
        
                                 Wilhelm Raabe
                                  Alte Nester
                         Zwei Bücher Lebensgeschichten
 Ein Freund von mir begleitete einmal Goeten auf einem Spaziergange. Unterwegs
stiessen sie auf einen armen Knaben, der am Wege sass, den Kopf in den Händen und
die Arme auf die Knie stützend und so ins Blaue hineinstarrend. »Junge, was
machst du da? Worauf wartest du?« rief Goetes Begleiter. - »Worauf sollte er
warten, mein Freund?« nahm Goete das Wort. »Er wartet auf menschliche
Schicksale.« -
                              O. L. B. Wolff[092]
                  Allgemeine Geschichte des Romans, von dessen
                         Ursprung bis zur neuesten Zeit
 
                                  Erstes Buch
                                  Erstes Kapitel
Eine Blume, die sich erschliesst, macht keinen Lärm dabei; auch das, was man von
der Aloe in dieser Beziehung behauptet, halte ich für eine Fabel. Auf leisen
Sohlen wandeln die Schönheit, das wahre Glück; und das echte Heldentum.
Unbemerkt kommt alles, was Dauer haben wird in dieser wechselnden lärmvollen
Welt voll falschen Heldentums, falschen Glückes und unechter Schönheit; und es
ist kein eitles, sich überhebendes Wort, was ich hier zu Anfang dieser Blätter
hinsetze; denn es sind die Lebensgeschichten anderer Leute, die ich beschreiben
will, nicht meine eigenen. Das Heldentum und die Schönheit der Rolle, die ich
dabei abspiele, lassen sich wohl halten in der hohlen Hand. Aber eines ist auch
wahr und darf gesagt werden Glück, viel Glück habe ich wohl nicht gehabt, aber
doch dann und wann mein Behagen, meine Belustigung und meine Ergötzlichkeiten;
und das alles ist gleichfalls ganz natürlich und ziemlich unbemerkt gekommen und
gegangen - so dass es heute in den gegenwärtigen stillen, nachdenklichen,
überlegenden Stunden nichts Erstaunenswürdigeres für mich gibt als mein
unleugbar vorhandenes Wohlgefallen nicht nur an der Welt, sondern auch immer
noch an mir.
    Mein erstes Aufblicken in dieser Welt fällt in die Zeit der Gründung des
Deutschen Zollvereins, also in den Anfang der vierziger Jahre dieses Säkulums.
Wer eine Ahnung davon hatte, dass aus dieser anfangs etwas unbequemen und
vielbestrittenen Institution einmal das einige Deutsche Reich aufwachsen könne,
behielt dieselbe ruhig für sich, und eine kleine Ausnahme machte da vielleicht
nur ein kleiner Mann im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten in Paris, M.
Louis-Adolphe Tiers genannt. Das deutsche Volk liess sich murrend, wenn auch
nach seiner Art gutwillig die ersten Lebensbedürfnisse und vor allem das Salz
durch den segensreichen politischen Schachzug verteuern.
    Da war nun so ein Stätlein (auf die Landkarte bitte ich dabei nicht zu
sehen), das diesem »preussischen Verein« beigetreten war, aber seine
Planetenstelle nicht verändern konnte, sondern liegenbleiben musste, wo es lag,
nämlich ganz und gar umgehen von einem anderen Staat, der nicht »beigetreten«
war, und das junge Reichsvolk von heute hat gottlob keine Idee davon, was das
seinerzeit bedeutete, obgleich es eigentlich noch gar so lange nicht her ist.
Zog der eine deutsche Bruder seinen Grenzkordon, so zog ihn der andere
ebenfalls. Dass wir im ganzen das Deutsche Volk und der erlauchte Deutsche Bund
dabei blieben, konnte den Zeitungsleser nur mässig erquicken und ihn höchstens
ganz kosmopolitisch in seiner Selbstachtung über dem Wasser erhalten.
    Die Hauptsache für mich, auch heute noch, ist, dass das, was damals von
zivilversorgungsberechtigten Militärpersonen vorhanden war, fest darauf rechnen
durfte, »unter die Steuer gesteckt zu werden«, und dass mein braver, seliger
Vater mit dem Titel Herr Kontrolleur natürlich gleichfalls hineinfiel und meine
Mutter ebenso selbstverständlich mit ihm. Meine erste deutliche Lebenserinnerung
aber ist, dass ich von einem Wagen gehoben und in ein Haus getragen wurde, das
mir aus einem einzigen grossmächtigen, kindlich-ungeheuerlichen schwarzen
Scheunenflur, einer Rauchwolke unter der Decke und zwei Reihen Kuhkrippen nebst
den dazugehörigen heraäugigen, hauptschüttelnden, kettenrasselnden gekrönten
Herrschaften zu bestehen schien.
    Dem war jedoch nicht ganz so. Es fanden sich in dem unteren Raume dieses
Hauses noch zwei oder drei Gemächer, die den zu dem Feuerherde und den
Haustieren gehörigen Menschen zu allerlei Gebrauche dienten; und eine
leiterartige, steile Stiege führte sogar in ein oberes Stockwerk, wenigstens in
der Front des Gebäudes, empor - in unsere Wohnung, die einzige, die meinen
Eltern bei ihrer Versetzung in dieses Gebirgsstädtchen offengestanden hatte.
Dicht an unsere Wohnung stiess der Heuboden, und wir hatten deshalb mit Feuer und
Licht sehr vorsichtig umzugehen, was wir denn auch taten, und vorzüglich ich,
dem alles unnötige Spiel damit mehrfach in schlagender Weise verleidet wurde.
    Mein Vater, der reitende Steuerkontrolleur Hermann Langreuter, trug einen
Säbel und eine Uniform, die mir heute in der Erinnerung den Eindruck von
Grünblau und Blau und vielen gelben Metallknöpfen mit dem Landeswappen macht.
Was den Anzug meiner Mutter betrifft, so halte ich es hell in dem Gedächtnis
fest, dass sie stets in hellen Kleidern ging - bis zu dem Ereignis, das sie für
immer in Schwarz und Grau warf.
    Die Salzschmuggler haben mir nämlich meinen Vater erschossen. Um einen Sack
voll Salz musste er damals sein Leben im Walde auf der lächerlichen Grenze
lassen. Ich aber habe wahrlich später keine Verlustliste, die um des deutschen
Volkes Einheit ausgegeben wurde, gelesen, ohne an den alten Griesgram auf seinem
Felde der Ehre wehmütig und kopfschüttelnd zu denken. Der Donner der tausend
Kanonen in den grossen Siegesschlachten der Gegenwart hat die Schüsse, die
seinerzeit hinüber und herüber gewechselt wurden, nicht übertönen können.
Gottlob ist es heute nur höchstens ein Drittel der Nation, das sich jenes
brüderliche Nachbargeplänkel zurückwünscht, was in Anbetracht des
Nationalcharakters merkwürdig wenig ist, zumal wenn man noch die sehr
verschiedenartigen Gründe, aus denen jener Wunsch aufwächst, in Betracht und in
Rechnung zieht.
    Auch aus diesem letzten politisch-historischen Exkurs wird meinem Leser
einleuchtend hervorgehen, dass der schöne Sommermorgen, an dem uns die schlimme
Nachricht über den Vater gebracht wurde, ziemlich weit zurückliegt. So ist es;
es ist viel mehr als ein Menschenalter seit dem Tage hingegangen, und ich kann
dreist die objektivsten Bemerkungen an ihn anknüpfen.
    Dessenungeachtet liegt jener Tag und alle seine Stimmungen heute schier
klarer vor meiner Seele als der gestrige, an dem es mir zuerst einfiel, mir
selbst einmal schriftlich von mir selber und dem, was dazu gehört, Rechenschaft
zu geben.
    Dass der Sommermorgen schön war, sage ich, weil ich heute noch sein Licht,
seine Wärme, seinen Landstrassenstaub und seinen Waldduft in mir und um mich
spüre. Wir aber, meine Mutter und ich, sind um Sonnenaufgang mit der
schrecklichen Nachricht geweckt worden, kurz vor dem längsten Tage.
    Ich sass aufrecht in meinem kleinen Bette, und meine Mutter hielt mich und
hielt sich an mir. Da erscholl das ewige, jedenfalls Jahrhunderte alte
Leibstücklein des Kuhhirten in der Gasse des Ackerstädtchens. Die Sonne schien
mir auf die Bettdecke, unten im Hause brüllten die Kühe. Meine Mutter war in
einem Weinkrampf, und die Hausgenossenschaft und ein paar Nachbarinnen und ein
alter eisgrauer Kamerad und Steuerkollege meines Vaters waren auch in der
Kammer, und die Stube nebenan war voll von Menschen. Unter den Leuten in der
Stube aber befand sich ein Mann in einer fremden Uniform, wie es mir schien. Das
war aber die Livree derer von Everstein, die ich nachher sehr genau
kennengelernt habe.
    Der Herr Graf hatte den Diener mit dem Eberkopfe auf den Rockknöpfen an
meine Mutter geschickt und seinen Wagen dazu. Mein toter Vater lag auf dem Hause
Werden, dem Wohnsitze des Herrn Grafen, und ich hörte, wie der alte Kamerad des
Vaters zu meiner Mutter sagte:
    »Frau Steuerkontrolleurin, liebe Frau, Sie müssen es ja leider Gottes, also
fassen Sie sich! Sehen Sie doch mal an, gefasst mussten Sie ja immer im Grunde auf
so was sein. Wie wäre es denn nun gewesen, wenn uns der liebe Herrgott während
unserer Militärdienstzeit einen guten, braven Krieg beschert hätte? Eben
vielleicht nicht anders als jetzt; nur wäre es vielleicht dann noch früher
eingetroffen, und das wäre denn noch viel betrübter für Sie gewesen. Nicht wahr?
Sie sind doch nun gottlob eine Soldatenfrau, und Ihren Jungen haben Sie ja da
auch noch, und er nimmt sich gewiss in dieser ernstaften Stunde ein Beispiel an
seinem lieben Vater und macht es ihm in allen Dingen nach. Nicht wahr, Fritz,
das versprichst du uns?«
    »Ja, ja!« heulte ich, ohne im geringsten zu wissen, was alles ich hier
versprach; aber ich fühlte, wie meine Mutter mich fester fasste und heftiger mich
an sich drückte, als werde sie mich nie mehr aus ihren lieben schützenden Armen
loslassen:
    »Fritz, du bleibst bei mir! Du gehst nie von mir!«
    »Ja, Mutter, ich fahre mit, ich darf mit ausfahren zum Vater! Nicht wahr,
und ich darf auf des Vaters Braunem nach Hause reiten?«
    »Der Wagen hält schon seit einer Stunde vor der Tür«, sagte der alte
Kamerad. »Und es ist doch auch recht freundlich von der Herrschaft auf Schloss
Werden, dass sie ihre eigene Equipage schickt. Von Amts wegen sind wir schon
längst zu Pferde hinaus; da wird nicht das geringste verabsäumt werden, was
Ihnen zum Trost gereichen kann, Frau. Und jetzt kommen Sie; - die Nachbarinnen
ziehen Ihnen den Jungen an, und dann fahren wir langsam nach. Es geht ja alles
im menschlichen Leben hin und eins in das andere. Erinnern Sie sich nur recht
genau an alles, was Sie mir so gut und brav zum Troste sagten, als ich so bei
meiner seligen Frau sass und sie dalag. Sie wissen ja also alles Beste, was Ihnen
einer jetzt sagen kann, schon von selber. Fritze, du kannst mitfahren.«
 
                                Zweites Kapitel
Was für eine Magie liegt selbst für die Erwachsenen in dem sich drehenden Rad!
Fahren!... Ausfahren! Fahren durch einen frischen, sonnigen Sommermorgen in die
weite, weite Welt hinein! Gibt es ein glückseligeres Fieber als das, was bei
diesem Worte und dieser Vorstellung das Kind ergreift und ihm in
erwartungsvoller Wonne fast den Atem benimmt?
    Ich war an jenem schrecklichen Morgen ungefähr fünf oder sechs Jahre alt;
aber wie deutlich steht er mir noch vor der Seele! Mit allen seinen
Einzelheiten! Da war das hastige Ankleiden, bei dem ein Dutzend aufgeregte Hände
helfen wollten. Da war das Geflüster rundum und dazwischen das stille Weinen und
laute Schluchzen der Mutter, von Zeit zu Zeit ein neues Gesicht, das sich in die
Tür schob und in einem Winkel sich »des genaueren« berichten liess. Dazwischen
immer wieder von neuem die braven, guten Worte des alten Kameraden und Kollegen
und dann - das Peitschenknallen des Kutschers in der Gasse, das allmählich immer
mehr von steigender Ungeduld zeugte.
    Und dann waren wir auf der Treppe und dann in der Gasse, und die Gasse rund
um die gräfliche Kutsche war auch voll Menschen, die sich verhältnismässig still
verhielten, aber desto mehr und dichter sich im Kreis herandrängten und, wie mir
schien, sämtlich nur allzugern mitgefahren wären in die Weite hinaus und nach
Schloss Werden.
    Und die Mutter bekümmerte sich nun gar nicht mehr um mich. Ich hielt mich an
ihrem Rocke, sie aber liess sich starr, stumm und willenlos führen, und ich
fürchtete mich vor ihren Augen, mit denen sie gar nichts mehr sah, selbst mich
nicht. Ich aber sah auch nur beiläufig auf sie; denn der hellblaue Kutscher sah
auf mich, und er hatte zwei Braune vor seinem Wagen.
    Das holperige Pflaster der einzigen Hauptstrasse des Städtchens - aus dem
Tor, an den Gärten hin auf die Landstrasse; - ich neben der Mutter im Rücksitz
des Wagens, und des Vaters Kamerad und Kollege uns gegenüber! Da ist die Mühle,
wo sich das Wasser aus ziemlicher Höhe auf das Rad stürzt und mir mit seinem
ewigen Brausen und weissen Schäumen und eiligen Weitertosen im Bach immer einen
so wonnigen Schauder einjagt. Da ist die Gänseweide, unser Hauptspielplatz;
Schulkinder mit ihren Schiefertafeln und Abc-Büchern stehen am Rande des Grabens
und starren uns an und sind im nächsten Augenblick zurückgeblieben, während ich
weiterfahre. Auf der weissen Landstrasse liegt die Sonne schon ziemlich heiss; -
was wohl der Steinklopfer denkt, der uns auch nachsieht? Was er wohl denkt über
unseren Kutscher in dem hellblauen Rock und mit dem Silberstreifen um den Hut?
Und über den anderen Mann vor uns auf dem Bocke, auch in Hellblau und Silber?!
Ich sehe um die Schultern der beiden Leute von Schloss Werden auf die im Traben
sich hebenden und senkenden Pferdeköpfe und die schwarzen Mähnen. Wer doch das
alles immer so vor sich haben könnte und vorbeifahren immerzu an den Menschen
und Bäumen, Zäunen und Hecken immer, auch wenn die Sonne noch heisser scheinen
sollte!... Ich stehe auf, um in die zurückbleibenden weissen Staubwolken
hineinzusehen. Meine Mutter zieht mich wieder auf den Sitz, und wir fahren in
das Freie, Klare, Frische hinein.
    »Bald sind wir glücklicherweise im Schatten«, sagte der Kamerad. Seine
Säbelscheide wird heiss; ich habe den Finger darauf gelegt, weil die Sonne auch
auf ihr blitzt und blinkert - zu verlockend, um nicht auch da von ihrem Glanze
verlockt zu werden. Es ist acht Uhr am neuen Tage - auch das bemerkt der
Kamerad, seine Uhr hervorziehend.
    »Nun sehen Sie einmal, liebe Frau, wie es doch immer viel später wird, als
man denkt, wenn man es auch noch so eilig haben will. Da sind wir aber gottlob
wenigstens endlich im Walde und im Schatten.«
    Ja, wir fuhren jetzt im Walde, und es gab nichts Schöneres als ihn an diesem
Morgen. Die Buchen streckten ihre Zweige zu einem grünen Dache über uns hin.
Wasserläufe rieselten hervor und begleiteten uns stellenweise. Dann und wann sah
man hinein in ein Tal, und dann wieder trat der rote Sandstein bis dicht an den
Weg hinan, und die Grillen schrillten in dem Spalte des heissen Gesteines, und
nie in ihrem glücklichen Dasein und Weiterweilen gestörte Blumen - gelb und blau
- sahen uns vorüberfahren.
    Doch uns drohte nun in all der Pracht, Lieblichkeit und Schönheit ein
Schreckliches.
    Ein leises Klirren kam heran an einer Wendung der Chaussee und dazu
Pferdehufschlag und eine andere Staubwolke. Zwei gefesselte Männer wurden
inmitten dieser Staubwolke und zwischen den Pferden der begleitenden Landreiter
geführt. Der Kamerad des toten Vaters zog seinen Säbel an sich und trat mit dem
Fuss auf und sprach einen Fluch. Die Mutter aber richtete sich empor und bog sich
vor und starrte auf die gebundenen zwei Männer aus ihren verweinten Augen:
    »Die...?!«
    »Da könnte man lernen, was es heissen muss, im Ernst einhauen!« sagte leise
der Kamerad, und er hatte die Hand auf den Wagenschlag gelegt und rüttelte
daran. Die beiden Leute auf dem Bocke aber sahen auch zur Seite und dann auf
meine Mutter und mich, und dann schlug der Kutscher plötzlich auf die Pferde,
und vorüber ging das auch in Staubwolken, Sonnenlicht und Waldschatten. Im
raschesten Trabe gingen die Gäule weiter, obgleich der Weg sich eben bergan zog.
    Es ist ein sehr angenehmes Waldgebirge, durch welches damals die Grenze
gegen den Nachbarstaat, der das deutsche Salz in anderer Weise als wir
besteuerte, sich zog. Eine Grenze ist dort auch heute noch vorhanden, aber jener
Staat nicht mehr; doch davon ist jetzt nicht die Rede, sondern von der Gegend -
der Landschaft überhaupt. Forsten und Steinbrüche überwiegen; das Ackerland lässt
manches zu wünschen übrig; doch es ist in den Händen der Bauern und Kleinbürger,
und das ist immer viel wert. Nur einige grosse Landesdomänen bilden
zusammenhängendere Komplexe, und zwei oder drei Rittergüter mit alten
Geschlechtern darauf haben gleichfalls ihr grösser Teil vom alten Erbe Adams
festgehalten. Schloss Werden hatte in dieser Hinsicht den weitesten Besitz
aufzuweisen, freilich aber auch, vom trefflichen Walde abgesehen, den
steinigsten und unfruchtbarsten. Der Zweig der alten Familie, die es bewohnte,
stammte von einem Bergschlosse, fünfzehn Meilen weiter nach Norden im Lande
gelegen und durch viele andere bunte Grenzpfähle von dem Absenker getrennt, dazu
auch nur als Ruine, zu der es schon, wenn wir nicht irren, im Jahre der
Entdeckung Amerikas mit Aufwendung aller damaligen kriegerischen Ingenieurkünste
gemacht wurde.
    In Wien sitzen Fürsten zu Everstein, in München Freiherren desselbigen
Namens, und hier in diesem Waldgebirge, verschollen wie Amerika nach der
Entdeckung durch die Chinesen oder die Norweger, oder wer es sonst zuerst
aufgefunden haben soll, Herr Friedrich Graf Everstein mit einer einzigen
Tochter, Komtesse Irene; und sonderbare Geschichten und Gerüchte gingen über den
Herrn und seinen Haushalt im Lande herum. Je genauer man aber darauf hinhörte,
desto weniger wirklich Genaues hat man darüber erfahren, ausser dass »von Anfang
an wenig dort zu suchen und noch weniger zu finden« war. Ein Verbrechen ist das
gerade nicht, doch angenehm und behaglich ist's auch nicht. So sagten wenigstens
die Leute später.
    Noch eine Stunde hatten wir durch den Buchenwald zu fahren, dann kamen wir
an einen sumpfigen Graben voll Riedgras und Binsen. Ein altersgrauer Grenzstein
stand, halb versunken, dicht an der Chaussee. Um ihn herum war das Gras
niedergetreten wie von vielen Füssen. Unser grauschnauzbärtiger Begleiter schob
die Schultern plötzlich hin und her und sah grimmig verlegen auf den Platz hin
und legte dann meiner Mutter die Hand auf das Knie und sah dann meine Mutter an,
indem er sich mit den Knöcheln der anderen Hand die Stirn rieb.
    »Ich weiss nicht, ob es recht von mir ist, Frau, aber ich - der Junge - mag
sich wohl einmal daran erinnern wollen. Da!«
    »Da hat man ihn gefunden!... Gemordet!... Mir und unserem armen Kinde in
seinem Blute!« schrie meine Mutter, und -
    »Ja!« sagte der alte Kamerad. »Zum Henker, Kutscher, fahr zu!«
    Das kam wohl schroff und hart heraus, aber doch aus dem weichsten,
teilnehmendsten Gemüte. Und es war auch in der Tat wohl sehr gut, dass der
Kutscher wirklich rasch zufuhr. Es war wohl besser, die Frau sanft um den Leib
zu fassen und sie zurückzuhalten, als sie blind nach dem Griff des Wagenschlages
fasste, um sich hinaus und auf die schreckliche Stätte zu stürzen. Der Tau hing
im Schatten noch überall an Gras, Blumen und Blättern; aber da - unterm
Erlenbusch - da, wo der Boden am meisten zerstampft war, mochte wohl noch ein
anderer Tau an den Gräsern und dem niedergetretenen Gezweige hängen.
    Beiläufig, es erregt ganz eigentümliche Gefühle, wenn man sich heute nach so
langen Jahren erinnert, damals, wenn auch nicht auf der schweren Fahrt, ein Wort
aufgeschnappt zu haben, dahin lautend, dass »der Alte in der Tat merkwürdig viel
Blut verloren habe«!
    Fünf Minuten weiter von der furchtbaren Stelle entfernt zweigte sich ein
Fahrweg von der Landstrasse ab, quer über Wiesen. Da bog auch unser Wagen ein.
Jenseits der Wiesen, über dichte Lindenwipfel und andere parkähnliche Baum- und
Buschgruppen, erhoben sich die blauschwarzen Schieferdächer und die beiden
altersgrauen Ecktürme von Schloss Werden.
    Ein Pfahl am Wege verbot hier das Fahren und Reiten.
    »Sonst fährt hier nur die Herrschaft«, erklärte der Kamerad und
Steuerkollege; und es war freilich für uns eine bittere Ausnahmswegegelegenheit!
Ich hörte das Wort; aber nach dem Fahren hätte ich in diesem Augenblick wenig
gefragt, wenn ich zu allem anderen freie Verfügung über die sonnige grüne Fläche
gehabt hätte.
    Die grosse Wiese stand in der vollsten, buntesten Pracht ihrer sommerlichen
Schönheit. Es schrillte tausendstimmig über ihr; die Schmetterlinge, Käfer und
Mücken flatterten und tanzten, es tanzte die heisse Luft über ihr. Wir aber, wir
fuhren weiter diesmal - die Kinderjagd nach den Farben und den Tönen des Sommers
sollte mir diesmal noch nicht erlaubt sein; - wir fuhren an einem Teil der hohen
Hecke des Parkes entlang und dann an einer noch höheren Mauer hin bis zu einem
alten, aber immer noch festen und stattlichen Eingangstor, über dessen beiden
Pfeilern zwei greifenartige Wappentiere auf Steinschilden in ihren Tatzen das
Wappen mit dem Eberkopf der Morgensonne hinhielten.
    Der Wagen rasselte auf einen weiten, stillen Hof an ein langgedehntes graues
Gebäude heran und dicht an eine breite Steintreppe, die hier zu einer grossen
offenen Tür führte, sich aber an der ganzen Fronte dieses Hauptflügels des
Schlosses Werden hinzog.
    Der Diener sprang vom Bock und öffnete den Schlag, ein anderer älterer Mann
in derselben Livree kam heran und nannte meine Mutter seltsamerweise »gnädige
Frau« und fügte ganz leise hinzu:
    »Belieben auszusteigen.«
    Auf den stummen Jammerblick und die hastige Frage der armen Frau aber hob er
nur die Achseln und sagte:
    »Da sind der Herr Graf schon selber... Ach ja, es geht - den Umständen
nach!«
    Das letztere Wort bezog sich wohl auf meinen Vater und hiess soviel als:
»Noch lebt er wohl, Frau reitende Steuerkontrolleurin, aber - wie lange?!«
    Es ist ein nicht mehr ganz junger Mann gewesen, der uns aus der Pforte und
an der Auffahrt entgegentrat und den Namen Graf Friedrich Everstein führte. Er
hat manches Auffällige in seiner Erscheinung an sich getragen, mir aber ist
nichts, aus jener Stunde wenigstens, davon bewusst. Nur sprach er so leise wie
sonst niemand von allen anderen Menschen in meiner Umgebung.
 
                                Drittes Kapitel
Leise sagte er etwas zu meiner Mutter, und dann bot er ihr den Arm. Wir wurden
durch die weite, kühle, mit Hirschkronen, alten Blumen-, Frucht- und Jagdstücken
gezierte Halle geführt bis zu einer dunkeln Tür. Der ältere Diener öffnete diese
Tür, und wir standen in dem Sterbezimmer meines Vaters. Mich hatten der
plötzliche Übergang aus dem heissen Sonnentage in diese Kühle, die ganz
veränderte Umgebung, die fremden Gesichter vollständig betäubt. Ich ging, den
Rock meiner Mutter haltend, wie zu unserem Platz in der Kirche - es waren ganz
die nämlichen Gefühle in Bangen, Frösteln, Unbehagen und - Behagen.
    Ich erinnere mich auch hier noch der Äusserlichkeiten: der braunen Täfelung
dieses Gartensaales, des Grüns, das aus dem sonnigen Garten in die beiden hohen
Bogenfenster hineinsah, der offenen Glastür, die zu den Gebüschen und
Blumenbeeten führte, und des Pfaus, der wie neugierig in dieser Tür stand und
seinen schönen Schweif gravitätisch langsam im Kreis über den feinen Kies zog.
Wir haben nachher diesen Ort zu allen Jahreszeiten als Spielplatz gern gehabt,
und es hat mich wenig gekümmert, dass man einst meinen sterbenden Vater dahin als
in das nächst und bequemst gelegene Gemach bettete.
    An jenem Morgen waren viele Leute darin, und wahrscheinlich darunter auch
ein Arzt. Meine Mutter warf sich jammernd über das Lager, und ich stand einen
Augenblick wie allein unter den vielen Fremden.
    Es war der Herr Graf, der mich an der Hand nahm und mich gleichfalls zu dem
Bette hinführte. Die Mutter lag da bewusstlos, und der Vater war tot.
    Das letztere Wort wurde im Kreise umhergeflüstert; ich aber weiss nunmehr von
jenem Tage nur noch, dass ich in ein anderes Zimmer geführt wurde und daselbst
mit Irene, Komtesse Everstein, Milch trank und Weissbrot ass. Alles andere ist
dämmerig, unbestimmt, dunkel - ist nichts. Es war mein Recht, durstig, hungrig
und schläfrig zu sein von der Fahrt durch den heissen Sommermorgen; nachher sehe
ich mich wieder um in meiner Umgebung und - sie ist eine andere geworden, als
sie war. Und hier ist die Stelle, ein weniges mehr von meiner Mutter zu reden,
und wie sie in eine hohe Verwandtschaft gehörte und das Recht dazu von Gottes
Gnaden besass und aufweisen konnte.
    Den gottlob kaum erwähnenswerten Ansatz von Buckel, den mir das Schicksal
zwischen die Schultern und, wie einige wissen wollen, in bedeutend höherem Grade
auch auf die Seele gelegt hat, habe ich gewisslich nicht von ihr. Schlank, zart,
scheu-mutig steht sie mir vor der Erinnerung, und ein Licht geht von ihr aus,
das von keiner Dunkelheit und noch viel weniger von einem anderen Licht in der
Welt überwältigt werden kann. Sie trägt ihre Freuden wie ihre bittersten,
schwersten Schmerzen still und so, dem Schein nach, leicht. Ihr wurde alles zu
einem Kranze, und woher sie ihre Bildung hatte, das bleibt ein Rätsel, und sie
selber wusste vielleicht am allerwenigsten Rechenschaft darüber abzulegen. In der
»Mädchenschule« einer kleinen Provinzialstadt hatte sie im zweiten Jahrzehnt
dieses Jahrhunderts Lesen, Schreiben, Rechnen und - Singen gelernt, das war
alles; aber wenn wo die ersten neun Worte, mit denen ich diesen meinen
Lebensbericht eröffnet habe, zur Geltung kommen, so war das bei ihr der Fall.
Sie ist dagewesen wie das grosse Kunstwerk von Gottes Gnaden; sie ist
vorübergegangen. Sie sind alle bei ihr wie bei ihresgleichen gewesen; sie haben
keine Ahnung davon gehabt, dass dem nicht so war; ihr ist es nie in den Sinn
gekommen, sie zu enttäuschen; denn sie hatte ja eigentlich auch keine Ahnung
davon.
    Ich bin fest überzeugt, sie hat einen argen Schrecken bekommen, als der Herr
Graf sagte:
    »Meine verehrte Frau, Sie sind die Dame, die mir für die Erziehung meines
armen Kindes in seiner jetzigen Lebensepoche gefehlt hat und die ich seit langem
vergeblich gesucht habe. Bleiben Sie bei uns. Betrachten Sie sich als zu diesem
Hause gehörig. Sie erziehen meine Tochter, und ich nehme die Erziehung Ihres
Sohnes nach besten Kräften über mich. Wir haben einen recht gelehrten Pfarrer im
Dorfe, der wird das Seinige dazugeben. Ist der Junge für das Gymnasium
herangewachsen, so wird sich ja wohl auch das Weitere finden. Lassen Sie uns
einander gegenseitig aushelfen, da uns das Schicksal in dieser Weise
zusammengeführt hat. Sie wissen nicht, wie hülflos ich in hundert Beziehungen
bin.«
    Nun war auch meine Mutter, wie sich das ja eigentlich von selber verstand,
fast nach allen Richtungen und in allen Beziehungen hülflos. Ausserdem aber, wie
es sich baldigst herausstellte, für ihren und meinen Unterhalt nach dem Tode des
Vaters auf eine Pension von sechzig Talern angewiesen, sonst aber auf ihrer
Hände Arbeit.
    »Was soll ich Ihrem Kinde geben können?« fragte sie in heftiger Aufregung;
aber der Herr Graf hat gelächelt, wenn auch sehr melancholisch. Er hat es sehr
genau gewusst, was die arme Frau aus ihrem Reichtum zu geben hatte.
    Wir, das heisst meine Mutter und ich, siedelten im Laufe desselben Sommers
nach Schloss Werden über. Der Herr Graf hatte sich aber nicht geirrt: wenn die
Leute, die man in der Ferne aufsucht, sich stets in die Leute verwandeln, die
man rundum in der nächsten Nachbarschaft wohnen hat, so ist das für seine
Tochter und für ihn selber in Hinsicht auf die Witwe des reitenden
Steuerkontrolleurs Langreuter nicht der Fall gewesen. Und ich - ich, wenn ich in
die Sonne sehen will, so hebe ich nicht das Auge zu dem öden brennenden Stern
auf, sondern denke mich in jene Tage und Jahre zurück, die da folgten.
 
                                Viertes Kapitel
Ich bin im Verlaufe der Tage in des Lebens Ernüchterungen wie andere tief genug
hineingeraten, aber meine in Blau, Silber, Grün, Gold und Purpur schimmernden
Märchenjahre habe ich auch gehabt. Hier beginnen sie und verwandeln mir auch den
heutigen Tag in sein vollständiges Gegenteil. Dass ich ein poetisch Gemüt sei,
das hat nachher wohl niemand von mir behauptet (ich habe wenigstens alles dahin
Einschlägige vorsichtig und fest für mich selber behalten), aber damals war doch
manches Gedicht - echte Naturdichtung - in mir und um mich, und alles Heimweh -
die Quelle aller Poesie -, das ich in leereren Tagen gefühlt habe, stammt aus
dieser Zeit und geht dahin.
    Wir grübeln viel, wir gebildeten, klug, das heisst dumm gewordenen Menschen,
über den Schein in dieser Welt, der sich den Anschein des Wesens gibt; ach, wenn
er nur schön war, dieser Schein, wer möchte ihn missen wollen aus seinen Tagen?
Wer möchte nicht dumm, das heisst klug gewesen sein, wenn auch nur in den Tagen,
da er noch jung war?!...
    Ich bin natürlich zuerst nur mit in den Kauf genommen worden auf Schloss
Werden. Ich kam als ein Appendix meiner Mutter dahin; und es war mir ganz recht
so, und es war gut so; es war alles ganz vortrefflich. Die Welt am siebenten
Schöpfungstage konnte unserem Herrgott nicht um das mindeste besser gefallen;
das Behagen des einen wäre hier freilich ohne die Seligkeit des anderen gar
nicht möglich gewesen!
    »Gib mir deine Hand, Junge; ich will dir alles zeigen, was ich habe«, sagte
Komtesse Irene Everstein. »Du kommst aus der weiten Welt, und ich bin hier immer
bei Papa gewesen. Mach dich aber nicht mausig; Ewald wird dich sonst
durchprügeln, wenn Eva nicht dabei ist.«
    Ich habe erst später, als wir »in das Griechische kamen« erfahren, dass der
Name Irene eigentlich Friede oder die Friedliche bedeutet; aber Namen und
Sachen, Worte und Begriffe passen nicht zu jeder Zeit aufeinander. Es ginge so
sonst ja wohl auch ein wenig zu glatt ab in dieser doch einmal auf das Rauhe
gestellten Welt.
    »Weisst du, Junge«, sagte das Kind »ich bin die Prinzessin aus dem
Bilderbuche, ich bin die Fee, ich zaubere. Wenn du nicht artig bist, so
verwandle ich dich in einen schnurrenden buckeligen Kater. Wenn du aber Ewald
was davon sagst, so prügele ich selber dich, denn ich will nicht, dass Ewald über
mich lacht. Mein Vater lacht niemals über mich, oh, und ich will genau
aufpassen, was deine Mutter tut, wenn sie aufgehört hat zu weinen. Aber deine
Mutter ist gut, und so kannst du auch gut sein. Du kannst ja auch mit Eva gehen,
wenn Ewald und ich dir nicht gefallen.«
    Der trübe Tag vermag nichts dagegen; die Namen, die hier zum erstenmal
auftauchen, liegen doch im ewigen Sonnenschein, und andere werden dazukommen;
wartet es nur ab, dass die Nebel sinken; man sieht auch von der besten
Aussichtsstelle nicht an jedwedem Tage, den Gott gibt, die Höhen über den Tälern
leuchten vom Grossglockner bis zum Monte Rosa.
    Es sind die beiden Kinder des Försters Sixtus im Dorfe Werden, von denen die
Rede ist. Von dem Papst Sixtus dem Fünften stammte der alte Herr in Grün nicht
ab; aber der Zufall hatte ein altes Buch in seinen Besitz gebracht: »Leben des
berühmten Papsts Sixti V., beschrieben durch Gregorio Leti. Aus dem
Italienischen übersetzt. Frankfurt, bei Tomas Fritschen, 1720«; und darauf hat
oft seine brave schwere Hand, zur Faust geballt, gelegen, und heute klingt mir
noch der Brummseufzer in den Ohren:
    »Das war ein Kerl, Fritze! Alle Hagel, der ist ja gerade so mit seiner
Satansbande umgesprungen wie der Doktor Luter hier bei uns mit uns, mit seiner,
und wie ich mit euch umgehen werde, ihr Raubzeug und Teufelskinder, wenn ihr es
mir zu bunt macht. Fritze, da sieht man's wieder, dass der Herrgott mehr von
einer Sorte im Sacke hat und nur hereinzugreifen braucht, um einen rauszulangen
und hinzustellen, wo er zu brauchen ist. Aus dem Buch hat mir mein Junge
vorlesen müssen und nachher mein Mädchen, und bei Gelegenheit kannst du auch an
die Reihe kommen, aber die Hauptstellen lese ich doch lieber für mich allein,
die passen für euch naseweises Geziefer jetzt noch nicht. So 'nen Papst lass ich
mir gefallen, und es ist mir eine Ehre, dass er meinen Familiennamen sich
angenommen hat.«
    Ich habe später über manchem anderen, in der Menschen Kunde abschmeckend
gewordenen Tröster mit beiden Armen aufgestützt gelegen, aber nie wieder über
einem so wie über diesem. Das langweilige Buch in dem edeln Deutsch von
siebenzehnhundertzwanzig ist gottlob in meinen Besitz übergegangen und nimmt
einen griffgerechten Ehrenplatz in meiner Bibliotek hier in Berlin ein. Ich
brauche es nur wie ein richtiges Zauberbuch aufzuschlagen, um über seine
vergilbten Blätter hinweg alles vor mir lebendig zu haben, was damals mein Leben
nicht bloss bedeutete, sondern war. Treffe ich auf eine Daumenspur des Alten am
Rande der Blattseite, so ist es noch besser und gibt die wärmere Farbe. Freilich
eine wärmere Farbe! Ich ergreife hier mit beiden Händen die Gelegenheit, zu
versichern, dass hier nichts, gar nichts allzu reinlich, zierlich und frisch
lackiert aus dem Putz und Schmuckkästchen der Romantik entnommen ist. Wir rochen
um uns her alle Gerüche und sahen alle Dinge, wie sie die Menschen und die Natur
im ewigen Hervorbringen vergänglich hinstellen. Alles war seit lange im Gebrauch
gewesen und wurde weiter abgenutzt; und wenn ich vorhin von den Livreen des
Schlosses Werden gesprochen habe, so stelle der Leser sich dieselben ja nicht zu
farbenfrisch und tressenglitzernd, sondern ganz im Gegenteil vor. Wir trugen
sämtlich unsere Kleider so lange als möglich und schämten uns eines Flickens an
der rechten Stelle wenig. Wir trugen den Frühjahrsregenschmutz, jegliche
Gewitterspur und alles, was Herbst und Winter da geben, überallhin, wo eine Tür
offen war. Wir hatten alle Wünsche, die nur durch mehr irdische Güter, als wir
besassen, befriedigt werden konnten, und der Herr Graf war da durchaus nicht
ausgenommen, sondern auch im Gegenteil. Das Schloss war kein pomphaft Epos und
die Försterei keine geleckte Idylle. Sie trugen inwendig und auswendig
gleichfalls ihr Flickwerk und ihre Erdgerüche an sich und um sich, und was die
letzteren anbetraf, so hatten der Wald mit seinen Buchen- und Tannendüften und
die Wiesen mit ihrem Heugeruch recht häufig das Beste dazuzutun, um die
Atmosphäre für fremde heikle Nasen zu verbessern.
    Da ist so eine Daumenspur - hier auf Seite 595:
    »Wer unter dem itzigen Papste dem galgen entgehen will, der muss kein
bedencken tragen, sich in ein kloster einzusperren, sollte es auch das
allerunglückseligste sein.«
    Und ein süsser Duft weht über die Stelle, aber ein ganz eigentümlicher. Es
war ein braver Tabak, den der Alte bei seiner absonderlichen Lektüre verqualmte,
und ich erkenne die Sorte heute noch mit innigstem Behagen wieder auf
Spaziergängen und im Eisenbahnwagen dritter Klasse. Rauchte ich selber, so würde
ich nur diese rauchen! Und nun, um es kurz zu machen und es mit dem treffendsten
Idiotismus zu nennen: wir waren allesamt und auf Meilen in die Runde ein
schmuddeliges Volk, ausgenommen vielleicht der Herr Graf, meine Mutter und
Evchen Sixtus; Komtesse Irene Everstein dagegen nicht ausgenommen. - Wir waren
ein ganz unromantisches Völklein; aber zu seinem Recht soll das hübsche Wort
»romantisch« doch auch hier gelangen, und wir hängen es wie gewöhnlich an ein
Haar. Ach, es gibt sich leider nichts leichter, als in irgendein Handwerk
hineinzupfuschen!
    Irene war eine Goldblondine, die die Leute ansahen und für sanft hielten;
Eva war dunkel und sanft, und Ewald hielt allen seinen Schulmeistern einen
braunen Lockenkopf zum Dreingreifen und Zerzausen hin. Von dem, was der Herrgott
auf meinem Schädel wachsen liess, rede ich lieber nicht; aber stimmungsvoll
war's! Es stimmte merkwürdig gut zu allem übrigen, und die gütige Vorsehung
erhalte es mir so lange als möglich, wenn nicht der Schönheit, so doch der
Nützlichkeit wegen.
    Es kam aber keinem von uns darauf an, wie er eigentlich aussah. Auch was die
Mädchen angeht, so macht es mir heute den Eindruck in der Erinnerung, als ob sie
sich wenig darum gekümmert hätten; wenn ich dieses auch nicht als feste
Behauptung hinstellen darf.
    Die Sonne lag uns auf den Köpfen bei jeglicher Witterung, und so trieben wir
uns um in den Wäldern, auf den Wiesen und Feldern, in der Schulstube und in den
Gängen und Sälen von Schloss Werden. Was jenseits der Berge war, davon wussten wir
gar nichts; und wie das so häufig geht, haben wir alle später viel davon
erfahren - mehr jedenfalls, als zu unserem Glücke nötig war. Andere freilich
haben das vielleicht dann und wann unser Glück genannt; da ist eben mit der
»anderen« Anschauungen und Einbildungen nicht zu rechnen.
    Das rechte Licht! War es das rechte Licht, das damals über unsere Köpfe und
Tage fiel?
    Darüber liesse sich viel sagen; und am Ende ist es gar nicht der einzelne
Mensch mit seinen zwei Augen, der etwas darüber zu sagen hat. Nur die
auserwähltesten Geister sind es, die hier und da in höchst seltenen Fällen ihre
Meinung ausdrücken dürfen. Sie können dann wie der Maler der Heiligen Nacht den
Schein vom neugeborenen Erlöser in der Krippe ausgehen lassen oder wie auf der
Rubensschen Heuernte, die der alte Goete seinem Eckermann entzückt vorweist,
die Sonne von den Dingen zwei Schatten geradeweg einander entgegenwerfen lassen.
    Auch die allerniedrigsten oder einfachsten Geister reden da oft das
Richtige. Aber alle zwischen der Höhe und der Tiefe liegende Verständigkeit der
Erde hält einfach am besten den Mund und lässt sich bescheinen - schwitzt und
ärgert sich, wenn es ihr zu heiss wird, und kriecht in die Sonne und lobt sie im
Vorfrühling und Späterbst oder im Winter, wenn die Knochen dürr werden, die
Zähne wackeln oder ganz mangeln und die romantischen Locken verwehen, »gleich
den Blättern der Bäume«, wie Vater Homer davon sang, nicht in einem seiner
schläfrigen Augenblicke, sondern an einem der hellsten ionischen Sonnentage, wo
er nicht schlief.
    Bin ich von der Daumenspur in dem kuriösen Geschichtsschreiber Gregorius
Leti zu weit abgekommen? Ich glaube nicht.
    Da sitzt der Alte noch vor mir in seiner Amtswohnung am Ende des Dorfes.
Alle Türen und Fenster des Hauses stehen offen, und alle Lichter, Töne und Düfte
haben freiesten Zutritt, Vieh und Mensch und also auch der Herr Graf. Da kommt
er, ein wenig schwerfällig auf seinen Stock sich stützend und seinen Weg mit den
Fussspitzen vorsichtig vorausfühlend. Ein gewisser Lehnstuhl wird ihm hingerückt,
und da sitzt er, und eines von beiden wird sofort geschlossen, entweder die Tür
oder das Fenster, meistens aber beides.
    »Wie steht das Befinden, alter Freund?«
    »Danke, Herr. Ohne die verflixten Holzwrogen könnte man es vielleicht wohl
zu einem hübschen Alter bringen; aber nun sehen Sie mal diese Schandliste von
Frevlern! Und alle aus dem Dorf! Und jeder Halunke mit einem Handbeil unter der
Weste, und jedwedes Subjektum vom schönen Geschlecht mit einer Säge unterm
Unterrock. Und die letzten sind die schlimmsten, denn sie ruinieren den Forst
von unten auf. Kein junger Trieb ist da vor der ältesten Wackelliese sicher, und
von den jungen Spitzbübinnen will ich gar nicht reden. Da möchte man doch lieber
Papst in Rom sein; und meinen Namensahnherrn wünsche ich mir auf vier Wochen
hierher an meine Stelle.«
    Der Herr Graf lächelt matt und seufzt:
    »Wäre es mein Wald, so würde ich sagen, sehen Sie durch die Finger, Sixtus.
Jetzt sehen Sie allein zu, wie Sie Ihr gutes Herz und die Feuerungsbedürfnisse
unserer braven Nachbarn mit Ihrer Amtspflicht in Harmonie bringen. Das Kind ist
auch wieder den ganzen Morgen durch aus unserem Gesichtskreise verschwunden und
hilft wahrscheinlich ebenfalls beim Holzstehlen. Frau Langreuter ist in
Verzweiflung und kündigt mir sicherlich demnächst ihr Gouvernantentum. Was haben
Sie von Ihren Sorgen zu Hause?«
    »Nichts! Sie haben gesagt, sie seien in den Sommerferien, und sind auf und
davon. Mein Evchen wollte eigentlich nicht; aber es musste. Der Junge muss mir zu
Michaelis sicher auf die Schule; der Pastor kommt nicht mehr mit ihm zu Rande.
Das Fritzchen da hab ich nur allein noch am Hoftor erwischt und gesagt: Hier;
halt mal! und ihn mit an meine Rechnungen gesetzt. Da sitzt er, Herr Graf, und
nun fragen Sie ihn selber einmal, wo die anderen stecken!«...
    Das »Fritzchen«, das war ich - der Weltweisheit Doktor Friedrich Langreuter,
und der Herr Graf dreht seine silberne Dose zwischen den Fingern, nimmt
bedächtig eine Prise und wendet sich in der Tat an mich und fragt:
    »Wo ist Irene, mein Sohn?«
    Und bei dieser Frage öffnet es sich vor mir breit, weit, sonnig, grün,
Berghügel und Berghügel, Tal und Tal, und dann einmal zwischen zwei Bergen das
Glitzern einer Flusswindung, und dann auf der Ferne rund um ein blauer, lichter,
magischer Dunstschleier, den man - wie Ewald behauptet - sich am besten zwischen
seinen ausgespreizten Beinen durch besieht: da ist Eva Sixtus und ihr Bruder
Ewald und Irene Everstein und - ich auch, Friedrich Langreuter, der Weltweisheit
Beflissener! Den unsterblichen Göttern sei Dank, dass dem so war, dass wir einmal
so da waren! - - -
    Wir wissen noch nichts von den Vermögens- und Familienverhältnissen des
Herrn Grafen und von unseren eigenen noch weniger. Wir leben in den Tag hinein,
und wie kann man besser oder vielmehr angenehmer leben? - Wenn die Frage: Wo ist
Irene, wo sind Ewald und Eva, wo sind die anderen? von neuem gestellt werden
wird, dann hat sich alles geändert, und nicht zum Besseren. Wir leben dann nicht
mehr in den Tag, in das Licht hinein; wir wissen dann leider ganz genau, mit
welcher Regelmässigkeit die Dämmerung und die Nacht kommen und wie es am hellsten
Mittage dunkel werden kann über dem Menschen und seinem Zubehör.
 
                                Fünftes Kapitel
Von dem gelehrten Herrn Pastor, den der Herr Graf gleich zu Anfang unserer
Bekanntschaft meiner Mutter rühmte, habe ich wenig zu sagen. Der Herr Graf
verstand es wohl nicht besser, aber die Gelehrteit des guten Mannes war nicht
weit her und sein Einfluss auf uns unbedeutend.
    Hierüber aber erhält Ewald am besten das Wort. Er nahm mich seinerzeit
beiseite, das heisst, indem er mich am Kragen fasste und, mich auf offener
Dorfgasse abschüttelnd, bemerkte:
    »Tust du dumme Stadtpflanze noch ein einzig Mal da« (dieses war von einer
Schulterbewegung dem Pfarrhause zu begleitet), »als wüsstest du mehr als ich von
all den Dummheiten, so pass auf! Wie die Engel im Himmel singen, das weisst du
wohl noch nicht? Hör mal, so!«
    Nun ist es durchaus nicht angenehm, seiner Wissenschaften wegen an den Ohren
auf- und von den Füssen gehoben zu werden.
    »Hörst du sie?! Nicht wahr, sie singen wirklich wie die Engel? Und nun tu's
nicht wieder und heb den Finger in die Höhe, wenn ich feststecke! Frag nur
Irene, ob die alten Ritter das getan haben. In der Dorfschule beim Kantor tun
sie es alle, und da tue ich es auch, und du kannst es auch tun; aber bei dem
dummen Lateinischen und dem Herrn Pastor, da probiere es mir nur noch ein
einziges Mal, und du sollst scheu, was du erlebst, und wenn du mir auch
hundertmal deinen Robinson und deine Campes Eroberung von Mexiko geliehen hast.«
    »Was soll ich aber denn tun, wenn ich was weiss?« heulte ich, während Irene
lachte und Eva ihren Bruder am Hosenbund nach rückwärts zog.
    »Die dumme Schnauze halten! Der Alte sagt es schon ganz von selber her. Ich
gehe doch schon lange genug bei ihm in die Privatstunde und muss es wissen, was
er alles weiss! Oh, der weiss für uns beide noch lange genug!«
    So war es; aber leider war das, was der gute geistliche Herr wusste, auch
wenig genug, und was das schlimmste war, seine Begabung zum Lehrer stand noch
tief unter der Wasserhöhe seiner Wissenschaft. In der Hinsicht war es jedenfalls
für uns sehr von Nutzen, dass die Jahre hingingen und wir ihm entwuchsen. Und der
Herr Graf, der meiner Mutter wegen in der Tat allen Grund hatte, Wort zu halten,
hielt es auch. Ich wurde mit Ewald auf das Gymnasium der grösseren
Provinzialstadt des anderen Staates jenseits des Flusses »getan«; und wir kamen
von da an nur in den Ferien nach Hause, das heisst zurück nach Schloss Werden, in
das Försterhaus, das Dorf und den Wald und zu den beiden Mädchen.
    Die beiden Mädchen! Als wir zum erstenmal abzogen, sagte Irene:
    »Ihr habt es gut.«
    Worauf Ewald mit einem bedenklichen Griff nach seinem Rücken erwiderte:
    »Weisst du das? Erst probieren und nachher weise Redensarten! Na, was mich
angeht, so ist die Hauptsache, dass ich endlich einmal aus dem dummen Dachsbau
herauskomme. So 'n langweiliges Volk als euch findet man ja immer, und nachher
geht der Weg ja auch weiter, und deshalb haben wir zwei es sicher besser als ihr
beiden dummen Frauenzimmer.«
    »Und ich verbitte mir endlich diese ewigen dummen Dummheiten«, rief Irene.
»Das wird auch auf die Länge dumm und langweilig, du - dummer Junge. Lass sie
stehen, Eva, und komm in die französische Stunde; so wie auf morgen, wo wir
endlich mal Ruhe vor ihnen haben, habe ich mich noch auf keinen anderen Tag
gefreut. Schafskopf!... Herrgott, Fritz, da ist deine Mama! Ach, nun hat sie
auch das wieder gehört! Komm rasch, Evchen! Adieu, messieurs, mademoiselle
Martin nous attend. Ach Gott, ach Gott, ach Gott!«
    Es war freilich meine Mutter, die um das Gartengebüsch trat und in der Tat
das Wort »Schafskopf« noch vernommen hatte. Und obgleich sie die richtige
Adresse sicherlich ganz genau kannte, wendete sie sich dessenungeachtet an die
falsche, nämlich an mich, und sagte nichts weiter als:
    »Aber Fritz?!«
    »Ich war es, mit dem sie sich gezankt haben«, murmelte Ewald kleinlaut, aber
ehrlich.
    »Von deiner Schwester ist gar nicht die Rede, Kind«, sagte meine Mutter und
ging weiter den sonnigen Kiesweg entlang, um als Frau Aja mit dem Strickstrumpf
in einer Fensternische der französischen Stunde beizuwohnen und die Vokabeln
leise mit nachzusprechen. Mademoiselle Martin aus Nanzig in Lotringen, die
»alte Kammerfrau« der verstorbenen Frau Gräfin, befleissigte sich der besten
Aussprache des Idioms.
    »Es ist zwar schauderhaft«, seufzte der Herr Graf, »aber ich habe das
meinige doch auch nur in Wien gelernt, und sie hat es wenigstens aus Büchern und
ist mit der Grammatik in ihrem Geburtsort in die Schule gegangen. In Nizza hat
meine selige Frau sie gefunden, und sie hat treu bei uns ausgehalten durch Gut
und durch Böse. Durch das letztere meistens mehr als durch das erstere. Ihre
Eltern hatten sie zur soeur ignorantine bestimmt; aber sie fand in sich keinen
Beruf dazu, und mir ist es lieb, dass wir sie gefunden haben. Sie hat sehr treu
bei mir ausgehalten, Madam Langreuter, und, wie gesagt, durch gute und durch
böse Zeiten, und durch die letzteren mehr als durch die ersteren.«
    Auch mein Französisch stammt in seinen Elementen aus der Schule der Mamsell
Martin, und es ist danach geblieben. Irene und Ewald hatten Gelegenheit, das
ihrige sehr zu verbessern, und Ewald spricht und schreibt es heute fast ebenso
gut wie das Englische, das er mit einer spasshaften Neigung ins Irische zu seiner
zweiten Muttersprache gemacht hat.
    Wir gingen ab nach dem Gymnasium und kamen von da an nur in den Ferien nach
Schloss Werden zurück. Wenn ich anfangen wollte, davon zu reden und zu schildern,
so würde wohl nicht an ein Aufhören zu denken sein. So ist es aber hundert und
aber hundert Autobiographen und Biographen ergangen, und sie sollen für mich mit
gesprochen und geschrieben haben. Es wiederholt sich und bleibt sich vieles
gleich in der Welt, was an und für sich den Eindruck der individuellsten
Originalität macht.
    Aber die grossen italienischen Nussbüsche an der letzten Hecke des äussersten
Gemüsegartens derer von Everstein und den Vetter Just hat nicht jedermann
erlebt, und so machen wir die beiden zu unserer Spezialität, und den letzteren
durch alle Blätter dieser Aufzeichnungen hindurch.
    Sie haben eigentlich nichts miteinander zu schaffen; der Vetter hat nie in
ihnen gesessen, in den Nussbüschen nämlich; aber doch kann ich nie an den einen
ohne die anderen denken. Sie gehören in der grünsten, lichtesten, lachendsten
und doch zugleich ernstaftesten Weise zusammen in meiner Seele. Wie hundertmal
in der Wirklichkeit besuche ich heute in der Erinnerung den einen von dem
anderen aus, den Vetter Just auf seinem Hofe jenseits des Flusses von dem
Gezweige unseres alten Wunderbaums herunter.
    Es war eigentlich gar kein einzelner Baum, sondern ein Bündel dick- und
hochstämmigen Gebüsches, das der liebe Gott aus einem halben Dutzend Kernen zu
unserem Vergnügen auf einer Bodenerhöhung an der Hecke zu aussergewöhnlicher Höhe
und Pracht hatte aufschiessen und sich ineinander weitästig verwirren lassen. In
weit entlegene, uns ganz und gar vorgeschichtliche Zeit war das Aufspriessen
gefallen, aber der Gipfel der Verwirrung nur allein für uns, wie wir glaubten,
in die unserige, und das war das Schöne. Die Vorsehung hatte es auch in diesem
Falle gewusst, was alles in dem Keime lag, den sie hier in seiner Hülse auf den
Boden fallen liess, den sie erst mit gelben Blättern, dann mit trefflicher
Gartenerde bedeckte und ungestört Wurzeln nach unten in die Dunkelheit und zwei
zarte grüne Blättchen nach oben in das Licht, in die Sonne treiben liess! Der
Mensch denkt nie daran, wenn er im grossen Walde geht, was alles in zwei solchen
grünen Keimblättchen zu seinen Füssen für ihn und seine Art auseinanderklappt. Wo
bliebe aber auch das Spazierengehen, wenn dem so wäre? Es würden manche dafür
danken, und unter diesen ich zuerst. Zu Hause, innerhalb seiner vier Wände,
unter alledem, was man sich selber allgemach zusammengetragen hat, würde es bei
weitem behaglicher sein als draussen im Freien.
    Es war natürlich Ewald Sixtus gewesen, der zuerst herausgefunden hatte, wozu
dieses Baumgebüsch gut sei. Er hatte die Leiterstufen gezimmert, die an dem
knorrigen Hauptstamm in die Höhe führten bis zu der ersten Gabelung, von wo dann
Irenes Ruhe, Evas Höhe, Friedrichs Lust und Ewalds Heim mit mehr oder weniger
Beschwerlichkeit und Gefahr des Hals-, Arm- und Beinbrechens zu erreichen waren.
Die »Ruhe« und das »Heim« hingen selbstverständlich im schwanksten und
luftigsten Gezweig; Evas Höhe sass ebenso selbstverständlich am tiefsten und
sichersten, und ich - ich wäre mit und zu meiner Lust am liebsten unten am Baum
auf festem Erdhoden geblieben; aber hinauf musste ich wie die anderen, und wenn
ich einmal oben sass, so gab es freilich auch für mich keinen besseren Platz im
Himmel und auf Erden als diesen zwischen Himmel und Erde.
    Da waren es einzig und allein die Vögel, die es noch besser hatten als wir
und die wir dann und wann immer noch beneiden durften.
    »Wer es wie die könnte!« seufzte Irene im äussersten Gezweig, schon jenseits
der Hecke des Schloss-Küchengartens in ihrer gefahrvollen Ruhe, zwanzig Fuss hoch
über der Wiese hängend. Und das war wieder einmal an einem Sommermorgen, gerade
als die Sonne aufging und alle Frische und aller Tau und alle Erwartungen vom
Tage und sämtliche Pläne für die angenehmste Verwendung desselben noch vorhanden
waren.
    Es ist kaum zu glauben, aber es war doch so: wir, Ewald und ich, wir
schmauchten frech hinein in die heilige Frühe, und noch dazu Zigarren, von denen
der Herr Pastor nie begreifen konnte (während unserer Ferien), wie sie ihm so
rasch zu Ende gingen.
    Der Herr Graf rauchte leider nicht; er würde sich sonst gewiss an eine
bessere Sorte gehalten haben. Den Knaster, den Vater Sixtus aus seiner kurzen
Jägerpfeife verdampfte, hatten sich die beiden Herrinnen von Evenshöhe und
Irenensruhe in »ihrem Baum und so früh in der Natur« ganz ernstaft verbeten.
Ich habe es schon gesagt, ich rauche heute auch nicht mehr; aber ich weiss das
Blatt aus jener Zeit her noch zu würdigen und zöge es jetzt jedem anderen vor.
Ewald hatte gewöhnlich alle Taschen voll davon und meinte: »Das nenne ich gar
nicht einem was ausführen, sondern nur gerechte Sühne! Es ist einfach
scheusslich, wie billig der Alte den himmlischen Äter (nicht wahr, so heisst's,
Fritz?) verstänkert. Es ist aber ganz sicher ganz dasselbe Kraut, was sich sein
lieber Papst Sixtus der Fünfte hier im Walde verstattet haben würde; nicht wahr,
Fritzchen? Du musst es wissen.«
    Weshalb musste ich das wissen?... Weil ich den »Schlingel aus dem
Försterhause« um drei Eselsohrenlängen in der Gymnasialbildung hinter mir
zurückgelassen hatte? Es hat sich nachher ausgewiesen, dass das ziemlich wenig zu
bedeuten hatte.
    Da sitzt Eva im Zweig und sagt vorwurfsvoll: »Aber Ewald, sprich doch nicht
so vom Vater!«
    »Wozu hat man denn sein Taschengeld von ihm?« klingt es zurück; und - es ist
immer noch der Sommer und der Sommermorgen, die Jugend und die Frage: Was fangen
wir heute mit dem unendlichen Tage bis Sonnenuntergang an? auf der Tagesordnung!
    »Heute geben wir ihnen einmal recht ordentlich durch. Nachher kriegen wir
dann alles auf einmal über die Köpfe und sind für ein Vierteljahr hübsch reuig.
Übermorgen geht ihr ja doch wieder ab, und wir haben Zeit für alle guten
Ermahnungen und Weisheit und Tugend, nicht wahr, Evchen?« ruft die Gräfin von
Everstein von ihrem Aste und greift nach dem nächsten über ihr und steht
aufrecht, in tollster Lust sich wiegend. Das ganze jetzt von der vollsten,
klarsten Morgensonne durchleuchtete grüne Haus schwankt bis in seine
Grundfesten, das heisst bis in die äussersten Wurzelfasern.
    »Nicht schütteln! O Irene!« ruft Eva ängstlich; aber wohl rüttelt und
schüttelt sich alles rundum, der Nussbaum und die weite wonnige Welt. Die
blitzenden Tautropfen sprühen im buntesten Glanze um uns hernieder, und jenseits
der Hecke von seinem Zweige hängt Ewald bereits wie ein Affe auf die freie,
weite Wiese herunter, mit den Füssen in freier Luft, nach dem nächsten Aste unter
ihm tastend. Dass er das Experiment nicht mit dem Kopfe nach unten hängend
ausführt, ist ein schöner Zug seiner Nachgiebigkeit und Herzensgüte; versucht
hat er's selbstverständlich, aber Eva hat es sich für »unseren Baum« verbeten,
wie Irene eben dafür den Knaster aus der Schweinsblase seines Vaters.
    Er kommt richtig auch diesmal wieder mit ungebrochenen Gliedmassen im hohen
Grase und unter den Sternblumen und Kuckucksblumen der Wiese an und schlägt zur
Erholung von der Anstrengung noch ein dutzendmal Rad im Kreise. Schon kriecht
die Komtesse durch die Hainbuchenhecke, und mehr als dass sie springt, fliegt sie
über die hohen Kletten- und Brennesselbüsche im Graben. Aus dem Wunderbaum
erschallt noch ein flehend klägliches Stimmchen:
    »Ach Gott, Fritz?!«
    Ich reiche beide Arme an der Leiter empor, um das ängstliche Vöglein aus dem
Baum im Notfall im Fall auffangen zu können.
    »Da rennen sie schon über die Wiese nach dem Walde! Mach rasch, Evchen!«
    »Ach Gott, ja! Sie hören ja nun wieder nicht! Und ich ginge doch so gern
erst hin und sagte es zu Hause, wo wir geblieben sind.«
    »Wir sind ja zu vier, Evchen! Und einer wird doch wohl übrigbleiben und
Nachricht bringen, wenn drei von uns zu Schaden kommen.«
    »Ja, und ihr wollt dann, dass ich das bin! Mein Vater ängstigt sich wohl
nicht; der kommt vielleicht auch erst zum Abendessen heim. Aber deine Mutter!...
Und Irenes Vater?!«
    »Das ist nun zu spät. Sie rufen schon vom Walde her; hörst du?«
    Sie rufen wirklich, und wir kommen. Wir folgen der glücklichen, seligen Spur
durch den Tau der Wiese; und nun sind auch wir, Eva Sixtus und ich, in dem
kühlen Schatten der Buchen, und - wunderte! - ein Gewissen hatten wir bis eben,
aber nun ist es uns gleichfalls abhanden gekommen. Sie haben alle kein Gewissen
in den Gebrüdern Grimm, und wir stecken voll und ganz darin, in dem Märchen, in
der Wonne des Abenteuers der Kinderwelt - ganz und gar darin wie die zwei
anderen, Ewald Sixtus und Irene Everstein!
    Was geht in der Menschheit Behagen über diese ganze volle Gewissenslosigkeit
des Märchens oder noch besser der Jugendzeit? - Die »ewige Seligkeit«; denn die
wird freilich in einem noch etwas höheren Grade gewissenslos sein.
 
                                Sechstes Kapitel
Sie hatten vom Walde, dem grossen Walde her gerufen; und hinter dem Walde sass der
Vetter - der Vetter Just Everstein und wenn es für Namen kein besser Sieb gibt
als ein Konversationslexikon in der Reihenfolge seiner Auflagen, so ist es sehr
schade, dass der Vetter durch einen der gewöhnlichen Zufälle nicht hineingekommen
ist. Er gehörte von Rechts wegen hinein und von Gottes Gnaden darin zum eisernen
Bestande irdischen guten Gerüchtes.
    Jenseits unseres Waldes und jenseits des Flusses hatte sich da eine
Seiten-Seitenlinie des Geschlechtes derer von Everstein allgemach von Generation
zu Generation, von Glückswechsel zu Glückswechsel in den Bauernstand
zurückverloren. Schon vor hundertundfünfzig Jahren, gerade als eben dem
Bruchteil von Adams Geschlechte auf Schloss Werden das Grafentum als höhere
Betitelung von oben zufiel, hatten die Vettern drüben den letzten Ring, der sie
an den Adel des deutschen Volkes knüpfte, fallenlassen. Das Wörtlein von war
ihnen abhanden gekommen, wie ein Taler in die Stubenritze rollt. Sie wussten
selber nicht recht anzugeben, wie es eigentlich zugegangen war.
    »Das einzige, was ich gewiss darüber weiss, ist, dass wir damals scheusslich auf
dem Hunde waren«, sagte der Vetter Just. »Was will ein Kotsasse, dem der
Siebenjährige Krieg die letzte Kuh aus dem Stalle holt, mit einem adeligen
Wappen über seiner Stalltür? Sich bei den anderen Bauern und alle Abend im Kruge
lächerrlich machen? Das kann er! Siehst du, Fritze, das ist eben die Sache beim
Kriege, dass er den einen zum Kaiserlichen Feldmarschall-Leutnant macht, wenn's
beim anderen um die letzte Kuh gilt. Studiere du deine mittelalterlichen
Geschichtsquellen ruhig weiter; aber meine lass mir lieber doch unaufgerührt. Ich
meine, der alte Brunnen kommt immer doch noch klar genug aus der Tiefe in die
Höhe. Nur immer kühl und klar, das ist die Hauptsache; am Ende bleibt alles, was
dem Menschen überhaupt auf dieser Erde passieren kann, in der Verwandtschaft,
und das ist ein Trost; - nicht etwa?«
    »Jawohl, jawohl!« holte ich die Antwort tief aus der Seele herauf. Das war
aber alles nicht an dem Morgen, an dem wir wieder einmal von dem Nussbaum zum
Vetter Everstein jenseits des Flusses »durchgingen«, sondern lange,
beschwerliche Jahre später. - Der Nussbaum oder die Nussbäume waren damals längst
ebenso unmotiviert umgehauen worden wie die, welche den Legationssekretär
Werter in solche Wut gegen die neue Frau Pfarrern zu St. Brachten; - »wie kühn
und wie herrlich die Äste waren!... Abgehauen! Ich möchte rasend werden, ich
könnte den Hund ermorden, der den ersten Hieb dran tat!... Siehst du, ich komme
nicht zu mir!... O wenn ich Fürst wäre! Ich wollt die Pfarrern, den Schulzen und
die Kammer - - -«
    Eine neue Chaussee führt über die Stelle weg, wo meine Nussbäume standen, und
wer weiss, wie bald auch über diesen Weg sich ein Eisenbahndamm hinlegt und wie
bald die Personen- und Güterzüge vom und zum Rhein über die Stätte brausen und
keuchen. Es ändern sich stets die äusserlichen Umstände, unter denen die Natur
und der Mensch ihren Adel gewinnen oder verlieren!...
    »Passierte es nur einmal, so wäre es freilich schlimm«, sagte der Vetter
Just. »Aber da es immerdar sich so ereignet hat und sich auch fernerhin nicht
anders machen lassen will, so stelle ich mich auch hier auf den Fuss der
Philosophie, nachdem ich mich geärgert habe.« - Das sagte er aber von den
Nussbäumen.
    Selbst auf die Vetternschaft mit dem vornehmen Schloss Werden erhuben die
Mannen jenseits des Flusses ihrerseits nicht den geringsten Anspruch mehr. Der
»Vetter« war auch eigentlich nur dem gegenwärtigen letzten Spross der Familie
angehängt worden, und zwar von der Gegend. Es war so etwas von der »Vetter
Michelschaft« dabei, aber im besten und vergnüglichsten Sinne.
    »Gestern abend war Vetter Just da!« war ein Wort, das einen ungemein
behaglichen Klang weit umher in jedem Hause hatte.
    »Wenn ich nur wüsste, wie es mit dem Kerl zuletzt einmal zu Ende gehen wird!«
war dann freilich ein Nachklang von etwas bedenklicherer Tonfarbe; allein es
waren immer nur die Unverständigsten im Lande, die sich also achselzuckend
äusserten, und was überall in der Welt auf deren Bedenken und
heimtückisch-wohlwollende Sorglichkeit für den lieben Nächsten zu geben ist, das
weiss man; - ich wenigstens weiss es. Ist es nicht leider meistens der Verstand
der Verständigen, bei dem sich am liebsten die Schadenfreude hinter dem
freundschaftlichen, sorgenvollen Nachdenken und teilnehmenden, bedauernden
Kopfschütteln versteckt?
    Welch ein Glück ist es da, dass wir soeben erst aus unserem Nussbaum in den
Sonnenschein auf der morgendlichen, glitzernden, grünenden, blühenden
Kindheitswiese hinuntergepurzelt, - geglitten und - gehüpft sind und uns immer
noch, unverständig und sorgenlos, mit dem allermöglichst wenigsten Nachdenken
über uns selbst und den Vetter Just Everstein auf dem Wege zu diesem Vetter
befinden!
    Auf dem Wege? O ja, wenn nur nicht die Umwege gewesen wären! Wann sind wir
damals unseren Angehörigen je anders als auf Umwegen zu dem Vetter
durchgegangen? Gab es aber überhaupt noch eine andere Gegend, die »vier dumme
Krabben«, wie der Vater Sixtus sich auszudrücken beliebte - in gleicher Weise zu
Dummheiten und auf Seiten- und Schleichpfade zu verlocken imstande war?
    Für uns nicht, wenn mich gleich das Leben gelehrt hat, einem jeden das Recht
unverkümmert zu lassen, das teatrum mundi seiner Jugend in gleicher Weise allen
anderen Feldern und Wäldern, hier den Fichten und dort den Palmen, wehmütig und
freudig vorzuziehen.
    Nach rechts und links, im Schatten und Licht, im Trocknen und Feuchten
lockte es, und natürlich da immer am verführerischsten, wo das Dickicht am
verworrensten war, wo Berg und Fels am steilsten sich erhoben und wo der Bach am
mutwilligsten durchs Tal schäumte. Wann hätte zur Zeit der Kibitzeier die
Komtesse jemals eine Gelegenheit, bis an die Knie im Sumpfe zu versinken,
verabsäumt? Wann hätte Ewald Sixtus je ein heiles Knie einem zerschundenen, eine
ganze Hose einer halben vorgezogen?
    Und dann die Jahreszeiten, die wir zählten durch die Schneeglöckchen, die
Maiblumen über die Erdbeeren weg bis in die Brombeeren und den Dohnenstieg! Auch
ich habe damals mit den anderen gelacht, wenn die liebe Eva ein bitteres
Tränchen über die armen erhängten Krammetsvögel vergoss und den Sack nie tragen
wollte, der die gefiederte Jagdbeute entielt.
    »Wenn sie sie in der Schüssel auch nicht riechen könnte, so wollte ich gar
nichts sagen«, brummte Ewald. »Dich meine ich nicht, Irene; aber so seid ihr
Frauenzimmer! Nicht wahr, Fritze, wir genieren uns nicht:
Was ich gebraten sehen kann,
Seh ich nie als 'ne Mordtat an!
Also ist die Reihe an dir, den Ranzen zu schleppen, Irene. Immer galant gegen
die Damen! sagt Mamsell Martin; wenn es wieder bergan geht, nimmt ihn Fritzchen
dir ab. Aber Riesenkreaturen haben wir diesmal, was?! Es ist wahrhaftig ein
Spass, was für eine Menge unschuldig Blut so 'n paar rote Vogelbeeren an den
Galgen bringen! Nicht wahr, Eva?«
    »Famos!« ruft die Komtesse hochrot, zerzaust und glühend vor Jagdlust; und
der Herbstwind fegt und rasselt durch den Niederwald und treibt ihr die blonden
Locken über das Gesicht und treibt mich zurück in den Sommermorgen, den ich
immer von neuem unter der Federweg verliere, um mich immer wieder zu ihm
zurückzufinden.
    »So? Haben sich die beiden Puppen noch herangefunden?« fragt Ewald grinsend,
als seine Schwester und ich ihn und die Gräfin unter den Bäumen des Waldes
wieder einholen. »Das ist schön! Nun haben wir auch die Tugend und die Vorsicht
in der Bande, und nun kann's losgehen! Was an mir in Fetzen heute davonfliegt,
das flickst du zusammen, Evchen. Für die schändlichen Redensarten, die heute
abend über Irene losgelassen werden, bist du vorhanden, Fritzchen. Und nun rasch
weiter; - deine Alte merkt wahrscheinlich jetzt schon Unrat, Fritz, und hängt
schon an der Sturmglocke -«
    »Und Papa kommt die Treppe herunter und schüttelt in dem Gartensaale den
Kopf. Und deine Mama ringt die Hände, Fritz, und Papa ist zu allerletzt noch am
wenigsten ärgerlich und in Sorgen. Ach, es soll aber heute auch das allerletzte
Mal sein, dass wir so böse sind! Ich gehe ganz gewiss nicht wieder mit durch, ohne
vorher um Erlaubnis gebeten zu haben.«
    »Ich auch nicht«, ruft Eva Sixtus mit Tränen in den Augen.
    »Ich auch nicht!« sage ich kleinlaut, und -
    »Na, denn ich auch nicht; aber fürs erste stecke ich mir jetzt 'ne Pfeife
an. Hier sind wir auf Staatsforstgrund, und die Grafen von Everstein können mir
meinetwegen kommen. Übrigens könnt ihr ja alle noch umkehren; im Notfall laufe
ich ganz gern allein, und dem Vetter Just ist es auch recht. Geh du dreist
wieder nach Hause, Fritzchen, und nimm alles ruhig mit, was sonst noch von
Teesimpeln da ist. Au!... Alle Donner!«
    Eine gute Handvoll Haare aus der Lockenfülle des »höhnischen Hanswurstes«
streut Irene Everstein in die Morgenlüfte, und fünf Minuten später sind wir
allesamt so weit von dem Schloss Werden fern, dass uns auch der lauteste Klage-
oder Warnungsruf von dorter nicht mehr zu erreichen vermöchte. Wir sind
gerettet aus aller Kultur in die schönste Wildnis, in die sich der gebildete,
älter gewordene Mensch nur in seinen allerhöchsten Feierstunden zurückdenken
kann - in den Stunden oder Augenblicken, die wie ein leichter schöner Rausch
kommen und schwinden und leider nicht jeden Tag auf der Tagesordnung stehen, was
auch die Leute, die es so ausnehmend gut verstehen, »zur Sache!« zu rufen, davon
halten mögen.
    In an indian file, wie Ewald, der damals mit grössestem Eifer seine
amerikanischen Abenteuerromane englisch las, sagte, schlüpften wir durch die
Büsche; und wenn die beiden Mädchen alle Augenblicke aus der Bahn brachen und
ins Blumenpflücken gerieten, so fand sich für uns zwei Jungens wieder mancherlei
anderes, was uns auf dem Wege aufhielt. Gut zehn Uhr wird es in Bodenwerder
geschlagen haben, wenn wir endlich eine halbe Stunde weiter stromaufwärts das
Flussufer, den Vater Klaus und den Kahn desselbigen bei seiner Fischerhütte
erreichen.
    Es führt eine Schiffbrücke bei Bodenwerder über den Fluss. Das weiss ein
jeder, so gut als ein jeder den Freiherrn von Münchhausen aus Bodenwerder kennt.
Was wäre aber unsere Fahrt zu dem Vetter Just Everstein ohne den Vater Klaus und
seinen Kahn inmitten des Weges? Unbedingt nur das halbe Vergnügen.
    Wenn wer mit in die Lust des wolkenlosen Tages hinein gehörte, so war's der
alte Fischer Klaus, obgleich Ewald jedesmal bemerkte:
    »Wären die Mädchen nicht dabei, so sparte ich sicher meinen Groschen dem
Alten am Leibe ab. Wer schwimmen kann, braucht auf dem Lumpenwasser noch lange
keine Bretter unter sich.«
    »O du Renommist!« ruft Irene, die, wenn sie sich ganz allein zwischen den
Buchen und Weiden hüben und drüben gewusst hätte, wahrscheinlich gleichfalls
keine Bretter und Balken zwischen sich und das sonnenbeglänzte, weich
hingleitende Element gelegt haben würde.
    Schon zupft mich Eva Sixtus scheu und erschreckt am Rockärmel.
    »Sei nur ruhig, Evchen. Sie renommieren beide furchtbar. Das Grossmaul da mit
seinen Händen in den Hosentaschen und Irene - innerlich! Komm nicht ins Rutschen
den Abhang herunter. Da liegt der Vater Klaus bei seinen Reusen, und da steigt
sein Rauch auf von seinem Herde. Irene kann ja gar nicht schwimmen!«
    
    Dieser Rauch von dem Feldsteinherde des Alten am Wasser ist
wahrscheinlicherweise die Rettung meiner Nase vor zwei Fäusten, die von rechts
und links her dicht unter sie gehalten werden.
    »Hurra, der Vater Klaus!« schreit Ewald und rutscht bereits auf seines
Vaters erst vor einem halben Jahre an den Dorfschneider abgegebenen
Hochzeitshosen über das Steingeröll in die Tiefe, als ob er den Stoff
gleichfalls für »absolut unverwüstlich« erachte.
    Die Komtesse wirft mir noch ein »Ach, so 'n gutes Fritzchen!« zu und folgt
dem Kameraden bergunter gleichfalls in sitzender Stellung und nur um ein weniges
mehr als er um den äusserlichen Anstand besorgt.
    »Na, na, wat kummt mi da? Ach, Herrje, i sehn Sie mal!« meint der Vadder
Klaus, und wir sind alle bei ihm angelangt alle mit heiler Haut, bis auf den
Meister Ewald, der sich etwas nachdenklich die Posteriora reibt und mehrfach den
vergeblichen Versuch macht, sich dieselben über die Schulter genauer zu
betrachten und seinen Schaden zu besehen.
    Nach dem Walde das Wasser! Es ist sehr heiss an dem Ufer; aber keiner merkt
es. Der Fluss ist breit genug, um alles, was in der jungen Brust noch gebunden
lag, frei zu machen. Eilig drängen sich und lautlos die Wirbel vorbei und nehmen
uns geheimnisvoll verführerisch in der Phantasie mit sich in das Hellste,
Kühlste, Grenzenloseste - immer weiter und weiter durch alle geographischen
Schulstubenerinnerungen bis hin auf das grosse Meer. Juan Fernandez und Salas y
Gomez liegen im magischen Blau als einzige feste Punkte, an denen die Erfahrung
mit wonnigem Herzpochen haften kann; darüber hinaus in wiederum undenklicher
Ferne spült und sprüht's nur in die Buchten und Palmenwälder von Traumland
hinein, selbst für Ewald Sixtus, der schon ganz genau weiss, dass die Weser
einfach bei Bremerhaven in die Nordsee mündet, dass vor Neuyork Long Island liegt
und dass Staat und Stadt Neuyork zu den Vereinigten Staaten von Nordamerika
gehören. Auch für mich, der ich in der neueren Geographie ziemlich und in der
alten recht gut Bescheid weiss, der ich den Weg des Königs Alexander zum Indus
und nachher die unvereinigten Staaten von Asia minor ganz genau auf der Karte
zeigen kann.
    Während nun Vater Klaus seinen langgedienten Kahn zur Überfahrt bereit
macht, durchstöbern die zwei Mädchen »zum wer weiss wievielten Male« sein
einsiedlerisch halbwildes Hauswesen.
    »Eins steht fest«, ruft Irene, den blonden Lockenkopf aus der Pforte der
Hütte vorstreckend; »das nächstemal bitten wir zu Hause um die Erlaubnis, und
dann bleiben wir eine Nacht hier. Da liegen wir hier am Feuerherde und braten
uns unsere Fische selber, und der Mond muss scheinen, und wir singen dazu und
rufen die Kähne und Flösser an -«
    »Und kriegen dumme Redensarten zurück«, grinst Ewald.
    »Und dumme Jungen werden draussen mit dem Kopf ins Nasse untergeduckt -«
    »Und ich bin dabei!« schreit Ewald mit einem Sprunge und die Mütze
schwingend. »Das ist eine ganz rasend heitere Idee! Das nächstemal gehen wir
ihnen sicherlich erst bei Sonnenuntergang durch!«
    Und der Alte am Wasser, bedenklich seine Kappe von einem Ohr aufs andere
schiebend, meint:
    »Ich wäre wohl schon dabei, und zu Schaden sollten die jungen Herrschaften
bei mir auch wohl nicht kommen; aber schriftlich muss ich die Erlaubnis doch wohl
vor mir haben; denn nachher kenne ich sonst die Herren beim Amte gut genug, wenn
ich wieder von wegen meiner Berechtigung allhier vor sie muss. In alten Zeiten,
allwo man noch gar keine Papiere nötig hatte, soll das alles viel besser gewesen
sein, und da hätte auch ich, nichts Schriftliches verlangt, sondern im
Gegenteil.«
    »Dies ist doch grossartig!« meint Irene Everstein, eine der gewohntesten
Redensarten ihres Freundes Ewald sich aneignend.
    Nun fahren wir über.
    »Nicht schaukeln! Bitte, bitte, nicht schaukeln, Irene!« fleht Eva, wie sie
vorhin »Nicht schütteln!« ängstlich gerufen hat.
    Die Strömung ist ziemlich heftig und das »Schaukeln« in der Tat durchaus
nicht notwendig.
    »Ja, lassen Sie es lieber, junge Herrschaft«, meint der Vater Klaus. »Erst
vor acht Tagen habe ich da ein bisschen weiter unten eine herausgeholt. Die musste
ziemlich weit von oben her zugereist sein; hier herum, und so weit unsere
Gerichtsherren hinreichen, hat sie niemand gekannt. In Bodenwerder haben wir sie
denn auch unbekannterweise beerdigt, und ich bin auch der einzigste gewesen, der
mit ihr gegangen ist; und das ist nicht das erstemal in meinem Leben gewesen. So
'n alter Fischersmann will doch nicht so ganz als ein Vieh an seinem Wasser
sitzen, sondern sie geben sich, mit Respekt zu sagen, gegenseitig alle Ehren.
Ja, so 'nen Wasserlauf soll man nur recht kennen durch die Jahre und Tage und
Nächte und alle Witterungen - das ist wohl was Nachdenkliches, junge
Herrschaften!«
    Wir sahen alle nach dem Weidenbusch hinüber, wo die unbekannte Fremde
anlandete nach ihrer langen Reise. Irene schaukelt nicht mehr; aber nun sind wir
mitten im Strom, und wo ist der Sonnenschein heller als mitten auf den Wassern?
Die Wellen flimmern, silberne Flossen schnellen rundum auf, um blitzschnell
wieder in der Tiefe zu verschwinden. Wir lassen alle eine Hand in die laue Flut
herniederhängen und sie um die erhitzen Pulse spülen.
    »Na aber, Fritze, dein zarter Teint!« grinst Ewald... »Nun guckt nur, ob
seine liebe Nase bei der Temperatur nicht schon abblättert wie eine Zwiebel. Von
euch zwei Backfischen sage ich gar nichts; denn ihr seid ja ganz in eurem
Elemente, und übrigens wird es euch auch Fritzchens Mama heute abend schon sagen
und morgen früh noch einmal.«
    Die beiden Mädchen unter ihren breiten Sommerstrohhüten glühen freilich wie
die Pfingstrosen; aber von der unbekannten Leiche, welcher neulich unser alter
Fährmann in Bodenwerder allein das letzte Ehrengeleit zu Ehren seines Flusses
gab, ist nicht weiter die Rede. Wir landen auf dem anderen Ufer, der Vater Klaus
bekommt seinen Fährlohn und ruft uns nach:
    »Also auf das schriftliche Attestat verlasse ich mich. Nachher wünsche ich
mir nichts Besseres als die junge Herrschaft bei mir zu Gaste, wenn mal der Mond
voll im Kalender steht und der Fisch zutunlich gewesen ist. Und mitsingen tu ich
auch. In meinen jungen Jahren habe ich immer über der Bratpfanne alle hübschen
jungen Mädchens hüben und drüben in den schönsten Liedern vom Jahrmarkt mit
besungen.«
    Es schlägt eben in der Ferne, in Bodenwerder, elf Uhr, als wir lachend, die
Mützen und die Taschentücher schwenkend, unseren Weg auf dem Schifferpfade durch
Weiden, Röhricht, über die harten Kiesel und Flussmuscheln fortsetzen
stromabwärts.
    Unser grauer Charon bleibt noch eine ziemliche Weile auf seine Ruderstange
gelehnt stehen und sieht uns nach - lächelnd, kopfschüttelnd und eine Prise
nehmend. Er hat zu allen diesen drei Äusserungen seiner Meinung und Ansichten
über uns vollkommen die Berechtigung und braucht sich nicht im geringsten auf
irgend etwas Schriftliches einzulassen.
 
                               Siebentes Kapitel
Es ist, als schwände der Vetter in immer unbestimmtere, idealere Ferne Aber wir
erreichen ihn und das Seinige doch; und wenn wir ihn haben werden, so wird er
hoffentlich um so näher zu Sinn und Herzen wirken und also in der einzig wahren
Weise ganz realistisch dasein. Mein Wort darauf, wir wissen Bescheid und stehen
mit den echten Wirklichkeiten oder Realien in dieser Welt auf ganz gutem Fusse
und verkehren miteinander nicht bloss in Schlafrock und Pantoffeln - denn das
will nicht viel bedeuten! -, sondern auch dann und wann im Fest- und
Feiertagskleide, und das will viel sagen!
    Nun querlandein durch die Sommerglut! Wir haben jedoch glücklicherweise nur
noch eine kleine halbe Stunde zu marschieren, bis wir den Steinhof erreichen,
und wir legen den Weg nunmehr rasch genug zurück, denn jetzt hält uns nichts
mehr auf demselbigen auf. Die Mädchen wollen zwar anfangen, ihre Füsse
nachzuziehen; aber Ewald, im kurzen Trabe sich zu mir wendend, meint grinsend:
    »Jetzt ist es ein wahres Glück, dass sie ihren Magen geradesogut als wir
spüren, sie drehten sonst richtig noch um und gingen nach Hause. - Alle Donner,
Rührei und Schinken, Kinder, ich sage euch, so fressig wie jetzt ist's mir -
seit gestern mittag noch nicht im Leibe zumute gewesen! Ho, jetzt will ich nur
wünschen, dass dem Vetter diese letzte Nacht recht lebendig von mir geträumt hat
und er sich wenigstens annähernd anständig auf die Visite eingerichtet hat. Nun,
Leute, im Notfall steigen wir ihm selber in die Rauchkammer und brechen ihm wie
Schillers ganze Bande in seine Würste ein. Die anderen Stücke von ihm, ich meine
Schillern - kann er ja dann derweilen mit euch herdeklamieren. Von mir weiss ich
Bescheid und sage, erst essen, und zwar ordentlich, und dann meinetwegen soviel
Poesie und Geschichte und Philosophie und Ästetik, als ihr wollt und leisten
könnt. Was sagst du, Fräulein Gräfin?«
    »Nach dem Essen! In dem Grasgarten im Grase und im Schatten. Lass aber jetzt
nur das lange Reden; die Sonne sticht zu arg. Evchen, ach Gott, am besten ist's,
man macht die Augen zu und läuft zu und denkt sich lang hin in das Gras in dem
Grasgarten unter den grossen Kirschbaum.«
    »Siehst du! Und heute abend müssen wir auch wieder nach Haus. Oh, ihr habt
ja nicht auf mich hören wollen!«
    »Mit einer Mamsell wie du drei Schritte über die Gartenhecke hinaus
spazierenzugehen ist wirklich ein Pläsier«, brummt Ewald halb höhnisch, halb
verdriesslich.
    Wäre der Weg noch eine Viertelstunde länger, so ist nicht abzusehen, wie
tief unsere Stimmung noch sinken könnte. Das ist die gewichtige Viertelstunde,
auf die es in so vielen Erdenlagen und Stimmungen ankommt zu unserem Behagen
oder Elend. Wir haben diesmal glücklicherweise nur noch fünf Minuten in einem
steinigen, holperichten, ausgefahrenen Feld-und Hohlwege zurückzulegen, um
wieder auf allen Höhen unseres jungen, taufeuchten Sommer- und Sonnenrausches
festen Fuss zu fassen.
    »Hurra, der Steinhof!... Vivat der Vetter Just Everstein!«
    »I, i, wat kümmt mi denn da?« sagte der Vetter. »Das ist aber schön! I,
siehst du wohl, hier sitze ich nun schon den halben geschlagenen Morgen und
warte auf Trost. Da kommt er mir vierspännig, gerade als ich denke, Just, jetzt
gehst du zum Essen, ohne dass sie dich suchen, sonst gibt es noch mehr Spektakel
und Unfrieden auf dem Hofe, und du hast eigentlich gerade genug für heute
davon.«
    Er sass wirklich auf einem Stein am Wege unter einem Dornbusch ausserhalb
seines Erbsitzes, dieser kuriose Vetter; und als er damals aufsteht und gähnt
und grinst und sich reckt und dehnt, ist er ein lang aufgeschossener Junge von
nicht ganz zwanzig Jahren. Ein vollkommener, aber aus allem rund um ihn und an
ihm herausgewachsener Junge. Dass also alles was aus ihm noch werden kann,
augenblicklich noch in ihm steckt, ist sicherlich etwas, was nur sehr wenige
meiner fraglichen Leser vermuteten. So einer, der etwas selber erlebt und
erfahren hat, ist immer klüger als derjenige, welchem er nachher davon erzählt.
    »Holla, was schiebst du in die Tasche, Vetter? Richtig, da sitzt er in der
Sonne und verstudiert sich weiter! Zeig gutwillig, oder ich ziehe dir mit der
Jacke das Fell vom Leibe!« ruft Ewald. »Kinder, jetzt macht er auch Verse!...
Gedankenspiele beim Pflügen!... Als Hannchen in die Flachsrotte fiel!... Und da
hat er den alten Urlateiner, Vater Bröder, auf dem Feldsteine warm gesessen. Ei,
guck mal, Fritze, gerade wie wir auf dem dummen Gymnasium! Was nicht von oben in
den Kopf will, dem kommt man viel bequemer mit einem anderen Körperteile bei.
Hat jemals jemand so einen verrückten Kerl erlebt? Es ist doch reinewegs nicht
zu glauben, was die Menschheit alles leisten kann. Und dann möchte man sich da
nicht die Haare darüber ausraufen, dass man nicht die Häute mit seinem
Nebenmenschen austauschen kann? O ihr gottverdammten Götter von Rom und
Griechenland, was gäbe ich dafür, wenn ich der Bauer auf dem Steinhofe wäre und
dieses urverbohrte Monstrum mit seiner lateinischen Grammatik hier ich!«
    »Jetzt höre auf oder du wirst langweilig, Ewald«, rief Irene Everstein.
»Kommen Sie, Vetter Just, und hören Sie nicht auf den albernen Bengel -«
    »Und du bist doch nicht böse, dass wir schon wieder da sind, lieber Just?«
fragt Eva. »Die beiden Jungen sind schuld daran; ich wollte eigentlich nicht mit
-«
    »Und wenn sie alle im Grasgarten im Grase liegen und schnarchen, dann sitzen
wir beide wach zusammen, Just!« sage ich, und der Vetter, blöde, freundlich,
seelenvergnügt und nicht »urverbohrt«, sondern urverschämt sein glänzend Gebiss
im Kreise herum zeigend, steht in unserer Mitte; und es hat gewiss selten einen
anderen Menschen gegeben, der sich so wenig wie er um diese Lebenszeit gegen
Güte und Bosheit der Welt zu wehren wusste.
    Gottlob kommt ihm auch jetzt ein Trost und eine Hülfe aus der Ferne her,
nämlich vom Zaun des Steinhofes.
    »Da ruft sie zum Essen! Und wir haben gestern ein Rind ich will lieber nicht
sagen gegen meinen Willen, sondern wegen Futtermangel, wie sie sagt,
geschlachtet. Und jetzt kommt nur rasch; ihr kennt sie ja!«
    In Bodenwerder wird es wahrscheinlich gerade zwölf Uhr schlagen. - -
    Es ist ein schlechter Boden, sagten die Leute, die sich darauf verstanden,
von dem Steinhofe und der dazugehörigen Länderei, und sie konnten nichts dafür,
wenn sie es nicht ahnten, was für Prachtgewächse dieser schlechte Boden
hervorzubringen vermochte. Es war Jule Grote, die über den Zaun rief, und zwar
mit einer Stimme, in die der Himmel alles Gift, was er eben vorrätig hatte gegen
die irdischen Zustände, hineingelegt zu haben schien.
    Ich kenne es heute viel besser als damals, das gute alte Mädchen nämlich,
und weiss, was der Vetter an ihr hatte. Er weiss es ebenfalls heute besser als
damals. Damals, das heisst an jenem Tage, schob er uns sich voran auf dem
Feldwege durch den kärglichen Haferacker und brummte:
    »Ich komme mit; aber, Kinder, ich sage euch, gerne wäre ich heute allein
nicht nach Hause gegangen! Es ist alles mal wieder vom frühen Morgen an kopfüber
kopfunter gegangen, und ich bin an allem schuld gewesen. Ach Gott, ach Gott, wo
ich meine Hände habe, soll ich meinen Kopf haben, und wo ich meinen Kopf habe,
da will sie meine Hände sehen. Und dann soll ich meine fünf gesunden Sinne
zusammennehmen und bedenken, wozu mich der liebe Herrgott in die Welt und hier
auf den Steinhof hingesetzt hat. Und wenn sie nur wüsste, wer ihr all das Elend
mit mir eingebrockt hat, sagt sie. Es muss wohl von weit her kommen, meint sie,
und das ist das einzige, was sie darüber weiss; und ich, Fritz, ich weiss auch
nicht mehr. Sie hat doch meinen Vater gekannt, und meinen Grossvater dunkel; von
den zwei habe ich es wohl auch etwas, aber nicht ganz, sagt sie, wenn ihr die
Hände anfangen vor Ärger zu zittern und sie mit der Schürze vor den Augen abgeht
und ich auch und ihr doch nichts in der Wirtschaft in den Weg lege, sondern sie
mit der Vormundschaft ruhig regieren lasse hier auf dem Steinhofe. Und dann
werde ich doch auch erst nächste Ostern übers Jahr mündig und mein eigener
Herr!«
    Mit einer uns an ihr ganz fremden Grazie schiebt Irene Everstein ihren Arm
in den des armen Teufels und sagt:
    »Bitte, Herr Just.«
    Das war ganz und gar meine Mutter in ihrem Verkehr mit ihrer Umgebung; aber
bei meiner Mutter hatte ich noch nie darauf geachtet, wie vornehm sie mit den
Leuten umzugehen wusste.
    In diesem Moment aber war es natürlich Herr Ewald Sixtus, Untersekundaner
usw., der's bewies, wie weit man mit einer guten Lunge und mit zärtlich tuender
Unverschämteit in der Welt reicht. Mit der ersten erschütterte er durch ein
Jubelgeschrei die Lüfte auf eine Viertelstunde im Umkreis, mit der zweiten
sprang er über den Zaun des Steinhofes und hing sich der braven Jungfer Grote an
den Hals:
    »Da sind wir wieder, Jule! Sehen Sie, so wird die Sehnsucht endlich doch
belohnt! Wie lange stehen Sie denn schon hier und gucken nach mir aus über die
Planken, Mamsell Grote? Komm her, Fritz, und gib Pfötchen. Gibt sie dir aber
auch einen Kuss, so morde ich dich heute abend auf dem Rückwege. Lebendig kommst
du dann nicht wieder auf Schloss Werden an. Und nun rasch, Jule, Sie wissen es,
dass Sie für mich zum Fressen sind! Rasch - jeder holt sich Messer und Gabel und
seinen Teller selber aus der Küche.«
    »O herrje, herrje - und die jungen Damens auch wieder!« rief die wackere
Haushälterin und Vormünderin auf dem Steinhofe, ächzend sich aus den Armen ihres
stürmischen Verehrers und zweiten Lieblings frei machend. »Ich habe es seiner
Mutter im Kindbett und Totenbett versprochen, dass ich so lange bei ihm aushalte,
als er mich bei sich behält!« sagte sie von ihrem ersten Liebling - dem Vetter
Just Everstein.
    Nun bekommt Eva Sixtus eine bewillkommnende Hand und dann Irene auch;
letztere aber erst, nachdem diese Hand vorher noch einmal in der blauen
Kattunschürze unnötigerweise abgetrocknet und abgewischt worden ist.
    »Aber das ist mal schön! Nehmen sie es nur nicht übel; aber es ist mein
Schicksal: jedesmal, wenn wir die Ehre haben, haben wir gemistet auf dem
Steinhofe und ist der Herr Just den ganzen Morgen durch nicht aufzufinden und
abzurufen gewesen. Ich brauche nur am Abend zu sagen: Just, jetzt passt du mir
aber auf die Gottesgabe morgen früh, so geht er durch mit seinen
Lateinerbüchern, und ich sitze allein mitten drin in der Wirtschaft und den
Tagelöhnern. Was daraus werden soll, weiss ich nicht; na, aber Essenszeit ist's
freilich jetzo längst, und nächste Ostern übers Jahr wird er einundzwanzig alt
und sein eigener Herr. Ach Gott, gnädigstes Fräulein Gräfin, Ihr Herr Vater
sollte nur einmal einen einzigsten Tag lang an meiner Stelle sein! Und - Ihre
Mutter auch, Herr Langreuter, aber davon will ich weniger sagen, denn die ist ja
auch ein Frauenzimmer und hat das Ihrige durchgemacht in ihrem eigenen Haushalt
und bei anderen Leuten.«
 
                                 Achtes Kapitel
Wie viele schöne, geistreiche, vornehme Menschen habe ich auf meinem Lebenswege
kennengelernt!
    Auf die körperliche Schönheit am Menschen achte ich sehr genau und mit
grössester Teilnahme und bin noch heute imstande, einen ziemlichen Umweg zu
machen, um ihr in den Gassen und Häusern begegnen zu können. So bin ich zu der
festen Überzeugung gelangt, dass ihrer nicht weniger wird in der Welt.
    Geist ist im Überfluss vorhanden. Dies weiss ja ein jeder selbst am besten.
Wer glaubt nicht, von seinem Überfluss an tausend und aber tausend reichlich
abgeben zu können?
    Von der Vornehmheit brauche ich eigentlich gar nicht zu reden. Ich habe da
nur sehr wenige kennengelernt, die sich in ihrem innersten Herzen nicht zum
allerhöchsten Adel der Schöpfung rechneten und jedwede Vernachlässigung, ein
jeglich Übersehenwerden dieser schmeichelhaften, aber wahren Tatsache nicht mit
den grimmigsten Zugen in das goldene Buch ihrer Selbstschätzung eintrugen. Und
je kälter sie dabei lächelten, desto schlimmer war's für den schnöden, mehr oder
weniger unbewussten Gleichmacher. Er sank jedenfalls sehr tief in ihren Augen und
sofort unbedingt aus allem Anrecht auf irgendwelche Berücksichtigung ihrerseits
vollständig heraus. Und das war recht - ist recht und - wird recht bleiben; denn
es ist allzu angenehm und kitzelt zu süss um das Zwerchfell herum, um jemals von
uns als Recht aufgegeben zu werden.
    Nun hinke ich hier durch den kümmerlichen Hafer seines Feldes hinter dem
Vetter Just her. Hübsch ist er nicht, schön noch weniger. Geistreich hat ihn
noch niemand genannt, und was seine Vornehmheit anbetrifft - nun, so hat er es
ja selber gesagt, dass er mit dem etwas recht fraglich gewordenen Wappen seiner
Ahnen über seiner Stalltür nicht das mindeste mehr anzufangen wusste.
    Was ist es nun, das diesen lang aufgeschlodderten, wehleidigverblüfft um
sich stierenden grossen Jungen uns als ein Ideal alles dessen, was die Jugend
liebhat an der Sonne, der Erde, den Weibern, den Professoren und den Königen,
hinstellte?
    Eine ganz einfache Sache, nämlich, dass er von allen diesen schönen und
herrlichen und grossartigen Dingen und Wesen etwas an sich hatte, und zwar das,
was die Jugend am ersten und mit der glücklichsten Bewunderung aus ihnen
herausfühlt. Die, welchen das zu hoch klingt, haben nie zwischen dem vierzehnten
und fünfzehnten Lebensjahre an einem Julitage auf der Erde lang ausgestreckt
gelegen und, die Hände unter dem Hinterkopfe, sich - die Sonne ins Maul scheinen
lassen, wie die Redensart lautet. Sie haben nie die Grossmutter am Winterofen
erzählen hören und sie nachher auf dem Sterbebette gesehen; sie haben nie die
Wellen rauschen hören, die Aphrodite gebaren; und auf das Rauschen und Leuchten
der hellen Sommerkleider im Walde hinter ihnen haben sie auch wenig geachtet.
Ihnen hat es, was die Gelehrten anbetrifft, nie imponiert, was die verrückten
Kerle im Laufe der Jahrtausende alles möglich gemacht haben. Ganz umsonst für
sie ist Alexander von Mazedonien bis zum Indus vorgedrungen und hat sich von dem
König Porus durch Heldenhaftigkeit gutwillig besiegen lassen. Heldenhaftigkeit
ist nicht in ihnen; sie haben nie die Lebensbeschreibungen des Plutarch unter
das Kopfkissen gelegt oder die Kirschblüten im Garten auf sie niederfallen
lassen.
    Heldenhaftigkeit und somit die Sonne, das Geheimnis und Wunder der Erde, das
Weib und die Wissenschaft steckten in dem Vetter Just Everstein.
    »Das ist ein ganz drolliger Patron!« sagten diejenigen, welche es immerhin
noch ganz gut mit ihm meinten und ihre wahre Meinung über ihn nicht zu schroff
äussern wollten.
    »Kennen Sie diesen schnurrigen Kauz, den sogenannten Vetter Just, noch
nicht?« fragte sich die Gegend weit umher und fügte, ohne die Antwort
abzuwarten, hinzu: »Oh, dann lernen Sie ihn doch ja recht bald können; es wird
Sie nicht gereuen.«
    »Düt is 'nen ganz verrückten Minschen«, meinte der zum Steinhofe gehörige
Teil der in diesem Augenblicke in diesen Memorabilien um den Esstisch auf dem
Steinhofe versammelten Tafelrunde. Die das sagten - die Knechte, Mägde und
Tagelöhner des Steinhofes -, hatten recht, vollkommen, zweifellos recht: der
Vetter Just Everstein war ein ganz und gar verrückter, das heisst ihnen und noch
vielen anderen gänzlich ins namenlose Weite entrückter Mensch.
    Es war eine Bauernstube der alten, rechten Art, in der wir uns jetzt mit zu
Tische setzen. Und es ist der richtige alte Tisch mit den richtigen Näpfen und
Schüsseln darauf. Es hat seit dem Jahre 1838, in welchem Jahre der Freiherr von
Münchhausen seinen Gastfreund, den Baron Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher, in
der Bocage zum Warzentrost als Syndikus bei seiner
Luftverdichtungs-Aktienkompanie anstellte, manch liebes Mal mehr voll, ein
Viertel, halb und drei Viertel auf dem Kirchtürme von Bodenwerder geschlagen.
Der Fortschritt ist wieder ungeheuer gewesen; unsere Bauern sind die »Herren
Ökonomen« geworden und gründen längst selber Zuckerfabriken und
Luftverdichtungs-Aktiengesellschaften. Ihre Jungfern haben sich »mamsellen«
lassen und werden Fräuleins genannt. Fräulein Emerentia von Schnuck-Puckelig ist
eine Wahrheit geblieben; aber die Tochter vom Oberhofe ist zu einem schönen
Phantasiebild geworden: der treue Eckart - diesmal Karl Leberecht Immermann
genannt hat wieder einmal vergeblich am Wege gestanden und warnend die Hand
erhoben. Wir haben uns ein Unterhaltungsstücklein aus seinem weisen,
bitterernsten Buche zurechtgemacht; - kehren wir rasch auf den Steinhof zurück.
Was bleibt auch mir anderes übrig, als mir heute aus den Zuständen der
Vergangenheit eine angenehme Gegenwartsunterhaltung künstlerisch-chemisch
abzuziehen und das Caput mortuum in den frischesten Wind zu streuen, der
augenblicklich vor dem Fenster weht?!
    Sie sass schon um den Tisch, die Hausgenossenschaft des Steinhofes, als wir
dran und drüber hinfielen. Und da Jule Grote vollständig recht hatte und der
Meister bis jetzt noch fehlte, so ging es um ein beträchtliches weniger lehrhaft
an der Tafelrunde zu als damals auf dem Oberhofe, als der Jäger zum erstenmal
der Unterhaltung zwischen dem Hofschulzen und seinen Leuten zuhörte.
    Grosse Bohnen und gekochten Schinken gab es heute auch hier wie damals auf
dem Oberhofe, als der Jäger dort zum erstenmal seinen Platz am Tische einnahm.
    Auf des Meisters Stuhl, obgleich er kein Meister war, sass der Vetter. Ihm
zur Rechten Jule Grote, ihm zur Linken Irene Everstein. Der zur Seite sass Eva
Sixtus und ihr gegenüber ich neben der grimmig-klugäugigen Haushälterin und
unbestrittenen Herrin des Steinhofes. Dem Freund Ewald gegenüber lag schwer auf
den Tisch hin der Oberknecht, ihm zur Seite sass die Grossmagd, und die anderen
bis zum Hofjungen schlossen sich in bunter Reihe an. Millionen von Fliegen waren
gleichfalls vorhanden, auch Bienen und anderes Flügelgesindel kamen aus dem
Garten und der übrigen freien Natur, gerade wie wir von Schloss Werden, ohne
vorher um Erlaubnis anzufragen. Die Temperatur in der niedrigen Stube war sehr
hochgradig; die Balken der geweissten Decke drückten schwer herab, und es half
gar nichts zur Kühle, dass die schmalen, niedrigen Fenster geöffnet standen. Über
die Schwelle der offenen Stubentür traten Hahn und Hühner mit erhobenen Füssen
ungeniert und liessen auch ihre Naturlaute nicht etwa blöde auf dem Hofe zurück.
Hund und Katze konnten frei ein und aus gehen, hielten sich aber so dicht als
möglich an uns; und da sie nicht auf dem Tische geduldet wurden, so trieben sie
sich wenigstens unter ihm herum und warteten mit nervöser Ungeduld auf alles,
was von ihm für sie abfiel. Von der Wand hinter dem Vetter Just mahnten die Zehn
Gebote, sehr bunt unter Glas und Rahmen, zu ihrer Beobachtung. Hinter dem
kleinen Spiegel zwischen den Fenstern fehlten die Pfauenfedern und neben ihm der
Kalender des laufenden Jahres nicht. Seltsam berührte (ich darf diese kitzelnd
zugespitzt moderne Redensart an dieser Stelle wohl anwenden) nur der Ofen
hinter mir, und nicht als solcher, sondern durch das, was auf ihm stand. Auf ihm
stand nicht etwa der alte Fritz in Gips mit seinem Krückstock oder der Kaiser
Napoleon mit untergeschlagenen Armen (beides hätte durchaus nicht seltsam
berührt!), sondern es stand da in einem hübschen Miniaturgipsabguss, wenngleich
ziemlich gelb angeschmaucht - die Mediceische Venus der gesamten Tafelrunde des
Steinhofes gegenüber.
    »Und da ich sie mir einmal von so 'nem wandernden Italiener mit seinem Brett
auf dem Kopfe angeschafft habe, so bleibt sie da auch stehen, Fritz!« hatte mir
der Vetter gesagt. »Es braucht ja keiner s' anzugucken, wenn er nicht mag; - ich
habe mein Geld dafür gegeben, Fritz. Sieh mal, ihr anderen und dann alle
berühmten Menschen in der Welt habt nur das vor uns voraus, dass ihr euch vor
dergleichen nicht fürchtet und schämt. Guck mal, mir geht es noch schwer ab, dass
ich darüber rede, und ich täte es auch ganz gewiss nicht, wenn du nicht auch mit
den anderen deine schlechten Witze darüber gemacht hättest. Lass mir aber nur mal
einer einen mit dem Besenstiel dran rühren! Dafür hat die weisse Gipsmadam doch
zuviel gekostet!«
    Dieses letzte Wort bringt mich auf die wenigstens auf dem Papier noch
gegenwärtige Stunde zurück.
    »Anderwärts als hier auf dem Steinhofe esse ich sie nicht, und wenn der Tod
darauf stünde«, sagt Ewald, schmatzend wie eines jener unwählerischen Tiere, für
welche der Schöpfer die wackere Hülsenfrucht Vicia Faba hauptsächlich erschaffen
haben soll. »Evchen mag sie nur ihres Geruches in der Blüte wegen, und Irene isst
sie nur, weil sie schauderhaft hungrig ist und meinetwegen, nämlich weil sie im
Heroismus nicht hinter mir bleiben will. Fritze frisst natürlich alles herunter,
ohne darüber nachzudenken; und Sie, Jungfer Grote, bitte, noch 'n Stück aus dem
Fetten. Schad't nichts, wenn auch ein bisschen nah vom Knochen. Die Würmer sind
ja mit im Kessel gewesen, Jungfer Jule -«
    »I, so höre einer! Ein ganz nichtsnutziger Junge bist du«, stammelt die
Wirtschafterin des Steinhofes, »und -«
    »Und beissen einen Sekundaner, den seine Herren Lehrer längst schon Sie
anreden müssen, nicht mehr.«
    Ein breites, glänzendes, zähnefletschendes Grinsen geht um den ganzen Tisch.
Die Knechte stossen ihre Nachbarn mit dem Knie an, die Mägde kichern, und nur der
Hofjunge schlingt ungerührt weiter.
    »I, so soll mich doch!... Nun höre einer!... Ach, herrje, bist du auch schon
so lateinisch? Du?... Was kosten denn jetzt die Rohrstöcke bei euch auf Schulen?
Sind wohl höllisch dies Jahr missraten in Hinterpommern oder wo sie wachsen, weil
du mir hier Glocke zwölf am Tage so kommst wie ein Maikäfer, wenn's Abend wird?!
Herr Langreuter, Sie verdirbt er auch noch in Grund und Boden; und er ist es
auch allein, der alle Augenblicke mit Ihnen hierher nach dem Steinhofe
hervagabundiert, dass Sie, Fritzchen, mir meinen Jungen da, meinen Just, noch
mehr aus seinem Menschenverstande heraus verführen, was eine Sünde ist, mehr als
ich sagen kann, und was seine Schwester auch wohl weiss, und wenn ich nur nicht
die lieben Gesichterchen so gern auf dem Steinhof hätte, so wollte ich schon
noch mehr sagen; aber die gnädige Frölen Gräfin darf's mir dreiste glauben, ich
nehme es keinem übel, wenn er es anders gewohnt ist bei Tische, und grosse Bohnen
sind freilich nicht jedermanns Sache, da hat der Junge recht.«
    »Wenn Sie den hier meinen, Jungfer Grote«, lacht Irene Everstein, mit ihrer
Gabel auf Freund Ewald deutend, »so sollte ich nur mal 'nen Augenblick lang
Ihren grossen Löffel da in der Hand haben! Ach, herrje, ich würde ihm deutsch auf
sein Lateinisch geantwortet haben. Und übrigens haben sie ihn auch nur deshalb
mit nach Sekunda genommen, weil er ihnen für Tertia zu lang geworden ist.
Wachsen kann jeder, und wir auch; nicht wahr, Eva?«
    Sie stand auf, und da alle sie darauf ansahen, sagte sie:
    »Ich will mir nur ein Glas Wasser vom Brunnen holen.«
    »Bleib sitzen, das will ich dir besorgen«, sagte der Vetter Just,
gleichfalls aufstellend. »Du weisst doch, Irene, dass dir die Winde zu schwer ist.
Es springt hier nicht so bequem aus einem Löwenmaul wie bei euch auf Schloss
Werden.«
    Er erhob sich tölpisch genug von seinem Stuhl; aber Ewald Sixtus und ich,
wir waren ruhig sitzen geblieben; und es ist auch heute erst, in der Erinnerung
der fernen Vergangenheit, dass mir das bemerkenswert erscheint. Ich schätze es
übrigens jetzt für ein Glück, dass die Feinfühligkeit nicht bei allen Menschen
mit den Jahren wächst. Wer würde es aushalten können in einer Welt, in welcher
dieses die Regel wäre und die Leute ohne das in keiner Achtung stehen und es
auch nicht zu Vermögen bringen könnten?
    Jule Grote sah ihrem vierschrötigen, langen, unmündigen Mündel mit einem
Ausdruck von verdriesslichem Jammer nach, der sich gar nicht beschreiben lässt.
Sie hob den Löffel zum Munde; aber sie liess ihn wieder auf den Teller sinken und
brummte:
    »Da danke einmal einer dem lieben Herrgott für die gute Gottesgabe!« Und
dann grimmig sich zu Ewald Sixtus wendend, rief sie:
    »Dich sollte dein Vater aus alter Freundschaft von Schulen abtun und hierher
auf ein halb Jahr zur Probe in die Wirtschaft geben. Vielleicht brächtest du ihn
noch aus der Unvernunft heraus und zu ordentlichem Sinn und Gedanken. Von euch
anderen aber ist es mir eine grosse Ehre und Pläsier; aber besser ist's doch, ihr
bleibt mir so weit als möglich weg vom Steinhofe. Was nutzt der Kuh Muskate? Und
was haltet ihr mir den Bauer auf dem Steinhofe noch mehr von der Arbeit ab?
Soweit meine Besinnung reicht, haben sie zwarst alle, vom Vater zum Sohn, hier
auf dem Hofe 'nen Vogel im Kopfe mit in die Welt gebracht, aber solch ein
nichtsnutzig ganzes Nest wie dieser doch keiner! Du lieber Himmel, was daraus
werden wird, weiss ich; und doch liege ich Nacht für Nacht wach und bitte, dass
einer kommt und es mir sagt, gerade als ob ich es wie das höchste Glück nie
genug hören könnte! O ihr junges Volk sollt es nur auch erst einmal erfahren
haben, wie es dem Menschen zumute ist, wenn er sich so an seine Sorge anklammern
muss und um seinen Willen gar nicht gefragt wird dabei!«
    Das war gerufen und doch nur über den Tisch geächzt - »der Leute wegen«; -
als ob die nicht schon längst Bescheid und den Vetter Just zu nehmen gewusst
hätten, wie sie ihn gebrauchen konnten. Ihnen war es ganz bequem so, wie er war;
und Jule Grote hatte recht, vollkommen recht in ihrem Jammer und Ingrimm: der
Steinhof musste zugrunde gehen unter einem Bauer wie der Vetter Just Everstein.
    Doch der Vetter Just ist eben mit dem Glase klaren Wassers aus seinem
Ziehbrunnen für die Komtesse Irene zurückgekommen. Er hat fein ein Klettenblatt
darunter gelegt, und ein Bär könnte es nicht zierlicher präsentieren. Endlich
sind wir alle satt - sogar der Junge vom Hofe ist satt und äussert es durch einen
klagevollen Laut, der aber nicht allein Seufzer ist und auch nicht bloss aus der
Tiefe seines Busens sich emporringt. Ein jeder geht, mehr oder weniger
gutwillig, wieder an seine Arbeit; nur der Vetter Just nicht, der doch am
gutwilligsten gehen sollte. Und wir nicht; denn dazu sind wir wahrhaftig nicht
vom Schloss Werden durchgebrannt!
    Wir liegen, wie wir es uns auf jeder schattenlosen Stelle unseres Weges
lockend ausgemalt haben, im hohen Grase, im Grasgarten des Steinhofes unter dem
grossen Kirschbaum; der Vetter Just Everstein aber sitzt in unserer Mitte am
Stamm des Kirschbaumes und hält die Knie mit den langen Armen umschlungen. In
der Küche hält Jule Grote die Kaffeemühle im Schosse und schüttelt die Haube und
wirft bedenkliche Blicke durch das kleine Fenster nach ihren Gästen und ihrem in
aller Welt nichts nützen jungen Herrn und Meister. Dieses aber gehört besser in
ein ander Kapitel, und ich beginne das sofort.
 
                                Neuntes Kapitel
Es war nicht der erste Everstein mit einem Nagel oder Vogel im Kopf, den der
Steinhof erzeugte. Es hatten schon mehrere des Namens die Umgegend in Erstaunen
gesetzt; und dieser Freund Just war auch nicht der erste, den die Gegend
»Vetter« nannte und von dem sie nach jedem Nachbarschaftsbesuche mit der Hand im
Haar oder mit dem Knöchel des Zeigefingers vor der Stirn Abschied nahm und sich
auf dem Heimwege fragte:
    »Ist denn das 'ne Möglichkeit?«
    Der Vetter Just musste es aber doch wohl in der Absonderlichkeit allen seinen
Ahnen zuvortun; und was zuviel ist, das ist zuviel! »Vieles hat er von seinem
Grossvater und seinem Vater, aber nicht alles«, sagte Jule Grote.
    »Der verfluchte Junge. Totschlagen könnte ich ihn alle Tage ein paar Male!«
pflegte sein seliger Vater zu seufzen. »Und totgeschlagen hätte ich ihn auch
schon längst, wenn mir da nicht immer sein Grossvater in das Gedächtnis käme,
Nachbar, und ich mir denken müsste, was kann er denn eigentlich dafür, wenn's ihm
einmal im Blut steckt?! Mich hat's wohl gottlob übersprungen; aber seinen
Grossvater hättet Ihr kennen sollen, Nachbar. Na, richtig, Ihr habt ihn ja
gekannt, und so müsst Ihr doch auch sagen, dass so 'ne Weisheit, als der
prästierte, auch nicht allentalben und immer für Geld und gute Worte zu haben
ist. - So nehme ich ihn denn am Kragen und schüttle ihn in der hellen Wut, und
er sieht mich dumm an und sagt nichts oder sagt: Ja, Vater!, und dann muss ich
ihn wieder laufen lassen; - denn, Herr Amtmann, Sie sagen wohl: Das müssen Sie
eben nicht tun, Everstein, sondern Sie müssen sich und dem Bengel einen Zwang
antun, aber nun ist denn dieses wieder nicht in meiner Natur. Ich kann leider
Gottes den Grimm und die Wut über den Nichtsnutz nicht festalten über dem
Nachdenken über ihn. Es ist eben unsere Natur! Was für die anderen Bauern der
Mist ist, das sind für uns hier auf dem Steinhofe die Hirngespinste und
Spintisierereien; und seit Olims Zeiten ist das so mit uns gewesen. - Ja, Sie
haben recht, Base, dass das nicht so weitergehen kann, wenn der Steinhof nicht
zugrunde gehen soll, wenn ich mal die Augen zutue; aber Sie sind ein verständig
Frauenzimmer, Base, und so will ich Ihnen denn meinen letzten Trost nicht
vorentalten. Sehen Sie mal, was hat uns auf dem Steinhofe seit mehr denn
hundert Jahren immer wieder rausgerissen? Die gütige Vorsehung! So ist das bei
meinem Vater gewesen und bei dem seinen und so weiterfort rückwärts. Immer hat
sich noch, wenn die Not am grössten war - ein vernünftig Weibsbild gefunden, dem
das Elend jammerte und das also ein gut Werk an uns tat und - uns nahm. Von
meiner will ich nicht reden; aber seit sie auf dem Kirchhofe liegt, vermisse ich
sie doch auch recht sehr! Aber meine Mutter, als was Justs Grossmutter nun ist,
das war eine Frau! Wenn ich da an meinen seligen Vater denke, so kann ich nur
die Hände zusammenlegen und sagen: Uh jemine!... Und sehen Sie, Base, auf so
eine hoffe ich denn auch zum Besten von meinem Strick von Jungen da und bei
allem, was nach uns kommt auf dem Steinhofe. Die Weibsleute haben uns noch immer
aus dem blauen Nebel und allen Dummheiten herausgeholt. Denn was Sie auch sagen
mögen, Base, angewiesen seid ihr ja doch allesamt mit eurem ganzen Interesse auf
uns, wenn ihr uns mal genommen habt, eure uneigennützlichen Gefühle beim Jasagen
ganz unbesehen. Sie brauchen da nur an den Ihrigen und sich selber zu denken,
wenn Sie es mir erlauben, Frau Base.«
    Für die Richtige war es wohl noch ein wenig zu früh am Tage.
    »Wenn die Zeit kommt, werde ich mich nach ihr schon auf die Lauer legen, wie
es mein Vater für mich getan hat und den sein Vater für ihn«, pflegte der Alte
einer jeden solchen sorgenvollen Erörterung als Schluss anzuhängen. Leider erging
es ihm wie den meisten Erdenbewohnern: er starb an einer Erkältung in der
Heuernte, ehe er sich nach der Rechten auf die Lauer gelegt hatte; und der Junge
hatte dann auch nicht weiter nach ihr gesucht, sondern die Tage und sein
Wachstum in ihnen hingenommen, wie's ihm kam, unter staatlicher
Obervormundschaft und unter der Pflege und Vormundschaft von Jule Grote.
    Die Sommersonne scheint auf den dichtbelaubten Kirschbaum, und Licht und
Schatten halten ihren flimmernden Tanz auf dem weichen Grase unter ihm. Irene
hat ihren blonden Kopf in Evas Schoss gelegt und ist dem Schlafe näher als dem
Wachen. Ewald liegt lang ausgestreckt auf dem Bauche, hält seinen Kopf auf beide
Fäuste gestützt und starrt blinzelnd auf den Vetter und zuckt mit den
Ellenbogen, als ob er die ganze Welt in die Seite stossen und sie gleichfalls auf
ihn aufmerksam machen möchte. Auch ich halte in der grünen Kühle die Augen nur
mit Mühe offen; aber annähernd horche ich doch auf alles, was hin und wieder
gesagt wird, und gehe auch wohl mein Wort mit drein.
    »Wenn du lange genug nachgedacht hast, so darfst du meinetwegen dreist
sagen, was du denkst, Just. Wenn ich satt bin und weich liege, kann ich allen
Unsinn ruhig anhören, Vetter Just«, spricht Ewald mit einer Miene, als ob er
noch nie während seiner gelehrten Laufbahn vom Klassenlehrer einer unverschämten
Redensart wegen zur Tür hinausbefördert worden sei.
    »Ich denke ja an gar nichts!« antwortet der Vetter Just. »Was sollte ich
denn denken?«
    Irene von Everstein, ihre Augen halb öffnend, murmelt:
    »Solch einem dummen Jungen antwortete ich auch das nicht einmal, Just. Er
soll drei Bäume weitergehen und uns hier unter unserem jetzt ungeschoren lassen.
Das ist meine Meinung.«
    »Und meine auch!« ruft Evchen Sixtus mit ganz ungewöhnlicher Energie.
    »I, sieh einmal, Jungfer Naseweis! Bist du auch noch da? In deiner Stelle
wäre ich längst in der Küche, um Donna Julia Cichoria beim Kaffeekochen und in
ihrem Kummer um ihren dummen Jungen zu unterstützen. Was ist deine Ansicht von
der Sache, Fritzchen?«
    »Halt's Maul und lass mich wenigstens in Ruhe, Ungeheuer.«
    »Und dies soll nun nicht grob sein?!« brummt das »belebende Prinzip« in
unserer Gesellschaft, dreht sich auf die Seite und grinst: »Bist du mir böse,
Just?«
    »Seit dem schönen Wetter zu Anfang voriger Woche habe ich euch hier schon
voraufgerochen. Jetzt ist es nett von euch, dass ihr mal wieder da seid. Ne, böse
bin ich dir gerade nicht; denn Fritz und deine Schwester und Fräulein Irene
wissen es, dass man auf keinen gern wartet, auf den man nicht jeden Morgen nach
der Witterung ausguckt.«
    »Sehr schön gesagt!« brummt Ewald, jetzt wirklich sich abseits und unter
einen etwas entfernten Stachelbeerbusch wälzend. »Gute Nacht, alle miteinander!
Wenn wieder mal was Interessantes vorkommt, so weckt mich freundlichst. In
Gehörweite für euren Unsinn bleibe ich euch zu liebe. Na, das Blech!«
    Die Sonne liegt auf allen Bäumen des Grasgartens des Steinhofes; aber die
Vögel in den Bäumen haben bereits ihre Siesta beendigt und fangen von neuem an,
munter zu werden, um den trotz seiner Länge so kurzen schönen Tag so vergnügt
und glücklich als möglich auszunutzen - gerade wie wir. Die Komtesse sitzt
wieder aufrecht und sehr helläugig da. Ihre Augen glänzen vor mädchenhaft
lustiger Mutwilligkeit, als sie sagt:
    »Hört nur, er schnarcht schon, der Unmensch! Jetzt sind wir unter uns. Rückt
alle zusammen; - und nun sagen Sie, Vetter Just - es hört keiner zu als ich und
Eva, Fritz und die Spatzen im Baum, und wir meinen es alle ganz ernst -, haben
Sie es hübsch weitergebracht, seit wir zum letztenmal hier auf Besuch waren?«
    Mit seinem tölpischsten Lächeln sieht der Vetter in die Ferne:
    »Wieso soll ich es denn weiterbringen, wenn ich nicht mal weiss worin?«
    »Ach, verstellen Sie sich nur nicht, Vetter! Bitte, sehen Sie nicht so dumm
aus! Damit machen Sie anderen Leuten was weis, aber uns nicht. Sie studieren
sich immer weiter hinein bis zum Klügsten von uns allen, und das sind Sie auch
von Natur schon lange; und nun werden Sie nur nicht rot, denn das nützt Ihnen
noch viel weniger als das Dummaussehen. Sie studieren ja alles rundum verrückt,
sagt Jule Grote; - sich selber - sie - den ganzen Steinhof. Und wo das enden
will, weiss sie nicht, sagt sie.«
    »Es ist auch nur Ewalds Neid, weil er für das, was einem anderen soviel
Vergnügen macht, soviel Prügel von seinen Herren Lehrern gekriegt hat«, meint
Evchen Sixtus schüchtern, und: »Unsinniges Volk!« klingt es von dem
Stachelbeerbusch faul und schlaftrunken her.
    »Ja, es ist ein Spass!« sagt der lange, im nächsten Jahre mündige Vetter Just
Everstein und verzieht den Mund wie ein ausgelachtes Kind, und - heute weiss ich
genauer als damals, was das Auslachen und Ausgelachtwerden unter den Menschen
bedeutet seit den Tagen des Urvaters Noah. Ich lache viel seltener als damals
aus eigenem Antrieb, und noch viel seltener lache ich mit.
    Damals lachte ich mit, und zwar in die grinsende Bemerkung von dem
Stachelbeerbusche her:
    »Hu, der alte Bröder! Schlag ihn doch mit unserem Zumpt auf den Kopf,
Fritze! Uh; na, mein Junge soll's besser haben als ich.«
    Wir achten, was unsere Unterhaltung unter dem Kirschbaum anbetrifft, von
jetzt an nicht im mindesten mehr auf die Stimme vom Stachelbeerbusch her.
    »Es ist die lateinische Grammatik gar nicht«, stottert der Vetter.
    »Sondern deines Grossvaters ganzer Bücherschrank, den du mit dem Steinhofe
von deinem Vater geerbt hast, Just. Funkes Naturgeschichte, Blancs Geographie,
der ganze Schiller, Goetes Götz von Berlichingen und Werters Leiden, Engels
Philosoph für die Welt, Natan der Weise, Minna von Barnhelm, Emilia Galotti,
das Mildheimische Not- und Hülfsbuch, das Mildheimische Liederbuch, Beckers
Weltgeschichte und die Geschichte von dem Schweizer Schullehrer Pestalozzi -«
    »Hat der Kerl auch ein Buch geschrieben?« fragt der Stachelbeerbusch. »Bist
jetzt habe ich gemeint, dass der nur den General Wallenstein nicht mit ermordet
hat.«
    »Ach, das war ja ein ganz anderer!« ruft Eva Sixtus noch einmal gutmütig,
und:
    »Halt endlich deinen Mund, Sixtus!« rufe ich auch noch einmal, aber gutmütig
gerade nicht, und:
    »Wer spricht denn eigentlich mit euch?« klingt es unverschämt zurück. »Nicht
einmal träumen darf man wohl mehr von euch verrücktem Volk? Natürlich, der Herr
Vetter darf ruhig am hellen, lichten Tage nachtwandeln gehen, ohne dass es einem
anderen auffällt als höchstens der Jungfer Jule. Schön also - und noch einmal
gute Nacht!«
    Er trifft mit seinen nichtsnutzigen Redensarten dann und wann
sonderbarerweise den Nagel auf den Kopf, der gute Freund unter dem
Stachelbeerbusch. Wir betrachten uns alle von neuem den Vetter Just Everstein
unter seinem Kirschbaum und sehen ihn uns auf das Wort von dem Nachtwandeln hin
an.
    Er lässt die Knie fahren, reibt sich die langen Beine eine Weile sehr
nachdenklich, windet sich sozusagen an sich selber langsam und mühselig in die
Höhe, hat mich dabei, ohne dass ich den geringsten Widerstand zu leisten imstande
bin, mit emporgezogen und sagt:
    »Komm du mal mit, Fritz. Ihr anderen könnt uns rufen, wenn der Kaffee fertig
ist.«
    Er hält mich mit eisernem Griffe am Oberarm, tritt über den Kameraden unter
dem Stachelbeerbusche weitbeinig hinweg und nimmt mich mit sich, und ich weiss
schon wohin; denn es ist nicht das erstemal, dass er mich in dieser oder doch
einer ganz ähnlichen Weise abseits führt. Und ich weiss auch schon wozu; denn es
ist nicht das erstemal, dass er sich an mich hält, wenn die anderen und die Welt
ihm und er selber sich zuviel werden. Damals lachte ich ebenfalls; heute sehe
ich sehr ernstaft aus, wenn Leute Vertrauen in mich setzen, Rat von mir haben
wollen und sich auf mich mehr als auf andere verlassen zu dürfen glauben. Ich
habe im Laufe der Zeiten allzuviel von meinem Grundvermögen an Selbstvertrauen
ausgegeben und eingebüsst, um das Ding jetzt noch bequem, leicht und vergnüglich
nehmen zu können - ach, armer Vetter Just, und wie fest und angstaft verliessest
du dich an jenem Sommertage auf meine Schülerweisheit und wolltest Licht daraus
für deinen ganzen tapferen, guten, grossen Lebensweg! Mein bester Trost ist da
heute, dass dir damals noch viel weniger damit geholfen gewesen wäre, wenn ich
dir mit der vollen Summe meiner jetzigen Weisheit hätte aufwarten und zu Hülfe
springen können!
    Es befindet sich in einem Erker im Dache des Wohngebäudes auf dem Steinhofe
ein einfenstriges Gemach, von dem aus man eine weite Aussicht hat über Wälder
und Felder, ferne und nahe Hügel und Berge, eine Aussicht, so gut sie eben ein
Blick, dem Lande Westfalen zu, liefern mag. Die Wände sind vor fünfzig Jahren
vielleicht zum letztenmal geweisst worden. Der Gipsfussboden ist in den
kuriosesten Mustern nach allen Richtungen hin gesprungen und senkt sich ziemlich
schräg von dem Fenster der Tür zu. Urväterhausrat ist der Ofen, der Tisch und
die zwei Stühle. Urväterhausrat ist der Schrank, der des Grossvaters Bücherei
entält. Ein gut Drittel alles Raumes nimmt des Vetter Justs Bettsponde ein, in
welcher der Vetter, ganz entgegen der landesüblichen Gewohnheit, auf Stroh
schläft und auch nicht unter dem gewohnten Federgebirge und kugelartigen
Deckbett.
    »Er ist ein Monster in allem, was er tut und lässt!« stöhnt Jule Grote
jedesmal, wenn sie den Schlüssel in der Tür steckend findet oder ihn sich mit
Gewalt erobert.
    Der Vetter, der meinen Arm auch auf der Treppe nicht losgelassen hat,
befördert mich mit einem plötzlichen Schub und Stoss in die Mitte seines
Heiligtums. Hastig verschliesst und verriegelt er die Pforte von innen, dann
wendet er mir ein von verschämtem, aber glückseligstem Lächeln verklärtes
Gesicht zu und seufzt aus tiefster Brust:
    »So! Nun lass sie kommen!... Willst du eine Zigarre, Fritz?«
    Ich weiss, obgleich ich selber nichts weiter als ein »dummer Junge« bin,
womit ich dem alten wundervollen Jungen in diesem Raume zu Gefallen sein kann
wie niemand sonst in der Welt. Und die Luft in diesen engen vier Wänden muss von
sonderbaren Sporen und Keimen erfüllt sein: Dschinnistan ist für uns beide da;
die träge Verdauungsstunde unter den Bäumen des Grasgartens, aus dem wir eben
die Treppe heraufgekommen sind, ist wie in ein fern vergangenes Jahrhundert
entrückt, ich sitze auf dem Bette des Vetters, und er hält mir das brennende
Schwefelholz an den dargebotenen Glimmstengel und flüstert glänzenden Auges:
    »Langreuter, ich habe ihn heraus!«
    Es ist ein süsses Blatt, das ich da verqualme; aber ins Husten gerate ich
doch darüber, und zwischen dem Husten frage ich:
    »Wen hast du heraus, Just?«
    Ein Schlag auf die Schulter wirft mich zurück auf den Strohsack und mit dem
Hinterkopf an die Wand.
    »Den Magister mateseos!... Es ist, weiss Gott, richtig! Das Quadrat der
Hypotenuse ist wahrhaftig so gross wie die Summe der Quadrate der beiden Kateten
am rechtwinkeligen Dreieck!«
    Ich reibe mir wohl den Hinterkopf ein wenig; aber so betäubt haben mich der
körperliche Puff und die geistige Überraschung doch nicht, dass ich nicht mit
Herz und Seele, mit Armen und Beinen und vor allem mit einem Hurra aus gesunder
Lunge an der wissenschaftlichen Errungenschaft des Vetters teilnehmen könnte.
    »Das ist famos! Das ist brillant! Just, das ist grossartig!... Und ganz
allein aus dir selber; - das ist riesig -«
    »Ich habe dich auch bloss dazu mit hier heraufgenommen. Jetzt brauchst du nur
noch zu brüllen: Das ist borstig! Das ist haarig! - und wir können wieder zu
Ewald und den Mädchen in den Garten hinuntergehen, Fritz!«
    Es kommt einem gewöhnlich erst, lange nachdem man alle seine Examina hinter
sich hat, wie schwer es ist, mit den wirklichen grossen Herren aus Dschinnistan
umzugehen, und - den meisten kommt es gar nicht. Die lobwürdigsten Examina in
sämtlichen Brotfächern tun da nicht das geringste zur Sache. Mit wahrer
Subtilität will nur immer das behandelt sein, was hinter dem berühmten Kanzler
Oxenstjerna steckt, nicht der wenige Verstand in ihm - nach seinem eigenen Wort
-, der dazu gehört, um die Welt militärisch und civiliter zu verwalten.
    »Du hast recht, Vetter«, sage ich kleinlaut zurück; »vergib mir nur noch mal
das Dumme-Jungen-Betragen. Na, alter Kerl, gib mir die Hand. Dass ich mich
riesenhaft freue, wenn es dir gut geht, weisst du ja. Und dass du ein nobler Kerl
bist und zwanzigmal mehr wert als wir anderen miteinander, das weiss ich. Und
jetzt komm hierher an den Tisch und beweise mir das nichtsnutzige Untier Von
Lehrsatz gleichfalls. Was die verdammte Bestie mich an Schweiss und Blut gekostet
hat, das wissen die Götter. Und frage nur Ewald. Matematik ist seine Force,
aber drei Glatzköpfe könnten sich Perücken aus den Haaren machen lassen, die er
sich darüber ausgerauft hat, und vom Oberlehrer Dr. Grimme weiss ich es fest: er
trägt eine aus dem Busche, der auf Ewalds Kopf gewachsen ist, und hat sich das
Material selber mit den Wurzeln ausgezogen.«
    »Den Witz habe ich schon einmal anderswo in Büchern gelesen, Fritz«, meint
der Vetter.
    »Dann kannst du dich fest darauf verlassen, dass es gar kein Witz ist,
sondern eine richtige, schreckliche Wahrheit, Just. Frage nur Ewald danach.«
    Nun hängen wir über dem Tische, und der Vetter Just Everstein beweist mir
den Magister. Es müsste ein gut Stück vom einstürzenden Himmel dem Erben und
Meister des Steinhofes auf den Kopf fallen, um ihn zum Aufgucken zu Veranlassen.
Er verwickelt sich und gerät auf falsche Fährten und gerät auch sich mit der
Faust in den blonden Haarwulst. Er findet sich wieder zurecht, und es wird licht
und immer lichter vor und in seinen Augen. Endlich ist er siegreich durch und
sein autodidaktischer Triumph vollständig.
    »Hurra!... Weiss Gott, er hat den Pytagoras unter sich und kniet ihm auf der
Brust!... Vetter, du bist ein Riese! Und auch dies hast du alles aus dir
selber...?«
    »Und aus Büchern!« sagt der Vetter Just Everstein viel verschämter als ein
junges Mädchen, dem man zum erstenmal sagt, dass es hübsch sei. Die junge Dame
auf dem Ball erfährt da natürlich nichts, als was sie sich schon längst selber
mitgeteilt hat; der Vetter Just aber weiss von nichts, was ihn selber angeht, und
glaubt am meisten noch der Mamsell Jule Grote, die ihm jeden Tag von neuem zu
hören gibt, dass er der grösste Nichtsnutz, Unverstand und Tagedieb sei, den der
liebe Herrgott in seinem Zorn zu ihrem Elend in die Welt und auf den Steinhof
habe hinsetzen können.
    Von den »Büchern« kommen wir natürlich auf des Grossvaters Bücherschrank.
Dschinnistan - Genieland, Geisterland öffnet seine Pforten immer weiter. Wir
haben längst alle Berechnung darüber verloren, was es in Bodenwerder geschlagen
haben mag auf dem Kirchturme. Wir kümmern uns nicht im geringsten darum, dass es
auch auf dem Steinhofe eine Uhr gibt, die ziemlich richtig die Zeit anzeigt und
von Jule Grote gewissenhaft immer von neuem aufgezogen wird.
    Wir sind zum Kaffee gerufen worden und haben nur geantwortet:
    »Ja, gleich. Im Augenblick!«
    Irene hatte Freund Ewald die Augen mit ihrem Taschentuch verbunden, und er
hat den Blinden im Blindekuhspiel recht gut zu spielen gewusst. Wir haben das
helle Lachen und Kreischen wohl vernommen und dabei aufgeguckt und gefühlt, dass
es in dieser engen Kammer unter dem Dache an diesem Julinachmittage ziemlich
schwül sei trotz dem offenen Fenster; aber wir haben auch diesen Lockungen nicht
Folge geleistet, sondern nur wiederholt:
    »Ja, gleich! Wir kommen ja schon!«
    Damals brummte mir der Kopf, als Ewald Sixtus zuletzt eine Leiter mit Hülfe
des Hofjungen vom Schafstall herüberschleppte, sie am Hause emporrichtete und
plötzlich durch jaches Erscheinen in der Fensterbank und unbändig Geschrei uns
mit roten Köpfen und offenen Mäulern aus Traumland und Literatur vom Ende des
achtzehnten und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in die Welt der Wirklichkeit
und in die Gegenwart zurückriss. Heute weiss ich ganz genau, wie das Schicksal,
wahrscheinlich mit dem Finger an der Nase, über den Vetter Just Everstein
dachte, nämlich:
    »Höre, lieber Sohn, dich kenne ich wie alles übrige gut genug, um dich wie
alles übrige auswendig zu wissen. Du würdest mir ein netter Halm geworden sein,
wenn ich dich von deinen Eierschalen an auf den Mist gesetzt hätte, der dir
heute dein Ideal ist. Dich hätte ich wohl verbrauchen sollen als dyspeptischen
Professor der Philologie und dysoptischen Doktor der Philosophie nicht wahr?!
Ne, ne; nicht rühran! Hier wächst du mir mit deinen Spinnen im Kopfe auf deinem
angeerbten höchst realen väterlichen Dünger und in der Gesellschaft von Jule
Grotes Ferkeln und Küken auf. Nachher werden wir weitersehen und den Kerlen mit
ihren Systemen beweisen, dass doch auch in unserem Durcheinander und
Kopfüber-Kopfunter ein gewisses System vorhanden ist! Bitte, geniere dich ja
nicht, du Tropf! Rede mir nur drein und zappele dich ab, um dir und mir meine
Widersinnigkeit zu beweisen. Es haben mich schon ganz andere Völkerschaften und
Herrschaften als du für absolut ungereimt erklärt und das mir sogar auch
schriftlich gegeben; ich habe aber zuletzt immer doch noch einen ziemlich
passenden Reim auf sie zu finden gewusst. Nur schade, dass ich nicht wie ihr sagen
kann: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.«
 
                                Zehntes Kapitel
»Wie süss das Mondlicht auf dem Hügel schläft!«
    Es schläft auf allen Hügeln in der Ferne der Erinnerung für den rechten
Menschen: die Sonne mag ihm noch so häufig hell und scharf aufgegangen sein im
Leben.
    Und Porzia sagt:
Das Licht, das wir da sehen, brennt im Saal:
Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft!
Und Porzia sagt:
    »Horch, Musik!«
    »Es sind die Musikanten Eures Hauses«, antwortet Nerissa; und -
    one touch of nature makes the whole world kin: wer möchte nicht immer so
nach Hause kommen, bei Mondenlicht und wenn der Schein der heimatlichen Lampe
durch die Bäume flimmert und des Hauses Musik dem Heimkehrenden, der den heissen
Tag mit seinen Freuden, Nichtigkeiten und Widerwärtigkeiten durchwanderte, leise
und wehmütig, aber süsser und herzlösender als alles, was der Tag zu bieten
hatte, von fernher entgegenklingt?
    Das ist nicht bloss in Belmont so gewesen, das war lange vorher so, ehe
Venedig existierte, und wird hoffentlich auch wohl noch so sein, wenn es längst
wieder in dem Sumpfe, aus dem es emporstieg, versunken ist.
    Wie oft sind wir so heimgekommen, wir glücklichen Kinder damals?! Aus den
grünen Wäldern und aus den bereiften Wäldern. Aus der Maiblumenzeit und aus dem
Herbststurm. Von der Johanniswürmerjagd und vom Eislauf. Sie behaupteten dann
jedesmal, dass sie sich recht sehr um uns geängstigt hätten; aber dieses gehörte
ja ganz und gar zu der Musik, mit der uns die Heimat empfing, und wer möchte in
späteren Jahren einen Ton der besorgten Liebe, die früher auf ihn achtete, in
der Erinnerung vermissen?
    Sie haben es uns nicht merken lassen, oder aber wir haben auch wohl nicht
darauf geachtet, dass viel grimmigere Sorgen als unser spätes Nachhausekommen das
Schloss Werden ängstigten. Der Herr Graf hat es seiner Tochter nicht mitgeteilt,
welch einem schlimmen Shylock mit Messer und Waagschale seine Existenz
verpfändet war. Er hat seine Lebensnot für sich behalten, wie meine Mutter ihre
Ahnungen davon gleichfalls nicht laut werden liess. Selbstverständlich haben doch
viele Leute darum gewusst; wir aber nicht, denn zu den »Leuten« gehörten wir eben
damals noch nicht. Es gehört erst das richtige Alter dazu, ehe man zu seinem
eigenen Schaden von der Welt unter jenes Sammelwort mit einbegriffen wird.
    Dass es schlecht um den Steinhof stand, wussten wir; denn Jule Grote tat ihrer
Zunge keinen Zwang an in ihren Warnungen und Vorwürfen, mit denen sie ihn (den
Vetter Just einbegriffen) immer noch zu retten oder, wie sie sich ausdrückte,
»herauszureissen« hoffte; - aber wie schlimm es um Schloss Werden stand, das haben
wir erst erfahren, als nichts mehr herauszureissen war. Die Leute hatten eben
viel zuviel Respekt vor dem Herrn Grafen, um ihm mit ihren Warnungen,
Redensarten, gutem Rat und Vorwürfen zu kommen.
    Aber aus Kindern werden Leute. Die Zeit steht nicht still - weder in dem
grünen Walde noch im entblätterten, weder über der Weizensaat noch über dem
Stoppelfelde, nicht auf dem Flusse noch diesseits und jenseits desselben, weder
in Bodenwerder noch auf dem Steinhofe und auf Schloss Werden.
    Wir sind vier oder fünf Jahre älter geworden und, was uns Knaben anbetrifft,
eben dem Gymnasium entwachsen. Ich habe mich der Philologie gewidmet und treibe
die dahin einschlägigen Studien in der grossen Stadt Berlin; was daraus werden
wird, ist mir augenblicklich noch recht dunkel; ich habe eigentlich nicht gerade
viel Lust, später einmal den gelehrten Schulmeister zu spielen und
meinesgleichen wiederum heranzubilden und grosszuziehen. Ewald Sixtus befindet
sich auf einem süddeutschen Polytechnikum. Er hat die Absicht, Baumeister,
Ingenieur oder dergleichen zu werden, und kostet vorderhand seinem »Alten« in
dem »billigen Süden« ein Erkleckliches.
    »Unser römischer Namensvetter würde wohl andere Saiten gegen seinen Jungen
aufgezogen haben, wenn die Wechsel nie reichen wollten«, brummt der Alte in dem
Försterhause. »Aber der Wildkater weiss es einem immer so plausibel zu machen,
Herr Graf; - und dann ist da jedesmal, wenn die Ferien kommen, seine Schwester
für ihn da, Frau Langreuter, und geht einem um den Bart; und so ein gutes Kind
wie das Mädchen, Frau Langreuter, das hat die Gegend hier herum noch nicht
weiter aufgezogen; die gnädige Komtesse ist natürlich ganz anders ein nettes,
vornehmes Frauenzimmer. - Ei, sich mal, Fritze, bist du auch mal wieder da?
Jaja, der alte Kessel! Nicht wahr, es rudelt sich doch immer wieder ganz gut
daselber? Na, morgen kommt auch mein Junge; da werden ja denn wohl das stille
Leben und die Friedlichkeit für andertalb Monate ihr Ende haben.«
    Ich sollte nun auch wie der Papa Sixtus von den zwei jungen Damen oder den
beiden Mädchen, Irene und Eva, in zwei Worten ein Charakterbild geben. Und dies
wunderbare Tema lässt sich im Grunde auch wirklich so abmachen. Sie waren
Fräulein, die eben zu Jungfräulein geworden waren; und sie übersahn uns weit.
    »Sie können einen verrückt machen mit ihrer klassisch grossartigen
Süffisance«, sagte Meister Ewald und meinte hauptsächlich die Komtesse Irene.
»Ho, ich glaube wahrhaftig, man muss sie erst geheiratet haben, um ganz genau zu
erfahren, was eigentlich hinter ihnen steckt!«
    Grossartige Selbstgenügsamkeit hatte ich Even in ihrem Verkehr mit mir nicht
vorzuwerfen; aber es kam ziemlich auf dasselbe hinaus, wenn ich dann und wann
ihr Betragen für höchst sonderbar und sie für ein merkwürdig unberechenbares
Frauenzimmer erklärte. Dass man ein »Frauenzimmer« heiraten könne, war mir in dem
Kreise in einer Vorstellungen als etwas Mögliches und vielleicht auch zu
Erstrebendes noch nicht deutlich und fasslich. Die geniale Äusserung Ewalds in
dieser Beziehung überhörte ich zuerst ganz, dachte dann am nächsten Tage
zufällig wieder daran und schrieb sie mir erst in der folgenden Nacht als eine
kolossale Frechheit und als - etwas ungemein Interessantes fest ins Gedächtnis.
    Gewachsen sind unsere Nussbüsche an der Gartenhecke nicht mehr; sie sind aber
noch mehr ins Breite gegangen mit ihren Zweigen und überschatten einen weiteren
Kreis. Unsere alten Kindernester hängen noch in diesen Zweigen; aber es sind
ausgeflogene Nester. Die jungen Damen klimmen nicht mehr zu ihnen empor, und nur
Freund Ewald ruft noch dann und wann hoch in einem Wipfel das Gedächtnis
früherer, seliger fauler Stunden in seinem Busen wach und lässt seine langen
Beine mit alter Grazie uns auf die Köpfe niederbaumeln; denn unser
Lieblingsplatz sind die Bänke in diesem lieblichen Schatten doch geblieben,
trotzdem dass wir so sehr erwachsen und verständig und anständig geworden sind.
    Es ist aber einerlei; auf dem Grunde unserer Seele schlafen doch alle alten
fröhlichen Neigungen. Wir gehen noch von dem »grossen Nussbaum« aus den Unserigen
durch; der einzige Unterschied ist, dass die Mädchen (auch Irene) noch ein wenig
mehr Einwendungen zu machen haben und dass wir es zu Hause mitteilen, dass wir
»ausgehen«, und uns die Erlaubnis nicht ohne weiteres selbst nehmen. Früher
freilich liessen wir alle unsere Sorgen den lieben Angehörigen, heute nehmen wir
schon ein gut Teil unserer eigenen Sorgen auf alle unsere Wege, auch auf die
lustigsten, mit uns.
    Und da sind wir wieder auf dem Wege, von dem wir erst im Anfange dieses
Kapitels beim süssen Licht des Mondes und beim Lampenschimmer der Heimat
zurückkehrten. Es ist wieder Sommer, und wieder steht Mondschein im Kalender.
Wir gehen wieder auf Besuch zu dem Vetter Just nach dem Steinhofe; aber nicht
nur, wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe: auch wenn man zweimal
dasselbe tut, ist es gleichfalls nicht mehr dasselbige. Die Namen, die Adam den
Dingen gab, bleiben wohl, und die Menschheit darf sie dreist dabei nennen; aber
flüchtig sind des Menschen Auffassungen und Begriffe: was er heute so nennt wie
gestern, ist heute nicht mehr das, was er gestern darunter verstand. Wir gehen
tausendmal den nämlichen Weg, aber nimmer wieder denselben; -
Ach, und in demselben Flusse
Schwimmst du nicht zum zweitenmal.
Gottlob, das Echo in unseren Bergen und Wäldern wachzurufen, haben wir noch
nicht verlernt - Ewald und ich nämlich.
    »Holla, der Steinhof: Heda, he, Vetter! Vetter Just Everstein!«
    »Holla, holla, hier!« klingt es zurück, und der Vetter, nunmehr
fünfundzwanzig Jahre alt, kommt langsam und langbeinig, unbeholfen, fett und
äusserlich unsagbar vertiert, die kurze Pfeife im Munde, über seinen Hof uns
entgegen, nach dem Hause zurückrufend:
    »Jule, da sind sie.«
    Und wieder erscheint Jule Grote auf der Haustürtreppe, um fünf Jahre
hexenhafter von aussen und weichmütiger von innen geworden.
    »O mein Je, die jungen Herrschaften! Die Ehre und das Vergnügen werden ja
jedesmal grösser; denn so wie die jungen Leute, mit Erlaubnis zu sagen,
heranwachsen, das glaubt gar keiner, der es nicht immer von neuem mit ansieht.«
    »Und du hast uns wieder voraufgeahnt, Vetter Just?« lacht Ewald.
    »Natürlich! Und sowohl von wegen der Seelenkunde als der Witterungskunde.
Nach wem habt ihr euch denn wohl am meisten wahrend des vierzehntägigen
Landregens hingesehnt als nach mir? Meteorologie nennt man dieses, wenn man
seine Freunde genau kennt und zu gleicher Zeit mit der Landwirtschaft zu
schaffen hat.«
    »Wahrlich, so ist es, Herr Vetter!« lacht auch Irene, die Hände
zusammenschlagend, und Eva lacht auch, und der Vetter gibt der letzteren zuerst
die Hand; denn sie macht sich immer noch von allen am wenigsten über ihn lustig,
das heisst gar nicht; und er weiss das um so mehr zu schätzen, je »gelehrter« er
geworden ist und weiter wird, Der Ernst und die ernstafte Teilnahme seiner
Umgebung und guten Bekannten hält selbstverständlich nicht Schritt mit seinen
Fortschritten in Bildung und Wissenschaften. Im Gegenteil, sie bleibt sehr
zurück dahinter, und die gute Bekanntschaft nimmt ihn immer vergnügter, was man
ihr schon hätte hingehen lassen können, wenn nicht leider bereits Leute darunter
gewesen wären, die auf seine »Verrückteit« spekuliert hätten und eigene
Bestrebungen darauf bauten. Die lachen nur hinter seinem Rücken, und er hat
keine Ahnung von ihnen, trotzdem dass Jule Grote ihn tagtäglich auch auf das auf
macht und mit der Nase darauf hinstösst.
    Die Lacher nimmt er in gewohnter Weise leicht.
    »Das ist mir ganz einerlei«, meint er. »Ich denke sie mir allesamt
rückwärts, wie sie alle an ihrer Mutter Brust gesogen oder eine Amme gehabt
haben oder mit Brei aufgefüttert sind und wie keiner was für seine Natur kann
und ich auch nicht. Wenn ich da muffig werden wollte, so hätte ich wohl manche
andere bessere Gelegenheit zur Wut. Ich habe doch alles versucht. Ich habe mir
eine Kanarienvögelhecke angelegt, und ich habe mich auf die Bienenzucht geworfen
- oben stehen die Bücher über beides, und es ist eine ganze Reihe geworden. Ich
habe es mit der wissenschaftlichen Verbesserung der hiesigen Ackerstelle in
ökonomischer Hinsicht probiert und - oben stehen die Bücher auch, und da habe
ich nicht den tausendsten Teil von dem, was darüber erschienen ist, aber eine
schöne Reihe ist es doch. So wahr ich hier stehe, es ist mir bitterer Ernst um
meiner Väter Erbe, obgleich ich noch nicht einmal wie sie verheiratet bin und
Nachkommenschaft habe. Der liebe Gott weiss es, wie oft ich mich schon dem Teufel
vor Angst und Verdruss hätte übergeben mögen!«
    Dieses pflegte er zu sagen; augenblicklich aber brummt er im höchsten
Behagen:
    »Wir sind eben beim Frühstück. Kommt nur rasch herein. Jule!«
    »Ich weiss ja schon, Just«, ruft die Alte, die harte treue Hand im Kreise
herumreichend. »Alles, wie es sich schickt. Vorliebnehmen ist auch was, was der
liebe Gott gern hat.«
    Da ist nun die alte gute Bauernstube des Steinhofes zum zweitenmal. Wieder
voll Augustfliegen und mit all dem übrigen Zubehör - auch den Hühnern.
    »Alles immer noch so wie sonst«, grinst der Vetter. »Tretet mir nur die
Küken nicht tot. Aber ein Skandal ist es eigentlich und schickt sich gar nicht,
Fräulein Eva. Wenn ich mir die Mastviehzucht - ich will mal sagen, die Schweine
- aus dem Salon entfernt halte, so komme ich damit an die Grenzen des
Menschenmöglichen, Fräulein Irene. Das Gedicht von Goete Grenzen der Menschheit
ist da ganz auf meinen Fall und meine Umstände gemacht.«
    »Weil wir alle wissen, dass wir hier jederzeit so, wie wir erschaffen wurden,
willkommen sind, deshalb sind wir alle Augenblicke bei Ihnen, Vetter«, lacht die
Komtesse. »Oh, kümmern Sie sich Evas und meinetwegen gar nicht um die Grenzen
der Menschheit. Lassen Sie dreist alles herein, was von Rechts wegen zum
Steinhofe gehört.«
    »Und dies ist wieder Schinken!« stottert der Vetter blöde glückselig. »Und
zu empfehlen, Fräulein. Sehen Sie, ein Barbar bin ich auch gegen diese lieben
Borstentiere nicht. Ein jeder muss doch nach seinem Nutzen in der Welt taxiert
werden - auch das Porcus! Nicht wahr, Ewald? Nicht wahr, Fritz? Jule, mehr Milch
für die Damen!«
    Wir tun ihm den Gefallen und lachen über seinen Witz herzlich; nur Ewald
bemerkt dazu:
    »Drehe mal den Schlüssel dort im Schrank und rücke mit einem Nordhäuser auf
den Schrecken heraus!«
    Wir sind diesmal mehr unter uns. Die Leute sind draussen im Felde oder sonst
in Adams Berufe tätig. Die alte Jule geht ab und zu.
    Wenn der Vetter eben noch behauptete, bereits gefrühstückt zu haben, so
könnte ihm ein magenkranker Millionär dreist zwei Drittel von seiner Million für
den Appetit bieten, mit dem er in unserer liebenswürdigen Gesellschaft frisch
von neuem ans Werk geht. Sein Hang in das Geistige hinein und sein Sehnen nach
den weniger materiellen Interessen der Menschheit haben ihm da gottlob bis jetzt
noch keinen Abbruch getan.
    Wir holen ihn natürlich mehr oder weniger harmlos aus über seine
gegenwärtigen Studien. Vierschrötig sitzt er heute vor mir da, mit beiden
Ellenbogen auf dem Tische das mecklenburgische Wappen zur Darstellung bringend,
und - verschämt wie irgendeine Jungfer im durchlauchtigsten Deutschen Bunde. Und
doch ziert er sich nicht. In seinem Kauen, Schlingen und Schlucken gibt er ganz
naiv und auch etwas geschmeichelt Nachricht von sich. Eva findet ihn im geheimen
rührend, Irene von Everstein rührend-komisch, Herr Ewald Sixtus »einfach zum
Wälzen!«, und ich - ich finde, dass sie alle recht haben in ihren Meinungen von
ihm; denn ich bin leider am festesten davon überzeugt, ihn längst herausgefunden
zu haben, und zwar als einer von den ersten. Gütiger Himmel!
    Gütiger Himmel! O du lieber Gott!... Das ist auch so ein Ausruf, durch den
sich der Mensch Luft mancht, ohne dabei viel an das zweite Gebot zu denken.
    Ich stütze den Kopf auf die Hand, und die Rechte, die ihre Federzüge
weiterführt, ist nicht mehr imstande, auf jedes Komma und jeden Punkt zu achten.
Ist es möglich, dass die Sonne so hell und der Mensch so sorgenlos sein kann? Wir
haben es an unserem eigenen Leibe und in unserer eigenen Seele erlebt; also
möglich muss es doch wohl sein! Ich habe bis jetzt meistens im Präsens
geschrieben; in den Zeitformen der Vergangenheit fahre ich von jetzt an fort zu
schreiben.
    Unser Behagen an dem guten Tage, an der guten Stunde war wieder einmal auf
das höchste gestiegen, als Jule Grote den Kopf in die Tür steckte und uns
benachrichtigte:
    »Es steht ein Mann draussen, der will die jungen Herrschaften sprechen; und
hier ist ein Brief für dich, Just. Der Landbriefträger von Bodenwerder hat ihn
auch eben gebracht; aber er hatte es eilig, und was darin steht, wusste er
nicht.«
    »Hurra!« riefen Just, Ewald und ich, die Mädchen sahen lächelnd auf und nach
der Tür. Dass uns da etwas Unangenehmes oder gar noch etwas viel Schlimmeres
kommen könne, fiel uns nicht in den Sinn. Die ganze Welt: die Erde, dieser
treffliche Bau, dieser herrliche Baldachin, die Luft, dies wackere umwölbende
Firmament, dies majestätische Dach, mit goldenem Feuer ausgelegt - war alles in
zu guter Ordnung, als dass wir uns auch nur den allergeringsten Riss durch es
hätten vorstellen können.
    »Man hat doch keinen Augenblick vor ihnen Ruhe!« hatte Ewald gerufen und war
aufgesprungen, um den Boten von Schloss Werden hereinzuholen oder draussen
auszufragen nach dem, was man von uns wünsche. Der Vetter hatte seinen Brief
ruhig neben seinen Teller gelegt und nur gesagt:
    »Er ist von Stakemann in Bodenwerder. Weshalb kommt der alte Junge nicht
selber, wenn er mir was zu sagen hat? Na ja, es ist eben keine Jagdzeit.«
    Er wischte langsam und behaglich die fettglänzenden Finger an seiner
Lederhose ab, ehe er das Schreiben von neuem aufnahm und es erbrach. Als
Gelehrter wusste er natürlich, dass man jedwedes Schriftstück mit dem gehörigen
Respekt (selbst wenn es nur vom Freund Stakemann in Bodenwerder war) und vor
allen Dingen mit Reinlichkeit zu handhaben habe.
    »Komm doch mal heraus, Fritz«, sagte Ewald Sixtus dann von der Schwelle, und
auf seinem Gesicht war keine Spur mehr von der Lust der Minute vorhanden.
    »Was ist denn?« fragten die beiden Mädchen immer noch lachend; doch schon im
nächsten Augenblick hatten sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Vetter Just
Everstein zu richten, der mit seinem jetzt geöffneten Briefe in der Hand wortlos
und mit offenem Munde dasass, dann sich über die Stirn strich wie einer, dem der
kalte Angstschweiss ausbricht, wieder das Geschreibsel ansah, aber doch nur, als
ob er den Inhalt desselben träume, dann die Hand schwer auf den Tisch und auf
seinen Teller fallen liess, dass die Scherben davon nach allen Richtungen hin
auseinanderflogen, und zuletzt aufstand und starr dastand und in jenen Riss
blickte, der einem jeden zu irgendeiner Stunde mehr oder weniger durch sein
Universum gegangen ist. Die Wand und die Stubendecke fällt wohl nicht so leicht
ein, wohl aber das mit goldenem Feuer ausgelegte Firmament - die ganze Welt, wie
wir sie uns dachten in unserer Unerfahrenheit von ihr.
    Den Boten hatte uns meine Mutter eine Stunde nach unserem Weggange von
Schloss Werden nachgejagt. Der Herr Graf war in einem Gartenwege vom Schlage
gerührt, gelähmt und bewusstlos aufgefunden worden. Als der Bote sich aufs Pferd
warf, lebte der arme Herr zwar noch; aber es stand schlimm mit ihm, und - »die
Frau Langreuter wäre am liebsten selber gekommen, um die gnädige Komtesse nach
Haus zu holen«, sagte der Bote. »Was ich sonst vernommen habe, ist, dass kurz vor
dem Unglück ein Brief von dem Herrn Doktor Schleimer in Bodenwerder angekommen
war.«
    Das war ein jäher Schrecken, der an dieser Stelle kurz abgemacht werden muss.
    Den Brief hatte der gute Freund des Vetters aus Bodenwerder geschrieben, und
er lautete:
    »Pass auf, Vetter Just! Seit vorgestern fehlt der Doktor Schleimer, und seit
heute morgen ist es sicher, dass er, wenn er es irgend möglich machen kann, fürs
erste nicht nach Hause kommen wird. Du solltest das Aufsehen hier sehen, aber
natürlich hat's jetzt jeder längst vorausgewusst. Ob ihn die Gerichte durch ihre
Steckbriefe und Signalements wieder einholen werden, ist die Frage. Aber eine
andere Frage ist s, wie Du eigentlich mit ihm stehst. Du weisst, er hatte einen
sicheren Schuss, das muss man ihm lassen; aber dass er auch zu anderen Dingen als
bloss zur Jagd nach dem Steinhof hinaufgekommen ist, glaubt mehr als einer, der
manchmal nach Euch hingehorcht und seine Augen offen gehabt hat, z.B. ich.
Kannst Du ihm ruhig nachsehen, so ist's mir sehr lieb, und ich bitte Dich, gib
baldigst Nachricht, dass ich aus der Sorge komme. Hast Du da Dreck am Stecken, so
bin ich Dein Freund und habe Dich hiermit verwarnet. Du bist dann aber zu Deinem
Trost der einzigste nicht, der sich vor Gift die Haare auszuraufen hat. Hier
sind Dutzende, die dem Notar den Kalk von den Wänden herunter nachfluchen, und
darunter am meisten die, welche mit dem urfidelen Kerl (und das war er!) auf der
Kegelbahn und an unserem runden Tisch beim Postalter Brüderschaft gemacht oder
ihn zum Gevatter gebeten haben. Aber das will noch gar nichts sagen; meine feste
Überzeugung ist, dass der Gegend das richtige Licht erst dann aufgesteckt wird,
wenn es jeder von Euch biederen Landleuten zu den Akten gegeben hat, wie er
unter Euch gewirtschaftet hat. Wahrhaftig, mir sollte es recht leid tun, Vetter,
wenn Du auch in diesem Falle mit zu seinen besten Bekannten gehörst, und ich
kann nur wünschen, dass Dir Dein verrücktes Latein und sonstige unsinnige
Liebhabereien zum erstenmal was genützt und zu dem richtigen Misstrauen in
Geldsachen und Unterschriften gegen die Menschheit verholfen haben. Dieses alles
habe ich Dir als Freund geschrieben; denn dass es mir recht käme, wenn dem
Steinhofe durch solchen abgefeimten, nichtswürdigen Spitzbuben und Durchgänger
ein Malheur passierte, wirst Du wohl aus alter Bekanntschaft und von wegen der
vielen vergnügten Stunden daselbst nicht meinen«, usw.
    Der Vetter Just stand auf, setzte sich wieder, liess die Hände matt und flach
auf die Knie fallen und stöhnte:
    »Kinder, das ist freilich wohl für uns alle die letzte vergnügte Stunde auf
dem Steinhofe gewesen. O Fräulein Irene - sehen Sie nicht so stier hin!
Vielleicht und hoffentlich steht es wohl noch nicht so schlimm mit dem Herrn
Papa. Medizinisch kann der Mensch mehr als einen Schlag aushalten, ehe er für
immer zu Boden liegt. O Jule, liebe alte, arme, alte liebe Jule, ich wollte
gleich für alle Ewigkeit nicht wieder von der Erde aufstehen, wenn ich dir
dieses erspart hätte. Ja, ich habe dem Doktor Schleimer den Steinhof auf
lateinisch in die Tasche gesteckt, und er nimmt ihn mit hinüber nach Amerika!«
    Die alte Jule Grote fiel aus dem Weinkrampf in den Lachkrampf -
    »O Just, Just, Just, sprich doch nicht von mir!«
    Was wir anderen sagten, lässt sich nicht genau durch Wort und Schrift
ausdrücken; es war auch nicht von Bedeutung. Auch von unserem Heimwege durch den
heissen, glühenden Tag ist wenig zu reden. Weisse schwere Wolken wälzten sich, als
wir in dem morschen Kahne des Vaters Klaus wieder auf dem Flusse schwammen, über
die Berge empor und in das lichte Blaue hinein! Irene lag auf der Bank, mit dem
Kopfe an Evas Brust. Ewald hatte eine Ruderstange ergriffen, blickte von Zeit zu
Zeit auf die beiden Mädchen und nahm ingrimmig unserem Charon den schwersten
Teil seiner Arbeit ab. Ich liess mir wieder die Flut des Stromes über die heisse
Hand spülen; aber Kühle war nicht in dem Wasser.
    »Ich weiss es wohl, dass es da nicht gut steht«, flüsterte mir der weisshaarige
Schiffs- und Fischersmann beim Aussteigen zu, indem er verstohlen mit dem Daumen
nach den heimatlichen Bergwäldern deutete. »Jaja, junger Herr, es fliesst alles
hin wie das da!«, und er deutete auf seinen Fluss.
    Das war kein neues Bild; ich aber sah doch auf die eiligen Wasser zurück und
fand den Vergleich von neuem tiefsinnig und einzig zutreffend. Wie kommt es, dass
wir den Eindruck der höchsten Weltweisheit nie aus dem Verkehr mit den Herren
vom Metier, wohl aber gar nicht selten aus der Bekanntschaft und dem Umgange mit
dem Vater Klaus in seiner Fischerhütte, mit der alten Tante in ihrem
Erkerstübchen und mit dem Unbekannten, dem wir seit vier Wochen täglich in der
Gasse begegnen und mit dem wir noch nie ein Wort gesprochen haben - ziehen?!
Weil es die Gemeinplätze, d.h. die höchsten Wahrheiten sind, auf denen unser
Leben spriesst, wächst und wuchert, und nicht die hohen Offenbarungen des
Menschen im einzelnen. In ruhiger Stimmung bereiten wir uns durch die letzteren
wohl auf die entgegengesetzte vor, aber doch mehr, um die gute Stunde noch
behaglicher zu machen; die böse Stunde hat noch keiner behaglicher dadurch
gemacht.
    Es donnerte hinter den Bergen - ein langgezogenes feierliches Rollen dann
und wann den ganzen Nachmittag über. Wir kamen nach Hause, und der Herr Graf
konnte mit seiner Tochter nichts mehr sprechen. Er starb in der Nacht. Wir
anderen von Schloss Werden durchwachten sie, und wir hörten den heftigen
Sommerregen in den Blättern rauschen.
 
                                 Elftes Kapitel
Ich war dreissig Jahre alt geworden und, wie es in den Sternen geschrieben stand,
ein Schulmeister. Ich war Doktor der Philosophie und hatte die venia docendi an
der Universität Berlin. Wenn sie nur gekommen wären, um das von mir abzuholen,
was ich selber gelernt hatte! Aber sie blieben aus; sie schienen der Sache nicht
im mindesten zu trauen.
    Zuerst versuchte ich es, mein philologisches Wissen auf einem
rheinländischen Gymnasium an die Jugend zu bringen; jedoch bekam ich bald von
massgebender Stelle herunter den Rat, diesen Versuch aufzugeben. Man verwies mich
zwar nicht offiziell dabei auf meine wirklich etwas hohe Schulter; aber man
zuckte doch nur die Achseln, wenn die Jungen lachten und meine Autorität gleich
Null blieb.
    Die Kirche, die immer den Nagel auf den Kopf trifft, hat auch darin recht,
dass sie keinen mit irgendeiner auffälligen Gebrechlichkeit Behafteten unter
ihren öffentlichen Dienern leiden will. Sie hat selbstverständlich ihre Würde zu
bewahren, selbst auf Kosten ihrer besseren Überzeugung. Hat sie der
Schadenfreude und der Lust am Lachen unter ihren Lämmern ein testimonium
divitiarum auszustellen, so tut sie es und fühlt nachher nicht das geringste
Bedürfnis, sich die Hände zu waschen, wie weiland der römische Prokurator
Pontius Pilatus.
    Ich ging und überliess es besser gewachsenen Oberlehrern und Kollaboratoren,
die blonde und blauäugige Jugend der Germanen zum Einjährig-Freiwilligen-Dienst
und auf das Abiturientenexamen vorzubereiten.
    Was ich dann trieb? Ich war stark im Griechischen und Lateinischen. Einer
Lieblingsneigung wegen hatte ich mich auf das Auffinden und Nutzbarmachen
mittelalterlicher Geschichtsquellen geworfen, und man hat mich draussen eine
Zeitlang schändlicherweise im Verdacht gehabt, Doktordissertationen aus
vielerlei Fächern im Vorrat anzufertigen, auf Lager zu halten und sie bei sich
bietender Gelegenheit gegen jedes Honorar unter dem Siegel der Verschwiegenheit
(Diskretion selbstverständlich) zu verschleissen.
    Dies ist eine schnöde Verleumdung! Ich habe nur einem Menschen zum »Doktor«
verholfen, und der bin ich selber; und, um eine Redensart der polis anzuwenden
was ich mir dafür kaufen konnte, war unbedeutend.
    Aber es nennen sich, manche Leute Geschichtsforscher und edieren
Monographien, Volks- und Völkerhistorien und haben seltsamerweise vor den
Quellen gerade eine so grosse Scheu wie vielleicht in ihrer Jugend vor dem
Quellwasser, wenn es am Sonnabendabend zu einer gründlichen Reinigung ihrer
Person verwendet werden sollte. Für diese und ähnliche Herren war ich und bin
ich der rechte Mann. Als wirklich geheimer Mitarbeiter bin ich denn auch für
mehr als einen Parlamentarier schätzbar, und manches »Hört, hört!« und manches
»allgemeine Beifallsgemurmel« wäre eigentlich auf meine Rechnung und nicht die
des »verehrten Vorredners« und weit und tief blickenden Realpolitikers auf der
Tribüne der gegenwärtig tagenden hohen politischen Körperschaft zu setzen.
    Was ich mir hierfür kaufen konnte, war etwas, wenngleich nicht viel mehr als
das, was mir die Sprachen der Griechen und Römer zu Utilitäts- und Luxuszwecken
und Ausgaben abwarfen.
    So ging es mir denn erträglich nach Wunsch, und sogar was den Luxus
anbetrifft; das jedoch erst seit dem schlimmen schwarzen Tage, an dem ich meine
gute Mutter verlor und leider nicht mehr für ihr Behagen in ihren Greisenjahren
zu sorgen hatte. Ich sass im Winter warm zu Hause, ich speiste in einer der
Restaurationen mittleren Ranges der Stadt, und ich konnte mir dann und wann ein
Buch, wenn auch nur antiquarisch, anschaffen; auf dem hohen Standpunkte
wohlangewendeter Lehrjahre, der sich in dem französischen Wort »Je ne lis plus,
je relis seulement!« darlegt, bin ich auch bis heute noch nicht angelangt, hoffe
ihn aber dermaleinst zu erklimmen.
    Mein »Zuhause« bestand in einer bescheidenen Junggesellenwohnung im vierten
Stockwerk eines Hauses in der Mittelstrasse. Ich besass wohl eine eigene
Bibliotek, aber keine eigenen Möbel.
    Ich hatte harte, steinige Pfade gehen und meine Wege häufig recht heftigem
Winde, argen Staubwirbeln und unbehaglichem Regenschauer abkämpfen müssen.
Selbst in den äusserst seltenen Momenten, wo ich mich für einen äusserst
gescheuten Menschen dabei hielt, zog ich wenig Genuss und Befriedigung daraus,
nämlich aus dem, was die Nebenmenschen gewöhnlich etwas spitzig eine äusserst
glückliche Selbstüberzeugteit zu nennen pflegen. Und nun genug hiervon. Wie
kurz und abbrüchig ich dieses alles hingeschrieben habe, so habe ich es doch nur
wie jeder andere gemacht und zuerst und einzig und allein von mir selber als der
wichtigsten Angelegenheit dieser und jeder zukünftigen Welt gesprochen. Es soll
dafür aber auch bei mir nicht mehr als bei jedem anderen zu bedeuten haben -
eine harmlose, eben der Menschheit anklebende Schwäche und das gleichfalls ganz
allgemeine Bedürfnis, wenigstens etwas in der eigenen Persönlichkeit im Laufe
der Zeiten aufrecht und unberührt zu erhalten.
    Die anderen!... Wo waren die anderen im Strom der Zeit geblieben? Was war
aus den anderen geworden, die vor ein paar Seiten noch mit mir jung, gesund,
dumm und glücklich waren?
    Wenn ich es nun mit schönen Redensarten zudecken würde, wie wenig ich mich
im Grunde um diese anderen bekümmert hatte, so würde mir das leicht genug
werden. Ich könnte aber auch den nächsten guten Bekannten oder den ersten besten
Unbekannten in der Gasse anrufen, um es mir von ihnen bestätigen zu lassen,
wieviel der Mensch mit sich selber zu tun hat und wie wenig Zeit und Nachdenken
ihm für den liebsten Freund übrigbleibt, wenn sich eine Wand eine Stunde, einen
Tag oder gar ein Jahr zwischen ihn und uns gelegt hat.
    Ich habe jahrelang nur gewusst, dass Eva Sixtus in der alten Heimat dem alten
Vater immer noch haushalte, dass Ewald in seinem Beruf als Ingenieur in Irland
tätig sei und dass Irene von Everstein verheiratet in Wien lebe. Von dem Vetter
Just habe ich gar nichts gewusst. Ich erlebte es noch als Student, dass der
Steinhof subhastiert wurde und weit unter seinem Wert an einen Landsmann fiel,
der schon längst ein freundlich-begehrliches Auge darauf geworfen hatte und
einst ebenfalls zu den fröhlichsten und behaglichsten Gastfreunden und
Jagdgenossen des Vetters gehörte.
    Dass Schloss Werden gleichfalls unter den Hammer kam und unter dem Werte einen
Liebhaber fand, erfuhr ich brieflich durch meine Mutter, die dann zu mir ins
Rheinland zog und daselbst, wie gesagt, in meiner Kollaboratorwohnung nach
längerem schweren Leiden sanft gestorben ist.
    Jule Grote sollte immer noch in Bodenwerder wohnen, doch das war ein
Gerücht, von dem ich nicht einmal angehen kann, wie es zu mir gelangte. Ich
hatte viel zuviel mit meinem Griechischen und Lateinischen, meinen
mittelalterlichen Geschichtsquellen, modernen Geschichtsschreibern und
parlamentarischen Tagesgrössen zu schaffen, um mich viel um Jule Grote kümmern,
mich bei ihr aufhalten zu können. Es ist ja eben kein Aufentalt in dieser Welt
bei den besten Dingen - und bei den besten Freunden auch nicht; und wenn alle
Lebenskunst am Ende nur darauf hinausläuft, sich unabhängig von den mitlebenden
Menschen und Dingen zu machen, so ist das eigentlich gar keine Kunst, sondern
uns allen höchst natürlich.
    Nun nahm ich seit verhältnismässig langer Zeit alles als etwas, was sein
konnte, jedoch nicht zu sein brauchte. Es gewährte mir häufig das bekannte
egoistisch-kitzelnde Behagen, dass die Tage, an denen auch ich dann und wann
grimmig und selbstüberzeugt rief: »Nun soll es sein!«, hinter mir lagen.
    Die süsse und sonnige, wälderrauschende, ewige Frühlings und Erntefeste
feiernde Zeit von Schloss Werden lag auch hinter mir, und man hat es mir im
Lesezimmer der Königlichen Bibliotek nie angemerkt, dass mir bei meiner
närrischen Kompilationsarbeit die Erinnerung daran irgendwie hinderlich in den
Weg trat und mich vielleicht geduldig stimmte, wenn ein mir augenblicklich
nötiges Werk ausgeblieben war und bei einem, wie Freund Ewald seinerzeit sich
ausgedrückt haben würde, »dummen und langweiligen Kerl« lag, der doch nichts
damit anzufangen wusste.
    Mir wird bedenklich flau zumute, wie ich alles dieses hier niederschreibe,
und ich denke, offen gestanden, mit einigem Grauen an die möglicherweise doch
eintretende Stunde, in der ich diese Seiten mit ihren liebenswürdigen
Selbstbekenntnissen wieder überlesen werde. Es ist immer eine sonderbare, heikle
Sache um das Wiederlesen im eigenen Lebensbuche! An welche Leser ich mich aber
mit dem eben Niedergeschriebenen wende, weiss ich, Gott sei Dank, nicht. Mündlich
hätten mich wohl nicht sehr viele aussprechen lassen, sondern das meiste von
sich aus anders und besser zu berichten gewusst. Und es ist gut so, denn es ist
die gute Meinung, die die Welt von sich hat und lebhaft geltend macht, die diese
sonderbare Universitas aufrecht und im Gange erhält. Was sollte aus ihr, der
Welt, werden, wenn jeder es vermöchte, den anderen ruhig aussprechen zu lassen?
Eine recht objektive Welt, aber eine vielleicht doch etwas zu ruhige - - so
etwas wie ein Universalkirchhof vielleicht, voll sehr weise im Lapidarstil
redender Leichensteine. Der Herr erhalte uns also im recht fröhlichen Kriege
gegeneinander, solange es ihm gefällt, uns überhaupt zu erhalten!
 
                                Zwölftes Kapitel
Ob er wirklich so existiert, wie wir ihn aus tausendfachem Zusammentreffen mit
ihm kennenlernen, lassen wir eine offene Frage bleiben. Wie wir ihn in unsere
philosophischen Systeme einzureihen belieben: im praktischen Dasein bleibt er
verteufelt mehr als ein blosses Wort oder ein Begriff. Er ist und bleibt der Herr
und Gebieter. Und im Gegensatz zu den übrigen Erdenherren und Erdengebietern
lässt er sein Kommen vorher durchaus nicht ankündigen, weder durch die drei Stösse
mit dem Marschallstabe auf den Parkettfussboden noch durch Posaunenstösse, durch
das hervorrufen der Wachen, den obligaten Trommelwirbel, das Präsentieren der
Gewehre und das Senken der Fahnen. Die Erdenherren vor allen übrigen Sterblichen
wissen es am genauesten, dass er auch dazu - viel zu vornehm ist: er, der Zufall
nämlich.
    Von der Suppe aufsehend bei meinem altgewohnten, tagtäglichen Speisewirt,
fand ich ihn mir plötzlich wieder einmal gegenüber, und der Löffel entfiel
meiner Hand. Der Löffel ist der Hand viel grösserer Philosophen, Geschichtskenner
und dergleichen Leute bei derartigen Gelegenheiten entsunken, und sie haben es
hoffentlich stets für eine Gnade gehalten, wenn ihnen der Appetit nicht für
längere Zeit oder gar für immer verdorben wurde.
    Gottlob war das letztere bei dieser Gelegenheit bei mir nicht der Fall; aber
die Erstarrung blieb dessenungeachtet für längere Zeit die nämliche, bis sich
das sie in ihr Gegenteil, die höchste Bewegung, auflösende Wort fand:
    »Vetter!... Der Vetter Just!«
    Je unmöglicher es erschien, desto bedingungsloser drängte sich die Gewissheit
auf, dass er es war. Ja, er war es! Er war es unbedingt!... Ausgeweitet nach
allen Dimensionen; mit einem Ansatz zwar zu einer hohen Stirn, sonst jedoch in
keiner Weise infolge seines landwirtschaftlichen Bankerottes verfallen und zu
einer selbstgelehrten Ruine geworden, sondern auch - ganz im Gegenteil!...
    Er war es ganz gewiss, und zwar mit einem gewissen, völlig undefinierbaren
Anstrich vom Exotischen, einem ihm ganz sonderbar gut passenden Anflug von
Amerikanertum. Wäre einer von den Göttinger Sieben seinerzeit nach Amerika
ausgewandert, so hätte er so zurückkommen können; Professor Gervinus vielleicht
ausgenommen. Es war wundervoll!
    »Just Everstein!« stammelte ich noch einmal, mehr gegen mich selber als
gegen diese unvermutete Erscheinung am Berliner Wirtstische gewendet; und nun
legte auch sie, die Erscheinung oder er, der Vetter Just, Messer und Gabel
nieder, legte dann gleichfalls erstaunt einen Augenblick lang beide Hände auf
den Tisch, erhob sich dann langsam, bog sich über, warf das Salzfass um, was
beiläufig diesmal ausnahmsweise kein übel Omen war, und rief ganz mit der alten
unveränderten Stimme vom Zaun oder der Haustürtreppe des Steinhofes her:
    »Now?... Jetzt aber erst mal alle stille! Fritzchen!! Nun nur nicht alles
auf einmal!... Fritz? Der kleine Fritze Langreuter!... Also zuletzt doch
wieder!... Ich bin es; aber - jetzt lass auch du dich einmal anfühlen! Mensch, so
reiche doch endlich deine Hand« (your fist, sagte er) »her. O mein lieber Junge,
das ist doch zu gut!«...
    Es war ein sehr gefülltes Restaurationslokal, in dem unser Wiedersehen
stattfand, und die verschmauchten Räume füllten sich eben immer noch mehr mit
hungrigen Menschen. Sämtliche Professoren der vier Fakultäten, die Bauakademie
und verschiedene andere Akademien schütteten ihre Zuhörer über diese
behaglicheren Tische und Subsellien aus. Privatdozenten von allen Sorten schoben
sich ein; dazwischen grossstädtisches Volk von jeglicher Art. Mir schwindelte,
ich glaubte zu träumen, wenn ich an den Steinhof und unser trostloses
Abschiedsfrühstück daselbst dachte. Und ich dachte in dieser aufgeregten Minute
wirklich daran, so sonderbar das erscheinen mag, vorzüglich dem mit mehr Muskeln
als Nerven von der wohlmeinenden Natur ausgestatteten Erdenbürger.
    Ich ergriff die Hand, die mir über den Tisch zugereicht wurde; breit war sie
immer noch, aber ich hatte auch den harten biederen Griff vom Steinhofe in der
Erinnerung und nahm die weichen Finger jetzt ebenfalls als etwas ganz sonderbar
Unstattaftes.
    »O Vetter Just!«
    »Jawohl! Und ich freue mich merkwürdig, lieber Junge. Viel ins Gerade
gewachsen ist er nicht mehr in den Jahren! Aber das ist auch schön; da findet
man doch auch hier etwas wieder, was so ist, wie es war -«
    »Und wie lange bist du in der Stadt, Just?«
    »Davon nachher! Ich glaube wahrhaftig, der Kerl ist imstande und meint, dass
ich schon seit acht Wochen Wand an Wand mit ihm wohne, ohne ihn aufgefunden zu
haben! Ist es denn möglich, dass ein alter Freund so schlecht von dem anderen
denken kann?«
    »Wie kannst du verlangen, Vetter, dass ich in diesem Moment genau überlege,
was ich sage und frage? Wo kommst du her?«
    »Auch das noch!... Well, aus Amerika natürlich, wo die Leute in jedem
Momente ganz genau wissen, was sie sagen und was sie fragen. Und nun, weisst du
was, Fritz? Nun tun wir fürs erste, als ob keinem von uns beiden etwas besonders
Merkwürdiges passiert sei. Jetzt essen wir mit möglichster Ruhe zu Mittag und
besehen uns stillschweigend währenddem. Keiner nimmt es dem anderen übel, wenn
er bei dem Studium auch einmal den Kopf schüttelt. What will you drink? Alter
Kerl, wenn ich weiter nichts mit über das Wasser zu euch zurückgebracht hätte
als den alten guten Magen vom Steinhofe (Fritze, nachher stossen wir drauf an!),
so wäre auch das schon gar nicht zu verachten. Wie sagt Cicero in diesem
Falle?... Na?!... Kellner, die Weinkarte! Ach ja, die schöne Zeit, wo man alles
Gute, was kam, als etwas sich ganz von selbst Verstehendes nahm!«
    Das war nun alles so hingesagt, als ob der Mann erwarte, dass man mit dem
sonnigsten Lachen darauf Antwort gebe; und ich lachte auch, wie man hie und da
über etwas ganz Neues lacht, dem man eben noch auf keine andere Weise beikommen
kann. Es war mir nie im Leben etwas so neu erschienen als der Vetter Just
Everstein, dieser alte gute Bekannte. Ratlos, wie und wo er am richtigsten
anzufassen sei, fing ich mechanisch an, meine Suppe herunterzulöffeln, aber ohne
ihn für den kürzesten Augenblick aus den Augen zu lassen. Ihm aber schien das
grossen Spass zu machen, ihm, der so viele Jahre hindurch so oft unser Ergötzen
auf dem Steinhofe gewesen war.
    »Dir ist es gottlob gut gegangen«, stammelte ich, und:
    »Besser, als ich's verdiente«, erwiderte der Vetter Just. »Cicero hat sich
jedesmal nach einer längeren Reise für das heimatliche Gewächs erklärt, und wenn
es noch so verfälscht war; und sie haben den Falerner damals sicherlich schon
gerade so vermanscht wie heute hier diesen Rüdesheimer. Dessenungeachtet also
Auf dein Wohl, Fritz!«
    »Auf dein Wohl, Vetter Just!« stotterte ich und sah wieder stumm hin nach
dem alten wackeren Freunde.
    Das Überraschende Wiedersehen hinderte ihn in der Tat nicht, sich geradeso
durch die Speisekarte des Berliner Restaurants durchzuarbeiten wie vordem durch
alles Gute, was unsere Jule Grote auf den Tisch setzte, und nachher verstohlen
und »vermittelst eines zweiten Schlüssels« durch seine Schinken-, Speck-und
Wurstkammer.
    »Noch einmal auf dein Wohl, Fritz Langreuter!«
    »Und auf deines, sooft du willst, Just, und - die alte Jule soll leben!«
    Da war das lösende Wort, das ich bis jetzt so vergeblich zu finden gesucht
hatte.
    »Hurra, das soll sie!« rief der Vetter, auf den Tisch schlagend, dass alles
Tafelzeug emporhüpfte und man von sämtlichen übrigen Tischen sich nach uns
umdrehte.
    »Sie lebt doch hoffentlich noch und befindet sich wohl? Sie muss freilich
jetzt wohl -«
    Der Vetter hatte seine Serviette neben dem Teller niedergelegt, den Teller
von sich abgeschoben und die Hände auf die Knie fallen lassen.
    »Old boy, wenn du in die Fremde hinausgemusst hättest und ich zu Hause
geblieben wäre, so wäre ich dir, wie ich mich kenne, hoffentlich mit dieser
Frage vom Leibe geblieben. Nimm es mir nicht übel, Fritze, aber von Rechts wegen
müsstest du doch eigentlich wissen, dass sie noch lebt. Nimm es nur nicht übel,
dass sie auch die ganzen Jahre, in welchen wir uns nicht gesehen haben, noch
gelebt hat. Übrigens danke ich für gütige Nachfrage, Fritzchen! Sie sitzt wieder
ganz gut und, ihr Alter und Temperament abgerechnet, recht vergnügt auf dem
Steinhofe.«
    »Auf dem Steinhofe?... Sie hat - du hast - den Steinhof wieder, Just?«
    »Natürlich!« sagte der Vetter Just Everstein, als ob das das Natürlichste
von der Welt gewesen wäre. Kein römischer Kaiser, der je eine verlorengegangene
Provinz zum Deutschen Reiche zurückbrachte, hätte das selbstverständlicher
finden können: das wenigstens musste ich aus meinen Geschichtsforschungen und
meinem mittelalterlichen Quellenstudium wissen; und der Vetter Just hatte
vollkommen recht: es war erbärmlich wenig, was ich von der Welt durch mein
Quellenstudium in Erfahrung gebracht und darin behalten hatte.
    Nun hätte ich dreist auch mein stummes Studium der jetzigen äusseren
Erscheinung des Jugendfreundes von neuem über den Wirtstisch weg beginnen
können. Aber je nötiger es war, desto unmöglicher war es gleichfalls. Nie war
mir das Getöse, das Geklapper und Geklirr, das Kommen und Gehen rundumher so
widerwärtig und unbehaglich gewesen als jetzt. Ich sah nur wie hülflos in das
gute Gesicht mir gegenüber, und der Vetter Just nickte nur lächelnd und brummte:
    »Jaja, es ist wohl nicht der richtige Ort hier zu dem, was wir einander
vielleicht doch etwas weitläufiger zu erzählen haben. Das Getränk passt auch
nicht recht zu der Feierlichkeit der Stunde; es macht seinem Schuft von
Verfertiger wohl alle Ehre, aber melancholisch stimmt es doch. Weisst du was,
Alter? Jetzt nimmst du mich mit nach Hause. Da hocken wir einmal wieder zusammen
wie in meinem Erker auf dem Steinhofe - weisst du noch? Ach Gott, wie habe ich
mir da drüben so oft nach dem Erker und des Grossvaters Wissenschaftsschranke das
Herz abgesehnt!... Alter Kerl, und ich wohne jetzt wieder darin - den Schrank
hat freilich damals der Auktionator geholt. Dass Irene Everstein augenblicklich
hier auch in der Stadt wohnt, wirst du ja wohl wissen, obgleich du nicht gewusst
hast, dass meine alte Jule noch lebt. Und - Menschenkind, in Bodenwerder halten
sie mich immer noch für einen geradeso grossen Narren wie vor Jahren. Zum Exempel
dieses Schrankes wegen, für den ich fünfzig Dollars geboten habe, wenn ihn mir
einer noch irgendwo auftreibt. Aber imponieren tue ich ihnen jetzt doch riesig;
denn dazu braucht man nur einen hübschen Sack voll Taler, und es ist also leicht
genug. Sobald du hier von deinen Geschäften abkommen kannst, musst du mich auf
dem Steinhofe besuchen, um das Gaudium mitzuerleben. Und nun komm, deinen Kaffee
braust du dir hoffentlich selber.«
    Ich kam, das heisst ich ging einfach mit, und ich sagte es auf dem Wege nach
meiner Wohnung nicht, dass ich auch nicht gewusst hatte, wo Irene von Everstein
augenblicklich lebte. Es war ein Wunder, dass ich meinen Weg nach Hause in meiner
jetzigen Stimmung zu finden wusste.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Und dann kam wieder eine Stunde, in der ich wieder auf meiner Stube allein sass,
und zwar tief in der Nacht oder vielmehr früh am Morgen. Draussen tobte das
schlechteste Wetter der Jahreszeit, und von den Wänden sahen mich durch den
Tabaksqualm des Vetters meine Bücher an, und zwar ebenfalls wie etwas, das mich
nur zu oft abgehalten hatte, die besten Lebensstunden, wie es sich gehörte,
auszunutzen und mein Teil von der Sonne, der frischen Luft und der freien Welt
mit allen fünf Sinnen und vor allem mit Händen, Füssen und Lungen einzuholen.
    Der Vetter Just hatte mir ein Privatissimum vorgetragen, wie ich es nie
gelesen habe und leider auch nie lesen werde. Er hatte mir über seinen
Lebensgang Bericht gegeben von jenem Morgen an, wo der Bodenwerdersche
Landpostbote auf dem Steinhofe unseren jungen guten Kreis sprengte, bis auf die
eben abgelaufene wunderliche Stunde.
    Nun konnte ich wohl sitzen, mir den Kopf mit beiden Händen halten und
Gewissensbisse der schlimmsten Art haben, nämlich die der vielbeschäftigten,
selbstgenügsamen Indolenz, die plötzlich zu dem Bewusstsein kommt, wie wenig auf
Erden durch sie zum Guten, Wirklichen und Wahren ausgerichtet wird! Ich hatte
selten kläglicher geseufzt und jämmerlicher nach Luft geschnappt als in jener
Nacht; und des Vetters Knastergewölk war wahrlich nicht schuld an der
erbärmlichen Atemnot.
    Mittelalterliches Quellenstudium hatte ich zur Genüge für mich und andere
getrieben und konnte genaue Auskunft geben, zum Exempel über die Annalen von
Brauweiler, die sich so sehr darüber beklagten, dass die Ketzer so viele Wunder
täten, und die natürlich das Nahen des Antichrists, des allgemeinen
Durcheinanders, daraus vordeuteten (o dieser Ketzer von Vetter!), aber die
Quellen des lebendigen Daseins, die neben mir aus dem Boden aufsprudelten, jede
nach ihrer Art trübe oder klar, mit ihren Kristallblasen und überhängendem Grün,
mit ihrem Treiben von Kindermühlwerken und Fabrikrädern, mit ihrem Rauschen über
Stock und Stein, die waren mir nur zu sehr aus dem Gesicht und Gehör
ferngeblieben! In meinem Kopfe war in jener Nacht, nachdem der Vetter Just
Everstein Farewell oder Good night gesagt hatte, das grosse Durcheinander
unbedingt momentan vorhanden, und es kostete keine geringe Mühe, nur die
allernötigste Ordnung wieder in das Chaos zu bringen.
    Ach, Vetter Just, was hatte ich dir auf deine Erzählung als Gegengabe
meinerseits zu bieten? Wie wenig fühlte ich mich persönlich in den Entusiasmus
einbegriffen, mit dem du die Titel auf den Bücherbrettern an diesen
nichtsnutzigen vier Wänden herlasest und buchstabiertest!... Aber das Ärgste war
doch, Vetter, als du so ganz beiläufig und gutmütig bemerktest:
    »Das ist der ganze Steinhof und meine Erkerstube und meine Gefühle - wie's
leibt und lebt! O Fritz, du hast es gut gehabt und bist immer mitten in allen
deinen Anlagen und Wünschen geblieben, und keiner hat dich gestört; glaub nur ja
nicht, dass ich dir nochmals einen Vorwurf daraus mache, dass du heute mittag bei
Tische so gar nichts von uns anderen gewusst hast. Ich hätte sicherlich
ebensowenig davon gewusst, wenn ich du gewesen wäre! Du bist ja freilich ein ganz
famoser Kerl! Ein Riese bist du!«...
    So fühlte ich mich freilich in jener Nacht - ach, du liebster Himmel! Und
jetzt lasse ich die Arme sinken und lasse den Vetter Just Everstein erzählen.
    »Dass man die grössten Wunder zu Hause erlebt«, sagte er, »das lernt man erst
in der Fremde erkennen. Man braucht sich überall nur fest hinzustellen mit dem,
was man von seinem eigenen Grund und Boden mitgebracht hat, um dem Auslande
verdammt merkwürdig vorzukommen. Das ist meine Erfahrung, und so habe ich selbst
als Deutscher den lieben Leuten da drüben ganz devilish imponiert. Mit den
lieben Leuten aber meine ich sämtliche Bürger der Vereinigten Staaten von
Nordamerika, von den grossen Seen bis an den äussersten Zipfel der Halbinsel
Florida und von einem Ozean bis zum anderen. Ich freute mich auch da schon auf
das Wiedersehen mit unserem guten Ewald, bloss um ihn fragen zu können, wie es
ihm in dieser Hinsicht ausserhalb der deutschen Nation ergangen sei. Nun, ihm
natürlich, wenigstens in dieser Beziehung, noch um manches Prozent besser als
mir; das steht fest, ich glaube nicht, dass es mir bloss so scheint! Du weisst,
unter welchen schauderhaften und unangenehmen Umständen ich von euch und dem
Steinhofe und dem Vaterlande überhaupt Abschied zu nehmen hatte. Ein blöderer
Hanstoffel als ich ist wohl selten aus seinem Traumwinkel und von der Ofenbank
an die freie Luft hinausbefördert worden. Alles, was ihr nachher erlebt haben
könnt (Fräulein Irene nehme ich aus!), ist gar nichts gegen das, was ich an
jenem schönen Sommertage und dann bei der Auktion ausgestanden habe. Und wie die
Welt ist, nimm mir das nicht übel, Fritze, so liess sich keiner von euch auf dem
Hofe mir zum Troste und der alten Jule zur Aufrichtung blicken; und so waren wir
denn einzig und allein auf uns selber angewiesen in dem Verdruss und Elend, ich
und Jule Grote. Ich mache dir übrigens durchaus keinen Vorwurf, Fritzchen, denn
ich weiss es wohl, dass ihr euch damals gleichfalls durch schlimme Tage
durchzufressen hattet. Aber uh, die alte Jule! Da habe ich das Meinige zu hören
gekriegt vom Morgen bis zum Abend. Und, was das schlimmste war, durchaus nicht
mehr mit Gift und Galle und spitzen Reden, sondern alles in Wehmut und
Herzeleid, und - mein armer, lieber Just hier - mein armer, armer Junge da! -
Zum Heulen war's! Die Haare stehen mir heute noch darüber zu Berge. Ganz
unerträglich! - - Dich hätte ich gar nicht aus deinen Windeln herauswickeln
sollen, Just - winselte die Alte fort und fort, als ob ich an dem tagtäglichen
Exekutor nicht schon genug zu tragen gehabt hätte. Gottlob, dass das alles damals
war und nicht heute noch mal ganz von vorn an durchgemacht werden muss! - Und ein
Glück war es in allem Unglück, dass ich für die gute alte Seele am wenigsten zu
sorgen hatte. Ich kam ihr einmal mit dem Wort und der schweren Herzensangst;
aber da hättest du Jule Grote in ihrer Glorie sehen und hören können, Fritz
Langreuter! Keine Katze konnte giftiger aufpusten. Da ging es los wie die
Kastanien in der Asche, und die Asche flog mir arg genug in das Gesicht. - O du
dummer Bengel, willst du dich auch da noch zum Narren machen? Mich willst du
unglückselig, geschoren Schaflamm bemuttern? Du hülflose, übergeschnappte
Kreatur, du? Du hast doch sonst immer mit deinem dummen Maul warten können, bis
du gefragt wurdest! Ach, Gott, nun auch das noch!... Um mich macht sich das Kind
zu guter Letzt auch noch seine Gedanken. Da ist es denn freilich wohl mit uns
zum Schlimmsten gekommen! Zu glauben steht es freilich nicht, du - Töffel!
    Das war das richtige Wort, Fritz. Für sie bin ich mein Lebtage der kleine
Töffel gewesen, und ich kann dir gar nicht sagen, Fritze, wie wohl es mir
jedesmal ums Herz wird, wenn ich daran denke, dass ich es auch heute noch für sie
sein kann und bin.
    Sie hatte vollständig recht. Die Gedanken, die ich mir in meinem Leben
gemacht habe, sind nie viel wert gewesen, und die über sie am wenigsten. Da
könnte ich mich noch eher mit meinen Gefühlen sehen lassen! Ich sage dir, Fritz,
wenn ich noch lebe und jetzt, in dieser Nacht, hier dir so fett und rund
gegenüber sitze, so ist das einzig und allein ihr Verdienst. Sie nahm es mir
denn auch ganz unchristlich schriftlich übel, als ich ihr die ersten hundert
Dollars über die See nach Bodenwerder schickte. So 'n dummes Zeug verbat sie
sich ausdrücklich fürs künftige; ich muss dich aber da mal unsere gegenseitige
Korrespondenz lesen lassen: so kurzweg erzählen lässt sich dies nicht; das ist
wie mit allem Schönsten, Liebsten und Grossartigsten in der Welt. Zum
allerwenigsten muss ich die Dokumente dabei auf dem Tisch haben.
    Sieh mal, Fritz, du bist nur eine vaterlose Waise gewesen, ich dagegen eine
mutterlose von Kindesbeinen an; also kalkuliere dir mal unser gegenseitiges
Verhältnis, ich meine zwischen mir und meiner Alten, selber zurechte. Ach, Gott,
was hat sie von meinen Gedanken ausstehen müssen! Und was das ärgste war, das
Allerärgste war noch zurück und ging ihr über alles übrige hinaus, bis sie sich
auch in es, wie in alle meine anderen Usinnigkeiten, mir zuliebe, gefunden
hatte. Auf den Gedanken, nach Amerika auszuwandern, verfiel ich auf dem Wege
nach Bodenwerder am letzten Auktionstage, und es war ein richtiger Kreuzweg.
Nach ihr, meiner Jule, hatten sich die Hände, die sie gebrauchen konnten,
dutzendweise ausgestreckt; aber nach mir nicht ein einziges Paar. Wer konnte
mich gebrauchen? Sie war auf jedem Bauernhofe, auf jedem Gutshofe hoch
willkommen denn sie wussten alle weit ins Land hinein, was für eine Perle von
Ökonomie und Molkenwesen, Schweinezucht, Viehzucht und Menschenzucht überhaupt
der Steinhof an ihr gehabt hatte. Mir verhalf weder der grosse noch der kleine
Bröder zu einer Unterkunft - im Gegenteil, sie waren schuld daran, dass ich
überall, wo ich anklopfte, mit einem manchmal gar nicht höflichen Kompliment
weitergeschickt wurde. Niemand wollte von dem gelehrten Bauer etwas wissen, und
am allerwenigsten seine besten Freunde. So bitter ist wohl selten einem
Menschenkinde der Geschmack vom Lateinischen auf der Zunge geworden wie mir
damals«...
    »Armer Teufel!« sagte ich, Friedrich Langreuter, Doktor der Philosophie,
Privatdozent an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin usw. usw., und
fügte hinzu: »Was weisst du denn von dem Geschmack auf den Zungen anderer Leute,
Vetter Just? Ach, Vetter, du bist der grösste Doktor, der mir je bekannt geworden
ist - wie gern zeige ich dir die meinige körperlich und geistig und lasse mir
ein Rezept gegen die Bitterkeit darauf verschreiben!«
    »Zweihundertfünfzig Taler hatte sich die Alte übergespart«, fuhr der Vetter
fort, »das übrige hatte sie alles immer wieder so bei kleinem in den Steinhof
hineingesteckt, und noch dazu meistens wohl in mich, und ohne dass ich es in
meinem faulen Behagen leider Gottes im geringsten gemerkt habe und ihr dankbar
dafür gewesen bin, wie es sich von Gottes und Rechts wegen gehörte. Nun kam sie
mit ihren Sparkassenbüchern und ihrem Strumpfe voll blanker Achtgroschenstücke
zum Vorschein und mit einem Gesichte dazu, was mir bis an mein Lebensende im
Gedächtnis bleiben wird. Denke dir nur um ihr Gesicht einen Heiligenschein, wie
ihn die Maler um ihre himmlischen Jungfrauen malen - beschreiben lässt sich aber
der Kontrast nicht, sondern nur mit tränenvollem Herzbeben nachfühlen. Nicht
einmal für ihr standesgemässes Begräbnis, wovon sie immer gern sprach wie die
Alte in dem Gedichte, wollte sie wenigstens die fünfzig Taler zurückbehalten,
und - gottlob - bis heute hat sie sie auch noch nicht nötig gehabt; aber ich
habe sie ihr damals doch zurückgelassen, und dabei erlebte ich denn of course
ihren letzten Wutanfall über mich vor meiner Abreise. Die zweihundert Taler habe
ich genommen, und ich will keinem anderen von meiner Natur wünschen, dass ihm
auch einmal so schweres Geld in die Tasche gesteckt wird! Glaub nur ja nicht,
dass sich das so an einem Tage machte; ebensowenig wie der Abschied! Aber eines
Morgens waren wir doch so weit, nämlich bis zu dem: Ja, Just, denn adjes, und
ich hätte nimmer gedacht, dass ich auch das noch an dir erleben sollte! -
gekommen. Fahre du einmal so wie ich damals von Bodenwerder nach Bremen und
probier's, wie dir dabei zumute ist. Was wir Gelehrten die Logik nennen, das ist
wie Philosophie auf dem Wege zum Zahndoktor; beides kommt einem erst wieder,
wenn alles - Herz, Hirn und auch die Kinnbacken wieder in verhältnismässiger
Ordnung sind. Du siehst es mir heute, Gott sei Dank, nicht mehr an, wie ich
damals aussah inwendig und auswendig. Wenn wir Gelehrten aber wissen, dass der
Mensch in seiner Natur immer derselbe bleibt, so ist es doch ebenso wahr, dass
sich manches auf den Charakter hängt und dazugerechnet wird wie die Mistel zum
Apfelbaum. Kannst du das Schmarotzergewächs nicht zu Vogelleim gebrauchen oder
ist dir das Geniste sonst widerlich und hinderlich, so sei nur dreist ein guter
Gärtner und richtiger Mensch - reute es aus, reiss es ab und mach ein Feldfeuer
aus dem Gestrünk und Gestrüpp. Für mich, den Vetter Just vom Steinhofe, ist da
diese glorreiche Republik der Vereinigten Staaten von Nordamerika eine
unbezahlbare Schulmeisterin gewesen. Hier bin ich wieder, und - ein Schulmeister
bin ich drüben gewesen: ich habe mich doch nicht ganz umsonst von euch
hierzulande auslachen lassen wollen, alter Junge, und ein Buch könnte ich wohl
auch jetzo zustande bringen, wenn auch nur eines - meine Lebensgeschichte, Ich
gebe dir mein Wort darauf, eine ganz sonderbare Historia ist das; und so in
manchem stillen Augenblicke komme ich mir wirklich merkwürdig kurios und
interessant vor und als etwas, was ganz ausser mir steht und sich von den
verschiedensten Seiten her betrachten lässt. Nicht wahr, Objektivität nennen wir
dieses? Glaube nur aber ja nicht, dass ich dir das Gesicht, welches du mir hier
eben zuschneidest, übel anrechne.«
    »O Vetter«, habe ich damals, mit beiden Händen nach der Hand des teuren
Mannes greifend, gerufen, »Vetter, lieber Vetter, was ich für ein Gesicht dir
mache, weiss ich nicht; aber wie ich jetzt, in dieser Nacht, mit diesem Winde vor
dem Fenster in deiner Schule sitze, das weiss ich ganz genau. Und nun tue mir die
Liebe an und verführe mich nicht wieder, dich zu unterbrechen! Erzähle weiter -
weiter; oh, erzähle weiter -«
    »Herr Urian! Jawohl; - wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen,
singt der Wandsbecker Bote. Und freilich, eine Reise habe ich getan, und sie war
noch lange nicht zu Ende, als ich drüben am anderen Ufer angekommen war,
daselbst auf der Werft im Kreise meiner Zwischendecksgenossen stand (einige
sassen auch noch ratloser als ich auf ihren Kisten und Kasten) und diesen
Neuyorkischen Nordamerikanern meine ersten frisch importierten Maulaffen
feilbot. Grosser Gott, damit mochte man dort so frisch als möglich ankommen, eine
neue Ware war es da am Platz wahrhaftig nicht! Es ist nicht in einer Sitzung,
wie wir sie jetzt abhalten, zu berichten, was ich im Handel damit ausgestanden
habe! Und dann nimm nur auch mal die Konkurrenz an, ganz abgesehen von den
Weibern, Kindern und den Alten, die dazu ihre Tränen, Seufzer, Jammergesichter
und Gebresten auf den fremden Markt bringen. Daran darf ich gar nicht denken,
ohne meine eigene Historie auf der Stelle abzubrechen und anzufangen, die eines
anderen, und zwar eines anderen von Hunderten und Tausenden, zu erzählen. Der
Mensch ist aber und bleibt ein Egoist, und so bleibe auch ich in der Furche und
pflüge mein eigen Feld nach der allgemeinen Regel dir vor wie bei dem ersten
besten Preispflügen. Das mit der grossen Konkurrenz war denn sicherlich für mich
kein eitler Wahn. Es geht ausser den ordentlichen Bauern auch eine Menge
wirklicher Schulmeister Ober das Wasser, weil ihnen der vaterländische Grund und
Boden nicht genug Balken mehr unter sich hat - gelehrte Leute, Professoren,
Doktoren, Oberlehrer und Seminaristen - Philologen und Philosophen von jeder
Sorte, und kommen sämtlich beim Steinklopfen, Ziegeltragen und im deutschen
Auswandererspital an. Mit mir ist es glücklicherweise umgekehrt gegangen. Ich
habe da freilich nur meine eigene persönliche Erfahrung und kann nur sagen, was
ich persönlich weiss. Und nun, Fritz Langreuter, lasse ich mich darauf
totschlagen, dass von allem, was man drüben am besten gebrauchen kann, ein
lateinischer Bauer das allererste ist. Von ihren grossen Städten und dergleichen
rede ich natürlich nicht, sondern von ihren Wildnissen und Einsamkeiten. Und
merken lassen darf man es ihnen, auch im Hinterwalde oder auf der Prärie, auch
nicht, was man ausser seinen zwei groben Fäusten mitgebracht hat, sondern sie
müssen es nach und nach ganz von selber merken. Nun stelle dir den Vetter Just
vor in einem Lande, wo jedes Kind, sowie es das Licht der Welt erblickt hat,
sofort sich auf das Praktische legt und mit seinen Eltern über seine ersten
natürlichen Geschäfte an zu handeln fängt! Nicht wahr, da brauchte der
bankerotte Bauer vom Steinhofe nicht erst eine Glatze zu kriegen, um zum
Kinderspott zu werden? Es war der erste Vorteil, den ich aus meiner heimischen
Dummheit zog, dass ich dieses einsehen und mich darauf einrichten konnte. - Ach
Fritz, es ist manchmal dem Menschen nichts dienlicher, als dass er mal so recht
vollständig umgekehrt wird! Wenn das Allerinnerste nach aussen kommt, dann
erfährt er erst, was eigentlich alles in ihm gesteckt hat und was ihm nur
angeflogen war. Jetzt kehrst du zuerst den Bauer heraus, Just! denke ich mir,
mit der Faust vor der Stirn - den Urbauer, den deutschen Bauer aus der Zeit, wo
er sich noch nicht einen Ökonomen schimpfen liess. Dreidrähtig, Just! Schon um
der alten Jule willen. Ebenso dick als lang, und wäre es auch nur der Ehre des
deutschen Vaterlandes wegen. Mist bleibt überall Mist und hat überall dieselbe
Wirkung in der schönen Natur, einerlei ob in dem alten Europa oder in dem jungen
Amerika. Und dann - muss man denn immer in seinem eigenen Bette schlafen und den
Schlüssel zu seiner eigenen Rauchkammer in der Tasche herumtragen? Uh, das
Fleisch ist mir da wirklich von den Knochen gefallen; aber gereckt habe ich mich
auch. Du glaubst es wahrscheinlich nicht; aber einen guten Zoll bin ich ganz
gegen die Natur in Amerika noch gewachsen. Das Land hat das wirklich
naturgeschichtlich so an sich, dass es seine Leute wie zähes Leder
auseinanderzieht. Ist dir mein Hals nicht aufgefallen? Na ja, auf dem Steinhofe
steckte er mir ganz anders zwischen den Schultern! Nimm es mir nicht übel, das
sollte kein Stich auf dich sein; denn bei dir ist das ganz was anderes, du bist
ein glorreicher deutscher Gelehrter und passest mit deiner dünnen Nase ganz nach
der Regel zu deiner übrigen Figur. Aber wir - das deutsche Volk im grossen und
ganzen, wie lange müssen wir noch selbst dem Unteroffizier dankbar sein, der uns
zum Geradestehen animiert und uns das Kinn mit der Faust in die Höhe stösst, um
uns auf das stolze Blau über uns aufmerksam zu machen?! Das war eine
Abschweifung, rechne ich; und da bin ich also auf einer Farm mitten im Staate
Wisconsin - auf einer Farm -, zahle mein Lehrgeld als Ackersmann auf Erden
nachträglich und hole vieles nach, was ich auf dem Steinhofe aus Faulheit und
Dummheit versäumt habe; - mein einziger Verlass die Muskeln, die mir Jule Grote
angefüttert hatte. Ein bisschen klimatisches Fieber abgerechnet, ging es auch so
ziemlich. Aber das Geräte! Damit habe ich jahrelang meine liebe Not gehabt, bis
ich es mir handgerecht einstudiert hatte. Nimm nur mal solch eine Yankee-Axt an.
Und dann ihre Verbesserungen an ihren Pflügen zwischen ihren Baumstumpfen.
Selbst das Älteste, was Adam schon kannte, kommt einem da neu vor. Bis auf den
Griff am Spaten musst du dort als deutscher Ackerknecht von frischem in die Lehre
gehen. Aber in der Not frisst der Teufel Fliegen, und by degrees machte sich die
Sache ganz gut. Wir Gelehrten nennen das ja wohl eine felix culpa, wenn sich
einer zu seinem Glück und besseren Verständnis blamiert und sich elend und
lächerrlich macht? Wir hatten einmal einen türingischen verunglückten Pfarrer in
Liedlohn genommen, der sprach viel hiervon. Einerlei; ich sage dir, Fritze, man
muss so einen wackeren Erbsitz und Urvätereigentum wie den Steinhof wie im Traum
von der Hand weggeblasen haben, um es im vollen einzusehen, was für ein
glorreiches Handwerk Adams Handwerk ist! So ist es aber mit allen guten Dingen,
die uns in die Hand wachsen, in die Windel eingebunden oder auf dem
Präsentierteller gebracht werden. Erst verdudele du sie, dann lernst du sie nach
ihrem ganzen Wert und Behagen abschätzen! Wenn ich es heute nicht noch zu allem
übrigen hier bei euch zum Titel Ökonomierat bringe, so - na, ich will lieber
nicht sagen, was Karl Heinzen drüben dann in diesem Falle sagen würde! -
Herzensjunge, es ist jammerschade, dass du in jener Zeit nicht bei mir warst, um
dein Pläsier geradeso an mir zu haben wie im grünen Grase unter meines Vaters
alten Kirschenbäumen oder in meiner ganz verrückten Erkerstube. Oh, hätte ich
nur manchmal die alte Jule, dich, Ewald und die beiden Mädchen nach Neu-Minden
hexen können! Wenn man absolut einmal zu renommieren wünscht, so renommiert man
am liebsten vor seinen nächsten Bekannten, Verwandten und besten Freunden,
wahrscheinlich eben, weil die doch nie an einen glauben. Neu-Minden hiess unsere
Ansiedelung, und alles in allem gerechnet, jung und alt zueinander, waren wir so
zirka fünfzig bis sechzig Köpfe stark. Immer ein hübscher Kern! Der General
Varus auf seinem Marsche durch Deutschland hat wahrscheinlich erst bei Detmold
einen bunteren Haufen von uns, und zwar zu seinem Schaden, auf einer Stelle
zusammen erblickt. Neu-Minden! Ein netter Name und ein absonderlich Sammelsurium
deutschen Volkes - von jeder Sorte a G'schmäckle, wie die drei oder vier
Schwaben unter uns sagten. Drei bis vier Dutzend Kinderflachsköpfe wuchsen uns
zwischen den Beinen, Schweinen, Baumstumpfen und Fenzen auf, und das war die
Hauptsache, und wer auch Präsident sein mochte - dieses machte ihm keine grauen
Haare; einen Kultusminister schickte er uns nicht, um Ordnung zu stiften, nach
Neu-Minden. Ihm war es in seinem Weissen Hause in Washington vollständig
einerlei, auf welche Weise sich seine Bürger die Fähigkeit, seine Nachfolger in
diesem Weissen Hause zu werden, erwarben. Nun, da freue ich mich, dass ich dreist
beschwören kann, dass es immer noch etwas auf sich hat mit dem deutschen
Gewissen, nämlich soweit es sich um Vaterpflichten und Muttersorgen handelt,
einerlei, ob es ihm absolut gleichgültig ist, wer Präsident wird und wer nicht.
- Sie wachsen auf wie die Schweine! brummten kopfschüttelnd die Grauköpfe von
beiden Geschlechtern in der neuen Gemeinde. Ein Vergnügen ist es, es mit
anzusehen, aber eine Schande ist es auch, wie das Zeug ins Kraut schiesst. Es
geht nicht länger so; für den nächsten Winter müssen wir für einen Schulmeister
zusammenlegen, koste er, was er wolle. Aber mit Rat, Gevattern! Es verläuft sich
mancher von der Sorte hierher, dem man kein Ferkel zum Waschen anvertrauen
möchte, wenn man ihn selber und seine Vorgeschichte im alten Lande genau kannte.
- Na, Fritze, du kennst mich und meine Vorgeschichte im alten Lande! Was meinst
du zu mir und diesen Reden und Beratungen in der Waldwirtschaft rund um mich
her? Nicht wahr, du siehst es jetzt schon ziemlich klar vor dir liegen, wie es
sich nachher alles gemacht und passend ineinandergefunden hat? Schwerenot,
wollte ich dir jetzo eine Pfeife vom schwersten Lobtabak vorrauchen, so könnte
ich es, dass du Fenster und Türen des Wohlduftes halber aufsperren müsstest.
Neu-Minden aber existiert glücklicherweise noch; also reise du nur lieber selber
hinüber und höre dir, wenn dir daran liegt, an, wie die anderen von mir reden.
Ich, der ich auf dem Steinhofe nicht der Herr und Bauer sein mochte, ich bin
hoffentlich ein guter Bauer und Knecht in dem amerikanischen Walde gewesen. Aber
ich bin auch durch des Grossvaters Schrank - weisst du noch? - im Laufe der Zeit
wieder mein eigener Meister geworden, wie wir Deutschen das Wort nehmen; ich
habe eine Farm in die Wildnis hineingesetzt, die sich sehen lassen konnte und
bald ihren Wert und Preis hatte. Weiss der liebe Gott, den Vetter nannten sie
mich auch drüben bald auf zwanzig Meilen in die Runde, ohne dass ich dir sagen
kann, wie es zuging. Von den Kindern ging es nicht aus. Die habe ich schon der
Autorität wegen bei ihrem Mister Everstein erhalten. Bitte, reise wirklich
morgen schon ab - bloss um zu hören, wie sie hundert und mehr Meilen nordwestlich
von Milwaukee von dem Mister Everstein sprechen, wenn sie zu ihren
Buchstabierspielen aus allen Himmelsrichtungen her auf eine halbe Tagereise weit
zu Pferde und zu Wagen zusammenkommen! Und ich habe es nicht bei dem blossen
Buchstabieren gelassen nach getaner Tagesarbeit mit Axt, Pflug und Spaten. Ein
Exemplar vom alten Bröder war freilich nicht aufzutreiben, weder in Neu-Minden
noch in Neuyork; aber da liegt schon in Minnesota am Mississippi ein Ding, das
heisst Sankt Paul, und da hat mir wirklich und wahrhaftig einer einen Ellendt
aufgetrieben, und wenn heute eineingeborener Neu-Mindener einen Begriff oder
eine Ahnung von mensa und amare hat, das heisst in der Römersprache, so bin ich
der Mann, der schuld daran ist. Oh, und der pytagoreische Lehrsatz! Erinnerst
du dich wohl noch an den Magister mateseos, Fritze Langreuter? Und an meine
Seelenseligkeit, als ich ihn heraushatte und ihn dir als etwas, was unumstösslich
seine Richtigkeit hatte, beweisen konnte? Du hättest die Tafelrunde von alten
und jungen Neu-Mindenern sehen sollen, denen ich ihn gleichfalls bewies, mit
Kreide auf der Tischplatte, am Winterabend mitten in der amerikanischen Wildnis
und viel näher dem Lake superior als der Weser und dem Flecken Bodenwerder und
dem Dorfe Kemnade! Siehst du, liebster Freund, so habe ich wenigstens einmal in
der Fremde für voll gegolten in dem, was ich zu Hause für das höchste Ideal
hielt. Jetzt bin ich mit Ruhe ein Bauer auf meinem alten braven Hofe. Alle
Nachbarn sind mir wiederum willkommen wie vor Jahren in meiner Narrenzeit. Ich
bin auch mit Vergnügen für jedermann wieder der Vetter Just, und manchmal denke
ich wie mit einigem geheimen Vergnügen: Hast du auch weiter nichts Vor dich
gebracht, Just, als dass sie nicht mehr hinter deinem Rücken über dich lachen, so
ist auch das schon bei deiner angeborenen Dummheit und Faulheit etwas ganz
Hübsches.«
    »O Vetter Just«, rief ich im hellen Entusiasmus und wahrhaftig mit Tränen
in den Augen und einem heissen Kitzel in der Gurgel, »der Vetter Just bist du und
bleibst du, und - bei den unsterblichen Göttern - höher als das kann es kein
sterblicher Mensch auf dieser Erde bringen! O Vetter, wie freue ich mich, dass
ich dich wieder im Lande weiss und von neuem dich auf dem Steinhofe besuchen und
bei dir in die Schule gehen kann!«
 
                              Vierzehntes Kapitel
So weit waren wir vor Mitternacht gekommen. Nach Mitternacht erzählte der Vetter
weiter, wie er durch harte Arbeit, klugen Sinn und treuherziges Beharren in
jeglichem wackeren Vornehmen durch gute und böse, durch harte und linde Zeiten,
durch schlimme Tage und schlimmere Nächte seinen Weg als ein fester, wirklicher
und wahrhaftiger Mann sich in das Vaterland und zu dem alten Erbsitz
zurückgebahnt hatte. Wenn nichts in der Welt fest stehenbleibt als ein
wirkliches und wahrhaftiges Kunstwerk, wenn alles andere vorbeigehend ist, so
hatte dieser Mensch in seinem Leben ein echtes und gerechtes Kunstwerk fest
hingestellt, zum Trost und zur Nachahmung für alle, die das Glück hatten, ihn
kennenzulernen. Das war old Germantext-writing in der vollsten Bedeutung des
Wortes, eine leserliche, dauerhafte Schrift mit allen ihren kuriosen Schnörkeln
und Verzierungen! Wer darin seine Autobiographie niedersetzte, der konnte gewiss
sein, dass sie manchem kommenden Geschlecht von Kindern und Enkeln merkwürdig,
rührend und ermutigend sich in das Gedächtnis prägte. Und das deutsche Volk hat
wahrlich dergleichen monumenta Germanica recht sehr nötig; denn wenn unsere
grossen Leute dann und wann vielleicht weiterziger als die irgendeines anderen
Volkes sind, so sind dagegen unsere kleinen häufig in ebendem Grade kärglicher,
kleinlicher, engherziger, mürrischer und unzufriedener als irgendeine Menge, die
eine andere Planetenstelle bewohnt; und - ach, wie oft hatte ich mich in den
letzten Stunden im ganz geheimen an die Brust geschlagen und geseufzt Gott sei
mir Sünder gnädig! Ich seufzte es aber auf Griechisch: 'O teos ilastti moi to
amartolo - wahrscheinlich, wie es mir jetzt vorkommt, um in der Befähigung dazu
einen Trost zu finden, denn Griechisch konnte der Vetter wenigstens doch nicht!
    Aber er erzählte nun davon, wie er seine alte Jule aus Bodenwerder abgeholt
und im Triumph nach dem Steinhofe zurückgebracht habe, und das war wiederum mehr
als Griechisch und Sanskrit.
    »Ich hatte ihr natürlich«, berichtete er, »auch von Amerika aus von allem
Guten, was mir zuteil wurde, das ihr Gehörige zukommen lassen; aber der Tag, an
dem ich selber heimkam, war doch das Beste sowohl für sie wie auch für mich,
Schade, dass ich euch - dich, Irene und Ewald - nicht von Schloss Werden dazu
herüberholen konnte! Gottlob, Eva Sixtus und ihr Vater sind wenigstens
dabeigewesen und mit von neuem auf dem Steinhofe eingezogen. Dass die ganze
Umgegend auf den Beinen war, kannst du dir wohl vorstellen. Freilich bei mehr
als einem guten Freunde, mit dein ich von meinem jammerhaften Abschiede her
einen Schinken im Salze hatte, habe ich wohl ein Auge zudrücken müssen, wenn er
mir am liebsten als mein allerbester Freund um den Hals gefallen wäre; aber ich
habe es gern getan. Je mehr man sich den Wind draussen in der wilden Welt um die
Nase hat wehen lassen, desto bescheidener wird man in seinen Ansprüchen an den
Charakter der Menschheit und nimmt am guten Tage still mit in den Kauf, worüber
man am schlimmen vor Wut und Ärger aus der Haut fahren möchte. Zwischen der
alten Jule und manchem früheren guten Haus- und Hof- und Jagdfreunde ging es
freilich nicht so glatt ab, und manch einer bleibt heute noch ihretwegen weg vom
Hofe, der meinetwegen wieder ganz behaglich seine Beine unter unserem Tische
ausstrecken könnte. Die Weiber sind in diesen Dingen nämlich von einem viel
besseren Gedächtnis als wir Männer, Fritze; und gnade Gott manchem armen Sünder,
wenn sie es durchsetzen und am Jüngsten Gerichte Sitz und Stimme kriegen. Gnade
für Recht ergeht da gewisslich nicht; - selbst bei unseren deutschen
Frauenzimmern nicht, welche immer noch die besten sind und die harmlosesten, was
gleichfalls eine von meinen amerikanischen Erfahrungen ist und die ich auch dir
jungem Menschen, Fritzchen, mitgebracht haben will. Und es soll mich recht
freuen, wenn du noch Gebrauch davon machen willst. Aber das ist ja alles nur
beiläufig, nimm's nicht übel; ich sage dir, Doktor, den Weg von Bodenwerder nach
dem Steinhofe hättest du an dem Tage sehen sollen! Und dann unsere Ankunft auf
dem alten ausgemergelten, nichtsnutzigen Haferacker - weisst du, an der Fenz -
nein, Gott sei Dank, an der echten, richtigen Weissdornhecke und dem Plankenzaun,
über den ihr mich so oft angecheert habt. Wenn es in meiner Erzählung hiervon
etwas kraus durcheinandergeht, so gehört auch das zu dem Spass, denn es kommt
einzig und allein daraus her. Sonst kann ich jetzt unter Umständen recht gut bei
der Stange bleiben. Ich hatte selbstverständlich mich schon ein paar Wochen vor
unserem Haupteinzuge auf dem Hofe installiert. Junge, und ich habe die ersten
Nächte in meinem Erker auf Stroh geschlafen; und - oh! - so hat lange keiner in
dieser Welt der Plagen und schweren Sorgen und Arbeiten die Beine von sich
gestreckt und die Arme unter dem Hinterkopfe zusammengelegt, mit dem Blicke an
den alten kahlen Wänden herum und durch das Fenster in die Nacht hinein und dann
in den dämmernden Morgen! Ich habe da wie ein König geschlafen, denn ich habe
den grössten Teil der Nächte verwacht; aber dagegen waren es sehr angenehme
schlaflose Nächte. Ihr waret alle darin eingeschlossen wie ich selber von meinem
frühesten Aufmerken an. So liegend, müsste der Mensch eigentlich alle zehn Jahre
sein Dasein sich zurückdenken können; dann könnte man sich auch alles Schlimme,
Traurige und Wehmütige viel leichter mit Ruhe gefallen lassen und es erleben!
Well, auf jede solche vergnügte Nacht kam dann der frische Morgen mit seinem
hemdärmeligen Wirtschaften in dem verlorenen und wiedergewonnenen Väterreich.
Was mir mein Vorgänger an lebendigem und totem Inventar mit in den Kauf gab,
wollte nicht viel bedeuten, und für mich, der ich noch meine alte Inventur im
Kopfe hatte, gar nichts. Da mussten mir neue Gäule, Kühe, Schweine und Ziegen in
die Ställe; - ihren Hühnerbestand musste Jule Grote wiederfinden, wie sie ihn
aufgegeben hatte, und die Gips-Venus musste auch auf den Ofen wieder hin, sonst
war die ganze Geschichte nicht das halbe Pläsier. Und Tisch und Bänke hatten sie
mir in meiner Abwesenheit gleichfalls derartig verrückt, dass ich mit vier
Fäusten und acht Beinen hätte greifen und laufen mögen, um nur die allernötigste
Ordnung wieder hereinzubringen. An Karl Ebeling erinnerst du dich wohl nicht
mehr? Das war ja unser Junge zu unserer Zeit auf dem Hofe! Na, siehst du, es
freut mich, dass dir der Lümmel doch wieder frisch in der Erinnerung aufgeht! Er
hat damals manchen Wurf mit dem Pantoffel und manchen Schlag mit dem
Küchenbesen, der moralisch mir gehörte, aushalten müssen; und nun male dir meine
Genugtuung, dass ich das Ungetier (einen anderen Namen hatte Jule Grote ja nicht
dafür!) voll ausgewachsen, mannbar und mit einem Schatz versehen, und dazu als
Reserve-Unteroffizier, wiederhabe, und zwar als unseren Oberknecht! Er sitzt
jetzt mit Anstand zu meiner Linken an unserem Tische in der alten Stube, weisst
du; aber ein anderes Exemplar von ihm in seiner lieben Jugend und Gefrässigkeit
und Flegelhaftigkeit habe ich, Gott sei Dank, dazu wieder mir gegenüber am
anderen Ende des Tisches. Karl Eggeling heisst der Schlingel heute; na, und ich
muss mir doch manchmal in den Ärmel lachen, wenn ich wieder einmal zu erfahren
habe, dass die alte Jule immer noch nicht milder und sanfter gegen diese Spezies
von der menschlichen Gesellschaft gestimmt ist. - Die alte Jule! Da sind wir
wieder bei ihr und ihrem Einzuge auf dem Steinhofe. So in Tränen gebadet habe
ich noch kein Frauenzimmer bei keinem irdischen Zufall und weder in Amerika noch
in Europa erblickt! Du hättest ihr das grösseste Unrecht antun können, und es
hätte diese Flut nicht aus dem Schütt gelassen. So weich wie das Glück hatte das
Unglück sie längst nicht gemacht. Freund Stakemann, der auch noch lebt, Fritz -
du weisst, Stakemann, der mich damals so treu brieflich warnte, als es längst zu
spät war! -, Stakemann, der immer der alte vergnügte Kerl geblieben ist, kam
leider auch hier mit seinem Witz post festum. Die spasshafte Bemerkung, dass der
Weg von Bodenwerder her wohl nächstens unter Wasser stehen und dass man sich
demnächst in Bremen über das grosse Wasser wundern würde, hatte ich bereits
gemacht, geradeso wie damals, das heisst die Jahre vorher, meine Geschäfte mit
dem Doktor Schleimer, dem ich, wieder beiläufig, leider nicht in den Vereinigten
Staaten begegnet bin, um ihm offenherzig meine Meinung sagen zu können. - Sonst
war mir übrigens selber eigentlich auch nicht spasshaft zumute, sondern sehr im
Gegenteil. Ich sass da auf dem Leiterwagen und hielt den Arm um die Alte und
tröstete sie und mich nach besten Kräften in unserem Glück. Es ist keine
Kleinigkeit, selbst im glücklichsten Fall, sich um soviel älter - alt - und in
diesem auch als Greisin zu scheu und zu fühlen, dass man noch einmal eine
glückliche Minute herausgefischt hat! Ich weiss nicht, Langreuter, ob ich dir das
nach der Syntax vortrage, aber eine Wahrheit ist es, verlass dich drauf. Nicht
wahr, alter Freund, wenn einer den anderen so recht verstehen soll, dann braucht
der nur recht unverständlich zu sprechen, wenn er seine Meinung nur recht tief
aus dem Grunde heraufholt?! Daher, wo man gar nicht mehr weiss, ob man aus seiner
eigenen Seele spricht oder der des anderen!... Nun spricht man häufig davon, dass
es sehr süss ist, eine junge Geliebte vom Wagen zu heben, um sie in die
neugegründete Heimat einzuführen. Ich glaube dieses herzlich gern, obgleich ich
es leider noch nicht selber an mir und an einem guten Mädchen probiert habe;
aber sozusagen etwas Bräutliches hatte auch Jule Grote an sich, als sie mit
ihrem Anverlobten, dem Steinhofe, wieder zusammenkam nach so langer Trennung und
hoffentlich jetzt auf immer. Während des Zwischenreichs und der Fremdherrschaft
hatte sie natürlich keinen Fuss in die Gegend gesetzt: Zehn Pferde hätten mich
nicht in das Hoftor gezogen, Just! rief sie einmal über das andere, während sie
jetzt durch alle Stuben und Kammern, treppauf und treppab, durch Stall und
Garten humpelte und mich mit seligen Tränen in den Augen auf alles aufmerksam
machte, was das fremde Volk während seiner Herrschaft nach seinem Gusto
verändert oder gar ganz schandbar verrungeniert hatte. Wir gingen alle mit ihr,
und weisst du, Fritz, was nach meinem Vergnügen an der Alten mir das Lieblichste
war? Das war unsere liebe Eva Sixtus, die ihren alten Papa führte und, immer
verstohlen mit ihrem weissen Taschentuche an den Augen, wie ein weinender
Frühlingsmorgen aussah. Es war ein wahres Glück, das Stakemann fortwährend seine
schlechten Witze und altbekannten nichtsnutzigen Bodenwerderschen Redensarten
und Anekdoten uns dabei zum besten gab; die Sache hätte sich sonst wirklich für
einen Bürger der Vereinigten Staaten von Nordamerika zu sehr ins Gerührte
verlaufen. Du hast unsere liebe Eva wohl lange nicht gesehen, Fritz? Das ist
sehr schade. So jung wie vor zehn oder zwölf Jahren ist sie heute nicht mehr;
aber das muss ein heikler Patron sein, für den sie nicht in die Länge und in die
Breite in die allersüsseste Frauenfreundlichkeit sich ausgewachsen hat! Und dann
solltest du den Förster über sie hören! Hast du selber einen Speech auf der
Seele, so lass ihn um Gottes willen nicht zum Worte über sie kommen. Da redet er
kopfwackelnd das allervolkreichste Meeting vom Stump zu Tode. Freilich, was mich
betrifft, so bringe ich ihn immer mit dem grössesten Vergnügen auf seine Tochter,
sein liebes Mädchen, und dir, Fritze Langreuter, würde es wohl ebenso gehen,
wenn du dir unter deinen jetzigen grossartigen und weltgelehrten Verhältnissen
noch das alte bescheidene Herz und Vergnügen an allen diesen unseren alten
Dingen und Leuten von Schloss Werden, dem Steinhofe und der Umgebung hättest
bewahren können. Dass das freilich nicht gut möglich ist, sehe ich aber recht gut
ein, mein Junge!«...
    Ich hatte mir geschworen, den Menschen nicht zu unterbrechen, und ich
unterbrach ihn auch jetzt nicht; aber ich sprang auf vom Stuhl, knöpfte mir die
Weste auf und trat auf längere Minuten an das Fenster, um die brennende Stirn an
die Scheiben zu drücken und auf das dem Morgen hastig zutreibende Gewölk zu
sehen und auf den Wind zu horchen. Als ich an den Tisch zurückkam, hatte sich
der Vetter Just eine frische Pfeife gestopft und hielt eben das brennende
Zündholz darauf. So gleichmütig und phlegmatisch, als ob er mir nicht das
geringste gesagt habe, was einen Privatdozenten ohne Zuhörer und einen Doktor
der Philosophie ohne Philosophie aufregen könnte. Und jetzt sagte er noch dazu:
    »Wahrhaftig, wenn man so ins Schwatzen kommt!... Zwei Uhr am Morgen! Bei uns
auf dem Steinhofe fangen da schon die Hähne an zu krähen. Und ich sitze hier und
rede und rede und bedenke gar nicht, wie ich dich von der nächtlichen Ruhe
abhalte und wie kostbar gerade deine frischen Morgenstunden für die gelehrte
Welt und die Wissenschaften sind. Aber guck, Fritz, so bleibt ein Deutscher
immer ein Deutscher! Ein echt eingeborener Nordamerikaner hätte dir einfach
gesagt: Ich habe den Steinhof wieder; wenn du Lust hast, male dir alles übrige
dazu oder lass es bleiben. - Ich dagegen sitze hier und möchte dir auf jeder
Faser und Fiber in mir meine Gefühle und Erlebnisse in der alten Heimat nach der
Heimkunft vorspielen und frage den Teufel danach, ob das dir noch interessant
ist oder nicht. Aber jetzt auch kein Wort mehr! Wo ist mein Überrock? Hier. Und
hier ist mein Hut. Jetzo setze deiner Güte und Geduld die Krone auf und leuchte
mir die Treppe hinunter. Den Weg nach meinem Wirtshause finde ich schon;
hoffentlich aber kehren mehr Leute von meiner Art da ein, die sich leicht
festschwatzen nämlich, wenn sie nach jahrhundertelanger Abwesenheit und Trennung
einen guten alten Freund und Bekannten zufällig wieder getroffen haben und ihn
in ihrer Zufriedenheit mit der Welt in den Schlaf oder über den Schlaf weg, aber
sicher halbtot reden. Allein möchte ich auch in diesem Falle nicht in der Welt
stehen.«
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Nach jahrhundertelanger Trennung und Abwesenheit! Das letzte Wort war das
richtige; ich aber war Pedant genug, dass ich mir auch in diesem Augenblicke, das
heisst, nachdem ich dem Vetter die Treppe hinunter mit dem Lichte vorangegangen
war, durch jenes Worts sprachliche und begriffliche Zergliederung meine
Stimmungen und Gefühle klarer machte. Wer diese langen Jahre hindurch abwesend
gewesen war, das war nicht der Vetter Just Everstein, sondern ich - ich, der ich
so hübsch ordentlich zu Hause geblieben war!
    Ich schlief in dieser Nacht nicht mehr, obgleich ich ziemlich rasch zu Bette
ging. Da lag ich und versuchte es, hundert zerrissene Fäden wieder anzuknüpfen,
was stets ein bedenklich Geschäft ist und nicht immer gelingt, jedenfalls aber
ungemein selten das Gewebe des Lebens haltbarer und glatter macht. Nun war es
sonderbar, wie gerade die letzten Exkurse des wackeren Freundes mir die
heftigste Unruhe in das Geblüt geworfen hatten. Was erzählte mir auch der Mann
von dem »weinenden Frühlingsmorgen« Eva Sixtus? Wir waren doch alle - ohne
Ausnahme - in den Sommer des Daseins hineingeraten. Was sollten mir die
hübschesten Bilder aus Tagen, die, wie der Vetter ganz richtig sich ausdrückte,
ein Jahrhundert weit hinter uns lagen?
    Ich wendete mein Kopfkissen darob fortwährend um, ohne Ruhe darauf zu
finden. Bass ergrimmt (nein, das war nicht das richtige Wort!) entstieg ich, als
der trübe Morgen gekommen war, dem ruhelosen Lager mit den Gefühlen eines
Mannes, der eine weite Reise unternommen hat, um alte Schulden einzukassieren,
überall aber leere Taschen gefunden hat und nun selber mit leerer Tasche in
einem öden Gastofszimmer sitzt. Mit einer wahren Wut blickte ich von einem
meiner Büchergestelle auf das andere. Die weisesten Autoren, denen ich in diesen
schönen Momenten mit meiner Lebensrechnung unter die Nase zu rücken versuchte,
waren nur imstande, mir die Gegenforderung und Frage zu stellen:
    »Wer soll uns denn mit Noten versehen, wenn nicht ihr Lebenden? Dummes Zeug:
Trost und Beruhigung! - Bestätigung unserer Lebensangst, Unruhe und Not wollen
wir von euch Atemholenden! Weiter im Texte!«
    Von den Schuldnern zu den Gläubigern - den Gespenstern, die mich in der
Nacht geplagt hatten! Der Mensch hat eigentlich gar keine Ahnung davon, wie er
die Wörter seiner Sprache missbraucht. Die Abgeschiedenen lassen einen wohl schon
in Ruhe: es sind die lebendigen Wesen in Fleisch und Blut, die mit atmenden,
leidenden, sich freuenden Genossen der Erdenlaufbahn, die da gewöhnlich durch
unsere Träume spuken gehen! Sind sie gar noch gute alte Freunde und Bekannte und
haben sie dazu muntere Füsse, wackere Hände, helle Augen und rote Backen und
wissen sie mit kräftiger, sanfter oder gar freundlicher und liebevoller Stimme
ihre Fragen zu stellen in der Geisterstunde, so ist das sehr häufig am
allerbedenklichsten für unsere nächtliche Ruhe.
    Wie mit einem Zauberstabe hatte dieser Mensch und Vetter Just, dazu Bürger
der nüchternen Vereinigten Staaten von Nordamerika, an die dürre Wand geschlagen
und das klaräugige Spukgesindel über mich herbeschworen. Als ich gegen elf Uhr
meinen Weg durch die belebten Gassen zu seinem Hotel suchte, um ihm, dem Vetter
Just, meinen Gegenbesuch zu machen, sah ich unwillkürlich gespannter als seit
langer Zeit den Begegnenden in die Gesichter und mit einem gewissen ängstlichen
Suchen und Erwarten in das Getümmel überhaupt. Was ich seit langem teilnahmlos
hatte an mir vorbeistreifen lassen, das gewann nach dieser Nacht plötzlich ein
sozusagen angstaftes Interesse für mich. Andere Leute mochten es vielleicht
anders nennen; ich nannte es Gedanken, was mich auf meinen Wegen bis heute
durchgängig gehindert hatte, auf die Bewegung um mich her viel zu achten.
Höchstens ärgerlich hatte ich dann und wann auf- und mich umgesehen, wenn ein
unvermuteter Puff und Knuff von Menschenkindern, die es stets eiliger als ich
hatten, mich in meiner Neigung, mit gesenkter Nase hinzuschlendern und, offen
gestanden, an sehr wenig zu denken, störte. Nun hatte sich dieses mit einem Male
geändert, wenigstens für diesen Morgen. Ich ging mit geradeaus gerichteter Nase
und mit Augen, die nach rechts und links und manchmal sogar einem auffälligeren
Individuum nachguckten.
    Weisst du, wer da mit dir geht oder dir entgegenkommt? Hast du es
schriftlich, dass niemand darunter ist, dessen Erkennung im Haufen dir wichtiger
sein kann als das träumerische Gespinste, in welches du deine fünf Sinne
eingewickelt umherträgst? Würdest du dich über kein zweites unvermutetes
Begegnen an der Strassenecke wundern oder freuen? Bist du wirklich so ganz allein
und - auf dich allein angewiesen unter den Hunderttausenden? Und - da stand ich
schon und starrte und brachte im jähen Anhalten meinerseits diesmal eine Hemmung
in den Strom der Bevölkerung und auf dem Gesichte des Nächsten hinter mir, auf
dessen Zehen ich mich mit meinem Hacken niederliess, einigen Verdruss hervor. - -
-
    Mademoiselle Martin!
    Das war nicht das Gesicht, auf welches ich in dem grossen Strome gepasst hatte
- Eva Sixtus sah anders aus! - Aber das Wunder und die Verwunderung blieben die
nämlichen. Ich musste doch noch Mademoiselle Martin, unsere alte französische
Sprachmeisterin von Schloss Werden, kennen! Sie war es! Sie war es unbedingt, und
wenn auch nur, um das alte Wort zu bewahrheiten: Wenn es kommt, so kommt es in
Haufen!
    Ein greisenhaft, verschrumpfelt und verrunzelt, etwas phantastisch
aufgeputztes Mütterchen, wackelte sie daher, und ich stand mit dem Hute in der
Hand:
    »O Mademoiselle!... O Mademoiselle Martin, welches ungemein erfreuliche -«
    »Monsieur?!«
    Es lag eine Welt von Fragen in dem einen Wort; und ich war imstande zu
stottern:
    »Oh, ich bitte - Doktor Langreuter ist mein Name.«
    Da ging es gottlob wie ein Lächeln über das sorgenvolle Altfrauengesichtchen
der ci-devant soeur ignorantine.
    »Je, Fritz?! Monsieur Frédéric Langreuter! Ei, der Herr Doktor Langreuter!!
Aber, en vérité, das nenne ich freilich ein recht erfreuliches Zusammentreffen.
Haben Sie mich wiedererkannt, Fritz - Herr Doktor? O dieses unvermutete
Wiederfinden freut mich ebenfalls sehr.«
    »Und Sie kennen mich auch noch, Mademoiselle? Und gestern mittag - o
Mademoiselle, welche Wunder können doch noch in dieser Welt geschehen!...
Gestern der Vetter Just und nun Sie, Fräulein Martin! Und Sie haben sich so
wenig verändert, dass auch das ein neues Wunder ist, Mademoiselle.«
    »Geben Sie mir Ihren Arm, monsieur. Durch ein paar Strassen müssen wir sans
condition miteinander gehen. Schmeicheln will ich Ihnen nicht: Sie haben sich
sehr verändert, M. Langreuter, und hätten Sie mich nicht angerufen, so würde ich
Sie wahrscheinlich nicht wiedererkannt haben.«
    Wir passten ganz zueinander: ich, der mittelalterliche Quellenforscher, und
das melancholische, geputzte Mütterchen an meiner Seite. Durch ein heiteres
Wesen hatte sich Mamsell Martin wohl nie hervorgetan; aber nun hatten die Jahre
und die Erlebnisse wie immer dichter sich übereinanderschiebendes Gewölk das
letzte Licht in ihren Altjungfernzügen ausgelöscht. Ich hatte sie vorsichtig zu
führen, denn ihr Schritt gehörte nicht mehr zu den festesten. Wir gingen
langsam, und auch das war sehr nötig.
    »Ich habe es gestern von einem guten, alten Freunde vernommen, dass Gräfin
Irene jetzt hier ihren Aufentaltsort genommen hat, Mademoiselle. Ich habe viel
erfahren seit gestern, Mademoiselle, und vieles, was ich eigentlich ebensogut,
wo nicht besser als jener treue, wackere Freund wissen müsste. Nun gehe ich
plötzlich auch mit Ihnen hier -«
    »Ja, wir wohnen seit einigen Wochen in Berlin, Herr Fritz Herr Doktor. Durch
wen aber wissen Sie das auch - seit gestern?«
    »Durch den Vetter Just.«
    Nun sah man wieder einmal recht deutlich, dass sowohl der Dichter des Textes
zum »Freischütz« sowie der Komponist und alle weisen und melodischen und
poetischen Männer, die das nämliche vor ihnen in Versen oder Prosa oder Noten
angemerkt, das Richtige getroffen hatten.
    »Ob auch die Wolke sie verhülle, die Sonne bleibt am Himmelszelt!« Wie ein
Sonnenstrahl ging es über die gelbe, faltenreiche Stirn, wie freudiges Leuchten
zuckte es aus den schwarzen Augen der alten soeur ignorantine.
    »Oh, monsieur, monsieur! Der Vetter Just! O wohl, monsieur Just Everstein!
Ja, der hat uns gefunden und hat uns eine Visite gemacht, und wir waren so
glücklich, ihn zu sehen! Und er hat bei uns gesessen stundenlang und von der
alten Zeit gesprochen! Und er hat unser Kind in seinen guten Armen in den Schlaf
getragen! Die Komtesse hat geweint, als er weggegangen ist, aber diesmal vor
Freuden. Nicht weil er gegangen ist, sondern weil er versprochen hat, immer
wieder zu uns zu kommen, zu uns und unserem armen Kinde. Und er ist
wiedergekommen und hat wieder mit uns von der alten Zeit und dem Herrn Grafen
und dem lieben, armen château de Werden geredet. Oh - er hat uns gesucht in dem
pêle-mêle, der Vetter Herr Just, und er hat uns gefunden und nicht bloss durch
einen Zufall. Le bon Dieu hat ihm das in sein Herz gegeben, dass er es nicht
anders konnte, sondern suchen und finden und kommen und dasitzen musste, um uns
zum Troste zu sein in dieser argen, schlimmen, schlimmen Welt! Wie ein Gesandter
von dem guten Gott ist er uns gewesen, der Vetter Herr Just, der mir so viel
aversion und répugnance hat bereitet in der glücklichen alten Zeit, wenn ich
euch rief zu der Lektion - savezvous? - hoch oben aus den Bäumen und ihr nicht
antwortetet, weil ihr alle waret echappiert und - eh, eh, hattet euch
durchgeschlüpft - glissés par la haie - wie die Vagabonden in die weite Welt und
nach dem Steinhof. Oh, mon Dieu, damals habe ich geweint, weil das war, nun
weine ich, weil das nicht mehr sein kann. Aber madame la baronne, meine
Komtesse, kann noch lächeln, wenn sie spricht mit dem Vetter Just davon und von
euch anderen bösen Kindern; und so bin ich auch glücklich, dass ich einst mich so
sehr habe geärgert.«
    Vergebens war es, meinerseits ein Wort in diesen Redefluss der alten Dame zu
werfen. Und sie redete das alles zu mir in einer der belebtesten Strassen der
grossen Stadt Berlin, gänzlich unbekümmert darum, dass wir nicht allein darin
gingen wie vordem wohl in der grossen Lindenallee im Garten von Schloss Werden.
Wir gingen ihnen allen zu langsam und nahmen ihnen allen zuviel Platz auf dem
Wege in Anspruch; aber alle hatten sie es auch nicht darum so eilig, um rascher
zu einem Vergnügen zu gelangen, und so war nichts gegen dies Geschobenwerden und
Gedrängtwerden einzuwenden.
    Dass sich Irene von Everstein in Wien mit einem Freiherrn Gaston von Rehlen
verheiratet hatte, wusste ich, ebenso, dass diese Ehe nicht glücklich ausgefallen
war. Nun wohnte die Frau Baronin seit einigen Wochen als Witwe in Berlin mit
einem kranken Kinde und mit ihrer alten französischen Sprachmeisterin. Ich hatte
hundert Fragen zu stellen und brachte doch keine einzige über die Lippen. Jeder
Blick in das melancholische graue Gesichtchen mir zur Seite wurde mir hier zu
einem Hindernis und trieb mir das Wort von der Zunge zurück; die soeur
ignorantine aber schwatzte trübselig weiter von der guten alten Zeit, »als der
Herr Graf noch lebte und niemand eine Ahnung, ein pressentiment, davon hatte,
wie die Verhältnisse für uns alle sich nach seinem Tode gestalten würden«. Des
Ausdrucks changer de face bediente sich Mademoiselle Martin, und es war der ganz
richtige Ausdruck: ein ganz anderes Gesicht als damals, wo nur der Herr Graf
genau wusste, wie schwankend unsere Stellung im Leben sei, machte uns heute die
Welt!
    »Monsieur Ewald ist immer noch in England oder Irland; doch er will
nächstens nach Deutschland zurückkehren, hat uns neulich mademoiselle Eva
geschrieben«, sagte Mademoiselle. »Der Herr Vetter Just hat ihn in der Stadt
Belfast par hasard getroffen. Ich hätte mir gern von ihm erzählen lassen, aber
der Herr Vetter hat nicht viel von ihm erzählt. Das Kind war sehr unruhig, und
da nahm er es auf den Arm. Hélas, es ist ein sehr schwächliches Kind, monsieur
Frédéric, und auch ein wenig verwachsen - ah, pardon.«
    Die Gute hatte nicht nötig gehabt, um Verzeihung zu bitten. Erst durch ihren
letzten, halb erschrockenen Ausruf wurde ich auf die unwillkürliche Bezugnahme
auf meine eigene gleichgültige Person lächelnd aufmerksam. Ich hatte nur an
Ewald Sixtus in Belfast gedacht und an die Gründe, die den Vetter Just abhalten
konnten, von ihm der Gräfin Irene ausführlich zu erzählen. Mir musste der Vetter
hierüber Rede stehen, das stand mir unumstösslich fest.
    Wir hatten nun die grössere Verkehrspulsader der Stadt verlassen und
schritten durch stillere Strassen.
    »Nun ich Sie wiedergefunden habe - auch par hasard, Herr Fritz Langreuter!
-, so müssen Sie uns doch nun auch wohl eine Visite machen«, meinte
Mademoiselle. »Ich werde Ihnen zeigen unsere Wohnung; doch können Sie nicht
gleich mit mir gehen, denn madame la baronne - meine Irene - ist nicht wohl
heute. Sie müssen kommen mit dem Vetter; ich aber werde sagen, dass ich Sie jetzt
getroffen habe und dass Sie aus alter Freundschaft zu uns kommen werden. Darf ich
das, monsieur Fritz? Dort wohnen wir, im dritten Stockwerk; - der Herr Vetter
Just kennt aber den Weg, und Irene wird sich sehr freuen.«
    Ich sah an dem Hause empor und hielt beide Hände der alten, so bittersüssen
Dame, konnte aber nichts weiter hervorbringen als:
    »O Mademoiselle!«
    »Adieu, monsieur«, rief sie. »Und - au revoir! Nicht wahr, monsieur?«
    Die Haustür hatte sich hinter ihr geschlossen, und ich lief eiligst meinen
Weg zurück und nach dem Hotel, in dem der Vetter Just Everstein abgestiegen war
und hoffentlich noch auf mich wartete mit dem Frühstück, zu dem er mich
eingeladen hatte.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Gewartet hatte er in seinem Hôtel garni nicht mit dem Frühstück; auch dazu war
er zu sehr der Vetter Just vom Steinhofe geblieben. Aber er hatte doch noch
viele schöne Reste auf dem Tische übergelassen; und mit mir von neuem herzlich
und herzhaft daran zu Werke zu gehen und sich zu erbauen, dazu war der Vetter
immer noch der Mann. Aber ich hatte durchaus keinen Appetit mehr; selbst der
sehr mässige, den ich vom Hause mitgenommen hatte, war mir auf dem Wege unter der
Begegnung mit der weiland soeur ignorantine, Mademoiselle Martin, vollständig
vergangen.
    Nun war es aber trotz dieser Begegnung immer noch ein Mirakel, den Vetter
Just vom Steinhofe in einer solchen modernen Karawanserei aufsuchen zu müssen
und ihn daselbst sogar auf dem bekannten trostlosen Sofa hinter dem bekannten,
schäbig rotbehängten Tische hemdärmelig zu finden. Welch ein Segen und Glück ist
es, dass ein richtiger Haspel immer ein Haspel bleibt, selbst wenn er einem in
einer gläsernen Flasche als eine Kuriosität vorgewiesen wird!
    »Du bist lange ausgeblieben, Fritz! Aber so seid ihr einmal hier, und man
muss euch nehmen, wie ihr seid!« rief er mir entgegen. »Jetzt komm her und setz
dich und greif zu. Einen Klingelzug habe ich schon verruiniert; aber brauchst du
noch etwas, so sag's nur dreist, ich gehe dann lieber selber danach. Alter
Junge, ich freue mich unbändig. Öffnete sich jetzt dort die Schranktür und Jule
Crote träte hervor, um, mit der Faust auf den Tisch gestemmt, dir und mir die
Wahrheit zu sagen, so wäre meine Behaglichkeit vollkommen. Aber wie siehst du
denn eigentlich aus? Ist dir etwas Unangenehmes auf dem Wege hierher begegnet,
oder haben wir für deine Kräfte etwas zu lange in die Nacht hinein gesessen und
von den alten Tagen gesprochen?«
    Ich fuhr so rasch als möglich damit heraus, was mir eben begegnet war, und
der Vetter fuhr mit der Hand über den Hinterkopf und sprach sehr gedehnt:
    »Ach so!... Ja freilich!«...
    »O Just«, rief ich, »du bist natürlich sofort da wieder der liebste Gast und
beste Freund und Berater! Ich soll womöglich nur in deiner Begleitung dort einen
Besuch machen; - ich bitte dich um des Himmels willen, was ist das? Sind die
Zustände dort wirklich so trostlos, dass -«
    »Hast du wirklich gefrühstückt? Auf Ehre, Fritz, bist du satt und magst du
wahrhaftig nichts mehr von dem öden Zeug hier auf dem Tische?« fragte der Vetter
kläglich. »Ich frage dich dieses aus Gründen. Nämlich mir ist der Appetit auf
längere Zeit vergangen, nachdem ich dort aus alter Freundschaft an die Tür
geklopft hatte und von Mamsell Martin hereingelassen worden war. Ach, Fritz, was
will das alles sagen, was die Männer erleben können, gegen das, was die Weiber
dann und wann erleben müssen. Ich bringe dich natürlich hin, damit du selber
siehst, was der Schuft, dem sie in die Hände gefallen ist, aus unserer lieben
Irene gemacht hat. Oh, wäre sie tausendmal lieber mit mir über das Wasser und
dann, hie und da ohne einen Cent in der Tasche, durch die Strassen von Neuyork
und durch alles Sauere und Bittere bis in die Wildnis von Neu-Minden gezogen,
als dass sie so dumm war und als bankerottes hochadeliges und reichsgräfliches
Fräulein und junges Mädchen unter ihren Leuten blieb.«
    »Davon habe ich eigentlich zu erzählen, nicht du, Vetter Just«, seufzte ich.
»Das waren trostlose Zeiten auf Schloss Werden, die nach dem Tode des Herrn
Grafen kamen. Wir erfuhren es beide damals, Vetter, wie dem Menschen zumute
wird, wenn plötzlich hundert fremde Hände und Fäuste das Recht gewinnen, in
unser Dasein hineinzugreifen, und alles, was wir für unser ewig Eigentum
hielten, als das ihrige in Anspruch nehmen. Da wird das Geräte des Lebens
verschoben, das uns für alle Zeit an seinem Platze fest zu stehen schien. Da
klingt fremdes Gelächter in Räumen, in denen wir nur zu flüstern wagten. Du hast
nicht die Macht, dich gegen die roheste Rede, gegen den erbärmlichsten Witz zu
wehren. Und wenn die grünen vertrauten Bäume von draussen in gewohnter Weise dazu
in die Fenster sehen und rauschen, so ist das kein Trost, sondern ganz das
Gegenteil. Wir auf Schloss Werden hatten geradeso wie du auf deinem Steinhofe von
allem Abschied zu nehmen. Und wir erfuhren jetzt erst in herzzerbrechender
Deutlichkeit, wie uns alles ans Herz gewachsen war. Ach, du hättest meine Mutter
und ihr armes Kind, ihre Irene, in jenem Sommer und Herbst sehen sollen, wie sie
in den immer leerer werdenden Räumen in den Winkel gedrückt sassen und alles über
sich ergehen liessen, die stolze Irene am stillsten und geduldigsten! Wohl hätte
die Komtesse auf dem Försterhofe ein anderes heimatliches Dach finden können,
wohl hätte sie mit uns - meiner Mutter und mir - gehen können und unser
Schicksal teilen, wenn nur nicht jeder Mensch sein eigen Schicksal hätte, das
durch keine Liebe und Aufopferung, keinen Hass und Zorn eines anderen geändert
werden kann -«
    »Jawohl, da hast du recht«, seufzte der Vetter Just. »Man macht sich hier
immer entweder zuviel oder zuwenig Illusionen von der Macht, dem guten oder
bösen Willen seiner nächsten Umgebung und liebsten Freundschaft. Gegen das
Schicksal, was einem angeboren ist, können sie nichts ausrichten, das steht fest
- tat is a fact, sagen wir drüben.«
    »So kam denn die Vormundschaft und sprach uns drein und dann der Brief aus
Graz und dann die Tante aus Graz persönlich. Da war es denn mit uns anderen
allen aus, und wie von dem Steinhofe, so ging von Schloss Werden ein jeder seinen
eigenen Weg in die Fremde hinein. Wenn dem nicht so wäre, wo bliebe dann nachher
wohl die Verwunderung, wenn man sich wieder trifft, wie zum Beispiel wir jetzt,
und seine Erfahrungen gegenseitig austauscht?«
    »Da hast du wieder recht«, sagte der Vetter Just Everstein, als ob ich ihm
wirklich eben die höchste Weisheit, und zwar als etwas ganz neu Entdecktes,
mitgeteilt hätte. »Und jetzt sei nur still«, fuhr er dann um so überraschender
fort, »du erzählst mir da gar nichts Neues; und so melancholisch, wie du das da
herleierst, so trübselig habe ich es alles selber mit durchgemacht von
Bodenwerder aus. Grosser Gott, wie bald vergessen doch die Leute, wie nahe sie
vor ein paar Jahren beieinander gewohnt haben! Von Irenes Ehestand spreche ich
dir meinerseits nicht. Da musst du dich lieber an Mamsell Martin wenden; die war,
Gott sei Dank, von Anfang an bis zum Ende dabei und hat dazu heisseres Blut in
den Adern als ich und kann dir also die jämmerliche Geschichte mit allem
dazugehörigen Nachdruck und Gestus erzählen. Nur tu mir die Liebe, Fritz, und
frage nicht die Komtesse danach aus. Freilich, du wirst das wahrscheinlich wohl
schon von selber unterwegs lassen, wenn du die alte wilde Hummel und
Spielkameradin nach den ihr von der gütigen Vorsehung zudiktierten
Lebensschicksalen wieder zu Gesicht gekriegt hast. Kurios aber bleibt es einem
immer doch, wie diese nichtswürdigen Schicksale so durcheinanderspielen, dass
selbst der Gleichgültigste nie genau weiss, wie sehr ihn die Sache angeht. Dass
ich von neuem hier drinstecke, und zwar tief, das weiss ich; nun soll es mich nur
wundern, was dir, mein guter Freund Fritze Langreuter, hierbei zu deiner
Behaglichkeit und Unbequemlichkeit aufgehoben ist! Well, noch steht es aber bei
dir, ob du die arme Frau durch mich nur grüssen lassen willst.«
    Wenn es mir bis jetzt noch irgendwie unklar gewesen wäre, wie es möglich
war, dass der Vetter Just den Amerikanern imponierte und den Steinhof
wiedererlangte, so hätten mir seine letzten Worte unbedingt darüber Aufklärung
geben müssen.
    Und diesem Vetter hatte ich vordem die Brosamen, die vom Tische meiner
Schülerweisheit abfielen, mit dem bekannten Dummen-Jungen-Humor grinsend
zukommen lassen?! Und dieser Vetter Just Everstein hatte es einst für eine
Glorie gehalten, mir den pytagoreischen Lehrsatz »vordemonstrieren« zu können!
Die alten Kirschbäume im Grasgarten auf dem Steinhofe, die jetzt wieder samt dem
Grasgarten sein Eigentum waren, schnitten mir aus der Ferne der Erinnerung sehr
ironische Gesichter. Der ganze Steinhof lachte; mir aber war durchaus nicht
lächerrlich zumute: wenn ich ein alberner Schulbube gewesen wäre, so hätte ich
dreist meine Stimmung weinerlich nennen dürfen. Um mich daraus zu retten,
brachte ich nach altergebrachter Menschenweise die Rede auf etwas anderes, das
heisst auf den nächsten besten Bekannten oder Freund. Ich erkundigte mich nach
Ewald Sixtus und wünschte etwas Genaueres über das Zusammentreffen des Vetters
mit ihm in Belfast zu erfahren.
    »Der Mann gefiel mir eigentlich nicht«, sagte der Vetter Just kurz und
deutlich. »Ein tüchtiger Ingenieur scheint er geworden zu sein; aber sonst hat
die Fremde gerade nicht nach meinem Geschmack auf ihn eingewirkt. Von uns zu
Hause mit ihm zu reden, habe ich bald aufgegeben, da er selber stets gleich
wieder abbrach. Aber über Wasserbauten und Brückenanlagen haben wir viel
miteinander gehandelt. Wie dieser Mensch in dem Försterhause hat flügge werden
können, ist auch eines von den vielen unbegreiflichen Wundern dieser Erde. Was
mich anbetraf, so schien er sich übrigens auch ein wenig zu wundern, dass ich
nicht ganz der alte geblieben war. Gewissermassen habe ich ihm sogar, wie es
scheint, gefallen, aber er hielt mich jedenfalls für einen grösseren
Kapitalisten, als ich bin; und dass ich auf dem Wege nach der Heimat war, um mir
den Steinhof zurückzukaufen, hielt er für eine von meinen alten Dummheiten, und
dabei kam auch sein altes lustiges Lachen (weisst du noch, Fritz?) zum erstenmal
annähernd wieder zum Vorschein. Ich lachte aber nicht mehr mit wie vor Jahren
auf dem Steinhofe, wenn ihr euren Spass an mir hattet und ich das euch gern
gönnte. Um Irene Everstein hatte er sich sowenig - wie du - nimm's mir nicht
übel, Doktor! - bekümmert. Das hätte ich meinerseits ihm nun nicht allzu übel
genommen, wenn es mir gleich etwas sonderbar nach ihrer so netten
Jugendfreundschaft und - liebschaft erschien. Aber auch von seinem alten Vater
und von seiner Schwester wusste er wenig. Sie schrieben an ihn wohl, er aber
schrieb nur dann zurück, wenn er Zeit hatte, und die hatte er wenig. Ein bisschen
Heimweh dann und wann in der Fremde schadet keinem Menschen. Man kann auch
trotzdem Geld machen und ein tüchtiger Arbeits- und Geschäftsmann sein. Ich habe
es furchtbar gehabt, das Heimweh nämlich, und für eine Million nicht wäre ich
auf seinen, unseres Ewalds, Vorschlag eingegangen und wäre noch ein halb Jahr
lang bei ihm in England geblieben und hätte Bodenwerder Bodenwerder sein lassen.
Übrigens lässt er dich doch grüssen, der alte Junge. Und als ich ihm sagte, dass
ich dich jedenfalls aufzufinden suchen würde, fand er das uncommon obliging für
dich.«
    »Ich danke dir und - ihm«, sagte ich, ziemlich gedehnt das letzte Wort
betonend. »Von dir, Vetter Just, war das freilich ungewöhnlich zuvorkommend und
freundlich!«
    »Ärgere dich nur nicht zu sehr, Fritzchen«, lächelte gutmütig der gelehrte
Bauer vom Steinhofe. »In früheren Zeiten ist lange genug ununterbrochen an mir
die Reihe gewesen, mich über die Leute und Dinge zu verwundern. Jetzt bin ich
gottlob wenigstens ein wenig dahintergekommen, dass man mit seinem Erstaunen
haushalten muss und dass es schade ist, es an das unrichtige Individuum oder den
unrechten Gegenstand wegzuwerfen. Morgen früh aber gehen wir beide zu Irene
Everstein oder Frau von Rehlen. Weisst du, ich nenne sie am liebsten immer noch
bei ihrem Vaternamen, noch dazu, da es auch der meinige ist. Wenn es dir passt,
so werde ich dich gegen elf Uhr abholen. Du kannst es mir aber aufrichtig sagen,
wenn du andere wichtige Abhaltungen hast.«
    Ich hatte dergleichen nicht.
 
                             Siebenzehntes Kapitel
Wenn der Vetter Just sein Wort gegeben hatte, so konnte man sich darauf
verlassen, dass er es pünktlich hielt. Dieses war selbst in seinen Traumjahren
auf dem Steinhofe der Fall, und sein Aufentalt in Amerika hatte nichts daran
geändert. Fünf Minuten vor elf Uhr am folgenden Tage vernahm ich seinen
langsamen, soliden Schritt auf der Treppe.
    »So, da bin ich, und wir können gehen«, sagte er. »Irene wird sich gewiss
recht freuen; aber ein Vergnügungsweg ist es nicht, das versichere ich dich.«
    Dieses brauchte er nun mir gerade nicht immer zu wiederholen, ich wusste es
bereits. Die Zeiten, wo wir uns in dem Blättergrün und Sonnengold unserer
Nussbaumnester an der Hecke von Schloss Werden schaukelten und uns daraus wild,
frei und fröhlich in alle grenzenlose Jugendlust der Erde niedergleiten liessen -
auf die »Vergnügungswege nach dem Steinhofe«, wie der Vetter sich ausdrückte -,
die Zeiten waren nicht mehr vorhanden. Aber aus dem Sonnengold und Blättergrün
stieg ich an diesem Morgen doch hernieder in den Strassenschmutz der Stadt
Berlin. Wie du die Jugendfreundin auch finden magst, hiervon werdet ihr auch
reden, Fritz Langreuter! sagte ich mir wehmütig-bänglich; und dazu war es schon
sehr viel und ein grosser Segen, am Arme des Vetters Just Everstein diese Strassen
durchwandern zu dürfen, vorüber an den Anschlagsäulen mit den hundert bunten, zu
den heutigen Lustbarkeiten einladenden Zetteln, ganz abgesehen von den anderen
öffentlichen, privaten oder amtlichen Ankündigungen und Aufforderungen.
    »Guck, da steht die Gesellschaft und der Staatsanwalt wieder einmal einem
durchgeschnittenen Halse gegenüber perplex! Diese dreihundert Taler, die dem
Denunzianten des Täters angeboten werden, sind für mich das kurioseste
Preisgeld, was der Menschheit, das heisst dir, mir und den übrigen, hingehalten
werden kann«, brummte der Vetter. »Was will es dagegen heissen, die beste Komödie
zu schreiben oder das beste Bild zu malen und einen Preis dafür zu kriegen?
Beiläufig, ich habe es damals in der Neuyorker Staatszeitung gelesen, dass du
auch einen Preis für eine wissenschaftliche Abhandlung bekommen hast. Das muss
dich doch sehr gefreut haben, Fritz; - als ich es las, war ich natürlich aus
Rand und Band. Hast du noch ein Exemplar von der Abhandlung für mich, und kann
ich sie verstehen?«
    »Makulatur, alter Freund!« sagte ich, besass jedoch in einem staubigen Winkel
ein hübsch Bündel von mir und der Welt höchst überflüssigen Abdrücken. Wir
gingen weiter und sprachen auf dem ferneren Wege wenig mehr miteinander und
nichts von irgendwelcher Bedeutung; aber unter der Tür des Hauses, in dem Irene
von Everstein jetzt wohnte, hatten wir eine Begegnung, von der kurz erzählt
werden muss, und zwar mit einer kleinen Abschweifung.
    Es ist eine der volksläufigen Vorstellungen, dass die höheren Klassen unserer
heutigen Gesellschaft den ideelleren Bestrebungen des Menschen immer noch
vollkommen fremd gegenüberständen und teils mit Verachtung darauf herabsähen,
teils drolligerweise Furcht davor hätten. Dem ist nach meiner Erfahrung nicht
so, nicht einmal im grossen ganzen. Dass man hier wie auch in anderen Kreisen ein
tüchtig Quantum von Dilettantismus oder von beschäftigungsloser Neugier oder von
leerem Vorwitz im Verkehr der Welt zu verdauen hat, ist freilich nicht zu
leugnen; doch wo hat man das denn nicht?
    Ich meinesteils habe mich in meinem engen Reiche nie über eine
aristokratische Missachtung zu beklagen gehabt, wohl aber ziemlich häufig über
des edeln deutschen Philistertums verzogene Schnauze ein vergnügtes Lächeln mit
einiger Mühe unterdrückt. Wir deutschen Gelehrten usw. haben wahrlich keinen
Grund, das »Krieg den Palästen!« durch unseren Tabaksdampf nachzubrummen.
Wahrlich, wenn es uns Spass macht, so dürfen wir unsere Fehdebriefe da dreist an
ganz andere Türen als die unserer früheren Reichsunmittelbaren usw. anheften.
    Einer von den letzteren, und zwar ein sehr guter Bekannter aus den Hörsälen
der Universität und von manchem »wissenschaftlichen Abend« her, war es, der uns
über die Schwelle, die wir eben überschreiten wollten, entgegentrat.
    »Sieh da, Doktor! Was für ein guter, närrischer oder gar böswilliger Geist
führt denn Sie in dieses Haus, wenn ich fragen darf?«
    »Ich komme jedenfalls unter dem Geleit eines guten, treumeinenden Führers,
mon prince«, erwiderte ich. »Ich wünsche eine Jugendbekanntschaft zu erneuern,
Durchlaucht.«
    Die Durchlaucht oder Erlaucht hatte den Vetter höflichst gegrüsst und dieser
den Gruss ebenso zurückgegeben.
    »Eine Jugendbekanntschaft? Darf ich fragen, mit wem, lieber Freund und
gelehrter Gönner?«
    Ich stellte zuerst die beiden Herren einander vor, und sie begrüssten sich
noch einmal. Dann beantwortete ich die an mich gestellte Frage, indem ich Irenes
jetzigen Namen nannte, aber auch ihren Mädchennamen hinzufügte. Der Fürst ** sah
mich einen Augenblick betroffen an, dann ergriff er meine Hand und rief:
    »Die?! Die Herren sind Bekannte - Freunde der armen Frau? Ach, es ist ja
richtig, Doktor, Sie stammen mit ihr aus einer Gegend her. Oh, meine Herren, ich
habe in Wien diese Ehestandstragödie mit durchgemacht und auch eine Rolle darin
gespielt. Ich war ein Zeuge bei dem Duell, in dem endlich zu allgemeiner
Befriedigung in unserem gesellschaftlichen Verkehr ein schwarzer Strich über den
Namen Gaston von Rehlen gezogen wurde. Die Rehlen sind von fernher mit uns
verwandt, und nach meinen schwachen Kräften habe ich das Meinige getan, die
unglückselige Frau da oben in ihrem trostlosen Leben aufrechtzuerhalten. Mein
Vater ist ein Jugendfreund des alten Herrn auf Schloss Werden gewesen; - so
laufen die Bezüge zwischen uns durcheinander. Ach, meine Herren, ich wollte, Sie
wären etwas früher gekommen. Vielleicht hätten Sie einen frischen Hauch in die
schwüle Stunde mitgebracht, in der ich eben dort oben auf Kohlen gesessen habe.
Sie treffen übrigens auch den Arzt dort an. Das Kind ist seit der vergangenen
Nacht wieder recht krank; der Medizinalrat macht mit der Uhr in der Hand am
Bette der Kleinen das bekannte Gesicht und ist mir auch bis vor die Tür
nachgegangen und hat mir als einem Familienfreunde seine Meinung nicht
vorentalten. Das kleine Mädchen liegt bereits im Sterben, und als wirklicher
Familienfreund halte ich das bei dem geistigen und körperlichen Zustande des
armen Geschöpfes für ein Glück!«
    Der Vetter Just stiess einen Laut hervor, der ein Seufzer war, aber auch eine
grimmige Verwünschung bedeuten konnte.
    »Meine Herren«, fuhr der Fürst fort, »ist es nicht recht bizarr, dass wir uns
von all diesen Angelegenheiten hier so zwischen Tür und Angel unterhalten?
Bester Doktor, demnächst muss ich mich unbedingt einmal wieder zu einer Tasse Tee
bei Ihnen einladen, und dann müssen wir mehr über die Frau da oben reden. Sie
interessiert uns alle in dem weitesten und in dem engsten Kreise; ich spreche
aber hier nur von dem letzteren als dem meinigen.«
    »Sie wissen, dass Sie mir immer willkommen sind, Durchlaucht«, erwiderte ich.
    »Also, adieu, mein Bester, und auf Wiedersehen!«
    Wir schüttelten uns noch einmal die Hände, während der Vetter Just bereits
die Treppe hinaufstieg.
    Das war im ersten Stockwerk eine breite, vornehme, mit Teppichen belegte
Treppe, die zu einer auf dem Eckständer der Brüstung eine Glaskugel haltenden
Bronzefigur emporführte. Aber die Teppiche waren auf dem nächsten Absatze
verschwunden, und auch die Stufen waren steiler geworden. Der Kommissionsrat,
der die Beletage des Hauses innehatte, wohnte bedeutend eleganter als die
Freifrau Irene von Rehlen, die wir in dem glückseligen Nussbaum, auf den Wiesen,
in den Parkalleen und in den Wäldern von Schloss Werden einst in ihrer fröhlichen
Wildheit, blondlockig und blauäugig, als unseren besten Kameraden und nur, wenn
sie uns zu sehr durch einen ganz unvermuteten Schabernack aus der Fassung
gebracht hatte, als dies »Fräulein Gräfin« oder (nach Ewalds Ausdruck) als
»diese ganz abgefeimte Hauptexe, diese Irene« gekannt hatten.
    Ich stieg hastig dem Vetter nach, der vor der Glastür mit dem jetzigen Namen
unserer Jugendfreundin einen Augenblick lang sich schwer auf das Geländer
stützte und, unverständlich mit sich selber sprechend, sich mit dem Taschentuch
über die Stirn fuhr.
    »Das sollte nun wohl ein Trost sein, dass uns dieser Mann da eben an der Tür
begegnete!« brummte er mir zu. »Oh, diese Hand würde ich darum hergeben, wenn
ich dadurch jetzt meine Eva Sixtus hierher schaffen könnte, Fritz Langreuter!«
    Weshalb gab mir nun dieser Name Eva Sixtus auch in dieser Stunde, in dieser
Umgebung und unter diesen Umständen, von ihm ausgesprochen und gleichsam zur
Hülfe herbeigerufen, in tiefster Seele einen Moment bittersten Unbehagens - wie
das Volk sagt: einen Stich durch das Herz?! Ich hatte wiederum keine Zeit,
darüber nachzudenken; die Glastür war nicht verschlossen, und der Vetter hatte
sich »besonnen«, wie er sagte, und »die nötige Selbstbeherrschung
wiedergewonnen«.
    Als wir auf den etwas dunkeln Vorplatz traten, öffnete sich gegenüber eine
Tür, und der Doktor kam heraus, geleitet von Mademoiselle Martin, deren
runzeliges Gesichtchen verkniffener denn je erschien.
    »Ah, messieurs!«
    Ich kannte auch den Arzt persönlich und wusste, dass er als einer der besten
Kinderärzte der Stadt galt. Er gab mir etwas verwundert die Hand; aber dem
Vetter Just schüttelte er sie ganz vertraulich.
    »Ich freue mich, dass ich Ihnen augenblicklich den Platz räume, Herr
Everstein«, sagte er leise. »Sprechen Sie in Ihrer gewohnten Weise zu der
Gnädigen; es wird ihr wohltun -«
    »Und das Kind?« flüsterte der Vetter; und der glückliche Kinderarzt, der sie
zu Tausenden hatte sterben sehen, nickte unmerklich und schüttelte sodann sehr
merklich den Kopf:
    »Ich habe leider dem Fräulein hier die Wahrheit nicht verhehlen dürfen. Ich
denke - so - gegen Abend!... Werde jedenfalls im Laufe des Nachmittags noch
einmal vorsehen. Mein Fräulein, ich bitte Sie, ferner so ruhig zu bleiben wie
bisher. Meine Herren, ich empfehle mich Ihnen.«
    Er ging, und Mademoiselle, die so ruhig bleiben konnte, erfasste mit
zitterndster Erregung unsere Hände, und die Tränen brachen ihr unaufhaltsam
hervor.
    »Oh, es ist gut! - Nur einen Moment, messieurs! Ich bin auch gleich wieder
still. Herr Fritz, madame wird sich sehr freuen - freuen. Ich habe ihr gleich
erzählt von Ihnen, und dass ich Sie habe gesehen in der Strasse. Herr Just, Sie
verlassen uns nicht heute abend! Sie bleiben bei meinem Kind und bei unserem
Kinde, wenn kommt die schlimme - terrible - Stunde. Wir brauchen einen guten
Mann dann bei uns, Herr Vetter Everstein! Und nun warten Sie, dass ich es
ankündige, dass Sie da sind.«
    Sie führte uns in ein Nebengemach, und wir hatten nicht lange zu warten, bis
man uns winkte. O über die goldengrünen Zweige, in denen wir uns wiegten, unsere
Nester bauten und von der Welt träumten und auch als Kinder, nicht als
ausgewachsene Leute und grosse Philosophen, die Welt für ein Spiel nahmen, in
welchem wir mitspielen durften!...
    Am Sterbebette ihres Kindes! Sie sass in dem verdüsterten Raume und hatte den
Arm auf das Gitter des kleinen Lagers gestützt, und sie stand auch nicht auf,
als wir leise in die Tür traten, sondern reichte uns nur die Hand und hob ihre
gleichfalls fieberhaft glänzenden Augen zu uns empor.
    »O Just«, sagte sie, und dann zu mir gewendet, mit einem ganz anderen
Ausdruck: »Schau, auch du, Fritz! Ich sollte dich eigentlich jetzt wohl Sie
nennen, denn wir haben uns so lange nicht gesellen und haben soviel erlebt in
der Zeit, dass wir uns nicht gesehen haben. Aber ich hätte dich doch gleich
wiedererkannt, Fritz, und ich habe auch keine Zeit, jetzt über das Schickliche
nachzudenken. Lassen wir es also beim alten, wenn es dir recht ist, Fritz.«
    Es war noch die alte Stimme und doch auch eine ganz andere. Mit eisernem
Griff drückte mir die Stunde die Kehle zusammen.
    »O liebe Irene-«
    Der Vetter Just hatte sich über das kranke Kind gebeugt.
    »Deine gute Mutter ist auch gestorben«, sagte die Jugendfreundin. »Ich habe
mich sehr betrübt, als du mir das schriebest. Sie hat auch viel erlebt. Weisst du
wohl noch, wie ihr zuerst nach Schloss Werden kamt? Aber wir haben nachher doch
noch eine glückliche Zeit für uns gehabt. Setze dich doch, Fritz - du musst nicht
gleich wieder fortgehen; - aus alter Freundschaft, lieber Fritz! Mein Vater ist
gestorben - mein - Mann ist tot - nun stirbt mein Kind, mein armes, kleines,
krankes Mädchen! O Vetter Just, Vetter Just!«
    Sie hatte sich mit einem Male rasch erhoben und dem Vetter laut weinend die
Arme um den Hals gelegt. Sie schluchzte an seiner breiten, braven Schulter, als
könne sie sich nimmer wieder beruhigen.
    »Das ist gut; lassen Sie sie so!« murmelte Mademoiselle Martin, ihr
Taschentuch zwischen den Händen zerringend. Da fing das Kind leise an zu
wimmern, und der Vetter, die Mutter aufrecht haltend, legte eine Hand auf die
kleine Stirn auf dem weissen Kopfkissen.
    »Vetter Ju! - Wehweh!« winselte das Kind.
    »Herz, mein Herz«, rief Irene. »Wir sind ja alle bei dir! Mama ist da, und
wir bleiben alle bei dir - o grosser Gott!«
    »So wehweh!... Auf Arm, Vetter Ju!« klagte das Kind von neuem und bat mit
herzzerreissenden Schmerzenslauten. Der Vetter Just warf einen fragenden Blick
auf Mademoiselle Martin, und sie nickte. Da nahm der Bauer vom Steinhofe sanft
die Kleine aus ihrem Bettchen und setzte sich und hielt sie auf einem Kissen und
in ihren Decken in seinen guten Armen, und sie wurde allgemach wieder ruhig und
schlummerte schmerzloser der letzten, ernsten Stunde zu. O über den Sonnenschein
und die goldengrünen Zweige, in denen wir uns wiegten, als wir Kinder waren!
    Der Medizinalrat sah seinem Versprechen gemäss gegen Abend noch einmal vor.
Er blieb sehr ernstaft wieder mit seiner Uhr in der Hand eine Viertelstunde und
sprach gemessen schickliche und beruhigende Worte zu der Mutter. Aber er war ein
»glücklicher« Arzt, ein vielbeschäftigter, und hatte keine Zeit, hier das Ende
abzuwarten, denn er hatte noch an verschiedenen anderen Orten dieselben
geziemlichen und beruhigenden Worte zu sprechen. Wir aber hatten Zeit dazu: der
Vetter Just Everstein und - gottlob! - ich auch!
 
                              Achtzehntes Kapitel
Ich habe es wohl vergessen, zu sagen, dass wir damals im März des laufenden
Jahres waren. Der Tag war hell und trocken, wenn auch noch immer windig. Auf den
verhängten Fenstern lag ein gut Teil des Tages hindurch die Vorfrühlingssonne,
und in das Nebenzimmer schien sie voll hinein, bis sie hinter die
gegenüberliegenden hohen Häuser hinabglitt.
    Wir verlebten diesen Tag vom Mittag an in diesen zwei Zimmern, dem
verdunkelten und dem hellen, der Vetter Just und ich. Mademoiselle Martin deckte
uns sogar in dem hellen Raume ein Tischchen und legte vier Couverts auf und
stellte vier Stühle daran. Wir assen daran zu Mittage, Mademoiselle, der Vetter
und ich; und auch Irene kam und setzte sich einmal zu uns. Da aber hatte der
Vetter ihren Platz an dem kleinen Bette eingenommen. Wir gingen ruhelos ab und
zu, aus der hellen Stube in die dunkle. Es wurde auch eine Zeitung gebracht, und
Mademoiselle Martin reichte mir dieselbe. Ich nahm sie und habe sie bis in die
Dämmerung hinein wohl hundertmal hingelegt und von neuem aufgenommen. Wer diese
Weise, eine Zeitung, ein Buch oder sonst einen beliebigen Gegenstand in Angst,
Herzensweh und - Langerweile, ja Langerweile, hin und her zu wenden durch die
kriechenden Stunden, nicht kennt, der preise das Geschick, das ihm solchen
Zeitvertreib ersparte, und bitte, dass es ihn auch fernerhin davor bewahre, sich
daran halten, im vollsten Sinne des Wortes sich daran halten zu müssen, bis das
schlimme, öde, tödliche Warten sein Ende gefunden hat, einerlei welches.
    So warteten wir an jenem Nachmittage.
    Das kranke Kind wimmerte und schlief und wimmerte wieder und schlief wieder.
    Die Mutter sang ihm mit leisester Stimme und kam zu uns und weinte und
erzählte auch abgebrochen aus ihrem Leben und fragte nach dem meinigen. Wenn der
Vetter Just irgend etwas sagte, so horchten wir alle mit momentan leichterem
Atemholen; aber auch er schwieg oft viel zu lange und wusste nichts zu sagen.
Mademoiselle ging ab und zu; - die war noch am besten dran, denn sie hatte den
Haushalt für den kommenden Tag zu besorgen und von uns allen also das meiste um
die Hand. Manchmal aber stand auch sie beschäftigungslos am Fenster, und ich bin
fest überzeugt, dann haben sich Leute an den Fenstern drüben auf der anderen
Seite der Gasse einander heiter auf sie aufmerksam gemacht:
    »Guck nur die Alte! Wie in einem Bilde!... Die möchte ich mir freilich nicht
am frühen Morgen über den Weg laufen lassen!«
    »Die könnte Geschichten aus ihrer Seele erzählen, gegen die wir beide,
Fritz, alle unsere Erlebnisse still zusammenpacken könnten«, flüsterte mir
einmal der Vetter zu, mit dem Daumen über die Schulter auf die soeur ignorantine
an dem Fenster hindeutend. »Was meinst du, wenn die am Jüngsten Gericht ihre auf
Erden verschluckten Tränen auf einmal fliessen lässt?!«
    »Ja, Just«, sagte ich »aber es läuft alles in einen Strom. Ich kann es dir
nicht sagen, was für einen Damm das letzte Tribunal dagegen aufbauen wird, um
nicht mit Sessel, Bank und grünem Tisch weggeschwemmt zu werden.«
    »Darf ich Ihnen noch eine Tasse Kaffee einschenken?« fragte im Augenblick
darauf Mademoiselle Martin. »Sie trinken ihn noch immer recht süss?«
    Und ich sah in demselben Augenblick wieder vollständig genau die
grünlackierte Zuckerdose von Schloss Werden vor mir und fühlte auf meinen
Knöcheln den Schlag, mit welchem Mademoiselle meinen verstohlenen Griff in
dieselbe zu verhindern gewohnt war, und hörte dazu das vorwurfsvolle Wort meiner
Mutter: »Aber Fritz?!« und dabei das mutwillig glückselige Kichern der Komtesse
Irene, der währenddem der Griff unbeachtet gelungen war.
    Die schwersten Tage, Stunden und Minuten erzeugen ihre geschwindesten,
wunderlichsten und buntesten Phantasmagorien.
    Wenn wir zusammen sprachen, so sprachen wir sehr häufig von Eva Sixtus. Das
Wort des Vetters: »Ach, wenn wir sie doch hier hätten!« kam zur vollsten
Geltung. Jede heller auftauchende Erinnerung an sie, jedes Geschichtchen von ihr
aus der Kinderzeit war uns wie ein Trunk aus einer kühlen klaren Quelle an einem
schwülen Tage und unter schwerer Mühe. Wir konnten sie uns auch heute noch nicht
anders vorstellen als immer noch umgehen von dem alten Zauberreich der Erde,
weiterlebend still und freundlich in dem süssen Licht, den Tönen und Düften des
von uns verlorenen oder aufgegebenen Paradieses.
    Der Vetter Just, der natürlich am genauesten über sie Bescheid wusste und sie
vor vierzehn Tagen noch gesprochen hatte, sagte:
    »Das ist auch so mit dem guten Mädchen, und sie verdient es wirklich. Schon
die Art anzusehen, wie sie mit ihrem alten Papa und seinen Hunden und seinem
kuriosen Papstbuche umgeht, ist ein wahres Vergnügen. Beiläufig, wenn ich an das
Papstbuch denke, so fällt mir dabei jetzt immer Freund Ewald in England ein.
Seit ich den braven Jungen dort besucht habe, meine ich in plain terms, dass ein
gut Stück mehr als genug aus dem Schmöker an ihm hängengeblieben ist. Das hat
sich der Papst Sixtus der Fünfte wohl auch nicht träumen lassen, dass man einmal
im Königreich Grossbritannien und Irland Ingenieurkunst und dergleichen nach
seinen Maximen treiben würde. Ich wollte nur, er schriebe häufiger an unser
Evchen und den Alten - den Mr. Ewald und nicht Seine Heiligkeit meine ich
selbstverständlich. - Ja, das liebe, alte Försterhaus von Werden! Dass die
Regierung was daran gewendet habe, kann keiner behaupten; aber ungemütlicher ist
es darum doch nicht geworden. Im Gegenteil, nur noch gemütlicher hat es sich
zwischen seine Lindenbäume, Büsche und Gartenkultur eingenistet - ihr wisst,
angenuselt nennen wir das bei uns zu Hause. Über Bodenwerder hinaus ist, während
wir anderen sämtliche Münchhausens Abenteuer in der Welt erlebten, weder Eva
noch der Förster gekommen. O Irene, wie werden sie demnächst einmal Ohren, Nase
und Mund aufsperren, wenn wir ihnen unsere Allerweltshistorien heimbringen! Das
steht fest, diesen Sommer treffen wir uns alle auf dem Steinhofe bei dem Vetter
Just! Wozu bin ich denn der Vetter Just, wenn ich das nicht ganz genau wüsste und
dazu, dass es immer wieder Sommer wird, wenn es Winter gewesen ist? Das steht
fest wie der Magister mateseos, Fritze Langreuter; jaja, Miss Martin, man kann
es zu einer ungeheuren Gelehrteit und Weisheit in der Welt bringen, wenn man
nur seinerzeit an nichts denkt und die Leute reden und lachen lässt. Ein
Verdienst war das damals aber bei mir nicht, sondern nur Blödigkeit und
Schüchternheit und dazu Angst und Verwunderung, weil ich nur der dumme Junge auf
dem Steinhofe war und die Welt und der Himmel umher so weit und voll und
allmächtig - liebe Irene, bleib sitzen ich sehe schon nach dem Kinde!«
    Sie wusste es, dass er ihren Platz an dem kleinen Schmerzenslager ebensogut
ausfüllte als sie selber; sie lief ihm doch vorauf in das verdunkelte Zimmer. Er
ging aber dennoch mit ihr; und Mademoiselle Martin und ich blieben uns an dem
Kaffeetische allein gegenüber.
    »Haben Sie nicht vorhin gesagt, dass Sie an unserer Haustür mit M. le prince
de ** zusammengetroffen seien, M. Fritz?« fragte Mademoiselle.
    Ich bestätigte das noch einmal.
    »Sie wissen gar nichts von uns, Frédéric, und wenn Sie etwas sehr
verwundert, so behalten Sie auch das für sich. Dies war immer Ihre manière so,
schon als Sie noch so gross waren.«
    Sie zeigte es durch eine Handerhebung, wie hoch ich war, als ich bereits
alle meine Verwunderungen für mich selber behielt.
    »Es tut mir leid, Mademoiselle Martin -«
    »Oh, es tut Ihnen gar nichts leid, monsieur le docteur, denn sonst hätten
Sie sich schon nach vielen Dingen erkundigt. Par exemple: Wie kommen Sie nach
Berlin, Mademoiselle?.... Mais c'est navrant - ces gémissements de la petite!
Bleiben Sie sitzen. Fritz, wir können doch nichts helfen dort, und der Vetter
hilft der Komtesse. - Es ist der Fürst und seine Familie, die uns haben
weggeholt von Wien und uns haben leben lassen hier. Das sind sehr gute Leute,
und die Väter und Grossväter haben sich auch schon geholfen gegenseitig depuis
les siècles, und vorzüglich, als der Kaiser Napoleon war in Deutschland der
Herr. Damals ist es monsieur le comte d'Everstein-Werden gewesen, der helfen
konnte; aber das Glücksrad geht herum toujours, toujours, toujours! Und Seine
Durchlaucht ist gekommen und hat gesagt: Sie können nicht bleiben in Wien,
madame la baronne. Je suis garçon, sonst sollten Sie wohnen in meinem Hotel in
Berlin; aber ich muss sein Ihr Vormund, das ist mir eine Pflicht. Sie sollen
still leben in Berlin und die Vergangenheit vergessen; ich werde alles besorgen.
- Bien, was wäre aus uns geworden ohne ihn? La grande mer hätte uns
übergeschlungen. Voyez par exemple madame de ** und madame de ** und so viele
andere arme Frauen dans la rafale de la vie! So haben wir gelebt hier durch
seine Herzensgüte und auf seine Kosten, bis neulich gekommen ist monsieur Just,
der Herr Vetter von dem Steinhofe - oh, der Vetter Just, oh, und es ist sehr
gut, dass Sie an unserer Tür haben einander vorgestellt den Herrn Fürsten und den
Herrn Vetter. Wir hatten noch keine Gelegenheit dazu gehabt, denn Seine
Durchlaucht waren verreist bis gestern.«
    In dem Nebengemache war das leise, klagende Gewimmer wieder still geworden,
und der Vetter Just setzte sich wieder zu uns. Es war gegen sechs Uhr am
Nachmittage und die Sonne eben dem Untergange nahe. Der Vetter seufzte schwer
und gab wortlos der alten soeur ignorantine die Hand. Mademoiselle liess die
Schuhe von den Füssen fallen und ging auf den Strümpfen zu der Tür des
Nebenzimmers, kam zurück und fragte:
    »Schläft sie auch? Sie hat den Kopf mit auf das Kissen gelegt.«
    »Weiss nicht«, sagte der Vetter kaum hörbar. »Ich wollte es wohl, aber ich
glaube es nicht. Sie horcht nur.«
    Wir horchten alle; dann ging Mademoiselle mit ihren Pantoffeln in der Hand
von neuem ihren Haushaltungsgeschäften nach, und in der immer mehr über uns
hinsinkenden Dämmerung waren jetzt Just Everstein und ich wieder für eine Zeit
allein einander gegenüber gelassen.
    »Es kann noch Stunden dauern. Ich kenne das leider nur zu genau aus mancher
Ansiedlerhütte drüben, jenseits des Atlantic. Wir hatten dort immer nur Kalomel
und wieder Kalomel; aber es ist egal, denn es bleibt immer dasselbe, hier und im
Hinterwalde. Die Mütter legen dann immer ihren Kopf mit auf das Kissen«, sagte
der gelehrte Bauer vom Steinhofe. »Sie machen auch die Augen zu, und wer sonst
dabeisjetzt, kann nichts tun als stille sein. Wolltest du etwas sagen, Fritz?«
    Ich hatte nur einen etwas tieferen Atemzug getan, und so fuhr gottlob der
Vetter fort.
    »Man sitzt da still, wenn das Kind sterben will und die Mutter weiterlebt,
und hat doch Zeit, an allerlei anderes zu denken. Von den grössten und
wirklichsten Wundern spricht, schreibt und druckt kein Mensch und kein
Evangelium! Dies ist nun so eine Stunde, in der man mancher Angelegenheit,
welche man sonst nicht so leicht anrühren würde, freimütiger auf den Grund geht,
weil alles rundum ernst genug dazu aussieht und selbst der Misstrauischste nicht
an pure Neugier oder albernen, überflüssigen Vorwitz denkt. Fritz Langreuter,
unsere Eva Sixtus hatte dich einmal sehr gern. Weshalb hast du das nicht merken
wollen?«
    Es schwamm mir vor den Augen, die heissesten Blutwellen drängten sich nach
dem Herzen und Hirn, es hämmerte sinnbetäubend; der Boden schwankte unter mir.
    »Mich?... Ich?!« stammelte ich, und der Vetter Just ergriff meine Hand und
hielt sie während des Folgenden in der seinigen fest.
    »Natürlich!« murmelte er. »Er fragt! Er weiss gar nichts! Oh, wenn ich nur
wüsste, wo ihr Menschenkinder in der besten Zeit eures Lebens eure Augen und
Ohren hattet!... Dich hatte sie lieb!«...
    »Mich?« wiederholte ich durch eine See von Wonne und Angst, nach einem
unbekannten, noch unsichtbaren Ufer mich durchringend.
    »Wen denn anders?« fragte der gelehrte Bauer vom Steinhofe, und ich fühlte,
wie seine Hand dabei erzitterte; und meine Angst, die tödliche Angst in mir,
hatte darin ihren Grund, dass ich wusste, was dieses Zittern bedeutete.
    O Vetter Just! Vetter Just!
    Als ob er mit einem anderen spräche, den Blick in die Weite gerichtet, fuhr
Just Everstein fort:
    »Da sass ich, der dumme, übergeschnappte Bauernjunge, um so manches Jahr
älter als ihr, unter der Obhut und Vormundschaft von Jule Grote, zwischen meinen
Düngerhaufen und Ackerfeldern, Wiese und Wald, und sah alles wie im Traume und
doch ganz klar. Ich will nicht behaupten, dass ich der Gescheiteste von der
Gesellschaft war, denn der ist und bleibt Freund Ewald, der ohne allen Traum und
Duselei ebenfalls ganz klarsah und ganz genau wusste, wie er zu der Komtesse
Irene stand und sie zu ihm. Er ist nicht ohne seine stichhaltenden Gründe in die
Welt und nach Irland gegangen und schreibt wenig nach Hause. Wie vieles möchten
wir anders haben in der Welt, was doch nicht sein kann! Da sitzt sie; - horch,
und ihr Kind ist wieder wach, und sie spricht zu ihm, zu ihrem sterbenden Kinde;
und niemand darf sie fragen, ob es nicht doch möglich gewesen wäre, dass dies
alles hätte anders sein können!... Von ihr und Ewald rede ich auch gar nicht; da
wird noch lange Zeit hingehen, ehe die Menschen es für etwas
Selbstverständliches halten werden, auf der Erde zu ihrem Behagen unter dem
rechten Dache zu Schauer zu kriechen. Nach deinen Versäumnissen möchte ich dich
fragen, Fritz! Nimm es mir nicht übel - es findet sich aber vielleicht keine
bessere Stunde dazu in unserem Leben als diese gegenwärtige sehr melancholische
und sehr - ich weiss nicht, wie ich mich darüber ausdrücken soll!«
    Er sagte es wirklich, dass er nicht wisse, wie er sich über diese Stunde
ausdrücken solle. Hätte er ein Wort dafür gefunden, so würde er freilich die
deutsche Sprache für all ihre Zeit dadurch bereichert haben. Was mich anbetraf,
so war es nicht nötig, dass er noch ein Wort fand oder erfand für sich. Ich wusste
bis in die tiefste Tiefe seiner und meiner Seele hinein, was er mir deutlich zu
machen gewünscht hatte.
    Aber ich?!...
    In diesem Augenblick rief Irene aus dem Nebenzimmer angstvoll und laut
unsere Namen. Der Vetter Just und ich kamen an diesem Abend nicht mehr dazu,
unsere Privatangelegenheiten weiterzuerörtern. Gegen Mitternacht starb das Kind.
                                  Zweites Buch
                                  Erstes Kapitel
Es ist nichts leichter, aber auch nichts schwerer, als eine gute Grabrede zu
halten. Ich für mein Teil aber bleibe unter allen Umständen gern davon und lasse
jedem beliebigen anderen das Wort. In dem vorliegenden Fall sprach der Vetter
Just am Grabe, und er hielt seine Rede mit dem Regenschirm als Kanzeldach über
sich, und der Regen fiel, während er so vor sich hin brummte, fein und leise
nieder auf den kleinen, frischen Hügel zu unseren Füssen.
    Wir beide, der Vetter Just Everstein und ich, standen noch allein neben
diesem Hügel. Die übrigen Trauergäste hatten bereits wieder ihre Kutschen
bestiegen und waren abgefahren Durchlaucht, der Herr Vetter**, unter ihnen. Der
gutmütige Mann hatte es sich nicht nehmen lassen, gleichfalls, wenn auch etwas
inkognito, seiner kleinen Verwandten das letzte Geleit zu geben. Er und der
Vetter Just hatten in dem ersten Wagen den winzigen Sarg auf dem Rücksitz vor
sich gehabt, und der Vetter Just konnte späterhin die Bemerkungen, die der
andere Vetter während der Fahrt gemacht hatte, nur loben. Das leichte
aristokratische Unbehagen darüber, dass die Leiche nicht in dem Erbbegräbnisse zu
Dorf Werden beigesetzt werde, hatte der Bauer vom Steinhof ebenso leicht dem
illustren Herrn hingehen lassen und das feste Versprechen desselben, auch
fernerhin der armen Mutter nach seinen »beschränkten Verhältnissen« ein treuer
Freund bleiben zu wollen, durch die Bemerkung, dass man der guten Freunde nie
genug haben könne, entschieden gewürdigt. Aber ebenso entschieden hatte er dann
seine Meinung dahin ausgesprochen, das beste werde sein, er, der Vetter Just,
nehme fürs erste die Frau Baronin mal mit sich nach dem Steinhofe:
    »Und wenn auch nur, um den Nerven in der Nähe der alten Heimat Zeit zu
gönnen, sich zu beruhigen.« - - -
    Doch nun zu der Grabpredigt, die der Vetter Just der Kleinen hielt.
    »Müde zu Bette gebracht«, murmelte er. »Keine Mama kann doch die Decke
wärmer überlegen als Mutter Erde. Von dir gesagt, Fritz, klänge das gar nicht
neu; aber für mich als Landwirt ist hier das Allerälteste immerdar das Neueste
und klingt auch so. Meinst du nicht? - Nun sagt die Mama: Schlaf wohl und träume
einen hübschen Traum, mein Herze; oder noch besser, träume gar nicht, denn das
letztere soll das Gesundeste sein. - Hast du etwas Weiteres bei dieser traurigen
Gelegenheit zu bemerken, Doktor? Wenn die Kinder zu Bette gegangen sind, pflegen
doch gewöhnlich die Erwachsenen von ihren wichtigen Geschäften und
Angelegenheiten zu reden oder holen die besten Ratschläge für den nächsten
Morgen hervor.«
    »Sage du nur, was du zu sagen hast, Just - sowohl über die Schlafenden wie
über die Wachenden.«
    »Zu sagen habe ich eigentlich nichts«, meinte der Vetter, mehr zu sich
selber als zu mir gewendet. »Ich habe nur immer gefunden, dass solch ein
Kinderbegräbnis ein eigen Ding ist. Du hast wohl weniger Gelegenheit als ich
gehabt, dabei anwesend zu sein; auf den Zwischenstationen zwischen der Alten und
der Neuen Welt, in den jungen Ansiedelungen im Walde und dann und wann auch ein
bisschen im Sumpfe hat man freilich mehr dergleichen. Der Mensch muss überall wie
jedes andere Gewächs aus dem Boden herauswachsen, um ihn mit der dazu passenden
Luft und dem Witterungswechsel von Anfang an gleich vertragen zu können und
behaglich drauf zu leben und alt darauf zu werden. Ich habe den Steinhof auch
nur deshalb zurückgekauft, und ich nehme unsere Irene einzig und allein aus
demselben Grunde mit mir dahin zurück, und - du bist auch auf dem alten
Stammgrund willkommen, alter Eingeborener - natürlich, wenn es dir deine Zeit
erlaubt und du dich noch nicht bis zum Ekel an unseren früheren Verhältnissen
hier akklimatisiert hast.«
    Da hätten wir denn wohl hiermit eine Grabrede für die Mehrzahl der
Erdenbewohner; denn für wie lange ist es dem Menschen gestattet, in dem Boden zu
wurzeln, aus dem er aufwuchs, dachte ich. »Ach, nicht nur um die
Kinderbegräbnisse ist es ein eigen Ding, sondern um die Begräbnisse und
Grabstätten der Menschheit überhaupt! Und inmitten der Gespräche, die geführt
werden von den Erwachsenen, wenn die Kinder zu Bette gegangen sind, sind wir
hiermit auch bereits, Vetter Just.«
    »So ein armes, geplagtes kleines Wesen!« brummte Just Everstein
kopfschüttelnd. »Es sieht uns in seinen Schmerzen fragend an und sagt: bitte,
bitte! - Ist das nicht wunderbar und schrecklich? Da stehen wir denn nachher,
wie wir beide hier jetzt, und holen aus tiefer Brust Atem, und niemand kann uns
das verdenken! Ich habe solche schlimmen, tiefen Atemzüge wohl hundertmal in
Neu-Minden getan, und es war auf dem Nachhausewege doch nur ein leidiger Trost,
dass immer noch so viele von ihnen da waren und übrigblieben, dass wir uns sogar
wegen eines Schulmeisters für sie Sorgen machen mussten. Und dabei die Mütter,
die übriggeblieben sind und bei der leeren Wiege sitzen oder das verlassene
Spielzeug und die Schreibbücher in ihrer Schürze zusammentragen! Sieh, da habe
ich es uns denn so zurechtgelegt, dass Frau Irene ihren hiesigen Hausstand ganz
aufgibt. Ich habe, wie du weisst, die Kleine in ihren Schmerzen, wenn es niemand
anders, und auch die Mutter nicht, vermochte, zur Ruhe gebracht, und ich meine,
wenn mir nur Zeit gelassen wird, bringe ich das auch mit der Mutter fertig. Ob
ich einmal zu der Familie gehört habe, weiss ich nicht und kümmere mich auch
nicht darum; aber für den letzten männlichen Stammhalter der Eversteins halte
ich mich in dieser Zeit doch! Ein bisschen enge zusammenschachteln werden wir uns
auf dem Steinhofe wohl müssen; aber viel Gepäck nehmen wir ja nicht mit, und
jedenfalls halten wir vorher Auktion, und im Notfall baue ich an. Ich bin
gottlob drüben oft genug mein eigener Baumeister gewesen, um einen
Kostenanschlag aufstellen zu können und mit wenigem einen hinreichenden
Unterschlupf herzustellen. Es sind ja auch nur zwei Köpfe mehr, wenngleich
freilich zwei Frauenzimmerköpfe. Aber da wollen wir uns dem anderen Geschlechte
gegenüber doch auch nicht zuviel auf unsere Praktik zugute tun. Du hast keinen
Begriff davon, Fritz, wie es gerade die Weiber sind, die sich in der Not
zusammenzudrücken wissen, wenn sie auch sonst noch so viele überflüssige Kisten,
Kasten und Hutschachteln mit sich herumschleppen und die Räumlichkeit auf dem
Schiff, im Postwagen und auf der Eisenhahn beengen. Mit uns Mannsvolk ist's
genau das Umgekehrte. Geht es uns gut, so haben wir in einem Winkel mit einer
Zigarre genug; aber geht es uns schlimm, so brauchen wir in unserer Phantasie
zum mindesten das halbe Weltall, um Ellbogenraum für neue Dummheiten zu
gewinnen. Im Grunde aber ist's für alle ein und dasselbige, einerlei, ob wir als
Mann oder Weib durch die Welt laufen. Und, Gott sei Dank, die Phantasie ist auch
in Irene Everstein noch hellauf - nicht ganz und gar nach der dunkeln Seite hin!
Du, liebster Fritz, kennst die Frau noch nicht lange genug wieder, um dieses
beurteilen zu können, denn dazu gehört mehr als ein erster Blick und zwei und
drei Besuche im Hause. Und dann - unsere liebe Eva! Wie wird die mir helfen und
beistehen! Und hätte ich wohl ohne das Zutrauen zu ihr den Mut gehabt, bloss so
auf meine eigene Verantwortung in solch ein betrübtes Menschenschicksal mit Rat
und mit Tat einzugreifen? Sie und dass wir den Winter so ziemlich hinter uns
haben, das sind die Kerne, aus denen mein Trost aufwächst. Sässe das gute Mädchen
nicht im Dorfe Werden und würden nicht demnächst die Wälder wieder grün, so
hätte die Sache freilich eine ganz andere Farbe. Aber nun geht die Sonne jeden
Morgen früher wieder auf und am Abend später unter; und - ich sehe es kommen!
Fritz, es ist mir eine wahre Beruhigung, dass ich es kommen sehe, und zwar im
ganz natürlichen Verlaufe der Tage, von den Wochen und Monaten bis zum Eintritt
des nächsten kürzesten Tages gar nicht zu reden! Die Stunde kitzelt mich schon
im voraus, wo Mamsell Martin die erste vergnügte Katzbalgerei mit Jule Grote
anfängt - natürlich unter der gehörigen Oberaufsicht, auf dass die feinen und
bissigen Anspielungen der beiden lieben alten Damen nicht in die reguläre
Beisserei ausarten. So ein bisschen kribbelndes Gewürz in die Suppe ist den langen
lieben Tag über gar nicht zu verachten. Meinst du nicht, Doktor? - Der
Grasgarten bleibt selbstverständlich so, wie er ist; aber für meinen
Bauern-Kohlgarten nehme ich aus einer eurer Buchhandlungen hier ein Exemplar von
Wredows Gartenfreund mit. Wir treiben Adams Gewerbe im Ernst und zum Spass, denn
nichts anderes in der Welt zieht die abgeplagte Seele so ins Gleichmütige hin
als das stille Aufmerken auf das Keimen, Blühen und Vergehen des
Vegetabilischen, und wär's auch nur am Unkraut unter der Hecke. Zeit muss man
freilich dazu haben, und die soll sie haben, Irene meine ich; - fürs erste soll
niemand vom Steinhofe zu sehr auf die Suche nach ihr gehen, wenn sie mal nicht
gleich auf den ersten Ruf zum Essen kommt. Solange ich das hindern kann, wird
sie nicht zu Tische gerufen, wenn sie keinen Appetit hat; - den Verdruss kenne
ich aus eigener Erfahrung! Die Menschen fordern nur zu gern gerade die zum Tanze
auf, welche der Schuh drückt. Der Teufel mag es wissen, was für ein Vergnügen
das ihnen macht! Davon weiss ich, der übergeschnappte dumme Junge vom Steinhofe,
gleichfalls das meinige zu Protokoll zu geben, wenn's verlangt wird; aber auch
hierin will ich nicht ganz umsonst zwischen meinen Mistaufen gesessen und auf
der Leiter in der Rauchkammer mit dem Messer zwischen Jules Würsten und
Speckseiten gewirtschaftet haben - wütend vor Überdruss! Hoffentlich verstehst du
mich recht, Fritze, und weisst auch hierin, was ich sagen will.«
    Er bediente sich mit Vorliebe alle Augenblicke dieser sehr unnötigen Anfrage
bei meiner Begriffsfähigkeit. Alte Gewohnheiten legt man eben nicht so leicht
ab.
    Doch nun beugte er sich nieder zu dem winzigen Grabhügel der kleinen Leonie
von Rehlen und hob eine Handvoll des feuchten Sandes auf, liess sie wieder, wie
verstohlen, fallen und sah mich einen Moment lang, wie verlegen, von der Seite
an.
    »Nun guck einmal«, brummte er, »der liebe Gott weiss es, wie fest einem seine
Gewohnheiten ankleben, und er wird auch wohl hierauf bei der letzten Abrechnung
ein wenig Rücksicht nehmen. Selbst auf dem Kirchhofe kann's unsereiner nicht
lassen den Boden nach seiner Frucht, Güte oder Nichtsnutzigkeit zu studieren.
Dies hier ist eigentlich purer Sand; aber - nicht nur für den sachverständigen
Landwirt, sondern auch für den Pastor, einerlei ob er Ökonomie treibt oder
nicht, bleibt es doch immer, wie Schiller sagt, der dunkle Schoss der heiligen
Erde! Und nun - schlafe sanft darin, mein liebes, kleines Mädchen!... Mit deinen
armen krummen Füsschen hätten dich wohl wenige zum Tanze aufgezogen, und du
verlierst auch wenig dabei. Es kommt für alle Menschen eine Zeit, wo sie sich
vor nichts mehr fürchten als vor dem, was man in der Welt Vergnügen zu nennen
pflegt. - Man hat viel um dich geweint, mein kleines Kind; aber gelacht hat
keiner über dich. Auch du hast viel geweint; - nun liege im Frieden; - gelacht
hast du über niemand. - Ich schwatze wohl in die Kreuz und Quer, Doktor Fritz?
Nimm es nur nicht übel, alter Freund. Wer weiss, was uns nachgeredet wird in
puncto des Weinens und Lachens, wenn auch wir zu Bette gegangen sind und wir
gleichfalls als stille Leute liegen und jeglicher Wind frei über uns hinblasen
darf. Komm, wir wollen den anderen nach, Doktor; das nützlichste und
fruchtbarste Wetter ist ziemlich häufig das unangenehmste, macht einen trotz
Regenschirm und Überrock nass bis auf die Knochen und bringt einen bis auf das
Knochenmark hinein zum Frösteln.«
 
                                Zweites Kapitel
Nun waren sie fort. Zur Zeit der Holunderblüte waren sie abgereist, und der
Vetter Just Everstein hatte sich, wie das nicht anders zu erwarten stand, auch
hierbei als einer der praktischsten Menschen erwiesen, die jemals aus der
deutschen Erde hervorgewachsen und von ihren guten Freunden und Bekannten
zuerst, das heisst eine erkleckliche Reihe von Jahren hindurch, für gänzlich
unzurechnungsfähig taxiert worden waren. Wahrlich, mancherlei gab es auf- und
abzuwickeln, ehe der Brave sein wohltätiges, barmherziges Werk zu einem
vorläufigen Schluss und Ruhepunkt führen konnte.
    Sachen und Menschen aller Art waren mehr oder weniger geschäftsmässig aus dem
Wege nach dem Steinhofe hin zu räumen, ehe er mit einem erleichternden Seufzer
sagen konnte:
    »Gott sei Dank, morgen fahren wir! Was jetzt noch in den Winkeln umherliegt,
steckt oder vergessen ist, kann nicht viel zu bedeuten haben. Und nun, alter
Kerl, jetzt gib uns die Hand darauf und versprich uns feierlich, dass du dich im
Laufe des Sommers in der alten Heimat bei uns sehen lässt.«
    Ich hatte ihm wenig bei seinem Liebeswerke behülflich sein können; - im
Grunde hatte ich nur ihn, Irene und Mademoiselle Martin nach dem Bahnhofe
begleitet. Wie hülflos die Mehrheit der Menschen eigentlich den Lebensgeschäften
gegenübersteht, erfährt sie dann und wann auch, wenn sie's mal versucht, anderen
zu helfen. Das ist die ungemütliche Wahrheit, die einem jeden, der von sich
selber schreibt, ganz von selber aus der Feder läuft, wenn er sich nicht recht
zusammennimmt, das heisst mit gehaltenem Nachdruck lügt. Dachstuben-Philosophen
und Wüsten-Anachoreten sollen aber nichtsdestoweniger auch in Zukunft berechtigt
sein, über die tägliche Witterung und deren Einfluss auf ihre Konstitution zum
allgemeinen Besten so genau als möglich Buch zu führen, um heikeln persönlichen
Kriminationen dadurch schlau aus dem Wege zu schleichen.
    So kam ich denn vom Bahnhofe zurück in meine vier Pfähle, um den neuen
Frühling wenig genossen mir unter den Händen weggleiten zu lassen. Davon, dass
nach der Bauernregel im Mai der gesundeste Tau fällt, verspürte ich auch nichts;
aber dagegen tat ich etwas, was ich eigentlich nur mit einer gewissen komischen
Verlegenheit berichte. Ich nahm für das Vierteljahr, in welchem die Bäume blühen
und der Vollmondschein nach einer anderen Regel der Baumblüte schädlich sein
soll, nicht etwa eine Brunnenkur vor, sondern - ein Abonnement in einer
Leihbibliotek. Ich nahm an jedem Abend nach meiner Rückkehr vom Spaziergange
einen Roman mit nach Hause, und zwar stets einen der vergessensten - am liebsten
einen aus den zwanziger Jahren dieses Säkulums. Ich der ich hier keinen Roman
schreibe, würde es gern sehen, wenn mir die besten der gegenwärtig vorhandenen
Psychologen mein damaliges Bedürfnis gelten liessen.
    Es war mir nämlich während dieser Epoche meines Lebens meine bisherige
Tätigkeit sehr zum Überdruss geworden, und ich hatte niemals in meinem Dasein
über so viele leere, beschäftigungslose Stunden bei Tage und bei Nacht zu
verfügen als wie jetzt. Und merkwürdig! Was in den Klassikern sämtlicher
Nationen, sowohl der alten wie der neuen, über das Schloss Werden, den Steinhof,
den Vetter Just und - Eva Sixtus stand, konnte ich durchaus nicht gebrauchen! Es
stand wohl manches darüber drin; aber dann bezog sich dieses doch wieder so
deutlich auf andere ganz bestimmte Leute und Verhältnisse, dass mir nicht im
geringsten dadurch über eine melancholische Stunde hinweggeholfen wurde.
    Sie sprachen wohl wahr, diese grossen Poeten, in gebundener und ungebundener
Rede; aber sie redeten doch allesamt nur in ihren Tag hinein und nicht in den
meinigen. Dicht neben meinen mittelalterlichen Geschichtsquellen waren sie's -
die Quellen reinster Erdenschönheit und Wahrheit, denen ich am vorsichtigsten
aus dem Wege zu gehen hatte, weil - - ich finde eigentlich keinen richtigen
Ausdruck für das, was sie mir antaten. Jedenfalls sprachen sie mich nicht zur
Ruhe, wenn sie mich nicht langweilten. Eine Bilderfibel aus meinen Kinderjahren
hätte sie mir doppelt und dreifach aufgewogen. Für das fabulose Haupt- und
Lieblingsbuch des Vaters Sixtus, für des Signors Gregorio Leti Leben des Papstes
Sixtus des Fünften, hätte ich in jenen Tagen ganze Schatzkammern voll wirklicher
literarischer Schätze unbesehen hingegeben. Es musste freilich aber das Exemplar
aus dem Försterhause im Dorfe Werden sein.
    Da half ich mir denn auf eine andere Art. Der hat noch nie gelesen, der nie
in solchen Stimmungen das wieder las, was ihm in seiner seligen Jugend, wenn es
in seinen Händen ertappt wurde, als »das dümmste Zeug auf Gottes Erdboden« um
die Ohren geschlagen wurde!
    Gottes Segen über das Lesefutter der grossen Menge und der Jugend! Heil und
Segen denen Lieferanten, die heute in dieser Hinsicht für jene sorgen, welche
nach einem Menschenalter alt, enttäuscht, krank und verdrossen sein werden!
    Verdrossen in sehr hohem Masse griff ich jetzt von neuem nach dem, was ich
mit so unendlichem Vergnügen verschlungen hatte, als ich noch jung war und noch
nichts wusste von aller Welt Verständigkeit und Kritik. Die gewöhnlichsten
Produkte jener Art, die das Bekannteste, aber auch ewig Gültige in der
abgeschmacktesten Verzerrung bringt - die alten, drolligen,
patetischlächerrlichen Geschichten von Eduard und Kunigunde in all ihren
kuriosen Variationen, das war jetzt etwas für den Doktor Friedrich Langreuter!
Diese schlecht gedruckte und noch schlechter stilisierte Abenteuerlichkeit in
Original und Übersetzung, der süsse, haarsträubende, heitere tränenreiche Unsinn,
in den die Fliederlaube hineingerauscht und - geduftet hatte, über den voreinst
der Baum seine roten und weissen Blüten schüttelte, den die Vögel mit ihren
Stimmchen akkompagnierten, über den die weissen Sommerwolken im Himmelblau
hinsegelten, von dem einen der Schulmeister aufscheuchte und in die lateinische
Stunde trieb: das liess sich jetzt wieder in den halbvermoderten, abgegriffenen,
übelduftenden, durch tausend und aber tausend Hände gelaufenen Bänden nach
seinem unveränderlichen Verdienst würdigen von dem obengenannten Doktor der
Philosophie Friedrich Langreuter!
    Da sass der alte Bursche und las wieder, wenn man das überhaupt lesen nennen
konnte. Es genügte eigentlich schon, die guten alten Bekannten in Pappband mit
Lederrücken und - ecken in der Tasche nach Hause getragen und das Titelblatt
aufgeschlagen zu haben. Was war alle klassische Plastik und ästetische Wahrheit
gegen die Lebendigkeit, mit der sich hier die Karikatur bei der blossen Berührung
in der Erinnerung füllte? Ach, es waren ja eben nicht bloss Kunigunde und Eduard
mit all ihrer Verwandtschaft in auf- und absteigender Linie, was hier wieder zu
etwas wurde, was lachen, jauchzen, weinen, sich hinter dem Ohre kratzen, vor Wut
ausser sich geraten und vor Bekümmernis und Reue sich in den Winkel verkriechen
konnte!
    Was hatten Schloss Werden und der Steinhof und die Gärten, Wiesen, Felder und
Wälder ringsum mit den unmöglichen Schlössern, Bauersitzen, Försterhäusern,
Wäldern, Feldern, Wiesen und Gärten dieser närrischen Bücher gemein? Was der
gelbe ehrliche Fluss, der durch unsere Jugendwelt rauschte, mit den so
absonderlich prachtvoll blitzenden Wassern, in denen sich dann und wann die
lustig-tragischen und trübselig-komischen Gestalten und Bilder dieser
wundervollen Autoren spiegelten?
    Alles!
    Es ist immer eines und dasselbe, dieses unergründliche Meer der Phantasie,
auf das der bedrückte Mensch stets von neuem von dem nüchternen, grämlichen Ufer
der Wirklichkeit hinaussteuert! Es ist immer derselbe Wind in den Segeln!
    Wehe dem, der niemals die grauen vier Wände um sich her mit diesem
flimmernden, über die Stunde wegtäuschenden, segensreichen Lichtglanz
überkleiden konnte!
    Was ist die nichtige dumme Phrase: Mein Haus ist meine Burg! gegen die so
sehr unpolitische, so selten ausgesprochene und doch so tief und fest, ja
manchmal mit der Angst der Verzweiflung im Herzen festgehaltene Überzeugung:
    Mein Luftschloss ist mein Haus!
    So sass ich damals, nachdem wir das kleine Mädchen der Frau Irene begraben
hatten und der Vetter Just ganz beiläufig mir den Namen und die Gestalt und die
Stimme der lieben Eva Sixtus in die Erinnerung zurückgerufen hatte; und da ich
nicht mehr neue Luftschlösser in die ziehenden weissen und rosigen Wolken, in das
Himmelblau, in den Regenhimmel zu bauen vermochte, so - kramte ich unter den
Trümmern der versunkenen und passte aneinander, was auseinandergefallen war, und
richtete wieder auf - geradeso in der Einbildung wie vor Jahren, doch leider
nicht mehr so fest wie damals. Es war schon lange die Zeit für mich da, wo der
Mensch einzig und allein auf den Riegel an seiner Tür als den besten Wächter vor
seinen guten Augenblicken, Stunden und Tagen angewiesen ist. Tagen?!... Wer
kann, wenn er diese Epoche seines Daseins erreicht hat, den Riegel einen Tag
lang vorgeschoben halten, um versunkene Luftschlösser wieder aufzubauen?
    Die Juniuswinde hatten bereits das Korn in das Land hineingeweht, als
»Tomas Tyrnau« oder vielleicht auch »St. Roche« oder »Jakob van der Nees« das
Buch hiess, das auf meinem Tische unaufgeschlagen lag. Jedenfalls aber war es ein
Produkt der Verfasserin von »Godwie Castle«, und die Mädchen, Irene von
Everstein und Eva Sixtus, hatten einst in dem Gartensaale von Schloss Werden die
heissen Köpfe darüber zusammengesteckt und die tränenvollen Augen verstohlen
darüber getrocknet. Und ich hatte das Ding dann auch in meiner Kammer
verschlungen, und Freund Ewald hatte sich in gewohnter Unverschämteit nicht nur
über das Buch, sondern auch über uns drei ins alte romantische Land Entrückte
lustig gemacht. Es war nicht der Band, vor welchem die wirklich fein, vornehm
und gut aussehende Verfasserin und Lieblingsschriftstellerin Friedrich Wilhelms
des Vierten in Stahlstich abgebildet ist; aber das war auch die einzige
Enttäuschung für mich, als ich ihn zu Hause nach so langen Jahren wieder auf-
und sogleich wieder zuschlug. Sonst hielt er alles, was ich mir davon
versprochen hatte, als mir der Zufall den Titel in dem Leihbibliotekskatalog in
die Augen spielte.
    Gottlob!
    Dieser Ausruf bezog sich auf den Riegel an der Tür, den ich vorgeschoben
hatte, nachdem ich den Schlüssel im Schloss umgedreht hatte gegen einen wieder
einmal für mich nicht ganz geheuren Tag, der nunmehr in die sommerliche
Abenddämmerung überging. Und es war durchaus kein in ärgerlicher oder
geistigbeschwerlicher und überhasteter Arbeit hingebrachter Tag, sondern einer
von den faulen, trägen, apatischen, die, wenn sie einer hinter dem anderen
hinschleichen, auf die Länge noch unerträglicher werden als die erste Art. O
über diese langen, schleppenden Stunden, die bei dem Regsten, Lebendigsten nach
zurückgelegtem dreissigsten Lebensjahre sich einzuschleichen beginnen und sogar
durch den Kampf mit ihnen dann und wann nur vervielfältigt werden! Das sind die
Tage, in denen man sich selber wie ein Charakter in einem schlechten Romane
vorkommen kann, ein unmögliches Geschöpf, mit dem der Autor eben auch nichts
anzufangen wusste. Öde Makulaturstimmung! Das ist das richtige Wort; und - ein
Lachen oder Weinen über und um einen scheint es nie in der Welt gegeben zu haben
in dieser Stimmung!
    Und nun, wie kam es, dass ich mich plötzlich über die Verfasserin von »Godwie
Castle« weg auf einer stillen Berglehne, unter der fusshohen Tannenanpflanzung
und im Tymiansduft und der brütenden Abendsonne der Jugendzeit wiederfand?
    Es ist schwierig zu sagen, wie gerade in diesen Fällen seelischer
Bedrückteit aus Dunkelheit Licht wird; und ich hüte mich auch wohl, die Lösung
mit zu grosser Anstrengung zu suchen. Der vorgeschobene Riegel aber tut unbedingt
viel dazu, und um so mehr, je hastiger und verworrener das Leben jenseits der
Tür sich bewegt und vor dem Fenster rauscht...
    »Ich bin's, Herr Doktor!«
    »Wer? In aller Plagegeister Namen!«
    »Ich, Herr Doktor. Die Witwe Maier. Und dann der fremde Herr wieder, der
heute morgen schon einmal da war und seinen Namen nur Ihnen selber sagen
wollte.«
    Ich hatte die Stimme meiner Frau Hauswirtin bereits erkannt.
    »I, so wollt ich doch!« Und der sonnige Bergrücken mit seiner
Tannenanpflanzung und seinem Tymiansduft, die Hügel mit ihren Wäldern, Wiesen
und Ackerstreifen nah und fern, der ferne Fluss und die Kirchtürme der
Heimatsdörfer waren versunken; der fremde Herr, der am Morgen während meiner
Abwesenheit bereits einmal dagewesen war und seinen Namen nicht hatte kundgeben
wollen, stand vor mir - stattlich, braunbärtig, breitschulterig und in einem
wohlsitzenden kleidsamen Sommerkostüm. Und anstatt jetzt zuerst mir seinen Namen
zu nennen, reichte er mir die Hand entgegen und sagte mit dem Ausdruck
verzwicktest gelassener Bonhomie:
    »Guten Abend, Langreuter.«
    Ich aber stand dem langen, festen Menschen gegenüber auf ziemlich unsicheren
Füssen:
    »Das ist - ich bin - aber ist denn das?... Ewald?!... Mein Gott, Ewald
Sixtus!... Ist es denn möglich?. Ewald Sixtus! Bei allem, was lebt, das bist
du?«
    »Und du bist das auch!« sprach der Freund. »Ich habe dich sofort
wiedererkannt, und jetzt sei so gut und nimm meine Hand; ihr braven
übersinnlichen Zweifler habt gewöhnlich am innigsten das Bedürfnis, euch durch
Befühlen von der Wirklichkeit der Dinge zu überzeugen. Alter Freund Tomas, ich
freue mich unendlich, dich endlich mal wiederzusehen!«
    Ich setzte mich, rede aber von den Lauten und Gesten der Überraschung nicht
weiter, sie wiederholen sich wie alles übrige auf Erden. Aber alles, was mir der
Vetter Just neulich von seinem Besuche in Belfast und von diesem Manne erzählt
hatte, glitt jetzt blitzschnell durch mein Gehirn. Der irische Ingenieur aus
Belfast, Herr Ewald Sixtus aus Werden, nahm auch einen Stuhl und setzte sich
gleichfalls und - sah mich von der Seite an.
    Eines hatte ich in meiner Einsamkeit zu einer gewissen Vollkommenheit
gebracht: die grosse Kunst, auf Blicke zu achten, und dieser hob mir nur den
Vorhang von einer uralten Lehre weg:
    Nun, dies ist aber grossartig! Er ist ganz der alte geblieben, und er hat den
Vetter Just und uns alle jetzt nur geradeso zum Narren gehalten wie vor zehn,
fünfzehn oder zwanzig Jahren!...
    Wie ein Schleier sank es abermals nieder vor der Zeit, die vor zehn, zwanzig
und noch mehr Jahren war. Schloss und Dorf Werden, die Weser und der Steinhof
lagen abermals im Sonnenlichte; aber durch das Sonnenlicht lief's wie ein
sonniges, mutwilliges Grinsen, und - Ewald Sixtus hiess einer der Hauptzüge der
schönen Gegend!
    »O Ewald!... Willkommen! Sei mir herzlich willkommen zu Hause!... Der Vetter
Just - unser Just Everstein hat mich neulich schon von dir gegrüsst!«
    »Unmöglich!« sprach dieser vollkommen irländische Land und Wasserbaukünstler
trocken. »Och honei, ich erinnere mich nicht, irgend jemand einen Gruss an Euch
mitgegeben zu haben.«
    Eine solche Mischung von grünem Erin und den grünsten Wald- und
Wiesengehegen rund um Schloss und Dorf Werden war seit Anfang der Dinge noch
nicht dagewesen und kam vielleicht auch bis zum Ende derselbigen nicht wieder!
Bei allem, was je die Schule schwänzte, den biedersten Nachbar zum besten hatte
und je in die weite Welt auf Abenteuer durchging, was war denn dies?
    Und der Vetter Just war doch ein Mann, der auch allmählich allerlei Menschen
gesehen hatte und auf dessen Beobachtungsgabe und Urteilskraft man sich jetzt
doch so ziemlich verlassen konnte! Sollte der Vetter Just, der sich so lange
unter den schlauen Amerikanern aufgehalten hatte, dieser Vetter, der es durch
mehr als eine Tat bewiesen hatte, dass man seinen Erfahrungen so ziemlich trauen
durfte - sich so sehr geirrt haben? Sollte er wirklich von dem lustigen Werdener
Vogel aus den alten Nestern im Baum an der Gartenhecke so ganz in der alten
Weise an der Nase herumgezogen worden sein?
    »Der?!« fragte der deutsch-irländische Engineer, jetzt um so verschmitzter
grinsend, als er im Moment vorher trocken getan hatte. »Alter Junge, dich hätte
ich doch wenigstens für um ein Atom klüger gehalten. Menschen, ihr seid doch zu
göttlich!... Oh, oh, ah, der Vetter Just! Der Vetter Just vom Steinhofe! Da
lasse ich ihn, als ich, aus der süssen Heimat halb weggejagt, durchgehe, mir
vorangehen, um in der öden Fremde wenigstens einen fidelen Trost an etwas aus
dem alten Neste zu haben und was passiert? Habe ich ihn darum auf seinem
Steinhofe in seiner ganzen absonderlichen Glorie gelten lassen und mich meine
ganzen heimatlichen Flegeljahre hindurch himmlisch über ihn amüsiert, dass er auf
einmal in Belfast wie ein Pastor, der die Tischglocke überhört hat, vor mir
steht und mir Moral, Tugend, heimatliche Gefühle und wer weiss was sonst noch
predigt - durch sein Beispiel? - Kommt man Paddy so?... Ganz gewiss nicht! Der
Vagabondenkönig von Itaka - wie heisst er doch, Langreuter? - - ist gar nichts
gegen ihn, den Vetter Just, sowohl was seine Abenteuer wie seine unmenschliche
Weisheit, Klugheit und Philosophie anbetrifft! Oh, und so herzensgut ist der
Kerl - geblieben! Und den Steinhof hat er auch wieder! By Jingo, lassen muss man
es ihm, ein Prachtbursche ist er, und seinen Ruhm für alle seine famosen
Leistungen soll er bedingungslos behalten, wenn er nur - für mich immer der
Vetter - der Vetter Just bleibt. Für mich, der der einzige war, welcher von
Kindesbeinen an euch übrige alle nach allen euren Verdiensten unparteiisch zu
würdigen wusste. Im Ernst, Fritze, es hat mir Mühe genug gekostet, ihm nicht um
den Hals zu fallen und eine spasshafte Träne ihm auf die Schulter hinzuweinen.
Aber ich sagte dreimal leise: Komtesse Irene von Everstein! und blieb kühl wie
eine saure Gurke. Cool as a cucumber sagt drüben auf der Smaragdinsel Blarnei
O'Shaughnessy, wenn er Tim O'Connor mit dem Knüppel zu Leibe gehen will, weil
der ihn an Grossartigkeit und Heroentum übertroffen hat. Och, faix, it's a long
story, und es wäre viel davon zu sagen, weshalb ich diesen dummen Mädchennamen
dreimal hersagte, um mir meinen Gleichmut wenigstens äusserlich gegen diesen
heillos gemütlichen Neu-Mindener aufrechtzuerhalten; - nicht wahr, Fritzchen
Langreuter?«
    »Das wäre es wohl!« murmelte ich unwillkürlich, und in demselben Augenblick
packte mein Gast meinen Arm mit einem Griff wie aus Stahl und Eisen und rief:
    »Und was ist es denn, was er mehr ausgerichtet hat als ich? Er sitzt von
neuem auf seinem Steinhofe; ich aber - habe Schloss Werden wieder!...«
    Ich sagte nichts, denn ich hatte nichts zu sagen. Die Wunder, die mich der
Herr sehen liess, ohne dass ich über das Wasser gefahren war, betäubten mich zu
sehr.
    »Und hier sitze ich«, fuhr Ewald Sixtus fort, »um dich aufzufordern,
übermorgen mit mir hinüberzufahren, um tat old sheebeen, die alte Herberge, von
neuem für - uns in Besitz zu nehmen. Dringende Abhaltung hast du ja wohl nicht?«
    Es war mir zwischen meinem mühseligen Sich-wieder-auf-sich-Besinnen durch
dunkel so, als ob auch der Vetter Just neulich einige Male eine ganz ähnliche
Aufforderung zur Reise mit ganz den nämlichen Worten beschlossen habe wie der
irische Ingenieur.
    Mr. Sixtus legte mir zutraulich schmeichelnd die Hand auf die Schulter:
    »Es bleibt dabei, du begleitest mich nach Schloss Werden?!«
    Ich aber kam in diesem Augenblick nicht einmal dazu, ihn zu fragen, weshalb
er denn, wenn sich alles übrige so verhalte, die Korrespondenz auch mit seinen
nächsten Angehörigen so schmählich vernachlässigt habe.
 
                                Drittes Kapitel
Davon sprachen wir auf der Reise; denn wir reisten wirklich. Wie ein Kind im
Sack wurde ich von diesem wilden Irländer aus dem Försterhause zu Dorf Werden
mitgenommen. Er kam und half mir beim Packen, er packte für mich, und er packte
mich selber und liess nicht los. Hals über Kopf wurde auch ich wie in einen
Reisesack hineingestopft und in eine Droschke geworfen; wie ich es dann und wann
bereute, dass ich mich nicht schon von dem Vetter Just Everstein hatte mitnehmen
lassen, kann ich gar nicht sagen.
    »Nach dem Potsdamer Bahnhofe, Kutscher, und rasch! Viele Zeit haben wir
nicht übrig.«
    Mit dem Gefühle, meine Türen, meine sämtlichen Schubladen, Kisten und Kasten
unverschlossen und jeglicher Durchstöberung offen hinter mir zurückgelassen zu
haben, kam ich auf dem Bahnhofe an. Wir hatten in der Tat nur noch fünf Minuten
vor dem Abgang des Zuges übrig, und das Schicksal benutzte dieselben, um mir
einen rettenden Finger in den Wirbeln des aufregungsvollen Tages hinzuhalten.
    »Siehe da! Reisen wir in der Tat zusammen, Herr Doktor?« fragte eine Stimme
mir gegenüber in dem Kupee, in das ich von dem raschen Freunde mehr gehoben als
geschoben worden war, und ein einige fünfzig Jahre alter korpulenter Herr hob
mit wohlwollendem Lächeln den Strohhut von einer ungemein glänzenden Stirn,
grüsste auch meinen Irländer und meinte mit etwas astmatischem Keuchen, das auf
eine vielleicht etwas zu gute Ernährung und zuwenig körperliche Bewegung
hindeutete:
    »Ja? Dies freut mich wirklich. So bleiben wir so ziemlich bis zum Ende der
Fahrt beisammen und hoffentlich möglichst unter uns. Bitte, mein Herr, lassen
Sie mich bis zum Abgang des Zuges aus dem Fenster blicken. Ich bin der Dickste
und schrecke am meisten ab.«
    Mr. Sixtus sah sich den Fremden an, aber - bereits von hinten. Breit,
schwitzend und blasend lag derselbige schon im Wagenfenster, sich ganz und gar
für jetzt - dem Publikum unter der Bahnhofshalle widmend, und Ewald liess von den
weit auseinanderklaffenden Rockschössen des Reisegenossen den Blick fragend zu
mir hinübergleiten.
    »Kennst du ihn nicht mehr?... Bösenberg! - Stadtrat Bösenberg aus
Finkenrode«, flüsterte ich.
    »Ich werde mich sofort selber Ihnen wieder vorstellen, Sixtus«, sprach der
Stadtrat, halb über die Schulter zurück sich wendend, ins Kupee hinein. »Da
gehen wir ab und bleiben fürs erste wenigstens als Provinzgenossen unter uns.
So!«
    Er setzte sich, nachdem sich der Zug in Bewegung gesetzt hatte, breit und
behaglich, wischte nochmals die Stirn mit dem ziemlich provinzhaft aussehenden
Sacktuch und sagte:
    »Lieber Herr, ich bin in der Tat der Stadtrat Bösenberg aus Finkenrode. Habe
hier in dem ungemütlichen Grossnest die letzten Wochen hindurch meine
alljährliche, von verschiedenen Leuten so genannte Auffrischungskur glücklich
abgemacht - Sie kennen das ja, Langreuter -, sehne mich unendlich nach meinem
Schlafrock und meinen Pantoffeln und - Sie habe ich auf der Stelle
wiedererkannt, Sixtus, obgleich ich seit einer erklecklichen Reihe von Jahren
nicht das Vergnügen hatte, Sie zu sehen. Wo haben Sie denn eigentlich gesteckt,
junger Mann?«
    Der »junge Mann« gab willig in der Kürze die gewünschte Auskunft, und der
Finkenrodener Stadtrat sagte:
    »Sieh, sieh.«
    Mir, der ich ihn, abgesehen von allem übrigen, auch aus der
Literaturgeschichte kannte, war das Zusammentreffen mit ihm und seine
Reisegenossenschaft keineswegs zuwider. Und da wir von dem gewöhnlichen
Reisetumult und Gedränge in unserem Wagen ziemlich ungestört blieben, hinderte
uns nichts oder doch, nur wenig, so vertrauensvoll und mitteilsam gegeneinander
zu sein, als das unter verständigen oder verständig gewordenen Leuten nur irgend
der Fall sein kann. Was den Freund Ewald anbetraf, den der Vetter Just als einen
vollständig ausgewechselten Werdener, als einen stocktauben und stockstummen
Engländer in Belfast wiedergefunden zu haben glaubte, so war der auch jetzt
derjenige, welcher das kleinste oder vielmehr gar kein Blatt in irgendeiner
Beziehung vor den Mund nahm, so dass dies mir, wenigstens im Anfang, dem uns doch
ziemlich fremden Stadtrat gegenüber ein wenig peinlich war. Alle seine und
unsere Geschichten kramte er mit einer Unbefangenheit aus, die ganz und gar
Schloss und Dorf Werden, Bodenwerder und der Steinhof war. Wie der Poet aus dem
Sumpfe der Alltäglichkeit die Perle des Interesses für seine Zuhörer
herausfischt, so ging dieser irländische Ingenieur, wenigstens zu Anfang unserer
Reise, auf den Fang aus im Bereiche der grössten Trivialität unserer
Jugenderlebnisse, und die Fragen: Weisst du noch, Fritz? Erinnerst du dich noch,
Langreuter? Alter Kerl, das kannst du doch unmöglich vergessen haben? - schienen
nimmer ein Ende nehmen zu wollen. Poetisch aber gebärdete er sich durchaus nicht
bei dieser Fischerei und wurde, wie ich nicht umhinkann zu bemerken, von dem
Finkenrodener städtischen Würdenträger und früheren lyrischen Subredakteur des
freilich auch schon ziemlich lange selig in allen seinen Sünden entschlafenen
»Chamäleons« nach dieser Richtung hin nicht im mindesten entmutigt, sondern im
Gegenteil: der Verfasser der »Heiratsgedanken«, der Dichter der »frommen
Liebeslieder« gab nur da zum erstenmal seine abweichende Ansicht durch ein
astmatisch Gegrunze zu erkennen, wo mein Jugendfreund zwischen zwei
abgeschmackten Schnurren mit einem Seufzer sagte:
    »Meine Herren, achten Sie dann und wann nicht auf mich! Ich sitze hier immer
doch mit einem merkwürdigen Gemisch von Gefühlen; und Rührung und Beängstigung
sind die vorherrschenden. Sie, Herr Bösenberg, haben ja aber auch einmal
ähnliches auf dieser selben Bahnstrecke durchgemacht, darüber geschrieben und
das Geschriebene sogar drucken lassen.«
    Der Stadtrat gab einen Ton von sich, der ungefähr wie »Whu!« klang. Dann
brummte er:
    »Jawohl. Das Vergnügen habe ich mir und einigen anderen gemacht. Ich danke
Ihnen für die gütige Erinnerung, lieber Sixtus. Es ist mir freilich so, als ob
ich das alles in Ihnen und dem anderen Herrn da in der anderen Ecke jetzt zum
zweitenmal erlebe; aber Gott sei gelobt und gepriesen - zu schreiben brauche ich
heute nicht mehr darüber! Also - erzählen Sie nur ruhig weiter von sich und dem
Herrn Vetter Everstein und dem Herrn Doktor da - von Schloss Werden, dem
Försterhause und dem Steinhofe. Die Hauptsache denke ich mir selber dann wohl
schon dazu. Ja, ich habe es mit vielem Interesse schon auf dem letzten
Ostermarkt gehört, dass Frau von Rehlen, die frühere Komtesse Everstein, nunmehr
ihren Aufentalt bei dem Vetter Just auf dem Steinhofe genommen hat. Fräulein
Schwester befindet sich, unberufen, immer noch recht wohl, pflegt den alten
guten Papa und verkehrt dann und wann recht freundschaftlich mit meiner alten
Freundin, Frau Sidonie Mietze in Bodenwerder. Sie wissen doch, dass der
Spiritusfabrikant schon vor fünfzehn Jahren nach der Heimat des Freiherrn von
Münchhausen übersiedelte?«
    Ich wusste das letztere nicht, da es mich im Grunde auch wenig interessierte;
aber seltsamerweise wusste es der Ingenieur und interessierte sich auch sehr
dafür. Seine Kenntnis der heimischen Zustände war in der Tat überraschend, und,
was mir als das Auffallendste erschien, nichts von allem hatte sich ihm
irgendwie ins Phantastische gezogen, wie das leider bei mir heute der Fall war
und im Jahre achtzehnhundertachtundfünfzig bei dem heutigen alten, fett und
Stadtrat gewordenen Junggesellen Dr. Max Bösenberg.
    Es waren dieselben Geleise, auf denen wir mit dem Eilzuge dahinglitten: ich,
der Biograph der Leute von Schloss Werden, heute, und der Doktor Bösenberg, der
Biograph der Kinder von Finkenrode, damals. Ganz wunderlich sprach der
irisch-deutsche Baukünstler aus seiner Wagenecke darein, nämlich so hell,
unbefangen und vernünftig, dass ich kaum ein Wort dazwischenzureden wagte und dem
Stadtrat dankbar war, wenn er das mit schwitzender Gemütlichkeit tat.
    »Weshalb ich nicht häufiger an die lieben Angehörigen - das gute Evchen und
den alten Papa schrieb? Weshalb ich ihnen nicht von Tag zu Tag über mich
Nachricht und Rechenschaft gab?« fragte der Ingenieur und jetzige Besitzer von
Schloss Werden. »Einfach aus dem nämlichen Grunde, aus welchem die zärtlichsten
Leute es verabsäumen, die gewöhnlichsten Pflichten der Höflichkeit zu erfüllen,
gentlemen. Heute haben sie keine Zeit, und morgen haben sie keine Lust.
Gewissensbisse lassen sich in dieser Hinsicht weit leichter verdauen als die
Ärgernisse, die an allem hängen, was in der Ferne vordem unsere Behaglichkeit,
unser Pläsier und - unsere Hoffnung war. Es quält einen in der Fremde nichts
mehr als das Schönste und Liebste, was man in der Heimat gehabt hat und hat
aufgeben müssen! Habe ich nicht recht, Herr Bösenberg?«
    »Natürlich! Von Ihrem Standpunkte aus!« brummte der Stadtrat und summte
dabei aus »Zampa«: »Wenn ein Mädchen mir gefällt!«... »Bitte um etwas Feuer,
wenn Ihre Zigarre noch brennt. Ich habe so ein Liedchen von den Zuständen und
Verhältnissen zu Werden singen hören. Bis in unsere Magistratssitzungen drang es
herüber nach dem Tode des Alten - ich meine des alten Biedermanns und
bankerotten Dynasten von Schloss Werden. Man wächst dann und wann nicht
ungestraft zusammen auf als Jüngling und Jungfrau, wenn man nicht zufällig
Bruder und Schwester ist. Kenne das! Also deshalb haben Sie nicht häufiger nach
Hause geschrieben? Aber fahren Sie nur fort! Das andere interessiert einen nach
den eigensten persönlichen Erlebnissen immer noch, selbst wenn man mehr oder
weniger durch Gunst der Götter zu den Höchstbesteuerten in seiner Kommune gehört
und es - zu einer Stellung gebracht hat wie ich.«
    Wir waren diesmal mit dem Abendzuge von Berlin abgefahren und fuhren also
auch in die beginnende Nacht hinein wie der Feuilleton-Redakteur des
»Chamäleons« im Jahre achtundfünfzig. Der einzige Unterschied bestand darin, dass
es Sommer war und nicht der dreissigste November wie damals. Jenes Buch von den
Kindern von Finkenrode hatte aber seinerzeit, wenigstens in unserer Gegend, und
dieses selbstverständlich, ein gewisses drolliges, mit Erstaunen vermischtes
Aufsehen gemacht, und die Figuren und Situationen hafteten mir auch heute noch
deutlich genug im Gedächtnisse, um mich ihnen, sowie dem gegenwärtigen Stadtrat
Dr. Max Bösenberg mit vollstem Verständnis hingeben zu können. Was ich dann und
wann aus dem Buche zitiere, schreibe ich freilich, wie das nicht anders sein
kann, nachträglich ab. Auswendig wusste ich es nicht.
    »Zu Hause! Jeder aufblitzende Lichtstrahl aus einem Hüttenfenster auf der
nebeligen Heide erfüllte mich mit einem Gefühl der Verödung, der Vereinsamung.
Zu Hause! Wo ist mein Haus? Wo ist meine Heimat?... Mein Blick verlor sich in
dem dichter gewordenen Nebel draussen. Der Zug flog in diesem Augenblick über ein
altes Schlachtfeld, wo vor langen Jahren um Langvergessenes Tausende und aber
Tausende geblutet hatten. Es schien mir, als ob die wogenden, wallenden
Dunstmassen sich in kämpfende Männer und Rosse verwandelten zum Kampfe um ein
zerfliessendes Nichts. Im wilden, geisterhaften Getümmel drängte sich ein Chaos
phantastischer Gestalten auf beiden Seiten des dahinschiessenden Dampfrosses,
zerschellte an den Rädern, ballte sich von neuem, wirbelte von neuem
gespensterhaft durcheinander. Auch ich kam ja aus einer Schlacht, wilder, als je
eine mit Waffen von Stahl und Eisen gekämpft wurde. Wie manchen hatte ich an
meiner Seite fallen sehen, wie manchen hatte ich auf dem Schild mit heraustragen
helfen aus dem Getümmel:
-at socii multo gemitu lacrimisque
Impositum scuto referunt -«
»Sie schnupfen wirklich nicht, Doktor?« fragte der Stadtrat, mir von neuem die
silberne Dose, die jedenfalls auch aus der von ihm beschriebenen Erbschaft des
weiland Onkels Bösenberg zu Finkenrode stammte, anbietend. »Sie sollten sich
allgemach das doch auch angewöhnen. Ein jeglicher befindet sich auf einmal, ganz
ohne es vorher bemerkt zu haben, in den Jahren, wo er dieses beinahe zu seinen
ästetischen Genüssen zählt. Sie sollten sich wirklich bald gleichfalls eine
Dose zulegen, Doktor Langreuter.«
    Nachher holte er, während ich - sehr gestört durch ihn! - immer noch den
Wegen, Geschicken, Erleuchtungen und Verdunkelungen des Lebens nachzusinnen
versuchte, aus einem eleganten und sehr praktischen Reisefutteral verschiedenes
Trinkbare und Essbare hervor, von dem er uns höflich anbot, an welchem jedoch nur
der Ingenieur mit unverhohlenem Wohlbehagen und unverkennbarem Durste sich
beteiligte.
    Nachher sprach er, der Stadtrat:
    »Weiss der Teufel, ich werde immer sofort schläfrig im Eisenbahnwagen!« Und
als der Schaffner die Lampe in unserem Kupee anzündete, tönte bereits sein sehr
gesundes und regelmässiges Schnarchen in meine Erinnerungen an sein
liebenswürdiges Buch hinein. Ich gab es auf, mich mit ihm und seinen
jugendlichen schriftstellerischen Leistungen (als noch nicht er, sondern
höchstens Weitenweber schnupfte!) für jetzt weiterzubeschäftigen, und wendete
mich wieder dem Jugendfreunde zu.
    Dieser sass wach in seiner Ecke, hatte das Gesicht gegen das offene Fenster
geneigt, und nur von Zeit zu Zeit fiel der Schein der trüben Laterne unter der
Decke darauf hin. Dann gefiel es mir jedesmal sehr und immer besser. Ich hatte
mich nun schon nach und nach in das Wesen des Mannes mit mehr Verständnis
hineingefunden. An die »Türme der versunkenen Julin«, wie der schnarchende
Stadtrat voreinst in seinem Buche, dachte er unbedingt nicht; er lächelte zu
heiter und hell dazu in die vorbeifliegende Sommernachtslandschaft hinein; aber
es war doch auch ein lebendiger Ernst in diesem Werdener Irländer. Er glaubte
sich unbeachtet genug in der Dämmerung, um längere Zeit auch einmal ein sehr
ernstes Gesicht machen zu dürfen, und nimmer hatte ich ein vertrackt unleserlich
Pergament-Manuskript mit grösserem Interesse zu enträtseln gesucht wie jetzt im
rötlichen Schein der Wagenlaterne die männlich schönen Züge meines
Jugendfreundes.
    Eine Erbschaft, wie die des Onkels Bösenberg dem Redakteur des »Chamäleons«,
war ihm nicht in den Schoss gefallen: Ewald Sixtus kam nicht heim wie der Bauer
vom Steinhofe, der Vetter Just Everstein; aber was wir auch an ihm noch in der
nächsten Zeit auf Schloss Werden, im Dorfe, in Bodenwerder, auf dem Steinhofe und
in der Umgegend erleben mochten, ich hatte für ihn keine Sorge mehr.
    Wissen kann man es ja nicht, was die nächste Stunde bringen wird, und nur
die Narren pflegen das ganz genau vorauszusagen; aber für diesen gefesteten,
hellen, heiteren Menschen brachte sie nichts, was er nicht im Guten wie im
Schlimmen mit in seine Rechnung gezogen hatte, und das ist immer viel und
bedeutet im Bösen wie im Guten die Hauptsache und Hauptwaffe im bitteren Kampfe
der Verwirrungen dieses verzwickten Daseins auf der Erde.
    Da war die berühmte Festungsstadt, die wir auch diesmal, wie einst der
Doktor Bösenberg, ruhig seitwärts liegenliessen. Keine Jungfrau liess den
gehobenen Schleier wieder sinken in unserem Kupee und schlüpfte zierlich aus dem
Wagen. Kein alter, zu einem Taugenichts von Sohne reisender Herr sagte grimmig:
der wird sich wundern! Wir hatten keine Kinder zärtlich harrenden Vätern aus dem
Wagen zuzureichen.
    »Wahrhaftig, wieder mal das verdammte Nest!« schnurrte der Finkenrodener
Stadtrat, aus dem Schlummer aufgerüttelt und verdriesslich sich dehnend und die
Augen reibend. »Jedesmal, wenn ich hier halte, schwöre ich mir zu, dass es das
letztemal gewesen sein soll, und - weiss der Henker, da sind wir doch wieder! Und
natürlich nicht eine Idee von einem Kellner am ganzen Zuge!«...
    Wir fuhren weiter, und es war kurz vor Sonnenaufgang, als der Schaffner, von
neuem die Tür aufreissend, »Station Sauingen!« schrie. Statt einer an einer
langen Stange schwankenden Laterne glimmte eine ganze Reihe dergleichen den
breiten »Bahnsteig« und die stattlichen Bahnhofsgebäude entlang und in die
rosige Eos hinein. Der Ort hatte sich in den letzten zwanzig Jahren fast nicht
weniger als der Dr. Max Bösenberg verändert. Wenn dieser Stadtrat, so war jener
ein lebendigster Eisenbahnknotenpunkt geworden; und die Bahn nach Finkenrode war
seit mehr denn zehn Jahren ebenfalls weitergebaut worden. Wir erlebten diesmal
nicht die geringsten tragischen und heiteren Abenteuer zum Besten eines
erstaunten Leserkreises in Sauingen als vielleicht das Wort des Biographen der
Kinder von Finkenrode:
    »Sollten Sie es für möglich halten, meine Herren, dass ich mich noch immer
nicht anders als mit aufgeklapptem Rockkragen und dem Taschentuche vor der
Physiognomie durch den Ort schleichen darf? Vor einem Jahre hatte man hier eine
Provinzial-Viehausstellung mit Preisverteilung arrangiert, und ich war als
Vertreter unseres Gemeinwesens hergeschickt worden. Ich sage Ihnen, das nächste
Mal lasse ich sicherlich einem anderen die Ehre und das Vergnügen. Sie hatten
nichts vergessen! Wohl verkorkt hatten sie ihre ganz Ranküne, wie auf Flaschen
gezogen, zur Hand, ein jeglicher von ihnen die seinige bei seinem Teller; und
was das Vergessen meinerseits anbetrifft, so ist es durchaus keine Kunst, den
vergnügten Tag, welchen ich damals unter ihnen hinzubringen hatte, in alle
Ewigkeit nicht zu vergessen. Gott sei Dank, diesmal fahren wir mit einem
Aufentalt von fünf Minuten durch. In einer Stunde sind wir in Finkenrode; ein
wenig übernächtig fühlen wir uns doch alle; ich lade Sie hiermit
freundschaftlichst zum Frühstück. Nachher schlafe ich aus, und nichts hindert
Sie, dasselbe zu tun oder das Dampfschiff stromabwärts nach Münchhausenburg zu
benutzen. Von Bodenwerder aus werden Sie ja dann wohl schon ohne Führer die alte
liebe Heimat erreichen, und wünsche ich viel Pläsier dazu. Sollte Ihnen zufällig
daselbst mein guter alter Freund Alexander begegnen, so bitte ich, ihn recht
schön von mir zu grüssen.«
    Die Sonne ging auf. Wir erreichten Finkenrode und frühstückten wirklich
daselbst in dem Hause des weiland Onkels Bösenberg. Mir roch es recht moderig
und unbehaglich drin. Mit welchen modernen Gefühlen, Stimmungen und
»Meliorationsintentionen« der heutige Inhaber vor zwanzig Jahren hineingezogen
sein mochte und, seinem Buche nach, hineingezogen war: er hatte sich allgemach
geradeso darin verpuppt wie der alte Herr, und er war noch dazu ein recht alter
Junggesell darin geworden. Das Bild der Frau mit dem Kinde auf dem Arme sah
jedoch auf einen ungemein verständnisreich besetzten Tisch herab. Der Stadtrat
war fett geworden in dem alten Hause und wurde noch immer fetter drin; dies
schien mir so ziemlich der einzige Unterschied gegen die Tage der Vergangenheit
zu sein.
    Dass aber ein wohlgemeintes Wort häufig viel mehr Verdruss anrichtet als die
überlegteste Bosheit in Wort und Tat, das sollte ich auch jetzt einmal wieder
erfahren.
    Ganz harmlos erkundigte ich mich des näheren nach Weitenweber, und sofort
legte unser gastfreundlicher Wirt Messer und Gabel nieder, blies eine Menge
überflüssigen Atems über die breit vorgesteckte Serviette fort und keuchte:
    »Uh, der alte Sünder! Ausserdem dass er behauptete, längst vor der Entdeckung
des Doktors Schopenhauer durch das deutsche Publikum den Schopenhauerianismus
gründlich weggehabt zu haben, hat er noch viel gründlicher meinen gesamten
Vorrat von Lebensidealismus mit sich hinüber nach Berlin in das alte Leben
genommen. Jawohl, das sind die Kerle, die in ihrer Säure und Knochentrockenheit
hundert Jahre lang sich konservieren und dann sich ins Jenseits hinübergrinsen,
während unsereiner in seiner - Liebenswürdigkeit - Weichheit - Lyrik - kurz, wie
Sie das nennen wollen - - - na, verderben wir uns den Appetit nicht; und Sie,
lieber Sixtus, sehen Sie nur nicht nach der Uhr - Sie kommen noch früh genug
aufs Schiff. Der Kapitän wartet mit Vergnügen auf jeden, der mitwill, und
Hannchen trägt Ihnen die Reisetaschen an den Fluss hinunter.«
    Hannchen war ein sehr hübsches und ungemein freundliches Hausmädchen des
alten Hauses Bösenberg und nicht ungerechtfertigterweise, wie es schien, ein
grosser Liebling des einstigen Feuilleton-Redakteurs des einstigen regnante
Manteuffelio berühmten, oft konfiszierten und weitverbreiteten Blattes:
                                 Das Chamäleon
 
                                Viertes Kapitel
Wir fuhren in einen recht heissen Tag hinein, und mir war es wunderlich, gar
wunderlich, so auf einmal wieder auf diesen Wassern zu schwimmen, die ich so
lange nicht zu Gesicht bekommen hatte.
    »Der Mann - dieser Herr Stadtrat Bösenberg, hat mir recht gut gefallen«,
meinte mein Begleiter oder vielmehr Führer. »Er besitzt recht gesunde Ansichten
nicht nur über Nationalökonomie, sondern auch die des Privatmannes. Dass er wie
manche andere ein wenig in den Tag hineinschwatzt, muss man ihm hingehen lassen.
Übrigens kennt er die Gegend aus dem Grunde, und ich werde unbedingt diese
Bekanntschaft nicht kaltwerden lassen; sobald ich daheim nur einigermassen in
Ruhe bin, werde ich ihm nochmals meinen Besuch machen. Und sein Buch muss ich
doch auch mal wieder lesen.«
    »Hoffentlich findest du noch ein Exemplar in einer Leihbibliotek, lieber
Ewald; und wahrscheinlich werden seine Provinzgenossen dasselbe seit dem Jahre
achtzehnhundertneunundfünfzig durch ihre Randglossen und Fussbemerkungen noch um
ein bedeutendes lesenswerter gemacht haben.«
    »Man trifft doch überall in diesem närrischen Deutschland - auch wo man es
nicht vermutet - auf recht verständige, achtungswerte und spasshafte Menschen«,
schloss der jetzige Besitzer von Schloss Werden diesen Abschnitt unserer
Reiseunterhaltung. Der Doppelkirchturm von Finkenrode verschwand bei einer
Biegung des Flusses hinter einem bewaldeten Höhenzuge; ich aber steckte nun
einmal in den »Kindern von Finkenrode«, und ich blieb darin stecken, und es
erschien mir doch fast unbegreiflich, dass der Verfasser heute sowenig
Verständnis mehr für die Wahrheit und Wirklichkeit dessen hatte, was er vordem
niederschrieb. Im Halbtraum musste er geschrieben haben, wie wach und munter er
dann auch späterhin das Ding in den Druck geben mochte!...
    Es ist kein ander Näherkommen, wenn es sich um die langentbehrte,
halbvergessene Heimaterde handelt, dem zu Schiffe zu vergleichen. Nicht die
Fusswanderung und noch viel weniger der Wagen bieten dies freie, leichte
Getragenwerden. Wir wollen uns keine Illusionen machen über unsere Stärke in der
Welt: es ist bei allen Dingen die Mühelosigkeit, die wir zuerst wollen und die
im grossen wie im kleinen bei jeglicher Erhebung über den dahinschleichenden Tag
und die dahingeschlichenen Tage das willkommenste ist. An einen Schiffsrand
gelehnt stehend, einst so vertraute und seit Jahren wie versunkene Bergesgipfel
von neuem auftauchen, wachsen und sie immer deutlicher und immer bekannter sich
in den Gesichtskreis schieben zu sehen: was geht darüber?! Und wenn ich vorhin
gesagt habe, dass wir erst auf der Reise von unseren Verhältnissen zu der Heimat
und vor allem von denen des Freundes Ewald Sixtus gesprochen hätten, so war das
im vollen Sinne des Wortes erst auf diesem Schiffe und nachher auf dem Fusswege
nach Schloss Werden der Fall.
    »Lache mich nicht aus, Fritz«, murmelte der Irländer, »ich wollte, wir wären
erst acht Tage älter! Du kannst da gleichmütig genug sitzen und die liebe Gegend
näher kommen sehen; aber ich - och faix, woran es eigentlich liegt, kann ich
nicht sagen, aber ich versichere dich, ich fange allmählich an, Angst zu kriegen
wie ein Schuljunge, der erst die Schule geschwänzt hat und dann noch zu spät zum
Essen kommt. Ich wollte, by Jove, wir hätten noch den Stadtrat bei uns, ich
fange an einzusehen, dass er noch etwas mehr war als eine blosse Reisezerstreuung.
An diese Stimmung habe ich, weiss Gott, in der Fremde nicht gedacht, und ich
glaube, es wäre besser gewesen, wenn ich sie mir vom Leibe und aus der Seele
ferngehalten hätte! Fritz, ich weiss nicht, wie's zugeht, aber ich gäbe jetzt
viel für einen tüchtigen Landregen mit obligatem Verkriechen in der Kajüte. Das
Wetter ist mir heute zu schön und die alten Berge dort in der Ferne viel zu
blau!... Da ist der Pastor von Dölme, und da der Kirchturm von Pegestorf! - Der
Werder hier im Fluss war vor fünfzehn Jahren auch schon vorhanden. O Langreuter,
Langreuter, der Pastor von Dölme! Er schneidet noch dieselbe Sandsteinfratze wie
- zu unserer weit; was ich aber jetzt für ein Gesicht ziehe, das weiss ich nicht
und verlange auch nach keinem Spiegel. Langreuter, ich wollte, die Gegend wäre
nicht ganz so sehr dieselbige geblieben! Wie alt mag wohl der Alte geworden
sein?... Und die Eva? Und - - - na ja, und ich habe es auch nicht gewusst bis
jetzt, um wieviel ich selber älter geworden bin!... Da sollte man sich doch
wirklich in den grauesten Sumpf vom grünen Erin hineinwünschen bis an den Hals.
O Fritz, Fritze, oh - Fritz Langreuter, der Tag ist mir heute zu schön, und die
Nachtfahrt und die angenehme Unterhaltung, das Frühstück des Stadtrats Bösenberg
sind wahrhaftig nicht allein schuld daran. Oh, der Vetter Just vom Steinhofe! Du
brauchst es ihm weiter nicht auf die Nase zu binden, Fritz; aber ich wollte -«
    Er brach ab, schüttelte den Kopf und sagte es nicht, was er in betreff des
Vetters Just und seiner selbst jetzt lieber anders gewünscht hätte. Nur mit Mühe
gewann er das alte drollige Zucken um die Mundwinkel noch einmal wieder, als ich
ihn fragte: »Sie wissen es doch wenigstens, dass du in diesen Tagen nach Hause
zurückkehrst?« und er mir die Antwort schuldig bleiben zu wollen schien.
    »Sie wissen es nicht, Ewald? Und sie wissen auch nicht, dass du heute der
Herr von Schloss Werden bist?!...
    Alle alte Knabenkomik und Verschmitzheit verschwand aus den wirklich
hübschen und doch zugleich mannhaften Zügen des Ingenieurs:
    ..Weiss Gott, da ist Rühle und sieht auch noch geradeso aus als damals, wo
wir hier die Welt allein zu haben glaubten! Ja, es ist ein dummer Jugendstreich!
Meine Flegeljahre haben sich aber nur ein paar Lustren weiter erstreckt als die
anderer Leute, und ich habe das nur bis in diese Stunde hinein nicht gewusst. Bis
heute bin ich wie diese nette Gegend der nämliche geblieben, und nun kommt es
mir auf einmal vor, als ob von heute an meine Busse darüber recht nachdrücklich
ihren Anfang nehmen könne. O Fritz, ich glaube, dass ich, trotzdem dass ich Schloss
Werden für - euch alle wiedergewonnen habe, doch nur wenig Dank dafür zu
erwarten habe und - ganz mit Recht!... Ob sie zu Hause - ob - ob Irene - ob sie
alle über alles genau Bescheid wissen, ist wohl gleichgültig. Ganz mit Recht
werden sie verschnupft sein, und ich wollte jetzt, ich hätte etwas Besseres und
anderes getan, als die alten Jugendwitze noch einmal und im vergrösserten
Massstabe zu wiederholen! Ja, und du hast es selbstverständlich sofort
herausgerochen, alter Verstandesmensch! Es gehörte meiner Meinung nach in
Belfast dazu, dass ich nur mit meinem Advokaten in Bodenwerder und niemand sonst
über das Geschäft korrespondierte. Wieviel von der Affäre dessenungeachtet unter
die Leute durchgesickert ist, kann ich natürlich nicht wissen, aber ich ahne
jetzt, es ist genug gewesen, um mir den Empfang nach allen Seiten hin zu
gesegnen. Och honei, wie sieht sich das alles von der Fremde aus so ganz anders
an! Da hatten wir mal in Dublin einen verrückten jungen Kerl aus einer
wohlhabenden Kaufmannsfamilie, der führte seinen Papa, um ihm eine
Geburtstagsfreude zu machen, eines Morgens ans Fenster und sagte: Sieh mal,
lieber Vater, da habe ich dir einen Elefanten gekauft! Och, Freddy, Freddy, das
Gesicht des alten Baumwollenimporteurs Mr. Malonei senior passt ganz und gar in
meine dermalige gemütliche Stimmung. Ich bin auch in diesem Moment durchaus
nicht mehr darüber im klaren, was ich eigentlich gekauft habe, um meinen
Angehörigen und - Irene - Everstein - eine - Freude zu machen! Was sollen sie
auf dem Försterhofe mit meinem Elefanten anfangen, und wie - wie wird - Irene
Everstein darüber denken?«
    Da war es freilich schwer, das rechte Wort der Lösung für diese nur dem
alleräussersten Anschein nach sehr einfachen Lebenswirren zu finden und
dreinzugeben. Was ich erwidern konnte, war alles nichts weiter als guter Rat,
der vorher hätte gegeben werden müssen und dann sicherlich nicht angenommen
worden wäre. So überliess ich es denn den kühlen Wassern, die uns trugen, und den
kochenden, welche die Räder, Hebel und Schaufeln in Bewegung erhielten, uns der
Lösung, das heisst der Heimat und den Gesichtern, die die Leute dort über uns
machten näher zu führen. An das Müheloseste wendet sich der Mensch auch in allen
grossen und kleinen Krisen des Daseins am liebsten, also nicht bloss im Glück und
auf der Fahrt durch die Sommertage des Lebens.
    Und jeder Augenblick brachte uns tiefer in die uns so bekannte und so sehr
aus dem Gedächtnis geratene Jugendwelt hinein. Bei jeder Biegung des Flusses
verflüchtigte sich der Schleier, den die Jahre uns über die Augen gelegt hatten,
mehr und mehr. Gewinn und Verlust des Lebens wurden von Minute zu Minute
deutlicher, aber stiller und friedlicher wurde es leider nicht darum in uns.
    »Ich wollte, ich hiesse von Münchhausen oder liefe schon gedruckt in der Welt
herum wie der Stadtrat Bösenberg aus Finkenrode!« brummte der jetzige Herr von
Schloss Werden. »Aber bis nach Bodenwerder bleiben wir nicht auf diesem
verdammten Teekesselkahn, Fritz Langreuter. Das wäre die Höhe, wenn ich daselbst
zuerst auf meinen Rechtsmandatar stiesse und an seiner Hand in das alte, brave
Vaterhaus zurückzuwandeln hätte. Bei der nächsten Haltestelle steigen wir aus
und schlagen uns zu Fusse über die Berge und durch den Wald. Uh, hätte ich mir
doch dies heutige Einschleichen hinter den Büschen weg vor drei Jahren schon so
deutlich ausgemalt wie jetzt, so wäre es mir sicherlich besser zumute. Sässe das
Mädchen - ich meine die gnädige Frau - o Gott, sässe die Irene nicht bei dem
Vetter Just - - bei den unsterblichen Göttern, ich schliche mich zuerst zu dem
Vetter Just Everstein und liesse ihn einen Boten mit der Meldung nach Werden
schicken, dass - ich - wieder da - sei! Der Peter in der Fremde mit seinen
Dachkammer und Taubenschlaggefühlen ist in diesem Moment ein wahrer Weltumsegler
gegen mich! Deine Gefühle sind aber natürlich ja ganz andere, also geniere dich
nur nicht meinetwegen, Bruder. Fahre du dreist weiter nach Bodenwerder, grüsse
daselbst, nimm einen Wagen und komm ruhig und behaglich nach Werden. Ich aber
gehe.«
    Ich ging auch.
    Es war ein eigentümliches Gefühl, wieder den Kies des Flussufers unter den
Füssen zu spüren. Das Dampfschiff drehte sich ab, und wir nahmen unseren Weg
rechts in die Berge hinein. Zwei gute Stunden hatten wir vor uns, ehe wir Schloss
Werden erreichen konnten; aber niemals sind mir zwei ziemlich beschwerliche
Wegestunden so kurz vorgekommen wie diese. Und wir redeten wenig miteinander auf
dieser Wanderung.
    »Das ist eine kuriose Melodie, welche du da pfeifst, Ewald.«
    »Rocky Road to Dublin! Jeder illegante blinde Fiedler greift sie im Schlaf
bei uns, und sie passt mir ganz für diesen Marsch, Fritz. Melancholisch und
spasshaft! Was? Wer zuerst von uns die alten Türme aus dem Busch aufragen sieht,
hält das Maul, aber stösst dem Gevatter den Ellenbogen in die Rippen... Und sie
sitzt also heute bei dem Vetter Just auf dem Steinhofe. Hoffentlich im kühlen
Schatten! Und wir - wir schwitzen hier!... O Fritz, ich will es nur gestehen,
ich habe an mehr als einem heissen Tage in der Fremde an das böse liebe Mädchen
gedacht und mir dies Nach-Hause-Kommen zur Kühlung ausgemalt. Der Teufel hole
alle solche Malereien! Der ist selber ein Pinsel, der da meint, nur guter Wille
gehöre dazu, den rechten Ton zu treffen.«
    »Die arme Frau!« murmelte ich, und der Herr von Schloss Werden sagte grimmig
vor sich hin:
    »Jawohl, die arme Frau! Und ich wollte noch mal, dass es erst heute übers
Jahr wäre und wir alle möglichst in Ruhe!«
    Ich will von dem Wege nichts weiter sagen. Wir erlebten alle Abenteuer
darauf in unserer Seele. Gegen Abend, als jedoch die Sonne immer noch ziemlich
hoch über den Hügeln im Westen, dem Steinhofe zu, stand, sahen wir die grauen
Ecktürme unseres verzauberten, das heisst uns angezauberten Schlosses über die
Linden und Kastanien aufragen. Und zehn Minuten oder eine Viertelstunde später
standen wir - vor einer Mauer, die wir nicht kannten; vor einer hohen,
nüchternen Mauer, die zu unserer Zeit noch nicht vorhanden gewesen war.
    »Bin ich im Traum, oder haben wir uns verlaufen, und sind das dort gar nicht
unser Dach und unsere Giebel?« murmelte der Ingenieur, mich ansehend.
    »Schloss Werden ist es wohl noch«, seufzte ich, »aber, Ewald, andere Leute
sind doch recht lange Herren hier gewesen und haben sich nach ihrem Gefallen
eingerichtet. Wer hätte es überhaupt vorausgesehen, dass wir noch einmal
wiederkommen würden?«
    »Alle Wetter, und die verdammte Landstrasse!« rief der Irländer erbost. »O
die Schufte! Hier lief ja der Graben an der grünen Hecke! Und dort hingen unsere
Nester in der blauen Luft und in den grünen Zweigen! Alles ruiniert! Alles
glattgestampft!... Und wie wird es erst jenseits dieser Mauer aussehen? O Fritz,
Fritz, wäre es nicht wiederum zu dumm, so täte ich noch mal, als ginge mich die
ganze Geschichte nicht das geringste an. O meine - arme Irene! Das ist mehr als
ein Symbol, diese gottverfluchte, nichtswürdige Mauer! Das ist die Wirklichkeit!
Das ist, wie es ist, und ich habe es mir in meiner Albernheit und in der Fremde
nur etwas anders zurechtphantasiert. So ist es, wie es ist, und ich wollte - ich
sässe in diesem angenehmen Moment auf Bloody Foreland Point und spuckte in den
Atlantischen Ozean, statt hier an dieser Mauer mit dir zu stehen und Maulaffen
feilzuhaben!«
    Das war so herausgestossen und für jeden anderen Menschen als für mich und
vielleicht Irene von Everstein völlig unverständlich; ich aber verstand diesen,
in diesem Augenblick des vollkommensten Gelingens seiner hartnäckigen
Lebensarbeit über sich so zornigen Mann und die energische Falte zwischen seinen
Brauen vollkommen. Zu sagen wusste ich jedoch jetzt auch weiter nichts als mit
einem Stossseufzer:
    »O Sixtus, weshalb sind wir nicht in Korrespondenz miteinander geblieben?«
    »Ich habe mein Leben auf die Lust am Leben gestellt - auf den Spass -, du
weisst es ja, Fritz. Hätte ich mich auch schriftlich oder gar durch den Druck als
ein Esel manifestieren können, so gebe ich dir hiermit mein Wort darauf, dass ich
es sicherlich getan hätte. Wieviel Ernst hinter dem Narrentum im Versteck lag,
das magst du dir nunmehr selber zusammenkalkulieren. Und - Irene ist auch schuld
daran gewesen. Fritz Langreuter, wir, das heisst sie und ich, haben vielleicht
nur zu gut zueinander gepasst! Ein wenig weniger gut wäre wahrscheinlich besser
gewesen, und ich stände dann nicht so da vor - dieser gottverdammten Mauer und -
hätte so grosse Angst vor ihr, nämlich vor ihr - der Frau auf dem Steinhofe unter
der Obhut des Vetters Just Everstein! Alle Wetter, wenn es dem Burschen so
ausgezeichnet gut drüben in Amerika erging, so hätte er meinetwegen ruhig dort
bleiben können. Du meinst, dass ihm dazu zuviel an seinem Steinhofe gelegen
gewesen sei? O Fritz, ich weiss es - mir ist an diesem vertrackten Schloss Werden
hinter dieser heillosen Mauer doch noch mehr gelegen gewesen, und ich habe auch
darum gearbeitet und - der Kerl imponiert mir gar nicht, und ich wollte, Irene
die Frau Baronin sässe im Pfefferlande, aber nicht bei ihm! Und jetzt, alter
Freund, lass uns versuchen, um diese Mauer herum ein Loch zum Durchschlüpfen nach
Schloss Werden zu gewinnen. Ich ziehe nicht ein in das alte Nest wie der liebe
Vetter Just auf dem Steinhofe. Das ist eine Tatsache, dass das, was man erreicht
hat, es nie tut!« - - -
    »Wahrlich, ich hatte meine Vaterstadt Finkenrode erreicht, nicht mit den
Gefühlen eines Olympiasiegers, nicht mit den Gefühlen eines Heimwehkranken, aber
doch mit recht anständigen, stichhaltigen, naturgemässen Gefühlen, welche von
einem nicht allzu verhärteten und gleichgültig gewordenen Gemüte zeugten«,
lautet eine Stelle in dem Buche des Finkenrodener Stadtrats Dr. Max Bösenberg,
und es ist mir nicht unlieb, dass ich mich ihrer erinnere, um sie an dieser
Stelle zitieren zu können.
 
                                Fünftes Kapitel
Wie wir diese heisse Mauer entlanggingen, die sich jetzt da hinzog, wo früher
unsere grüne Hecke unser Märchenreich umschloss, ohne die unermessliche übrige
Welt auszuschliessen, kam mir ein Gedanke. Nämlich, dass es Leute, die in allen
Dingen, grossen und kleinen, auf der Stelle Partei nehmen, die Hülle und Fülle
gibt, dass aber der Leute, die im wahren Sinne des Wortes neutral zu bleiben
vermögen, sehr wenige sind und dass drittens die Namen und Adressen der letzteren
überall, mit goldenen Lettern in ein besonderes Buch eingetragen, zum eiligsten
öffentlichen Nachschlagen aufzulegen seien. Ich, der ich im Grunde heute so sehr
Partei war, gewann aus dieser Mauer melancholisch die nicht mehr umzustossende
Überzeugung, dass mir sowohl in Schloss und Dorf Werden wie auch vor allen Dingen
auf dem Steinhofe nichts mehr übriggeblieben sei, als mich vollkommen neutral zu
verhalten.
    Das hatte ich gewonnen! Ich, dem die Mühe, etwas Verlorenes
wiederzugewinnen, erspart worden war, oder besser, der selber sie sich erspart
hatte.
    »Am sichersten wäre es vielleicht doch gewesen, wenn wir unseren Advokaten
von Bodenwerder abgeholt hätten, um mit seiner Hülfe den Eingang in Schloss
Werden zu finden«, brummte Ewald. »Nun, gottlob, hier haben sie wenigstens ein
Loch gelassen, und sind wir somit drin und - zu Hause angekommen. Begorra, eine
schöne Wirtschaft scheint das gewesen zu sein! Meiner Treu, als ich von der
Fremde aus die Katze im Sacke kaufte, habe ich doch keine Ahnung davon gehabt,
wie ruppig das Vieh sich bei der Okularinspektion ausweisen würde. Sieh nur hin,
Langreuter, wie die Halunken gehaust haben! Und ich gebe dir mein Wort darauf,
Fritz, dass ich längere Zeit hindurch in der festen Überzeugung gelebt habe, ich
hätte das alte Haus und seinen Zubehör zu billig erstanden! Oh, oh, oh!«
    Ich konnte auch nichts weiter tun, als in die Seufzer des Freundes betrübt
einzustimmen. Kahl und verwildert lag der früher so stattlich schöne Park
innerhalb der neuen Mauer vor uns da. Die Alleen waren niedergeschlagen worden,
die Gebüsche ausgereutet. Nur um das Schloss selbst standen noch einige der
ältesten Bäume aufrecht und hatten uns von ferne die Täuschung gegeben, dass das
alte adelige Haus Werden noch aus dem alten vollen Grün aufrage. Es war nichts
als eine Fata Morgana gewesen, die aus der fernen Jugendzeit in die schwüle
Gegenwart herüberfiel. Die jüngsten Besitzer hatten auf Schloss Werden nur einen
Raubhau in jeglicher Hinsicht betrieben und waren zugrunde darauf gegangen in
der Sonne wie - der Herr Graf in dem vornehmen Schatten seiner hundertjährigen
Linden und Kastanien.
    »Da stehen wir!« sagte der irländische Ingenieur grimmig. »Wenn es dir
beliebt, so können wir auch weitergehen oder umkehren. Das letztere wäre mir
vielleicht in diesem Augenblick das liebste.«
    »Du willst doch wohl nicht jetzt den Mut verlieren?«
    »Den Mut wohl nicht, lieber Freund, wohl aber die Lust, meine Rolle
weiterzuspielen. Momentan ist mir meine Devilmay-care-Stimmung gründlich
ausgetrieben, und ich sehe nach keiner Weltgegend mehr hin die Gelegenheit, mir
durch einen mehr oder weniger fragwürdigen Witz aus der Patsche zu helfen. Ich
sage dir, ich fühle mich in dieser Minute mindestens um ein Jahrhundert älter
als der alte Kasten dort hinter den Kartoffelfeldern, das Haus Werden mit seinen
sicherlich zersprungenen und eingeschlagenen Fensterscheiben, seinem Schwamm im
Parterre und seinem Wurmfrass im oberen Stock. Ach, Fritz, es ist doch wohl gut,
dass Irene Everstein auf dem Steinhofe wohl aufgehoben ist; und ich - ich hätte
besser getan, wenn ich fürs erste Schloss Werden hätte links oder rechts liegen
lassen und den alten Mann in dem Dorfe und dem Försterhause um seine Ansicht von
der Sache gefragt hätte! Was dich anbetrifft, liebster Langreuter, so wird es
mir immer klarer, dass du mir kaum von Nutzen bei dieser misslichen Geschichte
sein wirst. Nimm mir das nicht übel.«
    Ich hatte wahrlich keine Ursache, hier irgend etwas übelzunehmen. Der Freund
hatte nur zu sehr recht. Mehr sogar, als er selber zu ahnen imstande war.
    Ein altes Weib, das mit einer Sichel in der Hand einige Schritte weiter
vorwärts sich aus dem Kraut und Unkraut aufrichtete und dem wir, wie es schien,
einen gelinden Schrecken einjagten, gab unseren trübsinnigen Gedankenläufen,
wenigstens für einen Augenblick, eine gelegene Ablenkung. Es war sicherlich eine
gute Bekannte unserer Jugendjahre; aber wir waren allesamt älter geworden und
kannten uns nicht mehr.
    Das kümmerliche Mütterchen zog rasch und ängstlich eine hoch mit Grünfutter
vollgestopfte Kiepe zu sich heran und hatte unbedingt die grösste Lust, ohne sich
weiter auf Gruss, Gegengruss und freundschaftliche Unterhaltung einzulassen,
Reissaus zu nehmen; aber -
    »Halt, Mutter! Hiergeblieben, Mrs. Ragtail! Nur auf ein Wort, Mütterchen!«
rief der Herr von Schloss Werden. »Gehören Wir zu dem Dorfe oder dort in das
graue Haus - Schloss Wackelburg, oder wie es heisst!?«
    »Schloss Werden, liebster Herr! Das ist das Schloss. Ach, Jeses, liebste,
beste Herren, nur ein bisschen Grünes für die Ziege und fünf lebendige
Enkelkinder; es wächst ja alles hier rundum doch nur dem armen Volke und lieben
Herrgott in die Hand -«
    »Richtig, Mutter! Mich aber soll der Teufel holen, wenn ich Ihr nicht alles
gönne,« brummte Ewald Sixtus und fügte gegen mich gerichtet hinzu: »Hätte ich
doch nur dasselbe Recht an den Nachlass und die Erbschaft hier!« Und wieder der
alten Frau sich zuwendend: »Es kommen wohl manche aus dem Dorfe, um da herum
das, was dem lieben Herrgott in und aus der Hand wächst und was auch in Hof und
Stall nicht zu niet- und nagelfest ist, abzuholen, he?«
    »O du guter Himmel, liebster Herr, ich habe ja gar nichts gesagt«, winselte
die Alte. »Fünf lebendige Enkelkinder, und mein Junge, der Vater dazu, ist zu
Schaden und Tode gekommen in Koldeweis Steinbruche, und die Mutter hat die
Lungensucht mitgenommen, und ich bin mit den fünf Würmern allein übrig. Nur ein
bisschen Kraut für die Ziege; denn das Jüngste ist erst dreiviertel Jahre alt,
und ich bin an die Sechzig nahe heran. Und sie kommen alle, denn es ist ja kein
Herr und Meister da seit Jahren, und der Herr Notar in Bodenwerder, der die
Verwaltung hat, kann doch nicht immer dasein und nach dem Rechten sehen, Und
wenn Sie auch zu dem Herrn Advokaten aus Bodenwerder gehören und mich vor
Gericht ziehen wollen, so habe ich doch nichts gesagt, und den hochseligen Herrn
Grafen habe ich auch noch gekannt, und das war ein guter Mensch, so vornehm er
war; und ich habe auch zu seinen Zeiten schon das Gras an den Hecken schneiden
dürfen, und aus dem vornehmen Schloss hab ich mir keinen Nagel aus der Wand
geholt. Und die gnädige Gräfin, die jetzt bei dem - dem Herrn Vetter Just - dem
Herrn Everstein auf dem Steinhofe wohnt und der es auch so schlimm in der bösen
Welt ergangen ist, wie man sagt, ja, die habe ich als ich noch eine junge Frau
war, aus dem Dorfbache aufgehoben und nass wie eine Katze auf meinem Arme nach
Hause getragen, und da war damals die Madam - die gute Frau - die Frau
Steuerkontrolleurin auf dem Schloss, die hat das Kind mir abgenommen und mir zehn
Groschen gegeben. Der Junge aus dem Försterhause - unserm Förster Sixtus sein
Junge - hatte die gnädigste junge Komtesse in den Bach gestossen. Sie sagen, dem
soll jetzt das ganze Schloss und alles gehören; aber es will keiner im Dorfe so
recht daran glauben. Wenn er aber heute wiederkäme und alles hätte sich
ungelogen so geschickt, wie die Leute lügen, und er wäre der Herr, so brauchte
auch er mit der Witwe Warneke nicht um eine Kiepe voll Ziegenfutter aus der
Wüstenei hier herum ins Gerichte zu gehen; denn dazu ist er viel zu gut Freund
mit meinem alten Seligen gewesen, und der hätte oft klüger sein sollen als der
dumme tolle Junge aus der Försterei. Da ist der lieben Frau Langreuter ihrer
ganz anders gewesen und sittsamer; aber sie sagen, der hat es auch dicke hinter
den Ohren gehabt und ist ein Professor geworden und wohnt jetzt, was man nennt,
in Berlin. Ja, so werden aus Kindern Leute, und ich habe es als junge Frau auch
nicht gedacht, dass ich als alte Frau mal fünf Enkelkinder mit Tagelöhnerarbeit
und Hunger und Kummer grossziehen müsste. Aber die Herren lassen mich da
schwatzen, und ich stehe da auch und schwatze, als wäre ich wie von oben her und
vom Pfänder drangekriegt, und - - o du meine Güte - O liebster Himmel - jetzt
falle ich um! Das sind Sie!... Das sind Sie ja selber, der kleine Fritz und der
- Herr Ewald! Und so gewachsen! Solche Herren! Und wirklich noch im lebendigen
Leben! Und wie wird sich der alte Herr Vater und die Schwester freuen, Herr
Sixtus. Und die Schwester - ich meine Fräulein Eva, hat noch immer nicht
gefreit. Jedermann im Dorfe wundert sich darüber -«
    Der Ingenieur hielt die Alte am Oberarm und fing an, sie zu schütteln, um
dem Übermass der Gefühlsäusserungen ein Ende zu machen. Das Hereinsprechen in den
Schrecken, die Verwunderung und die zitternde Hast, sich angenehm zu machen,
half zu gar nichts weiter, als dass sich gar noch das helle Schluchzen und
Schlucken in den Redeschwall mischte -
    »Herr, mach ein Ende!« stöhnte fast ebenso erregt wie das graue Weiblein der
Werdener Irländer. »Alle Hagel, da ist ja ganz das Ende weg! Witwe Warneke,
honei, liebstes, bestes altes Mädchen, ja, wir sind wieder da, und es ist mir im
höchsten Grade erfreulich, dass Sie die erste ist, die mir hier auf meinem Grund
und Boden - weiss Sie was? Sie kriegt einen Taler von mir, wenn Sie jetzt auch
mich und den Herrn Doktor Langreuter hier auf eine halbe Minute zu Worte kommen
lässt!«
    Die Alte duckte sich. Sie sass nieder neben ihrer Tragkiepe im Kraut und
Unkraut des Parkes von Schloss Werden. Sie starrte zu uns empor von einem zum
anderen:
    »Ach Gott, ach Gott, ist das eine Freude! Und wie werden sich der Herr Vater
und Fräulein Eva und die gnädigste Gräfin auf dem Steinhofe freuen! Das Futter
aber haben sie sich alle im Dorfe hier im Schlossgarten geholt, seit keine
Herrschaft dagewesen ist. Und der Herr Graf soll sich nur des Nachts ums Schloss
herum und da in dem Gange, wo zu seiner Zeit die dicken Lindenbäume standen,
haben sehen lassen!«
    »Wohnt denn niemand mehr in dem Hause da?« fragte ich zögernd und beklommen.
    »Wer sollte denn da wohnen? Seit fünf Jahren hat es ja keinen richtigen
Herrn mehr gehabt, sondern ist nur immer auf dem Papier weitergegeben. Aber vor
vierzehn Tagen ist die alte französische Mamsell - von des Herrn Grafen Seligen
Zeiten her -, die Mamsell Martin mal vom Steinhofe rübergekommen und ist
drumherumgegangen und hat in die Fenster gesehen - bei Tage, nicht zur Nacht-
und zur Spukezeit - und hat geweint.«
    »Und meine Schwester?« fragte Ewald Sixtus, und die Witwe Warneke sah sehr
verwundert von neuem scheu ihn an.
    »Jawohl, Fräulein Eva ist mit ihr gewesen und hat mit ihr nachher lange auf
einer der Steinbänke gesessen. Das halbe Dorf aber hat nur von ferne zugesehen;
wir haben das französische Parlieren der alten französischen Mamsell ja doch
niemalen recht verstanden.«
    »In meinem ganzen Leben ist mir die rote Abendsonne, wie sie jetzt hier
rundum auf allem und vor allem dort auf den Mauern und Fenstern liegt, nicht so
spukhaft und gespensterhaft öde und schwül vorgekommen wie jetzt, Fritz«, sagte
der neue Herr von Schloss Werden, jetzt meinen Arm fassend und mich schüttelnd.
»Es ist mir wie ein Traum, dass ich den Besitztitel vermittelst der Matematik
und der Aritmetik bei hellem, nüchternem Mittage und klar und kühl
nächtlicherweile über dem Reissbrett und dazu vermittelst des Londoner
Patentamtes erworben habe. Witwe Warneke, wer hat den Schlüssel von Schloss
Werden?«
    »Genau kann ich das wohl nicht sagen; aber der Vorsteher wird es ja wissen,
Herr E - ach, ich weiss ja auch gar nicht einmal, wie ich Sie jetzt anreden und
betitulieren soll, und bitte, es nicht übelzunehmen. Aber im Gartensaale ist ein
Fensterflügel herausgefallen und mit Latten vernagelt. Aber die haben die
Jungens und der Wind bald wieder lose gemacht, und -«
    »So ist eigentlich eine Tür und ein Schlüssel dazu die letzten Jahre
hindurch für das Dorf Werden ziemlich überflüssig gewesen«, brummte der
Ingenieur. »Viel besser als hier herum im Garten sieht es drinnen im Hause wohl
nicht aus, old girl?«
    Die Alte hob nur stöhnend und ängstlich die Hände:
    »Herre, Herr, für mein Teil will ich es vor jedem Gerichte beschwören -«
    »Was meinst du, Fritz, sollen wir gleichfalls durch das Saalfenster Besitz
von dem nehmen, was noch brauchbar von Schloss Werden ist? Zu dem Dorfe gehöre
ich doch auch und taxiere mich um kein Haarbreit besser als das übrige saubere
Gesindel! O Irene, Irene, meine schöne, stolze, wilde Irene!... Und der Herr
Graf hat sich um Mitternacht dort auf der Vortreppe blicken lassen! Mademoiselle
Martin hatte es verhältnismässig noch gut. Sie konnte sich dreist hinsetzen und
ihre Tränen fliessen lassen, ohne sich lächerrlich zu machen. Das ist ja rein zum
Verrücktwerden! Sage es dreist heraus, Langreuter, wenn dir zur Stunde mein
Eigentumsrecht hier beneidenswert, wünschenswert und solcher bitterschweren
Lebensarbeit wert erscheint. Ich überlasse dir mit Vergnügen Kaufbrief, Gefühle,
Stimmungen und - wollte - wollte - ja, was wollte ich denn?! Witwe Warneke, sehe
Sie mich mal ganz genau an, wenn Sie einen richtigen Spuk sehen will. Ich komme
als verhexter Mann aus der Fremde und gehe am hellen Tage um Schloss Werden und
durch Dorf Werden als Gespenst um. Frage Sie nur die Leute im Försterhause und
die - Frau auf dem Steinhofe und - den Vetter Just.«
    »Ach Jeses, Herr Ewald, ich kann Sie ja wirklich nicht so sprechen hören;
und die anderen werden es auch nicht können!« sagte das alte Weibchen mit
zitternd gefalteten Händen und sprach damit ein braves, aber wenig tröstliches
Wort.
 
                                Sechstes Kapitel
Ohne den Schlüssel vom Vorsteher zu holen, gingen wir jetzt im letzten Scheine
der Abendsonne um das Schloss Werden herum: Ewald Sixtus, ich und die Witwe
Warneke, letztere mit ihrer hochbepackten Kiepe auf dem vom Alter gekrümmten
Buckel. Wir zwei anderen aber trugen freilich die schwerere Last.
    Das schöne, rote Sonnenuntergangslicht spiegelte sich doch noch auf der
westlichen Seite des alten, einst so stattlichen Herrensitzes in den
erblindeten, zersprungenen Scheiben des Oberstockes. Und wir sahen ebenso scheu
zu den Fenstern von Schloss Werden empor wie das Volk aus dem Dorfe, wenn es
seine verstohlenen Wege hierher führten und ehe es in die mit losen Latten
verschlagene Öffnung stieg und Furcht hatte - vor dem seligen Herrn Grafen.
    Wie hiess doch der sonderbare alte Herr in dem sonderbaren Buche des
Stadtrats Bösenberg in Finkenrode - der verrückte Musikant, der in ebendem
Finkenrode, wo der Doktor Max Stadtrat geworden war, das Ideal, seine
verzauberte Prinzessin, suchte? Mir fehlt die Lust und die Zeit, in dem Buche
nachzuschlagen, der Name tut auch wohl nichts zur Sache; aber die Sache selber
wirft mir jetzt einen melancholischen, in seiner Wahrheit wehmütigen Schimmer
über meine Geschichtserzählung: wir täuschen uns nur, wenn wir glauben, andere
Pfade zu gehen und zu anderen Zielen zu gelangen als andere Menschenkinder.
    Der starke Mann mit dem schönen männlichen Gesicht und den klugen Augen,
aber auch mit den Zähnen auf der Unterlippe und der Falte zwischen den
Augenbrauen, mein armer Jugendfreund, stand in diesem Moment vor seinem schwer
errungenen Besitz und wusste seine verzauberte Prinzessin ebensowenig zu finden
wie der närrische Geiger die seinige unter den Spiessbürgern, wohlmeinenden guten
Bekannten und den Zigeunern der wackeren Stadt Finkenrode. Die erblindeten
Scheiben des Schlosses Werden konnten ihm nur seine eigenen grimmig-ratlosen
Mienen widerspiegeln, und er wendete sich, zuckte die Achseln und sagte:
    »Dieses nützt zu nichts, lieber Freund. Da hat Sie einen Taler, Witwe
Warneke, alte Freundin, damit doch ein Mensch aus der gegenwärtigen Minute sein
Vergnügen zieht. Und nun schere Sie sich nach Hause und breite es mit
möglichster Raschheit im Dorfe aus: der tolle dumme Junge, der Monsieur Ewald
aus der Försterei, sei aus der Fremde heute heimgekommen, sei der Herr von
Schloss Werden und habe sich soeben sein Besitztum - von aussen besehen. Was uns
beide anbetrifft, Fritz, so gehen wir auch wohl weiter, aber etwas langsamer.
Was würde ich darum geben, wenn ich jetzt eine bekannte haarige, braune, brave
Faust am Kragen fühlte und dazu das alte bekannte Wort vernähme: Auf der Stelle
scherst du dich jetzo nach Hause, du Lümmel; dir werde ich sofort wieder mal
zeigen, wie der Papst Sixtus der Fünfte an dir gehandelt hätte, wenn du sein
Junge gewesen wärest, du heilloser Herumtreiber und Taugenichts, du!«
    War auf der einen Seite eine neue Mauer um den früheren Park des Schlosses
gezogen, so fanden sich an anderen Stellen niedergetretene und durchbrochene
Hecken genug, durch welche man den Ausgang nehmen mochte.
    Noch zog sich ziemlich in der alten Weise der Weg gegen das Dorf und die am
Eingang desselben gelegene Försterei hin.
    Die Witwe hatte sich das Wort Ewalds nicht zum zweitenmal sagen lassen. Sie
bog auf einem Seitenpfade zur Linken ab und war trotz ihres Alters in einem
kurzen, keuchenden Trabe uns bald entschwunden, um die Nachricht von einem ihrer
hauptsächlichsten Lebenserlebnisse im Dorfe zu verbreiten und ihren Taler als
Wahrzeichen im Kreise herumzuweisen. Wir beide standen vor den Hoftorpfosten des
Försterhauses, und der Besitzer von Schloss Werden nahm den Hut ab, fuhr mit dem
Taschentuche über die Stirn und sagte:
    »Es ist doch ein merkwürdig schwüler Sommer.«
    Da lag in der Abenddämmerung und der Dämmerung der weitästigen Rüstern das
gute Heimataus. Nur die Bäume wachsen, nicht aber das, was der Mensch erbaut.
Letzteres scheint stets niedriger, enger geworden zu sein, wenn man es nach
längerer Abwesenheit wiedererblickt. Und man braucht dazu es gar nicht als Kind
verlassen zu haben. Auch der Erwachsene geht fort und lässt genau bekannte
Stätten hinter sich, und wenn er wiederkehrt, so wundert er sich. Er berührt
noch wie früher mit ausgestreckter Hand die Decke über seinem Kopfe; aber die
Balken haben sich doch gesenkt, die Wände haben sich doch zusammengezogen. Aber
der Wert der Dinge steigt und dehnt sich für den wahren Menschen gerade dann im
umgekehrten Verhältnis. Welcher melodische Lärm geht über das klimpernde Getön,
welches das alte Klavier in seiner Ecke aus seinem eschenen Gehäuse von sich
gibt? Wir dachten auf dem Heimwege über Land und See daran und hatten Lust, uns
in alter Weise lustig darüber zu machen, und wir haben in keinem Konzertsaale
der Welt Laute vernommen, die uns so an das Herz griffen wie das schrille
Klingen dieser Saiten, über die wir endlich, endlich wieder einmal mit den
zitternden Fingern greifen dürfen.
    Von Verfall, Moder und Ruin soll hier aber nicht die Rede sein. Wie ein
behaglicher Greis im Grossvaterstuhl rutscht so ein Haus in sich zusammen und
lässt allem jungen Pfosten-, Sparren und Balkenwerk, allem neumodischen Zement
und Asphalt rundum gern sein Wesen. Es kündigt keinem Heimchen unter der
Schwelle, hinter dem Kachelofen und am Küchenherde oder setzt ihm die Miete in
die Höhe. Die Heimchen wohnen sicher bei ihm und warm und wissen's auch und
singen sein Lob, und - ihr Gesang verändert sich uns nie, wir mögen nach Hause
kommen, wann wir wollen, früh oder spät, nach einem Tage oder nach einem halben
Jahrhundert. Der wächst nicht wie die Bäume, er rüttelt sich nicht in sich
zusammen wie die Dächer und die Mauern: er ist derselbe immerdar - Gott sei
Dank!
    Wir standen und hörten durch die Abendstille die Heimchen von dem braunen,
im Schatten versunkenen Hause her. Sonst war alles still; ein krähender Hahn im
Dorfe, ein bellender Hund in der Ferne und ein erster Froschlaut vom nahen
Mühlenteiche her störten den Frieden durchaus nicht. Wie immer standen alle
Fenster und die Tür der Försterei weit offen, und in der einen Fensterbank
zwischen den Blumentöpfen die Hauskatze im Halbschlaf und die Hunde auf der
Schwelle der Haustür! Aber ein weisses, würdiges Haupt neben, hinter den
Rosenstöcken und dem Kater - ein leichtes blaues Rauchwölkchen zwischen dem
Weinlaub durch ins Freie hinausziehend! Ich hatte den Geruch jahrelang
vergessen, aber ich erkannte ihn beim ersten Blick wieder, wahrlich nicht bloss
mit der Nase! Da hebt der braune Hühnerhund den Kopf und der Teckel schlägt an -
eine weibliche Gestalt tritt in die Tür des Werdener Försterhauses - die liebe,
gute Eva des Vetters Just Everstein! Eva Sixtus in ihrem achtundzwanzigsten
Lebensjahre - herzig, voll und reif; und ich - ich ziehe mechanisch ebenfalls
den Hut und grüsse; eine Bemerkung über die Temperatur mache ich dabei nicht,
aber es wird mir ganz seltsam vor den Augen, und ich wundere mich, wie ich
eigentlich auf einmal hierher komme; ach, zu der Frage, was ich eigentlich auf
einmal hier will, gehören viele klarere Sinne und bedeutend mehr ruhige
Überlegungskraft, als ich augenblicklich beisammen habe! Klar ist mir nichts,
als dass ich eine weite, weite Reise getan habe, dass hundert Räder unter mir
rasselten, dass unheimlich rastlose Schaufeln in ärgerliche Wellen schlugen, dass
die Gegend und die Welt und das Leben vorbeigeflogen waren, dass die Plage und
die Unlust an Körper und Seele gross waren und der Gewinn und die Befriedigung
gering und - dass es keine grössere und erstaunlichere Offenbarung gibt als die
der Stille im Lärm, des Schweigens im Geschrei und der Ruhe in der Unruhe.
Stadtrat in Finkenrode braucht man darum gerade nicht zu werden.
    »Sie habe ich auf den ersten Blick wiedererkannt«, ist mir sehr häufig im
Leben gesagt worden, und so hatte es eigentlich nichts Überraschendes, dass die
Gute, die Liebe auf der Schwelle der Försterei in Werden zuerst mich erkannte
und, wie es schien, mit einem leisen Erschrecken zuerst: »Fritz!« rief.
    Und ich blieb stehen, wo ich stand; aber der Bruder lief vorwärts, und mit
einem ebenso leisen Schrei erhob die Schwester die Hände:
    »Ewald!... O Ewald, Ewald!«
    Sie trat wohl auch einen Schritt vor, als wolle sie sich auf uns zu stürzen;
aber dann blieb sie doch stehen und liess uns zu sich herankommen. Wie von einem
Schwindel ergriffen, hielt sie sich an den treuen, schützenden Pfosten der Tür
ihres Vaterhauses, und einen Augenblick hindurch hielt sie auch die Augen fest
geschlossen; dann aber sah sie wieder auf, und wie im hellen, schluchzenden,
wortlosen Jubel hing sie an der Schulter des so landfremd durch eigene Schuld
und Grille gewordenen Bruders, und zitternd legte der Mann, der so selbstbewusst,
stolz und sozusagen mutwillig hatte wiederkommen wollen, seinen Arm um sie:
    »Oh, das ist gut! Mädchen, Mädchen, altes liebes Mädchen, du willst es mich
nicht entgelten lassen? Wirklich nicht? Ich habe es ja gewusst, aber sagen musst
du es mir dennoch und - dem da auch! Wir haben uns so sehr gefürchtet, und ich
für mein Teil, ich will noch vierzig Jahre älter werden, von dieser Stunde an
gerechnet, bloss um vierzig Jahre lang von dir zu hören, was für ein Esel von
Kindesbeinen an in mir gesteckt hat und dass meine einzige Entschuldigung ist,
dass - ich es nur zu gern getan habe und also nichts dafür kann!«
    »Der Vater...!« stammelte sie. »Ist es denn wahr, Bruder?... Es war wohl ein
Gerücht seit einiger Zeit, doch - - Oh, der Vater, der Vater; er sitzt da am
Fenster - er ist so alt geworden und immer noch so sehr gut; - o Ewald, lieber
Ewald, aber er hat es mir nicht glauben wollen, dass du wieder zu uns kommen
würdest, und es hat ihm keiner mehr von dem Gerücht reden dürfen.«
    »Eva«, klang es jetzt von dem Fenster her, »wen hast du denn da, Kind?«
    Der alte Mann schob neugierig den Kopf hervor; aber die einst so scharfen
Weidmannsaugen reichten nicht mehr so weit in die Abenddämmerung hinein, um die
Fremden zu erkennen, die mit seiner Tochter sprachen. Der Irländer hielt meinen
Arm so fest, dass es mich schmerzte. Eva Sixtus trat näher an das Fenster heran;
sie trocknete ihre Augen und versuchte ruhig und fröhlich zu sprechen, es gelang
ihr jedoch schlecht.
    »O Vater«, schluchzte sie, »wir haben Besuch bekommen -«
    »Das freut mich, Kind - wenn er mit einem alten Mann vorliebnehmen will.
Aber wie sprichst du denn? Was hast du mit dem Tuch?«
    »Vater, Besuch aus - Vom - Schloss Werden - aus Berlin - aus - England.
Lieber Vater, ich freue mich so, und du wirst dich auch freuen. Denke dir, Fritz
- der Herr Doktor Langreuter aus Berlin - Herr - Fritz Langreuter -«
    »Alle Wetter!« rief der Alte, und der Kater neben ihm tat vor Schrecken
einen Satz durch das Fenster und fuhr uns dicht an den Köpfen vorbei über den
Hof, um sich, eine Stalleiter aufwärts, mit möglichster Eile in Sicherheit zu
bringen. Mr. Ewald und ich hatten zu bleiben und das Weitere abzuwarten.
    »Was ist das?« fragte glücklicherweise noch eine Stimme aus der Tiefe der
Stube. Wir hörten den Alten sich aufrappeln, und - da stand er auf der Schwelle
seiner Amtswohnung, weisshaarig, die einst so scharfen Augen suchend auf uns
richtend, auf seinen Stock gestützt, und - über die Schulter sah ihm zu unserem,
das heisst zu Ewald Sixtus' Glück der Vetter Just Everstein, der, wie sich
auswies, sehr häufig vom Steinhofe zu seiner Unterhaltung herüberritt und dessen
Gaul auch an diesem merkwürdigen Abend wieder einmal im Stall einträchtiglich
neben den zwei Kühen des Försterhauses stand.
    Er war wieder der einzige, der Vetter Just nämlich, der ganz richtig und zur
richtigen Zeit an Ort und Stelle war. Er allein war schuld daran, dass eine
Viertelstunde später - eine schlimme Viertelstunde! - der alte Mann mit dem
guten Gesicht und der immer noch bitterbösen Falte zwischen den
zusammengezogenen weissen, buschigen Brauen die Faust auf einen abgegriffenen
Schweinslederband auf dem alten braunen, so teuren Klapptische zwischen den
beiden Fenstern fallen liess und murrte:
    »Dieser hier hätte dich kurzab hängen lassen, Ewald, wenn du sein Junge
gewesen wärest. Und wäre ich jünger und noch besser bei Kräften und Gedanken, so
kämest du mir heute abend nicht so leicht weg, mein Sohn, das sage ich dir. Da
wollte ich das Leben dieses Papstes doch nicht so lange studiert haben, um nicht
zu wissen, was ich zu tun hätte!«
    »Oh, lieber Vater«, rief aber Ewald Sixtus, »ist denn nicht das verdammte
Buch an der ganzen Geschichte schuld? Kann ich denn dafür, dass du mich alle
Augenblicke mit der Nase darauf geduckt hast? Da frage nur den Just und den
Doktor da, was sonst leichter im Menschen hängenbleibt als solche guten Lehren
und Beispiele! Um auch meinen Willen durchzusetzen, habe ich gleichfalls
jahrelang das Maul gehalten. Viel Reden hilft nicht und viel Schreiben macht
dumm - frage dreist nur den Doktor hier danach, der kennt aus seiner Praxis
genug Leute, die sich in beiderlei nie genugtun konnten und auch nach Hause
kamen wie ich und doch noch weniger das Rechte getroffen hatten. Und ich bin
doch auch nur darum wieder da, um mich von jetzt an von euch allen - ja allen! -
lenken zu lassen wie an einem seidenen Faden, und das ist noch mehr, als du von
deinem Papst und unserem allerheiligsten Herrn Namensvetter, Sixtus dem Fünften,
behaupten kannst, lieber Papa!«
    Der Greis schüttelte den Kopf.
    »Ich bin eben zu alt, um mich noch in allen euren Finessen zurechtfinden zu
können, habe es auch nie recht gekonnt. Wenn dich dein Gewissen freispricht, so
will ich es dir gönnen, mein Sohn, helfen täte es mir ja doch nichts, wenn ich
mich auch nochmal abmühte, über die Verschiedenheit der Menschen auf Erden
nachzusimulieren und mich über ihr Wesen gegeneinander zu ärgern. Also - lassen
wir es gut sein; du bist wieder da und sagst, du habest es zu was gebracht, und
das kann mir ja nur lieb sein. Was du unterwegs verloren hast, kann ich nicht
taxieren; aber ein reicher Mann bist du geworden, sagen sie im Dorfe und sagt
der Vetter Just; und Schloss Werden ist nun auch dein Eigentum; meine Sache ist
das nicht, also sieh selber zu, was du mit deinen Ausrichtungen zu deinem Glücke
weiter anfängst. Unter diesem meinem Dache will ich dich als einen Gast ansehen,
wenn es deine Zeit und Umstände zulassen und du deiner Schwester und mir die
Ehre schenken willst. Auch der Fritz - der Herr Doktor Langreuter ist mir
willkommen, und das Kind soll auch ihm seinen Stuhl am Tische wieder zurücken.
Wie ist es, Just Everstein, kann ich und soll ich noch mehr sagen und tun?«
    Der Vetter Just fasste nur die Hand des Greises; Eva trocknete sich die Augen
mit dem Schürzenzipfel; wir zwei anderen standen mit den Hüten in den Händen in
Wahrheit kläglich genug da - wirklich zwei dumme Buben, die zu spät zum Essen
nach Hause gekommen waren, und zwar vom Fischfang in den Bächen dieser Welt, mit
der Angelrute über der Schulter und ein paar Gründlingen in einem zerborstenen
Henkeltopfe.
 
                               Siebentes Kapitel
Dies Gefühl verstärkte sich noch um ein bedeutendes, als wir nunmehr endlich
einmal wieder in der niedrigen Stube standen, deren Decke der Förster Sixtus, so
gebeugt ihn das Alter haben mochte, immer noch mit ausgestreckter Hand
abreichte. Aber Eva hielt den Bruder von neuem fest in den Armen und schluchzte
an seiner Brust; und dann reichte sie dem Vetter Just die Hand und sagte leise:
    »Oh, wir danken dir!«
    Und dann gab sie auch mir die Hand und versuchte es, durch ihre Tränen zu
lächeln, und sie sagte:
    »Und Ihnen danke ich auch recht schön und aus vollem Herzen. Es ist so sehr
freundlich von Ihnen, dass Sie mit meinem Bruder heim- und hergekommen sind.
Nicht wahr, es hat sich wenig bei uns verändert? Wenn Sie es nur noch so
behaglich wie in früheren guten Jahren finden!«
    Ich griff mit der Hand nach der Kehle, weil eine andere - eine sehr heisse
Geisterhand sie mir bedenklich zusammendrückte.
    »Ach, Eva - Fräulein Eva -«
    Glücklicherweise sprach der alte Herr, der seinen Platz in dem Lehnstuhl am
Fenster wiederum eingenommen hatte, dazwischen.
    »Weshalb nennst du denn den alten Jungen auf einmal Sie, Mädchen?« fragte
er. »Komm doch mal heran, Fritz. Wenn du auch zu uns gehörtest, so bist du doch
nicht mein Fleisch und Blut gewesen, und so konntest du für dein Teil tun und
lassen, was du wolltest, ohne dich viel um uns zu kümmern. Hättest dich aber
doch wohl einmal wieder bei uns sehen lassen können, und wenn es auch nur
schriftlich gewesen wäre. Schon unserer Freundschaft mit deiner seligen Mutter
wegen!... So eine wie die ist mir nachher auch nicht wieder begegnet, und wenn
ich manchmal hier in meinem Winkel vermeine, es sei nur, weil meine Augen
stumpfer geworden seien und meine Sinne und Gedanken dazu, so kommt es mir bei
besserer Überlegung als das Wahre, dass die wahren Menschen und Weibsleute doch
immer das Seltenste in der Welt sind und bleiben. Was zur hohen Jagd gehört, das
läuft nicht wie die Hasen im Felde. Übrigens hat mir der Vetter Just da nur
Gutes von dir erzählt, Fritzchen Langreuter, und das hat mich wirklich recht
gefreut, und wir sprechen wohl noch weiter darüber. Als du hier auf dem Boden
mir zwischen den Beinen herumkrochest, deinem Ball und sonstigem Spielwerk nach,
da hätte dir keiner an der Nase angesehen, dass wahrhaftig ein Doktor, und noch
dazu nicht ein blosser medizinischer, die ich mir doch gottlob niemalen habe an
den Leib kommen lassen, in dir steckte. Und nun sage mal, Fritz, ich hoffe doch,
du nimmst hier mit uns vorlieb und Quartier; - auf eines da bei dem vornehmen
Herrn von Schloss Werden würde ich in dieser Nacht lieber doch nicht allzu feste
rechnen. He, oder er will wohl gar auch noch einmal sich in dem alten Bau
verklüften, Musjeh Ewald Sixtus? Von Rechts wegen gehört er freilich nicht mehr
hinein; aber da fährt das dumme Mädchen schon wieder mit dem Schürzenzipfel nach
den Augen, und so will ich denn lieber weiter nichts gesagt haben als: na,
Evchen, denn schütte den beiden dummen Jungen eine Streu auf, und vor allen
Dingen sorge für 'n anständig Abendbrot. Der Vetter Just kann bei Mondschein
reiten, den Narren von Engländer da mag ich immer noch nicht recht ansehen, aber
der gelehrte Doktor kommt mir selbst bei dieser zunehmenden Dämmerung sozusagen
recht abgehungert vor, woran denn wohl hoffentlich nur allein seine
Gelehrsamkeit und seine lange Abwesenheit in Berlin schuld ist.«
    In diesem Augenblick schüttelte sich der »Narr von Engländer«, das richtige
Werdener Kind, der irländische Brückenbauer und Tunnelwühler Ewald Sixtus wie
ein - unbotmässig gewesener Pudel, der seine Prügel weg hat und sich wieder in
alter Behaglichkeit und im früheren gemütlich-drolligen Verhältnis zu seiner
Umgebung fühlt. Aber es kam noch besser. Wie es zuging, konnte nachher wohl
keiner uns genau angeben; aber das Faktum stand fest: mit einem Male hielt der
Sohn den Vater im Arme wie eine Braut - ja besser, herzerfreulicher, zärtlicher
und weicher und fester als wie solch ein weichliches, hübsches, zärtliches Ding
von Mädchen!
    Und was das allerbeste war, der alte Waldmensch liess es sich gefallen und
wurde nicht grob oder zierte sich.
    »Ewald, mein Junge!« stotterte er leise. »O du Allerweltsschlingel, bist du
es denn wirklich und wahrhaftig?... Na, na, schon gut, schon gut! Willst du mich
nun auch noch zu einem alten Weibe machen?... Zu allem übrigen?!... So sprich
doch du ein Wort dazu, Just Everstein. So sagt ihm doch, ihr anderen alle, dass
es mir recht sein soll, wenn er gehandelt hat, wie er es verstand!... Mein
Junge, mein lieber Junge - so bring doch Licht herein, Eva, Mädchen, auf dass man
- wir - ich ihn endlich mal wieder voll zu Gesichte kriege!... Von dem alten
Kasten, dem Schloss Werden, und von der lieben Gräfin müssen wir ja auch noch bei
Lichte reden!... Also ein Sixtus bist du gewesen und geblieben, weil du nichts
dafür gekonnt hast?... Mein Junge, mein nichtsnutziger Galgenstrick bist du
immer geblieben?... Und Schloss Werden hast du wirklich, und es ist kein dummes
Zeug, sondern die reine, volle Wahrheit? Was würde der Herr Graf sagen, wenn er
in diesem Augenblick dort wieder auf seinem Platze sitzen würde? Und die Gräfin
- Fräulein - Frau Irene? Ewald, sie sitzt ja auf dem Steinhofe bei dem Vetter
Just Everstein, was wird sie dazu sagen, dass der Spielkamerad aus der Werdener
Försterei die vier leeren Mauern ihres Vaterhauses der letzten Ruinierung
abgewonnen hat?«
    Der Freund hatte, wie der späteste Leser merken wird, immerfort in die Worte
des Greises hineingesprochen; doch Papierverschwendung würde es gewesen sein,
wenn ich auch seine bruchstückhaften Eräusserungen hier hätte wiedergeben wollen.
    Nun brachte Eva die Lampe, und der Klapptisch wurde nach ewiger Gewohnheit
vom Fenster in die Mitte der Stube geschoben, und ein jeder von uns beiden, das
heisst Meister Ewald Sixtus und ich, Friedrich Langreuter, sass wieder einmal vor
seinem Namen, den er vor zwanzig Jahren in die Platte eingeschnitten hatte. Wir
waren allesamt beträchtlich in die Jahre hineingeraten, seit wir zuletzt an
diesem Tische so zusammengesessen; aber ein schöneres, frischeres Bild als
diesen weisshaarigen Vater Sixtus zwischen seinen beiden Kindern gab es nicht.
Neun Uhr schlug die Wanduhr, und bei ihrem Schlag sahen sowohl der irländische
Ingenieur wie auch der Berliner Doktor der Weltweisheit auf und atemlos sich um.
Wir hatten wahrlich nicht nötig, einander anzustossen und zum Stillsein
aufzufordern, bis die neun schrillen Schläge verhallt waren und das Ding sein
Ticktack weiter in die Zeit hinein fortsetzte.
    »Es ist reinewegs wunderbar!« seufzte Ewald.
    »In diesem Frühjahr hat sie einmal geradeso wie ich auf ihre Pensionierung
angetragen«, sagte der Vater Sixtus. »Es ist der Tausendkünstler da, der Vetter
Just, der sich ihrer Altersschwäche erbarmt und sie in die Kur genommen hat.
Nicht wahr, Just, es hat dich mehr als einen sauren Schweiss- und Angsttropfen
gekostet, sie noch einmal auf die Beine zu bringen? Ach, tagelang ist er jeden
Tag herübergeritten und hat den Uhrendoktor gespielt, und dass er wiederum ein
Meisterstück gemacht hat, das habt ihr beiden anderen soeben mit eigenen Ohren
vernommen.«
    »Ich habe nichts lieber getan«, meinte der Vetter leise und mit einem
scheuen, zärtlichen Seitenblick auf Eva. »Es war ja meine eigene bittere
Erfahrung, als ich von der Vagabondage nach Hause, nach dem Steinhofe heimkam
und sie mir alles vertragen und verschleppt hatten. Und wenn alles übrige doch
nur was Totes ist, dem wir selber unsere Stimme geben müssen, wenn es sprechen
soll, so ist es mit so einer Uhr ganz und gar ein anderes, was in alles, was dir
passiert von der Wiege an, mit hereinredet. Ich will mit keinem Menschen etwas
zu tun haben, der die Stubenuhr aus seines Vaters Hause aus Not verkauft, wenn
er vorher noch etwas anderes zu verschleudern hatte. Und wäre ich nicht der
Bauer vom Steinhofe, so möchte ich nur ein Uhrmacher sein, aber ein wandernder,
der von Dorf zu Dorfe seiner Kunst nachgeht. Mein seliger Vater war ein
verschwiegener Mann Sie wissen das, Herr Oberförster -, aber wenn er den
Uhrmacher auf dem Hofe hatte, kam er immer ins Erzählen, und es war immer ein
Wunder, wieviel die Familie erlebt hatte, ohne dass weder meine Mutter noch sonst
irgendein Mensch auf dem Steinhofe eine Ahnung davon gehabt hatte.«
    Der alte Förster kratzte sich lächelnd hinter dem Ohre:
    »Und was haben wir getan, Just, während der Tage, wo du neulich den
wandernden Uhrmacher hier bei uns gespielt hast? Hier, Evchen, Mädchen, wie
haben wir beide hier auf der Försterei uns bei ebenso bewandten Umständen, will
sagen, als wir den Uhrmacher im Hause hatten, verhalten?«
    Es schien mir, als ob der Vetter Just jetzt verstohlen zu mir herüberschaue;
über Evas liebes Gesicht flog es wie ein Erröten, doch verlegen wurde sie nicht.
Sie reichte dem Vetter vom Steinhofe unbefangen die Hand über den Tisch und
sagte:
    »Ei, wir haben wohl auch von allerlei Familiengeschichten geschwatzt.
Gehörte Just nicht so ganz und gar dazu, so möchte es ihm wohl manchmal recht
langweilig geworden sein. Nun aber lasse ich euch Männer und Herren für eine
halbe Stunde allein - da kommt der Bruder aus der weiten Welt nach Hause und
sein - der Freund Fritz aus der Stadt Berlin, und wir schwatzen, als ob wir erst
gestern abend uns hier gute Nacht gesagt hätten. Jetzt sorge ich fürs Abendbrot;
aber ich lasse die Tür offen und horche auf alles - ich meine, ein Jahr wird
nicht ausreichen, um uns gegenseitig mit unserem Leben wieder aufs laufende zu
bringen, einerlei, ob wir den Uhrmacher im Hause haben oder nicht.«
    »Fürs erste gehe ich einmal mit in die Küche!« rief der Besitzer von Schloss
Werden aufspringend. »Endlich will ich doch mal wieder da die Funken im Schlot
aufwirbeln sehen.«
    Nach fünf weiteren Minuten schlich auch ich mich den beiden nach; aber ich
blickte nur durch die Türspalte. Sie standen Arm in Arm an dem alten väterlichen
Herde, und die Schwester hatte dem Bruder wieder den Kopf auf die Schulter
gelehnt, und sie sahen stumm in die hüpfenden Funken des Heimaterdes. Als ich
in die Stube zurückkam, sagte der Vater Sixtus:
    »Recht hat das Kind, Fritze. Wir werden wohl eine ziemliche Zeit brauchen,
um mit allen unseren Erlebnissen ins klare zu kommen. Da frage nur den Vetter
Just, der ist jetzt doch schon über ein Jahr aus seinem Amerika zurück; aber wir
sind immer noch nicht mit ihm fertig. Manchmal ist es mein Wunder, wieviel das
Mädchen aufs Tapet zu bringen hat, sobald er die Nase in die Tür steckt. Die
zwei kann man schon einen ganzen Sommertag beieinandersitzen lassen, ohne dass
ihnen der Unterhaltungsfaden abbricht. Na, ihr seid recht gute Freunde geworden,
nicht wahr, Just Everstein?«
    Ich aber, der ich hier sitze und schreibe, dachte wunders, wieviel ich von
jenem inhaltreichen Abend zu Papier zu bringen haben würde, und wundere mich
doch nun gar nicht, dass ein so kurzes Kapitel daraus geworden ist.
 
                                 Achtes Kapitel
»Wie süss das Mondlicht auf den Hügeln schläft!«
    Gegen elf Uhr abends ging er auf, der Mond, und in der längst aufgegangenen
Sommersonne am Morgen unter. Um elf Uhr hatte uns der Alte gute Nacht gewünscht
und sich von seinem heimgekehrten Sohne in seine Kammer führen lassen. Erst nach
einer geraumen Weile hörten wir Ewalds- Schritt wieder auf der Treppe. Sehr
schweigsam und nachdenklich nahm der Herr von Schloss Werden wieder an unserem
Tische Platz und sprach wenig mehr. Auch Eva wurde schweigsamer, rückte aber
näher zu dem Bruder und hielt von neuem fortwährend seine Hand zwischen den
ihrigen. Es war, als ob für diesen Abend nunmehr jedes Wort zwischen uns vier
ausgesprochen worden sei. Nur die Uhr im Winkel redete weiter; als sie aber
Mitternacht schlug und der weisse Schein des Mondes plötzlich voll in die Fenster
fiel, da erschraken wir alle, und der Vetter Just stand auf und sagte:
    »Nun wird's doch wohl Zeit, dass ich reite! Was werden sie auf dem Hofe
sagen, wenn ich ihnen fast das Morgenrot heimbringe?«
    »Sie liegen wohl alle in einem guten Schlafe und kümmern sich wenig darum,
wieweit es an der Zeit ist«, meinte Eva.
    »Frau Irene nicht«, sagte der Vetter; Ewald Sixtus aber sah rasch aus seinem
trüben Sinnen empor, tat jedoch keine Frage.
    »Ich habe alles versucht, sie darin zur Vernunft zu bringen«, fuhr der Bauer
vom Steinhofe fort, »aber was hat es mir geholfen? Nichts!... Und wenn ich es um
sie verdient hätte, so wäre dies zu gut, zu lieb, zu sorglich und zu dankbar.
Was habe ich ihr denn viel helfen können in ihrer schlimmen Lebensnot und Angst?
Du, Fritz, bist ja auch dabeigewesen und kannst bezeugen, dass ich nichts als den
guten Willen gehabt habe. Und das Kind haben wir ihr ja doch auch begraben
müssen, und hätte ich auch mein Herzblut hergegeben - sage selbst, Fritze, dass
keine Hülfe dafür war! Jetzt aber sitzt sie gottlob auf dem Steinhofe in Ruhe
und Sicherheit, soweit beides hienieden möglich ist; aber nun ist es fast, als
sei ich ein krankes Kind und müsse gepflegt werden und süss behandelt werden wie
ein solches. Die alte Jule war darin schon arg genug, nachdem wir von neuem auf
dem Hofe beisammen waren; aber Frau Irene gibt ihr nicht das geringste nach.
Geraten sich die beiden Guten einmal in die Haare, so könnt ihr sicher sein, dass
es über mich geschieht. Sie sehen aus nach mir, sie erwarten mich bei dem
schlechtesten Wetter draussen vor der Tür, Sie rücken mir den Stuhl zurecht, und
ihr einziger Jammer ist, dass ich keinen Schlafrock trage und sie mir also mit
dem nicht entgegenkommen können. Die Alte ist wohl zu alt, um bis nach
Mitternacht auf mich warten zu können; aber die beiden anderen lieben Augen
wachen, und in Irenes Stube brennt in dieser Nacht die Lampe bis in den Morgen
hinein. Ich habe es natürlich versucht, böse darüber zu werden, aber geholfen
hat es gar nichts! Oh, und es geht doch auch nichts über solch ein liebes Licht
aus dem Fenster des alten Heimatnestes. Wie wird sich die Frau Irene wundern und
von ihrem Buche aufsehen, wenn ich diesmal heimkomme und ihr zur Entschuldigung
die Nachricht mitbringe, wer heute hier in der Försterei das alte Nest
wiedererreicht hat. Jetzt aber im Galopp und im Mondschein gen Bodenwerder! Nur
selten hat mir der Mond so ganz zur rechten Zeit am Himmel gestanden wie in
dieser Nacht.«
    Ewald Sixtus stützte den Kopf mit der Hand und beschattete die Augen mit der
Hand.
    »Durch das Dorf führst du doch noch deinen Gaul am Zaum, Just«, sagte ich.
»Durch das Dorf Werden begleite ich dich bis auf die Strasse nach Bodenwerder. Es
ist freilich eine helle Nacht, und ein segensreicher Zauber liegt hoffentlich
über uns allen. Ich begleite dich noch ein Stück Weges, Vetter Just. Es ist
lange her, seit ich zum letztenmal die Heimat im Mondenschein liegen sah.«
    Im Mondenschein sattelte der Vetter auf dem Hofe der Försterei seinen Fuchs.
An den hohen Ulmen des Hofes, denen es soviel besser geworden war als den
stolzen Bäumen um Schloss Werden, regte sich kein Blatt. Schatten und Licht lagen
still auf dem Boden. An dem Hoftor gaben Ewald und Eva noch einmal dem Bauer vom
Steinhofe die Hand - die des lieben Mädchens hielt er eine geraume Weile fest
und sagte dann nur zögernd:
    »Nun, so komm, Fritz Langreuter. Nach einer Reise wie die deinige solltest
du freilich schon längst im Bette liegen -«
    »Und recht angenehm von euch hier und euren Zuständen träumen! Oh, du
Egoist, und du willst wachend hoch zu Ross währenddem durch die Mondnacht jagen
und mit kitzelndem Behagen deinen Spass über den Berliner Doktor haben?«
    »Ganz gewiss nicht, Fritze«, meinte der Vetter ehrlichst. »Solange du willst,
führe ich den Gaul am Zügel hier an deiner Seite. Vielleicht wäre es sogar recht
gut, du gingest den ganzen Weg mit mir und erzähltest an meiner Statt der Frau
Irene, wen du heute nach Schloss Werden begleitet hast. Ach, Fritz, du weisst zu
sprechen und deine Worte zu stellen, ich aber nicht! Mir muss alles abgefragt
werden, und mir ist dann stets, als wäre alles, was dann herauskommt, als sei es
durch Zufall gekommen. Sieh, alter Kerl, das Gegenteil hiervon ist's eben, was
ihr Gelehrten allezeit vor uns voraushabt, die wir zum Nachdenken kommen so wie
ich, heute bei Regen, morgen bei Sonnenschein, heute hinter dem Pfluge und
morgen auf dem Stoppelfelde bei den letzten Erntegarben. Es ist gar keine Logik
darin, und dann am wenigsten, wenn man sie am nötigsten braucht. Und dass man
fast zehn Jahre lang in den Vereinigten Staaten den Schulmeister gespielt hat,
hilft gar nichts dazu. Und Fritz, Fritz, lieber Fritz, da wir jetzt wieder
zwischen uns beiden allein sind ich habe das Schwabenalter längst hinter mir und
- und Eva Sixtus will meine Frau werden! Du hast es wohl schon lange gemerkt,
aber - gottlob - jetzt habe auch ich es dir gesagt!«...
    »Und ich wünsche dir von ganzem Herzen Glück dazu«, sagte ich, des Mannes
brave, starke Hand nehmend und drückend. Er aber sah mich im Mondlicht noch
einmal einen kürzesten Augenblick so an, als ob er ganz und gar das Gegenteil
von diesem meinem Wunsche zu hören erwartet habe, und dann tat er einen Seufzer
wie aus befreiter Brust und rief:
    »Und das ist mir das Liebste, was mir nach ihrem Jawort begegnen konnte, dass
auch du mir Glück wünschest. Ich bin nun leider schon so ein zerzauster alter
Kerl, und sie ist immer noch jung, und du bist auch noch jung, Fritzchen -
wenigstens wenigstens recht viel jünger als ich; und wenn ich in meiner jetzigen
Ruhe und meinem Glück und Behagen an die alten Tage denke, wo ihr junges Volk
zum Besuch nach dem Steinhofe kamt, so - - ach, Fritz, Fritz Langreuter, du musst
es doch wohl dir selber sagen, was ich in diesem Moment dir sagen möchte! Aber
die Frau Irene weiss es auch und hat Eva geküsst und mich auch, wirklich und
wahrhaftig! Wenn du sie gleichfalls fragen willst: sie billigt auch unser
Vorhaben, unsere alten Tage in Friede und Glück und in der alten Freundschaft
mit der ganzen alten Heimat zu verleben. Sie hat nicht gemeint, dass es zu spät
sei - sie, die soviel mehr als wir alle übrigen zusammen in der boshaften,
stürmischen Welt erlebt hat und es also auch wohl am besten verstehen muss.«
    »Sie hat vollständig recht, Just! Aber von uns allen bist auch du nur der
einzige, der nie etwas zur unrichtigen Zeit erleben kann, dem alles recht und
richtig gekommen ist im Leben, Segen wie Ungemach. Ja, so gnädig waren dir, und
dir von uns allen allein, die Götter, als sie dir deine Wiege auf den Steinhof
stellten und dich nachher an den Weg setzten -«
    »Mit offenem Munde und um Maulaffen feilzuhalten! Ei ja, es wundert mich
freilich heute noch, wieviel Abenteuer der Mensch erleben kann, ohne dass er
etwas dazu tut. Manchmal ist das gar mein Kummer und Gewissensbiss sozusagen;
dann fühle ich es, wie als ob ich eine Stelle in mir hätte, wo ich im grössten
Tumult wie ein Stück Holz werde, während die anderen sich weiter abängstigen.«
    Das stille Licht des Mondes lag über uns und um uns, und der Vetter Just
sprach, ohne es zu wissen, von dem Unterschied zwischen den vornehmen Naturen
innerhalb der Menschheit und den gewöhnlichen. Er drückte sich eben nur schlecht
aus, wenn er da von einem ton- und klanglosen Stück Holz sprach, wo er von der
Stelle in seiner Seele hätte erzählen sollen, wohin keine Welle des
vorbeifliessenden Tages schlagen konnte.
    »Ihr werdet ein schönes Leben haben, und mich lasst ihr - alle dann und wann
an eurem Herde als euren Historiographen niedersitzen«, sagte ich leise und tief
gerührt. »Für Kinder, wie wir waren, als wir zu dir auf den Steinhof zu Besuche
kamen, werdet ihr freilich nicht erzählen und werde ich nicht wiedererzählen.«
    In und an dem Dorfe Werden hatte sich in den Jahren, während ich es nicht
sah, nichts verändert. Es dehnte sich genügend weit in die Länge aus, dass wir
vollkommen Zeit hatten, während wir es durchwanderten, uns alles das
mitzuteilen, was ich eben hier niedergeschrieben habe. Von den Bewohnern störte
uns auch niemand dabei; sie lagen sämtlich im tiefen Schlafe. Es sass keiner bei
der Lampe wach - selbst der Pastor und der Kantor nicht. Der Mondenschein hatte
das Reich für sich allein, und das war gut; für mich sowohl wie auch für den
Vetter Just Everstein. Wären wir bei hellem Tage und unter dem Zudrängen alter
Bekanntschaft durch das alte Nest im Grünen gewandelt, so würden wir sicherlich
mehr Mühe und Plage gehabt haben, mit unseren Gefühlen und Stimmungen ins reine
gegeneinander zu kommen. Sonderbarerweise aber dachte ich in dieser hellen,
schönen Nacht, auf dieser Wanderung durch das friedliche vergessene Heimatdorf,
nicht ohne ein Gefühl stiller Sicherheit an die grosse Stadt Berlin, meine kleine
Stube und meine Tätigkeit, kurz an das Dasein, das mir dort zuteil geworden war.
Es lag ein Gefühl von Wehmut darin, aber doch zugleich eine innerlichste
Beruhigung: sie, die anderen alle konnten und durften heimkehren in das alte
Leben, wann sie wollten, sie waren da zu Hause, ich aber nicht oder doch nie
mehr so, wie sie noch zu jeder Zeit sein konnten. Resignation nennt man das mit
einem Fremdwort, das wir wohl nicht so leicht aus dem deutschen Sprachgebrauch
loswerden. Die deutsche Welt darf manchmal noch so süss in Mondenlicht und in
weiche Redensarten gebettet liegen: wir wollen das scharfe, aber gesunde Wort,
festalten und es uns durch kein anderes zu ersetzen suchen.
    Am Ausgange des Dorfes nahmen der Vetter und ich für diesmal von neuem
Abschied voneinander und trennten uns gottlob im besten Einvernehmen. Er schwang
sich ein wenig schwerfällig auf seinen Fuchs und ritt gen Bodenwerder; ich
wandelte langsamen Schrittes und unter einigem Selbstgespräch nach der Försterei
zurück.
    Hier sassen Ewald und Eva wieder bei der Lampe am Tische und hatten wohl das
Ihrige gesprochen während meiner Abwesenheit. Das gute Mädchen mochte auch wohl
wieder einige Tränen vergossen haben, doch schmerzhafte waren es nicht gewesen.
Ein wenig befangen lächelnd sah sie aus ihren lieben Augen zu mir auf; doch ich
reichte ihr schnell die Hand und sagte:
    »Ich habe dem Vetter Just schon Glück gewünscht, Eva, nun lass du es auch dir
von mir wünschen. Du weisst es auch schon, Freund Ewald, was für eine neue Freude
dem Steinhofe von unserem Geschick zugedacht ist?«
    »Ja, sie hat es mir so ruhig gesagt, wie sie uns immer alles ruhig sagte.
Darin hat sich an ihr nicht das mindeste geändert. Aber sie passen nur desto
besser zueinander, und die Jahre, die sie gebraucht haben, sich zu finden, sind
ihnen ja ebenfalls nur etwas ganz Selbstverständliches gewesen. Nicht wahr, mein
Herz, mein Herzensmädchen, um ein Glück, das aus den Wolken fiele, würdet ihr
eine geraume Zeit herumgehen, ehe ihr es vom Boden aufhöbet. Doch ob ihr nicht
darum gerade die Glücklichen seid, gewesen seid und sein werdet, das ist an dem
heutigen Abend für mich eine Frage, die einen sein wüstes, wirres Lebenswerk
noch einmal wie im Fluge von neuem tun lässt. Och, arrah, arrah, komme ich noch
einmal auf die Welt, so tue ich Vielleicht auch meine Arbeit, ohne auf das Glück
zu zählen, das aus den Wolken fällt! Selbst auf die Gefahr hin, dass man in
Bodenwerder und Dorf Werden samt Umgegend selbstverständlich sagen wird: Auf das
Glück, das aus den Wolken fällt, hat der Schlingel immer einzig und allein
gerechnet - ja, da sieht man's nun!«
    »Mir ist das Herz so voll, dass ich gar nichts zu sagen weiss«, flüsterte Eva.
»Lieber Friedrich - lieber Bruder Ewald, wir müssen alle, alle glücklich und
zufrieden sein. Das Schicksal kann es ja nicht böse mit uns meinen, es hätte uns
sonst wohl nicht diesen Abend geschenkt. Wir sind wieder alle zu Hause, und das
ist doch die Hauptsache! Morgen wollen wir von dem Schloss Werden und von Irene
sprechen - wir haben ja eigentlich noch von nichts vernünftig geredet. Nimm es
nur nicht übel, Fritz: im Grunde bist du doch der einzige von uns gewesen, der
alle seine fünf Sinne ordentlich beieinanderhalten konnte!«
    »Und da kräht wirklich und wahrhaftig der erste Werdener Hahn den Morgen
an«, sagte ich, um doch etwas zu erwidern. »Glückauf in der Heimat, Freund
Ewald!«
    Ich hatte ihn durch einen Schlag auf die Schulter von neuem aus seinem
nachdenklichen Hinbrüten zu wecken.
    »Was hast du gesagt?« fragte er zerstreut.
    »Wir wollen doch noch den Versuch machen, vor Sonnenaufgang unter dem alten
Heimatsdache einen glücklichen Traum zu träumen.«
    »Ich habe alles oben in Ordnung für euch gebracht; aber geht leise auf der
Treppe, dass ihr den Vater nicht stört«, bat Eva Sixtus.
 
                                Neuntes Kapitel
Als ich am anderen Morgen erwachte, fand es sich, dass ich länger in den Tag
hinein geschlafen hatte als irgendein anderer im Hause; und sie hatten mich
ruhig schlafen lassen, und zwar mit vollem Recht, denn auf meine tätige
Teilnahme an dem, was jetzt die Zeit in der alten Heimat brachte, kam leider am
wenigsten an. Ich durfte ausschlafen und brachte dadurch höchstens die
Hausordnung ein wenig in Unordnung; aber dafür war ich ja jetzt der
Historiograph von Schloss und Dorf Werden sowie vom Steinhofe und hatte, wie der
Vater Sixtus sich ausdrückte, »von allen immer am meisten Dinte an den Fingern
gehabt«.
    Und seltsam und - wie schon gesagt, es ging darob eine gewisse Umwandlung
meiner Stimmungen ins Heitere und Zufriedene in mir vor. Ich merkte es, dass
meine einsamen Lehrjahre doch ihre Frucht getragen hatten: es verstand keiner
von ihnen es so gut wie ich, sich seine Stimmungen »zurechtzumachen«.
Zurechtmachen! Ich finde kein besseres Wort dafür, und sämtliche philosophische
Systeme sind gleichfalls darauf erbaut.
    So sah ich, hörte und schreibe ich jetzt nieder, und allesamt meinten sie
ganz verwundert:
    »Nein, dieser Fritz! Nein, dieser Langreuter! Nein, dieser Herr Doktor!
Dieser Herr Doktor Langreuter! Wacht er jetzt erst so auf, oder ist er immer so
gewesen? Im Grunde ist das ja der Gemütlichste, Heiterste und Gleichmütigste von
uns allen! Wie sich doch der Mensch verändern kann!«
    Lassen wir auch dieses und vorzüglich das letztere mit Gelassenheit auf sich
beruhen. Es hat noch kein Mensch wirklich ausfindig gemacht, wie weit und wie
sehr sein Nachbar im Raum und in der Zeit sich verändert habe, während man
selbst glaubte, ganz derselbe geblieben zu sein.
    »Wo steckt Ewald?« fragte ich, als ich endlich zum Kaffee herniederstieg und
nur die Sonne, die Hunde, den Förster und seine Tochter in der Wohnstube fand.
    »Er ist zum Vorsteher und holt sich die Schlüssel zu seinem Schloss«, sagte
Eva.
    »Sage nur dreist: zu seinem bezauberten Schloss, Kind«, meinte der alte Herr,
ein wenig schadenfroh lachend. »Nun lass ihn die Nuss knacken, die er sich vom
Busch heruntergeholt hat! Mein Junge Herr von Schloss Werden? 's ist die
Möglichkeit! Kein Mensch begreift, was das heissen soll, und ich am
allerwenigsten. Sind Sie ganz fest überzeugt, dass er nicht verrückt ist, Herr
Förster? hat mich der Doktor Spindler, der Advokat aus Bodenwerder, erst vor
acht Tagen noch gefragt.«
    »Und was haben Sie dem Doktor geantwortet, Herr Oberförster?«
    »Du, was habe ich ihm denn eigentlich geantwortet?« wendete sich der Alte an
seine Tochter.
    »Darf ich dir noch eine Tasse Kaffee einschenken, lieber Fritz?« fragte Eva.
»Ach, es war ja noch vor eurer Heimkehr, dass der Herr Notar Spindler neulich bei
uns vorsprach.«
    »Wie die Gräfin sich zu der Geschichte stellen wird, soll mich am meisten
wundern«, brummte der Alte, eine gewaltige Rauchwolke in die wundervolle
Sommermorgenluft hineinblasend und einen Kohlweissling, der sich eben in das
Fenster verirrte halb dadurch erstickend. In demselben Augenblick trat der Sohn
des Hauses, hochrot vom raschen Gange und sonstiger Aufregung und sich bereits
so früh bei seinem Tagewerk den Schweiss von der Stirn trocknend, wieder ein.
    »Sieh, da bist du ja auch, Langreuter! Guten Morgen, old boy. Hoffentlich
hast du gut geschlafen und angenehm geträumt in der ersten Nacht zu Hause.«
    »Ich habe erst ziemlich gegen Morgen zu den Versuch gemacht, lieber Freund«,
erwiderte ich lächelnd. »Zum wenigsten freue ich mich gegenwärtig unendlich,
endlich einmal wieder hier zu sein und solche Versuche, wie du sagst, zu Hause
anstellen zu können.«
    Der Freund setzte sich zu uns; er versuchte es, gleichmütig auszusehen und
heiter in das Gespräch mit dreinzureden, doch es gelang ihm schlecht. Man sah
wohl, dass der erste schöne Morgen in der Heimat nicht leicht auf ihm lag. Von
Zeit zu Zeit schüttelte er leise den Kopf, kaute an dem Schnurrbart und summte
eine seiner lustig-melancholischen irischen Weisen vor sich hin. Es arbeitete
etwas in ihm, dem er noch auf keine Weise eine rechte Handhabe abzugewinnen
vermochte Jetzt sprang er, von innerlicher Unruhe getrieben, von neuem auf,
schritt einige Male durch das Gemach, kam zu uns zurück, stützte beide Hände auf
den Tisch, sah uns der Reihe nach an, als wolle er für ein schwer abgehendes
Geständnis vor allen Dingen sich unserer gutmütigen Teilnahme versichern,
klopfte sodann mit dem Zeigefinger der Rechten scharf auf, um unsere ganze
Aufmerksamkeit noch mehr wachzurufen, und ächzte:
    »So dumm - so verloren, verraten und verkauft wie in diesem Moment bin ich
mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen! Hätte ich in meiner Jugend
mehr Prügel bekommen, so wär's mir jetzt vielleicht wohler, Herr Vater. Ob der
Katzenjammer vorübergehend oder von Dauer ist, beste Schwester, kann ich
gegenwärtig natürlich noch nicht wissen; aber für den Augenblick bin ich fest
überzeugt, dass ich mich - gründlich verspekuliert und all meine Trümpfe
vergeblich ausgespielt habe. Herrgott, da kommt das Dorf, um uns zu begrüssen zu
unserer Heimkehr, Fritze! Evchen, ich bitte dich um alles in der Welt, geh hin
und sag ihnen, wir wären schon wieder abgereist und liessen sämtliche gute
Nachbarn und liebe Freunde herzlichst grüssen.«
    »Was sich wohl schwer tun lassen möchte«, meinte der Vater Sixtus aufstehend
und seinem Sohne jetzt ganz zärtlich auf die Schulter klopfend. »Jaja, mein
Söhnchen, es ist mancher Papst geworden, dem der heilige Stuhl nachher ziemlich
heiss geworden ist. Kommt nur rein, Gevatter Timme! Ja, 's ist richtig, hier sind
die jungen Leute aus der Fremde zurück, und mein Junge da ist Herr von Schloss
Werden... soviel noch davon übrig ist. Und da ist ja auch der Vorsteher! Alle
herein, herein! Wir haben eben noch nach allen vier Winden hin nach gutem Rat
gewittert. Räume die Kaffeekanne ab und die Tassen, Mädchen; der Doktor ist item
fertig. Jetzt nehmen wir einen Jägerschluck auf die vergnügte Gelegenheit, nicht
wahr, Kantor Dröneberg. Dem Pastor warten die Insel Irland und die allmächtige
gelehrte Stadt Berlin nachher freundlich und persönlich auf. Kannst auch auf die
Rauchkammer steigen, Evchen, wenn du aus dem Keller glücklich wieder herauf
bist. Wir haben eben allesamt doch eine kleine Stärkung der Seele und des Leibes
notwendig; nicht wahr, Ewald, nicht wahr, Fritze Langreuter? Vivat Dorf Werden
und das Schloss dazu! Nur schade, dass wir den Vetter Just aus Neu-Minden jetzo
nicht bei uns in unserer angenehmen Mitte haben. Setzt euch, Nachbarn und liebe
Freunde, wenn ihr mit dem Händeschütteln endlich zu Rande seid und euch die zwei
- Herren da genug und andächtig genug beguckt habt. Ei ja freilich, liebe
Freunde, so was kommt wahrhaftig nicht alle Tage nach Hause, und es verlohnt
sich wohl, dass man darum ausnahmsweise mal seine eigene Arbeit hinlegt, um das
bei einem guten Stück Schinken und einem echten alten Korn sich genauer zu
betrachten. Verwechselt sie nur nicht! Dies hier ist der Berliner Doktor, und
das da - na, das ist denn wirklich mein Junge, der Ewald Sixtus, der sich als
ausländischer Baumeister kurioserweise wirklich ein Vermögen gemacht hat und
sich nachher doch noch kuriosererweise an seinen alten Vater erinnert hat und
gestern abend angekommen ist, um hier bei uns, wie er eben sagt, seinen höchsten
Trumpf auszuspielen. So dumm von wegen dessen, was die nächste Zeit hier bei uns
passieren wird, bin ich auch noch niemals in meinem Leben gewesen. Da sitzt der
Junge, und ich denke immer, ich sehe noch unseren seligen Herrn Grafen da sitzen
und nach seiner Gewohnheit seine Schnupftabaksdose auf dem Tische hin und her
drehen.«
    »No, so 'n alter Spuk!« meinte der Vorsteher, der auch noch ein Junge
gewesen war, als den Herrn Grafen der Schlag rührte und mit ihm das alte adelige
Haus Everstein so tief zu Falle kam. »Da vermeine ich doch, dass wir jetzo einen
neuen Hahn auf den alten Mist gekriegt haben. Zeit ist Zeit, und was passt, passt,
und was nicht passt, passt nicht; wenn das Dorf den alten Kasten hätte brauchen
können, so hätte ihn einer von uns längst um ein Butterbrot; aber wir haben dem
Herrn - Ewald, dem Herrn Ingenieur Sixtus, am Ende gern die Vorhand gelassen.
Was er herausschlägt, soll gerne ihm gehören; es wird keiner in der Gemeinde
sein, der es ihm missgönnt. Als er heute morgen die Schlüssel bei mir abholte,
habe ich sie ruhig hergegeben; denn ich weiss ja, dass das Schriftliche darüber
ebenso ruhig in Bodenwerder beim Notar Spindler liegt. Da brauchte ich keine
weitere Sicherheit. Herrje, nun guck aber einer, jetzt haben wir bald das halbe
Dorf, als ob es der Hirte zusammengetutet hätte, hier auf dem Försterhofe zur
Gratulation versammelt.«
    Dem war in der Tat so. Was in der Stube keinen Platz mehr fand, das drängte
sich wenigstens vor der Haustür und versuchte in die Fenster zu sehen. Alte und
Ältere erneuerten frühere gute Bekanntschaft. Was wir als hübsche junge Werdener
Schulmädchen gekannt hatten, das wurde uns als mehr oder weniger wohlgediehene
Hausfrauen zugeschoben.
    »Na, ziere dich nur nicht, Hanne; bist ja früher ganz vertraulich mit den
Herren gewesen!«
    Kinder, die während unserer Abwesenheit das Licht der Welt erblickt hatten,
wurden uns zu Dutzenden vorgeführt oder auf den Armen hingehalten. Wir vernahmen
von ortseingeborenen Taugenichtsen beiderlei Geschlechts, die gleich wie wir in
die Fremde gegangen waren, aber sich »Gott sei Dank bis anjetzt noch nicht
wieder im Dorfe hatten blicken lassen«. Zutunlich - verschämt-zutraulich waren
sie allesamt; das Reichlichste aber, was wir von ihnen bekamen, das war guter
Rat; - freilich, wenn ich hier sage wir, so ist das wohl nicht ganz richtig. Da
lief ich nur so beiläufig mit, und die Hauptperson war selbstverständlich Freund
Ewald Sixtus, und der hatte bald alle seine Geduld und Liebenswürdigkeit
zusammenzusuchen, um nicht mit den Ellenbogen sich Raum zu machen durch die
Freundschaft und Bekanntschaft der Mannen von Dorf Werden.
    Ich muss ihn aber loben, den Herrn von Schloss Werden. Er hielt all dieser
Weisheit, Klugheit und Schlauheit gegenüber so sanft und sanftmütig still, dass
er jedweder anderen kochenden Ungeduld als ein wahres Muster von
Selbstbeherrschung und Ergebung hingestellt werden durfte. Jedwedem einzelnen,
der ihn mehr oder weniger vertraut am Knopf nahm und ihm verblümt
auseinandersetzte, wie dumm er gewesen sei und was er eigentlich an Schloss
Werden erhandelt habe, versprach er aufs glaubwürdigste, ihn so bald als möglich
auf seinem Kotofe in der Abenddämmerung zu besuchen, um das Genauere über die
Sache zu vernehmen. Der Vater Sixtus schenkte mit immer unverhohlenerem
Wohlbehagen fortwährend im Kreise am Tische ein und sah immer mehr aus, als
kitzele ihn jemand. Der Tabaksqualm wurde ungeachtet der offenen Fenster und Tür
immer dichter, und Eva Sixtus - zog mich auf einmal in den Winkel dicht an die
alte Wanduhr, die der Vetter Just so vortrefflich wieder in Gang gebracht hatte,
und flüsterte:
    »Fritz, es ist auch aus meinem Bruder - aus Ewald ein guter und vornehmer
Mann geworden. Oh, wie es auch kommen wird lieber Fritz, wir kommen alle noch
zurecht im Dorfe und auf dem Steinhofe und mit dem verzauberten Schloss da
drüben. Ich muss gleich wieder die Treppe hinauf, um noch ein paar Würste aus dem
Rauche zu holen; aber es ist doch wie ein Märchen, und ich sehe klar wie in
einem Spiegel mich und uns alle! Oh, es ist schön, dass ihr nach Hause gekommen
seid, und vor allem, dass mein Bruder seinen Herzenswillen durchgesetzt hat (wenn
er sich derweile auch nicht um uns kümmern konnte!) und dass Irenes Heimataus
keinem Fremden mehr gehört. Sie kann nun darüber entscheiden, und ich könnte
wohl sagen, wie ich es mir denke, wie es kommen wird; aber du siehst selber, ich
habe wirklich in diesem Tumult keine Zeit dazu, und was ich dir da eben gesagt
habe, weiss ich selber kaum; aber du kannst dir wohl denken, dass ich den Bruder
seit gestern abend keinen Augenblick aus den Gedanken freigegeben habe, und ich
bin so sehr glücklich über ihn, und ich bin fest überzeugt, der Vater freut sich
auch!«
    Nach und nach verlief sich der freundschaftliche Schwarm der Dörfler wieder,
und nur ein paar gänzlich beschäftigungslose Leibzüchter blieben fest sitzen, da
sie einmal sassen; aber die Unterhaltung zwischen ihnen und dem Förster geriet
doch wieder in das gewohnte Geleise. Der Tabaksqualm verzog sich ein wenig, Eva
räumte den Tisch ab, und Ewald seufzte, reckte und dehnte sich, packte mich
plötzlich stumm am Arme, führte mich vor die Haustür, wo ich auch seufzte und
mehr als einen befreienden Atemzug tat und wo er sagte:
    »Komm mit, honei! Was haben wir denn heute eigentlich für ein Wetter?«
    Ich sah den wunderlichen Freund ziemlich erstaunt ob dieser Frage an; er
aber meinte:
    »Mir tanzen alle Farben vor den Augen. Rot, grün und gelb schwimmt es mir
vor dem Gesichte; und ich habe eine bittere Ahnung, dass ein recht trübseliges
Grau aus alle dem bunten Wirrwarr werden wird. O Doktor, wie einfach blau sah
ich einmal das alles - nämlich dieses alles hier um uns herum! Ach, Fritz, ich
fürchte, ich fürchte, es war eine Täuschung, es war eine Dummheit von mir! Sie
wird sich nicht hinsetzen wollen an dem Herde, den ich ihr in ihres Vaters Hause
wieder aufbauen wollte! Dammy, Langreuter, wie ganz anders sieht sich so was aus
der Ferne an als in nächster Nähe! Komm mit nach dem alten Neste! Den Schlüssel
habe ich im Schloss steckenlassen.«
 
                                Zehntes Kapitel
Das Wetter, nach dem sich der irländische Freund soeben zu meiner zweifelnden
Überraschung erkundigt hatte, liess wirklich nichts zu wünschen übrig auf unserem
Wege nach dem »verzauberten« Schloss und während unseres Aufentalts daselbst an
diesem bewegten Morgen. Still, blau und wolkenlos spannte sich der Äter, soweit
er zu erblicken war, über die unruhige Welt. Es war eben schon ziemlich heiss;
mir aber kam es wunderbar treu von neuem in die Seele auf dem Wege, wie und
unter welchen Umständen und bei welcher Temperatur ich zum erstenmal das einst
so stattliche feste Haus des alten Geschlechtes derer von Everstein erblickt
hatte.
    Jetzt betraten wir den Hof wieder durch das Haupttor, durch welches am
Todestage des Vaters der Wagen, der den guten Kameraden, die Mutter und mich
trug, eingefahren war. Zu dieser Tür hatte der jetzige Besitzer und Herr keinen
Schlüssel nötig; sie stand weit genug offen. Die eisernen Gitter waren
ausgehoben, die Wappen mit dem Eberkopfe abgemeisselt, und was die letzteren
anbetraf, so hatte der vorletzte Eigentümer sicherlich nicht gewusst, »warum er
sich auf seinem Grundstücke durch die fremde Firma ärgern lassen sollte«. - Über
wohlerhaltene Pflasterung war vordem unsere Kutsche gerasselt, die Steine waren
nunmehr meistens verschwunden und machten wahrscheinlich im Dorfe jetzt allerlei
bedenkliche Pfade den Bauern bei Regen und Tauwetter gangbarer. Aber schöne
Brennesseln wuchsen überall, auch Kletten und Disteln hatten nicht eingesehen,
weshalb gerade sie draussen bleiben sollten, da doch alles übrige, was Lust
hatte, frei kommen durfte.
    Noch führte die breite Treppe zu der Rampe empor, die sich, wie ich zu
Eingange dieser Geschichten von den alten Nestern beschrieben habe, an dem
Gebäude entlangzog. Wir traten da auch heute noch in den kühlen Schatten, den
das graue Steinhaus auf den sonst so sonnigen Hof warf.
    Da war die hohe, gewölbte Tür, die in das Schloss führte, und Ewald Sixtus
hatte nicht bloss seinen Schlüssel darin steckenlassen, sondern die beiden Flügel
weit aufgeworfen; und da sie gleichfalls nicht mehr ganz fest in den Angeln
hingen, so hatten sie ihrerseits jetzt die günstige Gelegenheit benutzt, die
Verbindung mit denselben so ziemlich zu lösen.
    Haus Werden stand weit offen, und sein jetziger Herr lud mich mit einem
Achselzucken, einer höflichen Handbewegung, einem neuen tiefen Seufzer und mit
etwas gezwungenem Lächeln zum Eintritt ein, indem er brummte:
    »Du bist gelehrt, sprich du mit ihm, Horatio.«
    Um doch etwas zu sprechen, meinte ich:
    »Wie mir scheint, mein Bester, wird es wohl weniger auf die Gelehrteit als
auf das Kapital ankommen, um hier von neuem Ordnung zu stiften, die Eulen,
Fledermäuse und sonstigen Nachtgespenster zu verjagen und gebildet menschlich
Behagen wieder möglich zu machen.«
    »Für deutsche Verhältnisse bin ich ein reicher Mann«, sagte der Freund
kläglich. »Meine Meinung aber ist, dass Maurer, Zimmerleute, Maler und Tapezierer
es nicht in diesem Falle tun werden. In der Hinsicht weiss ich freilich schon
selber, was ich zu tun habe, und brauche deinen Rat nicht, um den Bann und
Zauber vermittelst eines vernünftigen Kostenüberschlags und mit Hammer, Säge und
Mauerkelle zurechtzurücken. Wir hatten aber voreinst unsere Nester in das grüne
Gezweig und den Sonnenschein gehängt, und du hast, als wir gestern nach Hause
kamen, gesehen, wie die Racker ihren nichtswürdigen Kommunalweg über die Stätte
hingelegt haben; - Fritz, Fritz, wir sind eben als alte Leute nach Hause
gekommen, und die Landstrasse geht auch über Schloss Werden weg. Fritz, ich richte
es nicht wieder auf für uns und - Irene Everstein. Ich kann nur etwas anderes an
die Stelle setzen, und sie wird höchstens kommen und sagen: Ich danke, es war
wohlgemeint, aber das Rechte ist es leider nicht! - Und wenn sie wirklich sagt
leider, so muss ich das Wort schon für etwas nehmen, worauf ich kaum einen
Anspruch habe. Nun, der Glücklichste hat am Ende nichts weiter als die
Illusionen, die er sich bei seiner Arbeit und auf dem Wege macht. Sieh dich um,
Langreuter! Du bist aus Bequemlichkeit zu Hause nicht mein Schwager geworden,
und ich war ein Tor, als ich mir einbildete, durch Hartnäckigkeit, grimmiges
Zugreifen und Maulhalten in der Fremde meinen Willen durchzusetzen. Faix - och
arrah, in die Kölnische Zeitung werde ich demnächst Schloss Werden setzen, und es
wird sich hoffentlich ja wohl wieder ein Liebhaber dazu finden. An der gehörigen
Reklame soll's nicht fehlen.«
    Ich sah mich um. Es war nicht nötig, dass der Freund mich noch dazu einlud;
wir hatten die grosse Halle durchschritten und standen in dem Gartensaale, in
welchem mein Vater gestorben war und wo ich so kindlich-betroffen,
verwirrt-verwundert, so müde, durstig und betäubt von der langen Fahrt durch den
heissen Sommermorgen meine Mutter sich über die Leiche hinwerfen sah. Mit voller
Deutlichkeit stand alles, wie es damals war, von neuem vor meiner Seele; aber es
war kühl, kellerartig kühl in dem lange verschlossen gewesenen Raume, und die
Bilder der Vergangenheit konnten mir das Frösteln nicht verjagen. Das
Sonnenlicht fiel nur durch die Spalten der Läden in den Saal; Haufen Gerümpel
aller Art füllten die Winkel. Die Tür, die in den Park führte, war gleichfalls
mit Brettern vernagelt; ich aber hatte selbst den Vogel Pfau nicht vergessen,
der damals so vornehm auf die Schwelle trat und mir seine Schönheit zeigte. Es
war der Herr Graf, der meine heisse Hand mit seiner kalten ergriff und mich näher
an das Sterbelager meines Vaters heranführte. Er berührte leise die Schulter
meiner Mutter, sie aber zuckte nur zusammen, aber richtete sich nicht empor, sah
sich nicht um. Der Spuk, der den Stadtrat Bösenberg beim Antritt seiner
Erbschaft in dem Hause seines Herrn Onkels in Finkenrode bewillkommnete, war nur
- anerkennenswert literarisch verwendet und nichts weiter!...
    »Meine Tochter, Komtesse Irene!«... Die Stimme kam herüber wie aus einem
fernen Jahrhundert, und dann fühlte ich eine andere Hand in der meinigen, doch
diesmal eine Kinderhand. Auf der sonnigen Gartenschwelle stand Irene Everstein -
es flimmerte mir vor den Augen wie von einem hellen Mädchenkleide und einer
Fülle blonder Locken. Der Wundervogel stiess einen gellenden, krächzenden Schrei
aus und schlug sein Rad herrlicher. Sie aber verscheuchte ihn mit einer
Handbewegung und stand plötzlich neben mir; - wir waren zum erstenmal zusammen
unter den vielen Erwachsenen um uns her.
    Vielleicht hatte der Freund doch nicht so ganz unrecht mit seinem seltsamen
Zitat: ich war gelehrt und ich konnte vielleicht auch sprechen mit dem Schloss
Werden! Jedenfalls verstand ich recht wohl, was es selber von sich erzählte. Wir
hatten lange genug dazu auf einem vertrauten Fusse gelebt, und Gründe, uns
gegenseitig die Wahrheit vorzuentalten, waren auch nicht vorhanden; und
gelassener als der Freund, der irländische Ingenieur, konnte ich von Rechts
wegen die Gestalten und Bilder der Vergangenheit an den Wänden hinhuschen sehen.
Ich hatte mir in der Fremde nicht vorgenommen, diese ruinierten Wände mit neuen
Tapeten zu bekleben und neue Bilder daran aufzuhängen. Er, der Freund, der so
weit von Hause und so lange Jahre hindurch still und hartnäckig seinen Schweiss
und sein Herzblut darangesetzt hatte, den Bann, der auf dieser Stätte lag, zu
lösen, hatte jetzt freilich grosse Angst und viel Unruhe, und zwar mit vollem
Rechte: ich sass nur in melancholischem Nachdenken auf der Stelle nieder, wo wir
vordem unsere jugendlichen Spiele getrieben hatten, und sah die Schatten an den
Wänden bald heiter, bald traurig vorbeigleiten.
    Kopfschüttelnd sagte Ewald:
    »Es ist ein gar nicht angenehmes Gefühl, und einen rechten Ausdruck weiss ich
eigentlich nicht dafür. Ich komme mir mit einem Male alt - alt - merkwürdig alt
vor. Ich habe keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken, wie die Jahre hingehen;
aber in diesem Augenblicke ist es mir zum ersten Male klar, dass sie hingegangen
sind und uns mitgenommen haben. Oh, den ganzen Kauf für einen Spiegel in Schloss
Werden!... Es ist unbehaglich kalt hier nach dem Gange durch die heisse Sonne.
Was meinst du, Fritz: sollen wir weitersteigen, da wir einmal drin sind, und die
Spinnen, Fledermäuse und Ratten in Erstaunen setzen? Grau, grau! Och honei, es
ist manch ein schwarzer Schatten in meinem Leben auf mich gefallen, aber dieser
hier, den Schloss Werden wirft, ist grau und macht grau. Weisst du noch - der
grosse Spiegel im Zimmer der seligen Gräfin -, es ist doch ein wahrer Segen, dass
wir den nicht mehr an seinem Platze finden werden! Das könnte freilich dem
Gespenstertum die Krone aufsetzen. Und wie glücklich waren die beiden Mädchen
vor ihm! Und wie glücklich waren wir, wenn wir sie dabei in ihrem Spass an sich
stören konnten. Und dann - Mademoiselle Martin, und - deine Mutter! Fritz,
sollen wir umkehren? Wenn wir weitergehen, müssen wir durch alle Räume, und es
sieht überall aus wie hier! Du gehst unbedingt voran, du hast studiert, und ich
fasse deinen Rockschoss. Das hätte mir aber vor acht Tagen noch jemand sagen
sollen, dass ich je einen anderen auf einem Wege mir voranschieben würde! O
Fritz, hinter einer Tür sitzt sie noch in ihrer ganzen jungen Lieblichkeit, und
- ich - ich störe die Fledermäuse und die Spinnen um sie auf. Verdammt! So komm
endlich! Hier haben wir doch wohl jetzt den Moder und Wurmfrass lange genug
angegafft! So grimmig feige und schwachmütig habe ich mich noch nie gefühlt.
Wahrhaftig, die Schlacht, die durch pure Heldenhaftigkeit gewonnen ist, sollt
ihr Historiker noch ausfindig machen.«
    »Aber es ist doch manche Schlacht gewonnen worden!« meinte ich, und dann -
durchwanderten wir Haus Werden, und ich hatte studiert und war ungemein gelehrt
geworden im Laufe der Jahre; dass ich aber das Leblose sprechen hörte, das hatte
doch seine anderen Gründe. Die lagen tiefer als die Bücher; und die
allergrössesten und bekanntesten Geschichtsschreiber haben dahin zurückfühlen und
- tasten müssen, um sich selber und den Leuten erträglich wahr vorzukommen.
    »Ich bin vorhin nur bis hierher in den Gartensaal gekommen«, sagte Ewald.
»Wie ein Kind hatte ich nicht die geringste Lust, mich in die Öde und Dunkelheit
allein weiter hineinzuwagen. Nun vorwärts zu zweien, ich habe die Schlüssel zu
jeder Tür, und hier - sind wir in - den Gemächern des alten Herrn! Puh, was für
eine Luft!«
    Wir standen in dem Zimmer des Herrn Grafen und warfen einen Blick in sein
Schlafgemach. Das waren voreinst ziemlich unnahbare, unbetretbare Räume für uns
gewesen, aber wir hatten doch als Knaben dann und wann hineingeguckt; heute
guckte mir der jetzige Herr des Schlosses scheu über die Schulter, und wir
fühlten uns beide nicht sicherer in unserem Fürwitz als vor Jahren.
    »Wir hätten jedenfalls besser getan, zuerst in den oberen Stock
hinaufzusteigen, Ewald. Dort haben wir wenigstens die Sonne der Gegenwart für
uns und nicht diese unheimlichen Laden vor den Fenstern!« flüsterte ich.
    »Nicht wahr, es spukt? Es geht um?«
    »Ja, es geht um! Die Witwe Warneke hatte recht.«
    Die kahlen Räume, die Dämmerung, der Staub und der Schimmel sprachen zu
deutlich, als dass ein tröstlicheres Wort mir möglich gewesen wäre. Es war kein
Wunder, wenn die Leute aus dem Dorfe dann und wann den letzten Grafen Everstein
im Zwielicht oder in der Mitternacht um sein verlorenes, verwildertes Schloss
wandern sahen. Dass seine Tochter auf dem Steinhofe bei dem Vetter Just eine
Unterkunft in ihrer Not gefunden hatte, machte den Spuk nur noch glaubwürdiger;
aber - es war in der Tat so: das war auch mir in diesem Augenblicke das
Gespenstischste, dass der lebendige, starke, tapfere Freund diese Mauern wieder
zu beleben, diese Räume wieder zu einem Sitz der Ruhe und des Glückes für das
letzte Kind des Hauses zu machen sich vorgenommen hatte.
    Wo war das Geräte, das dazu gehörte? Das hatte er nicht mitbringen können
aus Irland. Verstoben in alle vier Winde war's während seiner Abwesenheit im
Lebenskampfe. Neu konnte er das Schloss Werden bauen; aber das alte wieder
aufzurichten, das war unmöglich, und der Vetter Just auf seinem Steinhofe war
kein Beispiel dafür, dass es doch wohl anginge. Der hatte etwas Lebendiges
wiedergefunden, als er von seinen Weltfahrten nach Hause und auf den Steinhof
zurückkehrte; aber Schloss Werden war tot! Die Fliesen und das Getäfel unter den
Füssen, die zerbröckelnden Plafonds über unseren Köpfen, alle Mauern rundum
erzählten davon, wie man von und in einem Märchen erzählt: Es war einmal!
    Ohne noch weiter miteinander zu reden, stiegen wir jetzt die breite
steinerne Treppe mit dem stattlichen Geländer aus künstlich geschnitztem
Eichenholz empor zu dem oberen Stockwerk des Hauses. Die Dämmerung, die
Dunkelheit, den feuchten Moder liessen wir zwar hinter uns, das Licht, die Sonne
fanden wir hier in den Gemächern; aber geirrt hatten wir uns doch, wenn wir
geglaubt hatten, dass das uns zu einem leichteren Atemholen verhelfen könne.
    Sie kann sehr grausam sein, die Sonne, viel grausamer als die Nacht! Und dass
sie lacht, ist nur allzu häufig nicht das Liebenswürdigste an ihr. Dass
Hoffnungen getäuscht, Täuschungen zunichte gemacht werden, dass die
Vergänglichkeit alles Irdischen dem Menschen klargemacht werden muss, ist zwar
eine recht löbliche und vernunftgemässe Aufgabe; aber ist es denn unbedingt
notwendig, dass dabei gelacht wird?
    Die Dämmerung, die Nacht tun das auch nicht; aber die Sonne tut es, und dem
armen, hülflosen Erdbewohner kommt es vielleicht nicht ohne Grund dann und wann
in den Sinn, dass sie sich doch wohl auch einmal zu sehr in ihrem Rechte seinen
Schmerzen, Hoffnungen und Täuschungen gegenüber fühlen könne.
    Wenn die Sonne, der helle Tag sagt: Es war einmal!, so ist das ein ganz
ander Ding, als wenn die Nacht, die gute alte Mutter, mit tonloser, aber doch
mitleidiger Stimme das melancholische Wort ausspricht. Sie, die Nacht, stemmt
nie die Arme in die Seite und kreischt und kräht und will's nie von allen Ecken
und Enden her hören, dass sie recht hat; aber der Tag tut das und will das nur zu
gern. Ach, und der Mensch könnte recht häufig etwas Besseres tun, als sich
darauf zu berufen und von einem Rechte zu sprechen, das so klar sei wie der
helle Tag!
    In dem Erdgeschoss von Schloss Werden hatten die unberufenen Gäste und
Besucher aus der Umgegend hier und da auch wohl eine Fensterscheibe und einige
Male hinter den Läden auch einen ganzen Fensterflügel des Mitnehmens wert
gehalten, und so vermochte doch noch immer ein frischerer Hauch von aussen in die
verriegelten, verschlossenen Räume zu dringen: in dem Oberstock fanden wir nicht
nur alle Türen verschlossen und unerbrochen, sondern auch alle Scheiben ganz.
Das Licht teilte sich da mit dem Staube allein in die Herrschaft. Der Staub
wirbelte uns unter den Füssen auf; die Luft wurde durch unser Eindringen seit
Jahren zum erstenmal wieder bewegt, und die Sonne, die durch die schmutzigen,
trüben, mit Spinnweb verhängten hohen Bogenfenster drang, kreischte auch hier
und lachte gell: Macht euch keine Illusionen! - Und hier - hier war das Reich
der Frauen des Hauses Werden gewesen, und hier war das Kind aufgewachsen, das
jetzt als kummervolle Frau, für welche der tapfere Mann an meiner Seite das Alte
neu machen wollte, auf dem Steinhofe sass!... Ach, für wie ehrlich hielten wir
die Sonne, als wir selber in unserer Kindheit und Jugend in diesen Räumen
lachten oder unser junges Leben zuweilen so drollig ernstaft nahmen!
    »Ich hätte schon im vorigen Winter den Handel abschliessen und nach Hause
kommen können«, seufzte der Freund. »Fritz, ich wollte, ich hätte es getan. Wie
ein Maikäfer habe ich aber in meiner Dummheit gezählt, eh ich aufflog. Uh, wenn
der Mensch nur nicht immerfort ebenso schlau sein wollte, als er dumm ist!
Langreuter, ich habe mich noch nie nach Landregen, Schneegestöber und dem
erbärmlichsten Hundewetter so sehr gesehnt als an diesem verruchten,
nichtswürdigen Sonnentage. Übrigens wollen wir wenigstens doch die Fenster
aufmachen oder einstossen - schon deinetwegen, armer Kerl. Was mich anbetrifft,
so kommt es ja wohl auf ein bisschen mehr oder weniger Erstickungsgefühl weiter
nicht an! Ich habe mein frei Atmen schon drüben jenseits des Kanals diskontiert;
- geh du wieder voran, Fritz dies hier war ihr Mädchenstübchen, und ich habe mir
- drüben in Irland eingebildet - dass sie und es und ich und wir alle geblieben
wären, was wir waren!«
 
                                 Elftes Kapitel
Einst hatte sich die Tür lautlos in ihren Angeln gedreht, jetzt gab sie nur mit
Widerstreben und mit einem schrillen, ärgerlichen Ton nach. Mit angestemmtem
Knie hatte ich nachzuhelfen und dachte dabei daran, wie es gewesen war, wenn
sich die Mädchen hier in ihrem geheimsten Neste verriegelt hatten und wir gegen
ihren Mutwillen, ihr Lachen und Kichern momentan nichts weiter aufzubieten
vermochten als durch das Schlüsselloch das alte tröstliche Wort:
    »Na, wartet nur! Morgen ist auch noch ein Tag, ihr Mamsellen, und ihr sollt
euch ganz gehörig wundern, wenn das Lachen wieder an uns ist! Wer zuletzt lacht,
lacht am besten.«
    Nun blickten wir aus dem Vorgemach in die geöffnete Tür -
    »Da kommt deine Mutter, Fritz!« rief der jetzige Herr von Schloss Werden
nicht mehr, und ich fühlte nicht mehr Mademoiselle Martins knöcherne
Soeur-ignorantine-Finger am Ohrläppchen oder am Rockkragen: die heisse, helle
Sonne des gegenwärtigen Tages hatte mehr als von irgendeinem anderen Raume des
Hauses in dieser Stunde von diesem kleinen Eckzimmer Besitz ergriffen; - fern im
Dorfe schlug es zwölf Uhr am Mittage, und Ewald Sixtus sagte:
    »Es ist einerlei - ich habe meinen Kauf in Besitz genommen und weiss
wenigstens, was ich erhandelt habe. Auch das ist etwas wert!... Hat es wirklich
eben zwölf geschlagen? Da kommen wir ja richtig wieder einmal wie sonst zu spät
zu Tische - weisst du noch, Doktor?!... Es ist einerlei - die Fenster wollen wir
auch hier wenigstens aufsperren und die frische Luft hereinlassen. Wer war es
denn, der neulich in Belfast mir vorrenommierte, dass er in einem jungfräulichen
Urwalde Ordnung gestiftet und für Ästetica gesorgt habe? Ich habe ihn damals
schon ziemlich kühl ablaufen lassen, den Vetter Just; aber - jetzt soll er mir
nur noch mal kommen mit seinem Neu-Minden!«
    Wir traten nun doch auch hier einen Augenblick über die Schwelle und sahen
uns um und auch von hier aus noch einmal hinunter in den verwüsteten, ins
Unkraut geschossenen Park. Ich war auch hier der Unbeteiligtere, der nur als
guter Freund und allenfalls als Ratgeber mitgenommene Privatgelehrte aus Berlin;
aber, ich kann's nicht leugnen, es kam in dieser Stunde doch auch mir sehr
seltsam vor, dass das Grün draussen noch immer die Oberhand behielt, dass die Vögel
lustig nach alter Sommerweise weiterzwitscherten, dass um das wuchernde Gebüsch
und die Baumstumpfen dieselben Schmetterlinge wie zu unserer Zeit flatterten,
kurz, dass sich alle Hauptlieblichkeiten der Erde weder um Schloss Werden noch um
unsere gegenwärtigen Privatgefühle und Stimmungen im mindesten kümmerten. Und in
diesem Augenblick trat es mir zum erstenmal ganz klar und ohne einen Schatten
auf der lichten Vorstellung vor die Seele, zu was für einem Segen der Vetter
Just auf seinem Steinhofe auch für diesen Ewald Sixtus und jene Irene Everstein
wieder angekommen war, um daselbst von neuem »auf menschliche Schicksale zu
warten«.
    Man hatte aus dem einen Fenster dieses Eckstübchens einen Blick nach jener
Gegend. Der Freund stand mit untergeschlagenen Armen und zusammengepressten
Lippen und sah dortin. Der einzige kühlende Hauch in dieser schwülen
Mittagsstunde kam über Berge und Wälder, über den Fluss, wieder über die Wälder
und Wiesen und über den verwilderten Garten, der zu dem Handel und Kauf des
irländischen Ingenieurs gehörte, aus jener Richtung.
    »Es wird wohl eine ziemliche Weile dauern, ehe du alle deine Arbeitsleute
hier am Werke hast«, meinte ich leise. »Da haben wir dann Zeit, alle möglichen
Besuche in der Umgegend zu machen. Meinst du nicht?«
    Der irische Glücksbaumeister drehte sich rasch von dem Fenster und der im
Mittagssonnenschein flimmernden Ferne weg - und mir zu:
    »Wir kommen unbedingt zu spät zu Tisch. Das wenigstens ist uns aus der alten
vergnügten Zeit geblieben. Deinen Rat habe ich nun auch. Schloss Werden haben wir
gesehen; wenn du nicht noch eine
    Privatgespensterkammer in dem alten Kasten weisst, die ich dir aufschliessen
kann, so wird es wohl das beste sein, wir gehen so leise, wie wir gekommen sind.
Ach, lieber Alter, mein Geschäft hat mich freilich hauptsächlich auf
Erdarbeiter, Maurer und Zimmerleute angewiesen. Ich habe mancherlei durch das
Volk ausgerichtet, und so ist es nicht ganz meine Schuld, wenn ich in der Ferne
mir einbildete, meine Luftschlösser zu Hause mit ihrer Beihülfe wieder aufbauen
zu können.«
    »Es ist nicht das erstemal, dass du mir dieses sagst, seit du mich aus meiner
Dachstube abgeholt hast. Ein jeder bleibt unwillkürlich in seinen
Handwerksausdrücken, und was sonst zu den Künsten gehört, durch welche er durchs
Leben kommt. Sonst aber gibt es eine Redensart: Du sprichst über dein Herz weg;
und so ist es ausser dem guten Rat, den ich dir gegeben haben soll, meine
Meinung, dass wir gegenwärtig Schloss Werden auf sich beruhen lassen, wie es ist,
und deinen Vater und - deine Schwester nicht gleich am ersten Tage von neuem
über die Zeit mit der Suppe warten lassen. Schloss Werden haben wir gesehen,
sehen wir uns also morgen den Steinhof an. Der Mensch, in seinem Gemäuer
gefangen, besinnt sich lange nicht oft genug darauf, dass er lebt, Leben ist und
es mit dem Lebendigen zu tun hat, solange er lebt.«
    »Das solltest du drucken lassen, Fritze; das klingt ja ganz famos!« sagte
der Irländer, und dann gingen wir in der Tat endlich nach Hause und kamen wieder
einmal nicht ganz zur rechten Zeit. Es liess sich aber nicht ändern, und was wir
diesmal zur Entschuldigung vorzubringen hatten, konnte leider nur zu sehr als
rechtsgültig angenommen werden. Wir logen diesmal nicht, wenn wir zu unserer
Entschuldigung anführten, dass es uns unmöglich gewesen sei, früher zu kommen. -
-
    Den langen Sommernachmittag durch sass ich an einer anderen Stätte der
Erinnerung, neben dem Stein nämlich, welchen die Kameraden meinem Vater auf der
Stelle, wo er von den Schmugglern zu Tode verwundet worden war, errichtet
hatten. Wenn die Bäume um das Schloss zum grössten Teil verschwunden waren und dem
Gestrüpp und Unkraut Platz gemacht hatten, so war hier der Wald beträchtlich
emporgeschossen, und ein schöner kühler Schatten lag auf dem bösen Ort. Da der
Boden, wie ich geschrieben habe, ein wenig sumpfig war, so war der Stein auch
bereits so ziemlich darin versunken und die Inschrift und Widmung darauf des
Mooses und der Flechten wegen kaum noch zu entziffern: er predigte mir wirklich
auch noch die Vergänglichkeit aller Dinge, die Nichtigkeit aller Sorgen, Wünsche
und Hoffnungen, das Vorbeigleiten der Erscheinung, gerade - als ob das noch
unbedingt notwendig gewesen wäre. Ich aber hielt ihm im Halbtraum nach der
schwülen Wanderung durch Schloss Werden und nach dem Mittagessen eine Gegenrede,
und die Waldfrische tat wohl das meiste dazu, dass wir ruhig voneinander
schieden. Es spukt immer viel mehr in altem Gemäuer als im jungen Laubwalde. Als
ich nach dem Försterhofe zurückkam, war der Vetter natürlich längst daselbst vom
Gaul gestiegen, und ich sah ihm sofort an, dass er im Vorbeigleiten der
Erscheinung etwas zu bemerken hatte, was er lieber mir zu sagen wünschte als dem
Freunde. Ich sah es jedoch auch der Freundin - ich sah es Eva Sixtus an, dass er
mit der bereits darüber gesprochen hatte. Also begleitete ich ihn zum zweiten
Male durch die Mondscheinnacht und das Dorf Werden auf den Weg nach Hause; er
aber sagte:
    »Es ist auch Evas Meinung, dass du zuerst allein zu uns kommst und nachher
erst unseren Freund mitbringst. Ich meinesteils habe doch den Schulmeister nicht
lange genug gespielt, um ganz genau und deutlich in Worten ausdrücken zu können,
wie ich die Sachlage ansehe. Wie ich dir es voraussagte, so war's; ich fand
Irene noch wach, als ich gestern oder vielmehr heute morgen nach Hause kam; -
gefragt hat sie nicht, aber gewusst hat sie gleich, dass ich ihr eine Neuigkeit
mitbrachte; - Fritz und Ewald sind da, Irene! habe ich gesagt, weil ich immer
gefunden habe, dass das Einfachste stets das Beste ist; - erwidert hat sie
eigentlich nichts, aber sie ist wach geblieben und nicht mehr zu Bette gegangen.
Die Magd hat mich gefragt, weshalb die gnädige Frau in dieser Nacht gar nicht zu
Bette gegangen sei. - Du sagst, Doktor dass ihr auf Schloss Werden es heute mittag
mit allerhand Gespensterspuk zu tun gehabt habt; aber meine Meinung ist, auf dem
Steinhofe sind auch allerlei Geister, und zwar nicht von der besten Sorte,
umgegangen! Wieviel ruhiger lebten wir in der Welt, wenn wir uns nicht immer aus
unserem Schicksal unsere Reue und unsere Gewissensbisse zurechtschnitten - stets
in dem Gefühl, uns selber nie das geringste vergeben zu dürfen. Fritz, du weisst,
ich habe von frühesten Jahren an immer zu dir aufgesehen, du bist der einzige
von uns, der es zu etwas gebracht hat - du würdest mir nicht bloss einen
Gefallen, sondern eine grosse Liebe antun, wenn du zuerst mit ihr sprechen
wolltest!«
    Das hatte ich denn aus meinem Leben in das alte Nest glücklich mitgebracht:
sie durften mir alle in der wohlmeinendsten Weise ungestraft Sottisen meiner
Brauchbarkeit wegen sagen. Fremden gegenüber würde ich mit Grund die blosse
Ironie hinter der sehr ernstaften Miene vermutet und gesucht haben; die Freunde
durfte ich wenigstens für ehrlich und wirklich vertrauensvoll in ihrem Glauben
an mein Studium in Wittenberg halten. Jedenfalls hatte ich genug studiert, um
mir die Sache zurechtlegen zu können. Es gibt nämlich in gewissen Krisen des
Lebens eine Feigheit, die nur ein anderer Name oder besser die Folge einer kurz
zuvor bewiesenen Herzhaftigkeit ist. Wofür tapfere Männer alles gewagt und
gelitten haben, wagen sie dann zuletzt nicht einen Gang über die Strasse, nicht
ein Anklopfen an eine Tür, sondern sie schicken einen anderen oder möchten ihn
doch am liebsten schicken, und deshalb - hatte ich für Ewald Sixtus mit Schloss
Werden sprechen sollen, und darum - erschien es wünschenswert, dass zuerst ich
mit Irene Everstein rede. Von meiner Gelehrteit sprachen sie; aber, ihnen
selber unbewusst, meinten sie: das, was uns bewegt, kümmert ihn am wenigsten,
also was kümmert's ihn? Wenn einer uns sagen kann, was wir hören wollen oder
hören müssen, so ist er's. Er ist objektiv in dieser Sache; Steine und Menschen
werden also ihm gegenüber unbefangen sich gehen lassen, und - ihm werden sie
nichts tun. Wir aber, die wir Tag für Tag mit ihnen zu tun gehabt haben, wir
fürchten uns!
    Ich hatte mich aus der Mitte der Gevattern und Vettern-Besuche in der
Försterei von dem Freunde wegholen lassen, um mit ihm Schloss Werden zu
besichtigen; ich ging am anderen Morgen dem Freunde vorauf nach dem Steinhofe,
um die letzte Herrin von Schloss Werden, um Irene Everstein darüber sprechen zu
hören. Es ist in solchen Fällen stets viel leichter, ja als nein zu sagen. Man
will eben doch nicht umsonst an seiner Ehre gefasst und für einen erfahrenen Mann
gehalten worden sein.
 
                                Zwölftes Kapitel
Der Fluss hatte es eilig wie immer; aber er, der mir in meiner Kindheit den
einzigen klaren Eindruck von dem Vorbeigleiten der Erscheinung gegeben hatte,
dessen schnelle Wasser mich in der Phantasie stets unwiderstehlich mit sich in
die Ferne gerissen hatten, er war von allen Dingen in der Heimatgegend allein
derselbe geblieben. Unsere Nester in den grossen Nussbüschen waren verschwunden,
die Wiese, über die sonst der Weg nach dem Walde führte, zerstückelt und zum
Teil zu Ackerfeldern gemacht. Auch die Wälder selbst waren nicht mehr die
nämlichen wie sonst. Den Hochwald hatte man teilweise gelichtet, teilweise ganz
niedergeschlagen; das Unterholz war aufgeschossen, und Heidestrecken hatten sich
mit dichtem Gebüsch bedeckt. Wo man sonst von einem Berggipfel die freieste
Aussicht in die Ferne gehabt hatte, suchte man nun nach einem Blick auf den
Sommerhimmel zwischen dem dicht verschlungenen Gezweig. Nicht alle Pfade liefen
noch wie in unserer Jugendzeit durch den Forst, aber der Fluss - der Fluss ging
noch seinen alten Weg; ich aber ging diesmal über die Brücke bei Bodenwerder und
verliess mich nicht mehr auf den Kahn, welchen vordem der Vater Klaus stets so
mürrisch-wohlgefällig zu unserem Dienst aus dem Uferschilf und Röhricht
hervorzog. Auch das war sehr fraglich, ob ich den guten Alten, seine
Fischerhütte, sein lustig romantisch Herdfeuerchen und sein morsches Fahrzeug
noch am Rande der Weser finden würde. Über sechzig Jahre war er schon zu unserer
Zeit alt gewesen, aber unterwegs tat es mir doch leid, dass ich mich nicht nach
ihm erkundigt hatte, und fast wäre ich noch umgekehrt.
    Wie andere gelassene Leute gelangte ich über die Brücke bei Bodenwerder von
einem Ufer auf das andere und auf den Weg nach dem Steinhofe.
    Der zog sich noch durch die Felder wie sonst. Mir war es, als müsse ich
jeden Dornbusch an seinem Rande wiedererkennen und dürfe ruhig auf seine
Identität schwören; doch dies war wohl ein Irrtum. Ich habe es beschrieben, wie
wir als Kinder auf diesem Pfade an heissen Sommertagen müde wurden und uns nach
dem Baumschatten, dem kühlen Grase im Grasgarten und nach der guten Verpflegung
des Hofes sehnten; ich habe es geschildert, wie wir den Vetter auf einem Steine
am Wege auf Menschenschicksale wartend fanden, und - auf den Stein durfte ich
dreist schwören: es sass wiederum jemand darauf, in seine Träume verloren, auf
Menschenschicksale wartend und die Schritte, die sich auf dem heissen, sonnigen,
steinigen Wege näherten, überhörend.
    Auf dem Feldquarz, unter den Disteln und Nesseln, zwischen die einst der
Vetter Just Everstein verlegen greinend seine lateinische Grammatik versteckt
hatte, als wir ihn nach unserer Art jubelnd anschrien, sass unter dem wolkenlosen
blauen Sommerhimmel, ihr schönes müdes Haupt mit der Hand stützend, der Gast des
Vetters Just, Irene von Everstein.
    Ich sah sie niedergleiten am frühen, frischen Morgen aus unseren
schwankenden Märchennestern im Grün, hinauf auf die tauige, blitzende Wiese; ich
sah sie elfenhaft uns vorangleiten durch das Walddunkel; ich hörte sie lachen
auf dem Fluss und sah sie ihre Hand in die rinnenden Wellen tauchen: erzählte uns
nicht einmal vor langen Jahren der Vater Klaus auf der Überfahrt von einer, die
wohl weit von oben her zugereist sein musste, weil sie, nachdem er sie aus dem
Schilfe ans Land geholt hatte, niemand kannte im Lande?
    »Lassen Sie das Schaukeln lieber auf dem Wasser, junge Herrschaft! Die alten
Bretter unter uns sind doch wohl allgemach 'n bisschen brüchig geworden, und das
dreht sich gerade hier in Wirbeln, und der Untiefe ist nicht gut zu trauen. Ich
möchte um alles nicht, dass die Herrschaft zu Hause es mir zuschieben könnte,
wenn ich die jungen Herrschaften nicht heil ans Land brächte.«
    Ich sprach sie leise an:
    »Guten Tag, liebe Irene.«
    Sie fuhr zusammen und empor; doch als sie mich erkannt hatte, stand sie
nicht auf, sondern blieb sitzen auf dem Stein am Wege und reichte mir mit einem
traurigen Lächeln die Hand in die Höhe.
    »Du bist es, Fritz? Wie kann man die Leute so erschrecken!... Aber es ist
wohl nicht deine Schuld, sondern meine und meine Torheit. Wie kann man sich so
ins freie Feld setzen und sich die blendende Sommersonne auf den Scheitel und in
die Augen scheinen lassen, ohne für seine besten Freunde blind und taub zu
werden? Das ist aber gut von dir, dass du gekommen bist, der Vetter wird sich
sehr freuen; - er kam gleich in der Nacht mit glänzenden Augen, um es zu
verkünden, dass - du wieder im Lande seist.«
    Sie sprach die letzten Worte nur zögernd; ich hielt ihre Hand noch fest und
sagte:
    »Ich bin aber nicht allein in die alte Heimat zurückgekommen, Irene.«
    Da zog sie mir die Hand weg, erhob sich nun und erwiderte erst nach einer
geraumen Weile:
    »Ich weiss durch den Vetter Just Bescheid über alles.«
    »Über alles?... Über alles doch wohl nicht!«
    »Doch!« sagte sie, und das Wort kam kurz und hart heraus. »Wir stehen hier
jetzt in der hellen, heissen Sonne des Mittags, und es ist mir lieb so und ganz
recht. Wir wollen nicht den Schatten und das freundliche Dach des Freundes
suchen, um uns behaglicher und langatmiger über Schicksal und Schuld auszulassen
-«
    »Irene?!«
    »Ich höre gern einmal wieder meinen Namen mit so freundlicher besorgter
Stimme auch von dir rufen, Friedrich; - oh, ich weiss es wohl, ihr alle meint es
sehr gut mit mir und habt soviel Geduld; ich aber habe nichts für euch, als dass
ich euch sage, wie es mir zumute ist; und - um das Herz ist's mir, als hätte ich
weiter nichts in der Welt, als dass ich mich gegen euch wehre... gegen euch
alle!«...
    Wie verstohlen hatte der Vetter Just den alten Bröder, die Grammatik, in der
er alle Weisheit der Welt vermutete, einst unter dem Stein da und zwischen den
Disteln und dem Wegelattich versteckt; - wie hatten Ewald und Irene gelacht, als
sie das zerlesene Buch doch hervorzogen: nun hielt mir heute Irene Everstein das
Blatt für Blatt mit Tränen getränkte Buch, über welchem ich sie jetzt überrascht
hatte, offen hin.
    Ganz nahe beugte sie sich zu mir und flüsterte mehr, als dass sie sprach:
    »Sage ihm, dass ich alles weiss, was er für mich getan hat, um mich getan hat!
Er hat sein Leben darangesetzt, und er hat nicht nach rechts und nach links
gesehen, sondern nur rückwärts nach der Stunde, in der wir, ich und er, Abschied
voneinander nahmen. Ich bin das Weib eines anderen Mannes geworden, und er hat
seinen Willen durchgesetzt, um mich zu demütigen und zu dem Geständnis meiner
Schuld gegen ihn zu bringen...«
    »Nein, nein! Das ist nicht so! Irene Everstein, das ist wahrhaftig nicht
so!« rief ich.
    »Das ist doch so!« antwortete sie kopfschüttelnd, aber ganz sanft. »Sieh,
Freund, er und ich haben uns immer zu gut gekannt, um nicht besser als all ihr
übrigen zu wissen, wie es um uns steht. Es ist auch ganz das Richtige, was er
getan hat, und ich gönne ihm seinen Sieg und seinen Triumph; - ich freue mich,
dass er so stark und so tapfer gewesen ist und im Stillschweigen! Wäre ich seine
Schwester, wie unsere liebe Eva, so wäre mein Glück vollkommen! Aber ich bin
nicht seine Schwester - ich bin nicht sein Weib geworden - sieh, Fritz
Langreuter, die Sonne steht uns klar und hell über den Köpfen, und in ihrem
Scheine spreche ich zu dir klar und hell, und eine alberne frauenzimmerliche
Närrin bin ich nie gewesen: ich gehörte ihm zu, und er gehörte zu mir von Gottes
und Rechts wegen, seit wir unseren Kinderhaushalt im Spiel in den grünen Büschen
von Schloss Werden aufschlugen! Er aber weiss das, und jetzt, da meine Jugend
dahin ist und da ich als Bettlerin bei dem guten, barmherzigen, weisen Mann, dem
Vetter Just, hier auf dem Steinhofe sitze, da ich bin, was ich bin, kommt er -
der Unbarmherzige, und ich fühle seine tapfere treue Hand wie mit einem bösen
zornigen Griff und Schütteln an meiner Schulter! Mir gehört heute deines Vaters
Haus, deinetwegen gehört es mir; ich habe in der Fremde, im Stillschweigen in
der Arbeit, die lange, lange Zeit durch, dich keinen Augenblick aus meinen
Sinnen und Gedanken freigelassen, nun nimm deine Kraft zusammen und vergiss und
sei glücklich; wir wollen uns von neuem einrichten in den Ruinen, mit keinem
Wort und keinem Blick will ich dich je daran erinnern, dass wir in Ruinen wohnen!
Und nun - rede du mir dagegen, Fritz, und sage: Es hat keinen Sinn, was du
sprichst, Irene, du sprichst nur aus deinem kranken, verwirrten Gemüte in den
hellen, gesunden, lichten, stillen Tag hinein, weil du in deiner Unruhe und
Angst eine Stimme - deine Stimme hören möchtest.«
    Sie hatte recht; es war recht schwer, ihr etwas zu erwidern. Während ich
nach Formeln, Phrasen suchte und für hundertfältiges Ja und Nein ein erlösendes
Wort suchte, schritt ich wieder mit Ewald Sixtus durch die Gänge, Stuben und
Kammern von Schloss Werden, rüttelte an verrosteten Türgriffen, drückte mit dem
Knie die verquollenen, widerspenstigen Türen auf und sah scheu auf die
Fusstapfen, die wir hinter uns zurückliessen in dem Staube, der den Boden
bedeckte.
    Er hatte recht, der Freund: es war nicht dasselbe, wenn er Schloss Werden
gewann und Just Everstein den Steinhof wiedergewann! Schlafendes Leben lässt sich
wieder aufwecken, aber Totes lässt sich nicht lebendig machen; und Schloss Werden
war tot, war tot auch für das Kind des Hauses und für den, der sein Herzblut
darum gegeben hätte und seinen ganzen Willen gegeben hatte, das Rad
zurückzudrehen und der Frau auf dem Steinhofe zu sagen:
    »Komm und sieh, was ich für dich und mich habe tun können«...
    Das war nichts; aber in dieser heissen, blendenden Mittagsstunde, nach dem
letzten Worte Irenes zuckte es mir eben durch Hirn und Herz: Aber das ist ja
auch nichts, und die Hauptsache ist es ja einzig und allein, dass sie es wissen
und es deutlich sagen können, wie es ihnen zumute ist. Alles andere bedeutet
nichts, und die Nester, die sie in die Zweige der Nussbüsche an der Hecke bauten,
gelten ebensoviel wie die Mauern von Schloss Werden. Auf schwankendem Gezweige,
zwischen Himmel und Erde schaukeln wir alle; aber am meisten dann, wenn wir am
tiefsten in die Erde graben, um einen festen Grundstein für die Burg zu legen,
in der wir mit unserem Glück zu wohnen wünschen.
    Irene kämpfte mühsam mit ihren Tränen; mich aber überkam allgemach immer
mehr die Gewissheit, dass hier doch noch nicht alles aus und zu Ende sei; wie es
aber sich zuletzt schicken mochte zwischen diesen zwei stolzen, widerspenstigen
Seelen, wer konnte das sagen?!
    Wie aber schickte es sich, dass die Jugendfreundin gerade in diesem
Augenblick meine Hand fester nahm und mir zuflüsterte:
    »Nicht wahr, Fritz, es ist doch auch gut so, wie sich das Verhältnis
zwischen dem Vetter Just und unserer Eva gestaltet hat?«
    »Ja!« sagte ich, und ich sprach keine Unwahrheit, wenn ich hinzufügte, dass
ich meinesteils vollkommen damit einverstanden sei. Habe ich es nicht schon
gesagt, dass ich der grösste Egoist von allen diesen Menschenkindern geworden war
und mir am meisten die Fähigkeit gewonnen hatte, allein zu bleiben und - dann
und wann auf Verlangen ruhig den anderen ihre Ansicht zu bestätigen oder gar
sogenannten guten Rat zu geben?...
    Vielleicht hätte ich aber doch nicht so klar und gelassen bejahend auf diese
zwischen Tränen hervorspringende Frage geantwortet, wenn es nicht die
Hauptperson in diesen Lebensgeschichten gewesen wäre, welcher gegenüber ich mein
Recht, nein zu sagen, aufgegeben hatte.
    Ihre Augen hastig trocknend, rief Irene:
    »Da kommt der Vetter!« Und wir wendeten beide uns ihm rasch zu, beide froh,
dass er dieser kurzen, bitteren, schmerzensreichen Unterhaltung auf dem
schattenlosen Feldwege ein Ende machte.
    Er kam von seinem Gehöft, von seinem in so ganz anderer Weise als Schloss
Werden wiedergewonnenen Erbsitz auf dieser Erde. Auch ihn sah ich jetzt zum
erstenmal in der hellen Mittagssonne der Heimat, und sie änderte nichts daran,
sie stellte es nur in ein helleres, freudigeres und sozusagen verständigeres
Licht: in seinen gemütsruhigen, gesunden Jahren passte und gehörte er ganz und
gar zu Eva Sixtus, und ich änderte nichts an dem Faktum!
    Es lag in jedem seiner Schritte etwas wie eine Bürgschaft für den ferneren
guten, stillen, hülfswilligen Lebensweg der beiden Leute. Mit den buntfarbigen
Phantasmagorien, mit den Schmerzen und Tränen der Jugend hatte die lächelnde
Sonne, die auf seiner Stirn und seinem Hausdache lag, freilich schon längst
nichts mehr zu schaffen; aber nichtsdestoweniger ist und bleibt sie etwas sehr
Gutes und Wünschenswertes in dieser Welt der Verwirrung, des Nebels und des
Landregens.
    »Das ist gut, dass du wenigstens da bist«, sagte der Vetter Just Everstein.
 
                              Dreizehntes Kapitel
»Und das Quadrat der Hypotenuse ist immer noch so gross wie die Summe der
Quadrate der beiden Kateten«, rief ich; es ging nicht anders. Wie einer der
grünen Zweige, auf denen sich unsere Kindheitsnester wiegten, hing der Magister
mateseos aus der Vergangenheit in die Gegenwart hinein; ich musste danach
greifen und nicht bloss nach ihm, sondern nach allem, was an Blüten und Früchten
sonst dran hing.
    Und es war wohlgetan. Zum erstenmal glitt etwas gleich einem Lächeln über
Irenes Gesicht.
    »Wie wunderlich«, sagte sie, »dass wir einst kamen, um dich auszulachen,
Just, und uns heute noch daran als an unsere glücklichsten Minuten erinnern.
Auch an Eva haben wir mit unserer Kinderlustigkeit wohl arg gesündigt; aber das
war wohl vor hundert Jahren -«
    »Nicht ganz so lange ist es her!« meinte der Vetter Just; doch Irene
Everstein, seinen Arm nehmend, rief:
    »Für dich und - deine Braut wahrhaftig nicht, aber für uns andere. Sieh nur
den Fritz Langreuter an, wie er mir recht gibt und was für ein verrunzelt,
ernstaft, urväterlich Gesicht er zu seinem Seufzer macht. Gewiss und wahrhaftig,
ihr allein seid jung geblieben, Just und Eva; - kreischend lachen und jauchzen
wie wir konntet ihr nie; nun dürft ihr heute lächeln, und wir dürfen das jetzt
sowenig für eine Beleidigung nehmen als ihr damals unser Lachen. Nun komm aber,
Just, wir wollen dem Berliner Doktor hier endlich einmal wieder den Steinhof
zeigen; es ist doch hundert Jahre her - mehr als hundert Jahre, seit er durch
sein gastfreundlich-freudiges Tor einging. Wie oft er das freilich im Schlafen
und Wachen im Traum tat, kann ich nicht wissen.«
    Ja, da lag der alte Hof, der echte, rechte Bauernsitz, die deutsche
Heimstätte des gelehrten Bauern Just Everstein vom Steinhofe im vollsten Glanze
der Sommersonne, das heisst soviel augenblicklich, nachdem wir den altbekannten
Weg bis zu dem altbekannten Zaune zurückgelegt hatten, von ihm zu sehen war. Es
war die Zeit der Heuernte, und bis ans Dach, schier bis hinauf an das Fenster
der Giebelstube des Vetters lagen die duftenden Haufen aufgetürmt, und der
Zufuhr von allen Seiten schien kein Ende zu sein.
    »Auf unserem steinigen Ackerlande bauen wir wie sonst, was darauf passen
will,« seufzte der gelehrte Bauer, um sodann behaglich hinzuzufügen: »Ja, da ist
der Steinhof wieder, Fritz Langreuter, und ich glaube, ich habe nunmehr wirklich
daraus gemacht, was zu machen war. Man will sich eben immer von seinen liebsten
Freunden am liebsten loben lassen, sei es wegen seines Lateins, seiner
Matematik oder seiner Landwirtschaft. Also lobe mich nur dreist heraus. Mit
meiner Vorfahren Ackerboden habe ich auch mit allen meinen amerikanischen
Erfahrungen wenig anzufangen gewusst; aber an eine rationelle Ausnutzung unseres
Wiesenlandes hatte vor mir keiner gedacht; ich aber habe manchen guten Morgen
zugekauft, und es trägt sich aus.«
    Lächelnd stiess er mich in die Seite:
    »Du weisst es ja wohl, dass ich immer eine Vorliebe für das grüne Gras und das
weiche Heu gehabt habe, nämlich für das Langhin-drein-sich-Legen. So kommt man
denn stets zu seinen Lieblingsneigungen zurück; - lache nur, Horaz hat's:
Naturam expellas furca und so weiter, soviel Latein weiss ich noch! Das war ein
Satz bei Römern und Griechen und ist es auch bei uns Neuen geblieben. Klettre
über, wühle dich durch; - die Haustür findest du hinter dem Haufen an der alten
Stelle, und hör nur - da sind sie in gewohnter Weise scharf in der Unterhaltung
- gegeneinander. Taub sind sie alle beide ein bisschen, und zu sagen haben sie
sich natürlich immer was - Jule Grote und Mamsell Martin meine ich! Na, auf das
Gesicht freue ich mich, was meine Alte über dich machen wird. Weisst du noch, für
das liebe Fritzchen drüben von Werden hielt sie immer eine Extrapartie von
Pfeffer, Salz und Essig in ihrer Natur bereit; denn darauf liess sie sich jeden
Tag totschlagen: wenn ein Mensch und nichtsnutziger studierter Taugenichts von
Jungen den dummen Jungen, ihren Just, auf dem Gewissen hatte, so warst - du
das.«
    »Ist das wahr, Irene?« fragte ich, mich zurückwendend, doch die Freundin war
uns im Rücken abhanden gekommen, ohne dass ich es gemerkt hatte.
    »Das ist jetzt ihre Art so«, sagte der Vetter Just, »sie wird sich schon
wiederfinden lassen. Hättest du es wohl für möglich gehalten, dass die Gute,
Wilde so lärm- und menschenscheu hätte werden können? Aber sie hatte verweinte
Augen! Ihr habt wohl schon die paar Augenblicke der Unterhaltung am Wege nach
Möglichkeit ausgenutzt? Das ist recht, denn im Grunde habe ich dich dazu
hergerufen; aber nun komm fürs erste ins Haus und sieh zu, ob du die alte
Herberge am Wege noch wiedererkennst. Glaube nicht, dass mir das etwas
Natürliches und Selbstverständliches ist. Einen um den anderen Morgen wache ich
auf und wundere mich, mich so wieder zu Hause zu finden. Naturgeschichtlich
besteht es ganz und gar nicht zu Recht, dass jeder Vogel wieder in dasselbe Nest
fällt, in welchem er flügge geworden ist, sondern ganz im Gegenteil.«
    »O Vetter, da sprichst du ein trostreiches Wort aus!« rief ich. »Und das
beste für uns andere ist, dass du, du das sagst! Was kümmert uns denn da noch
Schloss Werden? Wie sehr es da spukt, das glaubte ich gestern erfahren zu haben,
als man mich bat, als Gelehrter mit dem Gespenst zu reden; aber in Wahrheit
erfahre ich es erst jetzt. Mit Geistern soll sich der Mensch herumschlagen, aber
die Gespenster mag er sich selber überlassen. Was geht uns Schloss Werden an;
denn wie würden wir an jeglichem Morgen erwachen und uns wundern, uns daselbst
wieder zu Hause zu finden?!«
    »Irene auch, und das ist das allerbeste!« sprach der Vetter Just, und wir
stiegen durch das Heu, die durch die Sommersonne in Wohlduft und Nutzen
verwandelte Wiesenschönheit des Jahres. Noch einmal dachte ich an den gestrigen
Weg über den verwilderten, verwüsteten Schlosshof zu der Tür von Schloss Werden,
dann aber nicht mehr; der Steinhof nahm mich ganz gefangen.
    »Mit Fräulein Martin bist du ja erst neulich zusammengetroffen, und ihr
kennt euch also noch; aber mit dir ist es etwas anderes, Jule. Komm her, Alte,
und betrachte dir den Gast genauer. Wer ist das? Wer kann es sein?«
    Die Greisin hielt die Hand über die blöden Augen; doch schon platzte der
Vetter heraus:
    »Das Fritzchen ist's! Der kleine Fritz Langreuter von Werden! Wer könnte es
denn sonst anders sein?«
    »I du meine Güte!« schrillte der verrunzelte, graugelbe, weisshaarige
Schutzgeist des Steinhofes, und mit dem Ton wachte auch der Rest von dem auf,
was an Jugenderinnerungen auf dieser Erdstelle bis jetzt für mich noch im
Schlafe gelegen hatte. Was waren alle Heimchen an dem sonnigen Feldwege von
Bodenwerder herauf gegen diese aus der Vergangenheit hervorzirpende
Altweiberstimme? Aus allen Winkeln und Ecken nicht nur des Hausflurs, sondern
des ganzen Hauses hallte es gesprochen, und dass ich jetzo wiederum darauf komme,
das Sixtus in Empfang nahm, wenn er mit dem gesamten Eiersegen aus den
Hühnerställen des Steinhofes in den Taschen sich harmlos, aber dreist auf den
Heimweg machte und noch unter der Pforte von der Hüterin des umfriedeten
Bezirkes ertappt wurde. Wer je einen erhitzen Gemütes abgezogenen Holzpantoffel
gegen eine verriegelte Tür pochen hörte, dem lebt der Hall auch wieder auf, wenn
er die Klopferin nach Jahren wiedererblickt und die nämliche Fussbekleidung
griffgerecht an ihren Füssen. »Es hilft uns nichts, Fritze, sie trommelt uns
heraus«, pflegte der Vetter Just in der Giebelstube zu sagen. - Ja, da stand
sie, Gott sei Dank, noch in ihren Schuhen, und nun schlug sie die Hände vor dem
Leibe zusammen, dass es gleichfalls den alten trockenen, knöchernen Hall gab, und
seufzte herzzerbrechend, aber doch, wie es mir schien, mit einem gewissen
Behagen:
    »Ach, du liebster Gott, also das ist er wirklich? Ach, und ist wirklich aus
einem so überstudierten Jungen ein so gelehrter Herr und Herr Doktor geworden?
Ach, und du liebste Barmherzigkeit, Herr Fritz, und - so dünn! - Nehmen Sie es
nur nicht übel, Herr Doktor Fritz; je ja - je ja, es ist mir ja wirklich eine
rechte Herzensfreude, aber recht schlecht und kümmerlich muss es Ihnen doch wohl
da draussen in der Welt ergangen sein? Je ja, das ist so, wenn der Mensche dem
lieben Herrgott zu genau in die Karten gucken will; da vernachlässigt er denn
seine Leibesnahrung, zumal wenn ihn auch keiner daran erinnert, dass es Klocke
zwölfe am Mittage ist, wie ich meinen Just da, der sonst auch wohl als Faden
sich durch 'n Stopfnadelöhr ziehen lassen könnte. Das habe ich ja immer gesagt,
wenn Sie sonst hier auf den Steinhof kamen und mein Just jedesmal das Fieber
nach Ihnen kriegte. Just, habe ich gesagt, wie kann so 'nem Jungen was
anschlagen? Den setze du in 'n Fettpott, und er bleibt, was er ist; an den kommt
nie in seinem ganzen Leben was Rechtes. Wenn ich dem seine Mutter wäre, so
schliefe ich keine Nacht aus Angst um ihn. Also, wenn du denn gar nicht von ihm
lassen kannst, Just, so nimm dir zum wenigsten ein Exempel an ihm! Ja, je ja, so
habe ich dunnemalen in den Wind gesprochen, und dass ich jetzo wiederum darauf
komme, das tue ich nur, weil dem Menschen in seinem Vergnügen manches hingeht,
was man sonst wohl krumm nimmt, wenn einer kein Blatt vor den Mund nimmt. Und
das ist meine Rede, Herr Fritze, Herr Doktor Fritze, ich freue mich gewiss und
sehr, dass ich Sie endlich doch noch mal erblicke; und wie es Ihnen auch draussen
in der Fremde ergangen sein mag, auf dem Steinhofe sind Sie immer willkommen,
und nun kommen Sie nur wie sonst recht oft nach dem Steinhofe; meinen Jungen,
den Just da, verführen Sie mir jetzt nicht mehr; wir aber wollen es mit Pläsier
versuchen, ob sich denn gar nichts an Sie heranfuttern lässt! Ihre Frau Mutter
habe ich doch auch gut genug gekannt und gern gehabt, nach Ehren strebe ich
nicht, aber das wäre mir doch was wert, wenn sie mir dermaleinst da oben die
Hand gäbe und sagte: Jule Grote, Sie hat an allem, was mit Ihrem Just gut Freund
gewesen ist, getan, was Sie konnte, selbst wenn sie es nicht verdient haben wie
viele aus Bodenwerder und sonst hier aus der Umgegend, die ich jetzt hier nicht
in den Mund nehmen mag; aber an meinem Jungen, dem Fritz, da hat Sie Ihr
allermöglichstes getan, und jetzt komme Sie nur her, dafür will ich Sie jetzt
hier bekannt machen; denn die Besten, die von unten heraufkommen, sind zuerst
immer ein bisschen fremd - das ist überall so.«
    Nicht das kleinste Wörtchen, kaum ein zustimmender Gestus war in diese
Begrüssungsrede einzuschieben gewesen. Wie der gelbe Heimatsfluss beim Eisgange
rollte her, was Jule Grote zu meiner Bewillkommnung auf dem Steinhofe
vorzutragen hatte.
    Der Vetter Just stiess mir nur bei jedem Komma und Atemholen den Ellenbogen
in die Seite, was nichts weiter hiess als: Siehst du wohl? Ganz die Alte! Was
wäre das alte Nest, der Steinhof, ohne die Alte! - Ich aber hätte die Alte bei
jeder neuen Wendung und vorzüglich da, wo sich die Schollen
aufeinanderzuschieben drohten, beim Kopf und Kragen nehmen mögen, um sie
abzuküssen wie keine Jüngere im Lande.
    Und dazu brotzelte es vom Küchenherde her, und alles war voll Heuduft; und
Frau Irene und ich waren die einzigen, die nicht in Hemdärmeln auf dem Steinhofe
herumwirtschafteten. Es war ein heisser Sonnentag mitten im Sommer und in unserem
Leben; aber die Sonne war doch das Beste in der Welt, und wer sie nicht ertragen
mag, der mag sich einfach vor der Zeit begraben lassen. Es sind aber auch nur
diejenigen, welche auch hier unten »fremd« bleiben, wie Jule Grote sich
ausdrückt, die die Sonne nicht vertragen können.
    Aber ein drittes Wesen, das gleichfalls nicht in Hemdärmeln einherging,
hatte ich eben doch vergessen aufzuzählen. Zugeknöpft bis an den Hals, sowohl
was das Kostüm als was die Gemütsstimmung anbetraf, setzte mir jetzt
Mademoiselle Martin aus Nanzig einen Knicks hin - vor der Welt, um mich sodann
mit zupackendstem, nicht den geringsten Aufschub zulassendem Interesse in den
Winkel zwischen Stubentür und Wand zu ziehen und zu flüstern:
    »Et l'autre?! Der andere?! Wo ist der andere? Was denkt sich der andere? Was
tut der andere?«
    »Der andere? Ewald?... Ewald Sixtus?«
    Die alte Dame hielt meinen Arm und schüttelte mich, wie sie mich nie in
meiner Jugend auf Schloss Werden geschüttelt hatte:
    »Ah - oui - ich werde wie gebraten hier auf heissen Kohlen, und da kommt
dieser, und ich halte ihn, und er sieht mich dans mon angoisse, und ich
schüttele ihn, und er - fragt!«...
    »Ach Mademoiselle«, seufzte ich, »der andere fragt ebenfalls. Vor allen
übrigen fragt er auch Sie, was er mit Schloss Werden anfangen soll. Wir haben
gestern um diese Tagesstunde alle Türen dort aufgeschlossen; aber einen Eingang
haben wir darum doch nicht gefunden. Am hellen Mittage haben wir grosse Furcht
gehabt -«
    »Und ich weiss schon, was ich ihm sagen werde; aber der vaurien, der
Taugenichts, muss selber zu mir kommen. Was schickt er einen anderen hierher,
wenn der gute Gott ihm auch zwei Beine hat anwachsen lassen! Aber es war immer
so! Nur wo er einen Unsinn konnte ausüben, kam er selber; - wo es galt, nach der
raison zu handeln, musste man ihn immer suchen.«
    Selten war mir zwischen Tür und Angel ein nur annähernd gleich trostreiches
Wort gesprochen worden wie dieses letzte der atemlosen, vor Hast und Erregung
zuckenden soeur ignorantine, die gottlob so genau Bescheid wusste. Aber unsere
Privatunterhaltung war jetzt zu Ende für den Augenblick; - es war wieder einmal
Essenszeit auf dem Steinhofe, und alles Hofvolk stieg durch das Heu und kam,
seinen Platz an dem Tische einzunehmen, den der Vetter Just Everstein durch die
alte Stube auf feste Eichenfüsse von neuem hingestellt hatte: zwei Bänke von
Tannenholz die Langseiten entlang, ein Schemel für den Hofjungen und ein
Holzstuhl mit einer Lehne für den Herrn. Es konnte in ganz Germanien keine
vornehmere Hoftafel abgehalten werden!
 
                              Vierzehntes Kapitel
Die Nacht war still, und ich überdachte den ersten Tag, den ich wieder auf dem
Steinhofe zugebracht hatte. Die Nacht war ungemein still, und, Gott sei Dank,
auch in mir ging's nicht aussergewöhnlich lebhaft und lärmhaft zu. Was übrigens
in dem gewohnten Laufe der Dinge und Stimmungen in der Welt durchaus nicht so
hätte sein dürfen, denn ich befand mich in dem Hause meines ausserordentlich
glücklichen Freundes, und der Vetter Just hatte mir wiederum viel von der
Vortrefflichkeit des Preises, der mir entgangen ist, gesprochen. Ich aber kann
darüber nur sagen, was ich schon gesagt habe, und da es eine Nacht der
Wiederholungen war, so will ich es auch an dieser Stelle noch einmal zu Papiere
bringen: ich gönnte dem Vetter aus vollstem Herzen alles Gute, Liebe und Schöne,
das er, weil er's verdient hatte, sich gewonnen hatte - so kurz noch vor
Torschluss! Von alten Nestern handeln diese Lebenshistorien: die Zeiten, wo wir
sie jung ins Grüne bauten, die waren für uns alle lange, lange vorüber; aber
Just Everstein und Eva Sixtus wurden ein stilles, solides Paar, auch ein
stattlich Paar und eine Krone der Gegend. Eine Herrin gehörte noch an die
fürstliche Tafel, die der Bauer vom Steinhofe Punkt zwölf Uhr mittags
öffentlich, das heisst bei offenen Türen hielt, und wer hätte den Platz
währschafter und freundlicher auszufüllen vermocht als die jetzt so stattliche
Jungfrau vom Försterhofe zu Werden - meine rehhafte, leichtfüssige, liebliche
Jugendliebe?!...
    Ich war aber auch dem Stadtrat Bösenberg aus Finkenrode nicht umsonst
unterwegs begegnet; ich hatte nicht umsonst mit ihm gefrühstückt in Finkenrode:
Stadtrat zu Bodenwerder wurde ich mein Lebtage nicht und noch viel weniger
Bürgermeister daselbst. Die den Ort sonst betreffenden historischen Studien
hatten mir der Justizamtmann Bürger zu Göttingen und der Obergerichtsrat
Immermann in Düsseldorf schon längst vor der Nase weggefischt. Um es mit ein
paar kurzen Worten auszudrücken: mein Name war Dr. Langreuter, der irische
Baukünstler Ewald Sixtus hatte mich nur für einige Wochen aus einem mir völlig
angemessenen Lebensberuf weggeholt, und ich gehörte einfach nach Berlin und
nicht nach Dorf Werden; letzteres ebensowenig wie der internationale Ingenieur
Ewald Sixtus nach dem dort noch befindlichen, aber sehr zur Ruine gewordenen
Herrensitz der Grafen von Everstein.
    Ich lag lange in dieser Nacht im offenen Fenster auf dem Steinhofe, und die
Kühle war sehr erfrischend und die Monddämmerung sehr wohltätig nach dem heissen,
blendenden Heumondstage. Sie hatten ihr Heu wohl meistens glücklich unter Dach
gebracht, aber der Duft davon durchzog noch immer angenehm, wenngleich etwas
betäubend die Nacht; ich aber konnte zu keiner besseren und günstigeren Zeit als
zur Zeit der Heuernte auf dem Steinhofe wieder zu Gaste sein. Es ist immer ein
anderes, wenn die Wiesen in voller Pracht und Blüte stehen, mit seinen
Illusionen und Herzensneigungen abzuschliessen, und ein anderes ist's, zur Zeit
des Heumachens anderer seine Lebensruhe sicher und trocken unter Dach zu
bringen. Was dabei meine Gemütsstimmung nicht verschlechterte, war die im
Verlauf des Tages gewonnene feste Überzeugung, dass auch zwei anderen Leuten und
lieben Freunden sich der Pfad sanft abwärts führend viel leichter glätten werde,
als sie augenblicklich noch, beide für möglich hielten.
    Ich hatte dem jetzigen Herrn von Schloss Werden mein Wort gegeben, ihm in
dieser Nacht sofort zu schreiben: ich wusste, dass der Mann und wilde Irländer in
der Försterei zu Werden ebenfalls wenig schlief in dieser Nacht, hatte mir auch
gewissenhaft einen Briefbogen zurechtgelegt und dem Vetter Just sein Tintenfass
mir aus seiner Giebelstube geholt; aber - wozu eigentlich immer selber stets
Wort halten in einer Welt, in der es einem selber so häufig nicht gehalten wird,
sowohl vom Wetter wie vom Schicksal?... Ihrem Schicksal entgingen sie - Ewald
und Irene - darum doch nicht; was ich aber brieflich mitteilen konnte an den
Freund, war wenig und hatte in der Tat vollkommen Zeit bis morgen. Wie sich das
stolze Herz der Frau noch sperrte und flatterte und mit den Flügeln schlug, das
liess sich doch nur schwer mit des Vetters schlechter Dinte und noch schlechterer
Feder hinschreiben, und dazu hatte der Vetter selbst mich vom Schreiben
abgehalten. Er war ganz meiner Meinung gewesen; aber bis über die Mitternacht
hinaus hatte er bei mir gesessen und die Sache immer wieder von einer anderen
Seite her beleuchtet und geredet wie der ausserordentlichste Professor der
Psychologie.
    Der irländische Baumeister Ewald Sixtus hatte manche Nacht durchwacht, um
Schloss Werden sich zu gewinnen; weshalb sollte er nicht die eine und die andere
Nacht durchwachen, um zu dem Entschluss zu kommen, es wieder aufzugeben?
    »Gute Nacht, Just. Dein Schreibzeug lässt du mir wohl bis morgen früh?«
    »Ist denn noch Dinte drin? Wohl mehr tote Fliegen und dergleichen?« fragte
der Vetter, lächelnd sich hinter dem Ohre kratzend. »Lieber Bruder, die Zeiten
haben sich ganz besonders in dieser Hinsicht sehr geändert. Ich habe schon
mehrmals einen reitenden Boten nach Bodenwerder schicken müssen, um mir den
notwendigen Tropfen zu einer Namensunterschrift holen zu lassen.«
    Ich stiess den Federstumpf durch den Schimmelüberzug und fand noch genügendes
schwarzes Nass, um aller Welt Glück und Leid dreintauchen zu können und meine
Ansicht, Meinung, Weisheit und guten Ratschlägen dazu; der Vetter war gegangen,
und ich hatte - die Feder neben den Briefbogen gelegt und mich in das Fenster.
    Was konnte ich eigentlich dem Freunde in Werden schreiben?
    Dass ich sie in der heissen Sonne am Wege sitzend fand, dass sie in der
Abenddämmerung an meinem Arm durch die Felder wandelte, dass sie viel und hastig,
aufgeregt und verworren sprach, und ganz und gar nicht wie ein Professor der
Psychologie? Dass wir bis spät in die Nacht hinein in der Gesellschaft des
Vetters Just im Baumgarten sassen, und zwar sehr still? Dass ich noch eine
Viertelstunde zwischen Jule Grote und Mamsell Martin auf der Bank vor dem Hause
hockte und dass ich die beiden guten Alten reden liess, ohne sie nur ein einziges
Mal zu unterbrechen? Dass alles in der Welt von den verschiedensten Seiten
angesehen werden kann? Dass aber, gerade weil dem so ist, alles auf Erden viel
offener und sozusagen wehrloser daliegt, als der Mensch in seiner täglichen
Verwirrung sich einzubilden pflegt? Dass der Mensch viel zu häufig Furcht hat?
Dass es im Grunde keine Gespenster gibt - auch in und um Schloss Werden nicht? Dass
die Nacht wundervoll klar und lieblich war und dass die Nachtkühle
ausserordentlich beruhigend auf den Menschen wirkte und dass es trotz alle-,
alledem sehr leicht sei, über mittelalterliche Geschichte, und sehr schwer, über
das lebendige Leben der Gegenwart zu schreiben?
    Mit der letzteren Bemerkung begann ich selbstverständlich am folgenden
Morgen meinen Brief und schloss ihn mit einer ganz ähnlichen.
    »Ich reite wie gewöhnlich erst diesen Abend hinüber«, sagte der Vetter Just,
dem ich die Lektüre gern gestattet hatte. »Offen gestanden, Fritz, ich glaube,
einen expressen Boten brauchen wir nicht damit hinzuschicken. Recht hübsch,
Fritze!... Und dass euch euer Abendspaziergang, ganz ohne dass ihr es merktet, dem
Flusse zuführte und dass ihr erst auf den letzten Hügeln umdrehtet, nachdem ihr
längere Zeit nach den Bergen gegenüber ausgeguckt hattet - ist auch - recht
hübsch, Doktor. Wenn du meinst, dass die Sendung Zeit hat bis zum Abend, so
kannst du dich darauf verlassen, dass ich deine Schilderungen dem armen Teufel
drüben getreulich überliefern werde. Übrigens - wenn ein Mensch auf eine prompte
Korrespondenz gar keinen Anspruch hat, so ist das unser braver Freund Ewald auf
Schloss Werden. Jetzt entschuldige mich freundlichst bis Mittag, Wir haben gerade
heute einen ziemlich scharfen Arbeitstag vor uns. Bekümmere du dich um nichts
als die Frau Irene und lass dir soviel als möglich von ihr Gesellschaft leisten.
Über mittelalterliche Geschichten lässt sich wohl besser und leichter schreiben;
aber in dem lebendigen Leben der Gegenwart stecken wir eben drin und haben uns
durchzufühlen. Ich drücke mich wohl schlecht aus?... Aber - nimm es mir nicht
übel, ich spreche nur nach, was du geschrieben hast, und in deinem Briefe an
Ewald steht wirklich wenig von dem, was wir augenblicklich an uns und in uns und
in der allmächtigen Schicksalswelt um uns erfahren. Dein Brief ist sehr nett und
sehr freundschaftlich und sehr ausführlich - du hast den gestrigen Tag gut
geschildert, und dass er zwischen den Zeilen wird lesen können, das ist noch
besser; aber das beste und einfachste wäre meiner Meinung nach - sie ginge
einfach zu ihm.«
    Das Wort kam wie etwas so Selbstverständliches heraus, so ruhig und
sozusagen gemütlich, dass ich im Anfange glaubte, mich verhört zu haben:
    »Was sagtest du, Vetter?«
    »Ich bin bei eurer ersten Unterhaltung gestern auf dem Feldwege nicht
gegenwärtig gewesen; aber das war auch gar nicht notwendig. Wenn einer weiss, wie
dem anderen in seiner Verwirrung zumute ist, dann weiss er auch, welche Worte er
gebraucht, um sich Luft zu machen; vorzüglich wenn er ihm ein jedes an den
rotgeweinten Augen absieht. Bei einem lachenden Gesicht ist es freilich schon
schwieriger, und dass ein Menschenelend wahr ist, erkennst du viel leichter, als
wie ob ein Glück und Jubel dir nur als Komödie aufgeführt werde. Lache nicht
über den Bauer vom Steinhofe, der ein Gelehrter werden wollte und es wirklich
einmal für eine Zeit zum Schulmeister gebracht hat. An sich selber muss der
Mensch in Erfahrung bringen, wie es dem anderen zumute ist, und in dieser
Hinsicht glaube ich das Meinige gelernt zu haben.«
    Es war nicht das erstemal, dass der Mann es sich ausbat, dass man nicht über
ihn lache. Es lohnte sich also nicht der Mühe, ihm noch einmal hierauf die
gehörige Antwort zu geben. Wir sassen in seiner Giebelstube am Tisch; die Wände
und die schräge Decke waren dieselben geblieben. Ich war wieder ein Knabe, ein
Kind; im Grasgarten unter den Kirschbäumen trieben die anderen als Kinder ihr
Spiel, und ihr helles Lachen und Jauchzen drang zu uns her; und - es war
geblieben, wie es schon damals war: nur der Vetter Just achtete darauf in sich
selber nach der richtigen Weise, wie ihm und der Welt ums Herz war.
    »Verlass dich drauf, Fritz, sie will zu ihm, und weil sie Angst hat, dass es
zu spät sei, schiebt sie die Schuld auf die Ruinen, die zwischen ihm und ihr
liegen. Auf das alte brave Nest, Schloss Werden, gebe ich dabei gar nichts; aber
ihr kommt es zupass. Sie möchte es in ihrer heutigen Ratlosigkeit um alles in der
Welt nicht anders haben, als wie es jetzt daliegt. Das kommt ihr gerade recht!
Das ist der Nagel, an dem sie ihren Weiberstolz am bequemsten aufhängen kann, um
ihn zu schonen! Und Kinder sind sie alle beide, so weit sie in den Jahren
vorangekommen sein mögen. Wie sie heute in sich hineingraben, ist ihnen keines
der goldenen Schlösser, die sie (und du auch, Fritz Langreuter!) in die
berühmten italienischen Nussbüsche in Werden hingen, so lieb wie der Zorn und die
verhaltene Reue von heute. Du willst wissen, was sie dir gestern gesagt hat?...
Hat sie dir nicht in einem Atem von ihrem Alter, ihrer Armut und ihrem Stolze
gesprochen? Sie, welche die Jüngste von uns allen ist und soviel zu verschenken
hat und alles so gern hergäbe, wenn nur das Schicksal sie wie ein verweintes
Kind an der Hand nehmen und führen wollte. - Hat sie nicht gesagt, dass sie alles
begreift und würdigt, was ihr Freund nur in dem Gedanken an sie erarbeitet und
getan hat? Dass sie mit klopfendem Herzen ihm dafür dankbar ist, hat sie wohl
nicht gestanden - das umschreiben die Weiber immer am liebsten oder drücken es
anders aus, zum Exempel durchs Gegenteil, und das letztere hat auch sie getan.
Nämlich, dass sie um keinen Preis der Welt sich durch ihn demütigen lassen könne,
hat sie gesagt. - Wenn es nicht schade wäre um jeden Tag, den sie unnützerweise
dadurch verlieren, so könnte man wirklich einfach darüber lachen... und sich
ärgern! Sag mal, Fritz, glaubst du nicht auch, dass der Ärger die einzige
wirklich konservierende Zutat in unserem irdischen Zustand ist? Ich habe darüber
nachgedacht; im höchsten Schmerz, im edelsten Zorn und Kummer schmeckt man ihn
durch. Er ist, wie das Salz, das Gemeine oder Allgemeine, aber doch das, was
unter allen Umständen dazu gehört. Schicksal kann man nicht spielen; ohne Ärger
kommt man nicht aus - in seinen Einbildungen lebt man warten, warten muss man -
heute wie morgen - auf das, was mit einem geschieht: in das Glück kann sich kein
Mensch unterwegs retten, so fallen die Besten und Edelsten in die Entsagung, um
nicht dem Verdruss zu verfallen, und das ist der Fall heute mit Ewald und Irene.
Wenn aber einer von uns zweien hier am Tisch sagt: Es schmerzt mich!, so könnte
er dreist ebensogut sagen: Ärgert mich nicht! - Und jetzt siegele ruhig deinen
Brief zu, du hast es wirklich sehr hübsch ausgedrückt, wie dir zumute war, als
du nach längerer Abwesenheit zum erstenmal wieder den Steinhof besuchtest.«
    »Just!« klang es vom Hofe her in unser offenes Fenster.
    »Hier sitzt er, Jule! Was soll er?«
    Neben dem Brunnen stand die Alte in der Sonne, blinzte unter übergehaltener
Hand vor zu uns empor und brummte:
    »Jawohl sitzt er da! Als ob ich das nicht wüsste! Sowie der andere wieder im
Lande ist, geht richtig das alte Elend augenblicks wieder von frischem an; na,
ich weiss schon, Herr Langreuter, und will auch nichts Despektierliches gesagt
haben. Aber, Just, im Lämmerkampe weiss kein Mensch mehr, wo er mit sich hin
soll, und so haben sie sich lieber allesamt unter die Bäume gelegt und warten,
dass der Meister kommt und nach ihnen sieht. Und mit der Steinfuhre für den neuen
Schweinekoben sind sie am Tillenbrinke vermalhört. Da liegt die ganze
Prostemahlzeit, Schiff und Geschirr im Graben, wie der Junge sagt, und bis jetzt
haben sie nur die Pferde ausgespannt und sitzen und besehen sich die
Angelegenheit, sagt der Junge. Nach dem Herrn Doktor aus Berlin aber sucht sich
Mamsell Martin schon stundenlang die Augen aus dem Kopfe; mir flackert das Feuer
in der Küche unter den Händen weg und brennt mir auf den Nägeln; und so geht
denn alles wie gewöhnlich ja recht hübsch kopfunter, kopfüber.«
    »Da hast du es, Fritz!« meinte der Vetter, ein wenig kläglich lächelnd. »Der
Mensch mag sich noch so sehr abarbeiten, um ein anderer zu werden, das
Durcheinander um ihn her bleibt immer dasselbe, und alle Erfahrung und der beste
Wille richtet wenig dabei aus. Wieviel Zeit von seinem eigenen Tage behält man
übrig für die Bedrängnisse der anderen? Jetzt geh du nur hin und erhalte der
treuen Seele, der Mamsell Martin, ihre guten ängstlichen Augen, mich ruft das
Schicksal zuerst nach dem Tillenbrink und dann nach dem Lämmerkamp. Das ist ganz
richtig, weg läuft mir niemand dort. Sie liegen allesamt ganz behaglich und
warten, bis ich komme.«
    »Und durch die Abendkühle reitest du nach Werden. Das ist dein Trost, und
zwar ein recht behaglicher.«
    »Ja!« sagte der Vetter Just leise und innig und fasste meine Hand. »Es ist
so. Und wenn mir manchmal in allem Behagen etwas melancholisch zumute wird, dass
ich in meinem und meiner Eva Glück doch eigentlich nur auf die beginnende
Dämmerung und Kühle des Abends angewiesen worden bin, so tröste ich mich: Wir
bleiben eben länger jünger als die anderen!... Und nun, alter Freund, hänge noch
ein Postskript und guten Rat über das Jungbleiben an deinen Brief. Ich trage ihn
dann noch einmal so gern hinüber heute am Abend. Wenn nachher wieder die Rede
auf Schloss Werden kommt, weiss man dann doch etwas genauer, was man sagen kann.
Dass es mir immer lieb gewesen ist, wenn ein Wort das andere gab, das weisst du
ja.«
    Ich sah ihm von dem Fenster der Giebelstube aus nach, wie er über den Hof
stieg. Vom Tor aus winkte er mir noch einmal zu, und ich sah ihm nach auf dem
Wege nach dem Tillenbrink und seufzte:
    »Der hat wohl gut reden von seiner Jugend! Sind es bloss die grossen Künstler
mit Stift, Feder und Meissel, die die Welt festalten, während sie allen übrigen
entgleitet? Ich meine, solch ein Lebenskünstler, solch ein Mann des Lebens wie
der da, hat auch einen guten Griff. Was er fasst, lässt er so leicht nicht los,
und was er weitergibt, das reicht er weit in die Zeiten hinein. Welch ein
Kunstwerk hat dieser Mann aus seinem Leben gemacht - treuherzig! Und ist nicht
Treuherzigkeit das erste und letzte Zeichen eines wahren Kunstwerks? Was haben
wir ihm alles aufgebunden, wenn wir aus unseren Nestern im Grün zu ihm kamen.
Und er glaubte alles! Oh, welch ein weiser Mensch steckte in jenem Jungen, der
da am Wege über dem alten Bröder sass und Glauben hatte und sich wie von Schloss
Werden so von Bodenwerder zum besten halten liess und gelassen auf menschliche
Schicksale wartete. Aber Glück hat er auch gehabt, und - das ist und bleibt
gleichfalls in alle Zeit hinein der Trost und die Entschuldigung derer, die wie
die Fliegen und der gegenwärtige Doktor der Philosophie Friedrich Langreuter aus
Berlin an der geschlossenen Fensterscheibe kriechen.«
    Es fand sich in dem mit Fliegen, Staub und Schimmel mehr als gebührlich
gefüllten Dintenfasse des Vetters Just auch der schwarze Tropfen noch, mit dem
ich das angeratene Postskriptum an meinen Brief an den Freund in Werden hängen
konnte. Ich tat's, faltete das Blatt und liess es ungesiegelt; - Geheimnisse
meinerseits standen nicht drin, und der gute Rat, den der Vetter gab, lag wie
alles Echte und Rechte auf der Hand.
    Im Gemüsegarten fand ich dann Mamsell Martin, Raupen vom Kohl suchend. Sie
stellte diese Beschäftigung natürlich sofort ein, um sich einer ganz ähnlichen
an mir zu widmen:
    »Oh, monsieur, wenn ich es nicht tagtäglich mir vorsagte, dass auch ihr
Männer durch die sehr böse Welt kommen müsst und dass ihr es dann und wann à peu
près drin ebenso schlimm habt als wir anderen armen Frauen, so wäre es wohl
manchmal nicht auszuhalten mit euch. Sind Sie nur deshalb nach diesem Steinhof
gekommen, um meinem armen Kinde das Herz noch schwerer zu machen, monsieur
Frédéric?«
    »Oh, bestes Fräulein -«
    »Ich bin keines Menschen bestes Fräulein! Wir leben hier nicht auf diesem
Steinhofe aux bains. Wir sind hier nicht in Baden-Baden, Homburg oder
Aix-la-Chapelle! Wir wohnen hier nicht, um uns zu erholen de nos études und um
hineinzuschlafen in den Tag und um Ökonomie zu treiben mit dem Cousin Just. Wir
sind hier in grosser Angst des Lebens, mein armes Kind mit mir, wie auf einem
Steinfelsen im Meer, und um uns her ist nur, wie M. Victor Hugo sagt in den
Orientales: das Meer und stets das Meer, die Welle, stets die Welle! Und wo
Länderei - nein, Land ist, da sind für uns nur Ruinen, und es kann kein Mensch
und auch nicht Mademoiselle Julie verlangen, dass ich soll haben ein Interesse
für die Ökonomie auf diesem Steinhof. Eh!«
    Sie hatte sich noch mal gebückt und aus einem ganzen Nest ein fett, grün
sich ringelnd Geziefer von einem westfälischen Kohlblatt abgenommen.
    »V'là une du paquet!« rief sie mit ihrem unnachahmlichsten Nanziger
Klosterakzent, nämlich wenn die jungen Schulschwestern sich vollkommen unter
sich allein wussten. Mit spitzigen, dürren Fingern hielt sie das unselige Insekt,
und wenn sie einen Basilisken gefangen hätte, so hätte sie mir denselbigen nicht
mit stärkerem Grimm, Ekel und Widerwillen, aber auch nicht mit grösserer Energie
unter die Nase halten können.
    »Nur der ganz gewöhnliche, sehr gemeine Kohlweissling, Pieris brassicae,
Mademoiselle.«
    »Ja, monsieur, nichts weiter als das!«
    Das Gewürm flog zu Boden und wurde, fast ehe es daselbst anlangte,
vermittelst der Schuhsohle aus der Reihe der Lebendigen weggewischt. Die soeur
ignorantine trat mit böse aufgerafften Röcken über die nächsten Kohlköpfe hinweg
und hinein in den Gartenweg. Wie eben die Raupe hielt sie jetzt mich, doch
glücklicherweise nur am Arm.
    »Da war auch die Altesse - die Durchlaucht - o diese Durchlaucht, die auch
unser Cousin war und uns besuchte und sehr gut zu uns sprach und auch mit für
uns sorgen wollte und - sous cape - unser armes, liebes Kind mit in sein armes,
kleines, kleines Grab brachte, welches sehr leicht war und sehr wenig kostete,
weil schon der gute Vetter Just, monsieur Just Everstein, das kleine Kind in
seinen kleinen Sarg gelegt hatte. Was hat monsieur le prince weiter von sich
hören lassen? Nichts hat er von sich hören lassen. Was hat er für uns getan?
Nichts hat er für uns getan!«
    »Was sollte er auch für uns tun?« fragte eine ruhig traurige Stimme hinter
uns. Irene hatte sich uns unbemerkt genähert; es kam nichts weiter von dem, was
Mademoiselle Martin auf der guten, gequälten Seele hatte, zum Vorschein, sie
liess auch meinen Arm frei und seufzte nur noch:
    »Oh, mon Dieu! Nun hab ich mir wieder einmal die Zunge angebrannt!«
    Aber Irene hielt nur meine Hand fest; sie stand mit gesenktem Haupt, ohne
weiter etwas zu bemerken. Sie hatte keine Heimat, aber sie wusste, wo sie zu
Hause war; und (der Vetter Just hatte vollständig recht!) das einfachste war,
dass sie hinging, wohin sie gehörte oder - geführt wurde. Sonderbar ist es und
bleibt es, dass wir Menschen immer nur im höchsten Notfall auf unser Schicksal
zurückgreifen, das heisst davon reden. Wir schämen uns unseres Schicksals, und in
das grosse Geheimnis hinein hängen alle Wurzeln unseres Daseins.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Ich sitze da am Fenster in meiner Stube in der grossen Stadt Berlin. Über meine
Gasse hinweg habe ich die Aussicht in eine andere. Hunderten, ja Tausenden von
Menschen, welche die letztere passieren, kann ich ins Gesicht sehen, wenn ihr
Weg so führt und wenn es mir Vergnügen macht. Ein Vergnügen macht es mir jedoch
selten. Aber eine gewisse Regelmässigkeit des Verkehrs macht sich auch hier
geltend. Es kommt immer zur gegebenen Stunde alles wieder, wie es von seinem
Geschick geleitet wird, einerlei ob es sich der Abhängigkeit von demselben
schämt oder nicht. So sind mir denn allgemach viele Gestalten und Gesichter
vertraut und sozusagen zu unbekannten guten Bekannten geworden; aber nur ein
einziges immer heiteres, lachendes, glückliches Gesicht kenne ich darunter, und
das ist das eines blinden Knaben, der am Arme seiner Mutter täglich gegen zehn
Uhr morgens die Strasse hinunter kommt oder geführt wird, um bei einem
Musiklehrer in meiner Nachbarschaft eine Unterrichtsstunde im Geigenspiel zu
nehmen. An diesen Knaben musste ich an diesem sehr unruhevollen Tage auf dem
Steinhofe fortwährend denken, und ich sprach auch zu Irene von ihm im Schatten
der Obstbäume des Grasgartens.
    »Das Kind ist allmählich ein alter Bekannter von mir geworden. Ich sehe es
wachsen und allgemach zum Mann werden. Es wächst jedes Jahr einmal aus seinem
Rock und seinen Hosen heraus, aber es schämt sich keines Zustandes. Es lässt sich
wachsen -«
    »Und bleibt auch als Mann und Greis ein blindes Kind. Das einzige glückliche
Gesicht unter Hunderttausenden! Armer Freund, weshalb redest du mir davon? Zum
guten Exempel ist solche Heiterkeit doch wohl nicht in die Welt gesetzt! Willst
du mir gar zu allen anderen übeln Eigenschaften auch noch den Neid rege machen?
Worüber lachst du nun?«
    »Nie über dich, arme Freundin; höchstens über dich und meinen braven
tapferen Freund und Gespensterseher, den Herrn Ingenieur Sixtus auf Schloss
Werden. Übrigens kommt ihr beiden Helden schon einmal vor, und zwar in der
Geschichte vom Hörnernen Siegfried in den deutschen Volksbüchern. Man kennt auch
eure Namen und gibt sie seit tausend Jahren von Jahrmarkt zu Jahrmarkt weiter.
Jorkus und Zivilles heisst ihr da. Mich nennt man einen Gelehrten, und hier nehme
ich den Titel an, denn dies ist etwas, was ich in der Tat allgemach aus den
Quellen studiert haben muss und (es ist keine Tautologie, liebe Irene!) was ich
wirklich weiss. Willst du wissen, wie der Vetter Just, der kein Gelehrter, aber
dafür ein weiser Mann ist, sich ausdrückt?«
    »Was sagt der?«
    »Hasen sind sie alle beide; aber der feigste von beiden ist doch unser guter
Freund Ewald Sixtus - auf Schloss Werden.«
    »Das ist nicht wahr!« rief die Frau Irene, und aus ihren Augen funkelten
alle die alten Blitze, die uns in den Mauern und Gärten zu Werden so oft
heimgeleuchtet hatten, wenn wir zwei Jungen es den beiden Mädchen wieder einmal
zu toll gemacht hatten. Da sprangen die Neigung, die Liebe, ja die Zärtlichkeit
wie gewappnet hervor, und zornig flüsterte Irene Everstein: »Es weiss kein
anderer als ich, wie stark Ewald Sixtus ist und welch eine Tapferkeit dazu
gehört und welch ein Edelmut, dass er nicht kommt und sein Recht verlangt und
sagt: Du musst, armes Weib! Du bist in meiner Schuld, Irene, und du gehörst mir,
wie - Schloss Werden mir gehört. - Ich habe dir das aber schon gestern auf dem
Stein am Wege gesagt, und du - du handelst wahrlich nicht edelmütig an mir,
Fritz Langreuter!«
    Die Frau weinte und liess mich stehen. Als sie rasch von mir fortlief, war
auch das ganz wie in unserer Kinderzeit, als unsere Nester noch im Grün, im
Sonnenschein und Himmelsblau hingen; aber damals weinte sie nie, sie drohte
lieber über die Schulter zurück, und es war immer Ewald Sixtus, dem die erhobene
Kinderfaust galt. Ich aber wusste jetzt, dass es nicht nur das beste war, dass sie
zu dem Freunde ging, sondern dass sie sich schon auf dem Wege zu ihm befand. Aber
es war mir dazu auch von neuem bestätigt worden, dass der irländische Ingenieur
nicht nur ein sehr tapferer und starker Mann, sondern auch ein sehr schlauer
Mensch war, und alles dies in der rechten Weise, nämlich ohne dass er selber von
seinen Vorzügen im gegebenen Moment irgendwie genau Rechenschaft ablegen konnte.
Er war klug, ohne es zu wissen, und so ging er um Schloss Werden herum; er war
fest überzeugt, sich zu fürchten, und auf dem Steinhofe wurde man sofort sehr
böse und fing an zu weinen, wenn irgend jemand nur im mindesten an seine
Herzhaftigkeit rührte und den leisesten Zweifel darob kundgab.
    Lose hängen alle Kränze und Gewinste in dieser Welt über den Häuptern der
Menschen; auf wohlbedächtig gezimmerten Leitern aber steigt man nicht zu ihnen
empor, und die, welche die schönsten Kränze tragen, rühmen nie ihre eigene
Kunstfertigkeit und Ausdauer deswegen. Im Gewinn erkennen sie erst recht,
welcher linde Hauch, welche aura coelestis ihnen das Glück oder die Erfüllung
ihres Wunsches oder das grosse wirkliche Kunstwerk zuwarf.
    Etwas spät fielen die goldenen Äpfel in diesem Falle, aber sie fielen doch
noch; und abermals erwies es sich, dass wir in einer Welt unser Dasein führen, in
der es ebensowohl der Hauch des Todes wie der des Lebens sein kann, der die
Zweige bewegt und schüttelt.
    Erst am Mittage, nachdem der Vetter seine Steinfuhre am Tillenbrink wieder
aufgerichtet und im Lämmerkampe unter seinem Arbeitsvolk Ordnung gestiftet
hatte, bekam ich Irene von neuem zu Gesichte. Dies wird noch einmal ein Kapitel
der Wiederholung; ich aber kann wahrhaftig auch diesmal nichts dafür.
    Wieder die alte gute Bauernstube des Steinhofes! Wieder der lange nahrhafte
Tisch von dem einen Ende derselben bis zum anderen; und wir allesamt daran vor
den Tellern und Schüsseln: der Meister, die Knechte, die Mägde und die Gäste!
    Und wieder wurde der Vetter herausgerufen, ging mit dem guten behaglichen
Lächeln auf dem schweissglänzenden Gesicht und kam nach einer ziemlichen Weile
sehr erregt wieder herein. Still setzte er sich von neuem hin, nahm auch den
Löffel wieder zur Hand, aber legte ihn doch abermals nieder.
    Da jedermann ihn darauf ansah, sagte er zu den Leuten:
    »Esst weiter, Kinder.«
    »Was ist das denn, Just?« fragte Jungfer Jule Grote angstaft. »Es war ein
Bote von drüben. Um Gott und Jesu willen: es gebt doch wohl nicht wiederum den
Steinhof an?«
    »Nachher, liebe Alte!... Den Steinhof geht es freilich wohl an; aber es lässt
ihn diesmal doch aufrecht stehen.«
    Da dem Vetter Just der Hunger gänzlich vergangen zu sein schien, so verging
er auch seinen Gästen so ziemlich. Doch erst nachdem das Hofgesinde in Ruhe
abgegessen und die Stube verlassen hatte, teilte uns Just Everstein mit, was ihm
und uns das Schicksal durch den eiligen Boten von »drüben« hatte wissen lassen.
    »Hattest recht, Jule; es war ein Bote aus Werden, und er hatte es sehr
eilig. Die Leute ging es aber nichts an, sondern nur mich und - euch. Sie haben
heute noch einen heissen Arbeitstag vor sich, und so schickte es sich nicht,
sogleich damit herauszufahren. Für mich - für uns ist es wieder einmal ein
schwerer Tag geworden. Oh, es ist schade, schade! Ich hatte noch für so lange,
lange auf ihn mitgerechnet zu meinem - zu unserem Glück!«
    Bleich und bebend hatte Irene sich erhoben.
    »Welch Unglück ist wieder geschehen?... Ewald! Ewald!« rief sie; und der
Vetter nahm sanft ihre Hand von seiner Schulter:
    »Nein, Liebe!... Es denkt jeder nur immer an das Seinige!... Ewald und Eva
haben geschickt - es ist nur der alte Herr, der Abschied nehmen will. Ach, ich
denke auch nur an mich! Es ist schade, schade - zu seinem und Evas und zu meinem
Glück und Behagen hatte ich noch so lange, lange auf ihn mitgezählt! Da ist der
Zettel, welchen der Bote gebracht hat.«
    Das von Ewald flüchtig gekritzelte, von dem Vetter im ersten Schreck und der
zusammengehaltenen Aufregung arg zusammengeknitterte Blatt ging von Hand zu
Hand. Es lautete:
    »Den Vater hat heute morgen, während er seine Holzfäller beaufsichtigte, ein
Unfall betroffen. Ein Ast eines stürzenden Baumes hat ihn im Rücken beschädigt
und von den Hüften abwärts gelähmt. Er ist bei voller Besinnung und nur zornig
auf sich selber. Von mir kann leider nicht die Rede sein. Der Alte sagt nur: Dass
ich so dumm auch gerade während deines Besuchs sein musste, das ärgert mich noch
am meisten! - Jetzt erst weiss ich es, wie fremd ich zu Hause geworden bin. Eva
hat dich nötig, Just; also komm zu ihr. Dem alten Herrn wirst du gleichfalls zum
besten Trost gereichen.«
    Irene hielt jetzt den zerknitterten Zettel; Jule Grote wiegte den Oberkörper
hin und her und stöhnte: »O Je! O du mein Je; nun geht auch der weg!«
Mademoiselle sah, über den Tisch vorgebeugt, mit angehaltenem Atem auf ihre
Herrin, Schülerin und Schutzbefohlene; der Vetter blickte zu mir herüber,
seufzte nochmals tief und schwer, strich sich mit der Hand über Stirn und Augen
und fragte:
    »Was ist deine Meinung, Fritz? So rasch als möglich müssen wir hinüber; aber
du weisst, die Pferde sind augenblicklich alle vom Hofe. Das eine Paar wird erst
gegen Abend heimkommen, das andere kann ich zwar vom Tillenbrink holen lassen,
aber es gehen doch gut andertalb Stunden drüber hin. Mein Rat ist, wir gehen
nach Bodenwerder und nehmen dort eine Extrapost.«
    »Fremd zu Hause!« murmelte Irene, aus ihrer Betäubung erwachend. »Wir wollen
gleich gehen und den alten Weg nehmen - wie damals, als mein Vater gestorben
war.«
    Wie in diesem Worte so vieles zu einem Abschluss kam, entging uns in diesem
Augenblick vollständig. Wir haben aber alle nachher daran gedacht.
    »Ja«, sagte der Vetter Just, »das ist immer noch der Richteweg nach Werden.
Der Vater Klaus würde sich auch nicht wundern, wenn du ihm noch einmal in seinen
Kahn stiegest.«
    »Finden wir denn den noch?« rief ich.
    »Es zog ein schlimmes Gewitter damals über den Steinhof, als ihr ihn zuletzt
Ober den Fluss anriefet«, sagte der Vetter. »Ihr bekamet nur die letzten Tropfen
auf dem Wege nach Schloss Werden. Es ist wunderlich; aber auch das kann heute
wieder geradeso geschehen. Nun, der alte Charon wird uns wohl sicher übers
Wasser schaffen. Es hat sich vieles hier bei uns verändert, Doktor; aber diesen
Schiffer findest du auch heute noch an seiner Stelle.«
    Eine halbe Stunde später befanden wir uns bereits auf dem Richtewege nach
Werden, Irene, der Vetter Just Everstein und ich - ganz wie damals klares,
tiefblaues Himmelsgewölbe über uns, doch weisses Sommergewittergewölk hinter uns
im Westen. Nun war es, wie der Vetter am Morgen es als das Beste und
Wünschenswerteste und dazu als das Einfachste hingestellt hatte, nämlich, dass
sie zu ihm gehe. Und einfach und ganz selbstverständlich erschien es auch jedem;
es verlor niemand noch ein Wort darüber. Der Tod ist ein mächtiger Rufer und
ebnet Wege und macht Pfade glatt, die eben noch durch berghohe Trümmer der
Vergangenheit und unüberwindlich heil Gemäuer der gegenwärtigen Stunde versperrt
schienen. Aber so hatte der Vetter Just sich den Weg der Frau Irene zu dem
Freunde doch wohl nicht vorgestellt, als er sein ruhiges Wort aussprach!
    Rasch und schweigend gingen wir drei unter dem heissen Tage; der erste
Schatten auf dem Wege wartete erst jenseits des Flusses in den Wäldern der
Heimat, und der Tod hielt dazu seine schwarzen Flügel über alle sonnigen Hügel,
Täler und Halden ausgebreitet. Wie damals sahen wir uns nicht einmal nach dem
Dunkel um, das in unserem Rücken emporstieg; - noch einmal ein Gewitter auf
diesem Pfade! Wo aber führen die Wege der Menschen auf dieser Erde, wo das
dumpfe Grollen und Murren von fern her nicht ins Ohr klingt und uns nicht
zwingt, rückwärts, zur Seite oder nach dem Ziel vor uns hinzuhorchen?...
    »Hol über!«
    An dieser Stelle noch alles so wie sonst! Dieselben Wasser, dasselbe
Ufergebüsch, dieselben heissen, knirschenden Kiesel unter den Füssen. Und drüben
aus dem Buschwerk das leichte Rauchwölkchen aus der Hütte des alten Freundes und
sein Kahn an dem nämlichen Weidenstrunk. Und nur die Wellen rauschten, sonst
kein Ton, kein Laut ringsumher. Wir hatten unseren Ruf mehrmals zu wiederholen.
    »Ein wenig taub ist der Alte allmählich wohl geworden«, meinte der Vetter,
»aber seine Augen sind für seine Jahre noch merkwürdig scharf. Er ist sicherlich
nahe an die achtzig. Guck, Irenes Tuch bringt ihn uns her.«
    Wir sahen den Vater Klaus in der Tat jetzt drüben den Uferhang herabkommen.
Einen Augenblick stand er zweifelnd und sah zu uns herüber.
    »Hol über!«
    Wir sahen ihn seinen Nachen ablösen -
    »Achtzig Jahre!«
    »Und er zwingt die Strömung immer noch«, sagte der Vetter. »Manch ein
starker, jüngerer Mann würde bei dieser Arbeit bald müde werden.«
    Da war der Kahn und schob sich scharrend mit dem Vorderteil auf den Kies,
und -
    »Wat kümmt mi denn da?« fragte der Vater Klaus, und auch an dem Wort und
heiseren Laut hatte sich im Laufe der Jahre gar nichts verändert. »I, da seh
einer, der ganze Steinhof! Ach ja, ich weiss ja schon! Ach ja, der Herr Förster.
Der Bote heute morgen hatte es wieder mal recht eilig - es tut mir recht leid um
den Herrn Oberförster. Jaja, da hilft es weiter nichts: steigt ein, gnädige
Herrschaft, Frau Gräfin, und der Herr Vetter auch. Ja, aber, aber, wie ist mir
denn? Den anderen Herrn da sollte ich doch auch schon kennen?«
    »Ein alter und hoffentlich auch heute noch guter Bekannter, Vater«, rief
ich, beide harte Hände des greisen Fährmanns ergreifend. »Fritz Langreuter!«
    »Richtig!« rief der Alte. »I, das wusste ich doch auch wohl! Da zu habe ich
Sie doch wohl oft genug mit dem anderen kleinen Fräulein über die Weser
befördert. I, sehen Sie mal! Und nun müssen Sie, mit Erlaubnis, gerade heute zu
dieser traurigen Gelegenheit zum erstenmal wieder in mein Schiff kommen! Ja, wo
haben Sie denn die ganzen lieben, langen Jahre gesteckt, wenn ich so frei sein
darf?! Dass Sie ein grausamer Gelehrter bei der Weile geworden sind, das habe ich
wohl gehört, und ansehen tue ich es Ihnen jetzo auch. Na, das freut mich aber
bei allem Leidwesen. Ja, dann steigen Sie auch mal wieder ein, Herr - Fritze,
mit Erlaubnis zu sagen. Es wundert Sie wohl ein bisschen, dass Sie mich und die
Weser immer noch zwischen Werden und dem Steinhofe an Ort und Stelle finden? Ja,
so hat jedes seinen Lauf und sein Bestehen!«
    Nun schwammen wir wieder auf dem Wasser, und ich liess mir noch einmal die
warme Sommerflut des Stromes über die Hand fliessen. Und ganz wie damals
flüsterte mir der alte Schiffs- und Fischersmann zu:
    »Jaja, ich weiss es wohl, dass es in Werden nicht gut steht, Herr Langreuter.
Aber der Herr Förster hat ja, Gott sei Dank, ein reinliches Blut und ein gutes
Gewissen, und wenn er, gegen mich gehalten, auch noch ein ziemlich junger
Mensche ist, so ist er doch auch ziemlich bei Jahren und da ist es immer das
beste für die Angehörigen, Vernunft anzunehmen und sich und dem anderen den
Abschied nicht schwerer zu machen, als notwendig ist. Wisset ihr, Herr Vetter
Everstein und die gnädige junge Frau dazu, wüsste ich nur ganz gewiss, dass mir
während meiner Abwesenheit allhier an dieser Stelle kein Schaden und
Spitzbubenstreich passierte, so ginge ich wahrhaftig gern mit euch, um mir für
demnächst ein gutes Exempel an dem Förster zu nehmen.«
    »Da kommt nur dreist mit, Vater Klaus«, meinte Just; »ich stehe für allen
Schaden. Wer weiss, welch ein gut Beispiel Ihr uns auf dem Stuhl am Bette geben
könnt.«
    Aber der Greis schüttelte den Kopf:
    »Es geht nicht, und es schickt sich nicht. Seit ich denken kann, ist dies
mein Ort, wo ich die Weser, die Schiffe, die Jahreszeit, die Menschen und das
Gewölke passieren und bleiben sehe. Es ist nur eine Kabache da im Röhricht, aber
doch mein altes festes Nest, und jeder Schritt davon weg ist mir aus der
Gewohnheit. Ein alter Kerl bin ich hier geworden, aber als ein ganz anderer Kerl
käme ich heute nacht von Werden nach Hause; aber holla - seht einmal das Gewölk!
Das kommt diesmal doch schneller herauf, als ich gedacht habe! Und hör einer, da
probiert der Herr Kantor auch schon seine grosse Orgel. Na, na, nun rate ich
lieber den Herrschaften, dass sie wieder mal ein Stündchen bei mir unterkriechen
und das Schlimmste vorüberlassen.«
    Es hatte keiner von uns anderen sich umgesehen, doch jetzt taten wir's, wie
angerufen von dem ersten dumpfen Donnerton von Westen her. Was wir für ein
langsam zögernd Schleichen genommen hatten, das war raschester, rasendster Flug
gewesen. Das Gewitter war da wie das Schicksal, welches uns auf diesen Weg
geführt hatte, und wir standen unter dem Druck des einen nicht anders als unter
dem des anderen.
    »Ihr Mannsvolk kommt mit der Frau nicht weit in den Wald hinein, und dann
müsst ihr doch unter der ersten dicken Eiche zu Schauer gehen«, rief der Vater
Klaus. »Die gnädigste Gräfin oder Frau Baronin muss mir nicht übelnehmen, sie ist
mir, je länger ich sie ansehe, immer noch wie das Kind und junge Fräulein
Komtesse von Schloss Werden, und das alte Kesselchen singt noch auf dem alten
Herde, Fräulein Gräfin, und ein frisch Paket Zichorien hab ich auch von
Bodenwerder. Sie haben doch sonst schon vorlieb bei mir genommen - ach ja, ein
bisschen mehr Kinder waren wir dazumalen wohl noch, und die beiden jungen Leute
aus dem Försterhause waren dann auch immer dabei. Ich habe es wohl gehört, dass
sie alle währenddem mancherlei erlebt haben in der Welt, aber denken kann ich
mir's eigentlich nicht; denn ich selber habe ja nichts erlebt, von welchem ich
viel wüsste, ausser dass ich ein bisschen älter geworden bin. Der Regen ist schon
da; - nun kommen Sie nur noch mal herein zum Vater Klaus - lange anhalten wird's
ja wohl nicht.«
    »Ich ginge am liebsten weiter«, sagte Irene. »Ich möchte gern so schnell als
möglich zu Eva.«
    Das ging nun wohl nicht an. Das Unwetter war da, und schon fegte der Regen
in Stössen vom jenseitigen Ufer her über den Fluss. Alle lichten Farben wurden zu
einem trüben Grau ausgewischt, das Ufergebüsch und Schilf wie von tausend
ärgerlichen Fäusten geschüttelt und nach Osten hin zu Boden gedrückt. Auf das
Dach der Fischerhütte rauschte und rasselte es nieder, und wir sassen an dem Tage
eine gute Stunde an dem Feuerherde des Vater Klaus, horchten auf den Donner über
unseren Köpfen, »warteten das Gewitter ab« und liessen unserem grauen Fährmann
und Gastfreund das Wort. Wie er es führte, hätte wohl keiner von uns etwas
Besseres, Unterhaltenderes und Zweckdienlicheres zutage fördern können.
    »Ich weiss eigentlich gar nicht, wie ich Sie jetzt nennen muss«, wendete er
sich an unsere Begleiterin. »Am liebsten hiesse ich Sie wie sonst: liebes
Fräulein Gräfin oder Komtesse; aber das ist es ja wohl nicht mehr?«
    »Liebe Frau Irene, Vater Klaus!« Und ganz leise fügte sie hinzu: »Arme
Irene! - Ich habe von dem Mancherlei, was ich in der Welt erlebte, nichts weiter
nach Hause - nach dem Steinhofe gebracht als meinen spottenden Taufnamen. Wer es
noch gut mit mir meint, der nennt mich bloss bei diesem. Ich bin eine arme Frau
Irene geworden, Vater Klaus!«
    Der Alte schüttelte das Haupt:
    »Hm, hm, es ist doch sonderbar! Da, wo Sie jetzo sitzen, Fräulein Gräfin, da
sass gestern gegen Abend mein bester Freund, seit ich denken kann, auch mal
wieder! Nämlich der ganze Nichtsnutz von dem Försterhofe in Werden; und ich
dachte wirklich zuerst, er sei meinetwegen da; aber er nahm gar kein Blatt vor
den Mund, sondern wollte einfach nur von hier aus über die Weser gucken, und als
ich ihn dann fragte, wie ich ihn jetzo betitulieren müsste, meinte er geradeso,
sein Taufname wäre ihm das Liebste, und weiter hätte er für die hiesige Gegend
hoffentlich auch nichts mit aus der Fremde gebracht. Und als ich darauf nicht
einging, sondern ihn darauf anredete, dass er ja kurioserweise Schloss Werden
käuflich an sich gebracht habe, wurde er auf einmal aus aller Wehmut heraus ganz
der alte und sagte: Klaus, Vater Klaus, zwei Esel haben eigentlich nicht Platz
hier im Fischkasten! - Na, das freute mich denn recht, obgleich er eigentlich
gleich wieder in seine Trübseligkeit hineinfiel; aber auf dem richtigen Fuss
waren wir wieder, und ich habe ihn kurzweg wieder bei seinem Taufnamen geheissen,
und dann haben wir, weil eben nicht so 'n Unwetter wie jetzo war, unter unserem
alten Strunk gesessen und zusammen über mein Wasser geguckt und wirklich recht
vielerlei von - der lieben Frau Irene zusammen gesprochen.«
    »Wann war denn dies wohl, Meister Klaus?« fragte ich mit einem verstohlenen
Blick auf die von uns weg in die Tür tretende und die Hand in den jetzt schon
leiser rauschenden Regen streckende Frau.
    »Nun, ich meine so zwischen sechs und sieben Uhr. Herr Ewald wird wohl erst
ziemlich spät in der Nacht nach Hause gekommen sein. Er hatte vor, auf dem
Heimwege noch mehr als einen Umweg zu machen. Es sind da eine Menge Orter, die
ich noch einmal wiedersehen muss, ehe ich mich wieder auf die Wanderschaft mache,
Vater Klaus! sagte er. - Ja, er sprach ein langes und breites darüber, wie
schlecht es ihm zu Hause gefiele. Und ich denke doch, mein lieber Gott, dass es
doch nicht jedermann alle Tage passiert, dass er mit soviel Glück in der Tasche
aus der Fremde in das alte Nest fällt wie der. Aber ein aparter Mensch war der
immer und schon von Jungensbeinen an. Den Herrn
    Ewald Sixtus meine ich. Uh, wer so manche Nacht wie der hier bei mir in der
Köte gelegen hat und in das Feuer da von all seinen unsinnigen Gedanken und
kuriosen Hirngespinsten hineingesprochen hat, den soll der Vater Klaus doch wohl
kennen, wenn er als ausgewachsener Mann ebenso wieder daliegt und mit den Funken
und Flammen auf meinem Herde mehr spricht als mit mir altem dummem Kerl. Nicht
wahr, Herr Vetter Just?«
    »Das meine ich auch, alter Freund!« rief der Vetter mit aussergewöhnlicher
Energie. »Nun, wie sieht es draussen aus - liebe Frau Irene? Gestern abend, als
du mit dem Berliner Doktor da durch die Felder zogest, seid ihr ja wohl auch
ziemlich bis hier in die Gegend gekommen? Erzähltest du mir nicht davon, Fritz,
als wir heute morgen deinen Schreibebrief nach Werden beredeten? Und von
allerhand unsinnigen Gedanken und kuriosen Hirngespinsten hast du mir auch
geschwatzt. Und da war doch bloss die Weser zwischen euch und dem alten guten
Freunde, dem Vater Klaus. Wenn ich je in der Welt einem so guten Freunde wieder
so nahe gekommen bin, dann habe ich ihm immer auch einen Besuch abgestattet!«...
    Die Frau Irene stand noch immer, den Ellenbogen an den Türpfosten der Hütte
lehnend. Über den Herd des Vater Klaus sich beugend, flüsterte mir der Vetter
Just zu:
    »Tausend Schritte weiter und - Hol über!... Deinen Brief behalte ich zum
Andenken an diese Tage!« - - Laut, fast fröhlich rief er dann:
    »Du hast noch nicht geantwortet, Irene. Was macht das Wetter auf Erden, und
wie guckt der Himmel drein? Ich meine, der Regen lässt doch immer merklicher
nach.«
    Die Frau wendete sich, und ein Fremder hätte ihr nicht angemerkt, wie schwer
jedes Wort, das in dieser Fischerhütte gesprochen worden war, auf ihrer Seele
wog und dass ihr mit Ausnahme dessen, was der Vetter Just leise mir ins Ohr
gerufen hatte, keines entgangen war.
    »Der Vater Klaus ist ein guter Wetterprophet und hat sich auch diesmal
wieder so bewährt«, sagte sie. »Es war ein rascher Übergang. Vom Steinhof her
scheint wirklich schon die Sonne in die Tropfen, und es ist alles gegen Schloss
Werden gezogen.«
    »Und auch dort wird's ein Übergang sein«, meinte der Greis. »Die Berge da
machen keine Wetterscheide aus. Was über die Weser rüber ist, hat freie Bahn vor
sich und mag gehen oder sich verlaufen, wie und wo es will. Da ist weiter kein
Aufentalt mehr. Geschickt wird ja jedes Gewölke, aber dortinzu ist das denn
doch wieder, als ob alles Wetter frei seinem Schicksal überlassen worden wäre,
und so weiss nie einer genau, was er davon halten und sagen soll. Es ist eben
alles Witterung.«
    »Und wir haben unser Teil davon auf uns zu nehmen«, sagte Irene, dem Fischer
die Hand reichend. »So nehmt denn auch heute unseren schönsten Dank für
freundlichen Schutz, gute Bewirtung und jedes gute Wort, was Ihr uns gesagt
hasst, Vater Klaus. Fast ist es doch, als hätten wir ganz vergessen, was uns
eigentlich auf diesen Weg getrieben hat. Nun wollen wir aber nur noch an dieses
denken und rasch weiter; nicht wahr, meine Herren?! Ich muss zu meiner armen Eva,
und es soll mich keine Erdenwitterung mehr aufhalten. Ade, Vater Klaus. Wenn ich
zurückkomme, gehe ich nicht über Bodenwerder - Ihr nehmt mich wieder auf in
Euren Kahn.«
    »Allein oder in Gesellschaft - wie es sich schickt«, brummte der greise
treue Schiffsmann, die kleine zarte Hand zwischen seinen uralten, knochigen
Tatzen haltend. »Herrschaften, findet ihr den Förster noch, so grüsst ihn von
mir; - auf einen Hasen legte da dem lieben Gott sein Jägersmann nicht an; also
sprecht's ihm nur dreiste heraus, dass ich fest auf ihn rechne, was das
Quartiermachen anbetrifft. Finden Sie ihn nicht mehr, Herr Vetter Just, und Sie,
Berliner, na so brauchen Sie auch nichts an ihn zu bestellen, sondern nur gut
mit den zwei jungen Leuten umzugehen. Ich finde meinen Weg schon. Adjes alle! Es
ist mir, abgesehen von dem schlimmen Malör, eine grosse Freude gewesen.«
    Wir traten heraus aus der Hütte in das letzte, jetzt auch schon auf diesem
Ufer der Weser von der Sonne durchflimmerte Gesprühe des Sommergewitters und
atmeten aus tiefster Brust wohlig auf; ich aber vernahm noch, wie der Meister
Klaus, den sehr schlimmen Tabak in seiner kurzen Holzpfeife niederdrückend,
brummte:
    »Jawohl, am Ende lässt sich doch niemand recht Zeit als solch ein alter
Fischersmann, der da weiss, dass die Fische nicht zu jeder Stunde beissen, und der
mit den Reusen umzugehen weiss und weiss, dass alles erst zu seiner Zeit kommt,
aber denn auch ganz richtig und auf den Punkt. Jaja, lauft nur zu; - ich hab
euch ja schon gefahren, als ihr noch in euren Kinderschuhen liefet.«
    Ich winkte ihm darob noch einmal lächelnd zu:
    »Und es ist Eure feste Meinung, dass wir noch immer darin laufen, Vater
Klaus?«
    »Das werde ich mir doch wohl nicht herausnehmen«, rief der Alte grinsend mir
nach. »Aber eine hübsche Luft wird es immer nach solch einem Gewitter, Herr
Langreuter; und die paar Tropfen, die Sie jetzo unterwegens noch auf den Pelz
kriegen, die können Sie sich darum schon gefallen lassen; und, lieber Herr
Fritz, bei Gelegenheit fragen Sie nur ganz dreist den Herrn Ewald danach, was
gestern meine Meinung gewesen ist.«
    Nun glänzte und rauschte auf Stunden Weges um uns und über uns der
erfrischte Hochwald. Die grossen gelben und schwarzen Schnecken krochen auf allen
Pfaden; Menschen begegneten uns nicht. Wir gingen stumm zu, und nur wenn wir an
einer aussergewöhnlich schlüpfrigen und steilen Stelle unserer Begleiterin die
Hand boten, sprach sie ein leises Dankeswort. Und wieder einmal lag, als wir
endlich aus dem Walde hervortraten, Schloss Werden zu unserer Rechten im
Sonnenuntergangsglanze da, und das scheidende Licht blitzte rot aus den hohen
Fenstern des Oberstocks uns entgegen. Ich sah mit einigem Bangen auf die bleiche
Frau mir zur Seite und fing einen ganz ähnlichen Blick des Vetters Just auf.
Doch Irene Everstein sah nur einmal ganz fest und kurz nach den Giebeln des
väterlichen Hauses und schritt dann gesenkten Hauptes rascher zu auf dem Wege
gegen das Dorf. An dem ersten Hofe schon erführen wir von einem Kinde, dass der
Herr Oberförster tot sei; und ein junges Mädchen, das am Gartentore strickte,
bestätigte die Nachricht und fügte hinzu: »Gerade, als das Unwetter anging.«
    Wir gingen nun durchs Dorf. Alle Leute vor den Türen grüssten uns herzlich,
aber still. Auf Irene sahen sie scheu und steckten nachher die Köpfe zusammen
und flüsterten miteinander. An den Vetter Just trat hier und da einer heran und
gab ihm die Hand: »Also Sie haben es auch schon vernommen?« - Jeder aber sprach
viel leiser, als es sonst dort die Gewohnheit des Ortes ist.
    »Und der junge Herr Sixtus? Und Fräulein Eva, Gevatter Reitemeier?«
    »Die sitzen ganz still auf der Bank vor der Försterei. Sie haben sich ja
wohl gottlob ganz gut in das Geschick gefunden. Sein Alter hatte der alte Herr,
vor Krankheit hat er immer sein Grauen gehabt und seinen Spass darüber gemacht.
Hier im Dorfe bei uns ist niemand, der ihm nicht das Beste wünscht, und solange
man denken kann, kann man Werden nicht ohne ihn sich denken. Auf dem Wege zu
seinem Unfall ist er mir heute morgen noch begegnet. Das musste ja wohl so sein,
denn er hatte es kurios eilig und war doch sonst ein recht ruhiger, langsamer
und sedater Herr. Gehen Sie nur ruhig hin. Das Unwetter hat Sie wohl ein bisschen
unterwegs aufgehalten? Es ist aber wirklich recht angenehm danach geworden. Sie
haben Ihr Heu wohl auch schon trocken herein auf dem Steinhofe, Herr Just?«
    Wir blieben dieser Unterhaltung wegen nicht stehen, und so kamen wir zu dem
Försterhofe und fanden, wie die Leute es uns berichtet hatten, Bruder und
Schwester auf der Bank vor der Haustür im dämmerigen Ulmenschatten
beieinandersitzend. Hinter ihnen standen die Stubenfenster wie immer weit offen
und liessen den Regenduft und die Frische des nahenden Abends frei ein; der alte
Herr aber sass nicht mehr am Fenster, sondern lag ausgestreckt, »ruhig und
sedate«, auf seinem Lager. Auch alle Türen standen in gewohnter Weise geöffnet;
die Hunde des alten Herrn lagen zu den Füssen des Geschwisterpaares, und nur von
Zeit zu Zeit stand einer von ihnen auf, ging hinein und legte den Kopf auf das
so schnell dort bereitete Bett und kam wieder heraus und legte den Kopf auf Evas
Knie und sah wie fragend sie an.
    Das schreibe ich aber hier, weil es den ganzen Abend so blieb, nachdem wir
uns zu den Geschwistern gesetzt hatten.
    Als wir in das Hoftor traten, schlug einer der Hunde leise an. Ewald und Eva
standen auf, und der Ingenieur aus Irland legte die Hand auf die Fensterbrüstung
hinter sich, wie um sich zu halten. Doch Irene verliess den Arm des Vetters Just,
ging rasch hin und hielt die Jugendfreundin im Arm und küsste sie und sagte:
    »Da bin ich... Nun sei nur still... Du sollst mir alles erzählen!«
    Eva Sixtus weinte heftig, und Ewald gab uns Männern stumm die Hand.
    »Er sieht aus, als ob er schliefe!... Oh, er sieht zu gut und schön aus für
den Tod!« schluchzte Eva; und dann gingen wir alle, von den Hunden begleitet, in
die Stube, und er sah freilich schön und gut aus in seinem weissen Haar, und
gottlob nicht anders, als ob er schliefe!...
    »O Just, o lieber Just!« schluchzte Eva Sixtus, und nun war sie mit ihm und
war bei ihm gut aufgehoben in diesen tränenreichen Stunden und Tagen. Sie konnte
auch das Haus verlassen, in welchem sie geboren worden war.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Und Ewald und Irene? Was sagten und taten die denn?
    Das ward nun eine Nacht, in der viele Geister umgingen in Werden - Schloss
und Dorf; doch über miracula et portenta, von grossen Wundern und »Wunderzeichen«
am Himmel und auf Erden und auch in den Herzen der Menschen habe ich nicht das
geringste zu berichten.
    Jene beiden Leute begrüssten sich zuerst, wie es sich nach der langen
Trennung und bei der ersten Gelegenheit schickte, ernst und freundlich. Zu dem,
was die Welt eine Auseinandersetzung nennt, kam es fürs erste noch nicht; denn
teilnehmende Nachbarn sprachen immer noch ab und zu vor, und auch der jetzige
Pastor des Ortes kam noch einmal und sass eine geraume Weile. Er beging
vielleicht die einzigen Indiskretionen an diesem Abend, indem er den irischen
Ingenieur recht lobte und seine Heimkehr »so gerade zur rechten Zeit leider!«
mit allen ihren Umständen als etwas sehr Löbliches und Verdienstliches pries und
sich dabei stets mit seiner Rede an die Frau Irene wendete.
    Doch lauter als der beste Redner in der Welt gab der stille alte Herr hinter
uns in der Stube mit den offenen Fenstern sein stummes Wort darein und half uns
auch hierüber hinweg.
    Auf den Spielplätzen des Dorfes verklang allgemach der Lärm der Dorfkinder.
Es wurde Nacht, und auch der gutmütige, wohlmeinende geistliche Herr ging nach
Hause, höflich von dem Vetter Just bis zum Hoftor begleitet.
    »Wir haben uns lange nicht gesehen, liebe Irene«, sagte jetzt der Irländer
leise; doch die Frau antwortete mit merkwürdig fester und klarer Stimme:
    »Ja, lieber Ewald; es ist sehr lange her, und nun führt uns eine so traurige
Gelegenheit wieder zusammen! Dir ist es aber gottlob gut ergangen auf deinem
Lebenswege, du hast vieles ausgerichtet; ich habe den Vetter Just und hier den
Doktor Fritz gern davon erzählen hören -«
    Hier räusperte sich der Vetter Just ziemlich vernehmlich und brummte:
    »Hm, hm, hm.«
    »Mein Bruder -«, wollte Eva einfallen, doch ich fasste rasch nach ihrer Hand,
die Frau Irene fuhr fort, und der energische Wille, sich nichts zu vergeben zu
haben, kämpfte bedenklich mit noch unterdrückten Tränen:
    »Du hattest es aber auch viel leichter in der Welt als ich.«
    »Ja, liebe Irene!« sagte der Freund. »Ich weiss das nur zu genau. Ja, ich
habe es leicht gehabt und viel Glück!« - Seine Stimme aber wurde rauh und hart,
als er hinzufügte: »Ich habe jahrelang keine Zeit gehabt, an meines Vaters Haus
zu denken, um dir das deinige wiederzugewinnen!«
    »Aus Zorn und Mitleid, Ewald Sixtus!... O Eva, Eva, liebe, liebe Schwester,
behalte mich bei dir unter deines Vaters Dache diese Nacht!... Nein, nein!...
Just, o lieber Just, wie bin ich nur hierhergekommen? Wo soll ich bleiben?«
    Zum erstenmal in dieser treuen, wahren Lebensgeschichte klang die Stimme des
Vetters ärgerlich, ja fast böse, als er sich erhob und sagte:
    »Bei mir - Just Everstein! Eine Nacht geht bald vorüber. Auf Schloss Werden,
Gräfin Irene Everstein! Ich schaffe dir in dem alten Spuknest als alter
amerikanischer Hinterwäldler und Baumfäller ein Strohlager und ein Bund Heu
unter den wilden Kopf. Kommt herein zu dem Vater; Eva hat zwei Lichter neben
sein Bett gestellt, wir wollen dabei den Kauf richtigmachen, Ewald! Ich, Just
Everstein vom Steinhofe, bin hiermit Eigentümer und Herr von Schloss Werden!«...
    Es ist nicht die Kraft, es ist die Angst des gefangenen Edelfalken, die das
Schreckliche ist und das Publikum vor den Gittern des Käfichts am meisten
interessiert; ich aber verspüre an dieser Stelle am allerwenigsten das
Bedürfnis, die Frau Baronin Rehlen interessant zu machen durch ihr Flattern und
Flügelschlagen. Habe auch kein Recht dazu.
    Wir gingen wohl zu dem toten Vater hinein, aber nicht um einen
Handelskontrakt neben den zwei Lichtern, die sein stilles, friedliches,
freundliches Greisengesicht beleuchteten, abzuschliessen. Irene stand an Ewalds
Schulter gelehnt, von seinem Arm umschlungen, und weinte leise und flüsterte:
    »Kannst du mich denn noch liebhaben?«
    Er war unverbesserlich, der brave Freund Ewald Sixtus! Er hätte wirklich
schon von Geburt aus als Irländer in diese nüchtern-tragische Welt hineingesetzt
werden sollen.
    Dem Weinen war er gleichfalls näher als dem Lachen, und seine Stimme
zitterte gleichfalls, als er an dem Sterbelager seines Vaters seine Liebe fester
an sein Herz zog; aber doch musste es heraus und kam ganz in der alten
Dummen-Jungen-Weise:
    »Ich kriege dich ja nur in den Handel, altes Mädchen! Aber bei den ewigen
Göttern, die mir wahrhaftig den Weg bis zu dir schwer genug gemacht haben - den
Vetter Just halte ich bei seinem Worte! Wir beide, mein Herz, mein liebes,
liebes Herz, wir sehen uns nicht mehr um nach Schloss Werden; aber der Vetter da
- der Vetter Just Everstein, der war von Gottes Gnaden allewege der Gescheiteste
von uns und hat mit unserer Schwester da allein die Gabe, alles ruhig abzumachen
. Du und ich, mein Herz, wir haben nur einmal den Versuch gemacht. Die beiden
müssen für uns mitwissen, was mit Schloss Werden anzufangen ist!«
    Von Schloss Werden wurde nun nicht mehr gesprochen bis zum anderen Morgen,
und dann zwischen dem Vetter Just und mir. Wir verbrachten alle diese Nacht
unter dem nämlichen Dache; doch wohl keiner von uns in einem sehr festen Schlaf.
Auch ich nicht, der ich in jedem Augenblick vorgeben konnte, dass wichtigste,
unaufschiebbare Geschäfte mich augenblicklich nach Berlin zurückriefen und meine
Gegenwart bei dem Begräbnis - bei dem Schmerz und dem Trost der alten Heimat
unmöglich machten.
    Zwei Stunden nach Sonnenaufgang schon trieb es mich heraus.
    Wahrscheinlich weil irgend etwas - was, kann ich nicht sagen meinte: so mag
er doch wenigstens den Historiographen festalten! - Im Unterstock des Hauses
traf ich nur die bleiche, traurige Eva an der Tür der Wohnstube. Sie hatte jetzt
ein weisses Laken über den toten Vater gelegt, und ich erhob das Tuch nicht mehr.
Ich wollte mir die Erinnerung an das schöne, ruhige Greisengesicht von gestern
abend unversehrt erhalten, und ich wusste es, wie der alte Maulwurf, das Leben,
in dem an der Arbeit bleibt, was der Mensch einen Leichnam nennt.
    Als ich mich nach den anderen erkundigte, erfuhr ich, dass Ewald zum Meister
Dröge, dem Dorftischler, gegangen sei und dass Irene ihn begleitet habe.
    »Und Vetter Just?«
    »Just wirst du wohl im Garten finden. Ich habe den Kaffeetisch dort
hergerichtet. O Gott, es ist ein so schöner Morgen o Fritz, ich kann es mir noch
immer nicht denken!... Er war so vergnügt und gut, als er gestern in diese
nämliche Morgensonne hinein wegging! Er holte sich noch bei mir in der Küche
Feuer für seine liebe alte Pfeife, und ich sah ihm nicht einmal nach und gab ihm
das Geleit wie sonst bis ans Hoftor, und nun muss ich ihn in alle Ewigkeit mit
seinem weissen Haar und seinem guten freundlichen Gesicht bei mir am Herde stehen
sehen!... Ein paar Stunden später, in denen ich nicht einmal an ihn dachte,
brachten sie ihn zurück!«...
    Ich fand den Vetter Just nicht an dem Kaffeetische im Garten, und ich hielt
es auch nicht lange allein daran aus in dem schönen Licht und Schatten, unter
den Sommerblumen ringsum, dem Bienensummen, Käfer- und Schmetterlingsflug.
    »Der Herr Vetter Just spaziert auf der Chaussee«, sagte ein Dorfkind, das in
die kleine Pforte in der grünen Hecke guckte; und auch ich trat aus diesem
Gartentürchen auf die Landstrasse.
    »Er ist nach dem Schloss zu«, meinte die kleine barfüssige, flachshaarige
Ostfalin, und ich kannte den Weg, der auch von hier aus quer über die Landstrasse
nach Schloss Werden führte, und so ging ich dem Vetter Just Everstein nach - wohl
tief in Gedanken wie er und in ähnlichen, wenn auch nicht ganz in den gleichen.
    In dem letzten Hause des Dorfes nach dieser Seite hin wohnte der Meister
Dröge, der Tischler. Die helle, staubige Landstrasse führte an seinem Eigentum
und dem Wiesenfleck, auf dem er seinen Vorrat von glatten Brettern und Balken
aufgeschichtet hatte, vorüber und liess es zur Linken. Rechts aber führte ohne
Steg durch den mit Gras, Sternblumen und Kletten, Brennesseln und Tymian
ausgefüllten Chausseegraben der Schlupfweg durch jetzt noch im Tau funkelndes,
wirres Gestrüpp und Gebüsch, untermischt mit einzelnen höheren Bäumen, nach dem
verwünschten Schloss, dem alten, teuren Nest, in dem auch ich flügge geworden
war.
    In seiner Werkstatt war der Meister Tischler an der Arbeit; ich hörte seinen
Hammer laut und deutlich genug. Eines seiner Kinder war's gewesen, das mir den
Weg angedeutet hatte, auf dem ich den Vetter Just finden konnte.
    Aber ich zögerte, ehe ich ihm folgte. Auf dem sonnigen Wiesenflecke, auf
einer Lage jener glatten, weissen Tannenbretter, von denen der Meister Schreiner
eines oder zwei zu seiner Arbeit die halbe Nacht hindurch verwendet hatte und an
denen jetzt sein Hammer zur Vollendung des Werkes klang, sassen Ewald und Irene,
dem Dorfe Werden und mir den Rücken zuwendend.
    Sie sassen Hand in Hand, doch nicht dicht beisammen. Tief niedergebeugt, das
Haupt in der Hand, sass der Freund; und ob sie auch miteinander gesprochen
hatten, jetzt redeten sie nicht miteinander. Sie sassen still und horchten auf
den Hammer, der die Nägel scharf und hell und doch auch wieder melodisch in das
weiche Holz trieb. Kein Glockengeläut konnte feierlicher in einen Brautmorgen
hineinklingen, und ich wagte es wahrlich nicht, diese zwei Verlobten anzureden.
- - -
    Der Pfad durch das taufunkelnde Gebüsch nahm mich auf, und hinter mir
verhallte dieser ernste, bedeutungsvolle Hammerschlag. Durch hohes, gelbes
Kornfeld zog sich der enge Weg, die Lerchen hingen unsichtbar - fröhlich
darüber; und - seltsam, gerade in diesem Augenblick drängten sich die Bilder und
Gewohnheiten meines so lange gewohnten Daseins - die bekannte Umgebung meines
ruhigen Einsiedlerlebens durch mein Gedächtnis: meine vier Wände in Berlin, die
Bücher an den Wänden und der Blick durchs Fenster in die bunte lärmende Gasse. -
Du träumst, Friedrich Langreuter? Was aber ist nun ein Traum?... Besinne dich! -
-
    »Wo bist du eigentlich, Fritz?« fragte der Vetter Just. »Du stiegest über
den Hof weg wie ein Nachtwandler. Wie siehst du denn aus. Doktor? Wie stolperst
du her?... Freilich, Steine des Anstosses liegen hier genug im Wege!«
    Da stand ich wieder in dem verwahrlosten Schlosshofe von Werden, und der
Vetter nickte mir von der mehrfach beschriebenen Steintreppe und Rampe zu.
    »Es ist mir übrigens lieb, dass du kommst«, brummte er. »Komm nur dreist
herauf, ich werde dich nicht mehr auslachen, wenn du behauptest, dass es hier
umgehe. Jedenfalls gehe ich nun seit einer Viertelstunde um dies alte Gemäuer
herum, und immer ist's mir, als schleiche etwas hinter mir drein oder sehe gar
aus dem Fenster auf mich herunter. Die Sache ist mir nun doch ausser allem
Spass!... Der Vetter Just Everstein vom Steinhofe Herr von Schloss Werden!... Den
Irländer kenne ich. Der Strick hält mich am Wort, wenn ich es selber nicht
zurücknehme. Und er hat auch recht! Was will er mit seinem Weibe hier?... In die
Försterei setzt die Regierang einen neuen Mann in Grün; alles für uns
ausgeflogene Nester!... Mein Weib nehme ich mit nach dem Steinhofe; das wäre mir
wirklich eine Burgfrau hier, die Bäuerin vom Steinhofe mit Jule Grote als
stewardess!... Sahst du auch die beiden - ich meine Ewald und Irene - auf der
Wiese des Meisters Dröge? Das ist mir nun ganz klar und deutlich, als flösse
schon das Weltmeer zwischen ihnen und Schloss Werden. Es weiss keiner etwas
anzufangen mit Schloss Werden und - ich auch nicht! Doktor, was meinst du, wenn
du es von mir in Pacht nähmest?«
    Ich glaube fest, dass ich damals den Vetter ziemlich starr und mit etwas weit
geöffnetem Munde angesehen habe; es war aber nur eine Schulmeister-Reminiszenz
aus Neu-Minden von ihm, wie sich gleich auswies.
    »Ländereien nicht vorhanden«, sagte er, »aber genügend Gartenland zu
Spielplätzen und Turnanstalten und was sonst dazu gehört. Ausgezeichnetes
Trinkwasser - gesunde Lage, frische Luft. Wald ringsum. Fritz, so 'ne
Erziehungsanstalt für unverbesserliche Jungen aus den besten Familien!... Mit
der Miete würde ich dich nicht drängen, zum Inventar würde ich zuschiessen; wir
behielten dich hier in der Nähe, gut zahlende junge Engländer schickte Ewald,
deine Berliner brächtest du dir selber mit. Gekommen ist mir diese Idee freilich
eben erst, seit du hier bei mir stehst; aber - überlege dir mal die Sache!«
    Von diesem Vorschlage hatte ich mir wahrlich nichts träumen lassen, als ich
mich eben auf dem Wege nach der alten Jugendheimat aus den bewegten,
wunderlichen, traurigen und doch so von der Sonne überglänzten und vom Grün
umrauschten gegenwärtigen Tagen plötzlich, und ohne dass ich es wusste, wie es
zuging, in mein einsames grossstädtisches Gelehrtendasein zurückverloren hatte.
Es war seltsam, aber wegleugnen liess es sich nicht; ein gewisses leises,
unbestimmtes Heimwehgefühl hatte sich bemerkbar gemacht: Wohin gehst du,
Friedrich Langreuter, wenn sich nun in der allernächsten Zeit dieser Kreis, der
sich hier so schicksalsvoll geschlossen hat, wieder auflöst? Sie sind nun am
Ende doch alle geborgen. Aber du, Fritz Langreuter, wenn du nun morgen
mitgegangen bist zu der letzten friedlichen Ruhestätte des guten, alten, treuen
Freundes? Wohin gehst du, wenn ihr morgen vom Kirchhofe zurückgekommen seid und
für die übrigen das Lebensrad mit erneutem Schwunge sich wieder aufwärtsdrehen
wird? Was bleibt dir in den Händen als Gewinn von dieser melancholisch-süssen
Reise nach Schloss und Dorf Werden - der Fahrt in die Jugend zurück?
    Fast drollig klang nun in alle diese Fragen an das eigene Geschick der
treffliche Rat des Freundes, aus Schloss Werden ein Erziehungsinstitut zu machen,
hinein. Ich musste auch lachen, aber heiter kam das gerade nicht heraus; und
dabei stand der Vetter Just mit seinem heitersten Lächeln auf dem ehrlichen,
breiten Gesicht weitbeinig, die Hände auf dem Rücken, vor mir:
    »Na?! Was sagst du zu meinem Vorschlag?«
    »Dass dies ganz der richtige Just Everstein ist. Neu-Minden, wie es leibt und
lebt. Ja, wenn nur ein jeder am Wege gesessen hätte wie dieser Mensch hier und
Weisheit aus dem Wind und den Wolken wie aus dem alten Bröder gezogen hätte! Ich
danke dir herzlich, Vetter Just; aber - für mich wäre das wirklich das letzte.«
    »Dann ist mir Schloss Werden nur auf den Abbruch hin auf den Hals geladen
worden«, seufzte Just Everstein vom Steinhofe und legte die Hand auf eines der
Bretter, mit denen die hohen Fenster des Unterstocks des Gebäudes teilweise
vernagelt waren. »Es wird wieder mal allerlei von einer festen Brücke bei
Bodenwerder geschwatzt und geschrieben. Da könnte ich vielleicht einen Teil der
Steine loswerden. Schade, dass unser Landsmann, der Freiherr von Münchhausen,
sein Wort bei den massgebenden Behörden nicht mehr dazugeben kann! Über das
Gartenland wollte ich mich schon mit den Bauern von Werden verständigen,
Gewissensbisse mache ich mir nicht darüber, wenn du auch nicht gerade jetzt mit
Irene Everstein darüber zu sprechen brauchst. Everstein? Everstein? Was würde
der Herr Graf dazu sagen? Und was mein seliger Vater - von einem Grossvater gar
nicht zu reden?!«
    »Es geht alles in der Welt mit rechten Dingen zu, Vetter Just«, erwiderte
ich. »Freilich die grosse, trostvolle Wahrheit, dass hinter jedem Ding als solches
eben die Welt als solche steht, wird einem meistens nur bei einer solchen
Gelegenheit wie diese klar. Das ist ein Gedanke: aus Schloss Werden eine Brücke
zu bauen! Ein trefflicher Gedanke, der einen selbst in der Vorstellung schon mit
Kindern und Kindeskindern sicher und fest in die Zukunft hineinführt!«
    »Ein kurioses Ende vom Liede, würden die Werdenschen Bauern sagen«, brummte
der Vetter kopfschüttelnd.
    »Aber die Quadern würden sie dir doch, herzlich gern abfahren zu dem Werk.«
    »Das würden sie! Und das Fell würden sie mir dabei über die Ohren ziehen,
wie es kein Everstein auf seinem alten Raubnest dort weiter ins Land hinein
seinerzeit besser verstand. Ja, auch das Lied hat kein Ende! Na ja, und wenn ein
Stern zerspringt, so werden die Planetoiden draus - verwerten kann ich das
Material schon. Der Herr Graf, der Herr Graf! Was würde der Herr Graf dazu
sagen, wenn er den Bauer vom Steinhofe sagen hörte: das hat ja aber Zeit, ich
aber habe heute keine mehr, mich um das alte leere Nest zu kümmern! - ? - Über
Jahr und Tag kannst du mir immer noch deinen guten Rat schriftlich geben, Fritz;
oder du bringst mir ihn mündlich, oder ich hole mir ihn und zeige meiner Eva
dabei zu gleicher Zeit die Stadt Berlin. Dann werden Ewald und Irene jenseits
des Kanals sitzen, und wir können doch noch ein wenig unbefangener über Schloss
Werden und sein letztes Schicksal zu Rate sitzen. Jetzt habe ich schon allzu
lange um das öde Gemäuer mein armes, betrübtes Mädchen bei dem toten Vater
allein gelassen. Komm nach Hause, Doktor.«
    Wir gingen, und - nun sind wir im letzten Akt, und da ich noch ganz und gar
zur alten Komödie gehöre, so hätte ich nunmehr das vollkommenste Recht, meinen
Oberrock aufzuknöpfen, meinen Stern und - mich als Serenissimus zu zeigen. Als
der Serenste, der Heiterste?... Wenn ich sagen wollte, als derjenige, welchem
doch von allen das bequemlichste Los zuteil geworden sei, so würde ich damit
wohl das Richtigere treffen. Ich habe Zeit, wie ich es hier tue, den
Geschichtsschreiber von Dorf und Schloss Werden, den Biographen des Steinhofes zu
spielen. Habe ich meine Sache erträglich gemacht, so ist's gut; ist das Ding
unter aller Kritik ausgefallen, so habe ich im Grunde ja doch nur für den alten
Vetter Just Everstein vom Steinhofe geschrieben, und der wird gottlob nur
lächelnd sagen:
    »Ja, unser Berliner Doktor! Lesen musst du's, Evchen; mir ist mehr als einmal
die Pfeife drüber ausgegangen, und auf dein Gesicht dazu bin ich auch nicht
wenig gespannt. Mittelalterliche Geschichtsquellen hat der alte Junge auch in
unserem Falle gut studiert - na, lass ihn; während der Universitätsferien rückt
er wieder ein auf dem Hofe, und dann hoffe ich mündlich von ihm zu erfahren, ob
er mir in seiner Chronik mehr Schmeicheleien oder mehr Grobheiten gesagt haben
will. Nach England muss jedenfalls eine Kopie hinüber; denn das sehe ich doch gar
nicht ein, weshalb Ewald und Irene nicht geradesogut wie wir über diesen
wunderbaren Historien den Kopf zwischen beide Hände nehmen sollen! Es ist
wirklich die Möglichkeit, was ein Mensch in der Einbildung des anderen an Glück
und Geschick und dem Gegenteil davon befahren kann! Jaja, mein Herz, von Rechts
wegen müssten wir nun, ich und du und Freund Ewald und Frau Irene, uns hinsetzen
und zu Papiere bringen, wie wir dies alles angesehen haben, als wir es erlebten.
Sollen wir, Herz?«
    »Mir bleib damit vom Leibe«, wird dann Frau Eva Everstein sagen. »Irene wird
auch keine Zeit dazu haben. Die ist froh, wenn sie meines Bruders Korrespondenz
besorgt hat. Also fällt es einzig und allein auf dich, Just, wenn wirklich in
dem dicken Bündel Schriften (und was für eine Hand schreibt das Menschenkind
dazu!) was drin steht, was von einem von uns beantwortet werden muss.«
    »Ja, wenn man nur nicht zu behaglich in dem alten Neste sässe und wenn einem
nur der Tag Ruhe liesse!« wird der Vetter Just die Unterredung mit seinem Weibe
über das Manuskriptum des »Doktors in Berlin« fürs erste zu einem behaglichen
Ende bringen. - - -
    Nun wird es natürlich wieder Leute geben, die nie zufrieden sind, wo es sich
um den Schluss einer Geschichte, die man ihnen erzählt, handelt; die alles immer
noch genauer und ausführlicher zu wissen wünschen, als der Erzähler es vortragen
kann oder will. Wo es sich um eine Hochzeit handelt, wollen sie die Zahl der
Musikanten kennen, wo eine Taufe das Ende ist, soll ihnen nicht ein einziger
Gevatter unterschlagen werden, und im vorliegenden Falle (oh, ich kenne sie!)
möchten sie mit »zur Leiche« gehen, das heisst den guten alten Vater Sixtus mit
begraben, und dann ganz genau in Erfahrung bringen, ob Schloss Werden wirklich
ebenso vom Erdhoden verschwunden sei wie die Nester, die wir aus dem Schloss
einst in die Luft und das grüne Gezweig hingen, oder was eigentlich zuallerletzt
der Vetter Just Everstein damit angefangen habe. Ich für mein Teil hätte nun
wohl noch mancherlei von Ewald und Irene zu berichten; aber sonderbarerweise
würde ich dafür die wenigsten aufmerksamen Ohren finden, denn »das kann sich ja
ein jeder leicht denken«. -
    Und so sage ich nur, dass Irene mir die Instandhaltung eines Kindergrabes auf
einem Berliner Kirchhofe anvertraut hat und dass es mir, unberufen, sonst nach
Wunsch geht. Was das übrige anbelangt, zum Beispiel auch Jule Grote und
Mademoiselle Martin (Schloss Werden nie zu vergessen!), so weiss nur der Vetter
Just Everstein das Allergenaueste. Wer also noch eine Frage auf dem Herzen hat,
der wende sich an ihn, von Bodenwerder, wo der Freiherr von Münchhausen geboren
wurde, führt der Feldweg nach dem Steinhofe an jenem Steine vorbei, auf welchem
er - der Vetter Just - den Kopf in den Händen und die Arme auf die Knie stützend
und so in das Blaue hineinstarrend - einst sass und wartete auf menschliche
Schicksale.
 
    