich zwischen die beiden. »Heb nur kein Streit an in
meiner Hütten«, sagte sie, Helenens drohende Rechte am Handgelenke anfassend.
    »Meng du dich nit ein«, schrie das junge Weib, sich heftig losreissend. »Du
meng dich nit ein, weder so - ich rat dir gut - noch in andrer Weis, wozu d'
etwa Lust hättst! Was ich mit dem da hab, das is allein zwischen uns zwein!«
    »Freilich wohl -«, grinste die Alte; eine unmutige Bewegung und ein zorniger
Blick des Bauern machte sie verstummen.
    Toni schob sie zur Seite. »Lass s' nur«, sagte er, »lass s', Mutter Zinshofer.
Sie hat ja recht, wann s' mir 's Vergangene nachtragt, ich hab schlecht an ihr
ghandelt, und 's is mir übel gnug ausgangen.«
    »Sonst beschweret's dich nit viel«, höhnte Helene.
    »Aber Gott is mein Zeug«, fuhr er fort, »und auch du kannst mich nit Lugen
strafen, vom Anfang war mein Absehn a ehrlichs -«
    »Und ich jung und dumm gnug dazu«, unterbrach sie ihn, »afs alleine Absehen
was z' gebn. Aber du irrst, wann du denkst, ich trag dir deswegen was nach. So
ein Betrügen zwischen zwein, wobei allzeit 's Betrogene noch mitilft, weil
sich's selber betrügt, das witzigt ein'n nur für ein andermal, und damit is's
aus und vorbei. Wann du mir aber hitzt über die Weg schleichst, mich als Weib
für so schlecht haltst, wie ich als Dirn unbesinnt war, hitzt, wo's af ein
Betrügn unter dreien ankäm, 'n dritten dir z'lieb, und wo nur von einm
unehrlichen Absehn die Red sein könnt und für dich gar nix afm Spiel stünd und
für mich mehr wie alls, hitzt is das ein beleidigend Einbilden und ein schandbar
Zumuten!«
    Toni schüttelte den Kopf. »Es is weder ein Einbilden noch ein Zumuten dabei.
Was die Leute erlauern können, wann ich dir gleichwohl über die Weg schleich,
das is nur für mich abträglich; nur mir greicht's zur Unehr, und nur mich
macht's zun Gspött, wann ich dir nachlauf und kein Ghör find.«
    »Dös is nit so! Bisher hab ich's gleich geacht, ob du am Zaun
vorüberstreifst oder ob sich ein Hund dran reibt, und solang mer denken musst,
ich merk nix davon, konnt mer mir auch nix verübeln, aber hitzt kommt mir zu,
dass ich dir verbiet, mir übern Weg und unter d' Augen z' gehn, und das wirst dir
auch gsagt sein lassen!«
    »Nein«, sagte er leise, aber bestimmt.
    »Was?« schrie das junge Weib, vor Zorn erglühend. »Mit aller Gwalt brächtst
mich in Verdacht? Du wolltst nit?«
    »Ich kann nit.«
    »Dann spuck ich dir auf offener Strassen ins Gesicht, wie schon einmal, und
schrei es vor allen Leuten aus, dass du pflichtvergessener Lump meiner Ehr
nachstellen willst, trotz ich dir dafür alln Schimpf und Schand angetan.«
    »Tu's.«
    »Pfui!«
    »Hast recht. Ich gspür ja selber, dass ich kein Ehr im Leib hab, sonst stünd
ich nit da, wo mer mich nit mag, und bettelt um ein Fusstritt. 's einzig
Männische, was ich noch an mir hab, worauf ich acht, weil mir 's Nichtachten so
a schwer Lehrgeld kost, 's Wortalten, verbiet mir eben, dass ich dir verspräch,
ich tät nach deinm Willn. Ein Wochen etwa vermöcht ich mich fernzhalten, in der
nächsten schon zwinget's mich wieder da her, in deiner Näh hrumziungern und z'
lauern. Jesses und Josef! ich weiss mich nit aus!«
    Die alte Zinshofer drückte die Schürze vors Gesicht und schlich durch die
Hintertüre aus der Stube.
    Helene hatte die Augen gesenkt, nun blickte sie auf. »Was bezweckst denn mit
deinm Raunzen?«
    »Bezwecken?« Er lachte schmerzlich auf. »Frag 'n gschlagenen Hund, warum er
heult. Weil ihm weh is. O du mein Gott, wann mer sich nur damal besser miteinand
verstanden hätten. Ich stünd hitzt grossjährig und frei da; - hättst nur du auf
mich gwart!«
    »Leicht gäbst du gar noch mir a Schuld?! Narr du, sollt ich mich af Jahr
hnaus alln Anfeindungen von Gross- und Kleinbauern aussetzen und warten, die
gwisse Schand vor 'n Augen, afs Ungwisse? Bist denn du nit von mir grennt wie
der ertappte Dieb vom Rübnfeld, und wie der sein Sack, hast mich dahinter
lassen?«
    »Du brauchst mir's nit vorzurupfen! Hätt ich damal getan, wie recht gwesen,
so blieb mir hitzt, nach drei Jahrn in der Fern und im zweiten daheim, 's
Einsehen erspart, dass ich verspielt hätt, was mir allein taugt.«
    »So lass verspielt auch für verloren gelten, trag, was auf dich zu liegen
kommt, und sinn nit, das Unglück, was dich mit deiner Bäurin betroffen, durch
anderer Leut Schaden auszgleichen. Mir mut wenigstens nit zu, weil dir d'
Weibernarrischkeit einschiesst, dass ich dir die Narrin dazu abgäb. Und hitzt wär
gnug gredt über so 'n Unsinn!«
    »Leni, ein Wort noch! Nit oft, noch auffällig, nur zeit- und randweis
verlaub mir 's Herkommen, ich will ja auch 'm Kind nachschaun -«
    »'m Kind? Das geht dich doch gar nichts an und mich nur soweit, dass 's sein
Leben bhalt und sein Pfleg hat, 's is af eins andern Duldung angwiesen, einer
ledigen Dirn Kind und hat kein Vadern.«
    »Wer weiss, was d' Zeit bringt! Es könnt 'n ja noch kriegn -«
    »Dir is wohl 's Geblüt in Kopf gstiegen?«
    »Nein, Leni, nein, ich red nit unüberlegt. Wie lang kann's denn mit meiner
Bäuerin währen? Vielleicht nimmt s' unser Herrgott bald zu ihm, wär ja auch 's
beste für sie, denn heil und nütz wird s' doch nimmer.«
    »Schon deinm Reden nach wär der arme Hascher wohl besser im Himmel
aufghoben. Aber ob sie fortlebt oder wegstirbt, das hat kein Bezug; ich hab kein
Anlass, meinm Mon 'n Tod z' wünschen, der is nit siech und steht in dein'n
Jahrn.«
    »Er lebt auch nit ewig.«
    »Toni! - Unser Herrgott verzeih dir die Sünd und mir, dass ich solchs anhör!«
    Toni hielt sie an der Hand zurück. »Er muss's, Leni, er kann gar nit anders;
sonst liess er mich meiner Gedanken Herr werdn, sonst liess er mich an deinm Trutz
vertrutzen, sonst liess er's nit zu, dass ich dir nachtracht, als wärn wir die
zwei alleinigen Leut af der Welt und uns bstimmt! Und wär's a Sünd, Leni, dir
könnt er nit an! Ich nimm alle af mich - für dich nähm ich jede Sünd af mich -
für dich, was a himmelschreiende wär! - für dich - Leni -«
    Sie stiess ihn kräftig von sich und eilte hinaus.
    Als die alte Zinshofer den Kopf zur rückwärtigen Türe hereinsteckte, lehnte
der Bauer an einem Pfosten der vorderen, beide Handflächen an die Stirne
gepresst.
Der Mond schien in die Schlafstube des Holzschnitzers. Helene ruhte und träumte.
Es war ein verworrenes Träumen. - -
    Sie stand in der Stube ihrer Mutter vor der blanken Spiegelscherbe, die dort
im Fensterwinkel lehnte, sie hatte das stillvergnügte Gefühl einer frohen
Erwartung, das kleine Gemach war gedrängt voll von Leuten, unter denen ihr
welche, die sie täglich sah, wie fremd vorkamen und andere, die sie sich nie
gesehen zu haben erinnerte, wie längst bekannt; zu dem Fenster guckten der
Muckerl und die alte Kleebinderin herein und schlugen wundernd die Hände
zusammen, und hinter ihr stand Toni und zupfte sie an den Zöpfen und kitzelte
sie unter den Armen und fragte: Bist bald fertig? Und sie schrie ungehalten,
aber doch lachend: Gleich, gleich!
    Dann lief sie an den Leuten vorüber - die eine Gasse bildeten - unmittelbar
in den Flur des Sternsteinhofes und die Treppe hinauf. In den schönen Stuben
standen alle Schränke offen, nicht nur die mit Leinen- und Gewandzeug, auch der
Silberschrank, aus dem es funkelte und leuchtete, und der Geldschrank, aus dem
Papier- und Bargeld fast herausquoll. Von unten hörte man das Geblök der Rinder,
das Getreibe des Geflügelhofes, das Pfnauchen der Maschinen, dann
Raketenprasseln, Musik, jenen Hochzeitslärm, und plötzlich fand sie sich unter
Tanzenden und Singenden und tanzte mit und sang. - -
    Darüber wachte sie auf.
    Es war alles ruhig. Doch nein, von der nächsten Ecke schallte es her, der
Mann dort im Bette mochte wohl auf der Nase liegen, denn er verbrachte ein
wundersames Geschnarche, und zu dieser Musik hatte sie im Schlafe zu singen
versucht.
    Tief aufseufzend erhob sich Helene mit halbem Leibe, da machte der Schläfer
eine Wendung, und das Geräusch verstummte. Sie lauschte, nach einer Weile erst
vernahm sie seine ruhigen, regelmässigen Atemzüge.
    Helles Mondlicht erfüllte den Raum der Stube, tiefschwarz lagen die Schatten
der Fensterbalken wie gespenstige Grabkreuze breit über der Diele.
    Zwei, just zwei, lagen da.
    Helene klammerte sich an den Bettrand und beugte sich über denselben hinaus,
so war es ihr möglich, die letzten Fenster des Sternsteinhofes zu erblicken; ein
schwaches Licht blickte von dorter, es leuchtete in der Krankenstube der
Bäuerin.
    Wie lang wird's mit der währen?
    Wenn sie auch jetzt wieder auf die Füss kommt, so schlimmer für sie, wenn
wahr ist, was die Leut sagn, dass die Magd behauptet, es hätt es der Doktor
gesagt.
    Der Bauer hat heisses Blut.
    Liesse sich eines darauf ein, ihn unsinnig zu machen und heimzu zu jagen, er
ertrotzte dort sein Recht und -
    Tu's, flüsterte eine Stimme in ihrem Inneren.
    Davon liesse sich nichts austragen noch erweisen -
    Tu's, flüsterte es wieder, aber diesmal war es, als spräche es ganz nah von
aussen auf sie ein.
    Herr du, mein Jesus, was sind das für Gedanken?! Was will mir da an? -
Dummheiten! - So sündhaft wie dumm! - Blieb doch der andere -
    Der lebt auch nit ewig.
    »Lebt auch nit ewig«, murmelte sie, als wiederhole sie Worte, die ihr
vorgesagt worden.
    Da besann sie sich plötzlich, dass sie gesprochen habe, nach niemand und
nirgendhin, sie sah mit scheuen Blicken um sich, dann streckte sie sich rasch
aus, zog die Decke über sich und schloss die Augen. Aber während sie den Kopf in
das Kissen drückte, dachte sie trotzig: Unsinn! Ewig lebt keiner, doch überlang
mancher. Was gschäh dann?
    Das findt sich! flüsterte es in ihrem Inneren.
    Kalter Schweiss troff ihr aus allen Poren, dann schauerte sie wieder wie im
Fieber zusammen.
    Das findt sich! klang es ihr, wie von aussen, unmittelbar an dem Ohre.
    In diesem Augenblicke tat der Mann drüben einen schweren Atemzug mit weit
offenem Munde, es klang wie Geröchel.
    Mit Anstrengung unterdrückte Helene einen lauten Aufschrei. Nun begannen
ihre Pulse zu hämmern, sie unterschied jeden einzelnen Schlag dem Gefühle nach,
sie empfand es auch, ohne zu zählen, dass in einer genau wiederkehrenden Frist
das regelmässige Klopfen wie durch rasende Doppelschläge unterbrochen wurde, und
dann flüsterte, wisperte und raunte es ihr zu: Tu's - tu's - tu's - es findt
sich - es findt sich! Und das kehrte wieder und wieder, sie wusste es genau,
wann, und trotz sie sich die Ohren mit den Händen zuhielt und den Kopf im Kissen
und unter der Decke vergrub, es klang immer verwirrender, drängender,
gebietender: Tu's - tu's - tu's - es findt sich - es findt sich!
    Da warf sie sich aus dem Bette zur Erde und kroch auf den Knien in den
Winkel hinter ihrer Liegerstatt; sie stiess den Kopf hart gegen die kalte Mauer
und blieb mit der Stirne an derselben lehnen, ihre Hände falteten sich
krampfhaft, sie krümmte sich zusammen aus Furcht vor sich selbst oder vor dem,
was aus ihr heraus wie leibhaft sie anzufassen und zu bewältigen drohte. Sie
begann zu beten, erst im stillen, dann mit halblauter Stimme; ohne auf den Sinn
zu achten, murmelte sie eifrig die Worte, um ihre Gedanken zu verscheuchen und
die unheimlichen Rufe zu übertäuben. Manchmal erhob sie die Stimme, als wollte
sie etwas zurückschrecken, das nach ihr fasse; dann ward ihr Gemurmel mählich
eintöniger, und gegen Morgen brach sie kraftlos in der Ecke zusammen und
schlummerte ein.
    So fand sie der Herrgottlmacher. Unter seiner Berührung schrak sie auf.
    »Um Jesu willen«, sagte er, »was is's denn mit dir?«
    »Schlecht is mir gwest«, antwortete sie, »mein Lebn hab ich kein so
schlechte Nacht ghabt.«
    »No, wär nit aus«, meinte er kopfschüttelnd.
 
                                     XVIII
Etliche Tage nachher fand sich mit einmal der kleine, säbelbeinige Agent der
»Handelsgesellschaft für religiösen Hausrat« in Kleebinders Hütte ein. Er hatte
sich die Jahre über äusserst selten blicken lassen und war dann immer mit einer
gewissen Zurückhaltung, aber auch mit aller gebührenden Rücksicht empfangen
worden; der letzteren konnte für diesmal allerdings der Umstand einigen Eintrag
tun, dass seit längerer Zeit die Bestellungen merklich abnahmen.
    »No, auch einmal anschaun lassen?« rief der Holzschnitzer nach der ersten
Begrüssung. »Hoffentlich bringts mer doch Guts? Schon a schöne Weil her lassts
mich völlig feiern, brauchts auch gar nix!«
    »Recht haben Se, Herr Kleebinder, wenn Se sich aufhalten«, sagte das
Männlein. »Die Geschäfte gehen flau. Mein, was wollen Se? Die Gesellschaft war
verfallen in ä grausamen Irrtum, se hat gemeint, mit de Woor werd sich
verbreiten der relgiöse Sinn und mitm relgiösen Sinn wieder de Woor, un es werd
kann End nehmen; nu verlangt aber nor der relgiöse Sinn nach der Woor, die Zahl
der Abnehmer is ä beschränkte, un die Zahl is erschöpft. Gott, was haben dagegen
die Engländer for a reiches Absatzgebiet for indische Götzen, was werden
gefabriziert in London! Se sein aber ach ä groisses Handelsvolk, un is mer immer
afgefallen, dass se ihrn Sabbat esoi heiligen.«
    »Sein s' Juden?«
    »Wo denken Se hin, Herr Kleebinder? Christen - Christen, sag ich Ihnen, vom
reinsten Wasser. Aber hören Se af ein Rat, Herr Kleebinder, sehen Se sich um um
ä Nebenverdienst, wie ich mer hab umgesehn um an'n.«
    »Ich wüsst mer kein.«
    »Lassen Se sich sagen, machen Se heidnische Figuren.«
    »Wenn auch kein Sünd dabei wär, ich verstünd mich nit drauf.«
    »Sein Se nix ängstlich, ich an Ihrer Stell würd mit de Götter ach noch
fertig werden. Schnitzen Se ein' Mann, was gar kein Kleidungsstück tragt wie
anstatt 'n Hosenlatz ä Weinbeerblatt, und setzen Se ihn af ä Weinfass, haben Se
'n Bacchus, geben Se ihm in die Hand 'nen Tremmel, werd es sein der Herakeles,
lassen Se ihm tragen Flügel an de Fuss un ä Stangen, woran sich statt 'er Brezeln
ringeln ä poor Schlangen, is der Merkur fertig. De Hauptsach in der Mytorlogie
ist de Natürlichkeit. De Farb kennen Se ach daran ersporen, machen Se de
Figürcher nor recht schmutzig, das is ä Kunstwert, was Platina heisst. Ich besorg
Se, wenn Se wollen, ä ganzes Mytorlogienbuch, worein se alle stehen
afgeseichnet, de Götter un de Göttinnen.«
    »Dös sein dö Weibeln von dö, was nix anhabn? Schaun dö auch so aus?«
    »Einselweis tragen welche esoi alte Kleidungsstücke; aber wenn Se mer
folgen, Herr Kleebinder, so machen Se nor Venussen, se sein immer verkäuflich.
Übrigens, was red ich Ihnen vor, als ob das wär for Se was ganz Neues? Sieht
doch de Venus af ä Hoor gleich der heiligen Eva, af soi ane werdn Se doch schon
ämol effektuiert haben ä Bestellung?«
    »Da irrts Enk gross«, sagte der Herrgottlmacher überlegen, »z'erst, merkts
Enk, is d' Eva sowenig heilig wie der Adam, und nachher tragn dö, vor s' der
Herr ausm Paradeis jagt, ein Schurz von Laubwerk und dann, in der Wildnus, ein
von Tierfell.«
    »Nu, was ä groisser Irrtum!? Lassen Se de Heiligkeit samt 'm Laub un 'm Fell
weg, so haben Se, was Se brauchen.«
    Muckerl schüttelte ärgerlich den Kopf. »Dös verstehts Ös nit. Nie noch is
Adam und Eva verlangt wordn, begreiflich, wer stellt denn auch so was in d'
Stubn, 'n Kindern unter d' Augen?«
    »Es gehört ach nix for de Kinder. Schnitzen Se, wie ich gesagt hab, ä Eva un
heissen Se se Venus, was liegt daran? Sie werden mer danken, un um ä Vorbild
brauchen Sie ach nix zu sein verlegen.« Er deutete nach der Küche, wo Helene am
Herde beschäftigt war. »Was haben Se for ä Prachtweib!«
    »Pfui Teufl!«
    »Wie heisst 'Pfui Teufl', wenn andere sagen: 'Gott wie schön' un lassen Se
verdienen dabei ä Geld? Nu, tun Se's, oder tun Se's nix? Ich hab's gemeint gut
mit Ihnen. Weil mer aber gerad reden von Geld verdienen; Herr Kleebinder, ich
hab Se verdienen lassen, lassen Se mer ach verdienen.«
    »Habts was z' verhausieren?«
    »Trag ich ä Bünkl?« fragte das Männlein beleidigt. »Ich bin ä Agent for ä
Lebensversicherungsgesellschaft, un als solcher möcht ich gern machen mit Se ä
Geschäft; lassen Se sich versichern.«
    Muckerl schüttelte abwehrend die Rechte. »Lebensversicherung? Dös kennen
mer, ich hab mer sagen lassen, 's selb wär eigentlich a Sterbensversicherung;
einer, was lang lebt, findt 'es Zahlens kein End, und 'n Vortel hätt nur der,
was sich gleich nach 'n ersten Einzahlungen hinlegt und verstirbt.«
    »Hehe, recht habn Se, Herr Kleebinder, es is eigentlich ä Versicherung forn
Todesfall, aber Se glauben gar nix, was ankommt af soi ä Titel! Mer kenn's doch
nix heissen: Todesversicherung? Was ä Menge Leut möchten sich scheuen
beisutreten?«
    »Heisst's, wie d'r wöll, ich bin nit fürs lange Zahlen noch fürs gache
Sterben.«
    »Gott, de Lung kenn mer sich 'eraus reden bei de Bauersleut, um se
afsuklären über das Wesen von de Assekuranz! Wenn ich afzeig de Vorteile von
aner Versicherung forn Todesfall, 'n Hagelschlag, Brand-un Wasserschaden,
Einrichtungsstücke un Reiseunfälle, stehen se nix da un schütteln mit de Köpf un
ferchten un wünschen sugleich aus purn Geiz, dass möcht kommen schon in de erste
Zeit 's Sterben un der Hagel un Feuer un Wasser un Gerätschafts- und
Körperschaden?! Gott der Gerechte, wär ä Geschäft das, wobei könnt florieren ä
Gesellschaft! Liegt es doch for jeden vernünftigen Menschen af der blossen Hand,
dass mer kenn nor ausn Einsahlungen von Tausende 'erausbezahlen for de wenigen,
was ä soi ä Unglück betrifft, ä Vergütung.«
    »No, dö sein doch schön dumm, was für andere zahlen.«
    »Des sein de Gescheiten, Herr Kleebinder. Weil keiner von de vielen kenn
wissen, ob er nit morgen werd sein unter de wenigen, was ä Malör betrifft!
Manche tun ach erschrecklich fromm un kümmen su steigen mit de Redensort, ihr
Leben un Hab un Gut stünd in Gottes Hand, un wenn der se oder de Ihren will
treffen, werd er sie treffen.«
    »Dö habn doch gwiss recht.«
    »Recht haben se als fromme Leute; aber es werd doch nix verstossen gegen die
Frommheit, es werd nix verstossen gegen die Ergebung in den Willen Gottes, wenn
einen trifft ä Schlag von oben, dass unterhält de Assekuranz de Hand, damit es
nix ausfällt su grob?!«
    »Dös is mer z' fein. Ich weiss, de Assekuranz halt schon früher dö Hand
unter, und dö soll mer ihr fülln.«
    »Wie kommen Se mer vor? Aus nix werd nix! Glauben Se, mer werd Ihnen
unentgeltlich helfen aus einm Unglück 'eraus, su einer Zeit, wo mer müss
besahlen, dass andere kommen 'enein?! Sahlen Se nix forn Krieg, for de
Gefängnissen, for de Findelhäuser, for de Irrenanstalten, for de Spitäler?! Nü?!
Was wollen Se also haben umsonst ä Versorgung für Witwen un Waisen, ä
Versicherung von Ernte un Grund, ä Schutz vor Feuer un Wasser?! Sein Se
gescheit, lassen Se nix ungenützt vorübergehen de günstige Gelegenheit;
unsereiner kommt selten in der Gegend.«
    »Von mir aus könnts schon wegbleiben. Was habts denn Ös davon?«
    »Das will ich Se sagen, Herr Kleebinder, ä klane Profision, wie for jede
Kundschaft, was ich subring der Gesellschaft.«
    »Dö soll leicht ich Enk zahlen?«
    »Bewohr, de sahlt de Gesellschaft.«
    »Und woher nimmt s' dö?«
    »Von de Kosten.«
    »Und wer tragt döselbn?«
    »Se sein sehr neugierig, Herr Kleebinder -«
    »Ahan, sehts, da steckt der Betrug! Brav einzahln solln mer, dass andere a
gut Lebn führn können!«
    »Weiss Gott, ich tät Ihnen wünschen ä soi ä Leben. Se möchten mehr schwitzen
dabei, als jemals Se hinter Ihrm Arbeitstisch geschwitzt haben! Meinen Se, ä soi
ä groissartige Unternehmung führt sich von selber? Da müss es geben Agenten un
Unter- un Oberbeamte un Buchhalters un än Direkter - was wissen Se? -, de alle
müssen leben; un de Profision for de Agenten un de Gehalte for de Beamten un 'er
Profit for de Gesellschaft werd alles genümmen von de Intressen, von de Prosente
von den eingesahlten Kapital! Verstehn Se! Nix von 'nen Kapital selber! Zeigen
Se mer so ä billige Verwaltung anerswo! Der Steuerbeamte nimmt sein Gehalt von
de Steuer, von Kapital, nix von de Intressen, der Herr Pfarrer, was verwaltet de
Armengelder, nimmt nix von 'em Kapital noch von de Intressen, er müss obenein sei
Gehalt kriegn, un ins Steueramt un in de Armenkasse tragen Se nor Ihr Geld
'enein, von üns aber kriegen Se 'eraus bei Heller und Fennig, was is worden
ausbedingt un worauf Se haben ä Geschrift in Händen! Gott, was ich mer
eschoffier, dürft sein ä Angelegenheit, wobei su verdienen ä Sack voll Geld!
Machen Se keine Geschichten, es is doch nor Ihr Vorteil. Was ä Umständlichkeit!
die Sach is gleich berichtigt. Ich bring Se in de Kreisstadt zun Arzten - es
soll Se nix kosten - Se werden lachen, es is wie bei aner Assenterung. Er werd
Se abklopfen, erst am Rücken, damit sich de Lung loslöst vom Rippenfell un er se
besser hört, und dann von vornen, weil er - doch was wissen Se? - aber Se werden
lachen, un dass Se dabei erfahren, was Se for ä gesunder Mensch sein, das haben
Se umsonst, un als 'm gesunden Menschen berechnet mer for Se auch die Einsahlung
billiger.«
    Helene stand vorgeneigt an der Schwelle der Stubentüre. »Sei still«,
beschwichtigte sie das Kind, das, einige Worte lallend, an ihren Rockfalten
zerrte.
    Muckerl war so misstrauisch wie nur irgendeiner vom Dorfe, aber auch durch
vieles Einreden leicht verlegen gemacht, er fühlte sich der Mundfertigkeit des
kleinen Mannes durchaus nicht gewachsen und versuchte daher, der ihm immer
unangenehmer werdenden Lage mit einmal ein Ende zu setzen, indem er entschieden
sagte: »Sparts Enkre Wort, wendts weiter keins af, es is umasunst. Ich mag nit!«
    »Sein Se ä Familljenvater? Seit es gibt ä Lebensversicherung, kenn mer es
von jeden verlangen, dass er for de Seinen sorgt. Denken Se af Weib und Kind!«
    Helene trat mit dem Kleinen auf dem Arme zur Türe herein. »Schau, Muckerl«,
sagte sie lächelnd, »so unebn wär's nit, wann d' uns zlieb was tätst, dass wir
nit einsmals betteln gehn dürften.«
    Der Herrgottlmacher blickte erstaunt auf. Woher dieses plötzliche Einmengen?
Er zog die Mundwinkel herab und starrte Helene mit grossen Augen an. Es
erbitterte ihn, dass sie, anstatt zu ihm zu stehen, so unversehens einem Fremden
das Wort redete, und noch dazu in einer Sache, wo es sich um Auslagen auf Jahre
hinaus handelte und die Aussicht auf seinen Tod ihr einen Gewinn versprach.
Sollte er sagen, was ihm schon auf der Zunge lag: dass, wenn sie mal betteln
gehen müsste, sie es vollauf um seine selige Mutter verdient habe und dass sie ihm
ja bisher jede Sorge für das Kind förmlich verübelte, das übrigens ...? Doch was
würde der Jud denken, wenn er ihn gegen das Weib in der Weis aufbegehren hörte?
Nein. Er versprach, dass er sich's überlegen und sich schon »einmal« versichern
lassen werde.
    »Gott sei davor!« schrie der kleine Agent und focht dazu mit den Händen in
der Luft. »Gott sei davor, dass ich Se gäb ä Zeit, su bereuen soi ä guten
Vorsatz. Nix da; Herr Kleebinder, Se werden sich jetzt setzen su Tisch, dann
gehn mer 'enauf sun Wirt und nehmen üns su leihen seinen Leiterwagen -«
    »'n Leiterwagen?!«
    »Wir werden nix bleiben allein, in de Dörfer, wobei wir fahren vorüber,
sitzen noch ä fünfe, was sich haben gleichfalls entschlossen; Se machen grad 's
halbe Dutzend voll, Herr Kleebinder. Se sehn, es geht in einem! Wo käm ich sonst
af de Kosten?«
    »Na, da musst wohl fahren, Muckerl«, sagte Helene, »wann sich schon für
umsonst a Glegenheit schickt.«
    »Du kannst's wohl gar nit erwarten, dass's zun Zahlen kimmt?«
    »Sei nit kindisch, ich mein nur, wann d' schon entschlossen bist, wozu's
hnausschieben?«
    Muckerl war zwar nichts weniger als entschlossen, und dass die Sache so über
Hals und Kopf abgemacht werden sollte, machte sie ihm nur noch bedenklicher. Er
kraute sich in den Haaren.
    Aber der Agent drängte: »Hören Se af Ihre Frau, Herr Kleebinder; af Frauen
hören is in viele Fäll gut, wenn ach nit in jeden. Wir sein drüben in der Stadt
in ä poor Stund, un der Afentalt dort is ä geringer. Mit Abend sein Se wieder
daheim, Herr Kleebinder.«
    »No, siehst, da is ja alls schon ganz prächtig eingteilt. Hitz komm,
Muckerl, essen, dass mer d' Zeit auch einhalt. Nimmt der Herr leicht auch ein
Löffel Suppen?«
    Der Agent lehnte dankend ab. Er hielt sich strenge an die Speisegesetze,
welche noch aus den Zeiten naiver Gottesfurcht herstammen, wo die Menschen nicht
nur mit Hand und Mund den Göttern dienten, sondern auch mit eigenen und fremden
Eingeweiden.
Schwere, niederhangende Wolken trieben vor dem Winde einher, als gegen Abend der
Leiterwagen durch das Dorf polterte.
    An der Seite des kleinen Mannes auf dem Sitzbrette kauerte der
Herrgottlmacher, den Hut tief in die Stirne gedrückt, bleich, mit stieren
Blicken unter den blinzelnden Lidern, das Haar klebte ihm an den Schläfen.
    »Jesses, Muckerl, was hast denn?« fragte Helene, aus dem Vorgärtel
herzueilend.
    »Sö nehm mich net«, brachte er mit zitternder, angstvoller Stimme hervor.
    »Da haben Se's«, sagte der Agent, »erst will er nix, un nu is er verzagt,
weil wir nix wolln. Sein Se kein Kind, Herr Kleebinder, machen Se sich nix
draus. Hundert Johr sein Leute alt geworden, was de Ärzte haben 's Leben
abgesprochen. Setzen Se sich nix in' Kopf wegen e dem, was sagt so aner.
Deswegen leben Se kann Tag weniger. 's kenn ja ach sein nor gewesen ä Bosheit, um
mich su bringen um ä Profision; de Herren erlauben sich manchmal soi unfeine
Späss mit ünsereinm. Schlagen Se sich's aus 'm Sinn, Herr Kleebinder. Grübeln Se
nix drüber. Hörn Se, was ich sag, gor nix geben Se drauf.«
    Helene half ihrem Manne vom Sitze herab und führte ihn in das Haus, sie
verliess ihn unter der Türe, als er zur Stube hineinschwankte, und lief hurtig an
den Wagen zurück. »Sagts mir nur«, flüsterte sie, »was is denn eigentlich mit
dem Mon los? Könnts mer's schon anvertraun, ich fall nit gleich hintnüber.«
    
    Der kleine Mann schnitt ein faunisches Gesicht und kräuselte die wulstigen
Lippen, vermutlich kitzelte ihn »ä ausgeseichneter Witz«, sicher ist, dass er gut
daran tat, ihn für sich zu behalten. Er beugte sich etwas vorneüber. »Se müssen
nix erschrecken«, sagte er halblaut, »was ä Doktor redt, is lang nix soi
gefährlich, als was er schreibt, de Resepten. Ihr Mann soll stecken in kaner
guten Haut. Bei üble Sufälle kenn mer nix wissen, was es 's nächste Johr brächt.
Mein, ä Wort macht kann Toten lebendig, werd's ach kann Lebendigen tot machen.
Lassen Se sich kann krauses Hoor drüber wachsen, wär schod for soi ä schöne Frau.
Mei Emfehlung.«
    Helene kehrte in die Stube zurück. »Lass's gut sein«, sagte sie, »wollen s'
dich nit nehmen, solln sie's bleibenlassen! Tu du dir nur nix einbilden. So arg,
wie sie's machen, wird's lang nit sein.«
    Sie setzte sich an den Tisch, ihm gegenüber.
    Aussen begann ein mächtiger Regen niederzurauschen, dessen Plätschern,
Prallen und Geträufe alsbald jeden anderen Laut überbrauste.
    So sassen sie denn schweigend. Der Mann noch immer mit dem Hute auf dem
Kopfe, beide Ellbogen aufgestützt, vor sich in das Leere starrend; das Weib, mit
dem Schürzensaume spielend und von Zeit zu Zeit scheu nach dem Bekümmerten
blickend.
    Mählich liess der Regen nach; als es nur mehr »nieselte«, sprühende Tröpfchen
wie fallender Nebel niederrieselten, erhob sich Helene. »Mach dir nix draus«,
sagte sie zu dem Manne und strich ihm mit der Rechten über die nasse Stirne.
Einen Augenblick hielt sie die feuchte Hand vors Gesicht, dann rieb sie selbe
sorgfältig und wiederholt mit der Schürze ab. Sie schlich hinaus zur Stube und
ging durch das Vorgärtchen und mit langsamen Schritten der Hütte ihrer Mutter
zu.
    Nahe derselben drückte sie beide Hände gegen die Brust, die Knie begannen
ihr vor Aufregung zu zittern, und sie liess sich auf das Bänklein neben der Türe
nieder.
    Wie sie so sass und der Bach an ihr vorübergischte und die feuchte Luft sie
umfächelte, in der sich die Düfte von Erdbrodem und Pflanzenodem mischten, da
erwachte in ihr immer lebhafter die Erinnerung an eine Zeit und an einen Tag, wo
sie als kleine Dirne von derselben Stelle träumend zu dem Sternsteinhofe aufsah.
    Und nun lag er wieder - keinen Schritt entrückt - vor ihr, wie sie ihn als
Kind gesehen mächtig und breit dort oben ragen, als luge er in der Runde aus
nach seinesgleichen; nur die goldig schimmernden Fenster fehlten - die Sonne war
untergegangen.
    Ei, du stolzer Hof, du brauchst nit von der Sonn z' borgen!
    Die Türe der Hütte öffnete sich, und die alte Zinshofer steckte den Kopf
heraus. »Na, kommst hrein oder nit? Schon d' längst Zeit seh ich durchs Fenster
dich da hocken.«
    »Ich war ganz in Gedanken«, sagte Helene, dann fuhr sie in klagendem Tone
fort: »Hörst, stell dir vor, mein Mon wollt sich verassekuriern lassen, fahrt
hnüber zun Arzten in die Kreisstadt, und der nimmt 'n nit an; völlig 's Lebn
spricht er ihm ab, 'm armen Teufl, so viel krank soll der sein.«
    Die Alte blinzte mit den Augen und grinste mit dem Maul. »Geh zu!«
    Helene schnellte von der Bank empor und kehrte der Mutter den Rücken. »Wann
d' mir so kommst, dann auch gleich auf der Stell.« Sie schritt hinweg, die Arme
an den Leib ziehend und die Schultern zusammenrückend, wie oft eigenwillige
Kinder im Ärger tun.
 
                                      XIX
Die Schere war der jungen Kleebinderin unversehens entfallen und blieb mit der
Spitze in dem Boden stecken; sie bückte sich darnach. »Glaubet ich drauf«, sagte
sie, »so bekämen wir bald ein seltsamen Besuch.« Als sie sich wieder
aufrichtete, zeigte sie ein stark gerötetes Gesicht und vermied es, ihren Mann,
dem die Rede galt, anzublicken.
    Der Herrgottlmacher, wenn anders er »drauf glaubte«, war nun vorbereitet,
aber gewiss nicht auf den Besuch, der sich selben Abend noch einstellte.
    Der junge Sternsteinhofbauer trat in die Stube. »Gutn Abend, Leuteln«, sagte
er. »Grüss dich Gott, Kleebinder.« Er bot ihm die Hand, drückte die zögernd
dargereichte Rechte und fuhr fort: »Lass alls Vergangene vergangen und vergessen
sein, darum bitt ich dich. Hab's zeiter rechtschaffen bereut, das kann ich dich
versichern; tu mir d' eine Freundschaft und lass's ruhn. Was mich herführt, is a
Bestellung, a Arbeit für dich. 's selbe möcht ich mit dir bereden.«
    Helene wischte mit der Schürze über einen Stuhl und rückte ihn dem Gaste
hin. »Tu dich setzen - setzt euch allzwei. Werdts es doch nit alser stehender
ausmachen wolln?«
    Sie ging aus der Stube, und die beiden Männer sassen einander gegenüber. Das
Kind schlich sich an den ihm Fremden heran. Die Schwarzwälderuhr tickte eine
Weile über ganz laut und vernehmlich, dann fragte der Holzschnitzer leise, wie
aus zugeschnürter Kehle: »Was brauchst?«
    »Lass dir also sagen -«
    »Voda«, schrie der kleine Muckerl und wies dem grossen etliche Leckereien,
welche ihm der Bauer zugesteckt hatte.
    Kleebinder wandte jäh den Kopf nach Toni und starrte ihn mit befremdeten
Augen an.
    Dieser senkte den Blick. »Ich hab 'm nur was mitgebracht, 'm Kleinm - weil -
weil ich mir a Bildl bei dir einlegen wollt, damit d' dich der Arbeit auch recht
annehmen möchtst. Sonst wüsst ich mir weit und breit kein'n, der machen könnt,
was ich gern hätt, es is nix Kleins, du kannst dabei a Ehr aufhebn und a schön
Stuck Geld verdienen.«
    »Das war gleichwohl a unnötige Auslag«, murrte Muckerl, nach dem Kinde
deutend. »Sag, was d' gern hättst.«
    »Wirst ja ghört habn, wie übel 's mit meiner Bäurin bstellt is. Sie siecht
dahin, und 's will ihr kein Doktor helfen können. Da fallt mer dö Tag bei, wendt
mer sich halt an Gott und dö liebn Heiligen, wann schon kein Menschenhilf mehr
is.« Er verzog dabei lächelnd den Mund, ohne dass er selbst darum wusste,
ebensowenig begriff der Holzschnitzer, was für ein Anlass dazu wäre. »Ein Bild
will ich schnitzen lassen«, fuhr der Bauer fort, »und 's drüben in Schwenkdorf,
im Geburtsort der Mein'n, in der Kirchen, wo sie gtauft und kopuliert wordn is,
aufstelln. Verstehst mich?«
    Muckerl nickte.
    »Das Ganze soll gleichsam a Säuln sein, oben mit der heilign Dreifaltigkeit
drauf und unt z' Füssen links der heilige Antoni, rechts die heilig Rosalia,
unsere zwei himmlischen Namenspatronen, so gwisserweis, als möchten s' just für
uns fürbitten. Verstehst mich wohl schon?«
    »Ja, ja.«
    »Unterhalb käm in einer schön verzierten, breiten Rahm a Taferl, wo mer
anschreiben könnt, wem und für was d' Fürsprach gelten soll. So - so hab ich
mir's halt ausdenkt. Ich weiss nit, bin ich deutlich gnug gwest?«
    Der Herrgottlmacher schüttelte den Kopf. Er fühlte sich gedrückt, von dem
Manne gegenüber kam ihm vor, als sei derselbe verlegen und täte sich beim Reden
Gewalt an, nur Helene ging so unbefangen ab und zu, als sähe sie den jungen
Bauer heute zum ersten Male in ihrem Leben. Das machte den Muckerl, er wusste
nicht warum, so nachdenklich, dass er die Bestellung überhörte und Toni sie
wiederholen musste.
    Fürs erste erklärte der Herrgottlmacher, dass er sich aufs Schnitzen von
Zierat nicht verstünde; der Bauer möge also zusehen, woher er den breiten Rahmen
nehme; dagegen brauche er sich um die Figuren nicht zu sorgen, die würden schon
recht ausfallen, aber die Säule müsse ganz wegbleiben, da käm die heilige
Dreifaltigkeit 'n Leuten völlig aus den Augen, und derwegen schnitze man doch
keine Bilder, dass sie keiner zu sehen vermöge.
    Der Bauer befürchtete, es könne wider 'n Respekt verstossen, wenn man die
Heiligen so auf gleichem Fusse mit der Dreifaltigkeit verkehren liesse, auch
möchte es sich nicht schön machen, wenn letztere den ersteren fast auf die Köpfe
treten würde.
    Muckerl schalt das ein einfältig Reden. Im ganzen lieben, weiten Himmel oben
gebe es keine Säule, des sei er gewiss, die wäre ja schon längst durch die Wolken
auf die Erde herabgefallen, und die Heiligen genössen doch ihre Seligkeit in der
Anschauung der Dreifaltigkeit und verkehrten als Notelfer der Menschen mit ihr;
werden sie doch nit beim Anschauen sich die Hälse verrenken und beim Fürbitten
die Lunge herausschreien sollen? Ein ganz unschicksams, lächerrlichs Vorstellen,
das! Die drei göttlichen Personen würden auf einen Wolkentron zu sitzen kommen
und die beiden Heiligen davor, etwas darunter, knien, und das werde sich ganz
gut machen und rechtschaffen schön aussehen, darauf könne sich der Bauer
verlassen!
    Je, ja - je, ja! Der Bauer erklärte, er sehe das schier schon selber ein und
merke wohl, dass er zum rechten Manne gekommen sei; nur möge der nun auch machen
und trachten, das Ganze in Bälde fertigzubringen.
    Muckerl kraute sich hinter dem Ohr. »Ich kann's nit gleich angehn, es fehlt
mer an einm tauglichn Holz dazu, muss mir erst eins beschaffen, wann ich wieder
nach der Stadt fahr.«
    »Ich hab morgen dort z' tun«, sagte der Bauer, »wär mir lieb, du fahretst
mit mir, so hätt's dann weiter kein Anstehn.«
    »Ich bin dabei.«
    »Abgmacht. Ich hol dich morgen. D' Stund weiss ich noch nit. Hjetzt will ich
nit länger afhalten. Gute Nacht, Leuteln!«
    Neben dem Sessel an der Stubentüre, auf welchem das Kind sass, kniete Helene.
»Na, sag: Dank schön und bhüt Gott! Babah!« sprach sie ihm vor und ergriff, ohne
aufzusehen, das runde Ärmchen des Kleinen und bewegte es wie grüssend.
    Der Holzschnitzer gab seiner neuen Kundschaft bis zur Haustürschwelle das
Geleit, dort nickte er mit dem Kopfe, und der Bauer griff an den Hut.
Am andern Vormittag kam der junge Sternsteinhofer angefahren. Er sprang vom
Wägelchen und trat grüssend in die Hütte. »No, sein wir's?« fragte er.
    »Gleich«, antwortete der Herrgottlmacher und lief in die Stube, um sich
»sonntäglich« anzukleiden.
    Die Kleebinderin lehnte an dem Herde, zu ihren Füssen spielte der kleine
Muckerl.
    Toni rückte die Küchentüre, die nach der Strasse offenstand, halb zu, dann
fasste er Helene an der Hand. »Vergelt dir's Gott«, flüsterte er, »dass d' doch 'm
Kind lernst freundlich gegn mich sein.«
    »'m Kind kann's Freundlichkeitbezeign nur nutzen und kein Schaden bringen.«
    »Dir auch nit, Leni, dir auch nit. Wie ich mir hab sagen lassen, so is ja
gwiss -« Er deutete hinter sich nach der Stube, aus welcher man Schranktüren und
Schubladen kreischen hörte.
    Helene zuckte mit den Schultern.
    »Es is a Schickung, sag ich dir«, fuhr er, mit halblauter Stimme eifrig auf
sie einredend, fort, »vom Anfang war mein Denken, es müsst a solche dabeisein.
Dass's selb Zeit um allzwei andere gleicherweis bstellt is, was wär das sonst,
wenn kein Schickung?«
    »Und wann - so wär Vorgreifen nur sündhaft und ruhig Zuwarten am Platz. Was
sich schicken soll, das schickt sich dann schon.«
    »Ja, weisst, Leni«, stotterte er, »mitm Zuwarten is's so a eigene Sach!«
    Das junge Weib stiess ein paar helle Lachlaute heraus, dann hielt es sich
erschreckt den Mund zu und sah plötzlich ernst. »Das lass dir vergehn. Verlang
dir zlieb weiter kein Dummheit mehr, es war an der ersten übergnug.«
    »Leni, ich wär gwiss nit af dich verfallen, und 's Ganze hätt nimmer kein
Sinn, wenn wir uns nit schon gern ghabt hätten -«
    Helene runzelte die Brauen; mit einer kurzen Wendung des Kopfes und einem
Winke der Augen nach der Türe lispelte sie: »Pst! Es ist alls still drin«, und
auf das Kind weisend: »Auch der hört und weiss schon z' schwätzen.«
    »Geh, sag ihm, er soll mir a Bussl gebn.«
    »Bewahr! Er möcht schrein! Er is's nit gwohnt. Er küsst neamd.« Sie schob den
Bauer, der sich niederbeugte, zurück und trat selbst einen Schritt zur Seite.
»Bleib uns vom Leib.«
    »Leni, 'n Bubn bedenk, der wird noch mal -«
    Da trat der Herrgottlmacher aus der Stube, und der Sternsteinhofer rief ihm
entgegen: »Grad wollt ich sagn, noch mal so lang wie ich brauchst du zun
Angwanden! Ich bin viel flinker. Na, komm!«
    Die beiden Männer fuhren hinweg.
    Bald wussten die Zwischenbüheler den Grund der plötzlichen Eintracht zwischen
dem jungen Sternsteinhofer und dem Herrgottlmacher. Sie fanden es ganz
verständlich und verständig, dass der arme Handwerker dem reichen Bauern nichts
nachtrage; was denn auch, jetzt, Jahre hinterher? Sie legten sich zurecht und
reimten zusammen, was sie eben davon wussten und nicht wussten. Wohl hat der Bauer
einmal d' Helen 'm Kleebinder abwendig gemacht, aber nun ist sie dem sein Weib,
und es wär nicht klug von ihm, sich den Kopf schwer zu machen über so ein
Geschehnes, das lang vorbei sei und wovon sich viel bereden, aber nichts
erweisen lasse! Oder sollte er einen Groll aufbehalten, weil sich der
Sternsteinhofer damal an ihm vergriffen? Je, du mein, was wär das für eine
unfruchtbare Feindschaft! Was könnte der arme Hascher tun? Finster schauen, den
Rücken kehren, die Faust im Sack machen und in einer Ecke maulen; da ist es doch
klüger, er spielt den Vergeber und Vergesser, sonderlich wenn sich noch
obendrein die christliche Gesinnung durch einen handgreiflichen, baren Nutzen
vergalt. Er wird nicht dumm sein und wohl zur Verrechnung mit dem Bauern
doppelte und dreifache Kreide nehmen!
    Man fand es ganz rechtschaffen und brav von dem jungen Sternsteinhofer, dass
er für seines Weibes Genesung so ein »Heiligs« in die Kirche opfert; um so mehr,
da das Gesinde aussagte, wie er neuzeit gar nimmer wild tue gegen die Bäuerin
und recht freundschaftlich mit ihr verkehre. Nun vermochte man sich auch zu
erklären, was ihn zu der Zinshofer geführt. Gewiss war er um die Kleebinderische
Hütte wie die Katze um den heissen Brei herumgeschlichen und suchte durch die
Alte zu erfahren, in welcher Weis wohl dort seine Bestellung anzubringen, und
nachdem ihm dies gelungen und ihm die Sache einmal im Kopf und am Herzen lag,
nahm es nicht wunder, dass die Alte sich das zu Nutzen machte und ihm bis auf den
Hof nachlief und Posten zutrug, für die er sie jedesmal entlohnte, und es war
ganz natürlich, dass er nun selbst öfter bei den Kleebinderleuten einsprach, um
nachzusehen, wie die Arbeit »fördere«, und wenn er dort nur kurz verweilte und
lieber bei der Alten abrastete, so war das nach dem, was einst zwischen ihm und
der Jungen vorgefallen, nur ehrbar und klug und wich jedem argen Schein und
jedem Anlass zu unbeschaffenem Gered aus.
    Woche um Woche, Monat um Monat verstrich, da hörten plötzlich die
Zwischenträgereien der alten Zinshofer auf, sie liess sich auf dem Hofe nicht
mehr blicken, desto häufiger wurden die Besuche des jungen Sternsteinhofers in
den beiden letzten Hütten am unteren Ende des Dorfes.
    »Nun wird's wohl Ernst«, sagten die Leute, »nun lasst's ihm keine Ruh mehr,
der Herrgottlmacher legt wohl die letzte Hand an das Votivbild.«
    Niemand ahnte, dass es da wieder einmal ein schwacher Charakter über einen
stärkeren davontrug, indem er, haltlos in sich zusammenbrechend, durch
Erbärmlichkeit Erbarmen erweckte.
    Niemand wusste um den Tag, keiner sah es mit an, wie die Frau mit dem Buben
auf dem Arme an dem Zaune des Vorgärtchens lehnte und, als der Bauer hart an ihr
vorüberschritt, die andere stützende Hand von dem Kinde wegzog, dass dieses,
vorneüber sinkend, sich an die Joppenklappe des Mannes klammerte und ihn daran
zurückhielt.
    Er schmunzelte, und während sie den lächelnden Mund zusammenzog und die
Lippen spitzte, als wolle sie spucken, sah sie ihn mit einem Blicke an, wie er
nur dem Auge des Weibes eigen, der Unsagbares aussagt und zugleich belächelt.
    Keiner sah es, auch der Holzschnitzer nicht, da er hinter ihrem Rücken unter
die Haustüre trat. Sie erschrak, als die beiden Männer sich unversehens grüssend
anriefen, dann schäkerte und tollte sie erst noch eine Weile mit dem Kinde, ehe
sie ihr flammend rotes Gesicht der Hütte zukehrte.
Für die Sternsteinhofbäuerin kamen nach den bösen Tagen keine guten; wohl war
sie wieder auf die Füsse gekommen, aber diese erwiesen sich als gar schwach, und
bei recht üblem Wetter versagten sie fast ganz den Dienst und erlaubten ihr nur,
sich morgens vom Lager zum Sorgenstuhle zu schleppen; für sie, die dann den
langen Tag über, in denselben gebannt, sass und grübelte und sich trüben Gedanken
hingab, benamte er sich mit Recht so und nicht in dem freundlichen Sinne, der
auf das müde Alter anspielt, das in ihm, die Sorge anderen überlassend, ausruht.
    Sie hatte vollauf Zeit, ihren Gedanken nachzuhängen, und diese führten immer
hartnäckiger zu quälenden Vermutungen. - Ob ihr nicht lieber gewesen sein
sollte, der Bauer hätte in seiner Ungeduld und Ungebühr gegen sie beharrt? Es
war das doch erklärlich; worin aber hatte seine plötzliche Freundlichkeit ihren
Grund? - Der Mann sah und fragte ihr nach, aber er sah sie dabei kaum an und
wartete auf manche Frage die Antwort gar nicht ab. Er sprach mit ihr wie mit
jemandem, mit dem man sich öfter zwischen denselben Wänden zusammenfindet,
Verträglichkeit halber, gleichgültig. - War denn dann das Stiften des
Votivbildes ein Liebeswerk? Und wem zuliebe wohl? - Bringt er nun nicht seine
meiste Zeit bei den Leuten da unten zu. Oh, und die soll schön sein, die da
unten! Was führte die alte Hexe - man hatte ihr wohl gesagt, wer die wäre - so
häufig herauf, was lässt sie mit einmal wegbleiben? - Erreicht war's! Eingedrängt
hatte sich eins an ihre Stelle.
    Sie erwehrte sich aus aller Macht dieses Denkens, sie klagte es vor sich
selbst als eine leere Einbildung an, die nur durch die von ihrer Krankheit
herbeigeführte Verlassenheit und Verdrossenheit entschuldigt werden könne; aber
es kam eine Nacht, wo die argen Vermutungen zur Gewissheit wurden und diese den
Glauben, den das arme Weib bisher aufrechtzuerhalten versuchte und sich mit ihm,
den Glauben an die Neigung des Mannes, erbarmungslos hinwegtilgte.
    Sie hatte stundenlange schlaflos gelegen, da begann plötzlich der Bauer
drüben in seinem Bette zu murmeln und halblaut im Traume zu reden. Sie reckte
erst den Hals und horchte, hierauf erhob sie sich leise und schlich mit
schwanken Schritten ganz nahe hinzu; sie beugte sich zu dem Schläfer herab, um
kein Wort zu verlieren. Eine Weile stand sie lauschend, dann rang sie die Hände
krampfhaft ineinander und brach in die Knie.
    So lag sie noch, als es schon lange in der Stube wieder stille geworden. Mit
einmal kam Leben in sie, sie erhob sich rasch von der Diele, begann sich hastig
vom Kopf bis zum Fuss anzukleiden und verliess die Stube. Erst als sie an der
Treppe anlangte, stiess sie den bis jetzt mit übermenschlicher Anstrengung
zurückgepressten Schrei aus. Es klang gar eigentümlich heiser und schrill durch
das nächtlich ruhende Haus.
    Dann tastete sie sich Stufe für Stufe die Stiege hinunter. Im Hofraume
angelangt, stand sie einen Augenblick und sog tief Atem in sich, dann bog sie
hurtig um die Ecke und strebte, beinahe laufend, dem Ausgedingehäuschen des
Alten zu.
    Es war unverschlossen; sie stieg nach dem Stockwerk empor und pochte dort an
der Türe.
    Der alte Sternsteinhofer schlief einen gesunden Schlaf, eine geraume Frist
verstrich, bis sie ihn innen murren hörte: »Eh, was gibt's?« Auf erneuertes
Pochen erst fragte er völlig ermuntert: »Wer is denn da?«
    »Ich bin's, die Sali.«
    »Die Sali, ei, du mein.« Ein Schüttern der Bettstelle, dann ein hastiges
Umherfegen, und der Alte, der Beinkleider und Joppe übergetan, erschien unter
der sich öffnenden Türe. »Herr du mein Gott! 's wird doch kein Unglück auskommen
sein?! Sali, was is's? Was hast denn?«
    Das Weib war in lautalses Schluchzen ausgebrochen.
    »Komm hrein, komm hrein!« Er fasste sie an der Hand und zog sie in die Kammer
und nötigte sie auf einen Stuhl. »Fein gscheit, Sali, fein gscheit! So verstehn
wir sich nit. Nimm dich zsamm. Soll ich was erfahren, musst auch reden. Nimm dich
zsamm. Ich mach derweil Licht.«
    Wenige Augenblicke hernach sassen beim Scheine der flackernden Öllampe der
alte Mann und das bleiche Weib sich gegenüber. Der Bauer starrte die Klagende
mit emporgezogenen Brauen an, sie sprach in abgerissenen Sätzen und mit
schüttelnden Gebärden, und sooft sie die Rede unterbrach, mit der Rechten die
Schürze aufgreifend und darunter schluchzend, während die Linke über dem Tische
zuckte, fasste der Alte mit seinen breiten Tatzen nach dieser kurzfingerigen Hand
und drückte und streichelte sie. - -
    Es war gegen Morgen, als der alte Sternsteinhofer die Bäuerin nach dem Hause
zurückgeleitete. Er blieb unten an der Treppe lauschend stehen, als sie dieselbe
hinangestiegen war. Oben rührte und regte sich nichts. Er lugte scharf um sich;
auch vom Gesinde liess sich keines verspüren. Er kehrte nach seinem Ausgeding,
kopfnickend und die geballten Fäuste vor sich schüttelnd.
Als nach des nächsten Tages Arbeit Toni wieder seinen gewohnten Weg gegangen
war, berief die Bäuerin die alte Katel zu sich, dass diese ihr beim Ankleiden
behilflich wäre, es gelte einen Besuch.
    »Je, wo willst denn gar hin?« fragte die Schaffnerin neugierig.
    »Nit weit«, antwortete kurz die Bäuerin. »Schau mal, ob der Schwieher schon
hat einspannen lassen.«
    Die Alte guckte zum Fenster hinaus und erklärte, weder einen Schwieher noch
einen Wagen zu sehen, die besten Augen von der Welt würden ihr nicht dazu
verholfen haben, es müsste denn der Schupfen, in welchem der Wagen untergebracht
war, von Glas gewesen sein, dann hätte sie an dessen Rückwand auch den alten
Sternsteinhofer wahrgenommen, der dort lehnte, seine Pfeife schmauchte und die
Zwischenbüheler Strasse im Auge behielt.
    Oben in der Stube sass die Bäuerin in vollem Staat, lange vor der Zelt
fertig; sie wollte sich nicht rühren, aber doch spielte sie unablässig das
Taschentuch von der einen in die andere Hand, und dann hatten immer die Finger
derjenigen, die gerade frei war, an einem Kleiderfältchen, an Krause oder
Bändern der Haube zu zupfen oder an dem Scheitel zu glätten.
    Über eine geraume Weil kam der alte Sternsteinhofer um die Ecke in den Hof
geschritten und betrieb die Instandsetzung des Wägelchens; er schob selbst von
rückwärts nach, als dasselbe aus dem Schupfen gerollt wurde, er klopfte dem
Braunen auf den Rücken und gab ihm paar gute, aufmunternde Worte, dann ging er
hinauf nach der Stube und sagte zur Bäuerin: »Mo, fertig wärn wir, lass uns
gehn!« Er leitete sie ein paar Schritte. »Je, du mein, dir zittern ja d' Knie,
kaum vermagst dich afn Füssen z' halten. Komm her, wird gscheiter sein. Nimm mich
um 'n Hals.« Er hob sie wie ein Kind auf seine Arme und schritt mit ihr
grätschbeinig über den Gang, die Stiege hinunter, durch den Flur und hob sie auf
den Wagen. Er nahm an ihrer Seite Platz, ergriff den Leitriemen, und sachte und
bedächtig setzte sich das Gefährt in Bewegung.
    Das Gesinde blieb nur so lange in Ungewissheit, wohin die Fahrt ginge, bis
man den Wagen jenseits der Brücke dem unteren Ende des Dorfes zulenken sah, dann
galt es für ausgemacht, dass die Bäuerin zum Kleebinder führe, um sich auch mal
das Votivbild anzusehen.
    Schon von weitem nahm der alte Bauer die Zinshofer wahr, welche mit dem
Kinde auf dem Arme die Strecke zwischen der vorletzten und der letzten Hütte,
gleich einem Wachposten, auf und nieder schritt. Als die Alte den Wagen
herankommen hörte, blieb sie stehen, einen Augenblick lugte sie unter der
vorgehaltenen, flachen Hand scharf nach den Herankommenden aus, dann liess sie
das Kind zu Boden gleiten, schob es in das Vorgärtel des Holzschnitzers und lief
eilig ihrer Behausung zu.
    Der Bauer lächelte hämisch.
    Vor dem Häuschen des Herrgottlmachers zog er die Zügel an, noch einen
Schritt liess er das Pferd tun, damit er vom Kutschbocke in die Stube zu blicken
vermochte, und als er dort den Mann am Arbeitstische stehen sah, rief er ihn an:
»He, Kleebinder, kimm a weng hraus! D' Bäuerin hätt mit dir z' reden. Sie
erweiset dir wohl gern selbn d' Ehr, aber sie is so schwach afn Füssen. Sei also
so gut.« Damit stieg er ab, warf der jungen Frau das Leitseil zu und ging nach
der letzten Hütte; als er dort eintrat, stand inmitten der Stube der junge
Bauer, die Hände in den Hosentaschen, und murrte: »No, was soll's?«
    »Nix nit«, sagte mit höhnischer Freundlichkeit der Alte. »Gar nix nit,
Tonerl. Nur a End machn mer dein unsaubern Gängen. Dein Weib redt just drent
mitm Herrgottlmacher.« Ein Griff, schmerzend und unabschüttelbar wie der Druck
einer eisernen Klammer, hielt Toni, der aus der Türe stürzen wollte, zurück.
»Kein Aufsehn! Aufsehn wolln wir keins dabei. Is ja auch für dich 's
gscheiteste, Lump!«
    »Welcher Schuft«, knirschte der Vergewaltigte, »hat mich verraten?«
    »Nit allmal is einer, was d' Leut vor Unheil warnt, damit's ihnen nit gar
übern Kopf wachst, a Schuft! Dösmal aber trifft's zu; du selber hast, mehr als
dir und andern lieb, im Schlaf ausgsagt.«
    Der junge Bauer sah den alten erschreckt an, dann schlug er ein kurzes,
verbittertes Gelächter auf und murmelte: »Wahr is's, ich hätt mich auch solln
ein Stubn weiter ziehen.«
    Indes war der Kleebinder vor das Haus und an den Wagen getreten.
    »Bist du a Mon«, empfing ihn die Bäuerin, »so hüt auch, wie sich ghört, dein
Weib. Weisst du, wo die hitzt is?«
    Der Holzschnitzer starrte sie an.
    Sie neigte sich von ihrem Sitze gegen ihn und begann ihm zuzuflüstern, und
je länger sie sprach, je bleicher wurde der Mann, je krampfhafter umschlossen
seine Finger den Eisenstab, der am Kutschbocke angebracht war, bis das Weib,
immer häufiger vom Schluchzen unterbrochen, nichts mehr zu sagen wusste und, das
Gesicht mit dem Tuche verhüllend, zurücksank; da zog der Mann die bebenden Hände
von der Stütze, kehrte sich ab und taumelte in das Haus.
    Der alte Sternsteinhofer führte den jungen am Arme aus der Zinshoferschen
Hütte. »Hjetzt komm«, sagte er, und beim Wagen angelangt: »Setz dich ins Grät.«
    »Wer is der Herr?« knurrte Toni. »Setz du dich hnein.«
    »Ich weiss«, höhnte der Alte, »dir is nit unlieb, mich drein z' sehn, dösmal
aber schickt sich's wohl besser für dich da rückwärts.«
    Toni erwiderte nichts, er schwang sich hinten auf den Wagen und sass mit
herabbaumelnden Beinen, den Rücken dem Vater und dem Weibe zugekehrt, und fort
ging es.
    Helene war, als der alte Sternsteinhofer der Hütte ihrer Mutter zuschritt,
herausgeflüchtet nach ihrem Garten und hatte lauschend in der Laube gestanden,
ohne dass sie aus den einzelnen Lauten, die von dem kurzen Wortwechsel
herüberdrangen, oder aus den zeitweise vor dem Hause hörbaren Schluchztönen klug
zu werden vermochte; die Deutung des Vorganges blieb somit ganz ihrem bösen
Gewissen überlassen, und ein solches schliesst meist überraschend schnell und
richtig. Sie hörte den Wagen fortrasseln; noch blieb sie, wie gebannt, gleich
reglos an der nämlichen Stelle, plötzlich machte ein klägliches Kindergeschrei
im Hause sie zusammenschrecken, sie huschte nach der Küche und lugte scheu um
den Türpfosten in die Stube, da sah sie den kleinen Hans Nepomuk heulend neben
dem grossen stehen, der wie tot am Boden lag.
    Sie stürzte hinzu, hob den Mann auf, brachte ihn zu Bette und begann ihm
Stirne und Schläfen mit Essig zu waschen; während sie noch um ihn beschäftigt
war, liessen sich leise Tritte und ein ächzendes Atemholen in der Küche
vernehmen, nach einer Weile zeigte sich hinter dem Türspalt das verstörte
Gesicht der alten Zinshofer. »Jesus, Maria«, stöhnte sie, »was für ein Unglück!«
    »Sei still«, flüsterte Helene. »Geh fort, geh in Gottsnam tort! Ich will
allein mit ihm sein, wann er wieder zu sich kommt.«
    »Dürft nit graten sein.«
    Helene zuckte ungeduldig mit dem Fusse, besann sich aber, damit
aufzustampfen. »Wann ich dir aber sag, geh«, rief sie weinerlich, »so geh.«
    »Ich geh dir schon. Du weisst, bei der Hand bin ich, wenn d' mich brauchst.«
    Helene rief nach der Türe: »'s Kind nimm zu dir!« Sie schob den kleinen
Muckerl der Alten zu, und als sie an das Bett zurückkehrte, da erwachte der
Mann, und als er ihrer ansichtig wurde, da streckte er abwehrend die Arme aus.
»Weg, weg«, keuchte er, »weg du von mir.«
    Es kostete dem Weibe einige Anstrengung, mit beiden Händen seine sträubende
Rechte zu erfassen und festzuhalten. »Muckerl, sei kein Narr, weil andere
närrisch tun! Der alte Sternsteinhofer is mir zeiter feind, und die Bäuerin
eifert wohl und bildt sich, Gott weiss was, ein -«
    Der Holzschnitzer kehrte sich der Wand zu.
    »Muckerl«, kreischte Helene, »das leid ich nit. Anhörn musst mich!« Sie
rüttelte heftig an seinem Arme. »Schau mich an!«
    Da wandte er langsam sein fahles Gesicht nach ihr. Jeder Tropfe Blutes war
aus selbem gewichen, durch die Starre und Schlaffheit der Züge erschien es
eingesunken, verzerrt, entstellt, nur die Mundwinkel zuckten kaum merklich, aber
aus den im feuchten Glanze schimmernden Augen schoss ein stechender,
durchdringender Blick: Was gilt noch die Red?
    Und in diese Augen starrten nun mit leerem, nichtssagendem Blicke die des
Weibes, dem es nur galt, die Lider nicht sinken zu lassen, wenn sie auch in
leisem Krampte zuckten, und mit einer Stimme, so seelenlos im Ausdrucke und so
rauh im Tone, als löse sich die klebende Zunge vom Gaumen, sagte es: »Weisst, ich
war dir treu!«
    Schmerz und Zorn, in einer Grimasse, verzogen dem Manne das Gesicht; sein
zornmütiges Lächeln nahm sich wie blöde aus, und er lallte, als er sprach: »Wann
d' dein Weiberehr auch gwahrt hättst - frag ich nit darnach! Derweis treu is
bald eine, auch was kein Herz hat, wie du keins für mich; weiss nit, ob für ein
andern! - Gdacht hast, ich würd nimmer lang im Weg sein - wie's der von der Sein
denkt! - und dass d' dadrauf wartst, darein liegt d' Untreu, ob du's etwa nit
mehr hast erwarten können - das vermag nit ärger weh z' tun - weiss mer mal, dass
unter einm Dach 's eigene Weib ein 'n baldigen Tod wünscht!«
    Helene brach in Tränen aus.
    »Was weinst?« fragte er, sich emporrichtend. »Dazu, denk ich, wär wohl an
mir die Reih; aber den Gefallen erweis ich dir nit und die Freud mach ich dir
nit!« Er warf sich hinüber, den Kopf in die Pölster vergrabend, und schluchzte
auf.
    Das junge Weib fasste mit beiden Händen ihn an den Schultern an.
    »Rühr mich nit an!« schrie er emporschnellend. »Ausweinen will ich mich!
Fort! Hinaus! Schliess die Türen, draussen afm Torstaffel is dein Platz. Hab acht,
dass niemand nah kommt und merkt, was da herum und herin vorgeht. Ich will kein
Gefrag und kein Gespött.« Er winkte ihr heftig zu gehen.
    Sie kehrte sich ab und schritt hinaus, sie schloss die Türen hinter sich und
setzte sich auf die Steinstufe vor dem Hause.
    Unbeweglich, die Ellbogen auf den Knien, den Kopf zwischen den Händen,
kauerte sie dort. Immer vortretender ward ihr Mund, immer breiter warfen sich
ihre Lippen auf, hinter denen ihr das Wasser zusammenfloss.
    Pfui! Sie spuckte aus.
    Grausliche Narrischkeit! -
    Wie übel es bekommt, ein Weib zu sein - und dass sie ein Mann wäre, mochte
sie sich auch nimmer wünschen.
 
                                       XX
Sonntags wollte Helene allein, wie sie gekommen war, die Kirche auch wieder
verlassen; als sie die breiten Steinstufen hinunterstieg, gesellte sich die
Matzner Sepherl zu ihr und sprach sie an: »Grüss Gott, Kleebinderin, ich hör ja,
dein Mon soll recht schlecht sein?«
    Helene nickte.
    »Mein«, fuhr die Dirne fort, »mit ihm kannst noch a wahrs Kreuz habn; mir
scheint, er is gern krank.«
    »Ich wüsst nit, dass er's früher gwest wär!«
    »O doch, hab ich nit schon einmal seiner Mutter krankenwarten gholfen?«
    Die Kleebinderin blickte sie finster an.
    Aber Sepherl achtete es nicht und sprach weiter und wunderte dazu immer mehr
mit den Augen, als überrasche sie das ruhige Zuhören der anderen oder ihre
eigene Rede. »Und wann d' nix dagegen hättst, ich sähet 'n wohl gern amal wieder
und tät 'n auch öfter bsuchen, und wann dir recht wär, so ging ich dir auch an
die Hand, und Übels denkst wohl nit von so einm Beisammsein?«
    »Bist gscheit?« fragte Helene. »Wann d' 'n heimsuchen willst, werd ich dir's
doch nit verwehren? Und wann d' mer beistehn willst in der Pfleg, so wünsch ich
dir dafür Gotts Lohn, und Übels denken wär grad sündhaft, wo der Mann siech
dahinliegt, keine argn Gedanken hat und auf keine bringt.«
    »So ging ich gleich mit dir.«
    »Is recht. Komm nur.«
    Als die beiden in die Hütte traten, erhob sich die alte Zinshofer von der
Waschbank, worauf sie gesessen. »Er hat sich die ganze Zeit über nit grührt, nit
grufen, nix verlangt«, raunte sie ihrer Tochter zu, dabei blinkte sie mit den
Augen verwundert nach Sepherl und schüttelte kaum merklich mit dem Kopfe.
    Helene machte eine kurze, ärgerliche Bewegung, mit dem Kinne den Weg nach
der Türe weisend, und nachdem die Alte duchsig davongeschlichen, drückte das
junge Weib sachte an der Klinke und rief halblaut in die Krankenstube hinein:
»Muckerl, schlafst? D' Matzner Sepherl wär da, dich heimsuchen.«
    Der Kranke lächelte und sagte mit matter Stimme: »Schön, is ja rechtschaffen
lieb von ihr. S' soll nur hreinkommen. Grüss Gott, Sepherl!«
    »Grüss dich Gott, Muckerl! No, was is's denn mit dir?«
    »Was soll sein? Aus wird's!«
    »Geh sei nit dumm und bild dir so was ein.«
    »Werdn mer ja sehn, wer recht bhalt.«
    »Schau nur so was«, rief die Dirne Helenen zu, die an der Schwelle
stehengeblieben war. »Redt er nit, als möcht er frei aus Trutz und reiner
Rechtaberei halber versterbn?!«
    »Mein liebe Sepherl, jeder weiss, wie ihm is. Doch tu dich setzen, dass d' mir
das bissel Schlaf, was ich hab, nit auch noch austragst.«
    Während Sepherl einen Stuhl an das Bett trug, zog Helene die Türe ins Schloss
und liess die beiden allein.
    Sie hielt es auch fürderhin damit so und gesellte sich nie zu ihnen.
Obgleich sie den Kranken mit aller Sorgfalt und Geduld betreute und Nächte durch
wach an seinem Bette sass, so litt er sie doch nur ungerne um sich, schickte sie
unter manchen Vorwänden hinweg, verlangte nie eine Handreichung von ihr und liess
sich nur die allernotwendigsten widerwillig gefallen, aber Helene kam ihm zuvor,
sie wusste zu erraten, was ihm fehle oder wonach er verlange, worauf die etwas
beschränkte Dirne nie verfiel, und setzte, was not tat, flinker und geschickter
ins Werk, als es jene bei ihrer Täppischkeit imstande war; trotzdem behagte sich
Muckerl im Umgange mit der Sepherl, und diese brauchte sich dabei auch gar nicht
den Kopf zu zerbrechen, denn ihr sagte er geradezu, was er wolle und sie zu tun
habe, ja, er tyrannisierte sie förmlich.
    Als er merkte, dass er jeden Abend auf ihren Besuch rechnen konnte,
untersagte er Helene, dass sie in seiner Stube Ordnung mache, das werde die
Sepherl besorgen, und wenn diese dann kam, so trug er ihr das »Zsammräumen« auf
und lächelte über die Ängstlichkeit und Ungeschicklichkeit der Dirne, zankte
auch oft »ganz rechtschaffen« mit ihr.
    »Du musst nit meinen«, sagte, als es damit anhob, Helene zu Sepherl, »ich
liess ein liederlich Wirtschaft einreissen im Haus oder missbrauchet dein Guteit,
aber der Muckerl will dich amal zu seiner Stubendirn, und ich soll mer da drin
nix mehr z' schaffen machen.«
    »Aber liebe Kleebinderin«, beteuerte Sepherl, »wie könnt ich nur so was von
dir denken?! Kranke sein oft wunderlich, und ihnen muss mer halt nachgeben.«
    Mit einmal ward es dem Herrgottlmacher ganz unleidlich, dass er so müssig 'n
lieben langen Tag über daliegen solle, er verlangte, etwas zu schnitzen, nur ein
»ganz Kleins«, und die Sepherl sollte ihm das Werkzeug samt dem »Holzblöckl«, es
war ein bestimmtes, an das er dabei dachte, herbeischaffen; selbstverständlich
griff sie vorerst öfter nach dem unrechten und schleppte es herzu, ehe ihr das
rechte in die Hände fiel, und so jagte er sie denn wohl ein dutzendmal Stube aus
und Stube ein, und sie schoss mit hochgerötetem Gesicht durch das Haus.
    »Jesses, rein verzagt könnt eins werdn! Kleebinderin, weisst du's nit, wo mag
das krumm Messer liegn, was er will? Und hast kein Ahndung, wo 's verflixt
Blöcki wohl auch stecken könnt?«
    Helene lächelte. »Du schaltst ja wie 's Weib da im Haus. No, Tschapperl,
werd nit verlegen« - sie tätschelte ihr die Wange - »und werd auch nit bös, ich
mein dir's ja auch nit so und sag's nur im Spass. Komm, suchn wir allzwei, werdn
wir's wohl finden.«
    Mit zwei Griffen fand sie das Gewünschte heraus und händigte es der Sepherl
ein, und nachdem diese hinter der Türe der Krankenstube verschwunden war, sagte
die alte Zinshofer, die bisher kopfschüttelnd dem Treiben zugesehen hatte:
»Daraus machst du ein Gspass? Du wirst ja da bald der Niemand im Haus sein.«
    »Unsinn!« zürnte Helene. »Wann d' meinst, so dummerweis liess ich mich
aufhetzen, gegn ein Kranks noch dazu, da gehst fehl. In dem Ganzen steckt doch
kein Ernst drein, und 's kann auch zu keinm mehr führn; das is wie's Mon- und
Weibspieln unter Kindern, und frei hraus, dö bedauern mich allzwei, was soll ich
ihnen das bissel Freud noch verderbn?«
    Gar langsam ging diesmal dem Holzschnitzer die Arbeit vonstatten, während
der Plauderstunden mit Sepherl ruhte sie ganz und lag sorgfältig versteckt unter
der Bettdecke.
    Von der Kinderzeit und besonders von jener, wo sie sich vor und nach der
Schule miteinander herumgetrieben, sprachen die beiden am häufigsten und
eingehendsten, und wie das gekommen, dass sie sich nachher fast ganz aus den
Augen verloren. Ei wohl, auch Dorfkinder, wovon jedes an einem anderen Ende
wohnt, kommen sich leicht aus dem Gesicht; nur Nachbarskinder hätten's gut, die
sähen sich alle Tage und könnten immer beisammenstecken. Vorzeit wünschte die
Sepherl gar oft und vielmal, dass sie Haus an Haus wohnen möchten, entweder
Muckerl mit seiner Mutter auch im obern Ort oder sie mit der ihren im untern.
Wer weiss ... aber es hat nicht sein sollen.
    Eines Abends nahm Sepherl ihren gewohnten Sitz am Krankenlager ein. Sie
hatte keine Zeit zu fragen, warum hart am Bettrande die Decke so merkwürdig
aufgebauscht sei, Muckerl schlug die Umhüllung zurück und zeigte das
Schnitzwerk, mit dem er endlich zustande gekommen. Es war eine spannehohe,
schmerzhafte Muttergottes mit dem Leichnam Jesu quer über dem Schosse; wohl ein
»recht zusammengerackert Frauenbild« und eine »zaunmarterdürre« Mannesgestalt,
der Holzschnitzer hatte seine eigenen abgezehrten Glieder zum Modell genommen.
    Sepherl betrachtete es lange nachdenklich, dann sagte sie: »Das is a rechts,
heiligs Bild.«
    Muckerl reichte es ihr mit vor Kraftlosigkeit zitternden Händen hin. »Da
nimm, es is für dich. Es is mein Brautgschenk.«
    »Vergelt dir's Gott, Muckerl, aber als ein solchs dürft ich's wohl nit
annehmen, weil ich keins bedarf, ich heirat mein Lebtag nie.«
    »So mein ich ja, ich schenk dir's als Bräutigam.«
    »Geh, du hast's not, dass d' noch Eulenspiegelein treibst! Doch is mer recht
lieb, dass d' so gut aufglegt bist.«
    »Gar nit, Sepherl, gar nit, mir is heut schlecht wie niemal; aber mir geht
durch 'n Sinn, wann du dich rechtschaffen und ehrbar durch döselbe Welt
brächtst, wer weiss, ob mer sich nit anderswo wieder zsammfinden könnten?«
    Ein langes Schweigen lag dann über der Stube, bis der Holzschnitzer der
Dirne seine Hand reichte und sagte: »Geh lieber heim, Sepherl, heut bin ich für
nix.«
    Das Mädchen erhob sich zögernd; vor Bangheit und Verwirrung keines Wortes
mächtig, verabschiedete es sich mit wiederholten Händedrücken.
    »He, du Sepherl«, rief Helene, als die Dirne mit traurigem Kopfnicken an ihr
vorüber wollte, »was tragst mir da ausm Haus?« Sie wies nach der bauschigen
Schürze.
    Sepherl stand erschreckt, sie schlug das Vortuch zurück und zeigte das
Bildnis. »Er hat mir's gschenkt«, flüsterte sie.
    Die Kleebinderin besah es eine Weile. »Das schaut so unschön her.«
    »'s soll auch nit anders, besser, er wär gleich vom Anfang dadrauf verfalln,
eh 's Schön ihm selber kein gut getan hat.«
    Des Herrgottlmachers Weib sah der Dirne scharf in die Augen, dann wandte es
den Blick. »Kannst vielleicht recht habn.«
    »Bhüt euch Gott!«
    »Gute Nacht!«
    Als Sepherl an der Brücke vorüberschritt, glaubte sie, fern, hinter sich, in
einem lauten Schrei ihren Namen rufen zu hören. Sie blieb stehen, lauschte, es
liess sich nichts vernehmen; so setzte sie denn ihren Weg fort. Sie war bange,
und da macht man sich eben leicht Einbildungen.
    Sie hatte es nicht gesehen, dass die Kleebinderin eine Weile nach ihr paar
Schritte vor das Haus gelaufen und gleich eilig dahin zurückgekehrt war.
    Durch die kühle, klare Luft des darauffolgenden Morgens gellten die Klänge
des Zügenglöckchens, und als am Abende Sepherl mit langsamen Schritten und
gesenkten Kopfes der vorletzten Hütte am unteren Ende des Dorfes zuschritt, galt
ihr Besuch einem toten Manne.
    Wieder über einen Tag, da begruben sie ihn.
    Als die Leidtragenden und die Geleitgebenden sich entfernt hatten, machte
sich der alte Veit, der Totengräber, sofort daran, das Grab zuzuschaufeln; seine
blinzelnden Äuglein und die breit zusammengekniffenen Lippen gaben ihm das
Aussehen, als empfände er dabei ein stilles Behagen, und das war auch der Fall;
sooft er »so 'n Sakra« oder »a Sakrin« in der Grube hatte, erfreute ihn der
Gedanke, dass nicht er es sei, der da drunten läge.
    Erst polterte Scholle um Scholle auf den Sarg, bald aber fiel die Erde
geräuschlos und umhüllte locker und weich den Menschen, der da, aller Lust und
Leiden wett, in ihr gebettet lag. Mit der Qual eines anderen Wesens beginnt
eines jeden Dasein, und dann geht es so weiter mit dem Quälen oder
Gequältwerden, wie sich's eben trifft. Wer mehr Qualen bereitet als erleidet,
den nennt man glücklich, und wem es seine Mittel erlauben, das erstere in grossem
Massstabe zu tun, der heisst wohl auch gross.
    Der ehrliche Herrgottlmacher hatte sich all sein leblang nur auf einem ganz
winzigen Fleckchen Erde herumgetummelt - frohe Kindertage verlebt, jene Zeit,
von der es heisst, der Mensch gehöre noch nicht sich selbst an, sondern anderen,
und wo er doch so ganz er selbst und frei ist, wie nie hernach mehr im Leben -
träumerische Bubenjahr, wo einer die Welt in den Sack steckt und sie höchstens
unter seinen besten Freunden aufteilt, freilich nur jeder seine Welt, und die
manches ist gar klein geraten - auch die Mannjahr hätten sich nicht übel
angelassen, die schon mehr auf andere Bedacht nehmen und wo seiner Mutter Freud
ein gross Teil der seinen war - da mit einmal war es aus.
    Das Käferchen, das im warmen Sonnenschein über den rieselnden Sand
dahingelaufen, vor dem sprühenden Regen sich unter duftigem Laubwerk verkrochen,
mit seinesgleichen sich geneckt und gezerrt hatte, krampfte plötzlich die Füsse
zusammen und fiel vom halb erkletterten Halme zur Erde.
    Nun liegt er taub, hohl, ein Gehäuse, eine leere Hülse; und nichts verrät
von all dem Sonnenschein, der ihn erwärmte, von den Regenschauern, die ihn
erfrischten, von all dem, wie ihn im weiten oder engen die Welt ansprach.
    In der Schlupflöcherzeile, die da längs des Wasserstreifens hinlief, in
Zwischenbühel nämlich, war die Anteilnahme nicht gar gross. »Wieder einer
weniger« oder »wieder einer mehr«, hiess es, je nachdem sich die Sprecher selbst
dem Grabe ferner wähnten oder näher glaubten.
    Als Helene mit dem kleinen Muckerl und der alten Zinshofer von dem
Leichenbegängnisse heimkehrte, schritt sie mit einem scheuen Blicke an der
Kleebinderschen Hütte vorüber und folgte der Mutter nach deren Behausung.
    Sie sass dort auf der Gewandtruhe, wortkarg und in sich gekehrt, nur von Zeit
zu Zeit dem Kinde, das sie an ihrer Seite hielt, leise zusprechend. Wie der
Abend zu dämmern begann, griff sie einen Schlüssel aus der Tasche und sagte:
»Mutter, ich tät dich bitten, sei so gut und hol uns a bissel Bettgwand von
drüben, wir wolln sich da afm Fussboden a Lager zrechtmachen. Ich mag nit drenten
schlafen.«
    »Fürchtst dich?« fragte die Alte.
    »Nein. Es is aber so entrisch allein in einm Haus, wo mer just ein Totes
hinausgetragen hat. Der Kleine schlafet mir allzbald ein, und ich fühlet mich
dann ganz wie verlassen.«
    Die Alte tat, wie ihr geheissen. Später, als alle schon eine Weile lagen,
setzte sich Helene plötzlich auf dem Strohsacke auf und sagte: »No, wär ich halt
doch wieder da - afm Stroh - und, wie mich ziemt, auch nit viel besser dran wie
a Bettlerin, und hätt's mich gtroffen, dass ich noch a Reih von Jahrn mit dem
armen Teufel hausen musst, stünd ich hitzt gar als alts Bettelweib.«
    »Gwiss«, gähnte die Alte, »du darfst dich nit beklagen über, wie's gkommen
is, und der is ja auch im Himmel gut aufghobn.« - -
Von da ab fand sich Sepherl an dem Allerseelentage jeden Jahres in der Kirche
ein und kniete an einem Seitenaltare inmitten der Kinder, die dort mehr zum
geselligen Vergnügen als aus brünstiger Andacht den armen Seelen Wachslichtlein
brannten; sie opferte ein Kerzchen für den Muckerl und betete für dessen
Seelenheil, bis das Dochtendchen in das geschmolzene Fett sank und knisternd
erlosch. An seinem Grabe zu beten, das kam seinem Weib zu, sie wollte sich dort
nicht blicken lassen, nicht ihrer selbst willen, was läg an ihr? Aber es hätte -
wie die Leut schon schlecht denken - dem Toten eine üble Nachred erwecken
können, und die hat doch wahrlich er nicht verdient!
Die Sternsteinhofbäuerin hatte mit gefalteten Händen am Fenster gestanden, als
der Leichenzug unten auf der Strasse langsam sich fortbewegte.
    Der Tod des Kleebinders bestürzte sie, es fiel ihr auf das Gewissen, dass die
Entüllungen, die sie ihm machte, volkstümlich gesprochen, der Nagel zu seinem
Sarge gewesen; aber sie konnte dies nicht voraussehen, ebensowenig als sie
vorhersah, wie sie es ergreifen würde, denn seit jener Fahrt ins Ort lag es ihr
wie Blei in den Gliedern, und sie hatte mehr keinen Fuss ausser die Stube zu
setzen vermocht.
    Nun war der einzige tot, von dem sie sich eine wahrhafte Abhilfe versprechen
durfte, dessen selbsteigene Sache die ihre war, der den Willen haben musste, dem
Unfuge zu steuern, und auch das Recht und die Macht dazu besass. Die eine Hälfte
des argen Wunsches war den andern beiden in Erfüllung gegangen, und wie eine
bange Ahnung befiel sie der Gedanke, wie bald vielleicht auch an sie die Reihe
käme, gleichen Weges zu gehen!
    Dieses Bangen vor dem Sterben, das sie zeitweilig durchschauerte, trat aber
zurück gegen die unmittelbar sich aufdrängende Furcht vor dem, was sie nun wohl
zu erleben haben werde!
    Dieser Furcht gaben nur allzubald die Ereignisse recht.
    Da die Bäuerin, nachdem sie dem Herrgottlmacher die Augen geöffnet, mit
jener Heimholung Tonis alles abgetan glaubte, so war bisher des Geschehenen
halber kein Vorwurf über ihre Lippen gekommen, und der Bauer nahm keinen Anlass,
weder etwas abzuleugnen noch zu beschönigen; beide schwiegen beharrlich und
lebten, sich gegenseitig entfremdet fühlend, nebeneinander fort. Als aber kaum
eine Woche nach der Beerdigung Kleebinders der junge Sternsteinhofer für dessen
Witwe eine warme Anteilnahme bekundete und sich verlauten liess, er habe vor, ein
gutes Werk zu tun und Helene samt dem Kinde herauf auf den Hof zu nehmen, da
fuhr die kranke Bäuerin, fast wild, empor. »Was? Die? Die wolltst du
dahersetzen? Hast du schon so weit kein Ehr mehr im Leib, dass d' auch nimmer
kein Schand fürchtst? Aber, Gott sei Dank, da hab doch wohl ich noch ein Wörtl
dreinzreden! Niemal, sag ich dir, kommt die mir ins Haus!«
    »Übernimm dich nit so bei deiner Schwächen«, sagte mit verletzender
Gleichmütigkeit der Bauer.
    Das arme Weib lachte schrill auf und sagte, ihn mit einem giftigen Blicke
messend: »Sorgst leicht um mich, du -? Und als was, wenn mer fragen darf, als
was nähmst denn dö Kreatur hrauf? Zu was und wem soll die dienen?«
    »Gleich erfahrst's«, erwiderte ruhig der Bauer. »Die alte Katel kann mitm
Hauswesen und 'm Krankenwarten zgleich nit aufkommen; die Kleebinderin aber is
die beste Wärterin, die ich mir z' finden wusst, die soll dich pflegen.«
    »Die? Mich? Die!« schrie die Bäuerin ausser sich, dann verstummte sie und sah
den Mann mit grossen, angstvollen Augen an, sie rang die Hände ineinander und
stammelte:
    »Das, das könntst du mir wirklich antun?«
    »Sei nit dumm«, sagte er roh. »Ich will's, und so gschicht's! Dich mit ihr
zu vertragen, das steht dir zu, denn du hast eh a Unrecht gegn die arme Seel
gutzmachen, dein unghörigs Einbilden -«
    »Einbilden?!« kreischte die Bäuerin, die geballten Fäuste gegen ihn
emporreckend. »Leugnst du? Laugnest du dein eigen Reden?!«
    Er zog den Mund breit und zuckte mit den Schultern. »Eigen Reden! Freilich,
gar ein eigen Reden, was eins im Schlaf angibt! Wann d' drauf was gibst,
verruckts Weibsstuck, so müsstst ja auch am Morgen 'n Mond in meiner Taschen
suchen, wann ich im Traum ausraun, ich hätt 'n eingsteckt!«
    »Ob d' hitzt hintnach Unsinn oder Gscheiteit redst, was ich ghört hab, das
hab ich ghört, und aus dem, was du dir planst, wird nix!«
    »Das werdn wir ja sehn«, sagte der Bauer. Er ging, die Türe hinter sich
zuschlagend.
    Und nun ereignete es sich öfter, dass er oben aus der Stube stürzte, die
Treppe hcrabgepoltert kam, was vom Gesinde in der Nähe sich aufhielt, unnütze
Horcher schalt und an die Arbeit gehen hiess, und wenn er dann nach dem
Krankengemache zurückgekehrt war und die Türe geschlossen hatte, so spielte sich
hinter derselben eine jener Szenen voll quälender Bitterkeit und rücksichtsloser
Gehässigkeit ab, welche unter sich ferne Stehenden unmöglich sind und womit sich
nur Menschen, die das Leben einander ganz nahe gebracht, letzteres verleiden und
vergiften können und wo es - für einen Teil wenigstens - besser gewesen, beide
wären sich all ihre Tage fremd geblieben.
    Keines Menschen Seele verkehrt ganz ohne Hülle, ohne Schutzdecke mit der
Welt, und es ist wohl gut so, denn wie makellose Schönheit des Körpers ist auch
die seelische auf Erden selten; dem Umgange mit der nackten Seele eines andern
sich auszusetzen, ihn zu ertragen, wagt und vermag nur die Liebe und die
Freundschaft, und wo diese fehlen, wirkt die seelische Nackteit, wie rohe
körperliche Entblössung, abstossend, schamlos, entwürdigend und verderblich.
    Es bedurfte keiner langen Zeit, so trieb die Aufregung über den
fortwährenden Hader die Kranke von dem Sorgenstuhle in das Bett. Ihr Widerstand
war gebrochen und wurde immer schwächer. Welchem Ansinnen fügt sich der Mensch
nicht, wenn es gilt, sich die Ruhe des Plätzchens zu sichern, auf dem er zu
sterben gedenkt, und für seine letzten Tage ein bisschen Nachsicht und Teilnahme
zu erkaufen?!
    Helene kam mit dem Kinde auf den Sternsteinhof und schien es mit der
Krankenpflege sehr ernst nehmen zu wollen, aber die Bäuerin schreckte vor jeder
Berührung des jungen Weibes zurück und wollte es weder am Kopf- noch am Fussende
des Bettes sitzen haben; anfangs boten ihr die häufigen, halbe Tage langen
Besuche des alten Sternsteinhofers willkommenen Anlass, ihre Wärterin gar aus der
Stube zu schaffen, dann lag sie und hielt oft durch Stunden mit ihren
abgezehrten Fingern die rauhe, hörnerne Rechte des Alten über der Bettdecke
fest, es war die einzige Hand, die sie zu halten hatte und dabei ein Vertrauen
empfand, dass diese auch sie gerne halten möchte, während bei allen
Handreichungen Tonis und Helenens sie das ängstliche Gefühl ankam, die beiden
liessen sie zwischen den Armen hinabgleiten - oh, wie tief!
    Wenn nach einem solchen Krankenbesuche der alte Bauer über den Hof seiner
Ausnahm zuschritt, so fluchte und wetterte er laut, dass jeder, der um die Wege
war, es hören konnte, und belegte dabei des Herrgottlmachers Wittib mit einem
Titel, der in aller Kürze das strikte Gegenteil einer Vestalin besagt; aber es
geschah das lediglich zu seiner eigenen Erleichterung, ohne der Geschmähten
irgendwelchen Ärger zu bereiten, denn der Schimpf war so gross, dass es niemand
wagte, denselben ihr ins Gesicht zu wiederholen.
    Es war, wie gesagt, zu Anfang, dass der alte Sternsteinhofer seine meiste
Zeit bei der kranken Bäuerin zubrachte, mählich kam er seltener, schliesslich
blieb er gar lange von dem einen auf das andere Mal weg; dazu bestimmten ihn
zwei Gründe. Er hatte geglaubt, die Schwiegertochter würde ihres Siechtums
Meister werden, bald wieder auf die Beine kommen, und darum suchte er sie zu
zerstreuen, keine Gedanken an Vernachlässigung und Vereinsamung in ihr aufkommen
zu lassen und sie bei gutem Mute zu erhalten; der Gesunden wollte er dann
beistehen, ihre Rechte zu wahren und mit den ungebetenen Gästen den Kehraus zu
tanzen. Als er aber merkte, dass die Bäuerin immer mehr verfiel und von Kräften
kam, da suchte er sie selten heim und blieb nur für kurz; zusehen, wie es mit
solch einem Aufgegebenen Schritt für Schritt zu Ende ging, und sich so
unmittelbar an sein eigenes mahnen zu lassen, das war nicht seine Sache.
Andernteils machte ihm gerade dieser Stand der Dinge den Anblick Helenens nur um
so verhasster. So flüchtig auch alle bisherigen Begegnungen mit ihr gewesen, die
zufälligen, wo beide ohne Gruss aneinander vorüberhuschten, und die
unausweichlichen in der Krankenstube, wo sie ihm schweigend den Stuhl an das
Bett rückte, mit der Schürze darüberwischte und dann zur Türe hinausging, von
nun ab vermied er geflissentlich all und jedes Zusammentreffen, da er mit grossem
Unbehagen fühlte, wie ihm in der Nähe dieses Weibes die Fäuste zuckten, aber
gleichzeit das Wort versagte. Was ihn diese Bettlerin, wenn nicht fürchten, so
doch scheuen machte, er wusste es selbst nicht. Ja, die wusste, was sie wollte,
hat unverrückt ihr Ziel im Aug behalten, gleich bereit, wenn es dasselbe zu
erreichen galt, darnach zu laufen oder langsam Fuss vor Fuss zu setzen, und obwohl
sie schon einmal nach einer Seite »abgekugelt« war, kommt sie jetzt von der
anderen heran und erreicht's! Sie wird's erreichen. Ein harter Kopf und ein
fester Will! Nicht, wie es sonst damit bei den Weibern bestellt ist. Schlüg ihr
der Teufel ein Bein unter, jetzt, wo sie den Fuss zum letzten Schritt hebt,
glaublich, sie wüsst doch auf den Fleck zu fallen, wo sie hinrechnet! - -
    Nur Ärger war dort oben in der Krankenstube mehr zu holen, Gift und Galle
einzuschlucken und der armen Seel damit nicht geholfen, überhaupt nimmer zu
helfen. Der Alte hielt sich davon, und die Kranke musste sich nun den langen,
bangen Tag über die Gesellschaft Helenens gefallen lassen. Wenn dann manchmal
der kleine Muckerl zur Türe hereinpolterte, die Mutter aufsuchen, wofür er
jedesmal einen scharfen Verweis erhielt, so sah die Bäuerin in der ersten Zeit
von dem gesunden, rotbäckigen Jungen weg nach der Wiege, in der ihr eigenes,
halblebiges Würmchen lag, ihre Augen wurden feucht, und langsam perlten schwere
Tropfen über ihre Wangen; später aber liess sie auch das gleichgültig, nur wenn
ihr Mann in der Stube war und mit begehrlichen Blicken an dem schönen Weibe hing
und dieses es ihm mit unwilligem Zublinken verwies, dann blitzte es in den
tiefdunklen Sternen auf, rege und glühend folgten sie jedem Mienenspiel, jeder
Gebärde der beiden und liessen nicht nach, ihnen zu folgen, bis zu dem Tage, wo
diese Augen - voll lautloser, herber Anklage, voll stummer, weher Herzenspein -
brachen und der alte Sternsteinhofer sie zudrückte, da die Scheidende diesen
Liebesdienst von ihm erbeten.
    »Hast nit viel Guts ghabt«, sagte er. »Warst wohl a reiche Bäurin, aber
dabei a arms Weib. Der Herr lass s' ruhn in Frieden, und 's ewige Licht leuchte
ihr. Amen.«
 
                                      XXI
Welchen Wandlungen die Volksstimmung unterliege, das zeigte sich auch in
Zwischenbühel gegenüber den Geschehnissen auf dem Sternsteinhofe.
    Ein grober Verstoss gegen landläufige sittliche Grundsätze und Anschauungen
erweckt vorerst laute Entrüstung gegen beide Schuldige, aber bald führt das
Zusammenlebenmüssen zu Bedachtnahmen und Nachgiebigkeiten gegen den einen
wehrhafteren Teil und zum Unrechte gegen den wehrlosen, auf dem allein die üble
Nachrede haftenbleibt, bis die Leute, Schimpfens und Anteilnehmens müde,
gleichgültiger werden und mählich zu vergessen anfangen; einmal noch - mag nun
neue Unbill hinzukommen oder nicht - lodert wohl das Zornfeuer wieder empor,
dann aber schickt man sich darein, von dem allgemein Gültigen abzusehen, den
Fall an sich als Ausnahme zu betrachten, was man ja ohne Gefahr tun kann, da er
nur die Regel zu bestätigen vermag, und um so nachsichtiger fällt das Endurteil
aus, als schroffer und unverrückbarer die anfänglich allen Unwillen erregende
Tatsache bestehenbleibt. Da aber weder das eingewohnte Denken noch das
ursprüngliche, widerwillige Gefühl über die Konflikte hinweghelfen, so
formuliert sich die Anklage, wenn der Fall ein erschütternder, an die letzte
Adresse, an das Schicksal, streben aber die Dinge wieder mit dem Alltäglichen
sich ins Gleichgewicht zu setzen, so sucht die Menge mit aller Spitzfindigkeit
nach dem, dessen Anstoss den ärgerlichen Verlauf verursachte, und findet diesen
neuen, endgültig Schuldigen oft in einer Person, die anfänglich, wie gefeit,
ganz beiseite gestanden hatte.
    Als man im Orte merkte, dass der junge Sternsteinhofer just nicht des
Votivbildes halber so häufig nach des Holzschnitzers Hütte gelaufen war, da
schlug die Stimmung gegen den »frommen, sorghaften« Bauern gewaltig um, und auch
an Helenen liess man kein gutes Haar, und »ganz aus der Weis unschambar« fand man
es, wie er die Wittib zu sich auf den Hof nehmen und die dahin gehen mochte! Die
Sternsteinhofbäuerin wurde für eine »helle Marterin« erklärt. Aber der Bauer
konnte doch einen und den andern, die sich zu vorlaut gaben, »sakrisch klemmen«
- und im Grunde, er hatte ein krankes Weib - wohl - wohl - doch die
Kleebinderin, als recht und schlecht verheirat, hätt ihn gleich beim ersten
Anwurf ausjagen sollen, und hätt sie dazu auch 's längste Scheit unterm Herd
hervorlangen müssen! Freilich, viel geht in der Welt vor, und allerwärts hört
man, wie oft ein Weib rechtschaffen ausholt und Dreinschlagen vergisst. Anders
wieder, als man die Bäuerin zu Grabe trug, da legten sich die Leute gar keinen
Zwang auf, und dem weitinwallenden Zuge entlang summte es wie ein Immenschwarm,
und zwar nicht ins Gesicht, aber zu Gehör sprach man den zweien, »die zwei
andere so gut wie umgebracht hätten«. Doch die Sternsteinhoferin war nun einmal
tot und lag in der kühlen Erde, und das war für sie schier das beste, wie für
die andern; vermochten die nicht voneinander zu lassen, so war es gleich einer
Schickung und Gnad Gottes, dass sie nun in Ehren zusammen und zu einem End kommen
konnten, und hätt man sie seinzeit gewähren lassen, wär das ganz Ärgernis und
andern zwei beiden alles gebrannte Herzleid erspart geblieben. Ja, ja, an dem,
wie's kommen und gangen, war eigentlich doch nur schuld - der alte
Sternsteinhofer!
    Auf solche Weise fand sich der meisten Denken und Meinen mit dem, was
geschehen war und nun geschehen würde, zurecht, nur wenige hielten an ihrer
anfänglichen, strengen Verurteilung fest, darunter auch der Kaplan Sederl, und
nur einer erklärte von allem Anfange an, er löffle nichts so heiss aus, als es
aufgetragen werde, der alte Pfarrer. Freilich, auch der, wenn er an die
»unsaubere Geschichte« dachte - dass die auch just in seinem Sprengel spielen
musste! -, rückte sein Samtkäppchen bedenklich schief, indem er sich ärgerlich im
Haar kraute, und über seine Stirn legten sich unmutsvolle Falten; aber den
Schuldigen den Prozess zu machen, überliess er den Leuten, und das Urteil stellte
er dem anheim, des Augen, die nie ein Schlaf schloss, mehr sehen, als aller Leute
Augen zu sehen vermochten! Er hatte ein feines Gefühl für des Volkes Art und
Weise, ein feines Gehör für dessen Rede, und das schliessliche Abfinden und
Zurechtlegen einer Sache, die sich nicht »geben«, nicht unterducken lassen
wollte, kam ihm nicht unerwartet.
    »Nie, niemal, Sederl«, eiferte er gegen den jungen Kleriker, »werden Sie
sich auf Welt und Leut verstehen lernen! Sie habn 'n praktischen Blick noch heut
nit. Liess ich Sie hitzt an meiner Statt machen, Sie gäben gwiss was an, 'n
Lebendigen zun Schaden und 'n Toten von keinm Nutz! ...
Himmelheiligkreuzdonnerwetter!« Dieser »verluderte Ausdruck« galt keineswegs dem
Kaplan; der alte Herr hatte gegen diesen mit vermahnender Geste den Zeigefinger
erhoben und dann, um den Tabak zusammenzudrücken, in den Pfeifenkopf gesenkt,
jetzt schnellte er ihn mit gelb gesengtem Nagel heraus, schlenkerte damit, und
indem er auf die schmerzende Stelle blies, fuhr er fort: »Pfü - üh! Sie wissen
nit, wie 'n Leuten völlig ein Stein vom Herzen fallt, wann was Unordentlichs
sich wieder in d' Ordnung schicken will, und wie gern da alle mit antauchen
helfen, nach einm Abschluss hin, wo sich's 'm Gwohnten und Gleichen einpasst und
's Ärgern und Deuteln ein End findt. Da mitten hnein 'n Leuten in Arm fallen,
das wär Gott und der Welt a schlechter Dienst!«
    »Sih ärlauhbeen«, sagte der Kaplan, indem er sich erhob, das alte Pfarrbuch,
dessen Lektüre ihn gerade zerstreute, an sich nahm und sich zum Weggehen
anschickte, »iich wihl nichtt straiten, ahber tas ahles wihtersträbt mihr inn
tiehfster Sälle.«
    »Dann schamen Sie sich auch in d' Seel hnein, wie tief s' is«, sagte der
Pfarrer. Er hielt ihn mit der Rechten zurück und reckte den linken Arm gegen das
Kruzifix an der Wand aus. »Der dort hat auch Zöllner und Sünder nit von sich
gwiesen, und wunderbar sein oft die Weg, auf die er Verirrte leit, dass s' nit zu
Verlorenen werden! Grad dösmal ziemt mich, ich sähet seiner Gnad und weisen
Voraussicht aufn Grund. Sederl - nit dass ich 's Siegel von einm Beichtgeheimnis
nähm -, aber das lasst Euch bedeuten: den zwein hat er wohl in seiner Erbarmnis a
Verbrechen erspart!«
    »Ein Verbrechen?« stotterte der Kaplan.
    Der alte Seelsorger drückte den Arm des jungen Mannes. »Zwei vielleicht.« Er
nickte ihm ernst zu und schritt hinweg.
Am übelsten kam die alte Zinshofer weg, sie klagten die Leute nicht erst an,
sondern trugen ihr offen ihre »Vorschubleistung« nach, man wich ihr aus und war
kurz und abweisend im Verkehre, selbst auf dem Sternsteinhofe, wo sie doch allen
Dankes gewärtig war, liess man sie unfreundlich an.
    Eines Abends, als wieder ihre Zutulichkeiten und Klagen kein Gehör fanden
und sie erbittert vom Hofe hinweglief, fasste sie den alten Sternsteinhofer, der
ihr gerade in den Weg kam, am Arme an. »Bauer«, rief sie, »hitzt erfahr ich, was
auch du schon seit langem, und in dem Stuck wärn wir völlig gleich!«
    Der Alte machte sich frei und wischte über den Joppenärmel, als wäre der
durch die Berührung befleckt worden. »Fass ein nit an«, sagte er rauh. »Dir
gleich wusst ich mich in keinm Stuck.«
    »So kennst leicht Kindsundank nit?!« kreischte das Weib.
    »Kein Dank - mag sein! Gegn 'n Undank hab ich mich sichergstellt. Musst dir
schon dein Gspann woanders suchen.« Damit kehrte er ihr den Rücken zu.
    Alles, was der protzige, künftige Schwiegersohn für die Alte tat, war, dass
er ihr bei beginnendem Winter erlaubte, aus ihrer verfallenen Keusche in das
Kleebinderhäusel zu übersiedeln. Da sass sie nun zwischen reinlicheren und
festgefügteren Mauern als sonst und fror wie früher, denn die Fuhre Holz, auf
die sie gehofft und gerechnet, war ausgeblieben; sie ertrug es so lange, bis es
ihr - wie sie sich äusserte - zu dumm wurde.
    »Solln s' mir nur a Wörtl sagn, dann werd aber auch ich mein Maul gross
auftun«, murrte sie, griff zur Hacke, hieb des seligen Herrgottlmachers
Holzvorrat kurz und klein und verfeuerte ihn, und als davon kein Span mehr im
Hause war, brachte sie die Figuren des halbfertigen Votivbildes auf den Säge-
und Hackblock. Mit boshaft zwinkernden Augen sah sie in die flackernden Flammen
und meinte: die Heiligen brennten so gut wie Holz.
    Sie half sich ganz leidlich über den Winter hinweg; kurz nach demselben war
das Trauerjahr des jungen Sternsteinhofers um, dann musste ja doch etwas
geschehen und ändert sich wohl auch ihre Lage. Den Kopf mit beiden Händen
pressend, eilte sie heim, als sie erfuhr - von Fremden sich's musste sagen lassen
-, der Notarius wär schon auf den und den Tag bestellt, um auf dem
Sternsteinhofe die Ehpakten aufzusetzen und alles sonst Nötige zu
verklausulieren und zu verbriefen.
    An dem Tage aber, an welchem der Notar - Toni hatte sich den nämlichen
»Findigen« wie sein Vater verschrieben - dort oben auf dem Gehöfte alles
richtigmachte, ward die Alte von quälender Neugierde und peinigender Unruhe im
Hause herumgejagt, sie hastete Stuben aus, Stuben ein, vom Boden- in den
Kellerraum und von dem feuchten Grundmauerwerk wieder hinauf unter die
Dachsparren. Doch sie musste sich gedulden, und erst gegen Abend sah sie jemand
eilig auf das Häuschen herzukommen und erkannte, als er nahe war, den
Zwischenbüheler Bürgermeister.
    Der Ortsoberste trug auf langen Beinen einen merkwürdig kurzen Oberleib und
auf dessen breiten Schultern wieder ein auffallend kleines Köpfchen, über den
beidseitigen, kurzen Backenbärtchen strebten zwei mächtige Ohrmuscheln, fast
»kopfflüchtig«, ins Freie; obwohl seine grossen Augäpfel etwas vortraten, so
waren sie doch mit ausreichenden Deckeln versehen, welche er denn auch zum
Schutze der ersteren gewöhnlich bis auf einen kleinen Spalt geschlossen hielt,
was ihm ein ebenso nachdenkliches wie sanftmütiges Aussehen verlieh; der untere
Teil des Gesichtes aber, der zwischen den faltigen Wangen wie eingeschrumpft
liegende Mund und das kurze Kinn, wurden von der vorragenden Nase überschattet,
welche aus leicht zu erratenden Gründen von den Zwischenbühelern »d' Latern«
genannt wurde; bei deren Grösse und der Kleinheit seines Mundes konnte er es
nicht verhindern, dass im Sprechen einzelne Laute den bequemeren Weg durch
dieselbe nahmen.
    »Du bist die Zinshoferin?« näselte er.
    »Ich mein, du wirst mich wohl kennen?« sagte sie giftig.
    »Blind wann ich wär, leget ich ein Eid drauf ab, dass du's bist, denn ich
kenn dich an deinm Gekeif, aber was konschtadiert werdn muss, das muss
konschtadiert werdn, weil ich von Amts wegn mit dir z' reden hab.«
    »No, so komm hrein, komm doch hrein.«
    Die Alte lief flink voran, und der Bürgermeister stolperte hintennach. Sie
wischte einen Stuhl ab und setzte ihn in die Mitte der Stube.
    Der Bürgermeister winkte abweisend mit der Hand. »Wir werdn gleich fertig
sein.«
    »Ah, nein! da schau eins her!« eiferte die Alte, während ihr die Zornröte
aufstieg. »Fand's schon keins von denen da drobn der Müh wert, mich hnaufzrufen
oder hrunterzkämma, und liessen s' mir durch a Fremds Post zutragn, so will ich
doch auch soviel wissen, wie dösselbe weiss, und eh d' mir nit alls sagst, wonach
mich neugiert, lass ich dich nit aus der Stubn, mag's hitzt kurz oder lang
dauern!«
    »Was willst denn wissen?«
    »Was gschieht?«
    »Was soll gschehn? Dein Tochter wird Sternsteinhofbäuerin. Das kannst dir
wohl denken.«
    »Was weiter?«
    »No, ich mein, 's wär das gnug! aber obndrein nimmt noch der Bauer ihrn
Bubn, 'n Muckerl vom seligen Kleebinder, als eigen Kind an.«
    »Gar dazu zwingt er sich?« Die Alte bleckte die Zähne, als aber der Mann vor
ihr ernst blieb und verwundert die Augendeckel aufzog, besann sie sich und
sagte: »No, 's is wohl schön von ihm.«
    »Wohl, wohl, Gotts Lohn dafür! Als bstelltem Vormund war mir's kein gringe
Freud. Kannst dir wohl denken, dass ich mich nit dagegen gsperrt hab, dass mein
Mündel mal als Herr und Eigner af eins von d' grössten Anwesen im Land z' sitzen
käm!? Jo. Aber obwohl 's Glück bei dem Bubn schon völlig ein Gupf gmacht hat,
musst ich doch noch af eins bstehn, damit ich aller Verantwortlichkeit nachkimm
und frein Gwissens d' Vormundschaft niederlegen kann. Das Häusel da is nach 's
Vaters Tod 'm Kind -«
    »Was«, kreischte die Zinshofer, mit der Faust in den Tisch schlagend, »gar
austreiben liessen mich dö von da, und du, alter Krippenreiter, halfst ihnen
dazu?! No, schauts enk aber a an, ös zwei dort drobn, denen ich zu allm
Schlechten recht war und hitzt zu allm Rechten z' schlecht wär, und du,
sorghaftiger Vormund, ob ich enk nit alln miteinander ein dickmächtigen Strich
durch d' Rechnung mach! 's Maul tu ich auf und weis nach, dass dem verhöllten
Fratzen 's Häusel da nit zukommt, ein Jurament leg ich drauf ab, dass er an 'm
Verstorbnen kein Recht hat und der andere ihn nit an Kinds Statt ...«
    Der Bürgermeister hatte eine Art Rundtanz um die scheltende Alte ausgeführt
- eine choreographische Leistung, weit davon entfernt, Sinnlichkeit zu erregen
-, wobei er ein über das andere Mal die Arme beschwichtigend auflüpfte und
unablässig raunte: »Halt 's Maul! - dein verwettert Maul halt, sag ich.« Als sie
aber dazu weder gewillt noch je willens zu werden schien, sah er selbst zu dem
Rechten und schloss ihr mit eigener Hand den Mund. »Du
himmelherrgottssakkermentische Kreuzader, eh dein Gift und Gall ausspeibst, lass
eins doch ausreden, ich war ja noch nit z' End. Dann - dann such ein Anlass zun
Schelten - müsstst grad du ein finden!«
    »No, so red«, murrte die Alte, »red halt.«
    »Weil 's selb Häusel doch von gar kein Belang is, so war ich dafür, mer
sollt's verkaufen und 'n Erlös 'm Bubn anlegn; der Bauer war einverstanden, hat
aber gleich selber a Anbot gmacht, was's überzahlt, no ja, 's kommt doch 'm Kind
z' gutem; so warn d'Sternsteinhoferleut Eigner von da, und d'
Sternsteinhoferleut schenken's wieder dir, und 's Veranstalten is gtroffen, dass
d' in nächstn Tägn grundbücherrlich drauf angschrieben wirst. Hjetzt weisst's.
Hast's auch verstanden?«
    »Ei, du mein, je ja, freilich, dös wird doch leicht zu verstehn sein. 's
Häusel is hitzt mein!«
    »Is dein - und no kannst dich schon dein ausartigs Reden von vorhin reun
lassen.«
    »Wohl, wohl, war ja nix wie dumm Gschnatter. Du hast als gscheiter Mon
gleich nit drauf ghört. Ich schreiet's so frei aus nit, wusst ich, was
nachzweisen, und könnt ich a Jurament ablegn?! Wär doch sündhaft gegn d' braven
Leut und mein leiblich Tochterkind! Nit? Jo! Burgermaster, tatst mer leicht d'
Ehr an für dein gute Botschaft und nahmst a Glasel Wein? Z' Haus hätt ich wohl
kein -«
    »Dank schön. Ich nimm mitm guten Willn vorlieb, bei dir auch mit weniger.
Gute Nacht!«
    »Gute Nacht, Burgermaster!«
    Was nun die Alte im Hause herumtrieb, Stuben aus und Stuben ein und vom
Grundgemäuer bis hinauf unters Sparrenwerk, das war nicht Neugierde noch Unruhe,
sondern Lust an dem neuen Eigen. Vieles, worauf sie früher nicht geachtet, besah
sie sich erst jetzt genauer; nun galt jeder Nagel an seiner Stelle und zählte
mit. Sie lief auch hinaus in den Garten und schlug angesichts der Bäume und
Sträuche freudig in die Hände; bei alledem aber verliess sie keinen Augenblick
der sittlich erhebende Gedanke, dass sie nichts einem blinden Glücksfalle schulde
und, was ihr geworden - redlich verdient habe.
Es war eine stille Hochzeitsfeier, die bald darnach auf dem Sternsteinhofe
stattfand, ganz wie es sich für Brautleute schickte und ziemte, die nach kurzem
Witwerstande eine zweite Ehe schlossen.
    Schier verwundert und verblüfft standen die wackern Zwischenbüheler, als das
junge Weib vom Altare wegging. Dass Helene schön war, das wusste man, so schön
aber wie an dem Tage ihrer zweiten Trauung hatte sie noch keiner gesehen. Das
erste Mal war sie gedrückt in die Kirche gekommen und ebenso aus derselben
gegangen, diesmal schritt sie stolz und selbstbewusst einher, nicht anders, wie
wenn das, was ihr nun geworden, ihr Rechtens zukäme, doch hielt sie die Lider
bescheiden gesenkt, als meide sie, missgünstigen Blicken zu begegnen, und scheue
sich, solche herauszufordern, und wenngleich manchmal über den blühenden Wangen,
deren Grübchen ein stilles Lächeln vertiefte, die leuchtenden Augen flüchtig
aufbljetzten, so sah sich das so unschuldsvoll an wie der Blick eines Kindes, den
die greifbaren Herrlichkeiten eines Augenblickes fesseln; kein Schatten der
Vergangenheit, keine Wolke, einem bangen Ausblicke in die Zukunft entsteigend,
trübte dieses glücksfrohe, heitere Gesicht, und der einzig lesbare Gedanke in
demselben: »Erreicht«, zuckte auch nicht durch die Muskeln als unterdrückter
Jubelschrei, sondern barg sich hinter einer stillfreudigen, selbstbegnügten
Miene.
    Die Leute hatten über die Sternsteinhofbäuerin, die, so selbstverständlich
sich als solche gebend, an ihnen vorübergeschritten war, die
Herrgottlmacherswitwe und die Zinshoferdirn ganz vergessen, und als sich die
Boshaftesten auf die längst für diese Gelegenheit »ausgetipfelten Trutzliedeln«
besannen, waren die Wägen mit den Hochzeitern und den Gästen schon aus aller
Gehör-weite.
    Unter den Geladenen befand sich auch der Käsbiermartel, und dass er gekommen,
konnte nur den befremden, der den Alten nicht genauer kannte und somit nicht
wusste, dass sich dieser keine Gelegenheit entgehen liess, seinem Spitznamen alle
Unehre zu machen, Bier ganz zurückzuweisen und Wein - je besseren, um so lieber
- zu trinken und Käse, wenn er welchen ass, nur als Magenschluss zu nehmen, wenn
nichts mehr voranzuschicken da war. In der Kirche hatte er sich aber doch nicht
blicken lassen und, während der Trauakt unten im Dorfe stattfand, oben auf dem
Gehöfte dem alten Sternsteinhofer, der sich gleichfalls fernhielt, Gesellschaft
geleistet.
    Als nun die neue Bäuerin an der Seite ihres Mannes die Feststube betrat,
fand sie sich den beiden Alten gegenüber. Sie trat auf ihren nunmehrigen
Schwiegervater zu. Mit leuchtenden Augen, in denen etwas schalkhafte Bosheit
lauerte, und mit einem freundlichen Lächeln, von dem er wohl fühlte, es gelte
nicht ihm, sondern poche auf das Unbestreitbare ihrer Schönheit, bot sie ihm die
Hand. Da er sie nicht ergriff, sagte sie nach einer Weile leise: »No, bin ich
halt doch da. Sei gscheit. Willst mir feind bleiben?«
    Der Alte schob die Rechte, gleich der Linken, in die Hosentasche und wandte
sich an den Käsbiermartel. »Wieder eine. Bin neugierig, wieviel Bäuerinnen ich
da noch erleb.«
    Rot bis unter die Augenränder, ging Helene von ihm hinweg.
    Als während des Tafelns der alte Bauer die Stube verliess, folgte bald darauf
die junge Bäuerin ihm nach, sie wartete im Flur, bis er vom Garten zurückkam.
»Ich hab dir vorhin d' Hand gboten«, sagte sie.
    »So?«
    »Blind stell dich nit! Bemerkt habn musst es.«
    »Mag sein.«
    » Du hast mir die deine verweigert.«
    »Bist auch nit blind.«
    »Vor 'n Leuten, allen!«
    »No?«
    »Das is a Grobheit.«
    »Ich bin halt nit fein.«
    Er wollte an ihr vorüber, sie aber verstellte ihm den Weg. »Kein Schritt!«
rief sie. »Du hörst an, was ich dir z' sagen hab! Meinst, weil du's bist, ich
liess mich da im Haus wie der Niemand behandeln? Da irrst dich gwaltig. Mich lern
erst kennen. Weil mir heut in der Kirchen vorm Altar der Gedanken kommen is, da
sich ja endlich doch alls wie recht und ghörig gschickt hätt, wär a Unsinn, wegn
'm Frühern einander was nachztragen, so hab ich dir mein Hand dargreicht, nit um
dein Freundschaft zu erbetteln, sondern im guten Glauben, auch dir würd dasselbe
so christlich wie vernünftige Absehn einleuchten.«
    »Stell du zwei Falln auf und leg in jede ein extraichen Speck, ich geh dir
in keine.«
    »Dass ich dich fangen wollt, das bild dir nit ein. Mir war nur ums gegnseitig
gute Drauskommen. Gäbst du mir mein Respekt, gäb ich dir auch 'n dein. Hättst du
mit mir a Einsehn, wurd ich auch eins mit dir habn. Du aber willst's anders, und
so kann dir's auch werdn! Du sollst nit umsonst die Gedanken in mir aufgriegelt
habn, wie mir Sünd und Schand, jeds Unterkriechen und Verstelln, alls, was mich
d' siebntalb Jahr her gpeinigt hat, erspart gblieben wär, hättst du dich
seinzeit nit in gleich herzloser wie unnötger Weis dawidergsetzt und damal schon
zugebn, was d' heut nit verhindern konntst! Du sollst mich nit umsonst erinnert
haben an die Stund, wo ich, mehr tot wie lebendig, die Stiegn da
heruntergschlichen bin und zu unserm Herrgott gebet't hab, er möcht mich 'n Tag
erlebn lassen, wo ich dir dein erbarmlose Hochfahrt heimzahlen könnt. Derselb
Tag is hitzt da, und ich will dir weisen, dass er da is!«
    Der Alte sah sie mit zusammengekniffenen Augen und breitgezogenem Munde an.
»Was willst mer denn weisen? Du?«
    »Was ich dir weis? Dein Ausnahms-Ausnahm afm Hof da, dö werd ich dir
vertun.«
    »Du unterstündst dich -?!«
    »Jedes weitere Wort spar! Vergiss nit, wen d' vor dir hast. Ich brauch mir
von dir nix sagen z' lassen!« Damit kehrte ihm Helene den Rücken zu und schritt
voran nach der Stube zurück, während der alte Sternsteinhofer mit geballten
Fäusten, die eingezogenen Arme vor Wut schüttelnd, hinter-dreinstapfte.
    Der grosse Ärger tat aber weder seiner Esslust noch seiner Trunkliebe Abbruch,
sondern schien beide nur zu vermehren, denn ihm schmeckte kein kleiner Bissen
und mundete kein mässiger Schluck, so dass er, als die Gäste aufbrachen, mit
kläglicher Stimme erklärte, dass ihn »nun schon d' Füss verliessen und d' Augen nix
mehr taugen wöllten«; die Schilderung seines Zustandes liess man, als der
Wahrheit gemäss, unangefochten, aber die Rechtfertigung desselben durch sein
Alter wies man spöttisch zurück, und einige Minderbejahrte meinten: heut wären
sie just so alt wie er oder er so jung wie sie.
    Er erbat sich das Geleite Käsbiermartels, und der Lange mühte sich denn auch
getreulich, seinem Schützlinge geweisten Weges über den Hof zu helfen; es gelang
ihm, allen kleinen Fährlichkeiten auszuweichen, und wenn es bei grösseren
merkwürdigerweise fehlschlug, so bestand er sie einträchtig mit dem Freunde. Er
rannte mit ihm gegen ein halb offenstehendes Scheunentor, und als dieses durch
den Anprall ganz aufflog, so stürzten beide in taumelnder Hast dahinter her, so
weit es sich in den Angeln drehte, ein paar Schritte weiter fielen sie Arm in
Arm über einen umgestürzten, ausgemusterten Brunnentrog; von diesem einen
»Verlauf« und andern »Fall« abgesehen, erreichten sie glücklich das Ziel, und da
lallte an der Schwelle des Häuschens der Käsbiermartel: »Was bist du - du aber
in dein altn Tägn - für - für a leichtsinniger Mon - gält's - könnt mer dich
heut wieder - hint - hint im Wagngflechtel habn ...«
    Der alte Sternsteinhofer riss sich von seinem Begleiter los und versetzte ihm
eins in die Rippen, dass der laut aufschrie. Aber trotz seiner Erbitterung vergass
der Käsbiermartel nicht, dass ihm doch noch obliege, den Alten unter Dach zu
bringen, und so fasste er ihn denn neuerdings an, freilich etwas kräftiger als
just not tat, und unter Gefluche und Gepolter ging es die Treppe hinan, unter
Gekrache und Geberste zur Kammertüre hinein, und da fand sich plötzlich der
Käsbiermartel allein im Finstern. »Sternsteinhofer« - rief er halblaut -
»Sternsteinhofer! Wo bist denn? No, so meld dich, dummer Kerl, ob d' da bist?«
    Erst nach einer Weile antwortete aus einer Ecke her ein lautes Schnarchen.
»Ah so«, sagte befriedigt der Lange, dann sah er nach dem leeren Bette, meinte:
»Es wär doch a Sünd«, und legte sich in dasselbe. - -
    Früh am Morgen öffnete sich oben auf dem Sternsteinhofe ein Fenster der
grossen Stube, Helene beugte sich heraus und sah auf das Dorf hinab.
    Ein leichter Flor lag noch da unten.
    Langsam kam die Sonne im Rücken des Hügels herauf, und unten am Bache ward
es licht.
    Das Turmkreuz der kleinen Kirche brannte, die Häuschen und Hütten hauchten
sich rot an, und einzelne Fenster erglühten.
    Frisch wehte die Morgenluft.
    Die Bäuerin strich einzelne Haarsträhnen, die ihr vor dem Auge fächelten,
zurück.
    Als sie nach der letzten Hütte sah, wo sie eine freudlose Kindheit verlebt,
und nach dem Häuschen daneben, wo sie sich und andern zu Leid und Last gehaust
hatte, da erfasste es sie gleich der bedrückenden Empfindung verworrenen
Träumens; doch von hier oben verschmolzen die einzelnen Behausungen der Strasse
nach in eine helle Zeile und mit den grünen Hügeln dahinter und dem blauen
Himmel darüber in ein freundliches Bild; das eigene Erlebte verblasste vor dem
Gedenken an das gemeinsame Drangsal und Elend, dem sie entronnen und das von
zutiefst da unten, am Fusse des Hügels, nicht hinanreichte zum Gipfel, von dem es
ihr nun doch vergönnt war herabzuschauen, wie sie es einst in kindischer Seele
gewünscht und ersehnt.
    So hatte es sich doch gefügt!
    Ein dankbares, fast andächtiges Gefühl überkam sie;
    dankbar, sie wusste es selbst nicht gegen wen oder was: gegen die Sonne, die
alles so warm und freundlich beschien, gegen die Luft, die über allem webte und
sich regte, gegen das Dörfchen, die Halde, den blauen Himmel, gegen die ganze,
schöne, prangende Welt -? -
    Sie faltete die Hände vor der Brust. Lange blieb sie so, plötzlich fuhr sie
mit einem lachenden Schrei zurück. Der junge Bauer stand hinter ihr, er hatte
sie mit beiden Händen unter den Achseln angefasst.
 
                                      XXII
Monate verstrichen, der alte Sternsteinhofer und die junge Sternsteinhoferin
liefen einander, sich nicht suchend noch meidend, ungezählte Male über den Weg;
wohl bemerkte er den missgünstigen Blick, der ihn bei jeder Begegnung seitwärts
streifte, ohne dass es ihn zum Nachdenken brachte, wie derselbe stets gleich und
unverändert blieb, selbst als er offen ein immer höhnischeres Gesicht dagegen
kehrte. Hat sich halt ein bissel im Reden übernommen, die Neue, und dafür, dass
es bei leeren Worten bleibt, ist er der - alte!
    Es war an einem heiteren Abende, als er auf dem ihm eigenen Wägelchen von
Schwenkdorf, wo er den Käsbiermartel besucht hatte, heimfuhr; er liess das
Rösslein nach Gefallen des Weges trotten, schmauchte sein Pfeifchen und sah
behaglich auf die langsam vorbeistreichenden Hütten und Bäume und Hügel. Als er
in Zwischenbühel über die Brücke lenkte, rappelte sich unter einem Busche etwas
empor, und obwohl er gar nicht abergläubisch war, so erschrak er doch, als er im
Dämmer die Gestalt eines alten Weibes, die hagern Arme mit ausdeutenden Gebärden
gegen ihn reckend, auf sein Gefährt zueilen sah; laut auf lachte er aber, als er
in der Herzukommenden die alte Katel erkannte.
    »Halt auf!« rief sie halblaut. »Halt auf, Bauer!«
    »Öh, Braun! No, was is denn los? Gebärdst dich ja völlig wie a
Luftzauberin!«
    »Sagn muss ich dir was. Heilige Maria und Josef!«
    »No, ruf nit erst alle Heiligen an. Was gibt's?«
    »O Bauer, dächt ich nit, dass ich a Unglück verhüt, wann d' so unvorbereit
dahinterkämst -«
    »Hinter was, alte Hex? Schneid nit hrum lang.«
    »'n Geduldengel ruf an, 'n Geduldengel, dass dich der Zornteufl nit
unterkriegt.«
    »Bei dir braucht mer schon a Legion Geduldengel. Na, ich sieh, dich hat was
ganz ausm Häusel gbracht, also nimm dich zsamm, fang amal an z' reden.«
    »'s wird dir was abgehn, wann d' heimkommst.«
    »So?«
    »Aber gstohln is's dir nit.«
    »Was denn, in drei Teufelsnam?!«
    »Jesses, fluch nit, nit jetzt schon, eh d' noch was weisst.«
    »Red du, so erspar ich 's Schelten.«
    »Dein eiserne Geldtruhn - sie is dir nit gstohln -«
    »Mein's, dö steckt keiner in Sack.«
    »Aber weggführt is s' wordn.«
    »Bist überhirnt? Wer sollt mer an die grührt habn?«
    »Die Bäuerin -.«
    »Himmelherrgottssakkerment«, brüllte der Alte, »die Einschleicherin, die
Diebin, an 'n Meinm vergreift sie sich, die -«
    Katel faltete die Hände. »Um Gottes willen, Bauer, schrei nit so hrum,
sonst rennen d' Leut ausm Ort herzu, oder mer hört's obn afm Hof, und 's kommen
welche nachschauen; zutragn is mein Sach nit, und wann mer mich da findt, werd
ich af meine alten Täg noch davongjagt. Lass dir lieber sagn, wie's zugangen is.«
    »Red«, keuchte er.
    »Du warst kaum fort, so ruft die Bäuerin 'n Michl, 'n Wastl, 'n Heiner und
'n Seff und tragt ihnen auf, die eisern Geldtruhn aus dein Ausgedinghäusel z'
schaffen.«
    »Wohin? Wohin?«
    »In d' schöne Stubn, wo 's ehnder gwest is und wo s' hinghört, wie d'
Bäuerin sich hat verlauten lassen.«
    »Hat sie sich?« lachte der alte Sternsteinhofer grimmig. »Und hitzt steht s'
dort?«
    Katel nickte.
    »Soll a kurze Freud gwest sein. Wie ich hnaufkomm, werd ich der saubern
Bäuerin mein Meinung sagn, und heut noch, hitzt, gleich an der Stell, muss mer
alls wieder in alten Stand! Und dö vier Deppen, was blindlings an fremds Eigen
d' Hand anlegn, dö will ich orndlich schuhriegeln, dass s' an mich denken solln,
wie können sie sich unterstehn -?! -«
    »Mein, was wollten s' machen? Denselben war's gschaft. Hat eh a Gschlepp
und Rackern dabei abgsetzt, dass ihnen der helle Schwiz übern Körper gloffen is.«
    »Hehehe! Glaub's schon. Gschieht ihnen recht, und dasselb nämliche können s'
gleich wieder zun verkosten anhebn, denn ehnder ruh ich nit - und sollten s' d'
halbe Nacht dazu brauchn -, bis d' Kassa an ihrm alten Ort steht.«
    »Schau, hab a Einsehn, 'm Wastl, dem armen Hascher, is s' mit der ganz
Eisenschwern afm Fuss gfalln, brüllt hat er wie a Ochs, und einbeinlet habn s' 'n
vom Fleck gführt.«
    »Hehehe! Hat einer dabei was abkriegt? Das is mer lieb, und leid, dass's nur
der eine war! Hehehe, der wird sich's dermerken! Mein schon auch, wann einer
mitm Läufel unter paar Zentner grat, dass er alle Engeln singen hört und
nachplärrt, wann's auch nit so schön ausfallt. Hehehe! Schadt nix, so a
Denkzettel! Geh krump, Lump. Hehehe!«
    Mitten in dem lauten Jubel über den Unfall des Knechtes besann sich aber der
Alte, wie ganz kindisch und aus seiner eigenen Weis das sei, er legte das
Gesicht in ernste Falten. »Teufl«, murmelte er, »so weit wird's doch nit schon
sein mit dir - du, Sternsteinhofer -, dass d' deppisch wurdst?! Kam 'n andern
recht, dir Herr z' werdn. Ah, nein, fein gscheit!« Er rückte ein wenig auf dem
Kutschbocke zur Seite und sagte zur alten Schaffnerin: »Steig auf! Wolln mer
gleich der Bäuerin unter d' Augen!«
    »Wo denkst hin?« fragte erschreckt Katel. »Der hab ich ja gsagt, ich wollt
af a paar Stündeln zur alten Matznerin, 's selb hab ich mir ausgebeten und schon
a schöne Weil mitm Warten af dich verpasst! Zeugschaft leist ich dir keine und
brauchst doch auch keine. Hjetzt muss ich mich nur schleunen, dass ich zu der ins
Ort triff, damit ich sagn kann, ich wär dort gwest, wann d' Red drauf käm. Gut
Nacht, Bauer, sieh dich für und tu nit unüberlegt.« Sie eilte an dem Wagen
vorbei, über die Brücke, dem Dorfe zu.
    Der alte Sternsteinhofer schwang die Peitsche und hieb auf das Pferd ein,
dieses jagte in Sprüngen den Hang hinan und riss das Wägelchen hinter sich her.
Im Gehöft angelangt, fuhr er geradzu auf das Haus los und fast in die Gruppe
dreier Bursche hinein, die vor der Türe plaudernd standen. Zwei nahmen lachend
Reissaus, der dritte, der, die Hände in den Hosensäcken, einen Sprung hinter sich
getan, um den Rädern auszuweichen, blieb lässig und gleichmütig stehen.
    »Was laufen denn dö?« höhnte der Alte, mit der Peitsche nach den Wegeilenden
deutend.
    »Weil s' Letfeign sein«, sagte der Bursche.
    »Und du, Lump, bhaltst vielleicht a gut Gwissen, wann d' an einer Dieberei
teilnimmst, und traust dich noch, mir ins Gsicht z' trutzen!?«
    Der Knecht zuckte die Achseln.
    »Kein Red bin ich dir wert? Na, wart, dafür lehr ich dich Sprüng machen!«
    Schon hatte der Alte mit der Peitsche zum Schlage ausgeholt und der Knecht
die Arme abwehrend vorgestreckt, da trat die Bäuerin aus dem Flur. »Wie er dich
schlagt, Heiner«, rief sie, »schlag du nur zruck! Das brauchst dir nit gfallen
z' lassen. Du hast nur getan, was dir is aufgtragn gwest.«
    Da liess der alte Bauer die Geissel hinter sich ins Grät fallen und kletterte
mit vor Wut bebenden Gliedern mühsam vom Wagensitze herab. »Du - du -«, stöhnte
er mit versagender Stimme, »hetztest 's Gsind auf, sich an deins Manns
leiblichem Vadern zu vergreifen?! - Wo is der Toni?!«
    »Obn af seiner Stubn, durchs offene Fenster hört er jeds Wort, was wir da
reden, und wann er mir was wehren oder verweisen will, braucht er nur 'n Kopf
hrauszstecken. Den Respekt, der dir als meins Manns leiblichem Vater zukäm,
gäbet ich dir gern, wollst nur du da afm Ghöft nit mehr wie ein solcher
bedeuten, aber ein Nebnherrn kenn ich nit, und dass du von unserm Gsind züchtigen
willst, wer ghorsamt, das leid ich nit!«
    »Kenn ich nit - leid ich nit -«, spottete der Alte nach. »O du -! Hast aber
recht, was brauch ich dem Kerl da erst übern Grind z' fahren? Ledig an dich hab
ich mich z halten. Und nit als Nebnherr, als mein eigner und als Herr auf und
von meinm Eignem frag ich, was hast du dadrauf zu suchen, was hast du mir davon
z' verschleppen?!«
    »Schau, schau, du weisst das schon, bevor d' noch d' Augen in deiner Stubn
hast hrumgehen lassen? No, das Ratsel is nit schwer z' raten; den Weg, den d'
kommst, is keins gangen wie d' alt Katel, dö Zutragerin.«
    »Dös is a Ehrnweib und da afm Hof alt wordn!«
    »Und wann ich will, wird s' auch kein Tag älter drauf!«
    »Du jagest s' fort?!« knirschte der Alte.
    »Wann s' dir gsagt hätt, was du nit erfahren durftst, bsinnet ich mich kein
Augenblick, weil s' dir aber nur gsagt hat, was ganz unverborgen bleibt, is mer
d' Sach nit soviel Aufhebens wert. Ghörig rüffeln werd ich mir s' wegn ihrer
Hinterhaltigkeit, weiter nix.«
    »Ja, hab d' Gnad, und dann sei auch so gut und lass mer nur gleich morgn
wieder mein eisern Schrein dortin schaffen, von wo d', 'n heut hast
wegschleppen lassen.«
    »Dös weniger. Der bleibt, wo er is.«
    »Vorentalten tätst mir's, Diebin?!« brüllte der alte Bauer, die Faust gegen
das Weib erhebend, das einen Schritt zurückwich, nicht vor der Bedrohung,
sondern vor dem Schimpf. Er liess den Arm sinken und knurrte höhnisch: »Meinst,
hast was davon, dumme Mirl? Fehlt dir nit der Schlüssel? Den folg ich dir nit
aus!«
    »Den bhalt nur«, sagte trotzig Helene. »Ich will a Ordnung, nit das Deine!
Der Schrein is bei uns gut aufghobn und der Schlüssel bei dir. Du bist a alter
Mann, wie leicht versperrest amal nit, verstreuest selbn was, oder a fremde Hand
greifet zu, dann müsst 's Oberste z' unterst kehrt werdn, mer hätt d' Standari
afm Hof und 's ganz Gsind im unbschaffenen Verdacht. Besser bewahrt wie beklagt!
Wir langen dir nit hnein, aber 's is nit mehr als billig, dass wir wissen, wozu
du hneinlangst; du könntst auch aus Vergessen ohne Gschrift Käuf und Gschäften
abschliessen, dich betrügen lassen, und am End wüsst mer nit, wo 's Geld hinkämma
is, ob d' Gläubiger, die sich melden, auch rechte sein und wo mer d' Schuldner
z' suchen hat, drum ghört der Schrein hin, dort wo er hitzt steht, und er is nit
's letzte, was mer in Obhut nehmen muss, wann d' es so weiter fort treibst.
Schau's an, 's arme Ross, da steht's noch und kommt kaum zu ihm von dem Hetzen,
wie d' d' Steiln hraufteufelt bist; wenn d' Ross und Rind verabsäumst, so kann
mer das unschuldig Vieh nit drunter leiden lassen und müsst's halt auch in unsere
Ställ einstellen.«
    »Du nahmst mer auch noch mein Vieh?!«
    Die Bäuerin kehrte den Rücken und schritt in den Flur, einen Blick tat sie
noch über die Achsel nach dem Alten, und obwohl dieser in der Dunkelheit den
Ausdruck, der in demselben lag, nicht zu unterscheiden vermochte, so empfand er
ihn doch als eine ebenso entschiedene wie verhöhnende Bejahung seiner Frage.
    »Oh, du!!«
    Er schrie auf, und dann, beide aneinandergepresste Fäuste in einem gegen die
Wegschreitende schüttelnd, keuchte er: »Alls - alls - nahmst mer?! - Dafür nimm
ich 'n Segn - von Haus und Hof und Grund! - Von Haus - und Hof - und Grund!«
    Taumelnd schritt er seinem Ausgeding zu. Nachdem die braune Stute einen
Augenblick nachdenklich gestanden, hierauf, wie von Fliegen beunruhigt,
nachdrücklich den Kopf geschüttelt hatte, folgte sie bedächtig mit dem Wägelchen
nach.
Es war in der darauf folgenden dritten Nacht, der Mond schien in die
Schlafstube, der junge Sternsteinhofer gähnte im Bette, und die Bäuerin fragte
aus dem ihren nach dem seinen hinüber: »Du, Tonl?«
    »Was?« murmelte er.
    »Hast du die letzten Nächt her gschlafen?«
    »Wie a Ratz.«
    »Hast nix ghört?«
    »Kein Laut. Was sollt ich denn?«
    »War vielleicht nur a Einbildung von mir.«
    »Wird schon sein.«
    »Oder alleinig mir z' hören bstimmt.«
    »Dös is nur wieder a andere. Schlaf, los nit auf, hörst nix. Gute Nacht!«
    »Gute Nacht, Tonl.«
    Beide kehrten sich der Wand zu, es dauerte aber nicht lange, so drehte sich
die Bäuerin wieder herüber, sie hob den Kopf und stützte ihn mit dem Arme und
sah sich in der Stube um; milchweiss glänzte es von der Ecke her, wo das
Gitterbettchen stand, in welchem der sechsjährige Muckerl und die andertalb
Jahre alte Juliane schliefen, die volle Mondscheibe beschien den Kindern das
Gesicht. Helene erhob sich rasch, sie eilte hin und verhing das Gitter mit
Tüchern, damit die Kleinen nicht schwere Träume bekämen oder gar mondsüchtig
würden.
    Die Kinder hatten die Decke hinuntergestrampelt und lagen nackt. Helene
betrachtete den kräftig entwickelten, gesunden Knaben, tippte ihm sachte auf die
Wange. »Bist mein sauberes Bürschel, du«, sagte sie, und als zufällig in dem
Augenblicke das kleine Mädchen eine greinende Miene zog und das Pätschchen gegen
das Auge führte, fuhr sie begütigend fort: »Nein, nein, du auch, bist mein
schöns Dirndl.« Sie breitete die Decke über beide und schritt nach ihrem Lager
zurück. Nahe demselben schwang sie sich plötzlich mit einem Sprunge hinauf und
sass aufrecht und lauschte.
    Da war es wieder, was sie schon zwei Nächte beunruhigt hatte, was sicher nur
ihr zu hören bestimmt war, weil doch sonst niemand etwas darüber verlauten liess.
- Wie aus weiter Ferne, leise, doch deutlich, als liefe es innerhalb der Mauern
hinan, für kurz aussetzend, dann hastiger wiederkehrend, scharrte und pochte es;
heute aber war das Poltern ärger wie in den beiden Nächten zuvor.
    Ein leiser Frost schüttelte die Bäuerin.
    Welcher Spuk wollte sich da einnisten und ihr das Heim verleiden? Rumorte
die alte Kleebinderin, der sie den Tod gewünscht, oder der Muckerl, der ihr die
Untreu nachtrug, oder die Sali, an deren Stelle sie sich gesetzt?
    Wohl war sie nach ihrem Ziele über diese drei hinweggeschritten, aber sie
hatte dabei keines mit dem Fusse gesucht und, dass die im Wege gestanden, wie ein
ihr von ihnen zugefügtes Leid empfunden; sie achtete diese Rechnung, Posten
durch Posten, aufgehoben, wer oder was wollte nun mit einem Male, gleichsam
eines unbeglichenen Restes halber, an sie heran?
    Nein, nein, weder die Kleebinderin noch der Muckerl vermochten da auf dem
Sternsteinhofe »umzugehen«, wo sie nie heimgesessen waren, die mussten, wenn es
sie nicht in der Erde litt, auf dem Kirchhofe »geistern« oder in dem Häuschen,
wo sie hausten und starben, hier oben nicht. Es konnte nur die selige Bäuerin
sein! Warum aber, wenn die ihr, Helenen, etwas wollte, kam sie nicht in diese
Stube, wo sie die längste Zeit vor ihrem Ende zugebracht, an dieses Bett, in dem
sie die Augen schloss?
    Ein jähes Grauen rüttelte Helenen zusammen, sie setzte die Füsse auf die
Diele und trat von der Liegerstatt hinweg.
    Der Spuk will sie allein an einen einsamen Ort laden und wird nicht eher
sich zur Ruhe geben und immer drängender und ungestümer werden, bis sie gehorcht
und Folge leistet und dahin geht, wohin er sie verlangt!
    Nichts blieb über, um wieder Fried ins Haus zu bekommen, als, gern oder
ungern, ihm »nachzuschauen«, was es auch sein mag und kann! Doch vor dem
Ärgsten, dass sich das Gespenst an einem vergreife, konnte man sich ja schützen,
und nicht alle Tage kriegt man Geister zu sehen und erfährt dabei sicher Dinge,
wovon nicht jeder weiss. - Ist's die vorherige Bäuerin, so soll sie sagen, ob sie
eine Sorge auf Erden zurückgelassen, darüber sie nicht zur Ruhe kommt, ob für
ihr Seelenheil etwas zu tun oder ob sie aus Bosheit und Abgunst so »rumore«; der
Sorg soll sie entledigt und erlöst werden, was für eine arme Seele geschehen
kann, soll geschehen, aber den Polter- und Plagegeist würde man auch
auszutreiben und hinwegzubannen wissen! Nicht das geringste will sich die
derzeitige Bäuerin gegen die vormalige vergeben, und stiege die gleich unter
Kettengerassel als leibhafter Höllenbrand aus dem Boden auf! Oh, sie soll es nur
kundgeben, was sie will, und auf Ansprache muss sie ja Rede stehen, und das
lieber gleich, ehe einem der Graus über den Kopf wächst und man noch der Sinne
und der Zunge Meister ist.
    »Alle guten Geister loben Gott, den Herrn, sag an, was is dein Begehrn?«
    Noch einmal wiederholte Helene flüsternd den Spruch, dann begann sie, schwer
aufseufzend, ihre Kleider überzuwerfen. Als sie die Strümpfe angelegt hatte,
schlich sie zu dem Wäschschrein, zog behutsam eine Schublade auf, aus der sie
eine geweihte Wachskerze nahm; im Vorüberhuschen ergriff sie ihre Schuhe, und
mit einem scheuen Blick nach den Schlafstellen des Mannes und der Kinder öffnete
sie die Türe. Deutlicher schlug das unheimliche Geräusch an ihr Ohr. Zögernd
stand sie einen Augenblick, dann strich sie mit einem Zündholz über die Mauer,
entflammte die Kerze, nahm einen der geweihten Zweige, die über dem
Weihwasserbehälter hingen, an sich, und nachdem sie die Finger in das Nass
getaucht und sich dreimal bekreuzt und besprengt, verliess sie die Stube.
    Die Kerze und den Zweig zwischen den Fingern der Linken, unter demselben
Arme die Beschuhung und mit der freien Rechten das Licht schützend, eilte sie
über den Gang bis zur Treppe, dort schlüpfte sie in die Schuhe und stieg dann
bedächtig Stufe um Stufe hinab.
    Im Flur hörte sie das Gepolter wie aus der Erde heraufschallen; um ihm
nachzugehen, musste sie also hinunter in das Kellergeschoss.
    Hundegeheul tönte vom Hofe her.
    Sie presste die Hand ganz oben gegen das Brustblatt, denn bis zum Halse
hinauf schien ihr das Herz zu schlagen. Sie ging ein paar Schritte vor und
lehnte sich an einen Haustürpfosten und starrte hinaus in die schweigende,
mondhelle Nacht.
    Unweit stand ein grosser Hund, in braunem, schwarz geflecktem Felle, der
seine mächtige Schnauze gegen den Himmel gerichtet hielt und zeitweilig
langgezogene Töne ausstiess, die sich kläglich genug anhörten.
    »Tiger!« rief die Bäuerin halblaut.
    Das Tier wandte den Kopf und kam sofort in ungelenken Sprüngen,
schweifwedelnd, heran.
    Helene fasste den Hund am Halsbande, um ihn in den Flur hereinzuziehen, er
kam ihr zuvor und hüpfte ungeschlacht um sie her und augte dabei so dumm
gutmütig wie immer, und kein Haar seines Felles war gesträubt; Orte aber, wo es
nicht geheuer, machen Hunde fürchten und Pferde scheuen.
    Tiger schnüffelte gleichmütig an der Kellertreppe, doch als die Bäuerin sich
anschickte hinabzusteigen, schoss er eilig voran.
    Helene warf den geweihten Palmkätzchenzweig hinter sich, Gespenster waren
keine um die Wege, »lebige« Leute trieben da irgendeinen Unfug, und zwar welche,
die zum Hause gehörten, das war deutlich dem Gehaben und Gebärden des Hundes zu
entnehmen.
    Sie hatte die Hälfte der Treppe zurückgelegt, da ward es unten lebendig; sie
hörte in rascher Aufeinanderfolge einen Aufschrei, ein dumpfes Schelten, einen
Prall gegen die Mauer, wie von einem Steinwurfe, und das Angstgeheul des Hundes,
dann kam Tiger die Stufen heraufgejagt, fuhr an ihr vorüber, unaufhaltsam über
den Flur und hinaus in den Hof.
    Helene stieg rasch vollends hinab und trat in das Kellergewölbe.
    Fast wäre ihr wieder aller Mut gesunken. Sie fand sich allein in dem weiten
Raume. Die Wände, die Umrisse der Fässer und wenigen Gerätschaften, die da
untergebracht waren, schwankten in dem unsicheren Scheine der Kerze, die sie in
zitternder Hand hielt, und vom anderen Ende her, nahe der Mauer, blinkte ein
Licht aus einer Laterne, die stand an der Erde, und aus dieser wuchsen zwei
Hölzer, mit einem Querbalken verbunden, wie man den Galgen aufgemalt sieht.
    Nun stöhnte es von dorter, eine Haue erhob sich aus dem Boden und ein Kopf
mit ergrauendem Haar, auf einem Stiernacken sitzend ...
    Da war es vorbei mit all und jedem Spuk, der Galgen war das Ende einer
Leiter, die über eine Grube herausragte, an deren Rande stand die Laterne, und
nahe auf einem Hügel ausgehobener Erde lag ein Grabscheit, und bis zu den
Schultern stak der alte Sternsteinhofer da in der Tiefe und schlug mit dem Eisen
gegen die blossgelegten Steine des Grundmauerwerkes,
    Was für ein Absehen hatte er damit?
    Knapp hinzutretend, fragte die Bäuerin: »Was machst denn da?«
    »Jesus, Maria«, ächzte der Alte, zugleich sanken ihm die Arme und entglitt
ihm das Werkzeug, er taumelte rücklings gegen die Wand und starrte, wie irr und
verloren, nach Helenen.
    »Ich frag, was du da machst?« wiederholte diese.
    Indessen hatte er den jähen Schreck verwunden. Er lächelte sie boshaft an.
»Was ich da mach, möchtst wissen?«
    »Ja.«
    »Hm! Hehe! Was ich da mach - was ich da tu? Jo, hehe« - er sagte das unter
einem verlegenen Lachen, gleich dem eines Knaben, der über einem Streiche
ertappt wird, auf dessen Überlegenheit er sich etwas zugute tut - »no, 's Glück
grab ich euch da aus.«
    Helene sah ihn mit grossen, verständnislosen Augen an.
    »In welcher Weis, meinst wohl?« fuhr er fort und sah mit zwinkernden Lidern
zu ihr auf, den offenen Mund verziehend, dass die blanken Zähne zum Vorschein
kamen. »Mein Sternstein hol ich mir ausm Grundgmäuer.«
    »Du Dieb, du pflichtvergessener Dieb!« schrie das Weib. »Das wirst du
bleibenlassen! Das Haus ist unser, wie's liegt und steht, und daran zu rühren,
hast du kein Recht nimmer. Es is nit umn Sternstein, dass du's nur weisst, gar
nit, aber 's ganz Gebäu könnt einm überm Kopf zsammstürzen, wann du's
untergrabst. Gleich steigst hrauf!«
    »Wie ich mich schon eil, weil du's sagst!«
    »Vor d' Gricht kann dich das bringen, verstehst?«
    »Vor d' Gricht, meinst?« höhnte er und hob die Haue und führte einen Schlag,
der im Gewölbe widerhallte.
    »Halt ein weng noch ein«, rief die Bäuerin, »nur paar Wort hör an! Du
denkst, vor 'n Richter brächten wir's wohl nit, um uns selber kein Schand z'
machen, und darein kannst recht habn, aber ich weiss da viel kürzern Prozess z'
machen.«
    »Holst leicht 'n Toni«, lachte der Alte, »schaun dann halt zwei zu.«
    »Ich bin keine, die sich nit selbn z' helfen weiss.« Damit nahm sie rasch die
Laterne vom Boden auf, löschte das Licht, nahm dann die Kerze heraus und warf
sie weit im Bogen hinter sich nach einer Ecke. »So! No, sei gscheit und steig
hrauf und komm mit; für heut in der Finstern wirst wohl 's Suchen einstellen
müssen, und dass d' weder morgen noch sonst 'n Tag wieder damit anhebst, werd ich
'n Keller fortan versperrt halten und d' Schlüssel zu mir nehmen.«
    Der alte Mann erwiderte nichts, er lehnte reglos und sprachlos an der Mauer,
als ihm aber vor ohnmächtiger Wut Tränen in das Auge traten, da barg er
plötzlich das Gesicht zwischen den Händen und begann bitterlich zu weinen.
    Erstaunt trat die Bäuerin einen Schritt näher. »Bist du ein Kind? Sei doch
nit einfältig wie ein solchs, das man sein Bosheit nit ausübn lasst. War dein
Fürnehmen was anderscht? Denk du dran, wie der Sternsteinhof noch nit so benamt
war und du, noch jung, ihn von deinm Vadern überkommen hast, wenig grösser und
reicher als hundert andere, dass er derzeit eins von dö grössten Anwesen im Land
vorstellt, verdankt er deiner Arbeit und deinm Wirtschaften, und hitzt wölltst
du mit selbeigenen Händen, was die aufgbaut, niederreissen? Das vermöchtst du,
während ich kein andre Sorg kenn, als dass der Toni sich eher z' zehren wie z'
mehren anschickt, und kein andern Gedanken hab, als wenigst alls so
zsammzhalten, dass amal der künftig Eigner kein Furchen Grund, kein Stück Vieh,
kein Ziegel afm Dach minder vorfindt, wie du deinm Sohn, seinm Vadern, übergeben
hast! Du solltst dich wohl vor mir - einm Weib - schämen, wann d' schon d' Sünd
nit fürchtst, vom Haus z' nehmen, was ihm Glück gbracht hat und, wie d' selber
glaubst, noch bringt!«
    Die Bäuerin schien denn doch, trotz ihrer leichtfertigen Red von vorhin,
etwas von den guten Eigenschaften des »Sternsteins« zu halten.
    Der Alte stand noch immer, gesenkten Hauptes, in der Grube, jetzt stöhnte er
auf und murmelte: »Weder, dass ich mich scham, noch a Sünd fürcht, aber« - er
presste es zwischen den Zähnen hervor - »geh voran!«
    Die Sprossen der kurzen Leiter standen weit voneinander ab, und mit seinen
wankenden Beinen half er sich mühselig genug daran empor. »Rühr mich nit an«,
schrie er, als Helene den Arm nach ihm ausstreckte.
    »Sei nit töricht«, sagte sie, »lass dir helfen. Es gschieht dir nit z' Lieb
noch z' Schimpf. Dir steckt noch von vorhin der Schreck in 'n Gliedern, und dö
wolln nit vorwärts, ich aber hab da mehr kein Zeit zu verpassen, und auch du
wirst froh sein, wann d' vom Ort kommst.«
    Nachdem sie ihm aus der Grube geholfen, nahm sie Haue, Grabscheit und
Laterne an sich und schritt voran; auf der Kellerstiege hielt sie die Kerze
etwas hinter sich und machte den Alten auf schadhafte Stufen aufmerksam.
    Im Flur blies sie das Wachslicht aus. »Soll ich dir das hnübertragn?« fragte
sie, den mit den Geräten beschwerten Arm hebend.
    Er schüttelte den Kopf, nahm ihr das Grabzeug und die Laterne ab und schritt
langsam von ihr hinweg.
    Sie versperrte die Kellertüre.
    Nach wenigen Schritten blieb der Alte stehen, er sah nach der Bäuerin zurück
und murrte: »Hum?«
    »Was denn?«
    »Wer schütt d' Grubn zu?«
    »Ich verricht's schon.«
    »Du?«
    »Kannst dich verlassen.«
    »Sagst auch neamd was?«
    »Neamad.«
    »Auch 'm Toni nit?«
    »Auch 'm Toni nit. 's braucht keins drum z' wissen.«
    Noch einmal hob der Alte den Kopf, sie grossäugig anblickend, dann kehrte er
sich ab und ging.
    Grabscheit und Haue unter seinem zitternden Arme schlugen klirrend
gegeneinander, als er über den Hof schritt, und eilig flüchteten vor ihm die
Hofhunde »Tiger« und dessen Kamerade »Türkl« an das andere Ende des Gehöftes. -
-
    Da die Bäuerin dem alten Sternsteinhofer ihre Überlegenheit hatte fühlen
lassen und dieser eine zu tiefe Demütigung empfand, die nichts Geplantes,
sondern nur ein günstiger Zufall wettmachen konnte, so legten die beiden
einander vorläufig nichts weiter in den Weg, und es trat eine Waffenruhe
zwischen ihnen ein; dass sie aber - und wie bald - vollen Frieden schliessen
würden, das hatten sie nicht gedacht.
 
                                     XXIII
Bisher hatte es dem jungen Sternsteinhofer Spass gemacht, zu den jährlichen
Waffenübungen einzurücken, es war das doch für paar Wochen ein »anderes«, man
kam aus allem Gewohnten heraus; es gaudierte ihn, mit dem Gelde herumzuwerfen
und sich von den armen Teufeln anstaunen zu lassen, die mit ihm in Reih und
Glied standen, und sie ausser demselben trunken zu machen und zu allerlei Unfug
aufzustiften, den sie hinterher oft schwer genug zu verbüssen hatten, während man
bei ihm, wo es irgend anging, ein Auge zudrückte oder ihn wenigstens so
glimpflich als möglich durchwischen liess. Es konnte ihm gar nicht fehlen, dass er
nächstens zu den Unteroffizieren aufrückte, denn diese gönnten schon lange den
Gemeinen seine Kameradschaft nimmer, die für lustige Brüder und durstige Kehlen
so vielverheissend war, und sie rapportierten über ihn als den besten Mann, der
je unter ihnen im »Zuge« gestanden. Freilich konnte ihm diese bevorstehende
Kameradschaft ein gutes Stück Geld mehr kosten wie die bescheidene frühere, aber
er hatte es ja. Toll und liederlich trieb er es jedes Jahr diese Zeit über, die
er seinen Fasching nannte, und hegte nicht den leisesten Wunsch nach einer
Änderung in dieser Hinsicht, und es waren wohl wenige im Lande, welche mit
gleicher Befriedigung wie er die Einberufungsbollette empfingen, vielleicht nur
einige Allerärmste, die sich im Übungslager besser verpflegt wussten wie daheim.
Nun kam ihm aber, ausnahmsweiser Zeit, eine Ordre ins Haus, die ihn zu seinem
Regimente abberief, und da geschah es doch, dass er sie mit allen
»Himmelherrgottssakkermenten« und »Heiligkreuzdonnerwettern« empfing, denn es
verlautete allerwärts und die Zeitungsblätter erzählten davon, dass irgendwo da
unten im Reich halbwilde Leut sich gegen den Kaiser aufgelehnt hätten und nun
die Soldaten dortin müssten, sich mit denen herumzuschlagen.
    Himmelherrgottssakkerment! Kämen Feind von fremd her über d' Grenz, so wollt
er ihnen wohl 'n Weg weisen und heimleuchten helfen, der Sternsteinhofer Toni;
aber kriegshalber extra ausm Land laufen, wo ausserhalb mer nix z' suchen hat und
nix z' finden is, das hatte für ihn keinen Sinn. Solln hraufkommen, die notigen
Kerle, wenn sie was wollen, möcht mer bald mit ihnen fertig sein! Aber ihnen 'n
Karst hnauf nachjagen, den Schuften, die d' Wehrlosen verstümmeln und
verschänden sollen ... Heiligkreuzdonnerwetter!
    Doch es war nichts zu tun als zu gehorsamen, und so fuhr denn der Toni, als
es an der Zeit war, vom Sternsteinhofe weg. Helene, welche ihn bis nach der
Kreisstadt begleiten wollte, sass mit den beiden Kindern im Wagen, und er hatte
auf dem Kutschbocke neben dem Knechte Platz genommen und lenkte, um sich unnütze
Gedanken fernzuhalten, die Pferde.
    Es war ein trüber Tag, unter grauen Regenwolken trieben wallende Nebel an
den Bergeshöhen dahin. Als der Wagen über das Pflaster der Stadt rasselte,
fleckte dieses schon von den ersten fallenden Tropfen, und als er das
Bahnhofgebäude erreichte, strömte es in stossweisen Güssen vom Himmel nieder.
    Der Bauer warf dem Knechte Peitsche und Leitriemen zu. »Bhüt dich Gott,
Heiner«, sagte er.
    »Bhüt Gott, Bauer! Schau dazu, dass d' uns fein wiederkimmst!«
    »Sorg nit«, rief Toni noch zurück, als er mit Weib und Kindern, denen er aus
dem Wagen geholfen, unter dem Tore verschwand.
    In der Halle reichte ihm die Bäuerin erst den Knaben, dann das Dirnlein zum
Kusse hinauf, nun hing sie selbst an seinem Halse.
    Er hatte die Kleinen rasch wieder weg und auf ihre Füsschen gestellt, jetzt
machte er sich aus der Umarmung Helenens frei. »Lasst's gut sein, mach dir nit
unnötig 's Herz schwer, du weisst, ich mag solche Gschichten nit leiden.«
    Er drückte ihr die Hand und ging, um in den Wagen zu steigen.
    Als sich der Zug in Bewegung setzte, winkte er noch einmal flüchtig mit der
Hand aus dem Fenster, dann trat er von selbem zurück - und war fort!
    Die Bäuerin erinnerte sich später oft an diesen Augenblick. Alles Fauchen
der Maschine, alles Kettengeklirre und Rädergerassel erstarb in dem Gebrause der
stürzenden Wasser, die wie ein wehender Vorhang über die nächste Umgebung
fielen, so dass unweit der Halle die Schienen sich im fahlen Grau verloren, und
dahinein glitt, wie lautlos und richtlos, der Zug und verschwand ohne Spur.
So hauste nun die Sternsteinhofbäuerin allein auf dem grossen Anwesen. Sie kam
damit schlecht und recht zustande, die Nachbarn waren freundlich und das Gesinde
willig, denn Helenens Lage erachtete man als ein hartes Müssen und in keinem
Vergleich zu der Tonis, der mutwilligerweis den Alten verdrängt und sich
unberaten als Herrn aufgespielt hatte, den man mit rückhältiger Genugtuung gerne
in Verlegenheiten steckenliess, wenn nicht gar aus Bosheit in solche setzte. Der
Bäuerin gegenüber liess man es an keiner Wohlmeinung fehlen.
    Der Reif begann sich auf den Wiesen zu zeigen und das Laub auf den Bäumen zu
vergilben, und unter der langen Zeit war nur ein Schreiben von fremder Hand auf
dem Sternsteinhofe eingetroffen, das von Toni Nachricht brachte; der junge Bauer
hatte dasselbe, in offenbar misslauniger Stimmung, einem schreibfertigen
Kameraden in die Feder diktiert, er berichtete kurzweg, dass er - Gott sei Dank -
guter Gesundheit sei, aber die Rackerei bis an den Hals satt habe und kaum
glaube, das Ende davon erwarten zu können. Selbst zu schreiben, fände er keine
Zeit und käme ihm ungelegen.
    Weitere Botschaft blieb aus, aber diese in ihrer Kürze und Schneidigkeit
liess seine Leute sowie das Gesinde erwarten, er werde mit einmal ins Haus
fallen, eh wer einen Gedanken daran hätte!
    An einem sonnigen Nachmittage, als die Zwischenbüheler vom »Segen«
heimgingen, verliess die Sternsteinhofbäuerin unter den letzten die Kirche;
nachdenklich stieg sie die breiten Stufen vor derselben hinab, vor ihr hastete
nur mehr ein altes Mütterchen in zappeliger Unbeholfenheit hinunter, sie
erkannte in demselben die Matznerin, holte sie ein, leitete sie und brachte sie
ungefährdet auf ebenen Boden.
    »Je, je«, lächelte die Alte, »wie du gut bist, Bäuerin. Vergelt dir's Gott!«
    »Nix z' danken, gern geschehn. Aber sag mir nur, eilt's dir so?«
    »Ei, freilich, ich muss ja zu meiner Sepherl hoam.«
    »Was is denn mit der? Ich hab s' d' längste Zeit nimmer gsehn.«
    »So is's dir nit z' Ohren kämma? Beim Grummetschneiden im albern Necken hat
dös dumme Mensch - der arme Hascher - einer andern in d' Sichel griffen und sich
d' Hand arg zerschnitten, und hitzt hab ich s' daheim sitzen; sie kann nix
verdienen, und was richt ich, was mehr kaum kraln kann?«
    Die Alte sah Helenen mit feuchten Augen an.
    »Warum seids auch nit gleich zu mir kommen, wie das gschehn is?« fragte
diese.
    »Hätt mer därfen?«
    »Ich denk, 's wär nix Bsonders, wanns mir vertrauets und ich euch aus alter
Freundschaft hilf.«
    Die Matzner hustete verlegen. »Ich hab wohl gleich an dich denkt, aber sie
wollt's nit leiden.«
    »Dalket gnug von ihr.«
    Die Alte nickte, dann sagte sie mit zutraulicher Geschwätzigkeit: »Du
stellst dir's nit vor, Bäuerin, was für a Kreuz ich mit derer Dirn hab! Sie hat
amal kein Glück af der Welt, und no verscherzet s' gar darbotene Hilf! Warum s'
dir nit kommen wollt, denkst dir wohl, wirst's ja gmerkt habn, wie ihr dein
Seliger ins Herz gwachsen gwest is? Aber ihm war an ihr nix glegen. No, mach
einer ein Knopf, wo der Schnur 's andere End fehlt!«
    Die Bäuerin senkte nachdenklich den Kopf. »Ich will mit der Sepherl nit
drüber streiten, ob er's mit ihr nit besser gtroffen hätt, 's war sein Sach und
- wann ja - sein Schaden; aber das sein alte Gschichten, Matznerin, die mehr
nimmer herghören. Sag ihr, ich liess sie grüssen, und wann s' wieder heil is, soll
sie sich anschaun lassen bei mir. Ich gäbet sie gern als Aushelferin der alten
Katel bei, und wann s' anstellig is, wer weiss, was sich noch schickt. Bis dahin
komm du, wann's euch an was fehlt, ich helf dir aus, das geht sie nix an. Du
bist doch nit z' stolz?«
    Das alte Weib schied mit tausend Dankesbezeugungen von der Bäuerin.
    Als Sepherl von dem »grossen Glück«, das ihr bevorstünde, und von der
Unterstützung, die ihrer Mutter zuteil werden sollte, erfuhr, sagte sie: »Du
magst von der Sternsteinhoferin nehmen, was du kriegst und was sie dir vermeint;
dir möcht ich nit zumuten, du solltst dir ein Abbruch tun noch ihr ein
christlich Werk verleiden; aber ich nehm nit 's gringste von ihr, und unter einm
Dach mit ihr z' hausen, das brächt ich nit zuweg. Versteh mich auch recht,
meinerwegen trag ich ihr nix nach, obwohl vielleicht allein mein Unglück war,
dass sie gleichzeit mit mir und an einm Ort af der Welt gwesen is, aber wie s' an
ihm ghandelt hat, der mir der Liebere war als ich mir selber, das mag ich ihr
verzeihn, wozu mich mei Christentum verpflicht, doch vergessen - vergessen kann
ich ihr's nit!« - -
    Nie, während ihres noch langen Lebens, betrat Sepherl den Sternsteinhof,
Jahre durch half sie sich allein in der Welt fort, und als altes Mütterchen gab
sie ihr kleines Anwesen an ein armes, junges Brautpaar, nur dürftigen Unterhalt
für ihre wenigen Tage und die rückwärtige Kammer als Wohnraum ausbedingend. In
ihrer letzten Stunde legte sie die »schmerzhafte Gottesmutter« in die Hand des
Priesters, der an ihrem Sterbebette sass. »Ein rechtes, heiliges Bild und ein gar
teuer Angedenken«, und sie bat: dass man dasselbe »gut halten« möge, ihr zum
Trost und einem »anderen Verstorbenen« zur Ehr, mit dem sie nun
zusammenzutreffen hoffe, falls ihr von Gott diese Freude bestimmt sei. - -
    Als die Sternsteinhofbäuerin vom Kirchgange heimkehrte, empfing die alte
Katel sie an der Haustüre: »A Brief is kämma, Bäuerin, ich hab dir 'n hnauf in
d' Stuben afn Tisch glegt. Papier und Siegelwachs is nit dran gspart; wird wohl
was Obrigkeitlichs sein.«
    »Hm, ein neu Steuerauflag vielleicht.« Damit stieg die Bäuerin hastig die
Treppe empor. Wenige Augenblicke später hielt sie das Schreiben in Händen, es
kam vom Notar in der Kreisstadt, dessen Adresse stand vorne daraufgedruckt;
Helene zerriss den Umschlag, ein beschriebenes Blatt und eine Nummer der
Provinzialzeitung, welche die amtlichen Verlautbarungen brachte, fielen ihr
daraus entgegen.
    Sie begann zu lesen, plötzlich erblasste sie und sank auf den
danebenstehenden Stuhl, wie tot lag der Arm, welcher die Blätter gefasst hielt,
über dem Tische. Nach einer Weile raffte sie sich auf und schlich an das
Fenster, die Papiere raschelten in ihren zitternden Händen, noch einmal las sie
aufmerksam Zeile für Zeile; als sie geendet, sank ihr die Hand mit dem Schreiben
schwer herab, während sie mit der andern hastig das Taschentuch herausgriff und
vor die tränenden Augen drückte.
    Darnach stand sie lange, selbstvergessen und verloren, das feuchte Tuch an
die Stirne pressend, und starrte hinaus in die Gegend, ohne zu sehen. Ein laut
aufächzender Seufzer, den es ihr unversehens herausstiess, machte sie
zusammenschrecken, sie wandte sich und verliess die Stube und das Haus. Als sie
in den Hof trat, kam um eine Scheunenecke der kleine Muckerl, die Juliane auf
dem Rücken, dahergaloppiert.
    »Mutter«, rief er lustig, »da schau, wie sich dös Mehlsackl schleppen lasst!
Wie s' müd wird, weint s', und dabei will s' übrall sein!«
    Die Bäuerin winkte abwehrend mit der Hand und sagte ernst: »Sei still.« Sie
nahm die Kleine vom Rücken des Knaben herab und stellte sie an dessen Seite. »Is
brav, wann du dich schon jung um d' Weibsleut annimmst. Gar um dein Schwesterl
wirst's wohl müssen, armer Bub.« Sie fügte die Hände der Kinder ineinander und
schritt mit den Kleinen gegen das Ausgedinghäusel des alten Sternsteinhofers.
    Dieser sass auf der Bank davor und neben ihm der Käsbiermartel; als letzterer
der Bäuerin ansichtig wurde, sagte er: »Guck mal, geht dort nit der Drach? Wie
kommst denn aus mit ihm?«
    »A Drach is s' wohl«, murrte der alte Bauer, »aber was ein Schatz hüt; liess
mer so einm sein Fleckl aussuchen und 'n drauf in Ruh, hätt mer 's beste
Auskommen; doch wer sieht denn so 'n Untier gern afm Seinm? Übrigens, was wahr
is, is wahr, breit gnug sitzt s' afm Ganzen, vor Schaden weiss sie sich z'
wahren, muss sich nur noch weisen, ob sie sich auch aufn Nutzen verstehn lernt,
dann is sie da der Bauer; mein Bub taugt amal nie dafür. Und was recht is, du
hast kein Grund, ihr aufsässig z' sein, dein Tochterkind halt s' wie ihr eignes.
Ich aber - der s' von allm Anfang da wegwehren wollt und dem s' hitzt z' Trutz
da sitzt -, ich will nix mit ihr.«
    »Ich aber auch nit, schon dir zlieb nit. Und no will s' gar daher, da geh
ich. Bhüt Gott!« Käsbiermartel erhob sich und ging, doch nicht ohne der Bäuerin
mit süsslichem Lächeln gute Tagzeit zu bieten und etwas von »immer schöner
werden« verlauten zu lassen.
    Helene nickte ihm einen kurzen Gruss zu und schritt vorüber, und der alte
Sternsteinhofer nahm die Pfeife aus dem Mund und spuckte hinter dem »Kerl« aus,
»der gute Worte ins Gesicht und üble hinterm Rücken gebe«.
    Als die Bäuerin ganz nahe herzutrat, blickte der Alte an ihr hinauf, und da
er ihr bleiches Gesicht und ihre geröteten Augen wahrnahm, fragte er: »Was
hast?«
    »Nachricht vom Toni.«
    »Was schreibt er?«
    »Andre tun's.«
    Der Bauer starrte sie an. »Doch nit -?«
    Sie schüttelte den Kopf.
    »Blessiert?«
    »Nein.«
    »Auch nit? Was denn nachher?«
    Sie reichte das Schreiben hin.
    Zögernd fasste er darnach und las es stille für sich.
    Der Notar, als langjähriger Geschäftsfreund und aufrichtiger Anteilnehmer an
den Geschicken seiner verehrlichen Klienten, bedauerte unendlich, sich zu einer
schweren, traurigen Pflicht gedrängt zu fühlen. Indem er voraussetzen müsse, dass
direkte Mitteilungen vom Kriegsschauplatze bei den in solchen unruhigen
Zeitläuften häufigen Störungen des Postverkehrs oftmals durch die amtlichen
Verlautbarungen überholt würden und dass diese wieder den werten Angehörigen
nicht sofort zugänglich wären, so erlaube er sich mit dem Ausdrucke wahrsten
Beileids, aber auch mit dem beherzigenswerten Hinweis auf die Hoffnung, dass eine
gütige Fügung des Himmels doch immerhin noch das Ärgste abgewendet haben könne,
ein Zeitungsblatt mit der amtlichen Verlustliste aus den letzten Gefechten zur
Einsichtnahme anzuschliessen. - -
    Das Papier knitterte unter dem Finger, der von Zeile zu Zeile, von Namen zu
Namen rückte, plötzlich hielt er, zusammenzuckend, inne.
    »Vermisst.« Der alte Mann sah langsam auf, doch hastig gab er Raum an seiner
Seite, Helene sank neben ihm auf die Bank.
    »No, gscheit sein. Mer weiss halt hitzt nit, wo der Toni steckt, doch der
Notarjus hat recht, mer braucht nit gleich 's Ärgste z' glauben, er kann sich
allmal wieder finden. Ich bin überzeugt, er findt sich wieder. Unkraut verdirbt
nit.«
    Er machte den Versuch, ein verschmjetztes Gesicht zu ziehen, und Helene
versuchte zu lächeln, aber das war nur ein flüchtiges Zucken um Augen- und
Mundwinkeln, sie fühlten gegenseitig sich wie über einer Lüge ertappt und
blickten wieder ernst.
    Mit Tränen kämpfend, begann die Bäuerin: »Wir wollen 's Beste hoffen, aber
wir müssen uns doch aufs Schlimmste einrichten. Ich möcht dich wohl bitten, dass
d' hnaufziehest zu mir, damit ich nit so verlassen in dem weiten Gemäuer haus,
auch, dass d' mir in der Wirtschaft an d' Hand gingest; aber wann d' nit mit mir
unter ein Dach willst und mir kein Rat gönnst, so magst es ja lassen, ich tracht
mich dann schon einzgwöhnen und alles allein z' richten, wie gut ich's vermag.
Aber die Gnad hab« - sie drückte die gefalteten Hände gegen seine Brust -, »umn
Bubn nimm dich an, du bist sein Ehnl, er is dein Fleisch und Blut, du solltst's,
und von dir kann er was lernen, und ohne Mannanleitung wird aus einm Bubn nix!
Anfangs wird wohl 's kleine Menscherl da häufig mitrennen, denk nit, ich wär so
albern, dich zu einm Kindshüter machen z' wolln, in den Jahren halten Kinder
halt gern zsamm, aber wie unser Dirndl grösser wird, nehm ich's schon zu mir, und
's soll mein Sorg sein, sie rechtschaffen z' leiten und z' lehren, wie mir
zukommt, aber 'n Bubn weis und lehr du, lass ihm's nit entgelten, was d' etwa
noch von früher her gegen mich hast.« Sie erhob sich, schwer die Hand auf seine
Schultern aufstützend, und schob ihm den Knaben zwischen die Knie. »Schau, wenn
halt hitzt nit wär, was sich geschickt hat und geworden ist, nit nur ich stünd
verlassen af der Welt, auch du wärst nun vereinsamt af deinm weiten, reichen
Anwesen.«
    Der Alte runzelte die Brauen, sah finster vor sich hin, dann nickte er
paarmal mit dem Kopfe und legte die breite Hand auf den Scheitel des kleinen
Muckerl.
    Über eine Weile hob er sich sachte vom Sitze, ohne die Rechte wegzuziehen,
mit dem Rücken der Linken aber strich er sich dicht unter dem Hutrande über die
Stirn und keuchte: »Heiss ist's, Bäuerin, heiss - hätt's nit denkt, um die Zeit
noch ...« Plötzlich warf er die Hand vor sich und stöhnte laut auf: »Ah, 's is
arg.«
    »Gar arg«, weinte sie leise.
 
                                      XXIV
Jahre schwanden dahin, der Toni kehrte nicht wieder. Die beiden Kinder wuchsen
auf dem Sternsteinhofe unter der Aufsicht der Mutter und des Grossvaters heran.
Muckerl hatte grossen Respekt vor der ersteren und eine wahre Anhänglichkeit an
den »Ehnl«; der ging ihm über alles, der war für ihn das Muster aller männlichen
und bäuerlichen Vollkommenheit, dem er nachstrebte, und der Alte, dem diese
Neigung wohltat, diese Schätzung mit Stolz erfüllte und die Gelehrigkeit des
Knaben vergnügte, war in diesen vernarrt und erklärte in seiner rücksichtslos
offenen Weise, dass ihm sein Enkelkind lieber sei als ihm sein eigener Sohn je
gewesen, der nicht biegbar noch brauchbar war.
    Juliane hatte wieder gewaltigen Respekt vor dem Ehnl - mehr beanspruchte der
von ihr nicht - und hing der Bäuerin an, auf deren Schönheit und Klugheit sie
sich was zugute tat; wer die Mutter »herausstrich«, der redete ihr zu Gefallen,
und wer gar zu verstehen gab, dass sie derselben nacharte, der hatte ihr das
Liebste gesagt. Dieses stürmische Anschmiegen, diese kindlich trotzige
Parteinahme gewannen denn auch das Herz der Bäuerin, und dass es trotz dieser
Vorliebe der beiden Erzieher für einen ihrer Zöglinge weder zur Verhätschelung
und Verziehung des einen noch des anderen kam, das rührte nur daher, weil der
alte Bauer und die junge Bäuerin einander gegenseitig auf den Dienst lauerten;
die Mutter litt keine unzukömmliche Bevorzugung des Knaben und der Grossvater
keine des Mädchens, eine Rivalität, die zum Nutzen der Kinder ausschlug.
    Oft legte man der Bäuerin nahe, die Todeserklärung ihres Mannes bei Gerichte
zu betreiben, um bei schicklicher Zeit und Gelegenheit wieder heiraten zu
können, aber sie erklärte, vorab wolle sie erleben, dass ihr Bub als Bauer auf 'm
Sternsteinhof sässe und die Dirn unter die Haube käm, bis dahin beschäftigten die
beiden vollkommen ihr Sorgen und Sinnen, im übrigen sei sie darüber hinaus, von
einem abzuhängen und ihm zu Gefallen zu leben; den Kindern lebe sie zuliebe,
weil die von ihr abhingen, und werde ihnen keinen Stiefvater aufhalsen, der
gerne aller Herrn spielen möchte - und wenn man sie darauf aufmerksam machte,
dass sie doch selbst zu Julianen Stiefmutter sei, fragte sie lächelnd: »Bin ich a
solche? Verspürst du was davon?« Worauf das Mädchen ungehalten den Kopf
schüttelte.
    Wohl sah man zweifelnd nach dem lebensfrischen, seiner Schönheit bewussten
Weibe, aber niemand in Zwischenbühel noch sonst irgendwo wusste zu sagen, dass die
Sternsteinhofbäuerin je ein Ärgernis gegeben. »Ist sie eine Heimliche« - so
sagten jene, die es am meisten verdross, nichts ausspüren zu können -, »so ist
sie's aber auch schon recht.«
    Dieser ihr Unabhängigkeitssinn, der schliesslich dem Anwesen und dessen Erben
zugute kam, ihr allerdings nicht von Eitelkeit freies Bemühen, den eigenen
Jungen und die Stieftochter rechtschaffen zu erziehen, um als achtbare Mutter
wohlgearteter Kinder vor den Augen der Welt dazustehen, ihre Bereitwilligkeit,
Bedürftigen beizuspringen, da ihr der Anblick der Not, die sie aus eigener
Erfahrung kannte, peinlich war und sie sich gerne von selbem loskaufte, ihre
freilich mit etwas Prahlerei auftretende Freigebigkeit für gemeinnützige Zwecke
- Strassen- und Brückenanlagen, Schulbauten und dergleichen -, aber auch nur für
solche, nie für fragwürdige, das alles waren ebenso viele Steine, die sie bei
den Leuten im Brette hatte, und in Zwischenbühel sowie in der Umgegend galt sie
für ein »Kernweib in allen Stücken«. Über dieses »Kernweib« vergass man die
Zinshoferdirn und des Herrgottlmachers Weib, man fragte nicht darnach, was die
Sternsteinhoferin gewesen, noch, was sie würde, man nahm sie, wie sie war.
    Sie wusste das.
    Wenn sonntags mit dem dritten Läuten der Wagen vom Sternsteinhofe unten an
der Kirchentreppe hält, dann steigen Muckerl und Juliane die Stufen vorauf hinan
- wohl ein prächtiges Paar junger Leute -, ihnen folgen Grossvater und Mutter.
Die Bäuerin schiebt ihren Arm leicht unter den des Bauern, es sieht nicht aus,
als wolle sie den Alten stützen, sondern mehr, als ob es geschähe, gleichen
Schritt mit ihm zu halten, denn er scheint Ernst machen zu wollen mit den
hundert Jahren, die er zu leben sich vorgenommen.
    Die Ältern blicken vergnügt und stolz auf die voranschreitenden Jungen und
nicken den grüssenden Leuten mit herablassender Freundlichkeit zu, und dann
blinkt es in den noch immer jugendfrischen Augen der Bäuerin so selbstbewusst und
überlegen: Wie ich bin - weil ich bin!
    Sie war sich bewusst, dass sie etwas gelte und dass man etwas an ihr verlieren
werde, und pure Eitelkeit war es, die sie vom ersten Augenblicke an, wo sich
dies Bewusstsein in ihr regte, darnach trachten liess, auch etwas »Rechtes« zu
gelten und nichts zu unterlassen, was ihren Verlust zu einem augenfälligen
machen konnte, und so gewann sie, die immer und allzeit nur sich allein lebte,
einen grösseren und wohltätigeren Einfluss auf viele als manche andere, die
hingebungsvoll nur einem einzigen Wesen oder wenigen ihnen zunächst leben, oft
allein durch diese Ausschliessung sich gegen alle Fernstehenden bis zur
Ungerechtigkeit verhärten und, nachdem sie das Beispiel einer fast selbstsüchtig
erscheinenden, eng umgrenzten Pflichterfüllung der Welt gegeben, bedeutungslos
für diese, vom Schauplatze abtreten.
    Wer hat die wackre Kleebinderin, ihren braven Sohn, den Holzschnitzer,
bedauert? Wer wird die rechtschaffene Sepherl beklagen? Niemand. Sie taten das
immer unter sich, der Überlebende den Vorangegangenen; ein anderes aber, wenn
Helene stirbt. Nicht nur ihrem eigenen Kinde wird das Herz schwer werden, auch
das fremde wird ihr heisse Tränen nachweinen, die Armen in der Umgegend und alle
jene, die gewohnt waren, freundnachbarlich sich Rat und Tat zu erbitten, wird
der Tag bedrücken, an welchem der Tod die Bäuerin hinwegholt vom Sternsteinhofe.
Der Leser hat eine Frage frei. Warum erzählt man solche Geschichten, die nur
aufweisen, »wie es im Leben zugeht«?
    Allerdings gibt das ein unfruchtbares Wissen, da es nichts an den Vorgängen
ändern lehrt und, was es lehrt, doch nie, selbst von den Wissenden nicht, mit
dem Handeln in Einklang zu bringen versucht wird; so bleibt es denn
voraussichtlich noch lange mit allem menschlichen Treiben und Trachten beim
alten, und eine neue Geschichte kann nur dartun: dass, was vorging, noch vorgeht.
Übrigens ist es nicht neu, von den Gefahren der Schönheit für den, der sie
besitzt, wie für andere, zu erzählen, es ist nicht neu, zu erzählen, wie in
manches Menschen Leben die Treue gegen das eigene Selbst mit dem Verrate an
anderen verknüpft zu sein scheint, und solche alte Geschichten von erprobter
Wirkung in ein neues Gewand zu stecken ist nur ein künstlerischer Behelf, und
ein anderer ist es, das letztere für die handelnden Personen aus Loden
zuzuschneiden; es geschieht dies nicht in dem einfältigen Glauben, dass dadurch
Bauern als Leser zu gewinnen wären, noch in der spekulativen Absicht, einer mehr
und mehr in die Mode kommenden Richtung zu huldigen, sondern lediglich aus dem
Grunde, weil der eingeschränkte Wirkungskreis des ländlichen Lebens die
Charaktere weniger in ihrer Natürlichkeit und Ursprünglichkeit beeinflusst, die
Leidenschaften, rückhaltlos sich äussernd oder in nur linkischer Verstellung,
verständlicher bleiben und der Aufweis: wie Charaktere unter dem Einflusse der
Geschicke werden oder verderben oder sich gegen diesen und sich und andern das
Fatum setzen - klarer zu erbringen ist an einem Mechanismus, der gleichsam am
Tage liegt, als an einem, den ein doppeltes Gehäuse umschliesst und
Verschnörkelungen und ein krauses Zifferblatt umgeben; wie denn auch in den
ältesten, einfachen, wirksamsten Geschichten die Helden und Fürsten
Herdenzüchter und Grossgrundbesitzer waren und Sauhirten ihre Hausminister und
Kanzler.
 
    