
        
                                 Johanna Spyri
                    Heidi kann brauchen, was es gelernt hat
                                 Reisezurüstungen
Der freundliche Herr Doktor, der den Entscheid gegeben hatte, dass das Kind Heidi
wieder in seine Heimat zurückgebracht werden sollte, ging eben durch die breite
Strasse dem Hause Sesemann zu. Es war ein sonniger Septembermorgen, so licht und
lieblich, dass man hätte denken können, alle Menschen müssten sich darüber freuen.
Aber der Herr Doktor schaute auf die weissen Steine zu seinen Füssen, so dass er
den blauen Himmel über sich nicht einmal bemerken konnte. Es lag eine
Traurigkeit auf seinem Gesichte, die man vorher nie da gesehen hatte, und seine
Haare waren viel grauer geworden seit dem Frühjahr. Der Doktor hatte eine
einzige Tochter gehabt, mit der er seit dem Tode seiner Frau sehr nahe zusammen
gelebt hatte und die seine ganze Freude gewesen war. Vor einigen Monaten war ihm
das blühende Mädchen durch den Tod entrissen worden. Seiter sah man den Herrn
Doktor nie mehr so recht fröhlich, wie er vorher fast immer gewesen war.
    Auf den Zug an der Hausglocke öffnete Sebastian mit grosser Zuvorkommenheit
die Eingangstür und machte gleich alle Bewegungen eines ergebenen Dieners; denn
der Herr Doktor war nicht nur der erste Freund des Hausherrn und dessen
Töchterchens, durch seine Freundlichkeit hatte er sich, wie überall, die
sämtlichen Hausbewohner zu guten Freunden gemacht.
    »Alles beim alten, Sebastian?« fragte der Herr Doktor wie gewohnt mit
freundlicher Stimme und ging die Treppe hinauf, gefolgt von Sebastian, der nicht
aufhörte, allerlei Zeichen der Ergebenheit zu machen, obschon der Herr Doktor
sie eigentlich nicht sehen konnte, denn er kehrte dem Nachfolgenden den Rücken.
    »Gut, dass du kommst, Doktor!« rief Herr Sesemann dem Eintretenden entgegen.
»Wir müssen durchaus noch einmal die Schweizerreise besprechen, ich muss von dir
hören, ob du unter allen Umständen bei deinem Ausspruche bleibst, auch nachdem
nun bei Klärchen entschieden ein besserer Zustand eingetreten ist.«
    »Mein lieber Sesemann, wie kommst du mir denn vor?« entgegnete der
Angekommene, indem er sich zu seinem Freunde hinsetzte. »Ich möchte wirklich
wünschen, dass deine Mutter hier wäre; mit der wird alles gleich klar und einfach
und kommt ins rechte Geleise. Mit dir aber ist ja kein Fertigwerden. Du lässest
mich heute zum drittenmale zu dir kommen, damit ich dir immer noch einmal
dasselbe sage.«
    »Ja, du hast recht, die Sache muss dich ungeduldig machen; aber du musst doch
begreifen, lieber Freund« - und Herr Sesemann legte seine Hand wie bittend auf
die Schulter seines Freundes -, »es wird mir gar zu schwer, dem Kinde zu
versagen, was ich ihm so bestimmt versprochen hatte und worauf es sich nun
monatelang Tag und Nacht gefreut hat. Auch diese letzte schlimme Zeit hat das
Kind so geduldig ertragen immer in der Hoffnung, dass die Schweizerreise nahe und
es seine Freundin Heidi auf der Alp besuchen könne; und nun soll ich dem guten
Kinde, das ja sonst schon so vieles entbehren muss, die langgenährte Hoffnung mit
einemmal wieder durchstreichen - das ist mir fast nicht möglich.«
    »Sesemann, das muss sein«, sagte sehr bestimmt der Herr Doktor, und als sein
Freund stillschweigend und niedergeschlagen da sass, fuhr er nach einer Weile
fort: »Bedenke doch, wie die Sache steht: Klara hat seit Jahren keinen so
schlimmen Sommer gehabt, wie dieser letzte war; von einer so grossen Reise kann
keine Rede sein, ohne dass wir die schlimmsten Folgen zu befürchten hätten. Dazu
sind wir nun in den September eingetreten, da kann es ja noch schön sein oben
auf der Alp, es kann aber auch schon sehr kühl werden. Die Tage sind nicht mehr
lang, und oben bleiben und da die Nächte zubringen, kann Klara doch nun gar
nicht; so hätte sie kaum ein paar Stunden oben zu verweilen. Der Weg von Bad
Ragaz dort hinauf muss ja schon mehrere Stunden dauern, denn zur Alp hinauf muss
sie entschieden im Sessel getragen werden. Kurz, Sesemann, es kann nicht sein!
Aber ich will mit dir hineingehen und mit Klara reden, sie ist ja ein
vernünftiges Mädchen, ich will ihr meinen Plan mitteilen. Im kommenden Mai soll
sie erst nach Ragaz hinkommen; dort soll eine längere Badekur unternommen
werden, so lange, bis es hübsch warm wird oben auf der Alp. Dann kann sie dort
von Zeit zu Zeit hinaufgetragen werden, da wird sie diese Bergpartien, erfrischt
und gestärkt, wie sie dann sein wird, ganz anders geniessen, als es jetzt
geschähe. Du begreifst auch, Sesemann, wenn wir noch eine leise Hoffnung für den
Zustand deines Kindes aufrecht erhalten wollen, so haben wir die äusserste
Schonung und die sorgfältigste Behandlung zu beobachten.«
    Herr Sesemann, der bis dahin schweigend und mit dem Ausdrucke trauriger
Ergebung zugehört hatte, fuhr jetzt auf einmal empor:
    »Doktor!« rief er aus, »sag es mir ehrlich: Hast du wirklich noch Hoffnung
auf eine Änderung dieses Zustandes?«
    Der Herr Doktor zuckte die Achseln. »Wenig«, sagte er halblaut. »Aber komm,
denk einmal einen Augenblick an mich, lieber Freund! Hast du nicht ein liebes
Kind, das nach dir verlangt und sich auf deine Heimkehr freut, wenn du weg bist?
Nie musst du in ein verödetes Haus zurückkehren und dich allein an deinen Tisch
hinsetzen. Und dein Kind hat's auch gut daheim. Muss es auch vieles entbehren,
das andere geniessen können, so ist es in manch anderem auch vor vielen
bevorzugt. Nein, Sesemann, ihr seid nicht so sehr zu beklagen, ihr habt es doch
recht gut, so zusammen zu sein; denk an mein einsames Haus!«
    Herr Sesemann war aufgestanden und ging nun mit grossen Schritten im Zimmer
auf und ab, wie er immer zu tun pflegte, wenn ihn irgendeine Sache stark
beschäftigte. Auf einmal stand er vor seinem Freunde still und klopfte ihm auf
die Schulter.
    »Doktor, ich habe einen Gedanken: Ich kann dich nicht so sehen, du bist ja
gar nicht mehr der Alte. Du musst ein wenig aus dir heraus, und weisst du, wie? Du
sollst die Reise unternehmen und das Kind Heidi auf seiner Alp besuchen in unser
aller Namen.«
    Der Herr Doktor war sehr überrascht von dem Vorschlage und wollte sich
dagegen wehren, aber Herr Sesemann liess ihm keine Zeit. Er war so erfreut und
erfüllt von seiner neuen Idee, dass er den Freund unter den Arm fasste und nach
dem Zimmer seines Töchterchens hinüberzog. Der gute Herr Doktor war für die
kranke Klara immer eine erfreuliche Erscheinung, denn er hatte sie von jeher mit
einer grossen Freundlichkeit behandelt und ihr jedesmal, wenn er kam, etwas
Lustiges und Erheiterndes zu erzählen gewusst. Warum er das jetzt nicht mehr
konnte, wusste sie wohl und hätte so gern ihn wieder froh gemacht. Sie streckte
ihm gleich die Hand entgegen und er setzte sich zu ihr hin. Herr Sesemann rückte
seinen Stuhl auch heran, und indem er Klara bei der Hand fasste, fing er an, von
der Schweizerreise zu reden und wie er sich selbst darauf gefreut hatte. Über
den Hauptpunkt aber, dass sie nun unmöglich mehr stattfinden könne, glitt er
eilig hinweg, denn er fürchtete sich ein wenig vor den kommenden Tränen. Dann
ging er schnell auf den neuen Gedanken über und machte Klara darauf aufmerksam,
wie wohltätig es für ihren guten Freund wäre, wenn er diese Erholungsreise
unternehmen würde.
    Die Tränen waren wirklich aufgestiegen und schwammen in den blauen Augen,
wie sehr sich auch Klara Mühe gab, sie niederzudrücken, denn sie wusste, wie
ungern der Papa sie weinen sah. Aber es war auch hart, dass nun alles aus sein
sollte, und den ganzen Sommer durch war die Aussicht auf die Reise zum Heidi
ihre einzige Freude und ihr Trost gewesen in all den langen, einsamen Stunden,
die sie durchlebt hatte. Aber Klara war nicht gewohnt, zu markten, sie wusste
recht gut, dass der Papa ihr nur versagte, was zum Bösen führen würde und darum
nicht sein durfte. Sie schluckte ihre Tränen hinunter und wandte sich nun der
einzigen Hoffnung zu, die ihr blieb. Sie nahm die Hand ihres guten Freundes und
streichelte sie und bat flehentlich:
    »O bitte, Herr Doktor, nicht wahr, Sie gehen zum Heidi und dann kommen Sie
mir alles zu erzählen, wie es ist dort oben und was das Heidi macht und der
Grossvater und der Peter und die Geissen, ich kenne sie alle so gut! Und dann
nehmen Sie mit, was ich dem Heidi schicken will; ich habe schon alles ausgedacht
und auch etwas für die Grossmutter. Bitte, Herr Doktor, tun Sie's doch; ich will
auch gewiss unterdessen Fischtran nehmen, so viel Sie nur wollen.«
    Ob dieses Versprechen der Sache den Ausschlag gab, kann man nicht wissen,
aber es ist anzunehmen, denn der Herr Doktor lächelte und sagte:
    »Dann muss ich ja wohl gehen, Klärchen, so wirst du uns einmal rund und fest,
wie wir dich haben wollen, Papa und ich. Und wann muss ich denn reisen, hast du
das schon bestimmt?«
    »Am liebsten gleich morgen früh, Herr Doktor«, entgegnete Klara.
    »Ja, sie hat recht«, fiel hier der Vater ein; »die Sonne scheint, der Himmel
ist blau, es ist keine Zeit zu verlieren, für jeden solchen Tag ist es schade,
den du noch nicht auf der Alp geniessen kannst.«
    Der Herr Doktor musste ein wenig lachen: »Nächstens wirst du mir vorwerfen,
dass ich noch da bin, Sesemann; so muss ich wohl machen, dass ich fort komme.«
    Aber Klara hielt den Aufstehenden fest; erst musste sie ihm ja noch alle
Aufträge an das Heidi übergeben und ihm noch so vieles anempfehlen, das er recht
betrachten und ihr dann davon erzählen sollte. Die Sendung an das Heidi konnte
ihm erst später zugeschickt werden, denn Fräulein Rottenmeier musste erst alles
verpacken helfen; sie war aber eben auf einer ihrer Wanderungen durch die Stadt
begriffen, von denen sie nicht so schnell zurückkehrte.
    Der Herr Doktor versprach, alles genau auszurichten, die Reise, wenn nicht
am Morgen früh, so doch wo möglich noch im Laufe des folgenden Tages anzutreten
und dann bei seiner Heimkehr getreulich Bericht zu erstatten über alles, das er
gesehen und erlebt haben würde.
    Die Diener eines Hauses haben oft eine merkwürdige Gabe, die Dinge zu
erfassen, die im Hause ihrer Herren vor sich gehen, lange bevor diese dazu
kommen, ihnen Mitteilung davon zu machen. Sebastian und Tinette mussten diese
Gabe in hohem Grade besitzen, denn eben, als der Herr Doktor, von Sebastian
begleitet, die Treppe hinunterging, trat Tinette ins Zimmer der Klara ein, die
nach dem Mädchen geschellt hatte.
    »Holen Sie diese Schachtel voll ganz frischer, weicher Kuchen, wie wir sie
zum Kaffee haben, Tinette«, sagte Klara und deutete auf die Schachtel hin, die
schon lange bereit gestanden hatte. Tinette erfasste das bezeichnete Ding an
einer Ecke und liess es verächtlich an ihrer Hand baumeln; unter der Tür sagte
sie schnippisch:
    »Es ist wohl der Mühe wert.«
    Als der Sebastian unten mit gewohnter Höflichkeit die Tür aufgemacht hatte,
sagte er mit einem Bückling:
    »Wenn der Herr Doktor wollten so freundlich sein und dem Mamsellchen auch
einen Gruss vom Sebastian bestellen.«
    »Ah, sieh da, Sebastian«, sagte der Herr Doktor freundlich; »so wissen Sie
denn auch schon, dass ich reise?«
    Sebastian musste ein wenig husten:
    »Ich bin - ich habe - ich weiss selbst nicht mehr recht - ach ja, jetzt
erinnere ich mich: Ich bin eben zufällig durch das Esszimmer gegangen, da habe
ich den Namen des Mamsellchens aussprechen gehört und wie es so geht, man hängt
dann so einen Gedanken an den andern an und so - und in der Weise -«
    »Ja wohl, ja wohl«, lächelte der Herr Doktor, »und je mehr Gedanken einer
hat, je mehr wird er inne. Auf Wiedersehen, Sebastian, der Gruss wird bestellt.«
    Jetzt wollte der Herr Doktor rasch durch die offene Haustür enteilen, aber
er traf auf ein Hindernis: der starke Wind hatte Fräulein Rottenmeier
verhindert, ihre Wanderung weiter fortzusetzen; eben war sie zurückgekehrt und
wollte ihrerseits durch die offene Tür eintreten. Der Wind hatte ihr weites
Tuch, in das sie sich gehüllt hatte, aber dergestalt aufgebläht, dass es gerade
so anzusehen war, als habe sie die Segel aufgespannt. Der Herr Doktor wich
augenblicklich zurück. Aber gegen diesen Mann hatte Fräulein Rottenmeier von
jeher eine besondere Anerkennung und Zuvorkommenheit an den Tag gelegt. Auch sie
wich mit ausgesuchter Höflichkeit zurück und eine Weile standen die beiden mit
rücksichtsvoller Gebärde da und machten einander gegenseitig Platz. Jetzt aber
kam ein so starker Windstoss, dass Fräulein Rottenmeier auf einmal mit vollen
Segeln gegen den Doktor heranflog. Er konnte eben noch ausweichen; die Dame aber
wurde noch ein gutes Stück über ihn hinausgetrieben, so dass sie wieder
zurückkehren musste, um nun den Freund des Hauses mit Anstand zu begrüssen. Der
gewalttätige Vorgang hatte sie ein wenig verstimmt, aber der Herr Doktor hatte
eine Art und Weise, die ihr gekräuseltes Gemüt bald glättete und eine sanfte
Stimmung darüber verbreitete. Er teilte ihr seinen Reiseplan mit und bat sie in
der einnehmendsten Weise, ihm die Sendung an das Heidi so zu verpacken, wie nur
sie zu packen verstehe. Dann empfahl sich der Herr Doktor.
    Klara erwartete, dass sie erst einige Kämpfe mit Fräulein Rottenmeier zu
bestehen haben würde, bevor diese ihre Zustimmung zum Absenden all der
Gegenstände geben werde, die Klara für das Heidi bestimmt hatte. Aber diesmal
hatte sie sich getäuscht: Fräulein Rottenmeier war ausnehmend gut gelaunt.
Sogleich räumte sie alles weg, was auf dem grossen Tische lag, um die Dinge alle,
die Klara zusammengebracht hatte, darauf auszubreiten und dann vor ihren Augen
die Sendung zu verpacken. Es war keine leichte Arbeit, denn die Gegenstände, die
da zusammengerollt werden sollten, waren vielgestaltig. Erst kam der kleine
dicke Mantel mit der Kapuze, den Klara für das Heidi ausgesonnen hatte, damit es
im kommenden Winter die Grossmutter besuchen konnte, wann es wollte, und nicht
warten musste, bis der Grossvater kommen konnte und es dann in den Sack
eingewickelt werden musste, damit es nicht erfriere. Dann kam ein dickes, warmes
Tuch für die alte Grossmutter, damit sie sich darin einhülle und nicht frieren
müsse, wenn der Wind wieder so schaurig um die Hütte klappern würde. Dann kam
die grosse Schachtel mit den Kuchen; die war auch für die Grossmutter bestimmt,
dass sie zu ihrem Kaffee auch einmal etwas anderes als ein Brötchen zu essen
habe. Jetzt folgte eine ungeheure Wurst; die hatte Klara ursprünglich für den
Peter bestimmt, weil er doch nie etwas anderes als Käse und Brot bekam. Aber sie
hatte sich jetzt anders besonnen, denn sie fürchtete, der Peter könnte vor
Freuden die ganze Wurst auf einmal aufessen. Darum sollte die Mutter Brigitte
diese bekommen und erst für sich und die Grossmutter einen guten Teil davon
nehmen und dem Peter den seinigen in verschiedenen Lieferungen abgeben. Jetzt
kam noch ein Säckchen Tabak; der war für den Grossvater, der ja so gern ein
Pfeifchen rauchte, wenn er am Abend vor der Hütte sass. Zuletzt kam noch eine
Anzahl geheimnisvoller Säckchen, Päckchen und Schächtelchen, welche Klara mit
besonderer Freude zusammengekramt hatte, denn da sollte das Heidi allerhand
Überraschungen finden, die ihm grosse Freude machen würden. Endlich war das Werk
beendet und ein stattlicher Ballen lag reisefertig an der Erde. Fräulein
Rottenmeier schaute darauf nieder, in tiefsinnige Betrachtungen über die Kunst
zu packen versunken. Klara ihrerseits warf Blicke froher Erwartung darauf hin,
denn sie sah das Heidi vor sich, wie es vor Überraschung in die Höhe springen
und aufjauchzen würde, wenn das ungeheure Paket bei ihm anlangte.
    Jetzt trat Sebastian herein und hob mit einem starken Schwung den Ballen auf
seine Schulter, um ihn unverzüglich nach dem Hause des Herrn Doktors zu
spedieren.
 
                              Ein Gast auf der Alm
Das Frührot glühte über den Bergen und ein frischer Morgenwind rauschte durch
die Tannen und wogte die alten Äste mächtig hin und her. Das Heidi schlug seine
Augen auf, der Ton hatte es erweckt. Dieses Rauschen packte das Heidi immer im
Innersten seines Wesens und zog es mit Gewalt hinaus unter die Tannen. Es schoss
von seinem Lager auf und hatte kaum Zeit, sich fertig zu machen; das musste aber
doch sein, denn Heidi wusste nun recht gut, dass man immer sauber und ordentlich
aussehen muss.
    Jetzt kam es von dem Leiterchen herunter; des Grossvaters Lager war schon
leer; es sprang hinaus. Draussen vor der Tür stand der Grossvater und schaute den
Himmel an nach allen Seiten hin, wie er jeden Morgen tat, um zu sehen, wie der
Tag werden wollte.
    Es zogen rosige Wölkchen oben hin und mehr und mehr blaute der Himmel und
drüben floss es wie lauter Gold über die Höhen und das Weideland, denn eben kam
droben die Sonne über die hohen Felsen heraufgestiegen.
    »O wie schön! O wie schön! Guten Tag, Grossvater!« rief das Heidi
heranspringend.
    »So, sind deine Augen auch schon hell?« gab der Grossvater zurück, dem Heidi
die Hand zum Morgengruss hinhaltend.
    Jetzt lief das Heidi unter die Tannen und hüpfte vor Freuden über das Tosen
und Sausen da droben unter den wogenden Ästen herum und bei jedem neuen Windstoss
und lauten Wipfelbrausen jauchzte es auf vor Wonne und sprang noch ein wenig
höher.
    Unterdessen war der Grossvater zum Stall hingegangen und hatte dem Schwänli
und Bärli die Milch abgenommen; dann hatte er beide schön geputzt und gewaschen
zur Bergreise und brachte sie nun auf den Platz heraus. Als das Heidi seine
Freunde erblickte, kam es herangesprungen und fasste sie beide um den Hals,
begrüsste sie zärtlich, und sie meckerten fröhlich und zutraulich, und jede von
den Geissen wollte dem Heidi mehr Zuneigung beweisen und drückte ihren Kopf noch
immer näher an seine Schultern heran, so dass es zwischen den zweien fast
zerdrückt wurde. Aber das Heidi hatte keine Furcht, und wenn das lebhafte Bärli
gar zu arg bohrte und drängte mit seinem Kopfe, dann sagte das Heidi: »Nein,
Bärli, du stossest ja wie der grosse Türk«, und augenblicklich zog Bärli seinen
Kopf zurück und stellte sich ganz anständig hin, und das Schwänli hatte auch
schon seinen Kopf in die Höhe gereckt und machte eine vornehme Gebärde, so dass
man deutlich sehen konnte, es dachte bei sich: »Das soll mir denn keiner
nachsagen, dass ich mich benehme wie der Türk.« Denn das schneeweisse Schwänli war
noch ein wenig vornehmer als das braune Bärli.
    Jetzt hörte man von unten herauf die Pfiffe des Peter ertönen, und bald
kamen sie heraufgesprungen, die lustigen Geissen alle, voran der flinke
Distelfink in hohen Sprüngen. Gleich war das Heidi wieder mitten in dem Rudel
drin und vor lauter stürmischen Begrüssungen wurde es hin- und hergeschoben und
dann schob es wieder ein wenig; denn es wollte zu dem schüchternen Schneehöppli
vordringen, das ja von den grösseren immer wieder weggedrängt wurde, wenn es dem
Heidi entgegenstrebte.
    Nun kam der Peter heran und tat einen letzten, fürchterlichen Pfiff, der
sollte die Geissen aufscheuchen und der Weide zujagen, denn er wollte Platz
bekommen, um dem Heidi etwas zu sagen. Die Geissen sprangen ein wenig auseinander
auf den Pfiff hin; so konnte der Peter vorrücken und sich nun vor das Heidi
hinstellen.
    »Du kannst einmal wieder mitkommen heut'«, war seine etwas störrige Anrede.
    »Nein, das kann ich nicht, Peter«, entgegnete das Heidi. »Jeden Augenblick
können sie jetzt von Frankfurt kommen und dann muss ich daheim sein.«
    »Das hast du schon manchmal gesagt«, brummte der Peter.
    »Es gilt aber immer noch und es gilt, bis sie kommen«, gab das Heidi zurück.
»Oder meinst du etwa, ich müsse nicht daheim sein, wenn sie von Frankfurt zu mir
kommen? Meinst du etwa so etwas, Peter?«
    »Sie können zum Öhi kommen«, versetzte der Peter knurrend.
    Jetzt ertönte von der Hütte her die kräftige Stimme des Grossvaters:
    »Warum geht's nicht vorwärts mit der Armee? Fehlt's am Feldmarschall, oder
an den Truppen?«
    Augenblicklich machte der Peter Kehrum, schwang seine Rute in der Luft, dass
sie sauste und alle Geissen, die den Ton wohl kannten, auf und davon rannten, der
Peter hinter ihnen drein, alle miteinander in vollem Trab den Berg hinan. -
    Seit das Heidi wieder daheim beim Grossvater war, kam ihm hier und da etwas
in den Sinn, woran es vorher nicht gedacht hatte. So machte es jetzt alle Morgen
mit grosser Anstrengung sein Bett zurecht und strich so lange daran herum, bis es
ganz glatt aussah. Dann lief es in der Hütte hin und her, stellte jeden Stuhl an
seinen Ort, und was etwa da und dort herumlag oder -hing, das kramte es alles in
einen Schrank hinein. Dann holte es einen Lappen herbei, kletterte auf einen
Stuhl hinauf und rieb so lange mit seinem Lappen auf dem Tische herum, bis
dieser ganz blank war. Wenn dann der Grossvater wieder hereinkam, schaute er
wohlgefällig um sich und sagte etwa: »Bei uns ist's jetzt immer wie Sonntag, das
Heidi ist nicht vergebens in der Fremde gewesen.«
    Auch heute hatte das Heidi, nachdem der Peter fortgetrabt war und es mit dem
Grossvater gefrühstückt hatte, sich gleich an seine Geschäfte gemacht; aber es
wurde fast nicht fertig damit. Draussen war es heut' Morgen gar so schön und alle
Augenblicke geschah wieder etwas, was das Heidi in seiner Tätigkeit unterbrach.
Jetzt kam durch das offene Fenster ein Sonnenstrahl so lustig hereingeschossen
und es war geradezu, als rief er: »Komm heraus, Heidi, komm heraus!« Da konnte
es nicht mehr drinnen bleiben, es rannte hinaus. Da lag der funkelnde
Sonnenschein um die ganze Hütte herum und auf allen Bergen glänzte er und weit,
weit das Tal hinunter, und der Boden dort am Abhang sah so goldig und trocken
aus, es musste ein wenig darauf niedersitzen und umherschauen. Dann kam ihm auf
einmal in den Sinn, dass das Dreibeinstühlchen noch mitten in der Hütte stand und
der Tisch noch nicht geputzt war vom Morgenessen. Nun sprang es schnell auf und
lief in die Hütte zurück. Aber es währte gar nicht lange, so sauste es draussen
so mächtig durch die Tannen, dass es dem Heidi in alle Glieder fuhr, es musste
schon wieder hinaus und ein wenig mitüpfen, wenn alle Zweige da droben hin und
her wogten und rollten. Der Grossvater hatte einstweilen hinten im Schopf
allerlei Arbeit zu verrichten; er trat von Zeit zu Zeit unter die Tür hinaus und
schaute lächelnd Heidis Sprüngen zu. Eben war er wieder zurückgetreten, als mit
einemmal das Heidi laut aufschrie:
    »Grossvater, Grossvater! Komm, komm!«
    Er trat rasch wieder heraus, fast erschrocken, was mit dem Kinde sei. Da sah
er, wie dieses dem Abhange zulief, laut schreiend: »Sie kommen, sie kommen! Und
voran der Herr Doktor!«
    Das Heidi stürzte seinem alten Freund entgegen. Dieser streckte grüssend
seine Hand aus. Wie das Kind ihn erreicht hatte, umfasste es zärtlich den
ausgestreckten Arm und rief in voller Herzensfreude:
    »Guten Tag, Herr Doktor! Und ich danke auch noch viel tausendmal!«
    »Grüss Gott, Heidi! Und wofür dankst du denn schon?« fragte freundlich
lächelnd der Herr Doktor.
    »Dass ich wieder heim konnte zum Grossvater«, erklärte ihm das Kind.
    Dem Herrn Doktor ging's wie ein Sonnenschein über das Gesicht. Diesen
Empfang auf der Alp hatte er nicht erwartet. Im Gefühl seiner Einsamkeit war er
unter tiefsinnigen Gedanken den Berg hinaufgestiegen und hatte noch nicht einmal
gesehen, wie schön es um ihn her war und dass es immer schöner wurde. Er hatte
angenommen, das Kind Heidi werde ihn kaum mehr kennen; es hatte ihn so wenig
gesehen und er kam sich vor wie einer, der kommt, den Leuten eine Enttäuschung
zu bereiten, und den sie darum nicht ansehen mögen, weil er ja die erwarteten
Freunde nicht mitbrachte. Statt dessen leuchtete dem Heidi die helle Freude aus
den Augen, und voller Dank und Liebe hielt es immer noch den Arm seines guten
Freundes fest.
    Mit väterlicher Zärtlichkeit nahm der Herr Doktor das Kind bei der Hand.
»Komm, Heidi«, sagte er in freundlichster Weise, »führe mich nun zu deinem
Grossvater und zeige mir, wo du daheim bist.«
    Aber das Heidi blieb noch stehen und schaute verwundert den Berg hinunter.
    »Wo sind denn Klara und die Grossmama?« fragte es jetzt.
    »Ja, nun muss ich dir's sagen, was dir leid tun wird wie mir auch«, erwiderte
der Herr Doktor. »Sieh, Heidi, ich komme allein. Klara war recht krank und
konnte nicht mehr reisen, und so kam auch die Grossmama nicht mit. Aber dann im
Frühjahr, wenn die Tage wieder warm und schön lang werden, dann kommen sie ganz
sicher.«
    Das Heidi stand sehr betroffen da; es konnte gar nicht fassen, dass es nun
alles, was es so sicher vor sich gesehen hatte, auf einmal gar nicht mehr sehen
sollte. Regungslos stand es eine Weile wie verwirrt von dem Unerwarteten.
Schweigend stand der Herr Doktor vor ihm und ringsum war alles still, nur hoch
oben hörte man den Wind durch die Tannen sausen. Da fiel es dem Heidi auf einmal
wieder ein, warum es heruntergelaufen sei, und dass der Herr Doktor ja gekommen
sei. Es schaute zu ihm auf. Da lag etwas so Trauriges in den Augen, die zu ihm
niederschauten, wie es noch gar nicht gesehen hatte; so war es nie gewesen, wenn
der Herr Doktor in Frankfurt es angeblickt hatte. Das ging dem Heidi zu Herzen;
es konnte nicht sehen, dass jemand traurig war, und nun gar der gute Herr Doktor.
Gewiss war er so, weil Klara und die Grossmama nicht hatten mitkommen können, es
suchte schnell nach einem Trost und fand ihn.
    »O es währt gewiss nicht lange, bis es wieder Frühling wird, und dann kommen
sie ja bestimmt«, tröstete das Heidi; »bei uns währt es gar nie lang, und dann
können sie ja viel länger da bleiben, das will die Klara gewiss noch lieber; und
jetzt wollen wir zum Grossvater hinauf.« Hand in Hand mit dem guten Freunde stieg
es nun zu der Hütte hinan. Es war dem Heidi so sehr daran gelegen, den Herrn
Doktor wieder froh zu machen, dass es ihn noch einmal zu überzeugen anfing, es
währe so wenig lang auf der Alm, bis die langen, warmen Sommertage wiederkommen,
dass man es kaum merke, und dabei wurde das Heidi selbst so überzeugt von seinem
Trost, dass es oben dem Grossvater ganz fröhlich entgegenrief:
    »Sie sind noch nicht da, aber es währt gar nicht lang, so kommen sie auch.«
    Für den Grossvater war der Herr Doktor kein Fremder, das Kind hatte ja so
viel von ihm gesprochen. Der Alte streckte seinem Gast die Hand entgegen und
bewillkommte ihn mit Herzlichkeit. Dann setzten sich die Männer auf die Bank an
der Hütte, auch für das Heidi wurde da noch ein Plätzchen gemacht und der Herr
Doktor winkte ihm freundlich, dass es neben ihm sitzen solle. Nun fing er an zu
erzählen, wie Herr Sesemann ihn ermuntert habe, die Reise zu machen, und wie er
auch selbst gefunden, es möchte gut für ihn sein, da er sich seit langem nicht
mehr recht frisch und rüstig fühle. Dem Heidi sagte er dann ins Ohr, es werde
bald noch etwas den Berg heraufkommen, das aus Frankfurt mit hergereist sei und
ihm eine viel grössere Freude machen werde, als der alte Doktor. Das Heidi war
sehr gespannt darauf, zu erfahren, was das sein könne. Der Grossvater ermunterte
den Herrn Doktor sehr, die schönen Herbsttage noch auf der Alm zuzubringen, oder
wenigstens an jedem schönen Tage heraufzukommen, denn hier oben zu bleiben, dazu
konnte ihn der Alm-Öhi nicht einladen, da war ja keine Gelegenheit, den Herrn zu
logieren. Er riet aber seinem Gast, nicht bis nach Ragaz zurückzukehren, sondern
unten im Dörfli ein Zimmer zu beziehen, das er im dortigen Wirtshaus in einer
einfachen, aber ganz ordentlichen Art finden werde. So könnte der Herr Doktor
jeden Morgen nach der Alm heraufkommen, was ihm wohltun müsste, meinte der Öhi,
auch würde er dann gern den Herrn noch auf allerlei Punkte führen, weiter hinauf
in die Berge, wo es ihm gefallen sollte. Diesem gefiel der ganze Vorschlag sehr
wohl und es wurde festgesetzt, dass er ausgeführt werden sollte.
    Unterdessen war die Sonne in den Mittag gekommen; der Wind hatte sich schon
lange gelegt und die Tannen waren ganz still geworden. Die Luft war für die Höhe
noch mild und lieblich und säuselte erfrischende Kühle um die sonnebeschienene
Bank.
    Jetzt stand der Alm-Öhi auf und ging in die Hütte hinein, kam aber gleich
wieder und brachte den Tisch heraus, den er vor die Bank hinstellte.
    »So, Heidi, nun hol herbei, was wir zum Essen brauchen«, sagte er. »Der Herr
muss nun vorlieb nehmen; ist unsere Küche auch einfach, so ist das Esszimmer doch
anständig.«
    »Das meine ich auch«, erwiderte der Herr Doktor, indem er auf das
sonnebeleuchtete Tal hinunterschaute, »und die Einladung nehme ich an, hier oben
muss es schmecken.«
    Das Heidi lief nun hin und her wie ein Wiesel und brachte herbei, was es nur
drinnen im Schranke finden konnte; denn dass es den Herrn Doktor bewirten durfte,
war ihm eine ungeheure Freude. Der Grossvater bereitete unterdessen das Mahl und
trat nun heraus mit dem dampfenden Milchkrug und dem goldig glänzenden
Käsebraten.
    Dann schnitt er schöne, durchsichtige Schnitten von dem rosigen Fleisch
herunter, das er hier oben an der reinen Luft getrocknet hatte. Dem Herrn Doktor
schmeckte sein Mittagsmahl so gut, wie das ganze Jahr durch noch kein einziges
Mal.
    »Ja, ja, hierhin muss unsere Klara kommen«, sagte er jetzt; »da wird sie zu
ganz neuen Kräften gelangen, und wenn sie eine Zeit lang isst wie ich heute, so
wird sie rund und fest werden, wie sie in ihrem Leben noch nie war.«
    Jetzt kam von unten herauf einer angestiegen, der hatte einen grossen Ballen
auf dem Rücken. Wie er oben bei der Hütte ankam, warf er seine Last auf den
Boden hin und sog ein paar gute Züge von der frischen Almluft ein.
    »Ah, da kommt, was mit mir von Frankfurt hergereist ist«, sagte der Herr
Doktor aufstehend, und das Heidi mit sich ziehend, trat er an den Ballen hin und
fing an, ihn aufzulösen. Als die erste, schwere Hülle weg war, sagte er:
    »So, Kind, nun fahr weiter fort und hol dir deine Schätze selbst heraus.«
    Das Heidi tat so, und wie nun alles auseinanderrollte, schaute es mit
grossen, verwunderten Augen auf die Dinge hin. Erst als der Herr Doktor wieder
herzutrat und von der grossen Schachtel den Deckel weghob, dem Heidi bedeutend:
»Sieh, was die Grossmutter zum Kaffee bekommt«, da schrie es auf vor Freuden: »O!
O! Jetzt kann die Grossmutter einmal schöne Kuchen essen!« und sprang rings um
die Schachtel herum und wollte gleich alles zusammenpacken und zur Grossmutter
hinuntereilen. Aber der Grossvater sagte, gegen Abend wollten sie dann
miteinander den Herrn Doktor begleiten und die Sachen mitnehmen. Jetzt fand das
Heidi auch das schöne Säckchen Tabak und brachte es schnell dem Grossvater
herüber. Das gefiel ihm sehr wohl; er füllte gleich sein Pfeifchen damit, und
die beiden Männer sprachen nun, auf der Bank sitzend und grosse Rauchwolken von
sich blasend, über allerhand Dinge, während das Heidi hin und her sprang von
einem seiner Schätze zum andern. Auf einmal kam es wieder zu der Bank zurück,
stellte sich vor den Gast hin, und sowie die erste Pause im Gespräch entstand,
sagte es sehr bestimmt:
    »Nein, es hat mir nichts mehr Freude gemacht, als der alte Herr Doktor.«
    Die beiden Männer mussten ein wenig lachen und der Herr Doktor sagte, das
hätte er nicht gedacht.
    Als die Sonne bald hinter die Berge hinabsteigen wollte, stand der Gast auf,
um seine Rückreise nach dem Dörfli anzutreten und dort Quartier zu nehmen. Der
Grossvater packte die Kuchenschachtel, die grosse Wurst und das Tuch unter seinen
Arm, der Herr Doktor nahm das Heidi an die Hand und so wanderten sie den Berg
hinunter bis zur Geissenpeter-Hütte. Hier musste das Heidi Abschied nehmen; es
sollte drinnen bei der Grossmutter warten, bis es wieder abgeholt würde vom
Grossvater, welcher seinen Gast nach dem Dörfli hinunter geleiten wollte. Als der
Herr Doktor dem Heidi die Hand zum Abschied bot, fragte es: »Wollten Sie etwa
gern morgen mit den Geissen auf die Weide hinaufgehen?« denn das war das
Schönste, was es kannte.
    »Es bleibt dabei, Heidi«, erwiderte er, »wir gehen zusammen.«
    Nun gingen die Männer weiter und das Heidi trat bei der Grossmutter ein. Erst
schleppte es mit Anstrengung die Kuchenschachtel mit; dann musste es wieder
hinaus, um die Wurst zu holen - denn der Grossvater hatte alles vor der Tür
niedergelegt -; nachher musste es erst noch einmal hinaus, das grosse Tuch zu
holen. Es brachte alles so nahe an die Grossmutter heran, als nur möglich, damit
sie recht alles berühren könne und wisse, was es sei. Das Tuch legte es ihr auf
die Knie.
    »Es ist alles aus Frankfurt, von der Klara und der Grossmama«, berichtete es
der hocherstaunten Grossmutter und der verwunderten Brigitte, der die
Überraschung so in die Glieder gefahren war, dass sie unbeweglich zugeschaut
hatte, wie das Heidi mit der grössten Anstrengung die schweren Gegenstände
hereingeschleppt und nun alles vor ihren Augen ausgebreitet hatte.
    »Aber gelt, Grossmutter, die Kuchen freuen dich furchtbar stark? Sieh nur,
wie weich sie sind!« rief das Heidi immer wieder, und die Grossmutter bestätigte:
»Ja, ja, gewiss Heidi; was sind auch das für gute Leute!« Dann strich sie wieder
mit der Hand über das warme, weiche Tuch und sagte: »Aber das ist etwas
Herrliches für den kalten Winter! Das ist etwas so Prächtiges, dass ich nie
geglaubt hätte, ich könnte in meinem Leben dazu kommen.«
    Das Heidi aber musste sich sehr verwundern, dass die Grossmutter an dem grauen
Tuch noch mehr Freude haben konnte, als an den Kuchen. Die Brigitte stand immer
noch vor der Wurst, die auf dem Tische lag, und schaute sie fast mit Verehrung
an. In ihrem ganzen Leben hatte sie nie eine solche Riesenwurst gesehen, und
diese sollte sie nun selbst besitzen und einmal sogar anschneiden; das kam ihr
unglaublich vor. Sie schüttelte den Kopf und sagte zaghaft: »Man wird doch noch
den Öhi fragen müssen, wie das gemeint sei.«
    Aber das Heidi sagte ganz ohne Zweifel: »Das ist zum Essen gemeint und gar
nicht anders.«
    Jetzt kam der Peter hereingestolpert: »Der Alm-Öhi kommt hinter mir drein,
das Heidi soll -«; er konnte nicht mehr weiter. Seine Blicke waren auf den Tisch
gefallen, wo die Wurst lag, und der Anblick hatte ihn so überwältigt, dass er
kein Wort mehr fand. Aber das Heidi hatte schon gemerkt, was kommen sollte, und
gab schnell der Grossmutter die Hand. Der Alm-Öhi ging zwar jetzt nie mehr an der
Hütte vorbei, ohne schnell hereinzutreten und die Grossmutter zu begrüssen. Sie
freute sich auch immer, wenn sie seinen Schritt hörte, denn er hatte jedes Mal
ein ermunterndes Wort für sie. Aber heute war es spät geworden für das Heidi,
das alle Morgen mit der Sonne draussen war. Der Grossvater aber sagte: »Das Kind
muss seinen Schlaf haben«, und dabei blieb er. So rief er durch die offene Tür
der Grossmutter nur eine gute Nacht zu und nahm das heranspringende Heidi bei der
Hand, und unter dem flimmernden Sternenhimmel hin wanderten die beiden ihrer
friedlichen Hütte zu.
 
                                Eine Vergeltung
Am andern Morgen in der Frühe stieg der Herr Doktor vom Dörfli den Berg hinan in
der Gesellschaft des Peter und seiner Geissen. Der freundliche Herr versuchte ein
paar Mal, mit dem Geissbuben ein Gespräch anzuknüpfen; aber es gelang ihm nicht,
kaum dass er als Antwort auf einleitende Fragen unbestimmte, einsilbige Worte zu
hören bekam. Der Peter liess sich nicht so leicht in ein Gespräch ein. So
wanderte die ganze, schweigende Gesellschaft bis hinauf zur Almhütte, wo schon
erwartend das Heidi stand mit seinen beiden Geissen, alle drei munter und
fröhlich wie der frühe Sonnenschein auf allen Höhen.
    »Kommst mit?« fragte der Peter, denn als Frage oder als Aufforderung sprach
er jeden Morgen diesen Gedanken aus.
    »Freilich, natürlich, wenn der Herr Doktor mitkommt«, gab das Heidi zurück.
    Der Peter sah den Herrn ein wenig von der Seite an.
    Jetzt trat der Grossvater hinzu, das Mittagsbrot-Säckchen an der Hand. Erst
grüsste er den Herrn mit aller Ehrerbietung; dann trat er zum Peter hin und hing
ihm das Säckchen um.
    Es war schwerer als sonst, denn der Öhi hatte ein schönes Stück von dem
rötlichen Fleisch hineingelegt; er hatte gedacht, vielleicht gefalle es dem
Herrn droben auf der Weide und er nehme dann gern sein Mittagsmahl gleich dort
mit den Kindern ein. Der Peter lächelte fast von einem Ohr bis zum andern, denn
er ahnte, dass da drinnen etwas Ungewöhnliches versteckt sei.
    Nun wurde die Bergfahrt angetreten. Das Heidi wurde ganz von seinen Geissen
umringt, jede wollte zunächst bei ihm sein, und eine schob die andere immer ein
wenig seitwärts. So wurde es eine Zeit lang mitten in dem Rudel mit
fortgeschoben. Aber jetzt stand es still und sagte ermahnend: »Nun müsst ihr
artig vorauslaufen, aber dann nicht immer wieder kommen und mich drängen und
stossen; ich muss jetzt ein wenig mit dem Herrn Doktor gehen.« Dann klopfte es dem
Schneehöppli, das sich immer am nächsten zu ihm hielt, zärtlich auf den Rücken
und ermahnte es noch besonders, nun recht folgsam zu sein. Dann arbeitete es
sich aus dem Rudel heraus und ging nun neben dem Herrn Doktor her, der es gleich
bei der Hand fasste und festielt. Er musste jetzt nicht mit Mühe nach einem
Gespräch suchen wie vorher, denn das Heidi fing gleich an und hatte ihm so viel
zu erzählen von den Geissen und ihren merkwürdigen Einfällen und von den Blumen
oben und den Felsen und Vögeln, dass die Zeit unvermerkt dahinging und sie ganz
unerwartet oben auf der Weide anlangten. Der Peter hatte im Hinaufgehen öfters
seitwärts auf den Herrn Doktor Blicke geworfen, die diesem einen rechten
Schrecken hätten beibringen können; er sah sie aber glücklicherweise nicht.
    Oben angelangt, führte das Heidi seinen guten Freund gleich auf die schöne
Stelle, wohin es immer ging und sich auf den Boden setzte und umherschaute, denn
da gefiel es ihm am besten. Es tat, wie es gewohnt war, und der Herr Doktor liess
sich gleich auch neben das Heidi auf den sonnigen Weidboden nieder. Ringsum
leuchtete der goldene Herbsttag über die Höhen und das weite, grüne Tal. Von den
unteren Alpen tönten überall die Herdenglocken herauf, so lieblich und
wohltuend, als ob sie weit und breit den Frieden einläuteten. Auf dem grossen
Schneefeld drüben blitzten funkelnd und flimmernd goldene Sonnenstrahlen hin und
her, und der graue Falknis hob seine Felsentürme in alter Majestät hoch in den
dunkelblauen Himmel hinauf. Der Morgenwind wehte leise und wonnig über die Alp
und bewegte nur sachte die letzten blauen Glockenblümchen, die noch übrig
geblieben waren von der grossen Schar des Sommers und nun noch wohlig ihre
Köpfchen im warmen Sonnenscheine wiegten. Obenhin flog der grosse Raubvogel in
weiten Bogen umher, aber er krächzte heute nicht; mit ausgebreiteten Flügeln
schwamm er ruhig durch die Bläue und liess sich's wohl sein. Das Heidi guckte
dahin und dortin. Die lustig nickenden Blumen, der blaue Himmel, der fröhliche
Sonnenschein, der vergnügte Vogel in den Lüften, alles war so schön, so schön!
Heidis Augen funkelten vor Wonne. Nun schaute es nach seinem Freunde, ob er auch
alles recht sehe, was so schön war. Der Herr Doktor hatte bis jetzt still und
gedankenvoll um sich geblickt. Wie er nun den freudeglänzenden Augen des Kindes
begegnete, sagte er:
    »Ja, Heidi, es könnte schön sein hier; aber was meinst du? Wenn einer ein
trauriges Herz hierher brächte, wie müsste er es wohl machen, dass er an all dem
Schönen sich freuen könnte?«
    »O, o!« rief das Heidi ganz fröhlich aus; »hier hat man gar nie ein
trauriges Herz, nur in Frankfurt.«
    Der Herr Doktor lächelte ein wenig; aber das ging schnell vorüber. Dann
sagte er wieder: »Und wenn einer käme und alles Traurige aus Frankfurt mit hier
herauf brächte, Heidi; weisst du da auch noch etwas, das ihm helfen könnte?«
    »Man muss nur alles dem lieben Gott sagen, wenn man gar nicht mehr weiss, was
machen«, sagte das Heidi ganz zuversichtlich.
    »Ja, das ist schon ein guter Gedanke, Kind«, bemerkte der Herr Doktor. »Wenn
es aber von ihm selbst kommt, was so ganz traurig und elend macht, was kann man
da dem lieben Gott sagen?«
    Das Heidi musste nachdenken, was dann zu machen sei; es war aber ganz
zuversichtlich, dass man für alle Traurigkeit eine Hilfe vom lieben Gott erhalten
könne. Es suchte seine Antwort in seinen eigenen Erlebnissen.
    »Dann muss man warten«, sagte es nach einer Weile mit Sicherheit, »und nur
immer denken: jetzt weiss der liebe Gott schon etwas Freudiges, das dann nachher
aus dem anderen kommt, man muss nur noch ein wenig still sein und nicht
fortlaufen. Dann kommt auf einmal alles so, dass man ganz gut sehen kann, der
liebe Gott hatte die ganze Zeit nur etwas Gutes im Sinn gehabt; aber weil man
das vorher noch nicht so sehen kann, sondern immer nur das furchtbar Traurige,
so denkt man, es bleibe dann immer so.«
    »Das ist ein schöner Glaube, den musst du festalten, Heidi«, sagte der Herr
Doktor. Eine Weile schaute er schweigend auf die mächtigen Felsenberge hinüber
und in das sonneleuchtende, grüne Tal hinab, dann sagte er wieder:
    »Siehst du, Heidi, es könnte einer hier sitzen, der einen grossen Schatten
auf den Augen hätte, so dass er das Schöne gar nicht aufnehmen könnte, das ihn
hier umgibt. Dann möchte doch wohl das Herz traurig werden hier, doppelt
traurig, wo es so schön sein könnte. Kannst du das verstehen?«
    Jetzt schoss dem Heidi etwas Schmerzliches in sein frohes Herz. Der grosse
Schatten auf den Augen brachte ihm die Grossmutter in Erinnerung, die ja nie mehr
die helle Sonne und all das Schöne hier oben sehen konnte. Das war ein Leid in
Heidis Herzen, das immer neu erwachte, sobald die Sache ihm wieder ins
Bewusstsein kam. Es schwieg eine Weile ganz still, denn das Weh hatte es so
mitten in die Freude hineingetroffen. Dann sagte es ernstaft:
    »Ja, das kann ich schon verstehen. Aber ich weiss etwas: dann muss man die
Lieder der Grossmutter sagen, die machen einem wieder ein wenig helle und
manchmal so hell, dass man ganz fröhlich wird. Das hat die Grossmutter gesagt.«
    »Welche Lieder, Heidi?« fragte der Herr Doktor.
    »Ich kann nur das von der Sonne und dem schönen Garten und noch von dem
andern langen die Verse, die der Grossmutter lieb sind, denn die muss ich immer
dreimal lesen«, erwiderte das Heidi.
    »So sag mir einmal diese Verse, die möchte ich auch hören«, und der Herr
Doktor setzte sich zurecht, um aufmerksam zuzuhören.
    Das Heidi legte seine Hände ineinander und besann sich noch ein Weilchen:
    »Soll ich dort anfangen, wo die Grossmutter sagt, dass einem wieder eine
Zuversicht ins Herz kommt?«
    Der Herr Doktor nickte bejahend.
    Jetzt begann das Heidi:
Ihn, ihn lass tun und walten,
Er ist ein weiser Fürst
Und wird es so gestalten,
Dass du dich wundern wirst;
Wenn er, wie ihm gebühret,
Mit wunderbarem Rat
Das Werk hinausgeführet,
Das dich bekümmert hat.
Er wird zwar eine Weile
Mit seinem Trost verziehn
Und tun an seinem Teile,
Als hätt' in seinem Sinn
Er deiner sich begeben,
Als sollt'st du für und für
In Angst und Nöten schweben,
Als fragt' er nichts nach dir.
Wird's aber sich begeben,
Dass du ihm treu verbleibst,
So wird er dich erheben,
Da du's am mind'sten gläubst.
Er wird dein Herz erlösen
Von der so schweren Last,
Die du zu keinem Bösen
Bisher getragen hast.
Das Heidi hielt plötzlich inne, es war nicht sicher, dass der Herr Doktor auch
noch zuhöre. Er hatte die Hand über seine Augen gebreitet und sass unbeweglich
da. Es dachte, er sei vielleicht ein wenig eingeschlafen; wenn er dann wieder
erwachte und noch mehr Verse hören wollte, würde er es schon sagen. Jetzt war
alles still. Der Herr Doktor sagte nichts, aber er schlief doch nicht. Er war in
eine lang vergangene Zeit zurückversetzt. Da stand er als ein kleiner Junge
neben dem Sessel seiner lieben Mutter; die hatte ihren Arm um seinen Hals gelegt
und sagte ihm das Lied vor, das er eben von Heidi hörte und das er so lange
nicht mehr vernommen hatte. Jetzt hörte er die Stimme seiner Mutter wieder und
sah ihre guten Augen so liebevoll auf ihm ruhen, und als die Worte des Liedes
verklungen waren, hörte er die freundliche Stimme noch andere Worte zu ihm
sprechen; die musste er gerne hören und ihnen weit nachgehen in seinen Gedanken,
denn noch lange Zeit sass er so da, das Gesicht in seine Hand gelegt, schweigend
und regungslos. Als er sich endlich aufrichtete, sah er, wie das Heidi in
Verwunderung nach ihm blickte. Er nahm die Hand des Kindes in die seinige.
    »Heidi, dein Lied war schön«, sagte er und seine Stimme klang froher, als
sie bis jetzt geklungen hatte. »Wir wollen wieder hierherkommen, dann sagst du
mir's noch einmal.«
    Während dieser ganzen Zeit hatte der Peter genug zu tun gehabt, seinem Ärger
Luft zu machen. Da war das Heidi seit vielen Tagen nicht mit auf der Weide
gewesen, und nun, da es endlich einmal wieder mit war, sass der alte Herr die
ganze Zeit neben ihm und der Peter konnte gar nicht an das Heidi herankommen.
Das verdross ihn sehr stark. Er stellte sich in einiger Entfernung hinter dem
ahnungslosen Herrn auf, so, dass dieser ihn nicht sehen konnte, und hier machte
er erst eine grosse Faust und schwang sie drohend in der Luft herum, und nach
einiger Zeit machte er zwei Fäuste, und je länger das Heidi neben dem Herrn
sitzen blieb, je schrecklicher ballte der Peter seine Fäuste und streckte sie
immer höher und drohender in die Luft hinauf hinter dem Rücken des Bedrohten.
    Unterdessen war die Sonne dahin gekommen, wo sie steht, wenn man zu Mittag
essen muss; das kannte der Peter genau. Auf einmal schrie er aus allen Kräften zu
den zweien hinüber:
    »Man muss essen!«
    Das Heidi stand auf und wollte den Sack herbeiholen, damit der Herr Doktor
auf dem Platze, wo er sass, sein Mittagsmahl abhalten könne. Aber er sagte, er
habe keinen Hunger, er wünsche nur ein Glas Milch zu trinken, dann wolle er gern
noch ein wenig auf der Alp umhergehen und etwas weiter hinaufsteigen. Da fand
das Heidi, dann habe es auch keinen Hunger und wolle auch nur Milch trinken, und
nachher wolle es den Herrn Doktor hinaufführen zu den grossen, moosbedeckten
Steinen hoch oben, wo der Distelfink einmal fast hinuntergesprungen wäre und wo
alle die würzigen Kräutlein wüchsen. Es lief zum Peter hinüber und erklärte ihm
alles und dass er nun erst eine Schale Milch vom Schwänli nehmen müsse für den
Herrn Doktor und dann noch eine, die wolle es für sich haben. Der Peter schaute
erst eine Weile sehr erstaunt das Heidi an, dann fragte er:
    »Wer muss haben, was im Sack ist?«
    »Das kannst du haben, aber zuerst musst du die Milch geben und hurtig«, war
Heidis Antwort.
    So rasch hatte der Peter in seinem Leben noch keine Tat vollendet, als er
nun diese fertig brachte, denn er sah immer den Sack vor sich und wusste noch
nicht, wie das aussah, das drinnen war und nun ihm gehörte. Sobald drüben die
beiden ruhig ihre Milch tranken, öffnete der Peter den Sack und tat einen Blick
hinein. Als er das wundervolle Stück Fleisch gewahr wurde, da schüttelte es den
ganzen Peter vor Freude und er tat noch einen Blick hinein, um sich zu
versichern, dass es auch wahr sei. Dann fuhr er mit der Hand in den Sack hinein,
um die erwünschte Gabe zum Genuss herauszuholen. Aber auf einmal zog er die Hand
wieder zurück, als ob er nicht zugreifen dürfe. Es war dem Peter in den Sinn
gekommen, wie er dort hinter dem Herrn gestanden und gegen ihn gefaustet hatte,
und nun schenkte ihm derselbe Herr sein ganzes, unvergleichliches Mittagsessen.
Jetzt reute den Peter seine Tat, denn es war ihm gerade so, wie wenn sie ihn
verhinderte, sein schönes Geschenk herauszunehmen und sich daran zu erlaben. Auf
einmal sprang er in die Höhe und lief zurück auf die Stelle hin, wo er gestanden
hatte. Da streckte er seine beiden Hände ganz flach in die Luft hinauf, zum
Zeichen, dass das Fausten nicht mehr gelte, und so blieb er eine gute Weile
stehen, bis er das Gefühl hatte, die Sache sei nun wieder ausgeglichen. Dann kam
er in grossen Sprüngen zu dem Sack zurück, und nun, da das gute Gewissen
hergestellt war, konnte er mit vollem Vergnügen in sein ungewöhnlich leckeres
Mittagsmahl beissen.
    Der Herr Doktor und das Heidi waren lange miteinander herumgewandert und
hatten sich sehr gut unterhalten. Jetzt aber fand der Herr, es sei Zeit für ihn
zurückzukehren, und meinte, das Kind wolle nun auch gern noch ein wenig bei
seinen Geissen bleiben. Aber das kam dem Heidi nicht in den Sinn, denn dann musste
ja der Herr Doktor mutterseelenallein die ganze Alp hinuntergehen. Bis zur Hütte
vom Grossvater wollte es ihn durchaus begleiten und auch noch ein Stück darüber
hinaus. Es ging immer Hand in Hand mit seinem guten Freunde und hatte auf dem
ganzen Wege ihm noch genug zu erzählen und ihm alle Stellen zu zeigen, wo die
Geissen am liebsten weideten und wo es im Sommer am meisten von den glänzenden,
gelben Weideröschen und vom roten Tausendgüldenkraut und noch anderen Blumen
gebe. Die wusste es nun alle zu benennen, denn der Grossvater hatte ihm den Sommer
durch alle ihre Namen beigebracht, so wie er sie kannte. Aber zuletzt sagte der
Herr Doktor, nun müsse er zurückkehren. Sie nahmen Abschied und der Herr ging
den Berg hinunter; doch kehrte er sich von Zeit zu Zeit noch einmal um. Dann sah
er, wie das Heidi immer noch auf derselben Stelle stand und ihm nachschaute und
mit der Hand ihm nachwinkte. So hatte sein eigenes, liebes Töchterchen getan,
wenn er vom Hause fortging. -
    Es war ein klarer, sonniger Herbstmonat. Jeden Morgen kam der Herr Doktor
zur Alp herauf und dann ging es gleich weiter auf eine schöne Wanderung. Öfters
zog er mit dem Alm-Öhi aus, hoch in die Felsenberge hinauf, wo die alten
Wettertannen herunternickten und der grosse Vogel in der Nähe hausen musste, denn
da schwirrte er manchmal sausend und krächzend ganz nahe an den Köpfen der
beiden Männer vorbei. Der Herr Doktor hatte ein grosses Wohlgefallen an der
Unterhaltung seines Begleiters und er musste sich immer mehr verwundern, wie gut
der Öhi alle Kräutlein ringsherum auf seiner Alp kannte und wusste, wozu sie gut
waren, und wie viel kostbare und gute Dinge er da droben überall herauszufinden
wusste; so in den harzigen Tannen und in den dunkeln Fichtenbäumen mit den
duftenden Nadeln, in dem gekräuselten Moos, das zwischen den alten Baumwurzeln
emporspross, und in all den feinen Pflänzchen und unscheinbaren Blümchen, die
noch ganz hoch oben dem kräftigen Alpenboden entsprangen.
    Ebenso genau kannte der Alte auch das Wesen und Treiben aller Tiere da oben,
der grossen und der kleinen, und er wusste dem Herrn Doktor ganz lustige Dinge von
der Lebensweise dieser Bewohner der Felsenlöcher, der Erdhöhlen und auch der
hohen Tannenwipfel zu erzählen.
    Dem Herrn Doktor verging die Zeit auf diesen »Wanderungen, er wusste gar
nicht wie, und oftmals, wenn er am Abend dem Öhi herzlich die Hand zum Abschied
schüttelte, musste er von neuem sagen:
    »Guter Freund, von Ihnen geh' ich nie fort, ohne wieder etwas gelernt zu
haben.«
    An vielen Tagen aber, und gewöhnlich an den allerschönsten, wünschte der
Herr Doktor mit dem Heidi auszuziehen. Dann sassen sie öfter miteinander auf dem
schönen Vorsprung der Alp, wo sie am ersten Tag gesessen hatten, und das Heidi
musste wieder seine Liederverse sagen und dem Herrn Doktor erzählen, was es nur
wusste. Dann sass der Peter öfter hinter ihnen an seinem Platze, aber er war jetzt
ganz zahm und faustete nie mehr.
    So ging der schöne Septembermonat zu Ende. Da kam der Herr Doktor eines
Morgens und sah nicht so fröhlich aus, wie er sonst immer ausgesehen hatte. Er
sagte, es sei sein letzter Tag, er müsse nach Frankfurt zurückkehren; das mache
ihm grosse Mühe, denn er habe die Alp lieb gewonnen. Dem Alm-Öhi tat die
Nachricht sehr leid, denn auch er hatte sich überaus gern mit dem Herrn Doktor
unterhalten, und das Heidi hatte sich so daran gewöhnt, alle Tage seinen guten
und liebevollen Freund zu sehen, dass es gar nicht begreifen konnte, wie das nun
mit einemmale ein Ende nehmen sollte. Es schaute fragend und ganz verwundert zu
ihm auf. Aber es war wirklich so. Der Herr Doktor nahm Abschied vom Grossvater
und fragte dann, ob das Heidi ihn noch ein wenig begleiten werde. Es ging an
seiner Hand den Berg hinunter, aber es konnte immer noch nicht recht fassen, dass
er ganz fortgehe.
    Nach einer Weile stand der Herr Doktor still und sagte, nun sei das Heidi
weit genug gekommen, es müsse zurückkehren. Er fuhr ein paarmal zärtlich mit
seiner Hand über das krause Haar des Kindes hin und sagte: »Nun muss ich fort,
Heidi! Wenn ich dich nur mit mir nach Frankfurt nehmen und bei mir behalten
könnte!«
    Dem Heidi stand auf einmal ganz Frankfurt vor den Augen, die vielen, vielen
Häuser und steinernen Strassen und auch Fräulein Rottenmeier und die Tinette, und
es antwortete ein wenig zaghaft: »Ich wollte doch lieber, dass Sie wieder zu uns
kämen.«
    »Nun ja, so wird's besser sein. So leb wohl, Heidi«, sagte freundlich der
Herr Doktor und hielt ihm die Hand hin. Das Kind legte die seinige hinein und
schaute zu dem Scheidenden auf. Die guten Augen, die zu ihm niederblickten,
füllten sich mit Wasser. Jetzt wandte sich der Herr Doktor rasch und eilte den
Berg hinunter.
    Das Heidi blieb stehen und rührte sich nicht. Die liebevollen Augen und das
Wasser, das es darinnen gesehen hatte, arbeiteten stark in seinem Herzen. Auf
einmal brach es in ein lautes Weinen aus und mit aller Macht stürzte es dem
Forteilenden nach und rief, von Schluchzen unterbrochen, aus allen Kräften:
    »Herr Doktor! Herr Doktor!«
    Er kehrte um und stand still.
    Jetzt hatte ihn das Kind erreicht. Die Tränen strömten ihm die Wangen
herunter, während es herausschluchzte:
    »Ich will gewiss auf der Stelle mit nach Frankfurt kommen und will bei Ihnen
bleiben, so lang Sie wollen, ich muss es nur noch geschwind dem Grossvater sagen.«
    Der Herr Doktor streichelte beruhigend das erregte Kind.
    »Nein, mein liebes Heidi«, sagte er mit dem freundlichsten Tone, »nicht
jetzt auf der Stelle; du musst noch unter den Tannen bleiben, du könntest mir
wieder krank werden. Aber komm, ich will dich etwas fragen: Wenn ich einmal
krank und allein bin, willst du dann zu mir kommen und bei mir bleiben? Kann ich
denken, dass sich dann noch jemand um mich kümmern und mich lieb haben will?«
    »Ja, ja, dann will ich sicher kommen, noch am gleichen Tag, und Sie sind mir
auch fast so lieb wie der Grossvater«, versicherte das Heidi noch unter
fortwährendem Schluchzen.
    Jetzt drückte ihm der Herr Doktor noch einmal die Hand, dann setzte er rasch
seinen Weg fort. Das Heidi aber blieb auf derselben Stelle stehen und winkte
fort und fort mit seiner Hand, so lange es nur noch ein Pünktchen von dem
forteilenden Herrn entdecken konnte. Als dieser zum letztenmal sich umwandte und
nach dem winkenden Heidi und der sonnigen Alp zurückschaute, sagte er leise vor
sich hin:
    »Dort oben ist's gut sein, da können Leib und Seele gesunden und man wird
wieder seines Lebens froh.«
 
                              Der Winter im Dörfli
Um die Almhütte lag der Schnee so hoch, dass es anzusehen war, als ständen die
Fenster auf dem flachen Boden, denn weiter unten war von der ganzen Hütte gar
nichts zu sehen, auch die Haustür war völlig verschwunden. Wäre der Alm-Öhi noch
oben gewesen, so hätte er dasselbe tun müssen, was der Peter täglich ausführen
musste, weil es gewöhnlich über Nacht wieder geschneit hatte. Jeden Morgen musste
er jetzt aus dem Fenster der Stube hinausspringen, und war es nicht sehr kalt,
so dass über Nacht alles zusammengefroren war, so versank er dann so tief in dem
weichen Schnee, dass er mit Händen und Füssen und mit dem Kopf auf alle Seiten
stossen und werfen und ausschlagen musste, bis er sich wieder herausgearbeitet
hatte. Dann bot ihm die Mutter den grossen Besen aus dem Fenster und mit diesem
stiess und scharrte der Peter nun den Schnee vor sich weg, bis er zur Tür kam.
Dort hatte er dann eine grosse Arbeit, denn da musste aller Schnee abgegraben
werden, sonst fiel entweder, wenn er noch weich war und die Tür aufging, die
ganze, grosse Masse in die Küche hinein, oder er fror zu, und nun war man ganz
vermauert drinnen, denn durch diesen Eisfelsen konnte man nicht dringen und
durch das kleine Fenster konnte nur der Peter hinausschlüpfen. Für diesen
brachte dann die Zeit des Gefrierens viele Bequemlichkeiten mit sich. Wenn er
ins Dörfli hinunter musste, öffnete er nur das Fenster, kroch durch und kam
draussen zu ebener Erde auf dem festen Schneefeld an. Dann schob ihm die Mutter
den kleinen Schlitten durch das Fenster nach, und der Peter hatte sich nur
darauf zu setzen und abzufahren, wie und wo er wollte, er kam jedenfalls
hinunter, denn die ganze Alm um und um war dann nur ein grosser, ununterbrochener
Schlittweg.
    Der Öhi war nicht auf der Alp den Winter; er hatte Wort gehalten. Sobald der
erste Schnee gefallen war, hatte er Hütte und Stall abgeschlossen und war mit
dem Heidi und den Geissen nach dem Dörfli hinuntergezogen. Dort stand in der Nähe
der Kirche und des Pfarrhauses ein weitläufiges Gemäuer, das war in alter Zeit
ein grosses Herrenhaus gewesen, was man noch an vielen Stellen sehen konnte,
obschon jetzt das Gebäude überall ganz oder halb zerfallen war. Da hatte einmal
ein tapferer Kriegsmann gewohnt; der war in spanische Dienste gegangen und hatte
da viele tapfere Taten verrichtet und viele Reichtümer erbeutet. Da war er
heimgekommen nach dem Dörfli und hatte aus seiner Beute ein prächtiges Haus
erstellt; darinnen wollte er nun wohnen. Aber es ging gar nicht lange, so konnte
er es in dem stillen Dörfli nicht mehr aushalten vor Langerweile, denn er hatte
zu lange draussen in der lärmvollen Welt gelebt. Er zog wieder hinaus und kam gar
niemals mehr zurück. Als man nach vielen, vielen Jahren sicher wusste, dass er tot
war, übernahm ein ferner Verwandter unten im Tal das Haus, aber es war schon am
Verfallen und der neue Besitzer wollte nicht mehr aufbauen. So zogen arme Leute
in das Haus, die wenig dafür bezahlen mussten, und wenn ein Stück abfiel von dem
Gebäude, so liess man es liegen. Seit jener Zeit waren nun wieder viele Jahre
darübergegangen. Schon als der Öhi mit seinem jungen Buben Tobias hergekommen
war, hatte er das verfallene Haus bezogen und darin gelebt. Seiter hatte es
meistens leer gestanden, denn wer nicht verstand, vorweg dem Verfall ein wenig
zu begegnen und die Löcher und Lücken, wo sie entstanden, gleich irgendwie zu
stopfen und zu flicken, der konnte da nicht bleiben. Der Winter droben im Dörfli
war lang und kalt. Dann blies und wehte es von allen Seiten durch die Räume, dass
die Lichter auslöschten und die armen Leute vom Frost geschüttelt wurden. Aber
der Öhi wusste sich zu helfen. Gleich nachdem er zu dem Entschluss gekommen war,
den Winter im Dörfli zuzubringen, hatte er das alte Haus wieder übernommen und
war den Herbst durch öfter heruntergekommen, um darin alles so herzurichten, wie
es ihm gefiel. Um die Mitte des Oktobermonats war er dann mit dem Heidi
heruntergezogen.
    Kam man von hinten an das Haus heran, so trat man gleich in einen offenen
Raum ein, da war auf einer Seite die ganze Wand und auf der andern die halbe
eingefallen. Über dieser war noch ein Bogenfenster zu sehen, aber das Glas war
längst weg daraus und dicker Epheu rankte sich darum und hoch hinauf bis zur
Decke, die noch zur Hälfte fest war. Die war schön gewölbt und man konnte gut
sehen, das war die Kapelle gewesen. Ohne Tür kam man weiter in eine grosse Halle
hinein, da waren hier und da noch schöne Steinplatten auf dem Boden und
zwischendurch wuchs das Gras dicht empor. Da waren die Mauern auch alle halb weg
und grosse Stücke der Decke dazu, und hätten da nicht ein paar dicke Säulen noch
ein festes Stück der Decke getragen, so hätte man denken müssen, diese könne
jeden Augenblick auf die Köpfe derer niederfallen, die darunter standen. Hier
hatte der Öhi einen Bretterverschlag ringsum gemacht und den Boden dick mit
Streu belegt, denn hier in der alten Halle sollten die Geissen logieren. Dann
ging es durch allerlei Gänge, immer halb offen, dass einmal der Himmel
hereinguckte und einmal wieder die Wiese und der Weg draussen. Aber zuvorderst,
wo die schwere, eichene Tür noch fest in den Angeln hing, kam man in eine grosse,
weite Stube hinein, die war noch gut. Da waren noch die vier festen Wände mit
dem dunkeln Holzgetäfel ohne Lücken, und in der einen Ecke stand ein ungeheurer
Ofen, der ging fast bis an die Decke hinauf, und auf die weissen Kacheln waren
grosse, blaue Bilder hingemalt. Da waren alte Türme darauf, mit hohen Bäumen
ringsum, und unter den Bäumen ging ein Jäger dahin mit seinen Hunden. Dann war
wieder ein stiller See unter weitschattigen Eichen, und ein Fischer stand daran
und hielt seine Rute weit in das Wasser hinaus. Um den ganzen Ofen herum ging
eine Bank, so dass man da gleich hinsitzen und die Bilder studieren konnte. Hier
gefiel es dem Heidi sogleich. So wie es mit dem Grossvater in die Stube
eingetreten war, lief es auf den Ofen zu, setzte sich auf die Bank und fing an,
die Bilder zu betrachten. Aber wie es, auf der Bank weiter gleitend, bis hinter
den Ofen gelangte, nahm eine neue Erscheinung seine ganze Aufmerksamkeit in
Beschlag: in dem ziemlich grossen Raum zwischen dem Ofen und der Wand waren vier
Bretter erstellt, so wie zu einem Äpfelbehälter. Darinnen lagen aber nicht
Äpfel, da lag unverkennbar Heidis Bett, ganz so, wie es oben auf der Alm gewesen
war: ein hohes Heulager mit dem Leintuch und dem Sack als Decke darauf. Das
Heidi jauchzte auf:
    »O, Grossvater, da ist meine Kammer, o wie schön! Aber wo musst du schlafen?«
    »Deine Kammer muss nah beim Ofen sein, damit du nicht frierst«, sagte der
Grossvater; »die meine kannst du auch sehen.«
    Das Heidi hüpfte durch die weite Stube dem Grossvater nach, der auf der
andern Seite eine Tür aufmachte, die in einen kleinen Raum hineinführte, da
hatte der Grossvater sein Lager errichtet. Dann kam aber wieder eine Tür. Das
Heidi machte sie geschwind auf und stand ganz verwundert still, denn da sah man
in eine Art von Küche hinein, die war so ungeheuer gross, wie es noch nie in
seinem Leben eine gesehen hatte. Da war viel Arbeit für den Grossvater gewesen
und es blieb auch noch immer viel zu tun übrig, denn da waren Löcher und weite
Spalten in den Mauern auf allen Seiten, wo der Wind hereinpfiff, und doch waren
schon so viele mit Holzbrettern vernagelt worden, dass es aussah, als wären
ringsum kleine Holzschränke in der Mauer angebracht. Auch die grosse, uralte Tür
hatte der Grossvater wieder mit vielen Drähten und Nägeln fest zu machen
verstanden, so dass man sie schliessen konnte, und das war gut, denn nachher ging
es in lauter verfallenes Gemäuer hinaus, wo dickes Gestrüpp emporwuchs und
Scharen von Käfern und Eidechsen ihre Wohnungen hatten.
    Dem Heidi gefiel es wohl in der neuen Behausung, und schon am andern Tag,
als der Peter kam, um zu sehen, wie es in der neuen Wohnung zugehe, hatte es
schon alle Winkel und Ecken so genau ausgeguckt, dass es ganz daheim war und den
Peter überall herumführen konnte. Es liess ihm auch durchaus keine Ruhe, bis er
ganz gründlich alle die merkwürdigen Dinge betrachtet hatte, die der neue
Wohnsitz entielt.
    Das Heidi schlief vortrefflich in seinem Ofenwinkel; aber am Morgen meinte
es doch immer, es sollte auf der Alp erwachen und es müsse gleich die Hüttentür
aufmachen, um zu sehen, ob die Tannen nicht rauschten, weil der hohe, schwere
Schnee darauf liege und die Äste niederdrücke. So musste es jeden Morgen zuerst
lang hin und her schauen, bis es sich wieder besinnen konnte, wo es war, und
jedesmal fühlte es etwas auf seinem Herzen liegen, das es würgte und drückte,
wenn es sah, dass es nicht daheim sei auf der Alp. Aber wann es dann den
Grossvater reden hörte, draussen mit dem Schwänli und dem Bärli, und dann die
Geissen so laut und lustig meckerten, als wollten sie ihm zurufen: »Mach doch,
dass du einmal kommst, Heidi« - dann merkte es, dass es doch daheim war, und
sprang fröhlich aus seinem Bett und dann so schnell als möglich in den grossen
Geissenstall hinaus. Aber am vierten Tage sagte das Heidi sorglich: »Heute muss
ich gewiss zur Grossmutter hinauf, sie kann nicht so lange allein sein.«
    Aber der Grossvater war nicht einverstanden. »Heute nicht und morgen auch
noch nicht«, sagte er. »Die Alm hinauf liegt der Schnee klaftertief und immer
noch schneit es fort; kaum kann der feste Peter durchkommen. Ein Kleines, wie
du, Heidi, wäre auf der Stelle eingeschneit und zugedeckt und nicht mehr zu
finden. Wart' noch ein wenig, bis es friert, dann kannst du schon über die
Schneedecke hinaufspazieren.«
    Das Warten machte zuerst dem Heidi ein wenig Kummer. Aber die Tage waren
jetzt so angefüllt von Arbeit, dass immer einer unversehens dahin war und ein
anderer kam.
    Jeden Morgen und jeden Nachmittag ging das Heidi jetzt in die Schule im
Dörfli und lernte ganz eifrig, was da zu lernen war. Den Peter sah es aber fast
nie in der Schule, denn meistens kam er nicht. Der Lehrer war ein milder Mann,
der nur hier und da sagte: »Es scheint mir, der Peter sei wieder nicht da; die
Schule täte ihm doch gut, aber es liegt auch gar viel Schnee dort hinauf, er
wird wohl nicht durchkommen.« Aber gegen Abend, wenn die Schule aus war, kam der
Peter meistens durch und machte seinen Besuch beim Heidi.
    Nach einigen Tagen kam die Sonne wieder hervor und warf ihre Strahlen über
den weissen Boden hin; aber sie ging ganz früh wieder hinter die Berge hinab, so,
als gefalle es ihr lange nicht so gut herunterzuschauen, wie im Sommer, wenn
alles grünte und blühte. Aber am Abend kam der Mond ganz hell und gross herauf
und leuchtete die ganze Nacht über die weiten Schneefelder hin und am andern
Morgen glitzerte und flimmerte die ganze Alp von oben bis unten wie ein
Kristall. Als der Peter, wie die Tage vorher, aus seinem Fenster in den tiefen
Schnee hinabspringen wollte, ging es ihm, wie er nicht erwartet hatte. Er nahm
einen Satz hinaus, aber anstatt ins Weiche hinab zu kommen, schlug es ihn auf
dem unerwartet harten Boden gleich um, und unversehens fuhr er ein gutes Stück
den Berg hinunter wie ein herrenloser Schlitten. Sehr verwundert kam er
schliesslich wieder auf seine Füsse, und nun stampfte er mit aller Macht auf den
Schneeboden, um sich zu versichern, dass auch wirklich möglich sei, was ihm
soeben begegnet war. Es war richtig: wie er auch stampfte und einschlug mit den
Absätzen, kaum konnte er ein kleines Eissplitterchen herausschlagen; die ganze
Alm war steinhart zugefroren. Das war dem Peter eben recht: er wusste, dass dieser
Zustand der Dinge nötig war, damit das Heidi einmal wieder da heraufkommen
konnte. Schleunig kehrte er um, schluckte seine Milch hinunter, welche die
Mutter eben auf den Tisch gestellt hatte, steckte sein Stücklein Brot in die
Tasche und sagte eilig: »Ich muss in die Schule.«
    »Ja, so geh und lern auch brav«, sagte die Mutter beistimmend.
    Der Peter kroch zum Fenster hinaus - denn nun war man eingesperrt um des
Eisberges willen vor der Tür -, zog seinen kleinen Schlitten nach sich, setzte
sich darauf und schoss den Berg hinunter.
    Es ging wie der Blitz, und als er beim Dörfli da ankam, wo es gleich weiter
hinab gegen Maienfeld hin ging, fuhr der Peter weiter, denn es kam ihm so vor,
als müsste er sich und dem Schlitten Gewalt antun, wenn er auf einmal den Lauf
einhalten wollte. So fuhr er zu, bis er ganz unten in der Ebene ankam und es von
selbst nicht mehr weiter ging. Dann stieg er ab und schaute sich um. Die Gewalt
der Niederfahrt hatte ihn noch ziemlich über Maienfeld hinausgejagt. Jetzt
bedachte er, dass er jedenfalls zu spät in die Schule käme, da sie schon lange
begonnen hatte, er aber zum Hinaufsteigen fast eine Stunde brauchte. So konnte
er sich alle Zeit lassen zur Rückkehr. Das tat er denn auch und kam gerade oben
im Dörfli wieder an, als das Heidi aus der Schule zurückgekehrt war und sich mit
dem Grossvater an den Mittagstisch setzte. Der Peter trat herein, und da er
diesmal einen besonderen Gedanken mitzuteilen hatte, so lag ihm dieser oben auf
und er musste ihn gleich beim Eintreten los werden.
    »Es hat ihn«, sagte der Peter, mitten in der Stube stillstehend.
    »Wen? Wen? General! Das tönt ziemlich kriegerisch«, sagte der Öhi.
    »Den Schnee«, berichtete Peter.
    »O! o! Jetzt kann ich zur Grossmutter hinauf!« frohlockte das Heidi, das die
ganze Ausdrucksweise des Peter gleich verstanden hatte. »Aber warum bist du denn
nicht in die Schule gekommen? Du konntest ja gut herunterschlitten«, setzte es
auf einmal vorwurfsvoll hinzu, denn dem Heidi kam es vor, das sei nicht in der
Ordnung, so draussen zu bleiben, wenn man doch gut in die Schule gehen könnte.
    »Bin zu weit gekommen mit dem Schlitten, war zu spät«, gab der Peter zurück.
    »Das nennt man desertieren«, sagte der Öhi, »und Leute, die das tun, nimmt
man bei den Ohren, hörst du?«
    Der Peter riss erschrocken an seiner Kappe herum, denn vor keinem Menschen
auf der Welt hatte er einen so grossen Respekt wie vor dem Alm-Öhi.
    »Und dazu ein Anführer, wie du einer bist, der muss sich doppelt schämen, so
auszureissen«, fuhr der Öhi fort. »Was meinst, wenn einmal deine Geissen eine da
und die andere dort hinausliefen und sie wollten dir nicht mehr folgen und nicht
tun, was gut ist für sie, was würdest du dann machen?«
    »Sie hauen«, entgegnete der Peter kundig.
    »Und wenn einmal ein Bub so täte, wie eine ungebärdige Geiss, und er würde
ein wenig durchgehauen, was würdest du dann sagen?«
    »Geschieht ihm recht«, war die Antwort.
    »So, jetzt weisst was, Geissenoberst: wenn du noch einmal auf deinem Schlitten
über die Schule hinaus fährst, wenn du hinein solltest, so komm dann nachher zu
mir und hol dir, was dir dafür gehört.«
    Jetzt verstand der Peter den Zusammenhang der Rede und dass er mit dem Buben
gemeint sei, der fortlaufe wie eine ungebärdige Geiss. Er war ganz getroffen von
dieser Ähnlichkeit und schaute ein wenig bänglich in die Winkel hinein, ob so
etwas zu entdecken sei, wie er es in solchen Fällen für die Geissen gebrauchte.
    Aber ermunternd sagte nun der Öhi: »Komm an den Tisch jetzt und halt mit,
dann geht das Heidi mit dir. Am Abend bringst du's wieder heim, dann findest du
dein Nachtessen hier.« Diese unerwartete Wendung der Dinge war dem Peter höchst
erfreulich; sein Gesicht verzog sich auf alle Seiten vor Vergnügen. Er gehorchte
unverzüglich und setzte sich neben das Heidi hin. Das Kind aber hatte schon
genug und konnte gar nicht mehr schlucken vor Freude, dass es zur Grossmutter
gehen sollte. Es schob die grosse Kartoffel und den Käsebraten, die noch auf
seinem Teller lagen, dem Peter zu, der von der andern Seite vom Öhi den Teller
voll bekommen hatte, so dass ein ganzer Wall vor ihm aufgerichtet stand; aber der
Mut zum Angriff fehlte ihm nicht. Das Heidi rannte an den Schrank und holte sein
Mäntelchen von der Klara hervor; jetzt konnte es, ganz warm eingepackt, mit der
Kapuze über dem Kopf, seine Reise machen. Es stellte sich nun neben den Peter
hin, und sobald dieser sein letztes Stück eingeschoben hatte, sagte es: »Jetzt
komm!« Dann machten sie sich auf den Weg. Das Heidi hatte dem Peter sehr viel zu
erzählen vom Schwänli und Bärli, dass sie beide am ersten Tag in dem neuen Stall
gar nicht hatten fressen wollen und dass sie die Köpfe hatten hängen lassen den
ganzen Tag und keinen Ton von sich gegeben hatten. Und es habe den Grossvater
gefragt, warum sie so tun; dann habe er gesagt: sie tun so, wie es in Frankfurt,
denn sie seien noch nie von der Alm heruntergekommen ihr Leben lang. Und das
Heidi setzte hinzu: »Du solltest nur einmal erfahren, wie das ist, Peter.«
    Die beiden waren so fast oben angekommen, ohne dass der Peter ein einziges
Wort gesagt hätte, und es war auch, als ob ihn ein tiefer Gedanke beschäftigte,
dass er nicht einmal recht zuhören konnte, wie sonst. Als sie nun bei der Hütte
angekommen waren, stand der Peter still und sagte ein wenig störrisch: »Dann
will ich noch lieber in die Schule gehen, als beim Öhi holen, was er gesagt
hat.«
    Das Heidi war derselben Meinung und bestärkte den Peter ganz eifrig in
seinem Vorsatz. Drinnen in der Stube sass die Mutter allein beim Flickwerk; sie
sagte, die Grossmutter müsse die Tage im Bett bleiben, es sei zu kalt für sie,
und dann sei ihr auch sonst nicht recht. Das war dem Heidi etwas Neues; sonst
sass die Grossmutter immer an ihrem Platz in der Ecke. Es rannte gleich zu ihr in
die Kammer hinein. Sie lag ganz von dem grauen Tuch umwickelt in ihrem schmalen
Bett mit der dünnen Decke.
    »Gott Lob und Dank!« sagte die Grossmutter gleich, als sie das Heidi
hereinspringen hörte. Sie hatte schon den ganzen Herbst durch eine geheime Angst
im Herzen gehabt, die sie noch immer verfolgte, besonders wenn das Heidi eine
Zeit lang nicht kam. Der Peter hatte berichtet, wie ein fremder Herr aus
Frankfurt gekommen sei und immer mit auf die Weide komme und mit dem Heidi reden
wolle, und die Grossmutter meinte nicht anders, als der Herr sei gekommen, das
Heidi wieder mit fortzunehmen. Wenn er auch nachher schon allein abreiste, so
stieg die Angst doch immer wieder in ihr auf, es könnte irgendein Abgesandter
von Frankfurt herkommen und das Kind wieder zurückholen. Das Heidi sprang zu dem
Bett der Kranken hin und fragte sorglich: »Bist du stark krank, Grossmutter?«
    »Nein, nein Kind«, beruhigte die Alte, indem sie das Heidi liebevoll
streichelte; »der Frost ist mir nur ein wenig in die Glieder gefahren.«
    »Wirst du dann auf der Stelle gesund, wenn es wieder warm ist?« fragte
eindringlich das Heidi weiter.
    »Ja, ja, will's Gott, noch vorher, dass ich wieder an mein Spinnrad kann; ich
meinte schon heute, ich wolle es probieren, morgen wird's dann schon wieder
gehen«, sagte die Grossmutter in zuversichtlicher Weise, denn sie hatte schon
gemerkt, dass das Kind erschrocken war.
    Ihre Worte beruhigten das Heidi, dem es sehr angst gewesen war, denn krank
im Bett hatte es die Grossmutter noch nie getroffen. Es betrachtete sie jetzt ein
wenig verwundert, dann sagte es:
    »In Frankfurt legen sie einen Shawl an zum Spazierengehen. Hast du etwa
gemeint, man müsse ihn anlegen, wenn man ins Bett geht, Grossmutter?«
    »Weisst du, Heidi«, entgegnete sie, »ich nehme den Shawl so um im Bett, dass
ich nicht friere. Ich bin so froh darüber, die Decke ist ein wenig dünn.«
    »Aber Grossmutter«, fing das Heidi wieder an, »bei deinem Kopf geht es
bergab, wo es ganz bergauf gehen sollte; so muss ein Bett nicht sein.«
    »Ich weiss schon, Kind, ich spüre es auch wohl«, und die Grossmutter suchte
auf dem Kissen, das wie ein dünnes Brett unter dem Kopfe lag, einen besseren
Platz zu gewinnen. »Siehst du, das Kissen war nie besonders dick, und jetzt habe
ich so viele Jahre darauf geschlafen, dass ich es ein wenig flach gelegen habe.«
    »O hätt' ich nur in Frankfurt die Klara gefragt, ob ich nicht mein Bett
mitnehmen könne«, sagte jetzt das Heidi; »da hatte es drei grosse, dicke Kissen
aufeinander, dass ich gar nicht schlafen konnte und immer weiter
herunterrutschte, bis wo es flach war, und dann musste ich wieder hinauf, weil
man dort so schlafen muss. Könntest du so schlafen, Grossmutter?«
    »Ja freilich, das gibt warm und man bekommt den Atem so gut, wenn man so
hoch liegen kann mit dem Kopf«, sagte die Grossmutter, ein wenig mühsam ihren
Kopf aufrichtend, so wie um eine höhere Stelle zu finden. »Aber wir wollen jetzt
nicht von dem reden, ich habe ja dem lieben Gott für so vieles zu danken, das
andere Alte und Kranke nicht haben: schon das gute Brötchen, das ich immer
bekomme, und das schöne, warme Tuch hier, und dass du so zu mir kommst, Heidi.
Willst du mir auch wieder etwas lesen heute?«
    Das Heidi lief hinaus und holte das alte Liederbuch herbei. Nun suchte es
ein schönes Lied nach dem andern, denn es kannte sie jetzt wohl und es freute
sich selbst, das alles wieder zu hören, es hatte ja seit vielen Tagen die Verse
alle, die ihm lieb waren, nicht mehr gehört.
    Die Grossmutter lag mit gefalteten Händen da, und auf ihrem Gesichte, das
erst so bekümmert ausgesehen hatte, lag jetzt ein so freudiges Lächeln, als wäre
ihr eben ein grosses Glück zuteil geworden.
    Das Heidi hielt auf einmal inne.
    »Grossmutter, bist du schon gesund geworden?« fragte es.
    »Es ist mir wohl, Heidi, es ist mir wohl geworden darüber; lies es noch
fertig, willst du?«
    Das Kind las sein Lied zu Ende, und als die letzten Worte kamen:
Wird mein Auge dunkler, trüber,
Dann erleuchte meinen Geist,
Dass ich fröhlich zieh' hinüber,
Wie man nach der Heimat reist -
da wiederholte sie die Grossmutter und dann noch einmal, und noch einmal, und auf
ihrem Gesicht lag jetzt eine grosse freudige Erwartung. Dem Heidi wurde so wohl
dabei. Der ganze, sonnige Tag seiner Heimkehr stieg vor ihm auf, und voller
Freude rief es aus: »Grossmutter, ich weiss schon, wie es ist, wenn man nach der
Heimat reist.« Sie antwortete nichts; aber sie hatte die Worte wohl vernommen
und der Ausdruck, der dem Heidi so wohl getan hatte, blieb auf ihrem Gesicht.
    Nach einer Weile sagte das Kind wieder: »Jetzt wird's dunkel, Grossmutter,
ich muss heim; aber ich bin so froh, dass es dir jetzt wieder wohl ist.«
    Die Grossmutter nahm die Hand des Kindes in die ihrige und hielt sie fest;
dann sagte sie:
    »Ja, ich bin auch wieder so froh; wenn ich auch noch liegen bleiben muss, so
ist es mir doch wohl. Siehst du, das weiss niemand, der es nicht erfahren hat,
wie das ist, wenn man viele, viele Tage so ganz allein daliegt und hört kein
Wort von einem andern Menschen und kann nichts sehen, nicht einen einzigen
Sonnenstrahl. Dann kommen so schwere Gedanken über einen, dass man manchmal
meint, es könne nie mehr Tag werden und man könne nicht mehr weiter. Aber wenn
man dann einmal wieder die Worte hört, die du mir vorgelesen hast, so ist es,
wie wenn einem ein Licht davon aufgehen würde im Herzen, an dem man sich wieder
freuen kann.«
    Jetzt liess die Grossmutter die Hand des Kindes los, und nachdem es ihr gute
Nacht gesagt, lief es in die Stube zurück und zog den Peter eilig hinaus, denn
es war unterdessen Nacht geworden. Aber draussen stand der Mond am Himmel und
schien hell auf den weissen Schnee, dass es war, als wollte der Tag schon wieder
angehen. Der Peter zog seinen Schlitten zurecht, setzte sich vorn darauf, das
Heidi hinter ihn, und fort schossen sie, die Alm hinunter, nicht anders, als
wären sie zwei Vögel, die durch die Lüfte sausen.
    Als später das Heidi auf seinem schönen, hohen Heubett hinter dem Ofen lag,
da kam ihm die Grossmutter wieder in den Sinn, wie sie so schlecht lag mit dem
Kopfe, und dann musste es an alles denken, was sie gesagt hatte, und an das
Licht, das ihr die Worte im Herzen anzünden. Und es dachte: wenn die Grossmutter
nur alle Tage die Worte hören könnte, dann würde es ihr jeden Tag einmal wohl.
Aber es wusste, nun konnte eine ganze Woche, oder vielleicht zwei vergehen, ehe
es wieder zu ihr hinauf durfte. Das kam dem Heidi so traurig vor, dass es immer
stärker nachsinnen musste, was es nur machen könnte, dass die Grossmutter die Worte
jeden Tag zu hören bekäme. Auf einmal fiel ihm eine Hilfe ein, und es war so
froh darüber, dass es meinte, es könne gar nicht warten, dass der Morgen
wiederkomme und es seinen Plan ausführen könne. Auf einmal setzte das Heidi sich
wieder ganz gerade auf in seinem Bett, denn vor lauter Nachdenken hatte es ja
sein Nachtgebet noch nicht zum lieben Gott hinaufgeschickt, und das wollte es
doch nie mehr vergessen.
    Als es nun so recht von Herzen für sich und den Grossvater und die Grossmutter
gebetet hatte, fiel es auf einmal in sein weiches Heu zurück und schlief ganz
fest und friedlich bis zum hellen Morgen.
 
                          Der Winter dauert noch fort
Am andern Tage kam der Peter exakt zur rechten Zeit in die Schule
heruntergefahren. Sein Mittagessen hatte er in seinem Sack mitgebracht, denn da
ging es so zu: wenn um Mittag die Kinder im Dörfli nachhause gingen, dann
setzten sich die einzelnen Schüler, die weit weg wohnten, auf die Klassentische,
stemmten die Füsse fest auf die Bänke und breiteten auf den Knien die
mitgebrachten Speisen aus, um so ihr Mittagsmahl zu halten. Bis um 1 Uhr konnten
sie sich daran vergnügen, dann ging die Schule wieder an. Hatte der Peter einmal
einen solchen Schultag mitgemacht, dann ging er am Schluss zum Öhi hinüber und
machte seinen Besuch beim Heidi.
    Als er heute nach Schulschluss in die grosse Stube beim Öhi eintrat, schoss das
Heidi gleich auf ihn zu, denn gerade auf ihn hatte es gewartet. »Peter, ich weiss
etwas!« rief es ihm entgegen.
    »Sag's«, gab er zurück.
    »Jetzt musst du lesen lernen«, lautete die Nachricht.
    »Hab's schon getan«, war die Antwort.
    »Ja, ja, Peter, so mein' ich nicht«, eiferte jetzt das Heidi; »ich meine so,
dass du es nachher kannst.«
    »Kann nicht«, bemerkte der Peter.
    »Das glaubt dir jetzt kein Mensch mehr und ich auch nicht«, sagte das Heidi
sehr entschieden. »Die Grossmama in Frankfurt hat schon gewusst, dass es nicht wahr
ist, und sie hat mir gesagt, ich soll es nicht glauben.«
    Der Peter staunte über diese Nachricht.
    »Ich will dich schon lesen lehren, ich weiss ganz gut wie«, fuhr das Heidi
fort; »du musst es jetzt einmal erlernen und dann musst du alle Tage der
Grossmutter ein Lied lesen oder zwei.«
    »Das ist nichts«, brummte der Peter.
    Dieser hartnäckige Widerstand gegen etwas, das gut und recht war und dem
Heidi so sehr am Herzen lag, brachte es in Aufregung. Mit blitzenden Augen
stellte es sich jetzt vor den Buben hin und sagte bedrohlich:
    »Dann will ich dir schon sagen, was kommt, wenn du nie etwas lernen willst:
Deine Mutter hat schon zweimal gesagt, du müssest auch nach Frankfurt, dass du
allerhand lernest, und ich weiss schon, wo dort die Buben in die Schule gehen;
beim Ausfahren hat mir die Klara das furchtbar grosse Haus gezeigt. Aber dort
gehen sie nicht nur, wenn sie Buben sind, sondern immerfort, wenn sie schon ganz
grosse Herren sind; das habe ich selber gesehen; und dann musst du nicht meinen,
dass nur ein einziger Lehrer da ist, wie bei uns, und ein so guter. Da gehen
immer ganze Reihen, viele miteinander in das Haus hinein und alle sehen ganz
schwarz aus, wie wenn sie in die Kirche gingen, und haben so hohe schwarze Hüte
auf den Köpfen« - und das Heidi gab das Mass von den Hüten an vom Boden auf.
    Dem Peter fuhr ein Schauder den Rücken hinauf.
    »Und dann musst du dort hinein unter alle die Herren«, fuhr das Heidi mit
Eifer fort, »und wenn es dann an dich kommt, so kannst du gar nicht lesen und
machst noch Fehler beim Buchstabieren. Dann kannst du nur sehen, wie dich die
Herren ausspotten, das ist dann noch viel ärger, als die Tinette, und du
solltest nur wissen, wie es ist, wenn diese spottet.«
    »So will ich«, sagte der Peter halb kläglich, halb ärgerlich.
    Im Augenblick war das Heidi besänftigt. »So, das ist recht, dann wollen wir
gleich anfangen«, sagte es erfreut, und geschäftig zog es den Peter an den Tisch
hin und holte das nötige Werkzeug herbei.
    In dem grossen Paket der Klara hatte sich auch ein Büchlein befunden, das dem
Heidi wohlgefiel, und schon gestern Nacht war es ihm in den Sinn gekommen, das
könne es gut zu dem Unterricht für den Peter gebrauchen, denn das war ein
Abc-Büchlein mit Sprüchen.
    Jetzt sassen die beiden am Tisch, die Köpfe über das kleine Buch gebeugt, und
die Lehrstunde konnte beginnen.
    Der Peter musste den ersten Spruch buchstabieren und dann wieder und dann
noch einmal, denn das Heidi wollte die Sache sauber und geläufig haben.
    Endlich sagte es: »Du kannst's immer noch nicht, aber ich will dir ihn jetzt
einmal hintereinander lesen; wenn du weisst, wie's heissen muss, kannst du's dann
besser zusammenbuchstabieren.« Und das Heidi las:
Geht heut' das A B C noch nicht,
Kommst morgen du vors Schulgericht.
»Ich geh' nicht«, sagte der Peter störrisch.
    »Wohin?« fragte das Heidi.
    »Vor das Gericht«, war die Antwort.
    »So mach, dass du einmal die drei Buchstaben kennst, dann musst du ja nicht
gehen«, bewies ihm das Heidi.
    Jetzt setzte der Peter noch einmal an und repetierte beharrlich die drei
Buchstaben so lange fort, bis das Heidi sagte:
    »Jetzt kannst du die drei.«
    Da es aber nun bemerkt hatte, welch eine Wirkung der Spruch auf den Peter
ausgeübt hatte, wollte es gleich noch ein wenig vorarbeiten für die folgenden
Lehrstunden.
    »Wart, ich will dir jetzt noch die anderen Sprüche lesen«, fuhr es fort,
»dann wirst du sehen, was alles noch kommen kann.«
    Und es begann sehr klar und verständlich zu lesen:
D E F G muss fliessend sein,
Sonst kommt ein Unglück hintendrein.
Vergessen H I K,
Das Unglück ist schon da.
Wer am L M noch stottern kann,
Zahlt eine Buss' und schämt sich dann.
Es gibt etwas und wüsstest's du,
Du lerntest schnell N O P Q.
Stehst du noch an bei R S T,
Kommt etwas nach, das tut dir weh.
Hier hielt das Heidi inne, denn der Peter war so mäuschenstill, dass es einmal
sehen musste, was er mache. Alle die Drohungen und geheimen Schrecknisse hatten
ihm so zugesetzt, dass er kein Glied mehr bewegte und schreckensvoll das Heidi
anstarrte.
    Das rührte sogleich sein mitleidiges Herz und tröstend sagte es:
    »Du musst dich nicht fürchten, Peter; komm du jetzt nur jeden Abend zu mir,
und wenn du dann lernst, wie heut', so kennst du allemal zuletzt die Buchstaben
und dann kommt ja das andere nicht. Aber nun musst du alle Tage kommen, nicht so
wie du in die Schule gehst; wenn es schon schneit, es tut dir ja nichts.«
    Der Peter versprach, so zu tun, denn der erschreckende Eindruck hatte ihn
ganz zahm und willig gemacht. Jetzt trat er seinen Heimweg an. -
    Der Peter befolgte Heidis Vorschrift pünktlich, und jeden Abend wurden mit
Eifer die folgenden Buchstaben einstudiert und der Spruch beherzigt.
    Oft sass auch der Grossvater in der Stube und hörte dem Exerzitium zu, indem
er vergnüglich sein Pfeifchen rauchte, während es öfter in seinen Mundwinkeln
zuckte, so, als ob ihn von Zeit zu Zeit eine grosse Heiterkeit übernehmen wollte.
    Nach der grossen Anstrengung wurde der Peter dann meistens aufgefordert, noch
dazubleiben und beim Abendessen mitzuhalten, was ihn alsbald für die
ausgestandene Angst, die der heutige Spruch mit sich gebracht hatte, reichlich
entschädigte.
    So gingen die Wintertage dahin. Der Peter erschien regelmässig und machte
wirklich Fortschritte mit seinen Buchstaben.
    Mit den Sprüchen hatte er aber täglich zu fechten. Man war jetzt beim U
angelangt. Als das Heidi den Spruch las:
Wer noch das U in V verdreht,
Kommt dahin, wo er nicht gern geht -
da knurrte der Peter: »Ja, wenn ich ginge!« Aber er lernte doch tüchtig zu, so,
als stehe er unter dem Eindrucke, es könnte ihn doch heimlich einer beim Kragen
nehmen und dortin bringen, wohin er nicht gern ginge.
    Am folgenden Abend las das Heidi:
Ist dir das W noch nicht bekannt,
Schau nach dem Rütlein an der Wand.
Da guckte der Peter hin und sagte höhnisch:
    »Hat keins.«
    »Ja, ja, aber weisst du, was der Grossvater im Kasten hat?« fragte das Heidi.
»Einen Stecken, fast so dick wie mein Arm, und wenn man ihn herausnimmt, so kann
man nur sagen: Schau nach dem Stecken an der Wand!«
    Der Peter kannte den dicken Haselstock. Augenblicklich beugte er sich über
sein W und suchte es zu erfassen.
    Am andern Tage hiess es:
Willst du noch das X vergessen
Kriegst du heute nix zu essen.
Da schaute der Peter forschend zu dem Schrank hinüber, wo das Brot und der Käse
drin lagen, und sagte ärgerlich:
    »Ich habe ja gar nicht gesagt, dass ich das X vergessen wolle.«
    »Es ist recht, wenn du das nicht vergessen willst, dann können wir auch
gleich noch einen lernen«, schlug das Heidi vor, »dann hast du morgen nur noch
einen einzigen Buchstaben.«
    Der Peter war nicht einverstanden. Aber schon las das Heidi:
Machst du noch Halt beim Y,
Kommst du mit Hohn und Spott davon.
Da stiegen vor Peters Augen alle die Herren in Frankfurt auf mit den hohen,
schwarzen Hüten auf den Köpfen und Hohn und Spott in den Gesichtern.
Augenblicklich warf er sich auf das Ypsilon und liess es nicht wieder los, bis er
es so gut kannte, dass er die Augen zutun konnte und doch wusste, wie es aussah.
    Am Tag darauf kam der Peter schon ein wenig hoch beim Heidi an, denn da war
ja nur noch ein einziger Buchstabe zu verarbeiten, und als ihm das Heidi gleich
den Spruch las:
Wer zweifelnd noch beim Z bleibt stehn,
Muss zu den Hottentotten gehn!
da höhnte der Peter: »Ja, wenn kein Mensch weiss, wo die sind!«
    »Freilich, Peter, das weiss der Grossvater schon«, versicherte das Heidi;
»wart nur, ich will ihn geschwind fragen, wo sie sind, er ist nur beim Herrn
Pfarrer drüben«, und schon war das Heidi aufgesprungen und wollte zur Tür
hinaus.
    »Wart!« schrie jetzt der Peter in voller Angst, denn schon sah er in seiner
Einbildung den Alm-Öhi mitsamt dem Herrn Pfarrer daher kommen und wie ihn die
zwei nun gleich anpacken und den Hottentotten übersenden würden, denn er hatte
ja wirklich nicht mehr gewusst, wie das Z hiess. Sein Angstschrei liess das Heidi
stillstehen.
    »Was hast du denn?« fragte es verwundert.
    »Nichts! Komm zurück! Ich will lernen!« stiess der Peter mit Unterbrechungen
hervor. Aber das Heidi hätte jetzt selbst gern gewusst, wo die Hottentotten
seien, und es wollte durchaus den Grossvater fragen. Der Peter schrie ihm aber so
verzweifelt nach, dass es nachgab und zurückkam. Nun musste er aber auch etwas tun
dafür. Nicht nur wurde das Z so manchmal wiederholt, dass der Buchstabe für alle
Zeit in seinem Gedächtnis festsitzen musste, sondern das Heidi ging gleich noch
zum Syllabieren über, und an dem Abend lernte der Peter so viel, dass er um einen
ganzen Ruck vorwärts kam. - So ging es weiter Tag für Tag.
    Der Schnee war wieder weich geworden, und darüberhin schneite es neuerdings
einen Tag um den andern, so dass das Heidi wohl drei Wochen lang gar nicht zur
Grossmutter hinauf konnte. Um so eifriger war es in seiner Arbeit an dem Peter,
dass er es ersetzen könne beim Liederlesen. So kam eines Abends der Peter heim
vom Heidi, trat in die Stube ein und sagte:
    »Ich kann's!«
    »Was kannst du, Peterli?« fragte erwartungsvoll die Mutter.
    »Das Lesen«, antwortete er.
    »Ist auch das möglich! Hast du's gehört, Grossmutter?« rief die Brigitte in
hoher Verwunderung aus.
    Die Grossmutter hatte es gehört und musste sich auch sehr verwundern, wie das
zugegangen sei.
    »Ich muss jetzt ein Lied lesen, das Heidi hat's gesagt«, berichtete der Peter
weiter. Die Mutter holte hurtig das Buch herunter und die Grossmutter freute
sich, sie hatte so lange kein gutes Wort gehört. Der Peter setzte sich an den
Tisch hin und begann zu lesen. Seine Mutter sass aufhorchend neben ihm; nach
jedem Vers musste sie mit Bewunderung sagen: »Wer hätte es auch denken können!«
    Auch die Grossmutter folgte mit Spannung einem Vers nach dem andern, sie
sagte aber nichts dazu.
    Am Tage nach diesem Ereignis traf es sich, dass in der Schule in Peters
Klasse eine Leseübung stattfand. Als die Reihe an den Peter kommen sollte, sagte
der Lehrer:
    »Peter, muss man dich wieder übergehen, wie immer, oder willst du einmal
wieder - ich will nicht sagen lesen, ich will sagen: versuchen, an einer Linie
herumzustottern?«
    Der Peter fing an und las hintereinander drei Linien, ohne abzusetzen.
    Der Lehrer legte sein Buch weg. Mit stummem Erstaunen blickte er auf den
Peter, so, als habe er desgleichen noch nie gesehen. Endlich sprach er:
    »Peter, an dir ist ein Wunder geschehen! So lange ich mit unbeschreiblicher
Geduld an dir gearbeitet habe, warst du nicht imstande, auch nur das
Buchstabieren richtig zu erfassen. Nun ich, obwohl ungern, die Arbeit an dir als
nutzlos aufgegeben habe, geschieht es, dass du erscheinst und hast nicht nur das
Buchstabieren, sondern ein ordentliches, sogar deutliches Lesen erlernt. Woher
können zu unserer Zeit denn noch solche Wunder kommen, Peter?«
    »Vom Heidi«, antwortete dieser.
    Höchst verwundert schaute der Lehrer nach dem Heidi hin, das ganz harmlos
auf seiner Bank sass, so dass nichts Besonderes an ihm zu sehen war. Er fuhr fort:
    »Ich habe überhaupt eine Veränderung an dir bemerkt, Peter. Während du
früher oftmals die ganze Woche, ja mehrere Wochen hintereinander in der Schule
gefehlt hast, so bist du in der letzten Zeit nicht einen Tag ausgeblieben. Woher
kann eine solche Umwandlung zum Guten in dich gekommen sein?«
    »Vom Öhi«, war die Antwort.
    Mit immer grösserem Erstaunen blickte der Lehrer vom Peter auf das Heidi und
von diesem wieder auf den Peter zurück.
    »Wir wollen es noch einmal versuchen«, sagte er dann behutsam; und noch
einmal musste der Peter an drei Linien seine Kenntnisse erproben. Es war richtig,
er hatte lesen gelernt.
    Sobald die Schule zu Ende war, eilte der Lehrer zum Herrn Pfarrer hinüber,
um ihm mitzuteilen, was vorgefallen war und in welcher erfreulichen Weise der
Öhi und das Heidi in der Gemeinde wirkten.
    Jeden Abend las jetzt der Peter daheim ein Lied vor; so weit gehorchte er
dem Heidi, weiter aber nicht, ein zweites unternahm er nie; die Grossmutter
forderte ihn aber auch nie dazu auf.
    Die Mutter Brigitte musste sich noch täglich verwundern, dass der Peter dieses
Ziel erreicht hatte, und an manchen Abenden, wenn die Vorlesung vorbei war und
der Vorleser in seinem Bett lag, musste sie wieder zur Grossmutter sagen:
    »Man kann sich doch nicht genug freuen, dass der Peterli das Lesen so schön
erlernt hat; jetzt kann man gar nicht wissen, was noch aus ihm werden kann.«
    Da antwortete einmal die Grossmutter:
    »Ja, es ist so gut für ihn, dass er etwas gelernt hat; aber ich will doch
herzlich froh sein, wenn der liebe Gott nun bald den Frühling schickt, dass das
Heidi auch wieder heraufkommen kann; es ist doch, wie wenn es ganz andere Lieder
läse. Es fehlt so manchmal etwas in den Versen, wenn sie der Peter liest, und
ich muss es dann suchen, und dann komm' ich nicht mehr nach mit den Gedanken und
der Eindruck kommt mir nicht ins Herz, wie wenn mir das Heidi die Worte liest.«
    Das kam aber daher, weil der Peter sich beim Lesen ein wenig einrichtete,
dass er's nicht zu unbequem hatte. Wenn ein Wort kam, das gar zu lang war, oder
sonst schlimm aussah, so liess er es lieber ganz aus, denn er dachte, um drei
oder vier Worte in einem Vers werde es der Grossmutter wohl gleich sein, es
kommen ja dann noch viele. So kam es, dass es fast keine Hauptwörter mehr hatte
in den Liedern, die der Peter vorlas.
 
                         Die fernen Freunde regen sich
Der Mai war gekommen. Von allen Höhen strömten die vollen Frühlingsbäche ins Tal
herab. Ein warmer, lichter Sonnenschein lag auf der Alp. Sie war wieder grün
geworden; der letzte Schnee war weggeschmolzen, und von den lockenden
Sonnenstrahlen geweckt, guckten schon die ersten Blümchen mit ihren hellen Augen
aus dem frischen Gras heraus. Droben rauschte der fröhliche Frühlingswind durch
die Tannen und schüttelte ihnen die alten, dunkeln Nadeln fort, dass die jungen,
hellgrünen herauskommen und die Bäume herrlich schmücken konnten. Hoch oben
schwang wieder der alte Raubvogel seine Flügel in den blauen Lüften und rings um
die Almhütte lag der goldene Sonnenschein warm am Boden und trocknete die
letzten feuchten Stellen auf, dass man wieder hinsitzen konnte, wo man nur
wollte.
    Das Heidi war wieder auf der Alp. Es sprang dahin und dortin und wusste gar
nicht, wo es am schönsten war. Jetzt musste es dem Winde lauschen, wie er tief
und geheimnisvoll oben von den Felsen heruntersauste, immer näher und immer
mächtiger, und jetzt schoss er in die Tannen und rüttelte und schüttelte sie, und
das war, als jauchze er vor Vergnügen, und das Heidi musste auch aufjauchzen und
wurde dabei hin-und hergeblasen wie ein Blättlein. Dann lief es wieder auf das
sonnige Plätzchen vor der Hütte und setzte sich auf den Boden und guckte in das
kurze Gras hinein, zu entdecken, wie viele kleine Blumenkelche sich öffnen
wollten und schon offen waren. Da hüpften und krochen und tanzten auch so viele
lustige Mücken und Käferchen in der Sonne herum und freuten sich, und das Heidi
freute sich mit ihnen und sog den Frühlingsduft, der aus dem frisch
erschlossenen Boden emporstieg, in langen Zügen ein und meinte, so schön sei es
noch nie auf der Alp gewesen. Den tausend kleinen Tierlein musste es so wohl sein
wie ihm, denn es war gerade, als summten und sängen sie in heller Freude alle
durcheinander:
    »Auf der Alp! Auf der Alp! Auf der Alp!«
    Vom Schopf hinter der Hütte hervor tönte es hie und da wie ein eifriges
Klopfen und Sägen, und das Heidi lauschte auch einmal dortin, denn das waren
die alten, heimatlichen Töne, die es so gut kannte, die von Anfang an zum Leben
auf der Alp gehört hatten. Jetzt musste es aufspringen und auch einmal dortin
rennen, denn es musste doch wissen, was beim Grossvater vorging. Vor der Schopftür
stand schon fix und fertig ein schöner, neuer Stuhl, und am zweiten arbeitete
der Grossvater mit geschickter Hand.
    »O, ich weiss schon, was das gibt!« rief das Heidi in Freuden aus. »Das ist
nötig, wenn sie von Frankfurt kommen. Der ist für die Grossmama und der, den du
jetzt machst, für die Klara und dann - dann muss noch einer sein«, fuhr das Heidi
zögernd fort, »oder glaubst du nicht, Grossvater, dass Fräulein Rottenmeier auch
mitkommt?«
    »Das kann ich nun nicht sagen«, meinte der Grossvater, »aber es ist sicherer,
einen Stuhl bereit zu haben, dass wir sie zum Sitzen einladen können, wenn sie
kommt.«
    Das Heidi schaute nachdenklich auf die hölzernen Stühlchen ohne Lehne hin
und machte still seine Betrachtungen darüber, wie Fräulein Rottenmeier und ein
solches Stühlchen zusammenpassen würden. Nach einer Weile sagte es, bedenklich
den Kopf schüttelnd:
    »Grossvater, ich glaube nicht, dass sie darauf sitzt.«
    »Dann laden wir sie auf das Kanapee mit dem schönen, grünen Rasenüberzug
ein«, entgegnete ruhig der Grossvater.
    Als das Heidi noch nachsann, wo das schöne Kanapee mit dem grünen
Rasenüberzug sei, erscholl plötzlich von oben her ein Pfeifen und Rufen und
Rutenschwingen durch die Luft, dass das Heidi sofort wusste, woran es war. Es
schoss hinaus und war augenblicklich von den herabspringenden Geissen dicht
umringt. Denen musste es wohl sein, wie es dem Heidi war, wieder auf der Alp zu
sein, denn sie machten so hohe Sprünge und meckerten so lebenslustig wie noch
nie und das Heidi wurde dahin und dortin gedrängt, denn jede wollte ihm
zunächst kommen und ihre Freude bei ihm auslassen. Aber der Peter stiess sie alle
weg, eine rechts und die andere links, denn er hatte dem Heidi eine Botschaft zu
überbringen. Als er zu ihm vorgedrungen war, hielt er ihm einen Brief entgegen.
    »Da!« sagte er, die weitere Erklärung der Sache dem Heidi selbst
überlassend. Es war sehr erstaunt.
    »Hast du denn auf der Weide einen Brief für mich bekommen?« fragte es voller
Verwunderung.
    »Nein«, war die Antwort.
    »Ja, wo hast du ihn denn genommen, Peter?«
    »Aus dem Brotsack.«
    Das war richtig. Gestern Abend hatte der Postbeamte im Dörfli ihm den Brief
an das Heidi mitgegeben. Den hatte der Peter in den leeren Sack gelegt. Am
Morgen hatte er seinen Käse und sein Stück Brot darauf gepackt und war
ausgezogen. Den Öhi und das Heidi hatte er wohl gesehen, als er ihre Geissen
abholte; aber erst als er um Mittag mit Brot und Käse zu Ende war und noch die
Krumen herausholen wollte, war der Brief wieder in seine Hand gekommen.
    Das Heidi las aufmerksam seine Adresse ab; dann sprang es zum Grossvater in
den Schopf zurück und streckte ihm in hoher Freude den Brief entgegen: »Von
Frankfurt! Von der Klara! Willst du ihn gleich hören, Grossvater?«
    Das wollte dieser schon gern, und auch der Peter, der dem Heidi gefolgt war,
schickte sich zum Zuhören an. Er stemmte sich mit dem Rücken gegen den
Türpfosten an, um einen festen Halt zu haben, denn so war es leichter, dem Heidi
nachzukommen, wie es nun seinen Brief herunterlas:
Liebes Heidi!
Wir haben schon alles verpackt und in zwei oder drei Tagen wollen wir abreisen,
sobald Papa auch abreist, aber nicht mit uns, er muss zuerst noch nach Paris
reisen. Alle Tage kommt der Herr Doktor und ruft schon unter der Tür: Fort!
fort! - Auf die Alp! Er kann es gar nicht erwarten, dass wir gehen. Du solltest
nur wissen, wie gern er selbst auf der Alp war! Den ganzen Winter ist er fast
jeden Tag zu uns gekommen; dann sagte er immer, er komme zu mir, er müsse mir
wieder erzählen! Dann setzte er sich zu mir hin und erzählte von allen Tagen,
die er mit Dir und dem Grossvater auf der Alp zugebracht hat, und von den Bergen
und den Blumen und von der Stille so hoch oben über allen Dörfern und Strassen,
und von der frischen, herrlichen Luft; und er sagte oft: Dort oben müssen alle
Menschen wieder gesund werden. Er ist auch selbst wieder so anders geworden, als
er eine Zeit lang war, ganz jung und fröhlich sieht er wieder aus. O, wie freu'
ich mich, das alles zu sehen und bei Dir auf der Alp zu sein, und auch den Peter
und die Geissen kennen zu lernen! Erst muss ich in Ragaz etwa sechs Wochen lang
eine Kur machen, das hat der Herr Doktor befohlen, und dann sollen wir im Dörfli
wohnen nachher, und ich soll dann an schönen Tagen auf die Alp hinaufgefahren
werden in meinem Stuhl und den Tag über bei Dir bleiben. Die Grossmama kommt mit
und bleibt bei mir; sie freut sich auch, zu Dir hinaufzukommen. Aber denk,
Fräulein Rottenmeier will nicht mit. Fast jeden Tag sagt die Grossmama einmal:
Wie ist's mit der Schweizerreise, werte Rottenmeier? Genieren Sie sich nicht,
wenn Sie Lust haben, mitzukommen. Aber sie dankt immer furchtbar höflich und
sagt, sie wolle nicht unbescheiden sein. Aber ich weiss schon, woran sie denkt:
Der Sebastian hat eine so erschreckliche Beschreibung von der Alp gemacht, als
er von Deinem Begleit nachhause kam, wie furchtbare Felsen dort herunterstarren
und man überall in Klüfte und Abgründe niederstürzen könne, und dass es so steil
hinaufgehe, dass man auf jedem Tritt befürchten müsse, wieder rücklings
herunterzukommen, und dass wohl Ziegen, aber keine Menschen ohne Lebensgefahr da
hinaufklettern können. Sie hat sehr geschaudert vor dieser Beschreibung und
seiter schwärmt sie nicht mehr für Schweizerreisen, wie früher. Der Schrecken
ist auch in die Tinette gefahren, sie will auch nicht mit. So kommen wir allein,
Grossmama und ich; nur Sebastian muss uns bis nach Ragaz begleiten, dann kann er
wieder heimkehren.
    Ich kann es fast nicht erwarten, bis ich zu Dir kommen kann.
    Lebe wohl, liebes Heidi, die Grossmama lässt Dich tausendmal grüssen.
    Deine treue Freundin
                                                                          Klara.
Als der Peter diese Worte vernommen hatte, sprang er von dem Türpfosten weg und
hieb mit seiner Rute nach rechts und links so rücksichtslos und wütend drein,
dass die Geissen alle im höchsten Schrecken die Flucht ergriffen und den Berg
hinunterrannten in so masslosen Sprüngen, wie sie noch selten gemacht hatten.
Hinter ihnen her stürmte der Peter und hieb mit seiner Rute in die Luft hinein,
als habe er an einem unsichtbaren Feind einen unerhörten Grimm auszulassen.
Dieser Feind war die Aussicht auf die Ankunft der Gäste aus Frankfurt, welche
den Peter so sehr erbittert hatte.
    Das Heidi war so voller Glück und Freude, dass es durchaus am andern Tag der
Grossmutter einen Besuch machen und ihr alles erzählen musste, wer nun von
Frankfurt kommen, und besonders auch, wer nicht kommen werde; das musste für die
Grossmutter ja von der grössten Wichtigkeit sein, denn sie kannte die Personen
alle so genau und lebte mit dem Heidi alles, was zu seinem Leben gehörte,
immerfort mit der tiefsten Teilnahme durch. Es zog auch beizeiten aus am
folgenden Nachmittag, denn jetzt konnte es seine Besuche schon wieder allein
unternehmen: die Sonne schien ja wieder hell und blieb lange am Himmel stehen,
und über den trockenen Boden hin war es ein herrliches Bergabrennen, während der
lustige Maiwind hinterhersauste und das Heidi noch ein wenig schneller
hinunterjagte. Die Grossmutter lag nicht mehr zu Bett. Sie sass wieder in ihrer
Ecke und spann. Es lag aber ein Ausdruck auf ihrem Gesicht, als habe sie es mit
schweren Gedanken zu tun. Das war so seit gestern Abend, und die ganze Nacht
durch hatten diese Gedanken sie verfolgt und nicht schlafen lassen. Der Peter
war in seinem grossen Grimm heimgekommen, und sie hatte seinen abgebrochenen
Ausrufungen entnehmen können, dass eine Schar von Leuten aus Frankfurt nach der
Almhütte hinaufkommen werde. Was dann weiter geschehen sollte, wusste er nicht;
aber die Grossmutter musste weiter denken, und das waren gerade die Gedanken, die
sie ängstigten und ihr den Schlaf genommen hatten.
    Jetzt sprang das Heidi herein und gerade auf die Grossmutter zu, setzte sich
auf sein Schemelchen, das immer da stand, und erzählte ihr mit einem solchen
Eifer alles, was es wusste, dass es selbst immer noch mehr davon erfüllt wurde.
Aber auf einmal hörte es mitten in seinem Satz auf und fragte besorgt:
    »Was hast du, Grossmutter, freut dich alles gar kein bisschen?«
    »Doch, doch Heidi, es freut mich schon für dich, weil du eine so grosse
Freude daran haben kannst«, antwortete sie und suchte ein wenig fröhlich
auszusehen.
    »Aber, Grossmutter, ich kann ganz gut sehen, dass es dir angst ist. Meinst du
etwa, Fräulein Rottenmeier komme doch noch mit?« fragte das Heidi, selber etwas
ängstlich.
    »Nein, nein! Es ist nichts, es ist nichts!« beruhigte die Grossmutter. »Gib
mir ein wenig deine Hand, Heidi, dass ich recht spüren kann, dass du noch da bist.
Es wird ja doch zu deinem Besten sein, wenn ich es auch fast nicht überleben
kann.«
    »Ich will nichts von dem Besten, wenn du es fast nicht überleben kannst,
Grossmutter«, sagte das Heidi so bestimmt, dass dieser mit einemmal eine neue
Befürchtung aufstieg; sie musste ja annehmen, dass die Leute aus Frankfurt kommen,
das Heidi wieder zu holen, denn da es nun wieder so gesund war, konnte es ja
nicht anders sein, als dass sie es wieder haben wollten. Das war die grosse Angst
der Grossmutter. Aber sie fühlte jetzt, dass sie es vor dem Heidi nicht merken
lassen sollte; es war ja so mitleidig mit ihr, und da könnte es sich vielleicht
widersetzen und nicht gehen wollen, und das durfte nicht sein. Sie suchte nach
einer Hilfe, aber nicht lange, denn sie kannte nur eine.
    »Ich weiss etwas, Heidi«, sagte sie nun, »das macht mir wohl und bringt mir
die guten Gedanken wieder. Lies mir das Lied, wo es gleich im Anfang heisst: Gott
will's machen.«
    Das Heidi wusste jetzt so gut Bescheid in dem alten Liederbuch, dass es auf
der Stelle fand, was die Grossmutter begehrte, und es las mit hellem Ton:
Gott will's machen,
Dass die Sachen
Gehen, wie es heilsam ist.
Lass die Wellen
Immer schwellen,
Denk, wie du so sicher bist!
»Ja, ja, das ist's grad, was ich hören musste«, sagte die Grossmutter erleichtert,
und der Ausdruck der Bekümmernis verschwand aus ihrem Gesichte. Das Heidi
schaute sie nachdenklich an, dann sagte es:
    »Gelt, Grossmutter, heilsam heisst, wenn alles heilt, dass es einem wieder ganz
wohl wird?«
    »Ja, ja, so wird's sein«, nickte bejahend die Grossmutter, »und weil der
liebe Gott es so machen will, so kann man ja sicher sein, wie's auch kommt. Lies
es noch einmal, Heidi, dass wir's so recht behalten können und nicht wieder
vergessen.«
    Das Heidi las seinen Vers gleich noch einmal und dann noch ein paarmal, denn
die Sicherheit gefiel ihm auch so gut.
    Als so der Abend herangekommen war und das Heidi wieder den Berg
hinaufwanderte, da kam über ihm ein Sternlein nach dem andern heraus und
funkelte und leuchtete zu ihm herunter und es war gerade, als wollte jedes
wieder neu ihm eine grosse Freude ins Herz hineinstrahlen, und alle Augenblicke
musste das Heidi wieder stille stehen und hinaufschauen, und wie sie alle ringsum
am Himmel in immer hellerer Freude herunterblickten, da musste es ganz laut
hinaufrufen: »Ja, ich weiss schon, weil der liebe Gott alles so gut weiss, wie es
heilsam ist, kann man eine solche Freude haben und ganz sicher sein!« Und die
Sternlein alle schimmerten und glänzten und winkten dem Heidi zu mit ihren Augen
fort und fort, bis es oben bei der Hütte angekommen war, wo der Grossvater stand
und auch zu den Sternen hinaufschaute, denn so schön hatten sie lange nicht mehr
heruntergestrahlt.
    Nicht nur die Nächte, auch die Tage dieses Maimonats waren so hell und klar,
wie seit vielen Jahren nicht mehr, und öfters schaute der Grossvater am Morgen
mit Erstaunen zu, wie die Sonne mit derselben Pracht am wolkenlosen Himmel
wieder aufstieg, wie sie niedergegangen war, und er musste wiederholt sagen: »Das
ist ein apartes Sonnenjahr; das gibt besondere Kraft in die Kräuter. Pass auf,
Anführer, dass deine Springer nicht zu übermütig werden vom guten Futter!«
    Dann schwang der Peter ganz kühn seine Rute in der Luft und auf seinem
Gesicht stand deutlich die Antwort geschrieben: Mit denen will ich's schon
aufnehmen.
    So verfloss der grünende Mai und es kam der Juni mit seiner noch wärmeren
Sonne und den langen, langen, lichten Tagen, die alle Blümlein auf der ganzen
Alp herauslockten, dass sie glänzten und glühten ringsum und die ganze Luft weit
umher mit ihrem süssen Duft erfüllten. Schon ging auch dieser Monat seinem Ende
entgegen, als das Heidi eines Morgens aus der Hütte herausgesprungen kam, wo es
seine Morgengeschäfte schon vollendet hatte. Es wollte schnell einmal unter die
Tannen hinaus, und dann ein wenig weiter hinauf, um zu sehen, ob der ganze grosse
Busch von dem Tausendgüldenkraut offen stehe, denn die Blümchen waren so
entzückend schön in der durchscheinenden Sonne. Aber als das Heidi um die Hütte
herumrennen wollte, schrie es auf einmal aus allen Kräften so gewaltig auf, dass
der Öhi aus dem Schopf heraustrat, denn das war etwas Ungewöhnliches.
    »Grossvater! Grossvater!« rief das Kind wie ausser sich: »Komm hierher! Komm
hierher! Sieh! Sieh«
    Der Grossvater erschien auf den Ruf und sein Blick folgte dem ausgestreckten
Arm des aufgeregten Kindes.
    Die Alm herauf schlängelte sich ein seltsamer Zug, wie noch nie einer hier
gesehen worden war. Zuerst kamen zwei Männer mit einem offenen Tragsessel,
darauf sass ein junges Mädchen, in viele Tücher eingehüllt. Dann kam ein Pferd,
darauf sass eine stattliche Dame, die sehr lebhaft nach allen Seiten blickte und
sich eifrig mit dem jungen Führer unterhielt, der ihr zur Seite ging. Dann kam
ein leerer Rollstuhl, von einem andern jungen Burschen gestossen, denn die
Kranke, die hineingehörte, wurde den steilen Berg hinan auf dem Tragsessel
sicherer transportiert. Zuletzt kam ein Träger, der hatte auf sein Reff so viele
Decken, Tücher und Pelze übereinandergehäuft, dass sie oben noch hoch über seinen
Kopf hinausragten.
    »Sie sind's! Sie sind's!« schrie das Heidi und hüpfte hochauf vor Freude.
Sie waren es wirklich. Nun kamen sie näher und näher, und nun waren sie da. Die
Träger setzten ihren Sessel auf die Erde, das Heidi sprang herzu und die beiden
Kinder begrüssten sich mit ungeheurer Freude. Jetzt war auch die Grossmama oben
und stieg von ihrem Pferd herunter. Das Heidi rannte zu ihr hin und wurde mit
grosser Zärtlichkeit begrüsst. Dann wandte sich die Grossmama zum Alm-Öhi um, der
sich genaht hatte, um sie zu bewillkommnen. Da war gar keine Steifheit in der
Begrüssung, denn sie kannte ihn und er sie so gut, als hätten sie schon lange
Zeit miteinander verkehrt.
    Gleich nach den ersten Worten der Begrüssung sagte auch die Grossmama mit
grosser Lebhaftigkeit: »Mein lieber Öhi, was haben Sie für einen Herrensitz! Wer
hätte das gedacht! Mancher König könnte Sie darum beneiden! Wie sieht auch mein
Heidi aus! - Wie ein Monatsröschen«, fuhr sie fort, indem sie das Kind an sich
zog und ihm die frischen Backen streichelte. »Was ist das für eine Herrlichkeit
um und um! Was sagst du, Klärchen, mein Kind, was sagst du?«
    Klara schaute in völligem Entzücken um sich; so etwas hatte sie ja in ihrem
ganzen Leben nicht gekannt, nicht geahnt.
    »O, wie schön ist's da! O, wie schön ist's da!« rief sie ein Mal ums andere
aus; »so hab' ich mir's nicht gedacht. O Grossmama, hier möcht' ich bleiben!«
    Der Öhi hatte derweilen den Rollstuhl herbeigerückt und einige der Tücher
vom Reff heruntergenommen und hineingebettet. Jetzt trat er an den Tragsessel
heran.
    »Wenn wir das Töchterchen nun in den gewohnten Stuhl setzten, so wäre es
besser daran, der Reisesessel ist ein wenig hart«, sagte er, wartete aber nicht
darauf, ob da jemand Hand anlegen werde, sondern hob sofort die kranke Klara mit
seinen starken Armen sachte aus dem Strohsessel und setzte sie mit der grössten
Sorgfalt auf den weichen Sitz hin. Dann legte er ihr die Tücher über die Knie
zurecht und bettete ihr die Füsse so bequem auf die Polster, als hätte der Öhi
sein Leben lang nichts getan, als Menschen mit kranken Gliedern gepflegt. Die
Grossmama hatte im höchsten Erstaunen zugeschaut.
    »Mein lieber Öhi«, brach sie jetzt aus, »wenn ich wüsste, wo Sie die
Krankenpflege erlernt haben, noch heute schickte ich alle Wärterinnen, die ich
kenne, dahin, dass sie dasselbe tun. Wie ist denn so etwas möglich?«
    Der Öhi lächelte ein wenig. »Es kommt mehr vom Probieren, als vom
Studieren«, entgegnete er, aber auf seinem Gesichte lag trotz des Lächelns ein
Zug der Traurigkeit. Vor seinen Augen war aus längstvergangener Zeit das
leidende Antlitz eines Mannes aufgestiegen, der so in einen Stuhl gebettet da
sass und so verstümmelt war, dass er kaum ein Glied mehr gebrauchen konnte. Das
war sein Hauptmann, den er in Sizilien nach dem heissen Gefecht so an der Erde
gefunden und weggetragen hatte und der ihn nachher als einzigen Pfleger um sich
litt und nicht mehr von sich gelassen hatte, bis seine schweren Leiden zu Ende
waren. Der Öhi sah seinen Kranken wieder vor sich; es war ihm nicht anders, als
ob es jetzt seine Sache sei, die kranke Klara zu pflegen und ihr alle die
erleichternden Dienstleistungen zu erweisen, die er so wohl kannte.
    Der Himmel lag dunkelblau und wolkenlos über der Hütte und über den Tannen
und weit über die hohen Felsen weg, die grau schimmernd hineinragten. Klara
konnte sich gar nicht genug umschauen, sie war ganz voller Entzücken über alles,
was sie sah.
    »O Heidi, wenn ich nur mit dir herumgehen könnte, hier rund um die Hütte und
unter die Tannen!« rief sie sehnsüchtig aus. »Wenn ich doch alles mit dir
ansehen könnte, was ich schon so lange kenne und doch noch nie gesehen habe!«
    Jetzt machte das Heidi eine grosse Anstrengung, und richtig, es gelang, der
Stuhl rollte ganz schön über den trockenen Grasboden hin bis unter die Tannen.
Hier wurde Halt gemacht. So etwas hatte ja Klara wieder in ihrem Leben nie
gesehen, wie die hohen, alten Tannen waren, deren lange, breite Äste bis auf den
Boden herabwuchsen und da immer grösser und dicker wurden. Auch die Grossmama, die
den Kindern gefolgt war, stand in hoher Bewunderung da. Sie wusste nicht, was das
Schönste an den uralten Bäumen war, ob die vielen, rauschenden Wipfel hoch oben
im Blau, oder die graden, festen Säulenstämme, die mit ihren gewaltigen Ästen
von so vielen, vielen Jahren erzählten, die sie schon da oben gestanden und auf
das Tal niedergeschaut hatten, wo die Menschen kamen und gingen und immer wieder
alles anders wurde, und sie waren immer dieselben geblieben.
    Unterdessen hatte das Heidi den Rollstuhl vor den Geissenstall hingeschoben
und hatte da die kleine Tür weit aufgerissen, damit Klara auch alles recht sehen
könne. Da war nun freilich für diesmal nicht sehr viel zu sehen, da die Bewohner
nicht daheim waren. Ganz bedauerlich rief Klara zurück:
    »O Grossmama, wenn ich doch nur Schwänli und Bärli noch erwarten könnte und
alle die anderen Geissen und den Peter! Die kann ich ja alle gar nicht sehen,
wenn wir dann immer so früh fort müssen, wie du gesagt hast; das ist so schade!«
    »Liebes Kind, jetzt erfreuen wir uns an all dem Schönen, das da ist, und
denken nicht daran, was noch fehlen könnte«, berichtigte die Grossmama, dem
Stuhle folgend, der nun wieder weitergeschoben wurde.
    »O die Blumen!« schrie Klara wieder auf, »ganze Büsche so feine, rote
Blümchen und alle die nickenden Blauglöckchen! O wenn ich doch heraus könnte und
sie holen!
    Das Heidi rannte augenblicklich hin und brachte einen grossen Strauss zurück.
    »Aber das ist noch gar nichts, Klara«, sagte es, die Blumen auf ihren Schoss
legend. »Wenn du einmal mit uns auf die Weide hinaufkommst, dann wirst du erst
etwas sehen! Auf einem Platz zusammen so viele, viele Büsche von dem roten
Tausendgüldenkraut und noch viel, viel mehr blaue Glockenblümchen, als hier, und
so viele Tausend von den hellen, gelben, dass es ist, wie lauter Gold, das am
Boden glänzt. Der Grossvater sagt, sie heissen Sonnenaugen und dann sind noch die
braunen, weisst, mit den runden Köpfchen, die riechen so gut, und da ist es so
schön! Wenn man da sitzt, dann kann man gar nicht mehr aufstehen, so schön ist
es!«
    Heidis Augen funkelten vor Verlangen, wieder zu sehen, was es beschrieb, und
Klara war wie angezündet davon, und aus ihren sanften, blauen Augen leuchtete
ein völliger Widerschein von Heidis feurigem Verlangen auf.
    »O Grossmama, kann ich wohl dahin kommen? Glaubst du, ich kann so hoch
hinauf?« fragte sie sehnsüchtig. »O wenn ich nur gehen könnte, Heidi, und so mit
dir auf der Alp herumsteigen, überall hin!«
    »Ich will dich schon stossen«, beruhigte sie das Heidi und nahm nun zum
Zeichen, wie leicht das gehe, einen solchen Anlauf um die Ecke herum, dass der
Stuhl fast den Berg hinuntergeflogen wäre. Da stand aber der Grossvater in der
Nähe und hielt ihn eben noch rechtzeitig auf in seinem Lauf.
    Während der Besuch unter den Tannen stattgefunden hatte, war der Grossvater
nicht müssig gewesen. Bei der Bank vor der Hütte stand jetzt der Tisch und die
nötigen Stühle, und alles lag schon bereit, damit hier das schöne Mittagsmahl
eingenommen werden konnte, das noch in der Hütte drinnen im Kessel dampfte und
an der grossen Gabel über den Gluten schmorte. Es währte aber gar nicht lange, so
hatte der Grossvater alles auf den Tisch gesetzt, und fröhlich sass nun die ganze
Gesellschaft beim Mahle.
    Die Grossmama war in hellem Entzücken über diesen Speisesaal, von dem aus man
weit, weit hinab ins Tal und über alle Berge weg in den blauen Himmel hinein
schauen konnte. Ein milder Wind fächelte den Tischgenossen liebliche Kühlung zu
und säuselte drüben in den Tannen so anmutig, als wäre er eine eigens zum Feste
bestellte Tafelmusik.
    »So etwas ist mir noch nicht vorgekommen. Es ist eine wahre Herrlichkeit!«
rief die Grossmama wieder und wieder aus. »Aber was seh' ich«, setzte sie jetzt
in höchster Bewunderung hinzu, »ich glaube gar, du bist an einem zweiten Stück
Käsebraten angekommen, Klärchen?«
    Wirklich lag das zweite, golden glänzende Stück auf Klaras Brotschnitte.
    »O, das schmeckt so gut, Grossmama, besser als die ganze Tafel in Ragaz«,
versicherte Klara und biss mit grossem Appetit in die gewürzige Speise hinein.
    »Nur zu! Nur zu!« sagte der Alm-Öhi wohlgefällig. »Das ist unser Bergwind,
der hilft nach, wo die Küche zurückbleibt.«
    So nahm das fröhliche Mahl seinen Verlauf. Die Grossmama und der Alm-Öhi
verstanden sich ausnehmend wohl und ihr Gespräch war immer belebter geworden.
Sie stimmten in allerhand Meinungen über Menschen und Dinge und den Verlauf der
Welt so gut überein, dass es war, als hätten die beiden schon jahrelang in einem
freundschaftlichen Verkehr gestanden. So ging eine gute Zeit dahin und auf
einmal schaute die Grossmama gegen Abend hin und sagte:
    »Wir müssen uns bald rüsten, Klärchen, die Sonne ist schon weit vorgerückt;
die Leute müssen bald wiederkommen mit Pferd und Sessel.«
    Aber auf das eben noch so fröhliche Gesicht der Klara kam ein ganz trauriger
Ausdruck und sie bat eindringlich:
    »O, nur noch eine Stunde, Grossmama, oder zwei! Wir haben ja die Hütte noch
gar nicht gesehen und Heidis Bett und die ganze Einrichtung. O wenn der Tag nur
noch zehn Stunden hätte!«
    »Das ist nun nicht gut möglich«, meinte die Grossmama, aber die Hütte wollte
sie auch gern noch ansehen. Man brach also gleich vom Tisch auf, und der Öhi
lenkte den Stuhl mit fester Hand der Tür zu. Aber hier ging es nicht weiter, der
Stuhl war viel zu breit, um durch die Öffnung eingehen zu können. Der Öhi besann
sich nicht lange. Er hob Klara heraus und trug sie auf seinem sicheren Arm in
die Hütte hinein.
    Hier lief die Grossmama hin und her und besah sich genau die ganze
Einrichtung und hatte ihren grossen Spass an der ganzen Häuslichkeit, die so
hübsch aufgeräumt und wohlgeordnet aussah. »Das ist ja wohl dein Bett dort auf
der Höhe, Heidi, nicht wahr?« fragte sie jetzt und stieg gleich unerschrocken
das Leiterchen hinauf zum Heuboden. »O wie das hübsch duftet, das muss ein
gesundes Schlafgemach sein!« Und die Grossmama ging zu dem Loch hin und guckte
durch, und schon stieg auch der Grossvater mit der Klara auf dem Arm nach, und
hintendrein hüpfte das Heidi herauf.
    Jetzt standen sie alle um Heidis schön ausgerüstetes Heubett herum, und ganz
nachdenklich schaute die Grossmama darauf hin und zog von Zeit zu Zeit in langen
Atemzügen den würzigen Duft des frischen Heues mit Behagen ein. Klara war von
Heidis Schlafstätte völlig hingerissen.
    »O, Heidi, wie lustig hast du's doch! Vom Bett aus siehst du gerade in den
Himmel hinein und hast einen so schönen Geruch um dich und hörst die Tannen
rauschen draussen. O so lustig und kurzweilig hab' ich noch gar kein Schlafzimmer
gesehen!«
    Der Öhi schaute jetzt zu der Grossmama hinüber.
    »Ich hätte so meine Gedanken«, sagte er, »wenn die Frau Grossmama mir glauben
wollte und ihr die Sache nicht widerstrebte. Ich meine, wenn wir das Töchterchen
ein wenig hier oben behielten, so könnte es zu neuen Kräften kommen. Es sind da
so allerhand Tücher und Decken mitgekommen, aus denen bereiten wir hier ein ganz
apart weiches Bett, und um die Pflege des Töchterchens müsste die Frau Grossmama
keine Sorge haben, die übernehme ich.«
    Klara und Heidi jauchzten miteinander auf wie zwei freigelassene Vögel, und
über das Gesicht der Grossmama kam ein ganzer Sonnenschein.
    »Mein lieber Öhi, Sie sind ein prächtiger Mann!« brach sie aus. »Was meinen
Sie, was ich eben jetzt dachte? Ich sagte im stillen: Müsste nicht ein Aufentalt
hier oben das Kind ganz besonders stärken? Aber die Pflege! die Sorge! die
Unbequemlichkeit für den Wirt! Und Sie kommen und sprechen es aus, als wäre da
gar nichts dabei. Ich muss Ihnen danken, mein lieber Öhi, ich muss Ihnen von
ganzem Herzen danken!« Und die Grossmama schüttelte dem Öhi die Hand ein Mal ums
andere und immer wieder, und der Öhi schüttelte auch die ihrige mit einem ganz
erfreuten Gesicht.
    Sofort ging der Öhi zur Tat über. Er trug Klara in ihren Sessel vor die
Hütte zurück, vom Heidi gefolgt, das nicht wusste, wie hoch es vor Freude
springen wollte. Dann lud er gleich die sämtlichen Tücher und Pelzdecken auf
seine Arme und sagte wohlgefällig lächelnd: »Es ist gut, dass die Frau Grossmama
so wie zu einem Winterfeldzug gerüstet hatte; das können wir brauchen.«
    »Mein lieber Öhi«, antwortete die Herzutretende lebhaft, »Vorsicht ist eine
schöne Tugend und schützt vor manchem Ungemach. Wenn man auf den Reisen über
Ihre Gebirge ohne Sturm und Wind und Wolkenbrüche davonkommt, so kann man nur
danken und das wollen wir tun, und meine Schutzmittelchen sind auch so noch gut
zu gebrauchen; darin sind wir einig.«
    Während dieses kleinen Gespräches waren die beiden nach dem Heuboden
hinaufgestiegen und begannen nun die Tücher über das Bett hinzubreiten, eins
nach dem andern. Da waren ihrer so viele, dass das Bett zuletzt aussah wie eine
kleine Festung.
    »Jetzt soll mir noch ein einziger Heuhalm durchstechen, wenn er kann«, sagte
die Grossmama, indem sie noch einmal mit der Hand auf allen Seiten eindrückte;
aber die weiche Mauer war so undurchdringlich, dass wirklich keiner mehr
durchstach. Nun stieg sie befriedigt die Leiter hinunter und trat zu den Kindern
heraus, die mit strahlenden Angesichtern nah zusammensassen und ausmachten, was
sie nun tun wollten vom Morgen bis zum Abend, so lange Klara auf der Alp bleiben
durfte. Aber wie lange würde das sein? Das war nun die grosse Frage, welche
augenblicklich der Grossmama vorgelegt wurde. Die sagte, das wisse der Grossvater
am besten, ihn müssten sie fragen, und als dieser eben herzutrat und nun die
Frage an ihn gerichtet wurde, meinte er, vier Wochen seien gerade recht, um
beurteilen zu können, ob die Alpluft ihre Schuldigkeit an dem Töchterchen tue,
oder nicht. Jetzt jubelten die Kinder erst recht auf, denn die Aussicht auf
solches Zusammenbleiben übertraf alle ihre Erwartungen.
    Nun sah man von unten herauf wieder die Sesselträger und den Pferdeführer
mit seinem Tier heranrücken. Die ersteren konnten gleich wieder umkehren.
    Als die Grossmama sich anschickte, ihr Pferd zu besteigen, rief Klara
fröhlich aus: »O Grossmama, das ist nun gar kein Abschied, wenn du schon
fortreitest, denn nun kommst du von Zeit zu Zeit zu uns zu Besuch auf die Alp,
um zu sehen, was wir machen, und das ist dann so lustig, nicht, Heidi?«
    Heidi, das heute von einem Vergnügen ins andere fiel, konnte seine
zustimmende Antwort nur durch einen hohen Freudensprung ausdrücken.
    Nun bestieg die Grossmama das feste Saumtier, und der Öhi ergriff den Zügel
und führte das Pferd mit sicherer Hand den steilen Berg hinunter. Wie auch die
Grossmama eiferte, er möchte doch nicht so weit mitgehen, es half nichts; der Öhi
erklärte, er werde ihr sein Geleit bis zum Dörfli hinunter geben, da die Alp so
steil und der Ritt nicht ohne Gefahr sei.
    In dem einsamen Dörfli gedachte die Grossmama, nun sie allein war, nicht zu
bleiben. Sie wollte nach Ragaz zurückkehren und von dort aus dann von Zeit zu
Zeit ihre Alpenreise wiederholen.
    Noch bevor der Öhi wieder zurückgekehrt war, kam der Peter mit seinen Geissen
dahergerannt. Als diese merkten, wo das Heidi war, stürzten sie alle der Stelle
zu; im Augenblick war die Klara in ihrem Stuhl samt dem Heidi mitten in dem
Rudel drinnen, und drängend und stossend guckte immer eine der Geissen über die
andere her und jede wurde gleich vom Heidi der Klara genannt und vorgestellt.
    So kam es, dass diese in der kürzesten Zeit die langerwünschte Bekanntschaft
mit dem kleinen Schneehöppli, dem lustigen Distelfink, den sauberen Geissen des
Grossvaters, mit allen, allen, bis hinauf zum grossen Türk, gemacht hatte. Der
Peter aber stand derweilen abseits und warf seltsam drohende Blicke auf die
vergnügte Klara hin.
    Als nun die Kinder beide freundlich zu ihm hinüberriefen: »Gute Nacht,
Peter!« gab er durchaus keine Antwort, sondern hieb mit seiner Rute so grimmig
in die Luft hinein, als wollte er diese völlig entzweischlagen. Dann lief er
davon und sein Gefolge hinter ihm her.
    Zu allem Schönen, das Klara heute auf der Alp schon gesehen hatte, kam nun
noch der Schluss.
    Als sie oben auf dem Heuboden auf dem grossen, weichen Bette lag, zu dem nun
auch das Heidi emporkletterte, da schaute sie durch das offene, runde Loch
gerade mitten in die schimmernden Sterne hinein, und voller Entzücken rief sie
aus:
    »O Heidi, sieh, es ist gerade, wie wenn wir auf einem hohen Wagen in den
Himmel hineinfahren würden!«
    »Ja, und weisst du, warum die Sterne so voller Freude sind und uns so mit den
Augen winken?« fragte das Heidi.
    »Nein, das weiss ich nicht; was meinst du denn?« fragte Klara zurück.
    »Weil sie droben im Himmel sehen, wie der liebe Gott alles so gut einrichtet
für die Menschen, dass sie gar keine Angst haben müssen und ganz sicher sein
können, weil alles so kommt, wie es heilsam ist. Das freut sie so; sieh, wie sie
winken, dass wir auch so fröhlich sein sollen! Aber weisst, Klara, wir müssen auch
nicht vergessen, zu beten, wir müssen recht den lieben Gott bitten, dass er auch
an uns denke, wenn er alles so schön einrichtet, dass wir auch immer so sicher
sein können und uns vor gar nichts fürchten müssen.«
    Jetzt sassen die Kinder noch einmal auf und sagten jedes sein Nachtgebet.
Dann legte sich das Heidi auf seinen runden Arm und schlief augenblicklich ein.
Aber Klara blieb noch lange wach, denn etwas so Wunderbares, wie diese
Schlafstätte im Sternenschein, hatte sie noch in ihrem Leben nicht gesehen.
    Sie hatte ja überhaupt kaum je die Sterne gesehen, denn ausser dem Hause war
sie des Nachts nie gewesen und drinnen wurden die dichten Vorhänge längst
niedergelassen, bevor die Sterne kamen. So wenn sie jetzt die Augen zumachen
wollte, musste sie sie gleich noch einmal aufschlagen, um zu sehen, ob denn die
beiden grossen, hellen Sterne immer noch hereinfunkelten und so merkwürdig
winkten, wie das Heidi gesagt hatte. Und immer noch war es so, und Klara konnte
es nicht genug bekommen, in das Flimmern und Leuchten hineinzuschauen, bis
endlich ihre Augen von selbst zufielen und sie nur im Traum noch die zwei
grossen, schimmernden Sterne sah.
 
                         Wie es auf der Alp weiter geht
Eben war die Sonne hinter den Felsen heraufgestiegen und warf nun ihre goldenen
Strahlen über die Hütte und über das Tal hinab. Der Alm-Öhi hatte, wie er jeden
Morgen tat, still und andächtig zugeschaut, wie ringsum auf den Höhen und im Tal
die leichten Nebel sich lichteten und das Land aus dem Dämmerschatten
herausschaute und zum neuen Tag erwachte.
    Heller und heller wurden oben die lichten Morgenwolken, bis jetzt die Sonne
völlig heraustrat und Fels und Wald und Hügel mit goldenem Lichte übergoss.
    Jetzt trat der Öhi in seine Hütte zurück und ging leise die kleine Leiter
hinauf. Klara hatte eben die Augen aufgeschlagen und schaute in der höchsten
Verwunderung auf die hellen Sonnenstrahlen, die durch das runde Loch
hereindrangen und auf ihrem Bett tanzten und blitzten. Sie wusste gar nicht, was
sie sah und wo sie war. Doch jetzt erblickte sie das schlafende Heidi an ihrer
Seite und nun ertönte auch die freundliche Stimme des Grossvaters: »Gut
geschlafen? Nicht müde?« Klara versicherte, sie sei nicht müde, und, einmal
eingeschlafen, sei sie auch die ganze Nacht nicht mehr erwacht. Das gefiel dem
Grossvater, und nun fing er gleich an und besorgte die Klara so gut und so
verständnisvoll, als wäre es geradezu sein Beruf, kranke Kinder zu besorgen und
es ihnen bequem zu machen.
    Das Heidi hatte jetzt seine Augen auch aufgemacht und sah auf einmal mit
Erstaunen, wie der Grossvater die schon fertig gerüstete Klara auf den Arm nahm
und forttrug. Da musste es doch dabei sein. Blitzschnell ging seine Ausrüstung
vor sich; dann ging's die Leiter hinunter, und nun war auch das Heidi aus der
Tür und stand draussen, mit grosser Verwunderung betrachtend, was der Grossvater
jetzt wieder ausführte. Er hatte am Abend vorher, als die Kinder schon oben auf
ihrem Lager angekommen waren, überlegt, wo der breite Rollstuhl unter Dach
gebracht werden könnte. Die Tür der Hütte war ja viel zu schmal, hier konnte er
nie eingefahren werden. Da war ihm ein Gedanke gekommen. Er machte hinten am
Schopf zwei grosse Laden los, so dass da eine grosse Einfahrt entstand. Der Stuhl
wurde hineingestossen und die hohen Bretter wieder an ihre Stelle gebracht, wenn
auch nicht fest gemacht. Das Heidi kam eben an, nachdem der Grossvater Klara
drinnen in ihren Stuhl gesetzt, dann die Bretter weggenommen hatte und nun mit
ihr aus dem Schopf in den Morgensonnenschein herausgefahren kam. Mitten auf dem
Platz liess er den Stuhl stehen und ging dem Geissenstall zu. Das Heidi sprang an
Klaras Seite.
    Der frische Morgenwind wehte um die Gesichter der Kinder, und ein würziger
Tannenduft kam mit jedem neuen Windeswehen herüber und durchströmte die sonnige
Morgenluft. Klara zog tiefe Züge und lehnte sich in ihren Stuhl zurück, in einem
Gefühl des Wohlseins, wie sie es nie empfunden hatte.
    Noch nie in ihrem Leben hatte sie ja auch frische Morgenluft draussen in der
freien Natur eingeatmet, und nun wehte die reine Alpenluft um sie so kühl und
erfrischend, dass jeder Atemzug ein Genuss war. Dazu der helle, süsse Sonnenschein,
der gar nicht heiss war hier oben und so lieblich warm auf ihren Händen lag und
an dem trockenen Grasboden zu ihren Füssen. Dass es so auf der Alp sein könnte,
das hätte sich Klara gar nicht vorstellen können.
    »O Heidi, wenn ich nur immer, immer hier oben bei dir bleiben könnte!« sagte
sie jetzt, sich ganz wohlig hin und her wendend in ihrem Stuhl, um so recht von
allen Seiten Luft und Sonne einzutrinken.
    »Jetzt siehst du, dass es so ist, wie ich dir gesagt habe«, entgegnete das
Heidi erfreut, »dass es am schönsten auf der ganzen Welt beim Grossvater auf der
Alm ist.« Eben trat dieser aus dem Stall heraus zu den Kindern heran. Er brachte
zwei Schüsselchen voll schäumender, schneeweisser Milch und reichte eins der
Klara, das andere dem Heidi.
    »Das wird dem Töchterchen wohltun«, sagte er, Klara zunickend; »sie ist vom
Schwänli, die gibt Kraft. Zum Wohlsein! Nur zu!« Klara hatte noch nie Milch von
einer Geiss getrunken, sie hatte erst zur Sicherheit ein wenig daran riechen
müssen. Als sie nun aber sah, mit welcher Begier das Heidi seine Milch
heruntertrank, ohne ein einziges Mal abzusetzen - so erstaunlich gut schmeckte
sie ihm -, da setzte Klara auch an und trank und trank, und wahrhaftig, sie war
so süss und kräftig, als wäre Zucker und Zimmet darin, und Klara trank zu, bis
nichts mehr im Schüsselchen war.
    »Morgen nehmen wir zwei«, sagte der Grossvater, der mit Befriedigung
zugesehen hatte, wie Klara Heidis Beispiel gefolgt war.
    Jetzt erschien der Peter mit seiner Schar, und während das Heidi durch die
allseitigen Morgenbegrüssungen gleich mitten in die Herde hineingedrängt wurde,
nahm der Öhi den Peter ein wenig auf die Seite, damit dieser verstehen könne,
was er ihm zu sagen hatte, denn die Geissen meckerten immer, eine stärker als die
andere, vor lauter Freude und Freundschaftsbezeugungen, sobald sie das Heidi in
ihrer Mitte hatten.
    »Jetzt hör zu und pass auf«, sagte der Öhi. »Von heut' an lässest du dem
Schwänli seinen Willen. Es hat die Fühlung, wo die kräftigsten Kräutlein sind;
also wenn es hinauf will, so gehst du nach, den anderen tut's ja auch gut, und
wenn es höher will, als du sonst mit ihnen gehst, so gehst du wieder und hältst
es nicht zurück, hörst du! Wenn du auch ein wenig klettern musst, schad' nichts,
du gehst, wo es will, denn in der Sache ist es vernünftiger als du und es muss
nur noch vom Besten bekommen, dass es eine Prachtmilch gibt. Warum guckst du dort
hinüber, wie wenn du einen verschlucken wolltest? Es wird dir niemand im Wege
sein. So, jetzt vorwärts und denk dran!«
    Der Peter war gewohnt, dem Öhi aufs Wort zu folgen. Er trat gleich seinen
Marsch an; man konnte aber sehen, dass er noch etwas im Hinterhalt hatte, denn er
drehte immer den Kopf um und rollte mit den Augen. Die Geissen folgten und
drängten das Heidi noch eine Strecke mit vorwärts. Das war dem Peter eben recht.
»Du musst mit«, rief er jetzt drohend in das Geissenrudel hinein, »du musst mit,
wenn man dem Schwänli nach muss!«
    »Nein, ich kann nicht«, rief das Heidi zurück, »und ich kann jetzt lang,
lang nicht mitkommen, so lange die Klara bei mir ist! Aber einmal kommen wir
dann miteinander hinauf, der Grossvater hat es uns versprochen.«
    Unter diesen Worten hatte das Heidi sich aus den Geissen herausgewunden und
sprang nun zu Klara zurück. Jetzt machte der Peter mit beiden Fäusten eine so
drohende Gebärde gegen den Rollstuhl hinunter, dass die Geissen auf die Seite
sprangen; er sprang aber auf der Stelle nach, und ohne Aufentalt eine ganze
Strecke weit hinauf, bis er ausser Sicht war, denn er dachte, der Öhi könnte ihn
etwa gesehen haben, und er wollte lieber nicht wissen, was für einen Eindruck
das Fausten dem Öhi gemacht habe.
    Klara und Heidi hatten für heute so viel im Sinn, dass sie gar nicht wussten,
wo anfangen. Das Heidi schlug vor, zuerst den Brief an die Grossmama zu
schreiben, den hatten sie ja bestimmt versprochen und so für jeden Tag einen
neuen. Die Grossmama war doch ihrer Sache nicht so ganz sicher, wie es in die
Länge da droben der Klara behagen und auch, wie es mit ihrer Gesundheit gehen
würde, und so hatte sie den Kindern das Versprechen abgenommen, ihr jeden Tag
einen Brief zu schreiben und alles zu erzählen, was sie erlebten. So konnte die
Grossmama auch sogleich wissen, wenn sie oben nötig werden sollte, und bis dahin
ruhig unten bleiben.
    »Müssen wir in die Hütte hinein zum Schreiben?« fragte Klara, die wohl dafür
war, der Grossmama Bericht zu geben; aber da draussen war es ihr so wohl, dass sie
gar nicht weg mochte.
    Aber das Heidi wusste sich einzurichten. Augenblicklich rannte es in die
Hütte hinein und kam mit seinen sämtlichen Schulsachen und dem niedrigen
Dreibeinstühlchen beladen wieder zurück. Nun legte es sein Lesebuch und
Schreibheft der Klara auf den Schoss, dass sie darauf schreiben konnte, und es
selbst setzte sich an die Bank hin auf sein Stühlchen und nun begannen sie beide
der Grossmama zu erzählen. Aber nach jedem Satz, den Klara geschrieben hatte,
legte sie ihren Bleistift wieder hin und schaute um sich. Es war gar zu schön.
Der Wind war nicht mehr so kühl; nur lieblich fächelnd wehte er um ihr Gesicht,
und drüben in den Tannen flüsterte er leise. In der klaren Luft tanzten und
summten die kleinen, fröhlichen Mücken, und weit umher lag eine grosse Stille auf
dem ganzen sonnigen Gefilde. Gross und still schauten die hohen Felsenberge
herüber und das ganze, weite Tal hinab lag alles wie im stillen Frieden. Nur
hier und da schallte das frohe Jauchzen eines Hirtenbuben durch die Luft und
leise gab das Echo die Töne oben in den Felsen wieder.
    Der Morgen war dahin, die Kinder wussten nicht, wie, und schon kam der
Grossvater mit der dampfenden Schüssel daher, denn er sagte, mit dem Töchterchen
bleibe man nun draussen, so lang ein Lichtstrahl am Himmel sei. So wurde das
Mittagsmahl, wie gestern, vor der Hütte aufgestellt und mit Vergnügen
eingenommen. Dann rollte das Heidi den Stuhl samt der Klara unter die Tannen
hinüber, denn die Kinder hatten ausgemacht, den Nachmittag wollten sie dort in
dem schönen Schatten sitzen und einander alles erzählen, was sich zugetragen,
seit das Heidi Frankfurt verlassen hatte. Wenn auch das alles im gewohnten
Geleise weiter gegangen war, so hatte Klara doch allerlei Besonderes zu
berichten von den Menschen, die im Hause Sesemann lebten und die dem Heidi ja so
gut bekannt waren.
    So sassen die Kinder nebeneinander unter den alten Tannen, und je eifriger
sie im Erzählen wurden, desto lauter pfiffen die Vögel oben in den Zweigen, denn
das Geplauder da unten freute sie und sie wollten auch mitalten. So flog die
Zeit dahin und unversehens war es Abend geworden, und schon kam das Geissenheer
heruntergestürmt, der Anführer hinterdrein mit Stirnrunzeln und grimmiger Miene.
    »Gute Nacht, Peter!« rief ihm das Heidi zu, als es sah, dass er nicht im
Sinne hatte, still zu stehen.
    »Gute Nacht, Peter!« rief auch Klara freundlich hinüber.
    Er gab keinen Gruss zurück und jagte schnaubend die Geissen weiter.
    Als Klara jetzt sah, wie der Grossvater das saubere Schwänli zum Melken nach
dem Stalle führte, da ergriff sie auf einmal ein solches Verlangen nach der
gewürzigen Milch, dass sie es fast nicht erwarten konnte, bis der Grossvater damit
kommen würde. Sie musste selbst erstaunen darüber.
    »Das ist aber einmal kurios, Heidi«, sagte sie; »so lang ich weiss, habe ich
nur gegessen, weil ich musste, und alles, was ich bekam, schmeckte nach
Fischtran, und tausendmal habe ich gedacht: Wenn man nur nie essen müsste! Und
jetzt kann ich es fast nicht erwarten, bis der Grossvater kommt mit der Milch.«
    »Ja, ich weiss schon, was das ist«, entgegnete das Heidi ganz
verständnisvoll, denn es gedachte der Tage in Frankfurt, da ihm alles im Halse
stecken blieb und nicht hinunter wollte. Klara aber begriff die Sache doch
nicht. Sie hatte aber, so lange sie lebte, noch nie einen Tag lang in der freien
Luft gesessen, wie heute, und nun gar in dieser hohen, belebenden Bergluft.
    Als der Grossvater mit seinen Schüsselchen herankam, erfasste Klara schnell
dankend das ihrige, und in durstigen Zügen trank sie hintereinander und war
diesmal noch vor dem Heidi zu Ende.
    »Darf ich noch ein wenig haben?« fragte sie, dem Grossvater das Schüsselchen
hinhaltend.
    Er nickte wohlgefällig, nahm auch Heidis Gefäss wieder in Empfang und ging
zur Hütte zurück. Als er wieder kam, brachte er auf jedem Schüsselchen einen
hohen Deckel mit, der war aber von anderem Stoff, als die Deckel gewöhnlich
sind.
    Der Grossvater hatte am Nachmittag einen Gang nach dem grünen Maiensäss
hinüber gemacht, zu der Sennhütte, wo die süsse, gelbe Butter gemacht wird. Von
dort hatte er einen schönen, runden Ballen mitgebracht. Jetzt hatte er zwei
feste Schnitten Brot genommen und die süsse Butter schön dick darauf gestrichen.
Diese sollten nun die Kinder zu ihrem Nachtessen haben. Gleich bissen auch alle
beide so tief in die appetitlichen Schnitten hinein, dass der Grossvater stehen
blieb und zuschaute, wie das weiter gehen würde, denn das gefiel ihm.
    Als Klara nachher auf ihrem Lager wieder nach den schimmernden Sternen
schauen wollte, ging es ihr wie dem Heidi an ihrer Seite: die Augen fielen ihr
auf der Stelle zu und es kam ein so fester, gesunder Schlaf über sie, wie sie
ihn niemals gekannt hatte.
    In dieser erfreulichen Weise verging auch der folgende Tag und dann noch
einer, und dann folgte eine grosse Überraschung für die Kinder. Es kamen zwei
kräftige Träger den Berg heraufgestiegen; jeder trug auf seinem Reff ein hohes
Bett, fertig aufgerüstet in der Bettschaft, beide ganz gleich bedeckt mit einer
weissen Decke, sauber und nagelneu. Auch hatten die Männer einen Brief von der
Grossmama abzugeben. Da stand darin, dass diese Betten für Klara und Heidi seien,
dass das Heu- und Deckenlager nun aufgehoben werden solle, und dass von nun an das
Heidi immer in einem richtigen Bett schlafen müsse, denn im Winter solle das
eine der beiden ins Dörfli hinuntergeschaft werden, das andere aber oben
bleiben, damit Klara es immer vorfinde, wenn sie wiederkomme. Dann lobte die
Grossmama die Kinder um ihrer langen Briefe willen und ermunterte sie, täglich so
fortzufahren, damit sie immer alles mitleben könne, als ob sie bei ihnen wäre.
    Der Grossvater war hineingegangen, hatte den Inhalt von Heidis Lager auf den
grossen Heuhaufen geworfen und die Decken weggelegt. Nun kam er wieder, um mit
Hilfe der Männer die beiden Betten dortinauf zu transportieren. Dann rückte er
sie hart aneinander, damit von beiden Kopfkissen aus die Aussicht durch das Loch
dieselbe bliebe, denn er kannte die Freude der Kinder an dem Morgen- und
Abendschein, der da hereinglänzte. -
    Unterdessen sass die Grossmama unten im Bade Ragaz und war hoch erfreut über
die vortrefflichen Nachrichten, die täglich von der Alp zu ihr
heruntergelangten.
    Das Entzücken über ihr neues Leben steigerte sich bei Klara noch von Tag zu
Tag und sie wusste nicht genug zu sagen von der Güte und sorglichen Pflege des
Grossvaters und wie lustig und kurzweilig das Heidi sei, noch viel mehr als in
Frankfurt, und wie sie jeden Morgen beim Erwachen immer zuerst denke: »O
gottlob; ich bin noch auf der Alp!«
    Über diese ausnehmend erfreulichen Berichte war die Grossmama jeden Tag aufs
neue froh. Sie fand auch, da alles so stand, so könne sie ihren Besuch auf der
Alp gar wohl noch ein wenig verschieben, was ihr nicht unlieb war, denn der Ritt
den steilen Berg hinauf und wieder herunter war ihr doch etwas beschwerlich
vorgekommen.
    Der Grossvater musste eine ganz besondere Teilnahme für seinen Pflegling
gefasst haben, denn es verging kein Tag, an welchem er nicht irgendetwas Neues zu
seiner Kräftigung ausdachte. Er machte jetzt jeden Nachmittag weitere Gänge in
die Felsen hinauf, immer höher, und jedesmal brachte er ein Bündelchen mit
zurück, das duftete schon von weitem durch die Luft wie gewürzige Nelken und
Tymian, und kehrten die Geissen am Abend heim, so fingen sie alle zu meckern und
zu springen an und wollten alle miteinander in den Stall eindringen, wo das
Bündelchen lag, denn sie kannten den Geruch. Aber der Öhi hatte die Tür gut
zugemacht, denn er kletterte den seltenen Kräutchen nicht nach, hoch an die
Felsen hinauf, damit die Geissenschar ohne Mühe zu einer guten Mahlzeit komme.
Die Kräutlein waren alle für das Schwänli bestimmt, damit es immer noch
kräftigere Milch hergebe. Man konnte auch gut sehen, wie die ausserordentliche
Pflege bei ihm anschlug, denn es warf den Kopf immer lebendiger in die Höhe und
machte ganz feurige Augen dazu.
    So war nun schon die dritte Woche gekommen, seit Klara auf der Alp war. Seit
einigen Tagen hatte der Grossvater des Morgens, wenn er sie heruntertrug, um sie
in ihren Stuhl zu setzen, jedesmal gesagt: »Will das Töchterchen nicht einmal
probieren, ein wenig auf dem Boden zu stehen?« Klara hatte dann wohl versucht,
ihm den Gefallen zu tun, aber sie hatte immer gleich gesagt: »O es tut zu weh!«
und hatte sich an ihn festgeklammert; er liess sie aber jeden Tag ein wenig
länger probieren.
    Ein so schöner Sommer war seit Jahren nicht auf der Alp gewesen. Jeden Tag
zog die strahlende Sonne durch den wolkenlosen Himmel hin, und alle kleinen
Blumen machten ihre Kelche weit auf und glühten und dufteten zu ihr empor und am
Abend warf sie ihr Purpur- und Rosenlicht auf die Felsenhörner und das
Schneefeld hinüber und tauchte dann in ein golden flammendes Meer hinab.
    Davon erzählte das Heidi seiner Freundin Klara immer wieder, denn nur oben
auf der Weide konnte man das alles so recht sehen, und von der Stelle oben am
Abhange erzählte es mit besonderem Feuer, wie dort jetzt die grossen Scharen der
glitzernden, goldenen Weideröschen stehen und Blauglöckchen so viele, dass man
meine, dort sei das Gras blau geworden, und daneben ganze Büsche von den braunen
Kolbenblümchen, die so schön riechen, dass man nur auf den Boden sitzen müsse zu
ihnen und gar nicht mehr fort wolle.
    Eben jetzt, unter den Tannen sitzend, hatte das Heidi aufs neue von den
Blumen dort oben und der Abendsonne und den leuchtenden Felsen erzählt, und
dabei war ein solches Verlangen in ihm aufgestiegen, wieder einmal dortin zu
kommen, dass es mit einemmal aufsprang und davonrannte, dem Grossvater zu, der im
Schopf auf seinem Schnitzstuhl sass.
    »O Grossvater«, rief es schon von weitem hinüber, »kommst du morgen mit uns
auf die Weide? O jetzt ist es so schön dort oben!«
    »Es bleibt dabei«, sagte der Grossvater zustimmend; »aber dann muss mir das
Töchterchen auch einen Gefallen tun: es muss mir heut' Abend das Stehen noch
einmal recht probieren.«
    Frohlockend kam das Heidi mit seiner Nachricht zu Klara zurück, und diese
versprach gleich, sovielmal versuchen zu wollen, auf ihren Füssen zu stehen, als
der Grossvater nur wolle, denn sie freute sich ganz ungeheuer, diese Reise nach
der schönen Geissenweide hinauf zu machen. Das Heidi war so voller Jubel, dass es
gleich dem Peter entgegenrief, sobald es ihn am Abend beim Herunterkommen
erblickte:
    »Peter! Peter! morgen kommen wir auch mit und bleiben den ganzen Tag dort
oben!«
    Als Antwort brummte der Peter wie ein gereizter Bär und schlug mit Wut nach
dem unschuldigen Distelfink, der neben ihm trabte. Aber der flinke Distelfink
hatte die Bewegung zur rechten Zeit wahrgenommen. Er machte einen hohen Satz
über das Schneehöppli weg und der Hieb sauste in die Luft hinaus.
    Klara und Heidi bestiegen heut' voll herrlicher Erwartungen ihre zwei
schönen Betten, und so erfüllt waren sie von ihren Plänen für morgen, dass sie
beschlossen, die ganze Nacht wach zu bleiben und immerfort davon zu sprechen,
bis sie wieder aufstehen durften. Kaum lagen sie aber auf ihren guten Kissen, so
hörten die Gespräche plötzlich auf, und Klara sah im Traum ein grosses, grosses
Feld vor sich, das war ganz himmelblau anzusehen, so dicht besäet war es von
lauter Glockenblumen; und das Heidi hörte den Raubvogel oben in den Höhen, wie
er herunterschrie: »Kommt! kommt! kommt!«
 
                     Es geschieht, was keiner erwartet hat
In aller Frühe trat der Öhi am andern Morgen aus der Hütte und schaute ringsum,
wie der Tag sich gestalten wolle.
    Auf den hohen Bergspitzen lag ein rötlich-goldener Schein; ein frischer Wind
fing an die Äste der Tannen hin und her zu wiegen; die Sonne wollte kommen.
    Eine Weile noch stand der Alte und schaute andächtig zu, wie nach den hohen
Berggipfeln die grünen Hügel golden zu schimmern begannen und dann aus dem Tale
leise die dunkeln Schatten wichen und ein rosiges Licht hineinfloss und nun Höhen
und Tiefen im Morgengold erglänzten; die Sonne war gekommen.
    Jetzt holte der Öhi den Rollstuhl aus dem Schopf heraus, stellte ihn, zur
Reise gerüstet, vor die Hütte hin, und trat dann hinein, um den Kindern zu
sagen, wie schön der Morgen erwacht sei, und sie herauszuholen.
    Eben jetzt kam der Peter herangestiegen. Seine Geissen kamen nicht
zutraulich, wie gewohnt, an seiner Seite und nahe vor und hinter ihm den Berg
herauf; sie schossen scheu umher, dahin und dortin, denn der Peter hieb alle
Augenblicke ohne jede Veranlassung um sich wie ein Wütender, und wo er traf, tat
es nicht wohl. Der Peter war auf dem höchsten Punkt des Zornes und der
Erbitterung angelangt. Seit Wochen hatte er nie mehr das Heidi für sich gehabt,
so wie er's gewohnt war. Kam er am Morgen von unten herauf, so wurde schon immer
das fremde Kind in seinem Stuhl herausgetragen und das Heidi gab sich mit ihm
ab. Kam er am Abend von oben herunter, so stand noch der Rollstuhl mit seiner
Inhaberin unter den Tannen und das Heidi machte sich mit ihr zu schaffen. Nie
war es noch zur Weide hinaufgekommen den ganzen Sommer, und nun heute wollte es
kommen, aber mitsamt dem Stuhle und der Fremden darin, und wollte die ganze Zeit
nur mit dieser sich abgeben. Das sah der Peter voraus und das hatte seinen
inneren Grimm auf den höchsten Punkt gebracht. Jetzt erblickte er den Stuhl, der
so stolz da auf seinen Rollen stand, und schaute ihn an wie einen Feind, der ihm
alles zuleide getan hatte und heut' noch viel mehr tun wollte. Der Peter schaute
um sich - alles war still, kein Mensch zu sehen. Wie ein Wilder stürzte er jetzt
auf den Stuhl, packte ihn an und stiess ihn mit so erbitterter Gewalt dem
Bergabhang zu, dass der Stuhl förmlich davonflog und augenblicklich verschwunden
war.
    Jetzt stürzte der Peter die Alm hinan, als hätte er selber Flügel bekommen,
und er setzte kein einziges Mal ab, bis er oben zu einem grossen Brombeerstrauch
gelangte, hinter dem er verschwinden konnte, denn er begehrte nicht, dass der Öhi
ihn erblicke. Er wollte aber doch gern sehen, was der Stuhl mache, und der
Strauch auf dem Bergvorsprung war gut gelegen. Der Peter konnte halb verborgen
die Alm hinabschauen und, kam der Öhi zum Vorschein, hurtig sich ganz
verstecken. So tat er, und was erschauten seine Blicke! Weit unten schon stürzte
sein Feind dahin, von immer grösserer Gewalt getrieben. Jetzt überschlug er sich,
wieder und wieder; dann machte er einen hohen Satz, dann schlug es ihn wieder
auf die Erde nieder, und überschlagend rollte er seinem Verderben entgegen.
    Schon flogen da und dort die Stücke von ihm weg, Füsse, Lehnen,
Polsterfetzen, alles hoch in die Luft geworfen. Der Peter empfand eine so
unbändige Freude an dem Anblick, dass er mit beiden Füssen zugleich in die Luft
springen musste; er lachte laut auf, er stampfte vor Wonne, er sprang in Sätzen
im Kreis herum, er kam wieder an denselben Platz und guckte den Berg hinab. Ein
neues Gelächter erscholl, neue Luftsprünge; der Peter war völlig ausser sich vor
Vergnügen über diesen Untergang seines Feindes, denn er sah lauter gute Dinge
vor sich, die nun kommen würden. Jetzt musste die Fremde abreisen, denn sie hatte
kein Mittel mehr, sich zu bewegen. Das Heidi war wieder allein und kam mit ihm
auf die Weide, und am Abend und Morgen war es für ihn da, wenn er kam, und alles
war wieder in der alten Ordnung. Aber der Peter bedachte nicht, wie es geht,
wenn man eine böse Tat begangen hat und was dann nachher kommt.
    Jetzt kam das Heidi aus der Hütte gesprungen und rannte dem Schopf zu.
Hinter ihm her kam der Grossvater mit Klara auf dem Arm.
    Die Schopftür stand weit offen, die beiden Bretter daneben waren
weggestellt, bis in den hintersten Winkel war es taghell. Das Heidi guckte hin
und her, lief um die Ecke, kam wieder zurück, die ungeheuerste Verwunderung lag
auf seinem Gesicht. Nun trat der Grossvater heran.
    »Was ist das? Hast du den Stuhl weggerollt, Heidi?« fragte er.
    »Ich suche ihn ja allentalben, Grossvater, und du hast gesagt, er stehe
neben der Schopftür«, sagte das Kind, immer noch nach allen Seiten mit den Augen
herumsuchend.
    Der Wind war unterdessen stärker geworden; eben klapperte er an der
Schopftür herum und warf sie auf einmal krachend gegen die Wand zurück.
    »Grossvater, der Wind hat's gemacht!« rief das Heidi und seine Augen blitzten
auf bei der Entdeckung. »O, wenn er den Stuhl bis ins Dörfli hinabgejagt hätte,
dann bekäme man ihn erst viel zu spät wieder und wir könnten gar nicht gehen.«
    »Wenn er dortinunter gerollt ist, so kommt er gar nicht mehr zurück, dann
ist er in hundert Stücken«, sagte der Grossvater, um die Ecke tretend und den
Berg hinabschauend. »Aber kurios ist's doch zugegangen«, setzte er hinzu, indem
er auf das Stück zurücksah, das der Stuhl erst um die Ecke der Hütte herum zu
machen hatte.
    »O, wie schade, jetzt können wir gar nicht gehen und vielleicht gar nie«,
jammerte Klara; »nun muss ich gewiss heimgehen, wenn ich keinen Stuhl mehr habe.
O, wie schade! Wie schade!«
    Aber das Heidi schaute ganz vertrauensvoll zu seinem Grossvater auf und
sagte:
    »Gelt, Grossvater, du kannst schon etwas erfinden, dass es nicht so geht, wie
die Klara meint, und dass sie nicht auf einmal heim muss?«
    »Jetzt gehen wir für einmal auf die Weide, wie wir uns vorgenommen haben;
dann wollen wir sehen, was weiter kommt«, sagte der Grossvater. Die Kinder
jubelten.
    Er trat nun wieder in die Hütte zurück, holte einen guten Teil der Tücher
heraus, legte sie auf den sonnigsten Platz an die Hütte hin und setzte Klara
darauf. Dann holte er den Kindern ihre Morgenmilch und führte Schwänli und Bärli
vor den Stall hinaus.
    »Warum der nur so lang nicht von da unten heraufkommt«, sagte der Öhi vor
sich hin, denn Peters Morgenpfiff war ja noch gar nicht ertönt.
    Jetzt nahm der Grossvater Klara wieder auf den einen Arm, die Tücher auf den
andern.
    »So, nun vorwärts!« sagte er vorangehend; »die Geissen kommen mit uns.«
    Das war dem Heidi eben recht. Einen Arm um Schwänlis und einen um Bärlis
Hals gelegt, wanderte das Heidi hinter dem Grossvater her, und die Geissen hatten
solche Freude, einmal wieder mit dem Heidi auszuziehen, dass sie es fast
zusammendrückten zwischen sich vor lauter Zärtlichkeit.
    Oben auf dem Weidplatz angelangt, sahen die Kommenden mit einemmal da und
dort an den Abhängen die friedlich grasenden Geissen in Gruppen stehen, und
mitten drin den Peter, der Länge nach auf dem Boden liegend.
    »Ein ander Mal will ich dir das Vorbeigehen vertreiben, Schlafpelz; was
heisst das?« rief ihm der Öhi zu.
    Der Peter war bei dem Ton der bekannten Stimme aufgeschossen.
    »War noch niemand auf!« gab er zurück.
    »Hast du etwas von dem Stuhl gesehen?« frug der Öhi wieder.
    »Von welchem?« rief der Peter störrisch zurück.
    Der Öhi sagte nichts mehr. Er breitete seine Tücher an dem sonnigen Abhang
hin, setzte Klara darauf und fragte, ob's ihr so bequem sei.
    »So bequem wie im Stuhl«, sagte sie dankend, »und am schönsten Platz bin ich
da. Da ist's so schön, Heidi, so schön!« rief sie, rings um sich blickend, aus.
    Der Grossvater schickte sich zur Rückkehr an. Er sagte, sie sollten sich's
nun wohl sein lassen miteinander, und wenn die Zeit da sei, sollte Heidi das
Mittagsmahl herbeiholen, das er, in den Sack verpackt, drüben in den Schatten
gelegt hatte. Dann sollte der Peter ihnen Milch dazu geben, so viel sie trinken
wollten, aber das Heidi sollte gut aufpassen, dass er sie vom Schwänli nehme.
Gegen Abend wollte der Grossvater wiederkommen; jetzt wollte er vor allem dem
Stuhle nachgehen und sehen, was aus ihm geworden sei.
    Der Himmel war dunkelblau und um und um war nicht ein einziges Wölkchen zu
sehen. Auf dem grossen Schneefeld drüben blitzte es wie von tausend und tausend
Gold- und Silbersternen. Die grauen Felsenhörner standen hoch und fest an ihrem
Platz, wie vor alter Zeit, und schauten ernstaft ins Tal hinab. Der grosse Vogel
wiegte sich oben im Blau und über die Höhen strich der Bergwind hin und wehte
kühl rings um die sonnige Alp. Den Kindern war es unbeschreiblich wohl. Hier und
da kam ein Geisslein heran und liess sich ein wenig nieder bei ihnen; am öftersten
kam das zärtliche Schneehöppli und legte sein Köpfchen an das Heidi heran und
wäre da wohl gar nicht mehr weggegangen, hätte es nicht ein anderes von der
Herde wieder vertrieben. So lernte Klara jetzt eine um die andere von den Geissen
so nahe kennen, dass sie niemals mehr eine mit der andern verwechselte, denn jede
hatte ja auch ein ganz besonderes Gesicht und ihre eigene Art.
    Sie wurden jetzt auch so zutraulich zu Klara, dass sie ihr ganz nahe kamen
und ihre Köpfe an ihren Schultern rieben; das war immer das Zeichen ihrer nahen
Bekanntschaft und Zuneigung.
    So waren schon einige Stunden vergangen; da kam es dem Heidi in den Sinn,
wenn es doch einmal hinübergehen könnte an den Platz, wo die vielen Blumen waren
und sehen, ob sie auch alle offen stehen und so schön seien, wie vor dem Jahr.
Erst am Abend, wenn der Grossvater wieder kam, konnte man auch mit Klara
hinübergehen, und dann machten die Blumen vielleicht schon wieder die Augen zu.
Das Verlangen stieg immer höher im Heidi, es konnte nicht mehr widerstehen.
    Ein wenig zaghaft fragte es: »Wirst du nicht bös, Klara, wenn ich geschwind
von dir fortlaufe und du allein sein musst? Ich möchte so gern sehen, wie die
Blumen sind; aber wart« - dem Heidi war ein Gedanke gekommen. Es sprang auf die
Seite und riss ein paar schöne Büschel von den grünen Kräutern aus; dann nahm es
das Schneehöppli um den Hals, das ihm gleich zugelaufen war, und führte es der
Klara zu.
    »So, jetzt musst du doch nicht allein sein«, sagte das Heidi, indem es auf
seinen Platz neben Klara das Schneehöppli ein wenig hindrückte, was das Geisslein
gleich gut verstand und sich niederlegte. Dann warf Heidi seine Blätter der
Klara in den Schoss, und diese sagte erfreut, das Heidi solle jetzt nur gehen und
die Blumen recht ansehen, sie wolle gern allein mit dem Geisslein bleiben; das
hatte sie ja noch gar nie erlebt. Das Heidi rannte fort und Klara fing nun an,
Blättchen für Blättchen dem Schneehöppli hinzuhalten, und dieses wurde so
zutraulich, dass es sich ganz an seine neue Freundin anschmiegte und die
Blättchen ihr langsam aus den Fingern frass. Man konnte auch gut sehen, wie wohl
es ihm war, dass es da so ruhig und friedlich in gutem Schutz liegen durfte, denn
draussen bei der Herde hatte es immer viele Verfolgungen auszustehen von den
grossen und starken Geissen. Der Klara kam es so köstlich vor, so ganz allein auf
einem Berge zu sitzen, nur mit einem zutraulichen Geisslein, das ganz
hilfsbedürftig zu ihr aufsah; ein grosser Wunsch stieg auf in ihr, auch einmal
ihr eigener Herr zu sein und einem andern helfen zu können und nicht nur immer
sich von allen anderen helfen lassen zu müssen. Und es kamen der Klara jetzt so
viele Gedanken, die sie gar nie gehabt hatte, und eine unbekannte Lust,
fortzuleben in dem schönen Sonnenschein und etwas zu tun, mit dem sie jemand
erfreuen konnte, wie sie jetzt das Schneehöppli erfreute. Eine ganz neue Freude
kam ihr ins Herz, so, als ob alles, was sie wusste und kannte, auf einmal viel
schöner und anders sein könnte, als sie es bis jetzt gesehen hatte, und es wurde
ihr so schön und wohl zumute, dass sie das Geisslein um den Hals nehmen und
ausrufen musste: »O Schneehöppli, wie schön ist es hier oben; wenn ich nur immer
da bei euch bleiben könnte!«
    Das Heidi war unterdessen an dem Blumenplatz angekommen. Es stiess einen
Freudenschrei aus. Von leuchtendem Gold bedeckt lag die ganze Halde da. Das
waren die schimmernden Cystusröschen. Dichte, dunkelblaue Büsche von
Glockenblumen wiegten sich darüber, und ein so starker gewürziger Duft wogte um
die sonnige Halde, als wären die köstlichsten Balsamschalen da oben
ausgeschüttet worden. Der ganze Wohlgeruch kam aber von den kleinen, braunen
Kolbenblümchen her, die ihre runden Köpfchen hier und da bescheiden zwischen den
Goldkelchen emporstreckten. Das Heidi stand und schaute und zog den süssen Duft
in langen Zügen ein. Auf einmal kehrte es um und kam ausser Atem vor Erregung zu
Klara zurück.
    »O du musst gewiss kommen!« rief es ihr schon von weitem zu; »sie sind so
schön und alles ist so schön, und am Abend ist es vielleicht nicht mehr so. Ich
kann dich vielleicht tragen, meinst du nicht?«
    Klara schaute das erregte Heidi mit Verwunderung an; sie schüttelte aber den
Kopf.
    »Nein, nein, was denkst du, Heidi; du bist ja viel kleiner als ich. O, wenn
ich nur gehen könnte!«
    Jetzt schaute das Heidi suchend um sich, es musste etwas Neues im Sinne
haben. Dort oben, wo der Peter vorher auf dem Boden gelegen hatte, sass er jetzt
und starrte auf die Kinder herunter. So hatte er schon seit Stunden gesessen und
immerzu herabgestarrt, so, als könne er nicht fassen, was er vor sich sah. Er
hatte den feindlichen Stuhl zerstört, damit alles aufhören und die Fremde sich
gar nicht mehr bewegen könne, und eine ganze Weile nachher erschien sie da oben
und sass vor ihm auf dem Boden neben dem Heidi. Das konnte ja nicht sein, und
doch war es immer noch so, er konnte hinsehen, wann er wollte.
    Jetzt schaute das Heidi zu ihm auf.
    »Komm hier herunter, Peter!« rief es sehr bestimmt.
    »Komme nicht!« rief er zurück.
    »Doch, du musst; komm, ich kann es nicht allein machen, du musst mir helfen;
komm schnell!« drängte das Heidi.
    »Komme nicht!« ertönte es wieder.
    Jetzt sprang das Heidi eine kleine Strecke den Berg hinan, dem Angeredeten
entgegen.
    Da stand es mit flammenden Augen und rief hinauf:
    »Peter, wenn du nicht auf der Stelle kommst, so will ich dir auch etwas
machen, das du dann gewiss nicht gern hast; das kannst du glauben!«
    Diese Worte gaben dem Peter einen Stich, und eine grosse Angst packte ihn an.
Er hatte etwas Böses getan, das kein Mensch wissen sollte. Bis jetzt hatte es
ihn gefreut; aber nun redete das Heidi, wie wenn es alles wüsste, und was es
wusste, sagte es alles seinem Grossvater, und vor dem fürchtete der Peter sich ja,
wie vor keinem andern. Wenn der nun vernähme, was mit dem Stuhl vorgegangen war!
Den Peter würgte die Angst immer ärger. Er stand auf und kam dem wartenden Heidi
entgegen.
    »Ich komme, aber dann musst du das nicht machen«, sagte er, so zahm vor
Furcht, dass das Heidi ganz mitleidig wurde.
    »Nein, nein, das tu' ich nun schon nicht«, versicherte es; »komm jetzt nur
mit mir, es ist nichts zum Fürchten, was du tun musst.«
    Bei Klara angelangt, ordnete nun das Heidi an, auf der einen Seite sollte
der Peter, auf der andern wollte es selbst Klara fest unter dem Arm fassen und
aufheben. Das ging nun ziemlich gut, aber jetzt kam das Schwierigere. Klara
konnte ja nicht stehen, wie sollte man sie nun festalten und vorwärts bringen?
Das Heidi war zu klein, um ihr mit seinem Arm eine Stütze zu bieten.
    »Du musst mich jetzt um den Hals nehmen, ganz fest - so. Und den Peter musst
du am Arm nehmen und ganz fest darauf drücken, dann können wir dich tragen.«
    Aber der Peter hatte noch nie jemandem den Arm gegeben. Klara umfasste diesen
wohl; der Peter aber hielt ihn ganz steif am Leib herunter, wie einen langen
Stecken.
    »So macht man es nicht, Peter«, sagte das Heidi sehr bestimmt. »Du musst mit
dem Arm einen Ring machen, und dann muss die Klara mit dem ihrigen durchfahren,
und dann muss sie ganz fest aufdrücken und du musst um keinen Preis nachgeben,
dann kommen wir schon vorwärts.«
    Das wurde nun so ausgeführt. Man kam aber nicht gut vorwärts. Klara war
nicht so leicht und das Gespann zu ungleich in der Grösse; auf der einen Seite
ging es herab und auf der andern hinauf, das gab eine ziemliche Unsicherheit in
den Stützen.
    Klara probierte es hier und da ein wenig mit den eigenen Füssen, zog aber
einen nach dem andern immer bald wieder zurück.
    »Stampf einmal recht herunter«, schlug das Heidi vor, »dann tut es dir gewiss
nachher weniger weh.«
    »Meinst du?« sagte Klara zaghaft.
    Sie gehorchte aber und wagte einen festen Tritt auf den Boden und dann mit
dem zweiten Fuss; sie schrie aber ein wenig auf dabei. Dann hob sie den einen
wieder und setzte ihn leiser hin.
    »O, das hat schon viel weniger weh getan«, sagte sie voller Freude.
    »Mach's noch einmal«, drängte eifrig das Heidi. Klara tat es und dann noch
einmal und noch einmal, und auf einmal schrie sie auf:
    »Ich kann, Heidi! O ich kann! Sieh! sieh! Ich kann Schritte machen, einen
nach dem andern.«
    Jetzt jauchzte das Heidi noch viel mehr auf.
    »O! o! Kannst du gewiss selbst Schritte machen? Kannst du jetzt gehen? Kannst
du gewiss selbst gehen? O wenn nur der Grossvater käme! Jetzt kannst du selbst
gehen, Klara, jetzt kannst du gehen!« rief es ein Mal ums andere in jubelnder
Freude aus.
    Klara hielt sich wohl fest an auf beiden Seiten; aber mit jedem Schritt
wurde sie ein wenig sicherer, das konnten alle drei empfinden. Das Heidi kam
ganz ausser sich vor Freude.
    »O, nun können wir alle Tage miteinander auf die Weide gehen und auf der Alp
herum, wo wir wollen«, rief es wieder aus, »und du kannst dein Lebtag gehen, wie
ich, und musst nie mehr im Stuhl gestossen werden und wirst gesund. O, das ist die
grösste Freude, die wir haben können!«
    Klara stimmte mit dem ganzen Herzen ein. Gewiss kannte sie gar kein grösseres
Glück auf der Welt, als auch einmal gesund zu sein und herumgehen zu können, wie
die anderen Menschen, und nicht mehr elend die ganzen Tage lang in den
Krankensessel gebannt zu sein.
    Es war nicht weit zu der Blumenhalde hinüber. Dort sah man schon das
Glitzern der Goldröschen in der Sonne. Jetzt waren sie bei den Büschen der
blauen Glockenblumen angekommen, wo zwischendurch der sonnige Boden so einladend
aussah.
    »Können wir nicht hier niedersitzen?« fragte Klara.
    Das war ganz nach Heidis Wunsch, und mitten in die Blumen hinein setzten
sich die Kinder; Klara zum erstenmal auf den trockenen, warmen Alpenboden hin;
das gefiel ihr unbeschreiblich wohl. Und nun rings um sie die wiegenden blauen
Glockenblumen, die schimmernden Goldröschen, das rote Tausendgüldenkraut und um
und um der süsse Duft der braunen Kolbenblümchen, der würzigen Prünellen. Alles
war so schön! so schön!
    Auch das Heidi neben ihr meinte, so schön sei es noch nie gewesen da oben,
und es wusste gar nicht, warum es eine solche Freude im Herzen hatte, dass es nur
immer hätte laut jauchzen mögen. Aber auf einmal kam es ihm dann wieder in den
Sinn, dass Klara gesund geworden war; das war zu allem Schönen ringsumher noch
die allergrösste Freude. Klara wurde ganz still vor Wonne und Entzücken über
alles, was sie sah, und über alle die Aussichten, die ihr aufgegangen waren
durch das eben Erlebte. Das grosse Glück hatte fast nicht Platz in ihrem Herzen,
und der Sonnenglanz und Blumenduft dazu überwältigten sie mit einem Wonnegefühl,
das sie völlig verstummen machte.
    Auch der Peter lag still und regungslos mitten in dem Blumenfeld, denn er
war fest eingeschlafen.
    Leise und lieblich wehte hier der Wind hinter den schützenden Felsen hervor
und säuselte oben in den Büschen. Von Zeit zu Zeit musste das Heidi wieder
aufstehen und dahin laufen und dortin, denn es war immer irgendwo noch schöner,
die Blumen noch dichter, der Wohlgeruch noch stärker, weil ihn da der Wind hin-
und herwehte; überall musste es wieder hinsitzen.
    So vergingen die Stunden.
    Die Sonne war längst über den Mittag hinaus, als ein Trüppchen der Geissen
ganz ernstaft auf die Blumenhalde zu geschritten kam.
    Es war nicht ihr Weideplatz, sie wurden nie dahin geführt, denn es gefiel
ihnen nicht, in den Blumen zu grasen. Sie sahen aus wie eine Gesandtschaft, der
Distelfink voran. Die Geissen waren sichtlich ausgegangen, ihre Gesellschafter zu
suchen, die sie so lange im Stich gelassen hatten und über alle Ordnung hinaus
fortgeblieben waren, denn die Geissen kannten ihre Zeit wohl. Als der Distelfink
die drei Vermissten in dem Blumenfeld entdeckte, stiess er ein überlautes Meckern
aus, und auf der Stelle stimmte der ganze Chor ein, und fortmeckernd kamen sie
alle dahergetrabt. Jetzt erwachte der Peter. Er musste sich aber stark die Augen
reiben, denn es hatte ihm geträumt, der Rollstuhl stehe wieder schön rot
gepolstert und unversehrt vor der Hütte und noch im Erwachen hatte er die
goldenen Nägel um das Polster herum in der Sonne blitzen gesehen; aber jetzt
entdeckte er, dass es nur die gelben Glitzerblümchen auf dem Boden gewesen waren.
Jetzt kam dem Peter die Angst zurück, die er beim Anblick des unbeschädigten
Stuhles ganz verloren hatte. Denn wenn auch das Heidi versprochen hatte, nichts
zu machen, so war doch nun die Furcht im Peter lebendig geworden, die Sache
könnte auch sonst noch auskommen. Er liess sich jetzt ganz zahm und willig zum
Führer machen und tat alles perfekt so, wie das Heidi es haben wollte.
    Als sie nun auf dem Weideplatz angekommen waren, holte das Heidi hurtig
seinen vollen Speisesack herbei und schickte sich an, sein Versprechen zu lösen,
denn auf den Inhalt des Sackes hatte seine Drohung sich bezogen. Es hatte wohl
bemerkt am Morgen, wie viel gute Sachen der Grossvater da hineinpackte, und mit
Freuden hatte es vorausgesehen, dass dem Peter davon ein gutes Teil zufallen
werde. Als er dann aber so störrig war, wollte es ihm zu verstehen geben, dass er
nichts bekomme, was der Peter aber anders gedeutet hatte. Nun holte das Heidi
Stück für Stück aus seinem Sack heraus und machte drei Häufchen davon, die
wurden so hoch, dass es voller Befriedigung vor sich hin sagte: »Dann bekommt er
noch alles, was wir zu viel haben.«
    Jetzt trug es jedem sein Häufchen zu, und mit dem seinigen setzte es sich
neben Klara hin, und die Kinder liessen sich's wohlschmecken nach der grossen
Anstrengung.
    Es ging aber, wie das Heidi vorausgesehen hatte: als sie beide völlig satt
waren, blieb noch so viel übrig, dass dem Peter noch einmal ein Häufchen, so gross
wie das erste, zugeschoben werden konnte. Er ass still und beharrlich alles auf
und dann noch die Krumen, aber er vollzog sein Werk nicht mit der gewohnten
Befriedigung. Dem Peter lag etwas auf dem Magen, das nagte und würgte ihn und
klemmte ihm jeden Bissen zusammen.
    Die Kinder waren so spät zu ihrer Mahlzeit gekommen, dass schon gleich
nachher der Grossvater zu sehen war, der die Alm hinanstieg, um sie abzuholen.
Das Heidi stürzte ihm entgegen; es musste ihm zuerst sagen, was sich ereignet
hatte. Es war indes so erregt von seiner beglückenden Nachricht, dass es die
Worte fast nicht fand, sie dem Grossvater mitzuteilen; er verstand aber sogleich,
was das Kind berichtete, und eine helle Freude kam auf sein Gesicht. Er
beschleunigte seinen Schritt und bei Klara angekommen, sagte er fröhlich
lächelnd:
    »So, haben wir's gewagt? Nun haben wir's auch gewonnen!«
    Dann hob er Klara vom Boden auf, umfasste sie mit dem linken Arm und hielt
ihr seine Rechte als starke Stütze für ihre Hand hin, und Klara marschierte, mit
der festen Wand im Rücken, noch viel sicherer und unerschrockener dahin, als sie
vorher getan hatte.
    Das Heidi hüpfte und jauchzte nebenher, und der Grossvater sah aus, als sei
ihm ein grosses Glück widerfahren. Jetzt nahm er aber Klara mit einemmal auf
seinen Arm und sagte: »Wir wollen's nicht übertreiben, es ist auch Zeit zur
Heimkehr«, und er machte sich gleich auf den Weg, denn er wusste, dass nun der
Anstrengungen für heute genug waren und Klara der Ruhe bedurfte. -
    Als der Peter später am Abend mit seinen Geissen nach dem Dörfli herunter
kam, stand eine Menge von Leuten an einem Knäuel zusammen, und eins stiess das
andere ein wenig weg, um besser sehen zu können, was mitten drin am Boden lag.
Das musste der Peter auch sehen; er drückte und drängte rechts und links und
bohrte sich hinein.
    Da, jetzt sah er's.
    Auf dem Grase lag das Mittelstück vom Rollstuhl, und noch ein Teil des
Rückens hing daran. Das rote Polster und die glänzenden Nägel zeugten noch
davon, wie prächtig der Stuhl in seiner Vollkommenheit ausgesehen hatte.
    »Ich war dabei, als sie ihn hinauftrugen«, sagte der Bäcker, der neben dem
Peter stand; »wenigstens 500 Franken war er wert, das wett' ich mit jedem. Es
nimmt mich nur wunder, wie es zugegangen ist.«
    »Der Wind kann ihn heruntergejagt haben, das hat der Öhi selbst gesagt«,
bemerkte die Barbel, die nicht genug das schöne rote Zeug bewundern konnte.
    »Es ist gut, dass es kein anderer ist, der's getan hat«, sagte der Bäcker
wieder; »dem ging's schön! Wenn es der Herr in Frankfurt vernimmt, wird er schon
untersuchen lassen, wie's zugegangen ist. Ich für mich bin froh, dass ich seit
zwei Jahren nie mehr auf der Alm war; der Verdacht kann auf jeden fallen, der um
die Zeit dort oben gesehen wurde.«
    Es wurden noch viele Meinungen ausgesprochen, aber der Peter hatte genug
gehört. Er kroch ganz zahm und sachte aus dem Knäuel heraus und lief aus allen
Kräften den Berg hinauf, so, als wäre einer hinter ihm drein, der ihn packen
wollte. Die Worte des Bäckers hatten ihm eine furchtbare Angst eingejagt. Er
wusste ja jetzt, dass jeden Augenblick ein Polizeidiener aus Frankfurt ankommen
konnte, der die Sache untersuchen musste, und dann konnte es doch auskommen, dass
er es getan hatte, und dann würden sie ihn packen und nach Frankfurt ins
Zuchtaus schleppen. Das sah der Peter vor sich, und seine Haare sträubten sich
vor Schrecken.
    Ganz verstört kam er daheim an. Er gab keine Antwort, auf gar nichts, er
wollte seine Kartoffeln nicht essen; eilends kroch er in sein Bett hinein und
stöhnte.
    »Der Peterli hat wieder Sauerampfer gegessen, er hat's im Magen, dass er so
ächzen muss«, meinte die Mutter Brigitte.
    »Du musst ihm ein wenig mehr Brot mitgeben, gib ihm morgen noch ein Stücklein
von dem meinen«, sagte die Grossmutter mitleidig. - Als die Kinder heut' von
ihren Betten in den Sternenschein hinausschauten, sagte das Heidi:
    »Hast du nicht heut' den ganzen Tag denken müssen, wie gut es doch ist, dass
der liebe Gott nicht nachgibt, wenn wir noch so furchtbar stark beten um etwas,
wenn er etwas viel Besseres weiss?«
    »Warum sagst du das jetzt auf einmal, Heidi?« fragte Klara.
    »Weisst, weil ich in Frankfurt so stark gebetet habe, dass ich doch auf der
Stelle heimgehen könne, und weil ich das immer nicht konnte, habe ich gedacht,
der liebe Gott habe nicht zugehört. Aber weisst du, wenn ich so bald fortgelaufen
wäre, so wärest du nie gekommen und du wärest nicht gesund geworden auf der
Alp.«
    Klara war ganz nachdenklich geworden. »Aber, Heidi«, fing sie nun wieder an,
»dann müssten wir ja um gar nichts beten, weil der liebe Gott ja schon immer
etwas viel Besseres im Sinn hat, als wir wissen und wir von ihm erbitten
wollen.«
    »Ja, ja, Klara, meinst du, es gehe dann nur so?« eiferte jetzt das Heidi.
»Alle Tage muss man zum lieben Gott beten und um alles, alles; denn er muss doch
hören, dass wir es nicht vergessen, dass wir alles von ihm bekommen. Und wenn wir
den lieben Gott vergessen wollen, so vergisst er uns auch; das hat die Grossmama
gesagt. Aber weisst du, wenn wir dann nicht bekommen, was wir gern hätten, dann
müssen wir nicht denken: der liebe Gott hat nicht zugehört, und ganz aufhören,
zu beten, sondern dann müssen wir so beten: Jetzt weiss ich schon, lieber Gott,
dass du etwas Besseres im Sinn hast, und jetzt will ich nur froh sein, dass du es
so gut machen willst.«
    »Wie ist dir das alles so in den Sinn gekommen, Heidi?« fragte Klara.
    »Die Grossmama hat mir's zuerst erklärt und dann ist es auch so gekommen und
dann hab' ich's gewusst. Aber ich meine auch, Klara«, fuhr das Heidi fort, indem
es sich aufsetzte, »heute müssen wir gewiss dem lieben Gott noch recht danken,
dass er das grosse Glück geschickt hat, dass du jetzt gehen kannst.«
    »Ja gewiss, Heidi, du hast recht, und ich bin froh, dass du mich noch
erinnerst; vor lauter Freude hätte ich es fast vergessen.«
    Jetzt beteten die Kinder noch und dankten dem lieben Gott jedes in seiner
Weise für das herrliche Gut, das er der so lange krank gewesenen Klara geschenkt
hatte.
    Am andern Morgen meinte der Grossvater, nun könnte man einmal an die Frau
Grossmama schreiben, ob sie nicht jetzt nach der Alp kommen wolle, es wäre da
etwas Neues zu sehen. Aber die Kinder hatten einen andern Plan gemacht. Sie
wollten der Grossmama eine grosse Überraschung bereiten. Erst sollte Klara das
Gehen noch besser lernen, so dass sie, allein auf das Heidi gestützt, einen
kleinen Gang machen könnte; von allem aber müsste die Grossmama keine Ahnung
haben. Nun wurde der Grossvater beraten, wie lang das noch währen könnte, und da
er meinte, kaum acht Tage, so wurde im nächsten Brief die Grossmama dringend
eingeladen, um diese Zeit auf die Alp zu kommen; von etwas Neuem wurde ihr aber
kein Wort berichtet.
    Die Tage, die nun folgten, waren noch von den allerschönsten, welche Klara
auf der Alp verlebt hatte. Jeden Morgen erwachte sie mit der lauten
Freudenstimme in ihrem Herzen: »Ich bin gesund! Ich bin gesund! Ich muss nicht
mehr im Rollstuhl sitzen, ich kann selbst umhergehen wie die anderen Menschen!«
    Dann folgte das Umhergehen, und jeden Tag ging es leichter und besser, und
immer längere Gänge konnten gemacht werden. Die Bewegung brachte dann einen
solchen Appetit mit sich, dass der Grossvater seine dicken Butterschnitten täglich
ein wenig grösser machte und mit Wohlgefallen sah, wie sie verschwanden. Er
brachte jetzt auch immer gleich einen grossen Topf voll von der schäumenden Milch
herbei und füllte Schüsselchen um Schüsselchen. So kam das Ende der Woche heran
und damit der Tag, der die Grossmama bringen sollte!
 
                Es wird Abschied genommen, aber auf Wiedersehen
Die Grossmama hatte einen Tag vor ihrer Ankunft noch einen Brief nach der Alp
hinauf geschrieben, damit sie oben bestimmt wüssten, dass sie komme. Diesen Brief
brachte am andern Tag der Peter in der Frühe mit sich, als er auf die Weide zog.
Schon war der Grossvater mit den Kindern aus der Hütte getreten und auch Schwänli
und Bärli standen beide draussen und schüttelten lustig ihre Köpfe in der
frischen Morgenluft, während die Kinder sie streichelten und ihnen glückliche
Reise wünschten zu ihrer Bergfahrt. Behaglich stand der Öhi dabei und schaute
bald auf die frischen Gesichter der Kinder, bald auf seine sauber glänzenden
Geissen nieder. Beides musste ihm gefallen, denn er lächelte vergnüglich.
    Jetzt kam der Peter heran. Als er die Gruppe gewahr wurde, näherte er sich
langsam, streckte den Brief dem Öhi entgegen, und sobald dieser ihn erfasst
hatte, sprang er scheu zurück, so, als ob ihn etwas erschreckt habe, und dann
guckte er schnell hinter sich, gerade als ob von hinten ihn auch noch etwas
hätte erschrecken wollen; dann machte er einen Sprung und lief davon, den Berg
hinauf.
    »Grossvater«, sagte das Heidi, das dem Vorgang verwundert zugeschaut hatte,
»warum tut der Peter jetzt immer wie der grosse Türk, wenn der eine Rute hinter
sich merkt; dann scheut er mit dem Kopf und schüttelt ihn auf alle Seiten und
macht auf einmal Sprünge in die Luft hinauf.«
    »Vielleicht merkt der Peter auch eine Rute hinter sich, die er verdient«,
antwortete der Grossvater.
    Nur die erste Halde hinauf lief der Peter so in einem Zuge davon; sobald man
ihn von unten nicht mehr sehen konnte, kam es anders. Da stand er still und
drehte scheu den Kopf nach allen Seiten; plötzlich tat er einen Sprung und
schaute hinter sich, so erschreckt, als habe ihn eben einer im Genick gepackt.
Hinter jedem Busch hervor, aus jeder Hecke heraus meinte jetzt der Peter den
Polizeidiener aus Frankfurt auf sich losstürzen zu sehen. Je länger aber diese
gespannte Erwartung dauerte, je schreckhafter wurde es dem Peter zumute, er
hatte keinen ruhigen Augenblick mehr. -
    Nun musste das Heidi seine Hütte aufräumen, denn die Grossmama sollte doch
alles in guter Ordnung finden, wenn sie kam.
    Klara fand dieses geschäftige Treiben Heidis in allen Ecken der Hütte herum
immer so kurzweilig, dass sie mit Vorliebe dieser Tätigkeit zuschaute.
    So vergingen die frühen Morgenstunden den Kindern unversehens, und schon
konnte man der Ankunft der Grossmama entgegensehen.
    Jetzt kamen die Kinder bereit und zum Empfang gerüstet wieder heraus und
setzten sich nebeneinander auf die Bank vor der Hütte, in voller Erwartung auf
die kommenden Ereignisse.
    Auch der Grossvater trat jetzt wieder zu ihnen; er hatte einen Gang gemacht
und hatte einen grossen Strauss dunkelblauer Enziane mitgebracht, die leuchteten
so schön in der hellen Morgensonne, dass die Kinder aufjauchzten bei dem Anblick.
Der Grossvater trug sie in die Hütte hinein. Von Zeit zu Zeit sprang das Heidi
von der Bank, um auszuspähen, ob von dem Zug der Grossmama noch nichts zu
entdecken sei.
    Aber jetzt: da kam es von unten herauf, gerade so, wie das Heidi es erwartet
hatte. Voran stieg der Führer, dann kam das weisse Ross und die Grossmama darauf
und zuletzt kam der Träger mit dem hohen Reff, denn ohne reichliche Schutzmittel
zog die Grossmama nun einmal nicht auf die Alp.
    Näher und näher kam der Zug. Jetzt war die Höhe erreicht; die Grossmama
erblickte die Kinder von ihrem Pferd herunter.
    »Was ist denn das? Was seh' ich, Klärchen? Du sitzest nicht in deinem
Sessel? Wie ist das möglich?« rief sie erschrocken aus und stieg nun eilig
herunter. Bevor sie aber noch bei den Kindern angekommen war, schlug sie die
Hände zusammen und rief in der höchsten Aufregung:
    »Klärchen, bist du's oder bist du's nicht? Du hast ja rote Wangen,
kugelrunde! Kind! Ich kenne dich nicht mehr! »Jetzt wollte die Grossmama auf
Klara losstürzen. Aber unversehens war das Heidi von der Bank geglitten, Klara
hatte sich schnell auf seine Schultern gestützt, und fort wanderten die Kinder,
ganz gelassen einen kleinen Spaziergang machend. Die Grossmama war plötzlich
still gestanden, erst vor Schrecken, sie meinte nicht anders, als das Heidi
stelle eben etwas Unerhörtes an.
    Aber was sah sie vor sich!
    Aufrecht und sicher ging Klara neben dem Heidi her; jetzt kamen sie wieder
zurück, beide mit strahlenden Gesichtern, beide mit rosenroten Backen.
    Jetzt stürzte die Grossmama ihnen entgegen. Lachend und weinend umarmte sie
ihr Klärchen, dann das Heidi, dann wieder Klara. Vor Freude fand die Grossmama
gar keine Worte.
    Auf einmal fiel ihr Blick auf den Öhi, der bei der Bank stand und mit
behaglichem Lächeln nach den dreien herüberschaute. Jetzt fasste die Grossmama
Klaras Arm in den ihrigen und wanderte mit ihr unter immerwährenden Ausrufungen
des Entzückens, dass es ja wirklich so sei, dass sie umherwandern könne mit dem
Kinde, der Bank zu. Hier liess sie Klara los und ergriff den Alten bei beiden
Händen.
    »Mein lieber Öhi! Mein lieber Öhi! Was haben wir Ihnen zu danken! Es ist Ihr
Werk! Es ist Ihre Sorge und Pflege -«
    »Und unseres Herrgotts Sonnenschein und Almluft«, fiel der Öhi lächelnd ein.
    »Ja, und Schwänlis gute, schöne Milch gewiss auch!« rief nun Klara
ihrerseits; »Grossmama, du solltest nur wissen, wie ich die Geissenmilch trinken
kann, und wie gut sie ist!«
    »Ja, das kann ich an deinen Backen sehen, Klärchen«, sagte jetzt die
Grossmama lachend. »Nein, dich kennt man nicht mehr; rund, breit bist du ja
geworden, wie ich nie geahnt, dass du je werden könntest, und gross bist du,
Klärchen! Nein, ist es denn auch wahr? Ich kann dich ja nicht genug ansehen!
Aber nun muss auf der Stelle telegraphiert werden an meinen Sohn in Paris, er muss
sogleich kommen. Ich sag' ihm nicht: warum; das ist die grösste Freude seines
Lebens. Mein lieber Öhi, wie machen wir das? Sie haben wohl die Männer schon
entlassen?«
    »Die sind fort«, antwortete er; »aber wenn's der Frau Grossmama pressiert, so
lässt man den Geissenhüter herunterkommen, der hat Zeit.«
    Die Grossmama bestand darauf, sofort ihrem Sohne eine Depesche zu schicken,
denn dieses Glück sollte ihm keinen Tag vorentalten bleiben.
    Nun ging der Öhi ein wenig auf die Seite, und hier tat er einen so
durchdringenden Pfiff durch seine Finger, dass es hoch oben von den Felsen
zurückpfiff, so weit weg hatte er das Echo geweckt. Es währte gar nicht lange,
so kam der Peter heruntergerannt, er kannte den Pfiff wohl. Der Peter war
kreideweiss, denn er dachte, der Alm-Öhi rufe ihn zum Gericht. Es wurde ihm aber
nur ein Papier übergeben, das die Grossmama unterdessen überschrieben hatte, und
der Öhi erklärte ihm, er habe das Papier sofort ins Dörfli hinunterzutragen und
auf dem Postamt abzugeben, die Bezahlung werde der Öhi später selbst in Ordnung
bringen, denn so viele Dinge auf einmal konnte man dem Peter nicht übertragen.
    Dieser ging nun mit seinem Papier in der Hand, für diesmal wieder
erleichtert, davon, denn der Öhi hatte ja nicht zum Gericht gepfiffen, es war
kein Polizeidiener angekommen. -
    Endlich konnte man sich denn fest und ruhig zusammen um den Tisch vor der
Hütte herumsetzen, und nun musste der Grossmama erzählt werden, wie von Anfang an
alles sich zugetragen hatte. Wie zuerst der Grossvater jeden Tag ein wenig das
Stehen und dann ein Schrittchen mit Klara probiert hatte, wie dann die Reise auf
die Weide gekommen war, und der Wind den Rollstuhl fortgejagt hatte. Wie Klara
vor Begierde nach den Blumen den ersten Gang machen konnte, und so eins aus dem
andern gekommen war. Aber es währte lange, bis diese Erzählung von den Kindern
zu Ende gebracht wurde, denn zwischendurch musste die Grossmama immer wieder in
Verwunderung und in Lob und Dank ausbrechen, und immer wieder rief sie aus:
    »Aber ist es denn auch möglich! Ist es denn auch wirklich kein Traum? Sind
wir denn auch alle wach und sitzen wir hier vor der Almhütte, und das Mädchen
vor mir mit dem runden, frischen Gesicht ist mein altes, bleiches, kraftloses
Klärchen?«
    Und Klara und Heidi hatten immer neue Freude, dass ihre schön ausgedachte
Überraschung so gut gelungen war bei der Grossmama und immer noch fortwirkte.
Herr Sesemann hatte unterdessen seine Geschäfte in Paris beendet, und auch er
hatte vor, eine Überraschung zu bereiten. Ohne ein Wort an seine Mutter zu
schreiben, setzte er sich an einem der sonnigen Sommermorgen auf die Eisenbahn
und fuhr in einem Zuge bis nach Basel, von wo er in aller Frühe des folgenden
Tages gleich wieder aufbrach, denn es hatte ihn ein grosses Verlangen ergriffen,
einmal wieder sein Töchterchen zu sehen, von dem er nun den ganzen Sommer durch
getrennt gewesen war. Im Bade Ragaz kam er einige Stunden nach der Abfahrt
seiner Mutter an.
    Die Nachricht, dass sie eben heute die Reise nach der Alp unternommen habe,
kam ihm gerade recht. Sofort setzte er sich in einen Wagen und fuhr nach
Maienfeld hinüber. Als er da hörte, dass er auch noch bis zum Dörfli hinauffahren
könne, tat er dies, denn er dachte, die Fusspartie den Berg hinauf werde ihm
immer noch lang genug werden.
    Herr Sesemann hatte sich nicht getäuscht; die unausgesetzte Steigung die Alp
hinan kam ihm sehr lang und beschwerlich vor. Noch immer war keine Hütte in
Sicht, und er wusste doch, dass auf dem halben Wege er auf die Wohnung des
Geissenpeter stossen sollte, denn oftmals hatte er die Beschreibung dieses Weges
vernommen.
    Es waren überall Spuren von Fussgängern zu sehen, manchmal gingen die
schmalen Wege nach allen Richtungen hin. Herr Sesemann wurde unsicher, ob er
auch auf dem richtigen Pfade sei, oder ob vielleicht die Hütte auf einer andern
Seite der Alp liege. Er sah sich um, ob kein menschliches Wesen zu entdecken
sei, das er um den Weg befragen könnte. Aber es war still ringsum, weit und
breit war nichts zu sehen, noch zu hören. Nur der Bergwind sauste dann und wann
durch die Luft, und im sonnigen Blau summten die kleinen Mücken, und ein
lustiges Vögelein pfiff da und dort auf einem einsamen Lärchenbäumchen. Herr
Sesemann stand eine Weile still und liess sich die heisse Stirne vom Alpenwind
kühlen.
    Jetzt kam jemand von oben heruntergelaufen; es war der Peter mit seiner
Depesche in der Hand. Er lief gradaus, steil herunter, nicht auf dem Fussweg, auf
dem Herr Sesemann stand. Sobald der Läufer aber nahe genug war, winkte ihm Herr
Sesemann, dass er herüberkommen sollte. Zögernd und scheu kam der Peter heran,
seitwärts, nicht gradaus, und so, als könne er nur mit dem einen Fuss richtig
vorankommen und müsse den andern nachschleppen.
    »Na, Junge, frisch heran!« ermunterte Herr Sesemann.
    »Jetzt sag mir mal, komme ich auf diesem Weg zu der Hütte hinauf, wo der
alte Mann mit dem Kind Heidi wohnt, bei dem die Leute aus Frankfurt sind?«
    Ein dumpfer Ton furchtbarsten Schreckens war die Antwort, und so masslos
schoss der Peter davon, dass er kopfüber und über die steile Halde hinabstürzte
und fortrollte in unwillkürlichen Purzelbäumen, immer weiter und weiter, ganz
ähnlich wie der Rollstuhl getan hatte, nur dass glücklicherweise der Peter nicht
in Stücke ging, wie es bei dem Sessel der Fall gewesen war.
    Nur die Depesche wurde arg zugerichtet und flog in Fetzen davon.
    »Merkwürdig schüchterner Bergbewohner«, sagte Herr Sesemann vor sich hin,
denn er dachte nicht anders, als dass die Erscheinung eines Fremden diesen
starken Eindruck auf den einfachen Alpensohn hervorgebracht habe.
    Nachdem er Peters gewalttätige Talfahrt noch ein wenig betrachtet hatte,
setzte Herr Sesemann seinen Weg weiter fort.
    Der Peter konnte trotz aller Anstrengung keinen festen Standpunkt gewinnen,
er rollte immer zu, und von Zeit zu Zeit überschlug er sich noch in besonderer
Weise.
    Aber das war nicht die schrecklichste Seite seines Schicksals in diesem
Augenblick, viel erschrecklicher waren die Angst und das Entsetzen, die ihn
erfüllten, nun er wusste, dass der Polizeidiener aus Frankfurt wirklich angekommen
war. Denn er konnte nicht daran zweifeln, dass der Fremde es sei, der den
Frankfurtern beim Alm-Öhi nachgefragt hatte. Jetzt, am letzten hohen Abhang
oberhalb des Dörfli, warf es den Peter an einen Busch hin, da konnte er sich
endlich festklammern. Einen Augenblick blieb er noch liegen, er musste sich erst
wieder ein wenig besinnen, was mit ihm sei.
    »Gut so, wieder einer!« sagte eine Stimme hart neben dem Peter. »Und wer
kriegt morgen den Puff da droben, dass er herunterkommt wie ein schlechtvernähter
Kartoffelsack?«
    Es war der Bäcker, der so spottete. Da er da droben aus seinem heissen
Tagewerk weg sich ein wenig erluften wollte, hatte er ruhig zugesehen, wie eben
der Peter, dem Heranrollen des Stuhles nicht unähnlich, von oben
heruntergekommen war.
    Der Peter schnellte auf seine Füsse. Er hatte seinen neuen Schrecken. Jetzt
wusste der Bäcker auch schon, dass der Stuhl einen Puff bekommen hatte. Ohne ein
einziges Mal zurückzusehen, lief der Peter wieder den Berg hinauf. Am liebsten
wäre er jetzt heimgegangen und in sein Bett gekrochen, dass ihn keiner mehr
finden konnte, denn da fühlte er sich am sichersten. Aber er hatte ja die Geissen
noch oben und der Öhi hatte ihm noch eingeschärft, bald wiederzukommen, dass die
Herde nicht zu lang allein sei. Den Öhi aber fürchtete er vor allen und hatte
einen solchen Respekt vor ihm, dass er niemals gewagt hätte, ihm ungehorsam zu
sein. Der Peter ächzte laut und hinkte weiter, es musste ja sein, er musste wieder
hinauf. Aber rennen konnte er jetzt nicht mehr, die Angst und die mannigfaltigen
Stösse, die er soeben erduldet hatte, konnten nicht ohne Wirkung bleiben. So ging
es denn mit Hinken und Stöhnen weiter die Alm hinauf.
    Herr Sesemann hatte kurz nach der Begegnung mit Peter die erste Hütte
erreicht und wusste nun, dass er auf dem richtigen Wege war. Er stieg mit erneutem
Mute weiter, und endlich, nach langer, mühevoller Wanderung, sah er sein Ziel
vor sich. Dort oben stand die Almhütte und oben drüber wogten die dunkeln Wipfel
der alten Tannen.
    Herr Sesemann ging mit Freuden an die letzte Steigung, gleich konnte er sein
Kind überraschen. Aber schon war er von der Gesellschaft vor der Hütte entdeckt
und erkannt worden, und für den Vater wurde vorbereitet, was er nicht ahnte.
    Als er den letzten Schritt zur Höhe getan hatte, kamen ihm von der Hütte her
zwei Gestalten entgegen. Es war ein grosses Mädchen mit hellblonden Haaren und
einem rosigen Gesichtchen, das stützte sich auf das kleinere Heidi, dem ganze
Freudenblitze aus den dunkeln Augen funkelten. Herr Sesemann stutzte, er stand
still und starrte die Herankommenden an. Auf einmal stürzten ihm die grossen
Tränen aus den Augen. Was stiegen auch für Erinnerungen in seinem Herzen auf!
Ganz so hatte Klaras Mutter ausgesehen, das blonde Mädchen mit den angehauchten
Rosenwangen. Herr Sesemann wusste nicht, war er wachend oder träumte er.
    »Papa, kennst du mich denn gar nicht mehr?« rief ihm jetzt Klara mit
freudestrahlendem Gesicht entgegen, »bin ich denn so verändert?«
    Nun stürzte Herr Sesemann auf sein Töchterchen zu und schloss es in seine
Arme.
    »Ja, du bist verändert! Ist es möglich? Ist es Wirklichkeit?«
    Und der überglückliche Vater trat wieder einen Schritt zurück, um noch
einmal hinzusehen, ob denn das Bild nicht verschwinde vor seinen Augen.
    »Bist du's, Klärchen, bist du's denn wirklich?« musste er ein Mal ums andere
ausrufen. Dann schloss er sein Kind wieder in die Arme, und gleich nachher musste
er noch einmal sehen, ob es wirklich sein Klärchen sei, das aufrecht vor ihm
stand.
    Jetzt war auch die Grossmama herbeigekommen, sie konnte nicht so lange
warten, bis sie das glückliche Gesicht ihres Sohnes erblicken sollte.
    »Na, mein lieber Sohn, was sagst du jetzt?« rief sie ihm zu. »Die
Überraschung, die du uns machst, ist recht schön; aber diejenige, die man dir
bereitet hat, ist noch viel schöner, nicht?« Und die erfreute Mutter begrüsste
nun mit grosser Herzlichkeit ihren lieben Sohn. »Aber jetzt, mein Lieber«, sagte
sie dann, »kommst du mit mir dort hinüber, unsern Öhi zu begrüssen, der ist unser
allergrösster Wohltäter.«
    »Gewiss, und auch unsere Hausgenossin, unser kleines Heidi muss ich noch
begrüssen«, sagte Herr Sesemann, indem er Heidis Hand schüttelte. »Nun? Immer
frisch und gesund auf der Alp? Aber man muss nicht fragen, kein Alpenröschen kann
blühender aussehen. Das ist mir eine Freude, Kind, das ist mir eine grosse
Freude!«
    Auch das Heidi schaute mit leuchtender Freude zu dem freundlichen Herrn
Sesemann auf. Wie gut war er immer zu ihm gewesen! Und dass er nun hier auf der
Alp ein solches Glück finden sollte, das machte Heidis Herz laut schlagen vor
grosser Freude.
    Jetzt führte die Grossmama ihren Sohn zum Alm-Öhi hinüber, und während nun
die beiden Männer sich sehr herzlich die Hände schüttelten und Herr Sesemann
begann, seinen tiefgefühlten Dank auszusprechen und sein unermessliches Erstaunen
darüber, wie nur dieses Wunder hatte geschehen können, da wandte sich die
Grossmama und ging ein wenig nach der andern Seite hinüber, denn das hatte sie
nun schon durchgesprochen. Sie wollte einmal nach den alten Tannen sehen.
    Da harrte ihrer schon wieder etwas Unerwartetes: mitten unter den Bäumen,
da, wo die langen Äste noch einen freien Platz gelassen hatten, stand ein grosser
Busch der wundervollsten, dunkelblauen Enziane, so frisch und glänzend, als
wären sie eben da herausgewachsen. Die Grossmama schlug die Hände zusammen vor
Entzücken.
    »Wie köstlich! Wie prächtig! Welch ein Anblick!« rief sie ein Mal ums andere
aus. »Heidi, mein liebes Kind, komm hierher! Hast du mir das zur Freude
bereitet? Es ist vollkommen wundervoll!«
    Die Kinder waren schon da.
    »Nein, nein, ich gewiss nicht«, sagte das Heidi; »aber ich weiss schon, wer's
gemacht hat.«
    »So ist's droben auf der Weide, Grossmama, und noch viel schöner«, fiel hier
Klara ein. »Aber rat einmal, wer dir heut' früh schon die Blumen von der Weide
heruntergeholt hat!« Und Klara lächelte so vergnüglich zu ihrer Rede, dass der
Grossmama einen Augenblick der Gedanke kam, das Kind sei am Ende heut' selbst
schon dort oben gewesen. Das war aber doch fast nicht möglich.
    Jetzt hörte man ein leises Geräusch hinter den Tannenbäumen; es kam vom
Peter her, der unterdessen hier oben angelangt war. Da er aber gesehen hatte,
wer beim Öhi vor der Hütte stand, hatte er einen grossen Bogen gemacht und wollte
nun ganz heimlich hinter den Tannen hinaufschleichen. Aber die Grossmama hatte
ihn erkannt, und plötzlich stieg ein neuer Gedanke in ihr auf. Sollte der Peter
die Blumen mit heruntergebracht haben und nun aus lauter Scheu und
Bescheidenheit so heimlich vorbeischleichen wollen? Nein, das durfte nicht sein,
er sollte doch eine kleine Belohnung haben.
    »Komm, mein Junge, komm hier heraus, frisch, ohne Scheu!« rief die Grossmama
laut und steckte ein wenig den Kopf zwischen die Bäume hinein.
    Starr vor Schrecken stand der Peter still. Er hatte keine Widerstandskraft
mehr nach allem Erlebten. Er fühlte nur noch das eine: »Jetzt ist's aus!« Alle
Haare standen ihm aufrecht auf dem Kopf, und farblos und entstellt von höchster
Angst trat der Peter hinter den Tannen hervor.
    »Nur frisch heran, ohne Umwege«, ermunterte die Grossmama. »So, nun sag mir
mal, Junge, hast du das gemacht?«
    Der Peter hob seine Augen nicht auf und sah nicht, wohin der Zeigefinger der
Grossmama wies. Er hatte gesehen, dass der Öhi an der Ecke der Hütte stand und dass
dessen graue Augen durchdringend auf ihn gerichtet waren, und neben dem Öhi
stand das Schrecklichste, das der Peter kannte, der Polizeidiener aus Frankfurt.
An allen Gliedern zitternd und bebend, stiess der Peter einen Laut hervor, es war
ein »Ja«.
    »Na nu«, sagte die Grossmama, »was ist denn das Erschreckliche dabei?«
    »Dass er - dass er - dass er auseinander ist und man ihn nicht mehr machen
kann«, brachte mühsam der Peter heraus, und nun schlotterten seine Knie so, dass
er fast nicht mehr stehen konnte. Die Grossmama ging nach der Hüttenecke hinüber.
    »Mein lieber Öhi, rappelt es denn wirklich ernstlich bei dem armen Buben?«
fragte sie teilnehmend.
    »Gar nicht, gar nicht«, versicherte der Öhi; »der Bube ist nur der Wind, der
den Rollstuhl fortgejagt hat, und nun erwartet er seine wohlverdiente Strafe.«
    Das konnte nun die Grossmama gar nicht glauben, denn sie meinte, boshaft sehe
der Peter doch ganz und gar nicht aus, und sonst hätte er doch keinen Grund
gehabt, den so notwendigen Rollstuhl zu zerstören. Aber dem Öhi war das
Geständnis nur die Bestätigung eines Verdachtes gewesen, der gleich nach der Tat
in ihm aufgestiegen war. Die grimmigen Blicke, die der Peter vom Anfang an der
Klara zugeworfen hatte, und andere Merkmale seiner Erbitterung gegen die neuen
Erscheinungen auf der Alp waren dem Öhi nicht entgangen. Er hatte einen Gedanken
an den andern gehängt, und so hatte er genau den ganzen Gang der Dinge erkannt
und teilte ihn jetzt der Grossmama in aller Klarheit mit. Als er zu Ende war,
brach die Dame in grosse Lebhaftigkeit aus.
    »Nein, mein lieber Öhi, nein nein, den armen Buben wollen wir nicht weiter
strafen. Man muss billig sein. Da kommen die fremden Leute aus Frankfurt
hereingebrochen und nehmen ihm ganze Wochen lang das Heidi weg, sein einziges
Gut, und wirklich ein grosses Gut, und da sitzt er allein Tag für Tag und hat das
Nachsehen. Nein, nein, da muss man billig sein; der Zorn hat ihn überwältigt und
hat ihn zu der Rache getrieben, die ein wenig dumm war, aber im Zorn werden wir
alle dumm.«
    Damit ging die Grossmama zum Peter zurück, der noch immerfort bebte und
schlotterte.
    Sie setzte sich auf die Bank unter die Tanne und sagte freundlich:
    »So, nun komm, mein Junge, da vor mich hin, ich habe dir etwas zu sagen. Hör
auf zu zittern und zu beben und hör mir zu; das will ich haben. Du hast den
Rollstuhl den Berg hinuntergejagt, damit er zerschmettere. Das war etwas Böses,
das hast du recht wohl gewusst, und dass du eine Strafe verdientest, das wusstest
du auch, und damit du diese nicht erhaltest, hast du dich recht anstrengen
müssen, dass keiner es merke, was du getan hattest. Aber siehst du: wer etwas
Böses tut und denkt, es weiss es keiner, der verrechnet sich immer. Der liebe
Gott sieht und hört ja doch alles, und sobald er bemerkt, dass ein Mensch seine
böse Tat verheimlichen will, so weckt er schnell in dem Menschen das Wächterchen
auf, das er schon bei seiner Geburt in ihn hineingesetzt hat und das da drinnen
schlafen darf, bis der Mensch ein Unrecht tut. Und das Wächterchen hat einen
kleinen Stachel in der Hand, mit dem sticht es nun in einem fort den Menschen,
dass er gar keinen ruhigen Augenblick mehr hat. Und auch mit seiner Stimme
beängstigt es den Gequälten noch, denn es ruft ihm immer quälend zu: Jetzt kommt
alles aus! Jetzt holen sie dich zur Strafe! So muss er immer in Angst und
Schrecken leben und hat keine Freude mehr, gar keine. Hast du nicht auch so
etwas erfahren, Peter, eben jetzt?«
    Der Peter nickte ganz zerknirscht, aber wie ein Kenner, denn perfekt so war
es ihm ergangen.
    »Und noch in einer Weise hast du dich verrechnet«, fuhr die Grossmama fort.
»Sieh, wie das Böse, das du tatest, zum Besten ausfiel für die, der du es
zufügen wolltest! Weil Klara keinen Sessel mehr hatte, auf dem man sie
hinbringen konnte, und doch die schönen Blumen sehen wollte, so strengte sie
sich ganz besonders an, zu gehen, und so lernte sie's und geht nun immer besser,
und bleibt sie hier, so kann sie am Ende jeden Tag hinauf zur Weide gehen, viel
öfter, als sie in ihrem Stuhl hinaufgekommen wäre. Siehst du wohl, Peter? So
kann der liebe Gott, was einer böse machen wollte, nur schnell in seine Hand
nehmen und für den andern, der geschädigt werden sollte, etwas Gutes daraus
machen, und der Bösewicht hat das Nachsehen und den Schaden davon. Hast du nun
auch alles gut verstanden, Peter, ja? So denk daran, und jedesmal, wenn es dich
wieder gelüsten sollte, etwas Böses zu tun, denk an das Wächterchen da drinnen
mit dem Stachel und der unangenehmen Stimme. Willst du das tun?«
    »Ja, so will ich«, antwortete der Peter, noch sehr gedrückt, denn noch wusste
er ja nicht, wie alles enden würde, da der Polizeidiener immer noch drüben stand
neben dem Öhi.
    »So, nun ist's gut, die Sache ist abgetan«, schloss die Grossmama. »Nun sollst
du aber auch noch ein Andenken an die Frankfurter haben, das dich freut. So sag
mir nun, mein Junge, hast du auch schon mal was gewünscht, das du haben
möchtest? Was war's denn? Was möchtest du am liebsten haben?«
    Jetzt hob der Peter seinen Kopf auf und starrte die Grossmama mit ganz
kugelrunden, erstaunten Augen an. Noch immer hatte er etwas Erschreckliches
erwartet, und nun sollte er auf einmal bekommen, was er gern hätte. Dem Peter
kam alles durcheinander in seinen Gedanken.
    »Ja, ja, es ist mir Ernst«, sagte die Grossmama; »du sollst etwas haben, das
dich freut, zur Erinnerung an die Leute von Frankfurt und zum Zeichen, dass sie
nicht mehr daran denken, dass du etwas Unrechtes getan hast. Verstehst du's nun,
Junge?«
    In dem Peter fing die Einsicht aufzudämmern an, dass er keine Strafe mehr zu
befürchten habe und dass die gute Frau, die vor ihm sass, ihn aus der Gewalt des
Polizeidieners errettet hatte. Jetzt empfand er eine Erleichterung, als fiele
ein Berg von ihm ab, der ihn fast zusammengedrückt hatte. Aber nun hatte er auch
begriffen, dass es besser geht, wenn man gleich eingesteht, was gefehlt ist, und
auf einmal sagte er:
    »Und das Papier hab' ich auch verloren.«
    Die Grossmama musste sich ein wenig besinnen, aber der Zusammenhang kam ihr
bald in den Sinn und sie sagte freundlich:
    »So, so, es ist recht, dass du's sagst! Immer gleich bekennen, was nicht
recht ist; dann kommt's wieder in Ordnung. Und jetzt, was hättest du gern?«
    Nun konnte der Peter auf der Welt wünschen, was er nur wollte. Es wurde ihm
fast schwindelig. Der ganze Jahrmarkt von Maienfeld flimmerte vor seinen Augen
mit all den schönen Sachen, die er oft stundenlang angestaunt und für immer
unerreichbar gehalten hatte, denn Peters Besitztum hatte nie einen Fünfer
überstiegen und alle die lockenden Gegenstände kosteten immer das Doppelte. Da
waren die schönen, roten Pfeifchen, die er so gut für seine Geissen brauchen
konnte. Da waren die lockenden Messer mit runden Heften, Krötenstecher genannt,
mit denen man in allen Haselrutenhecken die besten Geschäfte machen konnte.
    Tiefsinnig stand der Peter da; denn er überdachte, welches von den zweien
das Wünschbarste wäre, und er fand den Entscheid nicht. Aber jetzt kam ihm ein
lichtvoller Gedanke, so konnte er sich noch bis zum nächsten Jahrmarkt besinnen.
    »Einen Zehner«, antwortete Peter jetzt entschlossen.
    Die Grossmama lachte ein wenig.
    »Das ist nicht übertrieben. So komm her!« Sie zog jetzt ihren Beutel heraus
und nahm einen grossen, runden Taler heraus; darauf legte sie noch zwei
Zehnerstückchen.
    »So, wir wollen gerade Rechnung machen«, fuhr sie fort; »das will ich dir
erklären. Hier hast du nun gerade so viele Zehner, als Wochen im Jahre sind! So
kannst du jeden Sonntag einen Zehner hervornehmen und verbrauchen, das ganze
Jahr durch.«
    »Meiner Lebtag?« fragte der Peter in harmloser Weise.
    Jetzt musste die Grossmama so ungeheuer lachen, dass die Herren drüben ihr
Gespräch unterbrechen mussten, um zu hören, was da vorgehe.
    Die Grossmama lachte immer noch.
    »Das sollst du haben, Junge; - das gibt einen Passus in mein Testament -
hörst du, mein Sohn? -, und nachher geht er in das deinige über; also: Dem
Geissenpeter einen Zehner wöchentlich, so lang er am Leben ist.«
    Herr Sesemann nickte zustimmend und lachte auch herüber.
    Der Peter schaute noch einmal auf das Geschenk in seiner Hand, ob es auch
wirklich wahr sei. Dann sagte er: »Danke Gott!«
    Und nun rannte er davon in ganz ungewöhnlichen Sprüngen; aber diesmal blieb
er doch auf den Füssen, denn jetzt trieb ihn nicht der Schrecken davon, sondern
eine Freude, wie der Peter noch gar keine gekannt hatte sein Leben lang. Alle
Angst und Schrecken waren vergangen, und jede Woche hatte er einen Zehner zu
erwarten sein Leben lang. -
    Als später die Gesellschaft vor der Almhütte das fröhliche Mittagsmahl
beendet hatte und nun noch in allerlei Gesprächen zusammensass, da nahm Klara
ihren Vater, der ganz strahlte vor Freude und jedesmal, wenn er sie wieder
anschaute, noch ein wenig glücklicher aussah, bei der Hand und sagte mit einer
Lebhaftigkeit, die man nie an der matten Klara gekannt hatte: »O Papa, wenn du
nur wüsstest, was der Grossvater alles für mich getan hat! So viel alle Tage, dass
man es gar nicht nacherzählen kann; aber ich vergesse es in meinem ganzen Leben
nicht. Und immer denke ich, wenn ich nur dem lieben Grossvater auch etwas tun
könnte, oder etwas schenken, das ihm so recht Freude machen würde, nur auch halb
so viel, wie er mir Freude gemacht hat.«
    »Das ist ja auch mein grösster Wunsch, liebes Kind«, sagte der Vater; »ich
sinne schon immer darüber nach, wie wir unserem Wohltäter unseren Dank nur auch
einigermassen dartun könnten.«
    Herr Sesemann stand jetzt auf und ging zum Öhi hinüber, der neben der
Grossmama sass und sich ausnehmend gut mit ihr unterhalten hatte. Er stand aber
jetzt auch auf. Herr Sesemann ergriff seine Hand und sagte in der
freundschaftlichsten Weise:
    »Mein lieber Freund, lassen Sie uns ein Wort zusammen sprechen! Sie werden
es verstehen, wenn ich Ihnen sage, dass seit langen Jahren ich keine rechte
Freude mehr kannte. Was war mir all mein Geld und Gut, wenn ich mein armes Kind
anblickte, das ich mit keinem Reichtum gesund und glücklich machen konnte?
Nächst unserm Gott im Himmel haben Sie mir das Kind gesund gemacht und mir, wie
ihm, damit ein neues Leben geschenkt. Nun sprechen Sie, womit kann ich Ihnen
meine Dankbarkeit zeigen? Vergelten kann ich nie, was Sie uns getan haben; aber
was ich vermag, das stelle ich zu Ihrer Verfügung. Sprechen Sie, mein Freund,
was darf ich tun?«
    Der Öhi hatte still zugehört und den glücklichen Vater mit vergnüglichem
Lächeln angeblickt.
    »Herr Sesemann glaubt mir wohl, dass ich meinen Teil an der grossen Freude
über diese Genesung auf unserer Alm auch habe; meine Mühe ist mir wohl dadurch
vergolten«, sagte jetzt der Öhi in seiner festen Weise. »Für die gütigen
Anerbietungen danke ich Herrn Sesemann, ich habe nichts nötig; so lang ich lebe,
habe ich für das Kind und mich genug. Aber einen Wunsch hätte ich; wenn mir der
erfüllt werden könnte, so hätte ich für dieses Leben keine Sorge mehr.«
    »Sprechen Sie, sprechen Sie, mein lieber Freund!« drängte Herr Sesemann.
    »Ich bin alt«, fuhr der Öhi fort, »und kann nicht mehr lange hier bleiben.
Wenn ich gehe, kann ich dem Kinde nichts hinterlassen, und Verwandte hat es
keine mehr; nur eine einzige Person, die würde noch ihren Vorteil aus ihm ziehen
wollen. Wenn mir der Herr Sesemann die Zusicherung geben wollte, dass das Heidi
nie in seinem Leben hinaus muss, um sein Brot unter den Fremden zu suchen, dann
hätte er mir reichlich zurückgegeben, was ich für ihn und sein Kind tun konnte.«
    »Aber, mein lieber Freund, von dem kann ja niemals eine Rede sein«, brach
Herr Sesemann nun aus; »das Kind gehört ja zu uns. Fragen Sie meine Mutter,
meine Tochter; das Kind Heidi werden sie ja in ihrem Leben nicht anderen Leuten
überlassen! Aber da, wenn es Ihnen eine Beruhigung ist, mein Freund, hier meine
Hand darauf. Ich verspreche Ihnen: nie in seinem Leben soll dieses Kind hinaus,
um unter fremden Menschen sein Brot zu verdienen; dafür will ich sorgen, auch
über meine Lebenszeit hinaus. Nun aber will ich noch etwas sagen: Dieses Kind
ist nicht für ein Leben in der Fremde gemacht, wie auch die Verhältnisse wären;
das haben wir erfahren. Aber es hat sich Freunde gemacht. Einen solchen kenn'
ich, der ist noch in Frankfurt; da tut er seine letzten Geschäfte ab, um dann
nachher dahin zu gehen, wo es ihm gefällt, und sich da zur Ruhe zu setzen. Das
ist mein Freund, der Doktor, der noch diesen Herbst hier ankommen wird und,
Ihren Rat dazu in Anspruch nehmend, sich in dieser Gegend niederlassen will,
denn in Ihrer und des Kindes Gesellschaft hat er sich so wohl befunden, wie
sonst nirgends mehr. So sehen Sie, das Kind Heidi wird fortan zwei Beschützer in
seiner Nähe haben. Mögen ihm beide miteinander noch recht lange erhalten
bleiben!«
    »Das gebe der liebe Gott!« fiel hier die Grossmama ein, und den Wunsch ihres
Sohnes bestätigend, schüttelte sie dem Öhi eine gute Weile mit grosser
Herzlichkeit die Hand. Dann fasste sie auf einmal das Heidi um den Hals, das
neben ihr stand, und zog es zu sich heran.
    »Und du, mein liebes Heidi, dich muss man doch auch noch fragen. Komm, sag
mir mal: Hast du denn nicht auch einen Wunsch, den du gern erfüllt hättest?«
    »Ja freilich, das hab' ich schon«, antwortete das Heidi und blickte sehr
erfreut zu der Grossmama auf.
    »So, das ist recht, so komm heraus damit«, ermunterte diese; »was hättest du
denn gern, Kind?«
    »Ich hätte gern mein Bett aus Frankfurt mit den drei hohen Kissen und der
dicken Decke, dann muss die Grossmutter nicht mehr mit dem Kopf bergab liegen und
kann fast nicht atmen, und sie hat warm genug unter der Decke und muss nicht
immer mit dem Shawl ins Bett gehen, weil sie sonst furchtbar friert.«
    Das Heidi hatte alles in einem Atemzuge gesagt vor Eifer, zu seinem
gewünschten Ziel zu kommen.
    »Ach, mein liebes Heidi, was sagst du mir da!« rief die Grossmama erregt aus.
»Das ist gut, dass du mich erinnerst. In der Freude vergisst man leicht, woran man
zu allererst hätte denken sollen. Wenn uns der liebe Gott was Gutes schickt,
müssten wir doch gleich an diejenigen denken, die so vieles entbehren! Jetzt wird
auf der Stelle nach Frankfurt telegraphiert! Noch heute soll die Rottenmeier das
Bett zusammenpacken, in zwei Tagen kann es da sein. Will's Gott, soll die
Grossmutter gut schlafen darin!«
    Das Heidi hüpfte frohlockend rings um die Grossmama herum. Aber auf einmal
stand es still und sagte eilig:
    »Nun muss ich gewiss geschwind zur Grossmutter hinunter, es wird ihr auch
wieder angst, wenn ich so lang nicht mehr komme.«
    Denn nun konnte das Heidi es nicht mehr erwarten, der Grossmutter die
Freudenbotschaft zu bringen, und es war ihm auch wieder in den Sinn gekommen,
wie es der Grossmutter angst gewesen, als sie zuletzt bei ihr war.
    »Nein, nein, Heidi, was meinst du?« ermahnte der Grossvater. »Wenn man Besuch
hat, läuft man nicht mit einemmal auf und davon.«
    Aber die Grossmama unterstützte das Heidi.
    »Mein lieber Öhi, das Kind hat so unrecht nicht«, sagte sie; »die arme
Grossmutter ist auch seit langem viel zu kurz gekommen um unsertwillen. Nun
wollen wir gleich alle miteinander zu ihr gehen, und ich denke, dort warte ich
mein Pferd ab und wir setzen dann unseren Weg weiter fort, und unten im Dörfli
wird sogleich das Telegramm nach Frankfurt aufgegeben. Mein Sohn, was meinst du
dazu?«
    Herr Sesemann hatte bis jetzt noch gar nicht Zeit gehabt, über seine
Reisepläne zu sprechen. Er musste also seine Mutter bitten, nicht sogleich ihr
Unternehmen auszuführen, sondern noch einen Augenblick sitzen zu bleiben, bis er
seine Absicht ausgesprochen habe.
    Herr Sesemann hatte sich vorgenommen, mit seiner Mutter eine kleine Reise
durch die Schweiz zu machen und erst zu sehen, ob sein Klärchen imstande sei,
eine kurze Strecke mit zu reisen. Nun war es so gekommen, dass er die
genussreichste Reise in Gesellschaft seiner Tochter vor sich sah, und nun wollte
er auch gleich diese schönen Spätsommertage dazu benutzen. Er hatte im Sinne,
die Nacht im Dörfli zuzubringen und am folgenden Morgen Klara auf der Alm
abzuholen, um mit ihr zur Grossmama nach dem Bade Ragaz und von da weiter zu
ziehen.
    Klara war ein wenig betroffen über die Anzeige der plötzlichen Abreise von
der Alp; aber es war ja so viel Freude daneben, und überdies war da gar keine
Zeit, sich dem Bedauern hinzugeben.
    Schon war die Grossmama aufgestanden und hatte Heidis Hand erfasst, um den Zug
anzuführen. Jetzt kehrte sie sich plötzlich um.
    »Aber was in aller Welt macht man nun mit Klärchen?« rief sie erschrocken
aus, denn es war ihr in den Sinn gekommen, dass der Gang doch für sie viel zu
lang sein würde.
    Aber schon hatte in gewohnter Weise der Öhi sein Pflegetöchterchen auf den
Arm genommen und folgte mit festem Schritte der Grossmama nach, die jetzt mit
vielem Wohlgefallen zurücknickte. Zuletzt kam Herr Sesemann und so ging der Zug
weiter den Berg hinunter.
    Das Heidi musste immerfort aufhüpfen vor Freude an der Seite der Grossmama,
und diese wollte nun alles wissen von der Grossmutter, wie sie lebe und wie alles
bei ihr zugehe, besonders im Winter, bei der grossen Kälte da droben.
    Das Heidi berichtete über alles ganz genau, denn es wusste schon, wie das
alles zuging und wie dann die Grossmutter zusammengeduckt in ihrem Winkelchen sass
und zitterte vor Kälte. Es wusste auch gut, was sie dann zu essen hatte, und
auch, was sie nicht hatte.
    Bis zur Hütte hinunter hörte die Grossmama mit der lebhaftesten Teilnahme
Heidis Berichten zu. -
    Die Brigitte war eben daran, Peters zweites Hemd an die Sonne zu hängen,
damit, wenn das eine wieder genug getragen war, das andere angezogen werden
konnte. Sie erblickte die Gesellschaft und stürzte in die Stube hinein.
    »Jetzt grad' geht alles fort, Mutter«, berichtete sie; »es ist ein ganzer
Zug; der Öhi begleitet sie, er trägt das Kranke.«
    »Ach, muss es denn wirklich sein?« seufzte die Grossmutter. »So nehmen sie das
Heidi mit, das hast du gesehen? Ach wenn es mir nur auch noch die Hand geben
dürfte! Wenn ich es nur auch noch einmal hörte!«
    Jetzt wurde stürmisch die Tür aufgemacht, und das Heidi war in wenigen
Sprüngen in der Ecke bei der Grossmutter und umklammerte sie.
    »Grossmutter! Grossmutter! Mein Bett kommt aus Frankfurt und alle drei Kissen
und auch die dicke Decke; in zwei Tagen ist es da, das hat die Grossmama gesagt.«
    Das Heidi hatte gar nicht schnell genug seinen Bericht herausbringen können,
denn es konnte die ungeheure Freude der Grossmutter fast nicht abwarten. Sie
lächelte, aber ein wenig traurig sagte sie:
    »Ach, was muss das für eine gute Frau sein! Ich sollte mich nur freuen, dass
sie dich mitnimmt, Heidi; aber ich kann es nicht lang überleben.«
    »Was? was? Wer sagt denn der guten, alten Grossmutter so etwas?« fragte hier
eine freundliche Stimme, und die Hand der Alten wurde dabei erfasst und herzlich
gedrückt, denn die Grossmama war hinzugetreten und hatte alles gehört. »Nein,
nein, davon ist keine Rede! Das Heidi bleibt bei der Grossmutter und macht ihre
Freude aus. Wir wollen das Kind auch wieder sehen, aber wir kommen zu ihm. Jedes
Jahr werden wir nach der Alm hinaufkommen, denn wir haben Ursache, an dieser
Stelle dem lieben Gott alljährlich unseren besonderen Dank zu sagen, wo er ein
solches Wunder an unserem Kinde getan hat.«
    Jetzt kam der echte Freudenschein auf das Gesicht der Grossmutter, und mit
wortlosem Dank drückte sie fort und fort die Hand der guten Frau Sesemann,
während ihr vor lauter Freude zwei grosse Tränen die alten Wangen herabglitten.
Das Heidi hatte den Freudenschein auf dem Gesichte der Grossmutter gleich gesehen
und war jetzt ganz beglückt.
    »Gelt, Grossmutter«, sagte es, sich an sie schmiegend, »jetzt ist es so
gekommen, wie ich dir zuletzt gelesen habe? Gelt, das Bett aus Frankfurt ist
gewiss heilsam?«
    »Ach ja, Heidi, und noch so vieles, so viel Gutes, das der liebe Gott an mir
tut!« sagte die Grossmutter mit tiefer Rührung. »Wie ist es nur möglich, dass es
so gute Menschen gibt, die sich um eine arme Alte bekümmern und so viel an ihr
tun! Es ist nichts, das einem den Glauben so stärken kann an einen guten Vater
im Himmel, der auch sein Geringstes nicht vergessen will, wie so etwas zu
erfahren, dass es solche Menschen gibt voll Güte und Barmherzigkeit für ein
armes, unnützes Weiblein, wie ich eins bin.«
    »Meine gute Grossmutter«, fiel hier Frau Sesemann ein, »vor unserem Herrn im
Himmel sind wir alle gleich armselig, und alle haben wir es gleich nötig, dass er
uns nicht vergesse. Und nun nehmen wir Abschied, aber auf Wiedersehen, denn
sobald wir nächstes Jahr wieder nach der Alm kommen, suchen wir auch die
Grossmutter wieder auf; die wird nie mehr vergessen!« Damit erfasste Frau Sesemann
noch einmal die Hand der Alten und schüttelte sie.
    Aber sie kam nicht so schnell fort, wie sie meinte, denn die Grossmutter
konnte nicht aufhören zu danken, und alles Gute, das der liebe Gott in seiner
Hand habe, wünschte sie auf ihre Wohltäterin und deren ganzes Haus herab.
    Jetzt zog Herr Sesemann mit seiner Mutter talabwärts, während der Öhi Klara
noch einmal mit nachhause trug und das Heidi, ohne auszusetzen, hochauf hüpfte
neben ihnen her, denn es war so froh über die Aussicht der Grossmutter, dass es
mit jedem Schritt einen Sprung machen musste.
    Am Morgen darauf aber gab es heisse Tränen bei der scheidenden Klara, nun sie
fort musste von der schönen Alm, wo es ihr so wohl gewesen war, wie noch nie in
ihrem Leben. Aber das Heidi tröstete sie und sagte:
    »Es ist im Augenblick wieder Sommer und dann kommst du wieder und dann ist's
noch viel schöner. Dann kannst du von Anfang an gehen und wir können alle Tage
mit den Geissen auf die Weide gehen und zu den Blumen hinauf, und alles Lustige
geht von vorn an.«
    Herr Sesemann war nach Abrede gekommen, sein Töchterchen abzuholen. Er stand
jetzt drüben beim Grossvater, die Männer hatten noch allerlei zu besprechen.
Klara wischte nun ihre Tränen weg, Heidis Worte hatten sie ein wenig getröstet.
    »Ich lasse auch den Peter noch grüssen«, sagte sie wieder, »und alle Geissen,
besonders das Schwänli. O wenn ich nur dem Schwänli ein Geschenk machen könnte;
es hat so viel dazu geholfen, dass ich gesund geworden bin.«
    »Das kannst du schon ganz gut«, versicherte das Heidi. »Schick ihm nur ein
wenig Salz, weisst, wie gern schleckt es am Abend das Salz aus des Grossvaters
Hand.«
    Der Rat gefiel der Klara wohl.
    »O, dann will ich ihm gewiss hundert Pfund Salz aus Frankfurt schicken«, rief
sie erfreut aus, »es muss auch ein Andenken an mich haben!«
    Jetzt winkte Herr Sesemann den Kindern, denn er wollte abreisen. Diesmal war
das weisse Pferd der Grossmama für Klara gekommen, und jetzt konnte sie
herunterreiten, sie brauchte keinen Tragsessel mehr.
    Das Heidi stellte sich auf den äussersten Rand des Abhanges hinaus und winkte
mit seiner Hand der Klara zu, bis kein Pünktchen mehr von Ross und Reiterin zu
sehen war. - -
    Das Bett ist angekommen und die Grossmutter schläft jetzt so gut jede Nacht,
dass sie gewiss dadurch zu ganz neuen Kräften kommt.
    Den harten Winter auf der Alp hat die gute Grossmama auch nicht vergessen.
Sie hat einen grossen Warenballen nach der Geissenpeter-Hütte gesandt; darin war
so viel warmes Zeug verpackt, dass die Grossmutter sich um und um damit einhüllen
kann und gewiss nie mehr zitternd vor Kälte in ihrer Ecke sitzen muss.
    Im Dörfli ist ein grosser Bau im Gang. Der Herr Doktor ist angekommen und hat
vorderhand sein altes Quartier bezogen. Auf den Rat seines Freundes hin hat der
Herr Doktor das alte Gebäude angekauft, das der Öhi im Winter mit dem Heidi
bewohnt hatte und das ja schon einmal ein grosser Herrensitz gewesen war, was man
immer noch an der hohen Stube mit dem schönen Ofen und dem kunstreichen Getäfel
sehen konnte. Diesen Teil des Hauses lässt der Herr Doktor als seine eigene
Wohnung aufbauen. Die andere Seite wird als Winterquartier für den Öhi und das
Heidi erstellt, denn der Herr Doktor kennt den Alten als einen unabhängigen
Mann, der seine eigene Behausung haben muss. Zuhinterst wird ein festgemauerter,
warmer Geissenstall eingerichtet, da werden Schwänli und Bärli in sehr
behaglicher Weise ihre Wintertage zubringen.
    Der Herr Doktor und der Alm-Öhi werden täglich bessere Freunde, und wenn sie
zusammen auf dem Gemäuer herumsteigen, um den Fortgang des Baues zu besichtigen,
kommen ihre Gedanken meistens auf das Heidi, denn beiden ist die Hauptfreude an
dem Hause, dass sie mit ihrem fröhlichen Kinde hier einziehen werden.
    »Mein lieber Freund«, sagte kürzlich der Herr Doktor, mit dem Öhi oben auf
der Mauer stehend, »Sie müssen die Sache ansehen wie ich.
    Ich teile alle Freude an dem Kinde mit Ihnen, als wäre ich der nächste nach
Ihnen, zu dem das Kind gehört; ich will aber auch alle Verpflichtungen teilen
und nach bester Einsicht für das Kind sorgen. So habe ich auch meine Rechte an
unserem Heidi und kann hoffen, dass es mich in meinen alten Tagen pflegt und um
mich bleibt, was mein grösster Wunsch ist. Das Heidi soll in alle Kindesrechte
bei mir eintreten; so können wir es ohne Sorge zurücklassen, wenn wir einmal von
ihm gehen müssen, Sie und ich.«
    Der Öhi drückte dem Herrn Doktor lange die Hand; er sagte kein Wort, aber
sein guter Freund konnte in den Augen des Alten die Rührung und hohe Freude
lesen, die seine Worte erweckt hatten. -
    Derweilen sassen das Heidi und der Peter bei der Grossmutter, und das erstere
hatte so viel zu tun mit Erzählen und der letztere mit Zuhören, dass sie alle
beide kaum zu Atem kommen konnten und vor Eifer immer näher auf die glückliche
Grossmutter eindrangen.
    Wie viel war ihr auch zu berichten von alledem, das den ganzen Sommer durch
sich ereignet hatte, denn man war ja so wenig zusammengekommen während dieser
Zeit.
    Und von den dreien sah immer eins glücklicher aus als das andere über das
neue Zusammensein und über alle die wunderbaren Ereignisse. Jetzt aber war das
Gesicht der Mutter Brigitte noch fast am glücklichsten anzusehen, da mit Heidis
Hilfe nun zum erstenmal klar und verständlich die Geschichte des unaufhörlichen
Zehners herauskam. Zuletzt aber sagte die Grossmutter:
    »Heidi, lies mir ein Lob- und Danklied! Es ist mir, als könne ich nur noch
loben und preisen und unserem Gott im Himmel Dank sagen für alles, was er an uns
getan hat.«
 
    