
        
                                Gottfried Keller
                               Der grüne Heinrich
                                        
                                [Zweite Fassung]
                                   Erster Band
                                  Erstes Kapitel
                               Lob des Herkommens
Mein Vater war ein Bauernsohn aus einem uralten Dorfe, welches seinen Namen von
dem Alemannen erhalten hat, der zur Zeit der Landteilung seinen Spiess dort in
die Erde steckte und einen Hof baute. Nachdem im Verlauf der Jahrhunderte das
namengebende Geschlecht im Volke verschwunden, machte ein Lehenmann den
Dorfnamen zu seinem Titel und baute ein Schloss, von dem niemand mehr weiss, wo es
gestanden hat; ebensowenig ist bekannt, wann der letzte »Edle« jenes Stammes
gestorben ist. Aber das Dorf steht noch da, seelenreich, und belebter als je,
während ein paar Dutzend Zunamen unverändert geblieben und für die zahlreichen,
weitläufigen Geschlechter fort und fort ausreichen müssen. Der kleine
Gottesacker, welcher sich rings an die trotz ihres Alters immer weiss geputzte
Kirche legt und niemals erweitert worden ist, besteht in seiner Erde
buchstäblich aus den aufgelösten Gebeinen der vorübergegangenen Geschlechter; es
ist unmöglich, dass bis zur Tiefe von zehn Fuss ein Körnlein sei, welches nicht
seine Wanderung durch den menschlichen Organismus gemacht und einst die übrige
Erde mit umgraben geholfen hat. Doch ich übertreibe und vergesse die vier
Tannenbretter, welche jedesmal mit in die Erde kommen und den ebenso alten
Riesengeschlechtern auf den grünen Bergen rings entstammen; ich vergesse ferner
die derbe ehrliche Leinwand der Grabhemden, welche auf diesen Fluren wuchs,
gesponnen und gebleicht wurde und also so gut zur Familie gehört wie jene
Tannenbretter und nicht hindert, dass die Erde unseres Kirchhofes so schön kühl
und schwarz sei als irgend eine. Es wächst auch das grünste Gras darauf, und die
Rosen nebst dem Jasmin wuchern in göttlicher Unordnung und Überfülle, so dass
nicht einzelne Stäudlein auf ein frisches Grab gesetzt, sondern das Grab muss in
den Blumenwald hineingehauen werden, und nur der Totengräber kennt genau die
Grenze in diesem Wirrsal, wo das frisch umzugrabende Gebiet anfängt.
    Das Dorf zählt kaum zweitausend Bewohner, von welchen je ein paar hundert
den gleichen Namen führen; aber höchstens zwanzig bis dreissig von diesen pflegen
sich Vetter zu nennen, weil die Erinnerungen selten bis zum Urgrossvater
hinaufsteigen. Aus der unergründlichen Tiefe der Zeiten an das Tageslicht
gestiegen, sonnen sich diese Menschen darin, so gut es gehen will, rühren sich
und wehren sich ihrer Haut, um wohl oder wehe wieder in der Dunkelheit zu
verschwinden, wenn ihre Zeit gekommen ist. Wenn sie ihre Nasen in die Hand
nehmen, so sind sie sattsam überzeugt, dass sie eine ununterbrochene Reihe von
zweiunddreissig Ahnen besitzen müssen, und anstatt dem natürlichen Zusammenhange
derselben nachzuspüren, sind sie vielmehr bemüht, die Kette ihrerseits nicht
ausgehen zu lassen. So kommt es, dass sie alle möglichen Sagen und wunderlichen
Geschichten ihrer Gegend mit der grössten Genauigkeit erzählen können, ohne zu
wissen, wie es zugegangen ist, dass der Grossvater die Grossmutter nahm. Alle
Tugenden glaubt jeder selbst zu besitzen, wenigstens diejenigen, welche nach
seiner Lebensweise für ihn wirkliche Tugenden sind, und was die Missetaten
betrifft, so hat der Bauer so gut Ursache wie der Herr, die seiner Väter in
Vergessenheit begraben zu wünschen; denn er ist zuweilen trotz seines Hochmutes
auch nur ein Mensch.
    Ein grosses rundes Gebiet von Feld und Wald bildet ein reiches,
unverwüstliches Vermögen der Bewohner. Dieser Reichtum blieb sich von jeher so
ziemlich gleich; wenn auch hie und da eine Braut einen Teil verschleppt, so
unternehmen die jungen Bursche dafür häufige Raubzüge bis auf acht Stunden weit
und sorgen für hinlänglichen Ersatz sowie dafür, dass die Gemütsanlagen und
körperlichen Physiognomien der Gemeinde die gehörige Mannigfaltigkeit bewahren,
und sie entwickeln hierin eine tiefere und gelehrtere Einsicht für ein frisches
Fortgedeihen als manche reiche Patrizier- oder Handelsstadt und als die
europäischen Fürstengeschlechter.
    Die Einteilung des Besitzes aber verändert sich von Jahr zu Jahr ein wenig
und mit jedem halben Jahrhundert fast bis zur Unkenntlichkeit. Die Kinder der
gestrigen Bettler sind heute die Reichen im Dorfe, und die Nachkommen dieser
treiben sich morgen mühsam in der Mittelklasse umher, um entweder ganz zu
verarmen oder sich wieder aufzuschwingen.
    Mein Vater starb so früh, dass ich ihn nicht mehr von seinem Vater konnte
erzählen hören; ich weiss daher so gut wie nichts von diesem Manne; nur so viel
ist gewiss, dass damals die Reihe einer ehrbaren Unvermöglichkeit an seiner
engeren Familie war. Da ich nicht annehmen mag, dass der ganz unbekannte
Urgrossvater ein liederlicher Kauz gewesen sei, so halte ich es für
wahrscheinlich, dass sein Vermögen durch eine zahlreiche Nachkommenschaft
zersplittert wurde; wirklich habe ich auch eine Menge entfernter Vettern, welche
ich kaum noch zu unterscheiden weiss, die, wie die Ameisen krabbelnd, bereits
wieder im Begriffe sind, ein gutes Teil der viel zerhackten und durchfurchten
Grundstücke an sich zu bringen. Ja, einige Alte unter denselben sind in der Zeit
schon wieder reich gewesen und ihre Kinder wieder arm geworden.
    Dazumal war es nicht ganz mehr jene Schweiz, welche dem Legationssekretär
Werter so erbärmlich vorgekommen ist, und wenn auch die junge Saat der
französischen Ideen durch einen ungeheuern Schneefall östreichischer, russischer
und selbst französischer Quartierbilletts bedeckt worden war, so gestattete doch
die Mediationsverfassumg einen gelindert Nachsommer und verhinderte meinen Vater
nicht, die Kühe, die er weidete, eines Morgens stehenzulassen und nach der Stadt
zu gehen, um ein gutes Handwerk zu erlernen. Von da an verscholl er so ziemlich
für seine Mitbürger; denn nach harten, aber gut bestandenen Lehrjahren führte
ihn sein Trieb, einen immer kühnern Schwung nehmend, in die Ferne, und er
durchschweifte als ein geschickter Steinmetz entlegene Reiche. Indessen aber
hatte der sanftknisternde Papierblumenfrühling, welcher nach der Schlacht bei
Waterloo aufging, wie überallhin, so auch in alle Winkel der Schweiz sein
bläuliches Kerzenlicht verbreitet; auch in meines Vaters Geburtsdorf, dessen
Bewohner in den neunziger Jahren ebenfalls entdeckt hatten, dass sie seit
undenklichen Zeiten mitten in einer Republik lebten, war die ehrwürdige Dame
Restauration mit allen ihren Schachteln und Kartons feierlich eingezogen und
richtete sich in dem Neste so gut ein, als sie konnte. Schattige Wälder, Höhen
und Täler mit den angenehmsten Freudenplätzen, ein fischreicher, klarer Fluss und
die Wiederholung aller dieser guten Dinge in einer weiten, belebten
Nachbarschaft, welche sogar noch mit einigen bewohnten Schlössern geziert war,
zogen den einwohnenden Herrschaften eine Menge jagender, fischender, tanzender,
singender, essender und trinkender Gäste aus der Stadt zu. Man bewegte sich um
so leichter, als man den Reifrock und die Perücke weislich da liegenliess, wohin
sie die Revolution geworfen hatte, und das griechische Kostüm der Kaiserzeit,
wenn auch in diesen Gegenden etwas nachträglich, angetan hatte. Die Bauern sahen
mit Verwunderung die weissumflorten Göttergestalten ihrer vornehmen
Mitbürgerinnen, ihre sonderbaren Hüte und noch merkwürdigeren Taillen, welche
dicht unter den Armen gegürtet waren. Die Herrlichkeit des aristokratischen
Regimentes entfaltete sich am höchsten im Pfarrhause. Die reformierten
Landgeistlichen der Schweiz waren keine armen, demütigen Schlucker wie ihre
Amtsbrüder im protestantischen Norden. Da alle Pfründen im Lande fast
ausschliesslich den Bürgern der herrschenden Städte offenstanden, so bildeten sie
zu den weltlichen Ehrenstellen eine Ergänzung im Systeme der Herrschaft, und die
Pfarrer, deren Brüder das Schwert und die Waage handhabten, nahmen teil an der
Glorie, wirkten und regierten auf ihre Weise im Sinne des Ganzen kräftig mit
oder überliessen sich einem sorgenfreien, vergnüglichen Dasein. Sehr oft waren
sie von Haus reich, und die ländlichen Pfarrhäuser glichen eher den Landsitzen
grosser Herren; auch gab es eine Menge adeliger Seelenhirten, welche die Bauern
Junker Pfarrer nennen mussten. Ein solcher war nun zwar der Pfarrer meines
Heimatdorfes nicht, auch nichts weniger als ein reicher Mann; doch sonst einer
alten Stadtfamilie angehörend, vereinigte er in seiner Person und in seinem
Hauswesen allen Stolz, Kastengeist und Lustbarkeit eines warmgesessenen
Städtetumes. Er tat sich etwas darauf zu gut, ein Aristokrat zu heissen, und
vermischte seine geistliche Würde ungezwungen mit einem derben,
militärisch-junkerhaften Anstriche; denn man wusste dazumal noch nichts weder von
dem Namen noch von dem Wesen des modernen Traktätlein-Konservatismus. Es ging in
seinem Hause geräuschvoll und lustig her; die Pfarrkinder steuerten reichlich,
was Feld und Stall abwarf, die Gäste holten sich selbst aus dem Forste Hasen,
Schnepfen und Rebhühner, und da Treibjagden doch nicht landesüblich waren, so
wurden die Bauern dafür zu grossen Fischzügen freundschaftlich angehalten, was
jedesmal ein Fest gab, und so war das Pfarrhaus nie ohne Freude und Lärm. Man
durchzog das Land ringsumher, stattete Besuche ab in Masse und empfing solche,
schlug Zelte auf und tanzte darunter oder spannte sie über die lauteren Bäche,
und die Griechinnen badeten darunter; man überfiel in hellen Haufen eine einsame
kühle Mühle oder fuhr in vollgepfropften Nachen auf Seen und Flüssen, der
Pfarrer immer voran mit einer Entenflinte über dem Rücken oder ein mächtiges
spanisches Rohr in der Hand.
    Geistige Bedürfnisse waren in diesen Kreisen nicht viele vorhanden; die
weltliche Bibliotek des Pfarrers bestand, wie ich sie noch gesehen habe, aus
einigen altfranzösischen Schäferromanen, Gessners Idyllen, Gellerts Lustspielen
und einem stark zerlesenen Exemplar des Münchhausen. Zwei oder drei einzelne
Bände von Wieland schienen aus der Stadt geblieben und nicht mehr
zurückgeschickt worden zu sein. Man sang Höltys Lieder, und nur die Jugend
führte etwa einen Mattisson mit sich. Der Pfarrer selbst, wenn einmal von
dergleichen Dingen die Rede war, pflegte seit dreissig Jahren regelmässig zu
fragen: »Haben Sie Klopstocks Messias gelesen?« und wenn das, wie natürlich
bejaht wurde, schwieg er vorsichtig. Im übrigen gehörten die Gäste nicht zu
jenen feinsten Kreisen, welche die Kultur der herrschenden Interessen durch
erhöhte Geistestätigkeit pflegen und durch eine edle Bildung zu befestigen
suchen, sondern zu der gemütlichen Klasse, welche sich darauf beschränkt, die
Früchte jener Bemühungen zu geniessen und sich ohne weiteres Kopfzerbrechen
lustig zu machen, solange es Kirchweih ist.
    Aber diese ganze Herrlichkeit barg bereits den Keim ihres Zerfalles in sich
selbst. Der Pfarrer hatte einen Sohn und eine Tochter, welche beide in ihren
Neigungen von denjenigen ihrer Umgebung abwichen. Während der Sohn, ebenfalls
ein Geistlicher und dazu bestimmt, seinem Vater im Amte zu folgen, vielfache
Verbindungen mit jungen Bauern anknüpfte, mit ihnen ganze Tage auf dem Felde lag
oder auf Viehmärkte fuhr und mit Kennerblicke die jungen Kühe betastete, hing
die Tochter, sooft sie nur immer konnte, die griechischen Gewänder an den Nagel
und zog sich in Küche und Garten zurück, dafür sorgend, dass die unruhige
Gesellschaft etwas Ordentliches zu beissen fand, wenn sie von ihren Fahrten
zurückkehrte. Auch war diese Küche nicht der schwächste Anziehungspunkt für die
genäschigen Städtebewohner, und der grosse gutbebaute Garten zeugte für einen
ausdauernden Fleiss und treffliche Ordnungsliebe.
    Der Sohn endigte sein Treiben damit, dass er eine begüterte rüstige
Bauerntochter heiratete, in ihr Haus zog und alle sechs Werktage hindurch ihre
Äcker und ihr Vieh bestellte. In Anwartschaft seines höheren Amtes übte er sich,
als Säemann den göttlichen Samen in wohlberechneten Würfen auszustreuen und das
Böse in Gestalt von wirklichem Unkraut auszujäten. Der Schrecken und der Zorn
hierüber waren gross im Pfarrhause, zumal wenn man bedachte, dass die junge
Bäuerin einst als Hausfrau dort einziehen und herrschen sollte, sie, welche
weder mit der gehörigen Anmut im Grase zu liegen noch einen Hasen standesgemäss
zu braten und aufzutragen wusste. Deshalb war es der allgemeine Wunsch, dass die
Tochter, welche allmählich schon über ihre erste Jugend hinausgeblüht hatte,
entweder einen standesgetreuen jungen Geistlichen ins Haus locken oder sonst
noch lange die zusammenhaltende Kraft desselben bleiben möchte. Aber auch diese
Hoffnungen schlugen fehl.
 
                                Zweites Kapitel
                                Vater und Mutter
Denn eines Tages geschah es, dass das ganze Dorf in grosse Bewegung gesetzt wurde
durch die Ankunft eines schönen, schlanken Mannes, der einen feinen grünen Frack
trug nach dem neuesten Schnitte, enganliegende weisse Beinkleider und glänzende
Suwarowstiefeln mit gelben Stulpen. Wenn es regnerisch aussah, so führte er
einen rotseidenen Schirm mit sich, und eine grosse goldene Uhr von feiner Arbeit
gab ihm in den Augen der Bauern einen ungemein vornehmen Anstrich. Dieser Mann
bewegte sich mit einem edlen Anstande in den Gassen des Dorfes umher und trat
freundlich und leutselig in die niederen Türen, verschiedene alte Mütterchen und
Gevattern aufsuchend, und war niemand anders als der weitgereiste
Steinmetzgeselle Lee, welcher seine lange Wanderschaft ruhmvoll beendigt hatte.
Man kann wohl sagen ruhmvoll, wenn man bedenkt, dass er vor zwölf Jahren, als ein
vierzehnjähriger Knabe, arm und bloss aus dem Dorfe gewandert war, hierauf bei
seinem Meister die Lehrzeit durch lange Arbeit abverdienen musste, mit einem
dürftigen Felleisen und wenig Geld in die Fremde zog und nun solchergestalt als
ein förmlicher Herr, wie ihn die Landleute nannten, zurückkehrte. Denn unter dem
niedern Dache seiner Verwandten standen zwei mächtige Kisten, von denen die eine
ganz mit Kleidern und feiner Wäsche, die andere mit Modellen, Zeichnungen und
Büchern angefüllt war. Es gab etwas Schwungvolles in dem ganzen Wesen des etwa
sechsundzwanzig Jahre alten Mannes; seine Augen glühten wie von einem
anhaltenden Glanze innerer Wärme und Begeisterung, er sprach immer hochdeutsch
und suchte das Unbedeutendste von seiner schönsten und besten Seite zu fassen.
Er hatte ganz Deutschland vom Süden bis zum Norden durchreist und in allen
grossen Städten gearbeitet; die Zeit der Befreiungskriege in ihrem ganzen Umfange
fiel mit seinen Wanderjahren zusammen, und er hatte die Bildung und den Ton
jener Tage in sich aufgenommen, insofern sie ihm verständlich und zugänglich
waren; vorzüglich teilte er das offene und treuherzige Hoffen der guten
Mittelklassen auf eine bessere, schönere Zeit der Wirklichkeit, ohne von den
geistigen Überfeinerungen und Wunderseligkeiten etwas zu wissen, die in manchen
Elementen dazumal durch die höhere Gesellschaft wucherten.
    Es waren nur wenige gleichgesinnte Arbeitsgenossen, welche die ersten,
seltenen und verborgenen Keime bildeten zu der Selbstveredlung und Aufklärung,
so den wandernden Handwerkerstand zwanzig Jahre später durchdrangen, und welche
einen Stolz darauf setzten, die besten und gesuchtesten Arbeiter zu sein, und
dadurch, verbunden mit Fleiss und Mässigkeit, die Mittel erlangten, auch ihren
Geist zu bilden und äusserlich wie innerlich schon in ihren Wanderjahren als
achtungswerte, tüchtige Männer dazustehen. Überdies war dem Steinhauer in den
grossen Werken altdeutscher Baukunst ein Licht aufgegangen, welches seinen Pfad
noch mehr erleuchtete, indem es ihn mit heitern Künstlerahnungen erfüllte und
den dunklen Trieb jetzt erst zu rechtfertigen schien, welcher ihm von der grünen
Weide hinweg dem gestaltenden Leben der Städte zugeführt hatte. Er lernte
zeichnen mit eisernem Fleisse, brachte ganze Nächte und Feiertage damit zu, Werke
und Muster aller Art durchzupausen, und nachdem er den Meissel zu den
kunstreichsten Gebilden und Verzierungen führen gelernt und ein vollkommener
Handarbeiter geworden war, ruhte er nicht, sondern studierte den Steinschnitt
und sogar solche Wissenschaften, welche andern Zweigen des Bauwesens angehören.
Er suchte überall an grossen öffentlichen Bauten unterzukommen, wo es viel zu
sehen und zu lernen gab, und brachte es durch seine Aufmerksamkeit bald dahin,
dass ihn die Baumeister ebensoviel auf ihren Arbeitszimmern am Zeichnen- oder
Schreibtische verwendeten als auf dem Bauplatze. Dass er dort nicht feierte,
sondern manche Mittagsstunde damit zubrachte, alles mögliche durchzuzeichnen und
alle Berechnungen zu kopieren, welche er erhaschen konnte, versteht sich von
selbst. So wurde er zwar kein akademischer Künstler mit einer allseitigen
Durchbildung, aber doch ein Mann, welcher wohl den kühnen Vorsatz fassen durfte,
in der Hauptstadt seiner Heimat ein wackerer Bau- und Maurermeister zu werden.
Mit dieser ausgesprochenen Absicht trat er nun auch im Dorfe zur grossen
Bewunderung seiner Sippschaft auf, und das Erstaunen wurde noch grösser, als er,
mit einem zierlichen Manschettenhemde bekleidet und sein reinstes Hochdeutsch
sprechend, sich mitten unter die französisch-griechischen Gestalten des
Pfarrhauses mischte und um die Pfarrerstochter warb. Der ländlich gesinnte
Bruder mochte hiezu eine Vermittlung, wenigstens ein aufmunterndes Beispiel
darbieten; die Jungfrau schenkte dem blühenden Freier bald ihr Herz, und die
Verwirrung, welche dadurch zu entstehen drohte, löste sich schnell, als die
Eltern der Braut kurz hintereinander starben.
    Also hielten sie eine stille Hochzeit und zogen in die Stadt, sich weiter
nicht nach der glanzvollen Vergangenheit des Pfarrhauses umsehend, in welches
alsobald der junge Pfarrer mit ganzen Wagen voll Sensen, Sicheln, Dreschflegeln,
Rechten, Heugabeln, mit gewaltigen Himmelbetten, Spinnrädern und Flachshecheln
und mit seiner kecken, frischen Frau einzog, welche mit ihrem geräucherten Speck
und mit ihren derben Mehlklössen schnell sämtliche Musselingewänder, Fächer und
Sonnenschirmchen aus Haus und Garten vertrieben hatte. Nur eine Wand voll
vortrefflicher Jagdgewehre, die auch der Nachfolger zu fahren wusste, lockte im
Herbst einzelne Jäger auf das Dorf und unterschied das Pfarrhaus einigermassen
von einem Bauernhause.
    In der Stadt fing jener junge Baumeister damit an, dass er einige Arbeiter
anstellte und, selbst arbeitend vom Morgen bis zum Abend, kleinere Aufträge
aller Art annahm und darin so viel Geschick und Zuverlässigkeit zeigte, dass noch
vor Ablauf eines Jahres sein Geschäft sich erweiterte und sein Kredit sich
begründete. Er war so erfinderisch und einsichtsvoll, gewandt und schnell
beraten, dass bald viele Bürger seinen Rat und seine Arbeit suchten, wenn sie im
Zweifel waren, wie sie etwas verändern oder neu bauen lassen sollten. dabei war
er immer bestrebt, das Schöne mit dem Nützlichen zu verbinden, und war froh,
wenn ihn seine Kunden nur gewähren liessen, so dass sie manche Zierde, manches
Fenster und Gesims von reineren Verhältnissen erhielten, ohne dass sie deswegen
den Geschmack ihres Baumeisters teurer bezahlen mussten. Seine Frau aber führte
mit wahrem Fanatismus das Hauswesen, welches durch verschiedene Arbeiter und
Dienstboten schnell erweitert wurde. Sie beherrschte mit Kraft und Meisterschaft
das Füllen und Leeren einer Anzahl grosser Speisekörbe und war der Schrecken der
Marktweiber und die Verzweiflung der Schlächter, welche alle Gewalt ihrer alten
Rechte aufbieten mussten, einen Knochensplitter mit auf die Waage zu bringen,
wenn das Fleisch für die Frau Lee gewogen wurde. Obgleich Meister Lee fast keine
persönlichen Bedürfnisse hatte und unter seinen zahlreichen Grundsätzen
derjenige der Sparsamkeit in der ersten Reihe stand, so war er doch so
gemeinnützig und grossherzig, dass das Geld für ihn nur Wert hatte, wenn etwas
damit ausgerichtet oder geholfen wurde, sei es durch ihn oder durch andere;
daher verdankte er es nur seiner Frau, welche keinen Pfennig unnütz ausgab und
den grössten Ruhm darein setzte, jedermann weder um ein Haar zuwenig noch zuviel
zukommen zu lassen, dass er nach Verfluss von zwei oder drei Jahren schon
Ersparnisse vorfand, welche seinem unternehmenden Geiste nebst dem Kredite, den
er bereits genoss, eine reichlichere Nahrung darboten. Er kaufte alte Häuser an
für eigene Rechnung, riss sie nieder und baute an der Stelle stattliche
Bürgerhäuser, in welchen er eine Menge Einrichtungen fremder oder eigener
Erfindung anbrachte. Diese verkaufte er mehr oder weniger vorteilhaft, sogleich
zu neuen Unternehmungen schreitend, und alle seine Gebäude trugen das Gepräge
eines beständigen Strebens nach Formen- und Gedankenreichtum. Wein ein gelehrter
Architekt auch oft nicht wusste, wohin er alle angebrachten Ideen zählen sollte
und vieles der Unklarheit oder Unharmonie zeihen musste, so gestand er doch
immer, dass es Gedanken seien, und belobte, wenn er unbefangen war, den schönen
Eifer dieses Mannes mitten in der geistesarmen und nüchternen Zeit des
Bauwesens, wie sie wenigstens in den abgelegenen Provinzen des Kunstgebietes
bestand.
    Dies tätige Leben versetzte den unermüdlichen Mann in den Mittelpunkt eines
weiten Kreises von Bürgern, welche alle zu ihm in Wechselwirkung traten, und
unter diesen bildete sich ein engerer Ausschuss gleichgesinnter und empfänglicher
Männer, denen er sein rastloses Suchen nach dem Guten und Schönen mitteilte. Es
war nun um die Mitte der zwanziger Jahre, wo in der Schweiz eine grosse Anzahl
gebildeter Männer aus dem Schosse der herrschenden Klassen selbst, die
abgeklärten Ideen der grossen Revolution wiederaufnehmend, einen frucht-und
dankbaren Boden für die Julitage vorbereiteten und die edlen Güter der Bildung
und Menschenwürde sorgsam pflegten. Zu diesen bildete Lee mit seinen Genossen,
an seinem Orte, eine tüchtige Fortsetzung im arbeitenden Mittelstande, welcher
von jeher aus der Tiefe des Volkes auf den Landschaften umher seine Wurzeln
trieb und sich erneuerte. Während jene Vornehmen und Gelehrten die künftige Form
des Staates, philosophische und Rechtswahrheiten besprachen und im allgemeinen
die Fragen schönerer Menschlichkeit zu ihrem Gebiete machten, wirkten die
rührigen Handwerker mehr unter sich und nach unten hin, indem sie einstweilen
ganz praktisch so gut als möglich sich einzurichten suchten. Eine Menge Vereine,
öfter die ersten in ihrer Art, wurden gestiftet, welche meistens irgendeine
Versicherung zum Wohle der Mitglieder und ihrer Angehörigen zum Zwecke hatten.
Schulen wurden gesellschaftsweise gegründet, um den Kindern des gemeinen Mannes
eine bessere Erziehung zu sichern; kurz, eine Menge Unternehmungen dieser Art,
zu jener Zeit noch neu und verdienstlich, gab den braven Leuten zu schaffen und
Gelegenheit, sich daran emporzubilden. Denn in zahlreichen Zusammenkünften
mussten Statuten aller Art entworfen, beraten, durchgesehen und angenommen,
Vorsteher gewählt und nach aussen wie nach innen Rechte und Formen erklärt und
gewahrt werden.
    Zu diesen verschiedenen Elementen kam und berührte sie gemeinschaftlich der
griechische Freiheitskampf, welcher auch hier, wie überall, zum ersten Mal in
der allgemeinen Ermattung die Geister wieder erweckte und erinnerte, dass die
Sache der Freiheit diejenige der ganzen Menschheit sei. Die Teilnahme an den
hellenischen Betätigungen verlieh auch den nicht philologischen Genossen zu
ihrer übrigen Begeisterung einen edlen kosmopolitischen Schwung und benahm den
hellgesinnten Gewerbsleuten den letzten Anflug von Spiess- und Pfahlbürgertum.
Lee war überall mit voran, ein zuverlässiger, hingebender Freund für alle,
seines reinen Charakters und seiner gehobenen Gesinnung wegen allgemein
geachtet, ja geehrt. Er war um so glücklicher zu nennen, als er dabei nicht von
Eitelkeit befangen war; und erst jetzt fing er von neuem an zu lernen und
nachzuholen, was ihm erreichbar war. Er trieb auch seine Freunde dazu an, und es
gab bald keinen derselben mehr, der nicht eine kleine Sammlung geschichtlicher
und naturwissenschaftlicher Werke aufzuweisen hatte. Da fast allen in ihrer
Jugend die gleiche dürftige Erziehung zuteil geworden, so ging ihnen nun
besonders bei ihrem Eindringen in die Geschichte ein reiches und ergiebiges Feld
auf, welches sie mit immer grösserer Freude durchwandelten. Ganze Stuben voll
waren sie an Sonntagsmorgen beisammen, disputierten und teilten sich die immer
neuen Entdeckungen mit, wie allezeit die gleichen Ursachen die gleichen
Wirkungen hervorgebracht hätten und dergleichen. Wenn sie auch Schiller auf die
Höhen seiner philosophischen Arbeiten nicht zu folgen vermochten, so erbauten
sie sich um so mehr an seinen geschichltlichen Werken, und von diesem
Standpunkte aus ergriffen sie auch seine Dichtungen, welche sie auf diese Weise
ganz praktisch nachfühlten und genossen, ohne auf die künstlerische
Rechenschaft, die jener Grosse sich selber gab, weiter eingehen zu können. Sie
hatten die grösste Freude an seinen Gestalten und wussten nichts Ähnliches
aufzufinden, das sie so befriedigt hätte. Seine gleichmässige Glut und Reinheit
des Gedankens und der Sprache war mehr der Ausdruck für ihr schlichtes,
bescheidenes Treiben als für das Wesen mancher Schillerverehrer der gelehrten
heutigen Welt. Aber einfach und durchaus praktisch, wie sie waren, fanden sie
nicht volles Genügen an der dramatischen Lektüre im Schlafrock; sie wünschten
diese bedeutsamen Begebenheiten leibhaftig und farbig vor sich zu sehen, und
weil von einem stehenden Teater in den damaligen Schweizerstädten nicht die
Rede war, so entschlossen sie sich, wiederum angefeuert von Lee, kurz und
spielten selbst Komödie, so gut sie konnten. Die Bühne und die Maschinen waren
freilich schneller und gründlicher hergestellt, als die Rollen erlernt wurden,
und mancher suchte sich über den Umfang seiner Aufgabe selbst zu täuschen, indem
er mit vergrösserter Kraft Nägel einschlug und Latten entzweisägte; doch ist es
nicht zu leugnen, dass ein grosser Teil der Gewandteit im Ausdruck und des äussern
Anstandes, welche fast allen jenen Freunden eigen geblieben ist, auf Rechnung
solcher Übungen gesetzt werden darf. Wie sie älter wurden, liessen sie
dergleichen Dinge wieder bleiben, aber sie behielten den Sinn für das Erbauliche
in jeder Beziehung getreulich bei. Würde man heutzutage fragen, wo sie denn die
Zeit zu alledem hergenommen haben, ohne ihre Arbeit und ihr Haus zu
vernachlässigen so wäre zu antworten, dass es erstens noch gesunde und naive
Männer und keine Grübler waren, welche zu jeder Tat und jeder ausserordentlichen
Arbeit einen Schatz von Zeit verschwenden mussten, indem sie alles zerfaserten
und breitquetschten, ehe es geniessbar war, und dass zweitens die täglichen
Stunden von sieben bis zehn Uhr abends, gleichmässig benutzt, eine viel
ansehnlichere Masse von Zeit ausmachen, als der Bürger heute glaubt, welcher
dieselben hinter dem Weinglase im Tabaksqualm verbrütet. Man war damals noch
nicht einer Rotte von Schenkwirten tributpflichtig, sondern zog es vor, im
Herbste das edle Gewächs selbst einzukellern, und es war keiner dieser
Handwerker, vermöglich oder arm, der sich nicht geschämt hätte, am Schlusse der
abendlichen Zusammenkünfte ein Glas derben Tischweines mangeln zu lassen oder
denselben aus der Schenke holen zu müssen. Während des Tages sah man keinen,
oder höchstens flüchtig und heimlich, vor den Gesellen es verbergend, ein Buch
oder eine Papierrolle in die Werkstatt eines andern bringen, und sie sahen
alsdann aus wie Schulknaben, welche unter dem Tische den Plan zu einer
rühmlichen Kriegsunternehmung zirkulieren lassen.
    Doch sollte dies aufgeregte Leben auf andere Weise Unheil bringen. Lee hatte
sich, bei seinen gehäuften Arbeiten in steter Anstrengung, eines Tages stark
erhitzt und achtlos nachher erkältet, was den Keim gefährlicher Krankheit in ihn
legte. Anstatt sich nun zu schonen und auf jede Weise in acht zu nehmen, konnte
er es nicht lassen, sein Treiben fortzusetzen und überall mit Hand anzulegen, wo
etwas zu tun war. Schon seine vielfältigen Berufsgeschäfte nahmen seine volle
Tätigkeit in Anspruch, welche er nicht plötzlich schwächen zu dürfen glaubte. Er
rechnete, spekulierte, schloss Verträge, ging weit über Land, um Einkäufe zu
besorgen, war im gleichen Augenblick zuoberst auf den Gerüsten und zuunterst in
den Gewölben, riss einem Arbeiter die Schaufel aus der Hand und tat einige
gewichtige Würfe damit, ergriff ungeduldig den Hebebaum, um eine mächtige
Steinlast herumwälzen zu helfen, hob, wenn es ihm zu lange ging, bis Leute
herbeikamen, selbst einen Balken auf die Schultern und trug ihn keuchend an Ort
und Stelle, und statt dann zu ruhen, hielt er am Abend in irgendeinem Verein
einen lebhaften Vortrag oder war in später Nacht ganz umgewandelt auf den
Brettern, leidenschaftlich erregt, mit hohen Idealen in einem mühsamen Ringen
begriffen, welches ihn noch weit mehr anstrengen musste als die Tagesarbeit. Das
Ende war, dass er plötzlich dahinstarb als ein junger, blühender Mann, in einem
Alter, wo andere ihre Lebensarbeit erst beginnen, mitten in seinen Entwürfen und
Hoffnungen und ohne die neue Zeit aufgehen zu sehen, welcher er mit seinen
Freunden zuversichtlich entgegenblickte. Er liess seine Frau mit einem
fünfjährigen Kinde allein zurück, und dies Kind bin ich.
    Der Mensch rechnet immer das, was ihm fehlt, dem Schicksale doppelt so hoch
an als das, was er wirklich besitzt; so haben mich auch die langen Erzählungen
der Mutter immer mehr mit Sehnsucht nach meinem Vater erfüllt, welchen ich nicht
mehr gekannt habe. Meine deutlichste Erinnerung an ihn fällt sonderbarerweise um
ein volles Jahr vor seinen Tod zurück, auf einen einzelnen schönen Augenblick,
wo er an einem Sonntagabend auf dem Felde mich auf den Armen trug, eine
Kartoffelstaude aus der Erde zog und mir die anschwellenden Knollen zeigte,
schon bestrebt, Erkenntnis und Dankbarkeit gegen den Schöpfer in mir zu
erwecken. Ich sehe noch jetzt das grüne Kleid und die schimmernden Metallknöpfe
zunächst meinen Wangen und seine glänzenden Augen, in welche ich verwundert sah
von der grünen Staude weg, die er hoch in die Luft hielt. Meine Mutter rühmte
mir nachher oft, wie sehr sie und die begleitende Magd erbaut gewesen seien von
seinen schönen Reden. Aus noch früheren Tagen ist mir seine Erscheinung
ebenfalls geblieben durch die befremdliche Überraschung der vollen
Waffenrüstung, in welcher er eines Morgens Abschied nahm, um mehrtägigen Übungen
beizuwohnen; da er ein Schütze war, so ist auch dies Bild mit der lieben grünen
Farbe und mit heiterm Metallglanze für mich ein und dasselbe geworden. Aus
seiner letzten Zeit aber habe ich nur noch einen verworrenen Eindruck behalten,
und besonders seine Gesichtszüge sind mir nicht mehr erinnerlich.
    Wenn ich bedenke, wie heiss treue Eltern auch an ihren ungeratensten Kindern
hangen und dieselben nie aus ihrem Herzen verbannen können, so finde ich es
höchst unnatürlich, wenn sogenannte brave Leute ihre Erzeuger verlassen und
preisgeben, weil dieselben schlecht sind und in der Schande leben, und ich
preise die Liebe eines Kindes, welches einen zerlumpten und verachteten Vater
nicht verlässt und verleugnet, und begreife das unendliche, aber erhabene Weh
einer Tochter, welche ihrer verbrecherischen Mutter noch auf dem Schafotte
beisteht. Ich weiss daher nicht, ob es aristokratisch genannt werden kann, wenn
ich mich doppelt glücklich fühle, von ehrlichen und geachteten Eltern
abzustammen, und wenn ich vor Freude errötete, als ich, herangewachsen, zum
ersten Male meine bürgerlichen Rechte ausübte in bewegter Zeit und in
Versammlungen mancher bejahrte Mann zu mir herantrat, mir die Hand schüttelte
und sagte, er sei ein Freund meines Vaters gewesen und er freue sich, mich auch
auf dem Platze erscheinen zu sehen; als dann noch mehrere kamen und jeder den
»Mann« gekannt haben und hoffen wollte, ich werde ihm würdig nachfolgen. Ich
kann mich nicht entalten, sosehr ich die Torheit einsehe, oft Luftschlösser zu
bauen und zu berechnen, wie es mit mir gekommen wäre, wenn mein Vater gelebt
hätte, und wie mir die Welt in ihrer Kraftfülle von frühester Jugend an
zugänglich gewesen wäre; jeden Tag hätte mich der treffliche Mann weitergeführt
und würde seine zweite Jugend in mir verlebt haben. Wie mir das Zusammenleben
zwischen Brüdern ebenso fremd als beneidenswert ist und ich nicht begreife, wie
solche meistens auseinanderweichen und ihre Freundschaft ausserwärts suchen, so
erscheint mir auch, ungeachtet ich es täglich sehe, das Verhältnis zwischen
einem Vater und einem erwachsenen Sohne um so neuer, unbegreiflicher und
glückseliger, als ich Mühe habe, mir dasselbe auszumalen und das nie Erlebte zu
vergegenwärtigen.
    So aber muss ich mich darauf beschränken, je mehr ich zum Manne werde und
meinem Schicksal entgegenschreite, mich, zusammenzufassen und in der Tiefe
meiner Seele still zu bedenken: Wie würde er nun an deiner Stelle handeln, oder
was würde er von deinem Tun urteilen, wenn er lebte. Er ist vor der Mittagshöhe
seines Lebens zurückgetreten in das unerforschliche All und hat die überkommene
goldene Lebensschnur, deren Anfang niemand kennt, in meinen schwachen Händen
zurückgelassen, und es bleibt mir nur übrig, sie mit Ehren an die dunkle Zukunft
zu knüpfen oder vielleicht für immer zu zerreissen, wenn auch ich sterben werde.
- Nach vielen Jahren hat meine Mutter, nach langen Zwischenräumen, wiederholt
geträumt, der Vater sei plötzlich von einer langen Reise aus weiter Ferne, Glück
und Freude bringend, zurückgekehrt, und sie erzählte es jedesmal am Morgen, um
darauf in tiefes Nachdenken und in Erinnerungen zu versinken, während ich, von
einem heiligen Schauer durchweht, mir vorzustellen suchte, mit welchen Blicken
mich der teure Mann ansehen und wie es unmittelbar werden würde, wenn er
wirklich eines Tages so erschiene.
    Je dunkler die Ahnung ist, welche ich von seiner äusseren Erscheinung in mir
trage, desto heller und klarer hat sich ein Bild seines innern Wesens vor mir
aufgebaut, und dies edle Bild ist für mich ein Teil des grossen Unendlichen
geworden, auf welches mich meine letzten Gedanken zurückführen und unter dessen
Obhut ich zu wandeln glaube.
 
                                Drittes Kapitel
                    Kindheit. Erste Teologie. Schulbänklein
Die erste Zeit nach dem Tode meines Vaters war für seine Witwe eine schwere Zeit
der Trauer und Sorge. Seine ganze Verlassenschaft befand sich im Zustande des
vollen Umschwunges und erforderte weitläufige Verhandlungen, um sie ins reine zu
bringen. Eingegangene Verträge waren mitten in ihrer Erfüllung abgebrochen,
Unternehmungen gehemmt, grosse laufende Rechnungen zu bezahlen und solche
einzuziehen an allen Ecken und Enden; Vorräte von Baustoffen mussten mit Verlust
verkauft werden, und es war zweifelhaft, ob bei der augenblicklichen Lage der
Verhältnisse auch nur ein Pfennig übrig bleiben würde, wovon die bekümmerte Frau
leben sollte. Gerichtsmänner kamen, legten Siegel an und lösten sie wieder; die
Freunde des Verstorbenen und zahlreiche Geschäftsleute gingen ab und zu, halfen
und ordneten; es wurde durchgesehen, gerechnet, abgesondert, gesteigert. Käufer
und neue Unternehmer meldeten sich, suchten die Summen herunterzudrücken oder
mehr in Beschlag zu nehmen, als ihnen gebührte, es war ein Geräusch und eine
Spannung, dass meine Mutter, welche immer mit wachsamen Augen dabeistand, zuletzt
nicht mehr wusste, wie sie sich helfen sollte. Allmählich klärte sich die
Verwirrung auf, ein Geschäft um das andere war abgetan, alle Verbindlichkeiten
gelöst und die Forderungen gesichert, und es zeigte sich nun, dass das Haus, in
welchem wir zuletzt wohnten, als einziges Vermögen übrigblieb. Es war ein altes
hohes Gebäude, mit vielen Räumen und von unten bis oben bewohnt wie ein
Bienenkorb. Der Vater hatte es gekauft in der Absicht, ein neues an dessen
Stelle zu setzen; da es aber von altertümlicher Bauart war und an Türen und
Fenstern wertvolle Überbleibsel künstlicher Arbeit trug, so konnte er sich
schwer entschliessen, es einzureissen, und bewohnte es indessen nebst einer Anzahl
von Mietsleuten. Auf diesem Hause blieben zwar noch einige fremde Kapitalien
haften, jedoch hatte es der rührige Mann in der Schnelligkeit so gut
eingerichtet und vermietet, dass ein jährlicher Überschuss an Mietgeldern den
Hinterlassenen ein bescheidenes Auskommen sicherte.
    Das erste, was meine Mutter begann, war eine gänzliche Einschränkung und
Abschaffung alles Überflüssigen, wozu voraus jede Art von dienstbaren Händen
gehörte. In der Stille dieses Witwentumes fand ich mein erstes deutliches
Bewusstsein, welches seinen Inhaber zur Übung treppauf und - ab im Innern des
Hauses umherführte. Die untern Stockwerke sind dunkel, sowohl in den Gemächern
wegen der Enge der Gassen als auf den Treppenräumen und Fluren, weil alle
Fenster für die Zimmer benutzt wurden. Einige Vertiefungen und Seitengänge gaben
dem Raume ein düsteres und verworrenes Ansehen und blieben noch zu entdeckende
Geheimnisse für mich; je höher man aber steigt, desto freundlicher und heller
wird es, indem der oberste Stock, den wir bewohnten, die Nachbarhäuser überragt.
Ein hohes Fenster wirft reichliches Licht auf die mannigfaltig gebrochenen
Treppen und wunderlichen Holzgalerien des luftigen Estrichs, welcher einen
hellern Gegensatz zu den kühlen Finsternissen der Tiefe bildet. Die Fenster
unserer Wohnstube gingen auf eine Menge kleiner Höfe hinaus, wie sie oft von
einem Häuserviertel umschlossen werden und ein verborgenes behagliches Gesumme
entalten, welches man auf der Strasse nicht ahnt. Den Tag über betrachtete ich
stundenlang das innere häusliche Leben in diesen Höfen; die grünen Gärtchen in
denselben schienen mir kleine Paradiese zu sein, wenn die Nachmittagssonne sie
beleuchtete und die weisse Wäsche darin sanft flatterte, und wunderfremd und doch
bekannt kamen mir die Leute vor, welche ich fern gesehen hatte, wenn sie
plötzlich einmal in unsrer Stube standen und mit der Mutter plauderten. Unser
eigenes Höfchen entielt zwischen hohen Mauern ein ganz kleines Stückchen Rasen
mit zwei Vogelbeerbäumchen; ein nimmermüdes Brünnchen ergoss sich in ein ganz
grün gewordenes Sandsteinbecken, und der enge Winkel ist kühl und fast
schauerlich, ausgenommen im Sommer, wo die Sonne täglich einige Stunden lang
darin ruht. Alsdann schimmert das verborgene Grün durch den dunklen Hausflur so
kokett auf die Gasse, wenn die Haustür aufgeht, dass den Vorübergehenden immer
eine Art Gartenheimweh befällt. Im Herbste werden diese Sonnenblicke kürzer und
milder, und wenn dann die Blätter an den zwei Bäumchen gelb und die Beeren
brennend rot werden, die alten Mauern so wehmütig vergoldet sind und das
Wässerchen einigen Silberglanz dazugibt, so hat dieser kleine abgeschiedene Raum
einen so wunderbar melancholischen Reiz, dass er dem Gemüte ein Genüge tut wie
die weiteste Landschaft. Gegen Sonnenuntergang jedoch stieg meine Aufmerksamkeit
an den Häusern in die Höhe und immer höher, je mehr sich die Welt von Dächern,
die ich von unserm Fenster aus übersah, rötete und vom schönsten Farbenglanze
belebt wurde. Hinter diesen Dächern war für einmal meine Welt zu Ende; denn den
duftigen Kranz von Schneegebirgen, welcher hinter den letzten Dachfirsten halb
sichtbar ist, hielt ich, da ich ihn nicht mit der festen Erde verbunden sah,
lange Zeit für eins mit den Wolken. Als ich später zum ersten Male rittlings auf
dem obersten Grate unseres hohen, ungeheuerlichen Daches sass und die ganze
ausgebreitete Pracht des Sees übersah, aus welchem die Berge in festen
Gestalten, mit grünen Füssen aufstiegen, da kannte ich freilich ihre Natur schon
von ausgedehnteren Streifzügen im Freien; für jetzt aber konnte mir die Mutter
lange sagen, das seien grosse Berge und mächtige Zeugen von Gottes Allmacht, ich
vermochte sie darum nicht besser von den Wolken zu unterscheiden, deren Ziehen
und Wechseln mich am Abend fast ausschliesslich beschäftigte, deren Name aber
ebenso ein leerer Schall für mich war wie das Wort Berg. Da die fernen
Schneekuppen bald verhüllt, bald heller oder dunkler, weiss oder rot sichtbar
waren, so hielt ich sie wohl für etwas Lebendiges, Wunderbares und Mächtiges wie
die Wolken und pflegte auch andere Dinge mit dem Namen Wolke oder Berg zu
belegen, wenn sie mir Achtung und Neugierde einflössten. So nannte ich, ich höre
das Wort noch schwach in meinen Ohren klingen, und man hat es mir nachher oft
erzählt, die erste weibliche Gestalt, welche mir wohlgefiel und ein Mädchen aus
der Nachbarschaft war, die weisse Wolke, von dem ersten Eindrucke, den sie in
einem weissen Kleide auf mich gemacht hatte. Mit mehr Richtigkeit nannte ich
vorzugsweise ein langes hohes Kirchendach, das mächtig über alle Giebel
emporragte, den Berg. Seine gegen Westen gekehrte grosse Fläche war für meine
Augen ein unermessliches Feld, auf welchem sie mit immer neuer Lust ruhten, wenn
die letzten Strahlen der Sonne es beschienen, und diese schiefe, rotglühende
Ebene über der dunklen Stadt war für mich recht eigentlich das, was die
Phantasie sonst unter seligen Auen oder Gefilden versteht. Auf diesem Dache
stand ein schlankes, nadelspitzes Türmchen, in welchem eine kleine Glocke hing
und auf dessen Spitze sich ein glänzender goldener Hahn drehte. Wenn in der
Dämmerung das Glöckchen läutete, so sprach meine Mutter von Gott und lehrte mich
beten; ich fragte :»Was ist Gott? ist es ein Mann?« und sie antwortete: »Nein,
Gott ist ein Geist!« Das Kirchendach versank nach und nach in grauen Schatten,
das Licht klomm an dem Türmchen hinauf, bis es zuletzt nur noch auf dem goldenen
Wetterhahne funkelte, und eines Abends fand ich mich plötzlich des bestimmten
Glaubens, dass dieser Hahn Gott sei. Er spielte auch eine unbestimmte Rolle der
Anwesenheit in den kleinen Kindergebeten, welche ich mit vielem Vergnügen
herzusagen wusste. Als ich aber einst ein Bilderbuch bekam, in dem ein prächtig
gefärbter Tiger ansehnlich dasitzend abgebildet war, ging meine Vorstellung von
Gott allmählich auf diesen über, ohne dass ich jedoch, sowenig wie vom Hahne, je
eine Meinung darüber äusserte. Es waren ganz innerliche Anschauungen, und nur
wenn der Name Gottes genannt wurde, so schwebte mir erst der glänzende Vogel und
nachher der schöne Tiger vor. Allmählich mischte sich zwar nicht ein klareres
Bild, aber ein edlerer Begriff in meine Gedanken. Ich betete mein Unservater,
dessen Einteilung und Abrundung mir das Einprägen leicht und das Wiederholen zu
einer angenehmen Übung gemacht hatte, mit grosser Meisterschaft und vielen
Variationen, indem ich diesen oder jenen Teil doppelt und dreifach aussprach
oder nach raschem und leisem Hersagen eines Satzes den folgenden langsam und
laut betonte und dann rückwärts betete und mit den Anfangsworten Vater unser
schloss. Aus diesem Gebete hatte sich eine Ahnung in mir niedergeschlagen, dass
Gott ein Wesen sein müsse, mit welchem sich allenfalls ein vernünftiges Wort
sprechen liesse, eher als mit jenen Tiergestalten.
    So lebte ich in einem unschuldig vergnüglichen Verhältnisse mit dem höchsten
Wesen, ich kannte keine Bedürfnisse und keine Dankbarkeit, kein Recht und kein
Unrecht und liess Gott herzlich einen guten Mann sein, wenn meine Aufmerksamkeit
von ihm abgezogen wurde.
    Ich fand aber bald Veranlassung, in ein bewussteres Verhältnis zu ihm zu
treten und zum ersten Mal meine menschlichen Ansprüche zu ihm zu erheben, als
ich, sechs Jahre alt, mich eines schönen Morgens in einen melancholischen Saal
versetzt sah, in welchem etwa fünfzig bis sechzig kleine Knaben und Mädchen
unterrichtet wurden. In einem Halbkreise mit sieben andern Kindern um eine Tafel
herum stehend, auf welcher grosse Buchstaben prangten, lauschte ich sehr still
und gespannt auf die Dinge, die da kommen sollten. Da wir sämtlich Neulinge
waren, so wollte der Oberschulmeister, ein ältlicher Mann mit einem grossen
groben Kopfe, die erste Leitung selbst für eine Stunde besorgen und forderte uns
auf, abwechselnd die sonderbaren Figuren zu benennen. Ich hatte schon seit
geraumer Zeit einmal das Wort Pumpernickel gehört, und es gefiel mir ungemein,
nur wusste ich durchaus keine leibliche Form dafür zu finden, und niemand konnte
mir eine Auskunft geben, weil die Sache, welche diesen Namen führt, einige
hundert Stunden weit zu Hause war. Nun sollte ich plötzlich das grosse P
benennen, welches mir in seinem ganzen Wesen äusserst wunderlich und humoristisch
vorkam, und es ward in meiner Seele klar, und ich sprach mit Entschiedenheit:
»Dieses ist der Pumpernickel!« Ich hegte keinen Zweifel, weder an der Welt noch
an mir, noch am Pumpernickel, und war froh in meinem Herzen; aber je ernstafter
und selbstzufriedener mein Gesicht in diesem Augenblicke war, desto mehr hielt
mich der Schulmeister für einen durchtriebenen und frechen Schalk, dessen
Bosheit sofort gebrochen werden müsste, und er fiel über mich her und schüttelte
mich eine Minute lang so wild an den Haaren, dass mir Hören und Sehen verging.
Dieser Überfall kam mir seiner Fremdheit und Neuheit wegen wie ein böser Traum
vor, und ich machte augenblicklich nichts daraus, als dass ich, stumm und
tränenlos, aber voll innerer Beklemmung den Mann ansah. Die Kinder haben mich
von jeher geärgert, welche, wenn sie gefehlt haben oder sonst in Konflikt
geraten, bei der leisesten Berührung oder schon bei deren Annäherung in ein
abscheuliches Zetergeschrei ausbrechen, das einem die Ohren zerreisst; und wenn
solche Kinder gerade dieses Geschreies wegen oft doppelte Schläge bekommen, so
litt ich am entgegengesetzten Extrem und verschlimmerte meine Händel stets
dadurch, dass ich nicht imstande war, eine einzige Träne zu vergiessen vor meinen
Richtern. Als daher der Schulmeister sah, dass ich nur erstaunt nach meinem Kopfe
langte, ohne zu weinen, fiel er noch einmal über mich her, um mir den
vermeintlichen Trotz und die Verstockteit gründlich auszutreiben. Ich litt nun
wirklich; anstatt aber in ein Geheul auszubrechen, rief ich flehentlich in
meiner Angst: »Sondern erlöse uns von dem Bösen!« und hatte dabei Gott vor
Augen, von dem man mir so oft gesagt hatte, dass er dem Bedrängten ein
hilfreicher Vater sei. Für den guten Lehrer aber war dies zu stark; der Fall war
nun zum ausserordentlichen Ereignisse gediehen, und er liess mich daher stracks
los, mit aufrichtiger Bekümmernis darüber nachdenkend, welche Behandlungsart
hier angemessen sei. Wir wurden für den Vormittag entlassen, der Mann führte
mich selbst nach Hause. Erst dort brach ich heimlich in Tränen aus, indem ich
abgewandt am Fenster stand und die ausgerissenen Haare aus der Stirn wischte,
während ich anhörte, wie der Mann, der mir im Heiligtum unserer Stube doppelt
fremd und feindlich erschien, eine ernstafte Unterredung mit der Mutter führte
und versichern wollte, dass ich schon durch irgendein böses Element verdorben
sein müsste. Sie war nicht minder erstaunt als wir beiden andern, indem ich, wie
sie sagte, ein durchaus stilles Kind wäre, welches bisher noch nie aus ihren
Augen gekommen sei und keine groben Unarten gezeigt hätte. Allerlei seltsame
Einfälle hätte ich allerdings bisweilen, aber sie schienen nicht aus einem
schlimmen Gemüte zu kommen, und ich müsste mich wohl erst ein wenig an die Schule
und ihre Bedeutung gewöhnen. Der Lehrer gab sich zufrieden, doch mit
Kopfschütteln, und war innerlich überzeugt, wie sich aus wiederholten Fällen
ergab, dass ich gefährliche Anlagen zeige. Er sagte auch sehr bedeutsam beim
Abschiede, dass stille Wasser gewöhnlich tief wären. Dieses Wort habe ich seiter
in meinem Leben öfter hören müssen, und es hat mich immer gekränkt, weil es
keinen grössern Plauderer gibt als mich, wenn ich zutraulich bin. Ich habe aber
bemerkt, dass viele Menschen, welche immer das grosse Wort führen, aus denen nie
klug werden, welche ihretwegen nie zu Worte kommen; sie fassen dann ein
ungünstiges Vorurteil, sobald sie mit Schwatzen fertig sind und es still
geworden ist. Sprechen jene aber einmal unerwarteterweise, so kommt es ihnen
noch verdächtiger vor. Im Umgange mit stillen Kindern aber kann es ein wahres
Unglück werden, wenn die grossen Schwätzer sich nicht anders zu helfen wissen als
mit dem Gemeinplatze Stille Wasser sind tief!
    Am Nachmittage wurde ich wieder in die Schule geschickt, und ich trat mit
grossem Misstrauen in die gefährlichen Hallen, welche die Verwirklichung seltsamer
und beängstigender Träume zu sein schienen. Ich bekam aber den bösen Schulmann
nicht zu Gesicht; er hielt sich in einem Verschlage auf, welcher eine Art
Geheimzimmer vorstellte und ihm zur Einnahme von kleinen Kollationen diente. An
der Türe dieses Verschlages befand sich ein rundes Fensterchen, durch welches
der Tyrann öfters den Kopf zu stecken pflegte, wenn draussen ein Geräusch
entstand. Die Glasscheibe dieses Fensterchens fehlte seit geraumer Zeit, so dass
er durch den leeren Rahmen sein Haupt weit in die Schulstube hineinstrecken
konnte zur sattsamen Umsicht. An diesem verhängnisvollen Tage nun hatte der
Hausmeister gerade während der Mittagszeit die fehlende Scheibe ersetzen lassen,
und ich schielte eben ängstlich nach derselben, als sie mit hellem Klirren
zersprang und der umfangreiche Kopf meines Widersachers hindurchfuhr. Die erste
Bewegung in mir war ein Aufjauchzen der herzlichsten Freude, und erst als ich
sah, dass er übel zugerichtet war und blutete, da wurde ich betreten, und es ward
zum dritten Male klar in meiner Seele, und ich verstand die Worte Und vergib uns
unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern! So hatte ich an
diesem ersten Tage schon viel gelernt; zwar nicht, was der Pumpernickel sei,
wohl aber, dass man in der Not einen Gott anrufen müsse, dass derselbe gerecht sei
und uns zu gleicher Zeit lehre, keinen Hass und keine Rache in uns zu tragen. Aus
dem Gebote, seinen Beleidigern zu vergeben, entsteht, wenn es befolgt wird, von
selbst die Kraft, auch seine Feinde zu lieben; denn für die Mühe welche uns jene
Überwindung kostet, fordern wir einen Lohn, und dieser liegt zunächst und am
natürlichsten in dem Wohlwollen, welches wir dem Feinde schenken da er uns
einmal nicht gleichgültig bleiben kann. Wohlwollen und Liebe können nicht gehegt
werden, ohne den Träger selbst zu veredeln, und sie tun dieses am glänzendsten,
wenn sie dem gelten, was man einen Feind oder Widersacher nennt. Diese
eigentümlichste Hauptlehre des Christentums fand eine grosse Empfänglichkeit in
mir vor, da ich, leicht verletzt und aufgebracht, immer ebenso schnell bereit
war zu vergessen und zu vergeben, und es hat mich später, als mein Sinn sich der
Offenbarungslehre zu verschliessen anfing, lebhaft beschäftigt zu ermitteln,
inwiefern jenes Gesetz nur der Ausdruck eines schon in der Menschheit
vorhandenen und erkannten Bedürfnisses sei; denn ich sah, dass es nur von einem
bestimmten Teile der Menschen rein und uneigennützig befolgt wurde, von
denjenigen nämlich, welche ihre natürlichen Gemütsanlagen dazu trieben. Die
andern, welche ihr ursprüngliches Rachegefühl überwanden und auf das
Vergeltungsrecht mit Mühe verzichteten, schienen mir oft dadurch mehr Vorteil
über ihren Feind zu gewinnen, als sich mit dem Begriffe der reinen
Selbstentäusserung vertrug; weil zufolge der tiefen Vernunft und Klugheit, die
zugleich im Verzeihen liegt, der Widersacher allein es ist, welcher sich in
seiner unfruchtbaren Wut aufreibt und vernichtet. Dies Verzeihen ist es auch,
was in grossen geschichtlichen Kämpfen die Überlegenheit des Siegers, nachdem er
einen Handel männlich ausgefochten hat, vermehrt und beurkundet, dass dieselbe
auch moralisch eine reifgewordene ist. So ist das Schonen und Aufrichten des
gebeugten Gegners mehr Sache der allgemeinen Weltweisheit; das eigentliche
Lieben aber des Feindes, in voller Blüte und solange er uns Schaden zufügt, habe
ich nirgends gesehen.
 
                                Viertes Kapitel
                      Lob Gottes und der Mutter. Vom Beten
Im Verlaufe der ersten Schuljahre fand ich nun häufige Gelegenheit, meinen
Verkehr mit Gott zu erweitern, da die kleinen Erlebnisse sich vermehrten. Ich
hatte mich bald in den Weltlauf ergeben und tat, wie die andern Kinder, was ich
nicht lassen konnte. Dadurch war ich abwechselnd zufrieden und geriet in
Bedrängnis, wie es das Wohlverhalten oder die Vernachlässigung meiner Pflichten
nebst allerhand kindischem Unfuge mit sich brachten. In jeder üblen Lage aber
rief ich Gott an und betete in meinem Innern in wenigen wohlgesetzten Worten,
wenn die Krisis zu reifen begann, um eine günstige Entscheidung und um Rettung
aus der Gefahr, und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich immer entweder
das Unmögliche oder das Ungerechte verlangte. Oft war es der Fall, dass meine
Sünden übersehen wurden; und alsdann liess ich es nicht an herzlichen Dankgebeten
aus dem Stegreife fehlen, welche um so vergnüglicher waren, als mir der Sinn für
die Verdienteit der Strafe so lange verschlossen blieb, bis ich bewusste Fehler
beging. So bestand der Stoff meiner Anrufungen aus der wunderlichsten Mischung
das eine Mal bat ich um die gelungene Probe eines schwierigen Rechenexempels
oder dass der Vor gesetzte für einen Tintenklecks in meinem Hefte mit Blindheit
geschlagen werde; das andere Mal, ein zweiter Josua, um Still stand der Sonne,
wenn ich mich zu verspäten drohte, oder auch um Erlangung eines fremden leckeren
Backwerkes. Als die Jungfrau, welche ich die weisse Wolke nannte, einst für lange
Zeit verreiste und eines Abends bei uns Abschied nahm, während ich schon in
meinem Bettchen lag, jedoch alles hörte, bat ich meinen himmlischen Vater in
sehnlichen Ausdrücken, er möchte bewirken, dass sie mich hinter meinen Vorhängen
nicht vergesse und noch einmal tüchtig küsse. Ich schlief über der steten
Wiederholung des gleichen kurzen Satzes endlich ein und weiss zur Stunde noch
nicht, ob meine Bitte in Erfüllung gegangen ist.
    Eines Tages wurde ich zur Strafe über die Mittagszeit in der Schule
zurückbehalten und eingeschlossen, so dass ich erst auf den Abend zu essen bekam.
Das war das erste Mal, wo ich den Hunger kennen und zugleich die Ermahnungen
meiner Mutter verstehen lernte, welche mir Gott vorzüglich als den Erhalter und
Ernährer jeglicher Kreatur anpries und als den Schöpfer unsres schmackhaften
Hausbrotes darstellte, der Bitte gemäss Gib uns heut unser tägliches Brot!
Überhaupt gewann ich für die Nahrungsdinge Interesse und manche Einsicht in die
Beschaffenheit derselben, indem ich fast ausschliesslich den Verkehr von Frauen
mit ansah, dessen Hauptinhalt der Erwerb und die Besprechung von Lebensmitteln
war. Auf meinen Wanderungen durch das Haus drang ich allmählich tiefer in den
Haushalt der Mitbewohner ein und liess mich oft aus ihren Schüsseln bewirten, und
undankbarerweise schmeckten mir die Speisen überall besser als bei meiner
Mutter. Jede Hausfrau verleiht, auch wenn die Rezepte ganz die gleichen sind,
doch ihren Speisen durch die Zubereitung einen besondern Geschmack, welcher
ihrem Charakter entspricht. Durch eine kleine Bevorzugung eines Gewürzes oder
eines Krautes, durch grössere Fettigkeit oder Trockenheit, Weichheit oder Härte
bekommen alle ihre Speisen einen bestimmten Charakter, welcher das genäschige
oder nüchterne, weichliche oder spröde, hitzige oder kalte, das
verschwenderische oder geizige Wesen der Köchin ausspricht, und man erkennt
sicher die Hausfrau aus den wenigen Hauptspeisen des Bürgerstandes; ich
meinerseits, als ein frühzeitiger Kenner, habe aus einer blossen Fleischbrühe den
Instinkt geschöpft, wie ich mich zu der Meisterin derselben zu verhalten habe.
Die Speisen meiner Mutter hingegen ermangelten sozusagen aller und jeder
Besonderheit. Ihre Suppe war nicht fett und nicht mager, der Kaffee nicht stark
und nicht schwach, sie verwendete kein Salzkorn zuviel, und keines hat je
gefehlt; sie kochte schlecht und recht, ohne Manierierteit, wie die Künstler
sagen, in den reinsten Verhältnissen; man konnte von ihren Speisen eine grosse
Menge geniessen, ohne sich den Magen zu verderben. Sie schien mit ihrer weisen
und massvollen Hand, am Herde stehend, täglich das Sprichwort zu verkörpern Der
Mensch isst, um zu leben, und lebt nicht, um zu essen! Nie und in keiner Weise
war ein Überfluss zu bemerken und ebensowenig ein Mangel. Diese nüchterne
Mittelstrasse langweilte mich, der ich meinen Gaumen dann und wann anderswo
bedeutend reizte, und ich begann über ihre Mahlzeiten eine scharfe Kritik zu
üben, sobald ich satt und die letzte Gabel voll vertilgt war. Da ich mit meiner
Mutter immer allein bei Tische sass und sie lieber auf Gespräch und Unterhaltung
dachte als auf ein genaues Erziehungssystem, so wies sie mich nicht kurz und
strafend zur Ruhe, sondern widerlegte mich mit Beredsamkeit und stellte mir
hauptsächlich vor, auf Menschenschicksale und Lebensläufe übergehend, wie ich
vielleicht eines Tages froh sein würde, an ihrem Tische zu sitzen und zu essen;
dann werde sie aber nicht mehr dasein. Obgleich ich dazumal nicht recht einsah,
wie das zugehen sollte, so wurde ich doch jedesmal gerührt und von einem
geheimen Grauen ergriffen und so für einmal geschlagen. Machte sie alsdann auch
noch auf die Undankbarkeit aufmerksam, welche ich gegen Gott beging, indem ich
seine guten Gaben tadelte, so hütete ich mich mit einer heiligen Scheu, den
allmächtigen Geber ferner zu beleidigen, und versank in Nachdenken über seine
trefflichen und wunderbaren Eigenschaften.
    Nun geschah es aber, dass in dem Masse, als ich ihn deutlicher erfasste und
sein Wesen mir unentbehrlicher und erspriesslicher wurde, mein Umgang mit Gott
sich verschämt zu verschleiern begann und, als meine Gebete einen gewissen Sinn
erhielten, mich eine wachsende Scheu beschlich, sie laut herzusagen. Meine
Mutter war eines einfallen und nüchternen Gemütes und nichts weniger als das,
was man eine warm andächtige Frau nennt, sondern schlechtin gottesfürchtig. Ihr
Gott war nicht der Befriediger und Erfüller einer Menge dunkler und drangvoller
Herzensbedürfnisse, sondern klar und einfach der vorsorgende und erhaltende
Vater, die Vorsehung. Ihr gewöhnliches Wort war Wer Gott vergisst, den vergisst er
auch; von der inbrünstigen Gottesliebe dagegen hörte ich sie nie reden. Desto
eifriger aber hielt sie darauf; es wurde ihr in unserer Verlassenheit für die
lange und dunkle Zukunft eine Hauptsache, dass Gott, der Ernährer und Beschützer,
mir immer vor Augen sei, und sie legte mit andauernder Sorge den Grund zu einem
lebendigen Gottvertrauen in mich.
    Infolge dieses rührenden Bestrebens und auf das Zureden einer nichtsnutzigen
Heuchlerin wollte sie eines Sonntags, als wir uns eben zu Tische gesetzt hatten,
das Tischgebet einführen, welches bis dahin nicht üblich gewesen in unserm
Hause, und sagte mir zu diesem Zwecke ein kleines altes Volksgebet vor, mit der
Aufforderung, es jetzt und in Zukunft nachzubeten. Aber wie erstaunte sie, als
ich nur die ersten Worte trocken hervorbrachte und dann plötzlich verstummte und
nicht weiterkonnte!
    Das Essen dampfte auf dem Tische, es war ganz still in der Stube, die Mutter
wartete, aber ich brachte keinen Laut hervor. Sie wiederholte ihr Verlangen,
aber ohne Erfolg; ich blieb stumm und niedergeschlagen, und sie liess es für
diesmal bewenden, da sie mein Benehmen für eine gewöhnliche Kinderlaune hielt.
Am folgenden Tage wiederholte sich der Auftritt, und sie wurde nun ernstlich
bekümmert und sagte: »Warum willst du nicht beten? Schämst du dich?« Das war nun
zwar der Fall, ich vermochte es aber nicht zu bejahen, weil, wenn ich es getan,
es doch nicht wahr gewesen wäre in dem Sinne, wie sie es verstand. Der gedeckte
Tisch kam mir vor wie ein Opfermahl, und das Händefalten nebst dem feierlichen
Beten vor den duftenden Schüsseln wurde zu einer Zeremonie, welche mir alsobald
unbesieglich, widerstand. Es war nicht Scham vor der Welt, wie es der Priester
zu nennen pflegt; denn wie sollte ich mich vor der einzigen Mutter schämen, vor
welcher ich, bei ihrer Milde nichts zu verbergen gewohnt war? Es war Scham vor
mir selber; ich konnte mich selbst nicht sprechen hören und habe es auch nie
mehr dazu gebracht, in der tiefsten Einsamkeit und Verborgenheit laut zu beten.
    »Nun sollst du nicht essen, bis du gebetet hast!« sagte die Mutter, und ich
stand auf und ging vom Tische weg in eine Ecke, wo ich in grolle Traurigkeit
verfiel, die mit einigem Trotze vermischt war. Meine Mutter aber blieb sitzen
und tat so, als ob sie essen würde, obgleich sie es nicht konnte, und es trat
eine Art düstrer Spannung zwischen uns ein, wie ich sie noch nie gefühlt hatte
und die mir das Herz beklemmte. Sie ging schweigend ab und zu und räumte den
Tisch ab; als jedoch die Stunde nahte, wo ich wieder zur Schule gehen sollte,
brachte sie mein Essen, indem sie sich die Augen wischte, als ob ein Stäubchen
darin wäre, wieder herein und sagte: »Da kannst du essen, du eigensinniges
Kind!« worauf ich meinerseits unter einem Ausbruche von Schluchzen und Tränen
mich hinsetzte und es mir tapfer schmecken liess, sobald die heftige Bewegung
nachliess. Auf dem Wege zur Schule liess ich es nicht an einem vergnügten
Dankseufzer fehlen für die glückliche Befreiung und Versöhnung.
    Als ich in späteren Jahren im Heimatdorfe auf Besuch war, wurde ich an das
Ereignis lebhaft erinnert durch eine Geschichte, welche sich vor mehr als
hundert Jahren mit einem Kinde dort zugetragen hatte und einen tiefen Eindruck
auf mich machte. In einer Ecke der Kirchhofmauer war eine kleine steinerne Tafel
eingelassen, welche nichts als ein halbverwittertes Wappen und die Jahrzahl 1713
trug. Die Leute nannten diesen Platz das Grab des Hexenkindes und erzählten
allerlei abenteuerliche und fabelhafte Geschichten von demselben, wie es ein
vornehmes Kind aus der Stadt, aber in das Pfarrhaus, in welchem dazumal ein
gottesfürchtiger und strenger Mann wohnte, verbannt gewesen sei, um von seiner
Gottlosigkeit und unbegreiflich frühzeitigen Hexerei geheilt zu werden. Dieses
sei aber nicht gelungen; vorzüglich habe es nie dazu gebracht werden können, die
drei Namen der höchsten Dreieinigkeit auszusprechen, und sei in dieser gottlosen
Halsstarrigkeit verblieben und elendiglich verstorben. Es sei ein
ausserordentlich feines und kluges Mädchen in dem zarten Alter von sieben Jahren
und dessenungeachtet die allerärgste Hexe gewesen. Besonders hätte es erwachsene
Mannspersonen verführt und es ihnen angetan, wenn es sie nur angeblickt, dass
selbe sich sterblich in das kleine Kind verliebt und seinetwegen böse Händel
angefangen hätten. Sodann hätte es seinen Unfug mit dem Geflügel getrieben und
insbesondere alle Tauben des Dorfes auf den Pfarrhof gelockt und selbst den
frommen Herrn verhext, dass er dieselben öfters inbehalten, gebraten und zu
seinem Schaden gespeist habe. Selbst die Fische im Wasser habe es gebannt, indem
es tagelang am Ufer sass und die alten klugen Forellen verblendete, dass sie bei
ihm verweilten und in grosser Eitelkeit vor ihm herumschwänzelten, sich in der
Sonne spiegelnd. Die alten Frauen pflegten diese Sage als Schreckmännchen für
die Kinder zu gebrauchen, wenn sie nicht fromm waren, und fügten noch viele
seltsame und phantastische Züge hinzu. Im Pfarrhause hingegen hing wirklich ein
altes dunkles Ölgemälde, das Bildnis dieses merkwürdigen Kindes entaltend. Es
war ein ausserordentlich zart gebautes Mädchen in einem blaugrünen Damastkleide,
dessen Saum in einem weiten Kreise starrte und die Füsschen nicht sehen liess. Um
den schlanken feinen Leib war eine goldene Kette geschlungen und hing vorn bis
auf den Boden herab. Auf dem Haupte trug es einen kronenartigen Kopfputz aus
flimmernden Gold- und Silberflittern, von seidenen Schnüren und Perlen
durchflochten. In seinen Händen hielt das Kind den Totenschädel eines andern
Kindes und eine weisse Rose. Noch nie habe ich aber ein so schönes, liebliches
und geistreiches Kinderantlitz gesehen wie das blasse Gesicht dieses Mädchens;
es war eher schmal als rund, eine tiefe Trauer lag darin, die glänzenden dunklen
Augen sahen voll Schwermut und wie um Hilfe flehend auf den Beschauer, während
um den geschlossenen Mund eine leise Spur von Schalkheit oder lächelnder
Bitterkeit schwebte. Ein schweres Leiden schien dem ganzen Gesichte etwas
Frühreifes und Frauenhaftes zu verleihen und erregte in dem Beschauenden eine
unwillkürliche Sehnsucht, das lebendige Kind zu sehen, ihm schmeicheln und es
liebkosen zu dürfen. Es war auch der Erinnerung des alten Dorfes unbewusst lieb
und wert, und in den Erzählungen und Sagen von ihm war ebensoviel unwillkürliche
Teilnahme als Abscheu zu bemerken.
    Die eigentliche Geschichte war nun die, dass das kleine Mädchen, einer
adeligen, stolzen und höchst ortodoxen Familie angehörig, eine hartnäckige
Abneigung gegen Gebet und Gottesdienst jeder Art zeigte, die Gebetbücher zerriss,
welche man ihm gab, im Bette den Kopf in die Decke hüllte, wenn man ihm
vorbetete, und kläglich zu schreien anfing, wenn man es in die düstere, kalte
Kirche brachte, wo es sich vor dem schwarzen Manne auf der Kanzel zu fürchten
vorgab. Es war ein Kind aus einer unglücklichen ersten Ehe und mochte sonst
schon ein Stein des Anstosses sein. So beschloss man, als es durch keine Mittel
von der unerklärlichen Unart abgebracht werden konnte, das Kind jenem wegen
seiner Strenggläubigkeit berühmten Pfarrherrn versuchsweise in Pflege zu geben.
Wenn schon die Familie die Sache als ein befremdliches und ihrem Rufe Unehre
bringendes Unglück auffasste, so betrachtete der dumpfe, harte Mann dieselbe
vollends als eine unheilvolle infernalische Erscheinung, welcher mit aller Kraft
entgegenzutreten sei. Demgemäss nahm er seine Massregeln, und ein altes vergilbtes
»diarium«, von ihm herrührend und im Pfarrhause aufbewahrt, entält einige
Notizen, welche über sein Verfahren sowie das weitere Schicksal des
unglücklichen Geschöpfes hinreichenden Aufschluss geben. Folgende Stellen habe
ich mir ihres seltsamen Inhaltes wegen abgeschrieben und will sie diesen
Blättern einverleiben und so die Erinnerung an jenes Kind in meinen eigenen
Erinnerungen aufbewahren, da sie sonst verlorengehen würde.
 
                                Fünftes Kapitel
                                 Das Meretlein
»Heute habe ich von der hochgebornen und gottesfürchtigen Frau von M. das
schuldende Kostgeld für das erste Quartal richtig erhalten, alsogleich quittiret
und Bericht erstattet. Ferner der kleinen Meret (Emerentia) ihre wöchentlich
zukommende Correction erteilt und verscherpft, indeme sie auf die Bank legte
und mit einer neuen Ruten züchtigte, nicht ohne Lamentiren und Seufzen zum
Herren, dass Er das traurige Werk zu einem guten Ende führen möge. Hat die Kleine
zwaren jämmerlich geschrieen und de- und wehmütig um Pardon gebeten, aber
nichts desto weniger nachher in ihrer Verstockteit verharret und das Liederbuch
verschmähet, so ich ihr zum Lernen vorgehalten. Habe sie derowegen kürzlich
verschnauffen lassen und dann in Arrest gebracht in die dunkle Speckkammer,
allwo sie gewimmert und geklaget, dann aber still geworden ist, bis sie
urplötzlich zu singen und jubiliren angefangen, nicht anders wie die drei
seligen Männer im Feuerofen, und habe ich zugehöret und erkennt, dass sie die
nämliche versificirten Psalmen gesungen, so sie sonsten zu lernen refusirete,
aber in so unnützlicher und weltlicher Weise, wie die törichten und einfältigen
Ammen- und Kindslieder haben; so dass ich solches Gebahren für eine neue
Schalkheit und Missbrauch des Teufels zu nemen gezwungen ward.«
    Ferner:
    »Ist ein höchst lamentables Schreiben arriviret von Madame, welche in
Wahrheit eine fürtreffliche und rechtgläubige Person ist. Sie hat besagten Brief
mit ihren Tränen benetzet und mir auch die grosse Bekümmernis des Herren Gemahls
vermeldet, dass es mit der kleinen Meret nicht besser gehen will. Und ist dieses
gewisslich eine grosse Calamität, so diesem hochansehnlichen und berühmten
Geschlecht zugestossen und möchte man der Meinung sein, mit Respect zu sagen, dass
sich die Sünden des Herren Grosspapa väterlicher Seits, welches ein gottloser
Wüterich und schlimmer Cavalier ware, an diesem armseligen Geschöpflein
vermerken lassen und rechen. Habe mein Tractament mit der Kleinen changiret und
will nunmehr die Hungerkur probiren. Auch hab ich ein Röcklein von grobem
Sacktuch durch meine Ehefrau selber anfertigen lassen und verboten, der Meret
ein ander Habit anzulegen, sintemal diese Busskleidung ihr am besten conveniret.
Verstockteit auf dem gleichen Puncto.«
    »Sahe mich heute gezwungen, die kleine Demoiselle von allem Verkehr und
Unterhalt mit denen Bauernkindern abzusperren, weill sie mit selbigen in das
Holz gelauffen, allda gebadet im Holzweiher, das Busshemdlein, so ich ihr
ordiniret, an ein Baumast gehenkt hat und nackent davor gesprungen und getanzt
und auch ihre Gespanen zu frechem Spott und Unfug aufgereizet. Beträchtliche
Correction.«
    »Heut ein grosser Spectakel und Verdruss. Kame ein grosser, starker Schlingel,
der junge Müllerhans, und richtete mir Händel an von wegen der Meret, welche er
alltäglich schreien und heulen zu hören vorgegeben, und disputirte ich mit
demselben, als auch der junge Schulmeister, der Tropf, herankam und drohete,
mich zu verklagen, und fiel über die schlimme Kreatur her, herzete und küssete
sie etc. etc. Liess den Schulmeister alsochgleich arretiren und zum Landvogt
führen. Dem Müllerhans muss ich auch noch beikommen, obgleich selbiger reich und
gewalttätig ist. Möchte bald selber glauben, was die Bauersleute sagen, dass das
Kind eine Hexe sei, wenn diese Opinion nicht der Vernunft widerspräche. Jeden
Falls steckt der Teufel in ihr und habe ich ein schlimmes Stück Arbeit
übernommen.«
    »Diese ganze Woche habe ich einen Mahler im Hause tractiret, so mir Madame
übersendet, damit er das Portrait der kleinen Fräulein anfertige. Die bedrängte
Familie will das Geschöpfe nicht mehr zu sich nemen und allein zum traurigen
Angedenken und zur bussfertigen Anschauung, auch von wegen der grossen Schönheit
des Kindes, ein Conterfei behalten. Insbesundere will der Herr nicht von dieser
Idee lassen. Meine Ehefrau verabreicht dem Mahler alltäglich zwei Schoppen Wein,
woran er nicht genug zu haben scheinet, da er allabendlich in den roten Löwen
geht und dort mit dem Chirurgo spielet. Ist ein hochfahrendes Subject und setze
ihm daher öfter ein Schnepfen oder ein Hechtlein vor, welches in dem Quartal
Conto der Madame zu vermerken ist. Wollte anfenglich mit der Kleinen sein Wesen
und Freundlichkeit treiben und hat sie sich sogleich an ihn attachiret, daher
ich ihme bedeutet habe, mir in meinem Procedere nicht zu interveniren. Wie man
der Kleinen ihr verwahrte Habit und Sonntagsstaat herfürgehohlt und angelegt
benebst der Schapell und der Gürtlen, so hat sie grossen Plaisir gezeiget und zu
tanzen begonnen Diese ihre Freude ist aber bald verbittert worden, als ich nach
dem Befelch der Frau Mama 1 Todtenschedel hohlen liesse und in die Hand zu tragen
gab, welchen sie partout nicht nemen wollen und hernachmalen weinend und
zitternd in der Hand gehalten, wie wenn es ein feurig Eisen wär. Zwaren hat der
Mahler behauptet, er könne den Schedel aufwendig mahlen, weill solcher zu denen
allerersten Elementen seiner Kunst gehöre, habe es aber nicht zugegeben,
sintemal Madame geschrieben hat: Was das Kind leidet, das leiden auch wir, und
ist uns in seinem Leiden selbst Gelegenheit zur Busse gegeben, so wir für ihn's
tun können; derohalb brechen Ew. Wohlehrwürden in Nichts ab, Euere Fürsorge und
Education betreffend. Wenn das Töchterlein dereinst, wie ich zum allmächtigen
und barmherzigen Gott verhoffe, hier oder dort erleuchtet und gerettet sein
wird, so wird es ohnzweifelhaft sich höchlich erfreuen, ein gutes Teil seiner
Busse schon mit seiner Verstockteit abgetan zu haben, welche über ihn's zu
verhängen der unerforschliche Meister beliebt hat! Diese tapferen Worte vor
Augen, habe ich auch diese Gelegenheit für dienlich erachtet, der Kleinen mit
dem Schedel eine ernstafte Busse anzutun. Man hat übrigens einen kleinen
leichten Kindsschedel gebrauchet, dieweill der Mahler sich beschwehret, dass der
grosse Mannsschedel zu unförmlich sei für die kleinen Händlein, in Betracht
seiner Kunst-Regula, und hat sie denselben nachher lieber gehalten; auch hat ihr
der Mahler ein weisses Röslein dazugesteckt, was ich wohl leiden mochte, weil es
als ein gutes Symbolum gelten kann.«
    »Habe heut plötzlich ein Contreordre erhalten in Betreff des Tableau und
soll nun selbiges nicht nach der Stadt spediren, sondern hier behalten. Es ist
Schad um die brave Arbeit, so der Mahler gemacht hat, weil er ganz charmiret war
von der Anmut des Kinds. Hätt ich es früher gewusst, so hätt der Mann für diesen
Kostenaufwand mein eigen Conterfei auf das Tuch mahlen können, wenn die schönen
Victualien nebst Lohn einmal drauff gehen sollen.«
    »Es ist mir fernerer Befelch zu Handen gekommen, mit aller weltlichen
Instruction abzubrechen, besonders mit dem Französischen, da solches nicht mehr
nötig erachtet werde, so wie auch meine Gemahlin den Unterricht auf dem Spinett
sistiren solle, was der Kleinen leid zu tun scheinet. Vielmehr soll ich sie
fortan als ein einfaches Pflegekind tractiren und allein fürsorgen, dass sie kein
öffentlich Ärgernuss gebe.«
    »Vorgestern ist uns die kleine Meret desertiret und haben wir grosse Angst
empfunden, bis dass sie heute Mittag um 12 Uhr zu obrist auf dem Buchenloo
ausgespüret wurde, wo sie entkleidet auf ihrem Busshabit an der Sonne sass und
sich bass wärmete. Sie hatt' ihr Haar ganz aufgeflochten und ein Kränzlein von
Buchenlaub darauff gesetzet, so wie ein dito Scherpen um den Leib gehenkt, auch
ein Quantum schöner Erdbeeren vor sich liegen gehabt, von denen sie ganz voll
und rundlich gegessen war. Als sie unser ansichtig ward, wollte sie wiederum
Reissaus nemen, schämete sich aber ihrer Blösse und wollte ihr Habitlein
überziehen, dahero wir sie glücklich attrapiret. Sie ist nun krank und scheinet
confuse zu sein, da sie keine vernünftige Antwort giebet.«
    »Mit dem Meretlein geht es wiederum besser, jedoch ist sie mehr und mehr
verändert und wird des Gänzlichen dumm und stumm. Die Consultation des
herbeigeruffenen Medici verlautet dahin, dass sie irr-oder blödsinnig werde und
nunmehr der medicinischen Behandlung anheim zu stellen sei; er offerirte sich
auch zu derselbigen und hat verheissen, das Kind wieder auf die Beine zu bringen,
wenn es in seinem Hause placiret würde. Ich merke aber schon, dass es dem
Monsieur Chirurgo nur um die gute Pension benebst denen Präsenten von Madame zu
tun sei, und berichtete derohalb, was ich für gut befunden, nämlich dass der
Herr seinen Plan nunmehr an ein Ende zu führen scheine mit seiner Kreatur und
dass Menschenhände hieran Nichts changiren möchten und dürften, wie es in
Wirklichkeit auch ist.«
    Nach Überschlagung von fünf bis sechs Monaten heisst es weiter:
    »Es scheinet dieses Kind in seinem blöden Zustande einer trefflichen
Gesundheit zu geniessen und hat ganz muntere rote Backen bekommen. Hält sich nun
den ganzen Tag in den Bohnen auf, wo man sie nicht sieht und weiter nicht um
sie bekümbert, zumalen sie weiter kein Ärgernuss giebet.«
    »Das Meretlein hat sich in Mitten des Bohnenplatz ein kleinen Salon
arrangiret, so man entdecket, und hat dorten artliche Visites acceptiret von
denen Bauernkindern, welche ihme Obst und andere Victualia zugeschleppet, so sie
gar zierlich vergraben und in Vorrat gehalten hat. Daselbst hat man auch jenen
kleinen Kindsschedel begraben gefunden, welcher längst abhanden gekommen und
dahero dem Küster nicht restituiret werden konnte. Dergleichen auch die Spatzen
und andere Vögel herbeigezogen und zahm gemacht, dass die den Bohnen viel Abbruch
getan und ich jedoch nicht mehr in die Bohnenstauden schiessen können, von wegen
der kleinen Insass. Item hat sie mit einer giftigen Schlangen ihr Spiel gehabt,
welche durch den Hag gebrochen und sich bei ihr eingenistet; in summa, man hat
sie wieder ins Haus nemen und inne behalten müssen.«
    »Die roten Backen sind wiederum von ihr gewichen und behauptet der
Chirurgus, sie werde es nicht mehr lang prästiren. Habe auch schon an die Eltern
geschrieben.«
    »Heut vor Tag schon muss das arme Meretlein aus seinem Bettlein entkommen, in
die Bohnen hinaus geschlichen und dort verschieden sein; denn wir haben sie
alldort für todt gefunden in einem Grüblein, so sie in den Erdboden
hineingewühlet, als ob sie hineinschlüpfen wollen. Sie ist ganz gestabet gewesen
und ihr Haar so wie ihr Hemdlein feucht und schwer vom Tau, als welcher auch in
lauteren Tropfen auf ihren fast rötlichen Wänglein gelegen, nicht anders denn
auf einem Apfelblust. Und haben wir einen heftigen Schrecken bekommen und bin
ich in grosse Verlegenheit und Confusion geraten den heutigen Tag, dieweill die
Herrschaft aus der Stadt angelanget, just wie meine Ehefrau verreiset ist nach
K., um allda einiges Confect und Provision einzukaufen, damit die Herrschaften
höflichst zu tractiren. Wusste derohalb nicht, wo mir der Kopf gestanden und war
ein grosses Rennen und Laufen, und sollten die Mägde das Leichlein waschen und
ankleiden und zugleich für ein guten Imbiss sorgen. Endlich habe ich den grünen
Schinken braten lassen, so meine Frau vor acht Tagen in Essig geleget, und hat
der Jakob drei Stück von denen zahmen Forellen gefangen, welche noch hin und
wieder an den Garten kommen, obgleich man die selige (?!) Meret nicht mehr zum
Wasser hinaus gelassen. Habe zum Glück mit diesen Speissen noch ziemliche Ehre
eingeleget und haben dieselbigen der Madame wohl geschmecket. Ist eine grosse
Traurigkeit gewesen und haben wir mehr denn zwei Stunden in Gebet und
Todesbetrachtungen verbracht, desgleichen in melancolischen Reden von der
unglückseligen Krankhaftigkeit des verstorbenen Mägdleins, da wir nun annemen
müssen zu unserem vermehrten Trost, dass selbe in einer fatalen Disposition des
Bluts und Gehirns ihren Ursprung gehabt. Daneben haben wir auch von den
sonstigen grossen Gaben des Kinds geredet und von seinen oftmaligen klugen und
anmutigen Einfällen und Impromptus und Alles nicht zusammenreimen können in
unserer irdischen Kurzsichtigkeit. Morgens am Vormittag wird man dem Kind ein
Christlich Begräbnis geben und ist die Präsenz der fürnehmen Eltern dazu
kommlich, ansonsten die Pauren sich widersatzen mögten.«
    »Dieses ist der allerwunderbarste und schreckhafteste Tag gewesen, nicht nur
allein seit wir mit dieser unseligen Kreatur zu schaffen, sondern der mir
überhaupt in meiner ruhsamen Existenz aufgestossen ist. Denn als die Stunde
gekommen und es zehn Uhr geschlagen, haben wir uns hinter dem Leichlein her in
Bewegung gesetzet und nach dem Gottesacker begeben, indessen der Sigrist die
kleine Glocken geläutet, was er aber nicht mit sehrem Fleisse getan, dieweil es
fast erbärmlich geklungen und das Geläute zur Halbpart vom starken Winde
verschlungen worden, der unwirsch gewehet hat. Und war auch der Himmel ganz
dunkel und schwül, so wie der Kirchhof von Menschen entblösset ausser unserer
kleinen Compagnie, hergegen ausserhalb denen Mauren die ganze Baursame vereiniget
und hat neugierig die Köpfe herüber gerecket. Wie man aber so eben das
Todtenbäumlein in das Grab hinunter senken wollen, hat man ein seltsamen Schrei
gehört aus dem Todtenbäumlein hervor, so dass Wir auf das Heftigste erschrocken
sind und der Todtengräber auf und davon gesprungen ist. Der Chirurgus aber,
welcher auch herzugeloffen, hat schleunigst den Deckel losgemacht und abgehebt,
und hat sich das Tödlein als lebendig aufgerichtet und ist ganz behende aus dem
Gräblein gekrochen und hat uns angeblicket. Und wie im selbigen Moment die
Strahlen Phöbi seltsam und stechend durch die Wolken gedrungen, so hat es in
seinem gelblichen Brokat und mit dem glitzrigen Krönlein ausgesehen wie ein
Feien- oder Koboltskind. Die Frau Mama ist alsobald in eine starke Ohnmacht
verfallen und der Herr v. M. weinend zur Erde gestürzet. Ich selbst habe mich
vor Verwunderung und Schrecken nicht gerühret und in diesem Moment steif an ein
Hexentum geglaubt. Das Mägdlein aber hat sich bald ermannt und ist über den
Kirchhof davon und zum Dorf hinaus gezwirbelt, wie eine Katz, dass alle Leute
voll Entsetzen heimgeflohen sind und ihre Türen verriegelt haben. Zu selbiger
Zeit ist just die Schulzeit aus gewesen und ist der Kinderhaufen auf die Gass
gekommen, und als das kleine Zeugs die Sache gesehen, hat man die Kinder nicht
halten können, sondern ist eine grosse Schaar dem Leichlein nachgelauffen und hat
es verfolget und hintendrein ist noch der Schulmeister mit dem Bakel gesprungen.
Es hat aber immer ein zwanzig Schritt Vorsprung gehabt und nicht eher Halt
gemacht, als bis es auf dem Buchenloo angekommen und leblos umgefallen ist,
worauf die Kinder um dasselbige herumgekrabbelt und es vergeblich, gestreichelt
und caressiret haben. Dieses Alles haben wir nach der Hand erfahren, weill wir
mit grosser Not in das Pfarrhaus uns salviret und in tiefer Desolation verharret
sind, bis man das Leichlein wiederum gebracht hat. Man hat es auf ein Matraz
gelegt und ist die Herrschaft darauf verreiset mit Hinterlassung einer kleinen
Steintafell, worein Nichts als das Familienwappen und Jahrzahl gehauen ist.
Nunmehr liegt das Kind wieder für todt und getrauen wir uns nicht, zu Bett zu
gehen aus Furcht. Der Medicus sitzet aber bei ihm und meint nun, es sei endlich
zur Ruh gekommen.«
    »Heute hat der Medicus nach unterschiedlichen Experimenten erklärt, dass das
Kind wirklich todt sei, und ist es nun in der Stille beigesetzt worden und
nichts Weiteres arriviret usf.«
 
                                Sechstes Kapitel
             Weiteres vom lieben Gott. Frau Margret und ihre Leute
Ich kann nicht sagen, dass, nachdem Gott einmal die bestimmte und nüchterne
Gestalt eines Ernährers und Aushelfers für mich gewonnen hatte, er mein Herz in
jenem Alter mit zarteren Empfindungen oder tiefgehenden Gemütsfreuden erfüllte,
zumal er aus dem glänzenden Gewande des Abendrotes sich verloren, um in viel
späterer Zeit es wieder umzunehmen. Wenn meine Mutter von Gott und den heiligen
Dingen sprach, so fuhr sie fort, vorzüglich im Alten Testamente zu verweilen,
bei der Geschichte der Kinder Israel in der Wüste oder bei den Kornhändeln
Josephs und seiner Brüder, bei der Witwe Ölkrug und dergleichen oder
ausnahmsweise bei der Speisung der fünftausend Männer im Neuen Testamente. Alle
diese Ereignisse gefielen ihr ausnehmend wohl, und sie trug mir dieselben mit
warmer Beredsamkeit vor, während letztere mehr einem pflichtgemäss frommen
Erzählen Raum gab, wenn das bewegte und blutige Drama von Christi
Leidensgeschichte entwickelt wurde. Sosehr ich daher den lieben Gott
respektierte und in allen Fällen bedachte, so blieben mir doch die Phantasie und
das Gemüt leer, solange ich keine neue Nahrung schöpfte ausser den bisherigen
Erfahrungen; und wenn ich keine Veranlassung hatte, irgendeinen angelegentlichen
Gebetvortrag abzufassen, so war mir Gott nachgerade eine farblose und
langweilige Person, die mich zu allerlei Grübeleien und Sonderbarkeiten reizte,
zumal ich sie bei meinem vielen Alleinsein doch nicht aus dem Sinne verlor. So
gereichte es mir eine Zeitlang zu nicht geringer Qual, dass ich eine krankhafte
Versuchung empfand, Gott derbe Spottnamen, selbst Schimpfworte anzuhängen, wie
ich sie etwa auf der Strasse gehört hatte. Mit einer Art behaglicher und
mutwillig zutraulicher Stimmung begann immer diese Versuchung bis ich nach
langem Kampfe nicht mehr widerstehen konnte und im vollen Bewusstsein der
Blasphemie eines jener Worte hastig ausstiess, mit der unmittelbaren
Versicherung, dass es nicht gelten solle, und mit der Bitte um Verzeihung; dann
konnte ich nicht umhin, es noch einmal zu wiederholen, wie auch die reuevolle
Genugtuung, und so fort, bis die seltsame Aufregung vorüber war. Vorzüglich vor
dem Einschlafen pflegte mich diese Erscheinung zu quälen, obgleich sie nachher
keine Unruhe oder Uneinigkeit in mir zurückliess. Ich habe später gedacht, dass es
wohl ein unbewusstes Experiment mit der Allgegenwart Gottes gewesen sei, welche
ebenfalls anfing, mich zu beschäftigen, und dass damals das dunkle Gefühl in mir
lebendig geworden sei vor Gott könne keine Minute unseres inneren Lebens
verborgen und wirklich strafbar sein, sofern er das lebendige Wesen für uns sei,
für das wir ihn halten.
    Indessen hatte ich eine Freundschaft geschlossen, welche meiner suchenden
Phantasie zu Hilfe kam und mich von diesen unfruchtbaren Quälereien erlöste,
indem sie, bei der Einfachheit und Nüchternheit meiner Mutter, für mich das
wurde, was sonst sagenreiche Grossmütter und Ammen für die stoffbedürftigen
Kinder sind.
    In dem Hause gegenüber befand sich eine offene dunkle Halle, ganz mit
Trödelkram angefüllt. Die Wände waren mit alten Seidengewändern, gewirkten
Stoffen und Teppichen aller Art behangen. Rostige Waffen und Gerätschaften,
schwarze zerrissene Ölgemälde bekleideten die Eingangspfosten und verbreiteten
sich zu beiden Seiten an der Aussenseite des Hauses; auf einer Anzahl altmodiger
Tische und Geräte stand wunderliches Glasgeschirr und Porzellan aufgetürmt, mit
allerhand hölzernen und irdenen Figuren vermischt. In den tieferen Räumen waren
Berge von Betten und Hausgeräten übereinandergeschichtet, und auf den Hochebenen
und Absätzen derselben, manchmal auf einem gefährlichen einsamen Grate, stand
überall noch eine schnörkelhafte Uhr, ein Kruzifix oder ein wächserner Engel und
dergleichen. Im tiefsten Hintergrunde aber sass jederzeit eine bejahrte, dicke
Frau in altertümlicher Tracht, in einem trüben Helldunkel, während ein noch
älteres, spitziges, eisgraues Männchen mit Hilfe einiger Untergebenen in der
Halle herumhantierte und eine zahlreiche Menge Leute abfertigte, welche
fortwährend ab und zu ging. Die Seele des Geschäftes war aber die Frau, und von
ihr aus gingen alle Befehle und Anordnungen, ungeachtet sie sich nie von ihrem
Platze bewegte und man sie noch weniger je auf einer Strasse gesehen hatte. Sie
trug immer blosse Arme und hatte schneeweisse Hemdsärmel, auf eine künstliche
Weise gefältelt, wie man es sonst nirgends mehr sah und es vielleicht vor
hundert Jahren schon so getragen wurde. Es war die originellste Frau von der
Welt, welche vor vier Jahrzehnten mit ihrem Manne blutarm und unwissend in die
Stadt gezogen, um da ihr Brot zu suchen. Nachdem sie mit Tagelohn und saurer
Arbeit eine Reihe von mühseligen Jahren durchgekämpft hatte, gelang es ihr,
einen Trödelkram zu errichten, und erwarb sich mit der Zeit durch Glück und
Gewandteit in ihren Unternehmungen einen behaglichen Wohlstand, welchen sie auf
die eigentümlichste Weise beherrschte. Sie konnte nur schwierig Gedrucktes
lesen, hingegen weder schreiben noch in arabischen Zahlen rechnen, welche
letzteren zu kennen ihr nie gelang; sondern ihre ganze Rechenkunst bestand in
einer römischen Eins, einer Fünf, einer Zehn und einer Hundert. Wie sie diese
vier Ziffern in ihrer frühen Jugend, in einer entlegenen und vergessenen
Landesgegend, überkommen hatte, überliefert durch einen jahrtausendalten
Gebrauch, so handhabte sie dieselben mit einer merkwürdigen Gewandteit. Sie
führte kein Buch und besass nichts Geschriebenes, war aber jeden Augenblick
imstande, ihren ganzen Verkehr, der sich oft auf mehrere Tausende in lauter
kleinen Posten belief, zu übersehen, indem sie mit grosser Schnelligkeit das
Tischblatt mittelst einer Kreide, deren sie immer einige Endchen in der Tasche
führte, mit mächtigen Säulen jener vier Ziffern bedeckte. Hatte sie aus ihrem
Gedächtnisse alle Summen solchergestalt aufgesetzt, so erreichte sie ihren Zweck
einfach dadurch, dass sie mit dem nassen Finger eine Reihe um die andere ebenso
flink wieder auslöschte, als sie dieselben aufgesetzt hatte, und dabei zählend
die Resultate zur Seite aufzeichnete. So entstanden neue kleinere Zahlengruppen,
deren Bedeutung und Benennung niemand kannte als sie, da es immer nur die
gleichen vier nackten Ziffern waren und für andere aussahen wie eine
alteidnische Zauberschrift. Dazu kam noch, dass es ihr nie gelingen wollte, mit
Bleistift oder Feder oder auch nur mit einem Griffel auf einer Schiefertafel das
gleiche Verfahren vorzunehmen, indem sie nicht nur räumlich einer ganzen
Tischplatte bedurfte, sondern auch nur mittelst der weichen Kreide ihre markigen
Zeichen zu bilden imstande war. Sie beklagte oft, dass sie sich gar nichts
Fixiertes aufbewahren könne, war aber gerade dadurch zu ihrem ausserordentlichen
Gedächtnisse gelangt, aus welchem jene wimmelnden Zahlenmassen plötzlich
gestalt-und lebenvoll erschienen, um ebenso rasch wieder zu verschwinden. Das
Verhältnis zwischen Einnahme und Ausgabe machte ihr nicht viel zu schaffen; sie
bestritt alle häuslichen Bedürfnisse und sonstigen Ausgaben vorweg aus dem
gleichen Seckel, welcher auch den Geschäftsverkehr begründete, und wenn eine
überflüssige Summe Geldes beieinander war, so wechselte sie dieses sogleich in
Gold um und verwahrte dasselbe in ihrer Schatztruhe, wo es für immer
liegenblieb, wenn nicht ein Teil davon für eine besondere Unternehmung oder für
ein ausnahmsweises Darlehen herausgenommen wurde, da sie sonst auf Zinsen kein
Geld auslieh. Sie hatte besonders mit Landleuten von allen Seiten her Verkehr,
welche sich ihre gerätschaftlichen Bedürfnisse bei ihr holten, und gab ihre
Waren jedermann auf Borg, gewann oft viel dabei und verlor auch oft. So kam es,
dass eine Menge von Leuten von ihr abhängig waren oder in einem verbindlichen
oder feindlichen Verhältnisse zu ihr standen und dass sie beständig von
Nachsichtsuchenden oder Bezahlenden umlagert war, welche ihr, zur Beherzigung
oder als Dank, die mannigfaltigsten Gaben darbrachten, nicht anders als einem
Landpfleger oder einer Äbtissin. Feld- und Baumfrüchte jeder Art, Milch, Honig,
Trauben, Schinken und Würste wurden ihr in gewichtigen Körben zugetragen, und
diese Vorräte bildeten die Grundlage zu einem stattlichen Wohlleben, welches
alsobald begann, wenn das geräuschvolle Gewölbe geschlossen war und in der noch
seltsameren Wohnstube das häusliche Abendleben zur Geltung kam.
    Dort hatte Frau Margret diejenigen Gegenstände zusammen gehäuft und als
Zierat angebracht, welche ihr in ihrem Handel und Wandel am besten gefallen, und
sie nahm keinen Anstand, etwas für sich aufzubewahren, wenn es ihr Interesse
erweckte. An den Wänden hingen alte Heiligenbilder auf Goldgrund und in den
Fenstern gemalte Scheiben, und allen diesen Dingen schrieb sie irgendeine
merkwürdige Geschichte oder sogar geheime Kräfte zu, was ihr dieselben heilig
und unveräusserlich machte, sosehr auch Kenner sich manchmal bemühten, die
wirklich wertvollen Denkmäler ihrer Unwissenheit zu entreissen. In einer Truhe
von Ebenholz bewahrte sie goldene Schaumünzen, seltene Talerstücke,
Filigranarbeiten und andere köstliche Spielereien, für welche sie eine grosse
Vorliebe trug und die sie nur wieder veräusserte, wenn ein besonderer Gewinn sich
damit verband. Endlich war auf einem Wandgestelle eine beträchtliche Zahl
unförmlicher alter Bücher aufgespeichert, welche sie mit grossem Eifer
zusammenzusuchen pflegte. Es waren verschiedene Bibeln, alte Kosmographien mit
zahllosen Holzschnitten, fabelgespickte Reisebeschreibungen, vorzüglich kuriose
Mytologien aus dem vorigen Jahrhundert mit grossen zusammengefalteten
Kupferstichen, welche vielfach zerknittert und zerrissen waren; sie nannte diese
naiv geschriebenen Werke schlechtweg Heiden- oder auch Götzenbücher. Ferner
hielt sie eine reiche Sammlung solcher Volksschriften, welche Nachricht gaben
von einem fünften Evangelisten, von den Jugendjahren Jesu, noch unbekannten
Abenteuern desselben in der Wüste, von einer Auffindung seines wohlerhaltenen
Leichnams nebst Dokumenten von der Erscheinung und den Bekenntnissen eines in
der Hölle leidenden Freigeistes; einige Chroniken, Kräuterbücher und
Prophezeiungen vervollständigten diese Sammlung. Für Frau Margret hatte ohne
Unterschied alles, was gedruckt war, wie die mündlichen Überlieferungen des
Volkes, eine gewisse Wahrheit, und die ganze Welt in allen ihren Spiegelungen,
das fernste sowohl wie ihr eigenes Leben waren ihr gleich wunderbar und
bedeutungsvoll; sie trug noch den ungebrochenen Aberglauben vergangener Zeiten
an sich ohne Verfeinerung und Schliff Mit neugieriger Liebe erfasste sie alles
und nahm es als bare Münze, was ihrer wogenden Phantasie dargeboten wurde, und
sie bekleidete es alsbald mit den sinnlich greifbaren Formen der
Volkstümlichkeit, welche massiven metallenen Gefässen gleichen, die trotz ihres
hohen Alters durch den steten Gebrauch immer glänzend geblieben sind. Alle die
Götter und Götzen der alten und jetzigen heidnischen Völker beschäftigten sie
durch ihre Geschichte und ihr äusseres Aussehen in den Abbildungen, hauptsächlich
auch daher, dass sie dieselben für wirkliche lebendige Wesen hielt, welche durch
den wahren Gott bekämpft und ausgerottet würden; das Spuken und Umgehen solcher
halb überwundenen schlimmen Käuze war ihr ebenso schauerlich anziehend wie das
grauenvolle Treiben eines Ateisten, unter welchem sie nichts anderes verstand
und verstehen konnte als einen Menschen, welcher seiner Überzeugung von dem
Dasein Gottes zum Trotz dasselbe hartnäckig und mutwillig leugne. Die grossen
Affen und Waldteufel der südlichen Zonen, von denen sie in ihren alten
Reisebüchern las, die fabelhaften Meermänner und Meerweibchen waren nichts
anderes als ganze gottlose, nun vertierte Völker oder solche einzelne
Gottesleugner, welche in diesem jammervollen Zustande, halb reuevoll, halb
trotzig, Zeugnis gaben von dem Zorne Gottes und sich zugleich allerlei
mutwillige Neckereien mit den Menschen erlaubten.
    Wenn nun am Abend das Feuer prasselte, die Töpfe dampften, der Tisch mit den
soliden volkstümlichen Leckereien bedeckt wurde und Frau Margret behaglich und
ansehnlich auf ihrem zierlich eingelegten Stuhle sass, so begann sich nach und
nach eine ganz andere Anhängerschaft und Gesellschaft einzufinden, als die den
Tag über in dem Gewölbe zu sehen gewesen. Es waren dies arme Frauen und Männer,
welche, teils durch den Duft des gastlichen Tisches, teils durch die belebte
Unterhaltung von höheren Dingen angezogen, hier mannigfache Erholung von den
Mühen des Tages suchten und fanden. Mit Ausnahme einiger weniger heuchlerischer
Schmarotzer hatten sonst alle ein aufrichtiges Bedürfnis, sich durch Gespräche
und Belehrungen über das, was ihnen nicht alltäglich war, zu erwärmen und
besonders in betreff des Religiösen und Wunderbaren eine gewürztere Nahrung zu
suchen, als die öffentlichen Kulturzustände ihnen darboten. Nichtbefriedigung
des Gemütes, ungelöschter Durst nach Wahrheit und Erkenntnis, erlebte
Schicksale, hervorgerufen durch die versuchte Befriedigung solcher unruhigen
Triebe in der sinnlichen Welt, führten diese Leute hier zusammen und überdies
noch in mancherlei seltsame Sekten hinein, von deren innerm Leben und Treiben
sich Frau Margret fleissig Bericht erstatten liess; denn sie selbst war zu
weltlich und bequem, als dass sie soweit gegangen wäre, dergleichen mitzumachen.
Vielmehr tadelte sie mit scharfen Worten die Kopfhänger und wurde sarkastisch
und bitter, wenn sie allzu mystischen Unrat merkte. Sie bedurfte das Wunderbare
und Geheimnisvolle, aber in der Sinnenwelt, in Leben und Schicksal, in der
äussern wechselvollen Erscheinung; von innern Seelenwundern, bevorzugten
Stimmungen, Auserwählten und dergleichen mochte sie nichts hören und kanzelte
ihre Gäste tüchtig herunter, wenn sie mit solchen Dingen auftreten wollten.
Ausser dass Gott als der kunst- und sinnreiche Schöpfer all der wunderbaren Dinge
und Vorkommnisse für sie existierte, war er ihr vorzüglich in einer Richtung
noch merk- und preiswürdig: nämlich als der treue Beiständer der klugen und
rührigen Leute, welche, mit nichts und weniger als nichts anfangend, ihr Glück
in der Welt selbst machen und es zu etwas Ordentlichem bringen. Deshalb fand sie
ihre grösste Freude an jungen Leuten, welche sich aus einer dunklen dürftigen
Abkunft heraus durch Talent, Fleiss, Sparsamkeit und Klugheit in eine gute
Stellung gearbeitet hatten und wohl gar hohe Protektion genossen. Das
Heranwachsen des Wohlstandes solcher Schützlinge war ihr wie eine eigene Sache
angelegen, und wenn dieselben endlich dahin gediehen waren, einen bescheidenen
Aufwand mit gutem Gewissen geltend zu machen, so fühlte sie selbst die grösste
Genugtuung, ihrerseits reichlich beizusteuern und sich des Glanzes mitzufreuen.
Sie war von Grund aus wohltätig und gab immer mit offenen Händen, den Armen und
arm Bleibenden im gewöhnlichen abgeteilten Masse, denjenigen aber, bei welchen
Hab, und Gut anschlug, mit wahrer Verschwendung für ihre Verhältnisse. Es lag
meistens ganz in der Natur solcher Emporkömmlinge, neben ihren anderweitigen
grössern Beziehungen auch die Gunst dieser seltsamen Frau sorglich zu pflegen,
bis sie durch einen jüngern Nachwuchs endlich verdrängt wurden, und so fand man
nicht selten diesen oder jenen feingekleideten und vornehm aussehenden Mann
unter den armen Gläubigen, der durch sein gemessenes Betragen dieselben
verschüchterte und unbehaglich machte. Auch nahmen sie wohl, wenn er abwesend
war, Veranlassung, der Frau Weltsinn und Lust an irdischer Herrlichkeit
vorzuwerfen, was dann jedesmal lebhafte Erörterungen und Streitreden hervorrief.
    Von ihrer Freude an gedeihlichem Erwerb und emsiger Tätigkeit mochte es auch
kommen, dass mehrere Schacherjuden in den Kreis ihrer Wohlgelittenen aufgenommen
waren. Die Unermüdlichkeit und stetige Aufmerksamkeit dieser Menschen, welche
öfter bei ihr verkehrten und ihre schweren Lasten abstellten, volle Geldbeutel
aus unscheinbarer Hülle hervorzogen und ihr zum Aufbewahren anvertrauten, ohne
irgend ein Wort oder eine Schrift zu wechseln, ihre billige Gutmütigkeit und
neugierige Bescheidenheit neben der unberückbaren Pfiffigkeit im Handeln, ihre
strengen Religionsgebräuche und biblische Abstammung, sogar ihre feindliche
Stellung zum Christentum und die groben Vergehungen ihrer Voreltern machten
diese vielgeplagten und verachteten Leute der guten Frau höchst interessant und
gern gesehen, wenn sie sich bei den abendlichen Zusammenkünften vorfanden, am
Herde der Frau Margret Kaffee kochten oder sich einen Fisch buken. Wenn die
fromm christlichen Frauen ihnen schonend vorhielten, wie es noch nicht gar zu
lange her sei, dass die Juden doch schlimme Käuze gewesen, Christenkinder geraubt
und getötet und Brunnen vergiftet hätten, oder wenn Margret behauptete, der
Ewige Jude Ahasverus hätte vor zwölf Jahren einmal im Schwarzen Bären
übernachtet und sie hätte selbst zwei Stunden vor dem Hause gepasst, um ihn
abreisen zu sehen, jedoch vergeblich, da er schon vor Tagesanbruch
weitergewandert sei, dann lächelten die Juden gar gutmütig und fein und liessen
sich nicht aus ihrer guten Laune bringen.
    Da sie jedoch ebenfalls Gott fürchteten und eine scharf ausgeprägte Religion
hatten, so gehörten sie noch eher in diesen Kreis, als man zwei weitere Personen
darin vermutet hätte, welche allerdings irgend anderswo zu suchen waren als
gerade hier; und doch schienen sie eine Art unentbehrlichen Salzes für die
wunderliche Mischung zu sein.
 
                               Siebentes Kapitel
                          Fortsetzung der Frau Margret
Es waren dies zwei erklärte Ateisten. Der eine, ein schlichter, einsilbiger
Schreinersmann, welcher schon manches Hundert Särge gefertigt und zugenagelt
hatte, war ein braver Mann und versicherte dann und wann einmal mit dürren
Worten, er glaube ebensowenig an ein ewiges Leben, als man von Gott etwas wissen
könne. Im übrigen hörte man nie eine freche Rede oder ein Spottwort von ihm; er
rauchte gemütlich sein Pfeifchen und liess es über sich ergehen, wenn die Weiber
mit fliessenden Bekehrungsreden über ihn herfuhren. Der andere war ein bejahrter
Schneidersmann mit grauen Haaren und mutwilligem, unnützem Herzen, der schon
mehr als einen schlimmen Streich verübt haben mochte. Während jener sich still
und leidend verhielt und nur selten mit seinem dürren Glaubensbekenntnisse
hervortrat, verfuhr dieser angriffsweise und machte sich ein Vergnügen daraus,
die gläubigen Seelen durch derbe Zweifel und Verleugnungen, rohe Spässe und
Profanationen zu verletzen und zu erschrecken, als ein rechter Eulenspiegel das
einfältige Wort zu verdrehen und mit dick aufgetragenem Humor in den armen
Leuten eine sündhafte Lachlust zu reizen. Er besass weder grossen Verstand noch
Pietät für irgend etwas, selbst für die Natur nicht, und schien einzig ein
persönliches Bedürfnis zu haben, das Dasein Gottes zu leugnen oder
wegzuwünschen, indessen der Schreiner sich bloss nicht viel daraus machte,
hingegen auf seinen Wanderjahren die Welt aufmerksam betrachtet hatte, sich
fortwährend noch unterrichtete und von allerlei merkwürdigen Dingen mit Liebe zu
sprechen wusste, wenn er auftaute. Der Schneider fand nur Gefallen an Ränken und
Schwänken und lärmenden Zänkereien mit den begeisterten Weibern; auch sein
Verhalten zu den Juden, gegenüber demjenigen des Sargmachers, war bezeichnend.
Während dieser wohlwollend und freundlich mit ihnen verfuhr als mit
seinesgleichen, neckte und quälte sie der Schneider, wo er nur konnte, und
verfolgte sie mit echt christlichem Übermute mit allen trivialen Judenspässen,
die ihm zu Gebote standen, so dass die armen Teufel manchmal wirklich böse wurden
und die Gesellschaft verliessen. Frau Margret pflegte alsdann auch ungeduldig zu
werden und verwies den Dämon aus dem Hause; aber er fand sich bald wieder ein
und wurde immer wieder gelitten, wenn er sein altes Wesen mit etwas Vorsicht und
glatten Worten wieder begann. Es war, als wenn die viel redenden und
disputierenden Genossen seiner als eines lebendigen Exempels des Ateismus
bedurften, wie sie ihn verstanden; denn dies war er am Ende auch, indem es sich
nicht undeutlich erwies, dass er den Gedanken Gottes und der Unsterblichkeit mehr
zu unterdrücken suchte, weil er ihn in einem kleinlichen und nutzlosen Treiben
beschränkte und belästigte, und als er späterhin starb, tat er dies so verzagt
und zerknirscht, heulend und zähneklappend und nach Gebet verlangend, dass die
guten Leute einen glänzenden Triumph feierten, indessen der Schreiner ebenso
ruhig und unangefochten seinen letzten Sarg hobelte, welchen er sich selbst
bestimmte, wie einst seinen ersten.
    Dieser Art war die Versammlung, welche an vielen Abenden, zumal im Winter,
bei Frau Margret zu treffen war, und ich weiss nicht, wie es kam, dass ich mich
plötzlich am Tage oft in dem kurzweiligen Gewölbe mitten unter den Geschäftigen
und am Abend zu den Füssen der Frau sitzen fand, welche mich in grosse Gunst
genommen hatte. Ich zeichnete mich durch meine grosse Aufmerksamkeit aus, wenn
die wunderbarsten Dinge von der Welt zur Sprache kamen. Die teologischen und
moralischen Untersuchungen verstand ich freilich in den ersten Jahren noch
nicht, obschon sie oft kindlich genug waren; jedoch nahmen sie auch schon damals
nicht zu viele Zeit in Anspruch, da sich die Gesellschaft immer bald genug auf
das Gebiet der Begebenheiten und sinnlichen Erfahrungen und damit auf eine Art
von naturphilosophischem Feld hinüberverfügte, wo ich ebenfalls zu Hause war.
Man suchte vorzüglich die Erscheinungen der Geisterwelt sowie die Ahnungen,
Träume usw. in lebendigen Zusammenhang zu bringen und drang mit neugierigem
Sinne in die geheimnisvollen Lokalitäten des gestirnten Himmels, in die Tiefe
des Meers und der feuerspeienden Berge, von denen man hörte, und alles wurde
zuletzt auf die religiösen Meinungen zurückgeführt. Es wurden Bücher von
Hellsehenden, Berichte über merkwürdige Reisen durch verschiedene Himmelskörper
und andere ähnliche Aufschlüsse gelesen, nachdem sie der Frau Margret zur
Anschaffung empfohlen worden, und alsdann darüber gesprochen und die Phantasie
mit den kühnsten Gedanken angefüllt. Der eine oder andere fügte dann noch
aufgeschnappte Berichte aus der Wissenschaft hinzu, wie er von dem Bedienten
eines Sternguckers gehört hatte, dass man durch dessen Fernrohr lebendige Wesen
im Monde und feurige Schiffe in der Sonne sehen könne. Frau Margret hatte immer
die lebendigste Einbildungskraft, und bei ihr ging alles in Fleisch und Blut
über. Sie pflegte mehrmals in der Nacht aufzustehen und aus dem Fenster zu
schauen, um nachzusehen, was in der stillen dunklen Welt vorging, und immer
entdeckte sie einen verdächtigen Stern, der nicht wie gewöhnlich aussah, ein
Meteor oder einen roten Schein, welch allem sie gleich einen Namen zu geben
wusste. Alles war ihr von Bedeutung und belebt; wenn die Sonne in ein Glas Wasser
schien und durch dasselbe auf den hellpolierten Tisch, so waren die sieben
spielenden Farben für sie ein unmittelbarer Abglanz der Herrlichkeiten, welche
im Himmel selbst sein sollten. Sie sagte: »Seht ihr denn nicht die schönen
Blumen und Kränze, die grünen Geländer und die roten Seidentücher? diese
goldenen Glöcklein und diese silbernen Brunnen?« und sooft die Sonne in die
Stube schien, machte sie das Experiment, um ein wenig in den Himmel zu sehen,
wie sie meinte. Ihr Mann und der Schneider lachten sie dann aus, und der erste
nannte sie eine phantastische Kuh. Jedoch auf einem festern Boden stand sie,
wenn von Geistererscheinungen die Rede war, denn hier besass sie unleugbare
Erfahrungen die Menge, welche sie schon Schweiss genug gekostet hatten; und fast
alle andern wussten auch davon zu erzählen. Seit sie nicht mehr aus dem Hause
kam, waren freilich ihre Erlebnisse auf ein häufiges Pochen und Rumoren in alten
Wandschränken und etwa auf das Umherschleichen eines schwarzen Schafes in der
nächtlichen Strasse beschränkt, wenn sie um Mitternacht oder gegen Morgen ihre
Inspektionen aus dem Fenster hielt. Auch geschah es wohl, dass sie ein kleines
Männchen vor der Haustür entdeckte, welches, während sie mit scharfen kritischen
Augen dasselbe beobachtete, plötzlich in die Höhe wuchs bis unter ihr Fenster,
dass sie dasselbe kaum noch zuschlagen und sich ins Bett flüchten konnte.
Hingegen in ihrer lugend war es lebhafter hergegangen, als sie, besonders noch
auf dem Lande, bei Tag und Nacht durch Feld und Wald zu gehen hatte. Da waren
kopflose Männer stundenweit ihr zur Seite gegangen und näher gerückt, je
eifriger sie betete; umgehende Bauern standen auf ihren ehemaligen Grundstücken
und streckten flehend die Hand nach ihr aus; Gehenkte rauschten von hohen Tannen
hernieder mit schreckbarem Geheul und liefen ihr nach, um in den heilsamen
Bereich einer guten Christin zu kommen, und sie schilderte mit ergreifenden
Worten den peinlichen Zustand, in dem sie sich befand, wenn sie nicht
unterlassen konnte, die unheimlichen Gesellen von der Seite anzuschielen,
während sie doch wusste, dass dieses höchst schädlich sei. Einige Male war sie
auch ganz aufgeschwollen auf der Seite, wo die Gespenster gelaufen waren, und
musste den Doktor herbeirufen. Ferner erzählte sie von den Zaubereien und bösen
Künsten, welche zur Zeit ihrer Jugend, gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts,
noch gang und gäbe waren unter den Bauern. Da waren in ihrer Heimat reiche
gewaltige Bauernfamilien, welche alte Heidenbücher besassen, mittelst deren sie
den schlimmsten Unfug trieben. Dass sie mit offener Flamme Löcher durch
Strohbunde brennen konnten, ohne diese zu zerstören, oder das Wasser bannen oder
den Rauch aus den Schornsteinen in beliebiger Richtung aufsteigen und
possierliche Figuren bilden zu lassen verstanden, gehörte nur zu den
unschuldigen Scherzen. Aber greulich war es, wenn sie ihre Feinde langsam
töteten, indem sie für dieselben drei Nägel in einen Weidenbaum schlugen unter
den gehörigen Sprüchen (Margrets Vater siechte lange Zeit infolge dieser
freundschaftlichen Manipulation, bis sie entdeckt und er durch Kapuziner
gerettet wurde), oder wenn sie den armen Leuten das Korn in der Ähre
verbrannten, um sie nachher zu verhöhnen, wenn sie hungerten und Not litten. Man
hatte zwar die Genugtuung, dass der Teufel den einen oder andern mit grossem
Aufwand abholte, wenn er reif war; allein das geriet den gerechten Leuten selbst
wieder zum Schrecken, und es war eben nicht angenehm, den blutigen Schnee und
die gelassenen Haare auf dem Platze zu sehen, wie es der Erzählerin selbst
begegnet war. Solche Bauern hatten Geld genug und massen es bei Hochzeiten und
Leichenfeiern einander in Scheffeln und Wannen zu. Die Hochzeiten waren dazumal
noch sehr grossartig. Sie hatte selbst noch eine solche gesehen, wo sämtliche
Gäste, Männer und Weiber, beritten waren und nahe an hundert Pferde beisammen.
Die Weiber trugen Kronen von Flittergold und seidene Kleider mit drei bis
vierfach umgewundenen Ketten von zusammengerollten Dukaten; aber der Teufel ritt
unsichtbar mit, und es ging nach dem Nachtessen nicht am ehrbarsten zu. Diese
Bauern hatten während einer grossen Hungersnot in den siebziger Jahren ihren
Hauptspass daran, mit zwölf Dreschern in weitgeöffneten Scheunen zu dreschen,
dazu einen blinden Geiger aufspielen zu lassen, welcher auf einem grossen Brote
sitzen musste, und nachher, wenn genug hungrige Bettler vor der Scheune
versammelt waren, die grimmigen Hunde in den wehrlosen Haufen zu hetzen.
Bemerkenswert war es, dass der Volksglaube diese reichen Dorftyrannen vielfach
die verbauerten Nachkommen der alten Zwingherren sein liess, unter welchen man
alle ehemaligen Bewohner der vielen Burgen und Türme verstand, die im Lande
zerstreut waren.
    Ein anderes ergiebiges Feld für abenteuerliche Kunden war der Katolizismus
mit seinen hinterlassenen leeren Klosterräumen und den noch lebendigen Klöstern,
welche etwa in der katolisch gebliebenen Nachbarschaft sich befanden. Dazu
trugen die Ordensgeistlichen der letztern vieles bei, besonders die Kapuziner,
welche sich heute noch mit den Scharfrichtern freundschaftlich in die Arbeit
teilen, bei den abergläubischen reformierten Bauern Teufelsbannerei und
Sympatiekünste zu treiben. In einigen abgelegenen Landesgegenden herrschte
damals ein bewusstloser verkommener Protestantismus; die Landleute standen nicht
etwa über den katolischen, als hinwegsehend über verdummte Menschen, sondern
sie glaubten alle Märchen derselben getreulich mit, nur hielten sie den Inhalt
für übel und verwerflich, und sie lachten nicht über den Katolizismus, sondern
sie fürchteten sich vor demselben als vor einer unheimlichen heidnischen Sache.
Ebensowenig als es ihnen möglich war, sich unter einem Freigeiste einen Menschen
vorzustellen, welcher wirklich in seinem Innern nichts glaube, sowenig waren sie
imstande, von jemandem anzunehmen, dass er zu vieles glaube; ihr Mass bestand
einzig darin, sich nur zu denjenigen geglaubten Dingen zu bekennen, welche vom
Guten und nicht vom Bösen seien.
    Der Mann der Frau Margret, Vater Jakoblein genannt, von ihr schlechtin
Vater, war funfzehn Jahre älter als sie und näherte sich den Achtzigen. Er besass
eine fast ebenso lebhafte Einbildungskraft wie seine Frau, dabei reichten seine
Erinnerungen noch tiefer in die Sagenwelt der Vergangenheit zurück; doch fasste
er alles von einer spasshaften Seite auf, da er von jeher ein spasshaftes und
ziemlich unnützes Männlein gewesen war, und so wusste er ebensoviel lächerlichen
Spuk und verdrehte Menschengeschichten zu erzählen als seine Frau ernstafte und
schreckliche. In seine frühste Jugend waren noch die letzten Hexenprozesse
gefallen, und er beschrieb mit Humor aus der mündlichen Überlieferung geschöpfte
Hexensabbate und Bankette ganz genauso, wie man sie noch in den aktenmässigen
Geschichten jener Prozesse, in den weitläufigen Anklagen und erzwungenen
Geständnissen liest. Dieses Gebiet sagte ihm besonders zu, und er versicherte
feierlich von einigen seltsamen Personen, dass sie sehr wohl auf dem Besenstiele
zu reiten verständen, versprach auch von einem Tage zum andern, solange er
lebte, von einem Hexenmeister seiner Bekanntschaft die Salbe herbeizuschaffen,
mit welcher die Besen bestrichen würden, um darauf aus dem Schornsteine fahren
zu können. Dieses gedieh mir immer zum grössten Jubel, besonders wenn er mir die
projektierte Fahrt bei schönem Wetter, wo ich dann vorn auf dem Stiele sitzen
sollte, von ihm festgehalten, mit lustigen Aussichten ausmalte. Er nannte mir
manchen schönen Kirschbaum auf einer Höhe oder einen trefflichen Pflaumenbaum
aus seiner Bekanntschaft, bei welchem haltgemacht und genascht, oder einen
delikaten Erdbeerschlag in diesem oder jenem Walde, wo tapfer geschmaust werden
solle, indessen der Besen an eine Tanne gebunden würde. Auch benachbarte
Jahrmärkte wollten wir besuchen und in die verschiedenen Schaubuden, ohne
Eintrittsgeld, durch das Dach eindringen Bei einem befreundeten Pfarrherrn auf
einem Dorfe müssten wir freilich, wenn wir anders von seinen berühmten Würsten
etwas zu beissen bekommen wollten, den Besen im Holze verstecken und vorgeben,
wir seien zu Fuss gekommen, um bei dem herrlichen Wetter den Herrn Pfarrer ein
bisschen heimzusuchen; hingegen bei einer reichen Hexenwirtin in einem andern
Dorfe müssten wir keck zum Schornstein hineinfahren, damit sie, in der törichten
Meinung, ein Paar angehender hoffnungsvoller Hexer bei sich zu sehen, uns mit
ihren vortrefflichen Pfannkuchen mit Speck und mit frischem Honig ohne Rückhalt
bewirte. Dass unterwegs auf hohen Bäumen und Felsen Einsicht in die seltensten
Vogelnester genommen und das Tauglichste von jungen Vögeln ausgesucht würde,
verstand sich von selbst. Wie alles ohne Schaden zu unternehmen sei, dafür hatte
er bereits eine Auskunft und kannte die Formel, mit welcher der Teufel, nach
beendigtem Vergnügen, um seinen Teil gebracht würde.
    Auch in dem Gespensterwesen war er sehr erfahren; doch auch hier verdrehte
sich ihm alles zum Lustigen. Die Angst, welche er bei seinen Abenteuern
empfunden, war immer eine höchst komische und endete öfter mit einem pfiffigen
Streiche, welchen er den Quälgeistern gespielt haben wollte.
    Auf diese Weise ergänzte er trefflich das phantastische Wesen seiner Frau,
und ich hatte so die Gelegenheit, unmittelbar aus der Quelle zu schöpfen, was
man sonst den Kindern der Gebildeten in eigenen Märchenbüchern zurechtmacht.
Wenn der Stoff auch nicht so unverfänglich war wie in diesen und nicht für eine
so unschuldige kindliche Moral berechnet, so entielt er nichtsdestoweniger
immer eine menschliche Wahrheit und machte, besonders da in dem vielfältigen
Sammelkrame der Frau Margret eine reiche Fundgrube die sinnliche Anschauung
vervollständigte, meine Einbildungskraft freilich etwas frühreif und für starke
Eindrücke empfänglich, etwa wie die Kinder des Volkes früh an die kräftigen
Getränke der Erwachsenen gewöhnt werden. Denn was ich hörte, beschränkte sich
nicht allein auf diese übersinnliche Fabelwelt; sondern die Leute besprachen
auch auf die leidenschaftlichste Weise ihre eigenen und fremde Schicksale, und
hauptsächlich das lange Leben der Frau Margret und ihres Mannes war reich an
ernsten und heitern Geschichten, an Beispielen der Gerechtigkeit und
Ungerechtigkeit, der Gefahr, Not, Verwicklung und Befreiung; Hunger, Krieg und
Aufruhr hatten sie gesehen; jedoch ihr eigenes Verhältnis zueinander war so
sonderbar von Leidenschaften bewegt, und es traten so ursprünglich dämonische
Gewalten der Menschennatur darin zutage, dass ich mit kindlich erstauntem Auge in
die wilde Flamme sah und schon tiefe Eindrücke empfing.
    Während nämlich die Frau Margret die bewegende und erhaltende Kraft in ihrem
Haushalte war, den Grund zum jetzigen Wohlstand gelegt hatte und jederzeit das
Heft in den Händen hielt, war ihr Mann einer von denjenigen, welche nichts
Eigenes gelernt haben noch tun können und daher darauf angewiesen sind, mehr den
Handlanger einer tatkräftigen Frau zu machen und auf eine müssige Weise unter dem
Schilde ihres Regimentes ein ruhmloses Dasein zu führen. Als die Frau, besonders
in frühern Jahren, durch kecke Benutzung der Zeitläufe und originelle
Handstreiche in wörtlichem Sinne Gold zusammenhäufte, spielte er nur die Rolle
eines dienstbaren Hauskoboldes, welcher, wenn er seine Handleistungen getan
hatte, mit dem, was ihm die Frau gab, sich gütlich tat und dazu allerhand Spässe
trieb, welche männiglich ergötzten. Sein unmännlicher Mangel an Rat und
Zuverlässigkeit, die Erfahrung, dass sie in kritischen Fällen nie einen kräftigen
Schutz in ihm fand, liessen Frau Margret auch seine sonstigen Leistungen
übersehen und erklärten die unbefangene Art, mit welcher sie ihn ohne weiteres
von der Miterrschaft über die Geldtruhe ausschloss. Es hatte auch lange Zeit
keines von beiden ein Arges dabei, bis einige Ohrenbläser, worunter auch jener
ränkesüchtige Schneider, dem Manne das Demütigende seiner Lage vorhielten und
ihn aufhetzten, endlich eine Teilung des Erworbenen und vollständige
Miterrschaft zu verlangen.
    Sogleich schwoll ihm der Kamm gewaltig, und er drohte, die schlimmen
Ratgeber hinter sich, der bestürzten Frau mit den Gerichten, wenn sie nicht
seinen Anteil an dem »gemeinschaftlich erworbenen« Gute herausgäbe. Sie fühlte
wohl, dass es mehr um einen gewaltsamen Raub als um ein ehrliches Rechtalten zu
tun sei, und sträubte sich mit aller Kraft dagegen, zumal sie wusste, dass sie
nach wie vor die einzig erhaltende Kraft im Hause sein würde. Sie hatte aber die
Gesetze gegen sich, da diese nicht auf eine Ausscheidung der beitragenden Kräfte
eingehen konnten, und zudem gab der Mann vor, sich allerlei mutwilliger Anklagen
bedienend, sich nach geschehener Teilung von ihr trennen zu wollen, so dass sie
betäubt und beschwatzt wurde und, krank und halb bewusstlos, die Hälfte von allem
Besitze herausgab. Er nähete sogleich seine schimmernden Goldstücke, je nach der
Art, in lange, wurstartige Beutel, legte dieselben in einen Koffer, den er am
Boden festnagelte, setzte sich darauf und schlug seinen Helfershelfern, welche
auch ihren Anteil zu erschnappen gehofft hatten, ein Schnippchen. Im übrigen
blieb er bei seiner Frau und lebte nach wie vor bei und von ihr, indem er nur
dann zu seinem Schatze griff, wenn er eine Privatliebhaberei befriedigen wollte.
Sie erholte sich indessen wieder und hatte nach einiger Zeit ihren eigenen
Schatz wieder vervollständigt und mit den Jahren verdoppelt; aber ihr einziger
Gedanke war seit jenem Tage der Teilung, mit der Zeit wieder in den Besitz des
Entrissenen zu gelangen, und das war nur möglich durch den Tod ihres Mannes.
Daher ging ihr jedesmal ein Stich durch das Herz, wenn er ein Goldstück
umwechselte, und sie harrte unverwandt auf seinen Tod. Er hingegen wartete
ebenso sehnlich auf den ihrigen, um Herr und Meister des ganzen Vermögens zu
werden und in voller Unabhängigkeit den Rest seines langen Lebens zuzubringen.
Dieses grauenhafte Verhältnis hätte man freilich auf den ersten Blick nicht
geahnt; denn sie lebten zusammen wie zwei gute alte Leutchen und nannten sich
nur Vater und Mutter. Insbesondere blieb die Margret in allem einzelnen auch
gegen ihn die gute und freigebige Frau, die sie sonst war, und sie hätte
vielleicht ohne den vierzigjährigen Lebensgenossen und sein spasshaftes
Umhertreiben nicht einen Tag leben können; auch ihm war es mittlerweile wohl
genug, und er besorgte mit humoristischer Geschäftigkeit die Küche, während sie
im Kreise ihrer schwärmerischen Genossen die überfüllte Phantasie entzügelte.
    Doch in jeder Jahreszeit einmal, wenn in der Natur die grossen Veränderungen
geschahen und die alten Menschen an die schnelle Vergänglichkeit ihres Lebens
erinnerten und ihre körperlichen Gebrechen fühlbarer wurden, erwachte, meistens
in dunklen schlaflosen Nächten, ein entsetzlicher Streit zwischen ihnen, dass sie
aufrecht in ihrem breiten altertümlichen Bette sassen, unter dem einen
buntbemalten Himmel, und bis zum Morgengrauen, bei geöffneten Fenstern, sich die
tödlichen Beleidigungen und Zankworte zuschleuderten, dass die stillen Gassen
davon widerhallten. Sie warfen sich die Vergehungen einer fern abliegenden,
sinnlich durchlebten Jugend vor und riefen Dinge durch die lautlose Nacht aus,
welche lange vor der Wende dieses Jahrhunderts in Bergen und Gefilden geschehen,
wo seitdem ganze dichte Wälder entweder gewachsen oder verschwunden, und deren
Teilnehmer längst in ihren Gräbern vermodert waren.
    Dann stellten sie sich darüber zur Rede, welchen Grund das eine denn zu
haben glaube, das andere überleben zu können, und verfielen in einen elenden
Wettstreit, wer von ihnen wohl noch die Genugtuung haben werde, den andern tot
vor sich zu sehen.
    Wenn man am Tage darauf in ihr Haus kam, so wurde der greuliche Streit vor
jedem Eintretenden, ob fremd oder bekannt, fortgeführt, bis die Frau erschöpft
war und in Weinen und Beten verfiel, indes der Mann anscheinend munterer wurde,
lustige Weisen pfiff, sich einen Pfannkuchen buk und fortwährend irgendeine
Flause dazu hermurmelte. Er konnte auf diese Weise einen ganzen Morgen hindurch
nichts sagen als immer: »Einundfunfzig! einundfunfzig! einundfunfzig!« oder zur
Abwechslung einmal: »Ich weiss nicht, ich glaube immer, die alte Kunzin da drüben
ist heute früh spazierengeritten! sie hat gestern einen neuen Besen gekauft! ich
habe so was in der Luft flattern sehen, das sah ungefähr aus wie ihr roter
Unterrock; sonderbar! hm! einundfunfzig« usf. dabei hatte er Gift und Tod im
Herzen und wusste, dass seine Frau durch das Betragen doppelt litt; denn sie hatte
keine Bosheit noch Mutwillen, um den Kampf auf diese Weise fortzusetzen. Was
aber beide in diesem Zustande sich zuleide taten, bestand dann gewöhnlich in
einer verschwenderischen Freigebigkeit, womit sie alles beschenkten, was ihnen
zu nahe kam, gleichsam als wollte eines vor des andern Augen den Besitz
aufzehren, nach dem ein jedes trachtete.
    Der Mann war gerade kein gottloser Mensch, sondern liess, indem er in der
gleichen wunderlichen Art wie an Gespenster und Hexen, so auch an Gott und
seinen Himmel glaubte, denselben einen guten Mann sein und dachte nicht im
mindesten daran, sich auch um die moralischen Lehren zu bekümmern, welche aus
diesem Glauben entspringen sollten er ass und trank, lachte und fluchte und
machte seine Schnurren, ohne je zu trachten, sein Leben mit einem ernstern
Grundsatze in Einklang zu bringen. Aber auch der Frau fiel es niemals ein, dass
ihre Leidenschaften mit dem religiösen Gebaren im Widerspruche sein könnten, und
sie zeichnete sich vor ihren schmausenden Adeptinnen darin aus, dass sie niemals
dem Ausdrucke dessen, was sie bewegte, einen Zügel anlegte. Sie liebte und
hafte, segnete und verwünschte und gab sich unverhüllt und ungehemmt allen
Regungen ihres Gemütes hin, ohne je an eine eigene mögliche Schuld zu denken und
sich unbefangenerweise stets auf Gott und seinen mächtigen Einfluss berufend.
    Jede der Ehehälften hatte eine zahlreiche Verwandtschaft blutarmer Leute,
welche im Lande zerstreut wohnten. Diese teilten unter sich die Hoffnung auf das
gewichtige Erbe um so mehr, als Frau Margret, zufolge ihrer hartnäckigen
Abneigung gegen unverbesserlich arm Bleibende, ihnen nur spärliche Gaben von
ihrem Überflusse zukommen liess und sie nur an Feiertagen gastlich speiste und
tränkte. Alsdann erschienen von beiden Seiten her die alten Vettern und Basen,
Schwestern und Schwäger mit ausgehungerten langnasigen Töchtern und bleichen
Söhnen und trugen Säcklein und Körbe herbei, welche die kümmerlichen Gaben ihrer
Armut entielten, um die alten launenhaften Leute für sich zu gewinnen, und
worin sie reichere Gegenspenden nach Hause zu tragen hofften. Diese Sippschaft
war schroff in zwei Lager geschieden, die sich in dem Streite, der zwischen den
Hauptpersonen herrschte, ebenfalls den Hoffnungen auf den frühern Tod des
Gegners hingaben, um einst ein vergrössertes Erbe zu erhalten. Sie hassten und
befeindeten sich ebenso stark untereinander, als die Leidenschaften Margrets und
ihres Mannes das Vorbild dazu abgaben, und es entstand jedesmal, nachdem die
zahlreiche Gesellschaft sich an dem ungewohnten Überflusse gesättigt und gewärmt
hatte und der Übermut den anfänglichen Zwang auflöste, ein mächtiger Zank
zwischen beiden Parteien, dass sich die Männer die übriggebliebenen Schinken, ehe
sie dieselben in ihre Reisesäcke steckten, um die Köpfe schlugen und die armen
Weiber sich gegenseitig unter die blassen spitzigen Nasen schimpften und über
dem befriedigten Magen ein Herz voll Neid und Ärger auf den Heimweg trugen. Ihre
Augen funkelten stechend unter den dürftig aufgeputzten Sonntagshauben hervor,
wenn sie mit langen Schritten, die vollgepfropften Bündel unter dem Arme, aus
dem Tore zogen und sich grollend auf den Scheidewegen trennten, um den
entlegenen Hütten zuzueilen.
    Solcherweise ging es viele Jahre, bis die alte Frau Margret mit dem Sterben
den Anfang machte und in jenes fabelhafte Reich der Geister und Gespenster
selber hinüberging. Sie hinterliess unerwarteterweise ein Testament, welches
einen einzelnen jungen Mann zum alleinigen Erben einsetzte; es war der letzte
und jüngste jener Günstlinge, an deren Gewandteit und Wohlergehen sie ihre
Freude gehabt hatte, und sie war mit der Überzeugung gestorben, dass ihr gutes
Gold nicht in ungeweihte Hände übergehe, sondern die Kraft und die Lust
tüchtiger Leute sein werde. Bei ihrem Leichenbegängnisse fanden sich sämtliche
Verwandte beider Ehegatten ein, und es war ein grosses Geheul und Gelärm, als sie
sich also getäuscht fanden. Sie vereinigten sich in ihrem Zorne alle gegen den
glücklichen Erben, welcher ganz ruhig seine Habe einpackte, was irgend von
Nutzen war, und auf einen grossen Wagen lud. Er überliess den armen Leuten nichts
als die vorhandenen Vorräte an Lebensmitteln und die gesammelten Seltsamkeiten
und Bücher der Seligen, insofern sie nicht von Gold, Silber oder sonstigem
Gehalte waren. Drei Tage und drei Nächte blieb der wehklagende Schwarm in dem
Trauerhause, bis der letzte Knochen zerschlagen und dessen Mark mit dem letzten
Bissen Brot aufgetunkt war. Sodann zerstreuten sie sich allmählich, ein jeder
mit dem Andenken, das er noch erbeutet hatte. Der eine trug einen Pack Heiden-
und Götzenbücher auf der Schulter, mit einem tüchtigen Stricke zusammengebunden
und mit einem Scheite geknebelt, und unter dem Arme ein Säcklein getrockneter
Pflaumen; der andere hing ein Muttergottesbild an seinem Stabe über den Rücken
und wiegte auf dem Kopfe eine kunstreich geschnitzte Lade, sehr geschickt mit
Kartoffeln angefüllt in allen ihren Fächern. Hagere lange Jungfrauen trugen
zierliche altmodische Weidenkörbe und buntbemalte Schachteln, angefüllt mit
künstlichen Blumen und vergilbtem Flitterkram; Kinder schleppten wächserne Engel
in den Armen oder trugen chinesische Krüge in den Händen; es war, als sehe man
eine Schar Bilderstürmer aus einer geplünderten Kirche kommen. Doch gedachte ein
jeder seine Beute als ein wertes Angedenken an die Verstorbene aufzubewahren,
sich schliesslich an das genossene Gute erinnernd, und zog mit Wehmut seine
Strasse, indessen der Haupterbe, neben seinem Wagen einherschreitend, plötzlich
haltmachte, sich besann, darauf die ganze Ladung einem Trödler verkaufte und
auch nicht einen Nagel aufbewahrte. Dann ging er zu einem Goldschmied und
verkaufte demselben die Schaumünzen, Kelche und Ketten und zog endlich mit
rüstigen Schritten aus dem Tore, ohne sich umzusehen, mit seiner dicken
Geldkatze und seinem Stabe. Er schien froh zu sein, eine verdriessliche und
langwierige Angelegenheit erledigt zu sehen.
    In dem Hause aber blieb der alte Mann allein und einsam zurück mit dem
zusammengeschmolzenen Reste jener früheren Teilung. Er lebte noch drei Jahre und
starb gerade an dem Tage, wo das letzte Goldstück gewechselt werden musste. Bis
dahin vertrieb er sich die Zeit damit, dass er sich vornahm und ausmalte, wie er
im Jenseits seine Frau haranguieren wolle, wenn sie da »mit ihren verrückten
Ideen herumschlampe«, und welche Streiche er ihr angesichts der Apostel und
Propheten spielen würde, dass die alten Gesellen was zu lachen bekämen. Auch an
manchen Toten seiner Bekanntschaft erinnerte er sich und freute sich auf die
Wiederbelebung verjährten Unfuges beim Wiedersehen. Ich hörte ihn immer nur in
solch lustiger Art vom zukünftigen Leben sprechen. Er war nun blind und bald
neunzig Jahre alt, und wenn er, von Schmerzen, Trübsal und Schwäche heimgesucht,
traurig und klagend wurde, so sprach er nichts von diesen Dingen, sondern rief
immer, man sollte die Menschen totschlagen, ehe sie so alt und elend würden.
    Endlich ging er aus wie ein Licht, dessen letzter Tropfen Öl aufgezehrt ist,
schon vergessen von der Welt, und ich, als ein herangewachsener Mensch, war
vielleicht der einzige Bekannte früherer Tage, welcher dem zusammengefallenen
Restchen Asche zu Grabe folgte.
 
                                 Achtes Kapitel
                                Kinderverbrechen
Gleich dem Chorus in den Schauspielen der Alten hatte ich von meiner frühsten
Jugend an das Leben und die Ereignisse in diesem nachbarlichen Hause betrachtet
und war ein allezeit aufmerksamer Teilnehmer. Ich ging ab und zu, setzte mich in
eine Ecke oder stand mitten unter den Handelnden und Lärmenden, wenn etwas
vorfiel. Ich holte die Bücher hervor und verlangte, wessen ich von den
Sehenswürdigkeiten bedurfte, oder spielte mit den Schmucksachen der Frau
Margret. Alle die mannigfaltigen Personen, welche in das Haus kamen, kannten
mich, und jeder war freundlich gegen mich, weil dieses meiner Beschützerin so
behagte. Ich aber machte nicht viele Worte, sondern gab acht, dass nichts von den
geschehenden Dingen meinen Augen und Ohren entging. Mit all diesen Eindrücken
beladen, zog ich dann über die Gasse wieder nach Hause und spann in der Stille
unserer Stube den Stoff zu grollen träumerischen Geweben aus, wozu die erregte
Phantasie den Einschlag gab. Sie verflochten sich mir mit dem wirklichen Leben,
dass ich sie kaum von demselben unterscheiden konnte.
    Daraus nur mag ich mir unter anderm eine Geschichte erklären, welche ich
ungefähr in meinem siebenten Jahre anrichtete und die ich sonst gar nicht
begreifen könnte. Ich sass einst hinter dem Tische, mit irgendeinem Spielzeuge
beschäftigt, und sprach dazu einige unanständige, höchst rohe Worte vor mich
hin, deren Bedeutung mir unbekannt war und die ich auf der Strasse gehört haben
mochte. Eine Frau sass bei meiner Mutter und plauderte mit ihr, als sie die Worte
hörte und meine Mutter aufmerksam darauf machte. Sie fragten mich mit ernster
Miene, wer mich diese Sachen gelehrt hätte, insbesondere die fremde Frau drang
in mich, worüber ich mich verwunderte, einen Augenblick nachsinnend, und dann
den Namen eines Knaben nannte, den ich in der Schule zu sehen pflegte. Sogleich
fügte ich noch zwei oder drei andere hinzu, sämtlich Jungen von zwölf bis
dreizehn Jahren, mit denen ich kaum noch ein Wort gesprochen hatte. Einige Tage
darauf behielt mich der Lehrer zu meiner Verwunderung nach der Schule zurück
sowie jene vier angegebenen Knaben, welche mir wie halbe Männer vorkamen, da sie
an Alter und Grösse mir weit vorgeschritten waren. Ein geistlicher Herr erschien,
welcher gewöhnlich den Religionsunterricht gab und sonst der Schule vorstand,
setzte sich mit dem Lehrer an einen Tisch und hiess mich neben ihn sitzen. Die
Knaben hingegen mussten sich vor dem Tische in eine Reihe stellen und harrten der
Dinge, die da kommen sollten. Sie wurden nun mit feierlicher Stimme gefragt, ob
sie gewisse Worte in meiner Gegenwart ausgesprochen hätten; sie wussten nichts zu
antworten und waren ganz erstaunt. Hierauf sagte der Geistliche zu mir: »Wo hast
du die bewussten Dinge gehört von diesen Buben?« Ich, war sogleich wieder im Zuge
und antwortete unverweilt mit trockener Bestimmteit: »Im Brüderleinsholze!«
Dieses ist ein Gehölz, eine Stunde von der Stadt entfernt, wo ich in meinem
Leben nie gewesen war, das ich aber oft nennen hörte. »Wie ist es dabei
zugegangen, wie seid ihr dahin gekommen?« fragte man weiter. Ich erzählte, wie
mich die Knaben eines Tages zu einem Spaziergange überredet und in den Wald
hinaus mitgenommen hätten, und ich beschrieb einlässlich die Art, wie etwa
grössere Knaben einen kleinern zu einem mutwilligen Streifzuge mitnehmen. Die
Angeklagten gerieten ausser sich und beteuerten mit Tränen, dass sie teils seit
langer Zeit, teils gar nie in jenem Gehölze gewesen seien, am wenigsten mit mir!
dabei sahen sie mit erschrecktem Hasse auf mich wie auf eine böse Schlange und
wollten mich mit Vorwürfen und Fragen bestürmen, wurden aber zur Ruhe gewiesen
und ich aufgefordert, den Weg anzugeben, welchen wir gegangen. Sogleich lag
derselbe deutlich vor meinen Augen, und angefeuert durch den Widerspruch und das
Leugnen eines Märchens, an welches ich nun selbst glaubte, da ich mir sonst auf
keine Weise den wirklichen Bestand der gegenwärtigen Szene erklären konnte, gab
ich nun Weg und Stege an, die an den Ort führen. Ich kannte dieselben nur vom
flüchtigen Hörensagen, und obgleich ich kaum darauf gemerkt hatte, stellte sich
nun jedes Wort zur rechten Zeit ein. Ferner erzählte ich, wie wir unterwegs
Nüsse heruntergeschlagen, Feuer gemacht und gestohlene Kartoffeln gebraten, auch
einen Bauernjungen jämmerlich durchgebleut hätten, welcher uns hindern wollte.
Im Walde angekommen, kletterten meine Gefährten auf hohe Tannen und jauchzten in
der Höhe, den Geistlichen und den Lehrer mit Spitznamen benennend. Diese
Spitznamen hatte ich, über das Äussere der beiden Männer nachsinnend, längst im
eigenen Herzen ausgeheckt, aber nie verlautbart; bei dieser Gelegenheit brachte
ich sie zugleich an den Mann, und der Zorn der Herren war ebenso gross als das
Erstaunen der vorgeschobenen Knaben. Nachdem sie wieder von den Bäumen
heruntergekommen, schnitten sie grosse Ruten und forderten mich auf, auch auf ein
Bäumchen zu klettern und oben die Spottnamen auszurufen. Als ich mich weigerte,
banden sie mich an einen Baum fest und schlugen mich so lange mit den Ruten, bis
ich alles aussprach, was sie verlangten, auch jene unanständigen Worte. Indessen
ich rief, schlichen sie sich hinter meinem Rücken davon, ein Bauer kam in
demselben Augenblicke heran, hörte meine unsittlichen Reden und packte mich bei
den Ohren. »Wart, ihr bösen Buben!« rief er, »diesen hab ich!« und hieb mir
einige Streiche. Dann ging er ebenfalls weg und liess mich stehen, während es
schon dunkelte. Mit vieler Mühe riss ich mich los und suchte den Heimweg in dem
dunklen Wald. Allein ich verirrte mich, fiel in einen tiefen Bach, in welchem
ich bis zum Ausgange des Waldes teils schwamm, teils watete, und so, nach
Bestehung mancher Gefährde, den rechten Weg fand. Doch wurde ich noch von einem
grossen Ziegenbocke angegriffen, bekämpfte denselben mit einem rasch
ausgerissenen Zaunpfahl und schlug ihn in die Flucht.
    Noch nie hatte man in der Schule eine solche Beredsamkeit an mir bemerkt wie
bei dieser Erzählung. Es kam niemand in den Sinn, etwa bei meiner Mutter
anfragen zu lassen, ob ich eines Tages durchnässt und nächtlich nach Hause
gekommen sei? Dagegen brachte man mit meinem Abenteuer in Zusammenhang, dass der
eine und andere der Knaben nachgewiesenermassen die Schule geschwänzt hatte,
gerade um die Zeit, welche ich angab. Man glaubte meiner grossen Jugend sowohl
wie meiner Erzählung; diese fiel ganz unerwartet und unbefangen aus dem blauen
Himmel meines sonstigen Schweigens. Die Angeklagten wurden unschuldig verurteilt
als verwilderte bösartige junge Leute, da ihr hartnäckiges und einstimmiges
Leugnen und ihre gerechte Entrüstung und Verzweiflung die Sache noch
verschlimmerten; sie erhielten die härtesten Schulstrafen, wurden auf die
Schandbank gesetzt und überdies noch von ihren Eltern geprügelt und eingesperrt.
    Soviel ich mich dunkel erinnere, war mir das angerichtete Unheil nicht nur
gleichgültig, sondern ich fühlte eher noch eine Befriedigung in mir, dass die
poetische Gerechtigkeit meine Erfindung so schön und sichtbarlich abrundete, dass
etwas Auffallendes geschah, gehandelt und gelitten wurde, und das infolge meines
schöpferischen Wortes. Ich begriff gar nicht, wie die misshandelten Jungen so
lamentieren und erbost sein konnten gegen mich, da der treffliche Verlauf der
Geschichte sich von selbst verstand und ich hieran sowenig etwas ändern konnte
als die alten Götter am Fatum.
    Die Betroffenen waren sämtlich, was man schon in der Kinderwelt rechtliche
Leute nennen könnte, ruhige, gesetzte Knaben, welche bisher keinen Anlass zu
scharfem Tadel gegeben und aus denen seiter stille und arbeitsame junge Bürger
geworden. Um so tiefer wurzelte in ihnen die Erinnerung an meine Teufelei und
das erlittene Unrecht, und als sie es jahrelang nachher mir vorhielten,
erinnerte ich mich ganz genau wieder an die vergessene Geschichte, und fast
jedes Wort ward wieder lebendig. Erst jetzt quälte mich der Vorfall mit
verdoppelter nachhaltiger Wut, und sooft ich daran dachte, stieg mir das Blut zu
Kopfe, und ich hätte mit aller Gewalt die Schuld auf jene leichtgläubigen
Inquisitoren schieben, ja sogar die plauderhafte Frau anklagen mögen, welche auf
die verpönten Worte gemerkt und nicht geruht hatte, bis ein bestimmter Ursprung
derselben nachgewiesen war. Drei der ehemaligen Schulgenossen verziehen mir und
lachten, als sie sahen, wie mich die Sache nachträglich beunruhigte, und sie
freuten sich, dass ich zu ihrer Genugtuung mich alles einzelnen so wohl
erinnerte. Nur der vierte, der viele Mühe mit dem Leben hatte, konnte niemals
einen Unterschied machen zwischen der Kinderzeit und dem spätern Alter und trug
mir die angetane Unbilde so nach, als ob ich sie erst heute, mit dem Verstande
eines Erwachsenen, begangen hätte. Mit dem tiefsten Hasse ging er an mir
vorüber, und wenn er mir beleidigende Blicke zuwarf, so vermochte ich sie nicht
zu erwidern, weil das frühe Unrecht auf mir ruhte und keiner es vergessen
konnte.
 
                                Neuntes Kapitel
                                 Schuldämmerung
Ich hatte mich nunmehr in der Schule zurechtgefunden und befand mich wohl in
derselben, da das erste Lernen rasch, aufeinanderfolgte und täglich fortschritt.
Auch die Einrichtung der Schule hatte viel Kurzweiliges; ich ging gern und
eifrig hinein, sie bildete mein öffentliches Leben und war mir ungefähr, was den
Alten die Gerichtsstätte und das Teater. Es war keine öffentliche Anstalt,
sondern das Werk eines gemeinnützigen Vereins und dazu bestimmt, bei dem
damaligen Mangel guter unterer Volksschulen, den Kindern dürftiger Leute eine
bessere Erziehung zu verschaffen, und sie hiess daher Armenschule. Die
Pestalozzi-Lancastersche Unterrichtsweise wurde angewendet, und zwar mit einem
Eifer und einer Hingebung, welche gewöhnlich nur Eigenschaften von
leidenschaftlichen Privatschulmännern zu sein pflegen. Mein Vater hatte bei
seinen Lebzeiten für die Einrichtung und für die Ergebnisse dieser Anstalt, die
er zuweilen besuchte und in Augenschein nahm, geschwärmt und oft den Entschluss
ausgesprochen, meine ersten Schuljahre im derselben verfliessen zu lassen, schon
darin eine Erziehungsmassregel suchend, dass ich mit den ärmsten Kindern der Stadt
meine frühsten Jugendjahre zubrächte und aller Kastengeist und Hochmut so im
Keime erstickt würden. Diese Absicht war für meine Mutter ein heiliges
Vermächtnis und erleichterte ihr die Wahl der ersten Schule für mich. In einem
grossen Saale wurden etwa hundert Kinder unterrichtet, zur Hälfte Knaben, zur
Hälfte Mädchen, vom fünften bis zum zwölften Jahre. Sechs lange Schulbänke
standen in der Mitte, von dem einen Geschlechte besetzt; jede bildete eine
Altersklasse, und davor stand ein vorgeschrittener Schüler von elf bis zwölf
Jahren und unterrichtete die ganze Bank, welche ihm anvertraut war, indessen das
andere Geschlecht in Halbkreisen um sechs Pulte herum stand, die längs den
Wänden angebracht waren. Inmitten jedes Kreises sass auf einem Stühlchen
ebenfalls ein unterrichtender Schüler oder eine Schülerin. Der Hauptlehrer
tronte auf einem erhöhten Kateder und übersah das Ganze, zwei Gehilfen standen
ihm bei, machten die Runde durch den ziemlich düstern Saal, hier und dort
einschreitend, nachhelfend und die gelehrtesten Dinge selbst beibringend. Jede
halbe Stunde wurde mit dem Gegenstande gewechselt; der Oberlehrer gab ein
Zeichen mit einer Klingel, und nun wurde ein treffliches Manöver ausgeführt,
mittelst dessen die hundert Kinder in vorgeschriebener Bewegung und Haltung,
immer nach der Klingel, aufstanden, sich kehrten, schwenkten und durch einen
wohlberechneten Marsch in einer Minute die Stellung wechselten, so dass die
früher funfzig Sitzenden nun zu stehen kamen und umgekehrt. Es war immer eine
unendlich glückliche Minute, wenn wir, die Hände reglementarisch auf dem Rücken
verschränkt, die Knaben bei den Mädchen vorbeimarschierten und unsern
soldatischen Schritt gegen ihr Gänsegetrippel hervorzuheben suchten. Ich weiss
nicht, war es eine artige herkömmliche Nachlässigkeit oder gar eine Absicht, dass
es erlaubt war, Blumen mitzubringen und während des Unterrichts in den Händen zu
halten, wenigstens habe ich diese hübsche Lizenz in keiner andern Schule mehr
gefunden; aber es war immer gut anzusehen während des lustigen Marsches, wie
fast jedes Mädchen eine Rose oder eine Nelke in den Fingern auf dem Rücken
hielt, während die Buben die Blumen im Munde trugen wie Tabakspfeifen oder
dieselben burschikos hinter die Ohren steckten. Es waren alles Kinder von
Holzhackern, Tagelöhnern, armen Schneidern, Schustern und von almosengenössigen
Leuten. Bessere Handwerker durften ihres Ranges und Kredits wegen die Schule
nicht benutzen. Daher war ich der best und reinlichst gekleidete unter den Buben
und galt für halb vornehm, obgleich ich bald sehr vertraulich war mit den
buntscheckig geflickten armen Teufeln, ihren Sitten und Gewohnheiten, insofern
sie mir nicht allzu fremd und unfreundlich waren. Denn obgleich die Kinder der
Armen nicht schlimmer und etwa boshafter sind als die der Reichen oder sonst
Geborgenen, im Gegenteil eher unschuldiger und gutmütiger, so haben sie doch
manchmal grinsende Derbheiten in ihren Gebärden, welche mich bei einigen
Mitschülern abstiessen.
    Die Kleidung, welche ich damals erhielt, war grün, da meine Mutter aus den
Uniformstücken des Vaters eine Tracht für mich schneiden liess, für den Sonntag
einen Anzug und für die Werktage einen. Auch fast alle nachgelassenen
bürgerlichen Gewänder waren von grüner Farbe; bis zu meinem zwölften Jahre aber
reichte der Nachlass zur Herstellung von grünen lacken und Röcklein aus bei der
grossen Strenge und Aufmerksamkeit der Mutter für Schonung und Reinhaltung der
Kleider, so dass ich von der unveränderlichen Farbe schon früh den Namen »grüner
Heinrich« erhielt und in unserer Stadt trug. Als solcher machte ich in der
Schule und auf der Gasse bald eine bekannte Figur und benutzte meine grüne
Popularität zur steten Fortsetzung meiner Beobachtungen und chorartiger
Teilnahme an allem, was geschah und gehandelt wurde. Ich drang mit den
verschiedensten Kindern, je nach Bedürfnis und Laune, in die elterlichen Häuser
und war als ein vermeintlich stilles gutes Kind gern gesehen, während ich mir
genau den Haushalt und die Gebräuche der armen Leute ansah und dann wieder
wegblieb, um mich in mein Hauptquartier bei der Frau Margret zurückzuziehen, wo
es am Ende immer am meisten zu sehen gab. Sie freute sich, dass ich bald imstande
war, nicht nur das Deutsche geläufig vorlesen, sondern auch die in ihren alten
Büchern häufigen lateinischen Lettern erklären zu können sowie die arabischen
Zahlen, die sie nie verstehen lernte. Ich verfertigte ihr auch allerlei Notizen
in Frakturschrift auf Papierzettel, welche sie aufbewahren und bequem lesen
konnte, und wurde auf diese Weise ihr kleiner Geheimschreiber. Schon sah sie,
die mich für ein grosses Genie hielt, einen ihrer zukünftigen, klugen Glückmacher
in mir und war im voraus meiner glänzenden Laufbahn froh. Wirklich machte mir
das Lernen weder Mühe noch Kummer, und ich war, ohne zu wissen wie, zu der Würde
herangediehen, die kleineren Genossen unterrichten zu dürfen. Dieses geriet mir
zu einer neuen Lust, vorzüglich weil ich, ausgerüstet mit der Macht zu lohnen
und zu strafen, kleine Schicksale kombinieren, Lächeln und Tränen, Freund- und
Feindschaft hervorzaubern konnte. Sogar die Frauenliebe spielte ihre ersten
schwachen Morgenwölkchen dazwischen. Wenn ich in einem Halbkreise von neun bis
zehn kleinen Mädchen sass, so war der erste ehrenvollste Platz bald zunächst
meiner Seite, bald war es der letzte, je nach der Gegend in dem grollen Saale.
So geschah es, dass ich die Mädchen, welche ich gern sah, entweder fortwährend
oben hielt in der Region des Ruhmes und der Tugend oder aber sie stets
niederdrückte in die dunkle Sphäre der Sünde und der Vergessenheit, in beiden
Fällen immer zunächst meinem tyrannischen Herzen. Dieses aber wurde selbst
reichlich mitbewegt, wenn ich oft von der ohne Verdienst erhobenen Schönen kein
Lächeln des Dankes erhielt, wenn sie die unverdiente Ehre hinnahm, als ob sie
ihr gebührte, und es mir durch mutwillige rücksichtslose Streiche unendlich
erschwerte, sie auf der glatten Höhe zu halten ohne auffallende Ungerechtigkeit.
    Nur zwei Dinge waren mir in dieser Schule quälend und unheimlich und sind
eine unliebliche Erinnerung geblieben. Das eine war die düstere kriminalistische
Weise, in welcher die Schuljustiz gehandhabt wurde. Es lag dies teils noch im
Geiste der alten Zeit, an deren Grenze wir standen, teils in einer
Privatliebhaberei der Personen und harmonierte übel mit dem übrigen guten Ton.
Es wurden ausgesuchte peinliche und infamierende Strafen angewendet auf dies
zarte Lebensalter, und es verging fast kein Monat ohne eine feierliche Exekution
an irgendeinem armen Sünder. Zwar wurden meistens wirkliche Bösewichte
betroffen; es war aber immerhin verkehrt, indem es die Kinder zu einem frühen
geläufigen Verdammen hinführte; so schon ist es eine seltsame Erscheinung, dass
die Kinder, selbst wenn sie das Bewusstsein des gleichen Fehlers in sich haben,
aber verschont geblieben sind, ein bestraftes und bezeichnetes verachten,
verfolgen und verhöhnen, bis die letzten Wirkungen verklungen oder die Verfolger
selbst in das Netz gefallen sind. Solange das Goldene Zeitalter nicht gekommen,
müssen kleine Buben geprügelt werden; allein einen widerlichen Eindruck machte
es, wenn ein unglücklicher Sünder nach gehaltener Standrede in ein abgelegenes
Zimmer geführt, dort ausgezogen, auf eine Bank gelegt und abgehauen wurde; oder
als einmal ein ziemlich grosses Mädchen mit einer umgehängten Tafel auf einem
hohen Schranke sitzen musste, einen ganzen Tag lang. Ich hatte tiefes Mitleid mit
ihr, obgleich sie etwas Grosses begangen haben mochte. Vielleicht war sie auch
unschuldig verurteilt! Ein paar Jahre später ertränkte sich das gleiche Mädchen
während des Konfirmationsunterrichtes, ich weiss nicht mehr weshalb, erinnere
mich aber noch der trauernden Teilnahme, welche ich für die Tote hegte, als ich
sie zu Grabe tragen sah, gefolgt von einer grossen Schar weissgekleideter Mädchen
zwischen fünf-und sechszehn Jahren, welche Blumen trugen. Man erwies ihr,
ungeachtet ihres unchristlichen Todes, diese Ehre ihrer Jugend wegen, weil man
zugleich das grelle Ereignis damit verhüllen und mässigen konnte.
    Die andere peinliche Erinnerung an jene Schulzeit sind mir der Katechismus
und die Stunden, während deren wir uns damit beschäftigen mussten. Ein kleines
Buch voll hölzerner, blutloser Fragen und Antworten, losgerissen aus dem Leben
der biblischen Schriften, nur geeignet, den dürren Verstand bejahrter und
verstockter Menschen zu beschäftigen, musste während der so unendlich scheinenden
Jugendjahre in ewigem Wiederkäuen auswendig gelernt und in verständnislosem
Dialoge hergesagt werden. Harte Worte und harte Bussen waren die Aufklärungen,
beklemmende Angst, keines der dunklen Worte zu vergessen, die Anfeuerung zu
diesem religiösen Leben. Einzelne Psalmstellen und Liederstrophen, ebenfalls aus
allem Zusammenhange gezerrt und deshalb unlieber einzuprägen als ein ganzes
organisches Gedicht, verwirrten das Gedächtnis, anstatt es zu üben. Wenn man
diese, gegen die verwilderte Sündhaftigkeit ausgewachsener Menschen gerichteten,
vierschrötigen nackten Gebote neben den übersinnlichen und unfasslichen
Glaubenssätzen gereiht sah, so fühlte man nicht den Geist wehen einer sanften
menschlichen Entwicklung, sondern den schwülen Hauch eines rohen und starren
Barbarentums, wo es einzig darauf ankommt, den jungen, zarten Nachwuchs auf der
Schnell- und Zwangbleiche so früh als möglich für den ganzen Umfang des
bestehenden Lebens und Denkens fertig und verantwortlich zu machen. Die Pein
dieser Disziplin erreichte ihren Gipfel, wenn mehrere Male im Jahre die Reihe an
mich kam, am Sonntage in der Kirche, vor der ganzen Gemeinde, mit lauter
vernehmlicher Stimme das wunderliche Zwiegespräch mit dem Geistlichen zu führen,
welcher in weiter Entfernung von mir auf der Kanzel stand und wo jedes Stocken
und Vergessen zu einer Art Kirchenschande gereichte. Viele Kinder schöpfen zwar
gerade aus dieser Sitte die Kunst, mit Salbung und Zungengeläufigkeit, wohl gar
mit ihrer Frechheit zu prunken, und der Tag geriet ihnen immer zu einem Triumph-
und Freudentag. Gerade bei diesen erwies es sich aber jederzeit, dass alles eitel
Schall und Rauch gewesen. Es gibt geborene Protestanten, und ich möchte mich zu
diesen zählen, weil nicht ein Mangel an religiösem Sinne, sondern, freilich mir
unbewusst, ein letztes feines Räuchlein verschollener Scheiterhaufen, durch die
hallende Kirche schwebend, mir den Aufentalt widerlich machte, wenn die
eintönigen Gewaltsätze hin-und hergeworfen wurden. Nicht als ob ich mir
einbilden wollte, ein scharfsinnig polemisches Wunderkind gewesen zu sein;
sondern es war einzig Sache des angeborenen Gefühles.
    So wurde ich gewaltsam auf meinen Privatverkehr mit Gott zurückgedrängt, und
ich beharrte auf meiner Sitte, meine Gebete und Verhandlungen selbst zu
bestreiten nach meinem Bedürfnisse und sie auch in Ansehung der Zeit nur dann
anzuwenden, wenn ich ihrer bedurfte. Einzig das Vaterunser wurde morgens und
abends regelmässig, aber lautlos, gebetet.
    Aber auch aus meinem innern und äussern Spiel-und Lustleben wurde der liebe
Gott verdrängt und konnte weder durch die Frau Margret noch durch meine Mutter
darin erhalten werden. Für lange Jahre wurde mir der Gedanke Gottes zu einer
prosaischen Vorstellung, in dem Sinne, wie die schlechten Poeten das wirkliche
Leben für prosaisch halten im Gegensatze zu dem erfundenen und fabelhaften. Das
Leben, die sinnliche Natur waren merkwürdigerweise mein Märchen, in dem ich
meine Freude suchte, während Gott für mich zu der notwendigen, aber nüchternen
und schulmeisterlichen Wirklichkeit wurde, zu welcher ich nur zurückkehrte wie
ein müdgetummelter, hungriger Knabe zur alltäglichen Haussuppe und mit der ich
so schnell fertig zu werden suchte als möglich. Solches bewirkte die Art und
Weise, wie die Religion und meine Kinderzeit zusammengekuppelt wurden.
Wenigstens kann ich mich, trotzdem dass jene ganze Zeit wie ein heller Spiegel
vor mir liegt, nicht entsinnen, dass ich vor dem Erwachen der Vernunft je einen
Andachtschauer, wenn auch noch so kindlich, empfunden hätte.
    Ich betrachte diese halb gottlose Zeit gerade der weichsten und bildsamsten
Jahre, welche deren wohl sieben bis achte andauerte, als eine kalte öde Strecke
und weise die Schuld einzig auf den Katechismus und seine Handhaber. Denn wenn
ich recht scharf in jenen vergangenen dämmerhaften Seelenzustand zurückzudringen
versuchte, so entdecke ich noch wohl, dass ich den Gott meiner Kindheit nicht
liebte, sondern nur brauchte. Jetzt erst wird mir der trübe kalte Schleier ganz
deutlich, welcher über jener Zeit liegt und mir dazumal die Hälfte des Lebens
verhüllte, mich blöde und scheu machte, dass ich die Leute nicht verstand und
mich selbst nicht zu erkennen geben konnte, so dass die Erzieher vor mir standen
als vor einem Rätsel und sagten: Dieses ist ein seltsames Gewächs, man weiss
nicht viel damit anzufangen!
 
                                Zehntes Kapitel
                               Das spielende Kind
Desto eifriger verkehrte ich im stillen mit mir selbst, in der Welt, die ich mir
allein zu bauen gezwungen war. Meine Mutter kaufte mir nur äusserst wenig
Spielzeug, immer und einzig darauf bedacht, jeden Heller für meine Zukunft zu
sparen, und erachtete in ihrem Sinne jede Ausgabe für überflüssig, welche nicht
unmittelbar für das Notwendigste geopfert wurde. Sie suchte mich dafür durch
fortwährende mündliche Unterhaltungen zu beschäftigen und erzählte mir tausend
Dinge aus ihrem vergangenen Leben sowohl wie aus dem Leben anderer Leute, indem
sie in unserer Einsamkeit selbst eine süsse Gewohnheit darin fand. Aber diese
Unterhaltung sowie das Treiben im wunderlichen Nachbarhause konnte doch zu letzt
meine Stunden nicht ausfüllen, und ich bedurfte eines sinnlichen Stoffes,
welcher meiner Gestaltungslust anheimgegeben war. So war ich bald darauf
angewiesen, mir mein Spielzeug selbst zu schaffen. Das Papier, das Holz, die
gewöhnlichen Aushelfer in diesem Falle, waren schnell abgebraucht, besonders da
ich keinen Mentor hatte, welcher mich mit Handgriffen und Künsten bekannt
machte. Was ich so bei den Menschen nicht fand, das gab mir die stumme Natur.
Ich sah aus der Ferne bei andern Knaben, dass sie artige kleine
Naturaliensammlungen besassen, besonders Steine und Schmetterlinge, und von ihren
Lehrern und Vätern angeleitet wurden, dergleichen selbst auf ihren Ausflügen zu
suchen. Ich ahmte dieses nun auf eigene Faust nach und begann gewagte Reisen
längs der Bach- und Flussbette zu unternehmen, wo ein buntes Geschiebe an der
Sonne lag. Bald hatte ich eine gewichtige Sammlung glänzender und farbiger
Mineralien beisammen, Glimmer, Quarze und solche Steine, welche mir durch ihre
abweichende Form auffielen. Glänzende Schlacken, aus Hüttenwerken in den Strom
geworfen, hielt ich ebenfalls für wertvolle Stücke, Glasflüsse für Edelsteine,
und der Trödelkram der Frau Margret lieferte mir einigen Abfall an polierten
Marmorscherben und halb durchsichtigen Alabasterschnörkeln, welche überdies noch
eine antiquarische Glorie durchdrang. Für diese Dinge verfertigte ich Fächer und
Behälter und legte ihnen wunderlich beschriebene Zettel bei. Wenn die Sonne in
unser Höfchen schien, so schleppte ich den ganzen Schatz hinunter, wusch Stück
für Stück in dem kleinen Brünnlein und breitete sie nachher an der Sonne aus, um
sie zu trocknen, mich an ihrem Glanze erfreuend. Dann ordnete ich sie wieder in
die Schachteln und hüllte die glänzendsten Dinge sorglich in Baumwolle, welche
ich aus den grollen Ballen am Hafenplatze und beim Kaufhause gezupft hatte. So
trieb ich es lange Zeit; allein es war nur der äussere Schein, der mich erbaute,
und als ich sah, dass jene Knaben für jeden Stein einen bestimmten Namen besassen
und zugleich viel Merkwürdiges, was mir unzugänglich war, wie Kristalle und
Erze, auch ein Verständnis dafür gewannen, welches mir durchaus fremd war, so
starb mir das ganze Spiel ab und betrübte mich. Dazumal konnte ich nichts Totes
und Weggeworfenes um mich liegen sehen; was ich nicht brauchen konnte,
verbrannte ich hastig oder entfernte es weit von mir; so trug ich eines Tages
die sämtliche Last meiner Steine mit vieler Mühe an den Strom hinaus, versenkte
sie in die Wellen und ging ganz traurig und niedergeschlagen nach Hause.
    Nun versuchte ich es mit den Schmetterlingen und Käfern. Meine Mutter
verfertigte mir ein Garn und ging oft selbst mit mir auf die Wiesen hinaus; denn
die Einfachheit und Billigkeit dieser Spiele leuchteten ihr ein. Ich fing
zusammen, wessen ich habhaft werden konnte, und setzte eine Unzahl Raupen in
Gefangenschaft. Allein ich kannte die Speise dieser letzteren nicht und wusste
sie sonst nicht zu behandeln, so dass kein Schmetterling aus meiner Zucht
hervorging. Die lebendigen Schmetterlinge aber, welche ich fing, wie die
glänzenden Käfer machten mir saure Mühe mit dem Töten und dem
Unversehrterhalten; denn die zarten Tiere behaupteten eine zähe Lebenskraft in
meinen mörderischen Händen, und bis sie endlich leblos waren, fand sich Duft und
Farbe zerstört und verloren, und es ragte auf meinen Nadeln eine zerfetzte
Gesellschaft erbarmungswürdiger Märtyrer. Schon das Töten an sich selbst
ermüdete mich und regte mich zu sehr auf, indem ich die zierlichen Geschöpfe
nicht leiden sehen konnte. Dieses war keine unkindliche Empfindsamkeit; mir
widerwärtige oder gleichgültige Tiere konnte ich so gut misshandeln wie alle
Kinder; es war vielmehr ein ungerechtes Mitgefühl für diese bunteren Kreaturen,
denen ich wohlgewogen war. Jeder der unseligen Reste machte mich um so
melancholischer, als er das Denkmal eines im Freien zugebrachten Tages und eines
Abenteuers war. Die Zeit von seiner Gefangennehmung bis zu seinem qualvollen
Tode war ein Schicksal, welches mich mitberührte, und die stummen Überbleibsel
redeten eine vorwurfsvolle Sprache zu mir.
    Auch diese Unternehmung scheiterte endlich, als ich zum ersten Male eine
grosse Menagerie sah. Sogleich fasste ich den Entschluss, eine solche anzulegen,
und baute eine Menge Käfige und Zellen. Mit vielem Fleisse wandelte ich dazu
kleine Kästchen um, verfertigte deren aus Pappe und Holz und spannte Gitter von
Draht oder Zwirn davor, je nach der Stärke des Tieres, welches dafür bestimmt
war. Der erste Insasse war eine Maus, welche mit eben der Umständlichkeit, mit
welcher ein Bär installiert wird, aus der Mausefalle in ihren Kerker
hinübergeleitet wurde. Dann folgte ein junges Kaninchen; einige Sperlinge, eine
Blindschleiche, eine grössere Schlange, mehrere Eidechsen verschiedener Farbe und
Grösse; ein mächtiger Hirschkäfer mit vielen andern Käfern schmachteten bald in
den Behältern, welche ordentlich aufeinandergetürmt waren. Mehrere grosse Spinnen
versahn in Wahrheit die Stelle der wilden Tiger für mich, da ich sie
entsetzlich fürchtete und nur mit grossem Umschweife gefangen hatte. Mit
schauerlichem Behagen betrachtete ich die Wehrlosen, bis eines Tages eine
Kreuzspinne aus ihrem Käfige brach und mir rasend über Hand und Kleid lief. Der
Schrecken vermehrte jedoch mein Interesse an der kleinen Menagerie, und ich
fütterte sie sehr regelmässig, führte auch andere Kinder herbei und erklärte
ihnen die Bestien mit grossem Pomp. Ein junger Weih, welchen ich erwarb, war der
grosse Königsadler, die Eidechsen Krokodile, und die Schlangen wurden sorgsam aus
ihren Tüchern hervorgehoben und einer Puppe um die Glieder gelegt. Dann sass ich
wieder stundenlang allein vor den trauernden Tieren und betrachtete ihre
Bewegungen. Die Maus hatte sich längst durchgebissen und war verschwunden, die
Blindschleiche war längst zerbrochen, so wie die Schwänze sämtlicher Krokodile,
das Kaninchen war mager wie ein Gerippe und hatte doch keinen Platz mehr in
seinem Käfig, alle übrigen Tiere starben ab und machten mich melancholisch, so
dass ich beschloss, sie alle zu töten und zu begraben. Ich nahm ein dünnes langes
Eisen, machte es glühend und drang mit zitternder Hand damit durch die Gitter
und begann ein greuliches Blutbad anzurichten. Aber die Geschöpfe waren mir alle
lieb geworden, auch erschreckte mich das Zucken des zerstörten Organismus, und
ich musste innehalten. Ich eilte in den Hof hinunter, machte eine Grube unter den
Vogelbeerbäumchen, worin ich die ganze Sammlung, tote, halbtote und lebende, in
ihren Kasten kopfüber warf und eilig verscharrte. Meine Mutter sagte, als sie es
sah, ich hätte die Tiere nur wieder ins Freie tragen sollen, wo ich sie geholt
hätte, vielleicht wären sie dort wieder gesund geworden. Ich sah dies ein und
bereute meine Tat; der Rasenplatz war aber lange eine schauerliche Stätte für
mich, und ich wagte nie jener kindlichen Neugierde zu gehorchen, welche es immer
antreibt, etwas Vergrabenes wieder auszugraben und anzusehen.
    Bei Frau Margret tat sich mir die nächste Spielerei auf. In einer verrückten
Teosophie, welche ich unter ihren Büchern fand, war eine Anweisung entalten,
die vier Elemente zu veranschaulichen, nebst andern kindischen Experimenten und
den dazugehörigen Tafeln. Nach diesen Vorschriften nahm ich eine grosse Phiole,
füllte sie zum Vierteile mit Sand, zum Vierteile mit Wasser, dann mit Öl, und
das letzte Vierteil liess ich leer, das heisst mit Luft gefüllt. Die Materien
sonderten sich nach ihrer Schwere auseinander und stellten nun in dem
geschlossenen Raume die vier Elemente vor, Erde, Wasser, Feuer (das Brennöl) und
Luft. Ich schüttelte sie tüchtig durcheinander, daraus entstand das Chaos,
welches sich wieder aufs schönste abklärte, und ich sass sehr vergnügt vor der
höchst gelehrten Erscheinung.
    Dann nahm ich Bogen Papier und zeichnete darauf, nach den Angaben jenes
Buches, grosse Sphären mit Kreisen und Linien kreuz und quer, farbig begrenzt und
mit Zahlen und lateinischen Lettern besetzt. Die vier Weltgegenden, Zonen und
Pole, Himmelsräume, Elemente, Temperamente, Tugenden und Laster, Menschen und
Geister, Erde, Hölle, Zwischenreich, die sieben Himmel, alles war toll und doch
nach einer gewissen Ordnung durcheinandergeworfen und gab ein angestrengtes,
lohnendes Bemühen. Alle Sphären wurden mit entsprechenden Seelen bevölkert,
welche darin gedeihen konnten. Ich bezeichnete sie mit Sternen und diese mit
Namen; der glückseligste war mein Vater, zunächst dem Auge Gottes, noch,
innerhalb des Dreieckes, und schien durch dieses allsehende Auge auf die Mutter
und mich herunterzuschauen, welche in den schönsten Gegenden der Erde
spazierten. Meine Widersacher aber schmachteten sämtlich in der Hölle, wo der
Böse mit einem ansehnlichen Schwanze begabt war. Je nach dem Verhalten der
Menschen veränderte ich ihre Stellungen, beförderte sie in reinere Gegenden oder
setzte sie zurück, wo Heulen und Zähneklappen herrschte. Manchen liess ich
prüfungsweise im Unbestimmten schweben, sperrte auch wohl zwei, die sich im
Leben nicht ausstehen mochten, zusammen in eine abgelegene Region, indessen ich
zwei andere, die sich gern hatten, trennte, um sie nach vielen Prüfungen
zusammenzubringen an einem glückseligern Orte. Ich führte so ganz im geheimen
eine genaue Übersicht und Schicksalsbestimmung aller mir bekannten Leute, jung
und alt.
    In der Teosophie war ferner anbefohlen, geschmolzenes Wachs in Wasser zu
giessen, um ich weiss nicht mehr was zu versinnbildlichen. Ich füllte mehrere
Arzneigläser mit Wasser und belustigte mich an den Bildungen, welche durch das
hineingegossene Wachs entstanden, verschloss die Gläser und vermehrte dadurch
meine gelehrte Sammlung. Dieses Gläserwesen sagte mir sehr zu, und ich fand
einen neuen Stoff dafür, als ich einst mit tiefem Grauen durch eine anatomische
Sammlung lief, welche dem Krankenhause beigegeben war. Einige Reihen von
Embryonen und Föten in ihren Gläsern jedoch erwarben sich meinen lebhaften
Beifall und boten einen trefflichen Gegenstand für meine Sammlung dar, indem ich
dergleichen nachzubilden versuchte. In einem Schranke verwahrte die Mutter die
aufgeschichtete Leinwand ihrer Mussezeit in rohen und gebleichten Stücken, und
daselbst lagen auch, verborgen und vergessen, mehrere Scheiben reinlichen
Wachses, die verjährten Zeugen einer einstigen fleissigen Bienenzucht. Von diesen
brach ich immer ansehnlichere Stücke los und formte nun im kleinen solche
grossköpfige wunderliche Burschen, wie ich sie gesehen, und bestrebte mich, die
Verschiedenheit ihrer phantastischen Bildung noch zu vergrössern. Ich trieb
Gläser auf, soviel ich konnte, von allen Formen und Grössen, und richtete die
Bildwerke darnach ein. In langen schmalen Kölnischwasserflaschen, denen ich die
Hälse abschlug, baumelten ebenso lange schmächtige Gesellen an ihrem Faden, in
kurzen dicken Salbengläsern hausten knollenartige Gewächse. Statt mit Weingeist
füllte ich die Gläser mit Wasser an und gab jedem Bewohner derselben einen
Namen, welcher meinem humoristischen Interesse entsprach, das über der
belustigenden Arbeit aus dem bloss gelehrten entstand. Es waren schon einige
dreissig Mitglieder dieses schönen Vereins beisammen und das Wachs nahezu
aufgebraucht, als ich meine Geschöpfe taufte mit Namen wie Schnurper, Fark,
Vogelmann, Säbelbein, Schneider, Schmerbauch, Nabelhans, Wachsbeisser,
Wächserich, Honigteufel und dergleichen, und ich empfand ein dauerndes
Vergnügen, indem ich zugleich für jeden eine kurze Lebensbeschreibung verfasste,
die sich in dem Berge zugetragen hatte, aus welchem nach unserm Ammenmärchen die
kleinen Kinder geholt werden. Ich verfertigte auch eigene Sphärentafeln für sie,
worauf jeder verzeichnet war mit seiner tugendlichen oder schlimmen Aufführung,
und wenn einer mein Missfallen erregte, so wurde er so gut an einen schlechtern
Ort gebracht als die lebendigen Leute. Ich trieb diese Dinge alle in einer
abgelegenen Kammer, wo ich eines Abends in der Dämmerung alle Gläser auf meinen
Lieblingstisch stellte, ein altes braunes Möbel mit etlichen Auszügen. Ich
reihte die Gläser in einen grossen Kreis, die vier Elemente in der Mitte, und
breitete meine bunten Tabellen aus, beleuchtet von einigen Wachsmännern, denen
Dochte aus erhobenen Händen brannten, und vertiefte mich nun in die
Konstellationen auf den Karten, während ich die betreffenden Schicksalsträger
einzeln vortreten liess und musterte, den Wächserich und den Hürlimann, den Meyer
oder den Vogelmann. Von ungefähr stiess ich an den Tisch, dass alle Gläser
erzitterten und die Wachsmännchen schwankten und zappelten. Dies gefiel mir, so
dass ich anfing, nach dem Takte auf den Tisch zu schlagen, wozu die Gesellen
tanzten; ich schlug immer stärker und wilder und sang dazu, bis die Gläser wie
toll aneinanderschlugen und erklangen. Auf einmal schneuzte es in einer Ecke,
ein Paar feurige Augen funkelten hervor. Eine fremde grosse Katze war in die
Kammer gesperrt, hatte sich bisher ruhig verhalten und wurde nun scheu. Ich
wollte sie verscheuchen, da stellte sie sich drohend gegen mich, sträubte die
Haare und pfauchte gewaltig; ich machte in der Angst ein Fenster auf und warf
ein Glas nach ihr, sie sprang hinauf, konnte aber nicht weiter gelangen und
kehrte sich wieder gegen mich. Nun schleuderte ich einen Wachsmann um den andern
auf sie, sie schüttelte sich furchtbar und rüstete sich zum Sprunge, und als ich
zuletzt die vier Elemente ihr an den Kopf warf, fühlte ich ihre Krallen an
meinem Halse. Ich fiel am Tische nieder, die Lichter löschten aus, und ich
schrie in der Dunkelheit, obgleich die Katze schon wieder weg war. Meine Mutter
trat herein, während dieselbe hinausschlüpfte, und fand mich halb bewusstlos am
Boden liegen mitten in den Glasscherben, Wasserbächen und Kobolden. Sie hatte
nie auf mein Treiben in der Kammer geachtet, zufrieden, dass ich so still und
vergnüglich war, und wusste sich nun meine verwirrte Erzählung um so weniger zu
reimen. Inzwischen entdeckte sie die gewaltige Abnahme ihres Wachses und
betrachtete nun mit einigem Zorne die Trümmer der untergegangenen Welt.
    Die Sache machte Aufsehen. Frau Margret liess sich erzählen und die bemalten
Bogen nebst übrigen Trümmern zeigen und fand alles höchst bedenklich. Sie
befürchtete, dass ich am Ende in ihren Büchern gefährliche Geheimnisse geschöpft
hätte, welche bei ihrem mangelhaften Lesen ihr selbst unzugänglich wären, und
verschloss die bedenklichsten Bücher mit höchst bedeutungsvollem Ernste. Jedoch
konnte sie sich einer gewissen Genugtuung nicht erwehren, da es sich zu
bestätigen schien, wie hinter diesen Sachen mehr stecke, als man geglaubt habe.
Sie war der festen Meinung, dass ich auf dem besten Wege gewesen sei, durch ihre
Bücher ein angehender Zaubermann zu werden.
 
                                 Elftes Kapitel
                 Teatergeschichten. Gretchen und die Meerkatze
Über solchen Missgeschicken verleidete mir die einsame Beschäftigung im Hause,
und ich schloss mich nun einigen Knaben an, welche sich gut zu unterhalten
schienen, indem sie in einem grossen alten Fasse Komödie spielten. Sie hatten
einen Vorhang davorgezogen und liessen eine begünstigte Anzahl Kinder respektvoll
harren, bis sie ihre geheimnisvollen Vorbereitungen geendet. Dann wurde das
Heiligtum geöffnet, einige Ritter in papiernen Rüstungen führten ein gedrängtes
Zwiegespräch tüchtiger Schimpfreden, um sich darauf schleunigst durchzubleuen
und unter dem Fallen des durchlöcherten Teppichs tot hinzustrecken. Ich wurde
bald eingeweiht als ein anstelliger Junge und brachte vor allem aus einen
bestimmtern Stoff in das Fass, indem ich kurze Handlungen aus der biblischen
Geschichte oder den Volksbüchern auszog und die vorkommenden Reden wörtlich
abschrieb und durch einige Wendungen verband. Ich fand auch, dass es wünschbar
wäre, wenn die Helden einen besondern Eingang hätten, um vorher ungesehen
auftreten zu können. Deshalb wurde in die Hinterwand ein Loch gesägt,
geschnitten und gekratzt, bis ein Wohlgewappneter bescheiden durchkriechen
konnte, was sehr possierlich aussah, wenn er mit seinen donnernden Reden begann,
ehe er sich völlig aufgerichtet hatte. Sodann wurden grüne Zweige geholt, um das
Innere des Fasses in einen Wald umzuwandeln; ich nagelte sie ringsherum fest und
liess nur oben das Spundloch frei, durch welches überirdische Stimmen
herniederzuschallen hatten. Ein Knabe brachte eine ansehnliche Düte Teatermehl
und hiemit ein neues prächtiges Element in unsere Bestrebungen.
    Eines Tages wurde David und Goliat gegeben. Die Philister standen auf dem
Plane, führten sich heidnisch auf und traten vor das Fass hinaus in das
Proszenium Dann krochen die Kinder Israel herein, lamentierten und waren verzagt
und traten auf die andere Seite des Einganges, als Goliat, ein grosser Bengel,
erschien und übermütige Possen machte zum grossen Gelächter beider Heere und des
Publikums, bis David, ein unterwachsener bissiger Junge, plötzlich dem Unfug ein
Ende machte und dem Riesen aus seiner Schleuder, die er trefflich führte, eine
grosse Rosskastanie an die Stirn schleuderte Darüber wurde dieser wütend und hieb
dem David ebenso derb auf den Kopf, und sogleich waren beide im heftigsten
Raufen ineinander verknäuelt. Die Zuschauer und die beiden Chöre klatschten
Beifall und nahmen Partei; ich selbst sass rittlings oben auf dem Fasse, ein
Lichtstrümpfchen in der einen und eine tönerne Pfeife mit Kolophonium in der
andern Hand, und blies als Zens gewaltige, ununterbrochene Blitze durch das
Spundloch hinein, dass die Flammen durch das grüne Laub züngelten und das
Silberpapier auf Goliats Helm magisch erglänzte. Dann und wann guckte ich
schnell durch das Loch hinunter, um dann die tapfer Kämpfenden ferner wieder mit
Blitzen anzufeuern, und hatte kein Arges, als die Welt, welche ich zu
beherrschen wähnte, plötzlich auf ihrem Lager wankte, überschlug und mich aus
meinem Himmel schleuderte; denn Goliat hatte endlich den David überwunden und
mit Gewalt an die Wand geworfen. Es gab ein grosses Geschrei, der Eigentümer des
Fasses kam heran und schloss das rollende Haus, nicht ohne Schelten und
ausgeteilte Püffe, als er die willkürlichen Veränderungen entdeckte, welche
angebracht waren.
    Jedoch vermissten wir dies verbotene Paradies nicht allzusehr, da bald darauf
eine deutsche Schauspielergesellschaft in unsere Stadt kam, um mit
obrigkeitlicher Bewilligung vor den Bewohnern das leichte Haus der
Leidenschaften in einem vollkommenern Masse aufzubauen, als bisher von Liebhabern
und Kindern geschehen war. Der wandernde Künstlerverein schlug seinen Sitz in
einem Gastause der Stadt auf, wandelte den geräumigen Tanzsaal in ein Teater
um und füllte zugleich alle bescheideneren Zimmer und Räume mit seinem
häuslichen Leben. Nur der Direktor bewohnte vornehm ein glänzenderes Gemach.
    Übrigens zog uns das belebte Haus nicht nur während der abendlichen
Vorstellungen an, sondern wir hatten auch während des Tages genug vor demselben
zu stellen und zu beobachten, teils um die bewunderten Helden und Königinnen in
ihrer verwegenen und anmutigen Tracht und Haltung aus und ein gehen zu sehen,
teils um keine Maschine, keinen Korb mit roten Mänteln und Degen, kein Requisit
aus den Augen zu verlieren, welches hineingetragen wurde. Vorzüglich hielten wir
uns auch vor einem offenen Hintergebäude auf, wo ein kühner Maler inmitten einer
Anzahl Töpfe, aufrechtstehend und die eine Hand in der Hosentasche, mit einem
unendlich verlängerten Pinsel Wunder auf das ausgebreitete Tuch oder Papier
warf. Ich erinnere mich deutlich des tiefen Eindruckes, welchen die einfache und
sichere Art auf mich machte, mit welcher er duftige und durchsichtige weisse
Vorhänge um die Fenster eines roten Zimmers zauberte; mit den wenigen weissen,
wohlangebrachten Strichen und Tupfen auf dem roten Grunde ging ein Licht in mir
auf, der ich vor solchen Dingen, wenn sie in der nächtlichen Beleuchtung vor mir
standen, begriffslos gestaunt hatte. Es dämmerte die erste Einsicht in das Wesen
der Malerei; das freie Auftragen von dichten deckenden Farben auf durchsichtige
Unterlagen machten mir vieles klar; ich begann nachher der Grenze dieser zwei
Gebiete nachzuspüren, wo ich ein Gemälde zu sehen bekam, und meine Entdeckungen
hoben mich über den wehrlosen Wunderglauben hinaus, welcher es aufgibt, jemals
dergleichen selbst zu verstehen.
    An den Abenden, wo gespielt wurde, waren wir vollzählig und unfehlbar auf
unserm Platze und schlichen wie die Katzen um das Gebäude herum. Da ich bei der
Sparsamkeit meiner Mutter keine Möglichkeit sah, auf legalem Wege in das Innere
des Kunsttempels zu gelangen, so befand ich mich doppelt wohl bei meinen
Genossen der Armenschule, welche ebenfalls darauf angewiesen waren, entweder
durch kleine Dienstleistungen oder durch verwegene Schlauheit durchzuschlüpfen.
Es gelang mir auch mehrere Male, mich mit klopfendem Herzen in den angefüllten
Saal zu schleichen, und überflog mit befriedigten Blicken die Dekorationen, wenn
der Vorhang aufging, dann die Kostüme und Trachten der Spieler, um endlich,
nachdem schon Erkleckliches gesprochen war, mich in das Studium der Fabel zu
vertiefen. Ich war bald ein grosser Kenner und disputierte reichlich, unter
angenommener Kaltblütigkeit, mit meinen Freunden. Dieser Zwiespalt, die
angenommene kennerhafte Ruhe und das unausbleibliche leidenschaftliche Hingeben
auch an das verworfenste Stück fing an mich zu ärgern, und ich sehnte mich auch
sonst, mit einem Schlage hinter die Kulissen zu kommen und das berückende Spiel
und seine Spieler wie ihre Mittel in der Nähe zu besehen; denn es bedünkte mich,
dass es dort besser zu leben sein müsse als irgendwo in der Welt,
leidenschaftslos und überlegen. Doch dachte ich nicht so leicht an eine
Erfüllung meines Wunsches, als ein günstiger Stern dieselbe unverhofft
darbrachte.
    Wir standen eines Abends ziemlich mutlos vor einer Seitentür, als eben der
Faust gegeben wurde. Wir hatten gehört, dass man den famosen Doktor Faust, den
wir genugsam kannten, nebst dem Teufel und allen seinen Herrlichkeiten sehen
würde, fanden aber heute alle Hindernisse unübersteiglich, welche auf unsern
gewohnten Schlupfwegen sich entgegenstellten. So hörten wir betrübt die Klänge
der Ouvertüre, welche von den vornehmen Liebhabern der Stadt aufgeführt wurde,
und zerbrachen die Köpfe über einem noch möglichen Eindringen. Es war ein
dunkler Herbstabend und regnete kühl und anhaltend. Es fror mich, und ich dachte
ans Nachhausegehen, zumal sich die Mutter über das abendliche Umhertreiben
beklagt hatte, als die dunkle Tür sich öffnete, ein dienstbarer Geist
heraussprang und rief: »Heda, ihr Buben! drei oder vier von euch mögen
hereinkommen, die sollen einmal mitspielen!« Auf dieses Zauberwort drängten sich
sogleich die Stärksten in das Haus; denn dies war ein Fall, wo ein jeder nur an
sich selbst denken durfte. Er wies sie aber zurück, indem er sie für zu gross und
dick erklärte und mich, der ich ohne sonderliche Hoffnungen im Hintergrunde
stand, heranrief und sagte: »Der da ist recht, der wird eine gute Meerkatze
sein!« Dazu ergriff er noch zwei andere, schmächtig gewachsene Jungen, schloss
die Tür hinter uns und marschierte an unserer Spitze nach einem kleinen Saale,
welcher als Garderobe diente. Dort hatten wir nicht Zeit, die aufgehäuften
Gewänder, Waffen und Rüstungen zu betrachten; denn wir wurden schnell unserer
Kleider entledigt und in abenteuerliche Pelze gesteckt, welche vom Kopf bis zum
Fusse eine Hülle bildeten. Das Meerkatzengesicht konnte wie eine Kapuze
zurückgeschlagen werden, und als wir solchergestalt verwandelt dastanden, die
langen Schwänze in der Hand haltend, lächelten wir ganz vergnügt und
beglückwünschten uns nun erst zu unserm unverhofften Glücke.
    Nun wurden wir auf die Bühne geführt, wo wir von zwei grossen Meerkatzen
lustig begrüsst und in aller Eile für unsere bevorstehende Aufgabe unterrichtet
wurden. Wir begriffen dieselbe bald und leisteten eine gelungene Probe
verschiedener Purzelbäume und Affensprünge, spielten auch zierlich mit einer
Kugel, so dass wir bis zu unserm Auftreten entlassen wurden. Wir spazierten
gravitätisch unter dem Gedränge herum, das sich auf dem schmalen Raume zwischen
den vier wirklichen und den gemalten Wänden schob und mischte; ich schaute
unverwandt bald auf die Bühne, bald hinter die Kulissen und beobachtete mit
hoher Freude, wie aus dem unkenntlichen, unterdrückt lärmenden und streitenden
Chaos sich still und unmerklich geordnete Bilder und Handlungen ausschieden und
auf dem freien, hellen Raume erschienen wie in einer jenseitigen Welt, um wieder
ebenso unbegreiflich in das dunkle Gebiet zurückzutauchen. Die Schauspieler
lachten, scherzten, koseten und zankten, hier und da ging einer plötzlich von
seiner Gruppe weg und stand in einem Augenblicke einsam und feierlich mitten in
dem Zauberbanne und machte ein so frommes Gesicht gegen die mir unsichtbare
Zuschauerwelt hinaus, als ob er vor den versammelten Göttern stände. Ehe ich
mich dessen versah, war er wieder mit einem Sprunge unter uns und setzte die
unterbrochenen Schimpf- oder Schmeichelreden fort, indessen schon irgendein
anderer sich ausgeschieden hatte, um es ebenso zu machen. Die Menschen führten
ein doppeltes Leben, wovon das eine ein Traum sein mochte; aber ich wurde nicht
klug daraus, welches davon der Traum und welches für sie die Wirklichkeit war.
Lust und Leid schienen mir in beiden Teilen gleich gemischt vorhanden zu sein;
doch im innern Raume der Bühne, wenn der Vorhang geöffnet war, schien Vernunft
und Würde und ein heller Tag zu herrschen und somit das wirkliche Leben zu
bilden, während, sobald der Vorhang sank, alles in trübe traumhafte Verwirrung
zerfiel. Auch dünkte es mich, dass diejenigen, welche sich in diesem wüsten
Traume am heftigsten und leidenschaftlichsten gebärdeten, dort in dem bessern
Stück Leben die edelsten und ausdruckvollsten Gestalten waren; diejenigen aber,
welche in der Nähe ruhig, kalt und friedfertig herumstanden, in jenem Glanze
eine ziemlich traurige Rolle spielten. Der Text des Stückes war die Musik,
welche das Leben in Schwung brachte. Sobald sie schwieg, stand der Tanz still
wie eine abgelaufene Uhr. Die Verse des Faust, welche jeden Deutschen, sobald er
einen davon hört, elektrisieren, diese wunderbar gelungene und gesättigte
Sprache klang fortwährend wie eine edle Musik, machte mich froh und setzte mich
mit in Erstaunen, obgleich ich nicht viel mehr davon verstand als eine wirkliche
Meerkatze.
    Indessen fühlte ich mich plötzlich beim Schwanze gefasst und rücklings in die
Hexenküche gezogen, wo bereits sämtliche Katzen umhersprangen und ein Schein und
Gefunkel unzähliger Gesichter und Augen aus dem Parterre hereinschimmerte. Ich
hatte bisher über meinen Betrachtungen die zutage getretene Dekoration der
Hexenküche übersehen und daher vieles nachzuholen; denn die phantastischen Dinge
um mich her, die Zerrbilder und Gespenster reizten mich sowohl wie das Treiben
Mephistos, der Hexe und der andern Meerkatzen. Als ob ich nicht selbst eine
Meerkatze wäre und meine Aufgabe zu erfüllen hätte, vergass ich ganz die
eingelernten Sprünge und Possen und sah ruhig und selbstvergessen den anderen
zu. Nun schaute Faust voll Entzücken in den Zauberspiegel, und es nahm mich
höchlich wunder, was es dort zu sehen gebe? Indem ich in der gleichen Richtung
nachahmend hinsah, gingen meine Blicke dem leeren, gemalten Spiegel vorbei
hinter die Kulisse und entdeckten dort in der Wirrnis des jenseitigen Lebens das
Bild, welches Faust zu sehen vorgab. Gretchen war unterdessen auf die Bühne
gekommen und legte sich, einige tiefbewegte Worte nach rückwärts rufend, eben
die letzte Schminke auf, nachdem sie sich Augen und Wangen mit einem weissen
Tuche sorglich und fest getrocknet, als ob sie geweint hätte. Es war eine sehr
schöne Frau, von welcher ich kein Auge mehr abwandte, ungeachtet der heimlichen
Püffe und Schelten, welche ich von meinen fleissigen Mitmeerkatzen erhielt. So
verlangte ich, der ich mich vorher nach dieser höheren Sphäre gesehnt hatte, nun
nichts weiter, als dortin zurückzukehren, wo die volle schöne Frauengestalt
wandelte.
    Die Zeit unseres Wirkens ging endlich vorüber, und ich machte meinen ersten
und einzigen guten Sprung, als ich leidenschaftlich vom Schauplatze abtrat oder
sprang und mich möglichst in die Nähe des gesehenen Bildes zu bringen suchte.
Aber in demselben Augenblicke befand sie sich ihrerseits einsam in der Handlung,
und ich konnte sie nur wieder von ferne sehen.
    Sie schien irgendeinen tiefen Verdruss in sich zu tragen, und daher war ihr
Spiel halb aus Anmut und halb aus sichtbarem Zorne gemengt. Diese Mischung
brachte zwar kein gutes Gretchen hervor, aber sie verlieh der Spielerin einen
eigentümlichen Reiz; ich nahm Partei für sie gegen ihre unbekannten Feinde und
dachte mir sogleich den Roman aus, in welchen sie etwa verwickelt sein möchte.
Doch, löste sich dieses flüchtige Gespinste bald auf und verschmolz sich mit der
dargestellten Lichtung, als Gretchens Schicksal tragisch wurde. Als sie im
Kerker auf dem Stroh lag und nachher irreredete, spielte sie so meisterhaft, dass
ich furchtbar erschüttert ward und doch in durstig heisser Aufregung das Bild des
im grenzenlosesten Unglücke versunkenen Weibes in mich hineintrank; denn ich
hielt das Unglück für wirklich und war ebenso erstaunt als gesättigt durch die
Szene, welche an Stärke alles übertraf, was ich bisher gesehen oder gehört
hatte.
    Der Vorhang war gefallen, und alles lief auf dem Teater bunt durcheinander,
während ich einigen Papieren nachschlich, welche ich in den Händen des Direktors
und der Künstler vorhin bemerkte und in einem Winkel hinter einer gemalten Mauer
fand. Ich gelüstete sehr, Einsicht zu nehmen von dem Geschriebenen, welches so
grosse Wirkung hervorgebracht; daher war ich bald in das Lesen der Rollen
versenkt. Aber obgleich ich die körperlichen Erscheinungen gefasst und empfunden
hatte, so waren doch nun die geschriebenen Worte, als die Zeichensprache eines
gereiften und grossen männlichen Geistes, dem unwissenden Kinde vollkommen
unverständlich; der kleine Eindringling fand sich bescheidentlich wieder vor die
verschlossene Türe einer höheren Welt gestellt, und ich schlief über meinen
Forschungen schnell und fest ein.
    Als ich wieder erwachte, war das Teater leer und still, die Lampen
ausgelöscht, und der Vollmond goss sein Licht zwischen den Kulissen über die
seltsame Unordnung herein. Ich wusste nicht, wie mir geschah noch wo ich mich
befand; doch als ich meine Lage erkannte, ward ich voll Furcht und suchte einen
Ausgang, fand aber die Türen verschlossen, durch welche ich hereingekommen war.
Nun schickte ich mich in das Geschehene und begann von neuem alle Seltsamkeiten
dieser Räume zu untersuchen. Ich betastete die raschelnden, papiernen
Herrlichkeiten und legte das Mäntelchen und den Degen des Mephistopheles, welche
auf einem Stuhle lagen, über meinen Meerkatzenhabit um So spazierte ich in dem
hellen Mondscheine auf und nieder, zog den Degen und fing an zu gestikulieren.
Dann entdeckte ich die Maschinerie des Vorhanges, und es gelang mir, denselben
aufzuziehen. Da lag der Zuschauerraum dunkel und schwarz vor mir wie ein
erblindetes Auge; ich stieg in das Orchester hinab, wo die Instrumente
umherlagen und nur Violinen sorgfältig in Kästchen verschlossen waren. Auf den
Pauken lagen die schlanken Hämmer, welche ich ergriff und zagend gegen das Fell
schlug, dass es einen dumpf grollenden Ton gab. Jetzt wurde ich kühner und schlug
stärker, bis es zuletzt wie ein Gewitter durch den leeren, mitternächtlichen
Saal hallte. Ich liess den Donner anschwellen und wieder abnehmen, und wenn er
verklang, so dünkten mich die unheimlichen Pausen noch schöner als das Geräusch
selbst. Endlich erschrak ich über meinem Tun, warf die Schlegel hin und getraute
mir kaum über die Bänke des Parterre hinwegzusteigen und mich zuhinterst an der
Wand hinzusetzen. Ich fror und wünschte zu Hause zu sein, auch ward es mir bange
in meiner Einsamkeit. Die Fenster in diesem Teile des Saales waren dicht
verschlossen, so dass nur die Bühne, welche immer noch den Kerker vorstellte,
durch das Mondlicht magisch beleuchtet war. Im Hintergrunde stand das Pförtchen
noch offen, wo Gretchen gelegen haue, ein bleicher Strahl fiel auf das
Strohlager; ich dachte an das schöne Gretchen, welches nun hingerichtet sein
werde, und der stille, mondhelle Kerker kam mir zauberhafter und heiliger vor
als dem Faust einst Gretchens Kammer. Ich stützte meinen Kopf auf beide Hände
und sah mit sehnenden Blicken hinüber, besonders in die vom Lichte halb
bestreifte Vertiefung, wo das Stroh lag. Da regte es sich im Dunkel, atemlos sah
ich hin, und jetzt stand eine weisse Gestalt in jenem Winkel; es war Gretchen,
wie ich sie zuletzt gesehen hatte. Mich schauerte es vom Wirbel bis zur Zehe,
meine Zähne schlugen zusammen, während doch ein mächtiges Gefühl glücklicher
Überraschung mich durchzuckte und erwärmte. Ja, es war Gretchen, es war ihr
Geist, obgleich ich in der Entfernung ihre Züge nicht unterscheiden konnte, was
die Erscheinung noch geisterhafter machte. Sie schien mit dunklen Blicken in dem
Raume umherzusuchen, ich richtete mich empor, es zog mich vorwärts wie mit
gewaltigen, unsichtbaren Händen, und während mein Herz hörbar klopfte, schritt
ich über die Bänke gegen das Proszenium hin, jeden Schritt einen Augenblick
anhaltend. Die Pelzumhüllung machte meine Füsse unhörbar, so dass mich die Gestalt
nicht bemerkte, bis ich, an dem Souffleurkasten hinaufklimmend, in meiner
befremdlichen Tracht vom ersten Mondstrahle bestreift wurde. Ich sah, wie sie
entsetzt ihr glühendes Auge auf mich richtete und, doch lautlos, zusammenfuhr.
Einen leisen Schritt trat ich näher und hielt wieder ein; meine Augen waren weit
geöffnet, ich hielt die Hände zitternd erhoben, indes ich, von einem frohen
Feuer des Mutes durchströmt, auf das Phantom losging. Da rief es mit
gebieterischer Stimme: »Halt! kleines Ding! was bist du?« und streckte drohend
den Arm gegen mich aus, dass ich fest an der Stelle gebannt blieb. Wir sahen uns
unverwandt an; ich erkannte jetzt ihre Züge wohl, sie hatte ein weisses
Nachtkleid umgeschlagen, Hals und Schultern waren entblösst und gaben einen
milden Schein, wie nächtlicher Schnee. Ich witterte alsogleich das warme Leben,
und der abenteuerliche Mut, den ich dem Gespenste gegenüber empfunden hatte,
verwandelte sich in die natürliche Blödigkeit vor dem lebendigen Weibe. Sie
hingegen war immer noch zweifelhaft über meine dämonische Erscheinung, und sie
rief daher noch einmal: »Wer seid Ihr, kleiner Bursch?« Kleinlaut antwortete
ich: »Ich heisse Heinrich Lee und bin eine von den Meerkatzen; man hat mich hier
eingeschlossen!«
    Da trat sie auf mich zu, streifte meine Maske zurück, fasste mein Gesicht
zwischen ihre Hände und rief, indem sie laut lachte: »Herr Gott! das ist die
aufmerksame Meerkatze! Ei, du kleiner Schalk! bist du es, der den Lärm gemacht
hat, als ob ein Gewitter im Hause wäre?« - »Ja!« sagte ich, indem meine Augen
fortwährend auf dem weissen Raume ihrer Brust hafteten und mein Herz zum ersten
Male wieder so andächtig erfreut war wie einst, wenn ich in das glänzende Feld
des Abendrotes geschaut und den lieben Gott darin geahnt hatte. Dann betrachtete
ich in vollkommener Ruhe ihr schönes Gesicht und gab mich unbefangen dem süssen
Eindrucke ihres reizenden Mundes hin. Sie sah mich eine Weile still und
ernstaft an, dann sprach sie: »Mich dünkt, du bist ein guter Junge; doch wenn
du einst gross geworden, wirst du ein Lümmel sein wie alle!« Und hiemit schloss
sie mich an sich und küsste mich mehrere Male auf meinen Mund, der nur dadurch
leise bewegt wurde, dass ich heimlich, von ihren Küssen unterbrochen, ein
herzliches Dankgebet an Gott richtete für das herrliche Abenteuer.
    Hierauf sagte sie: »Es ist nun am besten, du bleibest bei mir, bis es Tag
ist; denn Mitternacht ist längst vorüber!« und sie nahm mich bei der Hand und
führte mich durch einige Türen in ihr Zimmer, wo sie vorher schon geschlafen
hatte und durch mein nächtliches Spuken geweckt worden war. Dort ordnete sie am
Fussende ihres Bettes eine Stelle zurecht, und als ich darauf lag, hüllte sie
sich dicht in einen sammetnen Königsmantel, legte sich der Länge nach auf das
Bett und stützte ihre leichten Füsse gegen meine Brust, dass mein Herz ganz
vergnüglich unter denselben klopfte Somit entschliefen wir und glichen in
unserer Lage nicht übel jenen alten Grabmälern, auf welchen ein steinerner
Ritter ausgestreckt liegt mit einem treuen Hunde zu Füssen.
 
                                Zwölftes Kapitel
                          Die Leserfamilie. Lügenzeit
Infolge der Sorge und Verwirrung, welche durch mein nächtliches Wegbleiben
entstanden, war mir das abendliche Umhertreiben und der Besuch des Teaters
streng untersagt worden; auch am Tage wurde ich sorgfältiger beaufsichtigt und
in meinem Umgange mit den Kindern der armen Leute beschränkt, welchen man
fälschlicherweise eine verderbliche und ansteckende Ungebundenheit zuschrieb. So
hatten die fremden Schauspieler die Stadt verlassen, ohne dass ich jene Frau, der
mein Herz nun ganz gehörte, wiedergesehen. Als ich vernahm, dass die Gesellschaft
fortgereist sei, bemächtigte sich meiner eine tiefe Traurigkeit, welche längere
Zeit anhielt. Je unbekannter mir die Gegend war, wo sie hingezogen sein mochte,
desto mehr war mir alles Land, welches jenseits der Berge lag, ein Land
unbestimmter Wünsche und dunklen Verlangens.
    Um diese Zeit schloss ich mich enger an einen Knaben, dessen erwachsene,
lesebegierige Schwestern eine Unzahl schlechter Romane zusammengetragen hatten.
Verlorengegangene Bände aus Leihbiblioteken, geringer Abfall aus vornehmen
Häusern oder von Trödlern erstanden, lagen in der Wohnung dieser Leute auf
Gesimsen, Bänken und Tischen umher, und an Sonntagen konnte man nicht nur die
Geschwister und ihre Liebhaber, sondern Vater und Mutter, und wer sonst noch da
war, in die Lektüre der schmutzig aussehenden Bücher vertieft finden. Die Alten
waren törichte Leute, welche in dieser Unterhaltung Stoff zu törichten
Gesprächen suchten; die Jungen hingegen erhitzen ihre Vorstellungskraft an den
gemeinen unpoetischen Machwerken, oder vielmehr sie suchten hier die bessere
Welt, welche die Wirklichkeit ihnen nicht zeigte. Die Romane zerfielen
hauptsächlich in zwei Arten. Die eine entielt den Ausdruck der üblen Sitten des
vorigen Jahrhunderts in jämmerlichen Briefwechseln und Verführungsgeschichten,
die andere bestand aus derben Ritterromanen. Die Mädchen hielten sich mit grossem
Interesse an die erste Art und liessen sich dazu von ihren teilnehmenden
Liebhabern sattsam küssen und liebkosen; uns Knaben waren aber diese prosaischen
und unsinnlichen Schilderungen einer verwerflichen Sinnlichkeit glücklicherweise
noch ungeniessbar, und wir begnügten uns damit, irgendeine Rittergeschichte zu
ergreifen und uns mit derselben zurückzuziehen. Die unzweideutige Genugtuung,
welche in diesen groben Dichtungen waltete, war meinen angeregten Gefühlen
wohltätig und gab ihnen Gestalt und Namen. Wir wussten die schönsten Geschichten
bald auswendig und spielten sie, wo wir gingen und standen, mit immer neuer Lust
ab, auf Estrichen und Höfen, in Wald und Berg, und ergänzten das Personal vorweg
aus willfährigen Jungen, die in der Eile abgerichtet wurden. Aus diesen Spielen
gingen nach und nach selbsterfundene fortlaufende Geschichten und Abenteuer
hervor, welche zuletzt dahin ausarteten, dass jeder seine grosse Herzens- und
Rittergeschichte besass, deren Verlauf er dem andern mit allem Ernste berichtete,
so dass wir uns in ein ungeheures Lügennetz verwoben und verstrickt sahen; denn
wir trugen unsere erfundenen Erlebnisse gegenseitig einander so vor, als ob wir
unbedingten Glauben forderten, und gewährten uns denselben auch, in
eigennütziger Absicht, scheinbar. Mir wurde diese trügliche Wahrhaftigkeit
leicht, weil der Hauptgegenstand unserer Geschichten beiderseits immer eine
glänzende und ausgezeichnete Dame unserer Stadt war und ich diejenige, die ich
für meine Lügen auserwählt, bald mit meiner wirklichen Neigung und Verehrung
bekleidete. Daneben hatten wir mächtige Feinde und Nebenbuhler, als welche wir
angesehene, ritterliche Offiziere bezeichneten, die wir oft zu Pferde sitzen
sahen. Verborgene Reichtümer waren in unserer Gewalt, und wir bauten aus
denselben wunderbare Schlösser an entlegenen Punkten, welche wir mit wichtiger
Geschäftsmiene zu beaufsichtigen vorgaben. Jedoch beschäftigte sich die
Einbildungskraft meines Genossen überdies mit allerhand Kniffen und Ränken und
war eher auf Besitz und leibliches Wohlsein gerichtet, in welcher Beziehung er
die sonderbarsten Dinge erfand, während ich alle Erfindungsgabe auf meine
erwählte Geliebte verwandte und seine kleinlichen und mühsamen Geldverhältnisse,
welche er unablässig zusammenträumte, mit einer kolossalen Lüge von einem
gehobenen unermesslichen Schatze überbot und kurz abfertigte. Dieses mochte ihn
ärgern, und wahrend ich, zufrieden in meiner ersonnenen Welt, mich wenig um die
Wahrheit seiner Prahlereien bekümmerte, fing er an, mich mit Zweifeln an der
Wahrheit der meinigen zu quälen und auf Beweise zu dringen. Als ich einst
flüchtig von einer mit Gold und Silber gefüllten Kiste erzählte, welche ich in
unserm Kellergewölbe stehen hätte, drang er auf das heftigste darauf, dieselbe
zu sehen. Ich gab ihm eine Stunde an, zu welcher dies möglich wäre, und er fand
sich pünktlich ein und versetzte mich in eine Verlegenheit, an welche ich im
mindesten bisher noch nie gedacht hatte. Aber schnell hiess ich ihn eine Weile
warten vor dem Hause und eilte in die Stube zurück, wo in dem Schreibtisch
meiner Mutter ein hölzernes Kästchen stand, welches einen kleinen Schatz an
alten und neuen Silbermünzen und einige Dukaten entielt. Dieser Schatz umfasste
einesteils die Patengeschenke aus der Kinderzeit meiner Mutter, andernteils
meine eigenen und war sämtlich mein erklärtes Eigentum. Die Hauptzierde aber war
eine mächtige goldene Schaumünze von der Grösse eines Talers und bedeutendem
Werte, welche Frau Margret in einer guten Stunde mir geschenkt und der Mutter in
sichern Verwahrsam gegeben hatte zum treuen Angedenken, wenn ich einst
erwachsen, sie hingegen nicht mehr sein werde. Ich durfte das Kästchen
hervornehmen und den glänzenden Schatz beschauen, sooft ich wollte; auch hatte
ich denselben schon in allen Gegenden des Hauses herumgetragen. Ich nahm ihn
also jetzt und trug ihn in das Gewölbe hinunter und legte das Kästchen in eine
Kiste, welche mit Stroh gefüllt war. Dann hiess ich den Zweifler mit
geheimnisvoller Gebärde hereinkommen, lüftete den Deckel der Kiste ein wenig und
zog das Kästchen hervor. Als ich es öffnete, blinkten ihm die blanken
Silberstücke gar hell entgegen; als ich aber die Dukaten und zuletzt die grosse
Münze hervornahm, dass sie im Zwielichte seltsam funkelte und der alte Schweizer
mit dem Banner, der darauf geprägt war, sowie der Kranz von Wappenschilden
zutage traten, da machte er grosse Augen und wollte mit allen fünf Fingern in das
Kästchen fahren. Ich schlug es aber zu, legte es wieder in die Kiste und sagte:
»Siehst du, solcher Dinge ist die Kiste voll!« Damit schob ich ihn aus dem
Keller und zog den Schlüssel ab. Er war nun für einmal geschlagen; denn obgleich
er von der Unwirklichkeit unserer Märchen überzeugt war, so gestattete ihm doch
der bisher festgehaltene Ton unseres Verkehrs nicht, weiterzudringen, da es auch
hier die rücksichtsvolle Höflichkeit des Lebens erforderte, den mit guter Manier
vorgetragenen blauen Dunst bestehen zu lassen. Vielmehr gab meinem Freunde diese
vorläufige Toleranz Gelegenheit, mich zu weiteren Lügen zu reizen und auf immer
bedenklichere Proben zu stellen.
    Wir trafen bald darauf, als es gerade Messzeit war, am Seeufer zusammen, vor
den Krambuden flanierend, die dort in langen Strassen sich aneinanderreihten, und
begrüssten uns wie Macbets Hexen mit: »Was hast du geschafft?« Wir standen vor
dem Magazine eines Italieners, welcher neben südlichen Esswaren auch glänzende
Bijouterien und Spielereien feilbot. Feigen, Mandeln und Datteln, Kisten voll
reinlich weisser Makkaroni, besonders aber Berge ungeheurer Salamiwürste reizten
den Sinn meines Gesellen zu kühnen Phantasien, indessen ich zierliche
Frauenkämme, Ölfläschchen und Schalen voll schwarzer Räucherkerzchen betrachtete
und ungefähr dachte, wo diese Dinge gebraucht würden, da wäre es gut sein. »Ich
habe soeben«, begann mein Lügengefährte, »solch eine Salamiwurst gekauft, zur
Probe, ob ich für mein nächstes Bankett eine Kiste voll anschaffen soll. Ich
habe sie angebissen, fand sie aber abscheulich und schleuderte sie in den See
hinaus; die Wurst muss noch dort schwimmen, ich sah sie den Augenblick noch.« Wir
blickten auf den schimmernden Wellenspiegel hinaus, wo zwischen den
Marktschiffen wohl etwa ein Apfel oder ein Salatblatt umhertrieb, aber keine
Salami zu sehen war. »Ei, es wird wohl ein Hecht danach geschnappt haben!« sagte
ich gutmütig, und er gab diese Möglichkeit zu und fragte mich, ob ich nicht auch
Einkäufe machen wolle? »Freilich«, erwiderte ich, »ich möchte wohl diese Kette
haben für meine Geliebte!« und wies auf eine unechte, aber hell vergoldete
Halskette. Jetzt liess er mich nicht mehr los, sondern umwickelte mich mit einem
moralischen Zwangsnetze, indem ihm die Neugierde, ob ich wirklich über meinen
geheimnisvollen Schatz frei verfüge, die Worte dazu lieh. So hatte ich keinen
andern Ausweg, als nach Hause zu laufen und mir mit meinem Sparkästen zu
schaffen zu machen. Einige Augenblicke nachher ging ich wieder davon, einige
glänzende Silberstücke in der festverschlossenen Hand, mit klopfender Brust dem
Markte zu, wo mein lauernder Dämon mich empfing. Wir handelten um die Kette oder
gaben vielmehr, was der Italiener forderte; ich wählte noch ein Armband von
Agatplatten und einen Ring mit einer roten Glaspaste; der Kaufmann besah mich
und die schönen Gulden mit wunderlichen Blicken, steckte sie aber
nichtsdestoweniger ein; ich aber wurde schon auf dem Wege nach dem Hause
fortgedrängt, wo meine Dame wohnte. Auf einem abgelegenen Platze standen etwa
sechs Herrenhäuser, deren Besitzer sich durch den Seidenhandel auf der Höhe
früherer Vornehmheit erhielten. Weder eine Schenke noch ein sonstiges niederes
Gewerbe zeigte sich in dieser Gegend, welche still und einsam in ihrer
Reinlichkeit ruhte; das Pflaster war weisser und besser als in anderen
Stadtteilen, und kostbare eiserne Hofgeländer begrenzten dasselbe. In dem
grössten und vornehmsten dieser Häuser wohnte der Gegenstand meiner Lügen, eine
jener jungen anmutigen Damen, welche, gut und elegant gewachsen, mit rosiger
Gesichtsfarbe, grossen, lachenden Augen und freundlichen Lippen, mit reichen
Locken, wehenden Schleiern und seidenen Gewändern die Unerfahrenheit berücken
und selbst gefurchte Stirnen aufheitern, sozusagen die Schönheit schlechtin
darstellend. Wir standen schon vor dem prächtigen Portale, und mein Begleiter
schloss seine Überredungen, dass ich jetzt oder nie meiner Gebieterin die
Geschenke überbringen müsste, endlich dadurch, dass er frech den glänzenden Griff
der Hausglocke packte und anzog. Aber trotz seiner Frechheit, würde ein
Aristokrat sagen, reichte doch die Energie seines Plebejertumes nicht aus, ein
kräftiges Geklingel hervorzubringen; es gab nur einen einzigen zaghaften Ton,
welcher im Innern des grossen Hauses verhallte. Nach einigen Sekunden ruckte der
eine Torflügel um ein unmerkliches, und mein Begleiter schob mich hinein, was
ich, aus Furcht vor allem Geräusche, willenlos geschehen liess. Da stand ich in
unsäglicher Beklemmung neben einer breiten steinernen Treppe, welche sich oben
zwischen geräumigen Galerien verlor. Ich hielt Armband und Ring in die Hand
gepresst, und die Kette quoll teilweise zwischen den Fingern hervor; in der Höhe
ertönten Tritte, welche von allen Seiten widerhallten, und jemand rief herunter,
wer da sei? Doch hielt ich mich still, man konnte mich nicht sehen und ging
wieder, Türen hinter sich zuschlagend. Nun stieg ich langsam die Treppe hinan,
mich vorsichtig umsehend; an allen Wänden hingen grosse Ölgemälde, entweder
wunderliche Landschaften oder grobe Stilleben entaltend; die Decken waren in
weisser Stukkatur gearbeitet mit kleinen Fresken dazwischen, und in abgemessenen
Entfernungen standen hohe dunkelbraune Türen von Nussbaumholz, eingefasst von
Säulen und Giebeln von der gleichen Art, alles glänzend poliert. Jeder meiner
Schritte erweckte Geräusch in den Wölbungen, ich wagte kaum zu gehen und dachte
doch nicht daran, was ich sagen wollte, wenn ich überrascht würde. Vor jeder Tür
lag eine Strohmatte, aber vor einer allein lag eine besonders reich und zierlich
geflochtene von farbigem Stroh; daneben stand ein altes, vergoldetes Tischchen
und auf diesem ein Arbeitskörbchen mit Strickzeug, einigen Äpfeln und einem
hübschen, silbernen Messerchen zuäusserst am Rande, als ob es soeben hingestellt
wäre. Ich vermutete, dass hier der Aufentalt des Fräuleins sei, und im
Augenblicke nur an sie denkend, legte ich meine Kleinodien mitten auf die Matte,
nur den Ring zuunterst in das Körbchen auf einen feinen Handschuh. Dann aber
eilte ich trepphinunter aus dem Hause, wo ich meinen Quälgeist ungeduldig meiner
wartend fand. »Hast du es getan?« rief er mir entgegen. »Ja freilich«, erwiderte
ich mit leichterm Herzen. »Das ist nicht wahr«, sagte er wieder, »sie sitzt ja
die ganze Zeit an jenem Fenster dort und hat sich nicht gerührt.« Wirklich war
die schöne Frau hinter dem glänzenden Fenster sichtbar und gerade in der Gegend
des Hauses, wo jene Zimmertür sein mochte. Ich erschrak heftig, sagte aber: »Ich
schwöre dir, ich habe die Kette und das Armband zu ihren Füssen gelegt und den
Ring an ihren Finger gesteckt!« - »Bei Gott?« - »Ja, bei Gott!« rief ich. »Nun
musst du ihr aber noch eine Kusshand zuwerfen, und wenn du es nicht tust, so hast
du falsch geschworen; sieh, sie schaut gerade herunter!« Wirklich ruhten ihre
glänzenden Augen auf uns; aber der Einfall meines Freundes war ein teuflischer;
denn lieber hätte ich dem Teufel selbst ins Gesicht gespieen, als diese Zumutung
erfüllt. Durch meinen jesuitischen Schwur war ich aber erst recht in die Klemme
geraten, es gab keinen Ausweg. Rasch küsste ich meine Hand und bewegte sie gegen
das Fenster hinauf. Das Mädchen hatte uns aufmerksam angesehen und lachte nun
ganz unbändig, indem es freundlich herunternickte; doch ich lief, so schnell ich
konnte, davon. Das Mass war gefüllt, und als mein Gefährte mich in der nächsten
Strasse wieder erreichte, trat ich vor ihn hin und sagte: »Wie ist's eigentlich
mit deiner Salamiwurst? Meinst du, dieselbe sei hinreichend, dergleichen Sachen,
wie ich bestehe, das Gegengewicht zu halten?« Damit warf ich ihn unversehens
nieder und schlug ihn mit der Faust ins Gesicht, bis mich ein Mann weghob und
rief: »Die Teufelsjungen müssen sich doch immer raufen!«
    Das war das allererste Mal in meinem Leben, dass ich einen Schul- und
Jugendgenossen schlug; ich konnte denselben nicht mehr ansehen, und zugleich war
ich vom Lügen für einmal gründlich geheilt.
    In dem lesebeflissenen Hause wurden indessen der Vorrat an schlechten
Büchern und die Torheit immer grösser. Die Alten sahen mit seltsamer Freude zu,
wie die armen Töchter immer tiefer in ein einfältig verbuhltes Wesen
hineingerieten, Liebhaber auf Liebhaber wechselten und doch von keinem
heimgeführt wurden, so dass sie mitten in der übelriechenden Bibliotek
sitzenblieben mit einer Herde kleiner Kinder, welche mit den zerlesenen Büchern
spielten und dieselben zerrissen. Die Lesewut wuchs nichtsdestominder
fortwährend, weil sie nun Zank, Not und Sorge vergessen liess, so dass man in der
Behausung nichts sah als Bücher, aufgehängte Windeln und die viefältigen
Erinnerungen an die Galanterie der ungetreuen Ritter, wie gemalte Blumenkränze
mit Sprüchen, Stammbücher voll verliebter Verse und Freundschaftstempel,
künstliche Ostereier, in welchen ein kleiner Amor verborgen lag, und
dergleichen. Alles in allem genommen will es mir scheinen, dass auch dieses Elend
sowohl wie das entgegengesetzte Extrem, die religiöse Sektiererei und das
fanatische Bibelauslegen armer Leute, wie ich es im Hause der Frau Margret fand,
nur die Spur derselben Herzensbedürfnisse und das Suchen nach einer besseren
Wirklichkeit gewesen sei.
    Bei dem Sohne dieses Hauses machte sich, als er grösser wurde, die vielgeübte
Phantasie auf andere, nicht minder bedenkliche Weise geltend. Er wurde sehr
genusssüchtig, lag schon als Handelslehrling in den Wirtshäusern als ein eifriger
Spieler und war bei jedem öffentlichen Vergnügen zu sehen. Dazu brauchte er viel
Geld, und um sich dieses zu verschaffen, verfiel er auf die sonderbarsten
Erfindungen, Lügen und Ränke, welche ihm nur eine Art Fortsetzung der früheren
Romantik waren. Jedoch hielt dies nur halb verdächtige Treiben nicht lange vor,
vielmehr sah er sich bald darauf verwiesen, zuzugreifen, wo er konnte. Denn er
gehörte zu jenen Menschen, die nicht gesonnen sind, sich in ihren Begierden im
mindesten zu beschränken, und in der Gemeinheit ihrer Gesinnung dem Nächsten mit
List oder Gewalt das entreissen, was er gutwillig nicht lassen will. Diese
niedere Gesinnung ist gleichmässig der Ursprung scheinbar ganz verschiedener
Erscheinungen. Sie beseelt den ungeliebten Herrscher, der, in seinem Dasein
jedem Kind im Lande ein Überdruss, doch nicht von seiner Stelle weicht und nicht
zu stolz ist, sich vom Herzblute des verachteten und gehassten Volkes zu nähren;
sie ist der Kern der Leidenschaftlichkeit eines Verliebten, welcher, nachdem er
einmal die bestimmte Erklärung der Nichterwiderung erhalten hat, sich nicht
sogleich bescheidet, sondern mit gewaltsamer Aufdringlichkeit ein fremdes Leben
verbittert; wie in allen diesen Zügen lebt sie endlich auch in der Selbstsucht
des Betrügers und Diebes jeglicher Art, gross und klein; überall ist sie ein
unverschämtes Zugreifen, zu welchem mein ehemaliger Gefährte nun auch seine
Zuflucht nahm. Ich hatte ihn im Verlaufe der Zeit ganz aus den Augen verloren,
während er schon mehrere Male im Gefängnisse gesessen hatte, und dachte eines
Tages an nichts weniger als an ihn, da ich einen verkommenen Menschen durch die
Häscher dem Zuchtause zuführen sah. In demselben ist er seiter gestorben.
 
                              Dreizehntes Kapitel
                       Waffenfrühling. Frühes Verschulden
Ich war nun zwölf Jahre alt, so dass meine Mutter auf meine weitere Schulbildung
denken musste. Der Plan des Vaters, dass ich der Reihe nach die von gemeinnützigen
Vereinen begründeten Privatanstalten besuchen sollte, war nun zerschnitten,
indem dieselben inzwischen durch wohleingerichtete öffentliche Schulen
überflüssig geworden; denn die abermalige Regeneration der Schweiz hatte zuerst
auf diesen Punkt ihr Augenmerk gerichtet. Der alte Gelehrten- und Lehrerstand
der Städte wurde durch einberufene deutsche Schulmänner reichlich erweitert und
in den meisten Kantonen an eine grosse Zwillingsschule verteilt, welche aus einem
Gymnasium und einer Realschule bestand. Bei der letzteren brachte mich die
Mutter nach mehreren Beratungen und feierlichen Gängen unter, und die Leistungen
meiner bescheidenen Armenschule, aus welcher ich halb wehmütig und halb fröhlich
schied, erwiesen sich bei der Aufnahmeprüfung so genügend, dass ich neben den
Zöglingen der guten alten Stadtschulen vollkommen bestand. Denn diese
wohlhabenden Bürgerkinder waren nun ebenfalls auf die neuen Einrichtungen
angewiesen. So fand ich mich plötzlich in eine ganz andere Umgebung versetzt.
Statt wie früher der bestgekleidete und vornehmste meiner Mitschüler zu sein,
war ich in meinen grünen Jäckchen, welche ich aufs äusserste ausnutzen musste, nun
einer der unansehnlichsten und bescheidensten, und das nicht nur in Betracht der
Kleidung, sondern auch des Benehmens. Die Mehrzahl der Knaben gehörte dem
alterkömmlichen Bürgerstande an; einige waren vornehme feine Herrenkinder, und
einige hinwieder stammten von reichen Dorfmagnaten; alle aber hatten ein
sicheres Auftreten und Gebaren, entschiedene Manieren und einen fixen Jargon im
Sprechen und Spielen, vor welchem ich blöde und unsicher dastand. Wenn sie sich
stritten, so schlugen sie sich gleich mit raschen Bewegungen ins Gesicht, dass es
klatschte, und mehr Mühe als das neue Lernen machte mir das Zurechtfinden in
diese neue Umgangsweise, wenn ich nicht zuviel Unbilden erleiden wollte. Ich
erkannte nun erst, wie mild und gutmütig die Gesellschaft der armen Kinder
gewesen war, und schlüpfte noch oft zu ihnen, die mich mit wehmütigem Neide von
meinen jetzigen Verhältnissen erzählen hörten.
    In der Tat brachte jeder Tag neue Veränderungen in meine bisherige
Lebensweise. Seit alter Zeit war die Jugend der Städte in den Waffen geübt
worden, vom zehnten Jahre an bis beinahe zum wirklichen Militärdienste des
Jünglingsalters; nur war es mehr eine Sache der Lust und des freien Willens
gewesen, und wer seine Kinder nicht wollte teilnehmen lassen, war nicht
gezwungen. Nun aber wurden die Waffenübungen für die sämtliche schulpflichtige
Jugend gesetzlich geboten, so dass jede Kantonsschule zugleich ein soldatisches
Korps bildete. Mit den kriegerischen Übungen war das Turnen verwandt, zu welchem
wir ebenfalls angehalten wurden, so dass einen Abend exerziert und den andern
gesprungen, geklettert und geschwommen wurde. Ich war bisher aufgewachsen wie
ein Gras, mich biegend und schmiegend, wie jedes Lüftchen der Lebensregungen und
der Laune es wollte; niemand hatte mir gesagt, mich grad zu halten, kein Mann
mich an See und Fluss geführt und da hineingeworfen, nur in der Aufregung hatte
ich ein und andern Sprung getan, den ich mit Vorsatz nicht zu wiederholen
vermochte. Mein Temperament aber hatte mich nicht dazu getrieben, wie etwa die
Söhne anderer Witwen, da ich keinen Wert darauf legte und viel zu beschaulich
war. Meine jetzigen Schulgenossen hingegen bis auf den kleinsten herab schwammen
alle wie die Fische im See herum, sprangen und kletterten, und hauptsächlich
wohl nur ihr Spott nötigte mich, mir einige Haltung und Gewandteit zu erwerben,
da sonst mein Eifer bald erkaltet wäre.
    Aber noch viel tiefer sollten die Veränderungen in mein Leben einschneiden.
Ich trieb mich in einer Genossenschaft herum, welche sämtlich mit einem mehr
oder minder genugsamen Taschengelde versehen war, teils aus häuslicher
Wohlhabenheit, teils auch nur infolge herkömmlichen Brauches und sorgloser
Prahlerei der Eltern. An Gelegenheit, Ausgaben zu machen, fehlte es noch
weniger, da nicht nur bei den gewöhnlichen Übungen und Spielen auf den
entlegenen Plätzen Obst und Backwerk zu kaufen üblich war, sondern auch bei
grösseren Turnfahrten und militärischen Ausflügen mit klingendem Spiel es für
männlich galt, sich in den entfernten Dörfern hinter Brot und Wein zu setzen
Dazu kamen noch die Ausgaben für allerhand Spielereien, welche in der Schule
abwechselnd Mode wurden unter dem Vorwande nützlicher Beschäftigung, ferner der
lehrreiche Besuch aller fremden Sehenswürdigkeiten, von welch allem sich
regelmässig entfernt halten zu müssen einen unerträglichen Anstrich von
Dürftigkeit und Verlassenheit verlieh. Meine Mutter bestritt mit gewissenhaftem
Sinne alle die ungewohnten Ausgaben für Lehrmittel, Instrumente und Material und
gab mir hierin sogar für eine gewisse Verschwendung Raum. Mit den feinen Zirkeln
des Vaters durchstach ich das schönste Papier in der Klasse; jede Gelegenheit
nahm ich wahr, ein neues Heft zu errichten, und meine Bücher waren immer
dauerhaft gebunden. Allein in allem andern, das nur entfernt unnötig schien,
beharrte sie eigensinnig auf dem Grundsatze, dass kein Pfennig unnütz dürfe
ausgegeben werden und dass ich dies frühzeitig lernen müsse. Nur für die
Hauptausflüge und Unternehmungen, von denen wegzubleiben ein zu grosser Schmerz
für mich gewesen wäre, gab sie mir ein kärgliches Geld, welches jedesmal schon
in der Mitte des frohen Tages aufgezehrt war. dabei hielt sie mich in weiblicher
Unkenntnis der Welt nicht etwa in der Abgeschiedenheit zurück, wie es sich zu
ihrer strengen Sparsamkeit geschickt hätte, sondern liess mich meine ganze Zeit
in der Gemeinschaft der anderen zubringen, mich nur unter lauter wohlgezogenen
Knaben und unter der Aufsicht des grossen, angesehenen Lehrerpersonales wähnend,
während gerade dadurch das Mitmachen und Vergleichen unvermeidlich wurde und ich
in tausend Verlegenheiten und schiefe Stellungen geriet. In der Einfachheit und
Unschuld ihres Gemütes und ihres Lebenslaufes hatte sie keine Ahnung von dem
unheilvollen Giftkraute, welches falsche Scham genannt wird und in den frühesten
Tagen des Lebens um so mehr zu wuchern beginnt, als es von der Dummheit der
alten Menschen eher gehätschelt und gepflegt als ausgereutet wird. Unter tausend
Jugendfreunden und Mitgliedern von Pestalozzi-Stiftungen gibt es vielleicht
keine zwölf, welche aus ihren eigenen Erinnerungen sich noch auf das Abc des
kindlichen Gemütes besinnen und wissen, wie sich daraus die verhängnisvollen
Worte bilden, und man darf sie eigentlich nicht einmal darauf aufmerksam machen,
sonst werfen sie sich sogleich auf dieses Gebiet und errichten darüber ein
Statut.
    Auf Pfingsten ward einst ein grosser jugendlicher Feldzug angeordnet;
sämtliche kleine Mannschaft, einige hundert an der Zahl, sollte mit klingendem
Spiel ausrücken und, über Berg und Tal marschierend, die bewaffnete Jugend einer
benachbarten Stadt besuchen, um mit derselben gemeinschaftliche Paraden und
Übungen abzuhalten. Es herrschte eine allgemeine Aufregung, gemischt aus der
Freude der Erwartung und aus der Lust der Vorbereitung. Kleine Tornister wurden
vorschriftsmässig bepackt, Patronen wurden so viele als möglich über die
bestimmte Zahl angefertigt, unsere Zweipfünderkanonen sowie die Fahnen bekränzt,
und überdies ging unterderhand das Gerede, wie unsere Nachbaren nicht nur
schmucke und gedrillte Soldaten, sondern auch aufgeweckte und lustige Zecher und
Kameraden wären, dass es also nicht nur gelte, sich möglichst blank und strack zu
halten, sondern jeder sich gut mit Taschengeld zu versehen hätte, um den
berühmten Nachbaren auf jede Weise die Stirne zu bieten. Dazu wussten wir, dass
dort die weibliche lugend ebenfalls teilnehmen, festlich gekleidet und bekränzt
uns beim Einmarsche begrüssen und dass nach dem gemeinschaftlichen Mahle getanzt
würde. Auch in dieser Hinsicht waren wir nicht gesonnen, uns etwas zu vergeben;
es hiess, jeder solle sich weisse Handschuhe verschaffen, um beim Balle ebenso
galant als militärisch zu erscheinen, und alle diese Dinge wurden hinter dem
Rücken der Aufseher mit solcher Wichtigkeit verhandelt, dass es mir angst und
bange ward, allem zu genügen. Zwar war ich einer der ersten, der die Handschuhe
aufzuweisen hatte, indem meine Mutter auf meine Klage aus den begrabenen
Vorräten ihrer lugend ein Paar lange Handschuhe von feinem weissem Leder
hervorzog und unbedenklich die Hände vom Abschnitt, welche mir vortrefflich
passten. Hingegen in betreff des Geldes lebte ich der betrübten Aussicht,
jedenfalls eine gedrückte und entaltsame Rolle spielen zu müssen. In solchen
Betrachtungen sass ich am Vorabend der Freudentage in einem Winkel, als mir
plötzlich ein Gedanke durch den Kopf fahr, ich das Hinausgehen der Mutter
abwartete und dann zu dem Möbel eilte, das mein kleines Schatzkästchen barg. Ich
öffnete es zur Hälfte und nahm unbesehen ein grosses Geldstück heraus, das
zuoberst lag; die anderen rückten alle ein klein wenig von der Stelle und
machten ein leises Silbergeräusch, in dessen klangvoller Reinheit jedoch eine
gewisse Gewalt ertönte, die mich schaudern machte. Schnell brachte ich meine
Beute zur Seite, befand mich aber nun in einer sonderbaren Stimmung, die mich
scheu und wortkarg gegen die Mutter werden liess. Denn wenn der frühere Eingriff
mehr die Folge eines vereinzelten äussern Zwanges gewesen und mir kein böses
Gewissen hinterlassen hatte, so war das jetzige Unterfangen freiwillig und
vorsätzlich; ich tat etwas, wovon ich wusste, dass es die Mutter nimmer zugeben
würde; auch die Schönheit und der Glanz der Münze schienen von der profanen
Verausgabung abzumahnen. Jedoch verhinderte der Umstand, dass ich mich selbst
bestahl zum Zwecke der Notilfe in einem kritischen Falle, ein eigentliches
Diebsgefühl; es war mehr etwas von dem Bewusstsein, welches im verlornen Sohne
dämmern mochte, als er eines schönen Morgens mit seinem väterlichen Erbteil
auszog, es zu verschwenden.
    Am Pfingsttage war ich schon früh auf den Füssen; unsere Trommler, als die
allerkleinsten auch die muntersten Bursche, durchzogen in ansehnlichem Haufen
die Stadt, umschwärmt von marschbereiten Schülern, und ich beeilte mich, zu
ihnen zu stossen. Meine Mutter hatte aber noch gar viel zu besorgen; sie füllte
meinen Tornister mit Esswaren, hing mir ein artiges Reisefläschchen um, mit Wein
gefüllt, steckte mir noch hie und da etwas in die Taschen und gab mir gute
Verhaltungsregeln. Ich hatte längst mein Gewehr auf der Schulter und die
Patrontasche umgehängt, worin auch mein grosser Taler steckte, und wollte mich
endlich ihren Händen entreissen, als sie ganz verwundert sagte, ich werde doch
etwas Geld mitnehmen wollen? Hierauf nahm sie das bereits Abgezählte hervor und
unterwies mich, wie ich es einzuteilen hätte. Es war zwar nicht überreichlich,
aber doch anständig und vollkommen hinreichend und selbst für unvorhergesehene
Fälle berechnet. In einem Papiere war noch ein besonderes Stück eingewickelt,
welches ich in dem gastfreundlichen Hause, wo ich einquartiert würde, den
Dienstboten zu geben hätte. Wenn ich die Sache recht betrachtete, so war dies
auch die erste Gelegenheit, wo eine solche Ausstattung eigentlich notwendig
schien, und die Mutter liess es also nicht an dem Ihrigen fehlen. Aber
nichtsdestominder war ich überrascht; ich geriet in die grösste Verlegenheit und
Aufregung, und indem ich die Treppen hinunterstieg, drangen mir seltenerweise
Tränen aus den Augen, dass ich sie hinter der Haustür abtrocknen musste, ehe ich
auf die Strasse trat und zu dem fröhlichen Haufen stiess. Der allgemeine Jubel
hätte in meinem Gemüte, welches durch die liebevolle Sorge der Mutter bewegt
war, einen um so empfänglichern Grund gefunden, wenn nicht der Taler in der
Tasche mir wie ein Stein auf dem Herzen gelegen hätte. Jedoch als sich die ganze
Schar zusammenfand, das Kommando ertönte und wir uns ordneten und abzogen,
wurden meine düsteren Gedanken gewaltsam unterdrückt, und als ich, zur Vorhut
eingeteilt, schon auf den freien Höhen ging unter dem morgenfrischen Himmel und
der lange Zug schimmernd und singend, mit wehender Fahne, sich zu unsern Füssen
heranbewegte, da vergass ich alles und lebte nur dem Augenblicke, welcher, Perle
für Perle, von der glänzenden Schnur der nächsten Erwartung fiel. Wir führten
ein lustiges Vorhutleben; ein alter Kriegsmann, in fremden Diensten ergraut und
nun dazu verwendet, uns kleinen Nestüpfern das Handwerk beizubringen, leitete
uns an zu allerlei Schabernack und liess sich unablässig bestürmen, aus unsern
Feldflaschen zu trinken, was er mit scharfer Kritik des Inhaltes tat. Wir waren
stolz, keinen der Schulmänner bei uns zu haben, welche die grosse Kolonne
begleiteten, und hörten andächtig die Kriegsabenteuer, so uns der alte Soldat
erzählte.
    Zur Mittagszeit machte der Zug in einem sonnigen unbewohnten Talkessel halt;
der wilde Boden war mit vielen einzelnen Eichen besetzt, um welche sich das
junge Volk lagerte. Wir Leute der Vorhat aber standen auf einem Berge und
schauten zufrieden auf das fröhliche Gewühl hinunter. Wir waren still geworden
und schlürften den stillen glanzvollen Tag ein; der alte Feldwebel lag froh an
der Erde und blinzte in den ruhevollen Horizont hinaus, über blaue Ströme und
Seen hin. Obgleich wir noch nichts von landschaftlicher Schönheit zu sagen
wussten und einige vielleicht in ihrem Leben nie dazu kamen, fühlten wir alle
doch ganz die Natur, und das um so mehr, als wir mit unserm Freudenzuge eine
würdige Staffage in der Landschaft bildeten, selbst handelnd darin auftraten und
daher der empfindsamen Sehnsucht untätiger Naturbewunderer entoben waren. Denn
ich habe erst später erfahren und eingesehen, dass das müssige und einsame
Geniessen der gewaltigen Natur das Gemüt verweichlicht und verzehrt, ohne
dasselbe zu sättigen, während ihre Kraft und Schönheit es stärkt und nährt, wenn
wir selbst auch in unserm äussern Erscheinen etwas sind und bedeuten ihr
gegenüber. Und selbst dann ist sie in ihrer Stille uns manchmal noch zu
gewaltig; wo kein rauschendes Wasser ist und gar keine Wolken ziehen, da macht
man gern ein Feuer, um sie zur Bewegung zu reizen und sie nur ein bisschen atmen
zu sehen. So trugen wir einiges Reisig zusammen und fachten es an; die roten
Kohlen knisterten so leis und angenehm, dass auch unser graue und rauhe Führer
vergnügt hineinsah, während der blaue Rauch dem Heerhaufen im Tale ein Zeichen
unseres Aufentaltes war; trotz der mittäglichen Sonnenhitze schien uns die
erhöhte Glut des Feuers lieblich; wir verlöschten es ungern, als wir abzogen.
Gar zu gern hätten wir einige Schüsse in die stille Luft gesandt, wenn es nicht
streng untersagt gewesen wäre; ein Knabe hatte schon geladen und musste den Schuss
kunstgerecht wieder aus dem Gewehre ziehen, was ihm so peinlich war als einem
Schwätzer das Unterdrücken eines Geheimnisses.
    Im Scheine des Abendgoldes sahen wir endlich die befreundete Stadt vor uns,
aus deren mit Blumen und grünen Zweigen bekleidetem altertümlichen Tore die so
wie wir gerüstete Jugend uns entgegentrat, umgeben von den schaulustigen und
freundlichen Eltern und Geschwistern. Ihre Artillerie löste uns zu Ehren eine
Anzahl von Schüssen; wir betrachteten mit kritischem Auge, wie die kleinen
Kanoniere neben der Mündung mit ebenso zierlicher Verrenkung sich zurückbogen,
wenn die Lunte sich dem Brander näherte, und nach dem Schusse ebenso
hampelmännisch sich mit dem Wischer auslegten, wie das alles bei uns üblich war.
Noch mehr Ursache zur Eifersucht gaben uns die hübschen Perkussionsgewehre,
womit unsere Kameraden einherzogen, da wir selbst nur alte Steinschlösser
hatten, welche sich dann und wann erlaubten zu versagen. Die Regierung dieses
Kantons stand ein wenig im Geruche, in ihrem aufgeweckten Sinne für alles Gute
und Schöne manchmal mehr Aufwand zu machen, als sich mit haushälterischer
Bedächtigkeit vertrüge, und harte demgemäss für ihre Schuljugend solche neue
Waffen beschafft zu einer Zeit, wo dergleichen erst bei grösseren Militärstaaten
in der Einführung begriffen waren. So hörten wir denn, während unsere Freunde
uns wohlgefällig erklärten, wie bei ihnen während der Ladung die Bewegung von
»Pulver auf Pfann'« nun wegfiele, unsere erwachsenen Begleiter heimlich einen
bedächtigen Tadel über solchen Aufwand aussprechen. Doch waren wir endlich
ermüdet und gaben uns willig den Einladungen der Familien hin, welche sich so
eifrig um unsere Beherbergung stritten, dass unsere ganze Schar in ihren offenen
Armen so schnell verschwand wie ein flüchtiger Regenschauer im heissen durstigen
Erdreiche. Wir sahen uns nun vereinzelt in die Mitte häuslicher Wirtlichkeit
versetzt als Gegenstand festlichen Wohlwollens und belohnten diese
Gastfreundschaft dadurch; dass wir, als ob wir in Feindesland wären, beim
Schlafengehen unsere Flintchen mitnahmen und neben die grossen Gastbetten
stellten, welche zu ersteigen wir alle unsere Turnerkünste aufbieten mussten.
    Das Fest des andern Tages erfüllte alle Erwartungen. Der Wetteifer liess
beide Parteien bei den Übungen gleich wohl bestehen; gegen die
Perkussionsgewehre unserer Nebenbuhler aber hatten wir einen andern Trumpf
auszuspielen. Indem ihre Artillerie nämlich nur blind zu schiessen gewohnt war
und keine Kugeln kannte, schoss die unserige so geschickt nach dem Ziele, dass das
bei solcher Gelegenheit stehende Sprichwort: »Die Kleinen machten es wahrlich
besser denn die Grossen!« diesmal nicht ganz unrichtig war und die Nachbaren dem
ernstaften Richten der Geschütze verwundert zuschauten.
    Ein grosses Festmahl, welches einige tausend junge und alte Menschen
vereinigte, wurde auf einer grünen Wiese eingenommen. Beliebte Jugendfreunde
hielten Tischreden und trafen in denselben das Rechte, indem sie, anstatt uns in
hohlem, frühreifem Ernste zu halten, in reinem Humor den Ton unschuldiger
Fröhlichkeit anstimmten, ihr Alter vergassen, ohne kindisch zu tun, und uns
dadurch desto leichter lehrten, die Freude nicht ohne Witz zu geniessen. Darauf
zog eine Reihe feiner Mädchen aus dem Tore an uns vorbei auf einen geebneten
Rasenplatz und lud uns mit Gesang zu Spiel und Tänzen ein. Sie waren alle weiss
und rot gekleidet und entfalteten sich in der lieblichsten Blüte vom kindlichen
Lockenkopfe bis zur angehenden Jungfrau; hinter dem weiten Kranze ragte manch
weibliches Haupt in reifer Schönheit, um die zarten Pflänzlinge zu überwachen
und bei guter Gelegenheit selbst noch ein bisschen jugendlicher über den Rasen zu
schlüpfen, als in sonstigen Tagen erlaubt war. Hatten doch die Männer ihrerseits
die Gelegenheit auch ersehen und die Lust der Kinder bereits zu ihrer eigenen
Sache erklärt und schon mit mancher Flasche besiegelt! Unsere tapfere Schar
näherte sich in dichtem Haufen dem flüsternden Kreise der Schönen, keiner wollte
recht der vorderste sein; unsere Sprödigkeit liess uns fast feindlich und düster
aussehen, während das Anziehen der weissen Handschuhe ein weitgehendes Flimmern
und Schimmern verursachte. Doch es zeigte sich nun, dass die Hälfte der
Handschuhe überflüssig war, indem wir in zwei verschiedene Teile zerfielen, in
solche Knaben nämlich, welche grössere Schwestern zu Hause hatten, und in solche,
welche dieses angenehme Glück nicht kannten. Die ersteren zeigten sich alle als
zierliche Tänzer, welche bald gesucht und ausgezeichnet wurden, indessen die
letzteren wie ungeleckte Bären über den Rasen stolperten und nach einigen
misslungenen Abenteuern sich aus den Reihen stahlen und bei den Trinktischen
zusammenfanden, wo wir mit energischem Gesang ein wildes Soldatenleben führten,
als rauhe Krieger und Weiberfeinde, und uns gegenseitig einzubilden suchten, dass
die Mädchen doch häufig nach unserm tüchtigen Treiben herüberschielten. Unser
Zechen bestand zwar mehr in einer bescheidenen Nachahmung der Alten und überwand
den natürlichen Widerwillen gegen Unmässigkeit nicht, der noch in jenem
Lebensalter liegt; doch bot es hinlänglichen Spielraum für unsere kleinen
Leidenschaften. Der Weinbau dieser Landschaft war bedeutender und edler als bei
uns; daher hatten unsere jungen Nachbaren schon eine entschiedenere Färbung in
ihrer Fröhlichkeit und vertrugen ein stärkeres Glas Wein als wir, so dass sie
ihren Ruf vollkommen rechtfertigten. Da galt es nun, sich hervorzutun; ich gab
mich diesem Bestreben ohne Rückhalt hin, meine wohlversehene Kasse verlieh mir
die nötige Sicherheit und Freiheit, und dieser folgte alsobald eine gewisse
Achtung meiner Umgebung. Wir durchzogen Arm in Arm die Stadt und die Lustplätze
vor derselben; das schöne Wetter, die Freude, der Wein regten mich auf und
machten mich geschwätzig und ausgelassen, keck und gewandt; aus einem stillen
und blöden Fernesteher war ich urplötzlich ein lauter Tonangeber geworden, der
sich in übermütigen Bemerkungen und Erfindung von Schwänken erging und welchen
die übrigen Wortführer, die sich bisher wenig aus mir gemacht, sogleich
anerkannten und hätschelten. Die Eigenschaft als Fremder, der neue Schauplatz
erhöhte noch die Stimmung. Es ist schwer zu entscheiden, was grösser war, ob
meine Redseligkeit, mein Freudenrausch oder meine erwachte Eitelkeit; kurz, ich
schwamm in einem ganz neuen Glücke, welches am dritten Tage womöglich noch
zunahm, als wir heimwärts zogen und die allseitige Zufriedenheit sowie die
freiere Ordnung und Haltung eine neue Reihe fröhlicher Auftritte veranlassten.
    Als ich mit Sonnenuntergang das Haus meiner Mutter betrat, bestaubt und
sonnverbrannt, die Mütze mit einem Tannenreise geschmückt, die Mündung des
Gewehrchens und der eigene Mund prahlerisch von Pulver geschwärzt, da war ich
nicht mehr der gleiche, wie ich ausgezogen, sondern einer, der sich mit den
kecksten Führern der Knabenwelt in verschiedene Verabredungen und Versprechungen
eingelassen hatte zur Fortsetzung des begonnenen Tones. Hauptsächlich sollten
die tanzkundigen Feintuer und Weichlinge, wie wir sie nannten! verhindert
werden, uns bei der einheimischen Schönheit etwa in den Schatten zu stellen; wir
wollten daher ihren zierlichen Künsten ein derbes militärisches Wesen, kühne
Taten und allerlei Streifereien und Unternehmungen entgegensetzen zur Begründung
eines bedenklichen Ruhmes. Voll von diesen Ideen und noch voll der durchlebten
Freude, die ich sowenig erschöpft hatte als sie mich, fühlte ich mich in der
besten Laune und erging mich in unserm Hause in lauten Erzählungen und
prahlerischem, barschem Wesen, bis ich durch einige magische Witzkörner, die
meine Mutter in die unbescheidene Brandung warf, für einmal zu Ruhe und Schlaf
gebracht wurde.
 
                              Vierzehntes Kapitel
                 Prahler, Schulden, Philister unter den Kindern
Meine neuen Freunde liessen mir nicht Zeit, aus meiner Verirrung zu kommen; schon
der nächste Tag, an dem ich, selbst eine Art von Grösse, in der renommiertesten
Gesellschaft unserer Stadt zu sehen war, weckte alle neuen Erinnerungen wieder;
die Nachklänge des Festes gaben Gelegenheit, den Rest meiner Barschaft
anzubringen und dagegen erneute Lorbeeren einzutauschen. Für einen der nächsten
Sonntage wurde ein grosser Spaziergang verabredet, welcher wieder eine
Demonstration gegen die Feinspinner werden sollte. In meinem Leichtsinn hatte
ich nicht bedacht, woher ich die nötigen Mittel nehmen wolle, also auch keinen
Vorsatz gefasst; als aber der Augenblick da war, griff ich wieder in den Schrein,
ohne etwas anderes zu fühlen als das zwingende Bedürfnis und eine Art dunklen
Entschlusses, dass es das letzte Mal sei.
    So ging es den ganzen kurzen Sommer hindurch. Die veranlassende Laune war
längst verflogen, die Teilnehmer hatten sich dem ordentlichen Lauf der Dinge
wieder gefügt; auch über mich hätten Mass und Bescheidenheit ihre Herrschaft
wiedergewonnen, wenn nicht eine andere Leidenschaft aus der Sache erwachsen
wäre, nämlich die des unbeschränkten Geldausgebens, der Verschwendung an sich.
Es reizte mich, jeden Augenblick die kleinen Herrlichkeiten, wonach jedes Alter
gelüstet, kaufen zu können; immer hatte ich die Hand in der Tasche, um mit
Münzen hervorzufahren Gegenstände, welche Knaben sonst eintauschen, kaufte ich
nur mit barem Gelde, gab solches an Kinder, Bettler und beschenkte einige
Gesellen, die meinen Schweif bildeten und meine Verblendung benutzten, solange
es ging. Denn es war eine wirkliche Verblendung. Ich bedachte im mindesten
nicht, dass die Sache doch ein Ende nehmen müsse; nie mehr öffnete ich das
Kästchen ganz und übersah das Geld, sondern schob nur die Hand unter den Deckel,
um ein Stück herauszunehmen, und überdachte auch nie, wieviel ich schon
verschleudert haben müsse. Ich empfand auch keine Angst vor der Entdeckung; in
der Schule und bei meinen Arbeiten hielt ich mich nicht schlimmer als früher,
eher besser, weil keine unbefriedigten Wünsche mich zu träumerischem Müssiggange
verleiteten und die vollkommene Freiheit des Handelns, welche ich beim
Geldausgeben empfand, sich auch im Arbeiten durch eine gewisse Raschheit und
Entschlossenheit äusserte. Zudem fühlte ich das dunkle Bedürfnis, das unsichtbare
Unheil, welches über mir sich sammelte, durch sonstige Pflichterfüllung
einigermassen aufzuwiegen.
    Jedoch trotz allem befand ich mich jenen ganzen Sommer hindurch in einem
unheimlichen und peinvollen Zustande, dessen Erinnerung, verbunden mit
derjenigen an den blauen Himmel und Sonnenschein, an die stillen grünen
Waldschenken, in welche wir uns zu heimlichen Gelagen verkrochen, eine seltsame
Empfindung wachruft. Meine Genossen mussten längst gemerkt haben, dass es mit
meinem Gelde nicht mit rechten Dingen zugehe; aber sie hüteten sich sorgfältig,
einen Verdacht zu äussern oder die leiseste Frage an mich zu tun; vielmehr
stellten sie sich, als ob sich alles von selbst verstünde, waren mir
stillschweigend behilflich, die auffälligen blanken Silberstücke umzuwechseln,
ohne in Erörterungen einzugehen, und als die Herrlichkeit ein Ende nahm, wandten
sie sich ganz trocken und unbeteiligt von mir, ganz wie erwachsene brave
Geschäftsleute, welche in aller Seelenruhe auch den Gewinn der Unredlichen an
sich bringen, ohne über den Ursprung desselben Forschungen anzustellen. Dies
vorausgeahnte Benehmen drückte mich um so mehr, als ich bald bemerkte, dass sie
sich sonderbar gemessen gegen mich betrugen und nur wärmer wurden, wenn ich
wieder ein Geldstück auf die Strasse brachte, daneben aber sich anderweitig über
mich zu besprechen schienen. Während jedoch die kleinliche und gewöhnliche Art
der Mehrzahl keine heftige und leidenschaftliche Trennung bedingte, sollte mir
die energische Selbstsucht eines einzigen und der daraus entspringende Hass
Kummer und Leiden bereiten, wie sie wohl selten in diesem Alter sich zeigen.
Derselbe war ein kleiner Bursche mit kleinen regelmässigen Gesichtszügen, mit
zierlichen Sommersprossen ganz bedeckt. Er besass einen frühreifen Verstand,
lernte fleissig und genau, bestrebte sich gegen ältere Leute, besonders gegen
Frauen, in wohlgesetzten, altklugen Worten auszudrücken und galt daher für einen
ordentlichen, höchst brauchbaren Jungen. Er war fast in allen Übungen geschickt,
durch Aufmerksamkeit und Ausdauer, und brachte alles, was er unternahm, auf eine
niedliche Weise zustande. Meierlein, so hiess er, besass aber kein tieferes
Talent; in seinen verschiedensten Unternehmungen war nie etwas Neues oder
Eigenes sichtbar, sondern er brachte nur das gut zuwege, was er sich vorgemacht
sah, und ihn beseelte nur ein unablässiges Bedürfnis, sich alles Erdenkliche
anzueignen. Deshalb konnte er ebensowohl eine vollkommene und reinliche
Papparbeit hervorbringen als über einen Graben setzen oder Ball schlagen oder
mit einem Steinchen eine bezeichnete Stelle an einer Mauer treffen, alles durch
langsame und anhaltende Übung; seine Schulhefte waren korrekt und in bester
Ordnung, seine Schrift klein und zierlich, besonders seine Zahlen wusste er
ausnehmend angenehm und rundlich in Reihen zu setzen. Seine vorzüglichste Gabe
aber war eine gewisse Fähigkeit, mit verständiger Besprechung alles zu
überspinnen, Verhältnisse auszuklügeln und mit vielsagender Miene Aufschlüsse
und Vermutungen aufzustellen, welche über unser Alter hinausgingen. dabei stets
ein zuverlässiger und kurzweiliger Gesell, gesucht und nützlich, fing er wenig
Streit an, focht aber einen solchen höchst hartnäckig aus, und er blieb um so
respektierter, als er immer wohlbedächtig auf der Seite stand, wo das wirkliche
oder erlogene Recht sich behauptete.
    Er war andertalb Jahre älter als ich, hatte sich indessen enger an mich
geschlossen als alle übrigen, so dass wir eine besondere Freundschaft pflagen und
jeden freien Augenblick zusammensteckten. Er ergänzte mich vortrefflich und
sagte mir daher sehr zu. Meine Unternehmungen gingen immer auf das
Phantastische, Bunte und Wirksame aus, während er durch Genauigkeit und Sorgfalt
der mechanischen Arbeit meinen flüchtigen und rohen Entwürfen Zweck und Ordnung
verlieh. Meierlein liess mein Geheimnis ebenso vorsichtig bestehen wie die
anderen, obwohl es für seine verständige Aufmerksamkeit noch weniger eines sein
konnte; doch liess er nicht ebenso zwischendurch seine Einsicht ahnen, sondern
bestrebte sich vielmehr, mich von den zu leichtsinnigen Ausgaben abzuhalten und
meine Wünsche auf scheinbar nützliche und gute Dinge zu richten mit gesetzten
Worten, was dem Verkehr mit ihm einen soliden Anstrich gab. Nur für sich selbst
war er mit noch grösserm Eifer bedacht als die übrigen, und sich nicht begnügend
mit meiner unmittelbaren Freigebigkeit, errichtete er mit grosser Einsicht ein
Schuldverhältnis zwischen mir und ihm, indem er sich haushälterisch aus meinem
Gelde eine kleine Kasse ansammelte, aus welcher er mir, wenn ich augenblicklich
nicht über mein Kästchen konnte, mässige Vorschüsse machte, die wir gemeinsam
verbrauchten und die er in ein niedlich angefertigtes Büchelchen eintrug, dessen
Seiten mit Soll und Haben ansehnlich überschrieben waren. Überdies wusste er mir
eine Menge kindischer Gegenstände zu verkaufen, deren Betrag er fleissig in sein
Buch setzte. Seine Gewandteit in den verschiedensten Übungen verwertete er
ebenfalls; er war mein dienstbarer Dämon, der alles konnte und alles in Angriff
nahm, was wir wünschten, aber jede Dienstleistung durch kleine Münzsorten in
meinem Schuldregister bezeichnete. Auf Spaziergängen reizte er mich stets, seine
Geschicklichkeit auf die Probe zu stellen: »Soll ich mit diesem Steinchen jenes
dürre Blatt treffen?« sagte er, und ich erwiderte: »Das kannst du nicht!« -
»Willst du mir einen Batzen schuldig sein, wenn ich es tue?« - »Ja!« und er traf
es und erschwerte unter den gleichen Bedingungen die Aufgabe manchmal dreimal
hintereinander, ohne sie je zu verfehlen. Dann schrieb er die Summe genau in
sein Buch mit allerliebsten wohlgestalteten Zahlen, was mir solches Vergnügen
gewährte, dass ich laut auflachte. Er aber sagte ernstaft, da sei gar nichts zu
lachen, ich sollte bedenken, dass ich alles einmal berichtigen müsste und dass sein
Büchlein eine ordentliche Bedeutung und Gültigkeit hätte vor jedem
Geschäftsmann! Dann veranlasste er mich wieder zu zahlreichen Wetten, ob zum
Beispiel ein Vogel sich auf diesen oder jenen Pfahl setzen, ob ein vom Winde
bewegter Baum sich das nächste Mal so oder so tief niederbeugen, ob am Gestade
des Sees mit dem fünften oder sechsten Wellenschlage eine grosse Welle ankommen
würde. Wenn bei diesem Spiele der Zufall mich manchmal gewinnen liess, so setzte
er in seinem Buche auf die Seite des Soll mit wichtiger Miene ein knappes
Zählchen, welches sich in seiner Einsamkeit höchst wunderlich ausnahm und mir
neuen Stoff zum Lachen, ihm hingegen zu ernstaften Redensarten gab. Er suchte
mich eifrigst zu überzeugen, dass Schulden eine wichtige Ehrensache seien, und
eines Tages, als der Sommer sich seinem Ende nahte, überraschte mich Meierlein
mit der Nachricht, dass er nun »abgerechnet« habe, und zeigte mir eine runde Zahl
von mehreren Gulden nebst einigen Kreuzern und Pfennigen und bemerkte dabei, dass
es nun schicklich wäre, wenn ich darauf dächte, ihm den Betrag einzuhändigen,
indem er wünsche, aus seinen Ersparnissen sich ein schönes Buch zu kaufen. Doch
erwähnte er hierüber die nächsten zwei Wochen nichts mehr und legte inzwischen
eine neue Rechnung an, welches er mit vermehrtem Ernste tat und wobei er ein
seltsames Betragen annahm. Er wurde nicht unfreundlich, aber die alte
Fröhlichkeit und Unbefangenheit unseres Verkehres war verschwunden. Eine grosse
Niedergeschlagenheit beschlich mich, welche Meierlein durchaus nicht zu stören
schien; vielmehr verfiel er selber in einen elegischen Ton, ungefähr wie er
Abraham überkommen haben mochte, als er mit seinem Sohne Isaak den vermeintlich
letzten Gang tat. Nach einiger Zeit wiederholte er seine Mahnung, diesmal mit
Entschiedenheit, doch nicht unfreundlich, sondern mit einer gewissen Wehmut und
väterlichem Ernste. Nun erschrak ich und fühlte eine heftige Beklemmung,
indessen ich versprach, die Sache abzumachen. Jedoch konnte ich mich nicht
ermannen, die Summe zu nehmen, und verlor selbst den Mut, meine gewöhnlichen
Eingriffe fortzusetzen. Das Gefühl meiner Lage hatte sich jetzt ganz
ausgebildet; ich schlich trübselig umher und wagte nicht zu denken, was nun
kommen sollte. Ich empfand eine beängstigende Abhängigkeit gegen meinen Freund;
seine Gegenwart war mir drückend, seine Abwesenheit aber peinlich, da es mich
immer zu ihm hintrieb, um nicht allein zu sein und vielleicht eine Gelegenheit
zu finden, ihm alles zu gestehen und bei seiner Vernunft und Einsicht Rat und
Trost zu finden. Aber er hütete sich wohl, mir diese Gelegenheit zu bieten,
wurde immer gemessener im Umgange und zog sich zuletzt ganz zurück, mich nur
aufsuchend, um seine Forderung nun mit kurzen, fast feindlichen Worten zu
wiederholen. Er mochte ahnen, dass eine Krisis für mich nahe bevorstehe; daher
war er besorgt, noch vor dem Ausbruche derselben sein so lang und sorglich
gepflegtes Schäfchen ins trockene zu bringen. Und er hatte recht. Um diese Zeit
war meine Mutter durch die verspätete Mitteilung eines Bekannten aufmerksam
gemacht worden; sie erfuhr endlich mein bisheriges Treiben ausser dem Hause,
woran hauptsächlich die übrigen Kumpane schuld sein mochten, die sich schon
früher von mir gewendet hatten, als meine Niedergeschlagenheit begonnen.
    Eines Tages, als ich am Fenster stand und für meine Blicke auf den besonnten
Dächern, im Gebirge und am Himmel stille Ruhepunkte und die vorwurfsvolle Stube
hinter mir zu vergessen suchte, rief mich die Mutter mit ungewohnter Stimme beim
Namen; ich wandte mich um, da stand sie neben dem Tische und auf demselben das
geöffnete Kästchen, auf dessen Boden zwei oder drei Silberstücke lagen.
    Sie richtete einen strengen und bekümmerten Blick auf mich und sagte dann:
»Schau einmal in dies Kästchen!« Ich tat es mit einem halben Blicke, der mich
seit langer Zeit zum ersten Male wieder den wohlbekannten innern Raum der
geplünderten Lade sehen liess. Er gähnte mir vorwurfsvoll entgegen. »Es ist also
wahr«, fuhr die Mutter fort, »was ich habe hören müssen und was sich nun
bestätigt, dass sich mein guter und sorgloser Glaube, ein braves und gutartiges
Kind zu besitzen, so grausam getäuscht sieht?« Ich stand sprachlos da und sah in
eine Ecke; das Gefühl des Unglückes und der Vernichtung kreiste in meinem Innern
so stark und gewaltig, als es nur immer im langen und vielfältigen Menschenleben
vorkommen kann; aber durch die dunkle Wolke blitzte bereits ein lieblicher Funke
der Versöhnung und Befreiung. Der offene Blick meiner Mutter auf meine
unverhüllte Lage fing an, den Alp zu bannen, der mich bisher gedrückt hatte; ihr
strenges Auge war mir wohltätig und löste meine Qual, und ich fühlte in diesem
Augenblicke eine unsägliche Liebe zu ihr, welche meine Zerknirschung
durchstrahlte und fast in einen glückseligen Sieg verwandelte, während meine
Mutter tief in ihrem Kummer und in ihrer Strenge beharrte. Denn die Art meines
Vergehens hatte ihre empfindlichste Seite, sozusagen ihren Lebensnerv getroffen
einesteils das kindliche blinde Vertrauen ihrer religiösen Rechtlichkeit,
andernteils ihre ebenso religiöse Sparsamkeit und unwandelbare Lebensfrage. Sie
hatte keine Freude beim Anblick des Geldes; nie übersah sie unnötigerweise ihre
Barschaft; aber jedes Guldenstück war ihr beinahe ein heiliges Symbolum des
Schicksals, wenn sie es in die Hand nahm, um es gegen Lebensbedürfnisse
auszutauschen. Deshalb war sie nun weit schwerer mit Sorge erfüllt, als wenn ich
irgend etwas anderes begangen hätte. Wie um sich gewaltsam vom Gegenteile zu
überzeugen, hielt sie mir alles deutlich und gemessen vor und fragte dann
wiederholt: »Ist es denn wirklich wahr? Gestehe!« Worauf ich ein kurzes Ja
hervorbrachte und mich meinen Tränen überliess, ohne indessen viel Geräusch zu
machen; denn ich war nun völlig befreit und fast vergnügt.
    Sie ging tiefbewegt auf und nieder und sprach: »So weiss ich nun nicht, was
werden soll, wenn du dich nicht fest und für immer bessern willst!« Damit legte
sie das Kästchen wieder in ihren Schreibtisch und liess den Schlüssel desselben
an dem gewohnten Ort.
    »Sieh«, sagte sie, »ich weiss nicht, ob du, wenn du deine paar Geldstücke
noch verbraucht hättest, alsdann auch nach meinem Gelde, welches ich so sparen
muss, gegriffen haben würdest; es wäre nicht unmöglich gewesen; aber mir ist es
unmöglich, dasselbe vor dir zu verschliessen. Ich lasse daher den Schlüssel
stecken wie bisher und muss es darauf ankommen lassen, ob du freiwillig dich zum
Bessern wendest; denn sonst würde doch alles nichts helfen, und es wäre
gleichgültig, ob wir beide ein bisschen früher oder später unglücklich würden!«
    Es begannen gerade acht Tage Ferien; ich blieb von selbst im Hause und
suchte alle Winkel auf, in denen ich den Frieden und die Ruhe der früheren Tage
wiederfand. Ich war gründlich still und traurig, zumal die Mutter ihren Ernst
beibehielt, ab- und zuging, ohne vertraulich mit mir zu sprechen. Am traurigsten
war das Essen, wenn wir an unserm kleinen Esstischen sassen und ich nichts zu
sagen wagte oder wünschte, weil ich das Bedürfnis dieser Trauer selbst fühlte
und mir sogar darin gefiel, während meine Mutter in tiefen Gedanken sass und
manchmal einen Seufzer unterdrückte.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
        Frieden in der Stille. Der erste Widersacher und sein Untergang
So verharrte ich im Hause und gelüstete nicht im mindesten ins Freie und zu
meinen Genossen. Höchstens betrachtete ich einmal aus dem Fenster, was auf der
Strasse vorfiel, und zog mich sogleich wieder zurück, als ob die unheimliche
Vergangenheit zu mir heranstiege. Unter den Trümmern und Erinnerungen meines
verflogenen Wohlstandes befand sich ein grosser Farbenkasten, welcher gute
Farbentafeln entielt, statt der harten Steinchen, die man sonst den Knaben für
Farben gibt. Ich hatte schon durch Meierlein erfahren, dass man nicht unmittelbar
mit dem Pinsel diese Täfelchen aushöhlen, sondern die selben in Schalen mit
Wasser anreiben müsse. Sie gaben reichliche, gesättigte Tinten, ich fing an, mit
diesen Versuche anzustellen, und lernte sie mischen. Besonders entdeckte ich,
dass Gelb und Blau das verschiedenste Grün herstellten, was mich sehr freute;
daneben fand ich die violetten und braunen Töne. Ich hatte schon längst mit
Verwunderung eine alte in Öl gemalte Landschaft betrachtet, die an unserer Wand
hing; es war ein Abend; der Himmel, besonders der unbegreifliche Übergang des
Gelben ins Blaue, die Gleichmässigkeit und Sanfteit desselben reizte mich stark
an, ebensosehr der Baumschlag, der mich unvergleichlich dünkte. Obgleich das
Bild unter dem Mittelmässigen stand, schien es mir ein bewundernswertes Werk zu
sein, denn ich sah die mir bekannte Natur um ihrer selbst willen mit einer
gewissen Technik nachgebildet. Stundenlang stand ich auf einem Stuhle davor und
versenkte den Blick in die an haltlose Fläche des Himmels und in das unendliche
Blattgewirre der Bäume, und es zeugte eben nicht von grösster Bescheidenheit, dass
ich plötzlich unternahm, das Bild mit meinen Wasserfarben zu kopieren. Ich
stellte es auf den Tisch, spannte einen Bogen Papier auf ein Brett und umgab
mich mit alten Untertassen und Tellern; denn Scherben waren bei uns nicht zu
finden. So rang ich mehrere Tage lang auf das mühseligste mit meiner Aufgabe;
aber ich fühlte mich glücklich, eine so wichtige und andauernde Arbeit vor mir
zu haben; vom frühen Morgen bis zur Dämmerung sass ich daran und nahm mir kaum
Zeit zum Essen. Der Frieden, welcher in dem gutgemeinten Bilde atmete, stieg
auch in meine Seele und machte von meinem Gesichte auf die Mutter
hinüberscheinen, welche am Fenster sass und nähte. Noch weniger, als ich den
Abstand des Originales von der Natur fühlte, störte mich die unendliche Kluft
zwischen meinem Werke und seinem Vorbilde. Es war ein formloses, wolliges
Geflecksel, in welchem der gänzliche Mangel jeder Zeichnung sich innig mit dem
unbeherrschten Materiale vermählte; wenn man jedoch das Ganze aus einer
tüchtigen Entfernung mit dem Ölbilde vergleicht, so kann man noch heute darin
einen nicht ganz zu verkennenden Gesamteindruck finden. Kurz, ich wurde
zufrieden über meinem Tun, vergass mich und fing manchmal an zu singen, wie
früher, erschrak je doch darüber und verstummte wieder. Doch vergass ich mich
immer mehr und summte anhaltender vor mich hin; wie Schneeglöckchen im Frühjahr
tauchte ein und das andere freundliche Wort meiner Mutter hervor, und als die
Landschaft fertig war, fand ich mich wieder zu Ehren gezogen und das Vertrauen
der Mutter hergestellt. Als ich eben den Bogen vom Brette löste, klopfte es an
die Tür, und Meierlein trat feierlich herein, legte seine Mütze auf einen Stuhl,
zog sein Büchlein hervor, räusperte sich und hielt einen förmlichen Vortrag an
meine Mutter, indem er in höflichen Worten Klage gegen mich einlegte und die
Frau Lee wollte gebeten haben, meine Verbindlichkeiten zu erfüllen; denn es
würde ihm leid tun, wenn es zu Unannehmlichkeiten kommen sollte! Damit
überreichte der kleine Knirps sein unvermeidliches Buch und bat, gefällige
Einsicht zu nehmen. Meine Mutter sah ihn mit grossen Augen an, dann auf mich,
dann in das Büchelchen und sagte: »Was ist das nun wieder?« Sie durchging die
reinlichen Rechnungen und sagte: »Also auch noch Schulden? Immer besser, ihr
habt das Ding wenigstens grossartig betrieben!« während Meierlein immer rief: »Es
ist alles in bester Ordnung, Frau Lee! Diesen letzten Posten nach der
Hauptrechnung bin ich jedoch erbötig nachzulassen, wenn Sie mir jene berichtigen
wollten.« Sie lachte ärgerlich und rief: »Ei, ei! So, so? Wir wollen die Sache
einmal mit deinen Eltern besprechen, Herr Schuldenvogt! Wie sind denn diese
artigen Schulden eigentlich entstanden?« Da reckte sich der Bursche empor und
sagte: »Ich muss mir ausbitten, ganz in der Ordnung!« Die Mutter aber fragte mich
streng, da ich ganz verblüfft und in neuer Beklemmung dagestanden: »Bist du dem
Jungen dieses schuldig und auf welche Weise? Sprich!« Ich stotterte verlegen ja
und einige Tatsachen über die Natur der Schulden. Da hatte sie schon genug und
jagte den Meierlein mit seinem Buche aus der Stube, dass er sich mit frechen
Gebärden davonmachte, nachdem er noch einen drohenden Blick auf mich geworfen.
Nachher befragte sie mich weitläufig über den ganzen Hergang und geriet in
grossen Zorn; denn es war vorzüglich das ehrbare Aussehen dieses Knaben gewesen,
welches in ihr von meinen Vergehungen keine Ahnung aufkommen liess. Sodann nahm
sie Gelegenheit, gründlicher auf alles Geschehene einzutreten und mir
eindringliche Vorstellungen zu machen, aber nicht mehr im Tone der strengen und
strafenden Richterin, sondern der mütterlichen Freundin, die bereits verziehen
hat. Und nun war alles gut.
    Allein doch nicht alles. Denn als ich nun wieder in die Schule trat,
bemerkte ich, dass mehrere Schüler, um Meierlein versammelt, die Köpfe
zusammensteckten und mich höhnisch ansahen. Ich ahnte nichts Gutes, und als die
erste Stunde zu Ende war, welche der Rektor der Schule selbst gegeben, trat mein
Gläubiger respektvoll vor ihn hin, sein Büchlein in der Hand, und erhob in
geläufiger Rede seine Anklage wider mich. Alles war gespannt und horchte auf,
ich sass wie auf Kohlen. Der Rektor stutzte, durchsah das Heft und begann das
Verhör, welches Meierlein zu beherrschen suchte. Aber der Vorsteher gebot ihm
Stille und forderte mich zum Sprechen auf. Ich gab einige kümmerliche Nachricht
und hätte gern alles verschwiegen; doch der Mann rief plötzlich: »Genug, ihr
seid beide Taugenichtse und werdet bestraft!« Damit trat er zu den aufliegenden
Tabellen und bedachte jeden von uns mit einer scharfen Note. Meierlein sagte
betreten: »Aber, Herr Professor -« »Still!« rief dieser und nahm das
verhängnisvolle Buch, welches er in tausend Stücke zerriss, »wenn noch ein Wort
darüber verlautet oder sich dergleichen wiederholt, so werdet ihr eingesperrt
und als ein paar recht bedenkliche Gesellen abgestraft! Pack dich!«
    Während der übrigen Unterrichtsstunden schrieb ich ein Briefchen meinem
Widersacher, worin ich ihn versicherte, dass ich ihm nach und nach meine Schuld
abtragen und ihm jeden Kreuzer zustellen wolle, den ich von nun an ersparen
könnte. Ich rollte das Papier zusammen, liess es unter den Tischen zu ihm hin
befördern und erhielt die Antwort zurück: Sogleich alles oder nichts! Nach
Beendigung der Schule, als der Lehrer fort war, stellte sich der Dämon an der
Tür auf, umgeben von einer schaulustigen Menge, und wie ich hinausgehen wollte,
vertrat er mir den Weg und rief: »Seht den Schelm! Er hat den ganzen Sommer
hindurch Geld gestohlen und mich um fünf Gulden dreissig Kreuzer betrogen! Wisst
es alle und seht ihn an!« - »Ein artiger Schelm, der grüne Heinrich!« ertönte es
nun von mehreren Seiten, ich rief ganz glühend: »Du bist selbst ein Schelm und
Lügner!« Allein ich wurde überschrieen, fünf oder sechs boshafte Bursche, welche
stets einen Gegenstand der Misshandlung suchten, scharten sich um Meierlein,
folgten mir nach und liessen Schimpfworte ertönen, bis ich in meinem Hause war.
Von jetzt an wiederholten sich solche Vorgänge beinahe täglich; Meierlein warb
sich eine förmliche Verbindung zusammen, und wo ich ging, hörte ich irgendeinen
Ruf hinter mir. Ich hatte mein renommistisches Benehmen schon verloren und war
wieder ungeschickt und blöde geworden; das reizte den Mutwillen und die
Spottsucht meiner Verfolger, bis sie endlich müde wurden. Es waren alles solche
Kumpane, welche selbst schon irgendeinen Streich verübt oder nur auf Gelegenheit
warteten, Werg an die Kunkel zu bekommen. Es war auffallend, dass Meierlein trotz
seines altklugen und fleissigen Wesens sich nicht zu ähnlich beschaffenen Naturen
hielt, sondern immer in Gesellschaft der Leichtsinnigen, der Mutwilligen und
Törichten zu sehen war, wie mit mir und den übrigen. Indessen nahmen nun die
Ruhigen und Unbescholtenen unseres Alters teil gegen das verfolgungssüchtige
Wesen jener, beschützten mich zu wiederholten Malen vor ihren Anfällen und
liessen mich überhaupt weder Verachtung noch Unfreundlichkeit fahlen, so dass ich
mehr als einem herzlich zugetan wurde, den ich vorher kaum beachtet hatte.
Zuletzt blieb Meierlein ziemlich allein mit seinem Grolle, der aber dadurch nur
heftiger und wilder wurde, so wie auch in mir jedes Vorgefühl einer Versöhnung
erstarb. Wenn wir uns begegneten, so suchte ich wegzublicken und ging stumm
vorüber; er aber rief mir laut ein giftiges und tödliches Wort zu, wenn wir
allein in der Gegend oder nur fremde Menschen zugegen; waren wir aber nicht
allein, so murmelte er dasselbe leise vor sich hin, dass nur ich es hören konnte.
Ich hafte ihn nun wohl so bitter, als er mich hassen konnte; aber ich wich ihm
aus und fürchtete den Augenblick, wo es einmal zur Abrechnung käme. So ging es
ein volles Jahr lang, und der Herbst war wieder gekommen, wo eine grosse
militärische Schlussübung stattfinden sollte. Wir freuten uns immer auf diesen
Tag, weil wir da nach Herzenslust schiessen durften. Aber für mich waren alle
gemeinsamen Freuden trüb und kalt geworden, da mein Feind zugleich teilnahm und
öfter in meine Nähe geriet. Diesmal wurde unsere Schar in zwei Hälften geteilt,
von denen die eine den waldigen und steilen Gipfel einer Anhöhe besetzen, die
andere aber den Fluss überschreiten, den Hügel umgehen und einnehmen sollte. Ich
gehörte zu dieser, mein Feind zu jener Abteilung. Wir hatten schon die ganze
Woche vorher einen kleinen Brückenkopf gebaut und leichte Palisaden zugespitzt
und eingerammelt, während einige Zimmerleute eine Brücke über das seichte Wasser
geschlagen. Nun erzwangen wir mit unserm Geschütze höherer Verabredung gemäss den
Übergang und trieben rüstig den Feind berghinan. Die Hauptmasse zog auf einem
schneckenförmigen Fahrweg aufwärts, indessen eine weitgedehnte Plänklerkette das
Gebüsch säuberte und über Stock und Stein vorwärtsdrang. Bei dieser war das
grösste Vergnügen und auch die stärkste Aufregung; die einzelnen Leute rückten
sich auf den Leib, die zum Rückzuge bestimmten wollten durchaus nicht weichen,
man brannte sich die Schüsse fast ins Gesicht, und mehr als ein Ladstock
schwirrte, im Eifer vergessen, durch die Bäume, und nur das Glück der Jugend
verhütete ernstliche Unfälle; auch war der alte Feldwebel, welcher die Plänkler
beaufsichtigte, genötigt, mit seinem Stocke dazwischenzuschlagen und reichlich
zu fluchen, um die Disziplin einigermassen zu wahren. Ich befand mich auf einem
äussersten Flügel dieser Kette, teilte aber die Aufregung meiner Kameraden nicht,
sondern ging gedankenlos vorwärts, ruhig und melancholisch meine Schüsse
abgebend und mein Gewehr wieder ladend. Bald hatte ich mich von den übrigen
verloren und befand mich mitten am Abhange einer wilden, mir unbekannten
Schlucht, in deren Tiefe ein Bächlein rieselte und die mit altem Tannenwalde
erfüllt war. Der Himmel hatte sich bedeckt, es ruhte eine düstere und doch
weiche Stimmung auf der Landschaft; das Schiessen und Trommeln aus der Ferne hob
noch die tiefe Stille der unmittelbaren Nähe, ich stand still und lehnte mich
ausruhend auf das Gewehr, indem ich einer halb weinerlichen, halb trotzigen
Laune anheimfiel, welche mich öfter beschlichen hat gegenüber der grossen Natur
und welche der Bedrängten Frage nach Glück ist. Da hörte ich Schritte in der
Nähe, und auf dem schmalen Felspfade, in der tiefen Einsamkeit, kam mein Feind
daher; das Herz klopfte mir heftig, er sah mich stechend an und sandte mir
gleich darauf einen Schloss entgegen, so nah, dass mir einige Pulverkörner ins
Gesicht fuhren. Ich stand unbeweglich und starrte ihn an; hastig lud er sein
Gewehr wieder, ich sah ihm immer zu; dies verwirrte ihn und machte ihn wütend,
und in unsäglicher Verblendung der Gescheiteit, der vermeintlichen Dummheit und
Gutmütigkeit mitten ins Gesicht zu schiessen, wollte er in dichter Nähe eben
wieder anlegen, als ich, meine Waffe wegwerfend, auf ihn losfuhr und ihm die
seinige entwand. Sogleich waren wir ineinander verschlungen, und nun rangen wir
eine volle Viertelstunde miteinander, stumm und erbittert, mit abwechselndem
Glücke. Er war behend wie eine Katze, wandte hundert Mittel an, um mich zu Falle
zu bringen, stellte mir das Bein, drückte mich mit dem Daum hinter den Ohren,
schlug mir an die Schläfe und biss mich in die Hand, und ich wäre zehnmal
unterlegen, wenn mich nicht eine stille Wut beseelt hätte, dass ich aushielt. Mit
tödlicher Ruhe klammerte ich mich an ihn, schlug ihm gelegentlich die Faust ins
Gesicht, Tränen in den Augen, und empfand dabei ein wildes Weh, welches ich
sicher bin, niemals tiefer zu empfinden, ich mag noch so alt werden und das
Schlimmste erleben. Endlich glitten wir aus auf den glatten Nadeln, welche den
Boden bedeckten, er fiel unter mich und schlug das Hinterhaupt dermassen wider
eine Fichtenwurzel, dass er für einen Augenblick gelähmt wurde und seine Hände
sich öffneten. Sogleich sprang ich unwillkürlich auf, er tat das gleiche; ohne
uns anzusehen, ergriff jeder sein Gewehr und verliess den unheimlichen Ort. Ich
fühlte mich an allen Gliedern erschöpft, erniedrigt und meinen Leib entweiht
durch dieses feindliche Ringen mit einem ehemaligen Freunde.
    Von dieser Zeit an trafen wir nie wieder zusammen; er mochte aus meiner
verzweifelten Entschlossenheit herausgefühlt haben, dass er im ganzen doch an den
Unrechten gerate, und vermied jetzt jede Reibung. Aber der Streit war
unentschieden geblieben, und unsere Feindschaft dauerte fort; ja sie nahm zu an
innerer Kraft, während wir uns in den Jahren, die vergingen, nur selten sahen.
Jedes Mal aber reichte hin, den begrabenen Hass aufs neue zu wecken. Wenn ich ihn
sah, so war mir seine Erscheinung, abgesehen von der Ursache unserer Entzweiung,
an sich selbst unerträglich, vertilgungswürdig; ich empfand keine Spur von der
milden Wehmut, welche sich sonst beim Anblicke eines verfeindeten Freundes mit
dem Unwillen vermischt; ich fühlte den reinen Widerwillen und dass, wie sonst
Jugendfreunde für das ganze Leben eine Zuneigung bewahren, dieser für die
gleiche Dauer mein Jugendfeind sein würde. Ähnliche Empfindungen mochte er bei
meinem Anblick erfahren, wozu noch der Umstand kam, dass die anfängliche Ursache
unserer Feindschaft, die Geschichte des Schuldbuches, für ihn an sich selbst
unvergesslich sein musste. Er war unterdessen in ein Comptoir getreten, hatte
seine eigentümlichen Fähigkeiten fort und fort ausgebildet, erwies sich als sehr
brauchbar, klug und vielversprechend und erwarb sich die Neigung seines
Vorgesetzten, eines schlauen und gewandten Geschäftsmannes; kurz, er fühlte sich
glücklich und sah voll Hoffnung auf sein zukünftiges Selbstwirken. So kann ich
mir gar wohl denken, dass die arge Enttäuschung, welche sein erster jugendlicher
Versuch, ein Geschäft zu machen, erfuhr, für ihn ebenso nachhaltig schmerzlich
sein musste als einer kindlichen Dichter- oder Künstlernatur der erste
verneinende Hohn, welcher ihren naiven und harmlosen Versuchen zuteil wird.
    Wir waren schon konfirmiert, er etwa achtzehn, ich sechszehn Jahre alt; wir
begannen uns selbständiger zu bewegen und lernten nun Verhältnisse und Menschen
kennen. Wenn wir an öffentlichen Orten zusammentrafen, so vermieden wir, uns
anzusehen, aber jeder weihte seine Freunde in seinen Hass ein, welcher manchmal
um so gefährlicher zu wirken und auszubrechen drohte, als nun ein jeder mit
solchen jungen Leuten umging, die seiner Beschäftigung und seinem Wesen
entsprachen und also einen empfänglichen Boden für eine weiterzündende
Feindschaft bildeten. Deswegen dachte ich mit Sorge an die Zukunft und wie das
denn nun das ganze Leben hindurch in der so engen Stadt gehen sollte? Allein
diese Sorge war unnütz, indem ein trauriger Fall ein frühes Ende herbeiführte.
Der Vater meines Widersachers hatte ein altes wunderliches Gebäude gekauft,
welches früher eine städtische Ritterwohnung gewesen und mit einem starken Turme
versehen war. Dies Gebäude wurde nun wohnlich eingerichtet und in allen Winkeln
mit Veränderungen heimgesucht. Für den Sohn war dies eine goldene Zeit; da nicht
nur das Unternehmen überhaupt eine Spekulation vorstellte, sondern auch eine
Menge Geschicklichkeiten an den Mann gebracht werden konnten. Jede Minute, die
er frei hatte, steckte er unter den Bauleuten, ging ihnen an die Hand und
übernahm viele Arbeiten ganz, um sie zu ersetzen und zu sparen. Mein Weg zur
Arbeit führte mich alltäglich an diesem Hause vorüber, und immer sah ich ihn
zwischen zwölf und ein Uhr, wenn alle Arbeiter ruhten, und am Abend wieder, mit
einem Farbentopfe oder mit einem Hammer unter Fenstern oder auf Gerüsten stehen.
Er war seit der Kinderzeit fast gar nicht mehr gewachsen und sah in seiner
Emsigkeit, an den ungeheuerlichen Mauern hängend, höchst seltsam aus; ich musste
unwillkürlich lachen und hätte fast einem freundlichern Gefühle Raum gegeben, da
er in diesem Wesen doch liebenswürdig und tüchtig erschien, wenn er nicht einst
die Gelegenheit wahrgenommen hätte, einen ansehnlichen Pinsel voll Kaltwasser
auf mich herunterzuspritzen.
    Eines Tages, als ich des Hauses bereits ansichtig war, führte mich mein
milder Stern durch eine Seitenstrasse einen andern Weg; als ich einige Minuten
später wieder in die Hauptstrasse einbog, sah ich viele erschreckte Leute aus der
Gegend jenes Hauses herkommen, welche eifrig sprachen und lamentierten. Um die
Wegnahme einer alten Windfahne auf dem Turme zu bewerkstelligen, hatten die
Bauleute erklärt, ein erhebliches Gerüste anbringen zu müssen. Der Unglückliche,
der sich alles zutraute, wollte die Kosten sparen und während der Mittagsstunde
die Fahne in aller Stille abnehmen, hatte sich auf das steile hohe Dach
hinausbegeben, stürzte herab und lag in diesem Augenblicke zerschmettert und tot
auf dem Pflaster.
    Es durchfuhr mich, als ich die Kunde vernommen und schnell meines Weges
weiterging, wohl ein Grauen, verursacht durch den Fall, wie er war; aber ich mag
mich durchwühlen, wie ich will, ich kann mich auf keine Spur von Erbarmen oder
Reue entsinnen, die mich durchzuckt hätte. Meine Gedanken waren und blieben
ernst und dunkel; aber das innerste Herz, das sich nicht gebieten lässt, lachte
auf und war froh. Wenn ich ihn leiden gesehen oder seinen Leichnam geschaut, so
glaube ich zuversichtlich, dass mich Mitleid und Reue ergriffen hätten; doch das
unsichtbare Wort, mein Feind sei mit einem Schlage nicht mehr, gab mir nur
Versöhnung, aber die Versöhnung der Befriedigung und nicht des Schmerzes, der
Rache und nicht der Liebe. Ich konstruierte zwar, als ich mich besonnen, rasch
ein künstliches und verworrenes Gebet, worin ich Gott um Verzeihung, um Mitleid,
um Vergessenheit bat; mein Inneres lächelte dazu, und noch heute, nachdem wieder
Jahre vorübergegangen, fürchte ich, dass meine nachträgliche Teilnahme an jenem
Unglücke mehr eine Blüte des Verstandes als des Herzens sei, so tief hatte der
Hass gewurzelt!
 
                              Sechzehntes Kapitel
                     Ungeschickte Lehrer, schlimme Schüler
Um wieder zu jener Schulzeit zurückzukehren, so kann ich nicht bekennen, dass
dieselbe hell und glücklich gewesen sei. Der Kreis des zu Erfahrenden hatte sich
nun erweitert, die Ansprüche waren ernster geworden, ich hatte ein dunkles
Gefühl, dass es sich um Wichtiges und Schönes handle, und auch einen gewissen
Drang, diesem Gefühle zu genügen. Aber die Übergänge von einer Stufe zur anderen
waren mir nie klar und gingen mir öfter verloren. Das Übel lag aber
hauptsächlich in den Übergangszuständen der Schule selbst, da die Lehrerschaft
noch aus alten Teilen, nämlich unbeschäftigten Teologen der Landeskirche, die
aus Liebhaberei oder Bedürfnis alle möglichen Lehrfächer zu übernehmen gewöhnt
waren, und aus neuen durchgebildeten Fachlehrern bestand und daher keine
gleichmässige und ineinandergreifende Lehrweise hervorbrachte. Jene Teologen
verfuhren nach alten Gewohnheiten und persönlichen Launen, sprangen von den
Gegenständen ab, wenn es ihnen beliebte, und behandelten alles mehr als
Dilettanten, während die weltlichen Berufslehrer wiederum ganz verschiedene
Manieren und Metoden handhabten, die ihrerseits auch noch nicht erprobt waren.
Hieraus ergab sich als Hauptübel überdies eine ungleiche und unsichere
Behandlung der Jugend und die Möglichkeit jener wunderlichen Katastrophen und
Abenteuer, deren Opfer bald der Lehrer, bald der Schüler wurde.
    Es lehrte an unserer Schule ein Mann, welcher mit gutem Willen und ehrlichem
Sinn eine grosse Unerfahrenheit, mit der Jugend umzugehen, und ein schwächliches
und seltsames Äusseres verband. Er hatte in dem Kampfe, welcher den Umschwung der
Dinge und besonders das erneute Schulwesen herbeiführte, tapfer mitgewirkt und
war in der altgesinnten Stadt als ein leidenschaftlicher Liberaler verschrieen.
Wir Knaben waren allzumal gute Aristokraten, mit Ausnahme derer, die vom Lande
kamen. Auch ich, obgleich meines Ursprunges halber auch ein Landmann, aber in
der Stadt geboren, heulte mit den Wölfen und dünkte mich in kindischem
Unverstande glücklich, auch ein städtischer Aristokrat zu heissen. Meine Mutter
politisierte nicht, und sonst hatte ich kein nahestehendes Vorbild, welches
meine unmassgeblichen Meinungen hätte bestimmen können. Ich wusste nur, dass die
neue radikale Regierung einige alte Türme und Mauerlöcher vertilgt hatte, welche
Gegenstand unserer besonderen Zuneigung gewesen, und dass sie aus verhassten
Landleuten und Emporkömmlingen bestand. Hätte mein Vater, der zu diesen gehörte,
noch gelebt, so wäre ich ohne Zweifel ein ganz liberales Männlein gewesen.
    Gleich beim Beginne der neuen Schulen, als der ungeschickte Lehrer seine
Tätigkeit mit vieler Gemütlichlkeit antrat, brachte ein Schüler, der Sohn eines
fanatischen Stadtbürgers, mit wichtigen Worten die Nachricht unter uns, wie der
Lehrer geschworen hätte, uns Aristokratenkinder mit eiserner Rute zu bändigen.
Er war nämlich in einer Gesellschaft aufmerksam gemacht worden, wie er es
teilweise mit einer durch altes Herkommen übermütigen und ausgelassenen
Stadtjugend zu tun haben wurde, worauf er antwortete, er werde mit den
Bürschlein schon fertig zu werden wissen. Auf obige Weise dargestellt, wurde
diese Rede nun, wahrscheinlich nicht ohne Zutun der Alten, unter unsere
verstandlose Masse geworfen, und sie begann sogleich zu wirken. Wir nahmen den
Handschuh auf; die Verwegensten eröffneten einen geordneten Widerstand und ein
leichtes Geplänkel des Unfuges. Schon dies verwirrte ihn, und anstatt mit
Sarkasmen und ruhiger, überlegener Entschiedenheit die Angreifer zurückzuwerfen,
rückte er sogleich mit seiner Hauptmacht und dem schweren Geschütze vor, indem
er jeden kleinen Mutwillen, auch jede unabsichtliche Tat blindlings mit den
schwersten und einflussreichsten Strafen belegte, die ihm zu Gebote standen und
welche sonst nur in seltenen Fällen angewandt wurden. Dadurch entzog er sich in
unsern Augen den guten Rechtsboden, da wir in der Abschätzung des Verhältnisses
zwischen Strafe und Vergehen eine grosse Übung besassen. Seine Strafen wurden bald
wertlos und zuletzt eine Ehrensache, ein Martyrium. Es entstand offener Lärm in
den Stunden, welcher sich auch in die anderen Säle verbreitete, wo der Gehetzte
zu erscheinen hatte. Nun beging er einen neuen Fehlgriff statt die Bewegung in
sich selbst zerfallen zu lassen und eine Zeitlang ihr zu stehen, fing er an,
jeden Schüler aus der Stube zu jagen, der das Geringste verübte. Eine unschuldig
gestellte Frage an ihn, das absichtliche oder unabsichtliche Fallenlassen eines
Gegenstandes reichte hin, ins Freie befördert zu werden. Wir merkten uns dies,
und bald hielt er regelmässig nur mit zwei oder drei Frommen seinen Unterricht,
während der helle Haufen vor der Türe sich auf seine Kosten belustigte. Das
Einschreiten oberer Behörden oder auch seine eigene Energie, wenn er, trotz des
Verbotes, die Schüler zu schlagen, einige ein einziges Mal bei den Köpfen
genommen und tüchtig durchgebleut hätte, würden hingereicht haben, die Ruhe
herzustellen. Zu letzterm besass er nicht die geeignete Persönlichkeit; das
erstere unterblieb, da die unmittelbar folgende Instanz aus Pflegern bestand,
welche dem Verfolgten abgeneigt waren und so lang als möglich die Vorfälle nicht
zu bemerken schienen. Die Schüler erzählten in ihren Familien mit Ruhmredigkeit
ihre Taten, wobei sie nicht unterliessen, den Lehrer als den schreckbarsten
Popanz darzustellen. Die behäbigen Bürger, sich mit Wohlgefallen ihrer eigenen
Knabenstreiche erinnernd und in der Erfahrung der alten Zeit aufgewachsen, dass
die Schule nur eine Art Unterkommen bilde, bis das würdige Bürgerkind, ohne sich
den Kopf zerbrechen zu müssen, in das behagliche Privilegien- und Zunftwesen der
guten alten Stadt aufgenommen würde, bestärkten ihre Söhnlein durch
unverhohlenes Lächeln, wo nicht durch direkte Aufreizung, in ihrem Treiben.
Obgleich die Sache längst Aufsehen gemacht hatte, wurde sie nach oben hin stets
so geschildert, als ob alle Schuld an dem Verfolgten läge; es kam etwa ein Herr
in die Stunde, um selbst zu sehen; dann hüteten wir uns aber wohl, etwas zu
beginnen, so wie wir auch in den Stunden der übrigen Lehrer uns doppelt ruhig
verhielten. Der Unglückliche war ein Ableiter für allen bösen Stoff, welcher in
der Schule steckte. So schleppte er sich beinahe ein Jahr lang hin, bis er
endlich für eine Zeitlang suspendiert wurde. Er wäre so gerne ganz weggeblieben,
indem er Schaden an seiner Gesundheit litt und ganz abmagerte; aber eine
zahlreiche Familie schrie nach Brot, und er war auf diesen Beruf angewiesen. So
trat er eines Tages seinen Leidensweg wieder an, so versöhnlich und bescheiden
als möglich; allein er fand keine Barmherzigkeit; ein wilder Jubel brach los,
das alte Unwesen wiederholte sich, und er musste nach wenigen Tagen gänzlich
entlassen werden.
    Ich hatte mich lange Zeit ziemlich ruhig verhalten und nur den zahlreichen
Auftritten behaglich zugesehen. Gegen den Mann selbst verging ich mich nicht ein
einziges Mal, da es mir widerstrebte, einem Erwachsenen gegenüber aufzutreten.
Erst als das Hinausschieben der ganzen Klasse begann, suchte ich auch
teilzunehmen und bewerkstelligte dies durch kleine Streiche oder wischte auch so
mit hinaus; denn erstens ging es sehr lustig her draussen, und zweitens hätte ich
um keinen Preis bei den wenigen verpönten Gerechten bleiben mögen, welche in der
Stube sassen. Desto lauter wurde ich, wenn ich einmal draussen war, half Aufzüge
und Umgänge anordnen und überliess mich, nach langer Zurückgezogenheit, einer so
wilden Freude, dass mir das Herz heftig klopfte und mein Blut ganz in Wallung
war, wenn wir bei dem folgenden Lehrer wieder an unseren Plätzen sassen. Ich kann
mir fest gestehen, dass ich mich damals über die Freude selbst freute und
keinerlei Bosheit in mir trug. Vielmehr empfand ich ein heimliches Mitleid mit
dem Armen, welches ich zu äussern aber unterliess, um nicht lächerrlich zu werden.
Einst traf ich ihn ganz allein auf einem Feldwege; er schien einen Erholungsgang
zu machen; unwillkürlich zog ich ehrerbietig meine Mütze, was ihn so freute, dass
er mir zuvorkommend dankte und mich dabei so märterlich ansah, als ob er um
Barmherzigkeit flehte. Ich wurde gerührt und dachte, dass es anders werden müsse.
Gleich am nächsten Tage trat ich zu einer Gruppe der wildesten Mitschüler, um
geradezu am rechten Flecke anzugreifen und ein Wort des Mitgefühls, des
Nachdenkens unter sie zu werfen; ich hatte den richtigen Instinkt, dass dieses
gewiss, wenn auch nicht augenblicklich, weiterwirken und die Laune der Menge
anziehen würde. Sie sprachen eben von dem Lehrer, hatten eben einen neuen
Spitznamen erfunden, der so komisch klang, dass alles bester Laune war und
auflachte; die vorbedachten Worte verdrehten sich mir auf der Zunge, und anstatt
meine Pflicht zu tun, verriet ich ihn und mein besseres Selbst, indem ich das
gestrige Abenteuer auf eine Weise vortrug, die der gegenwärtigen Stimmung
vollkommen entsprach und dieselbe erhöhte!
    Nach seiner Entfernung wurde es still unter uns; die Lärmbedürftigen und
Schlimmgesinnten wandten sich unbehaglich hin und her, zehrten von der
Erinnerung und konnten sich nicht zurechtfinden. Eines Abends, nach dem Schlusse
des Unterrichts, ging ich ruhig meiner Wege und näherte mich meiner Wohnung, als
ich rufen hörte: »Grüner Heinrich! hierher!« Ich kehrte mich um und erblickte in
einer anderen Strasse eine ansehnliche Schar Schüler, welche durcheinandertrieben
wie ein Ameisenhaufen und sehr geschäftig schienen. Ich erreichte sie, man
teilte mir mit, dass man in Gesamteit dem verabschiedeten Lehrer noch einen
Besuch abstatten und ein rechtes Schlussvergnügen veranstalten wolle, und
forderte mich auf teilzunehmen. Der Plan wollte mir gar nicht einleuchten, ich
lehnte kurz ab und ging weg. Jedoch die Neugier drehte mich, dass ich von ferne
nachzog und sehen wollte, wie es abliefe. Der Haufen bewegte sich vorwärts;
andere Schulen, deren Bestandteile um diese Zeit alle in den Gassen wimmelten,
wurden angeworben, dass bald ein Zug von hundert Jungen aller Art sich
fortwälzte. Die Bürger standen unter den Türen und betrachteten mit Verwunderung
das Tun, ich hörte einen sagen: »Was mögen die Teufelsbuben nur wieder vorhaben?
Die sind bei Gott fast so munter, als wir gewesen sind!« Diese Worte klangen in
meinen Ohren wie Kriegsdrometen, meine Füsse wurden lebendiger, und schon trat
ich dem letzten Manne des Zuges auf die Fersen. Es war ein unsägliches Vergnügen
in der Menge, hervorgerufen durch das improvisierte Beisammensein aus eigener
Machtvollkommenheit. Ich wurde immer wärmer, schob mich vorwärts und sah mich
plötzlich bei der Spitze angelangt, wo die hohen Häupter gingen und mich
begrüssten. »Der grüne Heinrich ist doch noch gekommen!« hiess es, der Name
erschallte längs des ganzen Zuges und vermehrte den Stoff zu Geräusch und
spielerischer Freude. Mir schwebten sogleich gelesene Volksbewegungen und
Revolutionsszenen vor. »Wir müssen uns in gleichmässigere Glieder abteilen«,
sagte ich zu den Rädelsführern, »und in ernstem Zuge ein Vaterlandslied singen!«
Dieser Vorschlag wurde beliebt und sogleich ausgeführt; so durchzogen wir
mehrere Strassen, die Leute sahen uns mit Staunen nach; ich schlug vor, noch
einen Umweg zu machen und dies Vergnügen so lange als möglich andauern zu
lassen. Auch dies geschah, allein zuletzt langten wir doch am Ziele an. »Was
wollen wir nun eigentlich beginnen?« fragte ich, »ich dächte, wir sängen hier
ein Lied und zögen dann wieder mit einem Hurra davon!« - »ins Haus, ins Haus!«
tönte es zur Antwort, »wir wollen ihm eine Dankrede für sein Wirken abstatten!«
- »So sollen wenigstens alle für einen stehen und keiner davonlaufen, damit alle
die gleiche Strafe tragen, wenn es etwas absetzt!« rief ich, worauf der ganze
Schwarm in das kleine enge Haus einströmte und die Treppen hinantobte. Ich blieb
an der Haustüre stehen, um die vorzeitige Flucht einzelner Mitschuldiger zu
verhindern. Es tönte ein furchtbarer Lärm im Innern, die Knaben waren ganz
berauscht von ihrer eigenen Aufregung; der Gesuchte lag krank in einem
verschlossenen Zimmer, die Frauen suchten erschrocken die übrigen Türen zu
verschliessen und sahen sich aus den Fenstern nach Hilfe um. Doch schämten sie
sich zu rufen; die Nachbaren wussten nicht, was alles zu bedeuten hätte, und
sahen höchst verwundert zu; ich blieb mit nichts weniger als heiteren Gedanken
auf meinem Posten. Das Haus war von unten bis oben angefüllt, die Lärmenden
erschienen unter den Dachluken, warfen alte Körbe heraus und stiegen sogar auf
das Dach, die Luft mit ihrem Geschrei erfüllend. Ein altes Weib brach endlich
beherzt aus einem Kämmerchen hervor und trieb den ganzen Schwarm mit einem Besen
allmählich aus dem Hause.
    Dies Attentat war denn doch zu auffällig gewesen, als dass die oberen
Behörden länger hätten zusehen können. Sie verlangten eine strenge Untersuchung.
Wir wurden in einem Saale versammelt und einzeln aufgerufen, um vor ein Tribunal
zu treten, welches in einer Nebenstube sass. Das Verhör dauerte einige Stunden,
die Zurückkehrenden gingen sogleich weg, ohne Bericht zu geben; zwei Dritteile
der Versammelten waren schon fort, und noch wurde ich nicht aufgerufen; dagegen
bemerkte ich, dass zuletzt alle, welche aus der Verhörstube kamen, mich ansahen,
ehe sie weggingen. Zuletzt hiess es, der ganze Rest solle hereinkommen mit
Ausnahme des grünen Heinrich.
    
    Endlich kam die Reihe an mich; der letzte Trupp erschien wieder und hiess
mich hineingehen. Ich wollte fragen, was denn vorginge, erhielt aber keine
Antwort; vielmehr sputeten sie sich ängstlich von hinnen. So trat ich in die
Nebenstube, halb von Neugierde vorwärtsgedrängt, halb von jener beklemmenden
Furcht zurückgehalten, welche die Jugend vor den Alten empfindet, wenn sie in
ihnen an Verstand überlegene und allmächtige Wesen voraussetzt. Es sassen zwei
Herren am obern Ende eines langen Tisches, an dessen Fuss ich stand, einige
Stücke Papier und ein Schreibzeug vor sich. Der eine war der nächste Vorsteher
der Schule, der auch selbst Unterricht erteilte und mich kannte, der andere ein
höherer gelehrter Herr, welcher wenig sagte. Zu jenem stand ich in einem
eigentümlichen Verhältnisse er war ein gemütlicher Poltron, gern viele Worte
machend und froh, wenn ein Schüler durch bescheidene Widerrede ihm Gelegenheit
gab, sich gründlich über ein Faktum zu verbreiten. Im Anfange hatte er mir
wohlgewollt, da ich gerade bei ihm mich ziemlich gut aufführte; aber meine
Eigenschaft, den Vorwürfen, Ermahnungen und Strafen bei vorkommenden Fällen ein
unwandelbares Schweigen entgegenzusetzen, hatte mir seine Abneigung zugezogen.
Das ängstliche Leugnen, die Zungengeläufigkeit, Strafe von sich abzuwenden, das
hartnäckige Feilschen um dieselbe waren mir unmöglich; glaubte ich eine solche
verdient zu haben, so nahm ich sie schweigend hin; schien sie mir zu ungerecht,
so schwieg ich ebenfalls, und nicht aus Trotz, sondern ich lachte innerlich ganz
frohmütig darüber und dachte, der Richter hätte das Pulver auch nicht erfunden.
Darum hielt mich der Herr für einen unbrauchbaren, bedenklichen Burschen und
fuhr mich nun mit drohender Miene an: »Hast du an dem Skandale teilgenommen?
Schweig! leugne nicht, es wird nichts helfen!« Ich brachte ein leises Ja hervor,
der weiteren Dinge gewärtig. Doch wie um mich in seinen Augen, da ihm einmal zur
Weckung guter Laune durchaus ein gründlicher Wortwechsel nötig war, noch zu
retten, tat er, als ob er ein Nein vernommen hätte, und schrie: »Wie, was?
Heraus mit der Wahrheit!« - »Ja!« wiederholte ich etwas lauter. »Gut, gut, gut!«
sagte er, »du wirst gewiss noch einen finden, der dir gewachsen ist, einen Stein,
der eine Beule in deine eiserne Stirne schlägt!« Diese Worte beleidigten mich
und taten mir weh; denn sie schienen nicht nur eine arge Verkennung zu
entalten, sondern auch eine ungehörige Voraussagung der Zukunft, eine
persönliche Bitterkeit zu sein. Er fuhr fort: »Hast du auf dem Wege
vorgeschlagen, einen förmlichen Zug zu ordnen und ein Lied zu singen?« Diese
Frage machte mich stutzen; meine Genossen hatten also mich verraten und deshalb
ohne Zweifel sich reingewaschen; ich schwankte, ob ich nicht leugnen könne, aber
es kam wieder ein Ja hervor. »Hast du am Hause erklärt, dass keiner sich
zurückziehen dürfe, und dieser Erklärung durch Bewachung der Tür Folge gegeben?«
Das bejahte ich unbedenklich, da es mir weder eine Schande noch ein besonderes
Vergehen zu sein schien. Diese beiden Momente, aus den ersten Fragen an die
Mitschuldigen schon zutage getreten, schienen dem Herrn auf den Haupturheber
hinzudeuten; sie ragten auch wohl am fassbarsten aus all dem wirren Treiben
hervor, und er hatte allein auf sie hin verhört. Jeder bejahte regelmässig die
Frage darnach und war froh, nicht über sich selbst sprechen zu müssen.
    Ich wurde entlassen und ging etwas bewegt, doch gemächlich nach Hause; das
Ganze schien mir nicht sehr würdig zu verlaufen Zwar fühlte ich eine tiefe Reue,
aber nur gegen den misshandelten Lehrer. Zu Hause erzählte ich der Mutter den
ganzen Vorgang, worauf sie mir eben eine Strafrede halten wollte, als ein
Amtsdiener hereintrat mit einem grossen Briefe. Dieser entielt die Nachricht,
dass ich von Stund an und für immer von dem Besuche der Schule ausgeschlossen
sei. Das Gefühl des Unwillens und erlittener Ungerechtigkeit, welches sich
sogleich in mir äusserte, war so überzeugend, dass meine Mutter nicht länger bei
meiner Schuld verweilte, sondern sich ihren eigenen bekümmerten Gefühlen
überliess, da der grosse und allmächtige Staat einer hilflosen Witwe das einzige
Kind vor die Türe gestellt hatte mit den Worten Es ist nicht zu brauchen!
    Wenn über die Rechtmässigkeit der Todesstrafe ein tiefer und anhaltender
Streit obwaltet, so kann man füglich die Frage, ob der Staat das Recht hat, ein
Kind oder einen jungen Menschen, die gerade nicht tobsüchtig sind, von seinem
Erziehungssysteme auszuschliessen, zugleich mit in den Kauf nehmen. Gemäss jenem
Vorgange wird man mir, wenn ich im spätern Leben in eine ähnliche ernstere
Verwicklung gerate, bei gleichen Verhältnissen und Richtern wahrscheinlich den
Kopf abschneiden; denn ein Kind von der allgemeinen Erziehung ausschliessen heisst
nichts anderes, als seine innere Entwicklung, sein geistiges Leben köpfen. In
der Tat haben auch häufig die öffentlichen Bewegungen der Erwachsenen, von
welchen solche Kinderaufläufe ein Abbild genannt werden können, mit
Entauptungen geendigt.
    Der Staat hat nicht darnach zu fragen, ob die Bedingungen zu einer weiteren
Privatausbildung vorhanden seien oder ob trotz seines Aufgebens das Leben den
Aufgegebenen doch nicht fallenlasse, sondern manchmal noch etwas Rechtes aus ihm
mache er hat sich nur an seine Pflicht zu erinnern, die Erziehung jedes seiner
Kinder zu überwachen und weiterzuführen. Auch, ist am Ende diese Erscheinung
weniger wichtig in bezug auf das Schicksal solcher Ausgeschlossenen, als dass sie
den wunden Fleck auch der besten unserer Einrichtungen bezeichnet, die Trägheit
nämlich und Bequemlichkeit der mit diesen Dingen Beauftragten, welche sich für
Erzieher ausgeben.
 
                              Siebzehntes Kapitel
                            Flucht zur Mutter Natur
Der Kummer und die Niedergeschlagenheit meinerseits waren nicht allzu gross; ich
hatte dem Lehrer des Französischen einige Bücher zurückzustellen, da er mir mit
Wohlwollen ehrwürdige Franzbände französischer Klassiker zu leihen pflegte. Auch
führte er mich einige Male in einer grossen Bibliotek umher, mir respektvolle
Vorbegriffe vom Bücherwesen beibringend. Als ich zu ihm kam, drückte er mir sein
Bedauern über das Geschehene aus und gab mir zu verstehen, wie ich es nicht
allzu hoch aufzunehmen hätte, da seines Wissens die Mehrzahl der Lehrer, gleich
ihm, nicht unzufrieden mit mir wären. Ferner lud er mich ein, ihn zu besuchen
und seinen Rat zu holen, wenn ich Lust hätte, das Französische weiter zu
betreiben. Ich sah ihn zwar nicht wieder im Wechsel der Zeit; aber seine Worte
gaben mir eine gewisse Genugtuung, dass ich mich nun frei fühlte wie der Vogel in
der Luft, zumal ich die Bedeutung des Augenblickes und die Wichtigkeit der
Zukunft nicht zu übersehen vermochte.
    Meine Mutter hingegen befand sich in grosser Bedrängnis; sie konnte bestimmt
annehmen, dass der Vater meine Schulbildung jetzt noch nicht abgeschlossen haben
würde, wenn er noch lebte, und doch sah sie bei ihren beschränkten Mitteln keine
Möglichkeit, mir Privatlehrer zu halten oder mich auf eine auswärtige Schule zu
schicken, noch konnte sie sich den Beruf denken, welchen ich nun am besten
ergriffe, da gerade für eine einsichtvollere Selbstbestimmung der erweiterte
Gesichtskreis der nun verschlossenen höheren Klassen hätte Gelegenheit bieten
sollen. Meine häusliche Beschäftigung hatte in letzter Zeit beinahe
ausschliesslich in Zeichnen und Malen bestanden, und auch in dieser Hinsicht
befand ich mich in einem sonderbaren Verhältnis zur Schule. Dort galt ich für
nichts weniger als für einen talentvollen Zeichner. Monatelang klebte der
gleiche Bogen auf meinem Reissbrette; ich quälte mich verdrossen ab, einen
kolossalen Kopf oder ein Ornament mit dem magern Bleistifte zu kopieren;
Dutzende von Linien wurden ausgelöscht, bis die richtige stehenblieb, das Papier
wurde beschmutzt und durchgerieben und verkündete einen faulen und
verdriesslichen Zeichner. Sobald ich aber nach Hause kam, warf ich diese
Schulkunst beiseite und machte mich mit eifrigem Fleisse hinter meine Hauskunst.
Nach jenem ersten Versuche, eine gemalte Landschaft zu kopieren, hatte ich
fortgefahren, dergleichen Gebilde in Wasserfarben hervorzubringen; da ich nun
aber weiter keine Vorbilder besass, musste ich sie auf eigene Faust ins Leben
rufen und tat dieses mit anhaltendem Fleisse. Der gemalte Ofen unserer Stube
entielt eine Menge kleiner Landschaftsmotive, eine Burg, eine Brücke, einige
Säulen an einem See und solches mehr; ein altes Stammbuch der Mutter sowie eine
kleine Bibliotek verjährter Damenkalender aus ihrer Jugend bargen einen Schatz
sentimentaler Landschaftsbilder, dem lyrischen Texte entsprechend, mit Tempeln,
Altären und Schwänen auf Teichen, mit Liebespaaren, in Kähnen sitzend, und
dunklen Hainen, deren Bäume mir unvergleichlich gestochen schienen. Aus allem
diesem zusammen bildete sich eine höchst unschuldige und sozusagen elementare
Poesie, welche meinem eifrigen Machen zugrunde lag und mich während desselben
beglückte. Ich erfand eigene Landschaften, worin ich alle poetischen Motive
reichlich zusammenhäufte, und ging von diesen auf solche über, in denen ein
einzelnes vorherrschte, zu welchem ich immer den gleichen Wanderer in Beziehung
brachte, mit welchem ich, halb bewusst, mein eigenes Wesen ausdrückte. Denn nach
dem immerwährenden Misslingen meines Zusammentreffens mit der übrigen Welt hatte
eine ungebührliche Selbstbeschauung und Eigenliebe angefangen mich zu
beschleichen; ich fühlte ein weichliches Mitleid mit mir selbst und liebte es,
meine Person symbolisch in die interessanten Szenen zu versetzen, welche ich
erfand. Diese Figur, in einem grünen, romantisch geschnittenen Kleide, eine
Reisetasche auf dem Rücken, starrte in Abendröten und Regenbogen, ging auf
Kirchhöfen oder im Walde oder wandelte auch wohl in glückseligen Gärten voll
Blumen und bunter Vögel. Das Machwerk an der beträchtlichen Sammlung solcher
Bilder, welche sich bereits angehäuft hatte, blieb immer auf dem nämlichen
Standpunkte gänzlicher Erfahrungs- und Unterrichtslosigkeit; nur eine gewisse
Keckheit und Fertigkeit im Auftragen der grellen Farben, welche ich durch die
unablässige Übung erwarb, verbunden mit der kühnen Absicht meiner Unternehmungen
überhaupt, unterschied mein Treiben einigermassen von sonstigen knabenhaften
Spielen mit Bleistift und Farbe und mochte meinen vorläufigen Ausspruch, dass ich
ein Maler werden wolle, veranlassen. Doch wurde jetzt nicht näher darauf
eingegangen, sondern bestimmt, dass ich einige Zeit in dem ländlichen Pfarrhause
bei dem Bruder der Mutter zubringen sollte, um über die nächsten Monate meines
Ungemaches auf gute Weise hinwegzukommen, indessen eine taugliche Zukunft für
mich ermittelt würde.
    Das Heimatdorf lag in einem äussersten Winkel des Landes; ich war noch nie
dort gewesen, so wie auch die Mutter seit manchen Jahren es nicht mehr besucht
hatte und die dortigen Verwandten, mit seltenen Ausnahmen, nie in der Stadt
erschienen. Nur der Oheim Pfarrer kam jedes Jahr einmal auf seinem Klepper
geritten, um an einer Kirchenversammlung teilzunehmen, und schied immer mit
kordialen Einladungen, endlich einmal hinauszuwandern. Er erfreute sich eines
halben Dutzends Söhne und Töchter, welche mir noch so unbekannt waren wie ihre
Mutter, meine rüstige Muhme und geistliche Bäuerin. Ausserdem lebten dort
zahlreiche Verwandte des Vaters, vor allen auch seine leibliche Mutter, eine
hochbejahrte Frau, welche, schon längst an einen zweiten, reichen und finstern
Mann verheiratet, unter dessen harter Herrschaft in tiefer Zurückgezogenheit
lebte und nur selten mit den Hinterlassenen ihres früh gestorbenen Sohnes einen
sehnsüchtigen Gruss aus der Ferne wechselte. Das Volk lebte noch in der stillen
Einschränkung und Entsagung vergangener Jahrhunderte, wo besonders die Frauen,
wenn sie einmal durch einige Meilen getrennt waren, einander nicht wieder oder
nur bei seltenen, hochwichtigen Ereignissen sahen, bei welchen es alsdann
wahrhaft episch herging und Tränen der Rührung und schmerzlicher oder froher
Erinnerung ihren Augen entflossen, während die Männer wohl sich vom Orte
bewegten, aber in ernstem Geschäftssinne an den Türen halbverschollener
Verwandter vorübergingen, wenn sie keinen Rat zu bringen oder zu holen hatten.
Jetzt ist das Volk wieder lebendiger geworden; durch die erleichterten
Verkehrsmittel, durch das wiedererstandene öffentliche Leben und zahlreiche
Volksfeste veranlasst, bewegt es sich fröhlich von der Stelle und macht damit
zugleich seinen Geist wieder jung und fruchtbar, und nur beschränkte Eiferer
predigen noch gegen die festliche Wanderlust derer, die den Pflug führen, und
ihrer Kinder.
    Meine Mutter befahl mir, insbesondere der einsamen überlebenden Grossmutter
so viele Zeit als möglich zu widmen und in Ehrerbietung und Liebe bei ihr
auszuharren, solange es ihr gefiele, mich um sich zu haben und von meinem Vater,
ihrem Sohne, zu reden.
    So machte ich mich eines Morgens vor Sonnenaufgang auf die Füsse und trat den
weitesten Weg an, den ich bis dahin unternommen hatte. Ich genoss zum ersten Male
das Morgengrauen im Freien und sah die Sonne über nachtfeuchten Waldkämmen
aufgehen. Ich wanderte den ganzen Tag, ohne müde zu werden, kam durch viele
Dörfer und war wieder stundenlang allein in gedehnten Waldungen oder auf freien
heissen Höhen, mich oft verirrend, aber die verlorene Zeit nicht bereuend, weil
ich fortwährend in meinen Gedanken beschäftigt war und zum ersten Mal, durch
mein stilles Wandern bewegt, von der ernsten Betrachtung des Schicksals und der
Zukunft erfüllt wurde. Kornblumen und roter Mohn und in den Wäldern bunte Pilze
begleiteten mich längs der ganzen Strasse; wunderschöne Wolken bildeten sich
unablässig und zogen am tiefen stillen Himmel dahin; ich ging immerzu, indessen
mich das selbstgefällige Mitleid mit mir selbst, welches mir die Welt
aufgedrängt hatte, wieder überkam, bis ich gegen alle Gewohnheit bitterlich
weinte. Ich wusste mich vor Betrübnis nicht zu lassen und sass an einer schattigen
Quelle nieder, immer schluchzend, bis ich mich schämte, mein Gesicht wusch und
über mich selbst erbost den Rest des Weges zurücklegte. Endlich sah ich das Dorf
zu meinen Füssen liegen in einem grünen Wiesentale, welches von den Krümmungen
eines leuchtenden kleinen Flusses durchzogen und von belaubten Bergen umgeben
war. Die Abendsonne lag warm auf dem Tale, die Kamine rauchten freundlich,
einzelne Rufe klangen herüber. Bald befand ich mich bei den ersten Häusern, ich
fragte nach dem Pfarrhofe, und die Leute, welche an meinen Augen und meiner Nase
erkannten, dass ich zu dem Geschlechte der Lee gehöre, fragten mich, ob ich
vielleicht ein Sohn des verstorbenen Baumeisters sei?
    So gelangte ich zu der Wohnung meines Oheims, welche von dem rauschenden
Flüsschen bespült und mit grossen Nussbäumen und einigen hohen Eschen umgeben war;
die Fenster blinkten zwischen dichtem Aprikosen- und Weinlaube hervor, und unter
einem derselben stand mein dicker Oheim in grüner Jacke, ein silbernes
Waldhörnchen, in welchem eine Zigarre rauchte, im Munde und eine Doppelflinte in
der Hand. Ein Flug Tauben flatterte ängstlich über dem Hause und drängte sich um
den Schlag, mein Oheim sah mich und rief sogleich: »Haha, da kommt unser Neveu!
das ist gut, dass du da bist, schnell heraufspaziert!« Dann sah er plötzlich in
die Höhe, schoss in die Luft, und ein schöner Raubvogel, welcher über den Tauben
gekreist hatte, fiel tot zu meinen Füssen. Ich hob ihn auf und trug ihn, durch
diesen tüchtigen Empfang angenehm begrüsst, meinem Oheim entgegen.
    In der Stube fand ich ihn allein neben einer langen Tafel, die für viele
Personen gedeckt war. »Eben kommst du recht!« rief er, »wir halten heute das
Erntefest, gleich wird das Volk dasein!« Dann schrie er nach seiner Frau, sie
erschien mit zwei mächtigen Weingefässen, stellte sie ab und rief: »Ei, ei, was
ist das für ein Bleichschnabel, für ein Milchgesicht? Warte, du sollst nicht
mehr fort, bis du so rote Backen hast wie dein seliger Vater! Wie geht's der
Mutter, was ist das, warum kommt sie nicht mit?« Sogleich richtete sie mir an
der Tafel ein vorläufiges Mahl zu und schob mich, als ich zögerte, ohne weiteres
auf den Stuhl und befahl mir, stracks zu essen und zu trinken. Indessen näherte
sich Geräusch dem Hause, der hohe Garbenwagen schwankte unter den Nussbäumen
heran, dass er die untersten Äste streifte, die Söhne und Töchter mit einer Menge
anderer Schnitter und Schnitterinnen gingen nebenher unter Gelächter und Gesang;
der Oheim, seine Flinte reinigend, schrie ihnen zu, ich wäre da, und bald fand
ich mich mitten im fröhlichen Getümmel. Erst spät in der Nacht legte ich mich zu
Bette bei offenem Fenster; das Wasser rauschte dicht unter demselben, jenseits
klapperte eine Mühle, ein majestätisches Gewitter zog durch das Tal, der Regen
klang wie Musik und der Wind in den Forsten der nahen Berge wie Gesang; und die
kühle erfrischende Luft atmend, schlief ich sozusagen an der Brust der
gewaltigen Natur ein.
 
                              Achtzehntes Kapitel
                                 Die Sippschaft
Am frühen Morgen, als Sonnenglanz durch das Laubwerk ins Zimmer drang, wurde ich
auf eigentümliche Weise geweckt. Ein junger Edelmarder mit zartem Pelze sass auf
meiner Brust und beschnüffelte mit den feinen hastigen Atemstössen seiner spitzen
kühlen Schnauze meine Nase und huschte, als ich die Augen aufschlug, unter die
Bettdecke, blinzelte da und dort hervor und versteckte sich wieder. Als ich aus
dieser Erscheinung nicht klug wurde, brachen meine jungen Vettern aus ihrer
Schlafkammer, in welcher sie gelauscht hatten, lachend hervor, veranlassten das
behende Tier zu den anmutigsten und possierlichsten Sprüngen und erfüllten das
Zimmer mit Fröhlichkeit. Dadurch herangelockt, drang eine Meute schöner Hunde
her ein, ein zahmes Reh erschien neugierig unter der Tür, eine prachtvolle graue
Katze folgte und schmiegte sich durch das Getümmel, die spielenden und
zutäppischen Hunde würdevoll ab weisend; Tauben sassen auf dem Fenster, Menschen
und Tiere, die ersteren kaum halb angezogen, jagten sich durcheinander. Alle
aber hielt der kluge Marder zum besten und schien viel eher mit uns zu spielen
als wir mit ihm. Nun erschien auch der Oheim mit dem rauchenden Waldhörnchen,
uns eher noch zu Unfug anspornend als abwehrend; seine frisch blühenden Töchter
folgten ihm, um nach der Ursache des Geräusches zu sehen und uns zu Frühstück
und Ordnung zu rufen, mussten sich aber bald ihrer Haut wehren, da ein Krieg
allgemeiner Neckerei sich gegen sie entspann, an dem sogar die Hunde teilnahmen,
welche sich die Parole der erlaubten Ausgelassenheit am frühen Morgen nicht
zweimal geben liessen, sondern sich tapfer an die starken Kleidersäume der
scheltenden Mädchen hingen. Ich sass an dem offenen Fenster und atmete die
balsamische Morgenluft; die glitzernden Wellen des raschen Flüsschens flimmerten
wider an der weissen Zimmerdecke, und ihr Reflex überstrahlte das Angesicht jenes
seltsamen Kindes Meret, dessen altertümliches Bild an der Wand hing. Es schien
unter dem Wechseln des spielenden Silberscheines zu leben und vermehrte den
Eindruck, den alles auf mich machte. Dicht unter dem Fenster wurde Vieh
getränkt, Kühe, Ochsen, junge Rinder, Pferde und Ziegen gingen in der Mitte des
klaren Wassers, tranken in bedächtigen Zügen und sprangen mutwillig davon; das
ganze Tal war lebendig und glänzte vor Frische, und sein Rauschen vermischte
sich mit dem Gelächter in meinem Zimmer; ich fühlte mich glücklicher als ein
junger Fürst, bei welchem glänzendes Lever gehalten wird. Endlich erschien die
Muhme und befahl uns ohne Widerstand zum Frühstück.
    Ich sah mich wieder an den langen Tisch versetzt, um welchen die zahlreiche
Familie mit ihren Schützlingen und Tagewerkern versammelt war. Letztere kamen
schon von mehrstündiger Arbeit und erholten sich von der ersten leichten Müde,
von der erstarkten Sonne als Morgengruss gesendet. Alles ass kräftige Hafersuppe,
in welche reichlich Milch gegossen wurde; nur am obern Ende, zwischen Vater,
Mutter und der ältesten Tochter, herrschte die Kaffeetasse, und ich, als Gast
diesem vornehmen Anhängsel beigefügt, sah mit Neid in die frische Suppenregion
hinüber, wo fröhliche Spässe getauscht wurden. Doch bald brach die Gesellschaft
wieder auf, um zur Arbeit auf dem fernen heissen Felde oder in Scheunen und Stall
sich zu zerstreuen. Die Auszüge des Tisches wurden ineinandergeschoben, dass er,
eine schwere Masse glänzenden Nussbaumholzes, still in der geleerten Stube stand,
bis die Hausfrau einen mächtigen Korb Hülsenfrüchte darauf schüttete, um sie für
das Mittagsmahl vorzubereiten, und dem Oheim kaum für seine Hefte Raum liess, in
welchen er den diesjährigen Ertrag seiner Felder aufschrieb, mit den früheren
Jahrgängen, und überdies noch das Verhalten der einzelnen Äcker untereinander
verglich. Der jüngste Sohn, etwa in meinem Alter, musste ihm, hinter seinem
Stuhle stehend, Bericht erstatten, und als er seiner Pflicht genügt hatte,
forderte er mich auf, mit ihm hinauszustreifen und etwa mitzuarbeiten, wo es uns
am besten gefiele, vorzüglich aber uns bei dem Zwischenimbiss einzufinden, der
auf dem Felde gehalten würde und wo es an Scherz nicht fehle. Indessen erschien
aber ein Sendbote der Grossmutter, die von meiner Ankunft gehört hatte und mich
einlud, sogleich zu ihr zu kommen. Mein Vetter bot sich mir zur Begleitung an;
ich putzte mich, nicht ohne Ziererei, halb einfach ländlich, halb komödiantisch
heraus, und wir gingen auf den Weg, welcher zuerst über den Kirchhof führte, der
auf einer kleinen Höhe gelegen ist. Dort duftete es gewaltig von tausend Blumen,
eine flimmernde, summende Welt von Licht, Käfern und Schmetterlingen, Bienen und
namenlosen Glanztierchen webte über den Gräbern hin und her. Es war ein feines
Konzert bei beleuchtetem Hause, wogte auf und nieder, erlöschte bis auf das
gehaltene Singen eines einzelnen Insektes, belebte sich, wieder und schwellte
mutwillig und volltönig an; dann zog es sich in die Dunkelheiten zurück, welche
die Jasmin-und Holunderbüsche über den Grabzeichen bildeten, bis eine brummende
Hummel den Reigen wieder ans Licht führte; die Blumenkelche nickten im Rhytmus
vom fortwährenden Absitzen und Auffliegen der Musikanten. Und unter diesem
zarten Gewebe lag das Schweigen der Gräber und der Jahrhunderte seit den Tagen,
wo dieser Zweig alemannischen Volkes sich hier festgesetzt und die erste Grube
gegraben. Ihr Wort, Spuren ihrer Sitte und ihrer Gesetze leben noch im grünen
Gau, auf den Berghöfen, in den kleinen grauen Steinstädten, die an den Flüssen
hangen oder an Halden lehnen. Ich empfand eine Art von Scheu, vor die ergraute
Frau zu treten, die ich noch nie gesehen und mir eher als eine gestorbene
Vorfahrin denn als eine lebendige Grossmutter erschien. Auf engen Pfaden, unter
fruchtbeschwerten Bäumen hin, um stille Gehöfte herum gelangten wir endlich vor
ihr Haus, welches in tiefgrünem, schweigendem Schatten lag; sie stand unter der
braunen Tür und schien, die Hand über den Augen, sich nach mir umzusehen.
Sogleich führte sie mich in die Stube hinein und hiess mich mit sanfter Stimme
willkommen, ging zu einem blanken zinnernen Giessfasse, welches in gebohnter
Eichenholznische über einer schweren zinnernen Schale hing, drehte den Hahn und
liess sich das klare Wasser über die kleinen gebräunten Hände strömen. Dann
setzte sie Wein und Brot auf den Tisch, stand lächelnd, bis ich getrunken und
gegessen hatte, und setzte sich hierauf ganz nahe zu mir, da ihre Augen schwach
waren, betrachtete mich unverwandt, während sie nach der Mutter und unserm
Ergehen fragte und doch zugleich in Erinnerung früherer Zeit versunken schien.
Auch ich sah sie aufmerksam und ehrerbietig an und behelligte sie nicht mit
kleinen Berichten, welche mir nicht hieher zu gehören schienen. Sie war schlank
und fein gewachsen, trotz ihres hohen Alters beweglich und aufmerksam, keine
Städterin und keine Bäuerin, sondern eine wohlwollende Frau; jedes Wort, das sie
sprach, war voll Güte und Anstand, Duldung und Liebe, von aller Schlacke übler
Gewohnheit gereinigt, gleichmässig und tief. Es war noch ein Weib, bei dem man
begreifen konnte, wie die Alten das verdoppelte Wergeld des Mannes forderten,
wenn es erschlagen oder beschimpft wurde.
    Ihr Mann erschien, ein diplomatischer und gemessener Bauer; er begrüsste mich
mit freundlicher Teilnahmlosigkeit, und nachdem er mit einem Blicke gesehen, dass
ich eine ähnliche »phantastische« Natur wie mein Vater und deshalb in der
Zukunft weder Ansprüche noch Streitigkeiten zu befürchten seien, liess er seine
Frau in ihrer Freude gewähren, gab ihr sogar gelassen zu verstehen, dass sie mich
nach Gefallen bewirten dürfe, und ging wieder seine Wege.
    Ich blieb einige Stunden bei ihr, ohne dass, wir viel sprachen; sie sass
stillvergnügt neben mir und schlief endlich lächelnd ein. Über ihre
geschlossenen Augen ging eine leise Bewegung wie das Wallen eines Vorhanges,
hinter welchem etwas vorgeht, man ahnte, dass sich dort Bilder in zartem,
verjährtem Sonnenscheine zeigten, und die freundlichen Lippen verkündeten es in
schwachen Regungen. Als ich mich erhob, um behutsam fortzugehen, erwachte sie
sogleich, hielt mich an und betrachtete mich fremd; wie in ihrer Person das
meinem Dasein Vorhergegangene gross und unvermittelt vor mir stand, mochte ich
als die Fortsetzung ihres Lebens, als ihre Zukunft dunkel und rätselhaft vor ihr
stehen, da meine Tracht wie meine Sprache von allem abwich, worin sie sich
lebenslang bewegt hatte. Sie schritt gedankenvoll in die Nebenkammer, wo sie in
einem hohen Schranke einen Vorrat neuer Kleinigkeiten aufbewahrte, die sie von
fahrenden Krämern zu kaufen pflegte, um sie gelegentlich an das junge Volk zu
verschenken. Statt eines mächtigen Taschentuches ergriff sie, ihres blöden
Gesichtes wegen, ein kleines rotseidenes Halstuch, wie es Landmädchen tragen,
und gab mir es, noch in das gleiche Papier gewickelt, in dem sie es gekauft. Ich
musste ihr versprechen, jeden Tag zu kommen und nächstens einmal dort zu speisen.
    Klein Vetter hatte sich längst entfernt, und ich suchte allein meinen
Heimweg, das rote Tüchelchen in der Tasche. Bei einem Hause vorbeigehend,
bemerkte ich einige derbe Kinder, welche wie der Blitz hineinliefen und dort
lärmend etwas riefen. Eine Frau kam heraus, holte mich ein, kündigte sich als
Base an und fragte, ob ich denn nichts von ihr und ihrer Familie wisse? Ich
bejahte die Frage, indem ich mich entschuldigte, sie nicht gekannt zu haben. Sie
nötigte mich nun in das Haus, wo es von frischgebackenem Brote duftete und eine
lange Treppe von unten bis oben mit grossen viereckigen und runden Kuchen bedeckt
war, auf jeder Staffel einer, um zu verkühlen. Während diese Base, ein rüstiges
Weib in voller Blüte der Arbeitslust und Kraft, schnell ihre Haare zurückstrich
und eine Schürze umband, hockten die Kinder alle hinter dem heissen Ofen und
guckten scheu, doch kichernd hervor. Meine neue Gönnerin verkündigte, dass ich
gerade zu einer guten Stunde gekommen sei, da sie heute gebacken hätte;
zerschnitt sogleich einen grossen Kuchen in vier Stocke und setzte Wein dazu, um
dann den Tisch für das Mittagsmahl zu decken. Dieses Haus hatte nicht den
patriarchalischen Anstrich wie dasjenige der Grossmutter; man sah keine Geräte
von Nussbaum, sondern nur von Tannenholz; die Wände waren noch von frischer
Holzfarbe, die Ziegel auf dem Dache hellrot wie das zutage tretende Gebälke und
vor dem Hause wenig oder kein Baumschatten; die Sonne lag heiss auf dem weiten
Gemüsegarten, in welchem nur ein bescheidenes Blumenrevier verkündete, dass diese
Haushaltung einen jungen Wohlstand zu begründen im Begriffe und vorderhand an
den prosaischen Nutzen gewiesen sei. Nun kam der Mann vom Felde mit dem ältesten
Knaben, besorgte, obgleich er vernahm, dass ich in der Stube sei, erst seine
Ochsen und Kühe, wusch sich am Brunnen gemächlich die Hände und trat dann,
dieselben mir reichend, fest und ruhig herein, sogleich nachsehend, ob seine
Frau mich gehörig bewirte. dabei zeigten die Leute keinerlei Ziererei, als ob
ihre Gaben zu gering wären; denn der Bauer ist der einzige, welcher nur sein
Brot als das beste erachtet und es als solches jedermann anbietet. Seine
Leckerbissen sind die Erstlinge jeder Frucht; die neue Kartoffel, die erste
Birne, die Kirschen und die Pflaumen gehen ihm über alles, und er schätzt sie so
hoch, dass er wunder glaubt was zu gewinnen, wenn er von fremden Bäumen im
Vorübergehen eine Handvoll erhaschen kann, während er an den bunten Leckereien
der Städte gleichgültig vorübergeht. Diese Überzeugung, dass er das Beste und
Gesundeste biete, geht auf den Gast über, welcher sich alsbald einer kräftigen
Esslust hingibt, ohne sie zu bereuen. Darum sass ich schmächtiges »Vetterlein«
wieder tapfer schmausend hinter dem Tische, obgleich ich heute schon ein
Erkleckliches getan hatte. Mit Wohlwollen überhäuften mich die Verwandten und
betrachteten mich, wie jeden Städter, der nicht ein Zinsherr ist, als einen
Hungerschlucker. Sie führten ein lebhaftes Gespräch über unser Schicksal und
befragten mich des genauesten nach allen unseren Umständen.
    Nachdem ich noch den Stall besehen und in der Scheune jeder Kuh eine Gabel
voll Klee hinübergeschoben, verabschiedete ich mich; die Base liess es sich aber
nicht nehmen, mich ein Stück Weges zu begleiten, um mich schnell noch einer
anderen Base vorzustellen, wo ich mich nicht lange aufzuhalten brauche für
dieses Mal. Ich fand eine freundliche Matrone, nicht ganz von dem edlen und
feinen Wesen meiner Grossmutter, aber doch anständig und wohlwollend. Sie wohnte
allein mit einer Tochter, welche früher, einer häufigen Sitte gemäss, zwei Jahre
in der Stadt gedient, dann einen vermöglichen Bauern geheiratet hatte und nach
dessen baldigem Tode nun als Witwe lebte. Kaum zweiundzwanzig Jahre alt, war sie
von hohem und festem Wuchse, ihr Gesicht hatte den ausgeprägten Typus unsers
Geschlechtes, aber durch, eine ungewöhnliche Schönheit verklärt; besonders die
grossen braunen Augen und der Mund mit dem vollen runden Kinn machten
augenblicklichen Eindruck. Dazu schmückte sie ein schweres dunkles, fast nicht
zu bewältigendes Haar. Sie galt für eine Art Lorelei, obschon sie Judit hiess,
auch niemand etwas Bestimmtes oder Nachteiliges von ihr wusste. Dies Weib trat
nun herein, vom Garten kommend, etwas zurückgebogen, da sie in der Schürze eine
Last frischgepflückter Ernteäpfel und darüber eine Masse gebrochener Blumen
trug. Dies schüttete sie alles auf den Tisch, wie eine reizende Pomona, dass ein
Gewirre von Form, Farbe und Duft sich auf der blanken Tafel verbreitete. Dann
grüsste sie mich mit städtischem Akzente, indessen sie aus dem Schatten eines
breiten Strohhutes neugierig auf mich herabsah, sagte, sie hätte Durst, holte
ein Becken mit Milch herbei, füllte eine Schale davon und bot sie mir an; ich
wollte sie ausschlagen, da ich schon genug genossen hatte, allein sie sagte
lachend: »Trinkt doch!« und machte Anstalt, mir das Gefäss an den Mund zu halten.
Daher nahm ich es und schlürfte nun den marmorweissen und kühlen Trank mit einem
Zuge hinunter und mit demselben ein unbeschreibliches Behagen, wobei ich sie
ganz ruhevoll ansah und so ihrer stolzen Ruhe das Gleichgewicht hielt. Wäre sie
ein Mädchen von meinem Alter gewesen, so hätte ich ohne Zweifel meine
Unbefangenheit nicht bewahrt. Doch war dies alles nur ein Augenblick, und als
ich mir darauf mit den Blumen zu schaffen machte, zwang sie sogleich einen
grossen Strauss von Rosen, Nelken und stark duftenden Kräutern zusammen und
steckte mir denselben wie ein Almosen in die Hand; das alte Mütterchen füllte
meine Taschen mit Äpfeln, dass ich nun, mit Gaben förmlich beladen, ohne
Widerrede gedemütigt von dannen zog, von sämtlichen Frauen zu fleissigem Besudle
bei ihnen, wie bei den noch übrigen Verwandten, aufgefordert.
 
                              Neunzehntes Kapitel
                                  Neues Leben
Es war schon tiefer Nachmittag, als ich endlich das Haus meines Oheims
wiederfand, und zwar verschlossen, weil alle Bewohner ins Freie gegangen; doch
wusste ich, dass ich durch Scheune und Stall ein Schlupfloch finden würde. In der
Scheune sprang mir das Reh entgegen und schloss sich mir unverweilt an; im Stalle
sahen sich die Kühe nach mir um, und ein lediges Rind tappte halbwegs auf mich
zu und machte Anstalt, einen vertraulichen Satz gegen mich zu nehmen, dass ich
mich furchtsam in den nächsten Raum salvierte, der ganz mit Ackergerätschaften
und Holzgerümpel angefüllt war. Aus dem dunklen Wirrsal hervor schoss mit
vergnüglichem Murren der Marder, welcher sich hier einsam gelangweilt hatte, und
sass mir im Augenblicke auf dem Kopfe, mir mit dem Schwanz um die Backen
schlagend und vor Freude tollen Unsinn treibend, dass ich laut lachen musste. So
gelangte ich mit meiner Gesellschaft in den helleren, bewohnten Teil des Hauses
und fand endlich die Wohnstube, wo ich meine Bürde von Blumen, Früchten und
Tieren abwarf. Auf dem Tische stand mit Kreide geschrieben, wo ich zu essen
finden würde, im Falle ich Lust hätte, nebst allerlei beigefügten Witzen des
jungen Volkes; aber ich zog vor, mir das Geburtshaus meiner Mutter nun
gemächlich anzusehen.
    Der Oheim hatte schon seit einigen Jahren dem geistlichen Stande entsagt, um
sich ganz seinen Neigungen hinzugeben. Da die Gemeinde ohnehin willens war, ein
neues Pfarrhaus zu bauen, kaufte der Oheim dazumal das alte Pfarrhaus von ihr,
welches ursprünglich eigentlich der Landsitz eines Herren gewesen war und daher
steinerne Treppen mit Eisengeländern, in Gips gearbeitete Plafonds, einen Saal
mit einem Kamine, viele Zimmer und Räume und überall eine Unzahl fast schwarzer
Ölgemälde entielt. In dieses Wesen hinein hatte der Oheim, unter das gleiche
Dach, seine Landwirtschaft geschoben, indem er einen Teil der Wohnung
herausgebrochen, dass sich beide Elemente, das junkerhafte und das bäuerliche,
verschmolzen und durch wunderliche Türen und Durchgänge verbanden. Aus einem mit
Jagden bemalten und mit alten teologischen Werken versehenen Zimmer sah man
sich, wenn man eine Tapetentür öffnete, plötzlich auf den Heuboden versetzt.
Unter dem Dache fand ich eine kleine Mansarde, deren Wände mit alten
Hirschfängern und Galanteriedegen sowie mit unbrauchbarem Schiessgewehr bedeckt
waren; eine lange spanische Klinge mit trefflich gearbeitetem stählernen Griffe
war ein Prachtstück und mochte schon seltsame Tage gesehen haben. Ein paar
Folianten lagen bestäubt in der Ecke; in der Mitte des Zimmers stand ein mit
Leder bezogener zerfetzter Lehnstuhl, so dass nur der Don Quixote fehlte, um das
Ganze zu einem Bilde zu machen. Übrigens setzte ich mich behaglich hinein und
dachte an den guten Herrn, dessen Geschichte ich einst aus dem Französischen des
Mr. Florian übersetzt hatte. Ich hörte ein seltsames Geräusch, Gurren und
Krabbeln an der Wand, schlug einen hölzernen Schieber zurück und steckte den
Kopf hindurch in den heissen Taubenschlag, welcher alsobald in solchen Alarm
geriet, dass ich mich zurückziehen musste. Ferner entdeckte ich die Schlafzimmer
der Töchter, stille Gelasse mit grünen Fenstergärtchen und überdies von treuen
Baumwipfeln bewacht, mit geretteten Stücken blumiger Tapeten bekleidet, wo die
Rokokospiegel des ehemaligen Herrensitzes eine ehrenvolle Zuflucht im Alter
gefunden hatten; so auch die grosse Kammer der Söhne, welche mit den Spuren
einiger nicht zu tiefen Studien und den Werkzeugen des ländlichen Müssigganges,
mit Angelzeug und Vogelgarnen, verziert war.
    Gegen Osten sahen die Fenster des Hauses in das Wirrsal von Obstbäumen und
Dachgiebeln des Dorfes, aus welchem der erhöhte Kirchhof mit der weissen Kirche
wie eine geistliche Festung emporragte; nach der Abendseite schaute die hohe
lange Fensterflucht des Saales über ein sattgrünes Wiesental, durch welches sich
der Fluss in vielen Armen und Windungen buchstäblich silbern schlängelte, da er
höchstens zwei Fuss tief war und wie Brunnenwasser in lebendigen heftigen Wellen
über weisses Geschiebe floss. Jenseits dieses Wiesengrundes stieg eine waldige
Berghalde auf, an welcher alle Laubarten durcheinanderwogten, von grauen
Felswänden und Kuppen unterbrochen. Die untergehende Sonne aber hatte einen
freien Ausgang über fernere Blauberge und übergoss das Tal alle Abend mit Glut,
dass man an den Fenstern des Saales im Roten sass, ja die Röte drang durch diesen
hin, wenn seine Türen geöffnet, ins Innere des Hauses und überzog Gänge und
Wände. Gemüse- und Blumengärten, vernachlässigte Zwischenräume, Holunderbüsche
und eingefasste Quellen, alles von Bäumen überschattet, bildeten eine reizende
Wildnis weit herum und dehnten sich noch mittelst einer kleinen Brücke über das
Wasser hinaus. Die etwas weiter oben liegende Mühle aber gab sich nur durch das
Geräusch und durch das Blitzen und Stäuben des Rades kund, welches unter den
Bäumen durchleuchtete. Das Ganze war eine Verschmelzung von Pfarrei, Bauernhof,
Villa und Jägerhaus, und mein Herz jubelte, als ich alles entdeckte und übersah,
umgaukelt von der geflügelten und vierfüssigen Tierwelt. Hier war überall Farbe
und Glanz, Bewegung, Leben und Glück, reichlich, ungemessen, dazu Freiheit und
Überfluss, Scherz und Wohlwollen. Der erste Gedanke war eine freie ungebundene
Tätigkeit. Ich eilte auf mein Zimmer, welches auch nach der Abendseite lag, und
begann meine indessen angekommenen Sachen auszupacken, meine Schultücher und
abgebrochenen Hefte, welche ich so gut möglich noch zu pflegen gedachte,
vorzüglich aber einen ansehnlichen Vorrat von Papier verschiedener Art, Federn,
Bleistifte und Farben, vermittelst deren ich schreiben, zeichnen, malen wollte,
weiss Gott was alles! In diesem Augenblicke wandelte sich der bisherige
Spieltrieb in eine ganz neuartige Lust zu Schaffen und Arbeit, zu bewusstem
Gestalten und Hervorbringen um. Mehr als alles vorhergehende Ungemach weckte
dieser eine, so einfache und doch so reiche Tag den ersten Schein der Klarheit,
die Morgendämmerung der reiferen Jugend in mir auf. Als ich meine bisher
übermalten Streifen und Bogen auf dem grossen Bette ausbreitete, dass es mit
wunderlich bunter Decke bezogen war, fühlte ich mich mit einem Male über diese
Dinge hinausgerückt und mit dem Bedürfnis auch den Willen, sogleich einen
Fortschritt aus mir selbst hervorzuzwingen.
    Mein Oheim trat, von einer Aufsichtswanderung zurückgekehrt, zu mir herein
und sah mich mit Verwunderung von meinem Krame umgeben. Die kindliche
Renommisterei und Keckheit meiner Machwerke, die marktschreierischen Farben
imponierten seinem ungeübten Auge, und er rief: »Ei, du bist ja ein ganzer
Maler, Herr Neveu! Das ist nun recht; da hast du ja auch eine Menge Papier und
Farben? Gut! Was hast du hier für Sachen, wo hast du sie hergenommen?« Ich
erwiderte, dass ich alles aus dem Kopfe gemacht hätte. »Ich will dir nun andere
Aufgaben stellen«, sagte er, »du sollst nun unser Hofmaler sein! Gleich morgen
sollst du versuchen, unser Haus zu zeichnen mit Gärten und Bäumen, und alles
genau nachbilden! Auch kann ich dir manchen schönen Punkt in unserer Gegend
zeigen, wo du interessante Prospekte aufnehmen magst; das wird dich üben und dir
nützlich sein. Ich wollte selbst, ich hätte dergleichen geübt. Halt, ich kann
dir einige hübsche Sachen zeigen, welche von einem Herrn herrühren, der vor
vielen Jahren oft bei uns zu Gast war, als wir immer Besuch aus der Stadt
hatten. Er malte zu seinem Vergnügen in Öl, in Wasserfarben und stach in Kupfer
oder radierte, wie er es nannte, und war geschickt, trotz einem Künstler!«
    Er holte eine alte Mappe herbei, welche mit einer ansehnlichen Schnur
umwickelt war, und indem er sie öffnete, sagte er: »Ich habe bei Gott diese
Dinge längst vergessen, ich seh sie selbst einmal gern wieder! Der gute Junker
Felix liegt in Rom begraben, schon manches lange Jahr; er war ein alter
Junggesell, trug gepuderte Haare und ein Zöpfchen noch anfangs der zehner Jahre;
er malte und radierte den ganzen Tag, ausgenommen im Herbste, wo er mit uns
jagte. Damals, zu Anfang der zehner Jahre, kamen ein paar junge Herren aus
Italien zurück, worunter ein Malergenie. Diese Bursche machten einen Teufelslärm
und behaupteten, die ganze alte Kunst sei verkommen und würde eben jetzt in Rom
wiedergeboren von deutschen Männern. Alles, was vom Ende des vorigen
Jahrhunderts her datiere, das Geschwätz des sogenannten Goete von Hackert,
Tischbein und dergleichen, das sei alles Lumperei, eine neue Zeit sei
angebrochen. Diese Redensarten störten meinen armen Felix urplötzlich in seinem
bisherigen Lebensfrieden; umsonst suchten ihn seine alten Künstlerfreunde, mit
denen er schon manchen Zentner Tabak verraucht hatte, gelassen zur Ruhe zu
bringen, indem sie sagten, er möge doch die jungen Fänte schreien lassen, die
Zeit werde so gut über sie hinweggehen wie über uns! Alles umsonst! Eines
Morgens schloss er seinen hagestolzlichen Kunsttempel zu und rannte wie verrückt
nach dem St. Gottard, hinüber und kam nicht wieder. Nachdem ihm die Halunken zu
Rom den Zopf abgeschnitten bei einer Sauferei, verlor er allen Halt und alle
Ehrbarkeit und starb in seinen alten Tagen nicht an Altersschwäche, sondern an
dem römischen Wein und an den römischen Weibsbildern. Diese Mappe liess er
zufällig bei uns zurück.«
    Wir durchblätterten nun die vergilbten Papiere; es waren ein Dutzend
Baumstudien in Kreide und Rotstift, nicht sehr körperlich und sicher gezeichnet,
doch von einem eifrigen dilettantischen Streben zeugend, nebst einigen
verblassten Farbenskizzen und einer grossen in Öl gemalten Eiche. »Dies nannte er
Baumschlag«, sagte mein Oheim, »und machte ein grosses Wesen daraus. Das
Geheimnis desselben hatte er im Jahre 1780 in Dresden erlernt bei seinem
verehrten Meister Zink, oder wie er ihn nannte. Es gibt, pflegte er zu sagen,
zwei Klassen von Bäumen, in welche alle zerfallen, in die mit runden und die mit
gezackten Blättern. Daher gibt es zwei Manieren die gezackete Eichenmanier und
die gerundete Lindenmanier! Wenn er bestrebt war, unseren jungen Damen das
geläufige Schreiben dieser Manieren beizubringen, so sagte er, sie müssten sich
vor allem an einen gewissen Takt gewöhnen, zum Beispiel beim Zeichnen dieser
oder jener Blattart zählen: Eins zwei, drei - vier fünf, sechs! - Das ist ja der
Walzertakt! schrieen die Mädchen und begannen um ihn herumzutanzen, bis er
wütend aufsprang, dass ihm der Zopf wackelte!«
    So gewann ich auf dem seltsamen Wege einer Tradition, deren Träger selbst
der Sache fremd war, den ersten Anhaltspunkt. Ich betrachtete die Blätter stumm
und aufmerksam und bat mir die Mappe zur freien Verfügung aus. Sie entielt
überdies noch eine Anzahl radierter Landschaften, einige Waterloos, einige
idyllische Haine von Gessner mit sehr hübschen Bäumen, deren Poesie mich
frappierte und sogleich einnahm, bis ich eine Radierung von Reinhart entdeckte,
gelb und beschmutzt, knapp am Rande beschnitten, deren Kraft, Schwung und
Gesundheit mächtig zu mir sprach und aus dem verzettelten Stückchen Papier
gewaltig herausleuchtete. Während ich staunend das Blatt in der Hand hielt (ich
hatte bis jetzt nie etwas wahrhaft Künstlerisches gesehen), kam der Oheim wieder
und rief: »Komm mit, Neveu Maler! der Herbst wird bald genug dasein, und da
müssen wir sehen, wie es vorläufig um die Häslein und Füchslein, um Hühner und
derlei Volk steht! Es ist ein schöner Abend, wir wollen ohne Gewehr ein bisschen
auf den Anstand gehen, da kann ich dir zugleich hübsche Prospekte zeigen.«
    Er ergriff aus einem Winkel, wo eine Menge alter spanischer Rohre versammelt
war, einen tüchtigen Stock, gab mir auch einen solchen, pustete aus seinem
Waldhörnchen den abgebrannten Zigarrenstumpf heraus, steckte einen frischen
Glimmstengel hinein, pfiff aus dem Fenster in weitin schallenden Tönen, worauf
sogleich die Hunde aus allen Ecken des Dorfes wie der Blitz herbeisprangen, und
wir zogen, umgeben von den bellenden Tieren, dem abendlichen Bergwalde zu.
    Bald war die Meute weit voraus und im Gehölze verschwunden; aber kaum
begannen wir die Höhe hinanzusteigen, so hörten wir sie über uns anschlagen und
in voller Jagd am Berge hinziehen, dass die Schluchten widerhallten. Meinem Oheim
lachte das Herz, er zog mich vorwärts und behauptete, wir müssten rasch nach
einer kleinen Waldwiese eilen, um das Tier zu sehen; doch auf dem Wege horchte
er auf und änderte die Richtung, indem er rief: »Es ist bei Gott ein Fuchs!
dortin müssen wir gehen, schnell, pst!« Kaum hatten wir einen schmalen Pfad
betreten, welcher neben einem trockenen Waldbache hinlief, zwischen zwei
bewachsenen Abhängen, als er mich plötzlich anhielt und lautlos vorwärts wies,
ein rötlicher Streif schloss still über Weg und Schlucht, herab, hinauf, und eine
Minute nachher heulten die sechs Hunde hintendrein. »Hast du ihn gesehen?« sagte
der Oheim so vergnügt, als ob er am Vorabend seiner Hochzeit stände; dann fuhr
er fort: »Sie haben ihn verloren, doch in jenem Schlag müssen sie notwendig ein
Häschen auftun! Wir wollen vollends hier hinaufgehen!« Wir gelangten auf eine
kleine Hochebene, welche ein von der sinkenden Sonne gerötetes Haferfeld war,
umsäumt von stillglühenden Föhren. Hier hielten wir an und stellten uns am Rande
auf, in wohligem Schweigen, unfern eines verwachsenen Weges, der ins Dunkle
führte. Wir mochten so eine Viertelstunde gewartet haben, als das Gebell in
grosser Nähe plötzlich wieder begann und mein Oheim mich anstiess. Zugleich
bewegte sich der Hafer vor uns, er flüsterte: »Was Teufel ist denn da los?« und
es erschien eine riesenhafte Bauernkatze, welche uns ansah und davonschlich. In
grossem Zorne rief der geistliche Herr: »Du vermaledeite Bestie, was hast denn du
hier zu schaffen? Da sieht man, wo die jungen Hasen hinkommen! Wart, ich will
dir jagen helfen!« und er schleuderte ihr einen mächtigen Stein nach. Sie sprang
wieder mitten in den Hafer hinein, indessen die Hunde an uns vorüberbrausten und
mein zorniger Oheim ganz verblüfft sagte: »Da! nun haben wir den Hasen nicht
gesehen!«
    »Genug für heute«, sagte er, »nun lass uns noch da vornenhin gehen, wo du das
Hochgebirge sehen kannst, dem du jetzt ein bisschen ferner gerückt bist.«
    Am entgegengesetzten Rande des hohen Feldes, wo die Föhren sich, lichteten,
sah man über zuerst grüne, dann immer blauer werdende Bergrücken hin nach dem
Gebirge im Süden, welches in seiner ganzen Ausdehnung von Ost nach West vor uns
lag, von den Appenzeller Kuppen bis zu den Berner Alpen, aber so fern wie ein
Traum.
    Dadurch wurde ich auch auf den Charakter der mich umgebenden Landschaft
aufmerksamer. Dieselbe war schon mehr in der Art, wie ich mir deutsches Gebirge
vorstellte, grün, felsig und bebaut. Eine Menge Täler und Einschnitte, von
Gewässern durchzogen, versprachen eine reiche Zuflucht für fortwährende
Streifereien; vorzüglich war es ein rechtes Waldland.
    Indessen wir auf einem andern Wege nach Hause kehrten, wechselten die
reizenden Bilder vor meinen Augen bis in die Schatten der Nacht hinein und
schlossen mit dem hellsten Mondscheine, der auf Mühle, Pfarrhaus und auf dem
Wasser flimmerte, als wir anlangten. Die jungen Leute jagten sich auf dem Platze
unter den Eschen umher und drängten einander in das Flüsschen, die Töchter sangen
im Garten, und die Muhme rief aus dem Fenster, ich sei ein Landstreicher, den
man den ganzen Tag nie gesehen habe.
 
                              Zwanzigstes Kapitel
                                 Berufsahnungen
Der nächste junge Tag liess mich von allen Seiten mit dem Rufe Maler! begrüssen.
Guten Morgen, Maler! Haben der Herr Maler wohl geruht? Maler, zum Frühstück!
hiess es, und das Völklein handhabte diesen Titel mit derjenigen gutmütig
spottenden Freude, welche es immer empfindet, wenn es für einen neuen
Ankömmling, den es nicht recht anzugreifen wusste, endlich eine geläufige
Bezeichnung gefunden hat. Ich liess mir jedoch den angewiesenen Rang gern
gefallen und nahm mir im stillen vor, denselben nie mehr aufzugeben. Ich brachte
aus Pflichtgefühl die erste Morgenstunde noch über meinen Schulbüchern zu, mich
selbst unterrichtend; aber mit dem grauen Löschpapier dieser melancholischen
Werke kam die Öde und die Beklemmung der Vergangenheit wieder heran; jenseits
des Tales lag der Wald in silbergrauem Duft, die Terrassen hoben sich merklich
voneinander los; ihre laubigen Umrisse, von der Morgensonne bestreift, waren
hellgrün, jede bedeutende Baumgruppe zeichnete sich gross und schön in dem
zusammenhaltenden Dufte und schien ein Spielwerk für die nachahmende Hand zu
sein; meine Schulstunde wollte aber nicht vorübergehen, obschon ich längst nicht
mehr aufmerkte.
    Ungeduldig ging ich, ein Lehrbuch der Physik in der Hand, hin und her und
durch mehrere Zimmer, bis ich in einem derselben die weltliche Bibliotek des
Hauses entdeckte; ein breiter alter Strohhut, wie ihn die Mädchen zur Feldarbeit
brauchen, hing darüber und verbarg sie beinahe ganz. Wie ich denselben aber
wegnahm, sah ich eine kleine Schar guter Franzbände mit goldenem Rücken, ich zog
einen Quartband hervor, blies den dichten Staub davon und schlug die Gessnerschen
Werke auf, in dickem Velinpapier, mit einer Menge Vignetten und Bildern
geschmückt. Überall, wo ich blätterte, war von Natur, Landschaft, Wald und Flur
die Rede; die Radierungen, von Gessners Hand mit Liebe und Begeisterung gemacht,
entsprachen diesem Inhalte; ich sah meine Neigung hier den Gegenstand eines
grossen, schönen und ehrwürdigen Buches bilden. Als ich aber auf den Brief über
die Landschaftmalerei geriet, worin der Verfasser einem jungen Manne guten Rat
erteilt, las ich denselben überrascht vom Anfang bis zum Ende durch. Die
unschuldige Naivetät dieser Abhandlung war mir ganz fasslich; die Stelle, wo
geraten wird, mannigfaltig gebrochene Feld- und Bachsteine auf das Zimmer zu
tragen und danach Felsenstudien zu machen, entsprach meinem noch halbkindischen
Wesen und leuchtete mir ungemein in den Kopf. Ich liebte sogleich diesen Mann
und machte ihn zu meinem Propheten. Nach mehr Büchern von ihm suchend, fand ich
ein kleines Bändchen, nicht von ihm, aber seine Biographie entaltend. Auch
dieses las ich auf der Stelle ganz durch. Er war ebenfalls ein hoffnungsloser
Schüler
    gewesen, indessen er auf eigene Faust schrieb und künstlerischen
Beschäftigungen nachhing. Es war in dem Werklein viel von Genie und eigener Bahn
und solchen Dingen die Rede, von Leichtsinn, Drangsal und endlicher Verklärung,
Ruhm und Glück. Ich schlug es still und gedankenvoll zu, dachte zwar nicht sehr
tief, war jedoch, wenn auch nicht klar bewusst, für die Bande geworben.
    Es ist bei der besten Erziehung nicht zu verhüten, dass dieser folgenreiche
und gefährliche Augenblick nicht über empfängliche junge Häupter komme,
unbemerkt von aller Umgebung, und wohl nur wenigen ist es vergönnt, dass sie erst
das leidige Wort Genie kennenlernen, nachdem sie unbefangen und arglos bereits
ein gesundes Stück Leben, Lernen, Schaffen und Gelingen hinter sich haben. Ja,
es ist überhaupt die Frage, ob nicht zu dem bescheidensten Gelingen eine dichte
Unterlage von bewussten Vorsätzen und allem Apparate der Geniesucht gehöre, und
der Unterschied mag oft nur darin bestehen, dass das wirkliche Genie diesen
Apparat nicht sehen lässt, sondern vorweg verbrennt, während das bloss
vermeintliche ihn mit grossem Aufwande hervorkehrt und wie ein verwitterndes
Baugerüst stehen lässt am unfertigen Tempel.
    Den berückenden Trank schöpfte ich jedoch nicht aus einem anspruchsvollen
und blendenden Zauberbecher, sondern aus einer bescheidenen lieblichen
Hirtenschale; denn bei allen Redensarten war dies Gessnersche Wesen durchaus
einfacher und unschuldiger Natur und führte mich für einmal nur mit etwas mehr
Bewusstsein unter grüne Baumschatten und an stille Waldquellen.
    In der Biographie machte ich auch die Bekanntschaft mit dem alten Sulzer,
welcher in Berlin des jungen Gessner Gönner gewesen; wie ich nun unter den
Büchern einige Bände der »Teorie der schönen Künste« bemerkte, nahm ich sie als
in mein neuentdecktes Gebiet gehörig in Beschlag. Dies Buch muss seinerzeit eine
gewaltige Verbreitung gefunden haben, da man es fast in allen alten
Bücherschränken findet und es auf allen Auktionen spukt und für wenig Geld
erstanden werden kann. Gleich einer jungen Katz im Grasgarten fahr ich in der
enzyklopädischen Einrichtung des längst obsolet gewordenen Buches herum, alles
für bare Münze nehmend und hundert vorläufige und unverstandene Gesichtspunkte
ergreifend, und als der Mittag herannahte, war mein Kopf von Gelehrsamkeit
vollgepfropft; ich fühlte beinahe selbst den gravitätischen Stolz in meinen
gekräuselten Lippen und aufgespannten Augen und schleppte sämtliche
Kunstliteratur in mein Zimmer hinüber zu der Mappe des Junker Felix.
    Kaum nahm ich mir nach Tische noch Zeit, bei der Grossmutter einen kurzen
Besuch abzustatten, ein kleines Testamentchen mit Goldschnitt und silbernem
Schlösschen, das sie für mich bestimmt hatte, einzustecken, und eilte wieder
davon. Die Grossmutter sah mir, so weit ihre schwachen Augen reichten, etwas
wehmütig nach; denn sie hatte mir die heilige Gabe mit besonderer Liebe und
Feierlichkeit einhändigen wollen. Aber ich schwand ihr eilig aus dem Gesichte,
allein begierig, meine angefachte Kunsteinsicht an den Mann oder vielmehr an die
Bäume zu bringen.
    Mit einer Mappe und Zubehör versehen, lief ich bereits unter den grünen
Hallen des Bergwaldes hin, jeden Baum betrachtend, aber nirgends eigentlich
einen Gegenstand sehend, weil der stolze Wald eng verschlungen, Arm in Arm stand
und mir keinen seiner Söhne einzeln preisgab; die Sträucher und Steine, die
Kräuter und Blumen, die Formen des Bodens schmiegten und duckten sich unter den
Schutz der Bäume und verbanden sich überall mit dem grossen Ganzen, welches mir
lächelnd nachsah und meiner Ratlosigkeit zu spotten schien. Endlich trat ein
gewaltiger Buchbaum mit reichem Stamme und prächtigem Mantel und Krone
herausfordernd vor die verschränkten Reihen, wie ein König aus alter Zeit, der
den Feind zum Einzelkampfe aufruft. Dieser Recke war in jedem Aste und jeder
Laubmasse so fest und klar, so lebens- und gottesfreudig, dass seine Sicherheit
mich blendete und ich mit leichter Mühe seine Gestalt bezwingen zu können
wähnte. Schon sass ich vor ihm, und meine Hand lag mit dem Stifte auf dem weissen
Papiere, indessen eine geraume Weile verging, eh ich mich zu dem ersten Strich
entschliessen konnte; denn je mehr ich den Riesen an einer bestimmten Stelle
genauer ansah, desto unnahbarer schien mir dieselbe, und mit jeder Minute verlor
ich mehr meine Unbefangenheit Endlich wagte ich, von unten anfangend, einige
Striche und suchte den schöngegliederten Fuss des mächtigen Stammes festzuhalten;
aber was ich machte, war leben- und bedeutungslos; die Sonnenstrahlen spielten
durch das Laub auf dem Stamme, beleuchteten die markigen Züge und liessen sie
wieder verschwinden, bald lächelte ein grauer Silberfleck, bald eine saftige
Moosstelle aus dem Helldunkel, bald schwankte ein aus den Wurzeln sprossendes
Zweiglein im Lichte, ein Reflex liess auf der dunkelsten Schattenseite eine neue
mit Flechten bezogene Linie entdecken, bis alles wieder verschwand und neuen
Erscheinungen Raum gab, während der Baum in seiner Grösse immer gleich ruhig
dastand und in seinem Innern ein geisterhaftes Flüstern vernehmen liess. Aber
hastig und blindlings zeichnete ich weiter, mich selbst betrügend, baute Lage
auf Lage, mich ängstlich nur an die Partie haltend, welche ich gerade zeichnete,
und gänzlich unfähig, sie in ein Verhältnis zum Ganzen zu bringen, abgesehen von
der Formlosigkeit der einzelnen Striche. Die Gestalt auf meinem Papiere wuchs
ins Ungeheuerliche, besonders in die Breite, und als ich an die Krone kam, fand
ich keinen Raum mehr für sie und musste sie, breitgezogen und niedrig, wie die
Stirne eines Lumpen, auf den unförmlichen Klumpen zwingen, dass der Rand des
Bogens dicht am letzten Blatte stand, während der Fuss unten im Leeren taumelte.
Wie ich aufsah und endlich das Ganze überflog, grinste ein lächerliches Zerrbild
mich an, wie ein Zwerg aus einem Hohlspiegel; die lebendige Buche aber strahlte
noch einen Augenblick in noch grösserer Majestät als vorher, wie um meine
Ohnmacht zu verspotten; dann trat die Abendsonne hinter den Berg, und mit ihr
verschwand der Baum im Schatten seiner Brüder. Ich sah nichts mehr als eine
grüne Wirrnis und das Spottbild auf meinen Knien. Ich zerriss dasselbe, und so
hochmütig und anspruchsvoll ich in den Wald gekommen, so kleinlaut und
gedemütigt war ich nun. Ich fühlte mich abgewiesen und hinausgeworfen aus dem
Tempel meiner jugendlichen Hoffnung; der tröstende Inhalt des Lebens, den ich
gefunden zu haben wähnte, entschwand meinem innern Blicke, und ich kam mir nun
vor wie ein wirklicher Taugenichts, mit welchem wenig anzufangen sei. Ich brach
verzagt und weinerlich auf, mit gebrochenem Mute nach einem andern Gegenstande
suchend, welcher sich barmherziger gegen mich erwiese. Allein die Natur, mehr
und mehr sich verdunkelnd und verschmelzend, liess mir kein Almosen ab; in meiner
Bedrängnis tat sich mir das Wort kund »Aller Anfang ist schwer« und damit die
Einsicht, dass ich ja erst jetzt anfange und diese Mühsal eben den Unterschied
von dem frühern Spielwerke begründe. Aber die Einsicht stimmte mich nur
trauriger, da mir Mühseligkeit und saurer Fleiss bisher unbekannte Dinge gewesen
waren. Ich nahm meine Zuflucht endlich wieder einmal zu Gott, der mir im
Rauschen des Waldes und in meinem eingebildeten Elende wieder nahe getreten, und
bat ihn flehentlich, mir zu helfen um meiner Mutter willen, deren sorgenvoller
Einsamkeit ich nun auch gedachte.
    Da traf ich auf eine junge Esche, welche mitten in einer Waldlücke auf einem
niedrigen Erdwalle emporwuchs, von einer sichernden Quelle getränkt. Das
Bäumchen hatte einen schwanken Stamm von nur zwei Zoll Dicke und trug oben eine
zierliche Laubkrone, deren regelmässig gereihte Blätter zu zählen waren und sich,
so wie der Stamm, einfach, deutlich und anmutig auf das klare Gold des
Abendhimmels zeichneten. Weil das Licht hinter der Pflanze war, sah man nur den
scharfen Umriss des Schattenbildes; es schien wie absichtlich zur Übung eines
Schülers hingestellt.
    Ich setzte mich noch einmal hin und wollte flugs das kindliche Stämmchen mit
zwei parallelen Linien auf mein Papier stehlen; aber noch einmal wurde ich
gehöhnt, indem der einfache, grünende Stab im selben Augenblicke, wo ich ihn zu
zeichnen und genauer anzusehen begann, eine unendliche Feinheit der Bewegung
annahm. Die beiden aufstrebenden Linien schmiegten sich in allen kaum merklichen
Biegungen so streng aneinander, sie verjüngten sich nach oben so fein, und die
jungen Äste gingen endlich in so gemessenen Winkeln daraus hervor, dass um kein
Haar abgewichen werden durfte, wenn das Bäumchen seine schöne Gestalt behalten
sollte. Doch nahm ich mich zusammen und klammerte mich ängstlich und aufmerksam
an jede Bewegung meines Vorbildes, woraus endlich nicht eine sichere und
elegante Skizze, sondern ein zaghaftes, aber ziemlich treues Gebilde hervorging.
Ich fügte, einmal im Zuge, mit Andacht die nächsten Gräser und Würzelchen des
Bodens hinzu und sah nun auf meinem Blatte eines jener frommen nazarenischen
Stengelbäumchen, welche auf den Bildern der alten Kirchenmaler und ihrer
heutigen Epigonen den Horizont so anmutig und naiv durchschneiden. Ich war
zufrieden mit meiner bescheidenen Arbeit und betrachtete sie noch lange
abwechselnd mit der schlanken Esche, die sich im leisen Abendhauche wiegte und
mir wie ein freundlicher Himmelstote erschien. Als ob ich wunder was verrichtet
hätte, zog ich hochvergnügt dem Dorfe zu, wo meine Verwandten begierig waren,
die Früchte meiner mit soviel Anspruch unternommenen Waldfahrt zu sehen. Nachdem
ich aber mein Bäumlein mit seinen höchstens vier Dutzend Blättern hervorgezogen,
löste sich die Erwartung in ein allgemeines Lächeln auf, welches bei den
Unbefangensten zum Gelächter wurde; nur dem Oheim gefiel es, dass man doch gleich
ein junges Eschchen erkannte, und er munterte mich auf, unverdrossen
fortzufahren und die Waldbäume recht zu studieren, wozu er mir als Forstmann
behilflich sein wolle. Er besass noch so viel städtische Erinnerung, dass ihm
dergleichen nicht lächerrlich vorkam; auch mochten leidenschaftliche Jäger von
jeher die Malerei wohl leiden, insofern sie den Schauplatz ihrer Freuden und
ihre Taten selbst verherrlicht. Daher begann er nach dem Abendessen noch
sogleich einen Kursus mit mir und sprach von den Eigentümlichkeiten der Bäume
und von den Stellen, wo ich die lehrreichsten Exemplare finden würde. Zuvörderst
aber empfahl er mir, die Studien des Junkers Felix zu kopieren, was ich an den
folgenden Tagen mit grossem Eifer tat, indessen wir an den schönen Abenden unsere
Spürgänge für die nächste Jagdzeit fortsetzten und dabei die reizendsten Gründe
und Höhen durchstreiften, umgeben und begleitet von der reichen Baumwelt.
    So ging die erste Woche meines ländlichen Aufentaltes angenehm zu Ende, und
um diese Zeit wusste ich schon etwelche Bäume voneinander zu unterscheiden und
freute mich, die grünen Gesellen mit ihren Namen begrüssen zu können; nur
hinsichtlich der Kräuterdecke des feuchten oder trockenen Bodens bedauerte ich
erst jetzt wieder lebhaft die Unterbrechung der botanischen Anfänge in der
Schule, da ich wohl fühlte, dass für die Kenntnis dieser kleinen, aber weit
mannigfaltigeren Welt einige grobe Umrisse nicht genügten; und doch hätte ich so
gern die Namen und Eigenschaften aller der blühenden Dinge gekannt, welche den
Boden bedecken.
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
                 Sonntagsidylle. Der Schulmeister und sein Kind
Auf den ersten Sonntag meiner Anwesenheit war schon ein Besuch verabredet
worden, welchen wir jungen Leute hinter dem Walde abstatten wollten. Dort wohnte
auf einem einsamen und abgelegenen Hofe ein Bruder meiner Tante mit einer jungen
Tochter, welche mit meinen Basen eine eifrige Mädchenfreundschaft pflag. Ihr
Vater war früher Dorfschulmeister gewesen, hatte aber nach dem Tode seiner Frau
sich in jenen beschaulichen Waldhof zurückgezogen, da er ein hinlängliches
Vermögen besass und das grade Gegenteil meines Oheims darstellte. Während dieser,
von städtischer Abkunft und in einigen geistlichen Studien aufgewachsen, dieses
alles hinter sich geworfen und vergessen hatte, um sich ganz der braunen
Ackererde und dem wilden Forste hinzugeben, strebte jener, von bäuerischem
Herkommen und bescheidener Bildung, allein nach milden und feinen Sitten, nach
dem Leben und Ruhme eines Weisen und Gerechten und vertiefte sich in
beschauliche geistliche und philosophische Spekulationen, betrachtete die Natur
nach Anleitung einiger Bücher und freute sich, vernünftige Gespräche
anzuknüpfen, sooft sich hiezu die Gelegenheit bot, wobei er eine grosse Artigkeit
zu entfalten bestrebt war. Sein Töchterchen, ungefähr von vierzehn Jahren, lebte
still und fein in dem milden Lichte solcher Gesinnungsweise und stellte nach den
Wünschen ihres Vaters eher ein zartes Pfarrerskind vor denn eine
Landmannstochter, indessen die weibliche Nachkommenschaft meines Oheims, zur
derben Arbeit gehalten, einen starken Anhauch von Regen und Sonnenschein zeigte,
welcher sie aber viel eher zierte als entstellte und dem Glanze ihrer frischen
Augen entsprach.
    Meine drei Basen, von zwanzig, sechszehn und vierzehn Jahren, mit städtisch
verwelschten Namen Margot, Lisette und Caton, hielten am Sonntagnachmittag lange
Konferenz in ihren Kämmerchen, einander wechselseitig besuchend und die Türen
hinter sich abschliessend. Wir Bursche, deren Toilette längst beendigt war,
harrten ungeduldig und konnten nur durch Schlüssellöcher und Türspalten
bemerken, dass die Kleiderschränke weit geöffnet und die Mädchen mit wichtigen
Gebärden ratschlagend davorstanden. Um uns die Zeit zu vertreiben, begannen wir
die andächtigen Töchter zu necken und drangen endlich mit hellem Haufen in ihre
Mitte, über einen mächtigen Schrank herfallend, um die Nasen in die hundert
Schächtelchen, Büchschen und Heimlichkeiten zu stecken. Aber mit dem Mute wilder
Löwinnen, denen man die Jungen rauben will, wurden wir hinausgeworfen und
führten vor den Türen einen vergeblichen Kampf, dieselben wieder aufzubrechen.
Da gingen sie mit einem Male nach einer kurzen Stille von selber auf, und heraus
traten, verschämt und unwillig, und doch siegbewusst, die drei armen Kinder, bunt
und prächtig, nach der vorjährigen Mode gekleidet, mit vorweltlichen Parasols
und wunderbar geformten Ridiküls, der eine einem Sterne gleich, der andere einem
Halbmonde, der dritte ein Mittelding zwischen Husarentasche und Lyra.
    Dies alles musste um so grössern Eindruck machen, wenn man bedachte, dass die
guten Mädchen Autodidaktinnen waren und in Sachen des Putzes ganz allein und
ratlos in der Welt dastanden; denn ihre Mutter hatte einen Abscheu vor aller
Stadtkleidung und riss jedesmal, wenn sie aus der Kirche kam, die Spitzenhaube,
welche sie als Pfarrfrau trug, sogleich herunter. Die Damen des neuen Pfarrers,
ausserdem die einzigen im Dorfe, waren stolz, unzugänglich und bezogen ihren Putz
fertig aus der Stadt. So waren meine Basen ganz auf sich selbst, auf eine
Dorfnähterin und auf einige Traditionen des Hauses gewiesen, welche sie als
eifrige Forscherinnen der dunklen Vergangenheit entlockten. Deswegen waren ihre
Erfolge doppelt achtungswert, und wenn wir sie mit einem spöttischen Ah!
empfingen bei ihrer heutigen Erscheinung, so war dieser Spott nur ein
verstellter und die Maske einer aufrichtigen Bewunderung.
    Indessen entsprach unsere Tracht an kühner und eleganter Mischung vollkommen
derjenigen der Jungfrauen. Die Vettern trugen Jacken von ziemlich grobem Tuche,
welchen aber der Dorfschneider einen kecken, ja höchst gewagten Zuschnitt
gegeben hatte. Diese Jacken waren mit einer Unzahl blanker Knöpfe besetzt, auf
welchen die Tiere des Waldes gepresst in jagdgerechten Sprüngen erschienen und
welche der Oheim einst bei guter Gelegenheit im grossen eingehandelt und sich so
für Kind und Kindeskind versehen hatte. Die abgefallenen Stücke dieser Zierat
gingen unter der Dorfjugend als gangbare Münze und wogen beim Spiele sechs Horn-
oder Bleiknöpfe auf. Ich selber trug zu meinem grünen Kadettenrock mit roten
Schnürchen weisse Beinkleider, keine Weste über dem burschikosen Hemde, hingegen
das rote Seidentuch der Grossmutter malerisch umgeschlungen, und überdies hing
die goldene Uhr meines Vaters, die ich ererbt, aber nie in Ordnung zu halten
verstand, an einem blauen Bande mit gestickten Blumen, das ich den Schachteln
meiner Mutter entnommen hatte. Von der Mütze hatte ich längst den philiströsen
Schirm abgetrennt, dass sie die Stirn frei liess, und ich mochte wie ein
vollendeter Jahrmarktsbursche aussehen. Menschen, welche etwas Besseres und
Tieferes ahnen und wünschen, werden sich, wie ich glaube, mehr und mehr aller
lächerlichen Äusserlichkeiten entalten, je mehr sie dem geahnten Wesen durch
Erfahrung und Tat nahe treten; je weiter sie aber noch davon entfernt sind,
desto mehr klammern sie sich an solche Schnörkeleien. Allein gerade diese
Äusserlichkeit verhindert oft das Innere, sich rasch zu entwickeln, wenn nicht
ein Mann und Vater vorhanden ist, welcher sie mit gesundem Spotte beschneidet
und unterdrückt, indessen er dem aufstrebenden Sohne das Wahre mit fester Hand
vorzeichnet.
    Man konnte auf zwei Wegen zu der Wohnung des alten Schulmeisters gelangen:
entweder mussten wir einen langgedehnten Berg hinter dem Dorfe ersteigen und,
längs auf demselben fortgehend, endlich jenseits niedersteigen, wo wieder ein
Tal lag, ähnlich dem unserigen, nur kleiner und runder und beinahe ganz mit
einem tiefen dunklen See erfüllt; oder wir konnten längs des Flusses unser Tal
durchwandern und mit dem in Gehölzen sich verlierenden Wasser um den Berg herum
an den See gelangen, in welchem jenes mündete und das befreundete Haus sich
spiegelte.
    Wir zogen es vor, mit dem kurzweiligen Flüsschen den Hinweg zurückzulegen und
erst in der Abendkühle über den Berg heimzukehren, und unsere bunte, weitin
glänzende Gesellschaft bewegte sich bald durch das grüne Tal hin, bis wir in
eine reizende Wildnis gelangten, wo der Wald von beiden Seiten an das Gewässer
niederstieg und dasselbe kühl und dunkel überschattete. Bald fasste er es mit
undurchdringlichen Laubwänden ein, dass wir die überhangenden Zweige zurückbiegen
mussten; bald weitete er sich aus und liess eine Schar lichter, hoher Tannen auf
sonnigem Boden vorrücken; dann lagen herabgestürzte Felsblöcke am Rande und im
Wasser und verursachten Wasserfälle, indessen zurückgebliebene Trümmer aus dem
Gebüsche der Abhänge hervorragten; kleine Seitenwege lockten ins Dunkel, und
überall entüllten sich die lieblichsten Geheimnisse. Die roten, blauen und
weissen Gewänder der Mädchen leuchteten herrlich in dem dunklen Grün, die Vettern
sprangen von Stein zu Stein, dass ihre Goldknöpfe aufbljetzten und mit den
Silberkringeln der Wellen wetteiferten. Allerhand Getier machte sich sichtbar,
hier sahen wir die Federn einer wilden Taube, die unzweifelhaft von einem
Raubvogel zerrissen worden, dort schoss eine Schlange durch die Uferwellen über
die glatten Kiesel hin, und in einer abgetrennten Untiefe hatte sich eine
schimmernde Forelle gefangen, welche mit ihrer Schnauze ängstlich an den
abschliessenden Steinen herumtastete, bei unserer Annäherung aber einen Sprung
machte und im strömenden Elemente verschwand.
    So waren wir unbemerkt um den Berg herumgekommen, die holde Wildnis
erweiterte sich und liess mit einem Male den stillen dunkelblauen, mit Silber
besprengten See sehen, der mit seiner friedevollen Umgebung im lautlosen Glanze
eines Sonntagnachmittages ruhte. Ein schmaler Streifen bebauter Erde zog sich um
den See herum, hinter demselben setzte sich überall der ansteigende Wald fort,
welcher aber da und dort wieder ein stilles Ackerfeld bergen musste, da hier und
da ein rotes Dach oder eine blaue Rauchsäule aus dem Dickicht emporstieg. Nur
auf der Sonnenseite lag ein ansehnlicher Weinberg und zu Füssen desselben das
Haus des Schulmeisters, dicht am See; unmittelbar über den obersten Pfahlreihen
aber hing der reine tiefe Himmel, und dieser spiegelte sich in dem glatten
Wasser, bis wo er durch den gelben Kornstreifen, die Kleefelder und den dahinter
liegenden Wald, welche alle sich gänzlich unverändert in der Flut auf den Kopf
stellten, begrenzt wurde. Das Haus war weiss getüncht, das Fachwerk rot
angestrichen und die Fensterladen mit grossen Muscheln bemalt; aus den Fenstern
wehten weisse Vorhänge, und aus der Haustüre trat, ein zierliches Treppchen
herunter, das junge Bäschen, schlank und zart wie eine Narzisse, in einem weissen
Kleide, mit goldbraunen Haaren, blauen Äuglein, einer etwas eigensinnigen Stirne
und einem lächelnden Munde. Auf den schmalen Wangen wallte ein Erröten über das
andere hin, das feine Glockenstimmchen klang kaum vernehmbar und verhallte alle
Augenblicke wieder. Durch ein duftendes Rosen- und Nelkengärtchen führte uns
Anna, nachdem sie sich mit meinen Basen so zärtlich und feierlich begrüsst hatte,
als ob sie einander ein Jahrzehnt nicht gesehen, in das vor Reinlichkeit und
Aufgeräumteit widerhallende Haus, wo uns ihr Vater, in einem saubern grauen
Fracke und weisser Halsbinde, in gestickten Pantoffeln einhergehend, herzlich und
zufrieden willkommen hiess. Er hatte den beschaulichen Sonntag über Büchern
zugebracht, welche noch auf dem Tische lagen, und mochte nun froh sein,
unverhofft eine so hübsche Anzahl Zuhörer für seine Beredsamkeit vor sich zu
sehen. Als ich ihm vorgestellt wurde, schien er sich besonders zu freuen, seine
Manieren und gelehrten Reden mit Anerkennung an den Mann bringen zu können, da
er mich mitten aus dem blühendsten höhern Schulwesen herkommend vermutete. Er
hatte auch alle Ursache, sich an mich zu halten; denn schon waren meine Vettern
wieder verschwunden, noch ehe der Schulmeister einen Stoff ergriffen, und ich
sah, wie sie draussen am Ufer alle drei ihre Köpfe tief in die Öffnung eines
Fischkastens steckten, dass man nichts von ihnen sehen konnte als ihre sechs
Beine. Sie untersuchten aufmerksam den Fischbestand ihres Oheims, indessen die
Schwestern seinem Töchterchen und einer alten Magd in Küche und Garten gefolgt
waren.
    Der Schulmeister merkte bald, dass ich ein williger Zuhörer und auf seine
Fragen nach Vermögen einzugehen bereit sei. Nachdem er mich über die neuen
Schuleinrichtungen angelegentlich befragt, fuhr er fort: »Aber etwas bunt muss es
doch noch zugehen! Da habe ich eben in der Zeitung gelesen, dass in einer
Abteilung unserer Kantonsschule die bekannten Störungen endlich dadurch gehoben
worden, dass man den untauglichen Lehrer und den unnützesten Schüler, einen
wahren kleinen Revolutionär, zugleich entfernt und dadurch die Ruhe gründlich
hergestellt habe. Dass man nun den Lehrer entlassen hat, scheint mir ganz
vernünftig, wenn man ihn nur anderweitig versorgt; hingegen mit dem Schüler will
es mir nicht recht einleuchten; es will mich bedünken, als ob man demselben
damit verdeutet habe Du bist nun ausser unsere Gemeinschaft gestellt und magst
zusehen, was du aus dir machst! Dies ist nicht christlich gehandelt, und unser
Herr und Meister würde das verirrte Schaf gewiss zunächst unter die Falten seines
Mantels genommen haben. Kennt Ihr, liebes Vettermännchen, den verstossenen
Knaben?«
    Der Mann weckte durch diese Frage die peinvollen Erinnerungen und durch ihre
Fassung zugleich eine tiefe Wehmut in mir auf, und ich antwortete kleinlaut, ich
wäre es selbst.
    Ganz erstaunt trat er einen Schritt zurück und betrachtete mich mit grossen
Augen; er war verlegen, einen angehenden Teufel in so harmloser Gestalt so nahe
vor sich zu sehen Doch hatte ich ihn schon ein wenig für mich eingenommen, und
mein stilles Verhalten mochte ihn belehren, dass er mit seiner vorher
ausgesprochenen milden Ansicht nicht das Unrechte getroffen.
    »Ich habe mir es doch gleich gedacht«, versetzte er, »dass die Sache ein
Häklein habe; denn ich sehe und will es gern glauben, dass der Vettermann ein
junger Mensch ist, mit dem sich ein vernünftiges Wort reden lässt! Doch erzählt
mir nun den Verlauf dieser schlimmen Geschichte recht getreulich, es nimmt mich
sehr wunder, wie sich darin die Schuld und das Unrecht verteilen!«
    Nachdem ich dem freundlichen Schulmeister den ganzen Hergang aufrichtig und
weitläufig, zuletzt etwas leidenschaftlich, berichtet, da ich zum ersten Mal
seiter mein Herz leeren konnte, besann er sich eine Weile, indem er
verschiedene Hm! und Soso! hervorstiess, und fuhr dann fort:
    »Das ist ein ganz eigenes Geschick! Zuerst müsst Ihr nun Euch nicht
überheben und etwa einen hochmütigen Groll auf das Erlittene begründen, welcher
Euch für das ganze Leben schädlich sein könnte! Ihr müsst bedenken, dass Ihr
doch das Unrecht und den Mutwillen der übrigen geteilt habt, und Euch hienach
glücklich preisen, dass Ihr in so frühem Alter schon von Gott selbst eine ernste
Strafe und Belehrung empfangen; denn das, was Euch, widerfahren, ist nicht die
Gerechtigkeit der Menschen, sondern ein unmittelbares Eingreifen des Herrn der
Welt, womit er Euch frühzeitig gewürdigt und gezeigt hat, dass er mit Euch, nicht
zu spassen gedenkt, sondern Euch seine eigenen strengen Wege führen will. Nachdem
Ihr also dieses scheinbare Unglück dankbar und reuevoll angenommen und das
vermeintliche Unrecht vergeben und vergessen, müsst Ihr allein darauf bedacht
sein, dem Ernste dieses Erlebnisses entsprechend fortzuleben, und gewärtig, dass
jede Abweichung von der Bahn der Tugend sich an Euch empfindlicher rächen werde
als an anderen, auf dass Ihr dadurch in der Übung des Guten gerade fleissiger und
stärker werdet als viele, denen nicht solches geschieht. Nur auf diese Weise
vermag das Ereignis etwas Heilbringendes zu sein; ohne dies aber würde es nur
eine fatale und ärgerliche Geschichte bleiben, mit welcher ein so junges Leben
zu beladen nicht die Absicht und das Vergnügen Gottes sein kann. Freilich ist
nun die Wahl eines Berufes das Nächste und Wichtigste, und wer weiss, ob nicht
Euere Bestimmung ist, gerade durch diese plötzliche Bedrängnis Euch früher zu
entscheiden, als sonst geschehen wäre! Gewiss habt Ihr schon die Lust zu
irgendeinem besondern Berufe in Euch verspürt?«
    Diese Reden gefielen mir ausnehmend wohl; obgleich ich den ernsten
moralischen Sinn derselben nicht sonderlich fasste, so ergriff ich doch den
Gedanken an eine höhere Bestimmung und Leitung Gottes höchst lebendig und dünkte
mich glücklich, mich unter dem besondern Schutze Gottes in meinen Neigungen zu
wissen; es ging mir ein heller Stern auf, und ich sagte unumwunden: »Ja, ich
möchte ein Maler werden!«
    Bei dieser Antwort stutzte mein neuer Freund fast noch mehr als bei dem
frühern Geständnisse, weil er in seiner Abgeschiedenheit von allem Verkehre der
Welt am wenigsten an dies Wort gedacht hatte. Doch besann er sich ebenfalls
schnell und sprach:
    »Ein Maler? Ei sieh, das ist seltsam! Doch lasset sehen! Es war allerdings
eine Zeit, wo es Maler gegeben hat, welche von göttlichem Geiste erfüllt waren,
welche den dürstenden Völkern einen Trunk himmlischen Lebens reichten in
Ermangelung des lebendigen Wortes, das wir jetzt haben. Allein so wie schon
dazumal diese Kunst nur zu bald ein eitler Flitterkram der hochmütigen Kirche
geworden, so scheint sie mir heutzutage vollends ohne innern Kern und ein blosses
Gebaren der menschlichen Eitelkeit und Fratzenhaftigkeit zu sein. Ich habe zwar
durchaus keine Kenntnis von den Künsten, wie sie jetzo in der Welt praktiziert
werden, kann mir aber desto weniger vorstellen, wie sich ein ernstaftes und
geistiges Leben dabei führen lässt! Habt Ihr denn so grosse Lust und Geschick,
allerlei unnützes Bildwerk zu verfertigen oder wohl gar Menschengesichter für
Bezahlung abzubilden?«
    »Zuvörderst will ich ein Landschaftsmaler werden«, erwiderte ich, »und habe
dazu allerdings grosse Lust und hoffe, der liebe Gott werde mir auch das Geschick
geben!«
    »Ein Landschaftsmaler? das heisst, merkwürdige Städte, Gebirge und
Weltgegenden abbilden? Hm! Dieses scheint mir nicht so übel zu sein, da lernt
man wenigstens die Welt kennen und kommt weit umher; Länder, Meere und
allenfalls auch, die Menschen dazu; aber dazu gehört besonderer Mut und eigenes
Glück, wie mich dünkt, und vor allem soll, meines Erachtens, ein junger Mensch
darauf denken, wie er im Lande bleiben und sich redlich nähren, auch seinen
Mitbürgern sich nützlich, und seinen Eltern dienstbar erweisen kann!«
    »Die Landschaftsmalerei, die ich im Sinne habe, ist nicht sowohl, was Ihr
hiemit darunter versteht, Herr Vetter! als etwas ganz anderes!«
    »Nun, und das wäre?«
    »Sie besteht nicht darin, dass man merkwürdige und berühmte Orte aufsucht und
nachmacht, sondern darin, dass man die stille Herrlichkeit und Schönheit der
Natur betrachtet und abzubilden sucht, manchmal eine ganze Aussicht, wie diesen
See mit den Wäldern und Bergen, manchmal einen einzigen Baum, ja nur ein
Stücklein Wasser und Himmel.«
    Da der Vetter hierauf nichts entgegnete, sondern auf eine Fortsetzung zu
warten schien, fuhr ich auch fort und geriet nun meinerseits in eine ordentliche
Begeisterung und Beredsamkeit hinein. Der zwischen Sonnenglanz und
Waldesschatten schwebende See ruhte majestätisch vor den klaren Fenstern; von
fernem Bergrücken schienen einige schlanke Eichen, die in die himmelhohe
Sonntagsluft stiegen, mir zuzuwinken, fern, leise, aber eindringlich; ich
blickte unverwandt nach ihnen wie auf eine höhere Erscheinung, indem ich sprach:
    »Warum sollte dies nicht ein edler und schöner Beruf sein, immer und allein
vor den Werken Gottes zu sitzen, die sich noch am heutigen Tag in ihrer Unschuld
und ganzen Schönheit erhalten haben, sie zu erkennen und zu verehren und ihn
dadurch anzubeten, dass man sie in ihrem Frieden wiederzugeben versucht? Wenn man
nur ein einfältiges Sträuchlein abzeichnet, so empfindet man eine Ehrfurcht vor
jedem Zweige, weil derselbe so gewachsen ist und nicht anders nach den Gesetzen
des Schöpfers; wenn man aber erst fähig ist, einen ganzen Wald oder ein weites
Feld mit seinem Himmel wahr und treu zu malen, und wenn man endlich dergleichen
aus seinem Innern selbst hervorbringen kann, ohne Vorbild, Wälder, Täler und
Gebirgsziege, oder nur kleine Erdwinkel, frei und neu, und doch nicht anders,
als ob sie irgendwo entstanden und sichtbar sein müssten, so dünkt mich diese
Kunst eine Art wahren Nachgenusses der Schöpfung zu sein. Da lässet man die
Bäume in den Himmel wachsen und darüber die schönsten Wolken ziehen und beides
sich in klaren Gewässern spiegeln! Man spricht Es werde Licht! und streut den
Sonnenschein beliebig über Kräuter und Steine und lässt ihn unter schattigen
Bäumen erlöschen. Man reckt die Hand aus, und es steht ein Unwetter da, welches
die braune Erde beängstigt, und lässt nachher die Sonne in Purpur untergehen! Und
dies alles, ohne sich mit schlechten Menschen vertragen zu müssen; es ist kein
Misston im ganzen Tun!«
    »Gibt es denn eine solche Art der Kunst, und wird sie anerkannt?« fragte der
gute Schulmeister ganz verblüfft.
    »Jawohl«, erwiderte ich, »in den Städten, in den Häusern der Vornehmen, da
hängen schöne glänzende Gemälde, welche meistens stille grüne Wildnisse
vorstellen, so reizend und trefflich gemalt, als sähe man in Gottes freie Natur,
und die eingeschlossenen gefangenen Menschen erfrischen ihre Augen an den
unschuldigen Bildern und nähren diejenigen reichlich, welche sie zustande
bringen!«
    Der Schulmeister trat an das Fenster und schaute etwas überrascht hinaus.
    »Also dieser kleine See zum Beispiel, diese meine holdselige Einsamkeit
würde ein genugsamer Gegenstand sein für die Kunst, obgleich niemand den Namen
kennte, bloss wegen der Milde und Macht Gottes, die sich auch hier offenbart?«
    »Ja gewiss! Ich hoffe noch, Euch diesen See mit seinem dunklen Ufer, mit
dieser Abendsonne so zu malen, dass Ihr mit Vergnügen diesen Nachmittag darin
erkennen sollt und selbst sagen müsst, es sei weiter hiezu nichts nötig, um
bedeutend zu sein, das heisst, wenn ich ein Maler werden kann und etwas Rechtes
lerne!« setzte ich hinzu.
    »Jetzt habe ich alter Mensch wieder etwas Neues gelernt«, sagte mein Vetter
gerührt, »es ist doch höchst merkwürdig, in wie vielen Weisen der menschliche
Geist sich äussern kann. Mir scheint, Ihr seid auf einem guten und frommen Wege,
und wenn Ihr ein solches Stück zustande bringen könnt, so möchte es leidlich so
verdienstvoll sein als ein gutes geistliches Frühlings- oder Erntelied. He, ihr
Knaben!« rief er den jungen Fischkennern zu, welche immer noch an ihrem
Geschäfte waren, »holt ein Gefäss und sucht ein tüchtiges Gericht Fische aus,
Aale, Forellen oder Hechte, dass die Weiber sie backen können!«
    Indessen waren die Mädchen wieder in die Stube gekommen und hatten teilweise
unser Gespräch angehört, so dass der redselige Mann nicht verlegen war, auf einen
neuen Stoff überzugehen und alle für denselben pflichtig zu machen. Ich selbst
wurde wieder still und ziemlich befangen, da die zierliche Anna ungehört wieder
da war und leise mit einer Base flüsterte. Der Alte sprach nun von der Ernte,
von den Weinhoffnungen, von den Baumfrüchten mit den Mädchen, aber alles in
einer feinen und salbungsvollen Weise, mir nebenbei manche Aufklärung gebend,
wenn er meine Unbekanntschaft mit diesen Dingen voraussetzte. Ich aber sagte
fürder nichts, sondern befand mich glücklich und wohlgemut in der Nähe des
lieblichen Mädchens, ohne sie jedoch anzusehen, und nur angenehm berührt, wenn
sie einmal ihr Stimmchen erhob.
    Ein lieblicher Speiseduft verbreitete sich, zog die Knaben herbei und
veranlasste den Schulmeister, auf ein Zeichen der alten Köchin, zum Aufbruch in
das obere Stockwerk aufzufordern. Dort war ein kleiner, heller und kühler Saal,
welcher zwischen seinen ganz geweissten Wänden nichts entielt als einen
länglichen Tisch, Stühle und eine alte Hausorgel. Der Tisch war gedeckt, wir
setzten uns zu einem fröhlichen Abendessen, welches aus den Fischen bestand, so
die Vettern mit wenig Bescheidenheit ausgewählt hatten. Ländliches Backwerk und
Früchte und ein milder heller Wein, an der Höhe hinter dem Hause gewachsen,
bereicherten das einfache und in seiner Art doch festliche Mahl; der Alte würzte
es mit sinnigen Reden, die Jungen scherzten und gaben sich naive Rätsel und
Wortspiele auf, und dies alles übergoldete ein gehobener sonntäglicher Ton,
anders als ob man zu Hause, und anders als ob man in einer gewöhnlichen
Bauernfamilie wäre. Als wir uns genugsam erfrischt, schritt der Schulmeister zu
der Orgel hin und öffnete dieselbe, dass die glänzende Pfeifenreihe zutage trat
und das Innere der beiden Flügeltürchen das gemalte Paradies zeigte mit Adam und
Eva, Blumen und Tieren. Er setzte sich davor; wir mussten uns in einen Kreis um
ihn herumstellen, Anna teilte einige alte Musikbücher aus, und nachdem ihr Vater
etwas präludiert, sangen wir zu seinem Spiele und Vorsang einige schöne
kirchliche Sommerlieder und hernach einen künstlichen Kanon. Wir sangen in
heiterer Freude und aus voller Brust und doch mit Mass und Haltung; die
Dankbarkeit gegen den Augenblick brachte bessere Musik hervor als die strengste
Schulprobe, und ich selbst liess mein inneres Glück unbefangen und frei in den
Gesang strömen; denn dieser Tag war für mich wieder neuer und schöner als alle
früheren. Wenn wir einen Vers geendigt hatten, erklang über den See her, von
einer Wand im Walde, ein harmonisch verhallendes Echo, die Orgeltöne und
Menschenstimmen verschmelzend zu einem neuen wunderbaren Tone, und zitterte eben
aus, indem wir selbst den Gesang wieder anhoben. An verschiedenen Stellen, in
der Höhe und Tiefe, wurden freudige Menschenstimmen wach, welche ihre Lust in
die still webenden Lüfte sangen und jauchzten, so dass unser Kanon, mit welchem
wir schlossen, sozusagen sich über das ganze Tal verbreitete.
    Doch nun mussten wir aufbrechen, da die Sonne sich schon den Bergen näherte;
der Schulmeister entliess uns mit Zufriedenheit und verabschiedete mich mit
entschiedenen Zeichen seines Wohlwollens. Ich musste ihm versprechen, auf meinen
Streifzügen so oft als möglich in sein Tal zu kommen und in seinem Hause meinen
Sitz aufzuschlagen, als ob er ebenfalls mein Oheim wäre. Anna wollte uns noch
bis auf die Berghöhe begleiten, und so machten wir uns viel aufgeregter und
lauter auf den Weg, als wir gekommen waren. Die Mädchen, so schon durch ein
Nichts, durch die blosse freie Gelegenheit in die höchste Stimmung reiner
mutwilliger Lust versetzt, sangen fort und fort mit glänzenden Augen und
verlockten uns mitzusingen, indem sie Welt- und Vaterlandslieder anstimmten.
Dazwischen machte sich eine gegenseitige Neckerei mit Herzensangelegenheiten
unter den Geschwistern geltend, das ganze süsse Geplauder jenes hoffnungsreichen
Alters befreite sich aus den offenen Gemütern und umspann alle mit gern gehörten
Anspielungen, verstelltem Widerstande und schelmischer Rückantwort. Nur Anna
schien vor den Angriffen sicher zu sein, während sie hie und da einen
schüchternen Scherz hinwarf, und ich sagte gar nichts dazu, weil mein Herz voll
war von den Begebnissen des Tages. Wir standen nun auf der Höhe, welche im
Glanze der untergehenden Sonne schimmerte; vor mir schwebte die federleichte,
verklärte Gestalt des jungen Mädchens, und neben ihr glaubte ich den lieben Gott
lächeln zu sehen, den Freund und Schutzpatron der Landschaftsmaler, als welchen
ich ihn heute in dem Gespräche mit dem Schulmeister entdeckt hatte. Das
scheidende Mädchen errötete noch stärker in die Abendröte hinein, als sie
zuletzt auch mir die Hand bot. Wir berührten uns kaum mit den Fingerspitzen und
nannten uns höflich Sie; aber die Vettern lachten uns aus, und die Basen
verlangten ernstaft, dass wir uns mit Du anreden sollten, da hierzulande nichts
anderes geduldet würde unter jungen Leuten.
    So wechselten wir unsere Taufnamen, verzagt und spröde; aber der meinige
schlüpfte wie ein Flötenton in mein Ohr, und als Anna schnell und ängstlich im
Schatten ihrer Bergseite verschwand und wir auf der unserigen niederstiegen,
hatte ich zwei Dinge erworben einen grossen und mächtigen Kunstgönner, der
unsichtbar über der dämmernden Welt hauste, und ein zartes Frauenbildchen,
welches ich unverweilt in meinem Herzen aufzustellen wagte.
 
                                  Zweiter Band
                                  Erstes Kapitel
                    Berufswahl. Die Mutter und die Ratgeber
Ich konnte den unbestimmten Zwischenzustand nun nicht länger ertragen, sondern
suchte unter meinen Sachen nach feinem Papier, um einen Brief an meine Mutter zu
schreiben, den ersten in meinem Leben. Als ich ganz zuoberst am Rande das »Liebe
Mutter!« hinsetzte, schwebte sie mir in einem neuen Lichte vor; ich empfand
diesen Fortschritt und Ernst des Lebens wohl, und meine Schreibgeläufigkeit liess
mich anfänglich im Stiche und kaum die ersten Sätze finden. Doch führten mich
die Schilderungen meiner Reise und der sonstigen Erlebnisse bald vorwärts, und
meine Beschreibung fiel nur allzu geschmückt und prahlerisch aus. Ich trug ein
grosses Behagen zur Schau und ein gewisses sonderbares Bestreben, welches sich
nachher mehrmals wiederholte, auf meine Mutter mit einem glücklichen Befinden
und mit meinen verschiedenen Taten und Abenteuern ein Art Eindruck zu bewirken,
eine förmliche Sucht, auf drollige Weise sie zu unterhalten und zugleich dadurch
mich geltend zu machen. Alsdann ging ich auf den Zweck meines Schreibens über
und erklärte unverhohlen, dass ich nun durchaus glaubte, ein Maler werden zu
müssen; und infolgedessen bat ich sie, sich vorläufig umzusehen und mit den
verschiedenen Erfahrenen unserer Bekanntschaft sich zu beraten. Die Familien
berichte und Grüsse sowie einige wichtige Aufträge über kleine Gegenstände
bildeten den Schluss des Briefes; ich faltete ihn eng und künstlich zusammen und
verschloss ihn mit meinem Leibsiegel, einem Hoffnungsanker, welchen ich längst in
ein weiches Stückchen Alabaster gegraben hatte und nun zum ersten Mal
gebrauchte.
    Nach dem Empfange dieses Briefes begab sich meine Mutter in ihre
Staatskleidung, schlicht und einfarbig, bauschte ein frisches Taschentuch
zusammen, das sie in die Hand nahm, und begann feierlich ihren Rundgang bei den
ihr zugänglichen Autoritäten.
    Zuerst sprach sie bei einem angesehenen Schreinermeister vor, welcher viel
in guten Häusern verkehrte und Weltkenntnis besass. Als Freund meines seligen
Vaters hielt er in Freundschaft zu uns, so wie er auch die Bildungsversuche
jenes Kreises eifrig fortsetzte. Nachdem er Vortrag und Bericht der Mutter
ernstlich angehört, erwiderte er kurzweg, das sei nichts und hiesse so viel, als
das Kind einer liederlichen und ungewissen Zukunft anheimstellen. Hingegen wusste
der Schreiner bessern Rat, wenn einmal etwas Künstlerisches ergriffen werden
müsse. Ein junger Vetter von ihm hatte sich in einer entfernteren Stadt als
Landkartenstecher ausgebildet und genoss eines guten Auskommens, so dass er in den
Augen seiner Sippschaft als etwas Rechtes dastand. Daher erbot sich der
Ratgeber, mich aus besonderer Freundschaft in der Nähe dieses Mannes
unterzubringen, wo ich dann, wenn wirklich etwas Tüchtiges in mir stäke, es
nicht nur bis zum Stechen, sondern zum Selbstentwerfen der Landkarten bringen
könne, indem ich meine Zeit wohl anwende zur Erwerbung der nötigen Kenntnisse.
Dies wäre dann ein feiner, ehrenvoller und zugleich ein nützlicher und in das
grosse Leben passender Beruf.
    Mit vermehrten Sorgen und Zweifeln gelangte meine Mutter zum zweiten Gönner
und auch einem Freunde ihres Mannes. Derselbe war ein Fabrikant von farbigen und
bedruckten Tüchern, welcher sein ursprünglich geringes Geschäft nach und nach
erweitert hatte und sich eines wachsenden Wohlstandes erfreute. Er erwiderte den
Bericht meiner Mutter folgendermassen:
    »Dieses Ereignis, dass der junge Heinrich, der Sohn unseres unvergesslichen
Freundes, sich für eine künstlerische Laufbahn erklärt, und die Nachricht, dass
er schon lange sich vorzugsweise mit Stift und Farben beschäftigt, kommt sehr
erfreulich einer Idee entgegen, die ich schon einige Zeit in bezug auf den
Knaben hege. Es entspricht ganz dem Geiste seines wackern Vaters, dass er seine
Neigung einer feineren Tätigkeit zuwendet, zu welcher Talente und ein höherer
Schwung erforderlich sind; allein diese Neigung muss auf eine solide und
vernünftige Bahn gelenkt werden. Nun ist Euch, werteste Frau und Freundin, die
Art meines nicht unbedeutenden Geschäftes bekannt; ich fabriziere bunte Stoffe,
und wenn ich einen leidlichen Verdienst erzwecke, so geschieht es hauptsächlich
dadurch, dass ich mit Aufmerksamkeit und Raschheit allezeit die neuesten und
gangbarsten Dessins zu bringen und selbst den herrschenden Geschmack durch ganz
Neues und Originelles zu überbieten suche. Hiezu sind eigene Zeichner vorhanden,
deren Aufgabe es ist, lediglich neue Dessins zu erfinden und, in der behaglichen
Stube sitzend, nach Herzenslust Blumen, Sterne, Ranken, Tupfen und Linien
durcheinanderzuwerfen. In meiner Anstalt habe ich drei solcher Leute, denen ich
ein lästerliches Geld bezahlen und sie obenhinein noch sehr glimpflich behandeln
muss. Sie sind, obgleich sie ziemlich geschickt den Gang des Geschäftes begreifen
und verfolgen, doch nur zufällig zu diesem Berufe gekommen und durch keinerlei
innere Kraft vorherbestimmt. Was könnte mir nun willkommener sein als ein junger
Mensch, der mit solcher Energie sich für Papier und Farben erklärt, in so frühem
Alter, der den ganzen Tag, ohne weitere Anregung, Bäume und Blumengärtchen malt?
Wir wollen ihm schon Blumen genug verschaffen, in geordneten Reihen soll er sie
auf die Tücher zaubern, unerschöpflich, immer neu; er soll aus der reichen Natur
die wunderbarsten und zierlichsten Gebilde abstrahieren, welche meine
Konkurrenten zur Verzweiflung bringen! Kurz, gebt mir Euren Sohn ins Haus! Ich
werde ihn bald so weit gebracht haben wie die anderen, und wenn er einige Jahre
älter ist, so tun wir ihn nach Paris, wo die Sache ins Grosse betrieben wird und
die ausgezeichnetsten Dessinateurs der verschiedensten Industriezweige leben wie
die Fürsten und von den Geschäftsleuten auf Händen getragen werden. Hat er dort
sich gehörig emporgeschwungen und seine Erfahrung bereichert, so ist er ein
gemachter Mann und kann sein Los selbst bestimmen. Will er alsdann sich wieder
mit mir verbinden, so wird das mir zur Freude und zum Vorteil gereichen; findet
er aber sein Glück anderswo, so habe ich nichtsdestoweniger meine Zufriedenheit
daran. Bedenket Euch, ich glaube mich nicht zu täuschen!«
    Er führte hierauf meine Mutter in seinem Geschäfte herum und zeigte ihr die
bunten Herrlichkeiten, die geschnittenen Holzmödel und vor allem die kühnen
Kompositionen seiner Zeichner. Es leuchtete ihr alles vollkommen ein und
erfüllte sie wieder mit Hoffnung. Abgesehen von dem gesicherten und reichlichen
Erwerbe, welchen ein gewandter Geschäftsmann verbürgte, war ja diese ganze Kunst
dem Dienste der Frauen gewidmet und so reinlich und friedsam, dass ein Sohn in
ihrem Schosse wohl geborgen schien. Auch mochte es vielleicht eine Ader
verzeihlicher Eitelkeit erwecken, wenn sie sich in einen der bescheideneren
Stoffe meiner Erfindung gekleidet dachte. Sie war so mit diesen angenehmen
Gedanken beschäftigt, dass sie für diesmal ihre Wanderung einstellte, um sich
ganz in denselben zu ergehen.
    Der folgende Tag jedoch rief sie wieder zur Erfüllung der sonst väterlichen
Pflicht auf und führte sie mit neuen Sorgen und Zweifeln auf den Weg. Sie
gelangte zu einem dritten Freunde des Vaters, einem Schuster, der im Geruche
tiefen Verstandes und eines gewaltigen Politikers lebte. Seit dem Tode meines
Vaters war er durch die Zeitereignisse in eine strenger demokratische Richtung
hineingetreten. Nach misslaunischer Anhörung des Berichtes und des Erfolges der
gestrigen Bemühungen brach er barsch los:
    »Maler, Landkartenmacher, Blümchenzeichner, Stubensitzer, Herrenknecht!
Handlanger der Geldaristokraten, Gehilfe des Luxus und der Verweichlichung, als
Landkartenmacher sogar direkter Vorschubleister des bestialischen Kriegswesens!
Handwerk, ehrliche und schwere Handarbeit ist uns vonnöten, gute Frau! Wenn Euer
Mann lebte, so würde er den Jungen so gewiss durch schwere Handarbeit ins Leben
führen, als zwei mal zwei vier sind! Zudem ist der Junge schon ein bisschen
schwächlich und verwöhnt durch Euere Weiberwirtschaft; lasst ihn Maurer oder
Steinmetz werden, oder besser, gebt ihn mir, so wird er die gehörige Demut und
damit den rechten Stolz eines Mannes aus dem Volke gewinnen, und bis er imstande
ist, einen guten Schuh fix und fertig zu arbeiten, soll er gelernt haben, was
ein Bürger ist, wenn er anders seinem Vater nachfolgt, den wir sehr vermissen,
wir andere Handwerksleute! Besinnt Euch, Frau Lee! von der Pike auf dienen, das
macht den Mann! Waren die neuen Schuhe doch nicht zu eng, die ich letztin
schickte?«
    Die Frau Lee ging aber nicht sonderlich erbaut fort und murmelte vor sich
her: »Schlag du nur deine hölzernen Zwecke ein, bei mir erreichst du deinen
Zweck nicht, Herr Schuster, ungehobelter Mann! Bleib nur bei deinem Leisten und
warte, bis mein Kind kommt, dir Gesellschaft zu leisten! Draht ist nicht Rat!
Wenn du Gott fürchten würdest, so brauchtest du nicht vor dem Gerber zu fliehen!
Wer Pech angreift, besudelt sich!« Unter solchen Sarkasmen, welche sie nachher
wiederholte, sooft sie auf diese Unterredung zu sprechen kam, zog sie die
Klingel an einem hohen und schönen Hause, welches der Vater einst für einen
vornehmen Herrn gebaut hatte. Es war ein feiner und ernster Mann, der in den
Staatsgeschäften stand, nicht viele Worte machte, jedoch für uns einige
Geneigteit bezeigte und schon mehrmals mit entscheidendem Rat an die Hand
gegangen war Als er vernommen, worum es sich handelte, erwiderte er mit höflich
ablehnenden Worten:
    »Es tut mir leid, gerade in dieser Angelegenheit nicht dienen zu können! Ich
verstehe soviel wie nichts von der Kunst! Nur weiss ich, dass auch für das
ausgezeichnetste Talent lange Studienjahre und bedeutende Mittel erforderlich
sind. Wir haben wohl grosse Genies, welche sich durch besondere Widerwärtigkeiten
endlich emporgeschwungen; allein um zu beurteilen, ob Ihr Sohn hiezu nur die
geringsten Hoffnungen biete, dazu besitzen wir in unserer Stadt gar keine
berechtigte Person! Was hier an Künstlern und dergleichen lebt, ist ziemlich
entfernt von dem, was ich mir unter wirklicher Kunst vorstelle, und ich könnte
nie raten, einem ähnlichen verfehlten Ziele entgegenzugehen.« Dann besann er
sich eine Weile und fuhr fort: »Betrachten Sie mit Ihrem Sohne die ganze Sache
als eine kindische Träumerei; kann er sich entschliessen, sich von mir in einer
unserer Kanzleien unterbringen zu lassen, so will ich hiezu gern die Hand bieten
und ihn im Auge behalten. Ich habe gehört, dass er nicht ohne Talent sei,
besonders in schriftlichen Arbeiten. Würde er sich gut halten, so könnte er sich
mit der Zeit ebensogut zu einem Verwaltungsmanne emporarbeiten als mancher
andere wackere Mann, welcher ebenso von unten angefangen und als armer
Schreiberjunge in unsere Kanzleien getreten ist. Letztere Bemerkung mache ich
übrigens nicht, um irgend grosse Hoffnungen zu erregen, sondern nur um Ihnen zu
zeigen, dass der Knabe auch auf diesem Wege nicht unbedingt an ein dunkles und
dürftiges Los gebunden ist.«
    Diese Rede, indem sie meiner Mutter eine ganz neue Aussicht eröffnete, warf
sie gänzlich in Ungewissheit zurück, ob sie nicht ernstlich mich zur Änderung
meines Sinnes bestimmen solle. Denn hier war noch mehr als beim Fabrikanten die
Bürgschaft eines angesehenen und seiner Worte sichern Mannes zur Hand, welcher
einen grossen Teil unserer Verhältnisse ebenso klar durchschaute als mit
beherrschte und imstande war, diejenigen über dem Wasser zu halten, die sich
seinem Rate anvertrauten.
    Sie schloss hier ihren beschwerlichen Gang und beschrieb mir in einem grossen
Briefe sämtlichen Erfolg desselben, jedoch die Vorschläge des Fabrikanten und
des Staatsmannes besonders hervorhebend, und ermahnte mich, meinen bestimmten
Entschluss noch hinauszuschieben und eher darauf zu denken, auf welche Weise ich
am füglichsten im Lande bleiben, mich redlich nähren, ihr selbst ein Trost und
eine Stütze des Alters und doch meinen natürlichen Anlagen gerecht werden könne;
denn dass sie je dazu helfen würde, mich gewaltsam zu einem mir widerstrebenden
Lebensberufe zu bestimmen, davon sei keine Rede, da sie hierüber die Grundsätze
des Vaters genugsam kenne und es ihre einzige Aufgabe wäre, annähernd so zu
verfahren, wie er getan haben würde.
    Dieser Brief war überschrieben »Mein lieber Sohn!«, und das Wort Sohn, das
ich zum ersten Male hörte von ihr, rührte mich und schmeichelte mir aufs
eindringlichste, dass ich für den übrigen Inhalt sehr empfänglich und dadurch an
mir selbst irre und in Zweifel gesetzt wurde. Ich fühlte mich ganz allein und
wehrlos mit meinen grünen Bäumen gegenüber dem ernsten kalten Weltleben und
seinen Lenkern. Aber während ich schon begann, mich mit dem Gedanken vertraut zu
machen, auf immer vom geliebten Walde zu scheiden, gab ich mich nur um so
inniger der Natur hin und schweifte den ganzen Tag in den Bergen, und die
drohende Trennung liess mich manches angehende Verständnis sicherer ergreifen,
als es sonst geschehen wäre. Ich hatte schon viele Studien des Junker Felix
nachgezeichnet und dadurch einige Ausdrucksweise gewonnen, so dass meine Blätter
wenigstens ordentlich weiss und schwarz wurden von Stift und Tusche.
 
                                Zweites Kapitel
                                Judit und Anna
Oft, am Morgen oder am Abend, stand ich auf der Höhe über dem tiefen See, wo
unten der Schulmeister mit seinem Töchterchen wohnte, oder ich hielt mich auch
einen ganzen Tag an einer Stelle des Abhanges auf, unter einer Buche oder Eiche,
und sah das Haus abwechselnd im Sonnenscheine oder im Schatten liegen; aber je
länger ich zauderte, desto weniger konnte ich es über mich gewinnen
hinabzugehen, da mir das Mädchen fortwährend im Sinne lag und ich deshalb
glaubte, man würde mir auf der Stelle ansehen, dass ich seinetwegen käme. Meine
Gedanken hatten von der feinen Erscheinung Annas plötzlich so vollständigen
Besitz ergriffen, dass ich alle Unbefangenheit ihr gegenüber im gleichen
Augenblicke verlor und mit vorwitziger Ziererei von ihrer Seite sofort das
gleiche voraussetzte. Indem ich jedoch mich nach dem Wiedersehen sehnte, war mir
die Zwischenzeit und meine Unentschlossenheit gar nicht peinlich und
unerträglich, vielmehr gefiel ich mir in diesem gedanken- und erwartungsvollen
Zustande und sah einem zweiten Begegnen eher mit Unruhe entgegen. Wenn meine
Basen von ihr sprachen, tat ich, als hörte ich es nicht, indessen ich doch nicht
von der Stelle wich, solange das Gespräch dauerte, und wenn sie mich fragten, ob
es denn nicht ein allerliebstes Kind sei, erwiderte ich ganz trocken: »Ja,
gewiss!«
    Auf meinen Wegen war ich häufig am Hause der schönen Judit vorübergekommen
und, da ich eben deswegen, weil sie ein schönes Weib war, auch einige
Befangenheit fühlte und Anstand nahm einzutreten, von ihr gebieterisch
hereingerufen und festgehalten worden. Nach der Weise der aufopfernden und
nimmermüden alten Frauen und auch aus unentbehrlicher Gewohnheit befand sich
ihre Mutter beinahe immer auf dem warmen Felde, während die kräftige Tochter das
leichtere Teil erwählte und im kühlen Haus und Garten gemächlich waltete.
Deswegen war diese bei gutem Wetter regelmässig allein zu Hause und sah es gern,
wenn jemand, den sie leiden mochte, bei ihr vorkehrte und mit ihr plauderte. Als
sie meine Malerkünste entdeckt hatte, trug sie mir sogleich auf, ihr ein
Blumensträusschen zu malen, welches sie mit Zufriedenheit in ihr Gesangbuch
legte. Sie besass ein kleines Stammbüchelchen von der Stadt her, das nur zwei
oder drei Inschriften und eine Menge leerer Blätter mit Goldschnitt entielt;
von diesen gab sie mir bei jedem Besuche einige, dass ich eine Blume oder ein
Kränzchen darauf male (Farben und Pinsel hatte ich schon bei ihr zurückgelassen,
und sie verwahrte dieselben sorgfältig); dann wurde ein Vers oder witziger
Spruch darunter geschrieben und ihr Kirchenbuch mit solchen Bildchen, die ich in
wenigen Minuten anfertigte, gefüllt. Die Verse wurden einer grossen Sammlung
bedruckter Papierstreifchen entnommen, welche sie als Überbleibsel früher
genossenen Zuckerzeuges aufbewahrte. Durch diesen Verkehr war ich heimisch und
vertraut bei ihr geworden, und indem ich immer an die junge Anna dachte, hielt
ich mich gern bei der schönen Judit auf, weil ich in jener unbewussten Zeit ein
Weib für das andere nahm und nicht im mindesten eine Untreue zu begehen glaubte,
wenn ich im Anblicke der entfalteten vollen Frauengestalt behaglicher an die
abwesende zarte Knospe dachte als anderswo, ja als in Gegenwart dieser selbst.
Manchmal traf ich sie am Morgen, wie sie ihr üppiges Haar kämmte, welches
geöffnet bis auf ihre Hüften fiel. Mit dieser wallenden Seidenflut fing ich
neckend an zu spielen, und Judit pflegte bald, ihre Hände in den Schoss legend,
den meinigen ihr schönes Haupt zu überlassen und lächelnd die Liebkosungen zu
erdulden, in welche das Spiel allmählich überging. Das stille Glück, welches ich
dabei empfand, nicht fragend, wie es entstanden und wohin es führen könne, wurde
mir Gewohnheit und Bedürfnis, dass ich bald täglich in das Haus huschte, um eine
halbe Stunde dort zuzubringen, eine Schale Milch zu trinken und der lachenden
Frau die Haare aufzulösen, selbst wenn sie schon geflochten waren. Dies tat ich
aber nur, wenn sie ganz allein und keine Störung zu befürchten war, so wie sie
auch nur dann es sich gefallen liess, und diese stillschweigende Übereinkunft der
Heimlichkeit lieh dem ganzen Verkehre einen süssen Reiz.
    So war ich eines Abends, vom Berge kommend, bei ihr eingekehrt; sie sass
hinter dem Hause am Brunnen und hatte soeben einen Korb grünen Salat gereinigt;
ich hielt ihre Hände unter den klaren Wasserstrahl, wusch und rieb dieselben wie
einem Kinde, liess ihr kalte Wassertropfen in den Nacken träufeln und spritzte
ihr solche endlich mit unbeholfenem Scherze ins Gesicht, bis sie mich beim Kopfe
nahm und ihn auf ihren Schoss presste, wo sie ihn ziemlich derb zerarbeitete und
walkte, dass mir die Ohren sausten. Obgleich ich diese Strafe halb und halb
bezweckt hatte, wurde sie mir doch zu arg; ich riss mich los und fasste meine
Feindin, nach Rache dürstend, nun meinerseits beim Kopfe. Doch leistete sie,
indem sie immer sitzen blieb, so kräftigen Widerstand, dass wir beide zuletzt
heftig atmend und erhitzt den Kampf aufgaben und ich, beide Arme um ihren weissen
Hals geschlungen, ausruhend an ihr hangen blieb; ihre Brust wogte auf und
nieder, indessen sie, die Hände erschöpft auf ihre Knie gelegt, vor sich hinsah.
Meine Augen gingen den ihrigen nach in den roten Abend hinaus, dessen Stille uns
umfächelte; Judit sass in tiefen Gedanken versunken und verschloss, die Wallung
ihres aufgejagten Blutes bändigend, in ihrer Brust innere Wünsche und Regungen
fest vor meiner Jugend, während ich, unbewusst des brennenden Abgrundes, an dem
ich ruhte, mich arglos der stillen Seligkeit hingab und in der durchsichtigen
Rosenglut des Himmels das feine, schlanke Bild Annas auftauchen sah. Denn nur an
sie dachte ich in diesem Augenblicke; ich ahnte das Leben und Weben der Liebe,
und es war mir, als müsste ich nun das gute Mädchen alsogleich sehen. Plötzlich
riss ich mich los und eilte nach Hause, von wo mir der schrille Ton einer
Dorfgeige entgegenklang. Sämtliche Jugend war in dem geräumigen Saale versammelt
und benutzte den kühlen, müssigen Abend, nach den Weisen des herbeigerufenen
Geigers sich gegenseitig im Tanze zu unterrichten und zu üben; denn die älteren
Glieder der Sippschaft befanden für gut, auf die Feste des nahenden Herbstes den
jüngern Nachwuchs vorzubereiten und dadurch sich selbst ein vorläufiges
Tanzvergnügen zu verschaffen. Als ich in den Saal trat, wurde ich aufgefordert,
sogleich teilzunehmen, und indem ich mich fügte und unter die lachenden Reihen
mischte, ersah ich plötzlich die errötende Anna, welche sich hinter denselben
versteckt hatte. Da war ich sehr zufrieden und innerlich hoch vergnügt; aber
obgleich schon Wochen vergangen, seit ich sie zum ersten Male gesehen, liess ich
meine Zufriedenheit nicht merken und entfernte mich, nachdem ich sie kurz
begrüsst, wieder von ihr, und als meine Basen mich aufforderten, mit ihr, die
gleichfalls anfing, einen Tanz zu tun, suchte ich ungefällig und unter tausend
Ausflüchten auszuweichen. Dieses half nichts; widerstrebend fügten wir uns
endlich und tanzten, einander nicht ansehend und uns kaum berührend, etwas
ungeschickt und beschämt einmal durch den Saal. Ungeachtet es mir schien, als ob
ich einen jungen Engel an der Hand führte und im Paradiese herumwalzte, trennten
wir uns doch nach der Tour so schleunig wie Feuer und Wasser und waren in selbem
Augenblicke an den entgegengesetzten Enden des Saales zu sehen. Ich, der ich
kurz vorher unbefangen und mutwillig die Wangen der grossen und schönen Judit
zwischen meine Hände gepresst, hatte jetzt gezittert, die schmale, fast wesenlose
Gestalt des Kindes zu umfangen, und dieselbe fahrenlassen wie ein glühendes
Eisen. Sie verbarg sich ihrerseits wieder hinter die fröhlichen Mädchen und liess
sich sowenig mehr in die Reihen bringen als ich; hingegen bestrebte ich mich,
meine Worte an die Gesamteit zu richten und so zu stellen, dass sie von Anna
auch hingenommen werden mussten, und bildete mir ein, sie meine es mit den
wenigen Wörtchen, die sie hören liess, ebenfalls so.
    Sie war, da sie mit den Töchtern meines Oheims einen lebhaften Taubenverkehr
führte, mit einem Körbchen voll junger Täubchen angekommen, was hauptsächlich
das Heraufrufen des vorbeiziehenden Geigers veranlasst hatte. Nun wurde
verabredet, dass die Tanzübungen mehrere Male wiederholt werden sollten. Für
jetzt aber war es notwendig, da es dunkel geworden, dass jemand die Anna nach
Hause begleite, und dazu wurde ich ausersehen. Diese Kunde klang mir zwar wie
Musik; doch drängte ich mich nicht sonderlich vor; denn es erwachte ein Stolz in
mir, der es mir fast unmöglich machte, gegen das junge Ding freundlich zu tun,
und je lieber ich es in meinem Herzen gewann, desto mürrischer und unbeholfener
wurde mein Äusseres. Das Mädchen aber blieb immer gleich, ruhig, bescheiden und
fein und band gelassen seinen breiten Strohhut um, auf welchem eine Rose lag;
der Nachtkühle wegen brachte die Muhme einen prachtvollen weissen Staatsshawl aus
alter Zeit, mit Astern und Rosen besäet, den man um ihr blaues, halb ländliches
Kleid schlug, dass sie mit ihren Goldhaaren und dem feinen Gesichtchen aussah wie
eine junge Engländerin aus den neunziger Jahren. So wandte sie sich nun
anscheinend ganz ruhig zum Gehen, gewärtig, wer sie begleiten würde, aber sich
deswegen nicht unentschlossen aufhaltend. Sie lächelte, durch den Mutwillen der
Basen belebt und gedeckt, über meine Ungeschicklichkeit, ohne sich nach mir
umzublicken, und vermehrte so meine Verlegenheit, da ich gegenüber den
zusammenhaltenden und verschworenen Mädchen allein dastand und fast willens war,
im Saale zurückzubleiben. Doch erbarmte sich die älteste Base meiner und rief
mich noch einmal entschieden heran, so dass es mit meiner Ehre verträglich war,
mich wenigstens dem Zuge anzuschliessen, der sich vor das Haus bewegte. Wir
gingen gemeinschaftlich bis an das Ende des Dorfes, wo der Berg anhub, über
welchen Anna zu gehen hatte. Dort wurde Abschied genommen; ich stand im
Hintergrunde und sah, wie sie ihr Tuch zusammenfasste und sagte: »Ach, wer will
nun eigentlich mit mir kommen?« indessen die Mädchen schalten und sagten: »Nun,
wenn der Herr Maler so unartig ist, so muss eben jemand anders dich begleiten!«
und ein Bruder rief: »Ei, wenn es sein muss, so gehe ich schon mit, obgleich der
Maler ganz recht hat, dass er nicht den Jungfernknecht spielt, wie ihr es immer
gern einführen möchtet!« Ich trat aber hervor und sagte barsch: »Ich habe gar
nicht behauptet, dass ich es nicht tun wolle, und wenn es der Anna recht ist, so
begleite ich sie schon.« - »Warum sollte es mir nicht recht sein?« erwiderte
sie, und ich schickte mich an, neben ihr herzugehen. Allein die übrigen riefen,
ich müsste sie durchaus am Arme führen, da wir so feine Stadtleutchen seien; ich
glaubte dies und schob meinen Arm in den ihrigen, sie zog ihn rasch zurück und
fasste mich unter den Arm, sanft, aber entschieden, indem sie lächelnd nach dem
spottenden Volke zurücksah; ich merkte meinen Fehler und schämte mich
dergestalt, dass ich, ohne zu sprechen, den Berg hinanstürmte und das arme Kind
mir beinahe nicht folgen konnte. Sie liess sich dies nicht ansehen, sondern
schritt tapfer aus, und sobald wir allein waren, fing sie ganz geläufig und
sicher an zu plaudern über die Wege, welche sie mir zeigen musste, über das Feld,
über den Wald, wem diese und jene Parzelle gehöre und wie es hier und dort vor
wenigen Jahren noch gewesen sei. Ich wusste wenig zu erwidern, während ich
aufmerksam zuhörte und jedes Wort wie einen Tropfen Muskatwein verschlang; meine
Eile hatte schon nachgelassen, als wir die Höhe des Berges erreichten und auf
seiner Ebene gemächlich dahingingen. Der funkelnde Sternhimmel hing weit
gebreitet über dem Lande, und doch war es dunkel auf dem Berge, und die
Dunkelheit band uns näher zusammen, da wir, unsere Gesichter kaum sehend,
einander auch besser zu hören glaubten, wenn wir uns fest zusammenhielten. Das
Wasser rauschte vertraulich im fernen Tale, hier und da sahen wir ein mattes
Licht auf der dunklen Erde glimmen, welche sich massenhaft mit ihrem schwarzen
Schatten vom Himmel sonderte, der sie am Rande mit einem blassen Dämmergürtel
umgab. Ich beachtete dieses alles, lauschte den Worten meiner Begleiterin und
bedachte zugleich für mich meine Freude und meinen Stolz, eine Geliebte am Arme
zu führen, als welche ich sie ein für allemal betrachtete. Wir sprachen nun ganz
munter und aufgeräumt von tausend Dingen, von gar nichts, dann wieder mit
wichtigen Worten von unseren gemeinsamen Verwandten und ihren Verhältnissen, wie
alte kluge Leute. Je näher wir ihrer Wohnung kamen, deren Licht bereits in der
Tiefe glühte wie ein Leuchtwurm, desto sicherer und lauter wurde Anna; ihre
Stimme klingelte unaufhörlich und fein, gleich einem fernen Vesperglöckchen; ich
setzte ihren artigen Einfällen die besten meiner eigenen Erfindung entgegen, und
doch hatten wir uns den ganzen Abend noch nie unmittelbar angeredet, und das Du
war seit jenem einen Male nie mehr zwischen uns gefallen. Wir hüteten es,
wenigstens ich, im Herzen gleich einem goldenen Sparpfennige, den man auszugeben
gar nicht nötig hat; oder es schwebte wie ein Stern weit vor uns in neutraler
Mitte, nach welchem sich unsere Reden und Beziehungen richteten und sich dort
vereinigten wie zwei Linien in einem Punkte, ohne sich vorher unzart zu
berühren. Erst als wir in der Stube waren und ihren sie erwartenden Vater
begrüsst hatten, nannte sie, die Ereignisse des Abends froh erzählend, beiläufig
ganz unbefangen meinen Namen, sooft es erforderlich war, und nahm, unter dem
Schutze ihres Vaterhauses, wo sie sich geborgen fühlte wie eine Taube im Neste,
unbesehens das Wörtchen Du hervor und warf es unbekümmert hin, dass ich es nur
aufzunehmen und ebenso arglos zurückzugeben brauchte. Der Schulmeister machte
mir Vorwürfe über mein langes Ausbleiben, und um sicher zu gehen, forderte er
mich zu dem Versprechen auf, gleich am nächsten Morgen früh zu kommen und den
ganzen Tag an seinem See zuzubringen. Anna übergab mir den Shawl, den ich wieder
zurücktragen sollte; dann leuchtete sie mir vor das Haus und sagte adieu mit
jenem angenehmen Tone, der ein anderer ist nach einer stillschweigend
geschlossenen Freundschaft als vorher. Kaum war ich aus dem Bereiche des Hauses,
so schlug ich das blumige weiche Tuch, das mir eine Wolke des Himmels zu sein
dünkte, um Kopf und Schultern und tanzte darin wie ein Besessener über den
nächtlichen Berg. Als ich auf seiner Höhe war unter den Sternen, schlug es unten
im Dorfe Mitternacht; die Stille war nun nah und fern so tief geworden, dass sie
in ein geisterhaftes Getöse überzugehen schien, und nur wenn sich diese
Täuschung zerstreute und man gesammelt horchte, rauschte und zog unten der Fluss.
Ein seliger Schauer schien, als ich einen Augenblick stand wie festgebannt,
rings vom Gesichtskreise heranzuzittern an den Berg, in immer engeren Zirkeln
bis dicht an mein Herz. Ich entledigte mich andächtig meiner närrischen
Umhüllung, legte sie zusammen, stieg träumend den Abhang hinunter und fand den
Weg nach Hause, ohne auf ihn achtzugeben.
 
                                Drittes Kapitel
                                 Bohnenromanze
Am nächsten Morgen legte ich denselben Weg, der von Tau und Sonne funkelte und
blitzte, mit meinem Geräte beladen, zurück und sah bald den See unter dem
Morgendufte hervor leuchten. Haus und Garten waren vom jungen Tag übergoldet und
warfen ihr kristallenes Gegenbild in die Flut; zwischen den Beeten bewegte sich
eine blaue Gestalt, so fern und klein wie in einem Nürnberger Spielzeuge; das
Bild verschwand wieder hinter den Bäumen, um bald desto grösser und näher
hervorzutreten und mich in seinen Rahmen mit aufzunehmen. Schulmeisters hatten
mit dem Frühstücke auf mich gewartet; ich war sehr esslustig geworden durch den
weiten Weg und sah mich daher mit grosser Zufriedenheit hinter dem Tische,
während Anna die Tugenden eines Hausmütterchens aufs lieblichste spielen liess
und sich endlich neben mich setzte und so zierlich und mässig an dem Essen nippte
wie eine Elfe und als ob sie keine irdischen Bedürfnisse hätte. Ich sah sie
indessen kaum eine Stunde nachher mit einem mächtigen Stück Brot in der Hand
und, mir auch ein solches bringend, unbefangen und tüchtig dreinbeissen mit ihren
kleinen weissen Zähnen, und dies begierige Essen im Gehen und Plaudern stand ihr
ebenso wohl an wie vorher der bescheidene Anstand am Tische.
    Nach dem Frühstücke war der Vater mit der alten Magd in seinen Weinberg
gestiegen, um von den reifenden Trauben das Laub zu brechen, welches den
Sonnenstrahlen den Zugang versperrte. Die Besorgung des Weinberges war, nebst
dem Schlagen und Kleinmachen des Holzes, seine Hauptarbeit in seinem
beschaulichen Leben. Ich aber sah mich nach einem Gegenstande meiner Tätigkeit
um. Anna hatte eine mächtige Wanne voll grüner Bohnen der Schwänzchen zu
entledigen und an lange Fäden zu reihen, um sie zum Dörren vorzubereiten. Damit
ich in ihrer Nähe bleiben konnte, gab ich vor, ich müsste nun zur Abwechslung
einmal Blumen nach der Natur malen, und bat sie, mir einen Strauss derselben zu
brechen. Der Zusammenstellung wegen begleitete ich sie in den Garten, und nach
einer guten halben Stunde hatten wir endlich eine hübsche Menge beisammen und
setzten sie in ein altmodisches Prunkglas und dieses auf einen Tisch, der in
einer Weinlaube hinter dem Hause stand; Anna schüttete ihre Bohnen rings darum
her, und wir setzten uns einander gegenüber, bis zur Mittagsstunde arbeitend und
von unseren beiderseitigen Lebensläufen erzählend. Ich war nun ganz erwärmt und
heimisch geworden und begann bald mit der Überlegenheit eines Bruders dem guten
Kinde mit wichtigen Urteilen, eingestreuten Bemerkungen und Belehrungen zu
imponieren, indessen ich meine Blumen mit verwegenen bunten Farben anlegte und
sie mir erstaunt und vergnügt zuschaute, über den Tisch gebeugt und ein Büschel
Bohnen in der einen, das kleine Taschenmesserchen in der anderen Hand. Ich
brachte den Strauss in natürlicher Grösse auf einen Bogen und gedachte damit ein
rechtes Prunkstück im Hause zurückzulassen. Inzwischen kam die Magd vom Berge
und forderte meine Gespielin auf, ihr zum Bereiten des Essens behilflich zu
sein. Diese kurze Trennung, dann das Wiedersehen am Tische, die Ruhestunde nach
demselben, das Billigen meiner vorgeschrittenen Arbeit von seiten des
Schulmeisters, gewürzt mit weisen Sprüchen, und endlich die Aussicht auf ein
abermaliges Zusammensein bis zum Abend in der Laube veranlassten ebenso viele
angenehme Bewegungen und Zwischenspiele. Anna schien auch meines Sinnes zu sein,
da sie eben wieder einen ansehnlichen Haufen Bohnen auf den Tisch schüttete,
welcher bis zum Abend auszureichen schien. Allein die Haushälterin erschien
plötzlich und erklärte, dass Anna mit in den Weinberg müsste, damit man heute mit
demselben noch fertig würde und eines kleinen Überbleibsels wegen nicht am
andern Tage hinzugehen brauche. Diese Erklärung betrübte mich, und ich ward sehr
ärgerlich über die alte Frau; Anna hingegen brach sogleich willig und freundlich
auf und bezeigte weder Freude noch Verdruss über die Änderung ihres Planes. Die
Alte, als sie mich bleiben sah, sagte, ob ich nicht auch mitkomme, ich werde
doch nicht allein hiersein wollen und es sei recht schön im Weinberge. Allein
ich war nun schon zu tief betrübt und unwillig und erklärte, ich müsste meine
Zeichnung zu Ende führen. Bald sass ich allein in der einsamen Gegend und der
Nachmittagsstille und fühlte mich nun doch wieder zufrieden. Auch kam dieses
Alleinsein meinem Machwerke zu gut, indem ich mir mehr Mühe gab, die natürlichen
Blumen vor mir wirklich zu benutzen und an ihnen zu lernen, während ich am
Vormittage mehr nach meiner früheren Kindermanier drauflosgepinselt hatte. Ich
mischte die Farben genauer und verfuhr reinlicher und aufmerksamer mit den
Formen und Schattierungen, und dadurch entstand ein Bild, welches an der Wand
unschuldiger Landbewohner etwas vorstellen konnte.
    Darüber verfloss die Zeit schnell und leicht und brachte den Abend, indessen
ich mit Liebe die Zeichnung nach meiner Einsicht vervollkommnete und überall ein
Blatt oder einen Stiel ausbesserte und einen Schatten verstärkte. Die Neigung
für das Mädchen lehrte mich dies gewissenhafte Fertigmachen und Durchgehen der
Arbeit, welches ich bis dahin noch nicht gekannt; und als ich gar nichts mehr
anzubringen sah schrieb ich in eine Ecke des Blattes »Heinrich Lee fecit« und
unter den Strauss mit gotischer Schrift den Namen der künftigen Eigentümerin.
    Der Weinberg musste inzwischen noch ein grosses Stück Arbeit gegeben haben,
denn schon schwebte die Sonne dicht über dem Waldrande und warf ein
feuerfarbenes Band über das dunkelnde Gewässer her, und noch hörte ich nichts
von meinen Gastfreunden Ich setzte mich auf die Stufen vor dem Hause; die Sonne
ging hinab und liess eine tiefe Goldglut zurück, welche auf alles einen Nachglanz
verbreitete und das Bild auf meinen Knien wunderbar verklärte und etwas Rechtem
gleichsehen liess. Da ich sehr früh aufgestanden war und in diesem Augenblicke
auch sonst nichts Besseres zu tun wusste, schlief ich allmählich ein, und als ich
erwachte, standen die Zurückgekehrten in der vorgerückten Dämmerung bei mir und
am dunkelblauen Himmel wieder die Sterne. Meine Malerei wurde nun in der Stube
bei Licht besehen, die Magd schlug die Hände über dem Kopf zusammen und hatte
noch nie etwas Ähnliches erblickt; der Schulmeister fand mein Werk gut und
belobte meine Artigkeit gegen sein Töchterchen mit schönen Worten und freute
sich darüber; Anna lächelte vergnügt auf das Geschenk, wagte aber nicht, es
anzurühren, sondern liess es auf dem flachen Tische liegen und guckte nur hinter
den anderen hervor darüber hin. Wir nahmen nun das Nachtmahl ein, nach welchem
ich aufbrechen wollte; aber der Schulmeister verhinderte mich daran und gab
Befehl, mir ein Lager zu bereiten, da ich mich auf dem dunklen Berge unfehlbar
verirren würde. Obgleich ich einwandte, dass ich den nächtlichen Weg ja schon
einmal zurückgelegt hätte, liess ich mich doch leicht bereden, aus blosser
Freundschaft dazubleiben, worauf wir in den kleinen Saal mit der Orgel gingen.
Der Schulmeister spielte, und Anna und ich sangen dazu einige Abendlieder und
der Magd zu Gefallen, welche gern mitsang, einen Psalm, den sie mit heller
Stimme beherrschte. Dann ging der Alte zu Bette. Doch jetzt begann erst die
Herrschaft der alten Katerine, welche unten in der Stube einen ungeheuren
Vorrat von Bohnen aufgetürmt hatte, welche heute nacht noch sämtlich bearbeitet
werden sollten. Denn da sie nachts nicht viel schlafen konnte, beharrte sie
hartnäckig auf der ländlichen Sitte, dergleichen Dinge bis tief in die Nacht
hinein vorzunehmen. So sassen wir bis um ein Uhr um den grünen Bohnenberg herum
und trugen ihn allmählich ab, indem jedes einen tiefen Schacht vor sich
hineingrub und die Alte den ganzen Vorrat ihrer Sagen und Schwänke
heraufbeschwor und uns beide in wacher Munterkeit erhielt. Anna, welche mir
gegenübersass, baute ihren Hohlweg in die Bohnen hinein mit vieler Kunst, eine
Bohne nach der anderen herausnehmend, und grub unvermerkt einen unterirdischen
Stollen, so dass plötzlich ihr kleines Händchen in meiner Höhle zutage trat als
ein Bergmännchen und von meinen Bohnen wegschleppte in die grauliche Finsternis
hinein. Katerine belehrte mich, dass Anna der Sitte gemäss verpflichtet sei, mich
zu küssen, wenn ich ihre Finger erwischen könne, jedoch dürfe der Berg darüber
nicht zusammenfallen, und ich legte mich deshalb auf die Lauer. Nun grub sie
sich noch verschiedene Wege und begann mich auf die listigste Weise zu necken;
die Hand in der Tiefe des Bohnengebirges versteckt, sah sie mich über dasselbe
her mit ihren blauen Augen neckisch an, indessen sie hier eine Fingerspitze
hervorgucken liess, dort die Bohnen bewegte wie ein unsichtbarer Maulwurf, dann
plötzlich mit der ganzen Hand hervorschoss und wieder zurückschlüpfte wie ein
Mäuschen ins Loch, ohne dass es mir je gelang, sie zu haschen. Sie trieb es so
weit, mir immer auf die Augen sehend, dass sie plötzlich eine Bohne, die ich eben
ergreifen wollte, meinen Fingern entzog, ohne dass ich wusste, wo dieselbe
hingekommen. Katerine bog sich zu mir herüber und flüsterte mir ins Ohr: »Lasst
sie nur machen; wenn ihr der Bau endlich zusammenbricht über den vielen Löchern,
so muss sie Euch auf jeden Fall küssen!« Anna wusste jedoch sogleich, was die Alte
zu mir sagte; sie sprang auf, tanzte dreimal um sich selbst herum, klatschte in
die Hände und rief: »Er bricht nicht, er bricht nicht, er bricht nicht!« Beim
dritten Male gab Katerine mit ihrem Fusse dem Tische schnell einen Stoss, und der
unterhöhlte Berg stürzte jammervoll zusammen. »Gilt nicht, gilt nicht!« rief
Anna so laut und sprang so ausgelassen im Zimmer umher, wie man es gar nicht
hinter ihr vermutet hätte. »Ihr habt an den Tisch gestossen, ich hab es wohl
gesehen!«
    »Es ist nicht wahr«, behauptete Katerine, »Heinrich bekommt einen Kuss von
dir, du Hexe!«
    »Ei, schäme dich doch, so zu lügen, Katerine«, sagte das verlegene Kind,
und die unerbittliche Magd erwiderte: »Sei dem, wie ihm wolle, der Berg ist
gefallen, ehe du dich dreimal gedreht hast, und du bist dem Herrn Heinrich einen
Kuss schuldig!«
    »Den will ich auch schuldig bleiben«, rief sie lachend, und ich, selbst
froh, der feierlichen Zeremonie entflohen zu sein und doch die Sache zu meinem
Vorteile lenkend, sagte: »Gut, so versprich mir, dass du mir immer und jederzeit
einen Kuss schuldig sein willst!«
    »Ja, das will ich!« rief sie und schlug leichtsinnig und mutwillig auf meine
dargebotene Hand, dass es schallte. Sie war jetzt überhaupt so lebendig, laut und
beweglich wie Quecksilber und schien ein ganz anderes Wesen zu sein als am Tage.
Die Mitternacht schien sie zu verwandeln, ihr Gesichtchen war ganz gerötet, und
ihre Augen glänzten vor Freude. Sie tanzte um die unbehilfliche Katerine herum,
neckte sie und wurde von ihr verfolgt, es entstand eine Jagd in der Stube umher,
in welche ich auch verwickelt wurde. Die alte Katerine verlor einen Schuh und
zog sich keuchend zurück, aber Anna ward immer wilder und behender. Endlich
haschte ich sie und hielt sie fest, sie legte ohne weiteres ihre Arme um meinen
Hals, näherte ihren Mund dem meinigen und sagte leise, vom hastigen Atmen
unterbrochen:
»Es wohnt ein weisses Mäuschen
Im grünen Bergeshaus;
Der Berg, der will zerfallen,
Das Mäuslein flieht daraus«;
worauf ich in gleicher Weise fortfuhr:
»Man hat es noch gefangen,
Am Füsschen angebunden
Und um die Vordertätzchen
Ein rotes Band gewunden«;
dann sagten wir beide im gleichen Rhytmus und indem wir uns geruhig hin und her
wiegten:
»Es zappelte und schrie
Was hab ich denn verbrochen?
Da hat man ihm ins Herzlein
Ein' goldnen Pfeil gestochen.«
Und als das Liedchen zu Ende war, lagen unsere Lippen dicht aufeinander, aber
ohne sich zu regen; wir küssten uns nicht und dachten gar nicht daran, nur unser
Hauch vermischte sich auf der neuen, noch ungebrauchten Brücke, und das Herz
blieb froh und ruhig.
    Am andern Morgen war Anna wieder wie gewöhnlich, still und freundlich; der
Schulmeister begehrte die Zeichnung bei Tage zu besehen, und da ergab es sich,
dass sie von Anna schon in den unzugänglichsten Gelassen ihres Kämmerchens
verwahrt und begraben worden. Sie musste dieselbe aber wieder hervorholen, was
sie ungern tat; der Vater nahm einen Rahmen von der Wand, in welchem eine
vergilbte und verdorbene Gedächtnistafel der Teuerung von 1817 hing, nahm sie
heraus und steckte den frischen bunten Bogen hinter das Glas. »Es ist endlich
Zeit, dass wir dies traurige Denkmal von der Wand nehmen«, sagte er, »da es
selber nicht länger vorhalten will. Wir wollen es zu anderen verschollenen und
verborgenen Denkzeichen legen und dafür dieses blühende Bild des Lebens
aufpflanzen, das uns unser junger Freund geschaffen. Da er dir die Ehre erwiesen
hat, liebes Ännchen, deinen Namen unter die Blumen zu setzen, so mag die Tafel
zugleich deine Ehren-und Denktafel in unserm Hause sein und ein Vorbild, immer
heiter, mit geschmückter Seele und schuldlos zu leben wie diese zierlichen und
ehrbaren Werke Gottes!«
    Nach Tisch machte ich mich endlich bereit zur Rückkehr; Anna erinnerte sich,
dass heute wieder Tanzübung stattfinde, und erbat sich die Erlaubnis, gleich mit
mir gehen zu dürfen. Zugleich verkündete sie, dass sie bei ihren Basen
übernachten würde, um nicht wieder so spät über den Berg zu müssen. Wir wählten
den Weg längs des Flüsschens, um im Schatten zu gehen; und da dieser Pfad öfter
feucht war und von Wasserpflanzen und Gesträuchen beengt, schürzte sie das
hellgrüne, mit roten Punkten besetzte Kleid, nahm den Strohhut der überhängenden
Zweige wegen in die Hand und schritt neben mir her durch das Helldunkel, durch
welches die heimlich leuchtenden Wellen über rosenrote, weisse und blaue Steine
rieselten. Ihre Goldzöpfe hingen tief über den Nacken hinab, ihr Gesicht war von
einer weissen Krause von eigener Erfindung eingefasst, und dieselbe bedeckte noch
die jungen schmalen Schultern. Sie sagte nicht viel und schien sich ein wenig
der vergangenen Nacht zu schämen; überall, wo ich nichts gewahrte, sah sie späte
Blüten und brach dieselben, dass sie bald alle Hände voll zu tragen hatte. An
einer Stelle, wo das Wasser sich in einer Erweiterung des Bettes sammelte und
stillestand, warf sie ihre sämtliche Last zu Boden und sagte: »Hier ruht man
aus!« Wir setzten uns an den Rand des Teiches; Anna flocht einen Kranz aus den
kleinen vornehmen Waldblumen und setzte ihn auf. Nun sah sie ganz aus wie ein
holdseliges Märchen; aus der Flut schaute ihr Bild lächelnd herauf, das weiss und
rote Gesicht wie durch ein dunkles Glas fabelhaft überschattet. Aus der
gegenüberliegenden Seite des Wassers, nur zwanzig Schritte von uns, stieg eine
Felswand empor, beinahe senkrecht und nur mit wenigem Gesträuche behangen. Ihre
Steile verkündete, wie tief hier das kleine Gewässer sein müsse, und ihre Höhe
betrug diejenige einer grossen Kirche. An der Mitte derselben war eine Vertiefung
sichtbar, die in den Stein hineinging und zu welcher man durchaus keinen Zugang
entdeckte. Es sah aus wie ein recht breites Fenster an einem Turme. Anna
erzählte, dass diese Höhle die Heidenstube genannt würde. »Als das Christentum in
das Land drang«, sagte sie, »da mussten sich die Heiden verbergen, welche nicht
getauft sein wollten. Eine ganze Haushaltung mit vielen Kindern flüchtete sich
in das Loch dort oben, man weiss gar nicht auf welche Weise. Und man konnte nicht
zu ihnen gelangen, aber sie fanden den Weg auch nicht mehr heraus. Sie hausten
und kochten eine Zeitlang, und ein Kindlein nach dem andern fiel über die Wand
herunter ins Wasser hier und ertrank. Zuletzt waren nur noch Vater und Mutter
übrig und hatten nichts mehr zu essen und nichts zu trinken und zeigten sich als
zwei Jammergerippe am Eingange und starrten auf das Grab ihrer Kinder, zuletzt
fielen sie vor Schwäche auch herunter, und die ganze Familie liegt in diesem
tiefen, tiefen Wasser; denn hier geht es so weit hinunter, als der Stein hoch
ist!«
    Wir schauten, im Schatten sitzend, in die Höhe, wo der obere Teil des grauen
Felsens im Sonnenscheine glänzte und die seltsame Vertiefung erhellt war. Wie
wir so hinschauten, sahen wir einen blauen glänzenden Rauch aus der Heidenstube
dringen und längs der Wand hinsteigen, und wie wir länger hinstarrten, sahen wir
ein fremdartiges Weib, lang und hager, in der webenden Rauchwolke stehen,
herabblicken aus hohlen Augen und wieder verschwinden. Sprachlos sahen wir hin,
Anna schmiegte sich dicht an mich, und ich legte meinen Arm um sie; wir waren
erschreckt und doch glücklich, und das Bild der Höhle schwamm verwirrt und
verwischt vor unseren emporgerichteten Augen, und als es wieder klar wurde,
standen ein Mann und ein Weib in der Höhe und schauten auf uns herab. Eine ganze
Reihe von Knaben und Mädchen, halb oder ganz nackt, sass unter dem Loche und hing
die Beine über die Wand herunter. Alle Augen starrten nach uns, sie lächelten
schmerzlich und streckten die Hände nach uns aus, wie wenn sie uns um etwas
flehten. Es ward uns bange, wir standen eilig auf, Anna flüsterte, indem sie
perlende Tränen vergoss: »Oh, die armen, armen Heidenleute!« Denn sie glaubte
fest, die Geister derselben zu sehen, besonders da manche glaubten, dass kein Weg
zu jener Stelle führe. »Wir wollen ihnen etwas opfern«, sagte das Mädchen leise
zu mir, »damit sie unser Mitleid gewahr werden!« Sie zog eine Münze aus ihrem
Beutelchen, ich ahmte ihr nach, und wir legten unsere Spende auf einen Stein,
der am Ufer lag. Noch einmal sahen wir hinauf, wo die seltsame Erscheinung uns
fortwährend beobachtete und mit dankenden Gebärden nachschaute.
    Als wir im Dorfe anlangten, hiess es, man habe eine Bande Heimatloser in der
Gegend gesehen und man würde dieselben nächster Tage aufsuchen, um sie über die
Grenze zu bringen. Anna und ich konnten uns nun die Erscheinung erklären; es
musste doch ein geheimer Weg dortin führen, welcher nur unter dem unglücklichen
Volke, das solche Schlupfwinkel braucht, bekannt sein mochte. Wir gaben uns in
einem einsamen Winkel feierlich das Wort, den Aufentalt der Armen nicht zu
verraten, und hatten nun ein wichtiges Geheimnis zusammen.
 
                                Viertes Kapitel
                                   Totentanz
So lebten wir, unbefangen und glücklich, manche Tage dahin; bald ging ich über
den Berg, bald kam Anna zu uns, und unsere Freundschaft galt schon für eine
ausgemachte Sache, an der niemand ein Arges fand, und ich war am Ende der
einzige, welcher heimlich ihr den Namen Liebe gab, weil mir einmal alles sich
zum Romane gestaltete.
    Um diese Zeit erkrankte meine Grossmutter, nach und nach, doch immer
ernstlicher, und nach wenigen Wochen sah man, dass sie sterben würde. Sie hatte
genug gelebt und war müde; solange sie noch bei guten Sinnen war, sah sie gern,
wenn ich eine Stunde oder zwei an ihrem Bette verweilte, und ich fügte mich
willig dieser Pflicht, obgleich der Anblick ihres Leidens und der Aufentalt in
der Krankenstube mich ungewohnt und trübselig dünkten. Als sie aber in das
eigentliche Sterben kam, welches mehrere Tage dauerte, wurde mir diese Pflicht
zu einer ernsten und strengen Übung. Ich hatte noch nie jemanden sterben sehen
und sah nun die bewusstlose oder wenigstens so scheinende Greisin mehrere Tage
röchelnd im Todeskampfe liegen, denn ihr Lebensfunke mochte fast nicht
erlöschen. Die Sitte verlangte, dass immer mindestens drei Personen in dem
Gemache sich aufhielten, um abwechselnd zu beten und den fremden Besuchern,
welche unablässig eintraten, die Ehren zu erweisen und Nachricht zu geben. Nun
hatten aber die Leute, bei dem goldenen Wetter, gerade viel zu arbeiten, und
ich, der ich nichts versäumte und geläufig las, war ihnen daher willkommen und
wurde den grössten Teil des Tages am Todesbette festgehalten. Auf einem Schemel
sitzend, ein Buch auf den Knien, musste ich mit vernehmlicher Stimme Gebete,
Psalmen und Sterbelieder lesen und erwarb mir zwar durch meine Ausdauer die
Gunst der Frauen, wofür ich aber den schönen Sonnenschein nur von ferne und den
Tod beständig in der Nähe betrachten durfte.
    Ich konnte mich gar nicht mehr nach Anna umsehen, obschon sie mein süssester
Trost in meiner asketischen Lage war; da erschien sie, schüchtern und
manierlich, unversehens auf der Schwelle der Krankenstube, um die ihr sehr
entfernt Verwandte zu besuchen. Das junge Mädchen war beliebt und geehrt unter
den Bäuerinnen und daher jetzt willkommen geheissen, und als sie sich, nach
einigem stillen Aufentalte, anbot, mich im Gebete abzulösen, wurde ihr dies
gern gestattet, und so blieb sie die noch übrige Sterbenszeit an meiner Seite
und sah mit mir die ringende Flamme verlöschen. Wir sprachen selten miteinander;
nur wenn wir uns die geistlichen Bücher übergaben, flüsterten wir einige Worte,
oder wenn wir beide frei waren, ruhten wir behaglich nebeneinander aus und
neckten uns im stillen, da die Jugend einmal ihr Recht geltend machte. Als der
Tod eingetreten und die Frauen laut schluchzten, da zerfloss auch Anna in Tränen
und konnte sich nicht zufriedengeben, da sie doch der Todesfall weniger berührte
als mich, der ich als Enkel der Toten, obgleich ernst und nachdenklich,
trockenen Auges blieb. Ich wurde besorgt für das arme Kind, welches immer
heftiger weinte, und fühlte mich sehr niedergeschlagen und betreten. Ich führte
sie in den Garten, streichelte ihr die Wangen und bat sie inständigst, doch
nicht so sehr zu weinen. Da erheiterte sich ihr Gesicht, wie die Sonne durch
Regen, sie trocknete die Augen und sah mich urplötzlich lächelnd an.
    Wir genossen nun wieder freie Tage, und ich begleitete Anna zur Erholung
sogleich nach Hause, um dort zu weilen bis zum Leichenbegängnis. Ich blieb die
Zeit über ziemlich ernst, da der ganze Verlauf mich angegriffen und mir überdies
die Grossmutter sehr lieb und verehrungswürdig gewesen, ungeachtet ich sie seit
kurzem kannte. Diese Stimmung war nun wiederum meiner Freundin unbehaglich, und
sie suchte mich mit tausend Listen aufzuheitern und glich hierin den übrigen
Frauen, welche alle wieder plaudernd und schwatzend vor ihren Häusern standen.
    Der Mann der toten Grossmutter tat nun, während er sich bequem fühlte, als ob
er sehr viel verloren und seine Frau im Leben wertgehalten hätte. Er ordnete
eine pomphafte Leichenfeier an, woran über sechzig Personen teilnehmen sollten,
und liess es an nichts fehlen, alle alten Gebräuche in ihrem vollen Umfange zu
beobachten.
    Am bezeichneten Tage begab ich mich mit dem Schulmeister und mit Anna auf
den Weg; er trug einen feierlichen schwarzen Frack mit sehr breiten Schössen und
eine gestickte weisse Halsbinde, Anna ebenfalls ihr schwarzes Kirchengewand und
eine ihrer eigentümlichen Krausen, worin sie aussah wie eine Art Stiftsfräulein.
Den Strohhut hingegen liess sie zu Hause und trug ihre Haare besonders kunstreich
geflochten, dazu durchdrang sie heut eine tiefe Frömmigkeit und Andacht, sie war
still und ihre Bewegungen voll Sitte, und dieses alles liess sie in meinen Augen
in neuem, unendlichem Reize erscheinen. In meine traurig festliche Stimmung
mischte sich ein süsser Stolz, mit diesem liebenswürdigen und seltenen Wesen so
vertraut zu sein, und zu diesem Stolze gesellte sich eine innige Verehrung, dass
ich meine Bewegungen ebenfalls mass und zurückhielt und mit eigentlicher
Ehrerbietung neben ihr herging und ihr dienstbar war, wo es der unebene Weg
erforderte.
    Wir machten vorerst im Hause meines Oheims halt, dessen Familie schon
gerüstet war und sich, als die Totenglocke läutete, uns anschloss. Im Sterbehause
wurde ich von meinen sämtlichen Begleitern getrennt, da meine Stellung als Enkel
die Gegenwart unter den nächsten Leidtragenden mit sich brachte, und als der
jüngste und unmittelbarste Nachkomme befand ich mich in meinem grünen Habit an
der Spitze der ganzen Trauergesellschaft und war den umständlichen und
langwierigen Zeremonien zuerst ausgesetzt. Die nähere Verwandtschaft war in der
geräumten grossen Wohnstube versammelt und harrte auf das weibliche Geschlecht,
welches erscheinen sollte, um hier seine Beileidsbezeugungen abzustatten.
Nachdem wir eine geraume Weile stumm und aufrecht längs den Wänden gestanden,
traten nach und nach viele bejahrte Bäuerinnen herein, in schwarzer Tracht,
fingen bei mir an, eine um die andere, indem sie mir die Hand boten, ihren
Spruch sagten und zum nächsten fortschritten auf gleiche Weise. Diese Matronen
gingen grösstenteils gebückt und zitternd und sprachen ihre Worte mit Rührung als
alte Freundinnen und Bekannte der Seligen und als solche, welche die Nähe des
Todes doppelt empfanden. Sie sahen mich alle fest und bedeutungsvoll an, ich
musste jeder einzelnen danken und sie ebenfalls ansehen, was ich ohnehin getan
hätte. Manchmal war eine noch hohe und kraftvolle alte Frau darunter, welche
aufrecht heranschritt und mit Seelenruhe auf mich sah; dann folgte aber gleich
wieder ein gebeugtes Mütterchen, welches an seinem eigenen Leiden dasjenige der
Geschiedenen zu kennen und zu schätzen schien. Doch wurden die Frauen immer
jünger, und in gleichem Verhältnisse mehrte sich die Zahl; die Stube war nun
vollständig mit dunklen Gestalten angefüllt, die sich herbeidrängten, Weiber von
vierzig und dreissig Jahren, voll Beweglichkeit und Neugierde, die verschiedenen
Leidenschaften und Eigentümlichkeiten waren kaum durch die gleichmachende
Trauerhaltung verschleiert. Der Andrang schien kein Ende nehmen zu wollen; denn
nicht nur das ganze Dorf, sondern auch viele Frauen aus der Umgegend waren
erschienen, weil die Verstorbene eines grossen Ruhmes unter ihnen genoss, der, zum
Teil verjährt, jetzt noch einmal in vollem Glanze sich geltend machte. Endlich
wurden die Hände glätter und weicher, das jüngste Geschlecht zog vorüber, und
ich war schon ganz mürbe und müde, als meine Basen herzutraten, mir aufmunternd
und freundlich die Hand reichten, und gleich hinter ihnen, wie ein Himmelsbote,
die allerliebste Anna, welche, blass und aufgeregt, mir flüchtig das Händchen
reichte und schimmernde Tränen darüber fallen liess. Weil ich seltsamerweise gar
nicht an sie gedacht und auf sie gehofft hatte, schwebte sie mir jetzt um so
überraschender vorüber.
    Zuletzt erschöpfte sich doch die Frauenwelt, und wir traten vor das Haus, wo
eine unabsehbare Schar bedächtiger Männer harrte, um mit uns, die wieder eine
Reihe bildeten, den gleichen Gebrauch vorzunehmen. Sie machten es zwar bedeutend
kürzer und rascher als ihre Weiber, Töchter und Schwestern, allein dafür
gebrauchten sie ihre schwieligen harten Hände wie Schmiedezangen und
Schraubstöcke, und aus mancher Faust brauner Ackermänner glaubte ich meine Hand
nicht mehr heil zurückzuziehen.
    Endlich schwankte der Sarg vor uns her, die Weiber schluchzten, und die
Männer sahen bedenklich und verlegen vor sich nieder; der Geistliche erschien
auch und machte seine Würde geltend, und ohne viel zu wissen, wie es zugegangen,
sah ich mich endlich an der Spitze des langen Zuges auf dem Kirchhofe und dann
in die kühle Kirche versetzt, welche von der Gemeinde ganz angefüllt wurde. Ich
hörte nun mit Verwunderung und Aufmerksamkeit den ursprünglichen Familiennamen,
die Abstammung, das Alter, den Lebenslauf und das Lob der Grossmutter von der
Kanzel verkünden und stimmte von Herzen in das Versöhnungs- und Ruhelied,
welches zum Schlusse gesungen wurde. Als ich aber die Schaufeln klingen hörte
vor der Kirchentür, drängte ich mich hinaus, um in das Grab zu schauen. Der
einfache Sarg lag schon darin, viele Menschen standen umher und weinten, die
Schollen fielen hart auf den Deckel und verbargen ihn allmählich; ich sah
erstaunt hinein und kam mir fremd und verwundert vor, und die Tote in der Erde
erschien mir auch fremd, und ich fand keine Tränen. Erst als es mir durch den
Sinn fahr, dass es die leibliche Mutter meines Vaters gewesen, und an meine
Mutter dachte, welche einst auch also in die Erde gelegt werde, da
vergegenwärtigte sich mir wieder mein Zusammenhang mit diesem Grabe und das
Wort: »Ein Geschlecht vergeht und das andere entsteht!«
    Der eingeladene Teil der Versammlung begab sich nun wie der nach dem
Trauerhause, dessen Räume alle von den Vorrichtungen des Leichenmahles belebt
waren. Als man zu Tische sass, versetzte mich die Sitte wieder an die Seite des
finstern Witwers, wo ich zwei volle Stunden aushalten musste, ohne mit jemandem
sprechen zu können, solange die erste herkömmliche Essenszeit mit allen ihren
unvermeidlichen Gerichten dauerte. Ich sah die lange Tafel hinunter und suchte
den Schulmeister und sein Kind, welche auch anwesend waren; sie mussten aber im
anstossenden Zimmer sein, denn ich fand sie nicht.
    Anfänglich wurde mässig und bedächtig gesprochen und die Speisen in grosser
Ehrbarkeit eingenommen. Die Bauern sassen aufrecht an ihre Stühle oder an die
Wand gelehnt, in beträchtlichem Abstand vom Tische, und stachen die
Fleischbissen mit feierlich ausgestrecktem Arme an, die Gabel am äussersten Ende
haltend. So führten sie ihre Beute auf dem weitesten Wege zum Munde und tranken
den Wein in kleinen, züchtigen, aber häufigen Zügen. Die Aufwärterinnen trugen
die breiten Zinnschüsseln in erhobenen Händen in der Höhe ihres Gesichtes heran,
mit gemessenem Paradeschritt, die Hüften gewaltig hin und her wiegend. Wo sie
die Tracht auf den Tisch setzten, mussten die beiden Zunächstsitzenden einen
Wettstreit beginnen, indem sie ihnen ihre Gläser zum Trinken boten und jeder
wenigstens zwei gute Witze flüsterte; dieser kleine Kampf wurde dann dadurch
geschlichtet, dass die Aufwärterin aus jedem Glase nippte und mehr oder weniger
zufrieden mit der Ausführung dieser Etikette sich zurückzog.
    Nach Verfluss zweier langen Stunden näherten sich die Roheren unter den
Gästen immer mehr dem Tische, legten die Arme darauf und begannen nun erst ein
fleissiges Essen, wozu sie den Wein in tiefen Zügen schluckten. Die Gesetzteren
aber wurden lauter im Gespräche, rückten ihre Stühle mehr zusammen und liessen
die Unterhaltung allmählich in eine mässige Fröhlichkeit übergehen. Diese war
wohl zu unterscheiden von einer gewöhnlichen lustigen Stimmung und eine
symbolische Absicht, welche eine heitere Ergebung in den Lauf der Dinge und das
Recht des Lebens gegen den Tod bedeuten sollte.
    Ich fand nun endlich Raum, meinen Platz zu verlassen und umherzugehen. Im
nächsten Zimmer fand ich an einer kleineren Tafel Anna neben ihrem Vater sitzen,
welcher im Kreise einiger Klugen und Frommen die weise und fröhliche Ergebung in
das Unvermeidliche mit ausgezeichneter Kunst übte. Er machte einigen bejahrten
Frauen den Hof und wusste jeder noch zu sagen, was sie vor dreissig Jahren gern
gehört; dafür schmeichelten sie der kleinen Anna, lobten ihre Manieren und
priesen den Alten glücklich. Zu dieser Gruppe setzte ich mich und horchte neben
Anna auf die beschaulichen Reden der Alten. dabei hielten wir zwei, denen nun
erst vergnüglich zu Mute wurde, noch eine kleine Mahlzeit aus der gleichen
Schüssel und tranken zusammen ein Glas Wein.
    Auf einmal fing es über unseren Köpfen an zu brummen und zu pfeifen. Geige,
Bass und Klarinette wurden angestimmt, und ein Waldhorn erging sich in schwülen
Tönen. Während der rüstige Teil der Versammlung aufbrach und nach dem geräumigen
Boden hinaufstieg, sagte der Schulmeister: »So muss es also doch getanzt sein?
Ich glaubte, dieser Gebrauch wäre endlich abgeschafft, und gewiss ist dies Dorf
das einzige weit und breit, wo er noch manchmal geübt wird! Ich ehre das Alte,
aber alles, was so heisst, ist doch nicht ehrwürdig und tauglich! Indessen mögt
ihr einmal zusehen, Kinder, damit ihr später noch davon sagen könnt; denn
hoffentlich wird das Tanzen auf Leichenbegängnissen endlich doch verschwinden!«
    Wir huschten sogleich hinaus, wo auf der Flur und der Treppe, die nach oben
führte, die Menge sich zu einem Zuge ordnete und paarte, denn ungepaart durfte
niemand hinaufgehen. Ich nahm daher Anna bei der Hand und stellte mich in die
Reihe, welche sich, von den Musikanten angeführt, in Bewegung setzte. Man
spielte einen elendiglichen Trauermarsch, zog nach seinem Takte dreimal auf dem
Boden herum, der zum Tanzsaal umgewandelt war, und stellte sich dann in einen
grossen Kreis. Hierauf traten sieben Paare in die Mitte und führten einen
schwerfälligen alten Tanz auf von sieben Figuren mit schwierigen Sprüngen,
Kniefällen und Verschlingungen, wozu schallend in die Hände geklatscht wurde.
Nachdem dies Schauspiel seine gehörige Zeit gedauert hatte, erschien der Wirt,
ging einmal durch die Reihen, dankte den Gästen für ihre Teilnahme an seinem
Leid und flüsterte hier und dort einem jungen Burschen, dass es alle sahen, in
die Ohren, er möchte sich die Trauer nicht allzusehr zu Herzen gehen und ihn in
seinem Schmerze jetzt nur allein und einsam lassen, er empföhle ihm vielmehr,
sich nun wieder des Lebens zu freuen. Hierauf schritt er wieder gesenkten
Hauptes von dannen und stieg die Treppe hinunter, als ob es direkt in den
Tartarus ginge. Die Musik aber ging plötzlich in einen lustigen Hopser über, die
Älteren zogen sich zurück, und die Jugend brauste jauchzend und stampfend über
den dröhnenden Boden hin. Anna und ich standen, noch immer Hand in Hand,
verwundert an einem Fenster und schauten dem dämonischen Wirbel zu. Auf der
Strasse sahen wir die übrige Jugend des Dorfes dem Geigenklange nachziehen; die
Mädchen stellten sich vor die Haustür, wurden von den Knaben heraufgeholt, und
wenn sie einen Tanz getan, hatten sie das Recht erworben, aus den Fenstern die
Burschen, die noch unten waren, heraufzurufen. Es wurde Wein gebracht und in
allerhand Dachwinkeln kleine Trinkstätten hergestellt, und bald verschmolz alles
in einen rauschenden und tobenden Wirbel der Lust, welche sich in ihrem Lärm um
so sonderbarer ausnahm, als es Werktag war und das Feld weit herum in
gewöhnlicher stiller Arbeit begriffen.
    Nachdem wir lange Zeit zugeschaut, fortgegangen und wiedergekommen waren,
sagte Anna errötend, sie möchte einmal probieren, ob sie in der grossen Menge
tanzen könne. Dieses kam mir sehr gelegen, und wir drehten uns im selben
Augenblicke in den Kreisen eines Walzers dahin. Von nun an tanzten wir eine gute
Weile ununterbrochen, ohne müde zu werden, die Welt und uns selbst vergessend.
Wenn die Musik eine Pause machte, so standen wir nicht still, sondern setzten
unsern Weg durch die Menge fort in raschem Schritte und fingen mit dem ersten
Tone wieder zu tanzen an, wir mochten gerade gehen, wo es war.
    Mit dem ersten Tone der Abendglocke aber stand auf einmal der Tanz still
mitten in einem Walzer, die Paare liessen ihre Hände fahren, die Mädchen wanden
sich aus den Armen der Tänzer, und alles eilte, sich ehrbar begrüssend, die
Treppe hinunter, setzte sich noch einmal hin, um Kaffee mit Kuchen zu geniessen
und dann ruhig nach Hause zu gehen. Anna stand, mit glühendem Gesichte, noch
immer in meinem Arme, und ich schaute verblüfft umher. Sie lächelte und zog mich
fort; wir fanden ihren Vater nicht mehr im Hause und gingen weg, ihn beim Oheim
aufzusuchen. Es war Dämmerung draussen, und die allerschönste Nacht brach an. Als
wir auf den Kirchhof kamen, lag das frische Grab einsam und schweigend, vom
aufgehenden goldenen Monde bestreift. Wir standen vor dem braunen, nach feuchter
Erde duftenden Hügel und hielten uns umfangen; zwei Nachtfalter flatterten durch
die Büsche, und Anna atmete erst jetzt schnell und stark. Wir gingen zwischen
den Gräbern umher, für dasjenige der Grossmutter einen Strauss zu sammeln, und
gerieten dabei, im tiefen Grase wandelnd, in die verworrenen Schatten der
üppigen Grabgesträuche. Da und dort blinkte eine matte goldene Schrift aus dem
Dunkel oder leuchtete ein Stein. Wie wir so in der Nacht standen, flüsterte ich
Anna, sie möchte mir jetzt etwas sagen, aber ich müsste sie nicht auslachen und
es verschweigen. Ich fragte: »Was?« und sie sagte, sie wolle mir jetzt den Kuss
geben, den sie mir von jenem Abend her schuldig sei. Ich hatte mich schon zu ihr
geneigt, und wir küssten uns ebenso feierlich als ungeschickt.
 
                                Fünftes Kapitel
                 Beginn der Arbeit. Habersaat und seine Schule
Als Anna mit ihrem Vater noch spät sich verabschiedete, war ich in dem
Augenblicke nicht zugegen, und sie konnte mir daher nicht Lebewohl sagen.
Obgleich ich schmerzlich betroffen war, sie nicht mehr zu finden, überwog doch
mein junges Seelenglück; auf meiner Kammer lag ich noch eine volle Stunde unter
dem Fenster und sah die Gestirne ihren fernen Gang tun, und die Wellen unter mir
trugen das Mondensilber auf ihren klaren Schultern hastig und kichernd zu Tal,
als ob sie es gestohlen hätten, warfen hier und da einige Schimmerstücke ans
Ufer, als ob sie ihnen zu schwer würden, und sangen fort und fort ihr
mutwilliges Wanderlied. Auf meinem Munde lag es unsichtbar, aber süss und warm
und doch frisch und taukühl.
    Als ich schlafen ging, spukte und rauschte es die ganze Nacht auf meinen
Lippen, durch Traum und Wachen, welche oft und heftig wechselten; ich sank von
Traum zu Traum, farbig und blitzend, dunkel und schwül, dann wieder sich
erhellend aus dunkelblauer Finsternis zu blumendurchwogter Klarheit; ich träumte
nie von Anna, aber ich küsste Baumblätter, Blumen und die lautere Luft und wurde
überall wiedergeküsst; fremde Frauen gingen über den Kirchhof und wateten durch
den Fluss mit silberglänzenden Füssen; die eine trug Annas schwarzes Gewand, die
andere ihr blaues, die dritte ihr grünes mit den roten Blümchen, die vierte ihre
Halskrause, und wenn mich dies ängstigte und ich ihnen nachlief und darüber
erwachte, war es, als ob die wirkliche Anna von meinem Lager soeben und
leibhaftig wegschliche, dass ich verwirrt und betäubt auffuhr und sie laut beim
Namen rief, bis mich die stille Glanznacht, welche im Tale lag, zu mir selbst
brachte und in neue Träume hüllte.
    So ging es in den hellen Morgen hinein, und beim Erwachen war ich wie von
einem heissen Quell der Glückseligkeit durchtränkt und berauscht.
    Ich ging, noch immer trunken und träumend, unter meine Verwandten und fand
in der Wohnstube den benachbarten Müller vor, welcher mit einem leichten
Fuhrwerke meiner harrte, um mich mit nach der Stadt zu nehmen. Meine Rückkehr
war nämlich, seit einiger Zeit bestimmt, an die Geschäftsreise dieses Mannes
geknüpft und verabredet worden, da das Fahren mit ihm einige Bequemlichkeit bot.
Ich fragte nach dieser ohnehin nicht viel, der Müller erschien zudem unerwartet
und früher, als man geglaubt, mein Oheim und seine Sippschaft forderten mich
auf, ihn fahren zu lassen und zu bleiben, in meinem Herzen schrie es nach Anna
und nach dem stillen See - aber ich versicherte ernstaft, dass meine
Verhältnisse geböten, diese Gelegenheit zu benutzen, frühstückte eilig, nahm
meine Sachen zusammen und von den Verwandten Abschied und setzte mich mit dem
Müller auf das Wägelchen, welches ohne Aufentalt zum Dorfe hinaus- und bald auf
der Landstrasse dahinrollte. Dies alles tat ich in der Verwirrung, zum Teil weil
ich wähnte, man würde mir auf der Stelle ansehen, dass ich wegen Anna bliebe und
dass ich sie wirklich liebe, und endlich auch aus unerklärlicher Laune.
    Sobald ich hundert Schritte vom Dorfe entfernt war, bereute ich meine
Abreise; ich wäre gern vom Wagen gesprungen, drehte den Kopf immerwährend zurück
nach den Höhen, welche um den See lagen, und schaute sie an, ohne zu gewahren,
wie sie unter meinen Augen blau und klein wurden und das Hochgebirge aus grössern
und tiefern Seen emporstieg.
    Ich konnte mich in den ersten Tagen meiner Rückkehr kaum zurechtfinden. Im
Angesichte der grossartigen Landschaft, welche die Stadt umgibt, schwebte mir nun
die verlassene Gegend wie ein Paradies vor, und ich fühlte erst jetzt jeden Reiz
ihrer einfachen und anspruchlosen, aber so ruhigen und lieblichen Bestandteile.
Wenn ich auf der höchsten Höhe über unserer Stadt in das Land hinaussah, so war
mir der kleine versteckte Strich blauen Fernegebietes, wo das Dorf und nicht
weit davon des Schulmeisters See zu vermuten waren, die schönste Stelle des
Gesichtskreises, die Luft wehte reiner und glücklicher von dorter, der mir
unsichtbare Aufentalt Annas in jener entlegenen bläulichen Dämmerung wirkte
magnetisch über alles dazwischenliegende Land her; ja wenn ich, in der Tiefe
gehend, jenen glücklichen Horizont nicht sah, so suchte und fühlte ich doch die
Himmelsgegend und sah mit Heimweh und Sehnsucht das dortin gehende Stück Himmel
von näheren Bergen begrenzt.
    Indessen erneuerte sich die Frage über meine Berufswahl und machte sich
täglich dringender geltend, da man mich nicht länger müssig und planlos sehen
konnte. Ich war einmal an den Türen des Fabrikgebäudes vorbeigestrichen, wo der
eine Gönner hauste. Ein hässlicher Säuregeruch drang mir in die Nase, und bleiche
Kinder arbeiteten innerhalb und lachten mit rohen Grimassen. Ich verwarf die
Hoffnungen, die sich hier darboten, und zog es vor, lieber ganz von solchen
halbkünstlerischen Ansprüchen fernzubleiben und mich dem Schreibertume
entschieden in die Arme zu werfen, wenn einmal entsagt werden müsse, und ich gab
mich diesem Gedanken schon geduldig hin. Denn nicht die mindeste Aussicht tat
sich auf, bei irgendeinem guten Künstler untergebracht zu werden.
    Da gewahrte ich eines Tages, wie eine Menge der gebildeten Leute der Stadt
in einem öffentlichen Gebäude aus und ein gingen. Ich erkundigte mich nach der
Ursache und erfuhr, dass in dem Hause eine Kunstausstellung stattfinde, welche
durch die Städte zirkuliere. Da ich sah, dass nur feingekleidete Leute
hineingingen, lief ich nach Hause, putzte mich ebenfalls möglichst heraus, als
ob es in die Kirche ginge, und wagte mich alsbald in die geheimnisvollen Räume.
Ich trat in einen hellen Saal, in welchem es von allen Wänden und von grossen
Gerüsten in frischen Farben und Gold erglänzte. Der erste Eindruck war ganz
traumhaft; grosse klare Landschaften tauchten von allen Seiten, ohne dass ich sie
vorerst einzeln besah, auf und schwammen vor meinen Blicken mit zauberhaften
Lüften und Baumwipfeln; Abendröten brannten, Kinderköpfe, liebliche Studien
guckten dazwischen hervor, und alles entschwand wieder vor neuen Gebilden, so
dass ich mich ernstlich umsehen musste, wo denn dieser herrliche Lindenhain oder
jenes mächtige Gebirge hingekommen seien, die ich im Augenblicke noch zu sehen
geglaubt? Dazu verbreiteten die frischen Firnisse der Bilder einen sonntäglichen
Duft, der mir angenehmer dünkte als der Weihrauch einer katolischen Kirche.
    Es wurde mir kaum möglich, endlich vor einem Werke stillzustehen, und als
dies geschah, da vergass ich mich vor demselben und kam nicht mehr weg. Einige
grosse Bilder der Genfer Schule, mächtige Baum-und Wolkenmassen in mir
unbegreiflichem Schmelze gemalt, waren die Zierden der Ausstellung; eine Menge
Genrebildchen und Aquarellen reizten dazwischen als leichtes Plänklervolk, und
ein paar Historien und Heiligenscheine wurden auch bewundert. Aber immer kehrte
ich zu jenen grossen Landschaften zurück, verfolgte den Sonnenschein, welcher
durch Gras und Laub spielte, und prägte mir voll inniger Sympatie die schönen
Wolkenbilder ein, welche von Glücklichen mit leichter und spielender Hand
hingetürmt schienen.
    Ich stak, solange es dauerte, den ganzen Tag in dem wonniglichen Saale, wo
es fein und anständig herging, die Leute sich höflich begrüssten und vor den
glänzenden Rahmen mit zierlichen Worten sich besprachen. Nach Hause gekommen,
sass ich nachdenklich da und beklagte fortwährend mein Schicksal, dass ich auf das
Malen verzichten müsse, so dass es meiner Mutter durchs Herz ging und sie
nochmals eine Rundschau anstellte mit dem Vorsatze, mir meinen Willen zu tun,
möchte es gehen, wie es wolle.
    So trieb sie endlich einen Mann auf, welcher in einem alten
Frauenklösterlein vor der Stadt, wenig beachtet, einen wunderlichen Kunstspuk
trieb. Er war ein Maler, Kupferstecher, Litograph und Drucker in einer Person,
indem er, in einer verschollenen Manier, vielbesuchte Schweizerlandschaften
zeichnete, dieselben in Kupfer kratzte, abdruckte und von einigen jungen Leuten
mit Farben überziehen liess. Diese Blätter versandte er in alle Welt und führte
einen dankbaren Handel damit. Dazu machte er, was ihm unter die Finger kam,
sonst noch, Taufscheine mit Taufstein und Gevattersleuten, Grabschriften mit
Trauerweiden und weinenden Genien; wenn dazwischen ein Unkundiger gekommen wäre
und ihm gesagt hätte: »Könnt Ihr mir ein Bild malen, so schön es zu haben ist,
das unter Kennern zehntausend Taler wert ist? Ich möchte ein solches!« so würde
er die Bestellung unbedenklich angenommen und sich, nachdem die Hälfte des
Preises zum voraus bezahlt, unverweilt an die Arbeit gemacht haben. Bei diesem
Treiben unterstützte ihn ein tapferes Häuflein Gerechter, und der Schauplatz
ihrer Taten war das ehemalige Refektorium der frommen Klosterfrauen. Dessen
beide Langseiten waren jede mit einem halben Dutzend hoher Fenster versehen mit
runden Scheibchen, die das Licht wohl ein, aber bei ihrer wellenförmigen
Oberfläche keinen Blick hinausliessen, was auf den Fleiss der hier waltenden
Kunstschule wohltätigen Einfluss übte. Jedes dieser Fenster war mit einem
Kunstbeflissenen besetzt, welcher, dem Hintermanne den Rücken zukehrend, dem
Vordermanne ins Genick sah. Das Haupttreffen dieser Armee bildeten vier bis
sechs junge Leute, teils Knaben, welche die Schweizerlandschaften blühend
kolorierten; dann kam ein kränklicher, hustender Bursche, der mit Harz und
Scheidewasser auf kleinen Kupferplatten herumschmierte und bedenkliche Löcher
hineinfressen liess, auch wohl mit der Radiernadel dazwischenstach und der
Kupferstecher genannt wurde. Auf diesen folgte der Litograph, ein froher und
unbefangener Geist, der verhältnismässig das weiteste Gebiet umfasste, nächst dem
Meister, da er stets gewärtig und bereit sein musste, das Bildnis eines
Staatsmannes oder eine Weinkarte, den Plan einer Dreschmaschine wie das
Titelblatt für eine Erbauungsschrift junger Töchter auf den Stein zu bringen mit
Kreide, Feder, graviert oder getuscht. Im Hintergrunde des Refektoriums
arbeiteten mit breiten Bewegungen zwei schwärzliche Gesellen, der Kupfer- und
der Steindruckergehilfe, jeder an seiner Presse, indem sie die Werke jener
Künstler auf feuchtes Papier abzogen. Endlich, im Rücken der ganzen Schar und
alle übersehend, sass der Meister, Herr Kunstmaler und Kunständler Habersaat,
Besitzer einer Kupfer- und Steindruckerei und sich zu allen gefälligen Aufträgen
empfehlend, an seinem Tische mit den feinsten und schwierigsten Aufgaben,
meistens jedoch mit seinem Buche, mit Briefschreiben und dem Verpacken der
fertigen Sachen beschäftigt.
    Es herrschte ein streng ausgeschiedener Geist in den Ansprüchen und
Hoffnungen des Refektoriums. Der Kupferstecher und der Litograph waren fertige
Leute, die selbständig in die Welt schauten, bei Meister Habersaat um einen
Gulden täglich ihre acht Stunden arbeiteten und sich weiter weder um ihn was
bekümmerten noch grosse Hoffnungen nährten. Mit den jungen Koloristen hingegen
verhielt es sich anders. Diese lustigen Geister gingen mit wirklichen, leichten
und durchsichtigen Farben um, sie handhabten den Pinsel in Blau, Rot und Gelb,
und das um so fröhlicher, als sie sich um Zeichnung und Anordnung nichts zu
bekümmern hatten und mit ihrem buntflüssigen Elemente obenhin über die düstern
Schwarzkünste des Kupferstechers wegeilen durften. Sie waren die eigentlichen
Maler in der Versammlung; ihnen stand noch das Leben offen, und jeder hoffte,
wenn er nur erst aus diesem Fegefeuer des Meisters Habersaat entronnen, noch ein
grosser Künstler zu werden. In dieser Gruppe erbte sich durch alle Generationen,
welche schon im Dienste des Meisters durch das Refektorium gegangen, die grosse
Künstlertradition von Samtrock und Barett fort; aber nur selten erreichte einer
dies Ziel, indem immer der Flug vorher ermüdete und die Mehrzahl der Getäuschten
nach ihrem Austritte noch ein gutes Handwerk erlernte. Es waren immer Söhne
blutarmer Leute, welche, in der Wahl eines Unterkommens verlegen, von dem
rührigen Manne in sein Refektorium gelockt worden mit der Aussicht, eine Art
Maler und Herren zu werden, die ihr Auskommen finden und immer noch etwas über
dem Schneider und Schuster stehen würden. Da sie gewöhnlich keine Gelder
beibringen konnten, so mussten sie sich verbindlich machen, den Unterricht in der
»Malerkunst« abzuverdienen und vier Jahre für den Meister zu arbeiten. Er
richtete sie dann vom ersten Tage an zum Färben seiner Landschaften ab und
brachte sie, ungeachtet ihrer gänzlichen Unberufenheit, durch Strenge so weit,
dass sie ihre Arbeit bald reinlich und nett und nach den überlieferten Gebräuchen
verrichteten. Nebenbei durften sie, wenn sie wollten, an Feiertagen ein
verkommenes oder zweckloses Blatt nachzeichnen zur weiteren Ausbildung, und sie
wählten meistens solche Gegenstände, welche nichts zu lernen darboten, aber für
den Augenblick am meisten Effekt machten und die ihnen der Meister korrigierte,
wenn er nicht allzu beschäftigt war. Er sah es aber nicht einmal gern, wenn sie
diesen Privatfleiss zu weit trieben; denn er hatte schon einigemal erfahren, dass
solche, welche Geschmack daran fanden und eine künstlerische Ader in sich
entdeckten, beim Kolorieren seiner Prospekte unreinlich und verwirrt geworden.
Sie mussten streng und anhaltend arbeiten und steckten um so mehr voll Possen und
Schwänke, die sich in jedem freien Augenblicke Luft machten, und erst gegen das
vierte Jahr hin, wenn die schönste Zeit zur Erlernung von etwas Besserm
verflossen war, wurden sie gebeugt und gedrückt, von den Eltern mit Vorwürfen
geplagt, dass sie immer noch von ihrem Brote ässen, und dachten ernstlich darauf,
während sie noch pinselten, bei guter Zeit noch etwas Einträglicheres zu
ergreifen. Die Jugendjahre von wohl dreissigen solcher Knaben und Jünglinge hatte
Habersaat schon in blauen Sonntagshimmeln und grasgrünen Bäumen auf sein Papier
gehaucht, und der hüstelnde Kupferstecher war sein infernalischer Helfershelfer,
indem er mit seinem Scheidewasser die schwarze Unterlage dazu ätzte, wobei die
melancholischen Drucker, an das knarrende Rad gefesselt, füglich eine Art
gedrückter Unterteufel vorstellten, nimmermüde Dämonen, die unter der Walze
ihrer Pressen die zu färbenden Blätter unerschöpflich, endlos hervorzogen. So
begriff er vollständig das Wesen heutiger Industrie, deren Erzeugnisse um so
wertvoller und begehrenswerter zu sein scheinen für die Käufer, je mehr schlau
entwendetes Kinderleben darin aufgegangen ist. Er machte auch ganz ordentliche
Geschäfte und galt daher für einen Mann, bei dem sich was lernen liesse, wenn man
nur wolle.
    Von irgendeiner Seite her war meiner Mutter angeraten worden, sich mit ihm
zu besprechen und sein Geschäft einmal anzusehen, da es wenigstens für den
Anfang eine Zuflucht zu weiterm Vorschreiten böte, zumal wenn man mit ihm
übereinkäme, dass er mich nicht zu seinem Nutzen verwende, sondern gegen
genügende Entschädigung nach seinem besten Wissen unterrichte. Er zeigte sich
gern bereit und erfreut, einen jungen Menschen einmal als eigentlichen Künstler
heranzubilden, und belobte meine Mutter höchlich für ihren kundgegebenen
Entschluss, die nötigen Summen hieran wenden zu wollen; denn jetzt schien ihr der
Zeitpunkt gekommen zu sein, wo die Frucht ihrer unablässigen Sparsamkeit
geopfert und auf den Altar meiner Bestimmung gelegt werden müsse. Es wurde also
ein Vertrag geschlossen auf zwei Jahre, welche ich gegen regelmässige
Quartalzahlungen im Refektorium zubringen sollte unter den zweckdienlichsten
Übungen. Nach gegenseitiger Unterschreibung desselben verfügte ich mich eines
Montagmorgens in das alte Kloster und trug meine sämtlichen bisherigen Versuche
und Arbeiten in bunter Mischung bei mir, um sie auf Verlangen des neuen
Kleisters vorzuzeigen. Er bezeugte, indem meine wunderlichen Blätter
herumgingen, nachträglich seine Zufriedenheit mit meinem Eifer und meinen
Absichten und stellte mich dem Personale, das sich erhoben haue und neugierig
herumstand, als einen wahren Bestrebten vor, wie er beschaffen sein müsse schon
vor dem Eintritte in eine Kunstalle. Sodann erklärte er, dass es ihm recht zum
Vergnügen gereichen werde, einmal eine ordentliche Schule an einem Schüler
durchzuführen, und sprach seine Erwartungen hinsichtlich meines Fleisses und
meiner Ausdauer feierlich aus.
    Einer der Koloristen musste nun seinen Platz am Fenster räumen und sich neben
einen andern setzen, indessen ich dort eingerichtet wurde; und hierauf, als ich,
erwartungsvoll der Dinge, die da kommen sollten, vor dem leeren Tische stand,
brachte Herr Habersaat eine landschaftliche Vorlage aus seinen Mappen hervor,
den Umriss eines einfachen Motives aus einem litographierten Werke, wie ich es
schon in den Schulen vielfach gesehen hatte. Dies Blatt sollte ich vorerst
aufmerksam und streng kopieren. Doch bevor ich mich hinsetzte, schickte mich der
Meister wieder fort, Papier und Bleistift zu holen, an welche ich nicht gedacht,
da ich überhaupt keinen Begriff von dem ersten Beginnen gehabt haue. Er
beschrieb mir das Nötige, und da ich kein Geld bei mir trug, musste ich erst den
weiten Weg nach Hause machen und dann in einen Laden gehen, um es gut und neu
einzukaufen, und als ich wieder hinkam, war es eine halbe Stunde vor Mittag.
Dieses alles, dass man mir für diesen Anfang nicht einmal ein Blau Papier und
einen Stift gab, sondern fortschickte, welche zu holen, ferner das
Herumschlendern in den Strassen, das Geldfordern bei der Mutter und endlich das
Beginnen kurz vor der Stunde, wo alles zum Essen auseinanderging, erschien mir
so nüchtern und kleinlich und im Gegensatze zu dem Treiben, das ich mir dunkel
in einer Künstlerbehausung vorgestellt hatte, dass es mir das Herz beengte.
    Jedoch wurde es bald von diesem Eindrucke abgezogen, als die unscheinbaren
Aufgaben, die mir gestellt wurden, mir mehr zu tun gaben, als ich mir anfänglich
eingebildet; denn Habersaat sah vor allem darauf, dass jeder Zug, den ich machte,
genau die gleiche Grösse des Vorbildes mass und das Ganze weder grösser noch
kleiner erschien. Nun kamen aber meine Nachbildungen immer grösser heraus als das
Original, obgleich in richtigem Verhältnisse, und der Meister nahm hieran
Gelegenheit, seine Genauigkeit und Strenge zu üben, die Schwierigkeit der Kunst
zu entwickeln und mich behaglich fühlen zu lassen, dass es doch nicht so rasch
ginge, als ich wohl geglaubt hätte.
    Doch fand ich mich wohl und geborgen an meinem Tische (die Abwesenheit von
Staffeleien, die ich mir als besondere Zierde einer Werkstatt gedacht, empfand
ich freilich) und arbeitete mich tapfer durch diese kleinlichen Anfänge
hindurch. Ich kopierte getreulich die ländlichen Schweinställe, Holzschuppen und
derlei Dinge, aus welchen, in Verbindungen mit allerlei magerm Strauchwerk,
meine Vorbilder bestanden und die mir um so mühseliger wurden, je verächtlicher
sie meinen Augen erschienen. Denn bei dem Eintritte in den Saal des Meisters
hatte sich mit der Pflicht und dem Gehorsame zugleich der Schein der
Nüchternheit und Leerheit über diese Dinge ergossen für meinen ungebundenen und
willkürlichen Geist. Auch kam es mir fremd vor, den ganzen Tag, an meinen Platz
gefesselt, über meinem Papiere zu sitzen, zumal man nicht im Zimmer umhergehen
und unaufgefordert nicht sprechen durfte. Nur der Kupferstecher und der
Litograph führten einen bescheidenen Verkehr unter sich und den betreffenden
Druckergesellen und richteten das Wort auch an den Meister, wenn es ihnen
gutdünkte, ein bisschen zu plaudern. Dieser aber, wenn er guter Laune war,
erzählte allerlei Geschichten und geläufige Kunstsagen, auch Schwänke aus seinem
frühern Leben und Züge von der Herrlichkeit der Maler. Sowie er aber bemerkte,
dass einer zu eifrig aufhorchte und die Arbeit darüber vergass, brach er ab und
beobachtete eine geraume Zeit weise Zurückhaltung.
    Ich erhielt nach einiger Zeit das Recht, meine Vorlagen selbst hervorzuholen
und die vorhandenen Schätze durchzugehen. Sie bestanden aus einer grossen Menge
zufällig zusammengeraffter Gegenstände, aus leidlichen alten Kupferstichen,
einzelnen Fetzen und Blättern ohne Bedeutung, wie sie die Zeit anhäuft,
Zeichnungen von einer gewissen Routine, ohne Naturwahrheit, und einem übrigen
Mischmasch. Handzeichnungen nach der Natur, Blätter, die um ihrer selbst willen
da waren und denen man angesehen hätte, dass sie freie Luft und Sonne getrunken,
fanden sich nicht ein einziges Stück vor; denn der Meister hatte seine Kunst und
seinen Schlendrian innerhalb vier Wänden erworben und begab sich nur hinaus, um
so schnell als möglich eine gangbare Ansicht zu entwerfen. Eine gewandte,
obschon falsche Technik war das eigentliche Wissen meines Meisters, und er legte
alles Gewicht seines Unterrichtes auf diesen Punkt.
    Anfänglich hielt er mich eine Weile in Abhängigkeit, indem ich den
Unterschied zwischen einem transparenten scharfen und einem russigen stumpfen
Vortrage nicht recht begriff und mehr auf Form und Charakter sah; doch endlich,
durch das fortwährende Pinseln, geriet ich hinter das Geheimnis, und nun
fertigte ich in einem fixen Jargon eine Menge Tuschzeichnungen an, ein Blatt ums
andere. Schon sah ich nur auf die Zahl des Gemachten und hatte meine Freude an
der anschwellenden Mappe; kaum dass bei meiner Wahl die wirkungsvollsten und
auffallendsten Gegenstände mir noch eine weitere Teilnahme abgewannen. So war,
noch ehe der erste Winter ganz zu Ende, meines Lehrers Vorrat an Vorlagen von
mir beinahe durchgemacht, und zwar auf eine Weise, wie er selbst ungefähr
konnte; denn nachdem ich einmal die Handgriffe und Mittel einer sorgfältigen und
reinlichen Behandlung gemerkt, erstieg ich bald den Grad geläufiger Pinselei,
welchen der Meister selbst innehatte, um so schneller, als ich in dem wahren
Wesen und Verständnis gänzlich zurückblieb. Habersaat war daher schon nach dem
ersten halben Jahre in einiger Verlegenheit, was er mir vorlegen sollte, da er
mich aus Sorge für sich selbst nicht schon in seine ganze Kunst einweihen
mochte; denn er hatte nur noch seine Behandlung der Wasserfarben im Hinterhalte,
welche, wie er sie verstand, ebenfalls keine Hexerei war. Weil Nachdenken und
geistige Gewissenhaftigkeit im Refektorium nicht gekannt waren, so bestand alles
Können in demselben aus einer bald erworbenen leeren Äusserlichkeit. Doch fand
ich selbst einen Ausweg, als ich erklärte, eine kleine Sammlung grosser
Kupferstiche mit meinem Tuschpinsel vornehmen zu wollen. Er besass in derselben
etwa sechs schöne Blätter, nach Claude Lorrain gestochen, zwei grosse
Felsenlandschaften mit Banditen nach Salvator Rosa und einige Stiche nach
Ruisdael und Everdingen. Diese Sachen kopierte ich der Reihe nach in meiner
geläufigen frechen Manier. Die Claudes und Rosas gerieten nicht so übel, da sie,
abgesehen davon, dass sie selbst etwas konventionell gestochen waren, auch sonst
mehr in symbolischen und breiten Formen sich darstellten; die feinen und
natürlichen Niederländer hingegen zerarbeitete ich auf eine greuliche Weise, und
niemand sah diese Lasterhaftigkeit ein.
    Doch legte sich durch diese Arbeit in mir ein Grund edlerer Anschauung, und
die schönen und durchdachten Formen, die ich vor mir hatte, hielten dem übrigen
Treiben ein wohltätiges Gegengewicht und liessen die Ahnung des Bessern nie ganz
in mir verlöschen. Auf der anderen Seite aber heftete sich an die Errungenschaft
sogleich wieder ein Nachteil, indem sich die alte voreilige Erfindungslust regte
und ich, durch die einfache Grösse der klassischen Gegenstände verführt, zu Hause
anfing, selber dergleichen Landschaftsbilder zu entwerfen, und diese Tätigkeit
bald in der eigentlichen Arbeitszeit bei dem Meister fortsetzte, meine Entwürfe
in anspruchsvollem Format mit der eingelernten Fertigkeit ausführend. Herr
Habersaat hinderte mich in diesem Tun nicht, sondern sah es vielmehr gern, da es
ihn der weiteren Sorge um zweckdienliche Vorbilder entob; er begleitete die
ungeheuerlichen und unreifen Gedanken, welche ich zutage brachte, mit
ansehnlichen Redensarten von Komposition, historischer Landschaft und
dergleichen, und das alles brachte ein gelehrtes Element in seine Werkstatt, dass
ich bald für einen Teufelsburschen galt und auch die lustigen Aussichten der
Zukunft, Reise nach Italien, Rom, grosse Ölbilder und Kartons, was man mir alles
vormalte, geschmeichelt hinnahm. Doch überhob ich mich nicht in diesen Dingen,
sondern lebte in Eintracht und Schelmerei mit meinen jungen Genossen und war oft
froh, das ewige Sitzen unterbrechen zu können, indem ich ihnen, die zugleich der
Hausfrau untertänig waren, einen Haufen Brennholz unter Dach bringen half.
Überhaupt drängte sich die Frau, eine zungenfertige und streitbare Dame, mit
Hauswesen und Familiengeschichten, Kind und Magd häufig in das Refektorium und
machte es zum Schauplatze heissentbrannter Kämpfe, in welche nicht selten die
ganze Mannschaft verwickelt wurde. Dann stand der Mann an der Spitze einer ihm
ergebenen Gruppe der Frau gegenüber, welche mit mächtigem Geräusche vor ihrem
Anhange sich aufstellte und nicht eher abzog, als bis sie alles niedergesprochen
hatte, was sich ihr entgegensetzte; manchmal befand sich auch das Ehepaar
zusammen gegen das ganze übrige Haus im Streite, oft auch begann der
Kupferstecher oder der Litograph eine drohende Bewegung als Vasall, indessen
die gemeinen Sklavenempörungen der Koloristen mit Macht niedergeschlagen wurden.
Ich selbst kam mehr als einmal in gefährliche Lage, indem mich die heftigen
Szenen belustigten und ich dies zu unvorsichtig kundgab und zum Beispiel einst
eine solche teatralisch nachbildete und in dem halbverfallenen Kreuzgange des
Hauses mit den jungen Malern zur Aufführung brachte. Denn obgleich ich um diese
Zeit empfänglich und geneigt gewesen wäre, ein feines und reinstrebendes Leben
zu fahren, da während der schönen Tage auf dem Lande ein starkes Ahnen in mir
erwacht war, so sah ich mich doch, von entsprechendem Verkehr entblösst, an das
derbe Treiben des Refektoriums gewiesen und machte allen Unfug getreulich und
lebhaft mit, weil ich des Umganges und der Mitteilung bedurfte und am wenigsten
mich auf weise Zurückhaltung und halbe Teilnahme verstand.
    Dass aber das Heulen mit den Wölfen mir nicht Schaden tat, wie ich glaube,
verhütete der freundliche Stern Anna, der immer in meiner Seele aufging, sobald
ich in dem Hause meiner Mutter oder auf einsamen Gängen wieder allein war. An
sie knüpfte ich alles, wessen ich, über den Tag hinaus bedurfte, und sie war das
stille Licht, welches das verdunkelte Herz jeden Abend erleuchtete, wenn die
Sonne niederging, und in der erhellten Brust wurde mir dann immer auch unser
gute Freund, der liebe Gott, sichtbar, der um diese Zeit mit erhöhter Klarheit
begann, seine ewigen Rechte auch an mir geltend zu machen.
    Ich hatte, nach Büchern herumspürend, einen Roman des Jean Paul in die Hände
bekommen. In demselben schien mir plötzlich alles tröstend und erfüllend
entgegenzutreten, was ich bisher gewollt und gesucht oder unruhig und dunkel
empfunden. Diese Herrlichkeit machte mich stutzen, dies schien mir das Wahre und
Rechte! Und inmitten der Abendröten und Regenbogen, der Lilienwälder und
Sternensaaten, der rauschenden und blitzenden Gewitter, inmitten all des
Feuerwerkes der Höhe und Tiefe, in diesen saumlosen schillernden Weltmantel
gehüllt der Unendliche, gross, aber voll Liebe, heilig, aber ein Gott des
Lächelns und des Scherzes, furchtbar von Gewalt, doch sich schmiegend und
bergend in eine Kinderbrust, hervorguckend aus einem Kindesauge wie das
Osterhäschen aus Blumen! Das war ein anderer Herr und Gönner als der
silbenstecherische Patron im Katechismus!
    Früher hatte ich dergleichen etwas geträumt, die Ohren hatten mir geläutet,
nun ging mir ein Morgen auf in den langen Winternächten, welche hindurch ich an
dreimal zwölf Bände des Propheten las. Und als der Frühling kam und die Nächte
kürzer wurden, las ich von neuem in den köstlichen Morgen hinein und gewöhnte
mir darüber an, lange im Bette zu liegen und am hellen Tage, die Wange auf dem
geliebten Buche, den Schlaf des Gerechten zu schlafen. Wenn ich dann erwachte
und endlich doch an die Arbeit ging, war ich von einem Geiste träumerischer
Willkür und Schrankenlosigkeit besessen, der noch bedenklicher war als die
früheren Auflehnungen.
 
                                Sechstes Kapitel
                                 Schwindelhaber
Als der Frühling kam, welchen ich voll Ungeduld erwartet hatte, begab ich mich
in den ersten warmen Tagen ins Freie, ausgerüstet mit der erworbenen Fertigkeit,
um an die Stelle der papiernen Vorbilder die Natur selbst zu setzen. Das
Refektorium sah voll Achtung und mit geheimem Neide auf meine umständlichen
Zurüstungen; denn es war das erste Mal, dass eines seiner Mitglieder die Sache so
grossartig betrieb, und das Zeichnen »nach der Natur« war bisher ein wunderbarer
Mytus gewesen. Ich selbst ging nicht mehr mit der unverschämten, aber
gutgemeinten Zutraulichkeit des letzten Sommers vor die runden, körperlichen und
sonnebeleuchteten Gegenstände der Natur, sondern mit einer weit gefährlicheren
und selbstgefälligen Bornierteit. Denn was mir nicht klar war oder zu schwierig
er schien, das warf ich, mich selbst betrügend, durcheinander und verhüllte es
mit meiner unseligen Pinselgewandteit, da ich, an statt bescheiden mit dem
Stifte anzufangen, sogleich mit den angewöhnten Tuschschalen, Wasserglas und
Pinsel hinausging und bestrebt war, ganze Blätter in allen vier Ecken bildartig
anzufüllen. Ich ergriff entweder ganze Aussichten mit See und Gebirgen oder ging
im Walde den Bergbächen nach, wo ich eine Menge kleiner und hübscher Wasserfälle
fand, welche sich ansehnlich zwischen vier Striche einrahmen liessen. Das
lebendige und zarte Spiel des Wassers im Fallen, Schäumen und eiligen
Weiterfliessen, seine Durchsichtigkeit und tausendfältige Widerspiegelung
ergötzte mich, aber ich bannte es in die plumpen Formeln meiner Virtuosität, dass
Leben und Glanz verlorengingen, während meine Mittel nicht hinreichten, das
bewegliche Wesen wiederzugeben. Leichter hätte ich die mannigfaltigen Steine und
Felstrümmer der Bäche, in reicher Unordnung übereinandergeworfen, beherrschen
können, wenn nicht mein künstlerisches Gewissen verdunkelt gewesen wäre. Wohl
regte sich dieses oft mahnend, wenn ich perspektivische Feinheiten und
Verkürzungen der Steine, trotzdem dass ich sie sah und fühlte, überging und
verhudelte, statt den bedeutenden Formen nachzugehen, mit der
Selbstentschuldigung, dass es auf diese oder jene Fläche nicht ankomme und die
zufällige Natur ja auch so aussehen könnte, wie ich sie darstellte; allein die
ganze Weise meines Arbeitens liess solche Gewissensbisse nicht zur Geltung
kommen, und der Meister, wenn ich ihm meine Machwerke vorzeigte, war nicht
darauf eingerichtet, der fehlenden Naturwahrheit nachzuspüren, die sich gerade
in den vernachlässigten Zügen hätte zeigen sollen; sondern er beurteilte die
Sachen immer von seiner Stubenkunst aus.
    Abgesehen von seinem Grundsatze der Reinlichkeit und Durchsichtigkeit des
Vortrages hegte er nur noch eine einzige Tradition, die er mir zu überliefern
für angemessen hielt, nämlich die des Sonderbaren und Krankhaften, was mit dem
Malerischen verwechselt wurde. Er ermunterte mich, hohle, zerrissene
Weidenstrünke, verwitterte Bäume und abenteuerliche Felsgespenster aufzusuchen
mit den bunten Farben der Fäulnis und des Zerfalles, und pries mir diese Dinge
als interessante Gegenstände an. Das sagte mir sehr zu, indem es meine Phantasie
reizte, und ich begab mich eifrig auf die Jagd nach solchen Erscheinungen. Doch
die Natur bot sie mir nur spärlich, sich einer volleren Gesundheit erfreuend,
als mit meinen Wünschen verträglich war, und was ich an unglücklichem Gewächse
vorfand, das wurde meinen überreizten Augen bald zu blöde und harmlos, wie einem
Trinker, der nach immer stärkerm Schnapse verlangt. Das blühende Leben in Berg
und Wald fing daher an, mir gleichgültig zu werden im einzelnen, und ich
streifte vom Morgen bis zum Abend in der Wildnis umher. Ich drang immer tiefer
in bisher nicht gesehene Winkel und Gründe; fand ich eine recht abgelegene und
geheimnisvolle Stelle, so liess ich mich, dort nieder und fertigte rasch eine
Zeichnung eigener Erfindung an, um ein Produkt nach Hause zu bringen. In
derselben häufte ich die seltsamsten Gebilde zusammen, die meine Phantasie
hervorzutreiben vermochte, indem ich die bisher wahrgenommenen
Eigentümlichkeiten der Natur mit meiner erlangten Fertigkeit verschmolz und so
Dinge hervorbrachte, die ich Herrn Habersaat als in der Natur bestehend vorlegte
und aus denen er nicht klug werden konnte. Er gratulierte mir zu meinen
Entdeckungen und fand seine Aussprüche über meinen Eifer und mein Talent
bestätigt, da ich hiemit beweise, dass ich unverkennbar ein scharfes und
glückliches Auge für das Malerische hätte und Dinge auffände, an welchen tausend
andere vorübergingen. Diese gutmütige Täuschung erweckte mir eine üble Lust,
dergleichen fortzusetzen und es förmlich darauf anzulegen, den guten Mann zu
hintergehen. Ich erfand, irgendwo im Dunkel des Waldes sitzend, immer tollere
und mutwilligere Fratzen von Felsen und Bäumen und freute mich im voraus, dass
sie mein Lehrer für wahr und in nächster Umgegend vorhanden erachten würde. Doch
mag es mir zu einiger Entschuldigung gereichen, dass ich in alten Kupferblättern,
zum Beispiel von Swanefeldt, die abenteuerlichsten Formationen als löbliche
Meisterwerke vorgebildet sah und selbst der guten Meinung lebte, dieses sei das
Wahre und immerhin eine treffliche Übung. Denn schon waren die edlen und
gesunden Formen Claude Lorrains im flüchtigen Jugendgemüte wieder unter die
Oberfläche getreten. Während der Winterabende war im Refektorium etwas
Figurenzeichnen getrieben worden, und ich hatte mir, als ich eine Menge
radierter bekleideter Staffagefiguren kopierte, einige oberflächliche Übung im
Entwerfen solcher erworben. So erfand ich nun zu meinen wunderlichen
Landschaftsstudien noch viel wunderlichere Menschen, zerlumpte Kerle, die ich
dem Refektorium zutrug, um ein tüchtiges Gelächter einzuheimsen. Es war ein
nichtsnutziges und verrücktes Geschlecht, welches in Verbindung mit der
seltsamen Lokalität eine Welt bildete, die nur in meinem Gehirne vorhanden war
und endlich doch meinem Vorgesetzten verdächtig wurde. Doch bemerkte er nicht
viel hierüber, sondern liess mich meine Wege gehen, da ihm einerseits das frische
Gemüt mangelte, um den Ränken meines Treibens nachzuspüren und mich darüber zu
ertappen, und anderseits die Überlegenheit des eigenen Wissens. Diese beiden
Vermögen bilden ja das Geheimnis aller Erziehung unverwischte lebendige
Jugendlichkeit, welche allein die Jugend kennt und durchdringt, und die sichere
Überlegenheit der Person in allen Fällen. Eines kann oft das andere zur Notdurft
ersetzen, wo aber beide fehlen, da ist die Jugend eine verschlossene Muschel in
der Hand des Lehrers, die er nur durch Zertrümmerung öffnen kann. Beide
Eigenschaften gehen aber nur aus einem und demselben letzten Grunde hervor aus
unbedingter Ehrlichkeit, Reinheit und Unbefangenheit des Bewusstseins.
    Der Sommer war nun auf seine volle Höhe geschritten, als ich meinem geheimen
Verlangen nach der anderen Heimat, dem entlegenen Dorflande, nachgab und mit
meinen Siebensachen hinauszog. Die Mutter blieb wieder zurück in entsagender
Unbeweglichkeit und Selbstbeschränkung, ungeachtet aller freundlichen
Aufforderungen, die Wohnung doch ganz zu schliessen und wieder einmal an den
Orten ihrer Jugend sich zu ergehen. Ich aber führte die umfangreichen Früchte
meiner zwischenweiligen Tätigkeit mit mir, da ich mittelst derselben ein
günstiges Aufsehen zu erregen gedachte.
    Die zahlreichen, kräftig geschwärzten Blätter verursachten im Hause meines
Oheims allerdings einige Verwunderung, und im allgemeinen sah man die Sache mit
ziemlichem Respekt an; als jedoch der Oheim die Zeichnungen betrachtete, welche
ich nach der Natur gefertigt haben wollte (denn ich glaubte als eine Art
Münchhausen nachgerade selbst daran, vorzüglich weil die Sachen doch unter
freiem Himmel entstanden waren), da schüttelte er bedenklich den Kopf und
wunderte sich, wo ich denn meine Augen gehabt hätte. In seinem realistischen
Sinne, als Land-und Forstmann, fand er trotz aller Unkunde in Kunstdingen den
Fehler schnell und leicht heraus.
    »Diese Bäume«, sagte er, »sehen ja einer dem andern ähnlich und alle
zusammen gar keinem wirklichen! Diese Felsen und Steine könnten keinen
Augenblick so aufeinanderliegen, ohne zusammenzufallen! Hier ist ein Wasserfall,
dessen Masse einen der grösseren Fälle verkündet, die aber über kleinliche
Bachsteine stürzt, als ob ein Regiment Soldaten über einen Span stolperte; hiezu
wäre eine tüchtige Felswand erforderlich; indessen nimmt es mich eigentlich
wunder, wo zum Teufel in der Nähe der Stadt ein solcher Fall zu finden ist! Dann
möchte ich auch wissen, was an solchen verfaulten Weidenstöcken Zeichnenswertes
ist, da dünkte mich doch eine gesunde Eiche oder Buche erbaulicher« usf.
    Die Frauensleute hingegen ärgerten sich über meine Vagabunden, Kesselflicker
und Fratzengesichter und begriffen nicht, warum ich im Felde nicht lieber ein
artiges vorübergehendes Landmädchen oder einen anständigen Ackersmann abgebildet
habe, als mich fortwährend mit solchen Unholden zu beschäftigen; die Söhne
belachten meine ungeheuerlichen Berghöhlen, die unmöglichen und lächerlichen
Brücken, die menschenähnlichen Steinköpfe und Baumkrüppel und gaben jeder
solchen Tollheit einen lustigen Namen, dessen Lächerlichkeit auf mich zu fallen
schien. Ich stand beschämt da als ein Mensch, der voll närrischer und eitler
Dinge ist, und die mitgebrachte künstliche Krankhaftigkeit verkroch sich vor der
einfachen Gesundheit dieses Hauses und der ländlichen Luft.
    Gleich am ersten Tage nach meiner Ankunft stellte mir der Oheim, um mich
wieder auf eine reale Bahn zu leiten, die Aufgabe, seine Besitzung, Haus, Garten
und Bäume, genau und bedächtig zu zeichnen und ein getreues Bild davon zu
entwerfen. Er machte mich aufmerksam auf alle Eigentümlichkeiten und auf das,
was er besonders hervorgehoben wünschte, und wenn seine Andeutungen auch eher
dem Bedürfnisse eines rüstigen Besitzers als demjenigen eines Kunstverständigen
entsprachen, so ward ich doch dadurch genötigt, die Gegenstände wieder einmal
genau anzusehen und in allen ihren eigentümlichen Oberflächen zu verfolgen. Die
allereinfachsten Dinge am Hause selbst, sogar die Ziegel auf dem Dache, gaben
mir nun wieder mehr zu schaffen, als ich je gedacht hatte, und veranlassten mich,
auch die umstehenden Bäume in gleicher Weise gewissenhafter zu zeichnen; ich
lernte die aufrichtige Arbeit und Mühe wieder kennen, und indem darüber eine
Arbeit entstand, die mich in ihrer anspruchlosen Durchgeführteit selbst
unendlich mehr befriedigte als die marktschreierischen Produkte der jüngsten
Zeit, erwarb ich mir mit saurer Mühe den Sinn des Schlichten, aber Wahren.
    Inzwischen erfreute ich mich des Wiederfindens alles dessen, was ich im
letzten Jahre hier verlassen, beobachtete alle Veränderungen, welche etwa
vorgefallen, und harrte im stillen auf den Augenblick, wo ich Anna wiedersehen
oder wenigstens zuerst ihren Namen hören würde. Aber schon waren einige Tage
verflossen, ohne dass die geringste Erwähnung fiel, und je länger dies andauerte,
desto minder brachte ich die Frage nach ihr hervor. Man schien sie völlig
vergessen zu haben, als wäre sie niemals dagewesen, und, was mich innerlich
kränkte, niemand schien im geringsten zu ahnen, dass ich irgendeine Berechtigung
oder ein Bedürfnis besitzen könnte, von ihr zu hören. Wohl ging ich halbwegs
Über den Berg oder in den Schatten des Flusstales, allein jedesmal kehrte ich
plötzlich um, aus unerklärlicher Furcht, ihr zu begegnen. Ich ging auf den
Kirchhof und stand an dem Grabe der Grossmutter, welche nun schon seit einem
Jahre in der Erde lag; aber die Luft war windstill vom Gedächtnisse Annas, die
Gräser begehrten nichts von ihr zu wissen, die Blumen flüsterten nicht ihren
Namen, Berg und Tal schwiegen von ihr, nur mein Herz tönte ihn laut hinaus in
die undankbare Stille.
    Endlich wurde ich gefragt, warum ich den Schulmeister nicht besuche? und da
ergab es sich zufällig, dass Anna schon seit einem halben Jahre nicht mehr im
Lande sei und dass man meine Kunde hierüber vorausgesetzt habe. Ihr Vater hatte,
in seiner steten Sehnsucht nach Bildung und Feinheit der Seele und in Betracht,
dass nach seinem Tode sein Kind, das einmal für eine Bäuerin zu zart sei,
verlassen in der rauhen dörflichen Umgebung bleiben würde, sich plötzlich
entschlossen, Anna in eine Bildungsanstalt der französischen Schweiz zu bringen,
wo sie sich bessere Kenntnisse und Selbständigkeit des Geistes erwerben sollte.
Er liess sich, als sie ihre Abneigung dagegen aussprach, durch ihre Tränen nicht
erweichen, allein auf die Befriedigung seiner Wünsche bedacht, und begleitete
das ungern scheidende Kind in das Haus des fernen, vornehm-religiösen Erziehers,
wo sie nun noch wenigstens ein volles Jahr zu bleiben hatte. Diese Nachricht
traf mich wie ein Schlag aus blauem Himmel.
    Ich ging nun alle Tage zu ihrem Vater, begleitete ihn auf seinen Wegen und
hörte von ihr sprechen; oft blieb ich mehrere Tage dort, alsdann wohnte ich in
ihrem Kämmerchen, wagte mich jedoch fast nicht zu rühren darin und betrachtete
die wenigen einfachen Gegenstände, welche es entielt, mit heiliger Scheu. Es
war klein und enge; die Abendsonne und der Mondschein füllten es immer ganz aus,
dass kein dunkler Punkt darin blieb und es bei jener wie ein rotgoldenes, bei
diesem wie ein silbernes Juwelenkästchen aussah, dessen Kleinod ich nicht
verfehlte mir hineinzudenken.
    Wenn ich nach malerischen Gegenständen umherstreifte, so suchte ich
vorzüglich die Stellen auf, wo ich mit Anna geweilt hatte; so war die
geheimnisvolle Felswand am Wasser, wo ich mit ihr geruht und jene Erscheinung
gesehen, schon von mir gezeichnet worden, und ich, konnte mich nun nicht
entalten, auf der schneeweissen Wand des Kämmerchens ein sauberes Viereck zu
ziehen und das Bild mit der Heidenstube, so gut ich konnte, hineinzumalen. Dies
sollte ein stiller Gruss für sie sein und ihr später bezeugen, wie beständig ich
an sie gedacht.
    Diese fortwährende Erinnerung an sie und ihre Abwesenheit machten mich
insgeheim immer kecker und vertraulicher mit ihrem Bilde; ich begann lange
Liebesbriefe an sie zu schreiben, die ich zuerst verbrannte, dann aufbewahrte,
und zuletzt wurde ich so verwegen, alles, was ich für Anna fühlte, auf ein
offenes Blatt zu schreiben, in den heftigsten Ausdrücken, mit Vorsetzung ihres
vollen Namens und Unterschrift des meinigen, und dies Blatt auf das Flüsschen zu
legen, das es vor aller Welt hinabtrieb, dem Rheine und dem Meere zu, wie ich
kindischerweise dachte. Ich kämpfte lange mit diesem Vorsatze, allein ich
unterlag zuletzt; denn es war eine befreiende Tat für mich und ein Bekenntnis
meines Geheimnisses, wobei ich freilich voraussetzte, dass es in nächster Nähe
niemand finden würde. Ich sah, wie es gemächlich von Welle zu Welle schlüpfte,
hier von einer überhängenden Staude aufgehalten wurde, dann lange an einer Blume
hing, bis es sich nach langem Besinnen losriss; zuletzt kam es in Schuss und
schwamm flott dahin, dass ich es aus den Augen verlor. Allein der Brief musste
unterwegs doch wieder irgendwo gesäumt haben, denn erst tief in der Nacht
gelangte er zu der Felswand der Heidenstube, an die Brust einer badenden Frau,
welche niemand anders als Judit war, die ihn auffing, las und aufbewahrte.
    Dies erfuhr ich erst später, denn während meines jetzigen Aufentaltes im
Dorfe ging ich nie in ihr Haus und vermied den Weg desselben sorgfältig. Das
Jahr, um welches ich älter geworden, liess mich mit Beschämung auf das
vertrauliche Verhältnis von früher zurückblicken und flösste mir eine trotzige
Scheu ein vor der kräftigen und stolzen Gestalt; ich verbarg mich, ohne zu
grüssen, rasch, als sie einmal am Hause vorüberging, und sah ihr doch neugierig
nach, wenn ich sie von fern durch Gärten und Kornfelder schreiten sah.
 
                               Siebentes Kapitel
                        Fortsetzung des Schwindelhabers
Ich kehrte diesmal früher nach der Stadt zurück, mit einer tiefen Sehnsucht im
Gemüte, welche sich nun gänzlich ausgebildet hatte und alles umfasste, was mir
fehlte und was ich in der Welt doch als vorhanden ahnte.
    Mein Lehrer führte mich jetzt auf die letzten Stufen seiner Kunst, indem er
mir die Behandlung seiner Wasserfarben mitteilte und mich mit aller Strenge zu
deren sauberer und flinker Anwendung anhielt. Da jedoch die Natur wieder nicht
in Frage kam, so lernte ich bald gefärbte Zeichnungen hervorbringen, wie sie
ungefähr im Hause verlangt wurden, und ehe das zweite bedungene Jahr zu Ende
war, sah ich nicht viel mehr zu lernen, ohne doch etwas Rechtes zu können. Ich
langweilte mich in dem alten Kloster und blieb wochenlang zu Hause, um dort zu
lesen oder Arbeiten zu beginnen, die ich vor dem Meister verbarg. Dieser suchte
meine Mutter auf, beschwerte sich über meine Zerstreuteit, rühmte meine
Fortschritte und schlug vor, ich sollte nun in ein anderes Verhältnis zu ihm
treten, in seinem Geschäfte für ihn arbeiten, fleissig und pünktlich, aber gegen
Entschädigung. Es sei dies, erklärte er, das zweite Stadium, wo ich, indessen
ich mich vorläufig immer mehr ausbilde, mich an vorsichtige Arbeit gewöhnen und
zugleich Ersparnisse machen könne, um in einigen Jahren in die Welt zu gehen,
wozu es doch noch zu früh sei. Er versicherte, dass es nicht die Schlechtesten
unter den berühmten Künstlern wären, welche sich durch jahrelange anspruchlosere
Arbeit endlich auf die Höhe der Kunst geschwungen, und eine mühevolle und
bescheidene Betriebsamkeit dieser Art lege manchmal einen tüchtigeren Grund zur
Ausdauer und Unabhängigkeit als eine vornehme und ausschliessliche
Künstlererziehung. Er habe, sagte er, talentvolle Söhne reicher Eltern gekannt,
die es nur deswegen zu nichts gebracht hätten, weil sie nie zu Selbstilfe und
raschem Erwerb gezwungen gewesen und in ewiger Selbstverhätschelung, falschem
Stolze und Sprödigkeit sich verloren hätten.
    Diese Worte waren sehr verständig, obgleich sie auf einigem Eigennutze
beruhen mochten; allein sie fanden keinen Anklang bei mir. Ich verabscheute
jeden Gedanken an Tagelohn und kleine Industrie und wollte allein auf dem
geraden Wege ans Ziel gelangen. Das Refektorium erschien mir mit jedem Tage mehr
als ein Hindernis und eine Beengung; ich sehnte mich darnach, in unserm Hause
mir eine stille Werkstatt einzurichten und mir selbst zu helfen, so gut es
ginge; und eines Morgens verabschiedete ich mich, noch vor Beendigung meiner
Lehrzeit, bei Herrn Habersaat und erklärte der Mutter, ich würde nun zu Hause
arbeiten; wenn sie verlange, dass ich etwas verdienen solle, so könne ich dies
auch ohne ihn tun, zu lernen wüsste ich nichts mehr bei ihm.
    Vergnügt und hoffnungsvoll schlug ich meinen Sitz zuoberst im Hause auf, in
einer Dachkammer, welche über einen Teil der Stadt weg weit nach Norden hin sah,
deren Fenster am frühen Morgen und am Abend den ersten und letzten Sonnenblick
auffingen. Es war mir eine ebenso wichtige als angenehme Arbeit, hier eine
eigene Welt zu schaffen, und ich brachte mehrere Tage mit der Einrichtung der
Kammer zu. Die runden Fensterscheiben wurden klar gewaschen, vor dieselben auf
ein breites Blumenbrett ein kleiner Garten gepflanzt. Die geweissten Wände behing
ich teils mit Kupferstichen und solchen Zeichnungen, welche irgendeinen
abenteuerlichen Knalleffekt entielten, teils zeichnete ich mit Kohle seltsame
Masken oder schrieb Lieblingssprüche und gewaltsame Verse, die mir imponiert
hatten, darauf. Ich stellte die ältesten und ehrwürdigsten unserer Geräte
hinein, schleppte herzu, was nur irgend einem Buche gleichsah, und türmte es auf
die gebräunten Möbeln; die verschiedensten Gegenstände häuften sich nach und
nach an und vermehrten den malerischen Eindruck; in der Mitte aber wurde eine
Staffelei aufgepflanzt, das Ziel meiner langen Wünsche.
    Ich war nun ganz mir selbst überlassen, vollkommen frei und unabhängig, ohne
die mindeste Einwirkung und ohne Vorbild noch Vorschrift. Ich knüpfte
abwechselnden Verkehr an mit jungen Leuten, an denen mich ein verwandter Hang
oder ein freundliches Eingehen anzog, am liebsten mit ehemaligen Schulgenossen,
die in der Zeit ihre Studien fortsetzten und mir, mich in meiner Klause
besuchend, getreulich Bericht erstatteten von ihren Fortschritten und von allem,
was in den Schulen vorkam. Diese Gelegenheit benutzte ich, noch ein und andere
Brocken aufzuschnappen, und sah öfter schmerzlich durch die verschlossenen
Gitter in den reichen Garten der reiferen Jugendbildung, erst jetzt recht
fühlend, was ich verloren. Doch lernte ich durch meine Freunde manches Buch und
manchen Anknüpfungspunkt kennen, von wo aus ich weitertappte am dürftigen Faden,
und das Gefundene verschmelzend mit dem phantastischen Wesen meiner
Abgeschiedenheit, gefiel ich mir in einer komischen, höchst unschuldigen
Gelehrsamkeit, welche meine Beschäftigungen seltsam bereicherte und vermehrte.
Ich schrieb am frühen stillen Morgen oder in später Nacht hochtrabende Aufsätze,
begeisterte Schilderungen und Ausrufungen und war besonders eitel auf
tiefsinnige Aphorismen, die ich, mit Zeichnungen und Schnörkeleien vermischt, in
Tagebüchern anbrachte. So glich meine Zelle dem Küchenwinkel eines Alchimisten,
auf dessen Herd ein ringendes Leben gebraut wurde. Das Anmutige und Gesunde und
das Verzerrte und Sonderbare, Mass und Willkür brodelten durcheinander und
mischten sich oder schieden sich in Lichtblicken aus.
    Und ungeachtet meines äusserlich stillen Lebens trat doch manche frühe
Trübung hinzu, welche mich sorgenvoll oder leidenschaftlich bewegte.
    Ich hatte um die Zeit einen feurigen und lebhaften Freund, welcher meine
Neigungen stärker teilte als alle anderen Bekannten, viel mit mir zeichnete und
poetisch schwärmte und, da er noch die Schulen besuchte, reichlichen Stoff von
da in meine Kammer brachte. Zugleich war er lebenslustig und trieb sich
ebensooft mit flotten Leuten in Wirtshäusern herum, von deren Herrlichkeiten und
energischen Gelagen er mir dann erzählte. Ich blieb meistens wehmütig zu Hause,
da mich meine Mutter in dieser Beziehung äusserst knapp hielt und keine
Notwendigkeit einer geringsten Ausgabe solcher Art einsah. Darum schaute ich dem
froh sich Herumtummelnden nach wie ein gefangener Vogel einem in der Höhe
fliegenden und träumte von der Freiheit einer glänzenden Zukunft, wo ich eine
Zierde der Zechgelage zu werden mir vornahm. Inzwischen aber missbilligte ich,
wie der Fuchs, dem die Trauben zu sauer sind, öfter die Wildheit meines Freundes
und suchte ihn mehr an meine stille Wohnung zu fesseln. Dies verursachte manche
Missstimmung zwischen uns, und ich freute mich endlich innerlich seiner Abreise
in die Ferne, welche zu einem feurigen Briefwechsel die willkommene Gelegenheit
gab. Wir erhoben nun unser Verhältnis zu einer idealen Freundschaft, nicht
getrübt von dem persönlichen Zusammensein, und boten in regelmässigen Briefen die
ganze Beredsamkeit jugendlicher Begeisterung auf. Nicht ohne Selbstzufriedenheit
suchte ich meine Episteln so schön und schwungreich als immer möglich zu
schreiben, und es kostete mich Übung, meine unerfahrene Philosophie einigermassen
in Form und Zusammenhang zu bringen. Leichter wurde es, einen Teil der Briefe in
ein Gewand ausschweifender Phantasie zu hüllen und mit dem meinem Jean Paul
nachgemachten Humor zu verbrämen; allein wie sehr ich mich auch erhitzte und
allen meinen Eifer aufbot, so übertrafen die Antworten des Freundes dieses alles
jedesmal sowohl an reiferen und gediegenen Gedanken als an wirklichem Witze, der
beschämend das Schreiende und Unruhige meiner Ergüsse hervorhob. Ich bewunderte
meinen Freund, war stolz auf ihn und nahm mich, doppelt zusammen, indem ich mich
an seinen Briefen bildete, würdige und ebenbürtige Sendungen aufzubringen. Doch
je mehr ich mich erhob, um so höher und unerreichbarer wich er zurück, wie ein
glänzendes Luftbild, welches ich fruchtlos zu ergreifen strebte. Dazu trugen
seine Gedanken die abwechselndsten Farben gleich dem ewigen Meere, ebenso
reizend launenhaft und überraschend und ebenso reich an Quellen, die aus der
Tiefe, von Gebirgen herab und vom Himmel zugleich zu strömen schienen; ich
staunte den fernen Genossen an wie eine geheimnisvolle grossartige Erscheinung,
deren herrliche Entwicklung von Tag zu Tage Grösseres versprach, und rüstete mich
mit Bangen, an ihrer Seite ins Leben hinaus möglichst Schritt zu halten.
    Da fiel mir eines Tages Zimmermanns Buch über die Einsamkeit in die Hände,
von welchem ich schon viel gehört und das ich deshalb nun mit doppelter Begierde
las, bis ich auf die Stelle traf, welche anfängt: »Auf deiner Studierstube
möchte ich dich festalten, o Jüngling!«, Jedes Wort ward mir bekannter, und
endlich fand ich einen der ersten Briefe meines Freundes hier wortgetreu
abgeschrieben. Bald darauf entdeckte ich einen andern Brief in Diderots
unmassgeblichen Gedanken über die Zeichnung, welche ich bei einem Antiquar
erworben, und fand so die Quelle jener Schärfe und Klarheit, die mich so erregt
hatten. Und wie lange säumende Ereignisse und Zufälle plötzlich haufenweise
zutage treten, so trat nun rasch eine Entdeckung nach der anderen hervor und
entüllte eine seltsame Mystifikation. Ich fand Stellen aus Rousseau wie aus dem
Werter, aus Sterne und Hippel sowohl wie aus Lessing, glänzende Gedichte aus
Byron und Heine in briefliche Prosa umgewandelt, sogar Aussprüche tiefsinniger
Philosophen, die, unverstanden, mich mit Achtung vor dem Freunde erfüllten.
    Mit solchen Sternen hatte ich ohnmächtig gerungen; ich war wie vom Blitz
getroffen, ich sah im Geiste meinen Freund über mich lachen und konnte mir seine
Handlungsweise nur durch eigenen Unwert erklären. Doch fühlte ich mich
schmerzlich beleidigt und schrieb nach einigem Schweigen einen anzüglichen
Brief, mittelst dessen ich seine angemasste geistige Herrschaft abzuwerfen, doch
nicht unsere Freundschaft aufzuheben, vielmehr ihn zu treuer Wahrheit
zurückzufahren gedachte. Allein mein verletzter Ehrgeiz liess mich zu heftige und
spitze Ausdrücke wählen; mein Gegner hatte sich nicht über mich lustig machen,
sondern nur mit wenig Mühe meinem Eifer die Waage halten wollen, wie er sich
auch nachher, in ernsteren Dingen, immer mit solchen Mitteln zu helfen suchte,
obgleich er die Talente zu wirklichem Streben in vollem Masse und daher auch
Selbstgefühl besass. So kam es, dass er, um seine Verlegenheit zu bedecken und
ärgerlich über meine Auflehnung, noch gereizter und beleidigter antwortete. Es
stieg ein mächtiges Zorngewitter zwischen uns auf; wir schalten uns
rücksichtslos, und je mehr wir uns zugetan gewesen, mit desto mehr Aufwand an
tragischen Worten kündeten wir uns die Freundschaft auf und bestrebten uns
blindlings, jeder der erste zu sein, der den andern aus seinem Gedächtnis
verbanne!
    Aber nicht nur seine, sondern auch meine eigenen harten Worte schnitten mir
ins Herz; ich trauerte mehrere Tage lang, indessen ich den Geschiedenen zu
gleicher Zeit noch achtete, liebte und hasste; ich empfand nun zum zweiten Male,
in vorgerückterm Alter, das Weh beim Brechen einer Freundschaft, aber um so
schmerzlicher, als das Verhältnis edler gewesen war Dass mir nur die Possen
wiedervergolten worden, die ich meinem Lehrer Habersaat mit jenen
schwindelhaften Naturstudien gespielt hatte, daran dachte ich nicht im Traume.
 
                                 Achtes Kapitel
                               Wiederum Frühling
Der Frühling war gekommen; Schlüsselblümchen und Veilchen waren im erstarkten
Grase verschwunden, niemand beachtete ihre kleinen Früchtchen. Hingegen
breiteten sich Anemonen und die blauen Sterne des Immergrün um die lichten
Stämme junger Birken aus, am Eingange der Gehölze; die Lenzsonne durchschaute
und überschien die Räumlichkeiten zwischen den Bäumen; denn noch war es hell und
geräumig, wie in dem Hause eines Gelehrten, dessen Liebste dasselbe in Ordnung
gebracht und aufgeputzt hat, ehe er von einer Reise zurück kommt und bald alles
in die alte tolle Verwirrung versetzt. Bescheiden und abgemessen nahm das
zartgrüne Laubwerk seinen Platz und liess kaum ahnen, welcher Überdrang in ihm
heranwuchs. Die Blättchen sassen symmetrisch und zierlich an den Zweigen,
zählbar, ein wenig steif, wie von der Putzmacherin angeordnet, die Einkerbungen
und Fältchen noch höchst exakt und sauber, wie in Papier geschnitten und
gepresst, die Stiele und Zweigelchen rötlich lackiert, alles äusserst
aufgedonnert. Frohe Lüfte wehten, am Himmel kräuselten sich glänzende Wolken, es
kräuselte sich das junge Gras an den Rainen, die Wolle auf dem Rücken der
Lämmer, überall bewegte es sich leise mutwillig; die losen Flocken im Genicke
der jungen Mädchen kräuselten sich, wenn sie in der Frühlingsluft gingen, es
kräuselte sich in meinem Herzen. Ich lief über alle Höhen und blies an einsamen,
schön gelegenen Stellen stundenlang auf einer grossen Flöte, welche ich seit
einem Jahre besass. Nachdem ich die ersten Griffe dem Verkäufer, einem
musikalischen Nachbaren, abgelernt, war an weitern Unterricht nicht zu denken,
und die ehemaligen Schulübungen waren längst in ein tiefes Meer der
Vergessenheit geraten. Darum bildete sich, da ich doch bis zum Übermass spielte,
eine wildgewachsene Fertigkeit aus, welche sich in den wunderlichsten Trillern,
Läufen und Kadenzen erging. Ich konnte ebenso fertig blasen, was ich mit dem
Munde pfeifen oder aus dem Kopfe singen konnte, aber nur in der härteren Tonart,
die weichere hatte ich allerdings empfunden und wusste sie auch hervorzubringen,
aber dann musste ich langsam und vorsichtiger spielen, so dass diese Stellen gar
melancholisch und vielfach gebrochen sich zwischen den übrigen Lärm verflochten.
Musikkundige, welche in entfernterer Nachbarschaft mein Spiel hörten, hielten
dasselbe für etwas Rechtes, belobten mich und luden mich ein, an ihren
Unterhaltungen teilzunehmen. Als ich mich aber mit meiner braunen einklappigen
Röhre einfand und verlegen und mit bösem Gewissen die Ebenholzinstrumente mit
einer Unzahl silberner Schlüssel, die grossen Notenblätter sah, bedeckt von
schwarzem Gewimmel, da stellte es sich heraus, dass ich zu nichts zu gebrauchen,
und die Nachbaren schüttelten verwundert die Köpfe. Desto eifriger erfüllte ich
nun die freie Luft mit meinem Flötenspiele, welches dem schmetternden und doch
monotonen Gesange eines grossen Vogels gleichen mochte, und empfand, unter
stillen Waldsäumen liegend, innig das schäferliche Vergnügen eines andern
Jahrhunderts.
    Um diese Zeit hörte ich ein flüchtiges Wort, Anna sei in ihre Heimat
zurückgekehrt. Ich hatte sie nun seit zwei Jahren nicht gesehen; wir beide
gingen unserm sechszehnten Geburtstage entgegen. Sogleich rüstete ich mich zur
Übersiedelung nach dem Dorfe und machte mich eines Sonnabends wohlgemut auf die
geliebten Wege. Meine Stimme war gebrochen, und ich sang, dieselbe missbrauchend,
mich müd durch die hallenden Wälder. Dann hielt ich inne, und die Tiefe meiner
Töne bedenkend, dachte ich an Annas Stimme und suchte mir einzubilden, welchen
Klang sie nun haben möge. Darauf bedachte ich ihre Grösse, und da ich selbst in
der Zeit rasch gewachsen, so konnte ich mich eines kleinen Schauers nicht
erwehren, wenn ich mir die Gestalt sechszehnjähriger Mädchen unserer Stadt
vorstellte. Dazwischen schwebte mir immer das halbkindliche Bild am See oder auf
jenem Grabe vor, mit seiner Halskrause, seinen Goldzöpfen und freundlich
unschuldigen Augen. Dies Bild verscheuchte einigermassen die Unsicherheit, welche
sich meiner bemächtigen wollte, dass ich getrost fürbass schritt und das Haus
meines Oheims in alter Ordnung und lauter Fröhlichkeit fand.
    Doch nur die älteren Personen waren sich eigentlich ganz gleichgeblieben;
das junge Volk führte einen etwas veränderten Ton in Scherz und Reden. Als nach
dem Nachtessen sich die Älteren zurückgezogen und einige junge Dorfbewohner
beiderlei Geschlechtes dafür ankamen, um noch einige Stunden zu plaudern,
bemerkte ich, dass die Liebesangelegenheiten nun ausschliesslicher und
ausgeprägter der Stoff der neckischen Gespräche geworden, aber so, dass die
Jünglinge mit etwas spöttischer Galanterie den Schein tieferer Empfindung zu
verhüllen, die Mädchen eine grosse Sprödigkeit, Männerverachtung und
jungfräuliche Selbstzufriedenheit an den Tag zu legen bemüht schienen; und an
der Art und Weise, wie die sich kreuzenden Scherze und Angriffe da reizten, dort
scheinbar verletzten, war nicht zu verkennen, dass hier die Kristallelemente
zusammenzuschiessen auf dem Punkte waren.
    Ich war anfangs still und suchte mich in den mehr wort- als sinnreichen
Scharmützeln zurechtzufinden; die Mädchen betrachteten mich als einen
anspruchlosen Neutralen und schienen einen frommen und bescheidenen Knappen an
mir gewinnen zu wollen. Doch unversehens nahm ich, das Scheingefecht für vollen
Ernst haltend, die Partei meines Geschlechts. Die vermeintliche
Bedürfnislosigkeit und stolze Selbstverklärung der Schönen dünkte mir gefährlich
und beleidigend und entsprach nicht im mindesten meinen Gefühlen. Aber leider
setzte ich, anstatt mich der praktischeren und beliebteren Waffen meiner
Genossen zu bedienen, knabenhafter- und ungalanterweise den Mädchen ihre eigene
Kriegführung entgegen. Der trotzige Stoizismus, welchen ich gegen das
jungfräuliche Selbstgenügen aufwandte, warf mich um so schneller in eine einsame
und gefährliche Stellung, als ich in meiner Einfalt augenblicklich selber daran
glaubte und mit heftigem Ernste verfuhr. Ich vereinigte sogleich alle Pfeile des
Spottes auf mich als ein nicht zu duldender Aufrührer; die männlichen Teilnehmer
liessen mich auch im Stich oder hetzten mich fälschlicherweise auf, um bei den
erzürnten Mädchen desto besser ihre Rechnung zu finden, worüber ich wieder
verdriesslich und eifersüchtig wurde, und es ärgerte mich gewaltig, wenn ich
bemerkte, wie mitten im Kriege die verständnisvollen Blicke häufiger fielen und
der schöne Feind seine Hände den Burschen immer anhaltender und williger
überliess. Kurz, als die Gesellschaft auseinanderging und ich die Treppe
hinanstieg als ein erklärter Weiberfeind, verfolgten mich die drei Basen, jede
ihr Nachtlämpchen tragend, spottend bis vor die Tür meines Schlafzimmers. Dort
wandte ich mich um und rief: »Geht, ihr törichten Jungfrauen mit euren Lampen!
Obgleich jede nur zu bald ihren irdischen Bräutigam haben wird, fürchte ich
doch, das Öl eurer Geduld reiche nicht aus für die kürzeste Frist; löscht eure
Lichter und schämt euch im Dunklen, so spart ihr das bisschen Öl, ihr verliebten
Dinger!«
    Eine Magd trug gerade ein Becken mit Wasser hinein; sie tauchten ihre Finger
in das Wasser und spritzten mir dasselbe ins Gesicht, während sie mit ihren
brennenden Lämpchen mir um Haar und Nase herumzündeten und mich hart bedrängten.
»Mit Feuer und Wasser«, sagten sie, »weihen wir dich zu ewigem Frauenhasse! Nie
soll eine wünschen, diesen Hass schwinden zu sehen, und das Licht der Liebe soll
dir für immerdar erlöschen! Schlafen Sie recht wohl, gestrenger Herr, und
träumen Sie von keinem Mädchen!« Hiemit bliesen sie meine Kerze aus und huschten
auseinander, dass ihre Lichtchen in dem dunklen Hause verschwanden und ich im
Finstern stand. Ich tappte in das Zimmer, stiess an alle Gegenstände und streute
in der Dunkelheit missmutig meine Kleider auf dem Boden umher. Und als ich
endlich das Kopfende des Bettes gefunden und mich rasch unter die Decke
schwingen wollte, fuhr ich mit den Füssen in einen verwünschten Sack, dass ich sie
nicht ausstrecken konnte, sondern in meiner gewaltsamen Bewegung auf das
unangenehmste gehemmt und zusammengebogen wurde. Die Leintücher waren, infolge
einer ländlich-sittlichen Neckerei, so künstlich ineinandergeschürzt und -
gefaltet, dass es allen meinen ungeduldigen Bemühungen nicht gelang, sie zu
entwirren, und ich musste mich in der unbequemsten und lächerlichsten Lage von
der Welt zum Schlafe zusammenkauern. Allein dieser wollte trotz meiner Müdigkeit
sich nicht einfinden; ein ärgerliches und beschämendes Gefühl, dass ich mich in
eine schiefe Stellung geworfen, die Besorgnis, wie Anna sich zu all diesem
verhalten würde, und das verhexte Bett liessen mich die Augen nur auf Augenblicke
schliessen, wo dann die verworrensten Traumbilder mich verfolgten. Die Nacht im
Tale war unruhig und geräuschvoll, denn es war diejenige des Sonnabends auf den
Sonntag, in welcher die ledigen Bursche bis zum Morgen zu schwärmen und ihren
Liebeswegen nachzugehen pflegen. Ein Teil derselben durchzog in Haufen singend
und jauchzend die nächtliche Gegend, bald fern, bald nah hörbar werdend; ein
anderer Teil schlich einzeln um die Wohnungen her, mit verhaltner Stimme
Mädchennamen rufend, Leitern anlegend, Steinchen an Fensterladen werfend. Ich
stand auf und öffnete das Fenster; balsamische Mailuft strömte mir entgegen, die
Sterne zwinkerten verliebt hernieder, ein Kätzchen duckte sich um die eine
Hausecke, um die andere bog ein schlanker Schatten mit einer langen Leiter und
lehnte sie an das Haus, drei oder vier Fenster von mir. Rüstig klomm er die
Sprossen entlang und rief halblaut den Namen der ältesten Base, worauf das
Fenster leise aufging und ein trauliches Geflüster begann, von einem Geräusche
unterbrochen, welches von demjenigen feuriger Küsse nicht im geringsten zu
unterscheiden war. Oho! dachte ich, das sind feine Geschichten! und indem ich so
dachte, sah ich einen andern Schatten von dem Fenster der mittleren Base, welche
eine Treppe tiefer schlief, sich auf den Ast eines nahen Baumes schwingen und
flink zur Erde gleiten; kaum war er aber fünfzig Schritte entfernt, so brach er,
den fernen Nachtschwärmern antwortend, in ein mörderliches Jauchzen aus, welches
weitin widerhallte.
    Mit sehr ungewohnten Empfindungen machte ich vorsichtig das Fenster zu und
suchte in meinem boshaften Leinwandlabyrint Mädchen, Liebe, Mainacht und
Verdruss zu vergessen.
    Noch gemischtere Gefühle jedoch kehrten zurück, als ich am Morgen meine
nächtlichen Erfahrungen bedachte. Zuerst befiel mich eine bekümmerte Entrüstung
gegen meine Basen und ihre Liebhaber. Es machte mir den Eindruck, wie wenn in
einem verschlossenen Garten allerlei Freimaurerei getrieben würde und ich als
ein Verhöhnter vor dem Tore stände.
    Indessen beschloss ich, als es darauf ankam, in die grosse Wohnstube zu gehen
und mein nächstes Benehmen zu ordnen, vorderhand gänzliche Verschwiegenheit zu
üben, und dieser Entschluss kam mir so edel und grossmütig vor, dass ich, ganz
aufgebläht davon, wähnte, die Mädchen müssten mir meine Grossmut auf der Stelle
ansehen, als ich in die Stube trat. Ich erregte jedoch nicht die mindeste
Aufmerksamkeit; wohl aber sah ich an einem der Fenster eine schlank
aufgewachsene jungfräuliche Gestalt stehen, umgeben von meinen drei Basen. An
ihren eigentümlichen Zügen und der veränderten und doch gleich lieblich
gebliebenen Stimme erkannte ich sogleich Anna; sie sah fein und nobel aus, und
ich blieb ganz ratlos und verblüfft stehen. Still und bescheiden schaute sie in
die Landschaft hinaus, und die Basen sprachen gedämpft, zierlich und vertraulich
mit ihr, wie es die Weiber zu tun pflegen, wenn sie einen Besuch haben, der
ihrer Gesellschaft zum Schmucke gereicht. Es ging so freundlich andächtig zu,
als ob die vier hübschen Kinder geraden Weges aus einer Klosterschule kämen, und
besonders die Töchter des Hauses schienen nicht die leiseste Erinnerung an den
Ton des gestrigen Abends zu hegen. Unbefangen grüssten sie mich, als ich endlich
bemerkt wurde, und stellten mich der Anna vor. Wir sahen auf den Boden und boten
uns die Fingerspitzen, die sich kaum berührten, wobei sie, wie ich glaube, einen
kleinen höflichen Knicks machte. Ich sagte ganz verlegen: »Sie sind also wieder
zurückgekehrt?« worauf sie erwiderte: »Ja« - mit dem Tone eines Glöckchens,
welches nicht recht weiss, ob es anfangen soll, Mittag oder Vesper zu läuten.
Hierauf sah ich mich wieder aus dem Mädchenkreise herausversetzt, ohne zu wissen
auf welche Weise, und machte mir eifrig mit einer Katze zu schaffen, indessen
ich Anna verstohlen betrachtete. Sie war eine ganz andere Gestalt geworden, von
einem schwarzen Seidenkleide umwallt, ihr Goldhaar lag schlicht und vornehm
gebunden und liess eine sorgfältige Behandlung ahnen, während früher manche
Löckchen sich auf eigne Hand gekräuselt und zwischen den Flechten hervorgeguckt
hatten. Die Gesichtszüge waren in ihrer Eigentümlichkeit ganz gleichgeblieben,
nur hielten sie sich viel ruhiger, und die armen, schönen blauen Augen hatten
ihre Freiheit verloren und lagen in den Banden bewusster Sitte. Dies alles
unterschied ich im Augenblick nicht genau, allein es machte zusammen einen
solchen Eindruck auf mich, dass ich erschrak, als ich mich zum Frühstück, welches
inzwischen aufgetragen war, neben sie setzen musste; denn der Oheim hatte, da
Anna aus Welschland kam, seine französischen Künste aus der eleganten Zeit des
Pfarrhauses wieder zusammengelesen und zu mir gesagt: »Eh bien! monsieur le
neveu! prenez place auprès de Mademoiselle votre cousine, s'il vous plaît,
parbleu! est-ce que vous n'avez pas bien dormi? Parait que vous faites la triste
figure!« und zu Anna, mit einem komischen Kratzfusse, indem er mit seinem
Waldhörnchen salutierte: »Veuillez accepter les services de ce pauvre jeune
homme de la triste figure, Mademoiselle! souffrez, s'il vous plaît, qu'il fasse
votre galant, pour que notre maison illustre revisse les beaux jours
d'autrefois! allons parler français toute la compagnie!« Nun begann eine
drollige Unterhaltung in französischen Brocken, welche sich auf die lustigste
Weise kreuzten, weil niemand sich schämte, seine Schwerfälligkeit und Unkunde zu
verraten, und der Scherz als eine Art Huldigung der Anna Gelegenheit geben
sollte, ihre erworbene Bildung zu zeigen. Auch nahm sie bescheiden, aber sicher
an dem seltsamen Gespräche teil und brachte ihre Reden mit artigem Akzente vor,
geziert mit den Wendungen welscher Konversation als En vérité! tenez! voyez!
usf., wozwischen der Oheim, seine Geistlichkeit vergessend, einige diables!
einfügte. Mir waren diese Formen keineswegs geläufig, und ich konnte meine
Meinungen nur in strikter und nackter Übertragung vorbringen, dazu nicht in dem
lieblichsten Akzente; daher sagte ich, nur dann und wann oui und non oder je ne
sais pas! Die einzige Redensart, welche mir zu Gebote stand, war Que voulez-vous
que je fasse! und ich brachte diese Blüte mehrere Male an, ohne dass sie gerade
passte. Als hierüber gelacht wurde, machte mich dies trübselig und verstimmt;
denn mit jedem Augenblicke, seit ich an das seidene Kleid Annas streifte, wurde
es mir bänger, dass ich als gänzlich wertlos und unbedeutend zum Vorschein käme,
während ich doch bisher überzeugt war, das Beste und Höchste schätzen und
erstreben zu wollen und gerade dadurch selber einen nicht unerheblichen Wert in
mir zu tragen. In der Teorie hatte ich schon die Welt erobert und auch verdient
und besonders über Anna durchaus verfügt; da nun aber die Praxis begann, so
beschlich mich gleich im Anfange eine verzagte Demut, welche ich ungefähr in
folgende trotzige und gewaltige Rede zusammenfasste: »Moi, j'aime assez la bonne
et vénérable langue de mon pays, qui est heureusement la langue allemande, pour
ne pas plaindre mon ignorance du français. Mais Mademoiselle ma cousine ayant le
goût français et comme elle doit fréquenter l'église de notre village, c'est
beaucoup a plaindre qu'elle n'y trouvera point de ses orateurs vaudois qui sont
si élevés, savants et dévots. Aussi, que son déplaisir ne soit trop grand, je
vous propose, Monsieur mon oncle, de remonter en chaire, nous ferons un petit
auditoire et vous nous ferez de beaux sermons français. Que voulez-vous que je
fasse«, fügte ich etwas verlegen hinzu, als ich diese Rede so hastig und
fliessend als möglich gehalten hatte. Die Gesellschaft war sehr verwundert über
diese langatmige Phrase und betrachtete mich als einen unvermuteten Teufelskerl
von Franzosen, besonders da sie wegen der Schnelligkeit, mit der ich sprach,
nichts davon verstanden hatten, ausser dem Oheim, welcher vergnüglich lachte. Man
ahnte freilich nicht, dass ich die Rede im stillen förmlich ausgedacht und dass
ich keineswegs mit dieser Geläufigkeit fortzufahren imstande wäre. Anna war die
einzige Person, welche alles verstanden, und sie sagte kein Wort hierauf und
schien innerlich beleidigt zu sein; denn sie ward rot und sah verlegen vor sich
nieder. Sie verstand nämlich keinen Spass in bezug auf die waadtländischen
Geistlichen, weil sie nebst dem Französischen einen Anflug ortodox kirchlichen
Wesens davongetragen hatte. Da ich bemerkte, dass die verkehrte Art, meine innere
Mutlosigkeit zu äussern, fast einen üblen Eindruck gemacht, so flüchtete ich
mich, sobald möglich, vom Tische hinweg. Es läutete nun das letzte Zeichen zur
Kirche, und die ganze Familie rüstete sich zum Kirchgange. Anna zog helle
glänzende Lederhandschuhe an, und die drei Mädchen des Hauses, welche bisher,
obgleich städtisch gekleidet, wie die Landmädchen ohne Handschuhe zur Kirche
gegangen, brachten nun ebenfalls deren gestrickte aus Seide oder Baumwolle zum
Vorschein und putzten sich damit aus. Anna zeigte, als man zum Gehen bereit war,
ein gesammeltes und andächtiges Wesen, sprach nicht mehr viel und sah vor sich
nieder; und die übrigen Bäschen, welche von jeher lachend und fröhlich zur
Kirche gegangen, gaben sich nun auch ein feierliches Ansehen, dass ich ganz aus
der Verfassung kam und nicht wusste, wie ich mich gebärden sollte. Ich stand aus
Verlegenheit am Ofen, obschon die junge Sommersonne auf dem Garten sich lagerte;
man fragte mich, ob ich denn nicht mitginge? worauf ich, um endlich mir wieder
etwas Geltung zu verschaffen, mit Wichtigkeit sprach: nein, ich hätte nicht
Zeit, ich müsste schreiben!
    Heute ging das ganze Haus zur Kirche, wohl Anna zu Ehren, und nur ich allein
blieb zurück. Durch das Fenster sah ich dem Zuge nach, welcher sich durch die
Wiesen unter den Bäumen hinbewegte und dann auf der Höhe des Kirchhofes zum
Vorschein kam, um endlich in der Kirchentür zu verschwinden. Diese wurde bald
darauf geschlossen, das Geläute schwieg, der Gesang begann und hallte deutlich
und schön herüber. Auch dieser schwieg, und nun verbreitete sich ein Meer von
Stille über das Dorf, nur hie und da, wie von Möwenschrei, durch einen
kräftigern Ruf des Predigers unterbrochen. Das Laub und die Millionen Gräser
waren mäuschenstill, trieben aber nichtsdestominder mit Hin- und Herwackeln
allerlei lautlosen Unfug, wie mutwillige Kinder während einer feierlichen
Verhandlung. Die abgebrochenen Töne der Predigt, welche durch einen offenen
Fensterflügel sich in die Gegend verloren, klangen seltsam und manchmal wie
hollaho! manchmal wie juchhe! oder hopsa! bald in hohen Fisteltönen, bald tief
grollend, jetzt wie ein nächtlicher Feuerruf und dann wieder wie das Gelächter
einer Lachtaube. Während der Pfarrer predigte und ich Anna in Gedanken
aufmerksam und still dasitzen sah, nahm ich Papier und Feder und schrieb meine
Gefühle für sie in feurigen Worten nieder. Ich erinnerte sie an die zärtliche
Begebenheit auf dem Grabe der Grossmutter, nannte sie mit ihrem Namen und brachte
so häufig als möglich das Du an, welches ehedem zwischen uns gebräuchlich
gewesen. Ich ward ganz beglückt über diesem Schreiben, hielt manchmal inne und
fuhr dann in um so schöneren Worten wieder fort. Das Beste, was in meiner
zufälligen und zerstreuten Bildung angesammelt lag, befreite sich hier und
vermischte sich mit der Empfindung meiner augenblicklichen Lage. Überdies wob
sich eine schwermütige Stimmung durch das Ganze, und als das Blatt
vollgeschrieben war, durchlas ich es mehrere Male, als ob ich damit jedes Wort
der Anna ins Herz rufen könnte. Dann reizte es mich, das Blatt offen auf dem
Tische liegenzulassen und in den Garten zu gehen, damit es der Himmel oder sonst
wer durch das offene Fenster lesen könne; aber nur die völlige Sicherheit, dass
jetzt doch keine menschliche Seele in der Nähe sei, gab mir diese Verwegenheit,
mit welcher ich zwischen den Beeten auf und nieder spazierte, nach dem Fenster
hinaufschauend, hinter welchem meine schöne Liebeserklärung lag. Ich glaubte
etwas Rechtes getan zu haben und fühlte mich zufrieden und befreit, verfügte
mich aber bald wieder in die Stabe, da ich dem Frieden doch nicht recht traute,
und kam gerade dort an, als das Blatt, durch den Luftzug getragen, zum Fenster
hinaussäuselte. Es setzte sich auf einem Apfelbaume nieder; ich lief wieder in
den Garten; dort sah ich es sich erheben und mit einem gewaltigen Schusse auf
das Bienenhaus zufliegen, wo es hinter einem vollen summenden Bienenkorbe sich
festklemmte und verschwand. Ich näherte mich dem Korbe; allein die Bienen waren,
in Betracht der kurzen Sommerzeit, polizeilich von der Sonntagsfeier dispensiert
und ihre Arbeit als Notwerk erklärt; es summte und kreuzte sich vor dem Hause,
dass an kein Durchkommen zu denken war. Unschlüssig und ängstlich blieb ich
stehen; doch ein empfindlicher Stich auf die Wange bedeutete mir, dass meine
Liebeserklärung für einmal der bewaffneten Obhut dieses Bienenstaates
anheimgegeben sei. Für einige Monate lag sie allerdings sicher hinter dem Korbe;
wenn aber der Honig ausgenommen wurde, so kam sicher auch mein Blatt zutage, und
was dann? Indessen betrachtete ich diesen Vorfall als eine höhere Fügung und war
halb und halb froh, meine Erklärung aus dem Bereiche meines Willens einer
allfälligen Entdeckung ausgesetzt zu wissen. Meine gestochene Wange reibend,
verliess ich endlich die Bienen, nicht ohne genau nachzusehen, ob nirgends ein
Zipfelchen des weissen Blattes hervorgucke. Der Gesang in der Kirche ertönte
wieder, die Glocken läuteten, und die Gesellschaft kam in einzelnen Gruppen
zerstreut nach Hause. Ich stand wieder oben am Fenster und sah Annas Gestalt
durch das Grüne allmählich herannahen. Ihren weissen Hut abnehmend, stand sie vor
dem Bienenhause einige Zeit still und schien die fleissigen Tierchen mit
Wohlgefallen zu betrachten; mit noch grösserm Wohlgefallen betrachtete ich jedoch
sie, welche so ruhig vor meinem verborgenen Geheimnisse stand, und ich bildete
mir ein, dass die Ahnung desselben sie an der blühenden und lieblichen Stelle
festalte. Als sie heraufkam, zeigte sie jene zufriedene Fröhlichkeit
Andächtiger, welche aus der Kirche kommen, und machte sich nun ein wenig lauter
und zugänglicher als vorher. Beim Mittagessen, wo ich wieder neben sie zu sitzen
kam, begann jedoch meine herbe süsse Schule wieder. An Sonn- und Festtagen glich
der Tisch meines Oheims ganz seinem Hause und zeigte dessen merkwürdige und
malerische Zusammensetzung in allen Stücken. Drei Vierteile desselben, von der
Jugend und den Dienstleuten besetzt, trugen grosse ländliche Schüsseln mit den
entsprechenden Speisen mächtige Stücke Rindfleisch und gewaltige Schinken. Neuer
Wein aus einem grossen Kruge wurde in einfache grünliche Gläser geschenkt, Messer
und Gabeln waren aufs billigste beschaffen und die Löffel von Zinn. Nach der
Spitze der Tafel zu, wo der Oheim und die allfälligen Gäste sassen, veränderte
sich die Gestalt dieser Dinge. Dort waren die Ergebnisse der Jagd oder des
Fischfanges nebst anderen guten Dingen in kleinen Portionen aufgestellt; denn da
die Muhme dem Zubereiten und Essen solcher Sachen nicht grün war, so behandelte
sie dieselben apotekerhaft und spitzfingerig, gleich einem Grobschmied, der
eine Uhr zusammensetzen will. Auf einem bunten alten Porzellanteller lag hier
ein gebratener Vogel, dort ein Fisch, einige rote Krebse oder ein feines
Salätchen. Alter starker Wein stand in kleineren Flaschen, uralte Ziergläser der
verschiedensten Form dabei; die Löffel waren von Silber, und das übrige Besteck
bestand aus den Trümmern früherer Herrlichkeit, hier ein Messer mit einem
Elfenbeinhefte, dort eine kurzgezackte Gabel mit Emailgriff. Aus dem Gewimmel
dieser Zierlichkeiten ragte das ungeheure Brot wie ein Berg empor, als ein
mächtiger Ausläufer des untern Speisengebirges, dessen Anwohner sich an der
Ausschliesslichkeit der oberen Feinschmecker dadurch rächten, dass sie eine
scharfe Kritik über deren Geschicklichkeit im Essen ausübten. Wer nicht rasch
und reinlich einen Fisch zu verzehren oder die Knöchelchen eines Vogels zu
zerlegen wusste, hatte für den Spott nicht zu sorgen. Bei der Mutter an die
einfachste Lebensweise gewöhnt, war meine Gewandteit in Fisch- und Vogelessen
nur gering, und ich sah mich daher am meisten den Witzen der Tischgenossen
ausgesetzt. So hielt mir auch heute ein Knecht einen Schinken her und bat mich,
ihm diesen Taubenflügel zu zerlegen, da ich so geschickt hierin sei; ein anderer
hielt mich für vortrefflich geeignet, den Rückgrat einer Bratwurst zu benagen.
Dazu sollte ich als angeblicher Galan meine Schöne bedienen, was mir durchaus
unbequem war; denn ausser dass es mir lächerrlich vorkam, ihr ein Gericht
vorzuhalten, das ihr vor der Nase stand, und ich ihr lieber mit dem Herzen als
mit den Händen dienen wollte, wo es nicht nötig war, reichte meine Kenntnis
hiefür nicht aus, sondern ich präsentierte manchmal den Schwanz eines Fisches,
wo der Kopf gut war, und umgekehrt. Ich liess sie auch bald unbedient sitzen und
freute mich unbeschwert ihrer Nähe; aber der Oheim weckte mich aus diesem
Vergnügen, als er mich aufforderte, Anna einen Hechtkopf auseinanderzulegen und
ihr die Symbole des Leidens Christi zu zeigen, welche darin entalten sein
sollten. Allein ich hatte diesen Kopf unbesehens gegessen, obschon man früher
davon gesprochen, und stellte mich nun zugleich als einen unwissenden Heiden
dar; darüber ärgerlich, ergriff ich mit der Faust den mittlerweile entblössten
Schinkenknochen, hielt ihn der Anna unter die Augen und sagte, hier wäre noch
ein heiliger Nagel vom Kreuze. Ich behielt nun freilich wieder recht in den
Augen der Spötter, doch Anna hatte gerade solche Grobheit nicht verdient, da sie
mich nicht verspottet und ganz still neben mir gesessen hatte. Sie wurde über
und über rot, ich fühlte augenblicklich mein Unrecht und hätte aus Reue gern den
Knochen verschlungen. Das ersparte mir aber nicht einen kleinen Verweis des
Oheims, welcher mich ersucht haben wollte, dergleichen Mitteilungen zu
unterlassen. Das Rotwerden war nun an mir, und ich sagte nichts mehr während der
übrigen Zeit, die man am Tische zubrachte. Ich zog mich zurück in bitterm Unmute
und gedachte mich nicht mehr sehen zu lassen, bis meine Basen mich aufsuchten
und mich aufforderten, mit ihnen und ihren Brüdern Anna nach Hause zu begleiten
und den Schulmeister zu besuchen. Da ich in eine beschämende Lage geraten, so
fanden sie es angemessen, mich durch diese Freundlichkeit daraus zu ziehen; denn
sie wussten wohl, dass ich sonst nach der Sitte jenes Alters nicht mitkommen
konnte, wo das Schmollen eine Ehrensache und an bestimmte Gesetze gebunden ist.
    Wir zogen also aus und gingen dem Flüsschen nach durch den Wald. Ich blieb
still, und als wir, durch die Enge des Weges getrennt, hintereinander gehen
mussten, marschierte ich als der letzte hintendrein, dicht nach Anna, aber immer
in tiefem Schweigen. Meine Augen hingen mit Andacht und Liebe an ihrer Gestalt,
immer bereit, sich abzuwenden, sobald sie zurückschauen würde. Doch tat sie dies
nicht ein einziges Mal; hingegen bildete ich mir mit innerlichem Vergnügen ein,
dass sie hie und da mit einer kaum sichtbaren Absicht zu gefallen sich über
schwierige Stellen hinbewegte. Ich machte ein paarmal schüchterne Anstalten, ihr
behilflich zu sein, allein immer kam sie meinen Händen zuvor. Da stand an einer
erhöhten Stelle des Weges die schöne Judit unter einer dunklen Tanne, deren
Stamm wie eine Säule von grauem Marmor emporstieg. Ich hatte sie lange nicht
mehr gesehen; sie schien mit der Zeit noch immer schöner zu werden und hatte die
Arme übereinandergeschlagen, eine Rosenknospe im Munde, mit welcher ihre Lippen
nachlässig spielten. Sie grüsste eines um das andere, ohne sich in ein Gespräch
einzulassen, und als ich schliesslich auch an die Reihe kam, nickte sie mir
leicht zu mit einem etwas ironischen Lächeln.
    Der Schulmeister begrüsste uns mit Freuden und vor allen seine Tochter, die
er sehnlich zurückerwartet. Denn sie war nun die Erfüllung seines Ideales
geworden, schön, fein, gebildet und von andächtigem, edlem Gemüte, und mit dem
bescheidenen Rauschen ihres Seidenkleides war, nicht in schlimmem Sinne, eine
neue schöne Welt für ihn aufgegangen. Er hatte zu seinem bisherigen Vermögen
noch eine gute Erbschaft gemacht und benutzte diese, ohne Vornehmtuerei, sich
mit allerhand anständigen Bequemlichkeiten zu umgeben. Was seine Tochter nach
den aus Welschland mitgebrachten Bedürfnissen irgend wünschen konnte, schaffte
er augenblicklich an und überdies eine Anzahl schöner Bücher für seine eigenen
Wünsche. Auch hatte er seinen grauen Frack mit einem feinen schwarzen Leitrock
vertauscht, wenn er ausging, und im Hause trug er einen ehrbaren talarartigen
Schlafrock, um mehr das Ansehen eines würdigen, halbgeistlichen Privatgelehrten
zu gewinnen. Was irgend mit einer Stickerei geziert werden konnte an seiner
Person oder an seinem Geräte, das zeigte diesen Schmuck in allen Manieren und
Farben, da ihm solcher ausnehmend gefiel und Anna reichlich dafür sorgte. In dem
kleinen Orgelsaale stand nun ein prächtiges Sofa mit buntgestickten Kissen, und
vor demselben lag ein grossblumiger Teppich von Annas Hand. Diese reiche
Farbenpracht, an einer Stelle zusammengehäuft, nahm sich vortrefflich und
eigentümlich aus im Gegensatze zu dem einfachen weissgetünchten Saale. Nur die
Orgel bot noch einigen Schmuck in glänzenden Pfeifen und mit ihren bemalten
Türflügeln. Anna erschien nun in einem weissen Kleide und setzte sich an die
Orgel. Sie hatte in der Pension Klavier spielen müssen, lehnte es aber ab, ein
Klavier zu haben, als ihr Vater sogleich ein solches anschaffen wollte; denn sie
war zu klug und zu stolz, die gewöhnliche Klimperei fortzusetzen. Dagegen wandte
sie das Erlernte dazu an, sich für einfache Lieder auf der Orgel einzuüben; sie
begleitete also jetzt unsern Gesang, und der Schulmeister weilte dafür singend
in unserm Kreise. Er schaute fortwährend seine Tochter an, und ich ebenfalls, da
wir ihr im Rücken standen; sie sah wirklich aus wie eine heilige Cäcilie,
während die Stellung ihrer weissen Finger auf den Tasten noch etwas Kindliches
ausdrückte. Als wir des musikalischen Vergnügens satt waren, gingen wir vor das
Haus; dort war auch vieles verändert. Auf dem Treppchen standen Granat- und
Oleanderbäumchen, das Gärtchen war nicht mehr ein krauses Rosen- und
Gelbveigeleingärtchen, sondern, Annas jetziger Erscheinung mehr angemessen, mit
fremden Gewächsen und einem grünen Tische nebst einigen Gartenstühlen versehen.
Nachdem wir hier eine kleine Abendmahlzeit eingenommen, gingen wir an das Ufer,
wo ein neuer Kahn lag; Anna hatte auf dem Genfersee fahren gelernt und der
Schulmeister deswegen das Fahrzeug machen lassen, das erste, welches auf dem
kleinen See seit Menschengedenken zu sehen war. Ausser dem Schulmeister stiegen
wir alle hinein und fuhren auf das ruhige glänzende Wasser hinaus; ich ruderte,
da ich als Anwohner eines grössern Sees auch meine Künste zeigen wollte, und die
Mädchen sassen dicht beisammen, die Bursche aber hielten sich unruhig und suchten
Scherz und Händel. Endlich gelang es ihnen, das Gefecht wieder zu eröffnen,
zumal sich ihre Schwestern aus der gemessenen Haltung heraus nach freier
Bewegung sehnten. Sie hatten sich nun genug darin gefallen, mit Anna die Feinen
und Gestrengen zu machen, und wünschten vorzüglich die Früchte des Spukes,
welchen sie sich mit meinem Bette erlaubt hatten, mit Glanz einzuernten. Deshalb
wurde ich bald der Gegenstand des Gespräches; Margot, die Älteste, berichtete
Anna, dass ich mich als einen strengen Feind der Mädchen dargestellt hätte und
wohl nicht zu hoffen wäre, dass ich jemals mich eines schmachtenden Herzens
erbarmen würde; sie warne daher Anna zum voraus, sich nicht etwa früher oder
später in mich zu verlieben, da ich sonst ein artiger junger Mensch sei. Darauf
bemerkte Lisette, es wäre dem Schein nicht zu trauen; sie glaube vielmehr, dass
ich innerhalb lichterloh brenne vor Verliebteit, in wen, wisse sie freilich
nicht; allein ein sicheres Zeichen davon wäre mein unruhiger Schlaf, man habe am
Morgen mein Bett im allersonderbarsten Zustande gefunden, die Leintücher ganz
verwickelt, so dass zu vermuten, ich habe mich die ganze Nacht um mich selbst
gedreht wie eine Spindel. Scheinbar besorgt fragte Margot, ob ich in der Tat
nicht gut geschlafen? Wenn dem so wäre, so wüsste sie allerdings nicht, was sie
von mir halten müsste. Sie wolle inzwischen hoffen, dass ich nicht ein solcher
Heuchler sei und den Mädchenfeind spiele, während ich vor Liebe nicht wüsste, wo
hinaus! Überdies wäre ich doch noch zu jung für solche Gedanken. Lisette
erwiderte, eben das sei das Unglück, dass ein Grünschnabel wie ich schon so
heftig verliebt sei, dass er nicht einmal mehr schlafen könne. Diese letzte Rede
brachte mich endlich auf, und ich rief: »Wenn ich nicht schlafen konnte, so
geschah das, weil ich durch euere eigene Verliebteit die ganze Nacht gestört
wurde, und ich habe wenigstens nicht allein gewacht!« - »O gewiss sind wir auch
verliebt, bis über die Ohren!« sagten sie etwas betroffen, fassten sich aber
sogleich, und die Ältere fuhr fort: »Weisst du was, Vetterchen, wir wollen
gemeinsam zu Werke gehen; vertraue uns einmal deine Leiden, und zum Danke dafür
sollst du unser Vertrauter werden und unser Rettungsengel in unseren
Liebesnöten!« - »Es dünkt mich, du hast keinen Rettungsengel notwendig«,
antwortete ich, »denn an deinem Fenster steigen die Engel schon ganz lustig die
Leiter auf und nieder!« - »Hört, nun redet er irre, es muss schon arg mit ihm
stehen!« rief Margot, rot werdend, und Lisette, weiche noch beizeiten sich
verschanzen wollte, setzte hinzu: »Ach, lasst den armen Jungen in Ruh, er ist mir
recht lieb und dauert mich!« - »Schweig du!« sagte ich noch mehr erbost, »dir
fallen die Liebhaber von den Bäumen in die Kammer!«
    Die Bursche klopften in die Hände und riefen: »Oho, steht es so? Der Maler
hat gewiss etwas gesehen, freilich, freilich, freilich! Wir haben's schon lange
gemerkt!« und nun nannten sie die begünstigten Liebhaber der beiden Dämchen,
welche uns den Rücken wandten mit den Worten: »Larifari! ihr seid alle verlogene
Schelme und der Maler ein recht böser Hauptlügner!« Lachend und flüsternd
unterhielten sie sich hierauf mit den anderen beiden Mädchen, die nicht recht
wussten, woran sie waren, und alle würdigten uns keines Blickes mehr. So hatte
ich das Geheimnis, das ich am Morgen grossmütig zu verschweigen gelobt, noch vor
Untergang der Sonne ausgeplaudert. Dadurch war der Krieg zwischen mir und den
Schönen erklärt, und ich sah mich plötzlich himmelweit von dem Ziele meiner
Hoffnungen gerückt; denn ich dachte mir alle Mädchen als eng verbündet und
gleichsam eine Person, mit welcher man im ganzen gut stehen müsse, wenn man ein
Teilchen gewinnen wolle.
 
                                Neuntes Kapitel
                       Der Philosophen- und Mädchenkrieg
Um diese Zeit wurde der zweite Lehrer des Dorfes versetzt, und an seine Stelle
kam ein blutjunges Schulmeisterlein von kaum siebzehn Jahren, welches bald ein
Aufsehn in der Gegend machte. Es war ein wunderhübsches Bürschchen mit
rosenroten Wänglein, einem kleinen lieblichen Munde, mit einem kleinen
Stumpfnäschen, blauen Augen und blonden gelockten Haaren. Er nannte sich selbst
einen Philosophen, weshalb ihm dieser Name allgemein zuteil wurde, denn sein
Wesen und Treiben war in allen Stücken absonderlich. Mit einem vortrefflichen
Gedächtnisse begabt, hatte er die zu seinem Berufe gehörigen Kenntnisse bald
erworben und sich im Seminare daher mit dem Studium von allen möglichen
Philosophien abgegeben, welche er den Worten nach auswendig lernte; denn er
behauptete, der beste Volksschulmeister sei nur derjenige, welcher auf dem
höchsten und klarsten Gipfel menschlichen Wissens stände, mit dem umfassenden
Blicke über alle Dinge, das Bewusstsein bereichert mit allen Ideen der Welt,
zugleich aber in Demut und Einfalt, in ewiger Kindlichkeit wandelnd unter den
Kleinen, womöglichst mit den Kleinsten. Demgemäss lebte er wirklich; aber dies
Leben war seiner grossen Jugend wegen eine allerliebste Travestie in Miniatur.
Gleich einem Stare wusste er alle Systeme von Tales bis auf heute herzusagen;
allein er verstand sie immer im wörtlichsten und sinnlichsten Sinn, wobei
besonders seine Auffassung der Gleichnisse und Bilder einen komischen Unfug
hervorbrachte. Wenn er von Spinoza sprach, so war ihm nicht etwa die Idee aller
möglichen Stühle der Welt, als ein Stück zweckmässig gebrauchter Materie, der
Modus, sondern der einzelne Stuhl, der gerade vor ihm stand, war ihm der fertige
und vollständige Modus, in welchem die göttliche Substanz in wirklichster
Gegenwart steckte, und der Stuhl wurde dadurch geheiligt. Bei Leibniz fiel ihm
nicht etwa die Welt in einem greulichen Monadenstaub auseinander, sondern die
Kaffeekanne auf dem Tisch, mit welcher er gerade exemplierte, drohte
auseinanderzugehen und der Kaffee, welcher im Gleichnis nicht mitbegriffen, auf
den Tisch zu fliessen, so dass der Philosoph sich beeilen musste, durch die
prästabilierte Harmonie die Kanne zusammenzuhalten, wenn wir den erquickenden
Trank geniessen wollten. Bei Kant horte man das göttliche Postulat so leibhaftig
und zierlich erklingen wie ein Postörnchen, aus der tiefen Ferne der innersten
Brust; bei Fichte verschwand wieder alle Wirklichkeit gleich den Trauben in
Auerbachs Keller, nur dass wir nicht einmal an unsere Nasen glauben durften,
welche wir in den Händen hielten; wenn Feuerbach sagte Gott ist nichts anderes,
als was der Mensch aus seinem eigenen Wesen und nach seinen Bedürfnissen
abgezogen und zu Gott gemacht hat, folglich ist niemand als der Mensch dieser
Gott selbst, so versetzte sich der Philosoph sogleich in einen mystischen Nimbus
und betrachtete sich selbst mit anbetender Verehrung, so dass bei ihm, indem er
die religiöse Bedeutung des Wortes immer beibehielt, zu einer komischen
Blasphemie wurde, was im Buche die strengste Entsagung und Selbstbeschränkung
war. Am drolligsten nahm er sich jedoch aus in seiner Anwendung der alten
Schulen, deren Lebensregeln er in seinem äussern Behaben vereinigte. Als Cyniker
schnitt er alle überflüssigen Knöpfe von seinem Rocke, warf die Schuhriemen weg
und riss das Band von seinem Hute, trug einen derben Prügel in der Hand, welcher
zu seinem zarten Gesichtchen seltsam kontrastierte, und legte sein Bett auf den
blossen Boden; bald trug er sein schönes Goldhaar in langen, tausendfach
geringelten Locken, weil die Schere überflüssig sei, bald schnitt er es so dicht
am Kopfe weg, dass man mit dem feinsten Zängelchen kaum ein Härchen hätte fassen
können, indem er die Locken als schnöden Luxus erklärte, und er sah dann mit
seinem kahlen Rosenköpfchen noch viel lustiger aus. Im Essen war er hinwieder
Epikureer, und die gewöhnliche Dorfkost verschmähend, schmorte er sich ein
saures Eichhörnchen, briet ein Fischchen oder eine Wachtel, die er gefangen
hatte, und ass ausgesuchte kleine Böhnchen, junge Kräutchen und dergleichen, wozu
er ein halbes Gläschen alten Wein trank. Als Stoiker hingegen richtete er
allerhand spasshafte Händel an und brachte die Leute in Harnisch, um in dem
entstandenen Lärm dann einen kalten Gleichmut zu behaupten und sich nichts
anfechten zu lassen; insbesondere aber erklärte er sich als einen Verächter der
Frauen und führte einen beständigen Krieg mit ihnen, welche mit ihren sinnlichen
Reizen und ihrem eitlen Wesen die Männer ihrer Tugend und Ernstaftigkeit
berauben wollten. Als Cyniker verfolgte er die Frauen und Mädchen überall mit
Natürlichkeiten, als Epikureer mit erotischen Witzen, und als Stoiker sagte er
ihnen Grobheiten, war aber immer zu finden, wo drei beieinanderstanden. Sie
wehrten sich mit geräuschvollem Entsetzen gegen ihn, so dass überall, wo er
erschien, ein lustiger Spektakel losging; nichtsdestoweniger sah man ihn
ziemlich gern; die Männer achteten nicht auf ihn, und die Kinder hingen mit
grosser Liebe an ihm; denn mit diesen war er auf einmal wie ein Lamm und stand in
dem besten Verhältnisse zu ihnen. Er hatte die Allerkleinsten zu besorgen, und
er tat dies so vortrefflich, dass man noch nie einen so wohlgearteten Schlag
kleiner Jüngelchens und Dirnchens im Dorfe gesehen hatte. Deshalb übersah man
seine übrigen Geschichten, die er anrichtete und die man seiner tollen Jugend
zuschrieb; und selbst dass er sich für einen Ateisten ausgab, konnte ihn der
Gunst des weiblichen Dorfes nicht berauben.
    Er fand sich auch im Hause meines Oheims ein, wo eine gute Anzahl Mädchen
und junger Bursche, die durch vielfältigen Besuch noch verstärkt wurde, für
seine Aufführungen empfänglich war. Ich gesellte mich dem Philosophen bei,
einesteils von seinem Philosophieren angezogen, andernteils von seinem
Weiberkriege, da dieser gerade mit meiner schiefen Lage zu den Mädchen
zusammentraf. Wir machten grosse Spaziergänge, auf welchen er mir die Systeme der
Reihe nach vortrug, wie er sie im Kopfe hatte und wie ich sie verstehen konnte.
Es kam mir alles äusserst wichtig und erbaulich vor, und ich ehrte bald, gleich
ihm, jede Lehre und jeden Denker, gleichviel ob wir sie billigten oder nicht.
Über den christlichen Glauben waren wir bald einig und machten in die Wette
unsern Krieg gegen Pfaffen und Autoritätsleute jeder Art; als ich aber den
lieben Gott und die Unsterblichkeit aufgeben sollte und der Philosoph dieses mit
höchst unbefangenen Auseinandersetzungen verlangte, da lachte ich ebenso
unbefangen, und es kam mir nicht einmal in den Sinn, die Sache ernstlich zu
untersuchen. Ich sagte, am Ende wäre die Hauptformel einer jeden Philosophie,
und sei diese noch so logisch, eine ebenso grosse und greuliche Mystik wie die
Lehre von der Dreieinigkeit, und ich wollte von gar nichts wissen als von meiner
persönlichen angeborenen Überzeugung, ohne mir von irgendeinem Sterblichen etwas
dazwischenreden zu lassen. Ausserdem dass ich nicht wusste, was ich anfangen sollte
ohne Gott, und ich der Meinung war, dass ich einer Vorsehung im Leben noch sehr
benötigt sein würde, band mich eine Art künstlerischen Fühlens an diese
Überzeugung. Ich glaubte, dass alles, was Menschen zuwege bringen, seine
Bedeutung nur dadurch habe, dass sie es zuwege zu bringen vermochten und dass es
ein Werk der Vernunft und des freien Willens sei; deshalb konnte mir die Natur,
an die ich gewiesen war, auch nur einen Wert haben, wenn ich sie als das Werk
eines mir gleich fühlenden und voraussehenden Geistes betrachten durfte. Ein
sonnedurchschossener Buchengrund konnte nur dann ein Gegenstand der Bewunderung
sein, wenn ich ihn mir durch ein ähnliches Gefühl der Freude und der Schönheit
geschaffen dachte. »Sehen Sie diese Blume«, sagte ich zum Philosophen, »es ist
gar nicht möglich, dass diese Symmetrie mit diesen abgezählten Punkten und
Zacken, diese weiss und roten Streifchen, dies goldene Krönchen in der Mitte
nicht vorhergedacht seien! Und wie schön und lieblich ist sie, ein Gedicht, ein
Kunstwerk, ein Witz, ein bunter und duftender Scherz! So was macht sich nicht
selbst!« - »Auf jeden Fall ist sie schön«, sagte der Philosoph, »sei sie gemacht
oder nicht gemacht! Fragen Sie einmal! Sie sagt nichts, sie hat auch nicht Zeit
dazu, denn sie muss blühen und kann sich nicht um Ihre Zweifel kümmern! Denn das
sind alles Zweifel, was Sie vorbringen, Zweifel an Gott und schnöde Zweifel an
der Natur, und es wird mir übel, wenn ich nur einen Zweifler höre, einen
empfindsamen Zweifler! O weh!« Er hatte diesen Trumpf beim Disputieren älterer
Leute gehört und brachte denselben wie ähnliche Fechterkünste, die er sich
angeeignet, gegen mich vor, so dass ich schliesslich geschlagen wurde; besonders
sagte er zuletzt immer, ich verstehe eben die Sache noch nicht und wüsste nicht
richtig zu denken, was mich dann gewaltig erboste, und wir gerieten manchmal in
grimmigen Zank. Doch vereinigten wir uns immer wieder, wenn wir mit den Mädchen
zusammentrafen, wo wir einen gemeinsamen Kampf zu bestehen hatten, von allen
Seiten angegriffen Wir schlugen unsere Feinde eine Zeitlang mit unseren
Sarkasmen siegreich zurück; wenn sie aber nicht mehr weiterkonnten und zu sehr
gereizt waren, so ging der Krieg in Tätlichkeiten über; eine einzelne begann
damit, einem von uns unversehens ein Glas Wasser über den Kopf zu giessen, und
alsobald war ein hitziges Jagen und Verfolgen durch Haus und Gärten im Gange.
Andere Bursche machten sich schnell herbei, denn fünf bis sechs zornige Mädchen
waren eine zu reizende Gelegenheit für sie. Man warf sich mit Früchten, schlug
sich mit ausgerissenen Nesselstauden, suchte sich gegenseitig ins Wasser zu
drängen, wobei man ins allerengste Handgemenge kam, und ich war sehr verwundert,
die tollen Kinder so rührig und wehrbar zu finden. Wenn ich eine junge Wilde mit
aller Kraft umfasst hielt, um sie zu bändigen, während sie mich böslich zu
schädigen begehrte, so stritt ich ganz ehrlich und tapfer, ohne irgendeinen
Nebenvorteil zu suchen, und ich wusste gar nicht, dass ich ein Mädchen in den Arm
presste. Solche Gefechte geschahen immer in Annas Abwesenheit; einst aber
entzündete sich der Streit in ihrer Gegenwart, ohne dass man es gewollt hatte,
und sie wollte sich schleunigst salvieren; ich aber, der eben hitzig einer
anderen nachstellte, um sie für eine meuchlerische Bosheit zu bestrafen, kriegte
plötzlich Anna zu fassen und liess erschrocken meine Hände sinken.
    So mutig ich an der Seite des Philosophen war, um so kleinlauter war ich,
wenn ich den Mädchen allein gegenüberstand; denn alsdann war keine Rettung, als
alles über sich ergehen zu lassen. Der Philosoph fürchtete sich vor dieser
Feuertaufe nicht und tummelte sich manchmal furchtlos in einer Hölle von zwölf
jungen und alten Weiber umher, und er triumphierte um so lauter, je übler er von
ihren Zungen und Händen zugerichtet wurde, wenn er ihnen weiberschmähende
Aussprüche aus der Bibel und weltliche Argumente an den Kopf warf. Ich hingegen
räumte das Feld, wenn mir die Sache zu arg wurde, oder ich stellte mich, als ob
ich nicht ungeneigt wäre, mich belehren und bekehren zu lassen. Wenn ich
vollends mit einem der Mädchen ganz allein war, so wurde stets ein
Waffenstillstand geschlossen, und ich war immer halb bereit, unsere Sache zu
verraten und mich unter den Schutz des Feindes zu stellen. Ich wünschte durch
diesen gemässigten und freundlichen Verkehr allmählich dahin zu gelangen, auch
mit Anna wieder im einzelnen und allein zu sprechen, und glaubte dies
törichterweise immer am besten auf weitläufigem Wege zu bewerkstelligen, indem
ich mich an die anderen hielt, statt Anna einfach einmal bei der Hand zu nehmen
und anzureden. Allein dies letztere schien mir eben noch himmelweit zu liegen
und eine reine Unmöglichkeit; lieber hätte ich einen Drachen geküsst, als so
leichtsinnig die Schranke gebrochen, obgleich es vielleicht nur an diesem
Drachenkuss, an diesem ersten Worte hing, die schöne Jungfrau Vertraulichkeit aus
der Verzauberung wiederzugewinnen.
    Allein wer konnte wissen! Ein Sperling in der Hand ist besser als ein Adler
auf dem Dache! Lieber noch dies stumme Nahsein sicher behalten, als durch die
beleidigte Ehre genötigt zu sein, auf immer zu scheiden! Dadurch wurde ich immer
mehr und mehr verhärtet und endlich unfähig, das gleichgültigste Wort an Anna zu
richten; so kam es, als sie auch nichts zu mir sagte, dass nach einer sehr
stillschweigenden Übereinkunft wir füreinander gar nicht da waren, ohne uns
deswegen zu meiden. Sie kam ebensooft zu uns herüber, wenn ich da war, wie
sonst, und ich besuchte den Schulmeister nach wie vor, wo sie sich dann
zufrieden herumzubewegen schien, ohne sich um mich zu bekümmern. Indessen kam es
mir wunderlich vor, dass kein Mensch unsere seltsame Haltung zu bemerken schien,
obgleich es doch gewiss auffallen musste, dass wir auch gar nie etwas zueinander
sagten. Die älteste Base, Margot, hatte sich diesen Sommer mit dem jungen Müller
verlobt, welcher ein stattlicher Reitersmann war; die mittlere duldete offen die
Bewerbungen eines reichen Bauernsohnes, und die jüngste, ein Ding von sechszehn
Jahren, welches sich im Kriege immer am wildesten und feindseligsten gebärdet,
war unmittelbar nach einem der hitzigsten Gefechte überrascht worden, wie sie in
der Laube sich schnell von dem Philosophen küssen liess. Die Wolken der
Zwietracht hatten sich daher verzogen, der allgemeine Friede war hergestellt,
nur zwischen mir und Anna, welche nie im Kriege gelegen miteinander, war kein
Friede, oder vielmehr ein sehr stiller; denn unser Verhältnis blieb sich immer
gleich. Anna hatte die äusserlichen Welschlandsmanieren schon abgelegt und war
wieder frischer und freier geworden; allein sie blieb doch ein feines und
sprödes Kind, das überhaupt nicht viel sprach, leicht beleidigt und gereizt
wurde, was ein schnelles Erröten immer anzeigte, und besonders stellte sich ein
leichter Stolz heraus, der sich mit etwas Eigensinn verband. Desto verliebter
aber wurde ich mit jedem Tage, so dass ich mich fortwährend mit ihr beschäftigte,
wenn ich allein war, mich unglücklich fühlte und einsam Wälder und Höhen
durchstreifte; denn da ich nunmehr wieder der einzige war, welcher seine
Gedanken verbergen musste, wie ich wenigstens glaubte, so ging ich auch
vorzugsweise wieder allein und auf mich selbst angewiesen.
 
                                Zehntes Kapitel
                            Das Gericht in der Laube
Ich brachte die Tage im tiefen Walde zu, mit meinem Handwerkszeuge versehen;
allein ich zeichnete nur wenig nach der Natur, sondern wenn ich eine recht
geheime Stelle gefunden, wo ich sicher war, dass niemand mich überraschte, zog
ich ein schönes Stück englisches Papier hervor, auf welchem ich Annas Bildnis
aus dem Gedächtnis in Wasserfarben malte. Es war für mich das allergrösste Glück,
wenn ich mich an einem klaren Spiegelwässerchen unter dichtem Blätterdache so
wohnlich eingerichtet hatte, das Bild auf den Knien. Ich konnte nicht erheblich
zeichnen, daher fiel das Ganze etwas byzantinisch aus, was ihm bei der
Fertigkeit und dem Glanz der Farben ein eigenes Ansehen gab. Jeden Tag
betrachtete ich Anna verstohlen oder offen und verbesserte danach das Bild, bis
es zuletzt ziemlich ähnlich wurde. Es war in ganzer Figur und stand in einem
Blumenbeete, dessen hohe Stengel und Kronen mit Annas Haupt in den tiefblauen
Himmel ragten; der obere Teil der Zeichnung war bogenförmig abgerundet und mit
Rankenwerk eingefasst, in welchem glänzende Vögel und Schmetterlinge sassen, deren
Farben ich noch mit Goldlichtern erhöhte Alles dies sowie Annas Gewand, welches
ich phantastisch erfand und schmückte, war mir die angenehmste Arbeit während
vieler Tage, die ich im Walde zubrachte, und ich unterbrach diese Arbeit nur, um
auf meiner Flöte zu spielen, welche ich beständig bei mir führte. Auch des
Abends, nach Sonnenuntergang, ging ich oft mit der Flöte noch aus, strich hoch
über den Berg, bis wo der See in der Tiefe und des Schulmeisters Haus daran lag,
und liess dann meine wildgewachsenen Weisen oder auch ein schönes Liebeslied
durch Nacht und Mondschein ertönen.
    So gingen die Sommermonate vorüber; ich verbarg das Bild sorgfältig und
gedachte es noch lange zu verbergen, da es von jedermann als ein ziemlich
deutliches Geständnis der Liebe angesehen werden musste. An einem sonnigen
Septembernachmittage, als der herbstliche Schein mild auf dem Garten lag und das
Gemüt zur Freundlichkeit stimmte, wollte ich eben ausgehen, als ein ganz kleines
Knäbchen mir die Botschaft brachte, ich möchte in die grössere Gartenlaube
kommen. Ich wusste, dass sämtliche Mädchen dort mit Margots Aussteuer beschäftigt
waren und dass Anna ihnen half; das Herz klopfte mir daher sogleich, weil ich
irgend etwas ahnte; doch ging ich erst nach einer kleinen Weile mit
gleichgültiger Miene hin. Die Mädchen sassen in einem Halbkreise um das weisse
Leinenzeug herum, unter dem grünen Rebendache, und sie sahen alle schön und
blühend aus.
    Als ich eintrat und fragte, was sie begehrten, lächelten und kicherten sie
eine Zeitlang verlegen, dass ich trotzig schon wieder umkehren und weggehen
wollte. Jedoch Margot ergriff das Wort und rief: »So bleib doch hier, wir werden
dich nicht essen!« und nachdem sie sich geräuspert, fuhr sie fort:
    »Es sind mannigfaltige Klagen über dich angesammelt, und wir haben daher uns
als eine Art Gerichtshof hierher gesetzt, um dich zu richten und ins Verhör zu
nehmen, lieber Vetter! und wir fordern dich hiemit auf, uns auf alle Fragen
treu, wahr und bescheiden zu antworten! Erstlich wünschen wir zu wissen - je,
was wollten wir denn zuerst fragen, Caton?«
    »Ob er gern Aprikosen esse«, erwiderte diese, und Lisette rief: »Nein, wie
alt er sei, müssen wir zuerst fragen, und wie er heisse!«
    »Bitte, macht euch nicht gar zu unnütz«, sagte ich, »und rückt heraus mit
eurem Anliegen!«
    Doch Margot sagte: »Kurz und gut, du sollst einmal sagen, was du gegen die
Anna hast, dass du dich so gegen sie benimmst?«
    »Wieso?« antwortete ich verlegen, und Anna wurde ganz rot und sah auf ihre
Leinwand.
    Margot fuhr fort: »Wieso? das möchte ich auch noch fragen! Mit einem Wort,
was hast du für einen Grund, seit deiner Ankunft bei uns kein Sterbenswörtchen
zur Anna zu sagen und zu tun, als ob sie gar nicht in der Welt wäre? Dies ist
nicht nur eine Beleidigung für sie, sondern für uns alle, und schon des
öffentlichen Anstandes wegen muss es gehoben werden auf irgendeine Weise; wenn
Anna dich beleidigt hat, ohne es zu wissen, so erkläre es, damit sie dir
demütige Abbitte tun kann. Übrigens brauchst du hierauf nicht stolz zu sein oder
zu glauben, es sei auf deine kostbare Gunst abgesehen! Einzig und allein muss
durch gegenwärtige Verhandlung die Schicklichkeit und das gute Recht gewahrt
werden!«
    Ich erwiderte, dass ich die Gründe für mein Benehmen gegen Anna angeben
könne, sobald sie mir diejenigen für ihr eigenes Verhalten mitteilen wolle,
indem ich mich ebensowenig eines an mich gerichteten Wortes rühmen dürfe. Auf
diese Rede ward mir vorgehalten ein Frauenzimmer könne immer noch tun, was sie
wolle; jedenfalls müsste ich den Anfang machen, worauf dann Anna sich
verpflichten würde, in einem gesellschaftlich freundlichen und zuvorkommenden
Verkehr mit mir zu leben wie mit anderen.
    Dies liess sich hören und schien mir ganz in dem Sinne gesagt zu sein, in
welchem ich die Frauen als eine verschworene Einheit betrachtet hatte; es klang
mir wie ein angenehmer Beweis davon, dass es gut sei, wenn sie eine Sache
wohlwollend an die Hand nähmen. Ihre hochtrabenden Worte beirrten mich nicht,
und ich bildete mir gleich ein, dass man mich sehr nötig habe. Lächelend
erwiderte ich, dass ich mich einem vernünftigen Wort gern füge und dass ich nichts
Besseres verlange, als mit aller Welt in Frieden zu leben. Nun stand ich aber
wieder da, ohne Anna weiter anzusehen, welche emsig nähte. Lisette ergriff nun
das Wort und sagte: »Um einen Anfang zu machen, gib nun der Anna die Hand und
versprich ihr mit deutlichen Worten, jedesmal, wo du mit ihr zusammentriffst,
sie mit ihrem Namen zu grüssen und sie zu fragen, wie es ihr geht; hiebei soll
festgesetzt sein, dass alle Tage, wo und wann ihr euch zuerst begegnet, die Hand
gereicht werde, wie es unter Christen gebräuchlich ist!«
    Ich näherte mich Anna, hielt meine Hand hin und sprach eine verworrene
kleine Rede; ohne aufzusehen, gab sie mir die Hand, wobei sie die Nase ein
bisschen rümpfte und ein wenig lächelte.
    Als ich hierauf mich aus der Laube entfernen wollte, begann Margot wieder:
»Geduld, Herr Vetter! Es kommt nun der zweite Punkt, welcher zu erledigen ist.«
Sie schlug die Tücher, welche den Tisch bedeckten, auseinander und entüllte
mein Bild Annas.
    »Wir wollen«, fuhr sie fort, »nicht lange erörtern, wie wir zu diesem
geheimnisvollen Werke gelangt sind; es ist entdeckt, und wir wünschen nun zu
wissen, mit welchem Recht und zu welchem Zweck harmlose Mädchen ohne ihr Wissen
abkonterfeit werden?«
    Anna hatte einen flüchtigen Blick auf das bunte Wesen geworfen und sass
ebenso verlegen und unruhig da, als ich beschämt und trotzig war. Ich erklärte,
dass das Blatt mein Eigentum und ich keiner sterblichen Seele eine Verantwortung
darüber schuldig wäre, gleichviel ob es ans Tageslicht getreten oder noch im
verborgenen liege, wo ich künftig meine Sachen zu lassen bitte. Damit wollte ich
meine Zeichnung ergreifen; allein die Mädchen deckten sie schleunig mit Leinwand
zu und türmten die ganze Aussteuer darauf.
    Es könne ihnen nicht gleichgültig sein, sagten sie, ob ihre Bildnisse
heimlich und zu unbekanntem Zwecke angefertigt würden. Ich müsste also bestimmt
erklären, für wen ich besagtes Werk angefertigt habe oder was ich damit zu
machen gedenke; denn dass ich es für mich behalten wolle, sei nach meinem
bisherigen Verhalten nicht wohl anzunehmen; auch wäre dies nicht zu gestatten.
    »Die Sache ist sehr einfach«, erwiderte ich endlich, »ich habe dem
Schulmeister, Annas Vater, eine kleine Freude zu seinem Namenstage machen wollen
und gedachte dies am besten durch ein Porträt seiner Jungfrau Tochter zu
erreichen; habe ich damit unrecht getan, so ist es mir leid, ich werde es nicht
wieder tun! Ich kann vielleicht durch eine Abbildung seines Hauses und Gartens
am See dem Herrn Vetter den gleichen Dienst leisten, mir verschlägt es nichts!«
    Durch diese Ausflucht beraubte ich mich zwar selbst des Bildes, das mir auch
der Mühe und Arbeit wegen lieb geworden war; zugleich aber schnitt ich der
unbequemen Verhandlung den Faden ab, indem die Mädchen hiegegen nichts mehr
einzuwenden wussten und meine aufmerksame Gesinnung für den Schulmeister noch zu
loben veranlasst wurden. Doch beschlossen sie, die Malerei aufzubewahren bis zum
bestimmten Tage, wo wir sie sämtlich dem Schulmeister feierlich überbringen
würden.
    So kam ich um meinen Schatz, verhehlte aber meinen Verdruss, indessen die
kleine Caton, noch nicht zufrieden, wieder anfing: »Ihm verschlägt es nichts! ob
er das Haus zeichne oder Anna, sagte er! Was soll das wohl heissen?«
    Und Margot erwiderte: »Das soll heissen, dass er ein hochmütiger Gesell ist,
welchem ein Haus und ein schönes Mädchen gleich unbedeutend sind! Hauptsächlich
aber soll es heissen Glaubt ja nicht etwa, dass ich das mindeste besondere
Interesse an diesem Gesichtchen hatte, als ich es malte! Dies ist eine neue
Beleidigung, und der armen Anna gebührt eine glänzende Genugtuung!«
    Margot zog nun ein zusammengelegtes Blatt aus dem Busen, entfaltete es und
beauftragte Lisette, es laut und feierlich vorzulesen. Ich war sehr begierig,
was es sein möchte; Anna wusste ebenfalls nicht, was das bedeute, und sah ein
wenig auf; nach den ersten Worten aber erkannte ich, dass es meine
Liebeserklärung aus dem Bienenhause war. Es wurde mir kalt und heiss während des
Lesens; Anna kam, soviel ich in meiner Verwirrung bemerken konnte, erst nach und
nach auf die Spur; die übrigen Mädchen, welche anfangs übermütige und lachende
Gesichter zeigten, wurden durch die Stille während des Lesens und durch die
ehrliche Kraft jener Worte überrascht und beschämt, und sie erröteten der Reihe
nach, wie wenn die Erklärung sie selber betroffen hätte. Indessen gab mir die
Angst schon eine neue List ein, die Angst, welche ich vor dem Verklingen des
letzten Wortes empfand. Als die Leserin schwieg, selbst in nicht geringer
Verlegenheit, sagte ich so trocken als möglich: »Teufel! das kommt mir ganz
bekannt vor, zeigt einmal her! - Richtig! das ist ein altes Blatt Papier, von
mir beschrieben!«
    »Nun? weiter?« sagte Margot etwas verblüfft, denn sie wusste nun ihrerseits
nicht, wo es hinaussollte.
    »Wo habt ihr das gefunden?« fuhr ich fort, »das ist ein Stück Übersetzung
aus dem Französischen, das ich schon vor zwei Jahren hier im Hause gemacht habe.
Die ganze Geschichte steht in dem alten vergoldeten Schäferroman, der im
Dachstübchen liegt bei den alten Degen und Folianten; ich habe damals statt des
Namens Melinde den Namen Anna hingesetzt zum Spasse. Hole einmal das Buch
herunter, kleine Caton! ich will euch die Stelle französisch vorlesen.«
    »Hol einmal selbst, kleiner Heinrich, wir sind gerade gleich alt!« versetzte
die Kleine, und die übrigen machten ganz enttäuschte Gesichter, da meine
Erfindung zu natürlich und wahrhaft aussah. Nur Anna musste wissen, dass die
Erklärung doch ausschliesslich an sie gerichtet war, weil sie allein an der
Berufung auf das Grab der Grossmutter erkennen konnte, dass Stoff und Datum neu
waren. Sie rührte sich nicht. So war nun der Inhalt des fliegenden Blattes doch
noch an seine rechte Bestimmung gelangt, und ich konnte seine Wirkung sich
selbst überlassen, ohne mit meiner Person unmittelbar dazu zu stehen und ohne
dass die Mädchen einen Triumph davon hatten. Ich wurde so sicher und kühn, dass
ich das Papier nahm, zusammenfaltete und es der Anna mit einer komischen
Verbeugung und den Worten überreichte:
    »Da man dieser Stilübung einmal einen höhern Zweck zugeschrieben hat, so
geruhen Sie, verehrtes Fräulein! dem irrenden Blatte ein schützendes Obdach zu
geben und dasselbe als eine Erinnerung an diesen denkwürdigen Nachmittag von mir
anzunehmen!«
    Sie liess mich erst eine Weile stehen und wollte das Papier nicht nehmen;
erst als ich eben links abschwenken wollte, nahm sie es rasch und warf es neben
sich auf den Tisch.
    Mein Witz war indessen zu Ende, und ich suchte mit guter Manier aus der
Laube zu kommen. Mit einer zweiten scherzhaften Verbeugung empfahl ich mich;
sämtliche Mädchen standen zierlich auf und entliessen mich unter
spöttisch-höflichen Verneigungen. Der Spott kam von ihrem weiblichen Grolle, dass
sie mich nicht gedemütigt und untergekriegt hatten, die Höflichkeit von der
Achtung, welche ihnen mein Benehmen einflösste; denn während das Bild sowohl wie
das beschriebene Blatt von dem Vorhandensein einer bestimmten Neigung zeugten,
hatte ich trotz der Öffentlichkeit der Verhandlung das Geheimnis so zu schützen
gewusst, dass unter dem Mantel des Scherzes nicht nur ich, sondern auch Anna die
volle Freiheit behalten hatte, anzuerkennen, was ihr beliebte.
    Höchst zufrieden zog ich mich in das Dachstübchen zurück, wo ich meinen Sitz
aufgeschlagen hatte, und verträumte dort eine kleine Stunde in der grössten
Seligkeit. Anna kam mir so liebenswert und köstlich vor wie noch niemals, und
indem mein eigensüchtiger Sinn sie sich nun unentrinnbar verfallen dachte,
bedauerte ich sie in ihrer Feinheit beinahe und fühlte eine Art zärtlichen
Mitleidens mit ihr. Doch machte ich mich bald wieder auf die Beine und schlich,
da die Septembersonne sich schon zu neigen begann, dem Garten zu, um dem Tage
die Krone aufzusetzen und zu sehen, ob ich Anna nach Hause geleiten könnte, zum
ersten Male wieder seit den schönen Kindertagen. Sie aber war schon fort und
allein über den Berg gegangen; die Basen räumten ihre Arbeit zusammen und taten
sehr gleichmütig und ruhig; ich überblickte den leeren Tisch, hütete mich aber
wohl zu fragen, ob Anna das Papier wirklich mitgenommen habe, und schlenderte
unmutig das Tal hinauf in den Schatten hinein.
    Die nächsten Tage kam sie nicht zu uns, und ich getraute mir auch nicht zum
Schulmeister zu gehen; sie hatte jetzt ein schriftliches Geständnis von mir in
den Händen, weswegen wir nun unser beider Freiheit verloren und deshalb unser
Benehmen schwieriger schien, weil ich die Gewaltsamkeit einer solchen Erklärung
wohl fühlte. Wie nun ein Tag nach dem andern vorüberging, verschwand meine
vergnügte Sicherheit wieder, besonders da ich gar keinerlei Erwähnung und Spuren
von dem Vorgange in der Laube erfuhr, und ich war eben wieder auf dem Punkte, in
meinem Herzen trotzig zu verstocken, als der Namenstag des Schulmeisters,
welchen ich in der Not angerufen hatte, wirklich da war und die Bäschen
erklärten, wir würden auf den Abend alle hingehen, um ihn zu beglückwünschen.
Erst jetzt bekam ich mein Bild wieder zu sehen, welches ganz fein eingerahmt
war. An einem verdorbenen Kupferstiche hatten die Mädchen einen schmalen, in
Holz auf das zierlichste geschnittenen Rahmen gefunden, welcher wohl siebenzig
Jahr alt sein mochte und eine auf einen schmalen Stab gelegte Reihe von
Müschelchen vorstellte, von denen eins das andere halb bedeckte. An der inneren
Kante lief eine feine Kette mit viereckigen Gelenken herum, die äussere Kante war
mit einer Perlenschnur umzogen. Der Dorfglaser, welcher allerlei Künste trieb
und besonders in verjährten Lackierarbeiten auf altmodischem Schachtelwerk stark
war, hatte den Muscheln einen rötlichen Glanz gegeben, die Kette vergoldet und
die Perlen weiss gemacht und ein neues klares Glas genommen, so dass ich höchst
erstaunt war, meine Zeichnung in diesem Aufputze wiederzufinden. Sie erregte die
Bewunderung aller ländlichen Beschauer, und besonders meine, Blumen und Vögel
sowie die Goldspangen und Edelsteine, womit ich Anna geschmückt, auch die fromme
und sorgfältige Ausarbeitung ihrer Haare und ihrer weissen Halskrause, die
schönblauen Augen und die rosenroten Wangen, der kirschrote Mund, alles
entsprach dem phantasiereichen Sinne der Leute, welche ihre Augen an den
mannigfaltigen Gegenständen vergnügten. Das Gesicht war fast gar nicht
modelliert und ganz licht, und dies gefiel ihnen nur um so mehr, obgleich dieser
vermeintliche Vorzug in meinem Nichtkönnen seinen einzigen Grund hatte.
    Ich musste das Werk eigenhändig tragen, als wir fortgingen, und wenn die
Sonne sich in dem glänzenden Glase spiegelte, so erwies es sich recht
eigentlich, dass kein Fädelein so fein gesponnen, das nicht endlich an die Sonne
käme. Auch machten die Mädchen reichliche Witze, wenn sie sich nach mir umsahn,
der den Rahmen sorgfältig in acht nehmen musste und daher aussah, als ob ich eine
Altartafel im Schweisse meines Angesichts über den Berg trüge. Aber die Freude,
welche der Schulmeister bezeugte, entschädigte mich reichlich für alles sowie
über den Verlust des Bildes, zumal ich mir vornahm, für mich selbst noch ein
viel schöneres zu entwerfen. Ich war der Held des Tages, als das Bild nach
genugsamem Betrachten über dem Sofa im Orgelsaale aufgehängt wurde, wo es sich
wie das Bild einer märchenhaften Kirchenheiligen ausnahm.
 
                                 Elftes Kapitel
                               Die Glaubensmühen
Doch dies alles trug dazu bei, meine Annäherung an Anna zu erschweren; es war
mir unmöglich, die Gelegenheit zu benutzen und mit ihr schönzutun; ich begriff,
dass sie jetzt eben sich sehr gemessen benehmen musste, und ich erkannte, dass es
eigentlich gar kein Spass sei, einem Mädchen seine Neigung so bestimmt
kundzugeben. Desto besser stand ich mich mit dem Schulmeister, mit welchem ich
vielfach disputierte. Sein Bildungskreis umfasste hauptsächlich das christlich
moralische Gebiet in einem halb aufgeklärten und halb mystisch andächtigen
Sinne, wo der Grundsatz der Duldung und Liebe, gegründet auf Selbsterkenntnis
und auf das Studium des Wesens Gottes und der Welt, zuoberst stand. Daher war er
bewandert in den Denkwürdigkeiten und Aufzeichnungen geistreich andächtiger
Leute aus verschiedenen Nationen, und er besass und kannte seltene und berühmte
Bücher dieser Art, die ihm die Überlieferung gleicher Bedürfnisse in die Hände
gegeben hatte. Es war viel Schönes und Erbauliches zu lesen in diesen Büchern,
und ich hörte mit Bescheidenheit und Wohlgefallen seinen Vorträgen zu, da ja das
Grübeln nach dem Wahren und Guten mich unerlässlich dünkte. Meine Einsprachen
bestanden darin, dass ich gegen das spezifisch Christliche protestierte, welches
das alleinige Merkzeichen alles Guten sein sollte. Ich befand mich in dieser
Hinsicht in einem peinlichen Zerwürfnisse. Während ich die Person Christi
liebte, wenn sie auch, wie ich glaubte, in der Vollendung, wie sie dasteht, eine
Sage sein sollte, war ich doch gegen alles, was sich Christlich nannte,
feindlich gesinnt geworden, ohne recht zu wissen warum, und ich war sogar froh,
diese Abneigung zu empfinden; denn wo sich Christentum geltend machte, war für
mich reizlose und graue Nüchternheit. Ich ging deswegen schon seit ein paar
Jahren fast nie in die Kirche, und die religiöse Unterweisung besuchte ich sehr
selten, obgleich ich dazu verpflichtet war; im Sommer kam ich durch, weil ich
grösstenteils auf dem Lande lebte; im Winter ging ich zwei- oder dreimal, und man
schien dies nicht zu bemerken, wie man mir überhaupt keine Schwierigkeiten
machte, aus dem einfachen Grunde, weil ich der grüne Heinrich hiess, d.h. weil
ich eine abgesonderte und abgeschiedene Erscheinung war; auch machte ich ein so
finsteres Gesicht dazu, dass die Geistlichen mich gern gehen liessen. So genoss ich
einer vollständigen Freiheit und, wie ich glaube, nur dadurch, dass ich mir
dieselbe, trotz meiner Jugend, entschlossen angemasst; denn ich verstand durchaus
keinen Spass hierin. Jedoch ein- oder zweimal im Jahre musste ich genugsam
bezahlen, wenn nämlich an mich die Reihe kam, in der Kirche aufzutreten, d.h. in
der öffentlichen Kirchenlehre nach vorhergegangener Einübung einige auswendig
gelernte Fragen zu beantworten. Dies war vor Jahren schon eine Pein für mich
gewesen, nun aber geradezu unerträglich; und doch unterzog ich mich dem
Gebrauche oder musste es vielmehr, da, abgesehen von dem Kummer, den ich meiner
Mutter gemacht hätte, das endliche gesetzliche Loskommen daran geknüpft war. Auf
die nächste Weihnacht sollte ich nun konfirmiert werden, was mir ungeachtet der
gänzlichen Freiheit, welche mir nachher winkte, grosse Sorgen verursachte. Daher
äusserte ich mein Antichristentum jetzt gegen den Schulmeister mehr, als ich
sonst getan haben würde, obgleich es in ganz anderer Weise geschah, als wenn ich
mit dem Philosophen zusammen war; ich musste nicht nur den Vater Annas, sondern
überhaupt den bejahrten Mann ehren; und besonders seine duldsame und liebevolle
Weise schrieb mir von selber vor, mich in meinen Ausdrücken mit Mass und
Bescheidenheit zu benehmen und sogar zuzugestehen, dass ich als ein junger
Bursche noch was zu lernen möglich fände. Auch war der Schulmeister eher froh
über meine abweichenden Meinungen, indem sie ihm Veranlassung zu geistiger
Bewegung gaben und er um so mehr Ursache bekam, mich liebzugewinnen, der Mühe
wegen, die ich ihm machte. Er sagte, es sei ganz in der Ordnung, ich sei wieder
einmal ein Mensch, bei welchem das Christentum das Ergebnis des Lebens und nicht
der Kirche sein würde, und werde noch ein rechter Christ werden, wenn ich erst
etwas erfahren habe. Der Schulmeister stand sich nicht gut mit der Kirche und
behauptete, ihre gegenwärtigen Diener wären unwissende und rohe Menschen. Ich
habe ihn aber ein wenig im Verdacht, dass dies nur darin seinen Grund hatte, dass
sie Hebräisch und Griechisch verstanden, was ihm verschlossen blieb.
    Indessen war die Ernte längst vorüber, und ich musste an die Rückkehr denken.
Mein Oheim wollte mich diesmal nach der Stadt bringen und zugleich seine Töchter
mitnehmen, von denen die zwei jüngeren noch gar nie dort gewesen. Er liess eine
alte Kutsche bespannen, und so fuhren wir davon, die Töchter in ihrem besten
Staate, zum Erstaunen aller Dorfschaften, durch welche wir kamen. Der Oheim fuhr
am gleichen Tage mit Margot zurück, Lisette und Caton blieben eine Woche bei
uns, wo die Reihe an ihnen war, die Blöden und Schüchternen zu spielen, denn ich
zeigte ihnen mit wichtiger Miene alle Herrlichkeiten der Stadt und tat, als ob
ich dies alles erfunden hätte.
    Nicht lange nachdem sie fort waren, kam eines Morgens ein leichtes Fuhrwerk
vor unser Haus gerollt, und heraus stiegen der Schulmeister und sein
Töchterchen, letzteres durch einen fliegenden grünen Schleier gegen die kühle
Herbstluft geschützt. Eine lieblichere Überraschung hätte mir gar nicht
widerfahren können, und meine Mutter hatte die grösste Freude an dem guten Kinde.
Der Schulmeister wollte sich umsehen, ob für den Winter eine geeignete Wohnung
zu finden wäre, indem er doch allmählich sein Kind mit der Welt mehr in
Berührung bringen musste, um ihre Anlagen nach allen Seiten sich entwickeln zu
lassen. Es sagte ihm jedoch keine Gelegenheit zu, und er behielt sich vor,
lieber im nächsten Jahre ein kleines Haus in der Nähe der Stadt zu kaufen und
ganz überzusiedeln. Diese Aussicht erfüllte mich zwar mit plötzlicher Freude;
aber ich hätte mir Anna doch lieber für immer als das Kleinod jener grünen
entlegenen Täler gedacht, die mir einmal so lieb geworden. Indessen hatte ich
das heimliche Vergnügen, zu sehen, wie meine Mutter Freundschaft schloss mit Anna
und wie diese ebenso tiefen Respekt als herzliche Zuneigung zu jener bezeigte
und zu meiner allergrössten Genugtuung gern zu zeigen schien. Wir wetteiferten
nun förmlich, ich, dem Schulmeister meine Achtung darzutun, und sie meiner
Mutter, und über diesem angenehmen Streite fanden wir keine Zeit, miteinander
selbst zu verkehren, oder wir verkehrten vielmehr nur dadurch miteinander. So
schieden sie von uns, ohne dass ich mit ihr einen einzigen besondern Blick
gewechselt hätte.
    Nun rückte der Winter heran und mit ihm das Weihnachtsfest. Wöchentlich
dreimal früh um fünf Uhr musste ich in das Haus des Pfarrhelfers gehen, wo in
einer langen schmalen riemenförmigen Stube an vierzig junge Leute zur
Konfirmation vorbereitet wurden. Wir waren Jünglinge, wie man uns nun nannte,
aus allen Ständen; am oberen Ende, wo einige trübe Kerzen brannten, die
Vornehmen und Studierenden, dann kam der mittlere Bürgerstand, unbefangen und
mutwillig, und zuletzt, ganz in der Dunkelheit, arme Schuhmacherlehrlinge,
Dienstboten und Fabrikarbeiter, etwas roh und schüchtern, unter denen wohl dann
und wann eine plumpe Störung vorfiel, während weiter oben man sich mit Anstand
einer ruhigen Unaufmerksamkeit hingab. Diese Ausscheidung war gerade nicht
absichtlich angeordnet, sondern sie hatte sich von selbst gemacht. Wir waren
nämlich nach unserm Verhalten und nach unserer Ausdauer geordnet; da nun die
Vornehmsten von Haus aus zum äussern Frieden mit der Kirche streng erzogen wurden
und die meiste Sicherheit im Sprechen besassen und dies Verhältnis durch alle
Grade herunterging, so war dem Scheine nach die Rangordnung ganz natürlich,
besonders da die Ausnahmen sich dann von selbst zu ihresgleichen hielten und
durchaus nicht sich unter die anderen Stände mischen wollten.
    Schon das pünktliche Aufstehen und Hingehen am kalten dunklen Wintermorgen,
an regelmässigen Tagen, und das Hinsitzen an einen bestimmten Platz war mir
unerträglich, da ich seit der Schulzeit dergleichen nicht mehr geübt. Nicht dass
ich gänzlich unfügsam war für irgendeine Disziplin, wenn ich einen notwendigen
und vernünftigen Zweck einsah; denn als ich zwei Jahre später meiner
Militärpflicht genügen und als Rekrut mich an bestimmten Tagen auf die Minute am
Sammelplatze einfinden musste, um mich nach dem Willen eines verwitterten
Exerziermeisters sechs Stunden lang auf dem Absatze herumzudrehen, da tat ich
dies mit dem grössten Eifer und war ängstlich bestrebt, mir das Lob des alten
Kommissbruders zu erwerben. Allein hier galt es, sich zur Verteidigung des
Vaterlandes und seiner Freiheit fähig zu machen; das Land war sichtbar, ich
stand darauf und nährte mich von seiner Frucht. Dort aber musste ich mich
gewaltsam aus Schlaf und Traum reissen, um in der düsteren Stabe zwischen langen
Reihen einer Schar anderer schlaftrunkener Jünglinge das allerfabelhafteste
Traumleben zu führen unter dem eintönigen Befehl eines geistlichen Ministers,
mit dem ich sonst auf der Welt nichts zu schaffen hatte.
    Was unter fernen östlichen Palmen vor Jahrtausenden teils sich begeben,
teils von heiligen Träumern geträumt und niedergeschrieben worden war, ein Buch
der Sage, das wurde hier als das höchste und ernstafteste Lebenserfordernis,
als die erste Bedingung, Bürger zu sein, Wort für Wort durchgesprochen und der
Glaube daran auf das genaueste reguliert. Die wunderbarsten Ausgeburten
menschlicher Phantasie, bald heiter und reizend, bald finster, brennend und
blutig, aber immer durch den Duft einer entlegenen Ferne gleichmässig
umschleiert, mussten als das gegenwärtigste und festeste Fundament unseres ganzen
Daseins angesehen werden und wurden uns nun zum letzten Male und ohne allen Spass
bestimmt erklärt und erläutert, zu dem Zwecke, im Sinne jener Phantasien ein
wenig Wein und ein wenig Brot am richtigsten geniessen zu können; und wenn dies
nicht geschah, wenn wir uns dieser fremden wunderbaren Disziplin nicht mit oder
ohne Überzeugung unterwarfen, so waren wir ungültig im Staate, und es durfte
keiner nur eine Frau nehmen. Von Jahrhundert zu Jahrhundert war dies so geübt,
und die verschiedene Auslegung der symbolischen Vorstellung hatte schon ein Meer
von Blut gekostet; der jetzige Umfang und Bestand unseres Staates war
grösstenteils eine Folge jener Kämpfe, so dass für uns die Welt des Traumes auf
das engste mit der gegenwärtigen und greifbarsten Wirklichkeit verbunden war.
Wenn ich den widerspruchlosen Ernst sah, mit welchem ohne Mienenverzug das
Fabelhafte behandelt wurde, so schien es mir, als ob von alten Leuten ein
Kinderspiel mit Blumen getrieben würde, bei welchem jeder Fehler und jedes
Lächeln Todesstrafe nach sich zieht.
    Das erste, was uns der Lehrer als christliches Erfordernis bezeichnete und
worauf er eine weitläufige Wissenschaft gründete, war das Erkennen und Bekennen
der Sündhaftigkeit. Nun war die Aufrichtigkeit gegen sich selbst, die Kenntnis
der eigenen Fehler und Untugenden mir keineswegs fremd, das Andenken an die
kindlichen Übeltaten und moralischen Schulabenteuer noch so frisch, dass ich auf
dem Grunde meines Bewusstseins sogar deutlich ein angehendes Sünderlein
herumgehen sah, welches mir demütige Reue verursachte. Dennoch wollte mir das
Wort nicht gefallen; es hatte einen zu handwerksmässigen Anstrich, einen
widerlich technischen Geruch wie von einer Leimsiederei oder von dem säuerlich
verdorbenen Schlichtebrei eines Leinewebers. Dass die göttliche Manipulation mit
dem Sündenfall in dem muffigen Wesen fortmüffelte, kam mir damals nicht recht
zum Verständnis, weil uns die letzten Feinheiten der teologischen Gemütlichkeit
noch nicht zugänglich waren. So liess ich die Sache ohne Hochmut und in dem
Gefühle auf sich beruhen, dass es jedenfalls sich um einen schwierigen Punkt
handle und es bedenklich wäre, gelegentlich etwa aus dem Kreise der
Rechtschaffenen und Braven wegzufallen. Auch dämmerte mir wohl die Ahnung auf,
dass selbst der Gerechte manchen Unordentlichkeiten ausgesetzt sei und jede
derselben ihr eigenes Mass der Verantwortung in sich habe.
    Nach der Lehre von der Sünde kam gleich die Lehre vom Glauben, als der
Erlösung von jener, und auf sie wurde eigentlich das Hauptgewicht des ganzen
Unterrichtes gelegt; trotz aller Beifügungen, wie dass auch gute Werke vonnöten
seien, blieb der Schlussgesang doch immer und allein der Glaube macht selig! und
dies uns einleuchtend zu machen als herangewachsenen jungen Leuten, wandte der
geistliche Mann die möglichst annehmliche und vernünftig scheinende Beredsamkeit
auf. Wenn ich auf den höchsten Berg laufe und den Himmel abzähle, Stern für
Stern, als ob sie ein Wochenlohn wären, so kann ich darunter kein Verdienst des
Glaubens entdecken, und wenn ich mich auf den Kopf stelle und den Maiblümchen
unter den Kelch hinaufgucke, so kann ich nichts Verdienstliches am Glauben
ausfindig machen. Wer an eine Sache glaubt, kann ein guter Mann sein, wer nicht,
ein ebenso guter. Wenn ich zweifle, ob zwei mal zwei vier seien, so sind es
darum nicht minder vier, und wenn ich glaube, dass zwei mal zwei vier seien, so
habe ich mir darauf gar nichts einzubilden, und kein Mensch wird mich darum
loben. Wenn Gott eine Welt geschaffen und mit denkenden Wesen bevölkert hätte,
alsdann sich in einen undurchdringlichen Schleier gehüllt, das geschaffene
Geschlecht aber in Elend und Sünde verkommen lassen, hierauf einzelnen Menschen
auf ausserordentliche und wunderbare Weise sich offenbart, auch einen Erlöser
gesendet unter Umständen, welche nachher mit dem Verstande nicht mehr begriffen
werden konnten, von dem Glauben daran aber die Rettung und Glückseligkeit aller
Kreatur abhängig gemacht hätte, alles dieses nur, um das Vergnügen zu geniessen,
dass an Ihn geglaubt würde, Er, der seiner doch ziemlich sicher sein dürfte so
würde diese ganze Prozedur eine gemachte Komödie sein, welche für mich dem
Dasein Gottes, der Welt und meiner selbst alles Tröstliche und Erfreuliche
benähme. Glaube! O wie unsäglich blöde klingt mich dies Wort an! Es ist die
allerverzwickteste Erfindung, welche der Menschengeist machen konnte in einer
zugespitzten Lammslaune! Wenn ich des Daseins Gottes und seiner Vorsehung
bedürftig und gewiss bin, wie entfernt ist dies Gefühl von dem, was man Glauben
nennt! Wie sicher weiss ich, dass die Vorsehung über mir geht gleich einem Stern
am Himmel, der seinen Gang tut, ob ich nach ihm sehe oder nicht nach ihm sehe.
Gott weiss, denn er ist allwissend, jeden Gedanken, der in meinem Inneren
aufsteigt, er kennt den vorigen, aus welchem er hervorging, und sieht den
folgenden, in welchen er übergeht; er hat allen meinen Gedanken ihre Bahn
gegeben, die ebenso unausweichlich ist wie die Bahn der Sterne und der Weg des
Blutes; ich kann also wohl sagen ich will dies tun oder jenes lassen, ich will
gut sein oder mich darüber hinwegsetzen, und ich kann durch Treue und Übung es
vollführen; ich kann aber nie sagen ich will glauben oder nicht glauben; ich
will mich einer Wahrheit verschliessen, oder ich will mich ihr öffnen! Ich kann
nicht einmal bitten um Glauben, weil, was ich nicht einsehe, mir niemals
wünschbar sein kann, weil ein klares Unglück, das ich begreife, noch immer eine
lebendige Luft zum Atmen für mich ist, während eine Seligkeit, die ich nicht
begriffe, Stickluft für meine Seele wäre.
    Dennoch liegt in dem Worte Der Glaube macht selig! etwas Tiefes und Wahres,
insofern es das Gefühl unschuldiger und naiver Zufriedenheit bezeichnet, welches
alle Menschen umfängt, wenn sie gern und leicht an das Gute, Schöne und
Merkwürdige glauben, gegenüber denjenigen, welche aus Dünkel und Verbissenheit
oder aus Selbstsucht alles in Frage stellen und bemäkeln, was ihnen als gut,
schön oder merkwürdig erzählt wird. Wo das religiöse Glauben bei mangelnder
Überlegungskraft seinen Grund in jener liebenswürdigen und gutmütigen
Leichtgläubigkeit hat, da sagt man mit Recht, es mache selig, und denjenigen
Unglauben, welcher aus der anderen Quelle herrührt, kann man billig unselig
nennen. Allein mit der eigentlichen dogmatischen Lehre vom Glauben haben beide
rein nichts zu tun; denn während es christlich Gläubige gibt, welche in allen
anderen Dingen die unangenehmsten Bezweifler und Bemäkler sind, gibt es ebenso
viele Ungläubige, sogar Ateisten, welche sonst an alles Hoffnungsvolle und
Erfreuliche mit allbereiter Leichtigkeit glauben, und es ist ein beliebtes
Argument der kirchlichen Polemiker, dass sie solchen höhnisch vorhalten, wie sie
jeden auffallenden Quark als bare Münze annehmen und sich von Illusionen nähren,
während sie nur das Grosse und Eine nicht glauben wollen. So haben wir das
komische Schauspiel, wie Menschen sich der abstraktesten Ideologie hingeben, um
nachher jeden, der an etwas erreichbar Gutes und Schönes glaubt, einen Ideologen
zu nennen. Will man die Bedeutung des Glaubens kennen, so muss man nicht sowohl
die ortodoxen Kirchenleute betrachten, bei denen alles über einen Kamm
geschoren ist und das Eigentümliche daher zurücktritt, als vielmehr die
undisziplinierten Wildlinge des Glaubens, welche ausserhalb der Kirchenmauern
frei umherschwirren, sei es in entstehenden Sekten, sei es in einzelnen
Personen. Hier treten die rechten Beweggründe und das Ursprüngliche in Schicksal
und Charakter hervor und werfen Licht in das verwachsene und fest gewordene
Gebilde der grossen geschichtlichen Masse.
    Es lebte in unserer Stadt ein fremder Mann namens Wurmlinger, welcher sich
ein Vergnügen daraus machte, den Leuten, welche sich mit ihm abgaben, allerlei
Erfindungen und Aufschneidereien vorzutragen, um sie nachher ihrer
Leichtgläubigkeit wegen zu verhöhnen, indem er erklärte, die Geschichte sei gar
nicht wahr. Jemand anders aber mochte erzählen, was er wollte, so stellte der
Mann es in Abrede, und er hatte eine ganz eigene tückische Manier, die
Treuherzigkeit, mit welcher ihm etwas gesagt wurde, ins Lächerliche zu ziehen,
auf die gleiche Weise, wie er die Treuherzigkeit derer, welche ihm glaubten,
spöttisch zu machen wusste. Er ass keine Krume Brotes, die er sich nicht durch
eine Lüge verschafft; denn er wäre lieber Hungers gestorben, eh er in ein auf
gradem Wege erworbenes Stück Brot gebissen hätte. Ass er aber sein Brot, so sagte
er, es sei gut, wenn es schlecht war, und schlecht, wenn es gut war. Überhaupt
ging sein ganzes Streben dahin, sich immer für etwas anderes zu geben, als er
war, was ihm ein fortgesetztes Studium verursachte, so dass er, der eigentlich
nichts tat und nie etwas genützt hatte, doch zu jeder Minute in der
verwickeltsten Tätigkeit begriffen war. Hiezu bedurfte er eines fortgesetzten
Schleichens und Lauerns, teils um die günstigen Momente zu erhaschen, seine
Narrheiten vorzubringen, teils um andere auf schwachen Seiten zu ertappen, da
eine Hauptleidenschaft von ihm darin bestand, die ganze Welt der Unwahrheit und
Lüge zu überführen; und es war nichts Lustigeres zu sehen, als wenn er, soeben
hinter einer Tür, wo er gelauert hatte, auf den Zehen hervorhüpfend, plötzlich
strack und steif dastand, mit rollenden Augen um sich stierte und mit
bombastischen Worten seine Gradheit, Ehrlichkeit und arglose Derbheit anrühmte.
Da er bei alledem wohl fühlte, dass jedermann besser daran war als er, so
erfüllte ein unnennbar neidisches Wesen seine Seele, welches ihn verzehrte wie
ein glühendes Feuer und sich dadurch zu erkennen gab, dass sein drittes Wort
immer das Wort »Neid« war. Er versicherte, sich in einer ewig glückseligen
moralischen Überlegenheit zu befinden, und sah daher in jedem Blatte, das nicht
nach seiner Weise säuselte, einen neidischen Widersacher, und die ganze Welt war
nur ein vor Neid zitternder Wald für ihn. Widersprach ihm jemand, so schrieb er
jeden Widerspruch dem Neide zu; schwieg man während seiner Vorträge, so wurde er
wütend und konnte kaum das Weggehen des Schweigenden abwarten, um denselben des
Neides zu beschuldigen, so dass seine ganze Rede durch das unaufhörlich
wiederkehrende Wort Neid recht eigentlich zum tönenden Gesange des Neides selbst
wurde. So war er in allem der persönliche Feind der Wahrheit und atmete nur in
Abwesenheit derselben, wie die Mäuse auf dem Tische tanzen, wenn die Katze nicht
zu Hause ist, und die Wahrheit rächte sich auf die einfachste Weise an ihm. Sein
Grundübel war, dass er schon im Mutterleibe hatte gescheiter sein wollen als
seine Mutter, und infolgedessen konnte er nur leben, wenn er nichts zu glauben
brauchte, was irgend ein Mensch sagte, alle Menschen aber glaubten, was er sagte
Nun konnte er sich freilich stellen, als ob dem so wäre, und er tat es auch, was
schon eine energische Zusammenfassung der einzelnen Verlogenheiten und seine
Hauptlüge war; allein der Beweis vom wahren Sachverhalte machte sich doch zu
offenbar im Gelächter seiner Nebenmenschen. Daher fand er kurz und gut seinen
besten Stützpunkt in derjenigen Lehre, welche den unbedingten Glauben zum Panier
erhebt. Schon dass die allgemeine Richtung der Zeit sich vom Glauben abwandte und
die Mehrzahl der denkenden Menschen, wenn sie sich auch nicht dagegen
aussprachen, doch denselben gut sein liessen und nur auf das Begreifliche und
Erkennbare bauten, war ihm Grund genug, sich dieser Richtung schnurstracks
entgegenzustellen und dabei zu behaupten, der Hang und Drang der Zeit ginge
unverkennbar auf den erneuten Glauben los; denn er konnte das Lügen nirgends
lassen. Diejenigen, welche wirklich glaubten, waren ihm höchst langweilig, und
er bekümmerte sich nicht um sie, daher er auch nie in einer Kirche oder
religiösen Gemeinschaft gesehen wurde. Dagegen hatte er es um so mehr mit denen
zu tun, welche nicht glaubten. Nicht dass er sich um das Seelenheil derselben
viel gekümmert hätte, obgleich er die Sache mit ängstlicher Hast verfolgte;
seine Angst war die hatte er einmal gesagt, dass er glaube, so mussten für ihn
alle, welche nicht glaubten, Esel sein, und wenn dies auf sein Wort hin nicht
angenommen wurde, so glaubte er selbst als etwas derartiges dazustehen. In der
Tat könnte man den unseligen Streit die Eselfrage nennen, da gewiss von tausend
Fanatikern, welche für ihre religiöse Meinung im Blute wateten,
neunhundertneunundneunzig nur aus dem Grunde den Frieden verrieten und
Scheiterhaufen anzündeten, weil ihnen aus dem Trotze der Verfolgten das Wort
Esel entgegenzutönen schien. Nichts hasste der Mann mehr als die gewissenhafte
und redliche Forschung und die Entdeckungen der Wissenschaft; wenn irgendein
Ergebnis derselben bekannt wurde, so zappelte er mit Händen und Füssen dagegen
und suchte es lächerrlich zu machen, und wenn es sich als richtig erwies und
seine bedeutenden Folgen auf allen Gassen zu sehen und zu greifen waren, so
tobte er erst recht und nannte es ins Angesicht eine Lüge. Das Einmaleins und
eine chemische Schale waren ihm unerträglicher als dem Teufel Vaterunser und
Weihkessel; aber auch die Natur rächte sich lächelnd an ihm. Denn während er die
fünf Sinne nicht gelten liess, war er stets bemüht, dieselben durch einige
erfundene Sinne zu vermehren, durch deren possierliche Ausmalung er die
christliche Wunderwelt erklären wollte. Wenn er hiedurch vielfach gegen den
christlichen Geist verstiess und man ihm dies durch das Neue Testament bewies, so
sagte er, er pfeife auf das Neue Testament, er habe seinen eigenen Kopf, im
gleichen Augenblicke, wo er es das Buch des Lebens genannt hatte. Trotz alledem
glaubte er aufrichtig, denn nach irgendeiner Seite hin muss jeder Mensch sich
ergeben, und er glaubte um so aufrichtiger, als einesteils der Gegenstand des
Glaubens unerwiesen, unbegreiflich und überirdisch war, andernteils ihn das
innere Gefühl seines verunglückten Witzes hilflos und weinerlich machte.
    Eines Tages ging er mit einer lustigen Gesellschaft über eine Felsenhöhe am
Seeufer. Er war ursprünglich gut gewachsen; doch die andauernde Verdrehteit
seiner Seele hatte seinen Körper ganz windschief gemacht, dass er aussah wie ein
verbogener Wetterhahn. Sein schöner Wuchs war aber ein Lieblingstema seiner
Rede, und jeden Augenblick war er bereit, sich auszukleiden und ihn zu zeigen,
während er an allen Sterblichen etwas auszusetzen hatte, ungefragt diesem einen
Höcker andichtete, jenem krumme Beine. Als er nun etwas verstimmt vor den
übrigen Gesellen herging, die ihn schon verschiedentlich aufgezogen hatten, rief
plötzlich einer, welcher ihn zum ersten Mal genauer ins Auge fasste: »Sie! Herr
Wurmlinger! Sie sind eigentlich verteufelt krumm!« Erstaunt kehrte er sich um
und sagte: »Sie träumen wohl, oder soll das ein Witz sein?« Der andere wandte
sich aber zur Gesellschaft und forderte sie auf, ihn ebenfalls näher zu
betrachten; man hiess ihn einige Schritte vorwärts gehen; er tat es, und
jedermann bestätigte nun: ja, er sei schief! Aufgebracht stellte er sich
sogleich neben den Angreifer und wollte ihm beweisen, dass dieser selbst der
Missgewachsene sei. Der war aber schlank wie eine Tanne, und die Gesellschaft
fing an zu lachen. Sprachlos und hastig kleidete er sich aus und ging
splitternackt vor den übrigen her; die rechte Schulter war vom unaufhörlichen
spöttischen Achselzucken höher als die linke, die Ellbogen von seiner eitlen
Gespreizteit nach auswärts gedreht und die Hüften verschoben; dazu wurde er
durch das Bestreben, grade zu scheinen, nur noch krummer; er machte in seiner
Nackteit die wunderlichsten Beine, als er so dahinschritt und sich dann und
wann ängstlich umsah, ob ihm noch nicht Beifall und Achtung der Gesellschaft
nachfolge. Als diese aber in ein massloses Gelächter ausbrach, geriet er in
grossen Zorn und begann, um sich Achtung zu erzwingen, ungeheuerliche Sprünge und
Kunststücke zu machen, um die Stärke seines Körpers zu zeigen. Das Gelächter
wurde immer grösser, und die Lachenden mussten sich die Seite halten. Wie nun der
nackt Umhertanzende sah, dass die lachenden Menschen sich zur Bequemlichkeit
niedersetzten, sprang er plötzlich, in einem Anfall von unsäglicher Wut und
irgend etwas Wunderbares erzwingen wollend, mit einem mächtigen Satz über den
Rand hinaus, hoch hinunter in den See. Glücklicherweise fiel er in den Bereich
eines weitläufigen Fischernetzes, das die in zwei Kähnen arbeitenden Fischer in
eben diesem Augenblicke zusammenzogen und den Mann buchstäblich als einen
zappelnden Fisch einheimsten und retteten. Schlotternd musste er in seinem
nackten Zustande dann eine Strecke am Ufer hintraben, bis er in ein Haus
flüchten und dort seine Kleider erwarten konnte. Gleich darauf verschwand er aus
der Gegend.
    Die dritte Hauptlehre, welche der Geistliche uns als christlich vortrug,
handelte von der Liebe. Hierüber weiss ich nicht viel Worte zu machen; ich habe
noch keine Liebe betätigen können, und doch fühle ich, dass solche in mir ist,
dass ich aber auf Befehl und teoretisch nicht lieben kann. Schon die
unmittelbare Rücksicht auf den lieben Gott ist mir gewissermassen hinderlich und
unbequem, wenn sich die natürliche Liebe in mir geltend machen will. Es ist mir
begegnet, dass ich einen armen Mann auf der Strasse abwies, weil ich, während ich
ihm eben etwas geben wollte, zugleich an das Wohlgefallen Gottes dachte und
nicht aus Eigennutz handeln mochte. Dann dauerte mich aber der Arme, ich lief
zurück; allein während des Zurücklaufens dünkte mich gerade dieses Bedauern
wieder zu geziert, ich kehrte nochmals um, bis ich endlich auf den vernünftigen
Gedanken kam möge dem sein, wie ihm wolle, der arme Mensch müsse jedenfalls zu
seiner Sache kommen, das sei die erste Frage! Manchmal kommt dieser Gedanke aber
zu spät, und die Gabe bleibt ungegeben. Daher freue ich mich immer, wenn es
geschieht, dass ich unbedacht meine Pflicht erfüllt habe, und es mir erst
nachträglich einfällt, dass das etwas Verdienstliches sein dürfte; ich pflege
dann höchst vergnügt ein Schnippchen gegen den Himmel zu schlagen und zu rufen:
»Siehst du, alter Papa! nun bin ich dir doch durchgewischt!« Das höchste
Vergnügen erreiche ich aber, wenn ich mir in solchen Augenblicken denke, wie ich
ihm nun sehr komisch vorkommen müsse; denn da der liebe Gott alles versteht, so
muss er auch Spass verstehen, obgleich man auch wieder mit Recht sagen kann, der
liebe Gott verstehe keinen Spass!
    Das Heiterste und Schönste war mir die Lehre vom Geiste, als welcher ewig
ist und alles durchdringt. Freilich fürchte ich, dass ich die Lehre ein wenig
missverstand und nicht von dem rechten, geistlichen Geiste ergriffen war. Denn
Gott schien mir nicht geistlich, sondern ein weltlicher Geist, weil er die Welt
ist und die Welt in ihm; Gott strahlt von Weltlichkeit.
    Alles in allem genommen, glaube ich doch, dass ich unter Menschen, welche in
einem geistigen Christentum lebten, zu bestehen vermöchte, und wenn ich dies
Annas Vater, dem Schulmeister, einräumen musste, forderte er, das Wunderbare und
die Glaubensfragen einstweilig freisinnig beiseite setzend, mich auf, das
Christentum wenigstens dieser geistigen Bedeutung nach anzuerkennen und darauf
zu hoffen, dass es in seiner wahren Reinheit erst noch erscheinen und seinen
Namen behaupten werde; etwas Besseres sei einmal nicht da, noch abzusehen.
Hierauf erwiderte ich aber der Geist könne wohl durch einen Menschen leidlich
schön geäussert, niemals aber erfunden werden, da er von jeher und unendlich sei;
daher die Bezeichnung der Wahrheit mit einem Menschennamen einem Raub am
unendlichen Gemeingute gleichkomme, aus welchem der fortgesetzte Raub des
Autoritätswesens aller Art entspringe. In einer Republik, sagte ich, fordere man
das Grösste und Beste von jedem Bürger, ohne ihm durch den Untergang der Republik
zu vergelten, indem man seinen Namen an die Spitze pflanze und ihn zum Fürsten
erhebe; ebenso betrachte ich die Welt der Geister als eine Republik, die nur
Gott als Protektor über sich habe, dessen Majestät in vollkommener Freiheit das
Gesetz heilighielte, das er gegeben, und diese Freiheit sei auch unsere
Freiheit, und unsere die seinige! Und wenn mir jede Abendwolke eine Fahne der
Unsterblichkeit, so sei mir auch jede Morgenwolke die goldene Fahne der
Weltrepublik! »In welcher jeder Fähndrich werden kann!« sagte freundlich lachend
der Schulmeister; ich aber behauptete die moralische Wichtigkeit dieses
Unabhängigkeitssinnes scheine mir sehr gross und grösser zu sein, als wir es uns
vielleicht denken könnten.
 
                                Zwölftes Kapitel
                             Das Konfirmationsfest
Der geistliche Unterricht ging nun zu Ende; wir mussten auf unsere Ausstattung
denken, um würdig bei der Festlichkeit zu erscheinen. Es war unabänderliche
Sitte, dass die jungen Leute auf diese Tage den ersten Frack machen liessen, den
Hemdekragen in die Höhe richteten und eine steife Halsbinde darum banden, auch
die erste Hutröhre auf den Kopf setzten; zudem schnitt jeder, wer jugendlich
lange Haare getragen, dieselben nun kurz und klein gleich den englischen
Rundköpfen. Dies waren mir alles unsägliche Greuel, und ich schwur, dieselben
nun und nimmermehr nachzumachen. Die grüne Farbe war mir einmal eigen geworden,
und ich wünschte nicht einmal meinen Übernamen abzuschaffen, der mir noch immer
gegeben wurde, wenn man von mir sprach. Leicht wusste ich meine Mutter zu
überreden, grünes Tuch zu wählen und statt eines Frackes einen kurzen Rock mit
einigen Schnüren machen zu lassen, dazu statt des gefürchteten Hutes ein
schwarzes Sammetbarett, da Hut und Frack doch selten getragen und wegen meines
Wachstums also eine unnütze Ausgabe sein würden. Es leuchtete ihr um so mehr
ein, als die armen Lehrlinge und Tagelöhnersöhne auch keinen schwarzen Habit zu
tragen pflegten, sondern in ihren gewöhnlichen Sonntagskleidern erschienen, und
ich erklärte, es sei mir vollkommen gleichgültig, ob man mich zu den ehrbaren
Bürgerskindern zähle oder nicht. So breit ich konnte, schlug ich den Halskragen
zurück, strich mein langes Haar kühn hinter die Ohren und erschien so, das
Barett in der Hand, am Heiligen Abend in der Stube des Geistlichen, wo noch eine
vertrauliche Vorbereitung stattfinden sollte. Als ich mich unter die feierliche,
steif geputzte Jugend stellte, wurde ich mit einiger Verwunderung betrachtet;
denn ich stand allerdings in meinem Aufzuge als ein vollendeter Protestant da;
weil ich aber ohne Trotz und Unbescheidenheit mich eher zu verbergen suchte, so
verlor ich mich wieder und wurde nicht weiter beachtet. Die Ansprache des
Geistlichen gefiel mir sehr wohl; ihr Hauptinhalt war, dass von nun an ein neues
Leben für uns beginne, dass alle bisherigen Vergehungen vergeben und vergessen
sein sollten, hingegen die künftigen mit einem strengern Masse gemessen würden.
Ich fühlte wohl, dass ein solcher Übergang notwendig und die Zeit dazu gekommen
sei; darum schloss ich mich mit meinen ernsten Vorsätzen, welche ich insbesondere
fasste, gern und aufrichtig diesem öffentlichen Vorgange an und war auch dem
Manne gut, als er angelegentlich uns ermahnte, nie das Vertrauen zum Bessern in
uns selbst zu verlieren. Aus seiner Behausung zogen wir in die Kirche vor die
ganze Gemeinde, wo die eigentliche Feier vor sich ging. Dort war der Geistliche
plötzlich ein ganz anderer; er trat gewaltig und hoch auf, holte seine
Beredsamkeit aus der Rüstkammer der bestehenden Kirche und führte in tönenden
Worten Himmel und Hölle an uns vorüber. Seine Rede war kunstvoll gebaut und mit
steigender Spannung auf einen Moment hin gerichtet, welcher die ganze Gemeinde
erschüttern sollte, als wir, die in einem weiten Kreise um ihn herumstanden, ein
lautes und feierliches Ja aussprechen mussten. Ich hörte nicht auf den Sinn
seiner Worte und flüsterte ein Ja mit, ohne die Frage deutlich verstanden zu
haben; jedoch durchfuhr mich ein Schauer, und ich zitterte einen Augenblick
lang, ohne dass ich dieser Bewegung Herr werden konnte. Sie war eine dunkle
Mischung von unwillkürlicher Hingabe an die allgemeine Rührung und von einem
tiefen Schrecken, welcher mich über dem Gedanken ergriff, dass ich, so jung noch
und unerfahren, doch einer so uralten Meinung und einer gewaltigen Gemeinschaft,
von der ich ein unbedeutendes Teilchen war, abgefallen gegenüberstand.
    Am Weihnachtsmorgen mussten wir wieder im vereinten Zuge zur Kirche gehen, um
nun das Abendmahl zu nehmen. Ich war schon in der Frühe guter Laune; noch ein
paar Stunden, und ich sollte frei sein von allem geistigen Zwange, frei wie der
Vogel in der Luft! Ich fühlte mich daher mild und versöhnlich gesinnt und ging
zur Kirche, wie man zum letzten Mal in eine Gesellschaft geht, mit welcher man
nichts gemein hat, daher der Abschied aufgeräumt und höflich ist. In der Kirche
angekommen, durften wir uns unter die älteren Leute mischen und jeder seinen
Platz nehmen, wo ihm beliebte. Ich nahm zum ersten und letzten Mal den
Männerstuhl in Beschlag, welcher zu unserm Hause gehörte und dessen Nummer mir
die Mutter in ihrem häuslichen Sinne sorglich eingeprägt hatte.
    Er war seit dem Tode des Vaters, also viele Jahre, leer geblieben, oder
vielmehr hatte sich ein armes Männchen, das sich keines Grundbesitzes erfreute,
darin angesiedelt. Als er herankam und mich in dem Gehäuse vorfand, ersuchte er
mich mit kirchlicher Freundlichkeit, »seinen Ort« räumen zu wollen, und fügte
belehrend hinzu, in diesem Reviere seien alles eigengehörige Plätze Ich hätte
als ein grüner Junge füglich dem bejahrten Männchen Platz machen und mir eine
andere Stelle suchen können; allein dieser Geist des Eigentums und des
Wegdrängens mitten im Herzen christlicher Kirche reizte meine kritische Laune;
auch wollte ich den frommen Kirchgänger für seine gemütliche Anmassung bestrafen,
und endlich tat ich dieses nur in dem Bewusstsein, dass der Abgewiesene alsobald
wieder und für immer seinen gewohnten Platz einnehmen könne, und dieser Gedanke
machte mir das grösste Vergnügen. Als ich ihn meinerseits auch belehrt und ihn
ganz verblüfft und traurig eine entfernte Stelle unter den unstet
herumwandernden Besitzlosen aufsuchen sah, nahm ich mir vor, ihm am andern Tage
anzudeuten, dass er sich immerhin meines Stuhles bedienen solle, indem ich
denselben nicht brauche. Einmal aber wollte ich darin sitzen und stehen, wie es
mein Vater getan. Derselbe besuchte an allen Festtagen die Kirche, denn alle
hohen Feste erfüllten ihn mit heiterer Freude und tapferm Mute, indem er den
grossen und guten Geist, welchen er in aller Welt und Natur sich erfüllen sah,
alsdann besonders fühlte und verehrte. Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt und
Pfingsten waren ihm die herrlichsten Freudentage, an welchen es mit
Betrachtungen, Kirchenbesuch und frohen Spaziergängen auf grüne Berge hoch
herging. Diese Vorliebe für Festtage hatte sich auf mich vererbt, und wenn ich
an einem Pfingstmorgen auf einem Berge stehe in der kristallklaren Luft, so ist
mir das Glockengeläute in der fernen Tiefe die allerschönste Musik, und ich habe
schon oft darüber spintisiert, durch welchen Gebrauch bei einer allfälligen
Abschaffung des Kirchentumes das schöne Geläute wohl erhalten werden dürfte. Es
wollte mir jedoch nichts einfallen, was nicht töricht und gemacht ausgesehen
hätte, und ich fand zuletzt immer, dass der sehnsüchtige Reiz der Glockentöne
gerade in dem jetzigen Zustande bestehe, wo sie fern aus der blauen Tiefe
herüberklangen und mir sagten, dass dort das Volk in alten gläubigen Erinnerungen
versammelt sass. In meiner Freiheit ehrte ich dann diese Erinnerungen wie
diejenigen der Kindheit, und eben dadurch, dass ich von ihnen geschieden war,
wurden mir die Glocken, die so viele Jahrhunderte in dem alten schönen Lande
klangen, wehmütig ergreifend. Ich empfand, dass man nichts »machen« kann und dass
die Vergänglichkeit, der ewige Wandel alles Irdischen schon genugsam für
poetisch sehnsüchtigen Reiz sorgen.
    Der Freiheitssinn meines Vaters in religiöser Hinsicht war vorzüglich gegen
die Übergriffe des Ultramontanismus und gegen die Unduldsamkeit und
Verknöcherung reformierter Ortodoxen gerichtet, gegen absichtliche Verdummung
und Heuchelei jeder Art, und das Wort Pfaff war bei ihm daher öfter zu hören.
Würdige Geistliche ehrte er aber und freute sich, ihnen Ergebenheit zu zeigen,
und wenn es womöglich ein erzkatolischer, aber ehrenwerter Priester war,
welchem er Ehrerbietung beweisen konnte, so machte ihm dies um so grösseres
Vergnügen, gerade weil er sich im Schosse der Zwinglischen Kirche sehr geborgen
fühlte. Das Bild des humanen und freien Reformators, der auf dem Schlachtfelde
gefallen, war meinem Vater ein geliebter sicherer Führer und Bürge. Ich aber
stand nun auf einem andern Boden und fühlte wohl, dass ich bei aller Verehrung
für den Reformator und Helden doch nicht eines Glaubens mit meinem Vater sein
würde, während ich seiner vollkommenen Duldsamkeit und Achtung für die
Unabhängigkeit meiner Überzeugung gewiss war. Dieses friedliche Ausscheiden in
Glaubenssachen zwischen Vater und Sohn, welches ich arglos voraussetzte, feierte
ich nun in dem Kirchenstuhle, indem ich mir den Vater noch lebend vorstellte und
ein geistiges Gespräch mit ihm führte; und als die Gemeinde sein ehemaliges
Lieblings- und Weihnachtslied: »Dies ist der Tag, den Gott gemacht!« anstimmte,
sang ich es für meinen Vater laut und froh mit, obgleich ich Mühe hatte, den
richtigen Ton zu halten; denn rechts stand ein alter Kupferschmied, links ein
gebrechlicher Zinngiesser, welche mich mit den seltsamsten Arabesken von der
rechten Bahn zu locken suchten, und dies um so lauter und kühner, je standhafter
ich blieb. Dann hörte ich aufmerksam auf die Predigt, kritisierte sie und fand
sie gar nicht übel; je näher das Ende rückte und mir die Freiheit winkte, desto
trefflicher fand ich die Predigt, und ich nannte in meinem Herzen den Pfarrer
einen wackern Mann.
    Meine Stimmung wurde immer heiterer; endlich fand das Abendmahl statt;
aufmerksam verfolgte ich die Zurüstungen und beobachtete alles sehr genau, um es
nicht zu vergessen; denn ich gedachte nicht mehr dabei zu erscheinen. Das Brot
besteht aus weissen Blättern von der Grösse und Dicke einer Karte und sieht feinem
glänzendem Papiere ähnlich. Der Küster backt es, und die Kinder kaufen sich bei
ihm die Abfälle als einen unschuldigen Leckerbissen, und ich selbst hatte mir
manchmal eine Mütze voll erworben und mich gewundert, dass man eigentlich doch
nichts daran ässe. Zahlreiche Kirchendiener teilen es aus, den Reihen entlang,
worauf die Andächtigen eine Ecke davon brechen und die Blätter weitergeben,
während andere Beamtete den Wein in hölzernen Bechern nachfolgen lassen. Manche
Leute, besonders die Frauen und Mädchen, behalten gern ein Blättchen zurück, um
es andächtig in ihr Gesangbuch zu legen. Auf ein solches, das ich im Buche einer
meiner Basen gefunden, hatte ich einst ein Osterlämmchen gemalt mit einem Amor,
der darauf reitet, und bei der Entdeckung ein strenges Verhör nebst Verweis zu
bestehen gehabt; als ich jetzt mehrere solcher Blätter in der Hand hielt,
erinnerte ich mich daran und musste lächeln; auch gelüstete es mich einen
Augenblick lang, eines zurückzubehalten, um irgendein lustiges
Erinnerungszeichen an meinen Abschied von der Kirche darauf zu malen. Aber ich
besann mich, dass ich in dem väterlichen Stuhle stand, und gab das Brot weiter,
nachdem ich eine Ecke davon in den Mund gesteckt, zum andächtigen, aber
allerletzten Abschiede von der Kinderzeit und der Kinderspeise, die ich beim
Küster gekauft hatte.
    Als ich den Becher in der Hand hielt, blickte ich fest in den Wein, ehe ich
trank; aber es rührte mich nicht, ich nahm einen Schluck, gab die Schale weiter,
und indem ich, mit den Gedanken schon weit auf dem Wege nach Hause, den Wein
hinabschluckte, drehte ich ungeduldig mein Sammetbarett in der Hand und mochte
kaum das Ende des Gottesdienstes abwarten, da es anfing, mich gewaltig an den
Füssen zu frieren und das Stillstehen schwierig wurde.
    Als die Kirchentüren sich auftaten, drängte ich mich geschmeidig durch die
vielen Leute, ohne die Freude meiner Freiheit sichtbar werden zu lassen und ohne
jemanden anzustossen, und war bei aller Gelassenheit doch der erste, der sich in
einiger Entfernung von der Kirche befand. Dort erwartete ich meine Mutter,
welche sich endlich in ihrem schwarzen Gewande demütig aus der Menge
hervorspann, und ging mit ihr nach Hause, gänzlich unbekümmert um meine
geistlichen Unterrichtsgenossen. Es war kein einziger darunter, mit welchem ich
in näherer Berührung stand, und viele derselben sind mir bis jetzt noch gar
nicht wieder begegnet. In unserer warmen Stube angekommen, warf ich vergnügt
mein Gesangbuch hin, indessen die Mutter nach dem Essen sah, welches sie am
Morgen in den Ofen gesetzt hatte. Es sollte heute so reichlich und festlich
sein, wie unser Tisch seit den Tagen des Vaters nie mehr gesehen, und eine arme
Witwe war dazu eingeladen, die der Mutter manche kleine Dienste leistete und
sich jetzt pünktlich einfand. Am Weihnachtstage wird immer das erste Sauerkraut
genossen, und so wurde es auch hier aufgestellt mit schmackhaften
Schweinsrippchen Die Beurteilung desselben gab den Frauen einen guten Anfang zum
Gespräche. Die Witwe war von ebenso gutmütiger als polternder Gemütsart; als
hierauf eine kleine Pastete kam, schlug sie die Hände über dem Kopfe zusammen
und versicherte, sie esse gewiss nichts davon, es wäre schade dafür. Den Schluss
machte ein gebratener Hase, den der Oheim gesendet hatte. Diesen, ermahnte die
Frau, sollten wir unangetastet lassen und auf den zweiten Feiertag versparen, es
sei nun schon mehr als genug; trotzdem assen wir alle und sassen lange bei Tisch,
aufs beste unterhalten von der armen Frau, welche die Tischreden mit der
Erzählung ihres Schicksales durchflocht und die Schleusen ihres Herzens weit
öffnete. Sie hatte vor langer Zeit einmal ein Jahr lang einen nichtsnutzigen
Mann gehabt, der in alle Welt gegangen mit Hinterlassung eines Sohnes, welchen
sie mit grosser Not so weit gebracht, dass er als Geselle bei Dorfschneidern sich
kümmerlich umhertreiben konnte, während sie in der Stadt ihr Brot mit
Wassertragen, Waschen und solchen Dingen verdienen musste. Schon die Beschreibung
ihres Mannes, des Lumpenbundes, wie sie ihn nannte, machte uns höchlich lachen,
doch noch mehr das Verhältnis, in welchem sie zu ihrem Sohne stand. Während sie
ihn als eine Frucht des Lumpenhundes mit der grössten Verachtung bezeichnete, war
derselbe doch der einzige Gegenstand ihrer Liebe und ihrer Sorge, so dass sie
fortwährend von ihm sprach. Sie gab ihm alles, was sie irgend konnte, und gerade
die Kleinheit dieser Gaben, die für sie so viel waren, mussten uns rühren und
zugleich zum Lachen reizen, wenn sie die »Opfer«, welche sie fortwährend bringe,
mit gutmütiger Prahlerei aufzählte. Letzte Ostern, erzählte sie, habe er ein rot
und gelbes Kattunfoulard von ihr erhalten, auf Pfingsten ein Paar Schuh, und zu
Neujahr hätte sie ihm ein Paar wollene Strümpfe und eine Pelzkappe bereit, dem
miserablen Kerl, dem Knirps, dem Milchsuppengesicht! Seit drei Jahren hätte er
an zwei Louisdor nach und nach von ihr empfangen, der Säuberling, die elende
Krautstorze! Aber für alles müsse er ihr eine Bescheinigung zustellen, denn, so
wahr sie lebe, müsse ihr Mann, der Landstreicher, ihr jeden Liard ersetzen, wenn
er sich nur einmal sehen liesse. Die Bescheinigungen ihres Sohnes, des
Stuhlbeines, seien sehr schön, denn derselbe könne besser schreiben als der
eidgenössische Staatskanzler; auch blase er die Klarinette gleich einer
Nachtigall, dass man weinen müsse, wenn man ihm zuhöre. Allein er sei ein ganz
miserabler Bursche, denn nichts gedeihe bei ihm, und so viel Speck und
Kartoffeln er auch verschlinge, wenn er mit seinem Meister bei den Bauern auf
Kundschaft gehe, nichts helfe es, und er bleibe mager, grün und bleich wie eine
Rübe. Einmal habe er die Idee ausgeheckt zu heiraten, da er nun doch dreissig
Jahr alt sei. Weil aber gerade ein Paar Strümpfe für ihn fertig geworden, habe
sie selbige unter den Arm genommen, auch eine Wurst gekauft, und sei auf das
Dorf hinausgerannt, um ihm die saubere Idee auszutreiben. Bis er die Wurst
fertig gegessen, habe er auch sich endlich in sein Schicksal ergeben, und
nachher habe er noch auf das schönste die Klarinette geblasen. Er könne nähen
wie der Teufel, so wie auch sein Vater nicht auf den Kopf gefallen sei und die
besten Garnhäspel zu machen verstehe weit und breit; allein es wäre einmal ein
böses Blut in diesen verteufelten Burschen, und daher müsse der junge Säuberling
im Zaume gehalten und mit dem Heiraten vorsichtig verfahren werden. Sie lobte
das Essen unaufhörlich und pries jeden Bissen mit den überschwenglichsten
Worten, nur bedauernd, dass sie ihrem Galgenstrick nichts davon geben könne,
obschon er es nicht verdiene. Dazwischen brachte sie die Geschichte von drei
oder vier Meisterfamilien an, bei denen ihr Söhnchen gearbeitet, die
unschuldigen Zerwürfnisse mit denselben und lustige Vorfälle, welche sich in den
Dörfern ereignet, wo Meister und Geselle geschneidert hatten, so dass die
Schicksale einer grossen Menge unser Mahl würzten, ohne dass diese etwas davon
ahnte. Nach dem Essen nahm die Frau, durch ein paar Gläser Wein lustig geworden,
meine Flöte und suchte darauf zu blasen, gab sie dann mir und bat mich, einen
Tanz aufzuspielen. Als ich dies tat, fasste sie ihre Sonntagsschürze und tanzte
einmal zierlich durch die Stube herum; wir kamen aus dem Lachen nicht heraus und
waren alle höchst zufrieden. Sie sagte, seit ihrer Hochzeit habe sie nicht mehr
getanzt; es sei doch der schönste Tag ihres Lebens, wennschon der Hochzeiter ein
Lumpenhund gewesen; und am Ende müsse sie dankbar bekennen, dass der liebe Gott
es immer gut mit ihr gemeint und für ihr Brot gesorgt, auch ihr noch jederzeit
eine fröhliche Stunde gegönnt habe; so hätte sie noch gestern nicht gedacht, dass
sie einen so vergnügten Weihnachtstag erleben würde. Dadurch wurden die beiden
Frauen veranlasst, ernstaftere und zufriedene Betrachtungen anzustellen,
indessen ich Gelegenheit fand, einen Blick in das Leben einer Witwe zu werfen,
welche aus ihrem Sohne einen Mann machen möchte und hiezu nichts tun kann, als
demselben Strümpfe stricken. Auch musste ich gestehen, dass meine
Lebensverhältnisse, welche mir oft arm und verlassen schienen, wahrhaftes Gold
waren im Vergleich zu der dürftigen Verlassenheit und Getrennteit, in welcher
die Witwe und ihr armer magerer Sohn lebten.
 
                              Dreizehntes Kapitel
                              Das Fastnachtsspiel
Einige Wochen nach Neujahr, als ich eben den Frühling herbeiwünschte, erhielt
ich vom Dorfe aus die Kunde, dass mehrere Ortschaften jener Gegend sich verbunden
hätten, dieses Mal zusammen die Fastnachtsbelustigungen durch eine grossartige
dramatische Schaustellung zu verherrlichen. Die einstige katolische
Faschingslust hat sich als allgemeine Frühlingsfeier bei uns erhalten und seit
einer Reihe von Jahren die derbe Volksmummerei nach und nach in vaterländische
Aufführungen unter freiem Himmel verwandelt, an welchen erst nur die Jugend,
dann aber auch fröhliche Männer teilnahmen; bald wurde eine Schweizerschlacht
dargestellt, bald eine Handlung aus dem Leben berühmter Helden, und nach dem
Massstabe der Bildung und des Wohlstandes einer Gegend wurden solche Aufzüge mit
mehr oder weniger Ernst und Aufwand vorbereitet und ausgeführt. Einige
Ortschaften waren schon bekannt durch dieselben, andere suchten es zu werden.
Mein Heimatdorf war nebst ein paar anderen Dörfern von einem benachbarten
Marktflecken eingeladen worden zu einer grossen Darstellung des Wilhelm Tell, und
infolgedessen war ich wieder durch meine Verwandten aufgefordert worden,
hinauszukommen und an den Vorbereitungen teilzunehmen, da man mir einige
Erfahrung und Fertigkeit besonders als Maler zutraute, um so mehr, als unser
Dorf in einer fast ausschliesslichen Bauerngegend lag und in solchen Dingen wenig
Gewandteit besass. Ich war vollständig Herr meiner Zeit, auch eine Unterbrechung
zu solchem Zwecke zu sehr im Geiste meines Vaters, als dass die Mutter dagegen
Bedenken erhoben hätte; also liess ich es mir nicht zweimal sagen und ging jede
Woche für einige Tage hinaus, wobei mir schon das stete Wandern zu dieser
Jahreszeit, manchmal durch die schneebedeckten Felder und Wälder, die grösste
Freude machte. Ich sah nun das Land auch im Winter, die Winterbeschäftigungen
und Winterfreuden der Landleute und wie dieselben dem erwachenden Frühling
entgegengehen.
    Man legte der Aufführung Schillers Tell zugrunde, welcher in einer
Volksschulausgabe vielfach vorhanden war, darin nur die Liebesepisode zwischen
Berta von Bruneck und Ulrich von Rudenz fehlte. Das Buch ist den Leuten sehr
geläufig, denn es drückt auf eine wunderbare Weise ihre Gesinnung und alles aus,
was sie durchaus für wahr halten; wie denn selten ein Sterblicher es übel
aufnehmen wird, wenn man ihn dichterisch ein wenig oder gar stark idealisiert.
    Weitaus der grössere Teil der spielenden Schar sollte als Hirten, Bauern,
Fischer, Jäger das Volk darstellen und in seiner Masse von Schauplatz zu
Schauplatz ziehen, wo die Handlung vor sich ging, getragen durch solche, welche
sich zu einem kühnen Auftreten für berufen hielten. In den Reihen des Volks
nahmen auch junge Mädchen teil, sich höchstens in den gemeinschaftlichen
Gesängen äussernd, während die handelnden Frauenrollen Jünglingen übertragen
waren. Der Schauplatz der eigentlichen Handlung war auf alle Ortschaften
verteilt, je nach ihrer Eigentümlichkeit, so dass dadurch ein festliches Hin- und
Herwogen der kostümierten Menge und der Zuschauermassen bedingt wurde.
    Ich erwies mich als brauchbar bei den Vorbereitungen und wurde mit manchen
Geschäften betraut, welche in der Stadt zu besorgen waren. Ich stöberte alle
Magazine durch, wo sich etwa Flitter- und Maskenwerk vorfinden mochte, und
suchte das Tauglichste vorzuschlagen, besonders da andere Beauftragte geneigt
waren, zuerst nach dem Grellen und Auffallenden zu greifen. Ja, ich kam sogar
mit den Beamten der Republik in Berührung und fand Gelegenheit, mich als einen
tapfern Vertreter meiner Landesgegend zu zeigen, da mir die Auswahl und
Übernahme der alten Waffen übergeben wurde, welche die Behörde unter der
Bedingung treuer Sorgfalt bewilligte. Weil aber gerade diesmal mehrere ähnliche
Feste stattfanden, so mussten beinahe alle Vorräte geräumt werden, und nur die
wertvollsten Trophäen, an welche sich bestimmte Erinnerungen knüpften, blieben
zurück. Überdies stritten sich die Abgeordneten der Gemeinden um die Waffen;
alle wollten dasselbe haben, obschon es nicht für alle sich schickte; eine
Anzahl grosser Schlachtschwerter und Morgensterne, welche ich für meine
Eidgenossen ausgesucht, wollte mir von einem Gegner durchaus abgerungen werden,
ungeachtet ich ihm vorstellte, dass er für die Zeit, aus welcher seine Leute eine
Handlung darstellen wollten, ganz anderer Gegenstände bedürfe. Ich berief mich
endlich auf den Zeugwart, welcher mir recht gab, und der ansehnliche starke Wirt
aus den Dörfern, welcher hinter mir stand, um die Sachen wegzuführen,
triumphierte und belobte mich freundlich. Allein die Gegner hielten mich nun für
einen gefährlichen Burschen, der das Beste vorwegnähme, und gingen mir auf
Schritt und Tritt nach in dem alten Zeughause, gerade das ausersehend, was ich
ins Auge fasste, so dass ich nur mit der äussersten Beharrlichkeit noch einen Wagen
voll Eisenhüte und Halmbarten für meine reisigen Tyrannenknechte zur Seite
brachte. So kam ich mir sehr wichtig vor, als ich mit den Aufsehern das
Verzeichnis der verabfolgten Sachen feststellte, obgleich der Wirt der
eigentliche Gewährsmann war und dasselbe unterschrieb.
    Dann hatte ich wieder auf dem Lande vollauf zu tun und begab mich mit
einigen Paketen Farbstoff und mächtigen Pinseln hinaus, um ein neues Bauernhaus
an der Strasse noch völlig in Stauffachers Wohnung umzuwandeln mittelst bunter
Zieraten und Sprüche; denn nicht nur sollte da die Unterredung zwischen
Stauffacher und seinem Weibe stattfinden, sondern der Zwingherr vorher selbst
heranreiten und seine böse Harangue loslassen.
    Im Hause des Oheims war ich ein eigentliches Faktotum und eifrig bestrebt,
die Kleidung der Söhne so historisch als möglich zu machen und die Töchter,
welche sich sehr modern aufputzen wollten, von solchem Beginnen abzuhalten. Mit
Ausnahme der Braut wollten sich alle Kinder des Oheims beteiligen, und sie
suchten auch Anna zu überreden, welche überdies von dem leitenden Ausschusse
dringend eingeladen war. Allein sie wollte sich durchaus nicht dazu verstehen,
ich glaube nicht nur aus Zaghaftigkeit, sondern auch ein wenig aus Stolz, bis
der Schulmeister, für diese Veredlung der alten roheren Spiele langher
begeistert, sie entschieden aufforderte, auch das Ihrige beizutragen. Nun war
aber die grosse Frage, was sie vorstellen sollte; ihre Feinheit und Bildung
sollte dem Feste zur Zierde gereichen, während doch alle hervorragenden
Frauenrollen jungen Männern zuteil geworden. Ich hatte mir aber längst etwas für
sie ausgedacht und überzeugte bald meine Basen und den Schulmeister von der
Trefflichkeit meines Vorschlages. Obgleich die Rolle der Berta von Bruneck
gänzlich wegfiel, so konnte sie doch als stumme Person das ritterliche Gefolge
Gesslers verherrlichen. Dieses war sonst vom Volkshumor ziemlich schofel und wild
und besonders der Tyrann sehr fratzenhaft und lächerrlich dargestellt worden;
dagegen hatte ich nun durchgesetzt, dass der Aufzug des Landvogts recht glänzend
und herrisch sein müsse, weil der Sieg über einen elenden Widersacher nichts
Absonderliches sei. Ich selbst hatte den Rudenz übernommen; auch sein Verhältnis
zum Attinghausen fiel weg, und erst am Schlusse hatte er zum Volke überzugehen,
so dass mir viel Freiheit und Zeit zu mancher Aushilfe und vor allem wenig zu
sprechen blieb. Einer der Vettern machte Rudolf den Harras, und Anna konnte also
sich im Schutze von zwei Verwandten befinden. Zufällig war die Originalausgabe
von Schiller gar nicht bekannt im Hause, und selbst der Schulmeister las diesen
Dichter nicht, weil seine Bildung nach anderen Seiten hinstrebte; also ahnte
kein Mensch die Beziehungen, welche ich in meinen Plan legte, und Anna ging
arglos in die ihr gestellte Falle. Das Schwerste war, sie zum Reiten zu bringen;
ein kugelrunder gemütlicher Schimmel stand im Stalle meines Oheims, welcher nie
jemandem ein Haar gekrümmt hatte und auf welchem der Oheim über Land zu reiten
pflegte. Auf dem Boden befand sich ein vergessener Damensattel aus der alten
Zeit; dieser wurde mit rotem Plüsch neu bezogen, den man einem ehrwürdigen
Lehnstuhle entnahm, und als Anna zum ersten Mal sich darauf setzte, ging es ganz
trefflich, besonders da der reitkundige Nachbar Müller einige Anleitung gab, und
Anna fand zuletzt grosses Vergnügen an dem guten Schimmel. Eine mächtige
hellgrüne Damastgardine, welche einst ein Himmelbett umgeben hatte, wurde
zerschnitten und in ein Reitkleid umgewandelt; auch besass der Schulmeister als
ein altes Erbstück eine Krone von silbernem Flechtwerke, wie sie ehemals die
Bräute getragen; Annas goldglänzendes Haar wurde nur zunächst der Schläfe
zierlich geflochten, unterhalb aber in seiner ganzen Länge frei ausgebreitet und
dann die Krone aufgesetzt, auch ein breites goldenes Halsband umgetan, auf
meinen Rat einige Ringe über die weissen Handschuhe gesteckt, und als sie zum
ersten Mal diesen ganzen Anzug probierte, sah sie nicht nur aus wie ein
Ritterfräulein, sondern wie eine Feenkönigin, und das ganze Haus war in ihrem
lieblichen Anblick verloren. Aber jetzt weigerte sie sich aufs neue, an dem
Spiele teilzunehmen, weil sie sich selber so fremd vorkam, und wenn nicht die
ganze Bevölkerung in ihren ehrbarsten Familien bei der Sache gewesen wäre, so
hätte man sie nicht dazu gebracht. Unterdessen hatte ich nicht geruht und mit
meinen Herren Vettern ein wenig ins Sattlerhandwerk gepfuscht, indem wir die
nicht sehr sauberen Zügelriemen des Oheims mit rotem Seidenzeuge umnähten,
welches wir von einem Juden billig gekauft; denn Annas Hände sollten das alte
Lederwerk nicht unmittelbar berühren.
    Meinen eigenen Anzug hatte ich längst in Ordnung gebracht und denselben grün
und jägermässig gewählt, da dadurch eine grössere Einfachheit möglich war für
meine geringen Mittel. Doch war er noch erträglich getreu, eine grosse
zimmetfarbene Decke, ohne Beschädigung in einen faltenreichen Mantel
umgewandelt, verhüllte die Unvollkommenheiten; auf dem Rücken trug ich eine
Armbrust und auf dem Kopfe einen grauen Filz. Allein da der Mensch immer eine
schwache Seite haben muss, so schnallte ich den langen Toledodegen aus der
Dachkammer um; ich hatte alle anderen zu historischer Treue ermahnt, zeitgemässe
Waffen in Menge selbst aus dem Zeughause geholt, und doch wählte ich diesen
spanischen Bratspiess, ohne dass ich mir heute klarmachen kann, was ich mir dabei
dachte!
    Der wichtige und ersehnte Tag brach an mit dem allerschönsten Morgen; der
Himmel glänzte wolkenlos, und es war in diesem Hornung schon so warm, dass die
Bäume anfingen auszuschlagen und die Wiesen grünten. Mit Sonnenaufgang, als eben
der Schimmel an dem funkelnden Flüsschen stand und gewaschen wurde, tönten
Alpenhörner und Herdengeläute durch das Dorf herab, und ein Zug von mehr als
hundert prächtigen Kühen, bekränzt und mit Glocken versehen, kam heran,
begleitet von einer grossen Menge junger Bursche und Mädchen, um das Tal hinauf
zu ziehen in die anderen Dörfer und so eine Bergfahrt vorzustellen. Die Leute
hatten nur ihre alterkömmliche Sonntagstracht anzulegen gebraucht, mit
Ausschluss aller eingedrungenen Neuheiten und Hinzufügung einiger Prachtstücke
ihrer Eltern oder Grosseltern, um ganz festlich und malerisch auszusehen, und der
stärkste Anachronismus waren die Tabakspfeifen, welche die Bursche unbekümmert
im Munde trugen. Die frischen Hemdärmel der Jünglinge und Mädchen, ihre roten
Westen und blumigen Mieder leuchteten weitin in frohem Gewimmel, und als sie
vor unserm Hause und der benachbarten Mühle anhielten und unter den Bäumen
plötzlich das bunteste Gewühl entstand, von Gesang, Jauchzen und Gelächter
begleitet, als sie mit lautem Grüssen einen Frühtrunk verlangten, da fuhren wir
vom reichlichen Frühstück, um welches wir, mit Ausnahme Annas, schon angekleidet
versammelt waren, lustig auf, und die Freude überraschte uns in ihrer
Wirklichkeit viel gewaltiger und feuriger, als wir bei aller Erwartung darauf
gefasst waren. Schnell begaben wir uns mit den bereitgehaltenen Weingefässen und
einer Menge Gläser in das Gewimmel, der Oheim und seine Frau mit grossen Körben
voll ländlichen Backwerkes. Dieser erste Jubel, weit entfernt, eine frühe
Erschöpfung zu bedeuten, war nur der sichere Vorbote eines langen Freudentages
und noch grösserer Dinge. Die Muhme prüfte und pries das schöne Vieh, streichelte
und kraute berühmte Kühe, welche ihr wohlbekannt waren, und machte tausend Spässe
mit dem jungen Volke; der Oheim schenkte unaufhörlich ein, seine Töchter boten
die Gläser herum und suchten die Mädchen zum Trinken zu überreden, während sie
wohl wussten, dass ihr ehrsames Geschlecht am frühen Morgen keinen Wein trinkt.
Desto munterer sprachen die Hirtinnen den schmackhaften Kuchen zu und versorgten
mit denselben die vielen Kinder, welche nebst ihren Ziegen den Zug vergrösserten
In der Mitte des Gedränges stiessen wir auf die Müllersleute, welche den Feind
von der anderen Seite her angegriffen hatten, angeführt vom jungen Müller, der
als geharnischter Reiter schwer einherklirrte und sein verjährtes Eisengewand
andächtig verehren und betasten liess. Auf einmal zeigte sich Anna, schüchtern
und verschämt; doch ihre Zaghaftigkeit ward von der Gewalt der allgemeinen
Freude sogleich vernichtet, und sie war in einem Augenblicke wie umgewandelt.
Sie lächelte sicher und wohlgemut, ihre Silberkrone blitzte in der Sonne, ihr
Haar wehte und flatterte schön im Morgenwind, und sie ging so anmutig und sicher
in ihrem aufgeschürzten Reitkleide, das sie mit den ringgeschmückten Händen
hielt, als ob sie ihr Leben lang ein solches getragen hätte. Sie musste überall
herumgehen und wurde mit staunender Bewunderung begrüsst. Endlich aber bewegte
sich der Zug weiter, und mit seinem Aufbruche teilte sich auch unser Hausstand.
Die zwei jüngeren Basen und zwei ihrer Brüder schlossen sich demselben an, die
verlobte Schwester und der Schulmeister setzten sich in ein leichtes Fuhrwerk,
um als Zuschauer ihren eigenen Weg zu fahren und uns gelegentlich zu treffen,
auch um Anna aufzunehmen, im Falle ihr die Sache nicht zusagen würde. Der Oheim
und die Frau blieben zu Hause, um andere Herumschwärmer zu bewirten und
abwechselnd etwa sich in der Nähe umzusehen. Anna, Rudolf der Harras und ich
aber setzten uns nun zu Pferde, eskortiert von dem klirrenden Müller. Dieser
hatte für mich unter seinen Pferden einen ehrlichen Braunen ausgesucht und über
den Sattel zu mehrerer Sicherheit einen Schafpelz geschnallt. Doch kümmerte ich
mich im mindesten nicht um die Reitkunst, und da auch kein Mensch sich um
dergleichen bekümmerte, so schwang ich mich ganz unbefangen auf den Braunen und
tummelte denselben mit grosser Keckheit herum. Auf dem Lande kann jedermann
reiten, der von einem dressierten Pferde herunterfallen würde. So ritten wir
stattlich das Dorf hinauf und gaben nun selbst ein Schauspiel für die Leute, die
zurückblieben, und für eine Menge Kinder, welche uns nachliefen, bis eine andere
Gruppe ihre Aufmerksamkeit erregte.
    Vor dem Dorfe sahen wir es bunt und schimmernd von allen Seiten her sich
bewegen, und als wir eine Viertelstunde weit geritten waren, kamen wir an eine
Schenke an einer Kreuzstrasse, vor welcher die sechs barmherzigen Brüder sassen,
die den Gessler wegtragen sollten. Dies waren die lustigsten Bursche der
Umgegend; sie hatten sich unter den Kutten ungeheure Bäuche gemacht und
schreckliche Bärte von Werg umgebunden, auch die Nasen rot gefärbt; sie
gedachten den ganzen Tag sich auf eigene Faust herumzutreiben und spielten
gegenwärtig Karten mit grossem Hallo, wobei sie andere Spielkarten aus den
Kapuzen zogen und statt der Heiligen an die Leute verschenkten. Auch führten sie
grosse Proviantsäcke mit sich und schienen schon ziemlich angeglüht, so dass wir
für die Feierlichkeit ihrer Verrichtung bei Gesslers Tod etwas besorgt wurden.
    Im nächsten Dorf sahen wir den Arnold von Melchtal ruhig einem Stadtmetzger
einen Ochsen verkaufen, wozu er schon seine alte Tracht trug; dann kam ein Zug
mit Trommel und Pfeife und mit dem Hut auf der Stange, um in der Umgegend das
höhnische Gesetz zu verkünden. Denn dies war das Schönste, dass man sich nicht an
die teatralische Einschränkung hielt, dass man es nicht auf Überraschung absah,
sondern sich frei herumbewegte und wie aus der Wirklichkeit heraus und wie von
selbst an den Orten zusammentraf, wo die Handlung vor sich ging. Hundert kleine
Schauspiele entstanden dazwischen, und überall gab es was zu sehen und zu
lachen, während doch bei den wichtigen Vorgängen die ganze Menge andächtig und
gesammelt erschien.
    Schon war unser Zug ansehnlich gewachsen, um mehrere Berittene und auch
durch Fussvolk verstärkt, was alles zu dem Ritterzuge gehörte; wir kamen an eine
neue Brücke, die über den grossen Fluss führt; von der anderen Seite näherte sich
ein starker Teil der Bergfahrt, um das Vieh nach Hause zu bringen und nachher
wieder als Volk zu erscheinen. Nun war ein knauseriger Zolleinnehmer auf der
Brücke, welcher durchaus von Kühen und Pferden den Zoll erheben wollte, gemäss
dem Gesetze, weil die Tiere nach seiner Behauptung auf dem Transport begriffen
seien; er hatte den Schlagbaum heruntergelassen und liess sich durchaus nicht
bereden, diesmal von seiner Forderung abzustehen, indem man jetzt nicht
eingerichtet und aufgelegt sei, diese Umständlichkeiten zu befolgen. Es entstand
ein grosses Gedränge, ohne dass man jedoch wagte, mit Gewalt durchzukommen.
 
                              Vierzehntes Kapitel
                                    Der Tell
Da erschien unversehens der Tell, welcher mit seinem Knaben einsam seines Weges
ging. Es war ein berufener fester Wirt und Schütze, ein angesehener und
zuverlässiger Mann von etwa vierzig Jahren, auf welchen die Wahl zum Tell
unwillkürlich und einstimmig gefallen war. Er hatte sich in die Tracht
gekleidet, in welcher sich das Volk die alten Schweizer ein für allemal
vorstellt, rot und weiss mit vielen Puffen und Litzen, rot und weisse Federn auf
dem eingekerbten rot und weissen Hütchen. Überdies trug er noch eine seidene
Schärpe über der Brust, und wenn dies alles nichts weniger als dem einfachen
Weidmann an gemessen war, so zeigte doch der Ernst des Mannes, wie sehr er das
Bild des Helden in seinem Sinn durch diesen Pomp ehrte; denn in diesem Sinne war
der Tell nicht nur ein schlichter Jäger, sondern auch ein politischer
Schutzpatron und Heiliger, der nur in den Farben des Landes, in Sammet und
Seide, mit wallenden Federn denkbar war. Aber in seiner braven Einfalt ahnte
unser Tell die Ironie seines prächtigen Anzuges nicht; er trat mit seinem
eigenen Knaben, der wie eine Art Genius aufgeputzt war, besonnen auf die Brücke
und fragte nach der Verwirrung. Als man ihm die Gründe angab, setzte er dem
Zöllner auseinander, dass er gar kein Recht habe, den Zoll zu erheben, indem
sämtliche Tiere nicht aus der Ferne kämen oder dahin gingen, sondern als im
gewöhnlichen Verkehr zu betrachten seien. Der Zollmann aber, erpicht auf die
vielen Kreuzer, beharrte spitzfindig darauf, dass die Tiere in einem grossen Zuge
los und ledig auf der Strasse getrieben würden und gar nicht vom Felde kämen,
also er den Zoll zu fordern berechtigt sei. Hierauf fasste der wackere Tell den
Schlagbaum, drückte ihn wie eine leichte Feder in die Höhe und liess alles
durchpassieren, die Verantwortung auf sich nehmend. Die Bauern ermahnte er, sich
zeitig wieder einzufinden, um seinen Taten zuzusehen; uns Rittersleute aber
grüsste er kalt und stolz, und er schien uns auf unseren Pferden für wirkliches
Tyrannengesindel anzusehen, so sehr war er in seine Würde vertieft.
    Endlich gelangten wir in den Marktflecken, welcher für heute unser Altorf
war. Als wir durch das alte Tor ritten, fanden wir die kleine Stadt, welche nur
einen mässig grossen Platz bildete, schon ganz belebt, voll Musik und Fahnen, und
Tannenreiser an allen Häusern. Eben ritt Herr Gessler hinaus, um in der Umgegend
einige Untaten zu begehen, und nahm den Müller und den Harras mit; ich stieg mit
Anna vor dem Ratause ab, wo die übrigen Herrschaften versammelt waren, und
begleitete sie in den Saal, wo sie von dem Ausschusse und den Anwesenden
Gemeinderatsfrauen bewunderungsvoll begrüsst wurde. Ich war hier nur wenig
bekannt und lebte nur in dem Glanze, welchen Anna auf mich warf. Jetzt kam auch
der Schulmeister angefahren mit seiner Begleiterin; sie gesellten sich zu uns,
nachdem das Gefährt notdürftig untergebracht, und erzählten, wie soeben auf der
Landschaft dem jungen Melchtal die Ochsen vom Pfluge genommen, er flüchtig
geworden und sein Vater gefangen worden sei, wie die Tyrannen überhaupt ihren
Spuk trieben und vor dem Stauffacherschen Hause merkwürdige Szenen stattgefunden
hätten vor vielen Zuschauern. Diese strömten auch bald zum Tore herein; denn
obgleich nicht alle überall sein wollten, so begehrte doch die grössere Zahl die
ehrwürdigen und bedeutungsvollen Hauptbegebenheiten zu sehen und vor allem den
Tellenschuss. Schon sahen wir auch aus dem Fenster des Ratauses die Spiessknechte
mit der verhassten Stange ankommen, dieselbe mitten auf dem Platze aufpflanzen
und unter Trommelschlag das Gesetz verkünden. Der Platz wurde jetzt geräumt, das
sämtliche Volk, mit und ohne Kostüm, an die Seiten verwiesen, und vor allen
Fenstern, auf Treppen, Holzgalerien und Dächern wimmelte die Menge. Bei der
Stange schritten die beiden Wachen auf und ab; jetzt kam der Tell mit seinem
Knaben über den Platz gegangen, von rauschendem Beifall begrüsst; er hielt das
Gespräch mit dem Kinde nicht, sondern wurde bald in den schlimmen Handel mit den
Schergen verwickelt, dem das Volk mit gespannter Aufmerksamkeit zusah, indessen
Anna und ich nebst anderm zwingherrlichen Gelichter uns zur Hintertür
hinausbegaben und zu Pferde stiegen, da es Zeit war, uns mit dem Gesslerschen
Jagdzuge zu vereinigen, der schon vor dem Tore hielt. Wir ritten nun unter
Trompetenklang herein und fanden die Handlung in vollem Gange, den Tell in
grossen Nöten und das Volk in lebhafter Bewegung und nur zu geneigt, den Helden
seinen Drängern zu entreissen. Doch als der Landvogt seine Rede begann, wurde es
still. Die Rollen wurden nicht teatralisch und mit Gebärdenspiel gesprochen,
sondern mehr wie die Reden in einer Volksversammlung, laut, eintönig und etwas
singend, da es doch Verse waren; man konnte sie auf dem ganzen Platze vernehmen,
und wenn jemand, eingeschüchtert, nicht verstanden wurde, so rief das Volk:
»Lauter, lauter!« und war höchst zufrieden, die Stelle noch einmal zu hören,
ohne sich die Illusion stören zu lassen.
    So erging es auch mir, als ich einiges zu sprechen hatte; ich wurde aber
glücklicherweise durch einen komischen Vorgang unterbrochen. Es trieben sich
nämlich ein Dutzend Vermummte der alten Sorte herum, arme Teufel, welche weisse
Hemden über ihre ärmlichen Kleider gezogen hatten, ganz mit bunten Läppchen
besetzt; auf dem Kopfe trugen sie hohe kegelförmige Papiermützen, mit Fratzen
bemalt, und vor dem Gesicht ein durchlöchertes Tuch. Dieser Anzug war sonst die
allgemeine Vermummung gewesen zur Fastnachtzeit und in derselben allerlei Spass
getrieben worden; auch liebten die armen Butzen die neueren Spiele nicht, da sie
in dieser seltsamen Maskierung sich Gaben zu sammeln gewohnt und daher für deren
Erhaltung begeistert waren. Sie stellten gewissermassen den Rückschritt und die
Verkommenheit vor und tanzten jetzt wunderlich genug mit Pritschen und Besen
umher. Besonders zwei derselben störten das Schauspiel, als ich eben reden
sollte, indem sie einander am Rückteile des Hemdes herumzerrten, welches mit
Senf bestrichen war. Jeder hielt eine Wurst in der Hand und rieb sie, eh er
einen Biss tat, an dem Hemde des andern, während sie fortwährend sich im Kreise
drehten wie zwei Hunde, die einander nach dem Schwanze schnappen. Auf diese
Weise tanzten sie zwischen Gessler und Tell vorbei und glaubten wunder was zu tun
in ihrer Unwissenheit; auch erfolgte ein schallendes Gelächter, weil das Volk im
ersten Augenblicke seinen alten Nücken nicht widerstehen konnte. Doch alsobald
erfolgten auch derbe Püffe und Stösse mit Schwertknäufen und Partisanen; die
erschrockenen Spassmacher suchten sich unter die Zuschauer zu retten, wurden aber
überall mit Gelächter zurückgestossen, so dass sie längs der fröhlichen Reihen
kein Unterkommen fanden und ängstlich umherirrten, mit zerzausten Mützen und
furchtsam ihre Verhüllung an das Gesicht drückend, damit sie nicht erkannt
würden. Anna empfand Mitleiden mit ihnen und beauftragte Rudolf den Harras und
mich, den misshandelten Fratzen einen Ausweg zu verschaffen, und so wurde ich
meiner Rede entoben. Dies störte übrigens nicht, da man gar nicht die Worte
zählte und manchmal sogar die Schillerschen Jamben mit eigenen Kraftausdrücken
verzierte, so wie es die Bewegung eben mit sich brachte. Doch machte sich der
Volkshumor im Schosse des Schauspieles selbst geltend, als es zum Schusse kam.
    Hier war seit undenklichen Zeiten, wenn bei Aufzügen die Tat des Tell auf
alte Weise vorgeführt wurde, der Scherz üblich gewesen, dass der Knabe während
des Hin- und Herredens den Apfel vom Kopfe nahm und zum grossen Jubel des Volkes
gemütlich verspeiste. Dies Vergnügen war auch hier wieder eingeschmuggelt
worden, und als Gessler den Jungen grimmig anfuhr, was das zu bedeuten hätte,
erwiderte dieser keck: »Herr! Mein Vater ist ein so guter Schütz, dass er sich
schämen würde, auf einen so grossen Apfel zu schiessen! Legt mir einen auf, der
nicht grösser ist als Euere Barmherzigkeit, und der Vater wird ihn um so besser
treffen!«
    Als der Tell schoss, schien es ihm fast leid zu tun, dass er nicht seine
Kugelbüchse zur Hand hatte und nur einen blinden Teaterschuss absenden konnte.
Doch zitterte er wirklich und unwillkürlich, indem er anlegte, so sehr war er
von der Ehre durchdrungen, diese geheiligte Handlung darstellen zu dürfen. Und
als er dem Tyrannen den zweiten Pfeil drohend unter die Augen hielt, während
alles Volk in atemloser Beklemmung zusah, da zitterte seine Hand wieder mit dem
Pfeile, er durchbohrte den Gessler mit den Augen, und seine Stimme erhob sich
einen Augenblick lang mit solcher Gewalt der Leidenschaft, dass Gessler erblasste
und ein Schrecken über den ganzen Markt fuhr. Dann verbreitete sich ein frohes
Gemurmel, tief tönend, man schüttelte sich die Hände und sagte, der Wirt wäre
ein ganzer Mann, und solange wir solche hätten, tue es nicht not!
    Doch wurde der wackere Mann einstweilen gefänglich abgeführt, und die Menge
strömte aus dem Tore nach verschiedenen Seiten, um anderen Auftritten
beizuwohnen oder sich sonst nach Belieben umherzutreiben. Viele blieben auch im
Orte, um dem Klange der Geigen nachzugehen, welche da und dort sich hören
liessen.
    Auf die Mittagsstunde machte sich aber alles bereit, auf dem Rütli
einzutreffen, wo der Bund beschworen wurde, mit Weglassung der Schillerschen
Stellen, die sich auf die Nacht bezogen. Eine schöne Wiese an dem breiten Fluss,
von ansteigendem Gehölz umschlossen, war dazu bestimmt, wie der Fluss auch
überhaupt den See ersetzen musste und den Fischern und Schiffleuten zum
Schauplatz diente. Anna setzte sich zu ihrem Vater in das Gefährt, ich ritt
nebenher, und so begaben wir uns gemächlich auf den Weg dahin, um als Zuschauer
auszuruhen und ausruhend zu geniessen. Auf dem Rütli ging es sehr ernst und
feierlich her; während das bunte Volk auf den Abhängen unter den Bäumen
umhersass, tagten die Eidgenossen in der Tiefe. Man sah dort die eigentlichen
wehrbaren Männer mit den grossen Schwertern und Bärten, kräftige Jünglinge mit
Morgensternen und die drei Führer in der Mitte. Alles begab sich auf das beste
und mit vielem Bewusstsein, der Fluss wogte breit glänzend und zufrieden vorüber;
nur tadelte der Schulmeister, dass die Jungen und die Alten bei der feierlichen
Handlung kaum die Pfeifen aus dem Munde täten und der Pfarrer Rösselmann
unaufhörlich schnupfte.
    Als der Schweizerbund unter donnerndem Zuruf des lebendigen Berges umher
beschworen war, setzte sich die ganze Menge, Zuschauer und Spieler
untereinandergemischt, in Bewegung; der grösste Teil wogte wie eine
Völkerwanderung nach dem Städtchen, wo ein einfaches Mahl bereitet und fast
jedes Haus in eine Herberge umgewandelt war, sei es für Freunde und Bekannte,
sei es für Fremde gegen einen billigen Zehrpfennig; denn so unbefangen, wie wir
die Aufzüge des Stückes durcheinandergeworfen, hielten wir auch für gut, sie
durch eine Erholungsstunde zu unterbrechen, um nachher die gewaltsamen
Schlussereignisse mit desto frischerm Mute herbeizuführen. Die Wirte hatten in
Betracht des ungewöhnlich warmen Wetters rasch den innern Raum des Städtchens in
einen Speisesaal umgeschaffen; lange Tischreihen waren errichtet und gedeckt für
diejenigen der »Verkleideten« und sonstigen Ehrenpersonen, die das gemeinsame
Essen teilen wollten; die übrigen besetzten die Häuser und viele einzelne vor
diese gestellten Tische. So gewann das Städtchen doch wieder das Ansehen einer
einzigen Familie; aus allen Fenstern blickten die abgesonderten Gesellschaften
auf die grosse Haupttafel, und diejenigen vor den Häusern sahen bald wie deren
Verzweigungen aus. Den Stoff zu den lauten Gesprächen lieh die allgemeine
Teaterkritik, die sich über alle Tische verbreitete und deren mündliche Artikel
die Künstler selbst verfassten. Diese Kritik befasste sich weniger mit dem Inhalte
des Dramas und der Darstellung desselben als mit dem romantischen Aussehen der
Helden und der Vergleichung mit ihrem gewöhnlichen Behaben. Daraus entstanden
hundert scherzhafte Beziehungen und Anspielungen, von denen kaum der Tell allein
freigehalten wurde; denn dieser schien unangreifbar. Aber der Tyrann Gessler
geriet in ein solches Kreuzfeuer, dass er in der Hitze des Gefechtes einen
kleinen Rausch trank und seinen blinden Ingrimm bald auf sehr natürliche Weise
darzustellen imstande war. Aber dies alles belustigte mich nicht sehr, da ich
mich genug um Anna zu kümmern hatte. Sie sass am Ehrenplatze zwischen ihrem Vater
und dem Regierungsstattalter, gegenüber dem Tell und seiner wirklichen
anwesenden Ehefrau. Nachdem sie schon ihrer reizenden und vornehmen Erscheinung
wegen die allgemeine Aufmerksamkeit erregt, machte sich nun auch der ehrbare Ruf
ihres Vaters, ihre feine Erziehung und im Hintergrunde ihr artiges Erbe geltend;
ich musste zu meiner grossen Bekümmernis sehen, wie der Platz, wo sie sass, von
allerhand hoffnungsvollen Gesellen belagert wurde, ja wie fast alle vier
Fakultäten sich bestrebten, dem gravitätischen Schulmeister zu Gefallen zu
leben, da ein junger Landarzt, ein Gerichtsschreiber, ein Pfarrvikar und ein
studierter Landwirt sich herbeigemacht hatten und schliesslich alle der Anna ihre
Visitenkarten schenkten, die sie beim Abgang von der Schule hatten stechen
lassen. Alle waren stattliche blühende Bursche mit einer behaglichen Zukunft,
während ich einen Beruf gewählt hatte, der nach allgemeinen Begriffen mit ewiger
Armut verbunden sein sollte. Ich entdeckte daher zum ersten Mal mit Schrecken,
welch einer geschlossenen Macht ich gegenüberstand, und ich geriet, hinter Annas
Sitz stehend, in eine trübe Verfinsterung und wollte mich wegwenden.
    Auf einmal kehrte sich Anna um und bat mich, ihr die Karten aufzubewahren;
sie bemerkte lächelnd, ich möchte ja recht Sorge dazu tragen, und als ich sie
einsteckte, war mir, als ob ich alle vier Helden in der Tasche trüge.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
                                 Tischgespräche
Während man nun von allen Seiten aufbrach, hatte sich in unserer Nähe, wo der
Stattalter, Wilhelm Tell, der Wirt, und andere Männer von Gewicht sassen, eine
bedächtige Unterhaltung entsponnen. Es handelte sich um die Richtung einer neuen
Landstrasse, welche von der Hauptstadt her durch diese Gegend an die Grenze
geführt werden sollte. Zwei verschiedene Pläne standen sich in bezug auf unser
engeres Gebiet entgegen, welche mit gleichwiegenden Vorteilen und
Schwierigkeiten verbunden waren; die eine Richtung ging über eine gedehnte
Anhöhe, fast zusammenfallend mit einer älteren Strasse zweiten Ranges, musste aber
im Zickzack geführt werden und stellte bedeutende Kosten in Aussicht; die andere
ging mehr gerad und eben über den Fluss, allein hier war das anzukaufende Land
teurer und überdies ein Brückenbau notwendig, so dass die Kosten sich also
gleichkamen, während die Verkehrsverhältnisse sich ebenfalls ziemlich
gleichstellten. Aber an der älteren Strasse auf der Anhöhe lag das Gastaus des
Tell, weit hinschauend und viel besucht von Geschäftsmännern und Fuhrleuten;
durch die grosse Strasse in der Niederung würde sich der Verkehr dort hingezogen
haben und das alte berühmte Haus vereinsamt worden sein; daher sprach sich der
wackere Tell, an der Spitze eines Anhanges anderer Bewohner der Anhöhe,
energisch für die Notwendigkeit aus, dass die neue Strasse über dieselbe gezogen
werde. In der Tiefe hingegen hatte ein reicher Holzhändler, die Schiffahrt
abwärts benutzend, seine weitläufigen Räume angelegt, dem nun die Strasse zum
Transport aufwärts unentbehrlich schien. Er war seit einer Reihe von Jahren
Mitglied des Grossen Rates und einer jener Männer, die weniger ideellen Stoff in
eine gesetzgebende Behörde bringen, als durch geschäftliche Sach- und
Lokalkenntnis ebenso schlichte als unentbehrliche und darum stehende
Erscheinungen in denselben und allen Parteien gleichmässig von Nutzen sind. Er
war radikal und stimmte in den politischen Fragen im Sinne des Fortschrittes,
aber ohne viel Umstände, indem er mehr durch sein Beispiel als durch Reden
wirkte. Nur wenn eine Frage in den Geldbeutel eingriff, pflegte er die Debatte
mit genauen Erörterungen und Bedenklichkeiten aufzuhalten; denn auch der
Freisinn war ihm ein Geschäft und er der Meinung, mit den Ersparnissen, die man
an den Kosten von sechs Unternehmungen erzielt, könne man eine siebente
obendrein ermöglichen. Er wollte die Sache der Freiheit und Aufklärung nach der
Weise eines klugen Fabrikanten betrieben wissen, welcher nicht darauf ausgeht,
mit ungeheuren Kosten auf einmal ein kolossales Prachtgebäude herzustellen, in
welchem er die Arbeiter zur Not beschäftigen könnte, sondern der es vorzieht,
unscheinbare räucherige Gebäude, Werkstatt an Werkstatt, Schuppen an Schuppen zu
reihen, wie es Bedürfnis und Gewinn erlauben, bald provisorisch, bald solid,
nach und nach, aber immer rascher mit der Zeit, dass es raucht und dampft, pocht
und hämmert an allen Ecken, während jeder Beschäftigte in dem lustigen Wirrsal
seinen Griff und Tritt kennt. Deswegen eiferte er immer gegen die schönen grossen
Schulhäuser, gegen die erhöhten Besoldungen der Lehrer und dergleichen, weil ein
Land, welches mit einer Menge bescheidener, mit wenigen guten Mitteln versehener
Schulstuben gespickt sei, in bequemer Nähe überall, wo ein paar Kinder wohnen,
und wo an allen Ecken und Enden tapfer und emsig gelernt würde in aller
Unscheinbarkeit, erst die wahre Kultur aufzeige. Der prahlerische Aufwand,
behauptete der Holzhändler, behindere nur die tüchtige Bewegung; nicht ein
goldenes Schwert tue not, dessen mit Edelsteinen besetzter Griff die Hand
drücke, sondern eine scharfe leichte Axt, deren hölzerner Stiel, vom rüstigen
Gebrauche geglättet, der Hand vollkommen gerecht sei zur Verteidigung wie zur
Arbeit, und die ehrwürdige Politur an einem solchen Axtstiele sei ein viel
schönerer Glanz, als Gold und Steine jenes Schwertgriffes darböten. Ein Volk,
welches Paläste baue, bestelle sich nur zierliche Grabsteine, und der
Wandelbarkeit könne noch am besten widerstanden werden, wenn man sich unter
ihrem Panier schlau durch die Zeit bugsiere, leicht und behende; erst ein Volk,
das dies begriffen, immer bewaffnet und marschfertig, ohne unnützes Gepäck, aber
mit gefüllter Kriegskasse versehen, dessen Tempel, Palast, Festung und Wohnhaus
in einem Stück das leichte, luftige und doch unzerstörbare Wanderzelt seiner
geistigen Erfahrung und Grundsätze sei, überall mitzuführen und aufzuschlagen,
könne sich Hoffnung auf wahre Dauer machen, und selbst seinen geographischen
Wohnsitz vermöge ein solches länger zu behaupten. Besonders von den Schweizern
wäre es ein Unsinn, wenn sie ihre Berge mit schönen Gebäuden bekleben wollten;
höchstens am Eingange wären allenfalls ein paar ansehnliche Städte zu dulden,
sonst aber müssten wir es ganz der Natur überlassen, die Honneurs zu machen; dies
sei nicht nur das billigste, sondern auch das klügste. Von den Künsten liess er
einzig Beredsamkeit und Gesang gelten, weil sie seinem »Wanderzelte«
entsprachen, nichts kosten und keinen Platz einnehmen. Sein eigenes Besitztum
sah ganz nach seinen Grundsätzen aus Brenn- und Bauholz, Kohlen, Eisen und
Steine bildeten in mächtigen Vorräten eine grosse Lagerstatt; dazwischen grünten
kleine und grosse Gärten, denn wenn ein Platz für einen Sommer frei war, so wurde
schnell Gemüse darauf gepflanzt; hie und da beschatteten grosse Tannen, die er
noch hatte stehenlassen, eine Sägemühle oder Schmiede. Sein Wohnhaus lag mehr
wie eine Arbeiterhütte als wie ein Herrenhaus dazwischen hingeworfen, und seine
Frauensleute mussten für ein bescheidenes Ziergärtchen einen fortwährenden Krieg
führen und mit demselben stets um das Haus herum flüchten; bald wurde es an
diese, bald an jene Ecke geschoben, von Hecken oder Geländern war auf dem ganzen
Grundstück nichts zu sehen. Es lag ein grosser Reichtum darin, aber dieser
änderte täglich seine äussere Gestalt; selbst die Dächer von den Gebäuden
verkaufte der Mann manchmal, wenn sich günstige Gelegenheit bot, und doch sass er
seit langer Zeit auf diesem Besitze, und die fragliche Strasse schien demselben
die Krone aufzusetzen; denn eine gute Strasse dünkte ihn das beste Ding von der
Welt, nur müsse sie ohne kostspielige Meilenzeiger und ohne Akazienbäumchen und
derlei Firlefanz sein. Auch war er fast immer auf der Strasse in einem leichten,
einfachen, aber vortrefflichen Fuhrwerke, dessen Remise ebenfalls auf steter
Wanderung begriffen war und lediglich aus losen Bauhölzern bestand. Der
Holzhändler meinte nun, der Wirt müsse oben seine Hütte zuschliessen und einen
Gastof unten an die neue Strasse und Brücke bauen, wo ein bedeutenderer Verkehr
zu erwarten wäre, da hier noch die Schiffleute hinzukämen. Allein der Wirt war
der entgegengesetzten Gesinnung. Er sass in dem Hause seiner Väter, welches seit
alten Zeiten immer ein Gastaus gewesen; von seiner sonnigen Höhe pflegte er
weit über das Land hinzublicken, und das Haus hatte er mit schönen
Schweizergeschichten bemalen lassen. Von der Verteidigung mit einer schlechten
Axt wollte er nichts hören, dieselbe sei höchstens zum gelegentlichen Erschlagen
eines Wolfenschiessen gut; sonst bedurfte er einer trefflichen und fein
gearbeiteten Büchse, ihre Handhabung war ihm der edelste Zeitvertreib. Er war
auch der Meinung, ein freier Bürger müsse arbeiten und sorgen, sich ein
unabhängiges Auskommen zu schaffen und zu erhalten, aber nicht mehr, als nötig
sei; und wenn die Sache in sicherm Gange, so zieme dem Mann eine anständige
Ruhe, ein vernünftiges Wort beim Glase Wein, eine erbauliche Betrachtung der
Vergangenheit des Landes und seiner Zukunft. Er betrieb einen beschränkten
Weinhandel, nur mit gutem und wertvollem Wein, mehr gelegentlich als
geschäftsmässig, und in seinem Hause ging alles seinen Weg, ohne dass er viel
umhersprang. Auch er war ein Mann des Rates und der Tat, aber mehr in der
moralischen Welt, und in politischen Dingen ein einflussreicher Volksmann,
obgleich er nicht im Grossen Rate sass. Bei den Wahlen hörten viele auf ihn; daher
mochte die Regierung ihn sowenig gegen sich aufbringen als den Holzhändler. Der
Stattalter hatte jetzo die Gelegenheit ergriffen, zwischen den beiden Männern
über fraglichen Strassenbau eine Verständigung herbeizuführen. Als ein
freundlicher und wohlbeleibter Mann mit einem hübschen Gesichte und vornehm
grauen Haaren, welche an Puder erinnerten, trug er feine Wäsche und einen feinen
Rock, an der weissen Hand goldene Ringe und lachte gern. Immer war er gelassen,
führte seine Geschäfte mit Festigkeit durch, ohne sich auf die Gewalt zu berufen
und als Regierungsperson zu brüsten. Staatswissenschaftlich gebildet, zeigte er
davon jederzeit nur, soviel nötig war, und tat dies auf eine Weise, als ob er
den Bauern nur etwas erzählte, das er zufällig erfahren und sie ebensogut wissen
könnten, wenn es sich just gefügt hätte. Mit seinem feinen Rock und seinen
Manschetten ging er überallhin, wo ein Bauersmann hinging, nahm seinen Putz
nicht in acht dabei und verdarb ihn doch nicht. Zu den Leuten verhielt er sich
nicht wie ein Vogt zu seinen Untergebenen oder wie ein Offizier zu seinen
Soldaten, auch nicht wie ein Vater zu den Kindern oder ein Patriarch zu seinen
Hirten, sondern unbefangen wie ein Mann, der mit dem andern ein Geschäft zu
verrichten und eine Pflicht zu erfüllen hat. Er strebte weder herablassend noch
leutselig zu sein, am wenigsten suchte er den besoldeten Diener des Volkes zu
affektieren. Seine Festigkeit gründete er nicht auf die Amtsehre, sondern auf
das Pflichtgefühl; doch wenn er nicht mehr sein wollte als ein anderer, so
wollte er auch nicht weniger sein.
    Und doch war er kein unabhängiger Mann; einer reichen, aber
verschwenderischen Familie entsprossen und in seiner Jugend selbst ein lustiger
Vogel, kehrte er mit erlangter Besonnenheit gerade in das väterliche Haus
zurück, als dasselbe in Verfall geriet; so sah sich der junge Mann genötigt,
gleich ein Amt zu suchen, und war endlich unter vielen Wechseln und Erfahrungen
einer von denen geworden, die ohne ihr Amt Bettler und also Regierungspersonen
von Profession sind. Er konnte aber als eine Ehrenrettung und Verklärung dieser
verrufenen Lebensart gelten; den ersten Schritt hatte er in der lugend und in
der Not getan, und als es nachher nicht mehr zu ändern war, zog er sich
wenigstens mit Ehre und wahrer Klugheit aus der Sache. Der Schulmeister pflegte
von ihm zu sagen, er sei einer von den wenigen, die durch das Regieren weise
werden.
    Doch alle Weisheit half ihm jetzt nicht, den Holzhändler und den Wirt zu
einer Verständigung zu bringen, damit er der Regierung berichten könne, welcher
Zug der Strasse in der Gegend allgemein gewünscht werde. Jeder der beiden Männer
verteidigte hartnäckig seinen Vorteil; der Holzhändler hielt sich schlechtweg an
den Vernunftgrund, dass die Wahl zwischen einer ebenen und graden Linie und
zwischen einem Berge heutzutage unzweifelhaft sein müsse, und barg so seinen
eigenen Vorteil hinter die Vernunft; auch liess er merken, dass er als Mitglied
der Behörde jener zum Siege zu verhelfen hoffe. Der Wirt dagegen sagte geradezu,
er wolle sehen, ob er es um den Staat verdient habe, dass man ihm das Haus seiner
Väter in eine Einöde setze! Herabzusteigen und an dem feuchten Wasser sich
anzunisten wie ein Fischotter, dazu werde man ihn nicht überreden; oben, wo es
trocken und sonnig, sei er geboren, und dort werde er auch bleiben! Hierauf
versetzte sein Gegner lächelnd das möge er unbehindert tun und von der Freiheit
träumen, während er ein Untertan seiner Vorurteile sei; andere zögen es vor, in
der Tat frei zu sein und sich munter umherzutreiben.
    Schon fing die Gelassenheit an zu weichen und bei den beiderseitigen
Anhängern Worte wie Starrsinn und Eigennutz! laut zu werden, als ein fröhlicher
Haufe den Tell zur Fortsetzung seiner Taten abholte, denn er sollte noch auf die
Platte springen und den Vogt erschiessen. Etwas zornig brach er auf, indes auch
die übrigen sich zerstreuten und nur Anna mit ihrem Vater und ich sitzen
blieben. Die Unterredung hatte einen peinlichen Eindruck auf mich gemacht;
besonders am Wirt verletzte mich dies unverhohlene Verfechten des eigenen
Vorteiles, an diesem Tage und in so bedeutungsvollem Gewande; solche
Privatansprüche an ein öffentliches Werk, von vorleuchtenden Männern mit
Heftigkeit unter sich behauptet, das Hervorkehren des persönlichen Verdienstes
und Ansehens widersprachen durchaus dem Bilde, welches von dem unparteischen
Wesen des Staates in mir lebte und das ich mir auch von den berühmten
Volksmännern gemacht hatte. Ich äusserte diesen Eindruck in vorlauten Worten
gegen Annas Vater, hinzufügend, dass mir der Vorwurf der Kleinlichkeit, des
Eigennutzes und der Engherzigkeit, welcher den Schweizern zuweilen gemacht
würde, nun bald gerecht erschiene. Der Schulmeister milderte in etwas meinen
Tadel und forderte mich zur Duldsamkeit auf mit der menschlichen
Unvollkommenheit, welche auch diese sonst wackeren Männer überschatte. Übrigens,
meinte er, sei nicht zu leugnen, dass unsere Freiheitsliebe noch zu sehr ein
Gewächs der Scholle sei und dass unseren Fortschrittsmännern die wahre
Religiosität fehle, welche in das schwere politische Leben jenen heitern,
frommen, liebevollen Leichtsinn bringe, der aus warmem Gottvertrauen entspringe
und erst die richtige Opferfreudigkeit, die allerfreieste Beweglichkeit von Leib
und Seele möglich mache. Wenn unsere fleissigen Männer einmal einsähen, dass im
Evangelio noch eine viel aufgewecktere und schönere Beweglichkeit gelehrt würde,
als diejenige sei, welche der Holzhändler predige, so werde das Politisieren
noch viel erklecklicher vonstatten gehen und erst die reifen Früchte bringen.
Ich wollte eben hiegegen mein rundes Veto einlegen, als jemand mir auf die
Achsel klopfte; als ich mich umwandte, stand der Stattalter hinter uns, welcher
freundlich sagte: »Obgleich ich nicht der Ansicht bin, dass man in einer guten
Republik stark auf die Meinungen der Jugend achte, solange die Alten das Salz
nicht verloren haben und Toren geworden sind, so will ich doch versuchen, junger
Herr, Euern Kummer zu lindern, damit Euch über vermeintlichen trüben Erfahrungen
nicht dieser schöne Tag zuschanden gehe; zudem habt Ihr noch nicht einmal jenes
Jugendalter erreicht, welches ich eigentlich meine, und da Ihr schon so kräftig
zu tadeln wisst, so versteht Ihr gewiss noch ebensogut zu lernen. Vor allem freut
es mich, Euch in betreff der beiden Männer, welche soeben weggingen, Euern Mut
wiederaufzurichten; es mögen allerdings nicht alle gleich sein in unserm
Schweizerlande; doch vom Herrn Kantonsrat wie vom Leuenwirt mögt Ihr sicher
glauben, dass sie Hab und Gut sowohl dem Lande in Gefahr hingeben als es einer
für den andern opfern würden, wenn er ins Unglück geriete, und das vielleicht
gerade desto unbedenklicher, als dieser andere sich heute kräftiger um die
Strasse gewehrt hat. Sodann merkt Euch für Eure künftigen Tage wer seinen Vorteil
nicht mit unverhohlener Hand zu erringen und zu wahren versteht, der wird auch
nie imstande sein, seinem Nächsten aus freier Tat einen Vorteil zu verschaffen!
Denn es ist (hier schien sich der Stattalter mehr an den Schulmeister zu
wenden) ein grosser Unterschied zwischen dem freien Preisgeben oder Mitteilen
eines erworbenen, errungenen Gutes und zwischen dem trägen Fahrenlassen dessen,
was man nie besessen hat oder zu verteidigen zu blöd ist. Jenes gleicht dem
grossmütigen Gebrauche eines wohlerworbenen Vermögens, dieses aber der
Verschleuderung ererbter oder gefundener Reichtümer. Einer, der immer und ewig
entsagt, überall sanftmütig hintenansteht, mag ein guter harmloser Mensch sein;
aber niemand wird es ihm Dank wissen und von ihm sagen dieser hat mir einen
Vorteil verschafft! Denn so etwas kann, wie schon gesagt, nur der tun, der den
Vorteil erst zu erwerben und zu behaupten weiss. Wo man das aber mit frischem
Mute und ohne Heuchelei tut, da scheint mir Gesundheit zu herrschen und
gelegentlich ein tüchtiger Zank um den Vorteil ein Zeichen von Gesundheit zu
sein. Wo man nicht frei heraus für seinen Nutzen und für sein Gut einstehen
kann, da möchte ich mich nicht niederlassen; denn da ist nichts zu erholen als
die magere Bettelsuppe der Verstellung, der Gnadenseligkeit und der romantischen
Verderbnis; da entsagen alle, weil allen die Trauben zu sauer sind, und die
Fuchsschwänze schlagen mit bittersüssem Wedeln um die dürren Flanken. Was aber
die Meinung der Fremden betrifft (hier wandte er sich wieder mehr an mich), so
werdet Ihr einst auf Euren Reisen lernen, weniger darauf zu achten!«
    Nach dieser Rede schüttelte uns der Stattalter die Hände und entfernte
sich. Ich war indessen nicht überzeugt worden, sowenig als dem Schulmeister die
Wendung des Gesprächs zu behagen schien. Doch kamen wir darin überein, dass er
ein liebenswürdiger Mann sei, und indem ich ihm, mich durch seine Ansprache
geehrt fühlend, wohlwollend nachblickte, pries ich ihn gegen den Schulmeister
als einen verdienstvollen und daher gewiss glücklichen Mann. Der Schulmeister
schüttelte aber den Kopf und meinte, es wäre nicht alles Gold, was glänze. Er
hatte seit einiger Zeit angefangen, mich zu duzen, und fuhr daher jetzt fort:
»Da du ein nachdenklicher Jüngling bist, so gebührt es dir auch, einen Blick in
das Leben der Menschen zu gewinnen; denn ich halte dafür, dass die Kenntnis recht
vieler Fälle und Gestaltungen jungen Leuten mehr nützt als alle moralischen
Teorien; diese kommen erst dem Manne von Erfahrung zu, gewissermassen als eine
Entschädigung für das, was nicht mehr zu ändern ist. Der Stattalter eifert nur
darum so sehr gegen das, was er Entsagung nennt, weil er selbst eine Art
Entsagender ist, das heisst weil er selbst diejenige Wirksamkeit geopfert hat,
die ihn erst glücklich machen würde und seinen Eigenschaften entspräche.
Obgleich diese Selbstverleugnung in meinen Augen eine Tugend ist und er in
seiner jetzigen Wirksamkeit so verdienstlich und nützlich dasteht, als er es
kaum anderswie könnte, so ist er doch nicht dieser Meinung, und er hat manchmal
so düstere und prüfungsreiche Stunden, wie man es seiner heiteren und
freundlichen Weise nicht zumuten würde. Von Natur nämlich ist er ebenso feuriger
Gemütsart als von einem grossen und klaren Verstande begabt und daher mehr dazu
geschaffen, im Kampfe der Grundsätze beim Aufeinanderplatzen der Geister einen
tapferen Führer abzugeben und im grossen Menschen zu bestimmen, als in ein und
demselben Amte ein stehender Verwalter zu sein. Allein er hat nicht den Mut, auf
einen Tag brotlos zu werden; er hat gar keine Ahnung davon, wie sich die Vögel
und die Lilien des Feldes ohne ein fixes Einkommen nähren und kleiden, und daher
hat er sich der Geltendmachung seiner eigenen Meinungen begeben. Schon mehr als
einmal, wenn durch den Parteienkampf Regierungswechsel herbeigeführt wurden und
der siegende Teil den unterlegenen durch ungerechte Massregeln zwacken wollte,
hat er sich wie ein Ehrenmann in seinem Amte dagegen gestemmt; aber das, was er
seinem Temperament nach am liebsten getan hätte, nämlich der Regierung sein Amt
vor die Füsse zu werfen, sich an die Spitze einer Bewegung zu stellen und
mittelst seiner Einsicht und seiner Energie die Gewaltaber wieder dahin zu
jagen, von wannen sie gekommen das hat er unterlassen, und dies Unterlassen
kostet ihn zehnmal mehr Mühe als seine ununterbrochene arbeitsvolle Amtsführung.
Den Landleuten gegenüber braucht er nur zu leben, wie er es tut, um in seiner
Würde fest zu stehen. Bei den Behörden aber und in der Hauptstadt braucht es
manches verbindliche Lächeln, manche wenn auch noch so unschuldige Schnörkelei,
wobei er lieber sagen würde: Herr! Sie sind ein grosser Narr! oder: Herr! Sie
scheinen ein Spitzbube zu sein! Denn, wie gesagt, er hat ein dunkles Grauen vor
dem, was man Brotlosigkeit nennt.«
    »Aber zum Teufel!« sagte ich, »sind denn unsere Herren Regenten zu
irgendeiner Zeit etwas anderes als ein Stück Volk, und leben wir nicht in einer
Republik?«
    »Allerdings, mein lieber Sohn!« erwiderte der Schulmeister; »allein es
bleibt eine wunderbare Tatsache, wie besonders in neuerer Zeit ein solches Stück
Volk, ein repräsentativer Körper durch den einfachen Prozess der Wahl sogleich
etwas ganz merkwürdig Verschiedenes wird, einesteils immer noch Volk und
andernteils etwas dem ganz Entgegengesetztes, fast Feindliches wird. Es ist wie
mit einer chemischen Materie, welche durch das blosse Eintauchen eines Stäbchens,
ja sogar durch blosses Stehen auf geheimnisvolle Weise sich in ihren Verbindungen
verändert. Manchmal will es fast scheinen, als ob die alten patrizischen
Regierungen mehr den Grundcharakter ihres Volkes zu zeigen und zu bewahren
vermochten. Aber lasse dich ja nicht etwa verführen, unsere repräsentative
Demokratie nicht für die beste Verfassung zu halten! Besagte Erscheinung dient
bei einem gesunden Volke nur zu einer wohltätigen Heiterkeit, da es sich mit
aller Gemütsruhe den Spass macht, die wunderbar verwandelte Materie manchmal
etwas zu rütteln, die Phiole gegen das Licht zu halten, prüfend hindurchzugucken
und sie am Ende doch zu seinem Nutzen zu verwenden.«
    Den Schulmeister unterbrechend, fragte ich, ob denn der Stattalter als ein
Mann von solchen Kenntnissen und solchem Verstande sich nicht reichlicher durch
eine Privattätigkeit ernähren könnte als durch ein Amt? Worauf er antwortete:
»Dass er dies nicht kann oder nicht zu können glaubt, ist wahrscheinlich eben das
Geheimnis seiner Lebenslage! Der freie Erwerb ist eine Sache, für welche manchen
Menschen der Sinn sehr spät, manchen gar nie aufgeht. Vielen ist es ein
einfacher Tick, dessen Verständnis ihnen durch ein Handumdrehen, durch Zufall
und Glück gekommen, vielen ist es eine langsam zu erringende Kunst. Wer nicht in
seiner lugend durch Übung und Vorbild seiner Umgebung, sozusagen durch die
Überlieferung seines Geburtshauses, oder sonst im rechten Moment den rechten
Fleck erwischt, wo der Tick liegt, der muss manchmal bis in sein vierzigstes oder
fünfzigstes Jahr ein umhergeworfener und bettelhafter Mensch sein, oft stirbt er
als ein sogenannter Lump. Viele Personen des Staates, welche zeitlebens tüchtige
Angestellte waren, haben keinen Begriff vom Erwerbe; denn alle öffentlich
Besoldeten bilden unter sich ein Phalansterium, sie teilen die Arbeit unter
sich, und jeder bezieht aus den allgemeinen Einkünften seinen Lebensbedarf ohne
weitere Sorge um Regen oder Sonnenschein, Misswachs, Krieg oder Frieden, Gelingen
oder Scheitern. Sie stehen so als eine ganz verschiedene Welt dem Volke
gegenüber, dessen öffentliche Einrichtung sie verwalten. Diese Welt hat für
solche, die von jeher darin lebten, etwas Entnervendes in bezug auf die
Erwerbsfähigkeit. Sie kennen die Arbeit, die Gewissenhaftigkeit, die
Sparsamkeit, aber sie wissen nicht, wie die runde Summe, welche sie als Lohn
erhalten, im Wind und Wetter der Konkurrenz zusammengekommen ist. Mancher ist
sein Leben lang ein fleissiger Richter und Exekutor in Geldsachen gewesen, der es
nie dazu brächte, einen Wechsel auszustellen und rechtzeitig einzulösen. Wer
essen will, der soll auch arbeiten; ob aber der verdiente Lohn der Arbeit sicher
und ohne Sorgen sein oder ob er ausser der einfachen Arbeit noch ein Ergebnis der
Sorge, des Geschickes und dadurch zum Gewinst werden soll, welches von beiden
das Vernünftige und von höherer Absicht dem Menschen Bestimmte sei das zu
entscheiden wage ich nicht, vielleicht wird es die Zukunft tun. Aber wir haben
beide Arten in unseren Zuständen und dadurch ein verworrenes Gemisch von
Abhängigkeit und Freiheit und von verschiedenen Anschauungen. Der Stattalter
glaubt sich abhängig und entält sich während jeder Krise verschlossenen Sinnes
gleichmässig aller eigenen Kundgebung und weiss dabei nicht einmal, wie viele sich
bemühen, hinter seinem Rücken seine innersten Gedanken zu erfahren, um sich
danach zu richten.«
    Ich empfand eine grosse Teilnahme für den Stattalter und ehrte ihn, ohne mir
darüber Rechenschaft geben zu können; denn ich missbilligte höchlich seine Scheu
vor der Armut, und erst später wurde es mir klar, dass er das Schwerste gelöst
habe eine gezwungene Stellung ganz so auszufüllen, als ob er dazu allein gemacht
wäre, ohne mürrisch oder gar gemein zu werden. Indessen waren mir die Reden des
Schulmeisters über das Erwerben und über den rechten Tick keine liebliche Musik;
es wurde mir fraglich, ob ich diesen auch erwischen würde, da ich einzusehen
begann, dass für alles dies rüstige Volk die Freiheit erst ein Gut war, wenn es
sich seines Brotes versichert hatte, und ich fühlte vor den langen, nun leeren
Tischreihen, dass selbst dieses Fest bei hungrigem Magen und leerem Beutel ein
sehr trübseliges gewesen wäre.
    Ich war froh, dass wir endlich aufbrachen. Annas Vater schlug vor, wir beide
sollten uns zu ihm ins Fuhrwerk setzen, damit wir zusammen dem Schauspiele
nachführen; doch gab sie den Wunsch zu erkennen, lieber den ausgeruhten Schimmel
zu besteigen und noch ein wenig umherzureiten, da es später unter keinem
Vorwande mehr geschehen würde. Hiemit war der Schulmeister auch zufrieden und
erklärte so wolle er wenigstens mit uns fahren, bis er etwa Gelegenheit finde,
einer bejahrten Person den Heimweg zu erleichtern, da ihn die Jungen alle im
Stiche liessen. Ich aber lief mit frohen Gedanken nach dem Hause, wo unsere
Pferde standen, liess dieselben auf die Strasse bringen, und als ich Anna in den
Sattel half, klopfte mir das Herz vor heftigem Vergnügen und stand wieder still
vor angenehmem Schreck, weil ich voraussah, bald allein neben ihr durch die
Landschaft zu reiten.
 
                              Sechzehntes Kapitel
                       Abendlandschaft. Berta von Bruneck
Dies traf auch ein, obgleich noch auf andere Weise, als ich es gehofft hatte.
Wir waren noch nicht weit aus dem Tore, als der gastliche Schulmeister sein
Wägelchen schon mit drei alten Leutchen beladen hatte und in lustigem Trabe
vorausfuhr, der angenommenen hohlen Gasse zu. Still ritten wir nun im Schritte
dahin und grüssten sehr beflissen die fröhlichen Leute, denen wir begegneten,
links und rechts, bis wir in die Nähe der wogenden und summenden Menge kamen und
dieselbe beinah erreichten. Da stiessen wir auf den Philosophen, dessen schönes
Gesichtchen vor Mutwillen glühte und den tollen Spuk verkündigte, welchen er
schon ausgeübt. Er war in gewöhnlicher Kleidung und trug ein Buch in der Hand,
da er nebst einem andern Lehrer das Amt eines Einbläsers übernommen, um überall
zur Hand zu sein, wenn einen Helden die Erinnerung verlassen sollte. Doch
erzählte er jetzt, wie die Leute gar nichts mehr hören wollten und alles von
selber seinen ziemlich wilden Gang ginge; er habe daher, rief er, nun die
schönste Musse, uns beiden zu der Jagdszene zu soufflieren, die wir ohne Zweifel
auszufahren so einsam ausgezogen wären; es sei auch die höchste Zeit dazu und
wir wollten uns ungesäumt ans Werk machen!
    Ich wurde rot und trieb die Pferde an; aber der Philosoph fiel uns in die
Zügel; Anna fragte, was denn das wäre mit der Jagdszene, worauf er lachend
ausrief er werde uns doch nicht sagen müssen, was alle Welt belustige und uns
ohne Zweifel mehr als alle Welt! Anna wurde nun auch rot und verlangte standhaft
zu wissen, was er meine. Da reichte er ihr das aufgeschlagene Buch, und während
mein Brauner und ihr Schimmel behaglich sich beschnupperten, ich aber wie auf
Kohlen sass, las sie, das Buch auf dem rechten Knie haltend, aufmerksam die
Szene, wo Rudenz und Berta ihr Bündnis schliessen, von Anfang bis zu Ende, mehr
und mehr errötend. Die Schlinge kam nun an den Tag, welche ich ihr so harmlos
gelegt, der Philosoph rüstete sich sichtbar zu endlosem Unfuge, als Anna
plötzlich das Buch zuschlug, es hinwarf und höchst entschieden erklärte, sie
wolle sogleich nach Hause. Zugleich wandte sie ihr Pferd und begann feldein zu
reiten auf einem schmalen Fahrwege, ungefähr in der Richtung nach unserm Dorfe.
Verlegen und unentschlossen sah ich ihr eine Weile nach; doch fasste ich mir ein
Herz und trabte bald hinter ihr her, da sie doch einen Begleiter haben musste;
während ich sie erreichte, sang uns der Philosoph ein loses Lied nach, welches
jedoch immer schwächer hinter uns verklang, und zuletzt hörten wir nichts mehr
als die muntere, aber ferne Hochzeitsmusik aus der hohlen Gasse und vereinzelte
Freudenrufe und Jauchzer an verschiedenen Punkten der Landschaft. Diese erschien
aber durch die Unterbrechungen nur um so stiller und lag mit Feldern und Wäldern
friedevoll im Glanze der Nachmittagssonne wie im reinsten Golde. Wir ritten nun
auf einer gestreckten Höhe, ich hielt mein Pferd immer noch um eine Kopflänge
hinter dem ihrigen zurück und wagte nicht ein Wort zu sagen. Da gab Anna dem
Schimmel einen kecken Schlag mit der Gerte und setzte ihn in Galopp, ich tat das
gleiche; ein lauer Wind wehte uns entgegen, und als ich auf einmal sah, dass sie,
ganz gerötet die balsamische Luft einatmend, vergnügt vor sich hin lächelte, den
Kopf hoch aufgehalten mit dem funkelnden Krönchen, während ihr Haar waagrecht
schwebte, schloss ich mich dicht an ihre Seite, und so jagten wir wohl fünf
Minuten lang über die einsame Höhe dahin. Der Weg war noch halb feucht und doch
fest; rechts unter uns zog der Floss, wir blickten seine glänzende Bahn entlang,
jenseits erhob sich das steile Ufer mit dunklem Walde, und darüber hin sahen wir
über viele Höhenzüge weg im Nordosten ein paar schwäbische Berge, einsame
Pyramiden, in unendlicher Stille und Ferne. Im Südwesten lagen die Alpen weit
herum, noch tief herunter mit Schnee bedeckt, und über ihnen lagerte ein
wunderschönes mächtiges Wolkengebirge im gleichen Glanze, Licht und Schatten
ganz von gleicher Farbe wie die Berge, ein Meer von leuchtendem Weiss und tiefem
Blau, aber in tausend Formen gegossen, von denen eine die andere übertürmte. Das
Ganze war eine senkrecht aufgerichtete glänzende und wunderbare Wildnis,
gewaltig und nah an das Gemüt rückend und doch so lautlos, unbeweglich und fern.
Wir sahen alles zugleich, ohne dass wir besonders hinblickten; wie ein
unendlicher Kranz schien sich die weite Welt um uns zu drehen, bis sie sich
verengte, als wir allmählich bergab jagten, dem Flusse zu. Aber es war uns nur,
als ob wir im Traume in einen geträumten Traum träten, als wir auf einer Fähre
über den Fluss fuhren, die durchsichtig grünen Wellen sich rauschend am Schiffe
brachen und unter uns wegzogen, während wir doch auf Pferden sassen und uns in
einem Halbbogen über die Strömung weg bewegten. Und wieder glaubten wir uns in
einen andern Traum versetzt, als wir, am andern Ufer angekommen, langsam einen
dunklen Hohlweg emporklommen, in welchem schmelzender Schnee lag. Hier war es
kalt, feucht und schauerlich; von den dunklen Büschen tropfte es und fielen
zahlreiche Schneeklumpen, wir befanden uns ganz in einer kräftig braunen
Dunkelheit, in deren Schatten der alte Schnee traurig schimmerte, nur hoch über
uns glänzte der goldene Himmel. Auch hatten wir den Weg nun verloren und wussten
nicht recht, wo wir waren, als es mit einem Male grün und trocken um uns wurde.
Wir kamen auf die Höhe und befanden uns in einem hohen Tannenwald, dessen Stämme
drei bis vier Schritte auseinander standen, auf einem dicht mit trockenem Moose
bedeckten Boden, und die Äste hoch oben in ein dunkelgrünes Dach verwachsen, so
dass wir vom Himmel fast nichts mehr sehen konnten. Ein warmer Hauch empfing uns
hier, goldene Lichter streiften da und dort über das Moos und an den Stämmen,
der Tritt der Pferde war unhörbar, wir ritten gemächlich zwischendurch, um die
Tannen herum, bald trennten wir uns, und bald drängten wir uns nahe zusammen
zwischen zwei Säulen durch, wie durch eine Himmelspforte. Eine solche Pforte
fanden wir aber gesperrt durch den quergezogenen Faden einer frühen Spinne; er
schimmerte in einem Streiflichte mit allen Farben, blau, grün und rot, wie ein
Diamantstrahl. Wir bückten uns einmütig darunter weg, und in diesem Augenblicke
kamen sich unsere Gesichter so nah, dass wir uns unwillkürlich küssten. Im Hohlweg
hatten wir schon zu sprechen angefangen und plauderten nun eine Weile ganz
glückselig, bis wir uns darauf besannen, dass wir uns geküsst, und sahen, dass wir
rot wurden, wenn wir uns anblickten. Da wurden wir wieder still. Der Wald senkte
sich nun auf die andere Seite hin und stand wieder im Schatten. In der Tiefe
sahen wir ein Wasser glänzen, und die gegenüberstehende Berghalde, ganz nah,
leuchtete mit Felsen und Fichten im hellen Sonnenscheine durch die dunklen
Stämme, unter denen wir zogen, und warf ein geheimnisvolles Zwielicht in die
schattigen Hallen unseres Tannenwaldes. Der Boden wurde jetzt so abschüssig, dass
wir absteigen mussten. Als ich Anna vom Pferde hob, küssten wir uns zum zweiten
Male, sie sprang aber sogleich weg und wandelte vor mir über den weichen grünen
Teppich hinunter, während ich die beiden Tiere führte. Wie ich die reizende,
fast märchenhafte Gestalt so durch die Tannen gehen sah, glaubte ich wieder zu
träumen und hatte die grösste Mühe, die Pferde nicht fahrenzulassen, um mich von
der Wirklichkeit zu überzeugen, indem ich ihr nachstürzte und sie in die Arme
schloss. So kamen wir endlich an das Wasser und sahen nun, dass wir uns bei der
Heidenstube befanden, in einem wohlbekannten Bezirke. Hier war es womöglich noch
stiller als in dem Tannenwalde und am allerheimlichsten; die besonnte Felswand
spiegelte sich in dem reinen Wasser, über ihr kreisten drei grosse Habichte in
der Luft, sich unaufhörlich begegnend, und das Braun auf ihren Schwingen und das
Weiss an der inneren Seite wechselten und blitzten mit dem Flügelschlage und den
Schwenkungen im Sonnenscheine, während wir unten im Schatten waren. Ich sah dies
alles in meinem Glücke, indessen ich den guten Gäulen, welche nach dem Wasser
begehrten, die Zäume abnahm. Anna erblickte ein weisses Blümchen, ich weiss nicht,
was für eines, brach es und trat auf mich zu, es auf meinen Hut zu stecken; ich
sah und hörte jetzt nichts mehr, als wir uns zum dritten Male küssten. Zugleich
umschlang ich sie mit den Armen, drückte sie mit Heftigkeit an mich und fing an,
sie mit Küssen zu bedecken. Erst hielt sie zitternd einen Augenblick still, dann
legte sie ihre Arme um meinen Hals und küsste mich wieder; aber bei dem fünften
oder sechsten Kusse wurde sie totenbleich und suchte sich loszumachen, indessen
ich ebenfalls eine sonderbare Verwandlung fühlte. Die Küsse erloschen wie von
selbst, es war mir, als ob ich einen urfremden, wesenlosen Gegenstand im Arme
hielte, wir sahen uns fremd und erschreckt ins Gesicht, unentschlossen hielt ich
meine Arme immer noch um sie geschlungen und wagte sie weder loszulassen noch
fester an mich zu ziehen. Mich dünkte, ich müsste sie in eine grundlose Tiefe
fallen lassen, wenn ich sie losliesse, und töten, wenn ich sie ferner
gefangenhielt; eine grosse Angst und Traurigkeit senkte sich auf unsere
kindischen Herzen. Endlich wurden mir die Arme locker und fielen auseinander,
beschämt und niedergeschlagen standen wir da und blickten auf den Boden. Dann
setzte sich Anna auf einen Stein, dicht an dem klaren tiefen Wasser, und fing
bitterlich an zu weinen. Erst als ich dies sah, konnte ich mich wieder mit ihr
beschäftigen, so sehr war ich in meine eigene Verwirrung und in die eisige Kälte
versunken, die uns überfallen hatte. Ich näherte mich dem schönen, trauernden
Mädchen und suchte eine Hand zu fassen, indem ich zaghaft ihren Namen nannte.
Aber sie hüllte ihr Gesicht fest in die Falten des langen grünen Kleides,
fortwährend reichliche Tränen vergiessend. Endlich erholte sie sich ein wenig und
sagte bloss: »Oh! wir waren so froh bis jetzt!« Ich glaubte sie zu verstehen,
weil ich ziemlich das gleiche fühlte, nur nicht so tief wie sie; daher erwiderte
ich nichts, sondern setzte mich still etwas von ihr entfernt halb gegenüber, und
so blickten wir mit düsterm Schweigen in das feuchte Element. Von dessen Grunde
sah ich ihr Spiegelbild mit dem Krönchen heraufleuchten wie aus einer andern
Welt, wie eine fremde Wasserfei, die nach einem Vertrauens Frucht in die Tiefe
zu fliehen droht.
    Indem ich sie so gewaltsam an mich gedrückt und geküsst und sie in der
Verwirrung dies erwidert, hatten wir den Becher unserer unschuldigen Lust zu
sehr geneigt; sein Trank überschüttete uns mit plötzlicher Kälte, und das fast
feindliche Fühlen des Körpers riss uns vollends aus dem Himmel. Diese Folgen
einer so unschuldigen und herzlichen Aufwallung zwischen zwei jungen Leutchen,
welche einst als Kinder schon genau dasselbe getan ohne alle Bekümmernis, würden
vielen närrisch vorkommen; uns aber dünkte die Sache gar nicht spasshaft, und wir
sassen mit wirklichem Grame an dem Wasser, das um keinen Grad reiner war als
Annas Seele. Den wahren Grund der schreckhaften Begebenheit ahnte ich gar nicht;
denn ich wusste nicht, dass in jenem Alter das rote Blut weiser sei als der Geist
und sich von selbst zurückdämme, wenn es in ungehörige Wellen geschlagen worden.
Anna hingegen mochte sich hauptsächlich vorwerfen, dass sie nun doch für ihr
Nachgeben, dem Feste beizuwohnen, bestraft und ihre eigene Art und Weise
gröblich und roh gestört worden sei.
    Ein gewaltiges Rauschen in den Baumkronen ringsumher weckte uns aus der
melancholischen Versenkung, die eigentlich schon wieder an eine andere Art von
schönem Glück streifte; denn meiner Erinnerung sind die letzten Augenblicke, ehe
uns der starke Südwind wachrauschte, nicht weniger lieb und kostbar als jener
Ritt auf der Höhe und durch den Tannenwald. Auch Anna schien sich zufriedener zu
fühlen; als wir uns erhoben, lächelte sie flüchtig gegen mein eigenes
verschwindendes Bild im Wasser; doch schienen ihre anmutig entschiedenen
Bewegungen zugleich zu sagen Wage es ferner nicht, mich zu berühren!
    
    Die Pferde hatten längst zu trinken aufgehört und standen verwundert in der
engen Wildnis, wo sie zwischen Steinen und Wasser beinahe keinen Raum fanden,
sich zu regen; ich legte ihnen das Gebiss an, hob Anna auf den Schimmel, und
denselben führend, suchte ich auf dem schmalen, oft vom Flüsschen
beeinträchtigten Pfade so gut als möglich vorwärtszudringen, während der Braune
geduldig und treulich nachfolgte. Wir gelangten auch wohlbehalten auf die Wiesen
und endlich unter die Bäume vor dem alten Pfarrhause. Kein Mensch war daheim,
selbst der Oheim und seine Frau waren auf den Abend fortgegangen, und alles
still um das Haus. Dieweil Anna sogleich hineineilte, zog ich den Schimmel in
den Stall, sattelte ihn ab und steckte ihm sein Heu vor. Dann ging ich hinauf,
um für den Braunen etwas Brot zu holen, da ich auf ihm noch dem Schauspiele
zuzueilen gedachte. Auch forderte mich Anna gleich dazu auf, als ich in die
Stube kam. Sie war schon umgekleidet und flocht eben ihr Haar etwas hastig in
seine gewohnten Zöpfe; über dieser Beschäftigung von mir betroffen, errötete sie
aufs neue und wurde verlegen.
    Ich ging hinab, den Braunen zu füttern, und während ich ihm das Brot
vorschnitt und ein Stück um das andere in das Maul steckte, stand Anna an dem
offenen Fenster, ihr Haar vollends aufbindend, und schaute mir zu. Die
gemächliche Beschäftigung unserer Hände in der Stille, die über dem Gehöfte
lagerte, erfüllte uns mit einer tiefen und von Grund aus glücklichen Ruhe, und
wir hätten jahrelang so verharren mögen; manchmal biss ich selbst ein Stück von
dem Brote, ehe ich es dem Pferde gab, worauf sich Anna ebenfalls Brot aus dem
Schranke holte und am Fenster ass. Darüber mussten wir lachen, und wie uns das
trockene Brot so wohl schmeckte nach dem festlichen und geräuschvollen Mahle, so
schien auch die jetzige Art unseres Zusammenlebens das rechte Fahrwasser zu
sein, in welches wir nach dem kleinen Sturme eingelaufen und in welchem wir
bleiben sollten. Anna gab ihre Zufriedenheit auch dadurch zu erkennen, dass sie
das Fenster nicht verliess, bis ich weggeritten war.
 
                              Siebzehntes Kapitel
                            Die barmherzigen Brüder
Gleich vor dem Dorfe kam der Schulmeister gefahren mit dem oheimlichen Ehepaar,
denen ich sagte, dass Anna schon zu Hause sei; und ein Stück weiter stiess ich auf
des Müllers Knecht, welcher dessen Pferd nach Hause führte. Da ich vernahm, dass
schon alles bei der Zwinguri versammelt und dort ein grosses Hallo sei, auch der
Weg dahin nicht mehr weit war, gab ich meinen Gaul auch dem Knecht und eilte zu
Fuss weiter. Zur Zwinguri hatte man eine verfallene Burgruine bestimmt, welche
auf dem höchsten Punkte einer Bergallmende steht und eine weite Aussicht ins
Gebirge hinüber gewährt. Die Trümmer waren durch einiges Stangen- und
Brettergerüst so bekleidet, als ob sie eben im Aufbau statt im Verfalle wären,
und mit den Kränzen der triumphierenden Tyrannei behangen. Die Sonne ging eben
unter, als ich ankam und sah, wie das Volk das Gerüste zusammenbrach und mit den
Kränzen auf einen gewaltigen Holz- und Reisighaufen warf und diesen anzündete.
Hier ging auch die Verherrlichung des Tell vor sich, statt vor seinem Hause,
doch nicht mehr nach der geschriebenen Ordnung, sondern infolge einer
allgemeinen Erfindungslust, wie der Augenblick sie in den tausend Köpfen
erweckte, und der Schluss der Handlung ging unbestimmt in eine rauschende
Freudenfeier über. Die weggejagten Zwingherren mit ihrem Trosse waren wieder
herangeschlichen und gingen um unter dem Volke als vergnügte Gespenster; sie
stellten die harmloseste Reaktion vor. Auf allen Hügeln und Bergen sahen wir
jetzt die Fastnachtsfeuer brennen, und das unsrige flammte bereits in grossem
Umfange; wir standen in einem Kreise hundertweise darum, und Tell, der Schütz,
zeigte sich jetzt auch als einen guten Sänger, sogar als einen Propheten, indem
er ein kräftiges Volkslied von der Sempacherschlacht vorsang, dessen Chorzeilen
von allen wiederholt wurden. Wein war in Menge vorhanden; es bildeten sich
mehrere Liederkreise, schlichte, einstimmige, welche alte Lieder sangen, wie
vierstimmige Männerchöre mit neuen Liedern, gemischte Singschulen von Mädchen
und Jünglingen, Kinderscharen, alles sang, klang und wogte durcheinander auf der
Allmende, über welche das Feuer einen rötlichen Schein verbreitete. Vom Gebirge
herüber wehte immer stärker und wärmer der Föhn und wälzte grosse Wolkenzüge über
den Himmel; je dunkler die Luft wurde, desto lauter ward die Freude, die
zunächst um Burgtrümmer und Feuer in einem grossen Körper lagerte, dann die Halde
hinab sich in viele Gruppen und einzelne auflöste, die hier noch im rötlichen
Scheine streiften, dort in der Dunkelheit jauchzten. Noch weiterhin summte die
Lust aus den dunklen Gefilden und glänzte zuletzt wieder sichtbar in den
zahlreichen Flammen am Horizonte. Der uralte gewaltige Frühlingshauch dieses
Landes, obschon er Gefahr und Not bringen konnte, weckte ein altes, trotzig
frohes Naturgefühl, und indem er in die Gesichter und in die heissen Flammen
wehte, ging die Ahnung zurück vom Feuerzeichen des politischen Bewusstseins über
die Christenfeuer des Mittelalters zu dem Frühlingsfeuer der Heidenzeit, das
vielleicht zur selben Stunde, auf derselben Stelle gebrannt. In den dunklen
Wolkenlagern schienen Heerzüge verschwundener Geschlechter vorüberzuziehen,
manchmal anzuhalten über dem nächtlich singenden und tönenden Volkshaufen, als
ob sie Lust hätten, herabzusteigen und sich unter die zu mischen, welche ihre
Spanne Zeit am Feuer vergassen. Es war aber auch eine köstliche Stelle, diese
Allmende; der bräunliche Boden, vom ersten Anflug des ergrünenden wilden Grases
überschossen, dünkte uns weicher und elastischer als Sammetpolster, und vor der
fränkischen Zeit schon war er für die Bewohner der Gegend dasselbe gewesen, was
heute.
    Die Stimmen der Weiber waren mit der Nacht lauter geworden; während die
älteren schon fortgegangen und die verheirateten Männer sich zusammentaten, um
vertraute Zechstuben aufzusuchen, begannen die Mädchen ihre Herrschaft
unbefangener auszuüben, erst in lachenden Kreisen, bis zuletzt alles beieinander
war, was zusammengehörte, und jedes Paar auf seine Weise sich zeigte oder
verbarg. Doch als das Feuer zusammenfiel, lösten sich die verschlungenen
Menschenkränze und begannen in grossen und kleinen Gruppen dem Städtchen
zuzuziehen, wo auf dem Ratause sowie in einigen Gastäusern Trompeten und
Geigen sie erwarteten. Ich hatte mich in dem Gedränge unstet herumgetrieben und
vergnügte mich nun an der verlöschenden Glut, um welche ausser einigen Knaben nur
noch jene Fratzgestalten herumtanzten, weil der Spass sie nichts kostete. Sie
sahen in den flatternden Hemden und mit den hohen Papiermützen aus wie
Gespenster, die dem grauen Gemäuer entstiegen Einige zählten auch die Münzen,
welche sie etwa erhascht, andere suchten aus dem Feuer noch ein verkohltes
Holzscheit zu ziehen, und besonders einen sah ich, welcher sich zu den tollsten
Sprüngen angestrengt und den ich für einen jungen Taugenichts gehalten, nunmehr
nach der Entlarvung als ein eisgraues Männchen zum Vorschein kommen und sich
hastig mit einem rauchenden Fichtenklotze abquälen.
    Ich wandte mich endlich hinweg und ging langsam davon, unschlüssig, ob ich
nach Hause kehren oder dem Städtchen zusteuern solle. Mein Mantel, der Degen und
die Armbrust waren mir längst hinderlich; ich nahm alles zusammen unter den Arm,
und als ich rascher von der Allmende hinunterschritt, fühlte ich mich so munter
und lebenslustig wie am frühen Morgen, und je länger ich ging, desto stärker
erwachte mir das kühne Verlangen, einmal die Nacht zu durchschwärmen, und
zugleich die Reue, dass ich Anna so leichten Kaufes entlassen. Ich bildete mir
ein, ganz der Mann dazu zu sein ein Liebchen eine festliche Nacht
entlangzuführen, unter Tanz, Becherklang und Scherz. Ich machte mir die
bittersten Vorwürfe, den einzigen Tag so ungeschickt und schwachmütig verpfuscht
zu haben, und stellte mir zugleich voll Eitelkeit vor, dass es Anna ebenso ergehe
und sie vielleicht schlaflos sich nach mir sehne; denn es mochte schon neun Uhr
vorüber sein.
    Unversehens war ich in dem Flecken angelangt, welcher von Musik ertönte, und
als ich in einen übervollen Saal trat, in welchem die blühenden Paare sich
drehten, da klopfte mein Blut immer unwilliger und heisser; ich bedachte nicht,
dass wir die einzigen sechszehnjährigen Leutchen gewesen wären, die sich im
offenkundigen Vereine zeigten, noch weniger, dass unsere heutigen Erlebnisse
zehnmal schöner waren als alles, was diese lärmende Jugend hier geniessen konnte,
und dass ich mich in der Erinnerung derselben reich und glücklich genug hätte
fühlen sollen. Ich sah nur die Freude der Volljährigen, der Verlobten und
Selbständigen, und masste mir ihr Recht an, ohne im mindesten zu merken, dass mein
prahlerisches Blut, sobald ich Anna wirklich zur Seite gehabt hätte,
augenblicklich wieder zahm geworden wäre. Es gereicht mir auch nicht zur Ehre,
dass es ihrer leibhaften Gegenwart bedurfte, mich zur Bescheidenheit
zurückzuführen. Doch als ich von meinen Vettern und Bekannten als ein verloren
Geglaubter tapfer begrüsst und in den Strudel gezogen wurde, blendete mich das
Licht der Freude, dass ich mich und meinen Ärger vergass und der Reihe nach mit
den drei Basen tanzte. Ich erhitzte mich immer mehr, ohne zufrieden zu sein; die
Lust, welche im ganzen soviel Geräusch machte, ging mir im einzelnen viel zu
langsam und nüchtern vor sich. So freudestrahlend alle die jungen Leute
dreinblickten, schien es mir doch nur ein matter Schimmer zu sein gegen den
Glanz, der in meiner Phantasie wach geworden. Unruhig streifte ich durch einige
Trinkstuben, die neben dem Saale waren, und wurde von einer Gesellschaft junger
Burschen angehalten, welche purpurroten Wein tranken und dazu sangen. Hier
schien meine Sehnsucht endlich ein Ziel zu finden; ich trank von dem kühlen
Wein, dessen schöne Farbe meinen Augen sehr wohl gefiel, und fing
leidenschaftlich an zu singen. Kaum hatte ein Lied geendet, so begann ich ein
anderes, schlug ein rascheres Tempo an und erhob bei ausdrucksvollen Stellen die
Stimme, dass sie bald die anderen übertönte. Verwundert, dass der Duckmäuser aus
der Stadt noch besser trinken und lärmen könne als sie, wollten die Bursche
nicht zurückbleiben; wir feuerten uns gegenseitig an, ich sang und sang immerzu
und bemerkte erst bei einem Rundgesange, wo ich eine Weile schweigen musste, dass
sämtliche Bäschen durch die Türe guckten und mich mit Erstaunen in meiner
Herrlichkeit sitzen sahen. Sie lachten mir zu, winkten drohend, weil ich ihr
Panier verlassen, und forderten mich auf, wieder zu tanzen. Aber ich war nun ein
gemachter und angesehener Mann unter meinen Gesellen, ganz wie einst als Knabe,
wo ich eine Zeitlang den Renommisten gespielt, und als einige davon sich wieder
nach Mädchen umsahn, brach ich mit zwei wilden Jünglingen auf, das Städtchen zu
durchziehen. Arm in Arm stürmte ich mit den gesunden Bauerssöhnen über die
Strasse; wir gaben uns die lustigsten Redensarten zum besten, sangen und
empfanden das gefällige Behagen, welches entsteht, wenn Ungleiches sich eint und
zusammen freut.
    Doch schon im nächsten Tanzhause, in das wir traten, verlor ich einen um den
andern meiner neuen Freunde, indem sie hier fanden, was sie wahrscheinlich
gesucht hatten, und ich setzte allein, aber rastlos, den Streifzug fort. Hie und
da schaute ich einen Augenblick zu, erwiderte ungesäumt die Spässe, die man an
mich richtete, bis ich in eine Stube kam, wo an einem grossen runden Tische noch
vier von den barmherzigen Brüdern sassen. Zwei waren schon abgefallen und
verschwunden; die hier weilten, hatten bereits einen zweiten Rausch hinter sich
und befanden sich nun in jenem lässigen Zustande, in welchem erfahrene
Zechbrüder einen lustigen Tag austönen lassen, fragwürdige Witze machen und
ihren Wein so trinken, als ob sie nicht mehr viel darum gäben, sich aber wohl
hüten, schliesslich einen Tropfen zu verlieren.
    Etwas entfernt von ihnen sass am gleichen Tische die Judit, welcher die
Brüder der Sitte gemäss ein Glas geboten. Sie schien sich ganz allein bei dem
Feste umgesehen und nun ein Gefallen daran zu haben, die Witze und
Verfänglichkeiten dieser Herren schlagfertig zurückzugeben und sie in Respekt zu
halten, wozu es keiner geringen Gewandteit und Kraft bedurfte. Sie sass ebenso
lässig da, zurückgelehnt und halb abgewandt, und warf ihre Erwiderungen
gleichmütig hin. Die Mönche hatten die Flachsbärte abgelegt und die gefärbten
Nasen gewaschen; nur der älteste, welcher einen angehenden Kahlkopf und eine
natürliche Feuernase besass, prangte noch mit dem hohen Rot derselben. Dies war
der Unnützeste und rief mir zu, als ich vorübergehen wollte: »Heda, Grünspecht!
wo hinaus?« Ich stand still und erwiderte: »Guter Freund! Ihr habt vergessen,
den Zinneber von Eurer Nase zu wischen, wie die anderen Brüder doch getan! Ich
mache Euch hiemit aufmerksam, damit Ihr nicht etwa Euer Kopfkissen rot macht.«
    Das Gelächter der übrigen nahm mich sogleich in den holden Bund auf; ich
musste mich setzen und ein Glas annehmen, worauf sie sagten: »Und dennoch, könnt
Ihr glauben, dass dieser Kerl es noch für nötig befunden hat, heut seine Nase zu
schminken?«, - »Das war freilich«, erwiderte ich, »ebenso töricht, als wenn man
eine Rose schminken wollte!«
    »Und dazu viel gefährlicher«, versetzte ein anderer, »denn eine Rose
schminken heisst ein Werk Gottes verbessern wollen, und der liebe Gott verzeiht!
Aber eine rote Nase schminken heisst den Teufel verhöhnen, und der verzeiht
nicht!«
    So ging es fort; sie verhandelten nun seinen Kahlkopf, wobei ich aber bald
weit zurückblieb, indem sie über diesen Gegenstand allein wohl zwanzig
verschiedene Witze machten, welche in der Phantasie die lächerlichsten
Vorstellungen erregten und von denen einer den andern an Neuheit und Kühnheit
der Bilder überbot. Judit lachte, als die Taugenichtse über sich selbst
herfuhren, und als der Angegriffene dies sah, suchte er sich aus dem Feuer zu
retten, indem er sich gegen sie wendete. Sie sass da in einem schlichten braunen
Kleide, die Brust mit einem weissen Halstuche bedeckt, welches ein wenig ihren
prächtigen Hals sehen liess; um diesen lag eine feine Goldkette und verlor sich
im Halstuche; sonst trug sie keinen Putz als ihr schönes braunes Haar. Der
Kahlkopf blinzelte mit den Augen und sang:
»Mein Schatz, um deinen weissen Hals
Geht eine Schnur von Katzengold,
Die führt an deinem Busam
Teuf in dein falsches Herz!«
Judit erwiderte schnell: »Damit Ihr meinen weissen Hals einmal vergesst, will ich
Euch auch ein Lied von etwas Weissem berichten!« und sie sang nicht, sondern
sagte einfach wohlklingend:
»Es ist eine üble Zeit!
Luna, die weiland keusche Maid,
Liebäugelt auf den Köpfen alter Sünder
Am hellen Tag und höhnt uns arme Kinder.
Schäm dich, Mondschein!
Ich tat das Fenster auf
In dunkler Nacht und suchte Lunas Lauf;
Da glänzt' sie frech an meines Hauses Schwelle,
Wild goss ich Wasser auf die weisse Stelle.
Schäm dich, Mondschein!«
Ihre Mutter war gestorben, auch hatte sie seiter in einer ausländischen
Lotterie mehrere tausend Gulden gewonnen, da sie aus langer Weile sich mit
dergleichen Dingen befasste. So schien sie nun mehr als je für schwere und
leichte Schnapphähne ein guter Fang, und der Kahle glaubte sie, nachdem er
verschiedene Anleihen bei ihr gemacht, welche sie ihm lachend gewährte, im
Sturme nehmen zu können, ward aber ebenso lachend abgewiesen. Das obige Liedchen
aber schien sogar auf ein schlimmes Abenteuer zu deuten, welches er auf seiner
Freite bestanden. Denn mit einer ganz heillosen Diskretion sahen sich die drei
übrigen an, mit funkelnden Augen und mühsam verhaltenem Munde, indem sie
anfingen, halblaut zu summen:
»Hm! hm! - hm! hm! hm!
hm! hm! hm! - hm! hm! hm!«
Der Rhytmus dieses Gesummes war so verführerisch, dass ich mit einstimmte und
eine stolze Glückseligkeit empfand, mit den Spöttern singen zu dürfen hm hm hm!
hm hm hm! - es war still und feierlich in der nur noch schwach erleuchteten
Stube, und mit feierlicher Behaglichkeit setzten wir die seltsamen Takte fort.
Judit lachte hell auf und rief: »O ihr Kindsköpfe!« Da brachen wir laut aus:
»Ha ha ha! - ha ha ha!«
    Der Gehöhnte aber spähte umher, zog unversehens dem lautesten Spötter ein
hervorguckendes Blatt aus der Kutte und las dessen Überschrift: »Christliche
Wochenbötin, ein konservatives Volksblättlein.« Der Spott entlud sich nun auf
den Überraschten, dessen schwache Seite sein Konservatismus war, den er weder
genugsam zu erklären noch zu verteidigen vermochte. Diese Benennung war erst
seit einiger Zeit im Umlauf und fing einige Leute, welche vorher im Nebelhaften
geschwebt. Der Kahle forderte den Konservativen auf, er solle einmal sagen, was
er sich eigentlich darunter denke, wenn er behaupte, konservativ zu sein. Dieser
wollte tun, als ob er hierin keinen Spass verstehe, und wünschte mit wichtigem
Gesicht, nicht zu politisieren! Doch ein anderer rief: »Die Erklärung ist schon
im Paradies zu suchen! Als Adam den Tieren ihren Namen gab, war eines darunter,
das wedelte gar bedächtig mit den Ohren und sagte, es sei konservativ; es konnte
aber keinen Grund hiefür angeben, und Adam sagt: Du sollst Esel heissen!« Erbost
rückte dieser nun mit seinem innersten und eigentlichen Grunde, der seine fixe
Idee war, heraus und warf dem Radikalismus vor, dass er den Wein versäuert und
verteuert hätte. Wenn man noch ein süsses und billiges Glas trinken wolle, so sei
dieses einzig in den abgelegenen altväterischen Wirtschaften zu finden, wo die
alten Zöpfe hinkröchen, sich vor der Welt zu verbergen. »Sauft«, schrie er, »den
radikalen Rachenputzer eurer berühmten politischen Wirte! Ich halt es mit den
Zöpfen!« Da allerdings etwas Wahres in diesem Vorwurfe lag, so entbrannten die
drei übrigen ihrerseits im Zorne, schalten den Konservativen einen Verleumder
und suchten ihm zu beweisen, dass er ohne den Radikalismus gar keinen Wein zu
riechen bekäme, weder guten noch schlechten; dass er selbst als konservativer
Parteibedienter völlig überflüssig wäre und von seinen Zöpfen den Schuh unter
den Rücken erhielte statt des stärkenden Weinchens der Proselytenbelohnung. Dies
führte zu einem hitzigen Gefechte, worin die Herren gegenseitig ihre Grundsätze,
Tatsachen und Parteifahrer heruntermachten, und das in Ausdrücken,
Vergleichungen und Wendungen, Schlag auf Schlag, wie sie kein dramatischer
Dichter für seine Volksszenen treffender und eigentümlicher erfinden könnte;
nicht einmal nachzuschreiben wären sie, so leicht und blitzähnlich entsprangen
die Witze aus den Voraussetzungen, welche bald wahr und richtig, bald böslich
ersonnen, doch immer sich auf die Verhältnisse und Personen gründeten. Ein
Leitartikel oder eine Rede wäre zwar aus diesem Turnier nicht zu schöpfen
gewesen; doch konnte man sehen, welch eine ganz vertrackte Kritik das Volk auf
seine Weise führt und wie sehr sich derjenige trügt, welcher, von der Tribüne
herunter zu zweifelhaften Zwecken das »biedere, gute Volk« anrufend, ein allzu
wohlwollendes und naives Patos voraussetzt. Selbst Äusserlichkeiten,
Angewöhnungen und körperliche Gebrechen, wurden in einen solchen Zusammenhang
mit den Worten und Handlungen hervorragender Männer gebracht, dass die letzten
nur eine notwendige Folge der ersten zu sein schienen und man glaubte, in den
ungelehrten, aber phantasiereichen Volksleuten die doktrinärsten Physiognomisten
vor sich zu sehen. Mancher angesehene Mann ward hier zu einem lächerlichen oder
unheimlichen Popanz umgeschaffen, dass er leibhaft zu sehen war, und selbst die
Verteidigung desselben hätte etwas Demütigendes für ihn gehabt, wenn er sie
gehört hätte.
    Wie in einer ganz anderen Welt war ich hier als bei dem Schulmeister; und
doch fühlte ich mich gleich zu Hause und schlürfte die starken und
rücksichtslosen Redensarten, die spöttischen und wilden Einfälle ebenso
andächtig ein wie die gewählten ruhigen Worte von Annas Vater. Ich schien mir
dort ein anderer und hier ein anderer und doch immer der gleiche zu sein. Ich
freute mich, dass mein Leben eine Seite um die andere vor mir auftat, und war
stolz darauf, indem ich mir einbildete, dass diese lustigen Männer mich ihrer
Gesellschaft würdig achteten und ihre Witze vor mir nicht zurückhielten. Mit
Vergnügen dachte ich an den Schulmeister und wie ich fürder ernstaft und
anständig mit ihm disputieren wolle, während ich doch noch von was anderm wüsste;
denn es schien mir nun darauf anzukommen, nirgends ausgeschlossen zu sein und
alles zu übersehen.
 
                              Achtzehntes Kapitel
                                     Judit
Die barmherzigen Brüder waren durch die Politik wieder rüstig und munter
geworden und hatten die Flaschen neu füllen lassen, obgleich Mitternacht lange
vorüber, als Judit plötzlich aufbrach und sagte: »Frauen und junge Knaben
gehören nun nach Hause! Wollt Ihr nicht mitkommen, Vetter, da wir den gleichen
Weg haben?« Ich sagte ja, doch müsste ich erst nach meinen Verwandten sehen,
welche wahrscheinlich auch mitkommen würden. »Die werden wohl schon fort sein«,
erwiderte sie, »denn es ist spät; wenn ich nicht darauf gerechnet hätte, dass ich
mit Euch gehen könnte, so wäre ich auch längst fort.« - »Oho!« riefen die
Zecher, »als ob wir nicht auch da wären! Wir alle begleiten Euch! Das soll nicht
gesagt sein, dass die Judit nicht Begleiter zur Auswahl habe!« Sie erhoben sich
und sorgten, noch den frischen Wein unterzubringen, während Judit mir winkte
und, auf dem Flur angekommen, sagte: »Diese vier Heiden wollen wir schön
anführen!« Auf der Strasse sah ich, dass der Saal, wo meine Vettern und Basen sich
aufgehalten, schon dunkel war, und mehrere Leute bestätigten ihre Heimkehr. So
musste ich der Judit folgen, als sie mich durch ein dunkles Seitengässchen ins
Freie und durch einige Feldwege auf die Landstrasse führte, dass wir einen
Vorsprung gewannen und die vier Männer hinter uns rufen hörten. Indem wir eilend
weiterschritten, gingen wir um einige Spannen entfernt nebeneinander her; ich
hielt mich spröde zurück, während mein Ohr keinen Ton ihres festen und doch
leichten Schrittes verlor und begierig das leise Rauschen ihres Kleides vernahm.
Die Nacht war dunkel, aber das Frauenhafte, Sichere und die Fülle ihres Wesens
wirkte aus allen Umrissen ihrer Gestalt wie berauschend auf mich, dass ich alle
Augenblicke hinüberschielen musste, gleich einem angstvollen Wanderer, dem ein
Feldgespenst zur Seite geht. Und wie der Wanderer mitten in seiner Angst sein
christliches Bewusstsein wachruft zum Schutze gegen den unheimlichen Begleiter,
trug ich während des verlockenden Ganges einen geistlichen Hochmut der
Sprödigkeit und der Unfehlbarkeit in mir. Judit sprach von den Männern und
lachte über sie, erzählte mir unbefangen die Dummheiten, die der eine ihr
gemacht, und fragte mich, ob Luna nicht eine alte Mondgöttin wäre? Wenigstens
habe sie das immer vermutet, wenn sie jenes Lied in einem Buche gelesen; es habe
auch gut für den Schlingel gepasst. Dann fragte sie mich plötzlich, warum ich so
stolz geworden sei und sie so lange nie mehr angesehen, viel weniger besucht
habe? Ich wollte mich damit entschuldigen, dass sie keinen Verkehr mit dem Hause
meines Oheims pflege und ich daher schicklicherweise auch nicht veranlasst sei,
sie zu sehen.
    »Ach was!« sagte sie, »Ihr seid ja ebensogut mein Vetter und könnt mich von
Rechts wegen wohl heimsuchen, wenn Ihr wollt! Damals, wo Ihr so jung gewesen,
habt Ihr mich so gern gehabt, und Ihr seid mir immer ein wenig lieb; aber jetzt
habt Ihr ein Schätzchen, in welches Ihr verliebt seid, und meint, keine andere
Frau mehr ansehen zu dürfen!«
    »Ich ein Schätzchen?« erwiderte ich, und als sie diese Behauptung
wiederholte und Anna nannte, leugnete ich die Sache auf das bestimmteste. Wir
waren unversehens beim Dorfe angekommen, in welchem noch viele Stimmen laut
wurden und die jungen Leute über die Gasse gingen; Judit wünschte ihnen aus dem
Wege zu gehen, und obgleich ich nun füglich meine Strasse hätte ziehen können,
leistete ich doch keinen Widerstand und folgte ihr unwillkürlich, als sie mich
bei der Hand nahm und zwischen Hecken und Mauern durch ein dunkles Wirrsal
führte, um ungesehen in ihr Haus zu gelangen. Sie hatte ihre Äcker verkauft und
nur einen schönen Baumgarten nächst dem Hause behalten, in welchem sie ganz
allein wohnte. Der genossene Wein erhöhte die Aufregung, in welcher ich mich
befand, wie wir so durch die engen Wege hinschlüpften, und als, bei dem Hause
angekommen, Judit sagte: »Kommt herein, ich will noch einen Kaffee kochen!« und
ich hineinging und sie die Haustüre fest hinter uns verriegelte, da klopfte mir
das Herz mit ungewisser Furcht, während ich mich übermütig des Abenteuers freute
und mich vermass, dasselbe zu meiner Ehre, aber verwegen zu bestehen. An Anna
dachte ich gar nicht, mein wallendes Blut verfinsterte ihr Bild und liess nur den
Stern meiner Eitelkeit durchschimmern; denn, genau erwogen, wollte ich nur um
meiner selbst willen meine Standhaftigkeit erproben. Doch darf ich mir gestehen,
dass es im Grunde eine Art romantischen Pflichtgefühls war, welches mich antrieb,
keiner merkwürdigen Erfahrung auszuweichen. Auch verlor sich die unheimliche
Aufregung, sobald Judit Licht angezündet und ein helles Feuer entflammt hatte.
Ich sass auf dem Herde und plauderte ganz vergnüglich mit ihr, und indem ich
fortwährend in ihr vom Feuer beglänztes Gesicht sah, glaubte ich stolz mit der
Gefahr spielen zu können und träumte mich in die Lage der Dinge zurück, wie ich
vor zwei Jahren noch ihr Haar auf- und zugeflochten hatte. Während der Kaffee
singend kochte, ging sie in die Stube, um ihr Halstuch abzulegen und ihr
Sonntagskleid auszuziehen, und kam im weissen Untergewande zurück, mit blossen
Armen, und aus der schneeweissen Leinwand entüllten sich mit blendender
Schönheit ihre Schultern. Sogleich ward ich wieder verwirrt, und erst
allmählich, indem ich unverwandt sie anschaute, entwirrte sich mein flimmernder
Blick an der ruhigen Klarheit dieser Formen. Ich hatte sie schon als Knabe ein-
oder zweimal so gesehen, wenn sie beim Ankleiden nicht sehr auf mich achtete,
und obgleich ich jetzt anders sah als damals, schien doch die gleiche
Vorwurfslosigkeit auf diesem Schnee zu ruhen; auch bewegte sich Judit so sicher
und frei, dass diese Sicherheit auch auf mich überging. Sie trug den fertigen
Kaffee in die Stube, setzte sich neben mich, und indem sie das herbeigeholte
Kirchenbuch aufschlug, sagte sie: »Seht, ich habe alle die Bildchen noch, die
Ihr mir gezeichnet habt!« Wir betrachteten die kindischen Dinger, eins ums
andere, und die unsicheren Striche von damals kamen mir höchst seltsam vor, wie
vergessene Zeichen einer unabsehbar entschwundenen Zeit. Ich erstaunte vor
diesen Abgründen der Vergessenheit, die zwischen den kurzen Jugendjahren liegen,
und betrachtete die Blättchen sehr nachdenklich; auch die Handschrift, womit ich
die Sprüche hineingeschrieben, war eine ganz andere und noch diejenige aus der
Schule. Die ängstlichen Züge sahen mich traurig an; Judit sah auch eine
Zeitlang still auf das gleiche Bildchen mit mir, dann sah sie mir plötzlich
dicht in die Augen, indem sie ihre Arme um meinen Hals legte, und sagte: »Du
bist immer noch der gleiche! An was denkst du jetzt?« - »Ich weiss nicht!«
erwiderte ich. - »Weisst du«, fuhr sie fort, »dass ich dich gleich fressen möchte,
wenn du so studierst, ins Blaue hinaus!« und sie drückte mich enger an sich,
während ich sagte: »Warum denn?« - »Ich weiss selbst nicht recht; aber es ist so
langweilig unter den Leuten, dass man oft froh ist, wenn man an etwas anderes
denken kann; ich möchte dies auch gern, aber ich weiss nicht viel und denke immer
das gleiche, obschon mir etwas Unbekanntes im Kopfe herumgeht; wenn ich dich nun
so staunen sehe, so ist es mir, als ob du gerade an das denkst, woran ich auch
gern sinnen möchte; ich meine immer, es müsste einem so wohl sein, wenn man mit
deinen geheimen Gedanken in die Weite spazieren könnte!« So etwas hatte ich noch
niemals zu hören bekommen; obgleich ich wohl einsah, dass die Judit sich
allzusehr zu meinen Gunsten täuschte, was meine inneren Gedanken betraf, und ich
tief beschämt errötete, dass ich glaubte, die Röte meiner brennenden Wange müsse
ihre weisse Schulter anglühen, an welcher sie lag so sog ich doch Wort für Wort
dieser süssesten Schmeichelei begierig ein, und meine Augen ruhten dabei auf der
Höhe der Brust, welche still und rein aus dem frischen Linnen emporstieg und in
unmittelbarster Nähe vor meinem Blicke glänzte wie die ewige Heimat des Glückes.
Judit wusste nicht, oder wenigstens nicht recht, dass es jetzt an ihrer eigenen
Brust still und klug, traurig und doch glückselig zu sein war. Ich fühlte mich
ganz ausser der Zeit; wir waren gleich alt oder gleich jung in diesem
Augenblicke, und mir ging es durch das Herz, als ob ich jetzt die Ruhe
vorausnähme für alles Leid und alle Mühe, die noch kommen sollten. Ja, dieser
Augenblick schien so sehr seine Rechtfertigung in sich selbst zu tragen, dass ich
nicht einmal aufschreckte, als Judit, in dem Gesangbuch blätternd, ein
zusammengefaltetes Blatt hervorzog, es aufmachte, mir vorhielt und ich nach
langem Sinnen jenes beschriebene und an Anna gerichtete Liebesbriefchen
erkannte, das ich vor Jahren einst den Wellen übergeben hatte. »Leugnest du
noch, dass dies gute Kind dein Schätzchen sei?« sagte sie, und ich leugnete es
aus Mutwillen zum zweiten Male, das Blatt als eine vergessene Kinderei
erklärend.
    In diesem Augenblicke riefen Stimmen vor dem Hause, welche wir als
diejenigen der vier Männer erkannten. Sogleich löschte sie das Licht aus, dass
wir im Dunkeln sassen; doch die unten begehrten nichtsdestominder Einlass, indem
sie riefen: »So macht doch auf, schöne Judit, und wartet uns mit einer Tasse
heissen Kaffees auf! Wir wollen uns ehrbar benehmen und noch ein vernünftiges
Wort sprechen! Aber macht auf, zum Lohn dafür, dass Ihr uns so angeführt habt; es
ist Fastnacht, und Ihr dürft ohne Gefährde einmal die vier ruhmwürdigsten
Kumpane des Landes bewirten!«
    Wir hielten uns aber ganz still; schwere Regentropfen schlugen an die
Scheiben, es wetterleuchtete sogar, und in der Ferne donnerte es, dass es klang,
als wäre es Mai oder Juni. Um Judit kirre zu machen, sangen die Männer mit
heuchlerischer Sorgfalt ein vierstimmiges Lied, so schön sie konnten, und ihr
überwachter Zustand gab ihren Stimmen wirklich etwas gerührt Vibrierendes. Als
dies alles nichts half, fingen sie an zu fluchen, und einer kletterte am Spalier
zum Fenster empor, um in die dunkle Stube zu sehen. Wir bemerkten wohl seine
spitzige Kapuze, die er über den Kopf gezogen hatte; da erhellte mit einem Mal
ein Blitz die Stube, und der Späher konnte Judit ihres weissen Zeuges wegen
erkennen.
    »Die verwünschte Hexe sitzt ganz aufrecht und munter am Tisch!« rief er
gedämpft hinunter; ein anderer sagte: »Lass mich einmal sehen!« Doch während sie
sich ablösten und die Stube wieder finster war, huschte Judit schnell zu ihrem
Bett, nahm die weisse Decke desselben und warf sie über den Stuhl, worauf sie
mich leis nach dem Bett hinzog, welches man vom Fenster aus nicht sehen konnte.
Als jetzt ein zweiter, noch stärkerer Blitz die Stube ganz klar machte, sagte
der Mann, welcher die Augen wie eine Doppelbüchse auf den Stuhl gerichtet hatte:
»Sie ist es nicht, es ist nur ein weisses Tuch; das Kaffeegeschirr steht auf dem
Tisch, und das Kirchenbuch liegt dabei. Der Himmelteufel ist am Ende frömmer,
als man glaubt!«
    Judit aber flüsterte mir ins Ohr: »Der Schelm hätte dich jetzt ganz gewiss
erblickt, wenn wir sitzen geblieben wären!«
    Doch die gewaltigen Regengüsse, Blitz und Donner, die nun hereinbrachen,
vertrieben den Späher vom Fenster; wir hörten, wie sie ihre Kutten schüttelten
und auseinandersprangen, um im Dorfe ein Unterkommen zu suchen, da sie alle weit
von Hause waren. Als wir nichts mehr von ihnen hörten, sassen wir noch eine Weile
ganz still auf dem Bette und lauschten auf das Gewitter, welches das Häuschen
erzittern machte, so dass ich mein eigenes leises Zittern nicht recht davon
unterscheiden konnte. Ich umfasste Judit, um nur dies beklemmende Zittern zu
unterbrechen, und küsste sie auf den Mund; sie küsste mich wieder, fest und warm;
doch dann löste sie meine Arme von ihrem Hals und sagte: »Glück ist Glück, und
es gibt nur ein Glück; aber ich kann dich nicht länger hierbehalten, wenn du mir
nicht gestehen willst, dass du und des Schulmeisters Tochter einander gern habt!
Denn nur das Lügen macht alles schlimm!«
    Ohne Rückhalt begann ich nun, ihr die ganze Geschichte zu erzählen von
Anfang bis zu Ende, alles, was je zwischen Anna und mir vorgefallen, und verband
die beredte Schilderung ihres Wesens mit derjenigen der Gefühle, die ich für sie
empfand. Ich erzählte auch genau die Geschichte des heutigen Tages und klagte
der Judit meine Pein in betreff der Sprödigkeit und Scheue, welche immer wieder
zwischen uns traten. Nachdem ich lange so erzählt und geklagt, antwortete sie
auf meine Klagen nicht, sondern fragte mich: »Und was denkst du dir jetzt
eigentlich darunter, dass du bei mir bist?« Ganz verwirrt und beschämt schwieg
ich und suchte ein Wort; dann sagte ich endlich zaghaft: »Du hast mich ja
mitgenommen!« - »Ja«, erwiderte sie, »aber wärest du mit jeder anderen hübschen
Frau ebenso gegangen, die dich gelockt hätte? Besinne dich einmal hierauf!« Ich
besann mich in der Tat und sagte dann ganz entschieden: »Nein, mit gar keiner!«
- »Also bist du mir auch ein bisschen gut?« fuhr sie fort. Jetzt geriet ich in
die grösste Verlegenheit; denn die Frage zu bejahen, fühlte ich nun deutlich,
würde die erste eigentliche Untreue gewesen sein, und doch, als ich versuchte
ehrlich nachzudenken, vermochte ich noch weniger ein Nein hervorzubringen.
Endlich konnte ich doch nicht anders und sagte: »Ja - aber doch nicht so wie der
Anna!« - »Wie denn?« Ich umschlang sie ungestüm, und indem ich sie streichelte
und ihr auf alle Weise schmeichelte, fuhr ich fort: »Siehst du! für die Anna
möchte ich alles mögliche ertragen und jedem Winke gehorchen; ich möchte für sie
ein braver und ehrenhafter Mann werden, an welchem alles durch und durch rein
und klar ist, dass sie mich durchschauen dürfte wie einen Kristall; nichts tun,
ohne ihrer zu gedenken, und in alle Ewigkeit mit ihrer Seele leben, auch wenn
ich von heute an sie nicht mehr sehen würde! Dies alles könnte ich für dich
nicht tun! Und doch liebe ich dich von ganzem Herzen, und wenn du zum Beweis
dafür verlangtest, ich sollte mir von dir ein Messer in die Brust stossen lassen,
so würde ich in diesem Augenblicke ganz still dazu halten und mein Blut ruhig
auf deinen Schoss fliessen lassen!«
    Ich erschrak sogleich über diese Worte und entdeckte zugleich, dass sie
nichts weniger als übertrieben, sondern ganz der Empfindung gemäss waren, die ich
von jeher für Judit unbewusst getragen.
    Mit meinen Liebkosungen plötzlich innehaltend, liess ich die Hand auf ihrer
Wange liegen, und in diesem Augenblicke fühlte ich eine Träne darauf fallen.
Zugleich seufzte sie und sagte: »Was tue ich mit deinem Blute! - Oh! nie hat ein
Mann gewünscht, brav, klar und lauter vor mir zu erscheinen, und doch liebe ich
die Wahrheit wie mich selbst!«
    Betrübt sagte ich: »Aber ich könnte doch nicht dein ernstafter Liebhaber
oder gar dein Mann sein?« - »Oh, das weiss ich wohl und fällt mir auch gar nicht
ein!« erwiderte sie, »ich will dir auch sagen, was du von mir zu denken hast!
Ich habe dich zu mir gelockt, erstens, weil ich wieder einmal ein wenig küssen
wollte, was ich auch gleich hernach tun will, du bist mir dazu gerade recht!
Zweitens wollte ich dich als ein hochmütiges Bürschchen ein wenig in die Schule
nehmen, und drittens macht es mir Vergnügen, in Ermangelung eines andern, den
Mann zu lieben, der noch in dir verborgen ist, wie ich dich schon als Kind gern
gesehen habe.« Mit diesen Worten packte sie mich und fing an, mich zu küssen,
dass es mir gluteiss wurde und ich, nur um die Glut zu kühlen, ihre feuchten
Lippen festalten und wiederküssen musste. Als ich Anna geküsst, war es gewesen,
als ob mein Mund eine wirkliche Rose berührt hätte; jetzt aber küsste ich eben
einen heissen, leibhaften Mund, und der geheimnisvolle balsamische Atem aus dem
Innern eines schönen und starken Weibes strömte in vollen Zügen in mich über.
Dieser Unterschied war so spürbar, dass mitten im heftigen Küssen Annas Stern
aufging, eben als Judit mehr wie für sich flüsterte: »Denkst du nun auch an
dein Schätzchen?« - »Ja«, erwiderte ich, »und ich geh nun!« und wollte mich
losmachen.
    »So geh!« sagte sie lächelnd, doch löste sie ihre weichen blossen Arme auf
eine so sonderbare Weise auseinander, dass es mir schneidend weh tat, mich frei
zu fühlen, und eben wieder im Begriffe war, in dieselben zu sinken, als sie
aufsprang, mich noch einmal küsste und dann von sich stiess, indem sie leise
sagte: »Nun pack dich, es ist jetzt Zeit, dass du heimkommst!« Beschämt suchte
ich meinen Hut und eilte davon, dass sie laut lachte und mir kaum nachkommen
konnte, um mir die Haustüre auf zumachen. »Halt«, flüsterte sie, als ich
davonlaufen wollte, »geh da oben durch den Baumgarten hinaus und ein wenig ums
Dorf herum!« und sie kam mit mir durch den Garten in ihrem leichten Gewande,
obgleich es regnete und stürmte, was vom Himmel heruntermochte. Am Gatter stand
sie still und sagte: »Hör einmal! ich sehe nie einen Mann in meinem Hause, und
du bist der erste, den ich seit langer Zeit geküsst! Ich habe Lust, dir nun erst
recht treu zu bleiben, frage mich nicht warum, ich muss etwas probieren für die
lange Zeit, und es macht mir Spass. Dafür verlange ich aber, dass du jedesmal zu
mir kommst, wenn du im Dorfe bist, in der Nacht und heimlich; am Tage und vor
den Leuten wollen wir tun, als ob wir uns kaum ansehen möchten. Ich verspreche
dir, dass es dich nie gereuen soll. Es wird in der Welt nicht so gehen, wie du es
denkst, und vielleicht auch mit Anna nicht; das alles wirst du schon sehen; ich
sage dir nur, dass du später froh sein sollst, wenn du zu mir gekommen bist!« -
»Nie komme ich wieder!« rief ich etwas heftig. - »Bst! nicht so laut«, sagte
sie; dann sah sie mir ernstaft in die Augen, dass ich trotz Sturm und Dunkelheit
die ihrigen glänzen sah, und fuhr fort: »Wenn du mir nicht heilig und auf deine
Ehre versprichst, dass du wiederkommen willst, so nehm ich dich sogleich wieder
mit, nehme dich zu mir ins Bett, und du musst bei mir schlafen! Das schwör ich
bei Gott!«
    Es kam mir gar nicht in den Sinn, über diese Drohung zu lachen oder dieselbe
zu verachten; vielmehr versprach ich, so schnell ich konnte, in Judits Hand,
dass ich wiederkommen wollte, und eilte davon.
    Ich lief zu, ohne zu wissen wohin; denn der strömende Regen tat mir wohl; so
war ich bald aus dem Dorfe und auf eine Höhe gekommen, auf welcher ich
weiterging. Der Morgen graute und warf ein schwaches Licht in das Unwetter; ich
machte mir die bittersten Vorwürfe und fühlte mich ganz zerknirscht, und als ich
plötzlich zu meinen Füssen den kleinen See und des Schulmeisters Haus erblickte,
kaum erkennbar durch den grauen Schleier des Regens und der Dämmerung, da sank
ich erschöpft auf den Boden und brach gar jämmerlich in Tränen aus.
    Es regnete immerfort auf mich nieder, die Windstösse fuhren und pfiffen durch
die Luft und heulten erbärmlich in den Bäumen, ich weinte dazu wie ein Kind;
gehörigerweise machte ich niemandem Vorwürfe als mir selbst und dachte nicht
daran, der Judit irgendeine Schuld beizumessen. Ich fühlte mein Wesen in zwei
Teile gespalten und hätte mich vor Anna bei der Judit und vor Judit bei der
Anna verbergen mögen. Aber ich gelobte, nie wieder zu jener zu gehen und mein
Gelöbnis zu brechen; denn ich empfand ein grenzenloses Mitleid mit Anna, die ich
in der grauen feuchten Tiefe zu meinen Füssen jetzt so still schlafend wusste.
Endlich raffte ich mich auf und stieg wieder ins Dorf hinunter; der Rauch stieg
aus den Schornsteinen und kroch in wunderlichen Fetzen durch den Regen; etwas
gefasster sann ich darüber nach, was ich im Hause des Oheims über mein
nächtliches Ausbleiben vorgeben wolle, etwa, ich hätte mich verirrt und sei die
ganze Nacht umhergestreift. Dies war seit den kritischen Kinderjahren das erste
Mal, wo ich zu einem Zwecke wieder lügen musste; mehrere Jahre hindurch hatte ich
nicht mehr gewusst, was lügen sei, und diese Entdeckung machte mir vollends zu
Mute, als ob ich aus einem schönen Garten hinaus gestossen würde, in welchem ich
eine Zeitlang zu Gast gewesen.
 
                                  Dritter Band
                                  Erstes Kapitel
                           Arbeit und Beschaulichkeit
Ich schlief fest und traumlos bis zum Mittag; als ich erwachte, wehte noch immer
der warme Südwind, und es regnete fort. Ich sah aus dem Fenster und erblickte
das Tal auf und nieder, wie Hunderte von Männern am Wasser arbeiteten, um die
Wehren und Dämme herzustellen, da in den Bergen aller Schnee schmelzen musste und
eine grosse Flut zu erwarten war. Das Flüsschen rauschte schon stark und
graugelblich daher; für unser Haus war gar keine Gefahr, da es an einem sicher
abgedämmten Seitenarme lag, der die Mühle trieb; doch waren alle Mannspersonen
fort, um die Wiesen zu schützen, und ich sass mit den Frauensleuten allein zu
Tische. Nachher ging ich auch hinaus und sah die Männer ebenso rüstig und
entschlossen bei der Arbeit, als sie gestern die Freude angefasst hatten. Sie
schafften in Erde, Holz und Steinen, standen bis über die Knie in Schlamm und
Wasser, schwangen Äxte und trugen Faschinen und Balken umher, und wenn so acht
Mann unter einem schweren langen Baume einhergingen, konnte man glauben, sie
hielten wieder einen Aufzug; doch der Unterschied war gegen gestern, dass man
keine Tabakspfeifen sah. Ich konnte nicht viel helfen und war den Leuten eher im
Wege; nachdem ich daher eine Strecke weit das Wasser hinaufgeschlendert, kehrte
ich oben durch das Dorf zurück und sah auf diesem Gange die Tätigkeit auf allen
ihren gewohnten Wegen. Wer nicht am Wasser beschäftigt war, der fuhr ins Holz,
um die dortige Arbeit noch schnell abzutun, und auf einem Acker sah ich einen
Mann so ruhig und aufmerksam wäre. Ich schämte mich, allein so müssig und
zwecklos umherzugehen, und um nur etwas Entschiedenes zu tun, entschloss ich
mich, sogleich nach der Stadt zurückzukehren. Zwar hatte ich leider nicht viel
zu versäumen, und meine ungeleitete haltlose Arbeit bot mir in diesem
Augenblicke gar keine lockende Zuflucht, ja sie kam mir schal und nichtig vor;
da aber der Nachmittag schon vorgerückt war und ich durch Kot und Regen in die
Nacht hinein wandern musste, so liess eine asketische Laune mir diesen Gang als
eine Wohltat erscheinen, und ich machte mich trotz aller Einreden meiner
Verwandten ungesäumt auf den Weg.
    So stürmisch und mühevoll dieser war, legte ich doch die bedeutende Strecke
zurück wie einen sonnigen Gartenpfad; denn in meinem Innern erwachten alle
Gedanken und spielten fort und fort mit dem Rätsel des Lebens wie mit einer
goldenen Kugel, und ich war nicht wenig überrascht, mich unversehens in der
Stadt zu befinden. Als ich vor unser Haus kam, merkte ich an den dunklen
Fenstern, dass meine Mutter schon schlief; mit einem heimkehrenden Hausgenossen
schlüpfte ich ins Haus und auf meine Kammer, und am Morgen tat meine Mutter die
Augen weit auf, als sie mich unerwartet zum Vorschein kommen sah.
    Ich bemerkte sogleich, dass in unserer Stube eine kleine Veränderung
vorgegangen war. Ein Lotterbettchen stand an der Wand, welches die Mutter
billigen Preises von einem Bekannten gekauft, der es nicht mehr unterzubringen
wusste; es war von der grössten Einfachheit, leicht gebaut und nur mit weiss und
grünem Stroh überflochten und doch ein ganz artiges Möbel. Aber auf ihm lag ein
ansehnlicher Stoss Bücher, an die fünfzig Bändchen, alle gleich gebunden, mit
roten Schildchen und goldenen Titeln auf dem Rücken versehen und durch eine
starke vielfache Schnur zusammengehalten. Es waren Goetes sämtliche Werke,
welche ein Trödler, der mich mit alten Büchern und vergilbten Kupferblättern in
ein vorzeitiges gelindes Schuldentum zu verlocken pflegte, hergebracht hatte, um
sie mir zur Ansicht und zum Verkauf anzubieten. Vor einigen Jahren hatte ein
deutscher Schreinergeselle, welcher in unserer Stube etwas zurechtämmerte,
dabei von ungefähr gesagt: »Der grosse Goete ist gestorben«, und dies Wort klang
mir immer wieder nach. Der unbekannte Tote schritt fast durch alle
Beschäftigungen und Anregungen, und überall zog er angeknüpfte Fäden an sich,
deren Enden in seiner unsichtbaren Hand verschwanden. Als ob ich jetzt alle
diese Fäden in dem ungeschlachten Knoten der Schnur, welche die Bücher umwand,
beisammen hätte, fiel ich über denselben her und begann hastig ihn aufzulösen,
und als er endlich aufging, da fielen die goldenen Früchte des achtzigjährigen
Lebens auf das schönste auseinander, verbreiteten sich über das Ruhbett und
fielen über dessen Rand auf den Boden, dass ich alle Hände voll zu tun hatte, den
Reichtum zusammenzuhalten. Ich entfernte mich von selber Stunde an nicht mehr
vom Lotterbettchen und las vierzig Tage lang, indessen es noch einmal Winter und
wieder Frühling wurde; aber der weisse Schnee ging mir wie ein Traum vorüber, den
ich unbeachtet von der Seite glänzen sah. Ich griff zuerst nach allem, was sich
durch den Druck als dramatisch zeigte, dann las ich manches Gereimte, dann die
Romane, dann die Italienische Reise, und als sich der Strom hierauf in die
prosaischen Gefilde des täglichen Fleisses, der Einzelmühe verlief, liess ich das
Weitere liegen und fing von vorn an und entdeckte diesmal die ganzen Sternbilder
in ihren schönen Stellungen zueinander und dazwischen einzelne seltsam glänzende
Sterne, wie den Reineke Fuchs oder den Benvenuto Cellini. So hatte ich noch
einmal diesen Himmel durchschweift und vieles wieder doppelt gelesen und
entdeckte zuletzt noch einen ganz neuen hellen Stern Dichtung und Wahrheit. Ich
war eben mit diesem zu Ende, als der Trödler hereintrat und sich erkundigte, ob
ich die Werke behalten wolle, da sich sonst ein anderweitiger Käufer gezeigt
habe. Unter diesen Umständen musste der Schatz bar bezahlt werden, was jetzt über
meine Kräfte ging; die Mutter sah wohl, dass er mir etwas Wichtiges war, aber
mein vierzigtägiges Liegen und Lesen machte sie unentschlossen, und darüber
ergriff der Mann wieder seine Schnur, band die Bücher zusammen, schwang den Pack
auf den Rücken und empfahl sich.
    Es war, als ob eine Schar glänzender und singender Geister die Stube
verliessen, so dass diese auf einmal still und leer schien; ich sprang auf, sah
mich um und würde mich wie in einem Grabe gedünkt haben, wenn nicht die
Stricknadeln meiner Mutter ein freundliches Geräusch verursacht hätten. Ich
machte mich ins Freie; die alte Bergstadt, Felsen, Wald, Fluss und See und das
formenreiche Gebirge lagen im milden Schein der Märzsonne, und indem meine
Blicke alles umfassten, empfand ich ein reines und nachhaltiges Vergnügen, das
ich früher nicht gekannt. Es war die hingebende Liebe an alles Gewordene und
Bestehende, welche das Recht und die Bedeutung jeglichen Dinges ehrt und den
Zusammenhang und die Tiefe der Welt empfindet. Diese Liebe steht höher als das
künstlerische Herausstehlen des einzelnen zu eigennützigem Zwecke, welches
zuletzt immer zu Kleinlichkeit und Laune führt, sie steht auch höher als das
Geniessen und Absondern nach Stimmungen und romantischen Liebhabereien, und nur
sie allein vermag eine gleichmässige und dauernde Glut zu geben. Es kam mir nun
alles und immer neu, schön und merkwürdig vor, und ich begann nicht nur die
Form, sondern auch den Inhalt, das Wesen und die Geschichte der Dinge zu sehen
und zu lieben. Obgleich ich nicht stracks mit einem solchen fix und fertigen
Bewusstsein herumlief, so entsprang das nach und nach Erwachende doch durchaus
aus jenen vierzig Tagen, so wie deren Gesamteindrucke noch folgende Ergebnisse
ursprünglich zuzuschreiben sind.
    Nur die Ruhe in der Bewegung hält die Welt und macht den Mann; die Welt ist
innerlich ruhig und still, und so muss es auch der Mann sein, der sie verstehen
und als ein wirkender Teil von ihr sie widerspiegeln will. Ruhe zieht das Leben
an, Unruhe ruhe verscheucht es; Gott hält sich mäuschenstill, darum bewegt sich
die Welt um ihn. Für den künstlerischen Menschen nun wäre dies so anzuwenden,
dass er sich eher leidend und zusehend verhalten und die Dinge an sich
vorüberziehen lassen als ihnen nachjagen soll; denn wer in einem festlichen Zuge
mitzieht, kann denselben nicht so beschreiben wie der, welcher am Wege steht.
Dieser ist darum nicht überflüssig oder müssig, und der Seher ist erst das ganze
Leben des Gesehenen, und wenn er ein rechter Seher ist, so kommt der Augenblick,
wo er sich dem Zuge anschliesst mit seinem goldenen Spiegel, gleich dem achten
Könige im Macbet, der in seinem Spiegel noch viele Könige sehen liess. Auch
nicht ohne äussere Tat und Mühe ist das Sehen des ruhig Leidenden, gleichwie der
Zuschauer eines Festzuges genug Mühe hat, einen guten Platz zu erringen oder zu
behaupten. Dies ist die Erhaltung der Freiheit und Unbescholtenheit unserer
Augen.
    Ferner ging eine Umwandlung vor in meiner Anschauung vom Poetischen. Ich
hatte mir, ohne zu wissen wann und wie, angewöhnt, alles, was ich in Leben und
Kunst als brauchbar, gut und schön befand, poetisch zu nennen, und selbst die
Gegenstände meines erwählten Berufes, Farben wie Formen, nannte ich nicht
malerisch, sondern immer poetisch, so gut wie alle menschlichen Ereignisse,
welche mich anregend berührten. Dies war nun, wie ich glaube, ganz in der
Ordnung, denn es ist das gleiche Gesetz, welches die verschiedenen Dinge
poetisch oder der Widerspiegelung ihres Daseins wert macht; aber in bezug auf
manches, was ich bisher poetisch nannte, lernte ich nun, dass das Unbegreifliche
und Unmögliche, das Abenteuerliche und Überschwengliche nicht poetisch ist und
dass, wie dort die Ruhe und Stille in der Bewegung, hier nur Schlichteit und
Ehrlichkeit mitten in Glanz und Gestalten herrschen müssen, um etwas Poetisches
oder, was gleichbedeutend ist, etwas Lebendiges und Vernünftiges
hervorzubringen, mit einem Wort, dass die sogenannte Zwecklosigkeit der Kunst
nicht mit Grundlosigkeit verwechselt werden darf. Dies ist zwar eine alte
Geschichte, indem man schon im Aristoteles ersehen kann, dass seine stofflichen
Betrachtungen über die prosaisch-politische Redekunst zugleich die besten
Rezepte auch für den Dichter sind.
    Denn wie es mir scheint, geht alles richtige Bestreben auf Vereinfachung,
Zurückführung und Vereinigung des scheinbar Getrennten und Verschiedenen auf
einen Lebensgrund, und in diesem Bestreben das Notwendige und Einfache mit Kraft
und Fülle und in seinem ganzen Wesen darzustellen, ist Kunst; darum
unterscheiden sich die Künstler nur dadurch von den anderen Menschen, dass sie
das Wesentliche gleich sehen und es mit Fülle darzustellen wissen, während die
anderen dies wiedererkennen müssen und darüber erstaunen, und darum sind auch
alle die keine Meister, zu deren Verständnis es einer besonderen
Geschmacksrichtung oder einer künstlichen Schule bedarf.
    Ich hatte es weder mit dem menschlichen Wort noch mit der menschlichen
Gestalt zu tun und fühlte mich nur glücklich und zufrieden, dass ich auf das
bescheidenste Gebiet mit meinen Fuss setzen konnte, auf den irdischen Grund und
Boden, auf dem sich der Mensch bewegt, und so in der poetischen Welt wenigstens
einen Teppichbewahrer abgeben durfte. Goete hatte ja viel und mit Liebe von
landschaftlichen Sachen gesprochen, und durch diese Brücke glaubte ich ohne
Unbescheidenheit mich ein wenig mit seiner Welt verbinden zu können.
    Ich wollte sogleich, anfangen, nun so recht mit Liebe und Aufmerksamkeit die
Dinge zu behandeln und mich ganz an die Natur zu halten, nichts Überflüssiges
oder Müssiges zu machen und mir bei jedem Striche ganz klar zu sein. Im Geiste
sah ich schon einen reichen Schatz von Arbeiten vor mir, welche alle hübsch,
wert- und gehaltvoll aussahen, angefüllt mit zarten und starken Strichen, von
denen keiner ohne Bedeutung war. Ich setzte mich ins Freie, um das erste Blatt
dieser vortrefflichen Sammlung zu beginnen; aber nun ergab es sich, dass ich eben
da fortfahren musste, wo ich zuletzt aufgehört hatte, und dass ich durchaus nicht
imstande war, plötzlich etwas Neues zu schaffen, weil ich dazu erst etwas Neues
hätte sehen müssen. Da mir aber nicht ein Blatt eines Meisters zu Gebote stand
und die prächtigen Blätter meiner Phantasie sogleich in nichts sich auflösten,
wenn ich den Stift auf das Papier setzte, so brachte ich ein trübseliges
Gekritzel zustande, indem ich aus meiner alten Weise herauszukommen suchte,
welche ich verachtete, während ich sie jetzt sogar nur verdarb. So quälte ich
mich mehrere Tage herum, in Gedanken immer eine gute und sachgemässe Arbeit
sehend, aber ratlos mit der Hand. Es wurde mir angst und bange, ich glaubte
jetzt sogleich verzweifeln zu müssen, wenn es mir nicht gelänge, und seufzend
bat ich Gott, mir aus der Klemme zu helfen. Ich betete noch mit den gleichen
kindlichen Worten wie schon vor zehn Jahren, immer das gleiche wiederholend, so
dass es mir selbst auffiel, als ich halblaut vor mich hinflüsterte. Darüber
nachsinnend, hielt ich mit der hastigen Arbeit inne und sah in Gedanken verloren
auf das Papier.
 
                                Zweites Kapitel
                     Ein Wunder und ein wirklicher Meister
Da überschattete sich plötzlich der weisse Bogen auf meinen Knien, der vorher von
der Sonne beglänzt war; erschrocken schaute ich um und sah einen ansehnlichen,
fremd gekleideten Mann hinter mir stehen, welcher den Schatten verursachte. Er
war gross und schlank, hatte ein bedeutsames und ernstes Gesicht mit einer stark
gebogenen Nase und einem sorgfältig gedrehten Schnurrbart und trug sehr feine
Wäsche.
    In hochdeutscher Sprache redete er mich an: »Darf man wohl ein wenig Ihre
Arbeit besehen, junger Mann?« Halb erfreut und halb verlegen hielt ich meine
Zeichnung hin, welche er einige Augenblicke aufmerksam besah; dann fragte er
mich, ob ich noch mehr in meiner Mappe bei mir hätte und ob ich wirklicher
Künstler werden wollte. Ich trug allerdings immer einen Vorrat des zuletzt
Gemachten mit mir herum, wenn ich nach der Natur zeichnete, um jedenfalls etwas
zu tragen, wenn ich einen unergiebigen Tag hatte, und während ich nun die Sachen
nach und nach hervorzog, erzählte ich fleissig und zutraulich meine bisherigen
Künstlerschicksale; denn ich merkte sogleich an der Art, wie der Fremde die
Sachen ansah, dass er es verstand, wo nicht selbst ein Künstler war.
    Dies bestätigte sich auch, als er mich auf meine Hauptfehler aufmerksam
machte, die Studie, welche ich gerade vorhatte, mit der Natur verglich und mir
an letzterer selbst das Wesentliche hervorhob und mich es sehen lehrte. Ich
fühlte mich überglücklich und hielt mich ganz still, wie jemand, der sich
vergnüglich eine Wohltat erzeigen lässt, als er einige Laubpartien auf meinem
Papiere mit ihrem Vorbilde zusammenhielt, Licht und Formen klarmachte und auf
dem Rande des Blattes mit wenigen mühlosen Meisterstrichen das herstellte, was
ich vergeblich gesucht hatte.
    Er blieb wohl eine halbe Stunde bei mir, dann sagte er: »Sie haben vorhin
den wackern Habersaat genannt; wissen Sie, dass ich vor siebzehn Jahren auch ein
dienstbarer Geist in seinem verwünschten Kloster war? Ich habe mich aber
beizeiten aus dem Staube gemacht und bin seiter immer in Italien und Frankreich
gewesen. Ich bin Landschafter, heisse Römer und gedenke mich eine Zeitlang in
meiner Heimat aufzuhalten. Es soll mich freuen, wenn ich ihnen etwas nachhelfen
kann; ich habe manche Sachen bei mir, besuchen Sie mich einmal, oder kommen Sie
gleich mit mir nach Hause, wenn's Ihnen recht ist!«
    Ich packte eilig zusammen und begleitete in feierlicher Stimmung den Mann
und mit nicht geringem Stolze. Ich hatte oft von ihm sprechen gehört; denn er
war eine der grossen Sagen des Refektoriums, und Meister Habersaat tat sich nicht
wenig darauf zu gut, wenn es hiess, sein ehemaliger Schüler Römer sei ein
berühmter Aquarellist in Rom und verkaufe seine Arbeiten nur an Fürsten und
Engländer. Auf dem Wege, solange wir noch im Freien waren, zeigte mir Römer
allerlei gute Dinge in der Natur. Aufmerksam begeistert sah ich hin, wo er mit
der Hand fein wegstreichend hindeutete; ich war erstaunt, zu entdecken, dass ich
eigentlich, so gut ich erst kürzlich noch zu sehen geglaubt, noch gar nichts
gesehen hatte, und ich staunte noch mehr, das Bedeutende und Lehrreiche nun
meistens in Erscheinungen zu finden, die ich vorher entweder übersehen oder
wenig beachtet. Jedoch freute ich mich, leidlich zu verstehen, was mein
Begleiter jeweilig meinte, und mit ihm einen kräftigen und doch klaren Schatten,
einen milden Ton oder eine zierliche Ausladung eines Baumes zu sehen, und
nachdem ich erst einige Male mit ihm spaziert, hatte ich mich bald gewöhnt, die
ganze landschaftliche Natur nicht mehr als etwas rund in sich Bestehendes,
sondern nur als ein gemaltes Bilder- und Studienkabinett, als etwas bloss vom
richtigen Standpunkte aus Sichtbares zu betrachten und in technischen Ausdrücken
zu beurteilen.
    Als wir in seiner Wohnung anlangten, welche aus ein paar eleganten Zimmern
in einem schönen Hause bestand, setzte Römer sogleich seine Mappen auf einen
Stuhl vor das Sofa, hiess mich auf dieses neben ihn sitzen und begann die
Sammlung seiner grössten und wertvollsten Studien eine um die andere umzuwenden
und aufzustellen. Es waren alles umfangreiche Blätter aus Italien, auf starkes
grobkörniges Papier mit Wasserfarben gemalt, doch auf eine mir ganz neue Weise
und mit unbekannten kühnen und geistreichen Mitteln, so dass sie ebensoviel
Schmelz und Duft als Klarheit und Kraft zeigten und vor allem aus in jedem
Striche bewiesen, dass sie vor der lebendigen Natur gemacht waren. Ich wusste
nicht, sollte ich über die glänzende und angenehm nahetretende Meisterschaft der
Behandlung oder über die Gegenstände mehr Freude empfinden, denn von den
mächtigen dunklen Zypressengruppen der römischen Villen, von den schönen
Sabinerbergen bis zu den Ruinen von Pästum und dem leuchtenden Golf von Neapel,
bis zu den Küsten von Sizilien mit den zauberhaften hingehauchten, gedichteten
Linien, tauchte Bild um Bild vor mir auf mit den köstlichen Merkzeichen des
Tages, des Ortes und des Sonnenscheins, unter welchem sie entstanden. Schöne
Klöster und Kastelle glänzten in diesem Sonnenschein an schönen Bergabhängen,
Himmel und Meer ruhten in tiefer Bläue oder in heitrem Silberton, und in diesem
badete sich die prächtige, edle Pflanzenwelt mit ihren klassisch einfachen und
doch so vollen Formen. Dazwischen sangen und klangen die italischen Namen, wenn
Römer die Gegenstände benannte und Bemerkungen über ihre Natur und Lage machte.
Manchmal sah ich über die Blätter hinaus im Zimmer umher, wo ich hier eine rote
Fischerkappe aus Neapel, dort ein römisches Taschenmesser, eine Korallenschnur
oder einen silbernen Haarpfeil erblickte; dann sah ich meinen neuen Beschützer
aufmerksam und von Grund aus wohlwollend an, seine weisse Weste, seine
Manschetten, und erst, wenn er das Blatt umwandte, fuhr mein Blick wieder auf
dasselbe, um es noch einmal zu überfliegen, ehe das nächste erschien.
    Als wir mit dieser Mappe zu Ende waren, liess mich Römer noch flüchtig in
einige andere blicken, von denen die eine einen Reichtum farbiger Details, die
andere eine Unzahl Bleistiftstudien, eine dritte lauter auf das Meer, Schiffahrt
und Fischerei Bezügliches, eine vierte endlich verschiedene Phänomene und
Farbenwunder wie die Blaue Grotte, aussergewöhnliche Wolkenerscheinungen,
Vesuvausbrüche, glühende Lavabäche und 50 weiter entielten. Dann zeigte er mir
noch im andern Zimmer seine gegenwärtige Arbeit, ein grösseres Bild auf einer
Staffelei, welches den Garten der Villa d'Este vorstellte. Dunkle
Riesenzypressen ragten aus flatternden Reben und Lorbeerbüschen, aus
Marmorbrunnen und blumigen Geländern, an welchen eine einzige Figur, Ariost,
lehnte, in schwarzem ritterlichen Kleide, den Degen an der Seite. Im
Mittelgrunde zogen sich Häuser und Bäume von Tivoli hin, von Duft umhüllt, und
darüber hinweg dehnte sich das weite Feld, vom Purpur des Abends übergossen, in
welchem am äussersten Horizonte die Peterskuppel auftauchte.
    »Genug für heute!« sagte Römer, »kommen Sie öfter zu mir, alle Tage, wenn
Sie Lust haben; bringen Sie mir Ihre Sachen mit, vielleicht kann ich Ihnen dies
und jenes zum Kopieren mitgeben, damit Sie eine leichtere und zweckmässigere
Technik erlangen!«
    Mit der dankbarsten Verehrung verabschiedete ich mich und sprang mehr, als
ich ging, nach Hause. Dort erzählte ich meiner Mutter das glückliche Abenteuer
mit den beredtesten Worten und verfehlte nicht, den fremden Herrn und Künstler
mit allem Glanz auszustatten, dessen ich habhaft war; ich freute mich, ihr
endlich ein Beispiel rühmlichen Gelingens als einen Trost für meine eigene
Zukunft vorführen zu können, besonders da ja Römer ebenfalls aus Herrn
Habersaats kümmerlicher Pflanzschule hervorgegangen war. Allein die siebzehn in
der weiten Ferne zugebrachten Jahre, welche zu diesem Gelingen gebraucht worden,
leuchteten meiner Mutter nicht sonderlich ein; auch hielt sie dafür, dass es noch
gar nicht ausgemacht wäre, ob der Fremde sich wirklich wohl befinde, indem er
als solcher so einsam und unbekannt in seiner Heimat angekommen sei Ich hatte
aber ein anderweitiges geheimes Zeichen von der Richtigkeit meiner Hoffnungen,
nämlich das plötzliche Erscheinen Römers, unmittelbar nachdem ich gebetet hatte,
da ich ungeachtet meines unkirchlichen Rebellentums noch immer ein richtiger
Mystosoph war, sobald es sich um mein persönliches Wohl oder Weh handelte.
    Hievon sagte ich aber nichts zu meiner Mutter; denn erstens war zwischen uns
nicht herkömmlich, dass man viel von solchen Dingen sprach; und dann baute die
Mutter wohl fest auf die Hilfe Gottes, aber es würde ihr nicht gefallen haben,
wenn ich mich eines so merkwürdigen und teatralischen Falles gerühmt hätte. Sie
war froh, wenn Gott das Brot nicht ausgehen liess und für schwere Leiden, für
Fälle auf Leben und Tod seine Hilfe in Bereitschaft hielt, und sie hätte mich
wahrscheinlich ziemlich ironisch zurechtgewiesen; desto mehr beschäftigte ich
mich den Abend hindurch mit dem Vorfalle und muss gestehen, dass ich dabei doch
eine zweifelhafte Empfindung hatte. Ich konnte die Vorstellung eines langen
Drahtes nicht unterdrücken, an welchem der fremde Mann auf mein Gebet
herbeigezogen sei, während, gegenüber diesem lächerlichen Bilde, mir ein Zufall
noch weniger munden wollte, da ich mir sein Ausbleiben nun gar nicht mehr denken
mochte. Seiter habe ich mich gewöhnt, dergleichen Glücksfälle, so wie ihr
Gegenteil, wenn ich nämlich ein unangenehmes Ereignis als die Strafe für einen
unmittelbar vorhergegangenen, bewussten Fehler anzusehen mich immer wieder
getrieben fühle, als vollendete Tatsachen einzutragen und Gott dafür dankbar zu
sein, ohne mir des genauern einzubilden, es sei unmittelbar und insbesondere für
mich geschehen. Doch kann ich mich bei jeder Gelegenheit, wo ich mir nicht zu
helfen weiss, nicht entalten, von neuem durch Gebet solche Lösungen anzustreben
und für die Zurechtweisungen des Schicksals einen Grund in meinen Fehlern zu
suchen und Besserung zu geloben.
    Ich wartete ungeduldig einen Tag und ging dann am darauffolgenden mit einer
ganzen Last meiner bisherigen Arbeiten zu Römer. Er empfing mich freundlich
zuvorkommend und besah die Sachen mit aufmerksamer Teilnahme. dabei gab er mir
fortwährend guten Rat, und als wir zu Ende waren, sagte er, ich müsste vor allem
die ungeschickte alte Manier, das Material zu behandeln, aufgeben, denn damit
liesse sich gar nichts mehr ausrichten. Nach der Natur sollte ich fleissig
vorderhand mit einem weichen Blei zeichnen und für das Haus anfangen, seine
Weise einzuüben, wobei er mir gerne behilflich sein wolle. Auch suchte er mir
aus seinen Mappen einige einfache Studien in Bleistift sowie in Farben, welche
ich zur Probe kopieren sollte, und als ich hierauf mich empfehlen wollte, sagte
er: »Oh! bleiben Sie noch ein Stündchen hier, Sie werden den Vormittag doch
nichts mehr machen können; sehen Sie mir ein wenig zu, und plaudern wir ein
bisschen!« Mit Vergnügen tat ich dies, hörte auf seine Bemerkungen, die er über
sein Verfahren machte, und sah zum ersten Mal die einfache, freie und sichere
Art, mit der ein Künstler arbeitet. Es ging mir ein neues Licht auf, und es
dünkte mich, wenn ich mich selbst auf meine bisherige Art arbeitend vorstellte,
als ob ich bis heute nur Strümpfe gestrickt oder etwas Ähnliches getan hätte.
    Rasch kopierte ich die Blätter, die Römer mir mitgab, mit aller Lust und
allem Gelingen, welche ein erster Anlauf gibt, und als ich sie ihm brachte,
sagte er: »Das geht ja vortrefflich, ganz gut!« An diesem Tage lud er mich ein,
da das Wetter sehr schön war, einen Spaziergang mit ihm zu machen, und auf
diesem verband er das, was ich in seinem Hause bereits eingesehen, mit der
lebendigen Natur, und dazwischen sprach er vertraulich über andere Dinge,
Menschen und Verhältnisse, welche vorkamen, bald scharf kritisch, bald
scherzend, so dass ich mit einem Male einen zuverlässigen Lehrer und einen
unterhaltenden und umgänglichen Freund besass.
    Bald fühlte ich das Bedürfnis, immer und ganz in seiner Nähe zu sein, und
machte daher immer häufiger von meiner Freiheit, ihn zu besuchen, Gebrauch, als
er eines Tages, nachdem er gründlich und schon etwas strenger eine Arbeit
durchgesehen, zu mir sagte: »Es würde gut für Sie sein, noch eine Zeit ganz
unter der Leitung eines Lehrers zu stehen; es würde mir auch zum Vergnügen und
zur Erheiterung gereichen, Ihnen meine Dienste anzubieten; da aber meine
Verhältnisse leider nicht derart sind, dass ich dies ganz ohne Entschädigung tun
könnte, wenigstens wenn es nicht durchaus sein muss, so besprechen Sie sich mit
Ihrer Frau Mutter, ob Sie monatlich etwas daranwenden wollen. Ich bleibe
jedenfalls einige Zeit hier, und in einem halben Jahre hoffe ich Sie so weit zu
bringen, dass Sie später besser vorbereitet und selbst imstande, einigen Erwerb
zu finden, Ihre Reisen antreten könnten. Sie würden jeden Morgen um acht Uhr
kommen und den ganzen Tag bei mir arbeiten.«
    Ich wünschte nichts Besseres zu tun und lief eiligst nach Hause, den
Vorschlag meiner Mutter zu hinterbringen. Allein sie war nicht so eilig wie ich
und ging, da es sich um Ausgabe einer erklecklichen Summe handelte und ich
selbst einen Teil des an Habersaat Bezahlten für verlorenes Geld hielt, erst
jenen vornehmen Herrn, bei dem sie schon früher einmal gewesen, um Rat zu
fragen; denn sie dachte, derselbe werde jedenfalls wissen, ob Römer wirklich der
geachtete und berühmte Künstler sei, für welchen ich ihn so eifrig ausgab. Doch
man zuckte die Achseln, gab zwar zu, dass er als Künstler talentvoll und in der
Ferne renommiert sei; über seinen Charakter jedoch hüllte man sich ins Unklare,
wollte nicht viel Gutes wissen, ohne etwas Näheres angeben zu können, und meinte
schliesslich, wir sollten uns in acht nehmen. Jedenfalls sei die Forderung zu
gross, unsere Stadt sei nicht Rom oder Paris, auch hielte man dafür, es wäre
geratener, die Mittel für meine Reisen aufzusparen und diese desto früher
anzutreten, wo ich dann selbst sehen und holen könne, was Römer besässe.
    Das Wort Reisen war nun schon wiederholt vorgekommen und war hinreichend,
meine Mutter zu bestimmen, jeden Pfennig zur Ausstattung aufzubewahren. Daher
teilte sie mir die bedenklichen Äusserungen mit, ohne zuviel Gewicht auf die den
Charakter betreffenden zu legen, welche ich auch mit Entrüstung zunichte machte;
denn ich war schon dagegen gewaffnet, indem ich aus verschiedenen rätselhaften
Äusserungen Römers entnommen, dass er mit der Welt nicht zum besten stehe und viel
Unrecht erlitten habe. Ja, es hatte sich schon eine eigene Sprache über diesen
Punkt zwischen uns ausgebildet, indem ich mit ehrerbietiger Teilnahme seine
Klagen entgegennahm und so erwiderte, als ob ich selbst schon die bittersten
Erfahrungen gemacht oder wenigstens zu fürchten hätte, welche ich aber festen
Fusses erwarten und dann zugleich mich und ihn rächen wollte. Wenn Römer hierauf
mich zurechtwies und erinnerte, dass ich die Menschen doch nicht besser kennen
werde als er, so musste ich dies annehmen und liess mich mit wichtiger Miene
belehren, wie es anzufangen wäre, sich gehörig zu stellen, ohne dass ich
eigentlich wusste, worum es sich handelte und worin jene Erfahrungen denn
beständen.
    Ich entschloss mich kurz und sagte zur Mutter, ich wolle das Gold, welches in
meinem ehemals geplünderten Sparkästchen übriggeblieben, für die Sache opfern.
Hiegegen hatte sie nichts einzuwenden; ich nahm also die Schaumünze und einige
Dukaten, welche dabei waren, und trug alles zu einem Goldschmied, welcher mir
den Wert in Silber dafür bezahlte, brachte das Geld zu Römer und sagte, das sei
alles, was ich verwenden könnte, und ich wünschte wenigstens vier Monate seines
Unterrichtes dafür zu geniessen. Zuvorkommend sagte er, das sei gar nicht so
genau zu nehmen! Da ich tue, was ich könne, wie es einem Kunstjünger gezieme, so
wolle er nicht zurückbleiben und ebenfalls tun, was er könne, solange er hier
sei, und ich solle nur gleich morgen kommen und anfangen.
    So richtete ich mich mit grosser Befriedigung bei ihm ein. Den ersten und
zweiten Tag ging es noch ziemlich gemütlich zu; allein schon am dritten begann
Römer einen ganz anderen Ton zu singen, indem er urplötzlich höchst kritisch und
streng wurde, meine Arbeit erbarmungslos heruntermachte und mir bewies, dass ich
nicht nur noch nichts könne, sondern auch lässig und unachtsam sei. Das kam mir
höchst wunderlich vor; ich nahm mich ein wenig zusammen, was aber nicht viel
Dank einbrachte; im Gegenteil wurde Römer immer strenger und ironischer in
seinem Tadel, den er nicht in die rücksichtsvollsten Ausdrücke fasste. Da nahm
ich mich ernstlicher zusammen, der Tadel wurde ebenfalls ernstlich und fast
rührend, bis ich endlich mich ganz zerknirscht und demütig daranmachte, mir bei
jedem Striche den Platz, wo er hinsollte, wohl besah, manchmal ihn zart und
bedächtig hinsetzte, manchmal nach kurzem Erwägen plötzlich wie einen Würfel auf
gut Glück hinwarf und endlich alles genauso zu machen suchte, wie Römer es
verlangte. So erreichte ich endlich etwelches Fahrwasser, auf welchem ich ganz
still dem Ziele einer leidlichen Arbeit zusteuerte. Der Fuchs merkte aber meine
Absicht und erschwerte mir unversehens die Aufgaben, so dass die Not von neuem
anging und die Kritik meines Meisters schöner blühte denn je. Wiederum steuerte
ich endlich nach vieler Mühe einer angehenden Tadellosigkeit entgegen und wurde
nochmals durch ein erschwertes Ziel zurückgeworfen, statt dass ich, wie ich
gehofft, ein Weilchen auf den Lorbeeren einer erreichten Stufe ausruhen konnte.
So erhielt mich Römer einige Monate in grosser Unterwürfigkeit, wobei jedoch die
mystischen Gespräche über die bitteren Erfahrungen und über dies und jenes
fortdauerten, und wenn die Tagesarbeit geschlossen war oder auf unseren
Spaziergängen blieb unser Verkehr der alte. Dadurch entstand eine seltsame
Weise, indem Römer mitten in einer traulichen und tiefsinnigen Unterhaltung mich
jählings andonnerte: »Was haben Sie da gemacht! Was soll denn das sein! O Herr
Jesus! Haben Sie Russ in den Augen?« so dass ich plötzlich still wurde und voll
Ingrimm über ihn und mich selbst meine Arbeit mit verzweifelter Aufmerksamkeit
wieder aufnahm.
    So lernte ich endlich die wahre Arbeit und Mühe kennen, ohne dass sie mir
lästig wurde, da sie in sich selbst den Lohn der immer neuen Erholung und
Verjüngung trägt, und ich sah mich in den Stand gesetzt, eine grosse Studie
Römers, welche schon mehr ein Bild zu nennen war, vornehmen zu dürfen und so zu
kopieren, dass mein Lehrer erklärte, es sei nun genug in dieser Richtung, ich
würde ihm sonst seine ganzen Mappen nachzeichnen; dieselben seien sein einziges
Vermögen, und er wünsche bei aller Freundschaft doch nicht, eine förmliche
Dublette in anderen Händen zu wissen.
    Durch diese Beschäftigung war ich wunderlicherweise im Süden weit mehr
heimisch geworden als in meinem Vaterlande. Da die Sachen, nach welchen ich
arbeitete, alle unter freiem Himmel und sehr trefflich gemacht waren, auch die
Erzählungen und Bemerkungen Römers fortwährend meine Arbeit begleiteten, so
verstand ich die südliche Sonne, jenen Himmel und das Meer beinahe, wie wenn ich
sie gesehen hätte.
    Einen besondern Reiz gewährten mir die Trümmer griechischer Baukunst, welche
sich da und dort fanden. Ich empfand wieder Poesie, wenn ich das sonnige
Marmorgebälke eines dorischen Tempels vom blauen Himmel abheben musste. Die
horizontalen Linien an Architrav, Fries und Kranz sowie die Kannelierungen der
Säulen mussten mit der zartesten Genauigkeit, mit wahrer Andacht, leis und doch
sicher und elegant hingezogen werden; die Schlagschatten auf diesem goldenen
edlen Gestein waren rein blau, und wenn ich den Blick fortwährend auf dies Blau
gerichtet hatte, so glaubte ich zuletzt wirklich einen leibhaften Tempel zu
sehen. Jede Lücke im Gebälke, durch welche der Himmel schaute, jede Scharte an
den Kannelierungen war mir heilig, und ich hielt genau ihre kleinsten Formen
fest.
    Im Nachlasse meines Vaters fand sich ein Werk über Architektur, in welchem
die Geschichte und Erklärung der alten Baustile nebst guten Abbildungen mit
allem Detail entalten waren. Dies zog ich nun hervor und studierte es begierig,
um die Trümmer besser zu verstehen und ihren Wert ganz zu kennen. Auch erinnerte
ich mich der Italienischen Reise von Goete, welche ich gelesen; Römer erzählte
mir viel von den Menschen und Sitten und der Vergangenheit Italiens. Er las fast
keine Bücher als die deutsche Übersetzung von Homer und einen italienischen
Ariost. Den Homer forderte er mich auf zu lesen, und ich liess mir dies nicht
zweimal sagen. Im Anfange wollte es nicht recht gehen, ich fand wohl alles
schön, aber das Einfache und Kolossale war mir noch zu ungewohnt, und ich
vermochte nicht lange nacheinander auszuhalten. Aber Römer machte mich
aufmerksam, wie Homer in jeder Bewegung und Stellung das einzig Nötige und
Angemessene anwende, wie jedes Gefäss und jede Kleidung, die er beschreibe,
zugleich das Geschmackvollste sei, was man sich denken könne, und wie endlich
jede Situation und jeder moralische Konflikt bei ihm bei aller fast kindlichen
Einfachheit von der gewähltesten Poesie getränkt sei. »Da verlangt man
heutzutage immer nach dem Ausgesuchten, Interessanten und Pikanten und weiss in
seiner Stumpfheit gar nicht, dass es gar nichts Ausgesuchteres, Pikanteres und
ewig Neues geben kann s so einen homerischen Einfall in seiner einfachen
Klassizität! Ich wünsche Ihnen nicht, lieber Lee, dass Sie jemals die ausgesuchte
pikante Wahrheit in der Lage des Odysseus, wo er nackt und mit Schlamm bedeckt
vor Nausikaa und ihren Gespielen erscheint, so recht aus Erfahrung empfinden
lernen! Wollen Sie wissen, wie dies zugeht? Halten wir das Beispiel einmal fest!
Wenn Sie einst getrennt von ihrer Heimat und allem, was ihnen lieb ist, in der
Fremde umherschweifen, und Sie haben viel gesehen und viel erfahren, haben
Kummer und Sorge, sind wohl gar elend und verlassen so wird es ihnen des Nachts
unfehlbar träumen, dass Sie sich ihrer Heimat nähern; Sie sehen sie glänzen und
leuchten in den schönsten Farben; holde, feine und liebe Gestalten treten Ihnen
entgegen; da entdecken Sie plötzlich, dass Sie zerfetzt, nackt und staubbedeckt
einhergehen; eine namenlose Scham und Angst fasst Sie, Sie suchen sich zu
bedecken, zu verbergen und erwachen in Schweiss gebadet. Dies ist, solange es
Menschen gibt, der Traum des kummervollen umhergeworfenen Mannes, und so hat
Homer jene Lage aus dem tiefsten und ewigen Wesen der Menschheit
herausgenommen!«
    Inzwischen war es gut, dass das Interesse Römers, hinsichtlich des Kopierens
seiner Sammlungen, sich mit dem meinigen vereinigte; denn als ich nun, gemäss
seiner Aufforderung, mich wieder vor die Natur hinsetzte, erwies es sich, dass
ich Gefahr lief, meine ganze Kopierfertigkeit und mein italienisches Wissen zu
einer wunderlichen Fiktion werden zu sehen. Es kostete mich die grösste
Beharrlichkeit und Mühe, ein nur zum zehnten Teile so anständiges Blatt zuwege
zu bringen, als meine Kopien waren; die ersten Versuche misslangen fast gänzlich,
und Römer sagte schadenfroh: »Ja, mein Lieber, das geht nicht so rasch! Ich habe
es wohl gedacht, dass es so kommen würde; nun heisst es auf eigenen Füssen stehen
oder vielmehr mit eigenen Augen sehen! Eine gute Studie leidlich kopieren, will
nicht soviel heissen! Glauben Sie denn, man lässt sich ohne weiteres für andere
die Sonne auf den Buckel zünden?« und so fort. Nun begann der ganze Krieg des
Tadels gegen das Bemühen, demselben zuvorzukommen und ihm boshafte Streiche zu
spielen, von neuem; Römer ging mit hinaus und malte selbst, so dass er mich immer
unter seinen Augen hatte. Es war hier nicht geraten, die Torheiten und Flausen
zu wiederholen, die ich unter Herrn Habersaat gespielt hatte, da Römer durch
Steine und Bäume zu sehen schien und jedem Striche anmerkte, ob derselbe
gewissenhaft sei oder nicht. Er sah es jedem Aste an, ob er zu dick oder zu dünn
sei, und wenn ich meinte, der Ast könnte ja am Ende so gewachsen sein, so sagte
er: »Lassen Sie das gut sein! Die Natur ist vernünftig und zuverlässig; übrigens
kennen wir solche Finessen wohl! Sie sind nicht der erste Hexenmeister, welcher
der Natur und seinem Lehrer ein X für ein U machen will!«
 
                                Drittes Kapitel
                                      Anna
Weil ich die mir durch den Aufentalt Römers zugemessene Zeit wohl benutzen
musste, so konnte ich nicht daran denken, das Dorf zu besuchen, obschon ich
verschiedene Grüsse und Zeichen von daher erhalten hatte. Um so fleissiger dachte
ich an Anna, wenn ich arbeitete und die grünen Bäume leise um mich rauschten.
Ich freute mich für sie meines Lernens und dass ich in diesem Jahre so reich an
Erfahrung geworden gegen das frühere Jahr; ich hoffte einigen wirklichen Wert
dadurch erhalten zu haben, der in ihren Augen für mich spräche und in ihrem
Hause die Hoffnung begründe, die ich selbst für mich zu hegen mir erlaubte.
    Der Herbst war gekommen, und als ich eines Mittags zum Essen nach Hause ging
und in unsere Stube trat, sah ich auf dem Ruhbettchen einen schwarzseidenen
Mantel liegen. Freudig betroffen eilte ich auf denselben zu, hob das leichte
angenehme Ding in die Höhe und untersuchte es von allen Seiten. Ich eilte damit
in die Küche, wo ich die Mutter beschäftigt fand, ein besseres Essen als
gewöhnlich zu bereiten. Sie verkündigte mir die Ankunft des Schulmeisters und
seiner Tochter, fügte aber sogleich mit besorgtem Ernst bei, dass leider
dieselben nicht zum Vergnügen gekommen wären, sondern um einen berühmten Arzt zu
besuchen. Während die Mutter in die Stube ging und den Tisch deckte, deutete sie
mir mit einigen Worten an, dass sich bei Anna seltsame und beängstigende
Anzeichen eingestellt hätten, der Schulmeister sehr bekümmert sei und sie, die
Mutter, selbst nicht minder; denn nach der ganzen Erscheinung des armen Mädchens
könne es sich ereignen, dass das zarte Wesen nicht alt werde.
    Ich sass auf dem Ruhbette, hielt den Mantel fest in meinen Händen und hörte
ganz verwundert auf diese Worte, die mir so unerwartet und fremd klangen, dass
sie mir mehr merkwürdig als erschreckend vorkamen. In diesem Augenblicke ging
die Tür auf, und die ebenso geliebten als wahrhaft geehrten Gäste traten herein.
Überrascht stand ich auf und ging ihnen entgegen, und erst als ich Anna die Hand
geben wollte, sah ich, dass ich immer noch ihren Mantel hielt. Sie errötete und
lächelte zugleich, während ich verlegen dastand; der Schulmeister warf mir vor,
dass ich mich den ganzen Sommer über nie sehen lassen, und so vergass ich über
diesen Begrüssungen die Mitteilung der Mutter, an welche mich auch nichts
Auffallendes erinnerte. Erst als wir am Tische sassen, wurde ich durch eine
gewisse vermehrte Liebe und Aufmerksamkeit, mit welcher meine Mutter Anna
behandelte, gemahnt und glaubte jetzt nur zu sehen, dass sie gegen früher fast
grösser, aber auch zugleich zarter und schmächtiger erschien; ihre Gesichtsfarbe
war wie durchsichtig geworden, und um ihre Augen, welche erhöht glänzten, bald
in dem kindlichen Feuer früherer Tage, bald in einem träumerischen tiefen
Nachdenken, lag etwas Leidendes. Sie war heiter und sprach ziemlich viel,
während ich schwieg, hörte und sie ansah; auch der Schulmeister war heiter und
ganz wie sonst; denn bei den Schicksalen und Leiden, welche uns Angehörige
betreffen, benehmen wir uns nicht lamentabel, sondern fast vom ersten
Augenblicke an mit der gleichen Gefassteit, mit dem gleichen Wechsel von
Hoffnung, Furcht und Selbsttäuschung wie die Betroffenen selbst. Doch ermahnte
er jetzt seine Tochter, nicht zuviel zu sprechen, und mich fragte er, ob ich die
Ursache der kleinen Reise schon kenne, und setzte hinzu: »Ja, lieber Heinrich!
meine Anna scheint krank werden zu wollen! Doch lasst uns den Mut nicht
verlieren! Der Arzt hat ja gesagt, dass vorderhand nicht viel zu sagen und zu tun
wäre. Er hat uns einige Verhaltungsregeln gegeben und anbefohlen, ruhig
zurückzukehren und dort zu leben, anstatt hieher zu ziehen, da die dortige Luft
angemessener sei. Für unsern Doktor will er uns einen Brief mitgeben und von
Zeit zu Zeit selbst hinauskommen und nachsehen.«
    Ich wusste hierauf rein nichts zu erwidern noch meine Teilnahme zu bezeugen;
vielmehr wurde ich ganz rot und schämte mich nur, nicht auch krank zu sein. Anna
hingegen sah mich bei den Worten ihres Vaters lächelnd an, als ob sie Mitleid
mit mir hätte, so peinliche Dinge hören zu müssen.
    Nach dem Essen verlangte der Schulmeister, von meinen Beschäftigungen zu
wissen und etwas zu sehen; ich brachte eine wohlgefüllte Mappe herbei und
erzählte von meinem Meister; doch verweilte er nicht lang dabei, sondern machte
sich bereit, einige Gänge zu tun und Einkäufe zu besorgen. Meine Mutter
begleitete ihn, und ich blieb allein mit Anna zurück. Sie fuhr fort, meine
Sachen aufmerksam zu beschauen; auf dem Ruhbett sitzend, liess sie sich alles von
mir vorlegen und erklären. Während sie auf meine Landschaften sah, blickte ich
auf sie nieder, manchmal musste ich mich beugen, manchmal hielten wir ein Blatt
zusammen in den Händen lange Zeit, doch ereignete sich sonst gar nichts
Zärtliches zwischen uns; denn während sie für mich nun wieder ein anderes Wesen
war und ich mich scheute, sie nur von ferne zu verletzen, häufte sie alle
Äusserungen der Freude und der Aufmerksamkeit allein auf meine Arbeiten und
wollte sich nicht von denselben trennen, während sie mich selbst nur wenig
ansah.
    Plötzlich sagte sie: »Unsere Tante im Pfarrhaus lässt dir sagen, du sollest
mit uns sogleich hinausfahren, sonst sei sie böse! Willst du?« Ich erwiderte:
»Ja, jetzt kann ich schon!« und setzte hinzu: »Was fehlt dir denn eigentlich?« -
»Ach, ich weiss es selbst nicht, ich bin immer müde und leide manchmal ein wenig;
die anderen machen mehr daraus als ich selbst!«
    Meine Mutter und der Schulmeister kamen zurück; neben den fremdartigen
pharmazeutischen Paketen, die er mit einem verstohlenen Seufzer auf den Tisch
legte, brachte er einige Geschenke für Anna mit, gute Kleiderstoffe, einen
grossen warmen Shawl und eine goldene Uhr, als ob er mit diesen kostbaren und auf
die Dauer berechneten Sachen eine günstige Wendung des Geschickes erzwingen
wollte. Als Anna darüber erschrak, sagte er, sie habe die Dinge schon lange
verdient und das bisschen Geld hätte gar keinen Wert für ihn, wenn er nicht ihr
eine kleine Freude dadurch verschaffen könnte.
    Er zeigte sich zufrieden, dass ich mitfahre; meine Mutter sah es auch gern
und legte mir einige Sachen zurecht, indessen ich das Gefährte aus dem Gastause
holte, wo es eingestellt war. Anna sah allerliebst aus, als sie wohlvermummt und
verschleiert dem Schulmeister zur Seite sass. Ich nahm den Vordersitz und hatte
das Leitseil des gutgenährten Pferdes ergriffen, das schon ungeduldig scharrte;
die Mutter machte sich noch lange am Wagen zu schaffen und wiederholte dem
Schulmeister ihre Anerbietungen zu jeglicher Hilfe und, wenn es notwendig würde,
hinzukommen und Anna zu pflegen; die Nachbaren steckten die Köpfe aus den
Fenstern und vermehrten mein Selbstbewusstsein, als ich endlich mit meiner
liebenswürdigen und anmutigen Gesellschaft die enge Strasse entlangfuhr.
    Es glänzte ein sonniger Herbstnachmittag auf dem Lande. Wir fuhren durch
Dörfer und Felder, sahen die Gehölze und Anhöhen im zarten Dufte liegen, hörten
die Jägerhörnchen in der Ferne, begegneten überall zahlreichem Fuhrwerke,
welches den Herbstsegen einbrachte; hier machten die Leute die Gefässe zur
Weinlese zurecht und bauten grosse Kufen, dort standen sie reihenweise auf den
Äckern und hoben die Wurzelfrüchte aus; anderswo wieder pflügten sie die Erde
um, und die ganze Familie war dabei versammelt, von der Herbstsonne
hinausgelockt; überall war es lebendig und zufrieden bewegt. Die Luft war so
mild, dass Anna ihren grünen Schleier zurückschlug und ihr liebliches Gesicht
zeigte. Wir vergassen alle drei, warum wir eigentlich auf diesen Wegen fuhren;
der Schulmeister war gesprächig und erzählte uns viele Geschichten von den
Gegenden, durch welche wir kamen, zeigte uns die Wohnungen, wo berühmte Männer
hausten, deren wohlgeordnete saubere Hofstätten die weise Klugheit ihrer
Besitzer verkündeten. Da und dort wohnte eine hübsche Tochter oder deren zwei,
von denen etwas zu erblicken wir im Vorüberfahren uns bemühten, und wenn dies
gelang, so grüsste Anna mit dem bescheidenen Anstande derjenigen, welche selbst
Blumen des Landes sind.
    Doch dunkelte es eine geraume Weile, ehe wir ans Ziel gelangten, und mit der
Dunkelheit fiel es mir plötzlich ein, dass ich Judit das Versprechen gegeben,
sie jedesmal zu besuchen, wenn ich ins Dorf käme. Anna hatte sich wieder
verhüllt, ich sass nun neben ihr, da der Schulmeister, welcher die Wege besser
kannte, die Zügel genommen; und weil wir der Dunkelheit wegen nun schweigsamer
waren, so hatte ich Zeit, darüber nachzudenken, was ich tun wollte.
    Je untunlicher es mir schien, mein Versprechen zu halten, je weniger ich das
Wesen, welches ich mir zur Seite fühlte und das sich nun sanft an mich lehnte,
auch nur in Gedanken beleidigen mochte, desto dringender ward auf der anderen
Seite die Überzeugung, dass ich am Ende doch mein Wort nicht brechen dürfe, da
mich Judit nur im Vertrauen auf dasselbe in jener Nacht entlassen, und ich
zögerte nicht, mir einzubilden, dass der Wortbruch sie kränken und ihr weh tun
würde. Ich mochte um alles in der Welt gerade vor ihr nicht unmännlich als einer
erscheinen, welcher aus Furcht ein Versprechen gäbe und aus Furcht dasselbe
bräche. Da fand ich einen sehr klugen Ausweg, wie ich dachte, der mich
wenigstens vor mir selbst rechtfertigen sollte. Ich brauchte nur bei dem
Schulmeister zu wohnen, so war ich nicht im Dorfe, und wenn ich am Tage dieses
besuchte, so musste ich Judit nicht sehen, welche sich nur meinen nächtlichen
und geheimen Besuch während eines Aufentaltes im Dorfe ausbedungen hatte.
    Als wir daher in des Schulmeisters Haus ankamen und dort die Muhme mit einem
Sohne und zwei Töchtern vorfanden, welche uns erwarteten und mich mit dem
Fuhrwerk gleich mitnehmen wollten, erklärte ich unversehens, hierbleiben zu
wollen, und die alte Katerine eilte, mir ein Unterkommen zu bereiten, indessen
Anna, die ganz ermüdet und angegriffen war und von Husten befallen wurde, sich
sogleich zu Bett begeben musste. Sie führte mich an einen artig eingerichteten
Tisch, auf welchem ihre Bücher und Arbeitssachen, auch Papier und Schreibzeug
lagen, setzte Licht darauf und sagte lächelnd: »Mein Vater bleibt alle Abend bei
mir, bis ich eingeschlafen bin, und liest mir manchmal etwas vor. Hier kannst du
dich vielleicht so lange beschäftigen. Sieh, hier mache ich etwas für dich!« und
sie zeigte mir eine Stickerei zu einer kleinen Mappe, welche sie nach jener
Blumenzeichnung verfertigte, die ich vor mehreren Jahren in der Weinlaube
gemacht und ihr geschenkt hatte. Das naive Bild hing über ihrem Tische. Dann gab
sie mir die Hand und sagte wehmütig leise und doch so freundlich: »Gut' Nacht!«
und ich sagte ebenso leise: »Gut' Nacht!«
    Einige Augenblicke nachher, als sie gegangen, kam der Schulmeister herein,
und ich sah, dass er ein schön eingebundenes Andachtsbuch mitnahm, als er sich
wieder entfernte, um in Annas Zimmer zu gehen. Ich hingegen beschaute alle
Sächelchen, welche auf dem Tische lagen, spielte mit ihrer Schere und konnte mir
gar nicht ernstlich denken, dass irgendeine Gefahr für Anna sein sollte.
 
                                Viertes Kapitel
                                     Judit
Da ich in dem Hause meines Liebchens zu Gaste war, so erwachte ich am Morgen
sehr früh, noch eh eine Seele sich regte. Ich machte das Fenster auf und sah
lange auf den See hinaus, dessen waldige Uferhöhen vom Morgenrote beglänzt
lagen, indessen der späte Mond noch am Himmel stand und sich ziemlich kräftig im
dunklen Wasser spiegelte. Ich sah ihn nach und nach erbleichen vor der Sonne,
welche nun die gelben Kronen der Bäume vergoldete und einen zarten Schimmer über
den erblauenden See warf. Zugleich aber begann die Luft sich wieder zu
verhüllen, ein leiser Nebel zog sich erst wie ein Silberschleier um alle
Gegenstände, und indem er ein glänzendes Bild um das andere auslöschte, dass sich
rings ein Reigen von aufleuchtendem Scheiden und Verschwinden bewegte, wurde der
Nebel plötzlich so dicht, dass ich nur noch das Gärtchen vor mir sehen konnte,
und zuletzt verhüllte er auch dieses und drang feucht an das Fenster. Ich schloss
dieses zu, trat aus der Kammer und fand die alte Katerine in der Küche an dem
traulichen hellen Feuer.
    Ich plauderte lange mit ihr; sie ergoss sich in zärtlichen Klagen über Annas
bedenklichen Zustand, berichtete mir, seit wann derselbe begonnen, ohne dass ich
jedoch über seine eigentliche Beschaffenheit klar wurde, da sie sich mancher
dunklen und geheimnisvollen Anspielung bediente. Dann begann sie mit rührender,
aber ganz trefflicher Beredsamkeit das Lob Annas zu verkünden und ihr bisheriges
Leben zu beschauen bis in die Kinderjahre zurück, und ich sah deutlich vor mir
das dreijährige Engelchen umherspringen, in genau beschriebener Kleidung, aber
freilich auch ein frühes und leidenvolles Krankenlager, auf welches das kleine
Wesen dann jahrelang gelegt wurde, so dass ich nun ein schlohweisses,
länglichgestrecktes Leichnamchen erblickte, mit geduldigem, klugem und immer
lächelndem Angesicht. Doch das kranke Reis erholte sich, der wunderbare Ausdruck
der durch das Leiden hervorgebrachten frühen Weisheit verschwand wieder in seine
unbekannte Heimat, und ein rosig unbefangenes Kind blühte, als ob nichts
vorgefallen wäre, der Zeit entgegen, wo ich es zuerst sah.
    Endlich zeigte sich der Schulmeister, welcher, da seine Tochter nun des
Morgens im Bette bleiben musste und länger schlief als sonst, sich des frühen
Aufstehens auch nicht mehr freute und in seiner Zeiteinteilung ganz nach
derjenigen seines kranken Kindes richtete. Nach einer guten Weile erschien auch
Anna und nahm ihr besonders vorgeschriebenes Frühstück, indessen wir das
gewöhnliche verzehrten. Es verbreitete sich dadurch eine gewisse Wehmut über den
Tisch, welche nach und nach in eine ernste Beschaulichkeit überging, als wir
drei sitzen blieben und uns unterhielten. Der Schulmeister nahm ein Buch, die
Nachfolge Christi von Tomas a Kempis, und las einige Seiten daraus vor,
indessen Anna ihre Stickerei vornahm. Dann hob ihr Vater über das Gelesene ein
Gespräch an und suchte mich an demselben zu beteiligen und nach der
herkömmlichen Weise meine Urteilskraft: zu prüfen, zu mildern und zu gemeinsamer
Erbauung auf einen belehrenden Vereinigungspunkt zu lenken. Aber ich hatte durch
den letzten Sommer die Lust an solchen Erörterungen fast gänzlich verloren, mein
Blick war auf sinnliche Erscheinung und Gestalt gerichtet, und selbst die
rätselhaften Betrachtungen über die Erfahrungen, die ich mit Römer anstellte,
gingen in einem durchaus weltlichen Sinne vor sich. Ausserdem fühlte ich, dass ich
nun die grösste Rücksicht auf Anna nehmen musste, und als ich bemerkte, dass sie
sogar froh schien, mich hier eingefangen und einem angehenden Bekehrungswerke
preisgegeben zu sehen, hütete ich mich, einen Widerspruch zu äussern, gab
denjenigen Stellen, welche eine Wahrheit entielten oder tief, schön und
kraftvoll ausgedrückt waren, meinen aufrichtigen Beifall; oder ich überliess mich
einer reizenden Musse, die schönen Farben an Annas Seidenknäulchen beschauend.
    Sie hatte wohl ausgeruht und schien ziemlich munter zu sein, so dass kein
grosser Unterschied gegen ihr früheres Wesen während des Tages bemerklich war.
Das machte mich so froh, dass ich aufbrach, um am hellen Tage, vor Judit sicher,
ins Pfarrhaus zu gelangen und von da zurückzukehren.
    Als ich in den dichten Nebel hinausging, war ich sehr guter Dinge und musste
lachen über meine seltsame List, zumal das verborgene Wandeln in der grau
verhüllten Natur meinen Gang einem Schleichwege noch völlig ähnlich machte. Ich
ging über den Berg und gelangte bald zum Dorfe; doch verfehlte ich hier des
Nebels wegen die Richtung und sah mich in ein Netz von schmalen Garten- und
Wiesenpfaden versetzt, welche bald zu einem entlegenen Hause, bald wieder
gänzlich zum Dorfe hinausführten. Ich konnte nicht vier Schritte weit sehen;
Leute hörte ich immer, ohne sie zu erblicken, aber zufälligerweise traf ich
niemanden auf meinen Wegen. Da kam ich zu einem offenstehenden Pförtchen und
entschloss mich, hindurchzugehen und alle Gehöfte gerade zu durchkreuzen, um
endlich wieder auf die Hauptstrasse zu kommen. Ich geriet in einen prächtigen
grossen Baumgarten, dessen Bäume alle voll der schönsten reifen Früchte hingen.
Man sah aber immer nur einen Baum ganz deutlich, die nächsten standen schon halb
verschleiert im Kreise umher, und dahinter schloss sich wieder die weisse Wand des
Nebels. Plötzlich sah ich Judit mir entgegenkommen, welche einen grossen Korb
mit Äpfeln gefüllt in beiden Händen vor sich her trug, dass von der kräftigen
Last die Korbweiden leise knarrten. Das Einsammeln des Obstes war fast die
einzige Arbeit, der sie sich mit Liebe und Eifer hingab. Sie hatte ihr Kleid des
nassen Grases wegen etwas aufgeschürzt und zeigte die schönsten Füsse; ihr Haar
war von Feuchte schwer und die Wange von der Herbstluft mit reinem Purpur
gerötet. So kam sie gerade auf mich zu, auf ihren Korb blickend, sah mich
plötzlich, stellte erst erbleichend den Korb zur Erde und eilte dann mit den
Zeichen der herzlichsten und aufrichtigsten Freude herbei, fiel mir um den Hals
und drückte mir ein halbes Dutzend Küsse auf die Lippen. Ich hatte Mühe, dies
nicht zu erwidern, und rang mich endlich von ihrer Brust los.
    »Sieh, sieh! du gescheites Bürschchen!« sagte sie froh lachend, »du bist
heute gekommen und machst dir gleich den Nebel zunutze, mich noch vor Nacht
heimzusuchen; das hätte ich dir nicht einmal zugetraut!« - »Nein«, erwiderte
ich, zur Erde blickend, »ich bin gestern gekommen und wohne beim Schulmeister,
weil Anna krank ist. Unter diesen Umständen kann ich jedenfalls nicht zu Euch
kommen!« Judit schwieg eine Weile, die Arme übereinandergeschlagen, und sah
mich klug und durchdringend an, dass mein Blick in die Höhe gezogen und auf den
ihrigen gerichtet wurde.
    »Das wäre allerdings noch gescheiter, als wie ich es meinte«, sagte sie
endlich, »wenn es dir nur etwas helfen würde! Doch weil unser armes Schätzchen
krank ist, so will ich billig sein und unsere Übereinkunft abändern. Der Nebel
wird sich wenigstens eine Woche lang täglich mehrere Stunden auf dieselbe Weise
zeigen Wenn du jeden Tag zu mir kommst, so will ich dich für die Nacht deiner
Pflicht entbinden und dir zugleich versprechen, dich nie zu liebkosen und dich
selbst zurechtzuweisen, wenn du es tun wolltest; nur musst du mir jedesmal auf
ein und dieselbe Frage ein einziges Wörtchen antworten, ohne zu lügen!« -
»Welche Frage?« sagte ich. »Das wirst du schon sehen!« erwiderte sie; »komm, ich
habe schöne Äpfel!«
    Sie ging mir voran zu einem Baume, dessen Äste und Blätter edler gebaut
schienen als die der übrigen, stieg auf einer Leiter einige Sprossen hinan und
brach einige schön geformte und gefärbte Äpfel. Einen davon, der noch im
feuchten Dufte glänzte, biss sie mit ihren weissen Zähnen entzwei, gab mir die
abgebissene Hälfte und fing an, die andere zu essen. Ich ass die meinige
ebenfalls und rasch; sie war von der seltensten Frische und Gewürzigkeit, und
ich konnte kaum erwarten, bis sie es mit dem zweiten Apfel ebenso machte. Als
wir drei Früchte so gegessen, war mein Mund so süss erfrischt, dass ich mich
zwingen musste, Judit nicht zu küssen und die Süsse von ihrem Munde noch
dazuzunehmen. Sie sah es, lachte und sprach: »Nun sage bin ich dir lieb?« Sie
blickte mich dabei fest an, und ich konnte, obgleich ich jetzt lebhaft und
bestimmt an Anna dachte, nicht anders und sagte: »Ja!« Zufrieden sagte Judit:
»Dies sollst du mir jeden Tag sagen!«
    Hierauf fing sie an zu plaudern und sagte: »Weisst du eigentlich, wie es mit
dem guten Kinde steht?« Als ich erwiderte, dass ich allerdings nicht klug daraus
würde, fuhr sie fort: »Man sagt, dass das arme Mädchen seit einiger Zeit
merkwürdige Träume und Ahnungen habe, dass sie schon ein paar Dinge vorausgesagt,
die wirklich eingetroffen, dass manchmal im Traume wie im Wachen sie plötzlich
eine Art Vorstellung und Ahnung von dem bekomme, was entfernte Personen, die ihr
lieb sind, jetzt tun oder lassen oder wie sie sich befinden, dass sie jetzt ganz
fromm sei und endlich auf der Brust leide! Ich glaube dergleichen Sachen nicht,
aber krank ist sie gewiss, und ich wünsche ihr aufrichtig alles Gute, denn sie
ist mir auch lieb um deinetwillen. - Aber alle müssen leiden, was ihnen bestimmt
ist!« setzte sie nachdenklich hinzu.
    Während ich ungläubig den Kopf schüttelte, durchfuhr mich doch ein leichter
Schauer, und ein seltsamer Schleier der Fremdartigkeit legte sich um Annas
Gestalt, welche meinem innern Auge vorschwebte. Und fast in demselben
Augenblicke war es mir auch, als ob sie mich jetzt sehen müsse, wie ich
vertraulich bei der Judit stand; ich erschrak darüber und sah mich um. Der
Nebel löste sich auf, schon sah man durch seine silbernen Flöre den blauen
Himmel, einzelne Sonnenstrahlen fielen schimmernd auf die feuchten Zweige und
beglänzten die Tropfen, welche sich fallend ablösten; schon sah man den blauen
Schatten eines Mannes vorübergehen, und endlich drang die Klarheit überall
durch, umgab uns und warf, wie wir waren, unser beider Schlagschatten auf den
matt besonnten Grasboden.
    Ich eilte davon und hörte in dem Hause meines Oheims die Bestätigung dessen,
was mir Judit mitgeteilt; wohl aufgehoben in dem lebendigen Hause und beruhigt
durch das vertrauliche Gespräch, lächelte ich wieder ungläubig und war froh, in
meinen jungen Vettern Genossen zu finden, welche sich auch nicht viel aus
dergleichen machten. Doch blieb immer eine gemischte Empfindung in mir zurück,
da schon die Neigung zu solchen Erscheinungen, der Anspruch darauf mir beinahe
eine Anmassung zu sein schien, die ich der guten Anna zwar keineswegs, aber doch
einem mir fremden und nicht willkommenen Wesen zurechnen konnte, in welchem ich
sie jetzt befangen sah. So trat ich ihr, als ich abends zurückkehrte, mit einer
gewissen Scheu entgegen, welche jedoch durch ihre liebliche Gegenwart bald
wieder zerstreut wurde, und als sie nun selbst, in Gegenwart ihres Vaters, leise
anfing von einem Traume zu sprechen, den sie vor einigen Tagen geträumt, und ich
daher sah, dass sie willens sei, mich in das vermeintliche Geheimnis zu ziehen,
glaubte ich unverweilt an die Sache, ehrte sie und fand sie nur um so
liebenswürdiger, je mehr ich vorhin daran gezweifelt.
    Als ich mich allein befand, dachte ich mehr darüber nach und erinnerte mich,
von solchen Berichten gelesen zu haben, wo, ohne etwas Wunderbares und
Übernatürliches anzunehmen, auf noch unerforschte Gebiete und Fähigkeiten der
Natur selbst hingewiesen wurde, so wie ich überhaupt bei reiflicher Betrachtung
noch manches verborgene Band und Gesetz möglich halten musste, wenn ich meine
grösste Möglichkeit, den lieben Gott, nicht zu sehr blossstellen und in eine öde
Einsamkeit bannen wollte.
    Ich lag im Bette, als mir diese Gedanken klar wurden und ich der Unschuld
und Redlichkeit Annas gedachte, als welche doch auch zu berücksichtigen wären;
und nicht so bald befiel mich diese Vorstellung, so streckte ich mich anständig
aus, kreuzte die Hände zierlich über der Brust und nahm so eine höchst gewählte
und ideale Stellung ein, um mit Ehren zu bestehen, wenn Annas Geisterauge mich
etwa unbewusst erblicken sollte. Allein das Einschlafen brachte mich bald aus
dieser ungewohnten Lage, und ich fand mich am Morgen zu meinem Verdrusse in der
behaglichsten und trivialsten Figur von der Welt.
    Ich raffte mich hastig zusammen, und wie man des Morgens Gesicht und Hände
wäscht, so wusch ich gewissermassen Gesicht und Hände meiner Seele und nahm ein
zusammengefasstes und sorgfältiges Wesen an, suchte meine Gedanken zu beherrschen
und in jedem Augenblicke klar und rein zu sein. So erschien ich vor Anna, wo mir
ein solch gereinigtes und festtägliches Dasein leicht wurde, indem in ihrer
Gegenwart eigentlich kein anderes möglich war. Der Morgen nahm wieder seinen
Verlauf wie gestern, der Nebel stand dicht vor den Fenstern und schien mich
hinauszurufen. Wenn mich jetzt eine Unruhe befiel, Judit aufzusuchen, so war
dies weniger eine masslose Unbeständigkeit und Schwäche als eine gutmütige
Dankbarkeit, die ich fühlte und die mich drängte, der reizenden Frau für ihre
Neigung freundlich zu sein; denn nach der unvorbereiteten und unverstellten
Freude, in welcher ich sie gestern überrascht, durfte ich mir nun wirklich
einbilden, dass sie mir herzlich gut war. Und ich glaubte ihr unbedenklich sagen
zu können, dass sie mir lieb sei, indem ich sonderbarerweise dadurch gar keinen
Abbruch meiner Gefühle für Anna wahrnahm und es mir nicht bewusst war, dass ich
mit dieser Versicherung fast nur das Verlangen aussprach, ihr recht heftig um
den Hals zu fallen. Zudem betrachtete ich meinen Besuch als eine gute
Gelegenheit, mich zu beherrschen und in der gefährlichsten Umgebung doch immer
so zu sein, dass mich ein verräterischer Traum zeigen durfte.
    Unter solchen Sophismen machte ich mich auf, nicht ohne einen ängstlichen
Blick auf Anna zu werfen, an welcher ich aber keinen Schatten eines Zweifels
entdeckte. Draussen zögerte ich wieder, fand aber den Weg unbeirrt zu Judits
Garten. Sie selbst musste ich erst eine Weile suchen, weil sie, mich gleich am
Eingange sehend, sich verbarg, in den Nebelwolken hin und her schlüpfte und
dadurch selbst irre wurde, so dass sie zuletzt stillstand und mir leise rief, bis
ich sie fand. Wir machten beide unwillkürlich eine Bewegung, uns in den Arm zu
fallen, hielten uns aber zurück und gaben uns nur die Hand. Sie sammelte immer
noch Obst ein, aber nur die edleren Arten, welche an kleinen Bäumen wuchsen; das
übrige verkaufte sie und liess es von den Käufern selbst vom Baume nehmen. Ich
half ihr einen Korb voll brechen und stieg auf einige Bäume, wo sie nicht
hingelangen konnte. Aus Mutwillen stieg ich auch in die oberste Krone eines
hohen Apfelbaumes hinauf, dass ich im Nebel verschwand. Sie fragte mich unten, ob
ich sie liebhätte, und ich antwortete gleichsam aus den Wolken mein Ja. Da rief
sie schmeichelnd: »Ach, das ist ein schönes Lied, das hör ich gern! Komm
herunter, du junger Vogel, der so artig singt!«
    So brachten wir alle Tage eine Stunde zu, eh ich zu meinem Oheim ging; wir
sprachen dabei über dies und jenes, ich erzählte viel von Anna, und sie musste
alles anhören und tat es mit grosser Geduld, nur damit ich dabliebe Denn während
ich in Anna den bessern und geistigern Teil meiner selbst liebte, suchte Judit
wieder etwas Besseres in meiner Jugend, als ihr die Welt bisher geboten; und
doch sah sie wohl, dass sie nur meine sinnliche Hälfte anlockte; und wenn sie
auch ahnte, dass mein Herz mehr dabei war, als ich selbst wusste, so hütete sie
sich wohl, es merken zu lassen, und liess mich ihre tägliche Frage in dem guten
Glauben beantworten, dass es nicht so viel auf sich hätte.
    Oft drang ich auch in sie, mir von ihrem Leben zu erzählen und warum sie so
einsam sei. Sie tat es, und ich hörte ihr begierig zu. Ihren verstorbenen Mann
hatte sie als junges Mädchen geheiratet, weil er schön und kraftvoll ausgesehen.
Aber es zeigte sich, dass er dumm, kleinlich und klatschhaft war und ein
lächerlicher Topfgucker, welche Eigenschaften sich alle hinter der schweigsamen
Blödigkeit des Freiers versteckt hatten. Sie sagte unbefangen, sein Tod sei ein
grosses Glück gewesen. Nachher bewarben sich nur solche Männer um sie, welche ihr
Vermögen im Auge hatten und sich schnell anderswohin richteten, wenn sie ein
paar hundert Gulden mehr verspürten. Sie sah, wie blühende, kluge und handliche
Männer ganz windschiefe und blasse Weibchen heirateten mit spitzigen Nasen und
vielem Gelde, weswegen sie sich über alle lustig machte und sie schnöde
behandelte. »Aber ich muss selbst Busse tun«, fügte sie hinzu, »warum hab ich
einen schönen Esel genommen!«
 
                                Fünftes Kapitel
                     Torheit des Meisters und des Schülers
Nach acht Tagen kehrte ich zur Stadt zurück und nahm meine Arbeit bei Römer
wieder auf. Da es mit dem Zeichnen im Freien vorbei und auch nichts weiter zu
kopieren war, leitete mich Römer an, zu versuchen, ob ich aus dem Gewonnenen ein
Ganzes und Selbständiges herstellen könne. Ich musste unter meinen Studien ein
Motiv suchen und selbiges zu einem kleinen Bilde ausdehnen und abgrenzen. »Da
wir hier ohne alle Mittel sind«, sagte er, »ausser meiner eigenen Mappe, welche
Sie mir diesen Winter hindurch in die Ihrige hinüberpinseln würden, wenn ich es
zugäbe, so ist es am besten, wir machen es so Sie sind zwar noch zu jung dazu
und werden noch ein- oder zweimal mit neuen Erfahrungen von vorn anfangen
müssen, ehe Sie etwas Dauerhaftes machen. Indessen wollen wir immerhin
versuchen, ein Viereck so auszufüllen, dass Sie es im Notfall verkaufen können!«
    Mit der ersten Probe ging es ganz ordentlich; ebenso mit der zweiten und
dritten. Die frische Luft, die Einfachheit des Gegenstandes und Römers sichere
Erfahrung liessen die Gründe sich wie von selbst aneinanderfügen, das Licht wurde
ohne Schwierigkeit verteilt und jede Partie in Licht und Schatten vernünftig und
klar ausgefüllt, so dass keine nichtssagenden und verworrenen Stellen
übrigblieben. Grosses Vergnügen gewährte es mir, wenn ich einen oder einige
Gegenstände, zu denen die vorliegenden Studien im Licht gehalten waren, in
Schatten setzen musste oder umgekehrt, wo dann durch eigenes Nachdenken und
Berechnung ein Neues und doch einzig Notwendiges bezweckt wurde, nach den
Bedingungen der Lokalfarbe, der Tageszeit, des blauen oder bewölkten Himmels und
der benachbarten Gegenstände, welche mehr oder weniger Licht und Farbe
zurückwerfen mussten. Gelang es mir, den wahrscheinlichen Ton zu treffen, der
unter ähnlichen Verhältnissen über der Natur selbst geschwebt hätte - was man
gleich sah, indem ein wahrer Ton immer einen ganz eigentümlichen Zauber übt - ,
so beschlich mich ein stolzes Gefühl, in welchem mir meine Erfahrung und das
Weben der Natur eins zu sein schienen.
    Allein das Vergnügen erwies sich schwieriger, als umfang- und
inhaltsreichere Sachen unternommen wurden und, durch diese Tätigkeit
hervorgerufen, meine Erfindungslust wieder auftauchte und überwucherte. Das
gewichtige Wort Komponieren summte mir mit prahlerischem Klang in den Ohren, und
ich liess, als ich nun förmliche Skizzen entwarf, die zur Ausführung bestimmt
waren, meinem Hange den Zügel schiessen. Überall suchte ich poetische Winkel und
Plätzchen, geistreiche Beziehungen und Bedeutungen anzubringen, welche mit der
erforderlichen Ruhe und Einfachheit in Widerspruch gerieten. Römer liess mich
eine solche Skizze unbeschnitten ausführen, und als das Machwerk mir selbst
nicht behagen wollte, ohne dass ich wusste warum, zeigte er mir triumphierend, dass
die technischen Mittel und die Naturwahrheiten im einzelnen der anspruchsvollen
und gesuchten Komposition wegen keine Wirkung tun, zu keiner Gesamtwahrheit
werden könnten und um meine hervorstechende Zeichnung hingen wie bunte Flitter
um ein Gerippe, ja dass sogar im einzelnen keine frische Wahrheit möglich sei,
auch bei dem besten Willen nicht, weil vor der überwiegenden Erfindung, vor dem
anmassenden Spiritualismus (wie er sich ausdrückte) die Naturfrische sich
sozusagen aus der Pinselspitze in den Pinselstiel spröde zurückziehe.
    »Es gibt allerdings«, sagte Römer, »eine Richtung, deren Hauptgewicht auf
der Erfindung, auf Kosten der unmittelbaren Wahrheit, beruht. Solche Bilder
sehen aber eher wie geschriebene Gedichte als wie wirkliche Bilder aus, wie es
ja auch Gedichte gibt, welche mehr den Eindruck einer Malerei machen möchten als
eines geistig tönenden Wortes. Wenn Sie in Rom wären und die Arbeiten des alten
Koch oder Reinharts sähen, so würden Sie, Ihrer deutlichen Neigung nach, sich
entzückt den alten Käuzen anschliessen; es ist aber gut, dass Sie nicht dort sind,
denn dies ist eine gefährliche Sache für einen jungen Künstler. Es gehört dazu
eine durchaus gediegene, fast wissenschaftliche Bildung, eine strenge, sichere
und feine Zeichnung, welche noch mehr auf dem Studium der menschlichen Gestalt
als auf demjenigen der Bäume und Sträucher beruht, mit einem Wort ein grosser
Stil, welcher nur in dem Werte einer ganzen reichen Erfahrung bestehen kann, um
den Glanz gemeiner Naturwahrheit vergessen zu lassen; und mit allem diesem ist
man erst zu einer ewigen Sonderlingsstellung und Armut verdammt, und das mit
Recht, denn die ganze Art ist unberechtigt und töricht!«
    Ich fügte mich diesen Reden aber nicht, weil ich ihm schon abgemerkt hatte,
dass das Erfinden nicht seine Stärke war; denn schon mehr als einmal hatte er,
meine Anordnungen korrigierend, Lieblingsstellen in Bergzügen oder Waldgründen,
die ich recht bedeutsam glaubte, gar nicht einmal gesehen, indem er sie mit dem
markigen Bleistifte schonungslos überschraffierte und zu einem kräftigen, aber
nichtssagenden Grunde ausglich. Wenn sie auch störten, so hätte er meiner
Meinung nach wenigstens sie bemerken, mich verstehen und etwas darüber sagen
müssen.
    Ich wagte daher zu widersprechen, schob die Schuld auf die Wasserfarben, in
welchen keine Kraft und Freiheit möglich sei, und sprach meine Sehnsucht aus
nach guter Leinwand und Ölfarben, wo alles schon von selbst eine respektable
Gestalt und Haltung gewinnen würde. Hiemit griff ich aber meinen Lehrer in
seiner Existenz an, indem er glaubte und behauptete, dass die ganze und volle
Künstlerschaft sich hinlänglich und vorzüglich nur durch etwas weisses Papier und
einige englische Farbentäfelchen betätigen und zeigen könne. Er hatte seine Bahn
abgeschlossen und gedachte nichts anderes mehr zu leisten, als er schon tat;
daher beleidigte ihn, wie ich nun zu erkennen gab, dass ich das durch ihn
Gelernte nur als eine Staffel betrachte und bereits mich darüber hinweg zu etwas
Höherem berufen fühle. Er wurde um so empfindlicher, als ich einen lebhaften und
wiederholten Streit über diesen Gegenstand hartnäckig aushielt, von meinen
Hoffnungen nicht abliess und seine Aussprüche, wenn sie ins Allgemeine gingen,
nicht mehr unbedingt annahm, vielmehr ungescheut bestritt. Hieran war
hauptsächlich der Umstand schuld, dass seine sonstigen Gespräche und Mitteilungen
immer sonderbarer und auffallender geworden und meine Achtung vor seiner
Urteilskraft geschwächt hatten. Manches fiel zusammen mit den dunklen Gerüchten,
die über ihn ergingen, so dass ich eine Zeitlang in der peinlichsten Spannung
mich befand, aus einem geehrten und zuverlässigen Lehrer die seltsamste und
rätselhafteste Gestalt sich herausschälen zu sehen.
    Schon seit einiger Zeit wurden seine Äusserungen über Menschen und
Verhältnisse immer härter und zugleich bestimmter, indem sie sich
ausschliesslicher auf politische Dinge bezogen. Er ging alle Abende in einen
Lesezirkel unserer Stadt, las dort die französischen und englischen Blätter und
pflegte sich vieles zu notieren, so wie er auch in seiner Wohnung allerlei
geheimnisvolle Papierschnitzel handhabte und sich oft über wichtigem Schreiben
betreffen liess. Vorzüglich machte er sich mit dem Journal des Débats zu
schaffen. Unsere Regierung nannte er einen Trupp ungeschickter Krähwinkler, den
Grossen Rat aber ein verächtliches Gesindel und unsere heimischen Zustände im
ganzen dummes Zeug. Darüber ward ich stutzig und hielt mit meinen Zustimmungen
zurück oder verteidigte unsere Verhältnisse und hielt ihn für einen malkontenten
Menschen, welchen der lange Aufentalt in fremden grossen Städten mit Verachtung
der engen Heimat angefüllt habe. Er sprach oft von Louis Philippe und tadelte
dessen Massregeln und Schritte wie einer, der eine geheime Vorschrift nicht
pünktlich befolgt sieht. Einst kam er ganz unwirsch nach Hause und beklagte sich
über eine Rede, welche der Minister Tiers gehalten. »Mit diesem vertrackten
kleinen Burschen ist nichts anzufangen!« rief er, indem er ein Zeitungsexzerpt
zerknitterte, »ich hätte ihm diese eigenmächtige Naseweisheit gar nicht
angesehen! Ich glaubte in ihm den gelehrigsten meiner Schüler zu haben.« -
»Zeichnet denn der Herr Tiers auch Landschaften?« fragte ich, und Römer
erwiderte, indem er sich bedeutungsvoll die Hände rieb: »Das eben nicht! lassen
wir das!«
    Doch bald darauf deutete er mir an, dass alle Fäden der europäischen Politik
in seiner Hand zusammenliefen und dass ein Tag, eine Stunde des Nachlasses in
seiner angestrengten Geistesarbeit, die seinen Körper aufzureiben drohe, sich
alsobald durch eine allgemeine Verwirrung der öffentlichen Angelegenheiten
bemerklich mache, dass eine konfuse und ängstliche Nummer des Journal des Débats
jedesmal bedeute, dass er unpässlich oder abgespannt und sein Rat ausgeblieben
sei. Ich sah meinen Lehrer ernstaft an; er machte ein unbefangenes und
ernstaftes Gesicht, die gebogene Nase stand wie immer mitten darin, darunter
der wohlgepflegte Schnurrbart, und über die Augen flog auch nicht das leiseste
ungewisse Zucken.
    Mein Erstaunen gewann nicht Zeit, sich aufzuhellen, indem ich ferner erfuhr,
dass Römer, während er der verborgene Mittelpunkt aller Staatsregierungen,
zugleich das Opfer unerhörter Tyranneien und Misshandlungen war. Er, der vor
aller Augen auf dem mächtigsten Trone Europas hätte sitzen sollen von mehr als
eines Rechtes wegen, wurde durch einen geheimnisvollen Zwang gleich einem
gebannten Dämon in Verborgenheit und Armut gehalten, dass er kein Glied ohne den
Willen seiner Tyrannen rühren konnte, während sie ihm täglich gerade so viel von
seinem Genius abzapften, als sie zu ihrer kleinlichen Weltbesorgung gebrauchten.
Freilich, wäre er zu seinem Recht und zu seiner Freiheit gekommen, so würde im
selben Augenblicke die Mäusewirtschaft aufgehört haben und ein freies, lichtes
und glückliches Zeitalter angebrochen sein. Allein die winzigen Dosen seines
Geistes, welche nun so tropfenweise verwendet würden, sammelten sich doch
langsam zu einem allmächtigen Meere, indem es ihre Art sei, dass keine davon
wieder vergehen oder aufgehoben werden könne, und in jenem allbezwingenden Meere
werde sein Wesen zu seinem. Rechte kommen und die Welt erlösen, daher er gerne
seine körperliche Person wolle verschmachten lassen.
    »Hören Sie diesen verfluchten Hahn krähen?« rief er, »dies ist nur ein
Mittel von tausenden, die sie zu meiner Qual anwenden; sie wissen, dass der
Hahnenschrei mein ganzes Nervensystem erschüttert und mich zu jedem Nachdenken
untauglich macht; deshalb hält man überall Hähne in meiner Nähe und lässt sie
spielen, sobald man die verlangten Depeschen von mir hat, damit das Räderwerk
meines Geistes für den übrigen Tag stillstehe! Glauben Sie wohl, dass dies Haus
hier ganz mit verborgenen Röhren durchzogen ist, dass man jedes Wort hört, was
wir sprechen, und alles sieht, was wir tun?«
    Ich sah mich im Zimmer um und versuchte einige Einwendungen zu machen,
welche jedoch durch seine stechenden, geheimnisvollen und wichtigen Blicke und
Worte unterdrückt wurden. Solange ich mit ihm sprach, befand ich mich in der
wunderlichen Stimmung, in welcher ein Knabe halbgläubig das Märchen eines
Erwachsenen anhört, welcher ihm lieb ist und seiner Achtung geniesst; war ich
aber allein, so musste ich mir gestehen, dass ich das Beste, was ich bisher
gelernt, aus der Hand des Wahnsinns empfangen habe. Dieser Gedanke empörte mich,
und ich begriff nicht, wie jemand wahnsinnig sein könne. Eine gewisse
Unbarmherzigkeit erfüllte mich, ich nahm mir vor, mit einem klaren Worte die
ganze unsinnige Wolke gewiss zu zerstreuen; stand ich aber dem Wahnsinne
gegenüber, so musste ich seine Stärke und Undurchdringlichkeit sogleich fühlen
und froh sein, wenn ich Worte fand, welche, auf die verirrten Gedanken
eingehend, dem Leidenden durch Mitteilung einige Erleichterung gewähren konnten.
Denn dass er wirklich unglücklich und leidend war und alle eingebildeten Qualen
auch fühlte, konnte ich nicht verkennen.
    
    Ich verschwieg Römers Tollheit lange gegen jedermann und selbst gegen meine
Mutter, weil ich meine eigene Ehre dabei beteiligt glaubte, wenn ein so
trefflicher Lehrer und Künstler als verrückt erschien, und weil es mir
widerstrebte, den schlimmen Gerüchten, die über ihn im Umlauf waren,
entgegenzukommen. Doch verlockte mich einst ein gar zu lächerliches Vorkommnis
zum Plaudern. Nachdem er nämlich öfter bedeutungsvoll bald von den Bourbonen,
bald von den Napoleoniden, bald von den Habsburgern gesprochen, ereignete es
sich, dass eine Königin-Mutter aus irgendeinem monarchischen Staate, eine alte
Frau mit vielen Dienern und Schachteln, einige Tage sich in unserer Stadt
aufhielt. Sogleich geriet Römer in grosse Aufregung, lenkte auf Spaziergängen
unsern Weg an dem Gastofe vorbei, wo sie logierte, ging in das Haus, als ob er
mit der Dame, die er als sehr intrigant und seinetwegen hergekommen schilderte,
wichtige Unterredungen hätte, und liess mich lange unten warten. Doch bemerkte
ich an dem Dufte, den er zurückbrachte, dass er sich lediglich in der
Kutscherstube aufgehalten und dort wohl eine Knoblauchwurst nebst einem Glase
Wein zu sich genommen haben musste. Diese Narrenpossen, von einem Manne mit so
edlem und ernstem Äussern getrieben, empörten mich um so mehr, als sie mit einer
lächerlichen Listigkeit verbunden waren. Ich begann daher, mich zu Hause und
auch anderwärts über die Angelegenheit zu äussern und erfuhr nun mit
Verwunderung, dass Römers seltsames Wesen wohl bekannt war, aber, statt Mitleiden
und hilfreiche Teilnahme zu erregen, als eine Art böswilligen Lasters, als
wissentliche Verlogenheit betrachtet wurde, darauf berechnet, die Menschen zu
betrügen und auf ihre Kosten etwas Falsches vorzustellen. Irgendeine im fernen
Auslande begangene Verletzung der Bescheidenheit oder guten Sitte oder eine
eingegangene Schuld, die er nicht lösen konnte, musste mit dem Beginne der
Krankheit zusammengefallen sein, ohne dass man dahinterkommen konnte, was es
eigentlich gewesen. Der Betroffene, der die Kenntnis davon in geheimer Weise
unterhielt und von Zeit zu Zeit erneuerte, wollte doch den Anschein eines
nachtragenden Verfolgers nicht auf sich nehmen und wusste den Kranken auf eine
Art zu isolieren, dass fast nicht von der Sache gesprochen wurde und jener selbst
keine Ahnung davon hatte. Aber während viel unbedeutendere Künstler sich
behaglich durchbringen konnten, tat man, als ob Römer gar nicht da wäre, und
keine Gunst, keine Anerkennung, keine gefällige Fürsprache kam seinem
untadelhaften Fleisse entgegen, der bei aller Geistesverirrung niemals
einschlief. Ich erfuhr erst später, dass Römer während unsers Verkehrs fast immer
gehungert und dabei seine spärlichen Mittel beinahe nur für den Unterhalt einer
saubern äussern Erscheinung geopfert hatte.
    Wenn ich nun die umlaufenden Nachreden auch nicht für bare Münze nahm und
den Mann gegen das Gerücht verteidigte, so beeinträchtigte es doch mein
Vertrauen und den jugendlich ehrerbietigen Aufblick zu dem Lehrer, und ich wurde
bis zu einem gewissen Grade mit gegen ihn eingenommen, nur mit dem Unterschiede,
dass ich seinen Wert als Künstler nach wie vor hochhielt.
    Nachdem ich vier Monate unter seiner Leitung zugebracht, wollte ich mich
zurückziehen, indem ich die bezahlte Summe nun als ausgeglichen betrachtete.
Doch er äusserte wiederholt, dass es hiemit nicht so genau zu nehmen und die
Studien deshalb nicht abzubrechen wären; es sei ihm im Gegenteil ein angenehmes
Bedürfnis, unsern Verkehr fortzusetzen. So arbeitete ich zwar nicht mehr in
seiner Wohnung, besuchte ihn aber zuweilen und empfing seinen Rat. Weitere vier
Monate vergingen so, während welcher er, durch die Not gezwungen, aber leichtin
und beiläufig mich anfragte, ob meine Mutter ihm mit einem etwelchen Darlehen
auf kurze Zeit aushelfen könne? Er bezeichnete ungefähr eine gleiche Summe wie
die schon empfangene, und ich brachte ihm das Geld noch am gleichen Tage. Im
Frühjahr endlich gelang es ihm, mit Mühe wieder einmal eine Arbeit zu verkaufen,
wodurch er etwas reichlichere Mittel in die Hände bekam. Mit diesen beschloss er
nach Paris zu gehen, da ihm hier kein Heil blühen wollte und ihn sonst auch der
Wahn forttrieb, durch Ortsveränderung ein besseres Los erzwingen zu können. Denn
trotz allem scharfsinnigen Instinkte, den ein Irrsinniger und Unglücklicher hat,
ahnte er von ferne nicht, dass sein wirkliches Geschick viel schlimmer als sein
eingebildetes Leiden und dass die Welt übereingekommen war, seine armen schönen
Zeichnungen und Bilder entgelten zu lassen, was man von seiner vermeintlichen
Schlechtigkeit hielt.
    Ich fand ihn, wie er seine Sachen zusammenpackte und einige Rechnungen
bezahlte. Er kündigte mir seine Abreise an, die am andern Tage erfolgen sollte,
und verabschiedete sich zugleich freundlich von mir, noch einige geheimnisvolle
Andeutungen über den Zweck der Reise beifügend. Als ich meiner Mutter die
Nachricht mitteilte, fragte sie sogleich, ob er denn nichts von dem geliehenen
Gelde gesagt habe?
    Ich hatte bei Römer einen entschiedenen Fortschritt gemacht, mein ganzes
Können und meinen Blick erweitert, und es war gar nicht zu berechnen und schon
nicht mehr zu denken, wie es ohne dies alles mit mir hätte gehen sollen.
Deswegen hätten wir das Geld füglich als eine wohlangewandte Entschädigung
ansehen dürfen, und dies um so mehr, als Römer mir die letzte Zeit nach wie vor
seinen Rat gegeben hatte. Allein wir glaubten nur einen Beweis von der
Richtigkeit jener Gerüchte zu sehen und wussten auch dazumal noch nicht, wie
kümmerlich er lebte; wir dachten ihn im Besitze guter Mittel, denn er hatte
seine Armut sorgfältig verborgen. Meine Mutter bestand darauf, dass er das
Geliehene zurückgeben müsse, und war zornig, dass jemand von dem zum Besten ihres
Söhnleins bestimmten kleinen Geldvorrate sich ohne weiteres einen Teil aneignen
wolle. Was ich gelernt, zog sie nicht in Betracht, weil sie es für die
Schuldigkeit aller Welt hielt, mir mitzuteilen, was man irgend Gutes wusste.
    Ich dagegen, teils weil ich zuletzt auch gegen Römer eingenommen war und ihn
für eine Art Schwindler hielt, teils weil ich meine Mutter zur Herausgabe der
Summe beredet, und endlich aus Unverstand und Verblendung, hatte nichts
einzuwenden und empfand eher eine Genugtuung, mich für alle Unbill zu rächen.
Als daher die Mutter ein Billett an ihn schrieb und ich einsah, dass er, wenn er
entschlossen war, das Geld zu behalten, die Mahnung einer in seinen Augen
gewöhnlichen Frau nicht beachten werde, kassierte ich das Schreiben meiner
Mutter, welche ohnedies verlegen war, an einen so ansehnlichen und fremdartigen
Mann zu schreiben, und entwarf ein anderes, welches, ich muss es zu meiner
Schande gestehen, höchst zweckmässig eingerichtet war. In höflicher Sprache
berechnete ich seine fixen Ideen, seinen Stolz und sein Ehrgefühl, und indem das
bescheidene Billett erst zu einer Bitterkeit wurde, wenn es unberücksichtigt
blieb, war es, wenn Römer alles das verlachen sollte, schliesslich so beschaffen,
dass er doch nicht lachen, sondern sich durchschaut sehen konnte. Soviel brauchte
es indessen gar nicht; denn als wir das Machwerk hinschickten, kehrte der Bote
augenblicklich mit dem Gelde zurück. Ich war etwas beschämt; doch sprachen wir
jetzt alles Gute von ihm, er sei doch nicht so übel usf., nur weil er uns das
elende Häufchen Silber herausgegeben.
    Ich glaube, wenn Römer sich eingebildet hätte, ein Nilpferd oder ein
Speiseschrank zu sein, so wäre ich nicht so unbarmherzig und undankbar gegen ihn
gewesen; da er aber ein grosser Prophet sein wollte, so fühlte sich meine eigene
Eitelkeit dadurch verletzt und waffnete sich mit den äusserlichen scheinbaren
Gründen.
    Nach einem Monate erhielt ich von Römer folgenden Brief aus Paris:
                          »Mein werter junger Freund!
Ich bin Ihnen eine Nachricht über mein Befinden schuldig, da ich gern annehme,
mich Ihrer ferneren Teilnahme und Freundschaft erfreuen zu dürfen. Bin ich Ihnen
doch meine endliche Befreiung und Herrschaft schuldig. Durch Ihre Vermittlung,
indem Sie das Geld von mir zurückverlangten (welches ich nicht vergessen hatte,
aber Ihnen in einem freiern Augenblicke zurückgeben wollte), bin ich endlich in
den Palast meiner Väter eingezogen und meiner wahren Bestimmung anheimgegeben!
Aber es kostete Mühseligkeit. Ich gedachte jene Summe zu meinem ersten
Aufentalte hier zu verwenden; da Sie aber selbige zurückverlangten, so blieb
mir nach Abzug der Reisekosten noch ein Franc übrig, mit welchem ich von der
Post ging. Es regnete sehr stark, und verwandte ich daher den besagten Franc
dazu, nach dem Mont piété zu fahren und dorten meine Koffer zu versetzen. Bald
darauf sah ich mich genötigt, meine Sammlungen einem Trödler für ein Trinkgeld
zu verkaufen, und erst jetzt, als ich endlich von aller angenommenen
Künstlermaske und allem Kunstapparate glücklich befreit und hungernd in den
Strassen umherlief, ohne Obdach, ohne Kleider, doch jubelnd über meine Freiheit,
da fanden mich treue Diener meines erlauchten Hauses und führten mich im Triumph
heim! Aber noch beobachtet man mich zuweilen, und ich benutze eine günstige
Gelegenheit, dies Zeichen zu senden. Sie sind mir wert geworden, und ich habe
etwas Gutes mit Ihnen vor! Inzwischen nehmen Sie meinen Dank für die günstige
Wendung, die Sie herbeigeführt! Möge alles Elend der Erde in Ihr Herz fahren,
jugendlicher Held! Mögen Hunger, Verdacht und Misstrauen Sie liebkosen und die
schlimme Erfahrung Ihr Tisch- und Bettgenosse sein! Als aufmerksame Pagen sende
ich Ihnen meine ewigen Verwünschungen, mit denen ich mich bis auf weiteres Ihnen
treulichst empfehle!
                                                       Ihr wohlgewogener Freund.
Dies nur in Eile, ich bin zu sehr beschäftigt!«
Erst später erfuhr ich, dass Römer in einem französischen Irrenhause verschollen
sei. Wie es dazu kam, wird in obigem Briefe ziemlich klar. Meine Mutter, welcher
ich alles verhehlte, konnte keine Schuld treffen als diejenige aller Frauen,
welche aus Sorge für ihre Angehörigen engherzig und rücksichtslos gegen alle
Welt werden. Ich hingegen, der ich gerade zu dieser Zeit mich gut und strebsam
glaubte, sah nun ein, welche Teufelei ich begangen hatte. Ich log, verleumdete,
betrog oder stahl nicht, wie ich es als Kind getan, aber ich war undankbar,
ungerecht und harterzig unter dem Scheine des äussern Rechtes. Ich mochte mir
lange sagen, dass jene Forderung ja nur eine einfache Bitte um das Geliehene
gewesen sei, wie sie alle Welt versucht, und dass weder meine Mutter noch ich je
gewaltsam darauf bestanden hätten; ich mochte mir lange sagen, dass Erfahrung den
Meister mache und man auch diese Art Unrecht, als die häufigste und am
leichtesten zu begehende, am besten durch ein Erlebnis recht einsehen und
vermeiden lerne; mochte ich mich auch überreden, dass Römers Wesen und Schicksal
mein Verhalten hervorgerufen und auch ohne diesen Vorgang seine Erfüllung
erreicht hätte alles dies hinderte nicht, dass ich mir doch die bittersten
Vorwürfe machen musste und mich schämte, sooft Römers Gestalt vor meinen Sinn
trat. Wenn ich auch die Welt verwünschte, welche dergleichen Handlungen als klug
und recht anerkennt (denn die rechtlichsten Leute hatten uns zu der
Wiedererlangung der Summe beglückwünscht), so fiel doch alle Schuld wieder auf
mich allein zurück, wenn ich an die Anfertigung jenes Billetts dachte, welches
ich ohne die mindeste Mühe geschrieben und gleichsam aus dem Ärmel geschüttelt
hatte. Ich war bald achtzehn Jahre alt und entdeckte jetzt erst, wie ruhig und
unbefangen ich seit den Knabensünden und Krisen gelebt, sechs lange Jahre! Und
nun plötzlich diese Untat! Wenn ich schliesslich bedachte, wie ich jenes
unverhoffte Erscheinen Römers als eine höhere Fügung angesehen, so wusste ich
nicht, sollte ich lachen oder weinen über den Dank, den ich dafür gespendet. Den
unheimlichen Brief wagte ich nicht zu verbrennen und fürchtete mich, ihn
aufzubewahren; bald begrub ich ihn unter entlegenem Gerümpel, bald zog ich ihn
hervor und legte ihn zu meinen liebsten Papieren, und noch jetzt, sooft ich ihn
finde, verändere ich seinen Ort und bringe ihn anderswohin, so dass er auf steter
Wanderschaft ist.
 
                                Sechstes Kapitel
                                Leiden und Leben
Diese Demütigung traf mich um so stärker, als ich, in Annas Träumen und Ahnungen
rein und gut zu erscheinen, den Winter über ein puritanisches Wesen angenommen
hatte und nicht nur meine äusserliche Haltung, sondern auch meine Gedanken
sorgfältig überwachte und mich bestrebte, wie ein Glas zu sein, das man jeden
Augenblick durchschauen dürfe. Welche Ziererei und Selbstgefälligkeit dabei
tätig war, wurde mir jetzt erst bei dieser gewaltsamen Störung deutlich, und
meine Selbstanklage wurde noch durch das Gefühl der Narrheit und Eitelkeit
verbittert.
    Anna hatte während des Winters streng das Zimmer hüten müssen und wurde im
Frühling bettlägerig. Der arme Schulmeister kam in die Stadt, um meine Mutter
abzuholen; er weinte, als er in die Stube trat. Wir schlossen also unsere
Wohnung zu und fuhren mit ihm hinaus, wo meine Mutter wie ein halbes Meerwunder
empfangen und geehrt wurde. Sie entielt sich jedoch, alle die Orte, die ihr
teuer waren, aufzusuchen und ihre gealterten Bekannten zu sehen, sondern eilte,
sich bei dem kranken Kinde einzurichten; erst nach und nach benutzte sie
günstige Augenblicke, und es dauerte monatelang, bis sie alle Jugendfreunde
gesehen, obgleich die meisten in der Nähe wohnten.
    Ich hielt mich im Hause des Oheims auf und ging alle Tage an den See
hinüber. Anna litt morgens und abends und in der Nacht am meisten; den Tag über
schlummerte sie oder lag schweigend im Bette, und ich sass an demselben, ohne
viel zu wissen, was ich sagen sollte. Unser Verhältnis trat äusserlich zurück vor
dem schweren Leiden und der Trauer, welche die Zukunft nur halb verhüllte. Wenn
ich manchmal ganz allein auf eine Viertelstunde bei ihr sass, so hielt ich ihre
Hand, während sie mich bald ernst, bald lächelnd ansah, ohne zu sprechen, oder
höchstens, um ein Glas oder sonst einen Gegenstand von mir zu verlangen. Auch
liess sie sich oft ihre Schächtelchen und kleinen Schätze auf das Bett bringen,
kramte dieselben aus, bis sie müde war, wo sie mich dann alles wieder einpacken
liess. Dies erfüllte uns beinahe mit einem stillen Glücke, und wenn ich dann
fortging, so konnte ich nicht begreifen, wie und warum ich Anna in Erwartung
schmerzenvoller Qualen zurückliess.
    Der Frühling blühte nun in aller Pracht; aber das arme Kind konnte kaum und
selten ans Fenster gebracht werden. Wir füllten daher die Wohnstube, in welcher
ihr weisses Bett stand, mit Blumenstöcken und bauten vor dem Fenster ein breites
Gerüste, um auf demselben durch grössere Töpfe möglichst einen Garten
einzurichten. Wenn Anna an sonnigen Nachmittagen eine gute Stunde hatte und wir
der warmen Maisonne das Fenster öffneten, der silberne See durch die Rosen und
Oleanderblüten hereinglänzte und Anna in ihrem weissen Krankenkleide dalag, so
schien hier ein sanfter trauernder Kultus des Todes begangen zu werden.
    Manchmal aber wurde Anna in solchen Stunden ganz munter und verhältnismässig
redselig; wir setzten uns dann um ihr Bett herum und führten ein gemächliches
Gespräch über Personen und Begebenheiten, bald heiterer Natur und bald ernster,
so dass Anna Bericht erhielt von dem, was unsere kleine Welt bewegte. Eines
Tages, als meine Mutter in das Dorf gegangen war, fiel das Gespräch auf mich
selbst, und der Schulmeister wie seine Tochter schienen es auf diesem
Gegenstande so wohlwollend festalten zu wollen, dass ich mich äusserst
geschmeichelt fühlte und aus behaglicher Dankbarkeit die grösste Aufrichtigkeit
entgegenbrachte. Ich benutzte den Anlass, mein Verhältnis zu dem unglücklichen
Römer zu erzählen, über welches ich seit jenem Briefe mit niemanden gesprochen,
und ich brach in die heftigsten Klagen über den Vorfall und mein Verhalten aus.
Der Schulmeister verstand mich aber nicht recht; denn er wollte mich beruhigen
und die Sache als nicht halb so schlimm darstellen, und was darin doch gefehlt
war, sollte mich aufmerksam machen, dass wir eben allzumal Sünder und der
Barmherzigkeit des Erlösers bedürftig seien. Das Wort Sünder war mir aber ein
für allemal verhasst und lächerrlich und ebenso die Barmherzigkeit; vielmehr
wollte ich ganz unbarmherzig die Sache mit mir selbst ausfechten und mich
verurteilen auf gut weltlich gerichtete Art und durchaus nicht auf geistliche
Weise.
    Plötzlich aber bekam Anna, welche sich bisher still verhalten, aufgeregt
durch meine Erzählung und durch mein Gebaren, einen heftigen Anfall ihrer
Krämpfe und Leiden, dass ich das arme zarte Wesen zum ersten Mal seiner ganzen
hilflosen Qual verfallen sah. Grosse Tränen, durch Not und Angst erpresst, rollten
über ihre weissen Wangen, ohne dass sie dieselben aufhalten konnte. Sie war ganz
durch die Bewegungen ihrer Leiden beschäftigt, so dass bald alle Rücksicht und
Haltung verschwinden mussten, und nur dann und wann richtete sie einen kurzen
irrenden Blick auf mich, wie aus einer fremden Welt des Schmerzes heraus;
zugleich schien sie dann eine zarte Scham zu ängstigen, so masslos vor mir leiden
zu müssen; und ich muss bekennen, dass meine Verlegenheit, so gesund und
ungeschlacht vor dem Heiligtum dieser Marterstätte zu stehen, fast so gross war
als mein Mitleiden. Überzeugt, dass ich ihr dadurch wenigstens einige Befreiung
verschaffe, liess ich sie in den Armen ihres Vaters und eilte bestürzt und
beschämt davon, meine Mutter herbeizuholen.
    Nachdem diese mit einer Nichte sich fortbegeben, um das kranke Kind zu
pflegen, blieb ich den Rest des Tages im Hause des Oheims, mir Vorwürfe machend
über mein plumpes Ungeschick. Nicht nur mein Unrecht gegen Römer, sondern sogar
das Bekenntnis desselben und seine heutigen Folgen warfen einen gehässigen
Schein auf mich, und ich fühlte mich gebannt in einer jener dunklen Stimmungen,
wo einem der Zweifel aufsteigt, ob man wirklich ein guter, zum Glück bestimmter
Mensch sei? wo es scheint, als ob nicht sowohl eine Schlechtigkeit des Herzens
und des Charakters als eine gewisse Schlechtigkeit des Kopfes, des Geschickes
einem anhafte, welche noch unglücklicher macht als die entschiedene Teufelei.
Ich konnte nicht einschlafen vor dem Bedürfnisse, mich zu äussern, da das
immerwährende Verschweigen wie die misslungene Aufrichtigkeit das Gefühl des
Unheimlichen noch vermehrt. Ich stand nach Mitternacht auf, kleidete mich an und
schlich mich aus dem Hause, um Judit aufzusuchen. Ungesehen kam ich durch
Gärten und Hecken, fand aber alles dunkel und verschlossen bei ihr. Ich stand
einige Zeit unschlüssig vor dem Hause; doch kletterte ich zuletzt am Spalier
empor und klopfte zaghaft an das Fenster; denn ich fürchtete mich, das schöne
und kluge Weib aus dem geheimnisvollen Schleier der Nacht aufzuschrecken. Sie
hörte und erkannte mich sogleich, stand auf, zog sich leicht an und liess mich
zum Fenster herein. Dann machte sie Licht, Helle zu verbreiten, weil sie
glaubte, ich sei in der Absicht gekommen, irgend einige Liebkosungen zu wagen.
Aber sie war sehr verwundert, als ich anfing, meine Geschichten zu erzählen,
erst die gewaltsame Störung, welche ich heute in die stille Krankenstube
getragen, und dann die unglückliche Geschichte mit Römer, deren ganzen Verlauf
ich schilderte. Nachdem ich meinen kunstreichen Mahnbrief und den darauf
erhaltenen Pariser Brief beschrieben, aus dessen Inhalt wir wohl Römers
Schicksal ahnen konnten, nur dass wir statt des Irrenhauses gar ein Gefängnis
vermuteten, rief Judit: »Das ist ja ganz abscheulich! Schämst du dich denn
nicht, du Knirps?« Und indem sie zornig auf und nieder ging, malte sie recht
genau aus, wie Römer sich vielleicht erholt hätte, wenn man ihm nicht die Mittel
zu seinem ersten Aufentalte in Paris entzogen, wie ihn der Erhaltungstrieb
vielleicht, ja sicher eine Zeitlang hätte klug sein lassen und hieraus
unberechenbar eine bessere Wendung auf diese oder jene Weise möglich gewesen.
    »Oh, hätte ich den armen Mann pflegen können«, rief sie aus, »gewiss hätte
ich ihn kuriert! Ich hätte ihn ausgelacht und ihm geschmeichelt, bis er klug
geworden wäre!«
    Dann stand sie still, sah mich an und sagte: »Weisst du wohl, Heinrich, dass
du allbereits ein Menschenleben auf deiner grünen Seele hast?«
    Diesen Gedanken hatte ich mir noch nicht einmal klargemacht, und ich sagte
betroffen: »So arg ist es wohl nicht! Im schlimmsten Falle wäre es ein
unglücklicher Zufall, den ich herbeizuführen nie wähnen konnte!«
    »Ja«, erwiderte sie sachte, »wenn du eine einfache, sogar grobe Forderung
gestellt hättest! Durch deinen saubern Höllenzwang aber hast du ihm förmlich den
Dolch auf die Brust gesetzt, wie es auch ganz einer Zeit gemäss ist, wo man sich
mit Worten und Brieflein totsticht! Ach, der arme Mann! Er war so fleissig und
gab sich Mühe, aus der Patsche zu kommen, und als er endlich ein Röllchen Geld
erwarb, nimmt man es ihm weg! Es ist so natürlich, den Lohn der Arbeit zu seiner
Ernährung zu verwenden; aber da heisst es Gib erst zurück, wenn du geborgt hast,
und dann verhungere!«
    Wir sassen beide eine Weile düster und nachdenklich da; dann sagte ich: »Das
hilft nichts, geschehene Dinge sind einmal nicht zu ändern. Die Geschichte soll
mir zur Warnung dienen; aber ich kann sie nicht ewig mit mir herumschleppen, und
da ich mein Unrecht einsehe und bereue, so musst du es mir endlich verzeihen und
mir die Gewissheit geben, dass ich deswegen nicht hassenswert und garstig
aussehe!«
    Ich merkte nämlich erst jetzt, dass ich darum hergekommen und allerdings
bedürftig war, durch Mitteilung und durch die Vermittlung eines fremden Mundes
die Vertilgung eines drückenden Gefühles oder Verzeihung zu erlangen, wenn ich
mich auch gegen des Schulmeisters christliche Vermittlung sträubte. Aber Judit
antwortete: »Daraus wird nichts! Die Vorwürfe deines Gewissens sind ein ganz
gesundes Brot für dich, und daran sollst du dein Leben lang kauen, ohne dass ich
dir die Mutter der Verzeihung darauf streiche! Dies könnte ich nicht einmal;
denn was nicht zu ändern ist, ist eben deswegen auch nicht zu vergessen, dünkt
mich, ich habe dies genugsam erfahren! Übrigens fühle ich leider nicht, dass du
mir irgend widerwärtig geworden wärest; wozu wäre man da, wenn man nicht die
Menschen, wie sie sind, liebhaben müsste?«
    Diese seltsame Äusserung in Judits Munde machte mich tief betroffen und
verursachte mir ein langes Nachsinnen; je länger ich sann, desto gewisser wurde
es mir, dass Judit das Rechte getroffen, und ich gelangte zu einem Schluss,
welcher, indem er zugleich zu einem Entschluss wurde, nämlich das Bewusstsein des
begangenen Unrechtes nie mehr vergessen und immer in seiner ganzen Frische
tragen zu wollen, mir die einzig mögliche Ausgleichung zu sein schien.
    Es ist merkwürdig, dass die Menschen immer nur grosse Dummheiten, die sie
begangen, nicht glauben vergessen zu können, sich bei deren Erinnerung vor den
Kopf schlagen und kein Hehl daraus machen, zum Zeichen, dass sie nun klüger
geworden; begangenes Unrecht aber machen sie sich weis allmählich vergessen zu
können, während es in der Tat nicht so ist, schon deswegen, weil das Unrecht mit
der Dummheit nahe verwandt und ähnlicher Natur ist. Ja, dachte ich, so
unverzeihlich mir meine Dummheiten sind, wird es auch mein Unrecht sein! Was ich
an Römer getan, werde ich von nun an nie mehr vergessen und, wenn ich
unsterblich bin, in die Unsterblichkeit hinübernehmen, denn es gehört zu meiner
Person, zu meiner Geschichte, zu meinem Wesen, sonst wäre es nicht geschehen!
Meine einzige Sorge wird sein, noch so viel Rechtes zu tun, dass mein Dasein
erträglich bleibt!
    Ich sprang auf und verkündete der Judit diese Ausführung und Anwendung
ihrer einfachen Worte; denn es dünkte mir ein wichtiges Ereignis, so für immer
auf das Vergessen einer Übeltat zu verzichten. Judit zog mich nieder und sagte
mir ins Ohr: »Ja, so wird es sein; du bist jetzt erwachsen und hast in diesem
Handel schon deine moralische Jungfernschaft verloren! Nun kannst du dich in
acht nehmen, Bürschchen, dass es nicht so fort geht!« Der drollige Ausdruck, den
sie gebrauchte, stellte mir die Sache noch in ein neues und lächerrlich
deutliches Licht, dass ich einen grossen Ärger empfand und mich einen ausgesuchten
Narren, Laffen und aufgebläheten Popanz schalt, der sich so blindlings habe
übertölpeln lassen. Judit lachte und rief: »Denke daran, wenn man am
gescheitesten zu sein glaubt, so kommt man am ehesten als ein Esel zum
Vorschein!« - »Du brauchst nicht zu lachen!« erwiderte ich ärgerlich, »Dich habe
dir soeben, als ich kam, auch einen Tort angetan; ich habe gefürchtet, dass du
vielleicht einen fremden Mann bei dir haben könntest!«
    Sie gab mir sogleich eine Ohrfeige, doch wie es mir schien, mehr aus
Vergnügen als aus Zorn, und sagte: »Du bist ein recht unverschämter Gesell und
glaubst wohl, du brauchst deine schändlichen Gedanken nur einzugestehen, um von
mir absolviert zu sein! Freilich sind es nur die beschränkten und vernagelten
Leute, welche nie etwas eingestehen wollen; aber die übrigen machen deswegen
damit auch nicht alles gut! Zur Strafe gehst du mir jetzt gleich zum Tempel
hinaus und machst, dass du nach Hause kommst! In der künftigen Nacht darfst du
dich wieder zeigen!«
    Ich begab mich nun, sooft es anging, des Nachts zu ihr; sie brachte den Tag
meistens allein und einsam zu, während ich entweder weite Streifzüge unternahm,
um zu zeichnen, oder in des Schulmeisters Haus, als in einer Schule des Leidens,
mich still und gemessen halten musste. So hatten wir in diesen Nächten vollauf zu
plaudern und sassen oft stundenlang am offenen Fenster, wo der Glanz des
nächtlichen Himmels über der sommerlichen Welt lag; oder wir machten dasselbe
zu, schlossen die Läden und setzten uns an den Tisch und lasen zusammen. Ich
hatte ihr im Herbst auf ihr Verlangen nach einem Buche eine deutsche Übersetzung
des Rasenden Roland zurückgelassen, welchen ich selbst noch nicht näher kannte;
Judit hatte aber den Winter über oft darin gelesen und pries mir jetzt das Buch
als das allerschönste in der Welt an. Judit zweifelte nicht mehr an Annas
baldigem Tod und sagte mir dies unverhohlen, obgleich ich es nicht zugeben
wollte; durch diesen Gegenstand und meine Berichte von jenem Krankenlager wurden
wir trübselig und düster, jedes auf seine Weise, und wenn wir nun im Ariost
lasen, so vergassen wir alle Trübsal und tauchten uns in eine frische glänzende
Welt. Judit hatte das Buch erst ganz volkstümlich als etwas Gedrucktes
genommen, wie es war, ohne über seinen Ursprung und seine Bedeutung zu grübeln;
als wir aber jetzt zusammen darin lasen, verlangte sie manches zu wissen, und
ich musste ihr, so gut ich konnte, einen Begriff geben von der Entstehungsweise
und der Geltung eines solchen Werkes, von dem Wollen und den bewussten Absichten
des Dichters, und ich erzählte, soviel ich wusste, von Ariost. Nun wurde sie erst
recht fröhlich, nannte ihn einen klugen und weisen Mann und las die Gesänge mit
verdoppelter Lust, da sie wusste, dass diesen so heiteren und so tiefsinnigen
Wechselgeschichten eine heitere Absicht zugrunde lag, ein Wollen, Schaffen und
Gestalten, eine Einsicht und ein Wissen, das ihr in seiner Neuheit wie ein Stern
aus dunkler Nacht erglänzte. Wenn die in Schönheit leuchtenden Geschöpfe rastlos
an uns vorüberzogen, von Täuschung zu Täuschung, und, leidenschaftlich sich
jagend und haschend, immer eins dem andern entschwand und ein drittes
hervortrat, oder wenn sie in kurzen Augenblicken bestraft und trauernd ruheten
von ihrer Leidenschaft oder vielmehr sich tiefer in dieselbe hineinzuruhen
schienen an klaren Gewässern, unter wundervollen Bäumen, so rief Judit: »O
kluger Mann! Ja, so geht es zu, so sind die Menschen und ihr Leben, so sind wir
selbst, wir Narren!«
    Noch mehr glaubte ich selbst der Gegenstand eines poetischen Scherzes zu
sein, wenn ich mich neben einem Weibe sah, welches ganz wie jene Fabelwesen auf
der Stufe der voll entfalteten Kraft und Schönheit stillzustehen und dazu
angetan schien, unablässig die Leidenschaft fahrender Helden zu erregen. An
ihrer ganzen Gestalt hatte jeder Zug ein siegreiches festes Gepräge, und die
Faltenlagen ihrer einfachen Kleider waren immer so schmuck und stattlich, dass
man durch sie hindurch in der Aufregung wohl goldene Spangen oder gar
schimmernde Waffenstücke zu ahnen glaubte. Entblösste jedoch das üppige Gedicht
seine Frauen von Schmuck und Kleidung und brachte ihre blossgegebene Schönheit in
offene Bedrängnis oder in eine mutwillig verführerische Lage, während ich mich
nur durch einen dünnen Faden von der blühendsten Wirklichkeit geschieden sah, so
war es mir vollends, als wäre ich ein törichter Fabelheld und das Spielzeug
eines ausgelassenen Dichters. Nicht nur das platonische Pflicht- und Treuegefühl
gegen das von christlichen Gebeten umgebene Leidensbett eines zarten Wesens,
sondern auch die Furcht, schlechtweg durch Annas krankhafte Träume verraten zu
werden, legten ein Band um die verlangenden Sinne, während Judit aus Rücksicht
für Anna und mich und aus dem Bedürfnisse sich beherrschte, in dem zierlich
platonischen Wesen der Jugend noch etwas mitzuleben. Unsere Hände bewegten sich
manchmal unwillkürlich nach den Schultern oder den Hüften des andern, um sich
darumzulegen, tappten aber auf halbem Wege in der Luft und endigten mit einem
zaghaften abgebrochenen Wangenstreicheln, so dass wir närrischerweise zwei jungen
Katzen glichen, welche mit den Pfötchen nacheinander auslangen, elektrisch
zitternd und unschlüssig, ob sie spielen oder sich zerzausen sollen.
 
                               Siebentes Kapitel
                            Annas Tod und Begräbnis
Zu diesen so ganz entgegengesetzten Aufregungen der Tage und Nächte kamen im
Sommer noch verschiedene Auftritte im ländlichen Familienleben, welche bei aller
Einfachheit doch den gewaltigen Wechsel des Lebens und sein unaufhaltsames Vor
übergehen ins Licht stellten. Der Haushalt des jungen Müllers liess seine Heirat
nicht länger aufschieben, und es wurde also eine dreitägige Hochzeit gefeiert,
bei welcher die spärlichen Überreste städtischen Gebrauches, so die Braut aus
ihrem Hause mitbrachte, gar jämmerlich dem ländlichen Pomp unterliegen mussten.
Die Geigen schwiegen nicht während der drei Tage; ich ging mehrmals hin und fand
Judit festlich geschmückt unter dem Gedränge der Gäste; ein und das andere Mal
tanzte ich bescheiden und wie ein Fremder mit ihr, und auch sie hielt sich
zurück, obgleich wir während der geräuschvollen Nachte Gelegenheit genug hatten,
uns unbemerkt nahe zu sein.
    Kaum war die Hochzeit vorüber, so erkrankte die Muhme, welche noch nicht
fünfzig Jahre alt war, und starb in Zeit von drei Wochen. Sie war eine starke
Frau, daher ihre Todeskrankheit um so gewaltsamer, und sie starb sehr ungern.
Sie litt heftig und unruhig und ergab sich erst in den letzten zwei Tagen; und
an dem Schrecken, der sich im Hause verbreitete, konnte man erst sehen, was sie
allen gewesen. Aber wie nach dem Hinsinken eines guten Soldaten auf dem Felde
der Ehre die Lücke schnell wieder ausgefüllt wird und der Kampf rüstig fortgeht,
so erwies sich die Art des Lebens und des Todes dieser tapferen Frau auch auf
das schönste dadurch, dass die Reihen ohne Lamentieren rasch sich schlossen; die
Kinder teilten sich in Arbeit und Sorge und versparten den beschaulichen Schmerz
bis auf die Tage der Ruhe, wo man die Marksteine des Lebens deutlicher ragen
sieht. Nur der Oheim äusserte erst einige tiefere Klagen, fasste diese aber bald
in das Wort »meine selige Frau« zusammen, das er nun bei jeder Gelegenheit
anbrachte. An dem Leichenbegängnisse sah ich Judit unter den fremden Frauen.
Sie trug ein städtisches schwarzes Kleid bis unter das Kinn zugeknöpft, sah
demütig auf den Boden und ging doch hoch einher.
    So war in kurzer Zeit die Gestalt des oheimlichen Hauses verändert und durch
die verschiedenen Vorgänge alles älter und ernster geworden. Von der traurigen
Schaubühne ihres Krankenbettes sah die arme Anna diese Veränderungen, aber schon
mehr als äusserlich getrennt von den Ereignissen. Sie hatte eine geraume Zeit im
gleichen Zustande verharrt, und alle hofften, dass sie am Ende wieder aufleben
würde. Aber da man es am wenigsten dachte, erschien eines Morgens im Herbste der
Schulmeister schwarz gekleidet bei dem Oheim, welcher selbst noch schwarz ging,
und verkündete ihren Tod.
    In einem Augenblicke war nicht nur das Haus von Klagen erfüllt, sondern auch
die benachbarte Mühle, und die Vorübergehenden verbreiteten das Leid im ganzen
Dorfe. Seit bald einem Jahre war der Gedanke an Annas Tod grossgezogen worden,
und die Leute schienen sich ein rechtes Fest der Klage und des Bedauerns
aufgespart zu haben; denn für eine allgemeine Totentrauer war dieser anmutige,
schuldlose und geehrte Gegenstand geeigneter als die eigenen Verluste.
    Ich hielt mich ganz still im Hintergrunde; wenn ich auch bei freudigen
Anlässen laut wurde und unwillkürlich eine anmassende Rolle spielte, so wusste ich
dagegen, wo es traurig herging, mich gar nicht vorzudrängen und geriet immer in
die Verlegenheit, für teilnahmlos und verhärtet angesehen zu werden, und dies um
so mehr, als mir von jeher nur die aus Schuld oder Unrecht entstandenen
Missstimmungen, die innere Berührung der Menschen, nie aber das unmittelbare
Unglück oder der Tod Tränen zu entlocken vermochten.
    Jetzt aber war ich erstaunt über den frühen Tod und noch mehr darüber, dass
dies arme tote Mädchen meine Geliebte war. Ich versank in tiefes Nachdenken
darüber, ohne Schrecken oder heftigen Schmerz zu empfinden, obgleich, ich das
Ereignis mit meinen Gedanken nach allen Seiten durchfühlte. Nicht einmal die
Erinnerung an Judit verursachte mir Unruhe. Nachdem der Schulmeister seine
Anordnungen getroffen, wurde ich endlich aus meiner Verborgenheit hervorgezogen,
indem er mich aufforderte, nunmehr mit ihm zurückzugehen und einige Zeit bei ihm
zu wohnen. Wir machten uns auf den Weg, indessen die übrigen Verwandten,
besonders die noch im Hause lebenden Töchter, versprachen, sogleich
nachzukommen.
    Auf dem Wege fasste der Schulmeister sein Leid zusammen und gab ihm durch die
nochmalige Schilderung der letzten Nacht und des Sterbens, das gegen Morgen
eintraf, Worte. Ich hörte alles aufmerksam und schweigend an; die Nacht war
beängstigend und leidenvoll gewesen, der Tod selbst aber fast unmerklich und
sanft.
    Meine Mutter und die alte Katerine hatten die Leiche schon geschmückt und
in Annas Kämmerchen gelegt. Da lag sie, nach des Schulmeisters Willen, auf dem
schönen Blumenteppich, den sie einst für ihren Vater gestickt und man jetzt über
ihr schmales Bettchen gebreitet hatte; denn nach solchem Dienste gedachte der
gute Mann diese Decke immer zunächst um sich zu haben, solange er noch lebte.
Über ihr an der Wand hatte Katerine, deren Haar nun schon ganz ergraut war und
die aufs heftigste und zärtlichste lamentierte, das Bild hingehängt, das ich
einst von Anna gemacht, und gegenüber sah man immer noch die Landschaft mit der
Heidenstube, welche ich vor Jahren auf die weisse Mauer gemalt. Die beiden
Flügeltüren von Annas Schrank standen geöffnet, und ihr unschuldiges Eigentum
trat zutage und verlieh der stillen Totenkammer einen wohltuenden Schein von
Leben. Auch gesellte sich der Schulmeister zu den beiden Frauen, die vor dem
Schranke sich aufhielten, und half ihnen die zierlichsten und
erinnerungsreichsten Sächelchen, deren die Selige von früher Kindheit an
gesammelt, hervorziehen und beschauen. Dies gewährte ihm eine lindernde
Zerstreuung, welche ihn doch nicht von dem Gegenstande seines Schmerzes abzog.
Manches holte er sogar aus seinem eigenen Verwahrsam herbei, wie zum Beispiel
ein Bündelchen Briefe, welche das Kind aus Welschland an ihn geschrieben; diese
legte er, nebst den Antworten, die er nun im Schranke vorfand, auf Annas kleinen
Tisch, und ebenso noch andere Sachen, ihre Lieblingsbücher, angefangene und
vollendete Arbeiten, einige Kleinode, jene silberne Brautkrone Einiges wurde
sogar ihr zur Seite auf den Teppich gelegt, so dass hier unbewusst und gegen den
sonstigen Gebrauch von diesen einfachen Leuten eine Sitte alter Völker geübt
wurde. dabei sprachen sie immer so miteinander, als ob die Tote es noch hören
könnte, und keines mochte sich gern aus der Kammer entfernen.
    Indessen verweilte ich ruhig bei der Leiche und beschaute sie mit
unverwandten Blicken; aber ich ward durch das unmittelbare Anschauen des Todes
nicht klüger aus dem Geheimnis desselben oder vielmehr nicht aufgeregter als
vorhin. Anna lag da, nicht viel anders, als ich sie zuletzt gesehen, nur dass die
Augen geschlossen waren und das blütenweisse Gesicht beständig zu einem leisen
Erröten bereit schien. Ihr Haar glänzte frisch und golden, und ihre weissen
Händchen lagen gefaltet auf dem weissen Kleide mit einer weissen Rose. Ich sah
alles wohl und empfand beinahe eine Art glücklichen Stolzes, in einer so
traurigen Lage zu sein und eine so poetisch schöne tote Jugendgeliebte vor mir
zu sehen.
    Meine Mutter und der Schulmeister schienen stillschweigend mir ein nahes
Recht auf die Verstorbene zuzugestehen, als man verabredete, dass fortwährend
jemand bei der Toten weilen und ich die erste Wache halten sollte, damit die
übrigen sich in ihrer Erschöpfung einstweilen zurückziehen und etwas erholen
konnten.
    Ich blieb aber nicht lange allein mit der Anna, da bald die Basen aus dem
Dorfe kamen und nach ihnen manche andere Mädchen und Frauen, denen ein so
rührendes Ereignis und eine so berühmte Leiche wichtig genug waren, die
drängendste Arbeit liegenzulassen und dem ehrfurchtsvollen Dienste des
Menschengeschickes nachzugehen. Die Kammer füllte sich mit Frauensleuten, welche
erst einer feierlich flüsternden Unterhaltung pflagen, dann aber in ein
ziemliches Geplauder gerieten. Sie standen dichtgedrängt um die stille Anna
herum, die jungen mit ehrbar aufeinandergelegten Händen, die älteren mit
untergeschlagenen Armen. Die Kammertür stand geöffnet für die Ab- und
Zugehenden, und ich nahm die Gelegenheit wahr, mich hinauszumachen und im Freien
umherzuschlendern, wo die nach dem Dorfe führenden Wege ungewöhnlich belebt
waren.
    Erst nach Mitternacht traf mich die Reihe wieder, die Totenwache zu
versehen, welche wir seltsamerweise nun einmal eingerichtet. Ich blieb nun bis
zum Morgen in der Kammer; aber so schnell mir die Stunden vorübergingen, wie ein
Augenblick, sowenig wüsste ich eigentlich zu sagen, was ich gedacht und
empfunden. Es war so still, dass ich durch die Stille hindurch glaubte das
Rauschen der Ewigkeit zu hören; das tote weisse Mädchen lag unbeweglich fort und
fort, die farbigen Blumen des Teppichs aber schienen zu wachsen in dem schwachen
Lichte. Nun ging der Morgenstern auf und spiegelte sich im See; ich löschte die
Lampe ihm zu Ehren, damit er allein Annas Totenlicht sei, sass nun im Dunkeln in
meiner Ecke und sah nach und nach die Kammer sich erhellen. Mit der Dämmerung,
welche in das reinste goldene Morgenrot überging, schien es zu leben und zu
weben um die stille Gestalt, bis sie deutlich im hellen Tage dalag. Ich hatte
mich erhoben und vor das Bett gestellt, und indem ihre Gesichtszüge klar wurden,
nannte ich ihren Namen, aber nur hauchend und tonlos; es blieb totenstill, und
als ich zugleich zaghaft ihre Hand berührte, zog ich die meinige entsetzt
zurück, als ob ich an glühendes Eisen gekommen wäre; denn die Hand war kalt wie
ein Häuflein kühler Ton.
    Wie dies abstossende kalte Gefühl meinen ganzen Körper durchrieselte, liess es
mir nun auch plötzlich das Gesicht der Leiche so seelenlos und abwesend
erscheinen, dass mir beinahe der erschreckte Ausruf entfuhr: »Was hab ich mit dir
zu schaffen?« als aus dem Saale her die Orgel in milden und doch kräftigen Tönen
erklang, welche nur manchmal in leidvollem Zittern schwankten, dann aber wieder
zu harmonischer Kraft sich ermannten. Es war der Schulmeister, welcher in dieser
Morgenfrühe seinen Schmerz und seine Klage durch die Melodie eines alten Liedes
zum Lob der Unsterblichkeit zu lindern suchte. Ich lauschte der Melodie; sie
bezwang meinen körperlichen Schrecken, ihre geheimnisvollen Töne öffneten die
unsterbliche Geisterwelt, und ich glaubte derselben durch ein neues Gelöbnis mit
der Entschlafenen um so sicherer anzugehören. Das schien mir wiederum ein
bedeutungsvoller und feierlicher Vorgang zu sein.
    Aber zugleich wurde mir nun der Aufentalt in der Totenkammer zuwider, und
ich war froh, mit dem Gedanken der Unsterblichkeit hinauszukommen ins lebendige
Grüne. Es erschien an diesem Tage ein Schreinergesell aus dem Dorfe, um hier den
Sarg zu machen. Der Schulmeister hatte vor Jahren schon eigenhändig eine saubere
Tanne gefällt und zu seinem Sarge bestimmt. Dieselbe lag in Bretter gesägt
hinter dem Hause, durch das Vordach geschützt, und hatte immer zu einer Ruhebank
gedient, auf welcher der Schulmeister zu lesen und seine Tochter als Kind zu
spielen pflegte. Es zeigte sich nun, dass die obere schlanke Hälfte des Baumes
den schmalen Totenschrein Annas abgeben könne, ohne den zukünftigen Sarg des
Vaters zu beeinträchtigen; die wohlgetrockneten Bretter wurden abgehoben und
eines nach dem andern entzweigeschnitten. Der Schulmeister vermochte aber nicht
lange dabeizusein, und selbst die Frauen im Hause klagten über den Ton der Säge.
Der Schreiner und ich trugen daher die Bretter und das Werkzeug in den leichten
Nachen und fuhren an eine entlegene Stelle des Ufers, wo das Flüsschen aus dem
Gehölze hervortritt und in den See mündet. Junge Buchen bilden dort am Wasser
eine lichte Vorhalle, und indem der Schreiner einige der Bretter mittelst
Schraubzwingen an den Stämmchen befestigte, stellte er eine zweckmässige
Hobelbank her, über welcher die Laubkronen der Buchen sich wölbten. Zuerst musste
der Boden des Sarges zusammengefügt und geleimt werden. Ich machte aus den
ersten Hobelspänen und aus Reisig ein Feuer und setzte die Leimpfanne darauf, in
welche ich mit der Hand aus dem Bache Wasser träufelte, indessen der Schreiner
rüstig darauf lossägte und - hobelte. Während die gerollten Späne sich mit dem
fallenden Laube vermischten und die Bretter glatt wurden, machte ich die nähere
Bekanntschaft des jungen Gesellen. Es war ein Norddeutscher von der fernsten
Ostsee, gross und schlank gewachsen, mit kühnen und schön geschnittenen
Gesichtszügen, hellblauen, aber feurigen Augen und mit starkem goldenem Haar,
welches man immer über die freie Stirn zurückgestrichen und hinten in einen
Schopf gebunden zu sehen glaubte, so urgermanisch sah er aus. Seine Bewegungen
bei der Arbeit waren elegant, und dabei hatte sein Wesen doch etwas Kindliches.
Wir wurden bald vertraut, und er erzählte mir von seiner Heimat, von den alten
Städten im Norden, vom Meere und von der mächtigen Hansa. Wohlunterrichtet,
erzählte er mir von der Vergangenheit, den Sitten und Gebräuchen jener
Seeküsten; ich sah den langen und hartnäckigen Kampf der Städte mit den
Seeräubern, den Vitalienbrüdern, und wie Klaus Stürzenbecher mit vielen Gesellen
von den Hamburgern geköpft wurde; dann sah ich wieder, wie am ersten Mai aus den
Toren von Stralsund der jüngste Ratsherr mit einem glänzenden Jugendgefolge im
Waffenschmuck zog und in den prächtigen Buchenwäldern zum Maigrafen gekrönt
wurde mit einer grünen Laubkrone und wie er abends mit einer schönen Maigräfin
tanzte. Auch beschrieb er die Wohnungen und Trachten nordischer Bauern, von den
Hinterpommern bis zu den tüchtigen Friesen, bei welchen noch Spuren männlichen
Freiheitsinnes zu finden; ich sah ihre Hochzeiten und Leichenbegängnisse, bis
der Geselle endlich auch von der Freiheit deutscher Nation redete und wie bald
die stattliche Republik eingeführt werden müsste. Ich schnitzte unterdessen nach
seiner Anleitung eine Anzahl hölzerner Nägel; er aber führte schon mit dem
Doppelhobel die letzten Stösse über die Bretter, feine Späne lösten sich gleich
zarten glänzenden Seidenbändern und mit einem hell singenden Tone, welcher unter
den Bäumen ein seltsames Lied war. Die Herbstsonne schien warm und lieblich
drein, glänzte frei auf dem Wasser und verlor sich im blauen Duft der Waldnacht,
an deren Eingang wir uns angesiedelt. Jetzt baueten wir die glatten weissen
Bretter zusammen, die Hammerschläge hallten wider durch den Wald, dass die Vögel
überrascht aufflogen und erschreckt über den Seespiegel streiften, und bald
stand der fertige Sarg in seiner Einfachheit vor uns, schlank und ebenmässig, der
Deckel schön gewölbt. Der Schreiner hobelte mit wenigen Zügen eine schmale
zierliche Hohlkehle um die Kanten, und ich sah verwundert, wie die Linien sich
spielend dem weichen Holze eindrückten; dann zog er zwei Stücke Bimsstein hervor
und rieb sie aneinander, indem er sie über den Sarg hielt und das weisse Pulver
über denselben verbreitete; ich musste lachen, als er die Stücke geradeso gewandt
handhabte und abklopfte, wie ich bei meiner Mutter gesehen, wenn sie zwei
Zuckerschollen über einem Kuchen rieb. Als er aber den Sarg vollends mit dem
Steine abschliff, wurde derselbe so weiss wie Schnee, und kaum der leiseste
rötliche Hauch des Tannenholzes schimmerte noch durch, wie bei einer Apfelblüte.
Er sah so weit schöner und edler aus, als wenn er bemalt, vergoldet oder gar mit
Erz beschlagen gewesen wäre. Am Haupte hatte der Schreiner der Sitte gemäss eine
Öffnung mit einem Schieber angebracht, durch welche man das Gesicht sehen
konnte, bis der Sarg versenkt wurde; es galt nun noch eine Glasscheibe
einzusetzen, welche man vergessen, und ich fuhr nach dem Hause, um eine solche
zu holen. Ich wusste schon, dass auf einem Schranke ein alter kleiner Rahmen lag,
aus welchem das Bild lange verschwunden. Ich nahm das vergessene Glas, legte es
vorsichtig in den Nachen und fuhr zurück. Der Geselle streifte ein wenig im
Gehölze umher und suchte Haselnüsse; ich probierte indessen die Scheibe, und als
ich fand, dass sie in die; Öffnung passte, tauchte ich sie, da sie ganz bestaubt
und verdunkelt war, in den klaren Bach und wusch sie sorgfältig, ohne sie an den
Steinen zu zerbrechen. Dann hob ich sie empor und liess das lautere Wasser
ablaufen, und indem ich das glänzende Glas hoch gegen die Sonne hielt und durch
dasselbe schaute, erblickte ich das lieblichste Wunder, das ich je gesehen. Ich
sah nämlich drei musizierende Engelknaben der mittlere hielt ein Notenblatt und
sang, die beiden anderen spielten auf altertümlichen Geigen, und alle schauten
freudig und andachtsvoll nach oben; aber die Erscheinung war so luftig und zart
durchsichtig, dass ich nicht wusste, ob sie auf den Sonnenstrahlen, im Glase oder
nur in meiner Phantasie schwebte. Wenn ich die Scheibe bewegte, so verschwanden
die Engel auf Augenblicke, bis ich sie plötzlich mit einer anderen Wendung
wieder bemerkte. Ich habe seiter erfahren, dass Kupferstiche oder Zeichnungen,
welche lange Jahre hinter einem Glase ungestört liegen, während der dunklen
Nächte dieser Jahre sich dem Glase mitteilen und gleichsam ihr Spiegelbild in
demselben zurücklassen. Ich ahnte jetzt auch etwas dergleichen, als ich die
Schrafierung alter Kupferstecherei und in dem Bilde die Art van Eyckscher Engel
erkannte. Eine Schrift war nicht zu sehen und also das Blatt vielleicht ein
seltener Probedruck gewesen. Jetzt aber galt mir die kostbare Scheibe als die
schönste Gabe, welche ich in den Sarg legen konnte, und ich befestigte sie
selbst an dem Deckel, ohne jemandem etwas von dem Geheimnis zu sagen. Der
Deutsche kam wieder herbei; wir suchten die feinsten Hobelspäne, unter welche
sich manches rötliche Laub mischte, zusammen und breiteten sie zum letzten Bett
in den Sarg; dann schlossen wir ihn zu, trugen ihn in den Kahn und schifften mit
dem weissen Gerät über den glänzenden stillen See, und die Frauen mit dem
Schulmeister brachen in lautes Weinen aus, als sie uns heranfahren und landen
sahen.
    Am folgenden Tage wurde die Ärmste in den Sarg gelegt, von allen Blumen
umgeben, welche in Haus und Garten augenblicklich blüheten; aber auf die Wölbung
des Sarges wurde ein schwerer Kranz von Myrtenzweigen und weissen Rosen
gebreitet, welchen die Jungfrauen aus der Kirchgemeinde brachten, und ausserdem
noch so viele einzelne Sträusse blasser herbstlicher Blüten aller Art, dass die
ganze Oberfläche davon bedeckt wurde und nur die Glasscheibe frei blieb, durch
welche man das weisse zarte Gesicht der Leiche sah.
    Das Begräbnis sollte vom Hause des Oheims aus stattfinden, und zu diesem
Ende hin musste Anna erst über den Berg getragen werden. Es erschienen daher
Jünglinge aus dem Dorfe, welche die Bahre abwechselnd auf ihre Schultern nahmen,
und unser kleines Gefolge der nächsten Angehörigen begleitete den Zug. Auf der
sonnigen Höhe des Berges wurde ein kurzer Halt gemacht und die Bahre auf die
Erde gesetzt. Es war so schön hier oben! Der Blick schweifte über die
umliegenden Täler bis in die blauen Berge, das Land lag in glänzender
Farbenpracht rings um uns. Die vier kräftigen Jünglinge, welche die Bahre
zuletzt getragen, sassen ruhend auf den Tragewangen derselben, die Häupter auf
ihre Hände gestützt, und schauten schweigend in alle vier Weltgegenden hinaus.
Hoch am blauen Himmel zogen leuchtende Wolken und schienen über dem Blumensarge
einen Augenblick stillzustehen und neugierig durch das Fensterchen zu gucken,
welches fast schalkhaft zwischen den Myrten und Rosen hervorfunkelte im
Widerscheine der Wolken. Wenn Anna jetzt die Augen hätte aufschlagen können, so
würde sie ohne Zweifel die Engel gesehen und geglaubt haben, dass sie hoch im
Himmel schwebten. Wir sassen, wie es sich traf, umher, und mich rührte jetzt eine
grosse Traurigkeit, so dass mir einige Tränen entfielen, als ich bedachte, dass
Anna nun zum letzten Mal und tot über diesen schönen Berg gehe.
    Als wir ins Dorf hinuntergestiegen, läutete die Totenglocke zum ersten Mal;
Kinder begleiteten uns in Scharen bis zum Hause, wo man den Sarg unter die
Nussbäume vor die Tür hinstellte. Wehmütig gewährten die Verwandten der Toten das
Gastrecht bei dieser letzten Einkehr; es waren nun kaum andertalb Jahre
vergangen, seit jener fröhliche Festzug der Hirten sich unter diesen selben
Bäumen bewegte und mit bewundernder Lust Annas damalige Erscheinung begrüsste.
Bald war der Platz voll Menschen, welche sich herandrängten, um der Seligen zum
letzten Mal ins Angesicht zu schauen.
    Nun ging der Leichenzug vor sich, der ausserordentlich gross war; der
Schulmeister, welcher dicht hinter dem Sarge ging, schluchzte fortwährend wie
ein Kind. Ich bereute jetzt, keinen schwarzen ehrbaren Anzug zu besitzen; denn
ich ging unter meinen schwarzgekleideten Vettern in meinem grünen Habit wie ein
fremder Heide. Nachdem die Gemeinde den gewohnten Gottesdienst beendigt und mit
einem Choral beschlossen, scharte man sich draussen um das Grab, wo die ganze
Jugend, aussergewöhnlicherweise, einen sorgfältig eingeübten Grabgesang mit
gemässigter Stimme sang. Jetzt ward der Sarg hinabgelassen; der Totengräber
reichte den Kranz und die Blumen herauf, dass man sie aufbewahre, und der arme
Sarg stand nun blank in der feuchten Tiefe. Der Gesang dauerte fort, aber alle
Frauen schluchzten. Der letzte Sonnenstrahl leuchtete nun durch die Glasscheibe
in das bleiche Gesicht, das darunter lag; das Gefühl, das ich jetzt empfand, war
so seltsam, dass ich es nicht anders als mit dem fremden und kalten Worte
»objektiv« benennen kann, welches die Gelehrsamkeit erfunden hat. Ich glaube,
die Glasscheibe tat es mir an, dass ich das Gut, was sie verschloss, gleich einem
hinter Glas und Rahmen gebrachten Teil meiner Erfahrung, meines Lebens, in
gehobener und feierlicher Stimmung, aber in vollkommener Ruhe begraben sah; noch
heute weiss ich nicht, war es Stärke oder Schwäche, dass ich dies tragische und
feierliche Ereignis viel eher genoss als erduldete und mich beinahe des nun ernst
werdenden Wechsels des Lebens freute.
    Der Schieber wurde zugemacht; der Totengräber und sein Gehilfe stiegen
herauf, und bald war der braune Hügel aufgebaut.
 
                                 Achtes Kapitel
                                Auch Judit geht
Am andern Tage, als der Schulmeister zu erkennen gab, dass er nun seinen Schmerz
in der Einsamkeit allein mit seinem Gott überwinden wolle, schickte ich mich an,
mit der Mutter nach der Stadt zurückzukehren. Vorher ging ich zur Judit und
fand sie beschäftigt, ihre Bäume zu mustern, da die Zeit wieder gekommen war, wo
man das Obst einsammelte. Der Herbstnebel traf gerade heute zum ersten Mal ein
und verschleierte schon den Baumgarten mit seinem silbernen Gewebe. Judit war
ernst und etwas verlegen, als sie mich sah, da sie nicht recht wusste, wie sie
sich zu dem traurigen Erlebnis stellen sollte.
    Ich sagte aber ernstaft, ich wäre gekommen, um Abschied von ihr zu nehmen,
und zwar für immer; denn ich könnte sie nun nie wiedersehen. Sie erschrak und
rief lächelnd, das werde nicht so unwiderruflich feststehen; sie war bei diesem
Lächeln so erbleicht und doch so freundlich, dass der Zauber mich beinahe
umkehrte, wie man einen Handschuh umkehrt. Doch ich bezwang mich und fuhr fort
dass es ferner nicht so gehen könne, dass ich Anna von Kindheit auf gern gehabt,
dass sie mich bis zu ihrem Tode wahrhaft geliebt und meiner Treue versichert
gewesen sei. Treue und Glauben müssten aber in der Welt sein, an etwas Sicheres
müsste man sich halten, und ich betrachte es nicht nur für meine Pflicht, sondern
auch als ein schönes Glück, in dem Andenken der Verstorbenen, im Hinblick auf
unsere gemeinsame Unsterblichkeit, einen so klaren und lieblichen Stern für das
ganze Leben zu haben, nach dem sich alle meine Handlungen richten könnten.
    Als Judit diese Worte hörte, erschrak sie noch mehr und wurde zugleich
schmerzlich berührt. Es waren wieder von den Worten, von denen sie behauptete,
dass niemals jemand zu ihr solche gesagt habe. Heftig ging sie unter den Bäumen
umher und sagte dann: »Ich habe geglaubt, dass du mich wenigstens auch etwas
liebtest!«
    »Gerade deswegen«, erwiderte ich, »weil ich wohl fühle, dass ich an dir
hange, muss ein Ende gemacht werden!«
    »Nein, gerade deswegen musst du erst anfangen, mich recht und ganz zu
lieben!«
    »Das wäre eine schöne Wirtschaft!« rief ich, »was soll dann aus Anna
werden?«
    »Anna ist tot!«
    »Nein! Sie ist nicht tot, ich werde sie wiedersehen, und ich kann doch nicht
einen ganzen Harem von Frauen für die Ewigkeit ansammeln!«
    Bitter lachend stand Judit vor mir still und sagte:
    »Das wäre allerdings komisch! Aber wissen wir denn, ob es eigentlich eine
Ewigkeit gibt?«
    »So oder so«, erwiderte ich, »gibt es eine, und wenn es nur diejenige des
Gedankens und der Wahrheit wäre! Ja, wenn das tote Mädchen für immer in das
Nichts hingeschwunden und sich gänzlich aufgelöst hätte, bis auf den Namen, so
wäre dies erst ein rechter Grund, der armen Abwesenden Treue und Glauben zu
halten! Ich habe es gelobt, und nichts soll mich in meinem Vorsatz wankend
machen!«
    »Nichts!« rief Judit, »o du närrischer Gesell! Willst du in ein Kloster
gehen? Du siehst mir darnach aus! Aber wir wollen über diese heikle Sache nicht
ferner streiten; ich habe nicht gewünscht, dass du nach der traurigen Begebenheit
sogleich zu mir kommest, und habe dich nicht erwartet. Geh nach der Stadt und
halte dich ein halbes Jahr still und ruhig, und dann wirst du schon sehen, was
sich ferner begeben wird!«
    »Ich seh es jetzt schon« erwiderte ich, »du wirst mich nie wieder sehen und
sprechen, dies schwöre ich hiemit bei Gott und allem, was heilig ist, bei dem
bessern Teil meiner selbst und -«
    »Halt inne!« rief Judit ängstlich und legte mir die Hand auf den Mund; »du
würdest es sicher noch einmal bereuen, dir selbst eine so grausame Schlinge
gelegt zu haben! Welche Teufelei steckt in den Köpfen dieser Menschen! Und dazu
behaupten sie und machen sich selber weis, dass sie nach ihrem Herzen handeln.
Fühlst du denn gar nicht, dass ein Herz seine wahre Ehre nur darin finden kann,
zu lieben, wo es geliebt wird, wenn es dies kann? Du kannst es und tust es
heimlich doch, und somit wäre alles in der Ordnung! Sobald du mich nicht mehr
leiden magst, sobald die Jahre uns sonst auseinanderführen, sollst du mich ganz
und für immer verlassen und vergessen, ich will dies über mich nehmen; aber nur
jetzt verlass mich und zwinge dich nicht, mich zu verlassen; dies allein tut mir
weh, und es würde mich wahrhaft unglücklich machen, allein um unserer Dummheit
willen nicht einmal ein oder zwei Jahre noch glücklich sein zu dürfen!«
    »Diese zwei Jahre«, sagte ich, »müssen und werden auch so vorübergehen, und
gerade dann werden wir beide glücklicher sein, wenn wir jetzt scheiden; es ist
nun gerade noch die höchste Zeit, es ohne spätere Reue zu tun. Und wenn ich dir
es deutsch heraussagen soll, so wisse, dass ich mir auch dein Andenken, was immer
ein Andenken der Verirrung für mich sein wird, doch noch so rein als möglich
retten und erhalten möchte, und das kann nur durch ein rasches Scheiden in
diesem Augenblicke geschehen. Du sagst und beklagst es, dass du nie teilgehabt an
der edleren und höheren Hälfte der Liebe! Welche bessere Gelegenheit kannst du
ergreifen, als wenn du aus Liebe mir freiwillig erleichterst, deiner mit Achtung
und Liebe zu gedenken und zugleich der Verstorbenen treu zu sein? Wirst du dich
dadurch nicht an jener tieferen Art der Liebe beteiligen?«
    »Oh, alles Luft und Schall!« rief Judit; »ich habe nichts gesagt, ich will
nichts gesagt haben! Ich will nicht deine Achtung, ich will dich selbst haben,
solange ich kann!«
    Sie suchte meine beiden Hände zu fassen, ergriff dieselben, und während ich
sie ihr vergeblich zu entziehen mich bemühte, indes sie mir ganz flehentlich in
die Augen sah, fuhr sie mit leidenschaftlichem Tone fort:
    »O liebster Heinrich! Geh nach der Stadt, aber versprich mir, dich nicht
selbst zu binden und zu zwingen durch solche schreckliche Schwüre und Gelübde!
Lass dich -«
    Ich wollte sie unterbrechen, aber sie verhinderte mich am Reden und
überflügelte mich:
    »Lass es gehen, wie es will, sag ich dir! Auch an mich darfst du dich nicht
binden, du sollst frei sein wie der Wind! Gefällt es dir -«
    Aber ich liess Judit nicht ausreden, sondern riss mich los und rief:
    »Nie werd ich dich wiedersehen, so gewiss ich ehrlich zu bleiben hoffe!
Judit! leb wohl!«
    Ich eilte davon, sah mich aber noch einmal um, wie von einer starken Gewalt
gezwungen, und sah sie in ihrer Rede unterbrochen dastehen, die Hände noch
ausgestreckt von dem Losreissen der meinigen, und überrascht, kummervoll und
beleidigt zugleich mir nachschauend, ohne ein Wort hervorzubringen, bis mir der
von der Sonne durchwirkte Nebel ihr Bild verschleierte.
    Eine Stunde später sass ich mit meiner Mutter auf einem Gefährt, und einer
der Söhne des Oheims führte uns nach der Stadt. Ich blieb den ganzen Winter
allein und ohne allen Umgang; meine Mappen und mein Handwerkszeug mochte ich
kaum ansehen, da es mich immer an den unglücklichen Römer erinnerte und ich mir
kaum ein Recht zu haben schien, das, was er mich gelehrt, fortzubilden und
anzuwenden. Manchmal machte ich den Versuch, eine neue und eigene Art zu
erfinden, wobei sich aber sogleich herausstellte, dass ich selbst das Urteil und
die Mittel, die ich dazu verwandte, nur Römern verdankte. Dagegen las ich fort
und fort, vom Morgen bis zum Abend und tief in die Nacht hinein. Ich las immer
deutsche Bücher und auf die seltsamste Weise. Jeden Abend nahm ich mir vor, den
nächsten Morgen, und jeden Morgen, den nächsten Mittag die Bücher beiseite zu
werfen und an meine Arbeit zu gehen; selbst von Stunde zu Stunde setzte ich den
Termin; aber die Stunden stahlen sich fort, indem ich die Buchseiten umschlug,
ich vergass sie buchstäblich; die Tage, Wochen und Monate vergingen so sachte und
heimtückisch, als ob sie, leise sich drängend, sich selbst entwendeten und zu
meiner fortwährenden Beunruhigung lachend verschwänden.
    Jedoch brachte der Frühling eine kräftige Erlösung aus diesem unbehaglichen
Zustande; ich hatte nun das achtzehnte Jahr überschritten, war militärpflichtig
geworden und musste mich am festgesetzten Tage in der Kaserne einfinden, um die
kleinen Geheimnisse der Vaterlandsverteidigung zu lernen. Ich stiess auf ein
summendes Gewimmel von vielen hundert jungen Leuten aus allen Ständen, welche
jedoch bald von einer Gruppe grimmiger Kriegsleute zur Stille gebracht,
abgeteilt und während vieler Stunden als ungefüger Rohstoff hin- und
hergeschoben wurden, bis sie das Brauchbare zusammengestellt hatten. Als sodann
die Übungen begannen und die Abteilungen zum ersten Mal unter den einzelnen
Vorgesetzten, welches vielumhergeratene Soldatennaturen waren, zusammenkamen,
wurde mir, der ich nichts bedacht hatte, unter Gelächter mein langes Haar dicht
am Kopfe weggeschnitten. Aber ich legte es mit dem grössten Vergnügen auf den
Altar des Vaterlandes und fühlte behaglich die frische Luft um meinen
geschorenen Kopf wehen. Jetzt mussten wir aber auch die Hände darstrecken, ob sie
gewaschen und die Nägel ordentlich beschnitten seien, und nun war die Reihe an
manchem biedern Handarbeiter, sich geräuschvoll belehren zu lassen. Dann gab man
uns ein kleines Büchelchen, das erste einer ganzen Reihe, in welchem Pflichten
und Haltung des angehenden Soldaten in wunderlichen Sätzen als Fragen und
Antworten deutlich gedruckt und numeriert waren. Jeder Regel war aber eine kurze
Begründung beigefügt, und wenn auch manchmal diese in den Satz der Regel, die
Regel aber hintennach in die Begründung hineingeraten war, so lernten wir doch
alle jedes Wort andächtig auswendig und setzten eine Ehre darein, das Pensum
ohne Stottern herzusagen. Endlich verging der Rest des ersten Tages Über den
Bemühungen, von neuem stehen und einige Schritte gehen zu lernen, was unter dem
Wechsel von Mut und Niedergeschlagenheit sich vollendete.
    Es galt nun, sich einer eisernen Ordnung zu fügen und sich jeder
Pünktlichkeit zu befleissen; obgleich dies mich aus meiner vollkommenen Freiheit
und Selbsterrlichkeit herausriss, so empfand ich doch einen wahren Durst, mich
der Strenge hinzugeben, so komisch auch ihre nächsten kleinen Zwecke waren, und
als ich einigemal nahe an der Strafe hinstreifte, und zwar nur aus Versehen,
überkam mich ein wahrhaftes Schamgefühl vor den Kameraden, welche sich
ihrerseits ganz ähnlich verhielten.
    Als wir soweit waren, mit Ehren über die Strasse zu marschieren, zogen wir
jeden Tag auf den Exerzierplatz, welcher im Freien lag und von einer Landstrasse
durchschnitten wurde. Eines Tages, als ich mitten in einem Gliede von etwa
fünfzehn Mann nach dem Kommando des Instruktors, der unermüdlich rückwärts vor
uns herging, schreiend und mit den Händen das Tempo schlagend, so schon
stundenlang den weiten Platz nach allen Richtungen durchmessen hatte, kamen wir
plötzlich dicht an die Landstrasse zu stehen und machten dort halt und Front
gegen dieselbe. Der Exerziermeister, welcher hinter der Front stand, liess uns
eine Weile regungslos verharren, um einige Ausstellungen an unseren Gliedmassen
anzubringen. Während er hinter unserm Rücken lärmte und schalt, soweit es ihm
Gesetz und Sitte nur immer erlaubten, und wir so mit dem Gesichte gegen die
Strasse gewendet ihm zuhörten, kam ein grosser, mit vier Pferden bespannter Wagen
angefahren, wie die Auswanderer ihn herzurichten pflegen, welche sich nach den
Seehäfen begeben. Dieser Wagen war mit ansehnlichem Gute beladen und schien
mehreren Familien zu dienen, die nach Amerika zogen. Kräftige Männer gingen
neben den Pferden, vier oder fünf Frauen sassen auf dem Wagen unter einem
bequemen Zeltdache nebst mehreren Kindern und selbst einem Greise. Aber diesen
Leuten hatte sich Judit angeschlossen; denn ich entdeckte sie, als ich zufällig
hinsah, hoch und schön unter den Frauen, mit Reisekleidern angetan. Ich erschrak
heftig, und das Herz schlug mir gewaltig, während ich mich nicht regen noch
rühren durfte. Judit, welche im Vorüberfahren, wie mir schien, mit finsterm
Blicke auf die Soldatenreihe sah, erschaute mich mitten in derselben und
streckte sogleich die Hände nach mir aus. Aber im gleichen Augenblicke
kommandierte unser Tyrann »Kehrt euch!« und führte uns wie ein Besessener im
Geschwindschritte ganz an das entgegengesetzte Ende des weiten Platzes. Ich lief
immer mit, die Arme vorschriftsmässig längs des Leibes angeschlossen, »die Daumen
auswärts gekehrt«, ohne mir etwas ansehen zu lassen, obgleich ich heftig bewegt
war; denn in diesem Augenblicke war es mir, als ob sich mir das Herz in der
Brust drehen wollte. Als wir endlich das Gesicht wieder der Strasse zuwandten,
nach den massgebenden Zickzackgedanken im Gehirne des Führers, verschwand der
Wagen eben in weiter Ferne.
    Glücklicherweise ging man nun auseinander, und indem ich mich sogleich
entfernte und die Einsamkeit suchte, fühlte ich, dass jetzt der erste Teil meines
Lebens abgeschlossen sei und ein anderer beginne.
 
                                Neuntes Kapitel
                               Dass Pergamentlein
Wie lang ist es her, seit ich das Vorstellende geschrieben habe. Ich bin kaum
derselbe Mensch, meine Handschrift hat sich längst verändert, und doch ist mir
zu Mut, als führe ich jetzt fort zu schreiben, wo ich gestern stehenblieb. Dem
unveränderlichen Lebenszuschauer sind Stern und Unstern gleich kurzweilig, und
er zahlt seinen wechselnden Platz unbesehen mit Tagen und Jahren, bis seine
fliehende Münze zu Ende geht.
    Der Wendepunkt, welcher mit dem Entschwinden der ersten Jugendzeit und der
Judit unvermerkt genaht war, zeigte sich in der Notwendigkeit, meine
Kunstübungen nunmehr einem Abschluss entgegenzuführen. Es galt, jenen Weg in die
weite Welt anzutreten, nach welcher so viele tausend Jünglinge täglich
ausfahren, von denen so mancher nie mehr wiederkommt. Diese alltägliche
Angelegenheit war meinesteils so beschaffen, dass ich für eine beschränkte Zeit
ohne Nahrungssorgen noch dem Lernen obliegen konnte, mit der Aussicht jedoch auf
einen bestimmten Tag, an welchem ich auf mir selber zu stehen hatte.
    Eine von Vatersseite vor Jahren mir zugefallene geringe Erbsumme lag nach
gesetzlichen Vorschriften in der Verwaltung des Oheims, welcher mir zum Vormunde
bestellt war, obgleich er sich selten im meine Sachen mischte. Da fragliches
Geld aber den Aufentalt an der Künstlerschule ermöglichen sollte, die ich in
herkömmlicher Weise gewählt, so war eine vormundschaftliche Verhandlung nötig,
um dasselbe flüssig machen und aufbrauchen zu dürfen. Der Fall war im ländlichen
Heimatorte ganz neu, und niemand vermochte sich zu erinnern, dass jemals die
schlichten Landmänner der Waisenbehörde darüber zu Gericht gesessen seien, ob
ein junger Musensohn sein Vermögen zusammenpacken und aus dem Lande fahren
dürfe, um es buchstäblich zu verzehren. Dagegen hatten sie seit einiger Zeit das
lebendige Beispiel eines Menschen unter sich, der dieses Geschäft ohne ihr Zutun
verrichtet hatte und der Schlangenfresser genannt wurde. An entfernten Orten
unter dem Schutze leichtsinniger und unwissender Eltern aufgewachsen, hatte er
gleich mir ein Maler werden wollen und sich in Sammetröcken und engen
Beinkleidern, mit langen Locken und Sporen an den Füssen auf Akademien
herumgetrieben, bis das Gut und die Eltern verschwunden waren. Dann schien er
noch jahrelang mit einer Gitarre auf dem Rücken sich beholfen zu haben, ohne
jedoch auch auf diesem Instrumente etwas Ordentliches vorbringen zu können, bis
er unlängst als ein alternder Mensch in das Dorf heimgeschoben und in das
Armenhäuslein gesteckt wurde, wo ein Dutzend alte Weiber, Idioten und
ausgeglühte Lebenskünstler der untersten Ordnung zusammen hausten und zuweilen
schrien und lärmten, als ob sie im Fegefeuer sässen. Seine Vergangenheit war wie
eine dunkle Sage. Niemand wusste etwas Bestimmtes davon, ob er jemals Talent
besessen und etwas gekonnt habe oder nicht, und er selbst schien auch keine
Erinnerung daran mehr zu besitzen. Keine Äusserung oder Handlung verriet, dass er
einst unter gebildeten Menschen gewesen und einer Kunst obgelegen, ausser wenn er
gelegentlich sich rühmte, dass er einmal schöne Kleider getragen habe. Seine
einzige Geschicklichkeit bestand darin, sich auf tausend Wegen einen Schluck
Branntwein zu verschaffen und Schlangen zu fangen, die er wie Aale briet und
schmauste; auch machte er sich auf den Winter einen Topf voll Blindschleichen
ein, als ob es Neunaugen wären, und schleppte denselben aus einer Ecke in die
andere, um den Schatz vor den Nachstellungen seiner Hausgenossen zu sichern, die
im Punkte des Eigennutzes nicht harmloser waren als die Lebensvirtuosen höhern
Ranges.
    Wie nun ein einziger Unhold dieser Art eine ganze Gegend verwüsten und alle
Herzen gegen das Musenzeug aufbringen kann, so war auch mir der Schlangenfresser
nicht zur guten Stunde im Dorfe aufgetaucht, als ich mich jetzt einfand, um der
besagten Verhandlung beizuwohnen. Er erschien mir selbst wie ein böser Dämon, da
ich am Wege eine grosse vorjährige Distel, die aussah wie der Tod von Ypern, ins
Büchlein zeichnete und der Kerl, zwei tote Schlangen an einer Gerte über der
Schulter tragend, einen Augenblick stillstand, mir zusah, grinste und
kopfschüttelnd weiterging, als ob ihm etwas Kurioses durch die Erinnerung liefe.
Er trug einen langen zerlöcherten Rock von ehmals rostbrauner Farbe, bis oben
zugeknöpft, an den nackten Beinen Pantoffeln, die mit verblichenen Rosen
gestickt waren, und auf dem Kopfe eine österreichische Soldatenmütze; ich seh
ihn noch heute davonschlurfen.
    Dieses Gespenst rumorte offenbar in den Köpfen der drei oder vier
Gemeindevorsteher, welche als Waisenamt um einen Tisch versammelt sassen und
meine Person mit vorsichtiger Neugier einen Augenblick betrachteten; denn der
Oheim hatte für gut gefunden, mich selbst einzuführen und vorzustellen, damit
ich im Notfall seinen Vortrag ergänzen und näher beleuchten möge. Die Männer
schienen mir aber Gesichter zu machen wie solche, die eine unliebsame Sache halb
und halb kommen sahen und nun sagen Da haben wir's! Sie mochten wohl mit
Verwunderung beobachtet haben, wie ich schon seit Jahren allsommerlich Feld und
Wald durchstreifte und da oder dort den weissen Leinwandschirm aufspannte, ohne
dass ihre Gemarkung dadurch zu besonderm Rufe zu gelangen schien oder fremde
Reisende kamen, das merkwürdige Land aufzusuchen. Die Frage, ob ich bei dem
lustigen Handwerk eigentlich etwas verdiene und mein Brot erwerbe, hatten sie
einstweilen auf sich beruhen lassen, da niemand etwas von ihnen verlangte; jetzt
kam der Handel an den Tag.
    Sie benahmen sich zwar anfänglich sehr zurückhaltend, als der Oheim die
Sache dargelegt und erklärt hatte. Keiner mochte zuerst einen Mangel an Verstand
und Einsicht beurkunden oder sich als einen unbescheidenen Verächter dessen
zeigen, was ihm unbekannt war. Nichtsdestoweniger prägten sie sich deutlich ein,
dass ein rundes Stück Vermögen, das jetzt so sicher in der Schirmlade lag wie
Lazarus in Abrahams Schoss, binnen einer gegebenen Zeit tatsächlich verschwinden
sollte. Schnell stellte sich jeder, nach seiner eigenen Lage und Persönlichkeit,
vor, zu was ein solches Geld nützlich wäre. Der eine hätte eine Wiese gekauft,
als Erbstück für Kind und Kindeskind, eine Wiese, die einige Stücke Vieh nährte;
der andere warf sein Auge auf eine Kammer Rebenlandes an vorzüglicher Lage, wo
auch im schlimmsten Falle noch ein trinkbarer Wein wuchs; der dritte kaufte in
Gedanken dem Nachbaren ein Wegrecht ab, welches seinen Feldbesitz der Länge nach
durchschnitt, und der vierte endlich vermutete, er würde den betreffenden
Werttitel, welcher ein altes Pergamentlein war, als ein gutes Zinsstück,
desgleichen man nie weggeben sollte, einfach behalten. Indem sie dergestalt ihre
Massstäbe an die unsichtbare Sache legten, für welche ich die Wiese, den
Weinberg, das Wegrecht und das Pergamentlein hingeben wollte, stellte jene sich
immer sichtbarer dar, aber als ein nichtiger Nebel, ein ungreifbarer Dunst, und
der Älteste gewann den Mut, seine Bedenken mit einem trockenen Hüsteln verziert
zu äussern. Ihm folgte einer um den andern.
    Es scheine doch, hiess es, nicht ratsam, das einzige und wenige, was man
besitze und sicher in der Hand habe, an ein Ungewisses zu tauschen, da es
keineswegs verbürgt sei, dass ich meinen Zweck erreichen und das Gewünschte
wirklich erlernen werde. Für diesen Fall wäre es vielleicht klüger, jetzt schon
anzunehmen, ich besässe das Geld nicht, und mir sonstwie zu behelfen. Dann würde
es für Tage der Krankheit, der Not oder Verarmung einst plötzlich willkommen
sein und mit Vorsicht verwendet werden können. Man habe auch etwa gehört, dass
bedeutende Gelehrte oder Künstler, von frühsten Jahren an in die Welt gestellt,
sich durch ihren Arbeitsfleiss haben ernähren und ihre Kunst dabei zugleich
erlernen und grossmachen müssen, ja dass gerade die dadurch angewöhnte unablässige
Tätigkeit und Emsigkeit solchen Leuten ihr Leben lang zustatten gekommen und sie
das Grösste habe erringen lassen. Dies Lied hörte ich nun zum zweiten Male in
meinem kurzen Leben, und es gefiel mir noch immer nicht.
    Die Männer, welche also verhandelten, sassen um einen runden Tisch herum und
hatten ihr Glas dünnen säuerlichen Weines vor sich stehen; ich dagegen, als der
Gegenstand der Beratung, sass allein an einem langen Tische, dessen Ende sich in
der Gegend der Türe im Halbdunkel verlor. In dieser Dämmerung hockte der
Schlangenmann, der sich unbemerkt hereingeschlichen hatte, während ich mich oben
im hellern Lichte befand, ein Fläschchen dunkelroten Weines vor mir. Das war
freilich ein grosser Taktfehler, obgleich er der Gemeindewirtin zur Last fiel,
die mir den Wein vorgesetzt und die ich abzuweisen nicht besonnen genug war. Der
Oheim, der bei den Vorstehern sass, trank von dem nämlichen Weine, eines kleinen
Magenleidens wegen, wie er den Bauern sagte.
    Einer der letztern, der sein Stückchen Weissbrot wie Marzipan behandelte und
die auf den Tisch gefallenen Krümchen mit dem Handbissen so sorglich auftupfte,
als ob es Goldstaub wäre, fuhr nun fort:
    Er verstehe nichts von der Sache, aber allerdings schiene es ihm auch
zweckmässiger gewesen zu sein, wenn der junge Mann, statt sich auf das kleine
Erbe zu verlassen, die Jahre her, da er bei der Mutter gelebt, sich auf den
Erwerb eingeübt und auf die bequemlichste Weise der Welt diejenige Summe
zusammengespart hätte, deren er nun bedürfe. So wäre nun bereits für die Zukunft
gesorgt; denn wer sich bei guter Zeit angewöhnt habe, an den kommenden Tag zu
denken und keine Arbeit ohne Hinblick auf ihren Wert zu verrichten, der könne
von dieser Gewohnheit gar nicht mehr lassen und wisse sich überall zu helfen,
wie ein Soldat im Felde. Das sei auch eine gute Kunst, die je früher, je besser
erlernt werde; er möchte deshalb geradezu raten, dass ich mich frischen Mutes mit
einem bescheidenen Reisegelde und dem Vorsatze auf den Weg mache, mich jetzt
schon durch die Welt zu bringen. Ich werde doch wohl die ganzen Jahre her irgend
etwelche Fertigkeiten erworben haben, oder ob dies nicht der Fall sei?
    Auf diese Frage, welche ebenso richtig wie unrichtig gestellt war, wendete
sich alles und blickte nach, mir herüber. Der Schlangenfresser war aus seiner
Dämmerung allmählich in meine Nähe gerutscht und belauerte aufmerksam meinen
Wein und die Verhandlung zugleich; so wurden wir auch alle drei, der rote Wein,
der Schlangenfresser und ich, ins Auge gefasst, und ich fühlte, dass ich so rot
wurde wie der Wein, als eine vielsagende Stille eintrat. Das wackere Getränke
zeugte gegen meine Bescheidenheit und Sparsamkeit, der Genosse an meiner Seite
gegen meine Lebenspläne, und zwar so laut, dass niemand für nötig hielt, ein Wort
hinzuzufügen.
    Es blieb deshalb, nachdem der Eindringling hinausgeschickt worden, noch ein
gutes Weilchen still, bis der Oheim das Wort ergriff, um das festgefahrene
Schifflein wieder flottzumachen. Man könne das nicht so nehmen, wie die Herren
Vorsteher meinen, sagte er; das wäre, wie wenn ein Bauer sein Scheffel Korn,
anstatt es zur Aussaat zu verwenden, aufbewahren wollte, bis eine Hungersnot
käme, und dazwischen bei andern Leuten auf Tagelohn ginge. Zeit sei bekanntlich
auch Geld, und es wäre nicht wohlgetan, einen jungen Menschen zu zwingen,
jahrelang sich mühselig durchzuschleppen, um das zu erlernen, was er in kürzerer
Zeit erreichen könne mit frischem Einsatz eines kleinen Erbgutes. Auf dieses sei
man nicht planlos verfallen, sondern man habe von Anfang an darauf gerechnet, es
zur rechten Zeit zu verwenden; übrigens möge man den Neffen selbst auch hören
und derselbe vorbringen, was er etwa zu bemerken wisse.
    Der Vorsitzende gab mir hierauf das Wort, mit welchem ich, halb schüchtern,
halb empört, einige Prahlereien zustande brachte. Die Zeit sei längst vorbei, da
die Kunst mit dem Handwerk verbunden gewesen und der Scholare von Stadt zu Stadt
habe wandern können wie jeder andere Handwerkegesell. Es gebe jetzo kein solches
stufenweises Nacheinander mehr, sondern mit einem einzigen wohlvorbereiteten
Erstlingswerke müsse sich der Anfänger auf eigene Füsse stellen. Das sei aber nur
möglich an einem Kunstorte; dort finde man nicht nur die nötigen Vorbilder für
alle Arten der Kunstübung, sondern auch den lehrreichen Wetteifer vieler
Mitstrebenden, endlich aber zugleich die Anerkennung des zu Leistenden, den
Markt für geschaffene Werke und die Pforte des Wohlergehens für die Zukunft. An
dieser Pforte sinke nieder und gehe unter, wer nicht berufen sei, die hehre
Flamme des Genius nicht in sich trage, wie zum Beispiel der arme
Schlangenspeiser, der vorhin gesehen worden. Die andern aber schreiten kühn
hindurch und gelangen rasch zu Wohlstand und Ehre, so dass es noch die
Bescheideneren unter ihnen seien, welchen bald der Verkaufspreis eines einzigen
Werkes die aufgewendeten Kosten ersetze, den Wertbetrag einer Wiese, eines
Weinberges oder Ackerstückes erreiche!
    Wie es das Schicksal des guten Landvolkes ist, dass es in seiner Gläubigkeit
immer wieder den grossen Worten zuversichtlicher Menschen unterliegt, so wurden
auch die Männer durch meine Reden unsicher, wenn nicht etwa gar gelangweilt. Es
fand abermals eine kurze Pause statt, während welcher das Gehörte lakonisch
beräuspert wurde, worauf der Obmann unversehens sagte, er wolle gewärtigen, ob
der Oheim als Vormund auf seinem Antrage beharre; denn am Ende liege es in
dessen Befugnis und sei er auch der Mann dazu, ein massgebendes Wort zu sprechen.
Der Oheim bestätigte nochmals seine Meinung mit dem Beifügen Fort müsse ich, das
sei notwendig; allein weder sei vorgesehen worden, noch eigne ich mich dazu, wie
die Dinge ständen, ohne Mittel auf die Wanderschaft zu gehen und ohne weiteres
sofort mein Brot zu suchen. Wären die Mittel nicht da und ich überhaupt ganz
verwaist und ohne Freunde, so würde ich mich, das traue er mir zu, frischen
Mutes dem Schicksal unterziehen; ohne Not aber zwinge man zu so etwas einen
unvorbereiteten Jüngling nicht.
    Auf die Umfrage des Vorsitzenden erwiderten die andern Vorsteher, sie hätten
ihre Ansicht nach ihrem Sachverstande geäussert und fühlten sich nicht gedrungen,
einen besondern Widerstand zu leisten, zumalen man gern auf Begabung, Fleiss und
tugendhafte Führung des in Rede stehenden Herren Vögtlings vertrauen wolle, der
freilich, wenn er die Pforte des Wohlergehens zu durchschreiten gedenke, sich
vorderhand abgewöhnen müsse, gleich vom bessern Wein zu trinken, wo er absitze.
    Während ich diese Andeutung verschluckte, wurde über die Herausgabe des
kleinen Vogtgutes Beschluss gefasst, derselbe zu Protokoll gebracht und von meinem
Oheim mit unterschrieben.
    Die Schirmlade, in welcher die Wertschriften der unter Vormundschaft
Stehenden aufbewahrt wurden, befand sich anderer Geschäfte wegen bereits zur
Stelle, und die Behörde erklärte, es sei am besten, das Stück jetzt gleich
herauszunehmen, so sei man dieser Angelegenheit hoffentlich für immer entoben.
    Der hölzerne, mit drei Schlössern versehene Kasten wurde auf den Tisch
gestellt und geöffnet, indem der Vorsitzende, der Seckelmeister und der
Schreiber jeder einen Schlüssel aus der Tasche zog, in das entsprechende Loch
steckte und bedächtig umdrehte. Der Deckel ging auf, und da lag nun an einem
Häuflein das Vermögen der Witwen und Waisen, gleich einer kleinen Schafherde in
der Ecke zusammengedrängt, wie es das Tragen und Rütteln des Kastens gefügt
hatte. »Es ist schon viel Schicksal durch diese Lade gegangen!« sagte der
Schreiber, als er die Überschriften der verschiedenen Pakete zu lesen begann; es
bezogen sich nicht alle auf Frauen und Minderjährige, auch die Vermögensteile
von gefangenen, verschwenderischen oder geisteskranken Männern waren dabei.
Endlich stiess er auf ein kleines Wesen, las »Lee, Heinrich, Rudolfen sel.« und
reichte es dem Vorsitzenden.
    
    Dieser entüllte ein gebräuntes altes Pergament, an welchem ein
halbzerbröckeltes Siegel von grauem Wachse hing. Er legte sein messingenes
Brillengeschirr um das Haupt und entfaltete das ehrwürdige Schriftstück,
dasselbe weit von sich abhaltend. »Dem Landschreiber, der die Gült ausgefertigt
hat, tun die Zähne auch nicht mehr weh!« bemerkte er, »sie ist von Martini 1539
datiert, ein gutes altes Wertstück.« Zugleich richtete er einen ernsten Blick
auf mich, der ihm jedoch durch die Brille, die nur zum Lesen gut war, ganz
nebelhaft erscheinen musste.
    »Seit dreihundert Jahren«, fuhr er fort, »ist dieser ehrwürdige Brief von
Geschlecht zu Geschlecht gegangen und hat immer fünf vom Hundert Zinsen
getragen!«
    »Wenn wir sie nur hätten«, warf mein Oheim lachend ein, um die abermals auf
mich gerichtete Aufmerksamkeit zu stören; »mein Neffe besitzt das Brieflein ja
erst seit etwa zehn Jahren, und vor nicht vierzig Jahren noch gehörte es dem
Kloster, dessen Abt es zur Zeit der Revolution verkaufte. Man kann überhaupt
nicht auf solche Weise rechnen; es ist ebenso unrichtig, wie wenn man immer
sagt, diese drei Greise sind zusammen 270 Jahre oder jene zwei Eheleutchen 160
Jahre alt! Nein, jene Greise sind alle drei zusammen nur neunzig Jahre alt, Mann
und Frau achtzig, da es genau dieselben Jahre sind, die sie verlebt haben. So
vertut der junge Künstler hier nicht die Zinsen von drei Jahrhunderten, wenn er
das Brieflein verkauft, sondern nur den einfachen Betrag desselben!«
    Das wussten die Männer freilich wohl; weil aber jeder von ihnen auf seinem
Hofe solche uralte unablösliche Schuldverpflichtungen hatte und sich selbst als
den Bezahler aller der ewigen Zinsen betrachtete, so hielten sie die nehmende
Hand der wechselnden Gläubiger für etwas ebenso Unsterbliches und legten dem
betreffenden Instrumente einen geheimnisvoll höhern Wert bei, als ihm zukam. So
fiel endlich das Wichtigkeitsgefühl der Verhandlung auch auf mich nieder und
beengte mir den Sinn Ich sah mich als Gegenstand ernster Anrede und rechtlichen
Verfahrens, leidend und verantwortlich zugleich, ohne dass ich etwas begangen
hatte oder zu begehen willens war, nach meiner Ansicht, und strebte mit
verdoppeltem Eifer, aus der unfreien Lage hinauszukommen. »Sie wissen den
Teufel, was Freiheit heisst!« singt der Student von den Philistern, nicht
merkend, dass er selber erst auf dem Wege ist, es zu lernen.
 
                                Zehntes Kapitel
                                  Der Schädel
Das alte Pergament war nun an einen Sammler solcher Stücke mit einigem Vorteil
verkauft worden und die Zeit gekommen, wo die Abreise wirklich vor der Türe
stand. Am letzten Tage des Monats April, welcher auf den Sonnabend fiel, packte
ich die mitzuführenden Habseligkeiten zusammen, was in unserer Wohnstube einen
niegesehenen Auftritt gab und meine Mutter in Aufregung setzte. Eine grosse Mappe
mit den zweifelhaften Früchten meiner bisherigen Tätigkeit lehnte schon in
Wachstuch gewickelt an der Wand, zu einigem Troste wenigstens von bedeutendem
Gewicht; mitten im Gemache aber stand der geöffnete Koffer, eine kleine Arche
von Tannenholz. Auf dem Boden derselben hatte ich bereits eingeschichtet, was
ich an Büchern mitnehmen wollte, und mit ihnen auch ein festes Verlies für einen
Totenschädel gebaut, damit er sicher auf dem Grunde verwahrt sei. Dieser Schädel
diente seit einiger Zeit zur Zierde meiner Arbeitskammer sowie auch zum
angehenden Studium der menschlichen Gestalt, das für einmal freilich gleich mit
dem Unterkiefer ein Ende genommen hatte, so dass ich vorläufig bloss die
verschiedenen Kopfknochen zu benennen wusste. Ich hatte den Überrest in der Ecke
eines Friedhofes bemerkt, wo ihn der Totengräber seiner Wohlerhaltenheit wegen
hingelegt haben mochte; denn es war der Schädel eines jungen Mannes und wies
noch alle Zähne auf. In der Nähe lag ein beseitigter alter Grabstein, der vor
ungefähr achtzig Jahren errichtet worden mit der Inschrift auf einen dazumal
verstorbenen Albertus Zwiehan. Obgleich es keineswegs erwiesen war, dass der
Schädel diesem Zwiehan angehört hatte, nahm ich das doch für ein Faktum, weil
sich laut der handschriftlichen Familienchronik eines benachbarten Hauses die
wunderlichste kleine Geschichte mit jenem Namen verband.
    Es handelt sich, soviel entwirrbar ist, um den Bastardsohn eines Zwiehans,
der lange Jahre in Asien zugebracht hatte und dort verstorben war. Die
holländische Person, mit welcher er den Sohn gezeugt, besass aber von einem
verschollenen Menschen noch einen andern unehelichen Knaben, namens Hieronymus,
den sie mehr liebte als den jungen Zwiehan, und aus Liebe zu ihr und von ihr
überredet, adoptierte er diesen andern Knaben in rechtlicher Form an
Kindesstatt, während er hinwieder verabsäumte, das Weib nachträglich zu
ehelichen und sein eigenes Kind zu Ehren zu ziehen. Der adoptierte Bastard aber
entfernte sich, als er grösser geworden, aus dem Hause und verscholl gleich
seinem eigenen natürlichen Vater spurlos, und als endlich der alte Zwiehan und
seine Beihälterin bald nacheinander das Zeitliche segneten, befand sich der
erblos gebliebene Sohn Albertus allein bei dem herrenlosen Hause und Gute und
zögerte nicht, sich auf geschickte Weise an Stelle des allein erbberechtigten
Adoptivsohnes zu setzen, von dem erworbenen Vermögen des Alten zusammenzuraffen,
was er konnte, und die asiatische Kolonie rasch zu verlassen, um die alte Heimat
seines Vaters aufzusuchen.
    Da er einst geträumt hatte, sein Halbbruder sei im Meere untergegangen, und
fest an seine Träume glaubte, so tat er alles dies nicht gerade mit bösem
Gewissen, obgleich er schlau genug war, in der alten Vaterstadt, die ihn noch
nie gesehen, sein eigenes Dasein zu verschweigen und sich auf Grund der
mitgebrachten Papiere für den andern auszugeben. Er kaufte sich ein geräumiges
Haus mit einem stillen freundlichen Garten, in welchem er gar anständig auf und
nieder spazierte. Hier wurde er freilich von den Nachbaren neugierig beobachtet,
aber ohne dass er es bemerkte, und erst nachdem er sich ordentlich eingerichtet
hatte, begann die Nachbarschaft sich zu beleben, wie wenn auf einer Insel für
die dortin verschlagenen Reisenden allmählich die Eingeborenen zum Vorschein
kommen. Durch Geschäftsleute wurde es ruchbar, dass der neue Ankömmling
ansehnliche Bezüge und Geldanlagen mache, welche auf geregelten Verhältnissen
beruhen. So wurde er denn auf der Strasse hie und da schon zutraulich gegrüsst,
und jenseits der Gasse, welche er bewohnte, belebte sich mehr als ein Fenster,
wenn er sich an dem seinigen blicken liess, um nach dem Wetter zu sehen. In einem
schmalen Erker sass den ganzen Tag, mit dem Rücken gegen die Strasse gewendet, ein
junges Frauenzimmer am Spinnrad, ohne umzuschauen, und er konnte ihr Gesicht nie
entdecken. So vergaffte er sich, da er schon seines leidenschaftlichen Ursprungs
wegen verliebter Natur war, einstweilen in den zierlichen Rücken der Spinnerin
und in die anmutig geneigte Haltung ihres Kopfes. Als er aber eines Tages,
hierüber nachdenkend, auf der anderen Seite seines Hauses im Garten weilte,
hörte er unversehens von einer weiblichen Stimme den Namen Cornelia rufen, auf
welchen im Nachbargarten eine andere Stimme antwortete. Dies wiederholte sich
mehrmals während der nächsten Tage, so dass Albertus Zwiehan den Rücken der
Spinnerin vergass und sich in den schönen Namen der unsichtbaren Cornelia
verliebte. Denn sie war hinter einer Wand von Jasminbüschen verborgen. Wie
erstaunte er aber, als diese plötzlich sich auseinanderbogen und eine weibliche
Gestalt auf das Zwiehansche Gebiet herübertrat, durch ein bisher unbemerktes
Gittertürchen. Das Haus zu welchem der jenseitige Garten gehörte, lag nämlich
nicht an der gleichen Strasse, sondern auf einer anderen Seite des ganzen
Strassenviertels, und es haftete an beiden Häusern von alters her das Recht des
Durchganges durch Gärten, Höfe und Hausflüre, zu gewissen Zwecken und
Tageszeiten.
    Es war ein nicht eben schönes, aber mit lachenden Augen begabtes längliches
Wesen, das vor dem Überraschten stand und ihn von der bestehenden Servitut
unterrichtete, als die Nachbarin seine Unwissenheit bemerkte. Auch er müsse
einen Schlüssel zu dem Pförtchen besitzen, sagte sie ihm; er holte einen Kasten
mit allerlei alten Schlüsseln herbei und fand mit ihrer Hilfe richtig denjenigen
heraus, welcher in das Schloss passte. Wie sie so mit spitzen weissen Fingern sich
bemühte, betrachtete er mit Wohlgefallen den mägerlichen Wuchs, der durch sehr
knappes Gewand fast einen Eindruck von geschmeidiger Fülle machte. Jetzt aber,
indem sie ihn mit seinem Namen grüsste und ihm den ihrigen nannte, der auf jenes
wohlklingende Cornelia hinauslief, gab sie ihr Anliegen kund. Sie beanspruchte
höflich das Recht, von dem reich mit Wasser versehenen Brunnen in seinem Hofe
eine bewegliche Leitung nach ihrer Waschküche anzulegen, um für die
vorzunehmende grosse Halbjahrwäsche das Hauptelement zu gewinnen, gemäss dem
verbrieften Herkommen. Da Albertus ebenso höflich bat, sich ganz nach
Bequemlichkeit einzurichten, eilten alsbald auf ein Zeichen der Cornelia mehrere
Waschfrauen herbei mit hölzernen und blechernen Rinnen und Rohren, fügten sie
zusammen und stellten einen schwebenden Aquäduktum her, mit welchem sie wieder
im Gebüsche verschwanden, aus dem sie hervorgebrochen waren. Auch die Cornelia
schlüpfte hindurch, nachdem sie sich verneigt hatte, und Herr Zwiehan, stand
einsam an dem Gerinnsel seines schönen Brunnenwassers und wünschte, mit
hinübergehen zu können. Am andern Tage jedoch erschienen abermals die
Wäscherinnen, brachen die Wasserleitung ab und machten einer grossen schweren
Frau Platz, welche sich jetzt durch das Pförtchen arbeitete. Sie gewährte eine
tröstliche Vorstellung davon, wie stattlich dünne Fräuleins mit der Zeit bei
guter Nahrung werden können; denn sie gab sich als die Frau Mutter der bewussten
Cornelia zu erkennen, welche sich nicht getraue, schon wieder den Herrn Nachbarn
mit einer Unbequemlichkeit zu belästigen. Es sei nämlich zweifelhaft, ob die
Sonne den ganzen Tag scheine, und darum wünschenswert, die Wäsche in einemmal zu
trocknen, was hinwieder ermöglicht würde durch die Erlaubnis, einen Teil
derselben in dem Zwiehanschen Garten und Hof aufzuhängen. Es sei dies in
früheren Jahren auch etwa geschehen, obwohl nicht zu einer Servitut erwachsen
wie das Wasserleitungsrecht, und also komme sie selbst, pflichtschuldig um die
freundliche Vergünstigung anzufragen. Mit grossem Vergnügen entsprach Albertus
Zwiehan sofort dem Ansuchen, worauf die Frau sich dankend zurückzog und dafür
das Fräulein an der Spitze einiger Waschkörbe aus den Jasminbüschen hervortrat,
sie selbst das auf eine Kurbel gewickelte Trockenseil tragend. Dieses an den
vorhandenen Pfosten, Haken und Baumästen anzubinden, reichte jedoch ihre
Körperlänge nicht überall aus, sosehr sie sich auch auf die Zehen stellte, und
so ergab es sich von selbst, dass Albertus aushalf und das Seil im Zickzack
herumführte und festmachte, Cornelia aber dasselbe hinter ihm hertrug und
abhaspelte. Sie bewegte sich dabei mit viel Anmut und Lieblichkeit, und der
junge Mann wurde darüber so eifrig und warm, dass er hie und da eine Levkoje oder
Nelke zertrat. Als es nun ans Aufhängen der Wäsche ging, blieb er in
unmännlicher Weise im Garten und war wiederum behilflich, die Körbe zu schleppen
und andere Handreichungen zu tun. Das Fräulein bemerkte freundlich, dass sie ihre
eigene und beste Leibgewandung herübergebracht und das ältere Zeug jenseits
gelassen habe, um auf dem fremden Gebiete nicht allzu schofel zu erscheinen. Der
ganze Raum füllte sich also mit ihren Hemden, Strümpfen, Busentüchern und
Nachtäubchen, und da eine frische Brise aufging, begann das blütenweisse Zeug so
mutwillig zu flattern, dass alle Hände zu tun bekamen, das luftige Segelwerk
festzuhalten.
    In grosser Aufregung zog er sich nach getaner Arbeit in seine Zimmer zurück,
von deren Fenstern aus er unablässig den inhaltreichen Garten bewachte. Niemand
war jetzt dort und alles still; nur die wie von Luftdämonen beseelten
Weiberhülsen säuselten sachte hin und her, bis ein Windstoss sie plötzlich
emporwirbelte, die langen weissen Strümpfe gleich Geisterbeinen um sich stiessen
und schon ein losgerissenes Häubchen wie ein kleiner Luftballon über das Dach
wegstieg. Da eilte Albertus Zwiehan besorgt wieder hinunter, um zu retten, was
ihm bereits näher zu liegen dünkte als die eigene Haut. Er schlug sich tapfer
mit dem Winde herum; allein die Strümpfe schlugen ihm an die Ohren, die Hemden
flatterten um seinen Kopf und verhüllten ihm die Augen, und er wurde mit der
wilden Leinwand nicht fertig, bis die lachenden Frauen herbeikamen und die
Wäsche zusammenrafften.
    Einige Tage später wurde er von den Nachbarinnen förmlich zum Kaffee
eingeladen, um den Dank für seine Gefälligkeit zu empfangen. Zum ersten Mal
betrat er den jenseitigen Garten und fand den Tisch in einem offenen Sälchen
gedeckt, das hinter der Jasminwand verborgen war. Die alte und die junge Dame
beflissen sich auf das freundlichste um ihn, und nachher musste er noch in ihre
Wohnung hinaufsteigen und sich mit einem kleinen Nachtmahl bewirten lassen.
Natürlich erwiderte er solche Höflichkeiten und lud die Nachbarinnen seinerseits
zu einer Gastlichkeit ein, so gut er diese mit Hilfe einer alten Küchenmagd
aufzubieten vermochte; kurz, es entstand ohne weitern Verzug ein häufiger
Verkehr, und das Fräulein sowohl wie Albertus Zwiehan trugen den Schlüssel zum
Durchgangstürchen beständig bei sich. Bald liess die Mutter ihre Tochter allein
mit dem Fremden, und sie verloren sich in hundert trauliche Gespräche; Cornelia
fragte nach allem, was Albertus je erlebt oder ihn sonst betraf; er dagegen
fühlte sich durch diese Neugierde und Teilnahme geehrt und beglückt und
vertraute ihr alles, um ihre Freundschaft zu erwidern und gewissermassen sich
ganz hinzugeben, ohne allen Rückalt, sein Herkommen, seinen Besitzstand und sein
letztes Geheimnis, das letztere einzig mit der Abweichung, dass sein
verschollener Halbbruder wirklich ertrunken sei statt nur in einem Traume.
    Die neue Freundschaft verfehlte nicht, ruchbar und als eine bereits
abgeschlossene oder wenigstens bevorstehende Verlobung angesehen zu werden. Das
bewiesen dem Verliebten einige nicht unterschriebene Briefe, die er nacheinander
erhielt und die ihn vor der Verbindung warnten, welche er einzugehen im Begriffe
stehe.
    Die beiden Frauenzimmer, hiess es, seien nur scheinbar in guten Umständen; in
Wirklichkeit hätten sie nichts oder nicht viel mehr als einen grossen Fleiss im
Geldborgen, das sie allerdings aus dem Grunde verständen. Sie wüssten es
allerwärts so einzurichten, dass man nicht davon spreche, indem sie sich immer
edeldenkende und verschwiegene Opfer aussuchten, auch im Notfall hie und da
etwas zurückzahlten auf Kosten dritter Leute; allein die Sache sei dennoch ein
öffentliches Geheimnis, und man könne nicht zusehen, wie ein so ausgezeichneter
Mitbürger, dem die besten Häuser sich auftäten, in sein Verderben renne. Denn wo
eine Untugend hause, sei die zweite und dritte nicht weit, und der Geldmangel
sei aller Sünden Angel. Mehr wolle man nicht andeuten.
    Als Albertus diese Briefe gelesen, wurde er weder betrübt noch zornig,
sondern fröhlichen Herzens, weil er sie für Ausflüsse des Neides hielt und als
ein Zeichen betrachtete, dass er nur zuzugreifen brauche, da eine Heirat in der
öffentlichen Meinung für so wahrscheinlich und nah bevorstehend galt. Von
zärtlichem Mitleide bewegt, wünschte er einen angeblichen Notstand der beiden
Frauen als wirklich bestehend herbei, um sich als Hilfespender recht weich in
die Arme dankbarer Liebe betten zu können. Selbst für den Fall, dass jene in der
Tat etwas viel Geld brauchen sollten, entwarf er sofort Pläne, seine Mittel nach
Notdurft zu vermehren; er hatte ja ohnedies die Absicht, seine Kenntnis der
östlichen Handelsbeziehungen zu verwerten und mit aller Bequemlichkeit und
Vorsicht ein Haus zu gründen und eine seinen noch jungen Jahren angemessene
Tätigkeit zu eröffnen. Von solchen Gedanken getrieben, schritt er aufgeregt in
seiner Wohnstube umher und arbeitete gleichmässig den Geschäftsplan und das
glänzende Bild der Zukunft aus dem Rohen heraus, wobei ihn immer wärmer das
Gefühl eines einflussreichen Beschützers und Retters, eines Beglückers und
mächtigen Schöpfers aufschwellte. Um auf diesen Wogen einen Augenblick
auszuruhen, stellte er sich an ein Fenster und sah zufällig, wie gegenüber die
Spinnerin, die er ganz vergessen, in den Erker trat und ebenso zufällig ihn
erblickte, ehe sie sich an ihr Rädchen setzte. Schon hatte sie, wie gewöhnlich,
ihm wieder den Rücken zugekehrt, der ihm so wohlbekannt war, als sie nochmals
umschaute und, mit einem langen Blick ihn betrachtend, das mysteriöse Gesicht
nun voll und ruhig zeigte, das er vorhin nur wie einen Blitz hatte aufleuchten
gesehen. Das Antlitz, fast herzförmig, endigte in ein feines kleines Kinn und
schien eher wie eine Miniatur auf weisses Elfenbein gemalt als aus Fleisch und
Blut zu bestehen; nur der Mund war rötlich wie ein geschlossenes Rosenknöspchen,
das viel kleiner erschien als die grossen dunklen Augen, und alles dies umgab
fremdartig eine Hülle von Batistleinwand. Endlich wandte sie sich wieder ab und
setzte ihr Rad in Gang; aber als ob sie spürte, dass die Augen des Nachbars an
ihr hängenblieben, erhob sie sich und ging nach der dämmernden Tiefe des
Zimmers. Dort öffnete sie die Türe und schritt einen von der Abendsonne
durchleuchteten Korridor entlang, bis sie in der jenseitigen Dämmerung wie ein
Geist verschwand.
    Hiemit lösten sich auch seine vorhinnigen Pläne und Luftschlösser in nichts
auf, und Albertus hatte sie in diesem Augenblicke schon so vollständig
vergessen, als ob statt einiger Minuten hundert Jahre verflossen wären. Er stand
und starrte hinüber, wo der Abendschein im Hintergrunde allmählich verblich und
die Dämmerung das Zimmer füllte, bis es völlig dunkel war, wie die Stube, in
welcher er selber weilte. Nur der Blick jener geheimnisvollen Augen leuchtete
noch in seinem Gehirne fort, und zwar auch während des nächtlichen Schlafes, bis
der Morgenstern am Himmel glänzte, dessen Licht seine Augenlider berührt haben
mochte; denn er sah es unmittelbar, als er aufwachte. Ihm hatte soeben geträumt,
er sitze tief verborgen in dem Gartensälchen der Cornelia zwischen dieser und
der unbekannten Spinnerin, die jedoch wie jene seine angetraute Frau sei, und
von beiden werde er geliebkost, während er um jede von ihnen einen Arm
geschlungen hielt. Das schien ihm eine sehr annehmbare und preiswürdige Sachlage
zu sein, und er hielt sich dabei so still wie die Luft und die reglosen
Jasmingebüsche, als plötzlich die Unbekannte sich erhob und ihm mit einem
unaussprechlich lieblichen Blicke zuwinkte, ihr zu folgen. Allein die Cornelia
umklammerte ihn so fest, dass er sich nicht zu bewegen vermochte und sehen musste,
wie jene durch einen unendlich langen Baumgang fortschwebte, ein helles Licht in
der Hand tragend, welches im Vorübereilen einen Baum nach dem andern beglänzte
und wieder im Dunkeln liess. Zuletzt verschwand sie in der blauen Nacht, in der
das Licht allein hängenblieb, das eben der Morgenstern oder Luzifer war, den er
beim Erwachen erblickte. Voll unerträglicher Sehnsucht mochte er kaum die
schickliche Zeit abwarten, um sich endlich näher nach der Unbekannten zu
erkundigen und einen Zugang zu ihr zu finden. Sonderbarerweise ergriff er
zuallererst den Schlüssel des cornelianischen Nachbarpförtchens, schlüpfte
hindurch und machte den dortigen Frauen einen Morgenbesuch. Er traf sie am
Packen einiger Koffer, da sie auf acht oder vierzehn Tage nach einem kleinen
Badeorte reisen wollten und die alte Mietkutsche, die sie jährlich dahin
brachte, schon erwarteten. Als Zwiehan mit seinen Fragen nach der spinnenden
Nachbarin begann, hielt Cornelia ein kleines Weilchen mit ihrer Arbeit inne und
sah dem Frager, an einem Koffer kniend, stutzig ins Gesicht. »Das wird wohl die
Afra Zigonia Mayluft sein!« sagte sie weniger erstaunt als überrascht; denn
schon früher hatte sie sich gewundert, dass er die wunderlich schöne Person nach
nicht zu kennen schien. Wie sie aber bemerkte, dass er die gehörten Namensworte
mit glänzenden Augen wiederholte, unterbrach sie ihn mit der plötzlichen
Einladung, sie und die Mutter nach dem Kurorte zu begleiten. Wenn er sich für
das Frauenzimmer interessiere, fügte sie errötend hinzu, werde man ihm unterwegs
Weiteres mitteilen können, und überdies werde dasselbe, soviel man wisse, in
wenigen Tagen auch in das Bad kommen, um mit Freunden zusammenzutreffen. Da habe
er dann die beste Gelegenheit, die Schöne in freiem Verkehre zu sehen und
kennenzulernen. Unverzüglich rannte Albertus in seine Behausung zurück, einiges
Gepäck zu holen, und eine Stunde später sass er bei den zwei Frauen im Reisewagen
und vernahm nun, dass die Fräulein Afra Zigonia Mayluft eigentlich nicht in
unserer Stadt gebürtig sei, sondern nur als eine verwaiste Verwandte sich seit
einiger Zeit in dem betreffenden Nachbarhause aufhalte und im übrigen für eine
Fromme und Heilige gelte, ja sogar bereits halb und halb der evangelischen
Brüdergemeinde, die man die Herrnhuter nenne, angehören solle. Cornelia und ihre
Mutter betrachteten hierauf Herrn Zwiehan genau, um die abschreckende Wirkung zu
gewahren, welche sie von diesen Tatsachen erhofften. Aber er schaute nur um so
träumerischer vor sich hin, in süssen Gedanken verloren; was er vernommen, schien
ihm vielmehr die verlockende Aussicht zu eröffnen, sich an irgendeiner
unbekannten Glückseligkeit beteiligen zu können. In dem Badeort angelangt, zogen
ihn daher seine Freundinnen, um ihn zu zerstreuen, sogleich in einen Kreis
lustiger Badegäste, von welchen getrennt eine kleine Gruppe einfach gekleideter
Männer und Frauen der Gesundheit pflegte. Immer wurde er andere Wege geführt als
diejenigen, auf welchen diese Stillen in gemässigten Gesprächen lustwandelten,
und so kam es, dass, als eines Abends die sogenannte Afra Zigonia in der Tat
angekommen war, er dieselbe erst entdeckte, als sie am andern Morgen früh mit
zweien von den religiösen Personen in einen Reisewagen stieg. Er hatte kaum noch
die gemessene, aber innige Freundlichkeit gesehen, mit welcher die
Zurückbleibenden die in Reisekleider gehüllte Gestalt umgeben und begleitet
hatten, als der Wagen schon davonrollte und bald aus dem Gesichte entschwand,
während jene Zurückbleibenden mit andächtig zufriedener Miene an ihm
vorübergingen wie Leute, die eine ihnen am Herzen liegende und teure Sache wohl
verrichtet haben. »Nun ist das liebe Kind gut aufgehoben!« hörte er sagen, »nun
geht sie ihrem Heil entgegen und wird bald in den Gärten des Herren wandeln!«
    Eine unaussprechliche Vorstellung überfiel ihn mit diesen Worten; er eilte
beklemmten Herzens, seine Gönnerinnen aufzusuchen und sich nach der Bedeutung
des soeben erlebten Vorganges zu erkundigen. Lächelnd teilten sie ihm mit, die
Neuigkeit werde just überall besprochen es heisse, die Afra Zigonia sei nach
Sachsen verreist, um in die Brüdergemeinde zu Herrnhut aufgenommen zu werden und
dort ihr Leben zu verbringen. »Das ist mein Traum!« sagte er sich; »sie wandelt
mit dem Lichte durch die Nacht in den Morgenstern hinein, aber ich lasse mich
nicht zurückhalten von dieser Cornelia, sondern folge ihr diesmal nach!« Mit
verstellter Ruhe blieb er noch ein paar Tage in dem Bade; dann aber begab er
sich ohne Abschied eines frühen Morgens nach Hause, übergab seine
Vermögensangelegenheiten dem öffentlichen Notarius, das Haus der Köchin, auch
versah er sich mit Geldmitteln und verschwand darauf aus der Stadt, seinem
Traumbilde nachzujagen. Da ihm aber die geographischen Verhältnisse der
abendländischen Welt nicht geläufig waren und er das Ziel seiner Reise niemandem
verraten mochte, gelangte er erst nach einigen Irrfahrten in die Gegend von
Herrnhut. Er umkreiste diese Niederlassung der Gottseligen immer näher, drang
endlich hinein und bewarb sich um die Aufnahme in ihre Gemeinschaft. Weil er nun
weder in seinem Äussern noch in seiner Sprache, weder in seinen Blicken noch in
seinen Bewegungen irgendeine Verwandtschaft oder Kenntnis dessen verriet, was er
erlangen zu wollen vorgab, und sich überhaupt als ein unbeholfener Himmelsbarbar
darstellte, so wurde er befremdlich und verdächtig angesehen und nach einigen
Fragen mit einer Ablehnung entlassen. Betrübt und unentschlossen stand er da und
hatte sogar Tränen in den Augen wegen seiner vergeblichen Reise, als ein Chor
lediger Frauen vorüberging, deren letzte die Afra Zigonia war. Als diese ihn
erblickte, schien sie ihn zu erkennen oder sich zu besinnen, wo sie den Mann
schon gesehen habe; denn sie stand einen Augenblick still, ihn aufmerksam
betrachtend, was er sogleich benutzte, sich ihr demütig grüssend zu nähern und
das Bekenntnis zu stammeln, dass er aus heftiger Liebe ihr gefolgt, aber mit
seiner Bitte um Aufnahme als Bruder abgewiesen sei. Ebenso betroffen als
mitleidig liebevoll, wie ihm schien, liess sie ihr Auge auf ihm ruhen, wie von
einem innern Lichte sanft erglänzend, und sagte dann mit leiser und doch
wohltönender Stimme, ihm sei mehr die Liebe zum Herrn und Erlöser als irdische
Liebe vonnöten; aber er solle nicht verstossen werden und möge einen oder zwei
Tage noch im Gastause warten. Hierauf grüsste sie ihn mit mildem Ernste und ging
ihren Schwestern nach. Schon am nächsten Morgen wurde Albertus von einem der
Vorsteher aufgesucht und nochmals abgehört und geprüft. Sei es nun, dass er durch
die träumerischsüsse Hoffnung, die ihn von neuem erfüllte, ein etwas
andächtigeres Aussehen gewonnen oder dass die Mayluftin einen so bedeutenden
Einfluss übte er wurde auf Probe zugelassen und der untersten Klasse von
Neulingen beigesellt, immerhin in der Meinung, dass er sich nach Verlauf einiger
Zeit dem Entscheide des Loses über seine endgültige Aufnahme zu unterwerfen
habe, wie denn dieses Mittel in wichtigeren Angelegenheiten bekanntlich
angewendet wurde, um dem unmittelbaren Kundgeben des göttlichen Willens Raum zu
gestatten.
    Er musste nun auf die rechte Art lesen, beten, singen lernen, bescheiden,
still und arbeitsam sein und vor allem aus über sein sündhaftes und elendiges
Wesen nachdenken; da er aber von alledem inwendig nichts fühlte und nur an die,
wie er glaubte, von ihm geliebte Afra dachte, so wurde ihm die Sache sehr
schwierig, und er verriet sich täglich mit barbarischen Blicken und Worten. Die
Geliebte bekam er nur von weitem in den gottesdienstlichen Versammlungen zu
sehen, wo sie in den Reihen der Unvermählten sass, während er im Chore der
ledigen Mannsbilder seufzte. Sie schien ihn aber jedesmal mit den Augen zu
suchen und einen Augenblick zu betrachten, ob er noch da sei, immer mit jenem
grossen Kinderblick, der ihn zum ersten Mal schon so plötzlich gerührt hatte.
Dann fasste er stets wieder Mut und fuhr in seinem Werke der Heiligwerdung fort.
Es gelang aber so kümmerlich, dass nach Verfluss einiger Monate, bevor man weitere
Mühen an ihn verschwenden wollte, das Befragen des göttlichen Orakels wirklich
angeordnet wurde. In feierlicher Versammlung, in welcher eine kleine Zahl
ähnlicher Fälle entschieden werden sollte, beim Schimmer geheimnisvoller Kerzen,
kniete er abgesondert auf dem Boden, während Gebet und Gesang den Raum erfüllte,
bis er an die Urne geführt wurde und in tiefer Stille sein Los zog. Dasselbe war
ihm günstig und entschied für seinen Eintritt in eine etwas vorgerücktere
Prüfungsklasse. Als er jetzt wieder in den Reihen der Genossen sass, war er so
erschüttert, dass er das Singen und Beten versäumte, welches abermals begann, da
nun ein angesehener und vielgereister Missionär an der Stelle kniete, welche
Albertus Zwiehan vorhin innegehabt. Bei diesem Missionär handelte es sich darum,
ob er eine afrikanische Station mit höchst ungesundem Klima übernehmen dürfe,
wie er durchaus begehrte, oder ob er sich mit einer gesünderen Luft begnügen
solle, wie die Gemeinde seiner etwas erschöpften Kräfte wegen verlangte. Das
Orakel entsprach seinem Begehren, worauf er an den alten Ort zurückkehrte und
abermals hinkniete; die Gesänge erschallten von neuem, und Albertus Zwiehan, der
sich inzwischen etwas gesammelt, benutzte die wachsende Begeisterung, um den
Anblick der Afra Zigonia Mayluft aufzusuchen, die er noch nicht gesehen. Er fand
sie nicht an ihrem gewohnten Platze, weil sie still an der Seite des Sendboten
kniete, wo das herumschweifende Auge Alberts sie unversehens entdeckte. Denn bei
ihr handelte es sich darum, ob es im Willen der Vorsehung liege, dass sie jenem
als Ehefrau in die heisse und rauhe Wüste hinaus folgen solle oder ob ihre Person
nicht vielmehr zu fein und zart, zu innerlich und vornehm hiefür beschaffen sei.
Aber auch ihre Wünsche erfüllte das Los, als sie zur Urne geführt wurde, und wie
sie nun mit dem Erwählten Hand in Hand zur sofortigen Verlobung schwebte,
leuchteten ihre sonst so ruhigen Augen beinah um ein weniges zu warm und zu hell
für eine irdische Angelegenheit.
    Mit offenem Munde und totenbleich sass Albertus, und nur seine Unfähigkeit,
auch nur aufzuatmen oder zu seufzen, verhinderte, dass er eine Aufmerksamkeit
erregte. Nachdem alles vorüber, schlich er lautlos auf sein Lager und brachte
eine schreckliche Nacht zu; seine ungeschulte, unwissende Selbstsucht würgte ihm
wie eine ringelnde Schlange fast das Herz ab; dazwischen sah er immer die Afra
mit dem Missionär an der Hand davonschweben das war also das Licht, welches sie
in jenem trügerischen Traume in der Hand getragen hatte! Ganz abgemattet und
niedergeschlagen kam er andern Tages zum Vorschein, so dass er als zum
Durchbruche reif erachtet wurde. Um ihn in eine erfrischende Bewegung und
Tätigkeit zu versetzen, wurde er zum dienenden Gehilfen eines andern
Missionsbeamten bestimmt, welcher auf dem Punkte war, die Niederlassungen in
Grönland, Labrador und der Kalmückei zu bereisen. Ohne jeglichen Widerstand liess
er sich dazu vorbereiten und fuhr mit seinem geistlichen Seelenmeister davon,
ohne dass er die Afra wieder zu sehen bekommen hätte. Nur ein schön gebundenes
kleines, dickes Büchlein hatte sie ihm zum Andenken gesendet; es entielt für
jeden Tag im Jahr einen Spruch oder ein Gedicht, und überdies war ein Stäbchen
von Elfenbein zum prophetischen Zwischenstechen daran befestigt. Mit dem
Büchlein in der Hand sass er einige Monate später eines Tages an einem
grönländischen Seestrande in der Nähe von St. Jan ; schwächlicher Sonnenschein
beleuchtete die Gewässer, aus denen hie und da ein Seehund emportauchte. In
dieser schläfrigen Lage stach er von ungefähr in das Buch; denn er war von der
Arbeit in Magazin und Schreibstube ein wenig ermüdet und träumte noch so hin,
als er eine wunderliche Liederstrophe las:
In einem Gärtlein, wo du weisst,
Da blüht der Seelen Paradeis,
Da bad't im Brunn der Heilig Geist
Die Taubenflüglein silberweiss.
Da riecht der himmlische Jasmin,
Die Seel' spazieret süss erbaut
In Zimmetröslein her und hin,
Da küsst der Bräutigam die Braut.
Durch die letzteren Zeilen wurde er zuerst halb und dann ganz munter; plötzlich
sah er den Garten hinter seinem Hause und in demselben die schlanke Nachbarin
Cornelia durch die Jasminbüsche schlüpfen, und obgleich das Büchlein, das er in
der Hand hielt, schon seit manchem Jahre gedruckt war, hielt er doch den
Liedervers sogleich für eine unmittelbare Eingebung oder vielmehr für einen
durch die Afra wunderbar bewirkten Aufruf zur Heimkehr und Heirat mit der
Cornelia, die ihm mit jedem Augenblicke, den er darüber nachdachte, wieder
wünschenswerter erschien. Aber auch gegen Afra Zigonia empfand er, zum ersten
Male seit dem Abenteuer des Losziehens, ein dankbares Wohlwollen, überzeugt, dass
sie weiser sei als er und ihn schliesslich auf den Weg geleitet habe, den er nie
hätte verlassen sollen. Das sei der Sinn ihres Wegganges im Traume und des
Lichtes, das sie ihm aufgesteckt. Er packte in der Nacht seine Habseligkeiten
zusammen, lief seinen Vorgesetzten davon, fuhr mit einem Walfischfänger südwärts
und strebte unaufhaltsam der Heimat zu, wo er an seinem Hause eines Abends
anschellte, gerade als er die einst mitgenommene Barschaft gänzlich aufgezehrt
hatte; denn er war jetzt schon im zehnten Monat von Hause abwesend Er überlegte
soeben, ob er, bei anbrechender Dämmerung, noch heute durch das Gartenpförtchen
gehen und die verlassene Freundin wohltätig überraschen solle, als die Haustüre
sich öffnete und ein fremdartiger Mensch vor ihm stand, ein blatternarbiger,
gelbbrauner Mann mit gebogener Nase, starkem Schnurrbarte und runden Augen, der
als Haustracht türkische Pantoffeln an den Füssen und eine lang herabhängende
rote Kappe auf dem Kopfe trug, wie sie in den Ländern des Mittelländischen
Meeres und weiterhin häufig bei Seeleuten gesehen wird. Der fragte nach dem
Begehren desjenigen, der geläutet habe.
    »In mein Haus will ich!« antwortete dieser verwundert, »ich bin der Herr
Hieronymus Zwiehan!«
    »Der bin ich selbst«, sagte jener barsch und schlug die Türe zu.
    Noch einige Minuten stand Albertus, bis ihm einfiel, er wolle den Notar
aufsuchen, der wohl wissen werde, von welchem Insassen sein Haus besetzt sei.
Allein der öffentliche Schreiber, der an seinem Abendessen gestört wurde, sah
ihn gross an und rief ob er sich endlich sehen lasse, nachdem er so lang nichts
von sich habe hören lassen? (Denn damals gab es noch nicht die vielen
Publikationsmittel, um einen unbekannt Abwesenden aufzurufen.) Im Hause sitze
kein anderer als der Adoptivsohn und einzige Erbe des verstorbenen Zwiehan, oder
wenigstens einer, der sich gleichmässig dafür ausgebe wie Albertus und ganz die
gleichen Schriften besitze. Bereits habe die Mamsell Cornelia Soundso, die man
für die Verlobte des letztern gehalten, gerichtlich bezeugt, dass sie von
Albertus selbst auf dem Wege des Vertrauens das Geheimnis erfahren habe, wie er
nicht sein Halbbruder, der ertrunkene Hieronymus, sondern der eigene natürliche
Sohn des alten Zwiehans sei. Auf dieses Zeugnis hin habe man dem unvermutet
angekommenen Hieronymus einstweilen den Aufentalt in dem Hause gestattet; denn
wenn es sich so verhalte, so sei nach hiesigem Erbrecht nicht der natürliche
Sohn Albertus, sondern der Adoptivsohn rechtmässiger Erbe, und jener könne gehen,
wo er wolle, das heisst, insofern er nicht etwa wegen Fälschung des
Familienstandes eingesperrt werde. Was er nun dazu sage?
    Albertus hatte zwar wenig Ursache mehr, auf seine Träume zu bauen; allein
die grimmige Notwendigkeit zwang ihn, diesmal noch den Hieronymus für ertrunken
zu halten; verwirrt und aufgebracht stotterte er, das sei alles nicht wahr und
nicht möglich und werde sich leicht aufklären; aber der Notar zuckte die Achseln
und liess sich kaum herbei, dem Unglücklichen aus dem ihm anvertrauten Vermögen
etwas weniges an Geld zu verabreichen, damit er eine Herberge suchen konnte. In
der Tat war der verschollen gewesene Bruder bald nach der Abreise des Albertus
in Ostindien unversehens erschienen und den Spuren des letztern nach der Schweiz
gefolgt. Wo er die vielen Jahre sich umgetrieben, wurde nie völlig klar,
unterderhand aber behauptet, er sei bei den Piraten gewesen und habe einen
ordentlichen Beutel voll Dukaten zusammengerafft.
    Es kam nun zum gerichtlichen Austrag des Streites, welcher von den beiden
Halbbrüdern und Bastarden der Adoptivsohn des leichtsinnigen toten Vaters sei.
Jeder von ihnen hatte einen Advokaten, der sich um die zu erhoffende Beute
tüchtig wehrte, und eine Zeitlang schien bei der Entfernung des ursprünglichen
Schauplatzes und dem Mangel an Zeugen der Kampf innezustehen, bis der Advokat
des Hieronymus, nach Anleitung der Cornelia, einige ältere Männer herbeibrachte,
welche den alten Zwiehan in seinen jüngeren Jahren, vor der Zeit der
Auswanderung, noch wohl gekannt hatten. Diese Männer bezeugten, dass Albertus der
eigene Sohn des Alten sein müsse, weil er demselben ihrer deutlichen Erinnerung
nach so ähnlich sehe wie ein Ei dem andern, wodurch der Streit zugunsten des
wahren Hieronymus entschieden und dieser in das ganze Erbe, wie Albertus es
hergeschleppt hatte, eingesetzt, der letztere aber wegen seines betrüglichen
Vorgebens, zwar mit Annahme mildernder Umstände, für ein Jahr ins Gefängnis
geworfen wurde. So war Albertus Zwiehan um sein natürliches Recht gekommen und
sah den Abkömmling eines wildfremden Abenteurers, der selbst ein solcher war,
durch die Schuld seiner leiblichen Mutter in den Besitz des ganzen von seinem
Vater erworbenen Vermögens gebracht, während er selbst ein Bettler geworden.
Cornelia dagegen, deren schönklingender Name einst den einfältigen Albertus so
bestochen hatte, vermählte sich unverzüglich mit dem Piraten, dessen mangelhafte
und rauhe Sitten sie nicht abschreckten. Um den unglücklichen Albertus auch nach
Verbüssung seiner Strafe noch weiter quälen zu können, beredete sie ihren Mann,
ihn um Gottes willen in das Haus aufzunehmen, was auch geschah. Er musste nun die
Arbeit eines Knechtes oder eher einer Magd verrichten; denn er besass zunächst
nicht einen Pfennig, mit welchem er hätte verreisen oder ein Geschäft beginnen
können, und war daher genötigt, sich allem zu unterziehen. Unkraut jäten, Salat
putzen, Wasser tragen ärgerten ihn weniger als das Einrichten jener
Wasserleitung und das Aufhängen der Wäsche, zu welchem ihn die Madame Cornelia
Zwiehan regelmässig mit boshaftem Lächeln anhielt. Eine Abwechslung gewährte ihm
das Abschreiben der Familienchronik, welche im Besitze einer alten Frau von
Zwiehanischer Abstammung war und dem Hieronymus Zwiehan geliehen wurde. Dieser,
als der letzte nun legitime Stammhalter des früher nicht unbedeutenden
Geschlechtes, wollte sich auf dem Wege der Abschrift seiner Vorfahren
versichern, da die eigensinnige Alte das Dokument nicht abtrat. Er selbst
verstand nicht deutsch zu schreiben, und die Cornelia, die sich ganz einem
bequemen Wohlsein ergeben, weigerte sich, die Kopie anzufertigen.
    Durch das Abschreiben lernte Albertus erst Ansehen und Würde der Familie
kennen, aus welcher er abstammte und nun verstossen war; denn nicht einmal seine
Eigenschaft als illegitimer Abkömmling konnte er beweisen, weil hiefür nicht
eine einzige Urkunde mehr vorhanden war. Durch die Unterdrückung seines wahren
Familienstandes hatte der arme Tor sich selbst heimatlos gemacht, und die
Ähnlichkeit mit seinem Vater, welche hingereicht, ihm das Erbe zu rauben, wurde
nicht für genügend erachtet, ihm Namen und Bürgerrecht des Vaters zu
verschaffen, weil hierüber kein Spruch und keine Notiz vorhanden war.
    Um wenigstens eine Spur von seinem Dasein zu hinterlassen, schrieb er
heimlich sein Schicksal in das Original der Aufzeichnungen hinein, wozu eine
Reihe leergebliebener Blätter genügenden Raum bot, und brachte das Buch nach
beendigter Arbeit sofort jener Alten zurück. Sie las die eingeschaltete
Geschichte mit aller Teilnahme, besonders da sie den neuen Stammhalter nicht
leiden konnte, und als Albertus Zwiehan bald darauf aus Verdruss über den Verlust
seines Daseins, ja seiner Person und Identität krank wurde und starb, liess sie
ihm einen Grabstein setzen und schrieb in die Chronik, mit ihm sei der letzte
wirkliche Zwiehan begraben worden, und was allfällig in Zukunft noch unter
diesem Namen herumlaufen werde, sei die Abkommenschaft eines landstreicherischen
fremden Seeräubers.
    Es war eine warme Sommernacht, als ich mich dazumal über die Kirchhofmauer
schwang und den Schädel, den ich mir bei Anlass eines Leichenbegängnisses
gemerkt, abholte. Er lag in einem hohen grünen Unkraut, die Kinnlade daneben,
und war inwendig von einem schwachen bläulichen Lichte erhellt, das leise durch
die Augenhöhlen drang, wie wenn das leere Kopfhäuschen des Albertus Zwiehan,
insofern es wirklich das seinige gewesen, noch von nichtigen Traumgeistern
bewohnt wäre. Zwei Glühwürmchen sassen nämlich darin, vielleicht in
Hochzeitsgeschäften; ich nahm jedoch an, es seien die Seelen der Cornelia und
der Afra, und steckte sie zu Hause in ein Fläschlein mit Weingeist, um ihnen
endlich den Garaus zu machen; denn ich glaubte fest, auch die fromme Afra habe
den unhaltbaren Menschen absichtlich mit ihrem Rücken angelockt und irregeführt.
    Nachdem der Grund des Reisekastens mit dem eingemauerten Totenkopfe dermassen
gelegt war, kam die Mutter heran, um die neue Leibwäsche in gebührlicher Weise
hineinzuschichten und mir die solchen Dingen zukommende Sorgfalt einzuprägen.
Alles, was sie zum Vorschein brachte, hatte sie selbst gesponnen und weben
lassen, eine Anzahl feinere Hemden noch in jungen Jahren; denn da der Anwachs
des Hauses so früh abgebrochen worden, so waren die Vorräte ihres Fleisses zum
guten Teile verschont geblieben, und ich nahm auch von diesem wiederum nur einen
Teil mit, indessen die Mutter das übrige für meine, wie sie hoffte, rechtzeitige
Rückkehr zur Erneuerung bereitielt.
    Dann kam ein Feiertagskleid, zum ersten Mal in anständigem Schwarz; galt es
ja nun, nicht durch Verletzung der Sitte vom Wege des guten Fortkommens
abgedrängt zu werden; überdies glaubte die Mutter, dass ich durch den Besitz
eines Sonntagskleides eher im Zusammenhange mit der göttlichen Weltordnung leben
würde, wie sie sich auch nicht vorstellen mochte, dass ich in fremden Ländern
einstmals sonn- und werkeltags im gleichen Rocke herumlaufen könnte. Sie
wiederholte daher während des Packens die schon oft erteilten Ermahnungen über
das Instandhalten der Kleider, wie mit einer einmaligen Vernachlässigung, einem
kurzen Missbrauche schon der frühe Untergang eines Stückes eingeleitet würde und
wie wenig ehrenhaft es sei, einen weggelegten Rock später aus Armut doch wieder
anziehen zu müssen, anstatt ihn von Anfang an zu schonen und möglichst lang in
einem ordentlichen Mittelstande zu erhalten. Hiedurch verschaffe man dem
Schicksal genügenden Spielraum, sich zu wenden, während beim schnellen Ruinieren
eines Kleides ja gar nichts Rechtes vorgehen könne, eh es abgetragen und
verlöchert sei.
    Nachdem endlich die übrigen Gewandstücke sowie die Ausstattung an kurzer
Ware hineingebreitet und allerlei Wertlosigkeiten des ärmlichen Bedürfnisses
dazwischengesteckt worden, schlossen wir den Koffer, und ein Mann schaffte die
kleine Arche zur Post, mit welcher ich am nächsten Morgen abreisen sollte. Mit
Schreck blickte die Mutter, die sich gesetzt hatte, auf den leeren Fleck des
Stubenbodens, auf welchem der Kasten den ganzen Tag gestanden; auch die Mappen
waren schon weggetragen und somit von allem, was mich anging, nur noch meine
Person, und auch die bloss für eine kurze Nacht, vorhanden. Aber die Mutter
überliess sich nicht lange diesem Vorgefühl der Einsamkeit, sondern raffte sich,
da es Sonnabend war, nochmals auf, um die Stube in gewohnter resoluter Weise zu
reinigen und nicht zu ruhen, bis alles getan war und die stille Sauberkeit der
Sonntagsfrühe harrte.
    Die stieg denn auch mit dem schönsten Maientag herauf, als ich bei dem
ersten Morgengrauen erwacht und aus der Stadt auf eine benachbarte Anhöhe
gelaufen war, nur um in meiner Ungeduld die Zeit zu verbringen und den letzten
Blick auf die Heimat zu werfen. Ich stand unter den Vorbäumen des Waldes; hinter
demselben lag der Osten mit dem erschimmernden Morgenrot; zugleich aber
erglühten die obersten Spitzen, Kämme und Wände des Hochgebirges im Süden, die
dem Osten zugekehrt waren, in ungewohnten Formen, da ich sie zufällig nie so
gesehen. Abstürze und Klüfte, allmählich auch ganze hochliegende Gefilde und
Ortschaften kamen zum Vorschein, von denen ich keine Vorstellung gehabt; und als
endlich auch die alten Kirchen der mir zu Füssen liegenden Stadt durch
irgendeinen Bergeinschnitt östlich beglänzt wurden, dazu ein wolkenloser Äter
sich über das Land ergoss und rings um mich her der Gesang der Vögel ertönte, da
erschien mir diese Heimat so neu und fremdartig, als ob ich sie, statt sie zu
verlassen, erst jetzt kennenzulernen hätte. Es war einer jener Fälle, wo ein
Altgewohntes, Naheliegendes erst in dem Augenblicke, in welchem wir uns von ihm
wenden, einen ungekannten Reiz und Wert entüllt und die schmerzliche Erfahrung
unserer Flüchtigkeit und Beschränkteit wachruft. Hier reichte der blosse
Umstand, die Sache einmal im wörtlichsten Sinne von der anderen Seite beleuchtet
zu sehen, hin, mir den Abschied zu erschweren und ein Gefühl der Reue und
Unsicherheit zu erwecken, ja mich den fruchtlosesten aller Vorsätze fassen zu
lassen, ein fleissiger Frühaufsteher und Zeitbenutzer zu werden, wie wenn ich ein
Ackersmann, Jäger oder Soldat wäre, die allerdings mit der ersten Morgenfrühe
aufs Feld gehören. Als ein Zeugnis meines Vorsatzes und der besseren
Pflichttreue hob ich das weiss und blau gestreifte Federchen eines Hähers vom
Boden auf, welches die Farben unsers alten eidgenössischen Standes zeigte, und
steckte es auf meine Sammetmütze. Damit eilte ich wieder in die Stadt hinunter,
in deren Gassen jetzt die Morgensonne webte und die ersten Kirchenglocken
erklangen. Während die Mutter das letzte Frühstück bereitete, machte ich den
Umgang, mich bei den Hausgenossen zu verabschieden, welche die einzelnen
Stockwerke als Mieter bewohnten.
    Zuunterst hauste ein Spenglermeister, ein Bearbeiter jenes nützlichen
Materials, das an sich fast wertlos, nur durch unendliches Schneiden, Klopfen
und Löten etwas wird und nie zum zweiten Male gebraucht werden kann. Es beruht
somit alles auf der zuwege gebrachten Form, mit welcher tausend hohle Räume
umschlossen werden, und, da wegen des geringen Stoffes niemand viel Geld
daranwenden will, auf einer von früh bis spät andauernden rastlosen Arbeit,
damit durch die Menge des Gehämmerten ein bedürfnisgemässer Ertrag ermöglicht
wird. Hiedurch sowie durch die erste Vorsicht, welche beim gefährlichen
Anschlagen von Dachrinnen erforderlich ist, war der Meister ein etwas grämlicher
Formalist geworden, der, streng gegen seine Gesellen, mit Frau und Kindern auch
nicht freundlich tat. Aus misstrauischer Bescheidenheit hatte er nie gewagt, etwa
einen Verkaufsladen zu eröffnen und sein Geschäft auszudehnen, sondern
beschränkte sich darauf, in seiner dunklen Werkstatt, die in einer entlegenen
Gasse lag, vom frühsten Morgen bis in die Nacht zu arbeiten, auch wenn seine
Gesellen schon im Bette oder im Wirtshaus waren. Er bezahlte den Mietzins immer
pünktlich und verhielt sich der Mutter gegenüber gut und geziemend; mich aber
sah er mehr von der Seite an und behandelte mich abgemessen und trocken, weil
er, wie ich längst bemerkt, mein bisher so freies und sorgenloses Leben, meinen
Beruf, überhaupt alles, was ich tat, missbilligte. Um so überraschter war ich,
als er mich jetzt ganz aufgeräumt und freundschaftlich empfing und seine
unverhoffte Heiterkeit durch ein frischrasiertes Gesicht und sonntäglichen Anzug
noch verklärt wurde, was ihn freilich nicht hinderte, einen kleinen Knaben durch
eine Ohrfeige schnell zum Weinen zu bringen, der, beim Frühstück sitzend, noch
mehr Milch verlangte. Gleich darauf begann auch ein Mädchen unterdrückt zu
schluchzen, das er plötzlich am Zopf gezerrt, weil es sein Brot hatte auf die
Erde fallen lassen. Nachdem auf einen strengen Blick des Mannes die Frau sich
mit den Kindern in die Küche zurückgezogen, besprach er in heiterm Ton meine
Reise, die Städte, welche ich sehen würde, die Wahrzeichen derselben, die ich
besichtigen solle, und nannte mehrere, wie die Handwerksburschen auf der
Wanderschaft sie sich zu überliefern pflegen, hier einen steinernen Mann, dort
einen schiefen Turm, anderswo einen hölzernen Affen am Rataus. Dann brachte er
Speis und Trank zur Sprache, was hier oder dort gut zu trinken oder zu meiden
sei, die leckeren Nationalgerichte, die er nie vergessen und auf die ich stossen
werde, je nach Landesart. Da möge ich mir nichts abgehen lassen.
    Bedächtig schritt er unversehens zu seinem Schreibtisch, nahm ein Papierchen
heraus, in welches ein Brabantertaler gewickelt war, und überreichte es mir als
bescheidenes Reisegeschenk, wie er sagte, mit der Aufforderung, es mit guter
Gesundheit fröhlich zu verzehren. Ich durfte es nach der Sitte nicht ablehnen,
sondern behielt es mit höflichem Dank in der Hand und stieg eine Treppe höher.
Später habe ich erst erfahren, welche Bewandtnis es mit seiner Freundlichkeit
hatte. Er war so fröhlich und scheinbar wohlwollend, weil er der Überzeugung
lebte, ich werde nun lernen, was Leben und Arbeiten sei, und in der
Schicksalsschule, der ich so harmlos entgegenreise, gehörig gemassregelt werden;
denn es war mit den nationalen Leckerbissen, die er auf der Wanderschaft
genossen haben wollte, nicht weit her; Hunger und Durst hatte er gelitten und
jegliche Not durchgemacht, nicht aus eigenem Verschulden, sondern aus Unstern.
Sein heiterer Abschied war daher eine Art Verwünschung, die er mir auf den Weg
gab, obgleich zu meinem Besten, wie er meinte.
    Auf dem nächsten Stocke, den ich nun besuchte, wohnte ein kleiner
Mechanikus, welcher mit allerlei volkstümlichen Genauigkeitswerkzeugen, wie
Waagen, Massstäben, Zirkeln, dann mit Kaffeemühlen, Waffeleisen,
Äpfelschälmaschinchen handelte, dergleichen auf Verlangen auch ausbesserte mit
Hilfe eines alten Arbeiters. Zugleich aber bekleidete er das Amt eines
Eichmeisters über einen Kreis, prüfte Mass und Gewicht und kerbte, schlug und
schliff die Zeichen in die betreffenden Gegenstände. Vorzüglich mit den vielen
Schenkwirten führte er einen beständigen Krieg, wenn sie mit allen Ränken und
öfterm Wechsel ihres Glasgeschirres das Gesetz zu umgehen suchten. Nun trieb ihn
die Leidenschaft, nicht nur darüber zu wachen, dass das Geschirr richtig geeicht
sei, sondern auch darüber, dass es gehörig gefüllt werde, und er zog von einem
Wirtshaus ins andere, um nachzusehen, wo das Getränke unter dem Strich blieb und
die Gäste sich das gefallen liessen. Bei dieser Gelegenheit verlor er selbst das
Mass und verfiel einem Trinken unzähliger halber Schöppchen, aus dem er sich
nicht mehr losnesteln konnte, so genau und scharf er auch jedes einzelne
betrachtete, bevor er es zu sich nahm. Noch unrasiert und im Werktagshabit
wartete er jetzt auf seinen Morgenkaffee, welchen die Frau still bereitete; denn
sie hielt mit ihren spitzigen Strafreden klug zurück, bis der letzte Rest der
Weinlaune, aus welchem er noch Kraft zum Widerstande schöpfen konnte,
abgestorben und nur noch die Schwäche übrig war, die sie jeden Tag nutzlos mit
Worten zusammenhieb. Der Eichmeister goss in ein zylindrisches Gläschen, das zum
Ausgleichen und Abwägen kleiner Mengen diente, etwas Kirschgeist, da die Frau
aus Neid oder Bosheit sein letztes Kelchgläschen zerbrochen habe Diese metrische
Erquickung setzte er mir vor, während er sich selbst einen tüchtigen Schluck in
ein grösseres Glas schenkte, als willkommenes Mittel, den Zustand seiner
Wehrbarkeit etwas zu verlängern. Im ungekämmten Haare kratzend, sah er mich aus
geröteten Augen blitzelnd an, seufzte und behagte die Unsitte, sich den
Sonntagmorgen immer durch das lange Sitzen in der Samstagsnacht zum voraus zu
verderben. Dann sagte er:
    »Ich bin Euerer Mutter, Herr Lee, noch den letzten Hauszins schuldig; es
wäre daher nicht schicklich, wenn ich Euch ein noch so bescheidenes
Reisegeschenk anbieten wollte. Dafür will ich Euch aber einen guten Rat auf den
Weg geben, der Euch, insofern Ihr ihn befolget, nützlich sein wird. Haltet immer
auf rechte Gesellschaft und einen fröhlichen Sinn; aber Ihr möget reich oder
arm, beschäftigt oder müssig, geschickt oder ungeschickt sein, geht niemals am
Tage ins Wirtshaus, sondern wartet den Abend ab! Das ist der Standpunkt eines
gesitteten und gebildeten Mannes, was ich leider nicht mehr bin! Und auch am
Abend geht eher spät als früh; es gibt nichts, das so ehrbar und angenehm wäre
als der zuletzt erscheinende Gast, vorausgesetzt, dass er nicht aus andern
Wirtshäusern kommt. Freilich kann nicht jeder nach dieser Ehre trachten, weil
auch einer oder mehrere die ersten sein müssen, andere die mittleren usw.; dann
aber nehmt Euer bescheidenes Mass entschlossen zu Euch und brecht ebenso
entschlossen wieder auf, oder wenigstens hockt nicht mit langweiligem Geschwätz
vor leeren Gläsern; lieber lasset diese nochmals füllen, als dass Ihr dem Wirte
auf so niederträchtige Art die Nacht stehlet wie die Tagediebe dem Herrgott den
Tag! Und nun will ich Euch zum guten Abschied noch eichen, dass Ihr in allen
Dingen Masshaltet!«
    Er holte ein längliches Futteral herbei, nahm aus demselben ein amtliches
Urmass, fein aus glänzendem Messing gearbeitet, legte es mir an den Hals und
sagte:
    »Bis hier hinauf und nicht weiter dürfen Glück und Unglück, Freude und
Kummer, Lust und Elend gehen und reichen! Mag's in der Brust stürmen und wogen,
der Atem in der Kehle stocken! der Kopf soll oben bleiben bis in den Tod!«
    Da der blanke Metallstab sich kalt anfühlte, so hatte ich am Halse die
Empfindung, wie wenn eine gebieterische Einwirkung in der Tat stattgefunden
hätte, und ich wusste nicht, ob Torheit oder Weisheit aus dem Manne sprach. Auch
lachte er gleich mir, als er sich zu seinem Frühstück setzte und ich meines
Weges weiterging.
    Nun kam ich an eine verschlossene Türe, was ich eigentlich hätte vermuten
können. Dort wohnte nämlich ein unverheirateter kleiner Beamter, der jeden
Sonntag, wenn das Wetter es irgend erlaubte, früh wegging und den ganzen Tag
fortblieb, um ja nicht zu irgendeiner unvorhergesehenen Verrichtung oder Arbeit
geholt zu werden. So warf er auch jeden Tag, sobald es sechs Uhr schlug, die
Feder weg und verliess das Lokal, mochte die Arbeit noch so dringend sein. Den
Posten, den er bekleidete, verfluchte er unablässig, obgleich er ihm jahrelang
nachgelaufen war und fast kniefällig darum angehalten hatte. Er nannte sich ein
Opfer »enttäuschter Grundsätze« und besuchte nur solche Gesellschaften, wo seine
Vorgesetzten geschmäht wurden, und er verbreitete dort die Meinung, dass er nicht
an bessere Stellen befördert werde, weil er den Rücken nicht zu beugen verstehe.
Der eigentliche Grund seines Sitzenbleibens war freilich die Unfähigkeit, etwas
Besseres zu leisten, wie er ja schon durch seine Redeblume der »enttäuschten
Grundsätze« bewies, dass ihm die Kenntnis des richtigen Sprachgebrauches fehlte.
Trotz aller Unzufriedenheit hing er aber wie eine Klette an seinem Posten und
wäre mit Feuerhaken nicht von demselben loszureissen gewesen; denn er gewährte
ihm, wenn auch kein glänzendes, so doch ein sicheres und gemächliches Auskommen.
Auch hütete er sich, da seine Trägheit eine vorsätzliche war und er es in diesem
Punkte halten konnte, wie er wollte, er hütete sich vorsichtig, unter die Linie
hinabzugehen, wo er weggeschickt worden wäre, wogegen er sich aus periodischen
Verweisen und Aufmunterungen nichts machte. Ich liebte diesen Hausgenossen um so
weniger, als er zuweilen ein stiller Vorwurf für mich war, trotz seines
keineswegs mustergültigen Charakters; denn meine Mutter hatte, im Hinblick auf
sein sorgloses und geruhiges Leben, schon mehr als einmal die schüchterne Frage
aufgeworfen, ob es doch nicht vielleicht besser gewesen wäre, wenn wir, dem Rate
jenes Magistraten folgend, eine solche Laufbahn gewählt hätten, auf der ein so
dummer Mensch so behaglich einherwandle, während ich in die weite Welt müsse und
nicht wisse, wie es mir ergehen werde. Ich hatte mich aber begnügt, auf die
miserable Figur hinzuweisen, die ein solcher Kerl mache, der nichts Höheres
kenne und nichts erfahren habe. Als ich nun vor der Türe stand, an welcher ein
artiges Messingplättchen seinen Namen und den Titel seines Ämtchens zeigte,
hörte ich im Innern den Pendelschlag der Wanduhr langsam und friedlich hin- und
hergehen. Es herrschte eine so tiefe Stille und Ruhe in dem Gemach, dass die Uhr
sich der Abwesenheit des unzufriedenen Gesellen förmlich zu freuen schien. An
dem Türpfosten lehnend, horchte ich eine Weile dem eintönig vielsagenden Liede
der Zeitmesserin, die niemals denselben Augenblick zweimal misst. Ich hörte wohl
etwas heraus, aber nicht das Rechte, weil ich jung war, und stürmte endlich in
unsere eigene Wohnung hinauf.
    Dort harrte die Mutter mit der letzten kleinen gemeinsamen Mahlzeit, die sie
bereitet; die nächste sollte sie nun allein verzehren. Die Morgensonne erfüllte
das Gemach mit ihrem Scheine, und ich betrachtete, als wir einsilbig am Tische
sassen, durch die Stille wie befremdet, die schlichten weissen Vorhänge, das alte
Wandgetäfer, das Hausgeräte, wie wenn ich alles dies nie wiedersehen sollte. Das
Frühstück war etwas reichlicher als gewöhnlich bedacht, hauptsächlich damit ich
nicht in den nächsten Stunden Schon hungrig zu werden und Geld auszugeben
brauchte, aber auch weil die Mutter sich mit dem Reste den übrigen Tag hindurch
nähren und heute für sich allein nicht mehr kochen wollte. Als sie das beiläufig
sagte, ward ich ganz betreten und wollte erwidern, sie müsse das ja nicht tun,
wenn ich nicht eine traurige Vorstellung mit mir nehmen solle. Allein ich
brachte kein Wort hervor, an dergleichen Äusserungen nicht gewöhnt, indessen die
Mutter nach Worten suchte, um diejenigen letzten Ermahnungen an mich zu richten,
die sonst einem Vater obliegen. Da sie aber die Welt nicht kannte noch die
Tätigkeiten und Lebensarten, denen ich entgegenging, und doch wohl fühlte, dass
etwas nicht richtig sei in meinen Geschichten und Hoffnungen, ohne dass sie
nachweisen konnte, worin es lag, so beschränkte sie sich schliesslich auf den
kurzen Zuspruch, ich solle Gott nie vergessen. Dieses Allgemeine, welches
freilich alles umfasste und ausdrückte, was sie mir hätte sagen können, weil ich
ein ungebrochenes teistisches Glauben und Fühlen in mir trug, nahm ich mit dem
Schweigen entgegen, das von selbst eine Bejahung ist. Und da zugleich die
Kirchenglocken einfielen und eine um die andere rasch zusammenklangen, so blieb
jenes Wort das letzte zwischen uns gesprochene; denn die Minute war da, wo ich
aufzubrechen hatte. Ich sprang auf, nahm Mantel und Tasche und gab der Mutter
die Hand zum Lebewohl. Unter der Stubentüre, als sie mich begleiten wollte,
drängte ich sie sanft zurück, zog die Türe zu und eilte allein auf die Post, von
wo ich bald darauf in einem der schweren, mit fünf Pferden bespannten Eilwagen
sass, die jeden Morgen im Trabe die steilen, schlecht gepflasterten Gassen der
Bergstadt hinunterrasselten.
    Etwa fünf Stunden später fuhr ich über eine lange hölzerne Brücke. Als ich
mich aus dem Schlage bog, sah ich einen starken Strom unter mir daherziehen,
dessen an sich klargrünes Wasser, das junge Buchenlaub, das die Uferhänge
bedeckte, sowie die tiefe Bläue des Maihimmels vermischt widerstrahlend, in
einem so wunderbaren Blaugrün heraufleuchtete, dass der Anblick mich wie ein
Zauber befiel und erst, als die Erscheinung rasch wieder verschwand und es hiess:
»Das war der Rhein!« mir das Herz mit starken Schlägen pochte. Denn ich befand
mich auf deutschem Boden und hatte von jetzt an das Recht und die Pflicht, die
Sprache der Bücher zu reden, aus denen meine Jugend sich herangebildet hatte und
meine liebsten Träume gestiegen waren. Dass es nicht in meinem Erinnern leben
konnte, ich sei nur von einem Gau des alten Alemanniens in den andern hinüber,
aus dem alten Schwaben in das alte Schwaben gegangen, dafür hatte der Lauf der
Geschichte gesorgt, und darum war mir das herrliche Funkeln der grünblauen
Flamme des Rheinwassers wie der Geistergruss eines geheimnisvollen Zauberreiches
gewesen, das ich betreten.
    Ich sollte freilich auf unerwartete Weise aus solchen Träumen geweckt und
meine Weiterreise zur seltsamsten Pönitenzfahrt werden, die je einer gemacht.
Denn bei der ersten Wechselstelle der nachbarländischen Post lag auch die
Zollstätte mit dem fürstlichen Kronwappen, und während das Gepäck der übrigen
Reisenden kaum geöffnet und leichtin geprüft wurde, erregte mein unförmlicher
Koffer eine genauere Aufmerksamkeit der Zollbeamten; was am gestrigen Abend so
sorglich eingepackt worden, musste unbarmherzig herausgenommen und
auseinandergelegt werden bis auf die Bücher am Grunde, und diese wurden erst
recht abgedeckt. So kam der Schädel des armen Zwiehan zutage und erweckte
wiederum eine Neugierde anderer Art kurz, es wurde nicht geruht, bis der ganze
Inhalt meiner Kiste auf dem fremden Boden umhergestreut lag. Mit kaltem Lächeln
schauten sodann die martialischen Grenzwächter zu, als ich hastig und bekümmert
meine Habseligkeiten wieder in den Kasten warf und presste und kaum alles
unterbringen konnte, während die übrigen Reisenden bereits im neuen Postwagen
sassen und der Wagenführer mich zur Eile antrieb. Er half mir noch den Deckel
zudrücken und schliessen, und als die Bediensteten das schwere Möbel wegtrugen,
lag richtig der Schädel auf der leeren Stelle und war, hinter dem Koffer
versteckt, vergessen worden. Er hätte auch nicht mehr Platz gefunden. So hob ich
ihn denn auf, nahm ihn unter den Arm, trug ihn zum Wagen und hielt ihn auf der
ganzen Reise auf dem Schosse, in ein Tuch gewickelt, das ich für etwaigen
Nachtfrost zum Schutze des Halses mit mir führte. Eine Art natürlicher Pietät
oder Gewissensfurcht hielt mich ab, das unbequeme Wesen unterwegs auf gute Weise
wegzuwerfen oder zurückzulassen, nachdem ich es einmal zu leichtsinnig vom
Friedhofe geraubt hatte; wie ja auch der verworfenste Mensch immer noch Anlass
findet, mit einem Zuge der Menschlichkeit, wenn auch noch so wunderlich
angewendet, sich auszuweisen.
    Mit dem Sonnenuntergange des zweiten Tages erreichte ich das Ziel meiner
Reise, die grosse Hauptstadt, welche mit ihren Steinmassen und grossen Baumgruppen
auf einer weiten Ebene sich dehnte. Meinen verhüllten Totenkopf in der Hand,
suchte ich bald das notierte Wirtshaus und durchwanderte so einen guten Teil der
Stadt. Da glühten im letzten Abendscheine griechische Giebelfelder und gotische
Türme; Säulenreihen tauchten ihre geschmückten Häupter noch in den Rosenglanz,
helle gegossene Erzbilder, funkelneu, schimmerten aus dem Helldunkel der
Dämmerung, wie wenn sie noch das warme Tageslicht von sich gäben, indessen
bemalte offene Hallen schon durch Laternenlicht erleuchtet waren und von
geputzten Leuten begangen wurden. Steinbilder ragten in langen Reihen von hohen
Zinnen in die dunkelblaue Luft, Paläste, Teater, Kirchen bildeten grosse
Gesamtbilder in allen möglichen Bauarten, neu und glänzend, und wechselten mit
dunklen Massen geschwärzter Kuppeln und Dächer der Rats- und Bürgerhäuser. Aus
Kirchen und mächtigen Schenkhäusern erscholl Musik, Geläute, Orgel- und
Harfenspiel; aus mystisch-verzierten Kapellentüren drangen Weihrauchwolken auf
die Gasse; schöne und fratzenhafte Künstlergestalten gingen scharenweise
vorüber, Studenten in verschnürten Röchen und silbergestickten Mützen kamen
daher, gepanzerte Reiter mit glänzenden Stahlhelmen ritten gemächlich und stolz
auf ihre Nachtwache, während Kurtisanen mit blanken Schultern nach erhellten
Tanzsälen zogen, von denen Pauken und Trompeten herübertönten. Alte dicke Weiber
verbeugten sich vor dünnen schwarzen Priestern, die zahlreich umhergingen; in
offenen Hausfluren dagegen sassen wohlgenährte Bürger hinter gebratenen jungen
Gänsen und mächtigen Krügen; Wagen mit Mohren und Jägern fuhren vorbei, kurz,
ich hatte genug zu sehen, wohin ich kam, und wurde darüber so müde, dass ich froh
war, als ich endlich in dem mir angewiesenen Zimmer des Gastofes Mantel und
Totenkopf ablegen konnte.
 
                                 Elftes Kapitel
                                   Die Maler
Gehe ich mit der Erinnerung meinem damaligen Wandel nach, so gestaltet sich
derselbe erst um die Zeit wieder etwas deutlicher, wo ich gegen andertalb Jahre
am Musenorte mehr oder weniger inkognito zugebracht. Denn weder meine
Vorbereitung noch meine Lebenskunde waren geeignet gewesen, mein Tun und Lassen
rasch in eine feste Form zu leiten.
    In diesem Übergangsschatten herumsuchend, sehe ich mich eines Nachmittags
bei guter Zeit die Palette reinigen und die Pinsel auswaschen, mit denen ich den
Kampf mit einem auf Hörensagen begonnenen Ölmalen führte. Ich sehe mich noch den
schlichten breitrandigen Hut ergreifen, den ich längst statt des sentimentalen
Sammetbarettes trug, und den Weg zu einem neuen Bekannten antreten, um denselben
noch bei der Arbeit zu finden und ihm eine flüchtige Weile zuzuschauen, ehe wir
den verabredeten Gang ins Freie unternahmen. Ohne alle Empfehlungen angekommen
und auch ohne Mittel, mich in die Werkstatt eines in der Wolle des Gelingens
sitzenden Meisters einzudingen, war ich darauf angewiesen, in den Vorhöfen des
Tempels zu stehen und da oder dort durch die Vorhänge zu gucken, was immer seine
Schwierigkeit hatte. Denn von den Scholaren, wie sie im Durchschnitte sind, war
nichts zu lernen, und sobald die jungen Leute durch den Verkauf eines Werkleins
sich als angehende Meister betrachten lernten, wurden sie in der Mitteilung
ihrer Kunstgeheimnisse zugeknöpft und einsilbig. Schon war ich einmal
zurückgeschreckt worden, als ich mich auf ausdrückliche Einladung hin bei einem
Derartigen schüchtern zum Besuche meldete und er mich an der Türe mit der
hochmütigen Entschuldigung abwies, er halte soeben Konferenz mit seinem
Literaten, um »den Mann« für die Besprechung eines neuen Bildes zu instruieren.
Auch in der Idealwelt der Kunst sind Kümmel und Salz reichlicher als Ambrosia,
und wenn die Leute wüssten, wie klein und ordinär es in den Köpfen mancher Maler,
Dichter und Musikanten aussieht, so würden sie einige dem Völklein nur
schädliche Vorurteile aufgeben.
    Mein neuer Freund, Oskar Erikson, war jedoch eine gerade und einfache Natur.
Mit seiner ganzen langen und breitschultrigen Gestalt und in seinem dichten
Goldhaar, welches vom hoch einfallenden Lichte gestreift wurde, sass er vor einem
winzigen Bildchen, an dem er malte. Sonst war, ausser einigen Skizzenbüchlein, in
dem geräumigen Zimmer nichts zu erblicken als ein paar Jagdflinten an der Wand,
auf dem Boden ausgestreckte Wasserstiefel und auf dem Tische liegende
Pulverhörner und Schrotbeutel neben einigen Büchern. Eine kurze Jägerpfeife im
Munde, rückte die Hünengestalt eben, als ich eintrat, mächtige Rauchwolken
ausstossend, auf dem Stuhle stöhnend und brummend hin und her, stand auf, setzte
sich wieder, warf die Pfeife weg, dass das glimmende Kraut umherfuhr, zielte mit
dem Pinsel und rief in abgebrochener Weise: »O heiliges Donnerwetter! Welcher
Teufel musste mir einblasen, ein Maler zu werden! Dieser verfluchte Ast! Da hab
ich zuviel Laub angebracht, ich kann in meinem Leben nicht eine so ansehnliche
Masse Baumschlag zusammenbringen! Welcher Hafer hat mich gestochen, dass ich ein
so kompliziertes Gesträuch wagte? O Gott, o Gott! wär ich, wo der Pfeffer
wächst! ei, ei, ei, ei! Das ist eine saubere Geschichte - wenn ich nur diesmal
noch aus der Tinte komme!«
    Plötzlich fing er ans Verzweiflung machtvoll an zu singen:
»O wär ich auf der hohen See
Und sässe fest am Steuer!«
was ihm zum Durchbruch zu verhelfen schien; denn der Pinsel sass jetzt an der
rechten Stelle und arbeitete mehrere Minuten gemächlich fort, indessen Erikson
die angefangene Melodie immer ruhiger und gedämpfter wiederholte und endlich
verstummte und still weitermalte. Aber offenbar um Gott nicht allzulange zu
versuchen, sprang er unversehens auf und betrachtete, einen Schritt
zurücktretend, mit höchster Zufriedenheit den alten Dessauermarsch pfeifend,
sein Werk. Dann setzte er das Gepfiffene in Worte um und sang, indem er das
Rauchzeug wieder zusammensuchte: »So leben wir, so leben wir, so leben wir alle
Tage« usf., wobei er endlich meine Anwesenheit entdeckte.
    »Sehen Sie, wie ich mich plagen muss!« rief er, mir unbefangen die Hand
schüttelnd; »seien Sie froh, dass Sie ein gelehrter Komponist und Kopfmaler sind,
der nichts zu können braucht, während so ein armer Teufel von Handelsmaler nicht
weiss, wo er die Tausende von bargültigen Halbtönchen, Druckerchen und Lichtchen
auftreiben soll, um seine kabinettsfähigen vierzig Quadratzoll nicht allzu
schwindelhaft zu überstreichen!«
    Das war durchaus nicht ironisch gemeint; vielmehr betrachtete er seine
Arbeit von neuem mit misstrauischen Augen und setzte sich wieder hin, um noch ein
bisschen sein Heil zu versuchen, indessen ich ihm gespannt zuschaute, wie er auf
der grossen Palette mit ängstlicher Vorsicht reine und sichere Tinten
aussonderte, mischte und in der beschriebenen Weise auftrug. Wie er später, bei
entwickelter Vertraulichkeit, von sich selbst behauptete, war er nicht etwa ein
schlechter Maler (dazu war er allerdings zu geistreich), sondern im wesentlichen
Sinne der Frage gar keiner. Ein Kind der nördlichen Gewässer, von der Grenzmark
zwischen den Deutschen und Skandinaviern herstammend, Sohn eines in guten
Umständen lebenden Seefahrtsmannes, hatte er in den ersten Jugendjahren ein
anmutiges Geschick bekundet, mit gewandtem Stifte zu skizzieren, was ihm vor die
Augen kam, und hauptsächlich für das jährliche Schulexamen prunkende Schaustücke
in schwarzer Kreide angefertigt. Durch den Einfluss eines jener verkümmerten
Zeichenlehrer, welche die Dürftigkeit ihrer Existenz mit unversieglicher
Begeisterung zu verhüllen oder zu verbessern trachten und überall mit unseligem
Aufstacheln zur Hand sind, war er vom freisinnigen Mut einer glücklichen
Familie, sich selbst nur halb bewusst, der Kunst zugewendet worden, nicht ohne
dass jener Lehrer hiebei manches kräftige Liebesmahl und auch klingenden Lohn für
allerlei Rat und Tat zu geniessen wusste. Die ungewöhnliche Laufbahn schien auch
dem hellen und fröhlichen Sinn des Jünglings, seiner unbändig emporwachsenden
Kraft eher zu entsprechen als der Aufentalt in der väterlichen Schreibstube. So
wurde er denn, im Widerspiel mit so vielen andern Jünglingen in ähnlicher Lage,
unter bester Zustimmung und Hoffnung, wohlausgestattet und empfohlen, zur Reise
nach den berühmtesten Kunstschulen entlassen und fand bei den namhaftesten
Meistern, welche ihre Werkstätten zu öffnen pflegten, willige Aufnahme. Im
Anfange ging die Entwicklung ganz frisch und ohne Unterbruch vonstatten,
besonders da der junge Mann, zwar nicht übereifrig und mehr lebenslustig, doch
keine wirklichen Pausen in seinem Fleisse eintreten liess und sowohl mit seiner
prächtigen Gestalt als seinem heiter frohen Ernste eine Zierde der Ateliers
bildete. Aber die Fortschritte gingen nur bis zu einer gewissen Grenze und
standen dann unerbittlich still, auf geheimnisvolle Weise, da jedermann die
schönsten Hoffnungen hegte und in der Führung des männlich ruhigen Scholaren
keine Änderung eingetreten war. Erikson ward des Phänomens zuerst inne, glaubte
aber dagegen ankämpfen, dasselbe überwinden und beseitigen zu sollen. Er
veränderte den Ort, versuchte sich auf allen Gebieten, wechselte Meister um
Meister - umsonst, er fühlte, dass ihm die Gewalt zur Erfindung sowohl wie zur
Fülle der Ausführung abging, dass ihn das innere Sehen auf einem deutlich
erkennbaren Punkte verliess oder höchstens sich vereinzelt gleich einem
glücklichen Würfelspiel einstellte, welches sich nicht wiederholte, und schon
hatte er sich entschlossen, den beschämenden Kampf aufzugeben und heimzukehren,
als ihn die Nachricht von dem Ruin des väterlichen Hauses ereilte. Derselbe war
so vollständig und hoffnungslos, wenigstens auf Jahre hinaus, dass die Heimkehr
des Sohnes als eine Vermehrung des Übels betrachtet und bestimmt gewünscht
wurde, er möge zusehen, wie er sich mit den Früchten seines bisher so löblichen
Fleisses nun weiterhelfe.
    So war denn sein Entschluss bald verändert. Mit unbestechlich bedächtiger
Selbstkritik durchsuchte und verglich er das ganze Gebiet dessen, was in seinem
Vermögen stand, und gelangte nach reiflichem Nachdenken zu dem Ergebnisse, dass
er mit Sicherheit und Verständnis allereinfachste Landschaftsbilder im kleinsten
Massstabe, belebt mit vorsichtig hingesetzten Figürchen, alles dies mit einem
gewissen Reiz ausgeführt, hervorbringen könne. Ohne Zaudern machte er sich
daran, und zwar mit redlichem und anständigem Sinne. Denn anstatt mit leichter
Arbeit auf falsche Effekte und irgendein manieriert modisches Gepinsel
loszugehen, das sich sozusagen von selbst hinschmiert (gerade das wäre für
manchen andern so recht angezeigt gewesen), blieb er wie ein wahrer Gentleman
den Grundsätzen einer ehrlichen Vorbereitung und Vollendung getreu, und hiemit
erneuerte sich bei jedem neuen Bildchen für ihn Arbeit und Mühe.
Glücklicherweise gelang die Sache. Gleich das erste Produkt, das er ausstellte,
wurde rasch verkauft, und es dauerte nicht lange, so suchten die für feinere
Kenner geltenden Sammler die sogenannten Eriksons zu guten Preisen zu erwerben.
    Ein solcher Erikson entielt etwa im Vordergrunde ein helles Sandbord,
einige Zaunpfähle mit Kürbisranken, im Mittelgrunde eine magere Birke, dann aber
einen weiten flachen Horizont, dessen wenige Linien, mit weiser Berechnung
angelegt und in Verbindung mit der einfach gehaltenen Luft, die Hauptwirkung des
Werkleins hervorbrachten.
    Obgleich dergestalt Erikson als echter Künstler angesehen wurde, verleitete
ihn das weder zur Selbstüberschätzung noch zum Geiz; sobald seinem
Ausgabenbedürfnisse genügt war, warf er Pinsel und Palette hin und ging ins
Gebirge, wo er sich als Jagdgenosse so einheimisch gemacht, dass er sogar zur
Bärenjagd, wenn sich eine solche auftat, zugelassen wurde. Den grössern Teil des
Jahres brachte er, fern von der Stadt, auf diese Weise zu.
    Es gehörte nur zum Bilde des allgemeinen Lebens und seines Haushaltes, wenn
ich jetzt genötigt war, dem wackern Gesellen, der sich selbst nicht für einen
Meister hielt, die Geheimnisse des Handwerks abzulauschen.
    »Nun ist's aber genug!« rief Erikson plötzlich, »auf die Art kommen wir
nicht fort. Überdies wollen wir im Vorbeigehen einen Kameraden abholen, bei dem
Sie Besseres sehen können, heisst das, wenn wir Glück haben! Kennen Sie Lys, den
Niederländer?«
    »Nur vom Hörensagen«, versetzte ich; »ist es der Sonderling, von dem niemand
weiss, was er malt? der niemanden in seine Werkstatt lässt?«
    »Mich lässt er schon hinein, weil ich kein Maler bin! Sie vielleicht auch,
weil Sie noch nichts können und es noch unentschieden ist, ob Sie überhaupt je
ein Maler sein werden! Na, werden Sie nur nicht mauserig, etwas werden Sie schon
werden und sind es ja bereits. Lys hat's Gott sei Dank nicht nötig, er ist reich
und kann schon alles, was er will, nur ist es nicht viel; denn er tut fast
nichts. Am Ende ist er auch kein Maler, wenigstens sollte man keinen so heissen,
der nicht wirklich malt, er müsste denn Abhaltungen haben wie jener Leonardo, der
Talerstücke an die Domkuppel warf!«
    Ich half ihm rasch sein Zeug reinigen, das er stets in so guter Ordnung
hielt, dass er auch jetzt nachsah, wie ich es gemacht. »Denn es ist nicht
gleichgültig«, sagte er, »ob man mit Mist malt, wenn man doch die Absicht hat,
einen lautern Ton zu treffen. Wer immer Dreck in seinem Zeug hat oder das
Unverträgliche mischt, ist wie ein Koch, der das Rattengift zwischen die Gewürze
stellt. Aber die Pinsel sind rein, Gott segne Sie! von diesem Punkte aus kann
man Sie unbescholten nennen! Sie haben eine ordentliche Mutter, oder ist sie
tot?«
    Nachdem wir einige Strassen zurückgelegt, betraten wir die Niederlassung des
mysteriösen Niederländers, welche so gewählt war, dass die Fenster des
geräumigen, von ihm allein bewohnten Stockwerkes auf den freien Horizont und
offenen Himmel hinausgingen und von der Stadt selbst nichts zu sehen war als ein
paar edle Architekturen und massige Baumgruppen. Befand man sich in dieser
Gegend auf freier Erde, so sah man nur den unfertigen Rand einer Stadt, mit
Bretterwänden, alten Baracken und Wirtschaftlichkeiten versetzt; die Fenster des
Herrn Lys, welche nichts als jene in einer Flut goldenen Lichtes ruhenden
idealen Gegenstände zeigten, schienen daher mit sorgfältigem Geschmacke
herausgefunden zu sein. Wenigstens wirkte die glänzende Durchsicht der grossen
Fenster durch eine offenbar bewusste Einfachheit und Ruhe in der Ausstattung der
Zimmer in doppeltem Masse.
    Zu meiner Verwunderung hatte Lys, der uns freundlich empfing, nichts
Holländisches an sich, wie man sich dieses vorzustellen pflegt. Ein mittelgrosser
schlanker Mann von vielleicht achtundzwanzig Jahren, war er dunkel an Haar und
Augen, letztere von einem fast melancholischen Ausdruck gleich dem hübsch
lächelnden Munde. Noch mehr wunderte ich mich, dass das Zimmer, in welchem wir
uns befanden, keine Spur von Kunsttätigkeit verriet, vielmehr dem Aufentalt
eines Gelehrten oder Politikers glich. Grosse, mit Gardinen verhangene Regale
bargen eine Menge Bücher, worunter, wie ich später erfuhr, manche Raritäten und
erste Ausgaben. An den Wänden hingen nicht etwa Bilder oder Studien, sondern
Landkarten, auf einem Tische lag ein Haufen Journale verschiedener Sprachen, und
an einem breiten Schreibtische schien Lys soeben gearbeitet zu haben.
    »Ich bin mir noch den Nachmittagskaffee schuldig«, sagte er, als wir uns
setzten, »halten die Herren mit?«
    »Da wir vermuten, er werde nicht schlecht sein, gewiss!« antwortete Erikson
für uns beide, und Lys klingelte einem jungen Menschen, der ihn bediente.
Inzwischen sah ich mich immer noch im Raume um, nicht eben im Besitze des guten
Tones.
    »Der wundert sich auch«, rief Erikson, »wo die Staffeleien und Bilder dieses
Kunsttempels seien! Nur Geduld, junger Herr von Strebsam, der Mann zeigt sie uns
noch, wenn wir schön bitten! Aber wahr ist es, lieber Lys, bei Ihnen sieht's aus
wie im Arbeitszimmer eines grossen Publizisten oder eines Ministers!«
    Etwas düster lächelnd versetzte der andere, er sei nicht aufgelegt, seine
Arbeiten heute noch zu sehen; schon zum dritten Male müsse der Bursche die
Paletten unverrichteterdinge abends wieder absetzen, und unter solchen Umständen
sei es wohl verzeihlich, dass er nicht gern ins Atelier hinübergehe, sei es
allein oder mit Fremden. Wirklich erteilte er dem Diener, als der mit dem
Kaffeebrett erschien, den Auftrag. Brett und Geschirr aber glänzten, mit
Ausnahme der chinesischen Tassen, in schwerem Silber und waren in dem nüchternen
neugriechischen Stile früherer Jahrzehnte gearbeitet, ein Zeugnis, dass Eltern
und Familie des Niederländers von der Erde verschwunden waren und er als allein
Übriggebliebener das Erbstück mit sich führte, um einen letzten Schimmer des
verlorenen Vaterhauses um sich zu haben. Bei einer späteren Gelegenheit
behauptete Erikson vertraulich, Lys bewahre in seinem Schreibtische auch das
goldbeschlagene Kirchenbuch seiner Mutter auf.
    Das braune Getränke war das feinste, was ich in meinen einfachen
Verhältnissen bis anhin genossen; allein das Ungewohnte, ein so kostbares
Familiengeräte bei einem fahrenden Künstler in täglichem Gebrauche zu finden,
schüchterte mich etwas ein, und als Lys, meine abermals herumschweifenden Blicke
bemerkend, mich anredete: »Nun, Herr Lehmann, können Sie sich noch nicht mit dem
unmalerischen Anblick meiner Wohnung befreunden?« reizte mich das Vergessen oder
Nichtbeachten meines Namens sowie die Weigerung, seine Arbeiten zu zeigen, zu
einem kleinen Ausfalle. Die Art seiner Einrichtung, versetzte ich, werde
vielleicht mit einem andern Wesen zusammenhängen, das ich seit einiger Zeit
beobachtet habe, nämlich die wunderliche Manier, in welcher die verschiedenen
Künste ihre technische Ausdrucksweise vertauschen. So hätte ich kürzlich die
Kritik einer Symphonie gelesen, worin nur von der Wärme des Kolorites,
Verteilung des Lichtes, von dem tiefen Schlagschatten der Bässe, vom
verschwimmenden Horizonte der begleitenden Stimmen, vom durchsichtigen
Helldunkel der Mittelpartien, von den gewagten Konturen des Schlusssatzes und
dergleichen die Rede sei, so dass man durchaus die Rezension eines Bildes zu
lesen glaube; gleich darauf hätte ich den rhetorischen Vortrag eines
Naturforschers, der den tierischen Verdauungsprozess beschrieb, mit einer
gewaltigen Symphonie, ja mit einem Gesange der Göttlichen Komödie vergleichen
hören, während an einem andern Tische des öffentlichen Lokales einige Maler die
neue historische Komposition des berühmten Akademiedirektors besprochen und von
der logischen Anordnung, der schneidenden Sprache, der dialektischen
Auseinanderhaltung der begrifflichen Gegensätze, der polemischen Technik bei
einem dennoch harmonischen Ausklingen der Skepsis in der bejahenden Tendenz des
Gesamttones zu reden gewusst hätten, kurz, es scheine keiner Zunft mehr wohl in
ihrer Haut zu sein und jede im Habitus der andern einherziehen zu wollen.
Wahrscheinlich handle es sich um das Ermitteln und Feststellen eines neuen
Inhaltes für sämtliche Wissenschaften und Künste, wobei man sich beeilen müsse,
nicht zu kurz zu kommen.
    »Ich sehe schon«, rief Lys mit Lachen, »wir müssen doch noch hinübergehen,
damit Sie sehen, dass wir wenigstens noch mit Farben malen!«
    Er ging voran und öffnete die Türe zu einer Reihe von Räumen, in welchen je
eines seiner Bilder, an denen er arbeitete, ganz allein und in der besten
Beleuchtung aufgestellt war, so dass der Blick durch nichts anderes abgezogen und
zerstreut wurde. Die spätere Nachmittagssonne, die auf den Wolken draussen, auf
der weiten Landschaft und den tempelartigen Gebäuden lag, liess die an sich schon
leuchtenden Bilder durch ihren hereinfallenden Reflex noch verklärter
erscheinen, so dass sie in der Stille des Raumes einen seltsam feierlichen
Eindruck machten. Das erste war ein Salomo mit der Königin von Saba, ein Mann
von eigentümlicher Schönheit, der sowohl das Hohelied gedichtet als geschrieben
haben musste Alles ist eitel unter der Sonne! Die Königin war als Weib, was er
als Mann, und beide, in reiche Gewänder gehüllt, sassen allein und einsam sich
gegenüber und schienen, die glühenden Augen eines auf das andere geheftet, in
heissem, fast feindlichem Wortspiele sich das Rätsel ihres Wesens, der Weisheit
und des Glückes herauslocken zu wollen. Das Merkwürdige dabei war, dass der
schöne König in seinen Gesichtszügen ein verschönter und idealisierter Lys zu
sein schien. Im Zimmer war sonst nichts als eine flache blankgeputzte
Messingschüssel von alter Arbeit mit einigen Orangen, die zufällig auf einem
Ecktischchen stehen mochte. Die Figuren des Bildes waren von halber Lebensgrösse.
    Das Bild im nächsten Raume stellte Hamlet den Dänen dar, aber nicht nach
einer Szene des Trauerspieles, sondern als das von einem guten Künstler gemalte
Bildnis gedacht, als das Porträt des in seine Staatsgewänder gekleideten, noch
ganz jungen und blühenden Prinzen, um dessen Stirn, Augen und Mund jedoch schon
das verschleierte Schicksal der Zukunft schwebte. Dieser Hamlet erinnerte
ebenfalls an den Maler selbst, aber mit so grosser Kunst verhüllt, dass man nicht
wusste, woran es lag. In einer Ecke des Zimmers lehnte ein Schwert mit reich in
Stahl und Silber gearbeitetem Korbe, welches offenbar zum Modell gedient hatte
oder noch diente. Dieser vereinzelte Gegenstand erhöhte noch den Eindruck der
Einsamkeit und sanften Trauer, der von des Bildes stillem Leuchten ausströmte.
Im übrigen hatte das Kniestück die volle Lebensgrösse.
    Von diesem Raume ging es endlich in den letzten hinüber, der schon ein Saal
zu nennen war. Gleich den übrigen Bildern bereits mit dem schweren Schmuckrahmen
versehen, stand hier die grösste Komposition, deren Veranlassung die Bibelworte
gegeben Wohl dem, der nicht sitzet auf der Bank der Spötter! Auf einer
halbkreisförmigen Steinbank in einer römischen Villa, unter einem Rebendache,
sassen vier bis fünf Männer in der Tracht des achtzehnten Jahrhunderts, einen
Marmortisch vor sich, auf welchem Champagnerwein in hohen venezianischen Gläsern
perlte. Vor dem Tische, mit dem Rücken gegen den Beschauer gewendet, sass einzeln
ein üppig gewachsenes junges Mädchen, festlich geschmückt, welches eine Laute
stimmt und, während sie mit beiden Händen damit beschäftigt ist, aus einem Glase
trinkt, das ihr der nächste der Männer, ein kaum neunzehnjähriger Jüngling, an
den Mund hält. Dieser sah beim lässigen Hinhalten des Glases nicht auf das
Mädchen, sondern fixierte den Beschauer, indessen er sich zu gleicher Zeit an
einen silberhaarigen Greis mit rötlichem Gesicht lehnte. Der Greis sah ebenfalls
auf den Beschauer und schlug dazu spöttisch mutwillig ein Schnippchen mit der
einen Hand, während die andere sich gegen den Tisch stemmte. Er blinzelte ganz
verzwickt freundlich mit den Augen und zeigte allen Mutwillen eines
Neunzehnjährigen, indessen der Junge, Mit trotzig schönen Lippen, mattglühenden
schwarzen Augen und unbändigen Haaren, deren Ebenholzschwärze durch den
verwischten Puder glänzte, die Erfahrungen eines Greises in sich zu tragen
schien. Auf der Mitte der Bank, deren hohe, zierlich gemeisselte Lehne man durch
die Lücken bemerkte, sass ein ausgemachter Taugenichts und Hanswurst, welcher mit
offenbarem Hohne, die Nase verziehend, aus dem Bilde sah und seinen Hohn dadurch
noch beleidigender machte, dass er sich durch eine vor den Mund gehaltene Rose
das Ansehen gab, als wolle er denselben gutmütig verhehlen. Auf diesen folgte
ein stattlicher Mann in Uniform; dieser blickte ruhig, fast schwermütig, aber
doch mit mitleidigem Spotte drein, und endlich schloss den Halbkreis, dem
Jüngling gegenüber, ein Abbé in seidener Soutane, welcher, wie eben erst
aufmerksam gemacht, einen forschenden stechenden Blick auf den Beschauer
richtete, während er eine Prise zur Nase führte und in diesem Geschäft einen
Augenblick anhielt, so sehr schien ihn die Lächerlichkeit, Hohlheit oder
Unlauterkeit des Beschauers zu frappieren und zu bösen Witzen aufzufordern. So
waren alle Blicke, mit Ausnahme derjenigen des Mädchens, auf den gerichtet, der
vor das Bild trat, und sie schienen mit unabwehrbarem Durchdringen jede
Selbsttäuschung, Halbheit, Schwärmerei, jede verborgene Schwäche, jede unbewusste
oder bewusste Heuchelei aus ihm herauszufischen. Auf ihren eigenen Stirnen, um
ihre Mundwinkel ruhte zwar unverkennbare Hoffnungslosigkeit; aber trotz der
Blässe, die ohne den rötlichen Greis alle überzog, steckten sie in einer
unverwüstlichen Gesundheit, wie die Fische im Wasser, und der Betrachter, der
seiner nicht ganz bewusst war, befand sich so übel unter diesen Blicken, dass man
eher versucht war auszurufen Weh dem, der vor der Bank der Spötter steht!
    Waren nun Absicht und Wirkung dieses Bildes verneinender Natur, so war
dagegen die Ausführung mit dem wärmsten Leben getränkt. Jeder Kopf zeigte eine
inhaltvolle wirkliche Persönlichkeit und war für sich eine ganze tragische Welt
oder eine Komödie und nebst den feinen arbeitlosen Händen vortrefflich
beleuchtet und gemalt. Die gestickten Kleider der wunderlichen Herren, die
altrömische Tracht des Weibes, ihr blendender Nacken, die Korallenschnur darum,
die schwarzen Zöpfe und Locken, die Bildhauerarbeit an dem alten Marmortische,
selbst der glänzende Sand des Bodens, in welchen sich der Fuss des Mädchens
drückte, diese Knöchel im blassroten Seidenschuh alles dies war so breit und
sicher und doch ohne Manier und Unbescheidenheit, sondern aus dem naivsten Wesen
heraus gemalt, dass der Widerspruch zwischen dem freudigen Glanz und dem
kritischen Gegenstand des Bildes die sonderbarste Wirkung hervorrief. Lys nannte
dies Bild seine »hohe Kommission«, den Ausschuss der Sachverständigen, vor
welchen er sich selbst zuweilen mit bangem Herzen stelle; auch führte er etwa
einen armen Sünder, dessen Wohlweisheit und Salbung nicht aus dem lautersten
Himmel zu stammen schien, vor die Leinwand und beobachtete die verlegenen
Gesichter, die er schnitt.
    Als wir wiederholt von einem Bilde zum andern gingen, ich dazwischen auch
bei diesem oder jenem allein zurückblieb, wusste ich nicht ein Wort zu dem
Gespräche beizutragen, sondern unterlag schweigend dem Eindrucke, den ein so
entschiedenes Können auf den machte, der es nicht übersah. Erikson dagegen,
welcher ein so beschränktes und bescheidenes Arbeitsfeld besorgte, hatte so
vieles geübt und gesehen, dass er sich mit Leichtigkeit und Verständnis
aussprechen konnte. Er pflegte auch zu sagen, er verstehe nun gerade genug von
der Kunst, um ein anständiger Liebhaber und Sammler zu sein, wenn das Glück ihn
reich machen wollte, und um diesen Preis würde er sofort seine Palette an den
Nagel hängen. In der Tat wusste er Altes und Neues wohl zu beurteilen und zu
würdigen, ungleich so manchen Künstlern, die alles hassen oder geringschätzen
oder einfach nicht verstehen, was nicht in ihrer Richtung liegt. Diese
leidenschaftliche Beschränkteit ist freilich für manche notwendig, wenn sie auf
dem Punkte beharren sollen, dem sie allein gewachsen sind, weil Anspruch und
Bescheidung sich selten glücklich mischen. Auf jene Äusserung erwiderte dann Lys
zuweilen, es sollte allerdings ab und zu einer von der Ausübung freiwillig
zurücktreten, um der Kennerschaft frisches Blut zuzuführen; die Literaten seien
wohl nützlich für das Logische und Chronologische, das Graphische und
Biographische, für das Eintragen des Festgesetzten; vor dem Gegenwärtigen,
sofern es als neu oder überraschend erscheine, ständen sie in der Regel
unproduktiv und ratlos, und die ersten Stichworte müssten immer von den
Künstlerkreisen ausgehen und seien daher meistens parteiisch, welche
Parteilichkeit von den Literaten, nachdem die erste Kopflosigkeit überwunden,
weiter ausgesponnen werde, bis der Gegenstand der Vergangenheit angehöre und
einer verständigen Registrierung fähig geworden. Es sei das ein verdriesslicher
Handel! Er habe Maler gekannt, die den verwichenen Raffael einen unangenehmen
Kerl gescholten und dabei auf ihre grausam kritische Ader sich wunder was
eingebildet haben; hinwieder seien ihm Kollegien lesende Professoren
vorgekommen, welche an älteren Bildern eine wirkliche metallische Vergoldung
nicht von gemaltem Golde zu unterscheiden wussten und in technischer Hinsicht
überhaupt auf dem Standpunkte von Kindern und Wilden standen, die in einem
gemalten Gesichte den Nasenschatten für einen schwarzen Fleck anzusehen pflegen.
    Ich bemerkte wohl, dass Lys mit seinen Bildern in eigentümlicher Weise durch
die Schule der grossen Italiener hindurchgegangen sei, ohne sie im Unmöglichen
gerade nachmachen zu wollen, erfuhr nun aber, er habe früher sich zum strengen
deutschen Zeichner ausgebildet, der es im sichern Führen von Stift und Kohle
fast seinem berühmten Meister gleichgetan und die Farbe für ein mehr oder
weniger notwendiges Übel gehalten habe. Nach einem mehrjährigen Aufentalt in
Italien sei er gänzlich umgewandelt zurückgekommen, mit Geringschätzung auf die
frühere Weise herabsehend. Als hievon die Rede war und Erikson bedauerte, dass
Lys die edle Kunst der deutschen Zeichnung, die doch in ihrer Art ein
unersetzliches Gut und Wahrzeichen der Nation sei, so ganz beiseite werfe,
erwiderte dieser: »Ei was! Wer einmal recht zu malen versteht, kann erst recht
zeichnen, und zwar alles, was er will! Übrigens übe ich das Ding manchmal noch,
freilich nur zu meinem eigenen Spass.«
    Er holte ein ziemlich grosses Album vom besten Papier herbei, das in Leder
gebunden und mit einem stählernen Schloss versehen war. Mit dem Schlüsselchen,
das an seinem Uhrgehänge befestigt war, geöffnet, zeigte sich Blatt um Blatt
eine Welt von Schönheit und zugleich der Verspottung derselben, wie sie nicht
leicht wieder in solcher Weise sich zusammenfinden mag. Es war die Geschichte
einer Reihe von Liebschaften, welche er erlebt und in das Buch gezeichnet hatte
mit feinstem Stifte und im solidesten deutschen Stil, als ob Dürer und Holbein,
Overbeck oder Cornelius den Dekameron illustriert und die Zeichnungen für den
Grabstichel unmittelbar fertig gebracht hätten. Eine solche Geschichte bestand
je nach ihrer Dauer aus mehr oder weniger zahlreichen Blättern; jede begann mit
dem Bildniskopfe des betreffenden Frauenzimmers und einigen Variationen
desselben in verschiedener Auffassung; dann folgte die ganze Figur, wie man wohl
einer schönen Person zum ersten Mal auf dem Markte, in der Kirche oder im
öffentlichen Garten ansichtig wird; dann entwickelte sich die Begegnung und das
Verhältnis zum Helden, immer Lys selbst, bis zum Sieg und Triumph der Liebe,
worauf der Niedergang sich einleitete mit Gezänkszenen, Abenteuern der
einseitigen oder gegenseitigen Untreue bis zur unvermeidlichen Trennung, die
entweder mit einer jähen Verstossung des scheinbar zerknirschten Helden oder mit
einer komischen Gleichgültigkeit beider Teile vor sich ging. In diesem Verlaufe
glänzte besonders eine Anzahl Einzelfiguren von schmollenden oder weinenden
Schönen als wahre kleine Monumente des anmutig strengen Stiles. Eine entfesselte
Haarflechte, eine Verschiebung der Gewänder an Schulter oder Fuss erhöhte stets
den Eindruck der Bewegteit, wie das zerrissen flatternde Segel eines Fahrzeuges
von überstandenem Unwetter Kunde gibt. Es war nicht zu entscheiden, ob diese
tragischen Situationen eine andächtig mitfühlende Hand geschildert oder ob eine
leise Ironie ihren Teil daran hatte; unbestritten dagegen strahlten die
weiblichen Ehren einiger Wesen, welche auf der Höhe ihres Triumphes in
mytologischen Gestaltungen verklärt wurden.
    Lys schlug so unbefangen ein Blatt nach dem andern um, als ob er ein
Schmetterlingsbuch vorwiese, und nannte nur zuweilen den Namen einer der Schönen
das ist die Teresa, das die Marietta, das war in Frascati, das in Florenz, das
in Venedig!
    Wir schauten ebenso erstaunt als sprachlos dem Umwenden der Blätter zu, auf
welchen soviel Schönheit und Talent vorüberschwirrte, und nur Erikson legte
zuweilen die Hand auf ein Blatt, um dasselbe einen Augenblick festzuhalten. »Ich
muss gestehen«, sagte er endlich, »es ist mir nicht ganz begreiflich, wie man
soviel Genie unterdrücken oder höchstens zu geheimen Allotria verwenden kann!
Wieviel Vergnügen vermöchten Sie zu verbreiten, wenn Sie all dies Können einem
ernsten Zwecke zu gut kommen liessen!«
    Lys zuckte die Achseln: »Genie? Wo ist es? Das ist eben die Frage! Auch das
wildeste Wesen dieses Geschlechtes muss fromm sein und einfältig wie ein Kind,
wenn es allein ist und arbeitet. Mir fehlt vielleicht die Frommheit oder
Frommkeit; ich bin nie allein, sondern alle Hunde sind bei mir, mit denen ich
gehetzt bin!«
    Wir verstanden diese Worte, die zudem im Widerspruche mit der früheren
Äusserung standen, dass man alles könne, nicht sonderlich wohl, und ich selber
wusste vollends nicht, was ich von der ganzen Sache halten sollte. Ich fühlte
mich zu dem hübschen, ruhigen, ja ernsten Manne hingezogen, während der Inhalt
des Buches auf eine gewisse Art von Ruchlosigkeit deutete, die mancher wohl sich
selber verzeihen mag, aber nicht an einem ernstaften Freunde liebt. Es war
etwas von jenem schrecklichen Prinzipe, das die beiden Geschlechter als zwei
sich feindlich entgegenstehende Naturgewalten betrachtet, wo es heisst, Hammer
oder Amboss sein, vernichten oder vernichtet werden, oder einfacher gesagt, wer
sich nicht wehrt, den fressen die Wölfe.
    Inzwischen waren wir beim letzten der gezeichneten Blätter angelangt, auf
welches noch einige leere folgten, und Lys wollte das Album rasch zuschlagen.
Erikson hielt ihn jedoch auf und verlangte das letzte Bild genauer zu sehen;
denn alle bisher aufgetretenen Personen waren italienischen Ursprungs, jene aber
offenbar von deutscher Art. Der Kopf war nicht, wie bei den andern, zuerst als
Studie besonders gezeichnet, sondern es erschien gleich, als ob das Haupt nicht
wohl abzusondern wäre, die ganze stehende Figur des schlanksten jungen Mädchens,
dessen in grossen Zöpfen aufgewundenes Haar so reich, dass das Haupt beinah zu
schwanken schien, wie eine Nelke auf ihrem Stengel, obgleich der feingerundete
Hals und Nacken nur aus natürlicher Anmut sich leise neigte. Ausser zwei
unschuldigen grossen Sternenaugen war fast kein Inhalt in dem Gesicht, dessen
zarte Züge kaum mit dem Silberstifte leicht genug anzudeuten waren, den der
Zeichner dazu gewählt hatte. Desto sicherer und fester, immer zwar mit zarter
Hand, wuchs die herb jungfräuliche Erscheinung durch die strengen Gewänderfalten
ins Licht, an denen kein Strich zuviel und keiner zuwenig war.
    »Ei der Tausend!« rief Erikson, »wo steht diese Blume?«
    »Die steht hier in der Stadt!« versetzte Lys, »ihr könnt sie gelegentlich
sehen, wenn ihr brav seid!«
    Ich jedoch, gerührt von der elementarischen Unschuld des Gebildes, rief
unbedacht und flehentlich: »Der tun Sie aber kein Leid an, nicht wahr?«
    »Oho«, sagte Lys lachend, indem er mir auf die Schulter klopfte, »was sollt
ich ihr denn zuleid tun?«
    Auch Erikson lachte, und somit brachen wir auf, unsern Abendgang in
Begleitung des Niederländers anzutreten. Im Vorübergehen sahen wir die drei
schönen Bilder wieder aufleuchten, ich für meine Person zum letzten Male; denn
ich bekam sie später nur in einer grauen Morgendämmerung nochmals zu Gesicht,
als ich kaum darauf achten konnte. Wo sie seiter geblieben sind, weiss ich
nicht; sie sind niemals an die Öffentlichkeit gelangt, und Lys selber hat sich
in der Folge durch ein Schwanken seines Wesens von der Kunst abgewendet. Wenn es
Sterne gibt, wie gesagt wird, welche man einen Augenblick lang deutlich hat
schwanken sehen, warum sollte ein schwacher Mensch nicht von seiner Bahn
abweichen?
    Wir gingen nun zu dritt vom nördlichen Teile der Stadt an den Westrand
hinüber, um da allmählich am Ufer des südwärts herkommenden Flusses eine
behagliche Ruhstatt aufzusuchen. Unterwegs kamen wir an dem Hause vorbei, darin
ich wohnte. »Halt!« sagte Erikson, als wir andere vorübergehen wollten, »wir
wollen bei diesem auch noch schnell nachsehen, was er schafft! Die untergehende
Sonne, die ihm grad in sein unpraktisches Fenster schaut, wird ihm zu Hilfe
kommen, dass wir wenigstens etwas Farbe vor Augen haben!« Zögernd und doch nicht
ungern ging ich voran, das Zimmer zu öffnen, und sah allerdings meine
ungeheuerlichen Schildereien im Abendrote stehen gleich einer brennenden Stadt,
so dass wir alle drei hoch auflachten. Da waren zwei grosse Kartons, eine
altdeutsche Auerochsenjagd in einem von Formen angefüllten gewaltigen Bergtale
und ein germanischer Eichenwald mit Steinmälern, Heldengräbern und Opferaltären.
Ich hatte die beiden Sachen mit grosser Schilffeder auf die mächtigen
Papierflächen gezeichnet und markig schraffiert, auch breite Schattenmassen mit
grauer Wasserfarbe angelegt, darauf die Kartons mit Leimwasser überzogen und auf
diesem Grund sodann mit Ölfarben lustig herumgewirtschaftet in der Weise, dass in
den helldunklen durchsichtigen Teilen überall die Schilffederzeichnung
durchblickte. Nicht eine einzige Naturstudie hatte ich dazu benutzt, sondern in
meinem ungezügelten Schaffensdrang den ersten und letzten Strich frei erfunden,
und da diese Art von Arbeit ebenso leicht als fröhlich vor sich ging, so sahen
die zwei farbigen Kartons nach etwas aus, ohne dass viel davon zu sagen war. Denn
ob ich auch imstande gewesen wäre, solche Bilder wirklich auszuführen, konnte
man zunächst nicht wissen. Die acht Zoll grossen Figuren hatte ich mir durch
einen jungen Landsmann hineinzeichnen lassen, der als Schüler auf die Akademie
ging und schon keck zu skizzieren verstand. Sie waren aber noch ungefärbt und
trieben sich einstweilen als weisse Gespenster in den Wäldern herum. Hinter
diesen Fahnen, von welchen die eine kulissenartig halb hinter der andern
verborgen stand, ragte an der Wand eine dritte über sie hinaus, in gleicher
Weise angelegt, aber noch ohne Farben. Eine von gewaltigen breiten Linden
umgebene kleine Stadt baute sich zwischen den Stämmen und aus den Wipfeln heraus
an einer Berglehne hinan, dicht gedrängt mit zahlreichen Türmen, Giebelhäusern,
Wimpergen, Zinnen und Erkern. Man sah in die engen, krummen und mit Treppen
verbundenen Gassen hinein, auf kleine Plätze, wo Brunnen standen, und durch die
Glockenstuben des Münsters hindurch, hinter welchen die hellen Sommerwolken
zogen, wie auch hinter den offenen Trinklauben, die sich in die Luft hinaus
profilierten und Gesellschaften kleiner Männlein meiner eigenen Arbeit
beherbergten. Ich hatte die merkwürdige Stadt mit Hilfe eines architektonischen
Sammelwerkes zusammengebaut und die Formen der romanischen und gotischen
Baustile in bunter Gruppierung und Übertreibung so gehäuft, wie kaum jemals
vorkam, und dabei die Entstehungsweise chronologisch angedeutet, indem die Burg
und die untern Teile der Kirche das höchste Alter in der Bauart zeigten. Der
hochgerückte Horizont zog sich noch über die Linden weg und schloss ein weites
Gelände ab, das Meierhöfe, Mühlen, Gehölze und in einem düstern Schattenwinkel
das Hochgericht umzirkte. Vorn sollte aus dem offenen Tore eine mittelalterliche
Hochzeit über die Fallbrücke kommen und sich mit einem einziehenden Fähnlein
bewaffneter Stadtknechte kreuzen. Dies Figurengewimmel fügte ich mit erklärenden
Worten hinzu, da einstweilen bloss der Platz dazu offen war.
    »Vortrefflich!« sagte Lys, »eine gedachte Staffage, das ist das Leichteste
und Duftigste, was es gibt! Übrigens glüht Ihre Stadt in der verfluchten
Himbeerbrühe dieses Abendrotes wie das brennende Troja! Doch fällt mir ein Sie
müssen alles aufgetürmte Mauerwerk aus rotem Sandstein bestehen lassen, das wird
den kolossalen Bäumen gegenüber und in Verbindung mit den weissglänzenden Wolken
einen eigentümlichen Effekt machen! Doch was haben wir hier wieder?«
    Er meinte einen gegen die Wand lehnenden kleinern Karton, der sich grau in
grau als eine Darstellung meiner Heimatsgegend zur Zeit der Völkerwanderung
auswies. Über die bekannten Landformen zogen sich Urwälder neben- und
übereinander hin, zwischen deren Furchen ein ferner Heerbann sich bewegte; auf
einer Berghöhe rauchte ein römischer Wachtturm. Doch schon hatte Lys einen
zweiten Entwurf umgedreht, eine sozusagen geologische Landschaft. Durch neuere
Gebirgsarten, die sich schulgerecht unterscheiden lassen, ist ein kronenartiges
Urgebirge gebrochen, welches mit jenen zusammen doch eine malerische Linie zu
bilden sucht. Kein Baum oder Strauch belebt die harte öde Wildnis; nur das
Tageslicht bringt einiges Leben, das mit dem dunklen Schatten einer über dem
höchsten Gipfel ruhenden Wetternacht ringt. Im Gestein aber beschäftigt sich
Moses auf den Befehl Gottes mit der Herrichtung der Tafeln für die zehn Gebote,
die zum zweiten Male aufgeschrieben werden sollen, nachdem die ersten Tafeln
zerbrochen worden. Hinter dem riesigen Manne, der in tiefem Ernste über den
Tafeln kniet, steht auf einem Granitstück, ohne dass er es ahnt, das
prästabilierte Jesuskind, unbekleidet, und schaut, die Händchen auf dem Rücken,
dem gewaltigen Steinmetzen ebenso ernstaft zu. Ich hatte, weil es sich nur um
einen ersten Entwurf handelte, die Figuren selbst erschaffen, so gut ich es
vermocht, was sie der Epoche der Erdrevolutionen noch näherrückte. Da der Moses
mit den Strahlenhörnern und das Kind mit der Glorie versehen waren, so erkannte
Lys zu meiner Genugtuung sofort den Gegenstand, rief aber gleich darauf: »Da ist
der Schlüssel! Wir haben also einen Spiritualisten vor uns, einen, der die Welt
aus dem Nichts hervorbringt! Sie glauben wahrscheinlich heftig an Gott?«
    »Allerdings«, sagte ich, neugierig zu wissen, wo er hinauswolle; Erikson
aber unterbrach uns, indem er zu Lys gewendet sagte: »Lieber Freund! Plagen Sie
sich doch nicht immer mit der Ausreutung des lieben Gottes! Sie machen es sich
wahrhaftig saurer als der ärgste Fanatiker mit der Einpflanzung desselben!«
    »Ruhig, Indifferentist!« versetzte Lys und fuhr fort: »Da haben wir's also!
Sie wollen sich nicht auf die Natur, sondern allein auf den Geist verlassen,
weil der Geist Wunder tut und nicht arbeitet! Der Spiritualismus ist diejenige
Arbeitsscheu, welche aus Mangel an Einsicht und Gleichgewicht der Erfahrung
hervorgeht und den Fleiss des wirklichen Lebens durch Wundertätigkeit ersetzen,
aus Steinen Brot machen will, anstatt zu ackern, zu säen, das Wachstum der ihren
abzuwarten, zu schneiden, zu dreschen, mahlen und backen. Das Herausspinnen
einer fingierten, künstlichen, allegorischen Welt aus der Erfindungskraft, mit
Umgehung der guten Natur, ist eben nichts anderes als jene Arbeitsscheu; und
wenn Romantiker und Allegoristen aller Art den ganzen Tag schreiben, dichten,
malen und operieren, so ist dies alles nur Trägheit gegenüber derjenigen
Tätigkeit, welche nichts anderes ist als das notwendige und gesetzliche Wachstum
der Dinge. Alles Schaffen aus dem Notwendigen heraus ist Leben und Mühe, die
sich selbst verzehren, wie im Blühen das Vergehen schon herannaht; dies Erblühen
ist die wahre Arbeit und der wahre Fleiss; sogar eine simple Rose muss vom Morgen
bis zum Abend tapfer dabeisein mit ihrem ganzen Korpus und hat zum Lohne das
Welken. Dafür ist sie aber eine wahrhaftige Rose gewesen!«
    Da ich ihn nur halb verstand, indem ich doch glaubte, gearbeitet zu haben,
so sagte ich ihm dies.
    »Das geht so zu«, antwortete er: »Die geognostische Landschaft, die Sie
darstellen wollen, haben Sie nie gesehen und werden sie, ich will wetten, auch
niemals sehen. Dahinein setzen Sie zwei Figuren, mit denen Sie teils die
Schöpfungsgeschichte und den Schöpfer feiern, teils aber ironisieren; das ist
ein gutes Epigramm, aber keine Malerei; und endlich könnten Sie, wie man wohl
sieht, die Figuren, wenigstens jetzt, gar nicht selbst ausführen, ihnen folglich
nicht diejenige Bedeutung geben, die Sie sich geistreich denken; folglich stehn
Sie mit dem ganzen Handel in der Luft; es ist ein Spiel und keine Arbeit! Nun
aber genug hievon, und lassen Sie sich sagen, dass ich meine Predigt nicht gegen
Sie, sondern gegen die ganze Gattung richte; denn an sich betrachtet, machen mir
Ihre Sachen schon deswegen Vergnügen, weil sie einen Kontrast zu den meinigen
bilden. Wir sind allzumal dualistische Tröpfe, wir mögen es anfangen, wie wir
wollen. Was haben Sie hier für einen Schädel? Der war nie präpariert, kommt also
aus der Erde?«
    Er deutete auf den Schädel des Albertus Zwiehan, der in einer Ecke am Boden
lag.
    »Der gehörte auch einem Dualisten an in gewissem Sinne«, erwiderte ich und
erzählte, indem wir fortgingen, mit einigen Worten die Geschichte von den zwei
Weibern, zwischen denen jener hin- und hergezogen worden. »Ich sag es ja!«
lachte Lys, »nehmen wir uns in acht, dass wir nicht zwischen zwei Stühle fallen!«
    Wir blieben bis tief in die Nacht alle drei beieinander und verabredeten,
uns öfter zu treffen, was dann auch geschah, so dass wir bald gute Freunde und
überall zusammen gesehen wurden.
 
                                Zwölftes Kapitel
                              Fremde Liebeshandel
Die räumliche Entfernung unserer Heimatlande untereinander, indem sie im
äussersten Norden, Westen und Süden des ehemaligen Reichsrandes liegen, verband
uns mehr, als dass sie uns trennte. Alle drei von einem gleichen innern Zuge der
gemeinsamen Abstammung beseelt und an den grossen Binnenherd der Völkerfamilie
gekommen, befanden wir uns in der Lage weitläufiger Vettern, die im Gedränge
eines gastfreien Hauses unbeachtet die Köpfe zusammenstecken und sich Lob oder
Tadel dessen, was ihnen gefiel oder missfiel, gegenseitig anvertrauen. Wir hauen
freilich schon ein und anderes Vorurteil mitgebracht, ohne unsere Schuld. Es war
jene Zeit, da Deutschland von seinen dreissig oder vierzig Inhabern so eng sinnig
und ungeschickt verwaltet wurde, dass Scharen von Vertriebenen jenseits der
Grenzen umherzogen und die Fremden im Schmähen und Schelten gegen ihr Vaterland
förmlich unterrichteten. Sie setzten Spottworte in Umlauf, welche den Nach baren
bisher unbekannt gewesen waren und nur aus dem Innern des gescholtenen Landes
kommen konnten, und da die Gaben der Selbstironie, deren Übertreibung das
Phänomen am Ende war, ausserhalb Deutschlands nur spärlich verstanden und
geschätzt werden, so nahm der Fremde das Unwesen zuletzt für bare Münze und
lernte es selbständig gebrauchen oder missbrauchen, zumal man sich mit solchem
Tun förmlich einschmeicheln konnte bei den Unglücklichen, die in ihrer
Weltunkenntnis hievon Hilfe und Beistand erwarteten. Jeder von uns hatte
dergleichen gehört und in sich aufgenommen. Mit der Zeit aber führte uns das
vertraute Gespräch zu der Verständigung, dass die Ausgewanderten und die
Daheimgebliebenen jederzeit verschiedene Leute seien und dass, um den Charakter
eines Volkes recht zu kennen, man dasselbe bei sich und an seinem Herde
aufsuchen müsse. Es sei geduldiger und darum auch besser als die Ausgeschiedenen
und stehe daher nicht unter, sondern über ihnen, trotz des gegenteiligen
Anscheines, den es schliesslich immer zu vernichten wisse.
    Waren wir nun hierüber beruhigt, so plagte uns wieder ein anderes Übel,
nämlich der Gegensatz zwischen den Südlichen und Nördlichen. Bei Völkerfamilien
und Sprachgenossenschaften, welche zusammen ein Ganzes bilden sollen, ist es ein
wahres Glück, wenn sie einander etwas aufzurücken und zu sticheln haben; denn
wie durch alle Welt und Natur bindet auch da die Verschiedenheit und
Mannigfaltigkeit, und das Ungleiche und doch Verwandte hält besser zusammen. Das
aber, was wir die Nord- und Südländer sich vorwerfen hörten, war gröblich
beleidigend und lieblos, indem diese jenen Herz und Gemüt, jene diesen Geist und
Verstand absprachen, und so unbegründet die Tradition war, gab es nur wenige
tüchtige Personen beider Hälften, welche nicht daran glaubten. Oder jedenfalls
zeigten nur wenige den Mut, die schlendrianischen Reden solcher Art zu
unterbrechen, wenn sie unter den Ihrigen waren. Um für unser Bedürfnis den
vermissten idealen Zustand herzustellen, gaben wir uns das Wort, jedesmal wenn
der Fall eintrat, als Unparteiische aufzutreten, ob wir einzeln oder in Kompanie
zugegen seien, und für den, wie wir glaubten, misshandelten Teil einzustehen.
Zuweilen gelang es uns, einige Verblüffung zu erregen oder gar eine wohlwollende
Wendung hervorzurufen; andere Male dagegen wurden wir selbst da- oder dortin
klassifiziert und je nach unserer Herkunft als einfältige Biederleute und
Gemütsduseler oder als überkritische, geistreiche Hungerschlucker bezeichnet.
Weil das aber uns keineswegs unglücklich machte, vielmehr unsere Heiterkeit
wachrief, so wurde wenigstens der schneidende Ton der Unterhaltung gemildert und
ein leidlicher Ausgleich zustande gebracht.
    Unser Mittleramt wurde aber eines Tages überflüssig und zugleich schönstens
belohnt, als die ganze reichgeartete Künstlerschaft die kommende Faschingszeit
zu feiern sich zusammentat, um in einem grossen Schau- und Festzuge ein Bild
untergegangener Herrlichkeit zu schaden, nicht mit Leinwand, Pinsel und Meissel,
sondern mit Einsetzung der lebendigen Person. Es sollte das alte Nürnberg
wiederauferweckt werden, wie es in beweglichen Menschengestalten sich darstellen
konnte und wie es zu der Zeit war, als der letzte Ritter, Kaiser Maximilian, in
ihm Festtage feierte und seinen besten Sohn, Albrecht Dürer, mit Ehren und
Wappen bekleidete. In einem einzelnen Kopfe entstanden, wurde die Idee sogleich
von achtundert Männern und Jünglingen, Kunstbeflissenen aller Grade,
aufgenommen und als tüchtiger Handwerksstoff ausgearbeitet und ausgefeilt, als
ob es gälte, ein Werk für die Nachwelt zu schaffen, und es erwuchs in der
sachgerechten und allseitigen Vorbereitung eine Lust und Geselligkeit, welche
wohl an Macht von der Freude des Festtages überboten wurde, in der Erinnerung
jedoch ein lieblich heller Teil des Ganzen blieb.
    Der Festzug zerfiel in drei Hauptzüge, von denen der erste die nürnbergische
Bürger-, Kunst- und Gewerbswelt, der zweite den Kaiser mit den Fürsten,
Reichsrittern und Kriegsmännern und der dritte einen alten Mummenschanz umfasste,
wie er von der bedeutenden Reichsstadt dem gekrönten Gast vorgeführt wurde. In
diesem letzten Teile, welcher recht eigentlich ein Traum im Traume genannt
werden konnte, hatten wir dreie unsern Standort gewählt, um als verdoppelte
Phantasiegebilde im Schattenbilde der Vergangenheit mitzuziehen.
    Der Ernst und die feierliche Pracht, womit die Unternehmung von vornherein
angelegt war, hatten die Teilnahme des weiblichen Geschlechtes nicht
ausgeschlossen; Frauen, Töchter, Bräute der Künstler und deren Freundinnen aus
den andern Ständen bereiteten demnach ihre festliche Umkleidung vor, und es
gehörte nicht zu den geringsten Vorfreuden der Männer, an der Hand der alten
Trachtenbücher das wichtige Geschäft zu leiten und darüber zu wachen, dass die
Sammet- und Goldstoffe, die schweren Brokate und die duftigen Flore für die
schlanken Gestalten richtig zugeschnitten und zusammengesetzt, die Haare in
gehöriger Weise geflochten oder ausgebreitet wurden, die Federhüte, die Barette,
Hauben und Häubchen aller Art Form und Stil bekamen und gut sassen. Zu diesen
Beglückten zählten sich auch meine Freunde Erikson und Lys, von denen jeder in
seiner Weise auf einem Liebeswege ging.
    In die jährliche Verlosung, welche mit der Gemäldeausstellung verbunden war,
hatte Erikson eines seiner kleinen Bilder verkauft, und dasselbe war von der
Witwe eines grossen Bierbrauers gewonnen worden, die nicht gerade im Rufe einer
Kunstfreundin stand, sondern mehr in Erfüllung einer Anstandspflicht reicher
Leute sich an diesen Dingen beteiligte. Da es öfter vorkam, dass so gewonnene
Gegenstände an zudringliche Händler verschleudert wurden, so suchten die
Künstler ihr Werk in solchem Falle wiederzuerwerben, um den Gewinn selbst zu
machen. Auch Erikson hatte bei gedachter Gelegenheit den Versuch gewagt und
gehofft, das Bild um ermässigten Preis an sich zu bringen, um es abermals zu
verkaufen und der Mühsal der Erfindung und Ausführung eines neuen Werkleins für
einmal entoben zu sein. Denn er war bescheiden und hielt nicht dafür, dass das
Bestehen der Welt von der Unerschöpflichkeit seines Fleisses abhänge. Er suchte
also die Wohnung der Gewinnerin unverweilt auf und stand bald auf dem Vorsaale
des Witwensitzes, dessen Stattlichkeit das Gerücht von dem Reichtume des
verstorbenen Brauers zu bestätigen schien. Eine alte Dienerin, welcher er sein
Anliegen mitteilen musste, brachte ihm ohne Zögern den Bericht, dass die Herrin
das Bild mit Vergnügen abtrete, dass er aber ein andermal wieder vorsprechen
möge. Weit entfernt, über solche Willfährigkeit und Geringschätzung empfindlich
zu sein, ging Erikson ein zweites und drittes Mal hin, und erst jetzt wurde er
etwas betroffen und erbost, als die Dienerin endlich kundtat, die bequeme Dame
verkaufe das Bild um ein Vierteil des angegebenen Wertes und bestimme das Geld
für die Armen; der Herr Maler möge, um nicht fernere Mühe zu haben, es am andern
Tage bestimmt abholen und das Geld mitbringen. Er tröstete sich indessen mit der
Aussicht, nun jedenfalls ein Vierteljahr nicht malen zu müssen, und das Wetter
ausspähend, ob es gute Jagdtage verspreche, machte er sich zum vierten Male auf
den Weg.
    Die unvermeidliche Alte führte ihn in ihr kleines Dienstgemach und liess ihn
da stehen, um das Kunstwerkchen herbeizuholen. Dieses war aber nirgends zu
finden; immer mehr Bedienstete, Köchin, Kammermädchen, Hausknecht und Kutscher
rannten umher und suchten in Küche, Keller, Kammern und Remisen. Endlich rief
das Geräusch die Witwe herbei, und als sie, die, nach dem kleinen Bildchen
urteilend, gewähnt hatte, einen ebenso kleinen und dürftigen Urheber zu finden,
nun den mächtigen Erikson dastehen sah, dessen Goldhaar glänzend auf die breiten
Schultern fiel, geriet sie in die grösste Verlegenheit, zumal er, aus einem
ruhigen Lächeln erwachend, sie mit festem offenem Blicke betrachtete wie eine
Erscheinung. Sie war aber auch des längsten Anschauens wert; von der Rosenfarbe
der Gesundheit und Lebensfrische überhaucht, kaum vierundzwanzig Sommer alt, vom
reinsten Ebenmass an Gestalt und Gliedern, mit braunem Seidenhaar und braunen
lachenden Augen, konnte ihr Wesen kurz und gut als ein aphrodisisches im besten
Sinne bezeichnet werden, ein solches nämlich, das der Eignerin wohl bewusst war
und von ihr selbst darum mit edler Sitte gehütet wurde.
    Um die gegenseitige Verwunderung und Verlegenheit zu endigen, lud die
Errötende mit zurückgekehrter Geistesgegenwart den Maler ein, in das Zimmer zu
treten, und wie sie dort waren, entdeckte er die kleine Gemäldekiste, welche als
Fussschemel unter dem Arbeitstischchen der Witwe stand, von dieser nicht beachtet
oder vergessen.
    »Hier ist's ja!« sagte Erikson und zog das Kistchen hervor. Es war noch
nicht einmal geöffnet worden; denn der Deckel haftete noch leicht aufgeschraubt
an demselben. Erikson machte ihn mit wenig Mühe los, und das kleine Bild glänzte
nun in seinem Rahmen, der nach einem alten reichen Muster gearbeitet war, mit
aller Frische im Tageslichte. Inzwischen hatte die junge Frau die Lage der Dinge
schnell zu erfassen gesucht und wünschte vor allem der Beschämung zu entgehen,
die ihr die nachlässige Art, eine Kunstsache zu behandeln, zuziehen konnte. Von
neuem errötend, sagte sie, sie habe in der Tat nicht gewusst, um was es sich
handle; nun aber, obgleich sie keine Kennerin sei, scheine ihr doch das Bildchen
von vorzüglichem Werte, und sie glaube den Schöpfer desselben zu beleidigen,
wenn sie nicht mindestens die Hälfte des Ankaufspreises verlange. Besorgt, sie
möchte ihre Forderung abermals erhöhen, beeilte sich Erikson, die Börse zu
ziehen und die Goldstücke hinzulegen, indes die Dame das einfache Landschäftlein
immer aufmerksamer betrachtete und die schönen Augen in dem sonnigen Gefildchen
spazierengehen liess, wie wenn sie Land und Meer des Golfes von Neapel vor sich
hätte. Dann blickte sie wie verschüchtert zu dem Recken empor und begann wieder
je mehr sie das Bild ansehe, desto besser gefalle es ihr, und sie müsse nun die
volle Summe dafür fordern!
    Seufzend bot er drei Vierteile, um wenigstens etwas zu retten. Allein sie
scheute sich keineswegs, auf ihrer Wortbrüchigkeit zu beharren, und erklärte,
das Bild lieber behalten als es unter dem Werte hingeben zu wollen. »In diesem
Falle wäre es lieblos von mir«, versetzte Erikson, »mein kleines Werk einer so
guten Stelle zu berauben; auch habe ich keine weitere Ursache mehr, auf einem
Handel zu bestehen, der mir keinen Gewinn bringt!«
    Er strich hiemit sein Geld wieder ein und machte Anstalt, sich zu entfernen.
Doch die Schöne, den Blick auf das Bildchen gerichtet, bat ihn mit einiger
Verlegenheit, noch einen Augenblick zu verziehen. Erst jetzt bot sie ihm einen
Stuhl an, um Zeit zu gewinnen, ihre Genugtuung für den solchem Manne angetanen
Affront vollständig zu machen. Endlich besann sie sich auf den schicklichsten
Ausweg und fragte Erikson mit höflichen Worten, ob sie ein Gegenstück zu dem
Bilde bei ihm bestellen dürfe, das ebenso freundlich und friedlich auf das Auge
wirke, so dass sie sozusagen für jedes Auge einen solchen Ruhepunkt hätte, wenn
sie an ihrem Schreibtische sässe, über welchem sie die Bildchen aufzuhängen
gedenke. Dieser optische Unsinn erweckte eine vergnügliche innere Heiterkeit des
Malers, und obgleich er hergekommen war, um eine Verminderung statt Vermehrung
der Arbeit zu erzielen, bejahte er natürlich die Frage in verbindlicher Weise,
worauf aber die Witwe plötzlich die Unterhaltung abbrach und den Maler mit
zerstreutem Wesen entliess.
    Diesen bisherigen Verlauf hatte uns Erikson am Abend des gleichen Tages als
hübsches Abenteuer selbst erzählt; in der folgenden Zeit aber kam er nicht mehr
darauf zurück, sondern beobachtete über den Gegenstand ein sorgfältiges
Schweigen. Wir errieten trotzdem an einem Zeichen, wie es stand, als er eines
Tages, von dem fertiggewordenen zweiten Bildchen sprechend, nicht vermeiden
konnte, der Bestellerin zu erwähnen, und sie dabei unvorsichtig bei ihrem
Taufnamen Rosalie nannte. Wir andere sahen uns schweigend an; denn wir mochten
ihn als aufrichtige Freunde, die ihm verdientermassen zugetan waren, auf seinen
Wegen nicht stören.
    Selbst einer reichen Brauersfamilie entsprossen, war das junge Mädchen in
Befolgung einer alten Hauspolitik dem Bräuherren verbunden worden, da die
Grundlage des klassischen Nationalgetränkes an sich von öffentlicher Bedeutung
und wichtig genug war, derartige Überlieferungen zu tragen. Nachdem aber der
kräftige Bräuherr unversehens von einem gefährlichen Fieber dahingerafft worden,
sah sich die Witwe mit einem Schlage in volle Freiheit und Selbständigkeit
versetzt, mit welcher sich das inzwischen gereifte Bewusstsein der Person
verband. Mit jener aussergewöhnlichen Schönheit begabt, die ebenso selten als
dann auch vollkommen erscheint, von innen heraus zugleich von dem Bedürfnis
harmonischen Lebens beseelt, hatte sie sich zunächst mit den leichten und doch
starken Schranken ruhiger Absichtslosigkeit, ja Resignation umgeben, um jeder
Reue bringenden Übereilung und Gewaltsamkeit aus dem Wege zu gehen,
wahrscheinlich aber doch mit dem Vorbehalte entschiedener Wahl, sobald die
rechte Stunde käme. Diese war mit der Erscheinung Eriksons unvermutet da; in
Erkennung oder Ahnung derselben hatte Rosalie den ersten Augenblick nicht
verscherzt, nachher aber mit aller Ruhe und Umsicht sich weiter benommen. Sie
wusste Erikson nach und nach Gelegenheit zu geben, mit allerlei Rat bei ihr zu
erscheinen; das gab sich ungezwungen von selbst, da sie in der Tat begriffen
war, die zufällige und bunte Art ihres Hausrates und Wohnsitzes umzuwandeln, zu
vereinfachen und doch zu bereichern. Mit geheimer Freude bemerkte sie die ruhige
Sicherheit in Eriksons Auskünften und Hilfeleistungen und wie er ganz an seiner
Stelle schien, wenn er über Mittel und Raum in zweckmässiger Weise verfügen
konnte. Dass er von guter Familie und Erziehung war, blieb ihr nicht verborgen,
soweit sie das aus eigener Erfahrung zu beurteilen vermochte, und so ging sie
Schritt für Schritt weiter in der Absicht, den Bären zu fangen, dessen Gefangene
sie schon war. Sie zog mehr Gäste herbei, um ihn öfter einladen zu können und
ihn bei Tische zu sehen; auch veranlasste sie ihn, Freunde bei ihr einzuführen,
so dass ich ebenfalls ein- oder zweimal in ihr Haus geriet, wobei es mir
zustatten kam, dass ich nach dem Wunsche meiner Mutter mich immer noch im Besitze
eines geschonten Sonntagskleides befand. Unsern Freund Lys hingegen brachte er
kein einziges Mal hin, des verschlossenen Albums wegen, wie er mir anvertraute,
was ich mit ernster Miene billigte. Ich glaube beinahe, dass ich eine Art
pharisäischer Eitelkeit über meine Bevorzugung beherbergte und mir etwas darauf
zu gut tat, dass ich noch nie durch Reichtum, Freiheit, Weltkenntnis und
geeignete Persönlichkeit in die Lage gekommen war, die eigene Tugend zu
bewähren. Denn meine frühen juditischen Abenteuer brachte ich keineswegs in
Anschlag; ich lebte auf jenem Punkte, wo man die sogenannten Kindereien für
geraume Zeit vergessen und in selbstgerechter Härte alles verurteilt, was man
noch nicht erfahren hat.
    Als jetzt das Künstlerfest vorbereitet wurde, standen die Sachen zwischen
Rosalie und Erikson so, dass jene halbwegs als seine Partnerin daran teilnehmen
konnte, wie man etwa der Einladung zu einem Balle folgt.
    Auf einem andern Wege wandelte Lys, um seine Festgefährtin zu holen. In
einem altertümlichen Teile der inneren Stadt, auf einem kleinen Seitenplatze,
stand ein schmales Haus, von geschwärztem Backstein erbaut und nur drei
Stockwerke hoch, jedes nur von der Breite eines einzigen, freilich ansehnlichen
Fensters. Nicht nur die Fenster waren reich in ihrer Einfassung gegliedert,
sondern in die Höhe laufend unter sich mit Zierat verbunden, der wiederum
verdunkelte Mauergemälde einfasste. So bildete das Haus einen kleinen Turm oder
vielmehr ein schlankes Monument, wie etwa Künstler vergangener Jahrhunderte mit
besonderer Liebe für sich selber erbaut haben. Über der Haustüre reichte ein
Marienbild von schwarzem Marmor, das auf einem vergoldeten Halbmonde stand, bis
zum ersten Stockwerke, und an der Türe glänzte noch der ursprüngliche
Türklopfer, der ein kühn sich hinausbiegendes Meerweibchen darstellte. Das
untere Gemälde über dem ersten Fenster entielt den Perseus, wie er die
Andromeda von dem Drachen befreit, dasjenige über dem zweiten Fenster den Kampf
des heiligen Georg, der die libysche Königstochter aus der Gewalt des Lindwurmes
erlöst, und auf die spitze Giebelmauer war der Engel Michael gemalt, der
zugunsten der Jungfrau über der Haustüre ebenfalls ein Ungeheuer mit seiner
Lanze niederstiess. Vor vielen Jahren, als solche Denkmäler wie dies zierliche
Häuschen verachtet und niedergerissen oder übertüncht wurden, hatte ein kleiner
Baumeister dasselbe für wenig Geld an sich gebracht, sorglich erhalten und
seinem Sohne hinterlassen, der ein mittelmässiger Bildnismaler und zugleich ein
Ersatzmann in des Königs Hartschiergarde gewesen, da er ein stattlicher Mann
war. Die Witwe dieses malenden Hartschiers lebte mit ihrer Tochter in dem alten
Hause von einem kleinen Witwengehalt und einer gewissen Summe, welche ihr
jährlich dafür bezahlt wurde, dass sie ohne höhere Bewilligung das Haus nicht
verkaufte noch an der Fassade etwas zerstören oder ändern liess.
    Die Tochter, Agnes geheissen, war das Urbild jener letzten Zeichnung in dem
Album des schönheitskundigen Lys, der erst das Haus und sodann, das Innere
desselben beschauend, auch das Juwel entdeckt hatte, das das Kästchen umschloss;
die Mutter war nicht nur die Hüterin der Schönheit von Kind und Haus, sondern
auch ihrer eigenen, soweit sie noch in einem lebensgrossen Bildnisse von der Hand
ihres toten Eheherren erglänzte. Von einem hohen Kamme überragt, zu jeder Seite
der Stirn drei querliegende Locken, beherrschte sie im Schimmer ihres
Brautstandes das Gemach, und vor dem Bilde standen jederzeit zwei rosenrote
Wachskerzen, die noch nie gebrannt hatten. Trotz der flachen und schwächlichen
Malerei machte sich die ehemalige Schönheit geltend; es war dabei nicht zu
erkennen, ob eine gewisse Seelenlosigkeit mehr von dem Ungeschick des Malers
oder dem Wesen der Frau herrührte; dennoch regierte sie mit dem Bilde noch immer
das Haus und brauchte bloss einen Blick darauf zu werfen im Vorübergehen, um die
Schönheit der Tochter sich nicht über den Kopf wachsen zu lassen. Diese Blicke
wiederholten sich während des Tages ebenso regelmässig wie das Eintauchen ihrer
Fingerspitzen in das Weihwasserkesselchen neben der Stubentüre. Von der Seele
aber, die in der Reihenfolge des Werdens ihr ohne Aufentalt entschlüpft, war
ein Teil in der Tochter wieder zum Vorschein gekommen, freilich so schwank,
still und elementarisch wie das Leibliche, in dem sie wohnte.
    Als Lys mit gewandten und angenehmen Sitten sich soweit eingeführt hatte,
dass er jene Figur zeichnen durfte, zwar nicht in das bewusste Buch, sondern
vorerst in grösserer Form auf ein besonderes Studienblatt, fand er weder den Mut
noch den Anlass, den gewohnten Zyklus durchzuführen, und es blieb bei dem
einzigen Eintrag in das Album, den er nach der Studie mit Liebe und Sorgfalt
vornahm. Er verbrachte zuweilen einen Abend bei den Frauen, führte sie auch
einmal in das Teater oder in einen Lustgarten, und wo sie erschienen, erregte
die seltene Erscheinung der Agnes ein so allgemeines und zugleich reines
Wohlgefallen, dass sich keinerlei Nachrede oder Missdeutung vernehmen liess. Alle
ihre ruhigen Bewegungen waren einfach und kurz nur auf den nächsten Zweck
gerichtet und daher voll Anmut; ihre Augen glänzten, wenn sie von irgendeinem
Reiz angesprochen wurde, mit der treuherzigen Unschuld eines jungen Tieres, das
noch keine Misshandlung erfahren hat, und so kam es, dass Lys, anstatt eine seiner
früheren Liebeleien anzufangen, unwillkürlich in einen ehrenhaften ernstern
Verkehr hineingeriet, der ihm zum bisher unbekannten Bedürfnis wurde. Seine
Befangenheit mehrte sich, wenn die Mutter in der Absicht, die Bravheit des
Kindes zu rühmen, in dessen Abwesenheit erzählte, wie es nie imstande gewesen
sei, die kleinste Lüge auch nur zum Scherz aufzubringen, und schon in frühsten
Jahren jede Übertretung selbst angezeigt habe, und zwar mit einer solchen Ruhe,
wenn nicht Neugierde über den Erfolg, dass die Strafe als unmöglich oder
überflüssig erschien. Die Mutter konnte dann in ihrer Weise, um nicht selbst für
unklug zu gelten, die Andeutung nicht unterlassen, das Kind dürfte allerdings
keines der geistreichsten, dafür aber um so ehrlicher und vollkommen aufrichtig
sein. Lys wusste aber bereits, dass Agnes klüger war als die Mutter, wenn sie
dessen auch noch nicht innegeworden; nicht minder übertraf sie dieselbe an
Geschicklichkeit; denn er bemerkte, dass sie häusliche Geschäfte rasch und
geräuschlos besorgte, ohne je etwas zu zerbrechen, während die Mutter alles mit
beträchtlichem Aufwand von Hin- und Hergehen, Reden und Klappern verrichtete und
ihre Taten nicht selten mit dem Klirren eines entzweigegangenen Geschirres
abschloss. Alsdann pflegte die Tochter eine erklärende oder tröstliche Bemerkung
zu machen, welche dem graziösesten Witze gleich und doch mit tiefem Ernste rein
sachlich gemeint und gegeben war. Allein welcher Art der Geist oder das Wesen
dieses Geschöpfes sei, blieb ihm unbekannt, und wenn man ihn wegen seiner
Entdeckung beglückwünschte und erklärte, die Agnes werde das beste Malerfrauchen
abgeben, das man finden könne, still, harmonisch und eine unerschöpfliche Quelle
schöner Bewegung, so schüttelte er den Kopf und meinte, er könne doch nicht ein
Naturspiel heiraten!
    Dennoch setzte er seine Besuche in dem schlanken Häuschen, drin das schlanke
Wesen wohnte, fort und hütete sich nur, etwas Verliebtes zu tun oder zu sagen.
Die Augen des Mädchens kamen ihm vor wie ein stilles Wasser, das wohl
widerstandslos, aber auch für einen guten Schwimmer nicht gefahrlos ist, da man
nicht wissen kann, welche Pflanzen oder Tiere es in seiner Tiefe verbirgt. Von
der unbestimmten Vorstellung solcher Fährlichkeiten bedrückt, geriet er in
ungewohnte Sorgen und stiess hie und da einen Seufzer aus, ohne es zu wissen;
diese Seufzer aber entfachten die geheime Glut einer herzlichen Neigung, die
seit geraumer Zeit in dem kaum siebzehnjährigen Mädchen entzündet war, zur
lebendigen Flamme. Jedermann konnte das liebliche Feuer sehen; auch wir Freunde
sahen es, als Lys bei den beiden Frauen zuweilen eine kleine Abendbewirtung
anstellte und uns dazu einlud, um nicht allein dort zu sein und doch das Haus
nicht meiden zu müssen. Wir sahen, wie sie stets die Augen auf ihn richtete,
sich traurig wegwendete und doch immer wieder näherte, während er sich zwang, es
nicht zu bemerken, aber sichtlich sich hundertmal zurückhalten musste, sie mit
der zuckenden Hand nicht zu berühren. Gelang es ihr dagegen einmal, sich so zu
stellen, als ob sie seine trocken väterliche Art verstehe und würdige, und dabei
ein Weilchen die Hand auf seiner Schulter liegenzulassen oder gar sich wie ein
unbefangenes Kind einen Augenblick an ihn zu lehnen, so leuchtete das Glück aus
ihren Augen, und sie blieb dann den ganzen Abend hindurch zufrieden und
genügsam.
    Das Verhältnis begann für alle schwierig und bedenklich zu werden, die
Mutter ausgenommen, welche die Belebung ihres Hauses angenehm empfand und nicht
zweifelte, dass Lys eines Tages mit einem ernsten Antrage sich einstellen werde,
gerade weil er so zurückhaltend sei. Auch Erikson mühte sich, anderweitig in
Anspruch genommen, nicht stark um die Sache, und besonders wenn wir das
zierliche Haus zusammen verliessen, ging er unverweilt seine eigenen Wege,
während ich mit Lys bald vor seine, bald vor meine Haustüre zu wandeln und dort
noch stundenlange zu verhandeln und zu streiten pflegte. Ich wagte zwar nicht,
ihn des Mädchens wegen offen zur Rede zu stellen; denn er war hierin kurz
abgebunden und stellte sich, je unentschlossener er sich fühlte, um so fester,
als einer, der wisse, was er tue und zu tun habe. Dafür nahm ich den Umweg durch
metaphysische Disputationen, weil ich die Leichtfertigkeit, deren ich ihn mit
aufrichtigen Schmerzen bezüchtigte, mit der Gottlosigkeit zusammenwarf, welche
er in so später Stunde ebenso eifrig und närrisch verteidigte, wie ich sie
unaufhörlich angriff. Wir sprachen zuweilen so lange und so laut durch die
Stille der Nacht, dass die Scharwächter der Stadt uns zur Schonung der
schlafenden Bürger vermahnten. Plötzlich aber, zur Zeit da das Künstlerfest
vorbereitet wurde, unterbrach Lys einmal meine Rede, von der er wohl merkte, wo
sie hinauswollte, und kündigte mit ruhigen Worten an, dass er die Agnes als seine
Festgefährtin einladen und auf den Verlauf des Festes abstellen wolle, ob eine
bleibende Verbindung zwischen ihnen sich ergeben werde. Bei derartigen Anlässen,
sagte er, pflegen die befangenen Menschenkinder aus sich herauszugehen und
schicksalsfähiger zu sein als in gewöhnlichen Tagen. Auch für ihn stehe die
Sache so, dass er einer zufälligen Entscheidung bedürfe, indem die Kraft des
Wunsches und die Besorgnis eines Fehltrittes sich vollkommen die Waage hielten.
    Agnes blühte augenblicklich in neuer Hoffnung auf, als der Geliebte das Wort
des Heiles an sie richtete; denn sie hatte schon in stiller Trauer dem Gedanken
entsagt, im Glanze jener Festfreuden ihm auch nur nahe sein zu können. Aber sie
wollte das Heil nicht berufen und fügte sich still und demütig allen seinen
Anordnungen, als er mit den reichen Stoffen zu ihren Gewändern erschien, welche
die schlanke Gestalt umspannen, ihren Wuchs zum Ausdrucke rein geprägter
Schönheit bringen sollten. Aber während er ihre schwarzen Haarwellen, die für
drei Mädchenköpfe ausgereicht hätten, vorprüfend durch die Hände laufen liess und
in neue Lagen ordnete und sie lautlos das Haupt dazu hinhielt, beschloss sie in
diesem selben jungen Haupte stumm und feierlich, nur darnach zu trachten, wie
sie ihn im rechten Augenblick in ihre Arme zwingen und ihr Leben unauflöslich
mit dem seinigen verbinden möge. Der kühne Vorsatz konnte nur die Ausgeburt des
kindlich einfachen, aber in Aufregung geratenen Wesens sein.
 
                              Dreizehntes Kapitel
                               Wiederum Fasstnacht
Das grösste Teater der Residenz war in einen Saal umgewandelt und hatte, voll
erleuchtet, bereits die beiden Körper des Festeeres, die Darstellenden und die
Zuschauer, in sich aufgenommen. Während auf den Galerien und in den Logen reihen
die schauende Welt versammelt harrte und einstweilen sich selbst in ihrem
Schmucke betrachtete, summten die Seitensäle und Gänge, dicht angefüllt von den
sich ordnenden Künstlerscharen. Hier wogte es hundertfarbig und schimmernd
durcheinander. Jeder war für sich eine inhaltvolle Erscheinung und Person, und
indem er selber etwas Rechtem gleichsah, schaute er freudig den Nächsten,
welcher in der schönen Tracht nun ebenfalls so vorteilhaft und kräftig erschien,
wie man gar nicht hinter ihm gesucht hätte, trotzdem der Kern der Festgebenden
nicht aus leeren Figuranten und Lebemenschen, sondern aus schwungvollen, vom
Genius gehobenen Jünglingen und längst in gediegener Arbeit ausgereiften Männern
bestand, welche einen rechtsgültigen Anspruch besassen, die bewährten Vorfahren
darzustellen. Ausser den Malern und Bildhauern gingen im Zuge Baumeister,
Erzgiesser, Glas- und Porzellanmaler, Holzschneider, Kupferstecher,
Steinzeichner, Medailleure und viele andere Angehörige eines voll
ausgegliederten Kunstlebens. In den Giesshäusern standen zwölf Ahnenbilder für
den Königspalast, soeben vollendet, jedes zwölf Fuss hoch und im Feuer vergoldet.
Zahlreiche Statuen von Landes-und Geistesfürsten eigener und fremder
Nationalität, zu Ross und Fuss, samt den Bildwerken ihrer Fussgestelle waren schon
vollendet und in der Welt zerstreut, riesenhafte Unternehmungen begonnen, und es
ging in den Feuerhäusern wohl schon so gewaltsam und kraftvoll her wie an jenem
Gussofen zu Florenz, als Benvenuto seinen Perseus goss. In Fresko und Wachs waren
schon unabsehbare Wände bemalt; haushohe gemalte Fenster wurden gebrannt und
zusammengesetzt in einem Farbenfeuer, das der Auferstehung einer untergegangenen
Kunst angemessen war, um sie würdig zu feiern. Was die Gemäldesammlungen an
seltenen und unersetzbaren Schätzen auf vergänglicher Leinwand bewahrten, wurde
zur Erhaltung in dauernder Wiedergabe von geübten Arbeitern mit anspruchlosem
Fleisse auf Porzellantafeln und edle Gefässe übergetragen mit einer Kunst, die
erst seit wenig Jahren in solchem Grade bestand. Was nun der ganzen Trägerschaft
dieser Kunstwelt, den grossen und kleineren Meistern, den Gesellen und Schülern
einen erhöhten Wert verlieh, das war der reinere Abglanz der ersten Jugendreife
einer solchen Epoche, deren ideale Freudigkeit im selben Zeitalter selten
wiederkehrt, eher schon von den leichten Schatten der Verbildung und Ausartung
da und dort umschwebt wird. Alle, auch die Bejahrteren, waren noch jung, weil
die ganze Zeit jung und die Spuren eines blossen Könnens ohne Gefühl noch wenig
zahlreich waren.
    Jetzt öffneten sich die Türen, und die Trompeter und Pauker, welche
klangvoll erschienen, verbargen mit ihren Reihen den hinter ihnen anschwellenden
Zug, so dass man erwartungsvoll harrte, bis sie vorgeschritten der reichen
Entfaltung Raum gaben. Ihnen folgten zwei Zugfahrer mit dem Nürnberger Wappen,
dem Jungfernadler auf den weiss und roten Röcken, und hinter diesen schritt
schlank und zierlich einher, einen mächtigen Laubkranz auf dem Haupte, den
goldenen Stab in der Hand, der Führer der stattlichen Zunft der Meistersänger.
Alle bekränzt, ging die gute Schar derselben daher mit ihrer Spruchtafel, voran
die wanderlustige Jugend in kurzer Tracht, welcher die Alten folgten, den
ehrwürdigen Hans Sachs umgebend, der sich im dunkelfarbigen Pelzmantel wie ein
wohlgelungenes Leben mit dem Sonnenschein ewiger Jugend um das weisse Haupt
darstellte.
    Aber das bürgerliche Lied war dazumal so reich und überquellend, dass es jede
Meisterschaft begleitete und hauptsächlich auch unter dem Banner der nun
folgenden Baderzunft hinter Schermesser und Bartbecken herging. Da war Hans
Rosenblüt, der Schnepperer, der vielgewanderte Schalks- und Wappendichter, ein
krummbuckliger munterer Gesell mit einer grossen Klistierspritze im Arm. Mit
langen Schritten folgte diesem der hochbeinige Hans Folz von Worms, der berühmte
Barbier und Dichter der Fastnachtsspiele und Schwänke und als solcher Genoss des
Rosenblüt und Vorzünder des Hans Sachs. Zwei Bartscherer und ein Schuhmacher
pflegten so das junge Schoss der deutschen Bühne.
    Liederreich waren alle die anderen Zünfte, die nun folgten in ihren
bestimmten Farben an Kleid und Banner, die Schäffler und Brauer, die Metzger in
rot und schwarzem, mit Fuchspelz verbrämtem Zunftgewande, die hechtgrauen und
weissen Bäcker, die Wachszieher, lieblich in Grün, Weiss und Rot, und die
berühmten Lebküchler, hellbraun und dunkelrot gekleidet; die unsterblichen
Schuster schwarz und grün wie Pech und Hoffnung, buntflickig die Schneider. Mit
den Damast- und Teppichwirkern erschienen schon namhafte Meister des höhern
Gewerbes; denn sie brachten die fürstlichen Teppiche und Tücher hervor, mit
denen die Häuser der Kaufherren und Patrizier geschmückt waren.
    Alle jetzt erscheinenden Zünfte waren ausgefüllt von einer wahren Republik
kraftvoller, erfindungsreicher Handwerks und Kunstmänner. Die Tüchtigkeit teilte
sich unter die Gesellen, welche manchen berufenen Burschen aufzuweisen hatten,
wie unter die Meister. Schon die Dreher zeigten als Genossen Hieronymus Gärtner,
welcher mit kindlicher Andacht, als ein Werklein zum Preise Gottes, aus einem
Stückchen Holz eine Kirsche schnitzte, die auf dem Stiele schwankte, und eine
Fliege, die darauf sass, so zart, dass die Flügel und die Füsse sich bewegten, wenn
man sie anhauchte - der aber zugleich ein erfahrener Meister in Wasserwerken und
kunstreichen Brunnen war.
    Aus der wirren Fülle von Erscheinungen, deren fast jede ihre anmutige
Legende hatte, leben jetzt noch manche in meinem Gedächtnisse, und doch sind es
wenige im Vergleich zum Ganzen. Unter den Hufschmieden, rot und schwarz
gekleidet wie Feuer und Kohle, ging Meister Melchior; der die grossen eisernen
Schlangengeschütze aus freier Hand schmiedete; unter den Büchsenmachern der
erfindungsreiche Geselle Hans Danner, der schon dazumal von den Metallen Späne
trieb, als hätte er weiches Holz unter den Händen, und sein Bruder Leonhard, der
Erfinder von mauerstürzenden Brechschrauben. Da ging auch Meister Wolff Danner,
der Erfinder des Feuersteinschlosses, und neben ihm Böheim, der Meister der
Geschützgiesser, welche ihre gleissenden, wohlverzierten Geschützröhren, Kanonen,
Metzen und Kartaunen durch alle Welt berühmt machten.
    Die Zunft der Schwertfeger und Waffenschmiede allein umfasste eine
gegliederte Welt kunstreicher Metallarbeiter. Der Schwertfeger, der
Haubenschmied, der Harnischmacher, jeder von diesen brachte den Teil der
kriegerischen Rüstung, der seinem Namen entsprach, zur grössten Gediegenheit und
bewährte darin ein nachhaltiges Künstlerdasein. Wunderbar löste sich die strenge
Einteilung in die Freiheit und Vielseitigkeit auf, mit welcher die schlichten
Zunftmänner wieder zu den wichtigsten Taten und Erfindungen vorschritten und
alle wieder alles konnten, oft ohne des Lesens und Schreibens mächtig zu sein.
So der Schlosser Hans Bullmann, der Verfertiger grosser Uhrwerke mit
Planetensystemen, und der Vervollkommner derselben, Andreas Heinlein, welcher
auch so kleine Uhren zuwege brachte, dass sie im Knopfe der Spazierstöcke Platz
hatten; auch Peter Hele, der eigentliche Erfinder der Taschenuhren, ging hier
unter dem handfesten Namen eines Schlossermeisters.
    Noch seh ich auch unter den Holzschneidern ein kleines Männchen in einem
Mäntelchen von Katzenpelz, den Hieronymus Rösch, den Katzenfreund, in dessen
stiller Arbeitsstube überall jene spinnenden Tiere sassen. Und gleich hinter dem
grauschwarzen Katzenmännchen erblicke ich die lichte Erscheinung der
Silberschmiede, in himmelblauem und rosenrotem Gewande mit weissem Überwurf, und
die Goldschmiede, hochrot gekleidet mit schwarzdamastenem, reich mit Gold
gesticktem Mantel. Silberne Bildtafeln und goldgetriebene Schalen wurden ihnen
vorangetragen; die plastische Kunst lachte hier in silberner Wiege, und die
neugeborene Kupferstecherei hatte hier ihren metallischen Ursprung, getrennt von
dem Holzschnitt, welcher mit der schwärzlichen Buchdruckerei wandelte.
    Noch sehe ich auch einen feinen Mann, dessen Legende mich besonders rührte,
unter den Kupfertreibern, den Sebastian Lindenast, der seine kupfernen Gefässe
und Schalen so schön und kostbar arbeitete, dass der Kaiser ihm das Vorrecht
verlieh, sie zu vergolden, was sonst keiner durfte. Welch ein schönes Verhältnis
zwischen dem Werkmann und dem obersten Haupte der Nation, diese Befugnis, ein
geringes Metall um der edlen Form willen zum Goldrange zu erheben!
    Gleich neben diesem sah ich den Veit Stoss, einen Mann von seltsamster
Mischung. Er schnitt aus Holz so holde Marienbilder und Engel und bekleidete sie
so lieblich mit Farben, güldenem Haar und Edelsteinen, dass damalige Dichter
begeistert seine Werke besangen. Dazu war er ein mässiger und stiller Mann, der
keinen Wein trank und fleissig seiner Arbeit oblag, immer neue fromme Bilder für
die Altäre erschaffend. Aber des Nachts machte er eifrig falsche Wertpapiere, um
sein Gut zu mehren, und als er ertappt wurde, durchstach man ihm öffentlich mit
einem glühenden Eisen beide Wangen. Weit entfernt, von solcher Schmach gebrochen
zu werden, erreichte er in aller Gemächlichkeit ein Alter von fünfundneunzig
Jahren und schnitt nebenbei Reliefkarten von Landschaften mit Städten, Gebirgen
und Flüssen; auch malte er und stach in Kupfer.
    Doch als ein ganzer und klassischer Genoss trat nun unter dem schlichten
Namen eines Gelb- und Rotgiessers Peter Vischer einher mit seinen fünf Söhnen,
die Hantierer in glänzendem Erze. Er sah aus mit seinem kräftig gelockten Bart,
der runden Filzmütze und seinem Schurzfell wie der wackere Hephästos selber.
Sein freundlich grosses Auge verkündete, dass es ihm gelang, sich im Sebaldusgrabe
ein unvergängliches Denkmal zu setzen, reich an Arbeit vieler Jahre und
beschienen vom Abglanz griechischen Lebens, ein Wohnsitz vieler Bildwerke, die
im lichten Raume den silbernen Sarg des Heiligen hüten. So wohnte der Meister
selbst mit seinen fünf Söhnen samt ihren Weibern und Kindern in einem Hause und
derselben Werkstatt, im Glanz neuer Werke.
    Einer, der mir nicht viel weniger gefiel, war im Zuge der Maurer und
Zimmerleute Georg Weber, gross und stark heranschreitend, zu dessen grauem Kleide
es einer Unzahl von Ellen Tuches bedurfte. Der war freilich ein Wäldervertilger;
denn mit seinen Werkleuten, die er alle so gross und stark aussuchte, wie er
selber war, mit dieser Riesenschaft arbeitete er mächtig in Bäumen und Balken,
sinnreich und künstlich, und fand nicht seinesgleichen. Er war jedoch ein
trotziger Volksmann und machte im Bauernkrieg den Bauern Geschütze aus grünen
Waldbäumen. Er sollte deshalb zu Dinkelsbühl geköpft werden; allein der Rat von
Nürnberg löste ihn wegen seiner Kunst und Nützlichkeit aus und ernannte ihn zum
Stadtzimmermeister. Er baute nicht nur schönes und festes Sparren- und
Balkenwerk, sondern auch Mühl- und Hebemaschinen und gewaltige lasttragende
Wagen und fand für jedes Hindernis, jede Gewichtmasse einen Anschlag unter
seiner starken Hirnschale. Bei alledem konnte er weder lesen noch schreiben.
    So folgten sich, da man eine ganze Zeit zusammenfasste, Scharen von
ausdrucksvollen Gestalten, die alle im Leben gestanden hatten, bis dieser Teil
des Zuges mit der Zunft der Maler und Bildhauer und der Erscheinung Albrecht
Dürers abschloss. Unmittelbar voran ging ihm der Edelknabe mit dem Wappenschilde,
der in blauem Felde drei silberne Schildchen zeigt und von Maximilian dem grossen
Meister für die ganze Künstlerschaft gegeben worden ist. Dürer selbst schritt
zwischen seinem Lehrer Wohlgemut und Adam Kraft; die eigenen hellen
Ringellocken des Darstellers fielen nach beiden Seiten gleich gescheitelt ganz
so auf die breiten, mit Pelz bedeckten Schultern wie im bekannten Selbstbildnis,
und mit anmutiger Geschicklichkeit trug der geschmeidige Mann die feierliche
Würde, die auf ihm lastete.
    Nachdem nun, was eine Stadt baut und ziert, vorangegangen, trat
gewissermassen die Stadt selbst auf. Von zwei bärtigen Hellebardieren begleitet,
wurde ihr das grosse Banner vorgetragen. Hoch trug der kecke Fähndrich die
wallende Fahne, im üppig geschlitzten Kleide, die linke Faust stattlich in die
Seite gestemmt. Alsdann kam der Stadtauptmann, kriegerisch prächtig in Rot und
Schwarz gekleidet, mit dem Brustarnisch angetan und den Kopf mit breitem, von
Federn wogendem Barettute bedeckt. Ihm folgten Bürgermeister, Syndikus und
Ratsherren, unter ihnen manch ein im weiten Reich angesehener und erspriesslicher
Mann, und endlich die festlichen Reihen der Geschlechter. Seide, Gold und
Juwelen glänzten hier in schwerem Überfluss. Die kaufmännischen Patrizier, deren
Güter auf allen Meeren schwammen, die zugleich in streitbarer Haltung mit dem
selbstgegossenen Geschütze die Stadt verteidigten und an den Reichskriegen
teilnahmen, übertrafen den mittlern Adel an Pracht und Reichtum wie in
Gemeinsinn und sittlicher Würde. Ihre Frauen und Töchter rauschten wie grosse
lebende Blumen einher, einige mit goldenen Netzen und Häubchen um die
schöngezöpften Haare, andere mit federwallenden Hüten, diese den Hals mit
feinstem Linnen umschlossen, jene die entblössten Schultern mit köstlichem
Rauchwerk eingerahmt. Inmitten dieser glänzenden Reihen gingen einige
venezianische Herren und Maler, als Gäste gedacht, poetisch in ihre welschen,
purpurnen oder schwarzen Mäntel gehüllt. Diese Gestalten lenkten die Phantasie
auf die Lagunenstadt und von da in die Weite an alle Küsten des Mittelmeeres.
    Eine zweite breite Reihe von Trompetern und Paukern, überragt vom Doppelaar,
führte endlich schmetternd das Reich heran, mit allem, was es an Tapferkeit und
Glanz um den Kaiser zu scharen hatte. Ein Haufen Landsknechte mit seinem
robusten Hauptmann gab sogleich ein lebendiges Bild jener Kriegszeit und ihres
unruhigen, wilden und sanglustigen Volkstumes. Durch den Wald von achtzehn Schuh
langen Spiessen, unter dem sie einhermarschierten, sah der innere Blick Berg und
Tal, Wälder und Felder, Burgen und Vesten, deutsches und welsches Land sich
ausbreiten, nachdem die mauerumschlossene, reichgebaute Stadt sich vorhin
kundgetan. Die Schar der Kriegsgesellen, aus dem jungen Volke und einigen
älteren Schnapphähnen bestehend, hatte sich so eifrig in Tracht, Sitten und
Lieder des geschichtlichen Vorbildes eingelebt, dass von diesem Feste her sich
eine eigene Landsknechtkultur in Wort und Bild auftat und die blossen
sonnverbrannten Nacken der Schwartenhälse, ihre zerschnittenen Bauschkleider und
kurzen Schwerter noch langehin überall zu sehen waren.
    Nun wurde es aber wieder feierlicher und stiller. Vier Edelknaben mit den
Wappenschilden von Burgund, Holland, Flandern und Österreich, dann vier Ritter
mit den Bannern von Steier, Tirol, Habsburg und mit dem kaiserlichen Paniere
traten auf, dann ein Schwertträger und zwei Herolde. Nach der Flamberge
tragenden Leibwache des Kaisers kam eine Schar Edelknaben in kurzen
goldstoffenen Wämsern, goldene Pokale tragend, dem kaiserlichen Mundschenk
vorauf, und ebenso gingen Jäger und Falkoniere dem Oberjägermeister vorauf.
Fackelträger mit vergittertem Gesicht umgaben den Kaiser. Rock und
Hermelinmantel von schwarzdurchwirktem Goldstoff, einen goldenen Brustarnisch
tragend, auf dem Barett den königlichen Reif, ging Maximilian heroisch daher,
das Angesicht auf das Heldenmütige, Ritterhafte und Sinnreiche gerichtet. So
konnte man selbst von dem lebenden Konterfei sagen. Denn es hatte sich für das
Bild des Kaisers ein junger Maler von den fernsten Grenzen des ehemaligen
Reiches gefunden, der in Haltung und Angesicht ohne alle Zutat wie dazu
geschaffen war.
    Unmittelbar hinter dem Kaiser ging sein lustiger Rat Kunz von der Rosen,
aber nicht gleich einem Narren, sondern wie ein kluger und wehrbarer Held
launiger Weisheit. Er war ganz in rosenroten Samt gekleidet, knapp am Leibe,
doch mit weiten ausgezackten Oberärmeln. Auf dem Kopfe trug er ein azurblaues
Hütchen mit einem Kranze von je einer Rose und einer goldenen Schelle; an der
Hüfte indessen hing an rosenfarbenem Gehänge ein breites, langes Schlachtschwert
von gutem Stahl. Wie sein Held und Kaiser war er nicht sowohl ein Dichter als
selbst ein Gedicht.
    Nun schritt in Stahl gehüllt und waffenklirrend einher, was von der
Lüneburger Heide bis zum alten Rom, von den Pyrenäen bis zur türkischen Donau
gefochten und geblutet hatte, die glänzende Führerschaft des Reiches der
Erbschenk und Stattalter Siegmund von Dietrichstein und der zum zeitweiligen
Feldherrn gediehene Jurist Ulrich von Schellenberg, Georg von Frundsberg, Erich
von Braunschweig, Franz von Sickingen, das Freundespaar Roggendorf und Salm,
Andreas von Sonnenburg, Rudolf von Anhalt und die übrigen, jeder mit seinen
Waffen- und Trophäenträgern, überschattet von den Fahnen mit den Namen der
Schlachten und Belagerungen, begleitet von Schilden mit kühnen oder edelsinnigen
Wahlsprüchen. In diesem Aufzuge sah man vorzugsweise schöne und kräftige
Männergestalten, da hier meistens solche ihren Platz genommen, die als die
Schmiede ihres Glückes sich auf die Höhe des Lebens und Gelingens durchgekämpft
hatten und in jeder Hinsicht geeignet waren, das Tüchtigste vorzustellen. Ich
hatte mich an meinem noch verborgenen Platze etwas vorgedrängt, um besser sehen
zu können, was uns voranzog, und verschlang alles mit den Augen wie einer, der
das Zweite Gesicht hat. Meine eigene Mitspielerschaft ganz vergessend, erlabte
ich mich an dem Anblick der Herrlichkeit; als ob ich selbst ein Nachkomme der
verschwundenen Reichsgenossen wäre, atmete ich voll stolzer Freude, die sich
womöglich noch steigerte, als nun unter den gelehrten Räten des Königs der
berühmte Willibald Pirckheimer auftrat, der in dem sogenannten Schwabenkriege
den nürnbergischen Zuzug in der Heerfolge Maximilians gegen die Schweizer
geführt und jenen Feldzug beschrieben hat. Denn plötzlich fiel mir nun ein, wie
dieser selbe Ritterkönig mit allen diesen Kriegsherren, als er mein Vaterland
hatte zum Reiche zurückzwingen wollen, das gegen meine Vorfahren aufgerichtete
Reichsbanner hatte niederlassen und ohne Erfolg abziehen müssen, in die Klage
ausbrechend, er könne die Schweizer nicht ohne Schweizer schlagen. So vermochte
ich um so ungetrübter mich allen nationalen Selbstzufriedenheiten hinzugeben und
bedachte nicht, wie unablässig die Eimer des Geschickes steigen und fallen und
wie wenig, was meine alten Eidgenossen betraf, dieselben eigentlich trotz ihrer
Tapferkeit von allen ihren Nachbaren geliebt und geschätzt waren.
    Ich hätte auch beinahe übersehen, dass der lange Prachtzug des letzten
Ritters zu Ende ging und, während die Scharen der bisher Vorübergezogenen im
weiten Rundgange sich kreuzten, schon der Mummenschanz heranrauschte, in welchem
alles sich auftat, was die Künstlerschaft an übermütigen Sonderlingen,
Witzbolden, Lückenbüssern und Kometennaturen vermochte.
    Auf einem störrischen Esel eröffnete der Mummereimeister den träumerischen
Zug, und hinter ihm tanzten die bunten Narren Gylyme, Pöck und Guggerillis, die
Zwergschälke Metterschi und Duweindl und viele andere Narren daher, unter welche
ich als ein ziemlich stiller Narr zurückgeschlüpft war. Dann kam der bekränzte
Tyrsusträger, welcher die behaarte, gehörnte und geschwänzte Musikbande führte.
In ihren Bockshäuten nach der eigenen Musik hüpfend und hopsend, brachten diese
Gesellen eine uralte, seltsam schreiende und brummende Musik hervor, bald in der
Oktave! bald in lauter Quinten pfeifend und schnurrend, aus der obersten Höhe in
die unterste Tiefe springend.
    Mit goldenem umlaubtem Tyrsusstabe schritt der Anfahrer des Bacchuszuges
vor. Ein Kranz blauer Trauben umschattete seine glühende Stirn; von den
Schultern flatterte und wallte eine festliche Last buntgestreifter Seidenbänder
bis auf die Füsse und verhüllte wehend den schlanken Körper. Nur die Füsse waren
mit goldenen Sandalen bekleidet. Halb mittelalterlich, halb antik geschürzte
Winzer umschwärmten die biblischen Kundschafter aus dem Gelobten Lande, welche
an tiefgebogener Stange die grosse Traube trugen, gefolgt von vier noch
kernhafteren Männern, die zwischen vier aufrechten Fichten eine noch viel
mächtigere Traube daherbrachten. Alle übrige Zubehör eines bacchantischen
Getümmels mit Becken, Schalen und Stäben zog und schob den Wagen des
efeubekränzten Gottes, über dem sich ein dunkelblauer Himmel von Trauben wölbte.
    Dem Triumphwagen der Venus, welcher sich hierauf nahte, gingen als Diener
des Mars zwei zarte, in Landsknechttracht gekleidete Knaben mit Trommel und
Pfeife vorauf, die gekerbten Federhüte auf dem Rücken tragend, dass das bunte
Gefieder auf dem Boden schleifte. Mit schelmischer Feierlichkeit liessen sie
ihren Kriegsmarsch ertönen, wobei die mehr sanfte als schrille Flöte immer
denselben sehnsüchtigen Satz wiederholte. Könige mit Krone und Zepter, zerlumpte
Bettler mit dem Schnappsack, Pfaffen und Juden, Türken und Mohren, Jünglinge und
Greise zogen den Wagen herbei. Die auf ihm ruhende Venus war niemand anders als
die schöne Rosalie, halb liegend auf einem Rosenlager unter durchsichtiger
Blumenlaube. Ihr Kleid war von Purpurseide, aber vom Schnitte eines patrizischen
Festkleides der damaligen Zeit, wie etwa Altrecht Dürer eine mytologische
Gestalt zu zeichnen liebte. Der schwere Stoff bildete sogar getreu den
prächtigen gebrochenen Faltenwurf an den weiten langen Ärmeln und der
königlichen Schleppe, und ein breiter Damenhut von Purpursammet, mit weissen
Federn umsäumt, überschattete waagrecht das Haupt, von einem goldenen Stern
überstrahlt. In der Hand hielt sie eine goldene Weltkugel, auf welcher zwei mit
den Flügeln schlagende und sich schnäbelnde Tauben sassen. Unter ihren Gefangenen
gingen zu beiden Seiten des Wagens der heidnische Philosoph Aristoteles und der
christliche Dichter Dante Alighieri, welche in ehrwürdigster Haltung ihr zu
besonderm Schutz und Handreichung dienten. Sie aber schaute dann und wann
rückwärts, da gleich hinter ihrem Wagen der starke Erikson als wilder Mann
einherkam, der den Zug der Diana anführte, Lenden und Stirn in dichtes
Eichenlaub gehüllt, ein Bärenfell um die Schultern geschlagen. Viele Jäger
folgten ihm mit grünen Zweigen auf Hüten und Kappen, die grossen Hiftörner mit
Laubwerk umwunden, das Jagdkleid mit Iltisfellen, Luchsköpfen, Rehfüssen und
Eberzähnen besetzt. Einige führten Rüden und Windspiele, einige mit Steigeisen
am Gürtel trugen Gemsböcke auf dem Rücken, andere Auerhähne und Bündel von
Fasanen, und wieder andere auf Bahren Schwarzwild und Hirsche mit versilberten
Hauern, Geweihen und Schalen. Dann trug eine Schar wilder Männer ein wanderndes
Gehölz belaubter Bäume verschiedener Art, in welchen Eichhörnchen kletterten und
Vögel nisteten. Durch die Stämme dieses Waldes sah man schon die silberne
Gestalt der Diana schimmern, der schmalen Agnes, wie sie von Lys gekleidet und
geschmückt worden. Ihr Wagen war von allem möglichen Wilde bedeckt, und dessen
Köpfe umkränzten ihn mit vergoldetem Horn und bunten Federn. Sie selbst sass mit
Bogen und Pfeil auf einem Felsen, aus welchem ein Quell in ein Becken von
Tropfsteinen sprang; wilde Männer, Jäger und Nymphen nahten sich in buntem
Gedränge, um aus hohler Hand den Durst zu stillen.
    Agnes war in ein Gewand von Silberstoff gekleidet, das bis an die Hüften
sich knapp anschmiegte und alle ihre geschmeidigen Formen wie aus dem hellen
Metalle gegossen erscheinen liess Die kleine klare Brust war wie von einem
Silberschmied zierlich getrieben. Vom Schosse abwärts, den ein grüner Florgürtel
mehrfach umwand, floss das Gewand weit und faltig, wiederholt geschürzt, doch bis
auf die Füsse, die mit silbernen Sandalen keusch hervorsahn. Im schwarzen,
griechisch aufgebundenen Haare machte sich mit Mühe die blanke Mondsichel
sichtbar, und wenn sich der Kopf ein wenig regte, wurde sie von den Locken
zeitweise ganz bedeckt. Das Gesicht der Agnes war weiss wie Mondschein und noch
blasser als gewöhnlich; ihr Auge flammte dunkel und suchte den Geliebten,
während in dem silberglänzenden Busen der kühne Anschlag, den sie gefasst, das
Herz pochen machte.
    Der geliebte Lys aber, der den Aufzug eines der Jagd obliegenden
Assyrerkönigs gewählt, um seiner Diana zur Seite gehen zu können, hatte, sobald
er die Rosalie-Venus erblickt, jene verlassen, sich unter den Triumphzug der
letzteren gemischt, betrachtete sie unverwandt gleich einem Nachtwandler und
wich keinen Schritt von ihrem Wagen, ohne seines Tuns bewusst zu werden.
    Meinerseits hatte ich mich, meinem alten Zunamen getreu, in ein laubgrünes
Narrenkleid gesteckt und um die Schellenkappe ein Geflecht von Disteln und
Stechpalmzweigen mit roten Beeren geschlungen. Diese jagdverwandte Tracht
benutzte ich nun, als ich sah, wie die Dinge standen oder vielmehr gingen, um ab
und zu durch den wandelnden Wald zu huschen und der ärmsten Diana zur Seite zu
bleiben, da sonst kein Befreundeter um sie war; denn Erikson, der wilde Mann,
hielt sein Auge auf Lys und Rosalien gerichtet, ohne indessen stark aus seiner
Gemütsruhe zu geraten.
    Den südlich-griechischen Bildern folgte als nordisch-germanisches Märchen
der Zug des Bergkönigs. Ein Gebirge von Erzstufen und Kristallen war auf seinem
Wagen errichtet, und darauf tronte die riesige Gestalt in grauem Pelztalar, den
schneeweissen Bart wie das Haar bis auf die Hüften gebreitet und diese davon
umwallt. Das Haupt trug eine hohe goldene Zackenkrone. Um ihn her schlüpften und
gruben kleine Gnomen in den Höhlen und Gängen und waren wirkliche Bübchen; aber
ein kleiner Berggeist, welcher vorn auf dem Wagen stand, ein strahlendes
Grubenlicht auf dem Kopf, den Hammer in der Hand, war ein kaum drei Spannen
langer, völlig ausgewachsener Künstler, ebenmässig fein gebaut, mit männlich
sauberm Gesichtchen, blauen Augen und blondem Zwickelbart. Das kleine Wesen,
einem Zaubermärchen gleichend, war nichts weniger als eine blosse Seltsamkeit,
sondern ein solider und rühmlicher Maler, ein lebendiges Zeugnis, dass diese
bedeutende Künstlerschaft nicht nur alle Gliederungen eines grossen Volkes,
sondern auch alle Gestaltungen des körperlichen Daseins umfasste.
    Hinter dem Bergkönig auf demselben Wagen schlug der Prägemeister aus Silber
und blankem Kupfer kleine Denkmünzen auf das Fest; ein Drache spie sie in ein
klingendes Becken, und zwei Pagen, Gold und Silber genannt, warfen die
Schimmerstücke unter das schauende Volk. Ganz zuletzt und einsam schlich der
Narr Gülichisch daher und schüttelte traurig den leeren Beutel.
    Freilich folgte dem hinkenden Narren auf dem Fusse wieder der glanzvolle
Anfang; wieder gingen die Zünfte, das alte Nürnberg, Kaiser und Reich und die
Fabelwelt vorüber, und so zum dritten Male, und immer ging Lys neben dem Wagen
der Venus, schritt Erikson aufmerksam dahinter her und schaute Agnes, welche in
ihrem Walde nicht sehen konnte, was vorging, bald ratlos umher, bald schlug sie
traurig die Augen nieder.
    Die ganze Masse reihte sich nun in eine gedrängte Ordnung und liess ein
volltöniges Festlied erschallen, um dem wirklichen Könige, in dessen Machtkreis
zuletzt diese ganze Traumwelt hing, ihre Huldigung darzubringen. Dann bewegte
sich der lange Zug an der im Logensaal versammelten Familie des Landesherren
vorbei und auf bedeckten Gängen in das Königsschloss hinüber, durch dessen Säle
und Korridore, welche alle von Zuschauern angefüllt waren. Der zufriedene, ja
vergnügt scheinende Monarch, welcher die rauschende und farbenstrahlende
Festfreude gewissermassen als den Lohn seines eigenen Verdienstes betrachten
durfte, sass auf goldenem Sessel in der Mitte der Seinigen und besah sich nun
diese und jene Erscheinung des vorüberwallenden Zuges genauer und richtete an
manchen einzelnen ein Scherzwort. Als ich in seine Nähe kam, hatte ich ein
kleines Hühnchen mit ihm zu pflücken. Denn vor kurzer Zeit, da ich nach dem Rate
des trinksamen Eichmeisters in der Abenddämmerung durch eine stille Strasse ging,
um den bescheidenen Abendtrunk aufzusuchen, begegnete ich dem mir unbekannten
schlank hagern Manne, der plötzlich seinen raschen Schritt anhielt und mich
achtlos Vorübergehenden fragte, warum ich ihm nicht die gebührende Ehre erweise?
Erstaunt sah ich ihn an; aber schon hatte er mir den Hut vom Kopfe genommen, mir
in die Hand gegeben und sagte: »Kennen Sie mich nicht? Ich bin der König!«
worauf er seinen Weg in die Dämmerung hinein fortsetzte. Ich brachte meinen Hut
wieder, wo er hingehörte, sah dem schattenhaften Wandler noch verblüffter nach
und wusste nicht, was zu tun sei. Endlich sagte ich mir, wenn es ein Spassvogel
gewesen, der sich einen Scherz gemacht, so handle es sich nicht um die Ehre; sei
es aber wirklich der König, dann auch nicht; denn wenn die Könige nicht
beleidigt werden dürfen, so können sie auch nicht beleidigen noch beschimpfen,
da ihre einsame Willkür jede gewöhnliche Wirkung aufhebe. Heute erkannte ich,
als ich ihm vorüberging, sogleich, dass es der König gewesen. Die Narrenfreiheit
benutzend, sprang ich aus dem Zuge heraus, trat vor ihn, streckte meinen Kopf
dar und rief fröhlich: »Hei, Bruder König! warum greifst du nicht an meinen
Hut?« Er sah mich aufmerksam an, erinnerte sich offenbar und verstand auch, dass
ich die Disteln und Stechpalmen meinte, an denen er sich verletzen würde. Aber
er sagte kein Wort, sondern fasste lächelnd mit spitzen Fingern zwei der
aufragenden Schellenzipfel meiner Kappe, hob diese ganz sachte in die Höhe, so
dass ich barhäuptig dastand, und liess sie ebenso sanft wieder nieder. Da sah ich,
dass hier nicht aufzukommen war, liess den Handel fallen und trollte weiter.
    Die Prachttreppen hinunter, durch Bogengänge und Säulenhallen, über die von
Pechflammen erleuchteten Plätze, von den Wogen des Stadtvolkes angefüllt,
überall gingen die Künstler an ihren Werken vorbei, bis der Zug in dem grossen
Festgebäude mündete, dessen Räume für die weiteren Taten zubereitet und
geschmückt waren. Der grösste Saal war zu Bankett, Spiel und Tanz eingerichtet,
und zwar ganz im Stile des gefeierten Zeitalters, eine Reihe von Nischen und
Nebengemächern für den Aufentalt einzelner Gruppen und Gesellschaften
gartenähnlich verkleidet. Nachdem die allgemeine Tafelfreude genugsam
vorgerückt, begann auch unverweilt Tanz und Spiel jeder Art an allen Enden. Die
Meistersänger hielten bei offener Türe Singschule in einem kleinern Saale. Es
wurde nach den zünftigen Gebräuchen wettgesungen, ein Schulfreund oder Singer
zum Meister gesprochen und dergleichen mehr. Die vorgetragenen Gedichte
entielten hauptsächlich Hecheleien der verschiedenen Kunstrichtungen
gegeneinander, Verspottung anmasslichen oder eigensinnigen Wesens an Leuten und
Schulen, Klagen über gesellschaftliche Übelstände, dann auch den Preis des
Unbestrittenen, Anerkannten. Es war sozusagen eine allgemeine Abrechnung, bei
welcher jede Richtung und jede Grösse ihren Vertreter mit fertigem Spruche unter
die Singer gestellt hatte. Der Inhalt der lebhaften satirischen Verse nahm sich
höchst seltsam aus in der Form, in welcher er vorgebracht wurde. Denn während
alle Singenden in denselben einförmigen und hölzern trockenen Knittelversen ihre
angeblichen Stollen und Abgesänge vortrugen, wurde doch jeder einzelne unter
Ankündigung einer neuen Weise aufgerufen. Da wurde gesungen in Orpheus'
sehnlicher Klagweise, der gelben Löwenhautweise, der schwarzen Agtsteinweise,
der Igelweise, verschlossenen Helmweise, überhohen Bergweise, krummen
Zinkenweise, glatten Seidenweise, Strohhalmweise, spitzigen Pfriemweise,
stumpfen Pinselweise, blauen Berlinerweise, rheinischen Senfweise, glitzerigen
Turmgockelweise, sauren Zitronweise, zähen Honigweise usw., und das Gelächter
war gross, wenn nach diesen pomphaften Ankündigungen immer der alte grämliche
Leierton sich von neuem hören liess. Einige Singer packten auch ihren Gegenstand
unmittelbar aus dem gegenwärtigen Augenblicke; so rächte sich ein Schuster für
den Stolz, mit welchem eine Edelfrau, ihrer Rolle getreu, ihm soeben den Tanz
verweigert, durch lautes Anrühmen der Gunst, die bei mehr als einer goldenen
Dame zu holen sei, wenn man es nur recht anzufangen wisse, worauf ein Weissgerber
mit Aufwerfung der alten Frage antwortete, ob Keckheit oder Bescheidenheit eher
zum Ziele führe, und ein Wachszieher schliesslich die Frauen für solche Wesen
erklärte, welche stets die eine Art vorzögen, wenn die andere gerade nicht zu
haben wäre.
    So grobe Reden durfte die Frau Venus, die mit einem Teile ihres Gefolges der
Singschule beigewohnt, nicht anhören. Sie brach mit verstellter Entrüstung auf
und zog sich in eines der Seitengemächer zurück, wo sie ihren durch ein paar
anmutige Frauen vermehrten Hof hielt. In einer anstossenden ganz grünen Nische
hatten die Jäger ihren Sitz aufgeschlagen, und ihrer Diana dienten einige junge
Nymphen zur Gesellschaft; sie liessen sie aber meistens allein sitzen und
schwärrnten mit den wilden Jagdgenossen auf den Tanz aus. Ich setzte mich daher
öfter neben sie und suchte ihre Verlassenheit durch Gespräch und übliche
Dienstleistungen so ungesehen als möglich zu machen, bis die zu erhoffende
Wendung der Dinge herbeikäme. Erikson ging ab und zu; er konnte seiner
Wildemannstracht halber nicht wohl tanzen noch sich in zu grosse Nähe der Frauen
setzen. Die Rolle war ihm erst in den letzten Tagen durch eingetretenen Notfall
aufgedrängt worden, und er hatte sie nicht ungern übernommen, weil sie ihn von
der Frau Rosalie etwas getrennt hielt und hiedurch das zwischen ihnen waltende
Verhältnis nicht zu früh ganz offenkundig wurde, und Rosalie war damit
einverstanden. Jetzt bereute er fast sein Verfahren, als er sah, wie Lys fort
und fort dicht in ihrer Nähe blieb, wie sie lachte, scherzte, von freundlichem
Liebreize strahlte und den eifrig sie unterhaltenden Untreuen mit anmutig naiven
Fragen in einer Bewegung erhielt, deren Verblendung die schöne Sicherheit nicht
ahnte, in welcher die Frau lebte. Weder er noch Erikson bemerkten den scheinbar
zufälligen, flüchtigen, aber zufriedenen Blick, mit welchem sie mitten im
Gespräche der Gestalt des wilden Mannes folgte, wenn er zuweilen in einiger
Entfernung vorbeiging.
    Agnes hatte schon lange stumm neben mir gesessen, während die kostbare Zeit
dieser Nacht unaufhaltsam vorrückte. Sie wiegte, den Busen von ungestümen
Gefühlen bewegt, das schwarzgelockte Haupt, und nur zuweilen schoss sie einen
flammenden Blick zu Lys und Rosalien hinüber, zuweilen auch sah sie ruhig
verwundert hin, aber stets erblickte sie dasselbe Schauspiel. Zuletzt verstummte
auch ich und versank in trübes Sinnen über eine so grosse Schwäche des von mir
hochgehaltenen Freundes. Wie eine unheimliche Naturerscheinung beunruhigte mich
dieser rücksichtslose Wankelmut, der zu einer Art frecher Kühnheit wurde, und
ich litt unter dem Eindruck, mit welchem man im Traum einen Sinnlosen sich in
den Abgrund stürzen sieht.
    Ein tiefer Seufzer weckte mich auf; Agnes hatte gesehen, wie Lys mit
Rosalien zum Tanze schritt, der im nahen Hauptsaale rauschte und wogte;
plötzlich forderte sie mich auf, sie ebenfalls hinzuführen und mit ihr zu
tanzen. Schon drehten wir uns mit der buntschimmernden Menge und begegneten
zweimal der rosigen Venus, deren Purpurgewand flog und den mit ihr tanzenden Lys
zeitweise halb bedeckte. Dieser grüsste uns froh und zufrieden, wie man Kinder
grüsst, die sich gut zu unterhalten scheinen. Wieder trafen wir am Ende des
Walzers zusammen; Rosalien gefiel das zierliche Kind und verlangte es in ihrer
Nähe zu haben, während ich an den Narrenspielen teilnehmen musste, die den Tanz
jetzt ablösten.
    An einem langen Seile führte Kunz von der Rosen alle vorhandenen Narren
durch das Gedränge. Jeder trug auf einer Tafel geschrieben den Namen seiner
Narrheit, und von den leichteren schied der lustige Rat neun schwere aus und
stellte sie vor dem Kaiser als Kegelspiel auf. So standen da vor aller Augen
Hochmut, Neid, Grobheit, Eitelkeit, Vielwisserei, Vergleichungssucht,
Selbstbespiegelung, Halsstarrigkeit und Wankelmut. Mit einer mächtigen Kugel,
welche die übrigen Narren mit komisch heftigen Gebärden herbeiwälzten, versuchte
nun mancher Ritter und Bürger nach den neun Kegelnarren zu schieben, aber nicht
einer wankte, bis endlich der heroische Max, welcher das ganze deutsche Volk
darstellte, sie alle mit einem Wurfe über den Haufen warf, dass sie
übereinanderpurzelten.
    Aus dieser Niederlage entwickelte sich eine scherzhafte Auferstehung, indem
Kunz dem sieghaften König als Belohnung die wiedererstandenen Bildwerke der
alten Welt vor Augen brachte und zunächst die gefallenen Narren als
Niobidengruppe aufrichtete, welche freilich zur Zeit Maximilians noch in der
Erde lag. Aus der tragischen Darstellung löste sich unversehens die Gruppe der
Grazien, von drei jungen, zierlich feinen Narren gebildet, welche sich nach
einmaligem Umdrehen wieder um einen Mann verminderten und als Amor und Psyche
umfingen, bis diese sich auflösten und nur ein Narzissus übrigblieb. Aber auch
dieser schwand hinweg, und an seiner Stelle lag jener kleinste Zwerg als
sterbender Fechter am Boden und machte seine Sache so vortrefflich, dass alle
Zuschauer zu lautem Beifall gerührt wurden und die gesamte Narrenschaft
herbeieilte, ihn samt der umgekehrten Fischschüssel, auf welcher er lag,
emporhob und im Triumph davontrug.
    Als auch diese Wolke sich verzogen, wurde eine Laokoonsgruppe sichtbar, von
Erikson und zwei jungen Satyrn mit Hilfe zweier grossen Schlangen dargestellt,
die man aus Draht und Leinwand gemacht hatte. Es war keine leichte Anstrengung,
mit gespannten Muskeln in der vorgeschriebenen Lage zu verharren; diese wurde
aber noch schwieriger, als er in dem krampfhaft zurückgebogenen Kopfe die Augen
einmal abwärts bewegte und in dem nunmehrigen augenblicklichen Gesichtsfelde
Rosalien sah, wie sie von Lys am Arme vorübergeführt wurde, sich lächelnd, aber
flüchtig nach ihm umwendete und dann mit ihrem Führer plaudernd sich im Gedränge
verlor. Auch hörte er in der Nähe sagen: »Da geht ja die schöne Venus die ganze
Zeit mit dem reichen Fläming oder Friesen, oder was er ist! Gut genug sieht er
übrigens aus, und sie wird denken schön und reich, sind beide gleich!«
    Sobald er die Schlangen abgestreift hatte und frei war, stürmte Erikson
durch das Haus und bettelte von zechenden Bekannten entbehrliche Gewandstücke
zusammen. Wunderlich gekleidet, teilweise ein Bischof, ein Jäger und ein wilder
Mann, den Kopf noch grün belaubt, suchte er die Verschwundenen auf und fand sie
in dem grössern Kreise, in welchem die Bacchusleute, der Hof der Venus und die
Jäger sich vereinigt hatten. Er war nicht eifersüchtig und schämte sich sogar
des Gedankens, dass er es je sein könnte, weil die begründete wie die grundlose
Eifersucht diejenige Würde vernichtet, deren die gute Liebe bedarf. Er wusste
nur, dass in der Welt alles möglich sei und das Folgenreichste oft von einer
kleinen Unterlassung abhänge, welche die Dinge ohne Not verändere, und überdies
war er zu dieser Zeit noch ungewiss, ob das Verraten von Ruhe oder Unruhe welches
von beiden für Rosalien eher beleidigend sein könnte. Denn wenn sie sich die
Mühe gab, die Bewerbungen des Niederländers so offenkundig zu ertragen, und
dabei eine geheime Absicht verbarg, so musste Erikson sich artigerweise auch die
Mühe geben, einen solchen Vorgang zu verstehen.
    Die Ruhe gewann indessen die Oberhand, als er das vermisste Paar mitten in
unserm mytologischen Kreise sitzen sah; er nahm gleichmütig in der Nähe Platz,
musste aber alsobald seine Aufmerksamkeit wieder anstrengen. Lys führte seine
Reden über durchaus unverfängliche, ja gleichgültige Dinge, aber mit jenem
unmittelbar an die Frau gerichteten vertrauten Tone, welchen solche Eroberer
anzuschlagen pflegen, um die Welt an das Unvermeidliche beizeiten zu gewöhnen.
Erikson ertrug manches an ihm, ohne zu richten; jetzt aber stieg ihm doch der
Gedanke auf, ob der Freund nicht doch einer von den Tröpfen sein dürfte, deren
Hauptstück darin besteht, goldene Uhren zu stehlen oder einem andern das Weib zu
nehmen. Es gibt ja, dachte er, bei beiden Geschlechtern solche Raub- und
Wechseltiere, die nur dann glücklich sind, wenn sie erst fremdes Glück zerstört
haben! Freilich nehmen sie nur, was sie kriegen können, und die Ware ist auch
meistens darnach! Allein diesmal wäre es wirklich schade! Und er betrachtete mit
neuer Besorgnis und Bewunderung Frau Rosalien, wie sie mit unverwüstlicher
Holdseligkeit Lysens Gespräch anhörte und ihn mit unwiderstehlichem Lächeln zu
klugen und zuversichtlichen Redensarten verlockte. Derart beschäftigt, konnte er
nicht beachten, was mit Agnes vorging und wie ich als ihr Abgesandter abermals
zu Lys herüberkam und ihn leise, aber inständig bat, nur ein einziges Mal mit
ihr zu tanzen. Da Lys eben eine kleine Pause machte, schreckte er auf wie ein
balzender Auerhahn, aber nicht um davonzufliegen, sondern mich mit unterdrückter
Stimme anzufahren: »Was ist denn das für eine Sitte an einem jungen Mädchen?
Tanzt miteinander und lasst mich zufrieden!«
    Ich ging hin, um das schmerzlich erregte Wesen so gut möglich zu trösten und
hinzuhalten; doch war mir Erikson schon zuvorgekommen, welchem Rosalie, während
ich mit Lys gesprochen, einige Worte zugeflüstert hatte, die ihn munter zu
machen schienen. Er führte die schimmernde Gestalt in die Tanzreihen und schwang
sich mit ihr ebenso kraftvoll als leicht herum, und Agnes flog in eigener Kraft
mit ihm und um ihn herum, wie wenn ihre feinen Knöchel von Stahl gewesen wären.
Hernach wurde sie von Herrn Franz von Sickingen aufgefordert, der noch nicht
gewillt war, sich in einem Harnischkasten begraben zu lassen. Sie erschien auch
in dem Figurentanze, der aufgeführt wurde, wieder so fremdartig reizend, dass der
grosse Meister Dürer selbst sich an den Weg stellte und seiner Rolle getreu kein
Auge von ihr verwandte, sein Büchlein hervorzog und eifrig zu zeichnen begann.
Der artige Einfall rief grosses Vergnügen hervor; man hielt inne, und es sammelte
sich eine beifällige, fast ehrfürchtige Menge, etwa wie wenn der alte Meister
leibhaftig erschienen und zeichnend gesehen worden wäre.
    Es war noch nicht der Gipfel der Ehren, die Agnes heute erlebte; der
kaiserliche Weisskunig liess sich im Vorbeispazieren von seinem Gefolge über den
Auftritt Bericht geben, die schlanke Diana sich vorstellen und bat den von
Sickingen mit huldreichen Worten, sie ihm für einen Rundgang zu überlassen.
Unter dem Einfallen des vollen Orchesters ging sie an der Hand des festlichen
Traumköniges um den Saal, während überall auf ihrem Wege die Ritter, Edeldamen
und Patrizierinnen sich verbeugten, die Bürger ihre Mützen zogen.
    Ihr Gesicht war blühend gerötet von Erregung und Hoffnung, als sie mit so
rühmlichem Erfolge, nachdem der Kaiser sie an Sickingen, dieser an Erikson
feierlich abgegeben hatte, von letzterm an ihren Platz zurückgeführt wurde.
Allein der Geliebte hatte nichts von allem gesehen und nahm auch ihre Rückkehr
nicht wahr. Rosalie hatte sich während der Zeit ihres breiten Federhutes
entledigt und denselben Lysen zum Halten gegeben; und wie sie nun mit freiem
Kopfe dasass und ihr ambrosisches Haar mit den weissen Fingern ordnete, wirkte
ihre Schönheit mit erneuter Betörung auf ihn ein.
    Jetzt erblasste Agnes, wendete sich zu mir und bat mich, ihm zu sagen, sie
wünsche nach Hause gebracht zu werden. Sogleich eilte er herbei, besorgte den
warmen Mantel des Mädchens und ihre Überschuhe, und als sie gut verhüllt war,
führte er sie, mich hinzuwinkend, in den Hof, legte ihren Arm in den meinigen
und ersuchte mich, indem er sich von Agnes in freundlich väterlicher Weise
verabschiedete, seine kleine Schutzbefohlene recht sorgsam und wacker nach Hause
zu geleiten.
    Zugleich verschwand er, nachdem er uns beiden die Hände gedrückt, wieder in
der Menge, welche die breite Treppe auf- und niederstieg.
    Da standen wir nun auf der Strasse; der Wagen, welcher Agnesen mit ihrem
Liebesentschlusse hergebracht, war nicht zu finden, und nachdem sie traurig an
das erleuchtete Haus, in welchem es sang und klang, hinaufgesehen, kehrte sie
ihm noch trauriger den Rücken und trat, von mir geführt, den Rückweg durch die
stillen Gassen an, in denen der Morgen zu dämmern begann.
    Sie hielt das Köpfchen tief gesenkt; in der Hand trug sie unbewusst den
grossen Hausschlüssel, ein altes Stück Arbeit, welches ihr Lys in der Zerstreuung
anstatt mir zugesteckt hatte. Sie trug den Schlüssel fest umschlossen in dem
dunklen Gefühle, dass Lys ihr das kalte, rostige Eisen gegeben; es war doch
etwas, das von ihm kam, sonst hatte er heute nicht viel an sie gewendet. An dem
Festmahle hatte sie beinahe nichts genossen, und das wenige, mit dem sie seiter
etwa ihre Lippen erfrischt, war von mir besorgt worden.
    Als wir vor dem Hause angelangt, stand sie schweigend und rührte sich nicht,
obgleich ich sie wiederholt fragte, ob ich die Glocke ziehen oder vielmehr mit
dem zierlichen Meerfräulein des Türklopfers Lärm machen solle, und erst als ich
den Schlüssel in ihrer Hand entdeckte, aufschloss und sie bat hineinzugehen,
legte sie langsam beide Arme mir um den Hals und fing an, erst wie im Traume zu
stöhnen, dann mit den Tränen zu ringen, die nicht fliessen wollten. Ihr Mantel
sank von den Schultern; ich wollte ihn aufhalten, umfing sie aber statt dessen
brüderlich und streichelte ihr den Kopf und den Hals, denn den Wangen konnte ich
nicht beikommen. In der feinen Silberbrust, die an mir lag, fühlte und hörte ich
die Seufzer sich heraufarbeiten und das Herz klopfen; es war wie das Murmeln
eines verborgenen Quells, den man im. Walde an der Erde liegend etwa zu hören
bekommt. Ihr heisser Atem strömte in mein Ohr, es wurde mir zu Mute, als ob ich
ein selig trauriges Märchen, wie es in alten Liedern steht, wirklich erlebte,
und ich seufzte unwillkürlich auf. Endlich konnte das ärmste Wesen zum Weinen
kommen, und es begann ein bitterliches Schluchzen. Die klagenden Naturlaute,
keineswegs schön, aber unendlich rührend, wie der Kummer eines Kindes, drängten
und brachen sich in der feinen Kehle und in der nächsten Nähe meines Ohres. Sie
warf den Kopf herum auf meine andere Schulter, und ich legte meinen Kopf in
absichtsloser Bewegung auch darauf, wie um ihren Schmerz zu bestätigen. Da
zerstachen ihr die Distelblätter und Stechpalmen an meiner Kappe Hals und Wange,
sie fuhr zurück, erwachte und erkannte plötzlich, mit wem sie war. Hilflos stand
das doppelt getäuschte Mädchen da und sah weinend zur Seite. Ich gab ihr den
Mantel auf den Arm, nur um sie mit etwas zu beschäftigen, führte sie sanft zur
Treppe und ging darauf hinaus, die Türe zuziehend. Alles war noch still in dem
Hause, die Mutter schien fest zu schlafen, und ich hörte nur, wie Agnes stöhnend
die Treppe hinaufstieg und sich wiederholt an den Stufen stiess. Endlich ging ich
weg und kehrte langsam in den Festsaal zurück.
 
                              Vierzehntes Kapitel
                               Das Narrengefecht
Die Sonne ging eben auf, als ich in den Saal trat. Alle Frauen und älteren Leute
waren schon weggegangen; die Menge der Jüngeren aber, von höchster Lust bewegt,
wogte durcheinander und schickte sich an, eine Reihe von Wagen zu besteigen, um
unverzüglich, ohne auszuruhen, ins Land hinauszufahren und das Gelage in den
Forstäusern und Waldgärten fortzusetzen, welche an den Ufern des breiten
Bergflusses gelegen waren.
    Rosalie besass in jener Gegend ein Landhaus, und sie hatte die fröhlichen
Leute der Mummerei eingeladen, sich am Nachmittage dort einzufinden, bis wohin
sie als bereite Wirtin ebenfalls dasein würde. Insbesondere waren dazu noch
einige Frauen gebeten, und diese hatten ausgemacht, da es einmal Fasching sei,
in der alten Tracht hinauszufahren; denn auch sie wünschten so lang als möglich
sich des glänzenden Ausnahmezustandes zu erfreuen.
    Erikson war in seine Wohnung gegangen, um sich in seine gewohnten Kleider zu
werfen, die er nur etwas sorgfältiger als sonst auswählte. Da auch Rosalie
später in moderner Toilette erschien, wie sie der Jahreszeit und dem Tage
einfach angemessen war, liess sich denken, dass hierin entweder eine Verständigung
stattgefunden oder ein übereinstimmendes Gefühl waltete, beides schlichte
Anzeichen, die von ruhigen Beobachtern nicht übersehen wurden.
    Auch Lys war nach Hause geeilt, doch in entgegengesetztem Sinne. Er hatte
seinerzeit zu Studien für das Bild mit dem Salomo versuchsweise ein
altorientalisches Königskostüm anfertigen lassen; das lange Gewand war von
weissem feinem Batistleinen, in viele Falten gelegt und mit purpurfarbigen,
blauen und goldenen Borten, Troddeln und Fransen besetzt. Kopf- und
Fussbekleidung entsprachen ebenfalls dem ungefähren vorderasiatischen Stile des
Altertums. Die betreffende Studie hatte er in der Ausführung zwar nicht benutzt;
jetzt aber schien ihm das Kleid tauglich, um darin einen Scherz vorzubringen und
am Hofe der Liebesgöttin sich als gestriger Jagdkönig im Hofgewande einzufinden.
Dazu liess er Haar und Bart mit Brenneisen und duftenden Ölen formieren und
kräuseln und legte schliesslich um die nackten Vorderarme abenteuerliche Spangen
und Ringe. Das alles beschäftigte ihn reichlich bis zur Mitte des Tages, nachdem
er in der leidenschaftlichen Verirrung, die ihn befallen, wenig genug geschlafen
haben mochte.
    Meinerseits hatte ich gar nicht geschlafen, sondern fuhr gleich in der
Morgenfrühe mit der Hauptschar hinaus. Grosse Wagen, mit Landsknechten beladen
und von deren Spiessen starrend, rasselten voraus und ihnen nach eine lange Reihe
von Fuhrwerken aller Art in die helle Morgensonne hinein, am Rande der schönen
Buchenwälder, hoch auf den Uferhängen des Stromes, der in glänzenden Windungen
um die Geschiebe- und Gebüschinseln rauschte.
    Es war ein milder Februartag und der Himmel blau; die Bäume wurden bald von
der Sonne durchschossen, und wenn ihnen das Laub fehlte, so glänzte das weiche
Moos auf dem Boden und auf den Stämmen um so grüner, und in der Tiefe leuchtete
das blaue Bergwasser.
    Das bunte Volk ergoss sich über eine malerische Gruppe von Häusern, welche
vom Wald umgeben auf der Uferhöhe lag. Ein Forstof, ein altertümliches
Wirtshaus und eine Mühle am schäumenden Waldbach waren bald in ein gemeinsames
Lustlager verwandelt und verbunden; die stillen Bewohner sahen sich von dem
berühmten Feste gleichsam in Person überrascht und umklungen und hatten genug zu
tun mit Sehen und Hören, Bewundern und Belachen alles dessen, was sie in hundert
Gestalten so plötzlich von allen Seiten umgab. Den Künstlern aber weckte die
freie Natur, der erwachende Lenz den Witz in der tiefsten Seele; die frische
Luft legte die beweglichsten Fühlfäden der Freude bloss, und wenn die Lust der
entschwundenen Nacht auf Verabredung und geplanter Einrichtung beruhte, so
lockte die jetzige Tageslust zufällig und frei zum lässigen Pflücken, wie die
Frucht am Baume. Die dem phantasierenden Fühlen und Geniessen angemessenen
Kleider waren nun wie etwas Hergebrachtes, das schon nicht mehr anders sein
kann, und in ihnen begingen die Glücklichen tausend neue Scherze, Spiele und
Torheiten von der geistreichsten wie von der kindlichsten Art, oft plötzlich
unterbrochen durch einen wohlklingenden, festen Gesang, hier unter Bäumen, dort
aus einer Schenkstube oder aus dem Ringe von Landsknechten, welche die
Müllerstochter umstellt hatten. Aber bei allem Selbstvergessen blieb jeder, was
er war, und huschten die ewigen Menschlichkeiten wie leise Schatten über die
frohen Gesichter. Der Mürrische schmollte ein weniges bei Gelegenheit, der
Mutwillige reizte den Übelnehmer, der Sorglose den Tadelsüchtigen zu einem
kleinen Gezänk; der Gedrückte dachte unversehens einmal an seine Sorgen und tat
einen tiefern Atemzug; der Sparsame und Ängstliche überzählte verstohlen seine
Barschaft, und der Leichtsinnige, der schon fertig war, überraschte und kränkte
ihn durch ein Darlehnsbegehren. Aber alles dies kräuselte sich im Fluge vorüber
wie der Luftauch auf dem Glanze eines Wasserspiegels.
    Auch ich geriet eine Weile in einen solchen Wolkenschatten. Ich war dem
Mühlbache nach tiefer in das Gehölz gegangen und wusch mir das Gesicht mit den
frischklaren Wellen; dann setzte ich mich auf das Holzwerk einer Wasserschwelle
und überdachte die vergangene Nacht und das seltsame Abenteuer im Hausflur der
Agnes. Das sanfte Rauschen des Wassers brachte mich in einen Halbschlummer, in
welchem meine Gedanken wie träumend in die Heimat wanderten; ich glaubte an der
Seite der toten Anna an dem stillen Waldwasser zu sitzen in der Tracht des
Tellenspieles; dann sah ich mich an ihrer Seite durch die Abendlandschaft reiten
und sah alles mit ruhigem Herzen wie eine Erscheinung verschollener Tage, welche
für sich abgeschlossen und nicht mehr zu ändern ist. Unversehens aber verlor
sich und verblich das Bild vor der Gestalt der Judit, mit der ich durch die
Nacht wandelte; ich war bei ihr im Hause, während die barmherzigen Brüder es
belagerten, ich sah sie in ihrem Baumgarten aus dem Herbstdufte hervortreten und
endlich auf dem Wagen der Auswanderer in die Ferne verschwinden. Wo ist sie? Was
ist aus ihr geworden? rief es in mir, und das Heimweh nach ihr machte mich
plötzlich munter. Im hellsten Tageslicht sah ich sie vor mir stehen und gehen,
aber ich sah keine Erde unter ihren lieben Füssen, und es war mir, als ob ich das
Beste, was ich je gehabt und noch haben könnte, gewaltsam und unwiederbringlich
mit ihr verloren hätte.
    Ich dachte an die Flucht der räuberischen Zeit, seufzte und schüttelte leise
den Kopf, und erst jetzt wurden durch den Klang der Schellen meine Gedanken ganz
wach und geordnet, dass ich endlich auch der Mutter gedachte, freilich nur wie
eines Selbstverständlichen und Unverlierbaren, wie eines guten Hausbrotes; denn
dass ein solches eines Tages am ehesten abhanden kommen kann, hatte ich noch
nicht erfahren. Dennoch dachte ich mit ziemlichem Ernste an die Frau in der
stillen Stube; schon ging ich in meinem zweiundzwanzigsten Jahre, und noch hatte
ich ihr keine klare Rechenschaft ablegen können über den Stand meiner irdischen
Aussichten, über die Frage des Fortkommens in der Welt. Rasch rückte ich das
Täschchen herum, das an meinem Gurte hing und neben dem Schnupftuch und anderen
Dingen einen Teil der letzten Barschaft entielt, die ich noch zu verzehren und
die mir die Mutter, wie die früheren Summen, pünktlich und getreulich vor kurzer
Zeit gesendet hatte. Freilich nützte das Zählen jetzt nichts, und ich schob die
Tasche wieder zurück, verhehlte mir aber nicht, dass meine kleine Hausvorsehung
zu Hause die Teilnahme an dem Feste nicht billigen werde. Das Narrenkleid
kostete zwar nicht viel, und ich hatte es auch hauptsächlich aus diesem Grunde
gewählt; dennoch konnte die Stunde kommen, wo ich den bescheidenen Betrag bitter
entbehren musste. Doch jetzt verstand ich besser als die Mutter, was nötig und
erspriesslich war für einen jungen Gesellen, besonders als ein frisches Lied aus
dem Lager der Freude herübertönte. Ich schüttelte abermals den Kopf, dass die
Schellen klangen, sprang auf und eilte davon.
    Ich trieb mich vergnüglich herum und machte allerlei Gänge in die Landschaft
hinein, bald mit anderen, bald allein. Gegen Mittag lief ich dem stattlichen
Erikson in die Hände, der eben aus der Stadt geschritten kam. Unser erstes
Gespräch war das Benehmen unsers Freundes Lys. Erikson zuckte die Achsel und
sagte nicht viel, während ich mein Erstaunen ausdrückte und viele Worte machte,
wie jener so schmählich handeln könne. Ich ergoss mich im schärfsten Tadel und um
so lauter, als ich das dunkle Gefühl empfand, ich sei bei der verwirrten
Umhalsung Agnesens in verwichener Nacht einer unerlaubten Anwandlung nur mit Not
entgangen. Meine Selbstgerechtigkeit stand ja auf festen Füssen, weil ich durch
das erwachte Andenken an Judit und ein starkes Heimweh nach ihr mich jetzt
sicher fühlte. Und allerdings war es eigentümlich, dass Erlebnisse, die in
vergangenen Tagen gefährlich und ungehörig für mich gewesen, jetzt dazu dienen
mussten, mich gegen Verlockungen der heutigen Stunde zu schützen.
    »Ich will wetten«, unterbrach mich Erikson, »dass er das arme Ding heute
sitzenlässt und nicht mitbringt. Wir sollten ihm aber einen Streich spielen,
damit er zur Vernunft kommt. Nimm einen Wagen, fahre in die Stadt und sieh ein
wenig zu! Findest du den Tollkopf nicht zu Hause noch bei dem Mädchen, so bring
dieses ohne weiteres mit, und zwar in Rosaliens Namen und Auftrag, so kann die
Mutter nichts dagegen haben; ich werde das verantworten. Zu Lys wirst du nachher
einfach sagen, dass du für deine Pflicht gehalten, dem Gebote nachzukommen, da er
dir die Schöne in letzter Nacht so beharrlich anvertraut.«
    Ich fand diesen Einfall nur in der Ordnung und fuhr sogleich in die Stadt.
Auf dem Wege begegnete ich Lys, der ganz allein in einer Kutsche sass, in einen
warmen Mantel gehüllt; die kegelförmige Königsmütze mit ihren Anhängseln, der
wunderlich gelockte schwarze Bart verrieten aber genugsam den festschwärmenden
Nachzügler.
    »Wohin willst du?« rief er mir zu. »Ich soll«, erwiderte ich, »dich
aufsuchen und sehen, dass du das gute Mädchen Agnes mitbringst, im Falle du es
nicht ohne hin tun würdest! Dies scheint nun so zu sein, und ich will sie holen,
wenn du nichts dagegen hast, und in deinem Namen. Eriksons schöne Witwe wünscht
es.«
    »Tu das, mein Sohn!« sagte Lys möglichst gleichgültig, obschon er sichtlich
etwas überrascht war. Er hüllte sich dichter in den Mantel, indem er seinem
Kutscher barsch befahl weiterzufahren, und ich hielt bald nachher vor Agnesens
Wohnung. Das Pferdegetrampel und Rollen der Räder sowie das plötzliche
Stillstehen widerhallte in ungewohnter Weise auf dem still entlegenen Plätzchen,
so dass Agnes im selben Augenblicke mit strahlenden Augen ans Fenster fuhr. Als
sie mich aussteigen sah, verschleierte sich der Blick wieder, doch harrte sie
noch erwartungsvoll, als ich in die Stube trat.
    Ihre Mutter war auch da, beschaute mich von allen Seiten, und indem sie
fortfuhr, mit einer alten Straussenfeder ihren Altar, das darüber hängende Bild,
die Porzellantassen und Prunkgläser, auch die Wachslichter abzustäuben und zu
reinigen, fing sie an zu plaudern: »Ei, da kommt uns ja auch ein Stück Karneval
ins Haus, gelobt sei Maria! Welch allerliebster Narr ist der Herr! Aber was
Tausend habt Ihr denn? was hat Herr Lys nur mit meiner Tochter angefangen? Da
sitzt sie den ganzen Morgen, isst nichts, schläft nicht, lacht nicht und weint
nicht! Dies ist mein Bild, Herr, wie ich vor zwanzig Jahren gewesen bin! Doch
Sie haben es, glaub ich, auch schon gesehen! Dank unserm Herren und Heiland, man
darf es noch betrachten! Sagen Sie nur, was ist es mit dem Kinde? Gewiss hat Herr
Lys sie zurechtweisen müssen, ich sag es immer, sie ist noch zu dumm und
ungebildet für den feinen Herren! Sie lernt nichts und beträgt sich
unschicklich. Ja, ja, sieh nur zu, Agnes! lernst du das von mir? Siehst du nicht
auf diesem Bild, welchen Anstand ich hatte, als ich jung war? Sah ich nicht aus
wie eine Edelfrau?«
    Ich antwortete auf alles dies mit meiner Einladung, die ich sowohl in Lysens
als in Frau Rosaliens Namen ausrichtete; auch brachte ich einige Gründe vor,
warum jener nicht selbst kommen könne, indes die Mutter einmal über das andere
rief: »So mach, so mach, Nesi! Jesus Maria, wie reiche Leute sind da beisammen!
Ein bisschen zu klein, ein bisschen zu klein ist die gnädige Frau, sonst aber
reizend! Nun kannst du nachholen, was du gestern etwa versäumt und verbrochen!
Geh, kleide dich an, Undankbare! mit den kostbaren Sachen, die Herr Lys dir
geschenkt! Da liegt der Halbmond am Boden! Aber zuerst muss ich dir das Haar
machen, wenn's der Herr erlaubt!«
    Agnes setzte sich mitten in die Stube, und ihre Wangen röteten sich leise
von wiederaufkeimender Hoffnung. Die Mutter frisierte sie nun mit grosser
Geschicklichkeit. Sie führte nicht ohne Anmut den Kamm, und als ich die
hochgewachsene Frau betrachtete und die immer noch schönen Anlagen und Züge
ihres Gesichtes sah, musste ich gestehen, dass ihre Eitelkeit einst berechtigt
gewesen sei.
    Agnes sass mit blossem Halse, von der Nacht der aufgelösten Haare umschattet,
und es gewährte mir einen lieblich ruhevollen Anblick, wie die Mutter die langen
Stränge kämmte, salbte und flocht und dabei weit zurücktreten musste. Sie sprach
fortwährend, indessen wir andern schwiegen und wohl wussten warum. Ich merkte aus
allen den Reden, dass Agnes ihrer eigenen Mutter von dem Unsterne der Nacht noch
nichts anvertraut hatte, und entnahm daraus, wie grausam die Sache sie würgen
musste.
    Endlich war das Haar ungefähr so gemacht, wie es gestern gewesen, und Agnes
ging mit der Mutter nach ihrem gemeinsamen Schlafzimmer, das Dianengewand wieder
anzuziehen; sobald sie aber damit nur einigermassen zustande gekommen, erschienen
sie wieder und vollendeten den Anzug in meiner Gegenwart, weil die Alte sich
unterhalten und soviel möglich von dem Feste, und wie alles verlaufen sei,
erfahren wollte. Dann aber kochte sie schnell eine kräftige Schokolade, ihre
Lieblingsnahrung, deren Bestandteile nebst Gebäck sie schon seit dem frühen
Morgen in Bereitschaft gehalten für den erwarteten Besuch des assyrischen
Königs.
    Jetzt musste das duftende Getränk der genügsamen Frau zugleich das
Mittagsmahl versehen, und sie liess es sich eifrig schmecken, denn sie hatte eine
ausreichende Menge gebraut; auch Agnes nahm zwei Tassen zu sich und ass ein gutes
Stück Kuchen, und ich hielt vergnüglich mit, obgleich ich schon Verschiedenes
genossen hatte. So erlebt der Mensch mancherlei Unterkunft in seinen Tagen; es
ist mir kaum mehr glaublich, dass ich einst in solcher Tracht, in einem so
kunstreich zierlichen Baudenkmälchen, zwischen der Diana und der alten Sibylle
gesessen und friedlich gefrühstückt habe.
    Weil das Wetter so schön war und die Alte es verlangte, um vor ihren
Nachbaren zu triumphieren, wurde die Decke des Wagens niedergelassen, als wir
wegfuhren, und sie schwenkte ihr Tuch aus dem offenen Fenster unter
Abschiedsgrüssen und Glückwünschen. Agnes aber seufzte dabei verstohlen und
atmete erst etwas freier, als wir vor dem Tore waren. Ohne der Vorfälle der
letzten Nacht mit einem Worte zu gedenken, fing sie an zu plaudern. Ich musste
berichten, wie die heutige Lustbarkeit sich veranlasst habe, wer draussen zu
treffen sei und wann wir wieder zurückkehrten? Denn sie wagte noch nicht, offen
vorauszusetzen, wie sie hoffte, dass sie nicht mit mir, sondern mit Lys
heimfahren werde. Ich wusste noch weniger einen Aufschluss zu erteilen und sprach,
die allgemeine Vermutung aus, es werde die ganze Gesellschaft zusammen
aufbrechen, und wenn es auf mich ankomme, so gehe man heute überhaupt noch nicht
heim! Da sei sie auch dabei, sagte sie fast so fröhlich, wie wenn es ihr Ernst
wäre. Als wir schon das weisse Landhaus in einiger Entfernung glänzen sahen,
geriet Agnes aufs neue in Bewegung; sie wurde rot und blass, und da sich zur
Seite der Strasse auf einem kleinen Hügel eine Kapelle zeigte, verlangte sie
auszusteigen.
    Sie eilte, ihr Silbergewand zusammenfassend, den Stufen weg hinan und ging
in das Kirchlein; der Kutscher nahm seinen Hut ab, stellte ihn neben sich auf
den Bock, bekreuzte sich und betete, die fromme Musse benutzend, ein Vaterunser.
So blieb mir nichts übrig, als verlegen unter die Kapellentür zu treten und zu
warten, bis die unerwartete Zwischenhandlung vorüber war. An einem der
Türpfosten sah ich ein gedrucktes Gebet hinter Glas gefasst aufgehängt, welches
ungefähr folgende Überschrift trug Gebet zur allerlieblichsten, allerseligsten
und allerhoffnungsreichsten heiligen Jungfrau Maria, der gnadenreichen und
hilfespendenden Fürbitterin Mutter Gottes. Approbiert und zum wirksamen
Gebrauche empfohlen für bedrängte weibliche Herzen durch den hochwürdigsten
Herren Bischof usf. Dazu war noch eine Gebrauchsanweisung gefügt, wie viele Ave
und andere Sprüche herzusagen seien. Dasselbe Gebet lag auf Pappe gezogen auf
ein paar alten Holzbänken umher. Sonst zeigte das Innere der Kapelle nichts als
einen einfachen Altar, der mit einer verblichenen veilchenfarbigen Decke
behangen war. Das Altarbild zeigte den Englischen Gruss, von roher Hand gemalt,
und vor demselben stand noch ein kleines Marienbildchen im starren Reifröckchen
von Seide und Metallflittern in allen Farben. Rings um den Altar hingen an der
Wand geopferte Herzen von Wachs, in allen Grössen und auf die mannigfaltigste
Weise verziert; im einen stak ein seidenes Blümchen, im andern eine Flamme von
Rauschgold, das dritte durchbohrte ein Pfeil, wieder ein anderes war ganz in
rote Seidenläppchen gewickelt und mit Goldfaden umwunden, und eines war gar mit
grossen Stecknadeln besetzt wie ein Nadelkissen, wohl zur Schilderung der
schmerzlichen Pein seiner Spenderin; dagegen schien ein mit grüner Farbe und
vielen roten Röschen bemaltes Herz von der zur Zufriedenheit gelungenen Heilung
Kunde zu geben.
    Leider versäumte ich, den Text des Gebetes selbst zu lesen, weil ich nur auf
die Beterin sehen musste, die in ihrem heidnischen Göttergewande, den keuschen
Halbmond über der Stirne, auf der Altarstufe vor dem wächsernen Frauenbilde
kniete, mit zitternden Lippen das Gebet von einem der Pappdeckel ablas, dann die
Hände faltete, zu dem Bilde aufblickte und die vorgeschriebene Zahl der übrigen
Sprüche, die zum Glücke nicht gross war, leise murmelte oder flüsterte. In dieser
grossen Stille und bei diesem Anblicke fühlte ich das Ineinanderweben der Zeiten,
und es war mir fast zu Mut, als lebte ich vor zweitausend Jahren und stünde vor
einem kleinen Venustempel irgendwo in alter Landschaft. Ich dünkte mich jedoch
unendlich erhaben über die Szene, so artig sie war, und dankte meinem Schöpfer
für das stolze und freie Gefühl, das mich beseelte.
    Endlich schien Agnes sich der Hilfe der Himmelskönigin genugsam versichert
zu haben; sie erhob sich mit einem Seufzer und ging nach dem in meiner Nähe
hängenden Weihkessel. Da sah sie mich in der Türe gelehnt, wie ich sie
aufmerksam betrachtete, und erinnerte sich über meiner ganzen Haltung daran, dass
ich ein Ketzer war. Ängstlich tauchte sie den Wedel tief in den Kessel, eilte
mir damit entgegen und besprengte mir das Gesicht über und über mit Wasser,
indem sie mit dem Wedel viele Kreuze schlug. So hatte sie mich in weniger als
zwölf Stunden zum zweiten Male durchnässt, erst mit ihren Tränen und nun mit dem
Weihwasser, und ich rückte doch den Hals etwas unbehaglich her und hin, da mir
die Feuchte in den Nacken rieselte. Das doppelt mytologische Geschöpf aber war
nun über die schädliche Einwirkung meiner Ketzerei beruhigt; sie ergriff meinen
Arm und liess sich wieder in die Kutsche bringen, deren Lenker seine geistliche
Erquickung längst beendigt hatte und zur Weiterfahrt bereit war. Er machte ein
kurios lächelndes Gesicht gegen mich, weil er den Volksglauben kannte, der an
dem kleinen Gnadenörtchen haftete. Er selbst mochte den weichlichen Liebessegen
nur mitgenommen haben, wie ein derberer Trinker etwa aus Versehen ein Gläschen
süssen Likörs schnappt, das gerade dasteht.
    Der Landsitz, bei dem wir anlangten, war schon ziemlich belebt; in einem
geräumigen Gartenland gelegen, zeigte seine gemischte Bauart, dass er früher den
Zwecken einer Gastwirtschaft gedient und erst seit neuerer Zeit und jetzt noch
in der Umwandlung zum Sommerhaus einer Familie begriffen war, wo ein Pächter
oder Wirtschaftsführer zugleich für allerhand haushälterischen Nutzen sorgte. So
kam jetzt vorzüglich der gute Rahm bei dem erquicklichen Kaffeetrinken
zustatten, welches Frau Rosalie für den Empfang der Gäste veranstaltet hatte.
Die Sonne schien so warm, dass mehrere den Trank im Freien, vor den Türen der
neueingerichteten Gartenzimmer, genossen, während andere inwendig um die
Kaminfeuer oder gar in einer alten Wirtsstube beim geheizten Ofen sassen.
    Ich war nicht viel kecker als meine Schutzbefohlene und drang sachte mit ihr
vor; doch wurden wir bald von der schönen Wirtin entdeckt, die jetzt in
stattlichem Seidenkleide sich munter bewegte und Agnesen unverweilt ins Innere
des Hauses führte.
    »Die Göttertracht«, sagte sie, »will sich doch nicht recht für unser Klima
schicken, besonders für uns Frauen! Gehen wir hinein, wo es ein Feuer gibt! Auch
der König von Babylon oder Ninive, Herr Lys, ist drinnen; denn er würde hier
erfrieren.«
    Lys hatte es in der Tat mit seinen blossen Armen und im Batistabit nicht im
Freien ausgehalten und sass nicht eben in bester Laune an einem grossen Ofen; auch
der Kaffee, für uns andere gut genug, vermochte nicht die Sorgen zu zerstreuen,
die auf seiner Stirne lagerten. Die Alltagstracht, in welcher er unerwartet
nicht nur Frau Venus, sondern auch Erikson angetroffen, hatte diese Sorgen
heraufbeschworen, und mehr noch die rüstige Tätigkeit des guten Freundes, den
man bald ein Fass des besten Bieres über den Hof rollen, bald einige Brote
zerschneiden oder sonst etwas hantieren sah, als stände er da Tagelohn. Der
Anblick Agnesens war dem düstern Assyrer unter solchen Umständen nicht
unwillkommen. Er bot ihr sofort freundlich den Arm als einer schicklichen
Ergänzung für die Zeit der Einsamkeit oder Abwesenheit Rosaliens, welche sich
vor dem Hause aufhielt, um nicht nur die vom Walde herüberkommenden
Festgenossen, sondern auch verschiedene ihr verwandte und befreundete Personen
zu empfangen; denn auch solche hatte sie in der Schnelligkeit herbeirufen
lassen. Gerade die ungewohnte Heftigkeit der Leidenschaft, die Lys befallen,
hiess ihn auch, wie einen Kriegshelden im Felde, eine verdoppelte Wachsamkeit
üben; er konnte jetzt eine gefährliche Erkältung oder gar tödliche Krankheit
nicht brauchen und musste die Torheit seiner Kleidung durch vorsichtige
Zurückhaltung gutmachen; und da diente ihm nun die silberne Diana, deren
Gewänder er ja gekauft hatte, trefflich zur Verhüllung seiner Lage.
    So war sie jetzt an seiner Seite, in der Heimat ihrer Liebe, und schien zu
ihrem Rechte zu kommen. Aber sie zeigte keinen Triumph, keine Überhebung,
sondern atmete nur etwas ruhiger auf, die innere Glut bis auf weiteres
verschliessend; denn sie hatte in kurzer Zeit zu Schlimmes erfahren, um es schon
vergessen zu können. Sie ging vielmehr mit gesammeltem Ernste am Arme des
schönen Grosskönigs durch die Zimmer, der sich scherzend für den alten Nimrod
ausgab und behauptete, er habe mit bekanntem Jägerglück die Göttin der Jagd
selbst gefangen. Erst als sie an einem grossen Spiegel vorübergingen, kannte sie
deutlicher seine veränderte, glänzende Tracht und Gestalt, sah sich selber
daneben und die Blicke der Anwesenden, welche das eigentlich leuchtende Paar mit
Verwunderung vefolgten. Da überflog eine leichte heitere Röte das weisse Gesicht;
allein sie hielt sich tapfer zusammen und bewahrte das gleichmütige Aussehen,
obschon sie vielleicht die einzige Person im Hause war, auf welche Lysens
auffälliger Putz in dem verführerischen Sinne wirkte, wie seine Verirrung es
wollte.
    Inzwischen ertönte aus den entlegeneren Räumen des Hauses eine lockende
Tanzmusik, wie es von dem jungen Volke und der Karnevalszeit nicht anders zu
erwarten war. In einem ehemaligen Wirtschaftssaale war noch die kleine Tribüne
der Spielleute vorhanden, mit bunten Teppichen behängt und mit Topfpflanzen
verziert worden. Auf diesem Gestelle sassen vier musizierende Kunstgesellen, die
ihre Instrumente herbeigeschaft hatten, auf denen sie an manchen Abenden
zusammen zu spielen pflegten, als unter sich verbundene, sinnig lebende Leute.
Sie wurden die vier frommen Geiger genannt, weil sie teils aus Liebhaberei,
teils auch um einen kleinen Nebengewinn zu erzielen, sonntags auf dem Chore
einer der vielen Kirchen der Stadt mitspielten. Ihr Hauptmann war ein hübscher
bräunlicher Rheinländer von etwas untersetzter Gestalt, mit heitern Augen und
treuherzigem Munde, der von krausligem Barte umgeben war. Er hiess bei der
Künstlerschaft der Gottesmacher, weil er nicht nur silberne Kirchengeräte von
guter Form schmiedete, sondern auch Kruzifixe und Muttergottesbilder sauber in
Elfenbein schnitt und zur tieferen Ausbildung in diesen Übungen vom Rheine
herübergekommen war. Überall wohlgelitten, bezeigte er keineswegs eine
fanatische Gesinnung und wusste eine Menge lustiger Pfaffenstücklein zu erzählen.
Dergestalt logierte er in dem katolischen Wesen wie in einer alten Gewohnheit,
die nicht zu ändern ist, dachte darüber niemals nach und führte übrigens stets
ein Fass eigenen Weines aus der Heimat mit sich, das er schleunigst zum Füllen
sandte, wenn es leer geworden.
    Der Gottesmacher handhabte das Cello, und zwar in der Tracht eines Winzers
aus dem Bacchuszuge; die erste Violine spielte der lange Bergkönig, der seinen
Bart beiseite gelegt hatte und nun als ein junger Bildhauer zum Vorschein kam.
Er modellierte, wie man sagte, seit zwei Jahren an einer Kreuztragung, konnte
aber nicht von einem bekannten klassischen Vorbilde abkommen; dafür strich er um
so fertiger die Geige. Die mittleren Spieler waren zwei Glasmaler; sie machten
an den Kirchenfenstern die prächtigen Teppichmuster und anderes Beiwerk und
liessen sich nie einer ohne den andern sehen. Sie waren zu uns aus dem Zug der
Nürnberger Zünfte herübergekommen, wo sie unter den Meistersingern gegangen; ich
aber kannte die ganze Musik vom Mittagstische her, den ich in einer billigen
Wirtschaft aufzusuchen gewohnt war. Viele gute Brüder lösten sich dort an den
stets vollbesetzten Tischen täglich ab; aber die beiden Glasmaler waren die
einzigen, welche ihr Geld in rundlichen wohlverschnürten Lederbeutelchen
führten; denn sie freuten sich ihres bescheidenen, aber sichern Erwerbes, lebten
sparsam und verdienten jeden Sonntag einen Extragulden mit der Kirchenmusik.
    Doch heute taten die vier um der Freude willen ein übriges und lockten mit
recht wohlgezogenem Tone das Volk zum Tanze. Bald drehte sich ein halbes Dutzend
Paare bequemlich im weiten Raume, darunter Agnes mit Lys, in dessen Arm sie mit
erwachender Glückseligkeit dahinschwebte, zum ersten Male seit dem Beginne des
ganzen Festes. Das Gebet in der Kapelle schien geholfen zu haben; freilich
gehörten auch so fromme Spielleute dazu, und besonders der Gottesmacher, der die
Gestalt mit glänzenden Augen verfolgte, drückte jedesmal, wenn sie in seine Nähe
kam, den Cellobogen mit vollerer und doch weicher Kraft auf die Saiten und gab
seinem Wohlgefallen auf diese Weise den zierlichsten Ausdruck. Ich sass ausruhend
bei einem Krüglein frischen Bieres an einem Tischchen, beobachtete ihn mit
Vergnügen und begriff vollkommen, wie dem Arbeiter in Silber und Elfenbein das
feine Wesen einleuchten musste.
    Nun ging es diesem während ein paar Stunden nach Wunsch; die frommen Geiger
spielten als Freiwillige nicht zu oft, so dass niemand ermüdet wurde und genugsam
Zeit zu geruhiger Unterhaltung übrigblieb. Die Sonne ging dem Untergange
entgegen, und im Hause begann es zu dämmern; Erikson erschien an allen Enden
gleich einem Haushofmeister und liess die Lichter anzünden, aufhängen,
hinstellen, wie es gehen wollte. Dann verschwand er wieder, um in einem neuern
Saale das einfache Abendessen zu ordnen, mit welchem die frohsinnige Witwe ihre
Eingeladenen bewirten wollte so gut es sich in der Eile habe tun lassen, teilte
der Unermüdliche entschuldigend mit, als ob es bereits seine eigene
Angelegenheit wäre.
    Lys indessen ging ab und zu, sich anderwärts umzusehen; endlich aber kam er
nicht mehr zurück. Wir harrten seiner beinah eine Stunde; Agnes verhielt sich
schweigend und gab mir kaum eine Antwort, wenn ich das Wort an sie richtete;
auch mit andern wollte sie weder plaudern noch tanzen. Zuletzt, da ich sah, dass
sie des Wartens müde war und wieder zu leiden begann, schlug ich ihr vor, in die
anderen Teile des Hauses zu gehen und zu betrachten, was alles dort vorfiele.
Das nahm sie an, und ich führte sie langsam durch verschiedene Räume, wo sich
überall einzelne Gesellschaften vergnügten, bis wir in ein Kabinett gelangten,
in welchem an zwei oder drei kleinen Tischen behaglich gespielt wurde. An einem
derselben sass Lys, der Hausherrin gegenüber und zwischen zwei älteren Herren,
und spielte eine Partie Whist; denn die letzteren gehörten zu Rosaliens
Verwandten, welchen sie die Zeit so angenehm als möglich zu vertreiben wünschte,
und natürlich hatte sich Lys beeilt, das Opfer mit ihr zu teilen. Er war so
glücklich und in seine Lage vertieft, dass er gar nicht bemerkte, wie wir dem
Spiele zuschauten und sich noch andere Zuschauer sammelten.
    Die Partie ging zu Ende; Lys und Rosalie hatten den alten Herren einige
Louisdors abgenommen, was den Unverbesserlichen als ein günstiges Zeichen so
bewegte, dass er seine Freude nicht verbergen konnte. Doch Rosalie nahm die
Karten zusammen und bat die Spieler, zu welchen auch die von den andern Tischen
getreten waren, eine kleine Rede von ihr anzuhören.
    »Ich habe mich«, begann sie mit artiger Beredsamkeit, »bisher arg gegen die
Kunst versündigt, indem ich, obgleich mit Glücksgütern gesegnet, soviel wie
nichts für sie getan habe! Ich bin um so tiefer beschämt, als es mir so gut
unter den Künstlern ergeht, und ich glaube auch schon meine Dankbarkeit für die
ehrenvolle Anwesenheit so fröhlicher Musenkinder am besten einigermassen
abzutragen, wenn ich endlich beginne, etwas Nützliches zu tun. Nun aber ist es
eine bekannte Eigenschaft der Protektoren und Gutesstifter, dass sie für ihre
Sache stets Teilnehmer anwerben und möglichst ins Breite wirken müssen, damit
das Gute um so mehr Boden gewinne. So hören Sie denn, werte Freunde! Am heutigen
Nachmittage, als ich um das Haus herumging, irgendeinen Dienstboten zu rufen,
fand ich in einer verborgenen Ecke des Gartens den jüngsten und zierlichsten
unserer Gäste, den Pagen Gold des Herren Bergkönigs, der am Zuge so grossmütig
seine Schätze ausgestreut hat. Der noch nicht siebzehn Jahre zählende Knabe
stand bei seinem Genossen, dem Pagen Silber, einen offenen Brief in der Hand,
bleich und entsetzt und schwere heisse Tränen in seinen hübschen Augen
zerdrückend. In der offenen und teilnehmenden Stimmung, in der wir uns ja alle
befinden, konnte ich mich nicht entalten, hinzuzutreten und mich nach der
Ursache solchen Leidwesens freundlich zu erkundigen. Da vernehme ich, dass schon
in den gestrigen Abendzeitungen die Nachricht von einem grossen Feuer gestanden
hat, welches seit Tagen in der fernen Vaterstadt des trauernden Knaben watet,
während wir in unserm Freudengedränge hievon keine Ahnung hatten. Und heute
bringt der Silberpage, der in der Morgenfrühe ordentlich schlafen gegangen ist
und mittags seinen Freund abholen wollte - denn beide sind Zöglinge unserer
Akademie und arbeiten nebeneinander -, heute nachmittags bringt er jenen Brief
hier hinaus, wo er den Freund aufgesucht hat. In dem Briefe steht, dass auch die
Strasse, darin jener geboren und seine alternde Mutter wohnt, bereits in Asche
liegt und die Mutter ohne Obdach ist. Ich lasse durch Herren Erikson in der Eile
weitere Nachfrage halten. Der blutjunge Mensch, ungewöhnlich begabt, ist in
ungewohnt frühem Alter hierhergesandt worden, um mit Hilfe einiger geringer
Sparmittel sich frühzeitig emporzubringen, ein Wagnis, welches sich bis jetzt
durch den glücklichen Fleiss des Schülers zu rechtfertigen schien. Nun ist alles
in Frage gestellt! Nicht nur sind vielleicht die Existenzmittel durch das Feuer
für immer verloren, sondern der arme Gesell kann im Augenblicke nicht einmal
hineilen und sein Mütterchen in dem Elend und Wirrsal aufsuchen, weil er die
paar Taler, die hiezu dienen würden, an die Kosten dieses Karnevals gewendet
hat, überredet von andern, die seine glückliche Knabengestalt nicht entbehren
mochten! und weil er ohnedies gerade einer Sendung von Hause entgegensah, die
nun nicht kommen kann. Und eben über seinen vermeintlichen Leichtsinn macht er
sich die bittersten Vorwürfe und will in Selbstanklagen vergehen, wie wenn er
das entsetzliche Feuer selber angezündet hätte! Ich habe den unseligen Pagen,
dem das Goldausstreuen so schlecht bekommen ist, sogleich veranlasst, nach seiner
Wohnung zu gehen und seine Sachen zu packen; allein mich dünkt, man sollte
trachten, dass er auch wiederkommen und weiterlernen kann, sobald das Mütterchen
versorgt und beruhigt ist. Mit einem Wort ich möchte für den Unglücksvogel eine
bescheidene Pension stiften, die ein paar Jährchen hinreicht, und hier den
Anfang machen! Ich lege die Karten aus, halte Bank, wie ich es leider an
Badeorten gesehen habe, als ich meine seligen Eltern dahin begleiten musste. Wer
verliert, muss es verscherzen; wer gewinnt, legt die Hälfte des Gewinnes in diese
Schale, die den Pensionsfonds vorstellt! Spielen dürfen nur Nichtkünstler; Herr
Lys ist ausgenommen, der nicht von seiner Kunst lebt, wie ich höre!«
    Nach diesen Worten zog sie eine beschwerte Börse und legte sie vor sich auf
den Tisch. Dann mischte sie die Karten und rief: »Also machen Sie Ihr Spiel,
Herren und Damen! Rot oder Schwarz?«
    Die etwas überraschte Gesellschaft zögerte ein paar Sekunden; da setzte Lys
ritterlich ein Goldstück und gewann. Rosalie zahlte ihm die Hälfte und warf die
andere in eine geleerte Zuckerschale, die gerade zur Hand war.
    »Schönsten Dank, Herr Lys! Wer setzt weiter?« sagte sie fröhlich und
huldvoll.
    Ein älterer Mann, den sie mit »Brav, Herr Oheim!« anredete, setzte ein
Zweiguldenstück und gewann auch. Sie legte einen Gulden in die Schale und gab
ihm den andern samt seinem Einsatz. Drei oder vier Damen, hiedurch ermutigt,
wagten gleichzeitig jede ein Guldenstück und verloren, und Rosalie warf lachend
für jede einen halben Gulden in das Gefäss. Die Frauen zu rächen, wie er sagte,
legte Lys abermals einen Louisdor hin, worauf einige Herren sich mit doppelten
Talerstücken einstellten und auch die Frauen sich wieder mit einzelnen halben,
ja ganzen Gulden hervorwagten. Das Gewinnen und Verlieren wechselte ziemlich
gleichmässig, aber stets fiel etwas in die Zuckerbüchse, und wenn auch langsam,
wuchs der Pensionsfonds, wie Rosalie es nannte, doch sichtbarlich an.
    Doch Lys rief jetzt: »Das geht zu sachte voran!« und setzte vier Goldstücke,
den Rest des Bargeldes, das er in seiner Börse trug. »Schönen Dank abermals!«
sagte Rosalie, als sie gewann und die Hälfte in die Schale warf. Es war nicht
recht ersichtlich, ob Lys sich mit ihr freute; doch ergriff er einen Stuhl und
setzte sich der schönen Frau gegenüber, indem er rief: »Noch immer besser muss es
kommen!« Er pflegte niemals auszugehen, ohne eine grössere Summe Geldes in Noten
bei sich zu tragen, einer langjährigen Reisegewohnheit zufolge. Auch jetzt hielt
er die Brieftasche in seinen Gewändern irgendwo versorgt, zog sie hervor und
legte eine Note von hundert rheinischen Gulden hin, dann, als er sie verlor, die
zweite, dritte und so weiter bis zur zehnten, welches die letzte war. Der ganze
Vorgang, Zug um Zug, dauerte nicht länger als zwei Minuten, so dass Rosalie mit
einem einzigen strahlenden Blicke und einem einzigen Lächeln, das sie, fast ohne
zu atmen, auf Lysen gerichtet hielt, ausreichte von der ersten bis zur letzten
Note, welche sie ohne Abzug einer Hälfte vorweg in die Schale warf. Die
blitzartige Schnelligkeit, mit welcher der Zufall spielte, verlieh der Szene
eine eigentümliche Anmut und brachte den Eindruck hervor, wie wenn die rosige
Bankhalterin mehr als Brot essen könnte, das heisst geheimnisvoller Künste
mächtig wäre.
    »Wir haben genug!« rief sie, »tausend Gulden ohne das Bare! Mehr als
fünfhundert Gulden soll ein so junger Bursch im Jahr nicht vertun. Also können
wir ihn zwei Jahre durchbringen und wollen das Geld beim Bankier hinterlegen!
Morgen aber soll er vorerst nach Hause reisen!«
    Dann malte sie sich und uns die Erkennungsszene aus, welche zwischen der
abgebrannten Mutter und dem unverhofft mit Hilfe erscheinenden Sohne stattfinden
werde; sie beschrieb nochmals, wie der blühende Junge, fern von der Heimat,
mitten im Jubel eines Maskenfestes von der Schreckenskunde überfallen,
verzweifelt dagestanden und mit den bitteren Tränen gekämpft habe. Sie war in
ihrer Freude jetzt so schön, dass sie den Höhepunkt weiblichen Reizes erreichte
und einen Abglanz ihrer Schönheit auf Lysens Gesicht warf, als sie ihm über den
Tisch weg die Hand bot, die seinige drückte und herzlich schüttelte, indem sie
sagte: »Freuen Sie sich nicht auch an dem bisschen Sonnenschein, das wir Ihnen
danken? Ohne Ihren raschen Edelmut wäre ja nicht so bald geholfen! Sie sollen
auch unser Vorsteher sein und mich heut abend zu Tisch führen!«
    Bei diesen Worten schienen ihre Gedanken eine andere Richtung zu nehmen; sie
erhob sich, bat um Entschuldigung und zog sich zurück. Gleich darauf eilte auch
Lys durch die gleiche Türe fort, als ob er etwas Vergessenes zu sagen hätte. Es
dauerte eine halbe Stunde, bis Rosalie an Eriksons Arm wieder erschien, um an
der Spitze ihrer lustigen Hausbesatzung zu Tisch zu gehen. Lys kam nicht wieder;
man hörte, er sei in das Waldlager hinüber, das er auch noch habe in seiner
Lustbarkeit sehen und studieren wollen.
    Was inzwischen vorgefallen, wurde später ziemlich im Zusammenhange
denjenigen bekannt, die von den Dingen in dieser oder jener Weise berührt waren.
Lys hatte mit stürmischen Schritten, mit plötzlicher Entschlossenheit die
Verschwundene verfolgt und in einem einsamen Zimmer erreicht, wo sie mit einem
andern als ihm eine kurze Zwiesprache zu halten dachte. Ihre beiden Hände
ergreifend, erklärte er seine ernste und heilige Liebe und forderte sein
Lebensglück und seine Ruhe von ihr, die einzig sie ihm geben könne. Sie sei das
Weib der Weiber, die göttliche Frau, die immer nur einmal in der Welt sei, schön
und hell und heiter, wie der Stern der Venus, klug und gütig und nur sich selber
gleich. Er wisse jetzt, warum er sich in Irrsal und Wankelmut umgetrieben, indem
er das Beste geahnt und gesucht, aber nicht habe finden können; aber nun habe er
auch die unerbittliche Pflicht und das unveräusserliche Recht, es zu erringen.
Keine Rücksicht dürfe ihn hindern, in so entscheidender Stunde den Schritt über
die schwanke, schmale Brücke zum Dasein zu tun und ihr das ungeteilte und ganze,
von keinen Zufälligkeiten getrübte Leben anzubieten, ein Leben, das die
Notwendigkeit, nicht die eiserne, sondern die goldene, selbst sein würde. Denn
es sei nicht möglich, dass irgendein Lebendiger sie so zu kennen und zu würdigen
vermöge wie er, das fühle er untrüglich und glühend, wie ein lohendes Feuer,
eine Glut, die zugleich ein Licht, das Licht des Urteils sei, das gegenseitig
sein müsse.
    Und was solcher grossen Worte mehr sein mochten, ihm selbst ungewohnt; denn
er soll dabei so gut und begeistert, ja hinreissend ausgesehen haben, dass es
Rosalien unmöglich war, den Überfall mit einer schalkhaften oder verletzenden
Wendung abzuweisen, obgleich sie sich schon durch den Anzug, in welchem er heute
in ihrem Hause erschienen, unangenehm betroffen fand.
    Sie entzog ihm erschreckt die Hände, trat zurück und rief: »Bester Herr Lys!
ich verstehe von Ihren geheimnisvollen Reden nur so viel, dass das Licht, das
gegenseitige Urteil, von dem Sie sprechen, uns gänzlich fehlt. Ich bin nicht das
Weib der Weiber, behüte mich Gott davor, da müsste ich ja die Summe aller
Schwachheit sein! Ich bin ein einfaches, beschränktes Wesen und kann zunächst
keine Spur einer Neigung zu Ihnen entdecken, und Sie können mich ebensowenig
kennen, da Sie mich vor noch nicht vierundzwanzig Stunden zum ersten Mal gesehen
haben!«
    Er unterbrach sie jedoch, suchte wieder ihre Hände zu fassen und fuhr fort
er kenne sie wohl, samt ihrer Vergangenheit und Zukunft. Eben dass sie in Demut
und Verkennung dahingelebt, sei das Wahrzeichen ihrer Bestimmung, siegreich zur
Klarheit und zum Glanze ihres Rechtes zu kommen! Das sei ja das Tiefsinnige in
so vielen Götter- und Menschensagen, dass die himmlische Güte und Schönheit in
Dunkelheit und Dienstbarkeit niedergestiegen und aus der rührenden Unkenntnis
ihrer selbst zum Bewusstsein gerufen worden seien, das Wesenhafte sich aus dem
Staube des Unwesentlichen habe befreien müssen.
    Plötzlich schlug sie die Hände zusammen und rief mit klagendem Tone:
»Himmel, welch ein Unglück! Hätt ich das nur vor acht Tagen gewusst - jetzt ist
es wieder einmal zu spät! Ich bin verlobt, raten Sie, mit wem?«
    »Mit Erikson!« versetzte er mit einiger Heftigkeit. »Ich habe mir's halb
gedacht! Aber das tut nichts! Die echten Schicksalswandlungen gehen über
dergleichen hinweg wie ein Morgenwind über das Gras! Vor dem Entschlusse von
heute muss der verjährte Willen von gestern verbleichen.«
    »Nein!« erwiderte sie mit Kopfschütteln und scheinbar trauriger
Verlegenheit, »ich gehöre zu dem Geschlechte derer, die Wort halten; ich kann
nicht anders, ich gehöre zum Grase!«
    Sie schwieg einen Augenblick, wie um sich zu besinnen, während er mit
dringlichen Reden wieder begann; doch sie unterbrach ihn abermals, als ob sie
einen guten Gedanken gefunden hätte.
    »Ich habe gehört oder gelesen von ausgezeichneten Frauen, welche mit
unbedeutenden Männern friedlich gelebt, indessen sie aber mit höchst bedeutenden
Geistern eine Seelenfreundschaft gepflegt haben, wozu jedoch für den Anfang eine
beträchtliche Entfernung gehört, bis das beruhigende Alter die rechte Weihe
bringt. Solche Frauen, wenn sie genugsam Kinder geboren und wohl erzogen haben,
sollen alsdann nicht selten zum höchsten Verständnis jener Geister sich
emporschwingen, da es ihnen nicht mehr an Zeit gebricht, den grossen Dingen
nachzuleben. Nun sehen Sie, wie schön wir es doch noch einrichten könnten, wenn
wir nur wollten. Sollte wirklich etwas so Ausserordentliches in mir sein, wie Sie
mich bald glauben machen, so kann ich ja einstweilen meinen unbedeutenden
Erikson heiraten, Sie entfernten sich für ein paar Jahrzehente -«
    Sie schwieg nicht ohne Besorgnis, als Lys mit einem schmerzlichen Seufzer
auf einen Stuhl sank und vor sich niedersah. Er merkte erst jetzt, dass die
reizende Frau ihr Spiel trieb, und da er zugleich sein Kleid gewahrte, mochte er
der bedenklichen Lage innewerden, in die seine Schwäche ihn geführt, vielleicht
auch zum ersten Mal ihn die Empfindung von der dunklen leeren Stelle in seinem
sonst so reichen Wesen überschatten.
    Ungehört auf den weichen Teppichen des kleinen Zimmers war Erikson schon vor
einigen Minuten eingetreten und hinter dem Freunde gestanden, und Rosalie hatte
ihre schalkischen Reden in seiner Gegenwart gehalten, die sie mit keinem
Zwinkern ihrer Augen verriet.
    »Aber, närrischer Kauz«, sagte er, indem er jenem die Hand auf die Schulter
legte, »wer wird denn seinen Kameraden die Bräute wegschnappen?«
    Lys schnellte sich herum und sprang auf. Zur Rechten sah er die Frau, zur
Linken den Nordländer stehen, die sich zulächelten.
    »Da!« sagte er mit Lippen, die nicht nur von Reue und Verlegenheit, sondern
auch ein wenig von Herzenstrauer verbittert schienen, »da hab ich's nun! Das ist
die Folge, sobald man sich einmal selbst hingibt. Nun erfahr ich, wie es tut,
wenn einer in die Verbannung geht. Ich wünsch euch übrigens Glück!« Damit wandte
er sich rasch und ging fort.
    Als es später zur Tafel ging, welche zu einem mehr traulichen als prunkenden
Mahle gerüstet war, und Lys nicht wieder erschien, fiel mir abermals die Sorge
für die gute Agnes anheim. Sie hatte, lautlos neben mir stehend, dem Spiele
zugeschaut, dann während der langen Pause meinen Arm ergriffen und war mit mir
herumgegangen, ohne ein Wort zu sagen. Ich hatte noch in keiner Weise mit ihr
über ihre Sache und ihren Zustand zu reden gewagt und fühlte auch kein Bedürfnis
oder Geschick dazu; aber ich spürte wohl, wie es in ihrem Busen fortwährend
arbeitete, zornige und wehmütige Seufzer sich bekämpften und miteinander
zerdrückt und hinuntergepresst wurden.
    Ich begleitete sie an den Tisch und kam an ihre Seite zu sitzen. Als jetzt
Erikson eine kurze Rede hielt, das Ereignis der Verlobung verkündigte und die
Bitte beifügte, die fröhliche Gesellschaft möchte sein Glück bei dieser guten
Gelegenheit mitfeiern helfen, hörte ich, wie Agnes mitten im Geräusch der
allgemeinen Überraschung, des Gläserklingens und Hochrufens tief aufatmete. Wie
von einer Last befreit, sass sie einige Minuten in sich gekehrt; doch da Lys
nicht wieder zum Vorschein kam, half ihr ja alles nichts; sein Abfall trat durch
den Vorgang, den sie ahnte, nur um so heller ins Licht, und ihre einfache Seele
war nicht geartet, auf sein Missgeschick neue Pläne zu gründen. Doch bezwang sie
ihren Kummer und hielt tapfer aus, ohne nach Hause zu begehren. Sie folgte mir
sogar, als ich sie zum Anschlusse einlud, da sich alle von ihren Plätzen
erhoben, um an der bräutlichen Wirtin glückwünschend und grüssend
vorüberzuziehen.
    Rosalie war zunächst von ihren Verwandten umgeben, welche von der
unerwarteten Verlobung nicht sonderlich erfreut schienen und ziemlich ernstafte
Gesichter machten; denn die kluge Frau hatte den Tag benutzt, sie in die Falle
zu locken und sie zu zwingen, ihrem Verlobungsfeste in ehrbarer Weise
beizuwohnen, ohne dass sie, schon der Menge der Gäste wegen, den geringsten
Widerstand zu leisten vermochten mit unwillkommenen Warnungen oder Ratschlägen.
Um so lieblich heiterer nahm sich die Zufriedene unter den verdrossenen Vettern
und Basen aus.
    Nun war es aber ein ergreifender Anblick, wie in der bunten Reihe der
vielgestaltigen Gäste auch die Agnes herantrat und das verlassene Weib dem
siegreichen seinen Gruss darbrachte. Sie beugte sich nieder und küsste der Braut
die Hand wie das demütige Unglück dem Glücke. Rosalie sah sie betroffen an und
drückte ihr dann teilnehmend die Hand. Sie hatte das Mädchen ganz vergessen, wie
sie in diesem Augenblick auch den schlimmen Lys schon vergessen, und man konnte
bemerken, dass sie sich irgend etwas vornahm; allein die nächste Sekunde
entführte ihr das weitereilende Trauerwesen und gab sie selbst ihrer
glückseligen Zerstreuung zurück.
    Nachdem alle Gäste ihre Plätze wieder eingenommen und eine gleichmässige,
schliesslich auch von den doch lebelustigen Vettern geteilte Heiterkeit sich
eingestellt, gab es bald einen neuen Unterbruch. Die Kunde von dem Glückswechsel
eines Genossen war rasch in das grosse Lustlager im Walde gedrungen, wo die
unverwüstliche Jugend noch immer hauste. So marschierte denn jetzt mit Trommel
und Pfeife und fliegender Fahne ein Zug Landsknechte zur einen Türe herein,
während in der anderen eine Schar lustiger Zunft- und Handwerksgesellen mit
ihrer Musik erschien. Beide Parteien zogen um die Tafel herum, mit Hüteschwingen
und lautem Zuruf, und führten sich auf biedere Art zu einem Ehrentrunk ein. Die
bisherige Ordnung ward dadurch aufgehoben, und Erikson hatte samt den
Hausbedienten genug zu tun, den Zuwachs unterzubringen, der so ziemlich alle
Räume füllte. Doch ging alles mit froher und guter Laune vonstatten, die
Denkwürdigkeit des Tages steigerte sich zusehends.
    Ich fragte Agnes, was sie vornehmen wolle, ob sie nach Hause zu kehren oder
noch zu bleiben wünsche? Mir wäre das erstere nicht unwillkommen gewesen; denn
so lieblich und ehrenvoll mich die fortgesetzte Obhut eines so unschuldig
reizenden Geschöpfes dünkte, empfand ich doch nach Art junger Deutschgesellen
den Wunsch, das bisher Versäumte nachzuholen und die letzten Stunden doch noch
unter meinesgleichen, ein Freier unter Freien, zu verbringen. Agnes zögerte mit
ihrem Entschlusse; sie schauderte heimlich vor dem Alleinsein in ihrem Hause, wo
sie keines rechten Trostes gewärtig war, und mochte sich auch sträuben, die
Stelle zu verlassen, wo in jüngster Zeit noch der Geliebte geweilt und sie in
neuer Hoffnung gelebt hatte. So führte ich sie einstweilen in den verschiedenen
Gemächern, zwischen den malerischen Zechergruppen herum, überall wo es etwas
Merkwürdiges zu sehen gab, wie der unermüdliche Einfall einzelner oder vieler es
stets neu gebar.
    Auf unserer Wanderung hörten wir einen wohltönenden vierstimmigen Gesang und
gingen ihm nach. Am Ende eines schwach erleuchteten Flures fanden wir einen
erkerartigen Ausbau, der wegen seiner Fenster zu einer kleinen Orangerie diente;
denn er war mit etwa einem Dutzend Orangen-, Granat- und Myrtenbäumen besetzt,
zwischen welche der Gottesmacher und seine Leute ein Tischchen gestellt und sich
niedergelassen hatten. Über dem Eingange hing ein altes eisernes Schenkezeichen
in Gestalt eines Pentagramms oder Drudenfusses, das von ihnen in irgendeinem
Winkel aufgefunden und herbeigebracht worden. Da sassen sie nun, der rheinische
Winzer, der Bergkönig und die zwei glasmalenden Meistersinger, und zeigten, dass
sie im vierstimmigen Zusammensingen nicht minder geübt waren als im Saitenspiel.
Als wir vor ihrer Herberge standen und zuhörten, nötigten sie uns sofort, bei
ihnen Platz zu nehmen, indem sie zusammenrückten und Stühle herbeiholten. Zu
meiner Verwunderung liess Agnes sich das gern gefallen; der Gesang schien ihr
Herz anzulocken, zu beschäftigen und still zu machen. Um jene Zeit waren einige
alte deutsche Volkslieder zuerst wieder hervorgezogen und von lebenden
Komponisten sangbar gemacht worden. Ebenso wurde, was von Eichendorff, Uhland,
Kerner, Heine, Wilhelm Müller im Tone jener Lieder vorhanden, von den
Sangmeistern in mehr oder minder schwermütige Noten gesetzt und eben als das
Neuste von der geschulten Männerjugend gesungen, eh es, teils zum zweiten Male,
ins Volk überging. Noch nie hatte Agnes dergleichen gehört. Soeben war das Lied
»Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum« zu Ende, und es kam »Es fiel
ein Reif in der Frühlingsnacht«. Alte Scheidelieder, Todeskundschaften, Klagen
um entschwundenes Glück, Lenzverheissungen, die Lieder vom Mühlrad und vom
Tannenbaum, Uhlands »Nun, armes Herz, vergiss der Qual, nun muss sich alles, alles
wenden« eins nach dem andern kam zum reinen und ausdrucksvollen Vortrag, wobei
der Gottesmacher mit seinem hellen Tenor die Oberstimme führte, der Bergkönig
den Bass sang und die Glasmaler andächtig dazwischen mitliefen, zuverlässig auf
Ton und Takt haltend.
    Agnes lauschte unverwandt, und altes, was sie hörte, schien wie für sie
gemacht und aus ihrer eigenen Brust zu kommen. Indem sie nach jedem Liede
erleichternde Atemzüge tat, wurde sie zusehends ruhiger und freier. Ein sonniger
Frohsinn ging um unsere kleine, halb verborgene Tafelrunde; es war, wie wenn
alle stillschweigend fühlten, dass ein bedrängtes Herz sich entlastete, obgleich
eigentlich ausser mir keiner etwas wusste. Jetzt trat noch der herumstreifende
Erikson herzu, entdeckte unsere Niederlassung und eilte, als er die Art
derselben erkannte, von dannen, um einige Flaschen französischen Schaumweines
herbeizuschaffen, worauf er seinen vorsorglichen Rundgang im Dienste der
Gebieterin des Hauses fortsetzte.
    Agnes und die meisten von uns hatten noch niemals Champagner gesehen, noch
weniger getrunken, und schon die nach damaliger Mode noch ganz hohen Gläser, in
welchen die Perlen unaufhörlich stiegen, erhöhten unsere Stimmung bis zur
Feierlichkeit. Nun kam Rosalie selbst und brachte der Agnes einen Teller süsses
Backwerk und Früchte und empfahl uns, mit der feinen Diana ja recht fröhlich und
galant zu sein.
    Das waren wir denn auch in der besten und ziemlichsten Weise. Vor allen
bezeigte sich der Gottesmacher aufmerksam und höflich gegen sie; aber auch die
andern wurden ebenso aufgeräumt, als sie in heiterer Ehrerbietung verharrten,
stolz darauf, dass eine so poetisch schöne Erscheinung, wie sie's nannten, ihre
kleine Kompanie zierte. Als alle auf ihr Wohl mit ihr anstiessen, trank sie den
schlanken Kelch bis auf den Grund leer, oder vielmehr floss ihr die perlende Süsse
wie ein Schlänglein in den Mund, ohne dass sie es wusste; wenigstens behauptete
der Gottesmacher nachher, er habe an ihrer weissen Kehle gesehen, wie es
durchgeschlüpft sei. Nun fing sie an zu zwitschern und meinte, hier wäre es gut,
es sei ihr zu Mut, wie wenn sie aus winterlichem Schlackerwetter in ein warmes
Stübchen gekommen wäre; aber sie wisse schon, was das sei, immer machten einige
gute Menschen zusammen ein warmes Stübchen aus, auch, ohne Ofen, Dach und
Fenster!
    »Alle guten Leute sollen leben!« rief sie und trank, als die Gläser
zusammenklangen, das ihrige abermals auf einen Zug leer und setzte hinzu: »Ei,
wie lieb ist dieser Wein! Der ist auch ein guter Geist!«
    Das gefiel uns ausnehmend wohl; die vier Sänger huben ohne Verabredung
alsogleich mit voller Kraft an: »Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben«.
Kaum war das ehrliche Trinklied verklungen, so sangen sie, auf eine ernst
gehaltene Weise übergehend, obgleich nicht in schleppendem Tempo, das andere
schöne Lied von Claudius:
»Der Mensch lebt und bestehet
Nur eine kleine Zeit,
Und alle Welt vergehet
Mit ihrer Herrlichkeit« usw.
Als dann die Motette mit dem schwungvollen Halleluja Amen schloss und bei uns
eine plötzliche Stille eintrat, hörte man aus den übrigen Räumen her, wie aus
der Ferne, das Geräusch der summenden Stimmen, durcheinandertönender Lieder und
einer Tanzmusik, welche dunkel fortrollende Tonmasse übrigens in jeder Pause
hörbar wurde, die wir machten. In diesem Augenblicke aber machte uns die Sache
durch den Kontrast einen feierlichen Eindruck; es war, wie wenn wir den Lärmen
der Welt rauschen hörten, während wir in traulicher Beschaulichkeit in unserm
Myrten- und Orangenwäldchen sassen. Wir horchten eine Weile mit Behagen auf das
wunderliche Tosen und gerieten dann in ein unterhaltliches Gespräch, in welchem
wir die Köpfe über dem Tische zusammensteckten und jeder eine heitere oder
traurige Geschichte oder Erinnerung zum Vorschein brachte, besonders aber der
Gottesmacher eine Menge anmutiger Schwänke von der Mutter Gottes zu erzählen
wusste, wie sie einmal einen Kongress ihrer Vertreterinnen an den berühmtesten
Wallfahrtsorten der Welt veranstaltet habe und wie es da zugegangen und ein
grosser Zwist entstanden sei, wie nicht anders möglich, wo so viele Frauenzimmer
zusammenkämen; was sie alles auf der Hin- und Rückreise erlebt und verrichtet
hätten; wie die eine als grosse Fürstin mit verschwenderischer Pracht, die andere
aber wie ein schäbiger Filz gereist sei und in den Herbergen, wo sie
übernachtet, ihre Engel in den Hühnerstall gesperrt und am Morgen auch wie
Hühner abgezählt habe, ob keiner fehle. So seien auch zwei andere grosse Frauen,
die zum Kongress reisten, die Mutter Gottes von Czenstochau in Polen und die
Maria zu den Einsiedeln, mit ihrem Gefolge bei einem Wirtshause
zusammengetroffen und hätten im Garten das Mittagessen eingenommen. Als nun eine
Schüssel mit Leipziger Lerchen, worauf eine gebratene Schnepfe gelegen,
aufgetragen worden, habe die Polackin die Schüssel sofort an sich genommen und
gesprochen Soviel sie wisse, sei sie die vornehmste Person am Tische und gebühre
ihr hiemit das Störchlein, das da obenauf liege! Denn wegen des langen Schnabels
habe sie die Schnepfe für einen jungen Storch gehalten, dieselbe auch mit der
Gabel angestochen und auf ihren Teller getan. Die Schweizerin hingegen, über
solche Anmassung entrüstet, habe nur »Swips!« gemacht, und die gebratene Schnepfe
sei lebendig und gefiedert vom Teller auf und davon geflogen. Inzwischen habe
die Maria von Einsiedeln die Schüssel an sich genommen und sämtliche Lerchen auf
ihren und der Ihrigen Teller gestreift, die Frau von Czenstochbau aber »Tirili«
gepfiffen, und die Lerchen seien ebenso wie vorhin die Schnepfe aufgeflattert
und singend in der Höhe verschwunden, und somit hätten sich die Herrschaften
gegenseitig aus Eifersucht das Mittagessen verdorben und sich nachher mit einer
dicken Milch begnügen müssen, wozu die schwarzbraunen Gesichter beider Damen
sich possierlich verzogen haben.
    Agnes sass wie ein Kamerad zwischen uns, einen Arm auf den Tisch und die
Wange auf die Hand gestützt. Sie konnte aber nicht recht klug daraus werden, wie
alle die heiligen Marienfrauen, die doch nur ein und dasselbe seien, als so
viele unterschiedene Personen herumreisen, sich versammeln und sogar bekriegen
können, und sie gab ihrem Zweifel unverhohlenen Ausdruck.
    Der Winzer legte den Finger an die Nase und sagte nachdenklich: »Das ist
eben das Mysterium, das Geheimnis, das wir mit unserm Verstande nicht zu
erklären vermögen.«
    Allein der Bergkönig, der in fremdartigen Dingen um so beredter war, je
weniger er mit seiner Kreuztragungsgruppe von Raffaels berühmtem Bilde wegkommen
konnte, ergriff das Wort und sagte: »Die Sache bedeutet nach meiner Ansicht die
ungeheure Allgemeinheit, Allgegenwart, Teilbarkeit und Wandlungsfähigkeit der
Himmelskönigin; sie ist alles in allem, wie die Natur selbst, und steht dieser
schon als Frau am nächsten auch in Hinsicht der unaufhörlichen Veränderlichkeit,
wie sie denn auch ausserdem in allen möglichen Gestalten aufzutreten liebt und
sogar als streitbarer Soldat gesehen worden ist. Hierin gerade mag sie einen Zug
ihres Geschlechtes bewähren, wenigstens der vorzüglicheren Mitglieder desselben,
nämlich einen gewissen Hang, Mannskleider anzuziehen.«
    Einer der Glasmaler lachte bei diesen Worten. »Mir fällt ein drolliges
Beispiel solcher Verkleidungskunst ein«, sagte er und erzählte: »In meiner
Vaterstadt, in welcher besonders im Herbst grosse Märkte stattfinden, waren wir
Gassenbuben scharenweise dahinter her, auf diesen Märkten die häufig auf die
Erde rollenden Apfel, Birnen, Pflaumen und andere Früchte, wenn sie umgeladen
und ausgemessen wurden, zu haschen und solche auch vom Haufen wegzustibitzen. Da
lief dann immer ein Junge zwischen uns mit, den keiner kannte, der aber immer
zuvorderst und am behendesten von allen war, sich die Taschen füllte, verschwand
und bald wieder erschien, um sie abermals zu füllen. Auch wenn der neue Wein von
den Bauern in die Stadt geführt und vor den Bürgerhäusern abgezapft wurde und
wir mit langen hohlen Schilfrohren unter die Wagen hockten, die Röhrchen
heimlich in die untergestellten Bütten und Kübel steckten, um den von den Küfern
beim Abmessen einstweilen dortin gegossenen überschüssigen Most aufzusaugen,
war der unbekannte Junge bei der Hand, schluckte den Wein aber nicht hinunter,
wie wir taten sondern liess das vollgesogene Rohr weislich in eine Flasche
ablaufen, die er in seiner Jacke verborgen trug. Der Kerl war nicht grösser, aber
etwas stärker als wir, hatte ein sonderbares ältliches Gesicht, aber eine helle
Kinderstimme, und als wir ihn einmal drohend fragten, wie er eigentlich heisse,
nannte er sich kurzweg Jochel Klein. Nun, dieser Jochel war ein künstlicher
Gassenjunge, nämlich eine klein gewachsene arme Witwe aus der Vorstadt, die
nichts zu beissen und zu brechen hatte und, von der Not und ihrem Genie
gedrungen, die Kleider eines verstorbenen zwölfjährigen Sohnes anzog, den Zopf
abschnitt und sich so zu gewissen Stunden auf die Strasse wagte und sich unter
die Buben mischte. Als sie ihre Kunst auf die Spitze trieb, wurde sie entdeckt.
Auf dem Käsemarkt, wo die Käsehändler ihren Verkehr hielten, hatte sie
beobachtet, wie diese Männer mit hohlen Kässtechern aus den grossen
Schweizerkäsen zum Behufe des Kostens ihrer Qualität runde Stäbchen oder
Zäpfchen herausstachen, davon ein Endchen säuberlich vorn abbrachen, kosteten
und das Zäpfchen im übrigen wieder in das Loch steckten, dass der Käse wieder
ganz war. Also versah sie sich mit einem gewöhnlichen Nagel, strich um die Käse
herum und erspähte die Stellen, wo eine zarte Kreislinie ein solches Stäbchen
anzeigte. Dann steckte sie im geeigneten Momente den Nagel hinein und zog es
heraus, und oftmals trug sie wohl ein halbes Pfund trefflichen Käses nach Haus.
Endlich aber, da die Käsehändler überall auf ihren Vorteil erpichter und
unduldsamer sind als andere Kaufherren, wurde sie erwischt und der Polizei
übergeben und bei dieser Gelegenheit ihr wahrer Stand entdeckt. Man nannte sie
aber den Jochel Klein, solang sie lebte.«
    Agnes ergötzte sich an der einfachen und harmlosen List der armen Frau und
bedauerte nur den schlechten Ausgang. Der andere Glasmaler hingegen meldete sich
auch mit einer Verkleidungsgeschichte eines Weibes, die aber grauslicher sei als
die von dem weiblichen Gassenjungen.
    »Es ist aber eine alte Geschichte aus dem sechszehnten Jahrhundert«, sagte
er; »im Jahr 1560 oder 62 laut der Chronik geschah es in der Stadt Nimwegen, im
Geldernschen gelegen, dass der Scharfrichter nach dem Städtlein Grave an der
Maas, auf der brabantischen Grenze, berufen wurde, um drei Missetäter zu
richten. Der Nachrichter von Nimwegen lag aber krank und schwach im Bett, weil
ihm sein eigener Knecht mit einem vergifteten Süppchen vergeben hatte, um seine
Stelle zu bekommen. Denn, sagt der Chronist, es ist kein Amt so elend, dass nicht
einer da wäre, der es auf Kosten seiner Seele erhaschen möchte. Der Meister
berichtete also an den Rat zu Grave, er könne nicht kommen, werde aber seine
Frau stracks an den Scharfrichter von Arnheim senden, mit dem er einen Vertrag
zu gegenseitiger Aushilfe geschlossen habe, und es werde derselbe rechtzeitig
sich stellen und zu Gebote sein. Der Frau befahl er, sich unverweilt nach
Arnheim zu begeben und den dortigen Geschäftsfreund in Kenntnis zu setzen. Doch
die Frau, ein wohlgewachsenes, schönes und freches Weib, war geizig und wollte
den Lohn eines so einträglichen Geschäftes nicht fahrenlassen. Statt nach
Arnheim zu gehen, zog sie heimlich die Kleider ihres Mannes an, nachdem sie Hemd
und Wams der Brust wegen erweitert hatte, setzte seinen Federhut auf den schnell
geschorenen Kopf, gürtete das breite Richtschwert um und machte sich bei Nacht
und Nebel auf den Weg nach Grave, wo sie zur rechten Stunde eintraf und sich bei
dem Burgermeister meldete. Ihm fiel zwar ihr glattes Gesicht und die junge helle
Stimme auf, und er fragte, ob sie oder vielmehr er, der angebliche
Scharfrichter, auch die hinreichende Kraft und Übung zu dem vorhabenden Werke
besitze? Aber sie versicherte mit frechen Worten, dass sie das Spiel genugsam
kenne und es schon manchmal getrieben habe. Sie griff auch gleich nach dem
Stricke, an welchem der erste der armen Sünder hinausgeführt wurde, und setzte
sich so in den Besitz desselben. Als es aber so weit gekommen, dass der Mann auf
dem Stuhle sass und sie ihm die Augen verband, ward er etwas unruhig; sie bückte
sich tiefer über ihn her, um zu sehen, ob die Binde überall gut schliesse, und so
spürte er ihre weiche Brust an seinem Kopfe. Sogleich schrie er, es sei ein Weib
da! er wolle aber nicht von einem solchen, sondern von einem ordentlichen
Nachrichter getötet werden, das sei sein Recht! Der arme Mensch hoffte durch den
Umstand einen Aufschub zu gewinnen. In der entstehenden Verwirrung schrie er
immer lauter, man solle ihr die Kleider herunterreissen, so werde man sehen, dass
es ein Weibsbild sei. Da die Sache endlich die Umstehenden nicht
unwahrscheinlich dünkte, wurde einem Henkersknecht geboten, sich zu überzeugen,
und mit der Schere, mit welcher er soeben dem Übeltäter das Haar abgenommen,
schnitt er dem Weibe auf Brust und Rücken Wams und Hemd auf und streifte es ihr
von den Schultern, so dass sie vor allem Volke mit entblösstem Oberkörper dastand
und mit Schmach von der Richtstätte gejagt wurde. Die Verbrecher mussten wieder
ins Gefängnis geführt werden; das aufgebrachte Volk aber wollte das Weib ins
Wasser werfen und liess sich nur mit Mühe daran verhindern. Dennoch stürzten die
Frauen und Mägde aus den Häusern, verfolgten die fliehende Scharfrichterin mit
Kunkeln und Besenstielen bis vor die Stadt und zerbleuten ihr den glänzendweissen
Rücken. So nahm diese Verkleidung ein schlechtes Ende für die verwegene Amazone.
Als ihr Mann bald darauf starb, wurde wirklich der falsche Knecht, der ihn
vergiftete, an seiner Stelle Nachrichter zu Nimwegen, heiratete die Witwe, und
hatte demnach der Henker eine Frau, die seiner wert war.«
    Mit dieser derben Geschichte hatte unser Geplauder die Grenze fast
überschritten, die wir dem anwesenden Mädchen schuldig waren. Sie schüttelte
schauernd den Kopf und säumte nicht, ihr Glas auszutrinken, als wir zusammen
anstiessen. Während der ganzen Unterhaltung hatte jeder seinen langen Kelch fest
in der Hand gehalten, damit er nicht umfalle und zu gelegentlichem Zuspruch dem
Munde möglichst nah sei, und Agnes hatte in ihrer Unerfahrenheit und im
glücklichen Vergessen aller Not uns getreulich nachgeahmt. Als unwissenden
Junggesellen war uns unbekannt, wie man sich in solchem Falle mit einem
weiblichen Wesen zu benehmen hat, und füllten alle Gläser, sooft sie sich
leerten, uns der wachsenden Aufregung und Fröhlichkeit des guten Kindes
erfreuend.
    Reinhold, der Gottesmacher, hatte während der langen Plauderei von einem
hinter der Agnes stehenden Orangenbäumchen blühende Zweige gebrochen, sie zu
einem Kränzlein verflochten und drückte ihr jetzt dasselbe auf den Kopf.
Zugleich bat er sie, ihn mit einem Tänzchen zu beglücken, zu welchem einer oder
zwei von den andern aufspielen sollten.
    »Nein!« rief sie, »zuerst will ich euch einmal einen Ländlertanz allein
vorführen, den ihr alle vier spielen sollt!« Die Gesellen gehorchten, nahmen die
Instrumente aus den Futteralen und stimmten sie wieder. Ich rückte zur Seite,
sie spielten einen damals sehr beliebten Volkstanz jener Gegend, und Agnes
tanzte auf dem kleinen Raume, der zwischen den Bäumchen übrig war, mit aller
Anmut die langsame und eine gewisse Sehnsucht ausdrückende Weise. Kaum war der
letzte Takt verklungen, so verlangte sie, indem sie sich das schäumende Glas
geben liess und es mit dürstenden Lippen leerte, einen Walzer, den sie noch
allein tanzen wolle. Die guten Junggesellen geigten, so kräftig sie vermochten,
und Agnes drehte sich, die Hände in die schlanken Hüften stützend, mit
glänzenden Augen um sich selber. Auf einmal griff sie mit den Armen in die Luft,
als suche sie jemanden, stand still, nahm den Kranz vom Kopfe, besah ihn, setzte
ihn wieder auf und fing darauf an zu schwanken. Ich sprang schnell hinzu und
führte sie zu ihrem Stuhle; die Musiker hielten erschreckt inne, das arme
Mädchen aber warf Kopf und Arme auf den Tisch, dass alle Gläser umstürzten, und
begann überlaut mit herzzerreissendem Jammer zu weinen und nach ihrer Mutter zu
rufen. Sie weinte und rief so durchdringend, dass andere Gäste herbeikamen und
wir in der grössten Bestürzung und Ratlosigkeit herumstanden. Wir versuchten sie
aufzurichten; allein sie sank uns aus den Händen und zu Boden, wo sie
leichenblass mit zitternden Lippen und Händen ausgestreckt lag und bald gänzlich
leblos schien, so dass jetzt eine ängstliche Stille eintrat.
    Endlich mussten wir uns entschliessen, das arme reglose Wesen wegzutragen und
im bewohnten oder zur Hilfe bereiten Teile des Hauses eine Stätte zu suchen. Der
Bergkönig fasste sie unter den Armen, der Gottesmacher nahm die Füsse, und so
trugen sie die leichte silberschimmernde Last sorgsam davon. Ich ging voraus,
und die zwei Glasmaler folgten, ihre Violinen unter dem Arm, die sie einzupacken
keine Zeit fanden und doch nicht zurücklassen wollten, weil es gute Instrumente
waren.
    Frau Rosalie war leider in Eriksons Begleitung schon nach der Stadt
gefahren, ohne von irgendwem Abschied zu nehmen, damit nicht gegen ihren Willen
ein Aufbruch stattfände und die Lustbarkeit gestört würde. Um so willkommener
war die Hausmeisterin oder Verwalterin, die herbeikam und unsern Trauerzug in
ihre eigene Wohnstube leitete, wo die Regungslose auf ein bequemes Ruhbett und
einige herbeigeholte Kissen gelegt wurde.
    »Es ist nicht so schlimm«, sagte die beratene Frau, als sie unsern Schreck
bemerkte; »das Fräulein wird einen Rausch haben, das wird bald vorübergehen!«
    »Nein, sie hat einen Kummer!« flüsterte ich ihr zu.
    »Dann hat sie eben in den Kummer hinein getrunken«, versetzte sie; »wer gibt
einem jungen Mädchen denn so viel zu trinken?«
    Erst jetzt erröteten wir und standen in Beschämung und Verlegenheit, bis uns
die wackere Frau fortschickte, nachdem sie sich noch erkundigt hatte, wo die
Erkrankte hingehöre. »Der Wagen der Herrschaft«, sagte sie, »wird noch einmal
herauskommen, um etwa nötig werdende Dienste zu leisten; also werden wir für
alles besorgt sein.« Reinhold anerbot sich und liess es sich nicht nehmen, im
Hause zu bleiben; er drang in mich, ihm den fernern Schutz der Verlassenen
anheimzustellen, und ich war es zufrieden, da er für einen wohlbeschaffenen
braven Mann galt. Agnes ging also, um ihr Schicksal zu erfüllen, in ihrer
Bewusstlosigkeit und überhaupt während des ganzen Festes von einer Hand in die
andere wie ehmals eine in die Sklaverei geratene Königstochter.
    Ich trennte mich von den Geigern, die für Unterbringung ihrer Instrumente zu
sorgen hatten, und machte mich auf den Weg. Übrigens wurde sowohl hier als am
Walde drüben allgemein aufgebrochen, und die Strasse war von den Wagen der
Heimkehrenden bedeckt. Da ich nicht gleich eine Unterkunft fand, zog ich vor, zu
Fuss zu gehen, und um nicht von den Fuhrwerken, die im Trabe fuhren und sich
jagten, gefährdet zu werden, betrat ich den Seitenpfad, der sich auf dem
Waldboden längs der Strasse hinzog. Der abnehmende Mond erhellte den Weg
einigermassen durch die Bäume; immerhin behinderte das Gestrüppe des Unterholzes
da und dort die Schritte, und ich holte denn auch einen einsamen Wandler ein,
der sich mit Weissdornruten und Brombeerstauden ärgerlich herumschlug. Es war
Lys, unter dessen dunklem Mantel das feine Leinwandkleid hervorschimmerte und an
den Dorngeflechten hängenblieb.
    Nachdem wir uns erkannt, erzählte ich das Vorgefallene in einem Tone, der
ihn erraten liess, wo ich hinauswollte. Lys, der ein ausdauernder Trinker war,
aber alle Betrunkenheit schon an Männern verabscheute, empfand einen tiefen
Verdruss und benutzte denselben überdies, weitere Vorwürfe oder unliebe
Bemerkungen abzuschneiden. »Das ist eine saubere Geschichte!« rief er, »sind das
nun euere Heldentaten, ein unerfahrenes Mädchen berauscht zu machen? Wahrhaftig,
ich habe das arme Kind guten Händen übergeben!«
    »Übergeben!« erwiderte ich gereizt; »verlassen, verraten willst du sagen!«
und ich übergoss ihn mit einer Flut von Vorwürfen, die über meine Berechtigung
weit hinausgingen. »Ist es denn so schwer«, schloss ich vorläufig, »seinen
Neigungen einen festen Halt zu geben und sich mit einiger dankbaren Treue an
einer so reichen Gabe Gottes genügen zu lassen? Muss denn die ganze Welt
durcheinanderrennen und sich überall selbst im Lichte stehen und sich betrüben?«
    Lys hatte sich indessen von den Dornen losgewickelt. Da er sah, dass er mich
nicht einschüchtern konnte, ergab er sich und sagte ruhig, indem wir einer
hinter dem andern weitergingen: »Lass mich zufrieden, du verstehst das nicht!«
    Aufbrausend antwortete ich: »Lange genug habe ich mir eingebildet, dass in
deiner Sinnesart etwas liege, was ich mit meiner Erfahrung nicht übersehen und
beurteilen könne! Jetzt aber gewahre ich nur zu deutlich, dass es die trivialste
Selbstsucht und Rücksichtslosigkeit ist, welche dich beherrscht, so leicht
erkennbar als verabscheuungswert. Oh, wenn du wüsstest, wie tief dich diese Art
entstellt und deinen Freunden weh tut, du würdest schon aus der gleichen
Eigenliebe dich ändern und den hässlichen Makel von dir tun!«
    »Ich sage noch einmal«, erwiderte Lys, sich halb nach mir umwendend, »du
verstehst das nicht! Und das ist in meinen Augen die beste Entschuldigung für
deine unziemlichen Reden. Nun, du Tugendheld! hast du jemals etwas anderes
getan, als was du nicht lassen konntest? Du tust es jetzt nicht und wirst es
noch weniger tun, wenn du erst einmal etwas erlebst!«
    »Ich hoffe wenigstens, dass ich zu jeder Zeit das lassen kann, was schlecht
und verwerflich ist, sobald ich es nur als solches erkenne!«
    »Du wirst jederzeit«, sagte Lys hierauf kaltblütig, indem er sich wieder
vorwärts wandte, »du wirst jederzeit das lassen, was dir nicht angenehm ist!«
    Ungeduldig wollte ich ihn nochmals unterbrechen; allein er übertönte mich
und fuhr fort: »Gerätst du einst zwischen zwei Weiber, so wirst du
wahrscheinlich beiden nachlaufen, wenn dir beide angenehm sind, das ist
einfacher, als sich für eine zu entschliessen! Und vielleicht wirst du recht
haben! Was mich betrifft, so wisse: Das Auge ist der Urheber und der Erhalter
oder Vernichter der Liebe; ich kann mir vornehmen, treu zu sein, das Auge nimmt
sich nichts vor, das gehorcht der Kette der ewigen Naturgesetze Luter hat nur
als Normalmensch gesprochen, wenn er sagte, er könne kein Weib ansehen, ohne
ihrer zu begehren! Erst durch ein Weib von solcher Reinheit von allem
eigensinnigen, kränklichen und absonderlichen Beiwerke, durch ein Weib von so
unverwüstlicher Gesundheit, Heiterkeit, Güte und Klugheit wie diese Rosalie
könnte ich für immer gefesselt werden. Wie beschämt sehe ich nun ein, welch eine
vergängliche Spezialität ich in jener Agnes mir zu verbinden im Begriffe war! Du
aber schäme dich ebenfalls, als ein leeres Schema in der Welt herumzulaufen wie
ein Schatten ohne Körper! Suche, dass du endlich einen Inhalt, eine ausfüllende
Leidenschaft bekommst, anstatt andern mit deinem Wortgeklingel beschwerlich zu
fallen!«
    Mehrfach beleidigt schwieg ich einige Minuten. Ohne es zu wissen, hatte Lys
mit den zwei Weibern, die er mir in Aussicht stellte, etwas Wahres getroffen,
insofern ich ja noch als halbes Kind schon auf ähnlichen Wegen geirrt war. Und
doch wollte ich mich nicht mit ihm vergleichen lassen; der genossene Wein, die
mehr als vierundzwanzigstündige mannigfache Aufregung taten auch das Ihrige,
meine Streitlust zu entflammen, und ich begann daher wieder mit entschiedener
Stimme: »Nach deiner vorhinnigen Äusserung zu urteilen, bist du also nicht sehr
willens, dem Mädchen die Hoffnungen, die du ihr leichtsinnigerweise erregt, zu
erfüllen?«
    »Ich habe keine Hoffnungen gemacht«, sagte Lys, »ich bin frei und Herr
meines Willens, gegen jedes Frauenzimmer sowohl wie gegen alle Welt! Wenn ich
übrigens für das gute Kind etwas tun kann, so werde ich ihr ein wahrer und
uneigennütziger Freund sein, ohne Ziererei und ohne Phrasen! Und zum letzten Mal
gesagt Kümmere dich nicht um meine Liebschaften oder Nichtliebschaften, ich
weise es durchaus ab!«
    »Ich werde mich aber darum kümmern!« rief ich, »entweder sollst du einmal
Treue und Ehre halten, oder ich will es dir in die Seele hinein beweisen, dass du
unrecht tust! Das kommt aber nur von dem trostlosen Ateismus! Wo kein Gott ist,
da ist kein Salz und kein Halt!«
    Lys lachte laut auf, da er antwortete: »Nun, dein Gott sei gelobt! Dacht ich
doch, dass du schliesslich noch in diesen Hafen der Glückseligkeit einlaufen
würdest! Ich bitte dich aber jetzt, grüner Heinrich, lass den lieben Gott aus dem
Spiele, der hat hier ganz und gar nichts zu schaffen! Ich versichere dich, ich
würde mit ihm wie ohne ihn ganz der gleiche sein! Das hängt nicht von meinem
Glauben, sondern von meinen Augen, von meinem Hirn, von meinem ganzen
körperlichen Wesen ab!«
    »Jedenfalls von deinem Herzen!« rief ich zornig und ausser mir; »ja, sagen
wir es nur heraus, nicht dein Kopf, sondern dein Herz kennt keinen Gott! Dein
Glauben oder vielmehr Nichtglauben ist dein Charakter!«
    »Nun hab ich genug!« donnerte Lys mit starker Stimme und kehrte sich
stehenbleibend gegen mich; »obgleich es ein Unsinn ist, den du sprichst, der an
sich nicht beschimpfen kann, so weiss ich, wie du es meinst; denn ich kenne diese
unverschämte Sprache der Hirnspinner und Fanatiker, die ich dir nie zugetraut
hätte! Sogleich nimm zurück, was du gesagt hast! Ich lasse nicht ungestraft
meinen Charakter antasten!«
    »Nichts nehm ich zurück! Nun wollen wir sehen, wie weit deine gottlose
Tollheit dich führt!« Dies sagte ich mit wilder Streitlust; Lys aber antwortete
mit bitterer verdrussvoller Stimme: »Genug des Scheltens! Du bist von mir
gefordert! Und zwar mit Tagesanbruch halte dich bereit, einmal mit der Waffe in
der Hand für deinen Gott einzustehen, für den du so weidlich zu schimpfen weisst.
Sorge für deinen Beistand, der meinige wird in zwei Stunden da und da zu finden
sein, um alles übrige zu besorgen.« Er bezeichnete einen Ort, wo voraussichtlich
die ganze Nacht der Verkehr des Festes mit seinen Nachklängen fortdauerte. Dann
wandte er sich und ging mit raschen Schritten vorwärts, da der Weg besser
geworden. Ich selber sprang auf die Strasse hinüber, die während unseres Streites
längst leer und still geworden. Das war nun das Ende des schönen Festes! Der
Mond warf meinen eigenen Schatten vor mir her, als ich mitten auf der Strasse
ging, und ich sah die Zipfel meiner Narrenkappe deutlich auf derselben
abgezeichnet. Allein das half nichts das Licht der Vernunft war erloschen; ich
eilte meines Weges, um für den Zweikampf meine Helfershelfer zu suchen.
    Schon vor wenigstens sechs Jahren hatte ich von einem Polen, der in unserm
Hause ein kleines Zimmer bewohnte, etwas fechten gelernt. Es war einer jener
stattlichen, hochgewachsenen Militärs, wie sie aus der Revolution von 1831 als
Flüchtlinge bekannt geworden und seiter ziemlich aus der Welt oder wenigstens
aus der Emigration verschwunden sind. Von vornehmer Geburt und ein gewesener
Reiteroffizier, brachte er sich geschickt und redlich durch und fügte sich in
die bescheidenste Lebensart, in jede Arbeit, war immer heiter und liebenswürdig,
ausgenommen wenn er von den Schlachten und dem Unglücke seines Vaterlandes, von
seinem Hasse gegen Russland sprach. Obgleich gut katolisch erzogen, rief er dann
jedesmal voll Bitterkeit, es sei kein Gott im Himmel, sonst hätte er die Polen
nicht in die Hand des Russen gegeben. Der mochte mich wohl leiden, und um mir
irgendeine Freundlichkeit oder Wohltat zu erweisen und weil er gerade nichts
anderes hatte, ruhte er nicht, bis er mir einigen Unterricht in der Fechtkunst
geben konnte. Aus eigener Tasche kaufte er zwei Stossrapiere oder Fleurets,
Drahtmasken und andern Zubehör und ging mit mir täglich eine Stunde auf den
grossen Estrich unter dem Dache, wo er mich dazu brachte, eine erste Schule
notdürftig durchzumachen, und er tat es mit solcher Liebe und Ausdauer, als ob
es sich um das Goldmachen handelte, bis ihn eine Schicksalswendung aus unserer
Gegend hinwegführte. In der Stadt, wo ich jetzt lebte, hatte ich bei
studierenden Landsleuten, mit denen ich zuweilen verkehrte und die sich
Fechtapparate auf dem Zimmer hielten, manchmal wieder den einen oder andern Gang
versucht, ohne an etwas anderes als an einen vorübergehenden Zeitvertreib zu
denken. Einen oder zwei der jungen Leute dachte ich jetzt sicher noch an ihrem
gewohnten Versammlungsorte zu treffen, um ihren Beistand in Anspruch zu nehmen,
und fand sie auch in der verwegenen Stimmung, welche der späten Stunde und
meinen Wünschen entsprach. Sie begaben sich sofort dahin, wo die Vertrauten
meines Gegners sie erwarteten.
    Bald kamen sie mit der Verabredung zurück, dass der Duellhandel morgens um
sechs Uhr in Lysens Wohnung vor sich gehen solle. Lys habe hervorgehoben, dass er
ganz allein darin hause und also keine Zeugen zu befürchten seien; ferner könne
er, wenn er verwundet werde, sich gleich in sein eigenes Bett legen und in der
Stille geheilt werden oder sterben, der Gegner aber mit aller Sicherheit und
Musse abreisen. Treffe es aber mich, so könne ich dort an seiner Stelle mich
zunächst hinlegen, indessen er sich aus dem Staube mache.
    Für einen Arzt, hiess es, sei auch schon gesorgt, ebenso für die Waffen, als
welche ich Stossdegen oder sogenannte Pariser, die einzigen, die ich etwas zu
führen verstand, vorgeschlagen hatte, zumal ich wusste, dass auch Lys damit
umgehen konnte.
    Wie er den kurzen Rest der Nacht verbracht, habe ich nicht erfahren; was
mich betrifft, so blieb ich mit meinen Ratgebern sitzen, da wir fanden, das
gefährliche Abenteuer sei besser als Schluss der ganzen Feststrapaze zu bestehen,
mit der es sozusagen in einem hinginge, als wenn ich nach unzureichender Ruhe,
aus tiefem Schlafe geweckt und ohne Zusammenhang der Gedanken, fechten müsste. So
kam ich nicht einmal dazu, den Anzug zu wechseln, und wenn mich das Geschick
getroffen hätte, so wäre ich in der Gestalt eines erstochenen Narren weggetragen
worden.
    Trotzdem überfiel mich die Müdigkeit; ich schlummerte ein und lag zuletzt
mit dem Kopfe schlafend auf dem Tische, während die andern mit ab- und
zugehenden Nachzüglern und Spätlingen eine Bowle heissen Punsch tranken. Auch ich
stürzte noch ein Glas hinunter, als ich mit dem Morgengrauen aufgerüttelt wurde,
mich aber durch den kurzen Schlaf keineswegs erquickt oder ernüchtert fand. Doch
erinnere ich mich wie aus einem Traume, dass ich gleich den zweien, die mit mir
kamen, mit tiefem Ernst durch die Strassen ging und in Lysens stille Wohnung
trat, wo er mit zwei oder drei jungen Männern ebenso ernst und kalt uns
erwartete.
    Wir standen alle in dem geräumigsten seiner Zimmer, vor dem Bilde mit den
Spöttern; die Morgendämmerung liess die aus dem Dunkel hervorleuchtenden Figuren
wie belebt erscheinen, als ob sie der Dinge gewärtig wären, die da kommen
sollten.
    Nun wurden aus einem langen Kistchen zwei glänzend polierte dreieckige und
nadelspitze Klingen, zwei mit Silberdraht übersponnene Griffe und zwei
vergoldete halbkugelförmige Glocken zum Schutze der Hand ausgepackt und
ineinandergeschraubt. Nachdem gefragt worden, ob keine Versöhnung oder
anderweitige Verständigung möglich sei, und keiner von uns beiden sich gerührt
hatte, gab man uns die Waffen in die Hand und wies jedem seinen Platz an. Ich
warf einen Blick auf Lys; er sah ebenso blass und überwacht aus wie ich selbst.
Jeder Zug von Wohlwollen oder freundschaftlicher Gesinnung war aus unsern
Gesichtern verschwunden, während auch der ursprüngliche Zorn verraucht war und
nur die erstarrte Menschentorheit auf den Lippen sass. Da stand ich nun mit dem
Eisen in der Hand, bereit, das Blut eines Freundes zu vergiessen, um ihm die
Wahrheit meines Gottesglaubens zu beweisen, und der Freund bedurfte meines
Blutes zur Verteidigung der moralischen Ehre seiner Weltanschauung, und jeder
hatte sich sonst für die Vernunft, Freiheit und Menschlichkeit selbst gehalten.
Eine unglückliche Sekunde, und der gleissende Stahl war in ein warmes Herz
geglitten!
    Aber zu einer heilsamen Überlegung war keine Zeit mehr. Das Zeichen wurde
gegeben, wir machten mit den Degen den üblichen Gruss und setzten uns in Positur,
aber nicht wie geübte Duellanten, sondern mehr wie etwas unsichere Schüler.
Unsere Hände zitterten fast gleichmässig, als wir die Degenspitzen sich
umeinander drehen liessen, um den Anfang zu finden, und der erste Stoss, den ich
tat, war auch richtig der erste Schulstoss, wie er der Nummer nach auf dem
Fechtsaale gezeigt wird. Lys parierte ihn ebenso schulmässig, da er ihn von
weitem kommen sah; er erwiderte den Ausfall, und ich wies ihn etwas
schwerfälliger, aber noch gerade zeitig genug ab. Der liebe Gott, um den wir uns
schlugen, mochte wissen, wie ein Paar so friedlicher Fechter in eine so
gefährliche Lage geraten war. Allein gefährlich war sie nichtsdestoweniger; denn
mit dem Geräusch der gleitenden Klingen wurde das Gefecht belebter und rascher,
so dass schon wegen der Notwehr die Stösse zahlreicher und fester wurden. Da
blitzten plötzlich Stahl und Glocken unserer Waffen mit einem rötlichen Schimmer
auf, und gleichzeitig begann das Bild im Hintergrunde des Zimmers sachte zu
leuchten, beides vom Glühen einer Wolke, die im Widerscheine der anbrechenden
Morgenröte stand. Lys warf unwillkürlich einen Blick seitwärts auf sein Bild und
sah die Blicke seiner Sachverständigen, wie er sie nannte, auf uns gerichtet. Er
liess seinen Degen sinken, und mir, der ich eben wieder auszufallen im Begriffe
war, wurde ein »Halt!« zugerufen. Lys, der im übrigen vollkommen nüchtern
geblieben, war der Nichtigkeit unseres Tuns durch den Anblick zuerst
innegeworden.
    »Ich nehme meine Herausforderung zurück«, erklärte er mit ernstem, aber
ruhigem Tone, »und will das Vorgefallene vergessen, ohne dass Blut fliessen soll!«
    Er trat mir einen Schritt entgegen und bot mir die Hand. »Lass uns schlafen
gehen, Heinrich Lee!« sagte er, »und zugleich leb wohl! Da ich einmal zur
Abreise gerüstet bin, so will ich heute für einige Zeit fort.«
    Damit ging er, nachdem er die Anwesenden gegrüsst, nach seinem Schlafzimmer,
und wir verliessen uns trotz der unerwarteten Aussöhnung ohne Freundlichkeit,
weil wir uns eigentlich selbst beleidigt hatten und zur Stunde keiner mit sich
im reinen war. Die Zeugen und der Arzt, welche in den Verlauf der Streitigkeit
überhaupt keinen klaren Einblick hatten, verabschiedeten sich vor dem Hause
stillschweigend, und jeder ging seines Weges, ich überdies mit einem Gefühle,
wie wenn ich von der moralischen Überlegenheit eines Gegners, den ich hatte
schulmeistern wollen, heimgeschickt worden wäre.
    Als ich meine Wohnung betrat, wurde ich von den Wirtsleuten, die an ihrem
Frühstücke sassen, als ein ausdauernder Lustigmacher begrüsst. Obschon ich
erschöpft und müde war, konnte ich beinahe nicht einschlafen, und als es
geschah, träumte mir, ich hätte den Freund totgestochen, blutete aber statt
seiner selbst und werde von meiner weinenden Mutter verbunden. Indessen würgte
ich an einem geträumten Schluchzen herum, über welchem ich erwachte. Ich fand
die Augen und das Kissen zwar trocken, dachte aber über die möglich gewesenen
Folgen nach, bis ich endlich fester einschlief.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
                                Der Grillenfang
Ich schlief bis in den Nachmittag hinein, und als ich erwachte, wusste ich nichts
mit mir anzufangen; die Welt und mein Kopf schienen mir beide leer und
ausgestorben. Ich dachte an das Ende des Kadettenfestes in meiner Knabenzeit, an
dasjenige des Tellenspieles, und sagte mir Wenn alle deine Freudenfeste einen
solchen Ausgang nehmen, so wird es besser sein, du gehst nicht mehr hinzu, wo es
dergleichen gibt! Zunächst las ich das Narrenkleid zusammen, das zerstreut am
Boden lag, und hing es im Atelier als malerischen Gegenstand an einen Nagel, und
den Distel-und Stechpalmenkranz legte ich um den Zwiehansschädel, den ich auf
die Kommode des kleinen Schlafzimmers setzte, um dergestalt ein heilsames
Memento zu errichten. Das Spielerische und Ziersüchtige in uns bleibt in allem
Elende und unter allen Gestalten lebendig, bis wir zerbrochen sind. Vielleicht
ist es ein Teil des Gewissens; denn wie das Tier nicht lacht, so spielt der ganz
Gewissenlose nicht, es sei denn um Gewinn.
    In meiner dunkel müssigen Lage war mir der Besuch Reinholds, des Winzers und
Geigenspielers, willkommen, der mich aufsuchte und einen Liebesdienst von mir
verlangte. Er berichtete, dass der hilflose Zustand Agnesens noch stundenlange
gedauert und sie sich erst gegen Morgen soweit erholt habe, dass die
Heimschaffung möglich geworden, und zwar bereits bei Tageshelle. Allein
nachteilige Gerüchte von einem sozusagen zuchtlosen Benehmen, von einer
Berauschung, in deren Folge sie von einem reichen Bewerber sofort verlassen und
aufgegeben worden sei, wären schon vorausgedrungen, und als das Gefährt vor dem
Hause angekommen und das Mädchen, matt und niedergeschlagen, ausgestiegen sei,
hätten sich die Nachbarfenster geöffnet und die Leute mit sichtlicher Verachtung
oder wenigstens Missbilligung zugeschaut. Er selbst habe nebst einer Magd vom
Landhause die Arme begleitet, sich aber natürlich sofort wegbegeben, ohne mit in
das Haus zu treten. Aber auch dies Erscheinen eines neuen Beschützers habe den
bösen Schein noch verschlimmert, und es liege wohl an uns, die wir das Unsrige
beigetragen, den Leumund des unschuldigen Wesens zu verteidigen. Er habe nun den
Plan gefasst und mit seinen Freunden verabredet, heute abend unter dem Fenster
des geprüften Fräuleins eine ernstafte und ehrbare Musik, eine Serenade in
würdigster Form, abzuhalten; um jede Störung zu vermeiden und das Ansehen der
Sache zu erhöhen, sei schon die amtliche Erlaubnis eingeholt. Nach Schluss der
Serenade aber gedenke er stracks hinaufzugehen und der Verlassenen feierlich
seine Hand anzutragen.
    »Absichtlich«, fuhr er fort, »will ich von allem, was vorausgegangen, nichts
wissen, was man auch munkeln mag! Wie sie ist, in diesem Augenblicke, mit ihrem
Gesichtchen, ihrer leichten Gestalt, mit ihrem ganzen Wesen und ihrem kleinen
Schicksal gefällt sie mir und dünkt mich unentbehrlich! Und wenn ich mich irre,
so wird es nur in dem Sinne sein, dass sie mehr ist, als ich geglaubt habe! Etwas
warme Sonne, ein wenig Glück, was man so nennt, gleichsam ein Gläschen guten
Rheinweins werden sie munter machen!«
    »Und was soll ich hiebei tun?« fragte ich verwundert, aber auch mit
Teilnahme, da mir das Vorhaben des gemütlichen Mannes als die beste Hilfe in der
Not erschien.
    »Was ich von Ihnen wünsche«, versetzte er, »ist, dass Sie gegen Abend in das
schmale Haus, in das Juwelenkästchen, gehen und die Frauen suchen hinzuhalten,
damit sie es nicht verlassen und doch von der Musik überrascht werden. Ferner
sollen Sie, wenn es nicht von selbst geschieht, das Gespräch auf mich bringen,
in nicht auffälliger Weise, und mich ein bisschen anrühmen, das heisst, nicht
meine Person, sondern meine Verhältnisse, ich will sagen, meinen bescheidenen
Wohlstand, der mir erlaubt, unbesorgt eine Frau heimzuführen. Ich wünsche, dass
Sie das ganz beiläufig tun, jedoch als von etwas Bekanntem, sozusagen ausser
Zweifel Stehendem sprechen, so dass diese Voraussetzung bereits vorhanden ist,
wenn ich komme, und ich nicht selbst davon anfangen muss. Es ist solches wichtig
und in dergleichen Verwicklungen meistens von entscheidendem Einfluss. Und Sie
werden nicht lügen, sofern Sie nicht etwa aufschneiden, ich geb Ihnen mein Wort
darauf! Etwas Grundeigentum und mein Kunsterwerb reichen zu einem bürgerlichen,
doch keineswegs knauserigen Leben hin, und für die Zukunft ist mir das Erbe
einer alten Tante sicher, die mich immer wegen des Heiratens plagt und eine
Aussteuer bereitält wie für eine einzige Tochter. Halt - diesen Umstand könnten
Sie etwas ausmalen! Es ist wirklich komisch, wie die Gute immer noch Einkäufe
macht, sobald sie etwas sieht, wovon sie denkt, es wäre in meinem dereinstigen
Haushalt zu brauchen, und so stapelt sie in ihrem von alters her angefüllten
Hause stets neue Vorräte von kleinen und grossen Dingen auf. - Also reden Sie,
sprechen Sie! wollen Sie meine Wünsche erfüllen? Ich kann Ihnen sagen, es ist
mir zu Mute wie einem, der einen Diamant, den ein Dummkopf weggeworfen hat,
liegen sieht und nun fürchtet, es möchte ihn ein anderer finden, eh er selbst
zur Stelle ist!«
    Ich musste innerlich lächeln über dies treffliche Stückchen Weltlauf, das
sich so artig selbst berichtigte, wenn Reinholds Pläne gelangen. Gern sagte ich
ihm zu, seine Wünsche zu erfüllen, so gut ich es verstände, und er eilte nach
der weiter nötigen Verabredung in Hoffnung davon.
    Mir konnte für den leeren öden Tag der Auftrag nur willkommen sein, so neu
es mir war, eine Art Kuppelei zu betreiben. »Nachdem du fast zwei Tage lang das
hintangestellte Schätzchen eines Don Juans gehütet hast«, sagte ich mir, »kannst
du dies Altweibergeschäft dir auch noch gefallen lassen, es passt zum andern,
auch zu dem gefehlten Duell!«
    Mit anbrechender Dämmerung begab ich mich auf den Weg und stand alsbald vor
der Stubentüre der Frauen, die in tiefster Stille sassen; denn kein Laut war zu
vernehmen. Erst auf ein Anklopfen hörte ich ein mattes »Herein!« und als ich
eintrat, sah ich in dem halbdunklen Gemache nur die Frau Mutter in ihrem
Lehnsessel, den Kopf in beide Hände gestützt. Auf dem Tische vor ihr lag ein
kleines Kästchen. Mich erkennend, sagte sie mit heiserer Stimme nichts als: »Ein
schönes Fest für uns! Eine schöne Nacht und ein schöner Tag!«
    »Ja«, antwortete ich kleinlaut, »es war etwas verhext und ist manchem
wunderlich gegangen!«
    Sie schwieg eine kleine Weile und fuhr dann geläufiger fort: »Eine schöne
Wunderlichkeit! Wenn ich den Kopf vor die Türe strecke, so zeigen die Nachbaren
mit Fingern auf mich! Eine Gevatterin nach der anderen, die sich sonst nie sehen
lassen, ist heute eingedrungen, um sich an der Schande zu weiden! Da schleppt
man das Kind zwei Nächte herum und schickt es mir betrunken nach Haus und durch
fremde Leute! Und der hübsche reiche Bewerber, dieser Herr Lys, hat natürlich
genug an der Aufführung, sagt ab und macht sich davon! Da sehen Sie, was wir
alles erlebt haben!«
    Sie zog einen Brief hervor, der unter dem Kästchen lag, und entfaltete ihn;
es war aber zu dunkel, um lesen zu können. »Ich will Licht holen!« sagte sie,
ging müde und verdrossen hinaus und kehrte mit einem bescheidenen Küchenlämpchen
zurück, da es nicht der Mühe wert schien, einem von der schnöden Gesellschaft
ein besseres Licht vorzusetzen. Ich las den kurzen Brief, worin Lys mit wenigen
Zeilen anzeigte, dass er auf unbestimmte Zeit, vielleicht für immer, abreisen
müsse, für gute Freundschaft, die er genossen, herzlich dankte, Glück und
Wohlergehen wünschte und die Tochter bat, ein kleines Andenken freundlich
anzunehmen. Als ich das gelesen, öffnete die betrübte Frau das Kästchen, in
welchem eine ziemlich kostbare Uhr mit feiner Kette glänzte.
    »Ist dies reiche Geschenk«, rief sie, »nicht ein Beweis, wie ernst er
gesinnt war, da er sich sogar jetzt noch so edel benimmt, trotz der Schmach, die
man ihm angetan?«
    »Sie irren sich!« sagte ich; »niemand hat sich etwas vorzuwerfen, am
allerwenigsten das gute Fräulein! Lys hat Ihre Tochter von Anfang an
sitzenlassen und ist einer anderen Schönheit nachgelaufen; und weil er von
dieser zurückgewiesen wurde, denn es ist, kurz gesagt, die nunmehrige Braut
seines Freundes Erikson, hat er sich von hier entfernt. Ich weiss bestimmt, dass
er für Ihr Kind verloren war, eh dasselbe aus Kummer und Aufregung unwohl wurde.
Und es ist wahrscheinlich ein Glück für das Fräulein, nach meiner Meinung sogar
gewiss!«
    Die Frau sah mich gross an; aus dem Hintergrunde des schmalen, aber tiefen
Zimmers ertönte ein stöhnender Laut. Erst jetzt gewahrte ich, dass Agnes in einem
Winkel neben dem Ofen sass. Ihr Haar war aufgelöst, aber nicht wieder geflochten
worden und bedeckte das Gesicht und die Hälfte der gebeugten Gestalt. Überdies
hatte sie ein Tuch um Kopf und Schultern geworfen und in das Gesicht gezogen;
das letztere drückte sie, vom Zimmer abgewendet, an die Wand und verharrte so
ohne Bewegung.
    »Sie getraut sich nicht mehr am Fenster zu sitzen!« sagte die Mutter.
    Ich ging hin, sie zu begrüssen und ihr die Hand zu reichen; allein sie
wendete sich noch tiefer ab und begann leise in sich hinein zu weinen. Verlegen
ging ich zum Tische zurück, und da ich von meinen eigenen Abenteuern moralisch
geschwächt war, so kamen mir selbst Tränen in die Augen. Das rührte hinwieder
die Witwe, dass auch sie anfing, wobei sich ihr Gesicht so stark verzerrte, wie
man es nur an flennenden kleinen Kindern sieht. Es war ein ganz merkwürdiger,
unbehaglicher Anblick, über welchem sich meine Augen schnell trockneten. Aber
auch bei der Frau war der Gewitterschauer wie bei Kindern rasch zu Ende, und mit
ganz veränderter Stimme lud sie mich erst jetzt zum Sitzen ein. Zugleich fragte
sie, wer eigentlich der Fremde gewesen, der Agnesen in der Frühe heimbegleitet
habe? Ob der die Unglücksgeschichte nicht noch weiter verbreiten werde?
Keineswegs, antwortete ich; denn das sei ein gutbestellter braver Mensch; und
ich säumte nun nicht, mit anscheinend gleichgültigen Worten und mit der nötigen
Vorsicht diejenige Beschreibung des Gottesmachers und seiner Verhältnisse
anzubringen, die seinen Wünschen entsprechen mochte. Nur bei der Schilderung der
Tante und ihrer Ausstattungssucht, welche es einer dereinstigen Frau des Neffen
fast unmöglich mache, ausser ihrer Person etwas im Hause unterzustellen, zu
legen, aufzuschichten oder zu hängen, wurde mein Vortrag belebter, weil er mich
selber belustigte. Übrigens, schloss ich, werde Herr Reinhold mit der Erlaubnis
der Frauen heute abend seinen Besuch abstatten, um der Anstandspflicht zu
genügen und sich nach dem Befinden des erkrankten Fräuleins zu erkundigen, und
weil er wisse, dass ich die Ehre hätte, im Hause eingeführt zu sein, so habe er
mich ersucht, die Erlaubnis auszuwirken und ihn alsdann vorzustellen. Diese
höfliche Ankündigung gab der Frau einen Teil ihres Selbstvertrauens zurück.
    »Kind!« rief sie auffahrend, »hörst du? Wir bekommen Besuch; geh, zieh dich
an, mache dein Haar auf, du siehst ja aus wie eine Hexe!«
    Aber Agnes regte sich nicht, und auch als die Mutter hinging und sie sanft
rüttelte, wehrte sie ab und bat wimmernd, sie ruhig zu lassen, oder das Herz
breche ihr entzwei. In ihrer Verzweiflung begann jene den Tisch zu decken und
Tee zu bereiten; sie holte ein paar Schüsseln mit kalten Speisen und eine Torte
herbei und setzte alles auf den Tisch. Schon für gestern abend, klagte sie, habe
sie ein Dütchen des feinsten Tees gekauft und etwas zum Knuspern bereitgehalten,
da sie auf die frühzeitigere Rückkunft der jungen Leutchen gehofft habe; jetzt
möge die kleine Mahlzeit uns doch noch dem erwarteten Besuch zu Ehren nützlich
werden; verdorben sei nichts.
    Wir sassen, und das Wasser kochte in dem blanken, wenig gebrauchten
Teekesselchen seit geraumer Zeit, und noch meldete sich kein Besuch, weil es
überhaupt noch zu früh war. Die gute Frau wurde ungeduldig; sie fing an zu
zweifeln, ob Reinhold wirklich kommen werde; ich suchte sie zu beruhigen, und
wir warteten wieder eine gute Weile. Endlich wurde sie Wartens satt und machte
den Tee fertig; wir tranken eine Tasse, assen etwas weniges und harrten wieder,
plauderten mit zerstreuten Worten und Gedanken, bis die ermüdete Frau über
meiner Einsilbigkeit einnickte. So trat jetzt eine tiefe Stille ein, und nach
einiger Zeit merkte ich an den sanften regelmässigen Atemzügen, die ich vom
Ofenwinkel her vernahm, dass auch Agnes schlummerte. Da ich selbst keineswegs
genug geschlafen hatte, fielen mir die Augen ebenfalls zu, und ich schlief zur
Gesellschaft mit, während die kleine Lampe das Zimmer schwach erleuchtete.
    Wir mochten ein Stündchen einträchtig geschlummert haben, als wir durch eine
volltönige, aber sanfte Musik geweckt wurden und gleichzeitig das Fenster von
rotem Glanze erhellt sahen. Die überraschte Witwe und ich eilten zum Fenster.
Auf dem kleinen Platze standen acht Musizierende vor einigen Musikpulten, vier
Knaben hielten brennende Fackeln empor, und am Eingange des Platzes gingen zwei
Polizeimänner auf und ab, welche die rasch sich sammelnden Zuhörer in Ordnung
hielten. Zu den Geigern hatte Reinhold noch einige Bläser mit Horn, Hoboen und
Flöte angeworben; er selbst sass auf einem Feldstühlchen und handhabte das
Violoncell.
    »Jesus Maria! was ist das?« sagte die erstaunte Mutter Agnesens.
    »Zünden Sie Lichter an!« erwiderte ich; »das ist eben der Herr Reinhold mit
seinen Freunden, der Ihrer Tochter eine Serenade bringt! Ihr gilt die Musik, um
ihr vor der Welt und dieser Stadt eine Ehre zu erweisen!«
    Ich öffnete einen Flügel des Fensters, indessen die Frau nach ihren
Staatsleuchtern eilte und die rosenroten Kerzen entflammte, welche jetzt
trefflich zustatten kamen. Das Adagio aus einem ältern Italiener floss mit dem
lauen frühzeitigen Lenzhauche gar prächtig herein.
    »Kind!« flüsterte die Mutter dem aufhorchenden Mädchen zu, »wir haben ein
Ständchen, wir haben ein Ständchen! Komm, sieh nur hinaus!« Ich hörte ihre
Stimme zum ersten Mal so herzlich erfreut und wirklich beseelt zu dem Kinde
reden, so erlösend wirkte der musikalische Vorgang auch auf sie, und Agnes
wandte ihr bleiches Gesicht stumm nach dem Fenster. Dann erhob sie sich langsam
und ging heran. Sowie sie aber die vielen Gesichter auf der Strasse und unter
allen Nachbarfenstern im Fackellichte erblickte, floh sie wieder nach ihrem
Sitze, legte die gefalteten Hände in den Schoss und neigte das Haupt leise zur
Seite, um keinen Ton der schönen Musik zu verlieren. So blieb sie, bis die drei
Stücke, welche die Männer aufführten, zu Ende waren und die Musik mit einer
melodisch heiteren, fast reigenartigen Wendung geschlossen hatte, die Musikanten
aufbrachen und still hinweggingen, während das Volk auf der Gasse lauten Beifall
klatschte. Auch die sauberen Kästchen und Futterale, in welchen sie ihre
Instrumente trugen, erhöhten beim Publikum den Eindruck des Aussergewöhnlichen
und Vornehmen; die Leute betrachteten, indem sie sich langsam zerstreuten,
neugierig das merkwürdige Haus, und die am Fenster stehende Frau genoss alles bis
zum letzten Momente; selbst das Forttragen der Pulte dünkte ihr das Feierlichste
und Grossartigste, was sie erleben konnte.
    Als sie endlich das Fenster zumachte und sich umwandte, stand Reinhold in
der Stube und begrüsste sie ehrerbietig, und ich nannte zugleich seinen Namen.
Dann entschuldigte er sich wegen der Freiheit, die er sich genommen, eine so
aufdringliche Störung zu bringen, welche sie der allgemeinen Karnevalsstimmung
zu gut halten wolle; und sie erwiderte ihm mit grossen Komplimenten und
Danksagungen, wobei sie in einen so glückselig singenden Ton geriet, dass es
beinahe klang, wie wenn einer in Flageolettönen auf der Geige spielen würde.
Plötzlich unterbrach sie sich, um die Tochter herbeizurufen, die ihr
ungebührlich lang im Winkel zu säumen schien. Diese war aber unbemerkt
hinausgeschlüpft und kam jetzt wieder herein. Sie hatte über ihr Morgenkleid, in
welchem sie den Tag über getrauert, einen weissen Shawl geschlagen und die Enden
auf den Rücken gebunden. Das schwarze Haar hatte sie einfach zusammengefass und
im Nacken in einen mächtigen Knoten geschlungen, alles in einer Minute und
wahrscheinlich ohne in den Spiegel zu sehen. In Haltung und Gesichtsausdruck
schien sie um zehn Jahre älter; selbst die Mutter sah sie mit grossen Augen an,
wie wenn sie einen Geist erblickte. Aufrechten Ganges trat Agnes dem
Gottesmacher entgegen, richtete mit ruhigem Ernste die Augen auf ihn und gab ihm
die Hand. Wäre sie in Sammet und Seide gehüllt gewesen, so hätte sie den Blick
Reinholds nicht so bannen können, wie sie jetzt mit ihrer einfachen Erscheinung
tat, und ich selbst musste sogleich denken Gott sei Dank, dass Lys fort ist und
sie nicht mehr sieht, sonst ginge das Unheil von neuem an!
    Reinhold aber betete mit stummer Anschauung sein eigenes Werk an; denn,
buchstäblich zu sagen, hatte er die geknickte Blume aufgerichtet, dass sie wieder
leben konnte. Die Ehren, die er ihr gegeben, leuchteten so rein von ihrer Stirn
und um die stillen dunklen Augensterne, dass er demütig betreten nicht zu Worten
zu kommen wusste, auch als wir nun am Tische sassen und die Mutter neuen Tee
machte. Es ging etwas verlegen und einsilbig zu, bis die Alte auf die rheinische
Heimat des Gastes zu reden kam und ihn fragte, ob es wahr sei, dass sein hiesiger
Aufentalt nicht mehr lange dauere und er dortin zurückkehre? Das löste ihm die
Zunge, indem er dartat, wie Kirchen und Prälaten mit ihren Bestellungen seiner
harrten und auf die gewonnenen Fortschritte in der Arbeit zählten. Dann freute
er sich des Lobes der schönen Heimat. »Mein Haus«, sagte er, »liegt ausserhalb
des alten Städtchens am sonnigen Abhang, wo man den Rheingau hinauf und hinunter
schaut; Türme und Felsen schwimmen in bläulichem Dufte, durch welchen das breite
Wasser zieht. Hinter dem Garten legt sich der Wein an den aufsteigenden Berg,
und oben steht eine Kapelle unserer lieben Frau, die weit über das Land
hinschaut und sich ins letzte Abendrot taucht. Dicht daneben habe ich ein
kleines Lustäuschen gebaut und unter demselben ein Kellerchen in den Stein
gehauen, wo stets ein Dutzend Flaschen klaren Weines liegen. Wenn ich nun einen
neuen Kelch fertig habe, so steige ich, eh ich die innere Vergoldung anbringe,
hier hinauf und leere das Gefäss drei- oder viermal auf das Wohl aller Heiligen
und aller frohen Leute. Denn ich will nur gestehen, meine Silberarbeit, etwas
Musik und der Wein sind meine einzige Freude gewesen und meine besten Tage die
sonnigen Feiertage der Mutter Gottes, wenn ich zu ihrem Preise in den
benachbarten Kirchen spielte, während unten auf bekränztem Altare meine Gefässe
glänzten; und ich muss bekennen, dass nachher ein Räuschchen an heiterer
Pfaffentafel mir als der Gipfel des Daseins erschien. Das wird freilich nicht
mehr so sein, ich weiss jetzt etwas Besseres -«
    Er stockte bei diesen Worten, die er mit wachsender Wärme gesprochen,
ermannte sich aber sogleich, erhob sich vom Stuhle und wendete sich an die
Frauen: »Was soll ich längere Umschweife machen? Ich bin hier, um dem Fräulein
ein redliches Herz anzubieten, mit allem Zubehör von Hand, Haus und Hof; kurz,
ich bin gekommen, einen Heiratsantrag zu machen! Ich bitte um gütiges Gehör und
bitte, sofern meine Handlungsweise allzu rasch und verwegen erscheint, zu
bedenken, dass gerade solche Festivitäten, wie die soeben beendigte, nicht selten
mit derartig unvorgesehenen Ereignissen abschliessen!«
    Die gute Witwe, an die äusserste Sparsamkeit gewöhnt, hatte soeben ein
Stückehen Zucker, das ihr wider Willen in die Tasse gefallen, mit dem Löffelchen
herausgefischt und im stillen auf die Untertasse gelegt, um zu retten, was noch
nicht geschmolzen war. Sie leckte das Löffelchen schnell und zierlich ab und
begann darauf, vor Vergnügen errötend, in ihren schönsten Tönen von der grossen
Ehre zu singen, aber auch von der nötigen Bedenkzeit und Überlegung, die man
sich gestatten müsse. Allein die Tochter unterbrach sie, womöglich noch blasser
als bisher: »Nein, liebe Mama! Auf die Frage des Herren Reinhold muss nach allem,
was wir erlebt und was er für mich getan, sogleich die Antwort folgen, und mit
deiner Erlaubnis sage ich ja! Ich habe das Missgeschick nicht verdient, das mich
betroffen; um so williger muss der Dank für meinen Retter sein, der mich aus
Verlassenheit und Verachtung emporhebt!«
    Mit Tränen der Rührung, die ihr aus den Augen quollen, schritt sie dicht an
den glücklichen Freier heran, legte die Arme um seinen Hals und drückte die
sehnend geöffneten Lippen, die noch nie geküsst, auf die seinigen.
    Er streichelte mit schüchterner Zärtlichkeit ihre Wangen, verwandte aber
kein Auge von ihr. Erstaunt und ratlos sah die Witwe zu, und Agnes rief: »Sei
nur ruhig und zufrieden, Mutter! Gestern noch habe ich zur Heiligsten Jungfrau
gebetet, sie möchte meinem Herzen geben, was ihm gebührt; heute hab ich den
ganzen Tag geglaubt, sie habe mich unerhört gelassen, und jetzt halt ich es doch
im Arm, was mir gehört und mir besser zum Heile dient als das, was ich meinte!«
    Jetzt schien mir der Zeitpunkt gekommen, wo ich mich schicklich als
überflüssig entfernen konnte; denn ich wusste nicht, wo ich hinblicken sollte.
Schnell gab ich allen die Hand und eilte davon, ohne mich halten zu lassen oder
gehalten zu werden. Auf der Strasse sah ich nochmals an das Haus hinauf, wo das
Mondlicht auf dem schwarzen Madonnenbilde über der Haustüre lag und den goldenen
Halbmond sowie die Krone schwach beglänzte.
    »Himmel, welch katolische Wirtschaft!« sagte ich zu mir selbst und
schüttelte den Kopf über das krause Leben. Beim Morgengrauen dieses Tages hatte
ich den spitzigen Degen auf einen Gottesleugner gezückt, und nun, da es Nacht
war, lachte ich wieder über diese Heiligenanbeter.
    Am nächsten Morgen war es mir weniger lächerig zu Mut, als es galt, die
unterbrochene Arbeit wiederaufzunehmen. Während die Künstlerschaft wohl in ihrer
grossen Mehrheit fest und unbekümmert auf der gewohnten Bahn weiterschritt, fand
ich mich unschlüssig, was zunächst zu tun sei. Als ich mich umsah, hatte ich die
Empfindung, als ob ich monatelang nicht in dem Zimmer gewesen, meine
halbfertigen Sachen Denkmäler einer verschollenen Zeit wären. Eines nach dem
andern zog ich hervor, und alles dünkte mich schal und unnötig, wie eine blosse
Liebhaberei. Ich grübelte und grübelte, konnte aber dem grauen Wesen, das mich
beschlich, nicht auf den Grund kommen. Dazu kam das Gefühl der Vereinsamung; Lys
war fort und verloren, wahrscheinlich auch für die Kunst, da er in letzter Zeit
hatte durchblicken lassen, dass er bei der ersten geringen Erschütterung das Glas
fallen lassen werde. Aber auch Erikson hatte mir gestern in einem flüchtig der
Freude abgewonnenen Augenblick anvertraut, er beabsichtige gleich nach der
Hochzeit seine verzwickte Malerei an den Nagel zu hängen und mit den grossen
Mitteln seiner Frau das Seefahrtsgeschäft seines heimatlichen Hauses
wiederaufzunehmen und in Flor zu setzen. Die Zeit sei günstig, und in mässiger
Frist wolle er selbst reich sein. Und nun wackelte ich auch, und alle drei
Peripherie-Germanen, die wir uns in gewissem Sinne besser geschienen hatten als
die feste grosse Heerschar des Binnenvolkes, fielen ab wie Feilenspäne, fahren
auseinander, um keiner den andern wahrscheinlich jemals wiederzusehen!
    Fröstelnd schleppte ich, um eine Zuflucht zu suchen, einen neuen, kaum
angefangenen Karton hervor, eine auf den Rahmen gespannte graue Papierfläche von
mindestens acht Schuh Breite und entsprechender Höhe. Es war nichts darauf zu
sehen als ein begonnener Vordergrund mit je einem verwitterten Fichtenbaum zu
beiden Seiten des künftigen Bildes, dessen Idee ich damals vor Monaten
aufgegeben und die mir gänzlich aus der Erinnerung geschwunden ist. Um nur etwas
zu tun und vielleicht meine Gedanken zu beleben, machte ich mich daran, den
einen der zwei mit Kohle entworfenen Bäume mit der Schilffeder auszuführen,
gewärtig, was dann weiter werden wollte. Aber kaum hatte ich eine halbe Stunde
gezeichnet und ein paar Aste mit dem einförmigen Nadelwerke bekleidet, so
versank ich in eine tiefe Zerstreuung und strichelte gedankenlos daneben, wie
wenn man die Feder probiert. An diese Kritzelei setzte sich nach und nach ein
unendliches Gewebe von Federstrichen, welches ich jeden Tag in verlorenem
Hinbrüten weiterspann, sooft ich zur Arbeit anheben wollte, bis das Unwesen wie
ein ungeheures graues Spinnennetz den grössten Teil der Fläche bedeckte.
Betrachtete man jedoch das Wirrsal genauer, so entdeckte man den löblichsten
Zusammenhang und Fleiss darin, indem es in einem fortgesetzten Zuge von
Federstrichen und Krümmungen, welche vielleicht Tausende von Ellen ausmachten,
ein Labyrint bildete, das vom Anfangspunkte bis zum Ende zu verfolgen war.
Zuweilen zeigte sich eine neue Manier, gewissermassen eine neue Epoche der
Arbeit; neue Muster und Motive, oft zart und anmutig, tauchten auf, und wenn die
Summe von Aufmerksamkeit, Zweckmässigkeit und Beharrlichkeit, welche zu der
unsinnigen Mosaik erforderlich war, auf eine wirkliche Arbeit verwendet worden
wäre, so hätte ich gewiss etwas Sehenswertes liefern müssen. Nur hier und da
zeigten sich kleinere oder grössere Stockungen, gewisse Verknotungen in den
Irrgängen meiner zerstreuten gramseligen Seele, und die sorgsame Art, wie die
Feder sich aus der Verlegenheit zu ziehen gesucht, bewies, wie das träumende
Bewusstsein in dem Netze gefangen war. So ging es Tage, Wochen hindurch, und die
einzige Abwechslung, wenn ich zu Hause war, bestand darin, dass ich, mit der
Stirne gegen das Fenster gestützt, den Zug der Wolken verfolgte, ihre Bildung
betrachtete und indessen mit den Gedanken in der Ferne schweifte.
    So arbeitete ich eines Tages wieder mit eingeschlummerter Seele, aber grossem
Scharfsinn an der kolossalen Kritzelei, als an die Türe geklopft wurde. Ich
erschrak und fahr zusammen; aber schon war es zu spät, den Rahmen wegzuschaffen.
Reinhold und Agnes treten herein, und kaum hatten wir uns begrüsst, so erschien
Erikson mit seiner nunmehrigen Frau Rosalie, und ich sah mich von Geräusch,
Leben und Schönheit wachgerüttelt. Beide Paare hatten nämlich die Hochzeit
bereits hinter sich und in der Stille abgetan, Reinhold aus Ungeduld, um seine
Liebesbeute rasch zu bergen, Erikson aber, weil die Verwandten Rosaliens und die
Geistlichen erst nachträglich konfessionelle Schwierigkeiten zu machen
versuchten. Allein Rosalie war, im geheimen und von einflussreicher Seite
gefördert, schnell zu Eriksons Glaubenspartei übergetreten, behauptend, wie
Paris seinerzeit eine Messe, sei ihr Schatz eine Beichte wert und noch eher, und
die Trauung war alsobald gefolgt. »Wir sind demnach schon auf der
Hochzeitsreise!« schloss Erikson seinen kurzen Bericht; »einstweilen nur auf den
Gassen dieser Stadt, morgen aber auf der Landstrasse und bald, so hoff ich, schon
im eigenen Schiff!«
    Seine Gattin hatte inzwischen das andere Paar begrüsst und sich mit der ganz
glücklichen und wohlaussehenden Agnes unterhalten. Erikson aber stand vor der
Staffelei und beschaute höchst verwundert meine neuste Arbeit. Dann betrachtete
er mich mit bedenklichem Gesichte, und wie ich verlegen und rot wurde, und
sagte, erst den Kopf schüttelnd, dann mit demselben schalkhaft nickend:
    »Du hast, grüner Heinrich, mit diesem bedeutenden Werke eine neue Phase
angetreten und begonnen, ein Problem zu lösen, welches von grösstem Einflusse auf
die deutsche Kunstentwicklung sein kann. Es war in der Tat längst nicht mehr
auszuhalten, immer von der freien und für sich bestehenden Welt des Schönen,
welche durch keine Realität, durch keine Tendenz getrübt werden dürfe, sprechen
und räsonieren zu hören, während man mit der gröbsten Inkonsequenz doch immer
Menschen, Tiere, Himmel, Sterne, Wald, Feld und Flur und lauter solche trivial
wirkliche Dinge zum Ausdrucke gebrauchte. Du hast hier einen gewaltigen Schritt
vorwärts getan von noch nicht zu bestimmender Tragweite. Denn was ist das
Schöne? Eine reine Idee, dargestellt mit Zweckmässigkeit, Klarheit, gelungener
Absicht. Die Million Striche und Strichelchen, zart und geistreich oder fest und
markig, wie sie sind, in einer Landschaft auf materielle Weise placiert, würden
allerdings ein sogenanntes Bild im alten Sinne ausmachen und so der
hergebrachten gröblichsten Tendenz frönen! Wohlan! Du hast dich kurz
entschlossen und alles Gegenständliche, schnöd Inhaltliche hinausgeworfen! Diese
fleissigen Schraffierungen sind Schraffierungen an sich, in der vollkommenen
Freiheit des Schönen schwebend; dies ist der Fleiss, die Zweckmässigkeit, die
Klarheit an sich, in der reizendsten Abstraktion! Und diese Verknotungen, aus
denen du dich auf so treffliche Weise gezogen hast, sind sie nicht der
triumphierende Beweis, wie Logik und Kunstgerechtigkeit erst im Wesenlosen ihre
schönsten Siege feiern, im Nichts sich Leidenschaften und Verfinsterungen
gebären und sie glänzend überwinden? Aus Nichts hat Gott die Welt geschaffen!
Sie ist ein krankhafter Abszess dieses Nichtses, ein Abfall Gottes von sich
selbst. Das Schöne, das Poetische, das Göttliche besteht eben darin, dass wir uns
aus diesem materiellen Geschwür wieder ins Nichts resorbieren, nur dies kann
eine Kunst sein, aber auch eine rechte!«
    »Aber, liebster Mann, wo willst du hin!« rief Frau Erikson, die, aufmerksam
geworden, sich zu uns gewendet hatte. Der Gottesmacher sperrte Mund und Augen
auf; denn die schnurrigen Redensarten waren seinem einfachen Gemüt in Scherz und
Ernst unverständlich und fremd. Ich selbst fühlte mich etwas erheitert durch
Eriksons Munterkeit, stand jedoch verlegen am Fenster.
    »Aber mein Lob«, fuhr er feierlich fort, »muss sogleich einen Tadel gebären
oder vielmehr die Aufforderung zu weiterm energischen Fortschritt! In diesem
reformatorischen Versuch liegt noch immer ein Tema vor, welches an etwas
erinnert; auch wirst du nicht umhinkönnen, um dem herrlichen Gewebe einen
Stützpunkt zu geben, dasselbe durch einige verlängerte Fäden an den Ästen dieser
alten, verwetterten, aber immer noch kräftigen Fichten zu befestigen, sonst
fürchtet man jeden Augenblick, es durch seine eigene Schwere herabsinken zu
sehen. Hiedurch aber knüpft es sich wiederum an die abscheulichste Realität, an
gewachsene Bäume mit Jahrringen! Nein, braver Heinrich, nicht also! nicht hier
bleibe stehen! Die Striche, indem sie bald sternförmig, bald in der Wellenlinie,
bald mäandrisch, bald radial sich gestalten, bilden ein noch viel zu materielles
Muster, welches an Tapeten oder gedruckten Kattun erinnert. Fort damit! Fange
oben an der Ecke an und setze einzeln nebeneinander Strich für Strich, eine
Zeile unter die andere; von zehn zu zehn mache durch einen verlängerten Strich
eine Unterabteilung, von hundert zu hundert eine Oberabteilung, von tausend zu
tausend einen Abschluss durch einen dickern Sparren oder Sperrling. Solches
Dezimalsystem ist vollkommene Zweckmässigkeit und Logik, das Hinsetzen der
einzelnen Striche aber der in vollendeter Tendenzfreiheit, in reinem Dasein sich
ergehende Fleiss. Zugleich wird dadurch ein höherer Zweck erreicht. Hier in
diesem Versuche zeigt sich immer noch ein gewisses Können; ein Unerfahrener,
Nichtkünstler hätte die Gruselei nicht zustande gebracht. Das Können aber ist
von zu leibhafter Schwere und verursacht tausend Trübungen und Ungleichheiten
zwischen den Wollenden; es ruft die tendenziöse Kritik hervor und steht der
reinen Absicht fort und fort feindlich entgegen. Das moderne Epos zeigt uns die
richtige Bahn! In ihm zeigen uns begeisterte Seher, wie durch dünnere oder
dickere Bände hindurch die unbefleckte, unschuldige, himmlischreine Absicht
geführt werden kann, ohne je auf die finsteren Mächte irdischen Könnens zu
stossen! Eine goldschnitteitere ewige Gleichheit herrscht zwischen der
Brüderschaft der Wollenden. Mühelos und ohne Kummer teilen sie einige tausend
Zeilen in Gesänge und Strophen ab, und wer kann ermessen, wie nahe die Zeit ist,
wo auch die Dichtung die zu schweren Wortzeilen wegwirft, zu jenem Dezimalsystem
der leichtbeschwingten Striche greift und mit der bildenden Kunst in einer
identischen äusseren Form sich vermählt? Alsdann wird der reine Schöpfer- und
Dichtergeist, der in jedem Bürger schlummert, durch keine Schranke mehr gehemmt,
zutage treten, und wo sich zwei Städtebewohner träfen, wäre der Gruss hörbar:
Dichter? - Dichter! oder: Künstler? - Künstler! Ein zusammengesetzter Senat
geprüfter Buchbinder und Rahmenvergolder würde in wöchentlichen olympischen
Spielen die Würde des Prachteinbandes und des goldenen Rahmens erteilen, nachdem
sie sich eidlich verpflichtet, während der Dauer ihres Richteramtes selbst keine
Epen und keine Bilder zu machen, und ganze Kohorten verbildeter Verleger würden
die gekrönten Werke in stündlich erfolgenden Auflagen über ganz Deutschland hin
so tiefsinnig verlegen, dass sie kein Teufel wiederholen könnte!«
    »Mann, hör auf!« rief Rosalie nochmals, »ich kenne dich nicht mehr!«
    »Lass es gut sein!« sagte Erikson; »dieses Geschwätz sei für einmal mein
gerührter Abschied von der Kunst! Von nun an wollen wir dergleichen hinter uns
werfen und uns eines wohlangewandten Lebens befleissen!«
    Dann nahm er mich mit ernsterm Blicke bei der Hand, führte mich hinter die
grosse Spinnwebe und sagte leise: »Lys kommt nicht mehr zurück; ich habe seine
Bilder zusammenrollen, in Kisten packen und ihm in die Heimat schicken müssen,
ebenso seine Bücher und Möbeln. Er hat mir geschrieben, er wolle als Kandidat
für die Deputiertenkammer seines Landes auftreten und werde nie mehr malen, weil
man die Augen dazu brauche, was ich nicht verstehe. So fällt er aus einer
Torheit in die andere, und ich möchte weinen über ihn. Und nun komme ich daher
und finde dich an einem abenteuerlichen Grillenfang stehen, wie die Welt
vielleicht noch keinen zweiten geboren hat! Was soll das Gekritzel? Frisch,
halte dich oben, mache dich heraus aus dem verfluchten Garne! Da ist wenigstens
ein Loch!« Mit diesen Worten stiess er die Faust durch das Papier und riss es
kreuz und quer auseinander Ich reichte ihm dankbar die Hand; denn seine Worte
und energische Bewegung bewiesen mir seine verstehende Teilnahme.
    Nachdem wir hinter der Kulisse hervorgetreten und das Loch auch von vorn
betrachtet hatten, wurde rasch Abschied genommen, natürlich mit dem Vorbehalte
dereinstigen Wiedersehens, obgleich ich von den vier Personen keine einzige je
wieder erblickt habe. Eine Minute später war es wieder totenstill in meinem
Gemache, und die weissgestrichene Türe, durch welche die schönen Frauen und
Männer verschwunden, flimmerte mir vor den Augen wie eine Leinwand, von welcher
mit einem Zuge ein Bild warmen Lebens weggewischt worden ist.
 
                                  Vierter Band
                                  Erstes Kapitel
                            Der borghesische Fechter
Auf dem niedrigen Ofen meines Arbeitszimmers stand eine fast drei Fuss hohe
Gipsfigur des borghesischen Fechters. Der Abguss war vorzüglich, obschon etwas
angebräunt; denn er stammte von einem frühern Insassen her und ging von einem
Nachfolger zum andern. Jeder übernahm den rüstigen Kämpfer gegen eine
Entschädigung an die Wirtsleute, die so von der Arbeit des wackern Agasias nach
zweitausend Jahren noch einen periodischen Nutzen zu ziehen wussten.
    Als meine Augen von der Türe, hinter welcher Erikson und Reinhold mit ihren
Frauen verschwunden waren, hinwegglitten, fielen sie auf den danebenstehenden
Fechter und blieben an dem schönen Bildwerke haften. Ich trat ihm näher wie
einem willkommenen Hausgenossen in einsamer Stunde und schaute ihn zum ersten
Male vielleicht recht an. Rasch räumte ich Bilder und Staffeleien weg, rückte
sie an die Wände, trug die Figur in die Mitte des Zimmers auf ein Tischchen und
stellte sie ins Licht. Ein helleres Licht ging aber trotz dem geräucherten
Zustande von dem Bilde aus, in welchem das Leben im goldenen Zirkel von
Verteidigung und Angriff sich selbst erhielt. Von der erhobenen Faust des linken
Armes über die Schultern weg bis zur gesenkten des rechten, von der Stirn bis
zur Zehe, dem Nacken bis zur Ferse wallte von Muskel zu Muskel, von Form zu Form
die Bewegung, der Schritt aus der Not zum Siege oder zum rühmlichen Untergange.
Und welche Formen in ihrer Verschiedenheit! Alle diese Organe glichen einer
kleinen Republik von Wehrmännern, welche von einem Willen beseelt vorandrangen,
um ihren Verband gegen die Zerstörung zu schützen.
    Unversehens suchte ich einen reinen Bogen Papier, spitzte einen
Kohlenstengel sorgfältig zu und begann mich in den Umrissen dieses und jenes
Gliedes zu versuchen, dann, als hiemit nicht viel herauskommen wollte, den
linken Arm bis in die Achselhöhle und die von da fortlaufende Bewegung bis in
die linke Weichengegend in ganzer Form rasch zu packen; aber die Hand war
ungeübt hiefür, und erst als die Kohle sich etwas abgestumpft hatte, wollte der
Strich von selbst leibhafter werden und ein gewisses Leben in die Finger fahren.
Aber nun war das Auge nicht gewöhnt, angesichts der menschlichen Gestalt der
Hand rasch genug vorzuleuchten; ich musste aufstehen und die Begrenzungen und
Übergänge genauer untersuchen und, weil ich doch schon zu alt war, in
einsichtsloser Art fortzufahren, über die Dinge und ihren Zusammenhang
nachdenken.
    So brachte ich in ein paar Tagen die ganze Figur leidlich zustande, drehte
sie und bezwang sie auch von den übrigen Seiten. Da fiel mir plötzlich ein, sie
in Gedanken aufzurichten und den Fechter in ruhender Stellung zu zeichnen,
gleichsam als Probe der erworbenen Kenntnis. An dem anatomisch gut gearbeiteten
Vorbilde hatte ich wohl gesehen, was als Knochen oder Muskel, Sehne oder Gefäss
sich darstellte; als es nun aber galt, alles dies in seine veränderte Lage und
Form zu bringen, mangelte mir jeder bestimmte Einblick in den Zusammenhang
dessen, was unter der Haut ist und vor sich geht, und da es sich nicht um eine
unklare freche Skizzierung handeln konnte, die hier keinen Zweck gehabt hätte,
so sah ich mich genötigt, den Stift wegzulegen.
    Das begab sich in einem Augenblicke, wo ich schon so manches Jahr der Kunst
beflissen gewesen und einem ersten Abschluss zusteuern sollte. Ich hätte diesen
Erfolg genau voraussehen können, eh ich den Stift angesetzt, und wie ich nun,
die Hände im Schoss, über meine Torheit nachsann, wunderte ich mich darüber, dass
ich einst nicht die Darstellung des Menschen zum Berufe gewählt hatte anstatt
seines blossen landschaftlichen Wohn- und Schauplatzes. Und als ich über diese
unheimliche Zufälligkeit weiter nachdachte, verwunderte ich mich aufs neue, wie
es überhaupt möglich gewesen sei, dass ich, noch in den Kinderschuhen stehend,
meinen unberatenen Willen so leicht habe durchsetzen können in einer das ganze
lange Leben bestimmenden Sache. Ich war noch nicht über die Jugendidee hinaus,
dass eine solche Selbstbestimmung im zartesten Alter das Rühmlichste sei, was es
geben könne; allein es begann mir jetzt doch unerwartet die Einsicht aufzugehen,
das Ringen mit einem streng bedächtigen Vater, der über die Schwelle des Hauses
hinauszublicken vermag, sei ein besseres Stahlbad für die jugendliche Werdekraft
als unbewehrte Mutterliebe. Zum ersten Male meines Erinnerns ward ich dieses
Gefühles der Vaterlosigkeit deutlicher inne, und es wallte mir augenblicklich
heiss bis unter die Haarwurzeln hinauf, als ich mir rasch vergegenwärtigte, wie
ich durch das Leben des Vaters der frühen Freiheit beraubt, vielleicht
gewaltsamer Zucht unterworfen, aber dafür auch auf gesicherte Wege geführt
worden wäre. Indem ich bei dieser Vorstellung von Sehnsucht und Widerspruch, von
einem mir unbekannten, aber süssen Gefühle des Gehorsams und trotziger
Freiheitslust gleichzeitig erglühte, suchte ich die mir fast gänzlich verwischte
Gestalt heraufzuführen, vermochte es aber im Wogen der Gedanken zuletzt nur
durch das Auge der Mutter, wie sie den Abgeschiedenen im Traume gesehen.
    Im Verlaufe der Zeit hatte sie nämlich wiederholt, aber immer nur nach
jahrelangen Unterbrechungen, vom Vater geträumt, vielleicht zwei oder drei Male,
gleichsam zum Wahrzeichen, wie selten solche geheimnisvolle Lichtblicke tiefsten
Glückes uns vergönnt sind. Jedesmal aber hatte sie am Morgen das Begebnis, das
nach langem Ausbleiben so unerwartet gekommen, mit dankbarer Freude erzählt und
die Art und Weise der Erscheinung beschrieben.
    So war es ihr einst im Schlafe, als ergehe sie sich an einem Sonntage mit
dem verstorbenen Gatten im Freien wie ehmals; aber sie fand ihn doch nicht sich
zur Seite, sondern sah ihn plötzlich aus der Ferne herkommen auf einer
unabsehbaren Feldstrasse. Er war sonntäglich fein gekleidet, trug aber ein
schweres Felleisen auf dem Rücken; in der Nähe angelangt, stand er still, nahm
den Hut vom Kopfe und wischte den Schweiss von der Stirne; dann winkte er
liebevoll gegen die Mutter und sagte mit wohltönender Stimme: »Es ist weit, weit
zu gehen!« worauf er an seinem Stabe rüstig weiterwanderte, bis er ihren Augen
entschwand. Dieses Gesicht, welches ihr statt eines Ausruhenden einen mit
belastetem Rücken in unendliche Fernen Dahinziehenden gezeigt, hatte die Mutter
bei näherm Nachdenken traurig gemacht, da sie ohne Aberglauben oder
Traumdeuterei doch die Empfindung oder Vorstellung von einer grossen Mühsal
erlitt, in welcher sich der Abgeschiedene bewege. Mir hingegen erweckte jetzt
das Gedenken dieses unverdrossenen Wanderns des freundlichen Geistes durch die
unbekannte Ewigkeit eher das vorbildliche Anschauen eines nicht zu brechenden
Lebensmutes, des rastlosen Verfolgens eines Zieles. Ich sah den Mann selbst
dahinschreiten und mir zuwinken, und als das Bild allmählich sich von der Tafel
der Erinnerung löste und verschwand, sagte ich mir entschlossen: Was kann es
helfen! Du darfst nicht länger säumen und musst die fehlende Kenntnis nachholen!
    Ich nahm mir also vor, mich unverweilt an das Studium der Anatomie zu
machen, soweit dieselbe wenigstens zu Verständnis und Darstellung der
menschlichen Gestalt unentbehrlich ist; und da die öffentliche Kunstschule zwar
etwelche unvollkommene Gelegenheit hiefür bot, ich aber nicht zu ihren
Angehörigen zählte, so suchte ich sofort einen jener Studierenden auf, die mir
in dem unsinnigen Duellhandel mit Ferdinand Lys beigestanden. Es war ein der
Medizin Beflissener, dem Ende seiner Studienzeit entgegengehend und fast nur
noch in den Krankensälen sowie an den Operationstischen tätig. Sogleich bereit,
mir seine anatomischen Atlanten und Bücher zu leihen und mich vorderhand in ein
Hörzimmer der Knochenlehre zu führen, riet er mir jedoch nach einigem Besinnen,
mit ihm die soeben beginnenden Vorträge über Antropologie zu besuchen, die von
einem vortrefflichen Lehrer gehalten würden. Er selbst, bemerkte er, gehe hin,
nicht um der längst zurückgelegten Lehrstufe willen, sondern wegen der
ausgezeichneten Form und des geistigen Gehaltes jener Vorlesungen, welche an
sich ein lehrreicher Genuss seien. Übrigens, wie der Anatom ein
rückwärtsgehender, sozusagen abtragender Bildhauer zu nennen sei, so gehe der
bildende Künstler am besten auf dem entgegengesetzten Wege nicht nur von dem
Knochengerüste, sondern von der allgemeinen Anschauung des Organischen und
seines Werdens aus, und habe er den Einzug der Sinne in das Gezelt der ehrlichen
Menschenhaut mit angesehen, so werde er zwar hiedurch kein Michelangelo werden,
wenn es nicht sonst in ihm stecke, aber es könne andere, jetzt verlorengegangene
Fakultäten vergangener Zeiten ersetzen.
    Ich sah den kundigen Landsmann nun erst recht an und glaubte kaum, dass der
Sprecher der gleiche sei, der mir vor Wochen so bereitwillig ein Loch in die
Haut eines Menschen wollte stechen helfen. Wenn junge Leute, die sich bei
leichtsinnigem Treiben befreundet, nachher ernstere Eigenschaften aneinander
entdecken, so gereicht ihnen das immer zur Genugtuung, welche gern einem
entschiedenen Einflusse stattgibt. Ich zögerte daher nicht, dem Ratgeber zu
folgen, und betrat mit ihm das weitläufige Universitätsgebäude, auf dessen
Treppen und Flüren die eigentliche Staatsjugend der verschiedensten Länder
durcheinanderströmte. In dem betreffenden Hörsaale waren die Bänke noch leer.
Die kahle Wand, die schwarze Tafel an derselben, die zerschnittenen und
beklecksten Tische, alles erinnerte mich beinahe beklemmend an die Schulstube,
die ich seit so vielen Jahren schon nicht mehr gesehen. Das unterbrochene Lernen
fiel mir aufs Herz und machte mir zu Mut, als ob ich, auf einer dieser Bänke
sitzend, plötzlich aufgerufen und beschämt werden könnte; denn ich dachte nicht
daran, dass hier jeder in vollkommener Freiheit lebe für eine Spanne Zeit, keiner
auf den andern sehe und jedem der Tag seiner Abrechnung noch in der Zukunft
schlummere. Doch allmählich füllte sich der Saal, und mit Verwunderung
überschaute ich die gedrängte Versammlung. Neben einer Menge junger Leute meines
Alters, welche rücksichtslos ihre Plätze einnahmen und behaupteten, erschienen
manche in vorgerückteren Jahren, gut oder schlecht gekleidet, die schon stiller
und bescheidener unterzukommen suchten; und sogar einige alte Herren mit weissem
Haar, selbst rühmliche Lehrer, nahmen entlegene Seitenplätze ein, um zu suchen,
was es noch zu lernen gebe. Da ahnte ich freilich meine Beschränkteit, in der
ich gewähnt, dass gerade in den Räumen der Wissenschaft das Lernen für irgend
jemanden eine Schande sei.
    So mochten über hundert Zuhörer versammelt sein, welche des Vortragenden
harrten, als derselbe unversehens in die Türe trat, rasch nach seinem Känzelchen
eilte und dort mit anständiger Anrede begann, das Bild unserer Leiblichkeit und
ihrer Lebensbedingungen zu entwerfen, wie es der damaligen Wissenschaft
entsprach, die wie gewöhnlich den bisher denkbar höchsten Stand soeben erstiegen
hatte. Allein dergleichen Prunk kehrte er keineswegs hervor, sondern führte
seine Hörer mit ruhig und klar ohne irgendeinen Anstoss dahinfliessender Rede
durch das wohlgeordnete Gebiet, ohne Übereilung sowie ohne unnützen Aufentalt,
ohne das Überraschende oder etwa notgedrungen Witzige mit Reklamen der Gebärde
oder des Wortes anzukündigen und zu begleiten.
    Auf mich wirkte schon die erste Stunde so, dass ich den Zweck, der mich
hergeführt, und alles vergass und allein gespannt war auf die zuströmende
Erfahrung. Hauptsächlich beschäftigte mich alsobald die wunderbar scheinende
Zweckmässigkeit der Einzelheiten des tierischen Organismus; jede neue Tatsache
schien mir ein Beweis zu sein von der Scharfsinnigkeit und Geschicklichkeit
Gottes, und obgleich ich mir mein Leben lang die Welt nur als vorgedacht und
erschaffen vorgestellt hatte, so dünkte mich nun bei diesem ersten Einblicke,
als ob ich bisher eigentlich gar nichts gewusst hätte von der Erschaffung der
Kreatur, dagegen jetzt mit der tiefsten Überzeugung wider jedermann das Dasein
und die Weisheit des Schöpfers behaupten könne und wolle. Aber nachdem der
Lehrer die Trefflichkeit und Unentbehrlichkeit der Dinge auf das schönste
geschildert, liess er sie unvermerkt in sich selbst ruhen und so ineinander
übergehen, dass die ausschweifenden Schöpfergedanken ebenso unvermerkt
zurückkehrten und in den geschlossenen Kreis der Tatsachen gebannt wurden. Und
wo ein Teil noch unerklärlich war und in die Dämmerung zurücktrat, da holte der
Redner ein helles Licht aus dem Erklärten und liess es in jene Dunkelheit
glänzen, so dass der Gegenstand wenigstens unberührt und jungfräulich seiner Zeit
harrte, wie eine ferne Küste im Frühlichte. Selbst da, wo er entsagen zu müssen
glaubte, tat er dies mit der überzeugenden Hinweisung, dass doch alles mit
rechten Dingen zuginge und in der Grenze des menschlichen Wahrnehmungsvermögens
keineswegs eine Grenze der Folgerichtigkeit und Sicherheit der Naturgesetze
läge. Hiebei brauchte er keinerlei gewaltsame Reden und vermied gewisse
teologische Ausdrücke so sorgfältig wie den Widerspruch dagegen. Die
Voreingenommenen merkten auch von allem nichts und schrieben unverdrossen
nieder, was ihnen zweckdienlich schien für Eigenliebe und aufzustellende
Meinungen, während die Unbefangenen alle Hintergedanken fahrenliessen und bei des
Lehrers klugen Wendungen mit frohem Sinne die Achtung vor dem reinen Erkennen
lernten.
    Auch in mir traten die willkürlichen Voraussetzungen und Nutzanwendungen
bald in den Hintergrund, ohne dass ich wusste, wie es geschah, als ich mich den
Einwirkungen der einfachen oder reichen Tatsachen hingab; das Suchen nach
Wahrheit ist ja immer ohne Arg, unverfänglich und schuldlos; nur in dem
Augenblicke, wo es aufhört, fängt die Lüge an bei Christ und Heide. Ich
versäumte keine Stunde in dem Hörsaal. Wie ein Alp fiel es mir vom Herzen, als
ich nun doch noch etwas zu lernen anfing; das Glück des Wissens gehört auch
dadurch zum wahren Glücke, dass es einfach und rückhaltlos und, ob es früh oder
spät eintritt, immer ganz das ist, was es sein kann; es weiset vorwärts und
nicht zurück und lässt über dem unabänderlichen Leben des Gesetzes die eigene
Zerbrechlichkeit vergessen.
    Ich wurde von Wohlwollen gegen den beredten Lehrer erfüllt, von dem ich
nicht gekannt war; denn es ist wohl nicht die schlimmste Eigenschaft des
Menschen, wenn er für geistige Guttaten dankbarer ist als für leibliche, und
zwar in dem Masse, dass die Dankbarkeit wächst, je weniger selbst die geistige
Wohltat irgendeinen unmittelbaren äusserlichen Nutzen mit sich bringt. Nur wenn
leibliches Wohltun so beschaffen ist, dass es Zeugnis gibt von einer geistigen
Kraft, welche dem Empfänger wiederum zu einer moralischen Erfahrung wird,
erreicht seine Dankbarkeit eine schönere Höhe, die ihn selber veredelt. Die
Überzeugung, dass reine Tugend und Güte irgendwo sind, ist ja die beste, die uns
werden kann, und selbst die Seele des Lasterhaften reibt sich vor Vergnügen ihre
unsichtbaren dunklen Hände, wenn sie wahrnimmt, dass andere für sie gut und
tugendhaft sind.
    Indem die Lehre von unserer Menschennatur sich zusehends abrundete, bemerkte
ich nicht ohne Verwunderung, wie die Dinge neben ihrer sachlichen Form in meiner
Einbildung zugleich eine phantastisch typische Gestalt annahmen, welche zwar die
Kraft des Vorstellens in den Hauptzügen erhöhte, hingegen das genauere Erkennen
des Einzelkleinen gefährdete. Das rührte von der Gewöhnung des malerischen
Bildwesens her, die sich jetzt einmischte, wo das Gedankenwesen herrschen
sollte, während dieses sich wiederum an die Stelle drängte, die jenem gebührte.
So sah ich den Kreislauf des Blutes gleich in Gestalt eines prächtigen
Purpurstromes, an welchem wie ein bleiches Schemen das weissgraue Nervenwesen
sass, eine gespenstische Gestalt, die, in den Mantel ihrer Gewebe gehüllt,
begierig trank und schlürfte und die Kraft gewann, sich proteusartig in alle
Sinne zu verwandeln. Oder ich sah die Millionen sphärischer Körper, weiche
ebenso ungezählt und dem blossen Auge ebenso unsichtbar wie die Heerscharen
Himmelskörper das Blut bilden, durch tausend Kanäle dahin stürmen und auf ihren
Fluten unaufhörlich die Blitze des Nervenlebens einherfahren in Zeiträumen, die
im Auge der Weltordnung ebenso lange oder so kurz sind wie diejenigen, welche
die Sterne zu ihrer Wanderschaft und Geschickserfüllung bedürfen. Auch die
Wiederholung der ungeheuren Vielzahl und Zusammengesetzteit der ganzen
kosmischen Natur in jedem einzelnen hinfälligen Schädelrunde dehnte sich mir zu
der ungeheuerlichen Vorstellung aus, als ob ein monadenkleines Forscherlein tief
im Gehirne sitzen und ebenso leicht sein Fernrohr durch freie Räume richten
könnte wie der Astronom das seine durch den Weltäter, trotz aller scheinbaren
Dichtigkeit der Materie im erstern Rundgebiete; ja vielleicht sei das
Oszillierer der Nervenmassen des Gehirns nichts anderes als das wirkliche
Wandern der Gedanken- oder Begriffskörperchen durch die Räume der Hemisphären,
und was dergleichen Spässe mehr waren.
    Doch der Ernst des Lehrers und die ebenmässige Ruhe seiner Rede überwanden
schliesslich solche Störungen und stellten eine Aufmerksamkeit her, die bis zum
Schlusse andauerte, hier aber einer gewissen Betroffenheit Platz machte. Denn
nachdem er die Lehre von der Sinnesentwicklung mit der Entstehung des
menschlichen Bewusstseins abgeschlossen, endigte er, aus seiner Zurückhaltung
heraustretend, mit der unverhohlenen Bestreitung der Existenz eines sogenannten
freien Willens. Er tat es mit wenigen gemässigten Worten, die, wenn auch sanft
und friedlich, doch keineswegs triumphierend oder selbstzufrieden tönten;
vielmehr klang ein so herbes Entsagen deutlich hindurch, dass ich mich sofort
dagegen auflehnte, da die Jugend nie gewillt ist, etwas für gut und köstlich
Geltendes so leicht dahinzugeben.
 
                                Zweites Kapitel
                               Vom freien Willen
Je höher der Mann in meiner Achtung stand, um so eifriger machte ich mir zu
schaffen, die geliebte Freiheit des Willens, welche ich von jeher zu besitzen
und tapfer auszuüben glaubte, wiederherzustellen. Unter den wenigen
Gegenständen, die sich aus jenen Tagen erhalten, gibt es noch ein kleines
Schreibbuch. Es entält einige hastige Aufzeichnungen, und ich lese die mit
Bleistift beschriebenen Seiten jetzt mit bescheideneren Gefühlen, aber nicht
ohne Rührung wieder:
    »Die Verneinung des Professors ist es an sich nicht, die mich abstösst oder
erschreckt. Es gibt eine Redensart, dass man nicht nur niederreissen, sondern auch
wissen müsse aufzubauen, welche Phrase Voll gemütlichen und oberflächlichen
Leuten allerwegs angebracht wird, wo ihnen eine sichtende Tätigkeit unbequem
entgegentritt. Diese Redensart ist da am Platze, wo obenhin abgesprochen oder
aus törichter Neigung verneint wird; sonst aber ist sie ohne Verstand. Denn man
reisst nicht stets nieder, um wieder aufzubauen; im Gegenteil, man reisst recht
mit Fleiss nieder, um freien Raum für Licht und Luft zu gewinnen, welche überall
sich von selbst einfinden, wo ein sperrender Gegenstand weggenommen ist. Wenn
man den Dingen ins Gesicht schaut und sie mit Aufrichtigkeit behandelt, so ist
nichts negativ, sondern alles ist positiv, um diesen Pfefferkuchenausdruck zu
gebrauchen.
    Wenn die Freiheit des Willens nun bei den untern Stufen unsers Geschlechtes
und verwahrlosten einzelnen auch nicht vorhanden war, so musste sie sich doch
einfinden und entwickeln, sobald die Frage nach ihr sich einfand, und wenn
Voltaires Trumpf: Gäbe es keinen Gott, so müsste man einen erfinden! eher eine
Blasphemie als ein positive gute Rede war, so verhält es sich nicht also mit der
Willensfreiheit, und hier dürfte man nach Menschenpflicht und - recht sagen
Lasset uns diese Freiheit schaffen und in die Welt bringen!
    Die Schule des freien Willens kann man am füglichsten mit einer Reitbahn
vergleichen. Der Boden derselben ist das Leben dieser Welt, über welches auf
gute Manier hinwegzukommen es sich handelt, und er kann zugleich den festen
Grund der Materie vorstellen. Das wohlgeartete und geschulte Pferd ist das
besondere, immer noch materielle Organ, der Reiter darauf der gute menschliche
Wille, welcher jenes zu beherrschen und zum freien Willen zu werden trachtet, um
auf edlere Weise über jenen derben Grund hinwegzukommen; der Stallmeister
endlich mit seinen hohen Stiefeln und seiner Peitsche ist das moralische Gesetz,
das aber einzig und allein auf die Natur und Gestalt des Pferdes gegründet ist
und ohne dieses gar nicht vorhanden wäre. Das Pferd aber würde ein Unding sein,
wenn nicht der Boden existierte, auf welchem es traben kann, so dass also
sämtliche Glieder dieses Kreises durch einander bedingt sind und keines sein
Dasein ohne das andere hat, ausgenommen den Boden der Materie, welcher daliegt,
ob jemand darüber reite oder nicht. Nichtsdestoweniger gibt es gute und
schlechte Reitschüler, und zwar nicht allein nach der körperlichen Befähigung,
sondern vorzüglich auch infolge des entschlossenen Zusammennehmens. Den Beweis
liefert das erste beste Reiterregiment, das uns über den Weg reitet. Die Scharen
der Gemeinen, welche keine Wahl hatten, mehr oder weniger aufmerksam zu lernen,
und nur durch eine eiserne Disziplin in den Sattel gewöhnt wurden, sind alle
beinahe gleich zuverlässige Reiter; keiner zeichnet sich besonders aus und
keiner bleibt zurück, und um das Bild eines ordentlichen Schlendrians des Lebens
zu vollenden, kommen ihnen die zusammengedrängten und in die Reihe gewöhnten
Pferde auf halbem Wege entgegen; und was etwa der Reiter versäumen sollte, tut
sein Organ, das Pferd, von selbst. Erst wo dieser Zwang und Schlendrian, das
bitter Notwendige der Masse aufhört, beim löblichen Offizierskorps, gibt es
sogenannte gute Reiter, schlechtere und vorzügliche Reiter; denn diese haben es
in ihrer Gewalt, über das geforderte Mass hinaus mehr oder weniger zu leisten.
Das Ausgezeichnete und Kühne, was der Gemeine erst im Drange der Schlacht, in
unausweichlicher Gefahr und Not unwillkürlich und unbewusst tut, die grossen Sätze
und Sprünge, übt der Offizier alle Tage zu seinem Vergnügen, aus freiem Willen
und sozusagen teoretisch; doch fern ist es von ihm, dass er deswegen allmächtig
sei und nicht trotz allem Mute und aller Kraft einmal abgeworfen oder von seinem
allzu widerspenstigen Tiere bewogen werden könne, durch ein anderes Strässlein zu
reiten, als er gewollt hat.
    Wird aber der Steuermann, um auf ein anderes Bild zu kommen, zufälliger
Stürme wegen, die ihn verschlagen können, der Abhängigkeit wegen von günstigen
Winden, wegen schlechtbestellten Fahrzeuges und unvermuteter Klippen, wegen
verhüllter Leitsterne und verdunkelter Sonne sagen: Es gibt keine
Steuermannskunst! und es aufgeben, nach bestem Vermögen sein vorgestecktes Ziel
zu erreichen?
    Nein, gerade die Unerbittlichkeit, aber auch die Folgerichtigkeit der
tausend ineinandergreifenden Bedingungen müssen uns reizen, das Steuer nicht
fahrenzulassen und wenigstens die Ehre eines tüchtigen Schwimmers zu erkämpfen,
welcher in möglichst grader Richtung über einen stark ziehenden Strom schwimmt.
Nur zwei werden nicht hinübergelangen: derjenige, der sich nicht die Kraft
zutraut, und der andere, der vorgibt, er brauche gar nicht zu schwimmen, er
wolle fliegen und nur noch warten, bis es ihm recht gefalle.
    Ja, ein verantwortlichkeitsschwangeres Wesen treibt in den Dingen und
kräuselt den Spiegel der ruhigen Seele: die Frage nach einem gesetzmässigen
freien Willen ist zugleich in ihrem Entstehen die Ursache und Erfüllung
desselben, und wer einmal diese Frage getan, hat die Verantwortung für eine
sittliche Bejahung auf sich genommen!«
    Ich erinnere mich, dass es im Monat August und in abgelegener Gegend eines
öffentlichen Parkes war, als ich diese Worte schrieb. Von ihrem Gewichte nicht
gerade niedergedrückt, wandelte ich nach vollbrachter Tat gemächlich weiter und
gelangte an eine Hecke wilder Rosensträuche, zwischen denen die ausgespannten
Netze vieler Spinnen hingen. Es war eine Art kleiner gelber Kreuzspinnen, die
hier eine Kolonie zu bilden schienen und alle in wacher Tätigkeit schwebten. Die
eine sass still in der Mitte ihres Kunstwerkes und lauerte aufmerksam auf einen
Fang; die andere klomm geruhig an den Fäden umher, um hie und da einen Schaden
auszubessern, während die dritte mit Unfrieden einen bösen Nachbar beobachtete.
Denn an der Grenzmark eines jeden Netzes, im Blattwerke verborgen, sassen
gleichfarbige, aber ganz dünnleibige Spinnen, welche keine eigenen Netze bauten,
sondern sich darauf beschränkten, den Erwerb der fleissigen Künstlerinnen für
sich zu packen. Ein leichter Wind bewegte das Gesträuche und mit demselben die
luftige Stadt dieser Ansiedler, so dass der allgemeine Weltlauf auch hier in
aller Stille Leidenschaft und Unruhe hervorbrachte.
    Ich haschte ein Fliege und warf sie auf ein Gewebe, dessen Inhaberin reglos
im Mittelpunkte hing. Sogleich stürzte sie über das unglückliche Tier her,
drehte und wendete es einigemal zwischen den Pfoten, schnürte ihm mit
vorläufigen Stricken Flügel und Beine zusammen, überzog es dann mit dichterm
Gespinste, indem sie abermals den Raub mit grösster Fertigkeit zwischen den
Hinterfüssen drehte gleich dem Braten am Spiesse, und stellte so ein handliches
Paket her, das sie bequem nach ihrem Sitze schleppte. Aber schon war die
parasitische Raubspinne von ihrem Lauerposten mit kurzen Rucken halbwegs
herangenaht, bereit, dem rechtmässigen Jäger die Beute zu entreissen, und kaum
ersah dieser den Feind, als er den Weidsack an das Gitter seines Burgsitzes hing
und sich wie der Blitz gegen den Angreifer wendete. Mit funkelnden Augen und
ausgestreckten Vorderfüssen gingen sie sich entgegen, versuchten sich wie
förmliche Fechter und rannten sich an. Die Spinne, die im wohlerworbenen Rechte
war, schlug die andere nach entschlossenem Kampfe in die Flucht und kehrte zu
ihrer Beute zurück; die war jedoch inzwischen von einem zweiten, von
entgegengesetzter Seite herbeigekommenen Räuber weggeholt worden, der soeben mit
der Fliege nach seinem Schlupfwinkel abzog. Da dieser glücklichere Geselle
bereits im Besitze war, so trieb er nun seinerseits die ihn verfolgende
rechtmässige Besitzerin von sich ab und entzog sich ihrer Gewalt, indem er
schleunigst das Netz verliess. Aufgeregt ging jene umher, brachte das Gewebe, wo
es durch die Ereignisse beschädigt war, in Ordnung und setzte sich endlich
wieder in den Mittelpunkt.
    Da brachte ich eine neue Fliege herbei; die Spinne packte sie wie die
frühere; allein schon machte sich der erste Wegelagerer wieder herbei, dem der
Hunger keine Wahl lassen mochte; und nun, statt das neue Opfer kunstgerecht
einzuwickeln, nahm sie es kurzweg zwischen die Fresszangen und trug es, wie der
Bär das Lamm, nicht nach dem Mittelsitze, sondern aus dem Netze heraus nach
einem Refugium. Sie erreichte es nicht; denn der Feind rannte ihr den Weg ab, so
dass sie eine andere Zuflucht suchen musste, weil sie ihren Fang nicht
fahrenlassen und deshalb den Kampf nicht aufnehmen konnte. So entwickelte sich
ein noch ärgeres Irrsal für das geplagte Tierchen, indem zu gleicher Zeit der
Wind stärker wurde und das Netz so heftig schaukeln machte, dass eine Hauptstütze
desselben zerriss, nämlich einer der stärkeren Fäden, an welchen es aufgehangen
war. Darüber ging die Fliege verloren, der Gegner machte sich auch aus dem
Staube, und nur die Spinne blieb auf dem Platze, um ihre Pflicht zu tun. Wie
während des Sturmes ein Matrose im Takelwerk seines Schiffes hängt, so kletterte
sie mit zitternden Gliedern an dem schwankenden Netze auf und nieder und suchte
zu retten, was zu retten war, unbekümmert um die Windstösse, welche sie samt
ihrem Werke umherwarfen. Erst als ich einen Zweig brach und das ganze Gebäude
plötzlich hinwegstreifte, floh sie vor der höheren Gewalt in das Gebüsche. Nun
wird sie für heute genug haben! dachte ich und ging weiter. Als ich aber eine
Viertelstunde später an demselben Ort vorüberkam, hatte die Spinne schon ein
neues Werk begonnen und bereits die Radialtaue gespannt. Jetzt zog sie die
feineren Querfäden, zwar nicht mehr so gleichmässig und zierlich wie die
zerstörten; es gab lockere oder zu enge Stellen, hier fehlte eine Linie, dort
zog sie eine solche zweimal, kurz, sie betrug sich wie einer, über den Schweres
und Hartes ergangen ist und der sich bekümmert und mit zerstreuten Sinnen wieder
an die Arbeit gemacht hat. Ja freilich, es war unverkennbar, die kleine Kreatur
sagte sich: Es hilft nichts! Ich muss in Gottes Namen wieder anfangen!
    Hierüber erstaunte ich nicht wenig; denn eine solche Entschlussfähigkeit in
dem winzigen Gehirnchen erhob sich beinahe zu der menschlichen Willensfreiheit,
die ich behauptete, oder sie zog diese zu sich herunter in den Bereich des
blinden Naturgesetzes, des leidenschaftlichen Antriebes. Um diesem zu entrinnen,
erhöhte ich sofort meine sittlichen Ansprüche, da es beim Bau von Luftschlössern
auf ein Mehr oder Weniger an Unkosten ja niemals ankommt. Ob auch Luftschlösser
sich verwirklichen oder ob sie mindestens dazu dienen, eine goldene Mittelstrasse
zu schützen, wie das römische Castrum einst den Heerweg, wird wohl das Geheimnis
einer Erfahrung sein, welches erworbene Bescheidenheit nicht immer preisgibt.
    So war ich also mit dem glänzenden Schwerte der Willensfreiheit bewaffnet,
ohne aber ein Fechter zu sein. Dass ich erst beabsichtigt hatte, einige
anatomische Einsicht behufs der Darstellung der menschlichen Gestalt zu holen,
wusste ich fast nicht mehr und unterliess jedes weitere Vorgehen in dieser
Richtung. Ohne zu wissen, wie es geschehen, war ich schon im gleichen Sommer in
ein vorbereitendes Kollegium über Rechtswissenschaft geraten und hatte nur
wenige Stunden versäumt, da mir bald unerträglich dünkte, das nicht zu kennen,
wovon ich vor kurzem nichts gewusst und was niemand von mir verlangte. Von neuen
Bekanntschaften, die ich dabei gemacht und die jetzt in die Ferien gereist,
hatte ich Bücher geliehen und das eine oder andere auch selbst erworben. Darin
las ich nun tage- und nächtelang, als ob eine Prüfung vor der Türe stände, und
als im Herbste die Säle sich wieder auftaten, fand ich mich bei dem ersten
Lehrer des römischen Rechtes als Hörer ein, keineswegs in der Absicht, etwa ein
Jurist zu werden, sondern lediglich, um zu erfahren, was es mit diesen Dingen
auf sich habe, und die Textur derselben zu sehen. Meines Bleibens war hier
freilich nur so lange, bis ich ein vernünftigeres Gelüste nach der Geschichte
des römischen Staates und Volkes überhaupt empfand, und von hier aus lag es
nahe, die Hand auch nach den griechischen Geschichten auszustrecken, welche ich
in ihrer ersten dürftigen Schulgestalt mitten im Kurs einst musste fahrenlassen,
als ich aus der Schule geschickt worden. Ich verhielt mich jetzt sehr still und
ruhig und liess die Herrlichkeiten mit frohem Behagen auf mich wirken, niemals
ohne mir die schönen Landschaften, die Inseln und Vorgebirge zu
vergegenwärtigen, wenn ihre wohllautenden Namen genannt wurden.
    Unversehens aber stiess ich auf die Bände deutscher Rechtsaltertümer,
Weistümer, Sagen und Mytologie, welche damals in der Blüte ihres Ruhmes
standen; hier führten alle Pfade wieder in die Urzeit der eigenen Heimat zurück,
und ich lernte mit neuer Verwunderung die wachsende Freude an Recht und
Geschichte derselben kennen. Zu jener Zeit begann auch schon am Horizonte der
Brünhildenkultus als Sehnsucht nach der Germanenjugend aufzutauchen und den
Schatten der wackeren Hausfrau Tusnelda zu verdrängen, wie die dämonische Medea
dem überreizten Sinne besser gefällt als die menschliche Iphigenia. Insbesondere
manchem schwächlichen Ritterlein schien für das Herzensbedürfnis die
unverstandene gewaltige Heldenjungfrau gerade gut genug, und sie wurde in ihren
Wolkenschleiern nachträglich vielfach angeliebelt. Immerhin aber warf das
glänzende Luftbild helle Lichtstreifen über die Landschaften der Vorzeit und
rief das Gegenpostulat der Siegfriedsgestalt wach, die im Schatten der Wälder
verborgen schlief.
    So phantasiegeborne Anschauungen verzogen sich jedoch bald vor Gedanken
nüchterner Art, als ich mich mehr an das Betrachten der Geschichte gewöhnte und
ich wie ein neuer Sancho Pansa beinahe mit ein paar platten Sprichwörtern
ausreichte, um die Ergebnisse zusammenzufassen. Ich sah, dass jede geschichtliche
Erscheinung genau die Dauer hat, welche ihre Gründlichkeit und lebendige
Innerlichkeit verdient und der Art ihres Entstehens entspricht. Ich sah, wie die
Dauer jedes Erfolges nur die Abrechnung der verwendeten Mittel und die Prüfung
des Verständnisses ist und wie gegen die ununterbrochene Ursachenreihe auch in
der Geschichte weder Hoffen noch Fürchten, weder Jammern noch Toben, weder
Übermut noch Verzagteit etwas hilft, sondern Bewegung und Rückschlag ihren
wohlgemessenen Rhytmus haben. Ich versuchte daher achtzugeben auf dieses
Verhältnis in der Geschichte und verglich den Charakter der Ereignisse und
Zustände mit ihrer Dauer und dem Wechsel ihrer Folge welche Art von länger
anhaltenden Zuständen z.B. ein plötzliches oder aber ein allgemaches Ende nehmen
oder welche Art von unerwarteten, rasch einfallenden Ereignissen dennoch einen
dauernden Erfolg haben? welche Bewegungsarten einen schnellen oder langsamen
Rückschlag hervorrufen, welche von ihnen scheinbar täuschen und in die Irre
führen und welche den erwarteten Gang offen gehen? in welchem Verhältnisse
überhaupt die Summe des moralischen Inhaltes zu dem Rhytmus der Jahrhunderte,
der Jahre, der Wochen und der einzelnen Tage in der Geschichte stehe? Hiedurch
dachte ich mich zu befähigen, schon im Beginn einer Bewegung je nach ihren
Mitteln und nach ihrer Natur die Hoffnung oder Furcht zu beschränken, die auf
sie zu setzen war, wie es einem besonnenen freien Weltbürger geziemte. Denn »wie
man's treibt, so geht's!« meinte ich, sei auch in der Geschichte
glücklicherweise kein Gemeinplatz, sondern eine eiserne Wahrheit. Für das
gegenwärtige Leben sei daher die Erkenntnis nützlich alles, was wir an unsern
Gegnern tadelnswert und verwerflich finden, das müssen wir selber vermeiden und
nur das an sich Rechte tun, nicht allein aus Neigung, sondern recht aus
Zweckmässigkeit und geschichtlichem Bewusstsein.
    Mein liebster Aufentalt waren nun die Stätten, wo gelehrt wurde, und ich
trieb mich als eine Art von Halbstudent um, der da alles zu vernehmen und zu
sehen begehrte, gleich einem jungen Herrensohn, der zu seiner allgemeinen
Ausbildung auf der hohen Schule weilt, sonst es aber gerade nicht nötig hat. Wo
von Physikern, Chemikern, Zoologen oder Anatomen merkwürdige Demonstrationen
angekündigt und von Redemeistern besonders berühmte Kapitel abgehandelt wurden,
befand ich mich stets im Strome der Neugierigen, welche sich hinzudrängten. Und
nach bestandenem Abenteuer war ich inmitten der Studentenhaufen zu sehen, wenn
sie vor Tisch ihre burschikosen Frühschoppen tranken. Denn erst jetzt handelte
ich dem Rate des Eichmeisters zuwider, vor Abend niemals ins Wirtshaus zu gehen,
weil es mich trieb, über das Erfahrene sprechen zu hören und mich selbst
auszusprechen. Zuweilen gedieh ich im Eifer sogar zum lauten Wortführer, fast
genau wie zu jener Zeit, als ich meine Sparbüchse verschwendete, ein
Grosssprecher unter den Knaben war und einem tragischen Unheil entgegenging.
 
                                Drittes Kapitel
                                  Lebensarten
Es gab allerdings wieder eine Sparbüchse, welche ihrer Verwendung harrte. Am
Tage nach meiner Abreise vor nunmehr länger als drei Jahren hatte die Mutter
sogleich ihre Wirtschaft geändert und beinahe vollständig in die Kunst
verwandelt, von nichts zu leben. Sie erfand ein eigentümliches Gericht, eine Art
schwarzer Suppe, welches sie jahraus, jahrein, einen Tag wie den andern um die
Mittagszeit kochte, auf einem Feuerchen, welches gleichermassen fast von nichts
brannte und eine Ladung Holz eine Ewigkeit dauern liess. Sie deckte an den
Werktagen nicht mehr den Tisch, da sie nun ganz allein ass, nicht um die Mühe,
sondern die Kosten der Wäsche zu sparen, und setzte ihr Schüsselchen auf ein
einfaches Strohmättchen, das immer sauber blieb, und indem sie ihren
abgeschliffenen Dreiviertelslöffel in die Suppe tauchte, rief sie pünktlich den
lieben Gott an, denselben für alle Leute um das tägliche Brot bittend, besonders
aber für ihren Sohn. Nur an den Sonn- und Festtagen deckte sie den Tisch mit
reinlichem Weisslinnen und setzte ein Stückchen Rindfleisch darauf, welches sie
am Sonnabend eingekauft. Diesen Einkauf selber machte sie weniger aus Bedürfnis
- denn sie hätte sich für ihre Person auch am Sonntage noch mit der
spartanischen Suppe begnügt, wenn es hätte sein müssen - als vielmehr, um einen
Zusammenhang mit der Welt und die Gelegenheit zu haben, wenigstens einmal die
Woche auf dem alten Markte zu erscheinen und den Weltlauf zu sehen.
    So marschierte sie denn still und eifrig, ein Körbchen am Arme, erst nach
den Fleischbänken; und während sie dort klug und bescheiden hinter dem Gedränge
der grossen Hausfrauen und Mägde stand, die lärmend und verwegen ihre Körbe
füllen liessen, stellte sie kritische Betrachtungen über das Behaben der Weiber
an und ärgerte sich sonderlich über die munteren leichtsinnigen Dienstmägde,
welche sich von den lustigen Metzgerknechten also betören liessen, dass diese
während des Scherzes und Gelächters unvermerkt eine ungeheure Menge Knochen und
Luftröhrenfragmente in die Waagschale warfen, so dass es die Frau Elisabet Lee
fast nicht mit ansehen konnte. Wenn sie die Herrin solcher Mädchen gewesen wäre,
so hätten diese ihre Verliebteit an den Fleischbänken teuer büssen und
jedenfalls die Knorpeln und Röhren der trügerischen Gesellen selbst essen
müssen. Allein es ist dafür gesorgt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen,
und diejenige, welche von allen anwesenden Frauen vielleicht die gestrengste
gewesen wäre, hatte dermalen nicht mehr Macht als über ihr eigenes Pfündlein
Fleisch, das sie mit Umsicht und Ausdauer einkaufte.
    Sobald sie es im Körbchen hatte, richtete sie ihren Gang nach dem
Gemüsemarkt am Wasser und erlabte ihre Augen an dem Grün der Kräuter, den bunten
Farben der Früchte, an allem, was aus Gärten und Feldern herbeigeschaft war.
Sie wandelte von Korb zu Korb und über die schwanken Bretter von Schiff zu
Schiff, das aufgehäufte Wachstum übersehend und an dessen Schönheit und
Billigkeit die Wohlfahrt des Staates und dessen innewohnende Gerechtigkeit
ermessend, und zugleich tauchten in ihrer Erinnerung die grünen Landstriche und
die Gärten ihrer Jugend auf, in welchen sie einst selbst so gedeihlich gepflanzt
hatte, dass sie zehnmal mehr wegzuschenken imstande war, als sie jetzt bedächtig
einkaufen musste. Hätte sie noch grosse Vorräte für einen zahlreichen Haushalt zu
ordnen gehabt, so würde das ein Ersatz gewesen sein für das Säen und Pflanzen;
aber auch der war ihr genommen und die Handvoll grüner Bohnen, Spinatblättchen
oder gelber Rübchen, welche sie endlich in ihr Körbchen tat, nachdem sie manchen
scharfen Zuspruch wegen Überteuerung ausgeteilt, für sie nur ein notdürftiges
Symbol der Vergangenheit, samt dem Büschelchen Petersilie oder Schnittlauch, das
sie als Dreingabe erkämpfte.
    Das weisse Stadtbrot, das bislang in ihrem Hause gegolten, hatte sie auch
abgeschafft und bezog alle acht Tage ein billigeres rauhes Brot, welches sie so
sparsam ass, dass es zuletzt steinhart wurde; aber zufrieden dasselbe bewältigend,
schwelgte sie ordentlich in ihrer freiwilligen Askese.
    Um die gleiche Zeit wurde sie karg und herb gegen jedermann, im
gesellschaftlichen Verkehr vorsichtig und zurückhaltend, um alle Ausgaben zu
vermeiden; sie bewirtete niemanden oder, wenn es geschah, so knapp und
ängstlich, dass sie bald für geizig und ungefällig gegolten, hätte sie nicht
durch eine verdoppelte Bereitwilligkeit mit dem, was sie durch die Mühe ihrer
Hände, ohne andere Kosten, bewirken konnte, jene herbe Sparsamkeit aufgewogen.
    Überall, wo sie mit Rat und Tat beistehen konnte, war sie immer wach und
rüstig bei der Hand, keine Ausdauer scheuend, und da sie für sich bald fertig
war, so verwendete sie eine schöne Zeit zu solchen Dienstleistungen, bald in
diesem, bald in jenem Hause, wo Krankheit oder Tod die Menschen bedrängten.
    Aber überallhin brachte sie ihre genaue Einteilungskunst mit, so dass die
behäbigeren Leute, während sie dankbar sich die unermüdliche Hilfe gefallen
liessen, doch hinter ihrem Rücken sagten, es wäre doch eigentlich eine Sünde von
der Frau Lee, dass sie gar so ängstlich, so spröde sei und dem lieben Gott nichts
überlassen könne oder wolle. Sie hingegen überliess freilich der Vorsehung Gottes
alles, was sie nicht verstand, vorerst die Verwickelungen der moralischen Welt,
mit denen sie nicht viel zu tun hatte, weil sie sich nicht in Gefahr begab.
Nichtsdestoweniger war Gott ihr auch der Grundpfeiler in der Ernährungsfrage;
aber diese schien ihr so wichtig, dass sie niemals zauderte, sich zuerst selber
zu wehren, so dass es den Anschein gewann, als ob sie nur auf sich allein
vertraute.
    Mit eherner Treue hielt sie an ihrer Weise fest; weder durch Sonnenblicke
der Fröhlichkeit noch durch düsteres Unbehagen, weder im Scherz noch im Ernste
liess sie sich verleiten, auch die kleinste unnötige Ausgabe zu machen. Sie legte
Groschen zu Groschen, und wo diese einmal lagen, waren sie so sicher aufgehoben
wie im Kasten des eingefleischten Geizes. Mit der Ausdauer des Geizes sammelte
sie Geld, aber nicht zur Augenlust; denn das Gesammelte beschaute sie niemals
und überzählte es nie, wenigstens nicht zum zweiten Mal, und noch weniger
stellte sie sich vor, was alles dafür herbeizuschaffen und zu geniessen sei.
    Ich indessen war seit geraumer Zeit mit den Mitteln an ein Ende gekommen,
die zu meiner Ausbildung bestimmt gewesen. Schon sass ich in einem ordentlichen
Gewebe von Schuldbeziehungen gefangen und war ohne alle Schwierigkeit
hineingeraten, und zwar durch den studentischen Verkehr, der sich von der
Lebensart der Kunstjünger wesentlich unterscheidet. Diese sind von Anfang an auf
die Benutzung des Tageslichtes durch unausgesetzte Handübung angewiesen; das
bringt allein schon einen andern wirtschaftlichen Zustand mit sich, welcher den
guten alten Handwerkssitten verwandt ist. Während meines Umganges mit dem
reichen Lys und dem an sorgloses Leben auch gewöhnten Erikson war ich meiner
bescheidenen Verhältnisse nie innegeworden. Wir sahen uns immer nur des Abends,
und da lebten sie in der Regel nicht anders, als ich und ähnliche wenig
bemittelte Leute auch leben durften; von einem gegenseitigen Anreize zu
schädlichen Ausgaben war nicht die Rede, und was gute Laune oder ein Fest etwa
an Ausnahmen herbeiführten, störte niemals in nachhaltiger Weise das
Gleichgewicht.
    Der Student dagegen lebt einstweilen und bis zum Tage des Gerichtes in jedem
Sinne unter dem Panier der Freiheit. Er beansprucht, selber in jugendlichem
Vertrauen schwärmend, ein ausserordentliches Vertrauen; Unfleiss und Geldmangel
gereichen ihm nicht zum Nachteil, vielmehr werden beide durch besondere Lieder
gefeiert, sogar das Vertun der letzten Habe, das Hänseln der Gläubiger in alten
und neuen rituellen Gesängen gepriesen. Ist alles dies bei der heutigen besseren
Sitte auch mehr euphemistisch gemeint, so ist es doch immer noch das Wahrzeichen
von Freiheiten, die eine gewisse allgemeine Redlichkeit zur Voraussetzung haben.
    Da ich mich eines Morgens ohne Vorbedacht und Willen von einigen Schulden
belästigt sah, stellte ich nachträgliche Betrachtungen über das Vorkommnis an
und setzte mich mit demselben ungefähr folgendermassen auseinander:
    Hätte ich einen Sohn mit guten Lehren zu versehen, so würde ich zu ihm
sagen: »Mein Sohn, wenn du ohne Not und sozusagen zu deinem Vergnügen Schulden
machst, so bist du in meinen Augen nicht sowohl ein Leichtsinniger als vielmehr
eine niedrige Seele, die ich im Verdachte eines schmutzigen Eigennutzes habe,
einer Selbstsucht, die andere unter dem Deckmantel traulicher Hilfsbedürftigkeit
absichtlich um das Ihrige bringt. Wenn aber ein solcher von dir borgen will, so
weise ihn ab; denn es ist besser, du lachest über ihn als er über dich! Wenn du
hingegen in Not gerätst, so borge, soviel es genaugenommen sein muss, und ebenso
diene deinen Freunden, ohne zu rechnen, und alsdann trachte für deine Schulden
aufzukommen, Verluste verschmerzen oder zu dem Deinigen gelangen zu können, ohne
zu wanken und ohne schimpflichen Zank. Denn nicht nur der Schuldner, der seine
Verpflichtungen einhält, sondern auch der Gläubiger, der ohne Zank dennoch zu
dem Seinigen kommt, beweist, dass er ein wohlbestellter Mann ist, welcher
Ehrgefühl um sich verbreitet. Bitte keinen zweimal, der dir nicht borgen will,
und lass dich ebensowenig drängen; denke immer, dass dein guter Ruf an die
Bezahlung von Schulden geknüpft, oder vielmehr denke das nicht einmal, denke an
gar nichts, als dass soundso viel zu bezahlen sei im Leben oder im Tode. Kann dir
aber ein anderer das gegebene Versprechen nicht halten, so richte nicht gleich
über ihn, sondern überlass lieber das Urteil der Zeit. Vielleicht bist du noch
einmal froh, wenn er dir als Sparbüchse gedient hat. Nach dem Masse aber, in
welchem du dich in Verpflichtungen begibst und die in dir selbst liegenden
Kräfte dabei schätzest, wird es sich zeigen, was du wert bist. Du wirst die
Abhängigkeit unsers Daseins menschlich fühlen gelernt haben und das Gut der
Unabhängigkeit auf eine edlere Weise zu brauchen wissen, als der nichts geben
und nichts schuldig sein will. Bedarfst du in der Not das Vorbild und Ideal
eines redlichen Schuldenmachers, so denke an den spanischen Cid, welcher den
Juden eine Kiste voll Sand versetzte und ihnen sagte, es sei gutes Silber darin!
Sein Wort war allerdings so gut wie Silber; und doch welche Verdriesslichkeit,
wenn ein Neugieriger oder Misstrauischer vor der Zeit die Kiste geöffnet hätte!
Dennoch wäre es derselbe Cid gewesen, dessen Leiche am Schwert ruckte, als ein
Jude sie am Barte zupfen wollte.«
    Diese grossen Worte, mit denen ich mir den Rat eines weisen Vaters ersetzte,
regten mein Gewissen doch so kräftig an, dass ich Anstalt traf, die Tore des
Erwerbes aufzutun. Ohne längeres Säumen machte ich mich an den Entwurf eines
Landschaftsbildes von bescheidenem Umfang, dessen Verkauf nicht von vornherein
unwahrscheinlich war. Zugrunde lag ein ansehnliches Studienblatt aus der Heimat,
welches einen gerodeten Bergwald darstellte. Von diesem zog sich ein
stehengebliebener Saum von Eichbäumen einen höhern Grat entlang und stieg auf
demselben ins Tal herunter an einen schäumenden Waldbach, wie ein Zug
schreitender Riesen, die sich unten sammeln und Rat halten. Als ich mit dem
Entwurfe fertig war, fühlte ich das Bedürfnis, die Ansicht eines Kunstgenossen
einzuholen, um nichts zu unterlassen, was ein Gelingen herbeiführen konnte. Denn
der Ernst der Sache wurde mir mit jedem Striche fühlbarer.
    Glücklicherweise begegnete ich zu dieser Zeit einem eben im Flor stehenden
Landschafter, mit dem ich in Eriksons Gesellschaft ein paarmal zusammengetroffen
und auf einem gewöhnlichen Bekanntschaftsfusse stand. Der Mann besass eine sichere
und wirksame Technik; er brachte sozusagen keinen Pinselstrich zuviel oder
zuwenig an, und jeder leuchtete mit ungebrochener Kraft; also waren auch seine
Bilder überall gern gesehen, und er kam mit solchem Fleisse der Nachfrage
entgegen, dass er schon begann, Mangel an Gegenständen zu empfinden, und mehr
Gemälde lieferte, als er Ideen dazu im Vorrat besass. Er wiederholte sich öfter
und war sogar um einzelne Wolken- oder Erdformen verlegen, da er alle schon ein
oder mehrere Male irgendwie gebraucht hatte, obschon er noch nicht vierzig Jahre
alt war. Denn er besass eine stattliche Frau und eine Schar Kinder, die ernährt
sein wollten, und da er bei dieser Bemühung einmal im glücklichen Schusse war,
so gedachte er gleich auch wohlhabend zu werden. Wenn man für die alten Tage
sorgen will, pflegte er zu sagen, so muss man das in den jungen Tagen tun. Auch
sei es ihm unmöglich, die einzelnen seiner Kinder in der Armut zu denken; darum
müsse er sie alle dagegen schützen und zugleich hiedurch bewirken, dass sie
einstmals für ihre Kinder ebenso gesinnt seien; so nähmen die Dinge auf lange
hin ihren guten Verlauf, einzig infolge eines entschlossen angewandten
Grundsatzes.
    Er fragte mich, was ich treibe, und ich benutzte die Gelegenheit, ihn um
seinen Rat zu ersuchen. Bereitwillig kam er zu mir und sah etwas überrascht
meine Arbeit oder vielmehr die ihr zugrund liegende Naturstudie. Die Bäume, als
die aus einem ehemaligen Hochwalde ausgeschnittenen Überbleibsel, zeigten alle
so eigentümlich malerische Formen, wie man sie nicht leicht vorfindet oder zum
zweiten Male antrifft, und die lichte Ordnung, in welcher sie sich besonders
über die Höhe hin bewegten, war nicht weniger original. Da überdies die Eichen
seiter vermutlich auch niedergelegt und in ihrer Entlegenheit von einem andern
Zeichner kaum wiedergegeben worden, so erhielt der Gegenstand der Studie wie des
entworfenen Bildes ohne mein Verdienst den Charakter einer wertvollen
Seltenheit. Dieser Umstand mochte den erfahrenen Landschafter anregen, sich
lebhaft mit dem Entwurfe zu beschäftigen. Er begann erst mit Worten die zu grosse
Fülle desselben, die sich selbst im Wege stand, zu sichten, das Überflüssige
oder Hindernde auszusondern und das Wesentliche zusammenzurücken. Dann ergriff
er, von Eifer hingerissen, Stift und Papier und brachte, fortwährend sprechend,
mit fester Hand, seine Meinung so trefflich in sichtbare Gestalt, dass binnen
einer halben Stunde eine Meisterskizze fertig war, die in jeder Sammlung guter
Handzeichnungen ihren bestimmten Rang einnehmen konnte. Ich sah freilich mit
geheimem Bedauern mehr als ein sinniges und frommes Motiv, das ich nicht hatte
opfern wollen, verschwinden, bemerkte aber auch mit Wohlgefallen, wie gerade
dadurch eine neue stärkere Wirkung des übrigen zum Vorschein gelangte und auch
eine glückliche Ausführung erleichtert werden musste. Ich freute mich, den Mann
zu guter Stunde gefunden zu haben, und sah mich schon an der Arbeit. Allerdings
musste ich einen frischen Entwurf herstellen, da der Meister nach beendigter
Beratung sein Blatt ruhig zusammenfaltete, in die Tasche steckte und mich
freundlich meiner dankbaren Gesinnung überliess.
    Bei der Ausführung des Bildes suchte ich nun mein Bestes zu tun und hielt
mich fleissig und hoffnungsvoll an die Arbeit, bei welcher ich so gut als möglich
der Kritik des Meisters folgte. Es wollte mir zwar nachträglich vorkommen, als
ob in der Komposition etwas allzu stark aufgeräumt worden sei für meine
bescheidene Farbengebung, bei der ich, da es sich endlich um ein ordentliches
Vollenden handelte, mit den ersten Regeln zu kämpfen hatte. Dennoch war ich nach
Verfluss einer Anzahl Wochen nicht unzufrieden mit dem Erzeugnis, wie es sich
innerhalb meiner vier Wände darstellte; ich liess es mit einem einfachen,
unvergoldeten Rahmen versehen, der den Ernst künstlerischer Gesinnung, die nicht
nach Prunkmitteln hascht, ausdrücken sollte und auch meinen Verhältnissen
entsprach, und sandte das Bild in die Ausstellungsräume, wo das Neueste
wöchentlich aufgehangen und der Verkauf vermittelt wurde.
    So war nun der Zeitpunkt da, von welchem ich vor der ländlichen
Vormundschaftsbehörde so zuversichtlich gesprochen hatte, der Beginn eines
rühmlichen Erwerbes. Als ich am nächsten Sonntage die Säle betrat, in denen eine
geputzte Menge sich drängte, gedachte ich deutlich jener stolzen Worte, aber
jetzt mit kleinem Mute, da schon zuviel von der Sache abhing. Sobald ich das
unscheinbare Bild von weitem bemerkte, getraute ich mich nicht, in der Nähe zu
weilen, weil ich mir plötzlich wie ein armes Kind vorkam, das sein aus einem
Flöcklein Baumwolle und etwas Flittergold verfertigtes Schäfchen am
Weihnachtsmarkte mit den vier steifen Beinchen auf einen trockenen Stein gesetzt
hat und ängstlich harrt, ob von den tausend Vorübergehenden einer seinen Blick
darauf werfe. Das war nicht Hochmut, sondern das Gefühl, dass ich es als einen
glücklichen Zufall preisen müsste, wenn sich ein geneigter Käufer für mein
Weihnachtslämmchen fände.
    Aber auch von einem solchen Zufall konnte schon keine Rede mehr sein; denn
als ich in den nächsten Saal ging, sah ich meine Landschaft, von meinem Ratgeber
ausgestellt, mit allem Glanze seines Könnens gemalt, von der Wand leuchten,
umgeben von einem Rahmen, der allein mehr kostete, als ich für mein Bild zu
fordern wagte. Ein daranhängender Zettel verkündete den bereits erfolgten Ankauf
des gelungenen Werkes.
    Eine Gruppe von Künstlern unterhielt sich vor demselben. »Woher mag nur das
famose Motiv sein?« sagte einer, »er hat schon lange nicht so was Neues gehabt!«
    »Dort vorn«, erwiderte ein anderer, der soeben herzugetreten, »dort hängt
das Motiv noch einmal, offenbar von einem Neuling, der noch nicht recht zu
untermalen und noch weniger zu lasieren versteht!«
    »Dann hat er's dem gestohlen, der Spitzbube!« lachten die übrigen und gingen
hin, mein Schicksal zu betrachten. Ich blieb vor der siegreichen Arbeit stehen
und dachte seufzend: Wer's kann, der macht's! Wie ich aber das Bild länger
studierte, glaubte ich zu entdecken, dass die von dem Maler getroffenen
Abänderungen wohl für seinen technischen Standpunkt gut und nützlich, dagegen
für meine platonische Art eher schädlich gewesen seien. Denn da mir der
energische Glanz seines Pinsels nicht zu Gebote stand, so wäre die tiefere
Innerlichkeit meines ersten Entwurfes, die nachwirkende Unmittelbarkeit der
reichen Naturstudie mit ihrer Formenfülle für den Liebhaber ein etwelcher Ersatz
gewesen.
    Als ich im Weggehen einen Augenblick vor meinem verlassenen Bilde weilte,
überzeugte ich mich, dass es, statt besser zu werden durch den Ratschlag des
Meisters, förmlich verarmt, zum Beweis, dass auch in diesen Dingen der Fink
nichts von der Drossel lernt.
    Nach der bestehenden Ordnung musste ich mein Werk acht Tage auf der
Ausstellung lassen, während welcher keine Seele nach seinem Preise fragte. Dann
holte ich es weg und lehnte es einstweilen an die Wand. Dann ging ich in das
nebenliegende Schlafzimmerchen hinein und setzte mich auf meinen dort stehenden
Reisekoffer, was meine Gewohnheit war, wenn ich etwas Kritisches zu überlegen
hatte, weil der Koffer ein Stück heimatlichen Gerätes war. So verlief der
Ausgang meines ersten Versuches, ein Stück Brot zu erwerben.
    Was ist Erwerb und was ist Arbeit? fragte ich mich; hier führt ein blosses
Wollen, ein glücklicher Einfall ohne Mühe zu reichlichem Gewinne, dort eine
geordnete, nachaltige Mühe, welche mehr wirklicher Arbeit gleicht, aber ohne
innere Wahrheit, ohne notwendigen Zweck, ohne Idee. Hier heisst Arbeit, lohnt
sich und wird zur Tugend, was dort Müssiggang, Nutzlosigkeit und Torheit ist.
Hier nützt und hilft etwas stückweise, ohne wahr zu sein; dort ist etwas wahr
und natürlich, ohne zu helfen, und immer ist der Erfolg der König, der den
Ritterschlag erteilt. - Ein Spekulant gerät auf die Idee der Revalenta arabica
(so nennt er es wenigstens) und bebaut dieselbe mit aller Umsicht und Ausdauer;
sie gewinnt eine ungeheure Ausdehnung und gelingt glänzend; tausend Menschen
werden in Bewegung gesetzt und Hunderttausende, vielleicht Millionen gewonnen,
obgleich jedermann sagt: Es ist ein Schwindel! Und doch nennt man sonst
Schwindel und Betrug, was ohne Arbeit und Mühe Gewinn schaffen soll. Niemand
aber wird sagen können, dass das Revalentageschäft ohne Arbeit betrieben werde;
es herrschen da gewiss so gute Ordnung, Fleiss und Betriebsamkeit, Um- und
Übersicht wie in dem ehrbarsten Handelshause oder Staatsgeschäfte; auf den
Einfall des Spekulanten gegründet, ist eine umfassende Tätigkeit, eine wirkliche
Arbeit entstanden.
    Die Beschaffung des Mehles, die Anfertigung der Büchsen, das Verpacken und
Versenden erhält viele Arbeiter; ebenso viele werden beschäftigt durch die
zahllosen marktschreierischen Ankündigungen, mit der grössten Mühe und Umsicht
betrieben. Keine Stadt der verschiedenen Kontinente gibt es, in welcher nicht
Setzer und Drucker mit der Herstellung der Inserate und Reklamen Nahrung finden,
kein Dorf, in welchem nicht ein Wiederverkäufer eine kleine Steuer darauf
erhebt. Diese läuft in tausend Äderchen zusammen und wird in hundert Bankhäusern
von ehrwürdigen Buchhaltern, lakonischen Kassieren weitergeleitet bis an die
Quelle der Idee zurück. Dort sitzen die Urheber in ihrem Comptoir mit ernster
Miene in tiefsinniger Tätigkeit; denn sie haben nicht nur das tägliche Geschäft
zu überwachen und fortzuführen, sie haben schon auch ihre Handelspolitik zu
studieren, um dem Bohnenmehl neue Bahnen zu eröffnen, es in diesem, in jenem
Weltteile vor drohender Konkurrenz zu schützen.
    Doch nicht immer waltet die tiefe Geschäftsstille, die unverbrüchliche
Strenge der Arbeit in diesen Räumen; es gibt Tage der Erholung, der Freude, der
sittlichen Belohnung, welche den heiligen Ernst lieblich unterbrechen. Das
Zutrauen der Mitbürger hat das Haupt des Hauses mit magistratischen Würden
geehrt, und es findet eine anständige Bewirtung aller Schutzbefohlenen statt.
Oder es wird die Hochzeit der ältesten Tochter gefeiert, ein Ehrentag für alle,
die es angeht; denn es hat sich die durchaus ebenbürtige Verbindung mit der
angesehensten Familie des Stadtviertels vollzogen; die Reichtümer sind auf
beiden Seiten so gleichmässig abgewogen, dass keine vernünftige Störung des
ehelichen Glückes denkbar ist. Schon am Vorabend wurden Wagenladungen von Palmen
und Myrtenbäumen ins Haus gebracht und die Blumenkränze aufgehangen; am Morgen
füllt sich die Gasse mit Neugierigen, und das Volk weicht ehrerbietig vor den
Kutschen zurück, die in endloser Reihe auffahren, wegfahren und wieder
zurückkehren, bis das Festmahl unter schmetternden Fanfaren seinen Anfang nimmt.
Bald aber tritt lautlose Stille ein, als der Brautvater an das Glas schlägt und
mit bescheidener Rührung, ohne das Schicksal herauszufordern, seinen Lebensgang
schildert und das höhere Walten preist, das ihn, den Unwürdigen, so weit geführt
habe, wie jetzt allen Augen sichtbar sei. Mit nacktem Wanderstabe, der noch im
stillen Kämmerlein aufbewahrt werde, sei er einst in diese werte Stadt gekommen
und habe Schritt für Schritt mit Not und Sorge, aber unverdrossenem Fleisse
gekämpft und öfters fast den Mut verloren; allein die edle Gattin, die Mutter
seiner Kinder, zur Seite, habe er sich immer wieder aufgerichtet und seine
Blicke auf das eine, das Grosse geheftet, was da not getan! Einsame lange Nächte
hindurch habe er mit dem schöpferischen Gedanken gerungen, dessen Früchte nun
einer Welt zum Segen gereichen und allerdings nebenbei auch sein redliches
Streben gelohnt, einen bescheidenen Wohlstand bereitet haben usw.
    So wird aber Revalenta arabica gemacht in noch vielen Dingen, nur mit dem
Unterschiede, dass es nicht immer unschädliches Bohnenmehl ist, aber mit der
nämlichen rätselhaften Vermischung von Arbeit und Täuschung, innerer Hohlheit
und äusserm Erfolg, Unsinn und weisem Betriebe, bis der Herbstwind der Zeit alles
hinwegfegt und auf dem Blachfelde nichts übriglässt als hier einen Vermögensrest,
dort ein verfallendes Haus, dessen Erben nicht mehr zu sagen wissen, wie es
vordem entstanden, oder es nicht zu sagen lieben.
    Will ich nun, grübelte ich weiter, ein Beispiel wirkungsreicher Arbeit, die
zugleich ein wahres und vernünftiges Leben ist, betrachten, so ist es das Leben
und Wirken Friedrich Schillers. Dieser, aus dem Kreise hinausfliehend, zu
welchem Familie und Landherr ihn bestimmt, alles im Stiche lassend, was ihn nach
ihrem Willen beglücken sollte, stellte sich in früher Jugend auf eigene Faust,
nur das tuend, was er nicht lassen konnte, und schaffte sich sogar durch eine
Ausschweifung, eine überschwengliche und wilde Räubergeschichte, Luft und Licht;
aber sobald er dies gewonnen, veredelte er sich unablässig von innen heraus, und
sein Leben wurde nichts anderes als die Erfüllung seines innersten Wesens, die
folgerechte kristallinische Arbeit des Idealen, das in ihm und seiner Zeit lag.
Und dieses einfach fleissige Dasein verschafte ihm endlich alles, was seinem
persönlichen Wesen genügte. Denn da er, mit Respekt zu melden, ein gelehrter
Stubensitzer war, so lag es eben nicht in ihm, ein reicher und glänzender
Weltmann zu sein. Eine kleine Abweichung in seinem leiblichen und geistigen
Wesen, die eben nicht Schillerisch war, und er wäre es auch geworden. Aber nach
seinem Tode erst, kann man sagen, begann sein ehrliches, klares und wahres
Arbeitsleben seine Wirkung und seine Erwerbsfähigkeit zu äussern, und wenn man
ganz absieht von der geistigen Erbschaft, die er hinterlassen, so muss man
erstaunen über die materielle Bewegung, über den bloss leiblichen Nutzen, den er
durch das treue Hervorkehren seiner Ideale hinterliess. So weit die deutsche
Sprache reicht, sind in den Städten nicht viele Häuser, in welchen seine Werke
nicht stehen, und auf den Dörfern sind sie wenigstens in einem oder zwei Häusern
zu finden. Je weiter aber die Bildung der Nation sich verbreitet, desto grösser
wird diese Vervielfältigung werden und zuletzt in die niederste Hütte dringen.
Hundert Gewinnhungrige lauern nur auf das Erlöschen des Privilegiums, um die
edle Lebensarbeit Schillers so massenhaft und wohlfeil zu verbreiten wie die
Bibel, und der umfangreiche Nutzverkehr, der während der ersten Hälfte eines
Jahrhunderts stattgefunden, wird während der zweiten Hälfte um das Doppelte
wachsen. Welch eine Menge von Papiermachern, Druckersleuten, Verkäufern,
Angestellten, Laufburschen, Lederhändlern, Buchbindern verdienten und werden ihr
Brot noch verdienen. Dies ist, im Gegensatze zu der Revalenta arabica manches
Treibens, auch eine Bewegung und doch nur die rohe Schale eines süssen Kernes,
eines unvergänglichen nationalen Gutes.
    Das war ein einheitliches organisches Dasein; Leben und Denken, Arbeit und
Geist dieselbe Bewegung. Aber es gibt doch auch ein getrenntes, gewissermassen
unorganisches Leben von gleicher Ehrlichkeit und Friedensfülle: das ist, wenn
einer täglich ein bescheidenes dunkles Werk verrichtet, um die stille Sicherheit
für ein freies Denken zu gewinnen, Spinoza, der optische Gläser schleift. Aber
schon bei Rousseau, der Noten schreibt, verzerrt sich das gleiche Verhältnis ins
Widerwärtige, da er weder Frieden noch Stille darin sucht, vielmehr sich wie die
anderen quält, er mag sein, wo er will.
    Was ist nun zu tun? Wo liegt das Gesetz der Arbeit und die Erwerbsehre, und
wo decken sie sich?
    Dergestalt spintisierte ich über etwas, worin ich zunächst gar keine Wahl
hatte; denn die Not und der Ernst des Lebens standen zum ersten Mal wirklich vor
der Türe. Das fiel mir auch endlich ein; ich gedachte auch jener Spinne, die ihr
zerstörtes Netz von neuem herstellte, und sagte mir, indem ich mich erhob Es
hilft nichts, ich muss wieder anfangen! Ich sah mich unter meinen Habseligkeiten
um und suchte nach Gegenständen, welche zu einer zierlich bunten Behandlung in
anspruchslosen kleinen Schildereien geeignet schienen. Nichts Minderes führte
ich plötzlich im Sinne, als eine derartige Praktik aufzutun, welche sich, wie
ich wähnte, jederzeit beiseite legen liess. Es handelte sich nicht um jene höhere
Schönmalerei, wie sie der Motive stibitzende Meister handhabte, ich aber nicht
bewältigen konnte, sondern um ein Herabsteigen auf eine tiefere Stufe, wo der
Glanz der gemalten Teebretter und Dosendeckel beginnt. Freilich nicht ganz so
tief wollte ich gehen; ich dachte immerhin einen gewissen Wert zu verarbeiten,
dabei aber auf die Urkunde und den rohern Geschmack des untern Marktes Rücksicht
zu nehmen mit allerhand billigen Effekten. Aber so eifrig, ja ängstlich ich auch
in meinen Mappen suchte, so dünkte mich doch alles, was ich in die Hand bekam,
jedes Studienblatt, jeder kleine Entwurf zu gut dafür, es war zu schade darum.
Wollte ich meine früheren Arbeitsfreuden nicht gewaltsam selbst verderben, so
musste ich noch tiefer gehen und eigene Erfindungen machen, an denen nichts
verlorenging.
    Indem ich dieses genauer bedachte, trat mein Vorhaben in ein sehr
ungünstiges Licht; ich liess mutlos das Blatt sinken, das ich eben hielt, und
setzte mich wieder auf den Reisekoffer. Das sollte also das Ende so langer
Lehrjahre und die Erfüllung so grosser Hoffnungen und zuverlässiger Worte sein!
Der Selbstausschluss vom Gebiete gebildeter Kunst und ein unrühmliches
Verschwinden in der Dunkelheit, wo arme Teufel mit Nichtswürdigkeiten das Leben
fristen! Ich bedachte nicht einmal, dass ich ja mit einer ernstaften Arbeit
auftreten gewollt, ein diebischer Routinier mich aber des Erfolges beraubt
hatte; ich suchte nur den Punkt meiner Fehlbarkeit, weil ich zu hochfahrend war,
mich für einen Pechvogel zu halten, und endigte, ohne klar zu sein, mit einem
Seufzer nach Aufschub, den ich mir schon früher gewährt und nutzlos vertan
hatte, soweit es den nächsten notwendigen Zweck betraf.
    Da sass ich nun, den Kopf abermals in die Hände begraben, und schweifte mit
den Gedanken umher, bis sie in der Heimat anlangten und mir von dort aus die
neue Sorge zusandten, dass die Mutter meine Lage ahnen und sich darüber bekümmern
könnte. Ich hatte ihr sonst regelmässig und in einem heitern Tone geschrieben,
ihr allerlei von den fremden Sitten und Gebräuchen erzählt, die ich sah, und
manche Schwänke und Schnurren eingeflochten, um sie aus der Ferne zum Lachen zu
bringen und wohl auch mit meiner Fröhlichkeit grosszutun. Sie antwortete mit
treulichen Berichten über den Weltlauf zu Hause, und jeden Spass vergalt sie mit
einer Hochzeit oder einem Todesfall, mit dem Schiffbruch einer Haushaltung oder
dem verdächtigen Glücke einer anderen. Auch der Oheim war gestorben, und die
Kinder hatten sich zerstreut im verworrenen Getümmel der Heerstrasse und zogen
schon ihre Kinderkärrchen hinter sich her, gleich den Juden in der Wüste. Seit
einiger Zeit waren jedoch meine Briefe seltener und einsilbiger geworden; die
Mutter schien sich zu scheuen, nach dem Grunde zu fragen, wofür ich ihr dankbar
war, da ich doch nichts Rechtes zu melden wusste. Seit einigen Monaten hatte ich
gar nicht mehr geschrieben, und sie hielt sich auch still. Als ich jetzt so in
der Stille sass, klopfte es sachte an der Türe des äusseren Zimmers; ein Kind kam
herein und brachte mir einen Brief, der Schrift und Siegel der Mutter zeigte.
    Sie wollte die Ungewissheit oder vielmehr die Furcht nicht länger ertragen,
dass es nicht nach Wunsch und Hoffnung mit mir stehe; sie verlangte daher
Aufschluss über meine Umstände und Aussichten, besorgte, dass ich bereits Schulden
habe, weil sie von keinem Erwerb wisse und das kleine Erbe doch lange
aufgebraucht sei. Für den Fall der Not habe sie einige Ersparnisse am
Überflüssigen gemacht, die jetzt bereitlägen, ihren Dienst zu tun, wenn ich nur
offen berichten wolle.
    Das Kind, welches den Brief gebracht, stand noch da, als ich ihn schnell
gelesen; ich hatte es beim Zeichnen des Jesuskindes in jener
christlich-mytologischen oder geologischen Landschaft als Modell benutzt, um
ihm die nötigsten Verhältnisse abzusehen, und da das Bild durch mein Herumsuchen
zufällig in den Vordergrund geraten, so stand das Knäbchen vor demselben und
sagte: »Das bin ich!« indem es den Finger auf das Himmelskind legte. Durch diese
anmutige Fügung erhielt der Vorgang einen übernatürlichen Anklang; der kleine
Träger der guten Botschaft erschien gewissermassen als ein Abgesandter der
göttlichen Vorsehung selbst, und sowenig ich an ein Wunder, etwa in Gestalt
eines allgütigen Scherzes derselben, glaubte, gehe mir das kleine Abenteuer doch
über die Massen wohl und machte mir den mütterlichen Brief doppelt erquicklich.
Es ist nicht anders zu sagen genau betrachtet musste die gleiche Figur, mit der
ich in dem Entwurf jenes Bildes eine tiefsinnige Ironie zu begehen der Meinung
war, jetzt meine Angelegenheiten wenigstens mit einer artigen Parabel verzieren
helfen, sie mit einem Bezuge auf das Unendliche veredeln.
    Alles schien jetzt gut und jede Erfüllung wieder möglich, ja wahrscheinlich
zu sein; keinen Augenblick zögerte ich, das Opfer anzunehmen, und schrieb meine
Antwort etwas kleinlaut und doch offen und wohlgemut. dabei ermangelte ich
nicht, meiner wunderlichen Universitätsstudien zu erwähnen und dieselben als
eine für die Gegenwart allerdings nachteilige, für die Zukunft aber doch
irgendwie Nutzen bringende Störung darzustellen; und schliesslich landete ich
wieder an dem Kap der guten Hoffnungen und Verheissungen.
    Als die Mutter diesen Brief empfing und ihn gelesen hatte, schloss sie die
Stubentüre zu und ihren alten Schreibtisch auf und brachte aus dessen Fächern
zum ersten Mal den Schatz ihrer Ersparnisse ans Licht. Sie fügte die Taler zu
Rollen und diese zu einem unförmlichen Pakete, umwand es mehrmals mit starkem
Papier und dieses mit Schnüren, beträufelte es überall mit Siegellack und
drückte das Petschaft darauf, alles sehr unkaufmännisch mit überflüssiger Mühe,
denn es war schon lange fest genug; aber es war doch jedenfalls fest. Dann schob
sie das schwere Paket in eine taftene Handtasche oder Retiküle, legte es auf den
Arm und eilte auf Seitenwegen zur Post; denn sie wünschte nicht gesehen zu
werden, weil sie nicht gesonnen war zu antworten, wenn jemand sie befragt hätte,
wo sie mit dem Gelde hinwolle. Mühselig und mit zitternder Hand streifte sie das
seidene Säcklein von dem Geldkloben, reichte ihn durch das Schiebfensterchen und
gab ihn mit einem Gefühl der Erleichterung aus der Hand. Der Beamte besah die
Adresse, dann die Frau, machte seine umständlichen Verrichtungen, gab ihr den
Empfangschein, und sie begab sich, ohne sich umzuschauen, hinweg, als ob sie
soviel Geld jemandem genommen anstatt gegeben hätte. Der linke Arm, auf dem sie
die Last getragen, war steif und ermüdet, und so kehrte sie etwas angegriffen in
ihre Behausung zurück, stillschweigend durch ein Gedränge von Leuten, welche
keinen Gulden für ihre Kinder hergeben, ohne damit zu prahlen, zu lärmen oder
darüber zu jammern und zu klagen. Zu jener Zeit, als mein Oheim lebte und noch
predigte, hatte er einmal gesagt: »Gott weiss wohl, welche Leute bescheiden und
still sind und welche nicht, und er zwickt die letztern gelegentlich ein wenig,
ohne dass sie wissen, woher es kommt; und ich habe ihn im Verdacht, dass das ihm
alsdann einen kleinen Spass macht!«
    Zu Hause fand die Mutter die Klappe des Schreibtisches noch geöffnet und die
Schublädchen aufgezogen, die nun leer waren; sie schloss dieselben und öffnete
beiläufig dasjenige, in welchem für ihr tägliches Bedürfnis ein unbeträchtliches
Häuflein Münze in einem Schälchen lag und verkündigte, dass zunächst nun jede
Wahl verschwunden war zwischen Gütlichtun und weiterm Darben und dass die gute
Frau jetzt mit dem besten Willen sich keine guten Tage mehr hätte machen können.
Allein das wurde von ihr weder bemerkt, noch kam es in Frage. Sie stiess auch
dies Lädchen sogleich wieder zu, versorgte Schreibzeug und Siegellack, verschloss
den Schrank und setzte sich auf das alte Sorgenstühlchen ohne Lehnen, um von
ihren Taten auszuruhen, aufrecht wie ein Tännlein.
    So sehe ich sie jetzt noch, obgleich ich nicht dabei war, dank der Kenntnis
ihrer Gewohnheiten, ähnlich wie der Altertumskundige mit seinen Hilfsmitteln und
Anhaltspunkten die Ansicht eines zerstörten Denkmales wiederherstellt.
 
                                Viertes Kapitel
                                Das Flötenwunder
Das Geldpack wurde mir nicht wie der Brief von dem Hauswirtskinde, sondern von
dem Postboten selbst aufs Zimmer gebracht. Sein gewichtiges Treppensteigen, das
so lange ausgeblieben, belebte die Leute sofort mit einer vorläufigen Genugtuung
über das ungebrochene Vertrauen, das sie mir geschenkt; mit dankbarer Gesinnung
empfingen sie dann ihr ziemlich aufgelaufenes Gutaben, nachdem ich das Geld
nicht ohne Mühe von den vielen Hüllen und Schnüren befreit und den neuen Brief
rasch durchflogen hatte, der von unsicherer, ihren Gegenstand nicht übersehender
Sorge geschrieben war.
    Auch der Schneider, der Schuhmacher und die übrigen Lieferanten
unterschrieben ihre Rechnungen mit freundlicher Zufriedenheit und empfahlen sich
für weitere Kundschaft. Das machte mir alles so viel Vergnügen, als ob es mein
eigenes Verdienst wäre und ich die lieben Zahlungsmittel selbst erworben hätte.
Fast bedauerte ich, dass nicht noch mehr zu bezahlen und die Herrlichkeit so bald
zu Ende war; doch wurde der Übermut gedämpft, als ich noch am gleichen Tage auch
bar Geliehenes an gute Bekannte zurückzahlte und dieselben das Geld mit
vollkommener Gleichgültigkeit beiseite legten. Hieran sah ich, dass ich in ihren
Augen nicht etwas besonders Merkwürdiges getan hatte, und zog die Hörnlein der
Selbstzufriedenheit wieder ein. Dennoch war ich leichten Mutes, betrachtete die
Zahlungsfähigkeit der Mutter gewissermassen als meine eigene und feierte am Abend
ein kleines Befreiungsfest, mit dessen Aufwand, so bescheiden er war, das
Mütterchen sich einen halben Monat lang erhalten konnte. Ich sang sogar in
rascherm Takte, als seit manchen Tagen geschehen, ein Lied voll
Sorgenverachtung, wie wenn ich aller Übel der Welt ledig wäre.
    Allein gleich am Morgen gewahrte ich, dass noch ein Ende der Kette vorhanden
in Gestalt des Häufleins Taler, welches von meinem Schatze übriggeblieben war.
Denn als ich denselben erst jetzt genauer berechnete und abzählte und die letzte
schon angebrochene Papierhülse vollends auseinanderschlug, zeigte es sich, dass
ich höchstens ein Vierteljahr daran zu leben hatte. Ich wunderte mich nicht
wenig, wie die Sorge so behende wieder hereingeschlüpft, und vermutete zuletzt,
sie sei gar nicht von der Stelle gegangen, gleich der Frau des Swinegels, die im
Wettlaufe mit dem Hasen ruhig in der Furche sass und rief: »Ich bin allhier!«
    Doch zögerte ich nicht, einen neuen Auslauf nach dem Erwerbe zu unternehmen;
mit Überlegung schlug ich, wie ich glaubte, einen klugen Mittelweg ein, indem
ich ein paar kleinere Landschaften ohne Anspruch auf geistreichen Stil oder
Phantasie, dagegen mit sorgfältiger Rücksicht auf Gefälligkeit zu malen begann,
immerhin aber eine gewähltere Naturwahrheit zugrunde legte und nicht mit Gewalt
das einmal zierlich Gewachsene ins Plumpe, das Geformte ins Formlose
verwandelte. Auf diesem Wege vermeinte ich einen glücklichern Erfolg nicht
verfehlen zu können, während mir unterderhand das angestrebte Gefällige der
Ausführung nur zu einer gewissen reinlichen Bescheidenheit geriet, die Form aber
für den rohern Blick sofort wieder einen verdächtigen Anschein von Stil gewann.
Das war freilich wieder nicht zweckmässig; denn die gleichen Menschen, welche die
Angelegenheiten ihres täglichen Lebens nur mit grossen Worten und erhabenen
Wendungen behandeln, sind es ja, die sogleich die Nase zurückziehen, wenn sie in
der Kunst etwas wittern, das wie Stil oder Form aussieht.
    Neben der Vorsicht, die ich an die Arbeit verwandte, beschäftigte mich noch
das Abwägen der fliehenden Zeit mit der täglichen Abnahme meines Barvorrates;
dies alles, mit einem geruhigen Masse von Furcht und Hoffnung durchwirkt, lässt
mir jene kleine Spanne Zeit samt ihren kleinen Verhältnissen als ein Stück
wohlverbrachten friedlichen Daseins erscheinen, gleichmässig erfüllt von
bescheidenem Anspruch, redlicher Tätigkeit und tröstlicher Erwartung des
unbekannten Erfolges. Fehlt einem solchen Zustande einstweilen das tägliche Brot
nicht, während das kommende Bedürfnis doch die Seelenkräfte wach erhält, so wäre
er lebenslang leicht zu ertragen. Das erkennt man erst, wenn die Hoffnungen
gebrochen sind und man den frühern Zustand, wo sie noch ungewiss waren, wieder
herbeiwünscht.
    Als ich beide Zwillingsbilder fertig hatte, war es mit dem zufriedenen Leben
vorbei, und ich musste auf den Handel ausgehen. Sie der öffentlichen Ausstellung
anzuvertrauen, konnte ich mich nach jenem plagiatorischen Unglück nicht schon
wieder entschliessen, was allerdings ein Zeichen des Anfänger oder
Dilettantentumes war; denn eine volle Begabung kann dergleichen leicht
verschmerzen und braucht sich nicht darum zu kümmern, wie das Schattenvolk sich
um das Eigentum von Ideen und Erfindungen zankt.
    Ich begab mich nun zu einem angesehenen Händler, Beherrscher der Auktionen
und Aufkäufer von Künstlernachlässen, welcher auch ganz neue Bilder kaufte, wenn
sie vor seiner Kennerschaft Gnade fanden oder seine Gewinnlust sonst durch
irgendeinen geheimnisvollen Vorzug reizten. In einem schönen Hause war das
Erdgeschoss mit sogenannten alten Meistern und neueren Gemälden angefüllt, und
hinter den Fenstern waren stets einige zu sehen, aber niemals etwas, für das der
Mann keinen Namen hatte. War es eine gewisse Gezierteit, oder war es
Schüchternheit, ich ging zuerst ohne meine Landschaften hin, um sie dem Händler
anzubieten in der Form, dass ich anfragte, ob ich dieselben herbringen lassen
oder seinen Besuch zur Besichtigung erwarten dürfe. Mein Eintreten in die
Handelsgalerie blieb gänzlich unbeachtet, da der Inhaber mit einem Häuflein
Herren und Kenner dicht vor einem kleinen Rähmchen stand, dessen Inhalt sie mit
zusammengesteckten Köpfen und Vergrösserungsgläsern beguckten, während er seine
Lehrsätze über die Rarität vortrug. Plötzlich führte er, die Lupe in der Hand,
den Trupp in ein anstossendes Zimmer, um dort vor einem ähnlichen Gegenstande
vergleichende Studien vorzunehmen, und ich blieb ein Weilchen allein in dem
Raume. Endlich kehrten die Herren in aufgelöster Ordnung, in lebhaftem Gespräche
begriffen, zurück, indem sie eine grosse Heilswahrheit zu vereinbaren und zu
redigieren schienen; es handelte sich offenbar weniger um ein Geschäft als um
eine jener Liebhaberkonferenzen, durch die solche Bildermänner ihrem Hasardspiel
einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben pflegen. Indessen bemerkte der
Kaufherr meine Anwesenheit und fragte nach meinem Begehren.
    Ich brachte das Anliegen ziemlich betreten vor, im Gefühl, dass ich etwas
erbitte, was kein Mensch mir zu gewähren schuldig sei, und hatte es auch kaum
getan, als der Mann, ohne nur zu fragen, wer ich sei, kurz und trocken sagte, er
kaufe die Sachen nicht, und sich wegkehrte.
    Hiemit war mein Geschäft abgetan; ich hatte keine Veranlassung, auch nur
eine Minute länger dazubleiben, und befand mich eine Viertelstunde später wieder
zu Hause bei den zwei Bildchen.
    Ich unternahm an diesem Tage nichts Weiteres, durch ein unheimliches Gefühl
von Ärger und Sorge beklemmt. Ich konnte mir nicht klarmachen, dass das Verhalten
des Händlers dasjenige der meisten Leute war, die alles, was sie nicht von sich
aus wünschen und suchen, durch die immergrüne Hecke der abschlägigen Antwort von
sich abhalten und es darauf ankommen lassen, was zu ihrem Nutzen sich allenfalls
dennoch hindurchdrücken wolle und könne.
    Am nächsten Tage machte ich mich abermals auf den Weg, nahm aber klüglich
die in ein Tuch gewickelten Bilder mit, damit sie wenigstens angesehen wurden.
Ich suchte einen Händler von minderm Range auf, bei dem die Verkehrssummen schon
beträchtlich niedriger standen als bei dem vorigen, obschon er mit den
Gegenständen besser umzugehen, sie sogar selber zu reinigen, auszubessern und
neu zu firnissen verstand. Ich traf ihn in einem ziemlich dunklen Lokale
inmitten seiner Töpfchen und Gläser, wie er eben die Löcher einer alten bemalten
Leinwand ausflickte. Er hörte mich aufmerksam an und stellte meine Landschaften
selbst in ein möglichst günstiges Licht, und nachdem er die Hände an der Schürze
abgewischt, schob er sein Samtkäppchen über den kahlen Vorderkopf zurück,
stützte die Hände gegen die Hüfte und sagte sogleich, ohne sich lange zu
besinnen: »Die Sachen sind nicht übel, aber sie sind nach alten Kupferstichen
gemacht, und zwar nach guten!«
    Erstaunt und verdriesslich erwiderte ich: »Nein, diese Bäume habe ich selbst
alle nach der Natur gezeichnet, und sie stehen wahrscheinlich jetzt noch; auch
das übrige existiert beinahe alles, wie es hier ist, nur liegt's etwas mehr
auseinander!«
    »In diesem Falle kann ich die Bilder erst recht nicht brauchen!« versetzte
er, indem er die betrachtende Stellung aufgab und das Käppchen wieder
zurechtrückte; »man wählt nach der Natur keine Motive, die wie aus alten
Kupferstichen aussehen! Man muss mit der Zeit leben und vorwärtsschreiten!«
    Da hatte ich die ganze Stilfrage in einer Nuss. Ich packte meine Bilder
zusammen und warf im Abgehen einen wehmütigen Blick auf die Sammlung roher
Zufälligkeiten und gemalter Düngerhaufen, welche als Zeitgemässes oder eigentlich
eher die Zukunft Ahnendes die Wände bedeckten, da es die Arbeiten armer Teufel
waren, die aus Ungeschick mit billigem Pinsel und im Dunkeln das schufen, was
seiter anspruchsvoll ins Licht getreten ist. Ich stand allerdings selber höchst
kümmerlich auf der Gasse, kehrte jedoch mit dem Stolze eines verarmten Hidalgo
dem Hause den Rücken und wanderte weiter. Unentschlossen, ob ich nicht lieber
nach meiner Wohnung zurück wolle, durchirrte ich mehrere Strassen und geriet vor
den Kaufladen eines israelitischen Schneiders, der zugleich mit neuen Kleidern
und mit neuen Bildern handelte. Manche Künstler liessen sich von ihm bekleiden,
und er mochte dadurch, indem er an Zahlungsstatt zuweilen eine Malerei zu
übernehmen oder zu pfänden genötigt war, zu einem kleinen Galeriebesitzer
geworden sein, der schon mehr als einen guten Schnitt gemacht hatte, wenn er
entweder die Arbeiten bedrängter Kunstjünger erworben, die nachher zu Ruf
gekommen, oder wenn er, ohne es zu wissen, von andern Unkundigen ein wertvolles
Stück erwischte. Vor demjenigen Teil seines Geschäftslokales, worin die Bilder
aufgestellt waren, sah ich einen Augenblick durch das Fenster, und da der Raum
wenigstens von reinlicher Ordnung und Sorgfalt zu zeugen schien, so lockte mich
das, einzutreten und mein Angebot abermals vorzubringen. Der Handelsmann zeigte
sich gleich bereitwillig, die Sachen anzusehen, betrachtete sie mit lüsterner
Neugierde, liess sich alles Wie, Was und Wo erklären und fragte zuletzt, ob ich
die Dinger wirklich selbst gemacht habe und ob sie gut gemalt seien? Das war gar
nicht so naiv, wie es aussah; denn er blickte mich in der Zeit genau an, um aus
meiner Miene den Grad eines berechtigten oder eiteln Selbstvertrauens zu lesen,
wie er einen andern, der ihm einen goldenen Ring antrug, zunächst fragte, ob
derselbe auch echt sei; im letztern Fall erkannte er das Gold schon vorher und
wollte durch die Frage erfahren, mit welchem Menschen er zu tun habe; in meinem
Falle dagegen wusste er den Menschen im voraus zu beurteilen, durch dessen
Verhalten aber wollte er erfahren, wie er das Handelsobjekt anzufassen habe. Als
ich zögernd erwiderte, ich hätte die Bilder so gut gemacht, als es nur möglich
gewesen, ohne dass es mir anstehe, sie zu loben; auch werden sie wohl nicht sehr
vortrefflich sein, sonst würde ich nicht damit hier stehen; immerhin aber seien
sie des bescheidenen Preises wert, den ich verlange - schien ihm das nicht übel
zu gefallen, und er wurde freundlich und gesprächig, indem er dazwischen die
Bilder ab und zu ebenso unentschlossen als wohlwollend betrachtete. Ich begann
die gute Hoffnung zu schöpfen, dass sich jetzt etwas ereignen werde; allein es
erfolgte nichts weiter als das plötzliche Anerbieten, die Bilder in Kommission
zu übernehmen, in seinem Lokale auszustellen und so vorteilhaft als tunlich zu
verkaufen. Hiebei blieb es denn auch; denn zu etwas Weiterm hätte sich der Mann
nicht verstanden, und sein Vorschlag war nicht unbillig, sein Verhalten aber
menschlich, da es mir Hoffnung liess und ich mit leichterm Herzen meine Wohnung
aufsuchen konnte, als wenn ich die Bilder wieder hätte hintragen müssen.
    So blieb mir für einmal die Welt des Erwerbes wie durch eine Mauer
verschlossen, an welcher ich keine Türe fand, nicht ein Schlupfloch, durch
welches eine Katze gekrochen wäre. Ich hatte freilich auf den drei Gängen gewiss
nicht hundert Worte verloren, allein auch ein hundertundeintes hätte nicht
geholfen; wäre Erikson noch dagewesen, so würde er mir die Bilder mit wenig
Worten verkauft haben, indem er hinging und sagte: »Was fällt Euch ein? Ihr müsst
sie nehmen!« Oder Ferdinand Lys hätte sie mich ausstellen lassen und mit seinem
Ansehen als reicher Mann einem andern Reichen empfohlen, und ich wäre wie
hundert andere auf einen leidlich breiten Weg geraten und auf ihm geblieben.
Aber beide Freunde hatten sich von der Kunst selbst abgewendet und lebten, wo
ich nicht wusste, gleich Abgeschiedenen, die dem Zurückgebliebenen fernher
zuzuwinken schienen: Geh du dort auch weg!
    Sonst besass ich, was man gute Bekanntschaften nennt, in der Künstlerwelt
nicht mehr, weil ich fast ausschliesslich mit Studierenden und angehenden
Gelehrten umging und als ein geselliger Hospitant ihre Spruch- und Lebensarten
teilte. In demselben Masse büsste ich erst den äussern, dann auch halbwegs den
innern Habitus eines Kunstjüngers ein. Während Wahl und Pflicht mich an das
körperliche Schaffen banden, gewöhnte sich der Geist an das Leben in seiner
eigenen Bewegung; das langsame, kaum mehr von Hoffnung beseelte Hervorbringen
eines einzigen Gedankens durch die Hände schien voll unnützer Mühsal zu sein,
wenn in der gleichen Zeit tausend Vorstellungen auf den Flügeln des unsichtbaren
Wortes vorüberzogen. Diese verkehrte Empfindung beschlich mich um so
unbewachter, als meine Teilnahme an wissenschaftlichen Dingen sich auf Hören und
Lesen, auf blosses Empfangen und Geniessen beschränkte und ich die Arbeit
wissenschaftlichen Hervorbringens nicht aus Erfahrung kannte. So drehte ich mich
gleich einem Schatten umher, der durch zwei verschiedene Lichtquellen doppelte
Umrisse und einen verfliessenden Kern erhält.
    Mit dieser Beschaffenheit trat ich nun abermals in den unfreien Zustand des
Borgens über, als der letzte Taler wirklich ausgegeben war. Der Anfang fiel mir
diesmal, als eine untröstliche Wiederholung, schwerer, der Fortgang aber machte
sich wie in dumpfem Traume von selbst, bis die Zeit wieder erfüllt war und das
Erwachen folgte mit der Not des Bezahlens und des Weiterlebens.
    Erst jetzt entschloss ich mich, die Zuflucht nochmals zur Mutter zu nehmen,
wie es ja ein Kennzeichen des Menschengeschlechtes ist, dass das Junge, solang es
immer angeht, zum Alten zurückkehrt. Jugend, welche sich reiner Absichten und
eines guten Willens bewusst ist, weist mit ihrem allgemeinen Weltvertrauen auf
ihre lange Zukunft hin, freilich vergessend, dass sie dieselbe leichtlich, ja
wahrscheinlich allein erlebt und schliesslich die Bitterkeit des Volkswortes nach
rückwärts und vorwärts kosten muss, dass eine Mutter eher sieben Kinder erhält als
sieben Kinder die Mutter.
    Die neuen Ersparnisse, die sie ohne Zweifel gemacht hatte, konnten nicht
soviel betragen, als ich jetzt bedurfte; ich wollte daher gründlich zu Werke
gehen und schlug ihr in einem Briefe, worin ich mich noch leichter stellte, als
mir zu Mut war, die Erhebung eines Anleihens auf das Haus vor. Das sei, meinte
ich, eine unverfängliche ruhige Sache, welche nach gefundenem Glücksanfang durch
meinen Fleiss ebenso ruhig wieder ausgeglichen werde und höchstens einige Zinsen
koste.
    Die Mutter erschrak heftig über diesen Brief, an dessen Statt sie mich
selber jeden Tag sehnlich erwartete, wenn auch nicht mit rühmlichem Glücke, so
doch in zufriedenem Zustande. Sie sah alles wieder in unbekannte Ferne gerückt.
Ersparnisse besass sie diesmal nur wenige, da sie an unsern Mietern Verluste
erlitten; denn der gute Eichmeister war seinen beruflichen Trinkproben erlegen
und mit Hinterlassung von Schulden gestorben, und der unzufriedene Beamte hatte
in einem Anfalle von Entrüstung über fortwährendes Hintansetzen eine kleine
Sportelnkasse geleert und war nach Amerika gegangen, um dort gerechtere
Vorgesetzte zu suchen. dabei hatte er auch meine Mutter mit einem Jahreszinse im
Stiche gelassen, so dass mein Unheil sich mit diesen Unglücksfällen in
unheimlicher Weise vermengte. Dazu kam die Vereinsamung durch den Tod der
Nahestehenden: nach dem Oheim war auch Annas Vater, der Schulmeister, sowie der
und jener gute alte Freund gestorben, und noch andere waren aus der Welt
gegangen, wie denn zuweilen, wenn die Jahre vorrücken, viele auf einmal gehen,
die ihre Zeit erreicht haben. Sie hätte zwar alle diese Toten nicht befragt, was
zu tun sei; allein die Einsamkeit vergrösserte ihren Schrecken, und um nur wieder
in Bewegung zu kommen und das Lebendige zu spüren, erfüllte sie mein Begehren.
Sie suchte einen Geschäftsmann auf, der die verlangte Summe mit allen möglichen
Umständen und Formen beschafte, wobei sie als schüchterne Gesuchstellerin
dazustehen hatte. Dann besorgte sie auf erhaltenen Rat mit sauren Gängen noch
eine Handelsanweisung, die sie an mich abzusenden endlich froh war. In ihrem
Briefe beschränkte sie sich auf eine Beschreibung dieser Mühen, anstatt sich in
Ermahnungen und Klagen zu ergehen.
    Nun hatte ich, als ich meinen Brief geschrieben, im letzten Augenblicke und
in der Furcht, zuviel zu verlangen, die Höhe der berechneten Summe fast auf die
Hälfte heruntergesetzt und gedacht, es müsse auch so gehen. Der Betrag des
Wechsels reichte daher kaum zur Bezahlung der Schulden aus, und auch so war ich
genötigt, wenn ich nur auf kurze Frist etwas übrigbehalten wollte, für
freundschaftlich Geliehenes da oder dort, wo kein Bedürfnis drängte, um Stundung
zu bitten. An dem zögernden Gewähren merkte ich, dass die Bitte unerwartet kam,
und so zwang mich die Beschämung, sie zurückzuziehen. Nur einer, der mein
Erröten sah, wies das Geld zurück, obschon er in Bälde abzureisen willens war.
Ich solle es ihm wiedergeben, wenn es mir leichter falle, er könne es jetzt
entbehren und werde schon gelegentlich von sich hören lassen.
    Durch diese Nachsicht sah ich mich auf eine Reihe von Wochen noch geborgen.
Aber der ganze Vorgang erweckte mir ein ernsteres Nachdenken über meine Lage und
über mich selbst nach der inneren Seite hin. Plötzlich kaufte ich einige Bücher
Schreibpapier und begann, um mir mein Werden und Wesen einmal recht anschaulich
zu machen, eine Darstellung meines bisherigen Lebens und Erfahrens. Kaum war ich
aber recht an der Arbeit, so vergass ich vollkommen meinen kritischen Zweck und
überliess mich der bloss beschaulichen Erinnerung an alles, was mir ehedem Lust
oder Unlust erweckt hatte; jede Sorge der Gegenwart entschlief, während ich
schrieb vom Morgen bis zum Abend und einen Tag wie den andern, aber nicht wie
ein Sorgenschreiber, sondern wie einer, der während schöner Frühlingswochen in
seinem Gartensaale sitzt, ein Glas alten Landweines zur Rechten und einen Strauss
jünger Feldblumen zur Linken. Ich hatte in der trüben Dämmerung, die mich schon
geraume Zeit umgab, das Gefühl bekommen, als ob ich eigentlich keine Jugend
erlebt hätte; und nun entwickelte sich unter meiner Hand eine Bewegung jungen
Lebens, die trotz aller Bescheidenheit der Zustände und Verhältnisse mich
gefangennahm, beschäftigte und bald mit glückseligen, bald mit reumütigen
Empfindungen erfüllte.
    So gelangte ich bis zu der Stunde, da ich als Rrekrut auf dem Felde stand
und die schöne Judit auswandern sah, ohne mich regen zu dürfen. Hier legte ich
die Feder weg, weil das seiter Erlebte mir noch gegenwärtig war. Die vielen
beschriebenen Blätter brachte ich unverweilt zu einem Buchbinder, um sie
mittelst grüner Leinwand in meine Leibfarbe kleiden zu lassen und das Buch in
die Lade zu legen. Nach einigen Tagen ging ich vor Tisch hin, es zu holen. Da
hatte der Handwerker mich missverstanden und den Einband so fein und zierlich
gemacht, wie es mir nicht eingefallen war, ihn zu bestellen. Statt Leinwand
hatte er Seidenstoff genommen, den Schnitt vergoldet und metallene Spangen zum
Verschliessen angebracht. Ich trug die Barschaft, die ich noch besass, bei mir;
sie hätte noch für mehrere Tage ausreichen sollen, jetzt musste ich sie bis auf
den letzten Pfennig hinlegen, um den Buchbinder zu bezahlen, was ich ohne
weitere Besinnung tat, und anstatt zum Mittagessen zu gehen, konnte ich mich mit
dem unnützesten Werke der Welt in der Hand nach Hause verfügen. Zum ersten Male
in meinem Leben sass ich nicht zu Tisch, wohl fühlend, dass es mit dem Borgen und
Bezahlen vorbei sei. In einigen Tagen wäre das merkwürdige Ereignis allerdings
doch eingetreten; dennoch überraschte es mich jetzt mit sehr stiller, aber
unerbittlicher Gewalt. Ich verbrachte die zweite Hälfte des Tages auf meinem
Zimmer und legte mich abends, früher als gewöhnlich, ungegessen zu Bett. Dort
erinnerte ich mich plötzlich der weisen Tischreden der Mutter, wenn ich als
kleiner Junge das Essen getadelt hatte und sie mir dann vorhielt, wie ich einst
vielleicht froh sein würde, nur solches Essen zu haben. Die nächste Empfindung
war ein Gefühl der Achtung vor der ordentlichen Folgerichtigkeit der Dinge, wie
alles so schön eintreffe; und in der Tat ist nichts so geeignet, den notwendigen
Weltlauf gründlich einzuprägen, als wenn der Mensch hungert, weil er nichts
gegessen hat, und nichts zu essen hat, weil er nichts besitzt, und dies, weil er
nichts erworben hat. An diesen einfachen und unscheinbaren Gedankengang reihen
sich von selbst alle weiteren Folgen und Untersuchungen, und indem ich nun
völlige Musse hatte und von keiner irdischen Nahrung beschwert war, überdachte
ich von neuem mein Leben, trotz des grünseidenen Buches, das auf dem Tische lag,
und gedachte meiner Sünden, welche jedoch, da der Hunger mich unmittelbar zum
Mitleid mit mir selber stimmte, sich ziemlich glimpflich darstellten.
    Hierüber schlief ich friedfertig ein. Zu gewöhnlicher Zeit erwachte ich,
auch zum ersten Mal ohne zu wissen, was ich am heutigen Tage essen würde. Ich
hatte seit einiger Zeit das Frühstück abgeschafft, da ich es überflüssig
gefunden; nun wäre ich froh gewesen, es noch zu bekommen, allein die Wirtsleute
durften nicht erfahren, dass ich hungerte, so wie es mir jetzt klar wurde, dass
das erste Erfordernis meiner neuen Lage die strengste Geheimhaltung sei. Weil
ich als ein Überbleibsel schon abgezogener Jugendvölker lebte, besass ich in
diesem Augenblicke nicht einen einzigen Vertrauten, dem man eine so auffällige
Tatsache eröffnen konnte. Denn wer, ohne ein Bettler zu sein, eines Tages mitten
in der Gesellschaft faktisch nicht mehr essen kann, macht ein Aufsehen wie ein
Hund, dem man den Suppenlöffel an den Schwanz gebunden hat. Statt mich hinter
meinen gemalten Wäldern still verborgen halten zu können, war ich daher
gezwungen, um die Mittagszeit auszugehen. Es lag die hellste Frühlingssonne auf
den Strassen; alles eilte vergnüglich durcheinander, jeder nach seinem Tischorte.
Ich ging gefasst hindurch, ohne mir etwas ansehen zu lassen, und bemerkte hiebei,
dass die Begierde zunächst nicht sowohl nach einer guten Mahlzeit als nach einem
der frischen bräunlichen Brote ging, die ich vor den Bäckerläden liegen sah; so
schnell richtete sich der Wunsch des Bedürfnisses nur auf dieses einfachste und
allgemeinste Nahrungsmittel, das uralte Wort vom täglichen Brote zu Ehren
bringend.
    Aber nun galt es wieder, im Vorübergehen das gierige Auge nicht eine Sekunde
daran haften zu lassen, damit die Herrschaft des geistigen Menschen
aufrechterhalten blieb, und so ging ich auch, anstatt unentschlossen zu
schlendern, raschen Schrittes in eine öffentliche Gemäldesammlung, um dort die
Zeit anständig mit Betrachtung der Meisterwerke zu verbringen, deren Urheber in
ihren Lebtagen auch dies und jenes hatten erfahren müssen. Es gelang mir, die
nagenden Naturkräfte während einiger Stunden zu bändigen und den zwischen ihnen
und mir schwebenden Streitandel zu vergessen. Als die Säle geschlossen wurden,
ging ich sogleich aus der Stadt und lagerte mich am Flusse in einem
frischbelaubten Gehölze, wo ich in leidlicher Ruhe verborgen blieb, bis es
dunkel war. Seit zwei langen Tagen an den unheimlichen Zustand schon etwas
gewöhnt, beschlich mich eine traurige Geduld, welcher derselbe allenfalls
erträglich schien, wenn es nur nicht ärger käme. Ich hörte, wie alle Vögel
allmählich ihr Zwitschern einstellten und die Nachtruhe der Kreatur eintrat,
während das Geräusch der fröhlichen Stadt herübersummte. Als aber in der Nähe
plötzlich das Geschrei eines Vogels ertönte, der von einem Marder oder Wiesel
erwürgt wurde, raffte ich mich auf und ging nach Hause.
    Ähnlich verlief der dritte Tag, nur dass ich jetzt in allen Gliedern müde
wurde, langsamer dahinschlenderte und auch in meinen zerstreuten Gedanken
zusehends herunterkam. Eine fast gleichgültige Neugierde, wie es eigentlich
werden solle, behielt die Oberhand, bis am vorgerückten Nachmittage, als ich
ziemlich weit von Hause in einem offenen Garten sass, der Hunger so heftig und
peinlich sich erneuerte, dass ich vollständig das Gefühl hatte, wie wenn ich in
menschenleerer Wüste von einem Tiger oder Löwen angefallen wäre. Eine Art
Todesgefahr war jetzt augenscheinlich; aber sie bezwang gerade in dieser
höchsten Not meinen neubestärkten Vorsatz nicht, keine Hilfe anzusprechen. Ich
marschierte so ordentlich, als es gehen wollte, nach meiner Wohnung und legte
mich zum dritten Male ungegessen zu Bette; glücklicherweise mit dem Gedanken,
dass das kein anderes und kein schmählicheres Abenteuer sei, als wenn ich mich
etwa im Gebirge verirrt hätte und dort drei Tage ohne Nahrung zubringen müsste.
Ohne diesen Trost würde ich eine sehr schlimme Nacht verlebt haben, während ich
wenigstens gegen Morgen in einen schlafähnlichen Zustand geriet, aus welchem ich
erst erwachte, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. Freilich fühlte ich
mich jetzt ernstlich schwach und unwohl und wusste nicht, was zu tun sei.
    Erst jetzt wurde ich recht ärgerlich und etwas weinerlich und gedachte der
Mutter, nicht viel anders als ein verlaufenes Kind. Wie ich aber dieser Geberin
meines Lebens gedachte, fiel mir auch ihr höchster Schutzpatron und
Oberproviantmeister, der liebe Gott, wieder ein, der mir zwar immer gegenwärtig
war, jedoch nicht als Kleinverwalter. Und da in der Christenheit das objektlose
Gebet damals noch nicht eingeführt war, so hatte ich mich auf der glatten See
des Lebens aller solcher Anrufungen längst entwöhnt. Diejenige, nach welcher
sich unmittelbar der unkluge Römer eingefunden, war meines Erinnerns die letzte
gewesen.
    In diesem Augenblicke der Not aber sammelten sich meine paar Lebensgeister
und hielten Ratsversammlung, gleich den Bürgern einer belagerten Stadt, deren
Anführer darniederliegt. Sie beschlossen, zu einer ausserordentlichen verjährten
Massregel zurückzukehren und sich unmittelbar an die göttliche Vorsehung zu
wenden. Ich hörte aufmerksam zu und störte sie nicht, und so sah ich denn auf
dem dämmernden Grunde meiner Seele etwas wie ein Gebet sich entwickeln, wovon
ich nicht erkennen konnte, ob es ein Krebslein oder ein Fröschlein werden
wollte. Mögen sie's in Gottes Namen probieren, dachte ich, es wird jedenfalls
nicht schaden, etwas Böses ist es nie gewesen! Also liess ich das zustande
gekommene Seufzerwesen unbehindert gen Himmel fahren, ohne dass ich mich seiner
Gestalt genauer zu erinnern vermöchte.
    Ein paar Minuten hielt ich die Augen geschlossen. Du wirst doch aufstehen
müssen! sagte ich mir und nahm mich zusammen. Wie ich nun so vor mich
hinblickte, sah ich aus einer Ecke des Zimmers einen kleinen Glanz
herüberleuchten, wie von einem goldenen Fingerring, nahe dem Boden. Es blinkte
ganz seltsam und lieblich, da sonst dergleichen Licht keines im Zimmer war. So
stand ich auf, die Erscheinung zu untersuchen, und fand, dass der Glanz von der
metallenen Klappe meiner Flöte herrührte, die seit Monaten ungebraucht in jener
Ecke lehnte gleich einem vergessenen Wanderstabe. Ein einziger Sonnenstrahl traf
das Stückchen Metall durch die schmale Ritze, welche zwischen den verschlossenen
Fenstervorhängen offengelassen war; allein woher, da das Fenster nach Westen
ging und um diese Zeit dort keine Sonne stand? Es zeigte sich, dass der Strahl
von der goldenen Spitze eines Blitzableiters zurückgeworfen war, die auf einem
ziemlich entfernten Hausdache in der Sonne funkelte, und so seinen Weg gerade
durch die Vorhangspalte fand. Indessen hob ich die Flöte empor und beschaute
sie. Die brauchst du auch nicht mehr! dachte ich, wenn du sie verkaufst, so
kannst du wieder einmal essen! Diese Erleuchtung kam wie vom Himmel, gleich dem
Sonnenstrahl. Ich kleidete mich an, trank ein grosses Glas Wasser, an welchem ich
keinen Mangel litt, und begann die Flöte auseinanderzunehmen und die Stücke vom
Staube sorgfältig zu reinigen. Dann rieb ich sie mit einem Restchen Firnis und
wollenen Läppchen tüchtig ab, salbte sie auch inwendig mit weissem Mohnöl, in
Ermangelung von Mandelöl, das man sonst nimmt, damit das Instrument auch tönte,
wenn es etwa geprüft wurde. Dann suchte ich das alte Flötenkästchen hervor und
legte die Querpfeife so feierlich hinein, als ob ihr die wunderbarsten Kräfte
inwohnten, und nun machte ich mich ohne längeres Säumen, und so rasch mich die
matten Beine trugen, auf den Weg, einen Käufer für die alte Jugendfreundin zu
suchen.
    Es dauerte nicht lange, so stiess ich in einer Seitengasse auf den kleinen
dunklen Laden eines Trödlers, hinter dessen Fenster ich neben etwas altem
Porzellangeschirr eine Klarinette stehen sah; an dem andern Fenster hingen ein
paar vergilbte Kupferstiche, in einem Rähmchen das verblichene Miniaturbildnis
einer Militärperson in verschollener Uniform sowie eine Taschenuhr, auf deren
Zifferblatt eine Schäferszene gemalt war. Hier ging ich hinein und fand inmitten
seines Trödels ein seltsames ältliches Männchen, kurz und wohlbeleibt, in einen
langen Hausrock gemummt und darüber noch eine weisse Frauenschürze vorgebunden.
Auf dem rundlichen Kopfe trug er eine wunderliche Schirmmütze, die wie die
Muschel des Papiernautilus gebaut war. Diese Figur stand eben über einen kleinen
Kochherd gebückt und rührte in einem Topfe, als ich eintrat. Das Trödelmännchen
sah auf und fragte mich nicht unfreundlich, was ich wünsche, worauf ich mit
leiser Stimme sagte, ich hätte eine Flöte zu verkaufen. Neugierig öffnete er das
Kästchen, gab es aber sogleich zurück und sagte: »Richten Sie einmal das Ding
zusammen, so weiss ich ja nicht, was es ist!« Als ich die drei Bestandteile
gehörig zusammengesetzt hatte, nahm er das Instrument in die Hand und
betrachtete es von allen Seiten, sah auch darüber weg, ob es nicht etwa krumm
oder verzogen sei.
    »Warum wollen Sie's denn verkaufen?« fragte er, und ich meinte, weil ich's
nicht mehr haben wolle. »Aber tönt sie auch, die Flöt'? Dort hab ich schon lang
ein Klarinett stehen, das keinen Laut von sich gibt, da bin ich mit angeschmiert
worden. Blasen Sie mal!«
    Ich blies eine Tonleiter, er wollte aber ein ganzes Stücklein hören; ich
fing also, obschon mir nicht musizierlich zu Mut war, mit schwachem Atem die
Arie aus der Freischützoper an:
Und ob die Wolke sie verhülle,
Die Sonne bleibt am Himmelszelt.
Es waltet dort ein heil'ger Wille,
Nicht blindem Zufall dient die Welt.
Es war das erste Musikstück, das ich vor Jahren einst gelernt hatte und das mir
daher jetzt am ehesten einfiel. Nicht nur aus Schwäche, sondern auch in einem
wehmütigen Gefühle meiner Lage und der Erinnerung an jene sorglosen Zeiten fiel
der Vortrag ein wenig tremulierend oder zitterhaft aus, und ich gelangte nur bis
zum zehnten oder zwölften Takte. Allein das Männchen verlangte die Fortsetzung,
und ich blies aus Furcht, der Handel könnte sich zerschlagen, in erbärmlicher
Demütigung weiter, indessen der Trödler kein Auge von mir wandte. Ich kehrte
mich ab und schaute mit bitter nassen Augen durch das Fenster.
    Da blickte gleich einem Sonnenaufgang das schönste Mädchengesicht herein,
heiter wie der Frühlingstag, lachte holdselig und klopfte mit feinbeschuhter
Hand an die Scheibe. Es war ein offenbar vornehmes Frauenzimmer, und der
Trödelgreis beeilte sich eifrig, das Fenster so weit zu öffnen, als es wegen der
hinter demselben befindlichen Trödelware anging.
    »Na, Mannerl, was haben's denn da für ein Konzert?« sagte sie im
vertraulichen Landesdialekt, den sie nur aus Freundlichkeit zu brauchen schien;
dann aber, eh das überraschte Männlein eine Antwort fand, fragte sie nach
gewissen chinesischen Tassen, die er zu liefern versprochen habe. Ich hatte mich
inzwischen auf eine Kiste gesetzt und schaute, ausruhend von dem mühseligen
Spiele, das liebliche Frauenwesen an, das nach rasch beendigter Rücksprache noch
einen unbefangenen Blick in den Raum warf und dessen Glanz auch über meine
traurige Person hinlaufen liess.
    »Schaffen's, dass ich die alten Tasserl bekomm, und jetzt können's mit der
Musik fortfahren!« rief sie noch und verschwand mit anmutigem Grusse vom Fenster.
Der Alte war von der unverhofften Erscheinung ganz aufgeregt; der Maienglanz
dieses Gesichtes hatte ihn unzweifelhaft erwärmt und in die beste Stimmung
versetzt.
    »Die Flöten geht ja ganz ordentlich«, sagte er zu mir; »was wollen's denn
dafür haben?«
    Als ich nicht wusste, was ich fordern sollte, holte er einen und einen halben
Gulden hervor, in zwei funkelneuen Stücken. »Sein's zufrieden damit?« sagte er,
»machen's kein' Umständ, das ist ein schönes Geld!« Ich war zufrieden und dankte
sogar in der Eile aufrichtig nach Massgabe meines Rettungsgefühles, was in seinem
Verkehre nicht oft vorkommen mochte. Er klopfte mir gemütlich auf die Achsel und
liess sich zeigen, wie die Flöte auseinanderzunehmen und in das Futteral zu legen
sei. Das Kästchen stellte er sodann geöffnet hinter das Fenster.
    Auf der Strasse besah ich die beiden Münzen genauer, um mich nochmals zu
versichern, dass ich wirklich die Macht in der Hand halte, den Hunger zu stillen.
Der helle Silberglanz, der Glanz der vorhin gesehenen, noch nachwirkenden zwei
Augen und der Sonnenstrahl, der am Morgen kurz nach dem Gebete mir die
vergessene Flöte gezeigt hatte, schienen mir alle aus der nämlichen Quelle zu
kommen und eine transzendente Wirkung zu sein. Mit dankbarer Rührung, aller
Lebenssorge ledig, wartete ich die Mittagsstunde ab, überzeugt, dass der liebe
Gott doch unmittelbar geholfen habe. Es wird deswegen ja doch mit rechten Dingen
zugehen, dachte ich in meiner so hart angefochtenen Eigenliebe, und ich kann mir
dies still bescheidene Wunder wohl gefallen lassen und darf Gott rechtmässig
danken. Schon der Symmetrie wegen fügte ich dem heutigen Morgengebetchen jetzt
ein kurzes Dankgebet bei, ohne den grossen Welterrn mit vielen oder lauten
Worten belästigen zu wollen.
    Nun aber säumte ich nicht länger, das gewohnte Speisehaus aufzusuchen, das
ich seit einem Jahre nicht mehr betreten zu haben glaubte, so lang dünkten mich
die drei Tage. Ich ass einen Teller kräftiger Suppe, ein Stück Ochsenfleisch mit
gutem Gemüse und eine landesübliche Mehlspeise. Dazu liess ich mir einen Krug
Bier geben, das herrlich schäumte, und alles schmeckte mir so trefflich, wie
wenn ich am feinsten Gastmahle gesessen hätte. Ein unverheirateter Arzt, der
auch dort zu speisen pflegte, bemerkte freundlich, er habe vorhin geglaubt, ich
sei krank, so übel sehe ich aus; allein da ich so frischen Appetit habe, so
scheine es doch nicht gefährlich zu sein. Ich entnahm hieraus, dass ich mich
wenigstens einer guten Gesundheit erfreute, woran ich bisher nicht gedacht
hatte, und hiefür war ich der Vorsehung auch dankbar; denn einem kränklichen
oder schwächlichen Gesellen hätte die Strapaze schlimmer ablaufen können.
    Nach Tisch begab ich mich in ein Kaffeehaus, um dort bei einer Tasse
schwarzen Trankes auszuruhen und dabei die Zeitungen zu lesen und zu sehen, was
in der Welt vorging. Denn auch darin war ich die drei Tage wie in der Wüste
gewesen, dass ich mit niemand gesprochen und keinerlei Neuigkeit vernommen hatte.
Ich fand auch allerlei Nachrichten und Weltbegebenheiten, die sich in der Zeit
angesammelt; über dem behaglichen Lesen kehrten aber zusehends meine Leibes- und
Verstandeskräfte zurück, und als ich den Bericht las, wie in einer Stadtkirche
das Volk zusammenlaufe, weil ein Marienbild dort die Augen bewegen solle, kam
ich betroffen auf mein stilles Privatwunder zu denken und sagte mir nach einigem
Besinnen, in ganz verändertem Seelentenor, als ich vor dem Essen gehabt: Bist du
denn besser als diese Bildanbeter? Da kann man wohl sagen, wenn der Teufel
hungrig ist, so frisst er Fliegen, und der Heinrich Lee schnappt nach einem
Wunder!
    Und doch zögerte ich, mich der wohltuenden Empfindung einer unmittelbaren
Vorsorge und Erhörung, eines persönlichen Zusammenhanges mit der Weltsicherheit
zu entledigen.
    Schliesslich, um dieses Vorteils nicht verlustig zu gehen und doch das
Vernunftgesetz zu retten, erklärte ich mir den Vorgang so, dass die anererbte
Gewohnheit des Gebetes an die Stelle einer energischen Zusammenfassung der
Gedankenkräfte getreten sei, durch die damit verbundene Herzenserleichterung
jene Kräfte frei und sie fähig gemacht habe, das einfache Rettungsmittel, das
bereitlag, zu erkennen oder ein solches zu suchen; dass aber eben dieser Prozess
göttlicher Natur sei und Gott in diesem Sinne ein für allemal die Appellation
des Gebetes den Menschen delegiert habe, ohne im einzelnen Fall einzugreifen,
auch ohne sich für den jedesmaligen unbedingten Erfolg zu verbürgen. Vielmehr
habe er die Anordnung getroffen, dass, um den Missbrauch seines Namens zu
verhüten, Selbstvertrauen und Tatkraft, solange sie irgend ausreichen,
Gebeteswert haben und vom Erfolge gesegnet sein sollen.
    Noch heute lache ich weder über die Geringfügigkeit jener Not noch über den
vorübergehenden Wunderglauben, noch über die pedantische Abrechnung, die
demselben folgte. Ich würde die Erfahrung, einmal im Leben den starken Hunger
gespürt zu haben, das Wunder des lieblichen Sonnenblickes nach dem Gebete und
die kritische Auflösung desselben nach erfolgter Leibesstärkung nicht hergeben;
denn Leiden, Irrtum und Widerstandskraft erhalten das Leben lebendig, wie mich
dünkt.
 
                                Fünftes Kapitel
                           Die Geheimnisse der Arbeit
Das Geldchen, das ich für die Flöte erhalten, reichte auch für einen zweiten Tag
aus, da ich es klüglich eingeteilt hatte. Ich erwachte also diesmal ohne die
Sorge, heute hungern zu müssen, und das war wiederum ein kleines, zum ersten Mal
erlebtes Vergnügen, da diese Sorge mir früher unbekannt gewesen und ich erst
jetzt den Unterschied empfand. Dies neue Gefühl, mich gegen den Untergang
mangels Nahrung gesichert zu wissen, gefiel mir so gut, dass ich mich schnell
nach weiteren Habseligkeiten umsah, die ich der Flöte nachsenden könne; ich
entdeckte aber durchaus nichts Entbehrliches mehr als den bescheidenen
Bücherschatz, der sich über meinen wissenschaftlichen Grenzüberschreitungen
aufgestapelt und verwunderlicherweise noch vollständig beisammen war. Ich
öffnete einige Bände und las stehend Seite auf Seite, bis es eilf Uhr schlug und
Mittag heranrückte. Da tat ich mit einem Seufzer das letzte Buch zu und sagte:
»Fort damit! Es ist jetzt nicht die Zeit solchen Überflusses, später wollen wir
wieder Bücher sammeln!«
    Ich holte rasch einen Mann, der den ganzen Pack mit einem Stricke
zusammenband, auf den Rücken schwang und mir auf dem Wege zu einem Antiquarius
damit folgte. In einer halben Stunde war ich aller Gelehrsamkeit entledigt und
trug dafür die Mittel in der Tasche, das Leben während einiger Wochen zu
fristen.
    Das dünkte mich schon eine unendliche Zeit; allein auch sie ging vorüber,
ohne dass meine Lage sich änderte. Ich musste also auf eine neue Frist denken, um
die Wendung zum Bessern und den Glückesanfang abzuwarten. Die einen Menschen
verhalten sich unablässig höchst zweckmässig, rührig und ausdauernd, ohne einen
festen Grund unter den Füssen und ein deutliches Ziel vor Augen zu haben, während
es andern unmöglich ist, ohne Grund und Ziel sich zweckmässig und absichtlich zu
verhalten, weil sie eben aus Zweckmässigkeit nicht aus nichts etwas machen können
und wollen. Diese halten es dann für die grösste Zweckmässigkeit, sich nicht am
Nichtssagenden aufzureiben, sondern Wind und Wellen über sich ergehen zu lassen,
jeden Augenblick bereit, das leitende Tau zu ergreifen, wenn sie nur erst sehen,
dass es irgendwo befestigt ist. Sind sie dann am Lande, so wissen sie, dass sie
wieder Meister sind, indessen jene immer auf ihren kleinen Balken und Brettchen
herumschwimmen und aus lauter Ungeduld vom Ufer wegzappeln. Ich war nun
allerdings keine grosse Figur in der Geisterwelt, um ein so vornehmes Mittel, wie
die Geduld ist, gebrauchen zu dürfen; allein ich hatte damals kein anderes zur
Hand, und im Notfall bindet der Bauer den Schuh mit Seide.
    Das letzte, was ich ausser meinen unverkäuflichen Bildern und Entwürfen
besass, waren die mit meinen Naturstudien angefüllten Mappen. Sie entielten fast
den ganzen Fleiss meiner Jugend und stellten ein kleines Vermögen dar, weil sie
lauter reale Dinge aufwiesen. Ich nahm zwei der besseren Blätter, von
ansehnlichem Format, welche ich schon im Freien als Ganzes abgeschlossen und in
zufällig glücklicher Weise leicht gefärbt hatte. Dieselben wählte ich, um wegen
der grösseren Wirkung sicherzugehen, da ich keinen der oberen Kunständler,
sondern das freundliche Trödelmännchen heimzusuchen gedachte und von vornherein
nicht einen wirklichen Wert zu erhaschen hoffte. Vor seinem Geschäfts- und
Wohnwinkel angekommen, sah ich erst durch das Fenster und bemerkte die alten
Gegenstände dahinter, die Klarinette wie die Kupferstiche und Bildchen, dagegen
nicht mehr das Flötenkästchen. Dadurch ermutigt, trat ich bei dem Alten ein, der
mich sogleich erkannte und fragte, was ich Neues bringe. Er war günstig gelaunt
und liess mich wissen, dass er jene Flöte längst verkauft habe. Als ich die
Blätter entrollt und auf seinem Tische so gut als möglich ausgebreitet, fragte
er zuvörderst, gleich dem israelitischen Bild- und Kleiderhändler, ob ich sie
selbst gemacht, und ich zögerte mit der Antwort; denn noch war ich zu hochmütig
für das Geständnis, dass die Not mich mit meiner eigenen Arbeit in seine Spelunke
treibe. Er schmeichelte mir jedoch ohne Verzug die Wahrheit ab, deren ich mich
nicht zu schämen brauche, vielmehr zu rühmen hätte; denn die Sachen schienen ihm
in der Tat nicht übel, und er wolle es damit wagen und ein Erkleckliches
daranwenden. Er gab mir auch so viel dafür, dass ich ein paar Tage davon leben
konnte, und mir schien das ein nicht zu verachtender Gewinn, obgleich ich
seinerzeit lust- und fleisserfüllte Wochen über den Gebilden zugebracht hatte.
Jetzt wog ich das winzige Sümmchen nicht gegen den Wert derselben, sondern gegen
die Not des Augenblickes ab, und da erschien mir der ärmliche Handelsgreis mit
seiner kleinen Kasse noch als ein schätzenswerter Gönner; denn er hätte mich ja
auch abweisen können. Und das wenige, was er mit gutem Willen und drolligen
Gebärden gab, war so viel, als wenn reiche Bilderhändler grössere Summen für eine
unsichere Laune ihres zweifelnden Urteiles hingeben.
    Aber noch in meiner Anwesenheit befestigte der Kauz die unglücklichen
Blätter an seinem Fenster, und ich machte, dass ich fortkam. Auf der Strasse warf
ich einen flüchtigen Blick auf das Fenster und sah die sonnigen Waldeinsamkeiten
aus der Heimat wehmütig an diesem dunklen Pranger der Armut stehen.
    Nichtsdestoweniger ging ich in zwei Tagen abermals mit einem Blatte zu dem
Manne, der mich munter und freundschaftlich empfing. Die zwei ersten Zeichnungen
waren nicht mehr zu sehen; das Männchen, oder Herr Joseph Schmalhöfer, wie er
eigentlich laut seinem kleinen alten Ladenschilde hiess, wollte aber keineswegs
sagen, wo sie geblieben seien, sondern verlangte zu sehen, was ich gebracht
habe. Wir wurden bald des Handels einig; ich machte zwar eine kleine
Anstrengung, einen barmherzigern Kaufpreis zu erwischen, war aber bald froh, dass
der Alte nur kauflustig blieb und mich aufmunterte, ihm ferner zu bringen, was
ich fertigmachte, immer hübsch bescheiden und sparsam zu sein, wobei aus dem
kleinen Anfang gewiss etwas Tüchtiges erwachsen würde. Er klopfte mir wieder
vertraulich auf die Achsel und lud mich ein, nicht so trübselig und einsilbig
dreinzuschauen.
    Der ganze Inhalt meiner Mappen wanderte nun nach und nach in die Hände des
immer kaufbereiten Hökers. Er hing die Sachen nicht mehr ans Fenster, sondern
legte sie sorgfältig zwischen zwei Pappdeckel, die er mit einem langen Lederriem
zusammenschnallte. Ich bemerkte wohl, dass sich die Blätter, grosse und kleine,
farbige wie Bleistiftzeichnungen, zuweilen längere Zeit ansammelten, bis der
Behälter plötzlich wieder dünn und leer war; allein niemals verriet er mit einem
Worte, wohin meine Jugendschätze verschwanden. Sonst aber blieb sich der Alte
immer gleich; ich fand, solang ich ein Blatt zu verkaufen hatte, eine sichere
Zuflucht bei ihm, und endlich war ich froh, auch ohne Handelsverkehr etwa ein
Stündchen mit Geplauder bei ihm zu verbringen und seinem Treiben zuzusehen.
Wollte ich dann weggehen, so forderte er mich auf, nicht ins Wirtshaus zu laufen
und das Geldchen zu vertun, sondern an seinem Tische mitzuhalten, und erzwang es
am Ende auch. Übrigens war der allein lebende alte Gnom ein guter Koch und hatte
stets ein leckeres Gericht im Hafen auf dem Herde oder im Ofen seines düstern
Gewölbes. Bald briet er eine Ente, bald eine Gans, bald schmorte er ein
kräftiges Gemüse mit Schöpsenfleisch, oder er verwandelte billige Flussfische
durch seine Kunst in treffliche Fastenspeise. Als er mich eines Tages zu seiner
Mahlzeit eingefangen hatte, sperrte er plötzlich das Fenster auf, wegen der
Wärme, wie er sagte, im Grunde aber, um meinen Bettelstolz zu zähmen und mich
den Vorübergehenden zu zeigen. Das merkte ich an seinen schlauen Äuglein und
scherzhaften Worten, womit er die Anzeichen von Verlegenheit und Unwillen
bekriegte, die ich sehen liess. Ich ging ihm auch nicht mehr in die Falle und
betrachtete meine Bedürftigkeit als mein Eigentum, über das er auf diese Art
nicht zu verfügen habe. Seltsamerweise fragte er mich nie, wie oder warum ich
arm geworden sei, obgleich er mir Namen und Herkunft längst abgehört. Den Grund
seines Verhaltens fand ich in der Vorsicht, jede Erörterung zu vermeiden, um
nicht zu etwas menschlicheren Kaufsangeboten moralisch genötigt zu werden. Aus
gleicher Ursache beurteilte er auch nie mehr, was ich ihm brachte, als gut oder
zufriedenstellend, und mit immer gleicher Beharrlichkeit verschwieg er, wohin er
die Sachen verkaufe.
    Ich fragte auch nicht mehr darnach. Wie ich nun gestimmt war, gab ich gern
alles hin für das kärgliche Brot, das die Welt mir gewährte, und empfand dabei
die Genugtuung, es verschwenderisch zu bezahlen. Das konnte ich mir um so eher
einbilden, als das wenige, das ich erhielt, der erste Gewinn war, den ich
eigener Arbeit verdankte; denn nur der Gewinn aus Arbeit ist völlig vorwurfsfrei
und dem Gewissen entsprechend, und alles, was man dafür einhandelt, hat man
sozusagen selbst geschaffen und gezogen, Brot und Wein wie Kleid und Schmuck.
    So erhielt ich mich ungefähr ein halbes Jahr, so wenig mir der Alte für die
mannigfaltigen Studienblätter und Skizzen gab; denn sie wollten fast kein Ende
nehmen, was freilich eines Tages dennoch geschah. Ich war aber nicht bereit,
sofort wieder zu hungern. Daher löste ich meine grossen gefärbten oder grauen
Kartons von den Blendrahmen, zerschnitt jeden sorgfältig in eine Anzahl gleich
grosser Blätter, die ich in einen Umschlag aufeinanderlegte, und trug diese
merkwürdigen, immer noch stattlichen Hefte eines nach dem andern zu dem Herren
Joseph Schmalhöfer. Er beschaute sie mit grosser Verwunderung; sie sahen auch
wunderbar genug aus. Die grosse kecke Zeichnung, die ohne Ende durch alle die
Fragmente ging, die starken Federstriche und breiten Tuschen erschienen auf den
kleineren Bruchstücken doppelt gross und gaben ihnen als Teilen eines unbekannten
Ganzen einen geheimnisvollen fabelhaften Anstrich, so dass der Alte sich nicht zu
helfen wusste und wiederholt fragte, ob das auch etwas Rechtes sei? Ich machte
ihm aber weis, das müsste so sein, die Blätter könnten zusammengesetzt werden und
machten alsdann ein grosses Bild; sie hätten indessen auch einzeln für sich ihre
Bedeutung, und es sei auf jedem etwas zu sehen, kurz, ich drehte ihm zum Spass
eine Nase und dachte mir dabei, wenn sie ihm auch auf dem Halse blieben, so sei
das nur eine kleine Einbusse an dem Gewinne, den er von mir gezogen. Das
Trödelgreischen rieb sich verlegen das Bein, welches mit einer juckenden Flechte
behaftet war, liess aber die sibyllinischen Bücher nicht fahren, sondern
verkaufte sie eines Tages alle miteinander, ohne dass ich erfuhr, wohin sie
gekommen.
    Als ich den Ertrag dieses letzten Verkaufes aufgebraucht hatte, war mein
Latein für einmal wieder zu Ende. Versuchsweise ging ich zu dem Bild- und
Kleiderhändler, um nach den zwei Ölbildern zu sehen. Sie hingen an der alten
Stelle, und ich bot sie dem Manne zu Eigentum an auch für den bescheidensten
Preis, den er ansetzen würde. Er war jedoch nicht geneigt, irgend etwas Bares
dafür auszulegen, und ermunterte mich zur Geduld, wobei ich ja ein besseres
Geschäft machen werde. Ich war das auch zufrieden und hatte somit immer noch
eine kleine Hoffnung in der Welt hängen und einen schwebenden Handel. Von da
ging ich weiter und kehrte bei meinem Schmalhöfer an, ihm einen guten Tag zu
wünschen. Er blickte mir sofort auf die leeren Hände; ich sagte jedoch, ich
hätte nichts mehr zu veräussern.
    »Nur munter, Freundchen!« rief er und nahm mich bei der Hand; »wir wollen
sogleich eine Arbeit beginnen, die sich sehen lassen wird! letzt sind wir gerade
auf dem rechten Punkt, da darf nicht gefeiert werden!« Und er führte und schob
mich in ein noch dunkleres Verlies, das hinter dem Laden lag und sein Licht nur
durch eine schmale Schiessscharte empfing, die in der feuchten schimmligen Mauer
sich auftat. Nachdem ich mich einigermassen an die Dunkelheit gewöhnt, erblickte
ich das Gewölbe angefüllt mit einer Unzahl hölzerner Stäbe und Stangen, ganz
neu, rund und glatt gehobelt, von allen Grössen, lastweise an den Wänden stehend.
Auf einer uralten Feueresse, dem Denkmal irgendeines Laboranten, der vielleicht
vor hundert Jahren hier sein Wesen getrieben, stand ein Eimer voll weisser
Leimfarbe inmitten mehrerer Töpfe mit anderen Farben, jeder mit einem mässigen
Streicherpinsel versehen.
    »In vierzehn Tagen«, lispelte und schrie der Alte abwechselnd, »wird die
Braut des Tronfolgers in unsere Residenz einziehen! Die ganze Stadt wird
geschmückt und verziert werden, Tausende und Abertausende von Fenstern, Türen
und Gucklöchern werden mit Fahnen in unsern und den Landesfarben der Braut
besteckt; Fahnen von jeder Grösse werden die nächsten zwei Wochen die gesuchteste
Ware sein! Schon ein paarmal hab ich die Unternehmung bestanden und ein gut
Stück Geld verdient. Wer der erste, Schnellste und Billigste ist, hat den
Zulauf. Drum frisch dran hin, keine Zeit ist zu verlieren! Habe mich schon
vorgesehen und Stöcke machen lassen, weitere Lieferungen sind bestellt, das
Zuschneiden des Tuches und das Nähen wird ebenfalls beginnen. Ihr aber,
Freundchen, seid wie vom Himmel ausersehen, die Stangen anzustreichen! Bst!
nicht gemuckst! Hier für diese grossen gebe ich einen Kreuzer das Stück, für
diese kleineren einen halben; von diesen ganz kleinen aber, welche für die
Mauslöcher und Blinzelfensterchen der armen Reichsleute und Untertanen bestimmt
sind, müssen vier Stück auf den Kreuzer gehen! Jetzt aber merkt auf, wie das zu
machen ist, alles will gelernt sein!«
    Er hatte schon mehrere Stänglein halb und ganz vorgearbeitet; nachdem der
Stecken mit der weissen Grundfarbe bestrichen, welche für beide Königreiche
dieselbe war, wurde er mit einer Spirallinie von der anderen Farbe umwunden. Der
Alte legte eine der grundierten Stangen in die Schiessscharte, hielt sie in der
linken Hand waagrecht, und indem er, den Pinsel eintauchend, mich aufmerksam
machte, wie dieser weder zu voll noch zu leer sein dürfe, damit eine sichere und
saubere Linie in einem Zuge entstände, begann er die Stange langsam zu drehen
und von oben an die himmelblaue Spirale zu ziehen, womöglich ohne zu zittern
oder eine unvollkommene Stelle nachholen zu müssen. Er zitterte aber doch, auch
geriet ihm der weisse Zwischenraum und die Breite der blauen Linie nicht
gleichmässig, so dass er das missslungene Werk wegwarf und rief: »Item! auf diese
Art wird's gemacht! Eure Sache ist es nun, das Ding besser anzugreifen; denn
wozu seid Ihr jung?«
    Ohne mich einen Augenblick zu besinnen, ergriff ich einen Stab, legte ihn
auf und versuchte neugierig die seltsame Arbeit, und bald ging sie gut
vonstatten. Eifrig fuhr ich fort, bis um die Mittagszeit; als ich da aus dem
Finsterloche hervortrat, fand ich den Alten zwischen drei oder vier Nähterinnen
hausend, denen er das Fahnenzeug zumass und hundert Lehren erteilte, wie sie zwar
nicht liederlich, doch auch nicht zu gut nähen sollten, sondern so, dass die
Arbeit rüstig vorrücke und die Fahnen dennoch zusammenhielten, wenn sie im Winde
flatterten, ohne dass sie hinwiederum eine Ewigkeit zu dauern brauchten. Die
Weiber lachten, und ich lachte auch, als ich hindurchging und das Männchen mir
nachrief, in einer Stunde unfehlbar wieder dazusein. Das geschah, und ich
brachte die folgenden Tage bis ans Ende mit der neuen Beschäftigung zu.
    Draussen glänzte anhaltend der lieblichste Spätsommer; Sonnenschein lag auf
der Stadt und dem ganzen Lande, und das Volk trieb sich bewegter als sonst im
Freien herum. Der Laden des Meister Joseph war fortwährend angefüllt mit Leuten,
welche Fahnen holten oder bestellten, mit zuschneidenden und nähenden Mädchen,
mit Tischlern, die frische Stangen brachten; der Alte regierte und lärmte in
bester Laune dazwischen herum, nahm Geld ein, zählte Fahnen, und ab und zu kam
er in das Finsterloch herein, wo ich mutterseelenallein in dem blassen
Lichtstrahl der Mauerritze stand, den weissen Stab drehte und die ewige Spirale
zog.
    Er klopfte mir dann etwa sachte auf die Schulter und flüsterte mir ins Ohr:
»So recht, mein Sohn! Dies ist die wahre Lebenslinie; wenn du die recht akkurat
und rasch ziehen lernst, so hast du vieles erreicht!« In der Tat fand ich in
dieser einfachen Beschäftigung allmählich einen solchen Reiz, dass mir die in dem
Loch zugebrachten Tage wie Stunden vergingen. Es war die unterste Ordnung von
Arbeit, wo dieselbe ohne Nachdenken und Berufsehre und ohne jeglichen andern
Anspruch als denjenigen auf augenblickliche Lebensfristung vor sich geht; wo der
auf der Strasse daherziehende Wanderer die Schaufel ergreift, sich in die Reihe
stellt und an selbiger Strasse mitschaufelt, solang es ihm gefällt und das
Bedürfnis ihn treibt.
    Unablässig zog ich das gewundene Band, rasch und doch vorsichtig, ohne einen
Klecks zu machen, einen Stab ausschiessen zu müssen oder einen Augenblick durch
Unschlüssigkeit oder Träumerei zu verlieren, und während sich die bemalten Stäbe
unaufhörlich häuften und weggingen, während ebenso beständig neue ankamen, wusste
ich doch jeden Augenblick, was ich geleistet, und jeder Stecken hatte seinen
bestimmten Wert. Ich brachte es so weit, dass der ganz verblüffte Joseph mir
schon am dritten Abend nicht weniger als zwei Kronentaler als Tagelohn auszahlen
musste, mehr, als er mir für die beste Zeichnung gegeben hatte. Erst sperrte er
sich dagegen und schrie, er habe sich verrechnet, es sei nicht die Meinung
gewesen, dass ich so viel an dem Zeug verdienen solle!
    Ich dagegen verstand keinen Spass und beharrte auf der Abrede mit der
Behauptung, die erworbene Fertigkeit ginge ihn nichts an und er solle froh sein,
wenn er dank derselben so viele Fahnen liefern könne; genug, ich fühlte mich
hier ganz auf einem sichern Grunde und schüchterte das Männchen dermassen ein,
dass es sich schleunig zufriedengab und mich aufforderte, nur so fortzufahren,
die Sache sei bestens im Gange.
    Er hatte auch einen gewaltigen Zulauf und versorgte einen guten Teil der
Stadt mit seinen Huldigungspanieren. Ich aber drehte unverdrossen den Stab und
durchwanderte mit meinen Gedanken auf der unablässig sich abwickelnden blauen
Linie eine Welt der Erinnerung und der Ausschau in die Zukunft. Ich hatte nicht
im Sinne, zugrunde zu gehen, und konnte doch nicht den Ausgang sehen, der ja
unzweifelhaft vorhanden war, da der Glaube an eine göttliche Weltordnung mir
nach wie vor im Blute wohnte, wenn ich mich auch in acht nahm, abermals die
Angel nach einem kleinen Gebetswunder auszuwerfen. Zuletzt begnügte ich mich mit
dem Bewusstsein der unmittelbaren Sicherheit, dass ich für diesen und eine Reihe
von Tagen ja zu leben habe. Ein ledernes Geldbeutelchen, das ich mir nach Art
der Fuhr- und Schiffleute angeschafft, hervorziehend, überzeugte ich mich, wie
der bescheidene Schatz von Silberstücken, der wohlverschnürt darin ruhte, sich
zusehends vermehrte.
    Bis jetzt hatte ich das Geld immer offen in der Westentasche getragen; als
ein angehender Geldhamster nahm ich mir nun vor, nie mehr ohne Beutel zu
wirtschaften, und setzte eifrig meine ruhmlose und zufriedene Arbeit fort. Am
Abend suchte ich dann irgendein entlegenes Gastaus, setzte mich unter
unbekanntes Volk und verzehrte ein spärliches Nachtmahl, welches ich, in meinem
Beutel herumklaubend, bedächtig und vorsichtig bezahlte als einer, der weiss,
woher es kommt.
    Endlich war indessen der Einzugstag herangerückt. Noch in der letzten Stunde
kamen einzelne ärmere oder knauserige Leute, ein Fähnchen oder zwei nach
reiflichem Entschlusse zu holen, und feilschten um den Preis; dann wurde der
Laden still und leer, der Alte zählte seine Einnahme, und vollauf damit
beschäftigt, forderte er mich auf hinauszugehen, den festlichen Einzug der
künftigen Herrscherin mit anzuschauen und mir gütlich zu tun.
    »Sie machen sich wohl nichts daraus, wie?« fügte er hinzu, als er sah, dass
ich keine besondere Lust bezeigte; »sehen Sie, so wird man gesetzt und klug!
Schon weiser geworden in der kurzen Zeit, bei der alten Feueresse! So muss es
kommen! Aber geht dennoch ein bisschen hinaus, Lieber, und wäre es nur, um die
schöne Luft und die Sonne zu geniessen!«
    Das fand ich billig und ratsam; ich durchstrich die Stadt, die sich mit
einem Schlage ganz in Farben, Gold und grünes Laub gehüllt hatte, dass es von
allen Enden flatterte und schimmerte. Durch die Strassen wogte eine ungezählte
Menschenmenge, glänzende Reiterzüge, Fussvolk, Zünfte, Korporationen und
Brüderschaften mit allen möglichen seltsamen Fahnen bewegten sich dem Tore zu,
und ausserhalb desselben, das ich mit durchschritt, ergoss sich dieses Freudenheer
nach dem Weichbilde hin auf das freie Feld, in eine Volksmenge hinein, die es
schon besetzt hielt, da Bauerschaften, ländliche Schulen, Schützen aus weitem
Umkreise herangezogen waren. Dazwischen drängte sich ebenso zahlreich das
zuschauende Publikum, mit welchem ich mich schieben liess.
    Plötzlich ertönte Geschützdonner, Glockengeläute über der weitgedehnten
Stadt; Musikchöre, Trommelschlag und der betäubende Zuruf des Volkes
verkündeten, dass die erwartete Fürstin herannahe. Ich sah im Glanze der
Nachmittagssonne die Schwerter der voranrasselnden Reiter blinken und darauf in
einem Blumenwagen das junge Frauenwesen vorüberschweben über den Köpfen der
wogenden Menge, wie in einem Schiffe, das über ein rauschendes Meer gleitet, da
ich weder Pferde noch Räder sehen konnte. Erst erfreute mich das ungeheuere
Geräusch, dann aber belästigte es mich als etwas Fremdes und erweckte meine
republikanische Eifersucht gegen die Macht eines monarchischen Lebens, mit dem
ich nichts zu schaffen hatte, an welchem ich nichts mehren und nichts mindern
konnte.
    Freilich hast du geschafft und gemehrt! rief in mir die Stimme des
politischen Gewissens, du hast seit Wochen davon gelebt und trägst sogar den
Sündenlohn noch in der Tasche!
    So hab ich wenigstens nicht auf diese Untertanen geschossen, erwiderte die
Selbstbeschönigung, wie so oft die Schweizergarden im Fürstendienste getan
haben; und in diesem Augenblicke stehen noch vollzählige Regimenter am Fusse von
Tronen, die schlechter sind, als der hier gefeiert wird!
    Die Vorstellung der Schweizerregimenter in fremden Diensten brachte wieder
eine andere Phantasie hervor; ich sah im Geiste die mehreren Tausende der von
mir gesprenkelten Fahnenstecken gleich einem unabsehbaren Zaune aufgestellt und
mich als den Feldhauptmann der hölzernen Armee mitten vor derselben stehend, den
ledernen Geldbeutel in der Hand. Der Vergleich dieses Ehrenpostens mit
demjenigen eines weiland schweizerischen Marschalls im französischen oder
hispanischen Heere schien zu meinen Gunsten auszufallen, da wenigstens kein
Tropfen Blut daran klebte. Mein Bewusstsein erheiterte sich wieder, sprach sich
frei, und ich marschierte an der Spitze des Gewaltaufens meiner unsichtbaren
Stangengeister durch die langsam zurückflutenden Massen nach der Stadt zurück.
    Gemächlich wandelte ich nun durch die geschmückten Strassen und besah mir
alle Zierwerke und Veranstaltungen genauer; dann ging ich mit dem sinkenden
Abend wieder hinaus, wo alle Trinkstätten und Tanzgärten angefüllt waren. Ich
hielt mich aber nirgends auf, bis ich mit aufgehendem Monde zu einer mit
hundertjährigen Silberpappeln bewachsenen Flussinsel kam, in deren Mitte ein
volkstümliches Zech- und Tanzgebäude hell erleuchtet war und von Geigen, Pauken
und Trompeten tönte. Da suchte ich ein einsames Plätzchen unter den Bäumen und
möglichst nah am Wasser, dessen fliessende Wellen im Mondlichte glänzten. Andere
hatten jedoch den gleichen Geschmack, und so ging ich vergeblich an manchen
Tischen vorbei; zuletzt musste ich mich entschliessen, an einem Platz zu nehmen,
an welchem schon Leute sassen, einige junge Frauenzimmer mit ihren Freunden oder
Verwandten. Das Halbdunkel der hohen Bäume war durch eine bunte Papierlaterne
etwas erhellt, aber nicht genug, dass das mondbeschienene Wasser um seine
freundliche Wirkung gekommen wäre und das Gestirn matter durch die liste
gefunkelt hätte.
    Als ich, leicht den Hut rückend, mich niederliess, versicherten mich zwei der
Mädchen, die zunächst sassen, mit schalkhaftem Lächeln, es sei für einen guten
Bekannten und Arbeitsgenossen Raum genug vorhanden, und erst jetzt erkannte ich
in ihnen zwei der Fahnennäherinnen aus Schmalhöfers Laden. Sie hatten sich gar
anmutig herausgeputzt, und ich war überrascht, so hübsche Geschöpfe in ihnen zu
finden, die ich während der ganzen Zeit kaum angesehen und gegrüsst, wenn ich
durch den Laden in das finstre Loch ging oder aus demselben kam. Die ältere von
ihnen stellte mich der Gesellschaft, welche aus jungen Arbeitsleuten
verschiedener Profession zu bestehen schien, als Standesgenossen vor; denn sie
hatten auch von dem Alten meinen Namen erfahren. Man hielt mich offenbar für
einen wackern Tünchergesellen; die jungen Männer boten mir treuherzig ihre
Bierkrüge dar, ich tat Bescheid, versah mich selbst mit einem Kruge, und froh,
nach langer Einsamkeit unter Menschen zu sein, überliess ich mich der einfachen
Geselligkeit, ohne meinen etwas höhern Rang zu verraten, was mir auch übel
angestanden hätte.
    Der kleine Kreis bestand aus drei Liebespaaren, an der Art kenntlich, wie
sie sich unbefangen umfasst hielten. Zwischen Hoffnung und Furcht schwebend,
dauernd verbunden oder wieder getrennt zu werden, verloren sie keine Zeit, sich
ihrer Gegenwart zu versichern. Ein viertes Mädchen schien überzählig zu sein;
denn es sass ohne Galan zunächst an meiner Seite, vielleicht wegen zu grosser
Jugend, da es höchstens siebzehn Jahre alt sein mochte. Ich hatte die glänzenden
Augen der Kleinen im Trödlerladen schon bemerkt, weil sie immer aufgeblickt,
wenn man durchging. Jetzt sah ich auch ihre ausserordentlich feine Gestalt, in
einen ziemlich feinen weissen Sonntagsshawl gehüllt; auf dem Tische lag die
zierlichste kleine Hand, deren zarte Fingerspitzen freilich von unzähligen
Nadelstichen eine rauhere Haut bekommen hatten, und rechnete man hinzu das
weiche braune Haar, das unter dem luftigen Hütchen hervorquoll, sowie das Licht
des jungen Busens, wenn das helle Tuch sich einen Augenblick lüftete, so
erschien hier im Schatten der Armut ein Schatz von Reizen verborgen, wie ihn
mancher Reichtum vergeblich wünschte. Selbst die Blässe des Gesichtes, deren ich
mich zu erinnern glaubte, diente jetzt einem Lichtspiele zur Unterlage, indem
bald der rötliche Schimmer der im Luftzuge schwankenden Papierlaterne, bald der
silberbläuliche Abglanz des Flusses darüberflog und zusammen mit dem Lächeln
ihres Mundes, wenn sie sprach, ein geheimnisvolles Leben und Weben bildete. Zum
Überflusse hiess sie noch Hulda.
    Ich fragte sie, ob sie wirklich so heisse oder ob sie den Namen bloss
angenommen habe, wie das bei Frauenzimmern des arbeitenden und dienenden
Standes, dem wir angehörten, zuweilen vorkomme?
    »Nein«, erwiderte sie, »ich habe den Namen nebst vier andern von meinen
Eltern bei der Taufe erhalten. Es sind arme Schustersleute gewesen, die bei
meiner Taufe weder einen Schmaus auszurichten noch solche Paten herbeizuziehen
vermochten, von denen irgendein Angebinde zu hoffen war. Weil sie nun dennoch
einen gewissen vornehmen Tick besassen, so statteten sie mich dafür mit fünf
Namen aus. Ich habe sie aber alle abgeschafft bis auf den kürzesten; denn da
unsereins immer zu den Behörden laufen muss, um seine Beschreibung in Ordnung zu
erhalten, so wurde ich von den Beamten jedesmal angefahren, ob meine Namen bald
zu Ende seien oder ob sie vielleicht einen neuen Bogen anbrechen müssten, um sie
alle aufzuschreiben.«
    »Und Sie haben doch den schönsten von den fünf Namen behalten?« sagte ich,
von dem Ernste belustigt, mit welchem sie die Geschichte erzählte.
    »Nein, nur den kürzesten! Die andern waren alle länger und prachtvoller!
Aber Sie tragen ja zuviel Geld bei sich herum, das muss man nicht tun!«
    Ich hatte meinen wohlgerundeten Geldbeutel auf den Tisch gestellt, um einen
neuen Krug Bier zu zahlen, den man mir brachte, da ich durstig gewesen und mit
dem ersten schon fertig geworden.
    »Das ist mein Verdienst von den Fahnenstangen«, sagte ich, »ich werd's schon
versorgen, wenn ich's nicht brauche!«
    »Himmel! So viel haben Sie bei dem Alten verdient? Und ich hab's kaum auf
vierzehn Gulden gebracht!«
    »Ich hab es vom Stück, da kann man sich an den Laden legen und dem Patron
die Nase lang machen!«
    »Hört, Leute, der hat's vom Stück!« rief sie den anderen zu, »der verdient
ein Geld! Wo stehen Sie eigentlich in Arbeit? oder sind Sie für sich?«
    »Ich bin augenblicklich ohne Meister und denke es zu bleiben, solang es
geht.«
    »Es wird gewiss gehen, denn fleissig sind Sie ja von früh bis spät, das haben
wir gesehen und oft zueinander gesagt! Wenn er nur nicht so hochmütig wäre,
meinten die anderen, aber ich hielt dafür, Sie seien eher traurig oder
langweilig. Haben Sie denn schon zu Nacht gegessen?«
    »Noch nicht! Und Sie?«
    »Auch noch nicht! Wissen Sie was, da ich allein bin, so könnten wir
zusammenlegen und miteinander essen, dann stellen wir auch ein Pärlein vor!«
    Ich fand diesen Vorschlag sehr angenehm und klug und wurde von einem
Wohlgefühl erwärmt, unversehens so gut untergebracht zu sein. Ich lud die artige
Hulda daher ein, mir das Traktament zu überlassen; allein sie tat es durchaus
nicht anders als auf gemeinschaftliche Kosten, und als das bestellte Essen
anlangte, holte sie ein anständig versehenes Täschchen hervor und ruhte nicht,
bis ich ihren Anteil hinnahm. So spiesen wir denn vertraulich und waren guter
Dinge; nur wollte das anziehende Wesen nicht von den Kartoffeln nehmen, die ich
zu den Karbonaden, die sie gewünscht, bestellt hatte. Vielmehr sagte sie, es
scheine, dass ich noch nie einen Schatz besessen, ansonst mir bekannt wäre, dass
Arbeitsmädel, wenn sie feiertags zum Vergnügen gehen, keine Kartoffeln essen
wollen. Wie ich das wissen könne, fragte ich, und was denn das für ein Geheimnis
sei?
    »Weil sie die Woche hindurch sich fast nur von Kartoffeln nähren und davon
genug bekommen!« erklärte sie. Ich drückte mein Mitleid aus, ohne zu gestehen,
dass ich schon schlechtere Tage gesehen; denn das hätte mir ihre Achtung
schwerlich erworben, wie ich wenigstens dachte.
    Inzwischen war von der übrigen Gesellschaft bald das eine, bald das andere
Paar zu einem Tanze in den Saal gegangen und wieder erschienen, wodurch unser
Tisch abwechselnd leer oder wieder bevölkert wurde. Unerwartet kehrten jetzt
zwei Paare in höchster Aufregung zurück und setzten am Tische einen Streit fort,
der im Saale ausgebrochen sein mochte. Das eine der Mädchen weinte, die andere
schalt, und die dazugehörigen jungen Männer hatten zu tun, den Sturm zu
besänftigen und allerlei Angriffe von sich selbst abzuhalten.
    »Da ist die Geschichte wieder los!« sagte Hulda; sich dicht an mich
schmiegend, erzählte sie mir mit gedämpfter Stimme, das sei eine Liebschaft
übers Kreuz. »Die eine hier hatte nämlich früher den andern zum Schatz und die
andere diesen jetzigen; dann haben sie alle vier, hast du nicht gesehen,
gewechselt, und es hat diese jenen und jene diesen zum Liebsten. Aber alle
Fronfasten gibt's ein jammervolles Gewitter, dass beinah die Welt untergeht. Ein
so überzwerches vierspänniges Zeug tut halt nicht gut, es dürfen nur zwei bei
einer Sach sein!«
    »Aber warum gehen sie denn zusammen, anstatt sich auszuweichen?«
    »Das weiss Gott warum! Immer laufen's an die gleichen Orte hin und hocken
beieinander, wie wenn sie behext wären!«
    Ich war ebenso verwundert über das Phänomen wie Über die Reden meiner
blutjungen Freundin. Der Streit, der sich um unverständliche, scheinbar nichtige
Dinge drehte, wurde zuletzt so erregt, dass das dritte Liebespaar, welches im
Frieden lebte, sich einmischte und mit Mühe einen Waffenstillstand zuweg
brachte. Die Krüge, aus denen je zwei der Leutchen tranken, wurden neu gefüllt.
Die streitbaren Mädchen schmollten jedoch nicht nur unter sich, sondern auch mit
ihren Geliebten. Die Unparteiischen schritten abermals ein, und es wurde auf
Huldas Vorschlag beschlossen, die zwei Paare sollten zur gewaltsamen Bezwingung
aller Eifersucht und Unfriedfertigkeit einmal wieder jedes mit dem frühern
Gesponsen tanzen und keines dürfe dazu scheel sehen.
    Das wurde denn auch ausgeführt; die ausgetauschten Paare kamen nach einem
langen Tanze zurück, jedes der Mädchen am Arme seines alten Genossen; allein
statt sich nun wieder zu trennen, nahmen beide neu ausgewechselten Parteien ihre
Sachen zusammen und zogen, ohne ein Wort zu sagen, auf verschiedenen Wegen von
dannen. Ganz verblüfft blickten wir Zurückbleibenden ihnen nach, bis sie
verschwanden, und brachen dann in ein helles Gelächter aus. Nur Hulda schüttelte
den Kopf und sagte: »Das Lumpenvolk!« In der Tat hatten sie in dem Tanze nicht
die gehoffte sittliche Ausgleichung, sondern lediglich einen neuen Anreiz ihrer
Willkür gefunden und mochten sich nun beeilen, nach so langer Trennung die
Lustbarkeiten einer Wiedervereinigung zu geniessen.
    Bevor ich mich von meinem Erstaunen über die freien Sitten dieses einfachen
Völkchens erholt hatte, fühlte ich die weiche Hand des jungen Mädchens auf der
Schulter, das endlich auch einen Tanz zu tun begehrte. Obgleich ich nicht daran
gedacht, dergleichen Belustigung zu suchen oder zu finden, musste ich dennoch
willfahren, da sie das als selbstverständlich ansah, auch Hut und Shawl schon
der Freundin anvertraute, die mit ihrem Gesellen noch da war. Erst im Lichte des
Tanzsaales, in der freien Bewegung sah ich vollends, wie hübsch sie war. Aber
bald sah ich sie nicht mehr, sondern fühlte nur noch ihre leichte Last, weich
wie eine Flaumfeder, wenn sie einem Geiste gleich dahinflog. Mussten wir aber
anhalten, so sah ich bloss die wohlwollend warmen Augen und das zufriedene
Lächeln ihres Mundes, während sie mir die gelockerte Halsbinde ordnete oder mich
aufmerksam machte, dass am Hemde ein Knopf fehle. Ein heisses Leben schien in dem
zartgegliederten Geschöpfe zu atmen und sich als hingebende Güte zu äussern für
alles, was ihm nahetrat. Eine mir rätselhafte Zärtlichkeit begann das Wesen von
den Augen bis in alle Fingerspitzen zu überwallen, ohne mit einer Spur von
falscher Schmeichelei oder gar Gemeinheit vermischt zu sein; vielmehr war ihr
Regen und Bewegen bei alledem so in anmutige Bescheidenheit gehüllt, dass in dem
Gedränge der Tanzenden keine Seele etwas davon wahrnahm. Und doch schien sie
nicht der mindesten Vorsicht oder Selbstbeherrschung zu bedürfen.
    Als durch das Ungeschick einiger Leute der Tanz ins Stocken geriet und Hulda
an mich gedrückt wurde, verspürte sie meine klopfenden Pulse, legte die Hand an
meine Brust, nickte mit grosser Freundlichkeit und sagte: »Lassen's schaun,
haben's wirklich ein Herz?«
    »Ich glaube, ja!« antwortete ich und sah das liebreizende, ganz nahe Gesicht
mit offenem Munde an. Sie nickte nochmals, und wir wollten in dem wieder
gelösten Tanzwirbel dahinfahren, als Huldas Freundin uns fand, anhielt und ihr
Hut und Tuch mit der Ankündigung übergab, sie wolle jetzt heimgehen, da sie in
der Frühe wieder zur Arbeit müsse.
    »Auch ich muss um sieben Uhr dahinter sein!« rief Hulda lachend; »denn ich
habe wegen der Fahnenschneiderei meine gewohnte Kundschaft vertröstet und soll's
nun nachholen! Aber ich mag doch nicht gleich jetzt nach Hause!«
    »Nun, du kannst ja noch ein Weilchen bleiben«, sagte die andere, »unser
guter Bekannter und Freund geleitet dich nachher schon sicher heim, nicht wahr,
Sie sind so gut, Herr Stangenmacher?«
    Ich versprach gern, den Dienst zu übernehmen, worauf das letzte der
Liebespaare sich verabschiedete, Hulda dagegen mit mir an den verlassenen Tisch
zurückkehrte. Wir sassen nun allein unter den Silberpappeln; der Mond stand hoch
am Himmel, uns daher nur noch durch den grauen Schimmer bemerkbar, der in den
obersten Gewölben der Baumkronen lagerte; unten war es ziemlich dunkel, denn
auch der Fluss glänzte nicht mehr an jener Stelle, und die Laterne war erloschen.
    »Da wollen wir noch ein klein wenig ausruhen und dann auch gehen!« sagte sie
und lehnte sich ohne Bedenken in meinen Arm, den ich um ihre Hüften legte. Ich
zog indessen den Arm zurück, um ein Glas Punsch oder heissen Wein
herbeizuschaffen. Allein sie verhinderte mich und stellte selbst die alte Lage
wieder her.
    »Nicht trinken!« sagte sie leis, »die Lieb ist eine ernstliche Sach und will
nicht betrunken sein, auch wenn sie nur Scherz ist!«
    »Was wissen Sie denn schon so viel von Liebe, schönstes Kind, das ja in der
Tat fast noch ein Kind ist?«
    »Ich? Gerade siebzehn Jahre bin ich! Seit fünf Jahren steh ich ganz einzig
in der Welt und habe mich jeden Tag, vom zwölften Jahr an, mit Arbeit ehrlich
erhalten und viel erfahren. Darum lieb ich die Arbeit, sie ist mir Vater und
Mutter! Und nur eines gibt's, das ich ebenso liebhabe, nämlich die Liebe. Eher
sterben als nicht lieben!«
    »Ei, du süsses Zuckerbrot!« sagte ich und suchte den rosigen Mund zu
erkennen, welcher solche Worte hervorbrachte.
    »Bin ich?« flüsterte Hulda; »glaubten Sie, ich sei von dem Holz, aus welchem
man Essig macht? Schon zwei Liebhaber sind in diesem Herzen gewesen!«
    »Himmel, schon zwei! Wo sind sie hin?«
    »Nun, der erste war noch zu jung und hier in der Fremde; der musste
weiterwandern und hat mir dann geschrieben, dass er in der Heimat ein Liebchen
habe, das er einst heiraten werde. Da gab's Tränen; aber das konnte mir nicht
helfen. Dann kam der zweite, der wollte aber nicht arbeiten, und ich musst ihn
beinah ganz erhalten; das ging nicht auf die Dauer, auch schämt ich mich für ihn
und liess ihn laufen! Denn wer nicht arbeitet, soll nicht nur nicht essen,
sondern braucht auch nicht zu lieben!«
    »Und läuft dieser hier in der Stadt herum?«
    »Leider nicht, denn er ist eingesperrt, weil er etwas Schlechtes verübt hat,
als ich ihm nichts mehr gab. Darüber hab ich mich so geschämt und gegrämt, dass
ich ein halbes Jahr lang niemand anzusehen wagte!«
    »Aber jetzt kann's wieder angehen?«
    »Gewiss! Wer wollte sonst leben?«
    Ich wurde immer verwirrter, das jugendliche Geschöpf mit solchem Bewusstsein,
solcher Bestimmteit und Leichtfertigkeit sprechen zu hören, eine so zarte,
zerbrechliche Existenz sich erklären zu hören, dass sie in Arbeit und Liebe
aufgehe und sonst nichts von der Welt begehre. Und doch war es wiederum wie eine
Erscheinung aus der alten Fabelwelt, die ihr eigenes Sittengesetz einer fremden
Blume gleich in der Hand trug. Es wurde mir zu Mut, als ob eine wirkliche Huldin
sich aus der Luft verdichtet hätte und mit warmem Blute in meinen Armen läge.
    Unser Reden war bereits ein leises Kosen geworden; nach einem Weilchen
flüsterte sie mir zu: »Und wie steht es denn mit Ihnen? Sind Sie frei?«
    »Leider ganz und gar seit Jahren!«
    »Nun denn, so lassen Sie uns ganz still und gemächlich eine Bekanntschaft
anfangen und ruhig sehen, wohin sie uns führt!«
    Diese prosaisch gemeinen Gewohnheitsworte sagte sie aber mit der Stimme und
dem Ausdrucke eines Mägdleins, das sein erstes Geständnis preisgibt, oder
gewissermassen mit dem Tone eines jener unsterblichen Wesen, das die Gestalt
einer armen Dienstmagd angenommen hat, um in ewiger Jugend und Neuheit einen
Liebeshandel zu eröffnen. Freilich lag hierin auch die Sicherheit, dass sie über
meinen Verlust ebenso unbeschädigt zur Tagesordnung gehen würde wie über jeden
andern. Das fühlte ich deutlich und suchte dennoch ihre kleine Hand und ihren
Mund, der mir mit ambrosischer Frische entgegenkam, so rein und duftig wie eine
aufgehende Rose.
    »Nun wollen wir gehen!« sagte sie; »wenn Sie so gut sein wollen, mich bis zu
meiner Wohnung zu begleiten, so sehen Sie das Haus. Sonnabends kommen Sie so um
die neun Uhr vor dasselbe, und wir reden alsdann ab, was wir sonntags beginnen
wollen. Die Woche durch aber schaffen wir still und zufrieden drauflos! O wie
lieb ist die Arbeit, wenn man dabei an was Liebes zu denken hat und sicher ist,
am Sonntag mit ihm zusammen zu sein. Und wenn wir erst so weit sind, dass wir im
Stübchen bleiben und uns zusammentun, so mag es regnen und stürmen, wir sitzen
ruhig und lachen den Himmel aus!«
    »Aber woher weisst du denn, du gutes liebes Kind, dass alles so erwünscht
ausfallen und gehen wird, was mich betrifft? Woher kennst du mich denn?«
    »Da sei ohne Sorge, ich kenne dich schon so ein wenig, und etwas wagen muss
das Herz und früh auf sein, wenn es leben will! Wenn du wüsstest, was ich schon
gesehen und erfahren habe! Und wenn es dir an Arbeit fehlen sollte, so kann ich
sie dir verschaffen, ich komme weit herum und höre und sehe mehr, als mancher
glaubt!«
    Sie hatte sich an meinen Arm gehängt und ging fest und munter neben mir her,
ein kleines Liebeslied summend und immer dasselbe wiederholend. Ich traute
meinen Sinnen kaum, mitten in der Not und Bedrängnis, in die ich geraten war,
auf der vermeintlich dunkelsten Tiefe des Daseins so urplötzlich vor einem Quell
klarster Lebenswonne, einem reichen Schatze goldenen Reizes zu stehen, der wie
unter Schutt und dürrem Moose verborgen hervorblinkte und schimmerte!
    Den Teufel auch! dachte ich, das Völklein hat ja wahre Hörselberge unter
sich eingerichtet, wo der prächtigste Ritter keine Vorstellung davon hat; wie es
scheint, muss man selbst arm werden, um die Herrlichkeit zu finden!
    »Was studieren Sie denn so fleissig?« sagte Hulda, ihr Liedchen
unterbrechend.
    »Nun, ich betrachte mir eben das schöne Glück, das ich so unverhofft
gefunden habe! Darüber darf man doch ein bisschen erstaunt sein?«
    »Ei, was sind das für aufgeputzte Worte! Wie aus einem Lesebuch! Aber wenn
ich es bedenke, so hab ich schon ein paarmal gemeint, du redest und tätest nicht
wie ein richtiger Arbeitsgesell. Du hast vielleicht schon bessere Zeit gehabt
und eigentlich nicht ein Handwerker werden sollen?«
    »Ja, es ist so was! Aber nun bin ich zufrieden, besonders heut!«
    »Komm, komm!« sagte sie, umhalste mich und küsste mich mit süssester
Innigkeit, dass ich wie im Rausche weiter mit ihr ging; denn unser Weg war lang.
    Ich hatte aber meine vorhinnigen Worte nicht gelogen, sondern setzte sie in
Gedanken fort:
    Warum sollst du nicht untertauchen in diese glückselige Verborgenheit, allem
ideal- und ruhmsüchtigen Treiben entsagend? Warum solltest du nicht gleich
morgen wieder solcher Arbeit nachgehen, wie du seit Wochen verrichtet hast, ein
Arbeiter unter Arbeitern sein, deines bescheidenen Brotes jeden Tag gewiss und
jeden Abend deine stille Ruhe findend an diesem zarten Busen, der einer so
langen Jugend entgegenblüht? Schlichte Arbeit, goldene Liebe bei zufriedenem
Brot, was willst du mehr! Und kann am Ende nicht noch etwas Besseres dabei
herauskommen, insofern es irgend zu wünschen ist?
    Als wir endlich vor der Haustüre der Hulda anlangten, war ich überzeugt, ein
echtes und glückhaftes Abenteuer erlebt zu haben, und versprach, am nächsten
Samstagabend unfehlbar dazusein. Andere spät Heimkehrende verhinderten eine
letzte Abschiedszärtlichkeit, und sie schlüpfte nach einigen höflichen
Dankesworten für die Begleitung rasch neben jenen hinein.
    Der Mond näherte sich seinem Untergange. Ein starker Wind bewegte die
Tausende von Fahnen in den stillgewordenen Strassen, dass es überall, in der Tiefe
und auf der Höhe der Häuser und Türme, wallte und flatterte, wie von
Geisterhänden bewegt. Aber auch in meinem Innern, durch alle Adern wogte und
rauschte erst jetzt die erwachte Leidenschaft, wild und sanft, süss und frech
zugleich, die Hoffnung, ja Gewissheit, in wenigen Tagen von einem Schatze
geheimer Glücksgüter Besitz zu nehmen, die ich mir vor Stunden noch nicht hätte
träumen lassen.
    So kehrte ich in meine verödete Wohnung zurück, die ich seit der letzten
Morgenfrühe nicht mehr betreten hatte.
 
                                Sechstes Kapitel
                                 Heimatsträume
Der Tod war in dem Hause eingekehrt, in welchem ich wohnte; ich musste ihm
sozusagen auf der Treppe begegnet sein. Am Nachmittage war die Wirtin in die
Wochen gekommen, und nun lag sie mit zerstörtem Leben in der matt erleuchteten
Stube neben einem toten Kinde. Ich musste an der offenen Türe vorübergehen; eine
Wehmutter und eine Nachbarin räumten auf und beschwichtigten die weinenden
Kinder, die aus ihrer Schlafkammer hervorgebrochen waren. Auf einem Stuhle sass
der kurz vor mir heimgekehrte Mann, der seit dem Mittage den Aufzügen und
Lustbarkeiten nachgegangen und erst kurz vor mir angekommen, da man ihn an den
gewohnten Orten nirgends hatte finden können. Er übte seinen Beruf ausser dem
Hause auf mir unbekannte Art, und was er verdiente, brauchte er zum grössten Teil
für sich allein. Die tote Frau war der Eckstein und die Erhalterin der Familie
gewesen.
    Nun sass der Mann wortlos, ratlos und bleich mitten in dem Jammer; denn die
Röte der herumschweifenden Heiterkeit war gründlich aus seinem Gesichte
gewichen, und statt den Schlaf suchen zu können, musste er wach bleiben, ohne zu
nützen oder zu helfen. Er betrachtete mit scheuem Blicke das in ein Tüchlein
gewickelte undeutliche Wesen, welches in einem Getümmel von Schmerzen und Leiden
vergangen war, noch eh es den Tag gesehen. Er schüttelte schaudernd den Kopf und
schaute auf die Mutter; die lag starr und teilnahmlos, wie es einer erfahrenen
Toten geziemt; weder Mann noch Kinder noch Nachbaren rührten sie; selbst das
Kleine an ihrer Seite ging sie nichts an, trotzdem sie vor kurzem noch ihr Leben
für dasselbe geopfert hatte.
    Die Kinder, welche während der Todesnot eingesperrt und vernachlässigt
worden, hungerten und schrieen mitten in ihren erbärmlichen Klagen um die Mutter
nach Nahrung, bis der Mann sich aufraffte und mit gelähmten Gliedern
herumtastete, wo die Frau die letzte Speise mochte besorgt oder gelassen haben.
Er sah sich unfreiwillig nach ihr um, als ob sie rufen müsste Dort geh hin, da
steht die Milch, dort liegt das Brot, in der Mühle steckt noch der Kaffee! Sie
sagte aber nichts.
    Erschüttert trat ich dem Jammer näher und fragte, ob ich irgend etwas tun
könne. Eine der Frauen sagte, die Ärzte hätten die sofortige Überführung nach
dem Leichenhause anbefohlen; es wäre gut, wenn die Leichen gleich in der Frühe
geholt würden, allein niemand sei da, wenn der Mann nicht hingehe, die
Bestellung zu machen. Ich anerbot mich, die Sache zu verrichten, und zog zehn
Minuten später die Glocke an der Wachstube des Todes. Nachdem ich dem Wächter
das Nötige mitgeteilt, blickte ich durch eine Glastüre in den Saal, wo sie von
allen Ständen und Lebensaltern ausgestreckt lagen, wie Marktleute, die den
Morgen erwarten, oder Auswanderer, die am Hafenplatz auf ihren Siebensachen
schlafen. Darunter sah ich auch ein junges Mädchen auf Blumen ruhen. Die kaum
erblühte Brust warf zwei blasse Schatten auf das Totenhemd; da erinnerte ich
mich dessen, was ich in dieser Nacht schon erlebt und mir vorgenommen, und
eilte, voll Zweifel und Unruhe, Schrecken und Müdigkeit, den Schlaf zu finden.
    Derselbe war aber stürmisch bewegt und unerquicklich. Bald von den traurigen
Vorgängen im Hause geweckt, bald von halbwachen Traumbildern umfangen, in denen
Lebendiges und Grabfertiges, buhlende Liebesworte und Totenklagen sich
unablässig vermischten, atmete ich auf, als es Tag wurde und ich wenigstens
meine Gedanken sammeln konnte.
    Sie gerieten jedoch sofort miteinander in Streit; denn als ich mich
aufrichtete und, die Hand an der Stirne, mich besann, was eigentlich geschehen
und was ich zunächst tun wollte, schwankte ich, ob ich vor den ernsten
Todesschatten, die mich gewarnt, zurückweichen oder dem Liebesbild dennoch
folgen solle, das mich in Gestalt der arbeitenden Armut lockte. Die Verlockung
blieb siegreich; es schien mir gerade das Beste zu sein, an dem weichen Busen
eines jungen Lebens Trost und Vertrauen und mich selbst wiederzufinden, und je
ernster das Gewissen warnte, in solcher Lage den Liebeshandel anzufangen und ein
so bedenkliches Bündnis einzugehen, desto reichlicher flossen die Gründe des
Wortaltens, der Ehre und Tapferkeit für die Ausführung des Vorsatzes. Ich
beschloss sogar, das reizvolle Geschöpf schon am nächsten Abend aufzusuchen statt
erst zu Ende der Woche, vorher aber den alten Trödler zu beraten, ob er mir
ferner dergleichen anspruchlose Beschäftigung zuzuwenden wisse wie neulich.
    So schritt ich mit lebensdurstigen Augen und Lippen aus der Trauerwohnung
hinweg, aus welcher schon vor Stunden die Leiche der Mutter und ihres letzten
Kindes fortgebracht worden. Ich achtete nicht der verlassenen Kleinen, die bei
offener Türe still an einem Häuflein sassen. Wie ich dann aus dem Hause trat und
die Strasse hinuntereilte, stiess ich auf einen jungen Mann, der ein hübsches
Frauenzimmer am Arme führte. Beide waren wohlgekleidet in sauberer Reisetracht,
augenscheinlich bemüht, eine Hausnummer zu finden, die sie auf einem Zettelchen
vor sich hatten. Der Mann kam mir bekannt vor, ohne dass ich in meiner
Zerstreuteit etwas dabei dachte; indem ich aber ausweichen wollte, sah er mich
genauer an und sagte in den Lauten des Heimatdialektes: »Da ist er ja! Sind Sie
nicht der Herr Heinrich Lee, den wir eben suchen?«
    Erfreut und erschrocken zugleich erkannte ich einen benachbarten
Handwerksmann unserer Stadt, der vor Jahren ungefähr um die gleiche Zeit mit mir
in die Fremde gewandert, längst zurückgekehrt und Meister geworden, sein
väterliches Geschäft übernommen und ausgedehnt hatte und jetzt auf der
Hochzeitsreise begriffen war. Die machte er aber nicht ohne klügliche
Nebenzwecke, da die wohlhabende Bürgerstochter, die er als Gattin am Arme
führte, ihm die Mittel für alle erspriesslichen Unternehmungen zugebracht.
    Er richtete mir mm die Grüsse meiner Mutter aus, die er zu diesem Zwecke vor
der Abreise besucht hatte. Sie war mit einiger Beschämung gezwungen gewesen, dem
Nachbaren zu gestehen, dass sie nicht einmal bestimmt wisse, wo ich sei oder ob
ich noch am alten Orte wohne; doch wünschte sie um so sehnlicher Nachricht zu
erhalten. Ich aber war ebenso verlegen, viel nach ihr zu fragen, weil ich
dadurch verriet, dass ich nichts von ihr wisse; doch widerstand ich dem
Bedürfnisse nicht lang und fragte fleissig, was mich zu erfahren verlangte.
    »Nun, wir sprechen noch von allem«, sagte der Landsmann, indem er mich
aufmerksamer betrachtete. »Ihr habt Euch aber doch ziemlich verändert, nicht
wahr, Frau? Du hast doch den Herrn Heinrich früher auch gekannt?«
    »Ich glaube mich zu erinnern, obgleich ich damals noch ein Schulkind war!«
erwiderte sie, während mir ihre ausgewachsene Fraulichkeit als vollkommen fremd
erschien. Indessen fühlte ich, wie ihr Auge die geringe Pracht meines Anzuges
überlief, der allerdings weder neu noch wohlgehalten war; zum ersten Mal fühlte
ich die Demütigung, schlecht gekleidet dazustehen, und noch verlegener ward ich,
als der Landsmann fragte, ob wir nicht in meine Wohnung hinaufsteigen wollten?
Glücklicherweise diente mir der Todesfall zum Vorwand, dass es jetzt dort nicht
wirtlich aussehe und ich selbst deswegen ausgegangen sei.
    »So dürfen wir Sie einladen, den Tag mit uns zuzubringen? Wir sind schon
gestern angekommen; da hab ich aber Geschäfte besorgt. Morgen früh reisen wir
weiter, so werden Sie mit uns nicht eben viel Zeit verlieren; denn wir möchten
Sie in Ihren Arbeiten keineswegs aufhalten!«
    Der gute Landsmann ahnte nicht, wie schmerzlich mich diese Rede traf; ich
versicherte ihn jedoch, es habe keine Gefahr und ich sei nicht so übermässig
fleissig. Nachdem ich sodann das Reisepaar während einiger Stunden herumgeführt,
ging ich mit den Leutchen in das bürgerlich bescheidene Gastaus, in welchem sie
Quartier genommen, und teilte mit ihnen das Mittagsmahl. Die langentbehrte
Gewohnheit, in der Mundart des Heimatlandes und von altvertrauten Dingen zu
reden, liess mich die Gegenwart um so leichter vergessen, als eine Flasche guten
Rheinweines ihren Duft verbreitete. Das ruhig freundliche Benehmen des Paares,
das durch keinerlei lästige Zärtlichkeiten seinen neuen Ehestand verriet,
vermehrte das Behagen, welches mich wie ein flüchtiger Sonnenblick überkam aus
schwül bewegtem Wolkenhimmel.
    Als nun der Landsmann eine zweite Flasche bestellte und die übrigen Gäste
die Wirtstafel verlassen hatten, zog sich die junge Frau in ihr Zimmer zurück,
um sich ein wenig auszuruhen, wie sie sagte. Wir andern wurden um so
gesprächiger, bis der gute Nachbar sich selbst unterbrach und, nach
wohlgemeinten Worten suchend, begann:
    »Ich will es Ihnen nicht verhehlen, Herr Lee, dass Ihre Mutter sehr Ihrer
Rückkunft bedarf, und ich würde Ihnen raten, so bald als möglich heimzukommen;
denn während die brave Frau den tiefsten Kummer und die Sehnsucht nach Ihnen zu
verbergen sucht, sehen wir wohl, wie sie sich darin aufzehrt und Tag und Nacht
nichts anderes denkt. Ich weiss nicht, ob ich mich irre, aber es will mir fast
scheinen, es stehe nicht zum besten mit Ihnen, und erachte ich, dass Sie in dem
Stadium sind, wo die Herren Künstler allerlei durchmachen müssen, um endlich mit
stattlichem Ansehen aus dem Kampfe hervorzugehen. Allein es hat alles sein Mass!
Sie sollten eine Unterbrechung machen und einmal die Heimat wiedersehen, auch
wenn Sie nicht als ein Sieger kommen. Die Dinge lassen sich da öfter von einer
neuen Seite betrachten und anpacken.«
    Er ergriff sein Glas und stiess mit mir auf das Wohl von Heimat und Mutter
an, besann sich ein weniges und fuhr fort:
    »Vorlaute und unverständige Weibsen und auch ebensolche Männer in unserer
Stadt, wo es ruchbar geworden, dass Ihre Mutter gewisse Summen an Sie gewendet
und ihr eigenes Auskommen bedeutend dadurch geschmälert hat, liessen es sich
einfallen, dieselbe hinter ihrem Rücken hart zu tadeln und auch ungefragt ihr
ins Gesicht zu sagen, dass sie unrecht getan und sowohl ihrem Sohne schlecht
gedient als sich selbst überhoben habe. Jeder, der die Frau kennt, weiss, dass
alles eher als dieses der Fall ist; aber das unverständige Geschwätz hat sie
vollends eingeschüchtert, dass sie fast mit niemand zusammenkommt und so in
Einsamkeit und Selbstverleugnung dahinlebt.
    Sie sitzt den ganzen Tag am Fenster und spinnt; sie spinnt jahraus und -
ein, als ob sie sieben Töchter auszusteuern hätte, damit doch mittlerweile etwas
angesammelt würde, wie sie sagt, und wenigstens der Sohn für sein Leben lang und
für sein ganzes Haus genug Leinwand finde. Wie es scheint, glaubt sie durch
diesen Vorrat weissen Tuches, das sie jedes Jahr weben lässt, Ihr Glück
herbeizulocken, gleichsam wie in ein aufgespanntes Netz, damit es durch einen
tüchtigen Hausstand ausgefüllt werde, wie die Gelehrten und Schriftsteller etwan
durch ein Buch weisses Papier gereizt werden sollen, ein gutes Werk darauf zu
schreiben, oder die Maler durch eine ausgespannte Leinwand, ein Bild darauf zu
malen.«
    Bei diesem letztern Vergleich des wackern Redners konnte ich mich eines
bittern Lächelns nicht entalten. Das schien ihm wohl die Richtigkeit seiner
Vermutungen zu bestätigen, und er fuhr fort:
    »Zuweilen stützt sie ausruhend den Kopf auf die Hand und blickt unverwandt
in das Feld hinaus, über die Dächer weg oder in die Wolken; wenn es aber
dämmert, so lässt sie das Rad stillstehen und bleibt so im Dunkeln sitzen, ohne
Licht anzuzünden, und wenn der Mond oder ein fremder Lichtstrahl auf ihr Fenster
fällt, so kann man alsdann unfehlbar ihre Gestalt in demselben sehen, wie sie
immer gleicherweise ins Weite schaut.
    Wahrhaft melancholisch aber ist es anzusehen, wenn sie die Betten sonnt;
anstatt sie mit Hilfe anderer auf unsern Platz hinzutragen, wo der grosse Brunnen
steht, schleppt sie dieselben auf das hohe schwarze Dach Eures Hauses, breitet
sie dort an der Sonnenseite aus, geht emsig auf dem abschüssigen Dache umher,
ohne Schuhe zwar, aber bis an den Rand hin, klopft die Kissen und Pfühle aus,
kehrt sie, schüttelt sie und hantiert so seelenallein in der Höhe unter dem
offenen Himmel, dass es höchst verwegen und sonderbar anzusehen ist, zumal wenn
sie innehaltend die Hand über die Augen hält und droben in der Sonne stehend
nach der Ferne hinausblickt. Ich konnt es einst nicht länger ansehen von meinem
Hofe aus, wo ich bei den Gesellen stand; ich ging hinüber, stieg bis unter das
Dach hinauf und hielt unter der Luke eine Anrede an sie, indem ich ihr die
Gefahr ihres Tuns vorstellte. Sie lächelte aber nur und bedankte sich für die
gute Meinung. Es ist daher meine Ansicht, dass Sie nach Haus reisen sollten, je
eher, je lieber! Kommen Sie gleich mit uns!«
    Ich schüttelte aber den Kopf; denn ich konnte mich nicht entschliessen,
meinen Schiffbruch kundzutun und so aus der Schule zu laufen. Ich gedachte das
Übel allein zu verwinden und mit geklärtem Schicksal, so oder anders, zur
geeigneten Zeit zurückzukehren. Mit unbestimmten Reden, in denen ich weder ein
zu grosses Selbstvertrauen heuchelte noch meine wirkliche Lage eingestand, behalf
ich mir den übrigen Teil des Tages, bis ich am späten Abend von den Landsleuten
Abschied nahm, die am frühen Morgen wegreisen wollten.
    Dennoch hatte das Bild der in die Ferne schauenden Mutter ein starkes Gefühl
von Heimweh wachgerufen, das mich bisher nur im Schlafe besuchte. Seit ich
nämlich die Phantasie und ihr angewöhntes Gestaltungsvermögen nicht mehr am Tage
beschäftigte, regten sich ihre Werkleute während des Schlafes mit selbständigem
Gebaren und schufen mit anscheinender Vernunft und Folgerichtigkeit ein
Traumgetümmel in den glühendsten Farben und buntesten Formen. Ganz wie es
wiederum jener irrsinnige Meister und erfahrene Lehrer mir vorausgesagt, sah ich
nun im Traume bald die Vaterstadt, bald das Dorf auf wunderbare Weise verklärt
und verändert, ohne je hineingelangen zu können, oder, wenn ich endlich dort
war, mit einem plötzlichen freudelosen Erwachen. Ich durchreiste die schönsten
Gegenden des Vaterlandes, die ich in Wirklichkeit nie gesehen, schaute Gebirge,
Täler und Ströme mit unerhörten und doch wohlbekannten Namen, die wie Musik
klangen und doch etwas Lächerliches an sich hatten.
    Über den Mitteilungen des Landsmannes waren mir das Mädchen Hulda von
gestern abend und die heutigen Morgenpläne aus dem Gedächtnisse geschwunden;
ermüdet eilte ich den Schlaf zu suchen und verfiel auch gleich wieder dem
geschäftigen Traumleben. Ich näherte mich der Stadt, worin das Vaterhaus lag,
auf merkwürdigen Wegen, am Rande breiter Ströme, auf denen jede Welle einen
schwimmenden Rosenstock trug, so dass das Wasser kaum durch den ziehenden
Rosenwald funkelte. Am Ufer pflügte ein Landmann mit milchweissen Ochsen und
goldenem Pfluge, unter deren Tritten grosse Kornblumen sprossten. Die Furche
füllte sich mit goldenen Körnern, welcher der Bauer, indem er mit der einen Hand
den Pflug lenkte, mit der anderen aufschöpfte und weitin in die Luft warf,
worauf sie als ein goldener Regen auf mich niederfielen. Ich fing ihrer mit dem
Hute auf, soviel ich konnte, und sah mit Vergnügen, dass sie sich in lauter
goldene Schaumünzen verwandelten, auf welchen ein alter Schweizer mit langem
Barte und zweihändigem Schwerte geprägt war. Ich zählte sie eifrig und konnte
sie doch nicht auszählen, füllte aber alle Taschen damit; die ich nicht mehr
hineinbrachte, warf ich wieder in die Luft. Da verwandelte sich der Goldregen in
einen prächtigen Goldfuchs, der wiehernd an der Erde scharrte, aus welcher dann
der schönste Hafer hervorquoll, den das Pferd mutwillig verschmähte. Jedes
Haferkorn war ein süsser Mandelkern, eine Rosine und ein neuer Pfennig, die
zusammen in rote Seide gewickelt und mit einem Endchen Schweinsborste
eingebunden waren, welches das Pferd angenehm kitzelte, als es sich darin
wälzte, so dass es rief: »Der Hafer sticht mich!«
    Ich jagte aber den Goldfuchs auf, bestieg ihn, da er schön gesattelt war,
ritt beschaulich am Ufer hin und sah, wie der Bauersmann in die schwimmenden
Rosen hineinpflügte und mit seinem Gespann darin versank. Die Rosen nahmen ein
Ende, zogen sich zu dichten Scharen zusammen und schwammen in die Ferne, am
Horizonte eine Röte ausbreitend; der Fluss aber erschien jetzt als ein
unermessliches Band fliessenden blauen Stahles. Der Pflug des Landmannes hatte
sich inzwischen in ein Schiff verwandelt; darin fahr derselbe, steuerte mit der
goldenen Pflugschar und sang: »Das Alpenglühen rückt aus und geht um das
Vaterland herum!« Hierauf bohrte er ein Loch in den Schiffsboden; darein steckte
er das Mundstück einer Posaune, sog kräftig daran, worauf es mächtig erklang
gleich einem Harstorn und einen glänzenden Wasserstrahl ausstiess, der den
herrlichsten Springbrunnen in dem fahrenden Schifflein bildete. Der Bauer nahm
den Strahl, setzte sich auf den Rand des Schiffes und schmiedete auf seinen
Knien und mit der rechten Faust ein mächtiges Schwert daraus, dass die Funken
stoben. Als das Schwert fertig war, prüfte er dessen Schärfe an einem
ausgerissenen Bartaare und überreichte es höflich sich selbst, indem er sich
plötzlich in den Wilhelm Tell verwandelte, welchen jener beleibte Wirt im
Tellenspiel vorgestellt hatte, zur Zeit meiner früheren Jugend. Dieser nahm das
Schwert, schwang es und sang mächtig:
»Heio, heio! bin auch noch do
Und immer meines Schiessens froh!
Heio, heio! die Zeit ist weit,
Der Pfeil des Tellen fliegt noch heut!
Wo guckt ihr hin? Seht ihr ihn nicht?
Dort oben tanzt er hoch im Licht!
Man weiss nicht, wo er steckenbleibt,
Heio, 's ist immer, wie man's treibt!«
Dann hieb der dicke Tell mit dem Schwerte von der Schiffswand, die nun eine
Speckseite war, einen tüchtigen Span herunter und trat mit demselben feierlich
in die Kajüte, einen Imbiss zu halten.
    Indessen ritt ich auf dem Goldfuchs weiter und befand mich unversehens
mitten in dem Dorfe, darin der Oheim gewohnt. Ich erkannte es kaum wieder, da
fast alle Häuser neu gebaut waren. Die Bewohner sassen alle hinter den hellen
Fenstern um die Tische herum und assen, und niemand blickte auf die menschenleere
Strasse. Dessen war ich aber höchlich froh; denn erst jetzt entdeckte ich, dass
ich auf meinem glänzenden Pferde in alten anbrüchigen Kleidern sass. Ich
bestrebte mich daher, ferner ungesehen hinter das Haus des Oheims zu gelangen,
das ich fast nicht finden konnte. Zuletzt erkannte ich es, wie es über und über
mit Efeu bewachsen und ausserdem von den alten Nussbäumen überhangen, so dass weder
Stein noch Ziegel zu sehen war und nur hie und da ein handgrosses Stückchen
Fensterscheibe durch das Grüne blinkte. Ich sah, dass sich etwas dahinter
bewegte, konnte aber nichts Deutliches wahrnehmen. Der Garten war von einer
Wildnis wuchernder Feldblumen bedeckt, aus denen die aufgeschossenen
Gartengewächse baumhoch emporragten, Rosmarin und Fenchelstauden, Sonnenblumen,
Kürbisse und Johannisbeeren. Schwärme wild gewordener Bienen brausten auf der
Blumenwildnis umher; im Bienenhause aber lag der alte Liebesbrief, den der Wind
einst dahin getragen, verwittert und offen, ohne dass ihn die Jahre her jemand
gefunden. Ich nahm ihn und wollte ihn einstecken; da wurde er mir aus der Hand
gerissen, und als ich mich umsah, huschte Judit damit lachend hinter das
Bienenhaus und küsste mich dabei durch die Luft, dass ich es auf meinem Munde
fühlte. Der Kuss war aber eigentlich ein Stück Apfelkuchen, welches ich begierig
ass. Da es jedoch den Hunger, den ich im Schlafe empfand, nicht stillte,
überlegte ich, dass ich wahrscheinlich träume und dass der Kuchen wohl von den
Äpfeln herrühre, die ich einst küssend mit der Judit zusammen gegessen. Ich
fand es also um so geratener, in das Haus zu gehen, wo gewiss eine Mahlzeit
bereit sein würde. Ich packte einen schweren Mantelsack aus, der sich plötzlich
auf dem Pferde zeigte, als ich es an den zerfallenden Gartenzaun band. Aus dem
Mantelsack rollten die schönsten Kleider hervor und ein feines neues Hemde,
dessen Brust mit einer Stickerei von Weinträubchen und Maiglöckchen verziert
war. Wie ich aber dies Staatshemd auseinanderfaltete, wurden zweie daraus, aus
den zweien vier, aus den vieren acht, kurz, eine Menge der schönsten Leibwäsche
breitete sich aus, welche wieder in den Mantelsack zu schieben ich mich
vergeblich abmühte. Immer wurden es mehr Hemden und Kleidungsstücke und
bedeckten den Boden umher; ich empfand die grösste Angst, von meinen Verwandten
bei dem sonderbaren Geschäft überrascht zu werden. In der Verzweiflung ergriff
ich endlich eines von den Hemden, um es anzuziehen, und stellte mich schamhaft
hinter einen Nussbaum; allein man konnte aus dem Hause an diese Stelle sehen, und
ich schlüpfte beschämt hinter einen andern, und so immer fort von einem Baume
zum andern, bis ich, dicht an das Haus und in den Efeu hineingedrückt, in
Verwirrung und Eile den Anzug wechselte, die schönen Kleider anzog und doch fast
nicht fertig werden konnte, und als ich es endlich war, befand ich mich wieder
in grösster Not, wo ich das traurige Bündel der alten Kleider bergen solle. Wohin
ich es auch trug, immer fiel ein zerlumptes Stück auf die Erde; zuletzt gelang
es mit saurer Mühe, das Zeug in den Bach zu werfen, wo es aber durchaus nicht
weiterschwimmen wollte, sondern sich auf der gleichen Stelle gemächlich
herumdrehte. Ich erwischte eine vermorschte Bohnenstange und quälte mich, die
dämonischen Fetzen in die Strömung zu stossen; aber die Stange brach und brach
immer wieder bis auf das letzte Stümpfchen.
    Da berührte ein Hauch meine Wangen, und Anna stand vor mir und führte mich
in das Haus. Ich stieg Hand in Hand mit ihr die Treppe hinauf und trat in die
Stube, wo der Oheim, die Tante, die Basen und Vettern sämtlich versammelt waren.
Aufatmend sah ich mich um die alte Stube war sonntäglich geputzt und so
sonnenhell, dass ich nicht begriff, wo all das Licht durch den dichten Efeu
hindurch herkomme. Oheim und Tante waren in ihren besten Jahren, die Bäschen und
Vettern blühender als je, der Schulmeister ebenfalls ein schöner Mann und
aufgeräumt wie ein Jüngling, und Anna sah ich als Mädchen von vierzehn Jahren im
rotgeblümten Kleide mit der lieblichen Halskrause.
    Was aber sehr sonderbar war, alle, Anna nicht ausgenommen, trugen lange
irdene Pfeifen in den Händen und rauchten einen wohlriechenden Tabak, und ich
desgleichen. dabei standen sie, die Verstorbenen und die Lebendigen, keinen
Augenblick still, sondern gingen mit freundlich frohen Mienen unablassig die
Stube auf und nieder, hin und her, und dazwischen niedrig am Boden hin die
Jagdhunde, das Reh, der zahme Marder, Falken und Tauben in friedlicher
Eintracht, nur dass die Tiere den entgegengesetzten Strich der Menschen
verfolgten und so ein wunderbares Gewebe durcheinanderlief.
    Der schwere Nussbaumtisch auf seinen gewundenen Füssen war mit einem weissen
Damasttuche gedeckt und mit einem aufgerüsteten duftenden Hochzeitessen besetzt.
Mir wässerte der Mund, und ich sagte zum alten Oheim: »Ei, ihr scheint euch da
recht wohl sein zu lassen!« - »Versteht sich!« erwiderte er, und alle
wiederholten: »Versteht sich!« mit angenehm klingenden Stimmen. Plötzlich befahl
der Oheim, dass man zu Tische sitze; alle stellten die Pfeifen pyramidenweise
zusammen auf den Boden, je drei und drei, wie Soldaten ihre Gewehre. Darauf
schienen sie schon wieder zu vergessen, dass sie essen gewollt; denn sie gingen
zu meinem Verdrusse nach wie vor umher und fingen allmählich an zu singen:
»Wir träumen, wir träumen,
Wir träumen und wir säumen,
Wir eilen und wir weilen,
Wir weilen und wir eilen,
Sind da und sind doch dort,
Wir gehen bleibend fort,
Wem konveniert es nicht?
Wie schön ist dies Gedicht!
Hallo, hallo!
Es lebe, was auf Erden stolziert in grüner Tracht,
Die Wälder und die Felder, die Jäger und die Jagd!«
Weiber und Männer sangen mit rührender Harmonie und Lust, und das Hallo stimmte
der Oheim mit gewaltiger Stimme an, dass die ganze Schar mit verstärktem Gesange
darein tönte und rauschte und zugleich, blass und blässer werdend, sich in einen
wirren Nebel auflöste, während ich bitterlich weinte und schluchzte. Ich
erwachte in Tränen gebadet, und auch das Kopfkissen war davon benetzt. Als ich
mich mit Mühe gesammelt, war das erste, dessen ich mich erinnerte, der
wohlgedeckte Tisch; denn ich hatte nach den Eröffnungen des Landsmannes am Abend
nichts mehr essen können und war erst im Schlafe wieder hungrig geworden. Wie
ich nun die Gier bedachte, mit welcher ich trotz des Schmuckes der
unbeherrschten Phantasie gezwungen war, schliesslich immer nur von Gold und Gut,
Kleidern und Essen zu träumen, brach ich über diese Erniedrigung neuerdings in
Tränen aus, bis ich abermals einschlief.
 
                               Siebentes Kapitel
                                 Weiterträumen
In einem grossen Walde fand ich mich wieder und ging auf einem wunderlichen
schmalen Brettersteige, welcher sich hoch durch die liste und Baumkronen wand,
eine Art endlosen hängenden Brückenbaues, indessen der bequeme Boden unten nach
richtiger Traumesart unbenutzt blieb. Aber es war schön, hin abzuschauen auf den
Waldgrund, da er ganz aus grünem Moose bestand, das in tiefer Dunkelheit lag.
Auf dem Moose wuchsen viele einzelne sternförmige Blumen auf schwankem Stengel,
und sie wendeten sich immer nach dem oben gehenden Beschauer; bei jeder Blume
stand ein kleines Erdmännchen oder Moosweiblein, das mittelst eines in goldenem
Laternchen strahlenden Karfunkels die Blume beleuchtete, dass sie aus der Tiefe
heraufschimmerte wie ein blauer oder roter Stern, und indem sich diese
Blumengestirne, welche oft in schönen Bildern zusammenstanden, langsamer er oder
schneller drehten, gingen die winzigen Leutchen mit ihren Laternchen um sie
herum und lenkten sorgfältig den Lichtstrahl auf die Kelche. So sah sich das
kreisende Leuchten in der Tiefe von dem hohen Balken oder Bretterwege wie ein
unterirdischer Sternhimmel an, nur dass er grün war und die Sterne in allen
Farben strahlten.
    Entzückt ging ich auf der Hängebrücke weiter und schlug mich tapfer durch
die Buchen- und Eichenkronen, da ich begriff, ein so zierlicher Grund und Boden
sei nicht dazu da, darauf mit Füssen zu wandeln. Manchmal kam ich in eine
Föhrengruppe hinein, welche etwas lichter war; das rote, von der Sonne
durchglühte, stark duftende Holzwerk der Fichtenkronen bot einen fabelhaften
Anblick und Aufentalt, weil es wie künstlich bearbeitet, gezimmert und mit
seltsamem Bildwerk verziert schien und doch ein natürliches Ästewesen war.
Manchmal führte der Steg auch ganz über die Bäume hinweg unter den offenen
Himmel und Sonnenschein, und ich stellte mich auf das schwanke Geländer, um zu
sehen, wo es eigentlich hinausginge; allein nichts war zu erblicken als ein
endloses Meer von grünen Baumwipfeln, so weit das Auge reichte, auf dem ein
heisser Sommertag flimmerte und Tausende von wilden Tauben, Hähern, Mandelkrähen,
Spechten und Weihen herumschwärmten, und das Wunderbare war nur, dass man auch
die allerfernsten Vögel deutlich erkannte und ihre Gestalt und Farben
unterscheiden konnte. Nachdem ich mich sattsam umgeschaut, blickte ich wieder in
die dunkle Tiefe, wo ich jetzt eine Felsschlucht entdeckte, die für sich allein
von der Sonne erhellt war. Auf dem tiefsten Grunde lag eine kleine Wiese an
einem klaren Bache; mitten auf derselben sass auf ihrem kleinen Strohsessel meine
Mutter in einem braunen Einsiedlerkleide und mit eisgrauen Haaren. Sie war alt
und gebeugt, und ich konnte ungeachtet der fernen Tiefe jeden ihrer Züge genau
erkennen. Mit einer grünen Rute hütete sie eine kleine Herde Silberfasanen, und
wenn einer weglaufen wollte, schlug sie leise auf seine Flügel, worauf einige
glänzende Federn emporschwebten und in der Sonne spielten. Am Bächlein aber
stand ihr Spinnrad, das rings mit Schaufeln versehen und eigentlich ein kleines
Mühlrad war und sich blitzschnell drehte. Sie spann nur mit der einen Hand den
glänzenden Faden, der sich nicht auf die Spule wickelte, sondern kreuz und quer
an dem Abhange herumzog und sich da sofort zu grossen Flächen blendender Leinwand
gestaltete. Diese stieg höher und höher heran; plötzlich fühlte ich ein schweres
Gewicht auf der Schulter und merkte, dass ich den vergessenen Mantelsack trug,
der von den feinen Hemden ganz geschwollen war. Jetzt sah ich freilich, woher
dieselben kamen. Während ich mich mühselig damit schleppte, entdeckte ich, dass
die Fasanen alles schöne Bettstücke waren, welche die Mutter eifrig sonnte und
ausklopfte. Dann raffte sie dieselben zusammen und trug sie geschäftig herum und
eines ums andere in den Berg hinein. Wenn sie wieder herauskam, so schaute sie,
mit der Hand über den Augen, sich um und sang leise, was ich aber deutlich
vernahm:
»Mein Sohn, mein Sohn,
O schöner Ton!
Wann kommt er bald,
Geht durch den Wald?«
Da ersah sie mich in der Höhe wie in der Luft schwebend und sehnlich zu ihr
hinabblickend. Sie stiess einen lauten Freudenruf aus und huschte wie ein Geist
davon über Fels und Stein, ohne zu gehen, dass sie mir immer ferner zu
entschwinden drohte, während ich vergeblich rufend nacheilte und der Steg sich
bog und krachte, die Baumkronen schwankten und rauschten.
    Da war der Wald aus, und ich sah mich auf dem Berge stehen, welcher der
Heimatstadt gegenüberliegt; aber welchen Anblick bot diese! Der Fluss war zehnmal
breiter als sonst und glänzte wie ein Spiegel; die Häuser waren alle so gross wie
sonst die Münsterkirche, von der fabelhaftesten Bauart, und glänzten im
Sonnenschein, die Fenster mit einer Fülle von Blumen geziert, die schwer über
die mit Bildwerken bedeckten Mauern herabhingen. Die Linden stiegen unabsehbar
in den dunkelblauen durchsichtigen Himmel hinein, der ein einziger Edelstein
schien, und die riesigen Lindenwipfel wehten dran hin und her, als ob sie ihn
noch blanker fegen wollten, und zuletzt wuchsen sie in die durchsichtige blaue
Kristallmasse hinein.
    Zwischen den grünen Laubgebirgen der Linden stiegen die Münstertürme empor,
während das ungeheure Steinschiff unter Hügeln von Millionen herzförmiger
Lindenblätter lag und nur da oder dort eine purpurrote oder blaue Glasscheibe
hervorfunkelte, von einem verlorenen Sonnenstrahl durchschossen. Die goldenen
Kronen aber, welche die Turmknöpfe bildeten, schimmerten in der Himmelshöhe und
waren voll junger Mädchen; die streckten ihre Lockenköpfe rings durch den
gotischen Zierat in die Welt hinaus. Obgleich ich jedes Lindenblatt scharf
umrissen erkannte, vermochte ich doch nicht zu sehen, wer alle diese Mädchen
waren, und ich beeilte mich hinüberzukommen, da es mich sehr wundernahm, wer
alle diese Mitbürgerinnen sein möchten.
    Zur rechten Zeit sah ich den Goldfuchs neben mir stehen, legte ihm den
Mantelsack auf und begann den jähen Staffelweg hinunterzureiten, der zur Brücke
führte. Jede Staffel war aber ein geschliffener Bergkristall, und darin
eingeschlossen lag ein spannelanges Weibchen gleichsam schlafend, von
unbeschreiblichem Ebenmass und Schönheit der Gliederchen. Während der Goldfuchs
den halsbrechenden Weg hinunterstieg und jeden Augenblick seinen Reiter in die
Tiefe zu stürzen drohte, bog ich mich links und rechts vom Sattel und suchte mit
sehnsuchtsvollen Blicken in den Kern der Kristallstufen zu dringen.
    »Tausend noch einmal!« rief ich lüstern vor mich hin, »was mögen das nur für
allerliebste Wesen sein in dieser verwünschten Treppe?«
    Ohne dass ich mich im geringsten wunderte, fing das Pferd plötzlich an zu
sprechen, indem es den Kopf zurückwandte und antwortete: »Was wird's sein? Das
sind nur die guten Dinge und Ideen, welche der Boden der Heimat in sich schliesst
und die derjenige herausklopft, der im Lande bleibt und sich redlich nährt!«
    »Zum Teufel!« rief ich, »ich werde gleich morgen hier herausgehen und mir
einige Stufen aufschlagen!«
    Und ich konnte meine Blicke nicht wegwenden von der langen Treppe, die sich
schon glänzend hinter mir den Berg hinan schmiegte. Das Pferd aber sagte, das
sei nur eine leichte Anschürfung, der ganze Boden stecke voll von solchen
Sachen. Wir langten jetzt unten bei der Brücke an. Das war aber nicht mehr die
alte Holzbrücke, sondern ein Marmorpalast, der in zwei Stockwerken eine endlose
Säulenhalle bildete und so als eine niegesehene Prachtbrücke über den Fluss
führte. Was sich doch alles verändert und vorwärtsschreitet, wenn man nur einige
Jahre weg ist! dachte ich, als ich gemächlich und neugierig in die weite
Brückenhalle ritt. Während das Gebäude von aussen nur in weissem, rötlichem und
schwarzem Marmor glänzte, waren die Wände des Innern mit zahllosen Malereien
bedeckt, welche die ganze Geschichte und alle Tätigkeiten des Landes
darstellten. Das ganze abgeschiedene Volk war sozusagen bis auf den letzten
Mann, der soeben gegangen, an die Wand gemalt und schien mit dem lebendigen, das
auf der Brücke verkehrte, eines zu sein; ja manche der gemalten Figuren traten
aus den Bildern heraus und wirkten unter den Lebendigen mit, während von diesen
manche unter die Gemalten gingen und an die Wand versetzt wurden. Beide Parteien
bestanden aus Helden und Weibern, Pfaffen und Laien, Herren und Bauern,
Ehrenleuten und Lumpenhunden; der Eingang und Ausgang der Brücke aber war offen
und unbewacht, und indem der Zug über dieselbe beständig im Gange blieb und der
Austausch zwischen dem gemalten und wirklichen Leben unausgesetzt stattfand,
schien auf dieser wunderbar belebten Brücke Vergangenheit und Zukunft nur ein
Ding zu sein.
    »Nun möcht ich wohl wissen, was das für eine muntere Sache ist!« summte ich
in mich hinein, und das Pferd antwortete auf der Stelle:
    »Dies nennt man die Identität der Nation!«
    »Ei, du bist ein sehr gelehrter Gaul!« rief ich, »der Hafer muss dich
wirklich stechen! Woher nimmst du derartige Brocken?«
    »Erinnere dich«, sagte der Goldfuchs, »auf wem du reitest! Bin ich nicht aus
Gold entstanden? Gold aber ist Reichtum, und Reichtum ist Einsicht.«
    Bei diesen Worten merkte ich sogleich, dass mein Mantelsack statt mit Gewand
jetzt gänzlich mit jenen goldenen Münzen angefüllt war. Statt zu grübeln, woher
sie so unvermutet wiedergekommen, fühlte ich mich höchst zufrieden in ihrem
Besitze, und obschon ich dem weisen Gaule nicht mit gutem Gewissen recht geben
konnte, dass Reichtum Einsicht sei, fand ich mich doch unvermutet so
einsichtsvoll, dass ich wenigstens nichts erwiderte und gemütlich weiterritt.
    »Nun sage mir, du weiser Salomo!« begann ich nach einer Weile von neuem,
»heisst eigentlich die Brücke die Identität oder die Leute, so darauf sind?
Welches von beiden nennst du so?«
    »Beide zusammen sind die Identität, sonst spräche man ja nicht davon!«
    »Der Nation?«
    »Der Nation, versteht sich!«
    »Also ist die Brücke auch eine Nation?«
    »Ei, seit wann«, rief das Pferd unwillig, »kann denn ein Vehikel, so schön
es ist, eine Nation sein? Nur Leute können eine sein, folglich sind es die Leute
hier!«
    »So! und doch sagtest du soeben, die Nation und die Brücke machen zusammen
eine Identität aus!«
    »Das sagt ich auch und bleibe dabei!«
    »Nun also?«
    »Wisse«, antwortete der Gaul bedächtig, indem er sich auf allen vieren
spreizte, »wisse, wer diese heikle Frage zu beantworten und den Widerspruch zu
lösen versteht, der ist ein Meister und arbeitet an der Identität selber mit.
Wenn ich die richtige Antwort, die mir wohl so im Munde herumläuft, rund zu
formulieren verstände, so wäre ich nicht ein Pferd, sondern längst hier an die
Wand gemalt. Übrigens erinnere dich, dass ich nur ein von dir geträumtes Pferd
bin und also unser ganzes Gespräch eine Ausgeburt und Grübelei deines eigenen
Gehirnes ist. Mitin magst du fernere Fragen dir nur selbst beantworten aus der
allerersten Hand!«
    »Ha! du widerspenstige Bestie!« schrie ich und stiess dem Tiere die Fersen in
die Weichen, »um so mehr, du undankbarer Klepper, bist du mir zu Red und Antwort
verpflichtet, da ich dich aus meinem so mühselig ergänzten Blute erzeugen und
diesen Traum lang speisen und nähren muss!«
    »Hat auch was Rechtes auf sich!« sagte das Pferd gelassen. »Dieses ganze
Gespräch, überhaupt unsere ganze werte Bekanntschaft ist das Werk und die Dauer
von kaum drei Sekunden und kostet dich kaum einen Hauch von deinem geehrten
Körperlichen!«
    »Wie, drei Sekunden? Ist es nicht wenigstens eine Stunde, seit wir auf
dieser endlosen Brücke reiten?«
    »Drei Sekunden dauert der Hufschlag des nächtlichen Reiters, der meine
Erscheinung in dir hervorgerufen; mit ihm wird sie verschwinden, und du kannst
wieder zu Fuss gehen!«
    »Um des Himmels willen! So verliere keine weitere Zeit, sonst geht der
Augenblick vorüber, eh ich über diese schöne Brücke im reinen bin!«
    »Es eilt gar nicht! Alles, was wir für jetzt zu erleben und zu erfahren
haben, geht vollkommen in das Mass des wackern Pferdetrittes hinein, und wenn der
richtig denkende Psalmist den Herren seinen Gott anschrie: Tausend Jahre sind
vor dir wie ein Augenblick! so ist diese Hypotese von hinten gelesen eine und
dieselbe Wahrheit: Ein Augenblick ist wie tausend Jahre! Wir könnten noch
tausendmal mehr sehen und hören während dieses Hufschlages, wenn wir nur das
Zeug dazu in uns hätten, lieber Mann! Alles Drängen oder Zögern hilft da nichts,
alles hat seine bequemliche Erfüllung, und wir können uns ganz gemächlich Zeit
lassen mit unserm Traum, er ist, was er ist, und nicht mehr noch minder!«
    Ich hörte nicht länger auf die Reden des Pferdes, weil ich bemerkte, dass ich
von allen Seiten mit biederer Achtung begrüsst wurde; denn schon mehr als einer
der Vorübergehenden hatte mit eigentümlichem Griffe meinen strotzenden
Mantelsack betastet, ungefähr wie die Metzger tun, wenn sie in den Bauernställen
oder auf Märkten ein Stück Rindvieh auf seine Fettigkeit prüfen und ihm Kreuz
und Lenden bekneifen.
    »Das sind ja absonderliche Manieren!« sagte ich endlich; »ich glaubte, es
kenne mich kein Mensch hier!«
    »Es gilt auch nicht dir«, meinte der Goldfuchs, »sondern deinem Quersack,
deiner dicken Goldwurst, die mir das Kreuz drückt!«
    »So? also das ist die Lösung und das Geheimnis deiner ganzen
Identitätsfrage, das gemünzte Gold? Denn du bist ja aus gleichem Stoffe, ohne
dass dich ein einziger betastet!«
    »Hm!« machte das Pferd, »das ist nicht so genau zu nehmen. Die Leute haben
allerdings ihr Augenmerk darauf gerichtet, ihre Identität, die sie in diesem
Falle Unabhängigkeit nennen, zu behaupten und gegen jeglichen Angriff zu
verteidigen. Nun wissen sie aber, dass ein kampffähiger guter Soldat wohlgenährt
sein und ein Frühstück im Magen haben muss, wenn er sich schlagen soll. Da dies
aber nur durch allerhand Gemünztes zu erreichen und zu sichern ist, so
betrachten sie jeden, der damit versehen, als einen gerüsteten Verteidiger und
Unterstützer der Identität und sehen ihn drum an. Da läuft es denn freilich mit
unter, dass sie ihre Privatsachen mit den öffentlichen Dingen für identisch
halten, wie man denn in der Übung jeglicher Energie nicht leicht zuviel tun
kann, und so gewinnt dieser oder jener das Ansehen eines habsüchtigen Esels. Sei
dem, wie ihm wolle, ich rate dir, dein Kapital hier noch ein wenig in Umlauf zu
setzen und zu vermehren. Wenn die Meinung der Leute im allgemeinen auch eine
irrige ist, so steht es doch jedem frei, sie für sich zu einer Wahrheit und so
seine Stellung zu einer angenehmen zu machen.«
    Ich griff in den Sack und warf einige Hände voll Goldmünzen in die Höhe,
welche sogleich von hundert in der Luft zappelnden Händen aufgefangen und
weitergeworfen wurden, nachdem jeder das Gold erst besehen und an seinem eigenen
Golde gerieben hatte, wodurch beide Stücke sich verdoppelten. Bald kehrten alle
meine Münzen in Gesellschaft von anderm Golde zurück und hingen sich an das
Pferd; es regnete förmlich Gold, welches sich klumpenweise an alle seine vier
Beine setzte, gleich dem Blumenstaub, der den Bienen Höschen macht, so dass es
bald nicht mehr gehen konnte. Es bildeten sich aber noch grosse Flügel an dem
Tiere, und es glich zuletzt einer Riesenbiene und flog wie eine solche über die
Köpfe des Volkes weg. Erst jetzt schütteten wir zusammen einen rechten Goldregen
nieder, so dass zuletzt ein ungeheures Gesindel von Goldhungrigen hinter uns her
war. Alte und Junge, Weiber und Männer purzelten übereinander, das Gold zu
raffen. Diebe, die von Wächtern transportiert wurden, stürzten sich samt diesen
in den Haufen; Bäckerlehrlinge warfen ihr Brot in das Wasser und füllten ihre
Körbe mit Gold; Priester, die zur Kirche gingen, um zu predigen, schürzten ihre
Talare wie bohnenpflückende Bäuerinnen die Röcke und schöpften Gold hinein;
Magistratspersonen, die vom Ratause kamen, schlichen herbei und schoben
verschämt ein paar zur Seite rollende Stücklein in die Tasche; selbst aus einem
an die Wand gemalten Gerichte liefen die toten Richter vom Tische, liessen den
Angeklagten stehen und stiegen herunter, um hinter mir herzustreichen, und
schliesslich kam der gemalte Verbrecher auch noch gesprungen, um nach Gold zu
schreien.
    Ganz geschwollen vom Bewusstsein des Reichtums, schwebte ich endlich aus der
Brückenhalle hinaus und schwang mich auf dem goldenen Bienenpferde hochmütig in
die Luft, wo ich hoch den Münsterkronen kreiste wie ein Falke, mich bald wählig
niederliess, bald wieder aufstieg und das kindische Traumvergnügen des Fliegens
und Reitens zugleich in vollen Zügen genoss. Aus den Kronen fingerten hundert
weisse Hände nach meinem Golde empor, Augen und Wänglein blühten wie
Vergissmeinnicht und Rosen im Sonnenschein. Das Pferd sagte: »Nun wähle, das sind
die heiratsfähigen Mägdlein des Landes! Das Beste ist eine artige Frau!« Ich
äugelte auch richtig stolz und lüstern auf sie hinunter und gedachte meine
Irrfahrten und erlebten Kümmernisse mit einer konvenablen Heirat abzuschliessen,
als plötzlich eine harte Stimme erscholl, die rief: »Ist denn niemand da, den
Landverderber aus der Luft herabzuholen?«
    »Ich bin schon da!« antwortete der dicke Wilhelm Tell, der in einer
Lindenkrone verborgen sass, die Armbrust auf mich anlegte und mich mit seinem
Pfeile herunterschoss. Ein neuer Ikarus, stürzte ich samt dem Goldfuchs prasselnd
aufs Kirchendach und rutschte von dort jämmerlich auf die Strasse hinab, woran
ich erwachte und mich erschüttert fand, wie wenn ich wirklich gefallen wäre. Der
Kopf schmerzte mich fieberhaft, während ich das Geträumte zusammenlas. Diese
verkehrte Welt, in welcher das im Wachen müssige Gehirn bei nachtschlafender Zeit
auf eigene Faust zusammenhängende Märchen und buchgerechte Allegorien, nach
irgendwo gelesenen Mustern, mit Schulwörtern und satirischen Beziehungen
ausheckte und fortspann, begann mich zu ängstigen wie der Vorbote einer schweren
Krankheit; ja, es beschlich mich sogar wie ein Gespenst die Furcht, auf diese
Art könnten meine dienstbaren Organe mich, das heisst meinen Verstand, zuletzt
ganz vor die Türe setzen und eine tolle Dienstbotenwirtschaft führen.
    Als ich der Sache weiter nachdachte, empfand ich die Gefahr, die darin
liegt, sich gegen Natur und Gewohnheit mit dem völlig Geistlosen beschäftigen
und nähren zu wollen, und doch wusste ich nicht, wie aus dem Banne hinauszukommen
wäre. Darüber schlief ich wieder ein, und das Träumen ging neuerdings an; doch
verlor sich das unheimliche Allegorienwesen, und das Gesetzlose regierte fort.
    Ich trieb jetzt das halbzerbrochene und schwer mit Säcken beladene Pferd
eine bergige Strasse hinauf nach dem Hause der Mutter; es dauerte eine qualvolle
Ewigkeit, bis ich endlich anlangte. Da fiel das Tier zusammen und verwandelte
sich in die schönsten und reichsten Gegenstände und Merkwürdigkeiten aller Art,
von welchen sich auch die Säcke entleerten, Dinge, wie man sie von grossen Reisen
als Geschenke mitzubringen pflegt. Ich stand aber peinlich verlegen bei dem
aufgetürmten Haufen von Kostbarkeiten, der sich offen auf der Strasse
ausbreitete, und ich suchte vergeblich den Drücker der Haustüre und den
Glockenzug. Ratlos und ängstlich die Reichtümer hütend, sah ich an dem Hause
empor und bemerkte erst jetzt, wie seltsam es sich darstellte. Es war gleich
einem alten edeln Schrank- und Täferwerke ganz von dunklem Nussbaumholz gebaut
mit unzähligen Gesimsen, Kassettierungen, Füllungen und Galerien, alles auf das
feinste gearbeitet und spiegelhell poliert. Es war eigentlich das nach aussen
gekehrte Innere eines Hauses. Auf den Gesimsen und Galerien standen
altertümliche silberne Kannen und Becher, Porzellangefässe und kleine
Marmorbilder aufgereiht. Fensterscheiben von Kristallglas funkelten mit
geheimnisvollem Glanz vor einem dunklen Hintergrunde zwischen gemaserten Zimmer-
oder Schranktüren, in denen blanke Stahlschlüssel steckten. Über dieser
seltsamen Fassade wölbte sich der Himmel dunkelblau, und eine halb nächtliche
Sonne spiegelte sich in der dunklen Pracht des Nussbaumholzes, im Silber der
Krüge und in den Fensterscheiben.
    Endlich sah ich auch, dass reichgeschnjetzte Treppen zu den Galerien
hinaufführten, und bestieg dieselben, Einlass suchend. Wenn ich aber eine Türe
öffnete, so sah ich nichts als ein Gelass vor mir, welches mit Vorräten der
verschiedensten Art angefüllt war. Hier tat sich eine Bücherei auf, deren
Lederbände von Vergoldung strotzten; dort war Geräte und Geschirr
übereinandergeschichtet, was man nur wünschen mochte zur Annehmlichkeit des
Lebens; dort wieder türmte sich ein Gebirge feiner Leinwand, oder ein duftender
Schrank öffnete sich mit hundert Kästchen voll Spezereien. Ich machte eine Türe
nach der anderen wieder zu, wohlzufrieden mit dem Gesehenen und nur ängstlich,
weil ich nirgends die Mutter fand, um mich in dem trefflichen Heimwesen sofort
einrichten zu können. Suchend drückte ich mich an eines der Fenster und hielt
die Hand an die Schläfe, um die Spiegelung der Kristallscheibe aufzuheben; da
sah ich, statt in ein Gemach hinein, in einen reizenden Garten hinaus, der im
Sonnenlichte lag, und dort glaubte ich zu sehen, wie die Mutter im Glanze der
lugend und Schönheit, angetan mit seidenen Gewändern, zwischen Blumenbeeten
wandelte. Ich wollte das Fenster aufmachen, ihr zurufen, fand aber durchaus
keinen Riegel oder Knopf, denn ich war ja ausserhalb des Hauses, obschon ich aus
dem Innern nach einem Garten hinausschaute. Am Ende stand ich nur an einer
reichgetäferten Wand auf einem schmalen Gesimse, das meinen Füssen kaum
genügenden Raum bot. Als ich mich hinausbog, um zu sehen, wie ich von der
gefährlichen Stelle hinuntersteigen könne, sah ich auf der Gasse einen
verkniffenen Knirps von Knaben mit grauen verwelkten Haaren, der mit einem
Stecken meine Herrlichkeiten auseinanderstörte.
    Sogleich erkannte ich den Jugendfeind, jenen vom Turme gestürzten Knaben
Meierlein, und kletterte eilig hinunter, ihn zu verjagen. Der aber fing wütend
an zu schelten und als Kindswucherer und Gläubiger aufs neue, nach so viel
Jahren, seine Forderung geltend zu machen, indem er die Hand an den vom Sturze
zerschlagenen Kopf drückte. Er wolle mich jetzt endlich auspfänden, rief er mit
giftigen Worten, dass er zu seiner verschriebenen Sache komme; seine Rechnung sei
pünktlich in Ordnung.
    »Du lügst, du kleiner Schuft«, schrie ich ihm zu, »mach, dass du fortkommst!«
Da erhob er seinen Stock gegen mich, wir gerieten einander in die Haare und
rauften uns unbarmherzig. Der wütende Gegner riss mir alle die schönen Kleider,
die ich trug, in Fetzen, und erst als ich ihn keuchend und verzweifelnd am Halse
würgte, entschwand er mir unter den Händen und liess mich in der schattigen
kalten Strasse stehen. Ermattet sah ich mich mit blossen Füssen dastehen. Das Haus
war aber das wirkliche alte Haus, jedoch halb verfallen, mit zerbröckelndem
Mauerkalk, erblindeten Fenstern, in denen leere oder verdorrte Blumenscherben
standen, und mit Fensterläden, die im Winde klapperten und nur noch an einer
Angel hingen.
    Von meiner trefflichen Traumeshabe war nichts mehr zu sehen als einige
zertretene Reste auf dem Pflaster, welche von nichts Besonderem herzurühren
schienen, und in der Hand hielt ich nichts als den meinem bösen Feinde
abgerungenen Stecken.
    Ich trat entsetzt auf die andere Seite der Strasse und blickte kummervoll
nach den öden Fenstern empor, wo ich deutlich meine Mutter, alt und grau und
bleich, hinter der dunklen Scheibe sitzen sah, wie sie in tiefem Sinnen ihren
Faden spann.
    Ich streckte die Arme nach dem Fenster empor; als sich die Mutter aber leis
bewegte, verbarg ich mich hinter einem Mauervorsprung und suchte bang aus der
stillen dämmerigen Stadt zu entkommen, ohne gesehen zu werden. Ich druckte mich
längs den Häusern hin und wanderte alsbald an meinem schlechten Stabe auf einer
unabsehbaren Landstrasse dahin zurück, woher ich gekommen war. Ich wanderte und
wanderte rastlos und mühselig, ohne mich umzusehen. In der Ferne sah ich auf
einer ebenso langen Strasse, die sich mit der meinigen kreuzte, meinen Vater
vorüberwandern mit seinem schweren Felleisen auf dem Rücken.
    Als ich erwachte, fiel mir ein Stein vom Herzen, so traurig war mir dieser
letzte Teil der geträumten Abenteuer.
    So ging es nächtelang fort, obgleich zuweilen auch etwas mässiger, so dass der
erträumte Zustand an eine Art ruhiger Zufriedenheit grenzte. Einmal träumte mir,
dass ich an dem Rande des Vaterlandes auf einem Berge sässe, der von
Wolkenschatten verdunkelt war, während das Land in hellem Scheine vor mir
ausgebreitet lag. Auf den weissen Strassen, den grünen Fluren wallten und zogen
Scharen von Volk und Leuten und sammelten sich zu heiteren Festen, zu
verschiedenen Handlungen und Lebensübungen, was alles ich aufmerksam
beobachtete. Wenn aber solche Scharen oder Aufzüge nah an mir vorübergingen und
ich von den Leuten erkannt wurde, schalten sie mich im Vorbeigehen, wie ich,
teilnahmlos in Trauer verharrend, nicht sehe, was um mich her geschehe, und sie
forderten mich auf, ihnen zu folgen. Ich verteidigte mich aber freundlich und
rief ihnen zu, ich sähe alles genau, was sie bewege, und nähme teil daran. Nur
sollten sie sich jetzt nicht um mich kümmern, so sei mir wohler.
    Diese Vorstellung hatten meine emsigen Traumgeister offenbar folgenden
Versen eines Unbekannten entwendet, die ich am Abend vorher in einigen
zerrissenen Druckblättern gelesen:
Klagt mich nicht an, dass ich vor Leid
Mein eigen Bild nur könne sehen!
Ich seh durch meines Leides Flor
Wohl euere Gestalten gehen.
Und durch den starken Wellenschlag
Der See, die gegen mich verschworen,
Geht mir von euerem Gesang,
Wenn auch gedämpft, kein Ton verloren.
Und wie die müde Danaide wohl,
Das Sieb gesenkt, neugierig um sich blicket,
So schau ich euch verwundert nach,
Besorgt, wie ihr euch fügt und schicket!
 
                                 Achtes Kapitel
                             Der wandernde Schädel
So ging es in den Nächten zu. Wie ich die Tage damals verbracht, weiss ich mir
kaum mehr vorzustellen; es war die verwunderlichste Übung der Geduld mit dem
Schicksal, das will sagen, mit sich selbst. Und wie ich vorahnend gedacht, löste
sich der Ausgang auf diese Weise am leichtesten von den Dingen. Es dauerte nicht
viele Tage, so zeigte es sich, dass mein verwitweter Hauswirt ohne seine Frau
nicht bestehen konnte und sich genötigt sah, die Haushaltung aufzulösen, die
Kinder einstweilen den Eltern der Verstorbenen zuzuschicken und die Wohnung zu
räumen. Schon waren die Kleinen fort, als der Mann mir mürrisch und gleichgültig
anzeigte, ich habe eine andere Unterkunft zu suchen, da er selbst am nächsten
Tage ausziehe.
    Ich hatte nun alle die Jahre her in dem Hause gewohnt, und da ein übles
Geschick meine fahrende kleine Habe auseinandergeblasen, so beschloss ich auf der
Stelle, nach der Heimat zu gehen, statt einen bettelhaften Einzug in eine neue
Wohnung zu halten. Ich änderte auch den Entschluss nicht, als mir nach Abtrag
dessen, was ich dem Manne und andern noch etwa schuldig war, von dem bei Herren
Joseph Schmalhöfer erworbenen Reichtume nicht so viel übrigblieb, womit ich
hätte fahren können. Es reichte vielmehr zur Not für eine Fusswanderung hin, wenn
ich das Geld genau einteilte, Tag und Nacht im Freien blieb und nur wenig
Nahrung genoss.
    Um nun aber in den abgetragenen Kleidern nicht völlig einem Landfahrer
ähnlich zu sehen, griff ich zum letzten Hilfsmittel, nämlich zu den Bildchen,
die ich bei dem jüdischen Kunstschneider hängen hatte. Ohne Zeit zu verlieren,
ging ich zu ihm, nahm auch jenes etwas grössere, auf der Ausstellung verunglückte
Stück mit und frug ihn, ob er mich für die drei Malereien neu und gut kleiden
und was er noch an barem Gelde herauszahlen wolle.
    Zu letzterm war er natürlich nicht zu bewegen; dafür fiel der Anzug leidlich
gut aus, den zu liefern er nach seiner Geschäftsmaxime gleich bereit war; er
liess sich sogar zur Leistung eines festen stattlichen Hutes herbei, dessen Rand
den Hals gegen den Regen zu schützen versprach. Ich fand mich bei alledem wohl
bedient und beraten und schied zufrieden von dem Notelfer, nachdem ich in einer
Hinterstube die Kleider gewechselt und ihm den abgelegten Habit als Zeichen
meiner Erkenntlichkeit für menschenfreundliche Behandlung überlassen.
    Auf dem Rückwege schwankte ich, ob ich nicht den alten Schmalhöfer noch
aufsuchen und von ihm Abschied nehmen solle. Ich besorgte jedoch, er könnte mich
von neuem zu einem nichts entscheidenden und geisttötenden Arbeitsgewinne
verlocken; also vermied ich sein Haus, holte bei der Behörde noch meine
Ausweispapiere und eilte, da der Abend nahte, nach Hause; denn ich wollte mit
angebrochener Nacht unverweilt die Wanderschaft antreten.
    Das war auch geraten, da der Wirt bereits den sämtlichen Hausrat
fortgebracht und auch mein Bett weggeräumt hatte, unbekümmert, wo ich diese
letzte Nacht noch schlafen möge. Ich fand ihn, wie er ganz allein in der stillen
Wohnung stand, die von unsern Tritten und Worten einen ungewohnten Widerhall
hören liess, weil sie gänzlich leer war. Nur etwas Kleider und kleines Geräte
lagen noch beieinander, was er nicht zusammenzupacken wusste, da es ihm an einer
Kiste fehlte. Ich sagte ihm, er könne sich meines grossen Koffers bedienen, den
ich zunächst nicht brauche. Das nahm er ohne Dank an, wofür ich ihm auch einen
Streich spielte. Denn als ich nun in meine zwei Zimmer ging, in eine Reisetasche
ein Restchen Wäsche und meine schön gebundene Jugendgeschichte gesteckt hatte
und mich umsah, was etwa noch zu tun wäre, entdeckte ich zu meinem Schrecken
noch den Schädel des Albertus Zwiehan, der allein unversorgt zurückblieb.
    Erschüttert nahm ich das unselige Sphäroid, das nicht zur Ruhe kommen
konnte, in die Hand und fühlte Gewissensbisse. Armer Zwiehan! dachte ich, du
bist einst von Ostindien nach der Schweiz gereist, von da nach Grönland und
wieder zurück, dann hierher, und nun mag Gott wissen, was aus dir wird, den ich
so leichtfertig vom Friedhofe genommen habe!
    Aber das half nun nichts; ich hob den Deckel meines leeren Koffers und legte
den alten Schädel hinein, die weitere Fürsorge dem auf dem Sprunge stehenden
Hauswirte überlassend, der sich in seinem Unstern so wenig liebenswürdig gegen
mich benahm, obgleich ich seit länger als fünf Jahren an den Unterhalt seiner
Familie so manchen guten Taler beigetragen.
    Dann trat ich mit umgehängter Tasche aus meiner besonderen Trauerwohnung in
die allgemeine hinaus, gab dem Manne rasch die Hand und stieg die Treppe
hinunter. Kaum war ich aber auf dem Flur angelangt, so rief der Unhold von oben
her meinen Namen und schrie: »Da, nehmen's den auch mit, der gehört Ihnen!«
Gleichzeitig kollerte und polterte der Totenkopf die lange hölzerne Treppe
herunter und schlug mir unsanft an die Fersen.
    Ich hob ihn auf; in der vorgerückten Dämmerung liess er erbärmlich den
Unterkiefer fallen, der in Drähten hing, und schien so zu bitten, ihn nicht
zurückzulassen.
    »So komm mit«, sagte ich, »wir wollen wieder zusammen heimgehen! Es war eine
merkwürdige Reise!«
    Ich zwängte den Schädel mit Mühe in die Wandertasche, wodurch diese ein
unförmliches Aussehen gewann, wie wenn ein Kommissbrot oder ein Kohlkopf
darinsteckte.
    Nun hatte ich noch ein einziges Geschäft zu verrichten, das mir nicht
leichtfiel. Seit dem sonderbaren und unverhofften Liebesabenteuer mit Hulda war
ein Sonnabend von mir unbenutzt verstrichen und jetzt eben der zweite da. Durch
die Nachrichten des hochzeitreisenden Landsmannes sowie durch die erfahrenen
Traumgesichte waren mir Mut und Lust zur Verwirklichung der tannhäuserlichen
Glückspläne vergangen; und doch drängte mich jetzt ein Gefühl von warmer
Dankbarkeit, selbst von zärtlicher Zuneigung und Erinnerung, nicht ohne ein Wort
des Abschiedes, der Verständigung davonzugehen. Ich hoffte, das süsse und
ehrenwerte Geschöpf mit dem Geständnisse, dass ich kein Handwerksgeselle, sondern
ein verarmter Künstler sei, der nicht wisse, was noch aus ihm werden solle, und
vorerst das Land verlassen müsse, unschwer von seinen Gedanken abzubringen, über
den abermaligen Verlust eines Liebhabers zu trösten und so im Frieden zu
scheiden. Mit Tasche und Stab schon auf der Wanderschaft, schlug ich die
Richtung nach der Strasse ein, wo sie wohnte. Da es noch etwas zu früh war, trat
ich in ein Gastbaus, um ein letztes Abendbrot in dieser Stadt zu mir zu nehmen.
Dann fand ich bald im Laternenlichte das Haus und setzte mich im Schatten einer
gegenüberstehenden Brunnensäule auf ein kleines Bänklein. Nun kam die anmutige
Gestalt geschritten, im Werkeltagsgewande, aber nicht allein; ein schlanker
junger Mensch begleitete sie, dem Anscheine nach ein Studierender oder Künstler,
der eindringlich zu ihr redete. In der Nähe der Haustüre ging sie etwas
langsamer, und ich vernahm, da sie jetzt zu sprechen anfing, die mir bekannte
liebliche und offenherzige Stimme, die nur etwas trauriger oder weicher klang
als an jenem Abend.
    »Die Lieb ist eine ernstliche Sache«, sagte sie, »selbst im Scherze! Aber es
gibt wenig Treu und Ehrlichkeit in der Welt. Nun, wir wollen die Bekanntschaft
probieren, wenn Sie mich morgen auf den Tanz führen mögen; es wundert mein Herz,
wie es ist, wenn es mit einem Herrn geht!«
    Der neue Sponsierer antwortete mit leiser Flüsterstimme etwas, was ich nicht
verstand; ich hörte einen leisen Kuss, ein »Gute Nacht!« worauf das Mädchen
hinter der Haustüre verschwand und dieselbe zuschlug, der junge Mann aber
raschen Schrittes seiner Wege ging.
    Das ist auch eine Freisprechung! dachte ich und erhob mich mit erleichtertem
Gewissen, jedoch mit einer sehr krausen Empfindung. Ohne mich indessen weiter
umzusehen oder eine Minute länger in der Stadt aufzuhalten, eilte ich dem Tore
zu und wanderte wenige Zeit später auf der nächtlichen Heerstrasse in der
Richtung meines Heimatlandes fort.
    Zufrieden mit der klaren und fertigen Form, welche mein Geschick nun
angenommen hatte, setzte ich ohne Hast und ohne Aufentalt Fuss für Fuss, als
einziges Ziel im Auge, unter das Dach der Mutter zu treten, gleichviel ob arm
oder reich. Stundenlang ging es so weiter; ich beachtete nicht, dass ich auf
einem Kreuzungspunkte war und von der Hauptstrasse auf eine unmerklich schmälere
Seitenstrasse geriet, dass sich eine solche Abzweigung nochmals wiederholte, bis
ich mich auf einem ländlichen Fahrwege befand. Da ich aber nach dem Stande der
Gestirne ungefähr nach der richtigen Himmelsgegend zog, so kam es mir nicht so
sehr darauf an, ich rechnete eine etwelche Abirrung zu den nötigen Erlebnissen
eines Landfahrers. Ich ging durch Gehölze, über Feld- und Wiesenfluren, an
Dörfern vorbei, deren schwache Umrisse oder verlorene Lichter weit vom Wege
lagen. Die tiefste Einsamkeit waltete auf Erden, als es Mitternacht wurde und
ich über weite Feldgemarkungen ging; um so belebter waren die mit den langsam
rückenden Sternbildern durchwirkten Lüfte, denn die unsichtbaren Schwärme der
Zugvögel rauschten und lärmten in der Höhe. Noch nie hatte ich diesen
herbstlichen Nachtverkehr des Himmels so deutlich wahrgenommen.
    Ich kam in einen grossen Forst, und die Dunkelheit wurde vollkommen. Still
huschte der Kauz an meinem Gesichte vorüber, und aus der Tiefe schrie der Uhu.
Als ich aber durchfröstelt und ermüdet war, stiess ich in einer Waldlichtung auf
einen rauchenden Kohlenmeiler, dessen Hüter in seiner Erdhütte lag und schlief.
Ich setzte mich still an den heissen Meiler, wärmte mich und schlief ein, bis ein
Flug hellschreiender Wanderfalken, deren silberblaue Flügel und weisse Brüste im
ersten Frührot blitzten, über den Wald flog und mich weckte. Wie ich mich
ermunterte, begann der Köhler aus der Hütte zu kriechen, die Füsse voran; vor ihm
stehend wie ein eben angekommener Wandersmann, wünschte ich ihm einen guten
Morgen und fragte nach der Gegend und der rechten Strasse. Er wusste nicht viel zu
sagen, als dass ich mehr westwärts zu gehen habe.
    Der Wald nahm ein Ende, und ich trat in eine weite deutsche
Herbstmorgenlandschaft hinaus. Waldige und dunkle Gebirgszüge streckten sich am
Horizont; durch das Land wand sich ein rötlicher Fluss, weil der halbe Himmel im
Morgenrot flammte und die purpurn angeglühten Wolkenschichten über Feldern,
Höhen, Dörfern und einer betürmten Stadt hingen. Die Nebel rauchten an den
Waldhängen und zu Füssen der schwarzblauen Berge. Schlösser, Stadttore und
Kirchtürme glänzten rot; dazu entrollte sich ein hallender Jagdlärm in den
Wäldern, Hörner tönten, Hunde musizierten fern und nah, und ein schöner Hirsch
sprang an mir vorüber, als ich eben den Forst verliess.
    Das Morgenrot verkündete freilich ein nasses Abendbrot und gab mir keine
gute Aussicht. Wenn ich meinen Wanderplan innehalten wollte, so durfte ich nicht
daran denken, ein Nachtlager zu suchen, weil das mich für einen Tag der Nahrung
berauben konnte. Ich dachte daher mit einigem Schrecken an die kommenden Fluten
und dass ich durchnässt die zweite Nacht hindurch wandern müsse. Die Nässe und der
Schmutz besiegeln jeglichen schlechten Humor des Schicksals und nehmen dem
Verlassenen noch den letzten Trost, sich etwa auf die mütterliche Erde zu
werfen, wo es niemand sieht. Überall kältet ihm die unerbittliche Feuchte
entgegen, und er ist genötigt, aufrecht zu bleiben.
    In wenigen Stunden verhüllte auch ein graues Nebeltuch alles Licht, und das
Tuch begann sich langsam in nasse Fäden zu entfasern, bis ein gleichmässiger
starker Regen weit und breit herniederfuhr, der den ganzen Tag anhielt. Nur
manchmal wechselte das nasskalte Einerlei mit noch kräftigeren Regengüssen, die,
vom Winde gepeitscht, einen bewegtern Rhytmus in das Wasserleben brachten; das
Land und Wege überschwemmte. Ich schritt unverdrossen durch die Fluten, froh,
dass ich meinen neuen Anzug von tüchtigem Stoffe gewählt, der etwas aushielt.
Erst zur Mittagszeit, dann aber pünktlich, kehrte ich in einem Dorfe ein und ass
eine warme Suppe mit etwas Fleisch und Gemüse nebst einem grossen Stück Brot.
Auch ruhte ich eine Stunde und ging darauf wieder in den Regen hinaus. Denn wenn
ich in acht Tagen, welche ich mindestens brauchte, nach Hause gelangen wollte,
so musste ich mich genau in jeder Hinsicht an die vorgesteckte Ordnung halten und
durfte dabei nicht einmal erschöpft oder gar krank werden. Nur so blieb ich bis
zuletzt Meister meiner selbst und hatte niemanden zu fürchten.
    Nach einigen Stunden ging ich abermals auf einem Waldwege, immer bestrebt,
die grosse Hauptstrasse zu erreichen, mit deren Längsachse meine Richtung
allmählich wieder zusammenfallen musste. Als ich abseits vom Wege eine grosse
Buche sah, deren gelbes Laub noch genügend dicht sass, ging ich hin und fand auf
einer ihrer aus dem Boden ragenden Wurzeln eine ziemlich geschützte Ruhestelle
und liess mich nieder. Da kam ein altes Mütterchen dahergetrippelt, welches mit
der einen Hand ein elendes Bündelchen kurzen Reisigs auf dem grauen Kopfe trug,
dessen Haare so rauh und zerzaust waren wie das Gestrüppe darauf; mit der
anderen Hand schleppte sie mühselig ein abgebrochenes kleines Birkenbäumchen
hinter sich her. Mit zitternden Schrittchen zerrte sie emsig und keuchend, viele
ängstliche Seufzer ausstossend, den widerspenstigen Busch über alle Hindernisse
weg, gleich der Ameise, die einen zu schweren Halm nach dem Bau schafft. Ich sah
dem armen Weibe voll Mitleid zu und musste mir gestehen, dass es dieser Kreatur
wohl noch schlimmer ging als mir und sie doch nicht rastete, sich zu wehren. Und
doch war ich wiederum elend genug daran, da ich ihr nicht einmal irgend etwas
helfen oder geben konnte. Wie ich über diese Ohnmacht beschämt hinstarrte, kam
soeben ein Waldhüter des Weges, wohl so alt wie das Weib, aber mit rotem
Gesicht, grossem Schnurrbart, kleinen Ringen in den Ohren und töricht rollenden
Augen. Der machte sich sogleich über die Frau her, welche den Busch erschrocken
fahrenliess, und schrie:
    »Hast wieder Holz gestohlen, du Strolchin?«
    Bei allen Heiligen beteuerte die Alte, dass sie das Birkenbäumchen also
geknickt auf dem Wege gefunden habe. Er rief aber:
    »Lügen tust du auch noch? Wart, ich will dir's austreiben!«
    Und der alte Mann nahm die alte Graue beim vertrockneten Ohr, das unter
einem verschobenen Kattunkäppchen hervorguckte, zerrte sie daran und wollte sie
dergestalt mit sich fortschleppen, dass es unnatürlich anzusehen war. Durch einen
plötzlichen Einfall erleuchtet, holte ich meinen Totenkopf aus der Reisetasche,
stülpte ihn auf den Stock und streckte ihn durch das Laubwerk des Unterholzes,
hinter welchem ich selbst verborgen war. Zugleich rief ich mit zorniger Stimme:
»Lass das Weib gehen, du schlechter Kerl!« und schüttelte den Schädel ein wenig,
dass die Zähne zusammenklappten und das Laub raschelte, aus welchem er
hinausguckte. Es musste für die Leutchen draussen aussehen, wie wenn der Tod in
dem Busch wäre.
    Der Waldhüter blickte nach dem Orte hin, woher die Stimme erscholl,
erstarrte förmlich, wurde fahl wie schlecht gebackenes Brot und liess das Ohr des
Mütterchens fahren. Ich zog das Gespenst sachte zurück; der Waldhüter starrte
bewegungslos her; als ich es aber weiter oben aus dem Gebüsche tauchen liess,
irrten seine rundlichen Augen ihm dortin nach, worauf er, so schnell ihn die
schlotternden Beine tragen wollten, sich davonmachte, ohne einen Laut von sich
zu geben. Erst in bedeutender Entfernung, wo der Weg sich abbog, blieb er einen
Augenblick stehen und schaute behutsam zurück. Da liess ich den Schädel etwas
wackeln, und sogleich verschwand der Flüchtling um die Ecke und war nicht mehr
zu sehen. Er hatte freilich durchaus keinen Grund anzunehmen, dass bei diesem
Wetter und zugunsten des armen Weibchens ein blosser Hokuspokus im tiefen Walde
aufgeführt werde, und überdies zeigten die Ohrringe genugsam an, dass er ein
abergläubischer Mensch war. Das alte Mütterchen, das in seinem Schrecken nichts
als die Flucht des Peinigers gesehen, wusste nicht, wie ihm geschah, liess alles
liegen und machte sich ebenfalls aus dem Staube; mit den zitternden Händen
ruderte sie eifrig in der Luft und redete vor sich hin.
    Meinesteils packte ich das alte gelbliche Kopfgeräte wieder ein, das so gute
Dienste geleistet. Ich war von dem Scherze ordentlich erwärmt worden und ruhte
noch ein Weilchen aus, wie ein Sieger auf dem Kampfplatz, mit dem erquicklichen
Gefühle, dass selten einer so übel daran sei, der nicht durch irgendeine kleine
Wendung über die Dinge gestellt werden könne. Ich betrachtete in Gedanken den
aus dem Felde geschlagenen Unhold und bemühte mich, die Grundlage seines
bestialischen Wesens aufzufinden. Ich sah die rund glänzenden Augen, die
hochroten Gesichtspolster, den grauen, trefflich gepflegten Schnurrbart, die
blanken Knöpfe seines Dienstrockes und glaubte zu fühlen, dass das Fundament all
des anmasslich brutalen Gebausches eine grenzenlose Eitelkeit sei, die sich, als
einem dumm rohen Menschen innewohnend, nicht anders als in solcher Weise zu
äussern wusste.
    Dieser Kerl, dachte ich, welcher vielleicht der sorglichste Vater und Gatte
ist und ein guter Gesell unter seinesgleichen, insofern er nur nicht im Prahlen
und Ausbreiten seiner Art behindert wird, dieser Kerl gefiel sich ausnehmend
wohl und hielt sich nach Massgabe seiner Dummheit für einen Helden, als er das
schwache Weib am Ohr zerrte. Nicht dass er etwa in der Kirche oder im
Beichtstuhle nicht zuweilen einsähe, dass er fehlbar sei; der Rausch der
Eitelkeit und Selbstgefälligkeit ist es, der ihn alle Augenblicke fortreisst und
seinem Götzen frönen lässt. Um so genauer sieht er das Laster an seinem
Vorgesetzten, dieser an dem seinigen, und so stufenweise fort, indem einer es am
andern gar wohl bemerkt, aber nie unterlässt, der eigenen Unart voll Wut den
Zügel schiessen zu lassen, um nicht zu kurz zu kommen und sich herrlich
darzustellen. Alle die tausend voneinander Abhängigen, die sich gegenseitig so
erziehen, streichen ihre grauen Schnurrbärte und lassen die Augen rollen, nicht
aus Bosheit, sondern aus kindischer Eitelkeit. Sie sind eitel im Befehlen und im
Gehorchen, eitel im Stolz und in der Demut; sie lügen aus Eitelkeit und sagen
die Wahrheit nicht um ihrer selbst willen, sondern weil sie ihnen für diesmal
gut ansteht. Neid, Habsucht, Harterzigkeit, Verleumdungssucht, Trägheit, alle
diese Laster lassen sich bändigen oder einschläfern; nur die Eitelkeit ist immer
wach und verstrickt den Menschen unaufhörlich in tausend lügenhafte oder
wenigstens unnötige Dinge, Brutalitäten und kleinere oder grössere Gefahren, die
alle zuletzt ein ganz anderes Wesen aus ihm machen, als er eigentlich zu sein
wünscht. Das ist dann die Folge, eine krankhafte Abirrung von seinem Selbst
statt der angestrebten Befestigung desselben.
    Das ist aber nur die gröbere Hälfte, die Schar der Armen im Geiste. Die
feinere Hälfte, die Schar der Begabten und Gebildeten, irrt nicht von sich ab,
die hat einen Zaubersegen, der heisst: Wir wissen es und wollen es sein, nämlich
eitel! »Die unschuldige Eitelkeit, sie ist die gutartige Verzierung des Daseins!
Das goldene Hausmittelchen der Menschlichkeit und das Gegengift für die grobe,
bösartige Eitelkeit! Die schöne Eitelkeit, als die zierliche Vervollkommnung und
Ausrundung des eigenen Wesens, bringt alle Keimlein zum Blühen, die uns
brauchbar und annehmlich machen für die Welt; sie ist zugleich der feinste
Richter und Regulator ihrer selbst und treibt uns an, das Gute und Wahre, das
sonst verborgen bliebe, in edler Gestalt an den Tag zu bringen. Selbst Christus
war ein bisschen eitel, denn er hielt Haar und Bart gelockt und liess sich die
Füsse salben!«
    So klingt dieses schöne Lied, und diese Eitelkeit ist erst der wahre Moloch,
dessen gelindes Feuer Menschen und Kieselsteine frisst. Er bleibt stets er
selbst, der Moloch, und fürchtet sich nicht und lächelt sein ehernes Lächeln,
während sein heisshungriger Bauch glüht. An ihm versengen sich Freundschaft,
Liebe, Freiheit und Vaterland und alle guten Dinge, und wenn er nichts mehr zu
fressen hat, wird er ein kalter Ofen voll Asche.
    Während dieser eifrigen Predigt, die ich mir selber hielt, war ich
weitergewandert, und da mir das Gedankenspinnen die kühle Zeit vertrieb, so
setzte ich es fort. Ich prüfte nun mich selber und meine Manieren und
untersuchte für den Fall, dass ich von dem Laster mässig frei sein sollte oder je
würde, die Stellung, in welcher man sich der eiteln Welt gegenüber befindet.
Gewiss ist, dachte ich, dass die Eiteln die Sklaven der Freien sind, um deren
Beifall sie buhlen; aber Sklaven empören sich und werden grausam wie die Neger
von St. Domingo. In beiden Fällen gilt es, durch sie hindurchzugehen und mit
ihnen auszukommen, ohne Schaden an der Seele oder am Leibe zu nehmen. Aber warum
soll man sich denn von ihnen unterscheiden, sich über sie erheben? Um auf dieses
Erhobensein selbst wieder eitel zu werden?
    Hier befand ich mich in einer Sackgasse, und indem ich den Ausgang suchte,
wurde die Grübelei von einem Windstosse unterbrochen, der einen Baum so gewaltig
schüttelte, dass dieser seine aufgesammelten Wasser mir jählings auf Schultern
und Rücken warf. Ich schüttelte mich ebenfalls und sah mich nach einer Zuflucht
um, die aber nicht vorhanden und mir auch nicht gestattet war. Dennoch verlangte
mich nach irgendeiner Erleichterung; zuletzt fand ich dieselbe in dem
Zwiehansschädel, der mehr seiner unbequemlichen Form als seines Gewichtes wegen
mich zu drücken begann. Allein im Begriff, ihm seitwärts in einem Dickicht
sachte niederzulegen, überkam mich plötzlich der Wunsch und das Bedürfnis, in
meiner Zwangslage etwas Freiwilliges zu tun und mich dadurch, wenn auch nur
eines Daumens hoch, über dieselbe emporzuheben. Also packte ich den asketischen
Gegenstand wieder auf und setzte die mühselige Wanderschaft fort, die mich zum
Überfluss noch auf allerlei verlorene und schwierige Pfade brachte.
 
                                Neuntes Kapitel
                                Das Grafenschloss
So ging es bis zur Abenddämmerung, wo die Ermüdung, Frost und jegliche Schwäche
so überhandnahmen, dass ein moralischer Zusammenbruch nur durch die ärgerliche
Betrachtung verhindert wurde es könne ja keine Rede davon sein, etwa umzukommen
oder unterzugehen, und das schlechte Abenteuer wäre also als blosse Vexation
durchaus entbehrlich. Ich raffte mich nochmals zusammen und bekam wieder die
Oberhand.
    Endlich trat ich aus den Forsten heraus und sah ein breites Tal vor mir, in
welchem ein grosses Herrengut zu liegen schien; denn schöne Parkbäume zeigten
sich anstatt des Waldes und umgaben eine Dächergruppe, und weiterhin lag
zwischen Feldern und Weidegründen eine weitläufige Dorfschaft zerstreut.
Zunächst vor mir sah ich eine kleine Kirche stehen, deren Türen geöffnet waren.
    Ich ging hinein, wo es schon ziemlich dunkel war und das Ewige Licht wie ein
trübrötlicher Stern vor dem Altare schwebte. Die Kirche war offenbar sehr alt,
die Fenster zum Teil noch aus gemalten Scheiben bestehend und Wand und Boden mit
Grabsteinen und Mälern bedeckt.
    »Hier will ich die Nacht zubringen«, sagte ich zu mir selbst, »und mich im
Schatten dieses Tempels ausruhen!«
    Ich setzte mich in einen schrankartigen Beichtstuhl, in welchem ein dickes
Kissen lag, und wollte eben das Vorhängelchen zuziehen, um augenblicklich
einzuschlafen, als eine Hand das grüne Seidenfähnchen festielt und der Küster,
der mir in weichen Hausschuhen nachgegangen, vor mir stand und sagte:
    »Wollt Ihr etwa hier übernachten, guter Freund? Ihr könnt nicht dableiben!«
    »Warum nicht?« sagte ich.
    »Weil ich sogleich die Kirche schliessen werde! Geht nur hinaus!« erwiderte
der Küster.
    »Ich kann nicht gehen«, sagte ich, »lasst mich hier sitzen, nur einige
Stunden, die Mutter Gottes wird es Euch nicht übelnehmen!«
    »Geht jetzt sogleich!« rief er, »Ihr könnet durchaus nicht hierbleiben!«
    Ich schlich also trübselig aus der Kirche, und der wachsame Seilzieher
machte sich daran, die Türen zu verschliessen. Ich stand jetzt auf dem Kirchhofe,
welcher einem wohlgepflegten Garten glich; jedes Grab war für sich oder mit
andern zusammen ein Blumenbeet, in freier Anordnung; besonders die
Kindergräblein waren anmutig verteilt, bald als eine kleine Versammlung auf
einer Raseninsel, bald einsam in einem lieblichen Schmollwinkel unter einem
Baume, bald zwischen Gräbern der Alten, gleich Kindern, die den Müttern an der
Schürze hangen. Die Wege waren mit Kies bedeckt und sorgfältig gerechet und
führten ohne Scheidemauer unter die dunklen Bäume eines Lustwaldes, Ahorne,
Ulmen und Eschen. Der Regen hatte nachgelassen; doch fielen noch zahlreiche
Tropfen, indes im Westen ein Streifen feurigen Abendrotes lag und einen
schwachen Schein auf die Leichensteine warf. Ich liess mich unwillkürlich auf
eine Gartenbank nieder, die mitten in den Gräbern stand.
    Da kam ein schlankes weibliches Wesen aus dem tiefen Schatten der Bäume
hervor, mit raschen Schritten, welches reiche dunkle Locken im Winde schüttelte
und mit der einen Hand eine Mantille über der Brust zusammenhielt, während die
andere einen leichten Regenschirm trug, der aber nicht aufgespannt war. Diese
sehr anmutige Gestalt eilte gar wohlgemut zwischen den Gräbern herum und schien
dieselben aufmerksam zu besichtigen, ob die Gewächse von Sturm und Regen nicht
gelitten hätten. Hie und da kauerte sie nieder, warf den leichten Schirm auf den
Kiesweg und band eine flatternde Spätrose frisch auf oder schnitt mit einem
glänzenden Scherchen eine Aster oder dergleichen ab, worauf sie weitereilte.
Erschöpft wie ich war, sah ich die schöne Erscheinung vor mir hinschweben und
dachte nicht viel dabei, als der Küster wieder zum Vorschein kam.
    »Hier könnt Ihr auch nicht bleiben, guter Freund!« redete er mich abermals
an; »dieser Gottesacker gehört gewissermassen zu den herrschaftlichen Gärten, und
kein Fremder darf sich da zur Nachtzeit herumtreiben.«
    Ich antwortete gar nichts, sondern sah ratlos vor mich hin; denn ich konnte
mich beinah nicht entschliessen aufzustehen.
    »Nun, hört Ihr nicht? Auf! Steht in Gottes Namen auf!« rief er etwas lauter
und rüttelte mich an der Schulter, wie man einen auf der Wirtsbank
Eingeschlafenen aufmuntert.
    In diesem Augenblicke kam die Dame in die Nähe und hielt ihren sorglosen
Gang an, um dem Handel zuzuschauen. Ihre Neugierde war von so kindlich anmutiger
Gebärde und die Person so schönäugig, soviel in der Dämmerung zu sehen, von so
unverhohlener natürlicher Freundlichkeit, dass ich für den Augenblick neu belebt
mich erhob und mit dem Hut in der Hand vor ihr stand. Ich schlug jedoch verlegen
die Augen nieder, als sie mich in meinem durchnässten und beschmutzten Aufzuge
aufmerksam betrachtete.
    Inzwischen sagte sie zu dem Kirchendiener:
    »Was gibt es hier mit diesem Manne?«
    »Ei, gnädiges Fräulein!« antwortete der Küster, »Gott weiss, was das für ein
Mensch mag sein! Er will durchaus hier einschlafen; das kann doch nicht
geschehen, und wenn er ein armer Vagabund ist, so schläft er gewiss besser im
Dorf in irgendeiner Scheuer!«
    Die junge Dame sagte freundlich, zu mir gewendet: »Warum wollen Sie denn
hier schlafen? Lieben Sie die Toten so sehr?«
    »Ach, mein Fräulein«, erwiderte ich aufblickend, »ich hielt sie für die
eigentlichen Inhaber und Gastwirte der Erde, die keinen Müden abweisen; aber wie
ich sehe, sind sie nicht viel vermögend und wird ihre Intention ausgelegt, wie
es denen gefällt, die über ihren Köpfen einhergehen!«
    »Das sollen Sie nicht sagen«, versetzte lächelnd das Fräulein, »dass wir
hierzulande schlimmer gesinnt seien als die Toten! Wenn Sie sich nur erst ein
bisschen ausweisen wollen und sagen, wie es Ihnen geht, so werden Sie uns
Lebendige hier schon als leidliche Leute finden!«
    »Darf ich Ihnen zum Anfang meine Schriften vorweisen?«
    »Die können falsch sein! Verfahren Sie lieber mündlich!«
    »Nun, ich bin guter Leute Kind und eben im Begriff, sosehr ich kann, zu
laufen, woher ich gekommen bin! Leider geht es nicht unaufgehalten, wie es
scheint!«
    »Und woher kamen Sie denn?«
    »Aus der Schweiz. Seit einigen Jahren lebte ich als Künstler in Ihrer
Hauptstadt, um zu entdecken, dass ich keiner sei. So bin ich nun ohne bequeme
Reisemittel auf dem Heimwege und glaubte, ohne jemandem lästig zu fallen, nur so
durchlaufen zu können. Das hat der Regen verhindert; darum hoffte ich ungesehen
die Nacht in dieser Kirche zuzubringen und in aller Frühe still weiterzuziehen.
Wenn hier ganz in der Nähe ein Vordach oder ein offener Schuppen ist, denn
weiter kann ich nicht mehr, so befehlen Sie grossmütig, dass man mich dort ruhen
lässt und tut, als ob ich gar nicht da wäre, und am Morgen werde ich dankbar
wieder verschwunden sein!«
    »Sie sollen ein besseres Quartier haben, kommen Sie jetzt mit mir, ich will
es vorläufig über mich nehmen, bis mein Vater erscheint, der bald von seiner
Jagdpartie zurückkehren wird.«
    Obschon ich vor kalter Nässe schlotterte, seit ich dastand, zögerte ich
doch, ihr zu folgen. Als das Fräulein mich wartend ansah, bat ich um
Entschuldigung, ich sei trotz meiner wunderlichen Lage kein Bettler, und ihr
Anerbieten kreuze meinen Plan, ohne fremde Hilfe nach Hause zu gelangen.
    »Sie sind aber ja ganz durchnässt und frieren wie ein Pudel, mein stolzer
Herr! Wenn Sie im Freien bleiben, so können Sie bis zum Morgen das schönste
Fieber haben und sind dann erst recht verhindert, ohne Hilfe und Pflege
weiterzukommen. Sie sollen sich vorderhand auch nur in einem Gartenhause
aufhalten, wo ich den Tag zugebracht habe und ein warmes Feuer brennt. So
sperren Sie sich denn nicht länger, damit wir Sie nach Ihrem Wunsche am
sichersten und aufs bäldeste wieder loswerden! Und Ihr, Küster, folgt uns als
dienstbare Begleitung, zur Strafe dafür, dass Ihr diesen frommen Pilgrim so
ungastlich behandelt habt!«
    »Und was würde man mir sagen, gnädigstes Fräulein«, brummte der Küster ganz
unwirsch, »was würde man mit mir anfangen, wenn ich nachts die Kirche offenliesse
oder einen Fremden darin einschlösse? Hat man noch nie von nächtlichem
Kirchenraub gehört? Wurden noch keine Leuchter, Kelche und Patenen gestohlen?«
    Hier musste ich lachen und sagte: »Haltet Ihr mich für einen Shakespeareschen
Bardolph, der in Frankreich wegen der gestohlenen Monstranz gehängt wurde?«
    »Nachdem er schon in England einen Lautenkasten entwendet, zwölf Stunden
weit getragen und für drei Kreuzer verkauft hatte?« fügte das vortreffliche
Frauenzimmer bei, indem sie mit einem hellen Antwortlachen mich anblickte. Da
versetzte ich meinerseits:
    »Wenn Sie im Gebrauche gemeinschädlicher Zitate so schlagfertig sind, darf
ich es doch wagen, Ihnen zu folgen; denn wir gehören ja einem öffentlichen
Geheimorden an, der sein Dasein billig durch gegenseitiges Wohltun nützlich
machen mag.«
    »Sehen Sie, so hat alles in der Welt seine gute Seite!« sagte sie und
schritt vorwärts; ich ging mit, und der Küster folgte uns verblüfft und
misstrauisch durch den dunklen Park. Bald leuchteten durch die Bäume die
erhellten Fenster eines geräumigen Gartenhauses, das in einiger Entfernung vom
Wohngebäude stehen mochte. Wir traten in einen kleinen Saal, der nur durch eine
Glastüre vom Parke getrennt war; ein schönes Feuer brannte im Kamin, die Dame
rückte einen Lehnstuhl von Rohrgeflecht herbei und forderte mich auf, nunmehr
auszuruhen. Ohne Säumen setzte ich mich in den Stuhl, fand mich aber durch meine
unförmige Reisetasche einigermassen belästigt.
    »So legen Sie doch die Tasche ab!« sagte die Herrschaftstochter, »oder
tragen Sie wirklich einen gestohlenen Lautenkasten darin herum, weil Sie sich
nicht davon trennen können?«
    »Es ist so was!« meinte ich dagegen, entledigte mich aber des von dem
Schädel geschwollenen Umhängsels, welches der Küster auf einen Wink des
Fräuleins mir abnahm und in einen Winkel lehnte. Mit der Fussspitze befühlte er
dabei fast unmerklich die rundliche Erhöhung, ob nicht wenigstens eine geraubte
Melone dahinterstecke, da er aus dem Lautenkasten nicht klug wurde.
    Das Fräulein, das inzwischen sich zu schaffen gemacht, kam jetzt wieder,
stellte sich vor mich hin und frug mitleidig: »Wie heissen Sie denn? Oder wollen
Sie ganz inkognito reisen?«
    »Heinrich Lee«, sagte ich.
    »Herr Lee, geht es Ihnen durchaus schlecht? Ich habe keinen rechten Begriff
davon. Sie sind doch am Ende nicht so arm, dass Sie auch nichts zu essen haben?«
    »Es hat nichts zu bedeuten, aber im Augenblicke ist es allerdings so; denn
wenn ich mehr als einmal im Tag esse, so reicht meine Kriegskasse nicht aus, bis
ich nach Hause komme.«
    »Aber warum tun Sie das? Wie kann man sich so der Not aussetzen?«
    »Nun, mit Absicht habe ich es gerade nicht getan; da es aber einmal so ist,
so nehm ich es sogar dankbar hin, insoweit der Zwang einen Dank verdient. Man
lernt an allem etwas. Für Frauen sind dergleichen Übungen nicht notwendig, da
sie immer nur tun, was sie nicht lassen können; für unsereinen sind so recht
handgreifliche Exerzitien gut; denn was wir nicht sehen und fühlen, sind wir
selten zu glauben geneigt oder halten es für unvernünftig und nicht der
Beachtung wert!«
    Sogleich holte sie mit Hilfe des Küsters einen kleinen Tisch herbei, auf
welchem ein paar Teller mit einigem Essen standen.
    »Hier ist zum Glück gerade mein Abendbrot. Nehmen Sie vorläufig etwas zu
sich, bis Papa nach Haus kommt und für Sie sorgt. Geht schnell ins Haus hinüber,
Küster, und lasst Euch von der Haushälterin eine Flasche Wein geben, hört Ihr?
Trinken Sie lieber weissen oder Rotwein, Herr Lee?«
    »Roten!« sagte ich unhöflich, weil ich jetzt wieder verlegen war, in diesem
Zustande zwischen einem hilfsbedürftigen und unbekannten Landfahrer und einem
gut behandelten Angehörigen der Gesellschaft das rechte Wort zu treffen.
    »So soll man Euch von unserm roten Tischwein geben!« rief sie dem abgehenden
Küster nach und zog dann an einer Klingelschnur, worauf ein ländlich gekleidetes
Mädchen herbeigelaufen kam, welches, von meinem Anblick überrascht, stehenblieb
und mich mit Erstaunen betrachtete. Es war die Tochter eines Gärtners, der unter
dem gleichen Dache seine Wohnung hatte; wie sich mit der Zeit ergab, stellte sie
die Dienerin und Vertraute des Fräuleins in einer Person vor und stand mit der
Herrentochter auf du und du.
    »Wo steckst du, Röschen?« rief die letztere, »hurtig zünde Licht an, wir
haben eine Heimsuchung und bleiben vorerst noch hier!«
    Ich unterdessen hatte Gabel und Messer ergriffen, um einer Schnitte kalten
Bratens zuzusprechen, war aber neuerdings verlegen. Das silberne Werkzeug war
ein offenbar lange gebrauchtes Kinderbesteck; auf der kleinen Gabel war in
gotischer Schrift der Name »Dorotea« sauber eingegraben, und da das
neuangekommene Röschen die Herrin soeben Dortchen nannte, hielt ich
unzweifelhaft ihr eigenes Essgeräte in der Hand. Ich legte dasselbe nieder;
Röschen bemerkte gleichzeitig den Umstand und rief: »Was machst du denn,
Dortchen? Du hast ja dem Manne dein eigenes Besteck gegeben!«
    Leicht errötend sagte das sogenannte Fräulein Dortchen: »Wahrhaftig, so geht
es, wenn man zerstreut ist! Entschuldigen Sie, dass ich Sie mit meinen
Kinderwaffen versehen habe! Sollten Sie indessen nicht davor ekeln, so dürften
Sie nur ruhig fortfahren, und ich selbst gewänne das Ansehen einer heiligen
Elisabet, welche die Armen aus ihrem eigenen Teller speist.«
    Auf diesen artigen Scherz wusste ich nichts mehr einzuwenden. Doch wollte es
mit dem Essen nicht recht gehen; ich empfand auf einmal keinen Appetit, vielmehr
bedrückte mich ein Gefühl, als ob ich am unrechten Orte wäre, und wünschte,
draussen auf der Landstrasse und in der Freiheit zu sein, wusste aber freilich, dass
es nicht gut gehen würde. Es wurde mir etwas behaglicher zu Mute, als ich ein
Glas Wein ausgetrunken, das mir Röschen eingeschenkt, mich mit kritischen
Äuglein musternd. Dann lehnte ich mich zurück und sah dem Treiben der beiden
Personen zu. Das Fräulein hatte sich inmitten des Saales an einen grossen runden
Tisch gesetzt, und die Gärtnerstochter stand neben ihr. Auf dem Tische befanden
sich allerlei Gläser und Krügelchen mit Blumen und bunten Waldsachen, wie sie
der Herbst zu bringen pflegt, rote und schwarze Beerenbüschel. Dazwischen lag
merkwürdiges, purpurrotes oder goldgelbes Blattwerk, gefiedert und herzförmig,
glänzend grüne Efeublätter von besonderer Schönheit, Schilf, alles bereit, zu
einem Strausse vereinigt zu werden oder auch so zur Augenweide zu dienen. Die
Blumen schienen von dem Kirchhofe zu kommen, wie ich denn sah, dass das Fräulein
auch die heute gepflückten eben in ein Glas mit frischem Wasser stellte. Einige
Sträusschen waren frisch, andere verwelkt oder halb verwelkt, was anzuzeigen
schien, dass die Schöne eine liebevolle Freundin und Pflegerin der Toten sein
müsse. Das erinnerte mich an die Sage von der heiligen Elisabet, die als Kind
mit ihren Genossen gern auf Gräbern gespielt und von den Toten gesprochen hatte,
und da diese Dorotea selbst in jenen Legenden bewandert war, so verlieh dies
alles ihrem Wesen den Goldglanz einer tieferen Gemütsart, während ihr freies und
entschiedenes Benehmen die Voraussetzung einer kirchlichen Bigotterie nicht
aufkommen liess.
    Ich blickte mit einer Art einschläfernden Wohlgefallens nach dem Tische hin,
sah und hörte mit halboffenen Augen und Ohren noch eine Weile, was sie taten und
sprachen, ohne darauf zu merken, bis ich wirklich einschlief. Auf einem Stuhle
neben sich hatte das Fräulein eine umfangreiche Mappe stehen, aus welcher sie
grössere und kleinere Blätter nahm, die auf Bogen starken Papieres zu heften sie
beschäftigt war, dass die Blätter geschützt und mit einem breiten Rande versehen
wurden. Das bewerkstelligte sie mit kleinen Papierstreifchen und etwas
arabischem Gummi, und Röschen hielt ihr diese Dinge bereit.
    »Nun müssen wir wieder Papier zuschneiden«, sagte sie, als der Vorrat der
Unterlagen soeben zu Ende ging. Sie schoben die hindernde Unordnung des Tisches
eifrig zur Seite, um Raum zu gewinnen, legten neue Bogen auf und begannen mit
ihren Arbeitsscheren darin zu wirtschaften, wie wenn sie Leinwand vor sich
hätten und Handtücher zuschnitten. Da das Papier keine leitenden Fäden besass, so
schrumpfte es stellenweise auf der Klinge zusammen, oder die Scheren fuhren ins
Krumme, und die Mädchen erlitten allerhand kleinen Verdruss, den sie sich
scherzend vorwarfen.
    »Ei, Kind«, rief Dorotea, »du machst ja lauter gefranste Ränder, Papa wird
unsere Arbeit gewiss kassieren, wenn er sie sieht, und sich endlich selbst
dahintermachen!«
    »Und du mit deinem Augenmass! Sieh, wie schief die Landkarte dort sitzt! Da
machen wir's besser, der Vater und ich, wenn wir die Gemüsebeete abteilen!«
    »So schweig doch, ich weiss es ja schon! Es sind aber auch gar zu grosse
Dinger darunter, man kann sie gar nicht ordentlich übersehen! Da haben wir im
Institut vernünftigeres Format gehabt, wenn wir unsere Blumenbildchen malten;
nun, der Papa bringt die Sachen nachher schon mit Lineal und Bleistift in die
Richte. Die Hauptsache ist, dass wir kein Blatt zu klein schneiden; denn er will
alle von der gleichen Grösse haben. Er hat schon einen Kasten dafür machen
lassen, worin sie liegen sollen wie in Abrahams Schoss; auch ein paar hölzerne
Rahmen mit Gläsern hat er für sein Studierzimmer bestellt, um abwechselnd dies
oder jenes Blatt darin aufzuhängen, das ihm besonders gefällt. Diese Rahmen
werden auf der Rückseite mit bequemen Schiebern versehen sein.«
    »Was nur an diesen Sachen zu gucken ist? Zu was braucht man sie denn?«
    »Ei, du Närrchen, zum Vergnügen! Man muss sie kennen oder verstehen, das ist
das Vergnügen! Siehst du denn nicht, wie lustig dies aussieht, alle diese Bäume,
wie das kribbelt und krabbelt von Zweigen und Blättern und wie die Sonne darauf
spielt? Und alles das hat einer lernen müssen, um es hervorzubringen!«
    Röschen legte die Arme auf den Tisch, neigte das Näschen gegen ein Blatt und
sagte: »Wahrhaftig, ja, ich seh's! Wie meines Vaters grüne Sonntagsweste! Ist
das hier ein See?«
    »Warum nicht gar ein See, du Heuschreck! Das ist ja der blaue Himmel, der
über den Bäumen steht! Seit wann sind denn die Bäume unten und das Wasser oben?«
    »Geh doch, der Himmel ist ja rund und gewölbt, und das Blaue hier ist flach
und viereckig, wie unser grosser Teich, wo der Herr die jungen Linden drum hat
pflanzen lassen. Gewiss hast du das Bild verkehrt aufgeklebt! Wend es einmal um,
dann ist das Wasser unten, und die Bäume sind ordentlich oben!«
    »Ja, auf dem Kopf stehend! Das ist ja nur ein Stück vom Himmel, du Kind!
Guck durchs Fenster, so siehst du auch nur ein solches Viereck, du Viereck!«
    »Und du Fünfeck!« sagte Röschen und schlug der Herrin mit der flachen Hand
sanft auf den Rücken.
    Ich schlief über dem Mädchengezwitscher, das sich bis hieher ohne meine
Teilnahme mir ins Gehör geschmeichelt, wirklich ein, erwachte aber einige
Minuten später über einer ganz nah vor mir stattfindenden wohllautenden
Ausrufung meines Namens. Die Gärtnerin hatte nämlich nach einem Weilchen, indem
sie das aufgezogene Blatt weglegte, in einer Ecke desselben Namen und Jahreszahl
zufällig bemerkt und gesagt: »Was steht denn hier geschrieben?« - »Was wird da
stehen!« hatte Dorotea erwidert, »der Name des Künstlers, der die Studien
gemacht hat; denn das nennt man Studien, Landschaftsstudien! Heinrich Lee heisst
er, alles in dieser Mappe ist von ihm!« Dann hatte sie sich plötzlich selbst
unterbrochen, nach mir hergesehen und gerufen: »Wie kann man so gedankenlos
sein! Das sind ja meistens Schweizerlandschaften, wie Papa sagt!«
    Als ich jetzt die Augen aufschlug, stand sie dicht vor mir und hielt einen
grossen Bogen, zierlich an den oberen Ecken gefasst, vor der Brust, wie eine
Kirchenstandarte, den schönen Mund noch geöffnet von dem Ausrufe: »Herr Heinrich
Lee!«
    Ich war aber schon so schlaftrunken, dass ich die ersten Augenblicke nicht
wusste, wo ich mich befand. Ich sah nur ein reizendes Wesen vor mir stehen, das
mit freundlichen Augensternen über ein Bild herblickte. Voll traumhafter
Neugierde beugte ich mich vor und starrte auf das Bild, bis mir erst die
Waldlandschaft als bekannt erschien und ich mich dann auch meiner Jugendarbeit
erinnerte. Es war ein überhöhtes Bild, welches zwischen schlanken Stämmen eine
helvetische Schneefirne schimmern liess. Ich erkannte es besonders auch an einer
grossen, breit wuchernden Schierlingspflanze, deren weisse, auf tiefem Helldunkel
schwebende Blütenbüschel hell vom Lichte gestreift wurden. Diese malerische
Pflanze hatte mir in jenen vergangenen Tagen so viel Freude gemacht, dass ich sie
mit glücklicherm Fleisse als gewöhnlich nachgebildet, und sie war auch so
reichhaltig und gelungen in ihren speziellen Stengel- und Blätterkünsten, dass
ich nie einer zweiten Schierlingsstudie bedurfte, solang ich dieses Blatt besass.
Auch hatte ich ihr ein wehmütiges Fahrewohl gesagt, als ich mich davon trennte.
    Aber von dem Bilde weg blickte ich in das Gesicht hinauf, welches darüber
lächelte, und auch dieses erschien mir in dieser Nähe und der glänzenden
Beleuchtung des Feuers plötzlich als altvertraut; und doch wusste ich nicht, wo
ich es schon gesehen. Ich sann und sann, denn die Erscheinung reichte über
diesen Tag, dessen Erlebnisse mir übrigens auch nicht gleich gegenwärtig waren,
in das Vergangene zurück. Unversehens erkannte ich an einem grüssenden Winken der
Augen und der geöffneten Lippen das schöne Frauenzimmer, welches einst bei dem
alten Trödler ins Fenster geschaut und nach chinesischen Tassen gefragt hatte;
und nun zweifelte ich nicht länger, dass ich noch in einem jener Träume von der
misslungenen Heimkehr begriffen sei, und hielt demnach die ganze Erscheinung für
ein neckendes Traumbild und meine Gedanken hierüber für das scheinbare
Bewusstwerden des Träumenden, der zu erwachen und sich im alten Elende zu finden
fürchtet. Da ich aber in der Tat erwacht war und mit lebendigem Verstande
arbeitete, so empfand ich alles um, so deutlicher und stärker, und als ich den
Blick wieder auf die unschuldige Landschaft wandte, in welcher ich jeden bunten
Stein und jedes Gras wiederzuerkennen mir bewusst war, wurden mir die Augen nass,
und ich drehte den Kopf zur Seite, um das Traumbild verschwinden zu lassen.
    Nach Jahren noch entnehme ich dieser kleinen Begebenheit, dass das Erlebte
zuweilen doch so schön ist wie das Geträumte, und dabei vernünftiger; und auf
die Dauer kommt es ja nicht an.
    Dorotea war verstummt und sah mit Rührung und Teilnahme meinem Verhalten
zu; sie vermochte sich nicht zu bewegen und verharrte daher eine Minute in ihrer
anmutvollen Stellung.
    Endlich rief sie wiederholt meinen Namen und sagte: »So sprechen Sie doch!
Sind Sie es, der dies gemacht hat?«
    Von dem vollen Ton ihrer Stimme ermuntert, stand ich auf, ergriff den Bogen
und nahm denselben prüfend in beide Hände. »Gewiss hab ich das gemacht«, sagte
ich; »wie kommen Sie dazu?« Zugleich wurde ich nachträglich auch der übrigen
Sachen vollständig gewahr, mit denen ich die Frauenzimmer im Halbwachen hatte
hantieren sehen; ich ging zum Tische hin, nahm einige Blätter in die Hand,
störte auch mit ein paar Griffen in der Mappe herum, alle waren es meine
Zeichnungen und Studien; nichts schien zu fehlen, sie lagen beieinander, wie sie
einst in meinem Besitze getan.
    »Welch ein Abenteuer!« rief ich nun selbst voll Verwunderung; »wer würde
glauben, dergleichen zu erfahren!«
    Dann blickte ich wieder auf das Fräulein, das meinen Bewegungen mit ebenso
gespannter als erfreuter Neugierde und offenen Auges folgte; und ich sagte:
»Aber auch Sie hab ich schon gesehen, und ich weiss jetzt, wo Sie die Sachen
geholt haben! Haben Sie nicht eines Tages dem alten Joseph Schmalhöfer ins
Fenster gesehen und nach alten Tassen gefragt, als einer dort auf der Flöte
blies?«
    »Freilich, freilich!« rief sie; »aber lassen Sie mal sehen!«
    Ohne sich zu scheuen, schaute sie mich genau an, indem sie die Hände auf
meine Schultern legte.
    »Wo hab ich heute nur meine Gedanken?« sagte sie mit neuem Erstaunen; »es
ist so! Ich habe dies Gesicht gesehen in der Höhle des Hexentrödlers, wie ihn
der Vater nennt. Und ob die Wolke sie verhülle, haben Sie geflötet, nicht wahr,
Herr Heinrich - Herr Heinrich Lee? Wie heisst es nur weiter?«
    »Die Sonne bleibt am Himmelszelt! es waltet dort ein heil'ger Wille, nicht
blindem Zufall dient die Welt! Was soll ich nun davon denken?«
    »Nun, wenn wir durchaus Mytologie treiben wollen, so mag die allerliebste
Gotteit des Zufalls herrschen, solange sie so artige Streiche macht! Man sollte
ihr nur junge Rosen und Mandelmilch opfern, damit sie immer so leicht, so leis
und so wohltätig regiert! Jetzt aber sollen Sie auch in aller Ordnung
aufgenommen sein, wie es der denkwürdigen Begebenheit und den Umständen gemäss
ist! Im Hause hier ist ein einfaches Gastzimmer. Ich will sogleich die nötige
Vorkehr treffen, dass Sie sich vorderhand umkleiden können. Bleibe so lang hier,
Röschen, dass dem ärmsten Herrn Lee niemand etwas tut!« Worauf sie forteilte.
    Ich wusste nicht, ob ich diese neue Wendung für ein Glück erachten sollte,
und beschaute seufzend meine Zeichnungen, die ich so unerwartet wiedergefunden,
um sie abermals zu verlieren. Das gute Mädchen Rosine, welches sich schnell in
die gute Laune der Herrin gefunden und mich für schüchtern halten mochte, sagte
freundlich: »Machen Sie sich gar nichts daraus! Der Herr Graf und das Fräulein
tun immer, was ihnen beliebt und was recht ist. Und wie sie es tun, so meinen
sie es auch und kümmern sich nicht um das, was andere Herrschaften sagen.«
    »Also bin ich gar noch bei einem Grafen?« versetzte ich, mehr erschrocken
als angenehm überrascht.
    »Das wissen Sie nicht? Beim Grafen Dietrich zu W...berg!«
    Da kam nun nach allem noch die Unkunde hinzu, mit Leuten mir gänzlich
fremder Rangklassen umzugehen; ich hatte in meinem Leben nie mit einem
sogenannten Grafen verkehrt und hegte abenteuerliche Vorstellungen von den
persönlichen Lebensarten und Ansprüchen solcher Herren, die meinen angeborenen
bürgerlichen Gleichheitssinn beeinträchtigten. Bedachte ich aber, dass ich,
selbst wenn der Hausherr ein Bauer wäre, in meinen Schuhen schon nicht mehr auf
gleichen Füssen mit ihm stände, so geriet ich in neue Verwirrung über die
Wendung, die meine Wanderschaft genommen. Das Mädchen fahr jedoch gutmütg fort,
mir Mut einzuflössen.
    »Der Herr wird sich ganz gewiss verwundern und freuen, Sie so unvermutet zu
finden; denn als er seinerzeit die ersten Bilder aus der Residenz gebracht und
später immer noch welche anlangten, hat die Herrschaft sie alle Tage betrachtet,
und die Mappe musste immer bereitstehen.«
    Nach einiger Zeit kam Dortchen zurück. »Tun Sie mir nun den Gefallen und
gehen Sie eine Treppe höher!« sagte sie; »Röschen wird Ihnen hinaufleuchten und
ihr Vater die weitere Handreichung tun. Machen Sie sich so bequem, als es in der
Schnelligkeit möglich ist, damit Sie in guter Verfassung noch den Papa begrüssen
können und ich keinen Verweis wegen versäumter Menschenpflichten erhalte!«
    Ich ergriff meine Reisetasche, welche mir Röschen jedoch abnahm und nebst
einem Leuchter vorantrug, und so wanderte ich in Gottes Namen in den obern Stock
des Gartenhauses und in die Wohnstube des Gärtners. Dieser sass mit dem Küster
beim Abendtrunk und empfing mich schon als einen Ankömmling, bei dem alles in
Ordnung ist; auch der Küster betrachtete mich jetzt als einen Gast, der wohl
empfohlen und erwartet wurde, sich aber offenbar mit der Art seines Auftretens
einen eigentümlichen Scherz gemacht hat. Der Gärtner führte mich noch einige
Stufen höher, wo auf der dem Schloss zugewendeten Rückseite des Gartenhauses
ein auf hölzernen Säulen ruhendes Sälchen hinausgebaut war. Dies angehängte
Lustgebäudchen war aussen von den Säulenfüssen bis zum Dache mit purpurrotem
Geissblatt bekleidet; inwendig entielt das Gemach ein Bett und anderes Geräte in
so genügender Wahl, dass man nicht nur Nächte, sondern auch Tage darin wohnen
konnte.
    Auf Stühlen lagen schon bequemliche Kleidungsstücke bereit, deren mich zu
bedienen der Gärtner die Einladung ergehen liess. Um sie nicht anziehen zu
müssen, zog ich jedoch vor, mich gleich zu Bette zu legen, zumal ich die Augen
zu schliessen wünschte, und ich bat den Gärtner, meine nassen Kleider zu holen,
sobald jenes geschehen sei, damit sie getrocknet und gereinigt würden. Als ich
nach allem diesem endlich im Dunkeln lag, hörte ich Geräusch von Pferden und
Wagen, auch Gebell von Hunden. Das war ohne Zweifel der heimkehrende vornehme
Herr, vor welchen heute nicht mehr hintreten zu müssen ich als schätzbaren
Aufschub betrachtete.
 
                                Zehntes Kapitel
                                  Glückswandel
Der Schlaf war so fest und andauernd, dass ich erst um die Mitte des Vormittags
munter wurde. Meine Kleider waren in gutem Zustande längst geräuschlos in das
Zimmer gebracht worden; als ich sie erblickte, pries ich den Handel, den ich mit
dem freundlichen Hebräer abgeschlossen. So gibt der Augenblick den Dingen stets
ihren besondern Wert: der geringe Ertrag meiner Arbeit erschien mir jetzt in
Gestalt eines anständigen Kleides willkommener, als mir die doppelte oder
vierfache Summe zu anderer Zeit gewesen wäre.
    Während ich mit dem Anziehen beschäftigt war, klopfte jemand an der Türe.
Auf mein »Herein!« öffnete sich dieselbe weit, und ein grosser schöner Mann stand
darin, die Klinke in der Hand, das Gemach samt seinem Insassen aufmerksam
überschauend. Er trug einen damals noch ungewöhnlichen Vollbart, der wie das
Hauptaar leicht angegraut war, und einen grauen kurzen Jagdrock mit Knöpfen von
Hirschhorn.
    »Guten Tag! lassen Sie sich nicht stören!« sagte er mit frischem kräftigem
Klang der Stimme; »ich will nur sehen, wie es meinem Gaste geht!«
    »Es geht mir ja sehr wohl, Herr Graf, insofern ich die Ehre habe, in Ihnen
wirklich den Herren des Hauses zu begrüssen!« antwortete ich etwas verlegen,
indem ich den Kamm weglegte, den ich gerade handhabte, und mich verbeugte, so
gut ich es verstand.
    »Bitte, fahren Sie fort in Ihrem Geschäfte, und tun Sie nicht anders, als
wenn Sie zu Haus wären! Zuerst aber seien Sie mir willkommen!«
    Er trat mit diesen Worten vollends in das Zimmer und schüttelte mir die
Hand, und von dem Augenblick an verlor ich ihm gegenüber jede Befangenheit, denn
in seiner Hand, seinem Blicke und seiner Stimme kündigte sich der freie Mensch
an, der über den zufälligen Dingen steht.
    »Nun sagen Sie aber«, rief er lebhaft, indem er sich ans offene Fenster
setzte, um mir Raum zu lassen, »sind Sie in der Tat unser Mann, unser Heinrich
Lee, der auf den Zeichnungen überall geschrieben steht? Ihre Bestätigung würde
mir das grösste Vergnügen machen. Ich habe nämlich in früheren Jahren selbst
dergleichen getrieben, gab es aber wegen zu grosser Ungeschicklichkeit auf;
dagegen freute ich mich jedesmal, wenn es mir gelang, das eine und andere nach
der Natur geschaffene Blatt zu erwerben, was indessen nicht oft vorkommt. Nichts
konnte mir daher willkommener sein als der Besitz sozusagen eines ganzen
derartigen Vermögens, das die vollständige Entwicklung eines redlich Strebenden
und zugleich eine Menge reeller Gegenstände in sich begreift. Als wir die
Gelegenheit bei dem schnurrigen Winkelmäzenaten aufstöberten, sorgte ich
sogleich dafür, dass alles in meine Hand gelange, suchte auch die Quelle direkt
zu erfahren; allein der Alte wusste sie beharrlich geheimzuhalten!«
    Ich hatte aus meiner Reisetasche ein Päcklein hervorgesucht, das neben den
Briefen der Mutter meinen Reisepass entielt. Denselben entfaltend, hielt ich dem
Grafen die Urkunde hin, welche meinen Namen und Stand amtlich bezeichnete.
    »Es ist nicht anders, Herr Graf!« sagte ich, wohlgemut lachend; »ein
romantisches Geschick vergönnt mir, die bescheidenen Früchte meiner Jugendjahre
nochmals zu sehen und gut verwahrt zu wissen, eh ich dahin zurückkehre, wo sie
entstanden sind.«
    Der Graf nahm den Pass und las ihn aufmerksam, um sich die Tatsache recht
einzuprägen und nicht aus Zweifel an meinen Worten, wie er sich ausdrückte.
    »Es ist ein köstlicher Zufall«, setzte er hinzu; »nun kann aber zunächst von
Weiterreisen keine Rede sein, wenn wir ihm die gebührende Ehre antun wollen!
Mich wundert, wie Sie in Ihre missliche Lage geraten sind und wie sich ein
solches Leben gestaltet, was Sie ferner zu tun gedenken, und alles ist
vergnüglich zu besprechen, während Sie sich bei uns, soviel als nötig ist,
erholen -«
    Plötzlich blickte er mit grossen Augen auf den Tisch, von dem ich achtlos ein
Handtuch weggenommen, um die Hände zu trocknen, die ich inzwischen gewaschen.
Dieses Tuch hatte ich vorhin rasch über den Inhalt meiner Wandertasche geworfen,
als an der Türe geklopft wurde, und nun lagen der Schädel und das eingebundene
Manuskriptum meiner Jugendgeschichte offen da.
    »Das ist ja ein mysteriöses Reisegepäck!« rief er, an den Tisch
herantretend, »ein Totenschädel und ein grünseidener Quartant mit goldenem
Schloss! Sind Sie ein Geisterbeschwörer und Schatzgräber?«
    »Leider nicht, wie Sie sehen!« erwiderte ich und gab in wenigen Zügen die
verdriessliche Geschichte mit dem Schädel zum besten, und da das bisschen
Sonnenschein mich schon fröhlicher und redseliger machte, so erzählte ich auch
noch den gestrigen Scherz, den ich mit dem Waldhüter vorgehabt. Mit seinen ruhig
leuchtenden Augen sah mich der Graf durchdringend an.
    »Und das Buch, was ist's mit dem?«
    »Das hab ich geschrieben, als ich nichts mehr zu tun und zu leben wusste; es
entält einfach die Beschreibung meiner jungen Jahre, mit welcher ich mir eine
Selbstprüfung auferlegte; es ist dann aber ein blosses Erinnerungsvergnügen
daraus geworden. An dem tollen Einband bin ich nicht schuld.«
    Ich erzählte, wie ich durch das Missverständnis des Buchbinders um meine
letzten Gulden gekommen, alsdann den Hunger kennengelernt habe und durch das
Flötenwunder zu dem Trödler geraten sei.
    »Also das ist die Geschichte, wo Dorotea Sie die Flöte blasen hörte?« rief
der Graf mit herzlichem Lachen; »aber weiter! Was ist seiter geschehen?«
    Ich fügte noch das Abenteuer mit den Fahnenstangen hinzu und die stille
Befriedigung, die mir dasselbe gebracht, sowie den Tod der Hauswirtin und so
weiter bis zum Schädelwurf des Wirtes, den ich schon erzählt hatte. Die kurze
Begegnung mit Hulda und das übrige verschwieg ich.
    Der Graf ergriff das Buch. »Darf man es aufmachen oder gar darin lesen?«
frug er, und ich bejahte es gern, wenn es ihm nicht zu langweilig sei.
    »So wollen wir jetzt hinübergehen und etwas frühstücken, denn wir essen erst
in drei Stunden.«
    Er nahm das Buch unter den einen Arm, mich unter den andern, und wir begaben
uns nach dem Schloss, wie das Hauptgebäude genannt wurde, das zu Anfang des
vorigen Jahrhunderts erbaut sein mochte. Der Graf führte mich in seine Zimmer im
Erdgeschosse, deren Mittelpunkt ein heller Biblioteksaal mit geräumigen
Arbeitstischen bildete. Auf einem derselben stand ein Frühstück bereit, und
daneben lag auch schon die Mappe mit meinen Studien. Während Graf Dietrich
kameradschaftlich die Erfrischung mit mir teilte, schlug er die Mappe auf.
    »Sie müssen mir die Sachen etwas ordnen«, sagte er, »und können sich
zunächst die Zeit damit vertreiben. Viele der Blätter tragen kein Datum, während
die Manieren und Fertigkeiten, Sorgfältiges und Nachlässiges, glücklich
Gelungenes und Missratenes, alles zugleich mit ungleicher Sicherheit oder
Unsicherheit begleitet, so durcheinandergehen, dass ich die gewünschte Einordnung
nach der Zeitfolge nicht recht zustande bringe. Ich weiss nicht, ob Sie mich
verstehen! Hier ist ein Blatt, welches bei unentwickeltem Können, das offenbar
auf frühere Anfänge zurückweist, dennoch den Nagel auf den Kopf getroffen hat
und mit anmutigem naivem Gelingen gekrönt ist; dort paart eines mit
vorgeschrittener Sicherheit des Machwerks ein sichtliches Fiasko des Gewollten,
kurz, alles dies ist mir interessant, und ich wünschte die Sammlung so
chronologisch genau als möglich geordnet zu sehen, das heisst, dasjenige
vorbehalten, was wir überhaupt darüber noch beschliessen werden. Ich habe heut
früh schon in dieser Hinsicht nachgedacht!«
    Ich war überrascht von dem richtigen Verständnis, mit welchem er durch
hervorgezogene Beispiele sein Urteil belegte. Doch holte er aus einem Schranke
noch einige Hefte herbei.
    »Hier ist aber noch ein Fall, aus dem ich nicht recht klug werde; sind diese
Gebilde wirklich auch von Ihnen? Ich sehe, dass es zerschnittene Sachen sind,
weiss sie aber nicht zusammenzubringen.«
    Es waren meine gewesenen Kartonkompositionen. Das Trödelmännchen hatte aber
die Blätter der verschiedenen Hefte durcheinandergeworfen, bunte und grau in
grau gehaltene, grössere und kleine jedem Hefte zugeteilt und so nach seiner
Meinung einen gleichmässigern Wert der Mannigfaltigkeit in die tolle Sammlung
gelegt. Auch mochte der Graf dieselbe noch nicht gründlich untersucht haben, und
ich begriff, dass auf diese Weise es schwierig war, einen Zusammenhang
herauszufinden. Ich begann, die vielen Blätter rasch auszusondern, wählte eine
hinlänglich freie Fläche des Zimmerbodens und fügte dort den altgermanischen
Eichenhain zusammen.
    Der Graf betrachtete das grosse Wesen stillschweigend, bis er sagte: »Also
dergleichen haben Sie getrieben? Warum ist es denn zerschnitten?«
    »Weil ich es nur auf diese Art dem Alten aufbinden konnte; denn er hätte mir
für diesen ganzen bunten Karton kaum mehr gegeben, als ich dann für die
einzelnen Bruchstücke erhielt. Auch hätte ich, offen gestanden, nicht gewünscht,
dass die ungeheuerlichen Fahnen in seiner Unglücksspelunke gesehen und von da
weiss Gott wohin verschlagen worden wären. Es konnte ja einem Bierwirt einfallen,
seine Kegelbahn damit zu tapezieren, und ich wäre, da das Vorhandensein dieser
Versuche in der Künstlerschaft nicht unbekannt geblieben ist, auf eine
melancholische Weise sprichwörtlich geworden! So aber war es weniger
wahrscheinlich!«
    Ich nahm die Blätter wieder auf und legte die Urstierjagd hin, dann die
mittelalterliche Stadt und die übrigen Erfindungen.
    »Nun weiss ich doch, was Sie gewollt haben!« sagte der Graf; »Sie sind aber
ein Barbar, denn wie können wir die Schilderei wiederherstellen ohne
Verderbnis?«
    »Man lässt beim nächsten Schreiner leichte Blendrahmen von Tannenholz
anfertigen, bespannt diese mit einem billigen Gewebe und leimt einfach die
Blätter darauf, wie sie gewesen sind; es wird ein Netz von feinen Fugen sichtbar
bleiben, das nichts schadet. Aber was in aller Welt wollen Sie damit anfangen?«
    »Über den Bücherschränken hier sollen sie hängen. Dunkelfarbig eingerahmt
und übrigens teilweise nicht ganz fertig, wie sie sind, werden sie als Denkmale
des Studiums und der Arbeit an ihrem Platze und für mich, zumal der Urheber
selbst in diesem Hause gewohnt hat, ein stattliches Konkretum sein.«
    In der Tat boten die Wände des hohen Zimmers oberhalb der eichenen Schränke
noch hinlänglichen Raum; wenn ich mir die seltsamen Früchte meiner Arbeit dort
aufbewahrt vorstellte, so musste ich mich des freundlichen Geschickes erfreuen,
das ihnen doch noch vergönnt war. Denn über ihnen erhob sich feierlich die halb
gewölbte Decke des Saales, und einige antike Büsten, Globen und dergleichen, die
auf den Eichenschränken standen, zierten und schmückten die Bilder eher, als dass
sie dieselben verbargen oder verunstalteten.
    Der Graf jedoch fuhr fort: »Ihre Frage muss ich Ihnen zurückgeben: Was
gedenken Sie denn mit sich selbst jetzt anzufangen?«
    »Das ist mir in diesem Augenblicke zum Teil klargeworden, insoweit ich jetzt
mit äusserlichen Ehren, sozusagen mit versöhntem Herzen, der Halbheit, die ich
betrieben, Valet sagen und mich in letzter Stunde einem Leben zuwenden kann, das
mir besser ziemt, wenn es auch bescheidener ist. Was es sein wird, weiss ich
freilich noch nicht; doch werde ich nicht lange zaudern.«
    »Entscheiden Sie sich nicht zu früh, obgleich ich Ihre Stimmung zu verstehen
glaube! Vor allem wollen wir, fällt mir ein, das Geschäft bereinigen! Wollen Sie
die Studien wiederhaben, und, wenn nicht, unter welchen Bedingungen wollen Sie
mir dieselben lassen?«
    »Sie sind ja Ihr Eigentum!« sagte ich verwundert.
    »Was Eigentum! Sie werden doch nicht glauben, dass ich, nun ich Sie kenne und
in meinem Hause habe, Ihre Mappe um das geringe Geld behalten will; denn denken
Sie nicht etwa, dass ich dem Kauze viel habe bezahlen müssen; er hat sich mit
einem höchst bescheidenen Gewinne begnügt. Oder wollen Sie mich etwa schon
beschenken?«
    »Ich meine, dass die Mappe ihr Schicksal erfüllt und ihren Dienst geleistet
hat. Sie hat mir zur Zeit der Not das Leben gefristet; jeder Groschen, den sie
mir eintrug, hatte für mich den Wert eines Talers, und so habe ich mich ihrer zu
Recht bestehend entäussert. Was hin ist, soll man fahrenlassen!«
    »Dies würde mir gefallen, wenn die Umstände anders beschaffen wären. So aber
ist es eine Ziererei, die wir lassen wollen. Ich bin reich und würde die
Sammlung um jeden annehmbaren Preis kaufen, auch wenn Sie selber gar nichts
davon bekämen, also ohne Rücksicht auf Sie. Lernen Sie auf Ihrem Rechte
bestehen, wenn es niemand drückt und ängstigt, auch wenn es nur ein moralisches
ist, und nehmen Sie den Wert, der Ihnen gebührt, ohne Scheu; nachher können Sie
damit tun, was Sie wollen! Also nennen Sie einen Preis, wie er Ihnen gut dünkt,
und ich werde froh sein, die Sachen zu behalten!«
    »Gut denn«, erwiderte ich lächelnd und nicht ohne geheime Lust, meine
Umstände so schnell gebessert zu sehen, »so wollen wir den Handel gründlich
abschliessen! Es müssen ungefähr achtzig ausgeführtere gute Blätter sein, die
durchschnittlich in einem ordentlichen Verkehre, bei gerechter Schätzung, jedes
seine zwei Louisdors gelten dürften, einzelne mehr, andere weniger; dann werden
gegen hundert geringere Abschnitzel und Skizzen dasein, die teilweise bis zur
Wertlosigkeit herabreichen. Diese rechnen wir zu einem Gulden ineinander, und
von der Summe, welche sich ergibt, ziehen Sie diejenige ab, die Sie dem Herren
Schmalhöfer im ganzen bezahlt haben!«
    »Sehen Sie«, sagte der Graf, »das ist vernünftig gesprochen! Ich kann Ihnen
gleich sagen, dass ich dem Trödler für die Sachen, die Kartons mit
eingeschlossen, dreihundertundzweiundfünfzig Gulden und achtundvierzig Kreuzer
bezahlt habe.«
    »Dann hat er wirklich nicht so viel verdient, wie ich gedacht«, versetzte
ich, »da ich ungefähr die Hälfte dieser Summe erhalten habe.«
    »Das macht, er hat sich eben auf diesen Zweig seines blühenden Geschäftes
nicht sonderlich verstanden! Um aber auf die Kartons zurückzukommen, die Sie
beinah vernichtet haben, so verhandeln wir dieselben später, wann sie
wiederhergestellt sind. Jetzt zählen wir den Inhalt der Mappe ab, damit Sie,
wenn wir zu Tisch sitzen, Ihr Vermögen kennen und der Sorge dieses Tages ledig
sind!«
    Ich errichtete nun zwei Haufen für die leichtere und schwerere Ware und warf
die Blätter nach ihrer Beschaffenheit ohne langes Besinnen auf einen derselben.
Der Graf rettete mehrmals ein zu leicht erfundenes Blatt und legte es auf die
bessere Seite. Am Ende wurden beide Haufen gezählt und berechnet, worauf der
Mann sich in ein inneres Zimmer begab und mit der Summe, die über
andertalbtausend Gulden anstieg, zurückkehrte. Er legte sie in Gold aufgezählt
vor mich hin; ich dankte ihm mit freudeheissem Gesicht, zog mein Lederbeutelchen
hervor, in welchem das kümmerliche Reisegeldchen weilte, nahm dieses heraus und
tat das Gold hinein, von dem der Beutel ganz rund anschwellte. Ich wusste nun,
dass ich in bessern Umständen nach Hause gehen und der Mutter einen Teil des für
mich Geopferten wiederbringen konnte.
    »Wie ist Ihnen jetzt zu Mut?« sagte der Graf, als er meine frohe
Zufriedenheit bemerkte, da ich eine wirkliche Handvoll jenes Traumgoldes in der
Tasche barg; »fahlen Sie nicht die Lust, abermals umzukehren und die Sache doch
noch ein Weilchen fortzusetzen? Denn nach diesem Anfang, den herbeizuführen mir
vergönnt ist, kann ja die Wendung zum Bessern leicht ihren Fortgang haben!«
    »Nein, das wird sie nicht! Dazu trägt mir das ganze Abenteuer zu sehr das
Gepräge einer Einzigkeit, die sich nicht wiederholt. Auch liegt mein Entschluss
bereits in einer tieferen Schicht als in derjenigen des leidlichen Fortkommens;
ich habe bessere Leute gesehen, als ich bin, die ihn ausgeführt haben, mitten in
lohnender Tätigkeit, weil ihre Seele eben nicht recht dabei war.«
    Ich erzählte ihm die Geschichte von Erikson und Lys. Er schüttelte aber den
Kopf und meinte: »Diese Fälle sind ja unter sich verschieden und beide wieder
von dem Ihrigen! Allerdings sind auch Sie nicht einfach ein dummer Pfuscher, und
wären Sie ein solcher, so hätte das Verlassen des Berufes gar keine Bedeutung
und könnte uns hier nicht weiter beschäftigen. Allerdings, ich gestehe es,
gefällt es mir unter Umständen sehr wohl und erscheint mir als ein Zug geistiger
Kraft, ein Handwerk, das man versteht, durchschaut und empfindet, wegzuwerfen,
weil es uns nicht zu erfüllen vermag. Allein Sie haben sich, wie mich dünkt,
noch nicht genug geprüft. Gerade weil Sie die äussere Höhe, die Sicherheit jener
beiden Männer noch nicht erreicht haben, scheinen Sie mir noch nicht berechtigt
zu sein, den stolzen Schritt der Resignation zu tun!«
    Ich lachte, indem ich an die Kostspieligkeit eines derartigen Verfahrens für
meine Umstände dachte, sagte aber hievon nichts, sondern bemerkte bloss: »Sie
täuschen sich, Herr Graf! Ich habe meinen bescheidenen Höhepunkt erreicht und
kann wirklich nichts Besseres machen; ich würde auch unter günstigeren
Verhältnissen höchstens ein dilettantischer Akademist werden, der etwas
Absonderliches vorstellen will und nicht in Welt und Zeit passt!«
    »Nicht so! Ich sage Ihnen, es war nur Ihr guter Instinkt, der Sie nicht das
Gewünschte zuweg bringen liess. Ein Mensch, der zum Bessern taugt, macht das
Schlechtere immer schlecht, solang er es gezwungen macht. Denn nur das Höchste,
was er überhaupt hervorbringen kann, macht der Unbefangene recht; in allem
andern macht er Unsinn und Dummheiten. Ein anderes ist es, wenn er aus purem
Übermut das Beschränktere wieder vornimmt, da mag es ihm spielend gelingen. Und
dies wollen wir, denk ich, noch versuchen! Sie müssen nicht so jämmerlich
davonlaufen, sondern mit gutem Anstand von dem Handwerk Ihrer Jugend scheiden,
dass keiner Ihnen ein schiefes Gesicht nachschneiden kann! Auch was wir aufgeben,
müssen wir mit freier Wahl aufgeben, nicht wie der Fuchs die Trauben!«
    Zu diesen Worten schüttelte ich meinerseits den Kopf, nur darauf bedacht,
mit meiner unverhofften Beute die Heimat so bald als möglich zu erreichen. Doch
wurde das Gespräch durch die Ankunft eines geistlichen Herren, des Ortskaplanes,
unterbrochen, der, durch den Küster von dem Erscheinen des abenteuerlichen
Gastes unterrichtet, von seinem Rechte, sich nach Gefallen etwa zur Tafel
einzufinden, Gebrauch machte, um die Neugierde zu stillen. Die Beine in hohe
glänzende Stiefel gestellt, im wohlgebürsteten schwarzen Rocke, Hut und Stock in
der einen Hand, schwenkte er die andere im Bogen und stellte sich mit
humoristisch tiefen Verbeugungen als den Abgesandten der Schlossdame dar. Sie
liess sagen, dass der Tisch gedeckt sei und sie uns auf der Gartenterrasse
erwarte. »Denn«, sagte er scherzend, »ich ermüde nicht, ihre Ketten so lang zu
tragen, bis ich sie daran in den Himmel hinaufgezogen habe!«
    Ich wurde vorerst dem Herren bekannt gemacht, worauf wir uns nach dem
bezeichneten Orte begaben. Das Fräulein spazierte auf der Terrasse in dem milden
Sonnenscheine, der heut auf dem Lande lag. Sie begrüsste mich freundlich, sagte,
wir hätten uns ja eine Ewigkeit nicht gesehen, und frug, wie es mir gehe. Statt
aber die Antwort abzuwarten, forderte sie den Kaplan auf, ihr den Arm zu geben,
was derselbe mit einer sich immer gleichbleibenden spasshaften Umständlichkeit
tat, und so schritt sie dem Grafen und mir voran in das Haus und die breite
Treppe hinauf, bis wir in das Speisezimmer gelangten. Schon dieser kleine Aufzug
durch das stattliche Treppenhaus und die langen Korridore liess mich an den Pfad
der Mühsal denken, den ich vor kaum vierundzwanzig Stunden gewandelt, und als
wir vier Personen nun um den runden Tisch sassen, von einem schwarzgekleideten
stillen Manne bedient, der weisse Handschuhe trug, war ich ganz betreten von dem
wunderlichen Schicksalswechsel, der doch wiederum mit meiner Hände Arbeit und
den entschwundenen eigenen Lebensjahren zusammenhing. Das Mittagsmahl war
indessen so wenig prunkhaft und weitläufig und der Ton so frei und unbefangen,
dass ich mich bald dem ruhigsten Behagen hingab und den lieben Gott einen guten
Mann sein liess. Der Kaplan trug hauptsächlich die Kosten der Unterhaltung, indem
er mit dem Fräulein zahlreiche Witzworte wechselte, deren Bedeutung mir nicht
klar wurde.
    »Sie müssen nämlich wissen«, wandte er sich unversehens zu mir, »dass unsere
Gnädigste mich zu ihrem lustigen Rat, zu deutsch zu ihrem geistlichen Hofnarren
erkoren hat und dass ich mich diesem schwierigen Amte nur unterziehe, um doch
noch dero ungläubige Seele zu erretten, was keineswegs ausbleiben wird!«
    »Glauben Sie's nicht!« sagte Dorotea; »Se. Ehrwürden spielen im Gegenteil
mit mir, deren Seele sie ohnehin für verloren halten, wie ein mutwilliges
Kätzlein einen Schmetterling zerpflückt!«
    »Lasst euch nicht zu stark auf mit eueren Witzen, Leutchen!« warf der Graf
dazwischen; »unser Freund hat's auch hinter den Ohren und führt ebenfalls einen
Schalksnarren mit sich, mit dem er sich sogar in die Weltregierung einmischt.«
    Er teilte den Tischgenossen den Vorfall mit dem Waldhüter und dem Totenkopfe
mit. Die Verwunderung und der Beifall, welchen die Begebenheit fand, verlockten
mich, nun die eigentliche Geschichte des Albertus Zwiehan, wie sie mir ein für
allemal als fable convenue galt, vorzubringen, namentlich, wie er durch die
beiden Schönen, Cornelie und Afra, oder vielmehr durch das Schwanken zwischen
ihnen um Erbe und Leben gekommen sei. Dorotea hörte mit halbgeöffnetem Munde
zu, während die blühenden Lippen ein Lächeln umspielte und in der Kehle kleine
abgebrochene Glockentöne ein wirkliches Lachen verrieten, das sie aber nicht
aufkommen liess.
    »Dem ist aber recht geschehen!« rief sie aus, »der war ja ein schändlicher
Patron!«
    »Ich möchte ihn nicht so grausam verurteilen«, wagte ich zu antworten; »nach
Herkommen und Erziehung war er ja ein halber Wilder und tappte mit dem Egoismus
eines Kindes nach jeder Flamme, die vor ihm aufleuchtete, ohne zu wissen, was
Liebe ist und dass die Dinger brennen!«
    Über diesen kennerhaften Ausspruch wurde ich jedoch selbst ganz heiss im
Gesicht und bereute sogleich, ihn zum besten gegeben zu haben; nicht nur
bemerkte ich, dass der Kaplan mit seiner von einem studentischen Säbelhiebe
eingedrückten Nase ein humoristisches Gesicht gegen das Fräulein machte, sondern
ich fühlte auch die Schwäche meiner eigenen Lebensgeschichten, ohne welche ich
ja nicht hierher verschlagen worden wäre. Ich nahm mir im stillen vor, den Stab
so bald als möglich weiterzusetzen, und als nach Tisch davon die Rede war, wie
der Rest des Tages zuzubringen sei, drückte ich den Wunsch aus, vor allem einen
Handwerker zu finden, der die Blendrahmen für die wiederherzustellenden Kartons
anfertigen könne. Der Kaplan anerbot sich, mich zum Dorfschreiner zu bringen,
welcher der einfachen Arbeit ohne Zweifel gewachsen sei. Als man nun auch der
Unterlage für die zusammenzufügenden Fragmente gedachte, zeigte es sich, dass in
der Pfarrwohnung, deren Unterhaltungspflicht dem Grafen als Patronatsherren
oblag, soeben ein Tapezierer aus der Nachbarstadt beschäftigt war, die Wohnstube
des Kaplans mit einem frischen Wandschmucke zu versehen.
    »Er hat genug Papierwerk bei sich, um die Rahmen zu beziehen«, sagte der
Geistliche, »langes Maschinenpapier, das er unter die Tapete legt, damit ich
hübsch warm bekomme!«
    »Das genügt mir nicht«, versetzte der Graf, »es muss ein festes Tuch sein,
damit es vorhält. Da der Mann zugleich Matratzen macht, so wird er dergleichen
wohl beibringen können. Indessen macht ihm Herr Lee vorläufig die nötige
Bestellung. Dann mögen beide, der Tischler und der Tapezierer, jener mit den
gehobelten Leisten, dieser mit dem Tuche, hierherkommen und die Rahmen unter
Aufsicht nach den genauen Massen zuschneiden und fertigmachen!«
    Der Betätigung froh, begab ich mich mit dem Kaplan auf den Weg nach dem sehr
ansehnlichen Worte in welchem die Hauptkirche von neuerer Bauart stand. Den
Namen führte es gemeinschaftlich mit dem Grafen- oder frühern
Freiherrengeschlecht, und der Kaplan, der mich fortwährend kurzweilig
unterhielt, zeigte mir auf einem Bergrücken die grauen Trümmer des
ursprünglichen Stammsitzes. Vergnüglich besorgte ich unter seiner Führung das
kleine Geschäft und kehrte nach einem langen Spaziergange, den ich für mich
allein unternahm, in das Schloss zurück.
    Der Graf war ausgeritten; nach dem Fräulein zu fragen, hielt ich nicht für
schicklich. Ich verweilte daher einsam auf der Terrasse und besah mir die
Abendwolken, diese freundlichen Begleiter, die sich unermüdlich auflösen und
wieder bilden, um zu Tausenden von Malen die irrenden Augen an sich zu ziehen
und auf sich ruhen zu lassen. Welch ein Haushalt, dachte ich, drin das
unentbehrlichste Existenzmittel zugleich einen unerschöpflichen Überfluss an
Schaugebilden schafft für arm und reich, jung und alt, in allen Lagen ein
Spiegel des Gemütes und sein stiller Richter, der alles sieht!
    Aus dieser sanftmütigen Betrachtung weckte mich Doroteas elastischer
Schritt, der mir bereits nicht mehr unbekannt war. Sie stieg rasch die Stufen
der Terrasse herauf, mein schönes grünes Buch in der Hand.
    »So allein lässt man Sie?« rief sie mir entgegen; »wissen Sie, wo ich
herkomme? Von dem Kirchhof, dort habe ich in Ihrem Schreibbuche gelesen, die
Geschichte von der kleinen Meret, die nicht beten wollte! Durfte ich es auch,
und darf ich mehr darin lesen? Papa hat ein paar Stunden heute nachmittag
darüber zugebracht und mir dann das Buch gegeben, damit ich die Geschichte lese.
Sehen Sie, hier hab ich ein Efeublatt von einem Kindergrabe hineingelegt! Aber
nun müssen Sie unsereinem auch die Hand geben, wenn man sich begegnet; denn nun
sind Sie uns schon näher bekannt!«
 
                                 Elftes Kapitel
                               Dortchen Schönfund
Nach einigen Tagen war ich mit dem Ordnen der Studienblätter und der
Wiederherstellung der grösseren und kleineren Kartonlandschaften zu Ende. Die
letzteren waren vorläufig, bis die aus der Hauptstadt zu beziehenden
Einfassungen anlangten, an die ihnen bestimmten Orte gehängt worden, wo der Graf
sie abwechselnd mit Zufriedenheit betrachtete. Ohne einen grössern Wert
beanspruchen zu können, erhöhten sie in der Tat den malerisch ernsten Anblick
des Biblioteksaales und verschaften mir das wohltuende Gefühl, sie als
Zeugnisse ehrlichen Wollens an solcher Stelle gerettet zu wissen, wie ich schon
bemerkt habe. Dazu liess es der Graf nicht an aufrichtenden Äusserungen fehlen.
    »Mögen Sie die künstlerische Laufbahn fortsetzen oder nicht«, sagte er, »so
werden mir die Bilder fast gleich wert bleiben, im ersten Falle als Wegezeichen
eines Entwicklungsganges, im andern als Illustration oder Ergänzung Ihrer
Jugendgeschichte, die ich nun durchgelesen habe. Jeder braucht Liebhabereien;
die meinigen dehne ich nun aus auf das Wahrnehmen eines Lebensganges, wie der
Ihrige sich darbietet. Sie sind ein wesentlicher Mensch, aber Sie leben in
Symbolen, sozusagen, und das ist ein gefährliches Handwerk, besonders wenn es in
so naiver Weise geschieht! Doch wollen wir darüber uns jetzt keine grauen Haare
wachsen lassen, wenigstens nicht Sie; denn was mich betrifft, so kann ich dies
Sprichwort leider nicht mehr gut anwenden. Was mir zunächst obliegt, ist die
Vergütung, die ich Ihnen für diesen Schmuck meines Büchersaales zu leisten
habe!«
    »Das haben Sie ja schon getan!« sagte ich fast erschrocken, dass ich schon
wieder Geld erhalten solle, so verdächtig war mir dies ungewohnte Glück; und
doch zierte ich mich eher, als dass es mir Ernst war, ohne doch die Ziererei zu
beabsichtigen. Denn der Graf dauerte mich in meine eigene Armut hinein ob so
starken Ausgaben.
    Er rief aber: »Mädchen Sie keine Umstände, mein Lieber! Es soll nicht ein
Kaufpreis sein, denn ich weiss wohl, dass solche Sachen nicht leicht an Mann zu
bringen und für jedermann brauchbar wären; es ist vielmehr eine Diskretionsfrage
für mich und für Sie eine Notwendigkeit. Da das also so zusammentrifft und
ausserdem zur Durchführung unsers ungewöhnlichen Abenteuers beiträgt, warum
sollten wir demselben die Ehre nicht antun?«
    Hiemit schob er mir eine Papierhülle voll Banknoten in die Brusttasche; es
war, wie ich später fand, eine gleiche Summe, wie er mir schon ausbezahlt, so
dass ich also schon doppelt so reich dastand als nur vor einigen Tagen.
    »Nun«, fuhr er fort, »sprechen wir von der Hauptsache, davon nämlich, was
Sie beginnen wollen? Ich fühle auch, dass Sie umsatteln sollten; für einen
biedern Landschafter ist Ihre Einrichtung zu weitläufig, zu winkelig, zu
irrgänglich und unruhig, da muss ein anderer Hausmeister hinein! Aber nicht so
trübselig und unfreiwillig muss es geschehen, sondern, wie wir schon gesagt, mit
dem Anstand eines freien Entschlusses, der allenfalls auch anders zu fassen
war!«
    »Dem Anstand ist ja schon Genüge getan durch die Aufnahme, welche Sie meinen
zweifelhaften Erzeugnissen gewähren!«
    »Nein, in meinem Sinne nicht! Sie müssen sich selbst noch den Beweis
leisten, dass Sie, wenn auch nicht glänzend, doch mit Ehren bestehen könnten bei
dem Berufe, den Sie gewählt; dann erst mögen Sie sich bedanken und daran
vorbeigehen! Malen Sie bei uns ein fertiges Bild, mit gesammelter Kraft, aber
leichten Herzens, keck und ohne Sorgen, und ich will wetten, wir verkaufen es!«
    Ich schüttelte abermals den Kopf, da ich an die Monate dachte, welche ein
solches Unterfangen noch kosten würde.
    »Diese Tat«, sagte ich, »selbst wenn sie gelänge, würde ja wieder nichts
anderes als eines der Symbole sein, von denen Sie sagen, Herr Graf, dass ich in
ihnen lebe, und in diesem Falle eines, das mir doch zu kostspielig wäre! Auch
haben Sie selbst mit Ihrer Grossmut dahin gewirkt, dass die Heimreise mir nun in
den Gliedern liegt!«
    »Hören Sie an!« versetzte er, »wir wollen ohne längeres Zaudern vorgehen!
Aber eine Nacht müssen Sie die Frage noch beschlafen. Machen Sie sich auf morgen
früh reisefertig, der Wagen soll bereitstehen; dann bringe ich Sie je nach Ihrem
letzten Worte entweder zur Station der nach der Schweiz durchgehenden Post, oder
wir fahren zusammen nach der Hauptstadt, wo ich ohnedies zu tun habe und Sie die
für Ihre Arbeit nötigen Einkäufe besorgen. Soll es gelten?«
    Ich schlug ein, zweifelte aber nicht, dass ich den Weg in die Heimat wählen
werde.
    Diesen Tag sollte das Essen in dem sogenannten Rittersaale eingenommen
werden, einem in den oberen Stockwerken liegenden und mir noch unbekannten
Raume. Dorotea kam in die Bibliotek, uns das zu verkünden. Es sei dort vermöge
der Sonnenseite heute eine so milde Temperatur, dass der Saal nicht brauche
geheizt zu werden und der schöne Herbsttag zu den Fenstern hereinspazieren
könne. Sie selber sah, wie ich mit stillem Erstaunen wahrnahm, einem hellen
Junitage gleich; auch der Graf betrachtete sie überrascht einen Augenblick. Sie
war in schwarzen Atlas gekleidet, trug um Hals und Brust eine vornehme
Spitzenzierde, und in dieser verlor sich eine Perlenschnur. Die dunkle
Lockenlast aber war heut mit besonderm Schwunge nach dem Nacken zurückgeworfen,
während die hiedurch zutage tretenden lichten Felder der Schläfengegend dem
Kopfe einen Ausdruck von Freiheit, wo nicht von Stolz verliehen.
    »Was hast du denn vor, dass du dich so aufgeputzt?« sagte der Graf,
»erwartest du Gäste, von denen ich nichts weiss?«
    »Nichts weiter hab ich vor«, erwiderte sie, »als dass ich dem schönen Wetter
und dem Saale zu Ehren ein bisschen Staat machen will. Dazu hoff ich, durch das
Ensemble aller dieser Dinge unserm Freunde, dem Herren Lee, einen bunten
Eindruck zu verschaffen; vielleicht, wenn er seine Geschichten fortsetzt,
beschreibt er es einst auf einer halben Seite, und mit dem Saale schmuggelt sich
meine fragwürdige Figur zugleich in das Buch hinein! Heut steht überdies
Narzissus im katolischen und im protestantischen Kalender, und da dürfen wir
uns allerseits ein wenig der Eitelkeit hingeben, nicht so, Herr Heinrich?«
    Obgleich sie diese Rede in einer halb weichmütig ernsten, halb anmutig
lächelnden Weise vorbrachte, welche keine bösliche Absicht verriet, so schien
mir doch das Wort Narziss eine Stichelei auf die Selbstbespiegelung meines
Schreibbuches zu sein, zumal mir nicht recht wohl dabei war, es aus der Hand
gegeben zu haben. Aus welcher Tiefe, sei es des Urteils oder des blossen
Scherzes, solche Stichelei aufsteigen mochte, sie dünkte mich gleichermassen
beschämend, und ich fühlte die Röte im Gesicht, ohne ein Wort der Erwiderung zu
finden. Sie beachtete das aber nicht und merkte nichts davon, so dass ich ihr
wohl zuviel Absicht zugetraut haben mochte.
    Der erwähnte Saal war wirklich bunt genug, aber mit Würde und Feierlichkeit.
Ein scharlachroter Teppich spannte sich über den ganzen Fussboden; der Plafond
war in seiner Länge und Breite von einem einzigen Freskogemälde bedeckt, der
Wandraum zwischen demselben und der etwa mannshohen dunklen Holzbekleidung
durchaus mit den Bildnissen der Vorfahren behangen. Über einem schwarzen
Marmorkamine türmten sich alte Waffen und Rüstungen empor; andere feinere Waffen
glänzten in Glasschränken, besonders kostbare Degen und Schwerter, deren
Abbilder man auf manchem Bildnisse ihrer ehemaligen Träger wiedererkannte. Aber
es waren auch Waffenstücke aus Jahrhunderten da, in welche keine Bilder
zurückreichten. So zeigte ein kleiner dreieckiger Schild noch kaum erkennbar das
älteste einfache Wappenbild des Geschlechtes, das nur eines von den zwanzig
Feldern des jetzigen Wappenschildes ist, auf dessen oberm Rande vier gekrönte
Helme sitzen wie vier Hähne auf einer Stange.
    Ich konnte mich nicht entalten, eifrig umherzugehen und die Augen an all
den schönen Dingen zu weiden; der Graf erklärte mir ein und anderes, Dorotea
brachte Schlüssel herbei und öffnete die wohlverwahrten Schränklein eines grossen
Buffets, in welchen ein altertümlicher Silberschatz schimmerte. Andere Schränke
waren in das Holzgetäfer der Wände eingelassen und entielten Handschriften auf
Pergament mit glänzenden Miniaturen, viele Urkunden mit hängenden Siegeln in
Holz- oder Silberkapseln, auch ohne Kapseln und halb zerbröckelt. Der Graf zog
ein paar solcher Urkunden hervor und entfaltete sie; ich konnte sie aber nicht
lesen, denn sie stammten aus dem zwölften oder gar eilften Jahrhundert und waren
kaiserliche Briefe, die sich auf den Fleck Landes bezogen, auf welchem wir
standen. Als ich meine Verwunderung über so reiche Erinnerungen und Denkmäler
bezeugte, dergleichen ich noch nie gesehen, bemerkte der Graf, er habe eben den
ganzen Familienkram in diesem Saale aufgestapelt, wo derselbe sein Dasein
geniessen möge, ohne die Lebenden auf Schritt und Tritt zu behelligen. Seine
Freude daran sei nur eine mässige und nicht grösser, als sie etwa jeder Sammler
auch empfinde.
    »Ei«, sagte ich, »solche Anschaulichkeit und Durchsichtigkeit einer langen
Vergangenheit, die sich auf uns selbst bezieht, lässt sich doch nicht willkürlich
vergessen und verwischen, und man sollte sich ihrer freuen können, ohne sie
unfreisinnig zu missbrauchen!«
    »Man sollte es denken; wer aber die Erfahrung davon hat, weiss, dass man unter
Umständen der sechs oder sieben Jahrhunderte müde werden kann. Ich habe mir auch
schon gewünscht, in einem freien Rechtsstaate einer erhaltenden Aristokratie
anzugehören vermöge der Abkunft, das Wort Aristokratie natürlich nur im Sinne
erhöhter freiwilliger Leistungen verstanden. Allein das sind Träume, aus
verschiedenen Gründen, und so bleibt einem Adelsmüden nur der Ausweg,
gelegentlich im allgemeinen Volkstume aufzugehen. Das hat aber auch seine
Schwierigkeiten und ist ohne glückliche Ereignisse nicht so leicht auszuführen,
und so lässt sich auch hier das Schicksal weniger lenken, als man glauben sollte.
Mein Vater, der lediglich durch seine Geburt ein Reiterfahrer war, ist in der
Heeresfolge des französischen Revolutionswesens in Russland elend ums Leben
gekommen. Mein älterer Bruder, der für einen Querkopf galt, ging nach
Südamerika, um in seiner Art ein neues Leben zu beginnen; allein da fiel er erst
recht dem unvernünftigen Zufall anheim und verlor frühzeitig in dortigen Händeln
das Leben. Von einer iberischen Adelsdame, mit der er sich kurz vorher ehelich
verbunden haben soll, ist uns niemals eine weitere Nachricht zugekommen. Nun bin
ich der Majoratsherr, und die ganze Herrlichkeit steht auf meinen zwei Augen, da
ich absolut der Letzte unserer Linie bin. Hätte ich einen Sohn, so wäre ich
schon mit ihm nach der Neuen Welt gegangen, um in der verjüngenden Volksflut
unterzutauchen. Für mich allein lohnt es nicht mehr der Mühe, sintemal ich im
übrigen mich mit dem Leben nicht unzufrieden fühle! Doch setzen wir uns zu
Tisch, da es unserer Dame einmal gefällt, die Ahnfrau zu spielen!«
    »Das tu ich! Mir gefällt es einstweilen recht wohl in diesem Saale, der
nicht zu unterschätzen ist!« liess sich Dorotea mit einiger Gemessenheit
vernehmen, die mich wieder verlegen machte, weil ich diese neue Laune nicht
verstand und sie weder tadeln noch bewundern konnte. Indessen war der Aufentalt
in der Tat feierlich sowohl durch die hereinflutende sonnige Luft als durch den
Duft eines feinen Räucherwerkes, das vorher in dem Raume verbrannt worden war.
Die Farbenpracht, die uns umgab, schien hiedurch noch an Kraft und Tiefe zu
gewinnen.
    Nachdem wir eine Weile in mehr abgebrochener flüchtiger Unterhaltung
gesessen, wendete sich Dorotea mit freundlich herablassendem, jedoch halb
gleichgültigem Wesen, ganz wie eine grosse Dame, an mich und sagte: »Nun, Herr
Lee, auch Sie sind ja nicht unempfindlich für ein gutes Herkommen, und in Ihrem
bürgerlichen Stande freuen Sie sich Ihrer wackeren Eltern und versichern sich
beim Beginn Ihrer Aufzeichnungen, dass Sie wohl auch zweiunddreissig brave Ahnen
besitzen, wenn auch unbekannterweise?«
    »Allerdings«, gab ich mit Selbstzufriedenheit und gelindem Trotze zur
Antwort, »allerdings bin ich auch nicht auf der Strasse gefunden!«
    Da klatschte sie plötzlich jubelnd in die Hände, indem sie ihre gewöhnliche
natürliche Art wieder aufnahm, und rief fröhlich: »Nun hab ich Sie gefangen,
mein wohlgeborner Herr! Ich bin nämlich auf der Strasse gefunden, wie Sie mich da
sehen!«
    Ich sah sie verblüfft an und wusste nicht, was das heissen sollte, indessen
sie fortfuhr, sich zu freuen, und sagte: »Ja, ja, mein gestrenger Herr von
braver Abkunft! Ich bin das richtigste Findelkind und heisse mit Namen Dortchen
Schönfund und nicht anders, so hat mich mein lieber Pflegevater getauft!«
    Nun blickte ich verwundert den Grafen an, der lachte: »Ist das also nun das
Ziel deines Witzes? Wir mussten nämlich dieser Tage lachen, als wir Ihre Worte
lasen: wenn Sie sich selbst bei der Nase nehmen, so seien Sie sattsam überzeugt,
dass Sie zweiunddreissig Ahnen besitzen. Als wir dann weiterlasen, wie Sie sich
doch nicht entalten können, über die Vorfahren einige Betrachtungen
anzustellen, schmollte unser Kind hier und klagte, dass alle, Adelige wie Bürger
und Bauern, sich ihrer Abkunft freuen und nur sie allein sich schämen müsse und
gar keine Herkunft habe. Denn ich habe sie wirklich auf der Strasse gefunden, und
sie ist meine brave und kluge Pflegetochter!«
    Er strich ihr liebevoll die Locken zurück, die aus ihrer Verbannung im
wohlgebauten Nacken an den gebührenden Platz neben den errötenden Wangen
zurückstrebten. Betroffen und gerührt bat ich um Verzeihung für die unbewusste
Verletzung ihrer Gefühle, die ich begangen. Meine eigene Beschämung, fügte ich
bei, habe ich verdient, da ich mich verlocken liess, die vermeintliche stolze
Gräfin abtrumpfen zu wollen, anstatt sie in ihrer Art und Weise ungeschoren zu
lassen. Übrigens sei ihr Herkommen doch noch das vornehmste, denn sie komme so
recht unmittelbar aus Gottes Hand, und man könne sich ja die höchsten und
wunderbarsten Dinge darunter denken!
    »Nein«, versetzte der Graf, »wir wollen keine verwunschene Prinzessin aus
ihr machen. Der einfache Hergang ist übrigens hier jedermann bekannt, und was
jedes Kind weiss, dürfen Sie auch erfahren. Vor zwanzig Jahren, als meine Frau,
die einzige, gestorben war, trieb ich mich schmerzlich und trostlos im Lande
herum. Eines Abends stieg ich an der österreichischen Donau in einem unserer
Stadtäuser ab, das die Geliebte gern und häufig bewohnt hatte. Als ich ins Haus
ging, sah ich ein schönes zwei- bis dreijähriges Kind still auf der Steinbank
neben dem Portale sitzen, ohne seiner zu achten. Ich ging nochmals aus, um das
Abendrot über dem breiten Strome zu sehen, das die Verstorbene so oft
aufgesucht; das Kind schlief nun. Als ich eine halbe Stunde später zurückkam,
weinte es leise und furchtsam. Ich rief jetzt den Hausmeister herbei, der in
seiner Teilnahmlosigkeit von nichts wissen wollte, als dass ein Haufen
Auswanderer die Stadt durchschwärmt habe, denen das Kind wohl angehöre. Ich
befahl, es ins Haus zu nehmen und zu pflegen, und da die Sache langsam und
widerwillig vonstatten ging, nahm ich es zu mir und gab ihm von meinem eigenen
Essen. Die Auswanderer waren allerdings dagewesen, aber schon auf Flössen und
Schiffen die Donau hinuntergefahren. Laut den erhobenen polizeilichen
Nachforschungen kamen sie aus Schwaben und gingen nach dem südlichen Russland;
allein weder in ihrer alten noch in der neuen Heimat wollte jemand etwas von dem
Kinde wissen; nirgends wurde ein solches vermisst, nirgends war es in Büchern
oder Schriften der Ausgewanderten eingetragen. Eine Bande Zigeuner, die in der
Nähe der Stadt erschien, gab Anlass zu neuen Untersuchungen. Aber auch da kam
nichts heraus. Kurz, das Kind verblieb mir als Findelkind schönster Sorte, wie
Sie's da vor sich sehen! Ich verschafte ihm eine schöne gesicherte
Findlingsexistenz, erklärte meine tote Frau zu seiner Patin und nannte es mit
ihrem Namen Dorotea. Den Zunamen Schönfund liess ich durch Amtsgewalt
festsetzen, und als die Person sich später gar so gut anliess und ich sie an
Kindesstatt in aller Form Rechtens adoptierte, liess ich noch den hiesigen
Orts-und Hausnamen dranhängen. So heisst sie nun Schönfund-W...berg. Zu einer
Gräfin konnt ich sie freilich nicht machen, es ist auch nicht nötig!«
    »Bin ich nun mehr zu bemitleiden oder zu beneiden?« fragte mich das schöne
Wesen mit leicht geneigtem Haupte.
    »Gewiss nur zu beneiden«, sagte ich, aus meiner gerührten Verwunderung
erwachend; »Sie gleichen einfach einem Stern, der aus der Tiefe des Himmels neu
erschienen ist und dem man einen Namen gegeben hat. Ein Stern kann aber wieder
verschwinden, während die unsterbliche Seele, die jetzt Ihren Namen trägt, nie
mehr vergeht.«
    Sie bewegte aber den Kopf leise wie zu einem Nein und sagte: »Mit diesem
Troste wollen wir uns nicht stark brüsten! Der Findling wird sich so still
wieder drücken, wie er gekommen ist!«
    Als ich diese Worte nicht recht zu deuten wusste, weil ich die eigene Rede,
die sie hervorgerufen, über ihrem Anblicke schon vergessen hatte, sagte der Graf
zu mir: »Sie müssen nämlich wissen, es ist Dortchens Wahrzeichen, dass sie ganz
auf eigene Faust nicht an Unsterblichkeit glaubt, und zwar nicht etwa infolge
eingeschulter Dinge oder durch fremden Einfluss, sondern auf ursprüngliche Weise,
sozusagen von Kindsbeinen auf!«
    Dorotea schämte sich wie über ein verratenes Herzensgeheimnis; sie drückte
das errötende Gesicht auf den Damast des Tischtuches, dass die Locken sich auf
dessen Fläche ausbreiteten. Auf mich aber machte der Vorgang einen Eindruck,
welcher dem uns befallenden sanften Schreck oder Schauder gleicht, wenn ein
Wesen, das uns bereits mit Wohlgefallen umsponnen hat, mit irgendeiner
entschiedenen Eigenschaft plötzlich dicht an die Seele herantritt.
    »Da ich nun ganz erkannt bin und durchschaut werde«, sagte sie unversehens,
sich mit holdem Lächeln aufrichtend, »will ich mich zurückziehen und sorgen, dass
wir einen traulichen Winkel für unsern Kaffee finden.«
    Als ich später den Grafen auf seinen Geschäftsgängen begleitete, da er die
Hauptaufsicht über seine Güter selber führte, befrug ich ihn um das Nähere.
    »Es ist in der Tat so«, antwortete er, »seit sie ihr Urteil nur ein wenig
rühren konnte und diese Dinge nennen hörte, wir wissen die Zeit kaum anzugeben,
sagte sie mit aller Unbefangenheit, aus dem kindlichsten und reinsten Herzen
heraus, dass sie gar nicht absehen und glauben könne, wie die Menschen
unsterblich sein sollten. Es kommt allerdings nicht selten vor, dass rechtliche
Leute aus allen Ständen dies ursprüngliche schlichte Vergänglichkeitsgefühl ohne
weiteres aus der Mutter Natur schöpfen und, ohne skeptischer oder kritischer Art
zu sein, dasselbe unbekümmert bewahren wie eine harmlose Selbstverständlichkeit.
Aber so lieblich und natürlich wie bei diesem Kinde ist mir die Erscheinung noch
nie vorgekommen, und ihre unschuldige Überzeugung veranlasste mich, der ich Gott
und Unsterblichkeit hatte liegenlassen, wie sie lagen, meinen philosophischen
Bildungsgang noch einmal vorzunehmen, und als ich auf dem Wege des Denkens und
der Bücher wieder da anlangte, wo das Mädchen von Hause aus gewesen, und
Dortchen mir über die Schultern mit in die Bücher guckte, da war es erst
merkwürdig, wie sich das gedanklich bestärkte Gefühl in ihr gestaltete. Wer
sagt, dass es ohne Unsterblichkeitsglauben weder Poesie noch Lebensweihe in der
Welt gebe, der hätte sie sehen müssen; nicht nur Natur und Leben um sie herum,
sondern sie selbst wurde wie verklärt. Das Licht der Sonne schien ihr tausendmal
schöner als andern Menschen, das Dasein aller Dinge wurde ihr heilig, und ebenso
der Tod, den sie sehr ernstaft nimmt, ohne ihn zu fürchten. Sie gewöhnte sich,
zu jeder Stunde an ihn zu denken, mitten in der heiteren Freude und im
Glücksgefühl, und dass wir einst ohne allen Spass und für immer abscheiden müssen.
Das ganze vorübergehende Dasein unserer Persönlichkeit und ihr Begegnen mit den
anderen vergänglichen, belebten und unbelebten Dingen, unser aufblitzendes und
verschwindendes Tanzen im Weltlichte hat für sie einen zarten leichten Anhauch
bald von milder Trauer, bald von zierlicher Fröhlichkeit, welche den Druck der
schwerfälligen Ansprüche des einzelnen nicht aufkommen lässt, während das
Gesamtwesen doch besteht. Und welche Pietät und Teilnahme hegt sie für die
Sterbenden und Toten! Ihnen, welche ihren Lohn dahin haben und abziehen mussten,
wie sie sagt, schmückt sie die Gräber, und es vergeht kein Tag, an welchem sie
nicht eine Stunde auf dem Kirchhofe zubringt. Dieser ist ihr Lustgarten und ihr
Schmollwinkel, und bald kehrt sie fröhlich und übermütig, bald still und
nachdenklich davon zurück.«
    Solch anmutige Art eignete sich freilich einstweilen nur für ein so
sorgloses, leidenfreies und feingebildetes Leben und für die gesunde
Jugendkraft; dennoch vermehrte die Schilderung derselben meine Teilnahme und
Befangenheit.
    »Glaubt sie denn auch nicht an Gott?« fragte ich.
    »Schulgerecht«, erwiderte der Graf, »sind allerdings beide Fragen
unzertrennlich; nach Frauenart macht sie sich jedoch nicht viel aus der Logik,
da sie hier mit ihren Begriffen nicht fertig ist. Du lieber Gott, sagt sie, was
kann ich ärmstes Ding wissen! Bei Gott ist alles möglich, auch dass er existiert!
Weiter geht sie aber mit so drolligen Wendungen nicht, vielmehr verursacht ihr
in Gespräch und Lektüre eine zu grosse Freiheit oder Frechheit im Ausdrucke nur
Missbehagen, und allzu grobe Ausfälle duldet sie nicht. Sie sehe nicht ein, sagt
sie, warum man gegen den lieben Gott, auch wenn man von seiner Abwesenheit
überzeugt sei und ihn nicht fürchte, brauche grob und unverschämt zu sein. Das
erscheine ihr mehr als eine schäbige denn tapfere Manier.«
    Nach der Rückkehr von unserm Gange suchte ich mein idyllisches Quartier im
Gartenhaus auf, wo ich mich zu lassen gebeten hatte, als ich nach dem Schloss
übersiedeln sollte. Ich fand jedoch das kleine Gemach bewohnt; denn Dorotea,
die sich nach ihrer Übung wieder einmal im untern Saale aufgehalten, war mit der
Gärtnerstochter hinaufgestiegen, um nachzusehen, ob es an nichts fehle. Als ich
eintrat, sah ich, dass zwei prachtvolle hohe Schilfrohre mit ihren Blütenbüscheln
kreuzweise hinter den Spiegel gesteckt waren Unter dem Spiegel, der in einem
verblichenen Rahmen von versilbertem getriebenem Kupfer steckte, lag der
Zwiehansschädel auf der Kommode, auf einem Postamente von grünem Moose weich
gebettet, und um den Scheitel wand sich ein Kränzlein von Immergrün. Mit den
Ellbogen auf das bauchig geschweifte Möbel gestützt, stand Röschen übergelehnt
und betrachtete den Kopf aufmerksam mit gerümpftem Näschen und possierlich
gespjetztem Munde. Etwas zurück stand die Herrin, die Hände auf dem Rücken
verschränkt, wie es schien in ernstaften Gedanken das Werk ihrer Hände
gleichfalls beschauend.
    »Bewundern Sie unsere Tapezierkünste!« wandte sie sich zu mir, »wir haben
Ihrem stummen Reisekameraden den Aufentalt etwas verschönert und Sie dabei
mitgemeint. Soeben bedenke ich aber, dass Sie sich des Gefährten entledigen und
ihm die Ruhe gönnen sollten. Wir wollen ihn gelegentlich auf unserm Gottesacker
begraben, ich habe just eine wohlgeborgene kleine Kopfstelle unter den Bäumen
für ihn ausgedacht, die niemals umgegraben wird.«
    Dieses »gelegentlich«, das wie ein Rosenblatt ohne alles Gewicht von ihren
Lippen fiel, erklang so gastfreundlich, dass es mir sogleich das Herz erfreute.
Doch erwiderte ich, der Schädel müsse nach meinem Vorsatze mit mir in die Heimat
zurück, und dort wolle ich ihn endlich wieder der Erde übergeben, wenn das auch
als eine leere und unnütze Handlung erscheine.
    »Wann gehen Sie denn?« sagte Dortchen.
    »Ich denke morgen, wie ausgemacht!«
    »Sie gehen nicht, sondern tun, was der Papa rät! Kommen Sie, ich zeig Ihnen
was Hübsches!« Sie öffnete ein altes eingelegtes Schränkchen, das in der Ecke
stand, und nahm einige sehr bunte feine und echte chinesische Tässchen aus
demselben hervor. »Sehen Sie, die hab ich von Ihrem und unserm Trödelmännchen
erwischt; er hat mir noch mehrere in Aussicht gestellt, aber nicht Wort gehalten
bis jetzt. Wir haben sie hierhergebracht, damit Sie uns einmal zum Kaffee bei
sich einladen können, oder unten im Saal, und damit auch etwas Artiges in Ihrem
Zimmer ist! Schau auf, Röschen, so hat Herr Lee Flöte gespielt, als ich ihn
zuerst gesehen!«
    Sie nahm meinen Stock, hielt ihn wie eine Flöte an den Mund und sang dazu
ein paar Zeilen der Freischützarie »Und ob die Wolke sie verhülle«, und den
Stock weglegend, sang sie in beschleunigtem Tempo, sie übermütig abhaspelnd, die
Schlussverzierung mit einer Schönheit und Sicherheit der Stimme, die mich in
neues Erstaunen versetzte. Sie sang aber keine Note länger, als sich mit einer
kurzen Aufwallung guter Laune vertrug, und das Lied verklang ebenso unerwartet,
wie es begonnen. Plötzlich sah sie den Kaplan über den Platz gehen und rief ihm
aus dem Fenster zu: »Ehrwürden! kommen Sie ein bisschen zu uns herauf, wir
schwatzen hier, bis wir zum Tee wandern, und machen unserm herrlichen Dulder
Odysseus den Hof. Röschen stellt die Nausikaa vor, Sie die heilige Macht
Alkinoos', des edlen Phäakenbeherrschers, und ich die Mama Arete, Tochter des
göttergleichen Rhexenor!«
    »Da wären Sie ja meine Gemahlin, gnädigste Heidin!« sagte der geistliche
Herr schnaufend, als er in der Tat herangestiegen kam.
    »Merken Sie was, o geschorner Diener der Heiligen Jungfrau«, lachte sie,
»welche den Äter beherrscht und tronet auf goldnen Altären?«
    »Diese Unterhaltung geht über meinen Horizont!« rief Röschen, nachdem sie
dem Kaplan einen der wenigen Stühle zugerückt hatte, und zog sich zurück,
indessen jener ein lustiges Plaudern begann und den Krieg mit dem Fräulein
fortführte. Schliesslich kam noch der Graf, um zu sehen, wo wir alle blieben, und
nahm an dem Geplauder teil, bis es dunkelte und der Mond über den Parkbäumen
stand, der seinen Schein in das Zimmer hereinsandte. An seiner Gestalt erkannte
ich, dass nun vier Wochen verflossen seien, seit ich mit den Arbeitermädchen
unter den Silberpappeln am Flusse gesessen, und wunderte mich über den Wechsel
der Dinge in einem so einfachen Lebenslauf.
    
    Im Schloss sass die kleine Gesellschaft dann noch lange beisammen. Im
Anfange schien Dortchen noch aufgeregt fröhlich; allmählich wurde sie stiller
und begnügte sich, zuweilen an dem grossen Flügel kurze Sätze anzuschlagen;
zuletzt verschwand sie ohne Abschied.
    Ich konnte in jener Nacht keinen Schlaf finden, bis der Morgen graute, ohne
dass ich mich deswegen übel befand. Kaum hatte ich eine kurze Zeit geschlafen, so
wurde ich geweckt, weil die Stunde der Abreise da war. Verwirrt und in
Übereilung kleidete ich mich an und lief hinüber, wo der Graf schon beim
Frühstücke sass, der Wagen vor der Türe stand und der Kutscher bei den Pferden.
Als wir eingestiegen waren, sagte der Graf: »Nun, wohin soll's gehen?« Keine
Dorotea liess sich sehen, und doch wagte ich weder nach ihr zu fragen, da ich
die Unbefangenheit allbereits eingebüsst, noch vermochte ich ohne Abschied aus
dem Lande zu gehen. Ich sagte daher, nachdem ich mich eine Minute besonnen, im
letzten Augenblicke, ich wolle dem Vorschlage des Herren Grafen folgen.
    »Gut so!« erwiderte er und liess die Richtung nach der Stadt einschlagen, von
welcher ich, hergekommen.
 
                                Zwölftes Kapitel
                              Der gefrorne Christ
Auf der Nordseite des Schlosses bezeichnete ein höheres Fenster den Raum, in
welchem die Hauskapelle eingebaut war. In diesem Jahrhundert hatte sie
schwerlich noch einen Gottesdienst gesehen; doch war kirchlicher Zier- und
Hausrat noch an den Wänden vorhanden, das Gewölbe noch bemalt und nur der
Fliesenboden längst von der Bestuhlung geräumt. Dafür stand jetzt in der Mitte
desselben ein eiserner Ofen, der den Raum mit seinem Körper und seinen Rohren
sattsam erwärmte, und auf einer grossen Strohmatte eine Staffelei, vor welcher
ich sass und ziemlich rührig arbeitete, während ein leichter Schnee auf der
Landschaft lag.
    Die lange Unterbrechung, die Erlebnisse, der Beschluss der Entsagung hatten
ohne Zweifel eine Freiheit des Blickes und eine Neuheit der Dinge in mir bewirkt
oder vielmehr aus dem Schlafe gerufen, die mir jetzt zustatten kamen. Schon
während des letzten Aufentaltes in der Residenz hatte ich alte und neue Bilder
gewissermassen mit neuen Augen angesehen; es war mir wie Schuppen von denselben
gefallen und fiel so noch fort, da ich jetzt eifrig und kühl, stürmisch, sorglos
und vorsichtig zugleich arbeitete, indem bei jedem Zug ich an den folgenden
dachte, ohne durch Zögern den Fluss erstarren zu lassen. Die Erscheinung, dass man
später etwas kann, und zwar ohne Zwischenübung, was man früher nicht zustande
gebracht, sei es durch blosse Ruhe der Geisteskräfte, sei es durch
Geschickeswechsel, mag wohl öfter vorkommen, als man annimmt. Hier war es der
Fall, natürlich innerhalb der Grenzen, die mir überhaupt gezogen sind.
    Ich hatte zwei Bilder zugleich begonnen, welche auf diese Weise ordentlich
vorwärtsschritten, von einer nachhaltig erhellten und erwärmten Stimmung
getragen. Das eigentliche schaffende Feuer jedoch war die erwachte Neigung,
Liebe oder Verliebteit, oder wie man den Zustand nennen mag, der erst zu
nennen, wenn er durch die Zeit zum Austrag gekommen, stets aber eine alltägliche
Erscheinung ist, wie alle grossen Notwendigkeiten. Ich hatte meinerzeit das Herz
auch einen Muskel und ein mechanisches Pumpwerk nennen gelernt; nun unterlag ich
dennoch der Täuschung, dass es das Wohnhaus der Bewegungen sei, die von den
Liebeshändeln ausgehen; und trotz der üblichen Scherze über seine heraldische
Form auf den Lebkuchen, Spielkarten und andern Volkssymbolen behauptete es sein
altes Ansehen, als Doroteas Gestalt mit dem Nimbus ihrer dunklen Geburt, ihrer
eigentümlichen Weltanschauung, Schönheit und Bildung den Einzug scheinbar in das
Herz und nicht in den Kopf hielt; oder wenigstens verrichtete dieser in seinen
offenen Licht- und Schallstübchen einen blossen Pförtner und Wahrnehmungsdienst,
um das Wahrgenommene in die dunkle Purpurmühle der Leidenschaft
hinunterzusenden.
    Selbst die Vernunft leistete ihr Frondienste und tat ein übriges, ihr
gerecht zu werden. Die Vergänglichkeit und Unwiederbringlichkeit des Lebens,
durch Dortchens Augen gesehen, liess mir die Welt bald ebenso in einem stärkern
und tiefern Glanze erscheinen, wie es bei ihr der Fall war; ein sehnsüchtiges
Glücksgefühl durchschauerte mich, wenn ich mir nur die Möglichkeit dachte, für
das kurze Leben mit ihr in dieser schönen Welt zusammen zu sein. Ich hörte daher
ohne alle Bedenklichkeit vom Sein oder Nichtsein jener Dinge sprechen und fühlte
ohne Freude oder Schmerz, ohne Spott und ohne Schwere die anerzogenen Gedanken
von Gott und Unsterblichkeit sich in mir lösen und beweglich werden. Die
Veranlassung solcher Freiheit war allerdings eine Unfreiheit und für einen Mann
nicht gerade rühmlich; im Gefühle hievon suchte ich mich mit Gründen zu schulen
und nahm die Zuflucht zu der Bücherei des Grafen. Ich kannte die groben Umrisse
der philosophischen Geschichte, aus denen die letzten Fragen für den
Unerfahrenen nicht klar hervorgehen. Jetzt griff ich zu den eben in der
Verbreitung begriffenen Werken des lebenden Philosophen, der nur diese Fragen in
seiner klassisch monotonen, aber leidenschaftlichen Sprache, dem allgemeinen
Verständnisse zugänglich, um und um wendete und gleich einem Zaubervogel, der im
einsamen Busche sitzt, den Gott aus der Brust von Tausenden hinwegsang.
    Der Graf gehörte geistig und zum Teil auch persönlich dem Verbande von
Männern an, welche den begeisterten Kultus des Philosophen förderten, wenn er
auch nicht die Ansicht und die Hoffnung teilte, dass er zunächst die politische
Freiheit unfehlbar bringen müsse. Er hatte mich als Gastfreund nicht auf die
Sache stossen wollen; als ich aber jetzt den gewöhnlichen Anfangswiderstand gegen
die neuen Einflüsse erhob und die Veränderungen untersuchte, welchen ich in
moralischer Hinsicht ausgesetzt sein dürfte, begann ein gewisses Kannegiessern
über den lieben Gott, welches mich freilich von den Kinderschuhen an begleitet
hat.
    Über diese Dinge längst beruhigt, ward der Graf etwas ungeduldig und sagte:
    »Es ist mir ganz gleichgültig, ob Sie an den lieben Gott glauben oder nicht!
Denn ich halte Sie für einen Menschen, bei welchem es nicht darauf ankommt, ob
er den Grund seines Daseins und Bewusstseins ausser sich oder in sich verlegt, und
wenn dem nicht so wäre, wenn ich denken müsste, Sie wären ein anderer mit Gott
und ein anderer ohne Gott, so würde ich nicht das Vertrauen zu Ihnen hegen, das
ich wirklich empfinde. Dies es auch, was diese Zeiten zu vollbringen und
herbeizuführen haben nämlich vollkommene Sicherheit von Recht und Ehre bei jedem
Glauben und jeder Anschauung, und zwar nicht nur im Staatsgesetz, sondern auch
im persönlichen vertraulichen Verhalten der Menschen zueinander. Es handelt sich
nicht um Ateismus und Freigeisterei, um Frivolität, Zweifelsucht und
Weltschmerz, und welche Spitznamen man alles erfunden hat für kränkliche Dinge!
Es handelt sich um das Recht, ruhig zu bleiben im Gemüt, was auch die Ergebnisse
des Nachdenkens und des Forschens sein mögen. Übrigens geht der Mensch in die
Schule alle Tage, und keiner vermag mit Sicherheit vorauszusagen, was er am
Abend seines Lebens glauben werde. Darum wollen wir die unbedingte Freiheit des
Gewissens nach allen Seiten.
    Aber dahin muss die Welt gelangen, dass sie mit eben der guten Ruhe, mit
welcher sie ein unbekanntes Naturgesetz, einen neuen Stern am Himmel entdeckt,
auch die Vorgänge und Ergebnisse des geistigen Lebens hinnimmt und betrachtet,
auf alles gefasst und stets sich selbst gleich, als eine Menschheit, die in der
Sonne steht und sagt: Hier steh ich!«
    Es dauerte jedoch nicht lang, so bedurfte ich der Zurechtweisungen des
freidenkenden Grafen nicht mehr, sondern wandelte selbständig auf demselben
Pfade weiter und fand mich in der eintönig erregten Sprache des grossen
Gottesfreundes zurecht, wenn man ironischer- oder auch ernstafterweise
denjenigen so nennen darf, der sich ein Leben lang von seinem geliebten
Gegenstande nicht trennen konnte. Wie alle Neubekehrten wurde ich sogar eifriger
als die andern, und die Fackel, mit der ich in meine alten Gedankenwälder
hineinleuchtete, brannte um so heisser, als sie an dem Feuer der Liebe angezündet
war. Ich kannegiesserte nun in entgegengesetztem Sinne, besonders während der
länger gewordenen Abende, wo der wunderliche Kaplan, angezogen von dem Streite,
sich einfand, um den neuen Abgefallenen in seiner Art zur Rechenschaft zu
ziehen.
    Dieser Mann war vorzüglich drei Dinge, nämlich ein leidenschaftlicher Esser
und Trinker, ein grosser religiöser Idealist und ein noch grösserer Humorist, und
zwar letzteres fast nur in dem Sinne, dass er alle Viertelstunden das Wort Humor
gebrauchte und es zum Massstabe und Kriterium alles dessen machte, was irgendwie
vorfiel und gesprochen wurde. Alles, was er selbst tat, redete und fühlte, gab
er zunächst für humoristisch aus, und obgleich es dies nur in den minderen
Fällen war und mehr in einem masslosen Klappern und Feuerwerken mit Gegensätzen,
Bildern und Gleichnissen bestand, so erzeugte dies Wesen dennoch einen gewissen
Humor, besonders wenn wir alle zusammensassen und er uns mit ungeheurem
Wortschwall erklärte, was Humor sei und wie wir dieser Gottesgabe auch nicht
eines Senfkörnleins gross besässen.
    Er las eifrigst alle humoristischen Schriften und alle, welche vom Humor
handelten, und hatte ein ordentliches System über dies Feuchte, Flüssige,
Äterische, Weltumplätschernde, wie er es nannte, aufgebaut, das ziemlich mit
dem Charakter seiner Teologie zusammenhing. Cervantes führte er ebensooft im
Munde wie Shakespeare, aber er fand den grössten Gefallen an den unzähligen
Prügeln, welche Sancho und der Ritter bekommen, an den Einseifungen, Prellereien
und derben Sachen aller Art. Sowenig er die Schätze von Weisheit und Edelsinn
bemerkte, die dem manchanischen Herren vom Autor in den Mund gelegt waren, in
rapidem Wechsel mit den Ausbrüchen der Torheit, sowenig konnte oder wollte er
den feinern Spott sehen, besonders wenn er wie auf ihn selbst gemünzt erschien,
was dann zu den Versicherungen seines eigenen Humors den ergötzlichsten
Gegensatz bildete. So sah er in dem Abenteuer in der Höhle des Montesinos nur
eine äusserliche komische Schnurre. Den Humor, der in dem langen Seile liegt, das
ganz nutzlos abgerollt wird, indessen der Ritter schon im Anfange die Augen
schliesst, wie alle, die sich selbst belügen und damit andere terrorisieren, und
die Art, wie er sich nachher immer wieder wegen des in der Höhle Gesehenen
benimmt, dies alles gewahrte er nicht oder rümpfte unmerklich die Nase dazu.
    Sein Idealismus, und er nannte sich bald rühmend, bald entschuldigend einen
Idealisten, bestand darin, dass er gegenüber seinen Zuhörern, welche alles
Wirkliche und Geschehende, sofern es sein eigenes Wesen ausreichend und gelungen
ausdrückt und darstellt, für ideal hielten, eben dieses Wirkliche und Gewordene
materiellen und groben Mist oder Staub schalt und dagegen alles Niegesehene,
Nichtbegriffene, Namenlose und Unaussprechliche ideal hiess, was ebensogut war,
als wenn man einen leeren Raum am Himmel Vorpommern nennen wollte. So nannte er
auch jedes dilettantische pfuschende Treiben, aus dem nichts werden konnte, eine
ideale Bestrebung, wenn es auch noch so verkehrt und anmasslich war; die
aufopfernde ernste Arbeit in Wissenschaft und Kunst dagegen, die zum Gelingen
führte, war ihm ein am Irdischen klebendes Haschen nach Erfolg, nach Ehre und
Gut. Den Baumeister, dessen Kirchtürme zusammenfielen, pries er als einen
tragisch gestellten Idealisten, denjenigen, dem sie stehenblieben, einen
materialistischen Glücksjäger.
    Als katolischer Priester war er duldsam und über seine Kirche hinaus;
hierüber schwieg er bescheiden und rühmte sich nicht. Den aufgeklärten Deismus
aber, welchem er huldigte, vertrat er fanatischer als irgendein Pfaffe seine
Satzungen. Er suchte einen rechten Höllenzwang auszuüben mit idealen und
humoristischen Redensarten und baute seine Scheiterhaufen aus Antitesen,
hinkenden Gleichnissen und gewaltsamen Witzen, auf denen er den Verstand, den
guten Willen und sogar das Gewissen der Gegner zu verbrennen trachtete, seiner
eigenen Meinung zum angenehmen Brandopfer.
    Diese tapfere Lieblingsbeschäftigung, nebst der Gastfreundschaft des Grafen,
führte ihn häufig in das Haus, und da er zugleich ein ehrlicher Gesell und
redlicher Helfer bei wohltätigen Unternehmungen war, so gereichte er zum Nutzen
wie zur bleibenden Heiterkeit des Hauses. Besonders Dorotea wusste ihn mit der
leichtesten Anmut in den Irrgärten seines fanatischen Humors herumzuführen,
neckisch vor ihm herzuhuschen und durch die Buschwerke seines krausen Witzes zu
schlüpfen. Unergründlich war es dabei, ob mehr ein heiteres Wohlwollen oder ein
bedenklicher Mutwillen im Spiele lag; denn ebensooft, als sie dem Kaplane
Gelegenheit gab zu glänzen, verlockte sie seine Eitelkeit auf das Eis, wo sein
Witz das Bein brach.
    Das war nun der richtige Mann, an welchem ich meine neuen Waffen zu üben
Gelegenheit fand, und ich tat es um so rücksichtsloser, als ich gegen Unarten
focht, denen ich selber schon in mehr als einer Hinsicht gefrönt hatte. Nach dem
ersten wehmütigen Erstaunen über meinen Abfall holte er mit verdoppelter Kraft
aus, um mich niederzustrecken; da ich aber das schonende Mass, dessen er gewohnt
war, mit weniger Lebensart als neophytischer Kampflust überschritt, ihm
phantastische Ausfälle und humoristische Stiche in gleicher schlechter Münze
zurückgab, wurde er verstimmt und ging mehr als einmal der geselligen Erholung
verlustig, welche er nach tagelangem Messelesen und Ministrieren gesucht hatte.
Hierüber wurde ich meinerseits betroffen; ich verwunderte mich, wie wenig der
Mensch sich zu ändern imstande ist, wenn ich an das Erlebnis mit Ferdinand Lys
zurückdachte, wo ich mich sogar einer schlimmeren Aufführung schuldig gemacht
und mit einem Degen in der Hand auf der entgegengesetzten Seite, derjenigen des
Kaplans, gestanden hatte. Ich fasste den Vorsatz, mich zu mässigen und zu bessern,
verfiel aber von neuem in den alten Fehler. Dadurch wurde ich als ein angehender
Ruhestörer selbst der Schonung bedürftig, fühlte es und wurde selber betrübt.
    Allein es war schon dafür gesorgt, dass dem bedrängten Kaplan eine
unerwartete Hilfe kommen sollte. Eines Tages rasselte ein offenes Fuhrwerk,
bespannt mit einem schwerfälligen Bauernpferde, vor das Schloss. Auf dem Bock sass
ein ländlicher Kutscher mit einer Tabakspfeife im Munde, in dem beckenförmigen
Kasten dagegen, wie in der Muschel der Venus, ein seltsamer Mann mit einem
grossen Schlapphute, ebenfalls eine Pfeife im Munde tragend. Neben ihm lehnte ein
mannshoher Kornsack, der aber mit vielen grösseren und kleineren, eckigen und
runden Gegenständen gefüllt schien und oben mit Mühe zusammengeschnürt war, so
dass sich auf dem Haupte nur ein niedriges Faltenkrönlein hatte bilden können.
Diesen Sack hielt der Insasse des Fuhrwerkes mit der einen Hand aufrecht, vor
allem besorgt, dass er mit Vorsicht abgeladen würde. Als das geschehen, sprang er
gleich nach und blieb bei dem Sacke stehen, denselben aufrecht haltend, weil er
ihn um keinen Preis auf die etwas feuchte Erde wollte fallen lassen. Das machte
ihm den nun folgenden Wortwechsel mit dem Fuhrmann schwierig zu führen, der sich
wegen der Bezahlung des Fahrgeldes nicht wollte aufhalten lassen, während der
Reisende sowohl die Höhe des geforderten Lohnes bestritt als einen Aufschub
verlangte, bis er seine Briefe abgegeben und seine Ankunft auf dem Grafensitze
gehörig ausgeführt habe. Mit sprudelndem Munde, immer neben der Pfeife redend,
suchte er sich mit dem Fahrknechte zu verständigen, sah sich aber stets in den
nötigen Gebärden und im Hervorsuchen der Briefe gehindert, weil der Sack
umfallen wollte, wenn er ihn losliess. Endlich kam ein Hausdiener herbei, der
nach seinen Angelegenheiten fragte.
    »Dies ist mein Gepäcke, guter Freund!« sagte der Mann, »halten Sie's ein
wenig, damit ich meine Empfehlungsbriefe an den Herren Grafen finden kann, den
ich herbeizurufen bitte!«
    Der Diener hielt den Sack, der Reisende holte ein paar Briefe aus einer
dicken Brieftasche und gab sie dem Diener, worauf dieser ins Haus ging und jener
den Sack wieder selbst hielt. Nach einiger Zeit erschien der Graf mit einem der
Briefe in der Hand, um nach dem Ankömmling zu sehen. Dieser streckte ihm, an
seiner Sacksäule stehend, die freie Hand entgegen und rief:
    »Ich grüsse Sie, edler Mann und Genosse! Ist es nicht eine Freude zu leben,
mit Hutten zu reden?«
    »Habe ich die Ehre, Herrn Peter Gilgus zu sehen, der mir hier von den
Freunden empfohlen wird?« antwortete Graf Dietrich
    »Der bin ich! Ist es nicht eine Freude zu leben?«
    »Gewiss! Aber machen Sie es sich doch etwas bequemer! Wollen Sie Ihr Gepäcke
nicht abgeben und ins Haus treten?«
    »Ich kann nicht, bevor ich ein Wort mit Ihnen gesprochen!«
    Der Graf näherte sich dem Manne, der ihm eine vertrauliche Mitteilung
machte, worauf jener dem Fuhrmann bedeutete, dass er werde zufriedengestellt
werden und mit seinem Fahrzeuge nur vorerst nach den Wirtschaftsgebäuden gehen
und samt dem Pferde etwas zu sich nehmen möge.
    Hierauf wurde der Sack wohlbehalten von zwei Leuten in das Haus getragen und
der Fremde vom Grafen auf sein Zimmer genommen, wo er weitere Rücksprache mit
demselben pflag.
    Herr Peter Gilgus war ein im mittlern Deutschland weggelaufener Schullehrer
und ein Apostel des Ateismus, der im wörtlichen Sinne ausgezogen war, die Welt
zu sehen und zu geniessen, nachdem der liebe Gott aus derselben weggeschickt
worden. Dies Ereignis hielt er für einen unberechenbaren Glücksfall, und er rief
unaufhörlich, wo er hinkam: »Es ist eine Freude zu leben!« als ob die Welt in
der Tat von ihrem grössten Feinde und Bedrücker soeben befreit worden wäre, seit
er die Werke des Philosophen gelesen. Er betrug sich demgemäss, wie wenn es
fortwährend Sonntag und der Braten am Spiesse wäre, oder wie die Bevölkerung
eines kleinen Herzogtums, dessen Tyrann entflohen, oder wie ein Nest voll Mäuse,
wenn die Katz aus dem Hause ist.
    Als Schulmeister mochte er von der Geistlichkeit freilich arg gedrückt
worden sein; allein er freute sich über die Vertreibung Gottes doch mehr als
billig. Immer von neuem erstaunte er über die Herrlichkeit des Gedankens, von
dem unseligen Begriffe frei und jeder grösseren oder kleineren Abhängigkeit von
demselben ledig zu sein. Immer wieder ballte er die Faust gegen die ganze lange
Vergangenheit voll antropomorphischer Götter; aufs neue bestieg er jeden
kleinen Hügel, reckte die Hand aus und pries die Schönheit der grünen Welt,
jubelte über die wolkenlose tiefe Bläue des entgötterten Himmels und trank
bäuchlings liegend aus Quellen und Bächen, welche noch nie so reines und
frisches Wasser geliefert hätten wie jetzt. Das hinderte ihn jedoch nicht,
sobald eine anhaltende Kälte oder ein langes Regenwetter eintrat, sehr
ungehalten zu werden und einen persönlichen Groll mit alterkömmlichen
Fluchworten zu äussern, wie man sie nur gegen persönlich existierende Urheber von
widerwärtigen Wirkungen braucht.
    Nach seinem Auszuge hatte er zuerst das Haupt der Schule, den Philosophen,
aufgesucht, acht Tage lang verehrt und ihm zur Weiterreise die geringe Barschaft
abgeborgt, welche der in freiwilliger Armut und Bedürfnislosigkeit lebende
Weltweise gerade besass. Derselbe gab ihm ein paar Briefe an wohlhabendere
Verehrer mit, diese sandten ihn wieder andern Freunden zu, und so zog er seit
einem Jahre von Stadt zu Stadt, von einem Landgut zum andern, lebte herrlich und
in Freuden und lobte die angebrochene neue Ära. Jetzt war er endlich auch zum
Grafen Dietrich gekommen, der schon von ihm wissen mochte. Als er mit dem neuen
Gaste zu Tisch kam, war er schon ein wenig ermüdet von dessen lauten Gesprächen
und Ausrufungen; der Gast aber, indem er den Löffel in die gute Suppe tauchte,
rief und sprudelte über dicke Lippen hinaus: »Es ist eine Freude zu leben!«
    In mir witterte er augenblicklich einen Schützling und Mitgast des Hauses,
machte sich nach dem Essen an mich und zwang mich, ihn auf das ihm bestimmte
Zimmer zu begleiten; unter tausend Fragen begann er sich einzurichten und seinen
Sack auszupacken, der ihm als Reisekoffer diente. Neben einer Anzahl
verschiedener Kleidungsstücke, von denen keines zum andern recht passte, kamen
die wunderlichsten Habseligkeiten zum Vorschein, und auf jedes Stück legte er
einen Affektionswert. Jeden Band in ein besonderes Tüchlein gewickelt, förderte
er die in rotes Leder gebundenen Werke des Meisters zutage und stellte sie
feierlich auf den Schreibtisch, der im Zimmer war. Dann zog er ein dickes Stück
von ungebleichtem Zwillich, viele Ellen, heraus, wovon er sich im Sommer eine
deutsche Turnerkleidung dachte anfertigen zu lassen. Hierauf kamen andere
Bücher; hierauf rollten einige Metzen schöne Borsdorfer Apfel hervor, von einer
schönen Gutsfrau geschenkt, wie er sagte; sodann folgte ein Stück Pökelfleisch,
in Papier gewickelt; hierauf eine blaue zusammengelegte Steppdecke, zwischen
welcher ein Bund Strickgarn lag zu neuen Strümpfen. Beim Anblick aller dieser
Dinge musste man ihm lassen, dass er die Vorsehung Gottes leidlich zu ersetzen und
an alles zu denken verstehe, dessen er etwa bedürftig werden könnte. Nachdem er
noch einiges aus der Tiefe des Sackes hervorgeholt, unter anderm eine kleine
Schwarzwälderuhr, kroch er mit dem Kopfe hinein und zog aus dem untersten Grunde
einen zusammengerollten rotblumigen Hausrock hervor. Denselben entfaltend,
entüllte er eine mässige Schachtel, in welcher das Modell eines Auges von der
Grösse eines Kindskopfes gebettet lag.
    Gilgus öffnete die Schachtel und nahm das Auge sorgfältig heraus, um zu
sehen, ob es nicht Schaden gelitten. Es war von Wachs und Glas angefertigt und
konnte zerlegt werden, um zu Unterrichtszwecken den Bau des menschlichen Auges
vorzuweisen. Bei seinem Auszug hatte er das Auge aus der kleinen
Naturaliensammlung seiner Schule mitlaufen lassen, und es liefen deshalb überall
kleine amtliche Verfolgungen hinter ihm drein, sooft sein Aufentalt
ausgemittelt wurde; allein er gab es nicht wieder her.
    Jetzt blies er den Staub davon, setzte es feierlich auf den Schreibtisch und
rief: »Das ist das wahre Auge Gottes!«
    Dieses Auge Gottes hatte natürlich nur die allergröbste Einrichtung, und
Gilgussens Kenntnis ging über dieselbe nicht hinaus; dennoch musste sie ihm dazu
dienen, seine Freudenbotschaft mit dem Mantel der Naturwissenschaften zu
schmücken, und er führte das Auge gleichsam als Wahrzeichen mit sich für jene
Erscheinung im grossen, wenn die gedachten Wissenschaften beim Beginn einer neuen
Reihe von Entdeckungen dem Unendlichen jedesmal zuschreien: Holla! Wir wissen
jetzt, wie's gemacht wird!
    Ausserdem diente ihm das Auge noch als Geheimarchiv und Schatzkammer. Er
öffnete den Apfel und leerte den hohlen Innenraum, dessen Inhalt vom Fahren
durcheinandergerüttelt worden. Aus einer grossen Flocke Baumwolle wickelte er
eine goldene Busennadel, ein silbernes Uhrkettchen, ein paar Fingerringe und
zeigte mir diese Schätze mit Wohlgefallen. Auf ein Bündelchen Rechnungen, ein
Punschrezept, ein Bündelchen Liebesbriefe, die er von den Stubenmädchen seiner
Gastfreunde erhalten, wies er mehr andeutend hin, wogegen er ein Lotterie los
mit ernster Miene entfaltete, wie wenn es eine Staatsobligation wäre, und es
standen allerdings mehrere Hunderttausende in grossen und kleinen Posten darauf
gedruckt; eine kleine, in Papier eingeschlagene Barschaft bezeichnete er als
Reservefonds, welchen er unter keinen Umständen angreife und deshalb hier
aufbewahre. Ein vertrocknetes Blumensträusschen ergänzte die Sammlung und knüpfte
versöhnend an das menschlich Liebenswürdige an.
    Alles das war in dem Auge, und er legte das Gefüllsel nun in die leere
Schachtel und verschloss diese in einer Schublade; denn er dachte das anatomische
Modell in den bevorstehenden lehrreichen Gesprächen zum Vorschein zu bringen.
    Gleich am ersten Abend, als der Kaplan zur Gesellschaft kam, nahm er diesen
zum Zielpunkt seines apostolischen Eifers, und es entstand ein gewaltiger Lärm,
bis der Geistliche die Karikatur in dem Ankömmling erkannte, plötzlich mit
vergnügtem Augenblinzeln seine Fechtart veränderte und dem lärmenden, mit
blasphemischen Kühnheiten um sich werfenden Peter Gilgus zu schmeicheln begann.
Er schätze sich glücklich, sagte er, eine so ausgesprochene und in ihrer Art
vollkommene Erscheinung begrüssen und studieren zu können; alles absolut
Entgegengesetzte müsse sich stärker anziehen als das Halbe und sich schliesslich
in einem höhern Elemente vereinigen. Ein leidenschaftlicher Liebhaber Gottes und
ein leidenschaftlicher Leugner Gottes zögen im Grunde an demselben Wagen, von
dem der eine sowenig loskommen könne als der andere, und so biete er ihm als
treuer Gefährte seine Freundschaft an. Eine so fleissige und beharrliche
Gottesleugnerei sei eigentlich nur eine andere Art von versteckter Gottesfurcht,
wie es in den ersten Zeiten Heilige gegeben habe, welche den Schein grosser
Lasterhaftigkeit zur Schau trugen, um in der Verachtung um so ungestörter der
göttlichen Inbrunst sich hinzugeben.
    Der verdutzte Gilgus wusste nicht, wie ihm geschah, und suchte sich mit
sprudelnder Ungebärdigkeit zu helfen; doch der fröhliche Kaplan umwickelte ihn
so dicht mit hundert zärtlichen Spässchen, tröstete ihn, der Herrgott habe schon
längst ein Auge auf ihn und es werde noch alles gut werden, dass er sich doch
gewissermassen geschmeichelt fühlte und sich auf den nächsten Tag zu einem guten
Pfarrfrühstück bei dem Kaplan einladen liess. Dort lieferten sie sich zuerst
wieder eine Wortschlacht; dann zechten sie und schlossen Freundschaft, zogen
miteinander über Feld und in den Wirtshäusern herum, wo der Kaplan immer neue
Spässe mit seinem Freunde anstellte; denn er blieb immer bei Sinnen und boshaft,
während Gilgus den Verstand verlor, sobald er angetrunken war, und über die
Grösse seines Schicksals, über die Feierlichkeit der Zeit, wo es eine Freude zu
leben sei, jämmerlich zu weinen begann. Wenn der Kaplan ihn in solcher
Verfassung abends oder mittags ins Schloss bringen konnte, so erreichte sein
Vergnügen den höchsten Gipfel. Der Graf lächelte bald heiter, bald verdriesslich,
Dorotea dagegen lachte voll neugieriger Lustbarkeit, da sie dergleichen noch
nie gesehen, besonders wenn Gilgus vor ihr auf die Knie fiel und weinend den
Saum ihres Gewandes küsste; denn er hatte die Gärtnerstochter, mit der er zuerst
schöngetan, sogleich stehenlassen, als er vernahm, dass Dortchen keine Gräfin und
eine starkgeistige, freigesinnte Person sei, und offenbar hielt er sie vorläufig
für dazu bestimmt, die Freude am grossen Weltaugenblick und am Leben mit ihm zu
teilen.
    War er dann nach manchem Auftritte derart wieder nüchtern geworden, so
verfiel er in tiefsinnige Trauer, und um die Scharte auszuwetzen, beging er
allerhand Kraftstücke. Trotz der kühlen Jahreszeit stürzte er sich badend in
Teiche und Mühlbäche, so dass man in der Nähe oder Ferne unvermutet seine nackte
Gestalt auf- und untertauchen sah. Mit blauem Gesicht und nassen Haaren stellte
er sich dann als neu- und wiedergeboren vor, und der Kaplan sowohl als Dortchen
und selbst das mutwillige Röschen fanden ihre tägliche Belustigung an seinem
Treiben. Der Kaplan wusste bereits, dass die Bauern davon sprachen, den
heidnischen Wassermann einmal aufzufischen und mit Haberstroh trockenzubürsten,
und auch hierauf freute er sich im voraus.
    Ich aber wurde durch den ganzen Vorgang nicht nur veranlasst, die eigene
Streitlust zu mässigen, ja sogar mich stillzuhalten, sondern ich fühlte mich
beschämt, neben dem sonderbaren Gesellen als ein kaum minder abenteuerlicher
Gast dazustehen. Vollends die Art, wie jener sein Auge auf die Schönheit des
Hauses geworfen, erinnerte mich daran, dass ich selbst ja das gleiche getan und
noch tue, wenn ich auch noch nichts verraten oder zu verraten bis zur Stunde
willens gewesen sei. Und das holde Gelächter, welches Dorotea in allen Züchten
öfter hören liess, verdiente ich ja selbst schon in meinem innersten Herzen. Wenn
ich aufrichtig gegen mich sein wollte, so musste ich gestehen, ich sei allein um
Doroteas willen noch dageblieben, nur besass ich nicht den Mut, es merken zu
lassen oder etwas zu hoffen. Ich war also womöglich noch närrischer als der
Peter Gilgus.
    Ich geriet durch all diese widersprechenden Empfindungen und Gedanken in
eine Art von Erstarrung, in welcher ich mich auf meine Arbeit und das stille
Studium der philosophischen Bücher zurückzog, ohne an den Disputationen weiter
teilzunehmen. Die Verliebteit dauerte dabei fort, aber wie das Blühen der
Pflanzen, das in eingetretener Frühlingskühle eine Weile unentschieden bei
halbgeöffneten Kelchen anhält. Und gleichmässig verharrte ich in der Verachtung
einer Nebenbuhlerschaft, als welche ich das Verhalten des Gilgus hinsichtlich
der neuen Weltanschauung sowohl als dem Weibe gegenüber betrachtete, was
freilich weder zeitgemäss noch sehr menschlich war.
    Eines Vormittags kam er aufgeregt und geputzt zu mir gestürzt, als ich
ziemlich gesammelt und dennoch herb wie eine alte Jungfer an meiner Arbeit sass.
Er trug auf dem Leibe einen braunen Frack mit vergoldeten Knöpfen, auf dem Kopf
eine hellfarbige Reisemütze, obgleich es Winter war. Die Angelegenheit mit
Dorotea, rief er, müsse sich entscheiden; eine Verbindung eines Mannes wie er
mit einer Person wie Dorotea wäre zu typisch, als dass sie unterbleiben dürfte;
sie sei geradezu eine philosophiegeschichtliche Pflicht, denn die Erlösung der
Welt von der Gottesidee müsse sich erst recht vollziehen durch die Vermählung
freier Geschlechtsrepräsentanten, und so weiter. Ich war von der schlechten
Gesellschaft in meiner Neigung so beschämt und vergrämt, dass ich über die
Narrheit nicht einmal zu lachen imstande war. Überhaupt belustigte mich die
Sache keineswegs, indem sie selbst einen leichten Schatten auf das unbefangene
Dortchen zu werfen schien.
    Ich fragte ihn daher unwirsch, ob er in seinem Fracke schon auf dem Weg sei,
den Heiratsantrag zu machen?
    »Nein«, sagte er, »heute noch nicht! Ich will mich erst einige Tage nur
etwas sorgfältiger tragen, wie es sich auf Freiersfüssen geziemt. Steht mir
dieser Frack nicht gut? Ich habe ihn von einem ateistischen Bankier geschenkt
bekommen, einem grossen Gönner unsers Bundes, der freilich des Sonntags noch in
die Kirche geht; denn er hat Rücksichten zu nehmen. Oh, wenn mein armes
Mütterchen das Glück noch erlebt hätte, das ich haben werde!«
    »Ihr Mütterchen? Ist es tot?«
    »Schon seit zwei Jahren! Sie hat die Befreiung des Menschengeschlechtes
nicht mehr gesehen! Die trockenen Blumen, die ich im Auge Gottes aufbewahre, hat
sie mir noch an meinem letzten Geburtstage geschenkt, den sie erlebte! Sie hat
dieselben um einen Kreuzer auf dem Markte eingehandelt!«
    Ein neuer Stich ging mir ins Herz; auch auf eine liebende Mutter behauptete
der Narr Anspruch zu machen, und am Ende war er noch ein besserer Sohn als ich,
der ich dasass und die meinige so gut als vergass, obschon ich wusste, dass sie
meiner harrte. So ist unser Leben aus Wirrsal gewebt, dass wir dem Nächsten kaum
einen Tadel zuwenden, den wir nicht, noch eh er ihn vernommen, auf uns selbst
beziehen können.
    Einige Minuten nachdem Gilgus fortgestürmt war, trat Dorotea mit einem
Körbchen voll schöner Trauben und Birnen herein.
    »Sie sind jetzt so fleissig und zurückgezogen«, sagte sie, »dass man Ihnen die
kleinen Erquicklichkeiten nachtragen muss. Essen Sie von diesen Früchten, sonst
werden Sie mir zu trocken! Dafür sollen Sie uns einen guten Rat geben! Malen Sie
jedoch weiter, ich sehe Ihnen gerne zu!«
    Sie nahm einen Stuhl und setzte sich zu mir.
    »Papa schreibt Briefe«, fuhr sie fort, »mit denen er Herrn Gilgus
fortschicken will; denn er mag ihn nicht mehr dahaben. Gilgus hat heute früh die
Ackerleute, die auf dem Felde pflügen, angepredigt wie Jonas die Leute zu
Ninive, sie sollten Busse tun und von ihrem heidnischen Gottesglauben ablassen.
Das kann so nicht weitergehen. Papa will ihn heute noch wegschicken, in
ziemliche Entfernung, und mit wohlmeinenden Uriasbriefen dahin wirken, dass er
weiterhin versorgt und an eine vernünftige Beschäftigung gebunden wird.«
    »Und was kann ich denn dazu raten?« frug ich.
    »Nicht sowohl raten als helfen! Sie sollen ihm, sofern er sich sträubt,
zureden und die Reise als etwas Notwendiges und Vergnügliches darstellen. Dann
stehen ein paar Koffer bereit, welche den Inhalt seines schrecklichen Sackes
wohl aufnehmen werden. Da Sie ihm in seinem letzten Stündlein beistehen werden,
so müssen Sie ihn überzeugen, dass der Sack unschicklich und verdächtig sei, und
wie zufällig die Koffer herbeischaffen. Es könnte sich nämlich ereignen, dass er
störrisch wäre und sie nicht wollte, und doch mag der Vater ihn nicht mit dem
Kornsacke aus seinem Hause abreisen sehen.«
    Ich befürchtete zwar nicht, dass Gilgus die Koffer zurückweise, versprach
aber, mein Bestes zu tun. Sie aber sagte: »Nun schau ich noch ein wenig zu, wenn
es erlaubt ist!« schlug die Arme ineinander und sass eine Viertelstunde neben
mir, ohne dass sie oder ich etwas dazu sprach.
    Als ich endlich einen misslungenen Stein, der im Vordergrunde meines Bildes
lag, mit der Spachtel wegräumte, sagte sie »Hopsa! Weg damit!« Dann erhob sie
sich, dankte mir für geneigte Audienz und zog sich zurück, indem sie mir
zugleich empfahl, mich vor Tisch sehen zu lassen, um zu erfahren, wie es gehe in
der bewussten Sache.
    Es ging auch ohne Schwierigkeit alles vonstatten, wie man wünschte; Gilgus
fuhr ganz still und weichmütig mit wohlbepacktem Gefährte von hinnen, nach der
nächsten Postalterei, um von dort am frühen Morgen weiterzureisen. Als der
Kaplan abends zum Tee erschien, fand er es so still und friedlich, wie wenn eine
Mühle abgestanden wäre. Er hatte in der letzten Zeit zuweilen einen der älteren
deutschen Mystiker mitgebracht, in der Absicht, das grundtiefe und kühne Wesen
solcher Geister dem neuesten Geiste gegenüberzustellen, der ebenso tiefgehend
und kühn war selbst in der verzerrten Darstellung durch Gilgus, und da es ihm
hauptsächlich um das Phantasienährende und Parabolische zu tun war, dem er
nachjagte, so gab es manche Ausbeute bald zu seinen Gunsten, bald zugunsten der
andern. Für heute hatte er des Angelus Silesius Cherubinischen Wandersmann
aufgegriffen und bedauerte, dass Gilgus nicht mehr da war, da er denselben durch
den Vortrag der wunderlichen Reime zugleich zu reizen und zu bannen, uns aber in
spasshafte Verlegenheit zu setzen hoffte.
    Wir baten ihn, dennoch vorzulesen, und die kleine Gesellschaft empfand die
grösste Freude über den vehementen Gottesschauer, seine lebendige Sprache und
poetische Glut. Das wollte ihm aber auch nicht recht passen; er begann immer
eifriger und nachdrücklicher zu lesen, und mit jeder Seite, die er umschlug,
erhöhte sich die Teilnahme an der munteren Geisteserscheinung, bis er das
Büchlein halb ärgerlich und ermüdet weglegte.
    Nun nahm es der Graf in die Hand, blätterte darin und sagte dann:
    »Es ist ein recht wesentliches und charaktervolles Büchlein! Wie richtig und
trefflich fängt es gleich an mit dem Reimpaar:
Rein wie das feinste Gold, steif wie ein Felsenstein,
Ganz lauter wie Kristall soll dein Gemüte sein.
Kann man treffender die Grundlage aller solcher Übungen und Denkarten, seien sie
bejahend oder verneinend, und den Wert bezeichnen, den man von vornherein
hinzubringen muss, wenn die ganze Sache erheblich sein soll? Wenn wir uns aber
weiter umsehen, so finden wir mit Vergnügen, wie die Extreme sich berühren und
im Umwenden eines in das andere umschlagen kann. Glaubt man nicht, unsern Ludwig
Feuerbach zu hören, wenn wir die Verse lesen:
Ich bin so gross als Gott, Er ist als ich so klein,
Er kann nicht über mich, ich unter Ihm nicht sein -?
Ferner:
Ich weiss, dass ohne mich Gott nicht ein Nun kann leben,
Werd ich zunicht, Er muss vor Not den Geist aufgeben.
Auch dies:
Dass Gott so selig ist und lebet ohn Verlangen,
Hat Er sowohl von mir als ich von Ihm empfangen.
Oder:
Ich bin so reich als Gott, es kann kein Stäublein sein,
Das ich (Mensch, glaube mir) mit Ihm nicht hab gemein.
Und nun gar:
Was man von Gott gesagt, das g'nüget mir noch nicht;
Die Über-Gotteit ist mein Leben und mein Licht.
 - Wo soll ich dann nun hin?
Ich muss noch über Gott in eine Wüsten ziehn.
Und wie einfach wahr findet man das Wesen der Zeit besungen in diesem
Sinngedichtchen:
                           Man muss sich überschwenken
Mensch! wo du deinen Geist schwingst über Ort und Zeit,
So kannst du jeden Blick sein in der Ewigkeit.
Dann:
                            Der Mensch, ist Ewigkeit
Ich selbst bin Ewigkeit, wann ich die Zeit verlasse
Und mich in Gott und Gott in mich zusammenfasse.
Und:
                             Die Zeit ist Ewigkeit
Zeit ist wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit,
So du nur selber nicht machst einen Unterscheid.
Alles dies macht beinahe vollständig den Eindruck, als ob der gute Angelus nur
heute zu leben brauchte und er nur einiger veränderter äusserer Schicksale
bedürfte, und der kräftige Gottesschauer wäre ein ebenso kräftiger und
schwungvoller Philosoph unserer Zeit geworden!«
    »Das wird mir denn doch zu bunt«, rief der Kaplan; »aber Sie vergessen nur,
dass es zu Schefflers Zeiten doch auch schon Denker, Philosophen und besonders
auch Reformatoren gegeben hat und dass eine kleinste in ihm vorhandene Ader von
Verneinung vollkommen Gelegenheit gehabt hätte, sich auszubilden!«
    »Sie haben recht!« erwiderte ich, »aber nicht ganz in Ihrem Sinne. Was ihn
abgehalten hätte und wahrscheinlich noch heute abhalten würde, ist der Gran von
Frivolität und Geistreichigkeit, mit welcher sein glühender Mystizismus versetzt
ist; diese kleinen Elementchen würden ihn bei aller Energie des Gedankens auch
jetzt noch im mystagogischen Lager festalten!«
    »Frivolität!« rief der Kaplan, »immer besser! Was wollen Sie damit sagen?«
    »Auf dem Titel«, versetzte ich, »benennt der fromme Dichter sein Buch mit
dem Zusatz: Geistreiche Sinn- und Schlussreime. Allerdings hat das Wort
geistreich im damaligen Sprachgebrauch nicht ganz die jetzige Bedeutung; wenn
wir aber das Büchlein aufmerksamer durchgehen, so finden wir, dass es in der Tat
auch im heutigen Sinne etwas allzu geistreich und zuwenig einfach ist, so dass
jene Bezeichnung jetzt wie eine ironische Voraussage erscheint. Dann sehen Sie
aber auch die Widmung an, die Dedikation, worin der Mann seine Verse dem lieben
Gott dediziert, indem er ganz die Form nachahmt, selbst in der Anordnung des
Drucksatzes, in welcher man damals grossen Herren ein Buch zuzueignen pflegte,
bis zur Unterschrift Sein allezeit sterbender Johannes Angelus.
    Betrachten Sie den bitterlich ernsten Gottesmann, den heiligen Augustinus,
und gestehen Sie aufrichtig: trauen Sie ihm zu, dass er ein Buch, worin er sein
religiöses Herzblut ergossen, mit solch einer witzelnden, affektierten
Dedikation versehen hätte? Glauben Sie überhaupt, dass es demselben möglich
gewesen wäre, ein so kokett launiges Büchlein zu schreiben, wie dies eines ist?
Er hatte Geist so gut als einer, aber wie streng hält er ihn in der Zucht, wo er
es mit Gott zu tun hat! Lesen Sie seine Bekenntnisse, wie rührend und erbaulich
ist es, wenn man sieht, wie ängstlich er alle sinnliche und geistreiche
Bilderpracht, alle Selbsttäuschung oder Täuschung Gottes durch das sinnliche
Wort flieht und meidet. Wie er vielmehr jedes seiner strikten und schlichten
Worte unmittelbar an Gott selbst richtet und unter dessen Augen schreibt, damit
ja kein ungehöriger Schmuck, keine Illusion, keine Art von Schöntun mit Unreinem
in seine Geständnisse hineinkomme!
    Ohne mich zu solchen Propheten und Kirchenvätern zählen zu wollen, kann ich
doch diesen ganzen und ernstgemeinten Gott mitfühlen, und erst jetzt, wo ich ihn
nicht mehr habe, erkenne ich die willkürliche und humoristische Manier meiner
lugend, in welcher ich mit meiner vermeintlichen Religiosität die göttlichen
Dinge zu behandeln pflegte, und ich müsste mich nachträglich selber der
Frivolität zeihen, wenn ich nicht annehmen könnte, dass jene verblümte und
spasshafte Art eigentlich nur die Hülle der völligen Geistesfreiheit gewesen sei,
die ich mir endlich erworben habe.«
    »Haha!« lachte der Priester jetzt aus vollem Halse, »da haben wir's wieder!
Geistesfreiheit, Frivolität! Da zappelt der Fisch wieder an der langen Schnur
und hält sich für einen Luftspringer! Bald wird er nach Luft schnappen! Den
Teufel spürt das Völkchen nie! möchte man fast ausrufen, wenn's nicht den lieben
Herrgott anginge, verzeih mir Gott die Sünde!«
    Ärgerlich, dass ich dem humoristischen Fliegenfänger nun doch wieder ins Garn
gefallen, entzog ich mich der Unterhaltung und trat schweigend an ein Fenster,
wo ich die Sterne des Grossen Wagens ihren stillen Weg fahren sah. Auf einmal
rief Dorotea, welche inzwischen das Buch in die Hand genommen hatte:
    »Beim Himmel, da steht das artigste Frühlingsliedchen, das ich je gesellen!
Hört:
Blüh auf, gefrorner Christ!
Der Mai ist vor der Tür,
Du bleibest ewig tot,
Blühst du nicht jetzt und hier!«
Sie eilte ans Klavier, spielte und sang diese Worte in einem altertümlichen
Choralsatze von sehnsüchtig lockendem Tone, doch trotz der kirchlichen Form mit
einem verliebt zitternden, weltlichen Ausdruck ihrer Stimme.
 
                              Dreizehntes Kapitel
                                Das eiserne Bild
Obgleich noch nicht Weihnacht da war, schien gegen die Ordnung der Natur in der
Tat der Lenz kommen zu wollen. Während die Worte und die Melodie von Doroteas
Frühlingslied mir in den Ohren klangen, hörte ich die ganze Nacht den Südwind
wehen, den schmelzenden dünnen Schnee von den Dächern tropfen, und am Morgen lag
eine unnatürlich warme Sonne auf den getrockneten Gefilden, während die Bäche
voller dahinrauschten und murmelten. Nur die Blumen, die Massliebchen und die
Schneeglöckchen, fehlten. Dennoch tönte es noch fortwährend in mir: »Der Mai ist
vor der Tür, du bleibest ewig tot, blühst du nicht jetzt und hier!«
    Noch gestern hatte ich geglaubt, mit meiner verschwiegenen Verliebteit hoch
über allem zu stehen, was ich je über Liebe gedacht und empfunden, und nun musste
ich erfahren, dass ich keine Ahnung gehabt von der Veränderung, die in dieser
falschen Frühlingsnacht vorging.
    Das Gattungsmässige im Menschen erwachte mit aller Gewalt seines Wesens in
mir; das Gefühl der Schönheit und Vergänglichkeit des Lebens verdoppelte sich,
und zugleich schien mir alles Heil der Welt nur auf diesen zwei schönen Augen zu
stehen; während ich sie aber aus Dankbarkeit schon für ihr blosses Dasein liebte
und ehrte, verschmähte ich, sie auch nur in Gedanken mit meiner Person zu
behelligen aus lauter Demut und Furcht, und doch war Demut wie Furcht wieder
eine Lüge, wenn sie zwanzigmal mit unbestimmten Hoffnungen, mit Vorstellungen
von Glück und Freude wechselten, statt zum Entschlusse weiser Flucht zu führen.
    Mit Ruhe und Arbeit war es nun vorbei; denn so wie ich etwas in die Hand
nehmen wollte, verirrten sich meine Augen in das Weite, und alle Gedanken flohen
dem Bilde der Geliebten nach, welches, ohne einen einzigen Augenblick zu
weichen, überall um mich her schwebte, während es zu derselben Zeit schwer wie
aus Eisen gegossen in meinem Herzen lag, schön, aber unerbittlich hart und
schwer. Von diesem eisernen Drucke, der mir sehr neu und grausam vorkam, war ich
nur in Dortchens Gegenwart frei; kaum sah oder hörte ich sie nicht mehr, so
stellte er sich wieder ein, und ich konnte ihn füglich ebensowohl als ein
körperliches wie als ein moralisches Übel betrachten. Die Heftigkeit des
Zustandes wurde keineswegs durch das beschämende Bewusstsein gemildert, dass ich
an dem eben verbannten Peter Gilgus einen drolligen Genossen besass; wie ich
überhaupt nicht viel von der Meinung halte, physische oder geistige Leiden seien
leichter zu tragen, wenn sie mit andern geteilt werden. War Gilgus auch in
seiner Art von mir verschieden, so standen wir uns doch darin gleich, dass beide
als arme Zuflüchtige in das Haus gekommen und mit dem Begehren nach der Tochter
endeten.
    Der unzeitige Frühling hielt wochenlang an; in den Gehölzen blühte schon der
Zeidelbast, so dass ich am Weihnachtsabend, da ich nichts anderes hatte, eine
Handvoll der roten duftenden Zweige auf den Bescherungstisch legen konnte. Es
wurde übrigens nur den Angestellten und Dienstleuten beschert und ohne weitere
Festlichkeit; denn der Graf sagte, es zieme sich nicht, mit den Kirchlichen nur
die Lustbarkeiten, nicht aber die Peinlichkeiten und die Andachten zu teilen.
Als der Tisch geleert und das Volk abgezogen war, lag mein Strauss noch da.
Dorotea ergriff ihn und sagte: »Wem gehört denn eigentlich die schöne Daphne?
Gewiss mir, ich seh's ihr an!«
    »Wenn Ihnen die Jahrszeit nicht allzu verdächtig ist«, sagte ich, »so
erbarmen Sie sich dieser zu früh gekommenen Sendboten!«
    »Ei was, man muss das Gute nehmen, wie's kommt. Haben Sie Dank; wir wollen
die Zweige gleich ins Wasser stellen, sie sollen uns das ganze Haus
durchduften!«
    Dorotea war nicht nur an diesem Abend, sondern über die ganze Festzeit
aufgeräumt und von lieblichster Laune, besonders am Neujahrstage, wo zum ersten
Male, seit ich im Hause war, sich eine grössere Gesellschaft zu einem Festmahle
einfand. Nicht nur der Kaplan, sondern auch der Pfarrherr, der Arzt, ein
Oberamtmann und einige Edelleute! Jugendgenossen des Grafen, welche trotz seiner
verpönten Gesinnungen ihm zugetan blieben, waren da. Selbst ein paar aufgeweckte
ältere Damen kamen angefahren und verbreiteten sogleich den guten freien oder
den freien guten Ton, der in gewissen Zeiten oft nur noch in der Gewalt der
alten Frauen steht, die andere Tage gesehen haben und für sich nichts mehr
fürchten noch hoffen. Es wurde nichts gesagt, was der einzelne nicht hören
durfte, und doch auch nichts verschwiegen, was irgend mit wohlwollender
Heiterkeit anzubringen war. Jeder fand seine Gelegenheit, ein Wort
mitzusprechen, und keiner missbrauchte sie, weil das Treffendere und deshalb
scheinbar Neuere schon gesagt war, sofern einer darauf ausging, dergleichen zu
leisten. Selbst der Kaplan übte seine Künste mit höflicher Mässigkeit, und der
Pfarrherr, ein rechtgläubiger, aber nicht bösartiger Katolik, zog von
vornherein eine so generose Linie des allenfalls zu Dulden den um seine
behagliche Person, dass die Überschreitung der Grenzwehr niemandem einfiel und
sogar nicht einmal eine merkliche Annäherung versucht wurde.
    Ungeachtet dieses heitern Daseins nahm ich meine Zeit wahr, um mich für
einmal zurückzuziehen, da ich durch mein Dableiben weder aufzufallen noch zu
stören wünschte. Für den Augenblick etwas ruhiger geworden, begab ich mich in
die alte Hauskapelle und machte mir dort einiges mit meinen Bildern zu schaffen,
die halb eingetrocknet dastanden.
    Wie ich mich so in der Stille befand, kam mir plötzlich die Mutter in den
Sinn, welche in der fernen Heimat sass und nicht wusste, wo ich war, indessen es
mir hier wohlerging. Längst hätte ich ihr nun Nachricht geben können und sollen,
da sich die Umstände ja für einmal tröstlich verändert hatten; dass ich es
dennoch immer verschob, geschah aus unklar ineinanderfliessenden Ursachen.
Erstlich hielt ich allerdings meine Angelegenheiten nicht mehr für so sehr
wichtig und besprechenswert, seit ich aus der Not erlöst war; dann dachte ich
wieder, durch die Freude einer unvermuteten Ankunft alles gutzumachen, bis wohin
die kurze Spanne Zeit, gegenüber den verflossenen Jahren, nicht mehr in Betracht
käme; endlich aber scheute ich mich unbewusst, bei dem jetzigen innern Zustande
irgendeinen Laut von mir zu geben, zumal die geheime Selbstliebe trotz aller
gegenteiligen Gedankengänge und Vorsätze sich doch nicht eingestehen wollte, dass
jede Entscheidung undenkbar sei. Als ich nun in einiger Ruhe dies Wirrsal
beschaute, fasste ich doch den Entschluss, die stille Stunde zu benützen und der
Mutter zu schreiben, wo ich sei, wie es mir gehe und dass ich bald heimkehren
werde. Zu diesem Zwecke ging ich nach dem Gartenhause hinüber, wo ich etwas
Bücher und Schreibzeug liegen hatte. Auf dem Wege dahin bemerkte ich, dass die
Gesellschaft sich in dem wie im Frühlingslichte ruhenden Park erging; das konnte
mir als merkwürdiges Bild eines Neujahrstages und meines Aufentaltes gleich zum
Eingange des Briefes dienen. Kaum war ich aber in meinem Zimmer oder
Schlafsälchen angelangt, so klopfte es, und Röschen die Gärtnerin erschien in
der Sonntagstracht der Landesgegend vom zierlichsten Schnitte; die wollene
pelzverbrämte Jacke trug sie der warmen Luft wegen nur am Arme, so dass die
Brustbekleidung von grüner Seide mit ihren silbernen Häkchen und Knöpfchen den
Wuchs des hübschen Mädchens um so feiner zeichnete. Ein kleines Gehäube, von
schwarzem Samt und Spitzen zusammengesetzt, bekleidete den Ausgang der starken
goldenen Zöpfe, von denen der eine wie aus Übermut über die Schulter nach vorn
gezogen war und mit der Jacke auf dem Arme lag.
    Sie war von Seite des Fräuleins an mich abgesandt mit der Aufforderung,
sogleich nebst der Botin zu ihr zu kommen und den Frauenzimmern den Ort zu
zeigen, wo ich den blühenden Zeidelbast gefunden habe. Das Mädchen lächelte
artig und schalkhaft bei seiner Verrichtung, seines vorteilhaften Aussehens
wohlbewusst; der schöne Anblick sass mir auch fest im Auge, doch nahm ich
denselben lediglich zugunsten der Herrin, deren Schönheit ich ihn zurechnete.
Ohne Zögern liess ich liegen, was ich vorgehabt, und eilte mit dem Mädchen durch
Bäume und Herrschaften nach dem Kirchhofe, wo Dorotea wartete.
    »Wo stecken Sie denn?« rief sie mir entgegen; »wir wollen noch mehr von dem
blühenden Zeiland suchen, das kann man nicht alle Neujahrstage. Überdies sind
wir die einzigen jungen Leute hier und dürfen uns auf unsere Weise auch ein
bisschen des Lebens freuen!«
    Sie ergriff somit meinen Arm, und wir gingen, von Röschen begleitet, nach
dem Buchenwald, den wir in acht oder zehn Minuten erreichten. Der Waldboden war
trocken wie im Sommer, und sobald wir ihn betraten, fing Dortchen an zu singen,
und zwar ein wirkliches Volkslied und im Tone, wie das Volk selber singt,
treuherzig und selbst mit den kleinen Schnörkeln verziert, die jenes anzuhängen
pflegt. Röschen fiel alsbald mit der zweiten Stimme ein, etwas tief und derb, so
dass es klang, wie wenn zwei gesunde Landmädchen durch den sonntäglichen Wald
gingen. Natürlich waren es von den wehmütigen Liebesgeschichten, die sie eine
nach der anderen anstimmten und andächtig zu Ende führten, ohne dass Dortchen
meinen Arm fahrenliess, bis ein rötlicher Glanz uns anzeigte, dass einige
Sträucher der gesuchten Pflanze in der Nähe waren; denn die sinkende Sonne
streifte durch die Buchenstämme und traf die blühenden Zweige der Daphneen, wie
Dortchen sie mit dem botanischen Titel nannte, der mir unbekannt gewesen. Sie
jauchzte fröhlich auf, und beide Mädchen liefen sogleich hin, von den narkotisch
duftenden Zweigen die schönsten zu brechen, während ich mich auf den Stamm eines
gefällten Baumes setzte und ihnen zuschaute, mit Wohlgefallen jeder ihrer
Bewegungen mit den Augen folgend.
    Als sie ihre Ernte gehalten, ging Röschen weiter, noch mehr Sträucher
aufsuchend, und das Mädchen verlor sich allmählich hinter den Bäumen. Dorotea
hingegen kam und liess sich bei mir nieder, indem sie mir ihren Blütenstrauss
unter die Nase hielt.
    »Ist es nun nicht hübsch hier«, sagte sie, »und sind Sie nicht froh, dass wir
Sie aus Ihrem Schlupfwinkel geholt haben?«
    »Ich wollte an meine Mutter schreiben«, antwortete ich.
    »Haben Sie ihr denn nicht schon früher auf den heutigen Tag einen
Neujahrsbrief geschickt?«
    »Ich habe ihr noch nicht geschrieben, seit ich hier bin; sie weiss gar nicht,
wo ich lebe!«
    »Sie weiss es gar nicht? Wie können Sie so was tun?«
    Ich blickte seitwärts und kratzte mit den Fingern ein kleines Moosgärtlein
weg, das auf der silbergrauen Rinde des Stammes sass. Dann sagte ich, dass ich
einen so langen Aufentalt nicht vorhergesehen und endlich gedacht hätte, die
Mutter um so froher zu überraschen, wenn ich schliesslich selber käme.
    »Das muss ich sagen«, rief sie, »morgen müssen Sie aber schreiben, ich leid
es nicht länger! Wer ein solches Mütterchen hat, sollte seinem Schöpfer danken!
Wissen Sie, dass Ihr Buch aussieht wie ein Herbarium? Überall, wo mir etwas
Freude machte oder wo ich Ihnen gern die Leviten gelesen hätte, legte ich ein
grünes Blatt oder Gras hinein. Es liegt in meinem Sekretär eingeschlossen. Mehr
als einmal, wenn ich von Ihrer Mutter las, dachte ich: Könntest du doch bei
einem solchen Mütterchen mit unterkriechen, die du keines gekannt hast! Aber
morgen wird geschrieben! Sie müssen auf meinem Zimmer schreiben, und ich geh
Ihnen nicht von der Seite, bis der Brief fertig und zugemacht ist, und wenn Sie
folgsam sind, so schreib ich selbst noch einen Gruss mit hinein!«
    »Das wird doch nicht wohl angehen!« sagte ich.
    »Warum denn nicht? O gefrorner Christ! Warum denn nicht? Darf ich Ihre
Mutter nicht grüssen? Und wollen Sie nicht schreiben?«
    Statt zu antworten, arbeitete ich fleissig weiter an der Ausreutung des
Moosfleckes; denn das eiserne Abbild Dortchens drehte sich in meinem Herzen um,
während ich neben dem Urbilde sass, was es sonst nie tat, und es war, als ob es
mit furchtbarem Druck der schweren Eisenhände sich gegen die Wände seiner
dunklen Behausung stemmte. Indessen ergriff sie meine Hand und wiederholte mit
leiserer Stimme:
    »Warum wollen Sie nicht? Oder soll ich für Sie schreiben, gleichsam in Ihrem
Auftrage? Nein, das geht auch nicht! Aber diktieren will ich Ihnen, was ich
denke, dass es der Mutter Vergnügen macht, und Sie brauchen bloss nachzuschreiben!
Nun?«
    Eh ich aber antworten konnte, war Röschen mit einer ganzen Schürze voll
Märzglöckchen herbeigesprungen, die sie gefunden, und es war Zeit, zum Schloss
zurückzugehen. Dortchen liess das Gespräch fallen. Sie nahm auf dem Rückwege
meinen Arm nicht wieder, ging aber dicht neben mir her. Plötzlich sagte sie:
    »Röschen, leih mir deine Jacke, wenn du sie nicht brauchst!
    Es fängt doch an, mich zu frösteln!«
    Röschen reichte ihr das Kleidungsstück; es fand sich aber, dass es für den
höhern Wuchs der Dorotea zu klein und eng war, so dass sie es nicht anziehen
konnte.
    »Wollen Sie sich nicht meines Rockes bedienen?« sagte ich mit unbeholfenem
Scherze, und sie antwortete: »Nein, in Ihrer Haut mag ich nicht stecken, Sie
kalter Fisch!«
    Ins Schloss zurückgekehrt, hatte sie dem Tee vorzustehen, der noch
eingenommen wurde, und nachher der Verabschiedung der einzelnen Gäste
beizuwohnen. Als ich mit dem Grafen und dem Kaplane noch bei einem Glase Punsch
zusammensitzen musste, kam sie, gute Nacht zu wünschen. Sie legte dem erstern den
Arm um die Schultern und sagte scherzhaft weinerlich:
    »So eine Adoptivtochter fahrt doch ein elendes Leben! Nicht einmal ihrem
Vater darf sie einen Kuss geben, wenn sie zu Bett geht!«
    »Was fällt dir ein, du Närrchen?« sagte der Graf lachend; »das geht
allerdings nicht und würde sich nicht schicken!«
    Hier wendete sich das Eisen wieder in meinem Herzen und drückte mich
jämmerlich die ganze Nacht. Dazu fing es an, mir den Hals zuzuschnüren, und ich
konnte nicht anders Luft bekommen als durch den Ausbruch einer Tränenflut und
erbärmlichen Schluchzens, zum ersten Mal in meinem Leben wegen Liebessachen. Der
Unwillen über diese Schwachheit vermehrte das Übel, so wie auch die unliebsame
Entdeckung, dass durch die wahre Leidenschaft, als welche ich die Geschichte
ansah, die Freiheit der Person und jede vernünftige Selbstbestimmung
verlorengehe, mich elend machte.
    Als es endlich Tag wurde, war der falsche Lenz vorüber, und es fiel ein mit
Schnee vermischter Regen. Dortchen sagte, als ich im Schloss erschien, nichts
mehr vom Schreiben, und ich selbst vermochte erst recht nicht, mich
daranzumachen. Eine abermalige neue Erfahrung war der Widerwillen gegen das
Essen, welchen aus solchen Ursachen zu empfinden ich nie für möglich gehalten
hätte. Denselben zu verbergen, damit er nicht auffiel und weil er ein
trübseliges Aussehen mit sich brachte, kostete die grösste Mühe, und alles das in
einem Alter, wo ich doch auch kein Konfirmand mehr war. Auch bedauerte ich,
diese schöne brotsparende Leidenschaft nicht zur Zeit meiner Hungersnot besessen
zu haben, wo sie mir die besten Dienste geleistet hätte. Diese realökonomische
Observation hinwieder nicht der Dorotea zu ihrer Belustigung mitteilen zu
dürfen, drückte mir fast das Herz ab.
    Dortchen dagegen schien nicht übel aufgelegt und sogar mit jedem Tage
besser, ohne sich stark um mich zu kümmern. Sie machte Geldstücke wie Kreisel
über den Tisch tanzen, brachte Kinder herbei und setzte ihnen Papiermützen auf
die Köpfe, liess auf dem Hofe Hunde apportieren, und was dergleichen unschuldige
Schwänke mehr waren, und alles dünkte mich unergründlich merkwürdig, reizvoll
und bestrickte mich. Alle die kleinen Teufeleien verrieten täglich heller eine
ursprüngliche Anmut und Beweglichkeit des Gemütes und zeigten mit federleichten
Wendungen, dass sie tausend Nücken unter den Locken sitzen hatte. Wenn nun erst
die offene, klare Herzensgüte, was man so die Holdseligkeit am Weibe nennt, uns
gewinnt, so bringt uns nachher, wenn wir in unserer Einfalt entdecken, dass die
Geliebte nicht nur schön und gut, sondern auch gescheit und beweglich ist, die
fröhliche Kinderbosheit des Herzens vollends um Ruhe und Verstand; und so ging
auch mir ein neues Licht auf, und es befiel mich ein heftiger Schreck, nun gewiss
nie wieder ruhig zu werden, da ich gerade dies kurzweilige Frauenleben niemals
mein nennen könne. Denn wenn die Liebe nicht nur schön und tief, sondern auch
recht eigentlich kurzweilig ist, so erneut sie sich selbst in jedem Augenblick
das bisschen Leben hindurch und verdoppelt den Wert desselben, und nichts macht
trauriger, als ein solches Leben möglich zu sehen, ohne es zu gewinnen; ja die
allertraurigsten Leute sind die, welche glauben, das Zeug dazu zu haben, recht
lustig zu sein, und dennoch traurig sein müssen aus Mangel an guter
Gesellschaft. So dachte und fühlte ich damals, weil ich nicht wusste, dass es
wichtigere und dauerhaftere Dinge in der Welt gibt als jene jugendliche
Kurzweil.
    Da das schöne Wesen mir mit jedem Tage anders und unbegreiflicher erschien,
obgleich sie immer dieselbe war, so verlor ich zuletzt alle Unbefangenheit des
Verkehrs, und um die Heilung meiner Krankheit zu versuchen, zog ich mich wie ein
Einsiedler in die Wildnis zurück; d.h. unter dem Vorgeben, die Gegend, Land und
Leute recht anzusehen, fing ich an, bei jeder Witterung, gut oder schlecht, den
Tag im Freien zuzubringen. Ich hielt mich aber meist auf den waldigen Höhen auf,
unter alten Tannenbeständen oder in verlassenen Köhlerhütten, ohne menschliche
Gesellschaft, was schon aus dem Grunde gut war, weil ich, immer nur mit dem
einen Gegenstande beschäftigt und die Herrschaft über mich selbst vergessend,
laut zu denken und zu sprechen begann, besonders mit der Klage über den
schmählichen Druck, der mir wie eine fremde Krankheit angeworfen war und den ich
hundertmal mit der Hand wegzuwischen suchte.
    »Ist diese Teufelei also die wirkliche Liebe?« sagte ich eines Tages laut
vor mich hin, als ich unter Bäumen einsam hockte und über das Land wegblickte.
»Habe ich nur ein Stück Brot weniger gegessen, als Anna krank war? Nein! Habe
ich eine Träne vergossen, als sie starb? Nein! Und doch tat ich so schön mit
meinen Gefühlen! Ich schwur, der Toten ewig treu zu sein; dieser Lebendigen aber
Treue zu schwören wäre mir nicht einmal möglich, da sich das ja von selbst
versteht und ich mir nichts anderes denken kann! Wenn diese schwer erkranken
oder gar sterben sollte, würde ich dann imstande sein, dem Ereignis so
aufmerksam zuzusehen und es gar zu beschreiben? O nein, ich fühle, es würde mich
brechen und die Welt verfinstern! Und welch ein praktischer Kerl bin ich dennoch
gewesen, als ich so platonisch, so ganz nach dem Schema liebte und ein grüner
Junge war! Wie unverschämt hab ich da geküsst, die Kleine und die Grosse, zum
Morgen- und Abendbrot! Und jetzt, da ich so manches Jahr älter bin und ein Stück
Welt gesehen habe, wird es mir schon bang, wenn ich nur daran denke, diese
schöne und gute Person zu unbestimmter Zeit irgendeinmal küssen zu dürfen!«
    Dann starrte ich wieder in die Luft hinaus; doch kaum waren einige Minuten
vergangen, während welcher ich neugierig eine Wolke oder einen Gegenstand am
Horizont oder ein schwankendes Reis zu meinen Füssen betrachtete, so kehrten die
Gedanken wieder zu ihrer alten Last zurück; denn das eiserne Bild erlaubte
nicht, dass sie länger anderswo spazierengingen. Als ich eines Abends einen
steilen Klippenpfad hinunterstieg, trat ich in der traurigen Zerstreuteit fehl
und torkelte wie ein Sinnloser über die Felsen, dass ich nicht wusste, wie ich
unten ankam, und mich zu meiner Kränkung und Beschämung ziemlich verletzte. Ein
anderes Mal sass ich im Feld auf einem verlassenen Pfluge, der in der
abgebrochenen Ackerfurche stand, und machte wohl ein sehr betrübt dummes
Gesicht; denn ein vergnügt grinsender Feldlümmel, der mit einem irdenen
Selterskrüglein, das ihm am Rücken hing, dahergeschlenkert kam, stand vor mir
still, gaffte mich an und begann endlich unbändig zu lachen, indem er sich mit
dem Ärmel über Mund und Nase fuhr. Schon das arme Krüglein tat mir in den Augen
weh, da es so stillvergnügt und unverschämt von der Schulter dieses Burschen
baumelte, der wahrscheinlich seinen Vespertrunk darin mitgeführt hatte. Wie
konnte man ein solches Krügelchen herumtragen, als ob es kein Dortchen in der
Welt gäbe?
    Da der grobe Gesell nicht aufhörte, dazustehen und mir ins Gesicht zu
lachen, stand ich auf, trat weinerlich und leidvoll auf ihn zu und schlug ihn
dergestalt hinter das Ohr, dass der arme Kerl zur Seite taumelte; und eh er sich
wieder fassen konnte, prügelte ich all das Weh auf den fremden Rücken und
zerschlug auch seinen Krug, dass mir die Hand blutete, bis der Feldlümmel,
welcher glaubte, der Teufel sei hinter ihm her, sich aus dem Staube machte und
erst aus einiger Entfernung anfing, mit Steinen nach mir zu werfen. Nach dieser
humanen Heldentat ging ich langsam davon, schüttelte den Kopf und seufzte über
soviel Herzeleid, das in der Welt sei!
    Von solcher Aufführung selbst angegriffen, dachte ich nicht, mich daran
aufzureiben, sondern suchte den Weg, mich aus dem Irrsal zu befreien. Ich
musterte und verglich alle Umstände, um feststellen zu können, dass ich nicht der
Mensch sei, eine Neigung wie diejenige Dortchens erwecken zu können.
    Was dem einen recht, ist dem andern billig! und: Wie du mir, so ich dir!
sind zwei goldene Sprüche auch in Liebeshändeln, wenigstens für sonst
verständige Menschen, und die beste Kur für ein krankes Herz ist die
unzweifelhafte Gewissheit, dass sein Leiden nicht geteilt wird. Nur eigensinnige
und selbstsüchtige Verfassungen laufen Gefahr, sich aufzulösen, wenn sie von
denen nicht geliebt werden, die ihnen gefallen. Aber was hätte sein können und
nicht geworden ist, macht unglücklich, und der Trost hilft nicht, dass die Welt
weit sei und hinter dem Berge auch noch Leute wohnen; nur das Gegenwärtige, was
man kennt, ist heilig und tröstlich.
    Nachdem ich nun ausgemacht hatte, dass Dortchen nicht an mich denke, ward ich
etwas ruhiger und begann zu ratschlagen, ob ich zum Danke für ihre
Liebenswürdigkeit ihr die Sache entdecken wolle oder nicht. Ich gedachte im
ersten Falle, gelegentlich, eh ich abreiste, ihr lachend und manierlich zu
gestehen, welchen Rumor sie mir angerichtet, und sie zugleich zu bitten, sich
nicht darum zu kümmern; denn nun sei alles wieder gut und ich wohl und munter.
Auf der anderen Seite aber tauchte die Besorgnis auf, ein derartiges Geständnis
möchte doch als schlaue Liebeswerbung angesehen werden und mich in ein schiefes
Licht bringen, der Geliebten aber einen trüben Tag bereiten. Ich verfiel daher
wieder in ein unruhiges und trauriges Nachsinnen, ob ich es tun solle oder
nicht, bis zuletzt es mir doch möglich schien, mit unbefangenem Vertrauen ihr
durch offene Darstellung des über mich gekommenen Ungewitters, unter Scherz und
Lachen, eine kleine Erheiterung zu gewähren, die sie wohl verdiene, und mir
zugleich die verlorene Ruhe zu verschaffen. Und zwar nahm ich mir vor, es sofort
zu tun. Es war eben Sonnabend und das gute Wetter auch für den kommenden Tag in
Aussicht. Ich beschloss daher, den Sonntagmorgen mit seinem stillen Glanze zu der
verwegenen Verhandlung zu benutzen, heut aber mich nicht mehr sehen zu lassen,
um nicht durch neue Eindrücke irre zu werden in meinen Vorsätzen.
    Der Morgen geriet auch auf das schönste; ein wirklicher Vorfrühling lachte
mit seinem wolkenreinen Himmel durch alle Fenster, und ich war trotz einiger
süssen Bangigkeit doch guter Dinge, da ich meiner baldigen Freiheit und Erlösung
von der schmählichen Beklemmung entgegensah und mir einbildete, nichts anderes
erreichen, zu wollen. Und dennoch beruhte die ganze süsse Aufregung, in welcher
ich mich feiertäglich herausputzte und fortwährend auf neue Scherze sann, die
ich in die bevorstehende Plauderei verflechten wollte, auf dem Selbstbetruge,
mit dem ich mir verbarg, dass mich nur der Wunsch beseelte, mit Doroteen wohl
oder übel von Liebe zu sprechen.
    Aber es fand sich, dass sie schon am Sonnabend meilenweit weggefahren war, um
eine Freundin zu besuchen, dass sie von dort nach der Residenz gehen und
überhaupt mehrere Wochen abwesend sein werde. Damit war alle meine Hoffnung
zunichte und der blaue Himmel in meinen Augen schwarz wie die Nacht. Das erste,
was ich tat, war, dass ich wohl zwanzigmal den Weg vom Gartenhaus nach dem
Kirchhof hin und zurück ging und mich dabei auf die Seite des Pfades drückte, an
welcher Dortchen mit dem Saume ihrer Gewänder hinzustreifen pflegte. Aber auf
diesen Stationen brachte ich nichts heraus, als dass das alte Elend mit
verstärkter Gewalt wieder da war und die Vernunft wie weggeblasen. Das Gewicht
im Herzen war auch wieder da und drückte fleissig darauf los.
    Der Graf hatte die ganze Zeit über seiner einzigen Leidenschaft, der Jagd,
gelebt und war daher wenig zu Hause geblieben. Jetzt schien er der Sache etwas
müde zu sein und begann mich wieder aufzusuchen. Er fand mich in der Kapelle, da
ich keinen Grund mehr hatte, in die Wildnis zu laufen, und hier am einsamsten
war.
    »Wie steht's denn mit den Bildern, Meister Heinrich?« sagte er, mir auf die
Schulter klopfend, »rücken sie vor?«
    »Nicht sonderlich!« erwiderte ich kleinlaut und trübselig.
    »Es eilt ja nicht, Sie sind uns noch lange willkommen! Dennoch seh ich Ihnen
am Gesicht an, dass es gut ist, wenn Sie von der Sache mit guter Manier bald frei
werden.«
    Du triffst es besser, als du weisst! dachte ich und machte mich plötzlich mit
so grimmiger Entschlossenheit an die Arbeit, dass ich vor Ablauf von drei Wochen
mit den Bildern fertig war. Während sie zum Trocknen an der Luft standen,
bestellte ich beim Tischler die Kisten, in denen sie nach der Hauptstadt
gesendet werden sollten. Dann stellte ich einige Streifereien an, um nicht
stilliegen zu müssen, und als ich eines Abends spät nach Hause kehrte, sah ich
vom Garten aus Doroteens Zimmer erleuchtet. Mit dem Schlaf, den ich während der
letzten fleissigen Tage wiedergefunden, war es nun abermals aus, obgleich ich
noch nicht wusste, dass sie wirklich da war.
    Am Morgen erschien Röschen und berief mich zum Frühstücke, welches ihrer
Ankunft zu Ehren gemeinsam eingenommen werde. Als ich ins Schloss kam, erklang
ihre Stimme durch das Haus; sie spielte und sang wie eine Nachtigall am
Pfingstmorgen, und alles war voll Leben und Fröhlichkeit; nur ich war traurig
und einsilbig, da das Scheiden nun doch vor der.
    Türe stand.
    Sie schien aber nichts davon zu merken, sondern trieb allerlei Mutwillen,
der mich immer wieder aufregte und verwirrte; dabei wandte sie sich immer an
andere und brauchte vorzüglich das dienstfertige Röschen als Trägerin und
Gehilfin ihrer Possen. Als dieses gelegentlich ein kleines Silberlachen hören
liess, das ich auf meine düstere Laune bezog, lief ich dem Mädchen nach, packte
es und fasste es in den Arm, indem ich mit der anderen Hand sein Köpfchen
festielt.
    »Wer wird hier ausgelacht, und was willst du denn, du Gänseblümchen?« rief
ich. Das blühende Kind zappelte und sträubte sich, lachte aber fort. Unversehens
hielt es still und flüsterte mir ins Ohr:
    »Lassen Sie uns doch lachen! Das gnädige Fräulein ist so vergnügt und
zufrieden, dass sie wieder da ist! Wissen Sie warum?«
    Als ich das schlimme Geschöpf verblüfft und errötend freiliess, legte es mir
die Hand auf die Schulter und lispelte weiter:
    »Sie war so traurig die ganze Zeit, denn sie ist verliebt! Wissen Sie, in
wen?«
    Ich fühlte das Herz beinah stillstehen und sagte tonlos: »Nun, in wen denn?«
    »Ein Rittmeister bei den Kürassieren!« hauchte sie nun ganz leise,
»himmelblaue Tracht, schneeweisser Mantel, Stahlharnisch und hoher Silberhelm,
ein geschwungener Kamm darauf, und das Ganze schön wie ein Hektor, sagt sie,
obgleich unser schwarzer Hund so heisst!«
    Damit sprang sie davon und eilte der Herrin nach, die schon vorher
entschlüpft war. Ich merkte freilich, dass Scherz getrieben wurde; allein die
Schilderung eines schönen Reiteroffiziers bekam mir an sich schon nicht gut in
solchem Zusammenhange.
    Glücklicherweise langten die Kisten für die Bilder an, welche sofort
eingepackt wurden. Ich schlug selbst die Nägel in die Deckel, dass die Kapelle
von den zornigen Schlägen widerhallte; denn mit jedem Schlage nahm ich mir
gewisser vor, am nächsten Tage fortzugehen, und so dünkte es mir, als nagle ich
den eigenen Sarg zu. Aber nach, jedem Schlage schallte ein klangreiches
Gelächter oder ein fröhlicher Triller von den Korridoren und Treppen her, die
Mädchen jagten hin und wider und schlugen Türen auf und zu.
    Das bewirkte, dass ich in meine Gartenwohnung ging und gleich auch den
Reisekoffer packte, den ich samt neuem Inhalt bei meinem letzten Aufentalt in
der Residenz gekauft hatte. Als ich damit fertig war, ging ich höchst
schwermütig, aber gefasst ins Freie und nach dem Kirchhofe; dort setzte ich mich
auf Dortchens Lieblingsbank und hoffte, sie werde etwa herkommen und ich
wenigstens noch einige Minuten bei ihr sitzen können ohne Bosheit noch Gefährde,
um sie nochmals recht anzusehen. Sie kam auch richtig nach einer Viertelstunde
herangerauscht, aber von der Gärtnerstochter und dem schwarzen Hektor begleitet.
Da entfernte ich mich eiligst, im Glauben, sie hätten mich noch nicht gesehen,
und lief hinter die Kirche. Als ich dort die Mädchen wieder sprechen und lachen
hörte, ging ich in der Verwirrung in das Dorf und betrat das Pfarrhaus, um beim
Kaplan Zuflucht zu suchen, angeblich aber um meine Abreise anzukündigen.
    Ich fand ihn essend am Tische sitzen, über den die Nachmittagssonne
wegschien.
    »Ich esse hier mein Vesperbrötchen«, sagte er, »wollen Sie nicht mitalten?«
    »Ich danke«, erwiderte ich; »wenn Sie es erlauben, so will ich Ihnen sonst
ein wenig Gesellschaft leisten!«
    »Das sind mir junge Leute heutzutage«, sagte der Hochwürdige, »das hat ja
gar keinen ordentlichen deutschen Appetit mehr! Na, die Gedanken sind auch
danach, da kann freilich nicht viel anderes herauskommen als nichts und wieder
nichts!«
    »Seit wann sind Hochwürden so materialistisch?«
    »Verwechseln Sie mir nicht das Erschaffene mit dem Unerschaffenen, unseliger
Adept, und nehmen Sie Platz! Ein Schluck Bier wird Ihnen mindestens nicht zu
schwer sein!«
    So beschäftigte er sich eifrig weiter mit der grossen Schüssel, die vor ihm
stand. Dieselbe entielt die Anhängsel und Profilstücke eines
frischgeschlachteten Schweines, die Ohren, die Schnauze und den Ringelschwanz,
alles soeben gekocht und dem Geistlichen lieblich in die Nase duftend. Er pries
das aufgetürmte Gericht als unübertrefflich an einfacher Zarteit und Unschuld
und trank einen tüchtigen Krug goldenbraunen Bieres dazu.
    Als ich etwa zehn Minuten dagesessen hatte, klopfte es an der Türe, und
Dorotea trat, nur von dem schönen Hunde begleitet, anmutig und höflich herein,
schien aber ein klein wenig befangen zu sein.
    »Ich will die Herren nicht stören«, sagte sie, »und wollte nur den Herrn
Kaplan bitten, heute abend bei uns zu sein, da Herr Lee morgen fortreist. Sie
sind doch nicht abgehalten?«
    »Gewiss werde ich kommen!« erwiderte der Pfarrer, der sich schon wieder
gesetzt hatte und seine angenehme Arbeit fortsetzte, »bitte, mein Liebster,
holen Sie doch einen Stuhl für das gnädige Freulein!«
    Das tat ich mit grossem Eifer und stellte einen zweiten Stuhl an den Tisch,
mir gerade gegenüber. Dorotea dankte mit freundlichem Lächeln und sah
bescheiden vor sich nieder, indem sie Platz nahm. Nun war ich doch glückselig,
da ich in der wohnlichen und sonnigen Priesterstube ihr gegenübersass und sie
sich so gutmütig und still verhielt. Der Kaplan sprach essend und immer allein,
und wir brauchten ihm nur zuzuhören, indes der Hund mit feurigen Augen und
offenem Manne auf Schüssel, Hände und Mund des Hochwürdigen starrte.
    »Ach, der arme Hund, wie es ihn gelüstet!« sagte Dortchen, »essen Sie dies
auch, Herr Kaplan, oder erlauben Sie, dass ich es ihm gebe?«
    Sie zeigte hiebei auf das krumme Schwänzchen, das sich manierlich auf dem
Rande der Schüssel darstellte.
    »Dies Sauschwänzchen?« sagte der Kaplan, »nein, mein Fräulein, das können
Sie ihm nicht geben, dass ess ich selber! Warten Sie, hier ist etwas für ihn!« und
er setzte dem lüsternen Tier einen Teller vor, in welchen er allerhand
Knöchelchen und Knorpelwerk geworfen hatte. Dortchen und ich sahen uns
unwillkürlich an und mussten lächeln, weil die ungetrübte Freude des Geistlichen
an dem bescheidenen Gegenstande uns erheiterte. Auch der Hund, der sich begierig
mit seinem Teller unterhielt, vermehrte durch seine Behaglichkeit die gute
Stimmung. Dortchen streichelte ihm den Kopf, als ich eben mit der Hand über
seinen glänzenden Rücken fuhr, und als sie achtlos Gefahr lief, mir mit ihrer
Hand zu begegnen, zog ich die meinige höflich zurück, wofür sie mich schnell mit
einem halben Lächeln anblickte.
    Am offenen Fenster wehten die Vorhänge, sachte von der Luft bewegt, und vor
demselben tanzte ein Schwarm schimmernder Mücklein in der Sonne, die einzelnen
kaum erkennbar, mit einer Hast und Leidenschaft durcheinander, als ob sie die
Kürze der ihnen verliehenen Frist gekannt hätten, die sich vielleicht nach
halben Stunden berechnete.
    In diesem Augenblick wurde der geistliche Herr von der Haushälterin
abgerufen, um an Stelle des abwesenden Pfarrers einem vorbeschiedenen
unfriedfertigen Ehepaar Audienz zu erteilen.
    »Das muss doch immer gezankt haben, es ist ein Graus mit diesen Eheleuten!«
rief der über die Störung ungehaltene Zölibatär; »räumt den Tisch ab, Terese,
ich esse nachher nicht mehr!«
    Damit lief er nach dem Studierzimmer des Pfarrers, ohne uns zu
verabschieden, und wir waren so veranlasst, an dem weissgedeckten Tische sitzen zu
bleiben; denn die Wirtschafterin nahm bloss Schüssel und Teller mit und liess das
Tuch liegen. Ich blickte wortlos auf die runde weisse Fläche, die, von der jungen
Sonne beleuchtet, zwischen uns glänzte. Das Wort »Eheleute«, das der Geistliche
zuletzt ausgesprochen, klang gleichsam noch in der Luft, da niemand sprach; denn
auch Dortchen sass schweigend da, die Hand auf den Kopf des Hundes gelegt, der
mit seinem Schmause auch fertig war. Das verfängliche Wort klang aber nicht mit
seinem Zusammenhange nach, sondern erweckte mir die Vorstellung von zwei
Leutchen, die glücklich in häuslicher Abgeschlossenheit am Tische sich
gegenübersitzen. Es war, als ob das weisse Rund sich mit Bildern des Glückes
belebte, und es ergriff mich ein tiefes Leiden um Dortchen, da es mir beim
Himmel nicht möglich schien, dass sie anders als an meiner Seite glücklich und
zufrieden alt werden könne. Mit einem Seufzer richtete ich die feucht werdenden
Augen auf und sah erschrocken, wie Dortchens Augen mit Teilnahme auf mir zu
ruhen schienen, während den geschlossenen Lippen ein weicher, nicht
unfreundlicher Ernst den schönsten Ausdruck gab und das Haupt nachdenklich sich
leicht seitwärts neigte. Auch nachdem ich aufgeblickt, veränderte sie Haltung
und Ausdruck nicht sofort, und erst als ihre Augen auch einen feuchtern Glanz
bekamen, nahm sie sich zusammen. Das Bild dieses Augenblickes ist mir auch
geblieben gleich dem stillen Glanz eines Sternes, den man einmal in ungewöhnlich
klarer Luft leuchten sah und niemals vergisst.
    Ich rang nach Worten, um das Schweigen zu unterbrechen, und Dortchen, mit
dem gleichen Bestreben schneller fertig, öffnete eben den Mund, als die
Wirtschafterin des Pfarrhauses wieder eintrat und nicht mehr wegging, da sie
sich berufen fühlen mochte, die junge Herrschaftsdame zu unterhalten. Es dauerte
nicht lang, so kehrte auch der Kaplan von seinem Geschäft zurück, das er rascher
erledigt, als er gehofft hatte, und da sich nun ein haushälterisches Gespräch
abzuspinnen begann, benutzte ich die Gelegenheit, grüsste und entfernte mich, um
mein volles Herz hinauszuflüchten. Dortchen sah mir nach und rief mir zu, ich
möge doch nicht zu spät im Schloss erscheinen.
    Nach einigem Herumstreifen gelangte ich an die Stelle, wo ich bei meiner
Ankunft aus dem Walde herausgetreten war und die abendliche Regenlandschaft mit
dem Gute und der alten Kirche erblickt hatte. Ich ging auf die Kirche zu und in
dieselbe hinein, und da ein altes Mütterchen darin kniete und ihr Gebet
murmelte, schlich ich hinter ihr weg in eine Art Krypta, welche den ältesten
Teil des Gebäudes und einen halbdunklen Raum bildete, dessen romanische Fenster
zur Hälfte vermauert waren. In diesem Raum waren im Laufe der Zeit eine Menge
Gegenstände untergebracht worden, die ihn verengten.
    Vorzüglich tat dies ein Grabmal von schwarzem Kalkstein, auf welchem ein
langer Ritter ausgestreckt lag, die Hände auf der Brust gefaltet. An seiner
Seite, auf dem Rande des Sarkophages, stand eine fest verschlossene und
verlötete Büchse von Bronze in Form einer kleinen Urne, zierlich gegossen und
ziseliert und mit einer schlanken Kette vom nämlichen Metall an dem
Brustarnisch des steinernen Ritters befestigt. Nach der Überlieferung entielt
die Büchse das einbalsamierte und vertrocknete Herz des Beigesetzten, und das
Gefäss wie die Kette war gänzlich oxydiert und schillerte grünlich im Zwielicht
der Krypta. Das Grabmal aber gehörte einem burgundischen Ritter an, der gegen
Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, von wilder und unsteter, aber ehrlicher
Natur, von allerhand Unstern und Frauenmisshandlung verfolgt, durch die Länder
geirrt war und bei den Vorfahren des Grafen hier seine letzte Zuflucht gefunden
hatte, wo das Herz dann endlich an einem letzten Verrate gebrochen sein sollte.
    Das Grabmal hatte er sich selbst gestiftet und den einsamen Platz dazu
ausgebeten; die Gruft des gräflichen Geschlechtes war schon damals in die
grössere Kirche verlegt worden. An das Herz in der Büchse knüpften sich
verschiedene Sagen, die vom Volke erzählt wurden, wie zum Beispiele der
»verliebt Burgauner« verordnet habe, sein Herz solle so lang auf seinem Grab
angebunden bleiben, bis lebendig oder tot eine gewisse Dame komme und es in das
Vaterland heimhole, und geschehe es nicht, so sollte sie sowenig die ewige Ruhe
finden, als er sie zu finden hoffe; ein jedes andere Weibsstück aber, so die
Büchse mit dem Herzen in die Hand zu nehmen sich erdreiste, soll gehalten sein,
dieselbe dreimal zu küssen und drei Vaterunser zu beten, sonst werde der
verliebt Burgauner ihr die Hand lahm machen oder ein Knie brechen und
dergleichen. Solche Überlieferungen mochten auch bewirkt haben, dass die Kapsel
samt der Kette sich so lange Zeit an Ort und Stelle erhalten hatte.
    Dem romantischen Denkmale gegenüber sass ich in einem dunklen Winkel zwischen
ausgedienten Tabernakeln und Prozessionsgerätschaften und überliess mich den
Gedanken über die bevorstehende Trennung, die um so trauriger waren, als ich in
dieser letzten Stunde mir sagen musste, bei aller Abenteuerlichkeit des Erlebten
werde das Glück schwerlich so weit gehen, mir auch noch mit einer Eroberung so
glänzender Art aufzuwarten, wie sie mir im Sinne lag. Zu dieser planen Einsicht
drängte mich die Not des entscheidenden Augenblickes, und hiezu gesellte sich
die Beschämung Über die kindische Art, in die ich verfallen, sofort nach dem
Glänzenden zu greifen. Mit solchen Gefühlen ringend, suchte sich dann die
versöhnte Neigung, die, nichts für sich hoffend, nur dem Geliebten zugetan sein
will, emporzuarbeiten, soweit sie nicht auch wieder eine verkleidete
Begehrlichkeit war; kurz, ich brachte dergestalt die Zeit in der Dämmerung der
Krypta zu, bis ich von der äusseren Kirche her ein Getrippel leichter Schritte
und zugleich weibliche Stimmen vernahm. Aufhorchend erkannte ich sie als
Doroteas und Röschens Stimmen. Die Mädchen schienen diesmal nicht zu lachen,
sondern angelegentlich etwas zu beraten. Doch bald dauerte ihnen der Ernst zu
lang; denn sie kamen über die paar Stufen herunter in die Krypta gehuscht, und
Dorotea rief: »Komm, Röschen, wir wollen wieder einmal den verliebten Ritter
besehen!«
    Sie stellten sich vor das Grabmal und schauten dem steinernen Manne
neugierig in das dunkle ehrliche Gesicht.
    »O Gott! ich fürchte mich«, flüsterte Röschen und wollte entfliehen.
Dortchen aber hielt jene fest und sagte laut:
    »Warum denn, Närrchen? Der tut niemand was zuleid! Sieh, wie es ein guter
Kerl ist!«
    Sie nahm das erzene Gefäss in die Hand und wog es bedächtig in derselben;
aber plötzlich schüttelte sie es, so stark sie konnte, auf und nieder, dass das
eingetrocknete Etwas, das seit vierhundert Jahren darin verschlossen lag,
deutlich zu hören war und die Kette dazu klang. Dortchen atmete heftig; da ein
Strahl des Tages auf ihr Gesicht fiel, sah ich, wie dasselbe die Farbe wechselte
und von einer rosigen Röte in Marmorblässe überging.
    »Höre die Klappernuss, wie sie raschelt!« rief sie, »da, klappre auch damit!«
    Sie drückte dem zitternden Röschen das Gefäss in die Hände; aber es tat einen
Schrei und liess das Herz fallen, und Dortchen fing es mit aller Gewandteit auf
und liess es abermals klappern.
    Ich, von dessen Gegenwart sie keine Ahnung hatten, schaute ganz erstaunt dem
Spiele zu.
    Wart, du Teufel! dachte ich, dich will ich schön erschrecken!
    Schnell trocknete ich die nassen Augen, stiess einen hohlen Seufzer aus und
sprach mit einer traurigen Stimme, die ich gar nicht sehr zu verstellen
brauchte, in älterm Französisch:
    »Dame, s'il vous plaist, laissez cestuy cueur en repos!«
    Mit einem Doppelschrei flohen die Mädchen aus der Krypta und der Kirche wie
besessen, Dortchen voraus, welche mit einem schwungvollen Satz über die Stufen
und die Schwelle der Kirchentüre hinaussprang, schneebleich, aber immer noch
lachend ihr Kleid zusammennahm und über den Kirchhof wegeilte, bis sie zu ihrer
Ruhebank kam und sich auf dieselbe warf, was ich alles durch eines der Fenster
beobachten konnte, das ich rasch erklettert hatte.
    Dortchen, deren Gesicht fast die Farbe ihrer weissen Zähne hatte, lehnte sich
zurück, die Hände um das Knie geschlungen, und Röschen rief:
    »Du grosser Gott, es hat gespukt!«
    »Jawohl, es spukt, es spukt!« sagte Dortchen und lachte wie eine Tolle.
    »Du Gottlose! Fürchtest du dich denn gar nicht? Klopft dein Herz nicht
schrecklicher, als das tote Herz dort geklappert hat?«
    »Mein Herz?« antwortete Dortchen, »ich sage dir, es ist guter Dinge!«
    »Was hat es denn gerufen?« fragte Röschen, die immerfort beide Hände an ihr
eignes Herz hielt und abwechselnd prüfte, ob sie noch beweglich seien; »was hat
das französische Gespenst gesagt?«
    »Fräulein, hat es gesagt, wenn es Euch gefällt, so nehmt dies Herz und macht
es zu Euerem Nadelkissen! Geh wieder hin und sag, wir wollten uns bedenken! Geh,
geh, geh!«
    Sie sprang auf, als ob sie die hübsche Dienerin wirklich nach der Kirche
zurückschieben wollte, umhalste sie aber unversehens und drückte ihr heftige
Küsse auf die Wangen. Dann verschwanden beide unter den Bäumen.
    Eine gute Weile später stieg ich auch aus meinem Schlupfwinkel hervor, um
die letzten Dinge zu besorgen, die noch übrig waren. Ich ging in das Parkhaus
und stellte die Reisefertigkeit vollständig her; richtig war der Schädel beim
Packen des Koffers wieder vergessen worden, weshalb ich nochmals Raum schaffen
musste. Zuletzt war auch er untergebracht, und zwar als die einzige Habseligkeit
von denen, die ich einst aus der Heimat in die Fremde mitgenommen hatte. Darum
war mir auch, als ich es recht bedachte, die arme Scherbe erst jetzt wert; lange
Jahre schon hatte sie in der heimatlichen Erde gelegen, dann mit mir die Kammer
geteilt und, wenn auch als ein stummes Geräte, meine vergangenen Tage gesehen,
und so kehrte ich wenigstens nicht ganz vor der alten Ausstattung entblösst
zurück.
    Dies verrichtet, begab ich mich zum Grafen, die Unterredung mit ihm zu
halten, die durch die letzten Stunden meines Hierseins sowie schon von der
Pflicht der Dankbarkeit gefordert wurde. Er wollte aber jetzt nichts von solchen
Verhandlungen wissen, sondern bestand darauf, mich abermals nach der Hauptstadt
zu begleiten und Zeuge zu sein, wie ich es mit meinen Bildern anfangen und es
mir ergehen würde.
    Man müsse verhüten, sagte er, dass ich nicht schon nach dem ersten Anlaufe
wieder einen Trödler aufsuche. Das wäre nicht zu befürchten, antwortete ich,
weil ich ja nun reich genug wäre, die Bilder für einstweilen zu behalten und mit
nach Hause zu bringen, wo sie sogar Zeugnis über die Art, wie ich die Zeit
verbracht, ablegen könnten. Nichts da, meinte er, in der Kunststadt müssten sie
ihre Wirkung tun, sonst habe mein bevorstehender Entschluss nicht die rechte
Grundlage.
    Vom Grafen hinweg ging ich auf die Terrasse, wo ich die kurze Zeit bis zur
Stunde der abendlichen Zusammenkunft zubringen wollte. Auf einem Tische des
dahin führenden Gemaches stand eine Schüssel mit feineren Zuckersachen, wie man
sie in buntes Papier zu wickeln und mit allerlei Sinnsprüchen oder sogenannten
Devisen zu begleiten pflegt. Dorotea hatte die Gewohnheit, dergleichen
Naschwerk selber zu wickeln und statt der gewöhnlichen trivialen Reimereien gute
Sinngedichte, Distichen und Liederstrophen einzulegen, welche sie aus allen
möglichen Dichtern und verschiedenen Sprachen zusammensuchte. Sie liess ganze
Sammlungen solcher Zierlichkeiten auf Bogen drucken, die man nach Bedürfnis
zerschneiden konnte, und besass das Talent, jeweilig eine so artige Auswahl
zusammenzubringen, dass die Gesellschaft beim Nachtische durch anmutig heitere
oder witzige und spitzige Vorstellungen oder auch beides abwechselnd nicht
selten in angeregte Stimmung versetzt wurde. Auch trieb sie allerhand Schwank,
indem sie oft zwei Zeilen aus verschiedenen Dichtern zusammenfügte, und man
glaubte, Bekanntes zu lesen, indessen die neue Wendung, der entgegengesetzte
Sinn, welchen das Unbekannt-Bekannte ergab, die Leser in die Irre führte. Einen
Vorrat dieses so zubereiteten Naschwerkes, in einem Körbchen von Silberdraht
geordnet, das sie beim Gebrauche noch mit Blumen schmückte, hielt sie jederzeit
bereit und bot es bei gegebener Veranlassung selbst herum. Mir sagte die
Spielerei eigentlich nicht sehr zu; doch hielt ich sie aus verliebter
Rechtgläubigkeit, wo nicht für grossartig, mindestens für verzeihlich und
liebenswürdig, wie man ja immer froh ist, kleine Mängel an geliebten Personen zu
finden, um sie nur ohne Verzug verzeihen und sogar mitlieben zu können.
    Jetzt war Dortchen offenbar beschäftigt, ein solches Körbchen neu zu füllen,
und wahrscheinlich von der Arbeit unerwartet abgerufen worden. Da ich mich durch
den Auftritt in der Krypta und den bevorstehenden Abschied freier fühlte als
sonst und mir nichts daraus machte, von der Zurückkehrenden betroffen zu werden,
setzte ich mich an den Tisch und besah mir, was Dorotea heute betrieb. Sie
hatte in der Tat schon eine gute Zahl süsser viereckiger Täfelchen in glänzendes
Papier eingeschlagen und in das Körbchen gelegt; als ich nachschaute, was für
eine Art von Versen und Epigrammen sie bereitielt, fand ich ein Büschel
kleiner, auf zartes grünes Papier gedruckter Zettel, auf welchen allen dasselbe
und einzige Gedichtlein zu lesen war:
Hoffnung hintergehet zwar,
Aber nur, was wankelmütig;
Hoffnung zeigt sich immerdar
Treugesinnten Herzen gütig;
Hoffnung senket ihren Grund
In das Herz, nicht in den Mund!
Wo ich das kleine Papierbüschel sachte auseinanderschlug (es war von einem
grünseidenen Bändchen zusammengehalten), überall blickten mir diese einfachen,
treuherzigen und doch so aufregenden Worte entgegen. Vorsichtig griff ich das
eine und andere der bereits fertigen Täfelchen aus dem Körbchen, machte es ein
wenig auf und fand in jeder Hülle das gleiche grüne Liedchen. Es klang mir wie
der tröstende Ruf einer Wachtel im einsamen Feld oder der leis anschwellende und
traulich abbrechende halbe Gesang einer Drossel in der Tiefe des Waldes.
    Da meines Wissens heute keine grössere Gesellschaft da war, die einen
Nachtisch erheischen konnte, so musste die Absicht von Dortchens diesmaligem
Einfall einer zukünftigen Gelegenheit vorbehalten sein, die mir ein Geheimnis
war. Plötzlich liess ich alles liegen und schlüpfte auf die Terrasse hinaus, wo
ich mich auf einen Stuhl warf und mit nachdenklichen Seufzern die noch übrige
Zeit verbrachte. Es dauerte nicht lange, so erschien Dortchen mit einigen jungen
blassroten Rosen, die sie ohne Zweifel im Treibhause geholt, und mit einem
brennenden Handleuchter, weil die Dämmerung begann, zur Dunkelheit zu werden.
Sie setzte unbesorgt ihre Arbeit fort, packte noch ein halbes Dutzend Zucker-
und Vanillestücke und dergleichen mit den Zetteln zusammen und summte dazu mit
halber Stimme mehrmals die zwei Zeilen:
Hoffnung hintergehet zwar,
Aber nur, was wankelmütig,
bis sie mit dem letzten Stücke auf den Schluss übersprang:
Hoffnung senket ihren Grund
In das Herz, nicht in den Mund!
und denselben mit weiss Gott welcher Melodie und etwas lauter in den tiefsten
Tönen verklingen liess, deren ihre Stimme fähig war. Dann barg sie rasch den
ungebrauchten Rest der feinen Zettelchen in einer Tasche ihres Kleides,
besteckte das Körbchen mit den Rosen und eilte mit der ganzen reizenden
Veranstaltung, den Leuchter zur Hand nehmend, aus dem Saale, und ich hatte dem
lieblichen Tun durch eines der hohen Fenster zugeschaut, freilich von den
Florbehängen desselben halb verhüllt.
    Die vergnügliche Stimme des Kaplans liess sich hören; ich säumte nicht, über
die Terrassenstufen hinunter- und ihm entgegenzugehen, und betrat in seiner
Gesellschaft wieder das Haus und die Räume, in welchen die Abende zugebracht
wurden. Mit diesem künstlichen Umwege verhütete ich, dass Dortchen irgendwie
ahnen könne, ich wisse das sonderbare Geheimnis ihres Körbchens. Als wir nun zu
viert am Tische sassen, verlief die Zeit mir nur allzu schnell; denn die
Eigenliebe erfreute sich an dem Wohlwollen, welches meine Person zum Gegenstande
der letzten Unterhaltung machte, und die Gewissheit, dass ich wirklich zum letzten
Male Dortchens Gegenwart geniesse, verkürzte die Stunden um das Doppelte. Der
Graf meinte, er habe sich an meine Gesellschaft gewöhnt, und wenn es sich nur um
ihn handelte, so liesse er mich noch lange nicht ziehen; der Kaplan aber rief
nein, ich müsse gehen, damit ich, was er sicher hoffe, durch die Luftveränderung
und in meinem schönen Vaterlande die verlorenen Ideale wiederfinde.
    Lachend versetzte ich, nach gewissen Weissagungen meiner Träume werde ich
jedenfalls zu neuen Ideen kommen, und ich erzählte von der kristallenen Treppe,
in deren Stufen die Ideen in Gestalt kleiner Frauensleutchen schliefen. Der
Kaplan wunderte sich hierüber und guckte mich immer verdutzter an, als ich
fortfuhr, jene Ausgeburten des Schlafes in unglücklicher Zeit zu schildern; denn
hiemit bewies ich ihm, dass ich im Schlafe noch toller, das heisst idealischer
sein könne nach seinen Begriffen als er im Wachen. Ich erzählte von der Brücke
der Identität, von dem Goldregen, den ich auf dem fliegenden Pferde gemacht, und
wie ich über das Kirchendach heruntergepurzelt und endlich in Trübseligkeit vor
dem mütterlichen Hause gestanden sei, nachdem mir dasselbe erst wunderbar in die
Augen geglänzt habe.
    Da ich von dem feurigen Extraweine, welchen wir tranken, etwas vorlauter
Laune geworden, schmückte ich diese Dinge noch mit manchen Zutaten und
Hirngespinsten aus und endigte zuletzt wie ein Märchenerzähler, der dem Volke
seinen blauen Dunst vorgemacht.
    »Der hat ja ein Maul wie eine laufende Schuld!« sagte der Kaplan, in seiner
Verwirrung über die grossartige Flunkerei zu dem gröblichen Volksausdrucke
greifend; denn ich schien ihm arg ins Handwerk gepfuscht zu haben, indem ich ein
wirklich Erlebtes schilderte, das doch ein Nichts, ein Traum war; der Graf
sagte:
    »Diese Beredsamkeit haben wir allerdings bisher an unserm Freunde nicht
entdecken können! Ist es aber nun geschehen, so hindert mich nichts, mir zu
denken, dass ich sie eines Tages zu ernsteren Dingen verwendet sehe. Wir wollen
auf unser aller gute Zukunft anstossen!«
    Er schenkte die Gläser voll, und wir liessen dieselben zusammenklingen, ohne
dass ich mich jedoch bemühte, über den Sinn seiner Worte klarzuwerden; denn ich
sah unversehens Dorotea mit dem rosengeschmückten Körbchen herankommen.
    »Auch ich will einen Spruch tun«, sagte sie, als sie mir zur Seite stand;
»aber ich überlasse die Abfassung dem Zufall dieses wohlbekannten Orakelkorbes;
nehmen Sie sich ein Bonbon heraus, nur eines, aber vorsichtig und bedächtig!«
    Ich sah erstaunt und fragend zu ihr auf; denn ich wusste ja, dass in jedem der
zierlichen Paketchen der gleiche Spruch lag.
    »Welches raten Sie mir denn zu nehmen?« fragte ich mit innerer Bewegung;
allein gleichmütig erwiderte sie:
    »Ich darf mich nicht dareinmischen, wenn das Orakel wirken soll!«
    »Soll ich dieses nehmen?«
    »Ich weiss nicht!«
    »Oder dieses?«
    »Ich sage nichts, weder ja noch nein!«
    »So nehm ich dieses und bedanke mich schönstens!« rief ich, indem ich das
Papierchen öffnete und Dortchen rasch das Körbchen zurückzog.
    »Nun, was steht darin?« rief der Kaplan, über welche Frage ich froh war, da
ich die Verse kaum vernehmbar vorzutragen vermochte. Ich gab ihm den Zettel mit
der Bitte, denselben selbst zu lesen. Das tat er mit gutem Ausdruck.
    »Ein ganz schöner Spruch!« sagte er; »damit können Sie zufrieden sein; er
beruht auf einer frommen und getreuen Weltanschauung, dergleichen nicht mehr
allzu häufig ist! Aber nun, Gnädigste! reichen Sie mir das Körbchen auch dar,
und lassen Sie mich sehen, was ich als Dableibender erhalten werde!«
    Er griff begierig nach dem Körbchen. Sie versetzte aber:
    »Nächsten Sonntag dürfen Sie etwas zum Dableiben auswählen, Hochwürden!
Heute bekommt nur der, welcher geht!« Damit eilte sie weg und verschloss das
Körbchen sorgfältig in einem Schranke.
    Als am nächsten Vormittag der Graf und ich bereits in dem bequemen
Reisewagen sassen, sagte Dorotea, die uns beiden schon die Hand gegeben und
jetzt plötzlich nochmals zum Wagen trat: »Nun ist doch etwas vergessen! Ihr
grünes Buch, Herr Heinrich, liegt noch in meiner Verwahrung! Soll ich es rasch
holen?«
    »Lass nur!« sagte mein Reisegefährte; »es hält uns zu lange auf; wenn er uns,
wie zu hoffen, bald schreibt, so können wir ihm das Buch wohlbehalten
nachsenden, nicht so?«
    Ich nickte nur froh aufatmend meine Zustimmung, da mit dem Buche ein Teil
meiner selbst in der unmittelbaren Nähe Dortchens zu bleiben schien.
    »Ich will es in sicherm Verschluss halten, und es soll ihm nichts
geschehen!«, sagte sie und winkte mir, während wir wegfuhren, mit vollem
freundlichem Blicke zu. Damals habe ich das schöne Wesen dennoch zum letzen Mal
in meinem Leben gesehen.
 
                              Vierzehntes Kapitel
                         Die Rückkehr und ein Ave Cäsar
Zwei breite Goldrahmen, im voraus bestellt, waren fertig, als wir in der Stadt
ankamen, die wir nun zum zweiten Male gemeinschaftlich besuchten. Mein
Beschützer machte sich sofort daran, den Einfluss zu benutzen, der ihm der Titel
und auch seiner Person wegen in unverfänglichen Dingen nicht verkümmert war; die
Bilder hingen deshalb nach wenigen Tagen im besten Lichte der Ausstellungsräume,
in welchen ich einst so ungeschickt und dunkel aufgetreten. Sie waren freilich
keine Meisterwerke, aber auch nicht gehaltlos und konnten ebensowohl einen
Fortschritt als den Stillstand begrenzter Fähigkeit in sich bergen, das ewige
Ausruhen von einem einmaligen Anlaufe, wo der Anläufer in sich gegangen ist und
am Wegbord der goldenen Mittelstrasse, der vielbegangenen, sitzen bleibt.
    Zu meiner Verwunderung hingen auch jene zwei kleinen Bilder daneben, die von
mir dem israelitischen Schneider und Gemäldehändler um ein Kleid überlassen
worden. Der Graf hatte sie, da er von der Sache wusste, aufgestöbert und aus
dritter Hand an sich gebracht. Jetzt waren sie mit Zetteln verziert, worauf das
stattliche Wort »Verkauft« geschrieben stand. Diese List des Grafen erweckte ein
günstiges Vorurteil für die ganze kleine Sammlung der vier Stücke, und in dem
nächsten Kunstbericht einer verbreiteten grossen Zeitung war ihrer schon in
einigen aufmunternden Zeilen gedacht, wenn auch nicht mit sehr zutreffenden
Worten. Kurz, nach wenigen Tagen meldete sich ein bedeutender Kunständler,
welcher die deutschen Malerschulen bereiste, um ganze Bildersammlungen für
entlegene Hinterländer zu erwerben. Durch diesen Käufer, der meine Bilder zu
bescheidenem Preise anzukaufen hoffte, würde mein Name den Zusatz »Mitglied der
X'er Schule« erhalten haben, eine Ehre, die ich mir nicht hätte träumen lassen.
Der Graf jedoch meinte, die Bilder müssten an einen Liebhaber und nicht an einen
Handelsmann verkauft werden und er sei einem solchen bereits auf der Spur.
    Nach abermals einigen Tagen aber übergab mir der Kustos der Ausstellung
einen für mich aus dem Norden angekommenen Brief. Er war von Erikson, welcher
schrieb: »Lieber Heinrich, ich lese eben in der dortigen Zeitung, die ich meiner
Frau wegen halte, dass Du noch dort bist und vier Arbeiten ausgestellt hast, zwei
kleine und zwei grössere. Wenn Du für die einen oder andern noch keine Bestimmung
weisst, so überlasse mir eines der beiden Paare und schick es mir; ich zähle
darauf! Den Preis setze auf anständigem Fusse und nicht zu schüchtern an; denn Du
musst wissen, dass es mir gut geht. Ich habe den Stand unsers Hauses
wiederherstellen können, ohne das Geld meiner Frau zu brauchen, und überdies
Ersparnisse gemacht, nämlich zwei Bübchen, von denen der ältere neulich schon
den Teufel an die Wand gemalt hat, und zwar mit Kirschmus, als er die Mama sagen
hörte, man solle das gerade nicht tun. Ein nettes Kräutchen, und ist noch nicht
drei Jahr alt! Kann ich die Bilder bekommen, so schreib recht viel dazu!«
    Ich entschied mich ohne Zaudern für dies Freundesangebot, das meinen
Entschluss, der Kunst zu entsagen, am leichtesten bestehen liess; denn ein solcher
Ankauf aus freundschaftlichem Wohlwollen war ja noch kein Beweis für den wahren
Künstlerberuf. Der Graf musste mir beistimmen, obgleich ich den Verdacht hegte,
dass es mit seinem Verkaufsprojekte nicht viel anders beschaffen sein mochte.
    Die Bilder wurden an Erikson abgesandt. In meinem Briefe, den ich wegen zu
vollen Herzens nicht so ausführlich schrieb, wie er wünschte, bat ich ihn, er
möge die Kaufsumme mir in die Heimat schicken, wohin ich abzugehen im Begriffe
sei; so brachte ich also nicht nur eine für meine bisherigen Verhältnisse
ansehnliche Barschaft mit nach Hause, sondern auch ausstehendes Gutaben, dessen
Eingang aus weiter Ferne, nachdem ich selbst so wohlbehalten angekommen und das
erste Aufsehen vorüber war, von erfreulichster Wirkung sein musste.
    Allein als ob das unglückliche Träumen von Gold und Gut im kleinen zur
Wahrheit werden wollte, war es hiemit noch nicht genug. Nachdem mein neuer
Aufentalt den Behörden bekannt geworden und eben wieder zu Ende gehen sollte,
erhielt ich eine gerichtliche Vorladung, um gewisse Eröffnungen
entgegenzunehmen. Schon früher hatte ich meinem alten freundlichen
Trödelmännchen Joseph Schmalhöfer einen Besuch abstatten wollen, seine dunkle
Behausung jedoch verschlossen gefunden und erfahren, dass der einsame Mensch seit
vielen Wochen tot sei. Zu meinem grossen Erstaunen wurde mir jetzt auf der
Gerichtskanzlei mitgeteilt, dass der Alte, der keine Erben hinterliess, sein nicht
ganz unbeträchtliches Vermögen einer wohltätigen Stiftung vergabt und meine
Person in seinem letzten Willen mit einem Legate von viertausend Gulden bedacht
habe. Sofern ich mich nun darüber ausweisen könne, dass ich wirklich die von dem
Legator gemeinte Person sei, so liege die genannte Summe zur Auszahlung bereit,
nachdem alle bisherigen Erkundigungen nutzlos geblieben seien. Es handle sich
namentlich um die Frage, ob ich derjenige wäre, der dem Verstorbenen eine
grössere Zahl gewisser Handzeichnungen usw. verkauft und bei Gelegenheit einer
fürstlichen Vermählungsfeier Fahnenstangen angestrichen habe.
    Den durchschlagendsten Nachweis konnte der Graf mit zwei Worten leisten,
soweit es die Zeichnungen betraf, und für das übrige genügte seine
Glaubwürdigkeit dem Gerichtsbeamten vollkommen, als er erklärte, der, welcher
die Stecken bemalt, könne kein anderer sein als ich.
    Also wurden mir vier öffentliche Schuldtitel von je tausend Gulden
aushingegeben; der Graf verkaufte dieselben und besorgte mir gute Wechsel für
den Betrag, so dass ich nun mit Vermögensteilen in dreifacher Form ausgestattet
war mit barem Gelde, mit Forderungen und mit Wechseln.
    »Wenn jetzt nur nicht der dicke Tell mit seinem Pfeil und das Kirchendach
kommt!« sagte ich, als wir an der Mittagstafel unseres Gastofes sassen, wo ich
zum Überflusse auch noch der Gast des Grafen war; »ich muss trachten, dass ich
fortkomme, sonst zerfliesst mir das viele unnatürliche Glück zuletzt doch noch zu
einem Traum!«
    Ich fühlte mich in der Tat ordentlich beklemmt und fing an, dem Glückswandel
nicht mehr recht zu trauen.
    »Was spintisieren Sie mir wieder über der Kümmerlichkeit!« sagte der Graf;
»bei allem, was Sie nun besitzen und was Ihnen so ungeheuer erscheint, ist nicht
ein Pfennig, dessen rechtmässige Quelle Sie nicht in sich selbst zu suchen haben!
Und wie können Sie von Traum und Glücksfall reden, wo Sie gegenüber den paar
Gulden mit Ihren schönen Jahren so im Verluste sind?«
    »Aber die Geschichte mit dem Legat ist doch gewiss das reine
Glücksabenteuer!«
    »Auch dies nicht! Auch sie hat ihre Wurzel nur in Ihnen selbst! Ich habe
vergessen, Ihnen ein beschriebenes Papier zu geben, das sich in den Falten eines
der Schuldbriefe gefunden hat, als ich die Werttitel meinem Bankier brachte.
Hier ist der Zettel, den der Alte Ihnen hinterliess!«
    Der Graf gab mir ein Fetzchen Papier, auf welchem mit der mir bekannten
unbehilflichen Handschrift des Trödlers, die zudem von eingetretener
Körperschwäche noch verschlimmert sein mochte, zu lesen :
    »Du bist nicht wieder zu mir gekommen, mein Söhnchen, und ich weiss nicht, wo
Du zu finden bist. Ich möchte aber, weil ich fürchte, dass der Tod mich bei
kurzen Tagen in meinem Kram heimsucht, Dir etwas erweisen und zuwenden, was ich
nachher doch nicht mehr brauchen kann, leider! Ich tu es aber, weil Du alleweile
mit dem zufrieden gewesen bist, was ich Dir für Deine Malerei gegeben habe, und
vornehmlich, weil Du so still und fleissig bei mir gearbeitet hast. Wenn es in
Deine Hände kommt, was ich in langen Jahren erspart habe mit Geduld und Vorsicht
und Dir jetzt verehren tue, so geniesse es mit Gesundheit und Verstand, weil ich
leider davon abscheiden muss, und hiemit behüt Dich Gott, mein Männchen!«
    »Es ist doch gut«, sagte ich mit neuer Verwunderung, »dass es für alle
Gebarungen zweierlei Richter gibt! Was andere mir als Leichtsinn, wo nicht
Verkommenheit auslegen würden, erhält von dem braven Alten einen Tugendpreis!«
    »Drum wollen wir auf seine Seligkeit anstossen, weil er so gerecht gerichtet
hat!« erwiderte der Graf wohlgemut; »und jetzt wollen wir unsere Freundschaft
leben lassen und Brüderschaft trinken, wenn es Ihnen recht ist!« fuhr er fort,
indem er die Gläser von neuem füllte.
    Ich stiess an und trank aus, sah dabei aber so überrascht und verschüchtert
drein, dass er es wohl bemerkte, als er mir die Hand schüttelte; denn der
Unterschied des Alters und der Lebensverhältnisse hatten mich dergleichen doch
nicht erwarten lassen.
    »Sei nur nicht verdutzt, wenn es gilt, sich zu duzen!« sagte er fröhlich;
»ich betrachte es als Gewinn, mit einem Stammesbruder aus anderer Staatsform und
von jüngerm Lebensalter auf du und du zu sein. Und auch du darfst dich der guten
deutschen Sitte füglich unterwerfen, nach welcher zuzeiten Jünglinge, Männer und
Greise, welche auf dasselbe Ziel losgehen, Brüderschaft schliessen. Nun aber
wollen wir von dir allein reden! Was gedenkst du zu beginnen in deinem Lande?«
    »Ich denke meine unterbrochenen Studien am borghesischen Fechter wieder
aufzunehmen!« antwortete ich. Auf seine Frage, was das heisse, erzählte ich kurz,
wie ich durch die so genannte Figur auf das Studium des Menschen hinübergeleitet
worden sei und nun zwar nicht mehr dessen Gestalt, sondern dessen lebendiges
Wesen und Zusammensein zum Berufe wählen möchte. Da mir jetzt Zeit und Mittel
durch das Glück gegeben seien, so hoffe ich auf rasche und zweckmässige Weise
noch die nötigen Kenntnisse nachzuholen, um mich dem öffentlichen Dienste widmen
zu können.
    »So was habe ich mir auch gedacht«, sagte der gräfliche Duzbruder; »allein
wie die Dinge einmal stehen, würde ich mit besondern Studien keine Zeit mehr
verlieren, zumal ihr ja keine Hierarchie mit Zwangsfolge habt. An deiner Stelle
würde ich mich ruhig erst ein wenig umsehen und dann, nötigenfalls als
Freiwilliger, ein unteres Amt übernehmen und schwimmen lernen, indem du sofort
ins Wasser springst. Machst du es zur Regel, jeden Tag daneben einige Stunden
staatswissenschaftliche Sachen zu lesen und zu überdenken, so bist du in wenig
Zeit ein praktischer und hinlänglich gebildeter Amtsmann zugleich, und die
Unterschiede der Schulweisheit gleichen sich mit den wachsenden Jahren
vollständig aus, während das hervorzutreten beginnt, was den eigentlichen Mann
ausmacht. Das Gerichtswesen, und was daran hängt, würde ich freilich den
gründlich geschulten Juristen überlassen und dahin wirken, dass auch die andern
es tun. Die Hauptsache ist, dass du später in der Gesetzgebung weisst, wo sie
hingehören und wo ihnen das Wort zu geben ist, und dass du sie in Ehren hältst,
solange sie das Recht lebendig machen und nicht es töten und das Volk verderben.
Am wenigsten dulde feige Richter im Land, sondern stürze sie und gib sie der
Verachtung preis -«
    »Halt, Grave!« rief ich, da er sich in lauten Eifer hineinzureden begann und
meine gegenwärtige Sache vergass; »noch bin ich weder Konsul noch Tribun!«
    »Gleichviel!« rief er jetzt noch viel lauter; »hast du aber gleichzeitig
einen feigen und einen ungerechten Richter nebeneinander, so lass beiden die
Köpfe abschlagen, und dann setze dem ungerechten den Kopf des feigen und dem
feigen den Kopf des ungerechten auf! So sollen sie weiter richten, so gut sie
können!«
    Erst jetzt schwieg er, trank und sagte wieder: »Ungefähr so mein ich's, du
wirst mich wohl verstehen!«
    Ich hatte den sonst so ruhigen Mann nie so aufgeregt gesehen; die blosse
Vorstellung, dass ich unmittelbar in eine Republik gehe und mich an deren
öffentlichem Leben beteiligen werde, schien ihm andere verwandte Vorstellungen
und alte Leiden der Unzufriedenheit zu erwecken.
    Indessen war die Stunde des Abschiedes endlich da und kein Grund des
Aufschubes mehr vorhanden. Da er meine Angelegenheit geordnet und mich
reisefertig sah, fuhr der Graf gleich nach Tisch weg, um sein Gut am gleichen
Tage noch zu erreichen, während ich den Bahnhof suchte, der um diese Zeit zum
ersten Mal eröffnet worden. Denn einige Bruchstücke von Eisenstrassen des obern
Deutschlands hatten ihren ersten Zusammenhang erhalten, und ich konnte auf dem
neuen Wege rascher die Schweizergrenze erreichen, wenn auch nicht in grader
Richtung. An dieser Veränderung mochte ich die Länge meiner Abwesenheit
bemessen.
    Als ich den Rhein überschritt und das Land betrat, war dieses gerade mit dem
Getöse jener politischen Aktionen erfüllt, welche mit dem Umwandlungsprozesse
eines fünfhundertjährigen Staatenbundes in einen Bundesstaat abschlossen, ein
organischer Prozess, der über seiner Energie und Mannigfaltigkeit die äussere
Kleinheit des Landes vergessen liess, da an sich nichts klein und nichts gross ist
und ein zellenreicher, summender und wohlbewaffneter Bienenkorb bedeutsamer ist
als ein mächtiger Sandhaufen. Beim schönsten Frühlingswetter sah ich Strassen und
Wirtshäuser angefüllt und hörte das zornige Geschrei über gelungene oder
misslungene Gewalttat. Man lebte mitten in der Reihe von blutigen oder trockenen
Umwälzungen, Wahlbewegungen und Verfassungsänderungen, die man Putsche nannte,
und Schachzüge waren auf dem wunderlichen Schachbrette der Schweiz, wo jedes
Feld eine kleinere oder grössere Volkssouveränetät war, die eine mit Vertretung,
die andere demokratisch, diese mit, jene ohne Veto, diese von städtischem Wesen,
jene von ländlichem, und wieder eine andere mit teokratischem Öle versalbt, dass
sie nicht aus den Augen sehen konnte.
    Sogleich übergab ich mein Gepäck der Postanstalt und beschloss, den Rest der
Reise zu Fuss zurückzulegen, um unverweilt eine vorläufige Kenntnis der Zustände
aus eigener Anschauung zu erwerben; denn gerade auf meinem Wege rauchte und
schwelte es an mehreren Orten.
    Und doch lag überall das Land im himmelblauen Duft, aus welchem der
Silberschein der Gebirgszüge und der Seen und Ströme funkelte, und die Sonne
spielte auf dem jungen betauten Grün. Ich sah die reichen Formen der Heimat, in
Ebenen und Gewässern ruhig und waagrecht, im Gebirge steil und kühn gezackt, zu
Füssen blühende Erde und in der Nähe des Himmels eine fabelhafte Wüste, alles
unaufhörlich wechselnd und überall die zahlreich bewohnten Tal-und Wahlschaften
bergend. Mit der Gedankenlosigkeit der Jugend und des kindischen Alters hielt
ich die Schönheit des Landes für ein historisch politisches Verdienst,
gewissermassen für eine patriotische Tat des Volkes und gleichbedeutend mit der
Freiheit selbst, und rüstig schritt ich durch katolische und reformierte
Gebietsteile, durch aufgeweckte und eigensinnig verdunkelte, und wie ich mir so
das ganze grosse Sieb voll Verfassungen, Konfessionen, Parteien, Souveränetäten
und Bürgerschaften dachte, durch welches die endlich sichere und klare
Rechtsmehrheit gesiebt werden musste, die zugleich die Mehrheit der Kraft, des
Gemütes und des Geistes war, der fortzuleben fähig ist, da wandelte mich die
begeisterte Lust an, mich als einzelner Mann und widerspiegelnder Teil des
Ganzen zum Kampfe zu gesellen und mitten in demselben mich mit regen Kräften
fertigzuschmieden zum tüchtigen und lebendigen Einzelmann, der mit ratet und
tatet und rüstig drauf aus ist, das edle Wild der Mehrheit erjagen zu helfen,
von der er selbst ein Teil, die ihm aber deswegen nicht teurer ist als die
Minderheit, die er besiegt, weil diese hinwieder mit der Mehrheit vom gleichen
Fleisch und Blut ist.
    »Aber die Mehrheit«, rief ich vor mir her, »ist die einzige wirkliche und
notwendige Macht im Lande, so greifbar und fühlbar wie die körperliche Natur, an
die wir gefesselt sind. Sie ist der einzig untrügliche Halt, immer jung und
immer gleich mächtig; daher gilt es, sie unvermerkt vernünftig und klar zu
machen, wo sie es nicht ist. Dies ist das höchste und schönste Ziel. Weil sie
notwendig und unausweichlich ist, so kehren sich die verkehrten Köpfe aller
Extreme gegen sie, indessen sie stets abschliesst und selbst den Unterliegenden
beruhigt, während ihr ewig jugendlicher Reiz ihn zu neuem Ringen mit ihr lockt
und so sein eigenes geistiges Leben erhält und nährt. Sie ist immer
liebenswürdig und wünschbar, und selbst wenn sie irrt, hilft die gemeine
Verantwortlichkeit den Schaden ertragen. Wenn sie den Irrtum erkennt, so ist das
Erwachen aus demselben ein frischer Maimorgen und gleicht dem Anmutigsten, was
es gibt. Sie lässt es sich nicht einfallen, sich stark zu schämen, ja die
allgemein verbreitete Heiterkeit lässt den begangenen Fehltritt kaum ungeschehen
wünschen, da er ihre Erfahrung bereichert, die Lust der Besserung hervorgerufen
hat und auf das schwindende Dunkel das Licht erst recht hell erscheinen lässt.
    Sie ist die reizende Aufgabe, an welcher sich ihr einzelner messen kann, und
indem er dies tut, wird er erst zum ganzen Mann, und es tritt eine wundersame
Wechselwirkung ein zwischen dem Ganzen und seinem lebendigen Teile. Mit grossen
Augen beschaut sich erst die Menge den einzelnen, der ihr etwas vorsagen will,
und dieser, mutig ausharrend, kehrt sein bestes Wesen heraus, um zu siegen. Er
denke aber nicht, ihr Meister zu sein; denn vor ihm sind andere dagewesen, nach
ihm werden andere kommen, und jeder wurde von der Menge geboren; er ist ein Teil
von ihr, welchen sie sich gegenüberstellt, um mit ihm, ihrem Kind und Eigentum,
ein Selbstgespräch zu führen. Jede wahre Volksrede ist nur ein Monolog, den das
Volk selber hält. Glücklich aber, wer in seinem Lande ein Spiegel seines Volkes
sein kann, der nichts widerspiegelt als das Volk, während dieses selbst nur ein
kleiner Spiegel der weiten lebendigen Welt ist und sein soll.«
    Dergestalt redete ich mich in eine hohe Begeisterung hinein, je blauer der
Himmel glänzte und je näher ich der Vaterstadt kam.
    Freilich ahnte ich nicht, dass Zeit und Erfahrung die idyllische Schilderung
der politischen Mehrheiten nicht ungetrübt lassen würden; noch weniger merkte
ich, dass ich im gleichen Augenblicke, wo ich mich selbsttätig zu verhalten
gedachte, auch schon die Lehren der Geschichte vergass, noch bevor ich nur den
ersten Schritt getan. Dass grosse Mehrheiten von einem einzigen Menschen vergiftet
und verdorben werden können und zum Danke dafür wieder ehrliche Einzelleute
vergiften und verderben - dass eine Mehrheit, die einmal angelogen, fortfahren
kann, angelogen werden zu wollen, und immer neue Lügner auf den Schild hebt, als
wäre sie nur ein einziger bewusster und entschlossener Bösewicht - dass endlich
auch das Erwachen des Bürgers und Bauersmannes aus einem Mehrheitsirrtum, durch
den er sich selbst beraubt hat, nicht so rosig ist, wenn er in seinem Schaden
dasteht - das alles bedachte und kannte ich nicht.
    Aber auch mit diesen Schatten wäre ja das Unausweichliche und Notwendige der
Mehrheit, ohne deren Zustimmung der mächtigste Selbsterrscher in Rauch aufgeht,
und ihre reine Grösse, wenn sie unverderbt ist, stark genug gewesen, meine
Vorsätze zu tragen und den Durst nach der neuen Lebensluft nicht erlöschen zu
lassen. So griffen denn meine Schritte immer kecker und Unternehmungslustiger
aus, bis ich plötzlich das Pflaster der Stadt unter den Füssen fühlte und ich
doch mit klopfendem Herzen ausschliesslicher der Mutter gedachte, die darin
lebte.
    Meine Sachen mussten inzwischen auf der Post angekommen sein. Ich lenkte die
Schritte zuerst dahin, um sogleich eine Schachtel an Hand zu nehmen, die meine
bescheidenen Reisegrüsse für sie entielt, nämlich den Stoff für ein feineres
Kleid, welches zu tragen ich sie zu überreden hoffte, und einen Vorrat
ausländischen Gebäckes, das, würzig und haltbar, ihr einen guten Mund machen
sollte.
    Diese Schachtel an der Hand, ging ich am noch lichten Nachmittage durch
unsere alte Strasse; sie erschien mir belebter als vor Jahren; auch sah ich, dass
manche neue Verkaufsmagazine errichtet und alte ruhige Werkstätten verschwunden,
mehrere Häuser umgebaut und andere wenigstens frisch verputzt waren. Nur das
unsrige, ehemals eines der saubersten, sah schwarz und räucherig aus, als ich
mich näherte und an die Fenster unserer Stube hinaufblickte. Sie standen offen
und waren mit Blumentöpfen besetzt; aber fremde Kindergesichter schauten heraus
und verschwanden wieder. Niemand bemerkte oder kannte mich, als ich eben in die
bekannte Türe treten wollte, ein Mann ausgenommen, der mit einem Zollstab und
Bleistift in der Hand über die Gasse geeilt kam. Es war der Handwerksmeister,
der mich einst auf seiner Hochzeitsreise besucht hatte.
    »Seit wann sind Sie da, oder kommen Sie eben?« rief er, eilig mir die Hand
reichend.
    »Diesen Augenblick komm ich«, sagte ich, und er antwortete und bat mich,
schnell eine Minute bei ihm drüben einzutreten, eh ich hinaufginge.
    Ich tat es mit ängstlicher Spannung und fand mich in einem schönen
Verkaufsladen, in dessen Hintergrund die junge Frau am Schreibpulte sass. Sofort
kam auch sie mir entgegen und sagte: »Um Gottes willen, warum kommen Sie so
spät?«
    Erschreckt stand ich da, ohne noch erraten zu können, was es sein möchte,
das die Leute so erregte. Der Nachbar aber säumte nicht, mich aufzuklären.
    »Ihre gute Mutter ist erkrankt, so schwer, dass es vielleicht nicht ratsam
ist, wenn Sie unangekündigt und plötzlich bei ihr erscheinen. Seit heute früh
haben wir nichts gehört; nun aber ist's am besten, meine Frau geht schnell
hinüber und sieht nach, wie es steht. Sie warten indessen hier!«
    Ohne an eine so traurige Wendung glauben zu wollen, und doch bekümmert, liess
ich mich wortlos auf einen Stuhl sinken, die Schachtel auf den Knien. Die Frau
lief über die Gasse und verschwand in der Türe, die mir wie einem Fremden noch
verschlossen sein sollte. Die Augen voll Tränen, kehrte die Nachbarin zurück und
sagte mit verschleierter Stimme:
    »Kommen Sie schnell, ich fürchte, sie macht es nicht mehr lang, ein
Geistlicher ist dort! Die arme Frau scheint nicht mehr bei Bewusstsein!«
    Sie eilte wieder vor mir her, um hilfreich bei der Hand zu sein, wenn es not
tat, und ich folgte mit zitternden Knien. Die Nachbarin erklomm rasch und leicht
die Treppen; auf den verschiedenen Stockwerken standen feierlich Leute unter
ihren Türen, leise sprechend, wie in einem Sterbehause. Auch vor unserer Wohnung
standen solche, die ich nicht kannte; meine Führerin im alten Vaterhause eilte
auch an diesen vorüber, und ich folgte ihr bis auf den Dachboden, wo ich unsern
Hausrat dicht aufeinanderstehen sah und die Mutter in einem Kämmerchen wohnte.
Leise öffnete die Nachbarin dessen Türe; da lag die Arme auf dem Sterbebett, die
Arme über die Decke hingestreckt, das todesbleiche Gesicht weder rechts noch
links wendend und langsam atmend. In den ausgeprägten Zügen schien ein tiefer
Kummer auszuleben und der Ruhe der Ergebung oder der Ohnmacht Platz zu machen.
Vor dem Bette sass der Diakon der Kirchgemeinde und las ein Sterbegebet. Ich war
geräuschlos eingetreten und hielt mich still, bis er geendet. Die Nachbarin
trat, als er das Buch sachte zuschlug, zu ihm und flüsterte ihm zu, der Sohn sei
angekommen.
    »In diesem Fall kann ich mich zurückziehen«, sagte er, sah mich einen
Augenblick aufmerksam an, grüsste und begab sich hinweg.
    Die Nachbarin trat jetzt an das Bett, nahm ein Tüchlein und trocknete sanft
die feuchte Stirne und die Lippen der Kranken; dann, während ich immer noch wie
ein vor ein Gericht Gerufener dastand, den Hut in der Hand, die Schachtel zu
Füssen, neigte sie sich nieder und sagte ihr mit zarter Stimme, welche die
Leidende unmöglich erschrecken konnte: »Frau Lee! der Heinrich ist da!«
    Obgleich diese Worte bei aller Weichheit so vernehmlich gesprochen waren,
dass auch die vor der offenen Türe versammelten Weiber sie hörten, gab sie doch
kein anderes Zeichen, als dass sie die Augen leise nach der Sprechenden
hinwendete. Indessen benahm mir ausser der Trauer auch die dumpfe dämmerige Luft
des Kämmerchens den Atem; denn der Unverstand der Wärterin, die in einem Winkel
hockte, hielt nicht nur das kleine Fenster verschlossen, sondern auch die grüne
Gardine davor, und ich musste daran erkennen, dass heute noch kein Arzt dagewesen
sei.
    Unwillkürlich schlug ich die Gardine zurück und öffnete das Fenster. Die
reine Frühlingsluft und das mit ihr einströmende Licht bewegten das erstarrende
ernste Gesicht mit einem Schimmer von Leben; auf der Höhe der hageren Wangen
zitterte leicht die Haut; sie regte energisch die Augen und richtete einen
langen fragenden Blick auf mich, als ich mich, ihre Hände ergreifend, zu ihr
niederbeugte; das Wort aber, das ihre ebenfalls zitternden Lippen bewegte,
brachte sie nicht mehr hervor.
    Die Nachbarin nahm die Wärterin mit sich hinaus, drückte leise die Türe zu!
und ich fiel an dem Bett nieder mit dem Rufe »Mutter! Mutter!« und legte den
Kopf weinend auf die Decke. Ein röchelndes stärkeres Atmen hiess mich wieder
emporschnellen, und ich sah die treuen Augen gebrochen. Ich nahm den leblosen
Kopf in die Hände und hielt dies Haupt vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben
so in der Hand, wenigstens so weit ich mich entsinnen konnte. Allein es war für
immer vorbei. Es fiel mir ein, dass ich ihr wohl die Augen zudrücken sollte, dass
ich ja dafür da sei und sie es vielleicht noch fahlen würde, wenn ich es
unterliesse; und da ich neu und ungeübt in diesem bittern Geschäfte war, tat ich
es mit zager, scheuer Hand.
    Die Frauen traten nach einer Weile herein, und als sie sahen, dass die Mutter
verschieden war, erboten sie sich, das Nötige zu tun und die Leiche für den Sarg
einzukleiden. Da ich einmal da war, verlangten sie von mir die Anweisung eines
Totengewandes. Ich öffnete einen der auf dem Dachboden stehenden Schränke, der
voll guter Kleider hing, die seit Jahren geschont und gespart und nicht nach der
Mode geschnitten waren. Die Wärterin aber sagte, es müsse ein Totenkleid
vorhanden sein, von welchem die Selige gesprochen, und wirklich fand man
dasselbe, in ein weisses Tuch eingeschlagen, im Fusse des Schrankes liegen. Zu
welcher Zeit sie es anfertigen liess, war mir unbekannt.
    Die Frauen sprachen auch davon, wie wenig Mühe die Tote während ihrer
Krankheit verursacht, wie still und geduldig sie gelegen und fast nie etwas
verlangt habe.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
                               Der Lauf der Welt
Während die Frauen nun Bett und Leiche in den erforderlichen Stand brachten,
folgte ich der Einladung der Nachbarin, in ihr Haus hinüberzugehen und dort
auszuruhen. Der Nachbar suchte vorsichtig, eh er im Gespräche weiterging, meine
Glücksumstände und Erlebnisse zu erfahren. Ich verhehlte ihm nicht, dass ich zur
Zeit seiner Anwesenheit in jener Stadt übel daran gewesen, liess ihn dann aber
die bessere Wendung der Dinge wissen, erzählte ihm alles, den Liebeshandel
ausgenommen, und gleichsam als eine Art Rechtfertigung zeigte ich ihm unter
Tränen die Geldwerte, die ich bei mir führte. Ich schob Geld und Papiere weg und
stützte den Kopf wieder weinend auf den Tisch des fremden Mannes.
    Betroffen und schweigend sass er da, und erst als ich mich etwas beruhigt,
zeigte er eine gewisse Entrüstung über den unglücklichen Verlauf der Dinge und
konnte sich nicht entalten, mich damit bekannt zu machen. Nachdem die Mutter
schon längere Zeit auf meine Heimkehr oder wenigstens auf Nachrichten geharrt
und schon etwas gekränkelt hatte, erhielt sie eines Tages die Aufforderung, vor
der Polizeibehörde zu erscheinen. Es war, wie wir jetzt annehmen mussten, die
Nachforschung des deutschen Gerichtes nach meiner Person wegen des Legates des
Joseph Schmalhöfer. Sei nun die plumpe Versäumnis, die Ursache dieser
Nachforschung anzuzeigen, schon von jener Gerichtsstelle aus begangen worden
oder nicht, genug, als meine Mutter, nach meinem Aufentalte befragt, denselben
nicht nennen konnte, erschrocken dastand und zitternd fragte, um was es sich
handle, wurde ihr geantwortet, man wisse es nicht, es sei einfach eine Vorladung
für mich, vor dem Gerichte zu erscheinen; ich werde wahrscheinlich vor Schulden
oder etwas Ähnlichem geflohen sein. Diese Auslegung sprach sich auch weiter
herum, und die arme Frau wurde durch allerlei Anspielungen in der Meinung
bestärkt, dass ich verschuldet und im Mangel in der Welt herumirre.
    Nicht lange darauf, als sie die Zinsen für das auf das Haus entlehnte
Kapital, die sie kümmerlich zusammengehalten, abtrug, wurde ihr das letztere
gekündigt, und nun musste sie mitten in ihren kummervollen Sorgen um ein neues
Anleihen ausgehen. Es gelang ihr aber nicht, das Geld zu finden, denn es bestand
eben die Absicht, sie vom Hause zu bringen, und es steckten Gewinnlustige hinter
der Sache, unter denen der inzwischen etwas emporgekommene, immer noch im Hause
wohnende Spenglermeister mitwirkte, in der Hoffnung, selber den Sitz zu
erwerben. Auch hier war endlich der Bau einer Schienenstrasse in Aussicht
getreten, der Bahnhof musste unfern unserer Gasse zu liegen kommen, und es begann
der Wert der Grundstücke beinahe täglich zu steigen, ohne dass die Mutter in
ihrer Abgeschiedenheit von diesen Dingen wusste.
    Die doppelte und dreifache Sorge hat unzweifelhaft ihr Leben verkürzt; denn
der Zahlungstermin rückte mit jeder Woche näher.
    »Hätte ich eine Ahnung von der Sachlage gehabt«, sagte nun der Nachbar, »so
hätte ich leicht raten können; allein die Verschwiegenheit Ihrer Mutter
erleichterte das Bestreben der Spekulanten, den Handel geheimzuhalten, und erst
seit ein paar Tagen hörte ich zufällig davon, seit die Herren der Beute sicher
zu sein glauben. Jetzt, wo Sie da sind, genügt weniger als der zehnte Teil
dessen, was da vor Ihnen liegt, die Schuld abzutragen und das Haus wieder frei
zu machen, das ja sonst unbedeutend belastet ist, soviel ich weiss, und Ihnen
jetzt schon einen schönen Gewinn abwerfen würde, wenn Sie es verkaufen wollten.
Denn obgleich das Haus alt und unansehnlich aussieht, so ist es dennoch fest
gebaut und entält viel unbenützten Raum, der mit Leichtigkeit wohnbar zu machen
ist. Und nun hat es so kommen müssen!«
    Der Gedanke, dass unglücklicher Zufall und die Arglist Gewinnsüchtiger die
Hand im Spiele gehabt, erleichterte keineswegs die Last, welche jählings auf
mein Gewissen fiel mit einem Gewichte, gegen welches der Druck von Doroteas
eisernem Bilde leicht wie eine Flaumfeder schien; oder auch umgekehrt ich möchte
sagen, dass die Schwere in ein Gefühl der Leerheit überging, wie der höchste
Kältegrad einem Brennen gleicht. Es war fast, wie wenn meine eigene Person aus
mir wegzöge.
    Die Aufforderung der freundlichen Nachbarsleute, das Nachtlager bei ihnen zu
nehmen, lehnte ich ab, weil es mir unmöglich schien, die Mutter allein zu
lassen. Ich ging mit der anbrechenden Abenddämmerung in unser Haus zurück. Jetzt
stand auch der schwärzliche Spenglermeister unter seiner Stubentüre; ich grüsste
ihn, und er und mich mit forschendem Blick ein, bei ihm anzukehren, was ich
ausschlug, indem ich nur um ein Licht bat. Mit einem solchen versehen, stieg ich
wieder unter das Dach hinauf, trat in das Kämmerchen und zündete das alte
Messinglämpchen an, bei dessen Schein ich sie die Jahrzehnte hindurch in den
langen Winterabenden hatte sitzen sehen. Das Lämpchen war vernachlässigt und
nicht mehr blank, jedoch mit Öl gefüllt. Da lag sie nun in ihrem Frieden, und
ich, der ich so gedankenlos gezögert, zu ihr zu kommen, fand jetzt nur noch
einigen Trost an ihrer stillen Gegenwart, an deren Aufhören ich nicht denken
durfte. Ich machte mir mit meiner unglücklichen Schachtel zu schaffen, öffnete
dieselbe und zog den feinen Wollenstoff hervor, den ich zu einem Kleide bestimmt
hatte. Im Begriff, das Stück auseinanderzufalten und es als leichte schützende
Decke über das Bett und die Leiche zu legen, um es ihr nur irgendwie noch nahe
zu bringen, fiel mir doch die Nutzlosigkeit einer so gezierten Handlung in so
ernster Stunde auf die Seele; ich wickelte das Zeug zusammen und verbarg es
wieder in der Schachtel. Obschon ich von der mehrtägigen Fussreise ermüdet war,
brachte ich nun die Nacht aufrecht auf dem Strohsesselchen am Fenster zu und
schlief dennoch zeitweise, wobei allerdings das Erwachen jedesmal zwiefach
schmerzlich war, wenn ich mich aufs neue der Gegenwart der stillen Mutter
versicherte.
    Am andern Tag kam der Bote eines Begräbnisvereines, den der Vater noch hatte
gründen helfen, und traf alle Anordnungen; ich brauchte keinen Schritt zu tun.
Auch die Kosten waren schon lange gedeckt durch die pünktlichen Beiträge der
Mutter; es wurde nachträglich sogar noch eine kleine Rückzahlung angeboten. So
war sie auch in dieser Hinsicht ohne jegliche Beschwernis für andere aus der
Welt gegangen.
    Als ich die betreffenden Papiere in ihrem Nachlasse suchte, musste ich
überhaupt Schrank und Schreibtisch öffnen und fand manche Heimlichkeiten, die
ich noch nie gesehen. In einem mit Zinn verzierten hölzernen Kästchen lagen
vergilbte Putzsachen ihrer Jugendzeit, wie künstliche Blumen, ein Paar weisse
Atlasschuhe, Bänder zusammengepresst und kaum oder nie gebraucht. dabei einige
alte vergoldete Almanache, wahrscheinlich längst verjährte Geschenke, und, was
mich am meisten überraschte, ein Buch mit einer kleinen Sammlung abgeschriebener
Gedichte oder Lieder, die ihr als Mädchen mochten gefallen haben. Zwischen den
Blättern lag ein zusammengefaltetes loses Blatt, ebenfalls von ihrer damaligen
erblichenen Handschrift, worauf zu lesen war:
                        Verlornes Recht, verlornes Glück
Recht im Glücke, goldnes Los,
Land und Leute machst du gross!
Glück im Rechte, fröhlich Blut,
Wer dich hat, der treibt es gut!
Recht im Unglück, herrlich Schaun,
Wie das Meer im Wettergraun!
Göttlich grollt's am Klippenrand,
Perlen wirft es auf den Sand!
Einen Seemann, grau von Jahren,
Sah ich auf den Wassern fahren,
War wie ein Medusenschild
Der erstarrten Unruh Bild.
Und er sang »Vieltausendmal
Glitt ich in das Wellental,
Fuhr ich auf zur Wogenhöh,
Ruht ich auf der stillen See!
Und die Woge war mein Knecht,
Denn mein Kleinod war das Recht;
Gestern noch mit ihm ich schlief -
Ach, nun liegt's da unten tief!
In der dunklen Tiefe fern
Schimmert ein gefallner Stern;
Und schon ist's wie tausend Jahr,
Dass das Recht einst meines war.
Wenn die See nun wieder tobt,
Niemand mehr den Meister lobt
Hab ich Glück, verdien ich's nicht,
Glück wie Unglück mich zerbricht!«
Welch ein Gefallen war es gewesen, das ein so junges Mädchen einstmals dies
seltsame Gedicht hatte abschreiben und aufbewahren lassen?
    Ich fand noch andere schriftliche Überbleibsel, und zwar aus den letzten
Jahren, wo nicht aus letzter Zeit. In einem Mäppchen, das einen geringen Vorrat
von Briefpapier entielt, lag ein Blatt, das offenbar zu einem Briefe als
Fortsetzung gehörte, indem die Schrift ganz oben in der linken Ecke anfing. Das
Fragment aber lautete:
    »Wenn es nun Gott wirklich geschehen lässt, dass mein Sohn unglücklich werden
und ein irrendes Leben führen sollte, so tritt die Frage an mich heran, ob nicht
mich, seine Mutter, die Verschuldung trifft, insofern ich es in meiner
Unwissenheit an einer festen Erziehung habe mangeln lassen und das Kind einer zu
schrankenlosen Freiheit und Willkür anheimgestellt habe. Hätte ich nicht suchen
sollen, dass unter Mitwirkung Erfahrener einiger Zwang angewendet und der Sohn
einem sichern Erwerbsberufe zugewendet wurde, statt ihn, der die Welt nicht
kannte, unberechtigten Liebhabereien zu überlassen, die nur geldfressend und
ziellos sind? Wenn ich sehe, wie wohlgestellte Väter ihre Söhne zwingen, oft
schon vor dem zwanzigsten Jahre ihr Brot zu verdienen, und wie das solchen
Söhnen nur zu nützen scheint, so fällt der traurige, altbekannte Selbstvorwurf
mir doppelt schwer, und ich hätte in meiner Arglosigkeit nie gedacht, dass eine
solche Erfahrung mich jemals heimsuchen könnte. Freilich habe ich seinerzeit um
Rat gefragt; als man aber den Wünschen des Kindes nicht zustimmte, hörte ich auf
zu fragen und liess es gewähren. Damit habe ich mich über meinen Stand erhoben
und, indem ich mir einbildete, ein Genie in die Welt gesetzt zu haben, die
Bescheidenheit verletzt und das Kind geschädigt, dass es sich vielleicht niemals
erholen wird. Wo soll ich nun die Hilfe suchen?«
    Hier brach die Schrift ab; denn vom nächsten Worte stand nur noch der
Anfangsbuchstabe. An wen der Brief gerichtet war, ob er mit oder ohne obiges
Bruchstück oder gar nicht abgegangen, wusste ich nicht, und eine Antwort fand
sich unter den aufbewahrten Briefschaften nicht vor. Wahrscheinlich hatte sie
die Sache doch unterdrückt. Dagegen verschmolz sich nun die in dem Gedichte von
dem verlornen Glücke aufgeworfene wunderliche Rechtsfrage mit derjenigen des
Brieffragmentes und fiel mir zu Lasten als dem einzigen haftbaren Inhaber der
Schuld.
    So war nun der Spiegel, welcher das Volksleben widerspiegeln sollte,
zerschlagen und der Einzelmann, der an der Volksmehrheit so hoffnungsreich
mitwachsen wollte, rechtlos geworden. Denn da ich die unmittelbare Lebensquelle,
die mich mit dem Volke verband, vernichtet hatte, so besass ich kein Recht, unter
diesem Volke mitwirken zu wollen, nach dem Worte Wer die Welt will verbessern
helfen, kehre erst vor seiner Türe.
    Nachdem das Grab der Ärmsten sich geschlossen, bewohnte ich einige Zeit das
Stübchen, worin sie gestorben. Dann verkaufte ich mit dem Rate des Nachbars das
Haus und gewann in der Tat mehrere Tausende an dem Handel, so dass ich nun mit
dem, was ich hergebracht, und dem Gewinn zusammen ein kleines Vermögen besass,
aus welchem ich bescheiden und zurückgezogen leben konnte. Das zufällige Wesen
aber, das dem winzigen Reichtum anhaftete, liess mich seiner nicht froh werden,
noch weniger ein müssiges Leben darauf bauen; und da überdies der Mensch nicht
nur von dem leiblichen, sondern auch von einem moralischen
Selbsterhaltungstriebe beseelt ist, so nahm ich doch einige Studien vor, wie der
Graf sie mir angeraten, nicht um mich hervorzutun, sondern lediglich, soviel
nötig war, mich für die Verwaltung eines anspruchslosen und stillen Amtes
vorzubereiten und die Ordnung, in welche es eingebaut war, einigermassen zu
übersehen. Im übrigen las ich teils schwerere, teils schönere Sachen allgemeiner
Natur, um meinen befangenen und bedrängten Gedanken einige Freiheit und
Zerstreuung zu verschaffen. Denn während das Reuleid wegen der Mutter allmählich
zu einem düstern, aber gleichmässig ruhigen Hintergrunde von Freudlosigkeit
wurde, begann sich das Bild der Dorotea wieder lebendiger zu regen, ohne Licht
in das Dunkel zu bringen.
    Ich trug den Spruch von der Hoffnung, auf das grüne Papier gedruckt, noch
immer in meinem Brief-und Schreibtäschchen auf der Brust und las ihn zuweilen
mit ungläubigem Seufzen und Kopfschütteln. Den Glücksfall vorausgesetzt, den die
schlichten Worte zu verkünden schienen, war ich doch in der Lage, ihn fürchten
zu müssen, und fast in der Stimmung eines Prahlers, der in der Ferne eine
glänzende Schöne an sich gezogen hat, welcher er die schlechte Hütte nicht
zeigen darf, darin er wohnt. Sogar zum blossen freundlichen Verkehr in die Weite
schien ich mir jetzt nicht fähig, da ich die Wahrheit meines Zustandes zu
gestehen mich scheute und doch auch nicht lügen mochte. Die Zeit zu scherzhaften
Flunkereien und Phantasiespielen, auch im harmlosen Sinne des Wortes, war für
einmal vorbei.
    Es vergingen wohl zehn Monate, bis ich über mich vermochte, an den Grafen zu
schreiben, ohne unwahr zu sein oder allzu elend zu erscheinen.
    Er vergalt mir die Saumseligkeit nicht mit gleicher Münze; vielmehr erhielt
ich bald einen längern Brief von ihm, in welchem er meine Lage, soweit er sie
begriff, mit guten Worten besprach und als den Lauf der Welt darstellte, wie er
durch Paläste und Hütten gehe, Gerechte und Ungerechte heimsuche und seiner
Natur gemäss unablässig sich verändere.
    »Was unser Dortchen betrifft«, fuhr er fort, »so erfährt sie, und wir andere
mit ihr, in gehäuftem Masse auch ihr Teil. Seit Du weg bist, hat sich das
Abenteuer begeben, dass sie - meine blutsverwandte Nichte und nichts anderes
geworden ist! Ich kann Dir den Hergang nicht des weitern auseinandersetzen, nur
mit ein paar Strichen andeuten Von der bald nach dem Tode meines in den
südamerikanischen Händeln umgekommenen Bruders ebenfalls verstorbenen Witwe ist
durch Letzten Willen verordnet worden, es solle das Kind durch zuverlässige
Leute seinen deutschen Verwandten zugesandt werden. Diese Leute sind aber untreu
gewesen. Um gewisse Vermögensteile, die man unvorsichtigerweise ihnen zugleich
mitgegeben hat (übrigens unbedeutende Summen), behalten zu können, haben sie mir
das Kind auf dem Wege der Aussetzung in die Hände gespielt. Sie haben sich
richtig bei jenen Auswanderern nach Südrussland befunden oder sich ihnen vielmehr
auf dem Wege in der Donaugegend angeschlossen und die Sache sehr schlau
angestellt. Da aus Amerika nie mehr eine Nachfrage anlangte, sowenig als früher
ein Bericht von der Absendung des Kindes und dem Tode der Mutter, so hat alles
so geschehen können. Erst neuerlich, weil das alt gewordene Sünderpaar vom
Gewissen, wahrscheinlich auch von dem Gelüste nach einer Gnadenbelohnung geplagt
wurde, haben sich die Leutchen mit allen in solchen Wiederfindungsgeschichten
üblichen wohlaufgehobenen Beweisen gemeldet, und wir haben also eine Gräfin mehr
im deutschen Vaterlande! Wie lange es dauert, bis sie zum Gegenstande eines oder
mehrerer Romane gemacht wird, steht dahin; ich habe sie auch auf einige
Volksschauspiele und Melodramen vorbereitet. Allein sie hört nicht darauf, da
sie bereits die Ausarbeitung des zweiten Teiles des Romanes begonnen hat. Vor
vier Wochen hat sich Gräfin Dorotea W...berg (eigentlich heisst sie von Haus aus
Isabel) mit einem jungen Freiherrn Teodor von W...berg verlobt. Das ist nämlich
ein hübscher und wackerer Gesell aus einer Linie der so benamsten Leute, welche
die unsrige seit Jahrhunderten nichts mehr angeht. Man wird ihm den Grafentitel
verschaffen, und ich werde gestatten, dass das Majorat auf ihn übergeht. Denn ich
habe ebensowenig Grund, das Fortbestehen des Namens zu hindern, als dasselbe zu
wünschen. Wie die Dinge stehen, ist es mir absolut gleichgültig, wenn ich etwa
von dem Vergnügen absehe, das ich dem Kinde mache, indem ich seinem Bräutigam
gefällig bin.
    Nun kommt aber noch eine Betrachtung, die uns beide angeht, lieber Freund
Heinrich! Ich habe gut gesehen, dass Du Dich in Dortchen verliebt hast! Ich habe
getan, als sähe ich es nicht, weil ich mich in dergleichen nicht mische, wo die
Leute sich selbst helfen können und wissen, was sie zu tun haben. Besonders die
langhaarige Nation ist so unberechenbar, dass es nicht lohnend ist, sich ohne Not
mit gutem Rate blosszustellen. Auch Du bist dem Kinde nicht gleichgültig gewesen
und auch jetzt noch gut angeschrieben, und es stellt sich die Sache ungefähr so:
Hättest Du, was Du als ein masshaltender Mensch nicht getan hast, während Deines
Hierseins die Zeit und Deinen Vorteil wahrgenommen oder hättest Du bald nach der
Ankunft in Deinem Vaterlande von Dir hören lassen, so wäre, glaub ich, Dorotea
bis zur Stunde die Deinige geblieben. Nachdem Du aber eine so rätselhafte Zeit
hast verstreichen lassen, ist sie über diese Kluft weggesprungen, als der
entschlossene Freier erschien, der sie zugleich in so glücklicher Weise wieder
in die weltliche Ordnung einreibt. Aber auch von diesem Begreiflichen abgesehen,
müssen wir die Unbeständigkeit des Kindes, soweit eine solche vorhanden ist,
nicht hart beurteilen. Die guten Weiblein sind so auf sich selbst angewiesen und
müssen im Grunde die Suppe, die sie sich einbrocken, oft so ganz allein ausessen
mit allerlei Leiden und Schmerzen, dass sich hieraus die Plötzlichkeit wohl
erklären lässt, mit der ihre Instinkte zuweilen umschlagen. Ihre Blütezeit geht
so rasch vorbei, dass sie, solang kein entscheidendes Wort gefallen ist, auf ein
Warten, das sich einstellen zu wollen scheint, nicht gut zu sprechen sind und
sich jeden Entschluss im stillen vorbehalten. Wenn sie Hoffnung gegeben haben und
nicht rechtzeitig dabei behaftet werden, so gehen sie zur Tagesordnung über;
denn sie wollen ihre Kinder als junge Weiber und nicht als halbe Matronen haben
und erziehen. Gerade die Schönsten und Gesundesten eilen ihrem Berufe energisch
entgegen und verschmähen dann häufig die Heirat, wenn sie den besten Augenblick
verfehlt haben.
    Meine eigene Ehe galt für eine Art Unicum, und die Leute sagten, es müsse so
sein, weil zwei Unica sich geheiratet haben. Soweit das sich auf meine Person
bezog, war es natürlich der Spott über meine Abtrünnigkeit von den Vorurteilen;
auf die Frau aber war das Wort in seinem besten Sinne gut angewendet; und
dennoch hatte es an einem Haar gehangen, dass sie nicht ein anderer heimgeführt.
    Das ist eben auch ein Stück Weltlauf!«
    Es bedurfte dieser traulichen Vertröstung des ältern Freundes nicht, die
Geister der Leidenschaft in mir zu bannen. Die blosse Tatsache, dass Dorotea
verlobt war und Isabel Gräfin zu W...berg hiess, vergegenwärtigte mir den
Zustand, in welchen ich sie gebracht hätte, selbst wenn sie das Findelkind
geblieben, ich weniger zurückhaltend gewesen und eine Verbindung zwischen uns
erfolgt wäre. Es kam mir vor, wie wenn man einen grossen Sommervogel in einen
kleinen Grillenkäficht hätte setzen wollen. Die geheime Sorge, einer solchen
Beschämung durch die schönste Glückserfüllung ausgesetzt zu werden, fiel mir wie
ein Stein vom Herzen, und in diesem blieb nur die stille Sehnsucht nach der
Verlorenen einträchtig neben der Trauer um die Mutter wohnen. Freilich kam mir
dieser Weltlauf etwas teuer zu stehen; denn der Umweg über das Grafenschloss
hatte mich nicht nur die Mutter, sondern auch den Glauben an ihr Wiedersehen und
an den lieben Gott selbst gekostet, alles Dinge indessen, deren Wert nicht aus
der Welt fällt und immer wieder zum Vorschein kommt.
 
                              Sechzehntes Kapitel
                                Der Tisch Gottes
Etwa ein Jahr später besorgte ich die Kanzlei eines kleinen Oberamtes, welches
an dasjenige grenzte, worin das alte Heimat Dorf lag. Hier konnte ich bei
bescheidener und doch mannigfacher Wirksamkeit in der Stille leben und befand
mich in einer Mittelschicht zwischen dem Gemeindewesen und der Staatsverwaltung,
so dass ich den Einblick nach unten und oben gewann und lernte, wohin die Dinge
gingen und woher sie kamen. Allein sie vermochten die Schatten nicht
aufzuhellen, die meine ausgeplünderte Seele erfüllten, und weil alles, was ich
wahrnahm, durch die Düsternis gefärbt wurde, so erschienen mir auch die
Menschlichkeiten, denen ich auf dem neuen Gebiete begegnete, dunkler, als sie an
sich waren. Wenn ich sah, dass auch hier die Neigung zum Nachlassen und zur
Pflichtvergessenheit zum Vorschein kam oder jeder die Wässerlein auf seine Mühle
zu leiten suchte, dass Neid und Eifersucht auch in den kleinsten
Amtsverhältnissen störend sich einnisteten, so war ich geneigt, das Übel dem
Charakter des ganzen Volkes und Gemeinwesens zuzuschreiben, das in der
Erinnerung und aus der Entfernung mich so täuschend angelockt habe. Wenn ich
aber meines belasteten Bewusstseins gedachte, so schwieg ich, anstatt bei guter
Gelegenheit meine Meinung offen herauszusagen. Ich begnügte mich, meine
Obliegenheiten so regelmässig und geräuschlos als möglich zu erfüllen, um die
Zeit zu verbringen, ohne Unruhe, aber auch ohne Hoffnung eines frischern Lebens.
Das hielten nun die Leute für das Muster einer ordentlichen Amtsführung, und da
sie besser und wohlwollender waren, als ich dachte, so machten sie mich nach ein
paar weiteren Jahren, ohne mein Zutun und gegen meinen Wunsch, zum Vorsteher des
Amtskreises. In dieser Stellung konnte ich nicht umhin, mehr unter die Leute zu
gehen und an Zusammenkünften verschiedener Art teilzunehmen, immer als der
ziemlich melancholische und einsilbige Amtsmann, der ich war. Jetzt lernte ich,
da ich die politische Bewegung im grossen und mehr in der Nähe sah, ein Übel
kennen, das mir wirklich neu, obgleich es zum Glücke nicht gerade herrschend
war. Ich sah, wie es in meiner geliebten Republik Menschen gab, die dieses Wort
zu einer hohlen Phrase machten und damit umherzogen, wie die Dirnen, die zum
Jahrmarkt gehen, etwa ein leeres Körbchen am Arme tragen. Andere betrachteten
die Begriffe Republik, Freiheit und Vaterland als drei Ziegen, die sie
unablässig melkten, um aus der Milch allerhand kleine Ziegenkäslein zu machen,
während sie scheinheilig die Worte gebrauchten, genau wie die Pharisäer und
Tartüffe. Andere wiederum, als Knechte ihrer eigenen Leidenschaften, witterten
überall nichts als Knechtschaft und Verrat, gleich einem armen Hunde, dem man
die Nase mit Quarkkäse verstrichen hat und der deshalb die ganze Welt für einen
solchen hält. Auch dies Knechtschaftswittern hatte einen gewissen kleinen
Verkehrswert, doch stand das patriotische Eigenlob immerhin noch höher. Alles
zusammen war ein schädlicher Schimmel, der ein Gemeinwesen zerstören kann, wenn
er zu dicht wuchert; doch befand sich die Hauptschar in gesundem Zustande, und
sobald sie sich ernstlich rührte, stäubte der Schimmel von selbst hinweg. Ich
dagegen sah in meiner kranken Stimmung den Schaden des Unechten zehnmal grösser,
als er war, und schwieg dennoch, anstatt den falschen Schwätzern auf die Füsse zu
treten; damit verschwieg ich auch manches, was ich mit wirklichem Nutzen hätte
sagen können. Ich fühlte, dass das kein Leben hiess und so nicht fortgehen könne,
und begann darüber zu brüten, wie aus dieser neuen Gefangenschaft des Geistes
herauszukommen sei. Zuweilen regte sich, und immer vernehmlicher, der Wunsch,
gar nicht mehr dazusein.
    Eines Tages hatte ich mehrere Stunden auf den Strassen meines
Verwaltungsbezirkes zugebracht, um in Begleitung des Baumeisters den Zustand
derselben zu untersuchen. Nach verrichtetem Geschäfte trennte ich mich von dem
Manne, da ich das Verlangen spürte, noch einen Gang in Einsamkeit zu machen. So
gelangte ich in ein enges abgeschiedenes Tal zwischen zwei grünen Berglehnen, wo
es so still war, dass man die Luft in entfernten Baumwipfeln konnte säuseln
hören. Auf einmal erkannte ich das Tal als zu der Heimatgegend gehörig, obgleich
es so schlicht von Gestaltung war, dass es nirgends eine eigentümliche Form
darbot, und kein menschliches Gebäude zeigte sich dem Auge.
    Ungefähr in der Mitte des Weges, der das Tälchen durchschnitt, warf ich mich
an eine kleine begrünte Erdwelle und überliess mich der schmerzlichen Erinnerung
an alles, was ich schon gehofft und verloren, geirrt und verfehlt hatte. Auch
zog ich Doroteens grünen Zettel einmal wieder hervor, der noch immer zwischen
einer Falte meiner Schreibtafel steckte. »Hoffnung zeigt sich immerdar
treugesinnten Herzen gütig!« las ich und wunderte mich, dass ich das falsche
Wechselchen noch bei mir trug. Da eben ein schwacher Luftzug dicht über der
sommerwarmen Erde hinwallte, liess ich es fahren, und es flatterte gemächlich
über Gras und Heideblumen weg, ohne dass ich ihm weiter nachblickte.
    Am besten wäre es, dachte ich, du lägest unter dieser sanften Erdbrust und
wüsstest von nichts! Still und lieblich wäre es hier zu ruhen!
    Nach diesem mir nicht mehr neuen Seufzer liess ich die Augen von ungefähr an
der gegenüberliegenden Berghalde schweifen, an deren halber Höhe ein Felsband
von grauer Nagelfluhe zutage trat. Ebenso von ungefähr sah ich eine leichte
Gestalt von der gleichen grauen Farbe längs dem Felsbande hingleiten oder
schweben, und da die Halde von der Abendsonne beleuchtet war, so sah man
gleichzeitig auch den Schatten der Gestalt an der Wand mitgleiten. Ich wusste,
dass ein schmaler Pfad dort das Felsgesimse entlanglief, und verfolgte mit den
Augen die Erscheinung, die sich mit einem sichtlichen Rhytmus bewegte, der mich
an ein irgendwo schon Gesehenes erinnerte. Als die Gestalt, die unverkennbar
eine weibliche war, das Ende der Felswand erreicht hatte, wandte sie sich und
kehrte denselben Weg wieder zurück; es sah aus, als ob der Geist des Berges aus
dem Gestein herausgetreten wäre, um im Abendscheine auf und ab zu wandeln.
    Froh, meine schweren Gedanken ein wenig zu verscheuchen, erhob ich mich,
ging über den Weg und drang durch das Gehölz empor, das den Fuss der jenseitigen
Berglehne bekleidete bis unterhalb der Nagelfluhe, an welcher der Pfad
hinführte. In wenigen Minuten hatte ich diesen erreicht. Man blickte dort aus
dem Tale hinaus und sah in der Ferne einerseits die Ortschaft im Abendlichte
schimmern, wo mein Amtssitz lag. Dieser Aussicht zugewendet sah ich die Gestalt
an jenem Ende des Felsbandes stehen und hinüberschauen. Dann kehrte sie sich
abermals und kam den Weg zurück, gerade mir entgegen. Kaum war sie mir etwas
näher, so erkannte ich die Judit, von der ich seit zehn Jahren nicht ein Wort
vernommen, trotz der fremdartigen Tracht, in die sie gekleidet war. Statt der
halb ländlichen Tracht, in der ich sie zuletzt gesehen, trug sie jetzt ein
Damenkleid von leichtem grauem Stoffe und einen grauen Schleier um Hut und Hals
gewickelt, alles aber so ungezwungen, ja bequem, dass man sah, ihre ungebrochenen
Bewegungen hatten sich in einem reichlichern und breitern Faltenwurfe von selbst
Raum verschafft, ohne dass sie im mindesten schlotterig oder auch eckig
ausgesehen hätte. In jenem Augenblicke stellte ich natürlich derartige
Beobachtungen nicht an; sie erklären nur den Eindruck, welchen die unverhoffte
Erscheinung auf mich hervorbrachte.
    An dem Gesichte hatten die zehn Jahre keine andere Veränderung bewirkt, als
dass es selbstbewusster geworden und durch einen sibyllenhaften Anhauch eher
veredelt als entstellt war. Erfahrung und Menschenkenntnis lagerten um Stirn und
Lippen, und doch leuchtete aus den Augen noch immer die Treuherzigkeit eines
Naturkindes.
    So sah ich sie, die Augen erstaunt auf sie gerichtet, mir nahe kommen und
die Schritte verlangsamen, als sie meiner ansichtig wurde. Mein Anblick musste
sich mehr verändert haben als der ihre; denn sie schien unschlüssig, ging jetzt
etwas rascher und hielt doch wieder an sich, im Begriff, an mir vorüberzugehen.
Dadurch wäre ich beinah auch unsicher geworden, und erst als ich ganz dicht vor
ihr stand auf dem schmalen Pfade, konnte ich nicht mehr irren und rief:
»Judit!«
    Aber gleichzeitig überflog eine unverstellte und doch unbeschreiblich milde
Freude ihr schönes Gesicht; meine Hand lag in ihrer warmen festen Hand, und nach
alter Volkesweise öffnete sie dieselbe nicht so bald.
    »Sind Sie es?« sagte sie, ohne meinen Namen zu nennen, und ich wagte auch
nicht, den ihrigen zu wiederholen, da ich noch weniger wusste, wie ich sie
eigentlich nennen sollte; denn es war durchaus nicht wahrscheinlich, dass eine
solche Person allein geblieben sei. Ich fragte daher unbeholfen nur, wo sie
herkomme?
    »Aus Amerika!« erwiderte sie; »seit vierzehn Tagen bin ich hier!«
    »Wo hier? In unserm Dorf?«
    »Wo anders denn? Ich wohne im Wirtshaus, da ich sonst niemanden mehr habe!«
    »Sind Sie allein da?«
    »Gewiss; wer soll bei mir sein?«
    Ohne dass ich irgendwie weiterdachte, machte mich diese Antwort glücklich;
Jugendglück, Heimat, Zufriedenheit, alles schien mir seltsamerweise mit Judit
zurückgekehrt oder vielmehr wie aus dem Berge herausgewachsen zu sein. Indessen
waren wir ohne Plan auf dem Pfade weitergegangen, bald dicht aneinandergedrängt,
bald eins hinter dem andern, wie es der Raum erlaubte.
    »Wissen Sie, wo ich Sie das letzte Mal gesehen habe?« sagte sie jetzt, indem
sie sich nach mir zurückwandte; »als ich auf einem Wagen aus dem Lande fuhr und
sie als Soldat auf dem Felde standen in einer kleinen Reihe von Leuten. Da
drehtet ihr euch alle, wie an einer Schnur gezogen, plötzlich um, und ich dachte
Den bekommst du nie mehr zu sehen!«
    Ein Weilchen gingen wir schweigend; dann fragte ich, wo sie denn hingehen
wolle und ob ich sie eine Strecke begleiten dürfe?
    »Ich habe nur einen Spaziergang gemacht«, sagte sie, »und denke, ich muss
jetzt wieder nach Haus. Würde es Ihnen zu weit sein, mit mir bis ins Dorf zu
gehen?«
    »Ich komme gern mit Ihnen und will in Ihrem Wirtshause zu Nacht essen«,
antwortete ich; »nachher lasse ich mich in des Wirts kleinem Fuhrwerk
heimführen; denn von dort sind es drei gute Wegstunden.«
    »Oh, das ist schön von Ihnen! Ich haue doch heut früh schon eine Ahnung, dass
mir etwas Gutes geschehen würde, und nun ist der Heinrich Lee bei mir, der Herr
Vetter und Oberamtmann!«
    Wir fanden bald einen breitern Weg und wanderten in traulichem Geplauder
nach dem Dorfe; aber noch eh wir dasselbe erreichten, hatten wir uns unbewusst zu
duzen angefangen, was wir als Blutsverwandte auch füglich tun durften. Das erste
Haus, an dem wir vorübergingen, war das meines verstorbenen Oheimes; aber es
waren fremde Leute darin, seine Kinderwaren zerstoben. Kleine fremde Kinder
liefen uns nach und riefen: »Die Amerikanerin!« Einige boten ihr ehrfürchtig die
Hand, und sie schenkte ihnen kleine Münzen. Als wir bei ihrem Hause vorbeikamen,
standen wir einen Augenblick still. Der jetzige Besitzer hatte es umgebaut, aber
der schöne Baumgarten, wo sie einst Äpfel pflückte, stand unverändert. Sie warf
nur einen halben Blick auf mich, schlug ihn dann nieder und errötete sanft,
indem sie eilig weiterschritt. Da sah ich, dass dieses Weib, das die Meere
durchschifft, sich in einer neuen werdenden Welt herumgetrieben und zehn Jahre
älter geworden, zarter und besser war als in der Jugend und in der stillen
Heimat.
    Das nennt man Rasse, würden rohe Sportsleute sagen! dachte ich bei dem
lieblichen Anblick.
    Im Wirtshause angekommen, wunderte ich mich, mit welcher Umsicht und
geräuschlosen Sorgfalt, mit wenig Worten, sie eine gute Bewirtung anzuordnen
wusste und so aufmerksam für mich sorgte wie ein Hausmütterchen. Das liess mich
vermuten, dass sie in Amerika ihre Zeit in Städten und guten Häusern zugebracht
habe; allein die Erzählungen und Schilderungen ihres Schicksals, die sie während
des Nachtessens mit anmutiger Laune mir sowohl als den mit zuhorchenden
Wirtsleuten zum besten gab, deuteten im Gegenteil darauf hin, dass sie im Kampfe
mit der Not der Menschen, und indem sie ihre Auswanderungsgenossen geradezu
erziehen und zusammenhalten musste, sich selbst notgedrungen veredelt und
höhergehoben hatte.
    Als sie nämlich mit ihren Landsleuten an Ort und Stelle der Ansiedlung
gelangt und andere dazugestossen waren, zeigte sich fast die ganze Gesellschaft
als nicht ausdauernd und ungeschickt bei Widerwärtigkeiten, so wie sich auch die
übrigen Eigenschaften, welche die Auswanderung veranlasst, nicht sogleich
verloren. Judit, als die meisten Mittel besitzend, hatte den grössten Teil des
Bodens angekauft; sie liess jedoch ihr Land von den andern benutzen und begnügte
sich, eine Art Handelskontor für die verschiedenen Bedürfnisse der kleinen
Kolonie zu führen. Wie sie aber sah, dass die Genossen sie am Schaden liessen und
sie verarmen würde, änderte sie das Verfahren. Sie zog ihr Land wieder an sich,
liess es um den Tagelohn von denen bearbeiten, die für eigene Rechnung zu träg
dazu gewesen, und so brachte sie alle miteinander dazu, sich zu rühren. Sie
setzte den Weibern die Köpfe zurecht, pflegte die kranken Kinder und erzog die
gesunden, kurz, der Selbsterhaltungstrieb war mit einer grossen Opferfähigkeit so
glücklich in ihr gemischt, dass sie die Leute und mit ihnen sich selbst so lange
über Wasser hielt, bis ein bedeutender Verbindungsweg in die Nähe der Ansiedlung
kam und mit demselben eine wachsende Zahl von kräftigeren Elementen, die schon
geschult waren, so dass zusehends die Wendung zum Bessern für alle eintrat.
Während der ganzen Zeit aber hatte sie die Bewerbungen um ihre Person
abzuwehren, was sie mehr im Scherze andeutete als ernstaft erwähnte; zeitweise,
wenn gefährliche Abenteurer sich herbeimachten und die Sicherheit bedrohten,
hielt sie sich sogar Waffen und verliess sich nur auf sich selber.
    Als aber das Kalb durch den Bach gezogen, das Gedeihen begründet und die
Ansiedlung mit dem Namen irgendeiner berühmten Stadt der Alten Welt vor Christi
Geburt versehen war, zog sie sich zurück und überliess sich einer ruhigeren
Lebensart; denn sie war weder eine gewohnheitsmässige Pädagogin noch eine
vorsätzliche Tatverrichterin. Dagegen vervielfachte sie durch den Verkauf ihres
Landes ihr ursprüngliches Vermögen und beschaute sich zuweilen während einiger
Wochen das Leben in der Hauptstadt des Staates oder anderen grösseren Städten,
oder sie fuhr auf den breiten Flüssen, wenn sich Gesellschaft fand,
landeinwärts, bis sie die wilden Indianer zu sehen bekam.
    Alles das erzählte sie bruchstückweise und ungezwungen mit solcher
Kurzweiligkeit, dass wir nicht müde wurden zuzuhören, zumal jedes Wort den
Stempel der Wahrheit an sich trug. Inzwischen war die Zeit wie ein Augenblick
für mich verstrichen, da ich seit Jahren nicht so sorglos und glücklich an einem
Tische gesessen, und der Einspänner des Wirtes, der mich nach Hause bringen
sollte, stand bereit, weil ich für die Morgenfrühe mehrere Amtsgeschäfte
anberaumt hatte.
    Ich dankte der Judit beim Abschiede für die Gastfreundschaft und lud sie
ein, sich bald bei mir schadlos zu halten, wo wir zwar auch im Wirtshause essen
müssten, weil ich keine Haushaltung führe.
    »Ich werde schon in den nächsten Tagen angefahren kommen«, sagte sie, »in
diesem gleichen Triumphwagen, und mich bezahlt machen!«
    Als ich schon im Gefährte sass, drückte sie mir in der Dunkelheit schweigend
die Hand und blieb lautlos stehen, bis ich weggefahren war.
    Das neue Glück, das mich erfüllte, trabte sich jedoch schon am andern
Morgen, als ich bedachte, dass ich ihr nun das Geheimnis meines Gewissens und das
Schicksal der Mutter entüllen müsse. Denn wenn es jetzt ein Urteil gab, das ich
fürchtete, so war es dasjenige dieser einfachen und wundersamen
Frauenerscheinung, und doch war mir weder Freundschaft noch Liebe zwischen ihr
und mir denkbar, wenn sie nicht alles wusste.
    Ich erwartete sie deshalb mit ebensoviel Furcht als Ungeduld, bis sie am
zweiten Vormittage kam. Eine gewisse Niedergeschlagenheit war in die Freude des
Wiedersehens gemischt, und zwar bei ihr wie bei mir. Nachdem sie sich in meiner
Wohnung ein wenig umgeschaut, sagte sie, Hut und Überwurf weglegend:
    »Es ist doch recht hübsch in diesem grossen Amtsdorfe, fast wie in einer
Stadt. Ich hätte Lust, hieher zu ziehen und mehr in deiner Nähe zu sein, wenn
nur -«
    Sie hielt verschüchtert inne, gleich einem jungen Mädchen, fuhr dann aber :
    »Sieh, Heinrich, schon mehrmals bin ich seit meiner Ankunft auf dem
Bergpfade gewesen, wo du mich getroffen hast, um hier herüberzuschauen, da ich
mir nicht zu kommen getraute!«
    »Nicht getraut! Eine so tapfere Person!«
    »Sieh, das ging so zu: Du liegst mir einmal im Blut, und ich habe dich nie
vergessen, da jeder Mensch etwas haben muss, woran er ernstlich hängt! Nun
erschien vor einiger Zeit in unserer Kolonie ein neuer Landsmann aus dem Dorfe,
der sich jedoch auch schon einige Jahre drüben herumgetrieben hat. Da von den
heimatlichen Dingen gesprochen wurde, frug ich beiläufig nach dir und ob man im
Dorfe nichts von dir wisse, hoffte aber nicht, etwas zu erfahren, woran ich
längst gewöhnt war. Der Mann besann sich ein Weilchen und sagt: Ja, wartet, wie
ist denn das? Ich habe davon gehört, und nun erzählte er.«
    »Was erzählte er?« fragte ich traurig.
    »Er habe gehört, dass du verarmt in der Fremde herumgezogen seist, die Mutter
in Schulden gebracht und darüber habest sterben lassen und dass du dann in
elendem Zustande heimgekehrt seist und als ein Schreiberlein irgendwo dein
Leben fristest. Als ich so dein Unglück vernahm, packte ich unverzüglich auf, um
zu dir zu kommen und bei dir zu sein!«
    »Judit, das hast du getan?« rief ich.
    »Was meinst du denn? Sollte ich, die dich als grünen Knaben einst so
herzlich geliebt und gekost hat, dich nun in Not und Kummer wissen, ohne zu dir
zu kommen? - Aber da ich nun kam, da war alles nicht wahr! Zwar die Mutter ist
gestorben, du aber bist in guten Zuständen aus der Fremde gekehrt und stehst
jetzt beim Regierungswesen und in Ehr und Ansehen, wie ich wohl merke, obgleich
man sagt, du seist etwas stolz und unfreundlich! Dies letztere ist nun freilich
auch nicht wahr!«
    »Und du bist also meinetwegen aus Amerika aufgebrochen, obgleich du mich für
schlecht gehalten hast?«
    »Wer sagt das? Ich habe dich trotzdem nicht für schlecht, nur für
unglücklich gehalten!«
    »Das Schlimmste an dem Unglück ist aber dennoch wahr, meine Verschuldung!
Ich habe wirklich meine Mutter in Kummer und Sorgen gebracht und bin eben recht
gekommen, der daran Sterbenden die Augen zuzudrücken!«
    »Wie ist das denn zugegangen? Erzähle mir alles, denke aber nicht, dass ich
mich von dir werde abwendig machen lassen!«
    »Dann hat dein Urteil keinen Wert, wenn es nur durch deine gütige Zuneigung
bedingt wird!«
    »Eben diese Neigung ist Urteils genug, und du musst es anerkennen! Doch
erzähle nur!«
    Ich tat es in ausführlicher Weise, so ausführlich, dass ich gegen das Ende
hin die Aufmerksamkeit auf meine Rede verlor und zerstreut wurde; denn ich
spürte inzwischen den alten Druck von der Seele weichen und wusste, dass ich frei
und gesund war. Plötzlich unterbrach ich mich und sagte:
    »Es nützt nichts, länger zu schwatzen! Du hast mich erlöst, Judit, und dir
danke ich's, wenn ich wieder munter bin; dafür bin ich dein, solang ich lebe!«
    »Das lässt sich hören!« erwiderte sie mit glänzenden Augen und mit einem
Ausdrucke von Zufriedenheit in ihren schönen Gesichtszügen, dass der Anblick mich
in der Erinnerung immer wieder irremachte, wenn ich im Laufe der Jahre zu
erwägen hatte, wie mit der Schönheit der Dinge doch nicht alles getan und der
einseitige Dienst derselben eine Heuchelei sei wie jede andere. Ja, neben der
Erinnerung an Dortchens Angesicht am Tische des Kaplans leuchtet mir Judits
Anblick fort wie ein Doppelstern. Beide Sterne sind gleich schön und doch nicht
beide gleich in ihrem wahren Wesen.
    »Nun habe ich Hunger und möchte essen, wenn du was hast!« sagte Judit;
»aber richte dich ein, den übrigen Tag mit mir im Freien zuzubringen; unter
Gottes freiem Himmel wollen wir unsere Sachen zu Ende führen!«
    Wir stellten fest, dass ich nach Tisch mit ihr heimwärts fahre, dass wir aber
am Eingange des Tales, wo wir uns zuerst getroffen, den Wagen weiterschicken und
den Berg mit der Nagelfluhe besteigen wollten.
    Fröhlich und zufrieden assen wir zusammen im Herrenstübchen des Gastauses
zum goldnen Stern. In einem der Fenster leuchtete eine zweihundertjährige
gemalte Scheibe mit den Wappen eines Ehepaares, das nun schon lange zu Staub
geworden. Über den beiden Wappen stand die Inschrift: »Andreas Mayer, Vogt und
Wirt zum gülden Stern, und Emerentia Judita Hollenbergerin sind ehlich
verbunden am 1. Mai 1650.« Der Hintergrund, auf welchem die zwei Wappen standen,
zeigte ein Gartenland mit einer Gesellschaft zechender Engelsfigürchen zwischen
Rosenbüschen. Ein geschmücktes Paar, die Handschuhe in den Händen, sah den
kleinen Trinkgesellen wohlgefällig zu. Zuunterst aber quer über die Scheibe
stand auf einem breiten Bande der Spruch:
Hoffnung hintergehet zwar,
Aber nur, was wankelmütig;
Hoffnung zeigt sich immerdar
Treugesinnten Herzen gütig!
Hoffnung senket ihren Grund
In das Herz, nicht in den Mund!
Die gemeinsame Quelle, aus welcher beide Schreiber, die so weit auseinander
lebten, der alte Glasmaler und das Fräulein im Grafenschloss, geschöpft hatten,
musste somit ein sehr altes Buch sein.
    Mich aber berührte diese Aufdringlichkeit des Zufalls, die aus der ganzen
Schilderei leuchtete, eher ängstlich und beklemmend als freudig; denn dieser
Machtaber schien sich förmlich zu meinem Führer aufwerfen zu wollen, und der
Spruch konnte eine neue Täuschung verkünden. Judit las denselben, ohne auf das
Bildwerk zu achten, und sagte lächelnd: »Welch ein schöner Vers und gewisslich
wahr; man muss ihn nur richtig verstehen!«
    Wir begaben uns also auf den Weg, schickten den Wagen am Fusse jenes mässigen
Berges weg und wanderten gemächlich hinauf, und zwar auf die Scheitelhöhe. Dort
standen, weit in das Land ragend, zwei mächtige uralte Eichbäume, unter welchen
eine Bank und ein steinerner, ganz bemooster Tisch sich befanden. Vor der
christlichen Zeit sollte hier eine Kultusstätte, später eine Dingstätte gewesen
sein und von letzterer Bestimmung der Tisch herrühren.
    Auf der Bank im Schatten der mächtig ausgreifenden Aste sitzend, schauten
wir Hand in Hand in die bläuliche Ferne der Rundsicht. Judit hatte ihren Hut
und Sonnenschirm auf den Tisch gelegt. Nach einer Weile, als sie auch den Tisch
betrachtet und sich die Bedeutung desselben hatte erklären lassen, sagte sie mit
bedächtlichen und bewegten Worten:
    »Wie nennt man's denn in den Ländern, wo es Könige gibt, wenn diese gekrönt
werden und an den Altären stehen?«
    Ich wusste nicht gleich, was sie meinte, und sann nach. Da ich sie aber
unverwandt auf den alten Steintisch schauen sah und sie sogar Hut und Schirm
wegnahm, wie um die Sache deutlicher zu machen, fiel es mir ein, und ich sagte:
    »Es heisst, sie nehmen die Krone von Gottes Tisch!«
    Da sah sie mich zärtlich an und flüsterte:
    »Ja, so heisst es! Sieh, und nun könnten wir hier auch das Glück von Gottes
Tisch nehmen, was die Welt das Glück nennt, und uns zu Mann und Frau machen!
Aber wir wollen uns nicht krönen! Wir wollen jener Krone entsagen und dafür des
Glückes um so sicherer bleiben, das uns jetzt, in diesem Augenblicke, beseligt;
denn ich fühle, dass du jetzt auch glücklich und zufrieden bist!«
    Ich schwieg erschüttert still. Doch fuhr sie fort:
    »Schau, ich habe es mir schon auf dem Meere und während eines Sturmes
überlegt, als die Blitze um die Masten zuckten, die Wellen über Deck schlugen
und ich in der Todesangst deinen Namen ausrief, und die letzten Nächte wieder
hab ich es hin und her gewendet und mir gelobt Nein, du willst sein Leben nicht
zu deinem Glücke missbrauchen! Er soll frei sein und sich durch die
Lebenstrübheit nicht noch mehr abziehen lassen, als es schon geschehen ist!«
    Ich schüttelte aber den Kopf und sagte betroffen: »Ich will nicht
unbescheiden sein, Judit, allein ich habe es mir doch anders gedacht. Wenn du
mir in der Tat gut bist, willst du nicht lieber bei mir leben, als immer so
einsam sein, so allein stehen in der Welt?«
    »Wo du bist, da werde ich auch sein, solange du allein bleibst; du bist noch
jung, Heinrich, und kennst dich selber nicht. Aber abgesehen hievon, glaube mir,
solange wir so sind wie jetzt, in dieser Stunde, wissen wir, was wir haben, und
sind glücklich! Was wollen wir denn mehr?«
    Ich begann zu fühlen und zu verstehen, was sie bewegte; sie mochte zuviel
von der Welt gesehen und geschmeckt haben, um einem vollen und ganzen Glücke zu
vertrauen. Ich sah ihr ins Gesicht und strich ihr weiches braunes Haar zurück,
indem ich rief:
    »Ich habe ja gesagt, ich sei dein, und will es auf jede Art sein, wie du es
willst!«
    Sie schloss mich heftig in die Arme und an ihre gute Brust; auch küsste sie
mich zärtlich auf den Mund und sagte leis: »Nun ist der Bund besiegelt! Aber für
dich nur auf Zusehen hin; du bist und sollst sein ein freier Mann in jedem
Sinne!«
    Und so ist es auch zwischen uns geblieben. Noch zwanzig Jahre hat sie
gelebt; ich habe mich gerührt und nicht mehr geschwiegen, auch nach Kräften dies
oder jenes verrichtet, und bei allem ist sie mir nahe gewesen. Wenn ich den
Wohnort verändern musste, so ist sie mir das eine Mal gefolgt, das andere nicht,
aber sooft wir wollten, haben wir uns gesehen. Wir sahen uns zuweilen täglich,
zuweilen wöchentlich, zuweilen des Jahres nur einmal, wie es der Lauf der Welt
mit sich brachte; aber jedesmal, wo wir uns sahen, ob täglich oder nur jährlich,
war es uns ein Fest. Und wenn ich in Zweifel und Zwiespalt geriet, brauchte ich
nur ihre Stimme zu hören, um die Stimme der Natur selbst zu vernehmen.
    Sie starb, als eine verderbliche Kinderkrankheit herrschte und sie sich mit
ihren hilfsbereiten Händen in eine ratlose Behausung armer Leute stürzte, die
mit kranken Kindern angefüllt und von den Ärzten abgesperrt war. Sonst hätte sie
leicht noch zwanzig Jahre leben können und wäre ebensolang mein Trost und meine
Freude gewesen.
    Ich hatte ihr einst zu ihrem grossen Vergnügen das geschriebene Buch meiner
Jugend geschenkt. Ihrem Willen gemäss habe ich es aus dem Nachlass wiedererhalten
und den andern Teil dazugefügt, um noch einmal die alten grünen Pfade der
Erinnerung zu wandeln.
 
    