
        
                                Teodor Fontane
                                   L'Adultera
                                    Novelle
                                  Erstes Kapitel
                         Kommerzienrat van der Straaten
Der Kommerzienrat van der Straaten, Grosse Petristrasse 4, war einer der
vollgiltigsten Finanziers der Hauptstadt, eine Tatsache, die dadurch wenig
alteriert wurde, dass er mehr eines geschäftlichen als eines persönlichen
Ansehens genoss. An der Börse galt er bedingungslos, in der Gesellschaft nur
bedingungsweise. Es hatte dies, wenn man herumhorchte, seinen Grund zu sehr
wesentlichem Teile darin, dass er zuwenig »draussen« gewesen war und die
Gelegenheit versäumt hatte, sich einen allgemein giltigen Weltschliff oder auch
nur die seiner Lebensstellung entsprechenden Allüren anzueignen. Einige
neuerdings erst unternommene Reisen nach Paris und Italien, die übrigens niemals
über ein paar Wochen hinaus ausgedehnt worden waren, hatten an diesem
Tatbestande nichts Erhebliches ändern können und ihm jedenfalls ebenso seinen
spezifisch lokalen Stempel wie seine Vorliebe für drastische Sprüchwörter und
heimische »geflügelte Worte« von der derberen Observanz gelassen. Er pflegte, um
ihn selber mit einer seiner Lieblingswendungen einzuführen, »aus seinem Herzen
keine Mördergrube zu machen« und hatte sich, als reicher Leute Kind, von Jugend
auf daran gewöhnt, alles zu tun und zu sagen, was zu tun und zu sagen er lustig
war. Er hasste zweierlei: sich zu genieren und sich zu ändern. Nicht als ob er
sich in der Teorie für besserungsunbedürftig gehalten hätte, keineswegs, er
bestritt nur in der Praxis eine besondere Benötigung dazu. Die meisten Menschen,
so hiess es dann wohl in seinen jederzeit gern gegebenen Auseinandersetzungen,
seien einfach erbärmlich und so grundschlecht, dass er, verglichen mit ihnen, an
einer wahren Engelgrenze stehe. Er sähe mitin nicht ein, warum er an sich
arbeiten und sich Unbequemlichkeiten machen solle. Zudem könne man jeden Tag an
jedem beliebigen Konventikler oder Predigtamtskandidaten erkennen, dass es doch
zu nichts führe. Es sei eben immer die alte Geschichte, und um den Teufel
auszutreiben, werde Beelzebub zitiert. Er zög es deshalb vor, alles beim alten
zu belassen. Und wenn er so gesprochen, sah er sich selbstzufrieden um und
schloss behaglich und gebildet: »O rühret, rühret nicht daran«, denn er liebte
das Einstreuen lyrischer Stellen, ganz besonders solcher, die seinem
echtberlinischen Hange zum bequem Gefühlvollen einen Ausdruck gaben. Dass er eben
diesen Hang auch wieder ironisierte, versteht sich von selbst.
    Van der Straaten, wie hiernach zu bemessen, war eine
sentimental-humoristische Natur, deren Berolinismen und Zynismen nichts weiter
waren als etwas wilde Schösslinge seines Unabhängigkeitsgefühls und einer immer
ungetrübten Laune. Und in der Tat, es gab nichts in der Welt, zu dem er allezeit
so beständig aufgelegt gewesen wäre wie zu Bonmots und scherzhaften Repartis,
ein Zug seines Wesens, der sich schon bei Vorstellungen in der Gesellschaft zu
zeigen pflegte. Denn die bei diesen und ähnlichen Gelegenheiten nie ausbleibende
Frage nach seinen näheren oder ferneren Beziehungen zu dem Gutzkowschen
Vanderstraaten ward er nicht müde prompt und beinahe paragraphenweise dahin zu
beantworten, dass er jede Verwandtschaft mit dem von der Bühne her so bekannt
gewordenen Manasse Vanderstraaten ablehnen müsse, 1. weil er seinen Namen nicht
einwortig, sondern dreiwortig schreibe, 2. weil er, trotz seines Vornamens
Ezechiel, nicht bloss überhaupt getauft worden sei, sondern auch das nicht jedem
Preussen zuteil werdende Glück gehabt habe, durch einen evangelischen Bischof,
und zwar durch den alten Bischof Ross, in die christliche Gemeinschaft
aufgenommen zu sein, und 3. und letztens, weil er seit längerer Zeit des Vorzugs
geniesse, die Honneurs seines Hauses nicht durch eine Judit, sondern durch eine
Melanie machen lassen zu können, durch eine Melanie, die, zu weiterem
Unterschiede, nicht seine Tochter, sondern seine »Gemahlin« sei. Und dies Wort
sprach er dann mit einer gewissen Feierlichkeit, in der Scherz und Ernst
geschickt zusammenklangen.
    Aber der Ernst überwog, wenigstens in seinem Herzen. Und es konnte nicht
anders sein, denn die junge Frau war fast noch mehr sein Stolz als sein Glück.
Älteste Tochter Jean de Caparoux', eines Adligen aus der französischen Schweiz,
der als Generalkonsul eine lange Reihe von Jahren in der norddeutschen
Hauptstadt gelebt hatte, war sie ganz und gar als das verwöhnte Kind eines
reichen und vornehmen Hauses grossgezogen und in all ihren Anlagen aufs
glücklichste herangebildet worden. Ihre heitere Grazie war fast noch grösser als
ihr Esprit und ihre Liebenswürdigkeit noch grösser als beides. Alle Vorzüge
französischen Wesens erschienen in ihr vereinigt. Ob auch die Schwächen? Es
verlautete nichts darüber. Ihr Vater starb früh, und statt eines gemutmassten
grossen Vermögens fanden sich nur Debets über Debets. Und um diese Zeit war es
denn auch, dass der zweiundvierzigjährige van der Straaten um die siebzehnjährige
Melanie warb und ihre Hand erhielt. Einige Freunde beider Häuser ermangelten
selbstverständlich nicht, allerhand Trübes zu prophezeien. Aber sie schienen im
Unrecht bleiben zu sollen. Zehn glückliche Jahre, glücklich für beide Teile,
waren seitdem vergangen, Melanie lebte wie die Prinzess im Märchen, und van der
Straaten seinerseits trug mit freudiger Ergebung seinen Necknamen »Ezel«, in den
die junge Frau den langatmigen und etwas suspekten »Ezechiel« umgewandelt hatte.
Nichts fehlte. Auch Kinder waren da: zwei Töchter, die jüngere des Vaters, die
ältere der Mutter Ebenbild, gross und schlank und mit herabfallendem, dunklem
Haar. Aber während die Augen der Mutter immer lachten, waren die der Tochter
ernst und schwermütig, als sähen sie in die Zukunft.
 
                                Zweites Kapitel
                                   L'Adultera
Die Wintermonate pflegten die van der Straatens in ihrer Stadtwohnung
zuzubringen, die, trotzdem sie altmodisch war, doch an Komfort nichts vermissen
liess. Jedenfalls aber bot sie für das gesellschaftliche Treiben der Saison eine
grössere Bequemlichkeit als die spreeabwärts am Nordwestrande des Tiergartens
gelegene Villa.
    Der erste Subskriptionsball war gewesen, vor zwei Tagen, und van der
Straaten und Frau nahmen wie gewöhnlich in dem hochpaneelierten Wohn- und
Arbeitszimmer des ersteren ihr gemeinschaftliches Frühstück ein. Von dem beinah
unmittelbar vor ihrem Fenster aufragenden Petrikirchturme herab schlug es eben
neun, und die kleine französische Stutzuhr sekundierte pünktlich, lief aber in
ihrer Hast und Eile den dumpfen und langsamen Schlägen, die von draussen her laut
wurden, weit voraus. Alles atmete Behagen, am meisten der Hausherr selbst, der,
in einen Schaukelstuhl gelehnt und die Morgenzeitung in der Hand, abwechselnd
seinen Kaffee und den Subskriptions- Ball-Bericht einschlürfte. Nur dann und
wann liess er seine Hand mit der Zeitung sinken und lachte.
    »Was lachst du wieder, Ezel«, sagte Melanie, während sie mit ihrem linken
Morgenschuh kokettisch hin und her klappte.
    »Was lachst du wieder? Ich wette die Robe, die du mir heute noch kaufen
wirst, gegen dein hässliches, rotes und mir zum Tort wieder schief umgeknotetes
Halstuch, dass du nichts gefunden hast als ein paar Zweideutigkeiten.«
    »Er schreibt zu gut«, antwortete van der Straaten, ohne den hingeworfenen
Fehdehandschuh aufzunehmen. »Und was mich am meisten freut, sie nimmt es alles
für Ernst.«
    »Wer denn?«
    »Nun wer! Die Maywald, deine Rivalin. Und nun höre. Oder lies es selbst.«
    »Nein, ich mag nicht. Ich liebe nicht diese Berichte mit ausgeschnittenen
Kleidern und Anfangsbuchstaben.«
    »Und warum nicht? Weil du noch nicht an der Reihe warst. Ja, Lanni, er geht
stolz an dir vorüber.«
    »Ich würd es mir auch verbitten.«
    »Verbitten! Was heisst verbitten? Ich verstehe dich nicht. Oder glaubst du
vielleicht, dass gewesene Generalkonsulstöchter in vestalisch-priesterlicher
Unnahbarkeit durchs Leben schreiten oder sakrosankt sind wie Botschafter und
Ambassaden! Ich will dir ein Sprüchwort sagen, das ihr in Genf nicht haben
werdet...«
    
    »Und das wäre?«
    »Sieht doch die Katz den Kaiser an. Und ich sage dir, Lanni, was man ansehen
darf, das darf man auch beschreiben. Oder verlangst du, dass ich ihn fordern
sollte? Pistolen und zehn Schritt Barriere.«
    Melanie lachte. »Nein Ezel, ich stürbe, wenn du mir totgeschossen würdest.«
    »Höre, dies solltest du dir doch überlegen. Das Beste, was einer jungen Frau
wie dir passieren kann, ist doch immer die Witwenschaft, oder le veuvage, wie
meine Pariser Wirtin mir einmal über das andere zu versichern pflegte.
Beiläufig, meine beste Reise-Reminiszenz. Und dabei hättest du sie sehen sollen,
die kleine, korpulente, schwarze Madame...«
    »Ich sehne mich nicht danach. Ich will lieber wissen, wie alt sie war.«
    »Fünfzig. Die Liebe fällt nicht immer auf ein Rosenblatt...«
    »Nun, da mag es dir und ihr verziehen sein.«
    Und dabei stand Melanie von ihrem hochlehnigen Stuhl auf, legte den Kanevas
beiseite, an dem sie gestickt hatte, und trat an das grosse Mittelfenster.
    Unten bewegte sich das bunte Treiben eines Markttages, dem die junge Frau
gern zuzusehen pflegte. Was sie daran am meisten fesselte, waren die Gegensätze.
Dicht an der Kirchentür, an einem kleinen, niedrigen Tische, sass ein Mütterchen,
das ausgelassenen Honig in grossen und kleinen Gläsern verkaufte, die mit
ausgezacktem Papier und einem roten Wollfaden zugebunden waren. Ihr zunächst
erhob sich eine Wildhändlerbude, deren sechs aufgehängte Hasen mit traurigen
Gesichtern zu Melanie hinübersahn, während in Front der Bude (das erfrorene
Gesicht in einer Kapuze) ein kleines Mädchen auf und ab lief und ihre Schäfchen,
wie zur Weihnachtszeit, an die Vorübergehenden feilbot. Über dem Ganzen aber lag
ein grauer Himmel, und ein paar Flocken federten und tanzten, und wenn sie
niederfielen, wurden sie vom Luftzuge neu gefasst und wieder in die Höhe
gewirbelt.
    Etwas wie Sehnsucht überkam Melanie beim Anblick dieses Flockentanzes, als
müsse es schön sein, so zu steigen und zu fallen und dann wieder zu steigen, und
eben wollte sie sich vom Fenster her ins Zimmer zurückwenden, um in leichtem
Scherze, ganz wie sie's liebte, sich und ihre Sehnsuchtsanwandlung zu
persiflieren, als sie, von der Brüderstrasse her, eines jener langen und auf
niedrigen Rädern gehenden Gefährte vorfahren sah, die die hauptstädtischen
Bewohner Rollwagen nennen. Es konnte das Exemplar, das eben hielt, als ein
Musterstück seiner Gattung gelten, denn nichts fehlte. Nach hinten zu war der
zum Abladen dienende Doppelbaum in vorschriftsmässigem rechten Winkel
aufgerichtet, vorn stand der Kutscher mit Vollbart und Lederschurz, und in der
Mitte lief ein kleiner Bastard von Spitz und Rattenfänger hin und her und bellte
jeden an, der nur irgendwie Miene machte, sich auf fünf Schritte dem Wagen zu
nähern. Er hatte kaum noch ein Recht zu diesen Äusserungen übertriebener
Wachsamkeit, denn auf dem ganzen langen Wagenbrette lag nur noch ein einziges
Kolli, das der Rollkutscher jetzt zwischen seine zwei Riesenhände nahm und in
den Hausflur hineintrug, als ob es eine Pappschachtel wäre.
    Van der Straaten hatte mittlerweile seine Lektüre beendet und war an ein
unmittelbar neben dem Eckfenster stehendes Pult getreten, an dem er zu schreiben
pflegte.
    »Wie schön diese Leute sind«, sagte Melanie. »Und so stark. Und dieser
wundervolle Bart! So denk ich mir Simson.«
    »Ich nicht«, entgegnete van der Straaten trocken.
    »Oder Wieland den Schmied.«
    »Schon eher. Und über kurz oder lang, denk ich, wird diese Sache spruchreif
sein. Denn ich wette zehn gegen eins, dass ihn der Meister in irgend etwas
Zukünftigem bereits unterm Hammer hat. Oder sagen wir auf dem Amboss. Es klingt
etwas vornehmer.«
    »Ich muss dich bitten, Ezel... Du weisst...«
    Aber ehe sie schliessen konnte, wurde geklopft, und einer der jungen
Kontoristen erschien in der Tür, um seinem Chef, unter gleichzeitiger Verbeugung
gegen Melanie, einen Frachtbrief einzuhändigen, auf dem in grossen Buchstaben und
in italienischer Sprache vermerkt war: »Zu eigenen Händen des Empfängers.«
    Van der Straaten las und war sofort wie elektrisiert. »Ah, von Salviati...!
Das ist hübsch, das ist schön... Gleich die Kiste heraufschaffen...! Und du
bleibst, Melanie... Hat er doch Wort gehalten... Freut mich, freut mich
wirklich. Und dich wird es auch freuen. Etwas Venezianisches, Lanni... Du warst
so gern in Venedig.«
    Und während er in derartig kurzen Sätzen immer weiter perorierte, hatte er
aus einem Kasten seines Arbeitstisches ein Stemmeisen herausgenommen und
hantierte damit, als die Kiste hereingebracht worden war, so vertraut und so
geschickt, als ob es ein Korkzieher oder irgendein anderes Werkzeug alltäglicher
Benutzung gewesen wäre. Mit Leichtigkeit hob er den Deckel ab und setzte das
daran angeschraubte Bild auf ein grosses staffeleiartiges Gestell, das er schon
vorher aus einer der Zimmerecken ans Fenster geschoben hatte. Der junge Kommis
hatte sich inzwischen wieder entfernt, van der Straaten aber, während er Melanie
mit einer gewissen Feierlichkeit vor das Bild führte, sagte: »Nun, Lanni, wie
findest du's...? Ich will dir übrigens zu Hilfe kommen... Ein Tintoretto.«
    »Kopie?«
    »Freilich«, stotterte van der Straaten etwas verlegen. »Originale werden
nicht hergegeben. Und würden auch meine Mittel übersteigen. Dennoch dächt
ich...«
    Melanie hatte mittlerweile die Hauptfiguren des Bildes mit ihrem Lorgnon
gemustert und sagte jetzt: »Ah, l'Adultera...! Jetzt erkenn ich's. Aber dass du
gerade das wählen musstest! Es ist eigentlich ein gefährliches Bild, fast so
gefährlich wie der Spruch... Wie heisst er doch?«
    »Wer unter euch ohne Sünde ist...«
    »Richtig. Und ich kann mir nicht helfen, es liegt so was Ermutigendes darin.
Und dieser Schelm von Tintoretto hat es auch ganz in diesem Sinne genommen. Sieh
nur...! Geweint hat sie... Gewiss... Aber warum? Weil man ihr immer wieder und
wieder gesagt hat, wie schlecht sie sei. Und nun glaubt sie's auch oder will es
wenigstens glauben. Aber ihr Herz wehrt sich dagegen und kann es nicht finden...
Und dass ich dir's gestehe, sie wirkt eigentlich rührend auf mich. Es ist soviel
Unschuld in ihrer Schuld... Und alles wie vorherbestimmt.«
    Melanie, während sie so sprach, war ernster geworden und von dem Bilde
zurückgetreten. Nun aber fragte sie: »Hast du schon einen Platz dafür?«
    »Ja, hier.« Und er wies auf eine Wandstelle neben seinem Schreibpult.
    »Ich dachte«, fuhr Melanie fort, »du würdest es in die Galerie schicken. Und
offen gestanden, es wird sich an diesem Pfeiler etwas sonderbar ausnehmen. Es
wird...«
    »Unterbrich dich nicht.«
    »Es wird den Witz herausfordern und die Bosheit, und ich höre schon Reiff
und Duquede medisieren, vielleicht auf deine Kosten und gewiss auf meine.«
    Van der Straaten hatte seinen Arm auf das Pult gelehnt und lächelte.
    »Du lächelst, und sonst lachst du doch, mehr, als gut ist, und namentlich
lauter, als gut ist. Es steckt etwas dahinter. Sage, was hast du gegen mich? Ich
weiss recht gut, du bist nicht so harmlos, wie du dich stellst. Und ich weiss
auch, dass es wunderliche Gemütlichkeiten gibt. Ich habe mal von einem russischen
Fürsten gelesen, ich glaube Suboff war sein Name. Eigentlich waren es zwei, zwei
Brüder. Die spielten Karten, und dann ermordeten sie den Kaiser Paul, und dann
spielten sie wieder Karten. Ich glaube beinah, du könntest auch so was! Und
alles mit gutem Gewissen und gutem Schlaf.«
    »Also darum König Ezel!« lachte van der Straaten.
    »O nein. Nicht darum. Als ich dich so hiess, war ich noch ein halbes Kind.
Und ich kannte dich damals noch nicht. Jetzt aber kenn ich dich und weiss nur
nicht, ob es etwas sehr Gutes oder etwas sehr Schlimmes ist, was in dir
steckt... Aber nun komm. Unser Kaffee ist kalt geworden.«
    Und sie gab ihren Platz am Fenster auf, setzte sich wieder auf ihren
hochlehnigen Stuhl und nahm Nadel und Kanevas und tat ein paar rasche Stiche.
Zugleich aber liess sie kein Auge von ihm, denn sie wollte wissen, was in seiner
Seele vorging.
    Und er wollt es auch nicht länger verbergen. War er doch ohnehin, aller
Freundschaft unerachtet, ohne Freund und Vertrauten, und so trieb es ihn denn,
angesichts dieses Bildes einmal aus sich herauszugehn.
    »Ich habe dich nie mit Eifersucht gequält, Lanni.«
    »Und ich habe dir nie Veranlassung dazu gegeben.«
    »Nein. Aber heute rot und morgen tot. Das heisst, alles wechselt im Leben.
Und sieh, als wir letzten Sommer in Venedig waren und ich dies Bild sah, da
stand es auf einmal alles deutlich vor mir. Und da war es denn auch, dass ich
Salviati bat, mir das Bild kopieren zu lassen. Ich will es vor Augen haben, so
als Memento mori, wie die Kapuziner, die sonst nicht mein Geschmack sind. Denn
sieh, Lanni, auch in ihrer Furcht unterscheiden sich die Menschen. Da sind
welche, die halten es mit dem Vogel Strauss und stecken den Kopf in den Sand und
wollen nichts wissen. Aber andere haben eine Neigung, ihr Geschick immer vor
sich zu sehen und sich mit ihm einzuleben. Sie wissen genau, den und den Tag
sterb ich, und sie lassen sich einen Sarg machen und betrachten ihn fleissig. Und
die beständige Vorstellung des Todes nimmt auch dem Tode schliesslich seine
Schrecken. Und sieh, Lanni, so will ich es auch machen, und das Bild soll mir
dazu helfen... Denn es ist erblich in unserm Haus... und so gewiss dieser
Zeiger...«
    »Aber Ezel«, unterbrach ihn Melanie, »was hast du nur? Ich bitte dich, wo
soll das hinaus? Wenn du die Dinge so siehst, so weiss ich nicht, warum du mich
nicht heut oder morgen einmauern lässt.«
    »An dergleichen hab ich auch schon gedacht. Und ich bekenne, Melanie die
Nonne klänge nicht übel, und es liesse sich eine Ballade darauf machen. Aber es
hilft zu nichts. Denn du glaubst gar nicht, was Liebende bei gutem Willen alles
durchsetzen. Und sie haben immer guten Willen.«
    »Oh, ich glaub es schon.«
    »Nun siehst du«, lachte van der Straaten, den diese scherzhafte Wendung
plötzlich wieder zu heiterer Laune stimmte. »So hör ich dich gern. Und zur
Belohnung: das Bild soll nicht an den Eckpfeiler, sondern wirklich in die
Galerie. Verlass dich darauf. Und um dir nichts zu verschweigen, ich hab auch
über all das so meine wechselnden und widerstreitenden Gedanken, und mitunter
denk ich: ich sterbe vielleicht drüber hin. Und das wäre das beste. Zeit
gewonnen, alles gewonnen. Es ist nichts Neues. Aber die trivialsten Sätze sind
immer die richtigsten.«
    »Dann vergiss auch nicht den, dass man den Teufel nicht an die Wand malen
soll!«
    Er nickte. »Da hast du recht. Und wir wollen's auch nicht und wollen diese
Stunde vergessen. Ganz und gar. Und wenn ich dich je wieder daran erinnere, so
sei's im Geiste des Friedens und zum Zeichen der Versöhnung. Lache nicht. Es
kommt, was kommen soll. Und wie sagtest du doch? Es sei soviel Unschuld in ihrer
Schuld...«
    »... Und vorherbestimmt, sagt ich. Prädestiniert...! Aber vorherbestimmt ist
heute, dass wir ausfahren, und das ist die Hauptsache. Denn ich brauche die Robe
viel, viel nötiger, als du den Tintoretto brauchst. Und ich war eigentlich eine
Törin und ein Kindskopf, dass ich alles so bitter ernstaft genommen und dir
jedes Wort geglaubt habe! Du hast das Bild haben wollen, c'est tout. Und nun
gehab dich wohl, mein Dänenprinz, mein Träumer. Sein oder Nichtsein...
Variationen von Ezechiel van der Straaten!«
    Und sie stand auf und lachte und stieg die kleine durchbrochene Treppe
hinauf, die, von van der Straatens Zimmer aus, in die Schlafzimmer des zweiten
Stockes führte.
 
                                Drittes Kapitel
                                  Logierbesuch
Van der Straaten, um es zu wiederholen, bewegte sich gern in dem Gegensatze von
derb und gefühlvoll, überhaupt in Gegensätzen, und so war es wenig
verwunderlich, dass das vor dem Tintoretto geführte Gespräch in seinem Herzen
nicht allzu lange nachtönte. Freilich auch nicht in dem seiner Frau. Nur solang
es geführt worden war, war Melanie wirklich überrascht gewesen, nicht um des
sentimentalen Tones willen, den sie kannte, sondern weil alles eine viel
persönlichere Richtung nahm als bei früheren Gelegenheiten. Aber nun war es
vorüber. Das Bild erhielt seinen Platz in der Galerie, man sah es nicht mehr,
und van der Straaten, wenn er ihm zufällig begegnete, lächelte nur in beinah
heiterer Resignation. Er besass eben ganz den fatalistischen Zug der Humoristen,
der sich verdoppelt, wenn sie nebenher auch noch Lebemänner sind.
    Es war eine belebte Saison gewesen; aber Ostern, trotzdem es spät fiel, lag
schon wieder zurück, und die Wochen waren wieder da, wo herkömmlich die Frage
verhandelt zu werden pflegte: »Wann ziehen wir hinaus?«
    »Bald«, sagte Melanie, die bereits die Tage zählte.
    »Aber die gestrengen Herren waren noch nicht da.«
    »Die regieren nicht lange.«
    »Zugestanden«, lachte van der Straaten. »Und um so lieber, als ich nur so
meine Hausherrschaft garantiert finde. Wenigstens mittelbar. Und immer noch
besser schwach regieren als gar nicht.«
    Diese Worte waren an einem der letzten Apriltage beim Frühstück gewechselt
worden, und es mochte Mittag sein, als der Kommerzienrat von seinem Comptoir aus
die Frau Kommerzienrätin bitten liess, mit ihrer Ausfahrt eine Viertelstunde
warten zu wollen, weil er ihr zuvor eine Mitteilung zu machen habe. Melanie liess
zurücksagen, »dass sie sich freuen würde, ihn zu sehen, und rechne danach auf
seine Begleitung«.
    In Courtoisien dieser Art, denen übrigens auch ein gelegentlicher Revers
nicht fehlte, hatten sich die van der Straatens seit Jahren eingelebt,
namentlich er, der nach seiner eignen Versicherung »dem adligen Hause de
Caparoux einiges Ritterdienstliche schuldig zu sein glaubte« und zu diesem
Ritterdienstlichen in erster Reihe Pünktlichkeit und Nichtwartenlassen zählte.
    So erschien er denn auch heute, bald nach erfolgter Anmeldung, im Zimmer
seiner Frau.
    Dieses Zimmer entsprach in seinen räumlichen Verhältnissen ganz dem ihres
Gatten, war aber um vieles heller und heiterer, einmal, weil die hohe
Paneelierung, aber mehr noch, weil die vielen nachgedunkelten Bilder fehlten.
Statt dieser vielen war nur ein einziges da: das Porträt Melanies in ganzer
Figur, ein wogendes Kornfeld im Hintergrund und sie selber eben beschäftigt, ein
paar Mohnblumen an ihren Hut zu stecken. Die Wände, wo sie frei waren, zeigten
eine weisse Seidentapete, tief in den Fensternischen erhoben sich
Hyazintenestraden, und vor einer derselben, auf einem zierlichen Marmortische,
stand ein blitzblankes Bauer, drin ein grauer Kakadu, der eigentliche Tyrann des
Hauses, sein von der Dienerschaft gleichmässig gehasstes und beneidetes Dasein
führte. Melanie sprach eben mit ihm, als Ezechiel in einer gewissen
humoristischen Aufgeregteit eintrat und seine Frau, nach vorgängiger
respektvoller Verneigung gegen den Kakadu, bis an ihren Sofaplatz zurückführte.
Dann schob er einen Fauteuil heran und setzte sich neben sie.
    Die Feierlichkeit, mit der all dies geschah, machte Melanie lachen.
    »Ist es doch, als ob du dich auf eine ganz besondere Beichte vorzubereiten
hättest. Ich will es dir aber leicht machen. Ist es etwas Altes? Etwas aus
deiner dunklen Vergangenheit...?«
    »Nein, Lanni, es ist etwas Gegenwärtiges.«
    »Nun, da will ich doch abwarten und mich zu keinem Generalpardon hinreissen
lassen. Und nun sage, was ist es?«
    »Eine Bagatelle.«
    »Was deine Verlegenheit bestreitet.«
    »Und doch eine Bagatelle. Wir werden einen Besuch empfangen oder vielmehr
einen Gast oder, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, einen Dauergast.
Also kurz und gut, denn was hilft es, es muss heraus: einen neuen Hausgenossen.«
    Melanie, die bis dahin ein Schokoladenbiskuit, das noch auf dem Teller lag,
zerkrümelt hatte, legte jetzt ihren Zeigefinger auf van der Straatens Hand und
sagte: »Und das nennst du eine Bagatelle? Du weisst recht gut, dass es etwas sehr
Ernstaftes ist. Ich habe nicht den Vorzug, ein Kind dieser eurer Stadt zu sein,
bin aber doch lange genug in eurer exquisiten Mitte gewesen, um zu wissen, was
es mit einem Logierbesuch auf sich hat. Schon das Wort, das sich sonst nirgends
findet, kann einen ängstlich machen. Und was ist ein Logierbesuch gegen eine
neue Hausgenossenschaft... Ist es eine Dame?«
    »Nein, ein Herr.«
    »Ein Herr. Ich bitte dich, Ezel...«
    »Ein Volontär, ältester Sohn eines mir befreundeten Frankfurter Hauses. War
in Paris und London, selbstverständlich, und kommt eben jetzt von New York, um
hier am Ort eine Filiale zu gründen. Vorher aber will er in unserem Hause die
Sitte dieses Landes kennenlernen, oder sag ich lieber wieder kennenlernen, weil
er sie draussen halb vergessen hat. Es ist ein besonderer Vertrauensakt. Ich bin
überdies dem Vater verpflichtet und bitte dich herzlich, mir eine Verlegenheit
ersparen zu wollen. Ich denke, wir geben ihm die zwei leerstehenden Zimmer auf
dem linken Korridor.«
    »Und zwingen ihn also, einen Sommer lang auf die Fliesen unseres Hofes und
auf Christels Geraniumtöpfe hinunterzusehen.«
    »Es kann nicht die Rede davon sein, mehr zu geben, als man hat. Und er
selbst wird es am wenigsten erwarten. Alle Personen, die viel in der Welt umher
waren, pflegen am gleichgiltigsten gegen derlei Dinge zu sein. Unser Hof bietet
freilich nicht viel; aber was hätt er Besseres in der Front? Ein Stück
Kirchengitter mit Fliederbusch und an Markttagen die Hasenbude.«
    »Eh bien, Ezel. Faisons le jeu. Ich hoffe, dass nichts Schlimmes dahinter
lauert, keine Konspirationen, keine Pläne, die du mir verschweigst. Denn du bist
eine versteckte Natur. Und wenn es deine Geheimnisse nicht stört, so möcht ich
schliesslich wenigstens den Namen unseres neuen Hausgenossen hören.«
    »Ebenezer Rubehn...«
    »Ebenezer Rubehn«, wiederholte Melanie langsam und jede Silbe betonend. »Ich
bekenne dir offen, dass mir etwas Christlich-Germanisches lieber gewesen wäre.
Viel lieber. Als ob wir an deinem Ezechiel nicht schon gerade genug hätten! Und
nun Ebenezer. Ebenezer Rubehn! Ich bitte dich, was soll dieser Accent grave,
dieser Ton auf der letzten Silbe? Suspekt, im höchsten Grade suspekt!«
    »Du musst wissen, er schreibt sich mit einem h.«
    »Mit einem h! Du wirst doch nicht verlangen, dass ich dies h für echt und
ursprünglich nehmen soll? Einschiebsel, versuchte Leugnung des Tatsächlichen,
absichtliche Verschleierung, hinter der ich nichtsdestoweniger alle zwölf Söhne
Jakobs stehen sehe. Und er selber als Flügelmann.«
    »Und doch irrst du, Lanni. Wie stand es denn mit Rubens? Ich meine mit dem
grossen Peter Paul ? Nun, der hatte freilich ein s. Aber was dem s recht ist, ist
dem h billig. Und kurz und gut, er ist getauft. Ob durch einen Bischof, stehe
dahin; ich weiss es nicht und wünsch es nicht, denn ich möcht etwas vor ihm
voraushaben. Aber allen Ernstes, du tust ihm unrecht. Er ist nicht bloss
christlich, er ist auch protestantisch, so gut wie du und ich. Und wenn du noch
zweifelst, so lasse dich durch den Augenschein überzeugen.«
    Und hierbei versuchte van der Straaten aus einem kleinen gelben Couvert, das
er schon bereitielt, eine Visitenkarten-Photographie herauszunehmen. Aber
Melanie litt es nicht und sagte nur in immer wachsender Heiterkeit: »Sagtest du
nicht New York? Sagtest du nicht London? Ich war auf einen Gentleman gefasst, auf
einen Mann von Welt, und nun schickt er sein Bildnis, als ob es sich um ein
Rendezvous handelte. Krugs Garten, mit einer Verlobung im Hintergrund.«
    »Und doch ist er unschuldig. Glaube mir. Ich wollte sichergehen, um
deinetwillen sichergehen, und deshalb schrieb ich an den alten Goeschen, Firma
Goeschen, Goldschmidt und Co.; diskreter alter Herr. Und daher stammt es. Ich
bin schuld, nicht er, wahr und wahrhaftig, und wenn du mir das Wort gestattest,
sogar auf Ehre.«
    Melanie nahm das Couvert und warf einen flüchtigen Blick auf das
eingeschlossene Bild. Ihre Züge veränderten sich plötzlich, und sie sagte: »Ah,
der gefällt mir. Er hat etwas Distinguiertes: Offizier in Zivil oder
Gesandtschaftsattaché! Das lieb ich. Und nun gar ein Bändchen. Ist es die
Ehrenlegion?«
    »Nein, du kannst es näher suchen. Er stand bei den fünften Dragonern und hat
für Chartres und Poupry das Kreuz empfangen.«
    »Ist das eine Schlacht von deiner Erfindung?«
    »Nein. Dergleichen kommt vor, und als freie Schweizerin solltest du wissen,
dass fremde Sprachen nicht immer gebührende Rücksicht auf die verpönten
Klangformen einer anderen nehmen. Ja, Lanni, ich bin mitunter besser als mein
Ruf.«
    »Und wann dürfen wir unseren neuen Hausfreund erwarten?«
    »Hausgenossen«, verbesserte van der Straaten. »Es ist nicht nötig, ihn, mit
Rücksicht auf seine militärische Charge, so Hals über Kopf avancieren zu lassen.
Übrigens ist er verlobt, oder so gut wie verlobt.«
    »Schade.«
    »Schade? Warum?«
    »Weil Verlobte meistens langweilig sind. Sind sie beisammen, so sind sie
zärtlich, bedrückend zärtlich für ihre Umgebung, und sind sie getrennt, so
schreiben sie sich Briefe oder bereiten sich in ihrem Gemüte darauf vor. Und der
Bräutigam ist immer der schlimmere von beiden. Und will man sich gar in ihn
verlieben, so heisst das nicht mehr und nicht weniger als zwei Lebenskreise
stören.«
    »Zwei?«
    »Ja, Bräutigam und Braut.«
    »Ich hätte drei gezählt«, lachte van der Straaten. »Aber so seid ihr. Ich
wette, du hast den dritten in Gnaden vergessen. Ehemänner zählen überhaupt nicht
mit. Und wenn sie sich darüber wundern, so machen sie sich ridikül. Ich werde
mich übrigens davor hüten, den Mohren der Weltgeschichte, das seid ihr,
weisswaschen zu wollen. Apropos, kennst du das Bild Die Mohrenwäsche?«
    »Ach, Ezel, du weisst ja, ich kenne keine Bilder. Und am wenigsten alte.«
    »Süsse Simplicitas aus dem Hause de Caparoux«, jubelte van der Straaten, der
nie glücklicher war, wie wenn Melanie sich eine Blösse gab oder auch klugerweise
nur so tat. »Altes Bild! Es ist nicht älter als ich.«
    »Nun, dann ist es gerade alt genug.«
    »Bravissimo. Sieh, so hab ich dich gern. Übermütig und boshaft. Und nun
sage, was beginnen wir, wohin gondeln wir?«
    »Ich bitte dich, Ezel, nur keine Berolinismen. Du hast mir doch gestern
erst...«
    »Und ich halt es auch. Aber wenn mir wohl ums Herze wird, da bricht es
wieder durch. Und jetzt komm, wir wollen zu Haas und uns einen Teppich ansehn...
Gerade alt genug... Vorzüglich, vorzüglich... Und nun sage, Papchen, wie heisst
die schönste Frau im Land?«
    »Melanie.«
    »Und die liebste, die klügste, die beste Frau?«
    »Melanie, Melanie.«
    »Gut, gut... Und nun gehab dich wohl, du Menschenkenner!«
 
                                Viertes Kapitel
                               Der engere Zirkel
Die »drei gestrengen Herren« waren ganz ausnahmsweise streng gewesen, aber nicht
zu Verdruss beider van der Straatens, die vielmehr nun erst wussten, dass der
Winter all seine Pfeile verschossen und unweigerlich und ohne weitere
Widerstandsmöglichkeit seinen Rückzug angetreten habe. Nun erst konnte man
freien Herzens hinaus, hinaus ohne Sorge vor frostigen Vormittagen oder gar vor
Eingeschneitwerden über Nacht. Alles freute sich auf den Umzug, auch die Kinder,
am meisten aber van der Straaten, der, um ihn selber sprechen zu lassen, »unter
allen vorkommenden Geburtsszenen einzig und allein der des Frühlings beizuwohnen
liebte«. Vorher aber sollte noch ein kleines Abschiedsdiner stattfinden, und
zwar unter ausschliesslicher Heranziehung des dem Hause zunächststehenden
Kreises.
    Es war das, übrigens von mehr verwandtschaftlicher als befreundeter Seite
her, in erster Reihe der in der Alsenstrasse wohnende Major von Gryczinski, ein
noch junger Offizier mit abstehendem, englisch gekräuseltem Backenbart und
klugen blauen Augen, der vor etwa drei Jahren die reizende Jacobine de Caparoux
heimgeführt hatte, eine jüngere Schwester Melanies und nicht voll so schön wie
diese, aber rotblond, was, in den Augen einiger, das Gleichgewicht zwischen
beiden wiederherstellte. Gryczinski war Generalstäbler und hielt, wie jeder
dieses Standes, an dem Glauben fest, dass es in der ganzen Welt nicht zwei so
grundverschiedene Farben gäbe wie das allgemeine preussische Militär-Rot und das
Generalstabs-Rot. Dass er den Strebern zugehörte, war eine selbstverständliche
Sache, wohl aber verdient es, in Rücksicht gegen den Ernst der Historie, schon
an dieser Stelle hervorgehoben zu werden, dass er, alles Strebertums unerachtet,
in allen nicht zu verlockenden Fällen ein bescheidenes Mass von Rücksichtsnahme
gelten liess und den Kampf ums Dasein nicht absolut als einen Übergang über die
Beresina betrachtete. Wie sein grosser Chef war er ein Schweiger, unterschied
sich aber von ihm durch ein beständiges, jeden Sprecher ermutigendes Lächeln,
das er, alle nutzlose Parteinahme klug vermeidend, über Gerechte und Ungerechte
gleichmässig scheinen liess.
    Gryczinski, wie schon angedeutet, war mehr Verwandter als Freund des Hauses.
Unter diesen letzteren konnte der Baron Duquede, Legationsrat a. D., als der
angesehenste gelten. Er war über sechzig, hatte bereits unter van der Straatens
Vater dem damals ausgedehnteren Kreise des Hauses angehört und durfte sich, wie
um anderer Qualitäten so auch schon um seiner Jahre willen, seinem
hervorstechendsten Charakterzuge, dem des Absprechens, Verkleinerns und
Verneinens, ungehindert hingeben. Dass er, in Folge davon, den Beinamen »Herr
Negationsrat« erhalten hatte, hatte selbstverständlich seine milzsüchtige
Krakeelerei nicht zu bessern vermocht. Er empörte sich eigentlich über alles, am
meisten über Bismarck, von dem er seit 66, dem Jahre seiner eigenen
Dienstentlassung, unaufhörlich versicherte, »dass er überschätzt werde«. Von
einer beinah gleichen Empörung war er gegen das zum Französieren geneigte
Berlinertum erfüllt, das ihn, um seines »qu« willen, als einen Kolonie-Franzosen
ansah und seinen altmärkischen Adelsnamen nach der Analogie von Admiral Duquesne
auszusprechen pflegte. »Was er sich gefallen lassen könne«, hatte Melanie
hingeworfen, von welchem Tag an eine stille Gegnerschaft zwischen beiden
herrschte.
    Dem Legationsrat an Jahren und Ansehn am nächsten stand Polizeirat Reiff,
ein kleiner behäbiger Herr mit roten und glänzenden Backenknochen, auch
Feinschmecker und Geschichtenerzähler, der, solange die Damen bei Tische waren,
kein Wasser trüben zu können schien, im Moment ihres Verschwindens aber in
Anekdoten exzellierte, wie sie, nach Zahl und Inhalt, immer nur einem Polizeirat
zu Gebote stehn. Selbst van der Straaten, dessen Talente doch nach derselben
Seite hin lagen, erging sich dann in lautem und mitunter selbst stürmischem
Beifall oder zwinkerte seinen Tischnachbarn seine neidlose Bewunderung zu.
    Diese Tischnachbarn waren in der Regel zwei Maler: der Landschafter Arnold
Gabler, ebenfalls, wie Reiff und der Legationsrat, ein Erbstück aus des Vaters
Tagen her, und Elimar Schulze, Porträt- und Genremaler, der sich erst in den
letzten Jahren angefunden hatte. Seine Zugehörigkeit zu der vorgeschilderten
Tafelrunde basierte zumeist auf dem Umstande, dass er nur ein halber Maler, zur
andern Hälfte aber Musiker und entusiastischer Wagnerianer war, auf welchen
»Titul« hin, wie van der Straaten sich ausdrückte, Melanie seine Aufnahme
betrieben und durchgesetzt hatte. Die bei dieser Gelegenheit abgegebene
Bemerkung ihres Eheherrn, »dass er gegen den Aufzunehmenden nichts einzuwenden
habe, wenn er einfach übertreten und seine Zugehörigkeit zu der
alleinseligmachenden Musik offen und ehrlich aussprechen wolle«, war von dem
immer gutgelaunten Elimar mit der Bitte beantwortet worden, »ihm diesen Schritt
erlassen zu wollen, und zwar einfach deshalb, weil doch schliesslich nur das
Gegenteil von dem Gewünschten dabei herauskommen würde. Denn während er jetzt
als Maler allgemein für einen Musiker gehalten werde, werd er als Musiker
sicherlich für einen Maler gehalten und dadurch, vom Standpunkte des Herrn
Kommerzienrats aus, in die relativ höhere Rangstufe wieder hinaufgehoben
werden.«
    Diesem Verwandten- und Freundeskreise waren die zu heute sieben Uhr
Geladenen entnommen. Denn van der Straaten liebte die Spät-Diners und erging
sich mitunter in nicht üblen Bemerkungen über den gewaltigen Unterschied
zwischen einer um vier Uhr künstlich hergestellten und einer um sieben Uhr
natürlich erwachsenen Dunkelheit. Eine künstliche Vier-Uhr-Dunkelheit sei nicht
besser als ein junger Wein, den man in einen Rauchfang gehängt und mit Spinnweb
umwickelt habe, um ihn alt und ehrwürdig erscheinen zu lassen. Aber eine feine
Zunge schmecke den jungen Wein und ein feines Nervensystem schmecke die junge
Dunkelheit heraus. Bemerkungen, die, namentlich in ihrer »das feine
Nervensystem« betonenden Schlusswendung, von Melanie regelmässig mit einem
allerherzlichsten Lachen begleitet wurden.
    Das van der Straatensche Stadtaus - wodurch es sich, neben anderem, von der
mit allem Komfort ausgestatteten Tiergarten-Villa unterschied - hatte keinen
eigentlichen Speisesaal, und die zwei grossen und vier kleinen Diners, die sich
über den Winter hin verteilten, mussten in dem ersten, als Entree dienenden
Zimmer der grossen Gemäldegalerie gegeben werden. Es griff dieser Teil der
Galerie noch aus dem rechten Seitenflügel in das Vorderhaus über und lag
unmittelbar hinter Melanies Zimmer, aus dem denn auch, sobald die breiten
Flügeltüren sich öffneten, der Eintritt stattfand.
    Und wie gewöhnlich, so auch heute. Van der Straaten nahm den Arm seiner
blonden Schwägerin, Duquede den Melanies, während die vier anderen Herren
paarweise folgten, eine herkömmliche Form des Aufmarsches, bei der der Major
ebenso geschickt zwischen den beiden Malern zu wechseln als den Polizeirat zu
vermeiden wusste. Denn so bereit und ergeben er war, die Geschichten Reiffs bei
Tag oder Nacht über sich ergehen zu lassen, so konnt er sich doch nicht
entschliessen, ihm ebenbürtig den Arm zu bieten. Er stand vielmehr ganz in den
Anschauungen seines Standes und bekannte sich, mit einem durch persönliches
Fühlen unterstützten Nachdruck, zu dem alten Gegensatze von Militär und Polizei.
    Jeder der Eintretenden war an dieser Stelle zu Haus und hatte keine
Veranlassung mehr zum Staunen und Bewundern. Wer aber zum ersten Male hier
eintrat, der wurde sicherlich durch eine Schönheit überrascht, die gerade darin
ihren Grund hatte, dass der als Speisesaal dienende Raum kein eigentlicher
Speisesaal war. Ein reichgegliederter Kronleuchter von französischer Bronze warf
seine Lichter auf eine von guter italienischer Hand herrührende, prächtig
eingerahmte Kopie der Veronesischen »Hochzeit zu Cana«, die von Uneingeweihten
auch wohl ohne weiteres für das Original genommen wurde, während daneben zwei
Stilleben in fast noch grösseren und reicheren Barockrahmen hingen. Es waren, von
einiger vegetabilischer Zutat abgesehen, Hummer, Lachs und blaue Makrelen, über
deren absolute Naturwahrheit sich van der Straaten in der ein für allemal
gemünzten Bewunderungsformel ausliess, »es werd ihm, als ob er taschentuchlos
über den Cöllnischen Fischmarkt gehe«.
    Nach hinten zu stand das Buffet, und daneben war die Tür, die mit der im
Erdgeschoss gelegenen Küche bequeme Verbindung hielt.
 
                                Fünftes Kapitel
                                   Bei Tisch
»Nehmen wir Platz«, sagte van der Straaten. »Meine Frau hat mich aller
Placierungsmühen überhoben und Karten gelegt.«
    Und dabei nahm er eine derselben in die Hand und liess sein von Natur gutes
und durch vieles Sehen kunstgeübtes Auge darüber hingleiten. »Ah, ah, sehr gut.
Das ist Tells Geschoss. Gratuliere, Elimar. Allerliebst, allerliebst. Natürlich
Amor, der schiesst. Dass ihr Maler doch über diesen ewigen Schützen nicht
wegkommen könnt.«
    »Gegen dessen Abschaffung oder Dienstentlassung wir auch feierlich
protestieren würden«, sagte die rotblonde Schwester.
    Alle hatten sich inzwischen placiert, und es ergab sich, dass Melanie, bei
der von ihr getroffenen Anordnung, vom Herkömmlichen abgewichen war. Van der
Straaten sass zwischen Schwägerin und Frau, ihm gegenüber der Major, von Gabler
und Elimar flankiert, an den Schmalseiten aber Polizeirat Reiff und Legationsrat
Duquede.
    Die Suppe war eben genommen und der im kommerzienrätlichen Hause von alter
Zeit her berühmte Montefiascone gerade herumgereicht, als van der Straaten sich
über den Tisch hin zu seinem Schwager wandte.
    »Gryczinski, Major und Schwager«, hob er leicht und mit überlegener
Vertraulichkeit an, »binnen heut und drei Monaten haben wir Krieg. Ich bitte
dich, sage nicht nein, wolle mir nicht widersprechen. Ihr, die ihr's schliesslich
machen müsst, erfahrt es erfahrungsmässig immer am spätesten. Im Juni haben wir
die Sache wieder fertig oder wenigstens eingerührt. Es zählt jetzt zu den
sogenannten berechtigten Eigentümlichkeiten preussischer Politik, allen
Geheimräten, wozu, in allem was Karlsbad und Teplitz angeht, auch die
Kommerzienräte gehören, ihre Brunnen- und Badekur zu verderben. Helgoland mit
eingeschlossen. Ich wiederhole dir, in zwei Monaten haben wir die Sache fertig,
und in drei haben wir den Krieg. Irgendwas Benedettihaftes wird sich doch am
Ende finden lassen, und Ems liegt unter Umständen überall in der Welt.«
    Gryczinski zwirbelte mit der Linken an der breitesten Stelle seines
Backenbartes und sagte: »Schwager, du stehst zu sehr unter Börsengerüchten, um
nicht zu sagen unter dem Einfluss der Börsenspekulation. Ich versichere dich, es
ist kein Wölkchen am Horizont, und wenn wir zur Zeit wirklich einen Kriegsplan
ausarbeiten, so betrifft er höchstens die hypotetische Bestimmung der Stelle,
wo Russland und England zusammenstossen und ihre grosse Schlacht schlagen werden.«
    Beide Damen, die von der entschiedensten Friedenspartei waren, die brünette,
weil sie nicht gern das Vermögen, die blonde, weil sie nicht gern den Mann
einbüssen wollte, jubelten dem Sprecher zu, während der Polizeirat, immer kleiner
werdend, bemerkte: »Bitte dem Herrn Major meine gehorsamste Zustimmung
aussprechen zu dürfen, und zwar von ganzem Herzen und von ganzem Gemüte.« Wobei
gesagt werden muss, dass er mit Vorliebe von seinem Gemüte sprach. »Überhaupt«,
fuhr er fort, »nichts falscher und irriger, als sich Seine Durchlaucht den
Fürsten, einen in Wahrheit friedliebenden Mann, als einen Kanonier mit ewig
brennender Lunte vorzustellen, jeden Augenblick bereit, das Kruppsche
Monstregeschütz eines europäischen Krieges auf gut Glück hin abzufeuern. Ich
sage, nichts falscher und irriger als das. Hasardieren ist die Lust derer, die
nichts besitzen, weder Vermögen noch Ruhm. Und der Fürst besitzt beides. Ich
wette, dass er nicht Lust hat, seinen hochaufgespeicherten Doppelschatz immer
wieder auf die Kriegskarte zu setzen. Er gewann 64 (nur eine Kleinigkeit),
dublierte 66 und triplierte 70, aber er wird sich hüten, sich auf ein six-le-va
einzulassen. Er ist ein sehr belesener Mann und kennt ohne Zweifel das Märchen
vom Fischer un sine Fru...«
    »... dessen pikante Schlusswendung uns unser polizeirätlicher Freund
hoffentlich nicht vorentalten will«, bemerkte van der Straaten, in dem sich der
Übermut der Tafelstimmung bereits zu regen begann.
    Aber der Polizeirat, während er sich wie zur Gewährleistung jeder Sicherheit
gegen die Damen hin verneigte, liess das Märchen und seine notorische Schlusszeile
fallen und sagte nur: »Wer alles gewinnen will, verliert alles. Und das Glück
ist noch launenhafter als die Damen. Ja, meine Damen, als die Damen. Denn die
Launenhaftigkeit, ich lebe selbst in einer glücklichen Ehe, ist das Vorrecht und
der Zauber ihres Geschlechts. Der Fürst hat Glück gehabt, aber gerade weil er es
gehabt hat...«
    »... wird er sich hüten, es zu versuchen«, schloss mit ironischer Emphase der
Legationsrat. »Aber, wenn er es dennoch täte? He? Der Fürst hat Glück gehabt,
versichert uns unser Freund Reiff mit polizeirätlich unschuldiger Miene. Glück
gehabt! Allerdings. Und zwar kein einfaches und gewöhnliches, sondern ein
stupendes, ein nie dagewesenes Glück. Eines, das in seiner kolossalen Grösse den
Mann selber wegfrisst und verschlingt. Und sowenig ich geneigt bin, ihm dies
Glück zu missgönnen, ich kenne keine Missgunst, so reizt es mich doch, einen
Heroenkultus an dieses Glück geknüpft zu sehen. Er wird überschätzt, sag ich.
Glauben Sie mir, er hat etwas Plagiatorisches. Es mögen sich Erklärungen finden
lassen, meinetwegen auch Entschuldigungen, eines aber bleibt: er wird
überschätzt. Ja, meine Freunde, den Heroenkultus haben wir, und den Götterkultus
werden wir haben. Bildsäulen und Denkmäler sind bereits da, und die Tempel
werden kommen. Und in einem dieser Tempel wird sein Bildnis sein, und Göttin
Fortuna ihm zu Füssen. Aber man wird es nicht den Fortunatempel nennen, sondern
den Glückstempel. Ja, den Glückstempel, denn es wird darin gespielt, und unser
vorsichtiger Freund Reiff hat es mit seinem six-le-va, das über kurz oder lang
kommen wird, besser getroffen, als er weiss. Alles Spiel und Glück, sag ich, und
daneben ein unendlicher Mangel an Erleuchtung, an Gedanken und vor allem an
grossen schöpferischen Ideen.«
    »Aber lieber Legationsrat«, unterbrach hier van der Straaten, »es liegen
doch einige Kleinigkeiten vor: Exmittierung Österreichs, Aufbau des Deutschen
Reichs...«
    »... Ekrasierung Frankreichs und Detronisierung des Papstes! Pah, van der
Straaten, ich kenne die ganze Litanei. Wem aber haben wir dafür zu danken, wenn
überhaupt dafür zu danken ist? Wem? Einer ihm feindlichen Partei, feindlich ihm
und mir, einer Partei, der er ihren Schlachtruf genommen hat. Er hat etwas
Plagiatorisches, sag ich, er hat sich die Gedanken anderer einfach angeeignet,
gute und schlechte, und sie mit Hilfe reichlich vorhandener Mittel in Taten
umgesetzt. Das konnte schliesslich jeder, jeder von uns: Gabler, Elimar, du, ich,
Reiff...«
    »Ich möchte doch bitten...«
    »In Taten umgesetzt«, wiederholte Duquede. »Ein Umsatz und Wechselgeschäft,
das ich hasse, solange nicht der selbsteigne Gedanke dahintersteht. Aber Taten
mit gar keiner oder mit erheuchelter oder mit erborgter Idee haben etwas Rohes
und Brutales, etwas Dschingiskhanartiges. Und ich wiederhole, ich hasse solche
Taten. Am meisten aber hass ich sie, wenn sie die Begriffe verwirren und die
Gegensätze mengen und wenn wir es erleben müssen, dass sich hinter den
altehrwürdigen Formen unseres staatserhaltenden Prinzips, hinter der Maske des
Konservatismus, ein revolutionärer Radikalismus birgt. Ich sage dir, van der
Straaten, er segelt unter falscher Flagge. Und eines seiner einschlägigsten
Mittel ist der beständige Flaggenwechsel. Aber ich hab ihn erkannt und weiss, was
seine eigentliche Flagge ist...«
    »Nennen...«
    »Die schwarze.«
    »Die Piratenflagge?«
    »Ja. Und Sie werden dessen über kurz oder lang alle gewahr werden. Ich sage
dir, van der Straaten, und Ihnen, Elimar, und Ihnen, Reiff, der Sie's morgen in
Ihr schwarzes Buch eintragen können, meinetwegen, denn ich bin ein altmärkischer
Edelmann und habe den Dienst dieses mir widerstrebenden Eigennützlings längst
quittiert, ich sag es jedem, alt oder jung: sehen Sie sich vor. Ich warne Sie
vor Täuschung, vor allem aber vor Überschätzung dieses falschen Ritters, dieses
Glücks-Tempelherrn, an den die blöde Menge glaubt, weil er die Jesuiten aus dem
Lande geschafft hat. Aber wie steht es damit? Die Bösen sind wir los, der Böse
ist geblieben.«
    Gryczinski hatte mit vornehmem Lächeln zugehört, van der Straaten indes,
der, trotzdem er eigentlich ein Bismarck-Schwärmer war, in seiner Eigenschaft
als kritiksüchtiger Berliner nichts Reizenderes kannte als
Grössen-Niedermetzelung und Generalnivellierung, immer vorausgesetzt, dass er
selber als einsam überragender Bergkegel übrigblieb, grüsste zu Duquede hinüber
und rief einem der Diener zu, dem Legationsrat, der sich geopfert habe, noch
einmal von der letzten Schüssel zu präsentieren.
    »Eine spanische Zwiebel, Duquede. Nimm. Das ist etwas für dich. Scharf,
scharf. Ich mache mir nicht viel aus Spanien, aber um zweierlei beneid ich es:
um seine Zwiebeln und um seinen Murillo.«
    »Überrascht mich«, sagte Gabler. »Und am meisten überrascht mich die dir
entschlüpfte Murillo-, will also sagen Madonnen-Bewundrung.«
    »Nicht entschlüpft, Arnold, nicht entschlüpft. Ich unterscheide nämlich, wie
du wissen solltest, kalte und warme Madonnen. Die kalten sind mir allerdings
verhasst, aber die warmen hab ich desto lieber. A la bonne heure, die berauschen
mich, und ich fühl es in allen Fingerspitzen, als ob es elfer Rheinwein wäre.
Und zu diesen glühenden und sprühenden zahl ich all diese spanischen Immaculatas
und Concepciones, wo die Mutter Gottes auf einer Mondsichel steht, und um ihr
dunkles Gewand her leuchten goldene Wolken und Engelsköpfe. Ja, Reiff,
dergleichen gibt es. Und so blickt sie brünstig, oder sagen wir lieber
inbrünstig, gen Himmel, als wolle die Seele flügge werden in einem Brütofen von
Heiligkeit.«
    »In einem Brütofen von Heiligkeit«, wiederholte der Polizeirat, in dessen
Augen es heimlich und verstohlen zu zwinkern begann. »In einem Brütofen! Oh, das
ist magnifique, das ist herrlich, und eine Andeutung, die jeder von uns, nach
dem Masse seiner Erkenntnis, interpretieren und weiterspinnen kann.«
    Beide junge Frauen, einigermassen überrascht, ihren sonst so zurückhaltenden
Freund auf dieser Messerschneide balancieren zu sehen, trafen sich mit ihren
Blicken, und Melanie, rasch erkennend, dass es sich jeden Moment um eine jener
Katastrophen handeln könne, wie sie bei den kommerzienrätlichen Diners eben
nicht allzu selten waren, suchte vor allem von dem heiklen Murillo-Tema
loszukommen, was, bei van der Straatens Eigensinn, allerdings nur durch eine
geschickte Diversion geschehen konnte. Und solche gelang denn auch momentan,
indem Melanie mit anscheinender Unbefangenheit bemerkte: »Van der Straaten wird
mich auslachen, in Bild- und Malerfragen eine Meinung haben zu wollen. Aber ich
muss ihm offen bekennen, dass ich mich, wenn seine gewagte Madonnen-Einteilung
überhaupt akzeptiert werden soll, ohne weiteres für eine von ihm ignorierte
Mittelgruppe, nämlich für die temperierten, entscheiden würde. Die Tizianischen
scheinen mir diese wohltuend gemässigte Temperatur zu haben. Ich lieb ihn
überhaupt.«
    »Ich auch, Melanie. Brav, brav. Ich hab es immer gesagt, dass ich noch einen
Kunstprofessor in dir grossziehe. Nicht wahr, Arnold, ich hab es gesagt? Beschwör
es. Eine Schwurbibel ist nicht da, aber wir haben Reiff, und ein Polizeirat ist
immer noch ebensogut wie ein Evangelium. Du lachst, Schwager; natürlich; ihr
merkt es nicht, aber wir. Übrigens hat Reiff ein leeres Glas. Und Elimar auch.
Friedrich, alter Pomuchelskopf, steh nicht in Liebesgedanken. Allons enfants. Wo
bleibt der Mouet? Flink, sag ich. Bei den Gebeinen des unsterblichen Roller, ich
lieb es nicht, meinen Champagner in den letzten fünf Minuten in kümmerlicher
Renommage schäumen zu sehen.
    Und noch dazu in diesen vermaledeiten Spitzgläsern, mit denen ich nächstens
kurzen Prozess machen werde. Das sind Rechnungsrats-, aber nicht
Kommerzienratsgläser. Übrigens mit dem Tizian hast du doch unrecht. Das heisst
halb. Er versteht sich auf alles mögliche, nur nicht auf Madonnen. Auf Frau
Venus versteht er sich. Das ist seine Sache. Fleisch, Fleisch. Und immer lauert
irgendwo der kleine liebe Bogenschütze. Pardon, Elimar, ich bin nicht für
Massen-Amors auf Tischkarten, aber für den Einzel-Amor bin ich, und ganz
besonders für den des Tizianischen roten Ruhebetts mit zurückgezogener grüner
Damastgardine. Ja, meine Herrschaften, da gehört er hin, und immer ist er wieder
reizend, ob er ihr zu Häupten oder zu Füssen sitzt, ob er hinter dem Bett oder
der Gardine hervorkuckt, ob er seinen Bogen eben gespannt oder eben abgeschossen
hat. Und was ist vorzuziehen? Eine feine Frage, Reiff. Ich denke mir, wenn er
ihn spannt... Und diese ruhende linke Hand mit dem ewigen Spitzentaschentuch.
Oh, superbe. Ja, Melanie, den Tag will ich deine Bekehrung feiern, wo du mir
zugestehst: Suum cuique, dem Tizian die Venus und dem Murillo die Madonna.«
    »Ich fürchte, van der Straaten, da wirst du lange zu warten haben, und am
längsten auf meine Murillo-Bekehrung. Denn diese gelben Dunstwolken, aus denen
etwas inbrünstig Gläubiges in seelisch-sinnlicher Verzückung aufsteigt, sind mir
unheimlich. Es hat die Grenze des Bezaubernden überschritten, und statt des
Bezaubernden find ich etwas Behexendes darin.«
    Gryczinski nickte leise der Schwägerin zu, während jetzt Elimar das Glas
erhob und um Erlaubnis bat, nach dem eben gehörten Wort einer echt deutschen
Frau (»Französin«, schrie van der Straaten dazwischen), auf das Wohl der schönen
und liebenswürdigen Dame des Hauses anstossen zu dürfen. Und die Gläser klangen
zusammen. Aber in ihren Zusammenklang mischte sich für die schärfer Hörenden
schon etwas wie Zittern und Missakkord, und ehe noch das allgemeine Lächeln
verflogen war (das des Polizeirats hielt sich am längsten), brach van der
Straaten durch alle bis dahin mühsam eingehaltenen Gehege durch und debütierte
mal wieder ganz als er selbst. Er sei, so hob er an, leider nicht in der Lage,
der für die »Frau Kommerzienrätin« gewiss höchst wertvollen Zustimmung seines
Freundes Elimar Schulze (wobei er Vor- und Zunamen gleich ironisch betonte)
seinerseits zustimmen zu können. Es gäbe freilich einen Gegensatz von
Bezauberung und Behexung, aber manches in der Welt gelte für Behexung, was
Bezauberung, und noch mehr gelte für Bezauberung, was Behexung sei. Und er bitte
sagen zu dürfen, dass er es seinerseits mit der Konsequenz halte und mit Farbe
bekennen, und nicht mit heute so und morgen so. Am verdriesslichsten aber sei ihm
zweierlei Mass.
    Er hielt hier einen Augenblick inne und war vielleicht überhaupt gewillt, es
bei diesen Allgemeinsätzen bewenden zu lassen. Aber die junge Gryczinska, die
sich, nach Art aller Schwägerinnen, etwas herausnehmen durfte, sah ihn jetzt, in
plötzlich wiedererwachtem Mute, keck und zuversichtlich an und bat ihn, aus
seinen Orakelsprüchen heraus und zu bestimmteren Erklärungen übergehn zu wollen.
    »O gewiss, meine Gnädigste«, sagte der jetzt immer hitziger werdende van der
Straaten. »O gewiss, mein geliebtes Rotblond. Ich stehe zu Befehl und will aus
allem Orakulosen und Mirakulosen heraus und will in die Trompete blasen, dass ihr
aus eurer Dämmerung und meinetwegen auch aus eurer Götterdämmrung erwachen
sollt, als ob die Feuerwehr vorüberführe.«
    »Ah«, sagte Melanie, die jetzt auch ihrerseits alle Ruhe zu verlieren
begann. »Also da hinaus soll es.«
    »Ja, süsser Engel, da hinaus. Da. Ihr stellt euch stolz und gemütlich auf die
Höhen aller Kunst und zieht als reine Casta diva am Himmel entlang, als ob ihr
von Ozon und Keuschheit leben wolltet. Und wer ist euer Abgott? Der Ritter von
Bayreut, ein Behexer, wie es nur je einen gegeben hat. Und an diesen Tannhäuser
und Venusberg-Mann setzt ihr, als ob ihr wenigstens die Voggenhuber wäret, eurer
Seelen Seligkeit und singt und spielt ihn morgens, mittags und abends. Oder
dreimal täglich, wie auf euren Pillenschachteln steht. Und euer Elimar immer
mit. Und sein ewiger Samtrock wird ihn auch nicht retten. Nicht ihn und nicht
euch. Oder wollt ihr mir das alles als himmlischen Zauber kredenzen? Ich sag
euch, fauler Zauber. Und das ist es, was ich zweierlei Mass genannt habe. Den
Murillo-Zauber möchtet ihr zu Hexerei stempeln, und die Wagner-Hexerei möchtet
ihr in Zauber verwandeln. Ich aber sag euch, es liegt umgekehrt, und wenn es
nicht umgekehrt liegt, so sollt ihr mir wenigstens keinen Unterschied machen.
Denn es ist schliesslich alles ganz egal und, mit Permission zu sagen, alles
Jacke...«
    Der aus der vergleichendsten Kleidersprache genommene Berolinismus, mit dem
er seinen Satz abzuschliessen gedachte, wurd auch wirklich gesprochen, aber er
verklang in einem Getöse, das der Major durch einen geschickt kombinierten
Angriff von Gläserklopfen und Stuhlrücken in Szene zu setzen gewusst hatte.
Zugleich begann er: »Meine verehrten Freunde, das Wort Hexenmeister ist
gefallen. Ein vorzügliches Wort! So lassen wir sie denn leben, alle diese
Tannhäuser, wobei sich jeder das Seine denken mag. Ich trinke auf das Wohl der
Hexenmeister. Denn alle Kunst ist Hexerei. Rechten wir nicht mit dem Wort. Was
sind Worte? Schall und Rauch. Stossen wir an. Hoch, hoch.«
    Und mit einer wohlgemeinten Kraftanstrengung, in der jetzt jeder zitternde
Ton fehlte, wurde zugestimmt, namentlich auch von seiten der beiden Maler, und
kaum einer war da, der nicht an eine glücklich beseitigte Gefahr geglaubt hätte.
Aber mit Unrecht. Van der Straaten, absolut unerzogen, konnte, vielleicht weil
er dies Manko fühlte, nichts so wenig ertragen, als auf Unerzogenheiten
aufmerksam gemacht zu werden: er vergass sich dann ganz und gar, und der Dünkel
des reichen Mannes, der gewohnt war zu helfen, nach allen Seiten hin zu helfen,
stieg ihm dann zu Kopf und schlug in Wellen über ihm zusammen. Und so auch
jetzt. Er erhob sich und sagte: »Kupierungen sind etwas Wundervolles. Keine
Frage. Ich beispielsweise kupiere Kupons. Ein inferiores Geschäft, das unter
Umständen nichtsdestoweniger einen Anspruch darauf gibt, gegen Wort und
Redekupierungen gesichert zu sein, namentlich gegen solche, die reprimandieren
und erziehen wollen. Ich bin erzogen.«
    Er hatte mit vor Erregung zitternder Stimme gesprochen, aber mit
zugekniffenem Auge fest zu dem Major hinübergesehen. Dieser, ein vollkommener
Weltmann, lächelte vor sich hin und blinkte nur leise den beiden Damen zu, dass
sie sich beruhigen möchten. Dann ergriff er sein Glas ein zweites Mal, gab
seinen Zügen, ohne sich sonderlich anzustrengen, einen freundlichen Ausdruck und
sagte zu van der Straaten: »Es ist soviel von Kupieren gesprochen worden;
kupieren wir auch das. Ich lebe der festen Überzeugung...«
    In eben diesem Augenblicke sprang der Pfropfen von einer der im Weinkühler
stehenden Flaschen, und Gryczinski, rasch den Vorteil erspähend, den er aus
diesem Zwischenfalle ziehen konnte, brach inmitten des Satzes ab und sagte nur,
während er, unter leiser Verbeugung, seines Schwagers Glas füllte: »Friede sei
ihr erst Geläute!«
    Solchem Appell zu widerstehen war van der Straaten der letzte. »Mein lieber
Gryczinski«, hob er in plötzlich erwachter Sentimentalität an, »wir verstehen
uns, wir haben uns immer verstanden. Gib mir deine Hand. Lacrimae Christi,
Friedrich! Rasch. Das Beste daran ist freilich der Name. Aber er hat ihn nun
mal. Jeder hat nun mal das Seine, der eine dies, der andre das.«
    »Allerdings«, lachte Gabler.
    »Ach Arnold, du überschätzt das. Glaube mir, der Selige hatte recht. Gold
ist nur Chimäre. Und Elimar würd es mir bestätigen, wenn es nicht ein Satz aus
einer überwundenen Oper wäre. Ich muss sagen, leider überwunden. Denn ich liebe
Nonnen, die tanzen. Aber da kommt die Flasche. Lass nur Staub und Spinnweb. Sie
muss in ihrer ganzen unabgeputzten Heiligkeit verbleiben. Lacrimae Christi. Wie
das klingt!«
    Und die frühere Heiterkeit kehrte wieder oder schien wenigstens
wiederzukehren, und als van der Straaten fortfuhr, in wahren Ungeheuerlichkeiten
über Christustränen, Erlöserblut und Versöhnungswein zu sprechen, durfte Melanie
schliesslich die Bemerkung wagen: »Du vergisst, Ezel, dass der Polizeirat
katolisch ist.«
    »Ich bitte recht sehr«, sagte Reiff, als ob er auf etwas Unerlaubtem ertappt
worden wäre.
    Van der Straaten aber verschwor sich hoch und teuer, dass ein vierzig Jahre
lang treu geleisteter Sicherheitsdienst über alles konfessionelle Plus oder
Minus hinaus entscheidend sein und vor dem Richterstuhle der Ewigkeit
angerechnet werden müsse. Und als bald darauf die Gläser abermals gefüllt und
geleert worden waren, rückte Melanie den Stuhl, und man erhob sich, um im
Nebenzimmer den Kaffee zu nehmen.
 
                                Sechstes Kapitel
                                Auf dem Heimwege
Die Kaffeestunde verlief ohne Zwischenfall, und es war bereits gegen zehn, als
der Diener meldete, dass der Wagen vorgefahren sei. Diese Meldung galt dem
Gryczinskischen Paare, das, an den Diner-Tagen, seine Heimfahrt in der ihm bei
dieser Gelegenheit ein für allemal zur Verfügung gestellten kommerzienrätlichen
Equipage zu machen pflegte. Mäntel und Hüte wurden gebracht, und die schöne
Jacobine, Hals und Kopf in ein weisses Filettuch gehüllt, stand alsbald in der
Mitte des Kreises und wartete lachend und geduldig auf die beiden Maler, denen
Gryczinski noch im letzten Augenblicke die Mitfahrt angeboten hatte. Das
Parlamentieren darüber wollte kein Ende nehmen, und erst als man unten am
Wagenschlage stand, entschied sich's, und Gabler placierte sich nun - mehr ohne
weiteres auf den Rücksitz, während Elimar mit einem kräftigen Turnerschwunge
seinen Platz auf dem Bocke nahm, angeblich aus Rücksicht gegen die
Wageninsassen, in Wahrheit aus eigener Bequemlichkeit und Neugier. Er sehnte
sich nämlich nach einem Gespräche mit dem Kutscher.
    Dieser, auch noch ein Erbstück aus des alten van der Straaten Zeiten her,
führte den unkutscherrlichen Namen Emil, der jedoch seit lange seinen
Verhältnissen angepasst und in ein plattdeutsches »Ehm« abgekürzt worden war. Mit
um so grösserem Recht, als er wirklich in Fritz Reuterschen Gegenden das Licht
der Welt erblickt und sich bis diesen Tag, neben seinem Berliner Jargon, einen
Rest heimatlicher Sprache konserviert hatte. Elimar, einer seiner Bevorzugten,
nahm gleich im ersten Momente des Zurechtrückens ein mehrklappiges Lederfutteral
heraus, steckte dem Alten eine der obenauf liegenden Zigarren zu und sagte
vertraulich: »Für 'n Rückweg, Ehm.«
    Dieser fuhr mit der Rechten dankend an seinen Kutscherhut, und damit waren
die Präliminarien geschlossen.
    Als sie bald darauf bei der Normaluhr auf dem Spittelmarkte vorüberkamen und
in eine der schlechtgepflasterten Seitenstrassen einbogen, hielt Elimar den
ersehnten Zeitpunkt für gekommen und sagte:
    »Ist denn der neue Herr schon da?«
    »Der Frankfurtsche? Nee, noch nich, Herr Schulze.«
    »Na, dann muss er aber doch bald...«
    »I, woll. Bald muss er. Ich denke, so nächste Woche. Un de Stuben sind ooch
all tapziert. Jott, se duhn ja, wie wenn't en Prinz wär, erst der Herr un nu
ooch de Jnädge. Un Christel meent, he sall man en Jüdscher sinn.«
    »Aber reich. Und Offizier. Das heisst bei der Landwehr oder so.«
    »Is et möglich?«
    »Und er soll auch singen.«
    »Ja, singen wird er woll.«
    Elimar war eitel genug, an dieser letzteren Äusserung Anstoss zu nehmen, und
da sich's gerade traf, dass in eben diesem Augenblicke der Wagen aus dem
Wallstrassen-Portal auf den abendlich-stillen Opernplatz einbog, so gab er das
Gespräch um so lieber auf, als er nicht wollte, dass dasselbe von den Insassen
des Wagens verstanden würde.
    Von seiten dieser war bis dahin kein Wort gewechselt worden, nicht aus
Verstimmung, sondern nur aus Rücksicht gegen die junge Frau, die, herzlich froh
über den zur Hälfte frei gebliebenen Rücksitz, ihre kleinen Füsse gegen das
Polsterkissen gestemmt und sich bequem in den Fond des Wagens zurückgelehnt
hatte. Sie war gleich beim Einsteigen ersichtlich müde gewesen, hatte, wie zur
Entschuldigung, etwas von Champagner und Kopfweh gesprochen, das Filettuch dabei
höher gezogen und ihre Augen geschlossen. Erst als sie zwischen dem Palais und
dem Friedrichsmonumente hinfuhren, richtete sie sich wieder auf, weil sie jenen
Allerloyalsten zugehörte, die sich schon beglückt fühlen, einen blossen
Schattenriss an dem herabgelassenen Vorhange des Eckfensters gesehn zu haben. Und
wirklich, sie sah ihn und gab, in ihrer reizenden, halb kindlich, halb koketten
Weise, der Freude darüber Ausdruck.
    Ihr Geplauder hatte noch nicht geendet, als der Wagen am Brandenburger Tore
hielt. Im Nu waren beide Maler, deren Weg hier abzweigte, von ihren Plätzen
herunter und empfahlen sich dankend dem liebenswürdigen Paare, das nun
seinerseits durch die breite Schrägallee auf das Siegesdenkmal und die dahinter
gelegene Alsenstrasse zufuhr.
    Als sie mitten auf dem von bunten Lichtern überstrahlten Platze waren,
schmiegte sich die schöne junge Frau zärtlich an ihren Gatten und sagte »War das
ein Tag, Otto. Ich habe dich bewundert.«
    »Es wurde mir leichter, als du denkst. Ich spiele mit ihm. Er ist ein altes
Kind.«
    »Und Melanie... ! Glaube mir, sie fühlt es. Und sie tut mir leid. Du
lächelst so. Dir nicht?«
    »Ja und nein, ma chère. Man hat eben nichts umsonst in der Welt. Sie hat
eine Villa und eine Bildergalerie...«
    »Aus der sie sich nichts macht. Du weisst ja, wie wenig sie daran hängt...«
    »Und hat zwei reizende Kinder...«
    »Um die ich sie fast beneide.«
    »Nun, siehst du«, lachte der Major. »Ein jeder hat die Kunst zu lernen, sich
zu bescheiden und einzuschränken. Wär ich mein Schwager, so würd ich sagen...«
    Aber sie schloss ihm den Mund mit einem Kuss, und im nächsten Augenblicke
hielt der Wagen.
Die beiden Räte, der Legations- und der Polizeirat, waren an der Ecke des
Petriplatzes in eine Droschke gestiegen, um bis an das Potsdamer Tor zu fahren.
Von hier aus wollten sie den Rest des Weges, um der frischen Abendluft willen,
zu Fuss machen. In Wahrheit aber hielten sie bloss zu dem Satze, »dass man im
kleinen sparen müsse, um sich im grossen legitimieren zu können«, wobei leider
nur zu bedauern blieb, dass ihnen die »grossen Gelegenheiten« entweder nie
gekommen oder regelmässig von ihnen versäumt worden waren.
    Unterwegs, solange die Fahrt dauerte, war kein Wort gewechselt worden, und
erst beim Aussteigen hatte, bei der nun nötig werdenden Division von 2 in 6, ein
Gespräch begonnen, das alle Parteien zufriedengestellt zu haben schien. Nur
nicht den Kutscher. Beide Räte hüteten sich deshalb auch, sich nach dem
letzteren umzusehen, vor allem Duquede, der, ausserdem noch ein abgeschworener
Feind aller Platzübergänge mit Eisenbahnschienen und Pferdebahngeklingel,
überhaupt erst wieder in Ruhe kam, als er die schon frisch in Knospen stehende
Bellevuestrasse glücklich erreicht hatte.
    Reiff folgte, schob sich artig und respektvoll an die linke Seite des
Legationsrates und sagte plötzlich und unvermittelt:
    »Es war doch wieder eine recht peinliche Geschichte heute. Finden Sie nicht?
Und ehrlich gestanden, ich begreif ihn nicht. Er ist doch nun Fünfzig und drüber
und sollte sich die Hörner abgelaufen haben. Aber er ist und bleibt ein
Durchgänger.«
    »Ja«, sagte Duquede, der einen Augenblick stillstand, um Atem zu schöpfen,
»etwas Durchgängerisches hat er. Aber, lieber Freund, warum soll er es nicht
haben? Ich taxier ihn auf eine Million, seine Bilder ungerechnet, und ich sehe
nicht ein, warum einer in seinem eigenen Haus und an seinem eigenen Tisch nicht
sprechen soll, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Ich bekenn Ihnen offen,
Reiff, ich freue mich immer, wenn er mal so zwischenfährt. Der Alte war auch so,
nur viel schlimmer, und es hiess schon damals, vor vierzig Jahren: Es sei doch
ein sonderbares Haus und man könne eigentlich nicht hingehen. Aber uneigentlich
ging alles hin. Und so war es, und so ist es geblieben.«
    »Es fehlt ihm aber doch wirklich an Bildung und Erziehung.«
    »Ach, ich bitte Sie, Reiff, gehen Sie mir mit Bildung und Erziehung. Das
sind so zwei ganz moderne Wörter, die der Grosse Mann aufgebracht haben könnte,
so sehr hass ich sie. Bildung und Erziehung. Erstlich ist es in der Regel nicht
viel damit, und wenn es mal was ist, dann ist es auch noch nichts. Glauben Sie
mir, es wird überschätzt. Und kommt auch nur bei uns vor. Und warum? Weil wir
nichts Besseres haben. Wer gar nichts hat, der ist gebildet. Wer aber soviel hat
wie van der Straaten, der braucht all die Dummheiten nicht. Er hat einen guten
Verstand und einen guten Witz und, was noch mehr sagen will, einen guten Kredit.
Bildung, Bildung. Es ist zum Lachen.«
    »Ich weiss doch nicht, ob Sie recht haben, Duquede. Ja, wenn es geblieben
wäre wie früher. Junggesellenwirtschaft. Aber nun hat er die junge Frau
geheiratet, jung und schön und klug...«
    »Nu, nu, Reiff. Nur nicht extravagant. Es ist damit nicht so weit her, wie
Sie glauben; sie ist 'ne Fremde, französische Schweiz, und an allem Fremden
verkucken sich die Berliner. Das ist wie Amen in der Kirche. Sie hat so ein
bisschen Genfer Chic. Aber was will das am Ende sagen? Alles, was die Genfer
haben, ist doch auch bloss aus zweiter Hand. Und nun gar klug. Ich bitte Sie, was
heisst klug? Er ist viel klüger. Oder glauben Sie, dass es auf 'ne französische
Vokabel ankommt? oder auf den Erlkönig? Ich gebe zu, sie hat ein paar niedliche
Manierchen und weiss sich unter Umständen ein Air zu geben. Aber es ist nicht
viel dahinter, alles Firlefanz, und wird kolossal überschätzt.«
    »Ich weiss doch nicht, ob Sie recht haben«, wiederholte der Polizeirat. »Und
dann ist sie doch schliesslich von Familie.«
    Duquede lachte. »Nein, Reiff, das ist sie nun schliesslich nicht. Und ich sag
Ihnen, da haben wir den Punkt, auf den ich keinen Spass verstehe. Caparoux. Es
klingt nach was. Zugestanden. Aber was heisst es denn am Ende? Rotkapp oder
Rotkäppchen. Das ist ein Märchenname, aber kein Adelsname. Ich habe mich darum
gekümmert und nachgeschlagen. Und im Vertrauen, Reiff, es gibt gar keine de
Caparoux.«
    »Aber bedenken Sie doch den Major! Er hat alle Sorten Stolz und wird sich
doch schwerlich eine Mesalliance nachsagen lassen wollen.«
    »Ich kenn ihn besser. Er ist ein Streber. Oder sagen wir einfach, er ist ein
Generalstäbler. Ich hasse die ganze Gesellschaft, und glauben Sie mir, Reiff,
ich weiss, warum. Unsre Generalstäbler werden überschätzt, kolossal überschätzt.«
    »Ich weiss doch nicht, ob Sie recht haben«, liess sich der Polizeirat ein
drittes Mal vernehmen. »Bedenken Sie bloss, was Stoffel gesagt hat. Und nachher
kam es auch so. Aber ich will nur von Gryczinski sprechen. Wie liebenswürdig
benahm er sich heute wieder! Wie liebenswürdig und wie vornehm.«
    »Ah, bah, vornehm. Ich bilde mir auch ein, zu wissen, was vornehm ist. Und
ich sag Ihnen, Reiff, Vornehmheit ist anders. Vornehm! Ein Schlaukopf ist er und
weiter nichts. Oder glauben Sie, dass er die kleine Rotblondine mit den ewigen
Schmachtaugen geheiratet hat, weil sie Caparoux hiess oder meinetwegen auch de
Caparoux? Er hat sie geheiratet, weil sie die Schwester ihrer Schwester ist. Du
himmlischer Vater, dass ich einem Polizeirat solche Lektion halten muss.«
    Der Polizeirat, dessen Schwachheiten nach der erotischen Seite hin lagen,
las aus diesen andeutenden Worten ein Liebesverhältnis zwischen dem Major und
Melanie heraus und sah den langen hagren Duquede von der Seite her betroffen an.
    Dieser aber lachte und sagte: »Nicht so, Reiff, nicht so! Carrièremacher
sind immer nur Courmacher. Nichts weiter. Es gibt heutzutage Personen (und auch
das verdanken wir unsrem grossen Reichsbaumeister, der die soliden Werkleute
fallen lässt oder beiseite schiebt), es gibt, sag ich, heutzutage Personen, denen
alles bloss Mittel zum Zweck ist. Auch die Liebe. Und zu diesen Personen gehört
auch unser Freund, der Major.
    Ich hätte nicht sagen sollen, er hat die Kleine geheiratet, weil sie die
Schwester ihrer Schwester ist, sondern weil sie die Schwägerin ihres Schwagers
ist. Er braucht diesen Schwager, und ich sag Ihnen, Reiff, denn ich kenne den
Ton und die Strömung oben, es gibt weniges, was nach oben hin so empfiehlt wie
das. Ein Schwager-Kommerzienrat ist nicht viel weniger wert als ein
Schwiegervater-Kommerzienrat und rangiert wenigstens gleich dahinter. Unter
allen Umständen aber sind Kommerzienräte wie konsolidierte Fonds, auf die jeden
Augenblick gezogen werden kann. Es ist immer Deckung da.«
    »Sie wollen also sagen...«
    »Ich will gar nichts sagen, Reiff... Ich meine nur so.«
    Und damit waren sie bis an die Bendlerstrasse gekommen, wo beide sich
trennten. Reiff ging auf die Von-der-Heidt-Brücke zu, während Duquede seinen Weg
in gerader Richtung fortsetzte.
    Er wohnte dicht an der Hofjäger-Allee, sehr hoch, aber in einem sehr
vornehmen Hause.
 
                               Siebentes Kapitel
                                Ebenezer Rubehn
Wenige Tage später hatte Melanie das Stadtaus verlassen und die
Tiergarten-Villa bezogen. Van der Straaten selbst machte diesen Umzug nicht mit
und war, sosehr er die Villa liebte, doch immer erst vom September ab andauernd
draussen. Und auch das nur, weil er ein noch leidenschaftlicherer Obstzüchter als
Bildersammler war. Bis dahin erschien er nur jeden dritten Tag als Gast und
versicherte dabei jedem, der es hören wollte, dass dies die stundenweis ihm
nachgezahlten Flitterwochen seiner Ehe seien. Melanie hütete sich wohl zu
widersprechen, war vielmehr die Liebenswürdigkeit selbst und genoss in den
zwischenliegenden Tagen das Glück ihrer Freiheit. Und dieses Glück war um vieles
grösser, als man, ihrer Stellung nach, die so dominierend und so frei schien,
hätte glauben sollen.
    Denn sie dominierte nur, weil sie sich zu zwingen verstand; aber dieses
Zwanges los und ledig zu sein blieb doch ihr Wunsch, ihr beständiges, stilles
Verlangen. Und das erfüllten ihr die Sommertage. Da hatte sie Ruhe vor seinen
Liebesbeweisen und seinen Ungenierteiten, nicht immer, aber doch meist, und das
Bewusstsein davon gab ihr ein unendliches Wohlgefühl.
    Und dieses Wohlgefühl steigerte sich noch in dem entzückenden und beinah
ungestörten Stilleben, dessen sie draussen genoss. Wohl liebte sie Stadt und
Gesellschaft und den Ton der grossen Welt, aber wenn die Schwalben wieder
zwitscherten und der Flieder wieder zu knospen begann, da zog sie's doch in die
Parkeinsamkeit hinaus, die wiederum kaum eine Einsamkeit war, denn neben der
Natur, deren Sprache sie wohl verstand, hatte sie Bücher und Musik und - die
Kinder. Die Kinder, die sie während der Saison oft tagelang nicht sah und an
deren Aufwachsen und Lernen sie draussen in der Villa den regsten Anteil nahm.
Ja, sie half selber nach, in den Sprachen, vor allem im Französischen, und
durchblätterte mit ihnen Atlas und historische Bilderbücher. Und an alles
knüpfte sie Geschichten, die sie dem Gedächtnis der Kinder einzuprägen wusste.
Denn sie war gescheit und hatte die Gabe, von allem, worüber sie sprach, ein
klares und anschauliches Bild zu geben.
    Es waren glückliche stille Tage.
    Möglich dennoch, dass es zu stille Tage gewesen wären, wenn das tiefste
Bedürfnis der Frauennatur: das Plauderbedürfnis, unbefriedigt geblieben wäre.
Aber dafür war gesorgt. Wie fast alle reichen Häuser hatten auch die van der
Straatens einen Anhang ganz- und halb-alter Damen, die zu Weihnachten beschenkt
und im Laufe des Jahres zu Kaffees und Landpartien eingeladen wurden. Es waren
ihrer sieben oder acht, unter denen jedoch zwei durch eine besonders intime
Stellung hervorragten, und zwar das kleine verwachsene Fräulein Friederike von
Sawatzki und das stattlich hochaufgeschossene Klavier- und Singefräulein
Anastasia Schmidt. Ihrer apart bevorzugten Stellung entsprach es denn auch, dass
sie jeden zweiten Osterfeiertag durch van der Straaten in Person befragt wurden,
ob sie sich entschliessen könnten, seiner Frau während der Sommermonate draussen
in der Villa Gesellschaft zu leisten, eine Frage, die jedesmal mit einer
Verbeugung und einem freundlichen »Ja« beantwortet wurde. Aber doch nicht zu
freundlich, denn man wollte nicht verraten, dass die Frage erwartet war.
    Und beide Damen waren auch in diesem Jahre, wie herkömmlich, als Dames
d'honneur installiert worden, hatten den Umzug mitgemacht und erschienen jeden
Morgen auf der Veranda, um gegen neun Uhr mit den Kindern das erste und um zwölf
mit Melanie das zweite Frühstück zu nehmen.
    Auch heute wieder.
    Es mochte schon gegen eins sein, und das Frühstück war beendet. Aber der
Tisch noch nicht abgedeckt. Ein leiser Luftzug, der ging und sich verstärkte,
weil alle Türen und Fenster offenstanden, bewegte das rotgemusterte Tischtuch,
und von dem am andern Ende des Korridors gelegenen Musikzimmer her hörte man ein
Stück der Cramerschen Klavierschule, dessen mangelhaften Takt in Ordnung zu
bringen Fräulein Anastasia Schmidt sich anstrengte. »Eins, zwei; eins, zwei.«
Aber niemand achtete dieser Anstrengungen, am wenigsten Melanie, die neben
Fräulein Riekchen, wie man sie gewöhnlich hiess, in einem Gartenstuhle sass und
dann und wann von ihrer Handarbeit aufsah, um das reizende Parkbild unmittelbar
um sie her, trotzdem sie jeden kleinsten Zug darin kannte, auf sich wirken zu
lassen.
    Es war selbstverständlich die schönste Stelle der ganzen Anlage. Denn von
hundert Gästen, die kamen, begnügten sich neunundneunzig damit, den Park von
hier aus zu betrachten und zu beurteilen. Am Ende des Hauptganges, zwischen den
eben ergrünenden Bäumen hin, sah man das Zittern und Flimmern des
vorüberziehenden Stromes, aus der Mitte der überall eingestreuten Rasenflächen
aber erhoben sich Aloen und Bosquets und Glaskugeln und Bassins. Eines der
kleineren plätscherte, während auf der Einfassung des grossen ein Pfauhahn sass
und die Mittagssonne mit seinem Gefieder einzusaugen schien. Tauben und
Perlhühner waren bis in unmittelbare Nähe der Veranda gekommen, von der aus
Riekchen ihnen eben Krumen streute.
    »Du gewöhnst sie zu sehr an diesen Platz«, sagte Melanie. »Und wir werden
einen Krieg mit van der Straaten haben.«
    »Ich fecht ihn schon aus«, entgegnete die Kleine.
    »Ja, du darfst es dir wenigstens zutrauen. Und wirklich, Riekchen, ich
könnte jaloux werden, so sehr bevorzugt er dich. Ich glaube, du bist der einzige
Mensch, der ihm alles sagen darf, und soviel ich weiss, ist er noch nie heftig
gegen dich geworden. Ob ihm dein alter Adel imponiert? Sage mir deinen vollen
Namen und Titel. Ich hör es so gern und vergess es immer wieder.«
    »Aloysia Friederike Sawat von Sawatzki, genannt Sattler von der Hölle,
Stiftsanwärterin auf Kloster Himmelpfort in der Uckermark.«
    »Wunderschön«, sagte Melanie. »Wenn ich doch so heissen könnte! Und du kannst
es glauben, Riekchen, das ist es, was einen Eindruck auf ihn macht.«
    Alles das war in herzlicher Heiterkeit gesagt und von Riekchen auch so
beantwortet worden. Jetzt aber rückte diese den Stuhl näher an Melanie heran,
nahm die Hand der jungen Frau und sagte: »Eigentlich sollt ich böse sein, dass du
deinen Spott mit mir hast. Aber wer könnte dir böse sein!«
    »Ich spotte nicht«, entgegnete Melanie. »Du musst doch selber finden, dass er
dich artiger und rücksichtsvoller behandelt als jeden andren Menschen.«
    »Ja«, sagte jetzt das arme Fräulein, und ihre Stimme zitterte vor Bewegung.
»Er behandelt mich gut, weil er ein gutes Herz hat, ein viel besseres, als
mancher denkt, und vielleicht auch, als du selber denkst. Und er ist auch gar
nicht so rücksichtslos. Er kann nur nicht leiden, dass man ihn stört oder
herausfordert, ich meine solche, die's eigentlich nicht sollten oder dürften.
Sieh, Kind, dann beherrscht er sich nicht länger, aber nicht, weil er's nicht
könnte, nein, weil er nicht will. Und er braucht es auch nicht zu wollen. Und
wenn man gerecht sein will, er kann es auch nicht wollen. Denn er ist reich, und
alle reichen Leute lernen die Menschen von ihrer schlechtesten Seite kennen.
Alles überstürzt sich, erst in Dienstfertigkeit und hinterher in Undank. Und
Undank ernten ist eine schlechte Schule für Zarteit und Liebe. Und deshalb
glauben die Reichen an nichts Edles und Aufrichtiges in der Welt. Aber das sag
ich dir und muss ich dir immer wieder sagen, dein van der Straaten ist besser,
als mancher denkt und als du selber denkst.«
    Es entstand eine kleine Pause, nicht ganz ohne Verlegenheit, dann nickte
Melanie freundlich dem alten Fräulein zu und sagte: »Sprich nur weiter. Ich höre
dich gerne so.«
    »Und ich will auch«, sagte diese. »Sieh, ich habe dir schon gesagt, er
behandelt mich gut, weil er ein gutes Herz hat. Aber das ist es noch nicht
alles. Er ist auch so freundlich gegen mich, weil er mitleidig ist. Und
mitleidig sein ist noch viel mehr als bloss gütig sein und ist eigentlich das
Beste, was die Menschen haben. Er lacht auch immer, wenn er meinen langen Namen
hört, geradeso wie du, aber ich hab es gern, ihn so lachen zu hören, denn ich
höre wohl heraus, was er dabei denkt und fühlt.«
    »Und was fühlt er denn?«
    »Er fühlt den Gegensatz zwischen dem Anspruch meines Namens und dem, was ich
bin: arm und alt und einsam und ein blosses Figürchen. Und wenn ich sage
Figürchen, so beschönige ich noch und schmeichle noch mir selbst.«
    Melanie hatte das Batisttuch ans Auge gedrückt und sagte: »Du hast recht. Du
hast immer recht. Aber wo nur Anastasia bleibt, die Stunde nimmt ja gar kein
Ende. Sie quält mir die Liddi viel zu sehr, und das Ende vom Lied ist, dass sie
dem Kind einen Widerwillen beibringt. Und dann ist es vorbei. Denn ohne Lieb und
ohne Lust ist nichts in der Welt. Auch nicht einmal in der Musik... Aber da
kommt ja Teichgräber und will uns einen Besuch anmelden. Ich bin ausser mir.
Hätte viel lieber noch mit dir weitergeplaudert.«
    In eben diesem Augenblicke war der alte Parkhüter, der sich vergeblich nach
einem von der Hausdienerschaft umgesehen hatte, bis an die Veranda herangetreten
und überreichte eine Karte.
    Melanie las: »Ebenezer Rubehn (Firma Jakob Rubehn und Söhne), Lieutenant in
der Reserve des 5. Dragonerregiments...«
    »Ah, sehr willkommen... Ich lasse bitten...« Und während sich der Alte
wieder entfernte, fuhr Melanie gegen das kleine Fräulein in übermütiger Laune
fort: »Auch wieder einer. Und noch dazu aus der Reserve! Mir widerwärtig, dieser
ewige Lieutenant. Es gibt gar keine Menschen mehr.«
    Und sehr wahrscheinlich, dass sie diese Betrachtungen fortgesetzt hätte, wenn
nicht auf dem Kiesweg ein Knirschen hörbar geworden wäre, das über das rasche
Näherkommen des Besuchs keinen Zweifel liess. Und wirklich, im nächsten
Augenblicke stand der Angemeldete vor der Veranda und verneigte sich gegen beide
Damen.
    Melanie hatte sich erhoben und war ihm einen Schritt entgegengegangen. »Ich
freue mich, Sie zu sehen. Erlauben Sie mir, Sie zunächst mit meiner lieben
Freundin und Hausgenossin bekannt machen zu dürfen... Herr Ebenezer Rubehn...
Fräulein Friederike von Sawatzki!«
    Ein flüchtiges Erstaunen spiegelte sich ersichtlich in Rubehns Zügen, das,
wenn Melanie richtig interpretierte, mehr noch dem kleinen verwachsenen Fräulein
als ihr selber galt. Ebenezer war indessen Weltmann genug, um seines Erstaunens
rasch wieder Herr zu werden, und sich ein zweites Mal gegen die Freundin hin
verneigend, bat er um Entschuldigung, seinen Besuch auf der Villa bis heute
hinausgeschoben zu haben.
    Melanie ging leicht darüber hin, ihrerseits bittend, die Gemütlichkeit
dieses ländlichen Empfanges und vor allem eines unabgeräumten Frühstückstisches
entschuldigen zu wollen. »Mais à la guerre, comme à la guerre, eine kriegerische
Wendung, an die mir's im übrigen ferneliegt ernstafte Kriegsgespräche knüpfen
zu wollen.«
    »Gegen die Sie sich vielmehr unter allen Umständen gesichert haben möchten«,
lachte Rubehn. »Aber fürchten Sie nichts.
    Ich weiss, dass sich Damen für das Kapitel Krieg nur so lange begeistern, als
es Verwundete zu pflegen gibt. Von dem Augenblick an, wo der letzte Kranke das
Lazarett verlässt, ist es mit dem Kriegseifer vorbei. Und wie die Frauen in allem
recht haben, so auch hierin. Es ist das Traurigste von der Welt, immer wieder
eine Durchschnittsheldengeschichte von zweifelhaftem Wert und noch
zweifelhafterer Wahrheit hören zu müssen, aber es ist das Schönste, was es gibt,
zu helfen und zu heilen.«
    Melanie hatte, während er sprach, ihre Handarbeit in den Schoss gelegt und
ihn fest und freundlich angesehen. »Ei, das lob ich und hör ich gern. Aber wer
mit so warmer Empfindung von dem Hospitaldienst und dem Helfen und Heilen, das
uns so wohl kleidet, zu sprechen versteht, der hat diese Wohltat wohl an sich
selbst erfahren. Und so plaudern Sie mir denn wider Willen, nach fünf Minuten
schon, Ihre Geheimnisse aus. Versuchen Sie nicht, mich zu widerlegen, Sie würden
scheitern damit, und da Sie die Frauenherzen so gut zu kennen scheinen, so
werden Sie natürlich auch unsere zwei stärksten Seiten kennen: unseren Eigensinn
und unser Rätselraten. Wir erraten alles...«
    »Und immer richtig?«
    »Nicht immer, aber meist. Und nun erzählen Sie mir, wie Sie Berlin finden,
unsere gute Stadt, und unser Haus und ob Sie das Zutrauen zu sich haben, in
Ihrem Hofkerker, dem eigentlich nur noch die Gitterstäbe fehlen, nicht
melancholisch zu werden. Aber wir hatten nichts Besseres. Und wo nichts ist,
hat, wie das Sprichwort sagt...«
    »Oh, Sie beschämen mich, meine gnädigste Frau. Jetzt erst, nach meinem
Eintreffen, weiss ich, wie gross das Opfer ist, das Sie mir gebracht haben. Und
ich darf füglich sagen, dass ich bei besserer Kenntnis...«
    Aber er sprach nicht aus und horchte plötzlich nach dem Hause hin, aus dem
eben (die Musikstunde hatte schon vorher geschlossen) ein virtuoses und in jeder
feinsten Nuancierung erkennbares Spiel bis auf die Veranda herausklang. Es war
»Wotans Abschied«, und Rubehn erschien so hingerissen, dass es ihm Anstrengung
kostete, sich loszumachen und das Gespräch wieder aufzunehmen. Endlich aber fand
er sich zurück und sagte, während er sich abermals gegen Riekchen verneigte:
»Pardon, meine Gnädigste. Hatt ich recht gehört? Fräulein von Sawatzki?«
    Das Fräulein nickte.
    »Mit einem jungen Offizier dieses Namens war ich einen Sommer über in
Wildbad-Gastein zusammen. Unmittelbar nach dem Kriege. Ein liebenswürdiger,
junger Kavalier. Vielleicht ein Anverwandter...?«
    »Ein Vetter«, sagte Fräulein Riekchen. »Es gibt nur wenige meines Namens,
und wir sind alle verwandt. Ich freue mich, aus Ihrem Munde von ihm zu hören. Er
wurde noch in dem Nachspiel des Krieges verwundet, fast am letzten Tage. Bei
Pontarlier. Und sehr schwer. Ich habe lange nicht von ihm gehört. Hat er sich
erholt?«
    »Ich glaube sagen zu dürfen, vollkommen. Er tut wieder Dienst im Regiment,
wovon ich mich, ganz neuerdings erst, durch einen glücklichen Zufall überzeugen
konnte... Aber, mein gnädigstes Fräulein, wir werden unser Tema fallenlassen
müssen. Die gnädige Frau lächelt bereits und bewundert die Geschicklichkeit, mit
der ich, unter Heranziehung Ihres Herrn Vetters, in das Kriegsabenteuer und all
seine Konsequenzen einzumünden trachte. Darf ich also vorschlagen, lieber dem
wundervollen Spiele zuzuhören, das... Oh, wie schade; jetzt bricht es ab...«
    Er schwieg, und erst als es drinnen stillblieb, fuhr er in einer ihm sonst
fremden, aber in diesem Augenblicke völlig aufrichtigen Emphase fort: »Oh, meine
gnädigste Frau, welch ein Zaubergarten, in dem Sie leben. Ein Pfau, der sich
sonnt, und Tauben, so zahm und so zahllos, als wäre diese Veranda der
Markusplatz oder die Insel Zypern in Person! Und dieser plätschernde Strahl, und
nun gar dieses Lied... In der Tat, wenn nicht auch der aufrichtigste Beifall
unstattaft und zudringlich sein könnte...«
    Er unterbrach sich, denn vom Korridore her waren eben Schritte hörbar
geworden, und Melanie sagte mit einer halben Wendung: »Ah, Anastasia! Du kommst
gerade zu guter Zeit, um den Dank und die Bewunderung unseres lieben Gastes und
neuen Hausgenossen allerpersönlichst in Empfang zu nehmen. Erlauben Sie mir, dass
ich Sie miteinander bekannt mache: Herr Ebenezer Rubehn, Fräulein Anastasia
Schmidt... Und hier meine Tochter Lydia«, setzte Melanie hinzu, nach dem schönen
Kinde hinzeigend, das, auf der Türschwelle, neben dem Musikfräulein
stehengeblieben war und den Fremden ernst und beinah feindselig musterte.
    Rubehn bemerkte den Blick. Aber es war ein Kind, und so wandt er sich ohne
weiteres gegen Anastasia, um ihr allerhand Schmeichelhaftes über ihr Spiel und
die Richtung ihres Geschmackes zu sagen.
    Diese verbeugte sich, während Melanie, der kein Wort entgangen war, aufs
lebhafteste fortfuhr: »Ei, da dürfen wir Sie, wenn ich recht verstanden habe,
wohl gar zu den Unseren zählen? Anastasia, das träfe sich gut! Sie müssen
nämlich wissen, Herr Rubehn, dass wir hier in zwei Lagern stehen und dass sich das
van der Straatensche Haus, das nun auch das Ihrige sein wird, in
bilderschwärmende Montecchi und musikschwärmende Capuletti teilt. Ich, tout à
fait Capulet und Julia. Doch mit untragischem Ausgang. Und ich füge zum Überfluss
hinzu, dass wir, Anastasia und ich, jener kleinen Gemeinde zugehören, deren Namen
und Mittelpunkt ich Ihnen nicht zu nennen brauche. Nur eines will ich auf der
Stelle wissen. Und ich betrachte das als mein weibliches Neugiersrecht. Welcher
seiner Arbeiten erkennen Sie den höchsten Preis zu? Worin erscheint er Ihnen am
bedeutendsten oder doch am eigenartigsten?«
    »In den Meistersingern.«
    »Zugestanden. Und nun sind wir einig, und bei nächster Gelegenheit können
wir van der Straaten und Gabler, und vor allem den langen und langweiligen
Legationsrat, in die Luft sprengen. Den langen Duquede! Oh, der steigt wie ein
Raketenstock. Nicht wahr, Anastasia?«
    Rubehn hatte seinen Hut genommen. Aber Melanie, die durch die ganze
Begegnung ungewöhnlich erfreut und angeregt war, fuhr in wachsendem Eifer fort:
»Alles das sind erst Namen. Eine Woche noch oder zwei, und Sie werden unsere
kleine Welt kennengelernt haben. Ich wünsche, dass Sie die Gelegenheit dazu nicht
hinausschieben. Unsere Veranda hat für heute die Repräsentation des Hauses
übernehmen müssen. Erinnern Sie sich, dass wir auch einen Flügel haben, und
versuchen Sie bald und oft, ob er Ihnen passt. Au revoir.«
    Er küsste der schönen Frau die Hand, und unter gemessener Verbeugung gegen
Riekchen und Anastasia verliess er die Damen. Über Lydia sah er fort.
    Aber diese nicht über ihn.
    »Du siehst ihm nach«, sagte Melanie. »Hat er dir gefallen?«
    »Nein.«
    Alle lachten. Aber Lydia ging in das Haus zurück, und in ihrem grossen Auge
stand eine Träne.
 
                                 Achtes Kapitel
                            Auf der Stralauer Wiese
Nach dem ersten Besuche Rubehns waren Wochen vergangen, und der günstige
Eindruck, den er auf die Damen gemacht hatte, war im Steigen geblieben wie das
Wetterglas. Jeden zweiten, dritten Tag erschien er in Gesellschaft van der
Straatens, der seinerseits an der allgemeinen Vorliebe für den neuen
Hausgenossen teilnahm und nie vergass, ihm einen Platz anzubieten, wenn er selber
in seinem hochrädrigen Cabriolet hinausfuhr. Ein wolkenloser Himmel stand in
jenen Wochen über der Villa, drin es mehr Lachen und Plaudern, mehr Medisieren
und Musizieren gab als seit lange. Mit dem Musizieren vermochte sich van der
Straaten freilich auch jetzt nicht auszusöhnen, und es fehlte nicht an Wünschen
wie der, »mit von der Schiffsmannschaft des Fliegenden Holländers zu sein«, aber
im Grunde genommen war er mit dem »anspruchsvollen Lärm« um vieles zufriedener,
als er einräumen wollte, weil der von nun an in eine neue, gesteigerte Phase
tretende Wagner-Kultus ihm einen unerschöpflichen Stoff für seine
Lieblingsformen der Unterhaltung bot. Siegfried und Brunhilde, Tristan und
Isolde, welche dankbaren Tummelfelder! Und es konnte, wenn er, in Veranlassung
dieser Temata, seinem Renner die Zügel schiessen liess, mitunter zweifelhaft
erscheinen, ob die Musizierenden am Flügel oder er und sein Übermut die
Glücklicheren waren.
    Und so war Hochsommer gekommen und fast schon vorüber, als an einem
wundervollen Augustnachmittage van der Straaten den Vorschlag einer Land- und
Wasserpartie machte. »Rubehn ist jetzt ein rundes Vierteljahr in unserer Stadt
und hat nichts gesehen, als was zwischen unserem Comptoir und dieser unserer
Villa liegt. Er muss aber endlich unsere landschaftlichen Schätze, will sagen
unsere Wasserflächen und Stromufer, kennenlernen, erhabene Wunder der Natur,
neben denen die ganze heraufgepuffte Main-und Rheinherrlichkeit verschwindet.
Also Treptow und Stralow, und zwar rasch, denn in acht Tagen haben wir den
Stralauer Fischzug, der an und für sich zwar ein liebliches Fest der Maien, im
übrigen aber etwas derb und nicht allzu günstig für Wiesewachs und frischen
Rasen ist. Und so proponier ich denn eine Fahrt auf morgen nachmittag.
Angenommen?«
    Ein wahrer Jubel begleitete den Schluss der Ansprache, Melanie sprang auf, um
ihm einen Kuss zu geben, und Fräulein Riekchen erzählte, dass es nun gerade
dreiunddreissig Jahre sei, seit sie zum letzten Mal in Treptow gewesen, an einem
grossen Dobremontschen Feuerwerkstage - derselbe Dobremont, der nachher mit
seinem ganzen Laboratorium in die Luft geflogen. »Und in die Luft geflogen
warum? Weil die Leute, die mit dem Feuer spielen, immer zu sicher sind und immer
die Gefahr vergessen. Ja, Melanie, du lachst. Aber es ist so, immer die Gefahr
vergessen.«
    Es wurde nun gleich zu den nötigen Verabredungen geschritten, und man kam
überein, am anderen Tage zu Mittag in die Stadt zu fahren, daselbst ein kleines
Gabelfrühstück einzunehmen und gleich danach die Partie beginnen zu lassen: die
drei Damen im Wagen, van der Straaten und Rubehn entweder zu Fuss oder zu Schiff.
Alles regelte sich rasch, und nur die Frage, wer noch aufzufordern sei, schien
auf kleine Schwierigkeiten stossen zu sollen.
    »Gryczinskis?« fragte van der Straaten und war zufrieden, als alles schwieg.
Denn sosehr er an der rotblonden Schwägerin hing, in der er, um ihres
anschmiegenden Wesens willen, ein kleines Frauenideal verehrte, sowenig lag ihm
an dem Major, dessen superiore Haltung ihn bedrückte.
    »Nun denn, Duquede?« fuhr van der Straaten fort und hielt das Crayon an die
Lippe, mit dem er eventuell den Namen des Legationsrates notieren wollte.
    »Nein«, sagte Melanie. »Duquede nicht. Und so verhasst mir der ewige
Vergleich vom Mehltau ist, so gibt es doch für Duquede keinen andern. Er würde
von Stralow aus beweisen, dass Treptow, und von Treptow aus beweisen, dass Stralow
überschätzt werde, und zu Feststellung dieses Satzes brauchen wir weder einen
Legationsrat a. D. noch einen Altmärkischen von Adel.«
    »Gut, ich bin es zufrieden«, erwiderte van der Straaten. »Aber Reiff?«
    »Ja, Reiff«, hiess es erfreut. Alle drei Damen klatschten in die Hände, und
Melanie setzte hinzu: »Er ist artig und manierlich und kein Spielverderber und
trägt einem die Sachen. Und dann, weil ihn alle kennen, ist es immer, als führe
man unter Eskorte, und alles grüsst so verbindlich, und mitunter ist es mir schon
gewesen, als ob die Brandenburger Torwache Heraus rufen müsse.«
    »Ach, das ist ja nicht um des alten Reiff willen«, sagte Anastasia, die
nicht gern eine Gelegenheit vorübergehen liess, sich durch eine kleine
Schmeichelei zu insinuieren. »Das ist um deinetwillen. Sie haben dich für eine
Prinzessin gehalten.«
    »Ich bitte nicht abzuschweifen«, unterbrach van der Straaten, »am wenigsten
im Dienst weiblicher Eitelkeiten, die sich, nach dem Prinzipe von Zug um Zug,
bis ins Ungeheuerliche steigern könnten. Ich habe Reiff notiert, und Arnold und
Elimar verstehen sich von selbst. Eine Wasserfahrt ohne Gesang ist ein Unding.
Dies wird selbst von mir zugestanden. Und nun frag ich, wer hat noch weitre
Vorschläge zu machen? Niemand? Gut. So bleibt es bei Reiff und Arnold und
Elimar, und ich werde sie per Rohrpost avertieren. Fünf Uhr. Und dass wir sie
draussen bei Löbbekes erwarten.«
    Am andern Tage war alles Erregung und Bewegung auf der Villa, viel, viel
mehr, als ob es sich um eine Reise nach Teplitz oder Karlsbad gehandelt hätte.
Natürlich, eine Fahrt nach Stralow war ja das Ungewöhnlichere. Die Kinder
sollten mit, es sei Platz genug auf dem Wagen, aber Lydia war nicht zu bewegen
und erklärte bestimmt, sie wolle nicht. Da musste denn, wenn man keine Szene
haben wollte, nachgegeben werden, und auch die jüngere Schwester blieb, da sie
sich daran gewöhnt hatte, dem Beispiele der ältern in all und jedem zu folgen.
    In der Stadt wurde, wie verabredet, ein Gabelfrühstück genommen, und zwar in
van der Straatens Zimmer. Er wollt es so jagd- und reisemässig wie möglich haben
und war in bester Laune. Diese wurd auch nicht gestört, als in demselben
Augenblicke, wo man sich gesetzt hatte, ein Absagebrief Reiffs eintraf. Der
Polizeirat schrieb: »Chef eben konfidentiell mit mir gesprochen. Reise heute
noch. Elf Uhr funfzig. Eine Sache, die sich der Mitteilung entzieht. Dein Reiff.
Pstscr. Ich bitte der schönen Frau die Hand küssen und ihr sagen zu dürfen, dass
ich untröstlich bin...«
    Van der Straaten fiel in einen heftigen Krampfhusten, weil er, unter dem
Lesen, unklugerweise von seinem Sherry genippt hatte. Nichtsdestoweniger sprach
er unter Husten und Lachen weiter und erging sich in Vorstellungen Reiffscher
Grosstaten. »In politischer Mission! Wundervoll. O lieb Vaterland, kannst ruhig
sein. Aber einen kenn ich, der noch ruhiger sein darf: er, der Unglückliche, den
er sucht. Oder sag ich gleich rundweg: der Attentäter, dem er sich an die Fersen
heftet. Denn um etwas Staatsstreichlich-Hochverräterisches muss es sich doch am
Ende handeln, wenn man einen Mann wie Reiff allerpersönlichst in den Sattel
setzt. Nicht wahr, Sattlerchen von der Hölle? Und heut abend noch! Die reine
Ballade. Wir satteln nur um Mitternacht. Oh, Lenore! Reiff, Reiff.« Und er
lachte konvulsivisch weiter.
    Auch Arnold und Elimar, die man nach Verabredung draussen treffen wollte,
wurden nicht geschont, bis endlich die Pendule vier schlug und zur Eile mahnte.
Der Wagen wartete schon, und die Damen stiegen ein und nahmen ihre Plätze:
Fräulein Riekchen neben Melanie, Anastasia auf dem Rücksitz. Und mit ihren
Fächern und Sonnenschirmen grüssend, ging es über Platz und Strassen fort, erst
auf die Frankfurter Linden und zuletzt auf das Stralauer Tor zu.
    Van der Straaten und Rubehn folgten eine Viertelstunde später in einer
Droschke zweiter Klasse, die man »echteits«-halber gewählt hatte, stiegen aber
unmittelbar vor der Stadt aus, um nunmehr an den Flusswiesen hin den Rest des
Weges zu Fuss zu machen.
Es schlug fünf, als unsre Fussgänger das Dorf erreichten und in Mitte desselben
Ehms ansichtig wurden, der mit seinem Wagen, etwas ausgebogen, zur Linken hielt
und den ohnehin wohl gepflegten Trakehnern einen vollen Futtersack eben auf die
Krippe gelegt hatte. Gegenüber stand ein kleines Haus, wie das Pfefferkuchenhaus
im Märchen, bräunlich und appetitlich und so niedrig, dass man bequem die Hand
auf die Dachrinne legen konnte. Dieser Niedrigkeit entsprach denn auch die kaum
mannshohe Tür, über der, auf einem wasserblauen Schilde, »Löbbekes Kaffeehaus«
zu lesen war. In Front des Hauses aber standen drei, vier verschnittene
Lindenbäume, die den Bürgersteig von dem Strassendamme trennten, auf welchem
letzteren Hunderte von Sperlingen hüpften und zwitscherten und die verlorenen
Körner aufpickten.
    »Dies ist das Ship-Hotel von Stralow«, sagte van der Straaten im
Cicerone-Ton und war eben willens, in das Kaffeehaus einzutreten, als Ehm über
den Damm kam und ihm halb dienstlich, halb vertraulich vermeldete, »dass die
Damens schon vorauf seien, nach der Wiese hin. Und die Herren Malers auch. Und
hätten beide schon vorher gewartet und gleich den Tritt runtergemacht und alles.
Erst Herr Gabler und dann Herr Schulze. Und an der Würfelbude hätten sie
Strippenballons und Gummibälle gekauft. Und auch Reifen und eine kleine Trommel
und allerhand noch. Und einen Jungen hätten sie mitgenommen, der hätte die
Reifen und Stöcke tragen müssen. Und Herr Elimar immer vorauf. Das heisst mit
'ner Harmonika.«
    »Um Gottes willen«, rief van der Straaten, »Ziehharmonika?«
    »Nein, Herr Kommerzienrat. Wie 'ne Maultrommel.«
    »Gott sei Dank...! Und nun kommen Sie, Rubehn. Und du, Ehm, du wartest nicht
auf uns und lässt dir geben... Hörst du?«
    Ehm hatte dabei seinen Hut abgenommen. In seinen Zügen aber war deutlich zu
lesen: ich werde warten.
    Am Ausgange des Dorfes lag ein prächtiger Wiesenplan und dehnte sich bis an
die Kirchhofsmauer hin. In Nähe dieser hatten sich die drei Damen gelagert und
plauderten mit Gabler, während Elimar einen seiner grossen Gummibälle
monsieurherkulesartig über Arm und Schulter laufen liess.
    Van der Straaten und Rubehn hörten schon von ferne her das Bravoklatschen
und klatschten lebhaft mit. Und nun erst wurde man ihrer ansichtig, und Melanie
sprang auf und warf ihrem Gatten, wie zur Begrüssung, einen der grossen Bälle zu.
Aber sie hatte nicht richtig gezielt, der Ball ging seitwärts, und Rubehn fing
ihn auf. Im nächsten Augenblicke begrüsste man sich, und die junge Frau sagte:
»Sie sind geschickt. Sie wissen den Ball im Fluge zu fassen.«
    »Ich wollt, es wäre das Glück.«
    »Vielleicht ist es das Glück.«
    Van der Straaten, der es hörte, verbat sich alle derartig intrikaten
Wortspielereien, widrigenfalls er an die Braut telegraphieren oder vielleicht
auch Reiff in konfidentieller Mission abschicken werde. Worauf Rubehn ihn zum
hundertsten Male beschwor, endlich von der »ewigen Braut« ablassen zu wollen,
die wenigstens vorläufig noch im Bereich der Träume sei. Van der Straaten aber
machte sein kluges Gesicht und versicherte, »dass er es besser wisse«.
    Danach kehrte man an die Lagerstelle zurück, die sich nun rasch in einen
Spielplatz verwandelte. Die Reifen, die Bälle flogen, und da die Damen ein
rasches Wechseln im Spiele liebten, so ging man, innerhalb andertalb Stunden,
auch noch durch Blindekuh und Gänsedieb und »Bäumchen, Bäumchen, verwechselt
euch«. Das letztere fand am meisten Gnade, besonders bei van der Straaten, dem
es eine herzliche Freude war, das scharfgeschnittene Profil Riekchens mit ihren
freundlichen und doch zugleich etwas stechenden Augen um die Baumstämme
herumgucken zu sehen. Denn sie hatte, wie die meisten Verwachsenen, ein
Eulengesicht.
    Und so ging es weiter, bis die Sonne zum Rückzug mahnte. Harmonika-Schulze
führte wieder, und neben ihm marschierte Gabler, der das Trommelchen ganz nach
Art eines Tambourins behandelte. Er schlug es mit den Knöcheln, warf es hoch und
fing es wieder. Danach folgte das van der Straatensche Paar, dann Rubehn und
Fräulein Riekchen, während Anastasia träumerisch und Blumen pflückend den
Nachtrab bildete. Sie hing süssen Fragen und Vorstellungen nach, denn Elimar
hatte beim Blindekuh, als er sie haschte, Worte fallenlassen, die nicht
missdeutet werden konnten. Er hätte denn ein schändlicher und zweizüngiger Lügner
sein müssen. Und das war er nicht... Wer so rein und kindlich an der Tête dieses
Zuges gehen und die Harmonika blasen konnte, konnte kein Verräter sein.
    Und sie bückte sich wieder, um (zum wievielsten Male!) an einer
Wiesenranunkel die Blätter und die Chancen ihres Glücks zu zählen.
 
                                Neuntes Kapitel
                              Löbbekes Kaffeehaus
Vor Löbbekes Kaffeehaus hatte sich innerhalb der letzten zwei Stunden nichts
verändert, mit alleiniger Ausnahme der Sperlinge, die jetzt, statt auf dem
Strassendamm, in den verschnittenen Linden sassen und quirilierten. Aber niemand
achtete dieser Musik, am wenigsten van der Straaten, der eben Melanies Arm in
den Elimars gelegt und sich selbst an die Spitze des Zuges gesetzt hatte.
»Attention!« rief er und bückte sich, um sich ohne Fährlichkeit durch das
niedrige Türjoch hindurchzuzwängen.
    Und alles folgte seinem Rat und Beispiel.
    Drinnen waren ein paar absteigende Stufen, weil der Flur um ein erhebliches
niedriger lag als die Strasse draussen, weshalb denn auch den Eintretenden eine
dumpfe Kellerluft entgegenkam, von der es schwer zu sagen war, ob sie durch
ihren biersäuerlichen Gehalt mehr gewann oder verlor. In der Mitte des Flurs sah
man nach rechts hin eine Nische mit Herd und Rauchfang, einer kleinen
Schiffsküche nicht unähnlich, während von links her ein Schanktisch um mehrere
Fuss vorsprang. Dahinter ein sogenanntes »Schapp«, in dem oben Teller und Tassen
und unten allerhand ausgebuchtete Likörflaschen standen. Zwischen Tisch und
Schapp aber tronte die Herrin dieser Dominien, eine grosse, starke Blondine von
Mitte Dreissig, die man ohne weiteres als eine Schönheit hätte hinnehmen müssen,
wenn nicht ihre Augen gewesen wären. Und doch waren es eigentlich schöne Augen,
an denen in Wahrheit nichts auszusetzen war, als dass sie sich daran gewöhnt
hatten, alle Männer in zwei Klassen zu teilen, in solche, denen sie
zuzwinkerten: »Wir treffen uns noch«, und in solche, denen sie spöttisch
nachriefen: »Wir kennen euch besser«. Alles aber, was in diese zwei Klassen
nicht hineinpasste, war nur Gegenstand für Mitleid und Achselzucken.
    Es muss leider gesagt werden, dass auch van der Straaten von diesem
Achselzucken betroffen wurde. Nicht seiner Jahre halber, im Gegenteil, sie wusste
Jahre zu schätzen, nein, einzig und allein, weil er von alter Zeit her die
Schwäche hatte, sich à tout prix populär machen zu wollen. Und das war der
Blondine das Verächtlichste von allem.
    Am Ausgange des Flurs zeigte sich eine noch niedrigere Hoftür, und dahinter
kam ein Garten, drin, um kümmerliche Bäume herum, ein Dutzend grüngestrichene
Tische mit schrägangelehnten Stühlen von derselben Farbe standen. Rechts lief
eine Kegelbahn, deren vorderstes unsichtbares Stück sehr wahrscheinlich bis an
die Strasse reichte. Van der Straaten wies ironischen Tons auf all diese
Herrlichkeiten hin, verbreitete sich über die Vorzüge anspruchslos gebliebener
Nationalitäten und stieg dann eine kleine Schrägung nieder, die, von dem
Sommergarten aus, auf einen grossen, am Spreeufer sich hinziehenden und nach Art
eines Treibhauses angelegten Glasbalkon führte. An einer der offenen Stellen
desselben rückte die Gesellschaft zwei, drei Tische zusammen und hatte nun einen
schmalen, zerbrechlichen Wassersteg und links davon ein festgeankertes, aber
schon dem Nachbarhause zugehöriges Floss vor sich, an das die kleinen
Spreedampfer anzulegen pflegten.
    Rubehn erhielt ohne weiteres den besten Platz angewiesen, um als Fremder den
Blick auf die Stadt frei zu haben, die, flussabwärts, im rot- und
golddurchglühten Dunst eines heissen Sommertages dalag. Elimar und Gabler aber
waren auf den Wassersteg hinausgetreten. Alles freute sich des Bildes, und van
der Straaten sagte: »Sieh, Melanie. Die Schlosskuppel. Sieht sie nicht aus wie
Santa Maria Saluta?«
    »Salutè«, verbesserte Melanie, mit Akzentuierung der letzten Silbe.
    »Gut, gut. Also Salutè«, wiederholte van der Straaten, indem er jetzt auch
seinerseits das e betonte. »Meinetwegen. Ich prätendiere nicht, der alte
Sprachenkardinal zu sein, dessen Namen ich vergessen habe. Salus, salutis,
vierte Deklination, oder dritte, das genügt mir vollkommen. Und Salutà oder
Salutè macht mir keinen Unterschied. Freilich muss ich sagen, so wenig
zuverlässig die lieben Italiener in allem sind, so wenig sind sie's auch in
ihren Endsilben. Mal a, mal e. Aber lassen wir die Sprachstudien, und studieren
wir lieber die Speisekarte. Die Speisekarte, die hier natürlich von Mund zu Mund
vermittelt wird, eine Tatsache, bei der ich mich jeder blonden Erinnerung
entschlage. Nicht wahr, Anastasia? He?«
    »Der Herr Kommerzienrat belieben zu scherzen«, antwortete Anastasia pikiert.
»Ich glaube nicht, dass sich eine Speisekarte von Mund zu Mund vermitteln lässt.«
    »Es käm auf einen Versuch an, und ich für meinen Teil wollte mich zu Lösung
der Aufgabe verpflichten. Aber erst wenn Luna herauf ist und ihr Antlitz wieder
keusch hinter Wolkenschleiern birgt. Bis dahin muss es bleiben, und bis dahin sei
Friede zwischen uns. Und nun, Arnold, ernenn ich dich, in deiner Eigenschaft als
Gabler, zum Erbküchenmeister und lege vertrauensvoll unser leibliches Wohl in
deine Hände.«
    »Was ich dankbarst akzeptiere«, bemerkte dieser, »immer vorausgesetzt, dass
du mir, um mit unsrem leider abwesenden Freunde Gryczinski zu sprechen, einige
Direktiven erteilen willst.«
    »Gerne, gerne«, sagte van der Straaten.
    »Nun denn, so beginne.«
    »Gut. So proponier ich Aal und Gurkensalat... Zugestanden?«
    »Ja«, stimmte der Chorus ein.
    »Und danach Hühnchen und neue Kartoffeln... Zugestanden?«
    »Ja.«
    »Bliebe nur noch die Frage des Getränks. Unter Umständen wichtig genug. Ich
hätte der Lösung derselben, mit Unterstützung Ehms und unsres Wagenkastens,
vorgreifen können, aber ich verabscheue Landpartien mit mitgeschlepptem
Weinkeller. Erstens kränkt man die Leute, bei denen man doch gewissermassen immer
noch zu Gaste geht, und zweitens bleibt man in dem Kreise des Altergebrachten,
aus dem man ja gerade heraus will. Wozu macht man Partien? Wozu? frag ich. Nicht
um es besser zu haben, sondern um es anders zu haben, um die Sitten und
Gewohnheiten anderer Menschen und nebenher auch die Lokalspenden ihrer Dorf- und
Gauschaften kennenzulernen. Und da wir hier nicht im Lande Kanaan weilen, wo
Kaleb die grosse Traube trug, so stimm ich für das landesübliche Produkt dieser
Gegenden, für eine kühle Blonde. Kein Geld, kein Schweizer; keine Weisse, kein
Stralow. Ich wette, dass selbst Gryczinski nie bessere Richtschnuren gegeben hat.
Und nun geh, Arnold. Und für Anastasia einen Anisette... Kühle Blonde! Ob wohl
unsere Blondine zwischen Tisch und Schapp in diese Kategorie fällt?«
    Elimar hatte mittlerweile dem Schauspiele der untergehenden Sonne zugesehn
und auf dem gebrechlichen Wasserstege, nach Art eines Turners, der zum
Hocksprung ansetzt, seine Knie gebogen und wieder angestrafft. Alles mechanisch
und gedankenlos. Plötzlich aber, während er noch so hin und her wippte, knackte
das Brett und brach, und nur der Geistesgegenwart, mit der er nach einem der
Pfähle griff, mocht er es zuschreiben, dass er nicht in das gerad an dieser
Dampfschiffanlegestelle sehr tiefe Wasser niederstürzte. Die Damen schrien laut
auf, und Anastasia zitterte noch, als der durch sich selbst Gerettete mit einem
gewissen Siegeslächeln erschien, das unter den sich jagenden Vorwürfen von
»Tollkühnheit« und »Gleichgiltigkeit gegen die Gefühle seiner Mitmenschen« eher
wuchs als schwand.
    Ein Zwischenfall wie dieser konnte sich natürlich nicht ereignen, ohne von
einer Fülle von Kommentaren und Hypotesen begleitet zu werden, in denen die
Wörter »wenn« und »was« die Hauptrolle spielten und endlos wiederkehrten. Was
würde geschehen sein, wenn Elimar den Pfahl nicht rechtzeitig ergriffen hätte?
Was, wenn er trotzdem hineingefallen, endlich was, wenn er nicht zufällig ein
guter Schwimmer gewesen wäre?
    Melanie, die längst ihr Gleichgewicht wiedergewonnen hatte, behauptete, dass
van der Straaten unter allen Umständen hätte nachspringen müssen, und zwar
erstens als Urheber der Partie, zweitens als resoluter Mann und drittens als
Kommerzienrat, von denen, allen historischen Aufzeichnungen nach, noch keiner
ertrunken wäre. Selbst bei der Sündflut nicht.
    Van der Straaten liebte nichts mehr als solche Neckereien seiner Frau,
verwahrte sich aber, unter Dank für das ihm zugetraute Heldentum, gegen alle
daraus zu ziehenden Konsequenzen. Er halte weder zu der alten Firma Leander noch
zu der neuen des Kapitän Boyton, bekenne sich vielmehr, in allem was Heroismus
angehe, ganz zu der Schule seines Freundes Heine, der, bei jeder Gelegenheit,
seiner äussersten Abneigung gegen tragische Manieren einen ehrlichen und
unumwundenen Ausdruck gegeben habe.
    »Aber«, entgegnete Melanie, »tragische Manieren sind doch nun mal gerade das
, was wir Frauen von euch verlangen.«
    »Ah, bah! Tragische Manieren!« sagte van der Straaten. »Lustige Manieren
verlangt ihr und einen jungen Fant, der euch beim Zwirnwickeln die Docke hält
und auf ein Fusskissen niederkniet, darauf sonderbarerweise jedesmal ein kleines
Hündchen gestickt ist. Mutmasslich als Symbol der Treue. Und dann seufzt er, der
Adorante, der betende Knabe, und macht Augen und versichert euch seiner
innigsten Teilnahme. Denn ihr müsstet unglücklich sein. Und nun wieder Seufzen
und Pause. Freilich, freilich, ihr hättet einen guten Mann (alle Männer seien
gut), aber enfin, ein Mann müsse nicht bloss gut sein, ein Mann müsse seine Frau
verstehen. Darauf komm es an, sonst sei die Ehe niedrig, so niedrig, mehr als
niedrig. Und dann seufzt er zum dritten Mal. Und wenn der Zwirn endlich
abgewickelt ist, was natürlich so lange wie möglich dauert, so glaubt ihr es
auch. Denn jede von euch ist wenigstens für einen indischen Prinzen oder für
einen Schah von Persien geboren. Allein schon wegen der Teppiche.«
    Melanie hatte während dieser echt van der Straatenschen Expektoration ihren
Kopf gewiegt und erwiderte schnippisch und mit einem Anfluge von Hochmut: »Ich
weiss nicht, Ezel, warum du beständig von Zwirn sprichst. Ich wickle Seide.«
    Sehr wahrscheinlich, dass es dieser Bemerkung an einer spitzen Replik nicht
gefehlt hätte, wenn nicht eben jetzt eine dralle, kurzärmelige Magd erschienen
und auf Augenblicke hin der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit geworden wäre.
Schon um des virtuosen Puffs und Knalls willen, womit sie, wie zum Debüt, ihr
Tischtuch auseinanderschlug. Und sehr bald nach ihr erschienen denn auch die
dampfenden Schüsseln und die hohen Weissbierstangen, und selbst der Anisette für
Anastasia war nicht vergessen. Aber es waren ihrer mehrere, da sich der lebens-
und gesellschaftskluge Gabler der allgemeinen Damen Stellung zur Anisette-Frage
rechtzeitig erinnert hatte. Und in der Tat, er musste lächeln (und van der
Straaten mit ihm), als er gleich nach dem Erscheinen des Tabletts auch Riekchen
nippen und ihre Eulenaugen immer grösser und freundlicher werden sah.
    Inzwischen war es dämmerig geworden, und mit der Dämmerung kam die Kühle.
Gabler und Elimar erhoben sich, um aus dem Wagen eine Welt von Decken und
Tüchern heranzuschleppen, und Melanie, nachdem sie den schwarz und weiss
gestreiften Burnus umgenommen und die Kapuze kokett in die Höhe geschlagen
hatte, sah reizender aus als zuvor. Eine der Seidenpuscheln hing ihr in die
Stirn und bewegte sich hin und her, wenn sie sprach oder dem Gespräche der
andern lebhaft folgte. Und dieses Gespräch, das sich bis dahin medisierend um
die Gryczinskis und vor allem auch um den Polizeirat und die neue katilinarische
Verschwörung gedreht hatte, fing endlich an sich näherliegenden und zugleich
auch harmloseren Tematas zuzuwenden, beispielsweise, wie hell der »Wagen« am
Himmel stünde.
    »Fast so hell wie der Grosse Bär«, schaltete Riekchen ein, die nicht fest in
der Himmelskunde war. Und nun entsann man sich, dass dies gerade die
Sternschnuppennächte wären, auf welche Mitteilung hin van der Straaten nicht nur
die fallenden Sterne zu zählen anfing, sondern sich schliesslich auch bis zu dem
Satze steigerte, »dass alles in der Welt eigentlich nur des Fallens wegen da sei:
die Sterne, die Engel, und nur die Frauen nicht«.
    Melanie zuckte zusammen, aber niemand sah es, am wenigsten van der Straaten,
und nachdem noch eine ganze Weile gezählt und gestritten und der Abend
inzwischen immer kälter geworden war, einigte man sich dahin, dass es zur
Bekämpfung dieser Polarzustände nur ein einzig erdenkbares Mittel gäbe: eine
Glühweinbowle. Van der Straaten selbst machte den Vorschlag und definierte:
»Glühwein ist diejenige Form des Weines, in der der Wein nichts und das
Gewürznägelchen alles bedeutet«, auf welche Definition hin es gewagt und die
Bestellung gemacht wurde. Und siehe da, nach verhältnismässig kurzer Zeit schon
erschien auch die blonde Wirtin in Person, um die Bowle vorsorglich inmitten des
Tisches niederzusetzen.
    Und nun nahm sie den Deckel ab und freute sich unter Lachen all der
aufrichtig dankbaren »Achs«, womit ihre Gäste den warmen und erquicklichen Dampf
einsogen. Ein reizender blonder Junge war mit ihr gekommen und hielt sich an der
Schürze der Mutter fest.
    »Ihre?« fragte van der Straaten mit verbindlicher Handbewegung.
    »Na, wen sonst«, antwortete die Blondine nüchtern und suchte mit Rubehn über
den Tisch hin ein paar Blicke zu wechseln. Als es aber misslang, ergriff sie die
blonden Locken ihres Jungen, spielte damit und sagte: »Komm, Pauleken. Die
Herrschaften sind lieber alleine.«
    Elimar sah ihr betroffen nach und rieb sich die Stirn. Endlich rief er:
»Gott sei Dank, nun hab ich's. Ich wusste doch, ich hatte sie schon gesehn.
Irgendwo. Triumphzug des Germanicus; Tusnelda, wie sie leibt und lebt.«
    »Ich kann es nicht finden«, erwiderte van der Straaten, der ein
Piloty-Schwärmer war. »Und es stimmt auch nicht in Verhältnissen und
Leibesumfängen, immer vorausgesetzt, dass man von solchen Dingen in Gegenwart
unserer Damen sprechen darf. Aber Anastasia wird es verzeihen, und um den
Hauptunterschied noch einmal zu betonen, bei Piloty gibt sich Tumelicus noch
als ein Werdender, während wir ihn hier bereits an der Schürze seiner Mutter
hatten. An der weissesten Schürze, die mir je vorgekommen ist. Aber sei weiss wie
Schnee und weisser noch. Ach, die Verleumdung trifft dich doch.«
    Diese zwei Reimzeilen waren in einer absichtlich spöttischen Singsangmanier
von ihm gesprochen worden, und Rubehn, dem es missfiel, wandte sich ab und
blickte nach links hin auf den von Lichtern überbljetzten Strom. Melanie sah es,
und das Blut schoss ihr zu Kopf wie nie zuvor. Ihres Gatten Art und Redeweise
hatte sie, durch all die Jahre hin, viel Hunderte von Malen in Verlegenheit
gebracht, auch wohl in bittere Verlegenheiten, aber dabei war es geblieben.
Heute zum ersten Male schämte sie sich seiner.
    Van der Straaten indes bemerkte nichts von dieser Verstimmung und klammerte
sich nur immer fester an seinen Tusnelda-Stoff, in der an und für sich ganz
richtigen Erkenntnis, etwas Besseres für seine Spezialansprüche nicht finden zu
können.
    »Ich frage jeden, ob dies eine Tusnelda ist. Höher hinauf, meine Freunde.
Göttin Aphrodite, die Venus dieser Gegenden, Venus Spreavensis, frisch aus
demselben Wasser gestiegen, das uns eben erst unsern teuren Elimar zu rauben
trachtete. Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll. Aus der Spree gestiegen, sag
ich. Aber so mich nicht alles täuscht, haben wir hier mehr, meine Freunde. Wir
haben hier, wenn ich richtig beobachtet, oder sagen wir, wenn ich richtig geahnt
habe, eine Vermählung von Modernem und Antikem: Venus Spreavensis und Venus
Kallipygos. Ein gewagtes Wort, ich räum es ein. Aber in Griechisch und Musik
darf man alles sagen. Nicht wahr, Anastasia? Nicht wahr, Elimar? Ausserdem
entsinn ich mich, zu meiner Rechtfertigung, eines wundervollen
Kallipygos-Epigramms... Nein, nicht Epigramms... Wie heisst etwas Zweizeiliges,
was sich nicht reimt...«
    »Distichon.«
    »Richtig. Also ich entsinne mich eines Distichons... bah, da hab ich es
vergessen... Melanie, wie war es doch? Du sagtest es damals so gut und lachtest
so herzlich. Und nun hast du's auch vergessen. Oder willst du's bloss vergessen
haben...?
    Ich bitte dich... Ich hasse das... Besinne dich. Es war etwas von
Pfirsichpflaum, und ich sagte noch, man fühl ihn ordentlich. Und du fandst es
auch und stimmtest mit ein... Aber die Gläser sind ja leer...«
    »Und ich denke, wir lassen sie leer«, sagte Melanie scharf und wechselte die
Farbe, während sie mechanisch ihren Sonnenschirm auf- und zumachte. »Ich denke,
wir lassen sie leer. Es ist ohnehin Glühwein. Und wenn wir noch hinüber wollen,
so wird es Zeit sein, hohe Zeit«, und sie betonte das Wort.
    »Ich bin es zufrieden«, entgegnete van der Straaten, aber in einem Tone, der
nur allzu deutlich erkennen liess, dass seine gute Stimmung in ihr Gegenteil
umzuschlagen begann. »Ich bin es zufrieden und bedauere nur, allem Anscheine
nach, wieder einmal Anstoss gegeben und das adlige Haus de Caparoux in seinen
höheren Aspirationen verschnupft zu haben. Es ist immer das alte Lied, das ich
nicht gerne höre. Wenn ich es aber hören will, so lad ich mir meinen
Schwager-Major zu Tische, der ist erster Kammerherr am Trone des Anstands und
der Langenweile. Heute fehlt er hier, und ich hätte gern darauf verzichtet, ihn
durch seine Frau Schwägerin ersetzt zu sehen. Ich hasse Prüderien und jene
Prätensionen höherer Sittlichkeit, hinter denen nichts steckt. Im günstigsten
Falle nichts steckt. Ich darf das sagen, und jedenfalls will ich es sagen, und
was ich gesagt habe, das habe ich gesagt.«
    Es antwortete niemand. Ein schwacher Versuch Gablers, wieder einzulenken,
misslang, und in ziemlich geschäftsmässigem, wenn auch freilich wieder ruhiger
gewordenem Tone wurden alle noch nötigen Verabredungen zur Überfahrt nach
Treptow in zwei kleinen Booten getroffen; Ehm aber sollte, mit Benutzung der
nächsten Brücke, die Herrschaften am andern Ufer erwarten. Alles stimmte zu, mit
Ausnahme von Fräulein Riekchen, die verlegen erklärte, »dass Bootschaukeln, von
klein auf, ihr Tod gewesen sei«. Worauf sich van der Straaten in einem Anfalle
von Ritterlichkeit erbot, mit ihr in der Glaslaube zurückbleiben und das Anlegen
des nächsten, vom »Eierhäuschen« her erwarteten Dampfschiffes abpassen zu
wollen.
 
                                Zehntes Kapitel
                               Wohin treiben wir?
Es währte nicht lange, so steuerten, von einer dunklen, etwas weiter
flussaufwärts gelegenen Uferstelle her, zwei Jollen auf das Floss zu, jede mit
einer Stocklaterne vorn an Bord. In der kleineren sass derselbe Junge, der schon
am Nachmittage die Reifen auf die Kirchhofswiese hinausgetragen hatte, während
die grössere Jolle, leer und bloss angekettet, im Fahrwasser der anderen
nachschwamm. Es gab einen hübschen Anblick, und kaum dass die beiden Fahrzeuge
lagen, so stiegen auch, vom Floss aus, die schon ungeduldig Wartenden ein: Rubehn
und Melanie in das kleinere, die beiden Maler und Anastasia in das grössere Boot,
eine Verteilung, die sich wie von selber machte, weil Elimar und Gabler gute
Kahnfahrer waren und jeder anderweitigen Führung entbehren konnten. Sie nahmen
denn auch die Tête, und der Junge mit der kleineren Jolle folgte.
    Van der Straaten sah ihnen eine Weile nach und sagte dann zu dem Fräulein:
»Es ist mir ganz lieb, Riekchen, dass wir zurückgeblieben sind und auf das
Dampfschiff warten müssen. Ich habe Sie schon immer fragen wollen, wie gefällt
Ihnen unser neuer Hausgenosse? Sie sprechen nicht viel, und wer nicht viel
spricht, der beobachtet gut.«
    »Oh, er gefällt mir.«
    »Und mir gefällt es, Riekchen, dass er Ihnen gefällt. Nur das oh beklag ich,
denn es hebt ein gut Teil Lob wieder auf, und oh, er gefällt mir ist eigentlich
nicht viel besser als oh, er gefällt mir nicht. Sie sehen, ich lasse Sie nicht
wieder los. Also nur immer tapfer mit der Sprache heraus. Warum nur oh? Woran
liegt es? Wo fehlt es? Misstrauen Sie seinen Dragonerreservelieutenants-Allüren?
Ist er Ihnen zu kavaliermässig oder zu wenig? Ist er Ihnen zu laut oder zu still,
zu bescheiden oder zu stolz, zu warm oder zu kalt? Damit möchten Sie's getroffen
haben.«
    »Womit?«
    »Mit dem zu kalt. Ja, er ist mir zu kalt. Als ich ihn das erste Mal sah,
hatt ich einen guten Eindruck, obgleich nicht voll so gut wie Anastasia.
Natürlich nicht. Anastasia singt und ist exzentrisch und will einen Mann haben.«
    »Will jede.«
    »Ich auch?« lachte die Kleine.
    »Wer weiss, Riekchen.«
    »... Also das erste war: er gefiel mir. Es war in der Veranda, gleich nach
dem zweiten Frühstück, wir hatten eben die blauen Milchsatten zurückgeschoben,
und es ist mir, als wär es gestern gewesen. Da kam der alte Teichgräber und
brachte seine Karte. Und dann kam er selbst. Nun er hat etwas Distinguiertes,
und man sieht auf den ersten Blick, dass er die kleine Not des Lebens nicht
kennengelernt hat. Und das ist immer hübsch, und das Hübsche davon soll ihm
unbenommen sein. Er hat aber auch etwas Reserviertes. Und wenn ich sage, was
Reserviertes, so hab ich noch sehr wenig gesagt. Denn Reserviertsein ist gut und
schicklich. Er übertreibt es aber. Anfangs glaubt ich, es sei die kleine
gesellschaftliche Scheu, die jeden ziert, auch den Mann von Welt, und er werd es
ablegen. Aber bald konnt ich sehen, dass es nicht Scheu war. Nein, ganz im
Gegenteil. Es ist Selbstbewusstsein. Er hat etwas amerikanisch Sicheres. Und so
sicher er ist, so kalt ist er auch.«
    »Ja, Riekchen, er war zu lange drüben, und drüben ist nicht der Platz, um
Bescheidenheit und warme Gefühle zu lernen.«
    »Sie sind auch nicht zu lernen. Aber man kann sie leider verlernen.«
    »Verlernen?« lachte van der Straaten. »Ich bitte Sie, Riekchen, er ist ja
ein Frankfurter!«
Während dieses Gespräch in dem Glasbalkon geführt wurde, steuerten die beiden
Boote der Mitte des Stromes zu. Auf dem grösseren war Scherz und Lachen, aber auf
dem kleineren, das folgte, schwieg alles, und Melanie beugte sich über den Rand
und liess das Wasser durch ihre Finger plätschern.
    »Ist es immer nur das Wasser, dem Sie die Hand reichen, Freundin?«
    »Es kühlt. Und ich hab es so heiss.«
    »So legen Sie den Burnus ab...« Und er erhob sich, um ihr behilflich zu
sein.
    »Nein«, sagte sie heftig und abwehrend. »Mich friert.« Und er sah nun, dass
sie wirklich fröstelnd zusammenzuckte.
    Und wieder fuhren sie schweigend dem andern Boote nach und horchten auf die
Lieder, die von dorter herüberklangen. Erst war es »Long, long ago«, und immer
wenn der Refrain kam, summte Melanie die Zeile mit. Und nun lachten sie drüben,
und neue Lieder wurden intoniert und ebenso rasch wieder verworfen, bis man sich
endlich über eines geeinigt zu haben schien. »O säh ich auf der Heide dort«. Und
wirklich, sie hielten aus und sangen alle Strophen durch. Aber Melanie sang
nicht leise mehr mit, um nicht durch ein Zittern ihrer Stimme ihre Bewegung zu
verraten.
    Und nun waren sie mitten auf dem Strom, ausser Hörweite von den
Vorauffahrenden, und der Junge, der sie beide fuhr, zog mit einem Ruck die Ruder
ein und legte sich bequem ins Boot nieder und liess es treiben.
    »Er sieht auch zu den Sternen auf«, sagte Rubehn.
    »Und zählt, wie viele fallen«, lachte Melanie bitter. »Aber Sie dürfen mich
nicht so verwundert ansehn, lieber Freund, als ob ich etwas Besonderes gesagt
hätte. Das ist ja, wie Sie wissen, oder wenigstens seit heute wissen müssen, der
Ton unsres Hauses. Ein bisschen spitz, ein bisschen zweideutig und immer
unpassend. Ich befleissige mich der Ausdrucksweise meines Mannes. Aber freilich,
ich bleibe hinter ihm zurück. Er ist eben unerreichbar und weiss so wundervoll
alles zu treffen, was kränkt und blossstellt und beschämt.«
    »Sie dürfen sich nicht verbittern.«
    »Ich verbittre mich nicht. Aber ich bin verbittert. Und weil ich es bin und
es los sein möchte, deshalb sprech ich so. Van der Straaten...«
    »Ist anders als andre. Aber er liebt Sie, glaub ich... Und er ist gut.«
    »Und er ist gut«, wiederholte Melanie heftig und in beinahe krampfhafter
Heiterkeit. »Alle Männer sind gut...! Und nun fehlt nur noch der Zwirnwickel und
das Fusskissen mit dem Symbol der Treue darauf, so haben wir alles wieder
beisammen. O Freund, wie konnten Sie nur das sagen und, um ihn zu rechtfertigen,
so ganz in seinen Ton verfallen!«
    »Ich würde durch jeden Ton Anstoss gegeben haben.«
    »Vielleicht... Oder sagen wir lieber gewiss. Denn es war zu viel, dieser
ewige Hinweis auf Dinge, die nur unter vier Augen gehören, und das kaum. Aber er
kennt kein Geheimnis, weil ihm nichts des Geheimnisses wert dünkt. Weil ihm
nichts heilig ist. Und wer anders denkt, ist scheinheilig oder lächerrlich. Und
das vor Ihnen...«
    Er nahm ihre Hand und fühlte, dass sie fieberte.
    Die Sterne aber funkelten und spiegelten sich und tanzten um sie her, und
das Boot schaukelte leis und trieb im Strom, und in Melanies Herzen erklang es
immer lauter: wohin treiben wir?
    Und sieh, es war, als ob der Bootsjunge von derselben Frage beunruhigt
worden wäre, denn er sprang plötzlich auf und sah sich um, und wahrnehmend, dass
sie weit über die rechte Stelle hinaus waren, griff er jetzt mit beiden Rudern
ein und warf die Jolle nach links herum, um so schnell wie möglich aus der
Strömung heraus und dem andern Ufer wieder näher zu kommen. Und sieh, es gelang
ihm auch, und ehe fünf Minuten um waren, erkannte man die von zahllosen Lichtern
erhellten Baumgruppen des Treptower Parks, und Rubehn und Melanie hörten
Anastasias Lachen auf dem vorauffahrenden Boot. Und nun schwieg das Lachen, und
das Singen begann wieder. Aber es war ein andres Lied, und über das Wasser hin
klang es »Rohtraut, Schön-Rohtraut«, erst laut und jubelnd, bis es schwermütig
in die Worte verklang: »Schweig stille, mein Herze«.
    »Schweig stille, mein Herze«, wiederholte Rubehn und sagte leise: »soll es?«
    Melanie antwortete nicht. Das Boot aber lief ans Ufer, an dem Elimar und
Arnold schon in aller Dienstbeflissenheit warteten. Und gleich darauf kam auch
das Dampfschiff, und Riekchen und van der Straaten stiegen aus. Er heiter und
gesprächig.
    Und er nahm Melanies Arm und schien die Szene, die den Abend gestört hatte,
vollkommen vergessen zu haben.
 
                                 Elftes Kapitel
                                  Zum Minister
»Wohin treiben wir?« hatte es in Melanies Herzen gefragt, und die Frage war ihr
unvergessen geblieben. Aber der fieberhaften Erregung jener Stunde hatte sie
sich entschlagen, und in den Tagen, die folgten, war ihr die Herrschaft über
sich selbst zurückgekehrt.
    Und diese Herrschaft blieb ihr auch, und sie zuckte nur einen Augenblick
zusammen, als sie, nach Ablauf einer Woche, Rubehn am Gitter draussen halten und
gleich darauf auf die Veranda zukommen sah. Sie ging ihm wie gewöhnlich einen
Schritt entgegen und sagte: »Wie ich mich freue, Sie wiederzusehen! Sonst sahen
wir Sie jeden dritten Tag, und Sie haben diesmal eine Woche vergehen lassen,
fast eine Woche. Aber die Strafe folgt Ihnen auf dem Fusse. Sie treffen nur
Anastasia und mich. Unser Riekchen, das Sie ja zu schätzen wissen (wenn auch
freilich nicht genug), hat uns auf einen ganzen Monat verlassen und erzieht
sieben kleine Vettern auf dem Lande. Lauter Jungen und lauter Sawatzkis und in
ihren übermütigsten Stunden auch mutmasslich lauter Sattler von der Hölle.«
    »Sagen wir lieber gewiss. Und dazu Riekchen als Präzeptor und Regente. Muss
das eine Zügelführung sein!«
    »Oh, Sie verkennen sie; sie weiss sich in Respekt zu setzen.«
    »Und doch möcht ich die Verzweiflung des Gärtners über zertretene Rabatten
und die des Försters über angerichteten Wildschaden nicht mit Augen sehn. Denn
ein kleiner Junker schiesst alles, was kreucht und fleucht. Und nun gar sieben.
Aber ich vergesse, mich meines Auftrags zu entledigen. Van der Straaten... Ihr
Herr Gemahl... bittet, ihn zu Tische nicht erwarten zu wollen. Er ist zum
Minister befohlen, und zwar in Sachen einer Enquête. Freilich erst morgen. Aber
heute hat er das Vorspiel: das Diner. Sie wissen, meine gnädigste Frau, es gibt
jetzt nur noch Enquêten.«
    »Es gibt nur noch Enquêten, aber es gibt keine gnädigste Frauen mehr.
Wenigstens nicht hier und am wenigsten zwischen uns. Eine Gnädigste bin ich
überhaupt nur bei Gryczinskis. Ich bin Ihre gute Freundin und weiter nichts.
Nicht wahr?« Und sie gab ihm ihre Hand, die er nahm und küsste. »Und ich will
nicht«, fuhr sie fort, »dass wir diese sechs Tage nur gelebt haben, um unsre
Freundschaft um ebenso viele Wochen zurückzudatieren. Also nichts mehr von einer
gnädigsten Frau.« Und dabei zwang sie sich, ihn anzusehen. Aber ihr Herz schlug,
und ihre Stimme zitterte bei der Erinnerung an den Abend, der nur zu deutlich
vor ihrer Seele stand.
    »Ja, lieber Freund«, nahm sie nach einer kurzen Pause wieder das Wort, »ich
musste das zwischen uns klarmachen. Und da wir einmal beim Klarmachen sind, so
muss auch noch ein andres heraus, auch etwas Persönliches und Diffiziles. Ich muss
Ihnen nämlich endlich einen Namen geben. Denn Sie haben eigentlich keinen Namen,
oder wenigstens keinen, der zu brauchen wäre.«
    »Ich dächte doch...«, sagte Rubehn mit einem leisen Anfluge von Verlegenheit
und Missstimmung.
    »Ich dächte doch«, wiederholte Melanie und lachte. »Dass doch auch die Klugen
und Klügsten auf diesen Punkt hin immer empfindlich sind! Aber ich bitte Sie,
sich aller Empfindlichkeiten entschlagen zu wollen. Sie sollen selbst
entscheiden. Beantworten Sie mir auf Pflicht und Gewissen die Frage: ob Ebenezer
ein Name ist. Ich meine ein Name fürs Haus, fürs Geplauder, für die Causerie,
die doch nun mal unser Bestes ist! Ebenezer! O Sie dürfen nicht so bös aussehen.
Ebenezer ist ein Name für einen Hohenpriester oder für einen, der's werden will,
und ich seh ihn ordentlich, wie er das Opfermesser schwingt. Und sehen Sie,
davor schaudert mir. Ebenezer ist au fond nicht besser als Aaron. Und es ist
auch nichts daraus zu machen. Aus Ezechiel hab ich mir einen Ezel glücklich
kondensiert. Aber Ebenezer!«
    Anastasia weidete sich an Rubehns Verlegenheit und sagte dann: »Ich wüsste
schon eine Hilfe.«
    »Oh, die weiss ich auch. Und ich könnte sogar alles in einen allgemeinen und
fast nach Grammatik klingenden Satz bringen. Und dieser Satz würde sein: Um- und
Rückformung des abstrusen Familiennamens Rubehn in den alten, mir immer lieb
gewesenen Vornamen Ruben.«
    »Und das wollt ich auch sagen«, eiferte Anastasia.
    »Aber ich hab es gesagt.«
    Und in diesem Prioritätsstreite scherzte sich Melanie mehr und mehr in den
Ton alter Unbefangenheit hinein und fuhr endlich, gegen Rubehn gewendet, fort:
»Und wissen Sie, lieber Freund, dass mir diese Namensgebung wirklich etwas
bedeutet? Ruben, um es zu wiederholen, war mir von jeher der Sympatischste von
den Zwölfen. Er hatte das Hochherzige, das sich immer bei dem Ältesten findet,
einfach weil er der Älteste ist. Denken Sie nach, ob ich nicht recht habe. Die
natürliche Herrscherstellung des Erstgeborenen sichert ihn vor Mesquinerie und
Intrige.«
    »Jeder Erstgeborene wird Ihnen für diese Verherrlichung dankbar sein müssen,
und jeder Ruben erst recht. Und doch gesteh ich Ihnen offen, ich hätt unter den
Zwölfen eine andere Wahl getroffen.«
    »Aber gewiss keine bessere. Und ich hoff es Ihnen beweisen zu können. Über
die sechs Halblegitimen ist weiter kein Wort zu verlieren; Sie nicken, sind also
einverstanden. Und so nehmen wir denn, als erstes Betrachtungsobjekt, die
Nestküken der Familie, die Muttersöhnchen. Es wird so viel von ihnen gemacht,
aber Sie werden mir zustimmen, dass die spätere ägyptische Exzellenz nicht so
ganz ohne Not in die Zisterne gesteckt worden ist. Er war einfach ein enfant
terrible. Und nun gar der Jüngste! Verwöhnt und verzogen. Ich habe selbst ein
Jüngstes und weiss etwas davon zu sagen... Und so bleiben uns denn wirklich nur
die vier alten Grognards von der Lea her. Wohl, sie haben alle vier ihre
Meriten. Aber doch ist ein Unterschied. In dem Levi spukt schon der Levit und in
dem Juda das Königtum - ein Stückchen Illoyalität, das Sie mir als freier
Schweizerin zugute halten müssen. Und so sehen wir uns denn vor den Rest
gestellt, vor die beiden letzten, die natürlich die beiden ersten sind. Eh bien,
ich will nicht mäkeln und feilschen und will dem Simeon lassen, was ihm zukommt.
Er war ein Charakter, und als solcher wollt er dem Jungen ans Leben. Charaktere
sind nie für halbe Massregeln. Aber da trat Ruben dazwischen, mein Ruben, und
rettete den Jungen, weil er des alten Vaters gedachte. Denn er war gefühlvoll
und mitleidig und hochherzig. Und was Schwäche war, darüber sag ich nichts. Er
hatte die Fehler seiner Tugenden, wie wir alle. Das war es und weiter nichts.
Und deshalb Ruben und immer wieder Ruben. Und kein Appell und kein Refus.
Anastasia, brich einen Tauf- und Krönungszweig ab, da von der Esche drüben. Wir
können sie dann die Ruben-Esche nennen.«
    Und dieses scherzhafte Geplauder würde sich mutmasslich noch fortgesetzt
haben, wenn nicht in eben diesem Augenblicke der wohlbekannte, zweirädrige Gig
sichtbar geworden wäre, von dessen turmhohem Sitze herab van der Straaten über
das Gitter weg mit der Peitsche salutierte. Und nun hielt das Gefährt, und der
Enquêten-Kommerzienrat erschien in der Veranda, strahlend von Glück und
freudiger Erregung. Er küsste Melanie die Stirn und versicherte einmal über das
andere, dass er sich's nicht habe versagen wollen, die freie halbe Stunde bis zum
ministeriellen Diner au sein de sa famille zu verbringen.
    Und nun nahm er Platz und rief in das Haus hinein: »Liddi, Liddi. Rasch.
Antreten. Immer flink. Und Het auch; das Stiefkind, die Kleine, die
vernachlässigt wird, weil sie mir ähnlich sieht...«
    »Und von der ich eben erzählt habe, dass sie grenzenlos verwöhnt würde.«
    Die Kinder waren inzwischen erschienen, und der glückliche Vater nahm ein
elegantes Tütchen mit papierenem Spitzenbesatz aus der Tasche und hielt es Lydia
hin. Diese nahm's und gab es an die Kleine weiter. »Da, Het.«
    »Magst du nicht?« fragte van der Straaten. »Sieh doch erst nach. Es sind ja
Pralines. Und noch dazu von Sarotti.«
    Aber Lydia sah mit einem Streifblick zu Rubehn hinüber und sagte: »Tüten
sind für Kinder. Ich mag nicht.«
    Alles lachte, selbst Rubehn, trotzdem er wohl fühlte, dass er der Grund
dieser Ablehnung war. Van der Straaten indes nahm die kleine Het auf den Schoss
und sagte: »Du bist deines Vaters Kind. Ohne Faxen und Haberei. Lydia spielt
schon die de Caparoux.«
    »Lass sie«, sagte Melanie.
    »Ich werde sie lassen müssen. Und sonderbar zu sagen, ich hasse die
Vornehmheitsallüren eigentlich nur für mich selbst. In meiner Familie sind sie
mir ganz recht, wenigstens gelegentlich, abgesehen davon, dass sich auch für
meine Person allerhand Wandlungen vorbereiten. Denn in meiner Eigenschaft als
Mitglied einer Enquêten-Kommission hab ich die Verpflichtung höherer
gesellschaftlicher Formen übernommen, und geht das so weiter, Melanie, so hältst
du zwischen heut und sechs Wochen einen halben Oberzeremonienmeister in deinen
Händen. In den Sechswochenschaften hat ja von Uranfang an etwas mysteriös
Bedeutungsvolles geschlummert.«
    »Eine Wendung, lieber van der Straaten, die mir vorläufig nur wieder zeigt,
wie weitab du noch von deiner neuen Charge bist.«
    »Allerdings, allerdings«, lachte van der Straaten. »Gut Ding will Weile
haben, und Rom wurde nicht an einem Tage gebaut. Und nun sage mir, denn ich habe
nur noch zehn Minuten, wie du diesen Nachmittag zu verbringen und unsern Freund
Rubehn zu divertieren gedenkst. Verzeih die Frage. Aber ich kenne deine mitunter
ängstliche Gleichgiltigkeit gegen Tisch- und Tafelfreuden und berechne mir in
der Eile, dass deine Bohnen und Hammelkotelettes, auch wenn die Bohnen ziepsig
und die Kotelettes zähe sind, nicht gut über eine halbe Stunde hinaus ausgedehnt
werden können. Auch nicht unter Heranziehung eines Desserts von Erdbeeren und
Stiltonkäse. Und so sorg ich mich denn um euch, und zwar um so mehr, als ihr
nicht die geringste Chance habt, mich vor neun Uhr wieder hier zu sehn.«
    »Ängstige dich nicht«, entgegnete Melanie. »Es ist keine Frage, dass wir dich
schmerzlich entbehren werden. Du wirst uns fehlen, du musst uns fehlen. Denn wer
könnt uns, um nur eines zu nennen, den Hochflug deiner bilderreichen
Einbildungskraft ersetzen. Kaum, dass wir ihr zu folgen verstehn. Und doch
verbürg ich mich für Unterbringung dieser armen, verlorenen Stunden, die dir
soviel Sorge machen. Und du sollst sogar das Programm wissen.«
    »Da wär ich neugierig.«
    »Erst singen wir.«
    »Tristan?«
    »Nein. Und Anastasia begleitet. Und dann haben wir unser Diner oder doch
das, was dafür aufkommen muss. Und es wird sich schon machen. Denn immer, wenn du
nicht da bist, suchen wir uns durch einen besseren Tisch und ein paar
eingeschobene süsse Speisen zu trösten.«
    »Glaub's, glaub's. Und dann?«
    »Dann hab ich vor, unsern lieben Freund, den ich dir übrigens, nach einem
allerjüngsten Übereinkommen, als Rubehn mit dem gestrichenen h, also schlechtweg
als unsern Freund Ruben vorstelle, mit den Schätzen und Schönheiten unsrer Villa
bekannt zu machen. Er ist eine Legion von Malen, wenn auch immer noch nicht oft
genug, unser lieber Gast gewesen und kennt trotz alledem nichts von dieser
ganzen Herrlichkeit als unser Ess- und Musikzimmer und hier draussen die Veranda
mit dem kreischenden Pfau, der ihm natürlich ein Greuel ist. Aber er soll heute
noch in seinem halb freireichsstädtischen und halb überseeischen Hochmute
gedemütigt werden. Ich habe vor, mit deinem Obstgarten zu beginnen und dem
Obstgarten das Palmenhaus und dem Palmenhause das Aquarium folgen zu lassen.«
    »Ein gutes Programm, das mich nur hinsichtlich seiner letzten Nummer etwas
erschreckt oder wenigstens zur Vorsicht mahnen lässt. Sie müssen nämlich wissen,
Rubehn, was wir letzten Sommer in dieser erbärmlichen Glaskastensammlung, die
den stolzen Namen Aquarium führt, schaudernd selbst erlebt haben. Nicht mehr und
nicht weniger als einen Ausbruch, Eruption, und ich höre noch Anastasias
Aufschrei und werd ihn hören bis ans Ende meiner Tage. Denken Sie sich, eine der
grossen Glasscheiben platzt, Ursach unbekannt, wahrscheinlich aber, weil
Gryczinski seinem Füsiliersäbel eine falsche Direktive gegeben, und siehe da,
ehe wir drei zählen können, steht unser ganzer Aquariumflur nicht nur handhoch
unter Wasser, sondern auch alle Schrecken der Tiefe zappeln um uns her, und ein
grosser Hecht umschnoppert Melanies Fusstaille mit allersichtlichster
Vernachlässigung Tante Riekchens. Offenbar also ein Kenner. Und in einem Anfalle
wahnsinniger Eifersucht hab ich ihn schlachten lassen und seine Leber
höchsteigenhändig verzehrt.«
    Anastasia bestätigte die Zutreffendheit der Schilderung, und selbst Melanie,
die seit längerer Zeit ähnlichen Exkursen ihres Gatten mit nur zu sichtlichem
Widerstreben folgte, nahm heute wieder an der allgemeinen Heiterkeit teil. Sie
hatte sich schon vorher in dem mit Rubehn geführten Gespräche derartig
heraufgeschraubt, dass sie wie geistig trunken und beinahe gleichgiltig gegen
Erwägungen und Rücksichten war, die sie noch ganz vor kurzem gequält hatten. Sie
sah wieder alles von der lachenden Seite, selbst das Gewagteste, und fasste, ohne
sich Rechenschaft davon zu geben, den Entschluss, mit der ganzen nervösen
Feinfühligkeit dieser letzten Wochen ein für allemal brechen und wieder keck und
unbefangen in die Welt hinein leben zu wollen.
    Van der Straaten aber, überglücklich, mit seinem Aquariumshecht einen guten
Abgang gefunden zu haben, griff nach Hut und Handschuh und versprach, auf Eile
dringen zu wollen, soweit sich, einem Minister gegenüber, überhaupt auf irgend
etwas dringen lasse.
    Das waren seine letzten Worte. Gleich darauf hörte man das Knirschen der
Räder und empfing von aussen her, über das Parkgitter hin, einen absichtlich
übertriebenen Feierlichkeitsgruss, in dem sich die ganze Bedeutung eines Mannes
ausdrücken sollte, der zum Minister fährt. Noch dazu zum Finanzminister, der
eigentlich immer ein Doppelminister ist.
 
                                Zwölftes Kapitel
                                  Unter Palmen
Die Nachmittagsstunden vergingen, wie's Melanie geplant und van der Straaten
gebilligt hatte. Dem andertalbstündigen Musizieren folgte das kleine Diner,
opulenter als gedacht, und die Sonne stand eben noch über den Bosquets, als man
sich erhob, um draussen im »Orchard« ein zweites Dessert von den Bäumen zu
pflücken.
    Dieser für allerhand Obstkulturen bestimmte Teil des Parkes lief, an
sonnigster Stelle, neben dem Fluss entlang und bestand aus einem anscheinend
endlosen Kieswege, der nach der Spree hin offen, nach der Parkseite hin aber von
Spalierwänden eingefasst war. An diesen Spalieren, in kunstvollster Weise
behandelt und jeder einzelne Zweig gehegt und gepflegt, reiften die feinsten
Obstarten, während kaum minder feine Sorten an nebenherlaufenden niederen
Brettergestellen, etwa nach Art grosser Ananaserdbeeren, gezogen wurden.
    Melanie hatte Rubehns Arm genommen, Anastasia folgte langsam und in
wachsenden Abständen; Het aber auf ihrem Vélocipède begleitete die Mama, bald
weit vorauf, bald dicht neben ihr, und wandte sich dann wieder, ohne die
geringste Ahnung davon, dass ihre rückseitige Drapierung in ein immer komischeres
und ungenierteres Fliegen und Flattern kam. Melanie, wenn Het die Wendung
machte, suchte jedesmal durch ein lebhafteres Sprechen über die kleine
Verlegenheit hinwegzukommen, bis Rubehn endlich ihre Hand nahm und sagte:
»Lassen wir doch das Kind. Es ist ja glücklich, beneidenswert glücklich. Und Sie
sehen, Freundin, ich lache nicht einmal.«
    »Sie haben recht«, entgegnete Melanie. »Torheit und nichts weiter. Unsere
Scham ist unsere Schuld. Und eigentlich ist es rührend und entzückend zugleich.«
Und als der kleine Wildfang in eben diesem Augenblicke wieder heranrollte,
kommandierte sie selbst: »Rechtsum. Und nicht zu nah an die Spree! Sehen Sie
nur, wie sie hinfliegt. Solange die Welt steht, hat keine Reiterei mit so
fliegenden Fahnen angegriffen.«
    Unter solchem Gespräch waren sie bis an die Stelle gekommen, wo, von der
Parkseite her, ein breiter, avenueartiger Weg in den langen und schmalen
Spaliergang einmündete. Hier, im Zentrum der ganzen Anlage, erhoben sich denn
auch, nach dem Vorbilde der berühmten englischen Gärten in Kew, ein paar hohe,
glasgekuppelte Palmenhäuser, an deren eines sich ein altmodisches Treibhaus
anlehnte, das, früher der Herrschaft zugehörig, inzwischen mit all seinen
Blattpflanzen und Topfgewächsen in die Hände des alten Gärtners übergegangen und
die Grundlage zum Betrieb eines sehr einträglichen Privatgeschäftes geworden
war. Unmittelbar neben dem Treibhause hatte der Gärtner seine Wohnung, ein nur
zweifenstriges und ganz von Efeu überwachsenes Häuschen, über das ein alter,
schrägstehender Akazienbaum seine Zweige breitete. Zwei, drei Steinstufen
führten bis in den Flur, und neben diesen Stufen stand eine Bank, deren
Rücklehne von dem Efeu mit überwachsen war.
    »Setzen wir uns«, sagte Melanie. »Immer vorausgesetzt, dass wir dürfen. Denn
unser alter Freund hier ist nicht immer guter Laune. Nicht wahr, Kagelmann?«
    Diese Worte hatten sich an einen kleinen und ziemlich hässlichen Mann
gerichtet, der, wiewohl kahlköpfig (was übrigens die Sommermütze verdeckte),
nichtsdestoweniger an beiden Schläfen ein paar lange glatte Haarsträhnen hatte,
die bis tief auf die Schulter niederhingen. Alles an ihm war ausser Verhältnis,
und so kam es, dass, seiner Kleinheit unerachtet oder vielleicht auch um dieser
willen, alles zu gross an ihm erschien: die Nase, die Ohren, die Hände. Und
eigentlich auch die Augen. Aber diese sah man nur, wenn er, was öfters geschah,
die ganz verblakte Hornbrille abnahm. Er war eine typische Gärtnerfigur:
unfreundlich, grob und habsüchtig, vor allem auch seinem Wohltäter, dem
Kommerzienrat, gegenüber, und nur wenn er die »Frau Rätin« sah, erwies er sich
auffallend verbindlich und guter Laune.
    So nahm er denn auch heute das scherzhaft hingeworfene »wenn wir dürfen« in
bester Stimmung auf und sagte, während er mit der Rechten (in der er einen
kleinen Aurikeltopf hielt) seine grossschirmige Mütze nach hinten schob: »Jott,
Frau Rätin, ob Sie dürfen! Solche Frau! Solche Frau wie Sie darf allens. Un
warum? Weil Ihnen allens kleidt. Un wen alles kleidt, der darf ooch alles. Uff
's Kleiden kommt's an. 's gibt welche, die sagen, die Blumen machen dumm und
simplig. Aber dass es uff 's Kleiden ankommt, soviel lernt man bei de Blumens.«
    »Immer mein galanter Kagelmann«, lachte Melanie. »Man merkt doch den
Unverheirateten, den Junggesellen. Und doch ist es unrecht, Kagelmann, dass Sie
so geblieben sind. Ich meine, so ledig. Ein Mann wie Sie, so frisch und so
gesund, und ein so gutes Geschäft. Und reich dazu. Die Leute sagen ja, Sie
hätten ein Rittergut. Aber ich will es nicht wissen, Kagelmann. Ich respektiere
Geheimnisse. Nur das ist wahr, Ihr Efeuhaus ist zu klein, immer vorausgesetzt,
dass Sie sich noch mal anders besinnen.«
    »Ja, kleen is es man. Aber for mir is es jross genug, das heisst for mir
alleine. Sonst... Aber ich bin ja nu all sechzig.«
    »Sechzig. Mein Gott, sechzig. Sechzig ist ja gar kein Alter.«
    »Nee«, sagte Kagelmann. »En Alter is es eijentlich noch nich. Un es jeht
ooch allens noch. Un janz jut. Un es schmeckt ooch noch, un die Gebrüder
Benekens dragen einen ooch noch. Aber viel mehr is es ooch nich. Un wen soll man
denn am Ende nehmen? Sehen Se, Frau Rätin, die so for mir passen, die gefallen
mir nich, un die mir gefallen, die passen wieder nich. - Ich wäre so for dreissig
oder so drum rum. Dreissig is jut, un dreissig zu dreissig, das stimmt ooch. Aber
sechzig in dreissig jeht nich. Und da sagt denn die Frau: borg ich mir einen.«
    Melanie lachte.
    Kagelmann aber fuhr fort: »Ach, Frau Kommerzienrätin, Sie hören so was nich
un glauben jar nich, wie die Welt is un was allens passiert. Da war hier einer
drüben bei Flatows, Cohn und Flatow, grosses Ledergeschäft (un sie sollen's ja
von Amerika kriegen, na, mir is es jleich), und war ooch en Gärtner, un war woll
so sechsunfufzig. Oder vielleicht ooch erst fünfunfufzig. Un der nahm sich ja nu
so 'n Madamchen, so von 'n Jahrer dreissig, un war ne Witib, un immer janz
schwarz, un ne hübsche Person, un sass immer ins mittelste Zelt, Nummer 4, wo
Kaiser Wilhelm steht un wo immer die Musik is mit Klavier un Flöte. Ja, du mein
Jott, was hat er gehabt? Jar nichts hat er gehabt. Un da sitzt er nu mit seine
drei Würmer, un Madamchen is weg. Un mit wen is se weg? Mit 'n Gelbschnabel, un
hatte noch keene zwanzig uff 'n Rücken, un Teichgräber sagt, er wär erst
achtzehn gewesen. Unmöglich is es. Aber ein fixer, kleiner Kerl war es, so was
Italiensches, un war doch bloss aus Ratnow. Aber en Paar Oogen! Ich sag Ihnen,
Frau Kommerzienrätin, wie 'n Feuerwerk, un es war orntlich, als ob's man so
prasselte.«
    »Ja, das ist traurig für den Mann«, lachte Melanie. »Aber doch am
traurigsten für die Frau. Denn wenn einer solche Augen hat...«
    »Un so was is jetzt alle Tage«, schloss der Alte, der auf die
Zwischenbemerkung nicht geachtet hatte und wieder bei seinen Töpfen zu stellen
und zu kramen anfing.
    Aber Melanie liess ihm keine Ruh. »Alle Tage«, sagte sie.
    »Natürlich, alle Tage. Natürlich, alles kommt vor. Aber das darf einen doch
nicht abhalten. Sonst könnte ja keiner mehr heiraten, und es gäbe gar kein Leben
und keine Menschen mehr. Denn ein kleiner fixer Gärtnerbursche, nu, mein Gott,
der findt sich zuletzt überall.«
    »Ja, Frau Kommerzienrätin, das is schon richtig. Aber mitunter findt er sich
immer, und mitunter findt er sich bloss manchmal. Heiraten! Nu ja, hübsch muss es
ja sind, sonst dhäten es nich so viele. Aber besser is besser. Un ich denke,
lieber bewahrt als beklagt.«
    In diesem Augenblicke wurde, von der Hauptallee her, ein Einspänner sichtbar
und hielt, indem er eine Biegung machte, vor der Bank, auf der Rubehn und
Melanie Platz genommen hatten. Es war ein auf niedrigen Rädern gehendes
Fuhrwerk, das den Geschäftsverkehr des kleinen Privattreibhauses mit der Stadt
vermittelte.
    Kagelmann tat ein paar Fragen an den vorn auf dem Deichselbrette sitzenden
Kutscher, und nachdem er noch einen andern Arbeiter herbeigerufen hatte, fingen
alle drei an, die Palmenkübel abzuladen, die, trotzdem sie nur von mässiger Grösse
waren, den Rand des Wagenkastens weit überragten und mit ihren dunklen Kronen,
schon von fernher, den Eindruck prächtig wehender Federbüsche gemacht hatten.
    Alle drei waren ein paar Minuten lang emsig bei der Arbeit, als aber
schliesslich alles abgeladen war, wandte sich Kagelmann wieder an seine gnädige
Frau und sagte, während er die zwei grössten und schönsten Palmen mit seinen
Händen patschelte: »Ja, Frau Rätin, das sind nu so meine Stammhalter, so meine
zwei Säulen von 's Geschäft. Un immer unterwegs, wie 'n Landbriefträger. Man
bloss noch unterwegser. Denn der hat doch 'n Sonntag oder Kirchenzeit. Aber meine
Palmen nich. Un ich freue mir immer orntlich, wenn mal 'n Stillstand is und ich
allens mal wieder so zu sehen kriege. So wie heute. Denn mitunter seh ich meine
Palmen die janze Woche nich.«
    »Aber warum nicht?«
    »Jott, Frau Rätin, Palme passt immer. Un is kein Unterschied, ob Trauung oder
Begräbnis. Und manche taufen auch schon mit Palme. Und wenn ich sage Palme, na,
so kann ich auch sagen Lorbeer oder Lebensbaum oder was wir Tuja nennen. Aber
Palme, versteht sich, is immer das Feinste. Un is bloss man ein Metier, das is
jrade so, janz akkurat ebenso bei Leben und Sterben. Und is ooch immer
dasselbe.«
    »Ah, ich versteh«, sagte Melanie. »Der Tischler.«
    »Nein, Frau Rätin, der Tischler nich. Er is woll auch immer mit dabei, das
is schon richtig, aber's is doch nich immer dasselbe. Denn ein Sarg is keine
Wiege nich, und eine Wiege is kein Sarg nich. Un was en richtiges Himmelbett is,
nu davon will ich jar nich erst reden...«
    »Aber Kagelmann, wenn es nicht der Tischler ist, wer denn?«
    »Der Domchor, Frau Rätin. Der is auch immer mit dabei un is immer dasselbe.
Jrade so wie bei mir. Un er hat auch so seine zwei Stammhalter, seine zwei
Säulen von 's Geschäft: 's ist bestimmt in Gottes Rat oder Wie sie so sanft
ruhn. Un es passt immer un macht keinen Unterschied, ob einer abreist oder ob
einer begraben wird. Un grün is grün, un is jrade so wie Lebensbaum und Palme.«
    »Und doch, Kagelmann, wenn Sie nun mal heiraten und selber Hochzeit machen
(aber nicht hier in Ihrem Efeuhause; das ist zu klein), dann sollen Sie doch
beides haben: Gesang und Palme. Und was für Palmen! Das versprech ich Ihnen.
Denn ohne Palmen und Gesang ist es nicht feierlich genug. Und aufs Feierliche
kommt es an. Und dann gehen wir in das grosse Treibhaus, bis dicht an die Kuppel,
und machen einen wundervollen Altar unter der allerschönsten Palme. Und da
sollen Sie getraut werden. Und oben in der Kuppel wollen wir stehn und ein
schönes Lied singen, einen Choral, ich und Fräulein Anastasia und Herr Rubehn
hier und Herr Elimar Schulze, den Sie ja auch kennen. Und dabei soll Ihnen
zumute sein, als ob Sie schon im Himmel wären und hörten die Engel singen.«
    »Glaub ich, Frau Rätin. Glaub ich.«
    »Und zu vorläufigem Dank, für all diese kommenden Herrlichkeiten, sollen
Sie, liebster Kagelmann, uns jetzt in das Palmenhaus führen. Denn ich weiss nicht
Bescheid und kenne die Namen nicht, und der fremde Herr hier, der ein paarmal um
die Welt herumgefahren ist und die Palmen sozusagen an der Quelle studiert hat,
will einmal sehen, was wir haben und nicht haben.«
    Eigentlich kam alles dieses dem Alten sowenig gelegen wie möglich, weil er
seine Kübel und Blumentöpfe noch vor Dunkelwerden in das kleine Treibhaus
hineinschaffen wollte. Er bezwang sich aber, schob seine Mütze, wie zum Zeichen
der Zustimmung, wieder nach hinten und sagte: »Frau Rätin haben bloss zu
befehlen.«
    Und nun gingen sie, zwischen langen und niedrigen Backsteinöfen hin, den
bloss mannsbreiten Mittelgang hinauf, bis an die Stelle, wo dieser Mittelgang in
das grosse Palmenhaus einmündete. Wenige Schritte noch, und sie befanden sich wie
am Eingang eines Tropenwaldes, und der mächtige Glasbau wölbte sich über ihnen.
Hier standen die Prachtexemplare der van der Straatenschen Sammlung: Palmen,
Drakäen, Riesenfarren, und eine Wendeltreppe schlängelte sich hinauf, erst bis
in die Kuppel und dann um diese selbst herum und in einer der hohen Emporen des
Langschiffes weiter.
    Unterwegs war nicht gesprochen worden.
    Als sie jetzt unter der hohen Wölbung hielten, entsann sich Kagelmann, etwas
Wichtiges vergessen zu haben. Eigentlich aber wollt er nur zurück und sagte:
»Frau Rätin wissen ja nu Bescheid un kennen die Galerie. Da wo der kleine Tisch
is un die kleinen Stühle, das is der beste Platz, un is wie 'ne Laube, un janz
dicht. Un da sitzt ooch immer der Herr Kommerzienrat. Un keiner sieht ihn. Un
das hat er am liebsten.« Und danach verabschiedete sich der Alte, wandte sich
aber noch einmal um, um zu fragen, »ob er das Fräulein schicken solle«.
    »Gewiss, Kagelmann. Wir warten.«
    Und als sie nun allein waren, nahm Rubehn den Vortritt und stieg hinauf und
eilte sich, als er oben war, der noch auf der Wendeltreppe stehenden Melanie die
Hand zu reichen. Und nun gingen sie weiter über die kleinen, klirrenden
Eisenbrettchen hin, die hier als Dielen lagen, bis sie zu der von Kagelmann
beschriebenen Stelle kamen, besser beschrieben, als er selber wissen mochte.
Wirklich, es war eine phantastisch aus Blattkronen gebildete Laube, fest
geschlossen, und überall an den Gurten und Ribben der Wölbung hin rankten sich
Orchideen, die die ganze Kuppel mit ihrem Duft erfüllten. Es atmete sich wonnig,
aber schwer in dieser dichten Laube; dabei war es, als ob hundert Geheimnisse
sprächen, und Melanie fühlte, wie dieser berauschende Duft ihre Nerven
hinschwinden machte.
    Sie zählte jenen von äusseren Eindrücken, von Luft und Licht abhängigen
Naturen zu, die der Frische bedürfen, um selber frisch zu sein. Über ein
Schneefeld hin, bei rascher Fahrt und scharfem Ost - da wär ihr der heitere
Sinn, der tapfere Mut ihrer Seele wiedergekommen, aber diese weiche, schlaffe
Luft machte sie selber weich und schlaff, und die Rüstung ihres Geistes lockerte
sich und löste sich und fiel.
    »Anastasia wird uns nicht finden.«
    »Ich vermisse sie nicht.«
    »Und doch will ich nach ihr rufen.«
    »Ich vermisse sie nicht«, wiederholte Rubehn, und seine Stimme zitterte.
»Ich vermisse nur das Lied, das sie damals sang, als wir im Boot über den Strom
fuhren. Und nun rate.«
    »Long, long ago...«
    Er schüttelte den Kopf.
    »O säh ich auf der Heide dort...«
    »Auch das nicht, Melanie.«
    »Rohtraut«, sagte sie leis.
    Und nun wollte sie sich erheben. Aber er litt es nicht und kniete nieder und
hielt sie fest, und sie flüsterten Worte, so heiss und so süss wie die Luft, die
sie atmeten.
    Endlich aber war die Dämmerung gekommen, und breite Schatten fielen in die
Kuppel. Und als alles immer noch stillblieb, stiegen sie die Treppe hinab und
tappten sich durch ein Gewirr von Palmen, erst bis in den Mittelgang und dann
ins Freie zurück.
    Draussen fanden sie Anastasia.
    »Wo du nur bliebst!« fragte Melanie befangen. »Ich habe mich geängstigt um
dich und mich. Ja, es ist so. Frage nur Ruben. Und nun hab ich Kopfweh.«
    Anastasia nahm unter Lachen den Arm der Freundin und sagte nur: »Und du
wunderst dich über Kopfweh! Man wandelt nicht ungestraft unter Palmen.«
    Melanie wurde rot bis an die Schläfe. Aber die Dunkelheit half es ihr
verbergen. Und so schritten sie der Villa zu, darin schon die Lichter brannten.
    Alle Türen und Fenster standen auf, und von den frisch gemähten Wiesen her
kam eine balsamische Luft. Anastasia setzte sich an den Flügel und sang und
neckte sich mit Rubehn, der bemüht war, auf ihren Ton einzugehen. Aber Melanie
sah vor sich hin und schwieg und war weit fort. Auf hoher See. Und in ihrem
Herzen klang es wieder: Wohin treiben wir?!
    Eine Stunde später erschien van der Straaten und rief ihnen schon vom
Korridor her in Spott und guter Laune zu: »Ah, die Gemeinde der Heiligen! Ich
würde fürchten zu stören. Aber ich bringe gute Zeitung!«
    Und als alles sich erhob und entweder wirklich neugierig war oder sich
wenigstens das Ansehen davon gab, fuhr er in seinem Berichte fort: »Exzellenz
sehr gnädig. Alles sondiert und abgemacht. Was noch aussteht, ist Form und
Bagatelle. Oder Sitzung und Schreiberei. Melanie, wir haben heut einen guten
Schritt vorwärts getan. Ich verrate weiter nichts. Aber das glaub ich sagen zu
dürfen: von diesem Tag an datiert sich eine neue Ära des Hauses van der
Straaten.«
 
                              Dreizehntes Kapitel
                                  Weihnachten
Die nächsten Tage, die viel Besuch brachten, stellten den unbefangenen Ton
früherer Wochen anscheinend wieder her, und was von Befangenheit blieb, wurde,
die Freundin abgerechnet, von niemandem bemerkt, am wenigsten von van der
Straaten, der mehr denn je seinen kleinen und grossen Eitelkeiten nachhing.
    Und so näherte sich der Herbst, und der Park wurde schöner, je mehr sich
seine Blätter färbten, bis gegen Ende September der Zeitpunkt wieder da war,
der, nach altem Herkommen, dem Aufentalt in der Villa draussen ein Ende machte.
    Schon in den unmittelbar voraufgehenden Tagen war Rubehn nicht mehr
erschienen, weil allernächstliegende Pflichten ihn an die Stadt gefesselt
hatten. Ein jüngerer Bruder von ihm, von einem alten Prokuristen des Hauses
begleitet, war zu rascher Etablierung des Zweiggeschäfts herübergekommen, und
ihren gemeinschaftlichen Anstrengungen gelang es denn auch wirklich, in den
ersten Oktobertagen eine Filiale des grossen Frankfurter Bankhauses ins Leben zu
rufen.
    Van der Straaten nahm an all diesen Hergängen den grössten Anteil und sah es
als ein gutes Zeichen und eine Gewähr geschäftskundiger Leitung an, dass Rubehns
Besuche seltener wurden und in den Novemberwochen beinahe ganz aufhörten. In der
Tat erschien unser neuer »Filialchef«, wie der Kommerzienrat ihn zu nennen
beliebte, nur noch an den kleinen und kleinsten Gesellschaftstagen und hätte
wohl auch an diesen am liebsten gefehlt. Denn es konnt ihm nicht entgehen und
entging ihm auch wirklich nicht, dass ihm von Reiff und Duquede, ganz besonders
aber von Gryczinski, mit einer vornehm ablehnenden Kühle begegnet wurde. Die
schöne Jacobine suchte freilich durch halb verstohlene Freundlichkeiten alles
wieder ins gleiche zu bringen und beschwor ihn, ihres Schwagers Haus doch nicht
ganz zu vernachlässigen, um ihretwillen nicht und um Melanies willen nicht, aber
jedesmal, wenn sie den Namen nannte, schlug sie doch verlegen die Augen nieder
und brach rasch und ängstlich ab, weil ihr Gryczinski sehr bestimmte Weisungen
gegeben hatte, jedwedes Gespräch mit Rubehn entweder ganz zu vermeiden oder doch
auf wenige Worte zu beschränken.
    Um vieles heiterer gestalteten sich die kleinen Reunions, wenn die
Gryczinskis fehlten und statt ihrer bloss die beiden Maler und Fräulein Anastasia
zugegen waren. Dann wurde wieder gescherzt und gelacht, wie damals in dem
Stralauer Kaffeehaus, und van der Straaten, der mittlerweile von Besuchen, sogar
von häufigen Besuchen gehört hatte, die Rubehn in Anastasias Wohnung gemacht
haben solle, hing in Ausnutzung dieser ihm hinterbrachten Tatsache seiner alten
Neigung nach, alle dabei Beteiligten ins Komische zu ziehen und zum Gegenstande
seiner Schraubereien zu machen. Er sähe nicht ein, wenigstens für seine Person
nicht, warum er sich eines reinen und auf musikalischer Glaubenseinigkeit
aufgebauten Verhältnisses nicht aufrichtig freuen solle, ja die Freude darüber
würd ihm einfach als Pflicht erscheinen, wenn er nicht andererseits den alten
Satz wieder bewahrheitet fände, dass jedes neue Recht immer nur unter Kränkung
alter Rechte geboren werden könne. Das neue Recht (wie der Fall hier läge) sei
durch seinen Freund Rubehn, das alte Recht durch seinen Freund Elimar vertreten,
und wenn er diesem letzteren auch gerne zugestehe, dass er in vielen Stücken er
selbst geblieben, ja bei Tische sogar als eine Potenzierung seiner selbst zu
erachten sei, so läge doch gerade hierin die nicht wegzuleugnende Gefahr. Denn
er wisse wohl, dass dieses Plus an Verzehrung einen furchtbaren Gleichschritt mit
Elimars innerem verzehrenden Feuer halte. Wes Namens aber dieses Feuer sei, ob
Liebe, Hass oder Eifersucht, das wisse nur der, der in den Abgrund sieht.
    In dieser Weise zischten und platzten die reichlich umhergeworfenen van der
Straatenschen Schwärmer, von deren Sprühfunken sonderbarerweise diejenigen am
wenigsten berührt wurden, auf die sie berechnet waren. Es lag eben alles anders,
als der kommerzienrätliche Feuerwerker annahm. Elimar, der sich auf der
Stralauer Partie, weit über Wunsch und Willen hinaus, engagiert hatte, hatte
durch Rubehns anscheinende Rivalität eine Freiheit wiedergewonnen, an der ihm
viel, viel mehr als an Anastasias Liebe gelegen war, und diese selbst wiederum
vergass ihr eigenes, offenbar im Niedergange begriffenes Glück in dem
Wonnegefühl, ein anderes hochinteressantes Verhältnis unter ihren Augen und
ihrem Schutze heranwachsen zu sehen. Sie schwelgte mit jedem Tage mehr in der
Rolle der Konfidenten, und weit über das gewöhnliche Mass hinaus mit dem alten
Evahange nach dem Heimlichen und Verbotenen ausgerüstet, zählte sie diese
Winterwochen nicht nur zu den angeregtesten ihres an Anregungen so reichen
Lebens, sondern erfreute sich nebenher auch noch des unbeschreiblichen
Vergnügens, den ihr au fond unbequemen und widerstrebenden van der Straaten
gerade dann am herzlichsten belachen zu können, wenn dieser sich in seiner
Sultanslaune gemüssigt fühlte, sie zum Gegenstand allgemeiner und natürlich auch
seiner eigenen Lachlust zu machen.
    In der Tat, unser kommerzienrätlicher Freund hätte bei mehr Aufmerksamkeit
und weniger Eigenliebe stutzig werden und über das Lächeln und den Gleichmut
Anastasias den eigenen Gleichmut verlieren müssen; er gab sich aber umgekehrt
einer Vertrauensseligkeit hin, für die, bei seinem sonst soupçonnösen und
pessimistischen Charakter, jeder Schlüssel gefehlt haben würde, wenn er nicht
unter Umständen, und auch jetzt wieder, der Mann völlig entgegengesetzter
Voreingenommenheiten gewesen wäre. In seiner Scharfsicht oft übersichtig und
Dinge sehend, die gar nicht da waren, übersah er ebensooft andere, die klar
zutage lagen. Er stand in der abergläubischen Furcht, in seinem Glücke von einem
vernichtenden Schlage bedroht zu sein, aber nicht heut und nicht morgen, und je
bestimmter und unausbleiblicher er diesen Schlag von der Zukunft erwartete,
desto sicherer und sorgloser erschien ihm die Gegenwart. Und am wenigsten sah er
sie von der Seite her gefährdet, von der aus die Gefahr so nahe lag und von
jedem andern erkannt worden wäre. Doch auch hier wiederum stand er im Bann einer
vorgefassten Meinung, und zwar eines künstlich konstruierten Rubehn, der mit dem
wirklichen eine ganz oberflächliche Verwandtschaft, aber in der Tat auch nur
diese hatte. Was sah er in ihm? Nichts als ein Frankfurter Patrizierkind, eine
ganz und gar auf Anstand und Hausehre gestellte Natur, die zwar in jugendliche
Torheiten verfallen, aber einen Vertrauens- und Hausfriedensbruch nie und nimmer
begehen könne. Zum Überflusse war er verlobt und um so verlobter, je mehr er es
bestritt. Und abends beim Tee, wenn Anastasia zugegen und das Verlobungstema
mal wieder an der Reihe war, hiess es vertraulich und gutgelaunt: »Ihr Weiber
hört ja das Gras wachsen und nun gar erst das Gras! Ich wäre doch neugierig, zu
hören, an wen er sich vertan hat. Eine Vermutung hab ich und wette zehn gegen
eins, an eine Freiin vom deutschen Uradel, etwa wie Schreck von Schreckenstein
oder Sattler von der Hölle.« Und dann widersprachen beide Damen, aber doch so
klug und so vorsichtig, dass ihr Widerspruch, anstatt irgend etwas zu beweisen,
eben nur dazu diente, van der Straaten in seiner vorgefassten Meinung immer
fester zu machen.
    Und so kam Heiligabend, und im ersten Saale der Bildergalerie waren all
unsre Freunde, mit Ausnahme Rubehns, um den brennenden Baum her versammelt.
Elimar und Gabler hatten es sich nicht nehmen lassen, auch ihrerseits zu der
reichen Bescherung beizusteuern: ein riesiges Puppenhaus, drei Stock hoch, und
im Souterrain eine Waschküche mit Herd und Kessel und Rolle. Und zwar eine
altmodische Rolle mit Steinkasten und Mangelholz. Und sie rollte wirklich. Und
es unterlag alsbald keinem Zweifel, dass das Puppenhaus den Triumph des Abends
bildete, und beide Kinder waren selig. Sogar Lydia tat ihre Vornehmheitsallüren
beiseit und liess sich von Elimar in die Luft werfen und wieder fangen. Denn er
war auch Turner und Akrobat. Und selbst Melanie lachte mit und schien sich des
Glücks der andern zu freuen oder es gar zu teilen. Wer aber schärfer zugesehen
hätte, der hätte wohl wahrgenommen, dass sie sich bezwang, und mitunter war es,
als habe sie geweint. Etwas unendlich Weiches und Wehmütiges lag in dem Ausdruck
ihrer Augen, und der Polizeirat sagte zu Duquede: »Sehen Sie, Freund, ist sie
nicht schöner denn je?«
    »Blass und angegriffen«, sagte dieser. »Es gibt Leute, die blass und
angegriffen immer schön finden. Ich nicht. Sie wird überhaupt überschätzt, in
allem, und am meisten in ihrer Schönheit.«
    An den Aufbau schloss sich wie gewöhnlich ein Souper, und man endete mit
einem schwedischen Punsch. Alles war heiter und guter Dinge. Melanie belebte
sich wieder, gewann auch wieder frischere Farben, und als sie Riekchen und
Anastasia, die bis zuletzt geblieben waren, bis an die Treppe geleitete, rief
sie dem kleinen Fräulein mit ihrer freundlichen und herzgewinnenden Stimme nach:
»Und sieh dich vor, Riekchen. Christel sagt mir eben, es glatteist.« Und dabei
bückte sie sich über das Geländer und grüsste mit der Hand.
    »Oh, ich falle nicht«, rief die Kleine zurück. »Kleine Leute fallen
überhaupt nicht. Und am wenigsten, wenn sie vorn und hinten gut balancieren.«
    Aber Melanie hörte nichts mehr von dem, was Riekchen sagte. Der Blick über
das Geländer hatte sie schwindlig gemacht, und sie wäre gefallen, wenn sie nicht
van der Straaten aufgefangen und in ihr Zimmer zurückgetragen hätte. Er wollte
klingeln und nach dem Arzte schicken. Aber sie bat ihn, es zu lassen. Es sei
nichts, oder doch nichts Ernstes, oder doch nichts, wobei der Arzt ihr helfen
könne.
    Und dann sagte sie, was es sei.
 
                              Vierzehntes Kapitel
                                   Entschluss
Erst den dritten Tag danach hatte sich Melanie hinreichend erholt, um in der
Alsenstrasse, wo sie seit Wochen nicht gewesen war, einen Besuch machen zu
können. Vorher aber wollte sie bei der Madame Guichard, einer vor kurzem erst
etablierten Französin, vorsprechen, deren Confections und künstliche Blumen ihr
durch Anastasia gerühmt worden waren. Van der Straaten riet ihr, weil sie noch
angegriffen sei, lieber den Wagen zu nehmen, aber Melanie bestand darauf, alles
zu Fuss abmachen zu wollen. Und so kleidete sie sich in ihr diesjähriges
Weihnachtsgeschenk, einen Nerzpelz und ein Kastorhütchen mit Straussenfeder, und
war eben auf dem letzten Treppenabsatz, als ihr Rubehn begegnete, der inzwischen
von ihrem Unwohlsein gehört hatte und nun kam, um nach ihrem Befinden zu fragen.
    »Ah, wie gut, dass Sie kommen«, sagte Melanie. »Nun hab ich Begleitung auf
meinem Gange. Van der Straaten wollte mir seinen Wagen aufzwingen, aber ich
sehne mich nach Luft und Bewegung. Ach, unbeschreiblich... Mir ist so bang und
schwer...«
    Und dann unterbrach sie sich und setzte rasch hinzu: »Geben Sie mir Ihren
Arm. Ich will zu meiner Schwester. Aber vorher will ich Ballblumen kaufen, und
dahin sollen Sie mich begleiten. Eine halbe Stunde nur. Und dann geb ich Sie
frei, ganz frei.«
    »Das dürfen Sie nicht, Melanie. Das werden Sie nicht.«
    »Doch.«
    »Ich will aber nicht freigegeben sein.«
    Melanie lachte. »So seid ihr. Tyrannisch und eigenmächtig auch noch in eurer
Huld, auch dann noch, wenn ihr uns dienen wollt. Aber kommen Sie. Sie sollen mir
die Blumen aussuchen helfen. Ich vertraue ganz Ihrem Geschmack. Granatblüten;
nicht wahr?«
    Und so gingen sie die Grosse Petristrasse hinunter und vom Platz aus durch ein
Gewirr kleiner Gassen, bis sie, hart an der Jägerstrasse, das Geschäft der Madame
Guichard entdeckten, einen kleinen Laden, in dessen Schaufenster ein Teil ihrer
französischen Blumen ausgebreitet lag.
    Und nun traten sie ein. Einige Kartons wurden ihnen gezeigt, und ehe noch
viele Worte gewechselt waren, war auch schon die Wahl getroffen. In der Tat,
Rubehn hatte sich für eine Granatblütengarnitur entschieden, und eine
Direktrice, die mit zugegen war, versprach, alles zu schicken. Melanie selbst
aber gab der Französin ihre Karte. Diese versuchte den langen Titel und Namen zu
bewältigen, und ein Lächeln flog erst über ihr Gesicht, als sie das »née de
Caparoux« las. Ihre nicht hübschen Züge verklärten sich plötzlich, und es war
mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Glück und Wehmut, dass sie sagte:
»Madame est Française...! Ah, notre belle France.«
    Dieser kleine Zwischenfall war an Melanie nicht gleichgiltig
vorübergegangen, und als sie draussen ihres Freundes Arm nahm, sagte sie: »Hörten
Sie's wohl? Ah, notre belle France! Wie das so sehnsüchtig klang. Ja, sie hat
ein Heimweh. Und alle haben wir's. Aber wohin? wonach...? Nach unsrem Glück...
Nach unsrem Glück! Das niemand kennt und niemand sieht. Wie heisst es doch in dem
Schubertschen Liede?«
    »Da, wo du nicht bist, ist das Glück.«
    »Da, wo du nicht bist«, wiederholte Melanie.
    Rubehn war bewegt und sah ihr unwillkürlich nach den Augen. Aber er wandte
sich wieder, weil er die Träne nicht sehen wollte, die darin glänzte.
    Vor dem grossen Platz, in den die Strasse mündet, trennten sie sich. Er, für
sein Teil, hätte sie gern weiter begleitet, aber sie wollt es nicht und sagte
leise: »Nein, Ruben, es war der Begleitung schon zuviel. Wir wollen die bösen
Zungen nicht vor der Zeit herausfordern. Die bösen Zungen, von denen ich
eigentlich kein Recht habe zu sprechen. Adieu.« Und sie wandte sich noch einmal
und grüsste mit leichter Bewegung ihrer Hand.
    Er sah ihr nach, und ein Gefühl von Schreck und ungeheurer
Verantwortlichkeit über ein durch ihn gestörtes Glück überkam ihn und erfüllte
plötzlich sein ganzes Herz. Was soll werden? fragte er sich. Aber dann wurde der
Ausdruck seiner Züge wieder milder und heitrer, und er sagte vor sich hin: »Ich
bin nicht der Narr, der von Engeln spricht. Sie war keiner und ist keiner. Gewiss
nicht. Aber ein freundlich Menschenbild ist sie, so freundlich, wie nur je eines
über diese arme Erde gegangen ist... Und ich liebe sie, viel, viel mehr, als ich
geglaubt habe, viel, viel mehr, als ich je geglaubt hätte, dass ich lieben
könnte. Mut, Melanie, nur Mut. Es werden schwere Tage kommen, und ich sehe sie
schon zu deinen Häupten stehen. Aber mir ist auch, als klär es sich dahinter.
Oh, nur Mut, Mut!«
Eine halbe Woche danach war Silvester, und auf dem kleinen Balle, den
Gryczinskis gaben, war Melanie die Schönste. Jacobine trat zurück und gönnte der
älteren Schwester ihre Triumphe. »Superbes Weib. Ägyptische Königstochter«,
schnarrte Rittmeister von Schnabel, der wegen seiner eminenten Ulanenfigur aus
der Provinz in die Residenz versetzt worden war und von dem Gryczinski zu sagen
pflegte: »Der geborene Prinzessinnentänzer. Nur schade, dass es keine
Prinzessinnen mehr gibt.«
    Aber Schnabel war nicht der einzige Melanie-Bewunderer. In der letzten
Fensternische stand eine ganze Gruppe von jungen Offizieren: Wensky von den
Ohlauer kaffeebraunen Husaren, enragierter Sportsman und Steeple-Chase-Reiter
(Oberschenkel dreimal an derselben Stelle gebrochen), neben ihm
Ingenieur-Hauptmann Stiffelius, berühmter Rechner, mager und trocken wie seine
Gleichungen, und zwischen beiden Lieutenant Tigris, kleiner, kräpscher
Füsilieroffizier vom Regiment Zauche-Belzig, der aus Gründen, die niemand
kannte, mehrere Jahre lang der Pariser Gesandtschaft attachiert gewesen war und
sich seitdem für einen Halbfranzosen, Libertin und Frauenmarder hielt. Junge
Mädchen waren ihm »ridikül«. Er schob eben, trotzdem er wahre Luchsaugen hatte,
sein an einem kurzen Seidenbande hängendes Pincenez zurecht und sagte: »Wensky,
Sie sind ja so gut wie zu Haus hier und eigentlich Hahn im Korbe. Wer ist denn
dieser Prachtkopf mit den Granatblüten? Ich könnte schwören, sie schon gesehen
zu haben. Aber wo? Halb die Herzogin von Mouchy und halb die Beauffremont. Un
teint de lis et de rose, et tout à fait distinguée.«
    »Sie treffen es gut genug, mon cher Tigris«, lachte Wensky, »'s ist die
Schwester unsrer Gryczinska, eine geborne de Caparoux.«
    »Drum, drum auch. Jeder Zoll eine Französin. Ich konnte mich nicht irren.
Und wie sie lacht.«
    Ja, Melanie lachte wirklich. Aber wer sie die folgenden Tage gesehen hätte,
der hätte die Beauté jenes Ballabends in ihr nicht wiedererkannt, am wenigsten
wär er ihrem Lachen begegnet. Sie lag leidend und abgehärmt, uneins mit sich und
der Welt, auf dem Sofa und las ein Buch, und wenn sie's gelesen hatte, so
durchblätterte sie's wieder, um sich einigermassen zurückzurufen, was sie
gelesen. Ihre Gedanken schweiften ab. Rubehn kam, um nach ihr zu fragen, aber
sie nahm ihn nicht an und grollte mit ihm wie mit jedem. Und ihr wurde nur
leichter ums Herz, wenn sie weinen konnte.
    So vergingen ein paar Wochen, und als sie wieder aufstand und sprach und
wieder nach den Kindern und dem Haushalte sah, schärfer und eindringlicher als
sonst, war ihr der energische Mut ihrer früheren Tage zurückgekehrt, aber nicht
die Stimmung. Sie war reizbar, heftig, bitter. Und was schlimmer, auch
kapriziös. Van der Straaten unternahm einen Feldzug gegen diesen vielköpfigen
Feind und im einzelnen nicht ohne Glück, aber in der Hauptsache griff er fehl,
und während er ihrer Reizbarkeit klugerweise mit Nachgiebigkeit begegnete, war
er, ihrer Caprice gegenüber, unklugerweise darauf aus, sie durch Zärtlichkeit
besiegen zu wollen. Und das entschied über ihn und sie. Jeder Tag wurd ihr
qualvoller, und die sonst so stolze und siegessichere Frau, die mit dem Manne,
dessen Spielzeug sie zu sein schien und zu sein vorgab, durch viele Jahre hin
immer nur ihrerseits gespielt hatte, sie schrak jetzt zusammen und geriet in ein
nervöses Zittern, wenn sie von fern her seinen Schritt auf dem Korridore hörte.
Was wollt er? Um was kam er? Und dann war es ihr, als müsse sie fliehen und aus
dem Fenster springen. Und kam er dann wirklich und nahm ihre Hand, um sie zu
küssen, so sagte sie: »Geh. Ich bitte dich. Ich bin am liebsten allein.«
    Und wenn sie dann allein war, so stürzte sie fort, oft ohne Ziel, öfter noch
in Anastasiens stille, zurückgelegene Wohnung, und wenn dann der Erwartete kam,
dann brach alle Not ihres Herzens in bittre Tränen aus, und sie schluchzte und
jammerte, dass sie dieses Lügenspiel nicht mehr ertragen könne.
    »Steh mir bei, hilf mir, Ruben, oder du siehst mich nicht lange mehr. Ich
muss fort, fort, wenn ich nicht sterben soll vor Scham und Gram.«
    Und er war mit erschüttert und sagte: »Sprich nicht so, Melanie. Sprich
nicht, als ob ich nicht alles wollte, was du willst. Ich habe dein Glück gestört
(wenn es ein Glück war), und ich will es wieder aufbauen. Überall in der Welt,
wie du willst und wo du willst. Jede Stunde, jeden Tag.«
    Und dann bauten sie Luftschlösser und träumten und hatten eine lachende
Zukunft um sich her. Aber auch wirkliche Pläne wurden laut, und sie trennten
sich unter glücklichen Tränen.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
                                Die Vernezobres
Und was geplant worden war, das war Flucht. Den letzten Tag im Januar wollten
sie sich an einem der Bahnhöfe treffen, in früher Morgenstunde, und dann fahren,
weit, weit in die Welt hinein, nach Süden zu, über die Alpen. »Ja, über die
Alpen«, hatte Melanie gesagt und aufgeatmet, und es war ihr dabei gewesen, als
wär erst ein neues Leben für sie gewonnen, wenn der grosse Wall der Berge
trennend und schützend hinter ihr läge. Und auch darüber war gesprochen worden,
was zu geschehen habe, wenn van der Straaten ihr Vorhaben etwa hindern wolle.
»Das wird er nicht«, hatte Melanie gesagt. - »Und warum nicht? Er ist nicht
immer der Mann der zarten Rücksichtsnahmen und liebt es mitunter, die Welt und
ihr Gerede zu brüskieren.« - »Und doch wird er sich's ersparen, sich und uns.
Und wenn du wieder fragst, warum? Weil er mich liebt. Ich hab es ihm freilich
schlecht gedankt. Ach, Ruben, Freund, was sind wir in unserem Tun und Wollen!
Undank, Untreue... mir so verhasst! Und doch... ich tät es wieder, alles, alles.
Und ich will es nicht anders, als es ist.«
    So vergingen die Januarwochen. Und nun war es die Nacht vor dem
festgesetzten Tage. Melanie hatte sich zu früher Stunde niedergelegt und ihrer
alten Dienerin befohlen, sie Punkt drei zu wecken. Auf diese konnte sie sich
unbedingt verlassen, trotzdem Christel ihren Dienstjahren, aber freilich auch
nur diesen nach, zu jenen Erbstücken des Hauses gehörte, die sich, unter
Duquedes Führung, in einer stillen Opposition gegen Melanie gefielen.
    Und kaum, dass es drei geschlagen, so war Christel da, fand aber ihre Herrin
schon auf und konnte derselben nur noch beim Ankleiden behilflich sein. Und auch
das war nicht viel, denn es zitterten ihr die Hände, und sie hatte, wie sie sich
ausdrückte, »einen Flimmer vor den Augen«. Endlich aber war doch alles fertig,
der feste Lederstiefel sass, und Melanie sagte: »So ist's gut, Christel. Und nun
gib die Handtasche her, dass wir packen können.«
    Christel holte die Tasche, die dicht am Fenster auf einer Spiegelkonsole
stand, und öffnete das Schloss. »Hier, das tu hinein. Ich hab alles
aufgeschrieben.« Und Melanie riss, als sie dies sagte, ein Blatt aus ihrem
Notizbuch und gab es der Alten. Diese hielt den Zettel neben das Licht und las
und schüttelte den Kopf.
    »Ach, meine gute, liebe Frau, das ist ja gar nichts... Ach, meine liebe,
gute Frau, Sie sind ja...«
    »So verwöhnt, willst du sagen. Ja, Christel, das bin ich. Aber Verwöhnung
ist kein Glück. Ihr habt hier ein Sprichwort: Wenig mit Liebe. Und die Leute
lachen darüber. Aber über das Wahrste wird immer gelacht. Und dann, wir gehen ja
nicht aus der Welt. Wir reisen bloss. Und auf Reisen heisst es: Leicht Gepäck. Und
sage selbst, Christel, ich kann doch nicht mit einem Riesenkoffer aus dem Hause
gehn. Da fehlte bloss noch der Schmuck und die Kassette.«
    Melanie hatte, während sie so sprach, ihre Hände dicht über das halb
niedergebrannte Feuer gehalten. Denn es war kalt, und sie fröstelte. Jetzt
setzte sie sich in einen nebenstehenden Fauteuil und sah abwechselnd in die
glühenden Kohlen und dann wieder auf Christel, die das wenige, was
aufgeschrieben war, in die Tasche tat und immer leise vor sich hin sprach und
weinte. Und nun war alles hinein, und sie drückte den Bügel ins Schloss und
stellte die Tasche vor Melanie nieder.
    So verging eine Weile. Keiner sprach. Endlich aber trat Christel von hinten
her an ihre junge Herrin heran und sagte: »Jott, liebe, jnädige Frau, muss es
denn... Bleiben Sie doch. Ich bin ja bloss solche alte, dumme Person. Aber die
Dummen sind oft gar nicht so dumm. Und ich sag Ihnen, meine liebe Jnädigste, Sie
jlauben jar nich, woran sich der Mensch alles jewöhnen kann. Jott, der Mensch
jewöhnt sich an alles. Und wenn man reich ist und hat so viel, da kann man auch
viel aushalten. Un vor mir wollt ich woll einstehn. Un wie jeht es denn? Un wie
leben denn die Menschen? In jedes Haus is 'n Gespenst, sagen sie jetzt, un das
is so 'ne neumodsche Redensart! Aber wahr is es. Und in manches Haus sind zweie,
un rumoren, dass man's bei hellen, lichten Dage hören kann. Un so war es auch bei
Vernezobres. Ich bin ja nu fufzig, und dreiundzwanzig hier. Und sieben vorher
bei Vernezobres. Un war auch Kommerzienrat un alles ebenso. Das heisst beinah.«
    »Und wie war es denn?« lächelte Melanie.
    »Jott, wie war es? Wie's immer is. Sie war dreissig un er war fufzig. Un sie
war sehr hübsch. Drall und blond, sagten die Leute. Na, un er? Ich will jar nich
sagen, was die Leute von ihm alles gesagt haben. Aber viel Jutes war es nich...
Un natürlich, da war ja denn auch ein Baumeister, das heisst eigentlich kein
richtiger Baumeister, bloss einer, der immer Brücken baut for Eisenbahnen un so,
un immer mit 'n Gitter un schräge Löcher, wo man durchkucken kann. Un der war ja
nu da un wie 'n Wiesel, un immer mit ins Konzert un nach Saatwinkel oder
Pichelsberg, un immer 's Jaquette übern Arm, un Fächer un Sonnenschirm, un immer
Erdbeeren gesucht un immer verirrt un nie da, wenn die Herrschaften wieder nach
Hause wollten. Un unser Herr, der ängstigte sich un dacht immer, es wäre was
passiert. Un was die andern waren, na, die tuschelten.«
    
    »Und trennten sie sich? Oder blieben sie zusammen? Ich meine die
Vernezobres«, fragte Melanie, die mit halber Aufmerksamkeit zugehört hatte.
    »Natürlich blieben sie. Mal hört ich, weil ich nebenan war, dass er sagte:
Hulda, das geht nicht. Denn sie hiess wirklich Hulda. Und er wollt ihr Vorwürfe
machen. Aber da kam er ihr jrade recht. Un sie drehte den Spiess um un sagte: was
er nur wolle? Sie wolle fort. Un sie liebe ihn, das heisst den andern, un ihn
liebe sie nicht. Un sie dächte gar nicht dran, ihn zu lieben. Und es wär
eijentlich bloss zum Lachen. Und so ging es weiter, und sie lachte wirklich. Un
ich sag Ihnen, da wurd er wie 'n Ohrwurm und sagte bloss: sie sollte sich's doch
überlegen. Un so kam es denn auch, un als Ende Mai war, da kam ja der
Vernezobresche Doktor, so 'n richtiger, der alles janz genau wusste, der sagte,
sie müsste nach 's Bad, wovon ich aber den Namen immer vergesse, weil da der
Wellenschlag am stärksten ist. Un das war ja nu damals, als sie jrade die grosse
Hängebrücke bauten, un die Leute sagten, er könnt es alles am besten ausrechnen.
Un was unser Kommerzienrat war, der kam immer bloss sonnabends. Un die Woche
hatten sie frei. Un als Ende August war oder so, da kam sie wieder und war ganz
frisch un munter un hatte orntlich rote Backen un kajolierte ihn. Und von ihm
war gar keine Rede mehr.«
    Melanie hatte, während Christel sprach, ein paar Holzscheite auf die Kohlen
geworfen, so dass es wieder prasselte, und sagte: »Du meinst es gut. Aber so geht
es nicht. Ich bin doch anders. Und wenn ich's nicht bin, so bild ich es mir
wenigstens ein.«
    »Jott«, sagte Christel, »en bisschen anders is es immer. Un sie war auch bloss
von Neu-Cölln ans Wasser, un die Singuhr immer jrade gegenüber. Aber die war
nich schuld mit Üb immer Treu und Redlichkeit.«
    »Ach, meine gute Christel, Treu und Redlichkeit! Danach drängt es jeden,
jeden, der nicht ganz schlecht ist. Aber weisst du, man kann auch treu sein, wenn
man untreu ist. Treuer als in der Treue.«
    »Jott, liebe Jnädigste, sagen Se doch so was nich. Ich versteh es eigentlich
nich. Un das muss ich Ihnen sagen, wenn einer so was sagt un ich versteh es
nicht, denn is es immer schlimm. Un Sie sagen, Sie sind anders. Ja, das is schon
richtig, un wenn es auch nich janz richtig is, so is es doch halb richtig. Un
was die Hauptsache is, das is, meine liebe Jnädigste, die hat eijentlich das
liebe kleine Herz auf 'n rechten Fleck, un is immer für helfen und geben, un
immer für die armen Leute. Un was die Vernezobern war, na, die putzte sich bloss,
un war immer vor 'n Stehspiegel, der alles noch hübscher machte, und sah aus wie
's Modejournal und war eijentlich dumm. Wie 'n Haubenstock, sagten die Leute. Un
war auch nich so was Vornehmes wie meine liebe Jnädigste, un bloss aus 'ne
Färberei, türkischrot. Aber, das muss ich Ihnen sagen, Ihrer is doch auch anders
als der Vernezobern ihrer war un hat sich gar nich un redt immer frei weg un
kann keinen was abschlagen. Un zu Weihnachten immer alles doppelt.«
    Melanie nickte.
    »Nu, sehen Sie, meine liebe Jnädigste, das is hübsch, dass Sie mir zunicken,
un wenn Sie mir immer wieder zunicken, dann kann es auch alles noch wieder
werden, un wir packen alles wieder aus, un Sie legen sich ins Bett un schlafen
bis an 'n hellen lichten Tag. Un Klocker zwölfe bring ich Ihnen Ihren Kaffee un
Ihre Schokolade, alles gleich auf ein Brett, un wenn ich Ihnen dann erzähle, dass
wir hier gesessen und was wir alles gesprochen haben, dann is es Ihnen wie 'n
Traum. Denn dabei bleib ich, er is eijentlich auch ein juter Mann, ein sehr
juter, un bloss ein bisschen sonderbar. Und sonderbar is nichts Schlimmes. Und ein
reicher Mann wird es doch wohl am Ende dürfen! Un wenn ich reich wäre, ich wäre
noch viel sonderbarer. Un dass er immer so spricht un solche Redensarten macht,
als hätt er keine Bildung nich un wäre von 'n Wedding oder so, ja, du himmlische
Güte, warum soll er nich? warum soll er nich so reden, wenn es ihm Spass macht?
er is nu mal fürs Berlinsche. Aber is er denn nich einer? Und am Ende...«
 
                              Sechzehntes Kapitel
                                    Abschied
Christel unterbrach sich und zog sich erschrocken in die Nebenstube zurück, denn
van der Straaten war eingetreten. Er war noch in demselben Gesellschaftsanzug,
in dem er, eine Stunde nach Mitternacht, nach Hause gekommen war, und seine
überwachten Züge zeigten Aufregung und Ermattung. Von welcher Seite her er
Mitteilung über Melanies Vorhaben erhalten hatte, blieb unaufgeklärt. Aus allem
war nur ersichtlich, dass er sich gelobt hatte, die Dinge ruhig gehenzulassen.
Und wenn er dennoch kam, so geschah es nicht, um gewaltsam zu hindern, sondern
nur, um Vorstellungen zu machen, um zu bitten. Es kam nicht der empörte Mann,
sondern der liebende.
    Er schob einen Fauteuil an das Feuer, liess sich nieder, so dass er jetzt
Melanie gegenübersass, und sagte leicht und geschäftsmässig: »Du willst fort,
Melanie?«
    »Ja, Ezel.«
    »Warum?«
    »Weil ich einen andern liebe.«
    »Das ist kein Grund.«
    »Doch.«
    »Und ich sage dir, es geht vorüber, Lanni. Glaube mir, ich kenne die Frauen.
Ihr könnt das Einerlei nicht ertragen, auch nicht das Einerlei des Glücks. Und
am verhasstesten ist euch das eigentliche, das höchste Glück, das Ruhe bedeutet.
Ihr seid auf die Unruhe gestellt. Ein bisschen schlechtes Gewissen habt ihr
lieber als ein gutes, das nicht prickelt, und unter allen Sprüchwörtern ist euch
das vom besten Ruhekissen am langweiligsten und am lächerlichsten. Ihr wollt gar
nicht ruhen. Es soll euch immer was kribbeln und zwicken, und ihr habt den
überspannt sinnlichen oder meinetwegen auch den heroischen Zug, dass ihr dem
Schmerz die süsse Seite abzugewinnen wisst.«
    »Es ist möglich, dass du recht hast, Ezel. Aber je mehr du recht hast, je
mehr rechtfertigst du mich und mein Vorhaben. Ist es wirklich, wie du sagst, so
wären wir geborene Hazardeurs, und va banque spielen so recht eigentlich unsere
Natur. Und natürlich auch die meinige.«
    Er hörte sie gern in dieser Weise sprechen, es klang ihm wie aus guter,
alter Zeit her, und er sagte, während er den Fauteuil vertraulich näher rückte:
»Lass uns nicht spiessbürgerlich sein, Lanni. Sie sagen, ich wär ein Bourgeois,
und es mag sein. Aber ein Spiessbürger bin ich nicht. Und wenn ich die Dinge des
Lebens nicht sehr gross und nicht sehr ideal nehme, so nehm ich sie doch auch
nicht klein und eng. Ich bitte dich, übereile nichts. Meine Kurse stehen jetzt
niedrig, aber sie werden wieder steigen. Ich bin nicht Geck genug, mir
einzubilden, dass du schönes und liebenswürdiges Geschöpf, verwöhnt und
ausgezeichnet von den Klügsten und Besten, dass du mich aus purer Neigung oder
gar aus Liebesschwärmerei genommen hättest. Du hast mich genommen, weil du noch
jung warst und noch keinen liebtest und in deinem witzigen und gesunden Sinn
einsehen mochtest, dass die jungen Attachés auch keine Helden und Halbgötter
wären. Und weil die Firma van der Straaten einen guten Klang hatte. Also nichts
von Liebe. Aber du hast auch nichts gegen mich gehabt und hast mich nicht ganz
alltäglich gefunden und hast mit mir geplaudert und gelacht und gescherzt. Und
dann hatten wir die Kinder, die doch schliesslich reizende Kinder sind,
zugestanden, dein Verdienst, und du hast enfin an die zehn Jahr in der
Vorstellung und Erfahrung gelebt, dass es nicht zu den schlimmsten Dingen zählt,
eine junge, bequem gebettete Frau zu sein und der Augapfel ihres Mannes, eine
junge, verwöhnte Frau, die tun und lassen kann, was sie will, und als
Gegenleistung nichts andres einzusetzen braucht als ein freundliches Gesicht,
wenn es ihr grade passt. Und sieh, Melanie, weiter will ich auch jetzt nichts,
oder sag ich lieber, will ich auch in Zukunft nichts. Denn in diesem Augenblick
erscheint dir auch das wenige, was ich fordere, noch als zuviel. Aber es wird
wieder anders, muss wieder anders werden. Und ich wiederhole dir, ein Minimum ist
mir genug. Ich will keine Leidenschaft. Ich will nicht, dass du mich ansehen
sollst, als ob ich Leone Leoni wär oder irgendein anderer grosser Romanheld, dem
zuliebe die Weiber Giftbecher trinken wie Mandelmilch und lächelnd sterben, bloss
um ihn noch einmal lächeln zu sehen. Ich bin nicht Leone Leoni, bin bloss deutsch
und von holländischer Abstraktion, wodurch das Deutsche nicht besser wird, und
habe die mir abstammlich zukommenden hohen Backenknochen. Ich bewege mich nicht
in Illusionen, am wenigsten über meinen äusseren Menschen, und ich verlange keine
Liebesgrosstaten von dir. Auch nicht einmal Entsagungen. Entsagungen machen sich
zuletzt von selbst, und das sind die besten. Die besten, weil es die
freiwilligen und eben deshalb auch die dauerhaften und zuverlässigen sind.
Übereile nichts. Es wird sich alles wieder zurechtrücken.«
    Er war aufgestanden und hatte die Lehne des Fauteuils genommen, auf der er
sich jetzt hin und her wiegte. »Und nun noch eins, Lanni«, fuhr er fort, »ich
bin nicht der Mann der Rücksichtsnahmen und hasse diese langweiligen Regards auf
nichts und wieder nichts. Aber dennoch sag ich dir, nimm Rücksicht auf dich
selbst. Es ist nicht gut, immer nur an das zu denken, was die Leute sagen, aber
es ist noch weniger gut, gar nicht daran zu denken. Ich hab es an mir selbst
erfahren. Und nun überlege. Wenn du jetzt gehst... Du weisst, was ich meine. Du
kannst jetzt nicht gehen; nicht jetzt.«
    »Eben deshalb geh ich, Ezel«, antwortete sie leise. »Es soll klar zwischen
uns werden. Ich habe diese schnöde Lüge satt.«
    Er hatte jedes Wort begierig eingesogen, wie man in entscheidenden Momenten
auch das hören will, was einem den Tod gibt. Und nun war es gesprochen. Er liess
den Stuhl wieder nieder und warf sich hinein, und einen Augenblick war es ihm,
als schwänden ihm die Sinne. Aber er erholte sich rasch wieder, rieb sich Stirn
und Schläfe und sagte: »Gut. Auch das. Ich will es verwinden. Lass uns
miteinander reden. Auch darüber reden. Du siehst, ich leide; mehr als all mein
Lebtag. Aber ich weiss auch, es ist so Lauf der Welt, und ich habe kein Recht,
dir Moral zu predigen. Was liegt nicht alles hinter mir...! Es musste so kommen,
musste nach dem van der Straatenschen Hausgesetz (warum sollen wir nicht auch ein
Hausgesetz haben), und ich glaube fast, ich wusst es von Jugend auf.« Und nach
einer Weile fuhr er fort: »Es gibt ein Sprichwort Gottes Mühlen mahlen langsam,
und sieh, als ich noch ein kleiner Junge war, hört ich's oft von unserer alten
Kindermuhme, und mir wurd immer so bange dabei. Es war wohl eine Vorahnung. Nun
bin ich zwischen den zwei Steinen, und mir ist, als würd ich zermahlen und
zermalmt...«
    »Zermahlen?« Er schlug mit der rechten in die linke Hand und wiederholte
noch einmal und in plötzlich verändertem Tone: »Zermahlen! Es hat eigentlich
etwas Komisches. Und wahrhaftig, hol die Pest alle feigen Memmen. Ich will mich
nicht länger damit quälen. Und ich ärgere mich über mich selbst und meine
Haberei und Tuerei. Bah, die Nachmittagsprediger der Weltgeschichte machen
zuviel davon, und wir sind dumm genug und plappern es ihnen nach. Und immer mit
Vergessen allereigenster Herrlichkeit, und immer mit Vergessen, wie's war und
ist und sein wird. Oder war es besser in den Tagen meines Paten Ezechiel? Oder
als Adam grub und Eva spann? Ist nicht das ganze Alte Testament ein
Sensationsroman? Dreidoppelte Geheimnisse von Paris! Und ich sage dir, Lanni,
gemessen an dem, sind wir die reinen Lämmchen, weiss wie Schnee. Waisenkinder.
Und so höre mich denn. Es soll niemand davon wissen, und ich will es halten, als
ob es mein eigen wäre. Deine ist es ja, und das ist die Hauptsache. Denn so du's
nicht übelnimmst, ich liebe dich und will dich behalten. Bleib. Es soll nichts
sein. Soll nicht. Aber bleibe.«
    Melanie war, als er zu sprechen begann, tief erschüttert gewesen, aber er
selbst hatte, je weiter er kam, dieses Gefühl wieder weggesprochen. Es war eben
immer dasselbe Lied. Alles, was er sagte, kam aus einem Herzen voll Gütigkeit
und Nachsicht, aber die Form, in die sich diese Nachsicht kleidete, verletzte
wieder. Er behandelte das, was vorgefallen, aller Erschütterung unerachtet, doch
bagatellmässig obenhin und mit einem starken Anfluge von zynischem Humor. Es war
wohlgemeint, und die von ihm geliebte Frau sollte, seinem Wunsche nach, den
Vorteil davon ziehn. Aber ihre vornehmere Natur sträubte sich innerlichst gegen
eine solche Behandlungsweise. Das Geschehene, das wusste sie, war ihre
Verurteilung vor der Welt, war ihre Demütigung, aber es war doch auch zugleich
ihr Stolz, dies Einsetzen ihrer Existenz, dies rückhaltlose Bekenntnis ihrer
Neigung. Und nun plötzlich sollt es nichts sein oder doch nicht viel mehr als
nichts, etwas ganz Alltägliches, über das sich hinwegsehn und hinweggehen lasse.
Das widerstand ihr. Und sie fühlte deutlich, dass das Geschehene verzeihlicher
war als seine Stellung zu dem Geschehenen. Er hatte keinen Gott und keinen
Glauben, und es blieb nur das eine zu seiner Entschuldigung übrig: dass sein
Wunsch, ihr goldne Brücken zu bauen, sein Verlangen nach Ausgleich um jeden
Preis, ihn anders hatte sprechen lassen, als er in seinem Herzen dachte. Ja, so
war es. Aber wenn es so war, so konnte sie dies Gnadengeschenk nicht annehmen.
Jedenfalls wollte sie's nicht.
    »Du meinst es gut, Ezel«, sagte sie. »Aber es kann nicht sein. Es hat eben
alles seine natürliche Konsequenz, und die, die hier spricht, die scheidet uns.
Ich weiss wohl, dass auch anderes geschieht, jeden Tag, und es ist noch keine
halbe Stunde, dass mir Christel davon vorgeplaudert hat. Aber einem jeden ist das
Gesetz ins Herz geschrieben, und danach fühl ich, ich muss fort. Du liebst mich,
und deshalb willst du darüber hinsehen. Aber du darfst es nicht, und du kannst
es auch nicht. Denn du bist nicht jede Stunde derselbe, keiner von uns. Und
keiner kann vergessen. Erinnerungen aber sind mächtig, und Fleck ist Fleck, und
Schuld ist Schuld.«
    Sie schwieg einen Augenblick und bog sich rechts nach dem Kamin hin, um ein
paar Kohlenstückchen in die jetzt hell brennende Flamme zu werfen. Aber
plötzlich, als ob ihr ein ganz neuer Gedanke gekommen, sagte sie mit der ganzen
Lebhaftigkeit ihres früheren Wesens: »Ach, Ezel, ich spreche von Schuld und
wieder Schuld, und es muss beinah klingen, als sehnt ich mich danach, eine
büssende Magdalena zu sein. Ich schäme mich ordentlich der grossen Worte. Aber
freilich, es gibt keine Lebenslagen, in denen man aus der Selbsttäuschung und
dem Komödienspiele herauskäme. Wie steht es denn eigentlich? Ich will fort,
nicht aus Schuld, sondern aus Stolz, und will fort, um mich vor mir selber
wieder herzustellen. Ich kann das kleine Gefühl nicht länger ertragen, das an
aller Lüge haftet; ich will wieder klare Verhältnisse sehen und will wieder die
Augen aufschlagen können. Und das kann ich nur, wenn ich gehe, wenn ich mich von
dir trenne und mich offen und vor aller Welt zu meinem Tun bekenne. Das wird ein
gross Gerede geben, und die Tugendhaften und Selbstgerechten werden es mir nicht
verzeihn. Aber die Welt besteht nicht aus lauter Tugendhaften und
Selbstgerechten, sie besteht auch aus Menschen, die Menschliches menschlich
ansehen. Und auf die hoff ich, die brauch ich. Und vor allem brauch ich mich
selbst. Ich will wieder in Frieden mit mir selber leben, und wenn nicht in
Frieden, so doch wenigstens ohne Zwiespalt und zweierlei Gesicht.«
    Es schien, dass van der Straaten antworten wollte, aber sie litt es nicht und
sagte: »Sage nicht nein. Es ist so und nicht anders. Ich will den Kopf wieder
hochhalten und mich wieder fühlen lernen. Alles ist eitle Selbstgerechtigkeit.
Und ich weiss auch, es wäre besser und selbstsuchtsloser, ich bezwänge mich und
bliebe, freilich immer vorausgesetzt, ich könnte mit einer Einkehr bei mir
selbst beginnen. Mit Einkehr und mit Reue. Aber das kann ich nicht. Ich habe nur
ein ganz äusserliches Schuldbewusstsein, und wo mein Kopf sich unterwirft, da
protestiert mein Herz. Ich nenn es selber ein störrisches Herz, und ich versuche
keine Rechtfertigung. Aber es wird nicht anders durch mein Schelten und
Schmähen. Und sieh, so hilft mir denn eines nur und reisst mich eines nur aus mir
heraus: ein ganz neues Leben und in ihm das, was das erste vermissen liess:
Treue. Lass mich gehen. Ich will nichts beschönigen, aber das lass mich sagen: es
trifft sich gut, dass das Gesetz, das uns scheidet, und mein eignes selbstisches
Verlangen zusammenfallen.«
    Er hatte sich erhoben, um ihre Hand zu nehmen, und sie liess es geschehen.
Als er sich aber niederbeugen und ihr die Stirn küssen wollte, wehrte sie's und
schüttelte den Kopf. »Nein, Ezel, nicht so. Nichts mehr zwischen uns, was stört
und verwirrt und quält und ängstigt und immer nur erschweren und nichts mehr
ändern kann... Ich werd erwartet. Und ich will mein neues Leben nicht mit einer
Unpünktlichkeit beginnen. Unpünktlich sein ist unordentlich sein. Und davor hab
ich mich zu hüten. Es soll Ordnung in mein Leben kommen, Ordnung und Einheit.
Und nun leb wohl und vergiss.«
    Er hatte sie gewähren lassen, und sie nahm die kleine Reisetasche, die neben
ihr stand, und ging. Als sie bis an die Tapetentür gekommen war, die zu der
Kinderschlafstube führte, blieb sie stehen und sah sich noch einmal um. Er nahm
es als ein gutes Zeichen und sagte: »Du willst die Kinder sehen!«
    Es war das Wort, das sie gefürchtet hatte, das Wort, das in ihr selber
sprach. Und ihre Augen wurden gross, und es flog um ihren Mund, und sie hatte
nicht die Kraft, ein »Nein« zu sagen. Aber sie bezwang sich und schüttelte nur
den Kopf und ging auf Tür und Flur zu.
    Draussen stand Christel, ein Licht in der Hand, um ihrer Herrin das Täschchen
abzunehmen und sie die beiden Treppen hinabzubegleiten. Aber Melanie wies es
zurück und sagte: »Lass, Christel, ich muss nun meinen Weg allein finden.« Und auf
der zweiten Treppe, die dunkel war, begann sie wirklich zu suchen und zu tappen.
    »Es beginnt früh«, sagte sie.
    Das Haus war schon auf, und draussen blies ein kalter Wind von der
Brüderstrasse her, über den Platz weg, und der Schnee federte leicht in der Luft.
Sie musste dabei des Tages denken, nun beinah jährig, wo der Rollwagen vor ihrem
Hause hielt und wo die Flocken auch wirbelten wie heut und die kindische
Sehnsucht über sie kam, zu steigen und zu fallen wie sie.
    Und nun hielt sie sich auf die Brücke zu, die nach dem Spittelmarkte führt,
und sah nichts als den Laternenanstecker ihres Reviers, der mit seiner langen
schmalen Leiter immer vor ihr her lief und, wenn er oben stand, halb neugierig
und halb pfiffig auf sie niedersah und nicht recht wusste, was er aus ihr machen
sollte.
    Jenseits der Brücke kam eine Droschke langsam auf sie zu. Der Kutscher
schlief und das Pferd eigentlich auch, und da nichts Besseres in Sicht war, so
zupfte sie den immer noch Verschlafenen an seinem Mantel und stieg endlich ein
und nannt ihm den Bahnhof. Und es war auch, als ob er sie verstanden und
zugestimmt habe. Kaum aber, dass sie sass, so wandt er sich auf dem Bock um und
brummelte durch das kleine Guckloch: »Er sei Nachtdroschke un janz klamm un von
Klock elwe nichts in 'n Leib. Un er wolle jetzt nach Hause.« Da musste sie sich
aufs Bitten legen, bis er endlich nachgab. Und nun schlug er auf das arme Tier
los, und holprig ging es die lange Strasse hinunter.
    Sie warf sich zurück und stemmte die Füsse gegen den Rücksitz, aber die
Kissen waren feucht und kalt, und das eben erlöschende Lämpchen füllte die
Droschke mit einem trüben Qualm. Ihre Schläfen fühlten mehr und mehr einen
Druck, und ihr wurde weh und widrig in der elenden Armeleuteluft. Endlich liess
sie die Fenster nieder und freute sich des frischen Windes, der durchzog. Und
freute sich auch des erwachenden Lebens der Stadt, und jeden Bäckerjungen, der
trällernd und pfeifend und seinen Korb mit Backwaren hoch auf dem Kopf an ihr
vorüberzog, hätte sie grüssen mögen. Es war doch ein heiterer Ton, an dem sich
ihre Niedergedrückteit aufrichten konnte.
    Sie waren jetzt bis an die letzte Querstrasse gekommen, und in fortgesetztem
und immer nervöser werdendem Hinaussehen erschien es ihr, als ob alle Fuhrwerke,
die denselben Weg hatten, ihr eignes elendes Gefährt in wachsender Eil
überholten. Erst einige, dann viele. Sie klopfte, rief. Aber alles umsonst. Und
zuletzt war es ihr, als läg es an ihr und als versagten ihr die Kräfte und als
sollte sie die letzte sein und käme nicht mehr mit, heute nicht und morgen nicht
und nie mehr. Und ein Gefühl unendlichen Elends überkam sie. »Mut, Mut«, rief
sie sich zu und raffte sich zusammen und zog ihre Füsse von dem Rücksitzkissen
und richtete sich auf. Und sieh, ihr wurde besser. Mit ihrer äusseren Haltung kam
ihr auch die innere zurück.
    Und nun endlich hielt die Droschke, und weil weder oben noch auch vorne bei
dem Kutscher etwas von Gepäckstücken sichtbar war, war auch niemand da, der sich
dienstbar gezeigt und den Droschkenschlag geöffnet hätte. Sie musst es von innen
her selber tun und sah sich um und suchte. »Wenn er nicht da wäre!« Doch sie
hatte nicht Zeit, es auszudenken. Im nächsten Augenblicke schon trat von einem
der Auffahrtspfeiler her Rubehn an sie heran und bot ihr die Hand, um ihr beim
Aussteigen behilflich zu sein. Ihr Fuss stand eben auf dem mit Stroh umwickelten
Tritt, und sie lehnte den Kopf an seine Schulter und flüsterte: »Gott sei Dank!
Ach, war das eine Stunde! Sei gut, einzig Geliebter, und lehre sie mich
vergessen.«
    Und er hob die geliebte Last und setzte sie nieder und nahm ihren Arm und
das Täschchen, und so schritten sie die Treppe hinauf, die zu dem Perron und dem
schon haltenden Zuge führte.
 
                              Siebzehntes Kapitel
                                  Della Salute
»Nach Süden!« Und in kurzen, oft mehrtägig unterbrochenen Fahrten, wie sie
Melanies erschütterte Gesundheit unerlässlich machte, ging es über den Brenner,
bis sie gegen Ende Februar in Rom eintrafen, um daselbst das Osterfest
abzuwarten und »Nachrichten aus der Heimat«. Es war ein absichtlich
indifferentes Wort, das sie wählten, während es sich doch in Wahrheit um
Mitteilungen handelte, die für ihr Leben entscheidend waren und die länger
ausblieben als erwünscht. Aber endlich waren sie da, diese »Nachrichten aus der
Heimat«, und der nächste Morgen bereits sah beide vor dem Eingang einer kleinen
englischen Kapelle, deren alten Reverend sie schon vorher kennengelernt und,
durch seine Milde dazu bestimmt, ins Vertrauen gezogen hatten. Auch ein paar
Freunde waren zugegen, und unmittelbar nach der kirchlichen Handlung brach man
auf, um, nach monatelangem Eingeschlossensein in der Stadt, einmal ausserhalb
ihrer Mauern aufatmen und sich der Krokus- und Veilchenpracht in Villa d'Este
freuen zu können. Und alles freute sich wirklich, am meisten aber Melanie. Sie
war glücklich, unendlich glücklich. Alles, was ihr das Herz bedrückt hatte, war
wie mit einem Schlage von ihr genommen, und sie lachte wieder, wie sie seit
lange nicht mehr gelacht hatte, kindlich und harmlos. Ach, wem dies Lachen
wurde, dem bleibt es, und wenn es schwand, so kehrt es wieder. Und es überdauert
alle Schuld und baut uns die Brücken vorwärts und rückwärts in eine bessere
Zeit.
    Wohl, es war ihr so frei geworden an diesem Tag, aber sie wollt es noch
freier haben, und als sie, bei Dunkelwerden, in ihre Wohnung zurückkehrte, drin
die treffliche römische Wirtin ausser dem hohen Kaminfeuer auch schon die
dreidochtige Lampe angezündet hatte, beschloss sie, denselben Abend noch an ihre
Schwester Jacobine zu schreiben, allerlei Fragen zu tun und nebenher von ihrem
Glück und ihrer Reise zu plaudern.
    Und sie tat es und schrieb.
    »Meine liebe Jacobine. Heute war ein rechter Festestag und, was mehr ist,
auch ein glücklicher Tag, und ich möchte meinem Danke so gern einen Ausdruck
geben. Und da schreib ich denn. Und an wen lieber als an Dich, Du mein geliebtes
Schwesterherz. Oder willst Du das Wort nicht mehr hören? Oder darfst Du nicht?
    Ich schreibe Dir diese Zeilen in der Via Catena, einer kleinen Querstrasse,
die nach dem Tiber hinführt, und wenn ich die Strasse hinuntersehe, so blinken
mir, vom andern Ufer her, ein paar Lichter entgegen. Und diese Lichter kommen
von der Farnesina, der berühmten Villa, drin Amor und Psyche sozusagen aus allen
Fensterkappen sehen. Aber ich sollte nicht so scherzhaft über derlei Dinge
sprechen, und ich könnt es auch nicht, wenn wir heute nicht in der Kapelle
gewesen wären. Endlich, endlich! Und weisst Du, wer mit unter den Zeugen war?
Unser Hauptmann von Brausewetter, Dein alter Tänzer von Dachrödens her. Und lieb
und gut und ohne Hoffart. Und wenn man in der Acht ist, die noch schlimmer ist
als das Unglück, so hat man ein Auge dafür, und das Bild, Du weisst schon, über
das ich damals so viel gespottet und gescherzt habe, es will mir nicht aus dem
Sinn. Immer dasselbe Steinige, steinige. Und die Stimme schweigt, die vor den
Pharisäern das himmlische Wort sprach.
    Aber nichts mehr davon, ich plaudre lieber.
    Wir reisten in kleinen Tagereisen, und ich war anfänglich abgespannt und
freudlos, und wenn ich eine Freude zeigte, so war es nur um Rubens willen. Denn
er tat mir so leid. Eine weinerliche Frau! Ach, das ist das Schlimmste, was es
gibt. Und gar erst auf Reisen. Und so ging es eine ganze Woche lang, bis wir in
die Berge kamen. Da wurd es besser, und als wir neben dem schaumenden Inn
hinfuhren und an demselben Nachmittage noch in Innsbruck ein wundervolles
Quartier fanden, da fiel es von mir ab, und ich konnte wieder aufatmen. Und als
Ruben sah, dass mir alles so wohltat und mich erquickte, da blieb er noch den
folgenden Tag und besuchte mit mir alle Kirchen und Schlösser und zuletzt auch
die Kirche, wo Kaiser Max begraben liegt. Es ist derselbe von der Martinswand
her und derselbe auch, der zu Luters Zeiten lebte. Freilich schon als ein sehr
alter Herr. Und es ist auch der, den Anastasius Grün als Letzten Ritter gefeiert
hat, worin er vielleicht etwas zu weit gegangen ist. Ich glaube nämlich nicht,
dass er der letzte Ritter war. Er war überhaupt zu stark und zu korpulent für
einen Ritter, und ohne Dir schmeicheln zu wollen, find ich, dass Gryczinski
ritterlicher ist. Sonderbarerweise fühl ich mich überhaupt eingepreusster, als
ich dachte, so dass mir auch das Bildnis Andreas Hofers wenig gefallen hat. Er
trägt einen Tiroler Spruchgürtel um den Leib und wurde zu Mantua, wie Du
vielleicht gehört haben wirst, erschossen. Manche tadeln es, dass er sich
geängstigt haben soll. Ich für mein Teil habe nie begreifen können, wie man es
tadeln will, nicht gern erschossen zu werden.
    Und dann gingen wir über den Brenner, der ganz in Schnee lag, und es sah
wundervoll aus, wie wir an derselben Bergwand, an der unser Zug emporkletterte,
zwei, drei andre Züge tief unter uns sahen, so winzig und unscheinbar wie die
Futterkästchen an einem Zeisigbauer. Und denselben Abend noch waren wir in
Verona. Das vorige Mal, als ich dort war, hatt ich es nur passiert, jetzt aber
blieben wir einen Tag, weil mir Ruben das altrömische Teater zeigen wollte, das
sich hier befindet. Es war ein kalter Tag, und mich fror in dem eisigen Winde,
der ging, aber ich freue mich doch, es gesehen zu haben. Wie beschreib ich es
Dir nur? Du musst Dir das Opernhaus denken, aber nicht an einem gewöhnlichen
Tage, sondern an einem Subskriptionsballabend, und an der Stelle, wo die Musik
ist, rundet es sich auch noch. Es ist nämlich ganz eiförmig und
amphiteatralisch, und der Himmel als Dach darüber, und ich würd es alles sehr
viel mehr noch genossen haben, wenn ich mich nicht hätte verleiten lassen, in
einem benachbarten Restaurant ein Salamifrühstück zu nehmen, das mir um ein
erhebliches zu national war.
    Die Woche darauf kamen wir nach Florenz, und wenn ich Duquede wäre, so würd
ich sagen: es wird überschätzt. Es ist voller Engländer und Bilder, und mit den
Bildern wird man nicht fertig. Und dann haben sie die Cascinen, etwas wie unsre
Tiergarten-oder Hofjäger-Allee, worauf sie sehr stolz sind, und man sieht auch
wirklich Fuhrwerke mit sechs und zwölf und sogar mit vierundzwanzig Pferden.
Aber ich habe sie nicht gesehen und will Dich durch Zahlenangaben nicht beirren.
Über den Arno führt eine Budenbrücke, nach Art des Rialto, und wenn Du von den
vielen Kirchen und Klöstern absehen willst, so gilt der alte Herzogspalast als
die Hauptsehenswürdigkeit der Stadt. Und am schönsten finden sie den kleinen
Turm, der aus der Mitte des Palastes aufwächst, nicht viel anders als ein
Schornstein mit einem Kranz und einer Galerie darum. Es soll aber sehr originell
gedacht sein. Und zuletzt findet man es auch. Und in der Nähe befindet sich eine
lange schmale Gasse, die neben der Hauptstrasse herläuft und in der beständig
Wachteln am Spiess gebraten werden. Und alles riecht nach Fett, und dazwischen
Lärm und Blumen und aufgetürmter Käse, so dass man nicht weiss, wo man bleiben und
ob man sich mehr entsetzen oder freuen soll. Aber zuletzt freut man sich, und es
ist eigentlich das Hübscheste, was ich auf meiner ganzen Reise gesehen habe.
Natürlich Rom ausgenommen. Und nun bin ich in Rom.
    Aber Herzens-Jacobine, davon kann ich Dir heute nicht schreiben, denn ich
bin schon auf dem vierten Blatt, und Ruben wird ungeduldig und wirft aus seiner
dunklen Ecke Konfetti nach mir, trotzdem wir den Karneval längst hinter uns
haben. Und so brech ich denn ab und tue nur noch ein paar Fragen.
    Freilich, jetzt, wo ich die Fragen stellen will, wollen sie mir nicht recht
aus der Feder, und Du musst sie erraten. Rätsel sind es nicht. In Deiner Antwort
sei schonend, aber verschweige nichts. Ich muss das Unangenehme, das Schmerzliche
tragen lernen. Es ist nicht anders. Über all das geb ich mich keinen Illusionen
hin. Wer in die Mühle geht, wird weiss. Und die Welt wird schlimmere Vergleiche
wählen. Ich möchte nur, dass, bei meiner Verurteilung, über die mildernden
Umstände nicht ganz hinweggegangen würde. Denn sieh, ich konnte nicht anders.
Und ich habe nur noch den einen Wunsch, dass es mir vergönnt sein möchte, dies zu
beweisen. Aber dieser Wunsch wird mir versagt bleiben, und ich werd allen Trost
in meinem Glück und alles Glück in meiner Zurückgezogenheit suchen und finden
müssen. Und das werd ich. Ich habe genug von dem Geräusch des Lebens gehabt, und
ich sehne mich nach Einkehr und Stille. Die hab ich hier. Ach, wie schön ist
diese Stadt, und mitunter ist es mir, als wär es wahr und als käm uns jedes Heil
und jeder Trost aus Rom und nur aus Rom. Es ist ein seliges Wandeln an diesem
Ort, ein Sehen und Hören als wie im Traum.
    Und nun, meine süsse Jacobine, lebe wohl und schreibe recht, recht viel und
recht ausführlich. Es interessiert mich alles, und ich sehne mich nach
Nachricht, vor allem nach Nachricht... Aber Du weisst es ja. Nichts mehr davon.
Immer die Deine.
                                                                     Melanie R.«
Der Brief wurde noch denselben Abend zur Post gegeben, in dem dunklen Gefühl,
dass eine rasche Beförderung auch eine rasche Antwort erzwingen könne. Aber diese
Antwort blieb aus, und die darin liegende Kränkung würde sehr schmerzlich
empfunden worden sein, wenn nicht Melanie, wenige Tage nach Absendung des
Briefes, in ihre frühere Melancholie zurückverfallen wäre. Sie glaubte bestimmt,
dass sie sterben werde, versuchte zu lächeln und brach doch plötzlich in einen
Strom von Tränen aus. Denn sie hing am Leben und genoss inmitten ihres Schmerzes
ein unendliches Glück: die Nähe des geliebten Mannes.
    Und sie hatte wohl recht, sich dieses Glückes zu freuen. Denn alle Tugenden
Rubehns zeigten sich um so heller, je trüber die Tage waren. Er kannte nur
Rücksicht; keine Missstimmung, keine Klage wurde laut, und über das Vornehme
seiner Natur wurde die Zurückhaltung darin vergessen.
    Und so vergingen trübe Wochen.
    Ein deutscher Arzt endlich, den man zu Rate zog, erklärte, dass vor allem das
Stillsitzen vermieden, dagegen umgekehrt für beständig neue Eindrücke gesorgt
werden müsse. Mit anderen Worten, das, was er vorschlug, war ein beständiger
Orts- und Luftwechsel. Ein solch tagtägliches Hin und Her sei freilich selber
ein Übel, aber ein kleineres, und jedenfalls das einzige Mittel, der inneren
Ruhelosigkeit abzuhelfen.
    Und so wurden denn neue Reisepläne geschmiedet und von der Kranken apatisch
angenommen.
    In kurzen Etappen, unter geflissentlicher Vermeidung von Eisenbahn und
grossen Strassen, ging es, durch Umbrien, immer höher hinauf an der Ostküste hin,
bis sich plötzlich herausstellte, dass man nur noch zehn Meilen von Venedig
entfernt sei. Und siehe, da kam ihr ein tiefes und sehnsüchtiges Verlangen,
ihrer Stunde dort warten zu wollen. Und sie war plötzlich wie verändert und
lachte wieder und sagte: »Della Salute! Weisst du noch...? Es heimelt mich an, es
erquickt mich: das Wohl, das Heil! Oh, komm. Dahin wollen wir.« Und sie gingen,
und dort war es, wo die bange Stunde kam. Und einen Tag lang wusste der Zeiger
nicht, wohin er sich zu stellen habe, ob auf Leben oder Tod. Als aber am Abend,
von über dem Wasser her, ein wunderbares Läuten begann und die todmatte Frau auf
ihre Frage »von wo« die Antwort empfing »von Della Salute«, da richtete sie sich
auf und sagte: »Nun weiss ich, dass ich leben werde.«
 
                              Achtzehntes Kapitel
                                 Wieder daheim
Und ihre Hoffnung hatte sie nicht getrogen. Sie genas, und erst als die
Herbsttage kamen und das Gedeihen des Kindes und vor allem auch ihr eigenes
Wohlbefinden einen Aufbruch gestattete, verliessen sie die Stadt, an die sie sich
durch ernste und heitere Stunden aufs innigste gekettet fühlten, und gingen in
die Schweiz, um in dem lieblichsten der Täler, in dem Tale »zwischen den Seen«,
eine neue vorläufige Rast zu suchen.
    Und sie lebten hier glücklich-stille Wochen, und erst als ein scharfer
Nordwest vom Tuner See nach dem Brienzer hinüberfuhr und den Tag darauf der
Schnee so dicht fiel, dass nicht nur die »Jungfrau«, sondern auch jede kleinste
Kuppe verschneit und vereist ins Tal herniedersah, sagte Melanie: »Nun ist es
Zeit. Es kleidet nicht jeden Menschen das Alter und nicht jede Landschaft der
Schnee. Der Winter ist in diesem Tale nicht zu Haus oder passt wenigstens nicht
recht hierher. Und ich möchte nun wieder dahin, wo man sich mit ihm eingelebt
hat und ihn versteht.«
    »Ich glaube gar«, lachte Rubehn, »du sehnst dich nach der Rousseau-Insel!«
    »Ja«, sagte sie. »Und nach viel anderem noch. Sieh, in drei Stunden könnt
ich von hier aus in Genf sein und das Haus wiedersehen, darin ich geboren wurde.
Aber ich habe keine Sehnsucht danach. Es zieht mich nach dem Norden hin, und ich
empfind ihn mehr und mehr als meine Herzensheimat. Und was auch dazwischenliegt,
er muss es bleiben.«
Und an einem milden Dezembertage waren Rubehn und Melanie wieder in der
Hauptstadt eingetroffen und mit ihnen die Vreni oder »das Vrenel«, eine derbe
schweizerische Magd, die sie, während ihres Aufentalts in Interlaken, zur
Abwartung des Kindes angenommen hatten. Eine vorzügliche Wahl. Am Bahnhof aber
waren sie von Rubehns jüngerem Bruder empfangen und in ihre Wohnung eingeführt
worden: eine reizende Mansarde dicht am Westende des Tiergartens, ebenso reich
wie geschmackvoll eingerichtet und beinah Wand an Wand mit Duquede. »Sollen wir
gute Nachbarschaft mit ihm halten?« hatten sie sich im Augenblick ihres
Eintretens unter gegenseitiger Heiterkeit gefragt.
    Melanie war sehr glücklich über Wohnung und Einrichtung, überhaupt über
alles, und gleich am anderen Vormittage setzte sie sich, als sie allein war, in
eine der tiefen Fensternischen und sah auf die bereiften Bäume des Parks und auf
ein paar Eichkätzchen, die sich haschten und von Ast zu Ast sprangen. Wie oft
hatte sie dem zugesehen, wenn sie mit Liddi und Het durch den Tiergarten
gefahren war! Es stand plötzlich alles wieder vor ihr, und sie fühlte, dass ein
Schatten auf die heiteren Bilder ihrer Seele fiel.
    Endlich aber zog es auch sie hinaus, und sie wollte die Stadt wiedersehen,
die Stadt und bekannte Menschen. Aber wen? Sie konnte nur bei der Freundin, bei
dem Musikfräulein, vorsprechen. Und sie tat es auch, ohne dass sie schliesslich
eine Freude davon gehabt hätte. Anastasia kam ihr vertraulich und beinah
überheblich entgegen, und in begreiflicher Verstimmung darüber kehrte Melanie
nach Hause zurück. Auch hier war nicht alles, wie es sein sollte, das Vrenel in
schlechter Laune, die Zimmer überheizt, und ihre Heiterkeit kam erst wieder, als
sie Rubehns Stimme draussen auf dem Vorflur hörte.
    Und nun trat er ein.
    Es war um die Teestunde, das Wasser brodelte schon, und sie nahm des
geliebten Mannes Arm und schritt plaudernd mit ihm über den dicken, türkischen
Teppich hin. Aber er litt von der Hitze, die sie mit ihrem Taschentuche
vergeblich fortzufächeln bemüht war. »Und nun sind wir im Norden!« lachte er.
»Und nun sage, haben wir im Süden je so was von Glut und Samum auszuhalten
gehabt?«
    »O doch, Ruben. Entsinnst du dich noch, als wir das erste Mal nach dem Lido
hinausfuhren? Ich wenigstens vergess es nicht. All mein Lebtag hab ich mich nicht
so geängstigt wie damals auf dem Schiff: erst die Schwüle und dann der Sturm.
Und dazwischen das Blitzen. Und wenn es noch ein Blitzen gewesen wäre! Aber wie
feurige Laken fiel es vom Himmel. Und du warst so ruhig.«
    »Das bin ich immer, Herz, oder such es wenigstens zu sein. Mit unsrer Unruhe
wird nichts geändert und noch weniger gebessert.«
    »Ich weiss doch nicht, ob du recht hast. In unsrer Angst und Sorge beten wir,
auch wir, die wir's in unseren guten Tagen an uns kommen lassen. Und das
versöhnt die Götter. Denn sie wollen, dass wir uns in unserer Kleinheit und
Hilfsbedürftigkeit fühlen lernen. Und haben sie nicht recht?«
    »Ich weiss nur, dass du recht hast. Immer. Und dir zuliebe sollen auch die
Götter recht haben. Bist du zufrieden damit?«
    »Ja und nein. Was Liebe darin ist, ist gut, oder ich hör es wenigstens gern.
Aber...«
    »Lassen wir das aber, und nehmen wir lieber unseren Tee, der uns ohnehin
schon erwartet. Und er hilft auch immer und gegen alles und wird uns auch aus
dieser afrikanischen Hitze helfen. Um aber sicherzugehen, will ich doch lieber
noch das Fenster öffnen.« Und er tat's, und unter dem halb aufgezogenen Rouleau
hin zog eine milde Nachtluft ein.
    »Wie mild und weich«, sagte Melanie.
    »Zu weich«, entgegnete Rubehn. »Und wir werden uns auf kältere Luftströme
gefasst machen müssen.«
 
                              Neunzehntes Kapitel
                                   Inkognito
Melanie war froh, wieder daheim zu sein.
    Was sich ihr notwendig entgegenstellen musste, das übersah sie nicht, und die
Furcht, der Rubehn Ausdruck gegeben hatte, war auch ihre Furcht. Aber sie war
doch andrerseits sanguinischen Gemüts genug, um der Hoffnung zu leben, sie werd
es überwinden. Und warum sollte sie's nicht? Was geschehen, erschien ihr, der
Gesellschaft gegenüber, so gut wie ausgeglichen; allem Schicklichen war genügt,
alle Formen waren erfüllt, und so gewärtigte sie nicht, einer Strenge zu
begegnen, zu der die Welt in der Regel nur greift, wenn sie's zu müssen glaubt,
vielleicht einfach in dem Bewusstsein davon, dass, wer in einem Glashause wohnt,
nicht mit Steinen werfen soll.
    Melanie gewärtigte keines Rigorismus. Nichtsdestoweniger stimmte sie dem
Vorschlage bei, wenigstens während der nächsten Wochen noch ein Inkognito
bewahren und erst von Neujahr an die nötigsten Besuche machen zu wollen.
    So war es denn natürlich, dass man den Weihnachtsabend im engsten Zirkel
verbrachte. Nur Anastasia, Rubehns Bruder und der alte Frankfurter Prokurist,
ein versteifter und schweigsamer Junggeselle, dem sich erst beim dritten
Schoppen die Zunge zu lösen pflegte, waren erschienen, um die Lichter am
Christbaum brennen zu sehen. Und als sie brannten, wurd auch das Aninettchen
herbeigeholt, und Melanie nahm das Kind auf den Arm und spielte mit ihm und
hielt es hoch. Und das Kind schien glücklich und lachte und griff nach den
Lichtern.
    Und glücklich waren alle, besonders auch Rubehn, und wer ihn an diesem
Abende gesehen hätte, der hätte nichts von Behagen und Gemütlichkeit an ihm
vermisst. Alles Amerikanische war abgestreift.
    In dem Nebenzimmer war inzwischen ein kleines Mahl serviert worden, und als
einleitend erst durch Anastasia und danach auch durch den jüngeren Rubehn ein
paar scherzhafte Gesundheiten ausgebracht worden waren, erhob sich zuletzt auch
der alte Prokurist, um »aus vollem Glas und vollem Herzen« einen Schlusstoast zu
proponieren. Das Beste des Lebens, das wiss' er aus eigner Erfahrung, sei das
Inkognito. Alles, was sich auf den Markt oder auf die Strasse stelle, das tauge
nichts oder habe doch nur Alltagswert; das, was wirklich Wert habe, das ziehe
sich zurück, das berge sich in Stille, das verstecke sich. Die lieblichste
Blume, darüber könne kein Zweifel sein, sei das Veilchen, und die poetischste
Frucht, darüber könne wiederum kein Zweifel sein, sei die Walderdbeere. Beide
versteckten sich aber, beide liessen sich suchen, beide lebten sozusagen
inkognito. Und somit lasse er das Inkognito leben, oder die Inkognitos, denn
Singular oder Plural sei ihm durchaus gleichgiltig;
Das oder die,
Ein volles Glas für Melanie;
Die oder das,
Für Ebenezer ein volles Glas.
Und danach fing er an zu singen.
    Erst zu später Stunde trennte man sich, und Anastasia versprach, am andern
Tage zu Tisch wiederzukommen; abermals einen Tag später aber (Rubehn war eben in
die Stadt gegangen) erschien das Vrenel, um in ihrem Schweizer Deutsch und
zugleich in sichtlicher Erregung den Polizeirat Reiff zu melden. Und sie
beruhigte sich erst wieder, als ihre junge Herrin antwortete: »Ah, sehr
willkommen. Ich lasse bitten einzutreten.«
    Melanie ging dem Angemeldeten entgegen. Er war ganz unverändert: derselbe
Glanz im Gesicht, derselbe schwarze Frack, dieselbe weisse Weste.
    »Welche Freude, Sie wiederzusehen, lieber Reiff«, sagte Melanie und wies mit
der Rechten auf einen neben ihr stehenden Fauteuil. »Sie waren immer mein guter
Freund, und ich denke, Sie bleiben es.«
    Reiff versicherte etwas von unveränderter Devotion und tat Fragen über
Fragen. Endlich aber liess er durch Zufall oder Absicht auch den Namen van der
Straatens fallen.
    Melanie blieb unbefangen und sagte nur: »Den Namen dürfen Sie nicht nennen,
lieber Reiff, wenigstens jetzt nicht. Nicht, als ob er mir unfreundliche Bilder
weckte. Nein, o nein. Wäre das, so dürften Sie's. Aber gerade weil mir der Name
nichts Unfreundliches zurückruft, weil ich nur weiss, ihm, der ihn trägt, wehe
getan zu haben, so quält und peinigt er mich. Er mahnt mich an ein Unrecht, das
dadurch nicht kleiner wird, dass ich es in meinem Herzen nicht recht als Unrecht
empfinde. Also nichts von ihm. Und auch nichts...« Und sie schwieg und fuhr erst
nach einer Weile fort: »Ich habe nun mein Glück, ein wirkliches Glück; mais il
faut payer pour tout et deux fois pour notre bonheur.«
    Der Polizeirat stotterte eine verlegene Zustimmung, weil er nicht recht
verstanden hatte.
    »Wir aber, lieber Reiff«, nahm Melanie wieder das Wort, »wir müssen einen
neutralen Boden finden. Und das werden wir. Das zählt ja zu den Vorzügen der
grossen Stadt. Es gibt immer hundert Dinge, worüber sich plaudern lässt. Und nicht
bloss um Worte zu machen, nein, auch mit dem Herzen. Nicht wahr? Und ich rechne
darauf, Sie wiederzusehen.«
    Und bald danach empfahl sich Reiff, um die Droschke, darin er gekommen war,
nicht allzu lange warten zu lassen. Melanie aber sah ihm nach und freute sich,
als er wenige Häuser entfernt dem aus der Stadt zurückkommenden Rubehn
begegnete. Beide grüssten einander.
    »Reiff war hier«, sagte Rubehn, als er einen Augenblick später eintrat. »Wie
fandest du ihn?«
    »Unverändert. Aber verlegner, als ein Polizeirat sein sollte.«
    »Schlechtes Gewissen. Er hat dich aushorchen wollen.«
    »Glaubst du?«
    »Zweifellos. Einer ist wie der andre. Nur ihre Manieren sind verschieden.
Und Reiff hat die Harmlosigkeitsallüren. Aber vor dieser Spezies muss man doppelt
auf der Hut sein. Und so lächerrlich es ist, ich kann den Gedanken nicht
unterdrücken, dass wir morgen ins schwarze Buch kommen.«
    »Du tust ihm unrecht. Er hat ein Attachement für mich. Oder ist es
meinerseits bloss Eitelkeit und Einbildung?«
    »Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber diese guten Herren... ihr bester
Freund, ihr leiblicher Bruder ist nie sicher vor ihnen. Und wenn man sich
darüber erstaunt oder beklagt, so heisst es ironisch und achselzuckend: C'est mon
metier.«
Eine Woche später hatte das neue Jahr begonnen, und der Zeitpunkt war da, wo das
junge Paar aus seinem Inkognito heraustreten wollte. Wenigstens Melanie. Sie war
noch immer nicht bei Jacobine gewesen, und wiewohl sie sich, in Erinnerung an
den unbeantwortet gebliebenen Brief, nicht viel Gutes von diesem Besuche
versprechen konnte, so musst er doch auf jede Gefahr hin gemacht werden. Sie
musste Gewissheit haben, wie sich die Gryczinskis stellen wollten.
    Und so fuhr sie denn nach der Alsenstrasse.
    Schwereren Herzens als sonst stieg sie die mit Teppich belegte Treppe hinauf
und klingelte. Und bald konnte sie hinter der Korridor-Glaswand ein
Hinundherhuschen erkennen. Endlich aber wurde geöffnet.
    »Ah, Emmy. Ist meine Schwester zu Haus?«
    »Nein, Frau Kommerzien... Ach, wie die gnädige Frau bedauern wird! Aber Frau
von Heising waren hier und haben die gnädige Frau zu dem grossen Bilde abgeholt.
Ich glaube Die Fackeln des Nero.«
    »Und der Herr Major?«
    »Ich weiss es nicht«, sagte das Mädchen verlegen. »Er wollte fort. Aber ich
will doch lieber erst...«
    »O nein, Emmy, lassen Sie's. Es ist gut so. Sagen Sie meiner Schwester, oder
der gnädigen Frau, dass ich da war. Oder besser, nehmen Sie meine Karte...«
    Danach grüsste Melanie kurz und ging.
    Auf der Treppe sagte sie leise vor sich hin: »Das ist er. Sie ist ein gutes
Kind und liebt mich.« Und dann legte sie die Hand aufs Herz und lächelte:
»Schweig stille, mein Herze.«
    Rubehn, als er von dem Ausfall des Besuches hörte, war wenig überrascht, und
noch weniger, als am andern Morgen ein Brief eintraf, dessen zierlich
verschlungenes J. v. G. über die Absenderin keinen Zweifel lassen konnte.
Wirklich, es waren Zeilen von Jacobine. Sie schrieb:
    »Meine liebe Melanie. Wie hab ich es bedauert, dass wir uns verfehlen mussten.
Und nach so langer Zeit! Und nachdem ich Deinen lieben, langen Brief
unbeantwortet gelassen habe! Er war so reizend, und selbst Gryczinski, der doch
so kritisch ist und alles immer auf Disposition hin ansieht, war eigentlich
entzückt. Und nur an der einen Stelle nahm er Anstoss, dass alles Heil und aller
Trost nach wie vor aus Rom kommen solle. Das verdross ihn, und er meinte, dass man
dergleichen auch nicht im Scherze sagen dürfe. Und meine Verteidigung liess er
nicht gelten. Die meisten Gryczinskis sind nämlich noch katolisch, und ich
denke mir, dass er so streng und empfindlich ist, weil er es persönlich los sein
und von sich abwälzen möchte. Denn sie sind immer noch sehr diffizil oben, und
Gryczinski, wie Du weisst, ist zu klug, als dass er etwas wollen sollte, was man
oben nicht will. Aber es ändert sich vielleicht wieder. Und ich bekenne Dir
offen, mir wär es recht, und ich für mein Teil hätte nichts dagegen, sie
sprächen erst wieder von etwas andrem. Ist es denn am Ende wirklich so wichtig
und eine so brennende Frage? Und wär es nicht wegen der vielen Toten und
Verwundeten, so wünscht ich mir einen neuen Krieg. (Es heisst übrigens, sie
rechneten schon wieder an einem.) Und hätten wir den Krieg, so wären wir die
ganze Frage los, und Gryczinski wäre Oberstlieutenant. Denn er ist der dritte.
Und ein paar von den alten Generälen, oder wenigstens von den ganz alten, werden
doch wohl endlich abgehen müssen.
    Aber ich schwatze von Krieg und Frieden und von Gryczinski und von mir und
vergesse ganz, nach Dir und nach Deinem Befinden zu fragen. Ich bin überzeugt,
dass es Dir gut geht und dass Du mit dem Wechsel in allen wesentlichen Stücken
zufrieden bist. Er ist reich und jung, und bei Deinen Lebensanschauungen, mein
ich, kann es Dich nicht unglücklich machen, dass er unbetitelt ist. Und am Ende,
wer jung ist, hofft auch noch. Und Frankfurt ist ja jetzt preussisch. Und da
findet es sich wohl noch.
    Ach, meine liebe Melanie, wie gerne wär ich selbst gekommen und hätte nach
allem Grossen und Kleinen gesehen, ja, auch nach allem Kleinen, und wem es
eigentlich ähnlich ist. Aber er hat es mir verboten und hat auch dem Diener
gesagt, dass wir nie zu Hause sind. Und Du weisst, dass ich nicht den Mut habe, ihm
zu widersprechen. Ich meine, wirklich zu widersprechen. Denn etwas widersprochen
hab ich ihm. Aber da fuhr er mich an und sagte: Das unterbleibt. Ich habe nicht
Lust, um solcher Allotria willen beiseite geschoben zu werden. Und sieh dich
vor, Jacobine, Du bist ein entzückendes kleines Weib (er sagte wirklich so),
aber ihr seid wie die Zwillinge, wie die Druväpfel, und es spukt dir auch so was
im Blut. Ich bin aber nicht van der Straaten und führe keine
Generositätskomödien auf. Am wenigsten auf meine Kosten. Und dabei warf er mir
de haut en bas eine Kusshand zu und ging aus dem Zimmer.
    Und was tat ich? Ach, meine liebe Melanie, nichts. Ich habe nicht einmal
geweint. Und nur erschrocken war ich. Denn ich fühle, dass er recht hat und dass
eine sonderbare Neugier in mir steckt. Und darin treffen es die Bibelleute, wenn
sie so vieles auf unsere Neugier schieben... Elimar, der freilich nicht mit zu
den Bibelleuten gehört, sagte mal zu mir: Das Hübscheste sei doch das
Vergleichenkönnen. Er meinte, glaub ich, in der Kunst. Aber die Frage
beschäftigt mich seitdem, und ich glaube kaum, dass es sich auf die Kunst
beschränkt. Übrigens hat Gryczinski noch in diesem Winter oder doch im Frühjahr
eine kleine Generalstabsreise vor. Und dann seh ich Dich. Und wenn er
wiederkommt, so beicht ich ihm alles. Ich kann es dann. Er ist dann immer so
zärtlich. Und ein Blaubart ist er überhaupt nicht. Und bis dahin Deine
                                                                      Jacobine.«
    Melanie liess das Blatt fallen, und Rubehn nahm es auf. Er las nun auch und
sagte: »Ja, Herz, das sind die Tage, von denen es heisst, sie gefallen uns nicht.
Ach, und sie beginnen erst. Aber lass, lass. Es rennt sich alles tot und am
ehesten das.«
    Und er ging an den Flügel und spielte laut und mit einem Anfluge heiterer
Übertreibung: »Mit meinem Mantel vor dem Sturm beschützt ich dich, beschützt ich
dich.«
    Und dann erhob er sich wieder und küsste sie und sagte: »Cheer up, dear!«
 
                              Zwanzigstes Kapitel
                                     Liddi
»Cheer up, dear«, hatte Rubehn Melanie zugerufen, und sie wollte dem Zurufe
folgen. Aber es glückte nicht, konnte nicht glücken, denn jeder neue Tag brachte
neue Kränkungen. Niemand war für sie zu Haus, ihr Gruss wurde nicht erwidert, und
ehe der Winter um war, wusste sie, dass man sie, nach einem stillschweigenden
Übereinkommen, in den Bann getan habe. Sie war tot für die Gesellschaft, und die
tiefe Niedergedrückteit ihres Gemüts hätte sie zur Verzweiflung geführt, wenn
ihr nicht Rubehn in dieser Bedrängnis zur Seite gestanden hätte. Nicht nur in
herzlicher Liebe, nein, vor allem auch in jener heitren Ruhe, die sich der
Umgebung entweder mitzuteilen oder wenigstens nicht ohne stillen Einfluss auf sie
zu bleiben pflegt. »Ich kenne das, Melanie. Wenn es in London etwas ganz Apartes
gibt, so heisst es, it is a nine-days-wonder, und mit diesen neun Tagen ist das
höchste Mass von Erregungsandauer ausgedrückt. Das ist in London. Hier dauert es
etwas länger, weil wir etwas kleiner sind. Aber das Gesetz bleibt dasselbe.
Jedes Wetter tobt sich aus. Eines Tages haben wir wieder den Regenbogen und das
Fest der Versöhnung.«
    »Die Gesellschaft ist unversöhnlich.«
    »Im Gegenteil. Zu Gerichte sitzen ist ihr eigentlich unbequem. Sie weiss
schon, warum. Und so wartet sie nur auf das Zeichen, um das grosse
Hinrichtungsschwert wieder in die Scheide zu stecken.«
    »Aber dazu muss etwas geschehen.«
    »Und das wird. Es bleibt selten aus und in den milderen Fällen eigentlich
nie. Wir haben einen Eindruck gemacht und müssen ehrlich bemüht sein, einen
andern zu machen. Einen entgegengesetzten. Aber auf demselben Gebiete... Du
verstehst?«
    Sie nickte, nahm seine Hand und sagte: »Und ich schwöre dir's, ich will. Und
wo die Schuld lag, soll auch die Sühne liegen. Oder sag ich lieber, der
Ausgleich. Auch das ist ein Gesetz, so hoff ich. Und das schönste von allen. Es
braucht nicht alles Tragödie zu sein.«
    In diesem Augenblicke wurde durch den Diener eine Karte hereingegeben:
»Friederike Sawat v. Sawatzki, genannt Sattler v.d. Hölle, Stiftsanwärterin auf
Kloster Himmelpfort in der Uckermark.«
    »Oh, lass uns allein, Ruben«, bat Melanie, während sie sich erhob und der
alten Dame bis auf den Vorflur entgegenging. »Ach, mein liebes Riekchen! Wie
mich das freut, dass du kommst, dass du da bist. Und wie schwer es dir geworden
sein muss... Ich meine nicht bloss die drei Treppen... Ein halbes Stiftsfräulein
und jeden Sonntag in Sankt Mattäi! Aber die Frommen, wenn sie's wirklich sind,
sind immer noch die Besten. Und sind gar nicht so schlimm. Und nun setze dich,
mein einziges, liebes Riekchen, meine liebe, alte Freundin!«
    Und während sie so sprach, war sie bemüht, ihr beim Ablegen behilflich zu
sein und das Seidenmäntelchen an einen Haken zu hängen, an den die Kleine nicht
heranreichen konnte.
    »Meine liebe, alte Freundin«, wiederholte Melanie. »Ja, das warst du,
Riekchen, das bist du gewesen. Eine rechte Freundin, die mir immer zum Guten
geraten und nie zum Munde gesprochen hat. Aber es hat nicht geholfen, und ich
habe nie begriffen, wie man Grundsätze haben kann oder Prinzipien, was
eigentlich dasselbe meint, aber mir immer noch schwerer und unnötiger
vorgekommen ist. Ich hab immer nur getan, was ich wollte, was mir gefiel, wie
mir gerade zumute war. Und ich kann es auch so schrecklich nicht finden. Auch
jetzt noch nicht. Aber gefährlich ist es, soviel räum ich ein, und ich will es
anders zu machen suchen. Will es lernen. Ganz bestimmt. Und nun erzähle. Mir
brennen hundert Fragen auf der Seele.«
    Riekchen war verlegen eingetreten und auch verlegen geblieben, jetzt aber
sagte sie, während sie die Augen niederschlug und dann wieder freundlich und
fest auf Melanie richtete: »Habe doch mal sehen wollen... Und ich bin auch nicht
hinter seinem Rücken hier. Er weiss es und hat mir zugeredet.«
    Melanie flogen die Lippen. »Ist er erbittert? Sag, ich will es hören. Aus
deinem Munde kann ich alles hören. In den Weihnachtstagen war Reiff hier. Da
mocht ich es nicht. Es ist doch ein Unterschied, wer spricht. Ob die Neugier
oder das Herz. Sag, ist er erbittert?«
    Die Kleine bewegte den Kopf hin und her und sagte: »Wie denn! Erbittert! Wär
er erbittert, so wär ich nicht hier. Er war unglücklich und ist es noch. Und es
zehrt und nagt an ihm. Aber seine Ruhe hat er wieder. Das heisst, so vor den
Menschen. Und dabei bleibt es, denn er war dir sehr gut, Melanie, so gut er nur
einem Menschen sein konnte. Und du warst sein Stolz, und er freute sich, wenn er
dich sah.«
    Melanie nickte.
    »Sieh, Herzenskind, du hast nicht anders gekonnt, weil du das andre nicht
gelernt hattest, das andre, worauf es ankommt, und weil du nicht wusstest, was
der Ernst des Lebens ist. Und Anastasia sang wohl immer: Wer nie sein Brot mit
Tränen ass, und Elimar drehte dann das Blatt um. Aber singen und erleben ist ein
Unterschied. Und du hast das Tränenbrot nicht gegessen, und Anastasia hat es
nicht gegessen und Elimar auch nicht. Und so kam es, dass du nur getan hast, was
dir gefiel oder wie dir zumute war. Und dann bist du von den Kindern
fortgegangen, von den lieben Kindern, die so hübsch und so fein sind, und hast
sie nicht einmal sehen wollen. Hast dein eigen Fleisch und Blut verleugnet. Ach,
mein armes, liebes Herz, das kannst du vor Gott und Menschen nicht
verantworten.«
    Es war, als ob die Kleine noch weitersprechen wollte. Aber Melanie war
aufgesprungen und sagte: »Nein, Riekchen, an dieser Stelle hört es auf. Hier
tust du mir unrecht. Sieh, du kennst mich so gut und so lange schon, und fast
war ich selber noch ein Kind, als ich ins Haus kam. Aber das eine musst du mir
lassen: ich habe nie gelogen und geheuchelt und hab umgekehrt einen wahren Hass
gehabt, mich besser zu machen, als ich bin. Und diesen Hass hab ich noch. Und so
sag ich dir denn, das mit den Kindern, mit meiner süssen kleinen Het, die wie
der Vater aussieht und doch gerade so lacht und so fahrig ist wie die Frau Mama,
nein, Riekchen, das mit den Kindern, das trifft mich nicht.«
    »Und bist doch ohne Blick und Abschied gegangen.«
    »Ja, das bin ich, und ich weiss es wohl, manch andre hätt es nicht getan.
Aber wenn man auf etwas an und für sich Trauriges stolz sein darf, so bin ich
stolz darauf. Ich wollte gehn, das stand fest. Und wenn ich die Kinder sah, so
konnt ich nicht gehn. Und so hatt ich denn meine Wahl zu treffen. Ich mag eine
falsche Wahl getroffen haben, in den Augen der Welt hab ich es gewiss, aber es
war wenigstens ein klares Spiel und offen und ehrlich. Wer aus der Ehe fortläuft
und aus keinem andern Grund als aus Liebe zu einem andern Manne, der begibt sich
des Rechts, nebenher auch noch die zärtliche Mutter zu spielen. Und das ist die
Wahrheit. Ich bin ohne Blick und ohne Abschied gegangen, weil es mir widerstand,
Unheiliges und Heiliges durcheinanderzuwerfen. Ich wollte keine sentimentale
Verwirrung. Es steht mir nicht zu, mich meiner Tugend zu berühmen. Aber eines
hab ich wenigstens, Riekchen: ich habe feine Nerven für das, was passt und nicht
passt.«
    »Und möchtest du jetzt sie sehen?«
    »Heute lieber als morgen. Jeden Augenblick. Bringst du sie?«
    »Nein, nein, Melanie, du bist zu rasch. Aber ich habe mir einen Plan
ausgedacht. Und wenn er glückt, so lass ich wieder von mir hören. Und ich komm
entweder, oder ich schreibe, oder Jacobine schreibt. Denn Jacobine muss uns dabei
helfen. Und nun Gott befohlen, meine liebe, liebe Melanie. Lass nur die Leute. Du
bist doch ein liebes Kind. Leicht, leicht, aber das Herz sitzt an der richtigen
Stelle. Und nun Gott befohlen, mein Schatz.«
    Und sie ging und weigerte sich, das Mäntelchen anzuziehn, weil sie gerne
rasch abbrechen wollte. Aber eine Treppe tiefer blieb sie stehn und half sich
mit einiger Mühe selbst in die kleinen Ärmel hinein.
Melanie war überaus glücklich über diesen Besuch, zugleich sehnsüchtig
erwartungsvoll, und mitunter war es ihr, als träte das Kleine, das nebenan in
der Wiege lag, neben dieser Sehnsucht zurück. Gehörte sie doch ganz zu jenen
Naturen, in deren Herzen eines immer den Vorrang behauptet.
    Und so vergingen Wochen, und Ostern war schon nahe heran, als endlich ein
Billet abgegeben wurde, dem sie's ansah, dass es ihr gute Botschaft bringe. Es
war von der Schwester, und Jacobine schrieb:
    »Meine liebe Melanie! Wir sind allein, und gesegnet seien die
Landesvermessungen! Es sind das, wie Du vielleicht weisst, die hohen,
dreibeinigen Gestelle, die man, wenn man mit der Eisenbahn fährt, überall
deutlich erkennen kann und wo die Mitfahrenden im Coupe jedesmal fragen: Mein
Gott, was ist das? Und es ist auch nicht zu verwundern, denn es sieht eigentlich
aus wie ein Malerstuhl, nur dass der Maler sehr gross sein müsste. Noch grösser und
langbeiniger als Gabler. Und erst in vierzehn Tagen kommt er zurück, worauf ich
mich sehr, sehr freue und eigentlich schon Sehnsucht habe. Denn er hat doch
entschieden das, was uns Frauen gefällt. Und früher hat er Dir auch gefallen, ja
Herz, das kannst Du nicht leugnen, und ich war mitunter eifersüchtig, weil Du
klüger bist als ich, und das haben sie gern. Aber weshalb ich eigentlich
schreibe! Riekchen war hier und hat es mir ans Herz gelegt, und so denk ich, wir
säumen keinen Augenblick länger, und Du kommst morgen um die Mittagsstunde. Da
werden sie hier sein und Riekchen auch. Aber wir haben nichts gesagt, und sie
sollen überrascht werden. Und ich bin glücklich, meine Hand zu so was Rührendem
bieten zu können. Denn ich denke mir, Mutterliebe bleibt doch das Schönste...
Ach, meine liebe Melanie...! Aber ich schweige, Gryczinskis drittes Wort ist ja,
dass es im Leben darauf ankomme, seine Gefühle zu beherrschen... Ich weiss doch
nicht, ob er recht hat. Und nun lebe wohl. Immer Deine
                                                                       J. v. G.«
Melanie war nach Empfang dieser Zeilen in einer Aufregung, die sie weder
verbergen konnte noch wollte. So fand sie Rubehn und geriet in wirkliche Sorge,
weil er aus Erfahrung wusste, dass solchen Überreizungen immer ein Rückschlag und
solchen hochgespannten Erwartungen immer eine Enttäuschung zu folgen pflegt. Er
suchte sie zu zerstreuen und abzuziehen und war endlich froh, als der andere
Morgen da war.
    Es war ein klarer Tag und eine milde Luft, und nur ein paar weisse Wölkchen
schwammen oben im Blau. Melanie verliess das Haus noch vor der verabredeten
Stunde, um ihren Weg nach der Alsenstrasse hin anzutreten. Ach, wie wohl ihr
diese Luft tat! Und sie blieb öfters stehen, um sie begierig einzusaugen und
sich an den stillen Bildern erwachenden Lebens und einer hier und da schon
knospenden Natur zu freuen. Alle Hecken zeigten einen grünen Saum, und an den
geharkten Stellen, wo man das abgefallene Laub an die Seite gekehrt hatte,
keimten bereits die grünen Blättchen des Gundermann, und einmal war es ihr, als
schöss eine Schwalbe mit schrillem, aber heiterem Ton an ihr vorüber. Und so
passierte sie den Tiergarten in seiner ganzen Breite, bis sie zuletzt den
kleinen, der Alsenstrasse unmittelbar vorgelegenen Platz erreicht hatte, den sie
den »Kleinen Königsplatz« nennen. Hier setzte sie sich auf eine Bank und
fächelte sich mit ihrem Tuch und hörte deutlich, wie ihr das Herz schlug.
    »In welche Wirrnis geraten wir, sowie wir die Strasse des Hergebrachten
verlassen und abweichen von Regel und Gesetz. Es nutzt uns nichts, dass wir uns
selber freisprechen. Die Welt ist doch stärker als wir und besiegt uns
schliesslich in unserem eigenen Herzen. Ich glaubte recht zu tun, als ich ohne
Blick und Abschied von meinen Kindern ging, ich wollte kein Rührspiel; entweder
- oder, dacht ich. Und ich glaub auch noch, dass ich recht gedacht habe. Aber was
hilft es mir? Was ist das Ende? Eine Mutter, die sich vor ihren Kindern
fürchtet.«
    Dies Wort richtete sie wieder auf. Ein trotziger Stolz, der neben aller
Weichheit in ihrer Natur lag, regte sich wieder, und sie ging rasch auf das
Gryczinskische Haus zu.
    Die Portiersleute, Mann und Frau und zwei halberwachsene Töchter, mussten
schon auf dem Hintertreppenwege von dem bevorstehenden Ereignisse gehört haben,
denn sie hatten sich in die halbgeöffnete Souterraintür postiert und guckten
einander über die Köpfe fort. Melanie sah es und sagte vor sich hin: »A
nine-days-wonder! Ich bin eine Sehenswürdigkeit geworden. Es war mir immer das
Schrecklichste.«
    Und nun stieg sie hinauf und klingelte. Riekchen war schon da, die
Schwestern küssten sich und sagten sich Freundlichkeiten über ihr gegenseitiges
Aussehen. Und alles verriet Aufregung und Freude.
    Das Wohn- und Empfangzimmer, in das man jetzt eintrat, war ein grosser und
luftiger, aber im Verhältnis zu seiner Tiefe nur schmaler Raum, dessen zwei
grosse Fenster (ohne Pfeiler dazwischen) einen nischenartigen Ausbau bildeten.
Etwas Feierliches herrschte vor, und die roten, von beiden Seiten her halb
zugezogenen Gardinen gaben ein gedämpftes, wundervolles Licht, das auf den
weissen Tapeten reflektierte. Nach hinten zu, der Fensternische gegenüber,
bemerkte man eine hohe Tür, die nach dem dahintergelegenen Esszimmer führte.
    Melanie nahm auf einem kleinen Sofa neben dem Fenster Platz, die beiden
anderen Damen mit ihr, und Jacobine versuchte nach ihrer Art eine Plauderei.
Denn sie war ohne jede tiefere Bewegung und betrachtete das Ganze vom Standpunkt
einer dramatischen Matinee. Riekchen aber, die wohl wahrnahm, dass die Blicke
Melanies immer nur nach der einen Stelle hin gerichtet waren, unterbrach endlich
das Gespräch und sagte: »Lass, Binchen. Ich werde sie nun holen.«
    Eine peinliche Stille trat ein, Jacobine wusste nichts mehr zu sagen und war
herzlich froh, als eben jetzt vom Platze her die Musik eines vorüberziehenden
Garderegiments hörbar wurde. Sie stand auf, stellte sich zwischen die Gardinen
und sah nach rechts hinaus... »Es sind die Ulanen«, sagte sie. »Willst du nicht
auch...« Aber ehe sie noch ihren Satz beenden konnte, ging die grosse Flügeltür
auf, und Riekchen, mit den beiden Kindern an der Hand, trat ein.
    Die Musik draussen verklang.
    Melanie hatte sich rasch erhoben und war den verwundert und beinah
erschrocken dastehenden Kindern entgegengegangen. Als sie aber sah, dass Lydia
einen Schritt zurücktrat, blieb auch sie stehen, und ein Gefühl ungeheurer Angst
überkam sie. Nur mit Mühe brachte sie die Worte heraus: »Het, mein süsser,
kleiner Liebling... Komm... Kennst du deine Mutter nicht mehr?«
    Und ihre ganze Kraft zusammennehmend, hatte sie sich bis dicht an die Türe
vorbewegt und bückte sich, um Het mit beiden Händen in die Höhe zu heben. Aber
Lydia warf ihr einen Blick bitteren Hasses zu, riss das Kind am Achselbande
zurück und sagte: »Wir haben keine Mutter mehr.«
    Und dabei zog und zwang sie die halb widerstrebende Kleine mit sich fort und
zu der halb offengebliebenen Tür hinaus.
    Melanie war ohnmächtig zusammengesunken.
    Eine halbe Stunde später hatte sie sich so weit wieder erholt, dass sie
zurückfahren konnte. Jede Begleitung war von ihr abgelehnt worden. Riekchens
Weisheiten und Jacobinens Albernheiten mussten ihr in ihrer Stimmung gleich
unerträglich erscheinen.
    Als sie fort war, sagte Jacobine zu Riekchen: »Es hat doch einen rechten
Eindruck auf mich gemacht. Und Gryczinski darf gar nichts davon erfahren. Er ist
ohnehin gegen Kinder. Und er würde mir doch nur sagen: Da siehst du, was dabei
herauskommt. Undank und Unnatur.«
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
                              In der Nikolaikirche
Es schlug zwei von dem kleinen Hoftürmchen des Nachbarhauses, als Melanie wieder
in ihre Wohnung eintrat. Das Herz war ihr zum Zerspringen, und sie sehnte sich
nach Aussprache. Dann, das wusste sie, kamen ihr die Tränen und in den Tränen
Trost.
    Aber Rubehn blieb heute länger aus als gewöhnlich, und zu den anderen
Ängsten ihres Herzens gesellte sich auch noch das Bangen und Sorgen um den
geliebten Mann. Endlich kam er; es war schon Spätnachmittag, und die drüben
hinter dem kahlen Gezweig niedersteigende Sonne warf eine Fülle greller Lichter
durch die kleinen Mansardenfenster. Aber es war kalt und unheimlich, und Melanie
sagte, während sie dem Eintretenden entgegenging: »Du bringst soviel Kälte mit,
Ruben. Ach, und ich sehne mich nach Licht und Wärme.«
    »Wie du nur bist«, entgegnete Rubehn in sichtlicher Zerstreuteit, während
er doch seine gewöhnliche Heiterkeit zu zeigen trachtete. »Wie du nur bist! Ich
sehe nichts als Licht, ein wahrer embarras de richesse, auf jedem Sofakissen und
jeder Stuhllehne, und das Ofenblech flimmert und schimmert, als ob es Goldblech
wäre. Und du sehnst dich nach Licht! Ich bitte dich, mich blendet's, und ich
wollt, es wäre weniger oder wäre fort.«
    »Du wirst nicht lange darauf zu warten haben.«
    Er war im Zimmer auf und ab gegangen. Jetzt blieb er stehen und sagte
teilnehmend: »Ich vergesse, nach der Hauptsache zu fragen. Verzeihe. Du warst
bei Jacobine. Wie lief es ab? Ich fürchte, nicht gut. Ich lese so was aus deinen
Augen. Und ich hatt auch eine Ahnung davon, gleich heute früh, als ich in die
Stadt fuhr. Es war kein glücklicher Tag.«
    »Auch für dich nicht?«
    »Nicht der Rede wert. A shadow of a shadow.«
    Er hatte sich in den zunächststehenden Fauteuil niedergelassen und griff
mechanisch nach einem Album, das auf dem Sofatische lag. Seiner oft
ausgesprochenen Ansicht nach war dies die niedrigste Form aller geistigen
Beschäftigung, und so durft es nicht überraschen, dass er während des Blätterns
über das Buch fortsah und wiederholentlich fragte: »Wie war es? Ich bin
begierig, zu hören.«
    Aber sie konnte nur zu gut erkennen, dass er nicht begierig war, zu hören,
und sosehr es sie nach Aussprache verlangt hatte, so schwer wurd es ihr jetzt,
ein Wort zu sagen, und sie verwirrte sich mehr als einmal, als sie, um ihm zu
willfahren, von der tiefen Demütigung erzählte, die sie von ihrem eigenen Kinde
hatte hinnehmen müssen.
    Rubehn war aufgestanden und versuchte sie durch ein paar hingeworfene Worte
zu beruhigen, aber es war nicht anders, wie wenn einer einen Spruch herbetet.
    »Und das ist alles, was du mir zu sagen hast?« fragte sie. »Ruben, mein
Einziger, soll ich auch dich verlieren?!« Und sie stellte sich vor ihn hin und
sah ihn starr an.
    »Oh, sprich nicht so. Verlieren! Wir können uns nicht verlieren. Nicht wahr,
Melanie, wir können uns nicht verlieren?« Und hierbei wurde seine Stimme
momentan inniger und weicher. »Und was die Kinder angeht«, fuhr er nach einer
Weile fort, »nun, die Kinder sind eben Kinder. Und eh sie gross sind, ist viel
Wasser den Rhein hinuntergelaufen. Und dann darfst du nicht vergessen, es waren
nicht gerade die glänzendsten metteurs en scène, die es in die Hand nahmen.
Unser Riekchen ist lieb und gut, und du hast sie gern, zu gern vielleicht; aber
auch du wirst nicht behaupten wollen, dass die Stiftsanwärterin auf Kloster
Himmelpfort an die Pforten ewiger Weisheit geklopft habe. Jedenfalls ist ihr
nicht aufgemacht worden. Und Jacobine! Pardon, sie hat etwas von einer
Prinzessin, aber von einer, die die Lämmer hütet.«
    »Ach, Ruben«, sagte Melanie, »du sagst so vieles durcheinander. Aber das
rechte Wort sagst du nicht. Du sagst nichts, was mich aufrichten, mich vor mir
selbst wiederherstellen könnte. Mein eigen Kind hat mir den Rücken gekehrt. Und
dass es noch ein Kind ist, das gerade ist das Vernichtende. Das richtet mich.«
    Er schüttelte den Kopf und sagte: »Du nimmst es zu schwer. Und glaubst du
denn, dass Mütter und Väter ausserhalb aller Kritik stehen?«
    »Wenigstens ausserhalb der ihrer Kinder.«
    »Auch der nicht. Im Gegenteil, die Kinder sitzen überall zu Gericht, still
und unerbittlich. Und Lydia war immer ein kleiner Grossinquisitor, wenigstens
genferischen Schlages, und an ihr lässt sich die Rückschlagsteorie studieren.
Ihr Urahne muss mitgestimmt haben, als man Servet verbrannte. Mich hätte sie gern
mit auf dem Holzstoss gesehen, soviel steht fest. Und nun lass uns schweigen
davon. Ich muss noch in die Stadt.«
    »Ich bitte dich, was ist? Was gibt's?«
    »Eine Konferenz. Und es wird sich nicht vermeiden lassen, dass wir nach ihrem
Abschluss zusammenbleiben. Ängstige dich nicht, und vor allem, erwarte mich
nicht. Ich hasse junge Frauen, die beständig am Fenster passen, ob er noch nicht
kommt, und mit dem Wächter unten auf du und du stehen, nur, um immer eine
Heil-Ablieferungs-Garantie zu haben. Ich perhorresziere das. Und das beste wird
sein, du gehst früh zu Bett und schläfst es aus. Und wenn wir uns morgen früh
wiedersehen, wirst du mir vielleicht zustimmen, dass Lydia Bescheidenheit lernen
muss und dass zehnjährige dumme Dinger, Fräulein Liddi mit eingeschlossen, nicht
dazu da sind, sich zu Sittenrichterinnen ihrer eigenen Frau Mama aufzuwerfen.«
    »Ach, Ruben, das sagst du nur so. Du fühlst es anders und bist zu klug und
zu gerecht, als dass du nicht wissen solltest, das Kind hat recht.«
    »Es mag recht haben. Aber ich auch. Und jedenfalls gibt es Ernsteres als
das. Und nun Gott befohlen.«
    Und er nahm seinen Hut und ging.
    Melanie wachte noch, als Rubehn wieder nach Hause kam. Aber erst am andern
Morgen fragte sie nach der Konferenz und bemühte sich, darüber zu scherzen. Er
seinerseits antwortete in gleichem Ton und war wie gestern ersichtlich bemüht,
mit Hilfe lebhaften Sprechens einen Schirm aufzurichten, hinter dem er, was
eigentlich in ihm vorging, verbergen konnte.
    So vergingen Tage. Seine Lebhaftigkeit wuchs, aber mit ihr auch seine
Zerstreuteit, und es kam vor, dass er mehrere Male dasselbe fragte. Melanie
schüttelte den Kopf und sagte: »Ich bitte dich, Ruben, wo bist du? sprich.« Aber
er versicherte nur, »es sei nichts, und sie forsche, wo nichts zu forschen sei.
Zerstreuteit wäre ein Erbstück in der Familie, kein gutes, aber es sei einmal
da, und sie müsse sich damit einleben und daran gewöhnen.« Und dann ging er, und
sie fühlte sich freier, wenn er ging. Denn das rechte Wort wurde nicht
gesprochen, und er, der die Last ihrer Einsamkeit verringern sollte, verdoppelte
sie nur durch seine Gegenwart.
    Und nun war Ostern. Anastasia sprach am Ostersonntag auf eine halbe Stunde
vor, aber Melanie war froh, als das Gespräch ein Ende nahm und die mehr und mehr
unbequem werdende Freundin wieder ging. Und so kam auch der zweite Festtag,
unfestlich und unfreundlich wie der erste, und als Rubehn über Mittag erklärte,
»dass er abermals eine Verabredung habe«, konnte sie's in ihrer Herzensangst
nicht länger ertragen, und sie beschloss, in die Kirche zu gehn und eine Predigt
zu hören. Aber wohin? Sie kannte Prediger nur von Taufen und Hochzeiten her, wo
sie, neben frommen und nichtfrommen, manch liebes Mal bei Tisch gesessen und
beim Nachhausekommen immer versichert hatte: »Geht mir doch mit eurem
Pfaffenhass. Ich habe mich mein Lebtag nicht so gut unterhalten wie heute mit
Pastor Käpsel. Ist das ein reizender alter Herr! Und so humoristisch und beinahe
witzig. Und schenkt einem immer ein und stösst an und trinkt selber mit und sagt
einem verbindliche Sachen. Ich begreif euch nicht. Er ist doch interessanter als
Reiff oder gar Duquede.«
    Aber nun eine Predigt! Es war seit ihrem Einsegnungstage, dass sie keine mehr
gehört hatte.
    Endlich entsann sie sich, dass ihr Christel von Abendgottesdiensten erzählt
hatte. Wo doch? In der Nikolaikirche. Richtig. Es war weit, aber desto besser.
Sie hatte soviel Zeit übrig, und die Bewegung in der frischen Luft war seit
Wochen ihr einziges Labsal. So machte sie sich auf den Weg, und als sie die
Grosse Petristrasse passierte, sah sie zu den erleuchteten Fenstern des ersten
Stockes auf. Aber ihre Fenster waren dunkel und auch keine Blumen davor. Und sie
ging rascher und sah sich um, als verfolge sie wer, und bog endlich in den
Nikolaikirchhof ein.
    Und nun in die Kirche selbst.
    Ein paar Lichter brannten im Mittelschiff, aber Melanie ging an der
Schattenseite der Pfeiler hin, bis sie der alten, reichgeschmückten Kanzel gerad
gegenüber war. Hier waren Bänke gestellt, nur drei oder vier, und auf den Bänken
sassen Waisenhauskinder, lauter Mädchen in blauen Kleidern und weissen
Brusttüchern, und dazwischen alte Frauen, das graue Haar unter einer schwarzen
Kopfbinde versteckt, und die meisten einen Stock in Händen oder eine Krücke
neben sich.
    Melanie setzte sich auf die letzte Bank und sah, wie die kleinen Mädchen
kicherten und sich anstiessen und immer nach ihr hinsahn und nicht begreifen
konnten, dass eine so feine Dame zu solchem Gottesdienste käme. Denn es war ein
Armengottesdienst, und deshalb brannten auch die Lichter so spärlich. Und nun
schwieg Lied und Orgel, und ein kleiner Mann erschien auf der Kanzel, dessen sie
sich, von ein paar grossen und überschwenglichen Bourgeoisbegräbnissen her, sehr
wohl entsann und von dem sie mehr als einmal in ihrer übermütigen Laune
versichert hatte, »er spräche schon vorweg im Grabstein-Stil. Nur nicht so
kurz.« Aber heute sprach er kurz und pries auch keinen, am wenigsten
überschwenglich, und war nur müd und angegriffen, denn es war der zweite
Feiertagabend. Und so kam es, dass sie nichts Rechtes für ihr Herz finden konnte,
bis es zuletzt hiess: »Und nun, andächtige Gemeinde, wollen wir den vorletzten
Vers unsres Osterliedes singen.« Und in demselben Augenblicke summte wieder die
Orgel und zitterte, wie wenn sie sich erst ein Herz fassen oder einen Anlauf
nehmen müsse, und als es endlich voll und mächtig an dem hohen Gewölbe hinklang
und die Spittelfrauen mit ihren zittrigen Stimmen einfielen, rückten zwei von
den kleinen Mädchen halb schüchtern an Melanie heran und gaben ihr ihr
Gesangbuch und zeigten auf die Stelle. Und sie sang mit:
»Du lebst, du bist in Nacht mein Licht,
Mein Trost in Not und Plagen,
Du weisst, was alles mir gebricht,
Du wirst mir's nicht versagen.«
Und bei der letzten Zeile reichte sie den Kindern das Buch zurück und dankte
freundlich und wandte sich ab, um ihre Bewegung zu verbergen. Dann aber murmelte
sie Worte, die ein Gebet vorstellen sollten und es vor dem Ohre dessen, der die
Regungen unseres Herzens hört, auch wohl waren, und verliess die Kirche so still
und seitab, wie sie gekommen war.
    In ihre Wohnung zurückgekehrt, fand sie Rubehn an seinem Arbeitstische vor.
Er las einen Brief, den er, als sie eintrat, beiseite schob. Und er ging ihr
entgegen und nahm ihre Hand und führte sie nach ihrem Sofaplatz.
    »Du warst fort?« sagte er, während er sich wieder setzte.
    »Ja, Freund. In der Stadt... In der Kirche.«
    »In der Kirche! Was hast du da gesucht?«
    »Trost.«
    Er schwieg und seufzte schwer. Und sie sah nun, dass der Augenblick da war,
wo sich's entscheiden müsse. Und sie sprang auf und lief auf ihn zu und warf
sich vor ihm nieder und legte beide Arme auf seine Knie: »Sage mir, was es ist!
Habe Mitleid mit mir, mit meinem armen Herzen. Sieh, die Menschen haben mich
aufgegeben, und meine Kinder haben sich von mir abgewandt. Ach, so schwer es
war, ich hätt es tragen können. Aber dass du dich abwendest von mir, das trag ich
nicht.«
    »Ich wende mich nicht ab von dir.«
    »Nicht mit deinem Auge, wiewohl es mich nicht mehr sieht, aber mit deinem
Herzen. Sprich, mein Einziger, was ist es? Es ist nicht Eifersucht, was mich
quält. Ich könnte keine Stunde leben mehr, wär es das. Aber ein anderes ist es,
was mich ängstigt, ein anderes, nicht viel Besseres: ich habe deine Liebe nicht
mehr. Das ist mir klar, und unklar ist mir nur das eine, wodurch ich sie
verscherzt. Ist es der Bann, unter dem ich lebe und den du mit zu tragen hast?
Oder ist es, dass ich sowenig Licht und Sonnenschein in dein Leben gebracht und
unsre Einsamkeit auch noch in Betrübsamkeit verwandelt habe? Oder ist es, dass du
mir misstraust? Ist es der Gedanke an das alte Heute dir und morgen mir. O
sprich. Ich will dich nicht leiden sehen. Ich werde weniger unglücklich sein,
wenn ich dich glücklich weiss. Auch getrennt von dir. Ich will gehen, jede
Stunde. Verlang es, und ich tu es. Aber reisse mich aus dieser Ungewissheit. Sage
mir, was es ist, was dich drückt, was dir das Leben vergällt und verbittert.
Sage mir's. Sprich.«
    Er fuhr sich über Stirn und Auge, dann nahm er den beiseite geschobenen
Brief und sagte: »Lies.«
    Melanie faltete das Blatt auseinander. Es waren Zeilen vom alten Rubehn,
dessen Handschrift sie sehr wohl kannte. Und nun las sie: »Frankfurt,
Ostersonntag. Ausgleich gescheitert. Arrangiere, was sich arrangieren lässt. In
spätestens acht Tagen muss ich unsere Zahlungseinstellung aussprechen. M. R...«
    In Rubehns Mienen liess sich, als sie las, erkennen, dass er einer neuen
Erschütterung gewärtig war. Aber wie sehr hatte er sie verkannt, sie, die viel,
viel mehr war als ein bloss verwöhnter Liebling der Gesellschaft, und eh ihm noch
Zeit blieb, über seinen Irrtum nachzudenken, hatte sie sich schon in einem
wahren Freudenjubel erhoben und ihn umarmt und geküsst und wieder umarmt.
    »Oh, nur das...! Oh, nun wird alles wieder gut... Und was eurem Hause
Unglück bedeutet, mir bedeutet es Glück, und nun weiss ich es, es kommt alles
wieder in Schick und Richtung, weit über all mein Hoffen und Erwarten hinaus...
Als ich damals ging und das letzte Gespräch mit ihm hatte, sieh, da sprach ich
von den Menschlichen unter den Menschen. Und es ist mir, als wär es gestern
gewesen. Und auf diese Menschlichen baut ich meine Zukunft und rechnete darauf,
dass sie's versöhnen würde: ich liebte dich! Aber es war ein Fehler, und auch die
Menschlichen haben mich im Stich gelassen. Und jetzt muss ich sagen, sie hatten
recht. Denn die Liebe tut es nicht, und die Treue tut es auch nicht. Ich meine
die Werkeltagstreue, die nichts Besseres kann, als sich vor Untreue bewahren. Es
ist eben nicht viel, treu zu sein, wo man liebt und wo die Sonne scheint und das
Leben bequem geht und kein Opfer fordert. Nein, nein, die blosse Treue tut es
nicht. Aber die bewährte Treue, die tut es. Und nun kann ich mich bewähren und
will es und werd es, und nun kommt meine Zeit. Ich will nun zeigen, was ich
kann, und will zeigen, dass alles Geschehene nur geschah, weil es geschehen
musste, weil ich dich liebte, nicht aber, weil ich leicht und übermütig in den
Tag hinein lebte und nur darauf aus war, ein bequemes Leben in einem noch
bequemeren fortzusetzen.«
    Er sah sie glücklich an, und der Ausdruck des Selbstsuchtslosen in Wort und
Miene riss ihn aus der tiefen Niedergedrückteit seiner Seele heraus. Er hoffte
nun selber wieder, aber Bangen und Zweifel liefen nebenher, und er sagte bewegt:
»Ach, meine liebe Melanie, du warst immer ein Kind, und du bist es auch in
diesem Augenblicke noch. Ein verwöhntes und ein gutes, aber doch ein Kind. Sieh,
von deinem ersten Atemzuge an hast du keine Not gekannt, ach, was sprech ich von
Not, nie, solange du lebst, ist dir ein Wunsch unerfüllt geblieben. Und du hast
gelebt wie im Märchen von Tischlein, decke dich, und das Tischlein hat sich dir
gedeckt, mit allem, was du wolltest, mit allem, was das Leben hat, auch mit
Schmeicheleien und Liebkosungen. Und du bist geliebkost worden wie ein
King-Charles-Hündchen mit einem blauen Band und einem Glöckchen daran. Und
alles, was du getan hast, das hast du spielend getan. Ja, Melanie, spielend. Und
nun willst du auch spielend entbehren lernen und denkst: es findet sich. Oder
denkst auch wohl, es sei hübsch und apart, und schwärmst für die Poetenhütte,
die Raum hat für ein glücklich liebend Paar, oder wenigstens haben soll. Ach, es
liest sich erbaulich von dem blankgescheuerten Esstisch und dem Maienbusch in
jeder Ecke und von dem Zeisig, der sich das Futternäpfchen selber heranzieht.
Und es ist schon richtig: die gemalte Dürftigkeit sieht geradesogut aus wie der
gemalte Reichtum. Aber wenn es aufhört Bild und Vorstellung zu sein und wenn es
Wirklichkeit und Regel wird, dann ist Armut ein bitteres Brot und Muss eine harte
Nuss.«
    Es war umsonst. Sie schüttelte nur den Kopf, immer wieder, und sagte dann in
jener einschmeichelnden Weise, der so schwer zu widerstehen war: »Nein, nein, du
hast unrecht. Und es liegt alles anders, ganz anders. Ich hab einmal in einem
Buche gelesen, und nicht in einem schlechten Buche, die Kinder, die Narren und
die Poeten, die hätten immer recht. Vielleicht überhaupt, aber von ihrem
Standpunkt aus ganz gewiss. Und ich bin eigentlich alles drei's, und daraus magst
du schliessen, wie sehr ich recht habe. Dreifach recht. Ich will spielend
entbehren lernen, sagst du. Ja, Lieber, das will ich, das ist es, um was es sich
handelt. Und du glaubst einfach, ich könn es nicht. Ich kann es aber, ich kann
es ganz gewiss, so gewiss ich diesen Finger aufhebe, und ich will dir auch sagen,
warum ich es kann. Den einen Grund hast du schon erraten: weil ich es mir so
romantisch denke, so hübsch und apart. Gut, gut. Aber du hättest auch sagen
können, weil ich andere Vorstellungen von Glück habe. Mir ist das Glück etwas
anderes als ein Titel oder eine Kleiderpuppe. Hier ist es, oder nirgends. Und so
dacht ich und fühlt ich immer, und so war ich immer, und so bin ich noch. Aber
wenn es auch anders mit mir stünde, wenn ich auch an dem Flitter des Daseins
hinge, so würd ich doch die Kraft haben, ihm zu entsagen. Ein Gefühl ist immer
das herrschende, und seiner Liebe zuliebe kann man alles, alles. Wir Frauen
wenigstens. Und ich gewiss. Ich habe so vieles freudig hingeopfert, und ich
sollte nicht einen Teppich opfern können! Oder einen Vertiko! Ach, einen
Vertiko!« und sie lachte herzlich. »Entsinnst du dich noch, als du sagtest:
Alles sei jetzt Enquête. Das war damals. Aber die Welt ist inzwischen
fortgeschritten, und jetzt ist alles Vertiko!«
    Er war nicht überzeugt, seine praktisch-patrizische Natur glaubte nicht an
die Dauer solcher Erregungen, aber er sagte doch: »Es sei. Versuchen wir's. Also
ein neues Leben, Melanie!«
    »Ein neues Leben! Und das erste ist, wir geben diese Wohnung auf und suchen
uns eine bescheidenere Stelle. Mansarde klingt freilich anspruchslos genug, aber
dieser Trumeau und diese Bronzen sind um so anspruchsvoller. Ich habe nichts
gelernt, und das ist gut, denn wie die meisten, die nichts gelernt haben, weiss
ich allerlei. Und mit Toussaint L'Ouverture fangen wir an, nein, nein, mit
Toussaint-Langenscheidt, und in acht Tagen oder doch spätestens in vier Wochen
geb ich meine erste Stunde. Wozu bin ich eine Genferin! Und nun sage: Willst du?
Glaubst du?«
    »Ja.«
    »Topp.«
    Und sie schlug in seine Hand und zog ihn unter Lachen und Scherzen in das
Nebenzimmer, wo das Vrenel in Abwesenheit des Dieners eben den Teetisch
arrangiert hatte.
    Und sie hatten an diesem Unglückstage wieder einen ersten glücklichen Tag.
 
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
                                    Versöhnt
Und Melanie nahm es ernst mit jedem Worte, das sie gesagt hatte. Sie hatte dabei
ganz ihre Frische wieder, und eh ein Monat um war, war die modern und elegant
eingerichtete Wohnung gegen eine schlichtere vertauscht, und das Stundengeben
hatte begonnen. Ihre Kenntnis des Französischen und beinahe mehr noch ihr
glänzendes musikalisches, auch nach der technischen Seite hin vollkommen
ausgebildetes Talent hatten es ihr leicht gemacht, eine Stellung zu gewinnen,
und zwar in ein paar grossen schlesischen Häusern, die gerade vornehm genug
waren, den Tagesklatsch ignorieren zu können.
    Und bald sollte es sich herausstellen, wie nötig diese raschen und resoluten
Schritte gewesen waren, denn der Zusammensturz erfolgte jäher als erwartet, und
jede Form der Einschränkung erwies sich als geboten, wenn nicht mit der
finanziellen Reputation des grossen Hauses auch die bürgerliche verlorengehen
sollte. Jede neue Nachricht, von Frankfurt her, bestätigte dies, und Rubehn, der
anfangs nur allzu geneigt gewesen war, den Eifer Melanies für eine blosse
Opfer-Caprice zu nehmen, sah sich alsbald gezwungen, ihrem Beispiele zu folgen.
Er trat als amerikanischer Korrespondent in ein Bankhaus ein, zunächst mit nur
geringem Gehalt, und war überrascht und glücklich zugleich, die berühmte
Poetenweisheit von der »kleinsten Hütte« schliesslich an sich selber in Erfüllung
gehn zu sehn.
    Und nun folgten idyllische Wochen, und jeden neuen Morgen, wenn sie von der
Wilmersdorfer Feldmark her am Rande des Tiergartens hin ihren Weg nahmen und an
ihrer alten Wohnung vorüberkamen, sahen sie zu der eleganten Mansarde hinauf und
atmeten freier, wenn sie der zurückliegenden schweren und sorgenreichen Tage
gedachten. Und dann bogen sie plaudernd in die schmalen, schattigen Gänge des
Parkes ein, bis sie zuletzt unter der schrägliegenden Hängeweide fort, die
zwischen dem Königsdenkmal und der Louiseninsel steht und hier beinahe den Weg
sperrt, in die breite Tiergartenstrasse wieder einmündeten. Den schrägliegenden
Baum aber nannten sie scherzhaft ihren Zoll- und Schlagbaum, weil sich dicht
hinter demselben ein Leiermann postiert hatte, dem sie Tag um Tag ihren Wegezoll
entrichten mussten. Er kannte sie schon, und während er die grosse Mehrheit, als
wären es Steuerdefraudanten, mit einem zornig-verächtlichen Blicke verfolgte,
zog er vor unsrem jungen Paare regelmässig seine Militärmütze. Ganz aber konnt er
sich auch ihnen gegenüber nicht zwingen und verleugnen, und als sie den schon
Pflicht gewordenen Zoll eines Tages vergessen oder vielleicht auch absichtlich
nicht entrichtet hatten, hörten sie, dass er die Kurbel in Wut und Heftigkeit
noch dreimal drehte und dann so jäh und plötzlich abbrach, dass ihnen ein paar
unfertige Töne wie Knurr- und Scheltworte nachklangen. Melanie sagte: »Wir
dürfen es mit niemand verderben, Ruben; Freundschaft ist heuer rar.« Und sie
wandte sich wieder um und ging auf den Alten zu und gab ihm. Aber er dankte
nicht, weil er noch immer in halber Empörung war.
    Und so verging der Sommer, und der Herbst kam, und als das Laub sich zu
färben und an den Ahorn-und Platanenbäumen auch schon abzufallen begann, da
hatte sich bei denen, die Tag um Tag unter diesen Bäumen hinschritten, manches
geändert, und zwar zum Guten geändert. Wohl hiess es auch jetzt noch, wenn sie
den alten Invaliden unter ihrerseits devotem Grusse passierten, »dass sie der
neuen Freundschaften noch nicht sicher genug seien, um die bewährten alten
aufgeben zu können«, aber diese neuen Freundschaften waren doch wenigstens in
ihren Anfängen da. Man kümmerte sich wieder um sie, liess sie gesellschaftlich
wieder aufleben, und selbst solche, die bei dem Zusammenbrechen der Rubehnschen
Finanzherrlichkeit nur Schadenfreude gehabt und je nach ihrer klassischen oder
christlichen Bildung und Beanlagung von »Nemesis« oder »Finger Gottes«
gesprochen hatten, bequemten sich jetzt, sich mit dem hübschen Paare zu
versöhnen, »das so glücklich und so gescheit sei und nie klage und sich so
liebe«. Ja, sich so liebe. Das war es, was doch schliesslich den Ausschlag gab,
und wenn vorher ihre Neigung nur Neid und Zweifel geweckt hatte, so schlug jetzt
die Stimmung in ihr Gegenteil um. Und nicht zu verwundern! War es doch ein und
dasselbe Gefühl, was bei Verurteilung und Begnadigung zu Gerichte sass, und wenn
es anfangs eine sensationelle Befriedigung gewährt hatte, sich in Indignation zu
stürzen, so war es jetzt eine kaum geringere Freude, von den »Inséparables«
sprechen und über ihre »treue Liebe« sentimentalisieren zu können. Eine kleine
Zahl Esoterischer aber führte den ganzen Fall auf die Wahlverwandtschaften
zurück und stellte wissenschaftlich fest, dass einfach seitens des stärkeren und
deshalb berechtigteren Elements das schwächere verdrängt worden sei. Das
Naturgesetzliche habe wieder mal gesiegt. Und hiermit sah sich denn auch der
einen Winter lang auf den Schild gehobene van der Straaten abgefunden und teilte
das Schicksal aller Saisonlieblinge, noch schneller vergessen als erhoben zu
werden. Ja, der Spott und die Bosheit begannen jetzt ihre Pfeile gegen ihn zu
richten, und wenn des Falles ausnahmsweise noch gedacht wurde, so hiess es: »Er
hat es nicht anders gewollt. Wie kam er nur dazu? Sie war siebzehn! Allerdings,
er soll einmal ein Lion gewesen sein. Nun gut. Aber wenn dem Löwen zu wohl
wird...« Und dann lachten sie und freuten sich, dass es so gekommen, wie es
gekommen.
    Ob van der Straaten von diesen und ähnlichen Äusserungen hörte? Vielleicht.
Aber es bedeutete ihm nichts. Er hatte sich selbst zu skeptisch und unerbittlich
durchforscht, als dass er über die Wandlungen in dem Geschmacke der Gesellschaft,
über ihr Götzen-Schaffen und Götzen-Stürzen auch nur einen Augenblick erstaunt
gewesen wäre. Und so durfte denn von ihm gesagt werden, »er hörte, was man
sprach, auch wenn er es nicht hörte«. Weg über das Urteil der Menschen, galt ihm
nur eines ebensowenig oder noch weniger: ihr Mitleid. Er war immer eine
selbständige Natur gewesen, frei und fest, und so war er geblieben. Und auch
derselbe geblieben in seiner Nachsicht und Milde.
    Und der Tag kam, wo sich's zeigen und auch Melanie davon erfahren sollte.
    Es war schon ausgangs Oktober, und nur wenig gelbes und rotes Laub hing noch
an den halb kahl gewordenen Bäumen. Das meiste lag abgeweht in den Gängen und
wurde, wo's trocken war, zusammengeharkt, denn seit gestern hatte sich das
Wetter wieder geändert, und nach langen Sturm- und Regentagen schien eine
wundervolle Herbstessonne. Vielleicht die letzte dieses Jahres.
    Und auch Aninettchen wurde hinausgeschickt und blieb heute länger fort als
erwartet, bis endlich um die vierte Stunde die Magd in grosser Aufregung heimkam
und in ihrem schweren Schweizerdeutsch über ein eben gehabtes Erlebnis
berichtete: »Sie hab auf der Bank g'sesse, wo die vier Löwe das Brückle halte,
und hätt ebe g'sagt: Sieh, Aninettle, des isch der alt Weibersommer, der will di
einspinne, aber der hat di no lang nit, und das Aninettl hab grad g'juchzt un
lacht un na'm Ohrring g'langt, do wäre zwei Herre über die Brück komme, so gute
funfzig, aber schon auf der Wipp, und einer hätt g'sagt, e langer Spindelbein:
Schau des Silberkettle; des isch e Schweizerin; un i wett, des isch e Kind vom
Schweizer G'sandte. Aber do hat der andre g'sagt: Nei, des kann nit sein; den
Schweizer G'sandte, den kenn i, un der hat kein Kind un kein Kegel... Un do hat
er z'mir g'sagt: Ah nu, wem g'hört das Kind? Un da hab i g'sagt: Dem Herr
Rubehn, un's isch e Mädle un heisst Aninettl. Un do hab i g'sehn, dass er sich
verfärbt hat und hat wegg'schaut. Aber nit lang, da hat er sich wieder umg'wandt
und hat g'sagt: 's isch d' Mutter, und lacht auch so, un hat dieselbe schwarze
Haar. Es isch e schön's Kindle. Findscht nit au? Aber er hat's nit finde wolle
und hat nur g'sagt: Übertax' es nit. Es gibt mehr so. Un's ischt e Kind aus 'm
Dutzend. Jo, so hat er g'sagt, der garstige Spindelbein: 's gibt mehr so, un's
ischt e Kind aus 'm Dutzend. Aber der gute Herre, der hat's Pätschle g'nomme un
hat's g'streichelt. Un hat mi g'lobt, dess i so brav un g'scheidt sei. Jo, so hat
er g'sagt. Und dann sind sie gange.«
    All das hatte seines Eindrucks nicht verfehlt, und Melanie war während der
Tage, die folgten, immer wieder auf diese Begegnung zurückgekommen. Immer wieder
und wieder hatte die Vreni jedes Kleinste nennen und beschreiben müssen, und so
war es durch Wochen hin geblieben, bis endlich in den grossen und kleinen
Vorbereitungen zum Feste der ganze Vorfall vergessen worden war.
    Und nun war das Fest selber da, der Heilige Abend, zu dem auch diesmal
Rubehns jüngerer Bruder und der alte Prokurist, die sich zur Rückkehr nach
Frankfurt nicht hatten entschliessen können, geladen waren. Auch Anastasia.
    Melanie, die noch, vor Eintreffen ihres Besuchs, allerlei Wirtschaftliches
anzuordnen hatte, war ganz Aufregung und erschrak ordentlich, als sie gleich
nach Dunkelwerden und lange vor der festgesetzten Stunde die Klingel gehen
hörte. Wenn das schon die Gäste wären! Oder auch nur einer von ihnen. Aber ihre
Besorgnis währte nicht lange, denn sie hörte draussen ein Fragen und
Parlamentieren, und gleich darauf erschien das Vrenel und trug eine mittelgrosse
Kiste herein, auf der, ohne weitere Adresse, bloss das eine Wort »Julklapp« zu
lesen war.
    »Ist es denn für uns, Vreni?« fragte Melanie.
    »I denk schon. I hab ihm g'sagt: 's isch der Herr Rubehn, der hier wohnt. Un
die Frau Rubehn. Un do hat er g'sagt: 's isch schon recht; des isch der Nam'. Un
do hab i's g'nomme.«
    Melanie schüttelte den Kopf und ging in Rubehns Stube, wo man sich nun
gemeinschaftlich an das Öffnen der Kiste machte. Nichts fehlte von den
gewöhnlichen Julklappszutaten, und erst als man, unten am Boden, eines grossen
Gravensteiner Apfels gewahr wurde, sagte Melanie: »Gib acht. Hierin steckt es.«
Aber es liess sich nichts erkennen, und schon wollte sie den Gravensteiner, wie
alles andere, beiseite legen, als sich durch eine zufällige Bewegung ihrer Hand
die geschickt zusammengepassten Hälften des Apfels auseinanderschoben. »Ah,
voilà.« Und wirklich, an Stelle des Kernhauses, das herausgeschnitten war, lag
ein in Seidenpapier gewickeltes Päckchen. Sie nahm es, entfernte langsam und
erwartungsvoll eine Hülle nach der andern und hielt zuletzt ein kleines
Medaillon in Händen, einfach, ohne Prunk und Zierat. Und nun drückte sie's an
der Feder auf und sah ein Bildchen und erkannt es, und es entfiel ihrer Hand. Es
war, en miniature, der Tintoretto, den sie damals so lachend und übermütig
betrachtet und für dessen Hauptfigur sie nur die Worte gehabt hatte: »Sieh,
Ezel, sie hat geweint. Aber ist es nicht, als begriffe sie kaum ihre Schuld?«
    Ach, sie fühlte jetzt, dass das alles auch für sie selbst gesprochen war, und
sie nahm das ihrer Hand entfallene Bildchen wieder auf und gab es an Rubehn und
errötete.
    Dieser spielte damit hin und her und sagte dann, während er die Feder wieder
zuknipste: »King Ezel in all his glories! Immer derselbe. Wohlwollend und
ungeschickt. Ich werd es tragen. Als Uhrgehäng, als Berloque.«
    »Nein, ich. Ach, du weisst nicht, wieviel es mir bedeutet. Und es soll mich
erinnern und mahnen... jede Stunde...«
    »Meinetwegen. Aber nimm es nicht tragischer als nötig und grüble nicht
zuviel über das alte leidige Tema von Schuld und Sühne.«
    »Du bist hochmütig, Ruben.«
    »Nein.«
    »Nun gut. Dann bist du stolz.«
    »Ja, das bin ich, meine süsse Melanie. Das bin ich. Aber auf was? Auf wen?«
    Und sie umarmten sich und küssten sich, und eine Stunde später brannten ihnen
die Weihnachtslichter in einem ungetrübten Glanz.
 
    