
        
                                 Johanna Spyri
                          Heidis Lehr- und Wanderjahre
                                Zum Alm-Öhi hinauf
Vom freundlichen Dorfe Maienfeld führt ein Fussweg durch grüne, baumreiche Fluren
bis zum Fusse der Höhen, die von dieser Seite gross und ernst auf das Tal
herniederschauen. Wo der Fussweg anfängt, beginnt bald Heideland mit dem kurzen
Gras und den kräftigen Bergkräutern dem Kommenden entgegenzuduften, denn der
Fussweg geht steil und direkt zu den Alpen hinauf.
    Auf diesem schmalen Bergpfade stieg am hellen, sonnigen Junimorgen ein
grosses, kräftig aussehendes Mädchen dieses Berglandes hinan, ein Kind an der
Hand führend, dessen Wangen so glühend waren, dass sie selbst die sonnverbrannte,
völlig braune Haut des Kindes flammendrot durchleuchteten. Es war auch kein
Wunder: das Kind war trotz der heissen Junisonne so verpackt, als hätte es sich
eines bitteren Frostes zu erwehren. Das kleine Mädchen mochte kaum fünf Jahre
zählen; was aber seine natürliche Gestalt war, konnte man nicht ersehen, denn es
hatte sichtlich zwei, wenn nicht drei Kleider übereinander angezogen und
drüberhin ein grosses, rotes Baumwollentuch um und um gebunden, so dass die kleine
Person eine völlig formlose Figur darstellte, die, in zwei schwere, mit Nägeln
beschlagene Bergschuhe gesteckt, sich heiss und mühsam den Berg hinaufarbeitete.
Eine Stunde vom Tal aufwärts mochten die beiden gestiegen sein, als sie zu dem
Weiler kamen, der auf halber Höhe der Alm liegt und »im Dörfli« heisst. Hier
wurden die Wandernden fast von jedem Hause aus angerufen, einmal vom Fenster,
einmal von einer Haustür und einmal vom Wege her, denn das Mädchen war in seinem
Heimatsort angelangt. Es machte aber nirgends Halt, sondern erwiderte alle
zugerufenen Grüsse und Fragen im Vorbeigehen, ohne stillzustehen, bis es am Ende
des Weilers bei dem letzten der zerstreuten Häuschen angelangt war. Hier rief es
aus einer Tür: »Wart einen Augenblick, Dete, ich komme mit, wenn du weiter
hinaufgehst.«
    Die Angeredete stand still; sofort machte sich das Kind von ihrer Hand los
und setzte sich auf den Boden.
    »Bist du müde, Heidi?« fragte die Begleiterin.
    »Nein, es ist mir heiss«, entgegnete das Kind.
    »Wir sind jetzt gleich oben, du musst dich nur noch ein wenig anstrengen und
grosse Schritte nehmen, dann sind wir in einer Stunde oben«, ermunterte die
Gefährtin.
    Jetzt trat eine breite, gutmütig aussehende Frau aus der Tür und gesellte
sich zu den beiden. Das Kind war aufgestanden und wanderte nun hinter den zwei
alten Bekannten her, die sofort in ein lebhaftes Gespräch gerieten über allerlei
Bewohner des »Dörfli« und vieler umherliegender Behausungen.
    »Aber wohin willst du eigentlich mit dem Kinde, Dete?« fragte jetzt die neu
Hinzugekommene. »Es wird wohl deiner Schwester Kind sein, das hinterlassene.«
    »Das ist es«, erwiderte Dete, »ich will mit ihm hinauf zum Öhi, es muss dort
bleiben.«
    »Was, beim Alm-Öhi soll das Kind bleiben? Du bist, denk' ich, nicht recht
bei Verstand, Dete! Wie kannst du so etwas tun! Der Alte wird dich aber schon
heimschicken mit deinem Vorhaben!«
    »Das kann er nicht, er ist der Grossvater, er muss etwas tun, ich habe das
Kind bis jetzt gehabt, und das kann ich dir schon sagen, Barbel, dass ich einen
Platz, wie ich ihn jetzt haben kann, nicht dahinten lasse um des Kindes willen;
jetzt soll der Grossvater das Seinige tun.«
    »Ja, wenn der wäre wie andere Leute, dann schon«, bestätigte die kleine
Barbel eifrig; »aber du kennst ja den. Was wird der mit einem Kinde anfangen und
dann noch einem so kleinen! Das hält's nicht aus bei ihm! Aber wo willst du denn
hin?«
    »Nach Frankfurt«, erklärte Dete, »da bekomm' ich einen extraguten Dienst.
Die Herrschaft war schon im vorigen Sommer unten im Bad, ich habe ihre Zimmer
auf meinem Gang gehabt und sie besorgt, und schon damals wollten sie mich
mitnehmen, aber ich konnte nicht fortkommen, und jetzt sind sie wieder da und
wollen mich mitnehmen, und ich will auch gehen, da kannst du sicher sein.«
    »Ich möchte nicht das Kind sein!« rief die Barbel mit abwehrender Gebärde
aus. »Es weiss ja kein Mensch, was mit dem Alten da oben ist! Mit keinem Menschen
will er etwas zu tun haben, jahraus, jahrein setzt er keinen Fuss in eine Kirche,
und wenn er mit seinem dicken Stock im Jahr einmal herunterkommt, so weicht ihm
alles aus und muss sich vor ihm fürchten. Mit seinen dicken grauen Augenbrauen
und dem furchtbaren Bart sieht er auch aus wie ein alter Heide und Indianer, dass
man froh ist, wenn man ihm nicht allein begegnet.«
    »Und wenn auch«, sagte Dete trotzig, »er ist der Grossvater und muss für das
Kind sorgen, er wird ihm wohl nichts tun, sonst hat er's zu verantworten, nicht
ich.«
    »Ich möchte nur wissen«, sagte die Barbel forschend, »was der Alte auf dem
Gewissen hat, dass er solche Augen macht und so mutterseelenallein da droben auf
der Alm bleibt und sich fast nie blicken lässt. Man sagt allerhand von ihm; du
weisst doch gewiss auch etwas davon, von deiner Schwester, nicht, Dete?«
    »Freilich, aber ich rede nicht; wenn er's hörte, so käme ich schön an!«
    Aber die Barbel hätte schon lange gern gewusst, wie es sich mit dem Alm-Öhi
verhalte, dass er so menschenfeindlich aussehe und da oben ganz allein wohne und
die Leute immer so mit halben Worten von ihm redeten, als fürchteten sie sich,
gegen ihn zu sein, und wollten doch nicht für ihn sein. Auch wusste die Barbel
gar nicht, warum der Alte von allen Leuten im Dörfli der Alm-Öhi genannt wurde,
er konnte doch nicht der wirkliche Oheim von den sämtlichen Bewohnern sein; da
aber alle ihn so nannten, tat sie es auch und nannte den Alten nie anders als
Öhi, was die Aussprache der Gegend für Oheim ist. Die Barbel hatte sich erst vor
kurzer Zeit nach dem Dörfli hinauf verheiratet, vorher hatte sie unten im
Prättigau gewohnt, und so war sie noch nicht so ganz bekannt mit allen
Erlebnissen und besonderen Persönlichkeiten aller Zeiten vom Dörfli und der
Umgegend. Die Dete, ihre gute Bekannte, war dagegen vom Dörfli gebürtig und
hatte da gelebt mit ihrer Mutter bis vor einem Jahr; da war diese gestorben, und
die Dete war nach dem Bade Ragaz hinübergezogen, wo sie im grossen Hotel als
Zimmermädchen einen guten Verdienst fand. Sie war auch an diesem Morgen mit dem
Kinde von Ragaz hergekommen; bis Maienfeld hatte sie auf einem Heuwagen fahren
können, auf dem ein Bekannter von ihr heimfuhr und sie und das Kind mitnahm. -
Die Barbel wollte also diesmal die gute Gelegenheit, etwas zu vernehmen, nicht
unbenutzt vorbeigehen lassen; sie fasste vertraulich die Dete am Arm und sagte:
»Von dir kann man doch vernehmen, was wahr ist und was die Leute darüber hinaus
sagen; du weisst, denk' ich, die ganze Geschichte. Sag mir jetzt ein wenig, was
mit dem Alten ist und ob der immer so gefürchtet und ein solcher Menschenhasser
war.«
    »Ob er immer so war, kann ich, denk' ich, nicht präzis wissen, ich bin jetzt
sechsundzwanzig und er sicher siebzig Jahr' alt; so hab' ich ihn nicht gesehen,
wie er jung war, das wirst du nicht erwarten. Wenn ich aber wüsste, dass es
nachher nicht im ganzen Prättigau herumkäme, so könnte ich dir schon allerhand
erzählen von ihm; meine Mutter war aus dem Domleschg und er auch.«
    »A bah, Dete, was meinst denn?« gab die Barbel ein wenig beleidigt zurück;
»es geht nicht so streng mit dem Schwatzen im Prättigau, und dann kann ich schon
etwas für mich behalten, wenn es sein muss. Erzähl mir's jetzt, es muss dich nicht
gereuen.«
    »Ja nu, so will ich, aber halt Wort!« mahnte die Dete. Erst sah sie sich
aber um, ob das Kind nicht zu nah sei und alles anhöre, was sie sagen wollte;
aber das Kind war gar nicht zu sehen, es musste schon seit einiger Zeit den
beiden Begleiterinnen nicht mehr gefolgt sein, diese hatten es aber im Eifer der
Unterhaltung nicht bemerkt. Dete stand still und schaute sich überall um. Der
Fussweg machte einige Krümmungen, doch konnte man ihn fast bis zum Dörfli
hinunter übersehen, es war aber niemand darauf sichtbar.
    »Jetzt seh' ich's«, erklärte die Barbel; »siehst du dort?« und sie wies mit
dem Zeigefinger weit ab vom Bergpfad. »Es klettert die Abhänge hinauf mit dem
Geissenpeter und seinen Geissen. Warum der heut' so spät hinauffährt mit seinen
Tieren? Es ist aber gerad' recht, er kann nun zu dem Kinde sehen, und du kannst
mir um so besser erzählen.«
    »Mit dem Nach-ihm-sehen muss sich der Peter nicht anstrengen«, bemerkte die
Dete; »es ist nicht dumm für seine fünf Jahre, es tut seine Augen auf und sieht,
was vorgeht, das hab' ich schon bemerkt an ihm, und es wird ihm einmal zugut'
kommen, denn der Alte hat gar nichts mehr als seine zwei Geissen und die
Almhütte.«
    »Hat er denn einmal mehr gehabt?« fragte die Barbel.
    »Der? Ja, das denk' ich, dass er einmal mehr gehabt hat«, entgegnete eifrig
die Dete; »eins der schönsten Bauerngüter im Domleschg hat er gehabt. Er war der
ältere Sohn und hatte nur noch einen Bruder, der war still und ordentlich. Aber
der Ältere wollte nichts tun, als den Herrn spielen und im Lande herumfahren und
mit bösem Volk zu tun haben, das niemand kannte. Den ganzen Hof hat er verspielt
und verzecht, und wie es herauskam, da sind sein Vater und seine Mutter
hintereinander gestorben vor lauter Gram, und der Bruder, der nun auch am
Bettelstab war, ist vor Verdruss in die Welt hinaus, es weiss kein Mensch wohin,
und der Öhi selber, als er nichts mehr hatte als einen bösen Namen, ist auch
verschwunden. Erst wusste niemand wohin, dann vernahm man, er sei unter das
Militär gegangen nach Neapel, und dann hörte man nichts mehr von ihm zwölf oder
fünfzehn Jahre lang. Dann auf einmal erschien er wieder im Domleschg mit einem
halberwachsenen Buben und wollte diesen in der Verwandtschaft unterzubringen
suchen. Aber es schlossen sich alle Türen vor ihm, und keiner wollte mehr etwas
von ihm wissen. Das erbitterte ihn sehr; er sagte: ins Domleschg setze er keinen
Fuss mehr, und dann kam er hierher ins Dörfli und lebte da mit dem Buben. Die
Frau muss eine Bündnerin gewesen sein, die er dort unten getroffen und dann bald
wieder verloren hatte. Er musste noch etwas Geld haben, denn er liess den Buben,
den Tobias, ein Handwerk erlernen, Zimmermann, und der war ein ordentlicher
Mensch und wohlgelitten bei allen Leuten im Dörfli. Aber dem Alten traute
keiner, man sagte auch, er sei von Neapel desertiert, es wäre ihm sonst schlimm
gegangen, denn er habe einen erschlagen, natürlich nicht im Krieg, verstehst du,
sondern beim Raufhandel. Wir anerkannten aber die Verwandtschaft, da meiner
Mutter Grossmutter mit seiner Grossmutter Geschwisterkind gewesen war. So nannten
wir ihn Öhi, und da wir fast mit allen Leuten im Dörfli wieder verwandt sind vom
Vater her, so nannten ihn diese alle auch Öhi, und seit er dann auf die Alm
hinaufgezogen war, hiess er eben nur noch der Alm-Öhi.«
    »Aber wie ist es dann mit dem Tobias gegangen?« fragte gespannt die Barbel.
    »Wart nur, das kommt schon, ich kann nicht alles auf einmal sagen«, erklärte
Dete. »Also der Tobias war in der Lehre draussen in Mels, und sowie er fertig
war, kam er heim ins Dörfli und nahm meine Schwester zur Frau, die Adelheid,
denn sie hatten sich schon immer gern gehabt, und auch wie sie nun verheiratet
waren, konnten sie's sehr gut zusammen. Aber es ging nicht lange. Schon zwei
Jahre nachher, wie er an einem Hausbau mitalf, fiel ein Balken auf ihn herunter
und schlug ihn tot. Und wie man den Mann so entstellt nachhause brachte, da fiel
die Adelheid vor Schrecken und Leid in ein heftiges Fieber und konnte sich nicht
mehr erholen, sie war sonst nicht sehr kräftig und hatte manchmal so eigene
Zustände gehabt, dass man nicht recht wusste, schlief sie, oder war sie wach. Nur
ein paar Wochen, nachdem der Tobias tot war, begrub man auch die Adelheid. Da
sprachen alle Leute weit und breit von dem traurigen Schicksal der beiden, und
leise und laut sagten sie, das sei die Strafe, die der Öhi verdient habe für
sein gottloses Leben, und ihm selbst wurde es gesagt und auch der Herr Pfarrer
redete ihm ins Gewissen, er sollte doch jetzt Busse tun, aber er wurde nur immer
grimmiger und verstockter und redete mit niemandem mehr, es ging ihm auch jeder
aus dem Wege. Auf einmal hiess es, der Öhi sei auf die Alm hinaufgezogen und
komme gar nicht mehr herunter, und seiter ist er dort und lebt mit Gott und
Menschen im Unfrieden. Das kleine Kind der Adelheid nahmen wir zu uns, die
Mutter und ich; es war ein Jahr alt. Wie nun im letzten Sommer die Mutter starb
und ich im Bad drunten etwas verdienen wollte, nahm ich es mit und gab es der
alten Ursel oben im Pfäfferserdorf an die Kost. Ich konnte auch im Winter im Bad
bleiben, es gab allerhand Arbeit, weil ich zu nähen und flicken verstehe, und
früh im Frühling kam die Herrschaft aus Frankfurt wieder, die ich voriges Jahr
bedient hatte und die mich mitnehmen will; übermorgen reisen wir ab, und der
Dienst ist gut, das kann ich dir sagen.«
    »Und dem Alten da droben willst du nun das Kind übergeben? Es nimmt mich nur
wunder, was du denkst, Dete«, sagte die Barbel vorwurfsvoll.
    »Was meinst du denn?« gab Dete zurück. »Ich habe das Meinige an dem Kinde
getan, und was sollte ich denn mit ihm machen? Ich denke, ich kann eines, das
erst fünf Jahre alt wird, nicht mit nach Frankfurt nehmen. Aber wohin gehst du
eigentlich, Barbel, wir sind ja schon halbwegs auf der Alm?«
    »Ich bin auch gleich da, wo ich hin muss«, entgegnete die Barbel; »ich habe
mit der Geissenpeterin zu reden, sie spinnt mir im Winter. So leb wohl, Dete; mit
Glück!«
    Dete reichte der Begleiterin die Hand und blieb stehen, während diese der
kleinen, dunkelbraunen Almhütte zuging, die einige Schritte seitwärts vom Pfad
in einer Mulde stand, wo sie vor dem Bergwind ziemlich geschützt war. Die Hütte
stand auf der halben Höhe der Alm, vom Dörfli aus gerechnet, und dass sie in
einer kleinen Vertiefung des Berges stand, war gut, denn sie sah so baufällig
und verfallen aus, dass es auch so noch ein gefährliches Darinwohnen sein musste,
wenn der Föhnwind so mächtig über die Berge strich, dass alles an der Hütte
klapperte, Türen und Fenster, und alle die morschen Balken zitterten und
krachten. Hätte die Hütte an solchen Tagen oben auf der Alm gestanden, sie wäre
unverzüglich ins Tal hinabgeweht worden.
    Hier wohnte der Geissenpeter, der elfjährige Bube, der jeden Morgen unten im
Dörfli die Geissen holte, um sie hoch auf die Alm hinaufzutreiben, um sie da die
kurzen kräftigen Kräuter fressen zu lassen bis zum Abend; dann sprang der Peter
mit den leichtfüssigen Tierchen wieder herunter, tat, im Dörfli angekommen, einen
schrillen Pfiff durch die Finger, und jeder Besitzer holte seine Geiss auf dem
Platz. Meistens kamen kleine Buben und Mädchen, denn die friedlichen Geissen
waren nicht zu fürchten, und das war denn den ganzen Sommer durch die einzige
Zeit am Tage, da der Peter mit seinesgleichen verkehrte; sonst lebte er nur mit
den Geissen. Er hatte zwar daheim seine Mutter und die blinde Grossmutter; aber da
er immer am Morgen sehr früh fort musste und am Abend vom Dörfli spät heimkam,
weil er sich da noch so lange als möglich mit den Kindern unterhalten musste, so
verbrachte er daheim nur gerade so viel Zeit, um am Morgen seine Milch und Brot
und am Abend ebendasselbe hinunterzuschlucken und dann sich aufs Ohr zu legen
und zu schlafen. Sein Vater, der auch schon der Geissenpeter genannt worden war,
weil er in früheren Jahren in demselben Berufe gestanden hatte, war vor einigen
Jahren beim Holzfällen verunglückt. Seine Mutter, die zwar Brigitte hiess, wurde
von jedermann um des Zusammenhangs willen die Geissenpeterin genannt, und die
blinde Grossmutter kannten weit und breit alt und jung nur unter dem Namen
Grossmutter.
    Die Dete hatte wohl zehn Minuten gewartet und sich nach allen Seiten
umgesehen, ob die Kinder mit den Geissen noch nirgends zu sehen seien; als dies
aber nicht der Fall war, so stieg sie noch ein wenig höher, wo sie besser die
ganze Alm bis hinunter übersehen konnte, und guckte nun von hier aus bald dahin,
bald dortin mit Zeichen grosser Ungeduld auf dem Gesicht und in den Bewegungen.
Unterdessen rückten die Kinder auf einem grossen Umwege heran, denn der Peter
wusste viele Stellen, wo allerhand Gutes an Sträuchern und Gebüschen für seine
Geissen zu nagen war; darum machte er mit seiner Herde vielerlei Wendungen auf
dem Wege. Erst war das Kind mühsam nachgeklettert, in seiner schweren Rüstung
vor Hitze und Unbequemlichkeit keuchend und alle Kräfte anstrengend. Es sagte
kein Wort, blickte aber unverwandt bald auf den Peter, der mit seinen nackten
Füssen und leichten Höschen ohne alle Mühe hin- und hersprang, bald auf die
Geissen, die mit den dünnen, schlanken Beinchen noch leichter über Busch und
Stein und steile Abhänge hinaufkletterten. Auf einmal setzte das Kind sich auf
den Boden nieder, zog mit grosser Schnelligkeit Schuhe und Strümpfe aus, stand
wieder auf, zog sein rotes, dickes Halstuch weg, machte sein Röckchen auf, zog
es schnell aus und hatte gleich noch eins auszuhäkeln, denn die Base Dete hatte
ihm das Sonntagskleidchen über das Alltagszeug angezogen, um der Kürze willen,
damit niemand es tragen müsse. Blitzschnell war auch das Alltagsröcklein weg,
und nun stand das Kind im leichten Unterröckchen, die blossen Arme aus den kurzen
Hemdärmelchen vergnüglich in die Luft hinausstreckend. Dann legte es schön alles
auf ein Häufchen, und nun sprang und kletterte es hinter den Geissen und neben
dem Peter her, so leicht als nur eines aus der ganzen Gesellschaft. Der Peter
hatte nicht achtgegeben, was das Kind mache, als es zurückgeblieben war. Wie es
nun in der neuen Bekleidung nachgesprungen kam, zog er lustig grinsend das ganze
Gesicht auseinander und schaute zurück, und wie er unten das Häuflein Kleider
liegen sah, ging sein Gesicht noch ein wenig mehr auseinander, und sein Mund kam
fast von einem Ohr bis zum anderen; er sagte aber nichts. Wie nun das Kind sich
so frei und leicht fühlte, fing es ein Gespräch mit dem Peter an, und er fing
auch an zu reden und musste auf vielerlei Fragen antworten, denn das Kind wollte
wissen, wie viele Geissen er habe und wohin er mit ihnen gehe und was er dort
tue, wo er hinkomme. So langten endlich die Kinder samt den Geissen oben bei der
Hütte an und kamen der Base Dete zu Gesicht. Kaum aber hatte diese die
herankletternde Gesellschaft erblickt, als sie laut aufschrie: »Heidi, was
machst du? Wie siehst du aus? Wo hast du deinen Rock und den zweiten und das
Halstuch? Und ganz neue Schuhe habe ich dir gekauft auf den Berg und dir neue
Strümpfe gemacht, und alles fort! alles fort! Heidi, was machst du, wo hast du
alles?«
    Das Kind zeigte ruhig den Berg hinunter und sagte: »Dort!« Die Base folgte
seinem Finger. Richtig, dort lag etwas und oben auf war ein roter Punkt, das
musste das Halstuch sein.
    »Du Unglückstropf!« rief die Base in grosser Aufregung; »was kommt dir denn
in den Sinn, warum hast du alles ausgezogen? Was soll das sein?«
    »Ich brauch' es nicht«, sagte das Kind und sah gar nicht reuevoll aus über
seine Tat.
    »Ach du unglückseliges, vernunftloses Heidi, hast du denn auch noch gar
keine Begriffe?« jammerte und schalt die Base weiter; »wer sollte nun wieder da
hinunter, es ist ja eine halbe Stunde! Komm, Peter, lauf du mir schnell zurück
und hol das Zeug, komm schnell und steh nicht dort und glotze mich an, als wärst
du am Boden festgenagelt.«
    »Ich bin schon zu spät«, sagte Peter langsam und blieb, ohne sich zu rühren,
auf demselben Fleck stehen, von dem aus er, beide Hände in die Taschen gesteckt,
dem Schreckensausbruch der Base zugehört hatte.
    »Du stehst ja doch nur und reissest deine Augen auf und kommst, denk' ich,
nicht weit auf die Art!« rief ihm die Base Dete zu; »komm her, du musst etwas
Schönes haben, siehst du?« Sie hielt ihm ein neues Fünferchen hin, das glänzte
ihm in die Augen. Plötzlich sprang er auf und davon auf dem geradesten Weg die
Alm hinunter und kam in ungeheuren Sätzen in kurzer Zeit bei dem Häuflein
Kleider an, packte sie auf und erschien damit so schnell, dass ihn die Base
rühmen musste und ihm sogleich sein Fünfrappenstück überreichte. Peter steckte es
schnell tief in seine Tasche, und sein Gesicht glänzte und lachte in voller
Breite, denn ein solcher Schatz wurde ihm nicht oft zuteil.
    »Du kannst mir das Zeug noch tragen bis zum Öhi hinauf, du gehst ja auch den
Weg«, sagte die Base Dete jetzt, indem sie sich anschickte, den steilen Abhang
zu erklimmen, der gleich hinter der Hütte des Geissenpeter emporragte. Willig
übernahm dieser den Auftrag und folgte der Voranschreitenden auf dem Fusse nach,
den linken Arm um sein Bündel geschlungen, in der Rechten die Geissenrute
schwingend. Das Heidi und die Geissen hüpften und sprangen fröhlich neben ihm
her. So gelangte der Zug nach drei Viertelstunden auf die Almhöhe, wo frei auf
dem Vorsprung des Berges die Hütte des alten Öhi stand, allen Winden ausgesetzt,
aber auch jedem Sonnenblick zugänglich und mit der vollen Aussicht weit ins Tal
hinab. Hinter der Hütte standen drei alte Tannen mit dichten, langen,
unbeschnittenen Ästen. Weiter hinten ging es nochmals bergan bis hoch hinauf in
die alten, grauen Felsen, erst noch über schöne, kräuterreiche Höhen, dann in
steiniges Gestrüpp und endlich zu den kahlen, steilen Felsen hinan.
    An die Hütte festgemacht, der Talseite zu, hatte sich der Öhi eine Bank
gezimmert. Hier sass er, eine Pfeife im Mund, beide Hände auf seine Knie gelegt
und schaute ruhig zu, wie die Kinder, die Geissen und die Base Dete
herankletterten, denn die letztere war nach und nach von den anderen überholt
worden. Heidi war zuerst oben; es ging geradeaus auf den Alten zu, streckte ihm
die Hand entgegen und sagte: »Guten Abend, Grossvater!«
    »So, so, wie ist das gemeint?« fragte der Alte barsch, gab dem Kinde kurz
die Hand und schaute es mit einem langen, durchdringenden Blick an unter seinen
buschigen Augenbrauen hervor. Heidi gab den langen Blick ausdauernd zurück, ohne
nur einmal mit den Augen zu zwinkern, denn der Grossvater mit dem langen Bart und
den dichten, grauen Augenbrauen, die in der Mitte zusammengewachsen waren und
aussahen wie eine Art Gesträuch, war so verwunderlich anzusehen, dass Heidi ihn
recht betrachten musste. Unterdessen war auch die Base herangekommen samt dem
Peter, der eine Weile stillestand und zusah, was sich da ereigne.
    »Ich wünsche Euch guten Tag, Öhi«, sagte die Dete, hinzutretend, »und hier
bring' ich Euch das Kind vom Tobias und der Adelheid. Ihr werdet es wohl nicht
mehr kennen, denn seit es jährig war, habt Ihr es nie mehr gesehen.«
    »So, was muss das Kind bei mir?« fragte der Alte kurz; »und du dort«, rief er
dem Peter zu, »du kannst gehen mit deinen Geissen, du bist nicht zu früh; nimm
meine mit!«
    Der Peter gehorchte sofort und verschwand, denn der Öhi hatte ihn
angeschaut, dass er schon genug davon hatte.
    »Es muss eben bei Euch bleiben, Öhi«, gab die Dete auf seine Frage zurück.
»Ich habe, denk' ich, das Meinige an ihm getan die vier Jahre durch, es wird
jetzt wohl an Euch sein, das Eurige auch einmal zu tun.«
    »So«, sagte der Alte und warf einen blitzenden Blick auf die Dete. »Und wenn
nun das Kind anfängt dir nachzuflennen und zu winseln, wie kleine Unvernünftige
tun, was muss ich dann mit ihm anfangen?«
    »Das ist dann Eure Sache«, warf die Dete zurück; »ich meine fast, es habe
mir auch kein Mensch gesagt, wie ich es mit dem Kleinen anzufangen habe, als es
mir auf den Händen lag, ein einziges Jährchen alt, und ich schon für mich und
die Mutter genug zu tun hatte. Jetzt muss ich meinem Verdienst nach, und Ihr seid
der Nächste am Kind; wenn Ihr's nicht haben könnt, so macht mit ihm, was Ihr
wollt, dann habt Ihr's zu verantworten, wenn's verdirbt, und Ihr werdet wohl
nicht nötig haben, noch etwas aufzuladen.«
    Die Dete hatte kein recht gutes Gewissen bei der Sache, darum war sie so
hitzig geworden und hatte mehr gesagt, als sie im Sinn gehabt hatte. Bei ihren
letzten Worten war der Öhi aufgestanden; er schaute sie so an, dass sie einige
Schritte zurückwich; dann streckte er den Arm aus und sagte befehlend:»Mach, dass
du hinunterkommst, wo du heraufgekommen bist, und zeig dich nicht so bald
wieder!« Das liess sich die Dete nicht zweimal sagen. »So lebt wohl, und du auch,
Heidi«, sagte sie schnell und lief den Berg hinunter in einem Trab bis ins
Dörfli hinab, denn die innere Aufregung trieb sie vorwärts, wie eine wirksame
Dampfkraft. Im Dörfli wurde sie diesmal noch viel mehr angerufen, denn es
wunderte die Leute, wo das Kind sei; sie kannten ja alle die Dete genau und
wussten, wem das Kind gehörte, und alles, was mit ihm vorgegangen war. Als es nun
aus allen Türen und Fenstern tönte: »Wo ist das Kind? Dete, wo hast du das Kind
gelassen?« rief sie immer unwilliger zurück: »Droben beim Alm-Öhi! Nun, beim
Alm-Öhi, Ihr hört's ja!«
    Sie wurde aber so massleidig, weil die Frauen von allen Seiten ihr zuriefen:
»Wie kannst du so etwas tun!« und: »Das arme Tröpfli!« und: »So ein kleines
Hilfloses da droben lassen!« und dann wieder und wieder: »Das arme Tröpfli!« Die
Dete lief, so schnell sie konnte, weiter und war froh, als sie nichts mehr
hörte, denn es war ihr nicht wohl bei der Sache; ihre Mutter hatte ihr beim
Sterben das Kind noch übergeben. Aber sie sagte sich zur Beruhigung, sie könne
dann ja eher wieder etwas für das Kind tun, wenn sie nun viel Geld verdiene, und
so war sie sehr froh, dass sie bald weit von allen Leuten, die ihr dreinredeten,
weg- und zu einem schönen Verdienst kommen konnte.
 
                                 Beim Grossvater
Nachdem die Dete verschwunden war, hatte der Öhi sich wieder auf die Bank
hingesetzt und blies nun grosse Wolken aus seiner Pfeife; dabei starrte er auf
den Boden und sagte kein Wort. Derweilen schaute das Heidi vergnüglich um sich,
entdeckte den Geissenstall, der an die Hütte angebaut war, und guckte hinein. Es
war nichts drin. Das Kind setzte seine Untersuchungen fort und kam hinter die
Hütte zu den alten Tannen. Da blies der Wind durch die Äste so stark, dass es
sauste und brauste oben in den Wipfeln. Heidi blieb stehen und hörte zu. Als es
ein wenig stiller wurde, ging das Kind um die kommende Ecke der Hütte herum und
kam vorn wieder zum Grossvater zurück. Als es diesen noch in derselben Stellung
erblickte, wie es ihn verlassen hatte, stellte es sich vor ihn hin, legte die
Hände auf den Rücken und betrachtete ihn. Der Grossvater schaute auf. »Was willst
du jetzt tun?« fragte er, als das Kind immer noch unbeweglich vor ihm stand.
    »Ich will sehen, was du drinnen hast, in der Hütte«, sagte Heidi. »So komm!«
und der Grossvater stand auf und ging voran in die Hütte hinein.
    »Nimm dort dein Bündel Kleider noch mit«, befahl er im Hereintreten.
    »Das brauch' ich nicht mehr«, erklärte Heidi.
    Der Alte kehrte sich um und schaute durchdringend auf das Kind, dessen
schwarze Augen glühten in Erwartung der Dinge, die da drinnen sein konnten. »Es
kann ihm nicht an Verstand fehlen«, sagte er halblaut. »Warum brauchst du's
nicht mehr?« setzte er laut hinzu.
    »Ich will am liebsten gehen wie die Geissen, die haben ganz leichte
Beinchen.«
    »So, das kannst du, aber hol das Zeug«, befahl der Grossvater, »es kommt in
den Kasten.« Heidi gehorchte. Jetzt machte der Alte die Tür auf und Heidi trat
hinter ihm her in einen ziemlich grossen Raum ein, es war der Umfang der ganzen
Hütte. Da stand ein Tisch und ein Stuhl daran; in einer Ecke war des Grossvaters
Schlaflager, in einer anderen hing der grosse Kessel über dem Herd; auf der
anderen Seite war eine grosse Tür in der Wand, die machte der Grossvater auf, es
war der Schrank. Da hingen seine Kleider drin und auf einem Gestell lagen ein
paar Hemden, Strümpfe und Tücher und auf einem anderen einige Teller und Tassen
und Gläser und auf dem obersten ein rundes Brot und geräuchertes Fleisch und
Käse, denn in dem Kasten war alles entalten, was der Alm-Öhi besass und zu
seinem Lebensunterhalt gebrauchte. Wie er nun den Schrank aufgemacht hatte, kam
das Heidi schnell heran und stiess sein Zeug hinein, so weit hinter des
Grossvaters Kleider als möglich, damit es nicht so leicht wiederzufinden sei. Nun
sah es sich aufmerksam um in dem Raum und sagte dann: »Wo muss ich schlafen,
Grossvater?«
    »Wo du willst«, gab dieser zur Antwort.
    Das war dem Heidi eben recht. Nun fuhr es in alle Winkel hinein und schaute
jedes Plätzchen aus, wo am schönsten zu schlafen wäre. In der Ecke vorüber des
Grossvaters Lagerstätte war eine kleine Leiter aufgerichtet; Heidi kletterte
hinauf und langte auf dem Heuboden an. Da lag ein frischer, duftender Heuhaufen
oben, und durch eine runde Luke sah man weit ins Tal hinab.
    »Hier will ich schlafen«, rief Heidi hinunter, »hier ist's schön! Komm und
sieh einmal, wie schön es hier ist, Grossvater!«
    »Weiss schon«, tönte es von unten herauf.
    »Ich mache jetzt das Bett!« rief das Kind wieder, indem es oben geschäftig
hin- und herfuhr; »aber du musst heraufkommen und mir ein Leintuch mitbringen,
denn auf ein Bett kommt auch ein Leintuch, und darauf liegt man.«
    »So, so«, sagte unten der Grossvater, und nach einer Weile ging er an den
Schrank und kramte ein wenig darin herum; dann zog er unter seinen Hemden ein
langes, grobes Tuch hervor, das musste so etwas sein wie ein Leintuch. Er kam
damit die Leiter herauf. Da war auf dem Heuboden ein ganz artiges Bettlein
zugerichtet; oben, wo der Kopf liegen musste, war das Heu hoch aufgeschichtet,
und das Gesicht kam so zu liegen, dass es gerade auf das offene, runde Loch traf.
    »Das ist recht gemacht«, sagte der Grossvater, »jetzt wird das Tuch kommen,
aber wart noch« - damit nahm er einen guten Wisch Heu von dem Haufen und machte
das Lager doppelt so dick, damit der harte Boden nicht durchgefühlt werden
konnte -; »so, jetzt komm her damit.« Heidi hatte das Leintuch schnell zuhanden
genommen, konnte es aber fast nicht tragen, so schwer war's; aber das war sehr
gut, denn durch das feste Zeug konnten die spitzen Heuhalme nicht durchstechen.
Jetzt breiteten die beiden miteinander das Tuch über das Heu, und wo es zu breit
und zu lang war, stopfte Heidi die Enden eilfertig unter das Lager. Nun sah es
recht gut und reinlich aus, und Heidi stellte sich davor und betrachtete es
nachdenklich.
    »Wir haben noch etwas vergessen, Grossvater«, sagte es dann.
    »Was denn?« fragte er.
    »Eine Decke; denn wenn man ins Bett geht, kriecht man zwischen das Leintuch
und die Decke hinein.«
    »So, meinst du? Wenn ich aber keine habe?« sagte der Alte.
    »O dann ist's gleich, Grossvater«, beruhigte Heidi; »dann nimmt man wieder
Heu zur Decke«, und eilfertig wollte es gleich wieder an den Heustock gehen,
aber der Grossvater wehrte es ihm.
    »Wart einen Augenblick«, sagte er, stieg die Leiter hinab und ging an sein
Lager hin. Dann kam er wieder und legte einen grossen, schweren, leinenen Sack
auf den Boden.
    »Ist das nicht besser als Heu?« fragte er. Heidi zog aus Leibeskräften an
dem Sacke hin und her, um ihn auseinanderzulegen, aber die kleinen Hände konnten
das schwere Zeug nicht bewältigen. Der Grossvater half, und wie es nun
ausgebreitet auf dem Bette lag, da sah alles sehr gut und haltbar aus, und Heidi
stand staunend vor seinem neuen Lager und sagte: »Das ist eine prächtige Decke
und das ganze Bett! Jetzt wollt' ich, es wäre schon Nacht, so könnte ich
hineinliegen.«
    »Ich meine, wir könnten erst einmal etwas essen«, sagte der Grossvater, »oder
was meinst du?« Heidi hatte über dem Eifer des Bettens alles andere vergessen;
nun ihm aber der Gedanke ans Essen kam, stieg ein grosser Hunger in ihm auf, denn
es hatte auch heute noch gar nichts bekommen, als früh am Morgen sein Stück Brot
und ein paar Schlucke dünnen Kaffees, und nachher hatte es die lange Reise
gemacht. So sagte Heidi ganz zustimmend: »Ja, ich mein' es auch.«
    »So geh hinunter, wenn wir denn einig sind«, sagte der Alte und folgte dem
Kind auf dem Fuss nach. Dann ging er zum Kessel hin, schob den grossen weg und
drehte den kleinen heran, der an der Kette hing, setzte sich auf den hölzernen
Dreifuss mit dem runden Sitz davor hin und blies ein helles Feuer an. Im Kessel
fing es an zu sieden, und unten hielt der Alte an einer langen Eisengabel ein
grosses Stück Käse über das Feuer und drehte es hin und her, bis es auf allen
Seiten goldgelb war. Heidi hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugesehen; jetzt
musste ihm etwas Neues in den Sinn gekommen sein; auf einmal sprang es weg und an
den Schrank und von da hin und her. Jetzt kam der Grossvater mit einem Topf und
dem Käsebraten an der Gabel zum Tisch heran; da lag schon das runde Brot darauf
und zwei Teller und zwei Messer, alles schön geordnet, denn das Heidi hatte
alles im Schrank gut wahrgenommen und wusste, dass man das alles nun gleich zum
Essen brauchen werde.
    »So, das ist recht, dass du selbst etwas ausdenkst«, sagte der Grossvater und
legte den Braten auf das Brot als Unterlage; »aber es fehlt noch etwas auf dem
Tisch.«
    Heidi sah, wie einladend es aus dem Topf hervordampfte, und sprang schnell
wieder an den Schrank. Da stand aber nur ein einziges Schüsselchen. Heidi war
nicht lang in Verlegenheit, dort hinten standen zwei Gläser; augenblicklich kam
das Kind zurück und stellte Schüsselchen und Glas auf den Tisch.
    »Recht so; du weisst dir zu helfen; aber wo willst du sitzen?« Auf dem
einzigen Stuhl sass der Grossvater selbst. Heidi schoss pfeilschnell zum Herd hin,
brachte den kleinen Dreifuss zurück und setzte sich drauf.
    »Einen Sitz hast du wenigstens, das ist wahr, nur ein wenig weit unten«,
sagte der Grossvater; »aber von meinem Stuhl wärst auch zu kurz, auf den Tisch zu
langen; jetzt musst aber einmal etwas haben, so komm!« Damit stand er auf, füllte
das Schüsselchen mit Milch, stellte es auf den Stuhl und rückte den ganz nah an
den Dreifuss hin, so dass das Heidi nun einen Tisch vor sich hatte. Der Grossvater
legte ein grosses Stück Brot und ein Stück von dem goldenen Käse darauf und
sagte: »Jetzt iss!« Er selbst setzte sich nun auf die Ecke des Tisches und begann
sein Mittagsmahl. Heidi ergriff sein Schüsselchen und trank und trank ohne
Aufentalt, denn der ganze Durst seiner langen Reise war ihm wieder
aufgestiegen. Jetzt tat es einen langen Atemzug - denn im Eifer des Trinkens
hatte es lange den Atem nicht holen können - und stellte sein Schüsselchen hin.
    »Gefällt dir die Milch?« fragte der Grossvater.
    »Ich habe noch gar nie so gute Milch getrunken«, antwortete Heidi.
    »So musst du mehr haben«, und der Grossvater füllte das Schüsselchen noch
einmal bis oben hin und stellte es vor das Kind, das vergnüglich in sein Brot
biss, nachdem es von dem weichen Käse daraufgestrichen, denn der war, so
gebraten, weich wie Butter, und das schmeckte ganz kräftig zusammen, und
zwischendurch trank es seine Milch und sah sehr vergnüglich aus. Als nun das
Essen zu Ende war, ging der Grossvater in den Geissenstall hinaus und hatte da
allerhand in Ordnung zu bringen, und Heidi sah ihm aufmerksam zu, wie er erst
mit dem Besen säuberte, dann frische Streu legte, dass die Tierchen darauf
schlafen konnten; wie er dann nach dem Schöpfchen ging nebenan und hier runde
Stöcke zurechtschnitt und an einem Brett herumhackte und Löcher hineinbohrte und
dann die runden Stöcke hineinsteckte und aufstellte; da war es auf einmal ein
Stuhl, wie der vom Grossvater, nur viel höher, und Heidi staunte das Werk an,
sprachlos vor Verwunderung.
    »Was ist das, Heidi?« fragte der Grossvater.
    »Das ist mein Stuhl, weil er so hoch ist; auf einmal war er fertig«, sagte
das Kind, noch in tiefem Erstaunen und Bewunderung.
    »Es weiss, was es sieht, es hat die Augen am rechten Ort«, bemerkte der
Grossvater vor sich hin, als er nun um die Hütte herumging und hier einen Nagel
einschlug und dort einen und dann an der Tür etwas zu befestigen hatte und so
mit Hammer und Nägeln und Holzstücken von einem Ort zum anderen wanderte und
immer etwas ausbesserte oder wegschlug, je nach dem Bedürfnis. Heidi ging
Schritt für Schritt hinter ihm her und schaute ihm unverwandt mit der grössten
Aufmerksamkeit zu, und alles, was da vorging, war ihm sehr kurzweilig anzusehen.
    So kam der Abend heran. Es fing stärker an zu rauschen in den alten Tannen,
ein mächtiger Wind fuhr daher und sauste und brauste durch die dichten Wipfel.
Das tönte dem Heidi so schön in die Ohren und ins Herz hinein, dass es ganz
fröhlich darüber wurde und hüpfte und sprang unter den Tannen umher, als hätte
es eine unerhörte Freude erlebt. Der Grossvater stand unter der Schopftür und
schaute dem Kind zu. Jetzt ertönte ein schriller Pfiff. Heidi hielt an in seinen
Sprüngen, der Grossvater trat heraus. Von oben herunter kam es gesprungen, Geiss
um Geiss, wie eine Jagd, und mitten drin der Peter. Mit einem Freudenruf schoss
Heidi mitten in den Rudel hinein und begrüsste die alten Freunde von heute morgen
einen um den anderen. Bei der Hütte angekommen, stand alles still, und aus der
Herde heraus kamen zwei schöne, schlanke Geissen, eine weisse und eine braune, auf
den Grossvater zu und leckten seine Hände, denn er hielt ein wenig Salz darin,
wie er jeden Abend zum Empfang seiner zwei Tierlein tat. Der Peter verschwand
mit seiner Schar. Heidi streichelte zärtlich die eine und dann die andere von
den Geissen und sprang um sie herum, um sie von der anderen Seite auch zu
streicheln, und war ganz Glück und Freude über die Tierchen. »Sind sie unser,
Grossvater? Sind sie beide unser? Kommen sie in den Stall? Bleiben sie immer bei
uns?« so fragte Heidi hintereinander in seinem Vergnügen, und der Grossvater
konnte kaum sein stetiges »Ja, ja!« zwischen die eine und die andere Frage
hineinbringen. Als die Geissen ihr Salz aufgeleckt hatten, sagte der Alte: »Geh
und hol dein Schüsselchen heraus und das Brot.«
    Heidi gehorchte und kam gleich wieder. Nun melkte der Grossvater gleich von
der Weissen das Schüsselchen voll und schnitt ein Stück Brot ab und sagte: »Nun
iss und dann geh hinauf und schlaf! Die Base Dete hat noch ein Bündelchen
abgelegt für dich, da seien Hemdlein und so etwas darin, das liegt unten im
Kasten, wenn du's brauchst; ich muss nun mit den Geissen hinein, so schlaf wohl!«
    »Gut' Nacht, Grossvater! Gut' Nacht - wie heissen sie, Grossvater, wie heissen
sie?« rief das Kind und lief dem verschwindenden Alten und den Geissen nach.
    »Die weisse heisst Schwänli und die braune Bärli«, gab der Grossvater zurück.
    »Gut' Nacht, Schwänli, gut' Nacht, Bärli!« rief nun Heidi noch mit Macht,
denn eben verschwanden beide in den Stall hinein. Nun setzte sich Heidi noch auf
die Bank und ass sein Brot und trank seine Milch; aber der starke Wind wehte es
fast von seinem Sitz herunter; so machte es schnell fertig, ging dann hinein und
stieg zu seinem Bett hinauf, in dem es auch gleich nachher so fest und herrlich
schlief, als nur einer im schönsten Fürstenbett schlafen konnte. Nicht lange
nachher, noch eh' es völlig dunkel war, legte auch der Grossvater sich auf sein
Lager, denn am Morgen war er immer schon mit der Sonne wieder draussen, und die
kam sehr früh über die Berge hereingestiegen in dieser Sommerszeit. In der Nacht
kam der Wind so gewaltig, dass bei seinen Stössen die ganze Hütte erzitterte und
es in allen Balken krachte; durch den Schornstein heulte und ächzte es wie
Jammerstimmen, und in den alten Tannen draussen tobte es mit solcher Wut, dass
hier und da ein Ast niederkrachte. Mitten in der Nacht stand der Grossvater auf
und sagte halblaut vor sich hin: »Es wird sich wohl fürchten.« Er stieg die
Leiter hinauf und trat an Heidis Lager heran. Der Mond draussen stand einmal
helleuchtend am Himmel, dann fuhren wieder die jagenden Wolken darüber hin und
alles wurde dunkel. Jetzt kam der Mondschein eben leuchtend durch die runde
Öffnung herein und fiel gerade auf Heidis Lager. Es hatte sich feuerrote Backen
erschlafen unter seiner schweren Decke, und ruhig und friedlich lag es auf
seinem runden Ärmchen und träumte von etwas Erfreulichem, denn sein Gesichtchen
sah ganz wohlgemut aus. Der Grossvater schaute so lange auf das friedlich
schlafende Kind, bis der Mond wieder hinter die Wolken trat und es dunkel wurde,
dann kehrte er auf sein Lager zurück.
 
                                 Auf der Weide
Heidi erwachte am frühen Morgen an einem lauten Pfiff, und als es die Augen
aufschlug, kam ein goldener Schein durch das runde Loch hereingeflossen auf sein
Lager und auf das Heu daneben, dass alles golden leuchtete ringsherum. Heidi
schaute erstaunt um sich und wusste durchaus nicht, wo es war. Aber nun hörte es
draussen des Grossvaters tiefe Stimme, und jetzt kam ihm alles in den Sinn: woher
es gekommen war, und dass es nun auf der Alm beim Grossvater sei, nicht mehr bei
der alten Ursel, die fast nichts mehr hörte und meistens fror, so dass sie immer
am Küchenfenster oder am Stubenofen gesessen hatte, wo dann auch Heidi hatte
verweilen müssen oder doch ganz in der Nähe, damit die Alte sehen konnte, wo es
war, weil sie es nicht hören konnte. Da war es dem Heidi manchmal zu eng
drinnen, und es wäre lieber hinausgelaufen. So war es sehr froh, als es in der
neuen Behausung erwachte und sich erinnerte, wie viel Neues es gestern gesehen
hatte und was es heute wieder alles sehen könnte, vor allem das Schwänli und das
Bärli. Heidi sprang eilig aus seinem Bett und hatte in wenig Minuten alles
wieder angelegt, was es gestern getragen hatte, denn es war sehr wenig. Nun
stieg es die Leiter hinunter und sprang vor die Hütte hinaus. Da stand schon der
Geissenpeter mit seiner Schar, und der Grossvater brachte eben Schwänli und Bärli
aus dem Stall herbei, dass sie sich der Gesellschaft anschlössen. Heidi lief ihm
entgegen, um ihm und den Geissen guten Tag zu sagen.
    »Willst mit auf die Weide?« fragte der Grossvater. Das war dem Heidi eben
recht, es hüpfte hoch auf vor Freuden.
    »Aber erst waschen und sauber sein, sonst lacht einen die Sonne aus, wenn
sie so schön glänzt da droben und sieht, dass du schwarz bist; sieh, dort ist's
für dich gerichtet.« Der Grossvater zeigte auf einen grossen Zuber voll Wasser,
der vor der Tür in der Sonne stand. Heidi sprang hin und patschte und rieb, bis
es ganz glänzend war. Unterdessen ging der Grossvater in die Hütte hinein und
rief dem Peter zu: »Komm hierher, Geissengeneral, und bring deinen Habersack
mit.« Verwundert folgte Peter dem Ruf und streckte sein Säcklein hin, in dem er
sein mageres Mittagessen bei sich trug.
    »Mach auf«, befahl der Alte und steckte nun ein grosses Stück Brot und ein
ebenso grosses Stück Käse hinein. Der Peter machte vor Erstaunen seine runden
Augen so weit auf als nur möglich, denn die beiden Stücke waren wohl die Hälfte
so gross wie die zwei, die er als eignes Mittagsmahl drinnen hatte.
    »So, nun kommt noch das Schüsselchen hinein«, fuhr der Öhi fort, »denn das
Kind kann nicht trinken wie du, nur so von der Geiss weg, es kennt das nicht. Du
melkst ihm zwei Schüsselchen voll zu Mittag, denn das Kind geht mit dir und
bleibt bei dir, bis du wieder herunterkommst; gib acht, dass es nicht über die
Felsen hinunterrällt, hörst du?« -
    Nun kam Heidi hereingelaufen. »Kann mich die Sonne jetzt nicht auslachen,
Grossvater?« fragte es angelegentlich. Es hatte sich mit dem groben Tuch, das der
Grossvater neben dem Wasserzuber aufgehängt hatte, Gesicht, Hals und Arme in
seinem Schrecken vor der Sonne so erstaunlich gerieben, dass es krebsrot vor dem
Grossvater stand. Er lachte ein wenig.
    »Nein, nun hat sie nichts zu lachen«, bestätigte er. »Aber weisst was? Am
Abend, wenn du heimkommst, da gehst du noch ganz hinein in den Zuber, wie ein
Fisch; denn wenn man geht wie die Geissen, da bekommt man schwarze Füsse. Jetzt
könnt ihr ausziehen.«
    Nun ging es lustig die Alm hinan. Der Wind hatte in der Nacht das letzte
Wölkchen weggeblasen; dunkelblau schaute der Himmel von allen Seiten hernieder,
und mitten drauf stand die leuchtende Sonne und schimmerte auf die grüne Alp,
und alle die blauen und gelben Blümchen darauf machten ihre Kelche auf und
schauten ihr fröhlich entgegen. Heidi sprang hierhin und dortin und jauchzte
vor Freude, denn da waren ganze Trüppchen feiner, roter Himmelsschlüsselchen bei
einander, und dort schimmerte es ganz blau von den schönen Enzianen, und überall
lachten und nickten die zartblätterigen, goldenen Cystusröschen in der Sonne.
Vor Entzücken über all die flimmernden winkenden Blümchen vergass Heidi sogar die
Geissen und auch den Peter. Es sprang ganze Strecken voran und dann auf die
Seite, denn dort funkelte es rot und da gelb und lockte Heidi auf alle Seiten.
Und überall brach Heidi ganze Scharen von den Blumen und packte sie in sein
Schürzchen ein, denn es wollte sie alle mit heimnehmen und ins Heu stecken in
seiner Schlafkammer, dass es dort werde wie hier draussen. - So hatte der Peter
heut' nach allen Seiten zu gucken, und seine kugelrunden Augen, die nicht
besonders schnell hin- und hergingen, hatten mehr Arbeit, als der Peter gut
bewältigen konnte, denn die Geissen machten es wie das Heidi: sie liefen auch
dahin und dortin, und er musste überallhin pfeifen und rufen und seine Rute
schwingen, um wieder alle die verlaufenen zusammenzutreiben.
    »Wo bist du schon wieder, Heidi?« rief er jetzt mit ziemlich grimmiger
Stimme.
    »Da«, tönte es von irgendwoher zurück. Sehen konnte Peter niemand, denn
Heidi sass am Boden hinter einem Hügelchen, das dicht mit duftenden Prünellen
besät war; da war die ganze Luft umher so mit Wohlgeruch erfüllt, dass Heidi noch
nie so Liebliches eingeatmet hatte. Es setzte sich in die Blumen hinein und zog
den Duft in vollen Zügen ein.
    »Komm nach!« rief der Peter wieder. »Du musst nicht über die Felsen
hinunterfallen, der Öhi hat's verboten.«
    »Wo sind die Felsen?« fragte Heidi zurück, bewegte sich aber nicht von der
Stelle, denn der süsse Duft strömte mit jedem Windhauch dem Kinde lieblicher
entgegen.
    »Dort oben, ganz oben, wir haben noch weit, drum komm jetzt! Und oben am
höchsten sitzt der alte Raubvogel und krächzt.«
    Das half. Augenblicklich sprang Heidi in die Höhe und rannte mit seiner
Schürze voller Blumen dem Peter zu.
    »Jetzt hast genug«, sagte dieser, als sie wieder zusammen weiter kletterten;
»sonst bleibst du immer stecken, und wenn du alle nimmst, hat's morgen keine
mehr.« Der letzte Grund leuchtete Heidi ein, und dann hatte es die Schürze schon
so angefüllt, dass da wenig Platz mehr gewesen wäre, und morgen mussten auch noch
da sein. So zog es nun mit dem Peter weiter, und die Geissen gingen nun auch
geregelter, denn sie rochen die guten Kräuter von dem hohen Weideplatz schon von
fern und strebten nun ohne Aufentalt dahin. Der Weideplatz, wo Peter gewöhnlich
Halt machte mit seinen Geissen und sein Quartier für den Tag aufschlug, lag am
Fusse der hohen Felsen, die, erst noch von Gebüsch und Tannen bedeckt, zuletzt
ganz kahl und schroff zum Himmel hinaufragen. An der einen Seite der Alp ziehen
sich Felsenklüfte weit hinunter und der Grossvater hatte recht, davor zu warnen.
Als nun dieser Punkt der Höhe erreicht war, nahm Peter seinen Sack ab und legte
ihn sorgfältig in eine kleine Vertiefung des Bodens hinein, denn der Wind kam
manchmal in starken Stössen dahergefahren, und den kannte Peter und wollte seine
kostbare Habe nicht den Berg hinunterrollen sehen; dann streckte er sich lang
und breit auf den sonnigen Weideboden hin, denn er musste sich nun von der
Anstrengung des Steigens erholen.
    Heidi hatte unterdessen sein Schürzchen losgemacht und schön fest
zusammengerollt mit den Blumen darin zum Proviantsack in die Vertiefung
hineingelegt, und nun setzte es sich neben den ausgestreckten Peter hin und
schaute um sich. Das Tal lag weit unten im vollen Morgenglanz; vor sich sah
Heidi ein grosses, weites Schneefeld sich erheben, hoch in den dunkelblauen
Himmel hinauf, und links davon stand eine ungeheure Felsenmasse, und zu jeder
Seite derselben ragte ein hoher Felsenturm kahl und zackig in die Bläue hinauf
und schaute von dort oben ganz ernstaft auf das Heidi nieder. Das Kind sass
mäuschenstill da und schaute ringsum, und weit umher war eine grosse, tiefe
Stille; nur ganz sanft und leise ging der Wind über die zarten, blauen
Glockenblümchen und die goldnen strahlenden Cystusröschen, die überall
herumstanden auf ihren dünnen Stengelchen und leise und fröhlich hin- und
hernickten. Der Peter war entschlafen nach seiner Anstrengung, und die Geissen
kletterten oben an den Büschen umher. Dem Heidi war es so schön zumute, wie in
seinem Leben noch nie. Es trank das goldene Sonnenlicht, die frischen Lüfte, den
zarten Blumenduft in sich ein und begehrte gar nichts mehr, als so da zu bleiben
immerzu. So verging eine gute Zeit und Heidi hatte so oft und so lange zu den
hohen Bergstöcken drüben aufgeschaut, dass es nun war, als hätten sie alle auch
Gesichter bekommen und schauten ganz bekannt zu ihm hernieder, so wie gute
Freunde.
    Jetzt hörte Heidi über sich ein lautes, scharfes Geschrei und Krächzen
ertönen, und wie es aufschaute, kreiste über ihm ein so grosser Vogel, wie es nie
in seinem Leben gesehen hatte, mit weit ausgebreiteten Schwingen in der Luft
umher, und in grossen Bogen kehrte er immer wieder zurück und krächzte laut und
durchdringend über Heidis Kopf.
    »Peter! Peter! erwache!« rief Heidi laut. »Sieh, der Raubvogel ist da, sieh!
sieh!«
    Peter erhob sich auf den Ruf und schaute mit Heidi dem Vogel nach, der sich
nun höher und höher hinaufschwang ins Himmelblau und endlich über grauen Felsen
verschwand.
    »Wo ist er jetzt hin?« fragte Heidi, das mit gespannter Aufmerksamkeit den
Vogel verfolgt hatte.
    »Heim ins Nest«, war Peters Antwort.
    »Ist er dort oben daheim? O wie schön so hoch oben! Warum schreit er so?«
fragte Heidi weiter.
    »Weil er muss«, erklärte Peter.
    »Wir wollen doch dort hinaufklettern und sehen, wo er daheim ist«, schlug
Heidi vor.
    »O! o! o!« brach der Peter aus, jeden Ausruf mit verstärkter Missbilligung
hervorstossend; »wenn keine Geiss mehr dortin kann und der Öhi gesagt hat, du
dürfest nicht über die Felsen hinunterfallen.«
    Jetzt begann der Peter mit einemmal ein so gewaltiges Pfeifen und Rufen
anzustimmen, dass Heidi gar nicht wusste, was begegnen sollte; aber die Geissen
mussten die Töne verstehen, denn eine nach der anderen kam heruntergesprungen,
und nun war die ganze Schar auf der grünen Halde versammelt, die einen
fortnagend an den würzigen Halmen, die anderen hin-und herrennend und die
dritten ein wenig gegeneinanderstossend mit ihren Hömem zum Zeirvertreib. Heidi
war aufgesprungen und rannte mitten unter den Geissen umher, denn das war ihm ein
neuer, unbeschreiblich vergnüglicher Anblick, wie die Tierlein
durcheinandersprangen und sich lustig machten, und Heidi sprang von einem zum
anderen und machte mit jedem ganz persönliche Bekanntschaft, denn jedes war eine
ganz besondere Erscheinung für sich und hatte seine eigenen Manieren.
Unterdessen hatte Peter den Sack herbeigeholt und alle vier Stücke, die drin
waren, schön auf den Boden hingelegt in ein Viereck, die grossen Stücke auf
Heidis Seite und die kleinen auf die seinige hin, denn er wusste genau, wie er
sie erhalten hatte. Dann nahm er das Schüsselchen und melkte schöne, frische
Milch hinein vom Schwänli und stellte das Schüsselchen mitten ins Viereck. Dann
rief er Heidi herbei, musste aber länger rufen, als nach den Geissen, denn das
Kind war so in Eifer und Freude über die mannigfaltigen Sprünge und
Erlustigungen seiner neuen Spielkameraden, dass es nichts sah und nichts hörte
ausser diesen. Aber Peter wusste sich verständlich zu machen, er rief, dass es bis
in die Felsen hinaufdröhnte, und nun erschien Heidi und die gedeckte Tafel sah
so einladend aus, dass es um sie herumhüpfte vor Wohlgefallen.
    »Hör auf zu hopsen, es ist Zeit zum Essen«, sagte Peter, »jetzt sitz und
fang an.«
    Heidi setzte sich hin. »Ist die Milch mein?« fragte es, nochmals das schöne
Viereck und den Hauptpunkt in der Mitte mit Wohlgefallen betrachtend.
    »Ja«, erwiderte Peter, »und die zwei grossen Stücke zum Essen sind auch dein,
und wenn du ausgetrunken hast, bekommst du noch ein Schüsselchen vom Schwänli
und dann komm' ich.«
    »Und von wem bekommst du die Milch?« wollte Heidi wissen.
    »Von meiner Geiss, von der Schnecke. Fang einmal zu essen an«, mahnte Peter
wieder. Heidi fing bei seiner Milch an, und so wie es sein leeres Schüsselchen
hinstellte, stand Peter auf und holte ein zweites herbei. Dazu brach Heidi ein
Stück von seinem Brot ab, und das ganze übrige Stück, das immer noch grösser war,
als Peters eigenes Stück gewesen, das nun schon samt Zubehör fast zu Ende war,
reichte es diesem hinüber mit dem ganzen grossen Brocken Käse und sagte: »Das
kannst du haben, ich habe nun genug.«
    Peter schaute das Heidi mit sprachloser Verwunderung an, denn noch nie in
seinem Leben hätte er so sagen und etwas weggeben können. Er zögerte noch ein
wenig, denn er konnte nicht recht glauben, dass es dem Heidi Ernst sei; aber
dieses hielt erst fest seine Stücke hin, und da Peter nicht zugriff, legte sie
es ihm aufs Knie. Nun sah er, dass es ernst gemeint sei; er erfasste sein
Geschenk, nickte in Dank und Zustimmung und hielt nun ein so reichliches
Mittagsmahl, wie noch nie in seinem Leben als Geissbub. Heidi schaute derweilen
nach den Geissen aus. »Wie heissen sie alle, Peter?« fragte es.
    Das wusste dieser nun ganz genau und konnte es um so besser in seinem Kopf
behalten, da er daneben wenig darin aufzubewahren hatte. Er fing also an und
nannte ohne Anstoss eine nach der anderen, immer je mit dem Finger die
betreffende bezeichnend. Heidi hörte mit gespannter Aufmerksamkeit der
Unterweisung zu, und es währte gar nicht lange, so konnte es sie alle von
einander unterscheiden und jede bei ihrem Namen nennen, denn es hatte eine jede
ihre Besonderheiten, die einem gleich im Sinne bleiben mussten; man musste nur
allem genau zusehen, und das tat Heidi. Da war der grosse Türk mit den starken
Hörnern, der wollte mit diesen immer gegen alle anderen stossen, und die meisten
liefen davon, wenn er kam, und wollten nichts von dem groben Kameraden wissen.
Nur der kecke Distelfink, das schlanke, behende Geisschen, wich ihm nicht aus,
sondern rannte von sich aus manchmal drei-, viermal hintereinander so rasch und
tüchtig gegen ihn an, dass der grosse Türk öfters ganz erstaunt da stand und nicht
mehr angriff, denn der Distelfink stand ganz kriegslustig vor ihm und hatte
scharfe Hörnchen. Da war das kleine, weisse Schneehöppli, das immer so
eindringlich und flehentlich meckerte, dass Heidi schon mehrmals zu ihm
hingelaufen war und es tröstend beim Kopf genommen hatte. Auch jetzt sprang das
Kind wieder hin, denn die junge, jammernde Stimme hatte eben wieder flehentlich
gerufen. Heidi legte seinen Arm um den Hals des Geissleins und fragte ganz
teilnehmend: »Was hast du, Schneehöppli? Warum rufst du so um Hilfe?« Das
Geisslein schmiegte sich nahe und vertrauensvoll an Heidi an und war jetzt ganz
still. Peter rief von seinem Sitz aus, mit einigen Unterbrechungen, denn er
hatte immer noch zu beissen und zu schlucken: »Es tut so, weil die Alte nicht
mehr mitkommt, sie haben sie verkauft nach Maienfeld vorgestern, nun kommt sie
nicht mehr auf die Alm.«
    »Wer ist die Alte?« fragte Heidi zurück.
    »Pah, seine Mutter«, war die Antwort.
    »Wo ist die Grossmutter?« rief Heidi wieder.
    »Hat keine.«
    »Und der Grossvater?«
    »Hat keinen.«
    »Du armes Schneehöppli du«, sagte Heidi und drückte das Tierlein zärtlich an
sich. »Aber jammere jetzt nur nicht mehr so; siehst du, ich komme nun jeden Tag
mit dir, dann bist du nicht mehr so verlassen, und wenn dir etwas fehlt, kannst
du nur zu mir kommen.«
    Das Schneehöppli rieb ganz vergnügt seinen Kopf an Heidis Schulter und
meckerte nicht mehr kläglich. Unterdessen hatte Peter sein Mittagsmahl beendet
und kam nun auch wieder zu seiner Herde und zu Heidi heran, das schon wieder
allerlei Betrachtungen angestellt hatte.
    Weitaus die zwei schönsten und saubersten Geissen der ganzen Schar waren
Schwänli und Bärli, die sich auch mit einer gewissen Vornehmheit betrugen,
meistens ihre eigenen Wege gingen und besonders dem zudringlichen Türk abweisend
und verächtlich begegneten. -
    Die Tierchen hatten nun wieder begonnen, nach den Büschen hinaufzuklettern,
und jedes hatte seine eigene Weise dabei, die einen leichtfertig über alles
weghüpfend, die anderen bedächtlich die guten Kräutlein suchend unterwegs, der
Türk hier und da seine Angriffe probierend. Schwänli und Bärli kletterten hübsch
und leicht hinan und fanden oben sogleich die schönsten Büsche, stellten sich
geschickt daran auf und nagten sie zierlich ab. Heidi stand mit den Händen auf
dem Rücken und schaute dem allen mit der grössten Aufmerksamkeit zu.
    »Peter«, bemerkte es jetzt dem wieder auf dem Boden Liegenden, »die
schönsten von allen sind das Schwänli und das Bärli.«
    »Weiss schon«, war die Antwort. »Der Alm-Öhi putzt und wäscht sie und gibt
ihnen Salz und hat den schönsten Stall.«
    Aber auf einmal sprang Peter auf und setzte in grossen Sprüngen den Geissen
nach, und das Heidi lief hinterdrein; da musste etwas begegnet sein, es konnte da
nicht zurückbleiben. Der Peter sprang durch den Geissenrudel durch der Seite der
Alm zu, wo die Felsen schroff und kahl weit hinabstiegen und ein unbesonnenes
Geisslein, wenn es dortin ging, leicht hinunterstürzen und alle Beine brechen
konnte. Er hatte gesehen, wie der vorwitzige Distelfink nach jener Seite hin
gehüpft war, und kam noch gerade recht, denn eben sprang das Geisslein dem Rande
des Abgrundes zu. Peter wollte es eben packen, da stürzte er auf den Boden und
konnte nur noch im Sturze ein Bein des Tierleins erwischen und es daran
festalten. Der Distelfink meckerte voller Zorn und Überraschung, dass er so am
Bein festgehalten und am Fortsetzen seines fröhlichen Streifzuges gehindert war,
und strebte eigensinnig vorwärts. Der Peter schrie nach Heidi, dass es ihm
beistehe, denn er konnte nicht aufstehen und riss dem Distelfink fast das Bein
aus. Heidi war schon da und erkannte gleich die schlimme Lage der beiden. Es riss
schnell einige wohlduftende Kräuter aus dem Boden und hielt sie dem Distelfink
unter die Nase und sagte begütigend: »Komm, komm, Distelfink, du musst auch
vernünftig sein! Sieh, da kannst du hinabfallen und ein Bein brechen, das tut
dir furchtbar weh.«
    Das Geisslein hatte sich schnell umgewandt und dem Heidi vergnüglich die
Kräuter aus der Hand gefressen. Derweilen war der Peter auf seine Füsse gekommen
und hatte den Distelfink an der Schnur erfasst, an welcher sein Glöckchen um den
Hals gebunden war, und Heidi erfasste diese von der anderen Seite und so führten
die beiden den Ausreisser zu der friedlich weidenden Herde zurück. Als ihn aber
Peter hier in Sicherheit hatte, erhob er seine Rute und wollte ihn zur Strafe
tüchtig durchprügeln, und der Distelfink wich scheu zurück, denn er merkte, was
begegnen sollte. Aber Heidi schrie laut auf: »Nein, Peter, nein, du musst ihn
nicht schlagen, sieh, wie er sich fürchtet!«
    »Er verdient's«, schnurrte Peter und wollte zuschlagen. Aber Heidi fiel ihm
in den Arm und rief ganz entrüstet: »Du darfst ihm nichts tun, es tut ihm weh,
lass ihn los!«
    Peter schaute erstaunt auf das gebietende Heidi, dessen schwarze Augen ihn
so anfunkelten, dass er unwillkürlich seine Rute niederhielt. »So kann er gehen,
wenn du mir morgen wieder von deinem Käse gibst«, sagte dann der Peter
nachgebend, denn eine Entschädigung wollte er haben für den Schrecken.
    »Allen kannst du haben, das ganze Stück morgen und alle Tage, ich brauche
ihn gar nicht«, sagte Heidi zustimmend, »und Brot gebe ich dir auch ganz viel,
wie heute; aber dann darfst du den Distelfink nie, gar nie schlagen und auch das
Schneehöppli nie und gar keine Geiss.«
    »Es ist mir gleich«, bemerkte Peter, und das war bei ihm so viel als eine
Zusage. Jetzt liess er den Schuldigen los, und der fröhliche Distelfink sprang in
hohen Sprüngen auf und davon in die Herde hinein. -
    So war unvermerkt der Tag vergangen, und schon war die Sonne im Begriff,
weit drüben hinter den Bergen hinabzugehen. Heidi sass wieder am Boden und
schaute ganz still auf die Blauglöckchen und die Cystusröschen, die im goldenen
Abendschein leuchteten, und alles Gras wurde wie golden angehaucht und die
Felsen droben fingen an zu schimmern und zu funkeln, und auf einmal sprang Heidi
auf und schrie: »Peter! Peter! es brennt! es brennt! alle Berge brennen und der
grosse Schnee drüben brennt und der Himmel. O sieh! sieh! der hohe Felsenberg ist
ganz glühend! O der schöne, feurige Schnee! Peter, sieh auf, sieh, das Feuer ist
auch beim Raubvogel! sieh doch die Felsen! sieh die Tannen! alles, alles ist im
Feuer!«
    »Es war immer so«, sagte jetzt der Peter gemütlich und schälte an seiner
Rute fort, »aber es ist kein Feuer.«
    »Was ist es denn?« rief Heidi und sprang hierhin und dortin, dass es überall
hin sehe, denn es konnte gar nicht genug bekommen, so schön war's auf allen
Seiten. »Was ist es, Peter, was ist es? « rief Heidi wieder.
    »Es kommt von selbst so«, erklärte Peter.
    »O sieh, sieh«, rief Heidi in grosser Aufregung, »auf einmal werden sie
rosenrot! Sieh den mit dem Schnee und den mit den hohen, spitzigen Felsen! Wie
heissen sie, Peter?«
    »Berge heissen nicht«, erwiderte dieser.
    »O wie schön, sieh den rosenroten Schnee! O, und an den Felsen oben sind
viele, viele Rosen! O, nun werden sie grau! O! O! Nun ist alles ausgelöscht! Nun
ist alles aus, Peter!« Und Heidi setzte sich auf den Boden und sah so verstört
aus, als ginge wirklich alles zu Ende.
    »Es ist morgen wieder so«, erklärte Peter. »Steh auf, nun müssen wir heim.«
    Die Geissen wurden herbeigepfiffen und -gerufen und die Heimfahrt angetreten.
    »Ist's alle Tage wieder so, alle Tage, wenn wir auf der Weide sind?« fragte
Heidi, begierig nach einer bejahenden Versicherung horchend, als es nun neben
dem Peter die Alm hinunterstieg.
    »Meistens«, gab dieser zur Antwort.
    »Aber gewiss morgen wieder?« wollte es noch wissen.
    »Ja, ja, morgen schon!« versicherte Peter.
    Nun war Heidi wieder froh und es hatte so viele Eindrücke in sich
aufgenommen und so viele Dinge gingen ihm im Sinn herum, dass es nun ganz
stillschwieg, bis es bei der Almhütte ankam und den Grossvater unter den Tannen
sitzen sah, wo er auch eine Bank angebracht hatte und am Abend seine Geissen
erwartete, die von dieser Seite herunterkamen. Heidi sprang gleich auf ihn zu
und Schwänli und Bärli hinter ihm drein, denn die Geissen kannten ihren Herrn und
ihren Stall. Der Peter rief dem Heidi nach: »Komm dann morgen wieder! Gute
Nacht!« Denn es war ihm sehr daran gelegen, dass das Heidi wiederkomme.
    Da rannte das Heidi schnell wieder zurück und gab dem Peter die Hand und
versicherte ihm, dass es wieder mitkomme, und dann sprang es mitten in die
davonziehende Herde hinein und fasste noch einmal das Schneehöppli um den Hals
und sagte vertraulich: »Schlaf wohl, Schneehöppli, und denk dran, dass ich morgen
wiederkomme und dass du nie mehr so jämmerlich meckern musst.«
    Das Schneehöppli schaute ganz freundlich und dankbar zu Heidi auf und sprang
dann fröhlich der Herde nach.
    Heidi kam unter die Tannen zurück.
    »O Grossvater, das war so schön!« rief es, noch bevor es bei ihm war. »Das
Feuer und die Rosen am Felsen und die blauen und gelben Blumen, und sieh, was
ich hier bringe!« Und damit schüttete Heidi seinen ganzen Blumenreichtum aus dem
gefalteten Schürzchen vor den Grossvater hin. Aber wie sahen die armen Blümchen
aus! Heidi erkannte sie nicht mehr. Es war alles wie Heu, und kein einziges
Kelchlein stand mehr offen.
    »O Grossvater, was haben sie?« rief Heidi ganz erschrocken aus. »So waren sie
nicht, warum sehen sie so aus?«
    »Die wollen draussen stehen in der Sonne und nicht ins Schürzchen hinein«,
sagte der Grossvater.
    »Dann will ich gar keine mehr mitnehmen. Aber, Grossvater, warum hat der
Raubvogel so gekrächzt?« fragte Heidi nun angelegentlich.
    »Jetzt gehst du ins Wasser und ich in den Stall und hole Milch, und nachher
kommen wir hinein zusammen in die Hütte und essen zu Nacht, dann sag' ich
dir's.«
    So wurde getan, und wie nun später Heidi auf seinem hohen Stuhl sass vor
seinem Milchschüsselchen und der Grossvater neben ihm, da kam das Kind gleich
wieder mit seiner Frage: »Warum krächzt der Raubvogel so und schreit immer so
herunter, Grossvater?«
    »Der höhnt die Leute aus dort unten, dass sie so viele zusammensitzen in den
Dörfern und einander bös machen. Da höhnt er hinunter: Würdet ihr
auseinandergehen und jedes seinen Weg und auf eine Höhe steigen, wie ich, so
wär's euch wohler!« Der Grossvater sagte diese Worte fast wild, so dass dem Heidi
das Gekrächz des Raubvogels dadurch noch eindrücklicher wurde in der Erinnerung.
    »Warum haben die Berge keinen Namen, Grossvater?« fragte Heidi wieder.
    »Die haben Namen«, erwiderte dieser, »und wenn du mir einen so beschreiben
kannst, dass ich ihn kenne, so sage ich dir, wie er heisst.«
    Nun beschrieb Heidi den Felsenberg mit den zwei hohen Türmen genau so, wie
es ihn gesehen hatte, und der Grossvater sagte wohlgefällig: »Recht so, den kenn'
ich, der heisst Falknis. Hast du noch einen gesehen?«
    Nun beschrieb Heidi den Berg mit dem grossen Schneefeld, auf dem der ganze
Schnee im Feuer gestanden hatte und dann rosenrot geworden war und dann auf
einmal ganz bleich und erloschen dastand.
    »Den erkenn' ich auch«, sagte der Grossvater, »das ist die Schesaplana; so
hat es dir gefallen auf der Weide?«
    Nun erzählte Heidi alles vom ganzen Tage, wie schön es gewesen, und
besonders von dem Feuer am Abend, und nun sollte der Grossvater auch sagen, woher
es gekommen war, denn der Peter hätte nichts davon gewusst.
    »Siehst du«, erklärte der Grossvater, »das macht die Sonne, wenn sie den
Bergen gute Nacht sagt, dann wirft sie ihnen noch ihre schönsten Strahlen zu,
dass sie sie nicht vergessen, bis sie am Morgen wiederkommt.«
    
    Das gefiel dem Heidi und es konnte fast nicht erwarten, dass wieder ein Tag
komme, da es hinauf konnte auf die Weide und wieder sehen, wie die Sonne den
Bergen gute Nacht sagte. Aber erst musste es nun schlafen gehen, und es schlief
auch die ganze Nacht herrlich auf seinem Heulager und träumte von lauter
schimmernden Bergen und roten Rosen darauf und mitten drin das Schneehöppli in
fröhlichen Sprüngen.
 
                               Bei der Grossmutter
Am andern Morgen kam wieder die helle Sonne, und dann kam der Peter und die
Geissen, und wieder zogen sie alle miteinander nach der Weide hinauf, und so ging
es Tag für Tag, und Heidi wurde bei diesem Weideleben ganz gebräunt und so
kräftig und gesund, dass ihm gar nie etwas fehlte, und so froh und glücklich
lebte Heidi von einem Tag zum anderen, wie nur die lustigen Vögelein leben auf
allen Bäumen im grünen Wald. Wie es nun Herbst wurde und der Wind lauter zu
sausen anfing über die Berge hin, dann sagte etwa der Grossvater: »Heut' bleibst
du da, Heidi; ein Kleines, wie du bist, kann der Wind mit einem Ruck über alle
Felsen ins Tal hinabwehen.«
    Wenn aber das am Morgen der Peter vernahm, sah er sehr unglücklich aus, denn
er sah lauter Missgeschick vor sich: einmal wusste er vor Langeweile nun gar nicht
mehr was anfangen, wenn Heidi nicht bei ihm war; dann kam er um sein reichliches
Mittagsmahl, und dann waren die Geissen so störrig an diesen Tagen, dass er die
doppelte Mühe mit ihnen hatte; denn die waren nun auch so an Heidis Gesellschaft
gewöhnt, dass sie nicht vorwärts wollten, wenn es nicht dabei war, und auf alle
Seiten rannten. Heidi wurde niemals unglücklich, denn es sah immer irgend etwas
Erfreuliches vor sich. Am liebsten ging es schon mit Hirt und Geissen auf die
Weide zu den Blumen und zum Raubvogel hinauf, wo so mannigfaltige Dinge zu
erleben waren mit all den verschieden gearteten Geissen; aber auch das Hämmern
und Sägen und Zimmern des Grossvaters war sehr unterhaltend für Heidi; und traf
es sich, dass er gerade die schönen runden Geisskäschen zubereitete, wenn es
daheimbleiben musste, so war das ein ganz besonderes Vergnügen, dieser
merkwürdigen Tätigkeit zuzuschauen, wobei der Grossvater beide Arme bloss machte
und damit in dem grossen Kessel herumrührte. Aber vor allem anziehend war für das
Heidi an solchen Windtagen das Wogen und Rauschen in den drei alten Tannen
hinter der Hütte. Da musste es immer von Zeit zu Zeit hinlaufen von allem anderen
weg, was es auch sein mochte, denn so schön und wunderbar war gar nichts, wie
dieses tiefe, geheimnisvolle Tosen in den Wipfeln da droben; da stand Heidi
unten und lauschte hinauf und konnte niemals genug bekommen, zu sehen und zu
hören, wie das wehte und wogte und rauschte in den Bäumen mit grosser Macht.
Jetzt gab die Sonne nicht mehr heiss wie im Sommer, und Heidi suchte seine
Strümpfe und Schuhe hervor und auch den Rock, denn nun wurde es immer frischer,
und wenn das Heidi unter den Tannen stand, wurde es durchblasen wie ein dünnes
Blättlein, aber es lief doch immer wieder hin und konnte nicht in der Hütte
bleiben, wenn es das Windeswehen vernahm.
    Dann wurde es kalt, und der Peter hauchte in die Hände, wenn er früh am
Morgen heraufkam, aber nicht lange; denn auf einmal fiel über Nacht ein tiefer
Schnee, und am Morgen war die ganze Alm schneeweiss und kein einziges grünes
Blättlein mehr zu sehen ringsum und um. Da kam der Geissenpeter nicht mehr mit
seiner Herde, und Heidi schaute ganz verwundert durch das kleine Fenster, denn
nun fing es wieder zu schneien an, und die dicken Flocken fielen fort und fort,
bis der Schnee so hoch wurde, dass er bis ans Fenster hinaufreichte, und dann
noch höher, dass man das Fenster gar nicht mehr aufmachen konnte und man ganz
verpackt war in dem Häuschen. Das kam dem Heidi so lustig vor, dass es immer von
einem Fenster zum anderen rannte, um zu sehen, wie es denn noch werden wollte
und ob der Schnee noch die ganze Hütte zudecken wollte, dass man müsste ein Licht
anzünden am hellen Tag. Es kam aber nicht so weit, und am anderen Tag ging der
Grossvater hinaus - denn nun schneite es nicht mehr- und schaufelte ums ganze
Haus herum und warf grosse, grosse Schneehaufen auf einander, dass es war wie hier
ein Berg und dort ein Berg und dort ein Berg um die Hütte herum; aber nun waren
die Fenster wieder frei und auch die Tür, und das war gut, denn als am
Nachmittag Heidi und der Grossvater am Feuer sassen, jedes auf seinem Dreifuss -
denn der Grossvater hatte längst auch einen für das Kind gezimmert -, da polterte
auf einmal etwas heran und schlug immerzu gegen die Holzschwelle und machte
endlich die Tür auf. Es war der Geissenpeter; er hatte aber nicht aus Unart so
gegen die Tür gepoltert, sondern um seinen Schnee von den Schuhen abzuschlagen,
die hoch hinauf davon bedeckt waren; eigentlich der ganze Peter war von Schnee
bedeckt, denn er hatte sich durch die hohen Schichten so durchkämpfen müssen,
dass ganze Massen an ihm hängen geblieben und auf ihm festgefroren waren, denn es
war sehr kalt. Aber er hatte nicht nachgegeben, denn er wollte zu Heidi hinauf,
er hatte es jetzt acht Tage lang nicht gesehen.
    »Guten Abend«, sagte er im Eintreten, stellte sich gleich so nah als möglich
ans Feuer heran und sagte weiter nichts mehr; aber sein ganzes Gesicht lachte
vor Vergnügen, dass er da war. Heidi schaute ihn sehr verwundert an, denn nun er
so nah am Feuer war, fing es überall an ihm zu tauen an, so dass der ganze Peter
anzusehen war wie ein gelinder Wasserfall.
    »Nun, General, wie steht's?« sagte jetzt der Grossvater. »Nun bist du ohne
Armee und musst am Griffel nagen.«
    »Warum muss er am Griffel nagen, Grossvater?« fragte Heidi sogleich mit
Wissbegierde.
    »Im Winter muss er in die Schule gehen«, erklärte der Grossvater; »da lernt
man lesen und schreiben, und das geht manchmal schwer, da hilft's ein wenig
nach, wenn man am Griffel nagt; ist's nicht wahr, General?«
    »Ja, 's ist wahr«, bestätigte Peter.
    Jetzt war Heidis Teilnahme an der Sache wach geworden und es hatte sehr
viele Fragen über die Schule und alles, was da begegnete und zu hören und zu
sehen war, an den Peter zu richten, und da immer viel Zeit verfloss über einer
Unterhaltung, an der Peter teilnehmen musste, so konnte er derweilen schön
trocknen von oben bis unten. Es war immer eine grosse Anstrengung für ihn, seine
Vorstellungen in die Worte zu bringen, die bedeuteten, was er meinte; aber
diesmal hatte er's besonders streng, denn kaum hatte er eine Antwort zustande
gebracht, so hatte ihm Heidi schon wieder zwei oder drei unerwartete Fragen
zugeworfen und meistens solche, die einen ganzen Satz als Antwort erforderten.
    Der Grossvater hatte sich ganz still verhalten während dieser Unterhaltung,
aber es hatte ihm öfter ganz lustig um die Mundwinkel gezuckt, was ein Zeichen
war, dass er zuhörte.
    »So, General, nun warst du im Feuer und brauchst Stärkung, komm, halt mit!«
Damit stand der Grossvater auf und holte das Abendessen aus dem Schrank hervor,
und Heidi rückte die Stühle zum Tisch. Unterdessen war auch eine Bank an die
Wand gezimmert worden vom Grossvater; nun er nicht mehr allein war, hatte er da
und dort allerlei Sitze zu zweien eingerichtet, denn Heidi hatte die Art, dass es
sich überall nah zum Grossvater hielt, wo er ging und stand und sass. So hatten
sie alle drei gut Platz zum Sitzen und der Peter tat seine runden Augen ganz
weit auf, als er sah, welch ein mächtiges Stück von dem schönen getrockneten
Fleisch der Alm-Öhi ihm auf seine dicke Brotschnitte legte. So gut hatte es der
Peter lange nicht gehabt. Als nun das vergnügte Mahl zu Ende war, fing es an zu
dunkeln, und Peter schickte sich zur Heimkehr an. Als er nun »Gute Nacht« und
»Dank Euch Gott« gesagt hatte und schon unter der Tür war, kehrte er sich noch
einmal um und sagte: »Am Sonntag komm' ich wieder, heut' über acht Tag', und du
solltest auch einmal zur Grossmutter kommen, hat sie gesagt.«
    Das war ein ganz neuer Gedanke für Heidi, dass es zu jemandem gehen sollte,
aber er fasste auf der Stelle Boden bei ihm, und gleich am folgenden Morgen war
sein erstes, dass es erklärte: »Grossvater, jetzt muss ich gewiss zu der Grossmutter
hinunter, sie erwartet mich.«
    »Es hat zu viel Schnee«, erwiderte der Grossvater abwehrend. Aber das
Vorhaben sass fest in Heidis Sinn, denn die Grossmutter hatte es ja sagen lassen;
so musste es sein. So verging kein Tag mehr, an dem das Kind nicht fünf- und
sechsmal sagte: »Grossvater, jetzt muss ich gewiss gehen, die Grossmutter wartet ja
immer auf mich.«
    Am vierten Tag, als es draussen knisterte und knarrte vor Kälte bei jedem
Schritt und die ganze grosse Schneedecke ringsum hart gefroren war, aber eine
schöne Sonne ins Fenster guckte, gerade auf Heidis hohen Stuhl hin, wo es am
Mittagsmahl sass, da begann es wieder sein Sprüchlein: »Heut' muss ich aber gewiss
zur Grossmutter gehen, es währt ihr sonst zu lange.« Da stand der Grossvater auf
vom Mittagstisch, stieg auf den Heuboden hinauf, brachte den dicken Sack
herunter, der Heidis Bettdecke war, und sagte: »So komm!« In grosser Freude
hüpfte das Kind ihm nach in die glitzernde Schneewelt hinaus. In den alten
Tannen war es nun ganz still und auf allen Ästen lag der weisse Schnee und in dem
Sonnenschein schimmerte und funkelte es überall von den Bäumen in solcher
Pracht, dass Heidi hoch aufsprang vor Entzücken und ein Mal übers andere ausrief:
»Komm heraus, Grossvater, komm heraus! Es ist lauter Silber und Gold an den
Tannen!« Denn der Grossvater war in den Schopf hineingegangen und kam nun heraus
mit einem breiten Stossschlitten: da war vorn eine Stange angebracht, und von dem
flachen Sitz konnte man die Füsse nach vorn hinunter halten und gegen den
Schneeboden stemmen und der Fahrt die Weisung geben. Hier setzte sich der
Grossvater hin, nachdem er erst die Tannen ringsum mit Heidi hatte beschauen
müssen, nahm das Kind auf seinen Schoss, wickelte es um und um in den Sack ein,
damit es hübsch warm bleibe, und drückte es fest mit dem linken Arm an sich,
denn das war nötig bei der kommenden Fahrt. Dann umfasste er mit der rechten Hand
die Stange und gab einen Ruck mit beiden Füssen. Da schoss der Schlitten davon die
Alm hinab mit einer solchen Schnelligkeit, dass das Heidi meinte, es fliege in
der Luft wie ein Vogel, und laut aufjauchzte. Auf einmal stand der Schlitten
still, gerade bei der Hütte vom Geissenpeter. Der Grossvater stellte das Kind auf
den Boden, wickelte es aus seiner Decke heraus und sagte: »So, nun geh hinein,
und wenn es anfängt dunkel zu werden, dann komm wieder heraus und mach dich auf
den Weg.« Dann kehrte er um mit seinem Schlitten und zog ihn den Berg hinauf.
    Heidi machte die Tür auf und kam in einen kleinen Raum hinein, da sah es
schwarz aus, und ein Herd war da und einige Schüsselchen auf einem Gestell, das
war die kleine Küche; dann kam gleich wieder eine Tür, die machte Heidi wieder
auf und kam in eine enge Stube hinein, denn das Ganze war nicht eine Sennhütte,
wie beim Grossvater, wo ein einziger, grosser Raum war und oben ein Heuboden,
sondern es war ein kleines, uraltes Häuschen, wo alles eng war und schmal und
dürftig. Als Heidi in das Stübchen trat, stand es gleich vor dem Tisch, daran
sass eine Frau und flickte an Peters Wams, denn dieses erkannte Heidi sogleich.
In der Ecke sass ein altes, gekrümmtes Mütterchen und spann. Heidi wusste gleich,
woran es war; es ging geradaus auf das Spinnrad zu und sagte: »Guten Tag,
Grossmutter, jetzt komme ich zu dir; hast du gedacht, es währe lang, bis ich
komme?«
    Die Grossmutter erhob den Kopf und suchte die Hand, die gegen sie
ausgestreckt war, und als sie diese erfasst hatte, befühlte sie dieselbe erst
eine Weile nachdenklich in der ihrigen, dann sagte sie: »Bist du das Kind droben
beim Alm-Öhi, bist du das Heidi?«
    »Ja, ja«, bestätigte das Kind, »jetzt gerade bin ich mit dem Grossvater im
Schlitten heruntergefahren.«
    »Wie ist das möglich! Du hast ja eine so warme Hand! Sag, Brigitte, ist der
Alm-Öhi selber mit dem Kind heruntergekommen?«
    Peters Mutter, die Brigitte, die am Tisch geflickt hatte, war aufgestanden
und betrachtete nun mit Neugierde das Kind von oben bis unten; dann sagte sie:
»Ich weiss nicht, Mutter, ob der Öhi selber heruntergekommen ist mit ihm; es ist
nicht glaublich, das Kind wird's nicht recht wissen.«
    Aber das Heidi sah die Frau sehr bestimmt an und gar nicht, als sei es im
ungewissen, und sagte: »Ich weiss ganz gut, wer mich in die Bettdecke gewickelt
hat und mit mir heruntergeschlittelt ist; das ist der Grossvater.«
    »Es muss doch etwas daran sein, was der Peter so gesagt hat den Sommer durch
vom Alm-Öhi, wenn wir dachten, er wisse es nicht recht«, sagte die Grossmutter;
»wer hätte freilich auch glauben können, dass so etwas möglich sei; ich dachte,
das Kind lebte keine drei Wochen da oben. Wie sieht es auch aus, Brigitte!«
Diese hatte das Kind unterdessen so von allen Seiten angesehen, dass sie nun wohl
berichten konnte, wie es aussah.
    »Es ist so fein gegliedert, wie die Adelheid war«, gab sie zur Antwort;
»aber es hat die schwarzen Augen und das krause Haar, wie es der Tobias hatte
und auch der Alte droben; ich glaube, es sieht den zweien gleich.«
    Unterdessen war Heidi nicht müssig geblieben; es hatte ringsum geguckt und
alles genau betrachtet, was da zu sehen war. Jetzt sagte es: »Sieh, Grossmutter,
dort schlägt es einen Laden immer hin und her, und der Grossvater würde auf der
Stelle einen Nagel einschlagen, dass er wieder fest hält, sonst schlägt er auch
einmal eine Scheibe ein; sieh, sieh, wie er tut!«
    »Ach, du gutes Kind«, sagte die Grossmutter, »sehen kann ich es nicht, aber
hören kann ich es wohl und noch viel mehr, nicht nur den Laden; da kracht und
klappert es überall, wenn der Wind kommt, und er kann überall hereinblasen; es
hält nichts mehr zusammen, und in der Nacht, wenn sie beide schlafen, ist es mir
manchmal so angst und bang, es falle alles über uns zusammen und schlage uns
alle drei tot; ach, und da ist kein Mensch, der etwas ausbessern könnte an der
Hütte, der Peter versteht's nicht.«
    »Aber warum kannst du denn nicht sehen, wie der Laden tut, Grossmutter? Sieh
jetzt wieder, dort, gerade dort.« Und Heidi zeigte die Stelle deutlich mit dem
Finger.
    »Ach Kind, ich kann ja gar nichts sehen, gar nichts, nicht nur den Laden
nicht«, klagte die Grossmutter.
    »Aber wenn ich hinausgehe und den Laden ganz aufmache, dass es recht hell
wird, kannst du dann sehen, Grossmutter?«
    »Nein, nein, auch dann nicht, es kann mir niemand mehr hell machen.«
    »Aber wenn du hinausgehst in den ganz weissen Schnee, dann wird es dir gewiss
hell; komm nur mit mir, Grossmutter, ich will dir's zeigen.« Heidi nahm die
Grossmutter bei der Hand und wollte sie fortziehen, denn es fing an, ihm ganz
ängstlich zumute zu werden, dass es ihr nirgends hell wurde.
    »Lass mich nur sitzen, du gutes Kind; es bleibt doch dunkel bei mir, auch im
Schnee und in der Helle, sie dringt nicht mehr in meine Augen.«
    »Aber dann doch im Sommer, Grossmutter«, sagte Heidi, immer ängstlicher nach
einem guten Ausweg suchend; »weisst, wenn dann wieder die Sonne ganz heiss
herunterbrennt und dann gute Nacht sagt und die Berge alle feuerrot schimmern
und alle gelben Blümlein glitzern, dann wird es dir wieder schön hell?«
    »Ach Kind, ich kann sie nie mehr sehen, die feurigen Berge und die goldenen
Blümlein droben, es wird mir nie mehr hell auf Erden, nie mehr.«
    Jetzt brach Heidi in lautes Weinen aus. Voller Jammer schluchzte es
fortwährend: »Wer kann dir denn wieder hell machen? Kann es niemand? Kann es gar
niemand?«
    Die Grossmutter suchte nun das Kind zu trösten, aber es gelang ihr nicht so
bald. Heidi weinte fast nie; wenn es aber einmal anfing, dann konnte es auch
fast nicht mehr aus der Betrübnis herauskommen. Die Grossmutter hatte schon
allerhand probiert, um das Kind zu beschwichtigen, denn es ging ihr zu Herzen,
dass es so jämmerlich schluchzen musste. Jetzt sagte sie: »Komm, du gutes Heidi,
komm hier heran, ich will dir etwas sagen. Siehst du, wenn man nichts sehen
kann, dann hört man so gern ein freundliches Wort, und ich höre es gern, wenn du
redest; komm, setz dich da nahe zu mir und erzähl mir etwas, was du machst da
droben und was der Grossvater macht, ich habe ihn früher gut gekannt; aber jetzt
hab' ich seit manchem Jahr nichts mehr gehört von ihm, als durch den Peter, aber
der sagt nicht viel.«
    Jetzt kam dem Heidi ein neuer Gedanke; es wischte rasch seine Tränen weg und
sagte tröstlich: »Wart nur, Grossmutter, ich will alles dem Grossvater sagen, er
macht dir schon wieder hell und macht, dass die Hütte nicht zusammenfällt, er
kann alles wieder in Ordnung machen.«
    Die Grossmutter schwieg stille, und nun fing Heidi an, ihr mit grosser
Lebendigkeit zu erzählen von seinem Leben mit dem Grossvater und von den Tagen
auf der Weide und von dem jetzigen Winterleben mit dem Grossvater, was er alles
aus Holz machen könne, Bänke und Stühle und schöne Krippen, wo man für das
Schwänli und Bärli das Heu hineinlegen könnte, und einen neuen grossen Wassertrog
zum Baden im Sommer, und ein neues Milchschüsselchen und Löffel, und Heidi wurde
immer eifriger im Beschreiben all der schönen Sachen, die so auf einmal aus
einem Stück Holz herauskommen, und wie es dann neben dem Grossvater stehe und ihm
zuschaue und wie es das alles auch einmal machen wolle. Die Grossmutter hörte mit
grosser Aufmerksamkeit zu, und von Zeit zu Zeit sagte sie dazwischen: »Hörst du's
auch, Brigitte? Hörst du, was es vom Öhi sagt?«
    Mit einem Mal wurde die Erzählung unterbrochen durch ein grosses Gepolter an
der Tür, und herein stampfte der Peter, blieb aber sogleich stille stehen und
sperrte seine runden Augen ganz erstaunlich weit auf, als er das Heidi
erblickte, und schnitt die allerfreundlichste Grimasse, als es ihm sogleich
zurief: »Guten Abend, Peter!«
    »Ist denn das möglich, dass der schon aus der Schule kommt«, rief die
Grossmutter ganz verwundert aus; »so geschwind ist mir seit manchem Jahr kein
Nachmittag vergangen! Guten Abend, Peterli, wie geht es mit dem Lesen?«
    »Gleich«, gab der Peter zur Antwort.
    »So, so«, sagte die Grossmutter ein wenig seufzend, »ich habe gedacht, es
gäbe vielleicht eine Änderung auf die Zeit, wenn du dann zwölf Jahre alt wirst
gegen den Hornung hin.«
    »Warum muss es eine Änderung geben, Grossmutter?« fragte Heidi gleich mit
Interesse.
    »Ich meine nur, dass er es etwa noch hätte lernen können«, sagte die
Grossmutter, »das Lesen mein' ich. Ich habe dort oben auf dem Gestell ein altes
Gebetbuch, da sind schöne Lieder drin, die habe ich so lange nicht mehr gehört,
und im Gedächtnis habe ich sie auch nicht mehr; da habe ich gehofft, wenn der
Peterli nun lesen lerne, so könne er mir etwa ein gutes Lied lesen; aber er kann
es nicht lernen, es ist ihm zu schwer.«
    »Ich denke, ich muss Licht machen, es wird ja schon ganz dunkel«, sagte jetzt
Peters Mutter, die immer emsig am Wams fortgeflickt hatte; »der Nachmittag ist
mir auch vergangen, ohne dass ich's merkte.«
    Nun sprang Heidi von seinem Stühlchen auf, streckte eilig seine Hand aus und
sagte: »Gut' Nacht, Grossmutter, ich muss auf der Stelle heim, wenn es dunkel
wird«, und hintereinander bot es dem Peter und seiner Mutter die Hand und ging
der Tür zu. Aber die Grossmutter rief besorgt: »Wart, wart, Heidi; so allein musst
du nicht fort, der Peter muss mit dir, hörst du? Und gib acht auf das Kind,
Peterli, dass es nicht umfällt, und steh nicht still mit ihm, dass es nicht
friert, hörst du? Hat es auch ein dickes Halstuch an?«
    »Ich habe gar kein Halstuch an«, rief Heidi zurück, »aber ich will schon
nicht frieren«; damit war es zur Tür hinaus und huschte so behend weiter, dass
der Peter kaum nachkam. Aber die Grossmutter rief jammernd: »Lauf ihm nach,
Brigitte, lauf, das Kind muss ja erfrieren, so bei der Nacht, nimm mein Halstuch
mit, lauf schnell!« Die Brigitte gehorchte. Die Kinder hatten aber kaum ein paar
Schritte den Berg hinan getan, so sahen sie von oben herunter den Grossvater
kommen, und mit wenigen rüstigen Schritten stand er vor ihnen.
    »Recht so, Heidi, Wort gehalten!« sagte er, packte das Kind wieder fest in
seine Decke ein, nahm es auf seinen Arm und stieg den Berg hinauf. Eben hatte
die Brigitte noch gesehen, wie der Alte das Kind wohlverpackt auf seinen Arm
genommen und den Rückweg angetreten hatte. Sie trat mit dem Peter wieder in die
Hütte ein und erzählte der Grossmutter mit Verwunderung, was sie gesehen hatte.
Auch diese musste sich sehr verwundern und ein Mal über das andere sagen: »Gott
Lob und Dank, dass er so ist mit dem Kind, Gott Lob und Dank! Wenn er es nur auch
wieder zu mir lässt, das Kind hat mir so wohl gemacht! Was hat es für ein gutes
Herz und wie kann es so kurzweilig erzählen!« Und immer wieder freute sich die
Grossmutter, und bis sie ins Bett ging, sagte sie immer wieder: »Wenn es nur auch
wiederkommt! Jetzt habe ich doch noch etwas auf der Welt, auf das ich mich
freuen kann!« Und die Brigitte stimmte jedesmal ein, wenn die Grossmutter wieder
dasselbe sagte, und auch der Peter nickte jedesmal zustimmend mit dem Kopf und
zog seinen Mund weit auseinander vor Vergnüglichkeit und sagte: »Hab's schon
gewusst.«
    Unterdessen redete das Heidi in seinem Sack drinnen immerzu an den Grossvater
heran; da die Stimme aber nicht durch den achtfachen Umschlag dringen konnte und
er daher kein Wort verstand, sagte er: »Wart ein wenig, bis wir daheim sind,
dann sag's.«
    Sobald er nun, oben angekommen, in seine Hütte eingetreten war und Heidi aus
seiner Hülle herausgeschält hatte, sagte es: »Grossvater, morgen müssen wir den
Hammer und die grossen Nägel mitnehmen und den Laden festschlagen bei der
Grossmutter und sonst noch viele Nägel einschlagen, denn es kracht und klappert
alles bei ihr.«
    »Müssen wir? So, das müssen wir? Wer hat dir das gesagt?« fragte der
Grossvater.
    »Das hat mir kein Mensch gesagt, ich weiss es sonst«, entgegnete Heidi, »denn
es hält alles nicht mehr fest und es ist der Grossmutter angst und bang, wenn sie
nicht schlafen kann und es so tut, und sie denkt: jetzt fällt alles ein und
gerade auf unsere Köpfe; und der Grossmutter kann man gar nicht mehr hell machen,
sie weiss gar nicht, wie man es könnte, aber du kannst es schon, Grossvater; denk
nur, wie traurig es ist, wenn sie immer im Dunkeln ist und es ihr dann noch
angst und bang ist und es kann ihr kein Mensch helfen, als du! Morgen wollen wir
gehen und ihr helfen; gelt, Grossvater, wir wollen?«
    Heidi hatte sich an den Grossvater angeklammert und schaute mit zweifellosem
Vertrauen zu ihm auf. Der Alte schaute eine kleine Weile auf das Kind nieder,
dann sagte er: »Ja, Heidi, wir wollen machen, dass es nicht mehr so klappert bei
der Grossmutter, das können wir; morgen tun wir's.«
    Nun hüpfte das Kind vor Freude im ganzen Hüttenraum herum und rief ein Mal
ums andere: »Morgen tun wir's! Morgen tun wir's!«
    Der Grossvater hielt Wort. Am folgenden Nachmittag wurde dieselbe
Schlittenfahrt ausgeführt. Wie am vorhergehenden Tag stellte der Alte das Kind
vor der Tür der Geissenpeter-Hütte nieder und sagte: »Nun geh hinein, und wenn's
Nacht wird, komm wieder.« Dann legte er den Sack auf den Schlitten und ging um
das Häuschen herum.
    Kaum hatte Heidi die Tür aufgemacht und war in die Stube hineingesprungen,
so rief schon die Grossmutter aus der Ecke: »Da kommt das Kind! Das ist das
Kind!« und liess vor Freuden den Faden los und das Rädchen stehen und streckte
beide Hände nach dem Kinde aus. Heidi lief zu ihr, rückte gleich das niedere
Stühlchen ganz nahe an sie heran, setzte sich darauf und hatte der Grossmutter
schon wieder eine grosse Menge von Dingen zu erzählen und von ihr zu erfragen.
Aber auf einmal ertönten so gewaltige Schläge an das Haus, dass die Grossmutter
vor Schrecken so zusammenfuhr, dass sie fast das Spinnrad umwarf, und zitternd
ausrief: »Ach du mein Gott, jetzt kommt's, es fällt alles zusammen!« Aber Heidi
hielt sie fest um den Arm und sagte tröstend: »Nein, nein, Grossmutter, erschrick
du nur nicht, das ist der Grossvater mit dem Hammer, jetzt macht er alles fest,
dass es dir nicht mehr angst und bang wird.«
    »Ach, ist auch das möglich! Ist auch so etwas möglich! So hat uns doch der
liebe Gott nicht ganz vergessen!« rief die Grossmutter aus. »Hast du's gehört,
Brigitte, was es ist, hörst du's? Wahrhaftig, es ist ein Hammer! Geh hinaus,
Brigitte, und wenn es der Alm-Öhi ist, so sag ihm, er soll doch dann auch einen
Augenblick hereinkommen, dass ich ihm auch danken kann.«
    Die Brigitte ging hinaus. Eben schlug der Alm-Öhi mit grosser Gewalt neue
Kloben in die Mauer; Brigitte trat an ihn heran und sagte: »Ich wünsche Euch
guten Abend, Öhi, und die Mutter auch, und wir haben Euch zu danken, dass Ihr uns
einen solchen Dienst tut, und die Mutter möchte Euch noch gern eigens danken
drinnen; sicher, es hätte uns das nicht gerad' einer getan, wir wollen Euch auch
dran denken, denn sicher -«
    »Macht's kurz«, unterbrach sie der Alte hier; »was Ihr vom AlmÖhi haltet,
weiss ich schon. Geht nur wieder hinein; wo's fehlt, find' ich selber.«
    Brigitte gehorchte sogleich, denn der Öhi hatte eine Art, der man sich nicht
leicht widersetzte. Er klopfte und hämmerte um das ganze Häuschen herum, stieg
dann das schmale Treppchen hinauf bis unter das Dach, hämmerte weiter und
weiter, bis er auch den letzten Nagel eingeschlagen, den er mitgebracht hatte.
Unterdessen war auch schon die Dunkelheit hereingebrochen, und kaum war er
heruntergestiegen und hatte seinen Schlitten hinter dem Geissenstall
hervorgezogen, als auch schon Heidi aus der Tür trat und vom Grossvater wie
gestern verpackt auf den Arm genommen und der Schlitten nachgezogen wurde, denn
allein da drauf sitzend, wäre die ganze Umhüllung vom Heidi abgefallen, und es
wäre fast oder ganz erfroren. Das wusste der Grossvater wohl und hielt das Kind
ganz warm in seinem Arm.
    So ging der Winter dahin. In das freudlose Leben der blinden Grossmutter war
nach langen Jahren eine Freude gefallen und ihre Tage waren nicht mehr lang und
dunkel, einer wie der andere, denn nun hatte sie immer etwas in Aussicht, nach
dem sie verlangen konnte. Vom frühen Morgen an lauschte sie auch schon auf den
trippelnden Schritt, und ging dann die Tür auf und das Kind kam wirklich
dahergesprungen, dann rief sie jedesmal in lauter Freude: »Gottlob! da kommt's
wieder!« Und Heidi setzte sich zu ihr und plauderte und erzählte so lustig von
allem, was es wusste, dass es der Grossmutter ganz wohl machte und ihr die Stunden
dahingingen, sie merkte es nicht, und kein einziges Mal fragte sie mehr so wie
früher: »Brigitte, ist der Tag noch nicht um?«, sondern jedesmal, wenn Heidi die
Tür hinter sich schloss, sagte sie: »Wie war doch der Nachmittag so kurz; ist es
nicht wahr, Brigitte?« Und diese sagte: »Doch sicher, es ist mir, wir haben erst
die Teller vom Essen weggestellt.« Und die Grossmutter sagte wieder: »Wenn mir
nur der Herr Gott das Kind erhält und dem Alm-Öhi den guten Willen! Sieht es
auch gesund aus, Brigitte?« Und jedesmal erwiderte diese: »Es sieht aus wie ein
Erdbeerapfel.«
    Heidi hatte auch eine grosse Anhänglichkeit an die alte Grossmutter, und wenn
es ihm wieder in den Sinn kam, dass ihr gar niemand, auch der Grossvater nicht
mehr hell machen konnte, überkam es immer wieder eine grosse Betrübnis; aber die
Grossmutter sagte ihm immer wieder, dass sie am wenigsten davon leide, wenn es bei
ihr sei, und Heidi kam auch an jedem schönen Wintertag heruntergefahren auf
seinem Schlitten. Der Grossvater hatte, ohne weitere Worte, so fortgefahren,
hatte jedesmal den Hammer und allerlei andere Sachen mit aufgeladen und manchen
Nachmittag durch an dem Geissenpeter-Häuschen herumgeklopft. Das hatte aber auch
seine gute Wirkung; es krachte und klapperte nicht mehr die ganzen Nächte durch,
und die Grossmutter sagte, so habe sie manchen Winter lang nicht mehr schlafen
können, das wolle sie auch dem Öhi nie vergessen.
 
          Es kommt ein Besuch und dann noch einer, der mehr Folgen hat
Schnell war der Winter und noch schneller der fröhliche Sommer darauf vergangen,
und ein neuer Winter neigte sich schon wieder dem Ende zu. Heidi war glücklich
und froh wie die Vöglein des Himmels und freute sich jeden Tag mehr auf die
herannahenden Frühlingstage, da der warme Föhn durch die Tannen brausen und den
Schnee wegfegen würde und dann die helle Sonne die blauen und gelben Blümlein
hervorlocken und die Tage der Weide kommen würden, die für Heidi das Schönste
mit sich brachten, was es auf Erden geben konnte. Heidi stand nun in seinem
achten Jahre; es hatte vom Grossvater allerlei Kunstgriffe erlernt: mit den
Geissen wusste es so gut umzugehen als nur einer, und Schwänli und Bärli liefen
ihm nach wie treue Hündlein und meckerten gleich laut vor Freude, wenn sie nur
seine Stimme hörten. In diesem Winter hatte Peter schon zweimal vom Schullehrer
im Dörfli den Bericht gebracht, der Alm-Öhi solle das Kind, das bei ihm sei, nun
in die Schule schicken, es habe schon mehr als das Alter und hätte schon im
letzten Winter kommen sollen. Der Öhi hatte beide Male dem Schullehrer sagen
lassen, wenn er etwas mit ihm wolle, so sei er daheim, das Kind schicke er nicht
in die Schule. Diesen Bericht hatte der Peter richtig überbracht.
    Als die Märzsonne den Schnee an den Abhängen geschmolzen hatte und überall
die weissen Schneeglöckchen hervorguckten im Tal und auf der Alm die Tannen ihre
Schneelast abgeschüttelt hatten und die Äste wieder lustig wehten, da rannte
Heidi vor Wonne immer hin und her von der Haustür zum Geissenstall und von da
unter die Tannen und dann wieder hinein zum Grossvater, um ihm zu berichten, wie
viel grösser das Stück grüner Boden unter den Bäumen wieder geworden sei, und
gleich nachher kam es wieder, nachzusehen, denn es konnte nicht erwarten, dass
alles wieder grün und der ganze schöne Sommer mit Grün und Blumen wieder auf die
Alm gezogen kam.
    Als Heidi so am sonnigen Märzmorgen hin- und herrannte und jetzt wohl zum
zehntenmal über die Türschwelle sprang, wäre es vor Schrecken fast rückwärts
wieder hineingefallen, denn auf einmal stand es vor einem schwarzen alten Herrn,
der es ganz ernstaft anblickte. Als er aber seinen Schrecken sah, sagte er
freundlich: »Du musst nicht erschrecken vor mir, die Kinder sind mir lieb. Gib
mir die Hand! du wirst das Heidi sein; wo ist der Grossvater?«
    »Er sitzt am Tisch und schnjetzt runde Löffel von Holz«, erklärte Heidi und
machte nun die Tür wieder auf.
    Es war der alte Herr Pfarrer aus dem Dörfli, der den Öhi vor Jahren gut
gekannt hatte, als er noch unten wohnte und sein Nachbar war. Er trat in die
Hütte ein, ging auf den Alten zu, der sich über sein Schnitzwerk hinbeugte, und
sagte: »Guten Morgen, Nachbar.«
    Verwundert schaute dieser in die Höhe, stand dann auf und entgegnete: »Guten
Morgen dem Herrn Pfarrer.« Dann stellte er seinen Stuhl vor den Herrn hin und
fuhr fort: »Wenn der Herr Pfarrer einen Holzsitz nicht scheut, hier ist einer.«
    Der Herr Pfarrer setzte sich. »Ich habe Euch lange nicht gesehen, Nachbar«,
sagte er dann.
    »Ich den Herrn Pfarrer auch nicht«, war die Antwort.
    »Ich komme heut', um etwas mit Euch zu besprechen«, fing der Herr Pfarrer
wieder an; »ich denke, Ihr könnt schon wissen, was meine Angelegenheit ist,
worüber ich mich mit Euch verständigen und hören will, was Ihr im Sinne habt.«
    Der Herr Pfarrer schwieg und schaute auf Heidi, das an der Tür stand und die
neue Erscheinung aufmerksam betrachtete.
    »Heidi, geh zu den Geissen«, sagte der Grossvater. »Kannst ein wenig Salz
mitnehmen und bei ihnen bleiben, bis ich auch komme.«
    Heidi verschwand sofort.
    »Das Kind hätte schon vor dem Jahr und noch sicherer diesen Winter die
Schule besuchen sollen«, sagte nun der Herr Pfarrer; »der Lehrer hat Euch mahnen
lassen, Ihr habt keine Antwort darauf gegeben; was habt Ihr mit dem Kind im
Sinn, Nachbar?«
    »Ich habe im Sinn, es nicht in die Schule zu schicken«, war die Antwort.
    Verwundert schaute der Herr Pfarrer auf den Alten, der mit gekreuzten Armen
auf seiner Bank sass und gar nicht nachgiebig aussah.
    »Was wollt Ihr aus dem Kinde machen?« fragte jetzt der Herr Pfarrer.
    »Nichts, es wächst und gedeiht mit den Geissen und den Vögeln; bei denen ist
es ihm wohl und es lernt nichts Böses von ihnen.«
    »Aber das Kind ist keine Geiss und kein Vogel, es ist ein Menschenkind. Wenn
es nichts Böses lernt von diesen seinen Kameraden, so lernt es auch sonst nichts
von ihnen; es soll aber etwas lernen, und die Zeit dazu ist da. Ich bin
gekommen, es Euch zeitig zu sagen, Nachbar, damit Ihr Euch besinnen und
einrichten könnt den Sommer durch. Dies war der letzte Winter, den das Kind so
ohne allen Unterricht zugebracht hat; nächsten Winter kommt es zur Schule, und
zwar jeden Tag.«
    »Ich tu's nicht, Herr Pfarrer«, sagte der Alte unentwegt.
    »Meint Ihr denn wirklich, es gebe kein Mittel, Euch zur Vernunft zu bringen,
wenn Ihr so eigensinnig bei Eurem unvernünftigen Tun beharren wollt?« sagte der
Herr Pfarrer jetzt ein wenig eifrig. »Ihr seid weit in der Welt herumgekommen
und habt viel gesehen und vieles lernen können, ich hätte Euch mehr Einsicht
zugetraut, Nachbar.«
    »So«, sagte jetzt der Alte und seine Stimme verriet, dass es auch in seinem
Innern nicht mehr so ganz ruhig war; »und meint denn der Herr Pfarrer, ich werde
wirklich im nächsten Winter am eisigen Morgen durch Sturm und Schnee ein
zartgliedriges Kind den Berg hinunterschicken, zwei Stunden weit, und zur Nacht
wieder heraufkommen lassen, wenn's manchmal tobt und tut, dass unsereiner fast in
Wind und Schnee ersticken müsste, und dann ein Kind wie dieses? Und vielleicht
kann sich der Herr Pfarrer auch noch der Mutter erinnern, der Adelheid; sie war
mondsüchtig und hatte Zufälle, soll das Kind auch so etwas holen mit der
Anstrengung? Es soll mir einer kommen und mich zwingen wollen! Ich gehe vor alle
Gerichte mit ihm, und dann wollen wir sehen, wer mich zwingt!«
    »Ihr habt ganz recht, Nachbar«, sagte der Herr Pfarrer mit Freundlichkeit;
»es wäre nicht möglich, das Kind von hier aus zur Schule zu schicken. Aber ich
kann sehen, das Kind ist Euch lieb; tut um seinetwillen etwas, das Ihr schon
lange hättet tun sollen, kommt wieder ins Dörfli herunter und lebt wieder mit
den Menschen. Was ist das für ein Leben hier oben, allein und verbittert gegen
Gott und Menschen! Wenn Euch einmal etwas zustossen würde hier oben, wer würde
Euch beistehen? Ich kann auch gar nicht begreifen, dass Ihr den Winter durch
nicht halb erfriert in Eurer Hütte, und wie das zarte Kind es nur aushalten
kann!«
    »Das Kind hat junges Blut und eine gute Decke, das möchte ich dem Herrn
Pfarrer sagen, und dann noch eins: ich weiss, wo es Holz gibt, und auch, wann die
gute Zeit ist, es zu holen; der Herr Pfarrer darf in meinen Schopf hineinsehen,
es ist etwas drin, in meiner Hütte geht das Feuer nie aus den Winter durch. Was
der Herr Pfarrer mit dem Herunterkommen meint, ist nicht für mich; die Menschen
da unten verachten mich und ich sie auch, wir bleiben voneinander, so ist's
beiden wohl.«
    »Nein, nein, es ist Euch nicht wohl; ich weiss, was Euch fehlt«, sagte der
Herr Pfarrer mit herzlichem Ton. »Mit der Verachtung der Menschen dort unten ist
es so schlimm nicht. Glaubt mir, Nachbar: sucht Frieden mit Eurem Gott zu
machen, bittet um seine Verzeihung, wo Ihr sie nötig habt, und dann kommt und
seht, wie anders Euch die Menschen ansehen und wie wohl es Euch noch werden
kann.«
    Der Herr Pfarrer war aufgestanden, er hielt dem Alten die Hand hin und sagte
nochmals mit Herzlichkeit: »Ich zähle darauf, Nachbar, im nächsten Winter seid
Ihr wieder unten bei uns und wir sind die alten, guten Nachbarn. Es würde mir
grossen Kummer machen, wenn ein Zwang gegen Euch müsste angewandt werden; gebt mir
jetzt die Hand darauf, dass Ihr herunterkommt und wieder unter uns leben wollt,
ausgesöhnt mit Gott und den Menschen.«
    Der Alm-Öhi gab dem Herrn Pfarrer die Hand und sagte fest und bestimmt: »Der
Herr Pfarrer meint es recht mit mir; aber was er erwartet, das tu' ich nicht,
ich sag' es sicher und ohne Wandel: das Kind schick' ich nicht, und herunter
komm' ich nicht.«
    »So helf' Euch Gott!« sagte der Herr Pfarrer und ging traurig zur Tür hinaus
und den Berg hinunter.
    Der Alm-Öhi war verstimmt. Als Heidi am Nachmittag sagte: »Jetzt wollen wir
zur Grossmutter«, erwiderte er kurz: »Heut' nicht.« Den ganzen Tag sprach er
nicht mehr, und am folgenden Morgen, als Heidi fragte: »Gehen wir heut' zur
Grossmutter?« war er noch gleich kurz von Worten wie im Ton und sagte nur:
»Wollen sehen.« Aber noch bevor die Schüsselchen vom Mittagessen weggestellt
waren, trat schon wieder ein Besuch zur Tür herein, es war die Base Dete. Sie
hatte einen schönen Hut auf dem Kopf mit einer Feder darauf und ein Kleid, das
alles mitfegte, was am Boden lag, und in der Sennhütte lag da allerlei, das
nicht an ein Kleid gehörte. Der Öhi schaute sie an von oben bis unten und sagte
kein Wort. Aber die Base Dete hatte im Sinn, ein sehr freundliches Gespräch zu
führen, denn sie fing an zu rühmen und sagte, das Heidi sehe so gut aus, sie
habe es fast nicht mehr gekannt und man könne schon sehen, dass es ihm nicht
schlecht gegangen sei beim Grossvater. Sie habe aber gewiss auch immer darauf
gedacht, es ihm wieder abzunehmen, denn sie habe ja schon begreifen können, dass
ihm das Kleine im Weg sein müsse, aber in jenem Augenblick habe sie es ja
nirgends sonst hintun können; seitdem aber habe sie Tag und Nacht nachgesonnen,
wo sie das Kind etwa unterbringen könnte, und deswegen komme sie auch heute,
denn auf einmal habe sie etwas vernommen, da könne das Heidi zu einem solchen
Glück kommen, dass sie es gar nicht habe glauben wollen. Dann sei sie aber auf
der Stelle der Sache nachgegangen, und nun könne sie sagen, es sei alles so gut
wie in Richtigkeit, das Heidi komme zu einem Glück, wie unter Hunderttausenden
nicht eines. Furchtbar reiche Verwandte von ihrer Herrschaft, die fast im
schönsten Haus in ganz Frankfurt wohnen, die haben ein einziges Töchterlein, das
müsse immer im Rollstuhl sitzen, denn es sei auf einer Seite lahm und sonst
nicht gesund, und so sei es fast immer allein und müsse auch allen Unterricht
allein nehmen bei einem Lehrer, und das sei ihm so langweilig, und auch sonst
hätte es gern eine Gespielin im Haus, und da haben sie so davon geredet bei
ihrer Herrschaft, und wenn man nur so ein Kind finden könnte, wie die Dame
beschrieb, die in dem Haus die Wirtschaft führte, denn ihre Herrschaft habe viel
Mitgefühl und möchte dem kranken Töchterlein eine gute Gespielin gönnen. Die
Wirtschaftsdame hatte nun gesagt, sie wolle so ein recht unverdorbenes, so ein
eigenartiges, das nicht sei wie alle, die man so alle Tage sehe. Da habe sie
selbst denn auf der Stelle an das Heidi gedacht und sei gleich hingelaufen und
habe der Dame alles so beschrieben vom Heidi und so von seinem Charakter, und
die Dame habe sogleich zugesagt. Nun könne gar kein Mensch wissen, was dem Heidi
alles an Glück und Wohlfahrt bevorstehe, denn wenn es dann einmal dort sei und
die Leute es gern mögen und es etwa mit dem eigenen Töchterchen etwas geben
sollte - man könne ja nie wissen, es sei doch so schwächlich -, und wenn eben
die Leute doch nicht ohne ein Kind bleiben wollten, so könnte ja das
unerhörteste Glück -
    »Bist du bald fertig?« unterbrach hier der Öhi, der bis dahin kein Wort
dazwischengeredet hatte.
    »Pah«, gab die Dete zurück und warf den Kopf auf, »Ihr tut gerade, wie wenn
ich Euch das ordinärste Zeug gesagt hätte, und ist doch durchs ganze Prättigau
auf und ab nicht einer, der nicht Gott im Himmel dankte, wenn ich ihm die
Nachricht brächte, die ich Euch gebracht habe.«
    »Bring sie, wem du willst, ich will nichts davon«, sagte der Öhi trocken.
    Aber jetzt fuhr die Dete auf wie eine Rakete und rief: »Ja, wenn Ihr es so
meint, dann so will ich Euch denn schon auch sagen, wie ich es meine: das Kind
ist jetzt acht Jahre alt und kann nichts und weiss nichts, und Ihr wollt es
nichts lernen lassen; Ihr wollt es in keine Schule und in keine Kirche schicken,
das haben sie mir gesagt unten im Dörfli, und es ist meiner einzigen Schwester
Kind; ich hab' es zu verantworten, wie's mit ihm geht, und wenn ein Kind ein
Glück erlangen kann, wie jetzt das Heidi, so kann ihm nur einer davor sein, dem
es um alle Leute gleich ist und der keinem etwas Gutes wünscht. Aber ich gebe
nicht nach, das sag' ich Euch, und die Leute habe ich alle für mich, es ist kein
einziger unten im Dörfli, der nicht mir hilft und gegen Euch ist, und wenn Ihr's
etwa wollt vor Gericht kommen lassen, so besinnt Euch wohl, Öhi; es gibt noch
Sachen, die Euch dann könnten aufgewärmt werden, die Ihr nicht gern hörtet, denn
wenn man's einmal mit dem Gericht zu tun hat, so wird noch manches aufgespürt,
an das keiner mehr denkt.«
    »Schweig!« donnerte der Öhi heraus, und seine Augen flammten wie Feuer.
»Nimm's und verdirb's! Komm mir nie mehr vor Augen mit ihm, ich will's nie sehen
mit dem Federhut auf dem Kopf und Worten im Mund, wie dich heut'!«
    Der Öhi ging mit grossen Schritten zur Tür hinaus.
    »Du hast den Grossvater bös gemacht«, sagte Heidi und blitzte mit seinen
schwarzen Augen die Base wenig freundlich an.
    »Er wird schon wieder gut, komm jetzt«, drängte die Base; »wo sind deine
Kleider?«
    »Ich komme nicht«, sagte Heidi.
    »Was sagst du?« fuhr die Base auf; dann änderte sie den Ton ein wenig und
fuhr halb freundlich, halb ärgerlich weiter: »Komm, komm, du verstehst's nicht
besser, du wirst es so gut haben, wie du gar nicht weisst.« Dann ging sie an den
Schrank, nahm Heidis Sachen hervor und packte sie zusammen: »So, komm jetzt,
nimm dort dein Hütchen, es sieht nicht schön aus, aber es ist gleich für einmal,
setz es auf und mach, dass wir fortkommen.«
    »Ich komme nicht«, wiederholte Heidi.
    »Sei doch nicht so dumm und störrig, wie eine Geiss; denen hast du's
abgesehen. Begreif doch nur, jetzt ist der Grossvater bös, du hast's ja gehört,
dass er gesagt hat, wir sollen ihm nicht mehr vor Augen kommen, er will es nun
haben, dass du mit mir gehst, und jetzt musst du ihn nicht noch böser machen. Du
weisst gar nicht, wie schön es ist in Frankfurt und was du alles sehen wirst, und
gefällt es dir dann nicht, so kannst du wieder heimgehen; bis dahin ist der
Grossvater dann wieder gut.«
    »Kann ich gerad' wieder umkehren und heimkommen heut' Abend?« fragte Heidi.
    »Ach was, komm jetzt! Ich sag' dir's ja, du kannst wieder heim, wann du
willst. Heut' gehen wir bis nach Maienfeld hinunter und morgen früh sitzen wir
in der Eisenbahn, mit der bist du nachher im Augenblick wieder daheim, das geht
wie geflogen.«
    Die Base Dete hatte das Bündelchen Kleider auf den Arm und Heidi an die Hand
genommen; so gingen sie den Berg hinunter.
    Da es noch nicht Weidezeit war, ging der Peter noch zur Schule ins Dörfli
hinunter, oder sollte doch dahin gehen; aber er machte hier und da einen Tag
Ferien, denn er dachte, es nütze nichts, dahin zu gehen, das Lesen brauche man
auch nicht, und ein wenig herumfahren und grosse Ruten suchen, nütze etwas, denn
diese könne man brauchen. So kam er eben in der Nähe seiner Hütte von der Seite
her mit sichtlichem Erfolg seiner heutigen Bestrebungen, denn er trug ein
ungeheures Bündel langer, dicker Haselruten auf der Achsel. Er stand still und
starrte die zwei Entgegenkommenden an, bis sie bei ihm ankamen; dann sagte er:
»Wo willst du hin?«
    »Ich muss nur geschwind nach Frankfurt mit der Base«, antwortete Heidi, »aber
ich will zuerst noch zur Grossmutter hinein, sie wartet auf mich.«
    »Nein, nein, keine Rede, es ist schon viel zu spät«, sagte die Base eilig
und hielt das fortstrebende Heidi fest bei der Hand; »du kannst dann gehen, wenn
du wieder heimkommst, komm jetzt!« Damit zog die Base das Heidi fest weiter und
liess es nicht mehr los, denn sie fürchtete, es könne drinnen dem Kinde wieder in
den Sinn kommen, es wolle nicht fort, und die Grossmutter könne ihm helfen
wollen. Der Peter sprang in die Hütte hinein und schlug mit seinem ganzen Bündel
Ruten so furchtbar auf den Tisch los, dass alles erzitterte und die Grossmutter
vor Schrecken vom Spinnrad aufsprang und laut aufjammerte. Der Peter hatte sich
Luft machen müssen.
    »Was ist's denn? was ist's denn?« rief angstvoll die Grossmutter, und die
Mutter, die am Tisch gesessen hatte und fast aufgeflogen war bei dem Knall,
sagte in angeborener Langmut: »Was hast, Peterli; warum tust so wüst?«
    »Weil sie das Heidi mitgenommen hat«, erklärte Peter.
    »Wer? Wer? Wohin, Peterli, wohin?« fragte die Grossmutter jetzt mit neuer
Angst; sie musste aber schnell erraten haben, was vorging, die Tochter hatte ihr
ja vor kurzem berichtet, sie habe die Dete gesehen zum Alm-Öhi hinaufgehen. Ganz
zitternd vor Eile, machte die Grossmutter das Fenster auf und rief flehentlich
hinaus: »Dete, Dete, nimm uns das Kind nicht weg! Nimm uns das Heidi nicht!«
    Die beiden Laufenden hörten die Stimme, und die Dete mochte wohl ahnen, was
sie rief, denn sie fasste das Kind noch fester und lief, was sie konnte. Heidi
widerstrebte und sagte: »Die Grossmutter hat gerufen, ich will zu ihr.«
    Aber das wollte die Base gerade nicht und beschwichtigte das Kind, es solle
nur schnell kommen jetzt, dass sie nicht noch zu spät kämen, sondern dass sie
morgen weiter reisen könnten, es könnte ja dann sehen, wie es ihm gefallen werde
in Frankfurt, dass es gar nie mehr fort wolle dort; und wenn es doch heim wolle,
so könne es ja gleich gehen und dann erst noch der Grossmutter etwas mit
heimbringen, was sie freue. Das war eine Aussicht für Heidi, die ihm gefiel. Es
fing an zu laufen ohne Widerstreben.
    »Was kann ich der Grossmutter heimbringen?« fragte es nach einer Weile.
    »Etwas Gutes«, sagte die Base, »so schöne, weiche Weissbrötchen, da wird sie
Freud' haben daran, sie kann ja doch das harte, schwarze Brot fast nicht mehr
essen.«
    »Ja, sie gibt es immer wieder dem Peter und sagt: Es ist mir zu hart; das
habe ich selbst gesehen«, bestätigte das Heidi. »So wollen wir geschwind gehen,
Base Dete; dann kommen wir vielleicht heut' noch nach Frankfurt, dass ich bald
wieder da bin mit den Brötchen.«
    Heidi fing nun so zu rennen an, dass die Base mit ihrem Bündel auf dem Arm
fast nicht mehr nachkam. Aber sie war sehr froh, dass es so rasch ging, denn nun
kamen sie gleich zu den ersten Häusern vom Dörfli, und da konnte es wieder
allerhand Reden und Fragen geben, die das Heidi wieder auf andere Gedanken
bringen konnten. So lief sie stracks durch, und das Kind zog dabei noch so stark
an ihrer Hand, dass alle Leute es sehen konnten, wie sie um des Kindes willen so
pressieren musste. So rief sie auf alle die Fragen und Anrufungen, die ihr aus
allen Fenstern und Türen entgegentönten, nur immer zurück: »Ihr seht's ja, ich
kann jetzt nicht stillstehen, das Kind pressiert und wir haben noch weit.«
    »Nimmst's mit?« »Läuft's dem Alm-Öhi fort?« »Es ist nur ein Wunder, dass es
noch am Leben ist!« »Und dazu noch so rotbackig!« So tönte es von allen Seiten,
und die Dete war froh, dass sie ohne Verzug durchkam und keinen Bescheid geben
musste und auch Heidi kein Wort sagte, sondern nur immer vorwärts strebte in
grossem Eifer. -
    Von dem Tage an machte der Alm-Öhi, wenn er herunterkam und durchs Dörfli
ging, ein böseres Gesicht als je zuvor. Er grüsste keinen Menschen und sah mit
seinem Käsereff auf dem Rücken, mit dem ungeheuren Stock in der Hand und den
zusammengezogenen dicken Brauen so drohend aus, dass die Frauen zu den kleinen
Kindern sagten: »Gib acht! Geh dem Alm-Öhi aus dem Weg, er könnte dir noch etwas
tun!«
    Der Alte verkehrte mit keinem Menschen im Dörfli, er ging nur durch und weit
ins Tal hinab, wo er seine Käse verhandelte und seine Vorräte an Brot und
Fleisch einnahm. Wenn er so vorbeigegangen war im Dörfli, dann standen hinter
ihm die Leute alle in Trüppchen zusammen, und jeder wusste etwas Besonderes, was
er am Alm-Öhi gesehen hatte, wie er immer wilder aussehe und dass er jetzt keinem
Menschen mehr auch nur einen Gruss abnehme, und alle kamen darin überein, dass es
ein grosses Glück sei, dass das Kind habe entweichen können, und man habe auch
wohl gesehen, wie es fortgedrängt habe, so, als fürchte es, der Alte sei schon
hinter ihm drein, um es zurückzuholen. Nur die blinde Grossmutter hielt
unverrückt zum Alm-Öhi, und wer zu ihr heraufkam, um bei ihr spinnen zu lassen,
oder das Gesponnene zu holen, dem erzählte sie es immer wieder, wie gut und
sorgfältig der Alm-Öhi mit dem Kind gewesen sei und was er an ihr und der
Tochter getan habe, wie manchen Nachmittag er an ihrem Häuschen herumgeflickt,
das ohne seine Hilfe gewiss schon zusammengefallen wäre. So kamen denn auch diese
Berichte ins Dörfli herunter; aber die meisten, die sie vernahmen, sagten dann,
die Grossmutter sei vielleicht zu alt zum Begreifen, sie werde es wohl nicht
recht verstanden haben, sie werde wohl auch nicht mehr gut hören, weil sie
nichts mehr sehe.
    Der Alm-Öhi zeigte sich jetzt nicht mehr bei den Geissenpeters; es war gut,
dass er die Hütte so fest zusammengenagelt hatte, denn sie blieb für lange Zeit
ganz unberührt. Jetzt begann die blinde Grossmutter ihre Tage wieder mit Seufzen,
und nicht einer verstrich, an dem sie nicht klagend sagte: »Ach, mit dem Kind
ist alles Gute und alle Freude von uns genommen, und die Tage sind so leer! Wenn
ich nur noch einmal das Heidi hören könnte, eh' ich sterben muss!«
 
                    Ein neues Kapitel und lauter neue Dinge
Im Hause des Herrn Sesemann in Frankfurt lag das kranke Töchterlein, Klara, in
dem bequemen Rollstuhl, in welchem es den ganzen Tag sich aufhielt und von einem
Zimmer ins andere gestossen wurde. Jetzt sass es im sogenannten Studierzimmer, das
neben der grossen Essstube lag und wo vielerlei Gerätschaften herumstanden und
lagen, die das Zimmer wohnlich machten und zeigten, dass man hier gewöhnlich sich
aufhielt. An dem grossen, schönen Bücherschrank mit den Glastüren konnte man
sehen, woher das Zimmer seinen Namen hatte, und dass es wohl der Raum war, wo dem
lahmen Töchterchen der tägliche Unterricht erteilt wurde.
    Klara hatte ein blasses, schmales Gesichtchen, aus dem zwei milde, blaue
Augen herausschauten, die in diesem Augenblick auf die grosse Wanduhr gerichtet
waren, die heute besonders langsam zu gehen schien, denn Klara, die sonst kaum
ungeduldig wurde, sagte jetzt mit ziemlicher Ungeduld in der Stimme: »Ist es
denn immer noch nicht Zeit, Fräulein Rottenmeier?«
    Die letztere sass sehr aufrecht an einem kleinen Arbeitstisch und stickte.
Sie hatte eine geheimnisvolle Hülle um sich, einen grossen Kragen oder
Halbmantel, welcher der Persönlichkeit einen feierlichen Anstrich verlieh, der
noch erhöht wurde durch eine Art von hochgebauter Kuppel, die sie auf dem Kopf
trug. Fräulein Rottenmeier war schon seit mehreren Jahren, seitdem die Dame des
Hauses gestorben war, im Hause Sesemann, führte die Wirtschaft und hatte die
Oberaufsicht über das ganze Dienstpersonal.
    Herr Sesemann war meistens auf Reisen, überliess daher dem Fräulein
Rottenmeier das ganze Haus, nur mit der Bedingung, dass sein Töchterlein in allem
eine Stimme haben solle und nichts gegen dessen Wunsch geschehen dürfe.
    Während oben Klara zum zweitenmal mit Zeichen der Ungeduld Fräulein
Rottenmeier befragte, ob die Zeit noch nicht da sei, da die Erwarteten
erscheinen konnten, stand unten vor der Haustür die Dete mit Heidi an der Hand
und fragte den Kutscher Johann, der eben vom Wagen gestiegen war, ob sie wohl
Fräulein Rottenmeier so spät noch stören dürfe.
    »Das ist nicht meine Sache«, brummte der Kutscher; »klingeln Sie den
Sebastian herunter, drinnen im Korridor.«
    Dete tat, wie ihr geheissen war, und der Bediente des Hauses kam die Treppe
herunter mit grossen, runden Knöpfen auf seinem Aufwärterrock und fast ebenso
grossen runden Augen im Kopfe.
    »Ich wollte fragen, ob ich um diese Zeit Fräulein Rottenmeier noch stören
dürfe«, brachte die Dete wieder an.
    »Das ist nicht meine Sache«, gab der Bediente zurück; »klingeln Sie die
Jungfer Tinette herunter an der anderen Klingel«, und ohne weitere Auskunft
verschwand der Sebastian.
    Dete klingelte wieder. Jetzt erschien auf der Treppe die Jungfer Tinette mit
einem blendend weissen Deckelchen auf der Mitte des Kopfes und einer spöttischen
Miene auf dem Gesicht.
    »Was ist?« fragte sie auf der Treppe, ohne herunterzukommen. Dete
wiederholte ihr Gesuch. Jungfer Tinette verschwand, kam aber bald wieder und
rief von der Treppe herunter: »Sie sind erwartet!«
    Jetzt stieg Dete mit Heidi die Treppe hinauf und trat, der Jungfer Tinette
folgend, in das Studierzimmer ein. Hier blieb Dete höflich an der Tür stehen,
Heidi immer fest an der Hand haltend, denn sie war gar nicht sicher, was dem
Kinde etwa begegnen konnte auf diesem so fremden Boden.
    Fräulein Rottenmeier erhob sich langsam von ihrem Sitz und kam näher, um die
angekommene Gespielin der Tochter des Hauses zu betrachten. Der Anblick schien
sie nicht zu befriedigen. Heidi hatte sein einfaches Baumwollröckchen an und
sein altes, zerdrücktes Strohhütchen auf dem Kopf. Das Kind guckte sehr harmlos
darunter hervor und betrachtete mit unverhehlter Verwunderung den Turmbau auf
dem Kopf der Dame.
    »Wie heissest du?« fragte Fräulein Rottenmeier, nachdem auch sie einige
Minuten lang forschend das Kind angesehen hatte, das kein Auge von ihr
verwandte.
    »Heidi«, antwortete es deutlich und mit klangvoller Stimme.
    »Wie? wie? das soll doch wohl kein christlicher Name sein? So bist du doch
nicht getauft worden. Welchen Namen hast du in der Taufe erhalten?« fragte
Fräulein Rottenmeier weiter.
    »Das weiss ich jetzt nicht mehr«, entgegnete Heidi.
    »Ist das eine Antwort!« bemerkte die Dame mit Kopfschütteln. »Jungfer Dete,
ist das Kind einfältig oder schnippisch?«
    »Mit Erlaubnis und wenn es die Dame gestattet, so will ich gern reden für
das Kind, denn es ist sehr unerfahren«, sagte die Dete, nachdem sie dem Heidi
heimlich einen kleinen Stoss gegeben hatte für die unpassende Antwort. »Es ist
aber nicht einfältig und auch nicht schnippisch, davon weiss es gar nichts; es
meint alles so, wie es redet. Aber es ist heut' zum erstenmal in einem
Herrenhaus und kennt die gute Manier nicht; aber es ist willig und nicht
ungelehrig, wenn die Dame wollte gütige Nachsicht haben. Es ist Adelheid getauft
worden, wie seine Mutter, meine Schwester selig.«
    »Nun wohl, dies ist doch ein Name, den man sagen kann«, bemerkte Fräulein
Rottenmeier. »Aber, Jungfer Dete, ich muss Ihnen doch sagen, dass mir das Kind für
sein Alter sonderbar vorkommt. Ich habe Ihnen mitgeteilt, die Gespielin für
Fräulein Klara müsste in ihrem Alter sein, um denselben Unterricht mit ihr zu
verfolgen und überhaupt ihre Beschäftigungen zu teilen. Fräulein Klara hat das
zwölfte Jahr zurückgelegt; wie alt ist das Kind?«
    »Mit Erlaubnis der Dame«, fing die Dete wieder beredt an, »es war mir eben
selber nicht mehr so ganz gegenwärtig, wie alt es sei; es ist wirklich ein wenig
jünger, viel trifft es nicht an, ich kann's so ganz genau nicht sagen, es wird
so um das zehnte Jahr, oder so noch etwas dazu sein, nehm' ich an.«
    »Jetzt bin ich acht, der Grossvater hat's gesagt«, erklärte Heidi. Die Base
stiess es wieder an, aber Heidi hatte keine Ahnung, warum, und wurde keineswegs
verlegen.
    »Was, erst acht Jahre alt?« rief Fräulein Rottenmeier mit einiger Entrüstung
aus. »Vier Jahre zu wenig! Was soll das geben! Und was hast du denn gelernt? was
hast du für Bücher gehabt bei deinem Unterricht?«
    »Keine«, sagte Heidi.
    »Wie? Was? Wie hast du denn lesen gelernt?« fragte die Dame weiter.
    »Das hab' ich nicht gelernt und der Peter auch nicht«, berichtete Heidi.
    »Barmherzigkeit! du kannst nicht lesen? du kannst wirklich nicht lesen!«
rief Fräulein Rottenmeier im höchsten Schrecken aus. »Ist es die Möglichkeit,
nicht lesen! Was hast du denn aber gelernt?«
    »Nichts«, sagte Heidi der Wahrheit gemäss.
    »Jungfer Dete«, sagte Fräulein Rottenmeier nach einigen Minuten, in denen
sie nach Fassung rang, »es ist alles nicht nach Abrede, wie konnten Sie mir
dieses Wesen zuführen?« Aber die Dete liess sich nicht so bald einschüchtern; sie
antwortete herzhaft: »Mit Erlaubnis der Dame, das Kind ist gerade, was ich
dachte, dass sie haben wolle; die Dame hat mir beschrieben, wie es sein müsse, so
ganz apart und nicht wie die anderen, und so musste ich das kleine nehmen, denn
die grösseren sind bei uns dann nicht mehr so apart, und ich dachte, dieses passe
wie gemacht auf die Beschreibung. Jetzt muss ich aber gehen, denn meine
Herrschaft erwartet mich; ich will, wenn's meine Herrschaft erlaubt, bald wieder
kommen und nachsehen, wie es geht mit ihm.« Mit einem Knix war die Dete zur Tür
hinaus und die Treppe hinunter mit schnellen Schritten. Fräulein Rottenmeier
stand einen Augenblick noch da, dann lief sie der Dete nach; es war ihr wohl in
den Sinn gekommen, dass sie noch eine Menge von Dingen mit der Base besprechen
wollte, wenn das Kind wirklich dableiben sollte, und da war es doch nun einmal
und, wie sie bemerkte, hatte die Base fest im Sinn, es da zu lassen.
    Heidi stand noch auf demselben Platz an der Tür, wo es von Anfang an
gestanden hatte. Bis dahin hatte Klara von ihrem Sessel aus schweigend allem
zugesehen. Jetzt winkte sie Heidi: »Komm hierher!«
    Heidi trat an den Rollstuhl heran.
    »Willst du lieber Heidi heissen oder Adelheid?« fragte Klara.
    »Ich heisse nur Heidi und sonst nichts«, war Heidis Antwort.
    »So will ich dich immer so nennen«, sagte Klara; »der Name gefällt mir für
dich, ich habe ihn aber nie gehört, ich habe aber auch nie ein Kind gesehen, das
so aussieht wie du. Hast du immer nur so kurzes, krauses Haar gehabt?«
    »Ja, ich denk's«, gab Heidi zur Antwort.
    »Bist du gern nach Frankfurt gekommen?« fragte Klara weiter.
    »Nein, aber morgen geh' ich dann wieder heim und bringe der Grossmutter weisse
Brötchen!« erklärte Heidi.
    »Du bist aber ein kurioses Kind!« fuhr jetzt Klara auf. »Man hat dich ja
express nach Frankfurt kommen lassen, dass du bei mir bleibest und die Stunden mit
mir nehmest, und siehst du, es wird nun ganz lustig, weil du gar nicht lesen
kannst, nun kommt etwas ganz Neues in den Stunden vor. Sonst ist es manchmal so
schrecklich langweilig und der Morgen will gar nicht zu Ende kommen. Denn siehst
du, alle Morgen um zehn Uhr kommt der Herr Kandidat, und dann fangen die Stunden
an und dauern bis um zwei Uhr, das ist so lange. Der Herr Kandidat nimmt auch
manchmal das Buch ganz nahe ans Gesicht heran, so, als wäre er auf einmal ganz
kurzsichtig geworden, aber er gähnt nur furchtbar hinter dem Buch, und Fräulein
Rottenmeier nimmt auch von Zeit zu Zeit ihr grosses Taschentuch hervor und hält
es vor das ganze Gesicht hin, so, als sei sie ganz ergriffen von etwas, das wir
lesen; aber ich weiss recht gut, dass sie nur ganz schrecklich gähnt dahinter, und
dann sollte ich auch so stark gähnen und muss es immer hinunterschlucken, denn
wenn ich nur ein einziges Mal herausgähne, so holt Fräulein Rottenmeier gleich
den Fischtran und sagt, ich sei wieder schwach, und Fischtran nehmen ist das
Allerschrecklichste, da will ich noch lieber Gähnen schlucken. Aber nun wird's
viel kurzweiliger, da kann ich dann zuhören, wie du lesen lernst.«
    Heidi schüttelte ganz bedenklich mit dem Kopf, als es vom Lesenlernen hörte.
    »Doch, doch, Heidi, natürlich musst du lesen lernen, alle Menschen müssen,
und der Herr Kandidat ist sehr gut, er wird niemals böse, und er erklärt dir
dann schon alles. Aber siehst du, wenn er etwas erklärt, dann verstehst du
nichts davon; dann musst du nur warten und gar nichts sagen, sonst erklärt er dir
noch viel mehr und du verstehst es noch weniger. Aber dann nachher, wenn du
etwas gelernt hast, und es weisst, dann verstehst du schon, was er gemeint hat.«
    Jetzt kam Fräulein Rottenmeier wieder ins Zimmer zurück; sie hatte Dete
nicht mehr zurückrufen können und war sichtlich aufgeregt davon, denn sie hatte
dieser eigentlich gar nicht einlässlich sagen können, was alles nicht nach Abrede
sei bei dem Kinde, und da sie nicht wusste, was nun zu tun sei, um ihren Schritt
rückgängig zu machen, war sie um so aufgeregter, denn sie selbst hatte die ganze
Sache angestiftet. Sie lief nun vom Studierzimmer ins Esszimmer hinüber, und von
da wieder zurück, und kehrte dann unmittelbar wieder um und fuhr hier den
Sebastian an, der seine runden Augen eben nachdenklich über den gedeckten Tisch
gleiten liess, um zu sehen, ob sein Werk keinen Mangel habe.
    »Denk' Er morgen Seine grossen Gedanken fertig und mach' Er, dass man heut'
noch zutische komme.«
    Mit diesen Worten fuhr Fräulein Rottenmeier an Sebastian vorbei und rief
nach der Tinette mit so wenig einladendem Ton, dass die Jungfer Tinette mit noch
viel kleineren Schritten herantrippelte als sonst gewöhnlich - und sich mit so
spöttischem Gesicht hinstellte, dass selbst Fräulein Rottenmeier nicht wagte, sie
anzufahren; um so mehr schlug ihr die Aufregung nach innen.
    »Das Zimmer der Angekommenen ist in Ordnung zu bringen, Tinette«, sagte die
Dame mit schwer errungener Ruhe; »es liegt alles bereit, nehmen Sie noch den
Staub von den Möbeln weg.«
    »Es ist der Mühe wert«, spöttelte Tinette und ging.
    Unterdessen hatte Sebastian die Doppeltüren zum Studierzimmer mit ziemlichem
Knall aufgeschlagen, denn er war sehr ergrimmt, aber sich in Antworten Luft zu
machen durfte er nicht wagen Fräulein Rottenmeier gegenüber; dann trat er ganz
gelassen ins Studierzimmer, um den Rollstuhl hinüberzustossen. Während er den
Griff hinten am Stuhl, der sich verschoben hatte, zurechtdrehte, stellte sich
Heidi vor ihn hin und schaute ihn unverwandt an, was er bemerkte. Auf einmal
fuhr er auf. »Na, was ist denn da Besonderes dran?« schnurrte er Heidi an in
einer Weise, wie er es wohl nicht getan, hätte er Fräulein Rottenmeier gesehen,
die eben wieder auf der Schwelle stand und gerade hereintrat, als Heidi
entgegnete: »Du siehst dem Geissenpeter gleich.«
    Entsetzt schlug die Dame ihre Hände zusammen. »Ist es die Möglichkeit!«
stöhnte sie halblaut. »Nun duzt sie mir den Bedienten! Dem Wesen fehlen alle
Urbegriffe!«
    Der Stuhl kam herangerollt und Klara wurde von Sebastian hinausgeschoben und
auf ihren Sessel an den Tisch gesetzt.
    Fräulein Rottenmeier setzte sich neben sie und winkte Heidi, es sollte den
Platz ihr gegenüber einnehmen. Sonst kam niemand zutische, und es war viel Platz
da; die drei sassen auch weit auseinander, so dass Sebastian mit seiner Schüssel
zum Anbieten guten Raum fand. Neben Heidis Teller lag ein schönes, weisses
Brötchen; das Kind schaute mit erfreuten Blicken darauf. Die Ähnlichkeit, die
Heidi entdeckt hatte, musste sein ganzes Vertrauen für den Sebastian erweckt
haben, denn es sass mäuschenstill und rührte sich nicht, bis er mit der grossen
Schüssel zu ihm herantrat und ihm die gebratenen Fischchen hinhielt, dann zeigte
es auf das Brötchen und fragte: »Kann ich das haben?« Sebastian nickte und warf
dabei einen Seitenblick auf Fräulein Rottenmeier, denn es wunderte ihn, was die
Frage für einen Eindruck auf sie mache. Augenblicklich ergriff Heidi sein
Brötchen und steckte es in die Tasche. Sebastian machte eine Grimasse, denn das
Lachen kam ihn an; er wusste aber wohl, dass ihm das nicht erlaubt war. Stumm und
unbeweglich blieb er immer noch vor Heidi stehen, denn reden durfte er nicht,
und weggehen durfte er wieder nicht, bis man sich bedient hatte. Heidi schaute
ihm eine Zeit lang verwundert zu, dann fragte es: »Soll ich auch von dem essen?«
Sebastian nickte wieder. »So gib mir«, sagte es und schaute ruhig auf seinen
Teller. Sebastians Grimasse wurde sehr bedenklich, und die Schüssel in seinen
Händen fing an gefährlich zu zittern.
    »Er kann die Schüssel auf den Tisch setzen und nachher wiederkommen«, sagte
jetzt Fräulein Rottenmeier mit strengem Gesicht. Sebastian verschwand sogleich.
»Dir, Adelheid, muss ich überall die ersten Begriffe beibringen, das sehe ich«,
fuhr Fräulein Rottenmeier mit tiefem Seufzer fort. »Vor allem will ich dir
zeigen, wie man sich am Tische bedient«, und nun machte die Dame deutlich und
eingehend alles vor, was Heidi zu tun hatte. »Dann«, fuhr sie weiter, »muss ich
dir hauptsächlich bemerken, dass du am Tisch nicht mit Sebastian zu sprechen
hast, auch sonst nur dann, wenn du einen Auftrag oder eine notwendige Frage an
ihn zu richten hast; dann aber nennst du ihn nie mehr anders, als Sie oder Er,
hörst du? dass ich dich niemals mehr ihn anders nennen höre. Auch Tinette nennst
du Sie, Jungfer Tinette. Mich nennst du so, wie du mich von allen nennen hörst;
wie du Klara nennen sollst, wird sie selbst bestimmen.«
    »Natürlich Klara«, sagte diese. Nun folgte aber noch eine Menge von
Verhaltungsmassregeln, über Aufstehen und Zubettegehen, über Hereintreten und
Hinausgehen, über Ordnunghalten, Türenschliessen, und über alledem fielen dem
Heidi die Augen zu, denn es war heute vor fünf Uhr aufgestanden und hatte eine
lange Reise gemacht. Es lehnte sich an den Sesselrücken und schlief ein. Als
dann nach längerer Zeit Fräulein Rottenmeier zu Ende gekommen war mit ihrer
Unterweisung, sagte sie: »Nun denke daran, Adelheid! Hast du alles recht
begriffen?«
    »Heidi schläft schon lange«, sagte Klara mit ganz belustigtem Gesicht, denn
das Abendessen war für sie seit langer Zeit nie so kurzweilig verflossen.
    »Es ist doch völlig unerhört, was man mit diesem Kind erlebt!« rief Fräulein
Rottenmeier in grossem Ärger und klingelte so heftig, dass Tinette und Sebastian
miteinander herbeigestürzt kamen; aber trotz allen Lärms erwachte Heidi nicht,
und man hatte die grösste Mühe, es so weit zu erwecken, dass es nach seinem
Schlafgemach gebracht werden konnte; erst durch das Studierzimmer, dann durch
Klaras Schlafstube, dann durch die Stube von Fräulein Rottenmeier zu dem
Eckzimmer, das nun für Heidi eingerichtet war.
 
                  Fräulein Rottenmeier hat einen unruhigen Tag
Als Heidi am ersten Morgen in Frankfurt seine Augen aufschlug, konnte es
durchaus nicht begreifen, was es erblickte. Es rieb ganz gewaltig seine Augen,
guckte dann wieder auf und sah dasselbe. Es sass auf einem hohen, weissen Bett und
vor sich sah es einen grossen, weiten Raum, und wo die Helle herkam, hingen
lange, lange weisse Vorhänge, und dabei standen zwei Sessel mit grossen Blumen
darauf, und dann kam ein Sofa an der Wand mit denselben Blumen und ein runder
Tisch davor, und in der Ecke stand ein Waschtisch mit Sachen darauf, wie Heidi
sie noch gar nie gesehen hatte. Aber nun kam ihm auf einmal in den Sinn, dass es
in Frankfurt sei, und der ganze gestrige Tag kam ihm in Erinnerung und zuletzt
noch ganz klar die Unterweisungen der Dame, so weit es sie gehört hatte. Heidi
sprang nun von seinem Bett herunter und machte sich fertig. Dann ging es an ein
Fenster und dann an das andere; es musste den Himmel sehen und die Erde draussen,
es fühlte sich wie im Käfig hinter den grossen Vorhängen. Es konnte diese nicht
wegschieben; so kroch es dahinter, um an ein Fenster zu kommen. Aber dieses war
so hoch, dass Heidi nur gerade mit dem Kopf so weit hinaufreichte, dass es
durchsehen konnte. Aber Heidi fand nicht, was es suchte. Es lief von einem
Fenster zum anderen und dann wieder zum ersten zurück; aber immer war dasselbe
vor seinen Augen, Mauern und Fenster und wieder Mauern und dann wieder Fenster.
Es wurde Heidi ganz bange. Noch war es früh am Morgen, denn Heidi war gewöhnt,
früh aufzustehen auf der Alm und dann sogleich hinauszulaufen vor die Tür und zu
sehen, wie's draussen sei, ob der Himmel blau und die Sonne schon droben sei, ob
die Tannen rauschen und die kleinen Blumen schon die Augen offen haben. Wie das
Vögelein, das zum erstenmal in seinem schönglänzenden Gefängnis sitzt, hin- und
herschiesst und bei allen Stäben probiert, ob es nicht zwischen durchschlüpfen
und in die Freiheit hinausfliegen könne, so lief Heidi immer von dem einen
Fenster zum anderen, um zu probieren, ob es nicht aufgemacht werden könne, denn
dann musste man doch etwas anderes sehen als Mauern und Fenster, da musste doch
unten der Erdboden, das grüne Gras und der letzte, schmelzende Schnee an den
Abhängen zum Vorschein kommen, und Heidi sehnte sich, das zu sehen. Aber die
Fenster blieben fest verschlossen, wie sehr auch das Kind drehte und zog und von
unten suchte, die kleinen Finger unter die Rahmen einzutreiben, damit es Kraft
hätte, sie aufzudrücken; es blieb alles eisenfest aufeinander sitzen. Nach
langer Zeit, als Heidi einsah, dass alle Anstrengungen nichts halfen, gab es
seinen Plan auf und überdachte nun, wie es wäre, wenn es vor das Haus
hinausginge und hintenherum, bis es auf den Grasboden käme, denn es erinnerte
sich, dass es gestern Abend vorn am Haus nur über Steine gekommen war. Jetzt
klopfte es an seiner Tür und unmittelbar darauf steckte Tinette den Kopf herein
und sagte kurz: »Frühstück bereit!«
    Heidi verstand keineswegs eine Einladung unter diesen Worten; auf dem
spöttischen Gesicht der Tinette stand viel mehr eine Warnung, ihr nicht zu nah
zu kommen, als eine freundliche Einladung geschrieben, und das las Heidi
deutlich von dem Gesicht und richtete sich danach. Es nahm den kleinen Schemel
unter dem Tisch empor, stellte ihn in eine Ecke, setzte sich darauf und wartete
so ganz still ab, was nun kommen würde. Nach einiger Zeit kam etwas mit
ziemlichem Geräusch, es war Fräulein Rottenmeier, die schon wieder in Aufregung
geraten war und in Heidis Stube hineinrief: »Was ist mit dir, Adelheid?
Begreifst du nicht, was ein Frühstück ist? Komm herüber!«
    Das verstand nun Heidi und folgte sogleich nach. Im Esszimmer sass Klara schon
lang an ihrem Platz und begrüsste Heidi freundlich, machte auch ein viel
vergnügteres Gesicht, als sonst gewöhnlich, denn sie sah voraus, dass heute
wieder allerlei Neues geschehen würde. Das Frühstück ging nun ohne Störung vor
sich; Heidi ass ganz anständig sein Butterbrot, und wie alles zu Ende war, wurde
Klara wieder ins Studierzimmer hinübergerollt und Heidi wurde von Fräulein
Rottenmeier angewiesen, nachzufolgen und bei Klara zu bleiben, bis der Herr
Kandidat kommen würde, um die Unterrichtsstunden zu beginnen. Als die beiden
Kinder allein waren, sagte Heidi sogleich: »Wie kann man hinaussehen hier und
ganz hinunter auf den Boden?«
    »Man macht ein Fenster auf und guckt hinaus«, antwortete Klara belustigt.
    »Man kann diese Fenster nicht aufmachen«, versetzte Heidi traurig.
    »Doch, doch«, versicherte Klara, »nur du noch nicht, und ich kann dir auch
nicht helfen; aber wenn du einmal den Sebastian siehst, so macht er dir schon
eines auf.«
    Das war eine grosse Erleichterung für Heidi, zu wissen, dass man doch die
Fenster öffnen und hinausschauen könne, denn noch war es ganz unter dem Druck
des Gefangenseins von seinem Zimmer her. Klara fing nun an, Heidi zu fragen, wie
es bei ihm zuhause sei, und Heidi erzählte mit Freuden von der Alm und den
Geissen und der Weide und allem, was ihm lieb war.
    Unterdessen war der Herr Kandidat angekommen; aber Fräulein Rottenmeier
führte ihn nicht, wie gewöhnlich, ins Studierzimmer, denn sie musste sich erst
aussprechen und geleitete ihn zu diesem Zweck ins Esszimmer, wo sie sich vor ihn
hinsetzte und ihm in grosser Aufregung ihre bedrängte Lage schilderte und wie sie
in diese hineingekommen war.
    Sie hatte nämlich vor einiger Zeit Herrn Sesemann nach Paris geschrieben, wo
er eben verweilte, seine Tochter habe längst gewünscht, es möchte eine Gespielin
für sie ins Haus aufgenommen werden, und auch sie selbst glaube, dass eine solche
in den Unterrichtsstunden ein Sporn, in der übrigen Zeit eine anregende
Gesellschaft für Klara sein würde. Eigentlich war die Sache für Fräulein
Rottenmeier selbst sehr wünschbar, denn sie wollte gern, dass jemand da sei, der
ihr die Unterhaltung der kranken Klara abnehme, wenn es ihr zu viel war, was
öfters geschah. Herr Sesemann hatte geantwortet, er erfülle gern den Wunsch
seiner Tochter, doch mit der Bedingung, dass eine solche Gespielin in allem ganz
gehalten werde wie jene, er wolle keine Kinderquälerei in seinem Hause - »was
freilich eine sehr unnütze Bemerkung von dem Herrn war«, setzte Fräulein
Rottenmeier hinzu, »denn wer wollte Kinder quälen!« Nun aber erzählte sie
weiter, wie ganz erschrecklich sie hineingefallen sei mit dem Kinde, und führte
alle Beispiele von seinem völlig begriffslosen Dasein an, die es bis jetzt
geliefert hatte, dass nicht nur der Unterricht des Herrn Kandidaten buchstäblich
beim Abc anfangen müsse, sondern dass auch sie auf jedem Punkte der menschlichen
Erziehung mit dem Uranfang zu beginnen hätte. Aus dieser unheilvollen Lage sehe
sie nur ein Rettungsmittel: wenn der Herr Kandidat erklären werde, zwei so
verschiedene Wesen könnten nicht miteinander unterrichtet werden, ohne grossen
Schaden des vorgerückteren Teiles; das wäre für Herrn Sesemann ein triftiger
Grund, die Sache rückgängig zu machen, und so würde er zugeben, dass das Kind
gleich wieder dahin zurückgeschickt würde, woher es gekommen war; ohne seine
Zustimmung aber dürfte sie das nicht unternehmen, nun der Hausherr wisse, dass
das Kind angekommen sei. Aber der Herr Kandidat war behutsam und niemals
einseitig im Urteilen. Er tröstete Fräulein Rottenmeier mit vielen Worten und
der Ansicht, wenn die junge Tochter auf der einen Seite so zurück sei, so möchte
sie auf der anderen um so geförderter sein, was bei einem geregelten Unterricht
bald ins Gleichgewicht kommen werde. Als Fräulein Rottenmeier sah, dass der Herr
Kandidat sie nicht unterstützen, sondern seinen Abc-Unterricht übernehmen
wollte, machte sie ihm die Tür zum Studierzimmer auf, und nachdem er
hereingetreten war, schloss sie schnell hinter ihm zu und blieb auf der anderen
Seite, denn vor dem Abc hatte sie einen Schrecken. Sie ging jetzt mit grossen
Schritten im Zimmer auf und nieder, denn sie hatte zu überlegen, wie die
Dienstboten Adelheid zu benennen hätten. Herr Sesemann hatte ja geschrieben, sie
müsste wie seine Tochter gehalten werden, und dieses Wort musste sich
hauptsächlich auf das Verhältnis zu den Dienstboten beziehen, dachte Fräulein
Rottenmeier. Sie konnte aber nicht lange ungestört überlegen, denn auf einmal
ertönte drinnen im Studierzimmer ein erschreckliches Gekrache fallender
Gegenstände und dann ein Hilferuf nach Sebastian. Sie stürzte hinein. Da lag auf
dem Boden alles übereinander, die sämtlichen Studien-Hilfsmittel, Bücher, Hefte,
Tintenfass und obendarauf der Tischteppich, unter dem ein schwarzes
Tintenbächlein hervorfloss, die ganze Stube entlang. Heidi war verschwunden.
    »Da haben wir's!« rief Fräulein Rottenmeier händeringend aus. »Teppich,
Bücher, Arbeitskorb, alles in der Tinte! das ist noch nie geschehen! das ist das
Unglückswesen, da ist kein Zweifel!«
    Der Herr Kandidat stand sehr erschrocken da und schaute auf die Verwüstung,
die allerdings nur eine Seite hatte und eine recht bestürzende. Klara dagegen
verfolgte mit vergnügtem Gesicht die ungewöhnlichen Ereignisse und deren
Wirkungen und sagte nun erklärend: »Ja, Heidi hat's gemacht, aber nicht mit
Absicht, es muss gewiss nicht gestraft werden, es war nur so schrecklich eilig,
fortzukommen und riss den Teppich mit und so fiel alles hintereinander auf den
Boden. Es fuhren viele Wagen hintereinander vorbei, darum ist es so
fortgeschossen; es hat vielleicht noch nie eine Kutsche gesehen.«
    »Da, ist's nicht, wie ich sagte, Herr Kandidat? Nicht einen Urbegriff hat
das Wesen! Keine Ahnung davon, was eine Unterrichtsstunde ist, dass man dabei
zuzuhören und stillzusitzen hat. Aber wo ist das unheilbringende Ding hin? Wenn
es fortgelaufen wäre! Was würde mir Herr Sesemann -«
    Fräulein Rottenmeier lief hinaus und die Treppe hinunter. Hier, unter der
geöffneten Haustür, stand Heidi und guckte ganz verblüfft die Strasse auf und ab.
    »Was ist denn? Was fällt dir denn ein? Wie kannst du so davonlaufen!« fuhr
Fräulein Rottenmeier das Kind an.
    »Ich habe die Tannen rauschen gehört, aber ich weiss nicht, wo sie stehen,
und höre sie nicht mehr«, antwortete Heidi und schaute enttäuscht nach der Seite
hin, wo das Rollen der Wagen verhallt war, das in Heidis Ohren dem Tosen des
Föhns in den Tannen ähnlich geklungen hatte, so dass es in höchster Freude dem
Ton nachgerannt war.
    »Tannen! Sind wir im Wald? Was sind das für Einfälle! Komm herauf und sieh,
was du angerichtet hast!« Damit stieg Fräulein Rottenmeier wieder die Treppe
hinan; Heidi folgte ihr und stand nun sehr verwundert vor der grossen Verheerung,
denn es hatte nicht gemerkt, was es alles mitriss, vor Freude und Eile, die
Tannen zu hören.
    »Das hast du ein Mal getan, ein zweites Mal tust du's nicht wieder«, sagte
Fräulein Rottenmeier, auf den Boden zeigend; »zum Lernen sitzt man still auf
seinem Sessel und gibt acht. Kannst du das nicht selbst fertig bringen, so muss
ich dich an deinen Stuhl festbinden. Kannst du das verstehen?«
    »Ja«, entgegnete Heidi, »aber ich will schon festsitzen.« Denn jetzt hatte
es begriffen, dass es eine Regel ist, in einer Unterrichtsstunde stillzusitzen.
    Jetzt mussten Sebastian und Tinette hereinkommen, um die Ordnung
wiederherzustellen. Der Herr Kandidat entfernte sich, denn der weitere
Unterricht musste nun aufgegeben werden. Zum Gähnen war heute gar keine Zeit
gewesen.
    Am Nachmittag musste Klara immer eine Zeit lang ruhen und Heidi hatte alsdann
seine Beschäftigung selbst zu wählen; so hatte Fräulein Rottenmeier ihm am
Morgen erklärt. Als nun nach Tisch Klara sich in ihrem Sessel zur Ruhe gelegt
hatte, ging Fräulein Rottenmeier nach ihrem Zimmer, und Heidi sah, dass nun die
Zeit da war, da es seine Beschäftigung selbst wählen konnte. Das war dem Heidi
sehr erwünscht, denn es hatte schon immer im Sinn, etwas zu unternehmen; es
musste aber Hilfe dazu haben und stellte sich darum vor das Esszimmer mitten auf
den Korridor, damit die Persönlichkeit, die es zu beraten gedachte, ihm nicht
entgehen könne. Richtig, nach kurzer Zeit kam Sebastian die Treppe herauf mit
dem grossen Teebrett auf den Armen, denn er brachte das Silberzeug aus der Küche
herauf, um es im Schrank des Esszimmers zu verwahren. Als er auf der letzten
Stufe der Treppe angekommen war, trat Heidi vor ihn hin und sagte mit grosser
Deutlichkeit: »Sie oder Er!«
    Sebastian riss die Augen so weit auf, als es nur möglich war, und sagte
ziemlich barsch: »Was soll das heissen, Mamsell?«
    »Ich möchte nur gern etwas fragen, aber es ist gewiss nichts Böses wie heute
Morgen«, fügte Heidi beschwichtigend hinzu, denn es merkte, dass Sebastian ein
wenig erbittert war, und dachte, es komme noch von der Tinte am Boden her.
    »So, und warum muss es denn heissen Sie oder Er, das möcht' ich zuerst
wissen«, gab Sebastian im gleichen barschen Ton zurück.
    »Ja, so muss ich jetzt immer sagen«, versicherte Heidi; »Fräulein Rottenmeier
hat es befohlen.«
    Jetzt lachte Sebastian so laut auf, dass Heidi ihn ganz verwundert ansehen
musste, denn es hatte nichts Lustiges bemerkt; aber Sebastian hatte auf einmal
begriffen, was Fräulein Rottenmeier befohlen hatte, und sagte nun sehr
erlustigt: »Schon recht, so fahre die Mamsell nur zu.«
    »Ich heisse gar nicht Mamsell«, sagte nun Heidi seinerseits ein wenig
geärgert; »ich heisse Heidi.«
    »Ist schon recht; die gleiche Dame hat aber befohlen, dass ich Mamsell sage«,
erklärte Sebastian.
    »Hat sie? Ja, dann muss ich schon so heissen«, sagte Heidi mit Ergebung, denn
es hatte wohl gemerkt, dass alles so geschehen musste, wie Fräulein Rottenmeier
befahl.
    »Jetzt habe ich schon drei Namen«, setzte es mit einem Seufzer hinzu. »Was
wollte die kleine Mamsell denn fragen?« fragte Sebastian jetzt, indem er, ins
Esszimmer eingetreten, sein Silberzeug im Schrank zurechtlegte.
    »Wie kann man ein Fenster aufmachen, Sebastian?«
    »So, gerade so«, und er machte den grossen Fensterflügel auf.
    Heidi trat heran, aber es war zu klein, um etwas sehen zu können; es langte
nur bis zum Gesims hinauf.
    »Da, so kann das Mamsellchen einmal hinausgucken und sehen, was unten ist«,
sagte Sebastian, indem er einen hohen hölzernen Schemel herbeigeholt hatte und
hinstellte. Hoch erfreut stieg Heidi hinauf und konnte endlich den ersehnten
Blick durch das Fenster tun. Aber mit dem Ausdruck der grössten Enttäuschung zog
es sogleich den Kopf wieder zurück.
    »Man sieht nur die steinerne Strasse hier, sonst gar nichts«, sagte das Kind
bedauerlich; »aber wenn man um das ganze Haus herumgeht, was sieht man dann auf
der anderen Seite, Sebastian?«
    »Gerade dasselbe«, gab dieser zur Antwort.
    »Aber wohin kann man denn gehen, dass man weit, weit hinuntersehen kann über
das ganze Tal hinab?«
    »Da muss man auf einen hohen Turm hinaufsteigen, einen Kirchturm, so einen,
wie der dort ist mit der goldenen Kugel oben drauf. Da guckt man von oben
herunter und sieht weit über alles weg.«
    Jetzt stieg Heidi eilig von seinem Schemel herunter, rannte zur Tür hinaus,
die Treppe hinunter und trat auf die Strasse hinaus. Aber die Sache ging nicht,
wie Heidi sich vorgestellt hatte. Als es aus dem Fenster den Turm gesehen hatte,
kam es ihm vor, es könne nur über die Strasse gehen, so müsste er gleich vor ihm
stehen. Nun ging Heidi die ganze Strasse hinunter, aber es kam nicht an den Turm,
konnte ihn auch nirgends mehr entdecken und kam nun in eine andere Strasse hinein
und weiter und weiter, aber immer noch sah es den Turm nicht. Es gingen viele
Leute an ihm vorbei, aber die waren alle so eilig, dass Heidi dachte, sie hätten
nicht Zeit, ihm Bescheid zu geben. Jetzt sah es an der nächsten Strassenecke
einen Jungen stehen, der eine kleine Drehorgel auf dem Rücken und ein ganz
kurioses Tier auf dem Arme trug. Heidi lief zu ihm hin und fragte: »Wo ist der
Turm mit der goldenen Kugel zuoberst?«
    »Weiss nicht«, war die Antwort.
    »Wen kann ich denn fragen, wo er sei?« fragte Heidi weiter.
    »Weiss nicht.«
    »Weisst du keine andere Kirche mit einem hohen Turm?«
    »Freilich weiss ich eine.«
    »So komm und zeige mir sie.«
    »Zeig du zuerst, was du mir dafür gibst.« Der Junge hielt seine Hand hin.
Heidi suchte in seiner Tasche herum. Jetzt zog es ein Bildchen hervor, darauf
ein schönes Kränzchen von roten Rosen gemalt war; erst sah es noch eine kleine
Weile darauf hin, denn es reute Heidi ein wenig. Erst heute Morgen hatte Klara
es ihm geschenkt; aber hinuntersehen ins Tal, über die grünen Abhänge! »Da«,
sagte Heidi und hielt das Bildchen hin, »willst du das?«
    Der Junge zog die Hand zurück und schüttelte den Kopf.
    »Was willst du denn?« fragte Heidi und steckte vergnügt sein Bildchen wieder
ein.
    »Geld.«
    »Ich habe keins, aber Klara hat, sie gibt mir dann schon; wie viel willst
du?«
    »Zwanzig Pfennige.«
    »So komm jetzt.«
    Nun wanderten die beiden eine lange Strasse hin, und auf dem Wege fragte
Heidi den Begleiter, was er auf dem Rücken trage, und er erklärte ihm, es sei
eine schöne Orgel unter dem Tuch, die mache eine prachtvolle Musik, wenn er
daran drehe. Auf einmal standen sie vor einer alten Kirche mit hohem Turm; der
Junge stand still und sagte: »Da.«
    »Aber wie komm' ich da hinein?« fragte Heidi, als es die festverschlossenen
Türen sah.
    »Weiss nicht«, war wieder die Antwort.
    »Glaubst du, man könne hier klingeln, so wie man dem Sebastian tut?«
    »Weiss nicht.«
    Heidi hatte eine Klingel entdeckt an der Mauer und zog jetzt aus allen
Kräften daran.
    »Wenn ich dann hinaufgehe, so musst du warten hier unten, ich weiss jetzt den
Weg nicht mehr zurück, du musst mir ihn dann zeigen.«
    »Was gibst du mir dann?«
    »Was muss ich dir dann wieder geben?«
    »Wieder zwanzig Pfennige.«
    Jetzt wurde das alte Schloss inwendig umgedreht und die knarrende Tür
geöffnet; ein alter Mann trat heraus und schaute erst verwundert, dann ziemlich
erzürnt auf die Kinder und fuhr sie an: »Was untersteht ihr euch, mich da
herunterzuklingeln? Könnt ihr nicht lesen, was über der Klingel steht: Für
solche, die den Turm besteigen wollen?«
    Der Junge wies mit dem Zeigefinger auf Heidi und sagte kein Wort.
    Heidi antwortete: »Eben auf den Turm wollt' ich.«
    »Was hast du droben zu tun?« fragte der Türmer; »hat dich jemand geschickt?«
    »Nein«, entgegnete Heidi, »ich möchte nur hinaufgehen, dass ich hinuntersehen
kann.«
    »Macht, dass ihr heimkommt, und probiert den Spass nicht wieder, oder ihr
kommt nicht gut weg zum zweitenmal!« Damit kehrte sich der Türmer um und wollte
die Tür zumachen.
    Aber Heidi hielt ihn ein wenig am Rockschoss und sagte bittend: »Nur ein
einziges Mal!«
    Er sah sich um, und Heidis Augen schauten so flehentlich zu ihm auf, dass es
ihn ganz umstimmte; er nahm das Kind bei der Hand und sagte freundlich: »Wenn
dir so viel daran gelegen ist, so komm mit mir!«
    Der Junge setzte sich auf die steinernen Stufen vor der Tür nieder und
zeigte, dass er nicht mit wollte.
    Heidi stieg an der Hand des Türmers viele, viele Treppen hinauf; dann wurden
diese immer schmäler, und endlich ging es noch ein ganz enges Treppchen hinauf,
und nun waren sie oben. Der Türmer hob Heidi vom Boden auf und hielt es an das
offene Fenster.
    »Da, jetzt guck hinunter«, sagte er.
    Heidi sah auf ein Meer von Dächern, Türmen und Schornsteinen nieder; es zog
bald seinen Kopf zurück und sagte niedergeschlagen: »Es ist gar nicht, wie ich
gemeint habe.«
    »Siehst du wohl? Was versteht so ein Kleines von Aussicht! So, komm nun
wieder herunter und läute nie mehr an einem Turm!«
    Der Türmer stellte Heidi wieder auf den Boden und stieg ihm voran die
schmalen Stufen hinab. Wo diese breiter wurden, kam links die Tür, die in des
Türmers Stübchen führte, und nebenan ging der Boden bis unter das schräge Dach
hin. Dort hinten stand ein grosser Korb und davor sass eine dicke graue Katze und
knurrte, denn in dem Korb wohnte ihre Familie und sie wollte jeden
Vorübergehenden davor warnen, sich in ihre Familienangelegenheiten zu mischen.
Heidi stand still und schaute verwundert hinüber, eine so mächtige Katze hatte
es noch nie gesehen; in dem alten Turm wohnten aber ganze Herden von Mäusen, so
holte sich die Katze ohne Mühe jeden Tag ein halbes Dutzend Mäusebraten. Der
Türmer sah Heidis Bewunderung und sagte: »Komm, sie tut dir nichts, wenn ich
dabei bin; du kannst die Jungen ansehen.«
    Heidi trat an den Korb heran und brach in ein grosses Entzücken aus.
    »O, die netten Tierlein! die schönen Kätzchen!« rief es ein Mal ums andere
und sprang hin und her um den Korb herum, um auch recht alle komischen Gebärden
und Sprünge zu sehen, welche die sieben oder acht jungen Kätzchen vollführten,
die in dem Korb rastlos übereinanderhin krabbelten, sprangen, fielen.
    »Willst du eins haben?« fragte der Türmer, der Heidis Freudensprüngen
vergnügt zuschaute.
    »Selbst für mich? für immer?« fragte Heidi gespannt und konnte das grosse
Glück fast nicht glauben.
    »Ja, gewiss, du kannst auch noch mehr haben, du kannst sie alle zusammen
haben, wenn du Platz hast«, sagte der Mann, dem es gerade recht war, seine
kleinen Katzen los zu werden, ohne dass er ihnen ein Leid antun musste.
    Heidi war im höchsten Glück. In dem grossen Hause hatten ja die Kätzchen so
viel Platz, und wie musste Klara erstaunt und erfreut sein, wenn die niedlichen
Tierchen ankamen!
    »Aber wie kann ich sie mitnehmen?« fragte nun Heidi und wollte schnell
einige fangen mit seinen Händen, aber die dicke Katze sprang ihm auf den Arm und
fauchte es so grimmig an, dass es sehr erschrocken zurückfuhr.
    »Ich will sie dir bringen, sag nur, wohin«, sagte der Türmer, der die alte
Katze nun streichelte, um sie wieder gut zu machen, denn sie war seine Freundin
und hatte schon viele Jahre mit ihm auf dem Turm gelebt.
    »Zum Herrn Sesemann in dem grossen Haus, wo an der Haustür ein goldener
Hundskopf ist mit einem dicken Ring im Maul«, erklärte Heidi.
    Es hätte nicht einmal so viel gebraucht für den Türmer, der schon seit
langen Jahren auf dem Turm sass und jedes Haus weitin kannte, und dazu war der
Sebastian noch ein alter Bekannter von ihm.
    »Ich weiss schon«, bemerkte er; »aber wem muss ich die Dinger bringen, wem muss
ich nachfragen, du gehörst doch nicht Herrn Sesemann?« »Nein, aber die Klara,
sie hat eine so grosse Freude, wenn die Kätzchen kommen!«
    Der Türmer wollte nun weitergehen, aber Heidi konnte sich von dem
unterhaltenden Schauspiel fast nicht trennen.
    »Wenn ich nur schon eins oder zwei mitnehmen könnte! Eins für mich und eins
für Klara, kann ich nicht?«
    »So wart ein wenig«, sagte der Türmer, trug dann die alte Katze behutsam in
sein Stübchen hinein und stellte sie an das Essschüsselchen hin, schloss die Tür
vor ihr zu und kam zurück: »So, nun nimm zwei!«
    Heidis Augen leuchteten vor Wonne. Es las ein weisses und dann ein gelb und
weiss gestreiftes aus und steckte eins in die rechte und eins in die linke
Tasche. Nun ging's die Treppe hinunter.
    Der Junge sass noch auf den Stufen draussen, und als nun der Türmer hinter
Heidi die Tür zugeschlossen hatte, sagte das Kind: »Welchen Weg müssen wir nun
zu Herrn Sesemanns Haus?«
    »Weiss nicht«, war die Antwort.
    Heidi fing nun an zu beschreiben, was es wusste, die Haustür und die Fenster
und die Treppen, aber der Junge schüttelte zu allem den Kopf, es war ihm alles
unbekannt.
    »Siehst du«, fuhr dann Heidi im Beschreiben fort, »aus einem Fenster sieht
man ein grosses, grosses, graues Haus und das Dach geht so« - Heidi zeichnete hier
mit dem Zeigefinger grosse Zacken in die Luft hinaus.
    Jetzt sprang der Junge auf, er mochte ähnliche Merkmale haben, seine Wege zu
finden. Er lief nun in einem Zug drauf los und Heidi hinter ihm drein, und in
kurzer Zeit standen sie richtig vor der Haustür mit dem grossen Messing-Tierkopf.
Heidi zog die Glocke. Bald erschien Sebastian, und wie er Heidi erblickte, rief
er drängend: »Schnell! Schnell!«
    Heidi sprang eilig herein, und Sebastian schlug die Tür zu; den Jungen, der
verblüfft draussen stand, hatte er gar nicht bemerkt.
    »Schnell, Mamsellchen«, drängte Sebastian weiter, »gleich ins Esszimmer
hinein, sie sitzen schon am Tisch. Fräulein Rottenmeier sieht aus wie eine
geladene Kanone; was stellt aber auch die kleine Mamsell an, so fortzulaufen?«
    Heidi war ins Zimmer getreten. Fräulein Rottenmeier blickte nicht auf; Klara
sagte auch nichts, es war eine etwas unheimliche Stille. Sebastian rückte Heidi
den Sessel zurecht. Jetzt, wie es auf seinem Stuhl sass, begann Fräulein
Rottenmeier mit strengem Gesicht und einem ganz feierlich-ernsten Ton:
»Adelheid, ich werde nachher mit dir sprechen, jetzt nur so viel: du hast dich
sehr ungezogen, wirklich strafbar benommen, dass du das Haus verlässest, ohne zu
fragen, ohne dass jemand ein Wort davon wusste, und herumstreichst bis zum späten
Abend; es ist eine völlig beispiellose Aufführung.«
    »Miau«, tönte es wie als Antwort zurück.
    Aber jetzt stieg der Zorn der Dame: »Wie, Adelheid«, rief sie in immer
höheren Tönen, »du unterstehst dich noch, nach aller Ungezogenheit einen
schlechten Spass zu machen? Hüte dich wohl, sag' ich dir!«
    »Ich mache«, fing Heidi an - »Miau! Miau!«
    Sebastian warf fast seine Schüssel auf den Tisch und stürzte hinaus.
    »Es ist genug«, wollte Fräulein Rottenmeier rufen; aber vor Aufregung tönte
ihre Stimme gar nicht mehr. »Steh auf und verlass das Zimmer.«
    Heidi stand erschrocken von seinem Sessel auf und wollte noch einmal
erklären: »Ich mache gewiss« - »Miau! Miau! Miau!«
    »Aber Heidi«, sagte jetzt Klara, »wenn du doch siehst, dass du Fräulein
Rottenmeier so böse machst, warum machst du immer wieder miau?«
    »Ich mache nicht, die Kätzlein machen«, konnte Heidi endlich ungestört
hervorbringen.
    »Wie? Was? Katzen? junge Katzen?« schrie Fräulein Rottenmeier auf.
»Sebastian! Tinette! Sucht die greulichen Tiere! schafft sie fort!« Damit
stürzte die Dame ins Studierzimmer hinein und riegelte die Türen zu, um sicherer
zu sein, denn junge Katzen waren für Fräulein Rottenmeier das Schrecklichste in
der Schöpfung. Sebastian stand draussen vor der Tür und musste erst fertig lachen,
eh' er wieder eintreten konnte. Er hatte, als er Heidi bediente, einen kleinen
Katzenkopf aus dessen Tasche herausgucken gesehen und sah dem Spektakel
entgegen, und wie er nun ausbrach, konnte er sich nicht mehr halten, kaum noch
seine Schüssel auf den Tisch setzen. Endlich trat er denn wieder gefasst ins
Zimmer herein, nachdem die Hilferufe der geängsteten Dame schon längere Zeit
verklungen waren. Jetzt sah es ganz still und friedlich aus drinnen; Klara hielt
die Kätzchen auf ihrem Schoss, Heidi kniete neben ihr und beide spielten mit
grosser Wonne mit den zwei winzigen, graziösen Tierchen.
    »Sebastian«, sagte Klara zu dem Eintretenden, »Sie müssen uns helfen; Sie
müssen ein Nest finden für die Kätzchen, wo Fräulein Rottenmeier sie nicht
sieht, denn sie fürchtet sich vor ihnen und will sie fort haben; aber wir wollen
die niedlichen Tierchen behalten und sie immer hervorholen, sobald wir allein
sind. Wo kann man sie hintun?«
    »Das will ich schon besorgen, Fräulein Klara«, entgegnete Sebastian
bereitwillig; »ich mache ein schönes Bettchen in einem Korb und stelle den an
einen Ort, wo mir die furchtsame Dame nicht dahinterkommt, verlassen Sie sich
auf mich.« Sebastian ging gleich an die Arbeit und kicherte beständig vor sich
hin, denn er dachte: »Das wird noch was absetzen!« und der Sebastian sah es
nicht ungern, wenn Fräulein Rottenmeier ein wenig in Aufregung geriet.
    Nach längerer Zeit erst, als der Augenblick des Schlafengehens nahte, machte
Fräulein Rottenmeier ein ganz klein wenig die Tür auf und rief durch das
Spältchen heraus: »Sind die abscheulichen Tiere fortgeschaft?«
    »Ja wohl! Ja wohl!« gab Sebastian zurück, der sich im Zimmer zu schaffen
gemacht hatte in Erwartung dieser Frage. Schnell und leise fasste er die beiden
Kätzchen auf Klaras Schoss und verschwand damit.
    Die besondere Strafrede, die Fräulein Rottenmeier Heidi noch zu halten
gedachte, verschob sie auf den folgenden Tag, denn heute fühlte sie sich zu
erschöpft nach all' den vorhergegangenen Gemütsbewegungen von Ärger, Zorn und
Schrecken, die ihr Heidi ganz unwissentlich nacheinander verursacht hatte. Sie
zog sich schweigend zurück, und Klara und Heidi folgten vergnügt nach, denn sie
wussten ihre Kätzchen in einem guten Bett.
 
                      Im Hause Sesemann geht's unruhig zu
Als Sebastian am folgenden Morgen dem Herrn Kandidaten die Haustür geöffnet und
ihn zum Studierzimmer geführt hatte, zog schon wieder jemand die Hausglocke an,
aber mit solcher Gewalt, dass Sebastian die Treppe völlig hinunterschoss, denn er
dachte: »So schellt nur der Herr Sesemann selbst, er muss unerwartet nachhause
gekommen sein.« Er riss die Tür auf - ein zerlumpter Junge mit einer Drehorgel
auf dem Rücken stand vor ihm.
    »Was soll das heissen?« fuhr ihn Sebastian an. »Ich will dich lehren, Glocken
herunterzureissen! Was hast du hier zu tun?«
    »Ich muss zur Klara«, war die Antwort.
    »Du ungewaschener Strassenkäfer du; kannst du nicht sagen Fräulein Klara, wie
unsereins tut? Was hast du bei Fräulein Klara zu tun?« fragte Sebastian barsch.
    »Sie ist mir vierzig Pfennige schuldig«, erklärte der Junge.
    »Du bist, denk' ich, nicht recht im Kopf! Wie weisst du überhaupt, dass ein
Fräulein Klara hier ist?«
    »Gestern habe ich ihr den Weg gezeigt, macht zwanzig, und dann wieder zurück
den Weg gezeigt, macht vierzig.«
    »Da siehst du, was für Zeug du zusammenflunkerst; Fräulein Klara geht
niemals aus, kann gar nicht gehen, mach, dass du dahin kommst, wo du hin gehörst,
bevor ich dir dazu verhelfe!«
    Aber der Junge liess sich nicht einschüchtern; er blieb unbeweglich stehen
und sagte trocken: »Ich habe sie doch gesehen auf der Strasse, ich kann sie
beschreiben: sie hat kurzes, krauses Haar, das ist schwarz, und die Augen sind
schwarz und der Rock ist braun, und sie kann nicht reden wie wir.«
    »Oho«, dachte jetzt Sebastian und kicherte in sich hinein, »das ist die
kleine Mamsell, die hat wieder etwas angestellt.« Dann sagte er, den Jungen
hereinziehend: »'s ist schon recht, komm mir nur nach und warte vor der Tür, bis
ich wieder herauskomme. Wenn ich dich dann einlasse, kannst du gleich etwas
spielen; das Fräulein hört es gern.«
    Oben klopfte er am Studierzimmer und wurde hereingerufen.
    »Es ist ein Junge da, der durchaus an Fräulein Klara selbst etwas zu
bestellen hat«, berichtete Sebastian.
    Klara war sehr erfreut über das aussergewöhnliche Ereignis.
    »Er soll nur gleich hereinkommen«, sagte sie, »nicht wahr, Herr Kandidat,
wenn er doch mit mir selbst sprechen muss.«
    Der Junge war schon eingetreten, und nach Anweisung fing er sofort seine
Orgel zu drehen an. Fräulein Rottenmeier hatte, um dem Abc auszuweichen, sich im
Esszimmer allerlei zu schaffen gemacht. Auf einmal horchte sie auf. - Kamen die
Töne von der Strasse her? Aber so nahe? Wie konnte vom Studierzimmer her eine
Drehorgel ertönen? Und dennoch - wahrhaftig - sie stürzte durch das lange
Esszimmer und riss die Tür auf. Da - unglaublich - da stand mitten im
Studierzimmer ein zerlumpter Orgelspieler und drehte sein Instrument mit grösster
Emsigkeit. Der Herr Kandidat schien immerfort etwas sagen zu wollen, aber es
wurde nichts vernommen. Klara und Heidi hörten mit ganz erfreuten Gesichtern der
Musik zu.
    »Aufhören! Sofort aufhören!« rief Fräulein Rottenmeier ins Zimmer hinein.
Ihre Stimme wurde übertönt von der Musik. Jetzt lief sie auf den Jungen zu -
aber auf einmal hatte sie etwas zwischen den Füssen, sie sah auf den Boden: ein
grausiges, schwarzes Tier kroch ihr zwischen den Füssen durch - eine Schildkröte.
Jetzt tat Fräulein Rottenmeier einen Sprung in die Höhe, wie sie seit vielen
Jahren keinen getan hatte, dann schrie sie aus Leibeskräften: »Sebastian!
Sebastian!«
    Plötzlich hielt der Orgelspieler inne, denn diesmal hatte die Stimme die
Musik übertönt. Sebastian stand draussen vor der halboffenen Tür und krümmte sich
vor Lachen, denn er hatte zugesehen, wie der Sprung vor sich ging. Endlich kam
er herein. Fräulein Rottenmeier war auf einen Stuhl niedergesunken.
    »Fort mit allem, Mensch und Tier! Schaffen Sie sie weg, Sebastian, sofort!«
rief sie ihm entgegen. Sebastian gehorchte bereitwillig, zog den Jungen hinaus,
der schnell seine Schildkröte erfasst hatte, drückte ihm draussen etwas in die
Hand und sagte: »Vierzig für Fräulein Klara, und vierzig fürs Spielen, das hast
du gut gemacht«; damit schloss er hinter ihm die Haustür. Im Studierzimmer war es
wieder ruhig geworden; die Studien wurden wieder fortgesetzt, und Fräulein
Rottenmeier hatte sich nun auch festgesetzt in dem Zimmer, um durch ihre
Gegenwart ähnliche Greuel zu verhüten. Den Vorfall wollte sie nach den
Unterrichtsstunden untersuchen und den Schuldigen so bestrafen, dass er daran
denken würde.
    Schon wieder klopfte es an die Tür, und herein trat abermals Sebastian mit
der Nachricht, es sei ein grosser Korb gebracht worden, der sogleich an Fräulein
Klara selbst abzugeben sei.
    »An mich?« fragte Klara erstaunt und äusserst neugierig, was das sein möchte;
»zeigen Sie doch gleich einmal her, wie er aussieht.«
    Sebastian brachte einen bedeckten Korb herein und entfernte sich dann eilig
wieder.
    »Ich denke, erst wird der Unterricht beendet, dann der Korb ausgepackt«,
bemerkte Fräulein Rottenmeier.
    Klara konnte sich nicht vorstellen, was man ihr gebracht hatte; sie schaute
sehr verlangend nach dem Korb.
    »Herr Kandidat«, sagte sie, sich selbst in ihrem Deklinieren unterbrechend,
»könnte ich nicht nur einmal schnell hineinsehen, um zu wissen, was drin ist,
und dann gleich wieder fortfahren?« »In einer Hinsicht könnte man dafür, in
einer anderen dawider sein«, entgegnete der Herr Kandidat; »dafür spräche der
Grund, dass, wenn nun Ihre ganze Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand gerichtet
ist -«; die Rede konnte nicht beendigt werden. Der Deckel des Korbes sass nur
lose darauf, und nun sprangen mit einemmal ein, zwei drei und wieder zwei und
immer noch mehr junge Kätzchen darunter hervor und ins Zimmer hinaus, und mit
einer so unbegreiflichen Schnelligkeit fuhren sie überall herum, dass es war, als
wäre das ganze Zimmer voll solcher Tierchen. Sie sprangen über die Stiefel des
Herrn Kandidaten, bissen an seinen Beinkleidern, kletterten am Kleid von
Fräulein Rottenmeier empor, krabbelten um ihre Füsse herum, sprangen an Klaras
Sessel hinauf, kratzten, krabbelten, miauten; es war ein arges Gewirre. Klara
rief immerfort voller Entzücken: »O die niedlichen Tierchen! die lustigen
Sprünge! sieh! sieh! Heidi, hier, dort, sieh dieses!« Heidi schoss ihnen vor
Freude in alle Winkel nach. Der Herr Kandidat stand sehr verlegen am Tisch und
zog bald den einen, bald den andern Fuss in die Höhe, um ihn dem unheimlichen
Gekrabbel zu entziehen. Fräulein Rottenmeier sass erst sprachlos vor Entsetzen in
ihrem Sessel, dann fing sie an aus Leibeskräften zu schreien: »Tinette! Tinette!
Sebastian! Sebastian!« denn vom Sessel aufzustehen konnte sie unmöglich wagen,
da konnten ja mit einemmal alle die kleinen Scheusale an ihr emporspringen.
    Endlich kamen Sebastian und Tinette auf die wiederholten Hilferufe herbei,
und jener packte gleich eins nach dem andern der kleinen Geschöpfe in den Korb
hinein und trug sie auf den Estrich zu dem Katzenlager, das er für die zweie von
gestern bereitet hatte.
    Auch am heutigen Tage hatte kein Gähnen während der Unterrichtsstunden
stattgefunden. Am späten Abend, als Fräulein Rottenmeier sich von den
Aufregungen des Morgens wieder hinlänglich erholt hatte, berief sie Sebastian
und Tinette ins Studierzimmer herauf, um hier eine gründliche Untersuchung über
die strafwürdigen Vorgänge anzustellen. Nun kam es denn heraus, dass Heidi auf
seinem gestrigen Ausflug die sämtlichen Ereignisse vorbereitet und herbeigeführt
hatte. Fräulein Rottenmeier sass weiss vor Entrüstung da und konnte erst keine
Worte für ihre Empfindungen finden. Sie winkte mit der Hand, dass Sebastian und
Tinette sich entfernen sollten. Jetzt wandte sie sich an Heidi, das neben Klaras
Sessel stand und nicht recht begriff, was es verbrochen hatte.
    »Adelheid«, begann sie mit strengem Ton, »ich weiss nur eine Strafe, die dir
empfindlich sein könnte, denn du bist eine Barbarin; aber wir wollen sehen, ob
du unten im dunkeln Keller bei Molchen und Ratten nicht zahm wirst, dass du dir
keine solchen Dinge mehr einfallen lässest.«
    Heidi hörte still und verwundert sein Urteil an, denn in einem schreckhaften
Keller war es noch nie gewesen; der anstossende Raum in der Almhütte, den der
Grossvater Keller nannte, wo immer die fertigen Käse lagen und die frische Milch
stand, war eher ein anmutiger und einladender Ort, und Ratten und Molche hatte
es noch keine gesehen.
    Aber Klara erhob einen lauten Jammer: »Nein, nein, Fräulein Rottenmeier, man
muss warten, bis der Papa da ist; er hat ja geschrieben, er komme nun bald, und
dann will ich ihm alles erzählen, und er sagt dann schon, was mit Heidi
geschehen soll.«
    Gegen diesen Oberrichter durfte Fräulein Rottenmeier nichts einwenden, um so
weniger, da er wirklich in Bälde zu erwarten war. Sie stand auf und sagte etwas
grimmig: »Gut, Klara, aber auch ich werde ein Wort mit Herrn Sesemann sprechen.«
Damit verliess sie das Zimmer.
    Es verflossen nun ein paar ungestörte Tage, aber Fräulein Rottenmeier kam
nicht mehr aus der Aufregung heraus, stündlich trat ihr die Täuschung vor Augen,
die sie in Heidis Persönlichkeit erlebt hatte, und es war ihr, als sei seit
seiner Erscheinung im Hause Sesemann alles aus den Fugen gekommen und komme
nicht wieder hinein. Klara war sehr vergnügt; sie langweilte sich nie mehr, denn
in den Unterrichtsstunden machte Heidi die kurzweiligsten Sachen; die Buchstaben
machte es immer alle durcheinander und konnte sie nie kennen lernen, und wenn
der Herr Kandidat mitten im Erklären und Beschreiben ihrer Formen war, um sie
ihm anschaulicher zu machen und als Vergleichung etwa von einem Hörnchen oder
einem Schnabel sprach dabei, rief es auf einmal in aller Freude aus: »Es ist
eine Geiss!« oder: »Es ist ein Raubvogel!« Denn die Beschreibungen weckten in
seinem Gehirn allerlei Vorstellungen, nur keine Buchstaben. In den späteren
Nachmittagsstunden sass Heidi wieder bei Klara und erzählte ihr immer wieder von
der Alm und dem Leben dort, so viel und so lange, bis das Verlangen darnach in
ihm so brennend wurde, dass es immer zum Schluss versicherte: »Nun muss ich gewiss
wieder heim! Morgen muss ich gewiss gehen!« Aber Klara beschwichtigte immer wieder
diese Anfälle und bewies Heidi, dass es doch sicher dableiben müsse, bis der Papa
komme; dann werde man schon sehen, wie es weiter gehe. Wenn Heidi alsdann immer
wieder nachgab und gleich wieder zufrieden war, so half ihm eine fröhliche
Aussicht dazu, die es im stillen hatte, dass mit jedem Tage, den es noch da
blieb, sein Häuflein Brötchen für die Grossmutter wieder um zwei grösser würde,
denn mittags und abends lag immer ein schönes Weissbrötchen bei seinem Teller;
das steckte es gleich ein, denn es hätte das Brötchen nicht essen können beim
Gedanken, dass die Grossmutter nie eines habe und das harte, schwarze Brot fast
nicht mehr essen konnte. Nach Tisch sass Heidi jeden Tag ein paar Stunden lang
ganz allein in seinem Zimmer und regte sich nicht, denn dass es in Frankfurt
verboten war, nur so hinauszulaufen, wie es auf der Alm getan, das hatte es nun
begriffen und tat es nie mehr. Mit Sebastian drüben im Esszimmer ein Gespräch
führen durfte es auch nicht, das hatte Fräulein Rottenmeier auch verboten, und
mit Tinette eine Unterhaltung zu probieren, daran kam ihm kein Sinn; es ging ihr
immer scheu aus dem Wege, denn sie redete nur in höhnischem Ton mit ihm und
spöttelte es fortwährend an, und Heidi verstand ihre Art ganz gut, und dass sie
es nur immer ausspottete. So sass Heidi täglich da und hatte alle Zeit, sich
auszudenken, wie nun die Alm wieder grün war und wie die gelben Blümchen im
Sonnenschein glitzerten und wie alles leuchtete rings um die Sonne, der Schnee
und die Berge und das ganze, weite Tal, und Heidi konnte es manchmal fast nicht
mehr aushalten vor Verlangen, wieder dort zu sein. Die Base hatte ja auch
gesagt, es könne wieder heimgehen, wann es wolle. So kam es, dass Heidi eines
Tages es nicht mehr aushielt; es packte in aller Eile seine Brötchen in das
grosse rote Halstuch zusammen, setzte sein Strohhütchen auf und zog aus. Aber
schon unter der Haustür traf es auf ein grosses Reisehindernis, auf Fräulein
Rottenmeier selbst, die eben von einem Ausgang zurückkehrte. Sie stand still und
schaute in starrem Erstaunen Heidi von oben bis unten an, und ihr Blick blieb
vorzüglich auf dem gefüllten roten Halstuch haften. Jetzt brach sie los.
    »Was ist das für ein Aufzug? Was heisst das überhaupt? Habe ich dir nicht
streng verboten, je wieder herumzustreichen? Nun probierst du's doch wieder und
dazu noch völlig aussehend wie eine Landstreicherin.«
    »Ich wollte nicht herumstreichen, ich wollte nur heimgehen«, entgegnete
Heidi erschrocken.
    »Wie? Was? Heimgehen? Heimgehen wolltest du?« Fräulein Rottenmeier schlug
die Hände zusammen vor Aufregung. »Fortlaufen! Wenn das Herr Sesemann wüsste!
Fortlaufen aus seinem Hause! Mach nicht, dass er das je erfährt! Und was ist dir
denn nicht recht in seinem Hause? Wirst du nicht viel besser behandelt, als du
verdienst? Fehlt es dir an irgendetwas? Hast du je in deinem ganzen Leben eine
Wohnung, oder einen Tisch, oder eine Bedienung gehabt, wie du hier hast? sag!«
    »Nein«, entgegnete Heidi.
    »Das weiss ich wohl!« fuhr die Dame eifrig fort. »Nichts fehlt dir, gar
nichts, du bist ein ganz unglaublich undankbares Kind, und vor lauter Wohlsein
weisst du nicht, was du noch alles anstellen willst!«
    Aber jetzt kam dem Heidi alles oben auf, was in ihm war, und brach hervor:
»Ich will ja nur heim, und wenn ich so lang nicht komme, so muss das Schneehöppli
immer klagen und die Grossmutter erwartet mich, und der Distelfink bekommt die
Rute, wenn der Geissenpeter keinen Käse bekommt, und hier kann man gar nie sehen,
wie die Sonne gute Nacht sagt zu den Bergen; und wenn der Raubvogel in Frankfurt
obenüber fliegen würde, so würde er noch viel lauter krächzen, dass so viele
Menschen bei einander sitzen und einander bös machen und nicht auf den Felsen
gehen, wo es einem wohl ist.«
    »Barmherzigkeit, das Kind ist übergeschnappt!« rief Fräulein Rottenmeier aus
und stürzte mit Schrecken die Treppe hinauf, wo sie sehr unsanft gegen den
Sebastian rannte, der eben hinunter wollte. »Holen Sie auf der Stelle das
unglückliche Wesen herauf!« rief sie ihm zu, indem sie sich den Kopf rieb, denn
sie war hart angestossen.
    »Ja, ja, schon recht, danke schön«, gab Sebastian zurück und rieb sich den
seinen, denn er war noch härter angefahren.
    Heidi stand mit flammenden Augen noch auf derselben Stelle fest und zitterte
vor innerer Erregung am ganzen Körper.
    »Na, schon wieder was angestellt?« fragte Sebastian lustig; als er aber
Heidi, das sich nicht rührte, recht ansah, klopfte er ihm freundlich auf die
Schulter und sagte tröstend: »Pah! pah! das muss sich das Mamsellchen nicht so zu
Herzen nehmen, nur lustig, das ist die Hauptsache! Sie hat mir eben jetzt auch
fast ein Loch in den Kopf gerannt; aber nur nicht einschüchtern lassen! Na?
immer noch auf demselben Fleck? Wir müssen hinauf, sie hat's befohlen.«
    Heidi ging nun die Treppe hinauf, aber langsam und leise und gar nicht wie
sonst seine Art war. Das tat dem Sebastian leid zu sehen; er ging hinter dem
Heidi her und sprach ermutigende Worte zu ihm: »Nur nicht abgeben! Nur nicht
traurig werden! Nur immer tapfer darauf zu! Wir haben ja ein ganz vernünftiges
Mamsellchen, hat noch gar nie geweint, seit es bei uns ist; sonst weinen sie ja
zwölfmal im Tag in dem Alter, das kennt man. Die Kätzchen sind auch lustig
droben, die springen auf dem ganzen Estrich herum und tun wie närrisch. Nachher
gehen wir mal zusammen hinauf und schauen ihnen zu, wenn die Dame drinnen weg
ist, ja?«
    Heidi nickte ein wenig mit dem Kopf, aber so freudlos, dass es dem Sebastian
recht zu Herzen ging und er ganz teilnehmend dem Heidi nachschaute, wie es nach
seinem Zimmer hinschlich.
    Am Abendessen heute sagte Fräulein Rottenmeier kein Wort, aber fortwährend
warf sie sonderbar wachsame Blicke zu Heidi hinüber, so als erwartete sie, es
könnte plötzlich etwas Unerhörtes unternehmen; aber Heidi sass mäuschenstill am
Tisch und rührte sich nicht, es ass nicht und trank nicht; nur sein Brötchen
hatte es schnell in die Tasche gesteckt.
    Am folgenden Morgen, als der Herr Kandidat die Treppe heraufkam, winkte ihn
Fräulein Rottenmeier geheimnisvoll ins Esszimmer herein, und hier teilte sie ihm
in grosser Aufregung ihre Besorgnis mit, die Luftveränderung, die neue Lebensart
und die ungewohnten Eindrücke hätten das Kind um den Verstand gebracht, und sie
erzählte ihm von Heidis Fluchtversuch und wiederholte ihm von seinen sonderbaren
Reden, was sie noch wusste. Aber der Herr Kandidat besänftigte und beruhigte
Fräulein Rottenmeier, indem er sie versicherte, dass er die Wahrnehmung gemacht
habe, die Adelheid sei zwar einerseits allerdings eher exzentrisch, aber
anderseits doch wieder bei richtigem Verstand, so dass sich nach und nach bei
einer allseitig erwogenen Behandlung das nötige Gleichgewicht einstellen könne,
was er im Auge habe; er finde den Umstand wichtiger, dass er durchaus nicht über
das Abc hinauskomme mit ihr, indem sie die Buchstaben nicht zu fassen imstande
sei.
    Fräulein Rottenmeier fühlte sich beruhigter und entliess den Herrn Kandidaten
zu seiner Arbeit. Am späteren Nachmittag stieg ihr die Erinnerung an Heidis
Aufzug bei seiner vorgehabten Abreise auf, und sie beschloss, die Gewandung des
Kindes durch verschiedene Kleidungsstücke der Klara in den nötigen Stand zu
setzen, bevor Herr Sesemann erscheinen würde. Sie teilte ihre Gedanken darüber
an Klara mit, und da diese mit allem einverstanden war und dem Heidi eine Menge
Kleider und Tücher und Hüte schenken wollte, verfügte sich die Dame in Heidis
Zimmer, um seinen Kleiderschrank zu besehen und zu untersuchen, was da von dem
Vorhandenen bleiben und was entfernt werden solle. Aber in wenig Minuten kam sie
wieder zurück mit Gebärden des Abscheus. »Was muss ich entdecken, Adelheid!« rief
sie aus. »Es ist nie dagewesen! In deinem Kleiderschrank, einem Schrank für
Kleider, Adelheid, im Fuss dieses Schrankes, was finde ich? Einen Haufen kleiner
Brote! Brot, sage ich, Klara, im Kleiderschrank! Und einen solchen Haufen
aufspeichern!« - »Tinette«, rief sie jetzt ins Esszimmer hinaus, »schaffen Sie
mir das alte Brot fort aus dem Schrank der Adelheid und den zerdrückten Strohhut
auf dem Tisch!«
    »Nein! Nein!« schrie Heidi auf; »ich muss den Hut haben, und die Brötchen
sind für die Grossmutter«, und Heidi wollte der Tinette nachstürzen, aber es
wurde von Fräulein Rottenmeier festgehalten.
    »Du bleibst hier und der Kram wird hingebracht, wo er hingehört«, sagte sie
bestimmt und hielt das Kind zurück. Aber nun warf sich Heidi an Klaras Sessel
nieder und fing ganz verzweiflungsvoll zu weinen an, immer lauter und
schmerzlicher, und schluchzte ein Mal ums andere in seinem Jammer auf: »Nun hat
die Grossmutter keine Brötchen mehr. Sie waren für die Grossmutter, nun sind sie
alle fort und die Grossmutter bekommt keine!« und Heidi weinte auf, als wollte
ihm das Herz zerspringen. Fräulein Rottenmeier lief hinaus. Klara wurde es angst
und bange bei dem Jammer. »Heidi, Heidi, weine nur nicht so«, sagte sie bittend,
»hör mich nur! Jammere nur nicht so, sieh, ich verspreche dir, ich gebe dir
gerade so viel Brötchen für die Grossmutter, oder noch mehr, wenn du einmal
heimgehst, und dann sind diese frisch und weich, und die deinen wären ja ganz
hart geworden und waren es schon. Komm, Heidi, weine nur nicht mehr so!«
    Heidi konnte noch lange nicht aus seinem Schluchzen herauskommen; aber es
verstand Klaras Trost und hielt sich daran, sonst hätte es gar nicht mehr zu
weinen aufhören können. Es musste auch noch mehrere Male seiner Hoffnung gewiss
werden und Klara, durch die letzten Anfälle von Schluchzen unterbrochen, fragen:
»Gibst du mir so viele, viele, wie ich hatte, für die Grossmutter?«
    Und Klara versicherte immer wieder: »Gewiss, ganz gewiss, noch mehr, sei nur
wieder froh!«
    Noch zum Abendtisch kam Heidi mit den rot-verweinten Augen, und als es sein
Brötchen erblickte, musste es gleich noch einmal aufschluchzen. Aber es bezwang
sich jetzt mit Gewalt, denn es verstand, dass es sich am Tisch ruhig verhalten
musste. Sebastian machte heute jedesmal die merkwürdigsten Gebärden, wenn er in
Heidis Nähe kam; er deutete bald auf seinen, bald auf Heidis Kopf, dann nickte
er wieder und kniff die Augen zu, so als wollte er sagen: »Nur getrost! Ich
hab's schon gemerkt und besorgt.«
    Als Heidi später in sein Zimmer kam und in sein Bett steigen wollte, lag
sein zerdrücktes Strohhütchen unter der Decke versteckt. Mit Entzücken zog es
den alten Hut hervor, zerdrückte ihn vor lauter Freude noch ein wenig mehr und
versteckte ihn dann, in ein Taschentüchlein eingewickelt, in die allerhinterste
Ecke seines Schrankes. Das Hütchen hatte der Sebastian unter die Decke gesteckt;
er war zu gleicher Zeit mit Tinette im Esszimmer gewesen, als diese gerufen
wurde, und hatte Heidis Jammerruf vernommen. Dann war er Tinette nachgegangen,
und als sie aus Heidis Zimmer heraustrat mit ihrer Brotlast und dem Hütchen oben
darauf, hatte er schnell dieses weggenommen und ihr zugerufen: »Das will ich
schon forttun.« Darauf hatte er es in aller Freude für Heidi gerettet, was er
ihm beim Abendessen zur Erheiterung andeuten wollte.
 
    Der Hausherr hört allerlei in seinem Hause, das er noch nicht gehört hat
Einige Tage nach diesen Ereignissen war im Hause Sesemann grosse Lebendigkeit und
ein eifriges Treppauf- und Treppabrennen, denn eben war der Hausherr von seiner
Reise zurückgekehrt und aus dem bepackten Wagen wurde von Sebastian und Tinette
eine Last nach der anderen hinaufgetragen, denn Herr Sesemann brachte immer eine
Menge schöner Sachen mit nachhause.
    Er selbst war vor allem in das Zimmer seiner Tochter eingetreten, um sie zu
begrüssen. Heidi sass bei ihr, denn es war die Zeit des späten Nachmittags, da die
beiden immer zusammen waren. Klara begrüsste ihren Vater mit grosser Zärtlichkeit,
denn sie liebte ihn sehr, und der gute Papa grüsste sein Klärchen nicht weniger
liebevoll. Dann streckte er seine Hand dem Heidi entgegen, das sich leise in
eine Ecke zurückgezogen hatte, und sagte freundlich: »Und das ist unsre kleine
Schweizerin; komm her, gib mir mal eine Hand! So ist's recht! Nun sag mir mal,
seid ihr auch gute Freunde zusammen, Klara und du? Nicht zanken und böse werden,
und dann weinen und dann versöhnen, und dann wieder von vorn anfangen, nun?«
    »Nein, Klara ist immer gut mit mir«, entgegnete Heidi.
    »Und Heidi hat auch noch gar nie versucht, zu zanken, Papa«, warf Klara
schnell ein.
    »So ist's gut, das hör' ich gern«, sagte der Papa, indem er aufstand. »Nun
musst du aber erlauben, Klärchen, dass ich etwas geniesse; heute habe ich noch
nichts bekommen. Nachher komm' ich wieder zu dir und du sollst sehen, was ich
mitgebracht habe!«
    Herr Sesemann trat ins Esszimmer ein, wo Fräulein Rottenmeier den Tisch
überschaute, der für sein Mittagsmahl gerüstet war. Nachdem Herr Sesemann sich
niedergelassen und die Dame ihm gegenüber Platz genommen hatte und aussah wie
ein lebendiges Missgeschick, wandte sich der Hausherr zu ihr: »Aber Fräulein
Rottenmeier, was muss ich denken? Sie haben zu meinem Empfang ein wahrhaft
erschreckendes Gesicht aufgesetzt. Wo fehlt es denn? Klärchen ist ganz munter.«
    »Herr Sesemann«, begann die Dame mit gewichtigem Ernst, »Klara ist mit
betroffen, wir sind fürchterlich getäuscht worden.«
    »Wie so?« fragte Herr Sesemann und trank in aller Ruhe einen Schluck Wein.
    »Wir hatten ja beschlossen, wie Sie wissen, Herr Sesemann, eine Gespielin
für Klara ins Haus zu nehmen, und da ich ja weiss, wie sehr Sie darauf halten,
dass nur Gutes und Edles Ihre Tochter umgebe, hatte ich meinen Sinn auf ein
junges Schweizermädchen gerichtet, indem ich hoffte, eines jener Wesen bei uns
eintreten zu sehen, von denen ich schon so oft gelesen, welche, der reinen
Bergluft entsprossen, so zu sagen, ohne die Erde zu berühren, durch das Leben
gehen.«
    »Ich glaube zwar«, bemerkte hier Herr Sesemann, »dass auch die
Schweizerkinder den Erdboden berühren, wenn sie vorwärts kommen wollen; sonst
wären ihnen wohl Flügel gewachsen statt der Füsse.«
    »Ach, Herr Sesemann, Sie verstehen mich wohl«, fuhr das Fräulein fort; »ich
meinte eine jener so bekannten, in den hohen, reinen Bergregionen lebenden
Gestalten, die nur wie ein idealer Hauch an uns vorüberziehen.«
    »Was sollte aber meine Klara mit einem idealen Hauch anfangen, Fräulein
Rottenmeier?«
    »Nein, Herr Sesemann, ich scherze nicht, die Sache ist mir ernster, als Sie
denken; ich bin schrecklich, wirklich ganz schrecklich getäuscht worden.«
    »Aber worin liegt denn das Schreckliche? So gar erschrecklich sieht mir das
Kind nicht aus«, bemerkte ruhig Herr Sesemann.
    »Sie sollten nur eines wissen, Herr Sesemann, nur das eine, mit was für
Menschen und Tieren dieses Wesen Ihr Haus in Ihrer Abwesenheit bevölkert hat;
davon könnte der Herr Kandidat erzählen.«
    »Mit Tieren? Wie muss ich das verstehen, Fräulein Rottenmeier?«
    »Es ist eben nicht zu verstehen; die ganze Aufführung dieses Wesens wäre
nicht zu verstehen, wenn nicht aus dem einen Punkte, dass es Anfälle von völliger
Verstandesgestörteit hat.«
    Bis hierher hatte Herr Sesemann die Sache nicht für wichtig gehalten; aber
Gestörteit des Verstandes? eine solche konnte ja für seine Tochter die
bedenklichsten Folgen haben. Herr Sesemann schaute Fräulein Rottenmeier sehr
genau an, so, als wollte er sich erst versichern, ob nicht etwa bei ihr eine
derartige Störung zu bemerken sei. In diesem Augenblick wurde die Tür aufgetan
und der Herr Kandidat angemeldet.
    »Ah, da kommt unser Herr Kandidat, der wird uns Aufschluss geben!« rief ihm
Herr Sesemann entgegen. »Kommen Sie, kommen Sie, setzen Sie sich zu mir!« Herr
Sesemann streckte dem Eintretenden die Hand entgegen. »Der Herr Kandidat trinkt
eine Tasse schwarzen Kaffee mit mir, Fräulein Rottenmeier! Setzen Sie sich,
setzen Sie sich, - keine Komplimente! Und nun sagen Sie mir, Herr Kandidat, was
ist mit dem Kinde, das als Gespielin meiner Tochter ins Haus gekommen ist und
das Sie unterrichten. Was hat es für eine Bewandtnis mit den Tieren, die es ins
Haus gebracht, und wie steht es mit seinem Verstand?«
    
    Der Herr Kandidat musste erst seine Freude über Herrn Sesemanns glückliche
Rückkehr aussprechen und ihn willkommen heissen, weswegen er ja gekommen war;
aber Herr Sesemann drängte ihn, dass er ihm Aufschluss gebe über die fraglichen
Punkte. So begann denn der Herr Kandidat: »Wenn ich mich über das Wesen dieses
jungen Mädchens aussprechen soll, Herr Sesemann, so möchte ich vor allem darauf
aufmerksam machen, dass, wenn auch auf der einen Seite sich ein Mangel der
Entwicklung, welcher durch eine mehr oder weniger vernachlässigte Erziehung,
oder besser gesagt, etwas verspäteten Unterricht verursacht und durch die mehr
oder weniger, jedoch durchaus nicht in jeder Beziehung zu verurteilende, im
Gegenteil ihre guten Seiten unstreitig dartuende Abgeschiedenheit eines längeren
Alpenaufentalts, welcher, wenn er nicht eine gewisse Dauer überschreitet, ja
ohne Zweifel seine gute Seite -«
    »Mein lieber Herr Kandidat«, unterbrach hier Herr Sesemann, »Sie geben sich
wirklich zu viel Mühe; sagen Sie mir, hat auch Ihnen das Kind einen Schrecken
beigebracht durch eingeschleppte Tiere, und was halten Sie überhaupt von diesem
Umgang für mein Töchterchen?«
    »Ich möchte dem jungen Mädchen in keiner Art zu nahe treten«, begann der
Herr Kandidat wieder, »denn wenn es auch auf der einen Seite in einer Art von
gesellschaftlicher Unerfahrenheit, welche mit dem mehr oder weniger
unkultivierten Leben, in welchem das junge Mädchen bis zu dem Augenblick seiner
Versetzung nach Frankfurt sich bewegte, welche Versetzung allerdings in die
Entwicklung dieses, ich möchte sagen noch völlig, wenigstens teilweise
unentwickelten, aber anderseits mit nicht zu verachtenden Anlagen begabten und
wenn allseitig umsichtig geleitet -«
    »Entschuldigen Sie, Herr Kandidat, bitte, lassen Sie sich nicht stören, ich
werde - ich muss schnell einmal nach meiner Tochter sehen.« Damit lief Herr
Sesemann zur Tür hinaus und kam nicht wieder. Drüben im Studierzimmer setzte er
sich zu seinem Töchterchen hin; Heidi war aufgestanden. Herr Sesemann wandte
sich nach dem Kinde um: »Hör mal, Kleine, hol mir doch schnell - wart einmal -
hol mir mal« - (Herr Sesemann wusste nicht recht, was er bedurfte, Heidi sollte
aber ein wenig ausgeschickt werden) - »hol mir doch mal ein Glas Wasser.«
    »Frisches?« fragte Heidi.
    »Ja wohl! Ja wohl! Recht frisches!« gab Herr Sesemann zurück. Heidi
verschwand.
    »Nun, mein liebes Klärchen«, sagte der Papa, indem er ganz nah an sein
Töchterchen heranrückte und dessen Hand in die seinige legte, »sag du mir klar
und fasslich: was für Tiere hat diese deine Gespielin ins Haus gebracht und warum
muss Fräulein Rottenmeier denken, sie sei zeitweise nicht ganz recht im Kopf;
kannst du mir das sagen?«
    Das konnte Klara, denn die erschrockene Dame hatte auch ihr von Heidis sich
verwirrenden Reden gesprochen, die aber für Klara alle einen Sinn hatten. Sie
erzählte erst dem Vater die Geschichten von der Schildkröte und den jungen
Katzen und erklärte ihm dann Heidis Reden, welche die Dame so erschreckt hatten.
Jetzt lachte Herr Sesemann herzlich. »So willst du nicht, dass ich das Kind
nachhaus' schicke, Klärchen, du bist seiner nicht müde?« fragte der Vater.
    »Nein, nein, Papa, tu nur das nicht!« rief Klara abwehrend aus. »Seit Heidi
da ist, begegnet immer etwas, jeden Tag und es ist so kurzweilig, ganz anders
als vorher, da begegnete nie etwas, und Heidi erzählt mir auch so viel.«
    »Schon gut, schon gut, Klärchen, da kommt ja auch deine Freundin schon
wieder. Na, schönes, frisches Wasser geholt?« fragte Herr Sesemann, da ihm Heidi
nun ein Glas Wasser hinstreckte.
    »Ja, frisch vom Brunnen«, antwortete Heidi.
    »Du bist doch nicht selbst zum Brunnen gelaufen, Heidi?« sagte Klara.
    »Doch gewiss, es ist ganz frisch, aber ich musste weit gehen, denn am ersten
Brunnen waren so viele Leute. Da ging ich die Strasse ganz hinab, aber beim
zweiten waren wieder so viele Leute; da ging ich in die andere Strasse hinein und
dort nahm ich Wasser, und der Herr mit den weissen Haaren lässt Herrn Sesemann
freundlich grüssen.«
    »Na, die Expedition ist gut«, lachte Herr Sesemann, »und wer ist denn der
Herr?«
    »Er kam beim Brunnen vorbei und dann stand er still und sagte: Weil du doch
ein Glas hast, so gib mir auch einmal zu trinken; wem bringst du dein Glas
Wasser? Und ich sagte: Herrn Sesemann. Da lachte er sehr stark, und dann sagte
er den Gruss und auch noch, Herr Sesemann solle sich's schmecken lassen.«
    »So, und wer lässt mir denn wohl den guten Wunsch sagen? Wie sah der Herr
denn weiter aus?« fragte Herr Sesemann.
    »Er lacht freundlich und hat eine dicke goldene Kette und ein goldenes Ding
hängt daran mit einem grossen roten Stein und auf seinem Stock ist ein Rosskopf.«
    »Das ist der Herr Doktor« - »Das ist mein alter Doktor«, sagten Klara und
ihr Vater wie aus einem Munde, und Herr Sesemann lachte noch ein wenig in sich
hinein im Gedanken an seinen Freund und dessen Betrachtungen über diese neue
Weise, seinen Wasserbedarf sich zuführen zu lassen.
    Noch an demselben Abend erklärte Herr Sesemann, als er allein mit Fräulein
Rottenmeier im Esszimmer sass, um allerlei häusliche Angelegenheiten mit ihr zu
besprechen, die Gespielin seiner Tochter werde im Hause bleiben; er finde, das
Kind sei in einem normalen Zustand und seine Gesellschaft sei seiner Tochter
sehr lieb und angenehmer, als jede andere. »Ich wünsche daher«, setzte Herr
Sesemann sehr bestimmt hinzu, »dass dieses Kind jederzeit durchaus freundlich
behandelt und seine Eigentümlichkeiten nicht als Vergehen betrachtet werden.
Sollten Sie übrigens mit dem Kinde nicht allein fertig werden, Fräulein
Rottenmeier, so ist ja eine gute Hilfe für Sie in Aussicht, da in nächster Zeit
meine Mutter zu ihrem längeren Aufentalt in mein Haus kommt, und meine Mutter
wird mit jedem Menschen fertig, wie er sich auch anstelle, das wissen Sie ja
wohl, Fräulein Rottenmeier?«
    »Ja wohl, das weiss ich, Herr Sesemann«, entgegnete die Dame, aber nicht mit
dem Ausdruck der Erleichterung im Hinblick auf die angezeigte Hilfe. -
    Herr Sesemann hatte diesmal nur eine kurze Zeit Ruhe zuhause, schon nach
vierzehn Tagen riefen ihn seine Geschäfte wieder nach Paris, und er tröstete
sein Töchterchen, das mit der nahen Abreise nicht einverstanden war, mit der
Aussicht auf die baldige Ankunft der Grossmama, die schon nach einigen Tagen
erwartet werden konnte.
    Kaum war auch Herr Sesemann abgereist, als schon der Brief anlangte, der die
Abreise der Frau Sesemann aus Holstein, wo sie auf einem alten Gute wohnte,
anzeigte und die bestimmte Zeit ihrer Ankunft auf den folgenden Tag meldete,
damit der Wagen nach dem Bahnhof geschickt würde, um sie abzuholen.
    Klara war voller Freude über die Nachricht und erzählte noch an demselben
Abend dem Heidi so viel und so lange von der Grossmama, dass Heidi auch anfing,
von der »Grossmama« zu reden, worauf Fräulein Rottenmeier Heidi mit Missbilligung
anblickte, was aber das Kind auf nichts Besonderes bezog, denn es fühlte sich
unter fortdauernder Missbilligung der Dame. Als es sich dann später entfernte, um
in sein Schlafzimmer zu gehen, berief Fräulein Rottenmeier es erst in das ihrige
herein und erklärte ihm hier, es habe niemals den Namen »Grossmama« anzuwenden,
sondern wenn Frau Sesemann nun da sei, habe es sie stets »gnädige Frau«
anzureden. »Verstehst du das?« fragte die Dame, als Heidi sie etwas zweifelhaft
ansah; sie gab ihm aber einen so abschliessenden Blick zurück, dass Heidi sich
keine Erklärung mehr erbat, obschon es den Titel nicht verstanden hatte.
 
                                 Eine Grossmama
Am folgenden Abend waren grosse Erwartungen und lebhafte Vorbereitungen im Hause
Sesemann sichtbar, man konnte deutlich bemerken, dass die erwartete Dame ein
bedeutendes Wort im Hause mitzusprechen hatte und dass jedermann grossen Respekt
vor ihr empfand. Tinette hatte ein ganz neues, weisses Deckelchen auf den Kopf
gesetzt, und Sebastian raffte eine Menge von Schemeln zusammen und stellte sie
an alle passenden Stellen hin, damit die Dame gleich einen Schemel unter den
Füssen finde, wohin sie sich auch setzen möge. Fräulein Rottenmeier ging zur
Musterung der Dinge sehr aufrecht durch die Zimmer, so wie um anzudeuten, dass,
wenn auch eine zweite Herrschermacht herannahe, die ihrige dennoch nicht am
Erlöschen sei.
    Jetzt rollte der Wagen vor das Haus, und Sebastian und Tinette stürzten die
Treppe hinunter; langsam und würdevoll folgte Fräulein Rottenmeier nach, denn
sie wusste, dass auch sie zum Empfang der Frau Sesemann zu erscheinen hatte. Heidi
war beordert worden, sich in sein Zimmer zurückzuziehen und da zu warten, bis es
gerufen würde, denn die Grossmutter würde zuerst bei Klara eintreten und diese
wohl allein sehen wollen. Heidi setzte sich in einen Winkel und repetierte seine
Anrede. Es währte gar nicht lange, so steckte die Tinette den Kopf ein klein
wenig unter Heidis Zimmertür und sagte kurz angebunden wie immer: »Hinübergehen
ins Studierzimmer!«
    Heidi hatte Fräulein Rottenmeier nicht fragen dürfen, wie es mit der Anrede
sei, aber es dachte, die Dame habe sich nur versprochen, denn es hatte bis jetzt
immer erst den Titel nennen gehört und nachher den Namen; so hatte es sich nun
die Sache zurechtgelegt. Wie es die Tür zum Studierzimmer aufmachte, rief ihm
die Grossmutter mit freundlicher Stimme entgegen: »Ah, da kommt ja das Kind! Komm
mal her zu mir und lass dich recht ansehen.«
    Heidi trat heran, und mit seiner klaren Stimme sagte es sehr deutlich:
»Guten Tag, Frau Gnädige.«
    »Warum nicht gar!« lachte die Grossmama. »Sagt man so bei euch? Hast du das
daheim auf der Alp gehört?«
    »Nein, bei uns heisst niemand so«, erklärte Heidi ernstaft.
    »So, bei uns auch nicht«, lachte die Grossmama wieder und klopfte Heidi
freundlich auf die Wange. »Das ist nichts! In der Kinderstube bin ich die
Grossmama; so sollst du mich nennen, das kannst du wohl behalten, wie?«
    »Ja, das kann ich gut«, versicherte Heidi, »vorher hab' ich schon immer so
gesagt.«
    »So, so, verstehe schon!« sagte die Grossmama und nickte ganz lustig mit dem
Kopfe. Dann schaute sie Heidi genau an und nickte von Zeit zu Zeit wieder mit
dem Kopf, und Heidi guckte ihr auch ganz ernstaft in die Augen, denn da kam
etwas so Herzliches heraus, dass es dem Heidi ganz wohl machte, und die ganze
Grossmama gefiel dem Heidi so, dass es sie unverwandt anschauen musste. Sie hatte
so schöne weisse Haare und um den Kopf ging eine schöne Spitzenkrause, und zwei
breite Bänder flatterten von der Haube weg und bewegten sich immer irgendwie, so
als ob stets ein leichter Wind um die Grossmama wehe, was das Heidi ganz
besonders anmutete.
    »Und wie heisst du, Kind?« fragte jetzt die Grossmama.
    »Ich heisse nur Heidi; aber weil ich soll Adelheid heissen, so will ich schon
achtgeben -«; Heidi stockte, denn es fühlte sich ein wenig schuldig, da es noch
immer keine Antwort gab, wenn Fräulein Rottenmeier unversehens rief: »Adelheid!«
indem es ihm noch immer nicht recht gegenwärtig war, dass dies sein Name sei, und
Fräulein Rottenmeier war eben ins Zimmer getreten.
    »Frau Sesemann wird unstreitig billigen«, fiel hier die eben Eingetretene
ein, »dass ich einen Namen wählen musste, den man doch aussprechen kann, ohne sich
selbst genieren zu müssen, schon um der Dienstboten willen.«
    »Werteste Rottenmeier«, entgegnete Frau Sesemann, »wenn ein Mensch einmal
Heidi heisst und an den Namen gewöhnt ist, so nenn' ich ihn so, und dabei
bleibt's!«
    Es war Fräulein Rottenmeier sehr genierlich, dass die alte Dame sie beständig
nur bei ihrem Namen nannte, ohne weitere Titulatur; aber da war nichts zu
machen; die Grossmama hatte einmal ihre eigenen Wege, und diese ging sie, da half
kein Mittel dagegen. Auch ihre fünf Sinne hatte die Grossmama noch ganz scharf
und gesund, und sie bemerkte, was im Hause vorging, sobald sie es betreten
hatte.
    Als am Tage nach ihrer Ankunft Klara sich zur gewohnten Zeit nach Tisch
niederlegte, setzte die Grossmama sich neben sie auf einen Lehnstuhl und schloss
ihre Augen für einige Minuten; dann stand sie schon wieder auf- denn sie war
gleich wieder munter - und trat ins Esszimmer hinaus; da war niemand. »Die
schläft«, sagte sie vor sich hin, ging dann nach dem Zimmer der Dame Rottenmeier
und klopfte kräftig an die Tür. Nach einiger Zeit erschien diese und fuhr
erschrocken ein wenig zurück bei dem unerwarteten Besuch.
    »Wo hält sich das Kind auf um diese Zeit, und was tut es? das wollte ich
wissen«, sagte Frau Sesemann.
    »In seinem Zimmer sitzt es, wo es sich nützlich beschäftigen könnte, wenn es
den leisesten Tätigkeitstrieb hätte; aber Frau Sesemann sollte nur wissen, was
für verkehrtes Zeug sich dieses Wesen oft ausdenkt und wirklich ausführt, Dinge,
die ich in gebildeter Gesellschaft kaum erzählen könnte.«
    »Das würde ich gerade auch tun, wenn ich so da drinnen sässe, wie dieses
Kind, das kann ich Ihnen sagen, und Sie könnten zusehen, wie Sie mein Zeug in
gebildeter Gesellschaft erzählen wollten! Jetzt holen Sie mir das Kind heraus
und bringen Sie mir's in meine Stube, ich will ihm einige hübsche Bücher geben,
die ich mitgebracht habe.«
    »Das ist ja gerade das Unglück, das ist es ja eben!« rief Fräulein
Rottenmeier aus und schlug die Hände zusammen. »Was sollte das Kind mit Büchern
tun? In all dieser Zeit hat es noch nicht einmal das Abc erlernt; es ist völlig
unmöglich, diesem Wesen auch nur einen Begriff beizubringen, davon kann der Herr
Kandidat reden! Wenn dieser treffliche Mensch nicht die Geduld eines himmlischen
Engels besässe, er hätte diesen Unterricht längst aufgegeben.«
    »So, das ist merkwürdig, das Kind sieht nicht aus wie eines, das das Abc
nicht erlernen kann«, sagte Frau Sesemann. »Jetzt holen Sie mir's herüber, es
kann vorläufig die Bilder in den Büchern ansehen.«
    Fräulein Rottenmeier wollte noch einiges bemerken, aber Frau Sesemann hatte
sich schon umgewandt und ging rasch ihrem Zimmer zu. Sie musste sich sehr
verwundern über die Nachricht von Heidis Beschränkteit und gedachte, die Sache
zu untersuchen, jedoch nicht mit dem Herrn Kandidaten, den sie zwar um seines
guten Charakters willen sehr schätzte; sie grüsste ihn auch immer, wenn sie mit
ihm zusammentraf, überaus freundlich, lief dann aber sehr schnell auf eine
andere Seite, um nicht in ein Gespräch mit ihm verwickelt zu werden, denn seine
Ausdrucksweise war ihr ein wenig beschwerlich.
    Heidi erschien im Zimmer der Grossmama und machte die Augen weit auf, als es
die prächtigen bunten Bilder in den grossen Büchern sah, welche die Grossmama
mitgebracht hatte. Auf einmal schrie Heidi laut auf, als die Grossmama wieder ein
Blatt umgewandt hatte; mit glühendem Blick schaute es auf die Figuren, dann
stürzten ihm plötzlich die hellen Tränen aus den Augen, und es fing gewaltig zu
schluchzen an. Die Grossmama schaute das Bild an. Es war eine schöne, grüne
Weide, wo allerlei Tierlein herumweideten und an den grünen Gebüschen nagten. In
der Mitte stand der Hirt, auf einen langen Stab gestützt, der schaute den
fröhlichen Tierchen zu. Alles war wie in Goldschimmer gemalt, denn hinten am
Horizont war eben die Sonne im Untergehen.
    Die Grossmama nahm Heidi bei der Hand. »Komm, komm, Kind«, sagte sie in
freundlichster Weise, »nicht weinen, nicht weinen. Das hat dich wohl an etwas
erinnert; aber sieh, da ist auch eine schöne Geschichte dazu, die erzähl' ich
heut' Abend. Und da sind noch so viele schöne Geschichten in dem Buch, die kann
man alle lesen und wiedererzählen. Komm, nun müssen wir etwas besprechen
zusammen, trockne schön deine Tränen, so, und nun stell dich hier vor mich hin,
dass ich dich recht ansehen kann; so ist's recht, nun sind wir wieder fröhlich.«
    Aber noch verging einige Zeit, bevor Heidi zu schluchzen aufhören konnte.
Die Grossmama liess ihm auch eine gute Weile zur Erholung, nur sagte sie von Zeit
zu Zeit ermunternd: »So, nun ist's gut, nun sind wir wieder froh zusammen.«
    Als sie endlich das Kind beruhigt sah, sagte sie: »Nun musst du mir was
erzählen, Kind! Wie geht es denn beim Herrn Kandidaten in den
Unterrichtsstunden, lernst du auch gut und kannst du was?«
    »O nein«, antwortete Heidi seufzend; »aber ich wusste schon, dass man es nicht
lernen kann.«
    »Was kann man denn nicht lernen, Heidi, was meinst du?« »Lesen kann man
nicht lernen, es ist zu schwer.«
    »Das wäre! Und woher weisst du denn diese Neuigkeit?«
    »Der Peter hat es mir gesagt und er weiss es schon, der muss immer wieder
probieren, aber er kann es nie lernen, es ist zu schwer.«
    »So, das ist mir ein eigener Peter, der! Aber sieh, Heidi, man muss nicht
alles nur so hinnehmen, was einem ein Peter sagt, man muss selbst probieren.
Gewiss hast du nicht recht mit all deinen Gedanken dem Herrn Kandidaten zugehört
und seine Buchstaben angesehen.«
    »Es nützt nichts«, versicherte Heidi mit dem Ton der vollen Ergebung in das
Unabänderliche.
    »Heidi«, sagte nun die Grossmama, »jetzt will ich dir etwas sagen: du hast
noch nie lesen gelernt, weil du deinem Peter geglaubt hast; nun aber sollst du
mir glauben, und ich sage dir fest und sicher, dass du in kurzer Zeit lesen
lernen kannst, wie eine grosse Menge von Kindern, die geartet sind wie du und
nicht wie der Peter. Und nun musst du wissen, was nachher kommt, wenn du dann
lesen kannst - du hast den Hirten gesehen auf der schönen, grünen Weide -;
sobald du nun lesen kannst, bekommst du das Buch, da kannst du seine ganze
Geschichte vernehmen, ganz so, als ob sie dir jemand erzählte, alles, was er
macht mit seinen Schafen und Ziegen und was ihm für merkwürdige Dinge begegnen.
Das möchtest du schon wissen, Heidi, nicht?«
    Heidi hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört, und mit leuchtenden
Augen sagte es jetzt, tief Atem holend: »O, wenn ich nur schon lesen könnte!«
    »Jetzt wird's kommen, und gar nicht lange wird's währen, das kann ich schon
sehen, Heidi, und nun müssen wir mal nach der Klara sehen; komm, die schönen
Bücher nehmen wir mit.« Damit nahm die Grossmama Heidi bei der Hand und ging mit
ihm nach dem Studierzimmer. -
    Seit dem Tage, da Heidi hatte heimgehen wollen und Fräulein Rottenmeier es
auf der Treppe ausgescholten und ihm gesagt hatte, wie schlecht und undankbar es
sich erweise durch sein Fortlaufenwollen und wie gut es sei, dass Herr Sesemann
nichts davon wisse, war mit dem Kinde eine Veränderung vorgegangen. Es hatte
begriffen, dass es nicht heimgehen könne, wenn es wolle, wie ihm die Base gesagt
hatte, sondern dass es in Frankfurt zu bleiben habe, lange, lange, vielleicht für
immer. Es hatte auch verstanden, dass Herr Sesemann es sehr undankbar von ihm
finden würde, wenn es heimgehen wollte, und es dachte sich aus, dass die Grossmama
und Klara auch so denken würden. So durfte es keinem Menschen sagen, dass es
heimgehen möchte, denn dass die Grossmama, die so freundlich mit ihm war, auch
böse würde, wie Fräulein Rottenmeier geworden war, das wollte Heidi nicht
verursachen. Aber in seinem Herzen wurde die Last, die darinnen lag, immer
schwerer; es konnte nicht mehr essen, und jeden Tag wurde es ein wenig bleicher.
Am Abend konnte es oft lange, lange nicht einschlafen, denn sobald es allein war
und alles still ringsumher, kam ihm alles so lebendig vor die Augen, die Alm und
der Sonnenschein darauf und die Blumen; und schlief es endlich doch ein, so sah
es im Traum die roten Felsenspitzen am Falknis und das feurige Schneefeld an der
Schesaplana, und erwachte dann Heidi am Morgen und wollte voller Freude
hinausspringen aus der Hütte - da war es auf einmal in seinem grossen Bett in
Frankfurt, so weit, weit weg, und konnte nicht mehr heim. Dann drückte Heidi oft
seinen Kopf in das Kissen und weinte lang, ganz leise, dass niemand es höre.
    Heidis freudloser Zustand entging der Grossmama nicht. Sie liess einige Tage
vorübergehen und sah zu, ob die Sache sich ändere und das Kind sein
niedergeschlagenes Wesen verlieren würde. Als es aber gleich blieb und die
Grossmama manchmal am frühen Morgen schon sehen konnte, dass Heidi geweint hatte,
da nahm sie eines Tages das Kind wieder in ihre Stube, stellte es vor sich hin
und sagte mit grosser Freundlichkeit: »Jetzt sag mir, was dir fehlt, Heidi; hast
du einen Kummer?«
    Aber gerade dieser freundlichen Grossmama wollte Heidi nicht sich so
undankbar zeigen, dass sie vielleicht nachher gar nicht mehr so freundlich wäre;
so sagte Heidi traurig: »Man kann es nicht sagen.«
    »Nicht? Kann man es etwa der Klara sagen?« fragte die Grossmama.
    »O nein, keinem Menschen«, versicherte Heidi und sah dabei so unglücklich
aus, dass es die Grossmama erbarmte.
    »Komm, Kind«, sagte sie, »ich will dir was sagen: Wenn man einen Kummer hat,
den man keinem Menschen sagen kann, so klagt man ihn dem lieben Gott im Himmel
und bittet ihn, dass er helfe, denn er kann allem Leid abhelfen, das uns drückt.
Das verstehst du, nicht wahr? Du betest doch jeden Abend zum lieben Gott im
Himmel und dankst ihm für alles Gute und bittest ihn, dass er dich vor allem
Bösen behüte?«
    »O nein, das tu' ich nie«, antwortete das Kind.
    »Hast du denn gar nie gebetet, Heidi, weisst du nicht, was das ist?«
    »Nur mit der ersten Grossmutter habe ich gebetet, aber es ist schon lang, und
jetzt habe ich es vergessen.«
    »Siehst du, Heidi, darum musst du so traurig sein, weil du jetzt gar
niemanden kennst, der dir helfen kann. Denk einmal nach, wie wohl das tun muss,
wenn einen im Herzen etwas immerfort drückt und quält und man kann so jeden
Augenblick zum lieben Gott hingehen und ihm alles sagen und ihn bitten, dass er
helfe, wo uns sonst gar niemand helfen kann! Und er kann überall helfen und uns
geben, was uns wieder froh macht.«
    Durch Heidis Augen fuhr ein Freudenstrahl: »Darf man ihm alles, alles
sagen?«
    »Alles, Heidi, alles.«
    Das Kind zog seine Hand aus den Händen der Grossmama und sagte eilig: »Kann
ich gehen?«
    »Gewiss! gewiss!« gab diese zur Antwort, und Heidi lief davon und hinüber in
sein Zimmer, und hier setzte es sich auf seinen Schemel nieder und faltete seine
Hände und sagte dem lieben Gott alles, was in seinem Herzen war und es so
traurig machte, und bat ihn dringend und herzlich, dass er ihm helfe und es
wieder heimkommen lasse zum Grossvater. -
    Es mochte etwas mehr als eine Woche verflossen sein seit diesem Tage, als
der Herr Kandidat begehrte, der Frau Sesemann seine Aufwartung zu machen, indem
er eine Besprechung über einen merkwürdigen Gegenstand mit der Dame abzuhalten
gedachte. Er wurde auf ihre Stube berufen, und hier, wie er eintrat, streckte
ihm Frau Sesemann sogleich freundlich die Hand entgegen: »Mein lieber Herr
Kandidat, seien Sie mir willkommen! setzen Sie sich her zu mir, hier« - sie
rückte ihm den Stuhl zurecht. »So, nun sagen Sie mir, was bringt Sie zu mir;
doch nichts Schlimmes, keine Klagen?«
    »Im Gegenteil, gnädige Frau«, begann der Herr Kandidat; »es ist etwas
vorgefallen, das ich nicht mehr erwarten konnte und keiner, der einen Blick in
alles Vorhergegangene hätte werfen können, denn nach allen Voraussetzungen musste
angenommen werden, dass es eine völlige Unmöglichkeit sein müsse, was dennoch
jetzt wirklich geschehen ist und in der wunderbarsten Weise stattgefunden hat,
gleichsam im Gegensatz zu allem folgerichtig zu Erwartenden -«
    »Sollte das Kind Heidi etwa lesen gelernt haben, Herr Kandidat?« setzte hier
Frau Sesemann ein.
    In sprachlosem Erstaunen schaute der überraschte Herr die Dame an. »Es ist
ja wirklich völlig wunderbar«, sagte er endlich, »nicht nur, dass das junge
Mädchen nach all meinen gründlichen Erklärungen und ungewöhnlichen Bemühungen
das Abc nicht erlernt hat, sondern auch und besonders, dass es jetzt in kürzester
Zeit, nachdem ich mich entschlossen hatte, das Unerreichbare aus den Augen zu
lassen und ohne alle weitergreifenden Erläuterungen nur noch so zu sagen die
nackten Buchstaben vor die Augen des jungen Mädchens zu bringen, so zu sagen
über Nacht das Lesen erfasst hat, und dann sogleich mit einer Korrekteit die
Worte liest, wie mir bei Anfängern noch selten vorgekommen ist. Fast ebenso
wunderbar ist mir die Wahrnehmung, dass die gnädige Frau gerade diese
fernliegende Tatsache als Möglichkeit vermutete.«
    »Es geschehen viele wunderbare Dinge im Menschenleben«, bestätigte Frau
Sesemann und lächelte vergnüglich; »es können auch einmal zwei Dinge glücklich
zusammentreffen, wie ein neuer Lerneifer und eine neue Lehrmetode, und beide
können nichts schaden, Herr Kandidat. Jetzt wollen wir uns freuen, dass das Kind
so weit ist, und auf guten Fortgang hoffen.«
    Damit begleitete sie den Herrn Kandidaten zur Tür hinaus und ging rasch nach
dem Studierzimmer, um sich selbst der erfreulichen Nachricht zu versichern.
Richtig sass hier Heidi neben Klara und las dieser eine Geschichte vor, sichtlich
selbst mit dem grössten Erstaunen und mit einem wachsenden Eifer in die neue Welt
eindringend, die ihm aufgegangen war, nun ihm mit einemmal aus den schwarzen
Buchstaben Menschen und Dinge entgegentraten und Leben gewannen und zu
herzbewegenden Geschichten wurden. Noch am selben Abend, als man sich zu Tische
setzte, fand Heidi auf seinem Teller das grosse Buch liegen mit den schönen
Bildern, und als es fragend nach der Grossmama blickte, sagte diese freundlich
nickend: »Ja, ja, nun gehört es dir.«
    »Für immer? Auch wenn ich heimgehe?« fragte Heidi ganz rot vor Freude.
    »Gewiss, für immer!« versicherte die Grossmama; »morgen fangen wir an zu
lesen.«
    »Aber du gehst nicht heim, noch viele Jahre nicht, Heidi«, warf Klara hier
ein; »wenn nun die Grossmama wieder fortgeht, dann musst du erst recht bei mir
bleiben.«
    Noch vor dem Schlafengehen musste Heidi in seinem Zimmer sein schönes Buch
ansehen, und von dem Tage an war es sein Liebstes, über seinem Buch zu sitzen
und immer wieder die Geschichten zu lesen, zu denen die schönen bunten Bilder
gehörten. Sagte am Abend die Grossmama: »Nun liest uns Heidi vor«, so war das
Kind sehr beglückt, denn das Lesen ging ihm nun ganz leicht, und wenn es die
Geschichten laut vorlas, so kamen sie ihm noch viel schöner und verständlicher
vor, und die Grossmama erklärte dann noch so vieles und erzählte immer noch mehr
dazu. Am liebsten beschaute Heidi immer wieder seine grüne Weide und den Hirten
mitten unter der Herde, wie er so vergnüglich, auf seinen langen Stab gelehnt,
dastand, denn da war er noch bei der schönen Herde des Vaters und ging nur den
lustigen Schäfchen und Ziegen nach, weil es ihn freute. Aber dann kam das Bild,
wo er, vom Vaterhaus weggelaufen, nun in der Fremde war und die Schweinchen
hüten musste und ganz mager geworden war bei den Trebern, die er allein noch zu
essen bekam. Und auf dem Bilde schien auch die Sonne nicht mehr so golden, da
war das Land grau und nebelig. Aber dann kam noch ein Bild zu der Geschichte: da
kam der alte Vater mit ausgebreiteten Armen aus dem Hause heraus und lief dem
heimkehrenden reuigen Sohn entgegen, um ihn zu empfangen, der ganz furchtsam und
abgemagert in einem zerrissenen Wams daherkam. Das war Heidis
Lieblingsgeschichte, die es immer wieder las, laut und leise, und es konnte nie
genug der Erklärungen bekommen, welche die Grossmama den Kindern dazu machte. Da
waren aber noch so viele schöne Geschichten in dem Buch, und bei dem Lesen
derselben und dem Bilderbesehen gingen die Tage sehr schnell dahin, und schon
nahte die Zeit heran, welche die Grossmama zu ihrer Abreise bestimmt hatte.
 
             Heidi nimmt auf einer Seite zu und auf der anderen ab
Die Grossmama hatte während der ganzen Zeit ihres Aufentalts jeden Nachmittag,
wenn Klara sich hinlegte und Fräulein Rottenmeier, wahrscheinlich der Ruhe
bedürftig, geheimnisvoll verschwand, sich einen Augenblick neben Klara
hingesetzt; aber schon nach fünf Minuten war sie wieder auf den Füssen und hatte
dann immer Heidi auf ihre Stube berufen, sich mit ihm besprochen und es auf
allerlei Weise beschäftigt und unterhalten. Die Grossmama hatte hübsche kleine
Puppen und zeigte dem Heidi, wie man ihnen Kleider und Schürzchen macht, und
ganz unvermerkt hatte Heidi das Nähen erlernt und machte den kleinen
Frauenzimmern die schönsten Röcke und Mäntelchen, denn die Grossmama hatte immer
Zeugstücke von den prächtigsten Farben. Nun Heidi lesen konnte, durfte es auch
immer wieder der Grossmama seine Geschichten vorlesen; das machte ihm die grösste
Freude, denn je mehr es seine Geschichten las, desto lieber wurden sie ihm, denn
Heidi lebte alles ganz mit durch, was die Leute alle zu erleben hatten, und so
hatte es zu ihnen allen ein sehr nahes Verhältnis und freute sich immer wieder,
bei ihnen zu sein. Aber so recht froh sah Heidi nie aus, und seine lustigen
Augen waren nie mehr zu sehen.
    Es war die letzte Woche, welche die Grossmama in Frankfurt zubringen wollte.
Sie hatte eben nach Heidi gerufen, dass es auf ihre Stube komme; es war die Zeit,
da Klara schlief. Als Heidi eintrat mit seinem grossen Buch unter dem Arm, winkte
ihm die Grossmama, dass es ganz nahe zu ihr herankomme, legte das Buch weg und
sagte: »Nun komm, Kind, und sag mir, warum bist du nicht fröhlich? Hast du immer
noch denselben Kummer im Herzen?«
    »Ja«, nickte Heidi.
    »Hast du ihn dem lieben Gott geklagt?«
    »Ja.«
    »Und betest du nun alle Tage, dass alles gut werde und er dich froh mache?«
    »O nein, ich bete jetzt gar nie mehr.«
    »Was sagst du mir, Heidi? Was muss ich hören? Warum betest du denn nicht
mehr?«
    »Es nützt nichts, der liebe Gott hat nicht zugehört, und ich glaube es auch
wohl«, fuhr Heidi in einiger Aufregung weiter, »wenn nun am Abend so viele,
viele Leute in Frankfurt alle miteinander beten, so kann der liebe Gott ja nicht
auf alle achtgeben, und mich hat er gewiss gar nicht gehört.«
    »So, wie weisst du denn das so sicher, Heidi?«
    »Ich habe alle Tage das gleiche gebetet, manche Woche lang, und der liebe
Gott es nie getan.«
    »Ja, so geht's nicht zu, Heidi! das musst du nicht meinen! Siehst du, der
liebe Gott ist für uns alle ein guter Vater, der immer weiss, was gut für uns
ist, wenn wir es gar nicht wissen. Wenn wir aber nun etwas von ihm haben wollen,
das nicht gut für uns ist, so gibt er uns das nicht, sondern etwas viel
Besseres, wenn wir fortfahren, so recht herzlich zu ihm zu beten, aber nicht
gleich weglaufen und alles Vertrauen zu ihm verlieren. Siehst du, was du nun von
ihm erbitten wolltest, das war in diesem Augenblick nicht gut für dich; der
liebe Gott hat dich schon gehört, er kann alle Menschen auf einmal anhören und
übersehen, siehst du, dafür ist er der liebe Gott und nicht ein Mensch, wie du
und ich. Und weil er nun wohl wusste, was für dich gut ist, dachte er bei sich:
Ja, das Heidi soll schon einmal haben, wofür es bittet, aber erst dann, wenn es
ihm gut ist, und so wie es darüber recht froh werden kann. Denn wenn ich jetzt
tue, was es will, und es merkt nachher, dass es doch besser gewesen wäre, ich
hätte ihm seinen Willen nicht getan, dann weint es nachher und sagt: Hätte mir
doch der liebe Gott nur nicht gegeben, wofür ich bat, es ist gar nicht so gut,
wie ich gemeint habe. Und während nun der liebe Gott auf dich niedersah, ob du
ihm auch recht vertrautest und täglich zu ihm kommest und betest und immer zu
ihm aufsehest, wenn dir etwas fehlt, da bist du weggelaufen ohne alles
Vertrauen, hast nie mehr gebetet und hast den lieben Gott ganz vergessen. Aber
siehst du, wenn einer es so macht und der liebe Gott hört seine Stimme gar nie
mehr unter den Betenden, so vergisst er ihn auch und lässt ihn gehen, wohin er
will. Wenn es ihm dabei aber schlecht geht und er jammert: Mir hilft aber auch
gar niemand! dann hat keiner Mitleiden mit ihm, sondern jeder sagt zu ihm: Du
bist ja selbst vom lieben Gott weggelaufen, der dir helfen konnte! Willst du's
so haben, Heidi, oder willst du gleich wieder zum lieben Gott gehen und ihn um
Verzeihung bitten, dass du so von ihm weggelaufen bist, und dann alle Tage zu ihm
beten und ihm vertrauen, dass er alles gut für dich machen werde, so dass du auch
wieder ein frohes Herz bekommen kannst?«
    Heidi hatte sehr aufmerksam zugehört; jedes Wort der Grossmama fiel in sein
Herz, denn zu ihr hatte das Kind ein unbedingtes Vertrauen.
    »Ich will jetzt gleich auf der Stelle gehen und den lieben Gott um
Verzeihung bitten, und ich will ihn nie mehr vergessen«, sagte Heidi reumütig.
    »So ist's recht, Kind, er wird dir auch helfen zur rechten Zeit, sei nur
getrost!« ermunterte die Grossmama, und Heidi lief sofort in sein Zimmer hinüber
und betete ernstlich und reuig zum lieben Gott und bat ihn, dass er es doch nicht
vergessen und auch wieder zu ihm niederschauen möge. -
    Der Tag der Abreise war gekommen, es war für Klara und Heidi ein trauriger
Tag; aber die Grossmama wusste es so einzurichten, dass sie gar nicht zum
Bewusstsein kamen, dass es eigentlich ein trauriger Tag sei, sondern es war eher
wie ein Festtag, bis die gute Grossmama im Wagen davonfuhr. Da trat eine Leere
und Stille im Hause ein, als wäre alles vorüber, und so lange noch der Tag
währte, sassen Klara und Heidi wie verloren da und wussten gar nicht, wie es nun
weiter kommen sollte.
    Am folgenden Tag, als die Unterrichtsstunden vorbei und die Zeit da war, da
die Kinder gewöhnlich zusammensassen, trat Heidi mit seinem Buch unter dem Arm
herein und sagte: »Ich will dir nun immer, immer vorlesen; willst du, Klara?«
    Der Klara war der Vorschlag recht für einmal, und Heidi machte sich mit
Eifer an seine Tätigkeit. Aber es ging nicht lange, so hörte schon wieder alles
auf, denn kaum hatte Heidi eine Geschichte zu lesen begonnen, die von einer
sterbenden Grossmutter handelte, als es auf einmal laut aufschrie: »O, nun ist
die Grossmutter tot!« und in ein jammervolles Weinen ausbrach, denn alles, was es
las, war dem Heidi volle Gegenwart und es glaubte nicht anders, als nun sei die
Grossmutter auf der Alm gestorben, und es klagte in immer lauterem Weinen: »Nun
ist die Grossmutter tot, und ich kann nie mehr zu ihr gehen, und sie hat nicht
ein einziges Brötchen mehr bekommen!«
    Klara suchte immerfort dem Heidi zu erklären, dass es ja nicht die Grossmutter
auf der Alm sei, sondern eine ganz andere, von der diese Geschichte handle; aber
auch, als sie endlich dazu gekommen war, dem aufgeregten Heidi diese
Verwechslung klar zu machen, konnte es sich doch nicht beruhigen und weinte
immer noch untröstlich weiter, denn der Gedanke war ihm nun im Herzen erwacht,
die Grossmutter könne ja sterben, während es so weit weg sei, und der Grossvater
auch noch, und wenn es dann nach langer Zeit wieder heimkomme, so sei alles
still und tot auf der Alm und es stehe ganz allein da und könne niemals mehr die
sehen, die ihm lieb waren. Währenddessen war Fräulein Rottenmeier ins Zimmer
getreten und hatte noch Klaras Bemühungen, Heidi über seinen Irrtum aufzuklären,
mitangehört. Als das Kind aber immer noch nicht aufhören konnte, zu schluchzen,
trat sie mit sichtlichen Zeichen der Ungeduld zu den Kindern heran und sagte mit
bestimmtem Ton: »Adelheid, nun ist des grundlosen Geschreis genug! Ich will dir
eines sagen: wenn du noch ein einziges Mal beim Lesen deiner Geschichten solchen
Ausbrüchen den Lauf lässest, so nehme ich das Buch aus deinen Händen und für
immer!«
    Das machte Eindruck. Heidi wurde ganz weiss vor Schrecken, das Buch war sein
höchster Schatz. Es trocknete in grösster Eile seine Tränen und schluckte und
würgte sein Schluchzen mit Gewalt hinunter, so dass kein Tönchen mehr laut wurde.
Das Mittel hatte geholfen, Heidi weinte nie mehr, was es auch lesen mochte; aber
manchmal hatte es solche Anstrengungen zu machen, um sich zu überwinden und
nicht aufzuschreien, dass Klara öfter ganz erstaunt sagte: »Heidi, du machst so
schreckliche Grimassen, wie ich noch nie gesehen habe.« Aber die Grimassen
machten keinen Lärm und fielen der Dame Rottenmeier nicht auf, und wenn Heidi
seinen Anfall von verzweiflungsvoller Traurigkeit niedergerungen hatte, kam
alles wieder ins Geleise für einige Zeit und war tonlos vorübergegangen. Aber
seinen Appetit verlor Heidi so sehr und sah so mager und bleich aus, dass der
Sebastian fast nicht ertragen konnte, das so mit anzusehen und Zeuge sein zu
müssen, wie Heidi bei Tisch die schönsten Gerichte an sich vorübergehen liess und
nichts essen wollte. Er flüsterte ihm auch öfter ermunternd zu, wenn er ihm eine
Schüssel hinhielt: »Nehmen von dem, Mamsellchen, 's ist vortrefflich. Nicht so!
Einen rechten Löffel voll, noch einen!« und dergleichen väterlicher Räte mehr;
aber es half nichts: Heidi ass fast gar nicht mehr, und wenn es sich am Abend auf
sein Kissen legte, so hatte es augenblicklich alles vor Augen, was daheim war,
und nur ganz leise weinte es dann vor Sehnsucht in sein Kissen hinein, so dass es
gar niemand hören konnte.
    So ging eine lange Zeit dahin. Heidi wusste gar nie, ob es Sommer oder Winter
sei, denn die Mauern und Fenster, die es aus allen Fenstern des Hauses Sesemann
erblickte, sahen immer gleich aus, und hinaus kam es nur, wenn es Klara
besonders gut ging und eine Ausfahrt im Wagen mit ihr gemacht werden konnte, die
aber immer sehr kurz war, denn Klara konnte nicht vertragen, lang zu fahren. So
kam man kaum aus den Mauern und Steinstrassen heraus, sondern kehrte gewöhnlich
vorher wieder um und fuhr immerfort durch grosse, schöne Strassen, wo Häuser und
Menschen in Fülle zu sehen waren, aber nicht Gras und Blumen, keine Tannen und
keine Berge, und Heidis Verlangen nach dem Anblick der schönen gewohnten Dinge
steigerte sich mit jedem Tage mehr, so dass es jetzt nur den Namen eines dieser
Erinnerung weckenden Worte zu lesen brauchte, so war schon ein Ausbruch des
Schmerzes nahe, und Heidi hatte mit aller Gewalt dagegen zu ringen. So waren
Herbst und Winter vergangen, und schon blendete die Sonne wieder so stark auf
die weissen Mauern am Hause gegenüber, dass Heidi ahnte, nun sei die Zeit nahe, da
der Peter wieder zur Alm führe mit den Geissen, da die goldenen Cystusröschen
glitzerten droben im Sonnenschein und allabendlich ringsum alle Berge im Feuer
ständen. Heidi setzte sich in seinem einsamen Zimmer in einen Winkel und hielt
sich mit beiden Händen die Augen zu, dass es den Sonnenschein drüben an der Mauer
nicht sehe; und so sass es regungslos, sein brennendes Heimweh lautlos
niederkämpfend, bis Klara wieder nach ihm rief.
 
                           Im Hause Sesemann spukt's
Seit einigen Tagen wanderte Fräulein Rottenmeier meistens schweigend und in sich
gekehrt im Haus herum. Wenn sie um die Zeit der Dämmerung von einem Zimmer ins
andere, oder über den langen Korridor ging, schaute sie öfters um sich, gegen
die Ecken hin und auch schnell einmal hinter sich, so, als denke sie, es könnte
jemand leise hinter ihr herkommen und sie unversehens am Rock zupfen. So allein
ging sie aber nur noch in den bewohnten Räumen herum. Hatte sie auf dem oberen
Boden, wo die feierlich aufgerüsteten Gastzimmer lagen, oder gar in den unteren
Räumen etwas zu besorgen, wo der grosse geheimnisvolle Saal war, in dem jeder
Tritt einen weitin schallenden Widerhall gab und die alten Ratsherren mit den
grossen, weissen Kragen so ernstaft und unverwandt auf einen niederschauten, da
rief sie nun regelmässig die Tinette herbei und sagte ihr, sie habe mitzukommen,
im Fall etwas von dort herauf- oder von oben herunterzutragen wäre. Tinette
ihrerseits machte es pünktlich ebenso; hatte sie oben oder unten irgendein
Geschäft abzutun, so rief sie den Sebastian herbei und sagte ihm, er habe sie zu
begleiten, es möchte etwas herbeizubringen sein, das sie nicht allein tragen
könnte. Wunderbarerweise tat auch Sebastian accurat dasselbe; wurde er in die
abgelegenen Räume geschickt, so holte er den Johann herauf und wies ihn an, ihn
zu begleiten, im Fall er nicht herbeischaffen könnte, was erforderlich sei. Und
jedes folgte immer ganz willig dem Ruf, obschon eigentlich nie etwas
herbeizutragen war, so dass jedes gut hätte allein gehen können; aber es war so,
als denke der Herbeigerufene immer bei sich, er könne den anderen auch bald für
denselben Dienst nötig haben. Während sich solches oben zutrug, stand unten die
langjährige Köchin tiefsinnig bei ihren Töpfen und schüttelte den Kopf und
seufzte: »Dass ich das noch erleben musste!«
    Es ging im Hause Sesemann seit einiger Zeit etwas ganz Seltsames und
Unheimliches vor. Jeden Morgen, wenn die Dienerschaft herunterkam, stand die
Haustür weit offen; aber weit und breit war niemand zu sehen, der mit dieser
Erscheinung im Zusammenhang stehen konnte. In den ersten Tagen, da dies
geschehen war, wurden gleich mit Schrecken alle Zimmer und Räume des Hauses
durchsucht, um zu sehen, was alles gestohlen sei, denn man dachte, ein Dieb habe
sich im Hause verstecken können und sei in der Nacht mit dem Gestohlenen
entflohen; aber da war gar nichts fortgekommen, es fehlte im ganzen Hause nicht
ein einziges Ding. Abends wurde nicht nur die Tür doppelt zugeriegelt, sondern
es wurde noch der hölzerne Balken vorgeschoben - es half nichts: am Morgen stand
die Tür weit offen; und so früh nun auch die ganze Dienerschaft in ihrer
Aufregung am Morgen herunterkommen mochte: die Tür stand offen, wenn auch
ringsum alles noch im tiefen Schlaf lag und Fenster und Türen an allen anderen
Häusern noch fest verrammelt waren. Endlich fassten sich der Johann und der
Sebastian ein Herz und machten sich auf die dringenden Zureden der Dame
Rottenmeier bereit, die Nacht unten in dem Zimmer, das an den grossen Saal stiess,
zuzubringen und zu erwarten, was geschehe. Fräulein Rottenmeier suchte mehrere
Waffen des Herrn Sesemann hervor und übergab dem Sebastian eine grosse
Liqueurflasche, damit Stärkung vorausgehen und gute Wehr nachfolgen könne, wo
sie nötig sei.
    Die beiden setzten sich an dem festgesetzten Abend hin und fingen gleich an,
sich Stärkung zuzutrinken, was sie erst sehr gesprächig und dann ziemlich
schläfrig machte, worauf sie beide sich an die Sesselrücken lehnten und
verstummten. Als die alte Turmuhr drüben zwölf schlug, ermannte sich Sebastian
und rief seinen Kameraden an; der war aber nicht leicht zu erwecken; so oft ihn
Sebastian anrief, legte er seinen Kopf von einer Seite der Sessellehne auf die
andere und schlief weiter. Sebastian lauschte nunmehr gespannt, er war nun
wieder ganz munter geworden. Es war alles mäuschenstill, auch von der Strasse war
kein Laut mehr zu hören. Sebastian entschlief nicht wieder, denn jetzt wurde es
ihm sehr unheimlich in der grossen Stille und er rief den Johann nur noch mit
gedämpfter Stimme an und rüttelte ihn von Zeit zu Zeit ein wenig. Endlich, als
es droben schon ein Uhr geschlagen hatte, war der Johann wach geworden und
wieder zum klaren Bewusstsein gekommen, warum er auf dem Stuhl sitze und nicht in
seinem Bett liege. Jetzt fuhr er auf einmal sehr tapfer empor und rief: »Nun,
Sebastian, wir müssen doch einmal hinaus und sehen, wie's steht; du wirst dich
ja nicht fürchten. Nur mir nach.«
    Johann machte die leicht angelehnte Zimmertür weit auf und trat hinaus. Im
gleichen Augenblick blies aus der offenen Haustür ein scharfer Luftzug her und
löschte das Licht aus, das der Johann in der Hand hielt. Dieser stürzte zurück,
warf den hinter ihm stehenden Sebastian beinah' rücklings ins Zimmer hinein, riss
ihn dann mit, schlug die Tür zu und drehte in fieberhafter Eile den Schlüssel
um, so lang er nur umging. Dann riss er seine Streichhölzer hervor und zündete
sein Licht wieder an. Sebastian wusste gar nicht recht, was vorgefallen war, denn
hinter dem breiten Johann stehend, hatte er den Luftzug nicht so deutlich
empfunden. Wie er aber jenen nun bei Licht besah, tat er einen Schreckensruf,
denn der Johann war kreideweiss und zitterte wie Espenlaub. »Was ist's denn? Was
war denn draussen?« fragte der Sebastian teilnehmend.
    »Sperrangelweit offen die Tür«, keuchte Johann, »und auf der Treppe eine
weisse Gestalt, siehst du, Sebastian, nur so die Treppe hinauf - husch und
verschwunden.«
    Dem Sebastian gruselte es den ganzen Rücken hinauf. Jetzt setzten sich die
beiden ganz nah zusammen und regten sich nicht mehr, bis dass der helle Morgen da
war und es auf der Strasse anfing, lebendig zu werden. Dann traten sie zusammen
hinaus, machten die weit offenstehende Haustür zu und stiegen dann hinauf, um
Fräulein Rottenmeier Bericht zu erstatten über das Erlebte. Die Dame war auch
schon zu sprechen, denn die Erwartung der zu vernehmenden Dinge hatte sie nicht
mehr schlafen lassen. Sobald sie nun vernommen hatte, was vorgefallen war,
setzte sie sich hin und schrieb einen Brief an Herrn Sesemann, wie er noch
keinen erhalten hatte; er möge sich nur sogleich, ohne Verzug, aufmachen und
nachhause zurückkehren, denn da geschähen unerhörte Dinge. Dann wurde ihm das
Vorgefallene mitgeteilt, sowie auch die Nachricht, dass fortgesetzt die Tür jeden
Morgen offen stehe; dass also keiner im Hause seines Lebens mehr sicher sei bei
dergestalt allnächtlich offenstehender Hauspforte, und dass man überhaupt nicht
absehen könne, was für dunkle Folgen dieser unheimliche Vorgang noch nach sich
ziehen könne. Herr Sesemann antwortete umgehend, es sei ihm unmöglich, so
plötzlich alles liegen zu lassen und nachhause zu kommen. Die
Gespenstergeschichte sei ihm sehr befremdend, er hoffe auch, sie sei
vorübergehend; sollte es indessen keine Ruhe geben, so möge Fräulein Rottenmeier
an Frau Sesemann schreiben und sie fragen, ob sie nicht nach Frankfurt zuhilfe
kommen wollte; gewiss würde seine Mutter in kürzester Zeit mit den Gespenstern
fertig, und diese trauten sich nachher sicher so bald nicht wieder, sein Haus zu
beunruhigen. Fräulein Rottenmeier war nicht zufrieden mit dem Ton dieses
Briefes; die Sache war ihr zu wenig ernst aufgefasst. Sie schrieb unverzüglich an
Frau Sesemann, aber von dieser Seite her tönte es nicht eben befriedigender, und
die Antwort entielt einige ganz anzügliche Bemerkungen. Frau Sesemann schrieb,
sie gedenke nicht extra von Holstein nach Frankfurt hinunterzureisen, weil die
Rottenmeier Gespenster sehe. Übrigens sei niemals ein Gespenst gesehen worden im
Hause Sesemann, und wenn jetzt eines darin herumfahre, so könne es nur ein
lebendiges sein, mit dem die Rottenmeier sich sollte verständigen können; wo
nicht, so solle sie die Nachtwächter zuhilfe rufen.
    Aber Fräulein Rottenmeier war entschlossen, ihre Tage nicht mehr in
Schrecken zuzubringen, und sie wusste sich zu helfen. Bis dahin hatte sie den
beiden Kindern nichts von der Geistererscheinung gesagt, denn sie befürchtete,
die Kinder würden vor Furcht Tag und Nacht keinen Augenblick mehr allein bleiben
wollen, und das konnte sehr unbequeme Folgen für sie haben. Jetzt ging sie
stracks ins Studierzimmer hinüber, wo die beiden zusammensassen, und erzählte mit
gedämpfter Stimme von den nächtlichen Erscheinungen eines Unbekannten. Sofort
schrie Klara auf, sie bleibe keinen Augenblick mehr allein, der Papa müsse
nachhause kommen und Fräulein Rottenmeier müsse zum Schlafen in ihr Zimmer
hinüberziehen, und Heidi dürfe auch nicht mehr allein sein, sonst könne das
Gespenst einmal zu ihm kommen und ihm etwas tun; sie wollten alle in einem
Zimmer schlafen und die ganze Nacht das Licht brennen lassen, und Tinette müsste
nebenan schlafen und der Sebastian und der Johann müssten auch herunterkommen und
auf dem Korridor schlafen, dass sie gleich schreien und das Gespenst erschrecken
könnten, wenn es etwa die Treppe heraufkommen wollte. Klara war sehr aufgeregt
und Fräulein Rottenmeier hatte nun die grösste Mühe, sie etwas zu beschwichtigen.
Sie versprach ihr, sogleich an den Papa zu schreiben und auch ihr Bett in Klaras
Zimmer stellen und sie nie mehr allein lassen zu wollen. Alle konnten sie nicht
in demselben Raume schlafen, aber wenn Adelheid sich auch fürchten sollte, so
müsste Tinette ihr Nachtlager bei ihr aufschlagen. Aber Heidi fürchtete sich mehr
vor der Tinette, als vor Gespenstern, von denen das Kind noch gar nie etwas
gehört hatte, und es erklärte gleich, es fürchte das Gespenst nicht und wolle
schon allein in seinem Zimmer bleiben. Hierauf eilte Fräulein Rottenmeier an
ihren Schreibtisch und schrieb an Herrn Sesemann, die unheimlichen Vorgänge im
Hause, die allnächtlich sich wiederholten, hätten die zarte Konstitution seiner
Tochter dergestalt erschüttert, dass die schlimmsten Folgen zu besorgen seien;
man habe Beispiele von plötzlich eintretenden epileptischen Zufällen, oder
Veitstanz in solchen Verhältnissen, und seine Tochter sei allem ausgesetzt, wenn
dieser Zustand des Schreckens im Hause nicht gehoben werde.
    Das half. Zwei Tage darauf stand Herr Sesemann vor seiner Tür und schellte
dergestalt an seiner Hausglocke, dass alles zusammenlief und einer den anderen
anstarrte, denn man glaubte nicht anders, als nun lasse der Geist frecherweise
noch vor Nacht seine boshaften Stücke aus. Sebastian guckte ganz behutsam durch
einen halbgeöffneten Laden von oben herunter; in dem Augenblick schellte es noch
einmal so nachdrücklich, dass jeder unwillkürlich eine Menschenhand hinter dem
tüchtigen Ruck vermutete. Sebastian hatte die Hand erkannt, stürzte durchs
Zimmer, kopfüber die Treppe hinunter, kam aber unten wieder auf die Füsse und riss
die Haustür auf. Herr Sesemann grüsste kurz und stieg ohne weiteres nach dem
Zimmer seiner Tochter hinauf. Klara empfing den Papa mit einem lauten
Freudenruf, und als er sie so munter und völlig unverändert sah, glättete sich
seine Stirn, die er vorher sehr zusammengezogen hatte, und immer mehr, als er
nun von ihr selbst hörte, sie sei so wohl wie immer und sie sei so froh, dass er
gekommen sei, dass es ihr jetzt ganz recht sei, dass ein Geist im Haus herumfahre,
weil er doch daran schuld sei, dass der Papa heimkommen musste.
    »Und wie führt sich das Gespenst weiter auf, Fräulein Rottenmeier?« fragte
nun Herr Sesemann mit einem lustigen Ausdruck in den Mundwinkeln.
    »Nein, Herr Sesemann«, entgegnete die Dame ernst, »es ist kein Scherz. Ich
zweifle nicht daran, dass morgen Herr Sesemann nicht mehr lachen wird; denn was
in dem Hause vorgeht, deutet auf Fürchterliches, das hier in vergangener Zeit
muss vorgegangen und verheimlicht worden sein.«
    »So, davon weiss ich nichts«, bemerkte Herr Sesemann, »muss aber bitten, meine
völlig ehrenwerten Ahnen nicht verdächtigen zu wollen. Und nun rufen Sie mir den
Sebastian ins Esszimmer, ich will allein mit ihm reden.«
    Herr Sesemann ging hinüber und Sebastian erschien. Es war Herrn Sesemann
nicht entgangen, dass Sebastian und Fräulein Rottenmeier sich nicht eben mit
Zuneigung betrachteten; so hatte er seine Gedanken.
    »Komm Er her, Bursche«, winkte er dem Eintretenden entgegen, »und sag Er mir
nun ganz ehrlich: hat Er nicht etwa selbst ein wenig Gespenst gespielt, so um
Fräulein Rottenmeier etwas Kurzweil zu machen, he?«
    »Nein, meiner Treu, das muss der gnädige Herr nicht glauben; es ist mir
selbst nicht ganz gemütlich bei der Sache«, entgegnete Sebastian mit
unverkennbarer Ehrlichkeit.
    »Nun, wenn es so steht, so will ich morgen Ihm und dem tapferen Johann
zeigen, wie Gespenster beim Licht aussehen. Schäme Er sich, Sebastian, ein
junger, kräftiger Bursch, wie Er ist, vor Gespenstern davonzulaufen! Nun geh Er
unverzüglich zu meinem alten Freund, Doktor Classen: meine Empfehlung und er
möchte unfehlbar heut' Abend neun Uhr bei mir erscheinen; ich sei extra von
Paris hergereist, um ihn zu konsultieren. Er müsse die Nacht bei mir wachen, so
schlimm sei's; er solle sich richten! Verstanden, Sebastian?«
    »Ja wohl, ja wohl! der gnädige Herr kann sicher sein, dass ich's gut mache.«
Damit entfernte sich Sebastian, und Herr Sesemann kehrte zu seinem Töchterchen
zurück, um ihr alle Furcht vor einer Erscheinung zu benehmen, die er noch heute
ins nötige Licht stellen wollte.
    Punkt neun Uhr, als die Kinder zur Ruhe gegangen und auch Fräulein
Rottenmeier sich zurückgezogen hatte, erschien der Doktor, der unter seinen
grauen Haaren noch ein recht frisches Gesicht und zwei lebhaft und freundlich
blickende Augen zeigte. Er sah etwas ängstlich aus, brach aber gleich nach
seiner Begrüssung in ein helles Lachen aus und sagte, seinem Freunde auf die
Schulter klopfend: »Nun, nun, für einen, bei dem man wachen soll, siehst du noch
leidlich aus, Alter.«
    »Nur Geduld, Alter«, gab Herr Sesemann zurück; »derjenige, für den du wachen
musst, wird schon schlimmer aussehen, wenn wir ihn erst abgefangen haben.«
    »Also doch ein Kranker im Haus und dazu einer, der eingefangen werden muss?«
    »Weit schlimmer, Doktor, weit schlimmer. Ein Gespenst im Hause, bei mir
spukt's!«
    Der Doktor lachte laut auf.
    »Schöne Teilnahme das, Doktor!« fuhr Herr Sesemann fort; »schade, dass meine
Freundin Rottenmeier sie nicht geniessen kann. Sie ist fest überzeugt, dass ein
alter Sesemann hier herumrumort und Schauertaten abbüsst.«
    »Wie hat sie ihn aber nur kennen gelernt?« fragte der Doktor noch immer sehr
erheitert.
    Herr Sesemann erzählte nun seinem Freunde den ganzen Vorgang und wie noch
jetzt allnächtlich die Haustür geöffnet werde, nach der Angabe der sämtlichen
Hausbewohner, und fügte hinzu, um für alle Fälle vorbereitet zu sein, habe er
zwei gutgeladene Revolver in das Wachtlokal legen lassen; denn entweder sei die
Sache ein sehr unerwünschter Scherz, den sich vielleicht irgendein Bekannter der
Dienerschaft mache, um die Leute des Hauses in Abwesenheit des Hausherrn zu
erschrecken - dann könnte ein kleiner Schrecken, wie ein guter Schuss ins Leere,
ihm nicht unheilsam sein -; oder auch es handle sich um Diebe, die auf diese
Weise erst den Gedanken an Gespenster aufkommen lassen wollten, um nachher um so
sicherer zu sein, dass niemand sich herauswage - in diesem Falle könnte eine gute
Waffe auch nicht schaden.
    Während dieser Erklärungen waren die Herren die Treppe hinuntergestiegen und
traten in dasselbe Zimmer ein, wo Johann und Sebastian auch gewacht hatten. Auf
dem Tische standen einige Flaschen schönen Weines, denn eine kleine Stärkung von
Zeit zu Zeit konnte nicht unerwünscht sein, wenn die Nacht da zugebracht werden
musste. Daneben lagen die beiden Revolver, und zwei, ein helles Licht
verbreitende Armleuchter standen mitten auf dem Tisch, denn so im Halbdunkel
wollte Herr Sesemann das Gespenst denn doch nicht erwarten.
    Nun wurde die Tür ans Schloss gelehnt, denn zu viel Licht durfte nicht in den
Korridor hinausfliessen, es konnte das Gespenst verscheuchen. Jetzt setzten sich
die Herren gemütlich in ihre Lehnstühle und fingen an, sich allerlei zu
erzählen, nahmen auch hier und da dazwischen einen guten Schluck, und so schlug
es zwölf Uhr, eh' sie sich's versahn.
    »Das Gespenst hat uns gewittert und kommt wohl heut' gar nicht«, sagte der
Doktor jetzt.
    »Nur Geduld, es soll erst um ein Uhr kommen«, entgegnete der Freund.
    Das Gespräch wurde wieder aufgenommen. Es schlug ein Uhr. Ringsum war es
völlig still, auch auf den Strassen war aller Lärm verklungen. Auf einmal hob der
Doktor den Finger empor.
    »Bst, Sesemann, hörst du nichts?«
    Sie lauschten beide. Leise, aber ganz deutlich hörten sie, wie der Balken
zurückgeschoben, dann der Schlüssel zweimal im Schloss umgedreht, jetzt die Tür
geöffnet wurde. Herr Sesemann fuhr mit der Hand nach seinem Revolver.
    »Du fürchtest dich doch nicht?« sagte der Doktor und stand auf.
    »Behutsam ist besser«, flüsterte Herr Sesemann, erfasste mit der Linken den
Armleuchter mit drei Kerzen, mit der Rechten den Revolver und folgte dem Doktor,
der, gleichermassen mit Leuchter und Schiessgewehr bewaffnet, voranging. Sie
traten auf den Korridor hinaus.
    Durch die weitgeöffnete Tür floss ein bleicher Mondschein herein und
beleuchtete eine weisse Gestalt, die regungslos auf der Schwelle stand.
    »Wer da?« donnerte jetzt der Doktor heraus, dass es durch den ganzen Korridor
hallte, und beide Herren traten nun mit Lichtern und Waffen auf die Gestalt
heran. Sie kehrte sich um und tat einen leisen Schrei. Mit blossen Füssen im
weissen Nachtkleidchen stand Heidi da, schaute mit verwirrten Blicken in die
hellen Flammen und auf die Waffen und zitterte und bebte wie ein Blättlein im
Winde von oben bis unten. Die Herren schauten einander in grossem Erstaunen an.
    »Ich glaube wahrhaftig, Sesemann, es ist deine kleine Wasserträgerin«, sagte
der Doktor.
    »Kind, was soll das heissen?« fragte nun Herr Sesemann. »Was wolltest du tun?
Warum bist du hier herunter gekommen?«
    Schneeweiss vor Schrecken stand Heidi vor ihm und sagte fast tonlos: »Ich
weiss nicht.«
    Jetzt trat der Doktor vor: »Sesemann, der Fall gehört in mein Gebiet; geh,
setz dich einstweilen in deinen Lehnstuhl drinnen, ich will vor allem das Kind
hinbringen, wo es hingehört.«
    Damit legte er seinen Revolver auf den Boden, nahm das zitternde Kind ganz
väterlich bei der Hand und ging mit ihm der Treppe zu.
    »Nicht fürchten, nicht fürchten«, sagte er freundlich im Hinaufsteigen, »nur
ganz ruhig sein, da ist gar nichts Schlimmes dabei, nur getrost sein.«
    In Heidis Zimmer eingetreten, stellte der Doktor seinen Leuchter auf den
Tisch, nahm Heidi auf den Arm, legte es in sein Bett hinein und deckte es
sorgfältig zu. Dann setzte er sich auf den Sessel am Bett und wartete, bis Heidi
ein wenig beruhigt war und nicht mehr an allen Gliedern bebte. Dann nahm er das
Kind bei der Hand und sagte begütigend: »So, nun ist alles in Ordnung, nun sag
mir auch noch, wo wolltest du denn hin?«
    »Ich wollte gewiss nirgends hin«, versicherte Heidi; »ich bin auch gar nicht
selbst hinuntergegangen, ich war nur auf einmal da.«
    »So, so, und hast du etwa geträumt in der Nacht, weisst du, so, dass du
deutlich etwas sahest und hörtest?«
    »Ja, jede Nacht träumt es mir und immer gleich. Dann mein' ich, ich sei beim
Grossvater, und draussen hör' ich's in den Tannen sausen und denke: jetzt glitzern
so schön die Sterne am Himmel, und ich laufe geschwind und mache die Tür auf an
der Hütte und da ist's so schön! Aber wenn ich erwache, bin ich immer noch in
Frankfurt.« Heidi fing schon an zu kämpfen und zu schlucken an dem Gewicht, das
den Hals hinaufstieg.
    »Hm, und tut dir denn auch nichts weh, nirgends? Nicht im Kopf oder im
Rücken?«
    »O nein, nur hier drückt es so wie ein grosser Stein immerfort.«
    »Hm, etwa so, wie wenn man etwas gegessen hat und wollte es nachher lieber
wieder zurückgeben?«
    »Nein, so nicht, aber so schwer, wie wenn man stark weinen sollte.«
    »So, so, und weinst du denn so recht heraus?«
    »O nein, das darf man nicht, Fräulein Rottenmeier hat es verboten.«
    »Dann schluckst du's herunter zum andern, nicht wahr, so? Richtig! Nun, du
bist doch recht gern in Frankfurt, nicht?«
    »O ja«, war die leise Antwort; sie klang aber so, als bedeute sie eher das
Gegenteil.
    »Hm, und wo hast du mit deinem Grossvater gelebt?«
    »Immer auf der Alm.«
    »So, da ist's doch nicht so besonders kurzweilig, eher ein wenig langweilig,
nicht?«
    »O nein, da ist's so schön, so schön!« Heidi konnte nicht weiter; die
Erinnerung, die eben durchgemachte Aufregung, das langverhaltene Weinen
überwältigten die Kräfte des Kindes; gewaltsam stürzten ihm die Tränen aus den
Augen und es brach in ein lautes, heftiges Schluchzen aus.
    Der Doktor stand auf; er legte freundlich Heidis Kopf auf das Kissen nieder
und sagte: »So, noch ein klein wenig weinen, das kann nichts schaden, und dann
schlafen, ganz fröhlich einschlafen; morgen wird alles gut.« Dann verliess er das
Zimmer.
    Wieder unten in die Wachtstube eingetreten, liess er sich dem harrenden
Freunde gegenüber in den Lehnstuhl nieder und erklärte dem mit gespannter
Erwartung Lauschenden: »Sesemann, dein kleiner Schützling ist erstens
mondsüchtig; völlig unbewusst hat er dir allnächtlich als Gespenst die Haustür
aufgemacht und deiner ganzen Mannschaft die Fieber des Schreckens ins Gebein
gejagt. Zweitens wird das Kind vom Heimweh verzehrt, so dass es schon jetzt fast
zum Geripplein abgemagert ist und es noch völlig werden würde; also schnelle
Hilfe! Für das erste Übel und die in hohem Grade stattfindende Nervenaufregung
gibt es nur ein Heilmittel, nämlich, dass du sofort das Kind in die heimatliche
Bergluft zurückversetzest; für das zweite gibt's ebenfalls nur eine Medizin,
nämlich ganz dieselbe. Demnach reist das Kind morgen ab, das ist mein Rezept.«
    Herr Sesemann war aufgestanden. In grösster Aufregung lief er das Zimmer auf
und ab; jetzt brach er aus: »Mondsüchtig! Krank! Heimweh! abgemagert in meinem
Hause! das alles in meinem Hause! und niemand sieht zu und weiss etwas davon! Und
du, Doktor, du meinst, das Kind, das frisch und gesund in mein Haus gekommen
ist, schicke ich elend und abgemagert seinem Grossvater zurück? Nein, Doktor, das
kannst du nicht verlangen, das tu' ich nicht, das werde ich nie tun. Jetzt nimm
das Kind in die Hand, mach Kuren mit ihm, mach, was du willst, aber mach es mir
heil und gesund, dann will ich es heimschicken, wenn es will; aber erst hilf
du!«
    »Sesemann«, entgegnete der Doktor ernstaft, »bedenke, was du tust! Dieser
Zustand ist keine Krankheit, die man mit Pulvern und Pillen heilt. Das Kind hat
keine zähe Natur, indessen, wenn du es jetzt gleich wieder in die kräftige
Bergluft hinaufschickst, an die es gewöhnt ist, so kann es wieder völlig
gesunden; wenn nicht - du willst nicht, dass das Kind dem Grossvater unheilbar,
oder gar nicht mehr zurückkomme?«
    Herr Sesemann war erschrocken stehen geblieben: »Ja, wenn du so redest,
Doktor, dann ist nur ein Weg, dann muss sofort gehandelt werden.« Mit diesen
Worten nahm Herr Sesemann den Arm seines Freundes und wanderte mit ihm hin und
her, um die Sache noch weiter zu besprechen. Dann brach der Doktor auf, um
nachhause zu gehen, denn es war unterdessen viel Zeit vergangen, und durch die
Haustür, die diesmal vom Herrn des Hauses aufgeschlossen wurde, drang schon der
helle Morgenschimmer herein.
 
                          Am Sommerabend die Alm hinan
Herr Sesemann stieg in grosser Erregteit die Treppe hinauf und wanderte mit
festem Schritt zum Schlafgemach der Dame Rottenmeier. Hier klopfte er so
ungewöhnlich kräftig an die Tür, dass die Bewohnerin mit einem Schreckensruf aus
dem Schlaf auffuhr. Sie hörte die Stimme des Hausherrn draussen: »Bitte sich zu
beeilen und im Esszimmer zu erscheinen, es muss sofort eine Abreise vorbereitet
werden.«
    Fräulein Rottenmeier schaute auf ihre Uhr, es war halb fünf des Morgens; zu
solcher Stunde war sie in ihrem Leben noch nie aufgestanden. Was konnte nur
vorgefallen sein? Vor Neugierde und angstvoller Erwartung nahm sie alles
verkehrt in die Hand und kam durchaus nicht vorwärts, denn was sie einmal auf
den Leib gebracht hatte, suchte sie nachher rastlos im Zimmer herum.
    Unterdessen ging Herr Sesemann den Korridor entlang und zog mit aller Kraft
an jedem Glockenzug, der je für die verschiedenen Glieder der Dienerschaft
angebracht war, so dass in jedem der betreffenden Zimmer eine Schreckensgestalt
aus dem Bett sprang und verkehrt in die Kleider fuhr, denn einer wie der andere
dachte sogleich, das Gespenst habe irgendwie den Hausherrn gepackt und dies sei
sein Hilferuf. So kamen sie nach und nach, einer schauerlicher aussehend als der
andere, herunter und stellten sich mit Erstaunen vor den Hausherrn hin, denn
dieser ging frisch und munter im Esszimmer auf und ab und sah keineswegs aus, als
habe ihn ein Gespenst erschreckt. Johann wurde sofort hingeschickt, Pferde und
Wagen in Ordnung zu bringen und sie nachher vorzuführen. Tinette erhielt den
Auftrag, sogleich Heidi aufzuwecken und es in den Stand zu stellen, eine Reise
anzutreten. Sebastian erhielt den Auftrag, nach dem Hause zu eilen, wo Heidis
Base im Dienst stand, und diese herbeizuholen. Fräulein Rottenmeier war
unterdessen zurechtgekommen mit ihrem Anzug, und alles sass, wie es musste, nur
die Haube sass verkehrt auf dem Kopf, so dass es von weitem aussah, als sitze ihr
das Gesicht auf dem Rücken. Herr Sesemann schrieb den rätselhaften Anblick dem
frühen Schlafbrechen zu und ging unverweilt an die Geschäftsverhandlungen. Er
erklärte der Dame, sie habe ohne Zögern einen Koffer zur Stelle zu schaffen, die
sämtliche Habe des Schweizerkindes hineinzupacken - so nannte Herr Sesemann
gewöhnlich das Heidi, dessen Name ihm etwas ungewohnt war -, dazu noch einen
guten Teil von Klaras Zeug, damit das Kind was Rechtes mitbringe; es müsse aber
alles schnell und ohne langes Besinnen vor sich gehen.
    Fräulein Rottenmeier blieb vor Überraschung wie in den Boden eingewurzelt
stehen und starrte Herrn Sesemann an. Sie hatte erwartet, er wolle ihr im
Vertrauen die Mitteilung einer schauerlichen Geistergeschichte machen, die er in
der Nacht erlebt und die sie eben jetzt bei dem hellen Morgenlicht nicht ungern
gehört hätte; statt dessen diese völlig prosaischen und dazu noch sehr
unbequemen Aufträge. So schnell konnte sie das Unerwartete nicht bewältigen.
Sprachlos stand sie immer noch da und erwartete ein Weiteres.
    Aber Herr Sesemann hatte keine Erklärungen im Sinn; er liess die Dame stehen,
wo sie stand, und ging nach dem Zimmer seiner Tochter.
    Wie er vermutet hatte, war diese durch die ungewöhnliche Bewegung im Hause
wach geworden und lauschte nach allen Seiten hin, was wohl vorgehe. Der Vater
setzte sich nun an ihr Bett und erzählte ihr den ganzen Verlauf der
Geistererscheinung und dass Heidi nach des Doktors Ausspruch sehr angegriffen sei
und wohl nach und nach seine nächtlichen Wanderungen ausdehnen, vielleicht gar
das Dach besteigen würde, was dann mit den höchsten Gefahren verbunden wäre. Er
habe also beschlossen, das Kind sofort heimzuschicken, denn solche Verantwortung
könne er nicht auf sich nehmen, und Klara müsse sich dareinfinden, sie sehe ja
ein, dass es nicht anders sein könne.
    Klara war sehr schmerzlich überrascht von der Mitteilung und wollte erst
allerlei Auswege finden, aber es half nichts, der Vater blieb fest bei seinem
Entschluss, versprach aber, im nächsten Jahre mit Klara nach der Schweiz zu
reisen, wenn sie nun recht vernünftig sei und keinen Jammer erhebe. So ergab
sich Klara in das Unvermeidliche, begehrte aber zum Ersatz, dass der Koffer für
Heidi in ihr Zimmer gebracht und da gepackt werde, damit sie hineinstecken
könne, was ihr Freude mache, was der Papa sehr gern bewilligte, ja er ermunterte
Klara noch, dem Kinde eine schöne Aussteuer zurechtzumachen. Unterdessen war die
Base Dete angelangt und stand in grosser Erwartung im Vorzimmer, denn dass sie um
diese ungewöhnliche Zeit einberufen worden war, musste etwas Ausserordentliches
bedeuten. Herr Sesemann trat zu ihr heraus und erklärte ihr, wie es mit Heidi
stehe, und dass er wünsche, sie möchte das Kind sofort, gleich heute noch,
nachhause bringen. Die Base sah sehr enttäuscht aus; diese Nachricht hatte sie
nicht erwartet. Sie erinnerte sich auch noch recht wohl der Worte, die ihr der
Öhi mit auf den Weg gegeben hatte, dass sie ihm nie mehr vor die Augen kommen
solle, und so das Kind dem Alten einmal bringen und dann nehmen und dann
wiederbringen, das schien ihr nicht ganz geraten zu sein. Sie besann sich also
nicht lange, sondern sagte mit grosser Beredsamkeit, heute wäre es ihr leider
völlig unmöglich, die Reise anzutreten, und morgen könnte sie noch weniger daran
denken, und die Tage darauf wäre es am allerunmöglichsten, um der
darauffallenden Geschäfte willen, und nachher könnte sie dann gar nicht mehr.
Herr Sesemann verstand die Sprache und entliess die Base ohne weiteres. Nun liess
er den Sebastian vortreten und erklärte ihm, er habe sich unverzüglich zur Reise
zu rüsten; heute habe er mit dem Kinde bis nach Basel zu fahren, morgen bringe
er es heim. Dann könne er sogleich wieder umkehren, zu berichten habe er nichts,
ein Brief an den Grossvater werde diesem alles erklären.
    »Nun aber noch eine Hauptsache, Sebastian«, schloss Herr Sesemann, »und dass
Er mir das pünktlich besorgt! Den Gastof in Basel, den ich Ihm hier auf meine
Karte geschrieben, kenne ich. Er weist meine Karte vor, dann wird Ihm ein gutes
Zimmer angewiesen werden für das Kind; für sich selbst wird Er schon sorgen.
Dann geht Er erst in des Kindes Zimmer hinein und verrammelt alle Fenster so
vollständig, dass nur grosse Gewalt sie aufzubringen vermöchte. Ist das Kind zu
Bett, so geht Er und schliesst von aussen die Tür ab, denn das Kind wandert herum
in der Nacht und könnte Gefahr laufen in dem fremden Haus, wenn es etwa
hinausginge und die Haustür aufmachen wollte; versteht Er das?«
    »Ah! ah! ah! das war's? so war's?« stiess Sebastian jetzt in grösster
Verwunderung aus, denn es war ihm eben ein grosses Licht aufgegangen über die
Geistererscheinung.
    »Ja, so war's! das war's! und Er ist ein Hasenfuss, und dem Johann kann Er
sagen, er sei desgleichen und alle miteinander eine lächerliche Mannschaft.«
Damit ging Herr Sesemann nach seiner Stube, setzte sich hin und schrieb einen
Brief an den Alm-Öhi.
    Sebastian war verdutzt mitten im Zimmer stehen geblieben und wiederholte
jetzt zu öfteren Malen in seinem Innern: »Hätt' ich mich doch von dem Feigling
von einem Johann nicht in die Wachtstube hineinreissen lassen, sondern wäre dem
weissen Figürchen nachgegangen, was ich doch jetzt unzweifelhaft tun würde!« denn
jetzt beleuchtete die helle Sonne jeden Winkel der hellgrauen Stube mit voller
Klarheit.
    Unterdessen stand Heidi völlig ahnungslos in seinem Sonntagsröckchen und
wartete ab, was geschehen sollte, denn die Tinette hatte es nur aus dem Schlafe
aufgerüttelt, die Kleider aus dem Schrank genommen und das Anziehen gefördert,
ohne ein Wort zu sagen. Sie sprach niemals mit dem ungebildeten Heidi, denn das
war ihr zu gering.
    Herr Sesemann trat mit seinem Brief ins Esszimmer ein, wo das Frühstück
bereit stand, und rief: »Wo ist das Kind?«
    Heidi wurde gerufen. Als es zu Herrn Sesemann herantrat, um ihm »guten
Morgen« zu sagen, schaute er ihm fragend ins Gesicht: »Nun, was sagst du denn
dazu, Kleine?«
    Heidi blickte verwundert zu ihm auf.
    »Du weisst am Ende noch gar nichts«, lachte Herr Sesemann. »Nun, heut' gehst
du heim, jetzt gleich.«
    »Heim?« wiederholte Heidi tonlos und wurde schneeweiss, und eine kleine Weile
konnte es gar keinen Atem mehr holen, so stark wurde sein Herz von dem Eindruck
gepackt.
    »Nun, willst du etwa nichts wissen davon?« fragte Herr Sesemann lächelnd.
    »O ja, ich will schon«, kam jetzt heraus, und nun war Heidi dunkelrot
geworden.
    »Gut, gut«, sagte Herr Sesemann ermunternd, indem er sich setzte und Heidi
winkte, dasselbe zu tun. »Und nun tüchtig frühstücken und hernach in den Wagen
und fort.«
    Aber Heidi konnte keinen Bissen herunterbringen, wie es sich auch zwingen
wollte aus Gehorsam; es war in einem Zustand von Aufregung, dass es gar nicht
wusste, ob es wache oder träume, und ob es vielleicht wieder auf einmal erwachen
und im Nachtemdchen an der Haustür stehen werde.
    »Sebastian soll reichlich Proviant mitnehmen«, rief Herr Sesemann Fräulein
Rottenmeier zu, die eben eintrat; »das Kind kann nicht essen,
begreiflicherweise. - Geh hinüber zu Klara, bis der Wagen vorfährt«, setzte er
freundlich, zu Heidi gewandt, hinzu.
    Das war Heidis Wunsch: es sprang hinüber. Mitten in Klaras Zimmer war ein
ungeheurer Koffer zu sehen, noch stand dessen Deckel weit offen.
    »Komm, Heidi, komm«, rief ihm Klara entgegen; »sieh, was ich dir habe
einpacken lassen, komm, freut's dich?«
    Und sie nannte ihm eine ganze Menge von Dingen, Kleider und Schürzen, Tücher
und Nähgerät, »und sieh hier, Heidi«, und Klara hob triumphierend einen Korb in
die Höhe. Heidi guckte hinein und sprang hoch auf vor Freude, denn drinnen lagen
wohl zwölf schöne, weisse, runde Brötchen, alle für die Grossmutter. Die Kinder
vergassen in ihrem Jubel ganz, dass nun der Augenblick komme, da sie sich trennen
mussten, und als mit einemmal der Ruf erschallte: »Der Wagen ist bereit!« - da
war keine Zeit mehr zum Traurigwerden. Heidi lief in sein Zimmer, da musste noch
ein schönes Buch von der Grossmama liegen, niemand konnte es eingepackt haben,
denn es lag unter dem Kopfkissen, weil Heidi Tag und Nacht sich nicht davon
trennen konnte. Das wurde in den Korb auf die Brötchen gelegt. Dann machte es
seinen Schrank auf; noch suchte es nach einem Gute, das man vielleicht auch
nicht eingepackt hatte. Richtig - auch das alte rote Tuch lag noch da, Fräulein
Rottenmeier hatte es zu gering erachtet, um mit eingepackt zu werden. Heidi
wickelte es um einen anderen Gegenstand und legte es zuoberst auf den Korb, so
dass das rote Paket sehr sichtbar zur Erscheinung kam. Dann setzte es sein
schönes Hütchen auf und verliess sein Zimmer.
    Die beiden Kinder mussten sich schnell Lebewohl sagen, denn Herr Sesemann
stand schon da, um Heidi nach dem Wagen zu bringen. Fräulein Rottenmeier stand
oben an der Treppe, um hier Heidi zu verabschieden. Als sie das seltsame rote
Bündelchen erblickte, nahm sie es schnell aus dem Korb heraus und warf es auf
den Boden.
    »Nein, Adelheid«, sagte sie tadelnd, »so kannst du nicht reisen von diesem
Hause aus; solches Zeug brauchst du überhaupt nicht mitzuschleppen. Nun lebe
wohl.«
    Auf dieses Verbot hin durfte Heidi sein Bündelchen nicht wieder aufnehmen,
aber es schaute mit einem flehentlichen Blick zu dem Hausherrn auf, so, als
wollte man ihm seinen grössten Schatz nehmen.
    »Nein, nein«, sagte Herr Sesemann in sehr bestimmtem Tone, »das Kind soll
mit heimtragen, was ihm Freude macht, und sollte es auch junge Katzen oder
Schildkröten mit fortschleppen, so wollen wir uns darüber nicht aufregen,
Fräulein Rottenmeier.«
    Heidi hob eilig sein Bündelchen wieder vom Boden auf, und Dank und Freude
leuchteten ihm aus den Augen. Unten am Wagen reichte Herr Sesemann dem Kinde die
Hand und sagte ihm mit freundlichen Worten, sie würden seiner gedenken, er und
seine Tochter Klara; er wünschte ihm alles Gute auf den Weg, und Heidi dankte
recht schön für alle Guttaten, die ihm zuteil geworden waren, und zum Schluss
sagte es: »Und den Herrn Doktor lasse ich tausendmal grüssen und ihm auch
vielmals danken.« Denn es hatte sich wohl gemerkt, wie er gestern Abend gesagt
hatte: »Und morgen wird alles gut.« Nun war es so gekommen, und Heidi dachte, er
habe dazu geholfen.
    Jetzt wurde das Kind in den Wagen gehoben und der Korb und die
Provianttasche und der Sebastian kamen nach. Herr Sesemann rief noch einmal
freundlich: »Glückliche Reise!« und der Wagen rollte davon.
    Bald nachher sass Heidi in der Eisenbahn und hielt unbeweglich seinen Korb
auf dem Schosse fest, denn es wollte ihn nicht einen Augenblick aus den Händen
lassen, seine kostbaren Brötchen für die Grossmutter waren ja darin, die musste es
sorglich hüten und von Zeit zu Zeit einmal wieder ansehen und sich freuen
darüber. Heidi sass mäuschenstille während mehrerer Stunden, denn erst jetzt kam
es recht zum Bewusstsein, dass es auf dem Wege sei heim zum Grossvater, auf die
Alm, zur Grossmutter, zum Geissenpeter, und nun kam ihm alles vor Augen, eins nach
dem anderen, was es wiedersehen werde, und wie alles aussehen werde daheim, und
dabei stiegen ihm wieder neue Gedanken auf, und auf einmal sagte es ängstlich:
»Sebastian, ist auch sicher die Grossmutter auf der Alm nicht gestorben?«
    »Nein, nein«, beruhigte dieser, »wollen's nicht hoffen, wird schon noch am
Leben sein.«
    Dann fiel Heidi wieder in sein Sinnen zurück; nur hier und da guckte es
einmal in seinen Korb hinein, denn alle die Brötchen der Grossmutter auf den
Tisch legen, war sein Hauptgedanke. Nach längerer Zeit sagte es wieder:
»Sebastian, wenn man nur auch ganz sicher wissen könnte, dass die Grossmutter noch
am Leben ist.«
    »Ja wohl! Ja wohl!« entgegnete der Begleiter halb schlafend; »wird schon
noch leben, wüsste auch gar nicht, warum nicht.«
    Nach einiger Zeit drückte der Schlaf auch Heidis Augen zu, und nach der
vergangenen unruhigen Nacht und dem frühen Aufstehen war es so schlafbedürftig,
dass es erst wieder erwachte, als Sebastian es tüchtig am Arm schüttelte und ihm
zurief: »Erwachen! Erwachen! Gleich aussteigen, in Basel angekommen!«
    Am folgenden Morgen ging's weiter, viele Stunden lang. Heidi sass wieder mit
seinem Korb auf dem Schoss, den es um keinen Preis dem Sebastian übergeben
wollte; aber heute sagte es gar nichts mehr, denn nun wurde mit jeder Stunde die
Erwartung gespannter. Dann auf einmal, als Heidi gar nicht daran dachte, ertönte
laut der Ruf: »Maienfeld!« Es sprang von seinem Sitz auf, und dasselbe tat
Sebastian, der auch überrascht worden war. Jetzt standen sie draussen, der Koffer
mit ihnen, und der Bahnzug pfiff weiter ins Tal hinein. Sebastian sah ihm
wehmütig nach, denn er wäre viel lieber so sicher und ohne Mühe weitergereist,
als dass er nun eine Fusspartie unternehmen sollte, die dazu noch mit einer
Bergbesteigung enden musste, die sehr beschwerlich und dazu gefahrvoll sein
konnte in diesem Lande, wo doch alles noch halb wild war, wie Sebastian annahm.
Er schaute daher sehr vorsichtig um sich, wen er etwa beraten könnte über den
sichersten Weg nach dem »Dörfli«. Unweit des kleinen Stationsgebäudes stand ein
kleiner Leiterwagen mit einem mageren Rösslein davor; auf diesen wurden von einem
breitschultrigen Manne ein paar grosse Säcke aufgeladen, die mit der Bahn
hergebracht worden waren. Sebastian trat zu ihm heran und brachte seine Frage
nach dem sichersten Weg zum Dörfli vor.
    »Hier sind alle Wege sicher«, war die kurze Antwort.
    Jetzt fragte Sebastian nach dem besten Wege, auf dem man gehen könne, ohne
in die Abgründe zu stürzen, und auch wie man einen Koffer nach dem betreffenden
Dörfli befördern könnte. Der Mann schaute nach dem Koffer hin und mass ihn ein
wenig mit den Augen; dann erklärte er, wenn das Ding nicht zu schwer sei, so
wolle er es auf seinen Wagen nehmen, da er selbst nach dem Dörfli fahre, und so
gab noch ein Wort das andere, und endlich kamen die beiden überein, der Mann
solle Kind und Koffer mit auf seinen Wagen nehmen, und nachher vom Dörfli aus
könne das Kind am Abend mit irgendjemand auf die Alm geschickt werden.
    »Ich kann allein gehen, ich weiss schon den Weg vom Dörfli auf die Alm«,
sagte hier Heidi, das mit Aufmerksamkeit der Verhandlung zugehört hatte. Dem
Sebastian fiel eine schwere Last vom Herzen, als er sich so auf einmal seiner
Aussicht auf das Bergklettern entledigt sah. Er winkte nun Heidi geheimnisvoll
auf die Seite und überreichte ihm hier eine schwere Rolle und einen Brief an den
Grossvater, und erklärte ihm, die Rolle sei ein Geschenk von Herrn Sesemann, die
müsse aber zuunterst in den Korb gesteckt werden, noch unter die Brötchen, und
darauf müsse genau achtgegeben werden, dass sie nicht verloren gehe, denn darüber
würde Herr Sesemann ganz fürchterlich böse und sein Leben lang nie mehr gut
werden; das sollte das Mamsellchen nur ja bedenken.
    »Ich verliere sie schon nicht«, sagte Heidi zuversichtlich und steckte die
Rolle samt dem Brief zu allerunterst in den Korb hinein. Nun wurde der Koffer
aufgeladen, und nachher hob Sebastian Heidi samt seinem Korb auf den hohen Sitz
empor, reichte ihm seine Hand hinauf zum Abschied und ermahnte es noch einmal
mit allerlei Zeichen, auf den Inhalt des Korbes ein Auge zu haben; denn der
Führer war noch in der Nähe, und Sebastian war vorsichtig, besonders jetzt, da
er wusste, er hätte eigentlich selbst das Kind an Ort und Stelle bringen sollen.
Der Führer schwang sich jetzt neben Heidi auf den Sitz hinauf, und der Wagen
rollte den Bergen zu, während Sebastian, froh über seine Befreiung von der
gefürchteten Bergreise, sich am Stationshäuschen niedersetzte, um den
zurückgehenden Bahnzug abzuwarten.
    Der Mann auf dem Wagen war der Bäcker vom Dörfli, welcher seine Mehlsäcke
nachhause fuhr. Er hatte Heidi nie gesehen, aber wie jedermann im Dörfli wusste
er von dem Kinde, das man dem Alm-Öhi gebracht hatte; auch hatte er Heidis
Eltern gekannt und sich gleich vorgestellt, er werde es mit dem vielbesprochenen
Kinde hier zu tun haben. Es wunderte ihn nun ein wenig, warum das Kind schon
wieder heimkomme, und während der Fahrt fing er nun mit Heidi ein Gespräch an:
»Du wirst das Kind sein, das oben beim Alm-Öhi war, beim Grossvater?«
    »Ja.«
    »So ist es dir schlecht gegangen, dass du schon wieder von so weit her
heimkommst?«
    »Nein, das ist es mir nicht; kein Mensch kann es so gut haben, wie man es in
Frankfurt hat.«
    »Warum läufst du denn heim?«
    »Nur weil es mir der Herr Sesemann erlaubt hat, sonst wär' ich nicht
heimgelaufen.«
    »Pah, warum bist du denn aber nicht lieber dort geblieben, wenn man dir's
schon erlaubt hat, heimzugehen?«
    »Weil ich tausendmal lieber heim will zum Grossvater auf die Alm, als sonst
alles auf der Welt.«
    »Denkst vielleicht anders, wenn du hinaufkommst«, brummte der Bäcker; »nimmt
mich aber doch wunder«, sagte er dann zu sich selbst, »es kann wissen, wie's
ist.«
    Nun fing er an zu pfeifen und sagte nichts mehr, und Heidi schaute um sich
und fing an innerlich zu zittern vor Erregung, denn es erkannte die Bäume am
Wege, und drüben standen die hohen Zacken des Falknis-Berges und schauten zu ihm
herüber, so als grüssten sie es wie gute, alte Freunde; und Heidi grüsste wieder,
und mit jedem Schritt vorwärts wurde Heidis Erwartung gespannter und es meinte,
es müsse vom Wagen herunterspringen und aus allen Kräften laufen, bis es ganz
oben wäre. Aber es blieb doch still sitzen und rührte sich nicht, aber alles
zitterte an ihm. Jetzt fuhren sie im Dörfli ein, eben schlug die Glocke fünf
Uhr. Augenblicklich sammelte sich eine Gesellschaft von Kindern und Frauen um
den Wagen herum, und ein paar Nachbarn traten auch noch herzu, denn der Koffer
und das Kind auf des Bäckers Wagen hatten die Aufmerksamkeit aller Umwohnenden
auf sich gezogen, und jeder wollte wissen, woher und wohin und wem beide
zugehörten. Als der Bäcker Heidi heruntergehoben hatte, sagte es eilig: »Danke,
der Grossvater holt dann schon den Koffer«, und wollte davonrennen. Aber von
allen Seiten wurde es festgehalten, und eine Menge von Stimmen fragten alle auf
einmal, jede etwas Eigenes. Heidi drängte sich mit einer solchen Angst auf dem
Gesichte durch die Leute, dass man ihm unwillkürlich Platz machte und es laufen
liess, und einer sagte zum anderen: »Du siehst ja, wie es sich fürchtet, es hat
auch alle Ursache.« Und dann fingen sie noch an, sich zu erzählen, wie der
Alm-Öhi seit einem Jahr noch viel ärger geworden sei, als vorher, und mit keinem
Menschen mehr ein Wort rede und ein Gesicht mache, als wolle er am liebsten
jeden umbringen, der ihm in den Weg komme, und wenn das Kind auf der ganzen Welt
noch wüsste wohin, so liefe es nicht in das alte Drachennest hinauf. Aber hier
fiel der Bäcker in das Gespräch ein und sagte, er werde wohl mehr wissen, als
sie alle, und erzählte dann sehr geheimnisvoll, wie ein Herr das Kind bis nach
Maienfeld gebracht und es ganz freundlich entlassen habe, und auch gleich ohne
Markten ihm den geforderten Fahrpreis und dazu noch ein Trinkgeld gegeben habe,
und überhaupt könne er sicher sagen, dass es dem Kind wohl genug gewesen sei, wo
es war, und es selbst begehrt habe, zum Grossvater zurückzugehen. Diese Nachricht
brachte eine grosse Verwunderung hervor und wurde nun gleich im ganzen Dörfli so
verbreitet, dass noch am gleichen Abend kein Haus daselbst war, in dem man nicht
davon redete, dass das Heidi aus allem Wohlleben zum Grossvater zurückbegehrt
habe.
    Heidi lief vom Dörfli bergan, so schnell es nur konnte; von Zeit zu Zeit
musste es aber plötzlich stillestehen, denn es hatte ganz den Atem verloren; sein
Korb am Arm war doch ziemlich schwer, und dazu ging es nun immer steiler, je
höher hinauf es ging. Heidi hatte nur noch einen Gedanken: »Wird auch die
Grossmutter noch auf ihrem Plätzchen sitzen am Spinnrad in der Ecke, ist sie auch
nicht gestorben unterdessen?« Jetzt erblickte Heidi die Hütte oben in der
Vertiefung an der Alm, sein Herz fing an zu klopfen, Heidi rannte noch mehr,
immer mehr und immer lauter schlug ihm das Herz. - Jetzt war es oben - vor
Zittern konnte es fast die Tür nicht aufmachen - doch jetzt - es sprang hinein
bis mitten in die kleine Stube und stand da, völlig ausser Atem, und brachte
keinen Ton hervor.
    »Ach du mein Gott«, tönte es aus der Ecke hervor, »so sprang unser Heidi
herein, ach, wenn ich es noch ein Mal im Leben bei mir haben könnte! Wer ist
hereingekommen?«
    »Da bin ich ja, Grossmutter, da bin ich ja«, rief Heidi jetzt und stürzte
nach der Ecke und gleich auf seine Knie zu der Grossmutter heran, fasste ihren Arm
und ihre Hände, und legte sich an sie und konnte vor Freude gar nichts mehr
sagen. Erst war die Grossmutter so überrascht, dass auch sie kein Wort
hervorbringen konnte; dann fuhr sie mit der Hand streichelnd über Heidis
Kraushaare hin, und nun sagte sie ein Mal über das andere: »Ja, ja, das sind
seine Haare und es ist ja seine Stimme, ach du lieber Gott, dass du mich das noch
erleben lässest!« Und aus den blinden Augen fielen ein paar grosse Freudentränen
auf Heidis Hand nieder. »Bist du's auch. Heidi, bist du auch sicher wieder da?«
    »Ja, ja, sicher, Grossmutter«, rief Heidi nun mit aller Zuversicht, »weine
nur nicht, ich bin ganz gewiss wieder da und komme alle Tage zu dir und gehe nie
wieder fort, und du musst auch manchen Tag kein hartes Brot mehr essen, siehst
du, Grossmutter, siehst du?«
    Und Heidi packte nun aus seinem Korb ein Brötchen nach dem andern aus, bis
es alle zwölf auf dem Schoss der Grossmutter aufgehäuft hatte.
    »Ach Kind! Ach Kind! was bringst du denn für einen Segen mit!« rief die
Grossmutter aus, als es nicht enden wollte mit den Brötchen und immer noch eines
folgte. »Aber der grösste Segen bist du mir doch selber, Kind!« Dann griff sie
wieder in Heidis krause Haare und strich über seine heissen Wangen, und sagte
wieder: »Sag noch ein Wort, Kind, sag noch etwas, dass ich dich hören kann.«
    Heidi erzählte nun der Grossmutter, welche grosse Angst es habe ausstehen
müssen, sie sei vielleicht gestorben unterdessen und habe nun gar nie die weissen
Brötchen bekommen, und es könne nie, nie mehr zu ihr gehen.
    Jetzt trat Peters Mutter herein und blieb einen Augenblick unbeweglich
stehen vor Erstaunen. Dann rief sie: »Sicher, es ist das Heidi, wie kann auch
das sein!«
    Heidi stand auf und gab ihr die Hand, und die Brigitte konnte sich gar nicht
genug verwundern darüber, wie Heidi aussehe, und ging um das Kind herum und
sagte: »Grossmutter, wenn du doch nur sehen könntest, was für ein schönes
Röcklein das Heidi hat, und wie es aussieht; man kennt es fast nicht mehr. Und
das Federnhütlein auf dem Tisch gehört dir auch noch? Setz es doch einmal auf,
so kann ich sehen, wie du drin aussiehst.«
    »Nein, ich will nicht«, erklärte Heidi, »du kannst es haben, ich brauche es
nicht mehr, ich habe schon noch mein eigenes.« Damit machte Heidi sein rotes
Bündelchen auf und nahm sein altes Hütchen daraus hervor, das auf der Reise zu
den Knicken, die es schon vorher gehabt, noch einige bekommen hatte. Aber das
kümmerte das Heidi wenig; es hatte ja nicht vergessen, wie der Grossvater beim
Abschied nachgerufen hatte, in einem Federnhut wolle er es niemals sehen; darum
hatte Heidi sein Hütchen so sorgfältig aufgehoben, denn es dachte ja immer ans
Heimgehen zum Grossvater. Aber die Brigitte sagte, so einfältig müsse es nicht
sein, es sei ja ein prächtiges Hütchen, das nehme sie nicht; man könnte es ja
etwa dem Töchterlein vom Lehrer im Dörfli verkaufen und noch viel Geld bekommen,
wenn es das Hütlein nicht tragen wolle. Aber Heidi blieb bei seinem Vorhaben und
legte das Hütchen leise hinter die Grossmutter in den Winkel, wo es ganz
verborgen war. Dann zog Heidi auf einmal sein schönes Röcklein aus, und über das
Unterröckchen, in dem es nun mit blossen Armen dastand, band es das rote
Halstuch, und nun fasste es die Hand der Grossmutter und sagte: »Jetzt muss ich
heim zum Grossvater, aber morgen komm' ich wieder zu dir; gute Nacht,
Grossmutter.«
    »Ja, komm auch wieder, Heidi, komm auch morgen wieder«, bat die Grossmutter
und drückte seine Hand zwischen den ihrigen und konnte das Kind fast nicht
loslassen.
    »Warum hast du denn dein schönes Röcklein ausgezogen?« fragte die Brigitte.
    »Weil ich lieber so zum Grossvater will, sonst kennt er mich vielleicht nicht
mehr, du hast mich ja auch fast nicht gekannt darin.«
    Die Brigitte ging noch mit Heidi vor die Tür hinaus, und hier sagte sie ein
wenig geheimnisvoll zu ihm: »Den Rock hättest du schon anbehalten können, er
hätte dich doch gekannt; aber sonst musst du dich inacht nehmen; der Peterli
sagt, der Alm-Öhi sei jetzt immer bös und rede kein Wort mehr.«
    Heidi sagte »gute Nacht« und stieg die Alm hinan mit seinem Korb am Arm. Die
Abendsonne leuchtete ringsum auf die grüne Alm, und jetzte war auch drüben das
grosse Schneefeld an der Schesaplana sichtbar geworden und strahlte herüber.
Heidi musste alle paar Schritte wieder stillestehen und sich umkehren, denn die
hohen Berge hatte es im Rücken beim Hinaufsteigen. Jetzt fiel ein roter Schimmer
vor seinen Füssen auf das Gras, es kehrte sich um, da - so hatte es die
Herrlichkeit nicht mehr im Sinn gehabt und auch nie so im Traum gesehen - die
Felshörner am Falknis flammten zum Himmel auf, das weite Schneefeld glühte und
rosenrote Wolken zogen darüber hin; das Gras rings auf der Alm war golden, von
allen Felsen flimmerte und leuchtete es nieder und unten schwamm weitin das
ganze Tal in Duft und Gold. Heidi stand mitten in der Herrlichkeit, und vor
Freude und Wonne liefen ihm die hellen Tränen die Wangen herunter, und es musste
die Hände falten und in den Himmel hinaufschauen und ganz laut dem lieben Gott
danken, dass er es wieder heimgebracht hatte, und dass alles, alles noch so schön
sei und noch viel schöner, als es gewusst hatte, und dass alles wieder ihm gehöre;
und Heidi war so glücklich und so reich in all der grossen Herrlichkeit, dass es
gar nicht Worte fand, dem lieben Gott genug zu danken. Erst als das Licht
ringsum verglühte, konnte Heidi wieder von der Stelle weg; nun rannte es aber so
den Berg hinan, dass es gar nicht lange dauerte, so erblickte es oben die
Tannenwipfel über dem Dache und jetzt das Dach und die ganze Hütte, und auf der
Bank an der Hütte sass der Grossvater und rauchte sein Pfeifchen, und über die
Hütte her wogten die alten Tannenwipfel und rauschten im Abendwind. Jetzt rannte
das Heidi noch mehr, und bevor der Alm-Öhi nur recht sehen konnte, was da
herankam, stürzte das Kind schon auf ihn hin, warf seinen Korb auf den Boden und
umklammerte den Alten, und vor Aufregung des Wiedersehens konnte es nichts
sagen, als nur immer ausrufen: »Grossvater! Grossvater! Grossvater!«
    Der Grossvater sagte auch nichts. Seit vielen Jahren waren ihm zum erstenmal
wieder die Augen nass geworden, und er musste mit der Hand darüberfahren. Dann
löste er Heidis Arme von seinem Hals, setzte das Kind auf seine Knie und
betrachtete es einen Augenblick. »So bist du wieder heimgekommen, Heidi«, sagte
er dann; »wie ist das? Besonders hoffärtig siehst du nicht aus, haben sie dich
fortgeschickt?«
    »O nein, Grossvater«, fing Heidi nun mit Eifer an, »das musst du nicht
glauben, sie waren alle so gut, die Klara und die Grossmama und der Herr
Sesemann; aber siehst du, Grossvater, ich konnte es fast gar nicht mehr
aushalten, bis ich wieder bei dir daheim sein könnte, und ich habe manchmal
gemeint, ich müsse ganz ersticken, so hat es mich gewürgt; aber ich habe gewiss
nichts gesagt, weil es undankbar war. Aber dann auf einmal an einem Morgen rief
mich der Herr Sesemann ganz früh - aber ich glaube, der Herr Doktor war schuld
daran - aber es steht vielleicht alles in dem Brief« - damit sprang Heidi auf
den Boden und holte seinen Brief und seine Rolle aus dem Korb herbei und legte
beide in die Hand des Grossvaters.
    »Das gehört dir«, sagte dieser und legte die Rolle neben sich auf die Bank.
Dann nahm er den Brief und las ihn durch: ohne ein Wort zu sagen, steckte er
dann das Blatt in die Tasche.
    »Meinst, du könntest auch noch Milch trinken mit mir, Heidi?« fragte er nun,
indem er das Kind bei der Hand nahm, um in die Hütte einzutreten. »Aber nimm
dort dein Geld mit dir, da kannst du ein ganzes Bett daraus kaufen und Kleider
für ein paar Jahre.«
    »Ich brauch' es gewiss nicht, Grossvater«, versicherte Heidi; »ein Bett hab'
ich schon, und Kleider hat mir Klara so viele eingepackt, dass ich gewiss nie mehr
andere brauche.«
    »Nimm's, nimm's, und leg's in den Schrank, du wirst's schon einmal brauchen
können.«
    Heidi gehorchte und hüpfte nun dem Grossvater nach in die Hütte hinein, wo es
vor Freude über das Wiedersehen in alle Winkel sprang und die Leiter hinauf -
aber da stand es plötzlich still und rief in Betroffenheit von oben herunter:
»O, Grossvater, ich habe kein Bett mehr!«
    »Kommt schon wieder«, tönte es von unten herauf, »wusste ja nicht, dass du
wieder heimkommst; jetzt komm zur Milch!«
    Heidi kam herunter und setzte sich auf seinen hohen Stuhl am alten Platze,
und nun erfasste es sein Schüsselchen und trank mit einer Begierde, als wäre
etwas so Köstliches noch nie in seinen Bereich gekommen, und als es mit einem
tiefen Atemzug das Schüsselchen hinstellte, sagte es: »So gut wie unsere Milch
ist doch gar nichts auf der Welt, Grossvater.«
    Jetzt ertönte draussen ein schriller Pfiff; wie der Blitz schoss Heidi zur Tür
hinaus. Da kam die ganze Schar der Geissen hüpfend, springend, Sätze machend von
der Höhe herunter, mitten drin der Peter. Als er Heidi ansichtig wurde, blieb er
auf der Stelle völlig wie angewurzelt stehen und starrte es sprachlos an. Heidi
rief: »Guten Abend, Peter!« und stürzte mitten in die Geissen hinein: »Schwänli!
Bärli! kennt ihr mich noch?« und die Geisslein mussten seine Stimme gleich erkannt
haben, denn sie rieben ihre Köpfe an Heidi und fingen an leidenschaftlich zu
meckern vor Freude, und Heidi rief alle nacheinander beim Namen und alle rannten
wie wild durcheinander und drängten sich zu ihm heran; der ungeduldige
Distelfink sprang hoch auf und über zwei Geissen weg, um gleich in die Nähe zu
kommen, und sogar das schüchterne Schneehöppli drängte mit einem ziemlich
eigensinnigen Bohren den grossen Türk auf die Seite, der nun ganz verwundert über
die Frechheit dastand und seinen Bart in die Luft hob, um zu zeigen, dass er es
sei.
    Heidi war ausser sich vor Freude, alle die alten Gefährten wieder zu haben;
es umarmte das kleine, zärtliche Schneehöppli wieder und wieder und streichelte
den stürmischen Distelfink und wurde vor grosser Liebe und Zutraulichkeit der
Geissen hin- und hergedrängt und geschoben, bis es nun ganz in Peters Nähe kam,
der noch immer auf demselben Platze stand.
    »Komm herunter, Peter, und sag mir einmal guten Abend!« rief ihm Heidi jetzt
zu.
    »Bist denn wieder da?« brachte er nun endlich in seinem Erstaunen heraus,
und nun kam er herzu und nahm Heidis Hand, die dieses ihm schon lange
hingehalten hatte, und nun fragte er, so wie er immer getan hatte bei der
Heimkehr am Abend: »Kommst morgen wieder mit?«
    »Nein, morgen nicht, aber übermorgen vielleicht, denn morgen muss ich zur
Grossmutter.«
    »Es ist recht, dass du wieder da bist«, sagte der Peter und verzog sein
Gesicht auf alle Seiten vor ungeheurem Vergnügen, dann schickte er sich zur
Heimfahrt an; aber heute wurde es ihm so schwer wie noch nie mit seinen Geissen,
denn als er sie endlich mit Locken und Drohen so weit gebracht hatte, dass sie
sich um ihn sammelten, und Heidi, den einen Arm um Schwänlis und den andern um
Bärlis Kopf gelegt, davonspazierte, da kehrten mit einemmale alle wieder um und
liefen den dreien nach. Heidi musste mit seinen zwei Geissen in den Stall
eintreten und die Tür zumachen, sonst wäre der Peter niemals mit seiner Herde
fortgekommen. Als das Kind dann in die Hütte zurückkam, da sah es sein Bett
schon wieder aufgerichtet, prächtig hoch und duftend, denn das Heu war noch
nicht lange hereingeholt, und darüber hatte der Grossvater ganz sorgfältig die
sauberen Leintücher gebreitet. Heidi legte sich mit grosser Lust hinein und
schlief so herrlich, wie es ein ganzes Jahr lang nicht geschlafen hatte. Während
der Nacht verliess der Grossvater wohl zehnmal sein Lager und stieg die Leiter
hinauf und lauschte sorgsam, ob Heidi auch schlafe und nicht unruhig werde, und
suchte am Loch nach, wo sonst der Mond hereinkam auf Heidis Lager, ob auch das
Heu noch fest drinnen sitze, das er hineingestopft hatte, denn von nun an durfte
der Mondschein nicht mehr hereinkommen. Aber Heidi schlief in einem Zuge fort
und wanderte keinen Schritt herum, denn sein grosses, brennendes Verlangen war
gestillt worden: es hatte alle Berge und Felsen wieder im Abendglühen gesehen,
es hatte die Tannen rauschen gehört, es war wieder daheim auf der Alm.
 
                           Am Sonntag, wenn's läutet
Heidi stand unter den wogenden Tannen und wartete auf den Grossvater, der
mitgehen und den Koffer vom Dörfli heraufholen wollte, während es bei der
Grossmutter wäre. Das Kind konnte es fast nicht erwarten, die Grossmutter
wiederzusehen und zu hören, wie ihr die Brötchen geschmeckt hatten, und doch
wurde ihm wieder die Zeit nicht lang, denn es konnte ja nicht genug die
heimatlichen Töne von dem Tannenrauschen über ihm und das Duften und Leuchten
der grünen Weiden und der goldenen Blumen darauf eintrinken.
    Jetzt trat der Grossvater aus der Hütte, schaute noch einmal rings um sich
und sagte dann mit zufriedenem Ton: »So, nun können wir gehen.«
    Denn es war Sonnabend heut', und an dem Tage machte der Alm-Öhi alles sauber
und in Ordnung in der Hütte, im Stall und ringsherum, das war seine Gewohnheit,
und heut' hatte er den Morgen dazu genommen, um gleich nachmittags mit Heidi
ausziehen zu können, und so sah nun alles ringsherum gut und zu seiner
Zufriedenheit aus. Bei der Geissenpeter-Hütte trennten sie sich, und Heidi sprang
hinein. Schon hatte die Grossmutter seinen Schritt gehört und rief ihm liebevoll
entgegen: »Kommst du, Kind? Kommst du wieder?«
    Dann erfasste sie Heidis Hand und hielt sie ganz fest, denn immer noch
fürchtete sie, das Kind könnte ihr wieder entrissen werden. Und nun musste die
Grossmutter erzählen, wie die Brötchen geschmeckt hätten, und sie sagte, sie habe
sich so daran erlabt, dass sie meine, sie sei heute viel kräftiger als lang nicht
mehr, und Peters Mutter fügte hinzu, die Grossmutter habe vor lauter Sorge, sie
werde zu bald fertig damit, nur ein einziges Brötchen essen wollen, gestern und
heut' zusammen, und sie käme gewiss noch ziemlich zu Kräften, wenn sie so acht
Tage lang hintereinander jeden Tage eines essen wollte. Heidi hörte der Brigitte
mit Aufmerksamkeit zu und blieb jetzt noch eine Zeit lang nachdenklich. Nun
hatte es seinen Weg gefunden. »Ich weiss schon, was ich mache, Grossmutter«, sagte
es in freudigem Eifer; »ich schreibe der Klara einen Brief und dann schickt sie
mir gewiss noch einmal so viel Brötchen, wie da sind, oder zweimal, denn ich
hatte schon einen grossen Haufen ganz gleiche im Kasten, und als man mir sie
weggenommen hatte, sagte Klara, sie gebe mir gerade so viele wieder, und das tut
sie schon.«
    »Ach Gott«, sagte die Brigitte, »das ist eine gute Meinung; aber denk, sie
werden auch hart. Wenn man nur hier und da einen übrigen Batzen hätte, der
Bäcker unten im Dörfli macht auch solche, aber ich vermag kaum das schwarze Brot
zu bezahlen.«
    Jetzt schoss ein heller Freudenstrahl über Heidis Gesicht: »O, ich habe
furchtbar viel Geld, Grossmutter«, rief es jubelnd aus und hüpfte vor Freuden in
die Höhe, »jetzt weiss ich, was ich damit mache! Alle, alle Tage musst du ein
neues Brötchen haben und am Sonntage zwei, und der Peter kann sie heraufbringen
vom Dörfli.«
    »Nein, nein, Kind!« wehrte die Grossmutter; »das kann nicht sein, das Geld
hast du nicht dazu bekommen, du musst es dem Grossvater geben, er sagt dir dann
schon, was du damit machen musst.«
    Aber Heidi liess sich nicht stören in seiner Freude, es jauchzte und hüpfte
in der Stube herum und rief ein Mal übers andere: »Jetzt kann die Grossmutter
jeden Tag ein Brötchen essen und wird wieder ganz kräftig, und - o, Grossmutter«,
rief es mit neuem Jubel, »wenn du dann so gesund wirst, so wird es dir gewiss
auch wieder hell, es ist vielleicht nur, weil du so schwach bist.«
    Die Grossmutter schwieg still, sie wollte des Kindes Freude nicht trüben. Bei
seinem Herumhüpfen fiel dem Heidi auf einmal das alte Liederbuch der Grossmutter
in die Augen, und es kam ihm ein neuer freudiger Gedanke: »Grossmutter, jetzt
kann ich auch ganz gut lesen; soll ich dir einmal ein Lied lesen aus deinem
alten Buch?«
    »O ja«, bat die Grossmutter freudig überrascht; »kannst du das auch wirklich,
Kind, kannst du das?«
    Heidi war auf einen Stuhl geklettert und hatte das Buch mit einer dicken
Staubwolke heruntergezogen, denn es hatte lange unberührt gelegen da oben; nun
wischte es Heidi sauber ab, setzte sich damit auf seinen Schemel zur Grossmutter
hin und fragte, was es nun lesen solle.
    »Was du willst, Kind, was du willst«, und mit gespannter Erwartung sass die
Grossmutter da und hatte ihr Spinnrad ein wenig von sich geschoben.
    Heidi blätterte und las leise hier und da eine Linie: »Jetzt kommt etwas von
der Sonne, das will ich dir lesen, Grossmutter.« Und Heidi begann und wurde
selbst immer eifriger und immer wärmer, während es las:
»Die güldne Sonne
Voll Freud' und Wonne
Bringt unsern Grenzen
Mit ihrem Glänzen
Ein herzerquickendes, liebliches Licht.
Mein Haupt und Glieder
Die lagen darnieder;
Aber nun steh' ich,
Bin munter und fröhlich,
Schaue den Himmel mit meinem Gesicht.
Mein Auge schauet,
Was Gott gebauet
Zu seinen Ehren,
Und uns zu lehren,
Wie sein Vermögen sei mächtig und gross.
Und wo die Frommen
Dann sollen hinkommen,
Wenn sie mit Frieden
Von hinnen geschieden
Aus dieser Erde vergänglichem Schoss.
Alles vergehet,
Gott aber stehet
Ohn' alles Wanken,
Seine Gedanken,
Sein Wort und Wille hat ewigen Grund
Sein Heil und Gnaden
Die nehmen nicht Schaden,
Heilen im Herzen,
Die tödlichen Schmerzen,
Halten uns zeitlich und ewig gesund.
Kreuz und Elende -
Das nimmt ein Ende,
Nach Meeresbrausen
Und Windessausen
Leuchtet der Sonne erwünschtes Gesicht.
Freude die Fülle
Und selige Stille
Darf ich erwarten
Im himmlischen Garten,
Dahin sind meine Gedanken gericht'.«
Die Grossmutter sass still da mit gefalteten Händen, und ein Ausdruck
unbeschreiblicher Freude, so wie ihn Heidi nie an ihr gesehen hatte, lag auf
ihrem Gesicht, obschon ihr die Tränen die Wangen herabliefen. Als Heidi schwieg,
bat sie mit Verlangen: »O, noch einmal, Heidi, lass es mich noch einmal hören:
Kreuz und Elende
Das nimmt ein Ende -«
Und das Kind fing noch einmal an und las in eigener Freude und Verlangen:
»Kreuz und Elende -
Das nimmt ein Ende,
Nach Meeresbrausen
Und Windessausen
Leuchtet der Sonne erwünschtes Gesicht.
Freude die Fülle
Und selige Stille
Darf ich erwarten
Im himmlischen Garten,
Dahin sind meine Gedanken gericht'.«
»O Heidi, das macht hell! das macht so hell im Herzen! O wie hast du mir wohl
gemacht, Heidi!«
    Ein Mal ums andere sagte die Grossmutter die Worte der Freude, und Heidi
strahlte vor Glück und musste sie nur immer ansehen, denn so hatte es die
Grossmutter nie gesehen. Sie hatte gar nicht mehr das alte trübselige Gesicht,
sondern schaute so freudig und dankend auf, als sähe sie schon mit neuen, hellen
Augen in den schönen himmlischen Garten hinein.
    Jetzt klopfte es am Fenster, und Heidi sah den Grossvater draussen, der ihm
winkte, mit heimzukommen. Es folgte schnell, aber nicht ohne die Grossmutter zu
versichern, morgen komme es wieder, und auch wenn es mit Peter auf die Weide
gehe, so komme es doch im halben Tag zurück; denn dass es der Grossmutter wieder
hell machen konnte und sie wieder fröhlich wurde, das war nun für Heidi das
allergrösste Glück, das es kannte, noch viel grösser, als auf der sonnigen Weide
und bei den Blumen und Geissen zu sein. Die Brigitte lief dem Heidi unter die Tür
nach mit Rock und Hut, dass es seine Habe mitnehme. Den Rock nahm es auf den Arm,
denn der Grossvater kenne es jetzt schon, dachte es bei sich; aber den Hut wies
es hartnäckig zurück, die Brigitte sollte ihn nur behalten, es setze ihn nie,
nie mehr auf den Kopf. Heidi war so erfüllt von seinen Erlebnissen, dass es
gleich dem Grossvater alles erzählen musste, was ihm das Herz erfreute, dass man
die weissen Brötchen auch unten im Dörfli für die Grossmutter holen könne, wenn
man nur Geld habe, und dass es der Grossmutter auf einmal so hell und wohl
geworden war, und wie Heidi das alles zu Ende geschildert hatte, kehrte es
wieder zum ersten zurück und sagte ganz zuversichtlich: »Gelt, Grossvater, wenn
die Grossmutter schon nicht will, so gibst du mir doch alles Geld in der Rolle,
dass ich dem Peter jeden Tag ein Stück geben kann zu einem Brötchen und am
Sonntag zwei?«
    »Aber das Bett, Heidi?« sagte der Grossvater; »ein rechtes Bett für dich wäre
gut, und nachher bleibt schon noch für manches Brötchen.« Aber Heidi liess dem
Grossvater keine Ruhe und bewies ihm, dass es auf seinem Heubett viel besser
schlafe, als es jemals in seinem Kissenbett in Frankfurt geschlafen habe, und
bat so eindringlich und unablässig, dass der Grossvater zuletzt sagte: »Das Geld
ist dein, mach, was dich freut; du kannst der Grossmutter manches Jahr lang Brot
holen dafür.«
    Heidi jauchzte auf: »O juhe! Nun muss die Grossmutter gar nie mehr hartes,
schwarzes Brot essen, und o Grossvater! nun ist doch alles so schön, wie noch gar
nie, seit wir leben!« und Heidi hüpfte hoch auf an der Hand des Grossvaters und
jauchzte in die Luft hinauf, wie die fröhlichen Vögel des Himmels. Aber auf
einmal wurde es ganz ernstaft und sagte: »O wenn nun der liebe Gott gleich auf
der Stelle getan hätte, was ich so stark erbetete, dann wäre doch alles nicht so
geworden, ich wäre nur gleich wieder heimgekommen und hätte der Grossmutter nur
wenige Brötchen gebracht, und hätte ihr nicht lesen können, was ihr wohl macht;
aber der liebe Gott hatte schon alles ausgedacht, so viel schöner, als ich es
wusste; die Grossmama hat es mir gesagt, und nun ist alles so gekommen. O wie bin
ich froh, dass der liebe Gott nicht nachgab, wie ich so bat und jammerte! Aber
jetzt will ich immer so beten, wie die Grossmama sagte, und dem lieben Gott immer
danken, und wenn er etwas nicht tut, das ich erbeten will, dann will ich gleich
denken: es geht gewiss wieder wie in Frankfurt, der liebe Gott denkt gewiss etwas
viel Besseres aus. Aber wir wollen auch alle Tage beten, gelt Grossvater, und wir
wollen es nie mehr vergessen, damit der liebe Gott uns auch nicht vergisst.«
    »Und wenn's einer doch täte?« murmelte der Grossvater.
    »O dem geht's nicht gut, denn der liebe Gott vergisst ihn dann auch und lässt
ihn ganz laufen, und wenn es ihm einmal schlecht geht, und er jammert, so hat
kein Mensch Mitleid mit ihm, sondern alle sagen nur: er ist ja zuerst vom lieben
Gott weggelaufen, nun lässt ihn der liebe Gott auch gehen, der ihm helfen
könnte.«
    »Das ist wahr, Heidi, woher weisst du das?«
    »Von der Grossmama, sie hat mir alles erklärt.«
    Der Grossvater ging eine Weile schweigend weiter. Dann sagte er, seine
Gedanken verfolgend, vor sich hin: »Und wenn's einmal so ist, dann ist's so;
zurück kann keiner, und wen der Herrgott vergessen hat, den hat er vergessen.«
    »O nein, Grossvater, zurück kann einer, das weiss ich auch von der Grossmama,
und dann geht es so wie in der schönen Geschichte in meinem Buch, aber die weisst
du nicht; jetzt sind wir aber gleich daheim, und dann wirst du schon erfahren,
wie schön die Geschichte ist.«
    Heidi strebte in seinem Eifer rascher und rascher die letzte Steigung hinan
- und kaum waren sie oben angelangt, als es des Grossvaters Hand losliess und in
die Hütte hineinrannte. Der Grossvater nahm den Korb von seinem Rücken, in den er
die Hälfte der Sachen aus dem Koffer hineingestossen hatte, denn den ganzen
Koffer heraufzubringen wäre ihm zu schwer gewesen. Dann setzte er sich
nachdenklich auf die Bank nieder. Heidi kam wieder herbeigerannt, sein grosses
Buch unter dem Arm: »O das ist recht, Grossvater, dass du schon dasitzest«, und
mit einem Satz war Heidi an seiner Seite und hatte schon seine Geschichte
aufgeschlagen, denn die hatte es schon so oft und immer wieder gelesen, dass das
Buch von selbst aufging an dieser Stelle. Jetzt las Heidi mit grosser Teilnahme
von dem Sohne, der es gut hatte daheim, wo draussen auf des Vaters Feldern die
schönen Kühe und Schäflein weideten und er in einem schönen Mäntelchen, auf
seinen Hirtenstab gestützt, bei ihnen auf der Weide stehen und dem
Sonnenuntergang zusehen konnte, wie es alles auf dem Bilde zu sehen war. »Aber
auf einmal wollte er sein Hab und Gut für sich haben und sein eigener Meister
sein und forderte es dem Vater ab und lief fort damit und verprasste alles. Und
als er gar nichts mehr hatte, musste er hingehen und Knecht sein bei einem Bauer,
der hatte aber nicht so schöne Tiere, wie auf seines Vaters Feldern waren,
sondern nur Schweinlein; diese musste er hüten, und er hatte nur noch Fetzen auf
sich und bekam nur von den Trebern, welche die Schweinchen assen, ein klein
wenig. Da dachte er daran, wie er es daheim beim Vater gehabt und wie gut der
Vater mit ihm gewesen war und wie undankbar er gegen den Vater gehandelt hatte,
und er musste weinen vor Reue und Heimweh. Und er dachte: Ich will zu meinem
Vater gehen und ihn um Verzeihung bitten und ihm sagen, ich bin nicht mehr wert,
dein Sohn zu heissen, aber lass mich nur dein Tagelöhner bei dir sein. Und wie er
von ferne gegen das Haus seines Vaters kam, da sah ihn der Vater und kam
herausgelaufen« - »was meinst du jetzt, Grossvater?« unterbrach sich Heidi in
seinem Vorlesen; »jetzt meinst du, der Vater sei noch böse und sage zu ihm: Ich
habe dir's ja gesagt!? Jetzt hör nur, was kommt: Und sein Vater sah ihn und es
jammerte ihn und lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn, und der Sohn
sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir und bin
nicht mehr wert dein Sohn zu heissen. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten:
Bringt das beste Kleid her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine
Hand und Schuhe an die Füsse, und bringt das gemästete Kalb her und schlachtet es
und lasst uns essen und fröhlich sein, denn dieser mein Sohn war tot und ist
wieder lebendig geworden und er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und
sie fingen an fröhlich zu sein.«
    »Ist denn das nicht eine schöne Geschichte, Grossvater?« fragte Heidi, als
dieser immer noch schweigend dasass und es doch erwartet hatte, er werde sich
freuen und verwundern.
    »Doch, Heidi, die Geschichte ist schön«, sagte der Grossvater; aber sein
Gesicht war so ernstaft, dass Heidi ganz stille wurde und seine Bilder ansah.
Leise schob es noch einmal sein Buch vor den Grossvater hin und sagte: »Sieh, wie
es ihm wohl ist«, und zeigte mit seinem Finger auf das Bild des Heimgekehrten,
wie er im frischen Kleid neben dem Vater steht und wieder zu ihm gehört als sein
Sohn.
    Ein paar Stunden später, als Heidi längst im tiefen Schlafe lag, stieg der
Grossvater die kleine Leiter hinauf; er stellte sein Lämpchen neben Heidis Lager
hin, so dass das Licht auf das schlafende Kind fiel. Es lag da mit gefalteten
Händen, denn zu beten hatte Heidi nicht vergessen. Auf seinem rosigen
Gesichtchen lag ein Ausdruck des Friedens und seligen Vertrauens, der zu dem
Grossvater reden musste, denn lange, lange stand er da und rührte sich nicht und
wandte kein Auge von dem schlafenden Kinde ab. Jetzt faltete auch er die Hände,
und halblaut sagte er mit gesenktem Haupte: »Vater, ich habe gesündigt gegen den
Himmel und vor dir und bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heissen!« Und ein paar
grosse Tränen rollten dem Alten die Wangen herab. -
    Wenige Stunden nachher in der ersten Frühe des Tages stand der Alm-Öhi vor
seiner Hütte und schaute mit hellen Augen um sich. Der Sonntagmorgen flimmerte
und leuchtete über Berg und Tal. Einzelne Frühglocken tönten aus den Tälern
herauf, und oben in den Tannen sangen die Vögel ihre Morgenlieder.
    Jetzt trat der Grossvater in die Hütte zurück: »Komm, Heidi!« rief er auf den
Boden hinauf. »Die Sonne ist da! Zieh ein gutes Röcklein an, wir wollen in die
Kirche miteinander!«
    Heidi machte nicht lange; das war ein ganz neuer Ruf vom Grossvater, dem
musste es schnell folgen. In kurzer Zeit kam es heruntergesprungen in seinem
schmucken Frankfurter Röckchen. Aber voller Erstaunen blieb Heidi vor seinem
Grossvater stehen und schaute ihn an. »O Grossvater, so hab' ich dich nie
gesehen«, brach es endlich aus, »und den Rock mit den silbernen Knöpfen hast du
noch gar nicht getragen, o du bist so schön in deinem schönen Sonntagsrock.«
    Der Alte blickte vergnüglich lächelnd auf das Kind und sagte: »Und du in dem
deinen; jetzt komm!« Er nahm Heidis Hand in die seine, und so wanderten sie
miteinander den Berg hinunter. Von allen Seiten tönten jetzt die hellen Glocken
ihnen entgegen, immer voller und reicher, je weiter sie kamen, und Heidi
lauschte mit Entzücken und sagte: »Hörst du's, Grossvater? Es ist wie ein grosses,
grosses Fest.«
    Unten im Dörfli waren schon alle Leute in der Kirche und fingen eben zu
singen an, als der Grossvater mit Heidi eintrat und ganz hinten auf der letzten
Bank sich niedersetzte. Aber mitten im Singen stiess der zunächst Sitzende seinen
Nachbar mit dem Ellenbogen an und sagte: »Hast du das gesehen? der Alm-Öhi ist
in der Kirche!«
    Und der Angestossene stiess den zweiten an und so fort, und in kürzester Zeit
flüsterte es an allen Ecken: »Der Alm-Öhi! Der Alm-Öhi!« und die Frauen mussten
fast alle einen Augenblick den Kopf umdrehen, und die meisten fielen ein wenig
aus der Melodie, so dass der Vorsänger die grösste Mühe hatte, den Gesang schön
aufrecht zu erhalten. Aber als dann der Herr Pfarrer anfing zu predigen, ging
die Zerstreuteit ganz vorüber, denn es war ein so warmes Loben und Danken in
seinen Worten, dass alle Zuhörer davon ergriffen wurden, und es war, als sei
ihnen allen eine grosse Freude widerfahren. Als der Gottesdienst zu Ende war,
trat der Alm-Öhi mit dem Kinde an der Hand heraus und schritt dem Pfarrhaus zu,
und alle, die mit ihm heraustraten und die schon draussen standen, schauten ihm
nach, und die meisten gingen hinter ihm her, um zu sehen, ob er wirklich ins
Pfarrhaus eintrete, was er tat. Dann sammelten sie sich in Gruppen zusammen und
besprachen in grosser Aufregung das Unerhörte, dass der Alm-Öhi in der Kirche
erschienen war, und alle schauten mit Spannung nach der Pfarrhaustür, wie der
Öhi wohl wieder herauskommen werde, ob in Zorn und Hader, oder im Frieden mit
dem Herrn Pfarrer, denn man wusste ja gar nicht, was den Alten heruntergebracht
hatte und wie es eigentlich gemeint sei. Aber doch war schon bei vielen eine
neue Stimmung eingetreten, und einer sagte zum andern: »Es wird wohl mit dem
Alm-Öhi nicht so bös sein, wie man tut; man kann ja nur sehen, wie sorglich er
das Kleine an der Hand hält.« Und der andere sagte: »Das hab' ich ja immer
gesagt, und zum Pfarrer hinein ginge er auch nicht, wenn er so bodenschlecht
wäre, sonst müsste er sich ja fürchten; man übertreibt auch viel.« Und der Bäcker
sagte: »Hab' ich das nicht zu allererst gesagt? Seit wann läuft denn ein kleines
Kind, das zu essen und zu trinken hat, was es will, und sonst alles Gute, aus
alle dem weg und heim zu einem Grossvater, wenn der bös und wild ist und es sich
zu fürchten hat vor ihm?« Und es kam eine ganz liebevolle Stimmung gegen den
Alm-Öhi auf und nahm überhand, denn jetzt nahten sich auch die Frauen herzu, und
diese hatten so manches von der Geissenpeterin und der Grossmutter gehört, das den
Alm-Öhi ganz anders darstellte, als die allgemeine Meinung war, und das ihnen
jetzt auf einmal glaublich schien, dass es mehr und mehr so wurde, als warteten
sie alle da, um einen alten Freund zu bewillkommnen, der ihnen lange gemangelt
hatte.
    Der Alm-Öhi war unterdessen an die Tür der Studierstube getreten und hatte
angeklopft. Der Herr Pfarrer machte auf und trat dem Eintretenden entgegen,
nicht überrascht, wie er wohl hätte sein können, sondern so, als habe er ihn
erwartet; die ungewohnte Erscheinung in der Kirche musste ihm nicht entgangen
sein. Er ergriff die Hand des Alten und schüttelte sie wiederholt mit der
grössten Herzlichkeit, und der Alm-Öhi stand schweigend da und konnte erst kein
Wort herausbringen, denn auf solchen herzlichen Empfang war er nicht
vorbereitet. Jetzt fasste er sich und sagte: »Ich komme, um den Herrn Pfarrer zu
bitten, dass er mir die Worte vergessen möchte, die ich zu ihm auf der Alm
geredet habe, und dass er mir nicht nachtragen wolle, wenn ich widerspenstig war
gegen seinen wohlmeinenden Rat. Der Herr Pfarrer hat ja in allem Recht gehabt
und ich war im Unrecht, aber ich will jetzt seinem Rate folgen und auf den
Winter wieder ein Quartier im Dörfli beziehen, denn die harte Jahreszeit ist
nichts für das Kind dort oben, es ist zu zart, und wenn auch dann die Leute hier
unten mich von der Seite ansehen, so wie einen, dem nicht zu trauen ist, so habe
ich es nicht besser verdient, und der Herr Pfarrer wird es ja nicht tun.«
    Die freundlichen Augen des Pfarrers glänzten vor Freude. Er nahm noch einmal
des Alten Hand und drückte sie in der seinen und sagte mit Rührung: »Nachbar,
Ihr seid in der rechten Kirche gewesen, noch eh' Ihr in die meinige
herunterkamt; des freu' ich mich, und dass Ihr wieder zu uns kommen und mit uns
leben wollt, soll Euch nicht gereuen, bei mir sollt Ihr als ein lieber Freund
und Nachbar alle Zeit willkommen sein, und ich gedenke manches
Winterabendstündchen fröhlich mit Euch zu verbringen, denn Eure Gesellschaft ist
mir lieb und wert, und für das Kleine wollen wir auch gute Freunde finden.« Und
der Herr Pfarrer legte sehr freundlich seine Hand auf Heidis Krauskopf und nahm
es bei der Hand und führte es hinaus, indem er den Grossvater fortbegleitete, und
erst draussen vor der Haustür nahm er Abschied, und nun konnten alle die
herumstehenden Leute sehen, wie der Herr Pfarrer dem Alm-Öhi die Hand immer noch
einmal schüttelte, gerade als wäre das sein bester Freund, von dem er sich fast
nicht trennen könnte. Kaum hatte dann auch die Tür sich hinter dem Herrn Pfarrer
geschlossen, so drängte die ganze Versammlung dem Alm-Öhi entgegen, und jeder
wollte der erste sein, und so viele Hände wurden miteinander dem Herankommenden
entgegengestreckt, dass er gar nicht wusste, welche zuerst ergreifen, und einer
rief ihm zu: »Das freut mich! das freut mich, Öhi, dass Ihr auch wieder einmal zu
uns kommt!« und ein anderer: »Ich hätte auch schon lang gern wieder einmal ein
Wort mit Euch geredet, Öhi!« Und so tönte und drängte es von allen Seiten, und
wie nun der Öhi auf alle die freundlichen Begrüssungen erwiderte, er gedenke,
sein altes Quartier im Dörfli wieder zu beziehen und den Winter mit den alten
Bekannten zu verleben, da gab es erst einen rechten Lärm, und es war gerade so,
wie wenn der Alm-Öhi die beliebteste Persönlichkeit im ganzen Dörfli wäre, die
jeder mit Nachteil entbehrt hatte. Noch weit an die Alm hinauf wurden Grossvater
und Kind von den meisten begleitet, und beim Abschied wollte jeder die
Versicherung haben, dass der Alm-Öhi bald einmal bei ihm vorspreche, wenn er
wieder herunterkomme; und wie nun die Leute den Berg hinab zurückkehrten, blieb
der Alte stehen und schaute ihnen lange nach, und auf seinem Gesichte lag ein so
warmes Licht, als schiene bei ihm die Sonne von innen heraus. Heidi schaute
unverwandt zu ihm auf und sagte ganz erfreut: »Grossvater, heut' wirst du immer
schöner, so warst du noch gar nie.«
    »Meinst du?« lächelte der Grossvater. »Ja, und siehst du, Heidi, mir geht's
auch heut' über Verstehen und Verdienen gut, und mit Gott und Menschen im
Frieden stehen, das macht einem so wohl! Der liebe Gott hat's gut mit mir
gemeint, dass er dich auf die Alm schickte.«
    Bei der Geissenpeter-Hütte angekommen, machte der Grossvater gleich die Tür
auf und trat ein. »Grüss Gott, Grossmutter«, rief er hinein; »ich denke, wir
müssen einmal wieder ans Flicken gehen, bevor der Herbstwind kommt.«
    »Du mein Gott, das ist der Öhi!« rief die Grossmutter voll freudiger
Überraschung aus. »Dass ich das noch erlebe! dass ich Euch noch einmal danken kann
für alles, das Ihr für uns getan habt, Öhi! Vergelt's Gott! Vergelt's Gott!«
    Und mit zitternder Freude streckte die alte Grossmutter ihre Hand aus, und
als der Angeredete sie herzlich schüttelte, fuhr sie fort, indem sie die seinige
festielt: »Und eine Bitte hab' ich auch noch auf dem Herzen, Öhi: wenn ich Euch
je etwas zuleid getan habe, so straft mich nicht damit, dass Ihr noch einmal das
Heidi fortlasst, bevor ich unten bei der Kirche liege. O Ihr wisst nicht, was mir
das Kind ist!« und sie hielt es fest an sich, denn Heidi hatte sich schon an sie
geschmiegt.
    »Keine Sorge, Grossmutter«, beruhigte der Öhi; »damit will ich weder Euch
noch mich strafen. Jetzt bleiben wir alle beieinander und, will's Gott, noch
lange so.«
    Jetzt zog die Brigitte den Öhi ein wenig geheimnisvoll in eine Ecke hinein
und zeigte ihm das schöne Federnhütchen, und erzählte ihm, wie es sich damit
verhalte, und dass sie ja natürlich so etwas einem Kinde nicht abnehme.
    Aber der Grossvater sah ganz wohlgefällig auf sein Heidi hin und sagte: »Der
Hut ist sein, und wenn es ihn nicht mehr auf den Kopf tun will, so hat es recht,
und hat es ihn dir gegeben, so nimm ihn nur.«
    Die Brigitte war höchlich erfreut über das unerwartete Urteil. »Er ist gewiss
mehr als zehn Franken wert, seht nur!« und in ihrer Freude streckte sie das
Hütchen hoch auf. »Was aber auch dieses Heidi für einen Segen von Frankfurt mit
heimgebracht hat! Ich habe schon manchmal denken müssen, ob ich nicht den
Peterli auch ein wenig nach Frankfurt schicken solle; was meint Ihr, Öhi?«
    Dem Öhi schoss es ganz lustig aus den Augen. Er meinte, es könnte dem Peterli
nichts schaden; aber er würde doch eine gute Gelegenheit dazu abwarten.
    Jetzt fuhr der Besprochene eben zur Tür herein, nachdem er zuerst mit dem
Kopf so fest dagegen gerannt war, dass alles erklirrte davon; er musste pressiert
sein. Atemlos und keuchend stand er nun mitten in der Stube still und streckte
einen Brief aus. Das war auch ein Ereignis, das noch nie vorgekommen war, ein
Brief mit einer Aufschrift an das Heidi, den man ihm auf der Post im Dörfli
übergeben hatte. Jetzt setzten sich alle voller Erwartung um den Tisch herum,
und Heidi machte seinen Brief auf und las ihn laut und ohne Anstoss vor. Der
Brief war von der Klara Sesemann geschrieben. Sie erzählte Heidi, dass es seit
seiner Abreise so langweilig geworden sei in ihrem Hause, dass sie es nicht lang
hintereinander so aushalten könne und so lange den Vater gebeten habe, bis er
die Reise ins Bad Ragaz schon auf den kommenden Herbst festgestellt habe, und
die Grossmama wolle auch mitkommen, denn sie wolle auch das Heidi und den
Grossvater besuchen auf der Alm. Und weiter liess die Grossmama noch dem Heidi
sagen, es habe recht getan, dass es der alten Grossmutter die Brötchen habe
mitbringen wollen, und damit sie diese nicht trocken essen müsse, komme gleich
der Kaffee noch dazu, er sei schon auf der Reise, und wenn sie selbst nach der
Alm komme, so müsse das Heidi sie auch zur Grossmutter führen.
    Da gab es nun eine solche Freude und Verwunderung über diese Nachrichten,
und so viel zu reden und zu fragen, da die grosse Erwartung alle gleich betraf,
dass selbst der Grossvater nicht bemerkte, wie spät es schon war, und so vergnügt
und fröhlich waren sie alle in der Aussicht auf die kommenden Tage und fast noch
mehr in der Freude über das Zusammensein an dem heutigen, dass die Grossmutter
zuletzt sagte: »Das Schönste ist doch, wenn so ein alter Freund kommt und uns
wieder die Hand gibt, so wie vor langer Zeit; das gibt so ein tröstliches Gefühl
ins Herz, dass wir einmal alles wiederfinden, was uns lieb ist. Ihr kommt doch
bald wieder, Öhi, und das Kind morgen schon?«
    Das wurde der Grossmutter in die Hand hinein versprochen; nun aber war es
Zeit zum Aufbruch, und der Grossvater wanderte mit Heidi die Alm hinan, und wie
am Morgen die hellen Glocken von nah und fern sie heruntergerufen hatten, so
begleitete nun aus dem Tale herauf das friedliche Geläut der Abendglocken sie
bis hinauf zur sonnigen Almhütte, die ganz sonntäglich im Abendschimmer ihnen
entgegenglänzte.
    Wenn aber die Grossmama kommt im Herbst, dann gibt es gewiss noch manche neue
Freude und Überraschung für das Heidi wie für die Grossmutter, und sicher kommt
auch gleich ein richtiges Bett auf den Heuboden hinauf, denn wo die Grossmama
hintritt, da kommen alle Dinge bald in die erwünschte Ordnung und Richtigkeit,
nach aussen wie nach innen.
 
    