
        
                           Marie von Ebner-Eschenbach
                             Lotti, die Uhrmacherin
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Fräulein Lotti war soeben erwacht. Die Repetieruhr, die an einem zart
geschweiften Schnörkel am rechten Kopfende des altertümlichen, reich
geschnitzten Bettes hing, schlug mit zartem Klange sechsmal an. Gleich darauf
begann die deutsche Stockuhr, eine solide Arbeit Meister Anton Schreibelmeiers,
von der Kommode am Pfeiler aus, die Morgenstunde zu verkünden. - Auf! auf!
befahl ihre gebieterische Stimme, an die Arbeit! der Tag beginnt! - Ihre Glocken
hatten kaum ausgezittert, als auch schon die französische Wanduhr, in aller
Bescheidenheit, eilig und leise zu melden begann: Sechs! sechs! gehorsamst zeig
ich's an.
    Eine kleine Pause - und am linken Kopfende des Bettes erhob das Seitenstück
der Repetier-, eine Spieluhr, ihre Silberstimme und gab ein Schäferliedchen zum
besten, so lieblich, als hätten kleine Engel es gesungen.
    Mit unendlichem Wohlgefallen lauschte das Fräulein dem Konzerte, das ihre
Uhren abhielten, und hätte in den Schlussgesang beinahe mit eingestimmt, so
fröhlich war ihr zumute. An dem Lichte, das durch die herabgelassenen Vorhänge
in das Zimmer drang, erkannte sie, dass es heute einen schönen Tag gebe - war das
nicht genug, um den reichen Quell von Heiterkeit in ihrer Seele zum Überströmen
zu bringen?
    Sie stand auf und kleidete sich an; sehr sorgfältig zwar, aber ohne dabei
mehr, als durchaus nötig war, in den Spiegel zu sehen, denn - sie war sich kein
angenehmer Anblick. Die Zeit, in welcher sie ihren Mangel an Schönheit gar
schmerzlich und fast wie eine Schmach empfunden, war freilich vorbei. Jetzt, mit
fünfunddreissig Jahren als ehrenfeste alte Jungfer, hatte sie längst aufgehört,
ihr Äusseres gehässig anzufeinden, aber so ganz erloschen war das letzte Fünkchen
Eitelkeit in ihrem Frauenherzen doch nicht, wenn es sich auch nur in dem
Gedanken aussprach: Es ist ein Glück, dass ich anderen anders vorkomme als mir
selbst, sonst könnte mich niemand leiden.
    Nach beendeter Toilette begab sie sich aus dem Schlaf- in das Wohnzimmer. Es
war ein trauliches Gemach, dessen Fenster auf einen kleinen Platz sah - einen
sehr kleinen, denn er wurde von nur vier Häusern gebildet; doch war er luftig
und hell und gewährte den Anblick eines beträchtlichen Stückes Himmel, was gewiss
kein geringer Vorzug war. Es will etwas heissen, im Herzen der Zivilisation zu
wohnen, im Mittelpunkt der Hauptstadt, tausend Schritte vom Dome, den zu sehen
viele Leute tausend Meilen weit hergezogen kommen, und dabei von seinem Fenster
aus Wetterbeobachtungen fast wie Knauer und das Studium des Sternenlaufes fast
wie ein Chaldäer betreiben zu können, Wolken und Vögel ziehen und der Sonne und
dem Mond ins Gesicht zu sehen.
    Dieses Stück Himmel, obwohl - nur aus einem Fenster sichtbar, erhellte dem
Fräulein die ganze im übrigen ziemlich finstere Wohnung und liess ihr das
Erklimmen der drei Stockwerke, die zu derselben hinaufführten, als eine höchst
anmutige Promenade erscheinen, weniger beschwerlich als eine Bergbesteigung, und
beinahe ebenso lohnend.
    Aber nicht nur der Himmel über dem Platze, auch die Häuser auf dem Platze
und die Menschen, die in ihnen wohnten, nahmen das Interesse Fräulein Lottis in
Anspruch. Die Fenster des gegenüberliegenden Hauses, das den Platz gegen Osten
in einem stumpfen Winkel abschnitt, glänzten schon im Sonnenschein. Bei den
reichen Leuten in der Beletage sind die Gardinen noch nicht aufgezogen; dort
schläft man in den Tag hinein, sieht den Himmel nie in seinem ersten, sanft
umflorten Blau, in seiner duftigsten Schönheit. Im dritten und vierten Stock
hingegen gibt's freien Eintritt für Licht und Luft des goldenen Maimorgens.
    Auf den Mauervorsprüngen der beiden Häuser nebenan trippeln dicke graue
Tauben in grosser Aufregung. Sie warten voll Ungeduld auf das Frühstück, das
ihnen Lotti auf das Fenstergesimse zu servieren pflegt. Kaum weniger gespannt
als sie, sehen noch andere Geschöpfe dem anziehenden Schauspiel der
Taubenfütterung entgegen. Es sind die nächsten Nachbarn des Fräuleins, und sie
gehören zu ihren Bekannten, wenn auch nicht zu ihrem Kreise. Der Nachbar zur
Linken erhält ihren ersten Gruss, dann kommen die Nachbarn zur Rechten. Jener,
ein gebrechliches Männchen, engbrüstig und kahl, das Urbild eines alten
Damenschneiderleins, diese, drei frische Jungen, mit runden, dank der frühen
Morgenstunde sauber gewaschenen Gesichtern. Prächtige Bursche, noch zu jung für
die Schule und doch beinahe schon der weiblichen Zucht entwachsen; mit Worten
wenigstens richtet die Mutter nichts mehr bei ihnen aus, obwohl sie dieselben
nicht spart, die brave Frau. Der Mann und Vater hat seine Werkstätte nebenan in
den Hof hinaus und plagt sich an der Drehbank vom Morgen bis zum Abend. Er ist
Pfeifenschneider, aber im Rohre scheint er nicht zu sitzen und Überfluss hat er
nur an Kindersegen. Die drei Erstgeborenen haben angefangen, sich um den besten
Platz am Fenster zu balgen, die Mutter tritt unter sie, ein zweijähriges Mädchen
auf dem Arme, zieht den Pantoffel vom Fusse und schlägt wacker auf die Buben los.
Der Pantoffel fällt, gleich der Hand des Schicksals, ohne Unterschied auf das
Haupt des Gerechten wie des Ungerechten, und bald herrschen Ruhe und Frieden.
Die neuen Horatier liegen still nebeneinander im Fenster und beobachten die
grauen Tauben, mit innigstem Verständnis für ihre Rauflust und ihren guten
Appetit.
    Die Aufmerksamkeit des Schneiderleins hingegen ist auf das Fräulein
gerichtet. Das braune Mohairkleid, das seine Gönnerin heute zum erstenmal
angetan hat, ist seiner Hände selbsteigenes Werk. Der Schnitt hat sich seit
wenigstens zehn Jahren als vortrefflich bewährt, und genäht und ausgefertigt ist
das Kleidungsstück mit einer Sorgfalt, die ihresgleichen sucht. Alles solid und
geschmackvoll. Der Rock so faltenreich, die Taille weder zu lang noch zu kurz,
sondern gerade dort angebracht, wo der liebe Gott sie hingesetzt hat. Sie wird
von einem breiten Gürtelband umgeben, aus reiner Seide, fein, weich und
dauerhaft. Aus demselben Stoffe bestehen auch die Biais, die den Kragen und die
enganliegenden Ärmel schmücken. Von den letzteren heben sich die glatten
Manschetten, welche das Fräulein zu tragen pflegt, gar schön ab, und diese
bilden die schneeweisse Einfassung der zarten schlanken Hände. Ach, diese Hände!
das Schneiderlein vermag sie niemals ohne innere Rührung zu betrachten. Sie
waren das erste, was er erblickte in jenem unvergesslichen Momente, in dem er die
Augen aufschlug, die er für immer geschlossen zu haben meinte, freiwillig
geschlossen, nach schwerem, entsetzlichem Kampfe. Der Alte besinnt sich nur noch
wie eines bösen Traums des hoffnungslosen Elends, das ihn zu einer Tat der
Verzweiflung getrieben; er hat die Ursache fast vergessen und begreift ihre
Wirkung nicht mehr. »Ich muss wahnsinnig gewesen sein!« sagt er jetzt, wenn er
der Stunde gedenkt, in welcher er sein kleines Töchterchen zu sich gerufen, Tür
und Fenster desselben Zimmers, das er heute noch bewohnt, verriegelt und das
Kohlenbecken entzündet hat.
    Damals hatte der Zufall Fräulein Lotti zur Retterin des armen
Schneidermeisters gemacht, ihre Güte machte sie zu seiner Beschützerin. Nachdem
er unter ihrer Pflege gesund und wieder erwerbsfähig geworden, sammelte sie
allmählich für ihn einen kleinen Kundenkreis. Der Schneider befand sich jetzt in
guten Verhältnissen, war sogar imstande, einen Sparpfennig zurückzulegen. Er
hätte das ruhigste Leben gehabt, wenn nur die revolutionären Ideen seiner
Tochter nicht gewesen wären. Aber die Leopoldine, ein ehrgeiziges junges Ding,
ein Feuerkopf, hatte an den Arbeiten des Vaters immer etwas auszusetzen und
schwärmte, zu seinem Grauen und Entsetzen, für die unsinnigsten, lächerlichsten,
abscheulichsten Moden, nämlich für die neuesten.
    Soeben haben sie wieder einen scharfen Streit gehabt und sitzen jetzt
einander gegenüber im Fenster und nähen an einer schwarzen Seidenmantille mit
einem Eifer, den ihr nicht ganz ausgebrauster Zorn beflügelt. Die Mantille
braucht erst morgen fertigzuwerden, wird es aber gewiss heute noch, wenn die
Furie anhält, mit der Vater und Tochter die Nadel führen.
    Inzwischen hat sich das Dachfenster über der Schneiderwerkstätte geöffnet;
eine Frau und eine Katze sind an demselben erschienen, beide wohlgenährt und
weisshaarig. Die Katze schleicht zur Morgenpromenade auf das Dach hinaus, bleibt
öfters stehen und wirft begehrliche Raubtierblicke nach den Tauben, die von
Fräulein Lotti gefüttert werden. - Wer eine von euch erwischen könnte! denkt
sie. Saubere Weltordnung, in der wir leben! - Gäb's eine Gerechtigkeit - ich
hätte Flügel!
    Frau Katze schüttelt den Kopf, schliesst die Augen, leckt die fadendünnen
Lippen und gähnt wie ein Tiger.
    Ihre Gebieterin hakt den Fensterflügel ein, damit die Spaziergängerin bequem
eintreten könne, wenn es ihr genehm sein würde heimzukehren. Die Rückkunft ihres
Lieblings kann die Bewohnerin der Dachstube nicht abwarten, sie muss an ihren
Posten, in den kleinen Laden im Durchhause nebenan, wo sie im Winter
altgebackenes Brot, im Sommer auch Obst feilbietet und zu allen Jahreszeiten
Näschereien, die ihre Katze verschmähen würde, die aber an den Schulkindern
beharrliche Abnehmer finden.
    Fräulein Lotti sandte bereits viele Grüsse zu der dicken Frau empor, die so
freundlich aussah wie des Teufels Grossmutter und sich's lange überlegte, bevor
sie mit einem kaum merkbaren Nicken dankte. Aber auch damit ist Lotti zufrieden.
An Zuvorkommenheit von Seite der Frau Brotsitzerin wurde sie nie gewöhnt und hat
auch kein besonderes Herzensbedürfnis danach. Sie wünscht nur, konservativ wie
sie einmal ist, dass alles beim alten bleibe und dass sie sich täglich sagen
könne, was die Potentaten jährlich einmal in ihren Tronreden sagen: »Unsere
Beziehungen zu den Nachbarstaaten sind die freundschaftlichsten.«
 
                                       2
Lotti schloss ihren unersättlichen Tauben das Fenster vor den Schnäbeln zu und
zog sich in das Zimmer zurück. Auf einem Tischchen, in der Nähe des Kamins,
hatte Agnes, die goldene Säule des kleinen Haushalts, schon alle Vorbereitungen
zum Tee getroffen. Lotti begann nun, ihn zu bereiten. dabei musterte sie ab und
zu ihr Stübchen mit wohlgefälligen Blicken.
    Je länger sie es bewohnte, desto gemütlicher erschien es ihr, desto mehr
musste sie selbst die geschickte Benützung des Raumes bewundern, die es möglich
gemacht, so viele Tische, Schränke und Schränkchen in dem schmalen Zimmer
unterzubringen. Sehr frei bewegen konnte man sich darin freilich nicht, am
wenigsten dann, wenn zufällig mehrere Schranktüren zu gleicher Zeit
offenstanden. Doch - was lag daran? Lotti empfing ja keine Gäste, hatte auch für
solche nicht vorgesorgt. Ausser dem Fauteuil, den sie bei ihren Mahlzeiten
benützte, war nur noch ein Sitzmöbel vorhanden, ein altdeutscher, geschnitzter
Holzsessel, ein wahrer Ausbund von Schwerfälligkeit. Er überragte, kaum
beweglicher als ein Berg, einen Arbeitstisch, auf dem mehrere zerlegte Uhrwerke
unter Glasglocken und alle erdenklichen Uhrmacherwerkzeuge lagen. Auf der linken
Seite des Fensters, in der dunklen Ecke, welche das Zimmer dort bildete, befand
sich ein grosser, bis an die Decke reichender Schrank. Der glich einer gotischen
Kapelle, war aber ein Schreibtisch, sehr schön, sehr merkwürdig und sehr
unbequem - der Schreibtisch einer Person, die nicht schreibt. Um so zweckmässiger
war der niedrigere Bücherschrank, der den grössten Teil der Längenwand, dem
Eingange zu Agnesens Zimmer gegenüber, einnahm. Schlanke Säulen mit
korintischen Kapitälchen verzierten die Glastüren des Aufsatzes, hinter dessen
blanken Scheiben eine sehr gemischte Gesellschaft friedlich beisammen wohnte.
    Da standen Schillers Werke in einem Bande, im allerdings ziemlich
abgenützten Prunkgewand aus rotem Saffian, neben zwei kleinen dicken Büchlein in
schweinsledernen Schlafröckchen, den Mémoires du Maréchal de Bassompierre.
Goetes Benvenuto Cellini hatte zwei ganz unähnliche Nachbarn, Dom Jacques
Martins Histoire des Gaules und ein ehrwürdiges Inkunabel: Unser lieben frawen
psalter, gedruckt zu Augspurg. Von Luca Zeisselmair. Am mitwoch nach Jakobi. In
dé iar als man zelet 1495. Gibbons Geschichte des Verfalles des römischen
Reiches blickte gnädig auf den Herrn Quintus Fixlein herab, Krummachers Parabeln
lehnten sich mit naiver Zutraulichkeit an die Annalen des Tacitus. Lessings
Laokoon war durch ein Versehen mitten hineingeraten zwischen den Barometermacher
auf der Zauberinsel und die Familie von Halden; Prinz von Gotland, der Bramarbas
und Himmelstürmer, hielt sich ruhig neben dem weisen Pascal. Viele Klassiker der
Weltliteratur, alte und neue, fanden sich durch irgendein Hauptwerk vertreten;
vollständig vorhanden jedoch waren alle Lehrbücher der Uhrmacherkunst. Ihre
lange majestätische Reihe wurde durch Hieronymus Cardani (1557) eröffnet und
schloss mit M.L. Moinets Traité général d'Horlogerie.
    Kein einziges von allen diesen Büchern war seiner Eigentümerin ganz fremd,
mit manchen stand sie auf dem vertrautesten Fusse, und gerade in diese vertiefte
sie sich mit dem grössten Vergnügen immer von neuem. Denn, meinte sie, ein
schönes Buch nicht wiederlesen, weil man es schon gelesen hat, das ist, als ob
man einen teuren Freund nicht wieder besuchen würde, weil man ihn schon kennt.
    Übrigens - ein gutes Buch, einen guten Freund, die lernt man nicht aus. Ein
weises Buch ist ebenso unergründlich wie ein grosses Menschenherz.
    Viele dieser Werke besassen ausser ihrem eigenen auch noch einen besonderen,
für Lotti unschätzbaren Wert. Sie waren mit Randbemerkungen von der Hand eines
Mannes versehen, der ihr unter allen Lebenden am Höchsten gestanden - ihres
Vaters.
    Sie meinte ihn sprechen zu hören, wenn sie die kurzen zierlich geschriebenen
Sätze, Früchte reiflicher Überlegung und solider Fachkenntnis, überlas.
    Meister Johannes Fessler hatte nicht zu den Leuten gehört, die einen Gedanken
deshalb schon für gut halten, weil er in ihrem Kopf entstanden ist. Das
Handwerk, das er ein halbes Jahrhundert hindurch getrieben, hatte ihn gelehrt,
dreissig »vielleicht« und »ich glaube« leichter auszusprechen als ein »so ist's«,
oder ein »das steht fest«.
    Ein gewissenhafter Uhrmacher, wie er gewesen, ein Mann, der so oft erfahren
hatte, dass am Ende einer Reihe scheinbar richtiger Schlüsse ein Irrtum lauern
kann, der hütet sich wohl, leichtsinnig Behauptungen aufzustellen. Dafür haben
die seinen aber auch bei allen Leuten, die es verstehen, einen Ausspruch auf
dessen Feingehalt an Wahrheit zu prüfen, ihr gehöriges Gewicht.
    Aus den Randglossen des Meisters liess sich erkennen, wie ernst es ihm war
mit seinem Beruf und welche Liebe er für denselben gehegt. Man sah es wohl, was
er auch gelesen hatte, wie sehr ein Buch seine Aufmerksamkeit gefesselt haben
mochte, seines Handwerks hatte er dabei nie vergessen. Niemals war ein
bemerkenswertes Ereignis in der Geschichte der Menschen zu seiner Kenntnis
gekommen, ohne dass er gesucht hätte, es mit einem ebensolchen in der Geschichte
der Uhren in Verbindung zu bringen. So befand sich zum Beispiel in einem
historischen Werke, an einer Stelle, wo die Rede war vom Tode Kaiser Rudolfs von
Habsburg, von Fesslers Hand die Anmerkung: In demselben Jahre erhielt die Kirche
von Canterbury eine Schlaguhr, für welche dreissig Pfund Sterling bezahlt wurden.
Weiter, als der Goldenen Bulle Erwähnung geschah, hatte der Meister seinerseits
erwähnt: Gleichzeitig ehrte die Stadt Bologna sich selbst, indem sie die erste
öffentliche Uhr aufstellen liess. - Noch weiter: Eduard III. entsagt seinen
Ansprüchen auf den französischen Tron - und - fügte Fessler hinzu - erteilt
dreien Uhrmachern aus den Niederlanden Schutzbriefe, damit sie nach England
kommen können. Anno 1368. In demselben Geschichtswerke war der Beiname König
Karls V., der Weise, nachdrücklich unterstrichen und daneben stand: Muss, wie der
gleichnamige grosse deutsche Kaiser, eine besondere Freude an den Werken der
Uhrmacherkunst gehabt, ja vielleicht selbst dabei Hand angelegt haben. Der
berühmte Meister Jouvence hätte sich sonst schwerlich erlaubt, eine seiner Uhren
mit der Inschrift zu versehen:
Charles le Quint, Roi de France
Me fit par Jean Jouvence.
Der nämliche weise König liess auch (1364) Herrn Heinrich von Wick nach Paris
kommen, wo dieser eine Uhr für den Turm des königlichen Schlosses verfertigte.
Er erhielt Wohnung in demselben Turm und eine Besoldung von sechs Sous täglich.
-
    Noch andere Randglossen machten darauf aufmerksam, dass Luter seine
Bibelübersetzung zu derselben Zeit geschrieben hat, zu welcher Peter Hele,
Andreas Heinlein und Caspar Werner in Nürnberg die ersten Taschenuhren zustande
brachten, dass im Jahre des Unterganges der spanischen Armada Andreas Landek,
Schüler Abraham Habrechts und Verfertiger der ersten Kirchenuhr in Nancy, zu
Werteim in Franken geboren wurde; dass Anno 1690 - glorreichen Andenkens für
Deutschland wegen der Gründung der Universität Halle, und für Frankreich wegen
der Siege Luxemburgs, Catinats und Tourvilles - in Paris, wo bisher nur kleine
Taschenuhren beliebt gewesen, plötzlich sehr grosse in die Mode kamen ... Und so
weiter! noch viele wichtige und höchst seltsame Zusammenstellungen, die jedem,
der ein Herz hat für die Uhrmacherei, gar viel zu denken geben.
    Was ihm selbst dabei eingefallen, hatte Meister Johannes niemals verraten,
sehr oft aber sein Bedauern darüber ausgesprochen, dass er nur ein ungelehrter
Mann war und nicht imstande, eine ausführliche und genaue Geschichte der
Entwickelung der Uhrmacherkunst zu schreiben. Das beste Material, das es geben
kann - wenigstens zu einem Hauptzweig eines solchen Werkes -, besass er selbst.
Er hatte im Laufe seines langen Lebens eine Sammlung von Taschenuhren
zusammengebracht, wie sie vor ihm so vollständig und lückenlos schwerlich ein
Privatmann (Herrn Aston Levers ausgenommen, das versteht sich!) besessen haben
dürfte. Lauter seltene und auserlesene Exemplare, jedes der Vertreter einer
eigenen Gattung, jedes wertvoll an und für sich und doppelt wertvoll als Teil
des Ganzen, zu dem es gehört. Wäre diese Sammlung bekannt, sie wäre gewiss auch
berühmt geworden, sie hätte die Bewunderung aller Kenner erwecken müssen. Aber
dem Meister Johannes war um Berühmteit gar nicht zu tun, und was die
Bewunderung betrifft, die ihm eigentlich ganz recht gewesen wäre - wer hört
nicht gern loben, was er liebt? -, so hat sie doch meistens Neid und Verlangen
in ihrem Gefolge, die Fessler um keinen Preis zu erwecken wünschte. Er freute
sich im stillen an seinem Schatze, was nicht heissen soll, dass er sich allein
daran freute. Es gab zwei Getreue, die keine anderen Interessen kannten als die
seinen, für die sein Wort das Evangelium war, sein Beifall das Ziel aller
Wünsche, seine Zufriedenheit das höchste Lebensgut. Die beiden waren seine
Tochter Lotti und sein Ziehsohn Gottfried. »Meine Gesellen« nannte er sie in
ihrer Kindheit, und später mit Stolz »meine Gehilfen«. Endlich schien ihm auch
diese Bezeichnung nicht mehr ehrenvoll genug, und er sprach sie niemals aus,
ohne sich dabei in Gedanken zu verbessern: Ich sollte eigentlich sagen: Meine
Berufsgenossen ... solche noch dazu, die im besten Zuge sind, mich zu
überflügeln.
    Dass sie es doch möchten, und recht bald, und recht weit - sein liebster
Traum wäre erfüllt. Aber nicht allein dieser, jeder Traum von Erfolg und Glück,
den er für seine Kinder im treuen Vaterherzen hegte, schien in Erfüllung gehen
zu wollen. Ihr Lebensweg lag so glatt geebnet vor ihnen, sie waren so ganz
geschaffen, die Bahn, die das Schicksal ihnen vorgezeichnet, eines auf das
andere gestützt, ohne Abirrung, ohne Wanken und Straucheln zu verfolgen. Sie
waren beide brav und talentvoll, hatten ein und dasselbe geistige Interesse und
dienten ihm mit dem gleichen Eifer. Niemals war ihre Einigkeit getrübt worden.
Von dem Augenblick an, in welchem Fessler den kleinen Gottfried, den Sohn eines
in der Fremde verstorbenen Verwandten, in sein Haus aufgenommen, hatte sich
dieser, so jung er selbst war, zum Beschützer des noch jüngeren Mühmchens
aufgeworfen. Gottfried war völlig verwaist, Lotti hatte vor kurzer Zeit ihre
Mutter verloren.
    Die beiden Kinder wuchsen munter heran. Er wurde ein kräftiger, ernster
Jüngling von nachdenklichem, etwas zurückhaltendem Wesen, sie ein
hochaufgeschossenes, schlankes Mädchen, verständig, sanft, und dabei immer
lustig und guter Dinge. Sie bewunderte und verehrte ihren Vetter und fürchtete
seinen Tadel mehr noch als den ihres Vaters. Ihren ersten grossen Schmerz erfuhr
sie, als Gottfried nach London geschickt wurde, um dort seine Lehrjahre
durchzumachen. Er selbst hatte die Stunde der Abreise kaum erwarten können, aber
als sie herankam, war sie so düster und leidvoll, wie sie aus der Ferne licht
und freudig geschienen. Lotti schluchzte bitterlich. Der frohe Mut, mit dem sie
bisher der Trennung von ihrem Jugendgespielen entgegengesehen, war plötzlich
verschwunden, sie wollte nicht mehr begreifen, warum er denn fort müsse und wie
es sich ohne ihn leben lassen solle.
    Fessler jedoch bestand auf seinem Sinn. Er umschloss seine beiden Kinder in
einer Umarmung, dann trennte er sie sanft:
    »Leb wohl, Gottfried«, sagte er, »in drei Jahren bist du wieder bei uns.
Geh, lieber Sohn. Im Vaterlande eines Harrison« - in seinen feuchten Augen
leuchtete es begeistert auf-, »eines Mudge, eines Arnold müssen unsere künftigen
Meister leben. Wenn du heimkommst, werde ich von dir lernen.«
    Allein dieses Wort sollte nicht zur Wahrheit werden. Als Gottfrieds Lehrzeit
um war und er nach Hause zurückkehrte, behauptete er, bei seinen neuen Meistern
nichts so gut gelernt zu haben, als seinen alten Meister und dessen Kunst zu
schätzen. So berühmt jene auch seien, so teuer ihre Arbeiten bezahlt werden,
Fessler dürfe sich mit dem Grössten von ihnen messen. Eines nur verstände auch der
Geringste unter allen besser, nämlich seine Geschicklichkeit geltend zu machen
und zu verwerten. Diesen Vorwurf wies Fessler lächelnd zurück. Beehrten ihn die
vorzüglichsten Uhrmacher nicht mit ihren Bestellungen? zögerten sie, ihren Namen
in eine Uhr schreiben zu lassen, die aus seinen Händen kam?
    Aber Gottfried schüttelte den Kopf und meinte, das sei es eben, was ihn
kränke. - »Ihr Name auf deinem Werk! wo steht denn der deine? Wer kennt dich?
wer weiss etwas von dir!... Was hast du von deinen unvergleichlich schönen und
genauen Arbeiten?«
    »Die Freude, sie zu machen!« war die Antwort Fesslers, und das Herz schwoll
ihm vor Wonne über die Anerkennung, die sein weitgereister Sohn ihm zollte.
    Die kleine Familie verlebte damals eine herrliche Zeit. Eine Zeit voll
beseligenden Friedens und erfolgreicher Tätigkeit. Fessler war mit der Vollendung
eines Chronometers beschäftigt, den er selbst für sein bestes Werk hielt.
Gottfried lieferte dazu eine Kompensationsunruhe von so einziger und zarter
Ausführung, dass Meister Johannes bei ihrem Anblick laut ausrief:
    »Unübertrefflich!« - Dieses Lob hatte er noch nie einer Leistung gespendet,
die aus seiner Werkstatt hervorgegangen war. Lotti hingegen gelang es, eine
höchst merkwürdige und komplizierte Taschenuhr aus dem 16. Jahrhundert in Gang
zu bringen. Es bedurfte dazu ausserordentlicher Geschicklichkeit, unsäglicher
Geduld - aber welche Freude, als sie belohnt wurden und das seltsame kleine Ding
seine abenteuerlich geformten Räder in Bewegung zu setzen begann. Fessler und
Gottfried lachten, staunten, bewunderten; das Herz des jungen Mädchens pochte
vor Entzücken ... Ja, es war eine herrliche Zeit! - warum musste sie so rasch
vergehen? Warum mussten ihr, die so erfüllt war von stillem und harmlosem Glück,
Tage folgen voll Pein und Qual? Böse Tage, in denen die fleissigen Hände Lottis
ruhten, aus ihrer Seele jedoch die Ruhe gewichen war. Tage, in denen alles, was
sonst ihr Leben erhellte, ihr gleichgültig geworden, und das Leben selbst - eine
Last.
 
                                       3
Diese schreckliche Zeit war nun längst vorüber; doch hielt Lotti die Erinnerung
an sie in ihrer Seele wach. Sie wollte nicht vergessen, dass auch ihr ein
gehöriges Mass an Leid und Enttäuschung zugeteilt worden, sie wäre sich sonst im
Vergleich mit anderen Menschenkindern ungerecht bevorzugt erschienen. Wie vielen
wird es denn so gut, mit ihr sagen zu können: Ich habe das Leben, das ich
brauche!
    Ihrer alten Beschäftigung, zu der sie zurückgekehrt war, verdankte sie
täglich neue Freude, verdankte ihr Frieden, Frohsinn und Unabhängigkeit. Wäre
ihr Vater nur noch dagewesen, um dies alles mit ihr zu geniessen! Aber leider,
Meister Johannes ruhte schon seit geraumer Zeit in der kühlen Erde.
    Er hatte keine Mühseligkeit des Alters kennengelernt; niemals hatten ihm
Auge und Hand bei Ausführung der Gedanken seines erfinderischen Kopfes ihre
Dienste versagt. Wohl waren seine Haare weiss geworden, hatten seine Wangen sich
entfärbt, aber aus seinen klaren Zügen leuchtete der Glanz einer unverwelklichen
Jugend. Die Jugend des mit Bewusstsein Werdenden. Unermüdlich strebend und
lernend, hatte er sich nicht Zeit genommen, recht zu überlegen, wieviel er schon
erstrebt und erlernt - da plötzlich, ohne auch nur einen seiner Vorboten
geschickt zu haben, trat der Tod an ihn heran.
    Und jetzt, im Angesicht der ewigen Trennung, fiel dem Meister der Gedanke
schwer aufs Herz, dass er seine Tochter fast mittellos in der Welt zurücklassen
müsse. Er hätte ihr so leicht eine behagliche Wohlhabenheit sichern können! -
Vor einem Jahre noch fand sich die beste Gelegenheit dazu, da bot ein reicher
Kenner, der sich in die Uhrensammlung Fesslers vernarrt hatte, eine Summe dafür,
eine lächerrlich hohe Summe, wahrhaftig ein Vermögen. Allein Johannes hatte nicht
einmal geschwankt, war ruhig dabei geblieben: »Die Uhren sind mir nicht feil.«
    Über diesen Leichtsinn, diese törichte Selbstsucht machte er sich in seiner
letzten Stunde bittere Vorwürfe und bat noch sterbend seinen Sohn Gottfried,
jenen abgewiesenen Käufer aufzusuchen und ihm zu melden, die Sammlung, nach
welcher er so heisses Verlangen trage, stehe ihm nun zur Verfügung. Lotti jedoch
erklärte, dass sie ebenso gern ihre Seele verkaufen liesse wie diese Uhren.
    So blieben sie denn in ihrem Besitze, wenn auch nicht ohne manchen harten
Kampf. Die Sammlung Meister Fesslers war allmählich doch in einem Kreise von
Kennern und Liebhabern zu dem ihr gebührenden Rufe gelangt. Es fehlte nicht an
zudringlichen Leuten, die trotz der standhaften Zurückweisungen, die sie
erfuhren, immer wieder erschienen, immer neue Bewerbungen anstellten, immer
glänzendere Anerbietungen machten. Das war denn oft herzlich langweilig, trug
aber nur dazu bei, die Liebe, welche Lotti für ihre Uhren empfand, noch zu
erhöhen. Sie hörte niemals auf, ihnen ihre Sorgfalt angedeihen zu lassen, und
wenn es noch soviel zu tun gab und wenn die Zeit noch so sehr drängte, ging sie
nicht an ihr Tagewerk, ohne ihren Uhren einen Besuch abgestattet zu haben. Hätte
sie das jemals unterlassen müssen, die rechte Begeisterung, die rechte Lust zur
Arbeit hätte ihr gewiss gefehlt.
    Auch heute war sie an das Schränklein getreten, das in der Ecke stand neben
der Schlafzimmertür, dem grossen Schreibtisch gegenüber. Eben fiel ein
Sonnenstrahl schräg durch das Fenster auf das Kästchen, auf Lottis Hände, und
als sie die erste Lade öffnete, schlupfte er sogleich hinein. Prächtig war's,
wie er die kleinen ehrwürdigen Meisterwerke beleuchtete, welche darin auf einem
Bettlein von purpurrotem Sammet lagen.
    Die glatten Gehäuse aus Messing, Kristall, Silber und Gold und die reich
verzierten und die durchbrochenen, und in dieser die sorgfältig geputzten,
polierten und wieder zusammengesetzten Werke erglänzten und gaben dem
leuchtenden Strahl des Lichtes, der sie in ihrer Verborgenheit und Ruhe besuchen
kam, seinen Gruss zurück, Das war Lade Nummer eins!
    Sie entielt drei sogenannte »lebendige Nürnberger Eier« und drei
»Halsvrln«. Kein einziges Stück jünger als dreihundert Jahre, manches noch älter
und gerade die ältesten von der künstlichsten Beschaffenheit. Was wollten sie
nicht alles können, diese kleinen Maschinen, was trauten sie sich nicht zu? Sie
begnügten sich keineswegs damit, die bürgerlichen Stunden anzuzeigen und zu
schlagen und den Schläfer zu wecken, wann immer es ihm beliebte, auch den
Wochen-und Monatstag verzeichneten sie, kontrollierten die Aspekte und Phasen
des Mondes und behaupteten, den Stand der Sonne nachweisen zu können. Sie
wandten den Himmelszeichen ihre Aufmerksamkeit zu, wussten Auskunft zu geben über
die Sternzeit und nahmen Notiz vom türkischen Kalender ...
    Wahrhaftig, die braven Männer, denen sie ihre Entstehung verdankten, hatten
sich Schweres vorgesetzt - und mit wie geringen Mitteln gedachten sie es zu
erreichen! Mit Spindelechappements - mit Löffelunruhen, deren kläglich
humpelnder Gang von einer Schweinsborste reguliert wurde! Sie verfertigten alle
Räder aus Eisen, und von einer Schnecke war ihnen nicht einmal die Ahnung
aufgekommen.
    Aber - so ärmlich ihre Kunst, so reich war ihr Vertrauen. Sie wussten - das
heisst, sie glaubten, und weil sie glaubten, wussten sie -, dass Schwäche zur
Stärke erwachsen kann, wenn nur der rechte Segen auf ihr ruht. Kühn und demütig
zugleich riefen sie die Hilfe desjenigen herbei, dem nichts unmöglich ist, und
stellten die Werke ihres Fleisses unter seinen allmächtigen Schutz, empfahlen sie
auch wohl der Fürsprache der Mutter Gottes oder eines vornehmen Heiligen. Einer
der alten Meister hatte in den Boden des Federhauses, das die Kraft umschliesst,
von welcher alle Bewegung ausgeht, die das ganze Getriebe gleichsam beseelt, den
Namen Jesu eingegraben. Von einem andern war aus dem feingeschnittenen, prächtig
ornamentierten Monogramm der heiligen Jungfrau Maria der Schutzdeckel des
Zifferblattes gebildet worden. Auf der Innenseite des Gehäuses standen die Worte
eingraviert:
Kasper Werner hat mich gemacht
Vnd der heiligen Jvngfrav dargebracht
Da. man. zelt. 1541.
Immer reichere Schätze gelangten zum Vorschein, als Lotti ein Lädchen nach dem
andern öffnete und schloss. Taschenuhren in allen Formen und Gestalten,
achteckig, rund, oval, elliptisch, sternförmig, in Gehäusen aus Gold und Silber,
aus Smaragd, Rauchtopas, Bergkristall. Unter andern gab es eine Uhr in
Kreuzform, mit dem Augsburger »Stadtphyr«, »Wardein- und Wichszeichen« versehen.
Das Gehäuse, das Zifferblatt und der innere Deckel waren mit Darstellungen des
Leidens Christi bedeckt, die dem besten Künstler zur Ehre gereicht hätten.
Leider fehlte das Meisterzeichen. Aber mit Blindheit hätte man geschlagen sein
müssen, um nicht sogleich zu erkennen, dass die prächtige deutsche Arbeit aus der
Zeit Kaiser Rudolfs II. stammte und vermutlich von Hans Schloteim hergestellt
worden war.
    Über den Ursprung ihrer nächsten Nachbarin, gleichfalls kreuzförmig, mit
Gehäuse aus einem Stück Rauchtopas, konnte kein Zweifel obwalten. Ihr Schöpfer
hatte sie nicht namenlos in die Welt geschickt, sondern neben dem Stellungsgrade
brav und deutlich sein »Conrad Kreizer« eingeschrieben.
    Eine ganze Schar anmutiger Französinnen folgte. Köstliche Ührchen,
geschmückt mit Emailmalereien von den Brüdern Huaut, oder mit erhaben
geschnittenen Blumen, mit buntem Blattwerk, mit durchbrochenen Arabesken aus
vielfarbigem Golde. Die Sammlung entielt nicht minder merkwürdige Arbeiten von
Tompion in England, Albrecht Erb in Wien, Gerard Mut in Frankfurt, Mattäus
Degen, Christoff Strebell. Kurz, es fehlten wenig grosse Namen, und wer die
vorhandenen mit recht scharfen Augen betrachtete, der sah mehr als nur Namen, in
eine Metallplatte eingerjetzt, der sah das Wesen des Meisters sich deutlich in
seinem Werke spiegeln.
    Nach all den köstlich verzierten Stücken erschienen die einfachen
Taschenuhren von Pierre le Roy, Bertoud, Breguet, eine Emmery ... Ach, die
weckt traurige Erinnerungen, mahnt an die grosse Enttäuschung in Lottis Leben.
Mit einer solchen Uhr in der Hand trat dereinst ... Hinweg! - Schlafe du nur
ruhig weiter. Hinweg von dir zu dem unerhörtesten Kuriosum der Sammlung - zu der
Seetaschenuhr von Mudge dem Ersten.
    Die Geschichte will wissen, dass dieser berühmte und unsterbliche Mann in
seinem Leben nur drei Seeuhren verfertigt hat, und zwar die erste im Jahre 1774,
und die beiden andern, der blaue und der grüne Zeitalter genannt, im Jahre
1777. Nun, die Geschichte hat einmal wieder geirrt. Hier war sie auf die
gründlichste Art der Welt widerlegt, durch eine Tatsache - hier war eine vierte
Mudge. Zwillingsschwester der älteren, der von Maskelyn in Greenwich geprüften,
und sicherlich in demselben Jahre mit dieser entstanden, wie denn auch die
beiden jüngeren in einem Jahre gemacht worden waren.
    Die weltbekannten Beschreibungen, die wir von der ersten Seeuhr Mudges
besitzen, passten genau auf die, welche sich in Lottis Händen befand.
    Die Uhr war echt, ihr edler Ursprung über jeden Zweifel erhaben, es war eine
ganze Mudge - die Leistungsfähigkeit ausgenommen. Die durfte man freilich nicht
mehr von ihr verlangen, der über hundert Jahre alten Greisin.
    Die letzte Lade, die von Lotti geöffnet wurde, entielt schöne Arbeiten von
Arnold, Richard, Recorder, Robert, Courvoisier, Ruderas, von hölzernen Unruhen
Simon Henningers und Lorenz Freis und eine vollständig erhaltene hölzerne
Taschenuhr von Andreas Dilger aus Gütenbach.
    Ein Familienerbe! - Als Bräutigam hatte sie der Urgrossvater Lottis ihrer
Urgrossmutter zugleich mit seinem Herzen dargebracht. Gottfried nannte sie die
Majoratsuhr. Sie war nie getragen worden, hatte als Schaustück im Glasschranke
der Urgrossmutter geruht. Nur an hohen Festtagen wurde sie hervorgeholt und zur
Freude des Enkelchen Lotti aufgezogen. Dann setzte sie sich aber auch stracks in
Bewegung und vollführte einen so akkuraten und energischen Gang und bimmelte so
fleissig fort, als ob sie noch in der Blüte ihrer Jahre stände und als ob sie all
die Zeit einholen wollte, die sie in unfreiwilliger Musse versäumt.
    Wie war sie nett! Wie waren ihre hölzernen Räder, Platten, Kloben so
bewunderungswürdig ausgearbeitet. Wie sauber aus-gestochen der Unruhkloben und
die Stellungsflügel, und wie schön verziert die beiden und die Klobenplatte. Man
sah der kleinen Dilger gar deutlich die Liebe an, mit welcher sie ausgeführt,
und auch die, mit welcher sie zeitlebens gehegt und gepflegt worden war. Ihr
gehörte Lottis letzter und zärtlicher Blick, bevor sie die Lade zuschob und
dabei dachte: Ja, meine Uhren - die machen mir noch das Sterben schwer!
    In diesem Augenblick wurde die Zimmertür geöffnet.
    »Guten Morgen«, sprach eine tiefe und wohlklingende Stimme. Lotti wandte
sich rasch: »Du, Gottfried? Ist es denn schon acht Uhr?«
    »Noch nicht«, war die Antwort, »ich bin heute unpünktlich.« »Zeichen und
Wunder«, rief Lotti, »was ist geschehen? Was gibts'?«
    Gottfried war an den Arbeitstisch getreten. Er hob die kleinen Glasglocken
von den Uhren, welche darunterlagen, und nahm diese in den allergenauesten
Augenschein.
    »Du bist ja fertig«, sagte er nach einer Weile.
    »Beinahe - aber antworte mir doch - was gibt's?«
    Er richtete sich empor, sah Lotti mit geheimnisvoller Miene, halb freudig,
halb zweifelnd, an und sagte: »Eine Überraschung.«
 
                                       4
»Eine Überraschung?« wiederholte Lotti mit einem Anfluge von Sorge, »wenn ich
Überraschungen nur zu schätzen wüsste.«
    »Diese wird dir gefallen«, entgegnete Gottfried. »Ich habe einen Laden
gemietet und bereits eingerichtet.«
    Lotti schlug die Hände zusammen und konnte vor Staunen nur die Worte
herausbringen: »Aber nein!... Aber wo?«
    Nun, nirgends anders als gleich nebenan in der breiten belebten Strasse, die
zum Domplatze führt. Ein allerliebster kleiner Laden, an dessen Ausschmückung
seit acht Tagen eifrigst gearbeitet wurde, der ein schönes Fenster bekommen
hatte aus einem Stück tauklaren Glases und eine geschmackvolle Vitrine mit
feiner Einfassung aus Ebenholz. In dieser lagen seit gestern eine Kalenderuhr
von Audemars und ein Chronometer von Dent inmitten anderer Uhren aus den
vornehmsten Häusern.
    Lotti war bewundernd vor ihnen stehengeblieben, aber heute erfüllte deren
Kostbarkeit sie mit Schrecken. »Ein solcher Wert!« meinte sie, »ein so grosses
Kapital!« Es schien ihr fast zu kühn, dass Gottfried die Bürgschaft dafür
übernommen hatte.
    Er jedoch war durchdrungen von Ruhe und Zuversicht.
    Seit langer Zeit hatte er seine Vorbereitungen getroffen. Der Meister, der
ihn beschäftigte, die Freunde, die er sich noch während seiner Lehrzeit
erworben, unterstützten und förderten ihn dabei auf das kräftigste. Als ob es
sich an ihm erproben sollte, dass nicht bloss diejenigen Vertrauen erringen, die
es nicht wert sind, sondern manchmal doch auch einer, der es verdient, fand er
allentalben bereitwilliges Entgegenkommen. Es wurden ihm so billige und
günstige Bedingungen gemacht, dass er, um in seinem Geschäfte zu bestehen,
keineswegs auf ein besonderes Glück zu rechnen, sondern nur auf das Ausbleiben
eines raffinierten Unglücks zu hoffen brauchte.
    Das setzte er Lotti auseinander, die ihm aufmerksam und immer freudiger
zuhörte und endlich meinte, in der ganzen Geschichte gäbe es zwei verwunderliche
Dinge; erstens, dass er sich zu dem jetzt gefassten Entschluss solange nicht
gebracht, und zweitens, dass er sich doch dazu gebracht. Was sie von der Sache
halte, wisse er; hatte sie ihn nicht schon vor Jahren beschworen, sich auf
eigene Füsse zu stellen?
    Gottfried erwiderte, seine Pedanterie sei schuld, dass es nicht früher
geschehen. Er hatte sich's einmal vorgesetzt, sein Geschäft nicht anzufangen,
wenn er dazu auch nur einen Heller fremden Geldes brauchen würde. Um jedoch
alles aus Eigenem bestreiten zu können, dazu habe es eben viel Zeit gebraucht.
    »Und gut angewandte, das weiss Gott«, meinte Lotti. »Heil dir, dass du gleich
so stattlich ausrücken kannst an der Spitze von Dents und Audemars'...«
    »Die beide schon halb und halb verkauft sind«, fiel er ihr ins Wort.
    »Gottfried, du machst mich übermütig! Einen Wunsch hast du mir erfüllt, der
schon vor Altersschwäche erloschen war - jetzt wird ein zweiter, dem es ähnlich
ergangen, lebendig. Du musst heiraten, Gottfried.«
    Er richtete seine kleinen, glänzenden braunen Augen fest auf sie und sprach
ganz unternehmend: »Warum nicht?«
    »Das sag ich ja«, rief Lotti, »warum nicht? Warum solltest du die brave Frau
nicht finden, die du verdienst? Nur suchen heisst es, nur sich ein wenig bemühen,
nur nicht, wie du es bisher getan hast, jeder Gelegenheit aus dem Wege gehen,
mit einem jungen Mädchen zusammenzukommen, das vielleicht denken könnte: Dieser
Gottfried Fessler wäre kein übler Mann für mich.«
    Er lachte. »Ein junges Mädchen denkt das nicht.«
    »Ich meine auch kein sechzehnjähriges.«
    Lotti hatte sich an den Arbeitstisch begeben und begann die reparierten
Uhrwerke in ihre Gehäuse einzusetzen.
    
    Gottfried stand am Fenster und sah ihr zu. »Wann wird die Bestellung
abgeliefert werden?« fragte er nach einer kleinen Weile.
    »Kann morgen geschehen.«
    »Tu es selbst, ich bitte dich, und nimm zugleich Abschied von dem Meister.
Du darfst für ihn nicht mehr arbeiten.«
    Lotti blickte ein wenig betroffen empor. »Abschied nehmen - das wäre schon
gut, aber - so plötzlich, so ohne weiteres? Ich bin ihm Dank schuldig, er hat
immer Rücksicht auf mich genommen, mich nie ohne Arbeit gelassen, immer gut und
rasch bezahlt.«
    »Rasch ja, gut - nein. Mache dir keine Sorgen. Ich habe den Herrn bereits
darauf vorbereitet, dass er jetzt seine beste Arbeiterin verliert. Wie leid ihm
ist, mag Gott wissen, aber begreiflich muss er's finden, dass du dich von nun an
für niemanden mehr plagen wirst als für mich, was soviel heisst als für dich
selbst, denn - nicht wahr?...« Er war plötzlich in heisse Verlegenheit geraten
und stockte. »Oh«, nahm er bald wieder das Wort, »da hätte ich beinahe
vergessen! Der Herr bittet dich nur noch um einen letzten Freundschaftsdienst.
Du möchtest so gut sein, diese Uhr anzusehen. Ist sehr fein, sagte er, hat dein
Lieblingsechappement.«
    »Duplex also.«
    »Jawohl. Er weiss gerade keinen Arbeiter, dem er sich getraut, sie in die
Hand zu geben. Überdies hat's Eile. Morgen abend möchte er sie wiederhaben.«
    Gottfried stellte ein hölzernes, mit Messing eingelegtes Kästchen vor Lotti
hin. Die wandte demselben den Blick eines teilnehmenden Arztes für einen
Patienten zu und fragte: »Was fehlt denn?«
    »Weiss nicht«, erwiderte Gottfried, »aber ich glaube, nicht viel. Der Herr
hat mir eine lange Geschichte erzählt, er hat die Uhr von einem, der sie aus
Leichtsinn oder aus Not losschlug, um ein Spottgeld. Will sie jetzt sehr teuer
verkaufen, deshalb sollst du die Herstellung besorgen. Er schwatzte ein langes
und breites, ich habe nicht zugehört. Es wäre auch überflüssig gewesen, nachdem
ich wusste, was mich dabei anging.«
    Lotti, die das Kästchen nicht mehr aus den Augen gelassen, hatte es geöffnet
und dann auch - mit seltsamer Spannung und Hast - die Uhr, welche darin gelegen.
Unverwandt starrte sie den Namen F. Alexi & Sandoz frères auf der Küvette
und die Zahl an, die darunterstand.
    »Verkauft - wie sagtest du? - aus Leichtsinn oder aus Not«, sprach sie
gepressten Tones.
    »Freilich, freilich«, versetzte er, lehnte sich tiefer in das Fenster
zurück, sah auf den Boden nieder und schien ernstlich und scharf nachzudenken.
»Du wirst mich doch heute im Geschäft besuchen!« rief er plötzlich aus.
    Lotti nickte bejahend; sie hatte bereits begonnen, die Uhr zu zerlegen.
    »Das Schild ist noch nicht aufgemacht«, fuhr Gottfried langsam und zögernd
fort, »aber fertig ist es schon. Es wird nicht aufgemacht, bevor du die
Erlaubnis dazu gibst.« Er hielt inne, er wartete, aber vergeblich. Lotti
schwieg, und so hub er denn nach abermaliger Pause von neuem an: »Denk nur,
welche Freiheit ich mir genommen - denk nur - ich habe auf das Schild schreiben
lassen ... wie gesagt, oder nicht gesagt, auf jeden Fall, wie selbstverständlich
- es kann geändert werden, wenn du es wünschest ...«
    Jetzt erst wagte er es wieder, sie anzusehen. Sie war ganz versunken in ihre
Arbeit - eine unbegreiflich schwere Arbeit für sie, die Meisterin! Ihre sonst so
sichere Hand zitterte, ihr Gesicht war hochgerötet, eine mühsam unterdrückte
Erregung gab sich in ihrem ganzen Wesen kund.
    Was ist ihr denn? dachte Gottfried. - Ahnt sie, was er ihr zu sagen hat, und
versetzt sie das in eine Befangenheit, die aussieht wie Bestürzung? Wär's doch
so! dann nimmt sie wenigstens die Sache ernst, und er braucht nicht zu fürchten,
mit einem Scherze heimgeschickt zu werden, das Ärgste, was ihm geschehen könnte,
dem alten Menschen. Ihre sichtbare Unruhe befreit ihn von dieser Sorge und
zugleich von aller Ängstlichkeit. Er atmet auf und spricht mit einem gewissen
unbeholfenen Humor, dabei aber höchst bedeutsam und nachdrücklich: »Es wäre
schade, wenn an dem Schilde etwas geändert werden müsste; es ist sehr hübsch
ausgefallen ... Macht sich wirklich gut, auf glänzend schwarzem Grund, das G.
& L. Fessler ... G. und L .... Gottfried und Lotti ...«
    Ihre Stirn glühte, ihre Wangen brannten, sie beugte sich tiefer über ihre
Arbeit und wiederholte mechanisch und ausdruckslos: »Gottfried und Lotti?«
    Nein! Ihre Gedanken waren nicht bei ihm. In der Weise hätte sie ebensogut
fremde Namen ausgesprochen. Die Worte, die sie vernommen, waren an ihr Ohr
gedrungen, die schüchterne, inständig bittende Frage, die in ihnen lag, nicht an
ihr Herz ...
    Jetzt trat von allen Pausen, die während dieses Gespräches gemacht wurden,
die längste ein. Still war's im Zimmer, nichts hörbar als das Ticken der vielen
Uhren und endlich ein tiefer, tiefer Seufzer aus Gottfrieds Brust.
    Lotti erhob den Blick und sah trotz des feuchten Schleiers, der sich vor
ihre Augen gelegt hatte, den Ausdruck leidvoller Enttäuschung in seinen Zügen.
    »Was ist dir, Gottfried?« sprach sie.
    »Du hörst mich nicht an«, entgegnete er unmutig.
    Sie nahm sich mit Gewalt zusammen: »Doch, ich habe alles gehört.«
    »Hast du? Wirklich? und - hast nichts einzuwenden?... Es ist dir recht - du
weisst ...«
    »Es ist mir recht, gewiss. Aber wenn du, Lieber, auf dein Schild auch nur G.
Fessler hättest schreiben lassen, für uns hätte es dennoch und immer Geschwister
Fessler bedeutet.«
    »Geschwister - so? - - ja, Geschwister«, murmelte er und zögerte, die Hand
anzunehmen, die Lotti ihm reichte. Allein er ergriff sie doch und drückte sie
fest und treuherzig, als Lotti sagte: »Es versteht sich ja von selbst, dass wir
zwei nach wie vor treu zusammenhalten.«
    »Das Schild wird also aufgemacht«, sprach er, mit einem herzhaften Versuch,
vergnügt zu scheinen. »Komm es bewundern, komm bald!«
    Er nahm seinen Hut und verliess das Zimmer.
    Lotti war wieder allein und setzte ihre einen Augenblick unterbrochene
Beschäftigung emsig fort. Sie hatte an der Uhr, die Gottfried mitgebracht, alle
Brücken abgeschraubt, alle Räder ausgehoben, bis auf das Minutenrad. Das haftete
noch, festgehalten vom Viertelrohr. Aber auch dieses muss nun weichen, das letzte
Rad liegt bei seinen Kameraden, und Lotti hat gefunden, was sie suchte, was sie
zu finden gewiss war. Ihren eigenen Namenszug und das Datum des 12. Mai, mit fast
unsichtbar kleiner Schrift in die Bodenplatte eingerjetzt und verborgen durch die
Zähne des Rohres.
    Am 12. Mai, an dem Tage, der sich heute zum fünfzehnten Male jährte, hatte
sie diese Zeichen da hineingeschrieben und diese Uhr ihrem Verlobten geschenkt
und dabei gesagt: »Sie kann uns gute, sie kann uns traurige Stunden anzeigen,
aber keine, in der unsere Treue gewankt.«
    So vermessene Behauptungen wagt die Jugend aufzustellen, solche Schwüre
schwört die kindische Liebe, die, kaum erwacht, auch schon die Kraft in sich
fühlt, ewig zu leben. Torheit ohnegleichen! Ebensogut könnte die Rose schwören,
dass sie niemals welken wird, denkt Lotti, und halb erloschene Erinnerungen
tauchen in ihrer Seele auf. Bleiche Schatten ringen sich los aus der Nacht der
Vergessenheit und gewinnen allmählich Farbe und Gestalt. Sie ziehen langsam
vorüber, mächtig genug, um noch eine leise Wehmut, nicht mehr mächtig, einen
Schmerz zu erwecken. Sie gleichen dem Gedanken an einen dunkeln, peinvollen
Traum, aus dem der Schläfer zum Licht und zum Frieden erwacht.
 
                                       5
Vor fünfzehn Jahren, an einem Winternachmittage, war ein junger Mann in der
Werkstätte Fesslers erschienen und hatte ihm eine alte Uhr gebracht, mit der
Bitte, sie zu schätzen. Während Fessler die Uhr betrachtete, betrachtete der
junge Mann ihn so aufmerksam, wie ein Maler tut, der sich das Bild eines
Menschen, den er aus dem Gedächtnis malen soll, einzuprägen sucht.
    »Dies ist«, sprach Fessler, nachdem er seine lange und sorgfältige
Untersuchung beendet hatte, »ein kostbares Stück.« Er rief seine Tochter herbei,
um auch ihre Meinung zu hören.
    »Wie?« sprach der Fremde ein wenig spöttisch und sehr erstaunt, »sind Sie
Kennerin, mein Fräulein?«
    Lotti fühlte den Blick auf sich ruhen, mit dem fast alle jungen Männer,
denen sie zum ersten Male begegnete, sie ansahen; den Blick, der deutlich fragt:
Was willst du in der Welt? und an den ein nicht hübsches Mädchen sich gewöhnen
muss.
    Sie nahm die Uhr aus der Hand ihres Vaters und erkannte in derselben
sogleich einen Taschenchronometer von Emmery mit Mudgescher Hemmung.
    Der Fremde lachte herzlich auf, als sie das sagte.
    »Ist's richtig, Herr Fessler?«
    »Ganz richtig«, erwiderte dieser, unangenehm berührt von dem über Gebühr
zutraulichen Wesen des jungen Mannes, der, an die Seite Lottis tretend, in
seinem früheren Tone fortfuhr: »Sie können mir vielleicht auch sagen, was diese
Uhr wert ist?«
    Lotti schüttelte den Kopf. »Was sie jetzt wert ist, kann ich nicht sagen;
als sie neu war, sind gewiss nicht weniger als 150 Guineen für sie bezahlt
worden.«
    »Als sie neu war? Und wann mag das gewesen sein?«
    »Vor siebzig Jahren etwa.«
    »Ich bewundere Sie!« rief der junge Mann äusserst belustigt; »das alles
erkennen Sie so auf den ersten Blick?... Jetzt aber die letzte, wichtigste
Frage: Wieviel ist sie heute, wieviel ist sie Ihnen wert?« fügte er zu Fessler
gewendet hinzu.
    »Sie wäre mir sehr viel wert, wenn ich nicht schon eine ganz ähnliche
besässe«, entgegnete dieser.
    »Ah! in Ihrer Sammlung?... Wenn Sie doch wüssten, Herr Fessler, wieviel Gutes
und Schönes ich schon von ihr gehört habe ... von dieser Sammlung, und wie
glücklich ich wäre, sie kennenzulernen ... Wenn Sie das wüssten - Sie würden mir
den elenden Vorwand verzeihen, den ich gebraucht habe, um mich bei Ihnen
einzuschleichen.«
    Er legte eine gründliche Beichte ab.
    Er hiess Hermann von Halwig, war ein kleiner Beamter und nebenbei ein ganz
kleiner Poet und arbeitete eben an einer Novelle, in welcher eine alte Uhr eine
grosse Rolle zu spielen hatte. Die musste geschildert werden, und um das zu
können, brauchte er ein Modell, brauchte er vor allem einige fachmännische
Kenntnis.
    »Nehmen Sie mich ein wenig in die Lehre, bester Meister«, schloss er,
»würdigen Sie mich eines Einblicks in Ihre Sammlung - Ihr Heiligtum, wie ich
höre. - Dass ich ein ausgezeichneter Schüler sein werde, das verspreche ich
nicht, aber ein dankbarer bin ich gewiss!«
    Fessler sah den hübschen blonden Gesellen ein Weilchen nachdenklich an. Ihm
gefielen seine fröhlichen blauen Augen und die sorglose Sicherheit, das muntere
Selbstvertrauen, mit denen er sich auf die Reise durchs Leben zu begeben schien.
Schweigend holte der alte Mann einige schöne Exemplare aus der Sammlung herbei
und begann die Eigentümlichkeiten und Vorzüge derselben mit der Wärme eines
Liebhabers auseinanderzusetzen.
    Halwig unterbrach ihn anfangs sehr oft; er konnte die Scherze nicht
unterdrücken, die ihm alle Augenblicke auf die Lippen traten. Allmählich jedoch
wurde er still. Das herablassende und oberflächliche Interesse, das er für
einige »Favoritinnen aus dem Uhrenharem« gezeigt, verwandelte sich in ein
gespanntes. Den Kopf in die Hand gestützt, sah er bald die Uhren auf dem Tische,
bald den Meister, zuletzt nur noch diesen an, und dabei erhellte der Ausdruck
einer so innigen Freude und Verehrung seine Züge, dass Fessler dachte: Dem
Burschen könnt ich gut sein - trotz des Leichtsinns, mit dem er vorgab, eine
Emmery verkaufen zu wollen.
    Der Bursche aber richtete sich plötzlich auf. »Was für Augen haben Sie!«
rief er, »was Ihnen ein Rädchen, eine Spindel, ein Ornament, ein Stückchen Email
nicht alles erzählen! Was für Augen und was für ein Herz ... Sie sind ein
Künstler!...«
    Er deutete nach dem Schranke, dem Fessler die Uhren entnommen. »Das Kästchen
dort ist für Sie, was für einen Poeten ein Schrein voll der köstlichsten Werke
grosser Dichter, die vor ihm gelebt. Eine schweigende, tote Welt, die ein Blick
zum Dasein erweckt, zu einem mächtigern, schönern Dasein als das sogenannte
wirkliche ... Ein Blick - ein sehender, der Blick des Verständnisses muss es sein
... Nicht wahr, lieber Meister? - Verständnis ist alles - Weisheit, Liebe,
Poesie ... Nach dem allein haben wir zu ringen, die wir uns einbilden, Dichter
zu sein ... An Stoffen fehlt's, höre ich die Leute sagen. - Begreife das
Begreifbare, und aus allem, was dich umgibt, dringt die Fülle bildsamen Stoffes
auf dich ein, und wenn es dir an etwas fehlt, so ist's an Kraft, die wogenden
Quellen zu fassen und sie zu leiten an ein gewolltes Ziel!«
    Er sprang auf, ergriff die Hand Fesslers, nannte ihn einen edlen, einen
seltenen, einen herrlichen Mann und verabschiedete sich mit der Bitte, recht
bald wiederkommen zu dürfen. Und er kam wieder, kam täglich, ganze Wochen
hindurch, und wenn er ja einmal ausblieb, bedauerte dies niemand mehr als
Fessler. Lotti sprach überhaupt nicht von ihm, vermied es sogar, seinen Namen zu
nennen, und was Gottfried betraf, der meinte, es sei nicht übel, zwölf Stunden
lang Ruhe zu haben in der Werkstatt. Er leugnete nicht, dass Halwig eine grosse
Unterhaltungsgabe besitze, allein für seinen Geschmack machte »der Poet« einen
gar zu häufigen Gebrauch davon.
    »Wenn ich am Sonntag Unterhaltung habe, ist mir's genug, täglich
Unterhaltung ist mir zuviel«, sagte er und bewies es, indem er begann, das Haus
zu den Stunden zu verlassen, in denen Halwig es zu besuchen pflegte. Dieser
zeigte sich darüber gekränkt. Er war nicht gewöhnt, gemieden zu werden; er tat
sich etwas zugute auf die Macht, die ihm über die Gemüter der Menschen gegeben
war. Keiner, um dessen Neigung er sich beworben, hatte ihm widerstanden, er
hatte immer gehört und geglaubt, dass man ihn liebhaben müsse, wenn er es darauf
angelegt. Bitter beklagte er sich bei Lotti über die Steifheit und Kälte ihres
Vetters, versicherte, trotzig wie ein verwöhntes Kind, er werfe seine
Freundschaft niemandem an den Kopf, und wenn Gottfried ihn hasse, so zahle er
ihn mit gleicher Münze. Sobald sich jener aber blicken liess, kam er ihm wieder
mit der alten und - darüber konnte kein Zweifel sein - aufrichtigen Wärme
entgegen. Er bemühte sich, sein Interesse zu erwecken, ihm Teilnahme
einzuflössen, er warb förmlich um ihn. Alle liebenswürdigen Eigenschaften seines
beweglichen, frischen, herzgewinnenden Wesens kamen dabei zum Vorschein, rührten
aber denjenigen nicht, dem zu Ehren sie sich in ihrem vollsten Glanze zeigten.
    Eines Tages war Gottfried, mit einer dringenden Arbeit beschäftigt, von früh
bis abends daheim geblieben und hatte im Eifer seines Fleisses die Stunde
versäumt, zu welcher er jetzt regelmässig seinen Rückzug vor dem »Luxusartikel«,
wie er Halwig nannte, anzutreten pflegte.
    Zum Bewusstsein der Zeit wurde er durch Lotti gebracht, die eine Lampe auf
den Tisch stellte und ihn mahnte, Feierabend zu machen.
    »Ist es denn so spät?« fragte er.
    »Spät und nicht mehr hell, du verdirbst dir die Augen.«
    »Was liegt daran? - Was liegt an mir?« sprach er halblaut vor sich hin, wie
einer, der, plötzlich geweckt, aus dem Schlafe redet. Er stöhnte schmerzlich auf
und presste beide Hände gegen die Stirn.
    Lotti wurde feuerrot; schweigend, mit einer Gebärde der Missbilligung wandte
sie sich ab. Der Vater hatte seine allabendliche Zimmerpromenade unterbrochen,
war vor Gottfried stehengeblieben und fragte, was ihm fehle.
    »Nichts«, erhielt er zur Antwort, »nur die Augen sind mir ein wenig müde
geworden.«
    »Gönn dir Ruhe«, sagte Fessler, »mach es mir nach, ich spaziere schon lange
müssig auf und ab und hätte ganz gut noch eine Weile schaffen können - die Tage
wachsen, der Frühling kommt heran ... Ja, der kommt, man darf auf ihn zählen,
der kommt. Wer aber ausbleibt«, schloss der alte Mann seine Betrachtungen, »das
ist unser Hofpoet ... In drei Tagen hat er sich nicht blicken lassen, und auch
heute - seine Stunde ist vorbei - er kommt nicht mehr.«
    »Um so besser!« rief Gottfried, »ich wollte, wir wären für immer von ihm
befreit.«
    »Befreit! - Ist das dein Ernst?...«
    »Leider ja«, versetzte Lotti, und ein tiefer Groll sprach aus ihrer erregten
Stimme.
    Gottfried erhob den Kopf: »Was sagst du?«
    »Dass du ungerecht bist, zum erstenmal in deinem Leben; ungerecht und grausam
gegen einen edlen und guten Menschen ... Es ist herzlos und tut ihm weh - gerade
von dir - denn du bist es já ...« ihre Lippen zitterten, der Ausdruck des
bittersten Schmerzes zuckte über ihr Gesicht, »der ihm der Liebste ist von uns
allen ...«
    Sie hielt tief atmend inne, Gottfried murmelte ein zorniges Wort, und der
Vater stand in stummer Betroffenheit vor seinen beiden Kindern. In einer bisher
ahnungslosen Seele dämmerte das Bewusstsein zerstörter Hoffnungen, eines nahenden
Unglücks auf. Eh er sich's versah, bevor ihm zu einer Befürchtung Zeit
geblieben, war der Friede aus seinem stillen Hause entwichen und aus den Herzen
seiner Kinder ...
    In dem Augenblicke wurde an der Hausglocke gestürmt, bald darauf durcheilten
leichte Schritte das Vorgemach.
    »Da ist er doch«, sagte Fessler.
    Halwig erschien auf der Schwelle, er schwenkte seinen Hut und sah so
glücklich aus, als ob er eben eine Welt erobert hätte.
 
                                       6
»Vater Fessler«, rief er, »da ist es, da haben Sie's, mein Büchlein, mein
erstgebornes!... Sieht es nicht nett aus in seinem purpurroten mit Gold
geputzten Kleidchen?... Lesen Sie, was hier steht, auf der ersten Seite:
Johannes Fessler, meinem Lehrer, meinem Vorbild, meinem Freund ... Es ist Ihnen
gewidmet, Ihr Eigentum, ich bringe, was aus meinem Herzen floss und Ihnen gehört,
und lege es Ihnen zu Füssen.«
    Er machte Miene, das Büchlein wirklich auf den Boden vor Fessler hinzulegen;
der aber hinderte ihn daran. »Geben Sie es mir in die Hand, das ist Ehre genug«,
sprach er und lächelte seinem Liebling zu, bei dessen Erscheinen der trübe Ernst
verschwunden war, der eben noch die Stirn des alten Mannes umdüstert hatte. Er
liess sich erzählen, wie der Poet seit drei Tagen in verzehrender Erwartung
seines Werkes gelebt, wie er jede freie Minute auf dem Postbüro zugebracht und
durch die Ausbrüche seiner Ungeduld den Ärger eines Expeditors und das Mitleid
zweier Briefträger erregt habe. Jetzt aber sei alles gut, meinte er und flehte,
die Familie möge ihm diesen Abend schenken und sich den Vortrag seiner Dichtung
gefallen lassen. Er stellte die Lampe auf den Tisch inmitten der Werkstätte und
trug vier Sessel herbei. Lotti sollte ihm gegenübersitzen, Fessler und Gottfried
neben ihm.
    »Auf diese Stunde«, sagte er, als alle Platz genommen hatten, »habe ich mich
gefreut von dem Momente an, in welchem mir der erste Gedanke meines Gedichts
aufgegangen, bis zu dem, in welchem ich am letzten Verse gefeilt ... Wie jetzt
in der Wirklichkeit, umgaben Sie mich immerwährend im Geist, Sie geliebten
drei!«
    Seine Augen ruhten vor Innigkeit und Wärme leuchtend auf seinem kleinen
Auditorium, dann öffnete er das Buch und begann zu lesen.
    Was er las, war nur eine einfache Herzensgeschichte - ähnliche sind wohl
tausendmal berichtet, millionenmal erlebt worden. Abgedroschen! wollte Gottfried
schon ausrufen, aber er unterdrückte das Wort. Offenbar hatte der Dichter nicht
durch das Interesse an seiner Fabel zu wirken gesucht; was da fesselte und
bezwang, das war der Schönheitszauber, der in dem schlichten Bilde webte, das
war die Wahrheit und die Leidenschaft, die es atmete, und wen man darin am
liebsten gewann, das war der Dichter selbst. Absichtslos, ja wider seinen Willen
hob seine Gestalt sich verklärt aus seinem Werke und erschien so liebenswürdig
wie die verkörperte Jugend. Er war von Begeisterung durchglüht, von Talent
getragen; eine Unendlichkeit wogte in seiner Seele. Für Ernst und Scherz, für
Zorn und Wehmut, Hass und Liebe, für jede Stimmung und Empfindung der
menschlichen Brust lag das Verständnis in seinem Herzen und der Ausdruck auf
seinen Lippen. Kein Zweifel an sich selbst hemmte seinen Schwung, kein Misstrauen
in seine Kraft lähmte ihn, er hatte sie, er wusste es, er war ihrer Wirkung gewiss
und baute auf sie mit der unerschütterlichen Zuversicht, die dem Erfolg
vorangeht, die ihn oft erzwingt.
    Und so fragte er denn auch, als er geendet, voll freudiger Unbefangenheit:
»Was sagen Sie ... Ist es mir nicht gelungen?«
    »Vollkommen«, erwiderte Fessler, »es klopft ein Herz darin.«
    »Nicht wahr?... Und Sie, Gottfried - Ihre Meinung?«
    Gottfried war die ganze Zeit hindurch dagesessen, den Ellbogen auf den Tisch
und die Stirn in die Hand gestützt. Jetzt lehnte er sich in seinem Sessel zurück
und sprach, ohne Halwig anzusehen: »Es ist schön, ganz schön.«
    »Ich danke, Freund! Ein solches Lob von Ihnen, das tut wohl ... Aber Sie -
Fräulein Lotti ... Sie schweigen - Sie sagen mir nichts ...«
    In glühender Verwirrung blickte Lotti zu ihm auf: »Ich kann nicht - Sie
sehen ...« stammelte sie, ein schmerzliches, vergeblich unterdrücktes Schluchzen
erstickte ihre Stimme.
    »Lotti!... Ist es mir gelungen, Sie zu rühren, zu ergreifen?... Soll mein
schönster Traum mir heute ganz in Erfüllung gehen?« Er sprang auf und eilte
jubelnd auf sie zu.
    Lotti streckte abwehrend die Hände aus; sie weinte, nicht sanft befreiende
Tränen - Tränen qualvoller Beschämung und Empörung über sich selbst.
    Halwig trat bestürzt zurück. Einen Augenblick stand er zweifelnd vor ihr,
plötzlich aber leuchtete das Bewusstsein des Sieges, den er über diese Seele
errungen, mit süssem Triumphe aus seinen Augen, und er rief in einem Tone, aus
dem Rührung, Entzücken und ein letztes Zagen zugleich herausklangen: »Sie zürnen
mir? soll ich dafür büssen, dass mein Gedicht Sie bewegte?«
    »Zürnen? Wie können Sie glauben?... Eine neue Welt hat sich vor mir aufgetan
... Ich weiss nicht, ich kann nicht sagen, was ich am meisten bewundere - ich
sehe nur, wie gross, wie herrlich und wie fern ...«
    Ihre Stimme brach, sie erhob einen raschen hilflosen Blick zu ihm, den er
einsog wie himmlischen Tau.
    »Nicht fern«, rief er, »o nein! Ihnen ist sie es nicht, sie lebt von Ihrem
Leben, ist von Ihrem Atem durchhaucht ... Schöpferin meiner Welt, haben Sie sich
in ihr nicht erkannt?«
    Und schon lag er vor Lotti auf den Knien, bedeckte ihre Hände mit seinen
Küssen, nannte sie seinen Engel, seine Geliebte, seine Braut. Er pries die
Stunde, in welcher sie ihm zum ersten Male begegnet war, und die noch schönere,
ewig gebenedeite, in welcher er's zum erstenmal empfunden, dass sie ihn liebe.
Das war nicht heute, war nicht vor kurzem, das war sehr bald, nachdem sie
einander kennengelernt - er wollte gar nicht gestehen, wie bald ... um nicht
allzu vermessen zu erscheinen, so vermessen wie man eben wird, wenn man sich
geliebt weiss von dem edelsten und reinsten Herzen.
    »Jetzt aber sprich!« bestürmte er sie, »bestätige mir mein Glück vor diesen
teuren Zeugen ... deinem Vater, deinem Bruder, den meinen von nun an - ein Wort,
Geliebteste!«
    »Was soll ich sagen - du weisst alles«, war ihre Antwort, und jauchzend fasste
er sie in seine Arme. - -
    Es war keine stumme Seligkeit, die seine; unwiderstehlich brauste der
Feuerstrom der Worte, die er ihr lieh, dahin und vermochte die Einwendungen
Fesslers zu übertäuben und vermochte Gottfried, sich ein Wort der Fürsprache für
denjenigen abzuringen, dem Lotti ihr Herz geschenkt. Freimütig erzählte Halwig
die Geschichte seines Lebens, sprach von dem Leichtsinn, mit dem er das Erbe
seiner Eltern zersplittert, gestand, dass er im Begriffe gewesen, auf schlechte
Wege zu geraten, als sein schützender Stern ihn in das Haus Fesslers geführt. Von
dem Augenblicke an war er ein anderer Mensch geworden. Er beschwor Fessler und
Gottfried, Erkundigungen über ihn einzuholen. Seine Vorgesetzten im Amte, seine
Freunde und Bekannten sollten entscheiden, ob er verdiene, hoffnungslos
verworfen zu werden.
    »Davon ist nicht die Rede«, sagte Fessler und Halwig rief: »So lasset denn
die Geliebte das Erlösungswerk vollenden, das sie an mir begonnen hat.«
    Sie wurde seine Braut; und der Mann, der ihr wie ein höheres Wesen erschien,
machte sie zur Herrin seines Schicksals. Er unterordnete sich ihr, er wollte ihr
alles danken, was er besass, er wollte alles, was er war, nur durch sie geworden
sein. Sein junges Haupt, das schon von der Morgenröte des Ruhmes umglänzt wurde,
beugte sich vor ihr, schmiegte sich demütig an ihre Knie.
    »Das heisst verwöhnen«, sagte Vater Fessler, aber Gottfrieds Meinung war:
»Bete sie nur an, sie verdient's.«
    Einige Monate vergingen, da fiel der erste Schatten auf die bisher
ungetrübte Seligkeit der Verlobten. Halwig hatte plötzlich den Staatsdienst
aufgegeben, um sich ganz und gar seinem dichterischen Berufe widmen zu können,
der ihm täglich neue Erfolge brachte. Ein zweites Büchlein war dem ersten
gefolgt. Es erfüllte reichlich die schönen Erwartungen, die jenes erregt hatte.
Die kleine Gemeinde von Bewunderern, die sich um den Dichter zu sammeln begann,
wusste seines Lobes kein Ende und begrüsste auch sein drittes Werk mit
unbegrenztem Entzücken. Und gerade dieses, das er, um eine übernommene
Verpflichtung zu erfüllen, in fieberhafter Hast begonnen und beendet, war ihm
vor allen andern ans Herz gewachsen. Er hatte daran erprobt, dass er zu jeder
Zeit Herr seiner Stimmung, seiner Phantasie, aller seiner Gaben war, dass sein
Talent ihm leiste und gewähre, was immer er von ihm verlangte. Er wusste jetzt,
dass sein Wollen unumschränkt über sein Können gebiete. Ganz erfüllt von dem
Gefühl eines so vollkommenen Gelingens, erschien er bei seiner Braut, und Lotti
schwelgte im Anblick seiner stolzen Glückseligkeit. Als es jedoch hiess, ihre
Meinung über die Arbeit auszusprechen, welche Hermann seine beste und reifste
nannte, zagte sie und antwortete mit Befangenheit nach langem Zögern, dass ihr
alles gefalle, was von ihm ersonnen sei.
    »Dieses«, rief er, »müsste dir auch gefallen, wenn ein anderer es ersonnen
hätte.«
    »Vielleicht - gewiss ...« erwiderte Lotti, erschrocken über den Ausdruck von
Enttäuschung, der sich in seinen Zügen malte.
    Er fuhr erregt fort: »Du musst lernen, ganz von mir abzusehen bei der
Beurteilung meiner Arbeiten. Dass Schönes geschaffen werde, daran liegt alles; ob
ich es geschaffen, ob Hinz oder Kunz, daran liegt nichts ... Der Standpunkt ist
der einzig richtige - der soll der deine sein. - Deine Liebe zu mir darf sich
nicht durch blinde Bewunderung äussern. Du musst wissen, warum du bewunderst -
musst Gründe haben, für dein Lob. Aufrichtigkeit verlange ich von dir und will
hoffen, dass du mich ihrer würdig hältst.«
    »Hermann - wie könnt ich anders?« fragte sie mit einem ängstlichen Lächeln.
»Ich sage dir, was ich denke, aber das hat ja keinen Wert ... Mein Urteil zu
begründen, muss ich erst lernen ... jetzt bin ich noch nicht imstande, dir zu
sagen, warum ich dir dieses Mal nicht so leicht - nicht mit so voller - wie soll
ich's nennen? - so voller Hingerissenheit folgen konnte wie früher, wie
besonders bei deinem ersten, allerschönsten Gedicht ...«
    Nun brauste er auf. Er fragte, ob sie denn immer auf seine Anfänge
zurückkommen wollte, ob ihr das Unbedeutendste am nächsten läge.
    »Wenn du bei dem Punkte stehenbleibst, von dem ich ausging, indes ich
vorwärts jage, werden wir bald auseinandergekommen sein!« rief er, war nicht zu
beschwichtigen und verliess sie im Zorne.
    Freilich war er am nächsten Tage wieder da, demütigte sich vor ihr und
weinte vor Reue, als sie ihn, womöglich noch liebreicher als sonst, empfing und
ihm versicherte, nicht zu wissen, was sie ihm verzeihen solle. Er war so
beschämt und in seiner Beschämung so ausbündig und unwiderstehlich
liebenswürdig, dass Lotti ihn bat, sich nur recht bald wieder einzubilden, er
habe ihr weh getan.
    Diese Bitte wurde erfüllt, aber in anderem Sinne, als sie gestellt war.
Hermann liess es an Gelegenheit nicht fehlen, ein gegen sie begangenes Unrecht
gutmachen zu müssen, aber dieselbe zu benützen, verstand er bald nicht mehr.
    Ein leiser Zweifel, eine Frage vermochten alle Dämonen in seiner Brust zu
entfesseln, und Lotti erkannte mit Entsetzen, dass es Augenblicke gab, in denen
er sie hasste. Da legte er den Ausbrüchen seines Zornes keinen Zügel an. Er litt
und fand es natürlich und gerecht, dass diejenige, die ihn liebte, mit ihm leide.
Wenn er sich von ihr missverstanden oder im stillen getadelt glaubte, warf er ihr
ihre untergeordnete Tätigkeit, ihren beschränkten Wirkungskreis vor.
    »Von dem, was ich anstrebe, steht freilich nichts im Le Paute!« rief er
eines Tages, und Gottfried, der bisher männlich an sich gehalten, fuhr empor:
»Noch ein solches Wort, und ich schlage dir den Schädel ein!«
    Dem heftigen Auftritt zwischen den beiden Männern, der darauf folgte, wurde
mühsam genug von Fessler ein Ende gemacht; aber von nun an begann Gottfried sein
passives Benehmen dem Brautpaar gegenüber aufzugeben.
    »Du bist ein ungebärdiges Kind«, sagte er zu Halwig, »du wärst imstande, das
Liebste, das du hast, in einem Anfall übler Laune zu zerstören; ich will strenge
Wache über dich halten.«
    Halwig drückte ihm die Hand, er begab sich gern unter den Schutz seines
besten Freundes.
    »Verschwören wir uns gegen alle meine Fehler!« rief er, ganz beseelt von den
edelsten Vorsätzen, »wenn du mir treulich hilfst, will ich ihrer schon Herr
werden!«
    Lotti war mit diesem Bündnisse nicht zufrieden, sie wusste, dass Hermann die
Selbstbeherrschung, die es ihm auferlegte, ebensowenig zu bewahren vermochte,
wie er die Aufrichtigkeit vertrug, nach welcher er immer verlangte. Seine ganze
Natur empörte sich gegen den Zwang, die leiseste Missbilligung frass ihm am
Herzen, erbitterte ihn, machte ihn unglücklich und überzeugte ihn nie. Was ihn
stählte, was alle seine Kräfte entfaltete, das war der Kampf gegen Hass und
Verfolgung und der Genuss überschwenglichen Lobes und verhimmelnder Liebe.
    »Ich kann nur im Lichte gedeihen, und ihr lebt im Halbdunkel«, rief er
einmal nach einer langen Kontroverse mit Gottfried und verliess das Zimmer ohne
Abschiedsgruss. Lotti erhob sich lautlos und ging ihm nach. Eine Weile darauf
hörte man aus dem Vorgemache sein zorniges Sprechen herübertönen, manchmal
unterbrochen durch ihr sanft beschwichtigendes Flehen. Dann wurde die Haustür
zugeschlagen, und eine lange Zeit verfloss, bevor Lotti, noch bleich und
zitternd, in die Werkstatt zurückkehrte.
    Am Abend sprach Fessler zu Gottfried: »Was ich dir sagen wollte: Gib dein
Erziehungswerk auf. Den Halwig änderst du nicht. Lass ihn. Ihr ist er ja recht,
wie er ist.«
    »Aber Vater, er misshandelt sie.«
    Fessler seufzte und zog bedauernd die Achseln in die Höhe. »Seine
Misshandlungen sind ihr lieber als die Liebkosungen eines andern. Das ist so
Weiberart.«
    Gottfried schwieg und liess fortan die Dinge gehen, wie sie gingen.
    Die Besuche Halwigs wurden immer seltener, und wenn er kam, war er entweder
düster und verschlossen oder von einer aufgeregten und erzwungenen Lustigkeit,
die unter allen seinen wechselnden Stimmungen Lotti am peinlichsten berührte. In
eine solche geriet er einmal, als Fessler über einige Vorbereitungen zur nahenden
Hochzeitsfeier sprach, und plötzlich erklärte Lotti ihrem Vater, die Vermählung
müsse hinausgeschoben werden.
    »Hat er den Vorschlag gemacht?« rief Gottfried.
    »Ich wünsche es!« entgegnete sie rasch.
    »Warum ... Misstraust du ihm?«
    »Vielleicht nur mir«, war ihre Antwort. Scheinbar völlig ruhig begab sie
sich an die Arbeit.
    Kurze Zeit, nachdem Lotti diesen Entschluss gefasst, schien Hermann ganz zu
ihr zurückzukehren. Er hatte eine grosse Täuschung erlitten, er fand Trost bei
ihr, die seinen Schmerz tiefer empfand als er selbst. Sein gesunkener Mut wurde
indessen bald wieder durch neue Erfolge gehoben, und die unausbleiblichen
Früchte derselben stellten sich ein. Die Huldigungen, die ihm dargebracht
wurden, wollten bezahlt werden, sie forderten ihren Lohn, machten Ansprüche auf
die Persönlichkeit, auf die Zeit des Dichters. Verwandte, die sich vor Jahren
von ihm losgesagt hatten, erinnerten sich plötzlich, und erinnerten ihn, dass er
zu ihnen gehöre. Wenn er von seiner Verlobung mit der Tochter eines Uhrmachers
sprach, hörten sie ihn mit der überlegenen Nachsicht an, die gescheite Leute für
Künstlerlaunen besitzen. Halwig begann sich einzubilden, dass er seine Braut nur
um den Preis schwerer Opfer, harter Kämpfe werde heimführen können. Er ersparte
und verschwieg ihr nichts; kein noch so herbes Urteil, das Menschen über sie
fällten, die sie nie gesehen, kein Bedenken derjenigen, denen er früher aus dem
Wege gegangen und die er jetzt »die Seinen« nannte. Er schrieb diese grausame
Offenheit dem unbegrenzten Vertrauen zu, das er für Lotti empfand, und die
bestärkte ihn darin. Sie wusste, dass sie seine Liebe verloren hatte, aber den
Schatten derselben, dieses Vertrauen, das ihr sein Herz öffnete, sie seine
geheimsten Gedanken kennen liess, an dem hielt sie fest, das hütete sie wie das
heilige Feuer, wie ihr Lebenslicht. Als ob ihre Liebe in dem Masse wüchse, in dem
die seine abnahm; als ob er sie durch Qual fester an sich ketten würde, wachte
sie über dem kleinen Reste seiner Neigung in übermenschlicher Treue und Geduld.
Ein Aufflackern seiner erlöschenden Empfindung war ihr, was der Mutter ein
Lächeln ihres sterbenden Kindes ist.
    Endlich kam die Stunde, in welcher sie ihre Kraft erlahmen fühlte, in
welcher ihr glühender Entsagungsmut sie verliess. Nach jahrelangem Ringen
erwachte in ihr die unwiderstehliche Sehnsucht nach Frieden. Aber sie wollte
diesen nicht mit einem Selbstvorwurf in der Seele dessen erkaufen, den sie so
sehr geliebt hatte. Sie tat es an einem Tage, an dem er sich einmal wieder ihr
gegenüber so herzlich, so warm, so voll Hingebung und Innigkeit gezeigt wie in
der Frühlingszeit ihrer Liebe.
    Er war länger verweilt, als er beabsichtigte, und sprang erschrocken auf,
als einige Uhren zugleich die fünfte Nachmittagsstunde schlugen.
    »Ich sollte längst fort sein!« rief er, »aber gleichviel ... ... Bei dir
versäume ich nichts, ich gehe immer reicher, besser, als ich gekommen bin ...
Ich bin ein Narr, so selten zu kommen.«
    Sie traten beide an das geöffnete Fenster, durch welches die sanft bewegte
Luft des lauen Herbstabends hereinflutete. Die Sonne hatte sich hinter einer
schweren Wolke verborgen, aber ihr Widerschein säumte den Horizont mit
Purpurstreifen. Breite, goldige Lichter lagen auf den Dächern der Häuser und
behaupteten sich noch siegreich gegen die grauen Dünste, die von den Bergen
herzogen und den östlichen Teil der Stadt schon in ihre wallenden Schleier
gehüllt hatten. Drüben am Kai jagte Wagen an Wagen vorbei, drängte und tummelte
sich das Menschengewühl, indes der Strom lautlos und träge seine trüben Wellen
rollte.
    »Die Aussicht hab ich lieb«, sprach Halwig, »ich sehe gern das Treiben der
grossen Stadt so tief unter mir ... Dein Vater hat recht, seine hohe, alte Warte
nicht zu verlassen, wenn es ihm auch manchmal schwerfallen mag, sie zu erklimmen
... Leb wohl - das heisst auf Wiedersehen!«
    »Nein, nein«, sagte Lotti hastig, »es heisst leb wohl ...« Eine brennende
Röte bedeckte ihre Wangen, und sie umspannte mit beiden Händen die Hand, die er
ihr gereicht. »Wir wollen scheiden, wir müssen ... als gute Freunde, aber für
immer. Gib mir mein Wort zurück, wie ich dir das deine zurückgebe, Hermann ...«
    »Was ficht dich an?« fragte er.
    Sein Ton klang vorwurfsvoll, allein ein Blitz feuriger Überraschung, kaum
sichtbar für ein anderes Auge als das ihre, hatte während ihrer vorhergehenden
Rede in seinem Angesicht aufgeleuchtet.
    »Ich kann deine Frau nicht werden«, fuhr sie fort, rascher jetzt und mit
fliegendem Atem: »Schon lange wollte ich dir das sagen ... Ich ringe schon lange
mit mir ... Ich kann mich von meinem Vater nicht trennen, kann auch die
Lebensweise nicht aufgeben, an die ich gewöhnt bin von Kindheit an ... die mir
sehr lieb ist ...«
    »Ich meinte dir noch viel lieber zu sein!« rief er und setzte in
unaussprechlicher Verwunderung hinzu: »Du gibst mich auf?!...Du - mich?!«
    »Du wirst dich darein fügen - nicht wahr?... Sage nicht, dass es dir
unmöglich ist!«
    Sie richtete die Augen fest auf ihn, und die seinen senkten sich.
    Es flog ihm durch den Sinn, dass sie ihm untreu geworden, dass sie einen
andern liebe, aber sogleich musste er lächeln über diesen Verdacht. Er fragte
sich, ob sie ihn auf die Probe stellen wollte, fragte sich auch, ob sie nicht
vielleicht seinem Glück, seiner Zukunft ein ungeheures Opfer bringe? Die ruhige
Haltung, in der sie vor ihm stand, machte ihn aber auch an dieser Vermutung
irre.
    Er fuhr aus seinem Brüten auf und sagte mit dem Ausdruck eines echten
Schmerzes: »Und wir sollen uns niemals wiedersehen?«
    »Doch ... wenn wir ganz vernünftig geworden sind.«
    »Du bist es schon jetzt!« entgegnete er voll Bitterkeit.
    »Und du wirst es werden - wirst mir danken ... Lass mir deine Hand! wende
dich nicht ab ... Du hast keinen Grund, mir zu grollen. Ich befreie dich von
einer traurigen Braut, bei der keine Freude zu holen ist -« sagte sie mit einem
schwachen Versuch zu lächeln.
    Er unterbrach sie, er wollte nicht weiter hören; er erklärte, dass er ein
einmal gegebenes Wort nie wieder zurücknehme, und wenn es sein Unglück wäre ...
    »Wenn es aber auch das meine ist?« fragte sie, und er rief halb zornig, halb
verlegen: »Wie du mich missverstehst!... Wie du nur glauben, es nur für möglich
halten kannst, dass ich dich aufgeben werde, ohne Grund ... Weisst du denn
einen?... Dass ich mich von dir trennen werde - so plötzlich ...«
    Sie erhob das Haupt. »Wir sind längst getrennt«, sprach sie. »Es ist aus.
Frage dich selbst, ob du recht hättest, mich mitzuschleppen durchs ganze Leben,
weil du einmal geglaubt hast, mich zu lieben.«
    »Geglaubt?... Ich habe dich unaussprechlich geliebt - meine Liebe zu dir war
...«
    »Sie war!« fiel ihm Lotti mit einem schneidenden Schmerzenston ins Wort, der
die Qual ihres Innern verriet. »Täusche dich nicht ... Wir wollen die Kraft
haben einzugestehen, dass eine Empfindung, die wir für ewig hielten - erloschen
ist. Und wir wollen nicht unsere Zukunft auf die erloschene bauen, nicht
erwarten, dass ein Glück aus ihr erblühen könne ...«
    Er starrte sie an und schwieg. Sein Verstand gab ihr recht, sein Herz
stimmte ihr bei. Was sich in ihm noch regte und sträubte, das war ein leiser
Gewissensvorwurf. Allein auch den vermochte Lotti zu beschwichtigen, indem sie
sagte: »Nur die Geliebte scheidet sich von dir - die Freundin bleibt. Die wirst
du immer finden. Komm zu ihr, wenn du ein Leid zu klagen hast, wenn du
verdrossen bist und schlimmen Mutes. Bedrückte Seelen warten - das verstehe ich,
das ist die Kunst, die ich ausübe, das ist meine Virtuosität ...«
    »Lotti!« rief er überwältigt und zog sie an seine Brust. Plötzlich jedoch
liess er sie aus seinen Armen, warf sich in einen Sessel nieder und brach in
heftiges Schluchzen aus. Sie trat zu ihm, beugte sich, ihre Lippen ruhten lange
auf seiner Stirn ... regungslos, mit geschlossenen Augen, empfing er ihren
schwesterlichen Kuss, und ihm war, als senke sich aus seinem innigen Berühren
Frieden und Versöhnung in seine kämpfende Seele. Als er aufblickte, fand er sich
allein; Lotti war in ihr Zimmer geeilt, und er hörte sie den Riegel vorschieben.
Er sprang auf, er rannte zur Tür und pochte und rüttelte daran wie ein
Verzweifelter. Kein Laut antwortete seinem Drohen und Flehen.
    Endlich musste er sich ergeben - musste sich fassen.
    »Ich komme wieder, hörst du mich? Ich komme wieder!« sprach er und schritt
nach einem letzten Zögern, einem letzten vergeblichen Erwarten, langsam aus dem
Gemach.
 
                                       7
Allein sooft er wiederkam, so ungestüm er nach ihr fragte - Lotti liess sich
nicht sehen. Er schrieb an sie, er bat sie um eine Unterredung, und sie
entgegnete, sie wolle dieselbe gern gewähren, wenn er zuvor verspreche, ihres
früheren Verhältnisses mit keinem Worte zu erwähnen. Auf diese Bedingung konnte
er nicht eingehen, das erklärte er offen in einem zweiten Briefe, der
unbeantwortet blieb.
    Damit war zwischen ihnen alles zu Ende.
    Als sie einander nach langer Zeit zufällig auf der Strasse trafen, senkte
Lotti die Augen, und Halwig wandte die seinen ab. Später vermieden sie es nicht
mehr, einen raschen Blick zu wechseln. Hast du mir nichts zu sagen? fragte der
ihre und wurde durch ein kaltes Lächeln, eine Miene spöttischer Gleichgültigkeit
erwidert. Nach solchen flüchtigen Begegnungen kehrte Lotti heim mit fliegenden
Pulsen und brennender Stirn, und am nächsten Morgen erzählten ihre müden und
geröteten Augen von einer durchweinten Nacht.
    Aber auch diese letzte, törichte Schwäche ward überwunden. Lotti gewöhnte
sich, an dem einst Geliebten vorbeizugehen wie an einem Fremden; sie errötete
nicht mehr, wenn sein Name in ihrer Gegenwart ausgesprochen wurde; sie las auch
seine Bücher nicht mehr. Sie wurde von ihnen allzu peinlich berührt. Es gab sich
darin ein Haschen nach dem Absonderlichen und Unerhörten kund, ein Streben,
gemeine Neugier zu wecken, eine Vorliebe, das Krasse, oft sogar das Widerliche
zu schildern, die Lotti entsetzten und ihr wie Lästerungen an dem Gotte
erschienen, den Halwig selbst sie verehren gelehrt: am Gotte des Schönen.
    Jahre vergingen. Fessler starb - kurze Zeit nachdem ihm angekündigt worden,
dass er seine »hohe Warte« verlassen müsse, weil das Haus zum Umbau bestimmt sei.
Lotti bezog ihre jetzige Wohnung. Gottfried mietete sich bei dem Uhrmacher ein,
für den er seit dem Tode seines Pflegevaters arbeitete. Des erlittenen Verlustes
immer eingedenk, führten beide still ihr Leben fort; Lotti war von ihrer ersten
und einzigen Liebe so vollkommen geheilt, dass sie die Nachricht von Halwigs
Verheiratung, die Gottfried eines Tages brachte, mit unbefangener Heiterkeit
aufnahm.
    Vor drei Jahren hatte sich's ereignet, und Lotti besann sich heute noch des
verstörten Gesichts, mit dem Gottfried damals bei ihr erschienen war, der
Verlegenheit, der unnötigen Schonung, mit denen er, nach langem Hin- und
Herreden seine Neuigkeit plötzlich hervorgestossen und dabei so beschämt und
elend ausgesehen, als ob er eben eine schändliche Handlung begangen hätte.
    »Ich muss es dir sagen«, entschuldigte er sich, »du hättest es vielleicht auf
eine unangenehme Art erfahren können ... unvorbereitet vielleicht ...«
    Lotti sah ihn freundlich an und sagte: »Nun - was hätte das gemacht?«
    »Wenn du ihnen aber begegnet wärest wie ich - ganz unerwartet - beim Biegen
um eine Ecke ... Arm in Arm.«
    »So hätte es mich gefreut«, sagte Lotti.
    »Hätte es?...« Sein Gesicht hatte sich verklärt, er geriet in Begeisterung,
und jetzt kam es heraus, dass er schon seit einigen Tagen von der Verheiratung
Halwigs unterrichtet war, dass er auch gehört hatte, die junge Frau sei arm,
vornehm und schön.
    »Das Letztere kann ich bezeugen«, sprach Gottfried mit gedämpfter Stimme,
als ob er ein Geheimnis anzuvertrauen hätte, »du und ich, wir haben nie etwas
Schöneres gesehen. Sie ist gross - um ein Haar vielleicht grösser als du, und so
zart, so äterisch, als wäre sie aus Mondesstrahlen gewoben ... aber nein, das
Bild passt nicht; die Strahlen des Mondes sind kalt, und sie sieht aus wie das
junge, rosige Leben ... Ein Kind, sag ich dir, und hat doch schon etwas in den
Augen ... Ich war eilig und ging in Gedanken so hin, wäre beinahe an sie
angerannt ... Er rief: Holla! und sie blickte mich mit diesen prächtigen,
sonderbaren Augen unaussprechlich verwundert an, als ob sie sagen würde: Geben
Sie doch acht! Ich bin es ja!... so, dass ich ausserordentlich erschrocken
stehenblieb und den Hut rückte. Da bemerkte ich erst, dass er den seinen
abgenommen hatte. Gesprochen wurde nichts, wir haben beide nur getrachtet, so
bald als möglich fortzukommen.«
    Gottfried nahm seinen gewohnten Platz in der Fensterecke, dem Arbeitstisch
Lottis gegenüber, ein, und sie begann von anderen Dingen zu sprechen. Sie
erzählte mit einer Art Entrüstung, dass der Uhrenliebhaber, der einst für ihre
Sammlung jenes hohe Angebot gemacht, das Fessler bereute von der Hand gewiesen zu
haben, sich wieder melde. Von Amerika aus, wo er lebte - er war ein Deutscher,
der dort Glück gemacht -, erneuerte er seinen Antrag in einem Briefe, den sein
Agent Lotti überbrachte. Sie sann jetzt über ihre Antwort nach, konnte nicht
Worte finden, scharf und bestimmt genug, um ihren unerschütterlichen Vorsatz,
sich nie von ihrer Sammlung zu trennen, auszudrücken. Sie hatte Lust, dem
»Amerikaner« mitzuteilen, was bisher niemand ausser Gottfried wusste, dass der
Hausschatz nämlich im Testamente Lottis dem Museum ihrer Vaterstadt vererbt sei,
wo er unter dem Namen »Fesslersche Sammlung« auf die Nachwelt übergehen sollte
zum Nutzen und zur Freude künftiger Generationen.
    Gottfried gab ihr, etwas zerstreut, in allem recht, sprang aber plötzlich
von dem Gegenstand ihres Gespräches ab und sagte: »Findest du es nicht verwegen
von ihm, ja sehr verwegen, in seinen doch schon reifen Jahren ein Mädchen zu
heiraten, wie gesagt, fast noch ein Kind und so wunderschön?«
    »Von - ihm?... du sprichst von Halwig -« erwiderte sie mit einem
verweisenden Blick. - Die sanfte Lotti war gegen Gottfried ausnahmsweise immer
ein wenig streng. »Das muss man wissen ... Reife Jahre? Ach was! Künstler bleiben
immer jung, nur wir altern, wir Arbeitsleute.«
    So hatte sie vor drei Jahren die Kunde von Hermanns Verheiratung aufgenommen
und seitdem nichts mehr von ihm gehört.
    Und jetzt, nachdem sie alles verschmerzt, vieles vergessen, kam ein Bote aus
der langentschwundenen Zeit und weckte sie aus ihrer tiefen Ruhe. Sie staunte
selbst über die Gewalt des Eindrucks, den sie plötzlich empfangen hatte, über
die Pein, welche er verursachte. Doch versuchte sie nicht, sich ihr zu
entziehen, dazu kannte sie sich zu gut. Ihre Leiden wollten völlig durchlebt
sein, bevor sie sterben konnten. Da half kein Wegschieben, keine
Überredungskunst, sie forderten ihr ganzes Recht und wichen erst, nachdem es
ihnen geworden.
    Sie nahm ihre Arbeit vor. Gleichförmig wie immer spann ihr Tagewerk sich ab.
Nachmittags besuchte sie Gottfried in seinem Gewölbe. Allein, was sie auch tat
und sprach, unablässig summten ihr die Worte: »Aus Leichtsinn oder Not« im Ohr,
und der Gedanke an Halwig verliess sie nicht eine Sekunde. Sie durchwachte eine
böse Nacht.
    Am nächsten Morgen kam Gottfried und mahnte sie noch einmal, die bei ihr
bestellten Arbeiten dem früheren Meister heute selbst zu überbringen.
    Sie versprach es, lehnte aber Gottfrieds Antrag, sie zu begleiten,
auffallend hastig ab.
    »Wie du willst«, sagte er und verabschiedete sich ohne eine Spur von
Empfindlichkeit.
    Sie blickte ihm eine Weile nach. »Der beste Mensch!« murmelte sie leise vor
sich hin und begann ganz gegen ihre Gewohnheit müssig, mit gekreuzten Händen, im
Zimmer auf und ab zu gehen.
    Ihre alte Dienerin trat ein und verwunderte sich über die Massen, ihre Herrin
unbeschäftigt zu finden. Aber sie freute sich noch mehr als sie sich
verwunderte. Der Himmel selbst, meinte sie, beschere ihr eine Gelegenheit, sich
so recht nach Herzenslust über die interessanten Neuigkeiten auszulassen, die
sie vom Markte mitgebracht. Leider fand sie nur geringe Teilnahme und wurde
plötzlich durch die Worte unterbrochen: »Agnes - ich gehe jetzt aus.«
    Das war freilich leichter gesagt als getan. Ausgehen? Jetzt? - die Alte
entsetzte sich über »diese Idee«. Vor dem Essen war das Fräulein nie
ausgegangen, warum denn heut!
    Die Frage und die seltsam forschende Miene, mit der sie gestellt wurde,
machten Lotti erröten; sie wandte das Gesicht verlegen ab und sagte: »Warum? -
ja - - ich könnte eigentlich auch später - wenn du dich beeilen wolltest ...«
    Agnes entfernte sich, erschien jedoch bald wieder. Sie überbrachte die
Visitenkarte eines fremden Herrn, der das Fräulein dringend zu sprechen
wünschte.
    Der Agent des »Amerikaners« kam einmal wieder, die Anerbietungen seines
Chefs in bezug auf die Uhrensammlung zu erneuern.
    Er wurde selbstverständlich abgewiesen. Allein statt sich damit zu
bescheiden und sich - zufrieden oder nicht - zu empfehlen, nahm er auf das
breiteste Platz in dem Fauteuil und liess alle fünf Minuten einige wegwerfende
Worte über alte Uhren fallen. Nach einer tödlich langen Stunde erhob er sich
endlich mit der Versicherung, er wolle vor seiner Abreise noch einmal
vorsprechen. Lotti erlaubte sich zu bemerken, das sei ganz überflüssig, worauf
er verbindlich erwiderte, er danke und werde sich gewiss einfinden.
    Dieser Besuch schien Lotti den Appetit verdorben zu haben, denn sie liess ihr
Mittagsmahl, das von Agnes endlich aufgetragen wurde, unberührt.
    Sie kleidete sich rasch und hastig zum Ausgehen an und blieb dann zögernd an
der Tür stehen ... sie eilte die Treppe hinab und schritt langsam durch die
Strassen ... immer langsamer, je näher sie ihrem Ziele kam.
    Sie wollte sich Gewissheit über die Umstände verschaffen, unter denen ihr
einstiges Geschenk verkauft worden war. Sie wollte es. Und doch erhoben sich
Einwendungen in ihr gegen den unwiderruflichen Entschluss. - Was soll die
Gewissheit, nach der du strebst, dir bringen? fragte sie. - Was hast du zu
erwarten? Du wirst von einem Leichtsinn hören, den du nicht heilen kannst, oder
von einer Not, der abzuhelfen du nicht vermagst. Lass ab! Was quälst du dich?...
Zu wessen Frommen? Du bist längst vergessen - vergiss auch du!
    Lotti horchte den leisen abratenden Stimmen und - mit Bewusstsein handelte
sie ihnen entgegen.
    Jetzt stand sie an der Tür des Uhrmacherladens, jetzt drückte sie die
Klinke.
    Der Laden war leer, aber aus dem anstossenden offenen, mit Gaslicht hell
erleuchteten Raume schallte ihr ein lauter Wortwechsel entgegen.
    »Ich weiss ja, dass ich eine Gefälligkeit von Ihnen verlange!« rief eine
Stimme, deren Ton Lotti seit fünfzehn Jahren nicht mehr gehört hatte und die sie
dennoch augenblicklich erkannte.
    »Ich aber bin nicht in der Lage, Gefälligkeiten zu erweisen. - Entschuldigen
Sie, da ist jemand ...« sagte der Uhrmacher, der den Eingang zum Gewölbe nicht
aus dem Auge gelassen hatte: »Ah - Fräulein! eben recht ...« Er eilte auf Lotti
zu, indem er fortfuhr zu sprechen: »Vierundzwanzig Stunden bin ich im Wort
gestanden; jetzt sind drei Tage vorüber; und mit dem besten Willen - wenn ich
noch so gern möchte - ich könnte die Uhr nicht beschaffen, denn sie ist -« er
warf Lotti einen Blick des Einverständnisses zu, »bereits in anderen Händen.
Diese Dame kann es bestätigen.«
    Derjenige, dem diese Rede galt, hatte sie mit Äusserungen des Unglaubens
begleitet. Als Lottis Zeugnis angerufen wurde, richtete er plötzlich die Augen
auf sie, verstummte und starrte sie so vernichtet, so völlig überwunden und
ratlos an wie ein Kind, das auf einer schlimmen Tat ertappt wird.
    »Mein Gott - Sie?...« stammelte er, »was werden Sie von mir denken?«
    Lotti hatte sich rascher gefasst als er; sie erwiderte: »Nichts anderes, als
dass es schön von Ihnen ist, sich so herzlich nach Ihrer alten Uhr
zurückzusehnen.«
    Beide schwiegen und sahen einander an. Sie ihn mit leiser, etwas peinlicher
Überraschung: er sie halb wehmütig, halb freudig. Seine Verlegenheit war wie
durch Zauber verschwunden, und ihm wurde leicht und wohl ums Herz. Ihm schien
es, als träte ihm die Erinnerung an die beste Zeit seines Lebens verkörpert
entgegen ... nicht die glänzendste, oh, bei weitem nicht! Aber die beste gewiss.
    »Fräulein Lotti - Fräulein Lotti«, wiederholte er mehrmals, ohne den Blick
von ihr zu verwenden.
    Er fand in ihrem Gesicht den Ausdruck, den er einst geliebt hatte, wieder.
Hübsch war sie nie gewesen, doch konnte sie schön sein, wenn ihre Seele sich in
ihren Zügen spiegelte, wenn der Abglanz ihrer reinen Gedanken auf ihrer Stirn
sichtbar wurde, wenn eine Gemütsbewegung ihre Wangen rötete - so wie jetzt ...
Was lag daran, ob leichte Falten diese Stirn furchten, ob diese Wangen schmaler
geworden? Die Augen blickten so gütig, wie je; die rosige Farbe der Lippen
hatten die Jahre verwischt, den Zug von Sanftmut und stiller Heiterkeit, der sie
umspielte, jedoch nur tiefer eingeprägt ... Ja, sie war es, war dieselbe noch!
und - sie hat sich wenig verändert, dachte er.
    Lotti hingegen dachte: Er hat sich sehr verändert. Worin aber? fragte sie
sich. Die Zeit ist ja doch schonend an ihm vorübergezogen. Seine Gestalt hatte
sich jugendlich schlank erhalten. Die Farbe seiner Haare und seines Gesichtes
waren dunkler, sein Bart und seine Brauen waren lichter geworden. Die Augen
lagen tiefer, und schon bildeten sich Ringe um dieselben, doch funkelten sie
noch feurig wie sonst; er war noch immer ein Bild männlicher Schönheit, sein
Wesen noch immer anziehend und gewinnend. Allein der Charakter seiner
Erscheinung hatte eine gewaltige Änderung erfahren. Keine Spur des Künstlers war
mehr an ihm. Er sah wie ein vollendeter Weltmann, sogar ein wenig stutzerhaft
aus. Das Haar war kurz gehalten, der Backenbart nach englischer Mode
zugeschnitten, und die nämliche und allerneueste Mode hatte auch die Form des
langen lichten Oberrocks, den er trug, bestimmt, hatte bei der Wahl des
glänzenden Zylinders, der sportsmässigen Krawatte, der Handschuhe aus Hundsleder
den Ausschlag gegeben. Wenn Kleider Leute machen würden, hätte man ihn für ein
Mitglied des Jockeiklubs halten müssen. Er hatte jedoch nur die äussere Hülle
eines Engländers, nicht dessen Art und Weise angenommen - vielleicht nicht
anzunehmen vermocht. Es war nichts von steifer Gleichgültigkeit in dem Tone, in
welchem er sich an Lotti wendete und sie versicherte, er freue sich des
Wiedersehens, trotz der ihn beschämenden Umstände, unter denen es stattfand. Er
bat sie, ihn anzuhören, bat, ihr seine törichte und leichtsinnige Handlung, die
allerdings unverzeihlich sei, wenigstens erklären zu dürfen.
    Lotti unterbrach ihn und meinte, dass sich wohl mehr werde tun lassen. Sie
wandte sich an den Kaufmann, und ihrer eindringlichen Fürsprache gelang es nach
einiger Bemühung, den übereilten Handel rückgängig zu machen. Sodann
verabschiedete sie sich von dem alten Geschäftsfreunde und verliess das Gewölbe
zu gleicher Zeit mit Halwig.
    »Ihre Uhr ist bei mir«, sagte sie zu ihm, »in drei Tagen schicke ich sie
hierher, da kann sie abgeholt werden.«
    Er wollte in Worte des Dankes ausbrechen, sie aber grüsste so deutlich
verabschiedend, dass ihm nichts übrigblieb, als diesem Winke zu gehorchen. Er
verneigte sich, trat zurück, und sie schlug den Weg nach ihrer Wohnung ein.
    Sie war schon eine ziemlich grosse Strecke gewandert, als sie durch rasch
hinter ihr hereilende Schritte eingeholt wurde und Halwig an ihrer Seite
erschien.
    »Verzeihen Sie mir«, sagte er, »verzeihen Sie, Fräulein Lotti ... eine grosse
Bitte ...«
    »Nun?«
    »Erlauben Sie mir, meine Uhr selbst bei Ihnen abholen zu dürfen?«
    »Das steht Ihnen frei!« antwortete sie.
    »In drei Tagen also!... Um diese Zeit, nicht wahr? Ich komme, ich danke
Ihnen ... das ist eine Freude!«
    »Die hätten Sie sich längst machen können.«
    »Können?...« wiederholte er fragend, »haben Sie mir nicht dereinst gesagt,
nur wenn ich ein Leid zu klagen hätte, mög ich kommen? Nun, Fräulein Lotti, ich
hatte keines zu klagen ausser demjenigen, das Sie selbst mir damals angetan haben
... und das ich allein tragen und überwinden musste ... In allem übrigen bin ich
glücklich gewesen ...«
    »Und davon sollte ich nichts wissen?« unterbrach sie ihn.
    »Davon wollten Sie nichts wissen ...«
    »O wie kindisch! Ist es möglich, Halwig, so kindisch sind Sie geblieben?«
    Er fiel sogleich in den heitern Ton ein, den Lotti angestimmt hatte. Erst
die Frage, die sie an ihn stellte, wie es denn komme, dass sie ihm seit Jahren
nicht einmal mehr auf der Strasse begegnet sei, stimmte ihn ernster.
    »Ach«, sagte er mit einem Seufzer, »ich bin ja wie der Vogel der Minerva. In
der Dämmerung beginne ich meinen Flug. Tagsüber schmiedet mich die Arbeit an
meine Stube fest ... freilich keine unnütze Arbeit - eine lohnende und
erfolgreiche ...« Er warf den Kopf stolz zurück. »Überdies«, setzte er, als
Lotti schwieg, mit veränderter Stimme hinzu, »habe ich diesen Winter und den
vorigen in England zugebracht, die Gesundheit meiner kleinen Frau machte einen
längeren Aufentalt in einer kräftigeren Luft notwendig.«
    »Sie ist leidend?«
    »Nichts von Bedeutung. Gott sei Dank, nichts, das mir den geringsten Grund
zu Besorgnissen gäbe.«
    »Sie müssen mir von Ihrer Frau erzählen, Halwig.«
    »Ich will sie Ihnen bringen!« rief er, hielt aber sogleich inne, wie jemand,
der ein übereiltes Wort gesprochen hat, und setzte zögernd hinzu: »Das heisst,
wenn meine Frau - ich wollte sagen, wenn Sie es mir erlauben.«
    »Erlauben - wie denn? - ich bitte Sie darum.«
    Sie waren bei dem Hause Lottis angelangt, und diese blieb stehen. »Hier
wohne ich«, sprach sie, »hoch oben im dritten Stock.«
    »Hier also - gut - hier suche ich Sie auf, in drei Tagen ... Wie glücklich
wäre ich, unser kaum begonnenes Gespräch jetzt schon fortsetzen zu können - aber
ich bin ein Sklave ... ein freiwilliger natürlich - einer, der vernarrt ist in
seine Sklaverei ... Auf Wiedersehen denn!« Er ergriff ihre Hand und drückte sie
mit Wärme: »Fräulein Lotti - so haben wir uns doch endlich wiedergefunden!«
    »Und wie mir scheint«, antwortete sie, »als ganz gute Freunde.«
 
                                       8
Am dritten Tag, zur bestimmten Stunde, fand Halwig sich ein.
    »Agnes, kennen Sie mich noch?« sprach er, ins Vorgemach tretend, dessen Tür
die Alte ihm geöffnet hatte.
    Agnes erwiderte ausweichend: »Das Fräulein hat mir schon gesagt, dass Sie
kommen werden.« Der harte Blick, mit dem sie ihn empfangen hatte, wurde
allmählich milder. »Aber ich hätte Sie auch so erkannt; Sie sehen ja prächtig
aus.«
    »Sie noch besser, Agnes, Sie noch viel besser!«
    Die Alte schmunzelte und dachte: Jetzt geht es mir wieder mit ihm, wie es
mir immer gegangen ist.
    Im Grunde ihres Herzens hatte sie von jeher eine tiefe Abneigung gegen ihn
gehegt. Sie war eifersüchtig auf die Geltung, die er im Handumdrehen im Hause
erlangt, sie verabscheute seine Tätigkeit. »Was tut er?« meinte sie, »er
schreibt? Er kritzelt? Saubere Arbeit für einen Mann - nähen wäre ebensogut. Ich
möchte einen Schreiber geradesowenig wie einen Schneider.« Da sie niemals
Gelegenheit gehabt, diese Behauptung zu beweisen, war es ihr freigestellt, ihren
Hass masslos zu überschätzen. Trotzdem blieben Halwigs Bewerbungen um ihr
Wohlwollen nie ohne Erfolg. Wenn er sie freundlich gegrüsst, wenn er fünf Minuten
lang mit ihr geplaudert hatte, gestand sie es regelmässig zu: »Er ist halt doch
ein lieber Mensch.«
    »Darf ich eintreten« fragte er, »oder wollen Sie so gütig sein, mich
anzumelden?«
    »Nicht notwendig, das Fräulein erwartet Sie, und Herr Fessler auch.«
    »Gottfried auch?«
    »Ja, ja«, bestätigte Lotti, die auf der Schwelle des Zimmers erschien, »zwei
alte Freunde heissen Sie willkommen.«
    Gottfried stimmte nicht sehr laut in ihre Worte ein, zeigte sich anfangs ein
wenig abweisend, aber das dauerte nicht lange. Bald empfand auch er jenes
eigentümlich freudige, Herz und Zunge lösende Gefühl, das in reifen Jahren durch
das Wiedersehen mit einem Genossen der Jugendzeit erweckt wird.
    »Und wie lebst du jetzt?« fragte er, nachdem sie genugsam in Erinnerungen
geschwelgt hatten.
    Halwig lehnte sich in den altertümlichen Sessel zurück, der ihm eingeräumt
worden war, und kreuzte die ausgestreckten Beine. »Freund«, lautete seine
langsam gesprochene Antwort, »ich lebe nicht - ich schreibe.«
    Lotti sah ihn befremdet an, und ein tiefes Missbehagen schien sich seiner
unter diesem Blicke zu bemächtigen; die Stimme erhebend fuhr er fort: »Ich
schreibe vom Morgen bis zum Abend oder - zur Abwechslung - vom Abend bis zum
Morgen ... Es gibt einmal nichts so Unpoetisches wie das Dasein eines Poeten im
neunzehnten Jahrhundert ... Aber was ist zu tun, wenn man einen Haushalt mit der
Feder bestreiten muss?«
    »Das kann dir nicht schwer werden«, meinte Gottfried, »ein gefeierter
Dichter wie du ...«
    »Heuchle nicht, Gottfried! Was weisst du davon, ob ich ein gefeierter Dichter
bin?«
    »Nun - man nimmt doch auch manchmal eine Zeitung zur Hand.«
    »Daher schöpfst du deine Nachrichten? Gehst zum Fasse statt zum Quell ...
Und Sie, Fräulein Lotti, verschmähen Sie es gleichfalls, sich selbst zu
überzeugen, ob ich den Ruf verdiene, den man mir macht?«
    »Verschmähen?« wiederholte sie, »nein. Aber, lieber Halwig, ich altmodische
Person lese schon seit langer Zeit nichts Neues mehr.«
    »Sie tun vielleicht sehr gut daran«, sprach er nicht ohne leisen, etwas
ironischen Verdruss.
    Er erhob sich, trat an den Bücherschrank und las halblaut die Titel einiger
darin aufgestellter Werke. »Da sind noch alle, die alten Bekannten ... Ja, ja,
Ihre Umgebung hat sich ebensowenig verändert wie Sie selbst. Der Raum ist
kleiner geworden«, sprach er und blickte sich in der Stube um, »die Gegenstände
sind dieselben geblieben. Aber - wo ist denn die Sammlung, der Schatz des
Hauses?«
    Lotti deutete nach der Ecke des Zimmers. »Dort steht sie.« »Unvermindert? In
ihrer ganzen Herrlichkeit?«
    »Jawohl, in ihrer ganzen unvergleichlichen Herrlichkeit.«
    »Wirklich?«
    »Wie können Sie daran zweifeln? Ein Geizhals würde sich leichter von Hab und
Gut trennen als ich mich von einer meiner Uhren.«
    »Nicht einmal eine wäre Ihnen feil? - Um gar keinen Preis? Nicht um
Wohlhabenheit, nicht um Reichtum?«
    »Welche Fragen!« erwiderte Lotti beinahe verletzt.
    Halwig nahm seinen früheren Platz wieder ein; er stützte die Arme auf seine
Knie und sah eine Welle nachdenklich vor sich hin. Da plötzlich erhob er die
Augen zu Lotti: »Idealistin! Sie wohnen in einer Nussschale unter dem Dach,
plagen sich ums tägliche Brot, verzichten auf alle Annehmlichkeiten des Lebens,
um nichts zu schmälern von einem eingebildeten Wert ... Sie haben recht!...
Bewahren Sie sich, was Ihnen unschätzbar ist!« schloss er wehmütig, schlug jedoch
gleich darauf mit einem der unvermittelten Übergänge, die ihm immer eigen
gewesen waren, einen heitern Ton an. Er nannte sich einen glücklichen Menschen
und pries sein Schicksal, das ihn endlich wieder mit seinen alten Freunden
zusammengeführt. Der Verkehr mit ihnen sei das einzige gewesen, wonach er eine
Sehnsucht empfunden, die sich oft bis zum Schmerze gesteigert. Jetzt war auch
diese erfüllt. Ihm fehlte nichts mehr. Er begann von seiner Frau zu erzählen,
und wie er sie im Sturm gewonnen, trotz des Widerstandes, den ihre Eltern, ihre
Geschwister, »die ganze hochadelige Sippe« gegen ihre Verbindung mit ihm
aufgeboten habe. Anfänglich wurde sein Haus von den Verwandten seiner Frau
gemieden - nur anfänglich ...
    »Seitdem sie sich überzeugt haben, dass meine Kunst keine brotlose ist«,
sprach er lachend, »bin ich merkwürdig in ihrer Achtung gestiegen, und das freut
mich, obwohl ich keinen Grund habe, viel Gewicht auf ihre Meinung zu legen. Es
sind sehr ehrenwerte Leute, aber durchaus keine überlegenen Geister. Ein
wirkliches Band besteht nicht zwischen uns ...«
    »Einfluss nehmen sie aber doch auf dich«, versetzte Gottfried. »Dein Äusseres
hat sich völlig dem der Weltmenschen anbequemt. Der Tausend! was bist du nobel
geworden ... ich bewundere dich schon die ganze Zeit im stillen.«
    »Spotte nur«, sagte Halwig. »Übrigens, lieber Alter, die Zeiten sind vorbei,
in welchen man den Dichter am wallenden Lockenhaar und am abgeschabten Flausrock
erkannte. Den Wunsch, genial auszusehen, habe ich allerdings aufgegeben. Aber
nicht infolge äusserer Einflüsse, sondern dank meinem verbesserten Geschmack.«
    Gottfried blinzelte ihn freundlich an. »Sehr gescheit«, sprach er; »deine
Leute können mit deiner stattlichen Erscheinung zufrieden sein. Und deine
Bücher, sage mir, finden die bei ihnen gehörige Anerkennung? Gefallen sie ihnen,
wie du selbst ihnen gefallen musst?«
    »Meinen Leuten - Bücher?... meinen Leuten? - Freund, ich frage mich
manchmal, ob sie lesen können«, entgegnete Halwig und fuhr nach einem Blick voll
Verwunderung, den Lotti auf ihn geworfen, rasch fort: »Das gilt nur von den
Männern! Die Frauen lesen, die - ja. Und zwar die alten französische, und die
jungen englische Romane. Welche Früchte diese Lektüre den ersten trägt, weiss ich
nicht; die zweiten holen sich aus der ihrigen Begeisterung für englische Sitten
und Gebräuche und für alle Arten von Sport. Sie verstehen sich auf Pferde trotz
eines Maquignons, reden wie die Jockeis und - sind reizend. - Ja, ich muss
gestehen, dass ich sie reizend finde, obwohl ich mich nicht im geringsten täusche
über ihre stupende Oberflächlichkeit ... Aber - was geht die mich an? Mich
unterhalten, mir gefallen diese Amazonen in Schleppkleidern; meinetwegen dürfen
sie bleiben, wie sie sind ... Die Klagen über die Fehler der Aristokraten, über
ihre Frivolität, Genusssucht und Unwissenheit hört man bis zum Ekel wiederholen;
allein, wer hat jemals freundschaftlich mit ihnen verkehrt und sich dabei nicht
wohlgefühlt? - Man hat überhaupt keinen Sinn für das Anmutige und Schöne, wenn
man keinen hat für die Anmut und Schönheit ihrer Umgangsformen ... freilich,
eine Ahnung von Talent zu dergleichen Dingen muss man mitbringen, um sie als
Vorzüge gelten lassen zu können ... diese Ahnung fehlt - nicht dem grossen
Publikum, das unsere ist vortrefflich, keine Nation der Welt vermag ein besseres
zu bilden - es fehlt den Wortführern des Publikums, meinen Herren Kollegen und
lieben getreuen, immer dienstbeflissenen Feinden.«
    »Deine Kollegen und Feinde?« fragte Gottfried ganz verwundert über diesen
plötzlichen Ausfall.
    »Nun ja! - Ich habe zuviel Glück und habe stets zuviel Glück gehabt, um ohne
Neider zu sein. Sie tun, was sie können, um mir meine Erfolge zu verkümmern,
allein die Mühe ist verloren. Noch befinde ich mich im Vollbesitze meiner Kraft
und hoffe, nicht so bald zu erlahmen - geschähe das - erwachte ich eines Tages
und wäre kein Dichter mehr - wie man behauptet, dass es geschehen könne, anderen
schon geschehen sei - versiegte plötzlich der Quell, aus dem ich gewöhnt bin,
ohne Mass zu schöpfen - ja dann ...« er griff sich mit beiden Händen an den Kopf,
»dann wäre ich verloren ... denn alles, was ich bin und habe, steht und fällt
mit meinem Talent. Mein Haus ist darauf gegründet, die Zukunft meiner Frau ...
geistige Verarmung hätte für mich so viel zu bedeuten wie materielle Not - und
das hiesse sie betrogen haben, die mir in unbegrenztem Vertrauen gefolgt ist ...
Närrische Gedanken -« unterbrach er sich mit einem gequälten Lachen, »ich kenne
mich und fürchte nichts. Aber die Phantasie, die uns beseligt, will auch
peinigen. Nur zu!... In der Einbildung müssen wir das Furchtbare durchmachen,
das uns die Wirklichkeit erspart - das ist der Tribut, den der Glückliche dem
allgemeinen Menschenelend bezahlt ... Und, dass er reichlich bezahle, dafür
sorgen die eigenen, in dem Geschäft, das ich betreibe, bis zum Zerreissen
gespannten Nerven, und die Bemerkungen der süssen Neider, oder die Ratschläge der
weisen Freunde. Auf dem Wege hierher bin ich dem weisesten von allen begegnet
... Was der nicht alles wusste, nicht alles kommen sah! Wie der so eindringlich
bat, als hänge sein eigenes Heil davon ab: Gönne dir Ruhe! Sündige nicht auf
dein Talent - du brauchst Sammlung, Erholung ... Wohl brauch ich sie, aber sie
mir gönnen heisst abtreten, anderen Platz machen ... O nein, ich weiche nicht,
ich bleibe und fühle Nerv und Stärke genug in mir, der ganzen heranwachsenden
Epigonengeneration standzuhalten ... Ich traue mir's zu, sie alle zu überdauern,
diese altklugen Kinder mit ihrem riesigen Wollen und ihrem zwerghaften Können
... Aber ich ermüde Sie mit diesen literarischen Miseren ... Lassen Sie uns von
angenehmeren Dingen reden ...«
    Er gab dem Gespräch eine andere Wendung, er bemühte sich, die frühere
Heiterkeit wiederzugewinnen. Allein es war vergeblich. Endlich erhob er sich und
nahm Abschied. Sehr bald, so bald, als es ihm nur irgend möglich sei, wollte er
mit seiner Frau wiederkehren, die er im voraus der Freundschaft und Güte Lottis
empfahl.
    »Wie kommt er dir vor?« sprach Gottfried zu Lotti, als sie wieder allein
waren.
    Sie sah an ihm vorüber durch das Fenster und antwortete zögernd: »Wie dir.«
    »Schad um ihn.«
    »Ja, traurig.«
    Wenige Tage darauf schrieb Frau von Halwig an Lotti einen zierlichen kleinen
Brief. Sie war im höchsten Grade ungeduldig, Fräulein Fessler kennenzulernen. Sie
forderte ihren Anteil an der Freude, die ihrem Manne durch das Wiederfinden
seiner Jugendfreundin beschert worden war. Es machte sie wirklich trostlos, dem
Zug ihres Herzens nicht folgen und statt dieser in Eile hingeworfener und
schlecht geschriebener Zeilen selbst bei Fräulein Fessler erscheinen zu können;
aber ein Unwohlsein und die Unerbittlichkeit des Arztes machten das unmöglich.
Ja, wenn Fräulein Fessler grossmütig sein und eine arme, an das Zimmer gefesselte
Kranke mit ihrem Besuche beehren wollte, wie glücklich würde diese sein ... Auf
ein solches unverdientes Entgegenkommen wagte freilich diejenige nicht zu
hoffen, die sich mit herzlichster und wärmster Verehrung Lottis ergebenste
Agate Halwig nannte.
    Die Empfängerin dieses Schreibens las und las es wieder, und ein Gefühl von
entzückter Beschämung bemächtigte sich ihrer. Es stieg ihr heiss in die Wangen,
sie meinte plötzlich tief in der Schuld der jungen Frau zu stehen, deren sie
bisher entweder gar nicht, oder wenn - ohne das geringste Wohlwollen gedacht und
die ihr jetzt so liebenswürdig nahte, mit solcher Bescheidenheit, ja man konnte
sagen, mit kindlicher Ehrfurcht ... Sie wollte sofort schriftlich antworten,
besann sich aber eines andern. Nein, mit ihrer schwerfälligen und altmodischen
Schrift dürfte sie nicht ausrücken, der Besitzerin der schönsten »grande
anglaise« gegenüber, die Lotti jemals gesehen hatte. So beschloss sie denn, eine
mündliche Antwort zu geben, und trat in das Vorzimmer, um dieselbe dem wartenden
Boten aufzutragen.
    An der offenen Tür der Küche lehnte nachlässig, mit gekreuzten Armen und
Beinen, ein Mittelding zwischen Groom und Lakai, ein untersetztes, glotzäugiges
Bürschchen im grünen Leibrock mit gelben Wappenknöpfen, eine blanke,
goldbetresste Tellerkappe zwischen den Fingern. Von der Höhe seines herrlichen
Selbstbewusstseins herab beobachtete er das Walten Agnesens in ihrem kleinen
Bereiche. Er veränderte seine lümmelhafte Haltung nur wenig, als Lotti rasch und
in grosser, freudiger Aufregung auf ihn zukam und ihn bat, seiner Gebieterin zu
melden, sie gedenke heute noch bei derselben vorzusprechen.
    »Heute nicht«, versetzte das Bürschchen und lächelte mit dem ganzen
impertinenten Gesicht. »Morgen lassen die Frau Baronin bitten, morgen um ein
Uhr.«
    »Morgen? - Gut denn, morgen.«
    Es schien Lotti ein wenig befremdlich, dass die junge Frau, die nicht den Mut
gehabt, sie um ihren Besuch zu bitten, doch mit Sicherheit auf ihn gerechnet
haben sollte; aber sie machte sich nicht lange darüber Gedanken. Sie kehrte
wieder zu ihrem lieben, Auge und Herz gewinnenden Brief zurück. Da lag er,
sorgfältig gefaltet in seinem schimmernden Kuvert, und duftete köstlich nach
Ylang-Ylang. Von neuem erquickte sich Lotti an seinem Anblick. Nein, es gab
nichts Gutes und Schönes, das man ihr nicht zutrauen müsste, die ihn geschrieben.
Lotti drückte ihn an ihre Wange, hielt ihn zärtlich in ihren flachen Händen und
legte ihn endlich in das Kästlein, in welchem sie ihre teuersten Erinnerungen
bewahrte: das Miniaturbild ihrer Mutter, Andenken an den Vater, Briefe, die
Gottfried aus der Fremde gesandt, die Eheringe ihrer Eltern, ihren eigenen
Verlobungsring.
    Aber aus diesem Reliquienschreine zog sie ihn am nächsten Morgen wieder
hervor, um ihn Gottfried mitzuteilen.
    »Lies!« rief sie, als er erschien, und hielt ihm das Blatt entgegen. Er
gehorchte, nachdem er zuerst nach der Unterschrift gesehen und ein verwundertes
»Oho!« ausgestossen hatte. Seine Miene blieb ganz gleichgültig.
    »Hast geantwortet?« fragte er, nachdem er zu Ende gekommen.
    »Natürlich! Ich gehe zu ihr.«
    »Das ist beschlossen?« Gottfrieds Ton klang missbilligend, und er warf das
Schreiben mit einer Gebärde voll Geringschätzung auf den Tisch.
    »Es ist beschlossen«, entgegnete Lotti ärgerlich.
    Er murmelte einige unverständliche Worte.
    »Was sagst du?«
    »Nichts. - Wenn es schon beschlossen ist, nichts.«
    »Und der Brief gefällt dir nicht? Freut dich nicht?«
    »Mich freut nur die Freiherrnkrone auf dem Papier. Seit wann ist der Halwig
baronisiert worden?«
    »Gottfried!« rief Lotti, »es ist deiner ganz unwürdig, so kleinlich zu
sein.«
    »Ist das kleinlich?« sagte er, nicht ohne einige Beschämung.
    »Ungeheuer! So ungeheuer, als etwas Kleines nur irgend sein kann.«
    Er lachte und war wieder der gute, liebe Gottfried, der »beste Mensch«. Er
konnte übrigens nur einige Augenblicke verweilen, es gab sehr viel zu tun. Das
neuerrichtete Geschäft liess sich vortrefflich an, und doch wollte er nicht so
ganz Kaufmann werden, dass er am Ende seine Uhrmacherei darüber vernachlässigte.
Fortschritte meinte er freilich unter den jetzigen Umständen nicht mehr machen
zu können, aber verlernen wollte er nichts, und schon das forderte ein ganz
knappes Wirtschaften mit der Zeit.
    Lotti hatte seiner raschen Auseinandersetzung herzlich zugestimmt. »Du bist
recht zufrieden?« fragte sie plötzlich.
    »Recht zufrieden«, wiederholte er, vermied aber dabei, dem freundlich
forschenden Blick zu begegnen, den sie auf ihn heftete.
    Gottfried hatte das Zimmer kaum verlassen, als Agnes mit der Meldung
erschien, Herr von Halwig sei da und wünsche das Fräulein zu sprechen.
    »Es muss ihm etwas sein«, flüsterte die Alte, und ihr vertrocknetes Gesicht
geriet in das blitzende Zucken, das bis zum Äussersten gespannte Neugier auf
demselben hervorzurufen pflegte. »Was ihm wohl sein mag?«
    »Lass ihn doch kommen!« rief Lotti, und schon, nach einem leichten Pochen an
der Tür, trat Halwig so eilig ein, wie die alte Agnes sich langsam und zögernd
entfernte.
    »Entschuldigen Sie die frühe Stunde, ich werde Sie nicht lange stören«,
sprach er, »ich bin nur da, um Ihnen für Ihre Güte gegen meine Frau zu danken
und um Ihnen zu sagen, wie sehr leid es mir tut, bei Ihrer ersten Begegnung mit
Agate nicht gegenwärtig sein zu können ... Nein, nein!« fügte er ablehnend
hinzu, da ihm Lotti einen Sessel anwies, »ich setze mich nicht, ich bleibe, mit
Ihrer Erlaubnis, hier an dem Platze Gottfrieds stehen, Ihnen gegenüber, Fräulein
Lotti ...«
    Er sprach hastig und abgebrochen, mit sichtbarer Mühe, die raschen Atemzüge
zu verbergen, die seine Brust ängstlich beklemmend hoben.
    »Was fehlt Ihnen, Halwig?« fragte Lotti und trat an seine Seite, »Sie sehen
schrecklich aufgeregt und übermüdet aus.«
    »Die natürliche und völlig unschädliche Folge einiger am Schreibtisch
durchwachten Nächte ... das geht vorüber ... Sehen Sie mich nur recht an - nur
recht tief, nur recht lang, mit Ihren milden, frommen, friedlichen Augen - es
tut mir wohl und beruhigt mich, und ich brauche Ruhe zu dem schweren Gang, den
ich heute zu machen habe ...« Er hielt inne, und Lotti sagte nach kurzem
Schweigen sanft und eindringlich: »Fahren Sie fort, schenken Sie mir Ihr ganzes
Vertrauen ... Sie wissen, Sie müssen sich noch erinnern, wie grossen Wert ich auf
Ihr Vertrauen lege. Darin, lieber Freund, habe ich mich nicht verändert.«
    »Ja, ja! fordern Sie Vertrauen von mir, lehren Sie mich wieder Vertrauen
haben«, rief er, »ich habe das inmitten der Missgunst, die mich umgibt,
verlernt.«
    »Halwig, diese Missgunst - besteht sie nicht vielleicht einzig und allein in
Ihren selbstquälerischen Einbildungen?... Ich frage nur -« beeilte sie sich
entschuldigend einzuwerfen, als er im Begriffe schien, heftig aufzufahren.
»Weisen Sie mich zurecht, wenn ich irre ... Halwig - Sie haben neulich von
jemand gesprochen, der Ihnen riet, sich Ruhe zu gönnen - dem stimm ich bei, sein
Rat war gut.«
    »Er wäre gut, wenn sich ein Zeichen des Überreizes, des Verfalls in meinen
letzten Arbeiten finden liesse ... Das lässt sich darin nicht finden!... Mit jedem
Werke, welches ich in die Welt sende, wächst meine Popularität, es gibt keine
Zeitschrift, kein Journal, das nicht um meine Mitarbeiterschaft buhlt; wenig
Autoren dürfen sich rühmen, soviel gelesen zu werden wie ich. - In faden
Harmlosigkeiten freilich darf ich mich dabei nicht ergehen, auf einige
Verblüffung läuft es immer hinaus - dem Geschmack der Zeit muss man Konzessionen
machen ... man muss ... Welcher Künstler ist gross geworden und hat das nicht
getan?... Lesen Sie, lesen Sie doch einmal eines meiner Bücher und sagen Sie
dann, ob ich mich, wie der schöne Ausdruck lautet, ausgeschrieben habe? Ob ich
verwässere und verflache?«
    Er stiess ein kurzes Gelächter aus und versank in Gedanken, aus denen ihn
Lotti mit den Worten weckte: »Sie sprachen von einem unangenehmen Gang, den Sie
zu machen haben ...«
    »Unangenehm ist ein milder Ausdruck. Abscheulich, grässlich soll es heissen
... Ich will Ihnen sagen, was ich zu tun habe: einem Menschen gute Worte geben,
dem ich am liebsten einen Fusstritt gäbe ... aber ich stehe in seiner Schuld, und
mir bleibt nichts übrig, als -« die Augen funkelten ihm vor Zorn, und er warf
die Lippen verächtlich auf -, »als mich vor ihm zu demütigen.«
    »Eine - eine Geldschuld?« fragte Lotti zaghaft.
    »Nein - ja - wie man will ... Ich habe mich herbeigelassen, eine
Vorauszahlung von ihm anzunehmen auf einen Roman, der im Feuilleton seiner
Zeitschrift erscheinen soll ... und kann dieser Verpflichtung nicht nachkommen
... es ist mir unmöglich, trotz all meiner Arbeitskraft, all meines Fleisses.
Heute sollte ich meinen ersten Band abliefern, und heute muss ich das Geständnis
ablegen, dass er noch nicht begonnen ist - muss um Zeit bitten, um Geduld - -«
    »Wär's nicht besser, den peinlichen Vertrag ganz zu lösen, Halwig?« sprach
Lotti.
    »Das kann ich nicht -«
    »Wenn Sie ihm die erhaltene Summe zurückerstatten würden ...«
    »Das kann ich nicht!« wiederholte er übereilt und verbesserte sich sogleich:
»Darauf ginge er nicht ein - der Seelenverkäufer lässt mich gewiss nicht los ...
Aber - darf ich's denn verantworten, dass ich Sie zu langweilen komme mit dem
Berichte dieser Jämmerlichkeiten, die Ihrem Gesichtskreise so fern liegen, so
tief unter Ihnen stehen?«
    »Diese Frage, Halwig, die können Sie allerdings nicht verantworten«, sprach
Lotti. »Mir liegt nichts fern, was Ihnen Unruhe und Pein zu verschaffen vermag.
Vergessen Sie das nie und nimmermehr.«
    Er fuhr mit der Hand über seine Stirn. »Ich habe es nicht vergessen ... Sie
sehen ja ... Von jeher waren Sie bestimmt, mir Trost und Segen zu sein ... von
jeher war ich bestimmt, Sie zu quälen ... Das Schicksal erfüllt sich ... Leben
Sie wohl!...« rief er, wandte sich plötzlich und schritt dem Ausgange zu. Mit
einem Male blieb er jedoch stehen. Seine Augen hatten sich fest und starr auf
ein kleines Bild gerichtet, das an der Wand über dem Arbeitstische hing. Das
wohlgetroffene Bild Meister Fesslers.
    »Ihr Vater ... Ihr Vater, das war ein Mann! Er hatte alles vom Künstler, nur
nicht die Selbstsucht, nur nicht den Ehrgeiz. Er kannte die Affenliebe für seine
Produkte nicht, und nicht die blinde Freude an dem Geschaffenen, sondern nur die
grosse Freude an seinem Schaffen ... Er trieb sein Handwerk wie eine Kunst. Wir -
treiben unsere Kunst wie ein Handwerk«, sprach er dumpf und schmerzlich und
verliess das Zimmer.
 
                                       9
»Wohin geht denn unser Fräulein in solchem Staat?« sprach das Schneiderlein im
vierten Stock des Nachbarhauses.
    »Macht gewiss Visiten«, meinte Leopoldine und beugte sich recht weit aus dem
Fenster, um Lotti nachzublicken, die soeben über den Platz schritt.
    Der Alte folgte dem Beispiel seiner Tochter und rief in Begeisterung:
»Schau, schau! Es gibt doch nichts Schöneres als ein schwarzes Seidenkleid ...
Aber Falten muss es haben, muss sich so gewiss ausbreiten - das ist anständig, das
ist elegant!«
    »Nein, elegant ist es just nicht!« erwiderte Leopoldine, ihr kleines,
breites Näschen rümpfend.
    »Nicht? Kannst du dir das Fräulein denken in so einer modernen Ofenröhre,
wie du da hast?« rief der Schneider, indem er verächtlich auf das enge Kleid
deutete, das seine Tochter trug.
    »Sie nicht - sie freilich nicht -«
    »Freilich nicht!« spottete der Vater ihr nach, »und hätte doch eher als
tausend Jüngere die Gestalt dazu, ist ja gewachsen wie eine Tanne.«
    »Nein, nein, sie soll nur bei ihren alten Moden bleiben, ihr steht's, ein
anderes dürft's nicht tragen.«
    »Und warum nicht? Weil es praktisch ist? Weil es geschmackvoll ist?«
polterte der Alte, und der Zank zwischen den beiden entbrannte.
    »Sagt, was Ihr wollt!« platzte das Mädchen plötzlich heraus, »wenn Ihr
einmal tot seid, halte ich mir doch ein französisches Modejournal!«
    »Dann kannst du's tun«, schrie der Vater gereizt, aber nicht gekränkt durch
diese brutale Äusserung.
    Seine Tochter biss sich auf die Lippen, aus ihren dunkeln Augen schoss ein
Strahl innigster Liebe: »Deswegen braucht Ihr noch nicht zu sterben«, sprach
sie.
    »Fällt mir auch gar nicht ein.«
    Und sie gingen an die Beendigung eines höchst unmodern gestreiften
Sommerkleides.
    Im gegenüberstehenden Hause hatten die Horatier im Fenster gelegen und
Lotti, als sie vorüberkam, mit lautem Jubelgeschrei begrüsst. Auch die weisse
Katze hatte ihr vom Dache herunter nachgeschaut und dabei ein derart gescheites
Gesicht geschnitten, als ob sie allerlei interessante Dinge wüsste, von denen
andere sterbliche Wesen niemals etwas erfahren.
    Lotti aber schritt dahin, erfüllt von den verschiedenartigsten und dennoch
so gleich mächtigen Empfindungen, dass sie nicht vermocht hätte zu sagen, welche
die vorherrschende sei. Vielleicht war es ein geheimer Tatendrang - der Wunsch,
Einfluss auf die Frau Halwigs zu gewinnen, und die Hoffnung, wenn das gelang,
durch sie dem Selbstzerstörungswerk Einhalt zu tun, in dem der Dichter begriffen
war. Sollte jene aber nichts wissen von seinen schweren Seelenkämpfen? Sollte
sie, wenn er auch schweigt - nichts davon erraten haben? Ist es nicht offenbarer
Unverstand, sich einzubilden, dass eine Fremde kommen müsse, um der Gattin die
Augen zu öffnen? Und dennoch - dennoch - trotz aller Einwendungen ihres
Verstandes blieb Lotti von einer Ahnung durchdrungen, für die ihr jeder Grund,
jeder Anhaltspunkt fehlte, der Ahnung: die Frau, die er liebt, weiss nichts von
seinem inneren Leben.
    Lotti war im neuen Stadtteil vor dem neuen Hause angekommen, das Halwig
bewohnte. Nett wie ein Schächtelchen stand es da; alles darin frisch und blank
und fast blendend vor Glanz und Farbenpracht, alles geschmackvoll und schön: die
Malereien an den Wänden und am kuppelartigen Gewölbe des Stiegenhauses, die
vergoldete Rampe, die schneeweissen Treppenstufen. Die einfache Lotti, die
Freundin des Alten, sah sich um in all der bunten, jungen Herrlichkeit und
meinte im stillen, das Neue könne einem doch auch gefallen.
    Sie bemühte sich, den Aussendingen recht viel Aufmerksamkeit zu schenken, sie
hoffte sich dadurch von der seltsamen Beklemmung zu befreien, die sich ihrer
bemächtigt hatte. Doch half es wenig, und Lottis Herz pochte fast laut, als sie
das erste Geschoss erreicht hatte und den Drücker neben einer hohen, hübsch
stilisierten Tür berührte, die sich nach wenig Augenblicken vor ihr erschloss.
Derselbe Diener, der gestern das Billett Frau von Halwigs überbracht, starrte
Lotti mit derselben dummdreisten Miene an, forderte sie jedoch auf einzutreten.
    Er schritt ihr voran durch ein getäfeltes Speisezimmer. Majoliken und
Zinnschüsseln, Bierkrüge, Becher und Kelche auf dem Büfett, geschnitzte Stühle,
schwerfällige Tische und Schränke: altdeutsch. Durch einen kleinen Salon mit
hellgelben Figuren und blumenreichen Tapeten, Pagoden, Vasen, Lüster,
Armleuchtern aus Porzellan, zahllosen Kästchen aus vieux laque: chinesisch. An
der dritten Tür blieb der Bediente stehen, öffnete sie und rief laut: »Fräulein
von Fessler«, und gab der von ihm unversehens Geadelten einen feierlichen Wink.
    Lotti trat in ein grosses, freundliches Gemach, in dessen Mitte auf einer mit
lichtblauem Atlas überzogenen Chaiselongue eine junge Dame lag.
    »Wie schön von Ihnen«, sprach diese und richtete sich, wie es schien nicht
ohne Anstrengung, mit dem Oberkörper auf. Eine kleine hilflose Kinderhand
streckte sich aus der Flut von Spitzen, welche die Ärmel des weissen Schlafrocks
umgaben, der Besucherin entgegen.
    »Wie schön von Ihnen, dass Sie kommen ... aber ich hab's gewusst, ich habe
wirklich auf die Erfüllung meiner Bitte gezählt ...«
    »Sie sehen wie recht Sie gehabt ...«
    »Wenn sie so ist, wie ich glaube, dacht ich mir, als ich meinen Brief
fortschickte, kommt sie. sogleich - und Sie wollten ja auch sogleich kommen?«
    »Gewiss.«
    »Gestern konnt ich Sie aber nicht sehen - ich war zu leidend -«
    »Das hörte ich mit Bedauern«, erwiderte Lotti teilnehmend, aber auch
erstaunt. Leidend, dieses schöne, blühende Geschöpf mit den rosig angehauchten
Wangen, den frischen, schwellenden Lippen?
    »Und - was fehlt Ihnen?«
    »Ich bin sehr, sehr nervenkrank. Hermann weiss nichts davon, man darf es ihm
auch nicht sagen; aber mein Arzt ist um mich besorgt«, versicherte Agate mit
einschmeichelnder, klagender, um Mitleid bittender Stimme.
    Sie verschönerte sich noch im Sprechen, ihren Mund umspielte dabei ein so
lieblicher Zug, ein so kluger und unschuldiger Ausdruck, dass Lotti dachte: Dich
müsste ein Tauber beredsam finden!
    Die Gesichtsbildung der jungen Frau erinnerte an die der Cäcilie von Albano,
deren Bild Kestner seinen römischen Studien vorangestellt hat. Ihre reichen
dunklen Haare waren zurückgekämmt und in einem schweren Knoten am Hinterhaupte
zusammengehalten. Sie schien gross; die edlen Formen ihrer vollen und schlanken
Gestalt zeichneten sich deutlich unter dem weichen, anschmiegenden Stoff des
langen, weit über die Füsse reichenden Gewandes, in das sie sich, wie frierend,
hüllte.
    Lotti stand vor ihr und staunte sie mit jener reinen, fast demütigen
Bewunderung an, die gute und warmherzige Menschen gerade den Vorzügen gegenüber,
die ihnen selbst versagt geblieben sind, am lebhaftesten empfinden.
    Diese Frau, wie war sie schön! und wie malerisch, und wie eigentümlich war
ihre ganze Umgebung! Das Gemach glich einem Wintergarten, von Blütenduft und
Sonnenschein durchtränkt.
    In den Vertiefungen der vier hohen, im rechten Winkel aufeinanderstehenden
Fenster prangten dichte, üppige Gruppen der seltensten Blumen. In einer Ecke
breitete eine riesige Fächerpalme ihre zackigen Blätter aus, in der anderen
wiegten sich in den Ringen ihrer vergoldeten Käfige ein Arras mit kühnem Schopf
und ein blauer Papagei. Eine zierliche Voliere beherbergte ein Dutzend
brasilianischer Vögelchen mit schimmerndem Gefieder. In einem Aquarium schwammen
Gold- und Silberfische, hockten langweilige Schildkröten, und aus den Spalten
des kleinen künstlichen Felsens, der sich in der Mitte desselben erhob, guckten
grüne Eidechsen und gelb gefleckte Salamander mit scheuer Neugier hervor. Zu
Füssen der Herrin lag ein weisses Hündchen, dessen Stirnhaare höchst kokett mit
einer blauen Schleife zusammengebunden waren. Einige Schritte von ihm befand
sich seine Villa, ein Zelt aus demselben blauen Seidenstoff, aus dem die Tür-
und Fenstervorhänge bestanden. Mit diesen stimmte nur das Rubebett überein. Alle
übrigen Möbel schienen je ein Muster von ganz verschiedenen Gattungen.
Persische, indische, türkische Stoffe und Stickereien schmückten reich
geschnitzte oder eingelegte Gestelle, prangten auf den Kissen, waren über die
Tische gebreitet. Das Zimmer war überfüllt, drei Dinge jedoch hätte man darin
vergeblich gesucht: ein Gemälde, ein Buch und - eine weibliche Handarbeit.
Dagegen waren mehrere Etageren vorhanden, ganz bedeckt mit Rauch- und
Reitrequisiten. Zigarettenvorräte hoch aufgespeichert, abenteuerlich geformte
Pfeifchen, kleine Tschibuks mit kostbaren, edelsteingeschmückten Mundstücken,
Reitpeitschen und Reitstöcke, köstlich damaszierte Pistolen, mit schafft aus
Elfenbein, daneben in einem Futteral ein goldener Sporn.
    Die Besitzerin all dieser Herrlichkeiten sah voll Vergnügen das Interesse,
das Lotti denselben schenkte.
    Es gefällt dir bei mir! sagten ihre grossen langbewimperten Augen,
dunkelbraun wie der Flügel des Trauermantels, und mit denselben schwimmenden
spielenden Lichtern ...
    »Nehmen Sie doch einen Fauteuil - nicht den, der ist unbequem, den andern -
dort! So ist's recht. Und jetzt setzen Sie sich hierher - mir gegenüber, und
lassen Sie uns schwatzen, liebes Fräulein.«
    Sie neigte den Kopf ein wenig zur Seite und sah vor sich nieder.
    »Ich muss Ihnen sagen - ich war gestern nicht nur ungewöhnlich leidend - leg
dich, Gipsy«, unterbrach sie sich, um zu ihrem Hündchen zu sprechen, das sich
auf den Hinterpfoten aufgerichtet hatte und die herabhängende Hand seiner Herrin
mit ungestümer Zärtlichkeit leckte. Gipsy gehorchte.
    »Ich muss Ihnen sagen«, begann Agate wieder, »ich war nicht nur leidend,
sondern auch ...« sie zögerte ein Weilchen, »sondern auch sehr bekümmert.«
    »Um Ihren Mann?« fragte Lotti hastig.
    »Ach - nein ...« lautete die Antwort, in der eine unaussprechliche
Verwunderung lag, »ach nein, der macht mir keinen Kummer, der macht mir nur
Freude und Ehre.«
    »Sie sind also stolz auf ihn - auf seinen Ruf, auf seinen Namen?«
    »Seinen Namen?... nun - die Halwigs sind gut, viel besser, als man in meiner
Familie zugeben will ... Aber gerade stolz brauche ich ...«
    »Ich meine seinen Namen als Schriftsteller«, fiel Lotti ein. Sie lächelte
über dieses seltsame Missverstehen und dachte: Ein Kind - das ist ja ein Kind.
    »Freilich, natürlich, auf den bin ich stolz«, entgegnete Agate, »man sagt«,
fügte sie halb nachlässig, halb altklug hinzu, »dass ich Ursache dazu habe, und
ich glaube es ... Wenn Sie wüssten, wie seine Schriften honoriert werden, mit
welchen Summen, Sie würden staunen!«
    »So?« sprach Lotti; und nach einer Pause noch einmal: »So?« - und dann
stellte sie, mit viel weniger Zuversicht, eine zweite Frage. Sie erkundigte sich
nach dem Anteil, den die Frau des Poeten an seiner künstlerischen Tätigkeit
nehme, und war im voraus von der Wärme und Grösse desselben überzeugt.
    Darin hatte sie auch vollkommen recht. Agate wusste alles, was in der
Schreibstube ihres Mannes vorging; sie kannte zum Beispiel den Namen des Buches,
das er eben unter der Feder hatte. Sie freute sich schon jetzt auf den
begeisterten Brief, den der Verleger darüber schreiben werde. Sie würde »alle
die Sachen« auch recht gern lesen, allein - der Doktor, dieser Tyrann - erlaubt
es durchaus nicht, untersagt ihr durchaus jede Anstrengung ihrer Augen. Und sie
fühlt leider, dass er weise daran tut, denn ihre Augen werden mit jedem Tage
schwächer. Das kommt vom Aufentalt in der staubigen Stadt. Agate müsste aufs
Land, und bald, sonst wird sie noch einmal blind wie ihre Grossmutter, die auch
im zweiundzwanzigsten Jahre ...
    »Perro! Perro! Perroquet!« rief sie plötzlich dem Papagei zu, der sich von
Anfang an in das Gespräch gemischt hatte und dessen Geschrei immer gellender
wurde. »Der Vogel ist unerträglich!« Sie wand sich auf ihrem Ruhebett und presste
den Kopf in die Kissen. »O Fräulein, erbarmen Sie sich, haben Sie doch die Güte,
den Schal dort, sehen Sie - den dort - über den Käfig dieses Untiers zu werfen.«
    »Danke, danke!« sprach sie, nachdem Lotti ihrem Wunsche nachgekommen war und
Perroquet, plötzlich in Dunkelheit versetzt, still geworden. »Und jetzt kommen
Sie, geben Sie mir Ihre Hand. Aber ohne Handschuh.«
    Rasch und geschickt streifte sie selbst den Handschuh herab und hielt die
unwillkürlich widerstrebenden Finger Lottis mit einer Kraft fest, die man ihr
niemals zugetraut hätte.
    »Diese Hand hat mein Hermann oft geküsst«, sprach sie, »ich weiss es ... bin
aber nicht eifersüchtig - da haben Sie den Beweis ...«
    Sie hatte sich vorgebeugt und drückte nun ihre Lippen auf Lottis Hand. Sie
tat es mit einer gewissen trotzigen Innigkeit, mit einer Gewalt, der sich Lotti
nicht zu entziehen vermochte, so gern sie es getan hätte. Diese Huldigung war
ihr qualvoll, sie meinte sich noch nie im Leben so beschämt gefühlt zu haben.
    »Ich habe Sie lieb!« sagte die junge Frau und warf mit der anmutigsten
Bewegung den Kopf in den Nacken, »und wünsche, dass auch Sie mich liebgewinnen
und dass auch Sie es mir beweisen.«
    »Und wie könnte ich das?«
    »Wenn ich es Ihnen sage, wollen Sie es dann tun ... Wollen Sie es tun?«
wiederholte sie und stiess, nachdem sie eine bejahende Versicherung erhalten
hatte, einen leisen Schrei des Jubels aus. Wenn Lotti ihr half, dann war
geholfen.
    Und jetzt setzte sie dasjenige, um das es sich handelte, klar, deutlich,
ohne die geringsten Umschweife auseinander.
    Sie hatte einen liebenswürdigen, grossmütigen, herrlichen Vater; allein - das
war sein Unglück - leichtsinnig wie ein Leutnant, dieser arme Papa! - Und die
Mama, die ein Engel ist, und die beiden jungen Brüder, die Kadetten sind bei der
Kavallerie, die haben auch alles andere eher erfunden als die Sparsamkeit. Kein
Wunder, wenn es Verlegenheiten ohne Ende gibt. Aus den grössten hat bisher
regelmässig der ältere Bruder Papas geholfen, der vor fünfzehn Jahren eine
unermesslich reiche Fabrikantentochter aus Liverpool geheiratet und England
seitdem nicht mehr verlassen hat. Die Ehe ist kinderlos geblieben, und seit
langer Zeit bestehen der Onkel und die englische Tante darauf, dass Agatens
Eltern, womöglich auch deren Söhne, zu ihnen kommen, sich ganz bei ihnen
etablieren, nur eine Familie mit ihnen bilden möchten. Das soll auch geschehen,
der Entschluss ist gefasst, der Tag der Abreise schon festgesetzt. Allein, der
sonst so vernünftige Onkel will nicht begreifen, dass Papa nicht fort kann, ohne
einige Zahlungen beglichen zu haben, die wirklich dringend sind ...
Ehrenschulden an Leute, denen man nicht sagen mag: Warten Sie ... die höchstens
denken dürften, man habe nur augenblicklich die Kleinigkeit vergessen ... Ein
Mann wie Papa! - Oh, wenn Lotti ihn kennen würde!... Und, mit einem Wort, es
steht so: Papa besitzt ein kleines Gut, sechs Stunden von der Stadt, in der
reizendsten Gegend. Unvergleichlicher Reitboden! Es war immer Agatens
Lieblingsaufentalt. Das müsste verkauft werden - gleich, gleich - ohne Verzug
und nicht unter seinem Wert. Der Erlös desselben deckt alle Differenzen, und
leichten Herzens verlassen Papa und Mama die Heimat, und erhobenen Hauptes
treten sie vor die fremde Schwägerin. Ihnen ist die Demütigung erspart, die
grässliche, mit einer Bitte auf den Lippen in dem Hause zu erscheinen, das sich
ihnen gastfreundlich erschliesst ... Genug, das Gütchen muss verkauft werden, und
der Käufer muss - Hermann sein, und Lotti, die er so unaussprechlich verehrt,
deren Meinung ihm von höchster Wichtigkeit ist, muss ihn dazu bewegen ... Will
sie es tun? sie will, sie hat es versprochen, sie darf jetzt nicht nein sagen.
Sie wird ihren Einfluss geltend machen ...
    »Sie wollen, Sie werden, Fräulein - nicht wahr? und bald - und heute noch?«
    Agatens Blicke hingen an den Lippen der Schweigenden: »Antworten Sie mir -
reden Sie!«
    »Was soll ich sagen?« sprach Lotti in peinlicher Verwirrung. »Ich weiss
nicht, ob man das von ihm verlangen darf - ob ihm die Mittel zu Gebote stehen
...« Sie stockte, sie sah Halwig vor sich, wie er am nämlichen Morgen zu ihr
gekommen war, alle Zeichen verzweiflungsvoller Pein und tiefster Erschöpfung in
seinen Zügen.
    »Die Mittel?« rief die junge Frau - »er ist so reich, als er sein will. Die
Summe, die er braucht, um meinen allerhöchsten und innigsten Wunsch zu erfüllen
und um meine Eltern aus der unangenehmsten Lage zu befreien - die Summe bietet
sein Verleger ihm an ... Er braucht nur einen Kontrakt zu unterschreiben, in dem
er sich verpflichtet ... ich kann nicht sagen, wie viele Bände zu liefern in
einer bestimmten Zeit ... und denken Sie! statt freudig auf den Vorschlag
einzugehen, zögert er - kann zu keinem Entschluss kommen, ich -« eine plötzlich
aufsteigende Röte, wie eine beschämende Erinnerung sie erweckt, bedeckt ihr
Angesicht, »ich habe ihn vergeblich darum gebeten.«
    »Wie können Sie glauben«, sagte Lotti, »dass er mir etwas zugestehen wird,
das er Ihnen abschlug?«
    »Er wird! Er hält soviel auf Sie! verehrt Sie so grenzenlos ... Er wird Sie
nicht der Parteilichkeit anklagen, wie er es mir tut in seiner Eifersucht auf
die Meinen ...« erwiderte Agate melancholisch und fügte mit einem tiefen
Seufzer hinzu: »Ach, diese Eifersucht ist schrecklich bei ihm, ist schon eine
fixe Idee ... und so schwer ich mich von meinen armen Eltern trenne - ich
wünschte wahrlich, sie wären drüben über dem Meere, und ich sähe sie nicht mehr,
und er hätte nie wieder Gelegenheit, mir vorzuwerfen, dass sie mir lieber sind
als er ... als er - um den ich sie verlassen habe!«
    Was war das für eine kindische und gewiss ungerechte Klage, und dennoch,
welches Mitleid erregte sie in derjenigen, der sie mit so weicher bezaubernder
Stimme, mit so grossen Tränen in den feuchten, flehenden Augen vorgebracht wurde.
    Und jetzt falteten sich die Hände der schönen Frau: »O Fräulein Lotti ...«
    Da pochte es an der Tür, der Diener erschien und meldete: »Herr von
Schweitzer.«
    Agate schnellte empor.
    »Soll warten, ich lasse bitten. Er kommt zwar sehr ungelegen, der gute
Schweitzer«, fuhr sie fort, nachdem der Diener sich entfernt hatte, »aber
dennoch darf man ihn nicht wegschicken. Auch der könnte helfen!... Einen
Augenblick, liebstes Fräulein!« Sie stand schon auf ihren Füssen. »In so tiefem
Negligé will ich mich vor einem Herrenbesuche nicht sehen lassen. Empfangen Sie
ihn an meiner Stelle; der gute Schweitzer, unser Advokat, ein Jugendfreund
meines Mannes, bleibt nie lange. Sie aber müssen lange bleiben ... Gehen Sie,
ich komme Ihnen gleich nach. Ich bitte Sie! ich bitte!... Keine Einwendungen!...
Sie dürfen nicht fort - wir behalten Sie zu Tische, das steht in den Sternen
geschrieben, dagegen vermögen Sie nichts.«
    Sie sprach das alles rasch mit ihrer weichsten Stimme und dabei mit einer
Bestimmteit, die nicht einmal den Versuch eines Widerstandes aufkommen liess.
    »Sei es denn!« sagte Lotti und fügte in Gedanken hinzu: So lasst uns in einem
fremden Hause einen fremden Besuch im Namen einer fremden Frau empfangen.
    Mitten in dem chinesischen Boudoir, in das sie eintrat, stand ein Mann von
etwa vierzig Jahren. Eine gedrungene, untersetzte Gestalt, dunkel, etwas
nachlässig gekleidet. Ein mächtiger Kopf, mit dichtem, schon ins Graue
spielendem bürstenartig zugestutztem Haar und ebensolchem, bis auf die Brust
reichendem Vollbart, sass auf kurzem Halse, von atletisch geformten Schultern
stolz getragen. An dem ganzen Menschen sprach alles, die Haltung, die Miene, die
breite wie in Erz gegossene Stirn, die kräftige gerade Nase mit den scharf
gezeichneten Nasenflügeln, der streng geschlossene Mund, es sprachen die
energisch blickenden und tiefliegenden Augen von Festigkeit und unbeugsamem
Willen.
    Das Befremden, das ihn ergriff, als er statt der erwarteten Hausfrau eine
Unbekannte ins Zimmer kommen sah, gab sich in seinen Zügen deutlich und mit
einem Missfallen kund, das Lotti in Verlegenheit setzte. Sie fand nicht gleich
ein erklärendes Wort, um derselben ein Ende zu machen, und so standen sie ein
Weilchen in höchster Unbehaglichkeit voreinander.
    Da öffnete sich ein klein wenig die Tür von Agatens Gemach. Schlank, weiss
und schmiegsam, presste sich die junge Frau, die sich in ihrem Morgenkleide vor
einem Herrenbesuche nicht sehen lassen konnte, in den schmalen Zwischenraum.
    »Lieber Freund«, sprach sie, »das ist Fräulein Fessler! Mehr brauche ich
Ihnen nicht zu sagen.«
    Sie war verschwunden.
    Derjenige aber, an den sich die Worte gerichtet hatten, starrte die wieder
geschlossene Tür mit einem so eigentümlich verlangenden und zugleich wütenden
Blicke an, er hatte, als Agate sich unerwartet in derselben zeigte, auf ihre
Lichterscheinung einen so heissen Blick geworfen, einen Blick, so sprühend von
Leidenschaft und Groll, dass Lotti, die unerfahrene, weltunkundige Lotti, mit
plötzlichem und bangem Begreifen zusammenschrak. Sie dachte: Was ist das? Hilf
Himmel - der hasst oder - der liebt sie.
 
                                       10
»Fräulein Fessler?« sprach er, sah sie durchdringend an und verbeugte sich rasch.
»Meine Verehrung. Erlauben Sie, dass ich mich Ihnen vorstelle. Ich heisse
Schweitzer und bin ein Tiroler.« Er lachte, und dabei kamen zwei Reihen Zähne
zum Vorschein, so weiss und dicht, dass es eine Freude war.
    Lotti und er wechselten einige hergebrachte Redensarten.
    »Ja, ich habe viel von Ihnen gehört«, sagte Schweitzer plötzlich mit
verändertem Tone, »am meisten vor acht Tagen. Da traf ich Halwig auf dem Wege zu
Ihnen. Ein erster Besuch - nach vielen Jahren ...«
    »Das waren Sie?« versetzte Lotti. »Sie haben ihm damals einen sehr guten Rat
gegeben.«
    »Hat er mich verklagt?... Ja, Ja; mein Rat war gut, zu gut, um befolgt zu
werden.«
    Lotti schwieg, und er fragte: »Haben Sie sein letztes Buch gelesen?«
    »Nein!«
    »Lesen Sie es nie!... oder doch - lesen Sie es, und sagen Sie mir dann, ob
ich recht habe, ihm zuzurufen: Halt ein!«
    »Sie haben recht; ich brauche, um davon überzeugt zu sein, das Buch nicht zu
lesen.«
    »Ihnen graut! Sie wissen, was Sie zu erwarten hätten. Gut denn, lesen Sie
nicht, aber helfen Sie mir. Wirken Sie in meinem Sinne auf ihn ein. Ihr Einfluss
ist gross. Ich bin dessen innegeworden, als er neulich nach jener Unterredung mit
Ihnen heimkehrte, so ruhig und vernünftig wie er seit langem nicht mehr gewesen
ist.«
    »Was soll ich tun?«
    »Ihn vermögen, der Schriftstellerei für eine Zeitlang Valet zu sagen und
eine andere, freilich minder einträgliche Beschäftigung, die ich für ihn im Auge
habe, zu ergreifen.« Er unterbrach sich: »Aber darüber sprechen wir noch ...
Jetzt sagen Sie mir, warum sehen Sie mich so an?«
    »Ich wundere mich -« erwiderte Lotti, ein wenig ausser Fassung gebracht durch
diese Frage.
    Er liess sie nicht weitersprechen.
    »Warum?« fiel er ihr ins Wort. »Weil Sie mir glauben? Nun, das geschieht,
weil zwischen zwei absolut redlichen Menschen eine Freimaurerei besteht.«
    »Vielleicht - aber seltsam scheint es mir, dass auch Sie meinen Einfluss ...«
    Abermals unterbrach er sie: »Auch ich?... Ganz recht. Ihr Einfluss ist hier
bereits angerufen worden - freilich im entgegengesetzten Sinne ... von einem
schönen Vampyr ...«
    Er hielt inne. Die Tür hatte sich geöffnet, und Agate erschien auf der
Schwelle.
    Sie musste die letzten Worte gehört haben, es war nicht anders möglich; doch
suchte sie offenbar kein Arg in ihnen, denn sie begrüsste den Sprecher derselben
mit liebenswürdiger, sogar etwas koketter Freundlichkeit.
    Sie hatte sich Zeit zur Toilette gelassen; diese war aber trotzdem nicht
ganz beendet. Die Ohrringe fehlten noch und auch das Medaillon, und die
Bandschleife am Halse, an welche es befestigt werden sollte. Sie hielt das alles
in ihren Händen.
    »Nun, lieber Rechtsfreund?« fragte sie, trat an den Pfeilerspiegel und
begann eines ihrer zarten rosigen Ohrläppchen zu quälen, um ihm den Schmuck
einer erbsengrossen Perle vom schönsten Orient aufzunötigen. »Wie steht unsere
Angelegenheit? - Sie bringen eine gute Nachricht, das sehe ich Ihnen an.«
    »Sie sehen schlecht, gnädige Frau«, sagte Schweitzer trocken und blickte
streng in den Spiegel, aus dem ihr zur Seite geneigtes Gesicht ihn anlächelte.
    »Ist der Brief, den wir erwarten, angekommen?«
    »Er ist nicht angekommen!«
    »Und der Zweck Ihres Besuches, wenn man fragen darf?« Sie wandte sich um und
sah spöttisch fragend zu ihm nieder, der sich bei ihrem Eintreten erhoben, jetzt
aber seinen früheren Platz auf einem Fauteuil, Lotti gegenüber, wieder
eingenommen hatte. »Sie werden mir doch nicht weismachen wollen, dass nichts
anderes Sie hierherführt als die Sehnsucht nach meinem Anblick?«
    »Oder der Wunsch, Ihnen Langeweile ins Haus zu tragen? - Nein, ich komme aus
einem andern Grunde.«
    »Bitte ihn auseinanderzusetzen. In Gegenwart dieser teuren Zeugin da ...
Ach, Fräulein Fessler, seien Sie doch so gütig ...«
    Sie reichte Lotti die beiden Enden des Bandes, das sie durch den Ring des
Medaillons gezogen hatte, und kniete plötzlich nieder. Lotti beeilte sich, die
Schleife über dem schlanken Rücken festzuknüpfen, der sich ihr entgegenbeugte,
während Schweitzer dieser ganzen Prozedur mit stillem Grimm zuzusehen schien.
    Agate erhob sich von ihren Knien, um auf ein kleines Kanapee zu gleiten, in
dessen Kissen sie sich zurücklehnte.
    »Ihren Grund, mein Freund. Reden Sie doch. Sie spannen meine Neugier auf die
Folter«, sagte sie, und ein maskiertes Gähnen hob ihre Nasenflügel.
    »Ich höre von einem Kontrakt mit einem Buchhändler, den Halwig
unterschreiben soll«, begann Schweitzer in ruhigem, nachdrücklichem Tone.
    »Dass Sie auch alles hören müssen!« warf Agate dazwischen.
    »Und will ihn daran hindern«, fuhr Schweitzer fort. »Ich habe den Kontrakt
nicht gesehen, aber ich weiss, wer ihn ausgestellt hat, und das ist mir genug. Es
kann auch Ihnen genug sein. Glauben Sie mir, gnädige Frau, Sie sind eine so
zärtliche Gattin, raten Sie Ihrem Mann, sich doch lieber an einen Sklavenhändler
zu verkaufen, er kommt dabei weniger zu Schaden.«
    »Sie sind einzig, lieber Freund! Also, nicht gelesen - den Kontrakt? Da
komme ich doch einmal im Leben in die Gelegenheit, Sie zu belehren. Der
Verleger, den Sie verabscheuen - der Arme! - fordert zehn Jahre hindurch
alljährlich drei Bände ... Ich erinnere mich jetzt«, schaltete sie ein, zu Lotti
gewendet. »Ist das zuviel?... Für Hermann, sage ich Ihnen, ist das nichts ...«
    »Drei Bände!« rief Schweitzer, »und sie brauchen nicht einmal sehr dick zu
sein, wenn sie nur recht viel Skandal entalten, nur einige Seiten, auf denen
das Unsagbare gesagt wird - nur ein einziges Kapitel, das von Dingen handelt ...
Dingen - die man in Gegenwart verehrter Frauen -« er sah Lotti fest an und
neigte den Kopf, »nicht nennt.«
    »Da haben Sie den ganzen Schweitzer!« versetzte Agate mit ihrem hellsten
Lachen und mit der siegreichen Überlegenheit des Gleichmuts über den
aufbrausenden Zorn. »Sehen Sie, Fräulein Fessler, wie er mich misshandelt, mein
Freund, mein strenger, grausamer, aber alleraufrichtigster Freund.«
    Und dabei neigte sie sich vor und blickte ihm von unten hinauf ins Gesicht,
lockend, herausfordernd, als wollte sie ihn ganz einhüllen in Bezauberung, sie,
die junge, schöne, glänzende Frau, den alternden, schlichten Mann, dessen Züge
etwas Steinernes annahmen und der in hartem Tone sprach: »An wem ist Ihnen mehr
gelegen? An diesem aufrichtigen Freund oder an Ihrem blauen Papagei?«
    »Keine Gewissensfragen! Kommen Sie mir jetzt nicht mit Gewissensfragen!
Bleiben wir bei der Stange. Aufrichtig! wenn ich bitten darf.« Sie wurde ernst
und sprach in kaltem und geschäftsmässigem Tone: »Sie sind gegen die
Unterschrift, weil Sie nicht zweifeln, dass uns bald auf andere Art aus der
Verlegenheit geholfen wird ... Leugnen Sie doch nicht! - Unser Prozess steht gut
- er kann nur gut stehen, sagt Hermann, der gewiss kein Sanguiniker ist ...«
    »Sagt Hermann, dass es mit dem Prozess gut steht? - Das sagt er Ihnen? Warum
nicht lieber mir, den es trösten würde? denn ich sehe schwarz in der Sache, ich
halte sie für verloren, und Hermann wäre meiner Meinung, wenn er den Gang der
Angelegenheiten verfolgt hätte. Aber dazu hat er keine Zeit. Er hört mich gar
nicht an, wenn ich relationieren komme.«
    »Sie müssen wissen«, fuhr Schweitzer, zu Lotti gewendet, fort, »dass Halwig
eine sehr gerechte Forderung an die Enkel eines Gutsbesitzers in Mecklenburg
stellt, dem sein Grossvater dereinst ein ansehnliches Darlehn gemacht. Die Summe
war auf dem Gute intabuliert, es scheinen Interessen davon gezahlt worden zu
sein, allein im Testamente des alten Herrn von Halwig blieb sie unerwähnt. Sein
Sohn machte wohl sein Recht geltend, jedoch mit wenig Nachdruck, schläfrig und
halb, wie er alles zu tun pflegte. Der Mecklenburger war inzwischen in
zerrütteten Vermögensverhältnissen gestorben. Seine Kinder legten nicht
besonderen Eifer an den Tag, sich der Schulden zu entledigen, die ihr Vater
ihnen hinterlassen ... und so vererbten sich Verpflichtung und Forderung auf die
Kinder dieser Kinder, und auf den Sohn jenes Sohnes. Ich erspare Ihnen eine
juridische Auseinandersetzung, ich sage nur, dass Halwigs Recht so klar ist wie
der Tag und dass ich überzeugt war, es zur Geltung bringen zu können, als ich
selbst ihn bestimmte, die schon aufgegebene Sache wiederaufzunehmen und mir ihre
Führung getrost zu überlassen ... Nun - ich habe vergeblich gerungen. Ich werde
dem Rechte nicht zum Sieg verhelfen. Ich erkläre das meinem Klienten, sooft ich
ihn sehe. Aber machen Sie einem Menschen etwas begreiflich, was er nicht
begreifen will - entwurzeln Sie eine Hoffnung, welche durch die Furcht vor
Verzweiflung eingepflanzt worden ist ...«
    Agate horchte seinen Worten mit verhaltenem Atem.
    »Sie selbst«, sagte sie jetzt, »haben die Hoffnung, die Sie ihm nehmen
wollen, noch nicht verloren. Jener Brief von Ihrem Abgesandten, den Sie
erwarten, kann günstige Nachrichten bringen ... Jenen Brief«, sie blickte ihn
forschend an, »erwarteten Sie, wenn ich nicht irre, schon gestern ...
    Lieber Freund, wenn der Brief fortfährt, auszubleiben - oder wenn er
eintrifft, mit schlechten Nachrichten beladen - dann, lieber Freund, dann liebes
Fräulein Fessler -« sie ergriff Lottis Hand und hielt sie angstvoll mit ihren
Fingern umklammert -, »dann muss Hermann den Kontrakt unterschreiben. - Meinen
Eltern muss geholfen werden. Sehen Sie das nicht ein, Sie beide!... Haben Sie
nicht auch Eltern gehabt, die Sie liebten?... Denken Sie an Ihren Vater,
Fräulein Fessler, Hermann hat mir so viel von ihm erzählt, dass ich meine, ihn
gekannt zu haben. - Denken Sie an Ihre Mutter, Schweitzer, der Sie so viele
Opfer gebracht ... Fragen Sie sich, hätten Sie nicht Ihre Seele für Vater und
Mutter verkauft?«
    Lotti wollte sprechen, aber Schweitzer schnitt ihr das Wort ab: »Meine Seele
vielleicht - die eines andern? - Nein!«
    »So spricht ein Junggesell. Mann und Weib sind eins, und ich erkläre denn
... aber wie lächerrlich, wie lächerrlich sind wir mit unserem Seelenverkauf! Als
ob sich's darum handelte!... Hören Sie meinen unwiderruflichen Entschluss: Wenn
der Prozess günstig für uns entschieden wird, dann zerreisse ich den Kontrakt mit
meinen eigenen Händen - die Sie dann küssen werden, Schweitzer! - Wir kaufen
sofort das Gut meiner Eltern, ziehen uns dahin zurück und sind glücklich, wie
wir es schon einmal waren - in England auf dem Lande ... Mein Herr Gemahl wird
mir zu Ehren noch ein Sportsmann. Man sieht ihn niemals anders als im roten
Frack oder im Jagdrock mit grünen Aufschlägen ... und nirgends anders als bei
mir ... und immer zu Pferd, zu Wagen oder auf der Pirsch - immer nur bemüht,
mich zu bezaubern ... Das gelingt ihm - hingerissen falle ich meinem Helden,
meinem Ritter in die Arme. Unter einem Holunder-busch und vielen Wonnetränen
schwören wir uns täglich ewige Liebe!«
    Sie sagte das schalkhaft, übermütig, und dabei lag doch in ihren Augen eine
geheimnisvolle Wehmut, eine sehnsüchtige Zärtlichkeit, die zu all den Scherzen
nicht passten.
    Schweitzer sass aufrecht und steif vor ihr wie die Statue eines Pharaonen und
starrte sie selbstvergessen an.
    Sie fuhr fort: »Wir könnten selig sein. Selig, einander endlich anzugehören,
endlich füreinander zu leben. Das geschieht hier nicht, in der widerwärtigen
Stadt. Auf dem Lande, und wenn Hermann noch soviel zu tun hätte, bliebe ihm mehr
Zeit für mich. Hier vergehen Tage, an denen ich ihn nicht sehe, das halbe
Stündchen ausgenommen, das wir bei Tische zubringen. Und wovon spricht er da?
Von Büchern, Zeitungen, Rezensionen ... Ich frage mich oft: Habe ich einen Mann
geheiratet oder eine Schreibmaschine?«
    »Das fühlen Sie?« rief Schweitzer, »und könnten sich doch entschliessen,
dieser ohnehin überbürdeten Maschine, deren Motor ein Menschengeist ist, neue
Lasten aufzudrängen?«
    »Ich tu es nicht, Freund! ich nicht! - Die Notwendigkeit tut es. Was mich
betrifft, ich hasse die Schreiberei. Hinge es von mir ab - Hermann brauchte nie
wieder eine Feder anzurühren ... Da kommen Leute zu ihm - Literaten, die sagen,
schriftstellern sei unweiblich. Ich möchte immer erwidern: Nein, meine Herren -
unmännlich ist's! Männlich ist Löwen und Tiger jagen, auf einem Seil über den
Niagara wegschreiten, Schlachten gewinnen, Städte bauen ... aber weisses Papier
schwarz machen ... bah!... O lieber, lieber Freund! wenn Sie nur recht wollten,
Sie könnten uns aus aller Not und Drangsal erretten - man sagt, Sie hätten noch
nie einen Prozess verloren ...«
    Wieder beugte sie sich zu ihm, sah ihm schmeichelnd ins Gesicht und legte
ihre Fingerspitzen auf seinen Arm.
    Er erhob sich rasch: »Dass doch alle Weiber ... verzeihen Sie, alle - Frauen
gleich sind! dass doch jede meint, den Advokaten gewinnen, hiesse den Prozess
gewinnen ... Ich blieb so lange - kann Hermann leider nicht erwarten - so gern
ich auch ...«
    Er hatte seine Taschenuhr hervorgezogen, und Lotti sah, obwohl sie wahrlich
in dem Augenblick nicht an Uhren dachte, dass es nur eine silberne Remontoir von
einfachster Arbeit war.
    Agate holte seinen breitkrempigen Hut herbei und reichte ihm denselben mit
einer feierlichen Gebärde.
    »Leben Sie wohl, Gebieter über unsere Schicksale!« sagte sie, »und nochmals!
wenn Sie wiederkehren, bringen Sie uns das Glück in Gestalt eines Briefes aus
Mecklenburg in der Tasche Ihres wunderschönen Überziehers mit.«
    Er verbeugte sich, trat vor Lotti hin und sprach: »Vergessen Sie nicht, dass
wir Bundesgenossen sind.«
    Damit verliess er das Gemach.
 
                                       11
»Seine Bundesgenossin wären Sie?« fragte Agate, »indes ich mein Vertrauen in
Sie setze?... Nein, nein, das wäre Verrat, dessen Sie nicht fähig sind ... Sie
halten mir Wort, und wenn Hermann kommt ... Aber«, unterbrach sie sich mit
einemmal äusserst beunruhigt, »warum ist er nicht da - nicht längst da - -er
pflegt sonst nie des Morgens auszugehen, und heute, als ich erwachte, und nach
ihm fragte, hiess es, er sei fort ... in aller Frühe fortgegangen ...
unbegreiflich ... unbegreiflich -« wiederholte sie, eilte an das Fenster,
öffnete es und blickte in gespannter Erwartung auf die Strasse hinunter.
    Plötzlich überdeckte sich ihr Antlitz mit Purpurglut. »Er kommt!« rief sie
jubelnd und schwang ihr Taschentuch in der Luft.
    »Sie entschuldigen mich doch, Fräulein, wenn ich ihm entgegengehe?... Ich
muss die Freude haben, ihm anzukündigen, dass er Sie hier findet.«
    Ohne eine Antwort abzuwarten, war sie verschwunden.
    Mit seltsam gemischten Empfindungen blickte Lotti ihr nach und dachte: Sie
liebt ihn - das ist ja viel ... für ihn wohl alles ...
    Eine Weile danach erschien Halwig - ein anderer als derjenige, den Lotti am
selben Morgen bei sich gesehen. Freudig und sorgenlos begrüsste er sie, sprach
viel, war der liebenswürdigste und aufmerksamste Wirt. Beim Dessert gab er eine
lustige Geschichte zum besten, die ihm Papa, dem er unterwegs begegnet, erzählt
hatte.
    Seine Heiterkeit schien natürlich und ungezwungen, und dennoch, ohne sich
erklären zu können, warum, vermochte Lotti nicht recht froh zu werden.
    Das Mittagessen war vorüber, und man begab sich zum schwarzen Kaffee nach
dem Zimmer des Hausherrn. Es hatte einen eigenen Eingang durch das Vorgemach.
    Als Lotti dieses an Hermanns Arme betrat, erhob sich plötzlich ein kleines
Männchen von einer der Bänke an der Wand und nahte mit höflicher Begrüssung.
    Bei seinem Anblick fuhr Halwig leicht zusammen: »Sie selbst ... Sie
warten?...«
    »Oh, nicht lange. Die Herrschaften hatten schon beinahe abgespeist, als ich
kam, und ich beschwor den Diener, Sie nicht zu stören.«
    »Treten Sie doch jetzt ein!... Kommen Sie -« sprach Halwig, und Lotti fühlte
seinen Arm zucken unter ihrer Hand.
    »Wenn Sie erlauben, Herr Baron, allein ich habe Eile ... und nur weil der
Zufall mich eben hier vorbeigeführt, und um Ihnen die Mühe des Schickens zu
ersparen - bin ich da, um ... um das Versprochene abzuholen.«
    »Kommen Sie denn! - Kommen Sie!...«
    »Oh, ich bitte!... Erst die Damen -«
    Er stellte sich mit einem langen Schleifschritt seiner schiefen Beine neben
die Tür, die Halwig aufgestossen hatte, und machte ein einladendes Zeichen. Seine
vorquellenden Augen leuchteten vor zynischer Bewunderung, als Agate an ihm
vorüberschritt.
    »Die Frau Gemahlin?« flüsterte er Halwig vertraulich zu - »ganz superb - ich
gratuliere!«
    »Einen Augenblick, Fräulein Fessler! - Einen Augenblick, Agate«, sprach
Hermann gepresst und scharf, und winkte den beiden, an dem Tische Platz zu
nehmen, auf welchem der Kaffee serviert war.
    Er selbst trat an den Schreibtisch, zog die unterste Lade heraus, nahm ein
versiegeltes Paket und reichte es seinem Besucher.
    Der ergriff oder vielmehr riss es mit einer hastigen Bewegung an sich.
    »Es ist doch das rechte? - Sie verzeihen - ich breche die Siegel ... Eine
Irrung ist so leicht geschehen.«
    »Überzeugen Sie sich«, sagte Halwig in einem Tone, den mühsam bezwungener
Ingrimm beben machte.
    Der Kleine hatte sich an die Fenstervertiefung begeben und begann dort den
Inhalt des Pakets zu untersuchen.
    »Alles in Ordnung. Hingegen da - auch alles in Ordnung.« Er überreichte
Halwig einen zusammengefalteten Bogen, den dieser auf den Schreibtisch warf.
»Nicht so, Herr Baron, bitte sich gleichfalls zu überzeugen. Bitte um
pedantische Genauigkeit in Geschäften. Bitte um Vorsicht, bitte sogar um
Misstrauen.«
    Er stiess ein leises, widerwärtiges Gekicher aus und blinzelte Halwig halb
höhnisch, halb mitleidig an, während der das Schriftstück durchflog.
    »Sie sind mit mir zufrieden, hoffe ich. Haben auch alle Ursache. Für Sie ist
gesorgt. Wie ich dabei wegkomme, das ist eine andere Frage. Allein für Sie ...
was täte ich nicht für Sie, Herr Baron?«
    Er empfahl sich, von Hermann bis an die Tür begleitet.
    Agate lachte ihm herzlich nach: »Was war denn das für ein Ungeheuer? Oh,
Fräulein Fessler, haben Sie seine Füsse gesehen und seinen Gang bemerkt?... Mir
scheint nein. Warten Sie, ich will das herrliche Schauspiel vor Ihnen erneuern.
Sie müssen sich noch einmal daran erquicken. Einwärts! noch einwärtser! so -
nicht wahr?«
    Sie begann im Zimmer umherzuhumpeln, ihrem Manne entgegen und liess sich, mit
Absicht ausgleitend, in seine Arme fallen. Er umschlang sie und drückte einen
langen leidenschaftlichen Kuss auf ihre Lippen.
    »Meine Agate! mein Herz, mein Glück, mein Leben!«
    Mit schwerer Selbstüberwindung entzog er sich ihrer Umarmung und trat an
ihrer Seite vor Lotti hin.
    Diese fragte: »Halwig, war das der Mann, der Ihnen einen Vertrag anbietet,
in welchem ...«
    Er fiel ihr ins Wort: »In welchem ich zehn Jahre meines Lebens verschreibe?
Nein. Dem nicht einen Tag. Aber wer hat Ihnen gesagt - du?« wandte er sich an
seine Frau, die bejahend nickte und dann sprach: »War's nicht recht?«
    »Ganz recht. Wir haben kein Geheimnis vor Fräulein Lotti.«
    »Das meinte ich auch und setzte ihr die ganze Angelegenheit auseinander. Sie
wird dir ihre Gedanken darüber sagen.«
    Halwig hatte ihr zerstreut zugehört: »Ich vergesse, ich habe eine Botschaft
von Papa an dich.«
    »Der arme Papa, du vergissest ihn immer.«
    Die Stirn Hermanns verfinsterte sich einen Augenblick, aber er fuhr fort,
ohne etwas auf den Vorwurf zu erwidern: »Deine Eltern sehen heute einige
Bekannte beim Tee. Sie zählen auf dich. Sie werden den Wagen schicken, um dich
abzuholen. Ich habe in deinem Namen zugesagt. Du wirst meinem Wort doch Ehre
machen?«
    »Ungern, du weisst, wie lästig mir diese Soireen sind«, entgegnete sie und
lehnte die Wange an seine Schulter. »Lass mich bei dir bleiben, Hermann.«
    »Was fällt dir ein? Du darfst nicht bleiben. Nicht einmal stören darfst du
mich, um mir Lebewohl zu sagen.«
    »Nicht einmal Lebewohl?... Fräulein Fessler, ist das nicht hart, nicht
unerträglich?... Und diesen Zustand zu verewigen, soll ich noch beitragen, oh,
wenn ich das bedenke ...«
    »Agate«, rief er heftig und gequält, »du weisst doch ... mein Gott, was
willst du denn? Geh, liebes Kind«, setzte er bittend hinzu, »du musst ruhen, ein
wenig schlummern, wenn du abends in Gesellschaft sollst. Geh.«
    Sie sah ihn traurig und gekränkt an und sprach nach kurzem Schweigen zu
Lotti: »Er ist ein Tyrann, und ich gehorche. Liebstes Fräulein, schenken Sie ihm
eine Tasse Kaffee ein und ein Gläschen Chartreuse und bleiben Sie noch ein wenig
bei ihm.«
    Sie drückte Lottis Hände, bat sie, recht bald, unendlich bald, spätestens
morgen wiederzukommen, und schritt dem Ausgang zu. Aber an der Tür blieb sie
stehen, wandte sich, presste die Finger an ihren Mund und warf mit einer Gebärde
voll Innigkeit Hermann einen Kuss zu.
    Er erwiderte ihren liebevollen Gruss, und als sie das Zimmer verlassen hatte,
starrte er ihr nach, schien wie unwiderstehlich angezogen, ihr folgen zu wollen
... aber nach kurzem Kampfe trat er zurück, warf sich in einen Sessel und
versank in dumpfes Hinbrüten.
    »Sie haben mir noch nichts von dem Erfolg Ihrer heutigen Unterredung
gesagt«, begann Lotti zögernd, »und ich wünschte doch sehr ...«
    »Was Sie soeben gesehen haben - das war der Erfolg«, rief Halwig aus. »Der
Ehrenmann, über den Agate so herzlich gelacht hat, ist derselbe, zu dem ich
sagen musste: Ich kann Ihnen nicht Wort halten, Herr ...«
    »Und was hat er ...«
    »Gleichviel ... ich habe mich losgekauft. Ich bin frei ... frei«,
wiederholte er mit einer Beklommenheit, die zu jedem anderen Worte besser gepasst
hätte.
    »Halwig - Halwig - womit haben Sie sich losgekauft?«
    »Beruhigen Sie sich, beste Freundin! - Auf die einfachste Art. Ich habe ihm
ein Manuskript ausgeliefert, das schon vor Jahren in seinen Händen war und das
ihm damals abgerungen wurde - durch den tugendhaften Schweitzer, dem ich
nebenbei ganz gern ein Zeichen von Unabhängigkeit gebe.«
    »Warum hat der es ihm abgerungen?... Antworten Sie nicht! Ich tu's für Sie -
und mit mehr Wahrhaftigkeit, als Sie es täten: weil es Ihrer unwürdig ist,
unwürdig eines Dichters, eines Priesters, wie der Dichter sein soll, dem ein
heiliges Amt hier auf Erden anvertraut ist ...«
    Eine ungewohnte Strenge sprach aus ihrer Stimme und aus ihren flammenden
Zügen. »Oh, glauben Sie nicht, eine verschämte alte Jungfer zu hören, die sich
einbildet, ein Mann, ein Schriftsteller, der seine Zeit schildern will, werde
die Feder immer nur in Blütenduft und Morgentau tauchen. Ihr habt Furchtbares zu
zeichnen, zeichnet es denn mit furchtbarer Kraft und Deutlichkeit, aber auch mit
dem tiefinnerlichen Schauder, den euer Schüler, euer Leser bebend mitempfindet.
Nur nicht mit dem eklen, im Hässlichen wühlenden Behagen, das sich auf jenen
überträgt ... Mit dem Behagen, Halwig, das mich - verzeihen Sie mir, es muss
ausgesprochen werden -, das mich anwiderte aus dem ersten Buch, das Sie nach
unserer Trennung geschrieben haben.«
    »Aus dem -« rief er, kämpfend zwischen Bestürzung und Hohn.
    »Sie begreifen das nicht«, fuhr Lotti unerbittlich fort, »jenes Buch ist von
Ihnen seiter so vielfach überboten worden, es ist ein Buch für Kinder im
Vergleich zu denen, die ihm folgten. Ich weiss das!« beantwortete sie den
Einwurf, den er machen wollte, »aus Anzeigen Ihrer Buchhändler, aus
lobpreisenden Kritiken, die ich hie und da, so wenig ich danach suchte, in
Zeitungen las ... Ich weiss es, können Sie es leugnen?«
    Er schwieg und starrte sie mit einem schwachen Lächeln an. Plötzlich warf er
sich in seinen Sessel zurück und sagte: »Wissen Sie, was Sie tun? Sie sprechen
zu mir wie mein eigenes künstlerisches Gewissen. Aber ich darf die Stimmen nicht
hören, nicht die Ihre, nicht die seine. Ich habe einmal den Pegasus vor den
Pflug gespannt, und er muss pflügen, muss erwerben. Kann ich dafür, dass die
Menschen von jeher die Giftmischer besser zahlten als die Ärzte?... Wär's
umgekehrt, ich reichte ihnen Arzenei.«
    »Halwig!« schrie Lotti in schmerzlichem Entsetzen auf.
    Er richtete sich empor, ein unterdrücktes Schluchzen hob seine Brust. Lotti
sah sein Herz pochen gegen sein Gewand. »Beste Freundin, ich bin verloren,
machen Sie das Kreuz über mich ... Sie schütteln den Kopf, Sie verstehen mich
nicht. Der Luxus, der uns umgibt, täuscht Sie, der Luxus lügt, wir leben
eigentlich von der Hand in den Mund, ich verdiene viel, aber wir brauchen noch
mehr, und ich stehe manchmal ratlos vor kleinen Verlegenheiten. - Ist's nötig,
Ihnen das zu beichten?... Sie haben ja den sichtbaren Beweis davon erhalten. Das
muss anders werden«, setzte er nach einer Pause peinlichen Nachsinnens hinzu.
»Morgen verschreib ich mich dem Teufel. Ich tu es nur deshalb heute noch nicht,
weil eine kindische Hoffnung auf ein Wunder sich in mir festgenistet hat ...«
    »Vielleicht braucht's kein Wunder«, unterbrach ihn Lotti und erhob sich mit
einer seltsamen Hast. »Leben Sie wohl.«
    »Wie gern möchte ich Sie zurückhalten, aber da«, er deutete auf die
Schriften, die seinen Schreibtisch bedeckten, »da ist Gesellschaft, die jede
andere verdrängt.«
    Sie hörte ihn kaum, sie war mit einem Gedanken beschäftigt ... Der Gedanke,
der war das Wunder - ein anderes gab es nicht.
    Eine Möglichkeit war ihr erschienen - eine Möglichkeit ... Alles, was man
unfassbar und widersinnig nennt, wäre Lotti noch vor einer Stunde als
selbstverständlich erschienen im Vergleich zu dieser Möglichkeit.
 
                                       12
Lotti ging heim, und als der Friede ihres stillen Hauses sie wieder umfing,
atmete sie befreit auf. Sie trat rasch in ihr kühles, von einer Hängelampe
freundlich erleuchtetes Stübchen und geradenweges auf die Uhrensammlung zu. Eine
Weile stand sie sinnend davor und wiederholte mehrmals im leisen Selbstgespräch:
»Nein, nein, das könnt ich doch nicht, das nicht.«
    Agnes trug das Abendessen auf und erzählte, dass Gottfried dagewesen sei und
sich über das lange Ausbleiben des Fräuleins sehr gewundert habe. Er hatte etwas
mitgebracht, ein Buch, ein neues, noch unaufgeschnittenes Buch - Halwigs letztes
Werk.
    Mit einer Empfindung des Missmuts nahm es Lotti in Empfang.
    Sie hätte sich jetzt gar zu gern des Gedankens an Halwig und alles, was sich
auf ihn bezog, entschlagen. Warum musste sie von neuem an ihn gemahnt werden?
Warum musste sogar die liebevollste Hand sie in ein Bereich der Sorge und
Peinlichkeit zurückgeleiten, aus dem sie sich eben erst, mühsam genug,
losgemacht?
    Sie legte das Buch auf einen Schrank am Ende des Zimmers, doch holte sie es
von dort wieder, aus Rücksicht auf Gottfried. Sie wollte ihm wenigstens sagen
können, dass sie versucht, darin zu lesen. Sie tat es mit widerstrebendem Gefühl,
aber mit stets wachsender Spannung. Sie war gefesselt, umstrickt, aber mit
beengenden, mit unlauteren Banden. Ihr Blut erstarrte bei manchen Schilderungen.
    Da war dem Tier im Menschen jede Regung abgelauscht und mit schamloser
Genauigkeit auseinandergesetzt. Da war eine erzwungene, erlogene Sinnlichkeit,
aus der die offenbare Ohnmacht mit bleicher Fratze hervorgrinste. Da war die
Fülle niederer Wirklichkeit aus dem seichten Strom des gemeinen Lebens
geschöpft, da fehlte alle höchste Wahrheit, die der Poesie. Da war endlich der
Notbehelf, der armselige, einer lahmen Phantasie: das mit photographischer Treue
und Verzerrung gezeichnete Porträt; Persönlichkeiten, aus dem Schutz des Hauses
gerissen und an den Pranger gestellt, zur Augenweide eines Publikums, demjenigen
verwandt, das sich zu den Hinrichtungen drängt.
    Im grossen ganzen - die klägliche Missgeburt des schreiblustigen Jahrhunderts:
der Sensationsroman.
    Und dennoch! durch diese unreine Atmosphäre, diese matte, erschlaffende
Luft, durch dieses fahle Farbenspiel der Fäulnis, brach es manchmal herein wie
ein zitternder Strahl sonnigen Lichtes. Das missbrauchte, zugrunde gerichtete
Talent besann sich einen Augenblick auf sich selbst ... Du armes Talent! dachte
Lotti, wie hat sich an dir versündigt, der zu deinem Hüter bestellt worden!
    Der Morgen begann zu grauen, und sie wachte noch über ihrem Buche. Ihre
Stirn, ihre Augen brannten, und ihre Hände bebten vor Frost.
    Die Lampe knisterte und flackerte; vom verkohlten Docht stiegen Funken im
angerauchten Zylinder empor. Lotti löschte das sterbende Licht und suchte ihr
Lager auf. Wie wohltätig wäre ein wenig Schlaf gewesen. Sie schloss die Augen und
bemühte sich, regungslos zu liegen; da begannen alle ihre Pulse zu pochen, eine
fürchterliche Beängstigung beklemmte ihr den Atem. Ihr war, als riefe eine
flehende Stimme um Rettung zu ihr, die klagte, die sprach: Du hast mich gekannt
in meiner Reinheit, rette eine verlorene Seele!... Verloren, weil du dich von
ihr gewandt. Du warst die Starke, und ich war schwach, du hättest mich nicht
verlassen sollen. Aber du suchtest Ruhe, du rangst nach Frieden und gabst mich
auf, und ich sank und sinke immer tiefer ohne dich ... Beweine mich nicht nur -
rette mich!
    Eine lange Zeit verfloss - eine wie lange?... Die Uhren schwiegen alle,
standen alle still ... Lotti hatte vergessen, sie aufzuziehen - zum ersten Male,
seitdem es ihr überhaupt oblag, für Uhren Sorge zu tragen, ihrer vergessen ...
Wie spät war es denn? Wollte der Tag heute gar nicht kommen? Wollte eben heute
die sonst so rührige Agnes nicht erwachen? Ja, wenn man die Zeit an Pulsschlägen
abzählen könnte, wie die Alten getan ... oder wenn Lotti die Sanduhr besässe,
welche sich dereinst das Fräulein in Schlesien verfertigt hatte, das Fräulein,
das seine Lebenszeit abmass an der verrinnenden Asche des verstorbenen Verlobten
... an diese Sanduhr erinnerte Lotti sich jetzt, und wie passte der Einfall in
das Gewirre von ganz anders wichtigen Gedanken in ihrem fiebernden Hirn?...
    Endlich wird die bange Stille im Hause unterbrochen. Agnes ist auf den
Beinen und schaltet mit gewohnter Energie in ihrem Küchenbereiche.
    Lotti erhebt sich, zieht die Vorhänge hinauf, ruft die Alte ins Zimmer und
fragt nach der Zeit. Es ist noch sehr früh am Morgen, noch unmöglich, die
Dienerin auszusenden, um die Wohnung des Advokaten Schweitzer zu erfragen - des
Advokaten Schweitzer, den Lotti besuchen will.
    »Eines Advokaten!?« - Agnes fällt fast um vor Schrecken - das ist ja einer
vom Gericht, was hat ihr Fräulein mit dem Gericht zu tun?
    Und zwei Stunden später, nachdem Agnes die gewünschte Adresse richtig
zustande gebracht und Lotti schweigend und eilends das Haus verlassen hatte,
wurde die Magd von solchen Qualen der Neugier erfasst, dass sie - sie konnte sich
nicht anders helfen - in Tränen ausbrach.
    Der Weg Lottis war nicht weit, bald schellte sie an Schweitzers Tür. Eine
ältliche Dame öffnete und erklärte mit höflichem Bedauern, dass ihr Bruder jetzt
nicht zu sprechen sei.
    Allein nachdem Lotti sich genannt, und auf ihre dringende Bitte, entschloss
die Dame sich dennoch nachzufragen, und wenige Sekunden später erschien
Schweitzer selbst.
    »Fräulein Fessler!« rief er, »Sie kommen wie ein Schutzgeist.«
    Er führte sie durch ein einfach eingerichtetes Wohnzimmer in eine grosse
Stube mit tiefem, dunklem Alkoven. In der Mitte des weitläufigen Gemaches stand
ein riesiger Schreibtisch und neben demselben ein ebensolcher geöffneter
Geldschrank. In hohen Stössen waren darin Wertpapiere aufgehäuft, hinter eisernen
Gittern Geldsäcke und Rollen geschichtet. Er schien gewaltige Reichtümer zu
bergen und glich mit seinen schweren Angeln und seinen kunstvollen Schlössern
einem Ungeheuer, das Schätze hütet und sie, trotz seines lockend aufgesperrten
Rachens, zu verteidigen sehr gesonnen ist.
    Schweitzer bot Lotti seinen eigenen Lehnstuhl an, und sie nahm am
Schreibtische Platz, während der Advokat, dessen ganzes Wesen die äusserste
Aufregung verriet, vor ihr stehenblieb.
    »Ich hätte mir Ihren Besuch nicht träumen lassen«, sprach er, »aber weil Sie
nun da sind, weiss ich auch, was Sie hierhergeführt ... Es ist die Sorge um
Halwig.«
    Er beantwortete ihr bestätigendes »Ja« mit dem Ausrufe: »Und sie hat guten
Grund!«
    Der erwartete Brief war eingetroffen, Halwigs gerechter Anspruch abgewiesen.
    »Es ist die schmählichste Niederlage meines Lebens!« rief Schweitzer. »Ich
habe diesen Ausgang für unmöglich gehalten und deshalb gestern noch - Sie waren
Zeuge - nicht jede Hoffnung auf eine günstige Lösung der Sache vernichtet, der
Sache, für die ich mich aus eigenem Antrieb begeistert ... Ich, der vorsichtige,
peinliche Geschäftsmann ... Halwig hätte an die alte, vergessene Geschichte nie
gedacht.«
    Er stiess unzusammenhängende Worte hervor, er verwünschte sich als den
Urheber der Enttäuschung, die seinem Freunde bevorstand.
    »Wissen Sie denn, was diese Enttäuschung bedeutet?« rief er. »Ich will es
Ihnen sagen ...«
    »Ich weiss es«, unterbrach ihn Lotti beschwichtigend. »Halwig ist nur noch
auf sein Talent angewiesen, und dieses ist erschöpft ... Sprechen wir ruhig, ich
bitte ... Nehmen wir an, Herr Doktor, der Prozess wäre günstig für ihn
entschieden worden. Die Summe, deren er bedarf, um das Gut seiner
Schwiegereltern zu erwerben, läge da in diesem Schranke, was dann?«
    »Was dann?«
    »Würden Sie sagen: Schliesse den Kauf, ziehe dich auf das Land zurück mit
deiner jungen verwöhnten Frau? - Ich kenne sie nicht, aber ich glaube, sie wird
die Freuden der Geselligkeit, der Stadt, nicht missen können.«
    Schweitzer lachte auf.
    »Nein, Sie kennen sie nicht. Die Stadt hat ihr nichts zu bieten; sie tanzt
nicht ... Teater, Konzerte, Kunstsammlungen, was bedeuten ihr die? Sie ist ja
blind, sie ist ja taub, sie hat vor allem andern keine Seele und kein Herz,
ausser für ihren Mann, für Papa und Mama, und für die sauberen Brüder, den Kiki
und den Koko, oder wie man sie nennt ... Sie hat ja nichts als die ganz
tierische, ganz unmündige und gedankenlose Zärtlichkeit für das Nest, aus dem
sie hervorgegangen ist ... für eine Familie - welche Familie! mehr noch als jede
andere eine Brutstätte des Vorurteils, das Grab der Nächstenliebe, denn was
nicht zu ihr zählt, zählt überhaupt nicht ... Oh, was gäbe ich, um Halwig aus
dieser Familie zu lösen!... Ein Opfer wäre seinen Peinigern entrissen, das ihnen
überantwortet ist für die Dauer des ganzen Lebens. - Fort nach England mit Papa
und Mama, und auf das Land mit der Tochter und mit den seidenen Vorhängen, und
mit der Menagerie, und mit den Reitpferden, und mit den Zigaretten ... Fort«,
brach er plötzlich aus, »wenn ich wieder frei atmen soll, fort - aus meiner
Nähe!«
    Er beugte sich zurück und drückte die geballten Fäuste an seine Augen.
    Eine Pause tiefen Schweigens trat ein.
    »Was wird geschehen?« sprach Lotti endlich.
    »Er wird den Kontrakt unterschreiben, ihn nicht einhalten können, das Gut
wird unter den Hammer kommen, und Halwig und die schöne Frau ... nun, er kann
immerhin noch taglöhnern gehen bei irgendeinem publizistischen Unternehmen, und
sie wird sich an das Nadelgeld einer Taglöhnersfrau gewöhnen oder zu Papa und
Mama nach England reisen müssen, wenn sie es nicht vorzieht, das Nächstliegende
zu ergreifen und die teuflische Macht, die ihr innewohnt, auszuüben. - Oh! Führe
uns nicht in Versuchung! das heisst, bringe uns nie in Gelegenheit, all das
Schlechte, dessen wir im Fall der Not fähig wären - zu tun ... Eine
nichtswürdige Empfindung in der Brust eines braven Menschen - Sie ahnen nicht,
was die gebiert - Sie ahnen nicht einmal, dass es die geben kann. Grässlich!«
stöhnte er, nahm sich zusammen und fügte in scharfem Tone hinzu: »Sehen Sie,
Fräulein, in diesem Schranke liegen Schätze. Wirklich, respekteinflössende
Schätze. Und doch sind sie nur Bruchteile des Besitzes ihrer Eigentümer. Diese
Eigentümer haben unbedingtes Vertrauen zu mir, sie haben mir noch niemals
nachgerechnet ... Wenn ich einmal irrte, in einem Ausweis, beim Addieren, und
das Unwahrscheinlichste geschähe, gerade der fehlerhafte Ausweis würde
eingesehen, je nun! der gute Schweitzer hätte eben einmal seinen Kopf nicht
beisammen gehabt. Sind die Papiere nicht bei ihm? überhaupt nicht
aufzutreiben?... Je nun, der gute Schweitzer hat sie aus Versehen in den Ofen
oder in das Kehricht geworfen, aber gestohlen, dass er sie gestohlen hat, würden
seine Klienten nicht glauben. Und wenn er selbst es ihnen erzählte, würden sie
denken, dass er ein Narr, aber nicht, dass er ein Dieb geworden ist. Wenn ich mich
denn irrte ... wenn ich mich genau um die Summe irrte, um die es sich handelt,
was hätte ich dann getan?... Etwas, das mich vielleicht zum Wahnsinn oder zum
Selbstmord treiben würde, ein Verbrechen, das grösste, das ich begehen kann, denn
es wäre ein Verbrechen gegen meine eigenste, angeborne Natur, und doch nichts im
Vergleiche zu dem Elend, das über den unglückseligen Halwig hereinbricht, wenn
ich ihn seinem Schicksale überlasse.«
    »Was denken Sie?« fragte Lotti, »sagen Sie es mir offenherzig, Herr Doktor
...«
    »Offenherzig?« rief er. »Ich könnte das Geld stehlen, das er braucht, und
als Sie an meiner Tür schellten«, seine Stimme sank zu einem fast unhörbaren
Flüstern herab, »war ich halb und halb entschlossen, es zu tun.«
    »Lieber Doktor«, sprach Lotti, merkwürdig wenig erschüttert durch diese
furchtbare Selbstanklage, »machen Sie sich nichts weis. Den Vorsatz hätten Sie
nicht ausgeführt. Es muss auf andere Art geholfen werden ...«
    Sie seufzte tief auf: »Und jetzt sagen Sie mir, wieviel kostet das Gut?«
    Schweitzer nannte den Preis, fügte aber hinzu: »Der Wert ist mindestens das
Doppelte ... Wollen Sie es kaufen?« rief er plötzlich aus, »ich höre, dass Sie im
Besitz eines Nibelungenhortes sind, einer Uhrensammlung«, er lächelte gutmütig,
aber doch auch sehr spöttisch, »ein totes Kapital, das ist heutzutage fast eine
Sünde. Fräulein Fessler, verkaufen Sie Ihre Uhren und kaufen Sie das Gut! Es wäre
nicht völlige Hilfe, aber es wäre viel, die Eltern würden wir dadurch los ...
und dann liesse sich weiterdenken. Kaufen Sie das Gut! Für die Administration
will ich sorgen. Kaufen Sie das Gut! Vom alleinigen Standpunkte des Nutzens aus,
ohne jeden Nebengedanken, kann ich Ihnen nicht genug dazu raten.«
    Der praktische Geschäftsmann in ihm kam mit einem Male zum Vorschein und
führte eine Zeitlang ausschliesslich das Wort. Die offenbaren, auf der Hand
liegenden Vorteile jedoch, für die er sich bereit erklärte gutzustehen, schienen
Lotti kein Interesse abzugewinnen. Sie wollte etwas ganz anderes wissen. Sie
fragte: »Wenn Sie jetzt zu Halwig gingen und ihm ankündigten, dass sein Prozess
gewonnen ist, würde er nicht erfahren wollen, wie das zugegangen, den Brief
nicht sehen wollen, der die Nachricht brachte?«
    Schweitzer starrte sie mit aufgerissenen Augen an: »Was soll das?«
    »Antworten Sie mir! Ist er ein solches Kind in Geschäftssachen, dass man ihn
glauben machen könnte ...«
    »Den?« unterbrach sie Schweitzer, »alles kann man dem aufbinden.
Geschäftssachen! noch ganz andere Leute sind Kinder in Geschäftssachen ... aber
um Gottes willen ... Sie haben einen Rettungsplan, ich seh's. Sie werden helfen,
Sie!...« Er faltete die Hände, er vermochte nicht weiterzusprechen.
    »Ich schaffe Ihnen in einigen Tagen das nötige Geld«, sagte Lotti, »Ihre
Sache ist es dann, Halwig damit zu betrügen. Aber - nicht einmal der Tod hebt
das Versprechen auf, das ich von Ihnen fordere: Sie schweigen, Sie bewahren mir
für immer das Geheimnis.«
    Sie erhob sich und streckte ihm die Hand entgegen, die er feierlich ergriff.
    »Ich frage Sie nicht«, sprach er, »welches Opfer bringen Sie? Auf welche
Lebensfreude leisten Sie Verzicht, um das möglich zu machen? Ich frage: Vermögen
Sie die Wohltat zu ermessen, die Sie erweisen?«
    Lotti schüttelte den Kopf: »Vielleicht nicht. Ich tue nur, was ich nicht
lassen kann: ich gebe ein im Grunde doch entbehrliches Gut hin, um die Seele
eines Menschen zu retten, der mir einst teuer war.«
    Damit nahm sie Abschied.
    Sie begab sich nach dem Laden Gottfrieds, fragte dort vergeblich nach ihm -
er war nicht zugegen, war schon vor geraumer Zeit fortgegangen. Als sie nach
Hause kam, fand sie ihn, ihrer in sehnsüchtiger Ungeduld wartend.
    »Was geht vor?« fragte er und stellte sich eilends in seine Fensterecke.
»Ein merkwürdiges Leben führst du seit einigen Tagen.«
    Er verfolgte mit den Augen jede ihrer Bewegungen.
    Sie hatte den Hut abgenommen und beschäftigte sich mit dem Zusammenlegen
ihres Tuches. Jetzt kam sie langsam auf den Tisch zugeschritten und liess einen
zerstreuten Blick über die ihrer harrende Arbeit gleiten. Gottfried hatte diese
so appetitlich hergerichtet, dass ein echtes Uhrmacherherz dabei aufgehen musste;
allein dasjenige Lottis verleugnete sich in dem Momente gänzlich.
    Sie nahm Platz, schob die kleinen Glasglocken samt ihrem zarten Inhalt
beiseite und stützte die Ellbogen auf den Tisch. Mit trüben, etwas geröteten
Augen betrachtete sie lange, wehmütig und wie fragend, das Bild ihres Vaters.
Endlich wandte sie sich zu Gottfried. Aber nicht wie um gewöhnlich Auskunft zu
erhalten über den Gang einer Pendeluhr, über die Leistung eines Echappements und
ähnliche angenehme Dinge, sondern mit einer Erkundigung nach dem ihr
unangenehmsten Menschen - dem Agenten des Amerikaners.
    Der war noch da und behelligte Gottfried nur zu oft mit seinen Besuchen. Er
kam unter allerlei Vorwänden, hatte jedoch nur einen Zweck, den
unerreichbarsten. Gottfried lächelte mitleidig.
    »Die Uhrensammlung möcht er an sich bringen.«
    »Er soll sie haben. Ich verkaufe die Uhren.«
    Gottfried stiess einen Schrei des Erstaunens aus. Das war nicht im Scherz,
war auch nicht obenhin wie die Andeutung einer Möglichkeit gesagt, das war ein
ernster, wohlüberlegter Entschluss, den Gottfried mit innerster Empörung vernahm.
    »Das tust du für Halwig!« brach er plötzlich los, und Lotti senkte bejahend
das Haupt.
    »Ich kann nicht anders. Ich werde dir alles erklären, aber nicht jetzt.
Jetzt möchte ich nur den Abschied von meinen armen Uhren schon überstanden
haben. Du wirst - ich bitte dich - mit dem Agenten sprechen. Es bleibt bei dem
Preis, den der Amerikaner damals dem Vater angeboten. Weisst du, ob er den noch
bezahlen will?«
    »Das will er gewiss.«
    »Bestelle ihn also ... und gleich, wenn du mir eine Wohltat erweisen
willst.«
    Er blickte in ihr schmerzlich verzogenes Gesicht. »Ich werde dir die Wohltat
erweisen, ihn nicht zu bestellen.«
    »Gottfried!...«
    »Lotti, Lotti!... Wie kannst du - und für den?... Warum denn alles für den?«
    Sein ganzes Innere war im Aufruhr, und Lotti verlor fast das Gefühl ihres
eigenen Leids über der Teilnahme mit der bitteren Qual, mit welcher er rang und
die auszusprechen ihm nicht gegeben war.
    »Ich muss, siehst du!« sagte sie, »ich darf nicht anders.«
    »Überleg's. Mir zuliebe ... versuch einmal, etwas mir zuliebe zu tun,
überleg's!... Es wird dich gereuen.«
    »Es ist nicht mehr Zeit zu überlegen, ich habe mein Wort verpfändet - und
gereuen? Ich glaube, dass es mich nie gereuen wird.«
    »Auch dann nicht, wenn du erfahren wirst, dass du es umsonst getan hast? -
Und das wirst du erfahren!«
    Lotti widersprach ihm nicht, und Gottfried fuhr eifrig fort: Ein solches
Opfer ... »o wahrhaftig, der ein solches Opfer annimmt, der ist's nicht wert!«
    »Er würde es nicht annehmen, wenn er davon wüsste. Geh jetzt und komm bald
wieder, mit dem - Käufer.«
    Sie wollte sich erheben, aber die Knie versagten ihr den Dienst, und sie
lehnte sich erschöpft in den Sessel zurück.
    Gottfried trat näher. »Du kannst nicht helfen, glaube mir, es ist hier nicht
zu helfen.«
    »Aber eine Frist zu gewinnen, und in dieser Frist die Gelegenheit ...«
    »Zu einem Wunder?« fiel Gottfried ein.
    »Vielleicht.«
    Er wandte sich unwillig ab, und Lotti sagte entschlossenen Tons: »Darf der
Arzt, der einen Kranken aufgegeben hat, ein Mittel, ihn zu retten, unversucht
lassen? Er darf es nicht - wegen seines eigenen Seelenfriedens, wegen dieses
furchtbaren vielleicht, das dich böse gemacht hat.«
    »Mich böse?!« rief Gottfried. Mit unbeholfener Zärtlichkeit erfasste er ihre
Hand, und wie ein Erstickender flüsterte er: »Was würde der Vater sagen?...
Lotti, denk an ihn.«
    »Ich habe zuerst an ihn gedacht und sage dir: er hätte es auch getan.«
    Sie suchte ihm ihre Hand zu entziehen, er hielt sie fest und rief: »Mag sein
... aber der Vater hätte dabei auch ein Wort für mich gehabt ... Missverstehe
mich nicht!... ich hab ja gar kein Recht - ich meine nur, er hätte zu mir
gesprochen: Das geschieht für einen andern - deshalb brauchst du nicht zu
denken, dass mir der andere lieber ist als du.«
    Er stockte, wie erschrocken über seine eigene Kühnheit, und gab die Hand
Lottis plötzlich frei. Sie sah ihn an, bestürzt und angstvoll, mit Schamröte
übergossen. Der Schmerzensschrei des schweigsamen Mannes erweckte in ihrer Brust
einen Sturm von Selbstanklagen. Ihre Verwirrung vergrösserte noch die seine.
    »Verzeih«, stotterte er, »ich gehe«, und wandte sich zur Flucht mit einer so
ratlosen und hastigen Eile, dass Lotti - es schien ihr selbst unglaublich - über
ihn lachen musste. Er blieb stehen, halb empört, halb erfreut: »Du lachst?«
    »Ich lache -« sie brach in Tränen aus: »Wir sind zwei alte, erbärmliche
Weichlinge.«
    »Weichlinge ...« wiederholte er und näherte sich ihr schüchtern - »Lotti -«
    »Gottfried -«
    Und die »Geschwister Fessler« umarmten sich.
 
                                       13
Am Nachmittage fand in der Wohnung des Fräuleins Charlotte Fessler eine
feierliche Handlung statt. Das Fräulein übergab Herrn C.B. Fischer, Agenten des
Hauses F.O. Wagner-Schmid in New York, in Gegenwart der Herren G. Fessler,
Uhrenmachermeister, und W. Schweitzer, Advokat, eine Sammlung, bestehend aus
dreihundert altertümlichen Taschenuhren. Durchschnittspreis per Stück
fünfhundert Gulden. Summe des Kaufpreises: Einmalhundertundfünfzigtausend
Gulden.
    Herr C.B. Fischer, ungewöhnlich lang, ungewöhnlich breit, ungewöhnlich
wohlgenährt, mit dem rundesten Bulldoggesicht und dem feuerfarbigsten Backenbart
in ganz Amerika gesegnet, und dieser Vorzüge sich sehr bewusst, hielt den Katalog
in seiner Rechten. Eine gewaltige Rechte, die mit Leichtigkeit einen
Suppenteller umspannt hätte. Er verifizierte jedes Stück, das Lotti aus dem
Schränkchen nahm, sorgsam verpackte und in eine Kassette legte, die Herr Fischer
mitgebracht.
    »Fünfhundert?... auch die?... auch die fünfhundert?... Mir wäre das Ding
nicht dreissig wert«, sagte der Agent von Zeit zu Zeit; unter andern gerade bei
der Mudge und bei der Majoratsuhr. Oder er rief: »Dieser Kauf! - Eine
Millionärsmarotte. Finden Sie nicht, Herr Doktor? - Was?«
    Schweitzer verzog keine Miene. Gottfried war ruhig wie einer, der standhaft
den ersten Grad der Folter aushält, und sprach alle zehn Minuten einmal:
»Vorwärts, wenn ich bitten darf.«
    Lotti würdigte Herrn Fischer kaum eines Wortes, kaum eines Blickes. Der Mann
erweckte ihr soviel Sympatie, wie eine Sabinermutter für einen töchterraubenden
Römer empfunden haben mochte.
    Nach fünf tödlich langen Stunden empfahlen sich die drei Herren. Der Agent
trug die Kassette mit solcher Leichtigkeit unter dem Arm, als ob es ein
Claquehut gewesen wäre, und bald hörte Lotti den Wagen, der ihre Uhren
entführte, über den Platz rollen. Sie sah ihm nicht nach. Sie sass neben ihrem
leeren Schränkchen, hatte seine Laden geschlossen und die kleinen Flügeltüren
gesperrt.
    Jetzt könnt ich mir einbilden, dachte sie, dass alles noch beim alten ist.
Was braucht man denn, um Liebes, das man einst besass, immer zu behalten? - ein
gutes Gedächtnis und einige Phantasie. Das wollte sie Gottfried zum Trost sagen,
dem Getreuen, für den es von jeher keinen Schmerz, keine Enttäuschung, keinen
Verlust zu geben schien als diejenigen, die sie erfahren hatte. Zum ersten Male,
seitdem sie ihn kannte, das heisst solange sie lebte, hatte sie heut eine
eigensüchtige Regung bei ihm wahrgenommen. Allein wie rasch war auch diese
erloschen, wie war er bestürzt gewesen über den unwillkürlichen Ausdruck eines
Gefühls, das ihm bisher fremd gewesen wie die Sünde. Sie kannte ihn und wusste -
jetzt quält er sich und kann sich's nicht verzeihen, dass er ihr eine schwere
Stunde noch schwerer gemacht und in dem Augenblick, in dem sie ihr Teuerstes
hingab, unedel ausgerufen: »Und ich?...«
    Und er!... war's nicht ganz recht, dass er sie einmal gemahnt, er zähle mit
in der Reihe der Wesen, die einen Anspruch an sie stellen durften? - Bisher
hatte er keinen geltend gemacht. Er war gut und treu; dass er sich so zeigte,
verstand sich von selbst, und wer denkt erst lang über selbstverständliche Dinge
nach? - Manchmal wohl hatte es in der Seele Lottis aufgedämmert: Da ist einer,
dem verdankst du mehr, als du vergiltst. Da ist einer, dem hast du öfter weh als
wohl getan. Aber die Fragen: Warum? Womit? scheute sie sich zu beantworten.
    Es geht gar seltsam zu in der Wunderwelt der Seele. Empfindungen schlummern
in ihr, die nie erwachen, wenn man sie nicht nennt, einmal genannt jedoch, nie
wieder schlafen können. Lotti fürchtete sie und ihre unbekannte und
unberechenbare Macht. - Wozu auch grübeln? - über ein Verhältnis zwischen Bruder
und Schwester, zwei braven Leuten, die in Frieden miteinander alt geworden sind
und also sterben wollen. Zugleich - geb's der Himmel! Denn ein Leben, in dem
Gottfried fehlen würde und seine nie ermüdende treue Sorgfalt, das wäre keine
Freude mehr.
    Allmählich war die Dunkelheit hereingebrochen. Lotti lehnte sich zurück und
schloss die Augen. In leisen Halbschlaf versunken, hörte sie Agnes nach Hause
kommen und draussen Zurüstungen zur Abendmahlzeit treffen. Die Alte kehrte von
einem Besuch bei ihrer Schwester zurück, zu dem Lotti sie veranlasst hatte.
Mitten in der Woche und ohne jeden vernünftigen Grund war sie aufgefordert
worden, die Vergnügungsreise in die Vorstadt zu unternehmen. Gewöhnlich kam sie
von derselben in bester Laune heim; heute war sie gestimmt wie ein hungriger
Wolf.
    Schweigend zündete sie die Lampe an und beantwortete die Frage Lottis nach
dem Befinden der Schwester mit einem undeutlichen Gemurmel. Die ganze Agnes war
eitel Zurückhaltung, jede ihrer Mienen und Bewegungen sprach: Hast du deine
Geheimnisse, hab ich die meinen.
    Ihre mit grosser Ausdauer zur Schau getragene Gekränkteit begann ihre
Wirkung auf die Herrin auszuüben. Diese war hellmunter geworden. Es konnte auch
nicht anders sein, denn schweigend verhielt sich Agnes, aber nicht still. Sie
vollführte vielmehr mit einigen Tellern und einem Bestecke ein Gerassel, das in
Anbetracht der geringen Mittel, mit denen es verursacht wurde, ganz merkwürdig
zu nennen war.
    »Liebe Agnes«, begann Lotti sehr sanft und noch keineswegs im reinen über
die Fortsetzung, welche diese Anrede erhalten sollte. Da erschallte die
Hausglocke, und Agnes stürzte, abermals Unverständliches murmelnd, aus dem
Zimmer.
    »Das Fräulein zu Hause?« liess eine laute Stimme sich im Vorgemache
vernehmen, und im nächsten Augenblick trat Halwig ein.
    Er war bleich und erregt: »Erlöst!« stiess er, kaum fähig zu sprechen,
hervor. »Nehmen Sie teil an meinem Glück.« Er presste beide Hände gegen seine
Brust. - »Ich bin erlöst - ich bin ein freier Mann!«
    Lotti wagte nicht ihn anzusehen ... absichtlich täuschen - es bleibt doch
immer etwas Furchtbares. In äusserster Verlegenheit sprach sie: »Sie haben Ihren
Prozess ...«
    »Gewonnen! ja, ja, meine Hoffnung, die kühne, die ich nie aufgegeben, ist
erfüllt ... Fräulein Lotti - freuen Sie sich doch mit mir.«
    »Ich freue mich von ganzem Herzen, lieber Freund.«
    »Sehen Sie hierher! Erkennen Sie das?« Er zog ein Heft aus seiner Tasche. -
»Es ist dem Edlen, dem ich es gestern vor Ihren Augen übergab, zum zweiten Male
abgerungen worden und soll vor Ihren Augen in Rauch aufgehen.«
    Er hielt einige Blätter des Manuskriptes über die Lampe, sie entzündeten
sich; er schwang die Schrift hoch in der Luft, um sie in hellen Brand zu setzen,
und warf, nachdem dies geschehen, die lodernde in den Kamin. Mit wildem Behagen
schürte er die Flamme, die sein Geisteskind verzehrte, und rief: »Was nie hätte
geboren werden sollen, sterbe! Könnt ich alles so vernichten, was geschrieben zu
haben mich reut! Ein Trost bleibt mir übrigens«, fügte er mit bitterem Lachen
hinzu, indem er sich am Arbeitstische Lottis niederliess: »Lange werden meine
Werke den Unwillen der Freunde des Schönen nicht erregen. Mit dem Tage geht
unter, was dem Tage gedient. O Fräulein Lotti! ich hatte anderes von mir
erwartet. Erinnern Sie sich noch? Wissen Sie noch, was ich geträumt und
angestrebt? Wissen Sie noch, wie fest entschlossen ich war, diese Erde, die mich
getragen, nicht zu verlassen, ohne ihr die Spur meines Schrittes eingeprägt zu
haben?«
    Lotti senkte den Blick vor seinen fragend auf sie gerichteten Augen: »Jawohl
- was haben Sie, was habe ich Ihnen nicht zugetraut?«
    »Vorbei!« er erhob von neuem sein gequältes Lachen. »Sie haben noch nie
einen Menschen gesehen, mit dem es so völlig vorbei gewesen ist wie mit mir ...«
    »Es wird schon wieder anfangen«, sagte Lotti.
    »Sie wissen nicht, wie es in mir aussieht.«
    »Kommen Sie nur erst zur Ruhe.«
    »Die ist's ja, die ich fürchte!... Mit ihr kommt die Besinnung. In der
rastlosen Tätigkeit, in der ich lebte, hatte ich wenigstens nicht Zeit zur
Besinnung. Glauben Sie nicht, dass mir die Wohltat der Selbsttäuschung zuteil
geworden ... Immer wieder, trotz allem, was ich tat, um ihn zu verscheuchen,
immer wieder tauchte der Gedanke in mir auf: Was du treibst, ist Seelenmord ...
Ich habe Stunden des Rausches, des Triumphes gehabt, aber glücklich, liebe
Freundin, war ich nicht mehr, seitdem ich mein Talent im Dienste irdischer
Zwecke zu fronen zwang.«
    Lotti suchte nach Worten der Beschwichtigung, allein diejenigen, die sie
fand, erschienen ihr schwach und kühl und nicht besser als Gemeinplätze. Ihre
Ohnmacht, zu trösten, äusserte sich durch Ablenkung von der Klage. Sie verwies
ihn auf den segensreichen Einfluss, den das Landleben auf ihn ausüben werde, und
da rief er plötzlich beistimmend; »O ja, darauf zähl auch ich. Wonne und Wohltat
wird mir die Stille des Landlebens sein. Vor allem andern wird es mich
erquicken, meine kindische Frau am Ziel ihrer Wünsche zu sehen. Sie hasst die
Stadt, diese kindische Frau ... Sie müssen sie draussen im Freien sehen ... Im
Jagdgewand, den Stutzen in ihren kleinen Händen - ich sage Ihnen, sie schiesst
wie Wilhelm Tell. Oder man muss sie sehen, ein wildes Pferd bändigend, mit
Weisheit und Geduld - oder den Wald durchstreifend, kühn wie ein Jäger und hold
wie eine Fee. Das war mein Gram von Anfang an, dass ich sie aus ihrer grünen
Heimstätte, in der sie aufgewachsen ist und aufgeblüht, wo sie sich gesund
fühlt, hierherbringen musste, in dieses steinerne Grab, in dem sie das Dasein
einer Lerche im Käfig führt.«
    Sein Gesicht hatte sich verklärt, während er von seiner Frau sprach.
    »Ich liebe sie«, fügte er hinzu und wiederholte: »Ich liebe sie. Wie kann
das sein? denken Sie vielleicht, sie teilt ja deine geistigen Interessen nicht.
Ein Kind, Teuerste, tut das auch nicht, und man liebt es doch. Sie ist das
meine. Ein anderes wünsch ich nie zu haben, denn dieses würde gewiss lesen lernen
wollen, und das - Sie begreifen - dürfte ich ihm nicht gestatten ...« Er
unterbrach sich: »Immer mahnt es wieder!« rief er heftig aus und versank in
Schweigen.
    »Haben Sie Schweitzer gesprochen?« fragte Lotti nach einiger Zeit.
    »Nein. Er schrieb nur einen Zettel mit der grossen Nachricht, bedeutete mich
aber, ihn heute weder zu erwarten noch zu besuchen. Einer seiner Klienten
schiesst einen Teil der Summe vor, die ich erhalten werde - wann? ist wohl noch
nicht bestimmt. Morgen soll der Kaufkontrakt unterschrieben werden, in acht
Tagen reisen meine Schwiegereltern ab ... ein Schmerz für Agate - ich möchte
die Tränen nicht sehen müssen, die sie bei dem Abschied vergiessen wird. Ist der
aber einmal vorüber, dann habe ich sie erst ganz gewonnen, dann wird sie erst
mein alleiniges Eigentum. Lachen Sie mich nicht aus, Fräulein Lotti - wenn auch
noch soviel Grund dazu vorhanden ist. Die Liebe ist einmal partieller Wahnsinn,
und der meine scheint mir unheilbar, denn er verschlimmert sich von Tag zu Tag.«
    »Um so besser, lieber Freund; Sie haben mir da eine Menge Dinge gesagt, die
mir wunderbare Beruhigung verschaffen. Bisher konnt ich eine leise Sorge nicht
unterdrücken, dass Ihre Frau, noch so jung, so ausserordentlich schön und
gefeiert, wo immer sie erscheint, sich vielleicht doch auf die Dauer mit einem
ganz stillen und einförmigen Leben nicht begnügen würde.«
    »Die Sorge war unbegründet!« rief er zuversichtlich aus. »Besuchen Sie uns,
kommen Sie und bleiben Sie lange bei uns. Überzeugen Sie sich, ob ich recht habe
zu sagen: auf dem Lande ist Agate in ihrem wahren Element. Etwas viel Sport
werden Sie finden - sich vielleicht wundern, dass eine junge Dame so
leidenschaftliches Interesse an Dingen nimmt, die freilich nicht eben von
idealer Natur ... allein, Beste, das werden Sie zugestehen, die Freuden, die ihr
die höchsten sind, sind sehr unschuldige. Man spielt dabei manchmal um sein
Leben, aber nie um mehr. Ich wollt, ich hätte keine andere Begabung jemals in
mir verspürt als diejenige, die man braucht, um ein tüchtiger Reiter oder Jäger
zu werden. Bei Gott, das wollt ich ...«
    Er biss die Zähne zusammen und starrte vor sich hin in die Luft. »So ist es«,
murmelte er, erhob sich und trat auf Lotti zu.
    »Leben Sie wohl. Kommen Sie bald zu uns.«
    Sie ergriff die Hand, die er ihr reichte: »Leben Sie wohl, Halwig, und
werden Sie gesund.«
    »Gesund?«
    »Jawohl. Jetzt sind Sie's nicht.«
    Sie blickte mit der besorgten Teilnahme einer Mutter in sein Gesicht. »Eines
sagen Sie mir noch: Wie gedenken Sie Ihr Leben einzurichten?«
    »Sehr einfach. Ich will bei meinem Pächter Landwirtschaft studieren. Ich
will mit Aufmerksamkeit die Fortschritte der Dorfjugend in der Schule verfolgen.
Ich will mit einem Worte allerlei nützliche Dinge betreiben. Da ich nie mehr
etwas Schönes hervorbringen werde, will ich wenigstens versuchen, etwas
Vernünftiges zu tun.«
    »Und warum sollten Sie nichts Schönes mehr hervorbringen?«
    
    »Weil ich das Gefühl dafür verloren habe, dünkt mich ... das lässt sich nicht
wiedergewinnen.«
    Er riss sich gewaltsam aus den trüben Gedanken, die ihn von neuem zu umweben
begannen: »Auf Wiedersehen!«
    »Auf Wiedersehen, lieber Halwig. Noch etwas muss ich Ihnen sagen ... Denken
Sie sich, es wären Monate vergangen - Sie haben ausgeruht, haben einmal wieder
tief und gewaltig empfunden, dass die Welt schön und das Leben etwas wert ist -
und plötzlich beginnt es in Ihrer Seele zu tönen wie einst. Sie lauschen den
Klängen, Sie wollen nichts, als sich umspinnen lassen von den lieblichen
Harmonien und festalten, was die Ihnen vorgesungen. Und ohne Ihr Zutun, fast
ohne Ihr Bewusstsein, strömt ein harmloses Lied von Ihren Lippen, eines von
denen, wie die Nachtigallen und die Dichter sie singen, und die Welt heute nicht
mehr anhören mag, und die Verleger nicht mehr veröffentlichen. Ein solches, ein
so ganz unpraktisches, muss es sein. Die Stunde, Freund, in welcher dieses Lied
Ihnen gelingt, ist die Stunde Ihrer Wiedergeburt. Sie wird kommen. Ich will
einmal Kassandra sein und prophezeien, aber lauter Gutes. Und jetzt gehen Sie.
Auch ich bin erstaunlich müde und ruhebedürftig.«
    Er beugte sich über ihre Hände und küsste sie. -
    »Sie haben doch nicht ganz vergessen«, sagte er leise und innig, »dass Sie
einst die Braut eines Poeten waren - aber ich bin keiner mehr.«
    Er ging, und Lotti rief bald darauf die alte Agnes herein und wünschte ihr
mit besonderer Freundlichkeit eine gute Nacht. Der Wunsch blieb von der
zürnenden Dienerin unerwidert, und dennoch schlief Lotti bis zum Morgen in einem
Zuge. Sie hatte von ihren Uhren geträumt, sich wieder im Besitz derselben
gesehen, und ihr wurde nichts weniger als froh zumute, als sie am folgenden Tage
beim Frühstück sass, dem leeren Schranke gegenüber.
    Gottfried kam, sah verlegen aus, machte im Gespräch noch längere Pausen als
gewöhnlich, hatte eine Welt auf dem Herzen und war nicht imstande, ein
befreiendes Wort zu sprechen.
    »Was fehlt dir?« fragte Lotti.
    »Brave Gesellen«, antwortete er mit verstörten Blicken. »Es ist nichts an
den Leuten. Kein Ernst, kein Geschick, keine Liebe zum Handwerk. Sie können
nichts und wollen nichts lernen. Wenn das der Nachwuchs ist, wohin gelangen wir?
In fünfzehn Jahren gibt es in der ganzen Stadt keinen tüchtigen Uhrmacher mehr.«
    Das war nun freilich sehr traurig, aber dass ihm die Sache so völlig seine
Seelenruhe raubte, wie es nach und nach immer mehr den Anschein gewann, nahm
Lotti doch wunder. Sie hatte noch sehr oft Gelegenheit zu fragen: »Was fehlt
dir?« erhielt aber nie einen ordentlichen Bescheid. Seit dem Tage, an dem sie
ihre Uhren verkauft hatte, war Gottfrieds gleichmässig heitere Laune dahin. Wie
von jeher widmete er Lotti seine ganze Sorgfalt, suchte ihr alles Unangenehme
fernzuhalten, blieb immer der getreueste und aufmerksamste Freund, aber bei
alledem äusserte sich doch manchmal, und gewiss ganz gegen seinen Willen, etwas
wie ein stiller Vorwurf in seinem Wesen. Lotti hatte ihn wohl schon in früheren
Zeiten so gesehen und bei solcher Gelegenheit eine gewisse Ungeduld niemals
unterdrücken können. Jetzt empfand sie nur Rührung und Bedauern und staunte im
stillen über die Veränderung, die mit ihr vorgegangen war.
 
                                       14
Die Tage vergingen einförmig. Lotti führte ihr stilles Leben fort. Die einzige
Veränderung darin brachten die Besuche des Advokaten Schweitzer hervor. Er kam
sehr oft, zu Gottfrieds grosser Befriedigung. Dieser hatte für ihn eine Liebe
gefasst, kaum minder plötzlich wie die Romeos zu Julien, und äusserte dieselbe in
seiner beredten Weise: »Der ja! - ja der - das ist einer!«
    Der Doktor brachte Nachrichten von Halwigs. Das junge Paar befand sich auf
dem Gute; die Schwiegereltern waren nach England abgesegelt. Schweitzer
beschäftigte sich mit dem Ordnen ihrer Angelegenheiten. Sobald er damit
fertiggeworden, wollte er eine Reise nach dem Norden unternehmen, die heissen
Sommermonate in Norwegen oder gar in Island zubringen. Er sagte, seine Nerven
bedürften der Stärkung.
    »Ich bin nervenkrank wie alle Leute: Sie allein ausgenommen und Gottfried,
und vielleicht Ihre alte Agnes.«
    »Nun, ich weiss nicht«, meinte Lotti und liess ihre Augen von ihm auf
Gottfried hinübergleiten.
    Mit dessen Nerven, dachte sie, stände es auch nicht zum besten. Er war so
eigen, schien oft selbst nicht zu wissen, was er wollte. Mehrmals schon hatte
ihm Lotti Briefe von Halwig und Agate vorgelegt, in welchen Fräulein Fessler
beschworen wurde, zu ihnen zu kommen und einige Tage bei ihnen zuzubringen.
    Gottfried hatte nie etwas anderes dazu gesagt als: »Ja, sie sind sehr
höflich«, und: »Wann gehst du?« Aber dies geschah, in so gepresstem Tone, dass
Lotti immer wieder statt: »Morgen«, wie sie gewollt: »Ich weiss es noch nicht«,
antwortete.
    Endlich kam ein so herzliches und warmes Einladungsschreiben, von den beiden
Gatten unterzeichnet, dass Lotti, entschlossen, sich nicht länger bitten zu
lassen, noch am selben Abend zu ihrer Dienerin sprach: »Agnes, morgen fahre ich
um 8 Uhr mit dem Frühzuge fort. Wenn Gottfried vormittags nach mir fragt, sagst
du ihm, ich sei bei Halwigs und käme um sechs Uhr abends zurück. Wenn er mich
auf dem Bahnhof erwarten will, so wird mich das sehr freuen.«
    Agnes war überaus zufrieden mit diesem Auftrage. In ihrer Einbildung
schwelgte sie schon im Genusse des Erstaunens, mit dem Gottfried ihre Botschaft
vernehmen, und der Fragen, die er an sie stellen werde. Sie bereitete sich
sogleich auf die Künste vor, mit denen sie dasselbe noch erhöhen wollte, und
schlief mit dem heissen Wunsche ein, dass ihr nur das Wetter keinen Strich durch
die Rechnung machen möge.
    Dieser Wunsch erfüllte sich vollständig. Der schönste Tag, welchen der junge
Sommer dieses Jahres noch gespendet, brach am nächsten, einem Sonntagmorgen, an.
Die herrlichste Junisonne glänzte, der reinste Himmel blaute über dem
schnaubenden, dampfenden Eisenbahnzuge, der Lotti aus der Stadt entführte.
    Nach zweistündiger Fahrt war sie an der kleinen Station angelangt, in deren
Nähe das Gut Halwigs sich befand. Dahin, wie Lotti durch Schweitzer wusste,
führte ein bequemer Feldweg, und sie hatte sich vorgenommen, die kurze Strecke
zu Fusse zurückzulegen. Irrezugehen war unmöglich. Die Villa lag in dem grünen
Wiesenland weitin sichtbar, wie eine Perle im offenen Schreine.
    Munter begab sich Lotti auf die Wanderung. Sie fühlte sich erquickt durch
die rasche Bewegung und auch ein wenig berauscht durch die ungewohnte kräftige
Luft. Sie war allmählich in die gehobene Stimmung geraten, die beinahe jedes
Stadtkind erfasst, wenn es plötzlich aus seiner ummauerten in die unbegrenzte
Welt versetzt wird. Die atmet Frische und Freudigkeit und teilt einem
empfänglichen Gemüt schon etwas davon mit. Alles so freundlich und üppig
bewachsen oder bewaldet, die Weiden, die Auen und der Gürtel von wellenförmigen
Hügeln, der die liebliche Gegend umschloss. Das Schönste aber, das war die
gewaltige Bergkette im fernen Hintergrund. Kaum zu unterscheiden von den
Wolkengebilden am Horizont lag sie in silberner Dämmerung wie ein Wunder da, und
wie ein Wunder schien von ihr ein sehnsuchtweckender Zauber auszugehen. Lotti
näherte sich der Villa. Zwei Fahnen wehten von ihren schlanken Türmchen und
verkündeten, dass Herr und Frau vom Hause anwesend seien. Der Weg führte an der
Umzäunung des Gartens, einem feinen Drahtgitter auf niederem Mauersockel,
vorbei. Lotti schritt denselben entlang und kam bei dem geöffneten Tor zugleich
mit einem Reiter an, der sich vom Hause her genähert hatte. Dieser, ein kleines,
dürres Männchen, hielt seinen langhalsigen Braunen, welcher schnob, als ob er
Feuer geschluckt hätte, ein wenig an, um Lotti eintreten zu lassen. Ohne die
Kappe zu rücken, aber mit gutmütiger Herablassung beantwortete er die Fragen der
Fremden. Die »Herrschaften« waren ins nächste Dorf zur Kirche gegangen und
dürften in einer Stunde zurückkehren. Länger bleiben sie schwerlich fort, denn
um zwölf Uhr wird gefrühstückt.
    Eine Stunde warten also! - das ist im Grunde so schlimm nicht. Man kann die
Zeit benützen, um den Garten anzusehen, und nebenbei um ein wenig auszuruhen.
    Von dem breiten Kieswege der Avenue lenkte Lotti in einen schmaleren ein.
Kein Mensch war sichtbar, soweit sie blickte, ringsumher herrschte die echte,
ländliche Sonntagseinsamkeit. Lotti kam an einem herrlichen Tulpenbaum vorüber
und betrat einen Fichtenhain, dessen kühler Schatten sie lockte. Unter den
Bäumen stand eine eiserne Bank, auf diese liess sie sich nieder.
    Es ist doch ein gutes Ding, das Land! dachte sie und atmete tief und sah
sich mit Entzücken in ihrer stillen Raststätte um. Die Fichten waren der unteren
Äste schon beraubt, aber junger Nachwuchs bildete von aussen einen Halbkreis um
den Hain, exotische Topfpflanzen füllten die kahlen Stellen zwischen den Stämmen
der alten Bäume. Zarte, südländische Palmen, Ficus, Daphnen, Begonien liessen
sich's wohl sein im Schutze der nordischen Riesen. Die Königin der Araucarien,
die Excelsia, breitete ihre farrenkrautähnlichen Zweige in majestätischer Anmut
aus. Harzgeruch erfüllte die Luft, die Vögel sangen, im Grase schwirrte und
summte es. Mit reichgefülltem Gurt kehrten emsige Bienen vom Besuche der
blühenden Sommerlinden heim. Alles eifrig, alles beschäftigt, alles, was da
schwebte, flog und kroch, sich selber so wichtig und so kühn in seiner Schwäche,
so unverdrossen in der Ausübung seiner kleinen Kräfte.
    Lotti schaute und lauschte und gab sich völlig dem Gefühl der süssesten Ruhe
hin. Still genoss sie die köstliche Stunde, dieses bewegte, rastlose und doch so
friedvolle Leben und Weben um sie her ... halb unbewusst, gedankenlos ... da
plötzlich erklang aus der Ferne das Geläute eines Glöckleins.
    Zwölf Uhr. - In zwei Stunden muss sie fort, Gottfried erwartet sie, und das
darf nicht umsonst geschehen. Er hat eine herbe Enttäuschung gehabt, als er kam
und sie nicht zu Hause traf. Er wird die Zeit sehr lang finden und sich gewiss
mit der Vorstellung quälen, dass sie nicht kommt. Aber sie wird kommen! und wenn
sie scheiden müsste, ohne diejenigen gesehen zu haben, denen zuliebe sie eine Art
von Flucht unternommen hat. Diese sind übrigens vielleicht schon längst von
ihrem Kirchgang zurück, warum bildet Lotti sich denn ein, dass sie gerade hier
vorüberkommen müssen? Sie erhob sich, um den Hain zu verlassen, und im selben
Augenblick vernahm sie das Gleiten langsamer Schritte über den Kies und sah ein
weisses Kleid durch die Zweige der kleinen Bäume schimmern.
    Halwig und Agate näherten sich, schon waren ihre Stimmen deutlich zu
unterscheiden. Lotti eilte ihnen entgegen, war aber noch nicht auf dem Wege
angelangt, als sie zögernd stehenblieb.
    Die beiden Menschen, die da einherwandelten, boten den seltensten Anblick,
der auf Erden zu finden ist: den des vollkommenen Glückes. Sie hielten einander
umschlungen. Sein Kopf war leicht geneigt, der ihre leicht erhoben, sie sahen
einander in die Augen und flüsterten sich lächelnd und leise einzelne Worte zu.
Sie schienen sich in Ausdrücken der Zärtlichkeit überbieten zu wollen, allein
ihr Wetteifer hatte nichts Unruhiges, nichts Stürmisches. In diesem Kampf zu
siegen oder zu unterliegen musste gleich süss sein. Da war kein Ringen, kein
Sehnen, kein banger Zweifel, da war Erfüllung mit ihrem himmlischen Frieden.
    Sie kamen näher, ganz nah. Lotti meinte, von ihnen bemerkt worden zu sein
... doch irrte sie. Hermann und Agate gingen vorbei, jedes blind für alles, was
nicht das andere war, jedes dem andern eine ganze Welt. Nun waren sie am Ende
des Weges angelangt, schritten über den Vorplan - verschwanden im Hause.
    Lotti folgte ihnen nicht.
    Was soll ich bei euch, dachte sie, ihr braucht keinen Dritten.
    Einige Zeit verweilte sie noch, sinnend und träumend, in dem Haine, der ihr
zuerst eine traute Gastfreundschaft und später, ohne dass sie es gewollt und
gesucht, ein sicheres Versteck geboten hatte, dann trat sie ruhig den Rückweg
an.
    Die Hitze war drückend geworden. Lotti schlich mehr, als sie ging, sie hatte
ja keine Eile; kam immer noch zu dem ausbündigen Vergnügen zurecht, ein paar
Stunden lang vor dem Stationshäuschen auf und ab zu wandeln. Weit und breit kein
Schatten, nur Wiesen und Felder. Nichts als schon in ziemlicher Nähe der
Station, neben dem Grenzpfahl des Halwigschen Besitzes, ein steinernes Kreuz,
von vier jungen Pappeln umgeben. Dort liess sich ebenfalls ein wenig rasten, aber
nicht im Schatten: davon war nicht die Rede, die Sonne stand ja noch im
Scheitel. Gleichviel. Eine Landstreicherin, wie Lotti nachgerade geworden, dankt
Gott auch für die Wohltat, auf steinerne Stufen gelagert, die Zeit, deren sie
zuviel hat, an sich vorüberziehen zu lassen.
    Sie trat an das Kreuz heran und bemerkte bald, dass sie keinen besseren Punkt
hätte finden können, um Villa Halwig noch einmal recht nach Herzenslust zu
betrachten. Das tat sie lange, und das innigste Gebet für die Erhaltung fremden
Glückes, das einer Menschenbrust entsteigen kann, wurde zu Füssen des steinernen
Kreuzes gesprochen.
    Sodann setzte Lotti ihren Weg fort.
    Sie begann ihre ganze Ausfahrt höchst drollig zu finden. Die Einladungen
Halwigs und Agatens hatten sie mit dem Gefühl einer Verpflichtung belastet, dem
sie gemeint durchaus genugtun zu müssen. So hatte sie sich denn aufgemacht, war
gekommen und hatte, statt der sehnsüchtig ihrer wartenden Freunde, ein
Liebespärchen gefunden, das verspätete Honigwochen beging und dem man keinen
grösseren Gefallen erzeigen konnte, als es allein zu lassen.
    Sie kam sich ein wenig lächerrlich vor, die gute Lotti, aber was schadet das
einer so anspruchslosen Persönlichkeit wie ihr? - Nicht das geringste; und sie
lachte im stillen und fühlte sich seelenvergnügt, obwohl von einem gewissen
Unbehagen ergriffen, das - ein klägliches Ende ihrer poetischen Pilgerfahrt -
durch ganz prosaischen Hunger hervorgerufen wurde.
    Sie beschleunigte ihre Schritte. Ihre Absicht war, an der Tür des
Stationshäuschens zu pochen und von seinen Einwohnern für Geld und gute Worte
eine kleine Stärkung zu erlangen.
    Das Pochen blieb ihr erspart. Die Frau des Bahnwächters, ein stämmiges,
dunkeläugiges Weib, stand am Zaun ihres kleinen Gartens und nahm hier das
Ersuchen der Fremden entgegen. Ihr Benehmen war anfangs nicht sehr ermutigend
für den hergelaufenen Gast, wurde aber bald so zutraulich, dass Lotti sich
fragte, ob dieses leutselige Wesen etwa der Freimaurerei, die nach Schweitzers
Meinung zwischen ehrlichen Leuten besteht, zuzuschreiben sei.
    Eine Stunde später sass sie so gemütlich, als ob sie zur Familie gehörte, in
der Bahnwächterstube. Der Mann rauchte ihr gegenüber seinen schlechten Tabak aus
einer hölzernen Pfeife, das Weib, an einer groben Jacke flickend, hatte neben
ihr Platz genommen auf der Bank und der pausbäckige Sprössling des Ehepaares
sich's auf Lottis Schösse bequem gemacht. Sie fand, er habe Ähnlichkeit mit einem
ihrer Horatier, und das hatte sie sofort für ihn gewonnen.
    Die Frau war bereits mit der Erzählung ihrer ganzen Lebensgeschichte
fertiggeworden und schien nicht übel Lust zu haben, wieder von vorn anzufangen.
Einleitende Betrachtungen wurden schon vorausgeschickt.
    Ja, sie stand in ihrem zweiundvierzigsten Jahre, und ihr Bub hatte kürzlich
erst sein drittes erreicht.
    »Arme Leut kommen halt spät zum Heiraten. Auch darin, auch in so einer Sach
haben's die Reichen besser.«
    Da erhob sich der Mann, der Schnellzug musste bald auf die Strecke kommen, in
einigen Minuten wurde es Zeit, den Signalflügel aufzuziehen.
    Nachdem er die Stube verlassen hatte - er war ein alter Mensch und sah recht
mürrisch aus - begann seine Gattin, ihn zu loben. »Er« war brav. »Er« war
allgemein geachtet. Wunder wie viele Unglücksfälle hatte »er« durch seine
Wachsamkeit verhütet. Sein Bub gerät ihm nach, ist wirklich schon jetzt der
ganze Vater. Sie zog den Jungen an sich, gab ihm einen schallenden Kuss und fuhr
mit allen fünf Fingern durch seinen zerzausten Schöpf. Ein rührender Ausdruck
von Zärtlichkeit milderte und verschönerte die harten Züge ihres sonnverbrannten
Gesichts, während sie ihrem Kinde diese derben Liebkosungen erteilte.
    »Heute ist ein rechter Sonntag«, sagte Lotti zu ihr, »heute habe ich zwei
glückliche Ehepaare gesehen.«
    Die Frau blickte sie befremdet an.
    »Und Sie?... Sind doch auch glücklich?«
    »Ich bin auch glücklich.«
    »So? und -« sie neigte den Kopf mit neugieriger Vertraulichkeit, »und was
ist denn Ihr Herr?«
    »Ich habe keinen; ich bin eine alte Jungfer.«
    »So?... eine alte Jungfer«, wiederholte die Frau, sichtlich erkaltet und
enttäuscht. Und als der Mann nun ans Fenster klopfte, um der Reisenden zu
bedeuten, dass es Zeit war aufzubrechen, stach der gleichgültige Abschied, den
die Wirtin von ihrem Gaste nahm, von deren früherer Freundlichkeit merklich ab.
Sie hätte sich nicht anders benehmen können, wenn sie mit einem Male von Reue
ergriffen worden wäre über ein übel angebrachtes Vertrauen.
    Lächelnd über den Misskredit, in welchen sie plötzlich bei ihrer neuen
Freundin geraten, stieg Lotti in den Waggon.
    Nur noch ein Platz war in demselben frei, und sie nahm ihn ein, zum
offenbaren Verdruss einer geschlossenen Gesellschaft, die das Coupé besetzt
hatte. Diese, ein übermütiges Völkchen, liess sich, nachdem ihr erster Unwillen
über den Eindringling verraucht war, in ihrer Unterhaltung nicht stören. Lotti
verbrachte zwei unangenehme Stunden in dem lauten und lustigen Kreise. Ein
Gefühl der Vereinsamung ergriff sie, das wegzuspotten sie sich vergeblich
bemühte.
    Endlich brauste die Lokomotive in den Bahnhof, und das erste, was Lotti
erblickte, war Gottfrieds lange Gestalt. Er stand an die Mauer gelehnt - ein
Bild der Hoffnungslosigkeit - starrte die Leute an, die dem Zuge entstiegen,
und: Sie kommt nicht! Sie kommt nicht! klagte es in seinem Herzen.
    Aber nun fuhr er zusammen ... Sie war da - ihre Hand lag auf seinem Arme.
    »Das hätt ich nicht gedacht ... dass sie dich fortlassen ... dass du ihnen
widerstehen kannst.«
    Wie ein Verzückter blickte er sie an. »Ich hab einen Wagen.«
    Nein, für den dankte sie; sie war froh, dem Waggon entronnen zu sein, wollte
zu Fuss mit Gottfried nach Hause gehen und ihm unterwegs ihre Erlebnisse
erzählen.
    Also geschah es. Er hörte ihr mit äusserster Spannung zu und ging schweigend
neben ihr her. Erst als sie von der Empfindung der Überflüssigkeit sprach, von
der sie beim Anblick Halwigs und seiner Frau überkommen worden, bot er ihr
plötzlich seinen Arm und drückte den ihren fest an sich.
    »Hier bedarf man deiner«, sagte er. »Du warst dir dort zuviel, ich - war mir
hier zuwenig.«
    Die letzten Worte sollten in scherzhaftem Tone gesprochen sein, kamen aber
sehr wehmütig heraus.
    »Und was hast du getan den ganzen langen Tag?« fragte Lotti.
    Gottfried räusperte sich: »Hm - gewartet.«
    »Sonst nichts?«
    »Oh, es war genug! Ich weiss keine schwerere Arbeit.«
    Er ergriff ihre Hand, und sie wurde ihm nicht entzogen; darüber geriet er in
eine Begeisterung, die zu schildern keine noch so hinreissende Beredsamkeit
imstande gewesen wäre. Die seine beschränkte sich auf den leisen Ausruf: »Liebe
Lotti!«
    Der Druck seiner Hand wurde erwidert, und »Guter Gottfried!« sprach sie, die
er im Herzen trug von seiner Jugend und von ihrer Kindheit an.
    Ein Schauer der Wonne durchrieselte ihn. Wär's denkbar? Wär's möglich?...
Sollte er am Ende doch noch das Ziel und den Inbegriff aller seiner Wünsche
erreichen?...
    Ja, ja, antworteten die milden Augen, in die er fragend blickte, und der
Mund, den er liebte, sprach: »Guter Gottfried, nicht erst seit heute weiss ich,
dass du mir das Liebste auf der Welt bist.«
    Da hätte er beinahe laut aufgejauchzt. Es war ein Glück, dass sie vor Lottis
Hause angelangt waren. Getreulich und jahrelang hatte er das Geheimnis seiner
tiefsten Sehnsucht in sich verschlossen, der Jubel wollte ihm die Brust
zersprengen. Ein seliger Mann, fasste er seine Braut in seine Arme, und sie musste
abwehren, sonst hätte er sie wahrhaftig die Treppe hinaufgetragen. Oben
angelangt, stürmte er derart an der Glocke, dass Agnes in voller Empörung
herbeieilte: »Wie kann man so anreissen?« rief die Alte.
    »Ihretwegen, Agnes!« antwortete er, »ich kann es nicht erwarten, Ihnen zu
sagen - Sie sind die erste, die's erfährt ... Sehen Sie uns an! Wir sind
Brautleute!«
In aller Stille wurde einige Wochen später der Bund geschlossen, der Gottfried
und Lotti für immer vereinigte. Mitten im lärmenden Treiben der Stadt spann sich
ihr Dasein im seligen Frieden ab. Eine kaum noch erhoffte Erhöhung ihres Glückes
wurde ihnen zuteil, als nach zwei Jahren, an einem Spätsommerabend, ein kleiner
Johannes Fessler gerade in dem Augenblick das Licht der Welt begrüsste, in welchem
draussen die Sonne wunderbar schön unterging und im Zimmer die goldene Spieluhr,
zum siebenzehnten Male an dem Tage, ihr Schäferliedchen anstimmte.
    Seltsam ergriff es die Eheleute, als sie später erfuhren, dass es auch
derselbe Tag gewesen, an dem Villa Halwig neuerdings ihren Besitzer gewechselt.
Das Reich Hermanns hatte kurze Dauer gehabt. Er und Agate waren bald aus dem
süssen Hindämmern erwacht, in das die Befreiung von ihren Sorgen sie versetzt
hatte. Sie, gewöhnt an das rege Treiben ihres grossen Familienkreises auf dem
Lande, begann sich zu langweilen allein mit ihrem Manne. Und auch ihm verlangte,
und vielleicht noch heisser, nach Zerstreuung. Er wollte die Sehnsucht betäuben,
die ihn in seiner Ruhe, seinem Behagen störte, die ihn bis in die Arme des
geliebten Weibes verfolgte, die Sehnsucht nach den Qualen und Wonnen seiner
Lohnschreibernächte, nach dem Fieber, das ihn durchraste, wenn er seine
Romanfiguren schuf, sie leiden, sündigen, in Blut und in Schlamm waten liess, und
den Zauber erfuhr, mit dem sie ihn umstrickten. Dazu die hastende Eile, in
welcher ihr Schicksal gewoben und ihr Verhängnis erfüllt werden musste; die Angst
vor dem Misslingen, und dann wieder die Glückseligkeit, wenn das Unerwartete
geschah, wenn die Gestalten, die ihm unter der Hand lebendig geworden, zuletzt
durch eigene Kraft einen Abschluss herbeiführten, kühner als er ihn geahnt hatte.
Halwig erfuhr, dass wer solche Aufregungen kennengelernt, sie nicht mehr missen
kann und nach ihnen zurückverlangt, und wär's aus dem Himmel. So sandte er dem
schwindenden, mit Hilfe Agatens und ihrer Brüder rasch aufgezehrten Wohlstand
kaum einen Gedanken des Bedauerns nach. Zur Zeit, in welcher das Gut verkauft
werden musste, machte die Gesundheit Agatens einen Aufentalt an der See
notwendig. Hermann liess sie allein zu ihren Eltern ziehen und kehrte zu den
seligen Bitternissen seiner Schriftstellerei zurück. Die Früchte, die sie
lieferte, wurden noch immer in gewissen Leserkreisen verschlungen, dem Advokaten
Schweitzer jedoch sagten sie nicht zu, und er sprach einmal zu Lotti: »Ich mache
mir Vorwürfe. Das Opfer, zu dem ich Sie verleitet habe, war umsonst gebracht.«
    Aber Lotti erwiderte: »Nicht umsonst.«
    Ihr Mann blickte sie lächelnd an: »Ohne meine Entrüstung über dieses Opfer«,
sagte er, »wüsste sie vielleicht heute noch nicht, dass der Gottfried auch einmal
etwas für sich wollen konnte.«
 
    