
        
                                Teodor Fontane
                                 Vor dem Sturm
                        Roman aus dem Winter 1812 auf 13
                                   Erster Band
                                        
                                  Hohen-Vietz
                                  Erstes Kapitel
                                  Heiligabend
Es war Weihnachten 1812, Heiliger Abend. Einzelne Schneeflocken fielen und
legten sich auf die weisse Decke, die schon seit Tagen in den Strassen der
Hauptstadt lag. Die Laternen, die an lang ausgespannten Ketten hingen, gaben nur
spärliches Licht; in den Häusern aber wurde es von Minute zu Minute heller, und
der »Heilige Christ«, der hier und dort schon einzuziehen begann, warf seinen
Glanz auch in das draussen liegende Dunkel.
    So war es auch in der Klosterstrasse. Die Singuhr der Parochialkirche setzte
eben ein, um die ersten Takte ihres Liedes zu spielen, als ein Schlitten aus dem
Gastof »Zum grünen Baum« herausfuhr und gleich darauf schräg gegenüber vor
einem zweistöckigen Hause hielt, dessen hohes Dach noch eine Mansardenwohnung
trug. Der Kutscher des Schlittens, in einem abgetragenen, aber mit drei Kragen
ausstaffierten Mantel, beugte sich vor und sah nach den obersten Fenstern
hinauf; als er jedoch wahrnahm, dass alles ruhig blieb, stieg er von seinem Sitz,
strängte die Pferde ab und schritt auf das Haus zu, um durch die halb
offenstehende Tür in dem dunklen Flur desselben zu verschwinden. Wer ihm dahin
gefolgt wäre, hätte notwendig das stufenweise Stapfen und Stossen hören müssen,
mit dem er sich, vorsichtig und ungeschickt, die drei Treppen hinauffühlte.
    Der Schlitten, eine einfache Schleife, auf der ein mit einem sogenannten
»Plan« überspannter Korbwagen befestigt war, stand all die Zeit über ruhig auf
dem Fahrdamm, hart an der Öffnung einer hier aufgeschütteten Schneemauer. Der
Korbwagen selbst, mutmasslich um mehr Wärme und Bequemlichkeit zu geben, war nach
hinten zu, bis an die Plandecke hinauf, mit Stroh gefüllt; vorn lag ein
Häckselsack, gerade breit genug, um zwei Personen Platz zu gönnen. Alles so
primitiv wie möglich. Auch die Pferde waren unscheinbar genug, kleine Ponies,
die gerade jetzt in ihrem winterlich rauhen Haar ungeputzt und dadurch ziemlich
vernachlässigt aussahen. Aber wie immer auch, die russischen Sielen, dazu das
Schellengeläut, das auf rot eingefassten, breiten Ledergurten über den Rücken der
Pferde hing, liessen keinen Zweifel darüber, dass das Fuhrwerk aus einem guten
Hause sei.
    So waren fünf Minuten vergangen oder mehr, als es auf dem Flur hell wurde.
Eine Alte in einer weissen Nachtaube, das Licht mit der Hand schützend, streckte
den Kopf neugierig in die Strasse hinaus; dann kam der Kutscher mit Mantelsack
und Pappkarton; hinter diesem, den Schluss bildend, ein hochaufgeschossener
junger Mann von leichter, vornehmer Haltung. Er trug eine Jagdmütze, kurzen Rock
und war in seiner ganzen Oberhälfte unwinterlich gekleidet. Nur seine Füsse
steckten in hohen Filzstiefeln. »Frohe Feiertage, Frau Hulen«, damit reichte er
der Alten die Hand, stieg auf die Deichsel und nahm Platz neben dem Kutscher.
»Nun vorwärts, Krist; Mitternacht sind wir in Hohen-Vietz. Das ist recht, dass
Papa die Ponies geschickt hat.«
    Die Pferde zogen an und versuchten es, ihrer Natur nach, in einen leichten
Trab zu fallen; aber erst als sie die Königsstrasse mit ihrem Weihnachtsgedränge
und Waldteufelgebrumm im Rücken hatten, ging es in immer rascherem Tempo die
Landsberger Strasse entlang und endlich unter immer munterer werdendem
Schellengeläut zum Frankfurter Tore hinaus.
    Draussen umfing sie Nacht und Stille; der Himmel klärte sich, und die ersten
Sterne traten hervor. Ein leiser, aber scharfer Ostwind fuhr über das
Schneefeld, und der Held unserer Geschichte, Lewin von Vitzewitz, der seinem
väterlichen Gute Hohen-Vietz zufuhr, um die Weihnachtsfeiertage daselbst zu
verbringen, wandte sich jetzt, mit einem Anflug von märkischem Dialekt, an den
neben ihm sitzenden Gefährten. »Nun, Krist, wie wär es? Wir müssen wohl
einheizen.« dabei legte er Daumen und Zeigefinger ans Kinn und paffte mit den
Lippen. Dies »wir« war nur eine Vertraulichkeitswendung; Lewin selbst rauchte
nicht. Krist aber, der von dem Augenblick an, wo sie die Stadt im Rücken hatten,
diese Aufforderung erwartet haben mochte, legte ohne weiteres die Leinen in die
Hand seines jungen Herrn und fuhr in die Manteltasche, erst um eine kurze Pfeife
mit bleiernem Abguss, dann um ein neues Paket Tabak daraus hervorzuholen. Er nahm
beides zwischen die Knie, öffnete das mit braunem Lack gesiegelte Paket, stopfte
und begann dann mit derselben langsamen Sorglichkeit nach Stahl und Schwamm zu
suchen. Endlich brannte es; er tat, indem er wieder die Leine nahm, die ersten
Züge, und während jetzt kleine Funken aus dem Drahtdeckel hervorsprühten, ging
es auf Friedrichsfelde zu, dessen Lichter ihnen über das weisse Feld her
entgegenschienen.
    Das Dorf lag bald hinter ihnen. Lewin, der sich's inzwischen bequem gemacht
und durch festeren Aufbau einiger Strohbündel eine Rückenlehne hergerichtet
hatte, schien jetzt in der Stimmung, eine Unterhaltung aufzunehmen. Ehe des
Kutschers Pfeife brannte, wär es ohnehin nicht rätlich gewesen.
    »Nichts Neues, Krist?« begann Lewin, indem er sich fester in die
Strohpolster drückte. »Was macht Willem, mein Pät?«
    »Dank schön, junger Herr, he is ja nu wedder bi Weg.«
    »Was war ihm denn?«
    »He hett sich verfiert. Un noch dato an sinen Gebortsdag. Et is nu en
Wochner drei; ja, up 'n Dag hüt, drei Wochen. Oll Doktor Leist von Lebus hett em
aber wedder torecht bracht.«
    »Er hat sich verfiert?«
    »Ja, junger Herr, so glöwen wi all. Et wihr wohl so um de fiefte Stunn, as
mine Fru seggen däd: Willem, geih, un hol uns en paar Äppels, awers von de
Renetten up 'n Stroh, dicht bi de Bohnenstakens. Un uns Lütt-Willem ging ooch,
un ick hürt em noch flüten un singen un dat Klapsen von sine Pantinen ümmer den
Floor lang. Awer dunn hürt ick nix mihr, un as he nu an de olle wackelsche Döör
käm un in den groten Saal rinn wull, wo uns Äppels liggen und wo de Lüt seggen,
dat de oll Mattias spöken deiht, da möt em wat passiert sinn. He käm nich un
käm nich; un as ick nu nahjung un sehn wull, wo he bliwen däd, da läg he, glieks
achter de Schwell, as dod up de Fliesen.«
    »Das arme Kind! Und Eure Frau...«
    »De käm ooch, un wi drögen em nu torügg in unse Stuv un rewen em in. Mine
Fru hätt ümmer en beten Miren-Spiritus to Huus. As he nu wedder to sich käm,
biwwerte em de janze lütte Liew, un he seggte man ümmer: Ick hebb em sehn.«
    Lewin hatte sich zurechtgerückt. »Es geht also wieder besser«, warf er hin,
und wie um loszukommen von allerhand Bildern und Gedanken, die des Kutschers
Erzählung in ihm angeregt hatte, fuhr er hin und her in Erkundigungen, worauf
Krist mit soviel Ausführlichkeit antwortete, wie ihm die Raschheit der Fragen
gestattete. Dem Schulzen Kniehase war einer von seinen Braunen gefallen; bei
Hoppenmarieken hatte der Schornstein gebrannt; bei Witwe Gräbschen hatte
Nachtwächter Pachaly einen mittelgrossen Sarg, mit einem Myrtenkranz darauf, vor
der Haustür stehen sehn, »un wihl et man en mittelscher Sarg west wihr, so
hedden se all an de Jüngscht, an Hanne Gräbschen, 'dacht. De is man kleen und
piept all lang.«
    Die Sterne traten immer zahlreicher hervor. Lewin lupfte die Kappe, um sich
die Stirn von der frischen Winterluft anwehen zu lassen, und sah staunend und
andächtig in den funkelnden Himmel hinauf. Es war ihm, als fielen alle dunklen
Geschicke, das Erbteil seines Hauses, von ihm ab und als zöge es lichter und
heller von oben her in seine Seele. Er atmete auf. Zwei, drei Schlitten flogen
vorüber, grüssten und sangen, sichtlich Gäste, die im Nebendorf die Bescherung
nicht versäumen wollten; dann, ehe fünf Minuten um waren, glitt das Gefährt
unserer zwei Freunde unter den Giebelvorbau des Bohlsdorfer Kruges.
    Bohlsdorf war drittel Weg. Niemand kam. An den Fenstern zeigte sich kein
Licht; die Krügersleute mussten in den Hinterstuben sein und das Vorfahren des
Schlittens, trotz seines Schellengeläutes, überhört haben. Krist nahm wenig
Notiz davon. Er stieg ab, holte eine der Stehkrippen heran, die beschneit an dem
Hofzaun entlang standen, und schüttete den Pferden ihren Hafer ein.
    Auch Lewin war abgestiegen. Er stampfte ein paarmal in den Schnee, wie um
das Blut wieder in Umlauf zu bringen, und trat dann in die Gaststube, um sich zu
wärmen und einen Imbiss zu nehmen. Drinnen war alles leer und dunkel; hinter dem
Schenktisch aber, wo drei Stufen zu einem höher gelegenen Alkoven führten,
blitzte der Christbaum von Lichtern und goldenen Ketten. In diesem
Weihnachtsbilde, das der enge Türrahmen einfasste, stand die Krügersfrau in
Mieder und rotem Friesrock und hatte einen Blondkopf auf dem Arm, der nach den
Lichtern des Baumes langte. Der Krüger selbst stand neben ihr und sah auf das
Glück, das ihm das Leben und dieser Tag beschert hatten.
    Lewin war ergriffen von dem Bilde, das fast wie eine Erscheinung auf ihn
wirkte. Leiser, als er eingetreten war, zog er sich wieder zurück und trat auf
die Dorfstrasse. Gegenüber dem Kruge, von einer Feldsteinmauer eingefasst, lag die
Bohlsdorfer Kirche, ein alter Zisterzienserbau aus den Tagen der ersten
Kolonisation. Es klang deutlich von drüben her, als würde die Orgel gespielt,
und Lewin, während er noch aufhorchte, bemerkte zugleich, dass eines der kleinen,
in halber Wandhöhe hinlaufenden Rundbogenfenster matt erleuchtet war. Neugierig,
ob er sich täuschte oder nicht, stieg er über die niedrige Steinmauer fort und
schritt, zwischen den Gräbern hin, auf die Längswand der Kirche zu. Ziemlich
inmitten dieser Wand bemerkte er eine Pforte, die nur eingeklinkt, aber nicht
geschlossen war. Er öffnete leise und trat ein. Es war, wie er vermutet hatte.
Ein alter Mann, mit Samtkäppsel und spärlichem weissen Haar, sass vor der Orgel,
während ein Lichtstümpfchen neben ihm eine kümmerliche Beleuchtung gab. In sein
Orgelspiel vertieft, bemerkte er nicht, dass jemand eingetreten war, und
feierlich, aber gedämpften Tones klangen die Weihnachtsmelodien nach wie vor
durch die Kirche hin.
    Übte sich der Alte für den kommenden Tag, oder feierte er hier sein
Christfest allein für sich mit Psalmen und Choral? Lewin hatte sich die Frage
kaum gestellt, als er, der Orgel gegenüber, einen zweiten Lichtschimmer
wahrnahm; auf der untersten Stufe des Altars stand eine kleine Hauslaterne. Als
er näher trat, sah er, dass Frauenhände hier eben noch beschäftigt gewesen sein
mussten. Ein Handfeger lag da, daneben eine kurze Stehleiter, die beiden
Seitenhölzer oben mit Tüchern umwunden. Das Licht der Laterne fiel auf zwei
Grabsteine, die vor dem Altar in die Fliesen eingelegt waren; der eine zur
Linken entielt nur Namen und Datum, der andere zur Rechten aber zeigte Bild und
Spruch. Zwei Lindenbäume neigten ihre Wipfel einander zu, und darunter standen
Verse, zehn oder zwölf Zeilen. Nur die Zeilen der zweiten Strophe waren noch
deutlich erkennbar und lauteten:
Sie sieht nun tausend Lichter;
Der Engel Angesichter
Ihr treu zu Diensten stehn;
Sie schwingt die Siegesfahne
Auf güldnem Himmelsplane
Und kann auf Sternen gehn.
Lewin las zwei-, dreimal, bis er die Strophe auswendig wusste; die letzte Zeile
namentlich hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, von dem er sich keine
Rechenschaft geben konnte. Dann sah er sich noch einmal in der seltsam
erleuchteten Kirche um, deren Pfeiler und Chorstühle ihn schattenhaft umstanden,
und kehrte, die Türe leise wieder anlehnend, erst auf den Kirchhof, dann, mit
raschem Sprung über die Mauer, auf die Dorfstrasse zurück.
    Der Krug hatte indessen ein verändertes Ansehen gewonnen. In der Gaststube
war Licht; Krist stand am Schenktisch im eifrigen Gespräch mit dem Krüger,
während die Frau, aus der Küche kommend, ein Glas Kirschpunsch auf den Tisch
stellte. Sie plauderten noch eine Weile auch über den alten Küster drüben, der,
seitdem er Witmann geworden, seinen Heiligen Abend mit Orgelspiel zu feiern
pflege; dann, unter Händeschütteln und Wünschen für ein frohes Fest, wurde
Abschied genommen, und an den stillen Dorfhütten vorbei ging es weiter in die
Nacht hinein.
    Lewin sprach von den Krügersleuten; Krist war ihres Lobes voll. Weniger
wollt er vom Bohlsdorfer Amtmann wissen, am wenigsten vom Petershagener Müller,
an dessen abgebrannter Bockmühle sie eben vorüberfuhren. Aus allem ging hervor,
dass Krist, der allwöchentlich dieses Weges kam, den Klatsch der Bierbänke
zwischen Berlin und Hohen-Vietz in treuem Gedächtnis trug. Er wusste alles und
schwieg erst, als Lewin immer stiller zu werden begann. Nur kurze Ansprachen an
die Ponies belebten noch den Weg. Die regelmässige Wiederkehr dieser Anrufe, das
monotone Schellengeläut, das alsbald wie von weit her zu klingen schien, legte
sich mehr und mehr mit einschläfernder Gewalt um die Sinne unseres Helden.
Allerhand Gestalten zogen an seinem halb geschlossenen Auge vorüber; aber eine
dieser Gestalten, die glänzendste, nahm er mit in seinen Traum. Er sass vor ihr
auf einem niedrigen Tabouret; sie lachte ihn an und schlug ihn leise mit dem
Fächer, als er nach ihrer Hand haschte, um sie zu küssen. Hundert Lichter, die
sich in schmalen Spiegeln spiegelten, brannten um sie her, und vor ihnen lag ein
grosser Teppich, auf dem Göttin Venus in ihrem Taubengespann durch die Lüfte zog.
Dann war es plötzlich, als löschten alle diese Lichter aus; nur zwei Stümpfchen
brannten noch; es war wie eine schattendurchhuschte Kirche, und an der Stelle,
wo der Teppich gelegen hatte, lag ein Grabstein, auf dem die Worte standen:
Sie schwingt die Siegesfahne
Auf güldnem Himmelsplane
Und kann auf Sternen gehn.
Süss und schmerzlich, wie kurz vorher bei wachen Sinnen ihn diese Worte berührt
hatten, berührten sie ihn jetzt im Traum. Er wachte auf.
    »Noch eine halbe Meile, junger Herr«, sagte Krist.
    »Dann sind wir in Dolgelin?«
    »Nein, in Hohen-Vietz.«
    »Da hab ich fest geschlafen.«
    »Drittalb Stunn.«
    Das erste, was Lewin wahrnahm, war die Sorglichkeit, mit der sich der alte
Kutscher mittlerweile um ihn bemüht hatte. Der Futtersack war ihm unter die Füsse
geschoben, die beiden Pferdedecken lagen ausgebreitet über seinen Knien.
    Nicht lange, und der Hohen-Vietzer Kirchturm wurde sichtbar. An oberster
Stelle eines Höhenzuges, der nach Osten hin die Landschaft schloss, stand die
graue Masse, schattenhaft im funkelnden Nachtimmel.
    Dem Sohne des Hauses schlug das Herz immer höher, sooft er dieses
Wahrzeichens seiner Heimat ansichtig wurde. Aber er hatte heute nicht lange
Zeit, sich der Eigentümlichkeit des Bildes zu freuen. Die beschneiten Parkbäume
traten zwischen ihn und die Kirche, und einige Minuten später schlugen die Hunde
an, und zwischen zwei Torpfeilern hindurch beschrieb der Schlitten eine Kurve
und hielt vor der portalartigen Glastüre, zu der zwei breite Sandsteinstufen
hinaufführten.
    Lewin, der sich schon vorher erhoben hatte, sprang hinaus und schritt auf
die Stufen zu. »Guten Abend, junger Herr«, empfing ihn ein alter Diener in
Gamaschen und Frackrock, an dem nur die grossen blanken Knöpfe verrieten, dass es
eine Livree sein sollte.
    »Guten Abend, Jeetze; wie geht es?«
    Aber über diesen Gruss kam Lewin nicht hinaus, denn im selben Augenblick
richtete sich ein prächtiger Neufundländer vor ihm auf und überfiel ihn, die
Vorderpfoten auf seine Schultern legend, mit den allerstürmischsten
Liebkosungen.
    »Hektor, lass gut sein, du bringst mich um.« Damit trat unser Held in die
Halle seines väterlichen Hauses. Ein paar Scheite, die im Kamin verglühten,
warfen ihr Licht auf die alten Bilder an der Wand gegenüber. Lewin sah sich um,
nicht ohne einen Anflug freudigen Stolzes, auf der Scholle seiner Väter zu
stehen.
    Dann leuchtete ihm der alte Diener die schwere doppelarmige Treppe hinauf,
während Hektor folgte.
 
                                Zweites Kapitel
                                  Hohen-Vietz
In der Halle schwelen noch einige Brände; schütten wir Tannäpfel auf und
plaudern wir, ein paar Sessel an den Kamin rückend, von Hohen-Vietz.
    Hohen-Vietz war ursprünglich ein altes, aus den Tagen der letzten Askanier
stammendes Schloss mit Wall und Graben und freiem Blick ostwärts auf die Oder. Es
lag auf demselben Höhenzuge wie die Kirche, deren schattenhaftes Bild uns am
Schloss des vorigen Kapitels entgegentrat, und beherrschte den breiten Strom wie
nicht minder die am linken Flussufer von Frankfurt nach Küstrin führende Strasse.
Es galt für sehr fest, und jahrhundertelang hatten sie einen Reim im
Lebusischen, der lautete:
De sitt so fest up sinen Sitz
As de Vitzewitz' up Hohen-Vietz.
Die Pommern lagen zweimal davor; die Hussiten berannten es, als sie sengend und
brennend in Lebus und Barnim vordrangen, aber die Heilige Jungfrau im
Kirchenbanner schützte das Schloss, und als der damalige Vitzewitz, über dessen
Vornamen die Urkunden verschiedene Angaben bringen, ein griechisches Feuer in
das Lager der Hussiten warf, zogen sie ab, nachdem sie alle umhergelegenen
Dörfer verwüstet hatten. Die Kunst des griechischen Feuers aber hatte der
Schlossherr von Rhodus mit heimgebracht, wo er unter den Rittern an zwei
Feldzügen gegen die Türken teilgenommen hatte.
    Das war 1432. Ruhigere Zeiten kamen. Der hohe Ruf von Hohen-Vietz lebte
fort, ohne dass er Gelegenheit gehabt hätte, sich neu zu bewähren. Erst der
Dreissigjährige Krieg brachte neue und schwerere Prüfungen.
    Am 29. März 1631 fast genau zweihundert Jahre nach der
Hussitenüberschwemmung, erschienen von Frankfurt aus sechs Compagnien
Kaiserlicher vor Hohen-Vietz, das am Tage vorher, den Protesten des Schlossherrn
Rochus von Vitzewitz zum Trotz, von den von Stettin und Garz her heranziehenden
Schweden besetzt worden war. Oberst Maradas, der die Kaiserlichen führte,
forderte die Übergabe des Schlosses. Als diese verweigert wurde, legten die
Kaiserlichen, die aus je zwei Compagnien der Regimenter Butler, Lichtenstein und
Maradas zusammengesetzt waren, die Leitern an, stürmten das Schloss, brannten es
bis auf die nackten Mauern aus und liessen die schwedische Besatzung über die
Klinge springen.
    Einen Augenblick stand Rochus von Vitzewitz in Gefahr, das Schicksal der
Besatzung zu teilen; seine beiden halberwachsenen Söhne aber, sie mochten
siebzehn und sechzehn Jahre zählen, warfen sich dazwischen und retteten ihn
durch ihre Geistesgegenwart. Oberst Maradas, an den jungen Leuten Gefallen
findend, bot ihnen an, im kaiserlichen Heere Dienst zu nehmen, ein Anerbieten,
das von seiten des jüngeren, Mattias, ohne langes Säumen, auch ohne Widerspruch
des Vaters angenommen wurde. Es waren nicht Zeiten, um über erfahrene Unbill,
wie sie der Lauf des Krieges für Freund und Feind gleichmässig mit sich brachte,
lange zu grübeln. Mattias trat als Cornet in das Regiment Lichtenstein ein,
Anselm aber, der ältere, erklärte, bei dem Vater ausharren und demselben bei
Wiederaufbau des Schlosses zur Seite stehen zu wollen.
    Dieser Wiederaufbau jedoch verzögerte sich. Als er endlich nach dem Abzug
der feindlichen, nunmehr Süddeutschland zum Schauplatz ihrer Kämpfe wählenden
Heere beginnen sollte, hatten sich unter den fortwährenden Opfern des Krieges
die Verhältnisse derart verschlechtert, dass es an den nötigen Mitteln zu einem
Schlossbau gebrach. Rochus entschied sich also, von der Hohen-Vietzer-Höhe, von
der aus die Seinen dreihundert Jahre und länger ins Land geblickt hatten,
herabzusteigen und zu Füssen derselben, am Nordrande des sich hier hinziehenden
alten Wendendorfes, ein einfaches Herrenhaus herzurichten. Dies war 1634.
    Anselm ging ihm dabei in allen Stücken zur Hand, und schon Sonntag Exaudi,
elf Monate nach Beginn des Baues, konnte die neue Heimstätte der Vitzewitze
bezogen werden.
    Es war ein Fachwerkhaus, lang, niedrig, mit hohem Dach. In dem Balken aber,
der über der Türe hinlief, war ein Spruch eingeschnitten:
Dies ist der Vitzewitzen Haus,
Aus dem alten zog es aus;
Gottes Segen komm herein,
Wird es wohl geschützet sein.
Und fast schien es, als ob der Spruch sich erfüllen und inmitten aller
Kriegstrübsal, die über dem Lande lag, an dieser neugegründeten Stätte ein neues
Glück erblühen solle. Von Mattias, der aus dem Regiment Lichtenstein in das
Regiment Tiefenbach übergetreten, bei Nördlingen verwundet und ein halbes Jahr
später, erst zwanzig Jahre alt, zum kaiserlichen Hauptmann aufgestiegen war,
trafen Nachrichten ein, die des alten Rochus Herz, trotzdem es den Schweden
zuneigte, mit Stolz und Freude erfüllten. Anselm, ohne darum nachgesucht zu
haben, sah sich an den Hof gezogen und trat in dieselbe Leibtrabantengarde, in
der schon seit hundert Jahren alle Vitzewitze ihrem Herrn, dem Kurfürsten,
gedient hatten; was aber vor allem zu Dank und Hoffnung stimmte, das waren zwei
gesegnete Fruchtjahre, die der Himmel der Hohen-Vietzer Feldmark schenkte, wahre
Prachternten, aus deren Erträgen nunmehr die Mittel zur Aufführung eines
stattlichen, rechtwinklig an das eigentliche Wohnhaus sich anlehnenden Anbaues
entnommen werden konnten. Dieser Anbau, eine einzige mit Emporen, Wappen und
Hirschgeweihen geschmückte Halle, richtete das Gemüt des alten Rochus, der eine
hohe Vorstellung von den Repräsentationspflichten seines Hauses hatte, wieder
auf und gemahnte ihn an alte gastliche Zeiten. Als er das erste Mal den
Nachbaradel in diesem »Bankettsaal«, wie er die Halle gern nennen hörte,
bewirtete, hielt er eine Ansprache an die Versammelten, die der Überzeugung
Ausdruck gab, dass das Haus Vitzewitz auch wieder »bergan« ziehen und nicht immer
»geduckt unterm Winde« stehen werde. All Ding, so etwa schloss er, habe seine
Zeit, auch Krieg und Kriegesnot, und der Tag werde kommen, wo seine lieben
Freunde und Nachbaren wieder auf der Höhe bei ihm zu Gaste sein und frei
ostwärts mit ihm blicken würden.
    Alles stimmte ein. Aber wenn jemals unprophetische Worte gesprochen wurden,
so waren es diese. Der Krieg kam wieder, mit ihm Hunger und Pest, und zerstörte
entweder den Wohlstand der Dörfer oder diese selbst. Ganze Gemarkungen wandelten
sich in eine Wüste, und die Hälfte der Hohen-Vietzer Hofestellen stand leer,
weil ihre Insassen verflogen oder verstorben waren. Inmitten dieses Elendes, ehe
noch der Schimmer besserer Zeiten heraufdämmerte, schloss Rochus die müden Augen,
und sie trugen ihn bergan in die Gruft unterm Altar und stellten den kupfernen
Sarg, mit Beschlägen und Wappentafeln und mit aufgelötetem silbernen Kruzifix,
in die lange Reihe der ihm vorangegangenen Ahnen. Nichts fehlte; denn der Zeiten
Not hatte dem Vater die Ehren des Begräbnisses nicht kürzen sollen. So wollte es
der älteste Sohn: der jüngere, mit seinem Regiment an der fränkischen Saale
stehend, hatte der Bestattung nicht beiwohnen können.
    Anselm war nun Herr auf Hohen-Vietz.
    Es war nicht frohen Herzens, dass er das erste Korn in den nur schlecht
gepflügten Boden warf: aber siehe da, die Saat ging auf, ohne dass Freund oder
Feind - denn zwischen beiden war längst kein Unterschied mehr - die jungen Halme
zerstampft hätte: der Krieg, so schien es, hatte sich ausgebrannt wie ein Feuer,
das keine Nahrung mehr findet, und ehe das Jahrzehnt schloss, ging die Mär von
Mund zu Mund, die Mär, dass Friede sei.
    Und es war Friede. Was niemand mehr mit Augen zu sehen gehofft hatte, es war
da. Und als abermals zwei Jahre ins Land gezogen waren, ohne dass Schwede oder
Kaiserlicher im Lebusischen gelagert und geplündert hätte, und jeder, selbst der
Ungläubigste, seiner Zweifel sich entschlagen musste, da traf ein Brief im
Hohen-Vietzer Herrenhause ein, der führte die Aufschrift: »Dem wohledlen,
gestrengen und festen Anselm von Vitzewitz, erbsessen auf Hohen-Vietz im Lande
Lebus.« Der Brief selbst aber lautete: »Mein insonders vielgeliebter Bruder! Von
heut ab in zween Wochen, so Gott seinen Segen zu meinem Plane gibt, bin ich bei
Dir in Hohen-Vietz. Ich erwarte nur noch die Permission aus Wien, die mir
Kaiserliche Majestät nicht refüsieren wird. Vielleicht, dass uns tempora futura
wieder zusammenführen, wie uns die Tage der Kindheit und adolescentia zusammen
sahen. Wir Luterischen - trotzdem sie zu Münster und Osnabrügge den
Religionsfrieden mit vollen Backen proklamieret haben - sind wenig gelitten im
kaiserlichen Heere, und kein Tag vergeht ohne Andeutung, dass man uns nicht mehr
braucht. Ich höre, dass Unser gnädigster Herr Kurfürst, dem ich nie säumig
gewesen, als meinen Lehns- und Landesherren zu konsiderieren, eine
brandenburgische Armee wirbt, derowegen er aus schwedischem und kaiserlichem
Heer Offiziers und Generals im beträchtlichen herübernimmt. Es sollte mir eine
rechte Freude sein, so die Reihe auch an mich käme; denn dass ich es sage, es
zieht mich wieder heimb in mein liebes Land Lebus. Unsere Vettern und Nachbarn,
die Burgsdorffs, die post mortem Schwarzenbergii das A und das O bei Hofe sind,
werden doch etwas tun wollen für eine alte Kriegsgurgel, die den Dienst kennt
wie den Catechismum Luteri. Interim bene vale. Der ich bin Dein Bruder Mattias
von Vitzewitz, kaiserlicher Oberst.«
    Und Mattias kam wirklich und hielt die angegebene Zeit. Ein Fest sollte
seine Anwesenheit feiern. In dem grossen Anbau waren drei Tische gedeckt: zwei
standen unten und liefen, der Länge des Saales nach, nebeneinander her, der
dritte Tisch aber stand quer auf einer mit Wappen und Bannern geschmückten
Empore, zu der drei Stufen hinanführten. Die ganze Freundschaft aus Barnim und
Lebus war geladen: die Brüder sassen einander gegenüber; neben ihnen, an der
Quertafel: Adam und Beteke Pfuel von Jahnsfelde, Peter Ihlow von Ringenwalde,
Baltasar Wulffen von Tempelberg, Hans und Nikolaus Barfus von Hohen-und
Nieder-Predikow, dazu Tamme Strantz, Achim von Kracht, zwei Schapelows, zwei
Beerfeldes und fünfe von Burgsdorff. Sie waren alle, schon um Glaubens willen,
mehr schwedisch als kaiserlich, besonders Peter Ihlow, der - ein Neffe
Feldmarschall Ihlows - einen Groll gegen den Wiener Hof hatte, ihn anklagend,
seinen Oheim in Schloss Eger meuchlings gemordet zu haben. Er wiederholte auch
heute seine Anklage, wobei es dahingestellt bleiben mag, ob er die Gegenwart des
Gastes momentan vergass oder sie vergessen wollte.
    Mattias von Vitzewitz, als er seinen Kriegsherrn, den Kaiser, in so
herausfordernder Weise schmähen hörte, erhob sich und rief:
    »Peter Ihlow, hütet Eure Zunge. Ich bin kaiserlicher Offizier.«
    »Du bist es«, rief jetzt Anselm, aus dem der Wein, aber noch mehr das
protestantische Herz sprach, über den Tisch hinüber: »du bist es; aber besser
wäre es, du wärest es nie gewesen.«
    »Besser oder nicht, ich bin es. Des Kaisers Ehre ist meine Ehre.«
    »Ein Glück, dass du die Ehre satt hast. Die Fremden sind wenig gelitten im
kaiserlichen Heere.«
    Mattias, der sich bis dahin mühsam bezwungen hatte, verlor alle Herrschaft
über sich, als er sich, durch Vorhaltung seiner eigenen Briefworte, in so wenig
grossmütiger Weise besiegt und gefangen sah. Die Augen traten ihm aus der Stirn,
und sein Kinn auf den Knauf des Degens stützend, schrie er: »Wer das sagt, der
lügt.«
    »Wer es leugnet, der lügt.«
    In diesem Augenblicke zogen beide. Die Zunächstsitzenden sprangen auf, aber
ehe noch ein Dazwischenspringen möglich war, hatte des jüngeren Bruders Degen
die Brust des älteren durchdrungen. Anselm war tödlich getroffen.
    Mattias, ausser sich über das Geschehene, wollte sich dem Kurfürsten
stellen; nur widerwillig gab er den Vorstellungen derer nach, die auf Flucht
drangen. In seine Garnisonstadt Böhmisch-Grätz zurückgekehrt, machte er nach
Wien hin Meldung von dem Vorgefallenen; dabei hatte es sein Bewenden. Ihm zu
zeigen, wie wenig die Kriegskanzelei den Vorfall beanstande, der ja in
Verteidigung kaiserlicher Ehre seine erste Veranlassung hatte, liess man ihn zum
General aufsteigen und gab ihm ein Kommando in Ungarn. Aber diese
Gnadenbezeugungen, dankbar, wie er sie entgegennahm, gaben ihm doch die Ruhe
nicht wieder, nach der er dürstete, und von Peterwardein aus, wo er im Feldlager
lag, schrieb er an den Kurfürsten und rief seine Gnade an, »um dessentwillen,
der aller Menschen Heil und Gnade sei«.
    Der Kurfürst schwankte; als aber durch die eidlichen Aussagen von Peter
Ihlow, Beteke Pfuel und Ehrenreich von Burgsdorff erwiesen war, dass beide Brüder
zu gleicher Zeit gezogen hätten, kam es zu einem Generalpardon, »gleichweis als
ob die Geschichte nie geschehen wäre«, und Mattias kehrte nach Hohen-Vietz
zurück, das er seit dem Tage, an dem Maradas das Schloss gestürmt hatte, nur
einmal, in jener unheilvollen Festesstunde, wiedergesehen hatte.
    Er kam und brachte, wie die Hohen-Vietzer noch lange erzählten, »eine Tonne
Goldes mit sich«; denn Dotationen und Landerwerbungen, wie sie damals
herkömmlich waren, hatten ihn reich gemacht. Der Kurfürst empfing ihn in
ausgezeichneter Weise und setzte ihn, unter Innehaltung herkömmlicher Formen, in
den Vollbesitz des verfallenen Gutes ein. Unmittelbar darauf schritt der
Neubelehnte zur Aufführung eines schlossartigen, mit breiter Treppe und hohen
Stuckzimmern reich ausgestatteten Renaissanceneubaues, der, mit dem ärmlichen
Fachwerkhaus parallel laufend, einen hufeisenförmigen Gebäudekomplex herstellte,
in dem die »Bankettalle«, der mehrgenannte Saalanbau des alten Rochus, die
verbindende Linie war. Diesen Saalanbau selbst aber, eingedenk dessen, was hier
geschah, schuf Mattias von Vitzewitz in eine Kapelle um. Über dem Altar
stiftete er ein Bild, dessen Inhalt der Erzählung vom verlorenen Sohn entnommen
war; daneben hing er die Klinge auf, mit der er den Bruder erstochen hatte. Er
betrat die Kapelle nie anders als in der Dämmerstunde, er liebte nicht, dass man
es wusste oder gar davon sprach, aber wer auf dem anstossenden Fliesenflur des
alten Fachwerkhauses zu tun hatte oder müssig lauschte, der hörte seine lauten
Gebete.
    Seine Busse währte sein Leben lang, und sein Leben kam zu hohen Jahren. Noch
spät hatte er sich vermählt. Im Herbste desselben Jahres, das seinen Herrn den
Kurfürsten hinscheiden sah, schied auch er aus dieser Zeitlichkeit, und die
Hohen-Vietzer, an ihrer Spitze der achtzehnjährige Sohn des Hauses, trugen ihn
bis zur alten Hügelkirche hinauf und setzten ihn in die Gruft neben den
Kupfersarg des Vaters derart, dass Anselm zur Rechten, Mattias aber zur Linken
stand.
    Er war in der Zuversicht gestorben, dass Gott seine Busse angenommen habe;
auch die, die nach ihm kamen, waren dieses Glaubens voll. Aber dieser Glaube,
wie festen Lebensgrund er ihnen gab, konnte ihnen doch den Frohsinn des Lebens
nicht wiedergeben. Sie blickten ernst um sich her. Und dieser Zug begann sich
fortzuerben. Der Familiencharakter, der in alten Zeiten ein joviales Aufbrausen
gewesen war, wich einem Grübeln und Brüten, und ihr Hang zu Festen und Gelagen
schlug in einen Hang zur Selbstpein und Askese um. Auch sahen sie sich durch
manchen Vorgang, durch Spuk und Wirklichkeit, in diesem Hange genährt und
gefestigt. In dem zur Kapelle umgeschaffenen Saalanbau, der, verstaubend und
verfallend, längst wieder den Kapellencharakter abgestreift hatte und zu einem
Vorratsraum für die kleinen Leute des Hauses geworden war, ging der alte
Mattias um wie zu Lebzeiten und kniete vor dem Altar, den er gestiftet. Niemand
im Hause zweifelte daran. Aber wenn auch ein einzelner den Spuk verneint und,
sei es aus Glauben oder Unglauben, die Erscheinung als ein abergläubisch Gebilde
verworfen hätte, so hätten doch andere Zeichen zu ihm gesprochen. Seit
andertalbhundert Jahren stand das Geschlecht auf zwei Augen; es sah darin einen
Finger Gottes; zwei Brüder sollten nicht wieder in Waffen gegeneinander stehen.
    Die Dorfbewohner, wie kaum versichert zu werden braucht, hegten dies alles
wie einen Schatz, und in den Spinnstuben wurde nichts eifriger verhandelt als
die Frage, ob der alte Mattias gesehen worden sei oder nicht. Es war eine Art
Ehrensache, ihn gesehen zu haben. Man scherzte über ihn und fürchtete sich. Die
Bauern selbst waren nicht anders wie ihre Mägde. Auf dem Höhenzuge, dicht neben
der Kirche, stand eine alte Buche, die teilte sich halbmannshoch über der Wurzel
und wuchs in zwei Stämmen nach rechts und links. Das passte den Hohen-Vietzern,
und die Sage ging, dass beide Brüder, als sie noch Kinder waren, diesen Baum
gemeinschaftlich gepflanzt hätten. Als aber Anselm von der Hand des jüngern
gefallen sei, da habe sich der Stamm geteilt. Und noch andere wussten, dass
Mattias, wenn er unten in der Kapelle gebetet, die grosse Nussbaumallee bis zur
Kirche hinaufsteige und den Buchenstamm da, wo er sich teilt, zu umfassen und
zusammenzupressen suche. Aber umsonst. Er sitze dann zu Füssen des Baumes und
klage laut.
    Aber wenn sich das nach dem Spukhaften und Schauerlichen drängende
romantische Bedürfnis in diesen trüben Bildern mit Vorliebe aussprach, so
drängte doch auch ein anderer Zug in den Herzen der Hohen-Vietzer ebenso
entschieden auf endliche Versöhnung hin, und einen Reimspruch kannte jung und
alt, der dieser Hoffnung auf Versöhnung Ausdruck gab. Auch im Herrenhause
kannten sie ihn sehr wohl, und der Reimspruch lautete:
Und eine Prinzessin kommt ins Haus,
Da löscht ein Feuer den Blutfleck aus,
Der auseinander getane Stamm
Wird wieder eins, wächst wieder zusamm',
Und wieder von seinem alten Sitz
Blickt in den Morgen Haus Vitzewitz.
 
                                Drittes Kapitel
                                Weihnachtsmorgen
An Lewins Seele waren inzwischen unruhige Träume vorübergegangen. Die Fahrt im
Ostwind hatte ihn fiebrig gemacht, und erst gegen Morgen verfiel er in einen
festen Schlaf. Eine Stunde später begann es bereits im Hause lebendig zu werden:
auf dem langen Korridor, an dessen Nordostecke Lewins Zimmer gelegen war,
hallten Schritte auf und ab, schwere Holzkörbe wurden vor die Feuerstellen
gesetzt und grosse Scheite von aussen her in den Ofen geschoben. Bald darauf
öffnete sich die Tür, und der alte Diener, der am Abend zuvor seinen jungen
Herrn empfangen hatte, trat ein, einen Blaker in der Hand. Hektor blieb liegen,
reckte sich auf dem Rehfell und wedelte nur, als ob er rapportieren wolle: Alles
in Ordnung. Jeetze setzte das Licht, dessen Flamme er bis dahin mit seiner
Rechten sorglich gehütet hatte, hinter einen Schirm und begann alles, was an
Garderobestücken umherlag, über seinen linken Arm zu packen. Er selbst war noch
im Morgenkostüm; zu den Samtosen und Gamaschen, ohne die er nicht wohl zu
denken war, trug er einen Arbeitsrock von doppeltem Zwillich. Als er alles
beisammen hatte, trat er, leise wie er gekommen war, seinen Rückzug an, dabei
nach Art alter Leute unverständliche Worte vor sich her murmelnd. An dem
zustimmenden Nicken seines Kopfes aber liess sich erkennen, dass er zufrieden und
guter Laune war.
    Die Türe blieb halb offen, und das erwachende Leben des Hauses drang in
immer mahnenderen, aber auch in immer anheimelnderen Klängen in das wieder still
gewordene Zimmer. Die grossen Scheite Fichtenholz sprangen mit lautem Krach
auseinander, von Zeit zu Zeit zischte das Wasser, das aus den nass gewordenen
Stücken in kleinen Rinnen ins Feuer lief, und von der Korridornische her hörte
man den sichern und regelrechten Strich, mit dem Jeetzes Bürste der Hacheln und
Härchen, die nicht loslassen wollten, Herr zu werden suchte.
    Alles das war hörbar genug, nur Lewin hörte es nicht. Endlich beschloss
Hektor, der Ungeduld Jeetzes und seiner eigenen ein Ende zu machen, richtete
sich auf, legte beide Vorderpfoten aufs Deckbett und fuhr mit seiner Zunge über
die Stirn des Schlafenden hin, ohne weitere Sorge, ob seine Liebkosungen
willkommen seien oder nicht. Lewin wachte auf; die erste Verwirrung wich einem
heiteren Lachen. »Kusch dich, Hektor«, damit sprang er aus dem Bett. Der
Morgenschlaf hatte ihn frisch gemacht; in wenig Minuten war er angekleidet, ein
Vorteil halb soldatischer Erziehung. Er durchschritt ein paarmal das Zimmer,
betrachtete lächelnd einen mit vier Nadeln an die Tischdecke festgesteckten
Bogen Papier, auf dem in grossen Buchstaben stand: »Willkommen in Hohen-Vietz«,
liess seine Augen über ein paar Silhouettenbilder gleiten, die er von Jugend auf
kannte und doch immer wieder mit derselben Freudigkeit begrüsste, und trat dann
an eines der zugefrorenen Eckfenster. Sein Hauch taute die Eisblumen fort, ein
Fleckchen, nicht grösser wie eine Glaslinse, wurde frei, und sein erster Blick
fiel jetzt auf die eben aufgehende Weihnachtssonne, deren roter Ball hinter dem
Turmknopf der Hohen-Vietzer Kirche stand. Zwischen ihm und dieser Kirche erhoben
sich die Bäume des hügelansteigenden Parkes, phantastisch bereift, auf einzelnen
ein paar Raben, die in die Sonne sahen und mit Gekreisch den Tag begrüssten.
    Lewin freute sich noch des Bildes, als es an die Türe klopfte.
    »Nur herein!«
    Eine schlanke Mädchengestalt trat ein, und mit herzlichem Kuss schlossen sich
die Geschwister in die Arme. Dass es Geschwister waren, zeigte der erste Blick:
gleiche Figur und Haltung, dieselben ovalen Köpfe, vor allem dieselben Augen,
aus denen Phantasie, Klugheit und Treue sprachen.
    »Wie freue ich mich, dich wieder hier zu haben. Du bleibst doch über das
Fest? Und wie gut du aussiehst, Lewin! Sie sagen, wir ähnelten uns; es wird mich
noch eitel machen.«
    Die Schwester, die bis dahin wie musternd vor dem Bruder gestanden hatte,
legte jetzt ihren Arm in den seinen und fuhr dann, während beide auf der breiten
Strohmatte des Zimmers auf und ab promenierten, in ihrem Geplauder fort.
    »Du glaubst nicht, Lewin, wie öde Tage wir jetzt haben. Seit einer Woche
flog uns nichts wie Schneeflocken ins Haus.«
    »Aber du hast doch den Papa...«
    »Ja und nein. Ich hab ihn und hab ihn nicht; jedenfalls ist er nicht mehr,
wie er war. Seine kleinen Aufmerksamkeiten bleiben aus; er hat kein Ohr mehr für
mich, und wenn er es hat, so zwingt er sich und lächelt. Und an dem allen sind
die Zeitungen schuld, die ich freilich auch nicht missen möchte. Kaum dass
Hoppenmarieken in den Flur tritt und das Postpaket aus ihrem Kattuntuch wickelt,
so ist es mit seiner Ruhe hin. Er geht an mir vorbei, ohne mich zu sehen. Briefe
werden geschrieben; die Pferde kommen kaum noch aus dem Geschirr; zu Wagen und
zu Schlitten geht es hierhin und dortin. Oft sind wir tagelang allein. Ein
Glück, dass ich Tante Schorlemmer habe, ich ängstigte mich sonst zu Tode.«
    »Tante Schorlemmer! So findet alles seine Zeit.«
    »Oh, sie braucht nicht erst ihre Zeit zu finden, sie hat immer ihre Zeit,
das weiss niemand besser als du und ich. Aber freilich, eines ist meiner guten
Schorlemmer nicht gegeben, einen öden Tag minder öde zu machen. Möchtest du,
eingeschneit, einen Winter lang mit ihr und ihren Sprüchen am Spinnrad sitzen?«
    »Nicht um die Welt. Aber wo bleibt der Pastor? Und wo bleibt Marie? Ist denn
alles zerstoben und verflogen?«
    »Nein, nein, sie sind da, und sie kommen auch und sind die alten noch; lieb
und gut wie immer. Aber unsere Hohen-Vietzer Tage sind so lang, und am längsten,
wenn im Kalender die kürzesten stehen. Marie kommt übrigens heute abend; sie hat
eben anfragen lassen.«
    »Und wie geht es unserm Liebling?«
    »In den drei Monaten, dass du nicht hier warst, ist sie voll herangewachsen.
Sie ist wie ein Märchen. Wenn morgen eine goldene Kutsche bei Kniehases
vorgefahren käme, um sie aus dem Schulzenhause mit zwei schleppentragenden Pagen
abzuholen, ich würde mich nicht wundern. Und doch ängstigt sie mich. Aber je
mehr ich mich um sie sorge, desto mehr liebe ich sie.«
    So weit waren die Geschwister in ihren Plaudereien gekommen, als Jeetze -
nunmehr in voller Livree - in der Türe erschien, um seinen jungen Herrschaften
anzukündigen, dass es Zeit sei.
    »Wo ist Papa?«
    »Er baut auf. Krist und ich haben zutragen müssen.«
    »Und Tante Schorlemmer?«
    »Ist im Flur. Die Singekinder sind eben gekommen.«
    Lewin und Renate nickten einander zu und traten dann heiteren Gesichts und
leichten Ganges, ein jeder stolz auf den andern, in den Korridor hinaus. In
demselben Augenblick, wo sie an dem Treppenkopf angelangt waren, klang es
weihnachtlich von hellen Kinderstimmen zu ihnen herauf. Und doch war es kein
eigentliches Weihnachtslied. Es war das alte »Nun danket alle Gott«, das den
märkischen Kehlen am geläufigsten ist und am freiesten aus ihrer Seele kommt.
»Wie schön«, sagte Lewin und horchte, bis die erste Strophe zu Ende war.
    Als die Geschwister im Niedersteigen den untersten Treppenabsatz erreicht
hatten, hielten sie abermals und überblickten nun das Bild zu ihren Füssen. Die
gewölbte Flurhalle, gross und geräumig, trotz der Eichenschränke, die
umherstanden, war mit Menschen, jungen und alten, gefüllt; einige Mütterchen
hockten auf der Treppe, deren unterste Stufen bis weit in den Flur hinein
vorsprangen. Links, nach der Park- und Gartentür zu, standen die Kinder, einige
sonntäglich geputzt, die anderen notdürftig gekleidet, hinter ihnen die Armen
des Dorfes, auch Sieche und Krüppel; nach rechts hin aber hatte alles, was zum
Hause gehörte, seine Aufstellung genommen: der Jäger, der Inspektor, der Meyer,
Krist und Jeetze, dazu die Mägde, der Mehrzahl nach jung und hübsch, und alle
gekleidet in die malerische Tracht dieser Gegenden, den roten Friesrock, das
schwarzseidene Kopftuch und den geblümten Manchester-Spenzer. In Front dieser
bunten Mädchengruppe gewahrte man eine ältliche Dame über fünfzig, grau
gekleidet mit weissem Tuch und kleiner Tüllhaube, die Hände gefaltet, den Kopf
vorgebeugt, wie um dem Gesange der Kinder mit mehr Andacht folgen zu können. Es
war Tante Schorlemmer. Nur als die Geschwister auf dem Treppenabsatz erschienen,
unterbrach sie ihre Haltung und erwiderte Lewins Gruss mit einem freundlichen
Nicken.
    Nun war auch der zweite Vers gesungen, und die Weihnachtsbescherung an die
Armen und Kinder des Dorfes, wie sie in diesem Hause seit alten Zeiten Sitte
war, nahm ihren Anfang. Niemand drängte vor; jeder wusste, dass ihm das Seine
werden würde. Die Kranken erhielten eine Suppe, die Krüppel ein Almosen, alle
einen Festkuchen, an die Kinder aber traten die Mägde heran und schütteten ihnen
Äpfel und Nüsse in die mitgebrachten Säcke und Taschen.
    Das Gabenspenden war kaum zu Ende, als die grosse, vom Flur aus in die Halle
führende Flügeltüre von innen her sich öffnete und ein heller Lichtschein in den
bis dahin nur halb erleuchteten Flur drang. Damit war das Zeichen gegeben, dass
nun dem Hause selber beschert werden solle. Der alte Vitzewitz trat zwischen
Türe und Weihnachtsbaum, und Lewins ansichtig werdend, der am Arm der Schwester
dem Festzug voraufschritt, rief er ihm zu: »Willkommen, Lewin, in Hohen-Vietz.«
Vater und Sohn begrüssten sich herzlich; dann setzten die Geschwister ihren
Umgang um die Tafel fort, während draussen im Flur die Kinder wieder anstimmten:
»Lob, Ehr und Preis sei Gott,
Dem Vater und dem Sohne,
Und auch dem Heil'gen Geist
Im hohen Himmelstrone.«
Der Zug löste sich nun auf, und jeder trat an seinen Platz und seine Geschenke.
Alles gefiel und erfreute, die Shawls, die Westen, die seidenen Tücher. Da
lagerte kein Unmut, keine Enttäuschung auf den Stirnen; jeder wusste, dass schwere
Zeiten waren und dass der viel heimgesuchte Herr von Hohen-Vietz sich mancher
Entbehrung unterziehen musste, um die gute Sitte des Hauses auch in bösen Tagen
aufrechtzuerhalten.
    Zu beiden Seiten des Kamins, über dessen breiter Marmorkonsole das
überlebensgrosse Bild des alten Mattias aufragte, waren auf kleinen Tischen die
Gaben ausgebreitet, die der Vater für Lewin und Renaten gewählt hatte.
Lieblingswünsche hatten ihre Erfüllung gefunden, sonst waren sie nicht
reichlich. An Lewins Platz lag eine gezogene Doppelbüchse, Suhler Arbeit,
sauber, leicht, fest, eine Freude für den Kenner.
    »Das ist für dich, Lewin. Wir leben in wunderbaren Tagen. Und nun komm und
lass uns plaudern.«
    Beide traten in das nebenangelegene Zimmer, während in der Halle die
Weihnachtslichter niederbrannten.
 
                                Viertes Kapitel
                              Berndt von Vitzewitz
Der Vater Lewins war Berndt von Vitzewitz, ein hoher Fünfziger. Mit dreizehn
Jahren bei den zu Landsberg garnisonierenden Knobelsdorff-Dragonern eingetreten,
hatte er, nach beinahe dreissigjährigem Dienst, das Kommando des berühmten
Regiments eben übernommen, als ihn, im Frühjahr 1795, der Abschluss des Basler
Friedens veranlasste, seinen Abschied zu fordern. Voller Abscheu gegen die
Pariser Schreckensmänner sah er in dem »Paktieren mit den Regiciden« ebenso eine
Gefahr wie eine Erniedrigung Preussens. Er zog sich verstimmt nach Hohen-Vietz
zurück. Vielleicht war es ein Ausdruck seiner Verstimmung, dass er es, wenigstens
im geselligen Verkehr, vorzog, seinen militärischen Rang ignoriert und sich
lediglich als Herr von Vitzewitz angesprochen zu sehen. Das Gut selbst war ihm
schon sieben Jahre früher zugefallen, unmittelbar fast nach seiner Vermählung
mit Madeleine von Dumoulin, ältesten Tochter des Generallieutenants von
Dumoulin, der bei Zorndorf, als jüngster Offizier in der Schwadron des
Rittmeisters von Wakenitz. Wunder der Tapferkeit verrichtet und nach zweimaligem
Durchbrechen der russischen Carrés den Pour le mérite auf dem Schlachtfelde
empfangen hatte.
    Madeleine von Dumoulin, gross, schlank, blond, eine typische deutsche
Schönheit, wie so oft die Töchter des altfranzösischen Adels, war der Abgott
ihres Gemahls. Und doch sah sie zu ihm hinauf; ohne Prätensionen, fast ohne
Laune, beugte sie sich vor der Überlegenheit seines Charakters. Die Geburt eines
Sohnes, noch in der Garnisonstadt des Regiments, schuf ein gesteigertes Glück,
das aus beider Augen noch lebhafter sprach, als ihnen, bald nach ihrer Übernahme
von Hohen-Vietz, auch eine Tochter geboren wurde. Es war im Mai 1795, ein
Frühlingsregen sprühte, und das Zeichen des Bundes zwischen Gott und den
Menschen, ein Regenbogen, stand verheissungsvoll über dem alten Hause. Aber die
Verheissung, wenn sie dem Kinde gelten mochte, galt nicht dem Vater. Ein
Allerschmerzlichstes blieb auch ihm, wie so vielen seiner Ahnen, unerspart. Es
traf ihn anders, aber nicht minder schwer.
    Der Tag von Jena hatte über das Schicksal Preussens entschieden; elf Tage
später hielten bereits angemeldete französische Offiziere vor dem Herrenhause in
Hohen-Vietz, zu deren Bewillkommnung, um nicht Anstoss zu geben, auch die kaum
von einem hitzigen Fieber wiederhergestellte, noch die Blässe der Krankheit
zeigende Dame vom Hause erschienen war. In der Halle war gedeckt. Frau von
Vitzewitz blieb und schien ihren Zweck, ein leidliches Einvernehmen zwischen
Wirt und Gästen herzustellen, erreichen zu sollen, als sich, während schon der
Nachtisch aufgetragen wurde, ein ihr gegenüber sitzender Kapitän, von der
spanischen Grenze, olivenfarbig, mit dünnem Spitzbart, erhob und in
unziemlichster Huldigung Worte lallte, die der schönen Frau das Blut in die
Wangen trieben. Berndt von Vitzewitz fahr auf den Elenden ein, andere Offiziere,
dazwischenspringend, trennten die miteinander Ringenden, und Partei ergreifend
für den beleidigten Gemahl, steckten sie draussen im Park den Platz ab, wo der
Handel auf der Stelle ausgemacht werden sollte. Berndt, ein Meister auf den
Degen, verwundete seinen Gegner schwer am Kopf, und die Franzosen, in der ihnen
eigenen ritterlichen Gesinnung, beglückwünschten ihn, ohne die geringste
Verstimmung zu zeigen, zu seinem Triumph. Aber es war ein kurzer Sieg, zum
mindesten ein teuer erkaufter. Die heftigen, von solchen Vorgängen
unzertrennlichen Erregungen warfen die schöne Frau aufs Krankenbett zurück, am
dritten Tag war sie aufgegeben, am neunten trugen sie sie die alte Nussbaumallee
hinauf, bis an die Hohen-Vietzer Kirche, und senkten sie unter Innehaltung aller
von ihr gegebenen Bestimmungen ein. Nicht in die Gruft, sondern in »Gottes
märkische Erde«, wie sie so oft gebeten hatte. Die Glocken klangen den ganzen
Tag ins Land, und als der Frühling kam, lag ein Stein auf der Grabesstelle, ohne
Namen, ohne Datum, nur tief eingegraben: »Hier ruht mein Glück.«
    Berndts Charakter hatte sich unter diesen Schlägen aus dem Ernsten völlig
ins Finstere gewandelt. Die Lage des zerbröckelten, nahezu aus der Reihe der
Staaten gestrichenen Vaterlandes war nicht dazu angetan, ihn aufzurichten. Sein
eigner Besitz entwertet, die Ernten geraubt, das Gehöft von Räuberhänden halb
niedergebrannt - so verfiel er auf Jahr und Tag in brütenden Trübsinn und lebte
erst wieder auf, als Sorge und Missgeschick, die beinahe unausgesetzt auf ihn
eindrangen, einen grossen Hass in ihm gezeitigt hatten. Er wurde rührig, regsam,
er hatte Ziele, er lebte wieder.
    Der Hass, dem er dieses dankte, richtete sich gegen alles, was von jenseit
des Rheines kam, aber doch war ein Unterschied in dem, was er gegen den
Machtaber und gegen die französische Nation empfand. Für diese letztere, deren
Mut, Begeisterung und Opferfähigkeit er so oft gepriesen, so oft vorbildlich
hingestellt hatte, hatte er, wie fast alle Märker, im tiefsten Herzen eine nicht
zu ertötende Vorliebe, und aller Hass, den er, dieser Liebe zum Trotz, stark und
ehrlich zur Schau trug, war viel mehr Absicht und Kalkül als unmittelbare
Empfindung, emporgewachsen aus der unablässigen, mit Geflissentlichkeit gehegten
Betrachtung, dass - um ihn selber sprechen zu lassen - »das undankbarste aller
Völker einen guten König geschlachtet habe, um sich vor den Triumphwagen eines
freiheitsmörderischen Tyrannen zu spannen«. Ganz anders sein Hass gegen den
Bonaparte selbst. Ungemacht und ungekünstelt sprang er wie ein heisser Quell aus
seinem Herzen. Schon der Name widerte ihn an. Er war kein Franzos, er war
Italiener, Korse, aufgewachsen an jener einzigen Stelle in Europa, wo noch die
Blutrache Sitte und Gesetz; und selbst die Grösse, die er ihm zugestehen musste,
war ihm staunens-, aber nicht bewundernswert, weil sie alles himmlischen Lichtes
entbehrte. Er sah in ihm einen Dämon, nichts weiter; eine Geissel, einen Würger,
einen aus Westen kommenden Dschingis-Khan. Als Mitte November bekannt wurde, dass
der Kaiser Küstrin passieren werde, um bis an die Weichsel zu gehen führte
Berndt seine beiden halberwachsenen Kinder, Renate zählte elf, Lewin eben
sechzehn Jahre, nach der alten Oderfestung und nahm Stand an dem Müncheberger
Tore, um ihnen den zu zeigen, »den Gott gezeichnet habe«. Und als dieser nun
unter dem gewölbten Portal hin in die stille Stadt einritt und das gelbe
Wachsgesicht wie ein unheimlicher Lichtpunkt zwischen dem Bug des Pferdes und
dem tief in die Stirn gerückten Hute sichtbar wurde, da schob er die Kinder in
die vorderste Reihe und rief ihnen vernehmlich zu: »Seht scharf hin, das ist der
Böseste auf Erden.«
    Aber wer zu hassen versteht, so es nur der rechte Hass ist, der weiss auch zu
lieben, und die leidenschaftliche Zuneigung, die Berndt so viele Jahre lang
gegen die zu früh Heimgegangene als sein höchstes irdisches Glück im Herzen
getragen hatte, er übertrug sie jetzt auf die Kinder, die als die Ebenbilder der
Mutter heranwuchsen. Schlank aufgeschossen, blond und durchsichtig, wichen sie
in jedem Zuge von der äusseren Erscheinung des Vaters ab, zu dessen gedrungener
Gestalt sich dunkelster Teint und ein schwarzes, kurzgeschnittenes, mit nur
wenig Grau erst untermischtes Haar gesellte. Und wie verschieden die
Erscheinung, so verschieden auch waren die Charaktere. Leichtbeweglich und
leichtgläubig, immer geneigt, zu bewundern und zu verzeihen, hatten die Kinder
das heitere Licht der Seele, wo der Vater das düstere Feuer hatte. Demütig und
trostreich, angelegt, um zu beglücken und glücklich zu sein, leuchtete ihren
Wegen die alles verklärende Phantasie. Der Vater freute sich dessen. Er träumte
von einer Wandlung, die mit ihnen über das Haus kommen werde.
    Berndt von Vitzewitz, wie alle, die ihr Herz an etwas setzen, machte wenig
davon; er hatte das Schamgefühl der Liebe. Aber ebensowenig gefiel er sich
darin, eine rauhe Aussenseite herauszukehren. Weil er Autorität hatte, durfte er
darauf verzichten, sie jeden Augenblick geltend zu machen. Er liebte es, im
Gespräch den Unterschied der Jahre zu überspringen, und bespöttelte jene Väter
und Mütter, die, aus der Not eine Tugend machend, ihre Gefühls- und Gedankenwelt
in zwei Rubriken, in eine für die »Intimen« und in eine andere für die Kinder
bestimmte Hälfte, zu teilen pflegen. Er war offen, entgegenkommend gegen Lewin,
reich an Aufmerksamkeiten gegen Renate. Nur in den letzten Wochen, wie die
Schwester dem Bruder bereits geklagt hatte, war eine Änderung eingetreten; er
mied jede Begegnung, sprach wenig und sass halbe Nächte lang, wenn ihn nicht
Besuche in die Umgegend führten, an seinem Schreibtisch oder durchschritt im
Selbstgespräch das einfensterige Cabinet, das sein Arbeitszimmer bildete.
    Dies Arbeitszimmer war ebenso tief wie schmal, so dass die gelben, von Tabak-
und Lampenrauch längst grau gewordenen Wände, bei dem wenigen Licht, das
einfiel, noch dunkler erschienen, als sie waren. Von Luxus keine Spur. Nur für
Bequemlichkeit war gesorgt, für jenes Alles-zur-Hand-Haben geistig beschäftigter
Männer, denen nichts unerträglicher ist, als erst holen, suchen oder gar warten
zu müssen. Die beiden Türen des Cabinets, von denen die eine nach der Halle, die
andere nach dem Damenzimmer führte, lagen dem Fenster zu, wodurch zwei breite
Wandflächen zur Aufstellung eines Schreibtisches und eines Ledersofas, beide von
beträchtlicher Länge, gewonnen waren. Ein dazwischen stehender
gartenstuhlartiger Holzschemel würde die Kommunikation vollständig geschlossen
haben, wenn nicht die Tischplatte eine entsprechende Einbuchtung gehabt hätte.
Über dem Schreibtisch hing ein schönes Frauenporträt, Brustbild, nachgedunkelt,
über dem Sofa ein schmaler, länglicher Spiegel, dessen völlig verblaktes Glas
über seine Nutzlosigkeit an dieser Stelle keinen Zweifel liess. Ein
Schlüsselbrett, dazu zwei, drei Hirschgeweihe mit allerhand Mützen und Hüten
daran, vollendeten die Einrichtung. In den Ecken standen Stöcke umher, eine
Entenflinte und ein Kavalleriedegen, während an den Paneelen der Fensternische
mehrere Spezialkarten von Russland, mit Oblaten und Nägelchen, je nachdem es sich
am bequemsten gemacht hatte, befestigt waren. Zahllose rote Punkte und Linien
zeigten deutlich, dass mit dem Zeitungsblatt in der Hand zwischen Smolensk und
Moskau bereits viel hin und her gereist worden war.
    Dies war das Zimmer, in das, wie am Schlusse des vorigen Kapitels erzählt,
Vater und Sohn eintraten. Beide nahmen auf dem Sofa Platz, gegenüber dem
Frauenporträt, das jetzt auf sie niedersah. Berndt, der in seinem gewöhnlichen
Hauskostüm war: weite Beinkleider von schottischem Stoff, dunkler Samtrock, dazu
ein rotseidenes Tuch leicht um den Hals geschlungen, streckte den rechten Fuss
auf ein hohes, tabouretartiges Doppelkissen. Lewin, aus Respekt und Gewöhnung,
sass gerade aufrecht neben ihm.
    »Nun, was gibt es, Lewin, was bringst du?«
    »Vielleicht eine Neuigkeit. Morgen werden unsere Blätter das Bulletin
bringen, das die Vernichtung des Heeres zugesteht. Ladalinskis hatten den
französischen Text; Katinka las uns die Hauptstellen vor. Es hat mich
erschüttert.«
    »Auch mich, aber noch mehr hat es mich erhoben.«
    »So kennst du schon den Inhalt? und ich komme wieder zu spät.«
    »Tante Amelie empfing den Zeitungsausschnitt schon gestern; du kennst ihre
alten Beziehungen. Graf Drosselstein, der gestern bei ihr war, erbot sich, mir
persönlich die Nachricht zu bringen. Wir haben wohl eine Stunde geplaudert. Und
glaube mir, das Bulletin sagt nicht die Hälfte. Wir haben Briefe aus Minsk und
Bialystock; sie sind total vernichtet.«
    »Welch ein Gericht!«
    »Ja, Lewin, du sprichst das Wort. Die grosse Hand, die beim Gastmahl des
Belsazar war, hat wieder ihre Zeichen geschrieben und diesmal keine
Rätselzeichen. Jeder kann sie lesen: Gezählt, gewogen und hinweggetan. Ein
Gottesgericht hat ihn verworfen. Und doch fürchte ich, Lewin, wir haben
Neunmalweise am Ruder, die dem zornigen Gott in den Arm fallen wollen. Sie
dürfen es nicht. Wagen sie es, so sind sie verloren, sie und wir. - Wie ist die
Stimmung?«
    »Gut. Es ist mir, als wäre eine Wandlung über die Gemüter gekommen. Das
ganze Fühlen ist ein höheres; wo noch Niedrigkeit der Gesinnung ist, da wagt sie
sich nicht hervor. Was fehlt, ist eins: ein leitender Wille, ein
entschlusskräftiges Wort.«
    »Das Wort muss gesprochen werden, so oder so. Wenn die Menschen stumm sind,
so schreien es die Steine. Gott will es, dass wir seine Zeichen verstehen. Lewin,
wir alle sind hier entschlossen. Wir alle stehen hier des Wortes gewärtig; wird
es nicht gesprochen, so folgen wir dem lauten Wort, das in uns klingt. Es
begräbt sich leicht im Schnee. Nur kein feiges Mitleid. Jetzt oder nie. Nicht
viele werden den Njemen überschreiten, über die Oder darf keiner.«
    Lewin schwieg eine Weile; er mied es, dem Blick des Vaters zu begegnen. Dann
sprach er halb vor sich hin: »Wir sind die Verbündeten des Kaisers. Wir wollen
das Bündnis lösen, Gott gebe es, aber -«
    »So missbilligst du, was wir vorhaben?«
    »Ich kann nicht anders. Das, was du vorhast und was Tausende der Besten
wollen, es ist gegen meine Natur. Ich habe kein Herz für das, was sie jetzt mit
Stolz und Bewunderung die spanische Kriegsführung nennen. Alles, was von
hintenher sein Opfer fasst, ist mir verhasst. Ich bin für offenen Kampf, bei
hellem Sonnenschein und schmetternden Trompeten. Wie oft habe ich in Entzücken
geweint, wenn ich auf der Fussbank neben Mama sass und sie von ihrem Vater
erzählte, wie er, kaum achtzehnjährig, in die russischen Vierecke einbrach und
wie dann Rittmeister von Wakenitz vor der Schwadron ihn küsste und ihm zurief:
Junker von Dumoulin, lassen Sie uns die Degen tauschen. Ja, ich will Krieg
führen, aber deutsch, nicht spanisch, auch nicht slawisch. Du weisst, Papa, ich
bin meiner Mutter Sohn.«
    »Das bist du, und ein Glück, dass du es bist. Über deiner Mutter Kindheit
haben helle Sterne gestanden, und ich bitte Gott, dass der Segen ihres Hauses
über dir und über Renaten sei.«
    Lewin sah wieder vor sich hin. Berndt von Vitzewitz aber fuhr fort: »Ich
weiss, was eine Natur zu bedeuten hat; alles An- und Eingeborene, das nicht gegen
die Gebote Gottes streitet, ist mir heilig; gehe deinen Weg, Lewin, ich zwinge
dich in nichts. Aber ich, in stillen Nächten habe ich mir's geschworen, ich will
den meinen gehen!«
    Eine kurze Pause folgte, während welcher Berndt in dem schmalen Zimmer auf
und nieder schritt. Dann, ohne des Schweigens zu achten, in dem Lewin verharrte,
sprach er weiter: »Ihr in den Städten, und du bist ein Stadtkind geworden,
Lewin, ihr wisst es nicht, ihr habt es nicht recht erlebt. Unter den Augen der
Machtaber nahm die Unterdrückung Mass und das Ungesetzliche gesetzliche Formen
an. Sie rühmen sich dessen sogar und glauben es beinahe selbst, dass sie unsere
Ketten gebrochen haben. Aber wir auf dem Lande, wir wissen es besser, und ich
sage dir, Lewin, die rote Hand, die Feuer an die Scheunen legte, die die
Goldringe von den Fingern unserer Toten zog, sie ist unvergessen hierherum, und
eine rötere Hand wird ihr die Antwort geben.«
    Lewin wollte dem Vater antworten; aber dieser, die Heftigkeit seiner Rede
plötzlich umstimmend, fuhr mit ersichtlicher Bewegung fort: »Du warst noch ein
Knabe, als der böse Feind ins Land kam: der Glanz seiner Taten ging vor ihm her.
Was er damals im Übermut seines Glückes unsere Königin zu fragen sich
erdreistete: Wie mochten Sie's nur wagen, den Kampf gegen mich aufzunehmen?,
diese Frage ist seitdem von tausend Schwachen und Elenden im Lande selber
nachgesprochen worden, als ob sie das A und das O aller Weisheit wäre. Und in
dieser Vorstellung unserer Ohnmacht bist du herangewachsen, du und Renate. Ihr
habt nichts gesehen als unsere Kleinheit, und ihr habt nichts gehört als die
Grösse unseres Siegers. Aber, Lewin, es war einst anders, und wir Alten, die wir
noch das Auge des grossen Königs gesehen haben, wir schmecken bitter den Kelch
der Niedrigkeit, der jetzt täglich an unseren Lippen ist.«
    »Und ich bin es sicher«, fiel jetzt Lewin ein, »er wird von uns genommen
werden. Wir werden einen frohen, einen heiligen Krieg haben. Aber zunächst sind
wir unseres Feindes Freund, wir haben mit und neben ihm in Waffen gestanden; er
rechnet auf uns, er schleppt sich unserer Türe zu, hoffnungsvoll wie der
Schwelle seines eigenen Hauses; das Licht, das er schimmern sieht, bedeutet ihm
Rettung, Leben, und an der Schwelle eben dieses Hauses fasst ihn unsere Hand und
würgt den Wehrlosen.«
    In diesem Augenblick begannen die Glocken zu klingen, die von dem alten
Hohen-Vietzer Turm her zur Kirche riefen. Sie klangen laut und voll in dem
klaren Wetter, Berndt horchte auf; dann mit der Hand nach Osten deutend, von wo
die Klänge herüberhallten, fuhr er seinerseits fort: »Ich weiss, dass geschrieben
steht, die Rache ist mein, und in menschlicher Gebrechlichkeit, das weiss der,
der in die Herzen sieht, bin ich allezeit seinem Wort gefolgt. Ich fürchte
nicht, dass ich lästere, wenn ich ausspreche: Es gibt auch eine heilige Rache. So
war es, als Simson die Tempelpfosten fasste und sich und seine Feinde unter
Trümmern begrub. Vielleicht, dass auch unsere Rache nichts anderes wird als ein
gemeinschaftliches Grab. Sei's drum; ich habe abgeschlossen; ich setze mein
Leben daran, und, Gott sei Dank, ich darf es. Diese Hand, wenn ich sie aufhebe,
so erhebe ich sie nicht, um persönliche Unbill zu rächen, nein, ich erhebe sie
gegen den bösen Feind aller Menschheit, und weil ich ihn selber nicht treffen
kann, so zerbreche ich seine Waffe, wo ich sie finde. Der grosse Schuldige reisst
viel Unschuldige mit in sein Verhängnis; wir können nicht sichten und sondern.
Das Netz ist ausgespannt, und je mehr sich darin verfangen, desto besser. Wir
sprechen weiter davon, Lewin. Jetzt ist Kirchzeit. Lass uns Gottes Wort nicht
versäumen. Wir bedürfen seiner.«
    So trennten sie sich, als die Glocken zum zweiten Mal ihr Geläut begannen.
 
                                Fünftes Kapitel
                                 In der Kirche
Das Summen der Glocken war noch in der Luft, als Berndt von Vitzewitz, Renaten
am Arm, aus einem in den Schnee gefegten Fusssteig in die grosse Nussbaumallee
einbog, die, leise ansteigend, von der Einfahrt des Herrenhauses her in gerader
Linie zur Hügelkirche hinaufführte. Dem voraufschreitenden Paare folgten Lewin
und Tante Schorlemmer. Alle waren winterlich gekleidet; die Hände der Damen
steckten in schneeweissen Grönlandsmuffen; nur Lewin, alles Pelzwerk
verschmähend, trug einen hellgrauen Mantel mit weitem Überfallkragen.
    Die mehrgenannte Hügelkirche, der sie zuschritten, war ein alter
Feldsteinbau aus der ersten christlichen Zeit, aus den Kolonisationstagen der
Zisterzienser her; dafür sprachen die sauber behauenen Steine, die Chornische
und vor allem die kleinen hochgelegenen Rundbogenfenster, die dieser Kirche, wie
allen vorgotischen Gotteshäusern der Mark, den Charakter einer Burg gaben. Wenig
hatten die Jahrhunderte daran geändert. Einige Fenster waren verbreitert, ein
paar Seiteneingänge für den Geistlichen und die Gutsherrschaft hergerichtet
worden; sonst, mit Ausnahme des Turmes und eines neuen Gruftanbaues der
nördlichen Langwand, stand alles, wie es zu den Mönchszeiten gestanden hatte.
    War nun aber das Äussere der Kirche so gut wie unverändert geblieben, so
hatte das Innere derselben alle Wandlungen eines halben Jahrtausends
durchgemacht. Von den Tagen an, wo die Askanier hier ihre regelmässig
wiederkehrenden Fehden mit den Pommerherzögen ausfochten, bis auf die Tage
herab, wo der grosse König an eben dieser Stelle, bei Zorndorf und Kunersdorf,
seine blutigsten Schlachten schlug, war an der Hohen-Vietzer Kirche kein
Jahrhundert vorübergegangen, das ihr nicht in ihrer inneren Erscheinung Abbruch
oder Vorschub geleistet, ihr nicht das eine oder andere gegeben oder genommen
hätte.
    Ein Gleiches, was hier eingeschaltet werden mag, gilt von der Mehrzahl aller
alten märkischen Dorfkirchen, die dadurch ihren Reiz und ihre Eigentümlichkeit
empfangen. Besonders im Gegensatz zu den weltlichen oder Profanbauten unseres
Landes. Überblickt man diese, so nimmt man alsbald wahr, dass die eine Gruppe
zwar die Jahre, aber keine Geschichte, die andere Gruppe zwar die Geschichte,
aber keine Jahre hat. Burg Soltwedel ist uralt, aber schweigt. Schloss Sanssouci
spricht, aber ist jung wie ein Parvenü. Nur unsere Dorfkirchen stellen sich uns
vielfach als die Träger unserer ganzen Geschichte dar, und die Berührung der
Jahrhunderte untereinander zur Erscheinung bringend, besitzen und äussern sie den
Zauber historischer Kontinuität.
    Die Hohen-Vietzer Kirche hatte drei Eingänge, der erste für die Gemeinde von
Westen her. Der Turm, durch den dieser Eingang ging, war aus Feldstein roh
zusammengemörtelt; es fehlte die Sauberkeit, die den älteren Bau auszeichnete.
Von der Decke herab hing ein Seil, an dem die Betglocke geläutet wurde. Rechts
an der Wand hin stand ein Grabscheit, eine Totenbahre; auf ihr lagen
Leinentücher, um die Särge hinabzulassen. An der Wand gegenüber waren
wurmstichige Holzpuppen, Überreste eines Schnitzaltars aus der katolischen Zeit
her, zusammengefegt; daneben aufgeschichtetes Knubbenholz, wahrscheinlich um die
Sakristei zu heizen. Das eigentliche Schaustück dieser Vorhalle war aber die
»Türkenglocke«, berühmt wegen ihres Tones und ihrer Grösse, die, nachdem sie
lange oben im Turm gehangen und die Oder hinauf und hinabgeklungen hatte, jetzt
gesprungen aus ihrer Höhe herabgelassen war. Sie war - so wenigstens ging die
Sage - aus Geschützen gegossen, die Isaschar von Vitzewitz (des alten Mattias
Sohn) aus dem Türkenkriege mit heimgebracht hatte. Inschriften bedeckten den
Rand; eine lautete:
Ruf ich, öffne deinen Sinn,
Gott zu dienen ist Gewinn.
Der schwere Eisenklöppel stand in einer Ecke daneben. Aus dem Turm trat man in
den Mittelgang der Kirche; dicht an der Schwelle lag ein granitner Taufstein,
ohne Fuss oder Träger, mitten durchgebrochen, noch aus der Zeit der Zisterzienser
her. Weiter links, in der Ecke, wo Turm und Kirchenschiff zusammenstiessen, war
eine Nische in die nördliche Längswand gehauen: an einem Eisenstab hing eine
Maria (das Christkind war ihrem Arm entfallen), und ihr zu Häupten stand einfach
die Jahreszahl 1431. Das war das Hussitenjahr. Kein Zweifel, dass die Vitzewitze
diesen Votivaltar nach Abzug des Feindes gestiftet hatten. Rechts und links vom
Mittelgange, bis über die Hälfte der Kirche, liefen die Kirchenstühle hin, alle
sauber und verschlossen; nur die Tür des vordersten stand halb offen und hing in
den Angeln. Dieser hiess der »Majorsstuhl« seit den Tagen, die der Kunersdorfer
Schlacht unmittelbar gefolgt waren. Bis hierher, durch Flucht und Graus, hatten
Grenadiere vom Regiment Itzenplitz ihren verwundeten Major getragen, auf diese
Bank hatten sie ihn niedergelegt, hier hatte er sich aufgerichtet und die Binden
abgerissen. »Kinder, ich will sterben.« Die Bank hatte einen Blutfleck seitdem,
und jeder mied die Stelle.
    Einen Hauptschmuck der Hohen-Vietzer Kirche bildeten ihre Grabsteine. Einst
hatten sie vom Altar an bis mitten in das Kirchenschiff hinein gelegen; seitdem
aber das alte Gewölbe zugeschüttet und die neue Gruft, deren wir schon
erwähnten, angebaut worden war, standen sie aufrecht an der Nordwand der Kirche
hin. Es waren meist einfache Steine, je nach der Sitte der Zeit mit langen oder
kurzen Inschriften versehen, die von Malplaquet und Mollwitz erzählten oder auch
von stilleren Tagen, in Hohen-Vietz begonnen und beendet.
    An zwei dieser Steine knüpfte die Sage an. Neben der Mariennische stand
einer, grösser als die andern und dicht beschrieben. Wer die Inschrift las, der
wusste, dass Katarina von Gollmitz, eine Freundin des Hauses, einst unter diesem
Steine gelegen hatte. Grete von Vitzewitz, der Verstorbenen in besonderer Liebe
zugetan, hatte ihr, als sie während eines Besuches in Hohen-Vietz erkrankte und
starb, einen Ehrenplatz in der Kirche angewiesen; aber die Freundin im Grabe
hatte kein Gefühl für diese Auszeichnung und sehnte sich nach Haus. Immer wenn
Grete Vitzewitz über den Grabstein hinschritt, hörte sie eine Stimme: »Grete,
mach auf!« Da machten sie endlich auf und brachten den Sarg nach Jargelin, wo
Katarina von Gollmitz ihre Heimat hatte. Nun wurde es still. Den Grabstein aber
mauerten sie in die Wand.
    Ein anderer Stein, dessen Inschrift längst weggetreten war, lag noch dicht
vor dem Altar. Er war der einzige, den man an alter Stelle belassen hatte,
vielleicht weil er zerbrochen war. Er weigerte sich hartnäckig, mit den neben
ihm liegenden Fliesen gleiche Linie zu halten, und bildete nach und nach eine
Mulde. Wie oft auch seine zwei Hälften aufgenommen und Sand und Gerölle in die
Vertiefung hineingestampft wurden, der Stein sank immer wieder. Das Volk sagte:
»Da liegt der alte Mattias; der geht immer tiefer.«
    Dies war nun freilich ein Irrtum, der alte Mattias lag an anderer Stelle,
wohl aber gehörte ihm das grosse Grabmonument an, das, nach der künstlerischen
Seite hin, den Hauptschmuck der Hohen-Vietzer Kirche bildete. Es war ein
Marmordenkmal, überladen, rokokohaft, dabei jedoch von grosser Meisterschaft der
Arbeit. Dem Gegenstande nach zeigte es eine gewisse Verwandtschaft mit dem
Altarbilde des Saalanbaues. Mattias von Vitzewitz und seine Gemahlin kniend,
dabei voll Andacht zu einer Kreuzigung Christi emporblickend. Alles Basrelief,
nur die Knienden fast in losgelöster Figur. Darunter ihre Namen und die Daten
ihres Lebens und Sterbens. Ein niederländischer Meister hatte das Werk gefertigt
und es persönlich zu Schiff bis in die Oder hinauf gebracht.
    Als die Bewohner des Herrenhauses die Kirche betraten, begann eben der
Gesang der Gemeinde. Eine schmale Treppe, an einem der kleinen Seiteneingänge
ausmündend, führte zu dem herrschaftlichen Stuhle hinauf. Dieser, ein auf
Pfeilern ruhender, sehr einfacher Holzbau, war ursprünglich durch hohe
Schiebefenster geschlossen gewesen, längst aber waren diese beseitigt, und nur
noch zwei schmale Bretter, die von der Brüstung bis zur vollen Höhe der Decke
aufstiegen, teilten den Raum in drei grosse Rahmen ab. Vorn an der Wandung war
das Vitzewitzsche Wappen angebracht, ein Andreaskreuz, weiss auf rotem Grunde.
    In Front dieses herrschaftlichen Stuhles, hart an der Brüstung hin, nahmen
die Eintretenden geräuschlos Platz: erst Berndt von Vitzewitz, links neben ihm
Renate, dann Tante Schorlemmer. Lewin stellte seinen Stuhl in die zweite Reihe.
So vernachlässigt alles war, so war es doch nicht ohne einen gewissen Reiz.
Gleich zur Rechten Altar und Kanzel; in Front des Altars das Taufbecken, eine
silberne, mit allegorischen Figuren und unentzifferbaren Inschriften reich
ausgeschmückte Schüssel, die nur mit grosser Mühe vor den Händen des Feindes
gerettet worden war. An der Wand gegenüber das vorerwähnte Marmordenkmal des
alten Mattias und seiner Gemahlin. Das Beste aber, was dieser unscheinbaren
Stelle eigen war, war doch das grosse, fast einen Halbkreis bildende Fenster, das
einen Blick auf den Kirchhof und weiter hügelabwärts auf einzelne zerstreute,
wie Vorposten ausgestellte Hütten und Häuser des Dorfes gestattete. Neben diesem
Fenster, hart an der Kirchwand, stand ein Eibenbaum, der von der Seite her die
längsten seiner Zweige vorschob und regelmässig an die Scheiben klopfte, wenn
Pastor Seidentopf seine dreigeteilte Predigt den Hohen-Vietzern ans Herz legte.
Lewin setzte sich immer so, dass er einen Blick auf das Fenster frei hatte. Er
stand wohl fest auf dem Catechismo Luteri, wie alle Vitzewitze, seitdem die
gereinigte Lehre ins Land gekommen war, aber da war doch ein anderes in ihm, das
ihn von Zeit zu Zeit trieb, mehr auf den Eibenbaum draussen als auf die Stimme
von der Kanzel her zu achten, wäre diese Stimme auch mächtiger gewesen als die
seines alten Lehrers und Freundes, dem die sonntägliche Erbauung oblag.
    Die Sonne schien hell, und ein einfallendes Streiflicht erleuchtete in
plötzlichem Glanz die halbe Nordwand, vor allem das grosse Grabdenkmal dem
herrschaftlichen Chorstuhl gegenüber. Die lebensgrossen Figuren waren wie von
rosigem Leben angehaucht. Lewin hatte die Schönheit dieses Bildwerkes nie so
voll empfunden; er las die langen Inschriften, wie er sich gestand, zum ersten
Mal.
    Der Gesang schwieg; schon während des letzten Verses war Prediger Seidentopf
auf die Kanzel getreten, ein Sechziger, mit spärlichem weissen Haar, von würdiger
Haltung und mild im Ausdruck seiner Züge. Lewin hing an der wohltuenden
Erscheinung, senkte dann den Blick und folgte in andächtiger Betrachtung dem
stillen Gebet. Die Gemeinde tat ein Gleiches, neigte sich und schaute voll
herzlichem Verlangen zu ihrem Geistlichen auf, als dieser sein Gebet beendet und
sein Haupt wiederum erhoben hatte. Denn die Gemüter waren damals offen für Trost
und Zuspruch von der Kanzel her und rechneten nicht nach, ob die Worte
luterisch oder kalvinistisch klangen, so sie nur aus einem preussischen Herzen
kamen. Das wusste Seidentopf, der in gewöhnlichen Zeiten manche Widersacher unter
den strenggläubigen Konventiklern seines Dorfes zu bekämpfen hatte, und ein
heller Glanz, wie ihn ihm die innere Freude gab, umleuchtete seine Stirn, als er
nach Lesung des Evangeliums die Textesworte zu erklären begann. Er sprach von
dem Engel des Herrn, der den Hirten erschien, um ihnen die Geburt eines neuen
Heiles zu verkünden. Solche Engel, so fuhr er fort, sende Gott zu allen Zeiten,
vor allem dann, wenn die Nacht der Trübsal auf den Völkern läge. Und eine Nacht
der Trübsal sei auch über dem Vaterlande; aber ehe wir es dächten, würde
inmitten unseres Bangens der Engel erscheinen und uns zurufen: »Fürchtet euch
nicht, siehe, ich verkündige euch grosse Freude.« Denn das Gericht des Herrn habe
unsere Feinde getroffen, und wie damals die Wasser zusammenschlugen und
»bedeckten Wagen und Reiter und alle Macht des Pharao, dass nicht einer aus ihnen
übrigblieb«, so sei es wiederum geschehen.
    An dieser Stelle, auf das Weihnachtsevangelium kurz zurückgreifend, hätte
Pastor Seidentopf schliessen sollen; aber unter der Wucht der Vorstellung, dass
eine richtige Predigt auch eine richtige Länge haben müsse, begann er jetzt, den
Vergleich zwischen dem alten und dem neuen Pharao bis in die kleinsten Züge
hinein durchzuführen. Und dieser Aufgabe war er nicht gewachsen. Dazu gebrach es
ihm an Schwung der Phantasie, an Kraft des Ausdrucks und Charakters. Schemenhaft
zogen die Ägypterscharen vorüber. Die Aufmerksamkeit der Gemeinde wich einem
toten Horchen, und Lewin, der bis dahin kein Wort verloren hatte, sah von der
Kanzel fort und begann seine Aufmerksamkeit dem Fenster zuzuwenden, vor dem
jetzt ein Rotkehlchen auf der beschneiten Eibe sass und in leichtem Schaukeln den
Zweig des Baumes bewegte.
    Nur Berndt folgte in Frische und Freudigkeit der Rede seines Pastors. Seine
eigene Energie half nach; wo die Konturen nicht ausreichten, zog er seine
scharfen Linien in die unsicher schwankenden hinein. Was als Schatten kam, wurde
zu Leben und Gestalt. Er sah die Ägypter. Bataillone mit goldenen Adlern,
Reitergeschwader, über deren weisse Mäntel die schwarzen Rossschweife fielen, so
stiegen sie in endlos langem Zuge vor ihm auf, und über all ihrer Herrlichkeit
schlossen sich die Wellen des Meeres. Nur über einem schlossen sie sich nicht;
er gewann das Ufer, ein nördliches Eisgestade, und siehe da, über glitzernde
Felder hin flog jetzt ein Schlitten, und zwei dunkle, tiefliegende Augen
starrten in den aufstäubenden Schnee. Pastor Seidentopf hatte keinen besseren
Zuhörer als den Patron seiner Kirche, der - und nicht heute bloss - die
freundlich schöne Kunst des Ergänzens zu üben verstand. Aus der Skizze schuf er
ein Bild und glaubte doch dies Bild von aussen her, aus der Hand seines Freundes,
empfangen zu haben.
    Nun war der Sand durch die Uhr gelaufen, die Predigt selbst geschlossen. Da
trat der Pastor noch einmal an den Rand der Kanzel, und mit eindringlicher
Stimme, der sofort alle Herzen wieder zufielen, hob er an: »Mit Christi Geburt,
die wir heute feiern, beginnt das christliche neue Jahr. Ein neues Jahr; was
wird es uns bringen? Es wissen zu wollen wäre Torheit; aber zu hoffen ist
unserem Herzen erlaubt. Gott hat ein Zeichen gegeben; mögen wir es zum Rechten
deuten, wenn wir es deuten: er will uns wieder aufrichten, unsere Busse ist
angenommen, unsere Gebete sind erhört. Die Geissel, die nach seinem Willen sechs
lange Jahre über uns war, er hat sie zerbrochen; er hat sich unserer
Knechtschaft erbarmt, und die Weihnachtssonne, die uns umscheint, sie will uns
verkündigen, dass wieder hellere Tage unserer harren. Ob sie kommen werden mit
Palmen oder ob sie kommen werden mit Schwerterklang, wer sagt es? Wohl mischt
sich ein Bangen in unsere Hoffnung, dass der Sieg nicht einziehen wird ohne
letzte Opfer an Gut und Blut. Und so lasst uns denn beten, meine Freunde, und die
Gnade des Herrn noch einmal anrufen, dass er uns die rechte Kraft leihen möge in
der Stunde der Entscheidung. Das Wort des Judas Makkabäus sei unser Wort: Das
sei ferne, dass wir fliehen sollten. Ist unsere Zeit kommen, so wollen wir
ritterlich sterben um unserer Brüder willen und unsere Ehre nicht lassen
zuschanden werden. Gott will kein Weltenvolk, Gott will keinen Babelturm, der in
den Himmel ragt, und wir stehen ein für seine ewigen Ordnungen, wenn wir
einstehen für uns selbst. Unser Herd, unser Land sind Heiligtümer nach dem
Willen Gottes. Und seine Treue wird uns nicht lassen, wenn wir getreu sind bis
in den Tod. Handeln wir, wenn die Stunde da ist, aber bis dahin harren wir in
Geduld.«
    Er neigte sich jetzt, um in Stille das Vaterunser zu sprechen; die Orgel
fiel mit feierlichen Klängen ein; die Gemeinde, sichtlich erbaut durch die
Schlussworte, verliess langsam die Kirche. Auf den verschiedenen Schlängelwegen,
die von der Kirche ins Dorf herniederführten, schritten die Bauern und
Halbbauern ihren halbverschneiten Höfen zu. Die Frauen und Mädchen folgten. Wer
von der Dorfstrasse aus diesem Herabsteigen zusah, dem erschloss sich ein
anmutiges Bild: der Schnee, die wendischen Trachten und die funkelnde Sonne
darüber.
    Die Gutsherrschaft nahm wieder ihren Weg durch die Nussbaumallee. Als sie,
einbiegend, an die Hoftür kamen, stand Krist an der untersten Steinstufe und zog
seinen Hut. Die silberne Borte daran war längst schwarz, die Kokarde verbogen.
Berndt, als er seines Kutschers ansichtig wurde, trat an ihn heran und sagte
kurz:
    »Fünf Uhr vorfahren! Den kleinen Wagen.«
    »Die Braunen, gnädiger Herr?«
    »Nein, die Ponies.«
    »Zu Befehl!« Mit diesen Worten traten unsere Freunde ins Haus zurück.
 
                                Sechstes Kapitel
                                    Am Kamin
Punkt fünf Uhr war Krist vorgefahren; Berndt liebte nicht zu warten. Von den
Kindern hatte er kurzen Abschied genommen, um seiner Schwester auf Schloss Guse,
oder der »Tante Amelie«, wie sie im Hohen-Vietzer Hause hiess, einen
nachbarlichen Besuch zu machen. Dass er noch am selben Abend zurückkehren werde,
war nicht anzunehmen; er hatte vielmehr angedeutet, dass aus der kurzen Ausfahrt
eine Reise nach der Hauptstadt werden könne. Die Unruhe seiner Empfindung trieb
ihn hinaus. Den Weihnachtsaufbau, wie seit Jahren, hatte er sich auch heute
nicht nehmen lassen wollen, aber kaum frei, im Gefühl erfüllter Pflicht,
schlugen seine Gedanken die alte Richtung ein. Es drängte ihn nach Aktion oder
doch nach Einblick in die Weltändel; ein Bedürfnis, das ihm die Enge seines
Hauses nicht befriedigen konnte. In der Unterhaltung, das hatte Lewin bei Tische
empfunden, tat er sich Zwang an, und das Gefühl davon nahm auch dem Gespräch der
Kinder jede freie Bewegung. Eine gewisse Befangenheit griff Platz.
    So kam es, dass man die Abwesenheit des Vaters, bei aufrichtigster Liebe zu
ihm, fast wie eine Befreiung empfand; Herz und Zunge konnten ihren Weg gehen,
wie sie wollten. Unsere Hohen-Vietzer Geschwister empfanden übrigens, wie kaum
erst versichert zu werden braucht, nicht kleiner oder selbstsüchtiger als andere
im Lande; sie wollten nur nicht gezwungen sein, über den »Bösesten der Menschen«
immer wieder und wieder zu sprechen, als wäre nichts Sprechenswertes in der Welt
als dieser eine.
    Sie hatten sich samt Tante Schorlemmer im Wohnzimmer eingefunden und sassen
jetzt, es mochte die siebente Stunde sein, um den hohen altmodischen Kamin. Mit
ihnen war Marie, die Freundin Renatens, des reichen Kniehase dunkeläugige
Tochter, deren Besuch für diesen Abend angekündigt war. Jede der drei Damen war
nach ihrer Weise beschäftigt. Renate, dem Kamin zunächst sitzend, hielt einen
Palmenfächer in der Rechten, mit dem sie die Flamme bald anzufachen, bald sich
gegen dieselbe zu schützen suchte; Tante Schorlemmer strickte mit vier grossen
Holznadeln an einem Shawl, der wie ein Vlies neben ihrem Lehnstuhl niederfiel;
Marie blätterte neugierig in einer grönländischen Reisebeschreibung, die ihr
Tante Schorlemmer zum Heiligen Christ beschert und mit einem Widmungsverse aus
Zinzendorf ausgestattet hatte. Zwischen Marie und Lewin, aber keineswegs als
eine Scheidewand, stand der Weihnachtsbaum, den Jeetze von der Halle her
hereingetragen hatte. Das Plündern, das Sache Lewins war, nahm eben seinen
Anfang. Jede goldene Nuss, die er pflückte, warf er in hohem Bogen über die
Spitze des Baumes fort, an dessen entgegengesetzter Seite Marie mit glücklicher
Handbewegung danach haschte. Im Werfen und Fangen jedes gleich geschickt.
    Lewin freute sich dieses Spieles; zudem war er von alters her nie besserer
Laune, als wenn er sich den Süssigkeiten des Weihnachtsbaumes gegenübersah. Das
Naschen war sonst nicht seine Sache, aber die Pfennigreiter, die Nonnen, die
Fische machten ihn kritiklos und liessen ihn einmal über das andere versichern,
»dass in dem plattgedrücktesten Pfefferkuchenbild immer noch ein Tropfen vom
himmlischen Manna sei«.
    Die gute Laune Lewins steigerte sich bald bis zu Neckerei, unter der niemand
mehr zu leiden hatte als Tante Schorlemmer. »Du sollst den Feiertag heiligen«,
rief er ihr zu und wies dabei auf die vier hölzernen Stricknadeln, die, wie sich
von selbst versteht, nach dieser scherzhaften Reprimande nur um so eifriger zu
klappern begannen. Endlich wurde es ihr zuviel. Sie verfärbte sich und
resolvierte kurz: »Meine Grönländer können nicht warten.«
    Da wir nun im langen Verlauf unserer Erzählung nirgends einen Punkt
entdecken können, der Raum böte für eine biographische Skizze unter dem Titel
»Tante Schorlemmer«, so halten wir hier den Augenblick für gekommen, uns unseres
Pflicht gegen diese treffliche Dame zu entledigen. Denn Tante Schorlemmer ist
keine Nebenfigur in diesem Buche, und da wir ihr, nach flüchtiger Bekanntschaft
in Flur und Kirche, an dieser Stelle bereits zum dritten Male begegnen, so hat
der Leser ein gutes Recht, Aufschluss darüber zu verlangen, wer Tante Schorlemmer
denn eigentlich ist.
    Tante Schorlemmer war eine Herrnhuterin. Eines Tages, das lag nun dreissig
Jahre zurück, war ihr, der damaligen Schwester Brigitte, Mitteilung gemacht
worden, dass Bruder Jonatan Schorlemmer, zur Zeit in Grönland, eine eheliche
Gefährtin wünsche, bereit, ihm in seinem schweren Werke zur Seite zu stehen. Sie
hatte diesem Rufe gehorsamt, ihre Wäsche gezeichnet und war mit dem nächsten
dänischen Schiff von Hamburg aus gen Norden gefahren. An einem Tage, der keine
Nacht hatte, war sie in Grönland gelandet, Bruder Schorlemmer hatte sie
empfangen und ihren Bund persönlich eingesegnet. Die Ehe blieb kinderlos, dessen
sich jedoch beide in christlicher Ergebung getrösteten. So vergingen ihnen zehn
glückliche Jahre. Zu Beginn des elften starb Jonatan Schorlemmer an einem
Lungenkatarrh und wurde in einem mit Seehundsfell beschlagenen Sarge begraben.
Seine Witwe aber, nachdem sie die Bevölkerung mit allem, was sie hatte,
beschenkt und jedem einzelnen versichert hatte, ihn nie vergessen zu wollen,
kehrte mit dem Grönlandschiff zunächst nach Kopenhagen und von dort aus in die
deutsche Heimat zurück.
    In die deutsche Heimat, aber nicht nach Herrnhut. Auf der weiten Rückreise
Berlin berührend, wo ihr einige Anverwandte lebten, beschloss sie, im Kreise
derselben zu verbleiben, und bezog in jenem Stadtteile, der fünfzig Jahre früher
den einwandernden Böhmischen Brüdern und Herrnhutern als Wohnplatz angewiesen
worden war, ein bescheidenes Quartier. In diesen kleinen Häusern der
Wilhelmsstrasse würde sie ihr stilles und treues Leben sehr wahrscheinlich
beschlossen haben, wenn ihr nicht eines Tages ein Blatt ins Haus geflogen wäre,
auf dem sie das Folgende las: »Eine ältere Frau, am liebsten Witwe, wird zur
Führung eines Haushaltes auf dem Lande gesucht. Eine Tochter von zwölf Jahren
soll ihrer besonderen Obhut anvertraut werden. Bedingungen: Verträglichkeit und
Christlichkeit. Anfragen sind zu richten an: B.v.V., poste restante Küstrin.«
Tante Schorlemmer schrieb; alles Geschäftliche erledigte sich schnell. Um
Weihnachten 1806 traf sie in Hohen-Vietz ein, in dessen Herrenhause gerade
damals ein trübes Christfest gefeiert wurde. Man trat sich gegenseitig
vertrauungsvoll entgegen, und nach wenig Wochen schon begann der Einfluss unserer
Freundin sich geltend zu machen. Nicht das Glück, aber Ruhe und Friede waren in
ihrem Geleit. Renate hing ihr an, Lewin verehrte ihre Fürsorge, Berndt von
Vitzewitz hatte einen tiefen Respekt vor ihrem Herrnhutertume.
    Und darin unterschied er sich freilich von seinen Kindern. Diese beugten
sich wohl vor der Aufrichtigkeit, aber nicht vor der Tiefe von Tante
Schorlemmers christlichem Gefühl. Ihre Leidenschaftslosigkeit, die dem Vater so
wohl tat, erschien den Geschwistern einfach als Schwäche. Nach Ansicht beider
gebrauchte sie ihr Christentum wie eine Hausapoteke; und darin lag etwas
Wahres. Für alle mehr gewöhnlichen Fälle hatte sie das Sal sedativum einer
frommen Alltagsbetrachtung, wie »Rechte Treu kennt keine Scheu« oder »So dunkel
ist keine Nacht, dass Gottes Auge nicht drüber wacht«; für ernstere Fälle jedoch
griff sie nach dem starken und nervenerfrischenden Sal volatile irgendeines
Kraftspruches: »Was will Satan und seine List, wenn mein Herr Jesus mit mir
ist.« Das unterscheidende Merkmal zwischen den schwachen und starken Mitteln
bestand im wesentlichen darin, dass in den letzteren jedesmal der Böse
herausgefordert und ihm die Nutzlosigkeit seiner Anstrengungen entgegengehalten
wurde. Alle diese Sprüche aber, ob schwach oder stark, wurden ebensosehr im
festen Glauben an ihre innewohnende Kraft wie mit der äussersten Seelenruhe
vorgetragen. Und da steckte die Schuld oder doch das, was den Geschwistern als
Schuld erschien. Diese Seelenruhe, die sich neben dem Mass geforderter Teilnahme
oft wie Teilnahmlosigkeit ausnahm, reizte die jungen Gemüter und stellte ihre
Geduld auf manche harte Probe. Berndt verstand dies stille Christentum besser
und hatte an sich selbst erfahren, dass der Trost aus dem Worte Gottes mehr war
als der Wortetrost der Menschen.
    So war Tante Schorlemmer. - Das Scherzen über ihre vorgeblich freie Stellung
zum dritten Gebot hatte sie einen Augenblick ernstlich verdrossen; Lewin aber,
ohne dessen zu achten, fuhr in seinen Neckereien fort: »Unsere Freundin scheint
übrigens keine Ahnung zu haben, welch hoher Besuch inzwischen vor dem Herrnhuter
Gemeindehaus gehalten hat.«
    »Wer?« riefen die beiden Mädchen.
    »Niemand Geringeres als Napoleon selbst. In der Nacht vom elften zum
zwölften. Und die Herrnhuter haben wieder versäumt, sich heroisch in die
Weltgeschichte einzuführen. Sie haben den Kaiser angegafft, soweit es bei Nacht
und Schneetreiben möglich war, und haben ihn weiterfahren lassen. Das macht,
weil der herrnhutische Mut im Auslande lebt, in China, in Grönland, in
Hohen-Vietz. Überall ist er, nur nicht daheim. Tante Schorlemmer, dessen bin ich
gewiss, hätte ihn verhaften und als Weltfriedensbrecher vor Gericht stellen
lassen.«
    Die Angeredete drohte mit einer ihrer grossen Nadeln zu Lewin hinüber, dem es
übrigens nahe bevorstand, sich aus dem Angriff in die Verteidigung gedrängt zu
sehen. Der »Empereur« war nicht umsonst zitiert worden; einmal in das Gespräch
hineingezogen, gleichviel ob im Ernst oder Scherz, begann er seine Macht zu
üben, und Lewin, wenigstens momentan des neckischen Tones vergessend, begann ein
Bild jener fluchtartigen Reise zu geben, die den zum ersten Mal von seinem Glück
verlassenen Kaiser in vierzehntägiger Fahrt von Smolensk bis in seine Hauptstadt
zurückgeführt hatte. Er gab Altes und Neues, bei einzelnen Punkten länger
verweilend, als vielleicht nötig gewesen wäre.
    Tante Schorlemmer und Marie waren der Erzählung aufmerksam gefolgt; Renate
aber warf hin: »Vorzüglich, und wie belehrend! Ein wahrer Generalbericht über
russisch-deutsche Poststationen. Oh, ihr grossstädtischen Herren, wie seid ihr
doch so schlechte Erzähler, und je schlechter, je klüger ihr seid. Immer
Vortrag, nie Geplauder!«
    »Sei's drum, Renate; ich will nicht widersprechen. Aber wenn wir schlechte
Erzähler sind, so seid ihr Frauen noch schlechtere Hörer. Ihr habt keine Geduld,
und die Wahrnehmung davon verwirrt uns, lässt uns den Faden verlieren und fahrt
uns, links und rechts tappend, in die Breite. Ihr wollt Guckkastenbilder: Brand
von Moskau, Rostoptschin, Kreml, Übergang über die Beresina, alles in drei
Minuten. Die Erzählung, die euch und euer Interesse tragen soll, soll bequem wie
eine gepolsterte Staatsbarke, aber doch auch handlich wie eine Nussschale sein.
Ich weiss wohl, wo die Wurzel des Übels steckt: der Zusammenhang ist euch
gleichgiltig; ihr seid Springer.«
    Renate lachte. »Ja, das sind wir; aber wenn wir zuviel springen, so springt
ihr zuwenig. Eure Gründlichkeit ist beleidigend. Immer glaubt ihr, dass wir in
der Weltgeschichte weit zurück seien, und wir wissen doch auch, dass der Kaiser
in Paris angekommen ist. Oh, ich könnte Bulletins von Hohen-Vietz aus datieren.
Aber lassen wir unsere Fehde, Lewin. Was ist es mit den roten Scheiben im
Schlosshof von Berlin? In der Zeitung war eine Andeutung; Katinka schrieb
ausführlicher davon.«
    »Was schrieb sie?«
    »Wie du nur bist. Nun kümmert dich wieder, was Katinka schrieb. Dass ich so
töricht war, den Namen zu nennen.«
    Lewin suchte seine flüchtige Verlegenheit zu verbergen. »Du irrst, ich
schweife nicht ab; mich hat das Phänomen lebhaft beschäftigt. Es kam dreimal; am
dritten Tage habe ich es gesehen.«
    »Und was war es?«
    »An allen drei Tagen, etwa eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang, erglühten
plötzlich die oberen Fenster des alten Schlosshofes. Die Wachen meldeten es. Da
die Sonne längst unter war, so dachte man an Feuer. Aber es fand sich nichts.
Auf dem neuen Schlosshof blieben die Fenster dunkel. Die Leute sagen, es bedeute
Krieg.«
    »Ein leichtes Prophezeien«, bemerkte Tante Schorlemmer ruhig. »Wir hatten
Krieg in diesem Jahre und werden ihn mit in das neue hinübernehmen.«
    »Ich glaube«, fuhr Lewin fort, »der ganze Vorgang wäre schnell vergessen
worden, wenn nicht eines unserer Blätter, das euch nicht zu Händen kommt, am
zweitfolgenden Tage schon eine Geschichte gebracht hätte, die bei allem Dunklen
ersichtlich darauf berechnet war, der Erscheinung im Schloss eine tiefere
Bedeutung zu geben, so etwas wie Zeichen und Wunder.«
    »O erzähle!«
    »Ja. Aber du darfst nicht ungeduldig werden.«
    »Bist du empfindlich?«
    »Wohlan denn. Es ist eine Geschichte aus dem Schwedischen. Die Überschrift,
die das Blatt ihr gab, war: Karl XI. und die Erscheinung im Reichssaale zu
Stockholm. Ich bürge nicht dafür, dass ich alles genauso wiedergebe, wie's in dem
Blatte stand, aber in den Hauptstücken bin ich meiner Sache gewiss. Was man gern
hat, behält man. Gedächtnis ist Liebe, sagte Tubal noch gestern, und selbst
Katinka stimmte bei.«
    Bei dem Namen Tubal kam das Erröten an Renate. Lewin aber, als ob er es
nicht bemerkt habe, fuhr fort: »Karl XI. war krank. Er lag schlaflos zu später
Stunde in seinem Zimmer und sah nach der anderen Seite des Schlosshofes hinüber,
auf die Fenster des Reichssaales. Bei ihm war niemand als der Reichsdrost
Bjelke. Da schien es dem König, dass die Fenster des Reichssaales zu glühen
anfingen, und darauf hindeutend, fragte er den Reichsdrosten: Was ist das für
ein Schein? Der Reichsdrost antwortete: Es ist der Schein des Mondes, der gegen
die Fenster glitzert. In demselben Augenblick trat der Reichsrat Oxenstierna
herein, um sich nach dem Befinden des Königs zu erkundigen, und der König,
wieder auf die glühenden Scheiben deutend, fragte den Reichsrat: Was ist das für
ein Schein? Ich glaube, das ist Feuer. Auch der Reichsrat antwortete: Nein,
gottlob, das ist es nicht; es ist der Schein des Mondes, der gegen die Fenster
glitzert. Die Unruhe des Königs wuchs aber, und er sagte zuletzt: Gute Herren,
da geht es nicht richtig zu; ich will hingehen und erfahren, was es sein kann.
Sie gingen darauf einen Korridor entlang, der an den Zimmern Gustav Erichsons
vorüberführte, bis dass sie vor der grossen Türe des Reichssaales standen. Der
König forderte den Reichsdrosten auf, die Tür zu öffnen, und als dieser bat, in
dieser Nacht die Tür geschlossen zu lassen, nahm der König selbst den Schlüssel
und öffnete. Als er den Fuss auf die Schwelle setzte, trat er hastig zurück und
sagte: Gute Herren, wollt ihr mir folgen, so werden wir sehen, wie es sich hier
verhält; vielleicht dass der gnädige Gott uns etwas offenbaren will. Sie
antworteten: Ja.«
    Hier wurde Lewin unterbrochen. Jeetze trat ein, um eine Schale mit Obst auf
den Tisch zu stellen, Erdbeeräpfel und Gravensteiner, die in Hohen-Vietz
vorzüglich gediehen. Tante Schorlemmer benutzte die Unterbrechung, um einige
wirtschaftliche Ordres zu geben, Renate aber bemerkte: »Ich vermisse die
Beziehungen; aber freilich, je geheimnisvoller, desto anregender für die
Phantasie.«
    Lewin nickte zustimmend. »Dieser Eindruck wird sich bei dir steigern.« Dann
fuhr er fort: »Als König Karl und die beiden Räte eingetreten waren, wurden sie
eines langen Tisches gewahr, an dem eine Anzahl ehrwürdiger Männer sassen, in
ihrer Mitte ein junger Fürst; als solchen bezeichnete ihn der Tron, der, mit
Wappenschildern und roten Teppichen behangen, unmittelbar in seinem Rücken
aufgerichtet war. Es war ersichtlich, man sass zu Gericht. Am unteren Ende des
Tisches stand ein Richtblock, und um den Block her, in weitem Halbkreis, standen
Angeklagte, reich gekleidet, aber nicht in der Tracht, die damals in Schweden
getragen wurde. Die zu Gericht sitzenden Männer zeigten auf die Bücher, die sie
in Händen hielten; sie wollten dem jungen Fürsten nicht zu Willen sein, der aber
schüttelte hochmütig den Kopf und wies an das untere Ende des Tisches, wo jetzt
Haupt um Haupt fiel, bis das Blut längs dem Fussboden fortzuströmen begann. König
Karl und seine Begleiter wandten sich voll Entsetzen von dieser Szene ab; als
sie wieder hinblickten, war der Tron zusammengebrochen. Der König aber, indem
er des Reichsdrosten Bjelke Hand ergriff, rief laut und bittend: Welche ist des
Herren Stimme, die ich hören soll? Gott, wann soll das alles geschehen?
    Und als er Gott zum dritten Male angerufen hatte, klang ihm die Antwort:
Nicht soll dies geschehen in deiner Zeit, wohl aber in der Zeit des sechsten
Herrschers nach dir. Es wird ein Blutbad sein, wie nie dergleichen im
schwedischen Lande gewesen. Dann aber wird ein grosser König kommen und mit ihm
Frieden und eine neue Zeit. Und als dies gesprochen war, schwand die
Erscheinung. König Karl hielt sich mühsam. Dann, über denselben Korridor, kehrte
er in sein Schlafgemach zurück. Die beiden Räte folgten.«
    Lewin schwieg. Im Wohnzimmer war es still geworden; der Fächer ruhte, selbst
die Stricknadeln ruhten; jeder blickte vor sich hin. Nach einer Pause fragte
Renate: »Wer war der sechste Herrscher in Schweden?«
    »Gustav IV.; sein Tron ist zusammengebrochen«.
    »So hältst du das Ganze für echt und ehrlich, für eine wirkliche Vision?«
    »Ich sage nicht ja und nicht nein. Das Schriftstück, das über diesen Hergang
berichtet, liegt im Stockholmer Archiv. Es ist von des Königs Hand in selbiger
Nacht geschrieben; seine beiden Begleiter haben es mit unterzeichnet. Die
Handschriften sind beglaubigt. Ich habe weder das Recht noch den Mut, solchen
Erscheinungen die Möglichkeit abzusprechen. Lass mich sagen, Renate, wir haben
nicht das Recht.«
    Lewin betonte das »wir«. Dann aber wandte er sich, einen scherzhaften Ton
wieder aufnehmend, an Tante Schorlemmer und Marie und drang in sie, ihren
Glauben oder Unglauben solchen Erscheinungen gegenüber auszusprechen.
    Marie stand auf. Jeder sah erst jetzt, welchen tiefen Eindruck die Erzählung
auf sie gemacht. Sie drückte die Tannenzweige, die sie mittlerweile, ohne zu
wissen warum, zerpflückt hatte, zu einem Knäuel zusammen und warf alles in die
halb niedergebrannte Glut. Der rasch aufflackernden Flamme folgte eine
Rauchwolke, in der sie nun, einen Augenblick lang, selbst wie eine Erscheinung
stand, nur die Umrisse sichtbar und die roten Bänder, die ihr über Haar und
Nacken fielen. Es bedurfte ihrerseits keines weiteren Bekenntnisses; sie selber
war die Antwort auf die Frage Lewins.
    Tante Schorlemmer aber, die Stricknadeln wieder aufnehmend, schüttelte
unmutig den Kopf und zitierte dann, als ob sie ein Gespenster beschwörendes
Vaterunser vor sich hin bete, mit rascher und deutlicher Stimme:
»Unter Gottes Schirmen
Bin ich vor den Stürmen
Alles Bösen frei.
Lass den Satan wittern.
Lass den Feind erbittern,
Mir steht Jesus bei.«
 
                               Siebentes Kapitel
                                    Im Kruge
Dorf Hohen-Vietz (es hatte auch »ausgebaute Lose«) beschränkte sich in seinem
Innenteil auf eine einzige langgestreckte Strasse, die, dem Fusse des Hügels
folgend, nach Norden hin mit dem Vitzewitzeschen Rittergute, nach Süden hin mit
einem grossen Mühlengehöft abschloss.
    Das Rittergut, soweit seine Baulichkeiten in Betracht kommen, bestand aus
zwei hufeisenförmigen Hälften, von denen die eine sich aus den drei Flügeln des
Herrenhauses, die andere aus Ställen und Scheunen des gutsherrlichen Gehöftes
zusammensetzte. Die offenen Seiten beider Hufeisen waren einander zugekehrt,
zwischen beiden lief ein zugleich als Auffahrt dienender Steindamm, der in
seiner Verlängerung hügelansteigend in die mehrgenannte Nussbaumallee überging.
    Freundlicher noch als das Rittergut lag die Mühle, die eine Öl- und
Schneidemühle war. Ein Wasser, das mit starkem Gefälle am Dorf vorüberfloss,
trieb beide Werke. Jetzt war der Bach gefroren. Schnee und Eis aber, die in
phantastischen Formen an den grossen Triebrädern hingen, steigerten, wenn nicht
den idyllischen, so doch den malerischen Reiz des weitschichtigen, aus Häusern,
Schuppen und Lagerräumen bunt zusammengewürfelten Gehöftes.
    Rittergut und Mühle die Flügelpunkte; dazwischen die Strasse, die ihre
dreissig Häuser oder mehr ziemlich unregelmässig auf beide Seiten verteilt hatte.
Die linke Seite, die östliche, war die bevorzugte. Hier lagen die Pfarre, die
Schule, der Schulzenhof, während die rechte Seite, die fast ausschliesslich von
Büdnern und Tagelöhnern bewohnt wurde, nur ein einziges stattliches Gebäude
aufwies: den Krug.
    In diesen treten wir jetzt ein. Er hatte nicht das Ansehen wie sonst wohl
Dorfkrüge, dazu fehlte ihm der auf Holzsäulen ruhende, jedem vorfahrenden Wagen
als Wetterdach dienende Giebelbau, vielmehr sprang eine doppelarmige, aus
Backsteinen aufgemauerte Treppe vor, die fast ein Dritteil der unteren Hausfront
ausfüllte. Auch das Geländer war von Stein. Dieser äusseren Erscheinung, die mehr
Städtisches als Dörfisches hatte, passte sich auch die innere Einrichtung an. Von
den zwei Gastzimmern, die durch den fliesenbedeckten Flur getrennt waren, zeigte
das eine mit seinen blankgescheuerten Tischen und hochlehnigen Schemelstühlen,
in die ein Herz geschnitten war, allerdings noch den Krugcharakter, das andere
aber mit Mullgardinen und eingerahmten Kupferstichen, darunter Schill und der
Erzherzog Karl, glich fast in allem einer Bürgerressourcenstube und hatte sogar
einen Lesetisch, auf dem, neben dem »Lebuser Amtsblatt«, der »Beobachter an der
Spree« und die »Berlinischen Nachrichten von Staats und gelehrten Sachen«
ausgebreitet lagen. Alles verriet Behagen und Wohlhabenheit und durfte es auch,
denn über beides verfügten die Hohen-Vietzer Bauern, die hier ihr Solo spielten,
in ausgiebigster Weise. Ihre Hörigkeit, wenn sie je vorhanden gewesen war, hatte
in diesen Gegenden, wo dem herrenlosen Bruch- und Sumpflande immer neue Strecken
fruchtbaren Ackers abgewonnen wurden, seit lange glücklicheren Verhältnissen
Platz gemacht, und Berndt von Vitzewitz, weil er selbst frei fühlte, freute sich
nicht nur dieser wachsenden Selbständigkeit, sondern kam ihr überall entgegen.
Ein Ereignis aus seinen jüngeren Jahren her hatte dazu beigetragen. Kurz vor dem
zweiundneunziger Feldzug, als er - noch von seiner Garnison aus - einen Besuch
in der Salzwedler Gegend machte, hatte ein Schloss-Tylsener Knesebeck, ein
ehemaliger Regimentskamerad, ihn vom Schloss aus ins Dorf geführt und dabei die
Worte zu ihm gesprochen: »Seht, Vitzewitz, hier werdet Ihr etwas kennenlernen,
was Ihr Euer Lebtag noch nicht gesehen habt: freie Bauern.« Und diese Worte,
dazu die Bauern selbst, hatten eines tiefen Eindrucks auf ihn nicht verfehlt.
Das lag nun zwanzig Jahre zurück, war aber unvergessen geblieben und den
Hohen-Vietzern mehr als einmal zugute gekommen.
    Auch heute, am Weihnachtstage 1812, hatten sich einige bäuerliche
Honoratioren, alles Männer von Mitte Fünfzig und darüber, in der Gaststube
versammelt. Es waren ihrer vier: Ganzbauer Kümmeritz, Andertalbbauer Kallies,
Ganzbauer Reetzke und Ganzbauer Krull, lauter echte Hohen-Vietzer, die, seit
unvordenklichen Zeiten an dieser Stelle sässig, mit den Vitzewitzen das alte
Höhendorf bewohnt und verlassen, dazu auch gemeinschaftlich mit ihnen die guten
und schlechten Zeiten durchgemacht hatten. Alle waren festtäglich gekleidet,
trugen lange, dunkelfarbige Röcke und sassen, mit Ausnahme eines von ihnen, grade
aufrecht in den breiten, gartenstuhlartigen Holzsesseln, die zu acht oder zehn
um einen grossen, rotbraun gestrichenen Rundtisch herum standen.
    Als fünfter hatte sich ihnen der Wirt selber, der Krüger Scharwenka,
zugesellt, der durch Erbschaft von Frauensseite her ein Doppelbauer und
überhaupt der reichste Mann im Dorfe war, nichtsdestoweniger aber, trotz seiner
sechshundert Morgen Bruchacker unterm Pflug, nicht für voll und ebenbürtig
angesehen wurde. Das hatte zwei gute Bauerngründe. Der eine lief darauf hinaus,
dass erst sein Grossvater, bei Urbarmachung des Oderbruchs, mit andern böhmischen
Kolonisten ins Dorf gekommen war; der andere wog schwerer und gipfelte darin,
dass er, allem Abmahnen zum Trotz, von dem wenig angesehenen Geschäft des
»Krügerns« nicht lassen wollte. Scharwenka, sooft dieser heikle Punkt zur
Sprache kam, pflegte sich auf seinen Grossvater selig zu berufen, der ihm von
Kindesbeinen an beigebracht habe: Dukaten seien nie despektierlich. Der
eigentliche Grund aber, warum er den Bierschank und das »Knechte Bedienen« nicht
aufgeben wollte, lag keineswegs bei den Dukaten. Es war dem reichen Doppelbauer
viel weniger um den hübschen Krugverdienst als um die tagtägliche Berührung mit
immer neuen Menschen zu tun; das Plaudern, vor allem das Horchen, das
Bescheidwissen in anderer Leute Taschen, das war es, was ihn bei der
Gastwirtschaft festielt. Er setzte seinen Stolz darin, die Nachricht von einer
bäuerlichen, durch die Verhältnisse notwendig gewordenen Mesalliance
vierundzwanzig Stunden früher zu haben als jeder andere. Subhastationen konnte
er voraus berechnen wie die Kalendermacher das Wetter; seine eigentliche
Spezialität aber waren die der Feuerlegung verdächtigen Windmüller. Die Liste,
die er darüber führte, umfasste so ziemlich das ganze Gewerk.
    So Krüger Scharwenka.
    Seinen Platz hatte er gerade der Türe gegenüber genommen, um jeden
Eintretenden sehen und begrüssen zu können. Unmittelbar neben ihm sassen Reetzke
und Krull, die schon seit einer Stunde rauchten und schwiegen, ganz im Gegensatz
zu Kümmeritz und Kallies, die beide von den Gesprächigen waren. Auch von ihnen
ein Wort.
    Ganzbauer Kümmeritz, trotz seiner Fünfzig, hatte durchaus die Haltung und
das Ansehen eines alten Soldaten. Und beides kam ihm zu. Er war erst Grenadier,
dann Gefreiter im Regiment Möllendorf gewesen, hatte die Rheinkampagne
mitgemacht und zweimal die Weissenburger Linien mit erstiegen. War dann bei
Kaiserslautern verwundet worden und hatte den Abschied genommen. Er vertrat in
diesem Kreise, neben dem Schulzen Kniehase, der heute zufällig ausgeblieben war,
die Traditionen der preussischen Armee, kontrollierte den Kaiser Napoleon, malte
seine Schlachten auf den Tisch und hielt die Ansicht aufrecht, dass Jena, »wo wir
den Sieg ja schon in Händen hatten«, nur durch einen Schabernack
verlorengegangen sei.
    Das volle Gegenteil von Kümmeritz war Andertalbbauer Kallies, ein
schmalschultriger, langaufgeschossener Mann. Geistig regsam, aber schwach und
widerstandslos von Charakter, musste er es sich gefallen lassen, geneckt und
gehänselt zu werden, wozu schon, alles andere unerwogen, sein Beiname
herauszufordern schien. Er war nämlich, als er kaum laufen konnte, in eine grosse
Rahmbutte oder Sahnenschüssel gefallen und hiess seitdem in sehr bezeichnender
Weise »Sahnepott«. Denn es war ihm sein lebelang etwas Milchernes geblieben.
    Alle fünf dampften jetzt aus langen holländischen Pfeifen; neben jedem lag
ein Zündspan. Kallies hatte das Wort. Aus allem ging hervor, dass eben ein
anderer Gast, ein Reisender, ein Kaufmann, wie es schien, das Zimmer verlassen
haben musste.
    »Immer, wenn ich ihn so stehen sehe«, sagte Kallies mit Wichtigkeit, »fällt
mir sein Vater, der alte Tiegel-Schultze, ein; der stand auch immer so da, mit
beiden Händen in den Hosentaschen, und war auch so ein schnackscher Kerl und sah
aus, als hätt er den Gottseibeiuns beim Dreikart betrogen. Scharwenka, du musst
ja den alten Tiegel-Schultze auch noch gekannt haben.«
    Scharwenka nickte; Kümmeritz aber, der eben eine neugestopfte Pfeife
anrauchte, sprach in kurzen Pausen vor sich hin: »Tiegel-Schultze? Soll mich das
Wetter, wenn ich den Namen all mein Lebtag gehört habe. Und bin doch auch ein
Hohen-Vietzer Kind.«
    »Das war, als du bei den Soldaten warst, Kümmeritz. So um die achtziger
Jahre. Nachher war Tiegel-Schultze tot, wenn er überhaupt gestorben ist.«
    Kümmeritz, der wenigstens einen Teil seines wendischen Aberglaubens bei den
Soldaten gelassen hatte, schmunzelte vor sich hin und sagte dann: »Sahnepott,
keine Dummheiten. Immer räsonabel. Wer tot ist, ist tot. Spuken kann er; aber
sterben muss er. Warum hiess er Tiegel-Schultze?«
    »Er hiess Schultze. Aber alle Welt nannt ihn Tiegel-Schultze. Ich bin oft bei
ihm gewesen, wenn ich ihm den Rübsen brachte. Immer bar Geld. Die Schwedter
sagten: Der hat gut bezahlen. Er stand dann hinterm Tisch, immer die Hände in
den Hosen, und sah einen so verflixt an, dass man ganz irre wurde. Aber nie kein
Handel. Scharwenka, das musst du ja wissen.«
    Scharwenka nickte wieder. Sahnepott fuhr fort: »Die Comptoirstube sah aus
wie ein Gefängnis, hoch, weiss und Eisenstangen am Fenster. Nichts war drin als
drei Wandbretter, und auf den Brettern standen viele hundert Tiegel, grosse und
kleine, irdene und tönerne, darum hiess er Tiegel-Schultze. Ein paar sahen
schwarz aus und waren aus Kohle geschnitten.«
    »War er denn ein Schmelzer, ein Goldmacher?«
    »Das war er, und für den Schwedter Markgrafen hat er manchen blanken Klumpen
ausgeschmolzen. Als aber der Markgraf dachte, er könnt es nun selber und hätte
Schultzen alles abgesehen, da wollt er ihn beiseite schaffen, lud ihn aufs
Schloss, suchte Streit mit ihm und feuerte die beiden Läufe seines Suhler
Doppelgewehrs auf ihn ab, die mit zwei goldenen Zwickeln geladen waren. Es waren
solche, wie die pohlschen Edelleute an ihren Röcken tragen. Tiegel- aber lachte,
fing die beiden Zwickel mit seiner Linken auf, denn er war eine Linkepoot,
zeigte sie dem Markgrafen und sagte: Die trag ich nun zum Andenken an meinen
gnädigen Herrn.«
    Es war ersichtlich, dass Kallies, der jetzt volles Fahrwasser unterm Kiel
hatte, den Zeitpunkt für gekommen hielt, sich über das Geschlecht der
Tiegel-Schultzen, über Raps, Goldmachen und die Undankbarkeit des Schwedter
Markgrafen des weiteren verbreiten zu dürfen. Aber ehe es geschehen konnte, trat
ein neuer Gast ein, der nun der Unterhaltung eine andere Wendung gab.
    Der Neueintretende war der Müller Mieklei, dem die Öl- und Schneidemühle am
Südende des Dorfes zugehörte. Er war unter Mittelstatur, trug einen hellgrauen
Rock und hatte in seinem Gesicht jenen eigentümlichen Ausdruck, den man bei fast
allen Landleuten findet, die innerhalb der religiösen Kontroverse stehen,
Sektierer sind oder es werden wollen. Wo geistige Arbeit von Jugend auf ihre
Züge in das Antlitz schreibt, da ist der Sektiererzug nur ein Zug unter anderen
Zügen, einer unter vielen, in deren Gesamteit er wie verlorengehen oder doch
übersehen werden kann; bei Landleuten aber tritt er ganz unverkennbar hervor,
und um so mehr, je weniger er die Herrschaft zu teilen hat. Dieser Sektiererzug,
in dem sich Sinnlichkeit und Entsagung, Hochmut und Demut mischen, lag auch in
Müller Mieklei ausgesprochen, der im übrigen ein gewissenhafter Mann war, auf
Hausehre hielt und sich der besonderen Protektion Tante Schorlemmers zu erfreuen
hatte. Es konnte dies geschehen, ohne nach irgendeiner Seite hin Anstoss zu
geben, da Mieklei nicht eigentlich aus der Landeskirche ausgetreten war,
vielmehr regelmässig die Predigten Seidentopfs hörte und nur alle Vierteljahr
einmal aus dem »tieferen Quell« des Kandidaten Uhlenhorst schöpfte, wenn dieser,
das Bruch und die Neumark bereisend, in Hohen-Saten alle Konventikler von
diesseits und jenseits der Oder um sich versammelte. Das war denn freilich ein
Fest- und Ehrentag. Alles ruhte, das beste Gespann kam aus dem Stall, und wenn
die Wege grundlos gewesen wären, unser altluterischer Müller hätte sich's zur
ewigen Sünde gerechnet, das Manna versäumt zu haben.
    Mieklei setzte sich links neben Kümmeritz. Dieser, wohl wissend, dass jetzt
ein geistlicher Diskurs unvermeidlich geworden sei, kam ihm zuvor und fragte:
»Nun, Mieklei, wie hat Euch heute die Predigt gefallen?«
    »Gut, Kümmeritz, von Herzen gut, trotzdem er nichts davon gesagt hat, dass
uns an diesem Tage zu Betlehem im judäischen Lande das Heil geboren wurde. Noch
weniger hat er von dem eingeborenen Sohne Gottes gesprochen. Uhlenhorst würde
den Kopf geschüttelt haben. Aber er hat gesprochen wie ein braver Mann. Ich kenn
ihn wohl, er hat ein preussisches Herz.«
    »Und ein christliches dazu«, riefen die anderen alle wie aus einem Munde.
    »Er zetert nicht«, nahm Kallies das Wort, »er verdammt nicht; er ist kein
Pharisäer. Er hat die Demut, Mieklei, und das ist die Hauptsache.«
    »Sahnepott hat recht«, bekräftigte Kümmeritz. »Da ist kein zweiter hier
herum, der sich mit unserm Seidentopf messen könnte. Er hat nur einen Fehler, er
ist zu gut und zu leichtgläubig und sieht alles, wie er es wünscht. Über der
Ägypter Heer, so sagte er, seien die grossen Wasser zusammengeschlagen. Aber
König Pharao sitzt wieder in seiner Hauptstadt und spinnt die alten Fäden. Noch
sind wir im Bündnis mit ihm, und der Himmel mag wissen, ob wir gnädig von ihm
loskommen. Geb uns Gott einen ehrlichen Krieg.«
    »Den wirst du haben, Kümmeritz«, warf hier Mieklei ein, der sich trotz
seines Lutertums einen starken Glauben an Spuk- und Gespenstergeschichten
bewahrt hatte, »den wirst du haben und wir alle mit dir. Die Alt-Landsberger
Mäher haben wieder gemäht, und jeder von euch weiss, was das bedeutet. Sie haben
sieben Tage gemäht, ehe der Alte Fritz in den Krieg zog, und die Stoppeln waren
damals so rot, als ob es Blut geregnet hätte. In diesem November haben sie
wieder gemäht auf kahlem Felde.«
    »Und von Sonnenuntergang her«, rief Scharwenka dazwischen, »das will sagen,
dass der Feind von Westen kommt. Wir werden die Franzosen wieder im Lande haben,
neues, frisches Volk, mit all seinen alten Kniffen und Pfiffen, und wer eine
Tochter im Hause hat, der mag sich vorsehen. Sie haben eine freche Art, und die
Weiber laufen ihnen nach.«
    »Das sollen sie nicht«, versicherte Mieklei, »und wo sie's tun, da falle die
Schande auf uns. Wo böse Lust über Nacht in die Halme schiesst, da lag von Anfang
an eine schlechte Saat in den Herzen; wo aber Zucht ist und Sitte und Gebet, da
hat der Böse keine Macht, auch wenn er sich in einen schlechten Franzosen
verkleidet.«
    Alle nickten zustimmend. »Aber«, fuhr Müller Mieklei fort, »sie sind doch
ein Greuel, nicht weil sie leichtfertig sind, nein, weil sie ein unheiliges Volk
sind. Sie haben sich vermessen, den ewigen Gott des Himmels und der Erde von
Tron und Herrschaft abzusetzen, und beinahe schlimmer noch sie haben sich
vermessen, ihn wieder einzusetzen. Nun haben sie wieder einen Gott, aber er ist
auch danach; es ist kein rechter Christengott, es ist bloss ein französischer
Gott, ein ab- und eingesetzter. Sie kennen nur den Götzendienst ihres Kaisers,
aber keinen Gottesdienst, und sooft ich all die Jahre über einen Franzosen in
unseren Kirchen gesehen habe, so war es nur, um Unheil anzurichten.«
    »Sie haben die Fransen von der Altardecke getrennt, sie haben die goldenen
Stickereien ausgeschnitten; sie haben die Leuchter eingeschmolzen«, riefen
mehrere dazwischen.
    »Oh, sie haben Schlimmeres getan, nicht hier, aber in unserer Nachbarschaft.
Den Görlsdorfer Pastor, der das Kirchen gut versteckt hatte, haben sie bis unter
die Achselhöhlen eingegraben und sind erst in sich gegangen, als er sie bat, ihn
totzuschlagen, anstatt ihn zu martern. In Hohen-Finow haben sie den
Abendmahlswein getrunken und schlechte Lieder gesungen; dann haben sie den
Altartisch aus der Kirche auf der Kirchhof getragen, haben ihre Teufelsknöchel
in den Abendmahlskelch getan und haben gewürfelt. In die Gruft sind sie
hinabgestiegen und haben der jungverstorbenen Frau die seidenen Kleider
abgerissen.«
    »Das haben sie getan«, fiel jetzt Sahnepott mit Wichtigkeit ein, der wie
alle schwachen Naturen eine Neigung zum Übertrumpfen hatte, »aber in Haselberg
haben sie es büssen müssen, wenigstens einer. Die Haselberger Gruft ist, was sie
eine Mumiengruft nennen, es soll ihrer mehrere auf dem Hohen-Barnim geben. Die
Franzosen nun, als sie die Särge aufbrachen, da sahen sie, dass die Toten
unverwest waren. Das gab ein Lachen. Da trugen sie den einen Sarg aus der Gruft
in die Kirche, nahmen den Toten heraus, und da seine Arme beweglich waren,
beschlossen sie, ihn zu kreuzigen. Sie stellten ihn an die Altarwand und
schlugen zwei Nägel durch seine Hände. Die eine Hand aber löste sich wieder ab
und gab im Niederfallen dem einen der Missetäter einen Backenstreich. Das
entsetzte ihn, dass er tot zu Boden stürzte.«
    »Den hat Gott gerichtet«, rief Mieklei. »Und solch Schlag wird sie alle
treffen, und müssten die Toten auferstehen.«
    »Ehe aber Gott seine Wunder tut«, so schloss Kümmeritz das Gespräch, »sollen
wir uns seiner Wunder würdig machen. Nicht wahr, Mieklei? Wir sollen die Hände
nicht in den Schoss legen. Die Alt-Landsberger Mäher haben gemäht; wenn der König
ruft, wer von uns noch Kraft hat zu mähen, der mähe mit. Ich bin's entschlossen.
Das Letzte für Preussen und den König.«
    Die Bauern standen auf und gingen nach entgegengesetzten Richtungen die
Dorfgasse entlang. Nach Norden hin glühte ein roter Schein am Himmel auf.
    »Ist das Feuer?« fragte Krull.
    »Nein«, sagte Mieklei, »es ist ein Nordlicht, der Himmel gibt seine
Zeichen.«
 
                                 Achtes Kapitel
                                 Hoppenmarieken
Hoppenmarieken wohnte auf dem »Forstacker«, an dessen Rande sich, seit hundert
Jahren und länger, eine aus blossen Lehmkaten bestehende Strasse gebildet hatte.
Diese Strasse, von den Hohen-Vietzern immer als etwas Fremdes angesehen, stand
rechtwinklig zu dem eigentlichen Dorf, nahm hundert Schritt hinter dem
Mühlengehöft ihren Anfang und stieg hügelan, in Parallellinie mit der
mehrerwähnten, die Auffahrt zum Herrenhause fortsetzenden Nussbaumallee. Es war
das Armenviertel von Hohen-Vietz, zugleich die Unterkunftsstätte für alle
Verkommenen und Ausgestossenen, eine Art stabil gewordenes Zigeunerlager, das
Abgang und Zugang erfuhr, ohne dass sich die Dorfobrigkeit im einzelnen darum
gekümmert hätte. Der »Forstacker war immer so«. So liess man es gehen und griff
nur ein, wenn grober Unfug eine Bestrafung durchaus erforderte.
    Wie der moralische Stand des Forstackers, so war auch seine Erscheinung. Die
Hütten seiner Bewohner unterschieden sich von den in Front und Rücken derselben
stehenden Kofen in nichts als in dem Herdrauch, der aus ihren Dächern
aufwirbelte. Der Schnee, der jetzt alles überdeckte, stellte vollends eine
Gleichheit her.
    In der letzten, schon auf halber Höhe des Hügels gelegenen Lehmkate wohnte,
womit wir unser Kapitel begannen, Hoppenmarieken. Die Kofen fehlten; statt
dessen fasste ein Heckenzaun das Häuschen ein, welches letztere nach vornhin eine
Tür und ein Fenster, sonst aber nirgends einen Eingang oder eine Lichtöffnung
hatte. Ein Würfel mit bloss zwei Augen. Das Innere bestand aus wenig Räumen. Der
Flur, der nach hinten zu zugleich die Kochgelegenheit hatte, war ebenso schmal
wie tief, dazu völlig dunkel; in Sommerszeit aber erhielt er Licht durch die
offenstehende Tür, während im Winter das auf dem Herd brennende Feuer aushelfen
musste. Neben dem Flur lag die Stube; hinter dieser der Alkoven.
    So war Hoppenmariekens Haus. Wer aber war Hoppenmarieken?
    Hoppenmarieken war eine Zwergin. Wo sie eigentlich herstammte, wusste niemand
mit Bestimmteit zu sagen. Die älteren Hohen-Vietzer erzählten, dass sie vor etwa
dreissig Jahren ins Dorf gekommen und als eine halbe Landstreicherin, wie manche
andere vor ihr und nach ihr, mit wenig günstigen Augen angesehen worden sei. Der
damals lebende Gutsherr aber, Berndt von Vitzewitz Vater, habe Mitleid mit ihr
gehabt und die entgegenstehenden Bedenken mit der halb scherzhaften Bemerkung
niedergeschlagen: »Dafür haben wir den Forstacker.« Schon damals, so hiess es,
habe sie so ausgesehen wie jetzt, ebenso alt, ebenso hässlich, habe dieselben
hohen Wasserstiefel, dasselbe Kopftuch getragen und sei, damals wie heute, schon
auf weitin kennbar gewesen durch den roten Friesrock, die Kiepe auf ihrem
Rücken und den mannshohen, krummstabartigen Stock in ihrer Hand.
    Hoppenmarieken, soviel stand fest, hatte sich seitdem auf dem Forstacker
eingebürgert und war in der ganzen Südhälfte des Oderbruchs die allergekannteste
Person. Dafür sorgte neben ihrer Erscheinung auch ihr Geschäft. Sie hatte deren
mehrere. Zunächst war sie Botenläuferin. Dreimal die Woche, wie immer auch Weg
und Wetter sein mochte, brach sie, je nach dem Postengange, früh morgens oder
spät abends auf, empfing Briefe, Zeitungen, Pakete und kehrte zwölf Stunden
später, sei es von Frankfurt oder von Küstrin, nach Hohen-Vietz zurück. Und
dieser Botendienst, wie er sie überall bekannt gemacht hatte, machte sie
schliesslich, trotz allem, was dann und wann gegen sie laut wurde, auch
wohlgelitten. Jedes freute sich, Hoppenmarieken über den Hof kommen und durch
eine eigentümliche Bewegung ihres Stockes, die etwas Tambourmajorhaftes hatte,
angedeutet zu sehen: »Ich bringe Neuigkeiten.« Alle Landposten sind
wohlgelitten.
    Diese Botendienste bildeten aber nur die Basis ihrer Existenz; wichtiger für
sie oder doch wenigstens einträglicher war das Kommissionsgeschäft, das sie
nebenbei betrieb. Der Eierhandel aller Dörfer andertalb Meilen um Hohen-Vietz
herum lag eigentlich in ihrer Hand, wobei sie sich doppelter Provisionen zu
versichern wusste. Dies ermöglichte sich dadurch, dass das ganze Geschäft auf
Tausch beruhte. Eine Bauerfrau in Zechin oder Wuschewier, die sich ein neues
Kopftuch wünschte, setzte sich, wenn Hoppenmarieken des Weges kam, mit dieser in
Verbindung, packte ihr einen bereitgehaltenen Hahn samt ein paar Stiegen Eier in
die Kiepe und überliess es nun ebenso ihrem Genius wie ihrer Diskretion, das
Kopftuch zu beschaffen. Es kam vor, dass in diesem oder jenem Artikel
Hoppenmarieken den ganzen Markt bestimmte. Man sah in diesen Vorteilen, die ihr
zufielen, einen ehrlichen Verdienst und hatte recht darin. Aber nicht all ihr
Verdienst war so ehrlicher Natur. Auf dem Forstacker wohnten Leute, die, selbst
übel beleumdet, ihr böse Dinge nachsagten. Aber auch im Dorfe selbst wusste man
davon zu erzählen. Die liederlichen Dirnen schlichen sich abends in ihr Haus;
sie wahrsagte, sie legte Karten. Sonntags war sie immer in der Kirche und sang
mit ihrer rauhen Stimme die Gesangbuchlieder mit, von denen sie die bekanntesten
auswendig wusste; aber niemand glaubte, dass sie eine ehrliche Christin sei. Man
hielt sie für einen Mischling von Zwerg und Hexe. Selbst im Herrenhause, wo man
ihr als einer Dorfkuriosität, zum Teil aber auch um ihrer Brauchbarkeit willen
manches nachsah, dachte man im ganzen genommen wenig günstiger über sie. Nur
Lewin stand ihr mit einer gewissen poetischen Zuneigung zur Seite. Er liebte
scherzhaft über sie zu phantasieren. Ihr Alter sei unbestimmbar, sie sei ein
geheimnisvolles Überbleibsel der alten wendischen Welt, ein Bodenprodukt dieser
Gegenden, wie die Krüppelkiefern, deren einige noch auf dem Höhenrücken ständen.
Bei anderen Gelegenheiten wieder, wenn ihm vorgehalten wurde, dass die Wenden
sehr wahrscheinlich schöne Leute gewesen seien, begnügte er sich, sie als ein
Götzenbild auszugeben, das, als der letzte Czernebogtempel fiel, plötzlich
lebendig geworden sei und nun die früher beherrschten Gebiete durchschreite. Er
fügte auch wohl hinzu: Hoppenmarieken werde nie sterben, denn sie lebe nicht.
Sie sei nur ein Spuk. Darin versah er es nun aber ganz und gar; sie lebte nicht
nur, sie lebte auch gern und gut und dabei ganz mit jener sinnlichen Lust, wie
sie den Zwergen immer und den Geizigen in der Regel eigen ist. Und sie war
beides, zwergig und geizig.
    Die Bauern hatten sich nach ihrem Diskurs im Scharwenkaschen Kruge kaum
getrennt, als Hoppenmarieken in dem schweren Schritt ihrer Wasserstiefel die
Dorfgasse heraufkam. Sie ging rasch wie immer, nüsterte und sprach
unverständliche Worte vor sich hin. Ihr langer Hakenstock bewegte sich dabei
taktmässig auf und ab, und ihr roter Friesrock leuchtete.
    Als sie das Mühlengehöft passiert hatte, schwenkte sie links und schritt nun
die verschneite Lehmkaten-und Kofenstrasse hinauf auf ihr Häuschen zu. Die Tür
desselben war nur eingeklinkt, und mit Recht, denn alles, was sich drinnen
befand, stand im Schutze seiner eigenen Unheimlichkeit. Völliges Dunkel empfing
sie; sie tappte, sich mit dem Stocke fühlend, bis in die Mitte des Flurs,
stellte hier Stock und Kiepe beiseite und fuhr dann mit ihrer Hand, die eine
Hornhaut hatte, in der Herdasche umher, bis ein paar glühende Kohlen zum
Vorschein kamen. Sie blies nun, nahm einen Schwefelfaden und zündete mit Hilfe
desselben eine Blechlampe an, ohne übrigens von dem bescheidenen Lichte, das
dieselbe gab, zunächst Gebrauch zu machen. Sie kroch vielmehr in ein grosses,
unmittelbar neben dem Herd befindliches Ofenloch hinein, rührte auch hier mit
einem langen, halb verkohlten Scheit in der tief nach hinten liegenden Glut,
warf Reisig, Tannenäpfel und ein paar Stücke steinharten Torfes auf und trat nun
erst in die Stube.
    Diese war geräumig. Hoppenmarieken leuchtete darin umher, sah in alle
Winkel, tat einen Blick in den nach hinten zu gelegenen Alkoven und drückte
zuletzt, beständig vor sich hin sprechend, ihre Zufriedenheit mit dem
Sachbefunde aus. Die Lampe gab gerade Licht genug, um alles in der Stube
Befindliche erkennen zu können. Neben dem Fenster, dicht an die Ecke geschoben,
stand ein Wandschapp mit Tassen und Tellern; der eichene Tisch war blank
gescheuert; an der Alkoventür hing ein grosser, mitten durchgeborstener
Rundspiegel, von dem es zweifelhaft bleiben mochte, ob er um Eitelkeits oder
Geschäfts willen an dieser Stelle hing. Denn er sah aus, als ob er beim
Wahrsagen und Kartenschlagen notwendig eine Rolle spielen müsse. Im übrigen war
eine gewisse weihnachtsfestliche Herrichtung, für die Hoppenmarieken selber am
Tage vorher gesorgt zu haben schien, unverkennbar. Das Himmelbett hatte frische
Vorhänge, die Dielen waren mit Tannenzweigen bestreut, und an dem Deckenhaken
hing ein Ebereschenzweig, dessen Beeren, trotz vorgeschrittener Winterzeit, noch
ihre schöne rote Farbe zeigten. Alles dies hätte fast einen gemütlichen Eindruck
machen müssen, wenn nicht dreierlei gewesen wäre: erstens Hoppenmarieken in
Person, dann ihre Vogelkäfige und drittens und letztens der Alkoven.
Hoppenmarieken selbst kennen wir; aber von den beiden anderen noch ein Wort.
    An allen vier Wänden hin, dicht unter der Decke, lief eine Reihe von
Vogelgebauern. Wohl zwanzig an der Zahl. Nur wo Bett und Ofen standen, war die
Reihe unterbrochen. Was eigentlich in den Bauern drinsteckte, war nicht klar zu
erkennen gewesen, als Hoppenmarieken mit der Lampe daran hingeleuchtet hatte.
Nur allerhand dunkle Vogelaugen hatten gross und schläfrig in das Licht gestarrt.
Es musste sich einem aufdrängen, das seien wohl die Augen, die bei Abwesenheit
der Herrin hier Wache hielten.
    Dieser seltsame Fries von Vogelbauern, in denen bloss schweigsames Volk zu
Hause zu sein schien, war unheimlich genug, aber unheimlicher war der Alkoven.
Schon der Rundspiegel, der an der Türe hing, bedeutete nichts Gutes. Drinnen war
alles leer: Nur Kräuterbüschel zogen sich hier in ähnlicher Weise um die Wände
herum wie nebenan die Vogelkäfige.
    Es waren gute und schlechte Kräuter: Melisse, Schafgarbe, Wohlverleih, aber
auch Allermannsharnisch, Sumpfporst und Klosterwacholder. Dazwischen Bündel von
Roggenhalmen, deren gesunde Körner längst ausgefallen waren, während das giftige
blaue Mutterkorn noch an den Ähren haftete; der Geruch im ganzen war betäubend.
Was einem schärferen Beobachter vielleicht mehr als alles andere aufgefallen
wäre, war, dass sämtliches Kräuterwerk, statt an einfachen Nägeln, an dicken
Holzpflöcken hing, deren mehrere Zoll betragender Durchmesser in gar keinem
Verhältnis zu der winzigen, von ihnen zu tragenden Last stand.
    Hoppenmarieken, die es sich mittlerweile bequem gemacht und die hohen
Wasserstiefel mit ein Paar aus Filztuch genähten Schuhen vertauscht hatte, holte
jetzt die Kiepe vom Flur herein und schien, ihrem ganzen Hantieren nach,
gewillt, einen Schmaus für sich selber vorzubereiten. Sie wählte behaglich in
ihrer Kiepe, bis sie die Gegenstände, die sie suchte, gefunden hatte. Was zuerst
aus der Tiefe heraufstieg, war eine blaue Spjetztüte, dann kamen zwei Eier, die
sie prüfend gegen das Licht hielt, zuletzt ein altes bedrucktes Sacktuch, in das
aber etwas Wichtigeres eingeschlagen war. Wenigstens hielt sie das Paket mit
beiden Händen ans Ohr und schüttelte. Der Ton, den es gab, beruhigte sie. Sie
legte nun alles auf den Tisch, eines neben das andere, und holte vom Schapp her
einen alten Fayencetopf mit abgebrochenem Henkel, dazu einen Quirl und einen
Blechlöffel. Jetzt war alles beisammen. Sie tat aus der blauen Tüte einen Löffel
Zucker in den Topf, schlug die beiden Eier hinein, wickelte aus dem Sacktuch
eine Rumflasche heraus, liebäugelte mit ihr, goss ein und quirlte. Nur etwas
fehlte noch: das siedende Wasser. Aber auch dafür war gesorgt. Sie trat in den
Flur, kroch abermals in das Ofenloch und kam mit einem russigen Teekessel zurück,
dessen Inhalt zischend und sprudelnd in dem grossen Fayencetopf verschwand.
    Hiermit waren die Vorbereitungen als geschlossen anzusehen. Das eigentliche
Fest konnte beginnen. Sie machte den Tisch wieder klar, baute sich einen grossen,
braunen Napfkuchen auf und sah, während sie den Kopf in beide Arme stützte, mit
sinnlicher Zufriedenheit auf das hergerichtete Mahl. Auch jetzt noch war sie
beflissen, nichts zu übereilen. War es nun, dass sie in der Hinausschiebung des
Genusses eine Steigerung sah, oder hatte sie so ihre eigenen Hoppenmariekeschen
Vorstellungen davon, wie nun einmal ein erster Weihnachtstag gefeiert werden
müsse, gleichviel, sie begnügte sich vorläufig damit, den aufsteigenden Dampf
von der Seite her einzusaugen, und zog dabei den Tischkasten weit auf, in dem,
durch eine Scheidewand getrennt, links das Gesangbuch, rechts die Karten lagen.
Sie nahm das Gesangbuch, schlug das Christlied auf: »Vom Himmel hoch, da komm
ich her«, las in rezitativischer Weise, die sie selber für Gesang halten mochte,
die drei ersten, dann die letzte Strophe, klappte wieder zu und tat einen ersten
tüchtigen Zug. Gleich darauf ging sie zu einem allerenergischsten Angriff auf
den Napfkuchen über, der nun innerhalb zehn Minuten von der Tischfläche
verschwunden war. Sie strich die Krümel in ihre linke Handfläche zusammen und
schüttete alles sorgfältig in den Mund.
    Jetzt, wo der Fayencetopf keinen Nebenbuhler mehr hatte, war sie erst in der
Lage, ihm zu zeigen, was er ihr war. Sie legte streichelnd und patschelnd ihre
Hände um ihn herum, untersuchte mit den Knöcheln alle Stellen, die einen kleinen
Sprung hatten, bog sich über ihn und nippte, schlürfte und tat dann wieder volle
Züge. Nachdem sie so den ganzen Kursus des Behagens durchschmarutzt hatte, zog
sie den Schuhkasten zum zweiten Male auf, nahm jetzt aber, statt des
Gesangbuches, das Kartenspiel heraus. Es waren deutsche Karten: Schippen,
Herzen, Eichel; sie lagen in Form einer Mulde fest aufeinander, was jedoch für
Hoppenmariekens Hände keine Schwierigkeiten bot. Als sie wohl eine halbe Stunde
lang aufgelegt, gemischt und wieder aufgelegt hatte, ohne dass die Karten kommen
wollten, wie sie sollten, stieg ihr das Blut zu Kopf.
    Der Schippenbube wich ihr nicht von der Seite. Das missfiel ihr; sie wusste
ganz genau, wer der Schippenbube war. Was?
    Da lag er wieder neben ihr. Sie stand unruhig auf, nahm die Lampe, leuchtete
hinter den Ofen, sah zwei-, dreimal in den Alkoven hinein und setzte sich dann
wieder. Aber die Beklemmung wollte nicht weichen. Sie schnürte deshalb das
grossgeblumte Kattunmieder auf, das sie trug, nestelte, zerrte, zupfte und fühlte
nach einem Täschchen, das sie an einem Lederstreifen auf der Brust trug. Es war
da. Sie nahm es ab, zählte seinen Inhalt und fand alles, wie es sein musste.
    Dies gab ihr ihre Ruhe wieder. Sie wollte es noch einmal versuchen und
begann abermals die Karten zu legen. Diesmal traf es; der Schippenbube lag
weitab. Ein hässliches Lachen zog über ihr Gesicht; dann tat sie den letzten Zug,
schob einen grossen Holzriegel vor die Türe und löschte das Licht.
    Als eine Stunde später der Mond ins Fenster schien, schien er auch auf das
verwitterte Antlitz der Zwergin, das jetzt, wo sich das schwarze Kopftuch
verschoben und die weissen Haarsträhnen blossgelegt hatte, noch hässlicher war als
zuvor. Der Mond zog vorüber; das Bild gefiel ihm nicht. Hoppenmarieken selbst
aber träumte, dass Schippenbube sie am Halse gepackt habe und an dem Lederriemen
zerre, um ihr die Tasche abzureissen. Sie rang mit ihm; der Angstschweiss trat ihr
auf die Stirn; dabei aber rief sie: »Wart, ich sag's: Diebe! Diebe!«
    Durch das öde Haus hin klangen diese Rufe. Die Vögel stiegen langsam von
ihren Sprossen und starrten durch ihre Gitter auf das Bett, von wo die Rufe
kamen.
 
                                Neuntes Kapitel
                                Schulze Kniehase
Dem Kruge gegenüber lag der Schulzenhof. Er bestand aus einem Ziegeldachhaus, an
das sich nach rückwärts zwei lange, schmale Stallgebäude anlehnten, die durch
eine Scheune miteinander verbunden waren. Ein hinter dieser Scheune gelegenes,
mit Obstbäumen und Himbeersträuchern besetztes Ackerstück streckte wieder zwei
schmale Blumenstreifen bis dicht an die Dorfstrasse vor, so dass in Sommerszeit,
wenn man vom Kirchhügel aus auf das Schulzengehöft herniedersah, alles einem
grossen Garten glich, der Haus und Hof wie zwischen zwei ausgebreiteten Armen
hielt. Selbst Miekleis Mühle war dann nicht freundlicher. Bis unter das Dach
blühten die Malven, die Bienen summten um den Stock, die Trauben hingen am
Spalier, während sich von dem alten, rechts an der Hoftür wachestehenden
Birnbaum von Zeit zu Zeit die schweren Früchte lösten und mit Geklatsch auf die
Schwellsteine niederfielen. Von den Insassen des Hauses achtete niemand dieses
Tones; nur ein Mädchen, das auf der vorgebauten Steintreppe des Hauses unter
einem Gerank von Flieder und Geissblatt sass, sah einen Augenblick horchend auf,
ehe es fortfuhr, das Garn zu wickeln oder die Naht zu säumen.
    So war es im Spätsommer. Aber auch im Winter bot der Schulzenhof ein
freundliches Bild, auch heute am zweiten Weihnachtsfeiertage. Auf dem Hofe war
der Schnee zusammengeschippt, so dass er eine Mauer bildete; die Stalltüren
standen auf, aus denen die warme Luft wie ein Nebel ins Freie zog. An der
Schwelle sassen Sperlinge und pickten einzelne Körner auf. Sonst alles still;
auch der Hofhund feierte. In einer der Ecken zwischen Stall und Scheune stand
seine Hütte; etwas von seinem Lagerstroh hatte er vor die Öffnung geschoben, und
auf diesem Kissen lag nun sein spitzer Wolfskopf und sah behaglich in den Morgen
hinein.
    Und still und festtäglich wie draussen auf dem Hofe, so war auch das Haus.
Schon seine Treppe war mit Sand bestreut; in den Ecken der Vordiele standen
junge Kiefern und füllten die Luft mit ihrem Harzgeruch; an einem Haken in der
Mitte des Flurs aber hing ein Mistelbusch. Die Wohnstuben waren schon geheizt
und die Kamintüren geschlossen; nur zur Rechten, wo das grosse Besuchszimmer lag,
knisterte noch ein Feuer und warf seinen Schein. Eine Katze strich ihre Flanken
an den warmen Ecken, schnurrend mit gekrümmtem Rücken, zum Zeichen ihres
besonderen Behagens.
    In dem vordersten Wohnzimmer, um einen schweren Eichentisch herum, befanden
sich drei Personen. Dem Fenster zunächst, und diesem den Rücken zukehrend, sass
ein breitschultriger Mann, ein Fünfziger. Sein Gesicht drückte Kraft, Festigkeit
und Wohlwollen aus. Spärliches blondes Haar legte sich an seine Scheitel, er war
sonntäglich gekleidet und trug einen langen, schwarzbraunen Rock. Die Frau zu
seiner Linken, trotz ihrer Vierzig, war noch hübsch, von dunklem Teint und
wendisch gekleidet. Ein breiter Kragen fiel über ihr Mieder von schwarzem Tuch,
und der kurze Friesrock war in hundert Falten gelegt. Unter der engen Tüllmütze
versteckte sich nur halb das glänzend schwarze Haar. Aller Schmuck war silbern.
Um den Hals schlang sich eine starke, vorn auf der Brust durch einen Schieber
zusammengehaltene Kette; die Ohrgehänge glichen grossen, silbernen Tropfen.
    Dies war das Schulze Kniehasesche Paar. Dem Alten gegenüber, im vollen
Fensterlicht, sass die Tochter des Hauses, Maria, ebenso aufrecht wie Tages zuvor
am Kamin des Herrenhauses. Sie trug dasselbe Taftkleid, dasselbe rote Band im
Haar; und mit derselben Aufmerksamkeit, mit der sie gestern den Erzählungen
Lewins gefolgt war, folgte sie heute der Vorlesung ihres Vaters, der zuerst das
Weihnachtsevangelium, dann das achte Kapitel aus dem Propheten Daniel las. Der
alte Kniehase hatte dies Kapitel mit gutem Vorbedachte gewählt. Mariens Hände
lagen still in ihrem Schoss. Und als die Stelle kam: »Und nach diesem wird
aufkommen ein frecher und tückischer König, der wird mächtig sein, doch nicht
durch seine Kraft, und nur durch seine List wird ihm der Betrug geraten, und er
wird sich auflehnen wider den Fürsten aller Fürsten; aber er wird ohne Hand
zerbrochen werden« - da wurden ihre Augen grösser, wie sie es bei der Erzählung
von dem Feuerschein im Schloss zu Stockholm geworden waren, denn erregbaren
Sinnes, nahm jegliches, wovon sie hörte, lebendige Gestalt an. Sonst blieb alles
in gleichem Schlag. Das Rotkehlchen, mit leisem Gezirp, hüpfte aus dem Ring auf
die Sprossen und wieder von den Sprossen in den Ring; in gleichmässigem Takt ging
der Pendel der Gehäuseuhr. Und so ging auch des Schulzen Kniehase Herz.
    Kniehase war ein »Pfälzer«. Wie kam er in dieses Wendendorf? Und wie war er
der Schulze dieses Dorfes geworden?
    Um dieselbe Zeit, als die Scharwenkas mit anderen tschechischen Familien von
Böhmen her übersiedelten, wanderten die Kniehases mit rheinischen Familien ein.
Das war um 1750, als Friedrich der Grosse zur Trockenlegung der Sumpfstrecken des
Oderbruches und zu ihrer Kolonisierung schritt. Die tschechischen Familien, weil
ihrer nur wenig waren, fanden in den altwendischen Dörfern ein Unterkommen, und
so kamen die Scharwenkas nach Hohen-Vietz. Die rheinischen Kolonistenfamilien
aber, die, ohne Rücksicht darauf, ob sie aus dem Cleveschen oder Siegenschen,
aus Nassau oder der Pfalz stammten, sämtlich »Pfälzer« genannt wurden (etwa wie
in Irland alle Herübergekommenen »Sachsen« heissen), gründeten eigene Dörfer,
unter denen Neu-Barnim das grösste war. In diesem Dorfe wurde unser Kniehase
geboren, und zwar am Tage des Hubertusburger Friedens. Der Vater schloss daraus,
dass der Sohn ein Prediger werden müsse, und liess ihn nach den bescheidenen
Mitteln, die sich darboten, etwas Tüchtiges lernen. Aber der junge Kniehase war
weitab davon, ein Mann des Friedens werden zu wollen; nur das Soldatische hatte
Reiz für ihn, und mit zwanzig Jahren schon, nachdem er den Widerstand des Vaters
unschwer besiegt, trat er in die Grenadiercompagnie des Regiments Möllendorf
ein, das damals zu Berlin in Garnison stand. Der Dienst, trotz aller Strenge,
gefiel ihm wohl, und schon 1792, bei Ausbruch der Rheinkampagne, war er unter
den Fahnenunteroffizieren des Regiments. Bei Valmy erhielt er ein Ehrenzeichen,
bei Kaiserslautern ein zweites. Das kam so. Die Compagnie von Tadden sah sich
gezwungen, eine Hügelstellung zu räumen, auf der sie sich seit Beginn des
Kampfes behauptet hatte; feindliche Artillerie fuhr auf und beherrschte jetzt
das abgeschrägte, wohl 1500 Schritt breite Terrain, auf dem die zurückgehende
Compagnie, zum Teil in blosse Trupps aufgelöst, ihren Rückzug bewerkstelligte. In
Mittelhöhe des Abhanges lag ein durch einen Schenkelschuss verwundeter Gefreiter
und beschwor seine Kameraden, ihn nicht liegen zu lassen. Einige hielten inne;
aber das Kartätschenfeuer brach wieder den guten Willen; auch den Tapfersten
versagte der Mut. Da sprang Unteroffizier Kniehase vor, lief eine Strecke
zurück, lud den Verwundeten auf die Schulter und trug ihn aus dem Feuer.
Stabskapitän von Tadden, als die Compagnie sich wieder sammelte, trat an
Kniehase heran und schüttelte ihm die Hand; die Grenadiere aber brachen in Jubel
aus und nahmen eine halbe Stunde später die verlorengegangene Höhenstellung
wieder.
    Dieser Tag führte unseren Kniehase, wenn nicht gleich, so doch im
regelrechten Lauf der Ereignisse, nach dem alten Wendendorfe, dessen Obrigkeit
er jetzt bildete. Denn der Gefreite, den er so mutig aus dem feindlichen Feuer
getragen hatte, war niemand anderes als unser Freund aus dem Hohen-Vietzer Kruge
her: Peter Kümmeritz. Invalide geworden, erhielt er seinen Abschied; zwei Jahre
später aber kam der Frieden, und die ganze Rheinarmee kehrte in ihre Garnisonen
zurück. Mit ihr das Regiment Möllendorf.
    Es war nach der Ernte, Anno 95; die Sommerfäden flogen schon durch die Luft,
als an einem jener klaren Tage, wie sie der September bringt, an Miekleis Mühle
vorbei, ein breitschultriger Mann in seines Königs Rock in die Hohen-Vietzer
Dorfstrasse einbog. Auf seiner Brust blitzten ein paar Medaillen, und wer sich
auf Litzen und Rabatten verstand, der sah, dass es ein Chargierter vom Regiment
Möllendorf war. Es war aber kein anderer als unser Unteroffizier Kniehase. Als
er, gefolgt von der halben Dorfjugend, die scheubeflissen auf seine Fragen
Antwort gab, in das Gehöft seines ehemaligen Gefreiten eintreten wollte, trat
ihm an der Schwelle des Hauses nicht Peter Kümmeritz in Person, wohl aber Trude
Kümmeritz, seine Schwester, entgegen. Nach allem, was folgte, muss angenommen
werden, dass diese Stellvertretung den Wünschen unseres Kniehase nicht
zuwiderlief, denn ehe er nach Wochenfrist den gastlichen Kümmeritzschen Hof
verliess, um zu seinem Regiment zu retournieren, hatte er nicht nur mit Peter die
Kriegskameradschaft erneuert, sondern auch mit Trude sich zu ehelicher
Kameradschaft versprochen. Er ging überhaupt nur in seine Garnison zurück, um
aus dem Urlaub einen Abschied zu machen, demnächst aber einen Neu-Barnimschen
Hof zu kaufen und seine Trude aus dem Wendendorf in das Pfälzerdorf
hinüberzuziehen. Es kam aber umgekehrt. Eine Hohen-Vietzer Stelle wurde
unerwartet frei, die Truhen der Häuser Kümmeritz und Kniehase steuerten
zusammen, und als im Sommer 96 der Raps blühte und sein Duft auf allen Feldern
lag, da stieg ein Hochzeitszug den Kirchenhügel hinan, die Glocken läuteten, und
die Musikanten bliesen, bis das Brautpaar über die Schwelle war. Kniehase trug
seine Uniform, Trude die reiche wendische Tracht, und alt und jung waren einig,
dass Hohen-Vietz ein solches Brautpaar seit Menschengedenken nicht gesehen habe.
Seit Menschengedenken kein stattlicheres, aber auch kein glücklicheres Paar. Vor
allen Dingen kein besseres. Neid und üble Nachrede schwiegen, und wenn anfangs
dieser und jener klagte, »dass nun ein Pfälzer ins Dorf gekommen sei«, so
verstummte diese Klage doch bald, als sie den Pfälzer kennenlernten. Wo es einen
Rat galt, da war er da, und wo es eine Tat galt, da war er zweimal da. Er
verstand sich aufs Schreiben und Eingabenmachen, aufs Rechnen und Registrieren,
und als Anno 1800 der alte Schulze Wendelin Pyterke starb, der seit dem
Siebenjährigen Krieg volle vierundzwanzig Jahre im Amte und nach der
Kunersdorfer Schlacht, als die Russen kamen, die Rettung des Dorfes gewesen war,
da wählten sie den Kniehase zu ihrem Schulzen, ohne sich ums Herkommen zu
kümmern, das nur zwei oder drei unter ihnen gewahrt wissen wollten. Berndt von
Vitzewitz aber sagte: »Meine Bauern waren immer gescheit, doch für so gescheit
hab ich sie all mein Lebtag nicht gehalten.«
    Kniehase hatte keinen Feind; selbst die Forstackersleute sprachen gut von
ihm. Im Herrenhause hiess es: »Er ist ein tüchtiger Mann«, in der Mühle hiess es:
»Er ist ein frommer Mann«, Peter Kümmeritz aber mit immer wachsendem Respekt sah
zu seinem Schwager auf, als ob er den Tag von Kaiserslautern durch eigenes
Eingreifen entschieden habe. Er schloss dann wohl ab: »Ich schulde ihm mein
Leben, und meine Schwester schuldet ihm ihr Glück.«
    Die Kniehases waren ein glückliches Paar; aber kein Glück ist vollkommen:
sie blieben kinderlos. Da traf es sich, dass auch eine Tochter ins Haus kam, kein
eigenes Kind und doch geliebt wie ein solches.
    Es war um Weihnachten 1804, zwei Jahre früher, als die Frau von Vitzewitz
starb, da kam ein »starker Mann« ins Dorf, einer von jenen fahrenden Künstlern,
die zunächst in rotem Trikot mit fünf grossen Kugeln spielen und hinterher ein
Taubenpaar aus einem Schubfach auffliegen lassen, in das sie vorher eine Uhr
oder ein Taschentuch gelegt haben. Der starke Mann schien bessere Tage gesehen
zu haben; seine ganze Haltung deutete darauf hin, dass er nicht immer in einem
Planwagen von Dorf zu Dorf gefahren war. Er hielt jetzt vor dem Scharwenkaschen
Kruge, führte das magere Pferd in den Stall, und am Abend war Vorstellung. Ein
kleines Mädchen, das zehn Jahre sein mochte, wechselte mit ihm ab, sang Lieder
und deklamierte; zuletzt erschien sie in einem kurzen Gazekleid, das mit
Sternchen von Goldpapier besetzt war, und führte den Shawltanz auf. Die
Hohen-Vietzer Bauern, ganz besonders die alten, waren wie benommen und
streichelten das Kind mit ihren grossen Händen. Es sollte ihnen bald Gelegenheit
werden, ihr gutes Herz noch weiter zu zeigen.
    Der »starke Mann« war längst kein starker Mann mehr; er war siech und krank.
Er legte sich, und es ging rasch bergab. Pastor Seidentopf sass an seinem Bett
und sprach ihm Trost zu: der Sterbende aber, der wohl wusste, wie es mit ihm
stand, schüttelte den Kopf, zog den Pastor näher an sich heran und sagte fest:
»Ich bin froh, dass es zu Ende geht.« Dann wies er mit einer leisen
Seitwärtsbewegung des Kopfes auf die Kleine, die am Fenster sass, presste beide
Hände aufs Herz und setzte mit halberstickter Stimme hinzu: »Wenn nur das Kind
nicht wäre.« dabei brach er, alle Kraft über sich verlierend, in ein
krampfhaftes Schluchzen aus. Die Kleine, als sie das Weinen hörte, kam
herzugesprungen und küsste in leidenschaftlicher Liebe die Hand des Sterbenden.
Dieser streichelte ihr das Haar, sah sie an und lächelte. Es war, als ob er in
eine lichte Zukunft geblickt hätte. So starb er. Auf dem Tische neben ihm stand
die kleine Zauberkommode, aus der immer die Tauben aufflogen. Pastor Seidentopf
war tief erschüttert.
    An die Hohen-Vietzer aber traten jetzt zwei Fragen heran, von denen es
schwer zu sagen, welche die Gemüter mehr beschäftigte. Die erste Frage war: »Was
machen wir mit dem Toten?«
    Die alten Wendenbauern waren gutmütig, aber sie dachten doch ernst in
solchen Sachen. Den starken Mann bloss einzuscharren erschien ihnen als
untunliche Härte, ihn aber auf ihrem christlichen Kirchhofe zu begraben, als
noch untunlichere Entweihung. War er überhaupt ein Christ? Die Mehrzahl
zweifelte. Da fand Pastor Seidentopf unter dem Kopfkissen des Toten eine Tasche
mit allerhand Papieren, auch Tauf-und Trauschein. Die Briefe gaben weiteren
Aufschluss. Es zeigte sich, dass er Schauspieler gewesen war, dass er eine Tochter
aus gutem Hause wider den Willen der Eltern geheiratet hatte und dass die Frau
schliesslich hingestorben war in Gram und Elend, aber ohne Vorwurf und ohne Reue.
Die letzten Briefe, viel durchlesene, waren aus einem schlesischen
Klosterspitale datiert. Ein gescheitertes Leben sprach aus allen, aber kein
unglückliches, denn was sie zusammengeführt, hatte Not und Tod überdauert.
    Pastor Seidentopf, als er die Briefe gelesen, trat wieder unter seine
Bauern, die unten im Krug seiner harrten, und am dritten Tage hatte der starke
Mann ein christliches Begräbnis, als ob er ein Kümmeritz oder ein Mieklei
gewesen wäre. Die Schulkinder sangen ihn hügelan, trotzdem ein grosses
Schneetreiben war, Frau von Vitzewitz, gütig wie immer, stand mit am Grabe und
warf dem Toten die erste Handvoll Erde nach, Berndt von Vitzewitz aber liess ihm
ein Kreuz errichten, darauf folgender, vom alten Küster Jeserich Kubalke
gedichteter Spruch zu lesen war:
Ein Stärkrer zwang den starken Mann,
Nimm ihn Gott in Gnaden an.
So erledigte sich die erste Frage. - Die zweite Frage war: »Was machen wir mit
dem Kinde?« Pastor Seidentopf erwog die Frage hin und her; hundert Pläne gingen
ihm durch den Kopf, aber keiner wollte passen. Die Bauern waren scheu und
schwierig. Da trat Schulze Kniehase dazwischen, und das weinende Kind vom Krug
aus in sein Haus hinüberführend, sagte er: »Mutter, die schickt uns Gott.«
    Und am anderen Tage, weil es dicht vor dem Christfest war, begann er ihr
einen Baum zu putzen und nannte sie seine Weihnachtspuppe und sein Zauberkind.
    Die Bauern sahen anfangs ängstlich zu; »sie wird ihm wegfliegen«, meinten
die einen, »und das wäre noch das beste«, versicherten die anderen. Aber sie
flog nicht fort, und Pastor Seidentopf sagte: »Sie wird ihm Segen bringen, wie
die Schwalben am Sims.«
 
                                Zehntes Kapitel
                                     Marie
»Sie wird dem Hause Segen bringen, wie die Schwalben am Sims«, so hatte Prediger
Seidentopf gesprochen, und seine Worte sollten in Erfüllung gehen. Das
Kopfschütteln der Bauern nahm bald ein Ende. Es geschah das, was unter ähnlichen
Verhältnissen immer geschieht: dunkle Geburt, seltsame Lebenswege, wie sie den
Argwohn wecken, wecken auch das Mitgefühl, und ein schöner Trieb kommt über die
Menschen, ein unverschuldetes Schicksal auszugleichen. Der Zauber des
Geheimnisvollen unterstützt die wachgewordene Teilnahme.
    Das erfuhr auch Marie. Ehe noch der erste Winter um war, war sie der
Liebling des Dorfes; keiner spöttelte mehr über das Gazekleid mit den
Goldpapiersternchen, in dem sie zuerst vor ihnen aufgetreten war. Vielmehr
erschien ihnen jetzt dieser blosse Hauch einer Kleidung als ihr natürliches
Kostüm, und wenn Schulze Kniehase, der das Kind von Anfang an über die Massen
liebte, drüben im Kruge sass und halb ernstaft, halb scherzhaft versicherte,
»sie sei ein Feenkind«, so widerredete niemand, weil er nur aussprach, was alle
längst schon an sich selbst erfahren hatten. Dass sie fortfliegen würde, daran
glaubte freilich niemand mehr, mit alleiniger Ausnahme der Mädchen in den
Spinnstuben, die voll Spuk- und Gespensterbedürfnis immer Neues und Wunderbares
von ihr zu erzählen wussten. Und nicht alles war Erfindung. So hatte sie wirklich
eine unbezwingbare Vorliebe für den Schnee. Wenn die Flocken still vom Himmel
fielen oder tanzten und stöberten, als würden Betten ausgeschüttet, dann
entfernte sie sich aus dem Vorderhause, kletterte die lange Schrägleiter hinauf,
die bis auf den First des Scheunendaches führte, und stand dort oben
schneeumwirbelt. Die Mädchen versicherten auch, sie hätten sie singen hören. Es
bedarf keiner Ausführung, welche phantastisch weitgehenden Schlüsse daraus
gezogen wurden.
    So war es im Winter. Als der Sommer kam, der eine freiere Bewegung gönnte,
gewann sie vollends alle Herzen. Sie besuchte nicht nur die einzelnen Bauerhöfe,
sondern auch die ausgebauten Lose, die weiter ins Bruch hinein lagen, spielte
mit den Kindern und erzählte Geschichten. Das Fremde und Geheimnisvolle, das sie
von Anfang an gehabt hatte, blieb ihr, aber niemand wunderte sich mehr darüber.
Auch die Dorfmädchen nicht. Einmal verirrte sie sich; im Kniehaseschen Hause war
grosse Aufregung; alles lief und suchte bis an die Oder hin. Endlich fand man
sie, keine tausend Schritt vom Dorfe. Sie lag schlafend im Korn, ein paar
Mohnblumen in der Hand; ein kleiner Vogel sass ihr zu Füssen. Niemand kannte den
Vogel, als er aufflog und aller Augen ihn verfolgten. »Der hat sie beschützt!«
sagten die Hohen-Vietzer.
    In der Regel spielte sie auf dem Abhange zwischen der Kirche und dem Dorfe,
am liebsten auf dem Kirchhofe selbst.
    Sie las die Inschriften, umarmte den Rasen von ihres Vaters Grabe, kletterte
auf die hohe Feldsteinmauer und sah auf die Segel der Oderkähne nieder, die,
angeglüht von der sich neigenden Sonne, unten auf dem Strome vorüberzogen. Kam
dann des alten Küsters Kubalke Magd, um zu Abend zu läuten, so folgte sie
dieser, zog ein paarmal mit an dem Glockenstrang und huschte dann in die schon
halbdunkle Kirche hinein. Hier setzte sie sich mit halbem Körper auf das
äusserste Ende der Frontbank, auf der am Tage nach der Kunersdorfer Schlacht der
Major vom Regiment Itzenplitz verblutet war, blickte seitwärts scheu nach dem
dunkeln Fleck, den alles Putzen nicht hatte wegschaffen können, und sah dann, um
das selbstgewollte Grauen wieder von sich zu bannen, nach dem grossen
Vitzewitzschen Marmorbilde hinüber, das die Inschrift trug: »So du bei mir bist,
wer will wider mich sein«. So blieb sie, bis der Glockenton verklang. Dann trat
sie wieder auf den Kirchhof hinaus, sah der Magd nach, die den Schlängelpfad ins
Dorf herniederstieg, und umkreiste bang, aber immer enger und enger die alte
Buche, deren zweigeteilter Stamm, der Sage nach, an den Bruderzwist der
Vitzewitze gemahnte. Fiel dann ein Blatt oder flog ein Vogel auf, so fuhr sie
zusammen.
    Es waren schöne Tage, dieser erste Sommer in Hohen-Vietz; aber diese schönen
Tage konnten nicht dauern. Die Schulzenleute, Mann wie Frau, hatten längst ihre
Sorge darüber. All dies Umherstreifen währte schon zu lange; Arbeit, Ordnung,
Schule mussten an seine Stelle treten. Aber wie? Beide Kniehases waren weitab
davon, ein Prinzesschen aus ihrem Pflegekind machen zu wollen, aber ebenso
bestimmt fühlten sie auch, dass die Dorfschule kein Platz für sie sei. Sie passte
nicht unter die Holzpantoffelkinder, ganz abgesehen davon, dass sie, ohne je eine
Schulstunde gehabt zu haben, um ein beträchtliches besser lesen konnte als der
alte Jeserich Kubalke, zumal wenn er seine Hornbrille vergessen hatte.
    In dieser Not half die gute Frau von Vitzewitz. Sie hatte längst daran
gedacht, das sonderbare Kind, von dessen phantastischem Wesen sie so manches
gehört hatte, als Spiel- und Schulgenossin Renatens in ihr Haus zu ziehen,
allerhand Erwägungen aber, die dagegen sprachen, hatten es damals nicht dazu
kommen lassen. Der Kniehasesche Pflegling, so gewinnend er sein mochte, war doch
immer eines Taschenspielers, im günstigsten Falle eines verarmten Schauspielers
Kind, und sowenig sie persönlich einen Anstoss daran nahm, so glaubte sie dennoch
in Erziehungsfragen weniger ihr eigenes, durchaus freies und vornehmes Empfinden
als vielmehr allgemeine, aus Pflicht und Erfahrung hergeleitete Anschauungen zu
Rate ziehen zu müssen. So zerschlug es sich denn wieder. Pastor Seidentopf hätte
es freilich wohl schon damals in der Hand gehabt, einen andern Ausgang
herbeizuführen; er wollte jedoch, in einer so verantwortungsvollen
Angelegenheit, nicht ungefragt eingreifen und zog es vor, sich die Dinge selber
machen zu lassen.
    Und sie machten sich auch, und zwar in sehr eigentümlicher Weise. Am Rande
des Vitzewitzschen Parks, schon in einiger Erhöhung, stand eine Florastatue und
sah einen breiten Kiesweg hinunter auf die Gartenfront des Herrenhauses. Zu
Füssen der Statue waren fünf dreieckige Blumenbeete angelegt, die in ihrer
Gesamteit einen einfassenden Halbkreis bildeten. An dieser Stelle hatte Marie,
bei ihren täglichen Streifereien, häufig ein paar Blumen gepflückt, Balsaminen
oder Reseda, und war dabei niemals einem Verbot begegnet. Im Gegenteil. Der
Gärtner, des zierlichen und fremdartigen Kindes sich freuend, hatte ihr
zugenickt und einmal sogar ihr ein paar Fuchsia-Knospen über das linke Ohr
gehängt. Nun war es September geworden; die roten Verbenen blühten, und
dazwischen, aus eingegrabenen Töpfen, wuchsen ein paar unscheinbare Blumen auf,
die dem spielenden Kinde als dunkle Vergissmeinnicht erschienen. Sie pflückte sie
ab. Es war aber Heliotrop, damals noch etwas Seltenes, und Frau von Vitzewitz
wollte wissen, wer ihr das angetan und sie um den Anblick ihrer Lieblingsblume
gebracht habe. Als Marie davon hörte, fasste sie rasch einen Entschluss. Sie
setzte sich auf eine Bank, in unmittelbarer Nähe der Statue, und als Frau von
Vitzewitz auf ihrem Spaziergang den breiten Kiesweg hinaufschritt, sprang sie
auf, eilte der Herankommenden entgegen, küsste ihr die Hand und sagte: »Ich habe
es getan.« Sie war dabei hochrot und zitterte, aber sie weinte nicht. Von diesem
Augenblick an war die Freundschaft geschlossen. Frau von Vitzewitz streichelte
ihr das Haar und sah sie fest und freundlich an; dann führte sie sie zu der Bank
zurück, von der sie aufgestanden war, stellte Fragen und liess sich erzählen.
Alles bestätigte ihr den ersten Eindruck. So trennten sie sich. Noch am selben
Nachmittage aber sagte Frau von Vitzewitz zu Seidentopf: »Das ist ein seltenes
Kind«, und ehe acht Tage um waren, war sie die Spiel- und Schulgenossin
Renatens.
    Sie war anfangs zurück; alles, was sie konnte, war eben Lesen und
Deklamieren. Aber ihre schnelle Fassungsgabe, durch Gedächtnis und glühenden
Eifer unterstützt, gestattete ihr, das Versäumte wie im Fluge nachzuholen, und
ehe noch ein halbes Jahr um war, war sie in den meisten Disziplinen Renaten
gleich. Und wie sie den von Frau von Vitzewitz an ihre Fähigkeiten geknüpften
Erwartungen entsprach, so auch denen, die sich auf ihren Charakter bezogen. Sie
war ohne Laune und Eigensinn; etwas Heftiges, das sie hatte, wich jedem
freundlichen Wort. Die beiden Mädchen liebten sich wie Schwestern.
    Nichts war missglückt, über Erwarten hinaus hatten sich die Wünsche der Frau
von Vitzewitz erfüllt, dennoch stellten sich immer wieder Bedenken bei ihr ein,
die freilich jetzt nicht mehr das Glück Renatens, sondern umgekehrt das Glück
Mariens betrafen. Es galt, nicht nur den Augenblick, sondern auch die Zukunft
befragen. Wie sollte sich diese gestalten? War es recht, dem Schulzenkinde die
Erziehung eines adeligen Hauses zu geben? Wurde Marie nicht in einen Widerspruch
gestellt, an dem ihr Leben scheitern konnte? Sie teilte diese Bedenken ihrem
Gatten mit, der, von Anfang an dieselben Skrupel hegend, sofort entschlossen
war, mit Schulze Kniehase, zu dessen Verständigkeit er ein hohes Vertrauen
hatte, die Sache durchzusprechen.
    Berndt ging in den Schulzenhof, traf Kniehase mitten in
Rechnungsabschlüssen, die das nach Küstrin hin gelieferte Stroh- und
Haferquantum betrafen, rückte mit ihm in die Fensternische und stellte ihm alles
vor, wie er es mit der Frau von Vitzewitz besprochen hatte.
    Schulze Kniehase hörte aufmerksam zu, dann sagte er, als sein Gutsherr
schwieg: er habe sich's, als von der Sache zuerst gesprochen wurde, auch
überlegt, ob er dem Kinde nicht die Ruhe nehme, die doch mehr sei als alles
Lernen und Wissen. All sein Überlegen aber habe doch immer wieder dahin geführt,
dass es das Beste sein würde, die gnädige Frau, die es so gut meine, ruhig
gewähren zu lassen. So sei es ein halbes Jahr gegangen. Es jetzt nun nach der
entgegengesetzten Seite hin zu ändern, sei nur ratsam, wenn es der
ausgesprochene Wille der gnädigen Frau sei. Sein eigener Wunsch und Wille sei es
schon seit Monaten nicht mehr; die Bedenken, die er anfangs gehabt, seien mehr
und mehr von ihm abgefallen. Er wisse auch wohl warum. Das Kind, das ihm die
Hand Gottes fast auf die Schwelle seines Hauses gelegt habe, sei kein bäuerlich
Kind; es sei nicht bäuerlich von Geburt und nicht bäuerlich von Erscheinung. Er
sässe so mitunter in der Dämmerstunde und mache sich Bilder, wie auch wohl andere
Leute täten, aber wie vielerlei auch an ihm vorüberzöge, nie sähe er seine Marie
mit geschürztem Rock und zwei Milcheimern, unter dem Zurufe lachender Knechte,
über den Hof gehen. Er liebe das Kind, als ob es sein eigen wäre; aber er
betrachte es doch als ein fremdes, das eines Tages ihm wieder abgefordert werden
würde. Nicht von den Menschen, wohl aber von der Natur. Es wird so sein wie mit
den Enten im Hühnerhof, die eines Tages fortschwimmen, während die Henne am Ufer
steht.
    Als Kniehase so gesprochen, hatte ihm Berndt von Vitzewitz die Hand
gereicht, und im Herrenhause schwiegen von jenem Tage an alle Bedenken.
    Auch der Tod der Frau von Vitzewitz, schmerzlich wie er von Marie empfunden
wurde, änderte nichts in ihrem Verhältnis zu den Zurückgebliebenen. Tante
Schorlemmer kam ins Haus, und frei von jener Liebedienerei, die sich in
Bevorzugung Renatens hätte gefallen können, betrachtete sie vielmehr beide
Mädchen wie Geschwister und umfasste sie mit gleicher Herzlichkeit.
    Nach der Einsegnung hörten die Unterrichtsstunden auf, aber die beiden
Mädchen waren zu innig aneinander gekettet, als dass der Wegfall dieses
äusserlichen Bandes das geringste an ihrer Verkehrs- und Lebensweise hätte ändern
können. Der Geburts- und Standesunterschied wurde von Renate nicht geltend
gemacht, von Marie nicht empfunden. Sie sah in die Welt wie in einen Traum und
schritt selber traumhaft darin umher. Ohne sich Rechenschaft davon zu geben,
stellten sich ihr die hohen und niederen Gesellschaftsgrade als blosse Rollen
dar, die wohl dem Namen nach verschieden, ihrem Wesen nach aber gleichwertig
waren. Es war im Zusammenhange damit, dass unter allen Bildern, die sich im
Vitzewitzeschen Hause befanden, eine Nachbildung des »Lübecker Totentanzes«, bei
allem Erschütternden, doch zugleich den erhebendsten Eindruck auf sie gemacht
hatte. Die Predigt von einer letzten Gleichheit aller irdischen Dinge sprach das
aus, was dunkel in ihr selber lebte. dabei war sie ohne Anspruch und ohne
Begehr. Alles Schöne zog sie an; aber es drängte sie nur, daran teilzunehmen,
nicht, es zu besitzen. Es war ihr wie der Sternenhimmel; sie freute sich seines
Glanzes, aber sie streckte nicht die Hände danach aus.
    Diese Unbegehrlichkeit hatte sich auch an ihrem sechzehnten Geburtstage
gezeigt. Bei dieser Gelegenheit erhielt sie als grosses Geschenk des Tages ihr
eigenes Zimmer. Beide Kniehases führten sie, mit einer gewissen Feierlichkeit,
in die nördliche Giebelstube, die geradeaus den Blick auf den Park, nach rechts
hin auf die Kirche hatte, und sagten: »Marie, das ist nun dein; schalte und
walte hier; erfülle dir jeden kleinen Wunsch; uns soll es eine Freude sein.«
    Marie, im ersten Sturm des Glückes, hatte ein Hin-und Herschieben mit
Schrank und Nähtisch, mit Bücherbord und Kleidertruhe begonnen, aber dabei war
es geblieben. Es kam ihr nicht in den Sinn, ihrem alten, ihr liebgewordenen
Besitz etwas Neues hinzuzufügen. Was sie hatte, freute sie, was sie nicht hatte,
entbehrte sie nicht.
    »Sie hat Mut, und sie ist demütig«, hatte nach jener ersten Begegnung im
Park Frau von Vitzewitz zu Pastor Seidentopf gesagt. Sie hätte hinzusetzen
dürfen: »Vor allem ist sie wahr.« Jenes Wunder, das Gott oft in seiner Gnade
tut, es hatte sich auch hier vollzogen: innerhalb einer Welt des Scheins war ein
Menschenherz erblüht, über das die Lüge nie Macht gewonnen hatte. Noch weniger
das Unlautere. Tante Schorlemmer sagte: »Unsere Marie sieht nur, was ihr frommt,
für das, was schädigt, ist sie blind.« Und so war es. Phantasie und
Leidenschaft, weil sie sie ganz erfüllten, schützten sie auch. Weil sie stark
fühlte, fühlte sie rein.
    Im Hohen-Vietzer Herrenhause - es war im Winter vor Beginn unserer Erzählung
- sang Renate ein Lied, dessen Refrain lautete:
Sie ist am Wege geboren,
Am Weg, wo die Rosen blühn...
Sie begleitete den Text am Klavier.
    »Weisst du, an wen ich denken muss, sooft ich diese Strophen singe«, fragte
Renate den hinter ihrem Stuhl stehenden Lewin.
    »Ja«, antwortete dieser, »du gibst keine schweren Rätsel auf.«
    »Nun?«
    »An Marie.«
    Renate nickte und schloss das Klavier.
 
                                 Elftes Kapitel
                              Prediger Seidentopf
In der Mitte des Dorfes, neben dem Schulzenhof, lag die Pfarre, ein über hundert
Jahre altes, etwas zurückgebautes Giebelhaus, das an Stattlichkeit weit hinter
den meisten Bauerhöfen zurückblieb. Es war das einzige grössere Haus im Dorfe,
das noch ein Strohdach hatte. Zu verschiedenen Malen war davon die Rede gewesen,
dieses der Dorfgemeinde sowohl um ihres Pastors wie um ihrer selbst willen
despektierlich erscheinende Strohdach durch ein Ziegeldach zu ersetzen: unser
Freund Seidentopf aber, der in diesem Punkte wenigstens ein gewisses Stilgefühl
hatte, hatte beständig gegen solche Modernisierung protestiert. »Es sei gut so,
wie es sei.« Und darin hatte er vollkommen recht. Es war eben ein Dorfidyll, das
durch jede Änderung nur verlieren konnte. Der Giebel des Hauses stand nach vorn;
dicht unter dem Strohdach hin lief eine Reihe kleiner, überaus freundlich
blickender Fenster, während die Fachwerkwände bis hoch hinauf mit Brettern
bekleidet und den ganzen Sommer über mit Wein, Pfeifenkraut und Spalierobst
überdeckt waren. Neben der Haustüre stand ein Rosenbaum, der, bis an den First
hinaufwachsend, im ganzen Oderbruche berühmt war wegen seines Alters und seiner
Schönheit. Auch das winterliche Bild, das die Pfarre bot, war nicht ohne Reiz.
Eine mächtige Schneehaube sass auf seinem Dache, während die niedergelegten, mit
Stroh umwundenen Weinranken, dazu die Matten, die sich schützend über dem
Spalierobst ausbreiteten, dem Ganzen ein sorgliches und in seiner Sorglichkeit
wohnlich anheimelndes Ansehen gaben.
    Dem entsprach auch das Innere. Die Haustür, wie oft in den märkischen
Pfarrhäusern, hatte eine Klingel, keine von den grossen, lärmenden, die den
Bewohnern zurufen: »Rettet euch, es kommt wer«, sondern eine von den kleinen,
stillgestimmten, die dem Eintretenden zu sagen scheinen: »Bitte schön, ich habe
Sie schon gemeldet.« Der Tür gegenüber, an der entgegengesetzten Seite des
langen, fast durch das ganze Haus hinlaufenden Flurs, befand sich die Küche,
deren aufstehende Türe immer einen Blick auf blanke Kessel und flackerndes
Herdfeuer gönnte. Die Zimmer lagen nach rechts hin. An der linken Flurwand, die
zugleich die Wetterwand des Hauses war, standen allerhand Schränke, breite und
schmale, alte und neue, deren Simse mit zerbrochenen Urnen garniert waren;
dazwischen in den zahlreichen Ecken hatten ausgegrabene Pfähle von versteinertem
Holz, Walfischrippen und halbverwitterte Grabsteine ihren Platz gefunden,
während an den Querbalken des Flurs verschiedene ausgestopfte Tiere hingen,
darunter ein junger Alligator mit bemerkenswertem Gebiss, der, sooft der Wind auf
die Haustür stand, immer unheimlich zu schaukeln begann, als flöge er durch die
Luft. Alles in allem eine Ausstaffierung, die keinen Zweifel darüber lassen
konnte, dass das Hohen-Vietzer Predigerhaus zugleich auch das Haus eines
leidenschaftlichen Sammlers sei.
    Machte schon der Flur diesen Eindruck, so steigerte sich derselbe beim
Eintritt in das nächstgelegene Zimmer, das einem Antikencabinet ungleich
ähnlicher sah als einer christlichen Predigerstube. Zwar war der Bewohner
desselben ersichtlich bemüht gewesen, Amt und Neigung in ein gewisses
Gleichgewicht zu bringen, war aber damit gescheitert. Es sei gestattet, einen
Augenblick bei diesem Punkte zu verweilen.
    Die Studierstube besass zwei nach dem Garten hinaussehende Fenster, zwischen
denen unser Freund eine bis in die Mitte des Zimmers gehende Scheidewand gezogen
hatte. So waren zwei grosse, fast cabinetartige Fensternischen gewonnen, von
denen die eine dem Prediger Seidentopf, die andere dem Sammler und
Altertumsforscher gleichen Namens angehörte. Innerhalb dieser Nischen war das
Balanciersystem, das sich schon in ihrer äusseren Anlage zu erkennen gab,
ebenfalls festgehalten, indem auf dem Arbeitstische in der Camera archaeologica
»Bekmanns historische Beschreibung der Kurmark Brandenburg, Berlin 1751 bis 53«,
auf dem Arbeitstisch in der Camera teologica »Dr. Martin Luters
Bibelübersetzung, Augsburg 1613«, aufgeschlagen lag. Beides Prachtbücher, wie
sie nur ein Sammler hat, gross, dick, in festem Leder, mit hundert Bildern. Über
eine Äusserung des Kandidaten Uhlenhorst, der auf einer Versammlung in
Hohen-Saten gesagt haben sollte: »Prediger Seidentopf greife mitunter fehl und
schlage in Bekmann statt in der Bibel nach«, gehen wir wie billig an dieser
Stelle hin.
    Es war dies ein rechter Uhlenhorstscher Sarkasmus, wie ihn die Konventikler
wohl zu haben pflegen; aber darin hatten sie recht, dass nicht nur der in der
archäologischen Abteilung stehende Lehnstuhl viel tiefer eingesessen, sondern
dass auch der ganze, diesseits der Fensternischen verbliebene Rest des Zimmers
ein heidnisches Museum, eine blosse Fortsetzung alles dessen war, was schon der
Flor geboten hatte. Nur die Walfischrippe und der Alligator fehlten. Zwei
mächtige, rechts und links neben der Tür stehende, über den Sims hin durch einen
Mittelbau verbundene Glasschränke bildeten eine Art Arcus triumphalis, durch den
man in die Studierstube eintrat; und alles, von dem Steinmesser und dem
Aschenkrug an, was die märkische Erde nur je an Altertumsfunden herausgegeben
hat, das fand sich hier zusammen. Daneben konnte freilich die teologische
Bibliotek des Zimmers nicht bestehen, die, ihrer äussersten Verstaubung ganz zu
geschweigen, auf einem schmalen, zweibrettrigen Real zwischen Wandvorsprung und
Ofen ihre Unterkunft gefunden hatte.
    Unser Seidentopf war ein archäologischer Entusiast trotz einem und
ausgerüstet mit all den Schwächen, die von diesem Entusiasmus so unzertrennlich
sind wie die Eifersucht von der Liebe. Er phantasierte, er liess sich hinters
Licht führen; aber in einem unterschied er sich von der grossen Armee seiner
Genossen: er sammelte nicht, um zu sammeln, sondern um einer Idee willen. Er war
Tendenzsammler.
    Innerhalb der Kirche, wie Uhlenhorst sagte, ein Halber, ein Lauwarmer, hatte
er, sobald es sich um Urnen und Totentöpfe handelte, die Dogmenstrenge eines
Grossinquisitors. Er duldete keine Kompromisse, und als erstes und letztes
Resultat aller seiner Forschungen stand für ihn unwandelbar fest, dass die Mark
Brandenburg nicht nur von Uranfang an ein deutsches Land gewesen, sondern auch
durch alle Jahrhunderte hin geblieben sei. Die wendische Invasion habe nur den
Charakter einer Sturzwelle gehabt, durch die oberflächlich das eine oder andere
geändert, dieser oder jener Name slawisiert worden sei. Aber nichts weiter. In
der Bevölkerung, wie durch die Sagen von Fricke und Wotan bewiesen werde, habe
deutsche Sitte und Sage fortgelebt, am wenigsten seien die Wenden, wie so oft
behauptet werde, in die Tiefen der Erde eingedrungen. Ihre sogenannten
»Wendenkirchhöfe«, ihre Totentöpfe niedrigeren Grades, wolle er ihnen
zugestehen, alles andere aber, was sich, mit instinktiver Vermeidung des
Oberflächlichen, eingebohrt und eingegraben habe, alles, was zugleich Kultur und
Kultus ausdrücke, sei so gewiss germanisch, wie Teut selber ein Deutscher gewesen
sei. Um diese Sätze drehte sich für ihn jede Debatte von Bedeutung. Er war sich
bewusst, in seinem archäologischen Museum durchaus unanfechtbare Belege für sein
System in Händen zu haben, unterschied aber doch zwischen einem kleinen und
einem grossen Beweis. Der kleine war ihm persönlich der liebere, weil er der
feinere war; er kannte jedoch die Welt genugsam, um dem blöden Sinn der Masse
gegenüber je nach einem andern als nach dem grossen Beweis zu greifen. Die
Stücke, die diesen bildeten, befanden sich sämtlich in den zwei grossen
Glasschränken des Arcus triumphalis, waren jedoch selbst wieder in
unwiderlegliche und ganz unwiderlegliche geteilt, von denen nur die letzteren
die Inschrift führten: »Ultima ratio Semnonum«. Es waren zehn oder zwölf Sachen,
alle numeriert, zugleich mit Zetteln beklebt, die Zitate aus Tacitus entielten.
Gleich Nr. 1 war ein Hauptstück, ein bronzenes Wildschweinsbild, auf dessen
Zettel die Worte standen: Insigne superstitionis formas aprorum gestant, »ihren
Götzenbildern gaben sie (die alten Germanen) die Gestalt wilder Schweine«. Die
anderen Nummern wiesen Spangen, Ringe, Brustnadeln, Schwerter auf, woran sich
als die Sanspareils und eigentlichen Prachtbeweisstücke der Sammlung drei Münzen
aus der Kaiserzeit schlossen, mit den Bildnissen von Nero, Titus und Trajan. Die
Trajansmünze trug um das lorbeergekrönte Haupt die Umschrift: »Imp. Caes.
Trajano Optimo«, auf dem danebenliegenden Zettel aber hiess es: »Gefunden zu
Reitwein, Land Lebus, in einem Totentopf.« Das »in einem Totentopf« war dick
unterstrichen. Und vom Standpunkte unseres Freundes aus mit vollkommenem Recht.
Denn es führte den Beweis, oder sollte ihn wenigstens führen, dass nicht alle
Totentöpfe wendisch, vielmehr die »Totentöpfe höherer Ordnung« ebenfalls
deutsch-semnonischen Ursprungs seien.
    Auflehnung gegen so beredte Zeugen erschien unserem Seidentopf unmöglich,
und dennoch hatte er sie zu befahren, wobei es sich so glücklich oder so
unglücklich traf, dass sein heftigster Angreifer und sein ältester Freund ein und
dieselbe Person waren. Es sprach für beide, dass ihre Freundschaft unter diesen
Kämpfen nicht nur nicht litt, sondern immer wurzelfester wurde; allerdings
weniger ein Verdienst unseres Pastors als seines gutgelaunten Antagonisten, der,
weltmännisch über der Sache stehend, nicht gewillt war, die Semnonen- und
Lutizenfrage unter Drangebung vieljähriger herzlicher Beziehungen
durchzufechten. In Wahrheit interessierte ihn die »Urne« erst dann, wenn sie
anfing, die moderne Gestalt einer Bowle anzunehmen.
    Dieser alte Freund und Gegner war der Justizrat Turgany aus Frankfurt a. O.,
der, ein Feind aller Prozessverhandlungen bei trockenem Munde, speziell in dem
Prozess »Lutizii contra Semnones« manche liebe Flasche ausgestochen hatte,
gelegentlich im Pfarrhause zu Hohen-Vietz, am liebsten aber im eigenen Hause,
nach dem Grundsatze, dass er über seinen eigenen Weinkeller am unterrichtetsten
sei. Schon die Studentenzeit hatte beide Freunde, Mitte der siebziger Jahre, in
Göttingen zusammengeführt, wo sie unter der »deutschen Eiche« Schwüre getauscht
und, Klopstocksche Bardengesänge rezitierend, sich dem Vaterlande Hermanns und
Tusneldas auf ewig geweiht hatten. Seidentopf war seinem Schwure treu
geblieben. Wie damals in den Tagen jugendlicher Begeisterung erschien ihm auch
heute noch der Rest der Welt als blosser Rohstoff für die Durchführung
germanisch-sittlicher Mission; Turgany aber hatte seine bei Punsch und Klopstock
geleisteten Schwüre längst vergessen, schob alles auf den ersteren und gefiel
sich darin, wenigstens scheinbar, den Apostel des Panslawismus zu machen. Die
Möglichkeit europäischer Regeneration lag ihm zwischen Don und Dnjepr und noch
weiter ostwärts. »Immer«, so hatte er bei seiner letzten Anwesenheit in
Hohen-Vietz versichert, »kam die Verjüngung von den Ufern der Wolga, und wieder
stehen wir vor solchem Auffrischungsprozess«; halb scherz-, halb ernstaft
vorgetragene Paradoxien, die von Seidentopf einfach als politische Ketzereien
seines Freundes bezeichnet wurden.
    Aber dieser Freund war nicht halb so schwarz, wie er sich selber malte. Er
debattierte nur nach dem Prinzip von Stahl und Stein; hart gegen hart; das gab
dann die Funken, die ihm wichtiger waren als die Sache selbst. Zudem wusste der
panslawistische Justizrat, dass Streit und immer wieder in Frage gestellter Sieg
längst ein Lebensbedürfnis Seidentopfs geworden waren, und gefiel sich deshalb
in seiner Oppositionsrolle mehr noch aus Rücksicht gegen diesen als aus
Rücksicht gegen sich selbst.
 
                                Zwölftes Kapitel
                              Besuch in der Pfarre
Und es war der Justizrat Turgany, der heute, am zweiten Weihnachtsfeiertage 1812
in der Hohen-Vietzer Pfarre erwartet wurde; auch Lewin und Renate hatten
zugesagt, mit ihnen Tante Schorlemmer und Marie.
    Vier Uhr war vorüber; es dunkelte schon, der Besuch konnte jeden Augenblick
kommen. In den Zimmern war alles festlich vorbereitet. Wo noch ein Stäubchen
lag, fuhr unser Freund mit einem Federwedel darüber hin; dann wieder zog er das
Taschentuch und polierte an den Scheiben seiner geliebten Schränke. Wer auf
Waffen hält, der sorgt auch, dass sie blank sind. Nur an das teologische
Bücherbrett, wo der Staub zu dicht lag, vermied er es heranzutreten. Ein
Zwischenfall liess ihn einen Augenblick aufsehen von seiner Arbeit. An ihm
vorbei, als wäre eine Welt versäumt, drang in ziemlich herrischer Weise eine
Frau mit rotem Gesicht und weisser Haube in das Studierzimmer ein, goss auf ein
vorgehaltenes Schippenblech eine Räucheressenz, wie sie damals Mode war, fuhr
ein paarmal durch die Luft und schoss dann in das Nebenzimmer weiter, um ihre
Bewegungen, die zwischen Stoffechten und Weihrauchfassschwenken eine gute Mitte
hielten, in den dahintergelegenen Räumen fortzusetzen. Pastor Seidentopf
lächelte, als er ihr nachsah, ein scherzhaftes Wort schien ihm eben auf die
Lippe zu treten, aber ehe es laut werden konnte, klingelte die Haustür, und das
Aufstampfen auf Dielen und Strohdecke, um den Schnee und die Kälte
abzuschütteln, verriet deutlich, dass der Besuch gekommen sei.
    Aber nicht der Frankfurter Justizrat. Es waren zunächst die Freunde aus dem
Herrenhause. Lewin führte Tante Schorlemmer, Renate und Marie folgten. Man
begrüsste sich herzlich. Renate, die es warm fand, nahm ihr Shawltuch ab und
stand einen Augenblick mit der Broschnadel in der Hand, wie in Verlegenheit, wo
sie dieselbe hintun solle. Dann öffnete sie den Glasschrank und legte die Nadel
in eine der zerbrochenen Urnen. Sie war wie Kind im Hause. Alles lachte;
Seidentopf stimmte mit ein.
    »Sehen Sie, teuerster Prediger«, hob Renate an, »wenn das nun ein
Aschenregen wäre, was jetzt in Flocken vom Himmel fällt, welche Hypotesen gäbe
das bei den Seidentopfs der Zukunft, diese Gemmenbrosche in einem wendischen
Totentopf!«
    »Nicht wendisch, ganz und gar nicht. Aber meine schöne Renate lockt mich
nicht heraus«, erwiderte Seidentopf gut gelaunt. »Ich erwarte Turgany noch und
darf meine Kräfte nicht an Plänkeleien setzen, auch nicht an die verlockendsten.
Aber wo nehmen wir unseren Kaffee?«
    »Hier, hier, im Studier- und Rauchzimmer«, riefen die Stimmen durcheinander,
mit besonderer Betonung des letzten Worts. Seidentopf lehnte ab. Renate aber
bestand darauf. »Wir wollen keine Opfer.«
    »Und wenn es ein solches wäre, je mehr Opfer, je mehr Glück.«
    »O wie verbindlich! Ganz die gute alte Zeit. Und da bilden sich unsere
Residenzler ein« (ein schelmischer Blick Renatens streifte dabei Lewin), »uns
feine Sitte lehren zu wollen; hier ist ihr Lehrstuhl, hier im Pfarrhause zu
Hohen-Vietz.«
    Stühle wurden gestellt; man nahm Platz an einem Rundtisch, der in die Camera
archaeologica gerückt worden war, und die schon erwähnte Frau erschien, um den
Kaffeetisch zu servieren. Sie wurde sofort und in einer Weise von allen
Anwesenden begrüsst, die über ihre Wichtigkeit innerhalb der Hohen-Vietzer Pfarre
keinen Zweifel liess. Ihrer Geburt und Haltung nach hätte sie freilich noch den
Friesrock und das schwarzseidene Kopftuch tragen müssen; alle Haushälterinnen
aber wachsen schliesslich über sich hinaus, und die Hohen-Vietzer machte keine
Ausnahme.
    Sie nahm allerhand kleine Huldigungen in Anspruch und erwartete
beispielsweise von seiten der Gäste ein auszeichnendes Entgegenkommen, später
von seiten ihres Pastors die Aufforderung, an der festlichen Tafel teilzunehmen.
Aber hiermit war ihrem Selbstgefühl Genüge getan. Sie lehnte regelmässig ab und
war befriedigt, dass die Aufforderung überhaupt stattgefunden hatte.
    Sie legte jetzt die Kaffeeserviette, stellte zwei doppelarmige Leuchter,
zugleich auch eine Zuckerdose mit kleinen Löwenfüssen in die Mitte des Tisches
und flankierte diese stattliche Zentrumsposition mit zwei silbernen Körben, von
denen der eine allerhand Krausgebackenes, der andere eine Pyramide von
Kaffeekuchen entielt; zuletzt kam die Meissner Kanne selbst, auf deren Deckel
Gott Amor sich schelmisch auf seinen Bogen lehnte. Der Pastor hatte nie Anstoss
daran genommen, vielleicht es nie bemerkt.
    Renate machte die Wirtin, verteilte den Zucker sogleich in die Tassen (die
grossen Blockstücke waren noch nicht Mode) und handhabte dabei die Zuckerzange
mit jener Grazie, die allein aussöhnen kann mit diesem Werkzeuge der
Unbequemlichkeit. Die Unterhaltung nach den ersten kecken Plänkeleien lenkte
sehr bald wieder ins Regelrechte ein und begann mit dem Wetter. Das hatte im
Jahre 1812 noch eine ganz besondere Bedeutung. Man könnte sagen, vom Wetter
sprechen war damals patriotisch. Schnee und Kälte waren die grossen russischen
Bundesgenossen.
    Der Schnee, der anfangs in kleinen Federchen umhergestäubt war, wirbelte
allmählich dichter an den Fenstern vorbei, und aus der Geborgenheit von Pastor
Seidentopfs Studierstube doppelt geborgen, nachdem sie auch zum Kaffeezimmer
geworden war - sahen jetzt Wirt und Gäste in den Wirbeltanz hinaus.
    Es entstand eine Pause. »Immer mehr Schnee«, begann Lewin, der den Platz
zunächst dem Fenster hatte, »es ist doch, als ob Gott selber sie alle begraben
wolle. Die Vernichtung kommt über sie; sie fällt in leisen Flocken vom Himmel.
Und dazwischen höre ich eine Stimme, die uns zuruft: Drängt euch nicht ein,
wollt nicht mehr tun, als ich selber tue; ich vollbringe es allein. Ich weiss es
wohl, teuerster Pastor, die Stimme, die ich höre, ist nur die Stimme meines
Mitleids. Muss ich mich ihr verschliessen? Ist dieses Mitleid Schwäche? Muss ich es
abtun?«
    »Nein, Lewin, dein Herz hat den rechten Zug wie immer. Wenn es etwas gibt,
dem zu folgen uns nicht reuen darf, so ist es das Mitleid. Zudem, unsere Feinde
sind unsere Verbündete. Und so lehren uns denn diese Tage treu sein, treu auch
gegen den Feind, wie diese Jahre uns gelehrt haben, demütig zu sein. Harren wir.
Es werden Zeiten kommen, wo uns sein wird, als lege Gott selber sein Schwert in
unsere Hände. Aber dieser Tag, der vielleicht nahe ist, ist noch nicht da. Eins
aber gilt heute und immerdar: Offen sei unser Tun. Das ist deutsch.«
    Lewin wollte antworten, aber Peitschenknall und Schellengeläut, das eben die
Dorfgasse heraufkam, unterbrach die Unterhaltung, und Seidentopf rief: »Da sind
sie.«
    Es waren drei Herren, von denen zwei, in grauen Mänteln und schwarzen
Tuchmützen, den Polsterstuhl des Schlittens innehatten, während der dritte, in
Pelzrock und Filzkappe, auf der Pritsche sass. Dieser sprang zuerst von seinem
Holzbock herunter, reichte dem herbeigekommenen Pfarrknecht die Leinen und war
dann den beiden anderen, viel jüngeren, aber schwerfälligeren Herren behilflich,
aus ihren Fusssäcken heraus und glücklich ans Land zu kommen.
    Alles das verfolgten unsere Freunde, soweit die fallenden Schneeflocken es
zuliessen, vom Fenster aus mit jenem ungeheuchelten Interesse, das nur der kennt,
der die Winterstille der Dörfer an sich selber erfahren hat.
    »Wer sind nur die beiden Fremden, die Turgany sich aufgeladen hat?« fragte
Lewin; »in seinem eleganten Nerzpelz passt unser justizrätlicher Freund schlecht
zum Kämmerer dieser Graumäntel.«
    »Es sind Amtsbrüder von mir«, erwiderte Seidentopf, dem errötenden Lewin die
kleine Verlegenheit gönnend, »ein halber und ein ganzer. Der ganze, den du
kennen solltest, ist unser Nachbar, der Dolgelinsche Pastor; der halbe
konrektort vorläufig noch, rückt aber nächstens in die Heilige-Geist-Pfarre ein.
Konrektor Otegraven, ein besonderer Freund Turganys.«
    Die neuen Gäste hatten inzwischen aus Pelz und Mänteln sich ausgewickelt,
und auf dem Flur erklang die Stimme des Justizrats mit jener Deutlichkeit, die
immer auf ein halbes Zuhausesein deutet. Dann öffnete sich die Tür, und alle
drei traten ein. Nach vorgängiger Begrüssung rückte man dichter zusammen, schob
rechtwinkelig einen zweiten Tisch heran und war sofort im Fahrwasser einer
lebhaften Unterhaltung. Turgany, wie er selber mit Stolz zu versichern liebte,
duldete keine Pausen.
    Er hatte sich mit jenem Feldherrnblick, der ihn in solchen Dingen
auszeichnete, den besten Platz gewählt und sass nicht bloss unter einem Urnenreal
seines Freundes, worauf er schliesslich verzichtet haben würde, sondern auch
zwischen Renate und Marie, was er durch geschickte Beseitigung von Tante
Schorlemmer - ihr zuflüsternd, dass sein Freund Otegraven glücklich sein würde,
sich mit ihr über grönländische Mission unterhalten zu können - herbeizuführen
gewusst hatte. »Otegraven habe selber Missionar werden wollen.« In den durch
diese Kriegslist eroberten Platz war er ohne weiteres eingerückt und unterhielt
nun die beiden Damen von den eben überstandenen Abenteuern. Er verfuhr dabei
nicht mit sonderlicher Diskretion, die überhaupt nicht seine starke Seite war,
und nahm nicht den geringsten Anstand, den durch seine Gesamterscheinung
freilich dazu herausfordernden Dolgeliner Pastor zum komischen Helden seiner
Erzählung zu machen. Ein Windstoss habe seines Reisegefährten Kopfbedeckung
querfeldein geführt, und eine Art Mützentreiben sei natürlich die Folge davon
gewesen. Er werde dieses Anblicks nie vergessen. Der Wind, in den hochgeklappten
Doppelkragen sich setzend, habe den unter Segel genommenen Pastor, als ob er in
gerader Linie vom Doktor Faust abstamme, immer weiter und weiter getragen, bis
endlich das phantastische Bild in den Tiefen eines Oderbruchgrabens verschwunden
sei. In diesen sei nämlich der Pastor hineingefallen. Aber die Auserwählten
fielen immer nur, um ihr Glück zu finden. So auch hier. In eben diesem Graben
habe die Mütze gelegen.
    Der Dolgeliner Pastor war inzwischen in einer Kornpreisunterhaltung mit
Lewin begriffen; Tante Schorlemmer und der Konrektor ergingen sich in Parallelen
zwischen Nordpol- und Südpolmission, während Turgany eben einen improvisierten
Kinderball zu schildern begann, den er am Heiligabend mitgemacht hatte. Er liess
die kleinen Mädchen in ihrer Sprache sprechen und ahmte mit einem gewissen
Darstellungstalent, das er hatte, die Wichtigkeit ihrer Mienen und ihrer Haltung
nach. So ging die Unterhaltung. Des Justizrats Ideal war erreicht: keine Pausen.
    Turgany, um sein Bild um ein paar Striche weiter auszuführen, war ein
starker Fünfziger und wusste sich etwas auf die Jugendlichkeit seiner
Erscheinung. Abwehrend gegen alle Schmeichelei, duldete er doch die eine, die
ihn nach dem Siebenjährigen Kriege geboren sein liess. Es ergab dies für ihn
einen Reingewinn von zehn Jahren. Er hielt sich gerade, trug eine goldene Brille
und ein Toupet von flachsblonden Locken. Diese Locken hatten einst um andere
Schläfen gespielt, und unser Freund, wenn ihn die Laune anwandelte, spöttelte
selbst über diese blonde Fülle, die den echten Flachs seiner Jugend weit aus dem
Felde schlug: er scherzte darüber, aber liebte es keineswegs, wenn andere seinem
Beispiel folgten. Sein frisch erhaltenes Gesicht wäre regelmässig zu nennen
gewesen, wenn nicht sein linker Nasenflügel, der ihm abgehauen und von einem
Paukdoktor schlecht angenäht worden war, eine Art Portal gebildet hätte, gerade
gross genug, um einen gewöhnlichen Nasenflügel darunterzustellen. Das Kecke, das
sein Wesen hatte, wuchs dadurch und passte zu dem Zug übermütiger Laune, der um
seine Mundwinkel spielte.
    Die beiden Geistlichen waren von sehr anderem Gepräge und ebenso verschieden
untereinander wie von ihrem Freunde, dem Justizrat. Sie hatten nichts gemeinsam
als den schwarzen Rock und das weisse Halstuch. Der Konrektor gehörte einer
Richtung an, wie sie damals in märkischen Landen nur selten betroffen wurde:
Strenggläubigkeit bei Freudigkeit des Glaubens. Ein mehrjähriger Aufentalt im
Holsteinschen, wo er den Wandsbecker Boten und später auch Claus Harms auf
seiner ditmarsischen Pfarre kennengelernt hatte, war nicht ohne Einfluss auf ihn
geblieben. Er sprach wenig über Christentum und Glaubensfragen, aber auch dem
Profanen gab er eine Weihe durch die Art, wie er es behandelte. Er sah alle
Dinge in ihrer Beziehung zu Gott; das gab ihm Klarheit und Ruhe. Wenn er sprach,
war etwas Helles um ihn her, das mit seinem sonst steifen und pedantischen
Äusseren versöhnen konnte.
    Der Dolgeliner Pfarrer entbehrte vieler Gaben, aber was er am gewissesten
entbehrte, das war die Leuchtekraft des Glaubens. Er war für praktische
Seelsorge, worunter er verstand, dass er den Bauern ihre Prozesse führte, und
musste sich's gefallen lassen, von Turgany abwechselnd als »Kollege«, Dolgeliner
Orakel und Lebuser Markt- und Kurszettel bezeichnet zu werden. Er war weder
Ortodoxer noch Rationalist, sondern bekannte sich einfach zu der alten
Landpastorenrichtung von Whist à trois. Und nicht immer mit der nötigen
Vorsicht. Einmal, so wenigstens erzählte Turgany, hatte er einer älteren
unverheirateten Dame geklagt, dass er in Dolgelin keine »Partie« finden könne,
was zu den ergötzlichsten Missverständnissen Veranlassung gegeben hatte. Im
übrigen war er ebenso brav wie beschränkt und wohlgelitten. Es fehlte nur der
Respekt.
    Solcher Art waren die neuen Ankömmlinge. Der Justizrat erhob sich eben, um
vor Renate und Marie den kleinen verwachsenen Musikentusiasten zu kopieren, der
an jenem Frankfurter Kinderballabend drei Stunden lang das Violoncell gespielt
hatte, als Tante Schorlemmer, einen der Doppelleuchter ergreifend, das Zeichen
gab, die Studierstube von den Verpflichtungen gesellschaftlicher Repräsentation
frei zu machen. Die alte Dame selbst schritt erst dem angrenzenden, dann einem
zweiten dahintergelegenen Zimmer zu; alle jüngeren Elemente der Gesellschaft
folgten, Otegraven und selbst Pastor Zabel nicht ausgeschlossen.
    Nur Turgany und Seidentopf, die alten Freunde und Gegner, blieben in der
Studierstube zurück.
 
                              Dreizehntes Kapitel
                                Der Wagen Odins
Die Stunde vor Tische - nach einem alten Herkommen, von dem übrigens Turgany
heute nicht ungern abgegangen wäre gehörte dem wissenschaftlichen Austausch,
will sagen, der Kriegsführung. In dieser kurzen Spanne Zeit wurden jene
Schlachten geschlagen, denen der Justizrat mit heiterer Entschlossenheit, der
Pastor, bei allem Verlangen danach, doch zugleich mit immer erneutem Bangen
entgegensah. Denn so laut er auch die Unerschütterlichkeit seines Systems
proklamieren mochte, gerade hinter seinen bestimmtesten Versicherungen barg sich
der quälendste Zweifel. Alle Systeme sind gefallen, sagte er zu sich selbst, und
vor jeder neuen Debatte beschlich ihn die Vorstellung: wenn nun jetzt dein Bau
zusammenstürzte!
    Diese Vorstellung kam ihm auch heute, und das entsprechende Bangen wuchs
einen Augenblick, als Turgany, der inzwischen eine kleine Kiste vom Flur
hereingeholt hatte, diese mit einer gewissen Feierlichkeit auf den Tisch stellte
und einfach die Worte sprach: »Dies ist nun für dich, Seidentopf. Nimm es, so
unchristlich sein Inhalt ist, als eine Christbescherung von mir an. Ob du in dir
und ausser dir einen Platz dafür finden wirst, steht freilich dahin. Wenn es in
dein System passt, so schmiede Waffen daraus gegen mich; es soll dann mein Stolz
sein, dir selbst zum Siege verholfen zu haben. Entgegengesetzten Falls aber habe
den Mut eines offenen Bekenntnisses. Und nun öffne.«
    Seidentopf zog den Deckel und nahm aus der Kiste einen kleinen Bronzewagen
heraus, der auf drei Rädern lief und eine kurze Gabeldeichsel hatte, auf der,
dicht an der Achse, sechs ebenfalls bronzene Vögel sassen, alle von einer
Haltung, als ob sie eben auffliegen wollten. Das Ganze, quadratisch gemessen,
wenig über handgross, verriet ebensosehr technisches Geschick wie Sinn für
Formenschönheit.
    Der Pastor war geblendet; auf einen Augenblick ging alles, was kritisch oder
systematisch an und in ihm war, in der naiven Freude des Sammlers unter, und die
Hand des Justizrats ergreifend, sagte er: »Das ist ein Unikum; das wird die
Zierde meiner Sammlung.«
    Dann liess er den Wagen über den Tisch rollen mit einem Gefühl und einem
Gesichtsausdruck, als ob er um fünfzig Jahre jünger gewesen wäre.
    Turgany freute sich des Glückes, das er geschaffen; aber rasch wieder von
seinem alten Widersachergeist erfasst, riss er unseren Seidentopf durch ein kurzes
»Und nun?« aus seiner Unbefangenheit.
    Der Pastor, zunächst noch in jener weichen Stimmung, wie sie Freude und Dank
hervorrufen, versuchte dem inquisitorischen »Und nun?« durch allerhand
Zwischenfragen über Erwerb und Fundort auszuweichen. Aber vergeblich. Die
letztere Frage griff schon in das kritische Gebiet hinüber, und Turgany bemerkte
deshalb mit nachdrücklicher Betonung einzelner Worte: »Er ist von jenseit der
Oder; Wegearbeiter fanden ihn zwischen Reppen und Drossen; er steckte im Mergel;
Drossen ist wendisch und heisst: Stadt am Wege. Die Oder war immer Grenzfluss.«
    »Das ist ohne Bedeutung«, bemerkte Seidentopf ruhig. »Du weisst, es gab eine
Zeit, wo diesseits und jenseits des Flusses Deutsche wohnten; nur die Stämme
waren verschieden. Welche Stämme hüben und drüben, darüber mag gestritten
werden; ich betone nur das Germanische überhaupt.«
    Turgany lächelte. »So glaubst du wirklich, dass deine Semnonen oder
ihresgleichen, die nachweisbar unter Fichten und Eichen wohnten und sich in
Tierfelle kleideten, der Schöpfung solcher Kunstwerke fähig gewesen wären?« Er
wies dabei auf den Wagen. »Wie ich dir oft gesagt habe, sie sind hingegangen wie
das Laub an ihren Bäumen, wie der Ur, der mit ihnen gemeinschaftlich die Wälder
bewohnte. Es ist möglich, dass der Welt die Überraschung vorbehalten ist, hier
oder dort, in Moor oder Mergel, einmal einem durch Erdsalze petrifizierten
Semnonen zu begegnen; ich würde mich freuen, solchen Fund noch zu erleben, er
würde jedoch nach der Seite hin, die hier in Frage kommt, nicht das geringste
beweisen. Es gab Semnonen, gewiss, aber sie schufen nichts. Sie pflanzten sich
fort, das war alles. Ein Schaffen im Sinne der Kunst, der Erfindung kannten sie
nicht. Dieser Wagen ist Produkt höherer Kultur. Wer brachte die Kultur in diese
Gegenden? so stellt sich die Frage. Du kennst meine Antwort.«
    Seidentopf schwieg.
    »Ich habe dir so oft gesagt«, fuhr Turgany fort, »und ich muss es
wiederholen, es zählt bei mir zu den Unbegreiflichkeiten, dass ein Mann von
deinem wissenschaftlichen Ernst, der sich in hundert anderen Stücken durch
Vorurteilslosigkeit auszeichnet, die Kultur der slawischen Vorlande bestreiten
kann. Dein System ist eine Anhäufung von Sophistereien. Von unserer alten
Priegnitz an, in der wir geboren wurden, bis zu diesem Lande Lebus, in dem wir
jetzt beide wohnen, tragen sowohl die Landesteile selbst wie ihre Städte und
Dörfer, zum ewigen Zeichen dessen, dass sie aus wendischen Händen hervorgingen,
gutslawische Namen; in erster Reihe dies alte Hohen-Vietz, dessen Bewohner,
neben ihren vielen anderen Tugenden, auch die der Langmut in Stammes- und
Rassefragen üben. Ich meinerseits kann ihnen darin nicht folgen. Es bleibt, wie
es ist. Die Deutschen dieser Gegenden waren Wilde; sie hatten Menschenopfer, sie
schljetzten ihren Feinden die Bäuche mit Feuersteinen auf. Sie aber, die
gesitteten Wenden, die du verleugnest, sie hatten Tempel, trugen feine Gespinste
und schmückten sich und ihre Götter mit goldenen Spangen. Was hat dein ganzes
Semnonentum aufzuweisen, das heranreichte an die sagenhafte Pracht Vinetas, an
die phantastische Tempelgrösse Retras und Oregungas?«
    »Sagenhafte Pracht«, wiederholte Seidentopf, »mir könnte das Zugeständnis,
das in diesem Beiwort liegt, genügen; indessen ich verzichte gern auf den
Gebrauch von Waffen, die mir, verzeihe, eine Unachtsamkeit meines Gegners in die
Hand gibt. Und so gedenke ich nicht an der Kultur von Retra und Julin
herumzudeuteln. Aber dieses spätere, unter den Anregungen unserer germanischen
Welt über sich selbst hinauswachsende Wendentum ist ein Wendentum dieses
Jahrtausends, während dieser bronzene Wagen augenscheinlich bis in die ersten
Säkula unserer Zeitrechnung zurückdatiert. Ich setze ihn drittes Jahrhundert,
vielleicht noch früher.«
    »Gut. Und wofür hältst du ihn? Was ist er? Was bedeutet er?«
    »Ich hätte es gewünscht, diesen Streit gerade heute, wo ich mich dir so tief
verpflichtet fühle, vermieden zu sehen. Da sich dies nicht tun lässt, so nehme
ich nicht Anstand, ihn, mit jedem erdenklichen Grade von Bestimmteit, als ein
Symbol des altgermanischen Kultus zu bezeichnen. Er versinnbildlicht nichts
anderes als den Wagen Odins.«
    »Du greifst etwas hoch«, setzte jetzt Turgany mit schärfer werdender Stimme
ein. »Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es wieder heraus. Und so
nehme ich denn nicht Anstand, auch meinerseits mit jedem erdenklichen Grade von
Bestimmteit zu behaupten, dass dies ein Odinswagen etwa mit demselben Rechte
ist, wie ein in irgendeinem Mergellager aufgefundenes Wiegenpferd eine
sinnbildliche Darstellung der wendischen Sonnenrosse sein würde. Du darfst den
Bogen nicht überspannen. Dieser Wagen ist einfach das Kinderspielzeug eines
lutizischen oder obotritischen Fürstensohnes, irgendeines jugendlichen Pribislaw
oder Mistiwoi.«
    Seidentopf wollte antworten, aber Turgany fuhr fort: »Ein Bild heiteren
Familienlebens tut sich vor meinen Blicken auf. Holzsäulen mit reichgeschnjetzten
Kapitälen tragen die phantastisch gezierte Decke, und an den Tischen entlang,
bei Würfel und Wein, sitzen die wendischen Schwertmänner, zuoberst der Fürst. Er
trinkt auf das Wohl seines einzigen Sohnes, zu dessen Geburtstagsfeier heute die
Gäste so zahlreich erschienen sind. Durch die Halle hin, nach rechts und links
sich verneigend, schreitet Pribislawa, die Fürstin, und bei jeder grüssenden
Bewegung blitzen die goldenen Franzen ihres weissen Gewandes. An ihrer Rechten
führt sie den Knaben, dessen Locken unter seiner Otterfellmütze hervorquellen,
während hinter ihm her das reiche Spielzeug rollt und rasselt, das dieser
Glückstag ihm bescherte. Und dieses Spielzeug ist hier.« Damit hob Turgany den
vorgeblichen Odinswagen auf und setzte ihn wieder auf den Tisch.
    Der Pastor lächelte. Auch Turgany, dem im Anschauen seines durch ihn selbst
heraufbeschworenen Bildes heiterer ums Herz geworden war, sah wieder ruhiger
drein und sagte in versöhnlichem Tone:
    »Seidentopf, ich habe Trumpf gegen Trumpf gesetzt. Du hast mich
herausgefordert. Wenn ich, dir folgend, von jedem erdenklichen Grade von
Bestimmteit sprach, so wirst du wissen, was ich damit gemeint habe. Es fehlt
uns beiden nur eine Kleinigkeit: der Beweis.«
    »Ich kann ihn geben.«
    »Wohlan, so gib ihn.«
    »Du gibst zunächst die Bronze zu?«
    Der Justizrat nickte.
    »Du gibst ferner zu, dass die Bronze der germanischen Zeit mit derselben
Ausschliesslichkeit angehört wie das Eisen der wendischen?«
    Turgany nickte wieder, aber unter Zeichen wachsender Ungeduld.
    »Gut. Dies von deiner Seite zugegeben«, fuhr Seidentopf fort, »scheint mir
unser Streit durch dein eigenes Entgegenkommen geschlichtet. Ich danke dir für
diesen Akt der Unparteilichkeit und Selbstbeherrschung. Dieser Wagen ist
bronzen; und weil er bronzen ist, ist er germanisch. Das ist der Punkt, auf den
es ankommt. Was er innerhalb der germanischen Welt war, das ist erst von zweiter
Bedeutung. Doch muss ich dabei bleiben, dass auch darüber nicht wohl ein Zweifel
sein kann. Hier diese Vögel auf Achse und Gabeldeichsel führen den Beweis. Es
sind die Raben Odins. Sie fliegen vor ihm her; wenn ich mich des Ausdrucks
bedienen darf, sie ziehen das rätselvolle Gefährt.«
    »Du hältst dies also für Raben?«
    »Der Augenschein überhebt mich jeder weiteren Ausführung«, erwiderte der
Pastor.
    »Nun, so erlaube mir die Bemerkung, dass nach meiner ornitologischen
Kenntnis, die wenigstens auf dem ganzen zwischen Fasan und Bekassine liegenden
Gebiete der deinigen überlegen ist, diese sogenannten Raben Odins nicht mehr und
nicht weniger als alles sein können, was je mit Flügeln schlug, vom Storch und
Schwan an bis zum Kernbeisser und Kreuzschnabel. Und so ruf ich dir denn zu: Heil
diesem Isis- und Osiriswagen, denn sechs Ibis sitzen auf seiner Deichsel, Heil
diesem Jupiterwagen, denn sechs Adler fliegen vor ihm her.«
    Während dieser Kontroverse hatte die Haushälterin nebenan mit Tellern und
Tassen geklappert und die Beine des Ausziehtisches mit jener rücksichtslosen
Lauteit eingeschraubt, die seit alter Zeit her das Vorrecht des von seiner
Wichtigkeit überzeugten Küchendepartements bildet. Trotz dieses Lärmens indes
waren die scharfen Töne Turganys bis in das dahintergelegene Gesellschaftszimmer
gedrungen und veranlassten hier um so rascher einen allgemeinen Aufbruch, als das
immer gern gehörte »Zu Tisch« ohnehin jeden Augenblick gesprochen werden konnte.
Renate und Marie, die den Zug führten, erschienen auf der Schwelle des
Studierzimmers, als der Justizrat eben seine letzten spöttischen Trümpfe
ausspielte.
    »Willkommen!« rief Turgany. »Unsere jungen Freundinnen, die Vertreter
heiterer Unbefangenheit in diesem Kreise, sollen einen Gerichtshof bilden und
zwischen dir und mir entscheiden. Cour d'amour, Sängerstreit; Seidentopf und
Turgany in den Schranken.«
    Seidentopf war es zufrieden. Alles versammelte sich um den Tisch, und
Renate, den Vorsitz nehmend, forderte die streitenden Parteien auf, ihre Sache
zu führen. Turgany sprach zuerst; dann schloss Seidentopf: »Und so spitzt sich
denn die Frage einfach dahin zu: ist dieser Wagen ein Gegenstand des Kultus,
oder ist es ein blosser Tand? Wurde andächtig zu ihm aufgeschaut, oder wurde mit
ihm gespielt? Und nun, ihr Raben Odins, zieht eure Kreise und kündet das rechte
Wort.«
    Renate warf einen Blick auf die Streitenden, dann sagte sie: »Welche
Blindheit, ihr Freunde, dass ihr den Wald vor Bäumen nicht seht! War je eine
Frage leichter zu entscheiden? Wozu das Suchen in dunkler Ferne? Dieser Wagen,
von allerdings symbolischer Bedeutung, ist nichts anderes als ein Streitwagen,
das zwischen Drossen und Reppen aufgefundene Bild eurer eigenen urewigen Fehde.«
    Alles stimmte heiter zu, und die gemeinschaftlich Verurteilten reichten sich
die Hand. Renate aber, den Winken der im Hintergrunde beschäftigten Alten
endlich die gebührende Aufmerksamkeit schenkend, nahm jetzt den Arm Seidentopfs
und schritt dem Nebenzimmer zu, darin auf gastlich hergerichteter Tafel das
Linnen glänzte und die Lichter brannten.
 
                              Vierzehntes Kapitel
                     »Alles, was fliegen kann, fliege hoch«
Das Nebenzimmer war das Esszimmer, das von dem Vorrecht aller Speiseräume, kahl
und schmucklos sein zu dürfen, den ausgiebigsten Gebrauch machte. Nur zweierlei
unterbrach die vorherrschende Nüchternheit: über der nach dem Korridor
hinausführenden Tür hing eine grosse, stark nachgedunkelte, von irgendeinem
Niederländer aus der Rubensschule her rührende Bärenhatz, während am
Spiegelpfeiler der gegenüber gelegenen Schmalwand eine hohe Nussbaumetagere
stand, auf deren oberstem Brett ein durchbrochener Korb mit bemaltem
Alabasterobst, Birnen, Orangen und Weintrauben, paradierte. Die »Bärenhatz«
hatte sich, vor mehr als fünfzig Jahren, bei Renovierung des Vitzewitzeschen
Speisesaales, aus dem Herrenhause nach dem Predigerhause verirrt, in dem damals
ein lebelustiger Amtsvorgänger Seidentopfs, soweit ihn nicht Fuchs- und
Hasenjagd in Anspruch nahmen, der Hohen-Vietzer Seelsorge oblag.
    So kahl und nüchtern das Zimmer war, einen so entgegengesetzten Eindruck
machte es von dem Augenblick an, wo die Seidentopfschen Gäste dasselbe zu füllen
und zu beleben begannen. Die Armleuchter, die grünen und weissen Gläser, vor
allem ein die Mitte der Tafel einnehmender, in der Fülle seiner langen und
braunen Zacken eine Hohen-Vietzer Pfarrspezialität bildender Baumkuchen gaben
ein überaus heiteres Bild, das aus seiner wunderlich komponierten Umrahmung:
kahle Wände, nachgedunkelter Rubens und Alabasterobst, eher Vorteil als Nachteil
zog.
    Turgany, der sich wieder des Platzes zwischen den beiden jungen Damen zu
versichern gewusst hatte, flüsterte, nachdem eine Tasse Tee glücklich an ihm
vorübergegangen war, der in Person aufwartenden Alten einige Worte ins Ohr, die
von dieser, wie es schien, verständnisvoll aufgenommen und mit Kopfnicken
erwidert wurden.
    »Neue Anschläge im Werke?« fragte Renate.
    »Vielleicht«, bemerkte Turgany. »Aber doch nur solche, die die Neugier
meiner schönen Nachbarin nicht lange auf die Probe stellen werden. In jedem
Falle Überraschungen von allgemeinerem Interesse als der Wagen Odins.«
    Während dies Gespräch noch geführt wurde, erschien die Haushälterin wieder
zu Häupten der Tafel, eine flache Schüssel herumreichend, deren schwarzkörniger,
mit Zitronenschnitten reich garnierter Inhalt über die Art der Überraschung
nicht länger einen Zweifel lassen konnte.
    »Aber Turgany«, murmelte Seidentopf mit liebevollem Vorwurf.
    »Keinen vorzeitigen Dank«, nahm der Justizrat das Wort. »Du ahnst nicht,
Freund, die geheime Tücke, die hinter diesen schwarzen Körnern lauert. Allen
Tafelparagraphen zum Trotz, die schon jede lebhafte Debatte von den Freuden des
Mahles ausgeschlossen wissen wollen, trage ich den alten
Turgany-Seidentopf-Streit an diesen deinen gastlichen Tisch und entnehme neue
Waffen gegen dich diesem Überraschungsgericht, das ich mir, im Vertrauen auf
deine Nachsicht, einzuschieben erlaubt habe. Ja, Freund, hier ist das Salz der
Erde, das einzige, das noch nicht dumpf geworden. Diese schwarzen Körner, was
sind sie anders als ein Vortrab aus dem Osten, als eine Avantgarde der grossen
slawischen Welt. Sendboten von der Wolga her: Astrachan rückt ein in dieses alte
Land Lebus. Ein tiefsinniges Symbol dieses alles! Schon folgen die
Steppenreiter, die dieselbe Heimat haben; erwarten wir sie, bereiten wir unsere
Herzen. Es lebe das Salz der neuen Zeit; es lebe die grosse Slawa, die Urmutter
unserer wendischen Welt, es lebe Russland!«
    Seidentopf, viel zu liebenswürdig, um nicht für Neckereien wie diese ein
bereitwilliges Verständnis zu haben, erhob sich sofort. »Ich bitte die Gläser zu
füllen«, begann er, »versteht sich, die grünen. Unser Freund hat das Salz
unserer Zeit, hat Russland, hat die astrachanische Prärie leben lassen. Ich
könnte hervorheben, dass optische Täuschungen, riesenmässige Vergrösserungen zu den
charakteristischen Zügen jener Steppengegenden gehören, von denen uns
beispielsweise Reisende berichten, dass einfache Heidekrautbüschel das Ansehen
stattlicher Bäume gewönnen; aber ich verzichte auf Bemerkungen, die unseren
Streit nur schüren könnten. Ich dürste nicht nach Fehde, sondern nach
Versöhnung. Gut denn, es lebe das Wolgasalz, das erfrischt, aber zugleich
durchglühe uns dieser deutsche Wein, der erheitert und erhebt. Zu dem Herben
geselle sich das Feuer, zu der Kraft die Begeisterung. So vermähle sich die
slawische und germanische Welt. Es ist ein alter Wein noch, der in unseren
Gläsern perlt, und die Gelände waren unser, die ihn trugen und reiften. Sie
sollen es wieder sein. Möge der Most des nächsten Jahres in deutschen Keltern
stehen.«
    Die Gläser klangen zusammen, auch die Turganys und Seidentopfs. Beide Gegner
umarmten sich, alles schüttelte sich die Hände, und das Gefühl patriotischer
Erhebung wuchs, als, unter Zugrundlegung des neunundzwanzigsten Bulletins, die
Tischunterhaltung in das Gebiet der Konjekturalpolitik hinüber glitt.
    Erst der Schluss der Tafel machte dem Gespräch ein Ende, an dem sich auch die
Damen um so lieber beteiligt hatten, als die Abwesenheit eigentlich
zuverlässigen Materials es sowohl je dem reichlich eingestreuten »On dit« wie
nicht minder dem Fluge der Einbildungskraft erlaubte, alles Fehlende aus eigenen
Mitteln zu ersetzen. Und auf derartig schwachen Fundamenten aufgeführte
Unterhaltungen pflegen meist mehr zu befriedigen als solche, die durch oft
unbequeme Tatsachen in ihrem Gange bestimmt werden.
    Die Gesellschaft begab sich jetzt aus dem Esszimmer in die die Zimmerreihe
abschliessende Putzstube, die im wesentlichen noch die Einrichtung zeigte, die
ihr die vor zehn Jahren, beinahe unmittelbar nach der Feier ihrer silbernen
Hochzeit, aus der Zeitlichkeit geschiedene Frau Pastorin Seidentopf gegeben
hatte. An der einen Längswand standen ein Sofa und ein Birkenmaser-Klavier,
jenes hochlehnig, mit fünf harten, grossblümig überzogenen Seegraskissen, dieses
auf schmalen, ellenartigen Beinen, deren Dünne nur noch von der seines Tones
übertroffen wurde. Dem Sofa gegenüber befand sich der »Jubiläumsschrank«, in dem
alles ein Unterkommen gesucht und gefunden hatte, was bei Gelegenheit der mit
seiner silbernen Hochzeit zusammenfallenden fünfundzwanzigjährigen Amtsführung
unserem Seidentopf an Geschenken und Huldigungen dargebracht worden war. Ausser
dem Kranz und dem Ehrenpokal standen hier: zwei Blumenvasen mit Zittergras, ein
Fidibusbecher, ein Album, eine Briefmappe, mit zwei grossen Perlenarbeiten
geschmückt, von denen die eine die Hohen-Vietzer Kirche, die andere das
Landsberger Korrektionshaus darstellte, an dem unser Seidentopf einige Jahre
lang amtiert hatte. Aus eben dieser Zeit her stammte auch ein kleines, aus
Brotkrume geformtes Kruzifix, das, unscheinbar an sich selbst, in ebenso
unscheinbarer Umrahmung hart über der Sofalehne hing. Es war die Arbeit eines in
Ketten geschlossenen, auf Lebenszeit verurteilten Sträflings, der, einfach um
Beschäftigung willen beginnend, unter dem Tun seiner Hände sich zum gläubigen
Christen herangebildet hatte. Turgany pflegte die Bemerkung daran zu knüpfen,
dass es ein neuer Beweis sei, wie sich jeder seinen Gott und seinen Glauben
schaffe; Seidentopf aber, weil hier sein Innerstes mitspielte, liess sich in
seinen entgegenstehenden Anschauungen nicht beirren, war vielmehr fest
überzeugt, dass auch diesem Schächer das Wort erklungen sei: »Noch heute wirst du
mit mir im Paradiese sein«, und pries sich glücklich, dies Brotkrumenkruzifix
aus den Händen eines gläubig Sterbenden empfangen zu haben. Er sah es für nichts
Geringeres als einen Talisman oder, um christlicher zu sprechen, als einen
segenspendenden Hort seines Hauses an.
    So war das Zimmer. Tante Schorlemmer nahm Platz auf dem Sofa, die beiden
jungen Damen neben ihr, während die Herren um den Tisch herum den Kreis
schlossen.
    »Was spielen wir?« fragte Renate. »Wir haben die Wahl zwischen Tellerdrehn,
Talerwandern und Tuchzuwerfen.«
    »Also doch jedenfalls ein Pfänderspiel«, fragte Pastor Zabel, dem etwas
bange werden mochte.
    »Gewiss«, antwortete Turgany.
    »Dann bin ich«, entschied Renate, »alles in allem erwogen, für Lewins
Lieblingsunterhaltung: Alles, was fliegen kann, fliege hoch! Er hält dies
nämlich für das Spiel aller Spiele.«
    »Da wäre ich doch neugierig«, bemerkte Turgany.
    »Ich bekenne mich«, nahm Lewin jetzt das Wort, »allerdings zu dem Geschmack,
den mir Renate zugeschrieben. Es ist, wie sie sagt. Alle Spiele sind gut, wenn
man sie richtig ansieht, aber mein Lieblingsspiel ist doch der besten eines. Es
hat zunächst eine natürliche Komik, die sich freilich dem nur auftut, der ein
bescheidenes Mass von Phantasie und plastischem Sinne mitbringt. Wem die Tiere,
gross und klein, die genannt werden, nur Worte, nur naturhistorische Rubrik sind,
wem sozusagen erst nachträglich als Resultat seiner Kenntnis und Überlegung
beifällt, dass die Leoparden nicht fliegen, dem bleibt der Zauber dieses Spiels
verschlossen. Wer aber in demselben Augenblick, in dem der Finger zur Unzeit
gehoben wurde, inmitten von Kolibris und Kanarienvögeln einen Siamelefanten
wirklich fliegen sieht, dem wird dieses Spiel, um seiner grotesken Bilder
willen, zu einer andauernden Quelle der Erheiterung.«
    »Sehr gut, sehr gut«, sagte Turgany, sichtlich angeregt durch diese
Betrachtung.
    »Und doch ist diese Seite des Spiels«, fuhr Lewin fort, »nur eine
nebensächliche. Viel wichtiger ist eine andere. Es diszipliniert nämlich unseren
Geist und lehrt uns eine rasche und straffe Zügelführung. In körperlichen wie in
geistigen Dingen herrscht dasselbe Gesetz der Trägheit. Aus Trägheit rollt die
Kugel weiter. So genau auch hier. Siebenmal, in wachsender Geschwindigkeit,
haben wir den Finger gehoben, er ist in eine rotierende Bewegung geraten, er
fliegt beinahe selbst; da drängt sich das schwerfällig Kompakteste in die
Gesellschaft uns leicht und zierlich umschwirrender Vögel ein, und siehe da,
unser Finger tut das, was er nicht sollte, und fliegt weiter. Da liegt es! Diese
dem Gesetz der Trägheit entstammende Bewegung, unter dem Eindruck eines rasch
entstehenden Bildes, mit gleich rascher Willenskraft zu hemmen, das ist die
geistige Schulung, die wir aus diesem Spiel gewinnen. Ich kann mir denken, dass
wir durch Übungen wie diese unserer Charakterbildung zu Hilfe kommen.«
    Der Konrektor lächelte. Er schien die pädagogische Seite des Spiels doch
etwas geringer zu veranschlagen. Nur Turgany wiederholte seine Zustimmung. Das
Spiel begann und nahm seinen Gang, dabei seine alte Anziehungskraft bewährend.
Der alte Streit, ob Drachen fliegen können oder nicht, wurde den Mitspielenden
nicht geschenkt. Als man abbrach, lag eine ganze Zahl von Pfändern in einem
flachen Arbeitskorb, den Marie herbeigeholt hatte.
    »Unser Freund Lewin«, nahm jetzt Turgany das Wort, »hat von dem Spiel der
Spiele gesprochen, dabei seinen Gegenstand vom künstlerischen, vom pädagogischen
und moralischen Standpunkte, also von drei Seiten her beleuchtend, wie es sich
in einem Predigerhause geziemt. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, mich
über ein verwandtes Tema in ähnlich eindringlicher Weise zu verbreiten. Wollen
Sie es glauben, meine Damen, dass sich die tiefsten Geheimnisse der Natur in der
Abgabe der Pfänder offenbaren.«
    »Das wäre!« bemerkte der Dolgeliner Pastor, der nach dieser Seite hin kein
ganz reines Gewissen haben mochte.
    »Etwas dezent Indifferentes wählen«, fuhr Turgany fort, »ohne dabei der
Trivialität zu verfallen, das ist die Kunst. Ein Batisttuch, ein Notizbuch, ein
Flakon, eine Broche dürfen als wahre Musterstücke gelten. Sie sind nur selten zu
übertreffen. Ich kannte freilich eine fremdländische, aus dem Süden her an unser
Oderufer verschlagene Dame, die lächelnd eine grosse Perlennadel aus ihrem
schwarzen Haare nahm und diese Nadel dann überreichte. Ich hätte die Hand küssen
mögen. Das war ein Ausnahmefall nach der glänzenden Seite hin. Desto leichter
ist es, hinter der goldenen Mitte des Flakons und der Broche zurückzubleiben.
Ich entsinne mich einer im Embonpointalter stehenden Professorenfrau, die Mal
auf Mal ihren Trauring als Pfand vom Finger zog. Erlassen Sie mir, Ihnen das
eheliche Glück des Hauses zu schildern. In derselben Gesellschaft befand sich
ein Herr, der nicht müde wurde, sein englisches Taschenmesser, zehn Klingen mit
Korkzieher und Feuerstahl, in den Schoss der Damen zu deponieren, bis das
Klingenmonstrum, nach Zerreissung mehrerer Seidenkleider, endlich vor dem
allgemeinen Entrüstungsschrei verschwand.«
    Der Justizrat hatte diesen Vortrag halten dürfen, ohne Furcht, dadurch
anzustossen. Er war nämlich der Abgabe der Pfänder mit besonderer Aufmerksamkeit
gefolgt und kannte genau die Resultate. Selbst Pastor Zabel hatte nichts
Schlimmeres eingeliefert als einen grossen Karneoluhrschlüssel, den er nicht an
der Uhr, sondern selbständig, wie eine Art Sackpistole, in einer seiner grossen
Taschen trug.
    Man schritt nun zur Einlösung.
    Lewin, der am meisten verschuldet war, hatte »Steine zu karren«, musste
»Brücke baun« und »Kette machen«, während es dem Dolgelinischen Pfarrer zufiel,
als »polnischer Bettelmann« sein Glück zu versuchen.
    Endlich hiess es: »Was soll der tun, dem dies Pfand gehört?«
    »Schinken schneiden!«
    Es war ein Knüpftuch Maries. Diese erhob sich, trat in die Mitte des Zimmers
und begann: »Schneide, schneide Schinken, wen ich liebhab, werd ich winken.«
    dabei winkte sie dem Frankfurter Konrektor und bot ihm in voller
Unbefangenheit ihren Mund. Otegraven, der sonst Gewalt über sich hatte, fühlte
sein Blut bis in die Schläfe steigen. Er küsste ihr die Stirn: dann kehrten beide
auf ihre Plätze zurück.
    Ausser Renaten hatte nur Turgany die flüchtige Verlegenheit Otegravens
bemerkt.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
                             Schmidt von Werneuchen
Das letzte einzulösende Pfand, ein Notizbuch, gehörte Renaten, die nunmehr
aufgefordert wurde, ein Lied zu singen. Sie war dazu bereit, aber wie immer
entstand die Frage: was? Zum Glück lagen auf dem kleinen Birkenmaser-Klavier
allerhand Noten aufgeschichtet, unter denen Renate zu suchen begann. Es waren
Liederkompositionen, die, soweit der Text in Betracht kam, mit einer Art von
gesellschaftlicher Diplomatie beiden Dichterschulen entnommen waren, die damals
in beinahe unmittelbarer Nähe von Hohen-Vietz ihre Geburts-, jedenfalls ihre
Pflegestätte hatten. Die eine Schule, vom Lokalstandpunkt aus angesehen, war die
Nieder-Barnimsche, die andere die Lebusische, jene, die derb-realistische, durch
Pastor Schmidt von Werneuchen, diese, die aristokratisch-romantische, durch
Ludwig Tieck und den in Ziebingen ansässigen Mäzenatenkreis der Burgsdorffs und
ihrer Freunde vertreten. Zwischen beiden Schulen suchte der Hohen-Vietzer
Pfarrherr, der es überhaupt mit Ausnahme der Semnonen zu keiner entschiedenen
Parteinahme bringen konnte, nach Möglichkeit zu vermitteln, hatte abwechselnd
Worte der Anerkennung für Werneuchen, Worte der Bewunderung für Ziebingen und
gab dieser seiner Halbheit, die, sobald es sich um kirchliche Fragen handelte,
den Spott Miekleis und Uhlenhorsts herausforderte, auch auf literarischem
Gebiete durch Anschaffung heute des Schmidtschen »Kalenders der Musen und
Grazien«, morgen des Tieckschen »Zerbino« oder »Phantasus« Ausdruck. Übrigens
stammten die Klaviernoten meist noch aus der Zeit der verstorbenen Frau her,
die, selbst auf dem Barnim gebürtig, zugleich auch minder abwägend als ihr
Eheherr, den Werneuchener Poeten um ein weniges bevorzugt hatte.
    Renate, nachdem sie hin und her geblättert, wählte schliesslich, um dem
Suchen ein Ende zu machen, einige Pastor Schmidtsche Strophen, die sich an den
Freund aller unglücklich Liebenden richteten, »an den Mond«. Der Überschrift war
die Klammerbemerkung hinzugefügt: »Abends elf Uhr am Fenster«.
So manchen Abend traur ich hier
In stummer Liebe Leid;
In meiner Schwermut blickst du dann
Mich freundlich durch die Weiden an,
Dass mich's im Herzen freut.
Wenn doch, wie du, mein Mädchen mild,
Wie du so freundlich wär!
O such sie, lieber Mondenschein,
Und schau ihr ernst ins Aug hinein
Und mach das Herz ihr schwer.
Renate, die das Lied in Text und Komposition zu kennen schien, sang es mit
grosser Sicherheit, aber zugleich auch mit jenem übertriebenen Aufwand von Stimme
und Gefühl, wodurch der Vortragende auszudrücken wünscht, dass er über der Sache
stehe.
    Dies war den Zuhörern nicht entgangen, von denen die Mehrzahl dieser
ironischen Behandlung des Liedes zuzustimmen schien. Nur Seidentopf trat an das
Klavier und sagte: »Unser Barnimer Freund scheint vor unserem Lebusischen
Fräulein keine Gnade zu finden.«
    »Wie kann er auch«, nahm Renate das Wort; »wie bescheiden er sich stellen
mag, er hat die Prätension, ein Poet zu sein, und er ist keiner. Es ist sinnig,
sich den Dichter auf einem geflügelten Pferde zu denken, weil es die erste
Aufgabe aller Poesie ist, das platt Alltägliche hinter sich zu lassen; und nun
frag ich Sie, teuerster Pastor, auf welchem Pferde, geflügelt oder nicht, sind
Sie imstande sich unsern Schmidt von Werneuchen vorzustellen? Ist es vielleicht
der weisse königliche Zelter,
Mit Federbüschen bunt im Winde flatternd,
Die Brust, wie Schnee, mit blauem Schleier schmückend?«
»Nein, liebe Renate«, antwortete Seidentopf, »dieser weisse königliche Zelter ist
es sicherlich nicht. Die Kreuzzugs-Jahrhunderte, die drüben bei den Ziebinger
Freunden fast nur noch Geltung haben, sind nicht das Zeitalter unseres einfachen
und, wie nicht bestritten werden soll, an Haus und Hof gebundenen Schmidt: er
ist ganz Gegenwart, ganz Genre, ganz Mark. Er ist so unromantisch wie möglich,
aber er ist doch ein Dichter.«
    »Das ist er«, fiel jetzt der Dolgeliner Pastor ein, zu dessen kleinen
Eitelkeiten es gehörte, seine Bekanntschaft mit dem Werneuchener Amtsbruder ins
rechte Licht zu stellen. Ausserdem hatte er den Wunsch, doch endlich auch
seinerseits in den Gang der Unterhaltung einzugreifen, und der rechte Augenblick
dafür schien ihm gekommen. »Unser viel angefochtener Freund«, fuhr er fort, »ist
ein Poet trotz einem; aber ich sehe wohl, unser Fräulein Renate hat zuviel da
drüben nach Frankfurt hin verkehrt und ist aus der Barnimer Schule, die so recht
eigentlich eine brandenburgische Schule ist, in die neue Lebuser übergegangen,
wo sie nur noch spanische Stücke lesen und mit dem Herrn Tieck einen
Götzendienst treiben, als hätt es vor seiner mondbeglänzten Zaubernacht noch gar
keine Dichtung und noch gar keinen rechten Mond gegeben. Und dieser Hochmut
reizt mich, und wiewohlen Dolgelin ein alt-lebusisches Dorf ist, so steh ich
doch in dieser Dichterfehde ganz auf seiten von Nieder-Barnim, und wenn sie mir
sagen wollen, dass noch nie so Schönes gedichtet worden ist wie:
Ihr kleinen goldnen Sterne,
Ihr bleibt mir ewig ferne,
was sie jetzt auf allen Leiern spielen, so sag ich: nein, ihr Herren, euer
Geschmack ist nicht mein Geschmack, und es fällt mir ganz anders auf die Sinne,
wenn unser Werneuchner Freund in seiner drallen Dichterweise anhebt:
Auf seinem Waldhorn bläst des Dorfes Hägereiter,
Die Paare treten an, die Augen werden heiter,
Des Amtmanns Schreiber kommt, die Bauern rufen: Tusch,
Fort mit den Tischen, jetzt beginnt der Kiekebusch!
Das nenn ich Sprache. Ich sehe den Bräutigam mit der rotkalmankenen Weste und
höre, wie sie mit den Hacken zusammenschlagen. Da ist echtes Gold drin, gegen
das sich die kleinen goldnen Sterne verstecken können.«
    Turgany lachte herzlich. Im übrigen trat eine kleine Verlegenheitspause ein,
die Seidentopf endlich - mit geflissentlicher Umgebung des ganzen Intermezzos,
als welches die Dolgeliner Verteidigungsrede anzusehen war - unterbrach, indem
er sich an seine schöne Widersacherin wendete: »Sie unterschätzen ihn, liebe
Renate, wie so viele mit Ihnen tun. Vielleicht, dass ich meinerseits in den
entgegengesetzten Fehler verfalle, weil ich die Vorzüge seines Herzens auch in
seinen Dichtungen wiederfinde. Man muss ihn eben kennen.«
    »Nun, so lassen Sie uns an Ihrer Kenntnis teilnehmen, erzählen Sie von ihm.«
    »Das muss Turgany tun«, fuhr der Pastor fort, »er hat die Gabe eindringlicher
Schilderung, er kennt ihn, er schätzt ihn auch, wenn ich mich früherer Gespräche
recht entsinne.«
    Turgany machte zunächst eine ablehnende Handbewegung und setzte dann
erklärend hinzu: »Lieber Seidentopf, es muss eine Verwechselung vorliegen,
vielleicht mit deinem Amtsbruder Pastor Zabel, den wir soeben in dankbarer
Erinnerung an die rotkalmankene Weste sich entusiasmieren sahen. An ihn wäre
dein Appell in der Ordnung gewesen.«
    Aber diese Ablehnung, wie vorauszusehen, war umsonst; alles drang in
Turgany, der endlich, wohl oder übel, dem allgemeinen Wunsche nachgeben musste.
Vielleicht nicht ungern. Denn er tat nichts lieber als medisieren. »Nun denn«,
so hob er an, »Sie wissen alle, dass unser Werneuchener Freund ein Prediger und
Dichter ist, aber was Sie vielleicht nicht wissen und was so recht eigentlich
den Schlüssel zum Verständnis seiner Dichtungen bildet, das ist das, dass er auch
Gatte und Vater ist. Die Kanzel steht ihm nahe, aber die Wiege steht ihm näher.
Sein Haus ist eine Kinderstube oder, wie es hierlandes heisst: mehr Quarre als
Pfarre. Versteht sich, ist er kreuzbrav. Er züchtet Bienen und Blumen und lädt
seine Gäste statt in Prosa in Versen, meist in Sonetten, ein. Er ist bescheiden
und selbstbewusst, nachgiebig und eigensinnig, harmlos und schlau, in summa ein
Märker. Nicht zufrieden damit, für sein eigen Teil der Pastor Schmidt von
Werneuchen zu sein, ist sein bester Freund auch noch der Pastor Schultze von
Döbritz. Nomen et omen. Er raucht aus langer Pfeife und trägt Käppsel und
Schlafrock, und wenn er den letztern ausnahmsweise nicht trägt, so macht er den
Eindruck, als trüge er zwei. Unter seinen Dichtungen hat mir die kleine Gruppe,
die die Überschrift aufweist: Lieder für Landmädchen, abends beim Melken zu
singen, immer den grössten Eindruck gemacht. In einer angefügten Notiz findet
sich nämlich die Bemerkung, dass er sie gedichtet habe, um verschlafene
Milchmädchen beim Melken wach zu erhalten. Ich bezweifle, dass er seinen Zweck
erreicht hat.«
    Seidentopf mühte sich, einen kleinen Unwillen zu zeigen. »Das führt uns
nicht weiter, Turgany: du selbst wirst nicht behaupten wollen, in deiner
Schilderung auch nur einigermassen Gerechtigkeit geübt zu haben.«
    »Ich weiss doch nicht«, fiel Lewin hier ein. »Wir kennen alle den lebhaften
Farbenauftrag unsers justizrätlichen Freundes, aber einer gewissen drastischen
Ausdrucksweise entkleidet, hat er nichts gesagt, was ich nicht von ganzem Herzen
unterschreiben möchte. Diese Werneuchener Poesie hat in der Tat kein anderes
Ideal als den bekäppselten Familienvater, und die Abfertigung, die ihr von
Weimar her zuteil wurde, war wohlverdient. Es ist wahr, manches glückt ihm. Wie
hübsch klingt es:
Was lieb sich hat mit Treuen,
Das sucht ein einsam Örtchen gern,
Wo's heimlich sich kann freuen,
Von Lärm und Lauschern fern.
Da hat sich's lieb im stillen,
So inniglich, so minniglich,
Da hat es seinen Willen,
Sein Wesen ganz für sich.
Das ist sinnig: aber daneben liegen Abgründe. Er hat eine gefällige Gabe für den
Reim und ein Auge für die Natur. Das ist alles. Seine Schilderungen mögen
gelegentlich als Oasen gelten, seine Gedanken sind die Wüste. Sand und wieder
Sand. Aber wie denkt nur Marie über ihn? Ich glaube mich zu entsinnen, dass sie
seine Lieder mehr als einmal gelesen, auch zu Renate darüber gesprochen hat.«
    Die Angeredete wurde rot bis an die Schläfe. Es konnte nicht wohl anders
sein. Lewin, der von manchem Plauderabend her die Schärfe ihres Urteils kannte,
übersah, dass es ein grösserer Kreis war, vor dem zu sprechen er sie so plötzlich
aufgefordert hatte. Sie sammelte sich aber schnell und sagte dann fest und
schüchtern zugleich: »Ich gehe ganz mit Renaten; er ist kein Dichter, weil er
nichts als die Wirklichkeit kennt.«
    »Und seine Gabe der Schilderung?« unterbrach Seidentopf.
    »Auch sie erquickt mich nicht. Sie ist das Beste an ihm, gewiss, aber les ich
dann bis auf am Himmelsbogen die goldnen Sterne zogen, so fühle ich plötzlich
den unendlichen Unterschied zwischen diesen Sternen und den Alltags-Sternen
unseres Schmidt. Freilich ich zweifle, ob ich diesen Unterschied werde
aussprechen können.«
    »Du wirst es können; beginne nur«, riefen ihr Lewin und Renate zu.
    »Ich will es versuchen. Der Dichter soll ein Spiegel aller Dinge sein.
Schmidt aber spiegelt nichts; er gibt nur die Natur selber.«
    »Gut, gut«, fiel Turgany ein, »ich habe mehr als eine Untersuchung gelesen,
die zurückbleibt hinter diesem kritischen Debut. Der Schmidtsche Spiegel, wenn
ich recht verstanden, ist gar kein Spiegel, sondern nur ein Spiegelrahmen, und
die Bilder, die er gibt, sind nichts anderes als eingefasste Stücke leibhaftiger
Natur. Natur, wie wir sie vor uns haben, wenn wir, zurücktretend, sauf drei
Schritt Entfernung durch ein offenstehendes Fenster sehen. Sehr gut.«
    Seidentopf, immer unruhiger werdend, wollte antworten; Turgany aber, als
merke er nichts von der Verstimmung seines Freundes, fuhr jetzt in der ihm
eigenen Weise fort: »Wir haben nun unser Verdikt abgegeben, und Inkulpat, trotz
der günstigen, aber als durchaus parteiisch anzusehenden Aussagen seiner
Amtsbrüder von Hohen-Vietz und Dolgelin, ist als schuldig befunden worden.
Otegravens zustimmendes Kopfnicken, als die goldenen Sterne der Bürgerschen
Lenore heraufzogen, hab ich, hoffentlich nicht mit Unrecht, im Sinne der
Anti-Schmidt-Partei gedeutet. Ausständig ist nur noch eine gewichtige Stimme.
Ich erhebe hiermit die bestimmte Frage: Wie stellt sich Herrnhut zu Werneuchen?«
    Tante Schorlemmer schüttelte den Kopf hin und her und klapperte lebhafter
denn zuvor mit ihrem Strickzeug, das sie, nach Auslösung der Pfänder, wieder zur
Hand genommen hatte. Sie schien auch jetzt noch jede Antwort verweigern zu
wollen.
    Turgany aber, uneingeschüchtert, fuhr in Nachahmung richterlicher Würde
fort: »So müssen wir denn zu den stärksten Mitteln greifen. Im Namen Zinzendorfs
...«
    Die so feierlich Beschworene, eine der eben abgestrickten Nadeln erhebend,
drohte bei dieser Formel scherzhaft zu dem Justizrat hinüber und sagte dann:
»Renate und Marie haben recht; er ist garstig.«
    »Er ist garstig«, wiederholte Turgany. »Mit Hilfe dieser verspäteten
Zeugenaussage, in der ich beiläufig einen Saxonismus zu erkennen glaube, tritt
unsere Verhandlung in eine neue Phase ein. Es scheint sich der ästetischen
Anklage, wenn auch nur leise, ein moralisches Element beigesellen zu sollen.«
    »Das nicht«, fuhr jetzt Tante Schorlemmer mit Entschiedenheit fort, »aber er
missfällt mir ganz und gar. Er missfällt mir, weil er sein geistlich Kleid ohne
geistliche Würde trägt. Der Justizrat hat es getroffen: die Wiege steht ihm
näher als die Kanzel. Selbst das heilige Weihnachtsfest ist ihm kein Fest des
Kindes Gottes, es ist ihm nur ein Fest seiner eigenen Kinder. Er scheut selbst
vor Anstössigkeiten nicht zurück, und ich schäme mich dann in seine Pastors-Seele
hinein. Nein, nein, das ist nichts für ein herrnhutisch Herz, dem noch die
Weihnachtslieder der eigenen Kindheit im Ohre klingen.«
    Turgany schwieg. Renate trat an Tante Schorlemmer heran und sagte: »Gib uns
das Lied, das du den ersten Weihnachten sangst, als du zu uns gekommen warst.
Ich lieb es so. Bitte, ich sing auch mit.«
    Tante Schorlemmer strickte eifrig weiter. Dann sagte sie: »Gut, ich will es;
sind wir doch hier in einem christlichen Predigerhause.« Damit stand sie auf und
setzte sich an das Klavier.
    Mit zitternder Stimme hob sie an, bis die schöne Altstimme Renatens wie eine
Glocke einfiel. Leise begleitend klang das Klavier. So sangen sie beide:
»Holder Knabe
Mit dem Stabe,
Der die Löwen weiden kann,
Denk der kleinen
Armen deinen,
Der du Jüngling warst und Mann.
Lass sie weiden
In den Freuden
Deiner Kindheit, Jesu Christ!
Lehr sie stündlich,
Treu und kindlich
Sein, wie du gewesen bist.«
Und damit schloss der zweite Weihnachtstag im Pfarrhause zu Hohen-Vietz.
 
                              Sechzehntes Kapitel
                                Ein Zwiegespräch
Es mochte halb elf sein, als halblauter Peitschenknall und ein jedesmal
plötzliches Erklingen des Schellengeläutes, wenn die beiden Braunen ungeduldig
ihre Hälse zur Seite warfen, die Frankfurter Gäste des Pfarrhauses daran
gemahnte, dass der Schlitten vorgefahren sei.
    Nicht lange, so ward es auf dem Flur lebendig, und das Lachen Turganys -
der, aus dem zweiten Zimmer tretend, eben an den Alligator gestossen und das
Ungetüm in eine unheimlich schwankende Bewegung gesetzt hatte - klang bis auf
die Strasse hinaus, wo der Pfarrknecht, auf und ab stampfend, die Fahrleine hielt
und durch Hauchen und Blasen seine halbverklammten Finger vor dem völligen
Starrwerden zu schützen suchte. Gleich darauf öffnete sich die Tür, sofort den
dünnen Ton ihrer Klingel mit dem Schellengeläute des draussen harrenden
Schlittens mischend, auf dessen niedriger Polsterbank Turgany und der Konrektor
sich nunmehr rasch zurechtrückten. Ein Gruss noch nach dem Flur hin, ein Schlag
mit der Leine auf den Rücken der Pferde, und fort ging es auf verschneiter
Strasse dem Ausgange des Dorfes zu. Der Dolgeliner Pastor, der noch
Geschäftliches mit Seidentopf zu erledigen hatte, war bei seinem Amtsbruder
zurückgeblieben.
    Hohen-Vietz schlief schon. Alle Gehöfte lagen im Dunkel; nur bei Müller
Mieklei war noch Licht, und ein heller Schimmer fiel auf einen würfelförmigen,
wohl seit hundert Jahren an dieser Stelle liegenden Stein, von dem aus der
Fussweg nach dem Forstacker hin abzweigte.
    »Der Müller hat noch Licht«, sagte Turgany, »wahrscheinlich ein Konventikel,
Uhlenhorst in Person.«
    In demselben Augenblick aber scheuten die Pferde und bogen prustend nach
rechts hin aus, so dass es einiger Anstrengung bedurfte, die Stelle zu passieren.
Als sie glücklich vorüber waren, sah sich der Justizrat neugierig um und
erkannte nun erst Hoppenmarieken, die auf dem Stein gesessen und beim
Ansichtigwerden des Schlittens, sehr zur Unzeit, mit ihrem Hakenstock salutiert
hatte.
    »Wer ist der Kobold?« fragte Otegraven.
    »Hoppenmarieken«, antwortete Turgany, »ihres Zeichens Hohen-Vietzer
Botenfrau, auch wohl sonst noch allerlei. Man munkelt dies und das, aber die
Beweise fehlen. Sie geht oft nachts und ist am andern Morgen wieder da.«
    »Ein unheimliches Wesen.«
    »Das ist sie. Aber auch ein Original, und das kommt ihr zustatten. Der alte
Vitzewitz sieht ihr manches durch die Finger. Ihr eigentlicher Anwalt aber ist
Lewin.«
    Turganys Schlitten flog rasch dahin, bei jeder Seitwärtsbewegung den Schnee
fusshoch zusammenschaufelnd. Gekröpfte Weiden, abwechselnd mit hohen Pappeln,
fassten von rechts und links her den Weg ein und bezeichneten die Richtung, in
der sich die Fahrt, im übrigen auf gut Glück hin, vorzubewegen hatte. Dann und
wann flog eine Krähe auf, stumm, verschlafen, um sich auf dem nächsten
Baumwipfel wieder niederzulassen. Darüber stand der Sternenhimmel, funkelnd in
aller winterlichen Pracht. Ein träumerischer Zustand überkam die beiden
Reisenden. Es war ihnen, als erstürbe das Schellengeläut ihres Schlittens,
während der leise Widerhall von weit, weit her immer lauter, immer brausender zu
werden schien. Die Nähe verlor ihre Macht über das Ohr; nur das Ferne, das kaum
Hörbare läutete wie Glocken.
    Turgany gewann es zuerst über sich, diesen lähmenden Halbtraum
abzuschütteln.
    »Eine herrliche Nacht!« hob er an.
    »Der schöne Abschluss eines schönen Tages«, antwortete Otegraven, der nun
auch, als ob das Befreiungswort gesprochen sei, aus dem Banne heraus war. »Welch
eine liebenswürdige Natur, Ihr Freund Seidentopf! Welche Frische, welche
Teilnahme an jedem Kleinen und Allerkleinsten, und wenn es ein Pfänderspiel
wäre.«
    Dem Justizrat konnte nichts lieber kommen als diese Wendung des Gesprächs.
»Seidentopf«, so nahm er jetzt das Wort, »ist ein Mann wie ein Kind. Ich habe
ihn nun ein Leben lang bewährt gefunden. Vierzig Jahre immer derselbe. Dieselbe
Treue. Aber warum zählen Sie Pfänderspiele zum Allerkleinsten? Da haben Sie
unrecht; Pfänderspiele sind eine grosse Sache.«
    Otegraven sah, soweit seine Mantelverpackung es zuliess, den Justizrat
fragend an.
    Dieser legte seinen linken Pelzarm auf des Konrektors Schulter und fuhr dann
mit einer Herzlichkeit, die sonst nicht zu seinen Eigenheiten gehörte, fort:
»Ich hätte die Frage nicht tun sollen, oder doch nicht in dieser Form. Die Sache
verbietet's und Ihre Person. So denn rundheraus, Otegraven: Sie lieben Marie.«
    Otegraven schwieg einen Augenblick und sagte dann mit fester Stimme, in der
auch kein leisester Ton von Verlegenheit mitklang: »Ja, von Herzen.«
    So weit waren Frage und Antwort gediehen, als die Fortsetzung des Gesprächs
beider Freunde durch ihre Einfahrt in das nächstgelegene Dorf unterbrochen
wurde. Schon bei den ersten Häusern hörten sie Bass und Klarinette vom Kruge her,
unter dessen Erkervorbau, ja bis auf den Fahrdamm hinaus, einzelne Paare trotz
bitterer Kälte standen. Die Mädchen kurzärmelig. Ein verzeihlicher Leichtsinn,
denn aus der Tanzstube, deren Fenster ausgehoben waren, quoll eine dicke Wolke
von Qualm und Rauch. »Da drinnen sind sie beim Kiekebusch«, sagte Turgany,
»schade, dass wir unsern Dolgeliner Pastor nicht mit uns haben.«
    Derweilen war der Schlitten an dem Kruge vorbei; der Lärm verhallte, und das
weite Schneefeld lag wieder vor ihnen. Turgany, auch bei Otegraven
voraussetzend, dass er mit seinen Gedanken an alter Stelle haftengeblieben sei,
fuhr, als ob überhaupt keine Unterbrechung stattgefunden hätte, ohne weiteres
fort: »Und wie gut sie sprach. Jedes Wort ein Treffer.«
    »Sie wird immer das Richtige treffen.«
    »Ei, Konrektor, schon so tief in Bewunderung! Aber kennen Sie denn die
Vorgeschichte dieses Kindes? Sie wissen doch, sie ist eine Waise.«
    »Ich weiss alles«, erwiderte der Konrektor. »Ich war vor drei Wochen auf dem
Schulzenhofe, und das Kniehasesche Paar hat mir ohne Rückhalt von seinem
Pflegling erzählt. Ich weiss, dass sie getanzt und deklamiert hat und dass sie mit
einem Tellerchen herumgegangen ist, um die Münzen einzusammeln. Ich bekenne, dass
ich keinen Anstoss daran nehme. Es steigert nur meine Teilnahme.«
    »Auch die meinige«, sagte Turgany. »Aber, lieber Otegraven, wir sind sehr
verschiedene Leute. Ich bin ein Lebemann, nicht viel besser als ein Heide. Sie
sind ein Geistlicher, vorläufig noch in der Konrektorverpuppung, aber der
Schmetterling kann jeden Augenblick ausfliegen.«
    Otegraven schwieg einen Augenblick. Dann nahm er das Wort: »Lassen Sie mich
offen sein, lieber Freund: es drängt mich dazu, und ich finde, es spricht sich
gut unter diesen Sternen. Sie nennen sich einen Heiden; ich habe meine Zweifel
daran. Aber wie immer auch, Sie irren, wenn Sie das Christentum, zumal nach
dieser Seite hin, als eng und befangen ansehen. Im Gegenteil, es ist frei. Und
dass es diese Freiheit üben kann, ist im Zusammenhang mit dem tiefsten Punkte
unseres Glaubens.«
    Der Justizrat schien antworten zu wollen. Otegraven aber fuhr fort: »Wir
sind alle in Sünde geboren, und was uns hält, ist nicht die eigene Kraft,
sondern eine Kraft ausser uns, rundheraus die Barmherzigkeit Gottes. Sie kennen
unsere schöne Schildhornsage? Nun, wie mit dem Wendenfürsten Jaczko, so ist es
mit uns allen: wir sinken unter in der schweren Rüstung unseres eiteln Ichs,
unseres selbstischen Trotzes, wenn uns der Finger Gottes nicht nach oben zieht.«
    Turgany nickte. »Sie werden mich nicht in Verdacht haben, Otegraven, für
die Selbstgerechtigkeit der Menschen und für das Unkraut von Vorurteilen, das
aus ihr spriesst, eine Lanze brechen zu wollen. Ich weiss seit lange, wie wenig es
mit dem Stolz unserer Tugend auf sich hat, und wenn ich irgendeines Bibelwortes
gedenke, so ist es das: der hebe den ersten Stein auf sie. Es würde gerade mir
schlecht anstehen, die Lebensläufe meiner Mitmenschen durch ein Examen rigorosum
gehen zu lassen. Und nun gar die Vergangenheit dieses liebenswürdigen Kindes!
Alles, was ich mit meiner Frage sagen wollte, ist etwa das: Es ist ein Glück,
aus einem guten Hause zu sein. Und an der einfachen Wahrheit dieses Satzes ist
nicht wohl zu rütteln. Kniehases Haus ist ein gutes Haus. Das Haus des starken
Mannes aber, der oben auf dem Hohen-Vietzer Kirchhof unter dem Holzkreuz liegt,
ist schwerlich ein solches Haus gewesen.«
    »Es fragt sich«, bemerkte Otegraven. »Ich möchte fast das Gegenteil
glauben. Es war ein Haus schwerer Prüfungen, wachsender Demütigung; aber wo
soviel Liebe, soviel schöner Eifer waltete, von einem jungen Leben den drohenden
Makel der Geburt, jeden Verdacht des Ungesetzlichen fernzuhalten, das kann kein
Haus der Unsitte gewesen sein. Ich habe die Geschichte von dem starken Mann
nicht ohne Rührung gehört. Unglück, nicht Unsegen; Heimsuchung, nicht Fluch.«
    »Sie überraschen mich«, nahm der Justizrat wieder das Wort. »Ich bin Ihnen
dogmatisch nicht gewachsen; aber würden Sie, auch ohne Neigung zu Marie,
zwischen Unglück und Unsegen immer so scharf unterscheiden wie in diesem
Augenblick? Würden Sie nicht geneigt sein, die Heimsuchung als eine Folge der
Verschuldung, als Strafe, als Verwerfung anzusehen? Irr ich darin, wenn ich
annehme, dass gerade Männer Ihrer Richtung Gewicht legen auf Patriarchalität?«
    »Nein, darin irren Sie nicht«, erwiderte Otegraven. »Gewiss ist ein
Unterschied zwischen dem Hause des Lot und dem Hause von Sodom, und diesen
Unterschied, ohne ein klarsprechendes Zeichen, missachten zu wollen wäre
Auflehnung gegen Sitte und Gebot. Aber was entscheidet, ist doch immer die Gnade
Gottes. Und diese Gnade Gottes, sie geht ihre eigenen Wege. Es bindet sie keine
Regel, sie ist sich selber Gesetz. Sie baut wie die Schwalben an allerlei
Häusern, an guten und schlechten, und wenn sie an den schlechten Häusern baut,
so sind es keine schlechten Häuser mehr. Ein neues Leben hat Einzug gehalten.
Die Patriarchalität ist viel, aber die Erwählteit ist alles.«
    »Und diese finden Sie in Marie?«
    »Ich brauche diese Frage gerade Ihnen, teuerster Freund, nicht erst zu
beantworten, denn wir empfinden gleich, jeder von uns auf seine Weise. Und wenn
die Vergangenheit dieses Kindes dunkler und verworrener wäre, als sie ist, ich
würde diese Verworrenheit nicht achten. Es gibt eben Naturen, über die das
Unlautere keine Gewalt hat; das macht die reine Flamme, die innen brennt. Ich
habe Marie nie gesehen, ohne mit einer Art von freudiger Gewissheit die
Empfindung zu haben: sie wird beglücken und wird glücklich sein.«
    Turgany drückte dem Freunde die Hand. »Otegraven, ich habe immer grosse
Stücke von Ihnen gehalten, von heute ab lasse ich Sie nicht wieder los.«
    So ging die Unterhaltung; das Schlittengeläute klang über die Schneefelder
hin; in den Dörfern war alles still; kein Licht als die glitzernden Sterne.
    Dieselben Sterne schienen auch in ein Giebelfenster von Schulze Kniehases
Haus. Marie schlief; die Bilder des letzten Abends, wie sie Leben und Dichtung
geboten hatten, zogen in einem phantastischen Zuge an ihr vorüber: vorauf der
Dolgeliner Pastor mit dem Schmidt von Werneuchenschen Hägereiter, der jetzt sein
Waldhorn, statt es zu blasen, über der Schulter trug; dann der »Wagen Odins«,
riesig vergrössert, auf dessen Achse Prediger Seidentopf stand. Den Schluss aber
machte »der Knabe mit dem Stabe«, und das Weihnachtslied, das Tante Schorlemmer
und Renate gesungen hatten, klang im Traume nach.
                              Siebzehntes Kapitel
                                 Tubal an Lewin
Der dritte Feiertag fiel auf einen Sonntag. Es war ein klarer Morgen. Die
Scheiben, nach der Parkseite hinaus, standen im goldenen Schein der eben über
den Kirchhügel steigenden Sonne, überall aber, selbst wo sonst Schatten lag,
leuchtete der am Abend vorher frisch gefallene Schnee.
    Es mochte neun Uhr sein. In dem grossen Wohnzimmer, in das wir unsere Leser
schon in einem früheren Kapitel führten, sassen Lewin und Renate, aber nicht um
den Kamin herum, wie am Abend des ersten Weihnachtstages, sondern in der Nähe
des eine tiefe Nische bildenden Eckfensters. Sie hatten hier nicht nur das beste
Licht, sondern vermochten auch mit Hilfe der mehrgenannten breiten Auffahrt auf
die Dorfstrasse zu blicken, deren Treiben in der Einsamkeit des ländlichen Lebens
immer eine Zerstreuung und oft den einzigen Stoff der Unterhaltung bietet.
    Das Frühstück schien beendet; die Tassen waren zurückgeschoben, und Lewin
legte eben ein elegant gebundenes Buch aus der Hand. »Ich fürchte, Renate, wir
haben ihm doch unrecht getan. Aber diese unglückliche Begeisterung des
Dolgeliner Pastors! Da reisst einem die Geduld. Und doch ist viel Sinniges darin.
Nun hinke ich mit meiner Ehrenerklärung nach; amende honorable retardée oder
moutarde après le diner, wie Tante Amelie mit Vorliebe sagen würde.«
    Renate nickte.
    »Apropos die Tante«, fahr Lewin fort, »ich habe den kleinen Schlitten
bestellt, zwei Uhr; in einer Stunde sind wir drüben, ich fahre selbst. - Und
Marie war noch immer nicht in Guse?« fügte er nach einer kurzen Pause hinzu.
    »Nein«, erwiderte Renate.
    »Du schriebst aber doch, sie habe einen guten Eindruck auf die Tante
gemacht. Wenn die Gräfin Pudagla nicht Anstand nahm, unserem Liebling in diesem
Zimmer zu begegnen, so sollte ich meinen, das Eis müsste gebrochen sein.«
    »Die Begegnung war unabsichtlich; Marie, die mir ein Buch unseres Seidentopf
brachte, trat unerwartet ein. Im übrigen solltest du nicht immer wieder
vergessen, dass die Tante alt ist und einer anderen Zeit als der unserigen
angehört. Warum willst du Standesvorurteile nicht gelten lassen?«
    »Die lasse ich gelten, vielleicht mehr, als recht ist. Aber was ich nicht
gelten lasse, das sind die Halbheiten. Tante Amelie - die Vitzewitze mögen mir
diese Bemerkung verzeihen - ist durch ihr Hineinheiraten in die Pudaglafamilie
in gewissem Sinne über uns selbst hinausgewachsen, sie ist eine vornehme Dame,
und wenn es ihre gräfliche Gewohnheit wäre, fächernd und ein Bologneserhündchen
im Arm, über das Zweimenschensystem geheimnisvolle Unterhaltungen zu führen, so
würde ich ihr respektvollst die Hand küssen und am allerwenigsten eine
Widerlegung versuchen. Ich wiederhole dir, ich kann all das würdigen, wenn meine
eigenen Empfindungen auch andere Wege gehen. Aber Tante Amelie gehört nicht zu
diesen Gräfinnen aus der alten Schule. Sie hält sich für aufgeklärt, für
freisinnig. Da vergeht kein Tag, keine Stunde, wo nicht aus Montesquieu, aus
Rousseau zitiert, wo nicht freiheitlich-erhaben von der vaine fumée gesprochen
wird, que le vulgaire appelle gloire et grandeur, mais dont le sage connait le
néant, und wenn nun nach all dieser Philosophenherrlichkeit die Probe auf das
Exempel gemacht werden soll, so erweist sich alles als leere, pomphafte
Redewendung, als blosse Maske, hinter der sich der alte Dünkel birgt.«
    Die Schwester wollte antworten, Lewin aber fuhr fort: »Nein, nein, Renate,
suche davon nichts abzudingen; ich kenne sie, so sind sie samt und sonders,
diese Rheinsberger Komtessen, denen die französischen Bücher und Prince Henri
die Köpfe verdreht haben. Humanitätstiraden und dahinter die alte eingeborene
Natur. Es ist mit ihnen, wenn du das prätentiöse Bild verzeihen willst, wie mit
den Palimpsesten in unseren Biblioteken, alte Pergamente, darauf ursprünglich
heidnische Verse standen, bis die frommen Mönche ihre Sprüche darüber schrieben.
Aber die Liebesseufzer an Chloe und Lalage kommen immer wieder zum Vorschein.
Rundheraus: das Vorurteilsvolle lasse ich gelten; nur das Unwahre verdriesst
mich.«
    »Dass ich dir's nur bekenne«, nahm jetzt Renate das Wort, »ich hatte ein
Gespräch mit der Tante über eben diesen Gegenstand. Sie hat sich zu dem
Widerspruchsvollen, das in ihrer Haltung liegt, bekannt, und dies Bekenntnis,
das sie sehr liebenswürdig gab, wird dich schliesslich auch entwaffnen müssen.
Ich müsste dich nicht kennen.«
    Lewin lächelte. »Wo war es, hier oder in Guse drüben?«
    »Hier. Es war bei Gelegenheit derselben Begegnung, von der du aus meinem
Briefe weisst; nur über das Gespräch, das folgte, ging ich kurz hinweg. Wir waren
zu dreien, Papa, die Tante und ich. Unsere gute Schorlemmer fehlte wie
gewöhnlich; die beiden Tanten, wie du weisst, stimmen nicht gut zusammen. Marie
trat ein und stutzte einen Augenblick. Sie ist zu klug, als dass sie nicht lange
schon empfunden hätte, wie die Tante zu ihr steht. Rasch fasste sie sich aber,
verneigte sich, richtete des Pastors Auftrag an mich aus und entfernte sich
wieder unter einer freimütigen Entschuldigung, unser Beisammensein gestört zu
haben.«
    »Und die Tante?«
    »Sie schwieg, wiewohl ihre scharfen Augen jede Bewegung gemustert hatten.
Erst als Papa fort war, sagte sie, ohne dass ich es gewagt hätte, eine Frage an
sie zu richten: Die Kleine ist charmante, eine Beauté aus dem Märchen, welche
Wimpern! - Wir lieben sie sehr, wagte ich schüchtern zu bemerken, worauf die
Tante nicht ohne Herzlichkeit, zugleich in ihrem allerfranzösischsten Stil, den
ich dir erspare, fortfuhr: Ich weiss, ich weiss, und jetzt, wo ich sie gesehen
habe, begreife ich, was ich bisher für eine Laune hielt. Bei Lewin hielt ich es
für mehr. Kann sein, dass ich mich irre, setzte sie hinzu, als sie bemerkte, dass
ich den Kopf schüttelte. Eine kurze Pause folgte, in der die Tabatière ein
paarmal auf- und zugemacht wurde; dann sagte sie lebhaft: Ich habe mir's diese
Minuten überlegt, ob ich euch auffordern sollte, die Kleine mit nach Guse
hinüberzubringen; es fehlt uns dergleichen, und sosehr ich alte Damen hasse, so
sehr liebe ich junges Volk. Aber Renate, ma chère, es geht nicht. Ich nehme
wahr, dass gewisse Vorstellungen und Geschmacksrichtungen in mir stärker sind als
meine Grundsätze. Es bestätigt sich: On renonce plus aisément à ses principes
qu'à son goût. Wohl entsinne ich mich des Tages, wo uns Prince Henri durch ein
ähnliches Geständnis überraschte. Der Prinz und der Philosoph lagen immer in
Fehde. Nun sieh, dieses Kind hat einen Zauber; aber ich fühle doch, dass, wenn
sie selbst im längsten Kleide käme, ich mich des Gedankens nicht erwehren
könnte, jetzt verkürzt sich die Robe, und sie beginnt den Shawltanz zu tanzen.
Ich will dem Kinde durch solche Gedanken nicht wehe tun, ich denke also, wir
lassen's beim alten.«
    Lewin, der aufmerksam gefolgt war, war eben im Begriff, im
allerversöhnlichsten Sinne zu antworten, als das Erscheinen Hoppenmariekens, die
von der Dorfstrasse her in den Hof einbog, die Unterredung unterbrach. In ihrer
herkömmlichen Ausrüstung kurzen Friesrock und hohe Stiefeln, Kiepe und
Hakenstock, kam sie geraden Weges auf das Herrenhaus zu, salutierte die jungen
Herrschaften, die sie gleich hinter dem Eckfenster erkannte, und in der nächsten
Minute lagen Briefe und Zeitungen ausgebreitet auf dem Tisch.
    Die Zeitungen, so wichtig ihr Inhalt war, entielten nichts, was Lewin nicht
schon gewusst hätte; von den Briefen war einer vom Papa, der in aller Kürze
anzeigte, dass er am Abend in Schloss Guse zu sein hoffe, der andere vom Vetter
Ladalinski, dem Studiengenossen und Herzensfreunde Lewins. Dieser strahlte, als
sein Auge auf die engbeschriebenen zwei Bogen fiel; Renate errötete leise und
sagte: »Nun lies.«
    Und Lewin las.
»Lieber Lewin! Vielverwöhnter, der Du bist, werden diese Zeilen, die in sich
selber schon eine Huldigung bedeuten, Deiner Eitelkeit keinen unerheblichen
Vorschub leisten. Aber ich habe eine rechte Plauderlust und empfinde stündlich,
dass Du mir fehlst. Bist Du doch der wenigen einer, die das Talent des Zuhörens
haben, doppelt selten bei denen, die selber zu sprechen verstehen.
    Wir haben einen prächtigen Weihnachtsheiligabend gehabt, und um dieses
Abends willen schreibe ich. Du wirst nun zunächst denken, dass der Christbaum,
wie es ja auch sein sollte, uns so recht hell ins Herz hineingeschienen hätte;
aber so war es nicht. In einem Hause, in dem die Kinder fehlen, wird das
Christkind immer einen schweren Stand haben, so nicht etwa der Kindersinn den
Erwachsenen verblieben ist. Und Katinka, die so vieles hat (vielleicht weil sie
so vieles hat), hat diesen Sinn nicht. Was mich angeht, so bin ich von der
Segenshand, die diese Gabe leiht, wenigstens leise berührt worden. Gerade genug,
um eine Sehnsucht darnach zu fühlen.
    Wir waren allerengster Kreis: Papa, Katinka, eine neue Freundin von ihr,
die Du noch nicht kennst, und ich. Als die Türen eben geöffnet wurden, kam Graf
Bninski. Er hatte Aufmerksamkeiten für uns alle, zu weitgehende für mein Gefühl;
aber Katinka schien es nicht zu empfinden. Der erleuchtete Saal, der flimmernde
Baum lachten mir ins Auge, aber, wie ich Dir wiederholen muss, es drang nicht
weiter. Es hatte alles den Charakter einer reichen Dekoration. Selbst der
Spitzenüberwurf à la Reine Hortense (Notiz für Renate), den Papa von Paris her
bezogen hatte, konnte an diesem Eindruck nichts ändern. Die Unterhaltung, nach
den ersten Auswechslungen gegenseitigen Dankes, war nicht frei. Der Graf kannte
den Inhalt des Bulletins; wir vermieden ein Gespräch darüber, um ihn nicht zu
verletzen.
    Unter diesen Umständen war es fast wie Erlösung, als ein lose
zusammengeschürzter Zettel an mich abgegeben wurde, der in der lapidaren
Schreibweise unseres Jürgass lautete: Heute, Donnerstag, den 24., Weihnachtsbowle
. Mundts Weinkeller, Königsbrücke 3. Neun Uhr; besser spät als gar nicht. Gäste
willkommen. v. J. Ich reichte dem Grafen, der erst tags vorher den Wunsch
geäussert hatte, unseren Klub kennenzulernen, den Zettel hin, wies auf die beiden
Schlussworte und fragte ihn, ob es ihm genehm sein würde, mich zu begleiten. Er
sagte zu, fast zu meiner Überraschung, da seine Stimmung wenig gesellig schien.
Übrigens hatte ich später keine Ursache, seine Zusage zu bedauern.
    Bald nach neun Uhr waren wir am Rendezvous, das nicht glücklicher gewählt
sein konnte. In solchen Sachen kann man sich auf Jürgass verlassen. Du entsinnst
Dich, dass die Flussufer der Königsbrücke zu beiden Seiten einen hohen Quai
bilden, auf dem die Giebel und Seitenflügel einzelner alter Gebäude stehen. So
auch das Mundtsche Haus. Wir stiegen, von der Strasse her, in den Weinkeller
hinunter, tappten uns in einem dunklen Gange vorwärts und traten endlich in
einen grossen, aber niedrigen und holzgetäfelten Salon, der, alte Bilder in mir
weckend, mich lebhaft an die Kajüten englischer Kriegsschiffe erinnerte. Einige
Freunde waren schon versammelt: v. Schach, Bummcke, Dr. Sassnitz und Buchhändler
Rabatzki. Jürgass fehlte noch. Ich stellte Bninski vor; dann nahmen wir Platz.
Ich hatte nun erst den vollen Eindruck von dem Anheimelnden des Lokales, eine
gute Beleuchtung, ein Feuer im Ofen, ein langer, weissgedeckter Tisch, dessen
Plätze so gelegt waren, dass sie den Gästen einen freien Blick auf die Spree
gönnten.
    An den Fenstern vorbei, die fast die ganze Höhe des Zimmers hatten und bis
auf den Fussboden niedergingen, bewegte sich ein bunter Weihnachtsverkehr, eine
Art Newamesse. Schlittschuhläufer mit Stocklaternen, Waldteufeljungen, kleine
Mädchen mit Wachsengeln, alles zog wie eine Erscheinung, mal hell, mal dunkel,
an unseren Fenstern vorüber, und von der Königsbrücke her klang das
Schellengeläute der Schlitten und der gedämpfte Lärm der Stadt.
    Endlich kam Jürgass; in der Hand hielt er eine grosse blaue Tüte. Hier bring
ich Weihnachten; die Hauptsache aber, die ich meinen Gästen bringe - denn ich
bitte, Sie heut als solche betrachten zu dürfen -, ist selber ein Gast. Versteht
sich, ein Poet. Damit wies er auf einen Herrn, der mit ihm zugleich eingetreten
war. Ehe ich noch Zeit hatte, Bninski und Jürgass miteinander bekannt zu machen,
fuhr dieser fort: Ich habe die Ehre, Ihnen hier Herrn Grell oder, mit seinem
vollen Rang und Namen, den Teologie-Kandidaten Herrn Detleff Hansen-Grell
vorzustellen, eine Art Hintersassen von mir, einen Hörigen derer von Jürgass auf
Gantzer. Genealogisches über die Grells, beziehungsweise über die Hansen-Grells,
behalte ich mir vor. Alles sah lachend, wenn auch einigermassen überrascht, auf
Jürgass, der, ohne eine Antwort abzuwarten, in demselben Tone fortfuhr: Unsere
Kastalia vertrocknet; es fehlt ihr frisches Blut. Man könnte die Herren Poeten
unseres Kreises in Verdacht haben, sie scheuten die Rivalität neu auftretender
Kräfte. Wenn ich nicht wäre und Bummcke und hier unser Freund Rabatzki, der, um
die letzte Spalte seines Sonntagsblatts zu füllen, dann und wann einen jungen
Lyriker einfängt, so wär es mit dem Sprudeln unseres Musenquells, trotz seines
hochtönenden Namens, bald vorbei. Ist es nicht unerhört, dass ich, um die
drohendste Gefahr abzuwenden, von meines Vaters Gütern einen lyrischen Sukkurs
verschreiben muss?
    Das Eintreten eines Küfers, in vorschriftsmässiger Lederschürze, unterbrach
die Rede. Er trug eine Bowle auf, und die grosse Weihnachtstüte begann zu
kursieren, die, neben rheinischen Walnüssen, einige Pakete französischer
Pfefferkuchen entielt. Jürgass hatte den Vorsitz. Ich heisse Sie willkommen, nahm
er abermals das Wort. Hinsichtlich der Tüte empfehl ich weise Sparsamkeit; ihr
Inhalt ist momentan unersetzlich. Aber die Bowle hat einen Zuschuss zu
gewärtigen, eventuell mehrere.
    Die Gläser klangen zur Begrüssung zusammen. Ich hatte gleich bei unserem
Eintritt an einer der Schmalseiten des Tisches Platz genommen; Bninski mir
gegenüber. Dieser Platz gestattete mir, den lyrischen Sukkurs, der unserer
Kastalia wieder aufhelfen sollte, ohne Auffälligkeit zu beobachten. Er war,
trotz eines guten Profils, eher hässlich als hübsch. Das Haar strohern, die
blassen Augen vorstehend, und wenig Wimpern. dabei die Lider leicht gerötet und
etwas Stoppelbart. Sein Schlimmstes war der Teint. Gesamteindruck: alltäglich.
    Mein Auge glitt zu Bninski hinüber, der ihn auch gemustert haben mochte. Ich
erriet seine Gedanken.
    Wir hatten leichte Konversation. Bummcke beklagte lebhaft, dass Du fehltest;
ausserdem wurde Kandidat Himmerlich am meisten vermisst; aus welchem Grunde, konnt
ich nicht erraten. Vielleicht glaubte man, dass einem Kandidaten der Teologie
wie Grell nichts Besseres vorgesetzt werden könne als seinesgleichen. Ich
bezweifle aber, dass dieser Satz richtig ist.
    Es war wohl elf Uhr, und das Schellengeläute von Brücke und Strasse her
schwieg bereits ganz, als Jürgass anhob: Ich denke, wir improvisieren eine
Kastalia-Sitzung. Herr Hansen-Grell wird die Güte haben, uns einiges vorzulesen.
    Diese Mitteilung wurde mit bemerkenswerter, aber freilich auch verzeihlicher
Kühle aufgenommen. Der Gast sah so unpoetisch wie möglich aus, und die
Empfehlung unsers Jürgass, wie Du nachempfinden wirst, war nicht eben dazu
angetan, ihm Vorschub zu leisten. Er zog nun ein Manuskript von bedenklichem
Umfang aus der Tasche; ich glaube, dass ein Bangen durch alle Herzen ging.
    Aber wir sollten bald anderen Sinnes werden. Er bat unbefangen um die
Erlaubnis, uns eine Ballade: die einen norwegischen Sagen- oder Märchenstoff
behandle, vorlesen zu dürfen: Hakon Borkenbart. Du musst nämlich wissen, er hat
eine Zeitlang in Kopenhagen gelebt. Wie das so gekommen, das erfährst Du, neben
manchem anderen, zu anderer Zeit. Er hob nun an und las ausdrucksvoll, fest, mit
wohltönender Stimme und wachsendem Feuer. Es waren wohl an zwanzig Strophen.
Gleich die erste, die bei der Debatte wiederholt wurde, ist mir im Gedächtnis
geblieben:
Der König Hakon Borkenbart
Hat Ross und Ruhm, hat Waff' und Wehr,
Und hat allzeit zu Krieg und Fahrt
Viel hohe Schiff auf hohem Meer,
Es prangt sein Feld in Garben,
Er aber prangt in Narben,
In Narben von den Dänen her.
In der zweiten Strophe zieht Hakon aus, um, trotz seiner fünfzig Jahre, um
Schön-Ingeborg zu freien. Ich mühe mich vergeblich, die Reime zusammenzufinden,
aber mit der dritten Strophe, die mir besonders zusagte, wird es mir wieder
gelingen. Wenigstens ungefähr.
Schon grüsst ihn fern so Turm wie Schloss,
Und stolz und lächelnd blickt er drein;
Er spricht herab von seinem Ross:
Und bin ich alt, so mag ich's sein!
Und wär ich alt zum Sterben,
Auch Ruhm und Narben werben,
Und werben gut wie Jugendschein.
An dieser Stelle, wie Du Dir denken kannst, brach unser alter Bummcke in lautes
Entzücken aus. Ich bin ganz sicher, dass er sich in dem Augenblicke als Hakon
Borkenbart fühlte. Das Gedicht verläuft nun so, dass die schöne Ingeborg ihn
abweist, wofür er Rache gelobt. Er verkleidet sich als Bettler und setzt sich
mit einer goldenen Spindel vor Ingeborgs Schloss. Sie begehrt die Spindel; er
verweigert sie ihr. Ihre Begierde entbrennt so heftig, dass sie sich dem Bettler
hingibt, um die Spindel zu besitzen. Nun kommen die bekannten Konflikte; der
Vater in Zorn; Verstossung. Zuletzt entpuppt sich der Bettler als Hakon
Borkenbart, und alles gelangt zu einem glücklichen Schluss.
    Es war mir ein Genuss gewesen, dem Gedicht zu folgen, und ich darf sagen, uns
allen. Neben dem Dichter selbst interessierte mich Bninski am meisten. Er wurde
immer ernster. Seltsam, so las ich auf seiner Stirn, welche Prosa der
Erscheinung und dahinter welch heiliges Feuer!
    Dies Feuer war nun in der Tat der Zauber des Gedichts und des Vortrags.
Sonst bot es angreifbare Punkte die Menge. Doktor Sassnitz, auch an diesem Abend
der Avantgardenführer unserer Kritik, nahm zuerst das Wort. Er hob mit Recht
hervor, dass unser verehrter Gast sein grosses Darstellungsvermögen an einen
Gegenstand gesetzt habe, dem mit einem geringeren Kraftaufwand mehr gedient
gewesen wäre. Das Ganze sei, wie er selber bemerkt habe, ein Märchenstoff. Ein
solcher aber müsse in der Schlichteit, die seinen Reiz bilde, nicht durch
Pracht des Ausdrucks gestört werden. Das Gedicht, bei unbestreitbaren Vorzügen,
sei zu lang und namentlich zu schwer.
    Hätte unser Gast in unser aller Augen noch gewinnen können, so wär es durch
die Art gewesen, wie er den Tadel aufnahm. Er nickte zustimmend und sagte dann
zu Sassnitz: Ich danke Ihnen sehr; Ihre Ausstellungen haben es getroffen. Ich
wusste nicht, woran es lag, dass mich die eigene Arbeit nicht befriedigte; nun
weiss ich es.
    Das Gespräch setzte sich fort. Bald danach war die Bowle geleert, und
Jürgass, der wenigstens des Ausharrens von Bummcke sicher war, befahl eine
zweite. Bninski und ich aber warteten ihr Erscheinen nicht ab; Mitternacht war
ohnehin bald heran. Als wir auf den stillen Platz hinaustraten, lag der
Sternenschein fast wie Tageslicht auf den Strassen. Ich sah hin auf; mir war zu
Sinn, als stiege das Christkind aus diesem Sternenglanz in mein armes Herz
hernieder. Bninski begleitete mich; wir sprachen kein Wort. Beim Abschied sagte
er mit einem Ton, den ich bis dahin nicht an ihm gekannt hatte: Ich danke Ihnen,
Tubal, für diesen Abend; es würde mich freuen, Ihre Freunde öfter zu sehen.
    Da hast Du die jüngste Sitzung der Kastalia, noch dazu eine improvisierte.
    Und nun lebe wohl. Renate sei mit Dir. Die Form dieses Glückwunsches wiegt
hoffentlich tausend Grüsse an meine schöne Cousine auf. Dein
                                                                           Tubal
Nachschrift. Eben ist Dein Papa bei dem meinigen. Sie politisieren viel,
vielleicht zu viel. Er grüsst und hofft, wie er Dir schon geschrieben habe,
morgen abend auf Schloss Guse zu sein. Einen Platz in seinem Wagen, den er mir
angeboten, habe ich abgelehnt. Es ist mir zuviel Freundschaft um Tante Amelie
versammelt. Aber ich sehne mich nach Hohen-Vietz und seiner Stille. Kann ich
Katinka bestimmen, mich zu begleiten, so dürft Ihr uns ehestens erwarten.
                                                                        Dein T.«
 
                                  Zweiter Band
                                        
                                  Schloss Guse
                                  Erstes Kapitel
                                  Schloss Guse
Der Lauf unserer Erzählung führt uns während der nächsten Kapitel von
Hohen-Vietz und dem östlichen Teile des Oderbruchs an den westlicher Höhenzug
desselben, zu dessen Füssen, heute wie damals, die historischen Dörfer dieser
Gegenden gelegen sind, altadelige Güter, deren meist wendische Namen sich schon
in unseren ältesten Urkunden finden. Hier sassen, um Wrietzen und Freienwalde
herum, die Sparrs und Uchtenhagens, von denen noch jetzt die Lieder und Sagen
erzählen, hier hatten zur Reformations- und Schwedenzeit die Barfus, die Pfuels,
die Ihlows ihre Sitze, und hier, in den Tagen, die dem Siebenjährigen Kriege
unmittelbar folgten, lebten die Lestwitz und Prittwitz freundnachbarlich
beieinander; Prittwitz, der bei Kunersdorf den König, Lestwitz, der bei Torgau
das Vaterland gerettet hatte. Oder wie es damals in einem Kurrentausdruck des
wenigstens sprachlich französierten Hofes hiess: »Prittwitz a sauvé le roi,
Lestwitz a sauvé l'état.«
    Alle diese Güter begannen bald nach der Trockenlegung des Oderbruchs, also
etwa dreissig Jahre vor Beginn unserer Erzählung, zu ihren sonstigen Vorzügen
auch noch den landschaftlicher Schönheit zu gesellen. Wer hier um die
Pfingstzeit seines Weges kam, wenn die Rapsfelder in Blüte standen und ihr Gold
und ihren Duft über das Bruchland ausstreuten, der musste sich, weit aus der Mark
fort, in ferne, beglücktere Reichtumländer versetzt fühlen. Die Triebkraft des
jungfräulichen Bodens berührte hier das Herz mit einer dankgestimmten Freude,
wie sie die Patriarchen empfinden mochten, wenn sie, inmitten menschenleerer
Gegenden, den gottgeschenkten Segen ihres Hauses und ihrer Herden zählten. Denn
nur da, wo die Hand des Menschen in harter, nie rastender Arbeit der ärmlichen
Scholle ein paar ärmliche Halme abgewinnt, kann die Vorstellung Platz greifen,
dass er es sei, der diesen armen Segen geschaffen habe; wo aber die Erde
hundertfältige Frucht treibt und aus jedem eingestreuten Korn einen Reichtum
schafft, da fühlt sich das Menschenherz der Gnade Gottes unmittelbar gegenüber
und begibt sich aller Selbstgenügsamkeit. Es war an diesem westlichen Höhenrande
des Bruches, dass der grosse König, über die goldenen Felder hinblickend, die
Worte sprach: »Hier habe ich in Frieden eine Provinz gewonnen.«
    Ein Bild, das diesen Ausruf gerechtfertigt hätte, bot die Niederung am
dritten Weihnachtstage 1812 freilich nicht. Alles lag begraben im Schnee. Aber
auch heute noch war ein Blick von der das Bruch beherrschenden »Seelower Höhe«
aus nicht ohne Reiz; über den zahlreichen ausgebauten Höfen und Weilern zog ein
Rauch, die Stelle menschlicher Wohnstätten verkündend, während auf Meilen hin
die nur halbverschneiten Kirchtürme der grösseren Dörfer im hellen Sonnenschein
blitzten.
    Einer dieser Kirchtürme, der nächste, zeigte sich in kaum
Büchsenschussentfernung von der ebengenannten Höhe, und eine Allee alter Eichen,
deren braunes Laub, wo der Wind den Schnee abgeschüttelt hatte, klar zu erkennen
war, lief in gerader Richtung auf die Kirche zu. Neben dieser, weit über den
Wetterhahn der Turmspitze hinaus, erhoben sich mächtige, zum Teil fremdartig
aussehende Bäume, allem Anscheine nach einem grossen Parke zugehörig, der von
links her das Dorf umfasste.
    Dieses Dorf war Guse.
    Wie sein Name bekundet, wendischen Ursprungs, führten es doch erst
begleitende Vorgänge des Dreissigjährigen Krieges, um welche Zeit die Schaplows
hier ansässig waren, in unsere Landesgeschichte ein. Zwei Jahre vor Abschluss des
Osnabrücker Friedens vermählte sich Georg von Derfflinger, damals noch General
in schwedischen Diensten, mit Margarete Tugendreich von Schaplow und übernahm
das Gut. Nicht als Frauenerbe, sondern gegen Kauf; die verschuldeten Minorennen
konnten es nicht halten.
    Zunächst war die Erstehung des Gutes wenig mehr als eine Kapitalsanlage,
vielleicht auch ein Versuch, sich im Brandenburgischen territorial und politisch
festzusetzen; aber schon in den sechziger Jahren, lange bevor der Tag von
Fehrbellin, der pommersche und der ostpreussische Feldzug den Ruhm Derfflingers
auf seine Höhe gehoben hatten, sehen wir den Alten beflissen, hier nicht nur die
Schäden vieljähriger Verwahrlosung auszugleichen, sondern auch durch Bauten und
Anlagen - in allem dem Beispiele seines kurfürstlichen Herren folgend - eine
Musterwirtschaft herzustellen. Abzugsgräben wurden gezogen, Dämme und Wege durch
den Sumpf gelegt, das Schloss entstand; die Kirche, zunächst erweitert, erhielt
eine Gruft, und ein Kasernenbau, bis diesen Tag erkennbar, nahm die
Dragonerabteilung auf, die zu täglichem Dienst bei ihrem Chef und General aus
dem benachbarten Garnisonsort nach Guse hinbeordert war. Das eigentlichste
Augenmerk des Alten war aber der Park, der ihn bald glücklicher machte als der
Ruhm seiner Taten. Ein guter Wirt und Haushalter, wie fast alle diejenigen, die
das Schwert mit der Pflugschar vertauschen, war er doch freigebig, wenn es die
Beschaffung schöner Bäume galt. Zypressen und Magnolien wurden unter grossen
Kosten herbeigeschaft, und noch jetzt führt ein Zedernhain des Parkes den Namen
»Neulibanon«.
    In Zurückgezogenheit zu leben und sich seiner Anlagen zu freuen wurde mehr
und mehr das einzige Verlangen des nun achtzigjährigen Feldmarschalls, der, wie
er sich selber ausdrückte, bei Hofe »viel Saures und Süsses« gekostet hatte,
»aber des Sauren mehr«. Die Zeiten, wo er seinem Freunde, dem Grafen Baudissin,
ins Stammbuch schreiben konnte:
Wind und Regen
Sind mir oft entgegen;
Ich ducke mich, lass es vorübergahn,
Das Wetter will seinen Willen han,
diese Tage beinahe heiterer Resignation lagen für ihn weit zurück, und er war
versteift, eckig und reizbar geworden. Endlich gab der Kurfürst, der ihn trotz
seiner hohen Jahre im Dienste festalten wollte, nach, und der Alte hatte nun
seinen Willen und seine Freiheit; er gab die Stadt auf und ging nach Guse. Hier,
eine kleine Weile noch, sah er auf alles, was er geschaffen, und freute sich des
Segens in Feld und Haus. Aber er war müde, müde auch seines Glückes. Noch vor
Ablauf des Jahrhunderts schloss sich sein reiches Leben. Er wurde, wie er es
angeordnet, ohne Gepränge beigesetzt, in der Gruft, die er selbst gebaut hatte.
Auch der Geistliche musste sich auf den Nachruf beschränken »Gott habe den
Entschlafenen innerhalb des Kriegsdienstes von der niedersten bis zur höchsten
Stufe gelangen lassen«. Der Alte hatte Ruhmes genug im Leben erfahren, um den
Klang desselben im Tode entbehren zu können.
    Sein einziger überlebender Sohn, Friedrich von Derfflinger, trat die reiche
Erbschaft an, die ausser Dorf und Schloss Guse noch fünf andere Oderbruchgüter
umfasste. Er war Reiterführer und Chef eines Dragonerregiments wie sein Vater;
aber nur in Rang und äusserer Stellung ihm verwandt, besass er wenig von dem
kriegerischen Sinn und der feldherrlichen Einsicht, die den Vater zu so hohen
Ehren gebracht hatten.
    Der Wechsel der Zeiten konnte nicht wohl die Ursache davon sein, denn das
neue Jahrhundert, nach einer kurzen Epoche des Friedens, begann mit einem der
schlachtenreichsten Kriege, und bei Turin und Malplaquet lagen die Brandenburger
gehäuft unter den Toten. Aber wenn die Kriegsannalen nicht von ihm sprechen, so
doch Guse, wo er nicht nur die Schöpfungen seines Vaters fortzusetzen, sondern
auch diesen Vater selbst zu ehren vom ersten Augenblick an beflissen war. Er
erweiterte den Park, er verschönte das Schloss, vor allem aber liess er dem Toten
ein Monument errichten. Die besten Kräfte, wie sie das Berlin der Schlüterzeit
aufwies, waren bei Ausführung dieses Denkmals tätig. Über einem offenen
Steinsarkophag, in den die Hand des Sohnes den Feldmarschallstab legte, wurde
die Büste des Vaters aufgestellt, eine Fama blies in die Posaune, und zwei
Derfflingerstandarten mit blauseidenen Fahnentüchern und der Inschrift »agere
aut pati fortiora« kreuzten sich zu einer Waffentrophäe. Bis diesen Tag ist der
Guser Kirche dieses Denkmal erhalten geblieben.
    Drei Jahrzehnte nach dem Tode des Vaters starb auch Friedrich von
Derfflinger, und mit ihm erlosch der berühmte Name, der kaum länger als ein
halbes Jahrhundert geglänzt hatte, aber während dieser kurzen Dauer hell genug,
um auch den Namen Dorf Guses für immer der Dunkelheit zu entreissen. Das alte
Derfflingererbe ging durch verschiedene Hände, bis es in Besitz des Grafen von
Pudagla kam. Der Graf liess es zunächst verwalten, und um diese Zeit, wo sich
zuerst wieder das Nationale zu regen begann, war es auch, dass die Wallfahrten
nach der Derfflingergruft ihren Anfang nahmen. Nicht zum Vorteil dessen, der in
ihr ruhte. Jeder, nach einem Andenken lüstern und seine Pietätslosigkeit mit der
Vorgabe historischen Interesses deckend, vergriff sich an der Kleidung des
Toten, so dass dieser, vor Ablauf eines Jahrzehntes, wie ein nackt
Ausgeplünderter in seinem Sarge lag, nur noch mit dem angeschnallten
Brustarnisch und seinen hohen Reiterstiefeln bekleidet.
    So kam das Jahr 1790. Graf Pudagla starb, und seine Witwe, das Gut
übernehmend, machte dem Unfug ein Ende.
    Diese Witwe war Tante Amelie.
 
                                Zweites Kapitel
                                  Tante Amelie
Tante Amelie war die ältere Schwester Berndts von Vitzewitz. Um die Mitte des
Jahrhunderts, also zu einer Zeit geboren, wo der Einfluss des Friderizianischen
Hofes sich bereits in den Adelskreisen geltend zu machen begann, empfing sie
eine französische Erziehung und konnte lange Passagen der »Henriade« auswendig,
ehe sie wusste, dass eine »Messiade« überhaupt existiere. Übrigens würde schon der
Name ihres Verfassers sie an der Kenntnisnahme des Inhalts gehindert haben.
    Sie war ein sehr schönes Kind, früh reif, der Schrecken aller nachbarlichen,
in Wichtigkeit und Unbildung aufgebauschten Damen und erfüllte mit zwanzig
Jahren die auf eine glänzende Partie gerichteten Hoffnungen beider Eltern: im
Herbst 1770 wurde sie Gräfin Pudagla.
    Graf Pudagla, ein Vierziger, hatte die Feldzüge mitgemacht, am Tage von
Leuten sich ausgezeichnet und stand bei Schluss des Krieges als Rittmeister im
Dragonerregiment Anspach und Bayreut. Eine glänzende militärische Laufbahn
schien ihm gesichert. Bei der zweitfolgenden Revue aber sah er sich vom König,
der einen groben Fehler wahrgenommen zu haben glaubte, mit harten Worten
überhäuft, in Folge dessen der Graf den Abschied nahm. Er zog sich auf seine
reichen, die halbe Insel Usedom einnehmenden Besitzungen zurück, besuchte
während mehrerer Jahre die westeuropäischen Hauptstädte und gab bei seiner
Rückkehr, durch Annahme eines Prinz Heinrichschen Kammerherrntitels, seiner
Unzufriedenheit einen offenen Ausdruck. Er wollte zu den »Frondeurs« gezählt
sein, die der Prinz bekanntermassen um sich versammelte. Einige Wochen später
vermählte er sich mit der schönen Amelie von Vitzewitz, woran sich nach einem
kurzen Aufentalt auf den pommerschen Gütern die Übersiedelung nach Rheinsberg
schloss.
    Die Vorteile, die der kleine Hof aus der Anwesenheit des Grafen zog, waren,
soweit seine eigene Person in Betracht kam, gering. Er hatte, wie seine Gemahlin
ihm gelegentlich vorwarf, »au fond du coeur« eine Abneigung gegen den Prinzen,
nahm Anstoss an den Sitten, an dem Schmeichelkultus und der hochmütigen Kritik,
die hier ihre Stätte hatten, und war jedesmal froh, wenn er nach Wochen kurzen
Dienstes wieder auf seine heimatliche Insel zurückkehren, der paterna rura sich
erfreuen und in die englischen Parlamentskämpfe sich vertiefen konnte. Denn er
liebte England und sah in seinem Volk seiner Freiheit, seiner Gesetzlichkeit das
einzige Staatenvorbild, dem nachzueifern sei.
    Aber soviel an Anregung und Huldigung der Graf versäumen mochte, die Gräfin
glich diese Versäumnisse mehr als aus. Sie war in kürzester Frist die Seele der
Gesellschaft und beherrschte wie den Hof, so auch die Spitze desselben, den
Prinzen, eine Erscheinung, die nur diejenigen überraschen konnte, die den
gefeierten Bruder des grossen Königs einseitiger und äusserlicher nahmen, als er
zu nehmen war. Denn während er die Frauen hasste, fühlte er sich doch ebenso zu
ihnen hingezogen. Voll Abneigung gegen das Geschlecht als solches, sobald es
allerhand ihm unbequeme Forderungen stellte, war er doch ästetisch geschult und
feinsinnig genug, um die eigentümlichen Vorzüge des weiblichen Geistes:
Unmittelbarkeit, Witz und gute Laune, Schärfe und Treffendheit des Ausdruckes,
herauszufühlen. So vollzog sich das Widerspruchsvolle, dass an einem Hofe, der
die Frauen als Frauen negierte, eben diese Frauen doch herrschten, und zwar
herrschten, ohne auch nur einen Augenblick auf ihre allerweiblichsten Eigenarten
und Unarten verzichten zu müssen. Der Prinz hatte nur das Bedürfnis persönlichen
Verschontbleibens; im übrigen tolerierte er alle den Sittenpunkt nicht ängstlich
wägenden Lebens- und Umgangsformen, die ihm, weil einen unerschöpflichen Stoff
für seine sarkastische Laune, eben deshalb einen bevorzugten Gegenstand der
Unterhaltung boten. Die Liebesintrige stand in Blüte; an unsere junge Gräfin
aber knüpfte ihn neben manchem anderen auch die Wahrnehmung, dass sie, an
Kühnheit der Anschauungen mit ihm wetteifernd, auf die Betätigung dieser
Anschauungen verzichtete und keinen Augenblick dem Verdachte Nahrung gab, ihre
Grundsätze nach ihrer Lebensbequemlichkeit gemodelt zu haben. Denn wie alle
ausserhalb des sittlichen Herkommens Stehende barg auch der Prinz, hinter dem
Unglauben an einen reinen Wandel, doch schliesslich nur den im tiefsten ruhenden
Respekt vor demselben. Unerschüttert in seinen Allgemeinanschauungen, sah er in
der Gräfin »den Ausnahmefall, der ihm die Regel bestätigte«, und beglückwünschte
sich, weit über landläufig-kleine Verhältnisse hinaus, intimste Beziehungen zu
einer Frau unterhalten zu dürfen, die, mit allen Vorzügen der weiblichen Natur
ausgestattet, zugleich frei von allen Schwächen derselben war. Eine
Spezialfreude gewährte ihm die Gräfin noch dadurch, dass sie für ihren Gemahl
dieselbe heitere Kühle hatte wie für alle andern Mitglieder des Rheinsberger
Hofes und die Frage nach der Fortdauer des Hauses Pudagla mit nie gestörter
Gleichgiltigkeit behandelte.
    Einer ihrer hervorstechendsten Züge war die Offenheit. Sie wusste, dass sie
mehr sagen durfte als andere, und sie bediente sich dieses Vorrechts. Eine
Mischung von Pikanterie und Grazie, über die sie Verfügung hatte, gestattete ihr
Gewagteiten, die vielleicht keinem anderen Mitgliede des Hofes mit gleicher
Bereitwilligkeit verziehen worden wären; das eigentliche Geheimnis ihrer
andauernden Gunst aber war, dass sie die verschiedenen Gebiete der Unterhaltung
auch verschieden zu behandeln und genau zu unterscheiden wusste, wo Gewagteiten
allenfalls noch am Platze waren und wo nicht. Wenn ihre Offenheit gross war, so
war ihre Klugheit doch noch grösser. Das philosophische Gebiet, die Kirche, die
Moral bildeten einen weiten, nirgends durch Schnurleinen eingeengten
Tummelplatz, während die Politik bereits einzelne, das militärische Gebiet aber,
weil mit den Eitelkeiten des Prinzen zusammenhängend, eine ganze Anzahl von mit
»Défendu« bezeichnete Partien hatte. Dieser Unterschiede war sich die Gräfin
jederzeit bewusst, und während sie vielleicht eben noch in Beurteilung einer
voltairisch aufgefassten Jeanne d'Arc bis an die Grenze des Möglichen gegangen
war, unterliess sie doch nicht, bei diskursiver Behandlung irgendeiner
prinzlichen Schlachtengrosstat sofort den Ton zu wechseln und an die Stelle
unerschrockenster Behauptungen die allerloyalsten Huldigungen treten zu lassen.
Im Darbringen solcher Huldigungen - sei es von ungefähr im Gespräch oder sei es
vorbereitet in grossen Festlichkeiten - war sie unerschöpflich, und wenn sich der
Prinz selbst nach eben dieser Seite hin eines wohlverdienten Rufes erfreute, so
zeigte sie sich mindestens als seine gelehrige Schülerin. Ihre vollkommene
Gleichgiltigkeit gegen militärische Schaustellungen und kriegerische Aktionen
besass sie Kraft genug hinter einem erheuchelten und deshalb um so lebhafter sich
gebärdenden Interesse zu verbergen. Sie wusste, dass, wer den Zweck wollte, auch
die Mittel wollen musste, und so waren denn die Prinzenschlachten ihrem
Gedächtnisse bald sicherer eingeprägt als die Feste des christlichen Kalenders.
Nie verging der sechste Mai, der Jahrestag der Prager Affaire, ohne irgendeine
solenne Bezugnahme darauf. Da gab es immer neue Überraschungen: gestickte
Teppiche mit dem Hradschin und der Moldaubrücke, samt vier Grenadiermützen in
den Ecken; Tableaux vivants, in denen Mars und Minerva, sich überholt fühlend,
vor der höheren Rheinsberger Gotteit ihr Knie beugt; Dialoge, ganze Stücke, mit
Griechen- und Römerhelden, mit Myrmidonen und Legionen, die sich dann
schliesslich immer als Prinz Heinrich und das die Prager Höhen erstürmende
Regiment Itzenplitz entpuppten.
    Sprach sich in diesem allen eine Kunst der Erfindung aus, so war die Kunst
des Schweigens, des Unterdrückens und Verleugnens, die beständig geübt werden
musste, kaum geringer. »Schwerins mit der Fahne« durfte nie gedacht werden; ein
Hinweis auf diesen grossen Prager Rivalen würde nur zu den ernstesten
Verstimmungen geführt haben, und der Prinz, von dem Wunsche erfüllt, einen
solchen störenden Zwischenfall von vornherein ausgeschlossen zu sehen, hatte
nicht Anstand genommen, »den auf allen Jahrmärkten besungenen Heldentod« einfach
als eine »Bêtise« zu bezeichnen.
    All diesen Eigenarten, auch wo sie sich bis zur Laune und Ungerechtigkeit
steigerten, wusste sich die Gräfin zu bequemen, und ihrer Mühen Lohn war eine
sechzehnjährige Herrschaft. Erst das Jahr 1786, ohne diese Herrschaft zu
beseitigen, schuf doch einen Wandel der Verhältnisse überhaupt. Der grosse König
starb, und sein Hinscheiden ermangelte nicht, auch das Rheinsberger Leben
empfindlich zu berühren. Der kleine Hof wurde wie auseinandergesprengt; alle
freieren Elemente desselben, die grossenteils mehr aus Opposition gegen den König
als aus Liebe zum Prinzen sich um diesen geschart hatten, schlossen wieder ihren
Frieden mit der Staatsautorität und waren froh, aus einem engen und
aussichtslosen Kreis in den öffentlichen Dienst zurücktreten zu können. Unter
diesen war auch Graf Pudagla. Er ging in demselben Herbst noch nach England,
wozu ihn, neben seiner Vertrauteit mit Politik und Sprache, seine
freundschaftlichen Beziehungen zu mehreren einflussreichen Familien befähigten.
Als ihm diese auszeichnende Mission angetragen wurde, stellte er, besserer
Repräsentation halber, an die Gräfin das Ansinnen, ihn zu begleiten. Sie lehnte
jedoch ab, zum Teil aus wirklicher Anhänglichkeit an den Prinzen, mehr noch aus
einer ihr angeborenen Abneigung gegen England.
    Sie blieb also, blieb und huldigte, ohne ihres Bleibens und ihrer
Huldigungen noch recht froh zu werden. Die glücklichen Tage lagen eben zurück.
Alles war verändert, nicht nur der Hof, auch der Prinz. Seine Missstimmungen
wuchsen. Die staatlichen Interessen, so viele Jahre zurückgedrängt, traten
wieder in den Vordergrund und beunruhigten ihn. Namentlich von dem Augenblick
an, wo sich in Paris erkennbar die Gewitter zusammenzogen. Vor seinem grossen,
nun heimgegangenen Bruder, sowenig er ihn geliebt, soviel er ihn bekrittelt
hatte, hatte er doch schliesslich allem Besserwissen zum Trotz einen
tiefgehenden, ganz ungeheuchelten Respekt empfunden; nichts davon flössten ihm
die neuen Verhältnisse ein, noch weniger die Personen. Die Weiberherrschaft,
weil alles Feinen und Geistigen entkleidet, war ihm ein Greuel, und unserer
Gräfin huldvoll die Hand küssend, sagte er, als der Name der Madame Rietz in
seiner Gegenwart genannt wurde: »Je la déteste de tout mon coeur; mes
attentions, comme vous savez bien, appartiennent aux dames, mais jamais aux
femmes.«
    Dies waren Äusserungen besonderen Vertrauens: nichtsdestoweniger überkam die
Gräfin das Gefühl, dass ihre Rheinsberger Tage gezählt seien. Sie sehnte sich
nicht fort, aber sie bereitete sich in ihrem Herzen darauf vor. Und der
Augenblick kam eher, als sie erwartet. Anno 1789 war der Graf auf kurzen Urlaub
zurück. Er erkrankte, von einem Schlaganfall getroffen, im Vorzimmer des Königs;
am anderen Tage war er tot. Die Nachricht davon erschütterte die Witwe mehr, als
diejenigen, die ihre Ehe kannten, erwartet hatten; sie wurde sich jetzt bewusst,
in Hochmut und Caprice nicht seine Liebe, aber den Wert seiner edelmännischen
Gesinnung unterschätzt zu haben. Sein Testament, das aufs neue ein vollkommener
Ausdruck dieser Gesinnung war, konnte die Vorstellung ihres Unrechts, so frei
sie ihrer ganzen Natur nach von sentimentaler Reue blieb, nur steigern. Schloss
Guse, das, aus freier Hand erstanden, nicht zu den Familiengütern zählte, war
der Gräfin samt einem bedeutenden Barvermögen zugeschrieben worden. Sie
beschloss, ihr Erbe anzutreten und die Verwaltung des Gutes selbst in die Hand zu
nehmen. Nur noch den Winter über wollte sie am Rheinsberger Hofe verweilen; bei
Ablauf desselben schied sie nicht ohne Bewegung von dem Prinzen, der ihr neben
andern Souvenirs ein eigens gedichtetes Akrostichon überreicht hatte.
    Am Osterheiligabend 1790 traf sie in Schloss Guse ein.
    Das Schloss konnte zunächst nur den allerunwohnlichsten Eindruck machen. Die
Administrationsjahre hatten es, einige wenige Räume abgerechnet, in eine Art
Korn- und Futtermagazin umgewandelt; Raps und Weizen lagen aufgeschüttet in den
Zimmern, während Heu- und Strohmassen die Korridore füllten. Am störendsten
wirkte der ganze linke Flügel, aus dessen zerbröckelten Dielen überall die Pilze
hervorwuchsen. Alte Bilder aus der Derfflingerzeit, stockfleckig und
eingerissen, die meisten ohne Rahmen, hingen schief und vereinzelt an den Wänden
und mehrten nur den Eindruck des Verfalls.
    Die Gräfin indessen liess sich durch den Anblick dieser Unbilden und
Schädigungen, die das Schloss erfahren hatte, nicht beirren; im Gegenteil, die
Aussicht auf Tätigkeit, die sich für sie eröffnete, hatte für ihre energische
Natur einen Reiz. Sie bezog zwei kleine Zimmer im ersten Stock, die von der
allgemeinen Zerstörung am wenigsten gelitten, zugleich auch eine gute Luft und
einen freien Blick auf den schönen Park hatten. Von hier aus mit allen
Handwerkern der nächsten Ortschaften, bald auch mit ihr bekannten
hauptstädtischen Künstlern in Verbindung tretend, leitete sie den inneren Um-
und Ausbau, der, soweit überhaupt beabsichtigt, in verhältnismässig kurzer Zeit
beendigt war. Am 31. Dezember 1790 zog sie, abergläubisch und tagewählerisch,
wie sie war, in die neuen Räume ein, den Silvestertag jedes Jahres, aus
allerhand heidnisch-philosophischen Gründen, in denen sich Tiefsinn und Unsinn
paarte, zu den ausgesprochenen Glückstagen zählend.
    Die neuen Räume lagen sämtlich auf der rechten Seite und bestanden aus einem
Billard-, einem Spiegel- oder Blumen- und einem Empfangszimmer, woran sich dann,
in den entsprechenden Seitenflügel übergehend, der Speisesaal und das Teater
schlossen. Denn ohne Vorhang und Kulissen konnten sich Personen, die aus der
Schule des Rheinsberger Prinzen kamen, eine behagliche Lebensmöglichkeit nicht
wohl vorstellen. Die ganze linke Hälfte des Schlosses, von Lüftung der Räume und
Beiseiteschaffung alles Ungehörigen abgesehen, hatte baulich keine Veränderungen
erfahren, während die grosse, zwischen beiden Hälften gelegene Flurhalle zum
Stapelplatz für alle Derfflingerreminiszenzen gemacht worden war. Hier befanden
sich zwei Falkonetts, zwei ausgestopfte Dragoner mit Glasaugen und die
besterhaltenen jener Porträts und Schlachtenbilder, die bis dahin in den Räumen
des Schlosses zerstreut gewesen waren. In Front der beiden Dragoner, ziemlich
die Mitte der Flurhalle einnehmend, stand ein der Antike nachgebildeter Faun,
dessen spöttisches Lachen die beste Kritik alles dessen war, was ihn umstand.
    Am folgenden Tage, dem Neujahrstage 1791, gab die Gräfin zur Einweihung der
neubezogenen Räume ihre erste Soiree. Der benachbarte Adel war geladen, und
Tante Amelie machte die Honneurs ganz auf dem vornehmen Fusse, den ihr ihre
Mittel, ihr Geist und die höfische Gewohnheit gestatteten. Alles war entzückt.
Wirtin wie Gäste versprachen sich ein anregendes, vielleicht selbst ein
freundschaftliches Beieinanderleben; Pläne wurden entworfen; die Zukunft
erschien als eine lange Reihe von musikalisch-deklamatorischen Matineen, von
L'hombre-Partien und Aufführungen französischer Komödien.
    Aber es kam anders.
    Schon vor Ablauf des Jahres mussten sich beide Parteien überzeugen, dass man
nicht füreinander passe; die Gräfin war zu klug, der Nachbaradel nicht klug
genug. Besonders die Frauen. Ihr Französisch (nur noch übertroffen durch ihr
Deutsch), die geheuchelten literarischen Interessen, das beständige Sprechen
über Dinge, die ihnen ebenso unbekannt wie gleichgiltig waren, mussten den feinen
Sinn einer Dame verletzen, die zwischen dem persönlichen Umgang mit einem
Prinzen und dem geistigen Verkehr mit hervorragenden Geistern ihr Leben geteilt
hatte. Nur die Flüchtigkeit erster Begegnungen hatte über diese Verhältnisse
täuschen können. Die Gräfin, als sie den Tatbestand überschaute, brach allen
Umgang ab und beschränkte sich, ihre Lesepassion wieder aufnehmend, mehrere
Jahre lang auf einen allerengsten Kreis, der sich aus ihrem Bruder Berndt auf
Hohen-Vietz, aus dem auf Hohen-Ziesar lebenden Grafen Drosselstein und dem
dreiundachtzigjährigen Seelower Superintendenten, der schon die Schlacht bei
Mollwitz als Feldprediger mitgemacht hatte, zusammensetzte. Ihrem tiefen
Bedürfnisse nach Moquerie und Klatsch, dem in diesem frauenlosen Kreise (Berndts
Gemahlin schloss sich aus) nur sehr unvollkommen entsprochen wurde, suchte sie
durch ein briefliches Geplauder mit dem Prinzen zu Hilfe zu kommen, der, ein
Feinschmecker auf dem Gebiete der chronique scandaleuse, nicht müde wurde, sie
zur Fortsetzung einer beiden Teilen gleich gewinnbringenden Korrespondenz zu
ermutigen.
    Das ging bis 1802, wo der Prinz starb. Erst nach dieser Zeit empfand sie
wieder den Hang, aus ihrer Einsamkeit, die ganz und gar gegen ihre Natur und ihr
durch die Verhältnisse nur aufgezwungen war, herauszutreten. Und so geschah es.
Die Frauen, gegen die sie, mit den Jahren sich steigernd, eine fast zur Manie
gewordene Abneigung hegte, blieben nach wie vor ausgeschlossen; aber den kleinen
Männerkreis, der bis dahin ihren Umgang gebildet hatte, suchte sie zu erweitern.
Der Wechsel im Besitz auf mehreren der ihr benachbarten Güter bot dazu eine
bequeme Gelegenheit, und jener Gesellschaftszirkel begann sich zu bilden, der,
schon ein Jahrzehnt vor Beginn unserer Erzählung, zu allerhand kritischen
Bemerkungen von seiten ihres Bruders Berndt, zugleich aber auch zu dem
Verteidigungs-Konklusum der Gräfin: »Tous les genres sont bons, hors
l'ennuyeux«, geführt hatte.
    »Gut«, hatte Berndt geantwortet, »aber dann erfülle auch die Bedingung. Du
wirst doch nicht den Kammerherrn von Medewitz als hors l'ennuyeux bezeichnen
wollen?«
    »Doch«, hatte die Schwester repliziert und eine Unterredung abgebrochen, in
der beide Geschwister, jeder von seinem Standpunkte aus, im Rechte waren. Die
Gräfin, selbstisch in all ihrem Tun, verfuhr nicht nach allgemeinen
Gesichtspunkten, sondern nach allerpersönlichstem Geschmack. Ihr Umgangskreis,
den Berndt ziemlich spitz als »allerlei Freunde« bezeichnete, war nicht darnach
gewählt worden, ob er andern, sondern lediglich darnach, ob er ihr gefiele. Was
sie am meisten verachtete, waren herkömmliche Anschauungen; ihre Laune war
souverän. Wer ihr ein Lächeln abnötigte, ihr Gelegenheit zu einem Sarkasmus bot,
war ihr ebenso unterhaltlich als derjenige, der ihr eine Fülle von Esprit, einen
Schatz von Anekdoten entgegenbrachte. Nur die unausgesprochenen Menschen waren
ihr interesselos, während alles Aparte, gleichviel, ob es nach der
Beschränkteits- oder der Klugheitsseite hin lag, einen prickelnden Reiz für sie
hatte.
    Sehen wir im folgenden Kapitel des näheren, welcher Art diese »allerlei
Freunde« von Schloss Guse waren.
 
                                Drittes Kapitel
                                Allerlei Freunde
Die »allerlei Freunde« bildeten einen weiteren und einen engeren Kreis. Der
engere Kreis war eine Siebenzahl und bestand aus folgenden Personen: Graf
Drosselstein auf Hohen-Ziesar, Präsident von Krach auf Bingenwalde, Generalmajor
von Bamme auf Quirlsdorf, Baron von Pehlemann auf Wuschewier, Domherr von
Medewitz auf Alt-Medewitz, Hauptmann von Rutze auf Protzhagen, Doktor Faulstich
in Kirch-Göritz.
    Es wird unsere nächste Aufgabe sein, der blossen Vorstellung dieser Herren,
die mit Ausnahme Doktor Faulstichs alle das sechzigste Jahr erreicht oder
überschritten hatten, eine kurze Charakterisierung folgen zu lassen. Wenn dies
ein Verstoss gegen die Gesetze guter Erzählung ist, so möge der Leser Nachsicht
üben, und um so mehr, als der zu begehende Fehler vielleicht mehr scheinbar als
wirklich ist. Denn mit wie grossem Recht auch die Vorführung abgeschlossener, ihr
Tun und Denken zettelartig am Mantel tragender Gestalten verworfen und statt
dessen jene Erzählungskunst gepriesen werden mag, die die Phantasie des Lesers
in den Stand setzt, das nur eben Angedeutete schöpferisch auszubilden und zu
vollenden, so mögen doch Ausnahmen überall da gestattet sein, wo, wie hier, das
Nebeneinanderstellen fertiger Figuren nicht viel mehr bedeuten will als eine
weniger um der Bildnisse selbst als um des Ortes willen, wo sie sich finden, dem
Leser vorgeführte Porträtgalerie.
    Die vornehmste Erscheinung in Schloss Guse, zugleich dem Zirkel am längsten
angehörig, war Graf Drosselstein. In Königsberg geboren, in dessen Nähe auch die
Familiengüter lagen, war er, trotzdem er die Provinz gewechselt hatte, ein
vollkommener Repräsentant des ostpreussischen Adels. Dieser Adel, dem Hofe und
dem »Dienste« ferner stehend, hatte freilich - wenigstens damals noch - darauf
verzichten müssen, seinen Namen gleich ruhmreich wie die märkisch-pommerschen
Familien in unsere bis dahin wenig mehr als eine Reihe von Schlachten
darstellende Geschichte einzutragen, aber was ihm dadurch an Volkstümlichkeit
und historischem Klang verlorengegangen war, war wieder aufgewogen worden durch
das Bewusstsein gewahrter Unabhängigkeit. Weniger ein- und untergeordnet in das
Räderwerk des militärisch-bureaukratischen Staates, hatte sich ganz Ostpreussen
und besonders sein Adel - im einzelnen zu seinem Nachteil, im ganzen zu seinem
Vorzug - eine ausgesprochene provinzielle Eigentümlichkeit zu bewahren gewusst.
    In dieser provinziellen Eigentümlichkeit, die sich vielleicht am besten als
ein mitunter herber Ausdruck des Freiheitlichen bezeichnen lässt, stand auch Graf
Drosselstein, und wenn er an der Tafel seiner Freundin, der Guser Gräfin, dem
säbelbeinigen Generalmajor von Bamme gegenübersass, der zweideutige Anekdoten
erzählte und von Pferden, Prinzen und Tänzerinnen, weniger aus Renommisterei als
aus Übermut und schlechter Erziehung, in krähstimmigem Jargon perorierte, so
mochte er sich, nicht ohne Anwandlung ostpreussischen Stolzes, des Unterschiedes
zwischen seiner heimatlichen Provinz und dem märkischen Stammlande bewusst
werden. Aber solche Anwandlungen schwanden so rasch, wie sie kamen. Von seltener
Unparteilichkeit, allem Engen und Selbstischen fern, in welcher Form es auch
auftreten mochte, stand es für seine Erkenntnis längst fest, dass die Mark, trotz
aller ihrer Unleidlichkeiten, als das Kern- und Herzstück der Monarchie
anzusehen sei, mit oder ohne Bammes, ja zum Teil wegen derselben.
    Der Graf hatte nur kurze Zeit dem Staate gedient. Mit zwanzig Jahren in das
erste Bataillon Garde tretend, aber schon nach Ablauf eines Jahres
gesundheitshalber den Abschied nehmend, war er froh gewesen, den Anblick des
Potsdamer Exerzierplatzes mit dem der Marine von Nizza vertauschen zu können.
Wiederhergestellt, durchzog er Italien, lebte, ganz dem Studium der Kunst
hingegeben, erst in Rom, dann in Paris und beschloss seine »grosse Tour« durch
einen Ausflug nach Holland und England.
    Er war ausgangs der Dreissig, als ihn um 1788 Familienangelegenheiten an den
Petersburger Hof führten. Hier machte er die Bekanntschaft einer Komtesse
Lieven, die ihn durch ihre durchsichtige Alabasterschönheit in demselben
Augenblicke gefangennahm, in dem er sie sah. Seine Werbung wurde nicht
zurückgewiesen; die Kaiserin selbst beglückwünschte dasschöne Paar, das sich,
unmittelbar nach der mit grosser Pracht und unter Teilnahme des Petersburger
Hofadels gefeierten Vermählung, auf die ostpreussischen Güter des Grafen
zurückzog.
    Aber das stille Glück der Flitterwochen erschien der jungen Gräfin bald zu
still. Sie sehnte sich nach dem zerstreuenden Leben der »Gesellschaft«, und da
weder die politischen Verhältnisse noch die Gesinnungen des Grafen ein erneutes
Auftreten am russischen Hofe - das die junge Gräfin allerdings am liebsten
gesehen haben würde - ausführbar erscheinen liessen, so wurde die Übersiedelung
nach Hohen-Ziesar, einem ursprünglich den märkischen Drosselsteins zugehörigen
Gute, das erst vor zwei oder drei Jahren an die ostpreussische Linie gekommen
war, beschlossen.
    Von Hohen-Ziesar aus ermöglichte sich ein verhältnismässig leichter Verkehr
mit der Hauptstadt, wo das Hofleben, das während der Friderizianischen Zeit
beinahe völlig geruht hatte, eben damals einen neuen Aufschwung zu nehmen
begann. Es war nicht Petersburg, aber es war doch Berlin. Die junge Gräfin,
wiewohl zeitweise von einem halb ermüdeten, halb zerstreuten Ausdruck, als ob
ihre Seele nach etwas Fernem und Verlorenem suche, gab sich nichtsdestoweniger
den Zerstreuungen ohne Rückhalt hin. Sie galt für glücklich; sie schien es auch.
Aber der durchsichtige Alabasterteint hatte nichts Gutes bedeutet; ein Blutsturz
überraschte sie kurz vor einer Opernhausvorstellung; eine Abzehrung folgte, sie
starb vor Ausgang des Winters.
    Der Graf war wie niedergeworfen. Er mied auf lange Zeit hin jeden Umgang;
selbst in Schloss Guse, wo er damals schon verkehrte, blieb er aus. Als er wieder
in der Gesellschaft erschien, war seine Selbstbeherrschung vollkommen; aber er
hatte jenen lebemännischen Frohsinn und die gesprächige Heiterkeit eingebüsst,
die ihn früher ausgezeichnet hatten. Er lachte nicht mehr. Er hatte nur noch das
Lächeln derer, die mit dem Leben abgeschlossen haben. Hier und dort hiess es, dass
es nicht der Tod der jungen Gräfin allein sei, der diesen Wandel in seinem Wesen
geschaffen habe. Er wandte sich grossen Bauten zu; besonders waren es
Parkanlagen, die ihn zu zerstreuen begannen. Hohen-Ziesar bot ein gutes
Material, und so entstand im Geschmack jener Zeit eine kostspielige Schöpfung,
die sich, vom Flachdach des Schlosses oder noch besser vom Kirchturm aus
angesehen, als eine grosse in Stein und Erde ausgeführte Alpenreliefkarte
darstellte. Granitblöcke wurden zu irgendeinem Rigi aufgetürmt, über den Grat
des Gebirges liefen zwei Pässe, die nach Altdorf oder Küssnacht führten, während
ein aus unsichtbaren Quellen gespeister See einen kataraktreichen Bergstrom in
die Tiefe schickte. Sennhütten und Matten lösten sich untereinander ab; zu Füssen
dieser Künsteleien aber, in das wirkliche Oderbruch übergehend, dehnte sich eine
reizende Flachlandszenerie mit Feld und Wiesen, mit Fluss, Bach und Brücken und
einem stillen, weidenumstandenen Teich, dessen japanisches Inselhäuschen die
Schwäne umzogen.
    An der Herstellung dieses Parkes nahm unsere Guser Gräfin, die sich zu allem
Rokokohaften hingezogen fühlte, den regsten Anteil, der Verkehr wuchs, Briefe
wurden gewechselt, Konferenzen abgehalten, deren endliches Resultat nicht nur
der Aufbau der Hohen-Ziesarschen »Schweiz«, sondern auch die Etablierung einer
Freundschaft war, die sich seitdem, namentlich von seiten der Gräfin, zu einer
wirklichen, über Laune und Zerstreuungsbedürfnis weit hinausgehenden Intimität
gesteigert hatte.
    Dies konnte kaum ausbleiben. Denn so gewiss die Gräfin am Aparten hing,
sowenig sie der Originalfiguren ihres Zirkels entraten mochte, sosehr empfand
sie doch auch, was der Mehrzahl derselben fehlte: Schliff, Bildung, Ton, vor
allem jegliches Verständnis für Kunst und Schönheit. All dies besass der Graf. Er
hatte nicht nur die Höhe der Rheinsberger Gesellschaft, er übertraf dieselbe
sogar durch jenes nachhaltig wirkende Ansehen, das allein aus
Selbstsuchtlosigkeit und reinem Wandel spriesst.
    Ein bestimmtes Ereignis gab der schon gefestigten Freundschaft ein neues
Band. Der Graf nahm Veranlassung, die Gräfin ins Geheimnis zu ziehen; er
erzählte ihr die Geschichte vom Hinscheiden seiner Frau, auch von dem, was
diesem Hinscheiden unmittelbar vorausgegangen war. Es war das Folgende.
    Die junge Gräfin, nach einem heftigen Hustenanfall, schien in einen Zustand
tiefen Schlummers zu verfallen, auch der Graf, ermüdet von tagelangem Wachen,
schlief in seinem Lehnstuhl ein. Es war spät, nur eine Schirmlampe brannte. Als
er erwachte, bemerkte er, dass die Kranke aufgestanden war und sich der
Tapetentür eines Wandschrankes näherte. Eine letargische Schwere, zugleich ein
dunkeles Gefühl, dass er die Kranke in ihrem Tun nicht stören dürfe, hielten ihn
in seinem Lehnstuhl fest. Er sah nun, dass sie zunächst ein Kästchen aus dem
Schranke, dann aus einem verborgenen Fach des Kästchens eine Anzahl Briefe nahm,
die mit einer roten Schnur zusammengebunden waren. Sie schritt wieder zurück, an
ihm vorbei, glaubte sich zu überzeugen, dass er schlafe, und trat dann an den
Kamin. Sie berührte die Briefe mit den Lippen, löste die Schnur und warf dann
jeden einzelnen Brief vorsichtig, damit die Flamme nicht zu hell aufschlüge, in
das halberloschene Feuer. Als alles verglimmt war, kehrte sie an ihr Lager
zurück, hüllte sich in die Decken und atmete hoch auf, wie befreit von einer
bangen Last. Es war ihr letztes Tun. Ehe der Morgen kam, war sie nicht mehr.
Welch ein Tag für den Überlebenden! Er hatte sich geliebt geglaubt; nun war
alles Wahn und Traum. Wessen Hand hatte die Briefe geschrieben, die die
Empfängerin bis zuletzt wie ein Allerteuerstes gehegt hatte? Er frug es immer
wieder; aber keine Antwort. Das Geheimnis war bei der Toten und der Asche im
Kamin.
    So hatte der Graf erzählt. Die Erzählung selbst aber, wie schon angedeutet,
besiegelte die Freundschaft, die von jenem Tage an unauflöslich zwischen dem
Witwergrafen und Hohen-Ziesar und der Gräfinwitwe auf Schloss Guse bestand.
    Schloss Guse hatte jedoch nur einen Drosselstein; alles andere, was sich von
»allerlei Freunden« daselbst versammelte, konnte so ziemlich als Revers des
Grafen gelten.
    Ihm im Range am nächsten stand Präsident von Krach, ein Mann von Gaben und
Charakter. Er galt als ein bedeutender Jurist, hatte durch hartnäckige
Opposition den Zorn des grossen Königs herausgefordert und seinerseits, in tiefer
Verstimmung über die bei dieser Gelegenheit erfahrene Unbill, sich nach
Bingenwalde zurückgezogen. Er war hager, gross, scharf, wenig leidlich. Sein
hervorstechender Zug war der Geiz. Er beanstandete jede Rechnung und bezahlte
sie, nach dem Grundsatze: »Zeit gewonnen, Zins gewonnen«, immer erst nach
eingeleitetem prozessualischen Verfahren. Die Betroffenen spotteten, dass es aus
alter Anhänglichkeit an die Gerichte geschähe, zu denen sich sein juristisches
Paragraphenherz doch immer wieder hingezogen fühle. Eines besonderen Rufes
genossen auch seine Diners, die, wiewohl alljährlich nur einmal wiederkehrend,
ein wahres Schrecknis der gesamten Oderbruch-Aristokratie bildeten. Einzig und
allein der alte Bamme - den seine Trinkgelder und Kordialequivoken zum Liebling
aller als Livreediener eingekleideten Kutscher und Gärtner machten - hatte sich
bisher unter Anwendung von Flascheneskamotage diesem Schrecknis zu entziehen
gewusst, so dass beispielsweise Baron Pehlemann auf das ernstafteste versicherte:
»Nie, während sämtlicher Krachschen Diners, sei seitens des Generals ein Tropfen
anderen Weines als aus seinem eignen, Bammeschen, Keller getrunken worden.«
Bamme selbst, ohnehin von einer beinahe krankhaften Neigung erfüllt, sein
Husarentum coûte que coûte zur Geltung zu bringen, liess sich solche Huldigungen
gern gefallen, ermangelte aber andererseits nie, natürlich nur zugunsten neuer
Malicen gegen Krach, seinen Schlauheitstriumph über diesen entschieden in Abrede
zu stellen. Krach, so schwur er, sei viel zu scharf, um getäuscht werden zu
können; er habe den Kriminal- und Inquisitorialblick einer dreissigjährigen
Praxis, er sehe alles, er wisse alles; aber freilich, er schweige auch, weil er
bei kleinem Ärger die grossen Vorteile der Situation sofort überblicke und in
Wahrheit nur von einer Frage bestürmt werde: »Warum sind sie nicht alle Bammes?«
    Die Gräfin, persönlich von grosser Freigibigkeit, nahm wenig Anstoss an diesem
Geiz. Sie hatte lange genug gelebt, um zu wissen, dass das gegen sich selbst und
andere gleich erbarmungslose Sparen den Körper fest und zäh, den Geist scharf
und schneidig mache, vor allem auch der Ausbildung von Originalen günstig sei,
freilich keiner angenehmen. Aber darauf kam es ihr nicht an. Was schliesslich den
Ausschlag zugunsten Krachs gab, war, dass auch der Prinz einen starken Hang zum
Ökonomisieren gehabt hatte.
    Die dritte Figur des Kreises war der schon mehrgenannte Generalmajor von
Bamme oder der »General«, wie er kurzweg in Schloss Guse genannt wurde, ein
kleiner, sehr hässlicher Mann mit vorstehenden Backenknochen und Beinen wie ein
Rokokotisch; die ganze Erscheinung husarenhaft, aber doch noch mehr Kalmück als
Husar.
    Er gehörte einem alten havelländischen Geschlechte an, Haus Bamme bei
Ratenow, das mit ihm erlosch. Die Wahrheit zu gestehen, erlosch nicht viel
damit. Seine eigene Jugend war hingewüstet worden; wunderbare Geschichten gingen
davon um. Ein adliges Fräulein, das sich von ihm geliebt glaubte, Tochter eines
Nachbars, hatte er in Unehre gebracht; den Bruder, der auf Eheschliessung drang,
jagte er vom Hofe. Das Mädchen selbst, übrigens im Hause der Eltern bleibend,
wurde irrsinnig.
    Ein Jahr später starb der alte Bamme; Vater und Sohn waren einander wert
gewesen. Sie setzten des Alten Sarg auf eine Gruftversenkung, und neben den
Sarg, eine Fackel in der Hand, stellte sich der Sohn. Er trug die rote Uniform
des Husarenregiments Zieten; die kleine Kirche war schwarz ausgeschlagen. In dem
Augenblicke, in dem der Sarg niederstieg, rief die Irrsinnige, die sich auf dem
Orgelchor versteckt hatte: »Seht, nun fährt er in die Hölle.« Alles entsetzte
sich; nur der, an den sie die Worte gerichtet hatte, lächelte. Er war übrigens
ein ausgezeichneter Soldat, das hielt ihn.
    Als er nach dem Basler Frieden, der ihn wurmte, seinen Abschied nahm, zog er
aus dem Havellande ins Oderbruch und kaufte sich in der Nähe von Schloss Guse an.
Die Gross-Quirlsdorfer hatten sich wenig über ihn zu beklagen. Er setzte zwar das
alte Leben fort; aber die Oderbrücher, selber nicht diffizil, legten ihm durch
Missbilligung keinen Zwang auf. Sein Geschmack wurde immer wunderlicher. Starb
wer Junges im Dorf, Bursch oder Mädchen, so liess er ein grosses Begräbnis
anrichten, vorausgesetzt, dass die Leidtragenden ihre Zustimmung gaben, die
Leiche zu schminken und in einem mit vielen Lichtern geschmückten Flur
aufzubahren. Dann stellte er sich zu Füssen, rauchte aus einem Meerschaumkopf und
sah, halb zugekniffenen Auges, die Leiche eine halbe Stunde lang an. Was dabei
durch seine Seele ging, wusste niemand. Er galt für einen Tückebold, auch noch
für Schlimmeres; indessen er war General, märkisch und soldatisch vom Wirbel bis
zur Zeh und von einem humoristisch verwegenen Mut. Erst vor drei Jahren hatte
sein letztes Rencontre stattgefunden. Die Veranlassung war ganz in seiner Art.
Eine Scheune auf einem Nachbargute brannte nieder; Bamme, der den Besitzer nicht
leiden konnte, sagte bei offener Tafel: »Hochversicherte Scheunen brennen immer
ab.« Er sollte zurücknehmen. Statt dessen mass er seinen Gegner und krähte nur:
»Jede Feuer-Assekuranz sagt dasselbe.«
    Nun kam es zum Duell; Hauptmann von Rutze sekundierte. Der Beleidigte schoss
Bammen den rechten Ohrzipfel samt dem kleinen goldenen Ohrring weg, den er
»Rheumatismus halber« trug. Er liess sich nun einen neuen Ring durch die
stehengebliebene Ohrhälfte ziehen und sah seitdem skurriler aus denn je.
    Eine gewisse Schelmerei, wie zugestanden werden muss, söhnte manchen seiner
Gegner mit ihm aus; dazu kam, dass er sich gab, wie er war, und sein eigenes
Leben rückhaltlos in den pikantesten Anekdoten aufdeckte. Seine geistigen
Bedürfnisse bestanden in Necken, Spotten und Mystifizieren, weshalb er, wie kein
zweiter, von allen Sammlern und Altertumsforschern in Barnim und Lebus
gefürchtet war. Um seine Tücke besser üben zu können, war er Mitglied der
Gesellschaft für Altertumskunde geworden. Feuersteinwaffen, bronzene
Götzenbilder und verräucherte Topfscherben liess er aussetzen und verstecken, wie
man Ostereier versteckt, und war über die Massen froh, wenn nun die »grossen
Kinder« zu suchen und die Perioden zu bestimmen anfingen. Turgany, wie sich
denken lässt, zog den möglichsten Nutzen aus diesen Mystifikationen, und
jedesmal, wenn Seidentopf etwas Urgermanisches aufgefunden haben und zum letzten
Streiche gegen den zurückgedrängten Justizrat ausholen wollte, pflegte dieser
wie von ungefähr hinzuwerfen: »Wenn nur nicht etwa Bamme...«, ein Satz, der nie
beendet wurde, weil schon die Einleitung desselben zur vollständigen Verwirrung
des Gegners ausreichte.
    Alles in allem war der »General« eine Lieblingsfigur auf Schloss Guse, auch
der Hecht im Karpfenteich. Die Gefahren und Unbequemlichkeiten, die sich daraus
ergaben, wurden durch das frische Leben, das er brachte, wieder aufgewogen. Es
kam nicht in Betracht, dass er über Sittlichkeit seine eigenen Ansichten hatte.
Man liess dies gehen. Die Gräfin schlug jede Kritik darüber mit der Bemerkung
nieder: »L'immoralité ouverte, c'est la seule garantie contre l'hypocrisie.«
    Nur den Vitzewitzes, alt und jung, war mit solcher Bemerkung nicht
beizukommen; sie verharrten, bei äusserlich leidlicher Stellung zu dem alten
Schabernack, in ihrer Abneigung gegen ihn, und Berndt pflegte zu sagen: »Bamme
und Hoppenmarieken, das hätt ein Paar gegeben!«
    Neben Bamme, zugleich als sein natürlicher Gegensatz, stand Baron Pehlemann,
die vierte Figur des Guser Kreises. Was Bamme an Mut zuviel hatte, hatte
Pehlemann zuwenig. Dass er der Gräfin dadurch ein kaum geringeres Interesse
einflösste als sein encouragiertes Widerspiel, braucht nicht erst versichert zu
werden, aber auch der Kreis selbst war weit entfernt davon, dies Manko an
Herzhaftigkeit ernstlich zu beanstanden. Am wenigsten die Militärs. Es lässt sich
Ähnliches auch heute noch beobachten. Alle Stubenhocker dringen beständig auf
»Opfertod«; alte geschulte Soldaten aber, die aus fünfzig Schlachten her wissen,
einerseits, welch ein eigen und unsicher Ding der Mut ist, andererseits, welche
niedrige Organisation, welch blosser, wer weiss woher genommener Taumelzustand
ausreicht, um ein Heldenstück gewöhnlichen Schlages zu verrichten, alle diese
denken sehr ruhig über Bravourangelegenheiten und haben in der Regel längst
aufgehört, alles, was dahin gehört, in einem besonderen Glorienschein zu sehen.
So kam es, dass Bamme und Pehlemann die besten Freunde waren. Natürlich fehlte es
nicht an Hänseleien. Erst einige Wochen vor Beginn unserer Erzählung hatte
Pehlemann, der mitunter ein ihn plötzlich überkommendes Zutrauen zu sich selbst
fasste, die Versicherung abgegeben: »seine Abneigung gegen Schusswaffen beruhe
lediglich auf einer allzu feinen Organisation seines Ohres«, worauf von seiten
Bammes mit soviel Ernst wie möglich erwidert worden war: »Gewiss, dergleichen
kommt vor; so lassen Sie uns, wie alte Corpsburschen, einen Gang auf krumme
Säbel machen; das ist ein stilles Geschäft; Ihr Ohr bleibt unbelästigt.
Höchstens hau ich es Ihnen ab.« Solches Schrauben und Aufziehen war an der
Tagesordnung, störte aber keinen Augenblick das gute Einvernehmen, da der
»Wuschewierer Baron«, wie er in der ganzen Umgegend hiess, bei aller sonstigen
Grundverschiedenheit von Bamme, wenigstens eine gute Seite mit ihm gemein hatte:
er war nicht empfindlich. Auch nicht als Dichter, wozu ihn, seinem eigenen
Geständnisse nach, das Podagra gemacht hatte. Er wollte nämlich beobachtet
haben, dass das Podagra seine Muse jedesmal weiche, eine vetrauliche Mitteilung,
die seitens des Guser Kreises zu folgendem Verse benutzt worden war:
                                  Cedo majori
Als des Barones Podagra
Nun seine Muse kommen sah,
Erschrak es sehr und sagte: »Ach,
Daneben bin ich doch zu schwach«,
Und packte schnell das Zwickzeug ein
Und liess die beiden ganz allein.
Es hiess angeblich, Bamme habe diesen Vers gemacht; in Wahrheit wusste jeder, dass
er von Doktor Faulstich herrühre, der immer bereit war, seine kleinen
Piratenboote unter fremder Flagge segeln zu lassen.
    Der fünfte des Kreises war der Kammerherr von Medewitz auf Alt-Medewitz, ein
langweiliger, pedantischer Herr, sehr durchdrungen von der Bedeutung der
Medewitze, trotzdem die Blätter der vaterländischen Geschichte den Namen
derselben nirgends aufzeichneten. Seine Spezialität waren Erfindungen, in
betreff deren er, nach Art der Philosophen, nichts Grosses und Kleines kannte. Er
hatte für alles die gleiche Liebe. Sparheizung, luftdichter Fensterverschluss,
Zerstörung des Mauersalpeters in Schaf- und Pferdestählen, künstliche
Morchelzucht, das waren einige der Fragen, die seinen beständig auf Lösungen und
Verbesserungen gerichteten Geist beschäftigten. Den Militärbehörden war er
wohlbekannt durch seine mehrfach eingereichten Abhandlungen über erleichtertes
Gepäcktragen und praktische Mantelrollung. Immer mit beigefügter Zeichnung. Sein
eigentliches Steckenpferd aber waren die Dosen. Er war ein Sammler, und man
durfte füglich sagen, was Seidentopf für die Urnen war, das war von Medewitz für
die Tabatieren und alles ihnen Anverwandte. In bezug auf die Friderizianische
Zeit war seine Sammlung so gut wie komplett. Von der Mollwitzdose an, auf der
der junge König am Gattertor von Ohlau mit Flintenschüssen empfangen wurde, bis
zur Hubertsburgdose, auf der ein Kurier, mit einem wehenden Tuche und dem Worte
»Friede« darauf, durch die Welt flog, hatte er sie alle, einzelne sogar doppelt.
    Soweit war alles gut. Er begnügte sich aber nicht mit der »stillen Dose«, er
war vor allem auch ein leidenschaftlicher Verehrer jener damals auf der Höhe
ihres Ruhmes stehenden, in Gold und Schildpatt ausgeführten Miniaturleierkästen,
die unter dem Namen der Spieldosen ihre Reise um die Welt gemacht haben. Solche
mit Musik geladene Überfallwerkzeuge führte von Medewitz beständig bei sich, und
mit ihnen war es, dass er seine gesellschaftlichen Attentate verübte. Wie es
Menschen gibt, vor deren Anekdoten man, und wenn man in einer Begräbniskutsche
mit ihnen sässe, nie ganz sicher ist, so war man nie sicher vor einer
Medewitzschen Spieldose. Er war sich dieser Macht bewusst und übte sie, mitunter
glücklich und taktvoll, durch Ausfüllung ängstlicher Pausen; aber viel häufiger
noch folgte er den Eingebungen blosser Laune oder verletzter Eitelkeit. Unfähig,
aus eigenen Mitteln zur Gesellschaft beizusteuern, wachte er eifersüchtig über
allem, was durch Wissen oder Darstellungsgabe sich auszeichnete, und wenn
vielleicht der glänzend aufgebaute Satz eines guten Sprechers eben seinen
Abschluss erhalten sollte, durfte man sicher sein, aus blosser Neidteufelei eine
Papageno-Arie oder die »Schlacht bei Marengo« dazwischentreten zu sehen. Was das
Niederdrückendste war, war, dass das Mittel, wenn nur ein einziger Fremde bei
Tische sass, trotz seiner Verbrauchteit immer wieder wirkte. Der Gräfin wäre es
ein leichtes gewesen, dieser Missgunstsmusik ein Ende zu machen; aber so
abgeschmackt sie das Gebaren fand, so freute sie sich doch jedesmal, den
verlegenen Ärger der um ihren Redetriumph Betrogenen beobachten zu können.
    Der Unbedeutendste des Guser Zirkels war von Rutze, leidenschaftlicher
Jäger, ein langer, sehniger, ziemlich schweigsamer Mann, ehemals Hauptmann im
pommerschen Regiment von Pirch. Er hatte Protzhagen, das übrigens uralter
Rutzescher Besitz war, erst vor etwa zwanzig Jahren gekauft. Die Veranlassung
dazu wurde wie folgt erzählt:
    Nach Stargard hin, wo das Regiment von Pirch in Garnison lag, verirrte sich
eine Topographie des Oderbruchs. In dem Kapitel »Buckow und seine Umgebung« hiess
es auf Seite 114: »Bei Protzhagen, einem Gute, das drei Jahrhunderte lang den
Rutzes angehörte, zieht sich eine tiefe Schlucht, die Junker Hansens Schlucht.
Sie führt diesen Namen, weil Junker Hans von Rutze hier stürzte und
verunglückte; dies war 1693. Es war der letzte Rutze.« Kaum war von einem der
Kameraden diese Notiz entdeckt worden, so hiess es in nicht endenden Scherzreden:
»Rutze sei untergeschoben; es gäbe keine Rutzes mehr: der letzte läge längst in
der Protzhagener Kirche begraben.« Unser Hauptmann, kein Meister im Repartie,
wurde missmutig; er nahm den Abschied und kaufte Protzhagen, um nunmehr an Ort
und Stelle die Beweisführung anzutreten, dass es mit dem »letzten Rutze« noch
gute Wege habe. Aber er verbesserte sich dadurch nur wenig. Die Stargarder
Neckereien waren bekannt geworden und hatten nun auf Schloss Guse ihren Fortgang.
Bamme verschwor sich hoch und teuer, dass es mit einem der beiden »letzten
Rutzes«, dem jetzigen oder dem früheren, notwendig eine sonderbare Bewandtnis
haben müsse. Entweder sei der selige Hans von Rutze nichts als eine
gespenstische Vorerscheinung, eine Spiegelung von etwas erst Kommendem gewesen,
oder aber der unter ihnen wandelnde Freund, ohnehin beinahe fleischlos, sei ein
Revenant. Was ihn (Bamme) persönlich angehe, so gäbe er der ersteren Annahme den
Vorzug, weil ihm darnach die Wirklichkeit der Dinge noch eine Hirschjagd, einen
Schluchtensturz und einen den Hals brechenden Rutze schuldig sei.
    Der alte Hauptmann folgte diesen Auseinandersetzungen jedesmal mit süsssaurem
Gesicht, hatte sich aber längst aller Proteste dagegen begeben. Dann und wann
schritt er seinerseits zum Angriff, ohne jedoch mit Hilfe dieses Kunstgriffs dem
gewandten Bamme beikommen zu können.
    Unter seinen sonstigen kleinen Schwächen war die bemerkenswerteste die, dass
er sich, in Anbetracht seines aus Schluchten und Abhängen bestehenden
Protzhagener Territoriums, für eine Art Gebirgsbewohner hielt. »Wir auf der
Höhe« zählte zu seinen Lieblingsredewendungen.
    Der Gräfin war er wert durch einen besonderen Respekt, den er ihr
entgegenbrachte. Denn wie sehr sie vorgeben mochte, über Huldigungen und
Schmeicheleien hinweg zu sein, so war sie schliesslich doch nicht unempfindlich
dagegen.
    Der siebente und letzte des »engeren Zirkels« war Doktor Faulstich Ein
späteres Kapitel wird von ihm ausführlicher erzählen.
 
                                Viertes Kapitel
                                   Vor Tisch
Der ganze Freundeskreis, mit Ausnahme Doktor Faulstichs, welcher nach altem
Herkommen den dritten Feiertag in Ziebingen zuzubringen pflegte, war nach Schloss
Guse geladen. Auch Lewin und Renate, wie wir wissen.
    Diese waren die ersten, die eintrafen. Die Einladung hatte auf vier Uhr
gelautet, aber eine volle Stunde früher schon bog der Schlitten Lewins in eine
der grossen Avenuen ein. Es war nicht mehr die Planschleife mit Strohbündeln und
Häckselsack, in der wir zuerst die Bekanntschaft unseres Helden machten; Tante
Amelie, für sich selbst gelegentlich salopp, hielt auf Eleganz der Erscheinung
bei anderen. Dem bequemten sich die Hohen-Vietzer nach Möglichkeit. Der
Schlittenstuhl, mit einem Bärenfell überdeckt, zeigte die bekannte Muschelform,
blaugesäumte Schneedecken blähten sich wie seitwärts gespannte Segel, und statt
des rostigen Schellengeläutes, das am Heiligabend unseren Lewin in Schlummer
geläutet hatte, stand heute ein Glockenspiel auf dem Rücken der Pferde, und zwei
kleine Haarbüsche wehten rot und weiss darüber hin. Die körnerpickenden Sperlinge
flogen zu Hunderten in der Dorfgasse auf; so ging es auf das Schloss zu. Jetzt
war auch die Sphinxenbrücke passiert, und der Schlitten hielt. Lewin, rasch die
Decke zurückschlagend, reichte Renaten die Hand, die nun mit der Raschheit der
Jugend aus dem Schlitten auf eine über den harten Schnee hin ausgebreitete
Binsenmatte sprang. So schritt sie dem Eingange zu. Sie erschien grösser als
sonst, vielleicht infolge des langen Seidenmantels, grau mit roten Paspeln, aus
dessen aufgeschlagener Kapuze ihr klares Gesicht heute mit doppelter Frische
hervorleuchtete. Denn die Fahrt war lang, und es ging eine scharfe Luft.
    Der Flur umfing sie mit wohltuender Wärme; in dem altmodisch hohen Kamin,
den die beiden Derfflingerschen Dragoner flankierten, brannte seit Stunden schon
ein gut unterhaltenes Feuer.
    Ein Diener in Jägerlivree, der seinen Hirschfänger zu tragen wusste, nahm
ihnen die Mäntel ab und meldete, dass sich die Gräfin auf wenige Minuten
entschuldigen lasse. Dies war die regelmässig wiederkehrende Form des Empfanges.
Lewin und Renate sahen verständnisvoll einander an und schritten durch das
Billard- und Spiegelzimmer in den »Salon«. Sich selbst überlassen, traten sie
hier an das in einer breiten und tiefen Nische befindliche Eckfenster, dessen
untere Hälfte aus einer einzigen Scheibe bestand. Damals etwas Seltenes und sehr
bewundert. Die Eisblumen waren halb weggeschmolzen und gestatteten einen Blick
ins Freie. Über das Schwanenhäuschen hin, das nur noch mit seinem Spitzdach aus
dem verschneiten Schlossgraben emporragte, sahen sie gradaus in eine kahle
Kirschallee hinein, die sich bis an die Grenze des Parkes zog. An den vordersten
Stämmen waren einige Dohnensprengsel mit ihren roten Ebereschenbüschelchen
sichtbar, während am Ausgange der Allee der dunkele Carzower Kirchturm stand,
dessen vergoldete Kugel eben in der untergehenden Sonne leuchtete. Um die
Geschwister her war alles still; sie hörten nur, wie das mehr und mehr abtauende
Eis in einzelnen Tropfen in die Blechbehälter fiel.
    Dieser Platz am Fenster war anheimelnd genug; jeder andere Besucher aber
würde es doch vorgezogen haben, das letzte Tageslicht noch zu einem Umblick in
dem »Salon« selbst zu benutzen. Es war ein quadratischer Raum, der in seiner
Einrichtung für ebenso geschmackvoll wie wohnlich gelten konnte. Die den
Fenstern gegenübergelegene Seite wurde von einem halbkreisförmigen Diwan
eingenommen, der, in der Mitte geteilt, einen Durchgang zu den Flügeltüren des
Esssaales offen liess. In den ebenfalls freibleibenden Ecken standen Lorbeer und
Oleanderbüsche, nach links und rechts hin verteilt. Neben der Oleanderecke stieg
eine Wendeltreppe auf, das zierlich durchbrochene Geländer von Nussbaumholz. Ein
dicker Teppich, in dem das türkische Rot vorherrschte, deckte den Fussboden;
sonst war alles blau: die Wände, die Gardinen, die Möbelstoffe. Ringsumher, auf
Säulen und Konsolen, erhoben sich Büsten und Statuetten, deren leuchtendes Weiss
beim Eintreten den ersten Eindruck gab. Erst später traten auch die Bilder
hervor, die, stark angedunkelt, in kaum geringerer Zahl als jene Marmor- und
Alabasterarbeiten das Zimmer schmückten. Es waren sämtlich Erinnerungsstücke aus
den Rheinsberger Tagen her. Da war zunächst das Porträt des Prinzen selbst,
etwas barock in Auffassung und Behandlung, die Aufschläge von Tigerfell, die
Hand auf ein Felsstück und einen Schlachtplan gestützt. Gegenüber Schloss
Rheinsberg, seine Front im Wasser spiegelnd, und über den See hin glitt ein
Kahn, darin eine schöne Frau mit aufgelöstem Haar, blond wie eine Nixe, am
Steuer sass. Es hiess, es sei die Gräfin. An den Fensterpfeilern, im Schatten und
wenig bemerkbar, hingen die Pastellporträts der prinzlichen Tafelrunde:
Tauentzien, die Wreechs, Knyphausen, Knesebeck; meistens Geschenke der Freunde
selbst.
    Lewin und Renate sahen noch der untergehenden Sonne nach, als sie aus der
Tiefe des Zimmers her den Zuruf hörten: »Soyez les bienvenus«. Sie wandten sich
und sahen die Tante, die von der Wendeltreppe her auf sie zuschritt.
    Die Geschwister eilten ihr entgegen, ihr die Hand zu küssen.
    Die Gräfin trug sich schwarz, selbst die Stirnschnebbe fehlte nicht. Es war
dies, dem Beispiele regierender Häuser folgend, die Witwentracht, die sie seit
dem Hinscheiden des Grafen nicht wieder abgelegt hatte. Im übrigen hätten Haube
und Krause frischer sein können, ohne den Eindruck zu schädigen.
    In der Nähe des Eckfensters stand eine »Causeuse«, die denselben
Bleu-de-France-Überzug hatte wie alle übrigen Möbel. Eines war der
Lieblingsplatz der Gräfin; Renate schob ein hohes Kissen heran, während Lewin
sich der Tante gegenübersetzte. Das Gespräch war bald in vollem Gange, mit
französischen Wörtern und Wendungen reichlich untermischt, die wir in unserer
Erzählung nur sparsam wiedergeben. Die Tante schien gut gelaunt und tat Frage
über Frage. Der Hohen-Vietzer Weihnachtsmorgen, sogar der Wagen Odins mussten
ausführlich besprochen werden. Dies letztere war das überraschendste, denn in
Sachen der Altertümlerei blieb die Guser Gräfin wenig hinter Bamme zurück. Auch
Maries wurde gedacht, aber nur kurz, dann lenkte das Gespräch zu den Ladalinskis
hinüber, an die das Haus Vitzewitz durch eine Doppelheirat zu ketten der
sehnlichste Wunsch der Tante war. Ihr in diesem Wunsche nach Möglichkeit
entgegenzukommen würde sich, da sie die Erbtante war, unter allen Umständen
empfohlen haben; es traf sich aber so glücklich, dass der Guser Familienplan und
die Herzenswünsche der Hohen-Vietzer Geschwister zusammenfielen.
    »Wie verliessest du Tubal?« fragte die Tante.
    »In bestem Wohlsein«, erwiderte Lewin, »und ein Brief, der heute früh von
ihm eintraf, lässt mich annehmen, dass die Feiertage nichts verschlimmert haben.«
    »Was schreibt er?«
    »Ein langes und breites über literarische Freunde. Aber eine kurze
Schilderung des Christabends, und wie die Weihnachtslichter bei den Ladalinskis
ziemlich trübe brannten, schickt er voraus. Er sagt auch einiges über Katinka.
Darf ich es dir mitteilen?«
    »Je vous en prie.«
    Lewin entfaltete den Brief. Es dunkelte schon im Zimmer. Er rückte deshalb
näher an das Fenster, dessen Scheiben in dem letzten Rot erglühten. Dann las er,
über die Eingangszeilen hinweggehend: »In einem Hause, in dem die Kinder fehlen,
wird das Christkind immer einen schweren Stand haben, so nicht etwa der
Kindersinn den Erwachsenen verblieben ist. Und Katinka, die so vieles hat
(vielleicht weil sie so vieles hat), hat diesen Sinn nicht.«
    Lewin schwieg einen Augenblick, weil es ihm schien, dass die Tante sprechen
wolle. Dann sagte diese: »Es ist eine richtige Bemerkung, aber es überrascht
mich, sie von Tubal zu hören. Es ist, als ob Seidentopf spräche. Katinka ist
eine Polin, ça dit tout, und gerade das macht sie mir wert. Kindersinn! Betise
allemande. Wie mag nur ein Ladalinski so tief ins Sentimentale geraten. C'est
étonnant! Ich würde die deutsche Mutter darin zu erkennen glauben, wenn nicht
durch ein Spiel des Zufalls, par un caprice du sort, in eben dieser Mutter mehr
polnisch Blut lebendig gewesen wäre als in einem halben Dutzend itzkis oder
inskis. Kindersinn! Dieu m'en garde! Ich bitte euch, meine Teuren, verschliesst
euch der eitlen Vorstellung, als ob diese deutschen Gefühlsspezialitäten die
unerlässlichen Requisiten in Gottes ewiger Weltordnung wären.«
    Renate fasste sich zuerst und sagte: »Ich glaube, dass mir diese Vorstellung
fremd geblieben ist, aber schon die Bibel preist den Kindersinn als etwas
Köstliches.«
    Die Tante lächelte. Dann nahm sie, wie sie zu tun pflegte, die Hand der
Nichte, streichelte sie und sagte: »Du hast diesen Sinn, und Gott erhalte ihn
dir. Aber muss ich euch, die ihr mich kennt, noch erst Erklärungen geben? A quoi
bon? Gewiss ist es etwas Schönes um ein kindlich Herz, wie um alles, was den
Vorzug des Natürlichen und Reinen hat. Aber das stete Sprechen davon oder das
Geltendmachen, das immer nur da sich einfindet, wo der Schein an Stelle der
Sache getreten ist, das ist kleinbürgerlich deutsch, et voilà ce qui me fâche.
Und das war es auch, was den Prinzen verdross. In seinem Unmut unterschied er
dann nicht, ob er die Frommen oder die Heuchler traf; sonst so vorsichtig, wog
er nicht länger ab, und auch ich, je n'aime pas à marchander les mots. Ihr müsst
Abzüge machen, wo es not tut. Inzwischen lass uns weiter hören, Lewin.«
    Lewin fuhr im Lesen fort: »Als die Türen eben geöffnet wurden, kam Graf
Bninski. Er hatte Aufmerksamkeiten für uns alle, zu weitgehende für mein Gefühl,
aber Katinka schien es nicht zu empfinden.«
    »Aber Katinka schien es nicht zu empfinden«, wiederholte die Gräfin,
langsam den Kopf schüttelnd. Dann fuhr sie fort: »Oh, cet air bourgeois, ne se
perdra-t-il jamais? Mit neuen Karten das alte Spiel. Je ne le comprends pas.
Solange die Welt steht, haben sich Jugend und Schönheit an Geschenken erfreut,
an Pracht der Blumen, am Glanz der Steine. Sie passen zusammen. Aber Tubal
erschrickt davor und wird nachdenklich, als ob er eine durch Broche und Nadel in
ihrer Tugend bedrohte Epiciertochter zu hüten hätte. Und das heisst Sitte! Sitte,
Kindersinn, je les respecte, mais j'en déteste la caricature. Und davon haben
wir hierlandes ein gerüttelt und geschüttelt Mass.«
    »Ich glaube«, nahm jetzt Lewin das Wort, »Tubal empfindet wie du, wie wir
alle. Sein Bedenken, wenn ich ihn recht verstehe, wurde nicht der Gabe, sondern
des Gebers halber ausgesprochen. Graf Bninski nähert sich Katinka, er bewirbt
sich um ihre Hand. Vielleicht, dass ich mich irre, aber ich glaube nicht.«
    Die Tante war sichtlich überrascht. Dann fragte sie hastig: »Und der Vater?«
    »Er steht dagegen, auch Tubal. Sie schätzen den Grafen persönlich, er ist
reich und angesehen. Aber du kennst die Gesinnungen beider Ladalinskis oder doch
des Vaters. Und Bninski ist Pole vom Wirbel bis zur Zeh.«
    »Und Katinka selbst?«
    Es blieb bei dieser Frage, denn ehe Lewin antworten konnte, wurden im
Spiegelzimmer Stimmen laut, und dem zwei Doppelleuchter vorantragenden Jäger
paarweis folgend, traten jetzt Krach und Bamme, dann Medewitz und Rutze bei der
Gräfin ein.
    Nach kurzer Begrüssung wurde auf dem grossen Sofa Platz genommen, und die
Gräfin, abwechselnd an den einen oder andern ihrer Gäste sich wendend, teilte
denselben mit, dass Baron Pehlemann wegen eines neuen heftigen Podagraanfalles
abgeschrieben, Drosselstein aber - durch Geschäfte zurückgehalten - erst für 4
1/2 Uhr sein Erscheinen zugesagt habe. »Ich denke«, so schloss sie, »wir warten
auf ihn. Der ersten Viertelstunde, die das Recht jeden Gastes ist, legen wir die
zweite zu.« Alles verneigte sich, wenn auch unter geheimem Protest.
    Eine solche Wartehalbestunde pflegt der Unterhaltung nicht günstig zu sein.
Die Schweigsamen schweigen mehr denn je, aber auch die Beredten halten ängstlich
zurück, unlustig, ihre vielleicht nur noch des Abschlusses harrende glänzende
Anekdote durch die Meldung des eintretenden Dieners unterbrochen und zu ewiger
Pointelosigkeit verurteilt zu sehen. Bamme gehörte dieser letzteren Gruppe an,
bezwang sich aber und war der einzige, der den ersichtlichen Bemühungen der
Gräfin hilfreich entgegenkam. Freilich nur mit teilweisem Erfolg. Über eine
sprungweise Konversation kam man nicht hinaus, und die Fragen drängten sich,
ohne dass eine rechte Antwort abgewartet wurde. Das Baron Pehlemannsche Podagra
gab den dankbarsten Stoff. »Warum musste er beim letzten Dachsgraben wieder
zugegen sein? Ein Podagrist und zwei Stunden im Schnee! Warum riss er wieder den
Rauentaler an sich? Aber das ist so Pehlemannsche Bravour: ein freudiger
Opfertod auf dem Altar der Gourmandise! Im übrigen, wo blieb Cedo majori? Warum
hat er nicht seine Muse zitiert?«
    »Er hat«, entgegnete die Gräfin und nahm aus einer vor ihr stehenden
Alabasterschale ein zierlich zusammengefaltetes Billet. Aber die beiden
Stutzuhren, auf deren gleichen Pendelgang Tante Amelie mit peinlicher
Gewissenhaftigkeit hielt, schlugen eben halb, die gewährte Frist war um, und die
Flügeltüren des hell erleuchteten Esssaals öffneten sich pünktlich und lautlos
nach innen zu.
    Die Gräfin und Krach führten sich. In demselben Augenblick trat auch
Drosselstein ein. Mit der Linken hinübergrüssend, wie um anzudeuten, dass er die
Tischprozession nicht zu stören wünsche, bot er Renaten seinen Arm. Bamme und
Lewin folgten, dann Medewitz. Rutze machte den Schluss.
    Dieser, ein leidenschaftlicher Schnupfer, benutzte die Gelegenheit, um aus
der stehengebliebenen Tabatiere der Gräfin zu naschen. Nicht ungestraft. Ehe er
noch die Schwelle des Saales überschritten hatte, war schon das Gewitter herauf.
Alles lachte, und Bamme rief: »Ertappt!« Nur Krach bewahrte wie gewöhnlich seine
Haltung.
 
                                Fünftes Kapitel
                                    Le diner
In dem Speisesaale herrschte, trotz Kaminfeuers, die im Esszimmer sich ziemende
niedrige Temperatur. An einem ovalen Tische war gedeckt. Die Gräfin sass, wie
herkömmlich, zwischen Krach und Drosselstein, ihr gegenüber Renate. Jäger und
galonierte Diener waren geschäftig; ein Kronleuchter brannte.
    Der Graf überblickte, während er das Serviettentuch einknotete, den Saal,
dessen architektonische Verhältnisse, durch einfache Ausschmückung unterstützt,
auch heute wieder den angenehmsten Eindruck auf ihn machten. Es waren vier
Stuckwände, gelblich getönt, von Goldleisten eingefasst, am Plafond ein
Deckenbild, das »Gastmahl der Götter« darstellend, eine Kopie nach dem bekannten
Fresko der Farnesina. Krach und Rutze, wie sich klarmachend zum Gefecht, schoben
die Gläser hin und her, Drosselstein aber wandte sich jetzt der Gräfin zu, um,
nach einigen der Erbauerin des Saales und ihrem Geschmacke geltenden
Verbindlichkeiten, nach dem Grafen Narbonne, dem ersten Adjutanten des Kaisers,
zu fragen, der, wie die Zeitungen gemeldet, am Weihnachtsheiligabend auf seiner
Rückkehr von Russland beim Könige gespeist habe.
    »Ich hörte davon«, erwiderte die Gräfin; »auch General Desaix war zugegen.
Graf Narbonne, oh je me le rapelle très bien. Er gehörte dem alten Hofe an, war
ein Liebling Marie Antoinettens und lancierte sich geschickt in das Empire
hinüber, Wissen Sie, was ihm das Herz des Kaisers eroberte?«
    Drosselstein verneinte.
    »Eine Sache der Etiquette. Also eine Bagatelle, ein Nichts, wie die Leute
von heute sagen würden. Aber die Parvenus sind auf keinem Gebiete so
bereitwillig, zu lernen und zu belohnen, als auf diesem. Ich habe die Anekdote
aus Graf Haugwitz' eigenem Munde. Es war unmittelbar nach der Kaiserkrönung, als
Narbonne, damals Oberst, dem Kaiser eine Depesche überbrachte. Er liess sich auf
ein Knie nieder und präsentierte den Brief auf seinem Hute. Eh bien, rief der
Kaiser, qu'est ce que cela veut dire? Der Oberst antwortete: Sire, c'est ainsi
qu'on présentait les dépêches à Louis XVI. - Ah, c'est très bien, antwortete der
Kaiser, und Narbonne war als Günstling installiert. Übrigens sind auch die
Desaix vom ancien régime, alter Adel aus der Auvergne.«
    Rutze hatte gleich anfangs aufgehorcht, als General Desaix genannt worden
war. Jetzt, wo die Gräfin den Namen wiederholte, wandte er sich mit der
bestimmten und doch zugleich von einer Unglücksahnung durchzitterten Bemerkung
zu ihr hinüber: »dass seines Wissens General Desaix im Kriege gegen die
Österreicher gefallen sei. Er entsinne sich eines Musikstückes: Die Schlacht bei
Marengo, in dem es am Schluss in einer Parentese geheissen habe: Desaix fällt.«
    Selbst über Krachs unerschütterliches Antlitz flog ein Lächeln; Drosselstein
wollte aufklären, Bamme jedoch kam ihm zuvor und begann mit jener erkünstelten
Feierlichkeit, in der er Meister war: »Ja, Rutze, es ist eine tolle Welt. Da
fällt einer Anno 1800 bei Marengo in voller Junihitze, und am Heiligen Abend
1812 sitzt er bei Seiner Majestät von Preussen zu Tisch. Es sind unglaubliche
Kerls, diese Franzosen. Nicht mal ihre Toten ist man los. Sie drängen sich in
Diners ein; wer weiss, was wir heute noch zu erwarten haben. Im übrigen wird es
wohl ein älterer oder jüngerer Bruder gewesen sein.«
    Der Protzhagener Hauptmann verfärbte sich und antwortete pikiert: er danke
dem General von Bamme für die schliessliche Lösung des Rätsels, müsse sich aber
die Bemerkung erlauben, dass es hierzu keiner besonderen Husarenschlauheit
bedurft hätte. Aufschlüsse wie diese lägen auch noch innerhalb des
Infanteriebereichs.
    Bamme lachte; jede Form der Entgegnung war ihm recht. Er nahm nichts übel
und befand sich in der glücklichen Lage, um eines Mutes willen, den niemand
bezweifelte, seine Pistolen nicht erst laden zu müssen.
    Der Zwischenfall währte nicht lange; die Gräfin beschwichtigte, und ein
vorzüglicher Chablis, der gereicht wurde, kam ihr zu Hilfe, während von
Medewitz, ohne Furcht, dem Streite dadurch neue Nahrung zu geben, die Namen
Narbonne und Desaix noch einmal in die Debatte zog. »Es sind doch Männer von
Familie, der eine wie der andere«, so hob er an, »aber mit wie sonderbaren
Leuten hat Seine Majestät vom ersten Tage seiner Regierung an zu Tische sitzen
müssen! Mit einem war ich im Weissen Saale selbst zusammen, mit dem Abbé Sieiès.
Ich erschrak, als ich seinen Namen hörte. 1793 sprach er einem Könige von
Frankreich das Leben ab, und 1798 sass er einem Könige von Preussen als
Ambassadeur gegenüber. Er trug eine trikolore Schärpe; ich sah nur das Rot
darin, und sooft er sagte: Votre Majesté, war es mir immer, als hörte ich: La
mort sans phrase.«
    »Ich habe ihn auch gesehen«, bemerkte Krach, mit Wichtigkeit an seinem
Halstuch zupfend. »Medewitz will ihn nicht gelten lassen, aber er war doch
wenigstens ein Abbé. Auch gehört etwas dazu, einem Könige von Frankreich das
Leben abzusprechen. Doch diese Marschälle! Gastwirts- und Böttchersöhne.«
    »Je nun«, fiel Drosselstein ein, »Böttchersöhne oder nicht, sie haben von
halb Europa so viele Reifen abgeschlagen, dass die Dauben nach rechts und links
hin auseinandergefallen sind. Ich liebe diese Marschälle nicht, an denen die
Korporalslitzen immer wieder zum Vorschein kommen, aber eines sind sie:
Soldaten.«
    »Das sind sie!« rief jetzt Bamme, sein Ragout en coquille schärfer in
Angriff nehmend, »und wer nur je einen Halbzug ins Feuer geführt hat, der hat
Respekt vor ihnen, Schelme und Beutelschneider, wie sie sind.«
    »Wie sie sind«, wiederholte der Domherr, eingedenk jener schweren Tage, in
denen er seine Dosensammlung nur mit Mühe vor den Händen Soults gerettet hatte.
    »Nur einem trag ich einen Groll im Herzen«, fuhr Bamme fort.
    »Davoust?« fragte Lewin.
    »Nein, Seiner neapolitanischen Majestät dem König Murat. Der will im grossen
und kleinen etwas Besonderes sein, unter anderen auch ein gewaltiger
Reitergeneral, weil er das Mamelukengesindel in den Sand geritten hat. Aber ein
Zietenscher hat ihm einen Streich gespielt, noch dazu ein Invalide. Ich meine
den alten Kastellan Kettlitz in Charlottenburg.«
    Alles zeigte Neugier und drang in ihn, zu erzählen.
    Es hätte dessen nicht bedurft. »Die Geschichte ist seinerzeit wenig bekannt
geworden«, hob er an; »ich habe sie von Kettlitz selber. Am 14. Oktober hatten
wir die Affaire von Jena, und zehn Tage später war die französische Avantgarde
in Berlin, Murat aber, damals noch Herzog von Berg, in Charlottenburg. Er hatte
sich in den Zimmern eingerichtet, die nach der Parkseite hin liegen, dieselben,
in denen Kaiser Alexander ein Jahr vorher gewohnt hatte. Der alte Kettlitz war
ausser sich und machte sich einen Plan. Um fünf Uhr war Diner im grossen Saale,
und das Bild König Friedrich Wilhelms I. sah ernst und unwirsch auf den
neugebackenen Herzog, der neben Berg auch die altpreussisch-cleveschen Lande
regierte. Es waren noch nicht viel französische Truppen in der Stadt. Da mit
einem Male - die Trüffelpastete war eben aufgetragen - beginnt ein Geschmetter,
und zwanzig Trompeten, mit Paukenschlag dazwischen, blasen den Hohenfriedberger
Marsch. Ist es unter den Fenstern? Sind preussische Schwadronen in den Schlosshof
eingeritten? Murat springt auf, um sich durch die Flucht zu retten. Aber keine
Schwadronen sind da; endlich schweigt der Lärm, und alles klärt sich auf. Im
Nebenzimmer, ein ganzes Trompetercorps in seinem Innern bergend, stand ein
musikalischer Schrank, an dessen verborgener Feder der alte Kettlitz gedrückt
hatte. Ich würde mich freuen, zur Vervollständigung seiner Sammlung diese
Monstrespieluhr in die Hände unseres von Medewitz auf Alt-Medewitz übergehen zu
sehen, freilich unter der einen Bedingung, in unserer Gegenwart nie die geheime
Feder springen zu lassen. Ich liebe Trompeten, aber nur im Feld und
Sonnenschein.«
    Der Domherr, unfähig, auf die Neckereien Bammes einzugehen, begleitete sie
nur mit einem verlegenen Lächeln und fragte dann nach dem Schicksale des
Kastellans.
    »Nun, der hätte kein Zietenscher sein müssen. Er log sich heraus, so gut er
konnte. Unter allen Umständen hatte er das Gaudium gehabt, den grossen
Reiterführer, den Mamelukenvernichter, vor dem Hohenfriedberger Marsch auf der
Flucht zu sehen. Das war im Oktober 1806. Damals hatte es noch was auf sich mit
einem Marschall. Ich hoffe, sie sind seitdem billiger geworden. Aber billiger
oder nicht, an dem Tage, wo mir meine Quirlsdorfer den ersten Marschall tot oder
lebendig einbringen, leg ich dem Pfarracker zehn Morgen zu, obschon ich Seine
Hochwürden nicht leiden kann.«
    »Aber Bamme, was haben Sie beständig mit Ihrem Geistlichen?« bemerkte Krach,
der mit seinem eigenen Prediger auf einem guten Fusse stand, seitdem ihm dieser
einen Streifen Gartenland ohne Entschädigung abgetreten hatte.
    »Er ist mir noch nicht gefällig gewesen«, antwortete Bamme scharf. »Diese
Päckchenträger sind maliziöse Kerle, und je glauer sie aussehen, desto mehr. Der
meinige ist ein Anspielungspastor.«
    »Das klingt, als ob Sie die Kirche besuchten, Bamme«, schaltete die Gräfin
ein. »Ich wette, Sie haben seit zehn Jahren keine Predigt gehört.«
    »Nein, gnädigste Gräfin. Aber ich habe ein Tendre für Begräbnisse. Jeder hat
so seine Andacht, ich habe die meinige; und es ärgert mich, durch allerhand
plumpes Zeug darin gestört zu werden. Mit dem Jüngling zu Nain oder dem
bekannten weiblichen Pendant desselben fängt er an, aber ehe fünf Minuten um
sind, ist er bei Babel, bei Sodom und ähnlichen schlecht renommierten Plätzen,
starrt mich an, lässt etwas Schwefel vom Himmel fallen und sagt dann mit
erhobener Stimme: Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott
schauen. Und das alles an meine Adresse. So hat er es fünf Jahre getrieben. Aber
seit letzte Ostern habe ich Ruhe.«
    »Nun?« fragte die Gräfin.
    »Wir hatten wieder ein Begräbnis, eine hübsche junge Dirne; es war also
Jairi Töchterlein an der Reihe. Aber ihre Herrschaft währte nicht lange; schon
auf halbem Wege war Pastor loci wieder bei Lot und seinen Töchtern und sah mich
an, als wäre ich mit in der Höhle gewesen. Ich dachte, nun muss Rat werden. Und
so lud ich ihn aufs Schloss, nicht zu einer Auseinandersetzung, sondern einfach
zu Tisch. Als wir bei der zweiten Flasche waren - trinken kann er -, sagte ich:
Und nun, Pastorchen, einen Toast von Herzen; stossen wir an: Es lebe Lot! Ein
guter Kerl. Schade mit den beiden Töchtern. Und die Mutter kaum in Salz.
Apropos, wie hiess doch der Sohn der ältesten Tochter? Nun denken Sie sich meinen
Triumph, er wusst es nicht. Vielleicht war er bloss verwirrt. Ich aber, mich an
seiner Verlegenheit weidend, schrie ihm ins Ohr: Bamme. Wir haben seitdem schon
drei Leichen gehabt, aber er verhält sich ruhig.«
    Lewin und Renate, die den Bammeschen Ton mehr von Hörensagen als aus eigener
Erfahrung kannten, wechselten Blicke miteinander; sie sollten indessen bald
gewahr werden, dass der Übermut des alten Husaren auch vor keckeren Sprüngen
nicht zurückschreckte.
    Die Gräfin wandte sich an den Domherrn, der, bis dahin wenig ins Gespräch
gezogen, eine leise Missstimmung zu verraten schien, und erbat sich seinen Rat
zugunsten baulicher Veränderungen, die vorerst einen dem Einsturze nahen
Derfflingerschen Bankettsaal im gegenübergelegenen Flügel, dann aber ganz
allgemein die Frage »Kamin oder Ofen«, ein entschiedenes Lieblingstema des
Domherrn, betrafen. Er hatte sogar darüber geschrieben. Medewitz war für Kamine,
wobei er jedoch behufs Herstellung eines verbesserten Luftzuges auf
Wiedereinführung der mit Unrecht verbannten portalartigen Flügeltüren dringen zu
müssen glaubte. Er setzte nunmehr weitschweifig auseinander, wie nach den
Ergebnissen neuerer Forschung alles Brennen auf einem starken Zustrom
sauerstoffreicher Luft beruhe und wie Kamine überall nur da gediehen, wo Türen
und Fenster solchen Luftstrom gestatteten. Er schloss dann mit folgendem
zugespitzten Satz: »Das dichte Moosfenster ist der Tod, aber die zugige alte
Portaltür ist das Leben des Kamins.«
    Bamme, der, wie wir wissen, selber gern sprach und vor allem einen Hass gegen
wissenschaftliche Begründungen hatte, glaubte jetzt den Zeitpunkt gekommen, die
Unterhaltung wieder an sich reissen zu dürfen. »Gnädigste Gräfin«, hob er an,
»scheinen geneigt, auf die Herstellung solcher Portaltüren einzugehen. Darf ich
Sie warnen. Ich lege kein Gewicht darauf, dass die grosse, zweiflügelige Rundtür
doch eigentlich nichts anderes ist als das uralte, aus dem Wirtschaftshof in den
Salon transponierte Scheunentor, aber worauf ich glaube hinweisen zu müssen, das
sind die sozialen, um nicht zu sagen, die sittlichen Gefahren, die von dieser
Türform mehr oder minder unzertrennlich sind. Im höchsten Grade solide von
Erscheinung, ehrbar, würdig und gesetzt, führen sie zu Konsequenzen, die das
gerade Gegenteil von dem allen bedeuten. Ich bitte, nach dem Vorgange des
Domherrn auch mir eine wissenschaftliche Auseinandersetzung gestatten zu
wollen.«
    Da sich kein Widerspruch erhob, fuhr er fort: »Jedes Ding hat in einem
bestimmten Etwas die Wurzeln seiner Existenz. Bei dem Kamine, wie wir soeben
vernommen haben, ist es der Luftzug, bei der Klapptüre meines Erachtens der
Bolzen. Nun müssen Sie mir die Versicherung gestatten, dass der Bolzen ein höchst
diffiziler Gegenstand ist; ein Gegenstand, der seine besondere Abwartung
fordert, eine Pflichttreue ohnegleichen. Man könnte sagen: mit ihm steht und
fällt die Klapptüre.«
    Er machte eine Pause. Medewitz schüttelte den Kopf.
    »Es ist, wie ich sage«, perorierte Bamme weiter. »Sie mögen schliessen,
riegeln, klinken, soviel Sie wollen, Sie mögen sich noch so sehr in der
Sicherheit wiegen, alles fest, Sie werden diese Sicherheit als trügerisch
erkennen, wenn die einzigen wirklichen Garanten derselben, die grossen
Haltebolzen, unbeachtet bleiben, wenn sträflicher Leichtsinn es versäumte, diese
rettenden Anker zu guter Stunde auszuwerfen. Und dieses Versäumnis ist die
Regel. In neunundneunzig Fällen von hundert hat der Diener, dessen Armlänge
nicht ausreichte, darauf verzichtet, den Oberbolzen in seine Öffnung zu
schieben, und in neunzehn Fällen von zwanzig ist er zu bequem gewesen, sich des
Unterbolzens halber zu bücken. Er hat sich mit dem leichteren begnügt, hat sich
darauf beschränkt, den Schlüssel im Schloss zu drehen, und so eine bloss
scheinbare Sicherheit geschaffen, hinter der alle Mächte des Verderbens lauern.
Ich habe selbst dergleichen erlebt. Darf ich davon erzählen?«
    Nicht ohne Zögern antwortete ihm ein zustimmendes Kopfnicken der Gräfin.
    Bamme wartete dieses Kopfnicken aber nicht ab und fuhr, immer lebhafter
werdend, fort: »Nun, die Leibkarabiniers zu Ratenow gaben uns einen Ball. Der
grosse Gastaussaal lief durch die halbe Etage, sieben Fenster Front, an der
unteren Schmalseite aber befanden sich in Gestalt einer Portaltüre zwei jener
Scheuntorflügel, auf deren Wiedereinführung unser Domherr dringen zu müssen
glaubt. Ein Reisender, todmüde, fährt vor, und da alle Räume besetzt sind, ist
er schliesslich froh, unmittelbar neben dem Saal ein Zimmer zu finden. Das Bett
steht an der Tür entlang. Schlaf! so seufzt er einmal über das andere, und so
gering seine Chancen sind, er will es wenigstens versuchen. Mitunter kommt der
Gott, wenn man ihn ruft. Nur nicht, wenn die Leibkarabiniers tanzen. Der
Unglückliche schüttelt endlich alle Müdigkeit von sich; Tanzmusik und rauschende
Kleider verwirren ihm die Sinne; die Neugier, die Wurzel alles Übels, kommt über
ihn, und siehe da, er richtet sich auf, um durch die nie fehlende Türritze
hindurch ein stiller Zeuge des Balles zu sein. Leichtsinnig Ahnungsloser!
Hingegeben süsser Betrachtung, dringt er kräftiger mit Stirn und Schultern vor;
er sieht, er lauscht; die Schelmereien kichernder Paare finden in ihm einen
unbemerkten Vertrauten, da, o Unheil, gebiert sich plötzlich jene Tücke, deren
unter allen Türen der Welt nur die grosse Portaltüre fähig ist, und langsam
nachgebend, aber mit einer Feierlichkeit, als handele es sich um den Einzug
eines Triumphators, öffnen sich jetzt die beiden grossen Flügel nach rechts und
links hin, und huldigend liegt der Reisende zu unseren Füssen. Erlassen Sie mir
die Einzelnheiten. Ich werde den Aufschrei hören bis an den letzten meiner Tage.
Und solche Klapptüren, bloss um verbesserten Luftzuges willen, will unser
Medewitz...«
    Er kam nicht weiter. Die Gräfin, persönlich nicht abgeneigt, den alten
General auf seinen gewagtesten Exkursionen zu begleiten, war sich doch
andererseits ihrer gesellschaftlichen Pflichten, insonderheit gegen ihre Nichte,
zu voll bewusst, als dass sie noch hätte zögern mögen, den Rückzug einzuleiten.
Sie erhob sich, und dem Grafen ihren Arm reichend, bat sie die sich mit
erhebenden Gäste, ihre Plätze behalten und sich die bevorzugte Stunde des
Desserts um keine Minute verkürzen zu wollen. Renate folgte mit Krach. Am
Eingange des Salons verneigten sich beide Damen gegen ihre Kavaliere, die, der
dadurch angedeuteten Weisung folgend, an die Tafelrunde zurückkehrten.
 
                                Sechstes Kapitel
                          Nullum vinum nisi hungaricum
Hier waren inzwischen, neben anderem Dessert, Schalen mit Obst sowie Ungar-,
Port- und alter Rheinwein aufgestellt worden. Vor Bamme stand eine langhalsige
Flasche Ruster Ausbruch in Originalverpackung. Er schenkte zunächst ein
Spitzglas bis zur Hälfte voll, befragte das Bouquet, zog einen Schluck langsam
ein, und allen Kennzeichen der Echteit begegnend, setzte er das Glas mit einem
Ausdruck der Zustimmung wieder vor sich nieder. Lewin, Rutze, Medewitz rückten
näher, alle zu derselben Ungarfahne schwörend. »Das ist recht«; sagte Bamme und
füllte die Gläser bis an den Rand, »so was wächst nur in einem Husarenlande.«
    An der anderen Tischhälfte sassen jetzt Drosselstein und Krach, jener einen
Gravensteiner Apfel schälend, dieser auf eigene Hand mit einer Flasche
Liebfrauenmilch beschäftigt. Er gehörte zu denen, die nüchtern bleiben und sich
begnügen, erst zänkisch, dann zynisch und schliesslich apatisch zu werden.
Übrigens stand er heute von Innehaltung seines Turnus ab.
    »Dass diesen Rheinhessen so was in die Fässer läuft!« hob er an und liess den
Inhalt seines Glases im Lichte spielen. »Die schlechtesten Kerle den schönsten
Wein. Von allen Blutsaugern, die Anno 1806 und nun wieder in diesem Jahre durch
Bingenwalde gekommen sind, sind keine so verschrien wie diese. Man kann die
Kinder mit ihnen zu Bette jagen.«
    »Sie haben toller gehaust als die Schweden«, erhob Medewitz von der andern
Seite des Tisches her seine Stimme, »sie haben meinen Amtsverwalter über Stroh
gesengt; sie taugen nichts, aber sie sind zäh und tapfer.«
    »Tapfer wie alles, was auf Bergen wohnt«, schaltete Rutze bekräftigend ein.
»Auch blosse Höhenzüge schon geben Charakter.«
    »Hauptmann!« rief jetzt Bamme und schob den vor ihm stehenden Dessertteller
zurück, »wir sind noch nicht tief genug in Wein, um Sie in Ihrem Protzhagener
Schweizerbewusstsein ruhig hinnehmen zu können. Ist der Potsdamer Exerzierplatz
eine Gebirgsgegend?«
    Rutze machte Augen und schien antworten zu wollen; seine Geisteskräfte
liessen ihn aber im Stich, so dass der Handschuh von anderer Seite her aufgenommen
werden musste.
    »Über die Berechtigung des Protzhagener Schweizergefühls«, bemerkte
Drosselstein, während er dem immer noch nach Worten suchenden Hauptmann
freundlich zunickte, »wird sich streiten lassen; aber was mir unbestreitbar
scheint, ist die besondere Tapferkeit der Gebirgsvölker. Nur die hart an der See
wohnenden Stämme sind ihnen ebenbürtig. Auch vollzieht sich darin nur ein
Natürliches. Der stete Kampf mit den Elementen erzeugt Kraft und Mut, und aus
Kraft und Mut wird die Kriegstüchtigkeit geboren. Bedarf es der Beispiele? Die
Normänner umfuhren Europa, gründeten Staaten und eroberten Byzanz, und wenn die
Kuhhörner der alten Urkantone von den Bergen zu Tale klangen, so kam ein
Schrecken über ganz Burgund. Vor dem Stosse der Gebirgsclane zitterte London. So
war es immer, und so ist es bis diesen Tag. Als alles demütig zu Füssen des
Eroberers lag, stieg der erste Widerstand von den Bergen nieder: Spanien und
Tirol wagten den Kampf. Die ganze Geschichte dieses Jahrhunderts plädiert für
Berg und See.«
    »Ich weiss doch nicht, Herr Graf«, nahm jetzt Lewin unter verbindlicher
Handbewegung gegen Drosselstein das Wort. »ob ich Ihnen zustimmen darf. Der
Mensch ist und bleibt ein Sohn der Erde. Und wo er seine Mutter Erde am reinsten
und unmittelbarsten hat, da gedeiht er auch am besten, weil ihm hier die
Bedingungen seines Daseins am vollkommensten erfüllt werden. Und so möchte ich
denn vermuten, dass der scheinbare Triumph von Berg und See auf Ausnahmefällen
oder zum Teil auch auf blossen Täuschungen beruht. Berge sind natürliche
Festungen, und alle Festungen wollen belagert sein. Wer sie glaubt voreilig
stürmen zu können, der scheitert, aber er scheitert mehr noch an Wall und Graben
als an der Tapferkeit ihrer Verteidiger. Das Gebirge repräsentiert die
Defensive, das Element der Eroberung ist in der Ebene zu Hause. Unseres Freundes
Seidentopf Semnonen, die Besieger einer Welt, wo stammten sie her, wo sassen sie?
Hier, zu beiden Seiten der Oder, vielleicht in Guse, wo wir jetzt selber
sitzen.«
    Bamme nickte; Lewin fuhr fort: »Kein Land wird von den Bergen aus regiert.
Rom, als es Rom zu werden gedachte, stieg von der Höhe freiwillig an das
Tiberufer nieder. Keine Hauptstadt liegt im Gebirge; aus grossen
Flachlandsterritorien wachsen die regierenden Zentren auf. Und in und mit ihnen
die Feldherrn und die Helden, von Hannibal und Cäsar bis auf Gustav Adolf und
Friedrich.«
    »Bravo!« rief Bamme. »Vom Standpunkte meines Metiers aus könnte ich mich
sogar bis zu dem Satze versteigen, dass Weltgeschichte grossen Stils, wie sie sich
in Hunnen- und Mongolenzügen darstellt, immer und ewig vom Sattel herab, also,
rundheraus gesagt, durch eine Art von urzuständlichem Husarentum gemacht worden
sei, aber ich entschlage mich aller persönlich eitlen Gedanken und proklamiere
lieber den Frieden! Entfalten wir unser Preussenbanner: Suum cuique! Bei Lichte
besehen, gilt von Völkern und Stämmen dasselbe, was von den Menschen gilt: sie
sind alle zu brauchen. Aber freilich jeder an seiner Stelle. Da liegt's. Wer in
der Takelage des Victory bei wütender See und feuernden Breitseiten die
Trafalgaraffaire ausfechten will, der muss auf anderen Wassern geschwommen haben
als auf dem Schwilow-oder Schermützelsee; wer aber umgekehrt bei Zorndorf durch
die russischen Vierecke hindurch will, leicht und gewandt wie ein Kunstreiter
durch den Papierreifen, dem hilft es nichts, und wenn er auf sämtlichen
indischen Ozeanen den Haifischen die Bäuche aufgeschnitten hat. Es ist immer
wieder die alte Fuchs- und Storchengeschichte; dem einen passt der Teller, dem
andern die Flasche. Ich persönlich bin vielleicht der einzige Fuchs, zu dem auch
die Flasche passt. Vor allem solche. Stossen wir an. Es ist etwas Schönes um ein
ausgiebiges Latein: Nullum vinun nisi hungaricum.«
 
                               Siebentes Kapitel
                                   Nach Tisch
Der Kaffee wurde im Spiegelzimmer genommen. Als auch die Herren hier erschienen,
um die nächste halbe Stunde wieder in Gesellschaft der Damen zu verplaudern,
fanden sie die Szene anders, als sie erwarten durften. Renate, von einem
leichten Unwohlsein befallen, hatte sich zurückgezogen; statt ihrer kam ihnen
Berndt von Vitzewitz entgegen, der, eben von Berlin her eingetroffen, die
Aufforderung seiner Schwester, der Gräfin, an dem Schlussakte des Diners
teilzunehmen, lächelnd abgelehnt hatte. Er war alt genug, um das Missliche
solchen verspäteten Eintretens aus Erfahrung zu kennen.
    Lewin begrüsste den Vater. Auch die anderen Gäste gaben ihrer Freude
Ausdruck, am lebhaftesten Bamme, der, ohne jede Spur von Kleinlichkeit, seine
Schätzung anderer nicht davon abhängig machte, wie hoch oder niedrig er
seinerseits taxiert wurde. Nur auf das, was er seine »gesellschaftlichen Gaben«
nannte, war er eitel. Und nach dieser Seite hin, wenn auch mit Einschränkungen,
liess ihn Berndt von Vitzewitz gelten.
    Das Spiegelzimmer in seinem zurückgelegenen Teile wurde von drei
rechtwinkelig zueinander stehenden Estraden eingenommen, die, mit Blumen und
Topfgewächsen dicht besetzt, einen hufeisenförmigen Separatraum bildeten, der
sich in den Trumeaux der gegenübergelegenen Fensterpfeiler spiegelte. Innerhalb
dieses Raumes, um einen länglichen, auf vier Säulen ruhenden Marmortisch, der
fast die Form eines Altars hatte, nahmen die Gäste Platz und waren, während die
kleinen Tassen präsentiert wurden, alsbald in einem Gespräch, das an
Lebhaftigkeit die kaum beendigte Tischunterhaltung noch übertreffen zu wollen
schien. Berndt hatte das Wort, alles war begierig, von ihm zu hören, er hatte
den Minister gesprochen.
    »Schlagen wir los?« fragte Bamme.
    »Wir? Vielleicht. Oder wenn ich zu entscheiden habe: gewiss! Aber die Herren
im hohen Rate? Nein. Am wenigsten der Minister. Er treibt Diplomatie, nicht
Politik. Unfähig, feste Entschlüsse zu fassen, sucht er das Heil in Halbheiten.
Er spricht von Negociationen, ein Lieblingswort, das ihm noch aus alten Zeiten
her auf den Lippen sitzt. Wir haben nichts von ihm zu erwarten. Er lässt uns im
Stich.«
    »Ich glaubte dich anders verstanden zu haben«, bemerkte die Gräfin. »Er sei
dir entgegengekommen.«
    »Entgegengekommen! Ja persönlich, und solange es sich um Worte handelte.
Unter vier Augen schlägt er jede Schlacht. In der Idee sind wir einig: der
Kaiser muss gestürzt, Preussen wiederhergestellt werden. Aber ? wie? Da werden die
Herzen offenbar. Er will es auf dem Papier ausfechten, nicht mit der Waffe in
der Hand am grünen Tisch, nicht auf grüner Heide. Er hat keine Ahnung davon, dass
nur ein rücksichtsloser Kampf uns retten kann. Rücksichtslos und ohne Besinnen.
Noch haben wir das Spiel in der Hand; aber wie lange noch! Es fehlt ihm das
Erkennen der Wichtigkeit dieser Tage. Jede Stunde, die unbenutzt vorübergeht,
schreit gen Himmel und klagt ihn an als einen Schädiger und Verräter. Nicht aus
bösem Willen, aber aus Schwäche.«
    »Und schilderten Sie ihm die Stimmung des Landes?« fragte Drosselstein.
    »Gewiss, und mit einer Dringlichkeit, die jeden anderen fortgerissen hätte.
Aber er! Als ich ihm unsere Gedanken eines Volksaufstandes entwickelte, als ich
ihn beschwor, das Wort zu sprechen, erschrak er und suchte sein Erschrecken
hinter einem Lächeln zu verbergen. Rüsten wir rief ich ihm zu. Das gefiel ihm.
Ich hatte jetzt selber das Wort gesprochen, durch das er mich in geschickter
Ausnutzung, worin er Meister ist, zu beschwichtigen hoffte. Er trat mir näher
und sagte mit geheimnisvoller Miene, meine Worte wiederholend: Vitzewitz, wir
rüsten. Aber auch dieses Nichts war ihm schon wieder zuviel. Wir rüsten, fuhr er
fort, ohne höchstwahrscheinlich dieser Rüstungen zu bedürfen, Napoleon ist
herunter, er muss Frieden machen, und wir werden ohne Blutvergiessen zu unserem
Zwecke kommen. Englands und Russlands sind wir sicher. Ich war starr. Wir
trennten uns in gutem Vernehmen, scheinbar selbst in Einverständnis, während
doch jeder die Kluft empfand, die sich zwischen unseren Anschauungen aufgetan
hatte. Als ich die Treppe hinabstieg, sagte ich mir: Also noch nicht belehrt!
Die Zeit noch nicht begriffen! Napoleon noch nicht kennengelernt!«
    Drosselstein, Bamme, Krach, den Unmut Berndts teilend, schüttelten den Kopf;
Medewitz aber, der seiner Unbedeutendheit gern ein Loyalitätsmäntelchen umhing,
glaubte jetzt den Moment zur Geltendmachung seiner ministeriellen
Rechtgläubigkeit gekommen.
    »Ich kann Ihre Entrüstung nicht teilen, Vitzewitz, Ihre Hitze reisst Sie
fort. Die Kuriere und Stafetten, die beinahe stündlich aus allen Hauptstädten
Europas eintreffen - wissen wir, was sie bringen? Nein. Sie, wie wir alle, sehen
die Dinge von einem Standpunkt mittlerer Erkenntnis aus. Der Minister aber hat
jenen Überblick über die Gesamtverhältnisse, der uns fehlt. Er ist gut
unterrichtet, ein Netz unserer Agenten umspannt Paris, der Kaiser ist auf
Schritt und Tritt beobachtet. Wenn Seine Exzellenz ausspricht: Er ist herunter,
er muss Frieden machen, so finde ich keine Veranlassung, dem zu widersprechen. Er
ist Minister. Er muss es wissen, und verzeihen Sie, Vitzewitz, er weiss es auch.«
    Berndt lachte. »Es ist mit dem Wissen wie mit dem Sehen. Ein jeder sieht,
was er zu sehen wünscht, darin sind wir alle gleich, Minister oder nicht. Seine
Exzellenz wünscht den Frieden, und so erfindet er sich einen friedensbedürftigen
Kaiser. Das Netz seiner Agenten ist ihm dabei mit entsprechenden Berichten
gefällig; Kreaturen widersprechen nicht. Ein heruntergekommener Napoleon! O
heilige Einfalt! Er ist rühriger denn je und keck und herausfordernd wie immer.
An den österreichischen Gesandten trat er während des letzten Empfanges heran.
Es war ein Fehler von mir, dies Preussen fortbestehen zu lassen, so warf er hin,
und als der Angeredete, den diese Worte verwirren mochten, vor sich hin
stotterte: Sire, ein Tron..., unterbrach er ihn mit einem Ah bah und setzte
übermütig hinzu: Was ist ein Tron? Ein Holzgerüst, mit Sammet beschlagen.«
    Bamme lächelte; die Gräfin aber bemerkte ruhig: »Darin hat er nun eigentlich
recht, il faut en convenir. Wir machen zuviel von solchen äusserlichen Dingen und
sehen Erhabenheiten, wo sie nicht sind. Wer so viele Trone zusammengeschlagen
hat, kann nicht hoch von ihnen denken; ça se désapprend. Ich liebe ihn nicht,
aber in einem hat er meine Sympatien, il affronte nos prejugés. Er fährt durch
unsere Vorurteile wie durch Spinneweb hindurch.«
    »Das tut er«, erwiderte Berndt, »und es ist nicht seine schlimmste Seite.
Aber von dir, Schwester, eine Zustimmung dazu zu hören, überrascht mich. Denn
wem verdanken wir diesen Fetischdienst, in dem auch wir drinstecken, diese
tägliche Versündigung gegen das erste Gebot: Du sollst nicht andere Götter haben
neben mir, wem anders als deinen gefeierten Franzosen, vor allem jenem
aufgesteiften Halbgott, dem auch du die Schleppe trägst: Louis quatorze.«
    »Ce n'est pas ça, Berndt«, sagte die Gräfin mit einem Anflüge von
Heiterkeit, dem sich abfühlen liess, wie erfreut sie war, einen Irrtum
berichtigen zu können. »Es ist das Gegenteil von dem allen. Ich hasse diese
Doktrinen, et ce Louis même, ce n'est pas mon idole. Sachez bien, ich liebe die
französische Nation, aber ihren grand monarque liebe ich nicht, weil er seine
Nation in seinem pomphaften Gebaren verleugnet. Denn das Wesen des Französischen
ist Scherz, Laune, Leichtigkeit. In diesem Ludwig aber spukt von mütterlicher
Seite her etwas Schwerfällig-Habsburgisches beständig mit. Und so waren alle
Bourbons. Nur einer unter ihnen, der keinen Tropfen deutschen Blutes in seinen
Adern hatte, und dieser ist mein Liebling.«
    »Le bon roi Henri«, ergänzte Berndt.
    »Ja er«, fuhr die Gräfin fort, »der liebenswürdigste und zugleich der
französischeste aller Könige, ein gallischer Kampfhahn, kein radschlagender
Pfau, naiv, ritterlich, frei von Grandezza und gespreizten Manieren.«
    »Freier vielleicht, als einem Könige geziemt«, scherzte Berndt weiter. »Er
spielte Pferd mit dem Dauphin, als der spanische Gesandte bei ihm eintrat, und
Frau von Simier, nach dem Eindruck befragt, den der König auf sie gemacht habe,
konnte nur erwidern: J'ai vu le roi, mais je n'ai pas vu Sa Majesté.«
    »Was du als einen Tadel nimmst oder wenigstens comme un demi-reproche, war
eher als ein Lob gemeint. Jedenfalls hielt es sich die Waage. Und wie konnt es
auch anders sein? Er ruhte sicher in sich selbst und gab sich offen in seinen
Schwächen, weil er den Überschuss von Kraft fühlte, den ihm die Götter mit in die
Wiege gegeben hatten, in seine Wiege, die beiläufig eine Schildkrötenschale war.
Er verschwieg nichts und persiflierte sich selbst in dem heiteren Darüberstehen
eines Grandseigneurs. Jeder kleinste Zug, den ich von ihm kenne, entzückt mich.
Er hatte die Angewohnheit, überall Sachen mitzunehmen, und versicherte mit
gascognischer Schelmerei, que s'il n'avait pas été roi, il eût été pendu.«
    Dies wurde von Krach, der sich nach Art aller Geizigen in Mein- und
Deinfragen zu den rigorosesten Grundsätzen bekannte, mit soviel Indignation
aufgenommen, wie die Rücksicht gegen die Erzählerin irgendwie gestattete. Er
begann mit »unköniglich« und »frivol« und würde sich noch höher hinaufgeschraubt
haben, wenn nicht Bamme gereizten Tones dazwischengefahren wäre: »Wer im grossen
gibt, mag im kleinen nehmen. Freilich erst geben; da liegt die Schwierigkeit.«
    Krach biss sich auf die Lippen, die Gräfin aber sprach verbindlich zu ihm
hinüber: »Sie verkennen mich, Präsident, ich gebe Ihnen meinen Liebling in
Moralfragen preis. Es sind ganz andere Dinge, die mich an ihm entzücken. Hören
Sie, was Tallemant des Réaux in seinen Memoiren von ihm erzählt. Einer der
Hofleute, Graf Beauffremont, wusste von der Untreue der schönen Gabriele. Er
sagte es dem Könige. Dieser aber bestritt es und wollt es nicht glauben; er
liebte sie zu sehr. Der Graf erbot sich schliesslich, den Beweis zu geben, und
führte den König bis an das Schlafzimmer Gabrielens. In dem Augenblick, wo sie
eintreten wollten, drehte sich le roi Henri um und sagte: Non, je ne veux pas
entrer; cela la fâcherait trop.«
    Medewitz, der selbst Trauriges erlebt hatte, bemerkte, dass er den König
nicht begreife; die Gräfin aber fuhr fort: »In dieser Anekdote haben Sie den
König tout à fait. Er hielt zu dem Wahlspruch, den Franz I. in ein Fenster zu
Schloss Chenonceaux einschnitt:
Souvent femme varie
Et fol est qui s'y fie.
Überhaupt erinnert er an diesen König; nur übertrifft er ihn. Unser Geschlecht,
in seinen Schwächen und seinen Vorzügen, ist nie besser verstanden, nie
ritterlicher behandelt worden, und die Frauen aller Länder sollten ihm
Bildsäulen errichten. Freilich würde es an Neidern nicht fehlen, wie sein
eigenes Frankreich einen solchen erstehen sah.«
    »Einen Neider?« fragte der in der französischen Memoirenliteratur glänzend
bewanderte Graf und schien durch diese Frage einen Zweifel ausdrücken zu wollen.
    »C'est ça«, fuhr die Gräfin fort, »und zwar in Gestalt seines eigenen
Enkels, des grand monarque. Als die Stadt Pau ihrem geliebten Henri eine Statue
errichten wollte, suchte sie bei Hofe darum nach. Ludwig XIV. sagte nicht ja und
nicht nein, sondern schickte statt aller Antwort sein eigenes Bildnis. Aber er
hatte den Witz der guten Bürger von Pau nicht gebührend mit in Rechnung gezogen.
Diese richteten das Denkmal auf und gaben ihm die Inschrift: Celui-ci est le
petit-fils de notre bon Henri.«
    »Und wie lief es ab?« fragte Rutze, der, nach Kinderart, zwischen Anekdote
und Erzählung keinen Unterschied machend, an dem Hergange selbst ein grösseres
Interesse nahm als an der Pointe. Die Gräfin lächelte.
    »Es ist eine Erzählung ohne Schluss, lieber Rutze. Der König wird schwerlich
von dieser Inschrift gehört, noch weniger sie gelesen haben. Es ist immer
misslich, solche Scherze zu hinterbringen. Übrigens sorgte gerade damals der
Feldzug am Rhein für Aufregungen, die das Auge des Königs nach anderer Seite hin
abzogen. Es war die Erntezeit seines Ruhmes, auch seines kriegerischen. Und doch
war keine Spur von einem Feldherrn in ihm. Le bon roi Henri schlug die
Schlachten, le grand roi Louis liess sie schlagen; aber Dichter und Maler sind
nicht müde geworden, Olymp und Heroenwelt nach Vergleichen für ihn zu
durchsuchen.«
    »Ich glaube gehört zu haben«, bemerkte Berndt, »dass er eines gewissen
militärischen Talentes, wie es hohe Lebensstellungen sehr oft ausbilden, nicht
entbehrte.«
    »Graf Tauentzien war der entgegengesetzten Meinung. Und ich darf annehmen,
dass seine Meinung übereinstimmend mit dem Urteil des Prinzen war.«
    »Das Urteil des Königs würde mir kompetenter sein.«
    Die Gräfin schwieg pikiert, aber nach kurzer Weile fuhr sie fort: »Du weisst,
Berndt, dass der König selber aussprach: Le prince est le seul qui n'ait jamais
fait de fautes. Es scheint mir darin zugestanden, dass er in der Teorie des
Krieges, in allem, was Wissen und Urteil angeht, der Bedeutendere war.«
    Berndt zuckte. »Wer die Praxis hat, hat auch die Teorie. Was entscheidet,
sind die Blitze des Genies.«
    »Aber das Genie hat mannigfache Formen der Erscheinung. Der Prinz würde bei
Hochkirch nicht überrascht worden sein.«
    »Und bei Leuten nicht gesiegt haben. Du überschätzest den Prinzen.«
    »Du unterschätzest ihn.«
    »Nein, Schwester, ich weise ihm nur die Stelle an, die ihm zukommt: die
zweite. Zu allen Zeiten ist die Neigung dagewesen, in solchen Personalfragen die
Weltgeschichte zu korrigieren. Aber Gott sei Dank, es ist nie geglückt. Das
Volk, allem Besserwissen der Eingeweihten, allem Spintisieren der Gelehrten zum
Trotz, hält an seinen Grössen fest.«
    »Aber es sollte de temps à temps diese Grössen richtiger erkennen.«
    »Gerade hierin erweist es sich als untrüglich, wenigstens das unsere, das in
seiner Nüchternheit vor Überrumpelungen gesichert ist. Es zweifelt lange und
sträubt sich noch länger. Aber zuletzt weiss es, wo seine Liebe und seine
Bewunderung hingehört. Ich habe dies in den letzten Jahren des grossen Königs,
wenn Dienst oder Festlichkeiten mich nach Berlin riefen, mehr als einmal
beobachten können.«
    »Ich meinerseits habe von entgegengesetzten Stimmungen gehört, und mir sind
Drohreden des unträglichen Volkes hinterbracht worden, die sich hier nicht
wiederholen lassen.«
    »Es wird auch an solchen nicht gefehlt haben. Ein gerechter König, während
er sich Tausende zu Dank verpflichtet, wird von Hunderten verklagt. Aber was er
den Tausenden war, das liess sich erkennen, wenn er, von der grossen Revue
kommend, seiner Schwester, der alten Prinzess Amalie, die er oft das ganze Jahr
über nicht sah, seinen regelmässigen Herbstbesuch machte.«
    Rutze, der sich solcher Besuche erinnern mochte, nickte zustimmend mit dem
Kopf; Berndt aber fuhr fort: »Ich seh ihn vor mir wie heut, er trug einen
dreieckigen Montierungshut, die weisse Generalsfeder war zerrissen und schmutzig,
der Rock alt und bestaubt, die Weste voll Tabak, die schwarzen Sammetosen
abgetragen und rot verschossen. Hinter ihm Generale und Adjutanten. So ritt er
auf seinem Schimmel, dem Condé, durch das Hallesche Tor, über das Rondel, in die
Wilhelmsstrasse ein, die gedrückt voller Menschen stand, alle Häupter entblösst,
überall das tiefste Schweigen. Er grüsste fortwährend, vom Tor bis zur Kochstrasse
wohl zweihundertmal. Dann bog er in den Hof des Palais ein und wurde von der
alten Prinzessin an den Stufen der Vortreppe empfangen. Er begrüsste sie, bot ihr
den Arm, und die grossen Flügeltüren schlossen sich wieder. Alles wie eine
Erscheinung. Nur die Menge stand noch entblössten Hauptes da, die Augen auf das
Portal gerichtet. Und doch war nichts geschehen: keine Pracht, keine
Kanonenschüsse, kein Trommeln und Pfeifen; nur ein dreiundsiebzigjähriger Mann,
schlecht gekleidet, staubbedeckt, kehrte von seinem mühsamen Tagewerk zurück.
Aber jeder wusste, dass dieses Tagewerk seit fünfundvierzig Jahren keinen Tag
versäumt worden war, und Ehrfurcht, Bewunderung, Stolz, Vertrauen regte sich in
jedes einzelnen Brust, sobald sie dieses Mannes der Pflicht und der Arbeit
ansichtig wurden. Chère Amélie, auch dein Rheinsberger Prinz ist eingezogen.
Hast du je Bilder wie diese vor Augen gehabt oder auch nur von ihnen gehört?«
    Die Gräfin wollte antworten, aber der eintretende Jäger meldete, dass die
Schlitten vorgefahren seien. So wurde das Gespräch unterbrochen. Es erfolgte nur
noch eine Einladung auf Silvester, bis zu welchem Tage Baron Pehlemann
hoffentlich von seinem Anfall wiederhergestellt, Doktor Faulstich aber seiner
Ziebinger Umgarnung entzogen sein werde. Eine Viertelstunde später flogen die
Schlitten auf verschiedenen Wegen ins Oderbruch hinein. Berndt, behufs
Erledigung von Kreis- und anderen Amtsgeschäften, begleitete Drosselstein nach
Hohen-Ziesar. Den weitesten Weg hatten Lewin und Renate, quer durch das Bruch
hindurch. Als sie vor dem Hohen-Vietzer Herrenhause hielten, berichtete Jeetze
mit einem Anflug von Vertraulichkeit, dass die »jungen Berliner Herrschaften« vor
einer Stunde angekommen, aber, ermüdet von der Reise, schon zur Ruhe gegangen
seien.
    »Also auf morgen!« Damit trennten sich die Geschwister.
 
                                 Achtes Kapitel
                                    Chez soi
Über dem Salon, aus dem die Wendeltreppe mit dem Nussbaumspalier ins obere Stock
führte, befand sich das Schlafzimmer der Gräfin. Ein stiller Raum, hoch und
geräumig, die Fenster nach Norden zu. Unter gewöhnlichen Verhältnissen hätte man
diese Lage tadeln dürfen; hier aber, wo die Neigung vorherrschte, sich erst
durch die Mittagssonne wecken zu lassen, gestaltete sich, was anderen Orts ein
Fehler gewesen wäre, zu einem Vorzug. In der Mitte des Zimmers, nur mit der
einen Schmalseite die Wand berührend, stand das Bett, ein grosser, mit schweren
Vorhängen ausgestatteter Behaglichkeitsbau und nicht eine jener sargartigen
Kisten, die das Schlafen als eine Nebensache oder gar als eine Strafe erscheinen
lassen. Ein zuverlässiger Mensch wacht aber nicht nur ordentlich, sondern
schläft auch ordentlich, und es war eine Feinheit unserer Sprache, das richtig
drapierte Grossbett ohne weiteres zum Himmelbett zu erheben.
    Die Gräfin, noch unter dem Einfluss des Streits, den sie mit dem Bruder
gehabt hatte, und verstimmt, an einer, wie sie nicht zweifelte, siegreichen
Entgegnung verhindert worden zu sein, stieg die Wendeltreppe langsam hinauf,
während ihr ihre Jungfer, ein hübsches, blutjunges Ding von entschieden
wendischem Typus, mit einem Ausdruck von Schelmerei und Schlauheit folgte. Es
war Eva Kubalke, des alten Hohen-Vietzer Küsters jüngste Tochter und Schwester
von Maline Kubalke.
    Beide nahmen dieselbe bevorzugte Stellung ein. Eva war Liebling und
Vertraute bei Tante Amelie, Maline bei Renaten.
    Es verging eine geraume Zeit, während welcher die Gräfin nicht sprach.
Endlich schien sie ihrer Verstimmung Herr geworden zu sein; sie setzte sich vor
einen Spiegel und begann ihre Nachttoilette zu machen. Die Kleine sah ihr
beständig nach den Augen. Endlich sagte die Gräfin unter freundlichem Zunicken:
»Nun, Eva?«
    »Gnädigste Gräfin sind so still.«
    »Ja. Aber nun sprich. Nimm den Kamm. Was gibt es?«
    »O vielerlei, gnädigste Gräfin. Fräulein Renate war wieder so gut. Sie hat
mir alles erzählt. Ich freue mich immer, wenn sie Kopfweh hat und aus dem Salon
nach oben kommt. Da höre ich doch von Hohen-Vietz und meiner Schwester Maline.«
    »Wie steht es mit dem Bräutigam? War es nicht der junge Scharwenka?«
    »Ja, aber sie hat ihm abgeschrieben.«
    »Ihm abgeschrieben? Dem reichen Krügerssohn?«
    »Das war es eben. Es sind harte Leute, die Scharwenkas, hart und
bauernstolz. Er hat ihr vorgeworfen, dass sie arm sei. Aber da war es vorbei. Sie
machte sich auch nicht viel aus ihm. Sie will nun in die Stadt.«
    »Wenn es nur gut tut.«
    »Aber wissen denn gnädigste Gräfin, dass der Hatnower Pastor Hochzeit gehabt
hat?«
    »Der Hatnower?«
    »Ja, gestern, am zweiten Feiertage. Es sollte was Apartes sein.«
    »Und mit wem denn?«
    »Mit einer Berlinerin. Und wie er dazu gekommen ist! Es ist eine ganze
Geschichte.«
    »Nun, so erzähle doch.«
    »Er war letzten Sommer in Berlin auf Besuch bei einem Freunde, auch
Prediger. Den Namen habe ich vergessen, aber ich besinne mich noch.«
    »Lass ihn.«
    »Nun, der Freund wohnte in einem grossen Hause, zwei Treppen hoch. Ein
Gewitter zog herauf, und es goss wie mit Kannen. Als es vorüber war und der Regen
nur noch leise fiel, legten sich beide Freunde ins offene Fenster und sahen auf
die Strasse, die unter Wasser stand, so dass die Brückenbohlen umherschwammen.
Aber soll ich weiter erzählen?«
    »Gewiss.«
    »Sie sahen also auf die Strasse und die Brückenbohlen, aber auch auf ein paar
grosse Rosenstöcke, die Regens halber umgelegt waren und gerade unter ihnen aus
dem Fenster herausguckten. Die Freunde sprachen noch, und der Hatnower wollte
sich eben nach den eine Treppe tiefer wohnenden Wirtsleuten erkundigen, als ein
Arm herausgestreckt wurde, der dicht über den Rosenstöcken hin einen kleinen
irdenen Blumentopf, in dem nur zwei, drei Blätter wuchsen, in den Regen
hinaushielt. Ein paar Tropfen fielen auf die Blätter und auch auf den Arm; und
dann verschwand er wieder. Es war wie eine Erscheinung, soll der Hatnower
gesagt haben. Den zweiten Tag hielt er an. Es ist eine Steuerratstochter.«
    »Das hätte ich dem Kleinen nicht zugetraut. Er ist sonst so schüchtern.«
    »Die Leute wissen auch nicht recht, was sie daraus machen sollen. Die einen
meinen, es habe ihn so gerührt, die Liebe zu den drei kleinen Blättern, und er
habe gleich gesagt, die muss jeden glücklich machen; die andern aber meinen, Frau
Gräfin verzeihen, der Arm habe es ihm angetan.«
    »Es wird wohl der Arm gewesen sein« bemerkte die Gräfin mit ruhiger
Überzeugung.
    Eva, die ein Schelm war, erwiderte, »dass es ja doch ein Prediger sei«, und
fuhr dann in ihrem Abendrapporte fort: »Auf der Manschnower Mühle ist
eingebrochen.«
    »Beim alten Kriele?«
    »Ja, gnädigste Gräfin. Sie haben ihm all sein Gespartes genommen, und das
Pferd aus dem Stall dazu. Sie müssen die Gelegenheit gut gekannt haben, denn das
Geld lag unter dem Fussboden; aber sie brachen die Dielen auf.«
    »Hat man auf wen Verdacht?«
    »Die Diebe hatten alte Soldatenröcke an, halb zerrissen, so dass man nichts
Bestimmtes erkennen konnte. Die Manschnower meinen, es wären Marodeurs gewesen,
Franzosen, die das Mitnehmen noch immer nicht lassen könnten. Ihre Gesichter
hatten sie schwarz gemacht.«
    »Dann waren es keine Franzosen. Wer sein Gesicht schwärzt, der fürchtet
erkannt zu werden. Und du sagtest selbst, sie wussten Bescheid in der Mühle.«
    »Aber die Soldatenröcke.«
    »Das wird sich aufklären.«
    Damit brach das Gespräch ab. Die Toilette war beendet, das Haar leicht
zusammengesteckt, und die Gräfin bot Eva gute Nacht. Diese, bevor sie das Zimmer
verliess, trat noch an einen grossen Stehspiegel heran und liess, wie man ein
Fensterrouleau herunterlässt, einen grünseidenen Vorhang über den Trumeau
herabrollen.
    Dies geschah jeden Abend, und es ist nötig, ein Wort darüber zu sagen. Wie
alle alten Schlösser, so hatte auch Schloss Guse sein Hausgespenst, und zwar eine
Schwarze Frau. Diese Weissen und Schwarzen Frauen gelten bei Kennern als die
allerechtesten Spuke, gerade weil ihnen das fehlt, was dem Laien die Hauptsache
dünkt: eine Geschichte. Sie haben nichts als ihre Existenz; sie erscheinen bloss.
Warum sie erscheinen, darüber fehlen entweder alle Mitteilungen, oder die
Mitteilungen sind widerspruchsvoll. So war es auch in Guse. Die Erzählungen
gingen weit auseinander, nur das stand fest, dass das Erscheinen der Schwarzen
Frau jedesmal Tod oder Unglück bedeute. Die Gräfin, sonst eine beherzte Natur,
lebte in einem steten Bangen vor dieser Erscheinung; was ihr aber das
peinlichste war, war der Gedanke, dass sie möglicherweise einmal einem blossen
Irrtum, ihrem eignen Spiegelbilde zum Opfer fallen könne. Da sie sich immer
schwarz kleidete, so hatte diese Besorgnis eine gewisse Berechtigung, und sie
traf ihre Vorkehrungen darnach. Die Anlage der mehrerwähnten Wendeltreppe stand
im Zusammenhange damit; sie wollte das Spiegelzimmer nicht passieren, wenn sie
sich spätabends aus dem Salon in ihr Schlafzimmer zurückzog. In diesem letzteren
war nun natürlich der grosse Trumeau ein Gegenstand ihrer besonderen
Aufmerksamkeit und Besorgnis, und ein durch Eva auch nur einmal versäumtes
Herablassen des Vorhanges würde schwerlich ihre Verzeihung gefunden haben.
    Es war heute noch früh, kaum elf Uhr, und die Gräfin, die ohnehin die Nacht
am liebsten zum Tage gemacht hätte, hatte keinen Grund, die Ruhe vorzeitig
aufzusuchen. Es waren noch Briefe zu schreiben.
    Sie setzte sich an einen mit Schildpatt und Boulearbeit ausgelegten Tisch,
der zwischen Bett und Fenster stand, überflog einen kurzen Brief, der ihr zur
Linken lag, und schrieb dann selbst:
»Mon cher Faulstich. Tout va bien! Demoiselle Alceste, wie sie mir heute in
einem unortographischen Billet (le style c'est l'homme) anzeigt, hat
akzeptiert. Sie wird am 30. in Guse sein et, comme j'espère, den Dr. Faulstich
bereits hier antreffen. Sie dürfen mich nicht im Stiche lassen.
    Meinen Dank für die Vorschläge, die Sie gemacht. Ihre Begeisterung für de la
Harpe, den Sie zu favorisieren scheinen, kann ich nicht teilen, weder für die
Barmecides noch für den Comte de Warwick. Die rot angestrichenen Stellen (Tome
VII erfolgt zurück) lasse ich gelten.
    Ich habe mich, après quelque hésitation, für Lemierre entschieden, nicht für
den Barnevelt, der soviel Aufsehen gemacht hat und der reifer ist, sondern für
den Guillaume Tell, justement parcequ'il n'a pas cette maturité. Er hat dafür
Schwung, Feuer, Leidenschaft. Demoiselle Alceste, ohne dass ich ihr Urteil
kaptiviert hätte, ist mir beigetreten. Ich leugne übrigens nicht, dass auch
Rücksichten auf den Effekt meine Wahl bestimmt haben. Cléofés Paraphrasen an die
Freiheit sind genau das, was man jetzt hören will, et comme Intendant en Chef du
Téâtre du château de Guse habe ich die Verpflichtung, Neues, Zeitgemässes zu
bringen und mich dem Geschmacke meines Publikums anzubequemen. S'accomoder au
goût de tout le monde, c'est la demande de notre temps. Das Beste wird
Demoiselle Alceste tun müssen et encore plus la surprise. Also Verschwiegenheit,
auch gegen Drosselstein.
    Aber eines fehlt noch, cher Docteur, et c'est pour cela que je recours à
votre bonté. Es fehlt ein Prolog, ein Epilog, ein Chorus, ein Irgendetwas, das
vorwärts oder rückwärts oder seitwärts weist, denn so könnte man den Chorus
vielleicht definieren. Sie werden schon das Richtige finden. J'en suis sûre.
Vielleicht täte es auch ein Lied. Aber es müsste etwas Leichtes sein, das Renate
vom Blatte singen könnte.
    N'oubliez pas que je vous attends le 30. Je suis avec une parfaite estime
votre affectionnée
                                                                          A. P.«
Ein zweiter Brief war an Demoiselle Alceste gerichtet. Er entielt nur den
Ausdruck der Freude, sie mit nächstem zu sehen. Die Gräfin siegelte beide
Briefe, löschte die auf dem Schreibtische stehenden Kerzen und legte sich
nieder. Nur noch die italienische Lampe brannte. Sie band, wie sie seit vielen
Jahren tat, ein safranfarbenes Tuch um ihre Stirn und versuchte zu lesen, aber
das Buch entfiel ihrer Hand. Die Eindrücke des Tages zogen an ihr vorbei; sie
hörte die heftigen Reden Berndts, dann klangen sie ruhiger, und die grossen
Portaltüren, die Bamme mit soviel Eindringlichkeit geschildert hatte, öffneten
sich langsam und leise. Aber in den Saal, in dem die Leibkarabiniers tanzten,
trat niemand anderes als Mademoiselle Alceste, die Worte Lemierres auf den
Lippen, den Sieg auf der Stirn. Alles applaudierte.
    Der Traum spann sich weiter; die Gräfin schlief.
 
                                Neuntes Kapitel
                               Untreuer Liebling
Der andere Morgen sah die beiden Geschwisterpaare, Lewin und Renate und Tubal
und Katinka, beim Frühstück versammelt. Nach herzlicher Begrüssung und sich
überstürzenden Fragen, die teils der Christbescherung im Ladalinskischen Hause,
teils der gestrigen Reunion in Schloss Guse galten, wurden die Dispositionen für
den Tag getroffen. Katinka und Renate wollten auf der Pfarre vorsprechen, dann
Marie zu einer Plauderstunde abholen, während die beiden jungen Männer einen
Besuch in dem benachbarten Städtchen Kirch-Göritz verabredeten. Die Anregung
dazu ging von Tubal aus, der in der Jenaer Literaturzeitung einen mit dem vollen
Namen Doktor Faulstichs unterzeichneten Aufsatz »Arten und Unarten der Romantik«
gelesen und sofort den Entschluss gefasst hatte, bei seiner nächsten Anwesenheit
in Hohen-Vietz den Doktor aufzusuchen.
    Erst nach Regelung aller dieser Dinge kam das bis dahin hastig und
sprungweise geführte Gespräch in einen ruhigeren Gang, und die Hohen-Vietzer
Geschwister drangen jetzt in Tubal, ihnen von der durch Jürgass improvisierten
Weihnachtssitzung, besonders aber von Hansen-Grell, dieser jüngsten Akquisition
der »Kastalia«, zu erzählen. Auch Katinka wollte von ihm hören.
    »Ich werde schlecht vor eurer Neugier bestehen«, begann Tubal. »Es geht mein
Wissen, trotzdem ich Jürgass am ersten Feiertage gesprochen, nicht wesentlich
über das hinaus, was ich in meinem langen Weihnachtsbriefe bereits geschrieben
habe. Er ist unschön, von schlechtem Teint und hat wenig Grazie. Aber dieser
Eindruck verliert sich, wenn er spricht. Manches an ihm erklärt sich aus seinem
Namen, der als ein Abriss seiner Lebensgeschichte gelten kann. Sein Vater, ein
einfacher Grell, in Gantzer gebürtig und ursprünglich Soldat, wurde, wer weiss
wie, nach Dänemark verschlagen. Er heiratete daselbst, und zwar im
Schleswigschen, eines wohlhabenden Handwerkers Tochter. In jenen Gegenden heisst
alles Hansen; zugleich ist dort die Sitte verbreitet, den Kindern einen aus dem
Familiennamen des Vaters und der Mutter gebildeten Doppelnamen mit auf den
Lebensweg zu geben. So entstanden die Hansen-Grells. Einige Jahre später zog es
den Vater, der inzwischen geschulmeistert, sich als Turmuhrmacher und
Orgelspieler versucht hatte, wieder in sein märkisches Dorf zurück, und er
schrieb an die Gutsherrschaft in Gantzer, in einem langen Briefe schildernd, wie
gross sein Heimweh sei. Der alte Jürgass, als er das las, war an seiner schwachen
Stelle getroffen, und vier Wochen später trafen Grell und Frau nebst einer
ganzen Kolonie von Hansen-Grells in Gantzer ein.«
    »Und der alte Jürgass schaffte Rat; dessen bin ich sicher«, warf Lewin
dazwischen. »Es ist eine Familie, wie wir keine bessere haben. Ohne Lug und
Trug. Sie sind mit den Zietens verschwägert und mit den Rohrs; von den einen
haben sie die Hand, von den anderen das Herz.«
    »Es ist, wie du sagst«, fuhr Tubal fort. »Es fand sich ein Haus, ein Amt,
ein Streifen Land, und unser Hansen-Grell kam auf die Havelberger Schule. Als er
aber halbwachsen war, wurde seiner Mutter Blut und Namen in ihm lebendig, und er
erschien eines Tages bei den Grosseltern in Schleswig. Er hatte die ganzen
fünfzig Meilen zu Fuss gemacht. Es war ein gewagtes Ding, aber es schlug ihm zum
Guten aus, selbst in Gantzer, wo der alte Jürgass dem alten Grell
auseinandersetzte, dass jeder Mensch, aus dem etwas geworden sei, der eine
früher, der andere später, eine Desertion begangen habe. Selbst Kronprinz
Friedrich. In der Grosseltern Haus wuchs inzwischen unser Hansen-Grell heran und
ging nach Kopenhagen; es war dasselbe Jahr, in dem die Engländer die Stadt
bombardierten. Einzelne Vorgänge, die seiner Umsicht wie seinem Mut ein gleich
glänzendes Zeugnis ausstellten, führten ihn als Erzieher in das Haus eines
Grafen Moltke, in dem er glückliche Jahre verlebte. Seine skandinavischen
Studien fallen in diese Zeit. Als aber Schill, dessen Auftreten er mit glühendem
Patriotismus verfolgt hatte, von dänischen Truppen umstellt und dann in den
Strassen Stralsunds zusammengehauen wurde, kam der Grell in ihm so nachdrücklich
heraus, dass er, übrigens unter Fortdauer guter Beziehungen zu dem Moltkeschen
Hause, seine Kopenhagener Stellung aufgab und ins Brandenburgische
zurückkehrte.«
    »Es überrascht mich«, bemerkte Lewin, »nie früher von ihm gehört zu haben.
Wo war er all die Zeit über? Unser Jürgass zählt sonst nicht zu den
Schweigsamen.«
    »Ich möchte vermuten, dass er seine Zeit zwischen literarischen
Beschäftigungen in Berlin und Aushilfestellungen auf dem Lande teilte. Dann und
wann war er in Gantzer. In Stechow, wenn ich recht verstanden habe, hat er
gepredigt. Im übrigen wird er vor Ablauf einer Woche meine Mitteilungen
vervollständigen können. Und wenn nicht er, so doch jedenfalls Jürgass, der,
während er ihn ironisch zu behandeln scheint, eine fast respektvolle Vorliebe
für ihn hat. Er rühmt vor allem sein Erzählertalent, wenn es sich um
skandinavische Naturbilder oder um die Schilderung persönlicher Erlebnisse
handelt. Schon in dem Hakon Borkenbart, den er uns vorlas, trat dies hervor. Es
war mir interessant, mit welcher Aufmerksamkeit Bninski folgte, erst dem
Gedichte, dann dem Dichter, vielleicht noch mehr dem Menschen. Aber ich entsinne
mich, ich schrieb schon davon.«
    »Es will mir scheinen, Tubal«, nahm hier Katinka das Wort, »dass du dem
Grafen deine persönlichen Empfindungen unterschiebst. Er verlangt Schönheit,
Form, Esprit, alles das, was dieser nordische Wundervogel, in dem ich
schliesslich eine Eidergans vermute, nicht zu haben scheint. Bninski ist durchaus
für südliches Gefieder. Er hat gar kein Verständnis für preussische Kandidaten-
und Konrektoralnaturen, die nie prosaischer sind, als wo sie poetisch oder gar
entusiastisch werden.«
    »Da verkennst du den Grafen doch«, erwiderte Tubal, und Lewin setzte mit
einer Verbeugung gegen die schöne Cousine hinzu: »Ich muss auch widersprechen,
Katinka; Bninskis Neigungen gehen den Weg, den du beschrieben hast, aber er ist
zugleich eine tiefer angelegte Natur, und es dämmert in ihm die Vorstellung, dass
es gerade die Hansen-Grells sind, die wir vor den slawischen
Gesellschaftsvirtuosen, vor den Männern des Salonfirlefanzes und der endlosen
Liebesintrige voraushaben. Übrigens ist es Zeit, unser Tema abzubrechen.
Kirch-Göritz ist eine Stunde, und die Tage sind kurz. Wir nehmen doch die
Jagdflinten? Möglich, dass uns ein Hase über den Weg läuft.«
    Tubal stimmte zu. Ihr Adieu für den Moment ihres Aufbruchs sich
vorbehaltend, verliessen beide Freunde das Zimmer, um sich für ihre Jagd- und
Gesellschaftsexpedition zu rüsten.
    Auch die jungen Damen standen auf, und Renate begann die Brotreste zu
verkrumeln, mit denen sie jeden Morgen ihre Tauben zu füttern pflegte.
    Katinka, in einem enganschliessenden polnischen Überrock von dunkelgrüner
Farbe, der erst jetzt, wo sie sich erhoben hatte, die volle Schönheit ihrer
Figur zeigte, war ihr dabei behilflich. Alles, was Lewin für sie empfand, war
nur zu begreiflich. Ein Anflug von Koketterie, gepaart mit jener leichten
Sicherheit der Bewegung, wie sie das Bewusstsein der Überlegenheit gibt, machten
sie für jeden gefährlich, doppelt für den, der noch in Jugend und Unerfahrenheit
stand. Sie war um einen halben Kopf grösser als Renate; ihre besondere Schönheit
aber, ein Erbteil von der Mutter her, bildete das kastanienbraune Haar, das sie,
der jeweiligen Mode Trotz bietend, in der Regel leicht aufgenommen in einem
Goldnetz trug. Ihrem Haar entsprach der Teint und beiden das Auge, das,
hellblau, wie es war, doch zugleich wie Feuer leuchtete.
    »Sieh«, sagte Renate, während sie mit einer Schale voll Krumen auf das
Fenster zuschritt, »sie melden sich schon.« Und in der Tat hatte sich draussen
auf das verschneite Fensterbrett eine atlasgraue Taube niedergelassen und pickte
an die Scheiben. »Das ist mein Verzug«, setzte sie hinzu und drehte die Riegel,
um die Krumen hinauszustreuen. Katinka war ihr gefolgt. In dem Augenblick, wo
das Fenster sich öffnete, huschte die schöne Taube herein, setzte sich aber
nicht auf Renatens, sondern auf Katinkas Schulter und begann unter Gurren und
zierlichem Sich drehen ihren Kopf an Katinkas Wange zu legen.
    »Untreuer Liebling!« rief Renate, und in ihren Worten klang etwas wie
wirkliche Verstimmung.
    »Lass«, sagte Katinka. »Das ist die Welt. Untreue überall; auch bei den
Tauben.«
    In diesem Momente traten die beiden Freunde wieder ein, um sich, wie
angekündigt, bei den jungen Damen bis auf Spätnachmittag zu empfehlen. Sie
trugen Jagdröcke, Pelzkappen, hohe Stiefel, dazu die Flinten über die Schulter
gehängt. »Nehmen wir einen Hund mit?« fragte Tubal.
    »Nein. Tiras lahmt, und Hektor scheucht alles auf und bringt nichts zu
Schuss. Das beste Tier und der schlechteste Hund.« So brachen sie auf.
 
                                Zehntes Kapitel
                                  Kirch-Göritz
Kirch-Göritz liegt an der andern Seite der Oder, südöstlich von Hohen-Vietz. Es
standen zwei Wege zur Wahl, und die beiden Freunde beschlossen, auf dem
Hinmarsche den einen, auf dem Rückmarsche den andern einzuschlagen. Sie
passierten zuerst das Dorf, dann den Forstacker. Als sie bei Hoppenmariekens
Häuschen vorüberkamen, das stumm und verschlossen dalag, standen sie neugierig
still und lugten hinein. Sie sahen aber nichts. Dann schlugen sie einen Fusssteig
ein, der diesseitig in halber Höhe des Oderhügels hinlief. Dann und wann flog
eine Schack-Elster auf; nichts, was einen Schuss verlohnt hätte.
    Sie sprachen von Faulstich, und Tubal skizzierte den Artikel aus der Jenaer
Literaturzeitung, den Lewin nicht gelesen hatte. »Ich fürchte fast«, sagte
dieser, »dass der Verfasser hinter dem Eindruck, den seine Arbeit auf dich
machte, zurückbleiben wird. Er ist ein kluger und interessanter Mann, aber doch
schliesslich von ziemlich zweifelhaftem Gepräge.«
    »Desto besser. Ich bin, wie du übrigens wissen könntest, unserer Tante
Amelie gerade verwandt genug, um alles, was einen Stich hat, zum Teil um dieses
Stiches willen zu bevorzugen. Und Faulstich wird keine Ausnahme machen. Er ist
mir schon interessant dadurch, dass er in Kirch-Göritz lebt, ein Mann, der sich
an die sublimsten Fragen wagt. Welche Schicksalswelle hat ihn an diesen Strand
geworfen?«
    »Wir wissen wenig von ihm, und das wenige bedarf wahrscheinlich auch noch
der Korrektur. Er ist ein Altmärker, wenn ich nicht irre, aus der Gardelegener
Gegend, wo sein Vater Prediger war, ein strenggläubiger, was dem Sohne von
Jugend auf widerstand. Nichtsdestoweniger ging er, dem Willen des Vaters
nachgebend, nach Halle und begann teologische Studien. Er kam aber, durch
literarische Liebhabereien abgezogen, nicht recht vorwärts. Eine Art ästetische
Feinschmeckerei war schon damals seine Sache. Er lernte den um mehrere Jahre
jüngeren Ludwig Tieck kennen, spielte den Beschützer, zugleich das oberste
kritische Tribunal, und diese Bekanntschaft, so kurz und oberflächlich sie war,
war es doch, was ihn schliesslich nach allerhand Zwischenfällen nach Kirch-Göritz
führte.«
    »Und diese Zwischenfälle lass mich hören.«
    »Gewiss; denn sie sind charakteristisch für den Mann. Es kam endlich zum
völligen Bruch zwischen Vater und Sohn, und schon erwog dieser, ob er sich nicht
einer herumziehenden Schauspielergesellschaft anschliessen solle, als er sich
durch in Berlin angeknüpfte Verbindungen in den Kreis der Rietz-Lichtenau
gezogen sah. Dieser Kreis, wie du von deinem Papa oft gehört haben wirst, war
besser als sein Ruf. Die Rietz, zu manchem anderen, das sie besass, hatte gute
Laune, scharfen Verstand und ein natürliches Gefühl für die Künste. Sie passte
für ihre Rolle. Es war eben allerlei Verwandtes zwischen ihr und Faulstich, der
sich bald unentbehrlich zu machen wusste. Er stellte Bilder, erfand Bonmots
fürstlicher Personen, sorgte für Klatsch und Anekdoten und machte die
Festgedichte. All dies hatte natürlich ein Ende, als die Seifenblase der
Lichtenauschen Grösse zerplatzte, und Faulstich, wie vier Jahre früher in Halle,
sah sich zum zweiten Male den bittersten Verlegenheiten gegenüber.«
    »... Aus denen ihn nun Tieck, wie der besternte Fürst in der Komödie,
befreite.«
    »Du sagst es. Die gelockerten Beziehungen knüpften sich wieder an; Faulstich
tat den ersten Schritt. Tieck seinerseits, der eben damals den Gestiefelten
Kater gebracht hatte und mit dem Zerbino und der Genoveva in Vorbereitung war,
begriff leicht, was ihm Faulstich in den zu führenden Fehden wert sein musste.
Denn er war kein gewöhnlicher Kritiker. Voller Phantasie verstand er es, den
Intentionen, selbst den Capricen der jungen Schule zu folgen. So halb aus
Interesse, halb aus Gutmütigkeit empfahl ihn Tieck an die Burgsdorffs nach
Ziebingen hin. Den Rest errätst du leicht.«
    »Doch nicht, gib wenigstens eine Andeutung.«
    »Gut. Er kam also nach Ziebingen, was im weiteren zur Bekanntschaft mit Graf
Drosselstein und bald auch zur Übersiedelung nach Hohen-Ziesar führte. Ich kann
mich dessen noch entsinnen. Es fiel ihm zu, in der etwas wüst gewordenen
Bibliotek wieder Ordnung zu schaffen, und der Graf, soweit ihm die Parkanlagen
Zeit liessen, ging ihm dabei zur Hand. Sie entdeckten alte, mit Initialen reich
ausgestattete Drucke, Ritterbücher aus dem Ende des 15. Jahrhunderts, die nun,
im Triumphe nach Ziebingen geschafft, einen erwünschten Stoff zu neuen
Dichtungen und noch mehr zu kritischen Untersuchungen boten. Etwa um 1804 wurde
die zweite Lehrerstelle in Kirch-Göritz frei. Dem Familieneinfluss erwies es sich
nicht schwer, das Einrücken Faulstichs in diese Stelle durchzusetzen. Auch Tante
Amelie wirkte mit. Es ist eine halbe Sinekure, und die paar pflichtmässigen
Lektionen fallen gelegentlich noch aus. Die Kirch-Göritzer müssen sich eben
damit trösten, dass jede Stunde, die ihrer Stadtschule verlorengeht, der
romantischen Schule zugute kommt.«
    »Ob es ihnen leicht wird?«
    »Ich zweifle. Von dem Brombeerstrauche kleinstädtischer Magistrate sind eben
keine Trauben zu pflücken. Auch lässt sich nicht behaupten, dass Doktor Faulstich
es ihnen leicht macht.«
    »Ist er hochmütig?«
    »Im Gegenteil, er hat das Verbindliche, das allen Leuten innewohnt, die
ihren etischen Bedarf aus dem ästetischen Fonds bestreiten. Er ist
entgegenkommend, immer scherzhaft, zum mindesten kein Spielverderber. Dem
allerkrausesten Zeuge hört er nicht nur geduldig zu, sondern antwortet auch mit
einem verbindlichen, Ihrem Gedankengange folgend, unter welchem
Höflichkeitsdeckmantel er dann entweder erst Klarheit in das Chaos bringt oder
auch gerade das Gegenteil von dem Gesagten festzustellen weiss. Seine Klugheit
und seine affablen Manieren sind es, die ihn halten, aber er gibt Anstoss durch
sein Leben, seinen Wandel.«
    »So war sein Sich-heimisch-Fühlen im Hause der Rietz mehr als ein Zufall?«
    »Ich fürchte, dass es so ist. Er lebt mit einer kinderlosen Witwe, einer Frau
von beinahe Vierzig; du wirst sie sehen. Sie beherrscht ihn natürlich, und seine
gelegentlichen Bestrebungen, ihr den bescheidenen Platz anzuweisen, der ihr
zukommt, scheitern jedesmal.«
    »Aber warum schüttelt er sie nicht ab?«
    »Dazu gebricht es ihm an Kraft. Er ist eine schwache Natur. Und in dieser
schwachen Natur steckt auch das, was mehr Anstoss gibt als alles andere: sein
Mangel an Gesinnung.«
    »Ist denn Kirch-Göritz der Ort, solche Schäden aufzudecken?«
    »Ein jeder Ort, möcht ich meinen, ist dazu geschickt. Und Faulstich hält
nicht hinterm Berge. Er bekennt sich offen zu seinem Sybaritismus, zu einer
allerweichlichsten Bequemlichkeit, die von nichts so weit ab ist als von
Pflichterfüllung und dem kategorischen Imperativ. Er kennt nur sich selbst. Alle
Grosstat interessiert ihn nur als dichterischer Stoff, am liebsten in
dichterischem Kleide. Eine Arnold-von-Winkelried-Ballade kann ihn zu Tränen
rühren, aber eine Bajonettattacke mitzumachen würde seiner Natur ebenso unbequem
wie lächerrlich erscheinen.«
    »Das teilt er mit vielen. Es liesse sich darüber streiten, ob das ein Makel
sei.«
    »Ich würde dir unter Umständen zustimmen können. Aber wenn wir im
allgemeinen in der Aufstellung unserer Grundsätze strenger sind als in ihrer
Betätigung, so gibt es doch auch Ausnahmen, wo wir dem Leben und seiner Praxis
das nicht gestatten mögen, was uns der Teorie nach noch als stattaft
erscheint. Ich weiss es nicht, aber ich gehe jede Wette ein, dass das, was in
diesen Weihnachtstagen alle preussischen Herzen bewegt hat, von unserem Kirch-
Doktor entweder einfach als eine Störung empfunden oder aber gar nicht beachtet
worden ist. Meine Shakespeareausgabe gegen ein Uhlenhorstsches Traktätchen, dass
er vom neunundzwanzigsten Bulletin auch nicht eine Zeile gelesen hat. Eine
Einladung nach Guse oder Ziebingen erscheint ihm wichtiger als eine
Monarchenzusammenkunft oder ein Friedensschluss. Er ist in nichts zu Hause als in
seinen Büchern; Volk, Vaterland, Sitte, Glauben - er umfasst sie mit seinem
Verstande, aber sie sind ihm Begriffs-, nicht Herzenssache. Heute als Kustos an
die Pariser Bibliotek berufen, würde er morgen bereit sein, den Kaiser zu
apoteosieren. Und das empfinden die kleinen Leute, unter denen er lebt. Es wird
jetzt ein Landsturm geplant; über kurz oder lang werden auch die Kirch-Göritzer
ausrücken. Doktor Faulstich aber? Er wird ihnen nachsehen, lachen und zu Hause
bleiben.«
    Während dieses Gespräches hatten die beiden Freunde den Punkt erreicht, wo
der am diesseitigen Abhang sich hinziehende Weg scharf ansteigend nach links hin
abzweigte. Sie folgten dieser Abzweigung und standen nach wenigen Minuten auf
dem Rücken des Hügels, den Fluss zu Füssen, jenseits desselben das neumärkische
Flachland. Alles in Schnee begraben, die vereinzelten Terrainwellen in der
weissen Fläche verschwindend. Auch das Oderbett hätte sich kaum erkennen lassen,
wenn nicht inmitten desselben eine durch den Schnee hin abgesteckte Kiefernallee
die Fahrstrasse von Frankfurt bis Küstrin und dadurch zugleich den Lauf des
Flusses bezeichnet hätte. Rechtwinklig auf diese Fahrstrasse stiessen Queralleen,
welche die Kommunikation zwischen den Ufern unterhielten und in ihrer
Verlängerung, hüben wie drüben, auf spärlich verstreute Ortschaften zuführten.
    Die Freunde freuten sich des Bildes, das, trotz seiner Monotonie, nicht ohne
Reiz und einen gewissen Anflug von Feierlichem war.
    »Wozu gehört der Kirchturm dort drüben, mit den grossen Schallöchern und der
goldenen Kugel?« fragte Tubal.
    »Zu Dorf Ötscher.«
    »Ötscher! Ich habe nie den Namen gehört.«
    »Und doch spielt er in unserer Geschichte mit. Zwei Meilen weiter südlich
liegt Kunersdorf, wo Kleist fiel und der König in die historischen, besser als
alles andere den Moment schildernden Worte ausbrach: Will denn keine verdammte
Kugel mich treffen? Hierher, auf Ötscher zu, zogen sich an jenem furchtbaren
Augusttage die zu Compagnien zusammengeschmolzenen Regimenter, Schiffbrücken
wurden geschlagen, und angesichts der Stelle, wo wir jetzt stehen, gingen die
Trümmer über den Strom. Das hier zur Rechten ist Reitwein. Ein Finkensteinsches
Gut. Dort übernachtete der König.«
    »Es ist ein Glück, dich hier als Führer zu haben. Ich hätte dieser Öde jeden
historischen Moment abgesprochen.«
    »Sehr mit Unrecht. Es liegen hier Schätze auf Schritt und Tritt. Da ist
Kriegsrat Wohlbrück drüben in Frankfurt, der seit Jahren die Materialien zu
einer Historie des Landes Lebus sammelt und auch in Hohen-Vietz war, um unser
Gutsarchiv zu durchforschen. Den hab ich mehr als einmal sagen hören: Es fehlt
uns nicht an Geschehenem, kaum an Geschichte, aber es fehlt uns der Sinn für
beides. Sieh hier drüben den verschneiten Häuserkomplex hinter den zwei
schiefstehenden Weiden, das ist unser Ziel: Kirch-Göritz dans toute sa gloire.
Es wirkt in diesem Augenblick wie eine Biberkolonie, und doch war es ein
Bischofssommersitz, der im 14. Jahrhundert eine berühmte Wallfahrtskirche und im
16. Jahrhundert ein noch berühmteres Marienbild hatte. Aber lass uns jetzt
hinabsteigen; der Habicht, der dort fliegt, ist ausser unserm Bereich. Ich
erzähle dir, so du noch hören willst, von dem Neste vor uns. Ohnehin spielen
deine Landsleute vom Bug und der Weichsel her eine Rolle in der Geschichte der
Stadt.«
    »Da bin ich neugierig«, erwiderte Tubal, »obschon ich fürchten muss, wenig
Schmeichelhaftes zu hören.«
    »Die Geschichte schmeichelt selten«, fuhr Lewin fort, während sie den
Weitermarsch antraten.
    »Eines Tages, ich gehe gleich in medias res, waren also die Polen im Lande,
sengten, plünderten, mordeten und brachen auch in ein Frauenkloster ein, das
hierherum in unmittelbarer Nähe von Kirch-Göritz stand. Eine der Nonnen, hart
bedrängt, suchte sich des Anführers zu erwehren und beschwor ihn, von ihr
abzulassen; sie wollte ihn zum Dank dafür einen festmachenden Spruch lehren,
dessen Kraft er gleich an ihr selbst erproben möge. dabei kniete sie nieder. Er
war auch bereit und hieb zu, während sie die Worte sprach: In manus tuas,
Domine, commendo spiritum meum. Er aber entsetzte sich, als der Kopf vom Rumpfe
flog.«
    Eine kurze Pause folgte; dann sagte Tubal: »Aber du sprachst von noch
anderen Vorkommnissen; lass mich hoffen, dass sie polnischer Zutat entbehren.«
    »Es ist so. Was noch übrigbleibt, mag als ein neumärkisches Lokalereignis
gelten; doch eben deshalb ist es um so niederdrückender. Die Kirch-Göritzer
hatten ein wundertätiges Marienbild, und dieses Bild schien allen Wechsel der
Zeiten überdauern zu sollen. Auf allen Nachbarkanzeln wurde bereits die neue
Lehre gepredigt, aber die Pilgerfahrten zur Heiligen Jungfrau, deren Mirakel in
der eigenen Bedrängnis mit jedem Tage stiegen, hatten ihren Fortgang. Das reizte
den Küstriner Markgrafen, einen scharfen Protestanten, und er gab dem
Landeshauptmann im Lande Sternberg, Hansen von Minkwitz, Befehl, dem Unfug ein
Ende zu machen. Minkwitz nahm zehn oder zwölf bewaffnete Bürger aus der Stadt
Drossen, die zu seinem Amtsbezirke gehörte, und rückte mit ihnen auf
Kirch-Göritz zu. Er gedachte das wundertätige Bildnis einfach wegzuführen. Aber
es kam anders, als er wollte und sollte. Unterwegs schlossen sich nämlich in
allen Dörfern, die er zu passieren hatte, Bauern und loses Gesindel seinem Zuge
an, Leute, die noch vor wenig Wochen zu der allerheiligsten Jungfrau gebetet und
ihre Pfennige zu den Füssen derselben niedergelegt hatten. Und so brachen denn in
Folge dieses Zuwachses die Minkwitzschen nicht mehr als ein geordneter Trupp,
sondern als ein wilder, regelloser Haufen in Kirch-Göritz ein. Das
Muttergottesbild sah sich von seinem Standort gestürzt und in unzählige Stücke
zerschlagen; alles andere: Chorstühle, Schnitzereien, Trauerfahnen, wurden
zerrissen oder verbrannt. In die goldgestickten Messgewänder aber, die diesem
Schicksal entgingen, kleidete sich schliesslich das Gesindel und zog in wüstem
Mummenschanz in seine Dörfer heim. Der ganze Hergang ein zum Himmel schreiendes
Beispiel, wie wenig in den sogenannten Glaubenszeiten der Glaube und wieviel die
Roheit bedeutet. Nur dass sich jener in diese kleidet, gilt als ein Beweis seiner
Kraft.«
    »Ich möchte dir widersprechen,« warf Tubal ein.
    »Es sei darum, aber nicht jetzt. Dies hier vor uns sind die ersten Häuser
von Kirch-Göritz. Und wir können nicht mit Pro und Contras auf den Lippen bei
Doktor Faulstich eintreten.«
 
                                 Elftes Kapitel
                                Doktor Faulstich
Kirch-Göritz bestand aus wenig mehr als einer einzigen Strasse, die sich in ihrer
Mitte zu einem schmalen, ein unregelmässiges Dreieck bildenden Platz mit nur zwei
Eckhäusern erweiterte.
    In einem dieser Eckhäuser wohnte Doktor Faulstich. Es war zweistöckig, mit
hohem Dach, und gehörte der verwitweten Seilermeister Griepe, die den oberen
Stock an den städtischen Rentamtmann, das nach dem Platze zu gelegene
Frontzimmer des Erdgeschosses aber an unsern Doktor vermietet hatte. Eine
dahintergelegene grosse Stube mit Kochgelegenheit bewohnte sie selbst. Was sonst
noch an Raum da war, wurde durch einen tiefen, gewölbten Torweg eingenommen, in
dem die harkenartigen Ständer aus der ehemaligen Reeperbahn des seligen Meisters
umherstanden.
    Tubal und Lewin traten in den Torweg ein und klopften an der ersten Türe
links. Eine etwas hohe, aber im übrigen wohlklingende Stimme rief »Herein«, und
im nächsten Augenblicke sahen sich unsre Freunde durch Doktor Faulstich begrüsst.
Dieser entsprach auch in seiner äussern Erscheinung dem Charakterbilde, das Lewin
von ihm entworfen hatte. Trotz allem auf den ersten Blick Gewinnenden fehlte
doch mancherlei, und wenn das leicht gekräuselte Haar und mehr noch die weiten
Beinkleider aus grosskariertem Stoff ihn momentan als einen Mann erscheinen
liessen, der sich daran gewöhnt hatte, mit seinen Ansprüchen nicht allzuweit
hinter denen seines Umgangs zurückzubleiben, so kennzeichneten ihn daneben
Chemise und Halstuch und ein hervorguckender Rockhängsel als einen Gelehrten von
herkömmlicher Parure, der gegen Sauberkeit au fond gleichgiltig und für seine
Scheineleganz zu grösserem Teile dem Drosselsteinschen Schneider verpflichtet
war.
    Er schien aufrichtig erfreut, die beiden jungen Männer zu sehen, und über
die Lobsprüche leicht hinweggehend, die Tubal seiner kritischen Arbeit spendete,
schob er mit einem scherzhaften: »Sie sehen, meine Herren, die Ehrenplätze des
Sofas sind okkupiert«, zwei Binsenstühle an den Tisch. Tubal und Lewin nahmen
Platz, während der Doktor, über den eine gewisse Wirtlichkeitsunruhe gekommen
war, an die Hinterwand des Zimmers eilte und, mit dem Zeigefingerknöchel dreimal
anklopfend, zugleich aufmerksam hinhorchte, ob drinnen auch geantwortet würde.
Diese Antwort schien nicht auszubleiben, denn er kehrte, befriedigten Gesichts,
zu seinen Gästen zurück, ihnen mit einem Anfluge von Ironie mitteilend, dass er
vor kaum einer Stunde einen Brief »aus dem Cabinet der Frau Gräfin Tante«
erhalten habe. Inhalt: Silvestergeheimnis.
    Es würde nun dies Geheimnis das Schicksal aller ähnlichen gehabt haben,
nämlich das, sofort ausgeplaudert zu werden, wenn nicht das Erscheinen der Witwe
Griepe das eben anhebende Gespräch unterbrochen hätte.
    Sie blieb in der Türe stehen, und mit einem Ausdruck äusserster
Respektlosigkeit, der ihr im übrigen immer noch hübsches Gesicht geradezu
verzerrte, auf den ängstlich dasitzenden Doktor blickend, fasste sie alles, was
sie zu sagen hatte, in ein halb wie Frage und halb wie Drohung klingendes »Na?«
zusammen.
    »Ich möchte Sie bitten, Frau Griepe, uns etwas Obst zu bringen, Hasenköpfe,
Reinetten. Auch Brot und Butter.«
    »Gleich?«
    »Ich bitte darum. Die Herren kommen von Hohen-Vietz.«
    Diese halbe Vorstellung blieb nicht ohne Wirkung, um so weniger, als Tubal,
der es in solchen Dingen nicht genau nahm, sich leise gegen Frau Griepe
verbeugte. Eine solche Huldigung gefiel ihr, noch mehr der, von dem sie ausging.
Sie musterte Tubal mit jenem Blicke suchenden Einverständnisses, in dem, je
nachdem, der Reiz und die Widerwärtigkeit Frau Griepes lag, und verschwand dann
wieder, ohne die Bitte Faulstichs mit einem »Ja« oder »Nein« beantwortet zu
haben.
    Lewin hatte sich inzwischen in dem Zimmer des Doktors umgesehen, das,
trotzdem es geräumig war, nirgends Platz und Bequemlichkeit bot. Eine durchweg
vorherrschende Unordnung sorgte noch mehr dafür als Anhäufung von Sachen. Auf
dem runden Tische nicht bloss, auch auf den umherstehenden Stühlen lagen
Schulhefte, Bücher, samt ganzen Haufen durcheinandergeschobener belletristischer
Blätter; am buntesten aber sah es auf dem mit einem hässlichen blaugelben
Wollenstoff überzogenen Schlafsofa aus, in betreff dessen Faulstich selbst mit
nur allzu grossem Rechte bemerkt hatte, »dass die Ehrenplätze bereits okkupiert
seien«. Nur von der einen Ecke zu sprechen, die sich unmittelbar neben dem
Arbeitsschemel des Doktors befand, so stand hier ein rasch beiseite gesetztes
Kaffeegeschirr, auf dessen porzellanener Zuckerdose ein eleganter Einband lag.
Ein Teelöffel als Lesezeichen. Erfreulicher als dieser Anblick wirkte die kleine
Porträtgalerie, die sich in zwei Reihen über der Sofalehne hinzog. Es waren
Silhouetten, Kalenderbilder, auch in Gips- oder Wachsmasse ausgeführte
Medaillons, die Lewin in ihrer Gesamteit leicht als einen Parnass unsrer
romantischen Dichter erkannte; die Köpfe der beiden Schlegel, auch Tiecks und
Wackenroders traten ihm in ihren charakteristischen Profilen entgegen.
    Er begann eben Fragen an einzelne dieser Bildnisse zu knüpfen und hörte mit
Interesse, wie schwer es dem Doktor geworden sei, diese Sammlung in einiger
Vollständigkeit herzustellen, als ein Klappern draussen an der Tür die Rückkehr
der Frau Griepe verkündete. Sie trat ein, setzte den erbetenen Imbiss, in dem sie
einen Haufen Blätter mit wenig verhehlter Geringschätzung beiseite schob, auf
den Tisch, liess dem »Na!« und »Gleich?« ihrer ersten Unterhaltung jetzt ein
ebenso kurzes »So« folgen und entfernte sich dann wieder mit jenem überheblichen
Gesichtsausdruck, den gewöhnliche Frauen ihrem Opfer nie schenken, wenn sie aus
diesem oder jenem Grunde ihre Herrscherrolle momentan mit der Rolle einer
Dienerin vertauschen müssen.
    Faulstich atmete auf, er begann ungezwungener zu werden und bat, das durch
Frau Griepe Gebotene nunmehr seinerseits auf eine höhere Stufe heben zu dürfen.
»Ich bin nicht immer so gut assortiert wie heute«, damit trat er an einen
Wandschrank heran, der, einem scheuen Blicke nach, womit Lewin darüber
hinstreifte, ein Chaos zu entalten schien, und kam mit einem ganzen Arm voll
Sachen, die sich unschwer als Ziebinger Weihnachtsreste erkennen liessen, an den
Tisch zurück. Es waren Gewürzkuchen, Marzipan und eine langhalsige Flasche
Maraschino in Originalverpackung. Auch ein paar Spitzgläser brachte er herbei.
Aber die Flasche Maraschino war noch nicht geöffnet. Er nahm also ein kleines
Karlsbader Messer, an dem sich ein Duodezkorkenzieher befand, und begann zu
ziehen. Was sich voraussehen liess, geschah; der Korkzieher brach ab. Was tun? Er
warf das Messerchen beiseite, besann sich einen Augenblick und sagte in ziemlich
bedrückt klingendem Scherz: »Ich habe nicht den Mut, die Sanftmut Frau Griepens
auf eine letzte Probe zu stellen; wir müssen es anderweitig versuchen.« Und
damit setzte er zwei Gabeln ein und zog den Kork.
    Er nahm nun selber Platz, füllte die Spitzgläschen und stiess an auf das Haus
Hohen-Vietz. Lewin dankte, Tubal aber liess »die Arten und Unarten der
romantischen Schule« leben. Faulstich war nicht unempfindlich gegen solche
Huldigungen und lächelte, während Tubal fortfuhr: »Ich möchte sie, geehrtester
Herr Doktor, nicht gern in ein Gespräch über Dinge verwickeln, die Sie abgetan
haben; Roma locuta est; aber eine Bemerkung müssen Sie meiner Neugier zugute
halten: Haben Sie nicht Novalis auf Kosten Tiecks überschätzt?«
    »Ich glaube kaum«, erwiderte Faulstich, der klug genug war, in solchen
Fragen eher ein Lob als einen Tadel zu erblicken; »ich zweifle, dass er überhaupt
überschätzt werden kann. Die ganze Schule vereinigt sich in dieser Anschauung.«
    »Auch Tieck? Empfindet er nicht solche Neudekretierung als eine
Tronentsetzung?«
    »Keineswegs, denn diese Neudekretierung geht von ihm selber aus. Er ist
Kritiker genug, um in Novalis die Spitze, die Vollendung der Schule zu erkennen,
und er ist ehrlich genug, das, was er erkannt hat, auch auszusprechen. Selbst
auf die Gefahr hin einer Einbüsse eigenen Ruhms.«
    »Es überrascht mich doch, einer so besonderen Wertschätzung des zu früh
Verstorbenen zu begegnen.«
    »Es bedarf einer besonderen Organisation und kaum minder einer
allereingehendsten Beschäftigung mit ihm, um diesem Lieblinge der Schule, wie
ich ihn nennen darf, folgen zu können. Es gilt dies gleichmässig von seiner Prosa
wie von seinen Versen. Aus dem Eindruck, den ich von Ihnen gewonnen habe, möchte
ich schliessen, dass Sie von Natur darauf angelegt sind, in die kleine
Novalisgemeinde einzutreten. Und das ist die Hauptsache. Ob andererseits Ihre
Beschäftigung mit dem Dichter Ihrer natürlichen Beanlagung für ihn entspricht,
ist mir nach mehr als einmal gemachter Erfahrung zweifelhaft. Ich weiss, wie
selbst die zurückschrecken, die sich zu ihm bekennen.«
    »Ich kann keinen Grund haben«, erwiderte Tubal in guter Laune, »mit dem
Bekenntnis einer Oberflächlichkeit zurückzuhalten, die hier wie überall eine
meiner Tugenden ist. Ich kenne seinen Roman und zwei, drei Lieder: Kreuzgesang,
Bergmannslied und ähnliches.«
    »Das alles zählt zu seinen besten Sachen, aber das Beste ist nicht immer das
Eigentlichste. Als ich Sie die Strasse heraufkommen sah, las ich eben in seinen
Hymnen der Nacht. In diesen Hymnen haben Sie den eigentlichen Novalis.«
    Bei diesen Worten nahm der Doktor das elegant gebundene Buch, legte das
sonderbare Lesezeichen ohne jeglichen Anflug von Verlegenheit beiseite und sagte
dann, in dem Buche blätternd: »Ich widerstehe nicht der Versuchung, Sie mit
einigem, was ich eben las, bekannt zu machen.«
    Die beiden Freunde stimmten zu.
    »Wir gelten ohnehin als Fanatiker«, fuhr Doktor Faulstich fort, »und wo
Fanatismus ist, da ist auch Proselytenmacherei. Übrigens werde ich Ihre Geduld
nicht ungebührlich in Anspruch nehmen. Es sind nur wenige Zeilen, eine
Verherrlichung des Griechentums.« Faulstich las nun die betreffende Stelle und
sagte dann, als er das Buch wieder aus der Hand legte: »Ist die griechische Welt
je tiefer und treffender geschildert worden? Und doch ist diese Schilderung nur
der Übergang zu der des Christentums. Hören Sie selbst. Jede Zeile berührt mich
wie Musik.«
    Und er las weiter: »Im Volke, das vor allem verachtet und der seligen
Unschuld der Jugend trotzig fremd geworden war, erschien mit nie gesehenem
Angesicht die neue Welt: in der Armut dichterischer Hütte der Sohn der Ersten
Jungfrau und Mutter. Einsam entfaltete sich das himmlische Herz zu einem
Blütenkelch allmächtiger Liebe, und mit vergötternder Inbrunst schaute das
weissagende Auge des blühenden Kindes auf die Tage der Zukunft, unbekümmert über
seiner Tage irdisches Schicksal.«
    Der Doktor schwieg. Die beiden Freunde waren aufmerksam gefolgt.
»Sonderbar«, bemerkte Lewin, »es berührt mich fast, als ob diese Schilderung,
innig, wie sie ist, hinter der Verherrlichung des Griechentums zurückbliebe.
Sollte die Sehnsucht nach der Schönheit doch mächtiger in ihm gewesen sein als
die christliche Legende samt dem Glauben an sie?«
    Tubal schüttelte den Kopf. »Ich empfand Ähnliches wie du, ohne dieselben
Schlüsse daraus zu ziehen. Die Kraft des poetischen Ausdrucks ist kein
Gradmesser für unsere Überzeugungen, kaum für unsere Neigungen. Ich liebe den
Frieden de tout mon coeur, aber ich würde den Krieg um vieles leichter und
besser verherrlichen können. Alles Farbige hat den Vorzug, und selbst schwarz
ist besser als weiss. Nimm unsere frömmsten Dichter; wo Gott und der Teufel
geschildert werden, kommt jener zu kurz.«
    Doktor Faulstich, der, während Tubal sprach, in dem Novalisbande, als ob er
eine bestimmte Stelle suche, weitergeblättert hatte, nickte zustimmend und
bemerkte dann zu Lewin: »An einer allerintimsten Stellung unseres Dichters zum
Christentum ist gar nicht zu zweifeln; käme dieser Zweifel aber auf, so wär es
mit seiner Suprematie vorbei. Denn es ist nicht das Mass seines Talents, sondern
das Mass seines Glaubens, was ihn über die Mitstrebenden erhebt. Es gibt auch
eine Romantik des Klassischen, aber die wirkliche Wiege und Wurzel alles
Romantischen ist eben die Krippe und das Kreuz. In allem Schönsten, was die
Schule geschaffen hat, klingt laut oder leise dieser Ton, und die Sehnsucht nach
dem Kreuz ist ihr Kriterium. In keinem ist diese Sehnsucht lebendiger als in
Novalis; er hat sich in ihr verzehrt. Sie nannten schon den, Kreuzgesang; aber
schöner, tiefer sind die Strophen, mit denen er die Reihe seiner, Geistlichen
Lieder einleitet. Ich lese Ihnen wenige Zeilen, weil ich der Wirkung derselben
sicher bin:
Wenn alle untreu werden,
So bleib ich dir doch treu,
Dass Dankbarkeit auf Erden
Nicht ausgestorben sei.
Für mich umfing dich Leiden,
Vergingst für mich in Schmerz,
Drum geb ich dir mit Freuden
Auf ewig dieses Herz.
Oft muss ich bitter weinen,
Dass du gestorben bist
Und mancher von den Deinen
Dich lebenslang vergisst.
Von Liebe nur durchdrungen,
Hast du soviel getan,
Und doch bist du verklungen,
Und keiner denkt daran.«
Der Doktor, der mit von Zeile zu Zeile bewegter werdender Stimme gelesen hatte,
legte das Buch aus der Hand; dann fuhr er fort: »Seit dem Paul Gerhardtschen. "O
Haupt voll Blut und Wunden" ist nichts Ähnliches in deutscher Sprache gedichtet
worden. Und das in diesen Zeiten des Abfalls!«
    Tubal war bewegter als Lewin; er stand, wie alle sinnlichen Naturen, unter
dem Einfluss schwärmerischen, sich anschmiegenden Wohllauts. So schritt er,
während Lewin das Novalisgespräch mit dem Doktor fortsetzte, auf das Fenster zu
und sah hinaus. Schulknaben und Mädchen in Pelzmützen und roten Kopftüchern
kamen die Strassen herauf und jagten und schneeballten sich, während Hunderte von
körnerpickenden Sperlingen hin und her hüpften, aber nicht aufflogen. Alles
atmete Frieden, und Tubal, der im Anblick dieses Bildes das in einer stillen
Sehnsucht wurzelnde Glück, wie es die Vorlesung der Strophen in ihm angeregt
hatte, wachsen fühlte, trat jetzt vom Fenster her wieder an den Tisch und sagte,
dem Doktor die Hand reichend: »Wie beneide ich Ihnen diese Kirch-Göritzer Tage!
Statt des Geschwätzes der Menschen Schönheit und Tiefe, und dabei die Musse, sich
beider zu freuen.«
    Lewin schwieg. Er kannte zuviel von der Wirklichkeit der Dinge, um
zuzustimmen; der Doktor aber antwortete: »Sie haben aus dem Becher nur gekostet;
wer ihn leeren muss, der schmeckt auch die Hefen. Und immer höher steigt dieser
Bodensatz. Die Bücher sind nicht das Leben, und Dichtung und Musse, wieviel
glückliche Stunden sie schaffen mögen, sie schaffen nicht das Glück. Das Glück
ist der Frieden, und der Frieden ist nur da, wo Gleichklang ist. In dieser
meiner Einsamkeit aber, deren friedlicher Schein Sie bestrickt, ist alles
Widerspruch und Gegensatz. Was Ihnen Freiheit dünkt, ist Abhängigkeit; wohin ich
blicke, Disharmonie: gesucht und nur geduldet, ein Klippschullehrer und ein
Champion der Romantik, Frau Griepe und Novalis.«
    Er war aufgesprungen und durchschritt das Zimmer. »Beneiden Sie mich nicht«,
fuhr er fort, »und vor allem hüten Sie sich vor jener Lüge des Daseins, die
überall da, wo unser Leben mit unserem Glauben in Widerspruch steht, stumm und
laut zum Himmel schreit. Denn auch unsere Überzeugungen, was sind sie anders als
unser Glauben! Die Wahrheit ist das Höchste, und am wahrsten ist es: Selig sind,
die reinen Herzens sind.«
    In diesem Augenblick erschien Frau Griepe, die sich mittlerweile geputzt
hatte, wieder in der Tür, vorgeblich, um anzufragen, ob sie abräumen solle, in
Wahrheit aus Neugier und um sich zu zeigen. Ein Blick innerlichsten Grolls schoss
aus dem Auge des Doktors, aber sofort seine Kette fühlend, verzog er den Mund zu
einem freundlichen Lächeln. »Wir wollen es lassen, Frau Griepe, später.« Damit
zog sich die Frau wieder zurück.
    Die Freunde hatten sich erhoben; der Nachmittag, der längst angebrochen war,
mahnte zum Aufbruch. Tubal reichte dem Doktor die Hand. »Ich habe nichts
überhört; Ihre Worte haben mich mehr getroffen, als Sie wissen können.« Der
Doktor lächelte: »Novalis ist tief, aber das Evangelienwort, das ich eben
gesprochen, ist tiefer. Ihnen, lieber Lewin, hat es die Mutter Natur ins Herz
geschrieben. Und das ist die Gewähr Ihres Glücks.«
    »Berufen wir es nicht.«
    Damit trennte man sich. Frau Griepe stand in der Haustür, um noch einen Gruss
zu erhaschen, und sah beiden Freunden nach und lachte.
 
                                Zwölftes Kapitel
                                   Helpt mi!
Es schlug vier Uhr, als Lewin und Tubal den Ausgang des Städtchens erreicht
hatten. Wenige Minuten später standen sie am Fluss, und Tubal, der um einige
Schritte voraus war, schickte sich bereits an, das steile Ufer hinabzusteigen,
als ihm Lewin zurief:
    »Lass uns diesseits bleiben; wir haben hier die grosse Strasse; erst zwischen
Neu-Manschnow und dem Entenfang bei der Hohen-Vietzer Kirche gehen wir über.«
    Tubal war es zufrieden. Sie schritten also eine kleine Strecke zurück, bis
sie wieder inmitten einer breiten Pappelallee standen, die sie schon fünf
Minuten vorher passiert hatten, und nahmen nun ihre Richtung erst auf die
Ratstocker Fähre, dann auf das Neu-Manschnower Vorwerk zu. Dieses Vorwerk war
halber Weg. Die Strasse stieg ein wenig an. Als sie den höchsten Punkt erreicht
hatten, wurden sie des Hohen-Vietzer Kirchturms ansichtig, der auf dem
jenseitigen Höhenzuge wie ein Schattenriss im Abendrote stand.
    »In einer Viertelstunde ist es dunkel«, sagte Lewin, »aber wir können nicht
fehlen; jetzt haben wir die Strasse, nachher den Turm.«
    Tubal nickte zustimmend; aber ihn gesprächig zu machen wollte nicht
gelingen. Die Worte des Doktors von dem »Widerspruch des Daseins« klangen ihm
noch im Ohr. Er war dadurch in seinem eigenen Tun getroffen worden, mehr noch in
dem seines Hauses, und es lag ihm jetzt daran, die kaum angeknüpfte
Bekanntschaft fortzusetzen. Denn so verhasst ihm alles Predigerhafte war, so tief
ergriffen ihn Sätze, die reicher Erfahrung und einer lebhaften Empfindung
entstammten.
    In Schweigen schritten die beiden Freunde nebeneinander her. Als sie die
Ratstocker Fähre zur Linken hatten, war es Abend geworden. Einzelne Sterne
blinkten matt; in nördlicher Richtung begann ein Flimmern.
    »Ich glaube, der Mond geht auf«, bemerkte Lewin und wies auf eine helle
Stelle am Horizont.
    »So früh?« fragte Tubal gleichgültig und sah sich weiterer Antwort
überhoben, als ein Fuhrwerk herankam, dessen eiserne Kummetkette an der Deichsel
klapperte. Lewin kannte das Gespann. Es war der Manschnower Müller.
    »Guten Abend, Kriele. Noch so spät bei Weg?«
    »Man möt wull, Jungeherr. Se weten doch, wat mi passiert is?«
    »Ja, Kriele. Aber wie konnten Sie nur das Geld unter die Diele legen?«
    »Ja, wo sull man mit hen, Jungeherr? De een Stell is so schlecht as de
anner. Ick will nu nach Frankfurt. Morgen is Verhür.«
    »Haben sie denn die Diebe schon?«
    »Se hebben Paschken und Pappritzen, de immer mit dabi sinn. Awers Justizrat
Turgany hett mi seggen laten: Pappritz is et nich. Un mit Paschken wihr et ooch
man soso.«
    »Nun, der Justizrat versteht es. Grüssen Sie ihn von mir.«
    »Dat will ick utrichten, Jungeherr.«
    dabei zogen die Pferde wieder an; eine Weile noch hörte man das »Hü!« des
Müllers und dazwischen das Klappern der Kette. Dann war alles still.
    Die Begegnung, unbedeutend, wie sie war, hatte wenigstens die Zungen gelöst.
Tubal fragte, Lewin antwortete, und ehe noch die Familiengeschichte des
Manschnower Müllers auserzählt war, hielten die beiden Freunde dem Hohen-Vietzer
Kirchturm gegenüber. Sie bogen aus der Pappelallee links ein, folgten dem Laufe
eines kleinen Grabens, der sich quer durch den Acker hinzog, und standen alsbald
an einem verschneiten, wohl zwanzig Fuss hohen Abhang, von dem aus nicht Weg,
nicht Steg zum Fluss hinunterführte. Zum Gehen war es zu steil, zum Springen zu
hoch, so legten sich beide, Gewehr im Arm, auf den Rücken, drückten die
Schultern fest in den Schnee und glitten glücklich hinab; freilich nur, um
sofort vor einem neuen, ernsteren Hindernisse zu stehen. Inmitten des Flusses
liessen sich einige Tannen erkennen, die den Längsweg bezeichneten, aber kein
Querweg, der sie bequem und sicher hinübergeführt hätte, war abgesteckt. Tubal
schritt nichtsdestoweniger vorwärts und wollte den Übergang forcieren, Lewin
indessen litt es nicht.
    »Du weisst nicht, was du tust. Es ist das diffizilste Terrain. Überall hier
herum hauen die Dorfleute grosse Löcher in das Eis; es ist der Fische halber, die
sonst ersticken. Das überfriert dann, und der Schnee verweht die Stelle.«
    »Aber wir müssen doch hinüber?«
    »Gewiss, aber nicht hier. Es wird sich schon ein Übergang finden. Tausend
Schritte weiter aufwärts zweigt der Weg nach Gorgast ab. Das ist ein grosses
Dorf. Ich bin sicher, dass sich die Gorgaster eine Kuschelallee abgesteckt
haben.«
    »Nun gut, du musst es wissen.« Damit schritten beide Freunde am Flussrande
hin, der oft so schmal war, dass sie mit ihrer rechten Schulter den verschneiten
Abhang streiften. Es war ein beschwerlicher Marsch, namentlich da, wo grosse
Büsche von rotem Werft überklettert werden mussten. Endlich sahen sie die Stelle,
von wo rechts her eine Art von Hohlweg einmündete und sich quer über das Eis hin
fortsetzte.
    »Unsere Irrfahrt geht zu Ende«, sagte Lewin und wies auf die schwarzen,
zugespitzten Bäumchen, die sich bald deutlich als die Kiefern einer Querallee
erkennen liessen. »Mehr Abenteuer, als ich zwischen Kirch-Göritz und Hohen-Vietz
für möglich gehalten hätte.«
    »Und wir sind noch nicht im Hafen«, antwortete Tubal. »Ein russischer
Feldzug im kleinen. Schnee, Schnee. Et voilà la Bérésine.«
    »Aber keine Brücke wird unter uns zusammenbrechen«, scherzte Lewin und bog
voranschreitend in den abgesteckten Weg ein, der die beiden Freunde nach wenigen
Minuten schon sicher ans andere Ufer führte.
    Hier überstiegen sie zunächst den Höhenzug, auf dem sie nach links hin den
Hohen-Vietzer Kirchturm noch eben erkennen konnten, und sahen sich nun
gezwungen, dieselben tausend Schritte wieder zurückzumarschieren, die sie
jenseits über das Ziel hinausgeschossen waren. Der Weg, den sie noch zu machen
hatten, lief zunächst am Fusse des Hügels, dann aber an einer dichten Schonung
hin, von deren vorderstem Eck aus höchstens ein Büchsenschuss bis zum Dorf und
kaum halb so weit bis zur grossen, von Küstrin auf Hohen-Vietz zu fahrenden
Strasse war.
    Als sie dies Eck erreicht hatten, hörte der Fusspfad auf oder war in der
Dunkelheit nicht mehr bestimmt zu erkennen. Sie schwankten noch, ob sie wieder
umkehren und den eben aufgegebenen Hügelweg (der sie in den Hohen-Vietzer Park
geführt haben würde) fortsetzen oder, quer über den verschneiten Sturzacker hin,
auf die grosse Strasse zuschreiten sollten, als sie zwischen den Bäumen eben
dieser Strasse verschiedener Gestalten ansichtig wurden. Gleich darauf war es
auch, als ob gesprochen, und im nächsten Augenblicke schon, als ob ein heftiger
Streit geführt würde. Plattdeutsche Schmäh- und Scheltworte liessen sich
unterscheiden, bis es plötzlich über das Feld hin zu ihnen herüberklang: »He
wörgt mi; helpt mi, Lüd!«
    Lewin, um sich rascher zurechtzufinden, war auf einen grossen Feldstein
gesprungen, der hier am Waldeck als Grenzzeichen lag, aber schwerlich würd er
seinen Zweck erreicht haben, wenn nicht in demselben Augenblick der Mond aus dem
Gewölk, das ihn seit einer Stunde verdeckt hatte, hervorgetreten wäre. Er sah
jetzt alles deutlich.
    »Das ist Hoppenmarieken!« rief er. Zugleich sprang er von dem Steine
herunter, riss das Gewehr von der Schulter und schoss den einen Lauf ab, um zu
zeigen, dass Hilfe da sei. »Das wird wenigstens eingeschüchtert haben; vorwärts,
Tubal!« Und damit setzten sich beide Freunde quer über das Feld hin in Trab.
Lewin stürzte, raffte sich aber schnell auf und war im nächsten Augenblick
wieder an Tubals Seite.
    Als sie den halben Weg bis zur Strasse hinter sich hatten konnten sie die
Szene deutlich erkennen. Einer von den Strolchen war nach dem Dorf zu als Posten
ausgestellt, während der andere mit Hoppenmarieken rang und an ihrem Halse riss
und zerrte.
    »Halt aus!« rief Lewin, der jetzt einen Vorsprung hatte, aber es bedurfte
des Zurufes nicht mehr. Der Strassenräuber liess von ihr ab und lief, einen weiten
Bogen beschreibend, auf dasselbe Wäldchen zu, von dessen entgegengesetztem Eck
aus Tubal und Lewin ihren Lauf über den Sturzacker hin begonnen hatten. Der
andere, als Posten aufgestellte, verschwand nach der Dorfseite hin.
    Als Lewin und dann Tubal den Fahrdamm erreicht hatten, war auch
Hoppenmarieken verschwunden. Aber gleich darauf fanden sie dieselbe. Sie lag
hinter einem aufgeschichteten Steinhaufen, zwischen diesem und einer
Pappelweide, deren oberes Geäst voller Krähennester war. Die Kiepe war noch auf
ihrem Rücken, der Stock in ihren Händen.
    »Ist sie tot?« fragte Tubal.
    Lewin, ohne sich vom Gegenteil überzeugt zu haben, schüttelte den Kopf,
bückte sich zu ihr nieder und zog ihre beiden Arme aus den leinenen Tragebändern
heraus. Als er sie so von der Kiepe frei gemacht und sich vergewissert hatte,
dass es nichts als eine Ohnmacht war, hob er sie vom Boden auf und setzte sie mit
dem Rücken an den Baum.
    »Gib etwas Schnee«, rief er Tubal zu, während er selber ihr das enge
Tuchmieder öffnete, dessen oberste Haken ohnehin bei dem Ringen und Zerren
abgerissen waren. Er sah jetzt deutlich an dem rot und blutrünstig gewordenen
Hals und Nacken, dass alle Anstrengungen des Strolchs keinen anderen Zweck gehabt
hatten, als ihr die Geldtasche zu entreissen, die sie herkömmlich an einem harten
und engen Lederriemen um den Hals trug. Der Riemen hatte aber weder reissen noch
auch sich über den Kopf fortziehen lassen wollen.
    In diesem Momente schlug Hoppenmarieken die Augen auf. Ihr erstes war, dass
sie nach der Tasche fasste; dann erst musterte sie die Personen, die um sie
beschäftigt waren. Ein ihr sonst nicht eigenes, gutmütiges Lächeln, das mit
ihrer Hässlichkeit aussöhnen konnte, flog über ihr Gesicht, als sie Lewin, ihren
Liebling, erkannte, den einzigen Menschen, an dem sie wirklich hing. Sie
streichelte und patschelte ihn; als aber Tubal auch jetzt noch fortfuhr, ihr in
einer ihr lästigen Weise die Stirn mit Schnee zu reiben, wurde sie ungeduldig,
stiess ihn zurück und wies mit dem Zeigefinger immer heftiger auf die neben ihr
stehende Kiepe. Lewin verstand ihr Gebaren einigermassen und begann in der Kiepe
umherzukramen. Als er, gleich in der obersten Lage, eine mit einem Sacktuche
umwickelte Flasche fand, wusste er, was Hoppenmarieken gemeint hatte. Er machte
Miene, während er sich über sie bog, etwas von dem Branntwein in seine Hand zu
giessen; aber jetzt richtete ich ihr Unmut selbst gegen diesen, und ihm ärgerlich
die Flasche aus der Hand reissend, tat sie einen tüchtigen Zug. Sofort hatte sie
all ihre Lebenskräfte wieder, drückte den Kork in die Flasche und rief Lewin zu:
»Nu helpt mi up, Jungeherr.« Dann setzte sie die Kiepe auf den Steinhaufen,
legte den langen Krummstock daneben und fuhr mit ihren kurzen Armen durch die
leinenen Kiepenbänder. So stand sie wieder marschfertig da. »Willst du nicht mit
uns zurück?« fragte Lewin. »Wir begleiten dich.«
    Sie schüttelte den Kopf und setzte sich nach der entgegengesetzten Seite hin
in Marsch, im Selbstgespräch allerhand Unverständliches vor sich hin murmelnd.
    Die Freunde sahen ihr nach. Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen und drohte mit
ihrem Stock nach dem Wäldchen hinüber, in dem der eine der Strolche verschwunden
war.
 
                              Dreizehntes Kapitel
                         In der Amts- und Gerichtsstube
Berndt von Vitzewitz war, während Tubal und Lewin ihren Besuch in Kirch-Göritz
machten, nach Hohen-Vietz zurückgekehrt. Es lagen anstrengende Tage hinter ihm,
zugleich Tage voller Enttäuschungen. Der Minister, wie wir wissen, hatte sich
mit glatten Worten jeder bindenden Zusage zu entziehen gewusst, und auch in
anderen einflussreichen Kreisen der Hauptstadt, soweit ihm dieselben zugänglich
waren, war er der ihm verhassten Wendung begegnet: »Wir müssen abwarten.«
Nirgends ein Verstehen des Moments. Nur in Guse hatte sich Hauptmann von Rutze,
mit dem er unmittelbar vor dem Aufbruch noch ein Gespräch herbeizuführen wusste,
seinen auf rücksichtsloses Vorgehen gerichteten Plänen geneigt gezeigt.
Drosselstein schwankte; aber auf der Fahrt von Guse nach Hohen-Ziesar war er
unter dem Einflusse, den Berndts Beredsamkeit ausübte, anderen Sinnes geworden
und hatte schliesslich nicht nur einer allgemeinen Volksbewaffnung, sondern auch,
wenn kein regelrechter Krieg erklärt werden sollte, dem Plane eines auf eigene
Hand zu führenden Volkskrieges zugestimmt.
    Bei seinem Eintreffen in Hohen-Vietz war Berndt angenehm überrascht, Besuch
vorzufinden. Er hatte das Bedürfnis, von Zeit zu Zeit seinen ihn mit der Macht
einer fixen Idee beherrschenden Plänen entrissen zu werden, und niemand war dazu
geschickter als Katinka, die, während sie die politischen Gespräche vermied,
zugleich geistvoll genug war, den entstehenden Ausfall durch glückliche
Impromptus oder durch Pikanterien aus den Hof- und Gesellschaftskreisen zu
decken. Ihre Erscheinung wirkte mit. Er überliess sich auch diesmal ihrem
Geplauder, vergass über der Schilderung eines Ballabends bei Exzellenz
Schuckmann, wo der bayrische Gesandte dies und das gesagt oder getan hatte,
momentan alle Pläne und Sorgen und sah sich der heiteren Zerstreuung dieses
Geplauders erst wieder entzogen, als das Erscheinen Tubals und Lewins und ihre
Erzählung des eben gehabten Abenteuers seine Gedanken in das alte Geleise
zurückdrängten. Er klingelte.
    »Jetzt«, rief er dem eintretenden Diener zu, »schicke Krists Willem zum
Schulzen. Oder gehe lieber selbst. Ich müsst ihn sprechen. Morgen früh halb elf.«
    Er wollte nach diesem Zwischenfall, schon um Katinkas willen, das Gespräch
in den Ton leichter Unterhaltung zurückführen, aber es missglückte, da auch Tubal
und Lewin eine rechte Heiterkeit nicht finden konnten.
    Das war abends.
    Am anderen Morgen finden wir Berndt in seiner im ersten Stock gelegenen
Amts- und Gerichtsstube, einem grossen Eckzimmer, von dem aus, nachdem eine
Seitentür vermauert worden war, nur ein einziger Ausgang auf den Korridor
führte. An eben diesem Korridor lagen auch die Fremdenzimmer.
    Die Amts- und Gerichtsstube zeigte nur weniges, was der Feierlichkeit ihres
Namens entsprochen hätte. Sie war eine Schreib- und Arbeitsstube wie andere
mehr, in die sich Berndt, namentlich um die Sommerzeit, wenn die beiden grossen
Fenster von Spalierwein überwachsen waren, gern zurückzog. Es war dann hier
luftig und schattig, und in dem dichten Weinlaub zwitscherten die Vögel und
sahen in das geräumige Zimmer hinein. Denn geräumig war es geblieben, trotzdem
es an Urväterhausrat, an Regalen mit Büchern und Akten, an eisenbeschlagenen
Truhen und einem altmodischen, bis fast an die Decke reichenden Kachelofen nicht
fehlte. Eine der Truhen stand rechts neben der Tür und hatte ein Vorlegeschloss,
während auf den Simsen der Regale, in chaotischem Durcheinander, wendische
Totenurnen und italienische Alabastervasen, zwei Dragonerkasketts und eine in
rötlichem Ton ausgeführte Porträtbüste Friedrich des Grossen standen. Man sah
deutlich, es fehlte der Schönheits- und Ordnungssinn. Es hatte sich
zusammengefunden; weiter nichts.
    An dem mit allerhand Schriftstücken überhäuften Schreibtische, dessen eine
Schmalseite den Fensterpfeiler berührte, sass Berndt, einen grossen Bogen
Kartenpapier vor sich, den er, mit Hilfe von Lineal und Reissfeder, in Rubriken
teilte. Er begann eben die nötigen Überschriften zu machen, als er draussen auf
der Besendecke ein sorgliches Putzen und gleich darauf ein Klopfen an der Türe
hörte, leise genug, um artig, und laut genug, um nicht ängstlich zu sein.
    »Herein!« Es war der Erwartete.
    »Guten Tag, Kniehase. Auf die Minute. Das sitzt uns Alten nun einmal im
Blut. Die Jungen sind nicht mehr dazu zu bringen. Nehmen Sie Platz, da den Stuhl
am Ofen, und nun rücken Sie heran.«
    Der so Begrüsste legte Hut und Handschuh auf die grosse Truhe mit dem
Vorlegeschloss und tat im übrigen, wie ihm geheissen.
    »Ich habe Sie rufen lassen, Kniehase«, nahm Berndt wiederum das Wort, weil
etwas geschehen muss. »Und Sie sind der Mann, den ich brauche. Aber ich will
nicht vorgreifen. Erst das Nächstliegende. Sie haben von dem Überfall gehört,
der unserer alten Hexe fast das Leben oder doch die Geldtasche gekostet hätte.«
    Kniehase nickte.
    »Fünfhundert Schritt vom Dorf, auf offener Strasse, der Abend kaum
angebrochen. Und wenn dies alleinstände! Aber in einer Woche der dritte Fall. Am
Heiligen Abend dem Golzower Schmidt die Kuh aus dem Stall getrieben, am zweiten
Feiertage dem Manschnower Müller die Dielen aufgebrochen, gestern Hoppenmarieken
fast gewürgt. Wohin sind wir gekommen?«
    »Es ist Quappendorfer Gesindel, gnädiger Herr. Mieklei war am dritten
Feiertag in Frankfurt, er sah noch, wie sie Paschken und Pappritzen
einbrachten.«
    »Nicht doch, Kniehase. Das ist es eben, was mich reizt und ärgert, dieses
törichte Zugreifen ohne Sinn und Verstand. Immer dieselben armen Teufel, in fünf
von sechs Fällen müssen sie wegen fehlenden Beweises wieder entlassen werden,
und das heisst Justiz! Es ist zum Erbarmen. Und das alles aus Bequemlichkeit; die
Gerichtsherren wollen nicht denken, und die Schulzen wollen nichts tun. Von den
Bauern sprech ich gar nicht; sie löschen immer erst, wenn das eigene Dach
brennt. Das muss aber anders werden, und wir müssen anfangen. Unsere
Hohen-Vietzer sind die besten. Kein Kolonistenpack, das über Nacht reich
geworden. Nichts für ungut, Kniehase, Sie sind selbst ein Pfälzer.«
    Kniehase lächelte. »Gnädiger Herr haben ganz recht, die alten Wendischen
sind besser, störrig, aber zäh und zuverlässig.«
    »Und gescheit dazu, sonst hätten sie den Neu-Barnimer Pfälzer nicht zum
Hohen-Vietzer Schulzen gemacht. Das ist mein alter Satz. Aber nun horchen Sie
auf, Kniehase: was Sie Quappendorfer Gesindel nennen, ist fremdes Volk,
Franzosen.«
    »Nicht doch, gnädiger Herr. Ich war eben mit bei Pastor Seidentopf heran.
Die Franzosen, so meint er, stehn oben an der Grenze, und wenn es hoch kommt, an
der Weichsel.«
    »Es ist so. Und doch hab ich recht. Ich spreche nicht von der klein
gewordenen Grossen Armee, nicht von den aus Moskau herausgeräucherten Corps, die
jetzt wie Novemberfliegen über die weisse Wand kriechen, ich spreche von dem
kleinen verzettelten Zeug, das hier an fünfzig Plätzen zurückgelassen wurde: ein
paar Tausend in Küstrin, fünftausend in Stettin, die meisten aber stecken in den
kleinen polnischen Nestern. Wie weit ist es bis an die Grenze?« »Zehn Meilen,
wie die Krähe fliegt.«
    »Da haben Sie es, Kniehase. Dieses verzettelte Zeug, das nicht in Festungen
untergebracht werden konnte, das läuft jetzt weg wie Wasser, wenn die Reifen von
der Tonne fallen. Neapolitaner, Würzburger, Nassauer, das hält ohnehin nicht
zusammen. Und wenn erst mal das eiserne Band fehlt, so ist nur ein Schritt noch
vom Soldaten- bis zum Räuberleben. Was hier herumspukt, sind Deserteure aus dem
Polnischen, vielleicht auch Marodeurs von den Zuzugsregimentern, die der Kaiser
jetzt als vorläufige kleine Münze in allen Taschen Deutschlands zusammenkratzt.
Und mit diesem Gesindel, ob aus Polen oder sonstwoher, müssen wir ein Ende
machen: zum wenigsten darf es uns nicht über den Kopf wachsen. Und kommen dann
die Reste von der Grossen Armee heran, heute hundert und morgen tausend, so haben
wir's bei den Einern und Zehnern gelernt. Wer das Kleine nicht achtet, ist des
Grossen nicht wert, so sagt das Sprichwort. Also vorwärts. Und je eher, je
lieber.«
    Der Hohen-Vietzer Schulze reckte sich in die Höhe und schien antworten zu
wollen, aber der Gutsherr hatte sein letztes Wort noch nicht gesprochen.
    »Was ich meine, Kniehase, ist das: wir müssen uns fertigmachen; Landsturm,
Dorf bei Dorf.«
    »Und wenn dann der König ruft...«
    »So sind wir da«, ergänzte Berndt, zugleich mit scharfer Betonung
hinzufügend: »Und wenn er uns nicht ruft, so sind wir auch da. Und das ist es,
Kniehase, weshalb ich Sie habe rufen lassen.«
    »Es geht nicht ohne den König.«
    Der alte Vitzewitz lächelte. »Es geht; die Zeiten wechseln. Es gibt Zeiten
des Gehorchens und Abwartens, und es gibt andere, wo zu tun und zu handeln erste
Pflicht ist. Ich liebe den König; er war mir ein gnädiger Herr, und ich habe ihm
Treue geschworen, aber ich will um der beschworenen Treue willen die natürliche
Treue nicht brechen. Und diese gehört der Scholle, auf der ich geboren bin. Der
König ist um des Landeswillen da. Trennt er sich von ihm oder lässt er sich von
ihm trennen durch Schwachheit oder falschen Rat, so löst er sich von seinem
Schwur und entbindet mich des meinen. Es ist ein schnödes Unterfangen, das Wohl
und Wehe von Millionen an die Laune, vielleicht an den Wahnsinn eines einzelnen
knüpfen zu wollen; und es ist Gotteslästerung, den Namen des Allmächtigen mit in
dieses Puppenspiel hineinzuziehen. Wir haben drüben gesehen, wohin es führt; zu
Blut und Beil. Weg mit dieser Irrlehre, von höfischen Pfaffen grossgezogen; es
ist Menschensatzung, die kommt und geht. Aber unsere Liebe zu Land und Heimat,
die dauert wie das Land selber.«
    Kniehase schüttelte den Kopf. »Es geht nicht ohne den König«, wiederholte
er. »Der gnädige Herr sind hier geboren und kennen das Bruch und seine Bauern.
Aber, mit Permission, ich kenne die Bauern besser. Der König ist ihnen alles.
Der König hat ihnen das Bruch eingedeicht, der König hat ihnen die Kirchen
gebaut, der König hat ihnen die Gräben gezogen. So wissen sie es von Vater und
Grossvater her, und so wissen sie es von sich selber. Wenn ich mit Kallies und
Kümmritz und den anderen Ganzbauern drüben bei Scharwenka sitze, so ist, der
Alte Fritz das dritte Wort. Er ist ihr Herrgott, und sie sprechen von ihm, als
wenn er noch lebte. Nur eins ist dem Bauer noch mehr ans Herz gewachsen: sein
Haus und Hof.«
    »Und um Haus und Hof willen soll er jetzt die Waffe in die Hand nehmen. Es
ist nicht das erste Mal in diesem Lande. Als der Schwede jenseit der Elbe in der
Altmark hauste, haben sich die Bauern aufgemacht, ohne viel zu fragen. Und das
ist es, was sie wieder sollen.«
    »Ich weiss davon«, antwortete Kniehase, »es waren Drömlinger Bauern. Aber sie
hatten Fahnen, darauf geschrieben stand:
    Wir sind Bauern von geringem Gut
    Und dienen unserm Kurfürsten und Herrn mit unserm Blut.«
Der alte Vitzewitz, der sich seines Schulzen und der Zähigkeit freute, mit der
er seine Sache zu führen wusste, gab ihm die Hand und sagte: »Eine solche Fahne,
Kniehase, wollen wir auch haben, und wir wollen sie hoch in Ehren halten. Aber
wenn uns der König diese Fahne verbietet, so müssen wir sie tragen auch ohne
seinen Namen, um des Landes willen, und dieser Rechtstitel ist nicht der
schlechteste. Denn unser Land ist unsere Erde, die Erde, aus der wir selber
wurden.«
    Kniehase schüttelte wieder den Kopf. »Die Erde tut es nicht, gnädiger Herr.«
    »Doch, Kniehase«, fuhr Berndt fort, »die Erde tut es, muss es tun, weil sie
unser Erstes und Letztes ist. Und, irdisch gesprochen, auch unser Bestes. Wir
sind Erde, und wir sollen wieder Erde werden, und das ist es, was uns die Erde
so teuer macht. Ein jeder ahnt es von Anfang an, aber das rechte Wissen davon,
das kommt uns erst, das will erfahren sein. Ich hab es erfahren. Sie waren
dabei, Kniehase, wie wir den Sarg hinauftrugen; Sie wissen schon, welchen. Es
war Winterzeit, und der Schnee fiel. Als aber der Schnee schmolz und im März der
erste Krokus kam, da hab ich die Erde da oben, die mein Glück barg, mit meinen
Lippen berührt und immer wieder berührt. Und seit dem Tage weiss ich, was eine
teure und geliebte Erde ist.«
    Berndt fuhr bei dieser Erinnerung mit der Hand über Augen und Stirn.
    Kniehase wusste wohl, warum, aber er wollt es nicht wissen, denn er war eine
schamhafte Natur und sah stumm vor sich hin.
    »Das war im Frühjahr Anno sieben«, nahm der alte Vitzewitz nach kurzer Pause
wieder das Wort, »ich sollt es aber noch besser erfahren. Ich hatte noch nicht
ausgelernt, was Erde sei. Es war um dieselbe Zeit, Sie entsinnen sich, Kniehase,
dass sie den Kyritzer Kämmerer, der so unschuldig war wie Sie und ich, vor eins
ihrer feigen und feilen Kriegsgerichte stellten und ihn aburteilten und
niederschossen. Was sage ich, niederschossen? Hinwürgen war es. Denn so schlecht
wie das Urteil, so schlecht war seine Vollstreckung. Er lag am Boden, der
unglückliche tapfere Mann, und konnte nicht sterben. Da sprang ein mitleidiger
Westfale vor und schoss ihm ins Herz: Aus Liebe zu dir, du unschuldig Blut, will
ich dir zum Tode helfen.«
    Kniehase nickte. Er entsann sich des Hergangs, der damals alles mit
Entsetzen erfüllt hatte.
    »Sehen Sie, Kniehase, von dem Tage an hörte ich immer die fünf Schüsse, und
mir war, als fühlte ich sie an meinem eignen Herzen. Ich hatte keinen Schlaf
mehr, aber ich wusste, was mich ruhig machen würde, und endlich macht ich mich
auf in die Priegnitz. Als ich in der kleinen Stadt ankam, fragt ich nach und
liess mich hinausführen. Es war vor einem der Tore, eine Pappelallee und ein
wüstes Feld daneben. Da schickt ich das Kind wieder fort, das mich
hinausbegleitet hatte, und als ich nun allein war, da warf ich mich nieder an
den Hügel und riss eine Handvoll Erde heraus und hob sie gegen Himmel. Und mein
Herz war voller Hass und voller Liebe. Da hab ich zum anderen Mal erfahren, was
Erde ist, Heimaterde. Es muss Blut drin sein. Und überall hier herum ist mit Blut
gedüngt worden; bei Kunersdorf ist eine Stelle, die sie das, rote Feld nennen.
Und das alles soll preisgegeben werden, weil ein König nicht stark genug ist,
sich schwacher Ratgeber zu erwehren? Nein, Kniehase, mit dem König, solange es
geht, ohne ihn, wenn es sein muss.«
    Berndt schwieg. In diesem Augenblicke klopfte es, und der eintretende Jeetze
übergab einen Brief, grosses Format mit grossem Siegel. Berndt erkannte Turganys
Handschrift. Er überflog den Inhalt und las dann laut: »Ich bitte Sie,
hochverehrter Herr und Freund, in Ihrer Umgegend, vielleicht auch auf dem
Forstacker, recherchieren zu lassen. Alles deutet darauf hin, dass die
Sippschaft, die wir suchen, irgendwo zwischen Hohen Vietz und Manschnow steckt.
Wir haben heute ein zweites Verhör, der Manschnower Müller ist vorgeladen. Aber
es wird nur das Resultat des ersten bestätigen, und unsere zwei herkömmlichen
Sündenböcke werden, wie gewöhnlich, wieder entlassen werden müssen. Ich behalte
mir weitere Mitteilung für die nächsten Tage vor. Ihr Turgany.«
    Berndt lachte. »Sie sehen, Kniehase, Transport und Gefangenenkost sind
abermals vergeudet. Aber Turgany ist auf falscher Fährte. Hier herum sitzen sie
nicht. Es wird sich zeigen, wo. Wer brachte den Brief, Jeetze?«
    »Konrektor Otegraven.«
    »Ist er noch da?«
    »Ja, Fräulein Renate hat ihn hereingebeten. Sie sind mit dem anderen
gnädigen Fräulein im Wohnzimmer.«
    »Ich lasse den Herrn Konrektor bitten.«
    Jeetze ging, der Schulze wollte folgen.
    »Nein, Kniehase, Sie bleiben, ich will mir den Sukkurs, den mir ein
glücklicher Zufall schickt, nicht entgehen lassen.«
    Gleich darauf trat der Konrektor ein, von Berndt mit besonderer
Freundlichkeit empfangen. Einige kurze Begrüssungsworte wurden gewechselt. Dann
fuhr der Hohen-Vietzer Gutsherr fort: »Ich will Sie, lieber Otegraven, nicht
mit Aufträgen an Turgany belästigen, wir haben morgen ohnehin Frankfurter
Botentag. Aber gegen meinen alten Kniehase hier möcht ich mich Ihrer versichern.
Er will mich im Stich lassen, er kennt in diesem königlichen Lande Preussen kein
anderes Losschlagen, als was von oben her gebilligt worden ist. Seidentopf
stimmt ihm zu. Auch Sie?«
    »Nein, und dreimal nein«, antwortete Otegraven, »und ich schätze mich
glücklich, endlich einmal statt vor tauben Ohren vor einem gleichgestimmten
Herzen Zeugnis ablegen zu können.«
    Kniehase, der die strengkirchliche Richtung des Konrektors kannte, horchte
auf; Otegraven selbst aber fuhr fort: »Es ist ein königliches Land, dieses
Preussen, und königlich, so Gott will, soll es bleiben. Es haben es grosse Fürsten
aufgebaut, und der Treue der Fürsten hat die Treue des Volkes entsprochen. Ein
Volk folgt immer, wo zu folgen ist; es hat dem unseren an freudigem Gehorsam nie
gefehlt. Aber es ist fluchwürdig, den toten Gehorsam zu eines Volkes höchster
Tugend stempeln zu wollen. Unser Höchstes ist Freiheit und Liebe.«
    Berndt war im Zimmer auf und abgeschritten. Er stellte sich vor Otegraven:
»Ich wusst es. So sind wir einig, und ich darf auf Sie rechnen. Dieser Moment,
der nicht wiederkommt, darf nicht versäumt werden. Ist man an oberster Stelle
verblendet genug, sich der Waffe, die wir schmieden, nicht bedienen zu wollen,
nun, so führen wir sie selbst.«
    »So führen wir sie selbst«, wiederholte Otegraven. »Aber der Bruch, den wir
fürchten, er wird sich nicht vollziehen. Es kommen andere, bessere Tage. Die
Schwäche wird der Entschlossenheit weichen, und das sicherste Mittel, dahin zu
wirken, ist, dass wir selber Entschlossenheit zeigen. Es ist, wie ich wohl weiss,
ein Misstrauen da in unsere Kraft, selbst in unseren guten Willen. Zeigen wir dem
König, dass wir für ihn einstehen, auch wenn wir ihm widersprechen. Auch die
Schillschen setzten sich in Widerstreit mit seinem Willen und starben doch unter
dem Rufe: Es lebe der König. Es gibt eine Treue, die, während sie nicht
gehorcht, erst ganz sie selber ist.«
    Kniehase sah vor sich hin. Er fühlte den Boden, auf dem er stand,
erschüttert, aber noch war er nicht besiegt.
    »Ich habe meinen Eid geschworen«, sagte er, »um ihn zu halten, nicht, um ihn
zu brechen oder auszulegen. Die Obrigkeit ist von Gott. Aus der Hand Gottes
kommen die Könige, die starken und die schwachen, die guten und die schlechten,
und ich muss sie nehmen, wie sie fallen.«
    »Aus der Hand Gottes«, rief jetzt Berndt, »kommen die Könige, aber auch viel
anderes noch. Und gibt es dann einen Widerstreit, das letzte bleibt immer das
eigene Herz, eine ehrliche Meinung und - der Mut, dafür zu sterben.«
    »Es ist so, Schulze Kniehase«, nahm Otegraven wieder das Wort, »und sich
entscheiden ist schwerer als gehorchen. Schwerer und oft auch treuer. Ihr
Gutsherr hat recht. Sehen Sie sich um, das Ganze versagt den Dienst; überall
fast ist es der einzelne, der es wagt. Ein Mann wie Sie, Kniehase, war auch der
Hofer, treu wie Gold. Aber als sein Kaiser Frieden machte, da sagte der
Sandwirt: Der Franzl hat's gewusst, ich muss es nicht; ich halt ihm dies alte Land
Tirol. Und als er so sprach und handelte, da brach er seinem Kaiser den Frieden
und war schuldig bei Freund und Feind. Er hat es mit dem Tode bezahlt. Aber
glauben Sie, Kniehase, dass der Kaiser, wenn er den Namen Hofer hört, an Eidbruch
und Untreue denkt? Nein, das Herz schlägt ihm höher, und gesegnet Land und
Fürst, wo die Liebe lebendig ist und auf sich selber mehr hört als auf Amtsblatt
und Kommandowort.«
    Kniehase war jetzt aufgestanden. Er streckte Berndt seine Hand entgegen.
»Gnädiger Herr, ich glaube, der Konrektor hat es getroffen. Sich entscheiden ist
schwerer als gehorchen. Ich habe mich entschieden. Wir machen uns fertig hier
herum, und wir schlagen los, ohne nach, ja oder, nein zu fragen. Denn Fragen
macht Verlegenheit. Es darf keiner über die Oder. Und kommt es anders und soll
uns dies fremde Volk auf ewig unter die Füsse treten, nun, so geb uns Gott Kraft,
zu sterben, wie Hofer und die Schillschen gestorben sind.«
    »Das dank ich Ihnen, Otegraven«, sagte Berndt, »ich allein hätte meinen
Schulzen nicht bezwungen. Ich hoffe, wir sehen uns jetzt öfter. Der Plan ist mit
Graf Drosselstein durchgesprochen. Ein Netz über das Land. Lebus beginnt; wir
sind die Vorhut. Hier zwischen Frankfurt und Küstrin treffen die grossen Strassen
zusammen. Ich zähle die Stunden, bis es sich entscheidet.«
    Sie blieben noch eine Weile; dann verabschiedeten sich der Konrektor und
Kniehase und schritten die Treppe hinunter, über den Flur. Hektor, unter Zeichen
besonderer Freude, als er den Schulzen sah, begleitete beide Männer über den
Hof.
    Sie nahmen ihren Weg auf den Scharwenkaschen Krug zu, immer noch in
lebhaftem Gespräch. Doch schien es andere Fragen als Krieg und Landsturm zu
betreffen. Sie trennten sich erst, nachdem sie die Front des Krügergeböftes wohl
ein dutzendmal ausgemessen hatten.
    Als des Konrektors kleines Fuhrwerk wieder auf der Frankfurter Strasse
südlich trabte, sass Schulze Kniehase bei seiner Frau. Sie plauderten lange, und
wiewohl Frau Kniehase Verschwiegenheit gelobte, war doch vor Ablauf des Tages
alles Geplauderte in Hohen-Vietz herum.
    Nur eine wusste nichts davon: sie, die der Gegenstand dieses Plauderns
gewesen war.
 
                              Vierzehntes Kapitel
                               Es geschieht etwas
Sankt Jonatan, der 29. Dezember, war von alter Zeit her der Tag der Umzüge in
Hohen-Vietz, allerhand Mummenschanz wurde getrieben, und bei Beginn des
Nachmittags zogen ausser Knecht Ruprecht und dem Christkinde auch Joseph und
Maria und die Heiligen Drei Könige von Haus zu Haus. Zu diesem alten Bestande
traten aber auch neue Figuren hinzu, so heute der »Sommer« und der »Winter« von
denen jener zu seinem leichten Strohhut Harke und Sense, dieser zu Pelz und
Holzpantinen einen Dreschflegel trug. Sie führten ein Zwiegespräch:
Ich bin der Winter stolz,
Ich baue Brücken ohne Holz-
und rühmten sich ihrer gegenseitigen Vorzüge, bis zuletzt Versöhnung und
Segenswünsche für das jedesmalige Haus, in dem sie sich befanden, ihren lang
ausgesponnenen Streit beendeten.
    Ein besonderes Glück machten heut auch die Schulkinder, deren mehrere als
Schneewittchen und ihre Zwerge ihren Umzug hielten; Schneewittchen mit langem
blonden Haar, die Zwerge mit Flachsbärten und braunen Kapuzen. Als sie zuletzt
auf den Gutshof kamen, fanden sie die jungen Herrschaften samt Tante Schorlemmer
in derselben grossen Halle, in der auch der Weihnachtsaufbau stattgefunden hatte,
versammelt, und nach kurzer Ansprache, worin Schneewittchen für ihre Begleiter
um die Erlaubnis zum Rätselaufgeben gebeten hatte, traten die Zwerge vor und
taten ihre Fragen:
    »Was kann kein Mensch erzählen?«
    »Dass er gestorben ist.«
    »Wer kann alle Sprachen reden?«
    »Der Widerhall.«
    »Wer ist stärker, der Reiche oder der Arme?«
    »Der Arme; denn er hat Not, und Not bricht Eisen.« So gingen die Fragen,
aber die hier gegebenen Antworten blieben aus, und Maline Kubalke, die mit in
der Halle war, musste manchen Teller voller Äpfel und Nüsse herbeischaffen, um
die Quersäcke der Zwerge zu füllen.
    So verging der Nachmittag. Als es dunkelte, wurd es still in Hohen-Vietz,
weil alt und jung zu Tanz und festlichem Beisammensein im Scharwenkaschen Krug
sich putzte, und erst um die sechste Stunde, als von den ausgebauten Losen her,
die zum Teil weit ins Bruch hineinlagen, Wagen und Schlitten unter
Peitschenknall und Schellengeläut herangefahren kamen, war es mit dieser Stille
wieder vorbei.
    Auch auf dem Herrenhofe rüstete sich alles zum Aufbruch, Herrschaft und
Dienerschaft, und wer eine halbe Stunde nach Beginn des Tanzes von der
Dorfstrasse her auf die lange Front des Vitzewitzschen Wohnhauses geblickt hätte,
hätte nur an zwei Fenstern Licht gesehen. Diese zwei Fenster lagen neben der
Amts- und Gerichtsstube und zogen die Aufmerksamkeit nicht bloss dadurch auf
sich, dass sie die einzig erleuchteten waren, sondern mehr noch durch das dunkele
Weingeäst, das sich von dem starken Spalier aus in zwei, drei phantastischen
Linien quer über die Lichtöffnung ausspannte. Hinter diesen Fenstern, an einem
mit einem roten Stock Fries überdeckten Sofatisch, sassen Renate und Katinka, zu
denen sich seit einer Viertelstunde, um den Abend mit ihnen zu verplaudern, auch
Marie gesellt hatte. Allen dreien, selbst Katinka nicht ausgeschlossen, war es
eine herzliche Freude, sich einmal allein und ganz unter sich zu wissen, und um
diese Freude noch zu steigern, hatten sie sich aus dem grossen
Gesellschaftszimmer des Erdgeschosses in diese viel kleinere Stube des ersten
Stockes zurückgezogen.
    Tante Schorlemmer fehlte. Sie war gegen ihre Gewohnheit ausgeflogen und sass
plaudernd in der Pfarre, während der alte Vitzewitz, abwechselnd vom Schulzen
Kniehase und dann wieder von Lewin und Tubal unterstützt, im Kruge seinen
politischen Diskurs hatte. Die Bauern zeigten sich in allem willig; es war so
recht ein Abend, um das Eisen zu schmieden.
    Sehr anders, wie sich denken lässt, verliefen mittlerweile die Plaudereien
unserer drei jungen Mädchen, von denen Renate durch besondere Lebhaftigkeit,
Marie durch besondere Zurückhaltung sich auszeichnete. Sie hatte - aller
Herzlichkeit unerachtet, mit der sich ihr Katinka, wie schon bei früheren
Gelegenheiten, so auch diesmal wieder genähert hatte - doch ein bestimmtes
Gefühl, dass es sich für sie zieme, ihre schwesterlichintime Stellung zu Renaten
sowenig wie möglich geltend zu machen und nur bei gegebener Veranlassung, am
liebsten, wenn aufgefordert, sich an dem Gespräche der beiden Cousinen zu
beteiligen. Dieses Gespräch selbst war ihr Freude genug und wurd es mit jedem
Augenblicke mehr, seit Katinka, die, halb sitzend, halb liegend, den rechten
Fuss auf die Sofapolster gezogen hatte, von Berliner Gesellschaftszuständen und
zuletzt von einer grossen Soiree bei dem alten Prinzen Ferdinand zu sprechen
begann.
    »Das ist der Vater von dem Prinzen Louis, der bei Saalfeld fiel?« fragte
Renate. »Was gäb ich drum«, fuhr sie fort, nachdem ihre Frage bejaht worden war,
»wenn ich einer solchen Soiree beiwohnen könnte, Papa hat es mir für diesen
Winter versprochen; aber die Zeiten sehen nicht darnach aus.«
    »Du verlierst weniger dabei, als du meinst. Es sind Gesellschaften wie
andere mehr. Du siehst Generale, Grafen, Präsidenten, als wärest du in Ziebingen
oder in Guse; die Schleppen sind etwas länger, und ein paar hundert Lichter
brennen mehr. Das ist alles.«
    »Aber der Prinz wird doch keine Krachs und Bammes um sich versammeln?«
    »Nicht ausschliesslich; aber ebensowenig kann er sie vermeiden. Er hat keine
Wahl; Stellung und Geburt entscheiden, nicht der Mann. Du siehst auf die
Auserwählten von Schloss Guse mit so wenig Respekt, weil du sie kennst; aber lass
deine Neugier und Eitelkeit erst einen einzigen Winter lang befriedigt sein, und
es ist mit dem Zauber dieser Hofgesellschaften für immer vorbei.«
    »Ich zweifle daran, wenn ich auch glaube, dass du persönlich nicht anders
sprechen kannst. Du erhebst eben Ansprüche, die mir fremd sind. Ich für mein
Teil würde zufrieden sein, einen Blick in diese Welt tun zu dürfen, in der jeder
etwas bedeutet. Nimm den alten Prinzen selbst; er ist der Bruder Friedrich des
Grossen; das allein genügt, ihn mir wert zu machen; ich könnte nicht ohne
Ehrfurcht auf ihn blicken. Er würde mich vielleicht ignorieren oder ein an und
für sich gleichgiltiges Wort an mich richten, aber es würde mir nicht
gleichgiltig sein, ihn gesehen oder gesprochen zu haben.«
    Katinka lächelte.
    »Du lachst mich aus«, fuhr Renate fort, »aber denke, dass ich das Leben eines
armen Landfräuleins führe, öde und einsam, und statt der Mutter nur die gute
Schorlemmer im Haus. Gib mir die Hand, Marie; du bist mir Trost und Freude, aber
du kannst mir keinen Hofball ersetzen. Wie das alles blitzen und rauschen muss!
Und dann der König selbst. Nenne mir ein paar Namen, Katinka, dass ich mir eine
Vorstellung machen kann.«
    »O da ist der alte Graf Reale, der Gemahl der Oberhofmeisterin, der vor zwei
Jahren auf Besuch in Guse war, und der Hofmarschall von Massow auf Steinhöfel
und der Herr von Eckardtstein auf Prötzel und Herr von Burgsdorff auf Ziebingen
und Graf Drosselstein auf Hohen-Ziesar.«
    »Aber die kenn ich ja alle.«
    »Eben darum hab ich sie dir genannt.«
    »Und die fremden Gesandten!« sagte Renate, der kurzen Unterbrechung nicht
achtend. »Wie gern säh ich den Grafen von St. Marsan und den Minister
Hardenberg, an dem Papa beständig zu mäkeln und zu tadeln hat. Ich denke mir ihn
liebenswürdig. Apropos! Ist auch dein Graf Bninski, verzeihe, dass ich ihn so
nenne, bei Hofe vorgestellt worden?«
    »Nein. Er lehnte es ab.«
    »Ach, nun weiss ich, warum die Hofgesellschaften so wenig Gnade vor dir
finden. Lewin hat mir den Grafen beschrieben; aber ich möcht ihn gern von dir
geschildert hören.«
    »Denk ihn dir als das Gegenteil von dem Konrektor, dem ich heute vormittag
das Glück hatte vorgestellt zu werden. Wie hiess er doch?«
    »Otegraven.«
    »Richtig, Otegraven. Ein hübscher Name, ursprünglich adlig. Aber diese
bürgerliche Abart, welche pedantische Figur! Er hält sich gerade, aber es ist
die Geradheit eines Lineals.«
    »Du musst ihn auf das hin ansehen, was er ist.«
    »Dann kann er als vollkommen gelten; denn er ist der Schuhmeister, wie er im
Buche steht.«
    »Ich sehe doch, wie recht Tante Amelie hatte, als sie neulich von dir sagte:
Katinka ist eine Polin. Nur die Deutschen, wie mir erst gestern wieder unser
Seidentopf versicherte, verstehen es, von äusserlichen Dingen abzusehen. Meinst
du nicht auch?«
    »Nein, Närrchen, ich meine es nicht; es ist nur deutsch, sich in diesen und
ähnlichen Eitelkeiten zu gefallen. Und ich will auch nicht daran rütteln,
ebensowenig wie an den Verketzerungen, die über uns Polen von langer Zeit her im
Schwunge sind. Nur zweierlei wird man uns lassen müssen: Leidenschaft und
Phantasie. Und nun lass dir sagen, Schatz, wenn es etwas in der Welt gibt, das
imstande ist, über Äusserlichkeiten hinwegzusehen, so sind es diese beiden. Der
Graf ist ein schöner Mann, aber ich versichere dich, er wäre mir derselbe, wenn
er auch diesem Otegraven wie sein leiblicher Zwillingsbruder gliche. Denn bei
der vollkommensten äusseren Ähnlichkeit würde diese Ähnlichkeit doch aufhören,
weil er eben innerlich von Grund aus ein anderer ist.«
    »Ein anderer. Aber ob ein besserer?«
    »Es genügt ein anderer. Es gibt prosaische und poetische Tugenden. Lass uns
über den Wert beider nicht rechten. Ich möchte dich nur dahin bekehren, dass es
nicht Form und Erscheinung ist, wiewohl ich beide zu schätzen weiss, was mir den
Grafen wert und angenehm macht.«
    »Und so wär es denn was?«
    »Beispielsweise seine Treue. Denn, unglaublich zu sagen, die Polen können
auch treu sein.«
    »Es gilt wenigstens nicht als ihre hervorragendste Eigenschaft.«
    »Um so mehr ziert sie den, der sie hat. Und ich möchte Bninski dahin zählen.
Als Kosciuszko im letzten Treffen, das über Polen entschied, am Saume eines
Tannenwäldchens lag, das er drei Stunden lang gegen Übermacht verteidigt hatte,
stand ein Fahnenjunker, ein halbes Kind noch, neben ihm und deckte den von
Blutverlust ohnmächtig Gewordenen mit seinem jungen Leben. Er hätte sich retten
können, aber er verschmähte es. Endlich überwältigt, bat er um eines nur: seinen
gefangenen General pflegen und dieselbe Zelle mit ihm teilen zu dürfen. Dieser
Fahnenjunker war der Graf.«
    Marie, die bis dahin von ihrer Handarbeit nicht aufgeblickt hatte, sah
Katinka mit ihren grossen Augen an.
    Katinka aber, den Blick freundlich erwidernd, fuhr fort: »Siehe, Renate,
das war Treue; nicht solche, wie ihr sie liebt, die jeden heimlichen Kuss zu
einer Kette für Zeit und Ewigkeit machen möchte, aber doch auch eine Treue und
nicht der schlechtesten eine. Und wie der Fahnenjunker war, so blieb er. Er war
mit in Spanien. Das polnische Lancierregiment, das er führte, Tubal hat mir
davon erzählt, nahm einen Engpass; den Namen hab ich vergessen; aber sie sagen,
der Fall stehe einzig da in der Kriegsgeschichte. Unter den wenigen, die den Tag
überlebten, war der Graf. Nach Paris schwerverwundet zurückgeschaft, empfing er
aus des Kaisers Hand das rote Band der Ehrenlegion. Und ich darf sagen, es
kleidet ihn... Nein, Renate, du verkennst mich und dich nicht minder. Wir
empfinden gleich. Alles Poetische reisst uns hin, und Steifheit und Pedanterie,
auch wenn sie Otegraven heissen, lassen uns kalt. Das ist nicht polnisch, das
ist weiblich. Frage Marie.«
    »Ich werde die Frage nicht tun«, scherzte Renate, »denn du musst wissen -«
    »So will ich antworten, ohne gefragt zu sein«, unterbrach Marie mit
Unbefangenheit. »Alle Welt schätzt den Konrektor, unser Pastor liebt ihn.«
    »Aber du, könntest du ihn lieben?«
    »Nein. Nie und nimmer, und wenn er Kosciuszko verteidigte oder einen Engpass
stürmte. Er ist vielleicht mutig, aber ich kann ihn mir nicht als Helden
vorstellen. Ich bedauere, wenn ich ihm unrecht tue. Wen ich lieben soll, der muss
mich in meiner Phantasie beschäftigen. Er beschäftigt mich aber überhaupt
nicht.«
    »Aber du ihn desto mehr. Otegraven hat Heimlichkeiten, flüsterte mir noch
gestern unser alter Seidentopf zu. - Doch es schlägt neun, und wir vergessen
über dem Plaudern unser Abendbrot.«
    Damit erhob sich Renate und schritt auf eine Rokokokommode zu, auf deren
überall ausgesprungener Perlmutterplatte Maline, ehe sie das Haus verliess, ein
grosses Cabaret mit kaltem Aufschnitt samt Tischzeug und Teller gestellt hatte.
    Das Sofa und die Kommode standen an derselben Wand, und zwischen ihnen war
nur der Raum frei, wo sich die früher aus diesem Fremdenzimmer in die Amts- und
Gerichtsstube führende Tür befunden hatte. Diese Türstelle, weil nur mit einem
halben Stein zugemauert, bildete eine flache Nische und war deutlich erkennbar.
    Renate, in ihrer Plauderei fortfahrend, war eben - während Katinka die
Lampe aufhob - im Begriff, das Cabaret, das nach damaliger Sitte in einer
Holzeinfassung stand, auf den Tisch zu setzen, als sie etwas klirren hörte.
    Sie sah die beiden anderen Mädchen an. »Hörtet ihr nichts?«
    »Nein.«
    »Es klirrte etwas.«
    »Du wirst mit dem Cabaret an die Teller gestossen haben.«
    »Nein, es war nicht hier, es war nebenan.«
    Damit legte sie das Ohr an die Wand, da, wo die vermauerte Tür war.
    »Wie du uns nur so erschrecken konntest«, sagte Katinka. Aber ehe sie noch
ausgesprochen hatte, hörten alle drei deutlich, dass in dem grossen Nebenzimmer
ein Fensterflügel aufgestossen wurde. Gleich darauf ein Sprung, und dann
vorsichtig tappende Schritte, vielleicht nur vorsichtig, weil es dunkel war.
    Es schienen zwei Personen. Und in dem weiten Hause niemand ausser ihnen,
keine Möglichkeit des Beistandes; sie ganz allein. Marie flog an die Tür und
riegelte ab; Katinka, ohne sich Rechenschaft zu geben, warum, schraubte die
Lampe niedriger. Nur noch ein kleiner Lichtschimmer blieb in dem Zimmer.
    Renate legte wieder das Ohr an die Wand. Nach einer Weile hörte sie deutlich
den scharfen, pinkenden Ton, wie wenn mit Stahl und Stein Feuer angeschlagen
wird; sie horchte weiter, und als der Ton endlich schwieg, war ihre Phantasie so
erregt, dass sie wie hellsehend alle Vorgänge im Nebenzimmer zu verfolgen
glaubte. Sie sah, wie der Schwamm angeblasen wurde, wie der Schwefelfaden
brannte und wie die beiden Einbrecher, nachdem sie auf dem Schreibtisch
umhergeleuchtet, das Wachslicht anzündeten, mit dem der Vater die Briefe zu
siegeln pflegte. Alles war Einbildung, aber einen Lichtschein, während sie den
Kopf einen Augenblick zur Seite wandte, sah sie jetzt wirklich, einen hellen
Schimmer, der von der Amtsstube her auf das Schneedach des alten
gegenübergelegenen Wohnhauses fiel und von dort über den dunkelen Hof hin
zurückgeworfen wurde.
    Die Mädchen sprachen kein Wort; alle unter der unklaren Vorstellung, dass
Schweigen die Gefahr, in der sie sich befanden, verringere. Sie reichten sich
die Hand und lugten nach der Auffahrt und, soweit es ging, nach der Dorfgasse
hinüber, von der allein die Hilfe kommen konnte.
    Nebenan war es mittlerweile wieder lebendig geworden. Es liess sich erkennen,
dass sich die Strolche sicher fühlten. Sie warfen ein Bündel Nachschlüssel wie
mit absichtlichem Lärmen auf die Erde und fingen an, sich an der grossen, neben
der Tür stehenden Truhe, darin das Geld und die Dokumente lagen, zu schaffen zu
machen. Sie probierten alle Schlüssel durch, aber das alte Vorlegeschloss
widerstand ihren Bemühungen.
    Ein Fluch war jetzt das erste Wort, das laut wurde; dann sprangen sie, die
bis dahin grösserer Bequemlichkeit halber vor der Truhe gekniet haben mochten,
wieder auf und begannen, wenn der Ton nicht täuschte, an der inneren, die beiden
Stuben voneinander trennenden Wand hin auf den Realen umherzusuchen. Sie rissen
die Bücher in ganzen Reihen heraus und fegten, als sie auch hier nichts ihnen
Passendes entdeckten, mit einer einzigen Armbewegung den Sims ab, so dass alles,
was auf demselben stand: chinesische Vase, Büste, Dragonerkasketts, mit lautem
Geprassel an die Erde fiel. Ihre Wut schien mit der schlechten Ausbeute zu
wachsen, und sie rüttelten jetzt an der alten Tür, die nach dem Korridor
hinausführte. Wenn sie nachgab!
    Die Mädchen zitterten wie Espenlaub. Aber das schwere Türschloss widerstand,
wie vorher das Truhenschloss widerstanden hatte.
    Die Gefahr schien vorüber; noch ein Tappen, wie wenn in Dunkelheit der
Rückzug angetreten würde; dann alles still.
    Renate atmete auf und schritt auf den Tisch zu, um die Lampe wieder
höherzuschrauben; aber im selben Augenblicke fuhr sie zurück; sie hatte deutlich
einen Kopf gesehen, der von der Seite her sich vorbeugte und in das Zimmer
hineinstarrte.
    Keines Wortes mächtig und nur mühsam an der Sofalehne sich haltend, wies sie
auf das Fenster, vor dem jetzt wie ein Schattenriss eine Gestalt stand, die mit
der Linken an dem Weingeäst sich klammerte, während die mit einem Faustandschuh
überzogene Rechte die Scheibe eindrückte und nach dem Fensterriegel suchte, um
von innen her zu öffnen.
    Alle drei Mädchen schrien laut auf und stoben auseinander; Katinka, aller
sonstigen Entschlossenheit bar, faltete die Hände und versuchte zu beten, Renate
riss an der Klingelschnur, gleichgiltig gegen die Vorstellung, dass niemand da
sei, die Klingel zu hören, während Marie, von äusserster Angst erfasst, in die
Gefahr hineinsprang und, ohne zu wissen, was sie tat, zu einem Stoss gegen die
Brust des Draussenstehenden ausholte. Aber ehe der Stoss traf, knackte und krachte
die Spalierlatte, und die dunkele Gestalt draussen stürzte auf den Schnee des
Hofes nieder.
    Keines der Mädchen wagte es, einen Blick hinaus zu tun, aber sie hörten
jetzt deutlich den Ton der Flurglocke, die Renate fortfuhr zu läuten, und gleich
darauf das Anschlagen eines Hundes. Es war ersichtlich, dass Hektor seine neben
der Herdwand liegende warme Binsenmatte dem Tanzvergnügen im Krug vorgezogen
und, ohne dass jemand davon wusste, das Haus gehütet hatte. Er stand jetzt unten
auf der Flurhalle, unsicher, was das Läuten meine, und sein Bellen und Winseln
schien zu fragen: wohin? Aber er sollte nicht lange auf Antwort warten. Renate,
die Tür öffnend, rief mit lauter Stimme den Korridor hinunter: »Hektor!«, und
ehe noch der Ton in dem langen Gange verklungen war, hörte sie das treue Tier,
das in mächtigen Sätzen treppan sprang und im nächsten Augenblicke schon der
jungen Herrin seine Pfoten auf die Schulter legte. Jegliche Angst war jetzt von
ihr abgefallen; sie fasste mit der Linken das Halsband des Hundes, um Halt und
Stütze zu haben, und flog dann mit ihm treppab über den Hof hin. Als sie eben
von der Auffahrt her in die Dorfgasse einbiegen wollte, stand der alte Vitzewitz
vor ihr.
    »Gott sei Dank, Papa - Diebe - komm!«
    Im nächsten Augenblick war der Alte in dem Zimmer oben, wo sich Katinka
weinend an seinen Hals warf, während Marie ihm mit noch zitternden Lippen die
Hände küsste.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
                                   Die Suche
Der andere Morgen sah die Familie samt ihren Gästen wie gewöhnlich im Eckzimmer
des Erdgeschosses versammelt. Nur Renate fehlte; sie hatte Fieber, und ein Bote
war bereits unterwegs, um den alten Doktor Leist von Lebus herbeizuholen. Das
Gespräch drehte sich natürlich um den vorhergehenden Abend, und Katinka, die
sich in übertriebener Schilderung ihrer ausgestandenen Angst gefiel, suchte
hinter Selbstpersiflierung ein Gefühl gekränkter Eitelkeit, das sie nicht
loswerden konnte, zu verstecken. Sie geriet dabei in einen halb scherzhaften
Ton, der aber dem alten Vitzewitz durchaus nicht zuzusagen schien. Er schüttelte
den Kopf und wurde seinerseits immer ernster.
    Aus den Einzelheiten der Unterhaltung war so viel zu ersehen, dass Berndt, um
den Tanz im Kruge nicht zu stören, alles Alarmschlagen verboten, selbst ein
Revidieren der Amts- und Gerichtsstube hinausgeschoben und sich damit begnügt
hatte, Hof und Park durch einen aus Kutscher Krist und Nachtwächter Pachaly
gebildeten Wachtposten abpatrouillieren zu lassen. Jeetze, der sich auch dazu
gemeldet hatte, war wegen Alter und Hinfälligkeit und unter Anerkennung seines
guten Willens zu Bette geschickt worden.
    Es schlug neun, als unser Freund Kniehase, der erwartet war, von der
Auffahrt her über den Hof kam. Tubal und Lewin, die am Fenster standen, sahen
und grüssten ihn. Gleich darauf meldete Jeetze: »Schulze Kniehase.«
    »Soll eintreten.«
    Berndt ging ihm entgegen, gab ihm die Hand und schob einen Stuhl an den
Tisch.
    »Setzen Sie sich, Kniehase. Was wir zu sprechen haben, ist kurz und kein
Geheimnis. Katinka, bleib! Es kommt alles schneller, als ich erwartete, aber
vorbereitet oder nicht, wir dürfen nichts hinausschieben. Es ist keine Stunde zu
verlieren, wir müssen wissen, wen wir vor uns haben. Unser eigenes Gesindel
hätte sich nicht an Hoppenmarieken gemacht. Ich bleibe dabei, es ist fremdes
Volk; Marodeurs von der Grenze.«
    Kniehase schüttelte den Kopf.
    »Gut, ich weiss, dass Sie anders denken. Es wird sich zeigen, wer recht hat,
Sie oder ich. Auf wieviel Leute können wir rechnen? Haben wir zehn oder zwölf,
so rücken wir aus. Heute noch, gleich.«
    »Bis auf zehn werden wir kommen, wenn der gnädige Herr sich selber
mitrechnen und die jungen Herren. Ich habe Nachtwächter Pachaly auf die Lose
geschickt, zu Schwartz und Metzke und auch zu Dames, das sind die jüngsten. Aber
er kann vor Mittag nicht wieder da sein. Wir müssen also nehmen, was wir hier im
Dorfe finden.«
    »Und das sind?«
    »Nicht viele.«
    »Kümmritz?«
    »Kann nicht, hat wieder das Reissen.«
    »Müller Mieklei?«
    »Der will nicht. Er hat etwas von Aufstand gehört und von Krieg führen ohne
den König, das hat ihn stutzig gemacht: Wer das Schwert nimmt, der soll durch
das Schwert umkommen. Wir müssen uns hinter Uhlenhorst stecken, der hat die
Altluterischen in der Tasche.«
    »Und Kallies?«
    »Der will, aber ich kenne Sahnepott, er hat das Zittern und kann kein Blut
sehen.«
    »Nun, denn Krull und Reetzke?«
    »Ja, die kommen, und Dobbert und Roloff auch, das sind vier Gute. Und dann
die beiden Scharwenkas, der Alte und der Jungsche, und auch Hanne Bogun, der
Scharwenkasche Hütejunge.«
    »Der Hütejunge?« fragte Lewin, »er hat ja nur einen Arm.«
    »Aber vier Augen, junger Herr, den müssen wir haben. Er sieht wie ein
Habicht und klettert.«
    »Gut, Kniehase, so wären wir unser zehn. Es muss ausreichen für eine erste
Suche, und nun wollen wir, ehe die Bauern kommen, die Amtsstube revidieren;
vielleicht, dass wir etwas finden, das uns einen Fingerzeig gibt.«
    Sie stiegen in das erste Stockwerk, auch Katinka folgte, dem alten
Schulzen, neben dem sie ging, auf Flur und Treppe vorplaudernd, dass seine
Pflegetochter die mutigste von ihnen und zugleich die erste Ursache ihrer
Rettung gewesen sei.
    So waren sie, der alte Vitzewitz immer um ein paar Schritte vorauf, bis an
die Türe der Amtsstube gekommen, die sie jetzt nicht ohne ein gewisses und, wie
sich im nächsten Augenblicke zeigen sollte, nur allzu gerechtfertigtes Grauen
öffneten. Eine grenzenlose Verwüstung starrte ihnen entgegen; Bücher und
Scherben, alles durcheinander, über das ganze Zimmer hin Flecke von abgetropftem
Wachs, und auf der Platte des grossen Schreibtisches ein Brandfleck, von dem
Schwamm oder Schwefelfaden herrührend, den die Strolche hier sorglos aus der
Hand geworfen hatten. Neben der Truhe lag noch ein Stemmeisen und auf dem
Fensterbrett ein dicker, halb zerrissener Faustandschuh.
    Es waren nicht Gegenstände, die, wie sie auch von Hand zu Hand gingen, auf
eine bestimmte Spur hätten hindeuten können, und so in gewissem Sinne
enttäuscht, schritten alle wieder in das Erdgeschoss zurück, wo sie jetzt die
Bauern samt dem jungen Scharwenka und Hanne Bogun, dem Hütejungen, bereits
versammelt fanden. Es wurde beschlossen, zunächst auch noch den Hof abzusuchen
oder wenigstens die Stelle, von wo aus der Einbruch ausgeführt worden war. Hier
stand noch die vom Wirtschaftshof herbeigeschleppte Leiter, deren sich die Diebe
bedient hatten. Lewin stieg die Sprossen hinauf und revidierte das äussere
Fenstersims, während Tubal und der junge Scharwenka unten im Schnee
nachforschten; aber selbst von den zahlreichen Fussstapfen, die, um den Giebel
des Hauses herum, nach der Parkallee und dem Parke selber führten, konnte
schliesslich nicht festgestellt werden, ob sie von den Dieben oder von Krist und
Pachaly herrührten.
    »So geben wir es auf«, sagte Berndt, »und sehen, ob wir auf Gorgast und
Manschnow zu etwas finden.«
    Jeetze brachte die Flinten, und der abmarschierende Männertrupp war eben im
Begriff, vom Hofe her auf die Dorfgasse zu treten, als sie hinter sich einen
Schäferpfiff hörten und, sich wendend, des Scharwenkaschen Hütejungen ansichtig
wurden, der, vorläufig noch zurückgeblieben, mittlerweile die Leiter von dem
Amtsstubenfenster an das Fenster der Nebenstube gestellt und auf eigene Hand
weitergesucht hatte.
    Er winkte jetzt lebhaft mit dem losen Ärmel seines Stummelarmes und gab
Zeichen, aus denen sich schliessen liess, dass er einen Fund gemacht habe.
    Die Männer kehrten um. Als sie dicht heran waren, hielt ihnen Hanne Bogun
einen Messingknopf entgegen.
    »Wo lag er?« fragte der alte Vitzewitz in lebhafter Erregung.
    Der Hütejunge, ohne Antwort zu geben, sprang wieder die Leiter hinauf und
legte den Knopf auf dieselbe Stelle, von wo er ihn weggenommen hatte. Es war das
Querholz, das dicht unter dem Fenster hinlief, und so konnte nicht wohl ein
Zweifel sein, dass bei dem Zusammenbrechen des unteren Spaliers die scharfe Kante
der oberen Latte den Knopf abgestreift hatte. Er war von einer französischen
Uniform. In der Mitte ein N, während der Rand der Innenseite die Umschrift
zeigte: 14e Rég. de ligne.
    Berndt triumphierte, seine Vermutungen schienen sich bestätigen zu sollen,
die Bauern stimmten ihm bei. Nur Kniehase schüttelte nach wie vor den Kopf. Es
kam aber zu weiter keinen Auseinandersetzungen, und nachdem der Knopf reihum
gegangen war, brachen alle wieder auf. Der Hütejunge, der zwei Jagdtaschen trug,
folgte.
    Sie hielten zunächst die grosse Strasse in der Richtung auf Küstrin zu. Als
sie bis zu der Stelle gekommen waren, wo vor zwei Tagen Hoppenmarieken
angefallen und fast erwürgt worden war, bogen sie rechts ab auf dasselbe
Wäldchen zu, von dem aus Tubal und Lewin ihren Wettlauf über den verschneiten
Sturzacker hin gemacht hatten. Die Bauern kannten aber ihr Terrain besser und
wählten einen festgetretenen Fussweg, der auf die Mitte des Gehölzes zulief.
    Hier angekommen, wurde beratschlagt, ob man dasselbe absuchen solle. Der
alte Scharwenka, der seit fünfundzwanzig Jahren immer nur in einem hohen
Federbett geschlafen hatte, hielt es für unmöglich, dass man bei zwölf Grad Kälte
unter freiem Himmel nächtigen und sich mit einer Zudecke von Schneeflocken
behelfen könne; Kniehase war aber anderer Meinung und setzte, sich auf seine
Feldzugserfahrungen berufend, auseinander, dass es nichts Wärmeres gebe als eine
mit Stroh ausgelegte Schneehütte. Daraufhin wurde denn das Absuchen beschlossen;
aber sie kamen bis an den jenseitigen Rand, ohne das geringste gefunden zu
haben. Nirgends weggeschaufelter Schnee, kein Reisig, keine Feuerstelle.
    Man musste sich nun schlüssig machen, ob man sich auf das diesseitige,
zwischen Gorgast, Manschnow und Ratstock gelegene Terrain beschränken oder aber
zugleich auch auf das andere Flussufer übergehen und die ganze Strecke von den
Küstriner Pulvermühlen an bis zum Entenfang und vom Entenfang bis Kirch-Göritz
hin abpirschen wolle. Man entschied sich für das letztere, so dass im
wesentlichen dieselben Punkte berührt werden mussten, an denen Tubal und Lewin,
als sie den Doktor Faulstich besuchten, auf ihrem Hin- und Rückwege
vorübergekommen waren. Dies festgestellt, einigte man sich dahin, dass, um
grösserer Bequemlichkeit willen, die Mannschaften in zwei, nach rechts und links
hin abmarschierende Trupps geteilt werden sollten, was - wenn nichts vorfiel und
an vorausbestimmter Stelle richtig eingeschwenkt wurde - zu einem
Mittagsrendezvous in Nähe des Neu-Manschnower Vorwerks führen musste. Den einen
Trupp führte Kniehase, den anderen Berndt. Bei diesem letzteren waren, ausser
Tubal und Lewin, der junge Scharwenka und Hanne Bogun, der Hütejunge.
    Der Berndtsche Trupp hielt sich rechts. Um einen freien Überblick zu haben,
gaben sie den am diesseitigen Abhang sich hinschlängelnden Fusspfad auf und
erstiegen die Höhe. Das Wetter war klar, aber nicht sonnig, so dass kein Flimmern
die Aussicht störte. Berndt und Tubal hatten einen Vorsprung von fünfzig Schritt
und waren alsbald in einem Gespräch, das selbst die Aufmerksamkeit des ersteren
mehr als einmal von den Aussendingen abzog. Tubal erzählte von seinen
Kinderjahren, seiner in Paris lebenden Mutter, von Katinka und schüttete sein
Herz aus über das unruhige und widerspruchsvolle Leben, das er von Jugend auf
geführt habe.
    »Ich habe kein Recht, die Motive zu kritisieren, die meinen Papa bestimmt
haben mögen, sich zu expatriieren, aber er hat uns durch diesen Schritt, den er
tat, keinen Segen ins Haus gebracht. Unser Name ist polnisch und unsere
Vergangenheit und zu bestem Teil auch unser Besitz, soweit wir ihn vor der
Konfiskation gerettet haben. Und nun sind wir Preussen! Der Vater mit einer Art
von Fanatismus, Katinka mit abgewandtem, ich mit zugewandtem Sinn, aber doch
immer nur mit einer Liebe, die mehr aus der Betrachtung als aus dem Blute
stammt. Und wie wir nicht recht ein Vaterland haben, so haben wir auch nicht
recht ein Haus, eine Familie. Und das ist das Schlimmste. Es fehlt uns der
Mittelpunkt. Katinka und ich, wir sind aufgewachsen, aber nicht auferzogen. Was
wir an Erziehung genossen haben, war eine Erziehung für die Gesellschaft. Und so
leben wir bunte Tage, aber nicht glückliche, wir zerstreuen uns, wir haben halbe
Freuden, aber nicht ganze, und sicherlich keinen Frieden.«
    Dem alten Vitzewitz war kein Wort verlorengegangen. Er kannte das Leben der
Ladalinskis bis dahin nur in den grossen Zügen, und das Ansehen, das der Vater in
einzelnen prinzlichen Kreisen genoss, sein auch jetzt noch bedeutendes Vermögen,
vor allem aber das jeder Engherzigkeit Entkleidete, das alle Mitglieder dieses
Hauses gleichmässig auszeichnete, hatte ihn eine Verbindung mit demselben stets
als etwas in hohem Masse Wünschenswertes erscheinen lassen. Heute zum ersten
Male, während er doch zugleich den Bekenntnissen Tubals mit gesteigerter
Teilnahme folgte, beschlich ihn ein Zweifel, ob es geraten sein würde, das
Schicksal seiner beiden Kinder an das dieser Familie zu ketten.
    Auch Lewin und der junge Scharwenka plauderten lebhaft. Sie waren
gleichalterig, weshalb denn auch Lewin, dem Wunsche des alten Spielkameraden
nachgebend, das ehemalige »Du« beibehalten hatte. Hanne Bogun schritt pfeifend
hinter ihnen und unterhielt sich damit, Vogelstimmen nachzuahmen.
    »Wie steht es mit Maline?« fragte Lewin.
    »Schlecht oder gar nicht, sie hat mir abgeschrieben.«
    »Ich habe davon gehört. Aber du sollst sie ja gekränkt haben; du hättest ihr
ihre Armut vorgeworfen.«
    »Das erzählt Fräulein Renate, die alles glaubt, was ihr Maline sagt. Sehen
Sie, junger Herr, das ist nun das Allerhässlichste an ihr, dass sie nicht die
Wahrheit sagt und mich verschwatzt. Und ich litt' es auch nicht, bloss dass ich
denke, man kann doch nicht wissen, wie es kommt. Und dann will ich die, die
vielleicht doch noch meine Frau wird, nicht schon vorher in aller Leute Mäuler
gebracht haben.«
    »Aber du musst ihr doch etwas zuleide getan oder ihr irgendwas gesagt haben,
das sie dir übelnehmen konnte.«
    »Ja, weil sie alles übelnimmt. In dem Briefe, worin sie mir abschrieb,
stand: Wir Scharwenkas hätten einen Bauernstolz; aber, junger Herr, wenn wir den
Bauernstolz haben, dann haben die Kubalkes den Küsterstolz. Ihr Vater, der alte
Kubalke, hat ja den Kirchenschlüssel, und dann und wann sonntags, wenn der
Pastor Abhaltung hat, liest er uns auch das Evangelium vor. Und er kann auch
Grabschriften machen und Verse zu Hochzeiten und Kindelbier. Daneben müssen sich
denn freilich die Bauern verstecken; wenigstens glauben das alle Kubalkes, als
ob es selber ein Evangelium wäre. Und die kleine Eve drüben in Guse, das ist die
schlimmste, denn die gnädige Gräfin verwöhnt sie jeden Tag mehr.«
    »Aber Maline?«
    »Ja, Maline! Sie ist nicht so schlimm wie die Eve, aber eitel und hochmütig
ist sie auch. Und seit Martini, wo der alte Justizrat hier war und zu ihr sagte:
Maline sei ein wendisches Wort und heisse Himbeere, und sie heisse nicht bloss so,
sie sei auch eine, seit diesem Tage ist mit ihr kein Auskommen mehr. Und wie kam
es denn? Und was hat sie mir denn übelgenommen? Ich sollte ihr das grosse
karierte Tuch holen, und als ich es ihr nun wirklich geholt hatte, da wollte
sie, dass ich es ihr auch umhängen sollte. Da sagte ich zu ihr: Du bist keine
Prinzess, Maline, du bist eines armen Schulmeisters Tochter. Und da verschwatzt
sie mich nun und klagt den Leuten vor, ich hätte ihr ihre Armut vorgeworfen! Und
was war es? Ihren Hochmut hab ich ihr vorgeworfen. Aber Worte verdrehen und
Lügen aufputzen, als ob es die Wahrheit wäre, darauf versteht sie sich. Und wenn
ich ihr nicht so gut wäre - denn der alte Justizrat hat eigentlich recht -, so
wär es schon lange mit uns aus gewesen. Nun ist es auch wirklich vorbei; aber
ich denke doch immer noch, es soll wieder einklingen.«
    Unter solchem Geplauder, das den mitteilsamen Krügerssohn ganz und gar und
den ihm zuhörenden, meist nur Fragen stellenden Lewin wenigstens halb in
Anspruch genommen hatte, hatten beide junge Männer nicht darauf geachtet, dass
das Pfeifen hinter ihnen still geworden war. Als sie sich von ungefähr
umwandten, sahen sie den eine gute Strecke zurückgebliebenen Hanne Bogun, wie
er, die beiden Jagdtaschen von der Schulter streifend, eben im Begriff stand,
eine Kiefer zu erklettern, die sich nach oben hin in zwei weit
voneinanderstehende Äste teilte. Es war dies der höchste Punkt der ganzen
Gegend, und die Absicht des Hütejungen, von hier aus Umschau zu halten, lag klar
zutage. Aber jede Betrachtung über das, was er wolle oder nicht wolle, ging in
dem Schauspiel unter, das ihnen jetzt die Klettergeschicklichkeit des Einarmigen
gewährte. Er klemmte den Stumpf fest, als ob er den Arm selbst gar nicht
vermisse, und geschickt die am schlanken Stamm hin kurz abgebrochenen Aststellen
benutzend, auf denen er sich wie auf Leitersprossen ausruhte, war er noch eher
oben, als die beiden jungen Männer den Weg bis zu der Kiefer hin zurückgelegt
hatten.
    »Was gibt es, Hanne?«
    Er machte von der Gabel aus, in der er jetzt stand, eine Handbewegung, als
ob er nicht gestört sein wolle, und sah dann erst die Flussufer auf- und abwärts,
zuletzt auch ins Neumärkische hinüber. Er schien aber nichts zu finden und
glitt, nachdem er sein Auge den ganzen Kreis nochmals hatte beschreiben lassen,
mit derselben Leichtigkeit wieder hinab, mit der er fünf Minuten vorher
hinaufgestiegen war.
    Er blieb nun, während die beiden jungen Männer rasch weiterschritten, in
gleicher Linie mit ihnen und gab auf die kurzen Fragen, die Lewin von Zeit zu
Zeit an ihn richtete, noch kürzere Antworten.
    »Nun, Hanne, was meinst du, werden wir sie finden?«
    Der Hütejunge schüttelte den Kopf in einer Weise, die ebensogut Zustimmung
wie Zweifel ausdrücken konnte.
    »Ich begreife nicht, dass die Gorgaster und Manschnower ihnen nicht besser
aufpassen. Es gibt doch hier keine Schlupfwinkel, kaum ein Stückchen Wald; dabei
liegt Schnee. Ich glaube, sie haben ihre Helfershelfer; sonst müsste man doch
endlich Bescheid wissen.«
    »Manch een mack et wohl weeten?« sagte der Hütejunge.
    »Ja, aber wer ist manch een?«
    Der Hütejunge lächelte pfiffig vor sich hin und fing wieder an, eine
Vogelstimme nachzuahmen, vielleicht aus Zufall, vielleicht auch, um eine
Andeutung zu geben.
    »Du machst ja ein Gesicht, Hanne, als ob du etwas wüsstest. An wen denkst
du?«
    Hanne schwieg.
    »Es soll dein Schaden nicht sein. Nicht wahr, Scharwenka, wir kaufen ihm
eine Pelzmütze und hängen ihm einen blanken Groschen an die Troddel! Nun, Hanne,
wer ist manch een?«
    Hanne schritt ruhig weiter, sah nicht links und nicht rechts und sagte vor
sich hin: »Hoppenmarieken.«
    Lewin lachte. »Natürlich, Hoppenmarieken muss alles wissen. Was ihr die
Karten nicht verraten, das verraten ihr die Vögel, und was die Vögel nicht
wissen, das weiss der Zauberspiegel. Dieselben Kerle, die sie gewürgt haben,
werden ihr doch nicht ihren Zufluchtsort verraten haben.«
    Der Hütejunge liess sich aber nicht stören und wiederholte nur mit einem
Ausdruck von Bestimmteit: »Se weet et.«
    Während dieses Gespräches hatten alle drei den Punkt erreicht, wo sie, nach
der am Wäldchen getroffenen Verabredung, den auf der Höhe laufenden Fussweg
aufgeben, nach links hin niedersteigen und über den Fluss gehen mussten. Ihnen
gegenüber schimmerte schon der Kirch-Göritzer Turm, aber doch noch gute
fünfhundert Schritt nach rechts hin, woran Lewin deutlich erkannte, dass der
ihnen zu Füssen liegende, mit jungen Kiefern abgesteckte Weg nicht derselbe war,
den er vorgestern mit Tubal passiert hatte, sondern ein Parallelweg, der
wahrscheinlich auf die Ratstocker Fähre zuführte.
    Der alte Vitzewitz und Tubal waren schon halb hinüber, als Lewin erst in den
Kuschelweg einbog. Er sprach nicht, aber desto mehr beschäftigte ihn
Hoppenmarieken. Es erschien ihm jetzt hinfällig, was er seinerseits gegen ihre
Mitwissenschaft gesagt hatte; Streitigkeiten zwischen Diebsgenossen waren am
Ende nichts Ungewöhnliches, und wenn ein Rest von Unwahrscheinlichkeit blieb, so
schwand er doch vor der Bestimmteit, mit der Hanne Bogun sein »Se weet et«
ausgesprochen hatte. War doch der Hütejunge, so sagte sich Lewin, zu dieser
Bestimmteit mutmasslich nur allzu berechtigt. Denn wenn es jemanden auf der
Hohen-Vietzer Feldmark gab, der Hoppenmarieken in ihren Schlichen und Wegen
nachgehen oder doch ihr Treiben auf der Landstrasse, ihre Begegnungen und
Tuscheleien beobachten konnte, so war es eben Hanne, der sommerlang das
Scharwenkasche Vieh hütete und entweder in einem ausgetrockneten Graben oder
versteckt im hohen Korne lag.
    Unter solchen Betrachtungen hatte Lewin die Mitte des Flusses erreicht, der
alte Vitzewitz und Tubal waren schon am jenseitigen Ufer und kletterten eben den
steilen Rand hinauf. Zur Linken Lewins ging der junge Scharwenka, beide nach wie
vor im Schweigen und des Hütejungen nicht achtend, der wieder ein paar Schritte
hinter ihnen zurückgeblieben war.
    Aber in diesem Augenblick drängte sich Hanne, rasch über das Eis
hinschlitternd, an die Seite seines jungen Herrn, zupfte ihn am Rock und sagte,
mit seinem losen Ärmel nach links hin zeigend: »Jungschen Scharwenka, kiek
eens.«
    Des Krügers Sohn blieb stehen, Lewin auch, und beide lugten nun scharf nach
der Richtung hin, die ihnen Hanne bezeichnet hatte.
    »Ich sehe nichts«, rief Scharwenka und wollte weiter.
    Aber Hanne hielt ihn fest und sagte: »Tööf en beten, grad ut, mang de
Pappeln; jjetzt.«
    Hanne hatte recht gesehen. Zwischen zwei Pappeln, die mitten auf dem Eis zu
stehen schienen, wirbelte ein dünner Rauch auf. Dann und wann schwand er, aber
im nächsten Augenblicke war er wieder da.
    »Jetzt haben wir sie! Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Vorwärts!«
    Damit bogen beide junge Männer aus dem querlaufenden Kuschelweg in die
grosse, die Mitte des Stromes haltende und für Schlitten und Wagen bequem
fahrbare Längsallee ein, während Hanne, zu Meldung des Tatbestandes und mit der
Aufforderung umzukehren, an den alten Vitzewitz und Tubal abgeschickt wurde.
    Lewin und der junge Scharwenka setzten inzwischen ihren Weg fort, machten
aber lange Pausen, bis sie wahrnahmen, dass Hanne die beiden bereits am anderen
Ufer Befindlichen eingeholt und ihnen seine Meldung ausgerichtet hatte. Nun
schritten auch sie wieder schneller vorwärts. Bald entdeckten sie, dass das, was
sie kurz vorher noch für eine mit zwei hohen Pappelweiden besetzte Landzunge
gehalten hatten, eine jener kleinen Rohrinseln war, denen man in der Oder so
häufig begegnet. Das einfassende Rohr, wenn auch hier und dort durch die
Schneemassen niedergelegt, liess sich deutlich erkennen; alles aber, was
dahinterlag, war durch eben diesen Einfassungsgürtel verborgen.
    Sie gaben nun auch die grosse Längsallee auf, hielten sich halb links und
tappten sich durch den ausserhalb der Fahrstrasse fusshoch liegenden Schnee auf die
Insel zu. Als sie dicht heran waren, verschwanden ihnen zuerst die
Rauchwölkchen, bald auch die beiden Pappeln, und im nächsten Augenblicke standen
sie vor dem Schilfgürtel selbst. Lewin wollte den Durchgang forcieren,
überzeugte sich aber, dass dies unmöglich sei. Auch war es überflüssig. Während
seiner Anstrengungen hatte der junge Scharwenka einen mannsbreiten Gang
entdeckt, der mit der Sichel durch das Rohr geschnitten war; er winkte Lewin
heran, und beide drangen nun vor, nicht ohne Schwierigkeiten, da der Wind
zahllose Halme in den Gang hineingeweht und diesen an manchen Stellen wieder
verstopft hatte. Endlich waren sie durch den Rohrgürtel, der eine Tiefe von
fünfzehn Schritt haben mochte, hindurch, und das wenige, was noch verblieb, als
eine Art Schirm benutzend, sahen sie jetzt, von gesicherter Stelle aus, auf das
Innere der Insel.
    Das Bild, das sich ihnen bot, war überraschend genug und berührte sie, als
ob sie auf einen leidlich instand gehaltenen Wirtschaftshof blickten. Alles war
von einer gewissen Ordnung und Sauberkeit. Der Schnee lag zusammengefegt zu
beiden Seiten; eine Kuh, die mit dem linken Vorderfuss an eine der beiden Pappeln
gebunden war, nagte von einem durch Strohbänder zusammengehaltenen Heubündel,
während in der Nähe der anderen Pappel ein hochbepackter Schlitten stand, der
unter seiner mit Stricken umwundenen Segelleinwand den Ertrag des letzten Fanges
bergen mochte.
    So der Hof, dessen friedliches Bild nur noch von dem Anblick des als
Wohnhaus dienenden Holzschuppens übertroffen wurde. Dieser Holzschuppen, von
beiden Seiten her mit Schnee umkleidet, nicht viel anders, als ob er in einen
Schneeberg hineingebaut worden wäre, schien aus drei Räumen von verschiedener
Grösse zu bestehen. Die beiden kleinen, die als Stall und Küche dienten, waren
offen, während der dritte, grössere Raum mit zwei alten Brettern und einer
funkelnagelneuen Tür zugestellt war, deren Klinke, Haspenbeschlag und roter
Ölfarbenanstrich über ihren Gorgaster oder Manschnower Ursprung keinen Zweifel
gestattete. Vor dem aufgemauerten Herd, auf dem ein mässiges Reisigfeuer brannte,
stand, mit Abschäumen und Töpferücken beschäftigt, eine noch junge Frau, dann
und wann zu einem Blondkopf sprechend, der auf einem Futtersack dicht an der
Schwelle sass. Als Rauchfang, wie Lewin deutlich erkennen konnte, diente ein
Ofenrohr, das zwei Handbreit über das Schneedach hinausragte. In dem offenen
Stalle stand ein Pferd und klapperte mit der Eisenkette.
    »Das ist Müller Krieles Brauner«, sagte Scharwenka.
    Beide junge Männer zogen sich nach dieser ihrer Rekognoszierung wieder an
den äusseren Rand des Schilfgürtels zurück, um hier auf die Ankunft ihres
Sukkurses zu passen. Sie hatten nicht lange zu warten. Berndt und Tubal, von dem
Hütejungen gefolgt, waren bereits dicht heran, und gleich darauf drängten alle
fünf, durch den schmalen Gang hin, wieder auf den Punkt zu, von wo aus Lewin und
der junge Scharwenka ihre Beobachtungen angestellt hatten. Im Flüstertone wurde
Kriegsrat gehalten und das Abkommen getroffen, dass Tubal und Hanne Bogun auf die
Frau losspringen, die beiden Vitzewitze samt ihrem Krügerssohn aber in den mit
den zwei Brettern und der roten Tür zugestellten Raum eindringen sollten.
    Es war sehr wahrscheinlich, dass sich die Strolche, um den auf ihren
nächtigen Streifzügen versäumten Schlaf wieder einzubringen, hier zur Ruhe
niedergelegt hatten; erwies sich diese Voraussetzung aber auch als Irrtum, so
hatte man wenigstens die Frau, mit deren Hilfe es nicht schwerhalten konnte, die
etwa ausgeflogenen Vögel einzufangen.
    »Eins, zwei, drei!« ein Sprung über den Hof hin, und im nächsten Moment
schrie die Frau auf, während Berndt und Scharwenka, gefolgt von Lewin (der
Bretter und Tür mit leichter Mühe niedergerissen hatte), in den mit Blak- und
Branntweindunst angefüllten Raum hineindrängten. Das hell einfallende Tageslicht
liess alles rasch erkennen. An den Wänden, links und rechts hin, standen zwei
kienene Bettstellen, die, wie draussen die rotangestrichene Tür, einst bessere
Tage gesehen haben mochten. Jetzt waren sie mit Strohsäcken bepackt, auf und
unter denen, in voller Kleidung, zwei Kerle mit übrigens noch mehr gedunsenem
als verwildertem Gesicht in festem Schlafe lagen.
    »Ausgeschlafen?« donnerte Berndt und setzte dem an der rechten Wand
Liegenden den Kolben auf die Brust.
    Der so Angeschriene fuhr sich schlaftrunken über die Augen und starrte dann
mit einem Ausdruck, in dem sich Schreck und Pfiffigkeit zu einer Grimasse
verzogen, auf den alten Vitzewitz, der, als er den guten Effekt sah, den die
Überraschung ausgeübt hatte, das Gewehr wieder ruhig über die Schulter hing und
beiden Strolchen zurief. »Macht euch fertig!«
    Im Nu waren sie auf den Beinen; beide mittelgross und Männer von Vierzig. Der
eine war nach Landessitte in eine dickwollene Tagelöhnerjacke, der andere in
einen französischen Soldatenrock gekleidet, beide mit Holzschuhen an den Füssen,
aus denen lange Strohhalme heraussahn. Ihren Anzug aufzubessern, dazu war nicht
Zeit noch Gelegenheit. Auf einer als Tisch dienenden Kiste stand ein Blaker mit
niedergeschweltem Licht; daneben zwei bauchige Flaschen von grünem Glase, drin
ein Korbmuster eingedrückt war, auch ein Czako und eine Filzmütze. Sie bedeckten
sich damit, liessen die Flaschen, in denen noch ein Rest sein mochte, in ihre
Tasche gleiten und stellten sich dann in eine Art von militärischer Positur, wie
um ihre Marschbereitschaft auszudrücken. Berndt machte eine Handbewegung:
»Vorwärts!«
    Draussen drängte sich der im Soldatenrock an die Seite des jungen Scharwenka
und fragte mit einer halben Vertraulichkeit: »Wohenn geiht et?«
    »An den Galgen!«
    Der Strolch grinste. »Na, Jungschen Scharwenka, so dull sall et ja woll nich
wihren!«
    »Ihr kennt mich?«
    »Wat wihr ick Se nich kennen? Ick bin ja Muschwitz von Grossen-Klessin.«
    »So, so; und der andere?«
    »Rosentreter von Podelzig.«
    Der junge Scharwenka warf den Kopf in die Höhe, als ob er sagen wollte: »So
sieht er auch aus.« Damit schritten sie über den Hof auf den schmalen Gang zu,
der durch das Schilf führte.
    Eine halbe Stunde später hatte die kleine Kolonne den vorausbestimmten
Rendezvousplatz, das Neu-Manschnower Vorwerk, erreicht. Sie fanden den
Kniehaseschen Trupp, der keinen Aufentalt gehabt hatte, schon vor. Krull und
Reetzke, nachdem alles erzählt worden, was zu erzählen war, erboten sich, den
Gefangenentransport, der auf Frankfurt ging, zu übernehmen: eine Verstärkung
dieser Eskorte war nicht nötig, da sowohl Muschwitz wie Rosentreter froh
schienen, ihre Winterhütte mit unfreieren, aber bequemeren Verhältnissen
vertauschen zu können. Die Frau, in betreff deren Zweifel herrschten, wem von
den beiden sie zugehörte, folgte stumm, einen kleinen Schlittenkasten ziehend,
in den sie das Kind hineingesetzt hatte.
    Die Hohen-Vietzer traten gleichzeitig mit dem Abmarsch der Gefangenen ihren
Rückweg an. Und zwar über das am diesseitigen Ufer liegende Manschnow. An der
Mühle vorüberkommend, teilten sie dem alten Kriele mit, in welchem Stalle er
seinen Braunen wiederfinden würde; auf dem Schulzenamte aber wurde Befehl
zurückgelassen, dass die Manschnower, zu deren Revier die Insel gehörte, den
Schuppen durchsuchen und durchgraben und alles geraubte Gut, das sich etwa
finden würde, nach Frankfurt hin abliefern sollten.
 
                              Sechzehntes Kapitel
                          Von Kajarnak, dem Grönländer
Um zwei Uhr waren unsere Hohen-Vietzer wieder in ihrem Dorf und eine halbe
Stunde später wusste jeder bis auf die letzten Lose hinaus, dass die Strolche
gefunden und auf dem Wege nach Frankfurt seien. Im Kruge, wo sich bald einige
Bauern, auch Kallies und Kümmritz, versammelten, entsann man sich Muschwitzens
sehr wohl, der immer ein Tagedieb und Taugenichts gewesen sei, und erging sich
in Vermutungen, woher er den französischen Soldatenrock genommen haben könne,
Vermutungen, die mit Totschlag begannen und über qualifizierten Diebstahl hin
einfach bei Tausch oder Kauf endigten. Dies letztere war denn auch das
wahrscheinlichste. In Küstrin, wo der Typhus jeden Tag die Reihen der
französischen, zum Teil aus Hessen und Westfalen bestehenden Garnison lichtete,
war zu solchen »Geschäften unter der Hand« die reichlichste Gelegenheit gegeben.
Von Rosentreter wusste niemand. Das Lob des Hütejungen war auf aller Lippen.
    Auch im Herrenhause riss das Erzählen gar nicht ab. Katinka und Tante
Schorlemmer wollten alles bis auf die kleinsten Züge wissen, und als es unten im
Wohnzimmer nichts mehr zu berichten gab, wurde oben in Renatens Krankenzimmer
das Berichterstatten fortgesetzt. Lewin sass eine Stunde lang an ihrem Bett und
liess der Reihenfolge nach erst das Absuchen des Wäldchens, dann den Überfall und
den Transport der Gefangenen an ihrem Auge vorüberziehen. Nichts wurde
vergessen; namentlich hob er aus seinem Gespräche mit dem jungen Scharwenka
hervor, dass Maline unrecht habe, pries Hanne Boguns Umsicht und schilderte
schliesslich den Eindruck, den die auf dem Rohrwerder mitgefangene Frau auf ihn
gemacht habe.
    So kam die Tischstunde heran. Der alte Vitzewitz war in bester Laune, und so
unbequem es ihm sein mochte, mit seiner Hypotese von den »Marodeurs« und
»Deserteurs« eine arge Niederlage erlitten zu haben, so gewann er es doch über
sich, was sonst nicht seine Art war, über sich selbst und seinen Rechnungsfehler
zu scherzen. Wusste er doch, dass er schliesslich recht behalten würde. Alles war
nur Frage der Zeit.
    Gleich nach Tisch sollte zu Graf Drosselstein nach Hohen-Ziesar
hinübergefahren werden; Tubal und Katinka schuldeten ihm ohnehin noch ihren
Besuch, der, wenn er überhaupt noch gemacht werden sollte, nicht hinausgeschoben
werden konnte. Denn am andern Tage schon sollte von Schloss Guse aus die Rückkehr
beider Geschwister nach Berlin angetreten werden. Krist mit den Ponies hielt
schon vor der Treppe, als die Tafel aufgehoben wurde; wenige Minuten später bog
der Wagen von der Auffahrt her in die Dorfstrasse ein. Katinka, einer ihrer
Passionen folgend, hatte die Leinen genommen und fuhr. Als sie an Miekleis Mühle
vorüberkamen, begegnete ihnen Doktor Leist von Lebus, der sich getreulich
einstellte, um nach seiner Kranken zu sehen. Nur kurze Grüsse wurden gewechselt.
    Alte-Doktor Leist, der seit zwanzig Jahren im Hohen-Vietzer Herrenhause so
gut Bescheid wusste wie in seinem eigenen, stieg, nachdem er ein paar Worte mit
Jeetze gewechselt und von dem grossen Ereignis des Tages gehört hatte, treppan
und trat bei Renaten ein.
    Nur Maline war bei ihr. Das Schlafzimmer, jetzt auch Krankenzimmer, lag auf
der der Gerichtsstube entgegengesetzten Seite des Hauses und war nur durch eine
Giebelwand von dem mehrgenannten alten Querbau getrennt, der ehedem als
Bankettsaal, dann als Kapelle gedient und nun längst schon seine früheren
Bestimmungen mit der bescheidenen einer grossen Obst- und Rumpelkammer vertauscht
hatte. Am Ende des Korridors befand sich eine schmale Tür, die mit Hilfe einer
hochstufigen Treppe die Verbindung mit diesem alten Querbau unterhielt. Doktor
Leist trat an das Bett der Kranken, fühlte den Puls und sagte dann, während er
eine fieberstillende Arzenei auswickelte:
    »Hier bring ich etwas. Der alte Doktor Leist ist wie der Weihnachtsmann; er
bringt immer etwas mit.«
    »Nur der Weihnachtsmann bringt Süsses, und Doktor Leist bringt Bitteres.«
    »Nicht doch, nicht doch, Renatchen. Da sollten Sie den alten Leist doch
besser kennen. Der weiss, was sich schickt, und kennt seine deutschen
Sprichwörter. Gleich und gleich gesellt sich gern. Und für so liebe kleine
Fräuleins ist das Bittere gar nicht da.«
    »Also sauer?«
    »Sauer und süss; eine Doppellimonade.«
    »Das ist recht. Ich fürchte mich vor jedem Löffel Medizin. Aber eine
Doppellimonade, das mag gehen. Und wie ist es mit der Diät, Doktorchen?«
    »Nicht zu streng. Sagen wir ein Biskuit und etwas gestowtes Obst.«
    »Nicht auch frisches?«
    »Allenfalls auch frisches. Aber mit Auswahl. Etwa einen mürben Gravensteiner
oder eine Kalville.«
    »Danke, danke. Die lieb ich gerade sehr. Und darf ich mir auch etwas
vorplaudern lassen? Von Maline?«
    »Gut, gut.«
    »Oder von Tante Schorlemmer?«
    »Noch besser. Sie wird, denk ich, mehr kalmieren als irritieren. Und das ist
genau, was wir brauchen.«
    Damit empfahl sich Doktor Leist und versprach, am andern Tage
wiederzukommen.
    Der Alte war kaum fort, als Renate Malinen heranwinkte.
    »Nun nimm eine Fussbank und setze dich zu mir; hier dicht an mein Bett. Wir
haben ja des Doktors Erlaubnis. Und nun gib mir deine Hand. Ach, wie schön kühl
du bist. Wenn ich nur eine ruhige Nacht hätte! Aber ich habe immer Bilder vor
den Augen.«
    »Das ist das Fieber.«
    »Ja, das Fieber. Und das quält mich, dass ich den Anblick der armen Frau
nicht loswerden kann.«
    »Welcher Frau?«
    »Die sie heute mittag auf dem Rohrwerder mit aufgespürt haben. Lewin sagte
mir, dass kein rohes Wort, nicht einmal eine Klage über ihre Lippen gekommen
sei.«
    »Aber, Fräulein, es ist ja eine Diebin. Und keiner weiss, wem sie zugehört.
Krist sagte mir: sie hat zwei Männer oder keinen. Und das ist doch schlimm, das
eine wie das andere.«
    »Ich habe doch Mitleid mit ihr, und so recht eigentlich schlecht kann sie
nicht sein; denn sieh, sie hat nicht an sich gedacht, sondern erst an ihr Kind
und hat es in einen kleinen Schlittenkasten gepackt und es mit sich genommen.
Und nun seh ich immer die lange Frankfurter Pappelallee vor mir, die kein Ende
nimmt und weit, weit am Horizonte zu einem Punkte zusammenläuft. Und zwischen
den Pappeln geht die Frau und zieht den Schlittenkasten, in dem das Kind sitzt,
und wenn sie aufwärts, abwärts an den Punkt kommt, wo die Pappeln ein Ende zu
nehmen schienen, dann tut sich eine neue Allee auf, die noch länger ist und
wieder in einem Punkte zusammenläuft. Und die Frau wird immer matter und müder.
Es peinigt mich. Ich wollte, dass ich das Bild loswerden könnte.«
    »Krull und Reetzke sind ja gute Leute und werden ihr nicht mehr auflegen,
als sie tragen kann.«
    »Es sind Bauern, und Bauern sind hart und taub. Ich wollte, der junge
Scharwenka hätte den Transport übernommen. Der ist schon anders und lässt mit
sich reden.«
    »Der?« fragte Maline.
    »Ja, der. Und du musst dich nicht gleich verfärben, wenn ich bloss seinen
Namen nenne. Er hat mit Lewin gesprochen und ihm seine Not geklagt.«
    »Er verklagt mich überall.«
    »Das sagt er auch von dir. Und nun höre mich an, Maline, und wirf nicht den
Kopf. Wir waren immer gute Freunde; so lass dir raten und sei nicht eigensinnig.«
    Aber ehe Renate weitersprechen konnte, barg Maline den Kopf in ihrer Herrin
Bettkissen und fing heftig an zu schluchzen.
    »Und nun wirst du gar noch weinen! Aber weine nur. Es ist das erste
Zugeständnis, dass du unrecht hast und dass der kleine Trotzkopf es nur noch nicht
eingestehen will.«
    »Er hat mir meine Armut vorgeworfen.«
    »Nein, das hat er nicht. Er hat dir deinen Hochmut vorgeworfen. Und da hat
er recht. Und er hat auch recht in allem, was er von euch Kubalkoschen Mädchen
sagt. Das ist ein ewiges Nasenrümpfen und Vornehmtun von dir und der kleinen Eve
drüben, und das lassen sich die Bauern nicht gefallen. Ihr wollt beide wie
Stadtmädchen sein.«
    Maline nickte.
    »Und was hättest du denn in der grossen Stadt? Ein bisschen Putz und ein paar
Anbeter mehr. Aber was käme für dich dabei heraus? Ein städtisches Elend und
eine Stabstrompeter oder Kassenbotenfrau. Nein, Maline, bleib in Hohen-Vietz; es
ist ein Glück, das du machst; sind doch die Scharwenkas die reichsten Leute im
Dorf, und nicht die schlechtesten. Und er liebt dich und kann nicht von dir los,
trotzdem er eigentlich möchte. Und siehe, das ist so recht die Liebe, wie ich
sie mir auch immer gewünscht habe, dass man einen vor Ärger umbringen und
zugleich vor Sehnsucht totküssen möchte.«
    »Wie gut Fräulein Renate das alles beschreiben können. Aber er muss kommen.«
    »Nein, du musst kommen.«
    Maline seufzte. Dann aber plötzlich bedeckte sie Renatens Hand mit Küssen,
und aufatmend, als ob eine grosse Last von ihr genommen wäre, sagte sie: »Wie
leicht mir wieder ums Herz ist! Ach, Fräulein, Fräulein, er ist ja doch der
beste Mensch von der Welt. Und es ist auch hübsch von ihm, dass er sich nicht
alles gefallen lässt. Ein Mann muss doch ein Mann sein. Und eigentlich kann ich
ihn ja doch um den Finger wickeln.«
    Es schlug sieben, und Maline erhob sich, um der Kranken ihre Medizin zu
geben.
    »Doktor Leist hat recht; es schmeckt wie eine Doppellimonade. Und nun hole
mir noch ein paar Kalvillen. Hier schräg unter uns aus dem alten Saal. Aber nimm
den Wachsstock und sieh dich vor auf der Treppe; die Stufen sind so ausgelaufen.
Und verfitze dich auch nicht in dem Bohnenstroh.«
    Maline sah vor sich hin. Dann sagte sie verlegen: »Ich möchte die Äpfel doch
lieber aus der Speisekammer holen, nicht aus dem alten Saale.«
    »Aber wozu den weiten Weg? Wir sind ja hier Wand an Wand. Ein paar Stufen
und du bist unten. Die Kalvillen liegen links neben dem Altar.«
    »Ich kann nicht gehen, Fräulein Renate.«
    »Was ist dir?«
    »Ich fürchte mich.«
    »Weshalb?«
    »Er betet wieder.«
    »Wer?«
    »Der alte Mattias.«
    Renate schloss einen Augenblick die Augen und sagte dann mit erkünstelter
Ruhe: »Ich bin ihm nie begegnet. Glaubst du daran?«
    »Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, was mir die Ruschen, die alte Jätefrau,
immer gesagt hat: Wer den Spuk verschwört, dem erscheint er.«
    »Und wer hat ihn gesehen?«
    »Nachtwächter Pachaly.«
    »Wann?«
    »Letzte Nacht.«
    »Erzähle, was du gehört hast.«
    »Ich mag nicht. Fräulein Renate werden sich erschrecken und kränker werden.«
    »Nein, nein, ich will es wissen.«
    »Nun gut denn. Also Krist und Pachaly hatten die Wache. Jeetze kam auch; ich
sah ihn, als ich um die zehnte Stunde nach Hause kam, denn es gefiel mir nicht
im Krug, und ich wollte nicht tanzen. Das gnädige Fräulein werden schon wissen,
warum ich nicht tanzen wollte. Aber das muss ich sagen, er tanzte auch nicht.«
    Renate nickte, während Maline die Hand ihrer jungen Herrin küsste und dann
fortfuhr:
    »Jeetze hatte sich Krists grauen Mantel angezogen und einen alten Säbel
darübergeschnallt. Es war zum Lachen. Als der gnädige Herr ihn sah, wurd er
ärgerlich und sagte: Das ist nichts für dich, Jeetze. Du hast deine Zeit gehabt.
Und dann trat er zu Krist und Pachaly und befahl ihnen, dass sie sich immer in
Nähe des Hauses halten sollten. Krist, du nimmst die Parkseite, und Pachaly, Ihr
nehmt die Dorfseite, und bei dem grossen Mittelfenster des alten Saales trefft
ihr zusammen. Und haltet euch immer so, dass ihr euch anrufen könnt. Das alles
hört ich noch mit meinen eigenen Ohren. Aber das andere hab ich von Pachaly.«
    »Nun?«
    »So gingen sie denn wohl zwei Stunden. Es war ganz still. Nur vom Krug her,
wo man noch nichts wusste, hörten sie Musik. Krist, den jetzt zu frieren anfing,
trat in die Hoftür und schlug Feuer an, um sich eine warme Pfeife zu stopfen.
Dadurch kam es, dass sie sich für dies eine Mal bei dem grossen Mittelfenster
nicht trafen und dass Pachaly den langen Querbau allein passieren musste. Als er
an das letzte Fenster kam, sah er Licht; er trat näher heran und hob sich auf
die Fussspitzen. Da sah er, dass das alte Bild erleuchtet war, und vor dem Altar
kniete einer und betete. Er hatte aber keine Stimme zum Rufen. Indem kam Krist
heran, und er winkte ihm. Dieser sah auch noch den Schein; als er aber an die
Stelle treten wollte, wo Pachaly eben gestanden hatte, losch alles aus, und es
war wieder dunkel. Sie hörten nur noch Schritte und ein Knistern im Stroh, das
vor den Stufen lag.«
    Renate hatte sich höher aufgerichtet. Die Wand, an der sie lag, war die
Giebelwand, an deren anderer Seite - nur um eine Treppe tiefer - der alte Altar
sich befand. Eine Herzensangst befiel sie. Sie hatte das Bedürfnis eines
Zuspruchs, den ihr Maline nicht geben konnte; so sagte sie: »Du solltest mir
Tante Schorlemmer rufen.«
    Maline ging. Als sie aber eben die Tür öffnen wollte, rief ihr Renate nach:
    »Nein, bleib!« Und dann wieder ihrer Furcht sich schämend, setzte sie hinzu:
»Nein, geh; ich will mich bezwingen.«
    Es vergingen Minuten. In dem nur matt erleuchteten Zimmer bewegten sich die
Schatten hin und her; ihr fiebriges Auge folgte diesem Tanz und haftete zuletzt
auf der Bilderreihe, die an der anderen Wand des Zimmers hing. Es waren
englische Buntdruckbilder, eines ein gotisches Portal darstellend, in dem eine
Ampel hing und durch das hindurch man auf einen Altar blickte. Alles in
vorzüglicher Perspektive und der Altar nur ein Punkt. Sie sah ihn nicht, sie
wusste nur, dass er da war. Und vor ihrem Auge wuchs jetzt das Portal, und der
Altar wuchs, und vor den Stufen des Altars kniete wer. Es schlug ihr das Herz,
und sie konnte doch von dem Bilde nicht lassen.
    Da hörte sie Schritte draussen, und gleich darauf trat Tante Schorlemmer ein,
noch die Wirtschaftsschürze vor, ein sicheres Zeichen, dass sie von Herd oder
Küche abgerufen worden war. Maline, die wegen ihrer Spukgeschichte ein
schlechtes Gewissen haben mochte, war zurückgeblieben.
    »Wie gut, dass du kommst, liebe Schorlemmer. Ich habe eine rechte Sehnsucht
nach dir gehabt. Du musst ein bisschen mit mir plaudern. Aber erst gib mir deine
Hand; so - und nun gib mir zu trinken.«
    »Gott, wie du fieberst, Kind. Man darf euch auch keine halbe Stunde allein
lassen. Und ich musste doch die Hasen spicken. Auf Stinen ist kein Verlass; das
nennt sich Köchin und weiss kaum, dass der Hase sieben Häute hat. Nun trink, mein
Renatchen. Ich werde noch einen Löffel Himbeeressig hineintun; das kühlt. Hast
du denn auch eingenommen?«
    Renate leerte das Glas, das ihr Tante Schorlemmer gereicht hatte, und sank
dann erschöpft in ihre Kissen. Aber die Angst, die sie bis dahin beherrscht
hatte, war doch von ihr gewichen, und als ob sie plötzlich im Schutze guter
Geister sei, sagte sie ruhig: »Glaubst du an Gespenster?«
    »Dacht ich's doch. Hat die Maline wieder nicht reinen Mund halten können. In
der Küche plappert das auch den ganzen Tag schon. Und da ist einer wie der
andere. Nur den Pachaly hätt ich für gescheiter gehalten. Denn er hält sich zu
Uhlenhorst; und das muss man den Altluterischen lassen, dass sie von solcher
Schwachheit und Narrheit nichts wissen wollen. Sie haben eben den Glauben, und
der lässt den Aberglauben nicht aufkommen.«
    »Liebe Schorlemmer«, sagte Renate, »du bist so gut, aber einen kleinen
Fehler hast du doch. Alles, was dir nicht passt, das ist für dich nicht da, und
wenn es doch da ist, so glaubst du es mit einem guten Spruch aus der Welt
schaffen zu können.«
    »Ja, mein Renatchen, das kann ich auch. Mit einem guten Spruch ist viel
auszurichten. Und wer an Gott und Jesum Christum glaubt, der fürchtet keine
Gespenster.«
    »Du musst mir nicht ausweichen wollen. Ich will nicht wissen, wer sich vor
Gespenstern fürchtet und wer nicht; ich will nur wissen: Gibt es Gespenster?«
    »Nein.«
    »Und doch lebst du hier unter uns, die wir seit hundert Jahren, wie so viele
alte Häuser, ein Hausgespenst haben. Wenigstens erzählen es die Leute. Lewin ist
überzeugt, dass sie recht haben; du lächelst; nun gut, das soll nicht viel
bedeuten. Aber auch der Papa glaubt daran, und du weisst besser als ich, dass er
fest im Glauben steht. Es ist keine sechs Wochen, dass wir den Fall mit Krists
Wilhelm hatten. Und nun Pachaly! Er ist doch ein verständiger Mann. Ich sage
nicht, ja, wo du, nein sagst, aber ich mag wenigstens die Möglichkeit nicht
bestreiten.«
    »Ich tue es. Wo es nicht Lug und Trug ist, ist es Sinnentäuschung. Die Toten
sind tot.«
    »Lass dir etwas erzählen. Ich fand einmal ein Buch, in dem las ich, dass
nichts unterginge und dass an einem bestimmten Tage alles wiederkäme, die grosse
und die kleine Welt, Mensch und Tier, auch die sogenannten leblosen Dinge. Ich
würde also nicht nur dich wiedersehen und Malinen, auch Hektor und den
englischen Buntdruck mit dem gotischen Portal und dem Altar, der dort drüben an
der Wand hängt. Und diese durch ein Reinigungsfeuer gegangene Welt, diese
verklärte Spiegelung von allem, was je dagewesen ist, würde die Seligkeit sein.
Es war ein frommes Buch, in dem ich das alles fand, und ich habe nichts gelesen,
das einen tieferen Eindruck auf mich gemacht hätte. Und nun frag ich dich, was
ist ein Gespenst anders als ein vorausgesandter Bote dieser verklärten Welt?«
    »Es ist doch, wie ich sage: die Toten sind tot. Und die verklärte Welt, die
kommen wird, ist eben keine Welt von dieser Welt. Sie harret unserer, aber nicht
hier, nicht in der Zeitlichkeit. Nur einer ist, der wieder unter den Menschen
erschienen, das war auf dem Wege nach Emmaus. Aber dieser eine war Christus der
Herr, der Sohn des allmächtigen Gottes. Sieh, Renatchen, es muss doch einen Grund
haben, dass sich die Gespenster nur an bestimmten Orten finden. In Hohen-Vietz
gibt es ihrer, in Herrnhut nicht. Und auch da nicht, wo Herrnhut am Nord- oder
Südpol seine Hütten und Häuser baut. Wenigstens in diesen Hütten und Häusern
nicht. So hab ich es selbst erfahren. In Grönland, rings um uns herum, sahen die
Grönländer, die wohl hundert Spuke haben, ihre Gespenster ruhig weiter, aber in
unserem Missionshause hat sich keins blicken lassen. Ein Herrnhuter und ein
Spuk, das verträgt sich nicht. Und das, mein Renatchen, machen doch die Sprüche,
von denen du meinst, dass ich mir einbildete, alles Böse damit aus der Welt
schaffen zu können.«
    »Sei wieder gut, Schorlemmerchen. Und zum Zeichen, dass du es bist, erzähle
mir etwas von den Grönländern. Du bist nun sechs Jahre in Hohen-Vietz, und ich
weiss kaum, wie der Ort hiess, an dem du so lange gelebt und geschafft und Liebes
begraben hast. Erzähle mir davon, aber nichts von den grönländischen
Gespenstern; ich habe an unseren Hohen-Vietzern über und über genug. Plaudere
mir etwas Stilles und Heiteres vor, etwas Frommes, das mich erhebt und mich
anweht wie mit himmlischer Kühlung. Denn mich verlangt nach Kühle. Aber gib mir
erst von der Medizin. Es muss acht Uhr vorüber sein.«
    Tante Schorlemmer tat, wie ihr geheissen; dann nach Renatens Strickzeug
suchend, um Beschäftigung für ihre Hände zu haben, setzte sie sich, als alles
gefunden und vorbereitet war, in den hohen Lehnstuhl und sagte: »Nun, womit
beginnen wir?«
    »Natürlich mit dem Anfang; also mit dem Lande selbst. Ich habe mal ein Bild
gesehen: Felsen und Wasser und Eisberge und Schnee; am Ufer lag eine Robbe;
daneben um den Vorsprung sass ein weisser Fuchs, während auf der Felsenkante
dicke, kurzbeinige Vögel hockten. Ich glaube, sie hiessen Pinguine.«
    »Es ist nicht ganz so, aber es mag passieren, und ich verzichte darauf, an
deinem Bilde zu verbessern.«
    »Doch, doch, ich will nicht bloss unterhalten sein, ich will auch lernen.«
    »Nun gut denn. So denke dir einen endlosen Küstenstrich, viele hundert
Meilen lang, aber nur wenige hundert Schritte breit. Vor diesem Streifen liegt
das Meer, mit tausend Inselchen betüpfelt, und hinter diesem Streifen liegt das
Gebirge, das der Quere nach geborsten und zerklüftet ist, und aus diesen Klüften
stürzen die Wasser dem Meere zu.«
    »Ich möcht es sehen.«
    »In einer solchen Kluft lag auch unsere Kolonie. Ich sage lag; sie liegt
aber noch da und wird, so Gott will, noch manchen Tag über dauern. Und diese
Kolonie hiess Neu-Herrnhut. Zu meiner Zeit hatte sie zwanzig Häuser.«
    »Das ist wenig.«
    »Wenig und viel. Aber wie würdest du erst staunen, wenn du diese Häuser
gesehen hättest. Als Lewin heute mittag den in den Schnee hineingebauten
Holzschuppen auf dem Rohrwerder beschrieb, stand auf einmal das Haus vor mir,
das ich mit meinem lieben Seligen zehn Jahre lang bewohnt habe. Es war auch in
drei Teile geteilt, Stall und Stube, und eine Küche dazwischen. Und was nannten
wir unser? Ein Bett und eine Truhe, und darüber ein paar Pflöcke und Riegel, an
denen unsere Habseligkeiten hingen. Auf dem Tische stand eine Lampe, und daneben
lag Gottes Wort. Das fehlte nun freilich auf dem Rohrwerder und war doch unser
Bestes, unser einziger Trost in Not und Gefahr.«
    »Und waret ihr denn in Gefahr?«
    »Nicht vor den Menschen, oder doch nur selten. Denn die Grönländer sind ein
sanftes, stilles und sittsames Volk und verstehen es, ihre Leidenschaften zu
verbergen.«
    »Ich dachte mir, sie wären verzwergt und abergläubisch und sähen aus wie
Hoppenmarieken.«
    »Da hast du es wieder halb getroffen. Aber zur andern Hälfte nicht. Denn
Hoppenmarieken ist roh, und die Grönländer sind fein. Man hört keinen Zank und
keinen Streit, ja ihrer Sprache fehlen die Schimpf-und Schelteworte.
Beleidigungen rächen sie durch Witz und Spöttereien, zu denen der Kläger den
Beklagten wie zu einem Zweikampf herausfordert, und wer die meisten Lacher auf
seiner Seite hat, der hat gesiegt. Es ist ihnen überhaupt die Gabe verliehen,
sich leicht und zierlich auszudrücken. Sie sind gastfrei und gesellig, und zur
Zeit der Wintersonnenwende gibt es Tänze und Ballspiel und Gesänge unter
Begleitung einer Trommel. Sie sind sich übrigens ihrer guten Manieren wohl
bewusst, und wenn sie einen Fremden loben wollen, so sagen sie: Er ist so sittsam
wie wir.«
    »Da müsst ihr ihrem Selbstgefühl gegenüber oft einen schweren Stand gehabt
haben. Denn ich entsinne mich, dass Pastor Seidentopf, als wir noch zum
Unterrichte gingen, zu Marie und mir sagte: Ein schlichter und ein grosser Sinn
passen gleich gut zu den Offenbarungen des Christentums, aber ein eitler Sinn
widerstrebt ihnen hartnäckig.«
    »Dafür muss ich ihm eigens noch danken, denn die Wahrheit dieses Satzes haben
wir manchen lieben Tag in unserer Kolonie erfahren müssen. Es ging nicht
vorwärts. Wenn wir heut einen Zollbreit gewonnen zu haben glaubten, so verloren
wir ihn morgen wieder an die Angekoks.«
    »An die Angekoks?«
    »Ja. Das sind nämlich die Wahrsager und Zauberer, meist listige Betrüger,
unter denen aber auch Schwärmer vorkommen, die Visionen haben oder sich dessen
wenigstens rühmen. Sie vermitteln den Verkehr mit den beiden grossen Geistern;
indem sie den guten Geist anrufen und den bösen Geist bannen, von denen übrigens
der gute Geist männlich und der böse weiblich ist.«
    »Ei, ei, das ist aber doch ein Mangel an Galanterie, der an so feinen Leuten
wie die Grönländer, die nicht einmal Schimpf- und Scheltworte haben, mich
überrascht.«
    »Und doch, mein Renatchen, geduldig von uns hingenommen werden muss, denn
überall ist es Eva, die verführt und aus dem Paradiese treibt. Aber ich sprach
von den Angekoks. Ihr natürlicher Scharfsinn kam ihnen in ihrem Widerstande
gegen uns zustatten, und an Verspottungen, wie sie schon unser Herr und Heiland
zu tragen hatte, fehlte es auch uns nicht, die wir uns in Demut zu ihm
bekannten. Aber da erbarmte sich Gott unserer Not, und das ist denn nun die
Geschichte von Kajarnak, die ich dir, wenn du noch Geduld hast, wohl erzählen
möchte.«
    »Was ist Kajarnak?«
    »Ein Name. Der Name eines Grönländers aus dem Süden. Denn es gibt südliche
und nördliche Grönländer, die, nach Art aller Halbnomaden, ihre Zelte bald hier,
bald dort im Lande aufschlagen, um nach einer bestimmten Zeit an ihre alten
Wohnplätze zurückzukehren. Und so kam denn, auf einem solchen Jagd-und
Wanderzuge, ein südländischer Trupp in unsere Kolonie, um einen Tag oder eine
Woche unter uns zu rasten. Es waren hundert oder mehr. Wir hiessen sie
willkommen, und Mattäus Stach, der damals an der Spitze unserer Kolonie stand
und dem noch Friedrich Böhnisch und mein guter Schorlemmer als Gehilfen
beigegeben waren, liess bei ihnen anfragen, ob sie an einer unserer
Missionsstunden teilnehmen wollten. Dies wird dich vielleicht wundern; aber du
musst wissen, dass sie es über die Massen lieben, einen Wortstreit zu führen und
sich mit Hilfe des Witzes, den sie haben, ihrer Überlegenheit bewusst zu werden.
Es kamen denn auch viele. Wir hatten eben unsere Plätze eingenommen, und
Mattäus Stach las ihnen ein Kapitel aus dem Evangelium Johannis vor, das er
kurz vorher ins Grönländische übersetzt hatte. Sie hörten aufmerksam zu; die
meisten lächelten; aber einige zeigten doch eine Teilnahme. An diese wandte sich
jetzt unser Bruder und fragte sie, ob sie an eine unsterbliche Seele glaubten.«
    »Aber du wolltest ja von Kajarnak erzählen.«
    »Ich bin schon mitten in seiner Geschichte. Also Mattäus Stach fragte sie,
ob sie an eine unsterbliche Seele glaubten? Sie antworteten: Ja! Und nun begann
er zu ihnen vom Sündenfall und von der Erlösung zu sprechen. Ich höre noch seine
Stimme, denn er war ein Mann von besonderen Gaben. Da tat der Herr einem unter
ihnen das Herz auf, und von so vielen Erweckungen ich auch gehört und gelesen
habe, keine hat mich je tiefer bewegt. Das macht, weil sich alles so schlicht
und einfach gab. Mattäus Stach, der wohl sah, dass sein Wort auf guten Boden
fiel, sprach immer eindringlicher, und als er eben Christi Leiden am Ölberg
geschildert hatte, da trat ein Grönländer an den Tisch und sagte mit lauter und
bewegter Stimme, in der schon das Heil zitterte: Wie war das? Ich will das noch
einmal hören. Diese Worte gingen uns, die wir sie mitörten, durch Mark und
Bein, und sie sind in Neu-Herrnhut unvergessen geblieben. Von der Stunde an war
der Segen Gottes über unserem Tun.«
    »Es konnte nicht wohl anders sein. Solche Worte verklingen nicht. Empfind
ich doch in diesem Augenblick noch ihre Wirkung.«
    Tante Schorlemmer küsste Renatens Stirn und fuhr dann fort: »Eine Woche
verging, und der Grönländertrupp war immer noch in unserer Kolonie. Dann aber
brachen sie auf, um weiter nördlich ihren Jagden nachzugehen, und nur Kajarnak
blieb zurück; mit ihm seine beiden Schwäger samt ihren Frauen und Kindern, alles
in allem vierzehn Personen. Wir lobten ihr Bleiben und hatten Betstunde mit
ihnen. Die Kinder empfingen Unterricht, was sehr schwer war, da die Grönländer
das, was wir Erziehung nennen, gar nicht kennen. Sie lieben nämlich ihre Kinder
mit äffischer Zärtlichkeit und lassen sie aufwachsen, ohne Gehorsam zu fordern
oder Ungehorsam zu strafen. Als ein halbes Jahr um war, stellte Mattäus Stach
die Frage, ob es Zeit sei, die nun Vorbereiteten zu taufen; aber mein guter
Schorlemmer, der den Unterricht geleitet hatte, meinte doch, dass es ihm geboten
scheine, noch zu warten. Und so geschah es. Erst am zweiten Ostertage wurden
vier Angehörige dieser grönländischen Erstlingsfamilie von der Macht der
Finsternis losgerissen; Kajarnak erhielt den Namen Samuel, seine Frau wurde
Anna, sein Sohn Mattäus, seine Tochter Anna genannt. Darüber war grosse Freude
in der Kolonie. Aber die Freude sollte nicht lange währen. Vier Wochen später
kam Nachricht, dass der ältere Schwager, der sich auf kurze Zeit von uns entfernt
und einem Jagdzuge nach dem Norden angeschlossen hatte, auf eine hinterlistige
und grausame Weise ermordet worden sei, weil er den Sohn eines heidnisch
gebliebenen Grönländers mit Christensprüchen totgehext habe. Zugleich wurde
hinzugesetzt, dass die Angekoks in einer grossen Verschwörung seien, um auch dem
jüngeren Schwager Kajarnaks dasselbe Los zu bereiten. Da bemächtigte sich
unserer kleinen grönländischen Gemeinde, sowohl der Getauften wie derer, die
noch in Vorbereitung waren, ein Zittern und Zagen, und sie beschlossen, in den
Süden zurückzukehren, wo sie unter ihren Verwandten sicherer zu sein hofften.
Ach, wir mussten sie ziehen lassen, so schwer es uns auch wurde, und ich sehe
noch Kajarnak, wie er bitterlich weinte und immer wieder uns Festigkeit gelobte
und sich dann losriss; und wie dann die Schlitten in langer Linie an uns
vorüberfuhren, über Fiskenäs und Frederikshaab auf den Süden zu.«
    »Und hielt er Wort?«
    »Wir hatten wenig Hoffnung, denn es war ein neuer Abfall über die Gemüter
gekommen, und selbst solche, die sich in unserer Nähe hielten, gehorchten wieder
den Angekoks. Wir waren betrübten Gemütes, auch ich, die ich nach meiner
schwachen Kraft all die Zeit über meinem guten Schorlemmer getreulich zur Seite
gestanden hatte. Ein Jahr verging, ohne dass Kunde von Kajarnak gekommen wäre, am
wenigsten er selbst. Da feierten wir, es war am Johannistag, die Hochzeit von
Anna Stach und Friedrich Böhnisch, und als wir bei unserem Mahl waren und
erbauliche Lieder sangen, die, was dich vielleicht verwundern wird, von drei
Violinen und einer Flöte begleitet wurden, da trat Kajarnak in den Brüdersaal
und begrüsste uns. Die Freude war so gross, dass, wie von selber, aus dem
Hochzeitsfest ein Fest des Wiedersehens wurde. Wir hatten ja unsern verlornen
Sohn wieder oder doch den, den wir schon als einen solchen betrachtet hatten.
Und nun musste Kajarnak erzählen, alles Grosse und Kleine, und wie die Seinen ihn
aufgenommen hätten. Er verschwieg uns nichts. Sie hätten ihn anfangs oft und mit
sichtlichem Vergnügen angehört; als sie dann aber seines Wortes überdrüssig
geworden wären, habe er sich in die Stille begeben und seine Erbauung allein
gehabt. Zuletzt habe es ihn sehr verlangt, wieder bei uns, seinen Brüdern, zu
sein, immer mehr und mehr, bis ihm die Sehnsucht nicht Ruhe und Rast gelassen
habe; und da sei er nun. Mein guter Schorlemmer, der ihn so recht eigentlich in
das Heil eingeführt hatte, weinte vor Freuden, und Friedrich Böhnisch sagte, das
sei ihm eine unvergessliche Stunde und sein Ehrentag habe nun eine doppelte
Weihe.«
    »Das durft er sagen. Es war ein Hochzeitstag, wie ihn sich jeder wünschen
mag! Mir würde dieses Wiedersehen ein Zeichen froher Vorbedeutung gewesen sein.«
    »Und das war es auch. Das junge Paar wurde glücklich. Auch Kajarnak. Aber
seine Tage waren gezählt. Ich glaube fast, dass er sich in seiner Treue nicht
genugtun konnte und dass er sich (er war nur von schwachem Körper) in seinem
Eifer übernahm. So wurd er denn von einem heftigen Lungen und Seitenstechen
befallen, das seinem Leben rasch ein Ende machte. In den grössten Schmerzen
bewies er ein gesetztes Wesen, und wenn die Seinigen anfingen, um ihn zu weinen,
sagte er: Betrübet euch nicht. Ihr wisset, dass ich von euch der erste gewesen
bin, der sich zu dem Sohne Gottes bekehrt hat, und nun ist es sein Wille, dass
ich der erste sein soll, der zu ihm kommt. Wenn ihr ihm treu seid, so werden wir
uns wiedersehen und uns über die Gnade, die er an uns getan hat, ewiglich
freuen. Danach schlief er ein, während unsere Gebete seine scheidende Seele dem
Erbarmer empfahlen. Seine Frau bestand darauf, dass er nicht nach Landessitte,
sondern nach christlicher Weise begraben würde. Und so geschah es. Nicht nur die
Brüder und ihre Angehörigen, auch die Kaufleute von der Kolonie fanden sich zu
seinem Begräbnis ein, mit dem unser neuer Gottesacker eingeweiht wurde. Die
Grönländer wunderten sich über alles, was sie sahen; unseren Brüdern aber ging
dieser Tod sehr nahe. Denn sie verloren viel in ihm: einen erweckten, begabten
und gesegneten Zeugen des Evangeliums.
    Und da hast du nun meine Geschichte von Kajarnak, dem ersten Getauften.«
    Renate ergriff die Hand ihrer alten Freundin und sagte: »Ach wie ich dir
danke, liebe Schorlemmer. Es ist nun alle Furcht wie verflogen, und ich fühle
mich, als hätt ich nie von Spuk und Gespenstern gehört. Und nun will ich
schlafen. Aber sage mir noch erst den Spruch von den vierzehn Engeln. Wir wollen
ihn zusammen sprechen:
Abends bei Zubettegehn
Vierzehn Engel bei mir stehn;
Zwei zu Häupten,
Zwei zu Füssen,
Zwei zu meiner rechten Seit,
Zwei zu meiner linken Seit,
Zwei, die mich decken,
Zwei, die mich strecken,
Zwei, die führen mich sogleich
In das liebe Himmelreich.«
Sie schwiegen eine Weile. Dann sagte Renate: »Und nun geh. Ich habe ja nun
Schutz. Lass nur die Seitentür auf, dass mich Maline hört.«
    »Gute Nacht, Renatchen!«
    »Gute Nacht, liebe Schorlemmer!«
 
                              Siebzehntes Kapitel
                                 Ein Rabennest
Der nächste Tag war Silvester.
    In aller Frühe schon brach Hoppenmarieken auf, um womöglich bis Mittag
wieder zurück zu sein und alles putzen und scheuern, auch ihre Vorbereitungen zu
einem Silvesterpunsch treffen zu können. Sie machte heute die kurze Tour und
schritt auf Küstrin zu. Es war erst sieben Uhr, als sie an dem Herrenhause
vorbeikam und über den Hof hin sich mit Jeetze begrüsste, der eben die nach
beiden Seiten hin einklappenden Laden des grossen Eckfensters öffnete. Aus der
Unbefangenheit ihres Grusses liess sich erkennen, dass ihr die Gefangennehmung der
beiden Strolche, von der sie aller Wahrscheinlichkeit nach nur zu sehr
mitbetroffen wurde, nicht bekannt geworden war. Erst nach Mitternacht von einer
Wanderung quer durch das Bruch in ihre Wohnung zurückgekommen, hatte sie, selbst
bei den Forstackersleuten, die doch sonst wohl die Nacht zum Tage zu machen
liebten, niemand mehr wach getroffen und war, als sie aufstand, wahrscheinlich
die einzige Person in ganz Hohen-Vietz, die von dem Ereignis des vorigen Tages
nichts wusste.
    Erst zwei Stunden später versammelten sich Wirt und Gäste des Herrenhauses
am Frühstückstisch. Auch Berndt, wenn ihn nicht Geschäfte riefen, war kein
Frühauf, und die nicht vor vier Uhr nachmittags angesetzte Fahrt nach Guse
konnte keinen Grund bieten, die bequeme, längst zu einer Art Hausordnung
gewordene Gewohnheit zu unterbrechen. Tante Schorlemmer, bei Renate
festgehalten, erschien noch etwas später und beantwortete die Fragen, die über
das Befinden der Kranken an sie gerichtet wurden.
    Das Gespräch, nachdem auch noch Doktor Leists beruhigende Worte mitgeteilt
worden waren, wandte sich dann dem am Abend vorher in Hohen-Ziesar gemachten
Besuche zu, dessen einzelne Momente in dem Hin und Her einer immer muntrer
werdenden Plauderei noch einmal durchlebt wurden. Aus allem ging hervor, dass
Drosselstein sich als der liebenswürdigste der Wirte, voll Entgegenkommen gegen
Berndt, voller Aufmerksamkeiten gegen Katinka gezeigt hatte. Als diese, die
sich zum ersten Mal in Hohen-Ziesar befand, ihre Verwunderung über die sonst
nirgends in der Mark vorkommende Grossartigkeit der Schlossanlage geäussert hatte,
hatte der Graf ohne Rücksicht auf die späte Stunde noch Veranlassung genommen,
sie samt den anderen Gästen durch die lange Zimmerflucht des ersten Stockes: den
Ahnensaal, die Rüstkammer und die Bildergalerie, zu führen, während zwei Diener
mit Armleuchtern voranschritten. Unter dieser halb düsteren Beleuchtung war
alles, an dem man bei hellem Tageslicht gleichgiltig vorüberzugehen pflegte, zu
einer Art Bedeutung gekommen, und die seitabstehenden Ritter mit halb
geschlossenem Visier, die über Kreuz gelegten Lanzen, dazu die Ahnenbilder
selbst, die zu fragen schienen: »Was stört ihr unser stilles Beisammensein?«,
hatten eines tiefen Eindrucks auf Katinka nicht verfehlt. Vor allem ein
jugendliches Frauenporträt, das ihr seitens des Grafen als das Bildnis Wangeline
von Burgsdorffs, einer nahen Anverwandten seines Hauses, bezeichnet worden war,
war ihr in der Erinnerung geblieben.
    An dies von einem Niederländer aus der Van-Dyck-Schule herrührende Bildnis,
dessen unheimlich hellblaue Augen schon manchen früheren Besucher von
Hohen-Ziesar bis in seine Träume hinein verfolgt hatten, knüpften die am Abend
vorher nur flüchtig beantworteten Fragen Katinkas wieder an, und Berndt, ein
wahres Nachschlagebuch für alle Schloss- und Familiengeschichten der ganzen
Umgegend, war eben im Begriff, die Neugier der schönen Fragstellerin durch
eingehende Mitteilungen über »Wangeline«, die von vielen märkischen Forschern
als der historisch beglaubigte Ursprung der »Weissen Frau« angesehen werde, zu
befriedigen, als ein Klopfen an der Tür das kaum begonnene Gespräch unterbrach.
Ein ältlicher Mann mit spärlichem, nach hinten gekämmtem Haar, den sein
spanisches Rohr und mehr noch der lange blaue Rock mit einem Wappenblech auf der
Brust als Gerichtsdiener kennzeichneten, trat ein, übergab einen Brief an den
alten Vitzewitz und machte dann wieder einige Schritte zurück, bis in die Nähe
der Tür. Alles verriet den alten Soldaten. Berndt erbrach das Schreiben und las:
»Hochgeehrter Herr und Freund! Ich säume nicht, Ihnen von dem Resultat eines
ersten Verhörs, das ich gestern nachmittag noch mit der durch Ihre Umsicht
entdeckten und eingelieferten Diebessippschaft angestellt habe, Kenntnis zu
geben. Aus den beiden Strolchen, hinsichtlich deren sich Hohen-Klessin und
Podelzig in den Ruhm der Geburtsstätte teilen, war, aller Kreuz- und Querfragen
unerachtet, nichts zu extrahieren; die Frau aber, die jenen beiden erst seit
kurzem zugehört und mehr noch durch anderer als durch eigene Schuld unter die
Rohrwerder Sippschaft geraten ist, hat umfassende Geständnisse abgelegt, die
sich einmal auf die zumeist in den Küstriner Vorstädten ausgeführten Diebstähle,
sodann aber auch auf die Hehlereien beziehen, die dieses Treiben unterstützt
haben. Am schwersten belastet ist unsere Freundin Hoppenmarieken. Ich bitte Sie,
eine Haussuchung bei ihr veranlassen oder selbst leiten zu wollen, wobei ich,
mit Rücksicht auf die besondere Schlauheit der vorläufig unter Verdacht
Stehenden, Ihre Aufmerksamkeit auf Dielen und Wände des Hauses hingelenkt haben
möchte. Der Einlieferung des geraubten Gutes, an dessen Auffindung ich nicht
zweifle, sehe ich ehemöglichst entgegen. Ob es geboten oder in Erwägung ihrer
Geisteszustände auch nur zulässig sein wird, der Bezichtigten gegenüber die
volle Strenge des Gesetzes walten zu lassen, darüber sehe ich seinerzeit Ihrer
gefälligen Rückäusserung entgegen.
                                                                        Turgany«
Berndt legte den Brief, den er mit halblauter Stimme gelesen hatte, vor sich
nieder und sagte dann, zu dem alten Gerichtsdiener sich wendend: »Lieber
Rysselmann, mein Kompliment an den Herrn Justizrat, und ich würde nach seinen
Angaben verfahren.« Dann zog er die Klingel, »Jeetze, sorge für einen Imbiss.
Frankfurt ist weit, und unser Alter da wird wohl die Mitte halten zwischen dir
und mir. Nicht wahr, Rysselmann, sechzig?« Der Alte nickte. »Und dann schicke
Krist zu Kniehase; er soll Nachtwächter Pachaly rufen lassen und mich auf dem
Forstacker erwarten.«
    »Da klagt nun Renate«, fuhr der alte Vitzewitz fort, als Jeetze und
Rysselmann das Zimmer verlassen hatten, »über öde Tage in Hohen-Vietz! Sage
selbst, Katinka, leben wir nicht, seit du hier bist, wie im Lande der
Abenteuer? Erst ein Raubanfall auf offener Strasse, dann ein Einbruch in unser
eignes Haus, dann ein regelrechtes Diebstreiben unter Innehaltung
taktisch-strategischer Formen und nun eine Haussuchung im Revier einer Zwergin -
nenne mir einen friedlichen Ort in der Welt, wo in drei Tagen mehr zu gewärtigen
wäre! Im übrigen bin ich neugierig, ob sich die Aussagen, die die
Rohrwerder-Frau gemacht hat, auch bewahrheiten werden.«
    »Ich zweifle nicht daran«, bemerkte Lewin. »Nach allem, was mir Hanne Bogun
gestern sagte, und noch mehr nach dem, was er mir verschwieg, konnt ich kaum
etwas anderes erwarten, als was Turgany jetzt schreibt. Wann willst du nach dem
Forstacker hinaus?«
    »Gleich, oder doch bald. Es darf nicht über den Vormittag hinaus dauern.«
    »Dürfen wir dich begleiten?«
    »Gewiss. Je mehr Augen, desto besser; wir werden sie der Schlauheit der alten
Hexe gegenüber ohnehin nötig haben.«
    So trennte man sich. Berndt empfahl sich mit einigen Worten bei Katinka,
die sich nunmehr ihrerseits treppauf begab, um mit Renaten über die wunderlich
widersprechendsten Temata, über Graf Drosselstein und den alten Rysselmann,
über Wangeline von Burgsdorff und Hoppenmarieken, zu plaudern.
    Eine Viertelstunde später brach der alte Vitzewitz auf, in seiner Begleitung
Tubal und Lewin. Sie gingen rasch. Noch ehe sie Miekleis Gehöft erreicht hatten,
überholten sie Kniehase und Pachaly, die schon auf dem Wege waren, und bogen nun
gemeinschaftlich mit ihnen in den Forstacker ein. Gleich darauf standen sie vor
Hoppenmariekens Haus. Man war schon vorher übereingekommen, ganz regelrecht
vorzugehen, das heisst, mit dem Küchenflur zu beginnen und mit der Kammer
abzuschliessen, jedenfalls aber nichts übereilen zu wollen.
    Die Tür war nur eingeklinkt. Sie wurde geöffnet und der Holzkloben
vorgelegt, um mit Hilfe des nun einfallenden Tageslichts bis in alle Winkel
hineinsehen zu können. In der steinharten Lehmdiele des Fussbodens konnte nichts
vergraben sein; so blieb nur noch der Herd und gegenüber dem Herde der Kamin,
von dem aus der Stubenofen geheizt wurde. Aber die Nähe des Feuers liess ein
Versteck an dieser Stelle nicht als wahrscheinlich annehmen. Ebenso war der nach
innen zu liegende Schwellstein, der durch diese seine verwunderliche Lage
Verdacht erwecken konnte, viel zu gross und schwer; Lewin und Kniehase müssten
sich umsonst, ihn von der Stelle zu rücken.
    In der Küche war also nichts; so trat man denn in die Stube. Die grossen
Vögel in den Bauern sassen schon an den Vorderstäben und blickten auf die fremden
Besucher. Diese fingen jetzt an, ihre Aufgabe zu teilen. Pachaly, das rot und
weiss karierte Deckbett zurückschlagend, fühlte mit der Hand in den Kissen, dann
in den Strohsäcken umher, während Berndt ringsum die Wände, Tubal die Fliesen
des verhältnismässig hohen Ofenfundaments beklopfte. Überall nichts. In das
offenstehende Tellerschapp, in Schrank-und Tischkästen hineinzusehen verlohnte
sich kaum; die frischgescheuerten Dielen waren aus einem Stück und liefen vom
Fenster bis an die Wand gegenüber; nirgends ein Einschnitt oder sonst
Verdächtiges. Es musste also in der Kammer sein.
    Die Kammer, ein dunkler Alkoven, hatte nur wenig über sieben Fuss im Quadrat.
Es war darum für fünf Personen fast unmöglich, sich darin zu drehen und zu
bewegen, weshalb Berndt und Kniehase, beide ohnehin belästigt durch die stickige
Luft des überheizten Zimmers, vor die Tür traten, wohin ihnen Lewin, nachdem er
vergebliche Versuche gemacht hatte, sich mit einem schwarzen, auf der Brust
rotbetüpfelten Vogel anzufreunden, einige Minuten später folgte.
    Nur Tubal und Pachaly waren noch in der Kammer. Sie zündeten ein Licht an
und begannen auch hier mit Klopfen an den Lehmwänden hin. An der einen Seite, wo
die grossen Kräuterbüschel an vier oder fünf dicken Pflöcken hingen, hatte dies
seine Schwierigkeiten. Es gelang aber; freilich ohne besseres Resultat als in
Flur und Stube.
    »Wir werden den Scharwenkaschen Hütejungen holen müssen«, sagte Tubal, »der
hat die besten Augen.«
    »Nicht doch«, sagte Pachaly, »dem ist sein Ruhm und die versprochene
Pelzmütze schon zu Kopf gestiegen. Ich kenne den Jungen. Er sieht nicht besser
als andere, er weiss nur besser Bescheid, denn er ist selber vom Forstacker und
kennt alle Schliche und Wege, die das Gesindel geht.«
    »Mag sein. Aber wo sollen wir noch suchen? An den Wänden keine hohle Stelle;
die Dielen aufgenagelt, und in dem ganzen Alkoven nichts drin als diese
rotgestrichene Kommode mit zwei leeren Schubkästen. Es kann doch nichts hier
über uns in der Decke stecken? Hoppenmarieken ist ein Zwerg und reicht mit ihrer
Hand keine fünf Fuss hoch.«
    »Nicht in der Decke, junger Herr; aber hier um die Kommode herum muss es
sein. Solche Kreaturen wie Hoppenmarieken sind eitel, putzen sich und zeigen
allen Leuten gern, was sie haben. Warum hat sie die Kommode in die dunkle Kammer
gestellt, wo sie niemand sieht? Das bedeutet was!«
    »So sehen wir nach«, sagte Tubal, schob den Gegenstand von Pachalys Verdacht
rechts weg gegen den grossen Gundermannsbüschel, der bei dieser Gelegenheit
raschelnd vom Pflock fiel, und trat nun, dicht an der Wand, auf die breite
Mitteldiele, deren linkes Ende gerade hier durch die darüberstehende Kommode
verdeckt gewesen war. Im selben Augenblicke senkte sich das Brett, dem an dieser
Stelle die Balkenunterlage fehlte, um mehrere Zoll und hob sich, nach Art eines
in der Mitte aufliegenden Wippbrettes, an der entgegengesetzten Seite in die
Höhe.
    »Dacht ich's doch«, sagte Pachaly, sprang herzu und stellte die Diele, die
sich unschwer entfernen liess, beiseite. Was sich jetzt zeigte, war immer noch
überraschend genug. Der ganzen Länge des Brettes entsprechend, war das Erdreich
herausgenommen und bildete eine ziemlich flache Rinne, die sich nur nach links
hin, wo das Brett aufwippte, zu einer mehr als zwei Fuss tiefen Grube vertiefte.
Zwischen beiden war alles derartig geschickt verteilt, dass sich die flache Rinne
als das Schnitt- und Kurzwarengeschäft, die vertiefte Grube aber als das
Kolonialwarenlager Hoppenmariekens ansehen liess.
    Pachaly begann jetzt auszupacken und reichte, was sich an Gegenständen
vorfand, Tubal zu, der es in Ermangelung eines besseren Platzes auf
Hoppenmariekens Bett legte. Es waren Schürzenzeuge, ein Stück roter Fries, ein
Rest von geblümtem Sammetmanchester, bunte Haubenbänder und schwarzseidene
Tücher, wie sie die Oderbrücherinnen als Kopfputz tragen. In der Grube fanden
sich Beutel mit Zucker, Kaffee, Reis, darüber in Stangen geschnittene Seife und
Talglichte, die oben an den Dochten wie zu einer grossen Puschel zusammengebunden
waren. Aus allem ergab sich, dass Hoppenmarieken mit Hilfe dieses Warenlagers
einen Handel trieb und Gegenstände, die sie von Küstrin oder Frankfurt aus
mitbringen sollte, so weit wie möglich aus ihrem eignen Hehlervorrat zu nehmen
pflegte. Das Brett wurde nun wieder aufgelegt, es passte wie ein Deckel. Auch die
Nägel, die einer rechtmässigen Diele zukommen, fehlten nicht; sie waren aber vor
dem Einschlagen mit der Zange kurz abgekniffen und hatten keinen anderen Zweck,
als nach oben hin die Köpfe zu zeigen.
    Die draussen Auf- und Abschreitenden hatten inzwischen ihre Promenade
unterbrochen und waren wieder eingetreten. Berndt musterte alles und sagte dann:
»Ich kenne Hoppenmarieken, hiermit zwingen wir's nicht. Sie wird all dies für
ihr Eigentum ausgeben, und es wird schwerhalten, ihr das Gegenteil zu beweisen.
Denn sie steckt mit allerhand schlechtem Handelsvolk zusammen, das jeden
Augenblick bereit ist, ihr den rechtmässigen Erwerb zu bestätigen. Ich bin aber
sicher, dass es gestohlenes Gut ist; es fehlt nur noch das Eigentliche, so etwas
ausgesprochen Privates, das ihr alle Ausflucht abschneidet. Suchen wir weiter.
Muschwitz und Rosentreter, von unserem eigenen Gesindel, das wir hier auf dem
Forstacker haben, gar nicht zu reden, werden sich auf Schürzenzeug und
Seifenstangen nicht beschränkt haben.«
    Indem war Pachaly, der, während Berndt sprach, in seinen Nachforschungen
nicht nachgelassen hatte, auf die Schwelle der kleinen Tür getreten und winkte
Lewin, der ihm zunächst stand, in die Kammer hinein. Er trat, als dieser ihm
gefolgt war, ohne weiteres an den dicken Holzpflock, von dem der
Gundermannsbüschel herabgefallen war, hob das Licht in die Höhe und sagte:
»Passen S' Achtung, junger Herr, der Pflock sitzt nicht fest; der Lehm ist
rundum abgesprungen; dahinter steckt was.«
    »Das wäre!« rief Lewin lebhaft, fasste den Pflock und riss ihn ohne die
geringste Mühe heraus.
    Es zeigte sich ein tiefes Loch in der Lehmwand, viel tiefer, als das
verhältnismässig nur kurze Holzstück erheischte. Das musste einen Grund haben.
Lewin suchte deshalb in der Höhlung umher und fand ein Päckchen, nicht viel
grösser als eine halbe Faust, das erst in ein Stück blaues Zuckerpapier, dann,
wie sich ergab, in einen Lappen grober Leinwand eingewickelt war. Als er beides
entfernt hatte, lag der Inhalt vor ihm wie der Raub eines Rabennestes: ein
silbernes Nadelbüchschen, eine Taschenuhr in einem Schildpattgehäuse, eine
Kinderklapper, eine mit kleinen Rauchtopasen eingefasste Ametystbroche, von der
die Nadel abgebrochen war, ein Petschaft mit nicht entzifferbarem Namenszug und
ein kleiner ovaler Goldrahmen, in dem sich wahrscheinlich ein Miniaturbild
befunden hatte. Alles ohne sonderlichen Wert, aber gerade das, dessen die
Beweisführung bedurfte.
    »Nun haben wir sie«, sagte Berndt ruhig, wickelte die Gegenstände wieder ein
und steckte sie zu sich.
    Auch noch die anderen Pflöcke wurden untersucht, sassen aber fest im Lehm. Es
liess sich annehmen, dass nichts unentdeckt geblieben war, und so beschloss man,
von weiterer Nachsuchung abzustehen. In der Küche fand sich eine alte Kiepe vor,
und Pachaly erhielt Ordre, alles, was aufgefunden war, in diese hineinzupacken
und nach dem Herrenhause zu schaffen. Er gehorchte nicht gern, da es ihm gegen
die Ehre war, an hellem lichten Tage mit einer Kiepe über die Dorfstrasse zu
gehen; der Dienst aber liess ihm keine Wahl, und seinem Ärger in kurzen
Selbstgesprächen Luft machend, tat er schliesslich, wie ihm geheissen.
    Berndt und Kniehase, von den beiden jungen Männern unmittelbar gefolgt,
hatten inzwischen die Auffahrt zum Herrenhause erreicht und waren eben im
Begriff, von der Dorfgasse her auf den Vorhof einzubiegen, als sie, keine
dreihundert Schritt mehr entfernt, Hoppenmarieken auf der grossen Küstriner
Strasse herankommen sahen. Die kleine Figur, der rasche Schritt und die lebhaften
Bewegungen liessen sie leicht erkennen.
    »Da kommt sie«, sagte Berndt, und sich an Pachaly wendend, der schon vor dem
Pfarrhause die Voranschreitenden eingeholt hatte, fügte er hinzu: »Nun eile
dich; schiebe zwei, drei Stühle vor meinen Schreibtisch oben und baue auf, was
du hast.«
    Hoppenmarieken grüsste schon von weitem. Sie schien in sehr guter Stimmung
und überreichte, als sie heran war, ihrem Gutsherrn einen Brief, den sie schon,
als sie der Gruppe ansichtig geworden war, aus ihrem Mieder hervorgezogen hatte.
    »Is hüt dis een man«, sagte sie und setzte wie zur Erklärung hinzu: »De
berlinsche Post is nich to rechte Tid inkamen.«
    Sie wollte weiter und hatte schon einige Schritte gemacht, als ihr Berndt
nachrief: »Hoppenmarieken, ich habe noch was für dich. Aber oben in meiner
Stube, komm.«
    Es musste wider Willen des Sprechenden etwas Fremdklingendes in seiner Stimme
gelegen haben; jedenfalls war der Ausdruck der Sicherheit aus dem Gesichte der
Zwergin fort, als sie über den Hof hin und dann treppauf ihrem Gutsherrn
nachschritt. Kniehase und die beiden Freunde folgten.
    Pachaly hatte mittlerweile in der notdürftig wieder in Ordnung gebrachten
Gerichtsstube seinen Aufhau beendet. Von den Bändern und Tüchern war nicht viel
zu sehen. So recht ins Auge fiel nur das grosse, noch regelrecht auf ein Brett
gewickelte rote Friesstück, ebenso die aus Seifenstangen und dem Lichterbündel
aufgebaute Pyramide.
    »Nun, Hoppenmarieken«, sagte Berndt, »wie gefällt dir der rote Fries?«
    »Jut, Jnädjeherr. Wat süll he mi nich jefallen? Et is ja von den ingelschen;
de Ell seben Groschen.«
    »Hast du dies Stück Fries vielleicht schon gesehen?«
    »Ick weet nich.«
    »Besinne dich.«
    »Ick seh so veel, Jnädjeherr; ick mag et wohl all sehn hebben.«
    »Wo?«
    »Bi Jud Ephraim.«
    »Oder bei dir!«
    »Bi mi? Jo, Wettstang, bi mi; hohoho. Nu seh ick ihrst. Se sinn bi mi west
und hebben min kleen Tuusch- und Kramgeschäft utfunnen. Unner de Deel; en beeten
beschwierlich; awers ick bin nich sicher sünnst.«
    »Gut, Hoppenmarieken, du musst vorsichtig sein. Es gibt jetzt soviel
Gesindel...«
    »Oh, so veel!«
    »Nun gut. Aber du nimmst ja den Kaufleuten das Brot. Hast du denn einen
Gewerbeschein?«
    »Ne, Jnädjeherr, den hebb ick nich.«
    »Ja, da werden wir dich am Ende in Strafe nehmen müssen.«
    Bei diesen mit einem heiteren Anfluge gesprochenen Worten kehrte ihr ihre
frühere Sicherheit zurück. Sie hatte plötzlich das Gefühl, dass alles einen guten
Verlauf nehmen werde, und sagte halb grinsend, halb bittend vor sich hin: »Dat
wihrn de Jnädjeherr jo nich dohn.«
    »Ja wer weiss, Hoppenmarieken. Sieh mal hier; da ist noch was zum Auswickeln
für dich!«, und dabei nahm er das Päckchen, das er bei der Haussuchung zu sich
gesteckt hatte, aus seiner grossen Überrockstasche und legte es dicht vor ihr auf
den Tisch.
    Sie fiel sofort auf die Knie und schrie: »Ick weet von nischt.«
    »Aber wir wissen genug.«
    »Ick weet von nischt. De kämen beed in bi mi...«
    »Wer?«
    »Muschwitz und Rosentreter... un seggten, ick süll et man verwohren. Awers
ick wull jo nich, un ick schreeg. Do nähm Muschwitz sin Taschenknif und seggt to
mi: Wif, ick schnid di de Kehl ab, wenn du schreegst! Und da nohm ick et.«
    »Du lügst, Hoppenmarieken; du bist Hehlerin, was du immer warst. Du hast
ihnen Geld gegeben; ich vermute, nicht genug; darum haben sie sich neulich auf
der Landstrasse noch etwas nachholen wollen. Sie waren sicher, dass du sie nicht
verraten würdest. Aber sie haben dich doch verraten.«
    »Jo, dat hebben se. Se wullen rut ut de Schling, un ick sall rin. Awers ick
will nich, un ick bruk nich. Schwören will ick; ick kann schwören. Rufen S'
Seidentoppen in; ja Seidentopp sall koamen... Oh, du lewe Herrjott, wat et för
Minschen jewen deiht! Dat is, weem eens sülwsten to good is. O Jott, o Jott.«
Und dabei rutschte sie auf den Knien näher zu Berndt heran und küsste ihm die
Rockschösse.
    »Steh auf!«
    Der zwergige Unhold aber, immer noch auf den Knien, fuhr fort: »Et is allens
nich so. Oh, dis Muschwitz, un de anner von Podelzig! Se hebben beed logen as de
Düwels. Schwören will ick; ick kann schwören. Pachaly, holen S' 'ne Bebel in. Un
hier sinn mine Finger; un schwören will ick, in de Kirch un ut de Kirch un wo Se
sünnst wullen.«
    »Du sollst nicht schwören, denn du schwörst falsch. Was machen wir mit ihr,
Kniehase?«
    Hoppenmarieken, die nicht anders dachte, als dass man ihr ans Leben wolle,
schrie jetzt jämmerlich auf und rang die kurzen, stummelhaften Hände. Zuletzt
sah sie Lewin, der an der Tür stehengeblieben war. Sie wollte rutschend auf ihn
los, mutmasslich, um die Szene zu wiederholen, die sie eben vor dem alten
Vitzewitz gespielt hatte. Aber Pachaly hielt sie zurück.
    »Lass es hingehen, Papa«, rief jetzt Lewin, als ob Hoppenmarieken, deren
Unzurechnungsfähigkeit für ihn feststand, gar nicht zugegen wäre. »Sieh sie dir
an; es ist der Mensch auf seiner niedrigsten Stufe. Droh ihr; das ist das
einzige, was sie versteht. Ihr ganzer Rechtsbegriff ist ihre Furcht. Und Turgany
weiss das so gut wie wir; er wird nichts an die grosse Glocke hängen. Wenn es aber
sein muss, so wird er sie schildern, wie sie ist. Und das ist ihre beste
Verteidigung. Ich bitte dich, lass sie laufen.«
    »Hast du gehört?« fragte jetzt Berndt zu der Zwergin hinüber, die, während
Lewin sprach, endlich aufgestanden war.
    Sie zwinkerte mit den Augen und sagte: »Ick hebb allens hürt; ick weet, ick
weet. Jo, de junge Herr, he kennt mi, un ick kenn em. Un ick hebb 'n all kennt,
as he noch so lütt wihr, so lütt. Jo, de junge Herr ...!«
    »Er bittet für dich«, fuhr Berndt fort, »und will, dass ich dich laufen
lasse. Warum? Weil du Hoppenmarieken bist. Ich aber kenn dich besser und weiss,
du hörst das Gras wachsen. Schlau bist du und taugst nichts, das ist das Ganze
von der Sache. Nimm deine Kiepe; wir wollen diesmal noch ein Auge zudrücken.
Aber pass Achtung, wenn wir dich wieder ertappen, ist es aus mit dir. Und nun geh
und bessere dich fürs neue Jahr.«
    Sie sah sich nach Stock und Kiepe um, die sie beide beim Eintritt ins Zimmer
neben der eisenbeschlagenen Truhe niedergesetzt hatte. Als sie wieder
marschfertig war, glitt ihr Auge noch einmal über die auf den Stühlen
ausgebreiteten Sachen hin. Es war ersichtlich, dass sie Lust hatte, Besitzrechte
daran geltend zu machen. Berndt sah den Blick und empfand jetzt, dass Lewin doch
recht habe.
    »Geh«, wiederholte er, »alles bleibt hier und wird nach Frankfurt
abgeliefert. Vielleicht du auch noch!«
    Sie nahm das letzte Wort als einen Scherz und grinste wieder.
    Eine Minute später schritt sie, mit ihrem Stock salutierend, über den Hof
hin, in einem Tempo, als ob nichts vorgefallen sei oder eine ganz alltägliche
Streitszene hinter ihr läge.
 
                              Achtzehntes Kapitel
                                   Otegraven
Der alte Rysselmann, in Jeetzes kleiner Bedientenstube durch einen Imbiss
gestärkt und wieder aufgewärmt, passierte eben das an der grossen Strasse nach
Frankfurt gelegene Dorf Podelzig, als ihm ein leichter Kaleschwagen begegnete,
auf dessen Lederbank er den Freund seines Justizrats, den Konrektor Otegraven,
erkannte. Otegraven liess halten.
    »Guten Tag, Rysselmann, gut bei Weg? Was in aller Welt bringt Sie nach
Podelzig?«
    »Ich komme schon von Hohen-Vietz. Dienstsachen; ein Brief vom Herrn
Justizrat an den Herrn von Vitzewitz. Ein guter Herr; und so ist das ganze
Dorf.«
    »Ich will auch hin«, sagte Otegraven. »Treffe ich den Schulzen Kniehase?«
    »Im Dorf ist er; aber ob der Herr Konrektor ihn treffen werden, ist
unsicher. Denn ich hörte, wie der gnädige Herr nach ihm schickte, weil sie bei
der alten Botenfrau, die Hoppenmarieken heisst, eine Haussuchung abhalten wollen.
Es soll eine Hehlerin sein.«
    »Danke schön, Rysselmann; meinen Gruss an den Justizrat. Gott befohlen!«
    Damit fuhr der Konrektor in raschem Trabe weiter auf Hohen-Vietz zu. Was ihm
Rysselmann gesagt hatte, kam ihm ungelegen, und wenn er zu den Leuten gehört
hätte, die auf Zeichen achten, so hätte er umkehren müssen. Er war aber ohne
jede Spur von Aberglauben und sah in allem, was geschah, ein unwandelbar
Beschlossenes. Seinem Bekenntnis, noch mehr seiner Parteistellung nach streng
luterisch, ruhte doch - ihm angeboren und deshalb unveräusserlich - auf dem
Grunde seines Herzens ein gut Stück prädestinationsgläubiger Kalvinismus.
    Von Podelzig war nur noch eine Stunde. Es läutete Mittag, als Otegraven vor
dem Pfarrhause hielt. Seidentopf, den er bei seiner vorgestrigen Anwesenheit in
Hohen-Vietz nicht aufgesucht hatte, begrüsste ihn herzlich an der Schwelle seiner
Studierstube, die jetzt, wo die Wintersonne schien, ein besonders freundliches
Ansehen hatte. Alles war verändert, und die Haushälterin, die sich am zweiten
Feiertage durch ihr aufgeregtes Hin- und Herfahren mit Schippe und Räucheressenz
so bemerklich gemacht hatte, zeigte heute die vollkommenste Ruhe, als sie, nach
dem Brauch des Hauses, und ohne dass eine Aufforderung dazu ergangen wäre, ein
Frühstück vor Otegraven auf den Tisch stellte.
    Beide Männer hatten auf einem kleinen Sofa, in der Nähe des Ofens, unter dem
verstaubten Regal der Biblioteca teologica, Platz genommen und sahen in den
verschneiten Garten hinaus. Eine Esche stand vor dem Fenster, in Sommerzeit ein
wunderschöner Baum; jetzt, wo seine Zweige wie geknotete Hanfstrippen
niederhingen, ein trauriger Anblick. Aber keiner von beiden hatte ein Auge
dafür, und während der Konrektor, dessen Vorhaben einem guten Appetit nicht
günstig war, sich mehr an ein Glas Wein als an das Frühstück hielt, erzählte der
Pastor von dem, was sich seit vorgestern in Hohen-Vietz ereignet hatte, von dem
Einbruch und von dem Auffinden der Strolche auf dem Rohrwerder.
    »Abenteuer und Kriegszüge, als hätten wir schon den Feind im Lande«, so
schloss er.
    Otegraven, augenscheinlich in sehr unkriegerischer Stimmung, brachte der
Erzählung dieser Dinge nur ein geringes Interesse entgegen, das erst wuchs, als
der Gesprächsgegenstand wechselte und Seidentopf von dem zweiten Feiertage,
ihrem heiteren Beisammensein an jenem Abende, von Pastor Zabels Verlegenheit
beim Pfänderspiel und vor allem von Marie zu plaudern begann, wie sie so reizend
gewesen sei und so Hübsches über seinen Werneuchner Amtsbruder gesprochen habe,
trotzdem er ihr nicht habe beistimmen können.
    »Sie könnten mir nichts sagen«, unterbrach ihn Otegraven, »das mich mehr
erfreute. Denn wissen Sie, lieber Pastor, ich habe eine herzliche Neigung zu
diesem schönen Kinde.«
    Seidentopf erschrak; um so mehr, je höher er Otegraven schätzte. Nie war an
einen solchen Fall von ihm gedacht worden; jetzt, wo er eintrat, empfand er ihn
als eine Unmöglichkeit. Er fasste sich endlich und fragte: »Weiss Marie davon?«
    »Nein, ich habe vorgestern mit dem Schulzen gesprochen. Er hat mir
geantwortet, Marie sei ein Stadtkind und gehöre in die Stadt; wenn er sie sich
an der Seite eines braven Mannes, der sie liebe, denke, so lache ihm das Herz.
Und eines Studierten, bald vielleicht eines Pastors Frau, das sei so recht das,
was er sich immer gewünscht habe. Das Kind sei sein Augapfel, und mein Antrag
sei ihm eine Ehre; aber sie müsse selber entscheiden. Ich konnte ihm nur
zustimmen; und da bin ich nun, um mir diese Entscheidung zu holen.«
    »Ich wünsche Ihnen Glück, Otegraven. Aber alles erwogen, passt Marie zu
Ihnen?«
    Otegraven wollte antworten; Seidentopf indessen, als er aus den ersten
entgegnenden Worten heraushörte, dass sich die Antwort nur auf das »Gazekleid mit
den Goldsternchen« und alles das, was damit in Zusammenhang war, beziehen werde,
unterbrach den Konrektor und sagte ruhig: »Ich meine nicht das, ich meine, haben
Sie bedacht, ob zwei Naturen zueinander passen, von denen die eine ganz
Phantasie, die andere ganz Charakter ist?«
    »Ich habe es bedacht; aber dass ich es Ihnen bekenne, mehr in Hoffnung als in
Zweifel und Befürchtung. Eine Frau von Phantasie, ein Mann von Charakter, wenn
ich diese auszeichnende Eigenschaft, die Sie mir zuerkennen, ohne weiteres
annehmen darf, ist gerade das, was mir als ein Ideal erscheint. Was ist die Ehe
anders als Ergänzung?«
    »So heisst es in Büchern und Abhandlungen, und ich kann mir Fälle denken,
oder sage ich lieber, ich kenne Fälle, wo dies zutrifft. Aber wenn ich in dem
Buche meiner Erfahrungen nachschlage, so ist es im grossen und ganzen doch
umgekehrt. Die Ehe, zum mindesten das Glück derselben, beruht nicht auf der
Ergänzung, sondern auf dem gegenseitigen Verständnis. Mann und Frau müssen nicht
Gegensätze, sondern Abstufungen, ihre Temperamente müssen verwandt, ihre Ideale
dieselben sein. Vor allem aber, lieber Otegraven, wir sind noch nicht bei der
Ehe. Es handelt sich zunächst um den Zug des Herzens, der fast immer nach dem
Gleichgearteten geht; wenigstens bei Naturen wie Mariens.«
    Otegraven lächelte. »So würde denn, teuerster Pastor, die Frage, die Sie
vorhin an mich richteten, nicht haben lauten müssen, ob Marie zu mir, sondern ob
ich zu ihr passe? Des ersteren bin ich sicher; um mir auch über den zweiten
Punkt Gewissheit zu verschaffen, dazu bin ich hier. Ich bitte, mein Fuhrwerk auf
Ihrem Hofe halten lassen zu dürfen; in einer halben Stunde sehe ich Sie wieder.
Sie sollen der erste sein, der erfährt, wie die Würfel über mich gefallen sind.
Ein unchristlich Wort das; aber ich halt es aufrecht, weil es genau ausdrückt,
was ich in diesem Augenblick empfinde, aller Überzeugung zum Trotz, dass es
schliesslich kein Würfelspiel ist, was über uns entscheidet. Wir sollten
vielleicht vor solchen Widersprüchen, in die auch ein gläubig Herz geraten kann,
weniger erschrecken, als wir gewöhnlich tun; wir gewönnen dadurch für uns selbst
und für andere mehr, als wir verlieren. Was starr ist, ist tot.«
    Sie trennten sich, und Otegraven schritt auf den Schulzenhof zu.
    Er fand in dem Zimmer links, in dem am zweiten Weihnachtsfeiertage der alte
Kniehase das Kapitel aus dem Propheten Daniel gelesen hatte, nur die Frau des
Schulzen vor. Sie schritt ihm unter herzlichem Gruss, aber doch in einer gewissen
Befangenheit entgegen und sprach ihr Bedauern aus, dass ihr Mann abwesend sei,
einer Dienstsache halber, mit der sie den Herrn Konrektor nicht behelligen
wolle. Am wenigsten heute, da sie wisse, weshalb er komme. Sie werde Marie
rufen. Dann rückte sie ihm einen Stuhl und stieg hinauf in die Giebelstube, wo
die Tochter mit allerhand kleiner Handarbeit, mit Stopfen und Nähen beschäftigt
war, um nichts Unfertiges oder Unordentliches mit in das neue Jahr
hinüberzunehmen. In der resoluten Weise einer Frau, die von Vorbereiten und
Überraschungen-Ersparen nicht viel hält, sagte sie hier kurz und ohne
Umschweife: »Komm, Marie, Konrektor Otegraven ist unten; er hat bei dem Vater
um dich angehalten. Sage nun ja oder nein, uns Alten ist beides recht. Wir haben
keinen anderen Wunsch als dein Glück, und du musst selber wissen, was dich
glücklich macht.«
    Marie war heftig erschrocken, fasste sich aber und folgte der Mutter treppab.
Otegraven hatte den Stuhl, der ihm angeboten war, nicht angenommen; er stand am
Fenster, mit den Fingern der rechten Hand auf den Knöcheln der linken spielend,
wie jemand, der voll innerer Unruhe ist.
    »Hier ist sie«, sagte Frau Kniehase und schritt wieder auf die Tür zu.
    »Bleibe, Mutter«, bat Marie.
    Frau Kniehase gab ihre Absicht auf und setzte sich an das Spinnrad. »Marie,
Sie wissen, weshalb ich hier bin«, begann Otegraven nach einer kurzen Pause.
    »Ja, die Mutter hat es mir eben gesagt.«
    »Hat es Sie überrascht?«
    »Wir kennen uns erst kurze Zeit.«
    »Das Herz, wenn es überhaupt sprechen will, spricht schnell. Es ist jetzt
ein halbes Jahr, Marie, dass ich Sie zum ersten Male sah, es war im Park, an der
Stelle, wo das Rondel ist. Ich entsinne mich jedes kleinsten Umstandes.«
    Marie nickte, zum Zeichen, dass auch ihr der Tag in Erinnerung geblieben sei.
    »Es war Besuch da«, fuhr Otegraven fort, »der Steinhöfelsche Herr von
Massow, der junge Herr von Burgsdorff und Doktor Faulstich aus Kirch-Göritz; Sie
spielten Reifen, und ich hörte schon von fern Ihr Lachen, als ich mit dem alten
Herrn von Vitzewitz die grosse Rüsternhecke heraufkam. Fräulein Renate, in einem
hellblauen Sommerkleid, stand Ihnen gegenüber. Als ich dann an dem Spiele
teilnahm und Ihnen mit ungeübter Hand die Reifen zuwarf, fingen Sie jeden auf,
ob er zu kurz oder zu weit flog. Ihre Geschicklichkeit glich aus, was der
meinigen fehlte. Ich habe nichts davon vergessen, und als ich an jenem Abend
nach Frankfurt zurückfuhr, wusste ich, dass ich Sie liebte.«
    Marie schwieg; das Spinnrad surrte, man hätte eine Nadel fallen hören.
    »Haben Sie mir nichts zu sagen, Marie?«
    Sie schritt jetzt rasch auf ihn zu, reichte ihm die Hand und sagte mit einer
Entschlossenheit, in der das voraufgegangene Bangen nur noch leise nachklang:
»Es kann nicht sein; Sie selbst haben mir die Antwort auf die Lippen gelegt, als
Sie sagten, das Herz spräche schnell, wenn es überhaupt sprechen wolle.« Dann
barg sie das Gesicht in ihre Hände und rief: »Ach, bin ich undankbar?«
    »Ich habe keinen Anspruch auf Ihren Dank, Marie.«
    »Und doch bin ich undankbar vielleicht, nicht gegen Sie, aber gegen mein
Geschick. Ich war nicht so jung, als ich in dieses Haus kam, dass ich hätte
vergessen können, was ich vorher war. Und wenn ich es je vergessen hätte, so
würde mich das Kreuz, das oben auf meines Vaters Grabe steht, jeden Tag daran
erinnert haben. Die Art, wie mich Gott geführt, legt mir besondere
Dankespflichten auf, und ich weiss nicht, ob ich diese Pflichten erfülle, wenn
ich jetzt einfach sage: mein Herz spricht nicht. Es sollte vielleicht sprechen;
aber es schweigt. Und so muss es denn bleiben, wie es ist. Es trennt uns etwas,
ein Unterschied der Naturen, den ich nicht zu nennen weiss, der aber da ist, weil
ich ihn empfinde.«
    Marie schwieg.
    »So hab ich denn wenigstens Gewissheit empfangen«, nahm Otegraven das Wort,
»und das Traurigste, was es gibt, hoffnungslos zu hoffen, ist mir erspart
geblieben. Sie haben es verschmäht, sich hinter Halbheiten zu flüchten; ich
danke Ihnen dafür. Auch dies zeigt mir, wie richtig meine Neigung wählte,
richtig, aber nicht glücklich. Und es ist ohne Bitterkeit, Marie, dass ich von
Ihnen scheide; denn das Herz lässt sich nicht zwingen. Und ob ich es gleich
wünschte, dass sich das Ihrige anders entschieden hätte, so weiss ich doch, dass es
sich entschieden hat, wie es sich entscheiden musste.«
    Er reichte erst Marie, dann der Mutter die Hand und verliess das Haus, in dem
ein kurzes Gespräch über sein Glück den Stab gebrochen hatte.
    Eine Stunde später fuhr er wieder auf Frankfurt zu.
    »Lieber Freund«, so waren des Pastors letzte Worte gewesen, »ich beobachte
das Leben nun vierzig Jahre, und immer wieder habe ich wahrgenommen, dass sich
Männer Ihrer Art zu Naturen wie Mariens unwiderstehlich hingezogen fühlen, ohne
dass diese Naturen die Liebe, die ihnen entgegengetragen wird, jemals erwidern
können. Den Charakter zieht es zur Phantasie, aber nicht umgekehrt.«
    Otegraven, indem er die Seidentopfschen Worte hin und her wog, lächelte
schmerzlich.
    »Es ist so; der Alte hat recht. Und so werd ich denn liebelos durch dieses
Leben gehen; denn nur die Seite des Daseins, die mir fehlt, hat Reiz für mich
und zieht mich an. Und so ist mein Los beschlossen. Trag ich es; nicht nur weil
ich muss, auch weil ich will. Tue, was dir geziemt. Aber ich hatte es mir schöner
geträumt; auch heute noch.«
    Während dieses Selbstgespräches war der Konrektor in Podelzig eingefahren
und passierte die Stelle, wo er dem alten Rysselmann begegnet war. Er entsann
sich der gehobenen Stimmung, in der er noch zu ihm gesprochen hatte, und
wiederholte vor sich hin: »Ja, schöner geträumt; auch heute noch!«
 
                              Neunzehntes Kapitel
                               Silvester in Guse
Der Brief, den Hoppenmarieken mit dem Bemerken, »is hüt dis een man«, an Berndt
überreicht hatte, war während der unmittelbar folgenden Szene vergessen worden.
Erst als unsere Zwergin vom Forstacker, als sei nichts vorgefallen, in alter
Munterkeit vom Hof her in die Dorfstrasse einbog, entsann sich Berndt des
Schreibens wieder, das aus Kirch-Göritz war und die Aufschrift trug: »An
Fräulein Renate von Vitzewitz. Hohen-Vietz bei Küstrin.« Er gab den Brief an
Lewin, der nun den langen Korridor hinunterschritt, um ihn Renaten persönlich zu
überbringen.
    In dem Krankenzimmer war es hell, Renate selbst ohne Fieber, nur noch matt.
Katinka sass an ihrem Bett, während Maline seitab am Fenster stand und eine der
Kalvillen schälte, die sie sich am Abend vorher geweigert hatte aus dem alten
Spukesaal heraufzuholen.
    »Ist es erlaubt?« fragte Lewin und nahm einen Stuhl. »Ich komme nicht mit
leeren Händen; hier ein Brief für dich, Renate.«
    »Ach, das ist hübsch! Ich wollte, dass alle Tage Briefe kämen. Katinka, nimm
dir das zu Herzen, und du auch, Lewin. Ihr verwöhnten Leute habt keine Ahnung
davon, was uns in unserer Einsamkeit ein Brief bedeutet.«
    Während dieser Worte hatte sie das Siegel erbrochen und sah nach der
Unterschrift: »Doktor Faulstich.« Es konnte nicht anders sein; wer ausser ihm in
Kirch-Göritz hätte Veranlassung haben können, an Fräulein Renate von Vitzewitz
zu schreiben! Der Brief war übrigens vom 29., also um einen Tag verspätet.
    »Lies ihn uns vor«, sagte Katinka, »so du keine Geheimnisse mit dem Doktor
hast.«
    »Wer weiss; ich will es aber doch wagen.« Und sie las: »Mein gnädigstes
Fräulein! Ein Richterspruch, der keinen Appell gestattet, hat Sie auserkoren,
bei der am Silvester in Schloss Guse stattfindenden Vorstellung mitzuwirken. Mehr
noch, Sie werden die Festlichkeit zu eröffnen und beifolgenden Prolog zu
rezitieren haben, den ich, trotz des bis hierher angeschlagenen
Direktorialtones, in meiner geängstigten Dichtereitelkeit Ihrer freundlichen
Beurteilung, speziell auch der Nachsicht der beiden Kastaliamitglieder, die mich
gestern durch ihren Besuch erfreuten, empfehle. Voll berechtigten Misstrauens in
unsere Kirch-Göritzer Postverhältnisse, habe ich geschwankt, ob es nicht
vielleicht geraten sei, diesen Brief durch einen Expressen an Sie gelangen zu
lassen; vierundzwanzig Stunden aber für eine Entfernung, die selbst mit dem
Umweg über Küstrin nur andertalb Meilen beträgt, sind reichlich bemessen, und
so hege ich denn die Hoffnung, diese Zeilen samt ihrer Einlage rechtzeitig bei
Ihnen eintreffen zu sehen. Que Dieu vous prenne, vous et ma lettre, dans sa
garde! Mit diesem Wunsche, der sich in Form und Sprache fast mehr schon gegen
Guse als gegen Hohen-Vietz verneigt, Ihr treu ergebenster
                                                              Doktor Faulstich.«
»Allerliebst«, sagte Katinka.
    »Ich gebe euch auch noch die Nachschrift.« Und Renate las weiter: »Die
Toilette, mein gnädigstes Fräulein, darf Sie nicht beunruhigen, trotzdem es
niemand Geringeres als Melpomene selbst ist, der ich meine Prologstrophen in den
Mund gelegt habe. In wie vielen Beziehungen auch die neun Schwestern von Klio
bis auf Polyhymnia sich beschwerlich erweisen mögen, in einem Punkte sind sie
bequem: in der Kostümfrage. Der Faltenwurf ist alles. Ich vertraue übrigens,
wenn wir eines Rats benötigt sein sollten, auf Demoiselle Alceste, die mit Hilfe
Racines und seiner Schule seit vierzig Jahren unter den Atriden gelebt hat und
die Staffeln zwischen Klytämnestra und Elektra beständig auf- und
niedergestiegen ist.«
    »Ach, wie schade!« rief Maline vom Fenster her, ganz nach Art verwöhnter
Dienerinnen, die sich gern ins Gespräch mischen.
    »Ja, da hast du recht«, sagte Renate, halb in wirklichem, halb in
scherzhaftem Unmut, während sie den Brief wieder zusammenlegte. »Da blitzt es
nun mal einen Augenblick herauf, aber nur, um mir das Dunkel meiner
Hohen-Vietzer Tage wieder um so fühlbarer zu machen. Verzeihe, Katinka, dass ich
undankbar deines Besuches und der Stunden vergesse, die du mir an meinem Bett
und auch vorher schon weggeplaudert hast, aber dass ich um diese Fahrt nach Guse
komme und um Demoiselle Alceste und um meinen Prolog, das verwinde ich mein
Lebtag nicht. Sage selbst: als Muse, als Melpomene; wie das schon klingt! Und
von einer französischen Schauspielerin eigenhändig drapiert! Ich kann siebzig
Jahre alt werden, ohne zu so was Herrlichem je wieder aufgefordert zu werden.«
    »Aber ist es denn unmöglich?« fragte Katinka. »Du fühlst dich wohler, das
Fieber ist fort. Komm mit, wir stecken dich in einen Fusssack und von oben her in
einen Pelz.«
    Renate schüttelte den Kopf. »Das darf ich dem alten Leist nicht antun. Wenn
ich ihm stürbe - das verzieh er mir all mein Lebtag nicht. Nein, ich bleibe; und
du, Katinka, musst die Rolle sprechen.«
    »Ich?«
    »Ja, du hast keine Wahl. In dem Salon unserer Tante ist, wie du weisst, ausser
dir und mir nichts von Damenflor zu Hause, und wenn Demoiselle Alceste - ich
habe die Strophen eben überflogen - nicht als ihr eigener Herold auftreten, sich
ankündigen und vielleicht auch verherrlichen soll, so bleibt dir nichts übrig,
als den Prolog zu sprechen. Du hast ohnehin die Melpomenefigur. Aber ich glaube
fast, du tust es ungern.«
    »Nicht doch, ich misstraue nur meinem Gedächtnis.«
    »Oh, da schaffen wir Rat«, sagte Lewin. »Es sind noch zwei Stunden, bis wir
aufbrechen, vor allem aber haben wir noch die Fahrt selbst; ich werde dir
unterwegs die Strophen rezitieren, einmal, zweimal, und im Nachsprechen wirst du
sie lernen. Die frische Luft erleichtert ohnehin das Memorieren.«
    Katinka war es zufrieden. So trennte man sich, da nicht nur die Tischglocke
jeden Augenblick geläutet werden konnte, sondern auch das wenige, was ausserdem
noch an Zeit verblieb, zu Vorbereitungen nötig war, die sich für die
Ladalinskischen Geschwister mehr noch auf ihre Abreise überhaupt als auf die
Fahrt nach Guse bezogen. Sie hatten nämlich vor, wenn die Tante sie nicht
festielt, in derselben Nacht noch nach Berlin zurückzukehren.
    Um vier Uhr hielt das Schlittengespann mit den Schneedecken und den roten
Federbüschen, dasselbe, das am dritten Weihnachtsfeiertage Lewin und Renaten
nach Guse hinübergeführt hatte, vor der Rampe des Hauses, und nach herzlichem
Abschiede von Tante Schorlemmer, auch von Jeetze und Maline, die sich mit ihrem
Schürzenzipfel eine Träne trocknete und immer wiederholte: »wie schön es gewesen
sei« und: »solch liebes Fräulein«, rückten sich endlich die Ladalinskis auf
ihrer Polsterbank zurecht, während Lewin den Platz auf der Pritsche nahm. Der
alte Vitzewitz, der noch an Turgany zu schreiben und seinen Bericht über die
Resultate der Haussuchung beizufügen hatte, hatte zugesagt, in einer
Viertelstunde mit den Ponies zu folgen.
    »Ich überhole euch doch! Was gilt die Wette, Katinka?«
    »Du verlierst.«
    »Nein, ich gewinne.«
    Gleich darauf zogen die Pferde an, und der leichte Schlitten flog mit einer
Schnelligkeit dahin, die zunächst wenigstens für die Chancen Berndts besorgt
machen konnte.
    Katinka, wie am Abend vorher auf der kurzen Fahrt nach Hohen-Ziesar, hatte
auch heute wieder die Leinen genommen, das Glockenspiel klang, und die roten
Büsche nickten. Ihr Weg ging erst tausend Schritt auf der Küstriner Strasse
zwischen den Pappeln hin, ehe sie nach links in die weite Schneefläche des
Bruchs einbogen. Als sie die Stelle passierten, wo der Überfall stattgefunden
hatte, zeigte Tubal scherzend nach der Waldecke hinüber und beschrieb der
Schwester seinen Wettlauf über den Sturzacker hin.
    »Und das alles im Ritterdienste Hoppenmariekens. Wer hielt je treuer zu
seiner Devise: Mon coeur aux dames!«
    »Es müssen eben Zwerginnen kommen, um euch zu ritterlichen Taten
anzuspornen. Sonst lasst ihr andere eintreten in Taten und Gesang, und wenn es
Doktor Faulstich wäre. Im übrigen ist es Zeit, Lewin, dass wir unsere Lektion
beginnen. Ich weiss vorläufig nur, dass die erste Strophe mit einem Reim auf Guse
abschliesst; Muse, Guse. Ich glaube, die ganze Melpomene-Idee wäre nie geboren
worden, wenn dieser Reim nicht existiert hätte.«
    Nun begann unter Lachen das Rezitieren, und immer, wenn eine neue Strophe
bezwungen war, salutierte Lewin, und der Knall seiner Schlittenpeitsche, dann
und wann das Echo weckend, hallte über die weite Schneefläche hin. So hatten sie
Golzow, bald auch Langsow passiert, und der Guser Kirchturm wurde schon zwischen
den Parkbäumen sichtbar, als plötzlich die Ponies, deren schwarze Mähnen von
Renneifer wie Kämme standen, ihnen zur Seite waren und der alte Vitzewitz, in
seinem Kaleschwagen sich aufrichtend, zu Katinka hinüberrief: »Gewonnen!«
    »Nein, nein!« Und nun begann ein Wettfahren, in dem als nächstes Objekt die
Ottaverime des Doktors und gleich darauf alle Gedanken an Prolog und Melpomene
über Bord gingen. Auch über die Braunen, die vor den Schlitten gespannt waren,
kam es wie eine ehrgeizige Regung alter Tage, aber der Vorteil ihrer grösseren
Schritte ging bald unter in dem Nachteil ihrer längeren Dienstjahre, über die
nur einen Augenblick lang die jugendlich machenden Schneedecken hatten täuschen
können, und um ein paar Pferdelängen voraus donnerte der Kaleschwagen über die
Sphinxenbrücke und hielt als erster vor dem Schloss. Berndt hatte das Spritzleder
schon zurückgeschlagen, sprang herab und stand rechtzeitig genug zur Seite, um
Katinka die Hand reichen und ihr beim Aussteigen aus dem Schlitten behilflich
sein zu können.
    »Da hast du die gewonnene Wette«, sagte sie, dem Alten einen herzhaften Kuss
gebend, während sie zugleich, zu Lewin gewandt, hinzusetzte: »Voilà notre ancien
régime.«
    Dann traten sie in die geheizte Flurhalle, wo Diener ihnen die Mäntel und
Pelze abnahmen.
    In dem blauen Salon der Gräfin war heute der »weitere Zirkel«, dem, ausser
einigen unmittelbaren Nachbarn von Tempelberg, Quilitz und Friedland her, auch
der Landrat und der neue Seelowsche Oberpfarrer angehörten, schon seit einer
halben Stunde versammelt und teilte seine Aufmerksamkeiten zwischen der Wirtin
und ihrem bevorzugten Gaste, Demoiselle Alceste. Diese, wie sie zugesagt, war
bereits einen Tag früher eingetroffen, und in Plaudereien, die sich bis über
Mitternacht hinaus ausgedehnt hatten, war der Rheinsberger Tage, der Wreechs,
Knesebecks und Tauentziens, vor allem auch der prinzlichen Schauspieler, des
genialen Blainville und der schönen Aurora Bursay, mit herzlicher Vorliebe
gedacht worden. Über Erwarten hinaus hatte das Wiedersehen, das nach länger als
zweiundzwanzig Jahren immerhin ein Wagnis war, beide Damen befriedigt, von denen
jede das Verdienst, sofort den rechten Ton getroffen zu haben, für sich in
Anspruch nehmen durfte. Am meisten freilich Demoiselle Alceste; sie vereinigte
in sich die Liebenswürdigkeiten ihres Standes und ihrer Nation. Sehr gross, sehr
stark und sehr astmatisch, von fast kupferfarbenem Teint und in eine schwarze
Seidenrobe gekleidet, die bis in die Rheinsberger Tage zurückzureichen schien,
machte sie doch dies alles vergessen durch den die grösste Herzensgüte
verratenden Ausdruck ihrer kleinen schwarzen Augen und vor allem durch ihre
Geneigteit, auf alles Heitere und Schelmische und, wenn mit Esprit vorgetragen,
auch auf alles Zweideutige einzugehen. Was ihr anziehendes Wesen noch erhöhte,
waren die Anfälle von Künstlerwürde, denen sie ausgesetzt war, Anfälle, die -
wenn sie nicht an und für sich schon einen Anflug von Komik hatten - jedenfalls
in dem als Rückschlag eintretenden Moment der Selbstpersiflierung zu
herzlichster Erheiterung führten. Ihre geistige Regsamkeit, auch ihr Embonpoint,
das keine Falten gestattete, liessen sie jünger erscheinen, als sie war, so dass
sie sich, obgleich sie beim Regierungsantritt Ludwigs XVI. die Phädra gespielt
hatte, in weniger als einer halben Stunde der Eroberung erst Drosselsteins und
dann Bammes rühmen durfte.
    Von diesen Eroberungen musste ihr, ihrem ganzen Naturell nach, die zweite die
wichtigere sein. Drosselsteins hatte sie viele gesehen, Bammes keinen, und den
Tagen der Liebesabenteuer auf immer entrückt, hatte sie sich längst daran
gewöhnt, den Wert ihrer Eroberungen nur noch nach dem Unterhaltungsreiz, den ihr
dieselben gewährten, zu bemessen. Sie war darin der Gräfin verwandt, nur mit dem
Unterschiede, dass diese das Aparte überhaupt liebte, während alles, was ihr
gefallen sollte, durchaus den Stempel des Heitern tragen musste. dabei war ihr
überraschenderweise auf der Bühne das Komische nie geglückt, und nur in Rollen,
die sich auf Inzest oder Gattenmord aufbauten, hatte sie wirkliche Triumphe
gefeiert.
    Es wurde schon der Kaffee gereicht, als die Hohen-Vietzer eintraten und auf
Tante Amelie zuschritten. Diese, nach herzlicher Begrüssung, erhob sich von ihrem
Sofaplatz, um ihren Liebling Katinka - die kaum Zeit gefunden hatte, von
Renatens Unwohlsein und der momentan in Gefahr geratenen Melpomenerolle zu
sprechen - mit ihrem französischen Gaste bekannt zu machen.
    Demoiselle Alceste brach ihr Gespräch mit Bamme ab und trat den beiden Damen
entgegen.
    »Je suis charmée de vous voir«, begann sie mit Lebhaftigkeit, »Madame la
Comtesse, votre chère tante, m'a beaueoup parlé de vous. Vous êtes polonaise.
Ah, j'aime beaucoup les Polonais. Ils sont tout-à-fait les Français du Nord.
Vous savez sans doute que le Prince Henri était sur le point d'accepter la
couronne de Pologne.«
    Katinka hatte nie davon gehört, hielt aber mit diesem Geständnis klüglich
zurück, während Demoiselle Alceste das immer politischer werdende Gespräch in
Ausdrücken fortsetzte, die, was Bewunderung für den Prinzen und Abneigung gegen
den königlichen Bruder anging, selbst Tante Amelie kaum gewagt haben würde. Das
Tema von der polnischen Krone bot die beste Gelegenheit dazu.
    »Dem grand Frédéric«, fuhr sie mit spöttischer Betonung seines Namens fort,
»sei der Gedanke, seinen Bruder als König eines mächtigen Reiches zur Seite zu
haben, einfach unerträglich gewesen. Es habe freilich, wie das immer geschehe,
nicht an Versuchen gefehlt, die eigentlichen Motive mit Gründen, hoher Politik
zu verdecken; sie aber wisse das besser, und der Neid allein habe den Ausschlag
gegeben.«
    Katinka, die von dem Prinzen nichts wusste als seinen Weiberhass, nahm aus
diesem krankhaften Zuge, der ihn ihr unmöglich empfehlen konnte, eine momentane
Veranlassung zu Loyalität und Verteidigung des grossen Königs her, bis sie sich
endlich lächelnd mit den Worten unterbrach: »Mais quelle bêtise; je suis
polonaise de tout mon coeur et me voilà prête à travailler pour le roi de
Prusse.«
    Damit brach der politische Teil ihrer Unterhaltung ab und glitt zu dem
friedlichen Tema der nahe bevorstehenden Teatervorstellung über. Aber auch
hier kam es zu keinen vollen Einigungen. Immer wieder vergeblich wurde von
seiten Katinkas geltend gemacht, dass sie als Prolog sprechende Melpomene ein
natürliches Anrecht habe, in die Geheimnisse Doktor Faulstichs und seiner
künstlerischen Hauptkraft: Demoiselle Alceste, eingeweiht zu werden. Diese blieb
dabei, dass es zu dem Anmutigsten des Teaterlebens gehöre, die Akteurs und
Aktricen sich wieder untereinander überraschen zu sehen. Und solch heiteres
Spiel dürfe nicht mutwillig gestört werden.
    Während dieses Gespräch in der grossen Fensternische geführt wurde, die den
Blick in den Park und die untergehende Sonne hatte - nur ein Streifen Abendrot
lag noch am Himmel -, hatten sich Tubal und Lewin zur Seite der Tante
niedergelassen, um über die jüngsten Hohen-Vietzer Ereignisse zu berichten. Der
Kreis wurde bald grösser. Erst Krach und Medewitz, dann der Lebuser Landrat samt
dem Seelowschen Oberprediger, zuletzt auch Baron Pehlemann, der, einen Rest von
Podagra missachtend, in oft erprobter Gesellschaftstreue sich eingefunden hatte,
alle rückten näher, um sich von dem Einbruch der Diebe, von dem Auffinden der
beiden Landstreicher auf dem Rohrwerder und endlich von der Haussuchung bei
Hoppenmarieken erzählen zu lassen. Niemand folgte gespannter als Tante Amelie
selbst, die, neben einer natürlichen Vorliebe für Einbruchsgeschichten, eine
herzliche Genugtuung empfand, die von ihrem Bruder vermuteten französischen
Marodeurs sich einfach in Muschwitz und Rosentreter verwandeln zu sehen. Der
überlegene Charakter Berndts war ihr zu oft unbequem, als dass ihr der Anflug von
Komischem, der dadurch auf seine Pläne fiel, nicht hätte willkommen sein sollen.
    Und doch waren es gerade wieder diese Pläne, die, während die Schwester im
stillen triumphierte, den Bruder auf das lebhafteste beschäftigten. In demselben
Augenblicke beinah, wo die Vorstellung Katinkas das zwischen Demoiselle Alceste
und Bamme geführte Gespräch unterbrochen hatte, hatte sich Berndt des alten
Generals zu bemächtigen gewusst, und ihn beiseite nehmend, war er nicht säumig
gewesen, ihm seine bis dahin nur flüchtig angedeuteten Gedanken über
Insurrektion des Landes zwischen Oder und Elbe zu entwickeln. Der Hauptpunkt
blieb immer die Volksbewaffnung à tout prix, also mit dem Könige, wenn möglich,
ohne den König, wenn nötig. In betreff dieses Punktes aber war Berndt gerade dem
alten General gegenüber nicht ohne Sorge. Bamme gehörte nämlich jener unter dem
Absolutismus grossgezogenen militärischen Adelsgruppe an, die auf eine
Cabinetsordre hin all und jedes getan hätte und unter einem
Lettre-de-Cachet-König so recht eigentlich erst an ihrem Platze gewesen sein
würde. So kannte Berndt den General. Er übersah aber doch zweierlei: einmal
seine stark ausgeprägte Heimatsliebe, die, wenn verletzt, sich jeden Augenblick
bis zu dem unserem Adel ohnehin geläufigen Satze: »Wir waren vor den
Hohenzollern da hinaufschrauben konnte, dann seinen Hang zu Wagnis und Abenteuer
überhaupt, der so gross war, dass ihm jede Konspiration angenehm und
einschmeichelnd und ein nach oben hin gerichteter Absetzungsversuch, weil
seltener und aparter, vielleicht noch anlockender als ein von oben her
angeordneter Unterdrückungsversuch erschien. Ohne Grundsätze und Ideale, war
sein hervorstechendster Zug das Spielerbedürfnis; er lebte von Aufregungen.«
    Berndt, als er ihm alles entwickelt hatte, setzte ruhig hinzu: »Da haben Sie
meinen Plan, Bamme. Seine Loyalität kann bestritten werden. Wir stehen ein für
das Land; Gott ist mein Zeuge, auch für den König. Aber wenn wir die Waffen
wider seinen Willen nehmen, so kann es uns auf Hochverrat gedeutet werden. Ich
bin mir dessen bewusst, und ich spreche es aus.«
    Bamme hatte während dieser letzten Worte lächelnd an seinem weissen
Schnurrbart gedreht: »Es ist, wie Sie sagen, Vitzewitz. Aber was tut's! Wir
müssen eben unsere Haut zu Markte tragen; das ist hierlandes so der Brauch. Ich
weiss genau, wie sie es da oben machen, oder sagen wir lieber, wie sie es machen
müssen; denn ich glaube, sie haben keine Wahl. Es wird damit beginnen, dass man
uns verleugnet, immer wieder und wieder, immer ernstafter, immer bedrohlicher.
Aber mittlerweile wird man abwarten und unser Spiel mit Aufmerksamkeit und
frommen Wünschen verfolgen. Glückt es, so wird man den Gewinn: ein Land und eine
Krone, ohne weiteres akzeptieren und uns dadurch danken, dass man uns verzeiht;
missglückt es, so wird man uns über die Klinge springen lassen, um sich selber zu
retten. Es kann uns den Kopf kosten; aber ich für mein Teil finde den Einsatz
nicht zu hoch. Ich bin der Ihre, Vitzewitz.«
    Während so an verschiedenen Punkten des Salons über die verschiedensten
Temata, über die polnische Krone, Hoppenmarieken und den Volksaufstand zwischen
Oder und Elbe gesprochen wurde, lag die ganze Schwere des Dienstes, zugleich die
ganze Verantwortlichkeit für Gelingen oder Misslingen dieses Abends auf den
Schultern Doktor Faulstichs. Die Gräfin, nur eine alleroberste Leitung, ein
letztes Ja oder Nein sich vorbehaltend, hatte alles andere mit einem leicht
hingeworfenen: »Vous ferez tout cela« auf den Kirch-Göritzer Doktor abgewälzt.
»Was dem Ziebinger Grafen recht ist, ist der Guser Gräfin billig.« Er hatte
gehorchen müssen und auch gern gehorcht, aber doch in Bangen. Und dieses Bangen
war nur allzu gerechtfertigt, übersah er die Situation, so war er eigentlich nur
seiner selbst sicher, und auch das kaum. Hundert Fragen drängten auf ihn ein.
Wie würde, um nur eine der nächstliegenden und wichtigsten zu nennen, das
Streichinstrument- und Flötenquintett bestehen, das, die musikalischen Kräfte
von Seelow und Kirch-Göritz zusammenfassend, der Leitung des jungen Guser
Kantors, eines nach Tante Amelies Meinung verkannten musikalischen Genies,
anvertraut worden war? Würde Katinka, wirklicher Deklamation zu geschweigen,
die Prolog-Ottaverime auch nur fehlerfrei und ohne Anstoss sprechen können? Würde
Alceste die ganze Vorstellung nicht zu sehr als Bagatelle behandeln? War Verlass
auf die Dienerschaften, Männlein wie Weiblein, die mit Dekorationswechsel,
Bereitaltung einiger Requisiten, endlich auch mit dem Zurückziehen und
Wiederfallenlassen der Gardine betraut worden waren? Denn das Guser Teater
hatte noch statt eines rouleauartigen Vorhanges den von links und rechts her
zusammenfallenden Teppich. Mehr als einmal schoss dem Doktor das Blut zu Kopf und
weckte die Lust in ihm, in dieser zwölften Stunde noch mit einem
Demissionsgesuch vor die Gräfin zu treten; aber im selben Augenblicke die
Unmöglichkeit solchen Schrittes einsehend, richtete er sich an dem Satze auf,
der in ähnlichen Lagen schon so oft geholfen hat: »Nur erst anfangen.« Übrigens
erwuchs ihm, als die Not am grössten war, eine wesentliche Hilfe aus dem
plötzlichen Erscheinen der kleinen Eve. Diese hatte sich ihm kaum zur Verfügung
gestellt, als auch schon ein besserer Geist in die Dienerschaften fuhr, die
guten Grund hatten, es mit dem erklärten Liebling der Gräfin nicht zu verderben.
    So kam neun Uhr; schon eine Stunde vorher waren Mademoiselle Alceste und
Katinka aus dem Salon abgerufen worden. Jetzt trat Eve an ihre Herrin heran, um
ihr zuzuflüstern, dass alles bereit sei. Die Gräfin erhob sich sofort, reichte
Drosselstein den Arm und schritt durch das Esszimmer in den dahintergelegenen
Teatersaal, der sich, ziemlich genau halbiert, in eine Bühne und einen
Zuschauerraum teilte. In letzterem herrschte eine nur mässige Helle, um die
Gestalten auf der Bühne in desto schärferer Beleuchtung erscheinen zu lassen.
Etwa zwanzig Sessel waren in zwei Reihen gestellt, in Front derselben fünf
hochlehnige Stühle für die Musik, in deren Mitte, den Blick auf den Vorhang
gerichtet und eine Notenrolle in der Hand, der als Kapellmeister funktionierende
Guser Kantor stand, Herr Nippler mit Namen. Auf den Polstersesseln lagen
Teaterzettel, die auf Veranlassung Faulstichs bei dem Buchbinder und
Fibelverleger P. Nottebohm in Kirch-Göritz gedruckt worden waren und jetzt,
nachdem alles Platz genommen hatte, sofort einem eifrigen Studium unterzogen
wurden. Der Zettel lautete:
                           Téâtre du Château de Guse
                           Jeudi le 31 Décembre 1812
                    La représentation commencera à 9 heures.
1. Ouverture exécutée sous la direction de M. Nippler, chantre de Guse, par 3
    violons, 1 flûte et 1 basse.
2. Prologue. (Melpomène.)
3. Début de Mademoiselle Alceste Bonnivant.
    Scènes diverses, prises de Guillaume Tell. Tragédie en cinq actes par
    Lemierre.
    a. Cléofé, épouse de Tell, s'adressant à son mari:
        Pourquoi donc affecter avec moi ce mystère,
        Et the cacher de moi comme d'une étrangère?
    b. Cléofé, s'adressant à la Garde de Gesler:
        Je veux voir mon époux, vous m'arrêtez en vain etc.
    c. Cléofé, s'adressant à Gesler:
        Quoi, Gesler! quand j'amène un fils en ta présence etc.
    d. Cléofé, s'adressant à Walter Fürst:
        C'etait-là le moment de soulever la Suisse.
        Tu l'as perdu!
4. Finale composé pour 2 violons et 1 flûte par M. Nippler.
                                                 Le Sous-Directeur Dr. Faulstich
                           Imprimé par P. Nottebohm,
                  relieur, libraire et éditeur à Kirch-Goeritz
Die Mehrzahl der Anwesenden war mit dem Studium des Zettels noch nicht bis zur
Hälfte gediehen, als das Zeichen mit der Klingel gegeben wurde. Nippler klopfte
mit der steifen Papierrolle auf das Podium, und sofort begannen die Violinen ihr
Werk; jetzt fiel die Flöte ein, während von Zeit zu Zeit des »Basses
Grundgewalt« dazwischen brummte. Nun war es zu Ende, Nippler trocknete sich die
Stirn, und die Gardine öffnete sich. Melpomene stand da.
    Ein »Ah!« ging durch die ganze Versammlung, so von Herzen, dass auch einer
zaghafteren Natur als der Katinkas der Mut des Sprechens hätte kommen müssen.
    Ehe sie begann, fragte Rutze leise den neben ihm sitzenden Baron Pehlemann:
»Was stellt sie vor?«
    »Melpomene.«
    »Aber hier steht ja Prolog.«
    »Das ist ein und dasselbe.«
    »Ah, ich verstehe«, flüsterte Rutze mit einem Gesichtsausdruck, der über die
Wahrheit seiner Versicherung die gegründetsten Zweifel erlaubte.
    Katinka trat einen Schritt vor. Sie trug ein weisses Gewand, an dem sich die
Drapierungskunst Demoiselle Alcestens glänzend bewährt hatte, und stemmte ein
hohes, grüneingebundenes Notenbuch - auf dessen beide Deckel eine Abschrift der
zu sprechenden Strophen aufgeklebt worden war - mit ihrer Linken gegen die
Hüfte. Die Rechte führte den Griffel. So sah sie einer Klio ähnlicher als einer
Melpomene. Ruhig, als ob die Bretter ihre Heimat wären, das Auge abwechselnd auf
die Versammlung und dann wieder auf das aushelfende Notenbuch gerichtet, sprach
sie:
»Ihr kennt mich! Einst ein Götterkind der Griechen,
Irr ich vertrieben jetzt von Land zu Land,
Und Unkraut nur und Moos und Efeu kriechen
Hin über Trümmer, wo mein Tempel stand;
Ach oft in Sehnsucht droh ich hinzusiechen
Nach einem dauernd-heimatlichen Strand -
Raststätten nur noch hat die flücht'ge Muse,
Der liebsten eine hier, hier in Schloss Guse.
Und fragt ihr nach dem Lose meiner Schwestern?
Die meisten bangen um ihr täglich Brot,
Talia spielt in Schenken und in Nestern,
Und gar Terpsichore, sie tanzt sich tot:
So schritt ich einsam, als sich mir seit gestern
In meinem Liebling der Gefährte bot,
Ihr kennt ihn, und herzu zu diesem Feste
Bring ich das beste, was ich hab: Alceste.«
Hier unterbrach sie sich einen Augenblick, wandte mit vieler Unbefangenheit das
Notenbuch um, so dass der Rückdeckel, auf dem die Schlossstrophe stand, nach oben
kam, und fuhr dann fort:
»Sie wünscht euch zu gefallen. Ob's gelinget,
Entscheidet ihr; die Huld macht stark und schwach;
Und wenn ihr Wort euch fremd im Ohre klinget,
Dem Fremden eben gönnt ein gastlich Dach.
Empfanget sie, als ob ihr mich empfinget,
Ihr Vitzewitze, Drosselstein und Krach,
Mein Sendling ist sie, wollt ihm Beifall spenden,
Ich habe keinen zweiten zu versenden.«
Die Gardine fiel. Lebhafter Beifall wurde laut, am lautesten von seiten Rutzes,
der einmal über das andere versicherte, dass er nun völlig klarsehe und Faulstich
bewundere, der dies wieder so fein eingefädelt habe. Der einzige, der bei dem
kleinen Triumphe Katinkas in Schweigen verharrte, war Lewin. Die Sicherheit,
mit der sie die nur flüchtig gelernten Strophen vorgetragen hatte, hatte ihn
inmitten seiner Bewunderung auch wieder bedrückt. »Sie kann alles, was sie
will«, sagte er zu sich selbst; »wird sie immer wollen, was sie soll?«
    In dem Reichbeanlagten ihrer Natur, in dem Übermut, der ihr daraus erwuchs,
empfand er in schmerzlicher Vorausahnung, was sie früher oder später voneinander
scheiden würde.
    Die Pause war um, die Violinen intonierten leise, nur um anzudeuten, dass die
nächste Nummer im Anzuge sei. Aller Blicke richteten sich auf den Zettel:
»Scènes prises de Guillaume Tell. Erste Szene: Cléofé, épouse de Tell,
s'adressant à son mari.« Im selben Augenblicke öffnete sich die Gardine. Eine
Hintergrundsdekoration, die Berg und See darstellte, hatte sich jetzt vor den
griechischen Tempel geschoben, das Kuhhorn erklang, und dazwischen läuteten die
Glocken einer Herde. So verändert war die Szene; aber veränderter war das Bild,
das innerhalb derselben erschien. An die Stelle der jugendlichen Gestalt in Weiss
trat eine alte Dame in Schwarz: Mademoiselle Alceste, die die Kostümfrage mit
äusserster Geringschätzung behandelt und, das schwarze Seidenkleid (ihr eines und
alles)! beibehaltend, sich damit begnügt hatte, durch einen langen Hirtenstab
und einen den Guseschen Gewächshäusern entnommenen Rhododendronstrauss das
Schweizerisch-Nationale, durch ein Barett mit blinkender Agraffe aber den Stil
der grossen Tragödie herzustellen. Das »Ah!« der Bewunderung, das Katinka
empfangen hatte, blieb ihr gegenüber aus, aber sie achtete dessen nicht, aus
langer Erfahrung wissend, dass der Ausgang entscheide, und dieses Ausgangs war
sie sicher.
    Sie sprach nun, jedes falsche Echauffement vermeidend, erst die den Gatten
um Mitteilung seines Geheimnisses beschwörenden Worte: »Pourquoi donc affecter
avec moi ce mystère?«, dann in rascher Reihenfolge die nur kurzen Sentenzen, die
sich abwechselnd an die Gesslerschen Knechte und zuletzt an Gessler selbst
richteten. In jedem Worte verriet sich die gute Schule, und bei Schluss dieser
dritten Szene durfte sie sich ohne Eitelkeit gestehen, dass sie »ihr Publikum in
der Hand habe«.
    Aber die vierte Szene: »Cléofé s'adressant à Walter Fürst«, stand noch aus.
Tante Amelie, die das Stück in allen seinen Einzelheiten kannte, versprach sich
gerade von diesen Zornesalexandrinern einen allerhöchsten Effekt und äusserte
sich eben in diesem Sinne gegen Drosselstein, als die Regisseurklingel hinter
dem Vorhang den Fortgang des Spieles anzeigte.
    Aber wer beschreibt das Staunen aller, zumeist der Gräfin selbst, als jetzt,
bei dem Sichwiederöffnen der Gardine, statt Cléofés ein verwandtes und doch
wiederum wesentlich verändertes Bild auf sie niederblickte. Was bedeutete diese
neue Gestalt? Nur einen Augenblick schwebte die Frage. Der Hirtenstab, der
Rhododendronstrauss, das Barett mit der Agraffe waren abgetan, und ein kurzer
Rock mit grünem Kragen, der wenigstens die obere Hälfte des schwarzen
Seidenkleides verdeckte, liess keinen Zweifel darüber, dass die trotzig auf dem
Felsen stehende Jägergestalt niemand Geringeres sein sollte als Wilhelm Tell
selbst. Mit der Spitze seiner Armbrust wies er auf den eben getroffenen Gessler.
Und in deutscher Sprache, verwunderlich, aber nicht störend akzentuiert, sprach
Alceste, die dieser von Faulstich geplanten Überraschung mit grosser
Bereitwilligkeit zugestimmt hatte, die Schlussworte des Dramas, die, hier und
dort über das Schweizerische hinausgehend, als ein allgemeiner Hymnus auf die
Befreiung der Völker gedeutet werden konnten:
»Tot der Tyrann! Er schändet uns nicht mehr,
Bedrückte Brüder, Freunde, tretet her,
Von seinem Schloss, das in Flammen steht,
Der Feuerschein wie eine Fahne weht,
Verkündigend: es fiel die Tyrannei,
Gessler ist tot, und unser Land ist frei.«
Bei diesen Worten stieg Demoiselle Alceste die Felsenstufen hinunter, und dicht
an den Rand des Podiums tretend, fuhr sie mit gehobener Stimme fort:
»Und denkt der Feind an einen Rachezug,
Ihn zu vernichten sind wir stark genug;
Er komme nur, Soldaten sind wir all,
Es schirmt uns unsrer Berge hoher Wall,
Und dringt er doch in unsre tiefste Schlucht,
Die keinen Ausgang kennt und keine Flucht,
Dann über ihn mit Fels und Block und Stein,
In der Verwirrung wir dann hinterdrein,
Mit Sens' und Sichel und mit Schwert und Speer:
Ergib dich, Feind, du rettest dich nicht mehr!
So fällt sein Helmbusch, seines Stolzes Zier,
Denn stärker war die Freiheit, waren wir.«
Ein Beifallssturm, der alle Triumphe Katinkas verschwinden machte, brach jetzt
los, und: »Demoiselle Alceste« klang es, erst gemurmelt, dann immer lauter. Nach
Innehaltung der den Applaus steigernden Pause erschien die Gerufene, sich
würdevoll verneigend, und da weder für Kränze noch Bouquets gesorgt worden war,
trat Tante Amelie selbst an das Podium und reichte ihr zum Zeichen ihres Dankes
auf die Bühne hinauf ihre Hand. Gleich darauf intonierte Nippler ein kurzes, von
ihm selbst gesetztes Finale, unter dessen Klängen die Gäste sich erhoben, um in
den Fronträumen das Souper zu nehmen.
    Hier war inzwischen an kleinen Tischen gedeckt worden, an denen nun, nach
dem baldigen Erscheinen derer, die die Mühen des Tages recht eigentlich
bestritten hatten, wie Wahl oder- Zufall es fügten, Platz genommen wurde. Auch
Nippler war geladen worden. Bamme, der eine Vorliebe für Ausnahmegestalten
hatte, nahm ihn in besondere Affektion, ihm einmal über das andere versichernd:
»Das sei doch einmal eine Musik gewesen. Besonders die Flöte.«
    Der Haupttisch, auf dem sechs Couverts gelegt waren, stand in dem
Spiegelzimmer. Hier sassen unmittelbar neben der Gräfin Mademoiselle Alceste und
Katinka, den Damen gegenüber aber Drosselstein, Berndt und Baron Pehlemann, der
auf dem Gebiete französischer Literatur nicht ganz ohne Ansprüche war und die
»Henriade« in Übersetzung, den »Charles Douze« sogar im Original gelesen hatte.
Tubal und Lewin, als Anverwandte des Hauses, machten die Honneurs in dem blauen
Salon; einige der Herren hatten sich in das Billardzimmer zurückgezogen, unter
ihnen Medewitz, dessen etwas fistulierende Stimme von Zeit zu Zeit an dem Tische
der Gräfin hörbar wurde.
    Es war dies derselbe auf vier runden Säulen ruhende Marmortisch, an dem bei
Gelegenheit des Weihnachtsdiners der Kaffee genommen und schliesslich in
Veranlassung der alten Streitfrage »Roi Frédéric oder Prince Henri« eine
ziemlich pikierte Debatte zwischen dem alten Vitzewitz und seiner Schwester, der
Gräfin, geführt worden war. Auch heute sollte diesem Tisch eine geschwisterliche
Fehde nicht fehlen.
    Aber diese Fehde stand noch in weiter Ferne und war nur der Abschluss einer
sich lang ausspinnenden Konversation, die zunächst nur das »vollendete Spiel«
Mademoiselle Alcestes und erst nach Erschöpfung aller erdenkbaren
Verbindlichkeiten auch das Stück selbst zum Gegenstand hatte.
    Die Gräfin, die mit vieler Geschicklichkeit diesen Übergang machte, wusste
dabei wohl, was sie tat. Sie war die einzige, die die Tragödie gelesen, zugleich
auch mit Hilfe einer vorgedruckten Biographie sich über die Lebensumstände
Lemierres unterrichtet hatte, so dass sie sich in der angenehmen Lage sah, den in
Sachen französischer Literatur mit ihr rivalisierenden Drosselstein in die
zweite Stelle herabdrücken und überhaupt nach allen Seiten hin brillieren zu
können. Am meisten vor Demoiselle Alceste selbst, die, als echtes Bühnenkind,
sich mit dem Auswendiglernen ihrer Rolle begnügt und nicht die geringste
Veranlassung gefühlt hatte, sich in Vor- und Nachwort oder gar in Anmerkungen
und literarhistorische Notizen zu vertiefen.
    Es war ein anmutiges Lebensbild, das die Gräfin, indem sie Fragen von links
und rechts her hervorzulocken wusste, nach und nach vor ihren Zuhörern entrollte,
unter denen selbst Berndt, weil es menschlich schöne Züge waren, die zu ihm
sprachen, ein ungeheucheltes Interesse zeigte. Lemierre, nach Poetenart, war
immer ein halbes Kind geblieben. Anspruchslos, hatte sein Leben nur drei Dingen
angehört: der Dichtung, der Entbehrung und der Pietät. Er war schon sechzig, als
er zu Ruhm kam, aber auch dieser Ruhm liess ihn ohne Mittel und Vermögen. Es
waren kleine Summen, die die Aufführungen seiner Stücke ihm eintrugen; empfing
er sie, so machte er sich auf den Weg nach Villiers le Bel, wo seine beinahe
achtzigjährige Mutter lebte. Er teilte mit ihr, plauderte ihr seine Hoffnungen
vor und kehrte dann, wie er den Hinweg zu Fuss gemacht hatte, so auch zu Fuss in
die Hauptstadt und an seine Arbeit zurück.
    Wie so viele Tragödienschreiber war er heiteren Gemütes, und seine Scherze,
seine Anekdoten, seine Gelegenheitsverse belebten die Gesellschaft. So arm er
war, so gütig war er; selbst neidlos, weckte er keinen Neid. Ein Nervenleiden,
das ihn schon monatelang vor seinem Tode befallen hatte, schloss ihm die Sinne.
So starb er im Juli 1793, inmitten der Tage der Schreckensherrschaft, die er
noch erlebt, aber nicht mehr mit Augen gesehen hatte.
    So etwa waren im Zusammenhange die Notizen, die die Gräfin vereinzelt gab.
Sie wiegte sich in dem Bewusstsein ihrer Überlegenheit und wurde deshalb wenig
angenehm überrascht, als Drosselstein, den Namen Lemierres einige Male
wiederholend, wie wenn er sich auf etwas Halbvergessenes besinne, mit einem
leisen Anfluge von Sarkasmus sagte: »Ja, es kann nur Lemierre gewesen sein;
gnädigste Gräfin entsinnen sich gewiss des Bonmots, das bei Gelegenheit der
zweiten Aufführung des Guillaume Tell gemacht wurde? Ich fand es in den
Anecdotes dramatiques.«
    Die Miene, mit der Tante Amelie die Frage begleitete, liess keinen Zweifel
über die Antwort, so dass Drosselstein, um ihr die Verlegenheit eines »Nein« zu
ersparen, ohne jede Pause fortfuhr: »Schon bei dieser zweiten Aufführung,
trotzdem das Stück entusiastisch aufgenommen worden war, war das Teater leer,
und nur etwa hundert Schweizer hatten sich aus Patriotismus eingefunden. Einer
von den anwesenden Franzosen bemerkte diese seltsame Zusammensetzung des
Publikums und flüsterte seinem Nachbar zu: Sonst heisst es: kein Geld, keine
Schweizer; hier würd es heissen müssen: keine Schweizer, kein Geld.«
    Die Gräfin war selbst witzig genug, um unter dem Einfluss einer gut
pointierten Wendung ihrer Verstimmung Herr zu werden, und bald wieder auf dem
Vollklang Lemierrescher Tragödientitel, auf »Idomeneus« und »Artaxerxes«, sich
wiegend, steigerte sie sich in ihrem Entusiasmus bis zu der Behauptung, dass
sich die Überlegenheit des französischen Geistes in nichts so sehr ausspräche
als in der Tatsache, dass selbst Erscheinungen zweiten Ranges dem überlegen
seien, was innerhalb der deutschen Literatur als ersten Ranges angesehen würde.
    Berndt, der ahnen mochte, auf was die Gräfin hinauswollte, horchte auf und
bemerkte ruhig: »Könntest du Beispiele geben?«
    »Gewiss; und ich nehme das, das uns am bequemsten liegt, eben diesen
Guillaume Tell, dem wir mit Hilfe unseres verehrten Gastes«, und hierbei machte
sie eine verbindliche Handbewegung gegen Mademoiselle Alceste, »eine so schöne
Stunde verdanken. Lemierre n'est qu'un auteur de second rang. Aber wie überlegen
ist sein Guillaume Tell dem Wilhelm Tell des Herrn Schiller, ein Stück, in dem
mehr Personen auftreten, als die vier Waldstätte Einwohner haben. Und dazu ein
beständiger Szenenwechsel; ein Lied wird gesungen, und ein Mondregenbogen spannt
sich aus; alles opernhaft. Zuletzt erscheint Gessler zu Pferde...«
    »... und der Souffleur gerät in Gefahr, wie Max Piccolomini unterm Hufschlag
zugrunde zu gehen. Nicht wahr, Schwester?«
    »Ich akzeptiere deine Worte und überhöre den Spott, der sich nach deiner Art
mehr gegen mich als gegen den Dichter richtet. Er kann übrigens meiner
Zustimmung entbehren; der Weimaraner Herzog hat ihn nobilitiert.«
    »Das hat er. Hast du denn aber je den Schillerschen Tell mit Aufmerksamkeit
gelesen?«
    »Ich hab es wenigstens versucht.«
    »Da bist du mir in unserem Streit um einen Pas voraus, denn ich darf mich
meinerseits nicht rühmen, auch nur einen Versuch zur Lektüre Lemierres gemacht
zu haben. Aber eines ist sicher, er kam und ging. Sie mögen ihm, was ich nicht
weiss, einen Sitz in der Akademie gegeben, ihm Kränze geflochten, ihm in
irgendeinem Ehrensaal ein Bild oder eine Büste errichtet haben, es bleibt doch
bestehen, was ich sagte: er kam und ging. Er hat keine Spur hinterlassen.«
    »Und doch folgten wir vor einer Stunde erst eben diesen Spuren und waren
hingerissen durch die Schönheit seiner Worte.«
    »Seiner Worte, ja; aber nicht durch mehr. Er mag das Herz seiner Nation
berührt haben, aber er hat es nicht getroffen. Nach solchen Balsam- und
Trostesworten, wie sie der Schillersche Tell hat:
Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Greift er getrosten Mutes in den Himmel
Und holt herunter seine ew'gen Rechte,
wirst du den Tell deines Lemierre, dessen bin ich sicher, vergeblich
durchsuchen. Ich wüsste sonst davon. Dieser Herr Schiller, wie du ihn nennst, ist
eben kein Tabulaturdichter, er ist der Dichter seines Volkes, doppelt jetzt, wo
dies arme niedergetretene Volk nach Erlösung ringt. Aber verzeih, Schwester, du
weisst nichts von Volk und Vaterland, du kennst nur Hof und Gesellschaft, und
dein Herz, wenn du dich recht befragst, ist bei dem Feinde.«
    »Nicht bei dem Feinde, aber bei dem, was er vor uns voraushat.«
    »Und das ist in deinen Augen nicht mehr und nicht weniger als alles. Ich
sehe seine Vorzüge, wie du sie siehst, aber das ist der Unterschied zwischen dir
und mir, dass du von keiner Ausnahme wissen willst und der im ganzen
zugestandenen Überlegenheit auch in jedem Einzelfalle zu begegnen glaubst.
Erinnere dich, es gibt Fruchtbäume, die nur spärlich tragen; vielleicht ist
Deutschland ein solcher. Und wenn denn durchaus gescholten werden soll, so
schilt den Baum, aber nicht die einzelne Frucht. Diese pflegt um so schöner zu
sein, je seltener sie ist. Und eine solche seltene Frucht ist unser Tell.«
    Während dieses Streites hatte sich aus dem Salon und dem Billardzimmer her
ein rasch wachsender Kreis von Zuhörern um Vitzewitz gebildet, welcher erst, als
er schwieg, das Peinliche der Situation empfand; nicht seiner ihn stets
herausfordernden Schwester, wohl aber Mademoiselle Alceste gegenüber. Er trat
deshalb auf diese zu, küsste ihr die Hand und sagte: »Pardon, Madame, wenn ich
durch eines meiner Worte Sie verletzt haben sollte. Ich fühle, was wir einem
fremden Gaste, aber zugleich auch, was wir unserem Vaterlande schuldig sind. Sie
sind Französin; ich frage Sie, was Sie an irgendeiner Stelle Frankreichs bei
Unterordnung Ihres Corneille unter einen fremden Poeten zweiten Ranges empfunden
haben würden! Ich täusche mich nicht in Ihnen, Sie hätten gesprochen nach Ihrem
Herzen, nicht nach der Forderung gesellschaftlicher Konvention. Madame, ich
rechne auf Ihre Verzeihung.«
    Mademoiselle Alceste erhob sich mit einer Würde, als ob ihr mindestens eine
Corneilleszene zu spielen auferlegt worden sei, und sagte: »Monsieur le Baron,
vous avez raison, et je suis heureuse de faire la connaissance d'un vrai
gentilhomme. J'aime beaucoup la France, mais j'aime plus les hommes de bon coeur
partout où je les trouve.« Dann, sich respektvoll vor der Gräfin verneigend,
fuhr sie, gegen diese gewandt, fort: »Mille pardons, Madame la Comtesse, mais,
sans doute, vous vous rappelez la maxime favorite de notre cher prince: la
vérité c'est la meilleure politique.«
    Die Gräfin reichte der alten Französin die Hand und lächelte gezwungen. Den
Blick des Bruders vermied sie. Sie konnte Szenen wie diese vergessen, aber nicht
sogleich. Der Augenblick behauptete sein Recht über sie. -
    Es war elf Uhr vorüber. Das Gespräch, das schon zu lange literarisch geführt
worden war, wandte sich jetzt den alleräusserlichsten Erörterungen zu und drehte
sich um die Frage: wann der Wagen oder Schlitten vorfahren, wer aufbrechen oder
bleiben solle. Gegen Tubals und Katinkas Abreise wurde seitens der Gräfin ein
entschiedenes Veto eingelegt, dem sich die Geschwister unschwer fügten. Sie
willigten ein, zu bleiben, mit ihnen Doktor Faulstich und Mademoiselle Alceste.
Katinka verliess gleich darauf das Zimmer, angeblich, um ihren Koffer- und
Etuischlüssel an Eva zu geben, in Wahrheit, um mit dieser zu plaudern. Denn sie
war auch darin ganz Dame von Welt, dass ihr Kammermädchengeschwätz sehr viel und
Professorenuntersuchung sehr wenig bedeutete.
    In immer flüchtiger werdenden Fragen und Antworten setzte sich mittlerweile
die Konversation fort, in die selbst einige Bammesche Drastika kein rechtes
Leben mehr bringen konnten. Endlich schlug es zwölf; Berndt öffnete eines der
Flügelfenster, um das alte Jahr hinaus-, das neue hereinzulassen, und rief,
während die frische Luft einströmte:
    »Ich grüsse dich, neues Jahr; oft hab ich dich kommen sehen, aber nie wie zu
dieser Stunde. Es überrieselt mich süss und schmerzlich, und ich weiss nicht, ob
es Hoffen ist oder Bangen. Wir haben nicht Wünsche, wir haben nur einen Wunsch:
Seien wir frei, wenn du wieder scheidest!«
    Die Gläser klangen zusammen, auch das Mademoiselle Alcestes. Sie teilte ihre
patriotischen Empfindungen zwischen ancien régime und Republik; gegen den
Kaiser, der ihr ein Fremder, ein Korse war, unterhielt sie einen ehrlichen Hass.
So war denn nichts in ihrem Herzen, das dem unglücklichen Lande, in dem sie so
viele glückliche Jahre gelebt hatte, die Rückkehr zu Freiheit und Machtstellung
hätte missgönnen können.
    Die Aufregung, die der kurze Toast geweckt hatte, dauerte noch fort, als
Katinka wieder in den Saal trat.
    »Wir haben Blei gegossen«, sagte sie lachend und legte einen blanken
Klumpen, auf dem eine Moosgirlande sichtbar war, vor die Tante nieder. »Eva
meint, dass es ein Brautkranz sei.«
    Alle waren einig, dass Eva richtig gesehen und sehr wahrscheinlich noch
richtiger prophezeit habe. So ging das gegossene Blei von Hand zu Hand. Es kam
zuletzt auch an Lewin, auf den es bei seiner Befangenheit in abergläubischen
Anschauungen einen Eindruck machte, dass der Kranz nicht geschlossen war.
    Die Diener traten ein, um zu melden, dass die Wagen und Schlitten warteten.
Berndt empfahl sich zuerst; dann folgten die anderen Gäste, meist paarweise oder
mehr. Mit Drosselstein war der lebusische Landrat; sie hatten denselben Weg.
    Nur Lewin fuhr allein. Aus den ersten Dörfern scholl ihm noch Musik
entgegen; dazwischen Schüsse, die das neue Jahr begrüssten. Dann wurd es still,
und nur das Bellen eines Hundes klang von Zeit zu Zeit aus der Ferne her. Sein
Schlitten schaufelte, wo die Fahrstrasse schlecht war, nach rechts und links hin
den Schnee zusammen; er selber aber hing träumerisch den Bildern dieses Tages
nach.
    Auf dem Polstersitze sass wieder Katinka; »nun ist es Zeit, Lewin, an unsere
Lektion zu denken«, und er beugte sich vor, dass ihre Wangen einander berührten,
und begann ihr die Verse vorzusprechen. Dann sah er sie auf der Bühne stehen,
ruhig, ihres Erfolges sicher, und es war ihm, als vernähme er den Wohllaut ihrer
Stimme. »Wie schön sie war!« Ein leidenschaftliches Verlangen ergriff ihn, ihr
zu Füssen zu stürzen und ihr seine Liebe, die sie verspottete, weil er nicht den
Mut eines Geständnisses hatte, unter tausend Schwüren und Küssen zu bekennen;
aber er schüttelte den Kopf, denn er fühlte wohl, dass es umsonst sei und dass er
sie nie besitzen werde.
    Die Sterne flimmerten immer heller; er sah hinauf, und in seiner Seele
klangen plötzlich wieder die Worte jener Bohlsdorfer Grabsteininschrift: »Und
kann auf Sternen gehen.«
    Da fiel alles Verlangen von ihm ab. Er sah noch das Bild Katinkas, aber es
verdämmerte mehr und mehr, und der Friede des Gemütes kam über ihn, als er jetzt
einsam über die breite Schneefläche des Bruches hinflog.
 
                                  Dritter Band
                                        
                                   Alt-Berlin
                                  Erstes Kapitel
                              Im Johanniter-Palais
Der alte Vitzewitz war bald nach sechs Uhr früh in Berlin eingetroffen und in
der Burgstrasse, nur hundert Schritt von der Langenbrücke, in dem dazumal
angesehenen Gastofe »Zum König von Portugal« abgestiegen. Er gab einige
Weisungen an Krist, die sich auf den »Grünen Baum«, wo, wie herkömmlich, das
Gespann untergebracht werden sollte, bezogen, und beschloss dann, in zwei Stunden
Morgenschlaf alles, was er in der Nacht versäumt haben mochte, nachzuholen. Viel
war es nicht, denn er gehörte zu den Glücklichen, denen, wenn die Müdigkeit
kommt, Bett oder Brett dasselbe gilt.
    Um neun Uhr, er hatte die zwei Stunden pünktlich gehalten, sass er frisch bei
seinem Frühstück. Die Stutzuhr tickte, das Feuer im Ofen prasselte, die
Eisblumen schmolzen, alles atmete Behagen; Berndt trat an das Fenster und sah
geradeaus über den Fluss hin, auf die gotischen, im hellen Morgenschein
erglänzenden Giebel des hier noch mittelalterlich gebliebenen Schlosses.
    »Das kann nicht über Nacht verschwinden«, sprach er vor sich hin und begann
dann, aus der Fensternische zurücktretend, sich mit militärischer Raschheit
anzukleiden. Er wählte statt seiner neumärkischen Dragoneruniform, die sich für
die Mehrzahl der Visiten, die er vorhatte, wohl am besten geeignet hätte, den
roten Frackrock der kurbrandenburgischen Ritterschaft und war eben mit seiner
Toilette fertig, als ein eintretender Diener meldete, dass Geheimrat von
Ladalinski vorgefahren sei. Berndt nahm Hut und Handschuh, drehte den Schlüssel
im Schloss und sass eine Minute später an der Seite des Geheimrats, mit dem er
sich brieflich zu gemeinschaftlicher Abmachung einiger Neujahrsgratulationen
verabredet hatte.
    Der Geheimrat war in Gala. Sie begrüssten sich herzlich, verzichteten aber
auf ein eigentliches Gespräch, da der ihnen zunächstliegende Zweck ihre
Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
    Nur die Namen einzelner Minister und Gesandten wurden genannt, bei denen
Karten abzugeben waren, bis endlich der Wagen auf die Rampe des an der Ecke des
Wilhelmsplatzes gelegenen Johanniterordens-Palais rollte.
    In diesem Palais wohnte der Herrenmeister des Ordens, der alte Prinz
Ferdinand, zu dem Geheimrat von Ladalinski seit einer Reihe von Jahren beinahe
freundschaftliche Beziehungen unterhielt, während Berndt von Vitzewitz, der ihn
nur oberflächlich kannte, lediglich den Bruder Friedrichs des Grossen in ihm
verehrte. Hierin begegneten sich damals viele Herzen, und dem
zweiundachtzigjährigen Prinzen wurden Huldigungen zuteil, die bis dahin seinem
langen und immerhin ereignisreichen Leben versagt geblieben waren. Er hatte die
»grosse Zeit« mit gesehen und mit durchgekämpft; das gab ihm in diesen Tagen der
Erniedrigung ein Ansehen über seine sonstige Bedeutung hinaus, und manche
Hoffnung richtete sich an ihm auf. Auch konnt es nicht ausbleiben, dass ihm der
Heldentod seines ältesten Sohnes zu Dank und Mitruhm angerechnet wurde. Dieser
älteste Sohn war der in Liedern vielgefeierte Prinz Louis, der, die
hereinbrechende Katastrophe voraussehend, am Tage vor der Jenaer Schlacht bei
Saalfeld gefallen war.
    Der alte Prinz, als ihm die beiden Herren gemeldet wurden, war bereit,
dieselben zu empfangen, und liess sie bitten, ihn in seinem Arbeitszimmer
erwarten zu wollen. Als sie dasselbe betraten, wurden die Rollen zwischen ihnen
dahin verteilt, dass Berndt so weit wie möglich die Konversation führen, der
Geheimrat aber nur gelegentlich sekundieren solle.
    Das prinzliche Arbeitszimmer schloss die Front des Hauses nach links hin ab
und sah mit zweien seiner Fenster bereits auf die Wilhelmsstrasse. Es war von
grösserer Behaglichkeit, als sonst prinzliche Zimmer zu sein pflegen. Dicke
türkische Teppiche, halb zugezogene Damastgardinen, Portieren und Lambrequins
verliehen dem nicht grossen Raume das, was er bei vier Fenstern und zwei Türen
eigentlich nicht haben konnte: Ruhe und Geschlossenheit, und das Feuer im Kamin,
indem es zugleich Licht und Wärme ausströmte, steigerte den wohligen und
anheimelnden Eindruck. An den Fensterpfeilern befanden sich niedrige
Bücherschränke und Etageren, so dass Raum blieb für Büsten und Bilder, darunter
als bestes ein Landschaftsbild mit Architektur, Schloss Friedrichsfelde, den
Sommeraufentalt des Prinzen, darstellend. Sein eigenes lebensgrosses Porträt,
von der Hand Graffs, hing über dem Kamin. Daneben zog sich ein breites Sofa ohne
Lehne bis an die nächste Türeinfassung, während ein runder, mit einer
alabasternen Blumenschale geschmückter Tisch in den durch das Sofa gebildeten
rechten Winkel hineingeschoben war.
    Berndt, der sich zum ersten Male an dieser Stelle sah, hatte seine Musterung
kaum geschlossen, als der Prinz, die Portiere der zu seinem Schlafzimmer
führenden Türe zurückschlagend, früher eintrat, als erwartet war, und, die
Verbeugung beider Herren mit freundlichem Gruss erwidernd, durch eine
Handbewegung sie aufforderte, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Er selber stellte
sich mit dem Rücken gegen den Kamin, die Hände nach hinten zu gefaltet und
ersichtlich bemüht, soviel Wärme wie möglich mit ihnen einzufangen. In diesem
Bedürfnis verriet sich sein hohes Alter; sonst liess weder seine Haltung noch der
Ausdruck seines Kopfes einen Zweiundachtziger vermuten. Berndt erkannte gleich
das Eigentümliche dieses Kopfes, das ihm in einer seltsamen Mischung von
Anspruchslosigkeit und Selbstbewusstsein zu liegen schien. Und so war es in der
Tat. Von Natur unbedeutend, auch sein lebelang, zumal an seinen Brüdern
gemessen, sich dieser Unbedeutendheit bewusst, durchdrang ihn doch das Gefühl von
der hohen Mission seines Hauses und gab ihm eine Majestät, die, wenn er (was er
zu tun liebte) die Stirn runzelte, sich bis zu dem Ausdruck eines donnernden
Jupiters steigern konnte. Eine mächtige römische Nase kam ihm dabei zustatten.
Wer aber schärfer zusah, dem konnte nicht entgehen, dass er, im stillen lächelnd,
den Donnerer bloss tragierte und allen ablehnenden Stolz, den er gelegentlich
zeigen zu müssen glaubte, nur nach Art einer Familienpflicht erfüllte.
    »Sie kommen, mir Ihre Glückwünsche zum neuen Jahre auszusprechen«, hob er
an. »Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit um so mehr, je gewisser es das Los
des Alters ist, vergessen zu werden. Die Zeitläufte weisen freilich auf mich
hin.« Er schwieg einen Augenblick und setzte dann, einen Gedankengang
abschliessend, dessen erste Glieder er nicht aussprach, mit Würde hinzu: »Ich
wollte, dass ich dem Lande mehr sein könnte als eine blosse Erinnerung.«
    »Eure Königliche Hoheit sind dem Lande ein Vorbild«, antwortete Ladalinski.
    »Ich bezweifle es fast, mein lieber Geheimrat. Wenn ich meinem Lande je
etwas war, so war es durch Gehorsam. Nie hab ich, im Krieg oder Frieden, die
Pläne meines Bruders, des Königs, durchkreuzt; ich habe nicht einmal den Wunsch
darnach empfunden. Das ist jetzt anders. Der Gehorsam ist aus der Welt gegangen,
und das Besserwissen ist an die Stelle getreten, selbst in der Armee. Ich frage
Sie, wäre bei Lebzeiten meines erhabenen Bruders der Austritt von dreihundert
Offizieren möglich oder auch nur denkbar gewesen, ein offener Protest gegen die
Politik ihres Kriegs- und Landesherrn? Ein Geist der Unbotmässigkeit spukt in den
Köpfen, zu dem ich alles, nur kein Vorbild bin.« Der alte Vitzewitz, wiewohl er
sicher war, dass der Prinz von seinen Plänen nichts wusste, nichts wissen konnte,
hatte sich bei diesen Sätzen, deren jeder einzelne ihn traf, nichtsdestoweniger
verfärbt.
    »Eure Königliche Hoheit«, nahm er das Wort, »wollen zu Gnaden halten, wenn
ich die Erscheinungen dieser Zeit anders auffasse und nach einer anderen Ursache
für dieselben suche. Auch der grosse König hat Widerspruch erfahren und
hingenommen. Wenn solcher Widerspruch selten war, so war es, weil sich Fürst und
Volk einig wussten. Und in der bittersten Not am einigsten. Jetzt aber ist ein
Bruch da; es fehlt der gleiche Schlag der Herzen, ohne den selbst der grosse
König den opferreichsten aller Kriege nicht geführt haben würde, und die
Massregeln unserer gegenwärtigen Regierung, indem sie das Urteil des Volkes
missachten, impfen ihm den Ungehorsam ein. Das Volk widerstreitet nicht, weil es
will, sondern weil es muss.«
    »Ich anerkenne den Widerstreit der Meinungen. Aber ich stelle mich
persönlich auf die Seite der grösseren Erfahrung und des besseren Wissens. Und wo
dieses bessere Wissen zu suchen und zu finden ist, darüber kann kein Zweifel
sein. Sie müssen der Weisheit meines Grossneffen, meines allergnädigsten Königs
und Herrn, vertrauen.«
    »Wir vertrauen Seiner Majestät...«
    »Aber nicht dem Grafen, seinem ersten Minister.«
    »Eure Königliche Hoheit sprechen es aus.«
    »Ohne Ihnen zuzustimmen; denn, mein lieber Major von Vitzewitz, dieser
Unterschied zwischen dem König und seinem ersten Diener ist unstattaft und
gegen die preussische Tradition. Ich liebe den Grafen von Hardenberg nicht; er
hat den Orden, dem ich fünfzig Jahre als Herrenmeister vorgestanden, mit einem
Federstrich aus der Welt geschafft, er hat unser Vermögen eingezogen, unsere
Komtureien genommen; aber ich habe seinen Massregeln nicht widersprochen. Ich
kenne nur Gehorsam. Wir leben in einem königlichen Lande, und was geschieht,
geschieht nach dem Willen Seiner Majestät.«
    »Dem Worte nach«, antwortete Berndt mit einem Anfluge von Bitterkeit. »Der
Wille des Königs - wer will jetzt sagen, wie und wo und was er ist. Unter dem
grossen König, Eurer Königlichen Hoheit erhabenem Bruder, lag es den Ministern
ob, den Willen Seiner Majestät auszuführen, jetzt liegt es Seiner Majestät ob,
die Vorschläge, das heisst den Willen seiner Minister zu sanktionieren. Was sonst
beim Könige lag, liegt jetzt bei seinen Räten; noch entscheidet der König, aber
er entscheidet nicht mehr nach dem Wirklichen und Tatsächlichen, das er nicht
kennt, sondern nur noch nach dem Bilde, das ihm davon entworfen wird. Er sieht
Freund und Feind, die Welt, die Zustände, sein eigenes Volk durch die Brille
seiner Minister. Der Wille des Königs, wie er aus Erlassen und Verordnungen zu
uns spricht, ist längst zu einer blossen Fiktion geworden.«
    Der Prinz verriet kein Zeichen des Unmuts. Er schritt einige Male über den
Teppich hin; dann wieder seinen Platz am Kamin einnehmend, antwortete er mit
einem Ausdrucke gewinnender Vertraulichkeit: »Sie verkennen den König, meinen
Grossneffen, Sie und viele mit Ihnen. Ich darf mich nicht rühmen, in die Pläne
Seiner Majestät eingeweiht zu sein; es ist nicht Sitte der preussischen Könige,
die Mitglieder des Hauses, alt oder jung, zu Rate zu ziehen oder auch nur in den
Geschäftsgang einzuweihen; aber das glaube ich Ihnen auf das bestimmteste
versichern zu dürfen: das persönliche Regiment, von dem Sie glauben, dass es zu
Grabe gegangen sei, ist um vieles grösser, als Sie mutmassen.«
    »Eure Königliche Hoheit überraschen mich.«
    »Ich glaube es wohl; auch mag ich mich in diesem und jenem irren; aber in
einem irre ich mich nicht, und dies eine ist die Hauptsache. Wie sollen wir uns
zu dem Kaiser, unserem hohen Verbündeten, stellen? Das ist die Frage, die jetzt
alle Gemüter beschäftigt. Sie glauben, dass es der Minister sei, der zu zögern
und hinauszuschieben und durch Versprechungen Zeit zu gewinnen trachtet; ich
sage Ihnen, es ist der König selbst.«
    »Weil ihm die Dinge derartig vorgelegt werden, dass er zu keinem anderen
Entschlusse kommen kann.«
    »Nein, weil er in einer Politik des Abwartens allein das Richtige sieht. Die
Zeit allein wird die Lösung dieser Wirren bringen. Er ist durchdrungen von der
Unhaltbarkeit der gegenwärtigen Zustände, und mehr als einmal habe ich ihn sagen
hören: Der Kaiser ist ohne Mässigung, und wer nicht Mass halten kann, verliert das
Gleichgewicht und fällt. Er hält das Kaisertum für eine Seifenblase, nichts
weiter.«
    »Aber eine Seifenblase von solcher Festigkeit, dass Staaten und Trone bei
der Berührung mit ihr zusammenstürzen.«
    »Ich bin nicht impressioniert, das Wort meines Grossneffen, trotzdem es meine
eigene Meinung ausdrückt, aufrechtzuerhalten. Aber er sprach auch wohl von einem
Gewitter, das sich austoben müsse. Und glauben Sie einem alten Manne, der durch
fast drei Menschenalter hin den Wechsel der Dinge beobachtet hat: es wird sich
austoben.«
    »Gewiss, Königliche Hoheit, aber nachdem es vorher die höchsten Spitzen
getroffen hat.«
    »Wenn sich diese Spitzen nicht so zu schützen wissen, dass der Strahl an
ihnen niedergleitet.«
    »Durch Bündnis?« Der Prinz nickte.
    Berndt aber fuhr fort: »Es mag auch das seine Zeit gehabt haben, aber diese
Zeit ist um. Ein jeder Tag hat seine Pflicht und seine Forderung. Der eine
fordert Unterwerfung, der andere Bündnis, ein dritter Auflehnung. Ich möchte
glauben, Königliche Hoheit, der Tag der Auflehnung sei angebrochen.«
    »Womit? Wir haben keine Armee.«
    »Aber wir haben das Volk.«
    »Der König misstraut ihm.«
    »Seiner Kraft?«
    »Vielleicht auch der; aber vor allem dem neuen Geiste, der jetzt in den
Köpfen der Menge lebendig ist.«
    »Und gerade in diesem Geiste liegt das Heil, wenn man ihn zu nutzen und ihm
in Klugheit zu vertrauen versteht.«
    »Ich widerspreche nicht; aber dieser Aufgabe fühlt sich der König nicht
gewachsen, sie widersteht seiner Natur. Ihm bedeuten viele Köpfe viele Sinne.
Erwarten Sie nach dieser Seite hin nichts von ihm.«
    »Ich hoffe, dass ihm Zuversicht kommt und in dieser Zuversicht der Glaube an
ein gutes und treues Volk, das nichts anderes begehrt als die Gewährung, für
seinen König sterben zu dürfen.«
    Der Prinz, seinen Platz abermals wechselnd, schob einen Fauteuil neben das
Sofa, nahm, sich niederlassend, Berndts Hand in die seine und sah ihn dabei fest
und freundlich mit seinen grossen Augen an.
    »Ich kenne das Volk; ich habe mit ihm gelebt. In meinen hohen Jahren, wo
sich der Sinn für vieles schliesst, öffnet er sich für anderes, und so sage ich,
weil ich es weiss, es ist ein gutes Volk. Ich sehe es so klar, als ob es vor
meinem leiblichen Auge stünde. Aber der König ist eingeschüchtert; er hat viel
Schmerzliches erlebt und nicht das Grosse, das meine jungen Tage gesehen haben.
Ich kenne ihn genau. Er schliesst lieber ein Bündnis mit seinem Feinde,
vorausgesetzt, dass ihm dieser Feind in Gestalt eines Machtabers oder einer
geordneten Regierung entgegentritt, als mit seinem eignen, in hundert Willen
geteilten, aus dem Geleise des Gehorsams herausgekommenen Volke. Denn er ist
ganz auf die Ordnung gestellt. Mit einem einheitlichen Feinde weiss er, woran er
ist, mit einer vielköpfigen Volksmasse nie. Heute ist sie mit ihm, morgen gegen
ihn, und während das ihm zu Häupten stehende Napoleonische Gewitter ihn treffen,
aber auch ihn schonen kann, sieht er in der entfesselten Volksgewalt nur ein
anstürmendes Meer, das, wenn erst einmal die Dämme durchbrochen sind,
unterschiedlos alle gesellschaftliche Ordnung in seinen Fluten begräbt. Und die
gesellschaftliche Ordnung gilt ihm mehr als die politische. Und darin hat er
recht.«
    Eine kurze Pause entstand; der Prinz erhob sich wieder, ein Zeichen, dass er
die Audienz zu schliessen wünsche. Er reichte beiden Herren die Hand und dankte
dem Geheimrat, dass er ihm Gelegenheit gegeben habe, die nähere Bekanntschaft
eines dem Vaterlande treu ergebenen Mannes zu machen.
    »Es ist hocherfreulich, selbständigen und bestimmten Ansichten zu begegnen;
aber erschweren Sie dem leitenden Minister nicht seine Stellung. Wir werden das
Bündnis aufrechterhalten, bis es sich von selber löst, und dieser Zeitpunkt, so
nicht alle Zeichen trügen, ist nahe. Der versinkende Dämon nimmt dann auch die
Kette mit, die uns an ihn fesselte.«
    »Aber nur, um uns doch und vielleicht für immer in Unfreiheit
zurückzulassen; wir werden nichts als die Herrschaft gewechselt haben. Denn
unser Tun und Lassen bestimmt unser Los, und andere werden kommen, die dem, der
so willfährig die Schleppe trug, eine neue Kette schmieden.«
    »Hoffen wir das Gegenteil.«
    Damit schieden sie. Beide Herren verneigten sich, der Wagen fuhr wieder auf
die Rampe, und der französische Doppelposten, der vor dem Palais stand, machte
die Honneurs. »Wie hat Ihnen mein Prinz gefallen?« fragte der Geheimrat.
    »Gut; ich fürchte, dass er recht hat und dass ich den Widerstand, den ich in
dem Minister suchte, in dem Könige selbst zu suchen habe. Aber auch das
erschüttert mich nicht. Ich habe das Bangen vor dem Volke nicht, und ich wage es
mit ihm. Es ist eine Torheit, auf die Fehler oder Nachsicht eines Gegners
rechnen zu wollen, wenn man die Macht in der Hand hat, ihm die Gesetze
vorzuschreiben. Die Hände in den Schoss legen heisst ebensooft Gott versuchen als
Gott vertrauen. Aide-toi même et le ciel t'aidera.«
    Damit bog der Wagen rechts um die Lindenecke und hielt gleich darauf vor dem
Gastofe »Zur Sonne«, wo man beschlossen hatte, das Dejeuner zu nehmen.
                                Zweites Kapitel
                            Auf dem Windmühlenberge
In dem »Wieseckeschen Saal auf dem Windmühlenberge«, in dem erst am Abend vorher
der grosse Silvesterball stattgefunden hatte, waren am Neujahrstage wohl an
hundert Stammgäste mit ihren Frauen und Kindern versammelt. Alles war wieder an
seinem alten Platz, und auf derselben Stelle, wo sich vor kaum vierundzwanzig
Stunden die Paare gedreht hatten, standen jetzt, als ob der Ball nie
stattgefunden hätte, die grüngestrichenen, etwas wackeligen Tische mit den vier
Stühlen drum herum; und zwischen den Stühlen und Tischen, hin und her und auf
und ab, presste sich eine Schar von Verkäufern, die hier seit vielen Jahren
heimisch und fast ein zugehöriger Teil des Lokals geworden waren: alte
Mütterchen mit Schaumkringeln und Zimmetbrezeln, primitive Tabulettkrämer, in
deren vorgebundenen Kästchen Stahl und Schwamm, Schwefelfäden und blaue
Glasperlen zum Verkaufe lagen, endlich Stelzfüsse, die neben den beiden Berliner
Zeitungen auch allerhand Flugblätter feilboten. Über dem Ganzen lag eine
angesäuerte Weissbierluft, die, durch Lichterblak und Tabaksqualm ziemlich
beschwerlich werdend, nur dann und wann sich auffrischte, wenn ein Glas
dampfenden Punsches vorübergetragen wurde.
    An einem dieser Tische, der halb schon unter der Musikempore stand, sassen
vier Berliner Bürger, zwei von ihnen in eifrigem Gespräch, die beiden andern
ebenso eifrige Zuhörer. Es waren Nachbarn aus der Prenzlauer Strasse: der
Schornsteinfegermeister Rabe, der Bürstenmacher Stappenbeck, der Posamentier
Niedlich und der Mehl- und Vorkoständler Schnökel. Alle vier Männer von vierzig
Jahren und drüber, Niedlich und Schnökel in demselben Hause wohnend, nur durch
den Flur getrennt.
    Rabe war der Angesehenste unter ihnen und hatte nicht nur das, was die
meisten Schornsteinfegermeister zu haben pflegen: gute Haltung, frischen Teint
und weisse Zähne, sondern auch einen wundervollen Charakterkopf, der jedem
Chefpräsidenten Ehre gemacht haben würde. Er wusste das auch und verfuhr darnach,
liess sich lieber erzählen, als dass er selber erzählte, und vermied, obschon er
aus einer alten Berliner Familie stammte, alle grossen Worte. Er war der
Drosselstein dieses Kreises, das aristokratische Element, wie denn die
Schornsteinfegermeister, bei denen das Geschäft von Vater auf Sohn geht,
wirklich eine Art Bürgeradel bilden.
    Wenn Rabe der Drosselstein dieses Kreises war, so war Stappenbeck der Bamme.
Niedlich warf ihm vor, dass er den Bürstenmacher nicht verleugnen könne, und das
traf in allen Stücken zu; denn wie sein Haar, so war auch seine Manier und
Sprechweise: die Borsten immer nach oben. Ein echter Berliner. Er stand an
Ansehen hinter Rabe zurück, war ihm aber an Wissen und Witz und selbst an
Erfahrung weit überlegen. Er hatte Reisen gemacht, war um seines Geschäftes
willen, das er mit Eifer und Umsicht betrieb, in Polen und Russland gewesen und
galt seit Beginn des Zuges gegen Moskau in allen russischen Lokalfragen als
unanfechtbare Autorität. Selbst Rabe, ohnehin zu vornehm, um lange zu streiten,
unterwarf sich seinen Weisheitssprüchen, die von dem festen Boden der
Landeskenntnis aus allerdings mit Vorliebe in das Politisch-Militärische
hinüberspielten.
    Sein Gegensatz war Posamentier Niedlich, ein kleiner artiger Mann, dessen
Redseligkeit nur durch seine Ängstlichkeit gezügelt wurde. Er trug einen
hellgrünen Rock und, weil er an Kopfreissen litt, ein Käppsel von geblümtem
Sammetmanchester mit einer Puschel daran, »dem Zeichen seines Standes«, wie
Stappenbeck versicherte. Er konnte, von Geschäfts wegen an ein beständiges Hin-
und Herhüpfen gewöhnt, nie länger als fünf Minuten sitzen bleiben, ganz einem
Zeisig ähnlich, der es nicht lassen kann, die Sprossen seines Bauers auf- und
abzuspringen. Auf seinen mageren Backen brannten zwei scharf abgezirkelte rote
Flecke, als ob er hektisch oder echauffiert sei; er war aber weder das eine noch
das andere.
    Den Schluss machte Schnökel. Er war der Bass dieses kleinen Männerkonzertes,
in Stimme wie Figur. Ein grosser starker Mann mit kurzem Hals; das Bild des
Apoplektikus, ein gründlicher Kenner in Sachen Berliner und Cottbuser
Weissbieres. Er schmeckte nicht nur die Sorten, sondern auch die Lagerungstage
heraus, trank, rauchte und schwieg. Nur dann und wann, wenn das wiederholte
Klopfen mit dem Deckel nicht geholfen hatte, rief er über alle zwischenstehenden
Tische hinweg mit Stentorstimme nach einer neuen »Weissen«.
    Stappenbeck hatte die »Berlinische Zeitung« unter seinem linken Ellbogen. Es
war die Nummer vom 26. Dezember, aus der er seinen drei Genossen eben die
Hauptstellen des darin abgedruckten neunundzwanzigsten Bulletins vorgelesen
hatte. Mit der Rechten fuhr er, sich aufzufrischen, in die grosse
Schnupftabaksdose, die zwischen ihnen mitten auf dem Tische stand; Rabe rauchte
still, Schnökel in grossen Wolken, während Niedlich, ein ausgesprochener
Nichtraucher - der, solange die Vorlesung dauerte, zu Stappenbecks äusserstem
Missbehagen ein ganzes Dutzend Zuckeroblaten geräuschvoll zerbrochen und
aufgegessen hatte -, jetzt eine alte Frau heranwinkte, um sich den
Schaumkringeln zuzuwenden.
    Die Schilderung des Überganges über die Beresina, womit der in der Zeitung
gegebene blosse Auszug des Bulletins abschloss, hatte, namentlich bei Rabe, neben
der patriotischen Freude doch auch menschliche Teilnahme geweckt, und es war
nicht ohne Bewegung, dass er vor sich hin sprach:
    »Gerichte Gottes! Was wird aus ihm, Stappenbeck? Kann er sich von diesem
Schnee- und Eisfeldzuge wieder erholen?«
    »Wie sich ein Karpfen erholt, wenn das Eis bis auf den Grund gefroren ist;
er muss sticken. Ich sage dir, Rabe, es is alle mit ihm. Du musst nicht vergessen:
erstens die Gegend und dann den Schnee und dann das Volk. Ich kenn es. Das is ja
nich so wie hier bei uns. Nehmen wir an, du willst nach Potsdam; ja, da is erst
der Schwarze Adler, dann Stimmings, dann Kohlhasenbrück, un überall was Warmes.
Aber nu nimm Russland. Da marschierst du den ganzen Tag immer gradaus, un wenn du
am Abend einem begegnest und fragst ihn: Wie weit is es noch?, so sagt er: Fünf
Meilen. Aber du kannst nicht fragen, denn du begegnest keinem.«
    Rabe nickte. Trotzdem er das Übertriebene wohl heraushörte, sah er doch
ebenso deutlich, dass diese Übertreibung nur das scherzhafte Kleid für eine
ernstaft gemeinte Sache war. Niedlich aber sagte:
    »Du vergisst bloss eins, lieber Stappenbeck; sie sind ja schon in Wilna, und
von Wilna bis an die Grenze is bloss noch neunzig Meilen.«
    »Bloss noch neunzig Meilen«, wiederholte Stappenbeck in gedehntem Tone, in
dem sich Ärger und gute Laune die Waage hielten. »Wie weit is es doch bis
Alt-Landsberg?«
    »Drei Meilen.«
    »Gut also, drei Meilen. Nu sage mir, Gevatter, denkst du noch an den Grünen
Donnerstag, es geht jetzt ins dritte Jahr, wo wir die Tour zusammen machten? Du
hattest einen warmen Rock an und weite Stiefel; von dem Proviant, den wir
mitatten, will ich gar nich reden. Und nu besinne dich, wie der Posamentier
Niedlich in den Alt-Landsberger Blauen Löwen einrückte! Leugnen is nich, denn
ich habe dir selber den Wollfaden durch die Quesen gezogen. Und du redst von
bloss neunzig Meilen.«
    Schnökel lachte. »Ja, neunzig Meilen is eine hübsche Ecke. Aber mit dem
Kaiser, Stappenbeck, is es drum noch lange nich alle. Warum soll es auch alle
mit ihm sein? Is er nich heil heraus? Un sitzt er nich wieder ausgewärmt und
ausgefuttert in Paris? Un seine Franzosen, die nich mitgefroren haben, die kenn
ich; die werden ihm bald wieder eine neue Armee machen.«
    »Nein, Schnökel, das werden sie nicht«, antwortete Stappenbeck, der sich
inzwischen auch eine Pfeife angezündet und den brennenden Fidibus am Tischrand
ausgeklopft hatte. Nur ein paar Funken glimmten noch. »Blas an diesem Fidibus,
soviel du willst, er brennt nich wieder. Ich glaube nich, dass ihm die Franzosen
eine neue Armee machen, und wenn sie's tun, wer soll sie kommandieren? Da liegt
der Has im Pfeffer. Er ist ein Deibelskerl, aber er kann doch am Ende nich
allens allein besorgen.«
    »Das braucht er auch nicht; dazu hat er seine Generale«, bemerkte Rabe.
    »Die hat er eben nich. Vorläufig stecken sie noch mit erfrorenen Zehen in
Russland, und ich sage dir, Rabe, das müsste schnurrig zugehen, wenn auch nur
einer wieder nach Paris käme und seinem Empereur vermelden könnte: Hier bin
ich.«
    »Sollen wir sie denn alle totmachen?« fragte Niedlich mit einem gemischten
Ausdruck von Schauder und Schelmerei.
    »Nein, du nicht. Deine reinen Posamentierhände sollen sich nicht mit
Marschallsblut besudeln. Du kannst ihnen, denn das hast du um deine Puschelmütze
verdient, meinetwegen die Quasten und Raupen liefern, wenn sie erst wieder hier
sind. Aber, Niedlich, wenn. Es sind freilich, wie du sagst, bloss neunzig Meilen
von Wilna bis Memel, aber ich müsste die Russen schlecht kennen, wenn sie diesen
Spaziergang nicht ausnutzen sollten. Und zwischen Memel und unsrem Prenzlauer
Tor liegt auch noch gerade Erde genug, um ein Dutzend Marschälle und alles, was
drum und dran hängt, zu begraben.«
    »Wer soll das tun?« fragte Rabe mit ablehnender Würde »So was is nich Mode
bei uns.«
    »Kann aber werden«, fuhr Stappenbeck fort. »Die Not lehrt nich bloss beten,
und die Welt besteht nich aus lauter Posamentiers. Ich sage dir, Rabe, in
Litauen und Masuren werden sie schon zufassen. Aber wenn sie auch nicht
zufassen, wenn sich keine Hand rührt, der liebe Gott tut es für uns. Sie fallen
um wie die Fliegen. Und die paar, die bis hierher kriechen, die müssen wir
irgendwo unterbringen.«
    »Wo denn?«
    »'ne neue französische Kolonie; aber hinter Wall und Graben.«
    »Und wenn sie der Kaiser wiederhaben will?«
    »Dann mag er sie sich holen. Aber er wird nich; denn um die Zeit sind die
Russen hier.«
    »Vielleicht.«
    »Nein, gewiss. Nimm mir's nicht übel, Rabe, das verstehe ich besser. Wer in
Wut is, der steht nicht still. Das is überall so. Wenn meine Frau was mit mir
hat, und sie hat mitunter was mit mir, und ich geh in die andere Stube, weil ich
genug habe, was tut sie? Sie kommt mir nach. Und da geht es weiter. Das ist, was
man die menschliche Natur nennt. Und der Russe is auch ein Mensch. Erst recht.
Ich sage dir, Rabe, der Russe kommt, und der Kaiser wird nicht kommen. Denn die
Franzosen haben ihn satt; und das kannst du mir glauben, so sehr viel is auch
nie mit ihm los gewesen. Ich hab es schon Anno sechs gesagt, als er auf seiner
brandroten Fuchsstute hier einritt, mit seinem gelben Gesicht und den stechenden
Augen. Kinder, sagt ich, es is doch man ein ganz kleiner Kerl; der Alte Fritz
war auch kleine, aber so kleine war er doch noch lange nich. Ich bin nu mal für
die Grossen. So wie Saldern war oder Möllendorf.«
    Es schien, dass Stappenbeck noch fortfahren wollte, aber ein Krüppel, der mit
zurückgebundenen Fussstummeln von Tisch zu Tisch rutschte, hielt ihm eben ein
Blatt entgegen und sagte: »Das is was für Sie, Herr Stappenbeck; ein Groschen,
aber ich nehm auch zwei.«
    Es war ein löschpapierner Bogen: »Neue Lieder, gedruckt in diesem Jahr«, mit
zwei Holzschnitten, von denen der eine die drei Grazien in einem ovalen
Rosenkranze, der andere auf der Rückseite einen kleinen Amor darstellte.
    Stappenbeck gab dem Krüppel die gewünschte doppelte Löhnung und schlug den
Bogen auseinander, in dem er irgendeinen franzosenfeindlichen Reim, wie sie
damals mit Hilfe solcher fliegenden Blätter verbreitet wurden, zu finden hoffte.
Er überflog die Überschriften: »Ännchen von Tarau«, »Frisch auf, Kameraden,
aufs Pferd, aufs Pferd«, »Herr Schmidt, Herr Schmidt«, »Das Gespenst in Tegel«.
Er wurde ungeduldig und drehte den Bogen um: »Die Schlacht bei Gross-Aspern«,
»Oh, Schill, dein Säbel tut weh«; sollte der Krüppel diese beiden gemeint haben?
Aber das waren ja bekannte Sachen. Halt, hier, das musst es sein; es hatte keine
Überschrift, aber die beiden ersten Zeilen konnten als solche gelten.
    »Lies«, sagte Rabe, der dem Gesichte Stappenbecks ansah, dass er endlich
gefunden hatte, was er suchte. Und Stappenbeck las:
»Warte,
Bonaparte;
Warte nur, warte, Napoleon,
Warte, warte, wir kriegen dich schon.
Ja der Russ'
Hat uns gezeigt, wie man's machen muss:
Im ganzen Kremmel
Nicht eine Semmel,
Und auf den Hacken
Immer nur Hunger und Kosaken,
Ja der Russ'
Hat uns gezeigt, wie man's machen muss.
Hin ist der Blitz
Deiner Sonne von Austerlitz,
Unterm Schnee
Liegen all deine Corps d'Armée.
Warte,
Bonaparte;
Warte nur, warte, Napoleon,
Warte, warte, wir kriegen dich schon.«
Die nächste Folge war, dass der Krüppel wieder herangewinkt wurde; jeder wollte
jetzt seiner Frau den Spottvers mit nach Hause nehmen. Von dem Mitleid, das die
Vorlesung des Bulletins begleitet hatte, war nichts mehr übrig, und besonders
Schnökel wiederholte mit wachsendem, von Hustenanfällen begleiteten Behagen: »Im
ganzen Kremmel nicht eine Semmel.« Ihr Lesen und Lachen war an den umstehenden
Tischen bemerkt worden, und ein alter Herr, der freilich nichts weniger als
geneigt aussah, an ihrer Heiterkeit teilzunehmen, und von Rabe als »Herr Klemm«,
von Stappenbeck aber mit besonderer, etwas spöttischer Betonung als »Herr
Feldwebel Klemm« begrüsst wurde, trat an sie heran. Die Charge, bei der ihn
Stappenbeck nannte, erklärte zum Teil das Aparte seiner Erscheinung. Er hielt
sich kerzengerade, hatte das spärliche weisse Haar mit einem grossen Kamme nach
hinten zu zusammengesteckt und trug zu seinem langen blauen Rock und
schwefelgelber Weste ein Paar Reiterstiefel, die bis zum Knie hinauf blitzblank
geputzt waren. Der hagere Hals steckte in einer steifen Binde.
    »Wollen Sie nich Platz nehmen, Herr Klemm?« fragte Rabe.
    »Haben Sie schon gelesen, Herr Feldwebel Klemm?« fügte Stappenbeck hinzu und
überreichte ihm den Bogen, den er mittlerweile derart zusammengefaltet hatte,
dass das Lied, auf das es ihm ankam, obenauf lag.
    Klemm dankte und las den Spottvers, während er aus seiner holländischen
Pfeife kleine Wölkchen blies. Er verzog keine Miene, legte, als er geendet, das
Blatt wieder auf den Tisch und sagte: »Die Polizei, die sich um vieles kümmert,
das sie nichts angeht, macht die Augen zu, wo sie sie aufmachen sollte. Wohin
führt das? Zu Krawall und Auflehnung. Und was ist das Ende vom Liede? Wir werden
statt an der linken Hand an beiden Händen gebunden werden, und an den Füssen
dazu.«
    Er schlug mit den Knöcheln seiner rechten Hand auf das vor ihm liegende
Blatt und fuhr fort: »Und sind wir nicht im Bündnis mit dem Kaiser? Leider zu
spät; wären wir es immer gewesen, es stände besser mit uns. Aber der alte Fehler
ist noch wieder zu reparieren, gerade jetzt. Geschieht es, gut; geschieht es
nicht, ertappt er uns wieder auf dem faulen Pferde, so sind wir verloren. Von
Treue will ich nicht sprechen, die Politik braucht nicht treu zu sein; aber
klug, klug, meine Herren.«
    »Was jetzt klug ist, ist klar«, sagte Stappenbeck. »Er hat nur noch Trümmer;
der Russe drängt nach, wir von vorn; so klatscht es zusammen, und wir haben ihn
unter der Fliegenklatsche.«
    »Fliegenklatsche! Sie machen die Rechnung ohne den Wirt, Herr Bürstenmacher
Stappenbeck. Der Russe wird nicht nachdrängen, glauben Sie mir. Aber wenn er
nachdrängt, wenn er über den Njemen geht und über die Weichsel, dann werden Sie
freilich so was Ähnliches haben, aber nicht Fliegenklatsche, sondern Mausefalle.
Und wer steckt drin? Der Russe.«
    »Das wäre. Da bin ich doch neugierig«, sagte Rabe.
    »Bitte, Herr Niedlich, wollen Sie mir ein Stück Kreide geben.«
    Niedlich sprang auf.
    »Nein, ich danke Ihnen, ich finde hier noch ein Stück in meiner Tasche.«
    Damit schob der strategische Feldwebel die Gläser in eine Ecke zusammen und
zog von oben nach unten einen Strich über den grünen Tisch hin. »Dieser dicke
Strich also«, hob er an, »ist die Grenze, rechts Russland, links Preussen und
Polen. Achten Sie darauf, meine Herren, auch Polen. Dieser Punkt hier links ist
Berlin, und hier zwischen Berlin und dem dicken russischen Grenzstrich, diese
zwei kleinen Schlängellinien, das sind die Oder und die Weichsel. Nun müssen Sie
wissen, an der Oder und Weichsel hin, in sechs grossen und kleinen Festungen,
stecken dreissigtausend Mann Franzosen, und ebenso viele stecken hier unten in
Polen in einer sogenannten Flankenstellung, halb schon im Rücken. Ich wiederhole
Ihnen, achten Sie darauf, denn in dieser Flankenstellung liegt die Entscheidung.
Jetzt drängt der Russe nach; schwach ist er, denn wenn eine Armee friert, friert
die andere auch, und schlottrig geht er über die Weichsel. Und nun geschieht
was? Von den Oderfestungen her treten ihm dreissigtausend Mann ausgeruhte Truppen
entgegen, von der Flankenstellung her andere dreissigtausend Mann, legen sich ihm
vor und schneiden ihm die Rückzugslinie ab. Und klapp, da sitzt er drin. Das
ist, was man eine Mausefalle nennt. Ich mache mich anheischig, Ihnen die Stelle
zu zeigen, wo die Falle zuklappt. Hier dieser Punkt. Es muss Köslin sein oder
vielleicht Filehne. Ich gehe jede Wette ein, zwischen Köslin und Filehne
kapituliert die russische Armee. Wie Mack bei Ulm. Was nicht kapituliert, ist
tot.«
    »Und ich glaub es alles nicht«, sagte Stappenbeck und wischte mit dem Ärmel
seines Flauschrocks die ganze Mausefalle vom Tisch weg.
    »Ich kann Ihren Glauben nicht zwingen«, sagte Klemm mit einer Miene ruhiger
Überlegenheit. »Es ist ein eigen Ding mit der Kriegswissenschaft; Bürstenmacher
können sie haben -«
    »Und Feldwebel -«
    »Aber auch nicht«, schloss Klemm seinen Satz.
    »Aber auch nicht«, wiederholte Stappenbeck.
    Schnökel war diesen Schraubereien mit einem schweren astmatischen Lachen
gefolgt; Rabe aber, dem alles, was zu Zank und Streit führen konnte, zuwider
war, erhob sich und sagte: »Es ist Zeit, ihr Herren, ich gehe; wer kommt mit?«
Alle folgten der Aufforderung, steckten die Blätter, die sie gekauft hatten, zu
sich und schritten mit einem kurzen »Guten Abend, Herr Klemm!« an diesem vorüber
auf die Tür zu. Als sie diese fast schon erreicht hatten, kam ihnen ein
gelblicher mittelgrosser Hund nachgesetzt und schoss ängstlich, weil er sich
vergessen glaubte, dem kleinen Niedlich durch die Beine hindurch, so dass dieser
nur mit Mühe seine Balance hielt. Es war Kratzer, Stappenbecks Spitz, der sich
die ganze Zeit über an allen Tischen, wo Kinder sassen, mit Kringelfangen
beschäftigt hatte, ein hässliches Tier, ebenso storr und widerhaarig wie sein
Herr. Jetzt sprang er an diesem in die Höhe, winselte, bellte und jagte, als er
draussen im Freien war, kreuz und quer über das Plateau des Windmühlenberges hin,
ersichtlich froh, nach dem Gesellschaftszwang der letzten Stunden sich wieder
austoben zu können.
    Die vier Bürger hielten sich auf dem ziemlich breiten Fusswege, den die
zahlreichen Gäste des Wieseckeschen Lokals nach dem Prenzlauer Tore hin in dem
dichtliegenden Schnee gestapft hatten. Rabe, trotzdem es kalt war, bewahrte
seine distinguierte Haltung; die drei anderen aber, die sich wenig um ihr
Aussehen kümmerten, hatten die Mützen ins Gesicht gezogen und sich bis an die
Ohren hinauf in ihre dicken gestrickten Shawls gewickelt. Schnökel, der bei
Ostwind nicht sprechen konnte, blieb etwas zurück; Niedlich hielt Linie mit den
beiden andern, aber nur mühsam, da er ein Trippler war.
    Das Gespräch wollte nicht gleich in Gang kommen; endlich begann Rabe, der
mehr ausdauernd als schnell von Gedanken war:
    »Ich glaube doch, Stappenbeck, du hast ihn zu despektierlich behandelt. Ich
hab's mir nämlich überlegt. Erstens ist er ein alter Mann, zweitens ist er ein
Soldat, und drittens hat er die Schlacht bei Torgau gewonnen.«
    »Das hat er«, fiel Niedlich ein, der bestimmt ausgesprochenen Sätzen eines
andern, besonders aber, wenn sie von Rabe kamen, gern zustimmte.
    Stappenbeck blieb stehen und pfiff seinem Hund. Kratzer kam in grossen Sätzen
heran, blaffte ein paarmal und jagte dann wieder, als wäre der böse Feind hinter
ihm her, in wildem Zickzack über den in Schnee liegenden Windmühlenberg hin.
»Seht«, sagte Stappenbeck, »so hat Klemm die Schlacht bei Torgau gewonnen. Immer
die Beine in die Hand. Er ist gelaufen dass es eine Freude war.«
    »Aber er soll ja doch gesammelt haben«, nahm Rabe wieder das Wort. »Ich
entsinne mich der Sache ganz genau. Wie heisst Er? frug ihn der König, als er ihn
die zerstreuten Grenadiere wieder in Reih und Glied bringen sah. Klemm, Euer
Majestät.
    - Na, das ist brav, mein lieber Klemm; ich werd es Ihm nicht vergessen. Und
dann ritt der König weiter. Ich hab es ihn selber erzählen hören.«
    »Wen? Den König?«
    »Nein, Klemm.«
    Stappenbeck lachte. »Rabe, du hast bloss einen Fehler. Du glaubst alles. Ich
kenn diesen Patron besser. Er ist nicht einer von den Grenadiers, die bei Torgau
gesammelt haben, sondern einer von denen, die gesammelt worden sind. Und das mit
des Alten Fritzen eigenhändigem Krückstock. Rackers, wollt ihr denn ewig leben?
An diesem allergnädigsten Zuruf hat unser Klemm seinen ehrlichen Anteil.«
    »Du kannst ihn nicht leiden, Stappenbeck, und auf wen du mal eine Pike hast
-«
    »Den pik ich, aber diesen Feldwebel Klemm noch lange nicht genug. Er ist ein
schlechter Kerl durch un durch. Eine Memme, ein Grossmaul und ein Schnurrer.«
    »Ein Schnurrer?« fragte Rabe.
    »Ja, ein Schnurrer ist er«, fiel hier Niedlich ein, der rasch erkannt hatte,
dass sich die Partie schliesslich doch wieder zu Stappenbecks Gunsten entscheiden
werde. »Ein Schnurrer ist er. Im Sommer sitzt er auf den Gütern fest, bei den
Bredows und den Rohrs, die sind gutmütig; das ist denn so seine Weidezeit; un
wenn so Anfang Dezember geschlachtet wird, da kommt er schon mit langen
Neujahrswünschen, bloss damit er sich wieder in Erinnerung bringt. Er kriegt auch
Almosen. Un was für welche! Ich hab ihn selber die Dukaten putzen sehen.«
    »Na, na«, sagte Rabe, »wenn er ein hilfsbedürftiger Mann ist -«
    »Ein Geizhals ist er un ein Schuft dazu«, nahm Stappenbeck, immer mehr sich
ereifernd, wieder das Wort und zog den dicken Shawl, der ihn am Sprechen
hinderte, etwas tiefer unter das Kinn. »Ich weiss, was ich sage; er wohnt bei
meiner Frau Bruder im Hause; die kennen ihn; er ist ein Mantelträger, ein
Spion.«
    »Na, na«, wiederholte Rabe.
    »Und wenn er kein Spion ist, was ich ihm nicht beweisen kann, wenn ich es
auch fest und sicher glaube, so ist er doch eine undankbare Kreatur. Was
Niedlich erzählt hat, wie er sich bei den havelländischen Adligen, die ich alle
kenne von wegen der Borsten, immer wieder herausfuttert, das war vordem, un das
war seine gute Zeit. Ich meine seine ehrliche Zeit. Denn ich bin auch nich so
und gönne jedem seine Satte saure Milch un auch noch was dazu. Aber seit Anno
sechs kennt unser Klemm die Havelländischen nich mehr. Un auch die andern nicht,
wo er sonst sein feldwebliges Einlager hielt. Er hat die Herrschaft gewechselt.
Das tut kein Hund nich. Kratzer! Seht, da kommt er schon wieder. Kusch dich,
Kratzer. Es ist ein treues Tier. Aber dieser Klemm, keine acht Tage, dass die
Löffelgarde durchs Hallesche Tor gezogen war, so war er schon liebes Kind mit
all und jedem, drängte sich an die Generals und machte den Complaisanten. Da gab
es denn Louisdors statt der Dukaten. Ein Schweifwedler ist er und ein
Gelegenheitsmacher. Und wie er vor Jena die Franzosen samt ihrem Kaiser
aufgefressen hat, so frisst er jetzt die Russen auf und zeichnet uns mit Kreide
die Mausefalle auf den Tisch, drin er sie fangen will. Aber ich hab es ihm
angestrichen.«
    In diesem Augenblicke klangen zwei französische Signalhörner, bald auch der
dumpfe Ton einer Trommel herüber und unterbrachen den Redestrom Stappenbecks,
der sein letztes Wort noch nicht gesprochen zu haben schien. Alle vier blieben
stehen und horchten auf, denn auch Schnökel war mittlerweile herangekommen. Der
letzte, der sich einfand, war Kratzer; er legte seinen Hals an das Knie seines
Herrn, schnoberte in der Luft umher, winselte und gab sich das Ansehen, als ob
er auch so seine Betrachtungen habe.
    »Sie blasen Retraite«, sagte Stappenbeck mit einem Tone, der den Doppelsinn
seiner Rede ausdrücken sollte.
    »Gebe es Gott!« antwortete Rabe.
    Dann, während die Hörner verklangen, setzten die Männer ihren Heimweg fort.
Vor ihnen lag die Stadt mit ihren tausend Lichtern, bis endlich ein Hohlweg, der
vom Plateau aus nach dem Tore hinunterführte, ihnen den Anblick der Lichter
entzog.
    Aber die Sterne des Winterhimmels standen über ihnen und funkelten hell in
das neue Jahr hinein.
 
                                Drittes Kapitel
                            Geheimrat von Ladalinski
Das Haus, das der Geheimrat von Ladalinski bewohnte, lag in der Königsstrasse,
der alten Berliner Gerichtslaube schräg gegenüber. Es war ein aus dem Anfange
des vorigen Jahrhunderts stammender, damals auf Geheiss König Friedrichs I.
aufgeführter Spätrenaissancebau, der an seiner Fassade durch mannigfache
geschmacklose Restaurationen gelitten, im Innern aber seine frühere
Stattlichkeit vollkommen beibehalten hatte. Namentlich galt dies, neben Hof und
Treppe, von dem ganzen ersten Stock, in dem die Empfangs- und Gesellschaftsräume
lagen. Hier zeigten sich noch jene Stuckornamente, die den Barockbauten
Schlüters soviel Reiz und Leben liehen, und vom Plafond herab grüssten, wenn auch
stark nachgedunkelt, die grossen, nach Giulio Romanoschen Originalen im Corte
reale zu Mantua ausgeführten Deckenbilder, mit denen der prachtliebende König
den ganzen ersten Stock hatte dekorieren lassen. An diese Gesellschaftsräume
schlossen sich nach rechts und links hin zwei kleinere Zimmer, einfenstrig mit
breiten Wandflächen, die, weil mehr benutzt, auch mehr eingebüsst und von ihrer
ehemaligen reichen Ausschmückung nur die Deckenbilder, darunter ein »Nacht und
Morgen« und einen »Sturz des Phaeton«, gerettet hatten.
    Das eine dieser beiden kleineren Zimmer war das geheimrätliche
Arbeitscabinet, dessen der Tür gegenüber befindliche Längswand von zwei hohen,
eine ganze Registratur bildenden Aktenrealen eingenommen wurde. Zwischen diesen
Realen auf einem freigebliebenen Wandstreifen hing das Bildnis einer schönen
jungen Frau, deren Ähnlichkeit mit Katinka unverkennbar war. Dasselbe ins
Rötliche spielende kastanienbraune Haar, vor allem derselbe Augenausdruck, so
dass das einzige, was abwich, das minder scharfgeschnittene Profil, als etwas
Gleichgiltiges erscheinen konnte. Durch die halbe Länge des Zimmers hin zog sich
ein grosser Arbeitstisch; er stand so, dass das Auge des Geheimrats, wenn er
aufsah, das schöne Frauenporträt treffen musste. Im übrigen hatte das Cabinet
manches, was an die Einrichtung eines Junggesellenzimmers erinnerte. Neben dem
altmodischen, mit Bildern aus der biblischen Geschichte geschmückten Ofen machte
sich ein ziemlich grosser, aber flacher und mit roten Tuchflicken angefüllter
Korb bemerkbar, der einem englischen Windpiel als Lagerstätte diente, während in
einem in der Fensternische stehenden Glasbassin mehrere Goldfischchen ihr
munteres Spiel trieben. Die halb herabgelassenen Rouleaux dämpften das ohnehin
nur mässig einfallende Licht; alles war Wärme und Behagen.
    Die kleine Pendule schlug eben zehn, als der Geheimrat eintrat, ein
Sechziger, gross und schlank, das kurzgeschnittene graue Haar voll und dicht nach
oben gerichtet. Er trug einen veilchenfarbenen Samtschlafrock, unter dem er sich
in bereits sorglichster Toilette zeigte. Seine Haltung, vor allem die Adlernase,
gaben ihm etwas entschieden Distinguiertes. Das Windspiel drängte sich an ihn,
um ihn respektvoll, aber verdriesslich zu begrüssen, und zog sich dann zitternd,
während das Glöckchen an seinem Halse hin und her tingelte, wieder in seinen
warmen Korb zurück. Der Geheimrat seinerseits schritt auf das Bassin zu, um die
Fischchen mit einigen Krumen und Insekteneiern zu füttern; er verweilte
minutenlang dabei und nahm dann Platz an seinem Arbeitstisch, auf dem amtliche
Schreiben, auch mehrere Zeitungen, darunter englische und französische,
ausgebreitet lagen. Er pflegte zunächst alles Geschriebene zu erledigen; heute
hielt er sich zu den Zeitungen und nahm den »Moniteur«.
    Überlassen wir ihn auf eine Viertelstunde ungestört seiner Lektüre und
erzählen wir, während er sich in Empfangsfeierlichkeiten und Loyalitätsadressen
vertieft, einiges aus seinem Leben.
    Alexander von Ladalinski war um die Mitte des vorigen Jahrhunderts auf dem
den Mittelpunkt der gleichnamigen Herrschaft bildenden Schloss Bjalanowo
geboren. Die nächste grössere Stadt, aber doch mehrere Meilen entfernt, war
Czenstochau. Einige der zur Herrschaft gehörigen Güter zogen sich westlich und
griffen mit ihrem Hauptbestande ins Herzogtum Schlesien hinüber, das eben damals
preussisch geworden war.
    Der junge Ladalinski empfing eine sorgfältige Erziehung, ging, um diese zu
vollenden, erst nach Paris, dann nach Wien und hatte, dreiundzwanzig Jahre alt,
eben die Verwaltung seiner Güter übernommen, als die Verhältnisse des Landes ihn
in die politischen Kämpfe hineinzogen. Sowenig er diese Kämpfe liebte, so
gewissenhaft führte er sie durch, nachdem er erst in dieselben eingetreten war.
Er sass im Reichstag und zählte zu den Hervorragendsten unter den Führern der
antirussischen Partei. Schon damals sprach sich in seiner Haltung eine bei mehr
als einer Gelegenheit hervortretende Hinneigung zu Preussen aus. Diese
Hinneigung, vielleicht auch der schon erwähnte Umstand, dass ein Teil seiner
Besitzungen dem preussischen Staatsverbande zugehörte, war es wohl, was bei
Veranlassung der Tronbesteigung König Friedrich Wilhelms II. seine Mission an
den Berliner Hof veranlasste. Er fand an demselben ein ihn auszeichnendes
Entgegenkommen, besonders von seiten des Ministers von Bischofswerder, in dessen
Hause er sehr bald ein täglicher Gast wurde. Hier war es auch, wo er die junge
Comtesse Sidonie von Pudagla kennenlernte. Was ihn vom ersten Augenblicke an
mehr noch als ihre Schönheit bezauberte, war der heitere Übermut ihrer Laune,
die mit graziöser Rücksichtslosigkeit geübte Kunst, den Schaum des Lebens
wegzuschlürfen. Etwas Pedantisches, das ihm eigen und dessen er sich, in seinen
jungen Jahren wenigstens, zu seiner eignen Unzufriedenheit bewusst war, liess ihm
diese Kunst ausschliesslich im Lichte eines Vorzugs erscheinen. Ehe er Berlin
verliess, wurde die Verlobung gefeiert; in der Weihnachtswoche folgte dann die
Hochzeit, die, unter Teilnahme des ganzen Prinz Heinrichschen Hofes, von dem
Bruder und der Schwägerin der Braut: dem Grafen und der Gräfin von Pudagla, in
Rheinsberg ausgerichtet wurde.
    Hatte schon die Hochzeitsfeier einen glänzenden Charakter gehabt, so noch
mehr die Hochzeitsreise. Es war wie die Einholung einer Prinzessin. An jedem
Rastplatze immer neue Überraschungen, die sich steigerten, je näher man dem
Ziele kam. Endlich lag Bjalanowo vor ihnen, hoch, im Abenddunkel eben noch
erkennbar, und als nun der vorderste Schlitten in die breite, winterlich kahle
Avenue einbog, da wurden auf den vier dicken Rundtürmen vier grosse Feuer
angezündet, in deren Schein jetzt der alte, halbverfallene Backsteinbau dalag
wie ein Schloss aus dem Märchen. Unter dem jubelnden Zuruf aller Hintersassen
fuhr das junge Paar in den Schlosshof ein.
    Die Freude, die der Gemahl über die glückliche Durchführung des von ihm
selber angeordneten Schauspiels empfand, liess ihn die Mienen seiner jungen Frau
nicht aufmerksam beobachten. Er hätte sonst wahrnehmen müssen, dass sie für den
eigentlichen Wert dieser Aufmerksamkeiten kein Verständnis hatte; was sich an
Liebe darin aussprach, entging ihr oder berührte sie nicht. Sie war ohne Dank.
    Und in dieser Stimmung verharrte sie. Ihr Gatte, der sie heiter sah, glaubte
sie glücklich; aber sie war es nur obenhin, und keine andere Verpflichtung
kennend als Genuss und Zerstreuung, erschien ihr das in Aufmerksamkeiten sich
überbietende Entgegenkommen ihres Gemahls gleichförmig und ermüdend, und nur
noch die von aussen her herantretenden Huldigungen hatten Wert.
    Es war ein Jahr nach der Hochzeit, als dem Hause ein Sohn geboren wurde. Er
erhielt den Namen Pertubal, der von ältesten Zeiten her in der Familie heimisch
und in jedem Jahrhundert wenigstens einmal glänzend vertreten war. Ein Pertubal
von Ladalinski hatte den Zug gegen Zar Iwan mitgemacht, ein anderer dieses
Namens war in der Schlacht bei Tannenberg, ein dritter unter Sobieski vor Wien
gefallen. Es hiess, der Name sei syrisch und stamme noch aus den Kreuzzügen her.
Alle aber, wie sich aus den Urkunden ergab, hatten die Abkürzung »Tubal« dem
vollen Namen vorgezogen.
    Die Geburt eines Sohnes, während alle Welt Glückwünsche aussprechen zu
müssen glaubte, wurde von seiten der Mutter wenig anders als störend empfunden,
die denn auch, als man ihr den Säugling reichte, von ihrem Lager aus erklärte,
dass sie kleine Kinder immer hässlich gefunden habe und ihrem eigenen zuliebe
keine Ausnahme machen könne. Das Kind erhielt eine polnische Amme mit einem
roten Kopftuch und einem noch röteren Brustlatz und wurde samt dieser, seiner
Pflegerin, in den oberen Stock verwiesen; kaum aber, dass die Mutter ihren ersten
Kirchgang gemacht hatte, so begann der ausgelassene Gesellschaftsverkehr aufs
neue, den das »freudige Ereignis« nur auf Wochen unterbrochen hatte.
    Unter denen, die auf Schloss Bjalanowo verkehrten, war auch Graf Miekusch,
ein Gutsnachbar, klein, zierlich, mit langem rotblonden Schnurrbart, eine
typische polnische Reiterfigur. Die Verwandtschaft seiner Natur mit der der
jungen Frau stellte von Anfang an eine Intimität zwischen beiden her, die, mit
voller Unbefangenheit sich gebend, von Ladalinski wohl bemerkt, aber nicht
beargwohnt wurde. Er vertraute vollkommen; einzelnes, das ihm hinterbracht
wurde, wies er als Klatsch und Neid zurück, und wenn nichtsdestoweniger von Zeit
zu Zeit eine leichte Wolke seinen Himmel trübte, so wusste der Übermut der jungen
Frau, die solchen Regungen der Eifersucht nur mit heiterem Spott begegnete, sein
Vertrauen schnell wiederherzustellen. Er war glücklich, als Katinka geboren
wurde, doppelt glücklich, als er wahrnahm, dass seine Freude von seiner Frau
geteilt wurde. In der Tat sah die junge Mutter anders auf dieses zweitgeborne
Kind, als sie auf Tubal geblickt hatte; es wurde nicht in das obere Stockwerk
verwiesen, blieb vielmehr in ihrer unmittelbaren Nähe, ja sie liebte es, an
seine Wiege zu treten und sich, ohne dass ein Wort über ihre Lippen gekommen
wäre, seines Anblicks zu freuen. Sah sie sich selbst in ihm?
    Das war im Frühjahr 1792. Ein ungetrübter Sommer folgte, aber als der Herbst
kam, brach ein Glück zusammen, das von Anfang an nur ein Schein gewesen war. Es
geschah das, was in gleichen Fällen immer geschieht: das Verbotene, des letzten
Zwanges müde, fand eine Befriedigung darin, sich vor aller Welt zu entdecken.
    Die Art der Ausführung entsprach dem Charakter der jungen Frau. Es war eine
Fuchsjagd bei Graf Miekusch angesagt, dessen weites, eine einzige grosse Fläche
bildendes Gutsareal ein vorzügliches Terrain bot. Auch die Damen der
Nachbargüter waren geladen, niemand fehlte; der Graf, zu seinen anderen
gesellschaftlichen Vorzügen, hatte auch den Ruf eines glänzenden Wirts. Es war
ein wundervoller Septembertag, der Himmel blank wie eine Glocke, hier und dort
eine Kiefernschonung und am Horizont der spitze Kirchturm des nächsten
Städtchens. dabei windstill, und die Sommerfäden zogen. Der Fuchs war bald
aufgetrieben, und in glänzendem Zuge schossen Reiter und Reiterinnen über Wiesen
und Stoppelfelder hin, jeder begierig, den andern zu überholen. Nur die junge
Frau von Ladalinski hielt sich zurück, Graf Miekusch an ihrer Seite; beide
schienen auf die Ehren des Tages verzichten zu wollen. Aber bald änderte sich
das Bild; immer mehr Paare schieden aus der vordersten Reihe aus, und ehe eine
Stunde um war, waren der Graf und seine Begleiterin noch die einzigen, die der
Fährte folgten oder doch zu folgen schienen. Die Zurückbleibenden, ihnen
nachschauend, waren entzückt von der Ausdauer der beiden Reiter, deren
Gestalten, je mehr sie sich dem in blauem Dämmer daliegenden Städtchen näherten,
immer kleiner und schattenhafter wurden. Endlich schwanden sie ganz, und da
Mittag heran war, beschloss man, auf das Schloss des Grafen zurückzukehren. Es
verging eine Stunde, eine zweite und dritte; es kam der Abend, und man wartete
noch. Die Gäste brachen endlich auf, um auf ihre eigenen Güter heimzureiten.
Unter ihnen auch Ladalinski. »Also doch«, klang es in hundertfältiger
Wiederholung in seinem Herzen. Erst am dritten Tage wurde durch einen Boten ein
versiegelter Zettel an ihn abgegeben: »Erwarte mich nicht zurück; Du siehst mich
nicht wieder. Es war ein Irrtum, der uns zusammenführte. Vergiss mich. Einen Kuss
für das Kind.
                                                                 Sidonie von P.«
Das Blatt entfiel ihm. Jedes Wort eine Demütigung, selbst ihre
Namensunterschrift: Sidonie von P. Sie hatte also den Namen ihrer eigenen
Familie wieder angenommen und strich die sechs Jahre, die sie an seiner Seite
verlebt hatte, wie ein unbequemes Intermezzo aus. Er war niedergeschmettert, und
doch konnte er die kurze Forderung, die sie stellte: »Vergiss mich«, nicht
erfüllen. Zu eigner bitterster Beschämung gestand er sich, dass er sie, wenn sie
zurückkehrte, ohne ein Wort des Vorwurfs oder der Erklärung, freudigen Herzens
wieder aufnehmen würde. Der rätselhafte Zug der Natur war mächtiger in ihm als
alle Vorstellung.
    Er verfiel in Trübsinn, bis die Schicksale seines Landes ihn herausrissen.
Es bereiteten sich jene Ereignisse vor, die schliesslich Polen aus der Reihe der
Staaten strichen. Russland machte seine Pläne, und diese zu vereiteln, darauf
waren jetzt, wie die Anstrengungen aller Patrioten, so auch die seinigen
gerichtet. Er schloss sich der Kosciuszkoschen Partei an und entwarf eine
liberale Verfassung, die den Beifall der Whigführer im englischen Parlamente
fand; endlich, als die Waffen entscheiden mussten, trat er in die Armee. Was ihm
an militärischer Erfahrung abging, wusste er durch Mut und Eifer zu ersetzen. Es
war keiner, dem Kosciuszko mehr vertraut hätte als ihm. Bei Szekoszin hielt er
bis zuletzt aus. Als nach dem unglücklichen Treffen bei Maciejowice der Rückzug
auf Praga ging, wurde ihm das Kommando der nur aus vier schwachen Bataillonen
bestehenden Arrièregarde anvertraut. Mit diesen deckte er den Übergang über die
Pilica zwei Stunden lang und benutzte die Zeit, während er noch jenseits der
Brücke mit dem Feinde bataillierte, geteerte Strohkränze um die Holzpfeiler
legen und diese Kränze anzünden zu lassen. Die Brücke stand schon in Rauch und
Flammen, als er die Trümmer seiner Bataillone glücklich hinüberführte. Die
Russen drängten nach; eine schwache Abteilung derselben, die gleich darauf
gefangen wurde, gewann gleichzeitig mit ihm das Ufer. Als aber das Gros in
geschlossener Kolonne folgte, brachen die halbweggebrannten Mittelpfeiler
zusammen, und alles, was auf der Brücke war, stürzte nach. Suwarow selbst hielt
keine hundert Schritt von der Unglücksstätte. Es war die letzte glänzende Aktion
im freien Felde; drei Tage später fiel Praga.
    Ladalinski legte sein Kommando nieder. Das »Finis Poloniae« seines
Kampfgenossen, wenn er es nicht sprach, so empfand er es doch. Es war ihm klar,
dass das Land russisch werden würde, vielleicht mit einem Scheine von
Selbständigkeit. Dieser Gedanke war ihm unerträglich. Es gab kein Polen mehr; so
beschloss er, sich zu expatriieren. Er ging zunächst auf seine jenseits der
Grenze gelegenen schlesischen Güter und stellte von hier aus dem preussischen
Hofe seine Dienste zur Verfügung. Ein umgehend eintreffendes Schreiben
Bischofswerders sprach ihm seine Freude über den rasch und mutig gefassten
Entschluss aus und berief ihn, vorbehaltlich königlicher Genehmigung, in das
Auswärtige Amt. Diese Genehmigung erfolgte wenige Tage später. Die grossen
Flächen polnischen Landes, die gerade damals Preussen einverleibt wurden, wiesen
die Staatsverwaltung darauf hin, solche Anerbietungen nicht abzulehnen.
    In kürzester Frist hatte Ladalinski sich in den neuen Verhältnissen
zurechtgefunden. Seine mehr preussisch als polnisch angelegte Natur unterstützte
ihn dabei; dem Unordentlichen und Willkürlichen abhold, fand er in dem
Regierungsmechanismus, in den er jetzt eintrat, sein Ideal verkörpert. Was darin
Schädliches war, das übersah er oder erachtete es als gering, nachdem er die
Nachteile eines entgegengesetzten Verfahrens so viele Jahre lang beobachtet
hatte. Er war bald preussischer als die Preussen selbst. Die Auszeichnungen, die
ihm zuteil wurden, seine Missionen, erst an den Kopenhagener, dann an den
englischen Hof, auf denen ihn Tubal, damals ein Kind noch, begleitete, trugen
das ihrige dazu bei. Von London nach dem Tode des Königs und der
Amtsniederlegung Bischofswerders zurückberufen, trat er, in dem richtigen
Gefühl, erst dadurch seine Staatszugehörigkeit zu beweisen, zum Protestantismus
über. Er wählte die reformierte Kirche, weil es die Kirche des Hofes war.
Gewissensbedenken waren der Zeit der Aufklärung fremd. In dem Ansehen seiner
Stellung änderte der Regierungswechsel nichts, wennschon die Stellung selbst
eine andere wurde; er schied aus dem Auswärtigen Amt, um dem
General-Oberfinanzdirektorium, Abteilung für die Domänen, zugewiesen zu werden.
Seine landwirtschaftlichen Kenntnisse, die bedeutend waren, konnten hier eine
vorzügliche Verwendung finden. Mit Übernahme dieses Amtes war auch sein
Wohnungnehmen in dem alten Palais in der Königsstrasse verknüpft gewesen. Er
bewohnte es jetzt seit fünfzehn Jahren; Katinka war in demselben
herangewachsen.
    Ob ihn von Zeit zu Zeit eine Sehnsucht nach Bjalanowo und dem alten Schloss
mit den vier Backsteintürmen, an das sich die schönsten und die schwersten
Stunden seines Lebens knüpften, beschlich, wer wollt es sagen! Kein Wort, das
darauf hingedeutet hätte, kam je über seine Lippen. Er schien glücklich in
seinem Adoptivvaterlande, vielleicht war er es auch, und fest entschlossen, in
seine alte Heimat, auch wenn derselben ihre staatliche Selbständigkeit, wie es
einen Augenblick schien, wiedergegeben werden sollte, nicht zurückzukehren,
hielt er sich zu den prinzlichen Höfen, um von diesem festen, gegebenen Punkte
aus in allmählich immer intimer werdende Beziehungen zu dem Adel des Landes
hineinzuwachsen. Er lebte, mehr, als er es sich gestand, nur noch der
Durchführung dieser Pläne, in denen er sich übrigens durch seine Schwägerin
»Tante Amelie« unterstützt wusste, und sah deshalb nichts lieber als die
Anwesenheit seiner Kinder in Hohen-Vietz. Eine Doppelheirat mit einer alten
märkischen Familie stellte den Schritt erst sicher, den er getan hatte, und
beruhigte ihn über die polnischen Sympatien Katinkas, die, was immer der Grund
derselben sein mochte, ihm kein Geheimnis waren.
Der Geheimrat hatte mittlerweile seine Lektüre beendet; er schob die Blätter
beiseite und klingelte. Ein eintretender Diener brachte die Schokolade, und ehe
er noch das Zimmer wieder verlassen konnte, kam schon das Windspiel aus seinem
Korbe herbei, diesmal nicht verdriesslich, und drängte sich an die Seite seines
Herrn. Der Geheimrat lächelte und warf ihm die Biskuits zu, denen diese
Zärtlichkeit gegolten hatte. Erst jetzt nahm er einen Brief wahr, der auf
demselben Tablett lag und die charakteristischen Schriftzüge Tante Ameliens
zeigte. Er war einigermassen überrascht. Erst am Abend vorher, zu später Stunde,
waren Tubal und Katinka von Schloss Guse zurückgekehrt; die Zeit, sie zu
begrüssen, hatte sich noch nicht gefunden, und schon war ein Brief da, der also
die Reise nach Berlin ziemlich gleichzeitig mit ihnen gemacht haben musste. Der
Geheimrat erbrach das Siegel und las:
    »Mon cher Ladalinski! Tubal und Katinka haben mich erst vor einer Stunde
verlassen, mit ihnen, zu meinem Bedauern, Demoiselle Alceste, deren Sie sich,
mein Teurer, aus alten Rheinsberger Tagen entsinnen werden. Ich empfinde, ganz
gegen meine Gewohnheit, eine Lücke und fülle sie am besten aus, indem ich über
die Kinder spreche, deren Anwesenheit mir die letzten Tage so angenehm gemacht
hat. Je mehr ich mich ihrer freute (et en effet ils m'ont enchantée), desto
lebendiger wurde mir wieder der Wunsch jener liaison double, die wir so oft
besprochen haben. Ich habe mich ganz in die Vorstellung hineingelebt, Tubal in
Guse schalten und walten und den alten Derfflingersitz, der unter meinen Händen
nur eben sein Dasein fristet, auf seine alte Höhe gehoben zu sehen. Des
Beistandes, dessen er dazu bedarf, darf er von Hohen-Vietz aus sicher sein. Die
schönen Frauen verschiedener Nationalität waren dort immer heimisch; meine
Grossmutter, avec un teint de lis et de rose, war eine Brahe, Berndts Frau eine
Dumoulin, und es würde mich glücklich machen, diesen Kreis durch unsern Liebling
erweitert zu sehen. Vous savez tout cela depuis longtemps. Mais les choses ne se
font pas d'après nos volontés. Des jungen Hohen-Vietzer Volkes bin ich sicher,
aber nicht des Hauses Ladalinski. Katinka nimmt Lewins Huldigungen hin, im
übrigen spielt sie mit ihm; Tubal hat ein Gefühl für Renate, qui ne l'aurait
pas? Aber dieses Gefühl bedeutet nichts weiter als jenes Wohlgefallen, das
Jugend und Schönheit allerorten einzuflössen wissen. So seh ich Schwierigkeiten,
die mir bei Katinka in der Gleichgiltigkeit, bei Tubal in der Oberflächlichkeit
der Empfindung zu liegen scheinen. Et l'un est aussi mauvais que l'autre. Es ist
offenbar, dass Katinka eine andere Neigung unterhält; die Gegenwart des Grafen
in Ihrem Hause stört unsere Pläne, und doch ist sie nicht zu ändern; alles, was
sich ziemt, ist Achtsamkeit und Vermeidung dessen, was das Feuer schüren könnte.
Ihre Klugheit, mon cher beau-frère, wird das Richtige treffen. Ich verspräche
mir am meisten von Trennungen. Lewin muss aus seinem engen Kreise heraus; er muss
vor allem die literarischen Allüren abstreifen. Er nimmt diese Dinge gründlicher
und ernstafter, als sich mit dem Edelmännischen verträgt, das wohl ein
Interesse haben, aber nicht fachmässig sich engagieren soll. Bleiben wir in guten
Beziehungen zu Frankreich, comme je souhaite sincerement, so würde ich einen
einjährigen Aufentalt in Paris als ein Glück für ihn ansehen. Er würde das
Weltmännische gewinnen, das ihm jetzt fehlt und auf das Katinka einzig und
allein Gewicht legt. Et je suis du même avis.
    Je faisais mention de la France. Mein Bruder würde mich auf Hochverrat
verklagen, wenn er wüsste, dass ich von einer Fortdauer guter Beziehungen
gesprochen habe. Und doch ist es gerade sein Gebaren, was mich diese Wünsche
noch mehr betonen lässt, als es ohnehin meinen Sympatien entspricht. Il organise
tout le monde. Das ganze Oderbruch auf und ab schreitet er zu einer
Volksbewaffnung, für die er hundert Namen hat: Landwehr, Landsturm und Letztes
Aufgebot. In seinem Eifer übersieht er, wie diese letzte Bezeichnung, anstatt
Furcht einzuflössen, nur tragikomisch wirken kann. Drosselsteins hat er sich
bemächtigt; von Bamme spreche ich gar nicht, der immer mit dabeisein muss, wenn
es etwas gilt, in dem sich Torheit und Waghalsigkeit den Rang streitig machen.
C'est son métier. Es erheitert mich, wenn ich mir seine Gross- und
Klein-Quirlsdorfer als mittelmärkische Guerillas denke. Diese Dorfschaften, in
denen im Durchschnitt keine sechs Jagdflinten aufzutreiben sind, wollen sich dem
Marschall Nei entgegenstellen, à Nei, le héros de la Moskwa. Quant à moi, ich
habe nur den Eindruck des Wahnsinns von diesem extravaganten Tun und hoffe, dass
die Weisheit des Staatskanzlers, der ich unbedingt vertraue, uns vor einer
Politik bewahrt, die uns vernichten und nicht einmal das Mitleid der anderen
Staaten sichern würde. Car le ridicule ne trouve jamais de pitié.
    Ich sehe stilleren Zeiten und stabileren Zuständen vertrauungsvoll entgegen;
Russland ist keine aggressive Macht; Frankreich wird seine Welteroberungspläne
begraben und nach einer Epoche zwanzigjähriger Unruhe eine Epoche des Friedens
folgen lassen. J'en suis convainçu. Paris wird wieder werden, was es immer war
und was es nie hätte aufhören sollen zu sein: le centre de la civilisation
européenne. Je le désire dans l'intérêt universel et dans le nôtre. Dieu veuille
vous prendre dans sa sainte garde, mon cher Ladalinski. Tout à vous votre
cousine
                                                                      Amélie P.«
Der Geheimrat legte den Brief aus der Hand, dessen politische Meinungen einen
geringen, die voraufgehenden Bemerkungen über Katinka und Bninski aber einen
desto grösseren Eindruck auf ihn gemacht hatten. Er las die Stelle noch einmal:
»Die Gegenwart des Grafen in Ihrem Hause stört unsere Pläne, und doch ist sie
nicht zu ändern; alles, was sich ziemt, ist Achtsamkeit und Vermeidung dessen,
was das Feuer schüren könnte.« Als er aufsah, fiel sein Blick auf das schöne
Frauenbild ihm gegenüber, und allerhand Erinnerungen, in die sich zum ersten
Male auch Befürchtungen für die Zukunft mischten, drängten sich ihm auf. Er
kannte die Geschichte so vieler Familien. »Es erben...«, aber ehe er den
Gedanken ausdenken konnte, grüsste ihn der Zuruf: »Guten Morgen, Papa«, und auf
seinem Sitze sich wendend, sah er Katinka, die, den Kopf durch die Portiere
steckend, ihm freundlich zunickte. Im selben Augenblicke war sie an seiner
Seite, und unter ihren Liebkosungen schwanden die trüben Bilder, die noch eben
vor seiner Seele gestanden hatten.
 
                                Viertes Kapitel
                                 Bei Frau Hulen
An demselben Abend war Gesellschaft bei Frau Hulen. Sie konnte damit, wenn sie
standesgemäss auftreten und die ganze Flucht ihrer Zimmer öffnen wollte, nicht
länger zögern, da Lewin für den nächsten Tag schon seine Rückkehr von
Hohen-Vietz angezeigt hatte. Gleich nach Eintreffen dieses Briefes waren denn
auch unter Beihilfe eines kleinen lahmen Jungen, der in dem Keller nebenan die
Bierflaschen spülte und wegen seines körperlichen Gebrechens sonderbarerweise
als Laufbursche benutzt wurde, die Einladungen ergangen und ohne Ausnahme
angenommen worden.
    Um sieben Uhr brannten die Lichter in der ganzen Hulenschen Wohnung, die,
neben einer kleinen, schon im Seitenflügel befindlichen Küche, aus zwei
Frontzimmern und zwei dunklen Alkoven bestand. Die Hälfte davon war an Lewin
vermietet, der indessen in seiner Abwesenheit und bei den freundschaftlichen
Beziehungen, die zwischen ihm und seiner Wirtin obwalteten, nicht das geringste
dagegen hatte, seinen Wohnungsanteil in die Festräume hineingezogen zu sehen.
    Und Festräume waren es heute, ganz abgesehen von den Lichtern und
Lichterchen, die bis in den Flur hinaus nicht gespart waren. In beiden Öfen war
geheizt, und auf den Simsen schwelten Räucherkerzchen, schwarze und rote,
während alle Kunst- und Erinnerungsgegenstände, auf die Frau Hulen die besondere
Aufmerksamkeit ihrer Gäste hinzulenken wünschte, noch eine besondere, ihnen
angemessene Beleuchtung erfahren hatten. Unter diesen Gegenständen standen die
Papparbeiten ihres verstorbenen Mannes, der Werk- und Küpenmeister in einer
kleinen Färberei, in seinen Mussestunden aber ein plastischer Künstler gewesen
war, obenan. Das meiste lag nach der architektonischen Seite hin. Ausser einem
offenen und figurenreichen Teater, das die Lagerszene aus den »Räubern«
darstellte, hatte er seiner Witwe einen dorischen Tempel und einen viertehalb
Fuss hohen, in allen seinen Öffnungen mit Rosapapier ausgeklebten Strassburger
Münster hinterlassen, der nun heute mit Hilfe kleiner Öllämpchen bis in seine
Turmspitze hinauf erglühte. Dieser Münster, wie noch bemerkt werden mag, stand
auf einer hochbeinigen Pfeilerkommode und verdeckte gewöhnlich einen dahinter
befindlichen kleinen Spiegel; nicht aber heute, wo derselbe, um nicht den
Verdacht aufkommen zu lassen, als ob es der Zimmereinrichtung an irgend etwas
Standesgemässem gebräche, um drei Handbreit höher hinaufgerückt worden war. Nur
die Turmspitze sah gerade noch in das etwas bleifarbene Glas hinein.
    Und wie zeigte sich Frau Hulen selber? Sie trug ausser der hohen weissen
Haube, ohne welche sich niemand entsann sie je gesehen zu haben, ein braunes,
noch von ihrem Seligen eigenhändig gefärbtes Merinokleid, dazu ein schwarzes,
eng um den Hals gepasstes Sammetband, in das abwechselnd blaue und gelbe Sterne
eingestickt waren.
    »Wie wird es ablaufen?« fragte sie sich und ging noch einmal alle wichtigen
Punkte durch, putzte die Lichter, nur um ihre Unruhe loszuwerden, und strich in
Lewins Alkoven, der heute als Garderobezimmer dienen musste, die Bettdecke glatt.
Dann sah sie wieder nach dem Strassburger Münster und seiner Beleuchtung, und ihr
war, als ob sie hätte eintreten sollen. »Wie wird es werden?« wiederholte sie
beklommen, und zugleich einen Blick in den Spiegel werfend, zupfte sie an dem
Halsband, das sich etwas verschoben hatte.
    In diesem Augenblicke klingelte es. Frau Hulen beeilte sich aufzumachen und
war einigermassen verstimmt, als sie wahrnahm, dass es nur die Zunzen war, eine
alte taube Frau, die mit ihr auf demselben Flur wohnte und ihre Einladung zu der
heutigen Reunion bloss aus Furcht vor ihren Klatschereien erhalten hatte. Denn
sie hatte Gott in der Welt nichts zu tun und stand, sooft sie jemanden ins Haus
treten und die letzte Treppe heraufkommen sah, immer hinter dem Kuckloch ihrer
Doppeltür, um auszukundschaften, wer und was es eigentlich sei.
    »Ich bin wohl die erste, liebe Hulen. Na, einer muss der erste sein.«
    »Gewiss, liebe Zunz, und Sie werden doch Ihre nächste Nachbarin nicht warten
lassen. Wollen Sie nicht Ihr Tuch ablegen?«
    Die Alte, die die Worte der Hulen nicht recht verstanden, aber doch aus
ihren Handbewegungen entnommen hatte, um was es sich handelte, schüttelte
verdriesslich den Kopf, zog ihr rotes Crèpe-de-Chine-Tuch, ein Wahrzeichen aus
alten, besseren Zeiten her, fester um sich und schritt gravitätisch, als fühle
sie sich sicher in dem Furchtgefühl, das sie einflösste, in das nächstgelegene
Zimmer. Es war das Lewins. Hier sah sie sich neugierig um, nickte ein paarmal,
wie um ihre Überraschung über die Mitverwendung der doch vermieteten Räume
auszudrücken, und fragte dann: »Der junge Herr ist wohl verreist?«
    »Freilich, liebe Zunz, Sie wissen es ja.«
    »So, so«, brummte die Alte und fuhr mit dem Zeigefinger über das kleine
Klavier hin, um zu sehen, ob auch der Staub gewischt sei. Dann passierte sie,
ein paarmal hüstelnd, wie wenn ihr der Räucherkerzchenqualm beschwerlich falle,
die Schwelle zur »guten Stube« und nahm auf dem Sofa Platz.
    Dies widersprach nun aber ganz und gar den gesellschaftlichen Arrangements
der Hulen, so dass diese, ärgerlich über die Anmassung der Alten, sich von der
Furcht vor ihr frei zu machen begann.
    »Bitte hier, liebe Zunz«, damit wies sie auf einen steiflehnigen
Grossvaterstuhl, der zwischen dem Ofen und einer Etagere stand. »Ich hole Ihnen
auch das Bilderbuch.«
    Die Alte murmelte etwas, das fast wie Protest und jedenfalls wie
Verwunderung klang, gehorchte aber doch und setzte sich in den Stuhl, auf den
die Hulen hingewiesen hatte. Gleich darauf kam diese wieder, in beiden Händen
ein grosses und ziemlich schweres Buch haltend, auf dessen Titelblatt (der
oberste Deckel war abgerissen) in dicken Buchstaben zu lesen stand: »Die
Singvögel Norddeutschlands; neunzig kolorierte Kupfertafeln.«
    Die Zunzen schlug auf, aber sie war noch nicht beim dritten Blatt, als es
abermals klingelte.
    Die jetzt Erscheinende war Demoiselle Laacke, Musik- und Gesanglehrerin und
die besondere Freundin der Hulen, die sich durch diesen Umgang geschmeichelt
fühlte, ein Mädchen von vierzig, gross, hager, mit langem Hals und dünnem
rotblonden Haar. Ihre wasserblauen Augen, beinahe wimperlos, hatten keine
selbständige Bewegung, folgten vielmehr immer nur den Bewegungen ihres Kopfes
und lächelten dabei horizontal in die Welt hinein, als ob sie sagen wollten:
»Ich bin die Laacke; ihr wisst schon, die Laacke, mit reinem Ruf und
unbescholtener Stimme.« Von der Königin Luise hatte sie, bei Gelegenheit eines
Wohltätigkeitskonzerts, eine Ametystbroche erhalten. Diese trug sie seitdem
beständig. Im übrigen waren Armut, Demut und Hochmut die drei Grazien, die an
ihrer Wiege gestanden und sie durch das Leben begleitet hatten. Sie verneigte
sich artig, wenn auch etwas steif und herablassend, gegen die alte Zunzen und
nahm dann wie selbstverständlich auf dem Sofa Platz.
    Frau Hulen setzte sich zu der Neuangekommenen, patschelte ihr die Linke und
sagte: »Wie froh ich bin, Sie zu sehen, liebe Laacke. Sie sind immer so gut und
machen keinen Unterschied.«
    »Ach, liebe Hulen, wie können Sie nur davon sprechen; das wäre ja
ungebildet. Sind wir denn nicht alle Menschen?«
    Hier trat eine kleine Pause ein, während welcher die Klavierlehrerin ihren
Shawl von der schmalen und abschüssigen Schulter herabgleiten liess. Dann fragte
sie: »Wen darf man denn noch erwarten?«
    Die Hulen rückte unruhig hin und her und sagte dann etwas verlegen: »Die
Ziebolds.«
    »Oh, die Ziebolds! Das ist ja hübsch. Ich entsinne mich; er hat eine Stimme,
Tenor oder Bariton.«
    »Ja, er hat eine Stimme«, fuhr die Hulen fort, »und ist immer spasshaft und
manierlich, aber es mag doch keiner neben ihm sitzen. Und neben der Frau erst
recht nicht. Das macht die Pfandleihe. Sehen Sie, die alten Ziebolds, was also
die Eltern von diesen Ziebolds waren, das waren sehr gute Leute, ja man kann
sagen, es waren feine Leute. Sie hatten das Leinewand- und Strumpfwarengeschäft,
Ecke der Jüden und Stralauer, und wir wohnten auf demselben Hof. Das war das
Jahr vorher, als der Alte Fritz starb. Und da wurde ja meine alte Mutter krank,
und weil sie wieder zu Kräften kommen sollte und ich nicht kochen konnte, weil
ich ja immer aus musste wegen der Näherei, ja, liebe Laacken, ich habe mich auch
quälen müssen, da kamen ja nun die Ziebolds, und einen Tag gab es eine Suppe und
den andern Tag Braten oder Huhn, immer Flügel und Brust, und sonntags schickte
der alte Mann, der eigentlich geizig war, aber ich kann es ihm nicht nachsagen,
eine halbe Flasche Wein. Und so ging es bis an ihren Tod, ich meine meiner
Mutter Tod.«
    Bei dieser Erinnerung fuhr die Sprecherin mit ihrem Zeigefingerknöchel über
das rechte Auge.
    »Das waren also die alten Ziebolds?« bemerkte Mamsell Laacke, die durch
Betonung des Wortes andeuten wollte, dass sie eigentlich von den jungen Ziebolds
zu hören gehofft hatte. Die Hulen verstand es auch und fuhr fort:
    »Ja, das waren die alten, das heisst, sie waren noch gar nicht alt, so um
Mitte Fünfzig, aber sie machten es auch nicht lange mehr und starben denselben
Winter noch, wo meine Mutter gestorben war. Erst sie, den dritten
Weihnachtsfeiertag, wenn es nicht schon der zweite gewesen ist, er aber
schleppte sich noch so bis in den März. Sie wissen ja, liebe Laacke: Märzensonne
und Märzenluft graben manchem seine Gruft. Er war immer schwach auf der Brust.«
    »Und da kam denn wohl das Geschäft an die jungen Ziebolds?« fragte jetzt
Mamsell Laacke mit allen Zeichen der Teilnahme an den sich rasch häufenden
Todesfällen.
    »Ja, an die jungen Ziebolds«, bestätigte die Hulen, »das heisst an ihn, denn
er hatte damals noch keine Frau. Er war nämlich ein sehr hübscher Mann, und weil
er gut reden konnte und eine goldene Brille trug, so sagten sie immer, er sähe
aus wie ein Justizkommissarius, und sie nannten ihn auch Herr Justizkommissarius
Ziebold. Das schmeichelte ihm, und er war immer mit Schauspielern und ihren
Mamsells zusammen, und eines Tages hatte er eine an dem Hals.«
    »Seine jetzige Frau? Ah, ich verstehe.«
    »Ja, seine Frau. Da hing denn nun der Himmel voller Geigen. Aber der Krug
geht so lange zu Wasser, bis er bricht, und es war noch kein Jahr um, da war
alles verkauft, und sie kamen in Not, wie mir die Zunzen erzählt hat. Denn ich
wohnte damals noch in der Rossstrasse.«
    Die Zunzen, die trotz ihrer Taubheit das meiste verstanden hatte, nickte mit
dem Kopfe.
    »Die junge Ziebolden aber«, fuhr die Hulen fort, »das war immer eine sehr
resolute Person, und sie wusste bald Rat, und als ich meinen Mann heiratete und
wieder hierher in die Klosterstrasse zog, da wohnten sie schon auf dem Hohen
Steinweg und hatten die Pfandleihe. Nun sehen Sie, liebe Laacke, die Pfandleihe,
das war ja noch nichts Schlimmes, und ich sagte damals zu meinem Seligen, dass
ich die alten Ziebolds gekannt hätte und dass es sehr gute Leute gewesen wären.
Und so kamen wir auch wieder zusammen und besuchten uns. Aber das dauerte ja gar
nicht lange, da hiess es: das mit der Pfandleihe, das sei bloss so nebenbei und
die Ziebolds liehen Geld auf hohe Zinsen und sie seien nicht besser als Wucherer
und bei zehn Talern müssten die Leute zwanzig Taler schreiben. Und das ist es,
warum keiner neben den Ziebolds sitzen will.«
    »Bitte, setzen Sie mich neben Herrn Ziebold«, bemerkte Mamsell Laacke mit
der ruhigen Haltung einer Äbtissin, die sich hinter dem Schild ihres Rufes und
ihrer Stellung gesichert weiss. »Und wen erwarten Sie noch?«
    »Herrn Feldwebel Klemm.«
    »Ach, der steife, alte Herr mit den Stulpstiefeln, der die Schlacht bei
Torgau gewonnen hat. Er streitet immer und trägt eine schwefelgelbe Weste. - Und
wen sonst noch?«
    »Herrn Nuntius Schimmelpenning.«
    »Schimmelpenning!« wiederholte die Laacke, »der Bote vom Kammergericht. Ich
entsinne mich. Er soll der Sohn des alten Präsidenten Schimmelpenning sein, nur
dass ihm das von unter die Bank gefallen ist. Wie kommen Sie nur zu dem, liebe
Hulen? Ein wenig angenehmer Mann und so wichtig.«
    In diesem Augenblicke zog es wieder an dem Draht, und da die Frau Hulenschen
Gesellschaften wie andere Gesellschaften waren, so trat denn auch gerade
derjenige ein, von dem eben gesprochen worden war: Herr Nuntius Schimmelpenning.
Er war ein starker Fünfziger, mit aufgeworfenen Lippen, die er zusammenpresste
und dann wieder schmatzend mit einem kleinen Paff öffnete, wobei er weisse,
wundervolle Zähne zeigte. Der alte Präsident hatte es ebenso gemacht. Übrigens
hatte die Laacke recht; er konnte an Aufgeblasenheit und Wichtigtuerei mit jedem
Trutahn streiten und sah in die Welt hinein, als ob er wenigstens sein Vater
oder gar das Kammergericht selbst gewesen wäre. Er glaubte auch so was.
    Frau Hulen stellte nun vor; Schimmelpenning aber, von der Verbeugung der ihm
unbequemen Mamsell Laacke nicht die geringste Notiz nehmend, schritt auf die
alte Zunzen zu, deren Namen ihm auch genannt worden war, und sagte mit lauter
Stimme: »Zunz; bei Graf Voss, Wilhelmsstrasse? Entsinne mich; habe Ihren Mann noch
gekannt.«
    »Ich auch«, sagte die Alte, die aus Respekt vor der stattlichen Erscheinung
des Nuntius aufgestanden war, im übrigen aber, gerade weil er so laut sprach,
alles falsch verstanden hatte. Schimmelpenning, der nicht wusste, was er aus dem
»Ich auch« der Alten machen sollte, und bei seiner immer regen Empfindlichkeit
nur allzu geneigt war, es für eine Verhöhnung zu nehmen, zog ein verdriessliches
Gesicht und schien überhaupt durch seine ganze Haltung ausdrücken zu wollen:
»Sonderbare Gesellschaft; wie komm ich nur dazu?« Dann trat er an die
hochbeinige Kommode, trommelte auf dem Dach des Strassburger Münsters und sah in
den Spiegel hinein, bei welcher Gelegenheit ihn wieder seine Ähnlichkeit mit dem
alten Präsidenten überraschte.
Von dem Garderobezimmer her - in dem, wenn nicht alles täuschte, zwei rasch
hintereinander eingetroffene Paare mit dem Ablegen ihrer Sachen beschäftigt
waren - hörte man jetzt ein lebhaftes Sprechen, wie es Personen eigen ist, die
mit einer Art Nachdruck entweder ihre Unbefangenheit oder ihre besondere
Berechtigung ausdrücken wollen, und gleich darauf trat das erste dieser Paare in
Frau Hulens Zimmer ein. Es waren Herr Ziebold und Frau, er an seinen Löckchen
und seiner goldenen Brille, sie an ihrer teaterhaften Haltung und einem ebenso
eng anliegenden wie tief ausgeschnittenen Seidenkleid erkennbar.
    Schimmelpenning drückte statt eines Grusses nur leise das Kinn nach unten und
würde durch seine reservierte Haltung, die so weit ging, dass er beide Hände auf
den Rücken legte, noch mehr aufgefallen sein, wenn nicht das zweite Paar, das
beinahe unmittelbar folgte, die Aufmerksamkeit von ihm abzogen hätte. Es waren
Herr Deckenflechter Grüneberg und Tochter, ein hagerer, wachsfarbener Mann, der,
weil er auf einem kleinen Stubenwebstuhl allerhand filzartige Tuchstreifen zu
breiten und schmalen Fussdecken zusammenwebte, gelegentlich auch Herr
Teppichfabrikant Grüneberg genannt wurde. Er selbst bedeutete wenig, trotz
seiner Eulenphysiognomie, in welcher Stirn, Kinn und Nasenspitze an derselben
senkrechten Linie, Mund und Augen aber weit zurück und sozusagen wie im Schatten
lagen; desto mehr aber bedeutete seine Tochter, die, gross und stark und ohne
alle Ähnlichkeit mit ihm, überhaupt gar nicht seine Tochter, sondern ein
angeheiratetes Kind aus seiner verstorbenen Frau erster Ehe war. Sie hiess
Ulrike. Beinahe hässlich, mit grossen, nichtssagenden und zum Überfluss auch noch
weit vorstehenden Augen, hatte sie doch die feste Überzeugung: schön und durch
ihre Schönheit zu etwas Höherem berufen zu sein. Ihr Umgang mit Frau Hulen
erschien ihr unter ihrem Stande, mehr noch unter ihren persönlichen Ansprüchen,
wurde aber doch von ihr gepflegt, weil sie wusste, dass ein adeliger junger Herr
bei der Alten zu Miete wohnte. Ihre Gedanken gingen immer nach dieser Richtung
hin.
    Herr Ziebold hatte sich neben Mamsell Laacke auf das Sofa gesetzt; Ulrike
trat an das Teater und nahm einzelne Figuren, Karl Moor, Roller und den
hübschen Kosinski, aus der offenen Szene heraus; von der Zunzen war keine Rede
mehr. Schimmelpenning, den Rücken gegen eins der Fenster gelehnt, starrte
gleichgültig auf die Decke, und nur Ziebold und Grüneberg unterhielten ein
Tagesgespräch, zu dem beide sehr ungleich beisteuerten, Grüneberg in einem
Schwall von Worten, Ziebold in einzelnen kurzen und mitunter spöttischen
Bemerkungen. Die Hulen kam immer mehr in Aufregung; sie fühlte, dass es nicht so
ging, wie es gehen sollte, und immer neue Versuche zur Annäherung ihrer Gäste
machend, sagte sie schon zum dritten oder vierten Mal: »Sie kennen sich ja schon
von früher.«
    Die so Angeredeten schienen sich aber jedesmal nur sehr langsam und
widerstrebend darauf zu besinnen. Die Widerstrebendste war Frau Ziebold. Sie
spielte mit ihrer goldenen Erbskette, über deren Ursprung allerhand dunkele
Gerüchte gingen, und warf ihrem Manne Blicke zu, sich mit dem dummen Menschen,
dem Grüneberg, nicht zu weit einzulassen. Sonst verzog sie keine Miene. Nur wenn
sie Ulrikens Wichtigkeit sah, lächelte sie. Denn sie kannte die Grünebergs »vom
Geschäft her« und hatte der Tochter, die hinter dem Rücken des Vaters alles tat,
was ihr bequem war, mehr als einmal aus der Verlegenheit geholfen.
    Von Gästen fehlte nur noch Feldwebel Klemm; endlich kam auch er, und Frau
Hulen, die Wunderdinge von ihm erwartete, atmete auf. Er war in demselben
Aufzuge, Stulpenstiefel und hochzugeknöpfte schwefelgelbe Weste, in dem er sich
überall präsentierte, und machte sich, nachdem er Mamsell Laacke zum Ärger
Ulrikens mit besonderer Auszeichnung begrüsst hatte, namentlich mit den Ziebolds
zu schaffen, sei es, weil er in seiner Eigenschaft als Zwischenträger und
Gelegenheitsmacher allerhand unaufgeklärte Beziehungen zu ihnen hatte oder weil
er einfach zeigen wollte, dass er das Recht habe, sich über das Gerede der Leute
wegzusetzen und seine Sonne über Gerechte und Ungerechte scheinen zu lassen. An
Schimmelpenning, der mittlerweile seine Stellung mit halbrechts gewechselt und
sich an einen altmodischen Eckschrank gelehnt hatte, ging er ohne Gruss vorüber;
beide massen sich mit einem Ausdruck von Geringschätzung.
    »Wir sind nun alle beisammen«, nahm Frau Hulen das Wort, »und ich denke, wir
wollen recht fröhlich und ausgelassen sein. Nicht wahr, liebe Laacke? Sie singen
uns doch nachher etwas? Schweizerfamilie oder Bei Männern, welche Liebe fühlen.«
    »Aber, liebe Hulen.«
    »Warum nicht, Laackechen? Es ist ja bloss ein Lied. Und Mamsell Ulrike hört
es gewiss gern und wir andern auch. Und nicht wahr, Herr Ziebold, Sie begleiten
doch? Aber nun wollen wir uns zu Tische setzen. Bitte, liebe Zunzen, helfen Sie
mir den Tisch hereinbringen.«
    Unsere gute Hulen hatte die letzten Worte sehr laut gesprochen;
nichtsdestoweniger antwortete die Alte, die vielleicht wirklich nicht gehört
hatte, vielleicht auch nur ärgerlich war, zu dieser Dienstleistung wie
selbstverständlich herangezogen zu werden: »Na, ich denke doch, bis zehn«,
worauf sich Mamsell Laacke, um allen weiteren Erörterungen vorzubeugen, mit fast
jugendlicher Raschheit erhob und den Esstisch aus der Küche hereintragen half.
Stühle wurden gerückt, und in kürzester Zeit sass alles: Klemm obenan, Frau Hulen
unten, die Zunzen dicht neben ihr; dann kamen die Pfandleihersleute, an beiden
Ecken einander gegenüber; neben Ziebold, wie sie es sich ausbedungen hatte, die
Laacke.
    Alle Speisen standen schon in der Mitte, als erster Gang eine grosse Schüssel
mit Mohnpielen, daneben links ein Heringssalat und rechts eine Sülze. Alles
reich gewürzt; auf dem Mohn eine dichte Lage von gestossenem Zimt, auf dem Salat
kleine Zwiebeln, die mit Pfeffergurken und sauren Kirschen abwechselten. Ein
echtes Berliner Essen.
    »Bitte, so vorliebzunehmen; Mamsell Ulrike, wollen Sie nicht so gut sein und
die Pielen herumgehen lassen? Gott, wie ich mich freue!«
    »Ganz auf unserer Seite«, antwortete Herr Ziebold und putzte erst seine
Brille, dann heimlich auch die Gabel am Tischtuchzipfel ab.
    Was das Gespräch anging, so konnte sich's aller Wahrscheinlichkeit nach nur
darum handeln, ob es durch Klemm oder Schimmelpenning geführt werden sollte;
Grüneberg war zu einfältig, und Ziebold, der in seinen jungen Jahren ein echter
Berliner Vielsprecher gewesen war, hatte sich inzwischen aus diesem Geschäft
zurückgezogen und begnügte sich damit, die Reden anderer mit einigen
Schlagwörtern zu begleiten.
    »Sagen Sie, liebe Hulen«, nahm Schimmelpenning das Wort, »wie heisst denn
eigentlich der junge Herr, der bei Ihnen wohnt?«
    »Vitzewitz, Herr Nuntius.«
    »Vitzewitz«, wiederholte dieser, »ein sonderbarer Name.«
    »Es kann nicht jeder Schimmelpenning heissen«, sagte Klemm und wechselte
Blicke mit seinem Gegner. »Übrigens, wenn ich recht unterrichtet bin, heisst er
von Vitzewitz.«
    Schimmelpenning war gerade gescheit genug, um die Malice herauszufühlen,
ignorierte die Zwischenrede aber völlig und fuhr zu Frau Hulen gewandt fort:
»Was studiert er denn eigentlich?«
    »Er studiert... es ist so was Fremdes und Lateinisches, und wenn er noch ein
paar Jahre dabei bleibt, dann kommt er ans Kammergericht.«
    »Nu, nu«, sagte Schimmelpenning und reckte sich etwas höher.
    »Aber er wird nicht dabei bleiben; er hat immer anderes vor und liest den
ganzen Tag Komödienstücke von einem Mohr, der seine Frau würgte, und von einem
alten König, der wahnsinnig wurde, weil ihn seine Kinder, noch dazu Töchter, im
Stiche liessen. Ich höre das immer, denn er spricht so laut, dass es die Zunzen
durch die Wand hören könnte, nicht wahr, liebe Zunz, und wenn ich dann anklopfe
und ihm einen Brief bringe oder eine Flasche frisches Wasser, dann seh ich
mitunter, dass er geweint hat. Ja, Sie lachen, Herr Schimmelpenning, aber er hat
ein weiches Herz, und ein weiches Herz ist keine Schande. Ich könnte davon
erzählen, wie gut er ist.«
    »Nun, so erzählen Sie doch«, rief Ulrike, während Frau Ziebold und ihr Mann
sich wieder verständnisvoll ansahen.
    Die Hulen aber fuhr fort: »Nun gut, Ulrikchen, ich will es Ihnen erzählen.
Unsere Betten stehen nämlich Wand an Wand, und die Wand hat nur einen Stein. Und
nun hab ich ja meinen Magenkrampf, und da hilft nichts, kein Doktor und kein
Apoteker. Und richtig, es war so um Martini herum, und vielleicht war ich auch
selber schuld, weil ich von dem Gänsebraten gegessen hatte, der immer Gift für
mich ist, und siehe da, da hatt ich ihn wieder. Und ich wusste mir nicht anders
zu helfen, denn die Wehtage wurden immer grösser, und ich klopfte. Erst ganz
leise; und als ich das zweite Mal geklopft hatte, da rief er: Gleich, Frau
Hulen, ich komme schon. Und als ich noch so denke, was wohl das beste sein wird,
da steht er auch schon da, gestiefelt und gespornt, und sagt bloss: Magenkrampf?
Ich dacht es mir; na, da weiss ich Bescheid, Frau Hulen. Und keine halbe Minute,
da hör ich ihn in der Küche, wie er Holz spaltet und in der Asche herumklopft
und an meinem Küchenschapp die Kasten aufzieht, einen nach dem andern. Und nu
merk ich ja, was er vorhat, und rufe aus meinem Bett heraus: Zweites Fach,
rechts. - Schon gut, Frau Hulen, sagt er, ich habe schon, und nu dauert es auch
gar nicht lange mehr, da ist er da. Und was bringt er? Einen richtigen
Kamillentee, bloss ein bisschen zu stark und noch zu heiss. Aber da goss er ihn ja
aus der Obertasse in die Untertasse, zweimal, dreimal, bis er mundrecht war. Und
nu trank ich. Und wollen Sie glauben, mir wurde gleich besser. Ich will nich
sagen, dass es der Kamillentee war, aber die Guttat war es, die ging mir zu
Herzen, und der Magenkrampf war weg.«
    »Aber liebe Hulen!« sagte jetzt langsam und jede Silbe betonend die Laacke,
die während der ganzen Erzählung verlegen auf ihren Teller geblickt hatte.
    Die Hulen aber liess sich nicht einschüchtern und erwiderte ziemlich scharf:
»Liebe Laacke, ich sehe bloss, dass Sie noch keinen Magenkrampf gehabt haben.«
    »Sehr richtig«, bemerkte Ziebold, indem er der neben ihm sitzenden Alten
gutmütig und vertraulich auf ihrer welken Hand herumtrillerte, »ich habe die
Bekanntschaft dieses Peinigers nur einmal gemacht, aber gerade gründlich genug,
um zeitlebens zu wissen, was es mit ihm auf sich hat. Das war Anno sechs, an dem
Tage, als die Löffelgarde einzog. Es regnete leise und war schon kalt. Wann war
es doch, Herr Feldwebel Klemm?«
    »Ende Oktober.«
    »Ganz richtig; ich erkältete mich bis auf den Tod und hatte Schmerzen, dass
ich schrie; aber es tut mir doch nicht leid, bei diesem Löffelgardeneinzug mit
dabeigewesen zu sein.«
    »Warum hiess es denn eigentlich die Löffelgarde?« fragte Ulrike.
    »Weil sie statt des Federstutzes einen blechernen Löffel trugen. Die anderen
Herrschaften werden es damals alle gesehen haben, aber wenn Mamsell Grüneberg
davon hören will...«
    »Bitte«, sagte Ulrike verbindlich, und Ziebold, der sich von der ihm
unbequem werdenden Kontrolle seiner Frau frei zu machen begann, fuhr ohne
weiteres fort: »Diese Löffelgarde, wie mir Herr Feldwebel Klemm bestätigen wird,
hatte allerhand Absonderlichkeiten und schickte, wenn sie einzog, einen aus
ihrer Mitte voraus, der zwanzig oder dreissig Schritt vor der nachrückenden
Kolonne ging und durch sonderbare Manieren und ein absichtlich abgerissenes
Kostüm ankündigen musste: Jetzt kommt die Löffelgarde! Denn sie waren stolz auf
ihren Namen und ihr Abzeichen.«
    Ziebold, der als guter Erzähler den Wert einer Pause zu schätzen wusste, bat
hier um ein Glas Wasser und nahm erst, als Frau Hulen das Gewünschte gebracht
hatte, seinen Faden wieder auf.
    »Ich sehe noch den ersten, der durch das Hallesche Tor kam. Er gehörte zu
dem schlimmen Davoustschen Corps, und alles, was dieses Corps bedeutete, das lag
in diesem einen vorausmarschierenden Mann. Er war lang und hager, mit blassem
Gesicht und pechschwarzem Haar, das ihm tief in die Stirn hing. Seine
Beinkleider, von einer Art Leinenzeug, waren schmutzig und zerrissen, und die
halbnackten Füsse steckten in Schuhen, eigentlich nur noch Sohlen, die wie
Sandalen festgebunden waren. Ein Pudel, den er an einem Strick führte, ging auf
zwei Beinen nebenher und fing die Brotstücke auf, die ihm von ihm zugeworfen
wurden. An seinem Pallasch aber, den er statt des gewöhnlichen Infanteriesäbels
trug, hing eine Gans, und auf dem kleinen, fuchsig gewordenen Hut, den er schief
und pfiffig aufgesetzt hatte, steckte der blecherne Löffel, das Feldzeichen der
ganzen Bande.«
    »Ach, wie nett«, sagte Ulrike, der zu Ehren die ganze Geschichte erzählt
worden war, »ein blecherner Löffel, es ist doch zu komisch.«
    Feldwebel Klemm aber, der keine Gelegenheit vorübergehen liess, seine
Franzosenfreundlichkeit zu betonen, und durch den wohlberechneten Appell an sein
endgültiges Urteil nicht ganz gewonnen worden war, rief über den Tisch hin: »Ich
möchte Herrn Ziebold nur bemerken, dass es doch am Ende keine Bande war, die
damals unter dem Befehl des Marschall Davoust, Herzogs von Auerstedt und
späteren Prinzen von Eckmühl, Durchlaucht, durch das Hallesche Tor einzog. Wenn
es aber eine Bande war, so war es jedenfalls eine ganz aparte, denn sie kam
recte von Jena her, wo wir, um es milde zu sagen, vor dieser Bande nicht zum
besten bestanden hatten.«
    »Nein, nicht zum besten«, antwortete Frau Hulen. »Aber nichts für ungut,
Herr Feldwebel Klemm, davon dürfen wir nicht sprechen, denn das ist ein
schlechter Vogel, der sein eigen Nest beschmutzt, und das Unglück von damals
oder die Schande von damals, ich weiss nicht, was richtig ist, das muss nun
begraben und vergessen sein. Ich habe freilich auch gedacht, es wäre mit uns
vorbei, weil es alle Leute sagten, und man ist doch nur eine arme Frau, die
nicht nein sagen darf, wenn die andern ja sagen. Aber das kann ich Ihnen sagen,
Herr Klemm, schon das nächste Jahr, als ich die zwei grünen Särge sah, da wusste
ich, dass wir wieder aufkommen würden.«
    »Zwei grüne Särge?« fragte Ulrike und versuchte zu lachen.
    »Ja, zwei grüne Särge, drin die beiden alten Sängebuschens begraben wurden.
Er und sie. Haben Sie denn nicht davon gehört, Ulrikchen? Sie müssen doch
damals, mit Permission, schon ein halbwachsenes junges Ding gewesen sein.«
    »Nein«, versicherte Ulrike.
    »Nun«, fuhr Frau Hulen fort, »die beiden alten Sängebuschens, die hier
gleich um die Ecke wohnten, zwei Häuser von der Waisenkirche, die waren es also.
Er war Registrator, aber früher war er Soldat gewesen und hatte unter vier
Königen gedient, und als das Rheinsberger Denkmal fertig war und Prinz Heinrich
alle alten Soldaten einlud, da lud er auch den alten Sängebusch ein, dass er mit
dabeisein sollte. Ich habe den Brief selbst gesehen, alles deutsch geschrieben,
aber Henri war französisch. Und als er nun starb, ich meine den alten
Sängebusch, da fanden sie einen Zettel, darauf geschrieben stand, dass er in
einem grünen Sarge begraben werden wolle, bloss um seinen Glauben und seine
Zuversicht zu zeigen, dass sein liebes Vaterland Preussen wieder aufkommen
würde... Und nun starb ja die Frau, die auch alt und krank war, denselben Tag,
und so kam es, dass zwei grüne Särge bestellt wurden. Der alte Prediger Buntebart
aber, als sie begraben werden sollten, liess eine schwarze Bahrdecke darüber
decken, weil er ängstlich war und keinen Lärm und keinen Aufstand haben wollte.
Aber da kannt er die Berliner schlecht, und als der Zug sich in Bewegung setzte,
rissen sie die Bahrdecke herunter, dass die grünen Särge wieder sichtbar wurden,
und so trugen sie sie zwischen vielen tausend Menschen hin, und alles nahm den
Hut ab und dachte bei sich: Ob wohl der alte Sängebusch recht behalten wird? Und
er hat recht behalten. Bäcker Lehwess, als ich heute das Frühstück holte, sagte
zu mir: Hören Sie, Hulen, Preussen kommt wieder auf. Und der alte Bäcker Lehwess
sagt nicht leicht was, was er nicht verantworten kann.«
    Herr Ziebold nickte der alten Hulen freundlich zu, Feldwebel Klemm aber, mit
dem linken Zeigefinger zwischen Hals und Krawatte hin- und herfahrend, sagte
halb ungeduldig, halb herablassend: »Das ist eine rührende Geschichte, Frau
Hulen; aber den alten Sängebusch und seinen grünen Sarg in Ehren, er könnte sich
doch geirrt haben.«
    »Wer nicht?« antwortete Schimmelpenning, der nicht leicht eine Gelegenheit
vorübergehen liess, einer von Klemm geäusserten Ansicht zu widersprechen. »Wer
nicht? sage ich noch einmal; Sie, ich, jeder. Irren ist menschlich, aber dieser
alte Sängebusch hat sich nicht geirrt. Ich bitte mich nicht misszuverstehen;
grüne Särge hin, grüne Särge her, ich bin Protestant und verachte jeden
Aberglauben. Diese grünen Särge sind eine Kinderei. Aber wir müssen doch wieder
aufkommen, und warum? Weil wir die Gerechtigkeit haben. Da liegt es. Iustitia
fundamentum imperii. Zeigen Sie mir in der ganzen alten und neuen Geschichte so
etwas wie die Mühle von Sanssouci oder wie den Müller Arnoldschen Prozess. Das
Kammergericht, meine Herrschaften. Und es gibt noch Richter in Berlin, haben
selbst unsere Feinde zugestanden. Ich will nichts gegen die Franzosen sagen,
aber eins muss ich sagen: sie haben keine Gerechtigkeit. Und wo keine
Gerechtigkeit ist, da ist kein Mass, und wo kein Mass ist, da ist kein Sieg. Und
wenn ein Sieg da war, so hat er keine Dauer und verwandelt sich in Niederlage.
Und der Anfang dieser Niederlage ist da. Der Russe drängt nach, wir legen uns
vor, und so zerreiben wir diese französische Herrlichkeit wie zwischen zwei
Mühlsteinen.«
    »Sie sprechen von zwei Mühlsteinen«, lächelte Klemm, »gut, ich lasse die
zwei Steine gelten, aber was dazwischen zerrieben werden wird, das werden nicht
die Franzosen sein, sondern die Russen.«
    »Nicht doch, nicht doch«, riefen Ziebold und Grüneberg gleichzeitig und
setzten dann hinzu: »Oder zeigen Sie uns wenigstens, wie.«
    Dieser Aufforderung hatte Klemm entgegengesehen.
    »Es wäre gut, wir hätten eine Karte«, sagte er; »aber ein paar Striche tun
es auch. Frau Hulen, ich bitte um einen Bogen Papier.«
    Frau Hulen beeilte sich, den gewünschten Bogen herbeizuschaffen, auf dem
Klemm nun, mit jener Sicherheit, wie sie nur die tägliche Wiederholung gibt,
dieselben Linien zu zeichnen begann, die er schon am Neujahrsabend mit Kreide
auf den Tisch gezeichnet hatte.
    Dann hob er an: »Dieser dicke Strich also, wie ich zu bemerken bitte, ist
die Grenze, rechts Russland, links Preussen und Polen. Achten Sie darauf, meine
Herrschaften, auch Polen. Hier links ist Berlin, und hier, zwischen Berlin und
dem dicken russischen Grenzstrich, diese zwei kleinen Schlängellinien, das sind
die Oder und die Weichsel. Nun müssen Sie wissen, an der Oder und Weichsel hin,
in sechs grossen und kleinen Festungen, stecken dreissigtausend Mann Franzosen,
und ebenso viele stecken hier unten in Polen, in einer sogenannten
Flankenstellung, halb schon im Rücken. Ich wiederhole Ihnen, achten Sie darauf;
denn in dieser Flankenstellung liegt die Entscheidung. Jetzt drängt der Russe
nach; schwach ist er, denn wenn eine Armee friert, friert die andere auch, und
schlottrig geht er über die Weichsel. Und nun geschieht was? Von den
Oderfestungen her treten ihm dreissigtausend Mann ausgeruhter Truppen entgegen,
während von der polnischen Flankenstellung her andere dreissigtausend Mann
heraufziehen, sich vorlegen und ihm die Rückzugslinie abschneiden. Und klapp, da
sitzt er drin. Das ist, was man eine Mausefalle nennt. Ich mache mich
anheischig, Ihnen die Stelle zu zeigen, wo die Falle zuklappt. Hier, dieser
Punkt; es muss Köslin sein oder vielleicht Filehne. Ich gehe jede Wette ein,
zwischen Köslin und Filehne kapituliert die russische Armee. Wie Mack bei Ulm.
Was nicht kapituliert, ist tot.«
    Alles war erstaunt; nur Schimmelpenning, der in den Weissbierlokalen der
Stadt nicht viel weniger gut zu Hause war als sein Gegner, sagte mit
einschneidender Ruhe: »Es ist bekannt, Herr Klemm, dass Sie diese Sätze jetzt
täglich wiederholen, buchstäblich wiederholen, wobei es nichts tut, ob Sie die
Weichsel mit Bleistift auf Papier oder mit Kreide auf den Tisch zeichnen. Sie
werden über kurz oder lang Ungelegenheiten davon haben; doch das ist Ihre Sache.
Eins aber ist meine Sache, Ihnen zu sagen, dass ich alles, was Sie tun und
sprechen, unpatriotisch finde.«
    »Muss ich bei Ihnen Patriotismus lernen?« brauste Klemm auf und schlug mit
der flachen Hand auf den Tisch. »Ehe Ihnen Ihre Mutter, ich bitte um
Entschuldigung, meine Damen, die ersten Hosen anpasste, war ich schon bei Torgau.
Ich habe die Grenadiers gesammelt...«
    »Ich weiss davon«, unterbrach ihn Schimmelpenning, »aber das waren nicht Sie,
das war der Major von Lestwitz.«
    »Ich weiss nicht, was der Major von Lestwitz getan hat«, schrie der immer
aufgeregter werdende Klemm, »aber was ich getan habe, das weiss ich.«
    »Und behalten es in gutem Gedächtnis«, höhnte Schimmelpenning weiter. »Auch
ist es noch keinem eingefallen, Herr Klemm, dass Sie jemals eine von Ihren
Grosstaten vergessen hätten.«
    Bei dem Worte »gross« machte der Nuntius eine lange maliziöse Pause; Frau
Hulen aber, die den Streit aus der Welt zu schaffen wünschte, wandte sich an
Herrn Schimmelpenning und bat ihn mit eindringlicher Stimme, die auf dem linken
Flügel noch unberührt stehende Sülze herumgehen zu lassen. Es wurde nicht
überhört, so hoch die Wogen auch gingen. Als das neue Gericht bei der Zunzen
vorbeikam, die von Zeit zu Zeit an Hustenanfällen litt und deshalb vorsichtig
mit reizbaren Sachen sein musste, beugte sie sich zur Hulen und fragte leise:
»Viel Pfeffer?«, worauf diese antwortete: »Nein, liebe Zunz, englisch Gewürz.«
Diese beruhigende Erklärung schien von der Alten richtig verstanden zu werden,
denn sie nahm ausgiebig von der Schüssel, die sie noch in Händen hielt. Dem
ausbrechenden Streit der Gegner aber war glücklich gesteuert. Bald darauf wurde
aufgestanden, und nachdem sich, mit Ausnahme von Klemm und Schimmelpenning,
alles die Hände gedrückt und eine gesegnete Mahlzeit gewünscht hatte, begab man
sich paarweise in Lewins Zimmer, wo nun Punsch und Krausgebackenes herumgereicht
wurde.
    »Und nun, liebe Laacke, singen Sie uns was; aber nichts Trauriges, nicht
wahr, Ulrikchen, nichts Trauriges?« Ulrike stimmte bei, worauf Mamsell Laacke
bemerkte, dass sie nichts Trauriges singen wolle, aber auch nichts Heiteres. Das
Heitere widerstände ihr, weil es flach und unbedeutend sei; sie liebe das
Gefühlvolle, und man solle immer nur das singen, was der eigenen Natur
entspräche. Denn »in unserer Stimme ruht unser Herz«.
    Es wurden nun Lewins Noten einer wiederholten Durchsuchung unterworfen, bis
endlich ein paar Opernarien gefunden waren, in denen der vielgerühmte Tenor des
Herrn Ziebold mitwirken konnte. Mamsell Laacke überreichte ihm ein himmelblau
brochiertes Heft, auf dessen Titelblatt zu lesen stand: »Fanchon, das
Leiermädchen, von Friedrich Heinrich Himmel, Klavierauszug, Akt II«; darunter
ein Bildnis Fanchons, kurzärmlig, mit Kopftuch und einer Art Mandoline in der
Hand.
    Nichts konnte, alles in allem erwogen, willkommener sein als das. Ein Duett
hat immer etwas von dem Reize einer dramatischen Szene. Die Laacke intonierte
und begann, während Herr Ziebold seine Linke auf die niedrige Stuhllehne legte:
»In heitrer Abendsonne Strahlen,
Dort, wo die Alpenrose keimt,
Lass ich die liebe Hütte malen,
Wo meine Kindheit ich verträumt.
Dass eine Grille nie dich lenke,
Die nur gemeine Seelen kränkt;
Entehren jemals die Geschenke
Von dem, der uns sein Herz geschenkt?«
Nachdem diese letzte Zeile nicht nur dreimal wiederholt, sondern seitens der
gefühlvollen Laacke auch mit besonderem Nachdruck vorgetragen worden war, fiel
der Tenor Ziebolds ein, und beide sangen nun die Schlussstrophe:
»Die Liebe teilt unbefangen,
Was einem nur das Glück beschied,
Und zwischen Geben und Empfangen
Macht Liebe keinen Unterschied.«
Ziebold hatte von alter Zeit her eine Force im Tremulando und erzielte damit
auch heute eine solche Wirkung, dass die bis dahin kühle Stimmung umschlug und
die Gefühle allgemeiner Menschenliebe wenigstens momentan zum Durchbruch kamen.
Der Abend war jetzt entschieden auf seiner Höhe. Frau Hulen empfand dies und
schlug deshalb unverzüglich eine Wanderpolonaise vor, die denn auch, durch alle
Zimmer hin, unter geschickter Umkreisung des stehengebliebenen Esstisches
ausgeführt wurde. Zum Schluss aber spielte die Laacke zu hastig und liess
absichtlich einige Takte aus. »Bin ich eingeladen, um auf diesem Klimperkasten
dieser froschäugigen Mamsell Ulrike zum Tanze aufzuspielen?« So drängten sich
die Fragen, und der letzte Moment des Festes war wieder ein Missakkord.
Eine Viertelstunde später gingen die Paare nach verschiedenen Seiten hin die
Klosterstrasse hinunter, die Ziebolds links, auf den Hohen Steinweg zu.
    »Das ist nun das letzte Mal gewesen«, sagte Frau Ziebold, »du bringst mich
nicht mehr hin. Ich habe nicht Lust, mit Mamsell Laacke auf demselben Sofa zu
sitzen. Und dies alberne Ding, die Ulrike! Sah mich an, als hätte sie mich noch
nie gesehen; ich glaube gar, sie dachte, dass ich sie zuerst grüssen sollte. Und
wie steht es denn? Sie hilft uns nicht, aber wir helfen ihr. Das gelbe Mohrkleid
und die Zuckerzange lagern nun schon in die zehnte Woche.« Hier hielt die
Sprecherin, denn die Luft ging scharf, einen Augenblick inne, um Atem zu
schöpfen. Dann aber fuhr sie fort: »Und nun gar diese Mannsbilder! Ich weiss
wirklich nicht, wer unausstehlicher ist, dieser Klemm, der nur drei Stücke auf
seiner Leier hat, oder dieser Schimmelpenning, der aussieht, als habe er die
Gerechtigkeit erfunden.«
    Ziebold lachte und sagte: »Du vergisst Grünebergen; war er nicht dein
Tischnachbar?«
    »Freilich war er das; aber glaubst du, dass er ein Wort mit mir gesprochen
hätte? Und warum nicht! Weil er ein alter Narr ist und immer das liebe
Töchterchen angafft und auf den Prinzen wartet, der sie mit einer goldenen
Kutsche abholen soll. Und dann nimm es mir nicht übel, Ziebold, die Hulen ist
eine gute Frau, aber was waren das für Pielen? Semmelstücke, und das bisschen
Mohn kratzig und multrig.«
Die Grünebergs hielten sich derweilen rechts. Als sie um die Ecke der Stralauer
Strasse bogen, sagte Ulrike: »Ich weiss eigentlich nicht recht, was der Hulen
beikommt? Immer so, als ob sie keine arme Frau wäre; drei Gerichte und
Krausgebackenes und Punsch. Mir gefällt es nicht, und ich finde es unrecht. Und
dann immer in zwei Stuben, als ob ihr alle beide gehörten! Wenn ich eine Stube
vermiete, so habe ich sie vermietet; der junge Herr von Vitzewitz, der mir das
letzte Mal aufmachte, als ich klingelte, weil die Hulen nicht zu Hause war,
würde sich doch sehr wundern, wenn er diese Mamsell Laacke mit ihren langen
knöchernen Fingern auf seinem Klavier hätte herumhantieren sehen. Und diese
Singerei! Da hör ich doch lieber die Kurrende. Aber es soll immer so was sein.
Ein bisschen Blindekuh oder ein paar Kartenkunststücke, das ist ihr nicht
genug... Und was für Menschen! Er, Ziebold, das muss wahr sein, ist ein kulanter
Mann, und man merkt es ihm an, dass es ihm nicht an der Wiege gesungen worden
ist. Aber diese Person, seine Frau! Immer in Seide und mit Korallenohrbommeln;
ich mag nicht wissen, wem sie gehören. Sie muss doch Mitte Vierzig sein, und
dabei ausgeschnitten wie die jüngste. Aber das weiss ich, ich gehe nicht wieder
hin. Ich will mir nicht meinen Ruf verderben.«
So dachten auch die andern. Befriedigt war nur Frau Hulen selbst.
 
                                Fünftes Kapitel
                                Soiree und Ball
Um die vierte Stunde des andern Tages, die Sonne war eben unter, hielten die
seit einer Woche kaum noch aus dem Geschirr gekommenen Hohen-Vietzer Ponies vor
dem uns aus dem Beginn unserer Erzählung bekannten Hause in der Klosterstrasse.
Lewin hatte die Leinen genommen und wartete geduldig auf die Rückkehr des
Kutschers, der abgestiegen war, um den altmodischen, mit vielen Riemen
zugeschnallten Mantelsack in die Frau Hulensche Wohnung hinaufzutragen. Das
Gefährt war nicht mehr der nur für eine Nachtfahrt geeignete Sack- und
Planschlitten, sondern der leichte zweisitzige Kaleschwagen, mit dem Berndt
seine hier- und dortin gehenden Ausflüge zu machen pflegte. Es wurd unserm
Freunde nicht schwer zu warten, denn der ganze nordwestliche Himmel glühte noch,
und die kleine, fast unmittelbar zu seiner Linken gelegene, ringsumher von Efeu
umwachsene Klosterkirche stand wie ein Schattenbild in dieser abendlichen Glut
und nahm seine Aufmerksamkeit gefangen. Von allen Seiten kamen Krähen heran,
setzten sich auf die Zacken des Giebelfeldes und berieten sich, wie sie zu tun
pflegen, für die Nacht. In der Strasse war nur wenig Leben; die Laternen wurden
an ihren langen Drahtketten herabgelassen, langsam angezündet und langsam und
knarrend wieder in die Höhe gezogen. Endlich kam Krist zurück, und während
dieser, ohne wieder aufzusteigen, das Fuhrwerk nach dem »Grünen Baum«
hinüberdirigierte, öffnete Lewin die schwere, mittelst eines innen angebrachten
Steingewichts sich von selbst schliessende Haustür und stieg die Treppen hinan.
    Auf der dritten und letzten schimmerte schon das Licht, mit dem Frau Hulen
auf den Flur getreten war, teils um ihrem jungen Herrn Lewin ihren Respekt zu
bezeigen, aber noch mehr, um die dicke Efeugirlande über der Tür sichtbar zu
machen, die sie zu seinem Empfange geflochten.
    »Guten Abend, Frau Hulen.« Damit trat er erst in den Alkoven und von diesem
aus in das grosse Vorderzimmer, das die Liebe und Sorgfalt der Alten in ähnlicher
Weise festlich hergerichtet hatte. Auf dem runden Sofatische standen zwei kleine
brennende Lichter, Kaffeegeschirr und ein Napfkuchen, während eine zweite
Girlande, auch von Efeu, aber schmal und zierlich und aus einzelnen Blättern
zusammengenäht, die damastne Kaffeeserviette einfasste.
    »Aber das ist ja, als ob ein Bräutigam einzöge, Frau Hulen; wo kommt nur all
der Efeu her?«
    »Kirchenefeu, junger Herr.«
    »Also von drüben?«
    »Ja, drüben von der Klosterkirche; ich hab ihn an dem linken Chorpfeiler
gepflückt, wo Küster Susemihls Johanna mit dem kleinen Würmchen begraben liegt.
All in eins, Mutter und Kind. Es sind nun drei Jahr. Können sich der junge Herr
nicht mehr entsinnen?«
    »Nein. Was war es denn damit?«
    »Es soll ein Marschall gewesen sein; aber Herr Kaufmann Ziebold hat mich
ausgelacht; es sei freilich ein Marschall gewesen, aber bloss ein französischer
Logiermarschall, was sie bei uns einen Wachtmeister nennen. Na, lieber Gott, ich
kann es nicht wissen, ich bin eine alte Frau, aber das weiss ich, Marschall oder
nicht, dass er einen schweren Stand haben wird, denn es war ein gutes Kind, die
Johanna, und sie hielt auf sich, und selbst die alte Zunzen, die von jedem was
weiss, wusste ihr nichts nachzusagen. Es war noch ein Glück, dass das Kind gleich
tot war. Einige sagen freilich, es wäre nicht tot gewesen, aber ich glaub es
nicht, und man soll nicht sagen, was man nicht beweisen kann. Und nun langen Sie
zu, junger Herr, und schenken sich ein, ehe der Kaffee kalt wird.«
    »Ja, Frau Hulen, das ist leichter gesagt als getan. Wo denken Sie hin? So
bei Gräberefeu...«
    »Ach, junger Herr, da kenn ich Sie besser. Wenn die Dienstagsherren hier
sind, der dicke Herr Hauptmann, der immer so spassig ist, und der Herr von Jürgass
und der Herr Himmerlich, der solche dünne Stimme hat, und ich höre dann von
nebenan zu, da weiss ich schon, je lauter sie lesen und je rührender es ist,
desto mehr Tassen und Gläser muss ich bringen. Und wer dann am meisten dabei ist,
das ist mein junger Herr.«
    »Nun, Frau Hulen, wenn die Sachen so liegen, da muss ich es schon versuchen«,
und dabei schenkte er sich ein und machte sich's bequem, während die Alte, um
ihn nicht länger zu stören, aus dem Zimmer ging.
    Auf dem Tische, zu einem kleinen Fächer geordnet, lagen auch die vier, fünf
Briefe, die während seiner Abwesenheit eingegangen waren. Einer von Jürgass
entielt eine kurze Anfrage, wann und wo die nächste Kastaliasitzung stattfinden
solle, ein anderer, erst vor wenig Stunden geschrieben, war von Tubal. Nur
wenige Zeilen. Lewin las:
                                                                      »4. Januar
Seit vorgestern abend sind wir wieder hier. Papa, der uns schon früher von Guse
zurückerwartet hatte, hat auf heute (Montag) eine Soiree angesetzt. So du
rechtzeitig eintriffst, lass uns nicht im Stich. Wir haben Überfluss an Herren,
aber nicht an Tänzern. Die Mazurka, die vor dem Feste bei Wylichs aufgeführt
wurde und in der Katinka, wie Du gehört haben wirst, einen ihrer Triumphe
feierte, soll wiederholt werden. Du fehltest damals; sei heute da.
                                                                        Dein T.«
Lewin legte das Blatt aus der Hand, das ihn verstimmt hatte. Während der Fahrt
war er geschäftig gewesen, sich diesen ersten Abend als ein häusliches Idyll
auszumalen, alles hell und licht, in dem Frau Hulens weisse Haube, die weisse
Teekanne und viele quadratisch gefaltete weisse Blätter (von denen er jedes zu
beschreiben hoffte) die seinem Auge sich einschmeichelndsten Punkte waren, und
nun zerrann dieser Traum in demselben Augenblicke, in dem er ihn zu
verwirklichen dachte. Er hatte weder Lust zu tanzen noch tanzen zu sehen, am
wenigsten Katinka, deren Mazurkapartner, wie er sich aus begeisterten
Schilderungen der Freunde sehr wohl entsann, Graf Bninski gewesen war. Und doch
war die Einladung nicht zu umgehen. Er hatte noch zwei Stunden, und müde von der
Fahrt, überwand er mit Hilfe seiner Ermattung seine Missstimmung, drückte sich in
das seegrasharte Sofakissen und schlief ein.
    Als er erwachte, war alles dunkel im Zimmer, die kurzen Lichter
niedergebrannt. Er wickelte sich aus einer Decke heraus, mit der ihn Frau Hulen,
während er schlief, zugedeckt hatte; aber es kostete ihn Mühe, sich
zurechtzufinden. Wo war er? Er tappte sich auf das Fenster zu und sah auf die
Strasse hinunter. Da waren die Laternen, die in trübem Lichte brannten; drüben
der Schatten mit den zwei kleinen Türmen, das war die Klosterkirche. Was war es
doch damit? Wer hatte doch davon erzählt? Richtig, die Hulen. Da war ja die
Girlande; und Johanna Susemihl und das Würmchen; und er fühlte nun, dass eine
stickige Luft in dem Zimmer war und dass der betäubende Geruch des Efeus und der
Lichterblak ihm einen dumpfen Kopfschmerz zugezogen hatten. Was tun? Er öffnete
den Fensterflügel, an dessen einem Riegel er sich mechanisch gehalten hatte, und
atmete erst wieder freier, als die kalte Nachtluft in sein Zimmer zog. Dann
klopfte er, und Frau Hulen kam.
    »Wie spät ist es?«
    »Acht Uhr.«
    »Ei, da hab ich mich verschlafen. Und dies Kopfweh. Ein Glas Wasser, Frau
Hulen, und Licht. Ich muss mich eilen.«
    Die Alte lief hin und her; die Kommodenkästen flogen auf und zu, und eine
Stunde später stieg Lewin die breite Steintreppe hinauf, die an Nischen mit
drei, vier Perücken-Kurfürsten vorüber in das erste Stock des Ladalinskischen
Hauses führte. Er warf den Mantel ab, hörte, während er in dem Garderobezimmer
seine Toilette ordnete, den gedämpften Strich der Geigen und schritt dann über
den mit Orangerie besetzten Vorflur in das offenstehende Entree, das, zwischen
den beiden grossen Gesellschaftssälen gelegen, gerade die Mitte der ganzen
Zimmerflucht bildete. Es war im übrigen ein Entree wie andere mehr, schmucklos,
mit einem einzigen hohen, zugleich als Balkontür dienenden Fenster, und
zeichnete sich durch nichts aus als durch sein Deckenbild: Venus bei dem
Untergange Trojas ohnmächtig in die Arme des Zeus sinkend. Es war das beste der
alten Plafondgemälde und zugleich das wohlerhaltenste.
    Unser Freund, wenig heimisch in der Welt der bildenden Künste, würde zu
keiner Zeit ein begeistertes Auge für die Linien dieser Komposition gehabt
haben, am wenigsten hatte er es heute, wo Kopfweh, Missstimmung und ein gerade an
dieser Stelle stattfindendes Gedränge ohnehin an einer eingehenden Beobachtung
hinderten. Nach links hin lag der Tanzsaal. Lewin sah hinein und bemerkte, dass
zwölf oder vierzehn Paare zu einer Anglaise angetreten waren; aber Katinka
fehlte. Wo war sie? Und bei dieser Frage stürmten Bilder und Gedanken auf ihn
ein, die dem Versuche, sie als töricht zu verbannen, nur zögernd und
widerstrebend nachgaben. Er liess nun sein Auge die Sitzreihen niedergleiten, auf
der an der Längswand des Saales hin die älteren Damen Platz genommen hatten;
aber auch hier vergebens.
    In der Mitte dieser Reihe sass die alte Gräfin Reale, Oberhofmeisterin der
Prinzessin Ferdinand, eine Dame von Siebzig oder darüber, mit einer gebogenen
und doch spitz auslaufenden Nase. Alles an ihr war grau: die Robe, der Shawl,
das hochaufgetürmte Haar, und sie glich einem bösen Kakadu, besonders als sie
jetzt ein schwarzes Lorgnon mit zwei grossen Kristallgläsern aufsetzte und Lewin,
dessen hastiges Suchen ihr aufgefallen sein mochte, verwundert und beinahe
strafend ansah. Dieser schlug die Augen nieder und richtete sie ziemlich
verwirrt auf die Nachbarin der alten Gräfin. Dies war ein Fräulein von
Bischofswerder, Tochter des ehemaligen Ministers und Dame d'atour der
Königinwitwe. Sie trug das wenige blonde Haar, das sie hatte, in zwei Locken
gelegt, die jetzt aber von der Hitze des Saales ihre ohnehin spärliche
Federkraft verloren hatten und in dünner, ungebührlicher Länge bis an den Gürtel
hinunterhingen. Überhaupt war alles lang an ihr, der Hals und die dänischen
Handschuhe, die bis zum Ellbogen hinaufreichten, und inmitten all seiner
Missstimmung überkam ihn ein Lächeln. »Mamsell Laacke !« sagte er vor sich hin.
    Er gab endlich alles weitere Suchen und Forschen auf und schritt in den nach
rechts hin gelegenen Saal hinüber, in dem Erfrischungen gereicht und in dicht
umherstehenden Gruppen die Neuigkeiten des Tages ausgetauscht wurden. Es waren
meist ältere Herren: Adjutanten und Kammerherren der verschiedenen prinzlichen,
damals sehr zahlreichen Hofstaaten, Gesandte kleinerer Höfe, Exzellenzen aus dem
Auswärtigen Departement und Abteilungschefs des Oberfinanzdirektoriums wie der
Kriegs- und Domänenkammer. Einige davon spezielle Freunde des Hauses, so der
Intendant der königlichen Schlösser und Gärten, Herr Valentin von Massow,
Schlosshauptmann von Wartensleben, Generaldirektor der königlichen Schauspiele,
Freiherr von der Reck, und Staatsrat und Polizeipräsident Le Coq. Auch
Universitätsprofessoren, Ärzte, Geistliche und Berliner Stadtzelebritäten waren
erschienen; in der ersten Fensternische standen Hofprediger Eylert und der
Oberkonsistorialrat Sack in eifrigem Gespräch, während in unmittelbarer Nähe von
Lewin Professor Doktor Mursinna, der damalige berühmteste Chirurg der Stadt, und
der Schauspieler Fleck ein lebhaftes Gespräch führten. Lewin verstand jedes Wort
und hörte deutlich, dass Mursinna das Hinken Richards III. nicht korrekt finden
wollte. Es hätte ihn unter andern Umständen auf das lebhafteste interessiert,
dem Gange dieser Unterhaltung folgen zu können, aber in der Unruhe seines Gemüts
fühlte er sich nur bedrückt, auch in diesem Saale keinem näher befreundeten
Gesicht zu begegnen. Von jüngeren Männern war niemand da, den er kannte. Auch
Bninski nicht, und bei dieser Wahrnehmung stieg ihm plötzlich wieder das Blut in
die Stirn, und er wechselte die Farbe, freilich nur, um sich schon im nächsten
Augenblicke wieder der Vorstellungen zu schämen, womit ihn seine Eifersucht in
immer neuen Anfällen verfolgte.
    Endlich wurd er eines holsteinischen Baron Geertz, Hofkavaliers bei der
Königinwitwe, ansichtig, der, mit Jürgass intim und im Ladalinskischen Hause aus
und ein gehend, im Laufe des Winters einigen Kastaliasitzungen beigewohnt hatte.
Unser Freund näherte sich ihm und fragte nach Jürgass und Tubal. »Ich bin eben
auf dem Wege zu ihnen«, damit schritt der Baron auf eine an der
entgegengesetzten Schmalseite des Saales befindliche Tür zu, schlug die Portiere
zurück und liess Lewin eintreten, während er selber folgte.
    Es war das uns wohlbekannte Arbeitszimmer des Geheimrats, das aber heute, um
es als Gesellschaftsraum mitverwenden zu können, eine vollständige Umgestaltung
erfahren hatte. Wo sonst das Windspiel und die Goldfischchen ihre bevorzugten
Plätze hatten, standen Blumenkübel mit eben damals in die Mode gekommenen
Hortensien, während vor den hohen, jeder Wegschaffung spottenden Aktenrealen
dunkelrote, mit einer schwarzen griechischen Borte besetzte Gardinen ausgespannt
worden waren. Nur das Bild der Frau von Ladalinski war geblieben. Der grosse
Schreibtisch hatte einem vielfarbigen Diwan und einer Anzahl zierlich
vergoldeter Ebenholzstühle Platz gemacht, die sich um einen chinesisch
übermalten Tisch gruppierten. Hier sassen die Freunde vor einer unverhältnismässig
grossen Zahl leerer Gläser der verschiedensten Form und Farbe und empfingen Lewin
mit einem so freudelauten Zuruf, wie die gesellschaftliche gute Sitte nur
irgendwie gestattete. Hauptmann Bummcke und Rittmeister von Jürgass, die sich's
auf dem Diwan selbst bequem gemacht hatten, nahmen ihn in die Mitte; Tubal, auf
einem der Ebenholzstühle, sass gegenüber; Baron Geertz und ein Kammerherr Graf
Brühl rückten ein und schlossen den Kreis. Bummcke, der vor einer Viertelstunde
schon, ehe die Anglaise begann, mit Katinka gewalzt und, dem beständigen
Fächeln mit seinem Batisttuch nach zu schliessen, die gehabten Anstrengungen noch
immer nicht überwunden hatte, hatte das Wort.
    »Es will nicht mehr gehen, Tubal, und doch tanzt es sich mit Ihrer Schwester
wie mit einer Fee.«
    »Wo sie nur sein mag«, warf Graf Brühl ein, »ich suche sie seit zehn
Minuten. Aber umsonst.«
    »Sie kleidet sich um für die Mazurka«, erwiderte Tubal.
    »Und wie sie mich abgeführt hat«, fuhr Bummcke fort, einen Diener
heranwinkend, der mit einem Sherrytablett eben in der Türe erschien. »Ich wollte
ihr etwas Verbindliches sagen - deliziöser Sherry, Baron Geertz, lassen Sie die
Gelegenheit nicht vorübergehen -, und so sagt ich ihr, mein gnädigstes Fräulein,
sagt ich, wenn ich so Ihren vollen Namen höre: Katinka von Ladalinska, da ist
es mir immer wie Janitscharenmusik, ja auf Ehre, es tingelt und klingelt wie das
Glockenspiel vom Regiment Alt-Larisch.«
    »Und was antwortete sie?« fragte Jürgass, während Lewin und Tubal Blicke
wechselten.
    »Nun, sie antwortete kurz: Da passen wir ja zusammen, und als ich, nichts
Gutes ahnend, etwas verlegen anklopfte: Darf ich fragen: wie, mein gnädigstes
Fräulein?, da sagte sie: Aber, Hauptmann Bummcke, es überrascht mich
einigermassen, Ihr feines Ohr auf die musikalische Bedeutung von anderer Leute
Namen beschränkt zu sehen. Muss ich Ihnen wirklich das Instrument erst nennen,
das sozusagen von Ihrer ersten Namenssilbe lebt? Und dabei nahm sie meinen Arm,
und ich musste ihr schliesslich noch dankbar sein, in dem eben wieder beginnenden
Tanze meine Verlegenheit verbergen zu können.«
    Die ganze Tafelrunde stimmte lachend in die Heiterkeit des sich selbst
persiflierenden Erzählers ein, und nur Jürgass, während er sorgfältig ein
Korkbröckelchen aus seinem Sherryglase herausfischte, gefiel sich in einer
Haltung erkünstelten Ernstes.
    »Ihnen ist nicht zu helfen, Bummcke. Warum tanzen Sie noch? Wer sich in
Gefahr begibt, kommt drin um. Aber ich kenne euch, ihr Herren von der
Infanterie! Das ist die Eitelkeit aller dicken Kapitäns, durch einen raschen
Walzer ihre Schlankheit beweisen oder gar wiederherstellen zu wollen. Nein,
Bummcke, Sie tanzen entweder zuviel oder zuwenig. Zuviel für das Vergnügen,
zuwenig für die Kur. Tanzen ist Lieutenantssache. Mit neununddreissig ist man ein
Mann der Dejeuners, der kurzen und der langen Sitzungen, und wenn es eine
Kastaliasitzung wäre. Apropos, Lewin, wann haben wir die nächste?«
    »Wenn wir den Dienstag festalten, morgen.«
    »Mir recht, und ich werd es Hansen-Grell und die andern wissen lassen.
Himmerlichs und Rabatzkis sind wir sicher. Aber wie steht es mit Ihnen, Tubal?
Unseres Freundes Bummcke, der, wie ich wahrzunehmen glaube, wegen indiskreter
Entüllung seines Lebensalters mit mir zürnt, werd ich mich persönlich zu
bemächtigen wissen. Es darf niemand fehlen, denn nach wie vor beflissen, dem
ermattenden Springquell der Kastalia einen neuen Sprudel zu geben, hab ich
abermals für frische Kräfte Sorge getragen. Ich sage Kräfte; beachten Sie den
Plural. Es sind eben ihrer zwei, mit denen ich komme, zwei verwundete Kameraden.
Weiteres morgen, wenn ich die Ehre haben werde, Ihnen die beiden Herren
vorzustellen. Heute nur noch das. Es waren ihrerzeit Poeten, wie wir deren wohl
oder übel jetzt so viele unter unseren jungen Lieutenants haben; aber die
Kampagnen, die spanische und die russische - denn in der Tat, beide Herren
treffen hier von Nord und Süd her in unserer guten Stadt Berlin zusammen -,
haben ihnen nach der Seite der Dichtung hin nichts abgeworfen. Smolensk und
Borodino lagen nicht günstig für die Lyrik. Was sie mitgebracht haben, sind
Wunden und Tagebuchblätter. Aber auch das muss willkommen sein.«
    »Und ist es«, bestätigte Lewin, der sich jetzt erhob, um in den Tanzsaal
zurückzukehren. Dies gab das Zeichen für alle; selbst Bummcke, der eben gehörten
Ermahnungen uneingedenk, schob das erst halb geleerte Glas beiseite und folgte.
    Sie hätten den Moment nicht glücklicher wählen können; die vier
Mazurkapaare, Bninski und Katinka, dazu die schlesischen Grafen Matuschka,
Seherr-Toss und Zierotin mit ihren jungen und schönen Frauen waren eben zum
Tanze angetreten, Herren und Damen in einem Kostüm, das, ohne streng national zu
sein, das polnische Element wenigstens in quadratischen Mützen und kurzen
Pelzröcken andeutete. Es waren jene vier Paare, deren Tubal in seinem Billet
erwähnt und die schon auf der Wylichschen Soiree geglänzt hatten. Und nun begann
der Tanz, der, damals in den Gesellschaften unserer Hauptstadt Mode werdend,
dennoch, wenn Polen oder Schlesier von jenseit der Oder zugegen waren, in
begründeter Furcht vor ihrer Überlegenheit immer nur von diesen getanzt zu
werden pflegte.
    Alles hatte sich des graziösen Schauspiels halber herzugedrängt, so dass es
schwerhielt, in Nähe der Tür noch einen Platz zu gewinnen. Bummcke, dessen
Embonpoint die Schwierigkeiten verdoppelte, gab es auf, sich neben dem
riesengrossen Major von Haacke und der Doppel-Konsistorialratsfigur des
Oberhofpredigers Sack siegreich zu behaupten, und kehrte in das Sanktuarium
zurück, wo er zu seiner nicht geringen Überraschung Jürgass und Baron Geertz in
den zwei Diwanecken bereits wieder vorfand.
    »Tres faciunt collegium. Ich verzeichne diesen Tag als den Tag Ihrer
Bekehrung«, empfing ihn Jürgass. »Besser spät als nie. Neben dem Tanzen ist das
Tanzensehen das Schlimmste, schon um der Verführung willen, die notorisch in
allem conspectus liegt.«
    Ein Livreediener, augenscheinlich für diesen Abend nur eingekleidet, ging
vorüber.
    »Alle Teufel, Grützmacher, wo kommen Sie hierher? Aber das trifft sich gut;
ein Cliquot, gute Seele.« Dann zu Baron Geertz sich wendend, den die
Vertraulichkeit überrascht haben mochte, sagte er: »Unser ehemaliger
Regimentsfriseur von Göckingk-Husaren.«
    Der Diener kam zurück und setzte zwinkernd eine Flasche mit blankem Kork auf
den Tisch.
    Lewin hatte sich mittlerweile bis in die vorderste Reihe der Zuschauer
geschoben und überblickte wieder den Saal wie eine halbe Stunde vorher. Von den
vier Paaren, die sich in zierlicher Bewegung drehten, sah er nur eins, und
während er hingerissen war von der Schönheit der Erscheinung, beschlich ihn doch
zugleich das schmerzlichste der Gefühle, das Gefühl des Zurückstehenmüssens und
des Besiegtseins, nicht durch Laune oder Zufall, sondern durch die wirkliche
Überlegenheit seines Nebenbuhlers. Er empfand es selbst. Alles, was er sah, war
Kraft, Grazie, Leidenschaft; was bedeutete daneben sein gutes Herz? Ein Lächeln
zuckte um seine Lippen; er kam sich matt, nüchtern, langweilig vor. Die alte
Gräfin Reale, seiner ansichtig werdend, setzte wieder die grossen Kristallgläser
auf und liess nach kurzer Musterung das Lorgnon fallen mit einer Miene, die das
Urteil, das er sich selber eben ausgestellt hatte, untersiegeln zu wollen
schien. Die beiden Locken des Fräuleins von Bischofswerder hingen noch länger
und trübseliger herab. Es schien ihm alles ein Zeichen.
    Der Tanz war vorüber; alles drängte in den Saal, um den vier reizenden Damen
Dank und Bewunderung auszusprechen; auch Bummcke und Jürgass zeigten sich und
schienen durch ihr plötzliches Wiedererscheinen ihre halbstündige Abwesenheit
verleugnen zu wollen.
    Unter den Beglückwünschenden war auch der alte Ladalinski selbst; er
plauderte eben mit der schönen Gräfin Matuschka, die, soweit Teint und Taille
mitsprachen, sich siegreich selbst neben Katinka behauptet hatte, als einer der
Lakaien an ihn herantrat und ihm etwas ins Ohr flüsterte.
    Der Geheimrat setzte noch einen Augenblick die Unterhaltung fort, verbeugte
sich dann gegen die junge Gräfin und folgte dem Diener. Auf dem Vorflur fand er
einen Boten aus dem Auswärtigen Departement, der ihm ein couvertiertes Schreiben
überreichte. Der Geheimrat, in Verlegenheit, wo er von dem Inhalt desselben
Kenntnis nehmen sollte, trat in das Garderobezimmer und erbrach das Schreiben.
Es waren nur wenige Worte.
    »Yorck hat kapituliert. Ein Adjutant Macdonalds brachte dem französischen
Gesandten die Nachricht. Der Staatskanzler fährt eben zum König.«
    »Wer gab Ihnen den Brief?« fragte Ladalinski.
    Der Bote nannte den Namen einer dem Ladalinskischen Hause befreundeten
Exzellenz, die zugleich die rechte Hand Hardenbergs war.
    »Ich lasse Seiner Exzellenz meinen Dank und meinen Respekt vermelden.« Damit
steckte der Geheimrat das Schreiben zu sich und kehrte in die Gesellschaft
zurück.
    Er war entschlossen zu schweigen; als er aber an dem Mittelfenster des Saals
Katinka und Bninski und gleich darauf auch Tubal in eifrigem Gespräche sah,
liess es ihm keine Ruhe, und er schritt auf die Plaudernden zu.
    »Ich hab euch eine Mitteilung zu machen, auch Ihnen, Graf; aber nicht hier.«
    Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich nach dem zunächstgelegenen
Seitenzimmer, das, für gewöhnlich von Katinka bewohnt, heute, wie sein eigenes
Arbeitscabinet, mit in die Reihe der Empfangsräume hineingezogen worden war.
Einige Paare, deren Herzensbeziehungen vielleicht nicht älter waren als dieser
Abend, hatten in der Stille dieses ohnehin nur durch wenige Lichter und eine
rubinrote Ampel erleuchteten Boudoirs eine Zuflucht gesucht; jetzt
aufgescheucht, verliessen sie, je nach ihrem Temperamente, heiter oder mit einem
Anfluge von Verstimmung ihre Plätze.
    Katinka wies auf die Stühle, die frei geworden waren; aber Ladalinski
sagte: »Nehmen wir nicht Platz, wir können uns ohnehin der Gesellschaft nicht
entziehen. Was ich zu sagen habe, ist kurz: Yorck hat kapituliert.«
    »Eh bien!« bemerkte Katinka, offenbar enttäuscht, nach all dem Ernst, den
ihr Vater zur Schau getragen hatte, nichts weiter zu hören als das. Sie war
durchaus unpolitisch und kannte nur Persönliches und Persönlichkeiten.
    »Katinka!« rief der Graf, in der Erregung des Moments sich einen Augenblick
vergessend, verbesserte sich aber schnell und setzte mit Förmlichkeit hinzu:
»Mein gnädigstes Fräulein!« In seiner Stimme klang ein leiser Vorwurf. Dann, zu
dem Geheimrat sich wendend, dem der Wechsel in der Anrede, erst vertraulich,
dann förmlich, nicht entgangen war, sagte er: »Kapitulation! Das heisst, er ist
zu den Russen übergegangen.«
    »Ich vermute es.«
    Bninski stampfte mit dem Fusse: »Und das nennen sie Treue hierlandes!«
    Dann und wann erschien ein Kopf an der Portiere, um ebenso schnell wieder zu
verschwinden; der Graf aber, in seiner Erregung weder das eine noch das andere
wahrnehmend, fuhr mit Bitterkeit fort:
    »O dies ewige Lied von der deutschen Treue! Jeder lernt es, jeder singt es,
und sie singen es so lange, bis sie es selber glauben. Die Stare müssen es
hierzulande pfeifen. Ich bin ganz sicher, dass dieser General Yorck alles
verachtet, was nicht einen preussischen Rock trägt, und das Ende davon heisst
Kapitulation!«
    Eine peinliche Pause folgte; keiner vermochte das rechte Wort zu finden, und
während in dem alten Ladalinski sich polnisches Blut und preussische Doktrin wie
Feuer und Wasser befehdeten, fühlte Katinka, dass sie durch ihr unbedachtes »Eh
bien« diesen Sturm zur Hälfte heraufbeschworen hatte.
    Tubal fasste sich zuerst. »Ich glaube, Graf, Ihr Eifer verwirrt Ihr Urteil.
Sie wissen, wie ich stehe; überdies sichert mich meine Geburt gegen den Verdacht
eines engherzigen Preussentums.«
    Der Geheimrat wurde befangen; Tubal aber, der es nicht sah oder nicht sehen
wollte, sprach in ruhigem Tone weiter:
    »Nehmen wir den Fall, wie er liegt. Was geschehen ist, ist ein politischer
Akt. Solang es eine Geschichte gibt, haben sich Umwälzungen, auch die
segensreichsten, durch einen Wort- oder Treubruch eingeleitet. Ich erspare Ihnen
und mir die Aufzählung. Wenn es Ausnahmen gibt, so sind es ihrer nicht viele,
oder kluge Vorsorglichkeiten haben das Odium zu eskamotieren gewusst.«
    Der alte Ladalinski atmete auf, während Tubal fortfuhr: »Wer vor grosse,
jenseits des Alltäglichen liegende Aufgaben gestellt wird, der soll sich ihnen
nicht entziehen, am wenigsten sich zum Knecht landläufiger Begriffe von Ruf und
gutem Namen machen. Er soll nicht kleinmütig vor Verantwortung zurückschrecken,
denn darauf läuft diese ganze Ehrensorge hinaus. Mit Gott und sich selber hat er
sich zu vernehmen. Er soll sich zum Opfer bringen können, sich, Leben, Ehre.
Geschieht es in rechtem Geiste, so wird er die Ehre, die er einsetzt, doppelt
wiedergewinnen. Das ist der ewige Widerstreit der Pflichten, zwischen deren Wert
es abzuwägen gilt. Eine Treue kann die andere ausschliessen. Wo die Bewährung der
einen durch die Verletzung der anderen erkauft werden muss, da wird freilich
immer ein bitterer Beigeschmack bleiben; aber gerade der, der diesen
Beigeschmack am bittersten empfindet, wird aus den reinsten Beweggründen heraus
gehandelt haben.«
    »Und es ist General Yorck, an den Sie dabei denken?« fragte Bninski mit
einem Anfluge von Spott.
    »Gerade an ihn dacht ich. Kurz, Graf, Sie dürfen ihn verurteilen, nicht
verdächtigen. Was seine Tat gilt, wird sich zeigen; seine Ehre aber, wie sie
meines Schutzes nicht bedarf, sollte gegen jeden Zweifel oder Angriff gesichert
sein.«
    Es schien, dass Bninski antworten wollte, aber die Musik begann wieder, und
die jetzt halb zurückgeschlagene Portiere liess erkennen, dass die Paare zu einem
Contre zusammentraten. Katinka, mit dem jungen Grafen Brühl engagiert, mahnte
zum Abbruch des Gesprächs, das ohnehin andere Wege gegangen und von längerer
Dauer gewesen war, als der Geheimrat bei Beginn desselben vorausgesehen hatte.
Manches war ihm peinlich gewesen; nur Tubals gute Haltung hatte ihn mit diesem
Peinlichen wieder versöhnt.
    Ehe der Contre zu Ende war, wusste die ganze Gesellschaft von dem grossen
Ereignis. Die Wirkung war um vieles geringer, als erwartet werden durfte. Die
Herren versicherten, »dass sie nicht überrascht seien, dass sich vielmehr nur ein
Unausbleibliches vollzogen habe«. Die Damen dachten der Mehrzahl nach wie
Katinka und waren nur klug genug, mit einem gleichmütigen »Eh bien«
zurückzuhalten. Aber wie gering die Wirkung sein mochte, sie war doch gross
genug, eine gewisse Zerstreuteit hervorzurufen und dadurch die Gesellschaft zu
stören. Schon um zwölf fuhren die ersten Wagen vor, und ehe eine halbe Stunde um
war, hatten sich die Säle geleert.
    Bummcke, Jürgass, Lewin, zu denen sich auch Baron Geertz und der alle andern
beinahe um Haupteslänge überragende Major von Haacke gesellt hatten, gingen
zusammen die Treppe hinunter. Unten trennte sich Lewin von ihnen; die vier
andern Herren aber hatten denselben Weg und schritten auf die Lange Brücke zu.
Als sie die Mitte derselben erreicht hatten, sahen sie zu dem Reiterstandbild
des Grossen Kurfürsten auf, das in seiner oberen Hälfte vom Marstall und alten
Postgebäude her, in deren Fenstern noch Licht war, beleuchtet wurde. Der
prächtige Kopf schien zu lächeln.
    »Seht«, sagte Jürgass, »er sieht nicht aus, als ob es mit uns zu Ende ginge.«
 
                                Sechstes Kapitel
                                   Im Kolleg
Lewin schritt die Königsstrasse nach links hinunter, um seine Wohnung auf
nächstem Wege zu erreichen. Ein leiser, aber eiskalter Wind wehte vom
Alexanderplatze her und schnitt ihm ins Gesicht; er zog den Mantelkragen in die
Höh und grüsste den Wächter, der sich Schutzes halber unter das Portal des
Ratauses gestellt hatte.
    »Scharfer Wind, Ehrecke.«
    »Ja, junger Herr; 's is Bernauscher, der geht immer bis auf die Knochen.«
    Damit wünschten sie sich eine gute Nacht, und Lewin hörte nur noch das
Knarren der Laternen, die sich in ihren über die Strasse gespannten Ketten
langsam im Winde hin und her bewegten. Er passierte den Hohen Steinweg, bog in
die Klosterstrasse ein und sah hier, immer sich rechts auf dem Bürgersteige
haltend, mit halbem Auge nach der andern Seite hinüber, wo er seit lange jedes
Haus kannte. Bei Bäcker Lehwess war Licht, und der Geruch von frischgebackenem
Brot zog aus dem offenstehenden Fenster der im Souterrain befindlichen Backstube
quer über den Fahrdamm hin bis zu ihm herüber. Dicht daneben, vor dem als
Magazin dienenden alten »Lagerhause« (dem ehemaligen kurfürstlichen Schloss),
stampfte ein französischer Wachtposten, der sein Gewehr an das Schilderhaus
gelehnt hatte, mit beiden Füssen in den Schnee und schlug sich mit den Armen
überkreuz, wie die Matrosen tun, wenn sie die Finger wieder geschmeidig haben
wollen. Dann kam das »Graue Kloster« und dann die Klosterkirche, deren beide
Spjetztürme eine hohe Schneehaube trugen; sie sass um so fester, je zerbröckelter
die Steine waren.
    Lewin, als er der Kirche ansichtig wurde, fühlte plötzlich ein Verlangen,
dem Grabe Johanna Susemihls einen Besuch zu machen. Er ging von der rechten auf
die linke Seite der Strasse hinüber und trat durch einen zerfallenen Bogengang
auf den Kirchhof. Alles war dicht verschneit. Er sah aber bald, dass ein Pfad in
den Schnee getreten war, der an den Gräbern vorbei und, wo diese schon
eingesunken waren, auch über sie hinweg um die Kirche herumführte. Diesen Weg
schlug er ein, bis er an den linken Chorpfeiler kam. Da war es, das Grab. Von
dem Efeu, der es überwuchs, war unter der weissen Grabdecke nicht viel zu sehen,
aber an dem Pfeiler stieg er, von Schnee nur wenig überstreut, bis dicht unter
das Dach empor. An eben diesem Pfeiler lehnte auch das Holzkreuz, das, trotzdem
es kaum drei Jahre stand, schon wieder halb umgefallen war und mit seiner
Aufschrift - soviel sich erkennen liess, nur ein Name ohne Spruch und Datum -
klagend oder bittend gen Himmel sah. Lewin fühlte sich erschüttert von dem
Anblick und faltete unwillkürlich die Hände; dann verfolgte er im Schnee hin den
schmalen Weg weiter, bis er wieder an die Stelle kam, von der er ausgegangen
war, und schritt nun über den Damm hin auf seine Wohnung zu.
    Frau Hulen war noch auf; sie ging nicht gern eher zu Bett, als bis sie ihren
jungen Herrn unter Hut und Obdach wusste.
    »Raten Sie, Frau Hulen, wo ich herkomme?«
    »Von dem Geheimrat, wo das schöne Fräulein ist.«
    »Da war ich auch. Vorher. Aber jetzt.«
    »Ich kann es nicht raten.«
    »Von Johanna Susemihl.«
    »Und um Mitternacht!«
    »Das ist die beste Zeit. Wissen Sie, Frau Hulen, mir tut die Johanna leid.
Wer kann immer tugendhaft sein?«
    »Gott, Gott, junger Herr, was is das nur mit Ihnen!«
    Lewin antwortete nicht und pfiff leise vor sich hin. Er schien zerstreut und
die Gegenwart der Alten kaum zu bemerken. Endlich begann er wieder: »Ich bin
noch nicht müde, Frau Hulen; das macht, ich habe heute nachmittag meinen Schlaf
vorweggenommen. Bringen Sie mir noch die grüne Schirmlampe, die kleine mit dem
runden Fuss; ich will noch lesen.«
    Frau Hulen tat, wie ihr geheissen, empfahl ihm noch, seinen Mantel über das
Fussende zu legen und dreimal, ohne sich zu rühren, bis hundert zu zählen, und
liess ihn dann allein.
    Er war in der Tat in einer Aufregung, die die guten, ihm von der Alten
gegebenen Regeln nur allzusehr rechtfertigte. In fieberhafter Schnelle lösten
sich die auf ihn einstürmenden Bilder untereinander ab, und wechselnde Gestalten
umschwirrten und umdrängten ihn: Katinka trat zur Mazurka an, aber ihr Tänzer
war nicht Bninski, sondern Bummcke; dann sah er den Grafen mit Johanna Susemihl
neben dem Chorpfeiler stehn, und dann wieder kam General Yorck über ein weites
Schneefeld geritten, das immer enger wurde, bis es der Klosterhof war, und
drohte den beiden, die sich hinter dem Chorpfeiler zu verstecken suchten, mit
dem Finger. Endlich wichen die Gestalten; das Fieber fiel von ihm ab, und ein
Zustand süsser Mattigkeit überkam ihn, in dem dann und wann sogar ein
Hoffnungsflämmchen aufzuckte. Zugleich regte sich der Wunsch in ihm, dieser
Stimmung, in der sich Trauer und Hoffnung die Waage hielten, Ausdruck zu geben.
Er schritt auf seinen altmodischen Sekretär zu, stellte vom Tisch her die kleine
Schirmlampe auf die längst schräggedrückte, bei jeder Berührung knarrende
Platte, nahm aus einem der Fächer eine Anzahl immer bereitliegender weisser
Blätter und schrieb:
Tröste dich, die Stunden eilen,
Und was all' dich drücken mag,
Auch das Schlimmste kann nicht weilen,
Und es kommt ein andrer Tag.
In dem ew'gen Kommen, Schwinden,
Wie der Schmerz liegt auch das Glück,
Und auch heitre Bilder finden
Ihren Weg zu dir zurück.
Harre, hoffe, nicht vergebens
Zählest du der Stunden Schlag;
Wechsel ist das Los des Lebens,
Und - es kommt ein andrer Tag!
Es war ihm von Zeile zu Zeile freier ums Herz geworden. Er schob das Blatt unter
die anderen Blätter, legte sich nieder und schlief ein.
Es war schon acht Uhr vorüber, als Frau Hulen, die die ganze Wochen- und
Tageseinteilung genau kannte und wohl wusste, dass der Dienstag »Kollegientag«
war, nach mehreren gescheiterten Versuchen, ihren jungen Herrn durch
Tassenklappern und Öffnen der Alkoventür zu wecken, endlich eine Blechschippe
mit grossem Lärm, als würden zwei Becken zusammengeschlagen, umfallen liess. Das
half denn auch; Lewin fuhr auf, suchte noch halb schlaftrunken auf dem
Nachttisch umher und liess die Uhr repetieren. Acht und ein Viertel! Er erschrak
über die späte Stunde, liess es sich aber angelegen sein, durch Eile das
Versäumnis wieder einzubringen, und stand zwanzig Minuten später marschfertig in
seinen Stiefeln.
    Der feste Schlaf hatte ihm wohlgetan, alle trüben Gedanken waren wie
verflogen, und erst der Anblick seiner eignen Strophen, die nur halb versteckt
auf der Sekretärplatte lagen, rief ihm die Stimmung des vorigen Abends zurück.
Aber nur in seinem Gedächtnis, nicht in seinem Gemüt. Er überflog die Zeilen und
schloss mit halblauter Stimme: »Und es kommt ein andrer Tag« dabei war ihm so
frisch zu Sinn, als ob dieser »andere Tag« schon angebrochen sei. In gehobener
Stimmung nahm er seinen Weg erst über die Lange Brücke, dann an der Stechbahn
und Schlossfreiheit vorbei und schritt auf die Universität, das ehemalige Prinz
Heinrichsche Palais, zu.
    Er machte diesen Weg nur zweimal in der Woche. Bereits hoch in den
Semestern, ja seit dem Herbste mit seinem Triennium fertig, fand er es
ausreichend, nur noch das zu hören, was ihm besonders zusagte oder so glücklich
lag, dass es ihm die Tage, die er frei haben wollte, nicht unterbrach. So hörte
er bei Savigny, bei Taer und Fichte, die alle drei am Dienstag und Freitag, und
zwar in drei hintereinanderfolgenden Stunden lasen. An den übrigen Tagen hielt
er sich zu Haus, Studien hingegeben, die ganz und gar seiner Neigung
entsprachen. Er las viel, stand ganz in den Anschauungen der romantischen
Schule, verfolgte mit besonderem Eifer die Fehden, die dieselbe führte, und nahm
auch wohl gelegentlich selbst an diesen Fehden teil. Seine Lieblingsbücher, die
nicht von seinem Tisch kamen, waren Shakespeare und die Percysche
Balladensammlung; beiden zuliebe hatte er Englisch gelernt, das er nicht sprach,
aber gut verstand. Dann und wann versuchte er sich selbst in einigen Strophen,
nach Ansicht der Kastalia mit Erfolg, nach seiner eigenen Meinung aber ohne
wirklich dichterischen Beruf. Indessen muss gesagt werden, dass er hierin zu weit
ging und wenigstens in einem Punkte, vielleicht gerade in dem entscheidenden, in
einer irrtümlichen Strenge gegen sich selbst befangen war. Das nämlich, was er
sich als Schwäche auslegte, war in Wahrheit seine Stärke. Er machte keine
Gedichte, sie kamen ihm, und er genoss des Glückes und Lohnes (des einzigen,
dessen der Dichter sicher sein darf), sich alles, was ihn quälte, vom Herzen
heruntersingen zu können.
    Die erste Vorlesung war heute bei Savigny. Er sprach über »Römisches Recht
im Mittelalter« und schien, der völligen Ruhe nach zu schliessen, mit der er
begann und endigte, von dem grossen Tagesereignis, das in der Tat erst im Laufe
der Vormittagsstunden allgemeiner bekannt wurde, nichts gehört zu haben. Auch in
dem unmittelbar folgenden Taerschen Kolleg geschah der Kapitulation mit keiner
Silbe Erwähnung, entweder weil der Professor ebenfalls noch ohne Kenntnis war
oder voll feinen Taktes empfand, dass das Tema seiner Vorlesung: »Der
Fruchtwechsel und die landwirtschaftliche Bedeutung des Kartoffelbaues« keine
recht passende Anknüpfung gestattete.
    Von elf bis zwölf las Fichte über den »Begriff des wahrhaften Krieges«. Es
war ein Collegium publicum, für das, ebenso mit Rücksicht auf das Tema wie auf
die Popularität des Vortragenden, von Anfang an der grösste der Hörsäle gewählt
worden war; nichtsdestoweniger war alles längst besetzt, als Lewin eintrat, und
nur mit Mühe gelang es ihm, sich auf der letzten Bank einen halben Eckplatz zu
erobern. Aller Erwartungen waren gespannt, und diese sollten nicht getäuscht
werden. Das akademische Viertel war noch nicht um, als der kleine Mann mit dem
scharfgeschnittenen Profil und den blauen, aber scharf treffenden Augen auf dem
Kateder erschien. Er hatte sich mühevoll den Aufgang erkämpfen müssen. »Meine
Herren«, begann er, nachdem er nicht ohne ein Lächeln der Befriedigung seinen
Blick über das Auditorium hatte hingleiten lassen, »meine Herren, wir sind alle
unter dem Eindruck einer grossen Nachricht, die nicht kennen zu wollen mir in
diesem Augenblick als eine Affektation oder eine Feigheit, das eine so schlimm
wie das andere, erscheinen würde. Sie wissen, worauf ich hinziele: General Yorck
hat kapituliert. Das Wort hat sonst einen schlimmen Klang, aber da ist nichts,
das gut oder böse wäre an sich; wir kennen den General und wissen deshalb, in
welchem Geiste wir sein Tun zu deuten haben. Ich meinesteils bin sicher, dass
dies der erste Schritt ist, der, während er uns zu erniedrigen scheint, uns aus
der Erniedrigung in die Erhöhung führt. Es werden auch andere Worte und
Auslegungen an Ihr Ohr klingen. Die Feigheit, weil sie sich ihrer selber schämt,
sucht sich hinter Autoritätsaussprüchen oder einem Kodex falscher Ehre zu
decken; ja, sie flüchtet sich hinter den besten Wappenschild dieses Landes. Aber
das Nest des Aares ist kein Krähennest. Es kann nicht sein, dass die grosse Tat
kleinmütig gemissbilligt worden sei, und wär es doch, nun so kräftige sich in uns
der Glaube: es ist nicht, auch wenn es ist. Seien wir voll der Hoffnung, die
Mut, und voll des Mutes, der Hoffnung gibt. Vor allem tun wir, was der tapfere
General tat, das heisst, entscheiden wir uns.«
    Entusiastisch antwortete das Auditorium, dann schwieg alles, und keine
weiteren Demonstrationen wurden laut, auch nicht, als mit dem Glockenschlage
zwölf der Vortragende abbrach und rasch das Kateder verliess. Nur wie zum
Zeichen persönlicher Verehrung folgten ihm viele durch die langen Korridore hin,
bis er aus dem westlichen Flügel des Gebäudes ins Freie trat.
    Lewin war im Auditorium zurückgeblieben, um Jürgass zu begrüssen, den er
während der Vorlesung auf einer der vordersten Reihen bemerkt hatte. Er fand ihn
in eifrigem Gespräch mit einem jungen Manne, der nach der Beschreibung, die
Tubal in seinem Weihnachtsbriefe gemacht hatte, niemand anders sein konnte als
Hansen-Grell. Und in der Tat, er war es.
    Nach kurzer Vorstellung, in der Jürgass seiner Liebhaberei für kleine
Neckereien wie üblich die Zügel hatte schiessen lassen, schritten alle drei erst
auf das Portal, dann auf das zwischen den steinernen Schilderhäusern gelegene
Gittertor zu und bogen schliesslich, um einen gemeinschaftlichen Spaziergang zu
machen, nach rechts hin in die Linden ein.
    Diese waren, trotzdem es ein prächtiger, wenn auch kalter Tag war, wenig
besucht, und nur an dem Hin-und Herfahren vieler Equipagen liess sich erkennen,
dass in den diplomatischen Kreisen eine Aufregung herrschen müsse.
    An der Ecke des Redernschen Palais, das damals seine Schinkel- Renovierung
noch nicht erfahren hatte, begegneten unsere drei Freunde dem Major von Haacke,
der eben von seinem Prinzen kam.
    »Guten Tag, Haacke. Wie steht es?«
    »Nicht gut.«
    »Also doch.«
    »Der König ist indigniert; Natzmer mit Ordres, die an Schärfe nichts zu
wünschen übriglassen, geht noch heute ins Hauptquartier ab. Kleist übernimmt das
Kommando. Den Alten werden sie vor ein Kriegsgericht stellen; hat er Glück, so
kann es ihm den Kopf kosten.«
    »Alles Komödie! Es kann nicht sein. Ich kenne Yorck; so brav er ist, so
schlau ist er auch. Er hat Instruktionen gehabt.«
    »Ich glaub es nicht. Dies sind nicht Zeiten für Instruktionen; sie binden
nicht bloss den, der sie empfängt, sondern auch den, der sie gibt. Und das
Schlimmste ist, sie kompromittieren am dritten Ort. Es lebt sich jetzt am besten
von der Hand in den Mund, und die einzige Instruktion, die jeder stillschweigend
empfängt, heisst: Tue, was dir gut dünkt, und nimm die Folgen auf dich.«
    Damit trennte man sich wieder, und unsere Spaziergänger schritten am Rande
des Tiergartens hin, einem Lokale zu, das der Mewessche Blumengarten hiess. Sie
nahmen an einem kleinen Tische Platz, setzten die Bedienung durch mehrere
Forderungen, die sämtlich nicht ausgeführt werden konnten, in Verlegenheit und
begnügten sich endlich damit, einen Kaffee zu bestellen, von dem, in Erwägung,
dass es ein Uhr war, keiner recht wusste, ob er ihn sich als einen zweiten Morgen-
oder einen ersten Nachmittagskaffee anrechnen solle.
    Lewin war all die Zeit über weniger mit der Kapitulation als mit der
Kastaliasitzung beschäftigt gewesen. Diese reihum gehenden Reunions in ihrem
literarischen Gehalte jedesmal so glänzend wie möglich zu gestalten bildete den
Ehrgeiz jedes einzelnen; heute versammelte man sich bei ihm, und noch war
seinerseits nichts geschehen, um den Erfolg des Abends sicherzustellen.
    Er klagte darüber scherzhaft zu Jürgass, der ihn in gleichem Ton erst auf die
beiden angekündigten Gäste - wie sich bei dieser Gelegenheit ergab, die Herren
von Hirschfeldt und von Meerheimb - und, als auch das nicht völlig ausreichen
wollte, auf Hansen-Grell verwies, der, soweit seine Wissenschaft reiche, immer
etwas Frisches und leidlich Lesbares in der Tasche habe. »Sans doute,
aujourd'hui comme toujours.«
    Hansen-Grell behauptete das Gegenteil, aber doch mit einer Miene, die
gegründete Zweifel in seine Versicherung gestattete. Jürgass schüttelte den Kopf,
und selbst Lewin entschloss sich zu direkterem Vorgehen.
    »Haben Sie etwas?«
    »Nein.«
    »Ich kenne das«, warf Jürgass ein. »Suchet, so werdet ihr finden.«
    Es entstand eine kleine Pause; dann endlich sagte Hansen-Grell, indem er ein
dickes Notizbuch aus der Tasche zog: »Gut, ich habe etwas. Aber es ist nicht
eigentlich fertig und wird auch nie fertig werden.«
    »Nun«, erwiderte Lewin, »dann ist es so gut wie fertig oder besser als das.
Es gibt ohnehin eine Literatur von Bruchstücken. Fragmente sind das Beste, was
man bringen kann. Geben Sie her.«
    Grell riss das Blatt ohne weiteres aus dem Notizbuch heraus und gab es an
Lewin, der, während Jürgass herzlich lachte, »einen Dichter«, wie er sich
ausdrückte, »einmal wieder auf seinen Winkelzügen ertappt zu haben«, die
Strophen rasch überflog und durch mehrmaliges Nicken seine Freude und Zustimmung
zu erkennen gab.
    Der Kaffee war inzwischen gekommen; sie nippten nur, und da die etagenförmig
aufgestellten Rhododendron- und Magnolientöpfe, zu denen sich als äusserste
Seltenheit auch noch einige Kamelien gesellten, weder für Jürgass noch für seine
Begleiter ein besonderes Interesse boten, so brachen sie rasch wieder auf und
gingen auf die Stadt zu.
    An der Ecke der Leipziger und Friedrichsstrasse trennten sich ihre Wege.
 
                               Siebentes Kapitel
                                    Kastalia
Lewin ging zu Tisch. In dem sackgassenartig verbauten Teil der Taubenstrasse, von
dem aus damals, wie heute noch, ein schmaler Durchgang auf den Hausvogteiplatz
führte, war eine altmodische Weinhandlung, in deren hochpaneeliertem, an Wand
und Decke verräuchertem Gast- und Speisezimmer Lewin seine ziemlich einfache
Mittagsmahlzeit einzunehmen pflegte. Rascher als gewöhnlich hatte er sie heute
beendet, und vier Uhr war noch nicht heran, als er schon wieder in seiner
Wohnung eintraf. Zwei Briefe waren in seiner Abwesenheit abgegeben worden, einer
von Doktor Sassnitz, der sein lebhaftes Bedauern aussprach, am Erscheinen in der
Kastalia verhindert zu sein, der andere vom Kandidaten Himmerlich, zugleich
unter Beifügung eines lyrischen Beitrags. Es waren vier sehr lange Strophen
unter der gemeinschaftlichen Überschrift: »Sabbat«. Lewin lächelte und schob das
Blatt, nachdem er auf demselben mit Rotstift eine I vermerkt hatte, in einen
bereitliegenden, als Kastaliamappe dienenden Pappbogen, in den er gleich darauf
auch die von Hansen-Grell empfangenen Verse sowie seine eigenen Reime vom Abend
vorher hineinlegte. Auch diese beiden Beiträge hatten zuvor ihre Rotstiftnummer
erhalten.
    Hiermit waren die ersten Vorbereitungen getroffen, aber freilich nicht die
letzten. Noch sehr vieles blieb zu tun, trotzdem zugestanden werden muss, dass
einzelne Fragen durch eine weise Gesetzgebung aufs glücklichste geregelt und
dadurch wie vorweg gelöst waren. So beispielsweise die Bewirtungsfrage. Es hiess
in Paragraph sieben des von Jürgass entworfenen Statutes wörtlich wie folgt: »Die
Kastalia hat sich in Sachen der Bewirtung ihres Namens und Ursprungs würdig zu
zeigen. Den Grundpfeiler ihrer Gastlichkeit bildet unverrückbar das reine Wasser
und was diesem am nächsten kommt: der Tee. Nur exzeptionell darf ein Rhein- oder
Moselwein geboten werden. Der grosse Vereinsbecher bleibt den Priesterhänden
unseres Mitgliedes Lewin von Vitzewitz, als Gründer des Vereins, anvertraut.
Substantia, selbst in Ausnahmefällen, nicht zulässig.«
    Dies war Paragraph sieben. Aber seine Voraussicht hatte nicht jede
Schwierigkeit aus der Welt schaffen, am wenigsten die für Lewin immer brennender
werdende Platzfrage lösen können, die sich teils aus der vergleichsweisen Enge
seines Zimmers, teils aus den unausreichenden Möbelbeständen Frau Hulens ergab.
Ein zarter Punkt, den sich Lewin der alten Frau gegenüber nicht zu berühren
getraute. Und so mussten denn auch heute wieder, unter den Mühen immer erneuten
Ausprobierens, zwei runde Tische nicht bloss nebeneinandergerückt, sondern auch
in der Diagonale aufgestellt werden, da, bei Parallelstellung mit der Wand, die
Türe nicht auf- und zugegangen wäre und zu einer Störung dieser immerhin
wichtigen, weil einzigen Kommunikationslinie mit Frau Hulen geführt haben würde.
    Endlich war alles geschehen, und Lewin mochte sich seines Werkes freuen,
Lampe und Lichter brannten. Auf dem einen der beiden Tische präsentierte sich
das Symbol der Kastalia, die grosse Wasserkaraffe, während in der Mitte des
andern der mit Perlen gestickte Tabakskasten aufragte, dessen Haupt- und
Deckelbild den Tod der Königin Dido darstellte. Zwischen Sofa und Tür, an einer
Wandstelle, die wenigstens von den meisten Tischplätzen aus mit Leichtigkeit
abgereicht werden konnte, stand nach damaliger Sitte ein ständerartiger
Pfeifentisch, die Weichselholzrohre, oder woraus sonst sie bestehen mochten, mit
Puscheln und Quasten reich geschmückt, während einige Rheinweinflaschen und
neben ihnen der in dünnstem Silberblech getriebene Kastaliabecher in einer Ecke
des Fensterbrettes ihrer Zeit warteten.
    Frau Hulens Schwarzwälder Uhr, deren Ticktack man auch in Lewins Zimmer
hörte, hatte kaum sieben ausgeschlagen, als es klingelte. Es waren Rabatzki und
Himmerlich, die sich auf der dritten Treppe getroffen und trotz der herrschenden
Dunkelheit erkannt oder doch auf gut Glück hin begrüsst hatten.
    Waren sie doch, nach einer Art von stillschweigendem Übereinkommen, immer
die ersten und benutzten die Minuten, die ihnen bis zum Eintreffen der anderen
Mitglieder blieben, zur Erledigung von redaktionellen Fragen. Rabatzki gab
nämlich ein kleines Sonntagsblatt heraus, und ohne Übertreibung durfte gesagt
werden, dass der lyrisch-novellistische Teil desselben jedesmal vor Beginn der
letzten Kastaliasitzung endgültig festgestellt wurde.
    Nur heute nicht. Rabatzki hatte kaum Zeit gefunden, an »seine rechte Hand«,
wie er Himmerlich gerne nannte, eine erste Frage zu richten, als das Erscheinen
des Rittmeisters alle weiteren Unterhandlungen unmöglich machte. Mit Jürgass
waren die beiden angekündigten Gäste, von Hirschfeldt und von Meerheimb,
erschienen, von denen der letztere den linken Arm noch in der Binde trug. Lewin
sprach ihnen aus, wie sehr erfreut er sei, sie zu sehen, doppelt, wenn, wie Herr
von Jürgass in Aussicht gestellt habe, sie sich bereit zeigen sollten, durch
Mitteilungen aus ihren Tagebuch- und Erinnerungsblättern zu dem gelegentlich
etwas matt sprudelnden Quell der Kastalia beizusteuern. Beide Herren verneigten
sich, während Jürgass zwei Manuskripte, deren er sich schon vorher zu versichern
gewusst hatte, an Lewin überreichte.
    Dieser hoffte, noch vor Beginn der Sitzung zu einem einigermassen eingehenden
Gespräche mit den ihm bis dahin persönlich unbekannt gebliebenen Gästen
Gelegenheit zu finden; er war aber kaum über die erste Begrüssung hinaus, als ein
abermaliges Klingeln die eben begonnene Unterhaltung unterbrach. Es waren Tubal
und Bninski, die eintraten. Lewin erwartete, zwischen dem Grafen und
Hirschfeldt, die beide in Spanien, aber auf verschiedenen Seiten gefochten
hatten, von Anfang an ein gespanntes Verhältnis eintreten zu sehen; aber gerade
das Unerwartete geschah. Bninski, durch Tubal vorbereitet, wandte sich mit einer
Politesse, in der fast mehr noch ein Ton der Herzlichkeit als der blosser
Artigkeit klang, sofort an Hirschfeldt, und wenn auch allerhand Fragen und
Unterbrechungen, wie sie namentlich Jürgass liebte, ein andauerndes Gespräch
nicht aufkommen liessen, so verfehlte der Graf doch nicht, durch kleine
Aufmerksamkeiten die besonderen Sympatien auszudrücken, die er für seinen
Gegner empfand.
    Infanteriekapitän von Bummcke war der letzte. Jürgass konnte ihm das nicht
schenken und hielt ihm die Uhr entgegen.
    »Militärs, lieber Bummcke, kennen keine akademischen Viertel. In
Sommerzeiten möcht es, in Anbetracht Ihrer besonderen Verhältnisse, hingegangen
sein; aber bei zwölf Grad Kälte kann ich keinem Embonpoint der Welt eine
Unpünktlichkeit von beinahe zwanzig Minuten zugute halten.«
    »Anfangen, anfangen!« riefen mehrere Stimmen, unter denen die von Rabatzki
und Himmerlich deutlich erkennbar waren. Lewin, während Mitglieder und Gäste
sich, so gut es ging, um die zwei Tische her gruppierten, klopfte mit einem
Zuckerhammer auf und nahm dann selber auf seinem durch ein aufgelegtes
Sofakissen zu einer Art Präsidentenstuhl umgewandelten Lehnsessel Platz. Er war
kein Meister in der Rede, aber Amt und Situation liessen ihm keine Wahl.
    »Meine Herren«, hob er an, »ich heisse Sie willkommen. Wir sind leider nicht
vollzählig. Unsere beste kritische Kraft ist ausgeblieben: Doktor Sassnitz hat
sich brieflich entschuldigt. Dagegen freue ich mich, Ihre Aufmerksamkeit auf
eine stattliche Reihe von Vorlagen, darunter auch Drucksachen, hinlenken zu
können. Unter diesen Drucksachen stehen diejenigen Publikationen obenan, die von
früheren Mitgliedern der Kastalia herrühren. Es sind dies Die Ahnen von
Brandenburg, ein epischer Hymnus von Friedrich Graf Kalckreut, und die vor
wenig Tagen erst bei J. E. Hitzig hierselbst erschienenen Dramatischen
Dichtungen von Friedrich Baron de la Motte-Fouqué, unter denen sich, neben
altnordischen Sachen, auch Die Familie Hallersee und Die Heimkehr des Grossen
Kurfürsten befinden, die während des vorigen Winters in unserem Kreise zuerst
gelesen und mit soviel Jubel aufgenommen wurden.«
    Hier unterbrach sich Lewin, um die beiden genannten Bücher kursieren zu
lassen. Dann fuhr er fort: »An neuen Beiträgen für die heutige Sitzung sind fünf
Arbeiten eingegangen, sehr verschieden an Umfang: lyrische oder lyrisch-epische
Dichtungen, ferner Tagebuch- und Erinnerungsblätter aus Spanien und Russland. Es
ist Regel, mit den lyrischen Sachen zu beginnen und alles, was dem Gebiete der
Erzählung angehört, folgen zu lassen. Ich ersuche Herrn Kandidaten Himmerlich,
uns seine, wenn ich recht gesehen habe, aus dem Englischen übersetzten Strophen
vorlesen zu wollen. Sie führen den Titel: Der Sabbat.«
    Mit diesen Worten überreichte Lewin das Blatt.
    Jürgass war bei Nennung der Überschrift in ziemlich demonstrativer Weise mit
der linken Handfläche über das Kinn gefahren.
    Himmerlich, in unverkennbarer nervöser Unruhe und eifrig bemüht, das
mehrmals eingekniffte Blatt wieder glattzustreichen, wiederholte zunächst: »Der
Sabbat, Gedicht von William Wilberforce.«
    »Ist das derselbe Wilberforce«, fragte Jürgass, »der den Sklavenhandel
abgeschafft hat?«
    »Nein, im Gegenteil.«
    »Nun, er wird ihn doch nicht wieder eingeführt haben?«
    »Auch das nicht. Der einen so berühmten Namen führende junge Dichter, mit
dem ich Sie heute bekannt machen möchte, ist Fabrikarbeiter. Wenn ich sagte im
Gegenteil, so wollte ich damit ausdrücken, dass er selber noch in einer Art von
Sklaverei steckt. Ich fühle das Unlogische meiner Wendung und bitte um
Entschuldigung.«
    »Gut, gut, Himmerlich. Nicht immer gleich empfindlich.«
    »Jede Art von Empfindlichkeit ist mir durchaus fremd. Ich bitte aber, da ich
einmal das Wort habe, einige Bemerkungen vorausschicken zu dürfen. Es ist Ihnen
allen bekannt, dass die englische Sprache mit kurzen Wörtern überreich gesegnet
ist und dass dieselbe, nicht immer, aber oft, in einer einzigen Silbe das zu
sagen versteht, wozu wir deren drei gebrauchen. Weibliche Reime, um auch das
noch zu bemerken, haben die Engländer so gut wie gar nicht.«
    »Wie verwerflich!«
    »Aus diesen sprachlichen Unterschieden erwachsen Schwierigkeiten, auf die
wenigstens kursorisch einzugehen Sie mir gütigst gestatten wollen.«
    »Nein, lieber Himmerlich, vorbehaltlich präsidieller Entscheidung gütigst
nicht gestatten wollen. Ich habe bis hierher geschwiegen, sehr wohl wissend,
jedes Huhn kakelt, ehe es sein Ei legt. Aber diesem bis zu einem gewissen Grade
nachzugebenden Naturrecht steht, wenn es auszuschreiten droht, das geschriebene
Recht der Kastalia gegenüber. Paragraph neun unserer Statuten regelt die Frage
der Vorreden ein für allemal und gibt diesen selber ihr zuständiges Mass. Auch
von dem Redefeuer gilt des Dichters Wort: Wohltätig ist des Feuers Macht, wenn
sie der Mensch bezähmt, bewacht. Ich habe den Eindruck, dass das statutenmässig
vorgesehene Mass bereits überschritten wurde, und bitte deshalb unseren Herrn
Vorsitzenden, auf Vortrag der Dichtung selbst dringen zu wollen.«
    Lewin nickte zustimmend, und Himmerlich, indem er sich leicht verfärbte,
begann mit vibrierender Stimme:
»'s ist Sabbatfrüh, und noch im Sinken spendet
Ein zaubrisch Licht des Vollmonds Silberpracht.
Es ist noch früh, die Mitte kaum beendet
Der stillen, sternenblassen Sommernacht;
Schon hab ich froh mich auf den Weg gemacht
Am Rain entlang, entlang an Wald und Auen
Und harre nun, auf dass der Tag erwacht,
Um andachtsvoll dem Schauspiel zuzuschauen,
Vor dessen Majestät die Herzen übertauen.
Die Lerche wacht; mit flatterndem Gefieder
Erhebt sie sich, verschmähend unsre Welt,
Und wie sie steigt, so werden ihre Lieder
Von Lust und Wohlklang mehr und mehr geschwellt.
Das Wasserhuhn, als würd ihm nachgestellt,
Entflieht vor mir mit hast'gem Flügelschlagen,
Sogar das Lamm erschrocken innehält,
Und statt am Grase ruhig fort zu nagen,
Reisst es vom Pflock sich los, um übers Moor zu jagen.«
An dieser Stelle erfuhr die Vorlesung durch das Erscheinen der Frau Hulen, die
mit dem Teebrett eintrat, eine Unterbrechung. Lewin, immer voll Mitgefühl mit
Poeteneitelkeiten, schon weil er sie selber durchgemacht hatte, winkte mehrmals,
dass sich die Alte zurückziehen möchte; aber es war schon zu spät, und Himmerlich
hatte durch ein minutenlanges Martyrium zu gehen. Er dankte kurz, als das
herumgehende Tablett auch an ihn kam, schickte der endlich wieder
verschwindenden Alten einen Blick voll tragikomischen Hasses nach und fuhr dann
mit gehobener Stimme fort:
»Nun wird es hell, und sieh, der Berge Gipfel
Erglühen purpurn, und der Feuerball
Der Sonne selbst vergoldet schon die Wipfel
Und scheucht ins Tal der Nebel feuchten Schwall;
Und höher in die Kuppel von Kristall
Will sich der ew'ge Strahlenquell erheben,
In Höh und Tiefe Licht wird's überall,
Bis schlucht-entlang die letzten Schatten schweben -
Ein neuer Tag ist da und atmet neues Leben.
Jetzt lass mich, Gott, Gemeinschaft mit dir halten !
Quell aller Weisheit, Herr und Vater mein,
Du siehst mein Herz, dir spricht mein Händefalten,
O lass dein Licht auf meinen Wegen sein;
Gib mir die Kraft - du gibst sie nur allein -,
Aus Sünd und Schwachheit mich herauszuschälen,
Und lehre mich, an deines Auges Schein
Des eignen Auges matten Sinn zu stählen,
Auf dass die Lust ihm wird, den rechten Pfad zu wählen.«
Kaum dass die letzte Zeile verklungen war, so erhob sich Buchhändler Rabatzki von
seinem Platz und sagte in einem Ton, in dem Wichtigkeit und Bescheidenheit
beständig miteinander rangen: »Meine Herren! Ohne Ihrem kompetenteren Urteil«
(»Sehr gut, Rabatzki!«) »irgendwie vorgreifen zu wollen, bitt ich nur einfach
von meinem vorwiegend geschäftsmännischen Standpunkt aus bemerken zu dürfen, dass
ich mich glücklich schätzen würde, diese Strophen in der nächsten Nummer meines
Sonntagsblattes, und zwar ausnahmsweise an der Spitze desselben, bringen zu
können. Ich bitte Herrn Himmerlich, mich dazu autorisieren, zugleich aber auch
in einer Anmerkung einige kurze biographische Notizen über den englischen
Dichter, der mir seines berühmten Namensvetters durchaus würdig zu sein scheint,
geben zu wollen.«
    Über Himmerlichs Gesicht, der diese schmeichelhaften Worte Rabatzkis als ein
gutes Omen für alles Kommende ansah, flog es wie Verklärung. Er sollte seines
Triumphes aber nicht lange froh bleiben. Jürgass klopfte den Fidibus aus, mit dem
er eben eine frische Pfeife angeraucht hatte, und sagte: »Unseres Freundes
Rabatzki sonntagsblattliche Begeisterung in Ehren, eines möcht ich wissen, ist
es ein Bruchstück?«
    »Nein.«
    »Dann gestatten Sie mir die Behauptung, dass Ihr Sabbat zwar ein Ende, aber
keinen Schluss hat.«
    »Es wird sich darüber streiten lassen. Ich glaube nicht, dass es nötig war,
meinen Morgenspaziergänger bis an seinen Frühstückstisch zurückzubegleiten.«
    »Und ich meinerseits möchte bezweifeln, dass Sie dem Gedichte durch eine
solche gemütlich-idyllische Zutat geschadet hätten. Indessen lassen wir das.
Aber die Form, die Form, Himmerlich! Sagen Sie, was sind das für sonderbare
Strophen?«
    »Es sind sogenannte Spencerstrophen.«
    »Spencerstrophen?« fuhr Jürgass fort, »ich finde diesen Namen fast noch
sonderbarer als die Verse selbst.«
    »Ich nehme an, Herr von Jürgass«, antwortete Himmerlich in einem immer
erregter werdenden Tone, »dass Sie mit dem Bau der Ottaverime vertraut sind,
jener achtzeiligen schönen Strophen, in denen Tasso und Ariost ihre
unsterblichen Werke, den Orlando furioso und das Gerusalemme liberata,
dichteten.«
    Jürgass, der sich auf diesem Gebiete nichts weniger als zu Hause fühlte,
rauchte stärker und suchte seine wachsende Unsicherheit hinter einem mit der
Miene der Superiorität gesprochenen »Und nun?« zu verbergen.
    »Und nun?« griff Himmerlich das letzte Wort auf, »die Spencerstrophe mag als
ein Geschwisterkind dieser Tasso- und Arioststrophe angesehen werden. Ihre
Reimstellung ist freilich anders, sie hat auch nicht acht Zeilen, sondern neun
und geht in eben dieser neunten Zeile aus dem fünffüssigen Jambus in den
Alexandriner über...«
    »Ist aber nichtsdestoweniger eigentlich ein und dasselbe. Ich beneide Sie,
Himmerlich, um diese Schlussfolgerung.«
    Eine gereizte Debatte schien unausbleiblich; Lewin indessen schnitt sie
geschickt ab, indem er bemerkte, dass es nicht Aufgabe dieses Kreises sein könne,
die grösseren oder geringeren Verwandtschaftsgrade zwischen Spencerstrophe und
Ottaverime festzustellen. Er müsse bitten, auf die Dichtung selber einzugehen,
wenn es nicht vorgezogen würde, trotz einiger kleiner Ausstellungen des Herrn
von Jürgass, die warmen Worte, in denen sich ihr immer treu befundenes Mitglied
Buchhändler Rabatzki bereits geäussert habe, einfach als Urteil und
Dankesausdruck der Kastalia selbst zu akzeptieren.
    Hierauf wurde nicht nur überhaupt eingegangen, sondern auch mit einer
Bereitwilligkeit, deren ironischer Beigeschmack von dem unglücklichen Himmerlich
sehr wohl herausgefühlt wurde.
    »Wir wenden uns nunmehr dem zweiten der eingegangenen Beiträge zu«, fuhr
Lewin fort. »Es sind Strophen unseres sehr verehrten Gastes, des Herrn
Hansen-Grell, den in kürzester Frist als Mitglied dieses Kreises begrüssen zu
dürfen ich als meinen persönlichen, übrigens von allen Mitgliedern der Kastalia
geteilten Wunsch ausgesprochen haben möchte. Ich bitte, Herrn Hansen-Grell,
seine Strophen lesen zu wollen.«
    Dieser zog, um des Tabakrauches willen, der bereits seine Schleier
auszuspannen anfing, das Licht etwas näher an sich heran und begann dann ohne
Zögern, mit ruhiger, aber sehr eindringlicher Stimme: »Seidlitz; geboren zu
Calcar am 3. Februar 1721.«
    »Ist das die Überschrift?« unterbrach Jürgass.
    »Ja«, war die kurze Antwort.
    »Nun, da bitt ich doch bemerken zu dürfen, dass mich dieser Titel noch mehr
überrascht als Bau und Reimstellung der Himmerlichschen Spencerstrophe. Geboren
zu Calcar, am 3. Februar 1721, das ist die Überschrift eines Nekrologs, aber
nicht eines Gedichtes«
    »Und vor allem eine Überschrift«, erwiderte Hansen-Grell in heiterer Laune,
»die niemand anders verschuldet hat als Herr von Jürgass selbst. Ohne seine
Abneigung gegen alles, was einer Captatio benevolentiae ähnlich sieht, würde der
Titel meines Gedichtes einfach General Seidlitz gelautet haben; aber jeder
Möglichkeit beraubt, das mir unerlässliche geboren zu Calcar auf dem
herkömmlichen Vorredewege zu Ihrer freundlichen Kenntnis zu bringen, ist mir
nichts andres übriggeblieben, als jene biographische Notiz gleich mit in die
Überschrift hineinzunehmen.«
    »Und so haben wir doch wieder eine Vorrede gehabt...«
    »Weil wir keine haben sollten. - Aber ich bin zu Ende.«Und Hansen-Grell las
nun ohne weitere Störung:
                               »General Seidlitz
In Büchern und auf Bänken,
Da war er nicht zu Haus,
Ein Pferd im Stall zu tränken,
Das sah schon besser aus;
Er trug blanksilberne Sporen
Und einen blaustählernen Dorn -
Zu Calcar war er geboren,
Und Calcar, das ist Sporn.
Es sausen die Windmühlflügel,
Es klappert Leiter und Steg,
Da, mit verhängtem Zügel,
Geht's unter dem Flügel weg;
Und bückend sich vom Pferde,
Einen vollen Büschel Korn
Ausreisst er aus der Erde -
Hei, Calcar, das ist Sporn.
Sie reiten über die Brücken,
Der König scherzt: Je nun,
Hie Feind in Front und Rücken,
Seidlitz, was würd Er tun?
Der, über die Brückenwandung,
Setzt weg, halb links nach vorn,
Der Strom schäumt auf wie Brandung -
Ja, Calcar, das ist Sporn.
Und andre Zeiten wieder;
O kurzes Heldentum!
Er liegt todkrank danieder
Und lächelt: Was ist Ruhm?
Ich höre nun allerwegen
Eines besseren Reiters Horn -
Aber auch ihm entgegen,
Denn Calcar, das ist Sporn.«
Ein Jubel, wie ihn die Kastalia seit lange nicht gehört hatte, brach von allen
Seiten los und legte, wie Hansen-Grell, um sich dadurch weiteren Ovationen zu
entziehen, scherzhaft bemerkte, ein vollgültiges Zeugnis von der
kavalleristischen Zusammensetzung der Dienstagsgesellschaft ab. Er traf es
hiermit richtig: Bninski, Hirschfeldt, Meerheimb waren Kavalleristen von Fach,
Tubal und Lewin gute Reiter. Aber auch die Minorität liess es an lebhaften
Beifallsbezeugungen nicht fehlen; Bummcke, wenn nicht Reiter, war doch
wenigstens Soldat, Rabatzki tadelte nie, und Himmerlich fühlte sich erleichtert,
seine Verstimmung hinter entusiastischen, wenn auch kurzen und etwas
krampfhaften Ausrufungen verbergen zu können. Gewann er doch für sich selbst und
nebenher noch das Wohlgefühl neidloser Charaktergrösse.
    Endlich hatte sich die Aufregung gelegt, und Tubal bat ums Wort, was ihm zu
verschaffen, bei einer zwischen Bummcke und Jürgass über die Zulässigkeit der
Wendung »halb links nach vorn« eben wieder ausgebrochenen Privatfehde,
einigermassen schwerhielt. Zuletzt aber gelang es, und Tubal bemerkte nun: »Ich
bitte zunächst an einen Satz erinnern zu dürfen, den Doktor Sassnitz vor einiger
Zeit an dieser Stelle aussprach: Unsere Strenge ist unser Stolz. Sie fühlen, dass
dies die Brücke ist, auf der ich zu einem Angriff vorgehen möchte. Der Reiz des
Gedichtes, das wir eben gehört, liegt ausschliesslich in seinem Ton und seiner
Behandlung; es ist keck gegriffen und keck durchgeführt, aber es hat von dieser
Keckheit offenbar zuviel.«
    »Kann nicht vorkommen«, warf Jürgass ein.
    »Doch«, fuhr Tubal fort. »Unser verehrter Gast hat dies auch selbst
empfunden.«
    Hansen-Grell nickte.
    »Jedes Kunstwerk, so wenigstens stehe ich zu diesen Dingen, muss aus sich
selber heraus verstanden werden können, ohne historische oder biographische
Notizen. Diesen Anspruch aber seh ich in diesem Gedichte nicht erfüllt. Es ist
eminent gelegenheitlich und auf einen engen oder engsten Kreis berechnet, wie
ein Verlobungs- oder Hochzeitstoast. Es hat die Bekanntschaft mit einem halben
Dutzend Seidlitzanekdoten zur Voraussetzung, und ich glaube kaum zuviel zu
sagen, wenn ich behaupte, dass es nur von einem preussischen Zuhörer verstanden
werden kann. Lesen Sie das Gedicht, auch in bester Übersetzung, einem Engländer
oder Franzosen vor, und er wird ausserstande sein, sich darin zurechtzufinden.«
    Bninski schüttelte den Kopf.
    »Unser verehrter Gast, Graf Bninski«, fuhr Tubal fort, »scheint mir nicht
zuzustimmen. Es freut mich dies um des Dichters willen, dem ich, von
unerwarteter Seite her, einen Verteidiger erstehen sehe. Der Graf hat vielleicht
die Freundlichkeit, sich eingehender über diesen Gegenstand zu äussern.«
    Lewin wiederholte dieselbe Bitte.
    »Ich kann mich auf wenige Bemerkungen beschränken«, nahm der Graf in gutem,
wenn auch polnisch akzentuiertem Deutsch das Wort. »Ich kenne von General
Seidlitz nichts als seinen Namen und seinen Ruhm, glaube aber das Gedicht des
Herrn Hansen-Grell vollkommen verstanden zu haben. Ich ersehe aus seinen
Strophen, dass Seidlitz zu Calcar geboren wurde, dass er das Lernen nicht liebte,
aber desto mehr das Reiten. Dann folgen Anekdoten, die deutlich für sich selber
sprechen, zugleich auch seine Reiterschaft glorifizieren, bis er in der letzten
Strophe jenem besseren Reiter erliegt, dem wir alle früh oder spät erliegen.
Dies wenige ist genug, weil es ein Ausreichendes ist. Hier steckt das Geheimnis.
Ich habe mich in Jahren, die länger zurückliegen, als mir lieb ist, um die
Volkslieder meiner Heimat gekümmert, auch vieles davon gesammelt, überall aber
hab ich wahrgenommen, dass das sprungweise Vorgehen zu den Kennzeichen und
Schönheiten dieser Dichtungsgattung gehört. Die Phantasie muss nur den richtigen
Anstoss empfangen; ist dies geglückt, so darf man kühn behaupten: Je weniger
gesagt wird, desto besser.«
    »Ich bescheide mich«, erwiderte Tubal, »um den Fortgang unserer Sitzung
nicht länger als wünschenswert unterbrochen zu sehen. Wenn ein unbefugter Blick
in den Pappbogen unseres Herrn Vorsitzenden mich nicht falsch orientiert hat, so
haben wir zunächst noch einige von ihm selber herrührende Strophen zu erwarten.«
    »Der Scharfblick unseres Freundes Ladalinski hat sich auch diesmal wieder
bewährt. Es war meine Absicht, die lyrische Reihe heute persönlich
abzuschliessen, bitte aber, meinen Beitrag, der noch der Feile bedarf,
zurückziehen zu dürfen.«
    Lewin sprach diese Worte nicht ohne Verlegenheit, da es in Wahrheit ein sehr
anderer Grund war, der ihn von seiner ursprünglichen Absicht abzustehen
veranlasste. Wusst er doch am besten, aus welcher zaghaften Stimmung heraus die
drei kleinen Strophen geschrieben worden waren, um die es sich handelte; und wie
sehr sich diese Zaghaftigkeit schliesslich auch in das Gewand der Hoffnung
gekleidet haben mochte, doch war es ihm zu Sinn, als ob Bninski mit feinem Ohr
den elegischen Grundton des Liedes heraushören und die Veranlassung dazu erraten
müsste. Dieser Gedanke war ihm in hohem Masse peinlich, so dass er denn auch
wirklich die Strophen zurückschob und, das nunmehr obenaufliegende
Prosamanuskript an Rittmeister von Hirschfeldt überreichend, diesen bat, mit
seinem Vortrage zu beginnen.
    Der Angeredete, mit jener Frankheit, die der Reiz und Vorzug des Soldaten
ist, rückte sich zurecht und begann, ohne jedes Vorwort, mit klangvoller Stimme:
                     Erinnerungen aus dem Kriege in Spanien
                              Das Gefecht bei Plaa
Mein älterer Bruder Eugen, nachdem er erst unter Schill, dann unter dem Herzog
von Braunschweig gefochten, auch der Einschiffung nach England sich
angeschlossen hatte, hatte von dort aus spanische Dienste genommen und war im
Sommer 1810 in Andalusien eingetroffen. Als ich davon hörte, folgte ich ihm und
traf ihn, eben gelandet, auf dem grossen Marktplatze von Cadix. Über die Freude
des Wiedersehens gehe ich hinweg. Er hatte an demselben Tage das Majorspatent
empfangen, und seinem Einfluss gelang es leicht, mir eine Offiziersstelle zu
erwirken.
    Das Treiben in Cadix missfiel uns, so dass wir froh waren, als Meldung
eintraf, dass wir der in Katalonien stehenden, täglich in Gefechten mit dem
Feinde verwickelten Armeeabteilung zugeteilt seien. Wir gingen dahin ab und
landeten, nach einer höchst beschwerlichen, uns den ganzen Unterschied zwischen
einem spanischen und einem englischen Kriegsschiff fühlbar machenden Seereise,
im Hafen von Tarragona. Dies war Ende November, genau zwei Monate nach meiner
Ankunft in Spanien. In Katalonien sah es besser aus als in Andalusien. Wir kamen
zum Dragonerregiment Alcantara, mein Bruder als Oberstlieutenant, ich als
Premier. Der Empfang, den wir fanden, war kameradschaftlich; man hatte ein
besonderes Vertrauen zu allen preussischen Offizieren.
    Die Alcantaradragoner waren ihrerzeit ein sehr bevorzugtes und sehr
prächtiges Regiment gewesen; sie trugen unter dem alten Regime dreieckige Hüte
mit weissen Bandtressen, gelbe lange Röcke mit rotem Futter und rotem Kragen,
dazu grüne Rabatten und blaue kurze Hosen. Eine Vertretung also sämtlicher
Farben. Von dieser Pracht und Herrlichkeit war indessen nach der Neuformierung,
die die ganze Armee seitdem erfahren hatte, wenig übriggeblieben, und die
Alcantaradragoner, die wir vorfanden, mussten sich an einem niedrigen ledernen
Czako und einem langen blauen Rock mit Regimentsnummer und Messingknöpfen
genügen lassen. Die Bewaffnung war ein sehr langer Degen mit schmaler Klinge und
schwerem eisernen Korb, so dass das Gewicht in der Hand lag, dazu Karabiner und
Pistole.
    Unser Regiment gehörte zur Armee des Generals O'Donnell, spezieller zu der
vorgeschobenen Division des Generals Sarsfield. Dieser, erst sechsundzwanzig
Jahr alt, brillanter Soldat, voll eiserner Ruhe im Gefecht, fasste ein besonderes
Vertrauen zu meinem Bruder, in dem er alle Eigenschaften, die ihn selber
auszeichneten, sofort wiedererkannte. Jede Auskunft, die uns erwünscht sein
konnte, wurde uns zuteil. Die Division war numerisch nur schwach und bestand aus
zwei Infanterie- und vier Kavallerieregimentern, zusammen höchstens fünftausend
Mann. Es waren das Infanterieregiment Almeria und das Schweizerregiment Baron
Wimpfen, dazu Alcantara- und Numanciadragoner, Kürassierregiment Katalonien und
Husarenregiment Granada.
    Gleich in den ersten Tagen nach unserer Ankunft wurde eine vierhundert
Pferde starke Avantgarde gebildet und dem Befehle meines Bruders unterstellt.
Uns gegenüber stand General Macdonald, der das nördlich von uns gelegene
Barcelona mit starken Kräften festielt und durch Ausführung eines
Umgehungsmarsches uns auch das südlich von uns gelegene Tortosa zu entreissen
trachtete. Glückte das, so waren wir eingeschlossen und mussten froh sein, uns
auf Tarragona zurückziehen und hier wieder einschiffen zu können. Katalonien war
dann verloren. Und es kam so. Aber ehe es dahin kam, hatten wir eine Reihe
blutiger Gefechte.
    Aus der Reihe dieser Gefechte greife ich nur das bei Plaa heraus, weil es
für mich persönlich entscheidend wurde.
    Es war am 7. Januar, als wir erfuhren, dass Tortosa über sei. Wir standen
damals, die ganze Division Sarsfield, am Nordabhange eines hohen Bergzuges, der
in einiger Entfernung von der Küste mit dieser parallel läuft, und hielten,
unter täglichen Plänkeleien mit den Vortruppen des Macdonaldschen Corps, die von
Lerida nach Tarragona quer über das Gebirge führende Strasse besetzt. Solange
diese Strasse, samt dem Defilee, dem sogenannten Passe von Plaa, in unseren
Händen war, hatte der Verlust von Tortosa, so wichtig er war, wenigstens für
unsere unmittelbare Sicherheit nichts zu bedeuten; der Besitz jenes Passes
sicherte uns die Rückzugslinie bis ans Meer. Brachten wir die im ganzen genommen
nicht grosse Energie mit in Anschlag, die seitens des Gegners entwickelt wurde,
so lag kein Grund vor, unsere Stellung zu wechseln. Da, wo wir standen, wirkten
wir offensiv; gaben wir aber unsere Stellung am Nordabhange auf und zogen uns
auf die andere Seite des Gebirges, so zeigten wir jene Besorgnis, die schon
einer halben Niederlage gleichkommt.
    Wir hatten aber den Eifer des Gegners unterschätzt, wenigstens den des
Generals Suchet, der, gemeinschaftlich mit Macdonald operierend, diesen an
Rührigkeit übertraf. Am 14. Januar kam Meldung, dass eine starke feindliche
Avantgarde von der Küste her, also in unserem Rücken, heranmarschiere und
unverkennbar die Absicht habe, den Pass bei Plaa zu schliessen. Dorf Plaa lag an
der uns entgegengesetzten Seite des Gebirges, hart am Fusse desselben. General
Sarsfield, als er diese Meldung empfing, war schnell entschlossen; er verstärkte
die bis dahin nur aus vierhundert Pferden der Regimenter Alcantara und Granada
bestehende Avantgarde durch zwei Bataillone vom Schweizerregiment Wimpfen und
gab meinem Bruder Befehl, in einem Nachtmarsch über das Gebirge zu gehen und
noch vor Tagesanbruch das jenseits gelegene Dorf Plaa zu besetzen. Der Aufbruch
erfolgte sofort; ein entsetzliches Wetter aber, Regen und Sturm, bei dem der
schmale Fusspfad nur derart passiert werden konnte, dass ein Mann dem andern
folgte, verzögerte das Eintreffen in Plaa bis um zehn Uhr morgens. Es war die
höchste Zeit; schon ging die französische Avantgardendivision unter General
Eugenio (so dass sich hier zwei Namensvettern gegenüberstanden) gegen Dorf Plaa
vor, und nur mit äusserster Anstrengung gelang es meinem Bruder, das Dorf bis
Mittag zu halten.
    Um diese Stunde erschien General Sarsfield mit dem Gros und stellte das
schon rückwärtsgehende Gefecht wieder her. Aber Terrain war unsererseits nicht
zu gewinnen, und als eine Stunde später allerhand Verstärkungen auch beim Feinde
eintrafen, ging dieser mit einem vollzähligen Dragonerregiment abermals zum
Angriff über. Diesseits war momentan nichts zur Hand als ein in Ablösung unserer
Avantgarde in die Front gezogenes Kürassierregiment, die Kürassiere von
Katalonien, unter ihrem Kommandeur Don Pedro Gallon. Unmittelbar hinter den
Kürassieren hielten wir: Alcantaradragoner und Granadahusaren. Unsere
Kürassiere, kaum zweihundert Pferde stark, waren zu schwach und kamen ins
Schwanken; aber im selben Augenblicke, wo mein Bruder das Schwanken wahrnahm,
gab er uns das Zeichen zum Angriff, und in langer Linie stürzten wir in die
linke Flanke der feindlichen Dragoner. Sie wichen sofort und verwickelten ein
hinter ihnen haltendes Chasseurregiment mit in die eigene Flucht. Die Verfolgung
ging eine Meile weit, es gab viele Gefangene; General Eugenio, der persönlich
die Flucht aufzuhalten gesucht, wurde niedergehauen und starb am Tage darauf.
    
    Es war ein vollständiger Sieg und seitens der Unserigen nicht allzu teuer
erkauft; nur ich verlor viel an diesem Tage: mein Bruder Eugen, wie der General
Eugenio, dem er gegenübergestanden hatte, erlag seinen Wunden. Was ich noch zu
sagen habe, betrifft nur ihn und mich.
    Um fünf Uhr war das Gefecht beendet, und ich führte, was ich vom Regiment
Alcantara noch zur Hand hatte, wieder auf Plaa zurück. Ich war im ganzen gut
davongekommen, hatte aber während des Démêlés von einem französischen Dragoner,
den ich packen wollte, einen Stoss mit dem Degengefäss in das Gesicht erhalten, so
dass ich, schwarz und angeschwollen, einen schlimmeren Anblick gewährte als
mancher Schwerblessierte. So trat ich vor meinen Bruder, von dessen Verwundung
ich schon unterwegs gehört hatte. Ich fand ihn in einem Bauernhause von Plaa in
Pflege guter Leute. Als er mich sah, drang er darauf, dass ich mich zunächst
verbinden lassen sollte, was denn auch geschah. Als ich wieder zu ihm kam,
setzte ich mich, und wir begannen zu plaudern. Zunächst von der Affaire, die nun
glücklich hinter uns lag. Ich musste ihm alle Kleinigkeiten erzählen, denen er
mit grösstem Interesse folgte; meinem Pferde beispielsweise, einem schönen
schwarzen Hengst, war ein Ohr dicht vom Kopfe weggehauen worden, was er sehr
bedauerte. Besondere Aufmerksamkeit aber schenkte er einem Tagebuche, das sich
in einem Mantelsacke, der mir bei der Beuteverteilung zugefallen war,
vorgefunden hatte. Es war von dem ersten Einrücken der Franzosen in Katalonien
bis zum 14. Januar 1811 mit grosser Genauigkeit geführt und entielt, von kleinen
Croquis begleitet, eine Schilderung fast aller Gefechte, in denen auch wir
engagiert gewesen waren. Eugen blätterte halbe Stunden lang in dem Buche und
lobte die Unparteilichkeit der Darstellung. Ich glaubte nach allem an nichts
weniger als Gefahr und musste dem Doktor recht geben, der trotz heftiger
Schmerzen, über die der Verwundete von Zeit zu Zeit klagte, immer nur von zwei
leichten Blessuren sprach. Es waren Degenstiche in die linke Seite. Auffallend
erschien mir nur seine Weichheit; er war in einer gefühlvollen Stimmung, sprach
viel von Hause, von unserem alten Vater und trug mir Grüsse auf, da er auf einige
Wochen noch am Schreiben gehindert sein werde.
    So verging der Abend. Ich hatte vor, trotz aller Ermüdung bei ihm zu wachen.
Es kam aber anders. Bald nach Mitternacht wurde Alarm geblasen, und ich begab
mich zu meinem in Front des Dorfes biwakierenden Regiment, das gleich darauf
Befehl erhielt, gegen ein der Küste zu gelegenes Städtchen, das den Namen Valls
führte, zu rekognoszieren. Meinen Verwundeten liess ich übrigens in guter Obhut
zurück; ich hatte beim Schweizerregiment Wimpfen um einige Mannschaften zu
seinem Schutz gebeten, und es traf sich, dass der Unteroffizier, der diese
Mannschaften kommandierte, früher, als mein Bruder noch in Halberstadt
garnisonierte, mit ihm in ein und derselben Compagnie des Regiments Herzog von
Braunschweig gestanden hatte. Beide freuten sich sehr, sich wiederzusehen.
    Unser Ritt gegen Valls verlief ohne Bedeutung, kostete aber Zeit und Mühe,
und erst in den Nachmittagsstunden des andern Tages kehrten die Truppen, die die
Rekognoszierung ausgeführt hatten, nach Plaa zurück. Mehrere Offiziere, denen
ich begegnete, sagten mir: es ginge besser mit Eugen. Ich fand ihn auch wirklich
ruhiger, ohne Schmerzen, aber sehr matt. Nichtsdestoweniger liess er sich die
kleinen Vorgänge des Tages von mir erzählen, hörte aufmerksam zu und verlangte
mehr zu wissen, wenn ich aus Rücksicht auf seinen Zustand schwieg. Plötzlich
aber unterbrach er mich und sagte: »Entsinnst du dich noch des Abends auf der
Seereise von Cadix nach Tarragona, wo wir mit unsern deutschen Kameraden der
Heimat gedachten und wo dann die Frage laut wurde: Wer wird die Heimat
wiedersehen? Ich weiss jetzt einen, der sie nicht wiedersehen wird.« Ich bog mich
über ihn und bat ihn, sich nicht durch solche trübe Gedanken aufzuregen; er
hörte mich aber nicht und fuhr dann fort: »Es wird sich heute noch manches
ereignen: ich sehe schwarz in die Zukunft. Nimm dich, wenn es zum Gefechte
kommt, in acht. Unsere Pferde sind matt zum Umfallen. Vergiss auch nicht, dass man
nicht bei jeder Gelegenheit sich rückhaltlos drangeben soll. Man opfert sich
sonst leicht ohne Zweck.« Dies waren seine letzten Worte. Ich hatte ihn eben
aufgerichtet, um ihm einen Löffel Arzenei zu geben; als ich ihn wieder auf das
Kopfkissen zurücklegen wollte, schien es mir, als ob er sehr blass würde. Ich
fasste seine Hand, sie war kalt; er drückte die meinige krampfhaft, rang nach
Luft und war tot.
    Dies war am 16. nachmittags. General Sarsfield, als er von dem Hinscheiden
hörte, liess mir sein Beileid ausdrücken und fügte die Bemerkung hinzu: es würde
gut sein, den Toten so bald wie möglich in die hochgelegene Klosterkirche von
Plaa hinaufzuschaffen; jede Stunde könne ein neues Gefecht bringen, dessen
Ausgang unsicher sei.
    Ich liess mir dies gesagt sein. Aus alten Dielen, »vier Bretter und zwei
Brettchen«, wurde schleunigst ein Sarg hergestellt und Eugen in der Uniform
seines Regiments in die Totentruhe hineingelegt. So schafften ihn einige meiner
Dragoner in die Klosterkirche hinauf und stellten ihn dicht an die Altarstufen.
    Völlig erschöpft von den Anstrengungen und Aufregungen der vergangenen Tage,
hatte ich mich, als die Nacht anbrach, auf eine Schütte Stroh niedergelegt. Ich
war so recht von Herzen traurig; die Bilder meiner Kindheit und ersten Jugend
zogen an mir vorüber; nun war ich allein, ganz allein, und der Bruder, den ich
so sehr geliebt hatte, tot.
    Im Begriff, einzuschlafen, wurde ich durch einen Ordonnanzoffizier geweckt.
Er kam vom General und war abgeschickt, um ein Papier zu holen, das Sarsfield
beinahe unmittelbar vor Beginn des Treffens bei Plaa an Eugen gegeben hatte. Es
sei von Wichtigkeit, er müsse es haben.
    Ich erinnerte mich des Hergangs sofort, war Augenzeuge gewesen, wie mein
Bruder das Papier in sein Reiterkoller gesteckt hatte, und bat deshalb den
Offizier, mich bis zur Klosterkirche hinauf begleiten zu wollen, da der Tote
noch denselben Rock anhabe, den er vor Beginn des Gefechts getragen habe. Er
lehnte aber, Geschäfte vorschützend, ab; auch mein Diener Francesco, als ich
mich nach ihm umsah, war verschwunden. So blieb mir nichts übrig, als allein zu
gehen.
    Ich nahm eine kleine Laterne, die nur ein Glas hatte, und schritt auf das
ziemlich weitschichtige Klostergebäude zu. Ein dienender Bruder öffnete mir,
erschrak aber, als ich ihn bat, mir nun auch die Kirchentür öffnen zu wollen.
»Jetzt in der Nacht bringt mich kein Mensch hinein.« Vergebens sucht ich ihn zu
überreden. »Es ist nicht geheuer«, dabei blieb er. Endlich gab er mir wenigstens
den Schlüssel zur Kirche, zugleich mit der Weisung: wenn ich zweimal im Schloss
gedreht, müsst ich mit aller Kraft gegen die Tür stossen, weil sie verquollen sei
und schwer aufginge.
    Um bis an die Kirche zu kommen, waren noch zwei lange Kreuzgänge zu
passieren. Gerade hier hatte tags zuvor ein erbitterter Infanteriekampf (der
unsererseits durch das Schweizerregiment geführt worden war) stattgefunden, und
alles trug noch die Spuren dieses Kampfes: die Leichen waren zwar weggeschafft,
aber die Blutlachen geblieben; die Standbilder, von den Wänden herabgerissen,
lagen zertrümmert am Boden; selbst die Luft war dumpf und modrig. An diesen
Bildern der Zerstörung vorbei ging ich auf die Kirche zu, steckte den Schlüssel
hinein, drehte zweimal, stiess die Türe auf, die sich langsam und dröhnend
öffnete. Ich legte meinen Mantel ab, der mir jetzt nur hinderlich sein konnte,
nahm den Degen in die eine, die Laterne in die andere Hand und schickte mich an,
das hochüberwölbte Mittelschiff hinaufzuschreiten. Eine unheimliche Stille
herrschte, und der Widerhall meiner Schritte erschreckte mich.
    So kam ich bis an den Altar. Da stand der Sarg, vorläufig mit einem Brett
nur überdeckt. Ich hob es auf, und meines Bruders gläserne Augen starrten mich
an. Ich stellte, da kein anderer Platz war, die Laterne zu seinen Füssen und
begann langsam Knopf um Knopf den Uniformrock zu öffnen, der sich fest und
beinahe eng um seine Brust legte. Ich tat es mit abgewandtem Gesicht; aber wie
ich auch vermeiden mochte, nach ihm hinzusehen, ich hatte doch sein Todesantlitz
vor mir. Endlich fand ich das Papier und steckte es zu mir. Dann kam das
Schwerste: ich musste die Knöpfe wieder einknöpfen, da ich es nicht über mich
gewinnen konnte, ihn in offener Uniform wie einen Beraubten liegenzulassen. Und
als auch das geschehen, trat ich den Rückweg an.
    Am andern Nachmittage, der Feind griff uns nicht an, wurde mein Bruder mit
allen militärischen Ehren durch das Schweizerregiment Wimpfen in derselben
Klosterkirche zu Plaa, in der er vierundzwanzig Stunden vor dem Altar gestanden
hatte, begraben. An eben derselben Stelle wurden sein Säbel, seine Handschuhe
und Sporen aufgehängt und erst einige Monate später, auf Befehl des Generals
O'Donnell, der den Toten dadurch ehren wollte, in die Katedrale von Tarragona
gebracht. Dort befinden sie sich noch.
Der Vortragende, als er bis hierher gelesen, rollte das Manuskript zusammen und
legte es auf eines der Fensterbretter: die Zuhörer, gesenkten Blickes,
schwiegen. Der erste, der sich erhob, war Bninski.
    »Ich bin selbst Gast in diesem Kreise und fürchte beinahe, mich eines
Übergriffes schuldig zu machen, wenn ich vor Berufeneren das Wort ergreife. Aber
meine Stellung, was mich entschuldigen mag, ist eine ausnahmsweise. Ich habe
zwei Jahre vor Ihnen, Herr von Hirschfeldt, auf denselben Feldern, wenn auch auf
der Ihnen feindlichen Seite, gekämpft; ich kenne die Plätze, von denen Sie uns
gelesen: kaum verschwundene Bilder sind mir wieder lebendig geworden. Was
Freund, was Feind! An gleicher Stelle die gleiche Gefahr. Ich bitte, Sie
daraufhin als einen mir teuer gewordenen Kameraden begrüssen zu dürfen.«
    Während dieser Worte hatte Jürgass die ihm zunächststehende Rheinweinflasche
entkorkt und mit einer der Situation angepassten Raschheit den grossen silbernen
Kastaliabecher bis an den Rand gefüllt. »Meine Herren, einer jener
Ausnahmefälle, wie sie Paragraph sieben unseres Statuts, ich nehme nicht Anstand
zu sagen, in seiner Weisheit voraussieht, ist eingetreten. Und so trink ich denn
auf das Wohl unseres verehrten Gastes Rittmeisters von Hirschfeldt. Er lebe!
Viele Ehren haben sich auf seinem Scheitel gehäuft, so viele Ehren wie Wunden;
aber eines blieb ihm bis diesen Tag versagt: er hatte noch nicht aus dem
Silberbecher der Kastalia getrunken. Auch diese Stunde ist da. Ich trink ihm zu,
und er tue mir Bescheid.«
    
    Und bei wiederholten Hochs kreiste der Becher.
    Nach Huldigungen wie diese konnte es Lewin nur noch obliegen, ein Schlusswort
zu finden. »Die vorgeschrittene Stunde«, so begann er, »mehr noch das gehobene
Gefühl, das uns dieselbe gebracht hat, dringen auf Abbruch und Vertagung. Ich
erwarte Ihre Zustimmung.« (»Ja, ja!«) »Unsere nächste Sitzung soll, so sich kein
Widerspruch erhebt« (»Nein, nein!«), »unter Zurückstellung aller bis dahin etwa
eingehenden Lyrika, durch die Tagebuchblätter unseres verehrten Gastes, des
Herrn von Meerheimb, die heute zu unserm Bedauern nicht mehr zum Vortrag
gelangen konnten, eröffnet werden. Ich schliesse die Sitzung.«
    Damit brach man auf in kleineren und grösseren Gruppen. Die Mehrzahl hielt
sich links; nur Jürgass, Bummcke und Hansen-Grell gingen, als sie die
Königsstrassenecke erreicht hatten, nach rechts hin auf den Alexanderplatz zu, um
in den Tiefen des Mundtschen Weinkellers, natürlich die Kastaliasitzung als Text
nehmend, unter Plauderei und Kritik den Abend zu beschliessen.
 
                                 Achtes Kapitel
                                Leichtes Gewölk
Der andere Morgen war klar und sonnig und gab auch dem Arbeitszimmer des
Geheimrats ein helleres Licht, als gewöhnlich in Wintertagen darin anzutreffen
war. Ein Strahl fiel bis an den Korb in der Ofenecke, wo das Windspiel in seinem
Zwischenzustande von Schlafen und Zittern lag. Die Pendule schlug zehn, und der
Geheimrat, mit der Pünktlichkeit, die ihm eigen war, trat in das Zimmer und nahm
seinen Platz vor dem Arbeitstische, auf dem auch heute wieder Zeitungen und
einzelne an ihn persönlich gerichtete Schreiben unter einem Briefbeschwerer von
schwarzem Marmor lagen. Daneben ein elfenbeinernes Papiermesser mit geschnitztem
Schlangengriffe.
    Es war ein klarer Tag, aber er hatte doch sein »leichtes Gewölk«, wenigstens
in dem Gemüte des Geheimrats, der denn auch, die gewohnte Ordnung der Dinge
verkehrend, heute seinen Frühbesuch bei den Goldfischchen hinausgeschoben und
statt dessen sofort nach dem Zeitungsblatt gegriffen hatte. Er flog über die
Spalten hin, aber sein Auge liess unschwer erkennen, dass er nicht las, sondern
nur bemüht war, die Unruhe, die ihn erfüllte, vor sich selber zu verbergen.
    »Guten Morgen, Papa«, klang es wieder wie bei einem früher geschilderten
Besuche in seinem Rücken, und ehe er noch sich wenden und den Gruss erwidern
konnte, war Katinka an seiner Seite. Auch sie schien befangen, und ihm scharf
nach den Augen sehend, sagte sie: »Du hast mich rufen lassen, Papa?«
    »Ja, Katinka, ich bitte dich, Platz zu nehmen.«
    »Nicht so. Erst musst du mich freundlicher ansehen und nicht so feierlich,
als ob sich eine Staatsaktion vorbereite.«
    Der Geheimrat klopfte mit der elastischen Spitze des Elfenbeinmessers auf
seinen Schreibtisch und wandte sich dann, indem er seinem Sessel eine kurze
Drehung gab, der Fensternische zu, in der Katinka, den Rücken dem Lichte zu,
Platz genommen hatte. Sie sass in Folge davon in einem sehr wirkungsvollen
Halbschatten, und der freudige Stolz über die schöne Tochter liess den Vater auf
Augenblicke das Peinliche des Momentes vergessen. Katinka selbst war sich des
Eindrucks, den sie machte, vollkommen bewusst. Sie trug ihr Haar wie gewöhnlich
in den Vormittagsstunden in einem goldenen Netze, aber dies Netz hatte sich halb
geöffnet, und ein Teil der kastanienbraunen Locken fiel auf den Kragen eines
weiten, dominoartigen Morgenkleides. Ihre Füsse, leicht übereinandergeschlagen,
steckten in kleinen Saffianschuhen, und schnell die Vorteile berechnend, die der
Vater aus seinem Spielen mit dem Elfenbeinmesser zog, nahm sie ihrerseits die
kleine, neben den Goldfischchen liegende Netzkelle zur Hand, um damit zu
spielen.
    »Ich habe dich bitten lassen, Katinka, um ein paar Fragen an dich zu
richten, Fragen, die mich seit Wochen beschäftigen. Der Brief Tante Amelies hat
mir dieselben aufs neue nahegelegt, und ich würde gleich nach deiner Rückkehr
mit dir gesprochen haben, wenn nicht die Unruhe der letzten Tage mich daran
gehindert hätte.«
    »Die gute Tante«, sagte Katinka. »Sie denkt mehr an mein Glück als ich
selbst. Ich sollte ihr dankbarer dafür sein, als ich es bin.«
    »Ich wollte, du könntest es. Die Wünsche, die sie hegt, sind auch die
meinen. Und ihre Erfüllung schien mir so nahe. Aber du selbst hast alles wieder
in Frage gestellt. Dass ich es bekenne, zu meiner Betrübnis. Wie stehst du zu
Lewin?«
    »Gut.«
    »Dies Gut das eine ganze Antwort zu sein scheint, ist doch nur eine halbe.«
    »Nun, so will ich dir unumwunden die ganze geben. Ich habe Lewin lieb, aber
ich liebe ihn nicht. Alles an ihm ist Phantasie; er träumt mehr, als er handelt.
Dies mag als ein Grund gelten. Aber bedarf es denn der Gründe? Die Tante, die
sonst so klug ist, oder vielleicht weil sie es ist, vergisst ganz und gar, wie
wenig das Warum in unseren Neigungen bedeutet. Sie will mein Glück, aber sie
will es auf ihre Art, und was mir Sache des Herzens ist, ist ihr nur Sache des
Hauses. Ich fühle mich aber nicht getrieben, einer Guseschen Hof- und
Hauspolitik zuliebe ein Verlöbnis einzugehen oder gar ein Bündnis zu schliessen.
Das sind Rheinsberger Reminiszenzen, die für Tante Amelie sehr viel, für mich
sehr wenig bedeuten. Sie behandelt alles wie die Verbindung zweier regierender
Häuser; das mag schmeichelhaft sein; aber Lewin ist kein Prinz, und ich bin
keine Prinzessin.«
    »Du vergisst nur eins: Lewin liebt dich.«
    Katinka klopfte, während sie den linken Fuss hin - und herschaukelte, mit
der Netzkelle leicht auf den Rand des Bassins; der Geheimrat aber fuhr fort:
    »Lewin liebt dich, und es ist nicht lange, dass du diese Liebe erwidertest
oder doch zu erwidern schienst. Erst die letzten Monate haben alles geändert und
du sprichst nun spöttisch von der Verbindung zweier regierender Häuser. Ich
schätze den Grafen, aber ich fürchte, es war keine glückliche Stunde, die ihn in
unser Haus führte. Hat sich der Graf dir gegenüber erklärt?«
    »Nein.«
    »Glaubst du, dass er dich liebt?«
    »Ja.«
    »Und du?«
    Es kam Katinka gelegen, dass das Windspiel, das sehr bald nach ihrem
Eintreten seinen Korb verlassen und zur Empfangnahme von Liebkosungen und
Zuckerbröckelchen sich bei ihr eingestellt hatte, inzwischen immer
verdriesslicher geworden war. Es lief jetzt, weil die Bröckelchen nach wie vor
ausblieben, zwischen ihr und der Etagere, in der sich die Zuckerdose befand, hin
und her und begleitete die Unterhaltung durch beständiges Klingeln und Bellen.
Der Geheimrat empfand dies ersichtlich als eine Störung, und Katinka, jede
seiner Mienen verfolgend, benutzte die Gelegenheit, um eine Pause zu gewinnen.
Sie erhob sich deshalb von ihrem Stuhl, holte die Dose herbei, und eines der
Zuckerstücke zerbeissend und zerbrechend, warf sie dem Windspiel, das sich sofort
beruhigte, die Krümel zu. Dann tauchte sie den Zipfel ihres Taschentuchs in das
Bassin, benetzte ihre Fingerspitzen und sagte:
    »Deine Frage zu beantworten, Papa, ja, ich habe den Grafen gern.«
    Der Geheimrat lächelte. »Das wird dem Grafen nicht genügen, Katinka. Wenn
du glaubst, dass er dich liebt, so wirst du dir Rechenschaft geben müssen, ob du
seine Neigung erwidern kannst.«
    »Ich kann es.«
    »Und du wirst es?«
    Sie schwieg; man hörte den Pendelschlag der Uhr. Endlich sagte der
Geheimrat:
    »Du hast mir genug gesagt, Katinka, auch durch dein Schweigen. Ich ersehe
eins daraus, eins, auf das ich Gewicht lege, dass du, statt einfach dem Zuge
deines Herzens zu folgen, Rücksicht nimmst auf das, was mein Wunsch ist.«
    Katinka wollte antworten, der Geheimrat aber wiederholte: »Auf das, was
mein Wunsch ist«, und fuhr dann fort:
    »Aber auch dieser Wunsch ist unbeugsam und unabänderlich, und ich kann ihn
deinen Wünschen nicht unterordnen. Es verbietet sich. Höre mich. Die Tante
wünscht die Partie mit Lewin; ich wünsche sie auch; aber ich bestehe nicht
darauf. Worauf ich bestehe, das ist allein die Nichteirat mit Bninski. Sie darf
nicht sein, sosehr der Graf persönlich meine Sympatien hat. Die Ladalinskis
sind aus Polen heraus, und sie können nicht wieder hinein. Ich habe die Brücken
abgebrochen. Ob das Geschehene das allein Richtige war, ist nicht mehr zu
befragen; es genügt, dass es geschehen ist.«
    »Es war ein Scherz, Papa«, nahm jetzt Katinka das Wort, »dass ich von Prinz
und Prinzessin und von einer Verbindung zweier regierender Häuser sprach. Es hat
dich verdrossen, und ich bedaure es. Aber hatt ich nicht eigentlich recht? Der
Graf, wie du dich ausdrückst, hat persönlich deine Sympatien; er ist reich,
angesehen, ehrenhaft, und unsere Herzen und Charaktere stimmen zueinander. Und
doch ist alles umsonst, weil es, vergib mir den Ausdruck, in deine Diplomatie
nicht passt. Der gütigste der Väter, immer bereit, mir jeden kleinsten Wunsch zu
erfüllen, versagt mir den grössten, weil es ihm seine politischen Pläne stört,
weil es ihn kompromittiert.«
    »Ich lasse das Wort gelten, aber in meinem Sinne. Die Furcht vor
Kompromittierung ist nicht immer kleinlich und untergeordnet, sie kann auch
berechtigt und Existenzfrage sein. Sie ist es für mich. Es handelt sich nicht um
Einbildungen oder einen launenhaften Einfall; all dies berührt meine Ehre mehr,
als du glaubst. Ein Misstrauen gegen mich hat nie geschwiegen, auch nicht nach
meinem Übertritt. Von dem Augenblicke an, wo du nach Polen zurückkehrst, mit
meiner Zustimmung an der Seite eines Mannes, dessen preussenfeindliche
Gesinnungen kein Geheimnis sind, gebe ich dem Verdachte Nahrung, in meiner
jetzigen Stellung, die mich Einblick in so manches gewinnen liess, nur ein
Aufhorcher gewesen zu sein. Ich wiederhole dir, was du selber weisst, nur
widerstrebend ist die Gesellschaft dem Vertrauen gefolgt, das mir der Hof
entgegenbrachte, und büsse ich dieses Vertrauen ein, sehe ich es auch nur
erschüttert, so schwindet mir der Balken unter den Händen fort, der nach dem
Schiffbruch meines Lebens mich noch trägt. Lächle, wer mag. Ich bedarf der Gunst
des Königs, der Prinzen; wird mir diese Gunst genommen, so bin ich zum zweiten
Male heimatlos. Und davor erschrickt mein Herz. Nenne das politisch oder nenn es
Furcht vor Kompromittierung. Was es auch sein mag, es ist Sache meines Lebens,
nicht meiner Eitelkeit.«
    Katinka schritt auf den Vater zu, ihm die Stirn küssend, während sie ihren
Arm um seine Schulter legte. Dann sagte sie: »Lass mich dir wiederholen, es ist
noch kein Wort zwischen mir und dem Grafen gefallen. Ich glaube, dass er
absichtlich eine Erklärung vermeidet, denn - um ihn auch vor dir zu verklagen -
er hat wie du die Untugend, politisch zu sein. Soviel ich weiss, trägt er sich
mit dem Gedanken, wieder in die polnische Armee des Kaisers einzutreten. Gerade
der gegenwärtige Augenblick scheint einen solchen Schritt zu fordern. Was aber
auch kommen möge, eines verspreche ich: dich für meine Person weder mit Wünschen
noch Bitten zu beunruhigen. Ich werde schweigen, und nichts soll durch mich
geschehen, das deine Stellung nach oben hin gefährden oder deine Zugehörigkeit
zu diesem Lande neuen Verdächtigungen aussetzen könnte.«
    Dem Geheimrat entging nicht, dass die Worte Katinkas, trotz eines
scheinbaren Eingehens auf seine Wünsche, mit besonderer Vorsicht gewählt waren.
Aber er empfand gleichzeitig, dass es zu nichts führen würde, sich minder
zweideutiger Zusagen versichern zu wollen. So liess er es sich an dem halben
Erfolge genügen und brach die Unterredung ab. »Es wäre mir lieb«, so schloss er,
»du schriebest einige Worte an die Tante. Störe ihr ihre Pläne nicht. Auch um
deinetwillen nicht. Die Tage wechseln und wir mit ihnen. Das Wandelbarste aber
sind Frauenherzen. Was dir heute nichts ist, kann dir morgen etwas sein. Brich
nicht ab; ich brauche dir keine Namen zu nennen. Es gibt ja Halbheiten des
Ausdrucks, eine Sprache, die du, wenn mich nicht alles täuscht, wohl zu sprechen
verstehst.«
    »Ich werde schreiben. Und du magst die Zeilen lesen, Papa.«
    »Ich vertraue deinem Wort und deiner Klugheit. Und nun halte dich bereit.
Ich habe den Wagen um zwölf bestellt. Der alte Wylich ist immer ein
Pünktlichkeitspedant, doppelt bei seinen Matineen. Wir werden übrigens eine neue
Zeltersche Komposition hören; Rungenhagen begleitet.«
    Damit trennten sie sich.
 
                                Neuntes Kapitel
                                Renate an Lewin
Eine Woche verging, ohne dass in dem Bekannten-und Freundeskreise Lewins und der
Ladalinskis etwas Berichtenswertes vorgekommen wäre. Und was von diesem Kreise
galt, galt von der ganzen Stadt. Auch in dieser hatte sich die durch die
Nachricht von General Yorcks Kapitulation hervorgerufene Aufregung längst wieder
gelegt und war einer unbestimmten, aber die Gemüter erhebenden Vorstellung von
dem Anbrechen einer neuen Zeit gewichen. Wie gewaltige Kämpfe es noch bedürfen
würde, um diese heraufzuführen, das ahnten die wenigsten; die Mehrzahl lebte der
Überzeugung, dass ihnen der Sieg als ein Resultat der Napoleonischen Niederlagen
wie von selber zufallen würde, und selbst die vielen immer neu wiederholten
Versicherungen, dass der König in seinem Bündnis mit Frankreich auszuharren, den
General Yorck aber, der dies Bündnis gefährdet habe, vor ein Kriegsgericht zu
stellen gedenke, konnten an dieser Zuversicht nichts ändern. Man sah in diesem
allen ein aufgezwungenes Spiel und ganz im Einklang mit den Worten, die
Professor Fichte seinen Zuhörern ans Herz gelegt hatte, eine blosse Maske, die
jeden Augenblick abgenommen werden könne. Die Empfindung des Volks, wie so oft,
war den Entschlüssen seiner Machtaber weit vorgeeilt. Und in diesem Gefühl
verliefen die Tage.
    Die Stille der zweiten Januarwoche war nicht einmal durch eine
Kastaliasitzung unterbrochen worden. Jürgass, bei dem sie stattfinden sollte,
hatte sich in den Frühstunden des dazu festgesetzten Tages der Mühe unterzogen,
bei den Freunden vorzusprechen und den Ausfall der Sitzung anzukündigen,
zugleich bittend, eine auf den andern Tag lautende Einladung zu einer
»extraordinären Session« akzeptieren zu wollen. Diese war auf einen engeren
Zirkel berechnet und sollte die Form eines Dejeuners annehmen.
    Der andere Tag war nun da, aber noch nicht die festgesetzte Stunde. Lewin
hatte sich's auf seinem Sofa so bequem gemacht, wie es der Bau desselben zuliess,
und blätterte in Herders »Völkerstimmen«, einem Buche, das ihm besonders teuer
war. Es war ein Geschenk Katinkas und hatte selbst dadurch nichts an seinem
Werte verloren, dass es ihm von seiten der Geberin, die nur Sinn für das
Patetische und Komische, aber nicht für das Naive hatte, mit einem Anfluge von
Spott überreicht worden war. Er las eben die Stelle:
So geht's, wenn ein Maidel zwei Knaben liebhat,
Tut wunderselten gut,
Das haben wir beid' erfahren,
Was falsche Liebe tut -
als Frau Hulen mit einem Briefe eintrat, der von der Post her abgegeben worden
war. Es waren Zeilen von Renatens Hand, trugen aber nicht den Küstriner, sondern
den Seelower Stempel, woraus er ersah, dass ihn ein expresser Bote behufs
rascherer Beförderung quer durch das Bruch getragen haben musste. Dies fiel ihm
auf, ebenso die Länge des Briefes, als er nicht ohne eine gewisse Unruhe das
Siegel erbrochen hatte. Denn unter den zwei extremen Parteien, denen alle
briefschreibenden Damen zugehören, zählte Renate für gewöhnlich zur Partei der
äussersten Kurzschreiber. Was bedeutete diese Ausnahme?
Lewin las:
                                     »Hohen-Vietz, Dienstag, den 12. Januar 1813
Lieber Lewin! Papa, der Dir schreiben wollte, wird eben abgerufen; Graf
Drosselstein ist da, um Geschäftliches mit ihm zu erledigen. So fällt mir es zu,
Dir über unsere letzten Erlebnisse zu berichten. Schwere Stunden liegen hinter
uns. Wir hatten diese Nacht ein grosses Feuer: der alte Saalanbau ist
niedergebrannt.
    Du wirst Näheres wissen wollen; so lass mich denn erzählen.
    Es war kaum zwölf, als ein Lärm mich weckte. Ich richtete mich auf und sah,
dass die Scheiben glühten, als fiele das Abendrot hinein. Ich sprang aus dem Bett
und lief an das Fenster; der Hof war noch leer, aber aus der Mitte des
Saalanbaus schlug eine Flamme auf, und unter der Einfahrt, den Rücken mir
zugekehrt, stand unser alter Pachaly und blies auf seinem Kuhhorn in die
Dorfgasse hinein, in Tönen, die mir noch jetzt im Ohre klingen.
    Mich wandelte eine Ohnmacht an, und von den nächste Minuten weiss ich nichts.
Als ich mich wieder erholt hatte, sass ich aufgerichtet in meinem Bett, und Tante
Schorlemmer und Maline waren um mich her, beide zitternd vor Angst und
Aufregung. Sie packten immer neue Kissen in meinen Rücken, Maline hatte
Riechsalz gebracht, und Tante Schorlemmer betete, während ihr die Lippen flogen:
Herr Gott Zebaot, steh uns bei in unsrer Not!
    Ich weiss nicht, wie es kam, aber alle Angst war plötzlich von mir
abgefallen, wie wenn die hinschwindende Ohnmacht den Schrecken mit fortgenommen
hätte. Ich verlangte aufzustehen, kleidete mich rasch an, und da gerade nichts
anderes zur Hand war, setzte ich die polnische Mütze auf, die Katinka hier
zurückgelassen hatte. So ging ich hinunter.
    Das Feuer hatte mittlerweile rasche Fortschritte gemacht und noch immer war
nichts da zum Löschen. Aber kaum, dass ich auf den Hof getreten war, als auch
schon von der Dorfgasse her ein Rasseln hörbar wurde, und im nächsten Augenblick
kam unsere Hohen-Vietzer Spritze durch das Tor; Krist und der junge Scharwenka
hatten sich an die Deichsel gespannt, und Hanne Bogun, mit seinem Stumpfarm
gegen den Wasserkasten gelehnt, half durch Schieben nach. Hart an dem Steindamm,
aber jenseits nach dem Wirtschaftshofe hin, fuhren sie auf. Papa hatte schon
vorher Mannschaften an den Ziehbrunnen und an die kleine Hofpumpe gestellt, und
nun in doppelter Reihe wurden die Eimer zugereicht. Alles war Eifer und Leben,
und ehe fünf Minuten um waren, fiel der erste Strahl in die Flamme. Schulze
Kniehase leitete alles. Sonderbar, inmitten dieses Grauses schlug mir das Herz
wie vor Freude höher. Aber welch ein Anblick auch! Ich werde dieser Minuten nie
vergessen. Die Nacht hell wie der Tag, alle Gesichter vom Glanz beschienen,
Kommandoworte und dazwischen jetzt, vom Turme her, in langen, abgemessenen
Pausen das Stürmen der Glocke. Der alte Kubalke, trotz seiner Achtzig, war
selbst hinaufgegangen, um in das ganze Bruch hineinzurufen: Feuer, Feuer! Und
nicht lange, so hörten wir, von den nächsten Dörfern her, die Antwort ihrer
Glocken darauf.
    Das ist die Hohen-Ziesarsche, sagte Jeetze, der klappernd vor Frost neben
mir stand, und gleich darauf fiel auch die Manschnower ein. Ich erkannte sie
selbst an ihrem tiefen Ton. Immer rascher gingen nun die Eimer, da jeder wusste,
dass die Hilfe von den Nachbarorten her jetzt jeden Augenblick kommen müsse. Und
sie kam auch wirklich. Die Hohen-Ziesarsche war wieder die erste; im Carrière
mit zwei von des Grafen Pferden kam sie den Forstackerweg herunter, und wir
hörten sie schon, als sie bei Miekleis um die Ecke bog. Es schütterte wie ein
Donner. Mit lautem Freudengeschrei wurden sie begrüsst, und Kümmeritz, der seine
Gicht eben erst losgeworden war, übernahm das Kommando.
    Auf dem Wirtschaftshofe, aber doch so, dass die in Front stehenden Spritzen
unbehelligt blieben, hatte sich inzwischen das halbe Dorf versammelt. In
vorderster Reihe standen Seidentopf und Marie; er, in seiner alten schwarzen
Tuchmütze mit dem weit vorstehenden Schirm, dass es aussah, als ob er sich gegen
den Feuerschein schützen wolle; sie, an seinen Arm gelehnt und wie ich durch das
aufregende Schauspiel ganz hingenommen. Wieder überraschte sie mich durch ihre
besondere Schönheit. Ihr Gesicht war schmaler und länger als gewöhnlich, und aus
dem rot-und schwarzkarierten schottischen Tuch heraus, das sie nach Art einer
Kapuze übergeworfen hatte, leuchteten ihre grossen dunklen Augen selber wie
Feuer.
    Die Eimerkette ging, der Strahl fiel in die Flamme, aber bald mussten wir uns
überzeugen, dass es unmöglich sei, den Saalanbau auch nur teilweise zu retten,
und so gab Papa Ordre, den Wasserstrahl nur noch auf Dach und Giebel des
Wohnhauses zu richten, um wenigstens das Übergreifen des Feuers zu hindern. Aber
auch das schien nicht gelingen zu sollen; das Weinspalier fing bereits an, an
mehreren Stellen zu brennen, und das am Hause niederführende Gossenrohr, als
oben das Zink geschmolzen, löste sich aus der Dachrinne und stürzte auf den Hof.
    In diesem Augenblick erschien Hoppenmarieken unter der Einfahrt, blieb
stehen und sah auf das Feuer. Sie kam nicht von Hause, sondern war erst wieder
auf dem Wege dahin. Wer weiss, wo sie bis dahin gesteckt hatte. Als Hanne Bogun
der Alten ansichtig wurde, schüttelte er seinen linken Jackenärmel wie im
Triumph und rief: Da is Hoppenmarieken, und gleich darauf: De möt et bespreken.
Papa wusste wohl, dass die Leute, die so vieles von ihr wissen, ihr auch
nachsagen, dass sie Feuer besprechen könne; es widerstand ihm aber, sich an ihre
Teufelskünste, an die er nicht glaubt oder die ihm zuwider sind, wie
hilfebittend zu wenden. Seidentopf, der wohl sehen mochte, was in ihm vorging,
trat an ihn heran und sagte: Wer Gott im Herzen hat, dem muss alles dienen, Gutes
und Böses. Da winkte Papa die Alte heran und sagte: Nun zeige, Marieken, was du
kannst.
    Diese hatte nur darauf gewartet; sie marschierte zwischen den beiden
Spritzen hindurch rasch auf die Stelle zu, wo der alte Saalanbau mit unserem
Wohnhaus einen rechten Winkel bildete, und stellte, nachdem sie zwei, drei
Zeichen gemacht und ein paar unverständliche Worte gesprochen hatte, ihren
Hakenstock scharf in die Ecke hinein. Dann, während sie quer über den Hof hin
wieder auf die Einfahrt zurückmarschierte, sagte sie zu den Spritzenleuten: De
Hohen-Ziesarschen künnen nu wedder to Huus foohren, und schritt, ohne sich
umzusehen, die Dorfstrasse hinunter in der Richtung auf den Forstacker zu. Ihren
grossen Hakenstock aber hatte sie statt ihrer selbst an der Brandstätte
zurückgelassen.
    Das Feuer liess augenblicklich nach; Sparren und Balken stürzten zusammen,
aber es war, als verzehre sich alles in sich selbst und habe keine Kraft mehr,
nach aussen hinauszugreifen. Zugleich liess der leise Wind nach, der bis dahin
gegangen war, und es begann zu schneien. Ein entzückender Anblick, der
dunkelrote Schein, in dem die Flocken tanzten.
    Die Hohen-Ziesarsche Spritze fuhr wirklich ab, und der Hof wurde wieder
leer; nur Papa und der alte Kniehase blieben noch und trafen ihre Anordnungen
für die Nacht. Ich war mit unter den ersten, die sich zurückzogen, und trotzdem
mein Zimmer unmittelbar an die Brandstätte stiess, so war meine Zuversicht, dass
die Gefahr beseitigt sei, doch so gross, dass ich gleich einschlief. In meinem
Traume mischte sich das eben Erlebte mit jener wundersamen Feuererscheinung im
alten Schloss zu Stockholm, wovon Du Marie und mir am ersten Weihnachtstage
erzähltest, als wir am Kamin sassen und den Christbaum plünderten. Ich sah im
Traum die Scheiben meines Fensters glühen; als ich aber aufstand, um nach dem
Schein zu sehen, war ich nicht mehr allein und gewahrte nur eine lange Reihe
Verurteilter, die mit entblösstem Hals an einen Block geführt wurden. Ein
entsetzliches Bild, und alles rot, wohin ich sah. Aber in diesem Augenblicke
trat Hoppenmarieken in die Tür des Reichssaales, und alles rief: De möt et
stillen.
    Da hob sie den Stock, und es war kein Blut mehr; und das Bild versank und
sie selber mit.
    Heute früh war ich zu guter Stunde beim Frühstück; Papa und die Schorlemmer
erwarteten mich schon. Ich hatte mich vor dieser Begegnung gefürchtet; die
Scheune, die vor zwei Jahren niederbrannte, liegt noch als ein Schuttaufen da,
und nun ein zweites Brandunglück, das wieder auszugleichen es vollends an den
Mitteln fehlen wird. Ich fand aber eine ganz andere Stimmung vor, als ich
gefürchtet hatte. Papa war gesprächig und von einer Weichheit, die mehr von
Hoffnung als von Trauer zeugte. Er nahm meine Hand, und als er sah, dass ich nach
einem Trostworte suchte, lächelte er und sagte:
Und eine Prinzessin kommt ins Haus,
Ein Feuer löscht den Flecken aus -
Ich fange an, mich mit dem alten Hohen-Vietzer Volksreim auszusöhnen. Die
Prinzessin lässt noch auf sich warten, aber der Flecken ist fort, das Feuer hat
ihn ausgelöscht. Ja, meine liebe Renate, Rätsel umgehen uns, und vielleicht ist
es Torheit, uns in dem Doppelhochmut unseres Wissens und Glaubens alles dessen,
was Aberglauben heisst und vielleicht nicht ist, entschlagen zu wollen. Auch in
ihm, von weiter herangeweht, liegen Keime der Offenbarung. Ein Feuer löscht den
Flecken aus, inmitten all dieser Prüfungen ist es mir, als müssten andere,
bessere Zeiten kommen. Für uns, für alle. Ich wollte antworten; aber Jeetze trat
ein und meldete, dass Graf Drosselstein vorgefahren sei.
    Da hast du den längsten Brief, den ich je geschrieben. Einen Gruss an
Katinka, auch an Frau Hulen.
                                                 Herzlichst Deine Renate von V.«
Lewin legte den Brief aus der Hand. Er war bewegt, aber dasselbe Gefühl, das in
Vater und Schwester vorgeherrscht hatte, gewann auch in ihm die Oberhand: die
Freude darüber, dass etwas Unheimliches aus ihrem Leben genommen sei.
    Er setzte sich schnell an sein Pult und schrieb eine vorläufige kurze
Antwort, in der er diesem Gefühle Ausdruck gab. Am Schlusse hiess es: »Der Altar
ist nicht mehr, und der alte Mattias, wenn er weiter spöken will, muss sich eine
andere Betestelle suchen.« Aber er erschrak vor seinen eigenen Worten, als er
sie wieder überlas. »Das klingt ja«, sprach er vor sich hin, »als lüd ich ihn
aus dem Saalanbau in unser Wohnhaus hinüber. Das sei ferne von mir. Ich mag den
Komtur nicht zu Gast bitten.« Und mit dicker Feder strich er die Stelle wieder
durch.
    Dann kleidete er sich rasch an, um Jürgass, der nach dieser einen Seite hin
empfindlich war, nicht warten zu lassen.
 
                                Zehntes Kapitel
                              Dejeuner bei Jürgass
Nicht bloss die alte Exzellenz Wylich, wie Geheimrat von Ladalinski sich
ausgedrückt hatte, war ein Pünktlichkeitspedant, sondern auch Jürgass. Dies wusste
der ganze Kreis. So kam es, dass sich eine Minute vor zwölf alle Geladenen auf
Flur und Treppe trafen, selbst Bummcke, der die scherzhaft eingekleidete, aber
ernst gemeinte Reprimande von der letzten Kastaliasitzung her noch nicht
vergessen hatte.
    Die Jürgasssche Wohnung befand sich in einem mit einigen Reliefschnörkeln
ausgestatteten Eckhause des Gensdarmenmarktes und nahm die halbe nach dem Platze
zu gelegene Beletage ein. Sie bestand, soweit sie zu repräsentieren hatte, aus
einem schmalen Entree, einem dreifenstrigen Wohn- und Gesellschaftszimmer und
einem Speisesalon. Schon die Grösse der Wohnung, noch mehr ihre Ausschmückung,
konnte bei einem märkischen, auf Halbsold gestellten Husarenoffizier, dessen
väterliches Gut mit drei seiner besten Ernten nicht ausgereicht haben würde,
auch nur ein Dritteil dieser Zimmereinrichtungen zu bestreiten, einigermassen
überraschen; unser Rittmeister war aber nicht bloss der Sohn seines Vaters,
sondern auch der Neffe seiner Tante, eines alten Fräuleins von Zieten, die, als
Konventualin von Kloster Heiligengrabe, ihrem Liebling, eben unserem Jürgass, ihr
ganzes, ziemlich bedeutendes Vermögen testamentarisch hinterlassen hatte. In
diesem Testament hiess es wörtlich: »In Anbetracht, dass mein Neffe Dagobert von
Jürgass, einziger Sohn meiner geliebten Schwester Adelgunde von Zieten,
verehelichten von Jürgass, durch seiner Mutter Blut, insonderheit auch durch
Bildung des Geistes und Körpers ein echter Zieten ist, vermache ich besagtem
Neffen, Rittmeister im Göckingkschen (ehemals Zietenschen) Husarenregiment, in
der Voraussetzung, dass er das Zietensche, so Gott will, immer ausbilden und in
Ehren halten will, mein gesamtes Barvermögen, samt einem Bildnis meines Bruders,
des Generallieutenants Hans Joachim von Zieten, und bitte Gott, meinen lieben
Neffen in seinem luterischen Glauben und in der Treue zu seinem Königshause
erhalten zu wollen.«
    Dieses Testament war zufälligerweise gerade am 14. Oktober 1806, also am
Tage der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt, seitens der alten Konventualin,
die noch denselben Winter das Zeitliche segnete, niedergeschrieben worden,
weshalb denn auch Jürgass, bei der Wiederkehr jedes 14. Oktober, seiner Weise zu
sagen pflegte: »Sonderbarer Tag, an dem ich nie recht weiss, ob ich ein Fest-
oder ein Trauerkleid anlegen soll; Preussen fiel, aber Dagobert von Jürgass
stieg.«
    Im übrigen hatte ihn die Tante richtig abgeschätzt; es steckte ihm von der
Mutter Seite her, neben einem Hange zu gelegentlich glänzendem Auftreten, auch
das gute Haushalten der Zieten im Blute, so dass sich sein Vermögen, aller Zeiten
Ungunst zum Trotz, in den seit der Erbschaft verflossenen sechs Jahren eher
gemehrt als gemindert hatte.
    In besonders reicher Weise war das schon erwähnte Wohnzimmer von ihm
ausgestattet worden, was denn auch zur Folge hatte, dass alle diejenigen Herren,
die heute zum ersten Mal in diesen Räumen waren, ihre Aufmerksamkeit auf Pfeiler
und Wände desselben richteten. Herr von Meerheimb entdeckte sofort eine in
verkleinertem Massstab gehaltene Kopie eines grossen, eine Zierde der Dresdener
Galerie bildenden Tintoretto, während von Hirschfeldt sich freute, einer langen
Reihe von Buntdruckbildern zu begegnen, deren Originale er in London, bei
Gelegenheit einer Ausstellung Josua Reinoldsscher Werke, gesehen hatte. Die
Fülle aller dieser Ausschmückungsgegenstände, unter denen namentlich auch
bemerkenswerte Skulpturen waren, gab dem Geplauder, das ohnehin im Auf- und
Abschreiten geführt wurde, etwas Unruhiges und Zerstreutes, das dem Aufkommen
eines gemütlichen Tones ziemlich ungünstig war, von Jürgass aber, sosehr ihm
unter gewöhnlichen Verhältnissen die Pflege des Gemütlichen am Herzen lag, nicht
unangenehm empfunden wurde, da ihm nicht entgehen konnte, dass der Grund dieser
beständig hin und her springenden Unterhaltung ausschliesslich eine seiner
Eitelkeit schmeichelnde Bewunderung für seine Kunstwerke oder aber Neugier in
betreff der sonst noch vorhandenen Sehenswürdigkeiten war.
    Zu diesen Sehenswürdigkeiten gehörte vor allem der »grosse Stiefel«, der,
sechs Fuss hoch, mit einer andertalb Zoll dicken Sohle und einem neun Zoll
langen Sporn daran, seinerzeit entweder selbst eine cause célèbre gewesen war
oder doch zu einer solchen die Anregung gegeben hatte. Es hatte damit folgende
Bewandtnis.
    Es war am Ende der neunziger Jahre, als Jürgass, damals noch ein blutjunger
Lieutenant bei Göckingk-Husaren, mit Wolf Quast vom Regiment Gensdarmes die
Friedrichsstrasse nach dem Oranienburger Tore zu hinaufschlenderte. Dicht vor der
Weidendammer Brücke, gegenüber der Pépinière, fiel ihnen ein riesiger Sporn auf,
der im Schaufenster eines Eisenladens hing. Sie blieben stehen, lachten,
schwatzten und setzten fest, dass der erste, der in Arrest käme, den Sporn kaufen
solle. Der erste war Jürgass. Aber der Sporn war kaum erstanden, als ein neues
Abkommen getroffen wurde: »Der nächste lässt einen Stiefel dazu machen.« Dieser
nächste nun war Quast, und nach Ablauf von wenig mehr als einer Woche wurde der
mittlerweile gebaute Riesenstiefel unter allen erdenklichen Formalitäten
prozessionsartig erst in die Kaserne und dann in Quasts Zimmer getragen. Von den
jüngeren Kameraden beider Regimenter fehlte keiner. Da stand nun der Koloss, und
der Riesensporn wurde angeschnallt. Aber der einmal wachgewordene Übermut war
noch nicht befriedigt, und eine Steigerung suchend, wurde beschlossen, dem
grossen Stiefel und grossen Sporn zu Ehren auch ein entsprechend grosses Fest zu
geben. Der Stiefel natürlich als Bowle. Gesagt, getan. Das Fest verlief zu
vollkommenster Genugtuung aller Beteiligten, aber keineswegs zur Zufriedenheit
des Kriegsministers, der vielmehr dem Unfug ein Ende zu machen und den grossen
Stiefel tot oder lebendig einzuliefern befahl.
    Die betreffende Ordre war kaum ausgefertigt, als alle jungen Lieutenants
einig waren, dass es Ehrensache sei, den Stiefel coûte que coûte zu retten, der
nunmehr auch wirklich bei der bald darauf stattfindenden Kasernenrevision aus
einem Zimmer in das andere und schliesslich in Rückzugsetappen erst auf die
havelländischen, dann auf die ruppinschen und priegnitzschen Güter der
respektiven Väter und Oheime wanderte, die sich nolens volens in das von ihren
Söhnen und Neffen eingeleitete Spiel mitverwickelt sahen. So kam er schliesslich
nach Gantzer und war auf ein ganzes Dutzend Jahre hin vergessen, als unser
Jürgass, bei Gelegenheit eines kurzen Besuchs im väterlichen Hause, des
ehemaligen corpus delicti wieder ansichtig wurde und sofort beschloss, es als
originelle Zimmerdekoration in seiner eben in Einrichtung begriffenen Wohnung zu
verwenden. Er machte übrigens nicht mehr und nicht weniger von der Sache, als
sie wert war, und wenn er, die Geschichte vom »grossen Stiefel« erzählend,
einerseits viel zuviel Urteil hatte, um einen Fähndrichsstreich als Heldentat zu
behandeln, so war er doch auch keck und unbefangen genug, sich des Übermutes
seiner jungen Jahre nicht weiter zu schämen.
    Der eintretende Diener, die Flügeltüren des Speisesalons öffnend, meldete
durch diese stumme Sprache, dass das Frühstück serviert sei, und Jürgass,
vorausschreitend, bat seine Gäste, ihm folgen zu wollen. An einem runden Tische
war gedeckt. Hirschfeldt und Meerheimb nahmen zu beiden Seiten des Wirtes Platz,
Hansen-Grell ihm gegenüber; Tubal, Lewin und Bummcke, auf die sich aus der Reihe
der Kastaliamitglieder die Einladungen beschränkt hatten, schoben sich von
rechts und links her ein.
    Die Jürgassschen Frühstücke waren berühmt, nicht nur durch ihre
Auserlesenheit, sondern beinahe mehr noch durch die Aufmerksamkeiten und
Überraschungen, womit er das Mahl zu begleiten pflegte. Auch heute war er nicht
hinter seinem Ruf zurückgeblieben. Unter dem Couverte von Hirschfeldt lag, aus
einem französischen Reisebuche herausgeschnitten, die »Katedrale von
Tarragona«, ein kleines Bildchen, auf dessen Rückseite die Worte zu lesen waren:
»In dankbarer Erinnerung an den 5. Januar 1813«, während Hansen-Grell beim
Auseinanderschlagen seiner Serviette eines zierlichen silbernen Sporns ansichtig
wurde, der auf dem Kartenblatt, auf dem er befestigt war, nach Art einer Devise
die Umschrift führte:
Er trug blanksilberne Sporen
Und einen blaustählernen Dorn,
Zu Calcar war er geboren,
Und Calcar, das ist Sporn.
Auch für Bummcke war gesorgt und eine Überraschung da, die freilich mehr den
Charakter einer Neckerei als einer Aufmerksamkeit hatte. Es war eine grosse,
neben seinem Teller liegende Papierrolle, die sich nach Entfernung des roten
Fadens, der sie zusammenhielt, als ein vielfach lädierter, in grober
Schabemanier ausgeführter Kupferstich erwies. Darunter stand: »Einzug des
Hauptmanns von Bummcke in Kopenhagen.« Und in der Tat, so wenig glaubhaft ein
hauptmännischer Einzug in die dänische Hauptstadt sein mochte, es sah mehr oder
weniger nach etwas Derartigem aus, schon weil die Strassenarchitektur getreulich
wiedergegeben und für jeden, der Kopenhagen kannte, der aus drei
Drachenschwänzen aufgeführte Spjetzturm des alten Börsengebäudes ganz deutlich
erkennbar war. Nichtsdestoweniger bedeutete der eigentliche Gegenstand des
Bildes, auf dem man einen offenen, mit vier Pferden bespannten und von Militär
eskortierten Wagen sah, etwas sehr anderes und stellte weder die Entrée joyeuse
Bummckes noch überhaupt einen Einzug, wohl aber die »Abführung der Grafen Brandt
und Struensee zu ihrem ersten Verhöre« dar. Bummcke, der den Kupferstich aus
einem alten Antiquitätenladen her seit lange kannte, fand sich in dem Scherze
schnell zurecht oder gab sich wenigstens das Ansehen davon, was das Beste war,
das er tun konnte. Er hatte nämlich, was hier eingeschaltet werden mag, die
Schwäche, mit einer etwas weitgehenden Vorliebe von seiner »nordischen Reise«,
der einzigen, die er überhaupt je gemacht hatte, zu sprechen und war in Folge
dieser Schwäche - von der er übrigens selber ein starkes Gefühl hatte - bei mehr
als einer Gelegenheit nicht bloss das Opfer Jürgassscher Neckereien gewesen,
sondern hatte auch die Erfahrung gemacht, dass Stillhalten das einzige Mittel
sei, denselben zu entgehen oder doch sie abzukürzen.
    Das Tablett mit Port und Sherry wurde eben herumgereicht, als Bummcke, das
Blatt noch einmal auseinanderrollend, mit jener Ruhe, die einem das Gefühl,
seinen Gegenstand zu beherrschen, gibt, anhob: »Der arme Struensee! Ich habe die
Stelle gesehen, draussen vor der Westerngade, wo sie ihm den Kopf
herunterschlugen. Was war es? Neid, Rancune und nationales Vorurteil. Ein
Justizmord ohnegleichen. Er war so unschuldig wie die liebe Sonne.«
    »Seine Intimitäten schienen aber doch erwiesen«, bemerkte Jürgass wichtig,
dem nur daran lag, seinen Infanteriekapitän in das geliebte dänische Fahrwasser
hineinzubringen.
    »Intimitäten!« entgegnete dieser, der dem Köder, trotzdem er den Haken sah,
nicht widerstehen konnte. »Intimitäten! Ich versichere Ihnen, Jürgass, alles
Torheit und Verleumdung. Ich habe während meines Aufentaltes in Kopenhagen
Gelegenheit gehabt, zu Personen in Beziehung zu treten, die, passiv oder aktiv,
in dem Drama mitgewirkt haben. Ein Spiel war es mit Ehre und Leben, eine blutige
Farce von Anfang bis zu Ende. Das Kanonisieren ist ausser Mode; hätten wir noch
einen Rest davon, diese Königin Karoline Matilde müsste heiliggesprochen
werden.«
    »Wenn es nicht indiskret ist, nach Namen zu fragen, woher stammen Ihre
Informationen?«
    »Vom Leibarzt der Königin«, sagte Bummcke.
    »Nun, der muss es wissen«, erwiderte Jürgass übermütig, »aber er schafft mit
seiner Autorität die Aussagen derer, die sich selber schuldig bekannten, nicht
aus der Welt. Ich appelliere vorläufig an unseren Freund Hansen-Grell. Er muss
doch in seinem gräflichen Hause das eine oder das andere über den Hergang gehört
haben.«
    »Nein«, antwortete dieser, »das gräfliche Haus, soviel ich weiss, hatte
Ursache, über den Fall zu schweigen, und ihn aus Büchern kennenzulernen, habe
ich versäumt. Ich muss mich überhaupt anklagen, der dänischen Geschichte, von
einzelnen weit zurückliegenden Jahrhunderten abgesehen, nicht das Mass von
Aufmerksamkeit geschenkt zu haben, das ihr gebührt.«
    »Und wir hatten gerade«, bemerkte Tubal verbindlich, »nach Ihrer
Hakon-Borkenbart-Ballade, womit Sie uns am Weihnachtsabend erfreuten, den
entgegengesetzten Eindruck.«
    »Weil Sie aus meiner Kenntnis der halb sagenhaften Vorgeschichte des Landes
allerhand schmeichelhafte Rückschlüsse auf meine gesamte dänische
Geschichtskenntnis zogen. Aber leider mit Unrecht. Ich habe mehr um Dichtungs
als um Historie willen im Saxo Grammaticus und in den älteren Mönchschroniken
gelesen, so viel, dass ich schliesslich die moderne Königin Karoline Matilde über
die alte Königin Tyra Danebod vergessen habe.«
    »Tyra Danebod«, rief Jürgass in aufrichtigem Entusiasmus, »das ist ja ein
wundervoller Name. Er tingelt etwas weniger als Katinka von Ladalinska; aber
trotzdem! Was meinen Sie, Bummcke?«
    Bummcke, der sich so unerwartet an den Ladalinskischen Ballabend erinnert
sah, drohte gutmütig mit dem Finger; Hansen-Grell aber fuhr fort: »Ich teile
ganz den Entusiasmus unseres verehrten Wirtes, und wenn ich auf das Gewissen
gefragt würde, würd ich bekennen müssen, aus dem Zauber dieses Namens, und
vieler ähnlicher, so recht eigentlich die Anregung zu meinem Studium
altdänischer Geschichten empfangen zu haben. Sigurd Ring und König Helge, Ragnar
Lodbrok und Harald Hyldetand entzückten mich durch ihren blossen Klang, und sooft
ich dieselben höre, ist es mir, als teilten sich die Nebel und als sähe ich in
eine wundervolle Nordlandswelt, mit klippenumstellten Buchten, und vor ihnen
ausgebreitet das blaue Meer und hundert weissgebauschte Segel am Horizont.«
    »Es ist der fremde Klang, der unser Ohr gefangennimmt«, bemerkte
Hirschfeldt, der sich von Spanien her ähnlich bestechender Namenseindrücke
entsinnen mochte, und Lewin und Tubal stimmten ihm bei.
    »Gewiss«, fuhr Hansen-Grell fort, »dieser Fremdklang ist von Bedeutung. Aber
es ist, über denselben hinaus, doch schliesslich ein anderes noch, was diesen
altdänischen Namen ihren eigentümlichen Zauber leiht. Es spricht sich nämlich in
ihnen jene der Sprichwörterweisheit der Völker verwandte Begabung aus, Menschen,
Erscheinungen, ja ganze Epochen in einem einzigen Beiwort zu charakterisieren.
Die Kraft in der Knappheit, das Viel im Wenigen, da haben wir den Schlüssel zum
Geheimnis.«
    Bummcke geriet in Aufregung, so sehr, dass er - was sonst nicht seine Sache
war - den Château d'Yquem mit ablehnender Handbewegung an sich vorübergehen liess
und zu Hansen-Grell wie zu einem Herzensvertrauten hinüberrief: »Ich weiss,
worauf Sie hinauswollen. Sprichwörterweisheit sagten Sie, ganz richtig. An den
König Erichs, wenigstens an den ersten sechs oder sieben, lässt es sich am besten
zeigen: Erik Barn, Erik Ejegod, Erik Lam, Erik Plopenning, Erik Glipping. Ich
verbinde mit jedem ein Bild, eine Vorstellung, besonders mit dem Plopenning und
dem Glipping. Glipping, das heisst soviel wie Augenplink oder der Wimperer. Und
wirklich, es ist zum Lachen, aber ich sehe ihn vor mir, wie er mit dem rechten
Augenlide immer hin und her zwinkert.«
    Jürgass warf sich in den Stuhl zurück und sagte während eines Hustenanfalls,
der sich vor lauter Heiterkeit nicht legen wollte: »Das ist denn doch das
kapitalste Stück von Fremdlandsentusiasmus, das mir all mein Lebtag vorgekommen
ist. König Wimperer, ich grüsse dich.«
    »Wenn Sie mehr von ihm wüssten, Jürgass, so würden Sie dieser bedeutenden
Figur mit mehr Respekt begegnen. Er war ein guter König und wurde zu Viborg mit
sechsundfünfzig Stichen ermordet.«
    »Nicht mehr wie billig. Warum hat er gewimpert? Ich greife mit dem
Champagner um zwei Gänge vor. Es lebe Erik Glipping!«
    »Er lebe, er lebe!« und die Gläser klangen zu Ehren des alten Dänenkönigs
zusammen. Hansen-Grell aber, ehe noch der Übermut sich völlig gelegt hatte,
sagte: »Halten Sie es der Pedanterie eines Kandidaten und Schulmeisters zugute,
wenn er von seinem Tema nicht los kann, ich verspreche aber, kurz zu sein.«
    »Kurz oder lang, Grell, Sie sind immer willkommen.«
    »Gut, ich akzeptiere. Unseres verehrten Hauptmanns Vorliebe für König
Glipping und, wenn ich mich so ausdrücken darf, die plastische
Gegenständlichkeit, mit der er uns denselben vorzuführen verstand, hat uns auf
einen Schlag die goldenen Tore der Heiterkeit aufgeschlossen, ich muss aber doch
noch einmal ins Ernste zurück. In unserer neueren Geschichte, soweit sie uns von
Kaisern und Königen erzählt, ist jetzt die Zahl in Mode gekommen; der Erste,
Zweite, Dritte, auch der Vierzehnte und Fünfzehnte; die Zahl gilt, und mit ihr
das Nüchternste, das Unpoetischste, das Charakterloseste, das es gibt. Dem
gegenüber stehen meine alten skandinavischen Königsnamen, nach Klang und Inhalt,
ich betone, auch nach Inhalt, auf dem Boden der Poesie, und das ist es, was sie
mir so wert macht. Epigrammatischer als ein Epigramm, ist mancher dieser Namen
doch zugleich wie ein Gedicht, rührend oder ergreifend, je nachdem. Urteilen Sie
selbst. Ich will nur zwei nennen: Olaf Hunger und Waldemar Atterdag! Ist es
möglich, Personen und Epochen in einem einzigen Worte schärfer und
eindringlicher zu zeichnen? Es vergisst sich nie wieder. Olaf war ein guter
König, aber das Land siechte hin an Missernten und böser Krankheit, und weder
seine Gebete noch sein ausgesprochener Wille, sich für das Volk zum Opfer zu
bringen, konnten den Unsegen tilgen oder gar in Segen verwandeln. Und so
bedeutet dieser König, auf den Blättern der dänischen Geschichte, eine Zeit des
Fluchs, von Not und Tod, und sein gespenstisches Bild trägt unverschuldet die
furchtbare Unterschrift: Olaf Hunger.«
    »Und hält uns eine Fastenpredigt bei unserem Frühstück! Lassen Sie ihn
fallen, Grell. Was ist es mit dem andern?«
    »Er steht da wie sein Gegenstück.«
    »Gott sei Dank!«
    »Er war schön und siegreich und liebte die Frauen.«
    »A la bonne heure.«
    »Aber mehr als das, er war auch heiter und gütig. In jungen Jahren hatten
ihn eigene Leidenschaft und anderer Rat zu hitzigen Taten fortgerissen; als er
aber ein Mann geworden war, da reute ihn die Raschheit seiner Jugend, und er
schwur es sich, nichts Hartes und Strenges mehr aus dem Moment heraus tun zu
wollen. Umdrängten ihn seine Hofleute und forderten einen schnellen Spruch von
ihm, wohl gar Tod, so machte er eine leichte Bewegung mit Kopf und Hand und
sagte nur: Atterdag. Das heisst: Andertag. Und ein Füllhorn reicher Gnade quoll
aus dem einen Wort, und Atterdag hat einen guten Klang in Dänemark bis diese
Stunde.«
    »Das ist mein Mann, Grell. Atterdag! Und Sie haben recht, da haben wir Klang
und Inhalt. Sie decken einander. Ich seh ihn vor mir, so deutlich, wie Bummcke
den Glipping sah. Aber mein Atterdag zwinkert nicht. Er hat ein wundervolles
blaues Auge, und hinter ihm her ziehen endlose Hochzeitszüge, und die
Fahnenschwenker werfen ihre Stöcke bis hoch in den Himmel hinein. Lassen Sie den
Fasan noch einmal herumgehen, Tubal, das sind wir dem Atterdag schuldig und dem
Olaf Hunger erst recht.«
    Das Gespräch liess nun die Dänenkönige fallen, bald Skandinavien überhaupt,
und nur Bummcke machte noch einen herkömmlichen Versuch, von Kopenhagen aus in
Aalborg zu landen, um dann, quer durch Jütland hin, den grossen Limfjord zu
befahren. Dies war seine Lieblingstour, weil er in elf Gesellschaften von zwölf
darauf rechnen durfte, sie allein gemacht und somit unangefochten das Wort zu
haben. Aber dieses Vorzuges ging er heute verlustig, und kaum dass er in ziemlich
sentimentalen Ausdrücken von dem »Klageton« und dem »Wehmutsschleier« der
nordjütischen Landschaft gesprochen hatte, als ihm auch schon der Widerspruch
Grells hart auf der Ferse war, der, der hunderttausend wie weisse Nymphäen auf
dem Limfjord schwimmenden Möwen ganz zu geschweigen, nie ein smaragdgrüneres
Wasser und nie einen azurblaueren Himmel gesehen haben wollte.
    »Nichts Gewöhnlicheres als ein solcher Gegensatz empfangener Eindrücke«,
nahm von Meerheimb das Wort, »und es bedarf nicht einmal zweier Personen, um
Widersprüchen wie diesen zu begegnen; wir finden sie in uns selbst. Was wir die
Stimmung der Landschaft nennen, ist in der Regel unsere eigene. Lust und Leid
färben verschieden. Als wir auf der Smolensker Strasse zogen und in die Nähe der
alten russischen Hauptstadt kamen, war es uns, als marschierten wir unter einem
Regenbogen, und überall, wohin wir blickten, stiegen, wie durch Spiegelung, die
goldenen Kuppeln Moskaus vor uns auf. Unsere Sehnsucht sah sie, lange bevor sie
sich wirklich in dem Nebelduft des Horizontes abzeichneten. Das war um die Mitte
September. Und vier Wochen später zogen wir wieder dieselbe Strasse. Der Rückzug
hatte begonnen. Es war noch nicht kalt, und die Oktobersonne schien nicht
weniger hell, als die Septembersonne geschienen hatte, aber ringsumher lag Öde
und Einsamkeit, und die Flüsse, statt mit uns zu plaudern, schienen
hinzuschleichen wie die Wasser der Unterwelt. Das Land war nicht verändert, aber
wir.«
    Jeder stimmte bei, selbst Jürgass, der nur den Strich zwischen Neustadt und
Gantzer ausnahm, von dem er versicherte, immer denselben Eindruck empfangen zu
haben. Welchen? darüber schwieg er, entweder aus Vorsicht oder weil er die sich
gerade jetzt bequem darbietende Gelegenheit zu einer noch ausstehenden Ansprache
nicht unbenutzt vorübergehen lassen wollte.
    »Herr von Meerheimb«, so hob er an, während er mit dem Messerrücken an das
Glas klopfte, »hat uns soeben über die Felder von Moshaisk oder ihnen nahe
gelegener Territorien geführt, nicht in breiter Schilderung, sondern diskursive,
wenn ich mich so ausdrücken darf, in landschaftlichen Aperçus, in
gegensätzlichen Stimmungskizzen. Ich erinnere Sie daran, dass uns die vorgerückte
Stunde der letzten Kastaliasitzung um einen Vortrag brachte, der, wenn ich recht
unterrichtet bin, sich auf denselben Feldern von Moshaisk bewegt, freilich nur
um auf eben diesen Feldern sehr andere Bilder als die Kuppeln von Moskau, die
wirklichen oder die visionären, vor unseren Blicken aufsteigen zu lassen. Und so
erlaube ich mir, an unseren verehrten Gast die Frage zu richten, ob es ihm
genehm sein würde, das in erwähnter Sitzung Versäumte nachzuholen und vor diesem
engeren Kreise den uns zugedachten Abschnitt aus seinem Tagebuche zu lesen?«
    Von Meerheimb verneigte sich und sagte dann: »Ich gehorche gern Ihrer
freundlichen Aufforderung, sosehr ich auch, ganz in Übereinstimmung mit Herrn
von Hirschfeldt, der mir darüber nach der letzten Kastaliasitzung seine
Confessions gemacht hat, das Missliche solcher Vorlesungen fühle. Dies Missliche
wird dadurch nicht vermieden, dass man auf die Mitteilung aller persönlichen
Heldentaten - ein Wort, das ich zu nehmen bitte, wie es gemeint ist - Verzicht
leistet. Man bleibt eben ein Teil des Ganzen, und indem man dieses feiert,
feiert man wohl oder übel sich selber mit. Keine Darstellung grosser Vorgänge,
bei denen man zugegen war, wird dies vermeiden können, auch die dezenteste
nicht, und jeder, der es dennoch wagt, ist auf die besondere Nachsicht seiner
Hörer angewiesen. Dieser Nachsicht bin ich bei Ihnen sicher. Im übrigen bitte
ich, trotz des Bannes, unter dem in diesem Kreise die Vorreden stehen, noch
vorweg bemerken zu dürfen, dass ich nur Erlebtes, also im Hinblick auf den grossen
Vorgang nichts Vollständiges gebe. Einzelnes, was jenseits des persönlich
Erlebten liegt, ebenso wie die Namen von Ortschaften und Personen, verdanke ich
den Mitteilungen und Aufschlüssen gefangener russischer Offiziere, mit denen ich
später im Smolensker Lazarette lag. Und nun habe ich geschlossen und ersuche
unseren verehrten Wirt, in jedem Momente, der ihm passend scheint, über mich zu
verfügen.«
    »Nehmen wir den Kaffee«, damit hob Jürgass die Tafel auf und schritt, Herrn
von Meerheimb den Arm bietend, in das Wohnzimmer voran.
    Hier waren inzwischen alle Vorbereitungen getroffen und, trotzdem es noch
früh war - nach vorgängiger Schliessung der schweren Fenstergardinen -, die
kleinen mit Kristallglas gezierten Wandleuchter angezündet worden. In dem
blanken englischen Kamin, der als Schmuckstück der Wohnung in den grossen Ofen
hineingebaut worden war, brannte ein helles Feuer, und um den Sofatisch herum,
den ein golddurchwirktes türkisches Tuch bedeckte, standen an den frei
gebliebenen Seiten hohe Lehnstühle und gepolsterte Sessel. Der Kaffee wurde
serviert, und während Wirt und Gäste um den Tisch her Platz nahmen, rückte sich
von Meerheimb einen Doppelleuchter zurecht und las: »Borodino«.
                                 Elftes Kapitel
                                    Borodino
... Wir glaubten nicht mehr, dass die Russen standhalten würden. Sie zogen sich
auf der grossen Smolensker Strasse zurück, vermieden jedes Rencontre mit unsern
Vortruppen und schienen Moskau ohne Schwertstreich preisgeben zu wollen. Es war
aber anders beschlossen; auf russischer Seite wechselte der Oberbefehl, Kutusow
kam an Barclay de Tollys Stelle, und unserm Einzuge in Moskau ging ein
Zusammenstoss voraus, von dem der Kaiser selbst bei hereinbrechender Nacht sagte:
»Ich habe heute meine schönste Schlacht geschlagen, aber auch meine
schrecklichste.«
    Das war bei Borodino am 7. September.
    Schon der 5. gab uns einen Vorschmack. Als wir am Abend dieses Tages ins
Biwak rückten, hörten wir, dass in unserer Front ein heftiges Gefecht
stattgefunden und die Division Compans, zu der auch das 61. Linienregiment
gehörte, eine russische Schanze gestürmt habe. Unmittelbar darauf sei der Kaiser
erschienen und habe, die Lücken in dem genannten Regimente wahrnehmend, unruhig
gefragt: »Wo ist das dritte Bataillon vom Einundsechzigsten?«, worauf der alte
Compans geantwortet habe: »Sire, es liegt in der Schanze.«
    Am 6. hatten wir Gewissheit, dass uns die Russen eine Schlacht bieten würden,
und tags darauf standen wir ihnen in aller Frühe schon auf Kanonenschussweite
gegenüber.
    Es war ein klarer Tag. Die Sonne, eben aufgegangen, hing wie eine rote Kugel
über einem Waldstrich am Horizont und sah auf das kahle Plateau hinunter, das
sich, halb Brache, halb Stoppelfeld, in bedeutender Tiefe, aber nur etwa in
Breite einer halben Meile, vor uns ausdehnte. Die Höhenstellung, auf der wir
hielten, erleichterte es mir, mich in dem Terrain zurechtzufinden, und ich
erkannte bald, dass das vor uns liegende Plateau keineswegs eine glatte Tenne
sei, sondern mehrere kleine Senkungen und Steigungen habe. Namentlich eine
dieser Senkungen, allem Anscheine nach ein ausgetrocknetes Flussbett, markierte
sich scharf und zog sich, das voraussichtliche Schlachtfeld in zwei Hälften
teilend, wie ein Wallgraben zwischen unserer und der feindlichen Stellung hin.
Hüben wir, drüben die Russen. Dies ausgetrocknete Flussbett hiess der
Semenowskagrund. Wer angriff, musste diesen Grund passieren, und in der Tat
drehte sich die neunstündige Schlacht um den Besitz desselben und dreier teils
am diesseitigen, teils am jenseitigen Rand gelegenen Positionen. Diese drei
Positionen waren die folgenden: 1. die Bagrationfleschen; 2. das Dorf
Semenowskoi und 3. die grosse Rajewskischanze. Position zwei und drei lagen
jenseit des Grundes, auf der von den Russen besetzten Hälfte des Schlachtfeldes,
Position eins aber, die Bagrationfleschen, waren brückenkopfartige, bis an den
diesseitigen Rand des Semenowskagrundes vorgeschobene Werke. Alle drei
Positionen bildeten das feindliche Zentrum, an das sich ein rechter und linker
Flügel anlehnte. Der rechte bei Borodino, der linke bei Utiza. In tiefen
Kolonnen stand der Feind, scheinbar endlos. Wir sahen weitin das Blitzen der
Bajonette und in Front seiner Stellung, am Rande des Grundes hin, die dunkeln
Öffnungen seiner Geschütze.
    Soweit der Feind. Aber das helle Licht des Morgens, dazu die Höhen, die wir
innehatten, gönnten uns auch einen Überblick über unsere eigene Aufstellung.
Unmittelbar vor uns, in sechs Divisionsmassen, standen die Corps von Davoust und
Nei, hinter uns Junot und die Garden, während wir selber, zehntausend Reiter
unter König Murat, sowohl in Länge wie Tiefe die Mitte des diesseitigen
Schlachtenkörpers einnahmen.
    Der Plan Napoleons ging dahin, erst die Flügelpunkte: Borodino und Utiza,
jenes durch die italienischen Garden des Vizekönigs, dieses durch die Polen
unter Poniatowski, nehmen zu lassen, dann aber, und zwar unter Mitwirkung der
ebengenannten von rechts und links her einschwenkenden Flügelcorps (deren
rasches Vordringen er nicht bezweifelte), die furchtbare Zentrumsposition des
Feindes zu durchbrechen. Erst die Fleschen, dann Semenowskoi, dann die
Rajewskischanze.
    Schon vor Tagesanbruch war der erste Kanonenschuss gefallen, um sieben begann
die Schlacht. Der Vizekönig nahm Borodino; aber Poniatowski, auf einen stärkeren
Feind stossend, als er erwartet hatte, konnte nicht Terrain gewinnen. So blieb,
als namentlich auch bei Borodino der Angriff wieder ins Stocken kam, die
Mitwirkung von den Flügeln her aus und zwang die zu unseren Füssen haltenden
Corps von, Davoust und Nei, die Durchbrechung des feindlichen Zentrums in weder
von links noch rechts her unterstützten Frontalangriffen zu versuchen. Die
Division Compans, dieselbe, die am 5. das erbitterte Gefecht gehabt hatte, hatte
wieder die Tête. Sie warf sich auf das nächste Angriffsobjekt, die
Bagrationfleschen, nahm sie, verlor sie und nahm sie zum zweiten Mal, aber nur,
um sie zum zweiten Mal zu verlieren. Der tapfere Compans fiel, Rapp und Davoust,
mehr oder minder schwer verwundet, mussten das Schlachtfeld verlassen, und immer
neue Divisionen wurden vorgezogen, um uns den Besitz dieses vorgeschobenen
Werkes zu sichern. Erst nach dem vierten diesseitigen Sturm gaben die russischen
Grenadiere, die hier unter Fürst Woronzow gestanden und geblutet hatten, jeden
Wiedereroberungsversuch auf und zogen sich, soviel ihrer noch waren, auf den
jenseitigen Rand des Semenowskagrundes zurück. Zu schwach, noch selber feste
Körper zu bilden, reihten sie sich in andere Truppenkörper ein, die sie hier
vorfanden. Es waren ihrer noch vierhundert Mann, der Rest von sechstausend.
Fürst Woronzow, als er am Abend des Tages seinen Bericht an den Kaiser abfasste,
schloss mit den Worten: »Meine Grenadierbataillone sind nicht mehr; aber sie
verschwanden nicht von dem Schlachtfelde, sondern auf ihm.«
    Um elf Uhr hatten wir die Fleschen, und der Grund musste nun überschritten
werden, um zunächst das schon an vielen Stellen brennende Dorf Semenowskoi, dann
die links daneben gelegene grosse Rajewskischanze zu nehmen. Aber schon begann es
an den Kräften dazu zu fehlen, wenigstens in der Front. Die Divisionen des
Davoustschen Corps waren nur noch Schlacke, die des Neischen kaum minder, und
nur die Division Friant war noch intakt. Sie erhielt Befehl zum Vorgehen und
nahm jetzt die Tête, während die schon im Feuer gewesenen Divisionen
aufschlossen. Die Bravour des Angriffs schien einen Augenblick einen grossen
Erfolg versprechen zu sollen; aber in demselben Moment, wo die vordersten
Bataillone den jenseitigen Rand des Semenowskagrundes erstiegen, wurden sie von
einem auf nächste Distance hin abgegebenen Massenfeuer in langen Reihen
niedergemäht; die nachrückenden Bataillone stutzten, wandten sich und suchten
diesseitig der Schlucht in Ravins und Einschnitten eine Zuflucht zu gewinnen.
Der Sturmversuch war als gescheitert anzusehen, und in unserer ganzen Front,
sowohl unmittelbar vor uns wie auch nach beiden Flügelpunkten hin, standen keine
frischen Infanteriekörper mehr, denen eine Wiederholung des Sturmes zuzumuten
gewesen wäre.
    In diesem Augenblicke kam Befehl an König Murat, es mit seinen Reitermassen
zu versuchen. Zu diesen Reitermassen gehörten auch wir. Murat, nach Empfangnahme
der Ordre, zog sofort vom linken Flügel her seine vier Kavalleriecorps
staffelweise vor, erst Grouchy, dann Nansouty, dann Montbrun, dann
Latour-Maubourg, und liess sie, das letztgenannte Corps vorläufig noch
zurückhaltend, mit nur kurzen Pausen gegen die Positionen des feindlichen
Zentrums vorbrechen. Grouchy führte, Nansouty und Montbrun folgten. Das
Schlachtfeld donnerte unter dem Hufschlag von mehr als 6000 Pferden; selbst der
Donner der Geschütze wurde momentan übertönt. Aber der ungeheure Reitersturm
vermochte nicht mehr, als die wiederholten Angriffe der Infanteriedivisionen
vermocht hatten; am diesseitigen Rande des Semenowskagrundes stürzten die
vordersten Reihen, und was übrigblieb, riss die nachfolgenden Regimenter mit in
die Flucht der in Front gestandenen hinein.
    Ein neuer Misserfolg; tausend reiterlose Pferde stoben über das Feld hin.
Grouchy, Nansouty, Montbrun hatten versagt; nur unser 4. Kavalleriecorps,
Latour-Maubourg, hielt noch unberührt am rechten Flügel, in seiner Front unsere
Kürassierdivision unter General de Lorges. Wir nannten ihn scherzhaft, aber
zugleich auch in Anerkennung seiner chevaleresken Tugenden, unseren »Ritter de
Lorges«, und in der Tat, der Moment war nahe, wo die Division, die seinen
stolzen Namen führte, den »Handschuh aus dem Löwengarten« holen sollte. Eine
Staubwolke wurde von links her sichtbar, und König Murat selbst, der bis dahin
am anderen Flügel gehalten hatte, sprengte bis in unsere Front. Er war
prächtiger und phantastischer gekleidet denn je, und wahrnehmend, dass wir, trotz
der von Zeit zu Zeit einschlagenden Kugeln, in vollkommener Ruhe Linie hielten,
warf er uns im Vorüberreiten Kusshändchen zu und salutierte mit seiner Reitgerte,
die er statt des Säbels führte. Zugleich gab er Befehl zum Angriff, und in zwei
grossen Reitermassen jagten wir über das Feld hin, die eine dieser Massen die
sechs Regimenter starke polnische Ulanendivision unter General Rozniecki (wir
verloren sie bald darauf aus dem Gesicht), die andere, von der ich
ausschliesslich zu erzählen habe, unsere Kürassierdivision de Lorges. Aber auch
diese teilte sich wieder, und wie sich eben erst aus unserer gesamten
Latour-Maubourgschen Corpsmasse die polnische Ulanendivision herausgelöst hatte,
so löste sich jetzt, nur wenige Minuten später, aus unserer Kürassierdivision de
Lorges die westfälische Brigade von Lepel heraus. General von Lepel galt als der
schönste Offizier der westfälischen Armee; er war der Liebling Friederike
Katarinens, der Gemahlin König Jérômes. Wir sahen ihn eben noch mit erhobenem
Pallasch vor der Front seiner Brigade, als eine Passkugel ihn vom Pferde warf.
Auf den Tod verwundet, nannte er den Namen seiner Königin und starb. Seine
Brigade aber stutzte, wandte sich seitwärts und griff erst später wieder in den
Gang des Gefechtes ein.
    So waren wir denn allein: sächsische Brigade Tielmann, achtundert Reiter
der Regimenter Garde du Corps und von Zastrow. War unsere Stellung ohnehin am
äussersten rechten Flügel gewesen, so gebot es jetzt unsere Lage, wie General von
Tielmann in Beobachtung der voraufgegangenen Gefechtsmomente klar erkannt
hatte, uns immer weiter nach rechts zu ziehen. Woran waren alle bisherigen
Angriffe gescheitert? An der immer sich gleichbleibenden Schwierigkeit, den
steil abfallenden Semenowskagrund angesichts der feindlichen Geschützreihe zu
passieren. Eine Möglichkeit des Gelingens war also nur gegeben, wenn sich am
Flussbett hin Übergangsstellen finden liessen, wo die Böschung minder abschüssig
und das feindliche Feuer minder heftig war. Solche Stellen lagen flussaufwärts
nach Utiza zu, und durch immer weiteres Ausbiegen uns mehr und mehr aus dem
Kanonenbereich herausziehend, entdeckten wir endlich, keine tausend Schritt mehr
von dem genannten Flügelpunkt entfernt, eine flach abfallende, vom russischen
Geschütz kaum noch erreichte Stelle, die uns ein bequemes Hinabreiten in den
Semenowskagrund zu ermöglichen schien. Das war, was wir suchten. Eine Minute
später hielten wir in dem ausgetrockneten Flussbett, dessen Ränder, je mehr wir
uns, links einschwenkend, dem feindlichen Zentrum wieder näherten, immer höher
und steiler wurden. Aber diese höher und steiler werdenden Ränder waren zunächst
unser Schutz, und das Feuer der um Dorf Semenowskoi her in Batterie stehenden
hundert russischen Geschütze ging über unsere Köpfe hinweg. Wir waren schon bis
dicht an das Dorf heran, ohne nennenswerten Verlusten ausgesetzt gewesen zu
sein; General Tielmanns geschickte Führung hatte uns davor bewahrt. Aber nun
kam der entscheidende Moment, und dieselben steilen Böschungen, die bis dahin
unsere Rettung gewesen waren, waren nun unsere Gefahr. Und doch mussten wir sie
hinauf. Unser Regiment Garde du Corps führte: »In Zügen rechts schwenkt, Trab!«
, und im nächsten Augenblick suchten wir den Abhang und gleich darauf die Höhe
zu gewinnen. Einzelne überschlugen sich und stürzten zurück; die meisten aber
erreichten die Crête, rangierten sich und gingen zur Attacke vor.
    Erst im Anreiten sahen wir, wo wir waren. Keine dreihundert Schritt vor uns
brannte Dorf Semenowskoi; zwischen uns und dem Dorfe aber, und dann wieder über
dasselbe hinaus, standen schachbrettartig sechs russische Carrés,
Gardegrenadierbataillone, die berühmten Regimenter Ismailoff, Litauen und
Finnland. Ihr Feuer empfing uns aus nächster Nähe, aber ehe eine zweite Salve
folgen konnte, waren die diesseits des Dorfes stehenden Vierecke niedergeritten,
und durch das brennende Semenowskoi hindurch ging die Attacke, ohne Signal oder
Kommandowort, aus sich selber heraus im Fluge weiter. Innerhalb des Dorfes
freilich stürzten viele der vordersten Reiter in die den ehemaligen Wohnungen
als Korn- und Vorratsräume dienenden, jetzt mit glühendem Schutt gefüllten
Kellerlöcher, aber die nachfolgenden Rotten passierten glücklich die
gefährlichen Stellen, und alles, was jenseits stand, teilte das Schicksal derer,
die diesseits gestanden hatten. Das Regiment Litauen verlor in zehn Minuten die
Hälfte seiner Mannschaften.
    Aber nicht die ganze Brigade Tielmann war durch das brennende Dorf
geritten; ein kleines Häuflein derselben, nicht hundert Mann stark und aus
Bruchteilen beider Regimenter gemischt, hatte sich vielmehr, gleich nach dem
Niederreiten der ersten Carrés, nach rechts hin tiefer in die russische
Schlachtordnung hineingewagt, um hier dem Angriff einer eben hervorbrechenden
feindlichen Kavallerieabteilung zu begegnen. Es glückte; die feindlichen
Kürassiere wurden geworfen, und in Ausbeutung des auch an dieser Stelle beinahe
unerwartet errungenen Erfolges jagten wir - ich selber gehörte dieser Abteilung
zu - zwischen den massiert dahinterstehenden Bataillonskolonnen hindurch und
erwachten erst wieder zu voller Besinnung, als wir uns plötzlich im Rücken der
gesamten russischen Aufstellung sahen.
    Wir hätten von dieser Stelle aus leichter bis Moskau reiten können als bis
an den Semenowskagrund zurück. Und doch mussten wir diesen Grund, die
Scheidelinie zwischen Freund und Feind, wieder zu gewinnen suchen.
    Also kehrt! Jeder hing an dem Wort unseres Führers, willig, ihm zu folgen,
aber ehe wir noch wenden konnten, brachen aus zwei links und rechts befindlichen
Waldparzellen dichte Baschkiren- und Kalmückenschwärme hervor, irreguläre
Truppen, denen man, weil man ihnen in der Front nicht traute, diese
Reserveposition angewiesen hatte. Im Nu sassen sie uns mit ihren Piken in Seite
und Nacken, und eine Niederlage, der wir in zweimaligem Kampfe mit den
Elitetruppen des Feindes glücklich entgangen waren, sie harrte jetzt unserer im
Angesichte dieses Gesindels. Oberst von Leiser wurde vom Pferde gestochen,
gleich nach ihm Major von Hoyer, und ehe fünf Minuten um waren, waren von
unserem ganzen Häuflein nur noch zwei übrig: Brigadeadjutant von Minckwitz und
ich. Wir hieben uns aus der immer dichter werdenden Gesindelmasse heraus und
jagten dann auf unseren müden Pferden durch dieselben Intervallen, durch die wir
gekommen waren, wieder zurück. Was uns rettete, waren sehr wahrscheinlich die
schwarzen Kürasse, die das Regiment von Zastrow trug, so dass wir beim Passieren
der langen Infanterieflanken für russische Kürassiere gehalten wurden. Unsere
Pferde, Wunders genug, dauerten aus, und ehe eine halbe Stunde um war, hielten
wir wieder in der Reihe unserer Kameraden, so viele deren überhaupt noch waren.
Von unserem Todesritt zu erzählen, dazu war keine Zeit. Denn eben jetzt
bereiteten die Russen, zur Rückeroberung der Position von Semenowskoi (von einem
Dorfe gleichen Namens war nicht mehr zu sprechen), einen grossen Angriff vor, und
alles, was noch jenseits des Grundes hielt, musste wieder nach diesseits zurück.
Auch wir.
    Es mochte jetzt Mittag sein oder doch nur wenig später. Unsere
Anstrengungen, dies konnten wir uns nicht verhehlen, waren im wesentlichen
ebenso resultatlos verlaufen wie die voraufgegangenen Kavallerieangriffe
Grouchys, Montbruns, Nansoutys; wir hatten die feindliche Seite des
Semenowskagrundes erstiegen, sechs Gardebataillone niedergeritten, russische
Reiterregimenter geworfen und die feindliche Schlachtaufstellung vom Rücken her
gesehen, aber der endliche Abschluss war doch der, dass wir, wenn auch tausend
Schritt vorgeschoben, abermals am diesseitigen Rande des Grundes standen und die
Aufgabe, die Russen auch vom jenseitigen Rande zu vertreiben, aufs neue
aufnehmen mussten. Dass dies geschehen würde, war unzweifelhaft; ein Verzicht
darauf würde soviel wie Verlust der Schlacht bedeutet haben. Es war also nur die
Frage: wann?
    Zwei Stunden blieben wir in Erwartung; es schien, dass man an oberster Stelle
schwankte; endlich kam Befehl, alle in Front stehenden Kräfte zusammenzufassen
und auf der ganzen Linie noch einmal vorzugehen. Unserer Brigade Tielmann, bis
auf die Hälfte zusammengeschmolzen, war dabei der Löwenanteil zugedacht; sie
erhielt Ordre, die gefürchtete Rajewskischanze, den festesten Punkt der
feindlichen Zentrumsstellung, zu stürmen. Ein Schanzensturm mit Kavallerie!
    Es war Nei selbst, der diesen Befehl überbrachte. General Tielmann zeigte
statt aller Antwort auf die zertrümmerte Brigade: vierhundert Reiter auf müden
Pferden. Aber Nei, in der furchtbaren Erregung des Moments, zog das Pistol aus
dem Halfter und hielt es im Anschlag, zum Zeichen, dass er bereit sei, jeden
Versuch eines Widerspruchs zum Schweigen zu bringen. Tielmann setzte sich vor
die Front, die Trompeter bliesen, und abermals ging es gegen den Grund. Diesmal
mit halblinks, weil die Rajewskischanze um fünfhundert Schritte weiter
flussabwärts lag. Was und wen wir im Anreiten verloren, weiss ich nicht mehr, weil
sich alles, was nun kam, in wenige Minuten zusammendrängte. Nur so viel, dass die
Verluste bedeutend waren. Jetzt waren wir heran und im nächsten Augenblick unten
in der Schlucht; aber das war nicht mehr das leere Flussbett, in dem wir drei
Stunden vorher, als wir in weitem Bogen von Utiza her einschwenkten, einen
beinahe vollkommenen Schutz vor dem feindlichen Kreuzfeuer gefunden hatten,
sondern in eben dieser schutzgebenden Vertiefung hatten sich jetzt frische, aus
der Reserve her vorgezogene Batailone eingenistet und empfingen uns, in dichten
Knäueln Stellung nehmend, erst mit Flintenfeuer, dann, wenn wir die Knäuel
sprengten, mit Kolben und Bajonett. Doch umsonst; wie die Windsbraut gingen wir
hindurch oder dran vorüber, denn unsere Aufgabe war nicht, uns hier unten in
Gruppen- und Knäuelkämpfen zu vertun, sondern drüben die hoch aufragende
Rajewskischanze im ersten Anlauf zu nehmen. Und jetzt waren wir den steilen
Flussbettabhang wieder hinauf und hielten vor der noch steileren Böschung der
Schanze selbst. Unsere vordersten Züge bogen unwillkürlich nach rechts hin aus
und suchten durch eine im Halbkreis gehende Bewegung die Kehle der Schanze zu
gewinnen, die nachfolgenden Rotten aber, als wäre die Schanzenböschung nur die
Fortsetzung des eben im Fluge genommenen Flussbettabhanges, jagten die Redoute
hinauf und sprengten von oben her mitten in die Schanze hinein. Ein Kampf Mann
gegen Mann entspann sich; die Kanoniere, die nach Wischer und Hebebäumen
griffen, wurden niedergehauen; was übrigblieb, warf die Waffen fort und gab sich
zu Gefangenen. Nur General Lichatschew, der hier kommandierte, wollte keinen
Pardon. Er hatte eine Stunde vorher die Schanze verlassen, um bei General
Kutusow über den damals gut stehenden Gang des Gefechtes zu rapportieren. »Wo
liegt die Schanze?« hatte Kutusow gefragt, und Lichatschew hatte die rechte Hand
erhoben, um die Richtung anzugeben. Eine Sechspfünderkugel riss ihm die Hand
fort; er hob die Linke, zeigte scharf gegen Süden und sagte: »Dort.« Dann war
er, nur leicht verbunden, in die ihm anvertraute Schanze zurückgekehrt. Nun lag
er tot unter den Toten.
    Das Zentrum war durchbrochen, die Rajewskischanze in unseren Händen. Als, um
uns abzulösen, die Division Morand heranrückte und General Tielmann den Befehl
zum Sammeln der Brigade gab, war kein Trompeter mehr da, um zu blasen. Ein
Schwerverwundeter endlich liess sich aufs Pferd heben und blies die Signale. So
gingen wir auf die andere Seite des Grundes zurück.
    Es war erst drei Uhr, aber die Kraft beider Heere war wie ausgebrannt. Wir
hatten ein Drittel, die Russen die Hälfte ihres Bestandes an diesen Tag gesetzt.
Kutusow, in einem Kriegsrat, der abgehalten wurde, beschloss, bis hinter Moskau
zurückzugehen. Er wusste, dass man's ihm nicht zum Guten anrechnen werde, und
sagte: »Je payerai les pots cassés, mais je me sacrifie pour le bien de ma
patrie.«
    Am andern Morgen trat er den Rückzug an; Napoleon folgte den Tag darauf.
Auch wir. Wir waren nur noch ein Trümmerhaufen; was wir gewesen, das lag bei
Semenowskoi und in der Rajewskischanze, aber in unsere Standarten durften wir
den Namen schreiben: Borodino!
 
                                Zwölftes Kapitel
                                Durch zwei Tore
An »Borodino« knüpften sich hundert Fragen, und von Meerheimb, während er diese
Fragen beantwortete, blieb der Mittelpunkt des Kreises. Er erzählte von dem
Marsche über das unaufgeräumte, die entsetzlichsten Szenen bietende
Schlachtfeld, von dem Einzug in Moskau, von ihren Hoffnungen und Enttäuschungen,
endlich von dem Aufgeben der verödeten und mittlerweile zu einer Brandstätte
gewordenen Hauptstadt. Mit dem Bilde, das er von diesem Elend entwarf - eine
Woche später war er verwundet worden -, brachen seine Schilderungen ab. Es
konnte dabei nicht fehlen, dass einzelner französischer Heerführer, Neis oder
Nansoutys, noch häufiger Murats und des Vizekönigs, mit wenig verhehlter
Vorliebe gedacht wurde; aber die Verhältnisse lagen damals in Preussen und ganz
besonders in seiner Hauptstadt so eigentümlich, dass solcher Vorliebe ohne die
geringste Besorgnis vor einem Anstoss Ausdruck gegeben werden konnte. Niemand
wusste, wohin er sich politisch, kaum, wohin er sich mit seinem Herzen zu stellen
hatte, denn während unmittelbar vor Ausbruch des Krieges dreihundert unserer
besten Offiziere in russische Dienste getreten waren, um nicht für den
»Erbfeind« kämpfen zu müssen, standen ihnen in dem Hilfscorps, das wir eben
diesem »Erbfeinde« hatten stellen müssen, ihre Brüder und Anverwandten in
gleicher oder doppelter Zahl gegenüber. Wir betrachteten uns im wesentlichen als
Zuschauer, erkannten deutlich alle Vorteile, die uns aus einem Siege Russlands
erwachsen mussten, und wünschten deshalb diesen Sieg, waren aber weitab davon,
uns mit Kutusow oder Woronzow derartig zu identifizieren, dass uns eine
Schilderung französischer Kriegsüberlegenheit, an der wir, gewollt oder nicht
gewollt, einen hervorragenden Anteil hatten, irgendwie hätte verletzlich sein
können.
    Es schlug eben sechs, als von Meerheimb sich erhob, um den Beginn einer
Opernvorstellung - die »Vestalin« wurde gegeben - nicht zu versäumen. Als sich
herausstellte, dass er kein Verabredung mit anderen Kameraden getroffen habe,
wurde beschlossen, ihn in die Vorstellung zu begleiten; nur Hansen-Grell und
Lewin lehnten ab und schritten auf verschiedenen Wegen ihrer Wohnung zu.
    Lewin hatte noch die Vorlesung im Sinn, die nicht als Schlachtbeschreibung,
wohl aber als Schilderung überhaupt einen grossen Eindruck auf ihn gemacht hatte.
Er sah das brennende Semenowskoi und wie die Pferde, im flüchtigen Passieren der
Brand- und Schwelstätte, in die verräterisch mit Aschenschutt überdeckten
Kellerlöcher stürzten; er sah die tiefen russischen Kolonnen, zwischen denen,
als gält es eine Spiessrutengasse zu passieren, Oberst von Leiser und seine
Todesschar hindurchjagten, und er sah endlich, wie sich ein Wiesenstreifen
plötzlich mit gelben Schafpelzreitern füllte, Baschkiren und Kalmücken, die nun
nach Art eines Wespenschwarms ihre Opfer niederstachen. All das sah er, und
dazwischen, wie eine Melodie, die er nicht loswerden konnte, hörte er die Worte
des alten Compans: »Sire, es liegt in der Schanze.«
    Es klang ihm noch im Ohr, als er die Treppe zu seiner Wohnung hinaufstieg.
Hier fand er alles hell und licht. Frau Hulen musste sich die Stunde seiner
Rückkehr genau berechnet oder seinen Schritt auf dem Hausflur richtig erkannt
haben, jedenfalls brannte schon die kleine grüne Studierlampe auf seinem
Schreibtisch und schien ihn zu sich einzuladen. Er liess auch nicht lange auf
sich warten, nahm Platz und warf einen Blick auf die Bücher, Blätter und Briefe,
die noch ebenso lagen, wie er sie vormittags, als er sich für das Jürgasssche
Frühstück rüstete, zurückgelassen hatte. Renatens Brief überflog er noch einmal,
ohne dass sich der Eindruck sonderlich gesteigert hätte; es blieb, wie es war;
der äussere Schaden durfte neben dem inneren Gewinn nicht in Betracht kommen.
Andererseits trieb es ihn auch wieder, seinen Gedanken, die das Sorgenvolle
eines zweiten stattgehabten Brandunglücks innerhalb wenig mehr als Jahresfrist
nicht verkennen konnten, womöglich eine freundlichere Richtung zu geben, und die
zur Hand liegenden Bücher sollten ihm dabei behülflich sein. Zuoberst lag noch
immer der Band Herder. Als er ihn wieder aufschlug, fiel sein Auge auf dasselbe
Lied, dessen Schlusszeilen ihn am Vormittage so weh ums Herz gemacht hatten, und
abergläubisch, wie er war, sah er darin ein Zeichen von wenig guter
Vorbedeutung. Er schloss verdriesslich das Buch, das ihm die gewünschte
Freudigkeit nicht geben wollte, und weiter suchend, entdeckte er endlich ein
broschürtes Heft, auf dessen zitronengelbem Umschlag, neben seinem eigentlichen
Titel: »Chants et Chansons populaires«, noch von Tante Amelies
charakteristischer Hand die Worte geschrieben standen: »Dedié à son cher neveu
L. v. V. par Amélie, Comtesse de P.; Château de Guse, Noël 1812.« Lewin, voller
Misstrauen in den literarischen Geschmack der Guser Tante, hatte sich noch nicht
entschliessen können, in das Büchelchen hineinzusehen; lächelnd griff er jetzt
nach demselben und blätterte darin. Eine der kleineren Abschnittsüberschriften,
die er sich, vielleicht nicht ganz richtig, mit »Kinderreime« übersetzte, reizte
flüchtig seine Neugier, und er begann zu lesen:
Ma petite fillette, c'est demain sa fête.
Je sais pour elle ce qui s'apprête:
Le boulanger fait un gâteau,
La couturière un petit manteau...
»Das ist ja allerliebst«, sagte er, »und ganz, wonach ich mich gesehnt habe. Wie
mir diese Reime wohltun!« Und er las unter steigendem Interesse bis zu Ende. Die
Zeilen hafteten sofort in seinem Gedächtnis; aber das genügte ihm nicht, er
wollte sie deutsch haben, wobei dahingestellt bleiben mag, ob nicht vielleicht
schon die nächste Kastaliasitzung mit aufmunterndem Winken vor seiner Seele
stand. Jedenfalls war es unter dem Einfluss einer freudig erregten Stimmung, die
auch dem Übersetzer rascher die Feder führt, dass er wie im Fluge die Reimpaare
der zierlichen kleinen Strophe niederschrieb. Nur der »petit manteau« der
couturière hatte ihm eine kleine Schwierigkeit gemacht.
    Die letzte Zeile stand noch kaum auf dem Papier, als es klopfte und Frau
Hulen eintrat. Sie brachte den Tee.
    »Setzen Sie sich, Frau Hulen, ich will Ihnen etwas vorlesen.«
    Die Alte blieb an der Tür stehen und sah verlegen auf ihren jungen Herrn.
Jetzt erst merkte dieser, dass er, in dem Übermut plötzlicher guter Laune, einen
gewagten Schritt getan habe, und die Reihe des Verlegenwerdens kam an ihn. Er
getröstete sich jedoch, wie so viele vor und nach ihm, mit der alten Anekdote,
dass auch Molière das Urteil seiner Haushälterin zu Rate gezogen habe, und sagte
deshalb, während Frau Hulen das Teebrett niedersetzte, mit ziemlich
wiedergewonnener Unbefangenheit: »Hören Sie nur zu; es ist nicht schlimm.
Zu meiner Enklin Namenstag
Ihr jeder etwas bringen mag:
Der Bäcker bringt ein Kuchenbrot,
Der Schneider einen Mantel rot,
Der Kaufmann schickt ihr, weiss und nett,
Ein Puppenkleid, ein Puppenbett,
Und schickt auch eine Schachtel rund
Mit Schäfer und mit Schäferhund,
Mit Hürd' und Bäumchen, paarweis je,
Und mit sechs Schafen, weiss wie Schnee;
Und eine Lerche, tirili,
Seit Sonnenaufgang hör ich sie,
Die singt und schmettert, was sie mag,
Zu meines Lieblings Namenstag.
Nun, Frau Hulen«, schloss Lewin seine Vorlesung, »was meinen Sie dazu?«
    Die Alte zupfte an ihrem Haubenband und sagte dann: »Sehr hübsch.«
    »Das ist mir zuwenig.«
    »Ja, junger Herr, ich kann es doch nicht wunderschön finden!«
    »Warum nicht?«
    »Es geht alles so klipp und klapp wie ein Fibelvers.«
    »Das ist es ja eben; das soll es ja. Ganz richtig. Sie sind doch eine kluge
Frau, Frau Hulen, und wenn ich wieder einen Fibelvers schreibe, so sollen Sie
auch wieder die erste sein, die ihn zu hören kriegt.«
    Es schien nicht, dass die Mitteilung einer derartig bevorstehenden
Auszeichnung von derjenigen, an die sie sich richtete, in ihrem ganzen Werte
gewürdigt wurde; Frau Hulen suchte vielmehr, während sie sonst das Plaudern über
die Massen liebte, die Rückzugslinie zu gewinnen, und erst als sie die Türklinke
schon in der Hand hatte, wandte sie sich noch einmal und sagte: »Ach, da war
auch der junge Schnatermann hier...«
    »Von Lichtenberg?«
    »Ja, von Lichtenberg. Er brachte eine Empfehlung von seinem Vater, und sie
hätten morgen ein Dachsgraben in der Dahlwitzer Forst. Es kämen noch andere
Berliner Herren. Ob der junge Herr auch vielleicht Lust hätte? Elf Uhr am
Lichtenberger Weg.«
    Lewin nickte.
    »Das trifft sich gut; Donnerstag ist ein freier Tag. Wecken Sie mich früh,
Frau Hulen.«
    Und damit wünschten sie sich eine gute Nacht.
    Lewin war zu guter Stunde auf, und da nur mässige Kälte herrschte, so
bedurfte es für ihn, der ohnehin gegen Wind und Wetter abgehärtet war, keiner
sonderlichen Vorbereitungen, um sich für die Partie zu rüsten.
    Der Weg bis zum Rendezvousplatz war nicht allzu weit und hielt sich vom
Frankfurter Tore aus auf derselben Pappelallee, die Lewin auf seinen Besuchs-und
Ferienreisen nach Hohen-Vietz ungezählte Male passiert hatte. Er kannte bis nach
Lichtenberg und Friedrichsfelde hin jedes einzelne Etablissement und versäumte
selten, wenn er an der »Neuen Welt«, einem vielbesuchten Vergnügungslokal,
vorüberkam, ein Glas Bernausches zu trinken und mit dem alten blauschürzigen
Wirt, der immer selbst bediente, einen langen Diskurs zu halten. Heute gebot es
sich aber doch, auf solche Diskurse, die leichter anzufangen als abzubrechen
waren, Verzicht zu leisten, und so schritt er denn an dem Etablissement vorüber,
vor dem eben ein mit zwei grossen Hunden angeschirrter Brotwagen abgeladen wurde.
    Er war noch kaum dreihundert Schritt drüber hinaus, als er auf dem breiten
Fahrdamm, auf dem er bequemlichkeitshalber selber ging, einen ungeordneten Trupp
Menschen auf sich zukommen sah, vierzig oder fünfzig, soweit es sich in der
Entfernung abschätzen liess. Es schien, dass auch er bemerkt worden war, denn der
Trupp, sei es auf ein Kommandowort oder aus Antrieb jedes einzelnen, begann sich
plötzlich militärisch zu ordnen, und Lewin, der nicht wusste, was er aus dieser
Erscheinung machen sollte, trat auf die Seite, um die Näherkommenden an sich
vorbei zu lassen. Er hatte jedoch noch eine Weile zu warten, denn es waren keine
raschen Fussgänger mehr, die da heranmarschierten. Endlich liessen sich die
vordersten deutlich erkennen. Sie trugen graue Mäntel samt einem Czako und
konnten auf den ersten Blick noch als eine uniformierte Truppe gelten, aber bei
genauerer Musterung zeigte sich der ganze Jammer ihres Zustandes. Die Stiefel,
soweit sie deren hatten, waren aufgeschnitten, um die verschwollenen Füsse minder
schmerzvoll hineinzuzwängen, und wenn der Wind den Mantel auseinanderschlug, sah
man, wie die Gamaschen herabhingen oder völlig fehlten. Alles desolat. Ihre
teils froststarren, teils längst erfrorenen Hände waren in Tuch- und Zeuglappen
gewickelt, und von Waffen hatten sie nichts mehr als das Seitengewehr. Sie sahen
nach Lewin hin und grüssten ihn artig, aber scheu.
    Nach dieser Infanterieabteilung kam Kavallerie, Kürassiere, zehn Mann oder
zwölf, die Reste ganzer Regimenter. Sie waren in besserem Aufzug, hatten noch
ihre weissen Mäntel, zum Teil auch noch die hohen Reiterstiefel, und trugen zum
Zeichen, dass sie durch Missgeschick und nicht durch Schuld ihre Pferde verloren
hätten, die Sättel derselben über die eigenen Schultern gelegt. Einige hatten
noch ihre Helme mit den langen Rossschweifen, und diese wider Willen
herausfordernden Überbleibsel aus den Tagen ihres Glanzes gaben ihrer
Erscheinung etwas besonders Grausiges.
    Den Schluss machte wieder Infanterie, die von einem am linken Flügel
marschierenden Korporal in zerschlissener, aber noch vollständiger Equipierung
geführt wurde. Es war ein grosser, hagerer Mann mit schwarzem Kinnbart und
tiefliegenden Augen, unverkennbar ein Südfranzose. Lewin fasste sich ein Herz,
trat an ihn heran und sagte: »Vous venez...«, aber die Stimme versagte ihm, und:
»de la Russie«, ergänzte der Korporal, während er die Hand an den Czako legte.
    Im nächsten Augenblick war der Trupp vorüber, ein Leichenzug, der sich
selber zu Grabe trug. Lewin sah ihm minutenlang nach, und Empfindungen, wie sie
seine Seele nie gekannt, durchwühlten ihn.
    »Das sind sie, denen wir aufpassen und Fallen legen und die wir dann
hinterrücks erschlagen sollen. Nein, Papa, das wäre schlimmer als den Schlaf
morden, schlimmer als das Schlimmste.«
    Er hing seinen Gedanken noch eine Weile nach, dann wandte er sich wieder
vorwärts, um das Rendezvous am Lichtenberger Weg zu erreichen.
    Aber er hielt bald wieder inne. Ein tiefes Mitleid überkam ihn, zugleich ein
unendliches Verlangen, diesen Unglücklichen ein Rat, eine Hülfe zu sein, und
Rendezvous und Schnatermann, Dahlwitzer Forst und Dachsgraben leichten Herzens
aufgebend, beschloss er, wieder in die Stadt zurückzukehren.
    Der Vorsprung, den der kleine Trupp gewonnen hatte, war nicht gross, und
schon am Ausgang der Frankfurter Linden holte er die letzte Sektion desselben
wieder ein. Er sah hier, dass viel Volks um die einzelnen her war, beruhigte sich
aber, als er wahrnahm, dass es meist Neugier und Teilnahme war, was sie
begleitete. Nur einzelne Hassesworte wurden laut; Hohn und Spott schwiegen. Er
hielt sich deshalb zurück und folgte nur in einiger Entfernung dem Zuge, der
erst über den Alexanderplatz in die Königsstrasse, dann über den Schlossplatz in
die Behrenstrasse ging. Hier befand sich die französische Kommandantur, in deren
grossen Hof, nachdem man zuvor leise gepocht, diese Rückzugsavantgarde der
ehemaligen »Grossen Armee« eingelassen wurde. Die Menge draussen, die bald
ermüdete, verlief sich in die Nachbarstrassen.
    Nur Lewin blieb. Er mochte eine Viertelstunde vor dem Hause auf und ab
geschritten sein, als die grosse Portaltür sich von innen her öffnete und fünf
von den weissmäntligen Kürassieren wieder auf die Strasse traten. Die Sättel
hatten sie in der Kommandantur zurückgelassen. Mit dem scharfen Auge, das die
Not gibt, erkannten sie Lewin sofort wieder, traten an ihn heran und hielten ihm
fragend und bittend die Quartierbillets entgegen, mit deren Inhalt sie nichts
anzufangen wussten. Lewin las die Zettel, die sämtlich auf ein und dasselbe
kasernenartige Haus am »Rondel«, wie damals noch der jetzige
Belle-Alliance-Platz hiess, ausgestellt waren.
    »Suivez-moi«, sagte er und trat rechts neben den Vordersten. Sie folgten
ruhig, ohne dass ein Wort gesprochen wurde.
    Als sie den Wilhelmsplatz fast schon passiert und den Eckpunkt erreicht
hatten, wo die Statue Winterfeldts steht, hörten sie kriegerische Musik, die,
wenn das Ohr nicht täuschte, vom Potsdamer Tor oder aus der Nähe desselben
herkommen musste. Lewin, solchen Klängen nicht gut widerstehend, setzte sich in
ein schnelleres Marschtempo, hielt aber wieder inne, als er wahrnahm, dass es den
ermüdeten Kürassieren schwer wurde, ihm zu folgen. Er wandte sich, wie um durch
Freundlichkeit seinen Fehler wiedergutzumachen, an den unmittelbar neben ihm
Gehenden und sagte, mit dem Finger nach der Richtung hinzeigend, von wo die
Musik kam: »Entendez-vous?«
    Und über die matten Züge des Angeredeten flog ein Lächeln, als er
antwortete: »Ce sont des clairons français!«
    Mittlerweile waren sie bis an die Ecke der Wilhelms- und Leipziger Strasse
gekommen und sahen vom Tore her, denn der Zug schien endlos, eine ganze
französische Division im Anmarsch. Die Musik schwieg eben, wahrscheinlich um
Atem zu schöpfen; auf dem Bürgersteige aber, zu beiden Seiten der
heranmarschierenden Kolonne, drängten sich dichte Volksmassen, ja waren teilweis
weit voraus, um rascher nach dem Lustgarten zu kommen, wo, wie man wusste,
Truppeneinzüge und andere militärische Schauspiele abzuschliessen pflegten. Lewin
samt seinen Schutzbefohlenen war unter einen Torweg getreten und konnte den
lauten Äusserungen der dicht an ihm vorüberflutenden Menge mit Leichtigkeit
entnehmen, dass es die von Italien her frisch eingetroffene Division Grenier sei,
was da jetzt in allem militärischen Pomp die Leipziger Strasse heraufkomme. Er
hörte auch, dass General Augereau, der Gouverneur von Berlin, der Division bis
Schöneberg entgegengeritten sei, um sie feierlich einzuholen und den Berlinern
in beherzigenswerter Weise zu zeigen, dass der Kaiser nach wie vor unerschöpfte
Hilfsquellen und trotz Moskau noch immer Armeen habe.
    Es waren immer dieselben Namen und Bemerkungen, die laut wurden; jetzt aber
schwieg alles, denn die Spitze der Kolonne, General Augereau selbst, war heran,
ein grosser, starker Mann mit Adlernase und durchdringendem Blick. Er trug die
Uniform eines Marschalls von Frankreich. Die demontierten Kürassiere, als sie
seiner ansichtig wurden, rückten sich zurecht, und einer, der ihn schon vom
italienischen Feldzug her kannte, flüsterte den andern zu: »Voilà le Duc de
Castiglione!«
    Eine Suite von Ordonnanzoffizieren folgte unmittelbar, und erst als auch
diese vorüber war, liess sich die Front des an der Tête marschierenden Bataillons
mit Deutlichkeit erkennen. Es war italienische junge Garde. Vorauf ein
Tambourmajor, klein und mager, aber mit einem fuchsfarbenen Schnurrbart, der bis
an die roten Epauletten reichte. Fünf Schritt hinter ihm ein riesiger Mohr, nur
mit Kopf und Hals über die hochaufgeschnallte Regimentspauke hinwegragend, und
neben demselben ein vierzehnjähriger Hornist, ein bildschöner, und wie sich
leicht erkennen liess, von allen Weibern verhätschelter Junge, der lachend und
kokett seine weissen Zähne zeigte. Er trug ein kleines silbernes Clairon in der
Rechten und sah nach den Fenstern hinauf, um wahrzunehmen, ob er auch beobachtet
werde.
    Die Musik schwieg noch immer. Aber jetzt, keine dreissig Schritt mehr von der
Wilhelmsstrassenecke entfernt, hob der Tambourmajor seinen Stock, warf ihn in die
Luft und fing ihn wieder. Im selben Moment gab der Mohr einen Paukenschlag, und
der kleine Hornist neben ihm setzte das silberne Horn an den Mund und
schmetterte die Signale. Dann wieder ein Paukenschlag; das Clairon schwieg, und
die aus vierzig Mann oder mehr bestehende Regimentsmusik fiel ein. Im
Geschwindschritt ging es vorüber; Sappeurs folgten, dann Grenadiere, und
unablässig liefen Kommandoworte die lange Reihe der Bataillone hinunter.
    Als Lewin sich nach seinen Gefährten umsah, standen sie abgewandt. Von ihrem
alten Stolze war nichts übriggeblieben als die Scham über ihr Elend. Er wollte
nicht sehen, was er nicht sehen sollte, und richtete deshalb sein Auge wieder
auf die Kolonne, die jetzt mit dem letzten ihrer Bataillone defilierte. Erst als
auch dieses vorüber war, legte er seine Hand leise auf die Schulter des ihm
Zunächststehenden und sagte: »Eh bien, hâtons-nous!«
    So schritten sie, ohne dass weiter ein Wort gesprochen worden wäre, die
Wilhelmsstrasse bis nach dem Rondel hinunter.
    Als sie eine Viertelstunde später hier schieden, stellten sich die fünf
Weissmäntel wie in Reih und Glied nebeneinander und legten salutierend die Hand
an den Korb ihres Pallasch. In ihrem Auge aber lag, was ein edles Herz am
meisten erschüttert: der Dank des Unglücks.
 
                              Dreizehntes Kapitel
                            Ein Billet und ein Brief
Und solche Gegensätze, wie sie Lewin an jenem Vormittage, der für ihn wenigstens
die Schnatermannsche Jagdpartie scheitern sah, beobachtet hatte, brachte von da
ab jeder Tag: durch die nordöstlichen Tore der Stadt zog das Elend, durch die
westlichen der Glanz des Krieges herein. In den Strassen aber begegneten beide
einander und sahen sich verwundert, oft beinahe feindselig an. »So waren wir«,
sagten die finstern Blicke der einen, aber das entsprechende: »So werden wir
sein« erlosch in dem Leichtsinn und der Eitelkeit der anderen.
    Unter den Berlinern, die nach ihrer Gewohnheit nicht leicht einen
Truppeneinzug der einen oder anderen Art versäumten, nahm sich jeder aus diesem
Gegensatz der Erscheinung das heraus, was ihm passte, und auch in dem Kreise
unserer Freunde, das Ladalinskische Haus mit eingeschlossen, gingen die
Ansichten darüber weit auseinander, ob der in seinem schmutzigen, am Wachtfeuer
halb verbrannten Mantel heranmarschierende Veteran oder der riesige,
goldbetresste und paukenschlagende Mohr des Grenierschen Corps als das richtigere
Bild des Kaiserreiches anzusehen sei. Bninski, der mit Hilfe einer nach Polen
hin lebhaft geführten Korrespondenz von den bedeutenden Truppenmassen
unterrichtet war, die sich eben damals, unter dem Befehl des Vizekönigs, in den
Weichselfestungen, im Warschauschen und Posenschen zusammenzogen, sah durch das
Eintreffen frischer Divisionen aus dem Süden, von deren Existenz er selbst keine
Ahnung gehabt hatte, nicht nur jede momentane Gefahr des Kaiserreichs beseitigt,
sondern knüpfte auch an diese scheinbare Unerschöpflichkeit aller Hilfsquellen
die weitgehendsten Hoffnungen, während andererseits Jürgass, Hirschfeldt und von
Meerheimb - besonders dieser letztere, der die totale Deroute vor Augen gehabt
hatte - an ein Wiederaufgehen des Napoleonischen Sternes nicht glauben wollten.
    »Er mag neue Armeen aus der Erde stampfen«, sagte Meerheimb, »aber nicht
solche, wie zwischen Smolensk und Moskau begraben liegen.«
    Lewin, unpolitisch und seiner ganzen Natur nach abhängig vom Moment, kam zu
keiner bestimmten Überzeugung und sah das Kaiserreich sinken und sich wieder
heben, je nach den heitern oder tristen Szenen, deren zufälliger Augenzeuge er
sein durfte.
    Eine Woche war vergangen, wieder ohne Kastaliasitzung, was in der peinlichen
Akkuratesse seinen Grund hatte, mit der seitens aller Mitglieder an ihrem
»Dienstage« festgehalten wurde. Dieser letzte Dienstag aber hatte, mit
Einrechnung der Gäste, so ziemlich den halben Kastaliabestand: Jürgass, Bummcke,
Tubal, dazu Hirschfeldt und Meerheimb nach Potsdam entführt, wo am
darauffolgenden Tage die Konfirmation des Kronprinzen in der Schlosskapelle und
daran anschliessend ein Gottesdienst in der Garnisonkirche stattfinden sollte.
Tubal machte den Ausflug in Begleitung seines Vaters, der eine direkte
Einladung, der Feierlichkeit beizuwohnen, erhalten hatte. Auch die Gegenwart
Katinkas wäre dem Geheimrat erwünscht gewesen, war aber, zu sichtlichem Verdruss
desselben, von der an selbständiges Handeln gewöhnten Tochter abgelehnt worden.
Sie kannte nichts Ermüdenderes als Zeremonien, namentlich kirchliche, und zog es
vor, »zu festlicher Begehung des Tages« sich für Mittwoch abend - an dem, zu
später Stunde erst, die nach Potsdam hin Geladenen zurückerwartet wurden - bei
der schönen Gräfin Matuschka anmelden zu lassen. Für den dann folgenden
Donnerstag war seit Anfang der Woche schon eine kleine, nur den engsten
Freundeskreis umfassende Reunion bei Ladalinskis festgesetzt, zu der
selbstverständlich auch Lewin eine Einladung empfangen und angenommen hatte. Er
durfte deshalb einigermassen überrascht sein, am Morgen dieses Tages ein
zierliches, in ein Dreieck zusammengefaltetes und mit blauem Lack gesiegeltes
Billet nachstehenden Inhalts zu erhalten: »Lieber Lewin! Ich glaubte Dich
vorgestern oder gestern, wo Papa und Tubal in Potsdam waren, erwarten zu dürfen;
aber Du verwöhnst mich nicht durch Aufmerksamkeiten. Siehst Du Gespenster? Sei
nicht töricht, Lewin. Ich schreibe Dir, weil ich den Wunsch habe, Dir einen
Morgengruss ins Haus zu schicken, und im übrigen nicht sicher bin, ob Du Deine
Zusage für heute abend noch im Gedächtnis hast. Poeten sind vergesslich; Verse an
mich hast Du schon längst vergessen. Katinka v. L.«
    Lewin las zwei-, dreimal, sich die Worte wiederholend: »Siehst Du
Gespenster?« und »Sei nicht töricht, Lewin.« Es war ihm einen Augenblick, als
schlösse sich ein tropischer, in berauschendem Dufte schwimmender Garten vor ihm
auf und Katinka, von einem Bosquet her, hinter dem sie sich versteckt gehalten,
spränge ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen und riefe ihm übermütig zu:
»Schlechter Sucher, der du bist! Warum konntest du mich nicht finden?« Aber dann
las er wieder: »Poeten sind vergesslich; Verse an mich hast Du längst vergessen«;
und er lachte bitter.
    »Dies ist der echte Ton, weil es der spöttische ist! Was sind ihr Verse? Oh,
ich verstehe sie ganz. Ein glücklicher Liebhaber ist ihr nicht des Glückes
genug, sie bedarf noch eines unglücklichen, um den Vollgeschmack des Glückes zu
haben. Deshalb hält sie mich fest. Das ist die Rolle, die sie mir zudiktiert!
Folie für einen glänzenderen Stein.«
    Er wollte das Billet zerknittern und fühlte doch, dass ihm die Hand versagte.
Eine weichere Stimmung überkam ihn, und er berührte die Stelle, die auf
Augenblicke wenigstens neue Hoffnungen in ihm angefacht hatte, mit seinen
Lippen. Dann faltete er das Blatt zusammen und steckte es zu sich.
    Es war ihm klar, dass die nächsten Stunden, wenn er sie an seinem
Schreibtische zubrächte, doch für ihn verloren sein würden; so brach er auf, um
in der Stadt Zerstreuung zu suchen. Er fand sie rascher, als er erwarten durfte.
An der Ecke des Ratauses standen Hunderte von Personen, um einen in
französischer und deutscher Sprache abgefassten, auf grosse gelbe Zettel
gedruckten Strassenanschlag zu studieren. Er trat hinzu und las über die Köpfe
der vor ihm Stehenden hinweg: »Seine Exzellenz der Herr Marschall, Commandant en
chef des elften Armeecorps, ist benachrichtigt, dass zu Berlin viele
Subalternoffiziere, auch Employés der Grossen Armee angekommen sind, die ihre
Corps, ohne dazu ermächtigt zu sein, verlassen haben. Seine Exzellenz befiehlt
allen vorgenannten Personen, die Stadt zu verlassen, widrigenfalls alle
diejenigen, die diesem Befehl nicht genügt haben, durch die Gendarmerie
verhaftet, ihre Namen aber dem Herrn Kriegsminister notifiziert werden sollen.
Alle Gastwirte sind angewiesen, keine der in nachstehender Ordre bezeichneten
Offiziers bei sich aufzunehmen, und werden im Betretungsfalle in eine näher zu
bestimmende Geldstrafe genommen werden. Gez. Augereau, Herzog von Castiglione.«
    Dieser Strassenanschlag, mehr noch als das neunundzwanzigste Bulletin, das in
den Weihnachtstagen erschienen war, entielt das Zugeständnis einer vollkommenen
Auflösung der Grossen Armee; die Disziplin war hin und mit ihr das
zusammenhaltende Band. Jeder, der die Bekanntmachung las, empfing diesen
Eindruck und liess es nach Berliner Art nicht an spitzen Bemerkungen fehlen.
»Employés und Subalternoffiziere! Von den Generälen ist keine Rede«, sagte der
eine; »und von den Marschällen erst recht nicht«, fügte ein anderer hinzu.
»Gewiss nicht; eine Krähe kratzt der andern die Augen nicht aus.« So ging es hin
und her, und dazwischen die mehr als einmal wiederholte Versicherung, dass die
Berliner Gastwirte keine französischen Polizeibeamten wären.
    Lewin löste sich bald aus dem Menschenknäuel heraus und traf in der Nähe der
Stechbahn ein paar Kommilitonen, die sich leicht bereden liessen, ein Kolleg zu
opfern und an einem Spaziergange nach Charlottenburg teilzunehmen. Es war ein
Marwitz und ein Löschebrand, Landsleute und alte Bekannte schon von den
Schulbänken des Grauen Klosters her. Sie schritten erst die Linden, dann die
grosse Chaussee hinunter auf das »Türkische Zelt« zu, wo sie, da zwölf Uhr
mittlerweile herangekommen war, ein Dejeuner bestellten.
    Unter lebhaftem Geplauder, das sich abwechselnd um Yorck und das
Augereausche Plakat, um Spontinis »Vestalin« und die Konfirmation des
Kronprinzen drehte, wurde Lewin der Verstimmungen Herr, die der Vormittag mit
sich gebracht hatte, und sah sich nur flüchtig wieder daran erinnert, als er,
beim Herausnehmen seiner Brieftasche, das seiner Form und Farbe nach
einigermassen auffällige Billet Katinkas zur Erde fallen liess.
    »Ei, Vitzewitz«, sagte Löschebrand, »ein Billet doux! Immer neue Seiten, die
wir an ihm kennenlernen; nicht wahr, Marwitz?« Dieser bestätigte, und im
nächsten Augenblicke war der Zwischenfall vergessen.
    Es mochte vier Uhr sein oder nur wenig später, als Lewin wieder in den Flur
seines Hauses trat und sich an dem alten, längst spiegelglatt gewordenen
Treppengeländer die halbweggelaufenen Stufen hinauffühlte.
    Er fand oben einen Brief vor, in dessen Aufschrift er, trotz des schon
herrschenden Halbdunkels, leicht die Hand seines Vaters erkennen konnte. Die
Scheiben glühten noch im Abendrot. Er trat deshalb an das Fenster und las:
                                                    »Hohen-Vietz, den 20. Januar
Lieber Lewin!
    Das Hohen-Vietzer Ereignis der vorigen Woche hat Dir Renate mitgeteilt, und
Deiner umgehenden Antwort hab ich entnehmen können, dass Du das Unglück, denn ein
solches bleibt es, mit derselben geteilten Empfindung ansiehst wie wir alle.
Eine niedergebrannte Scheune des Wirtschaftshofes und nun ein in Asche gelegter
Flügel des Herrenhauses gewähren freilich keinen erfreulichen Anblick, am
wenigsten den der Ordnung: aber sind es denn Zeiten der Ordnung überhaupt, in
denen wir leben? Und so stimmen die Brandstätten zu allem übrigen. Nichts mehr
davon. Es steht mehr auf dem Spiel als das.
    Unsere Organisation ist beendet. Ich sehe Drosselstein, der mehr Eifer
entfaltet, als ich bei seiner reservierten Natur erwarten konnte, beinahe
täglich, ebenso Bamme, mit dem ich mich auszusöhnen beginne. Er ist Feuer und
Flamme, und seinen beleidigenden Zynismus, von dem er auch jetzt nicht lässt,
paart er mit einer Selbstsuchtslosigkeit, ja, ich muss es sagen, mit einer
gelegentlichen Höhe der Gesinnung, die mich in Erstaunen setzt. Nächst ihm ist
Otegraven der tätigste. Er hat einen grossen Einfluss unter den Bürgern, und die
Schüler der beiden oberen Klassen hängen an jedem seiner Worte. Das Pedantische,
das ihm sonst eigen ist, hat er entweder abgestreift, oder, weil es in einem
starken Glauben an sich selber wurzelt, unterstützt es wohl gar die Wirkung
seines Auftretens.
    Wenn ich sagte, unsere Organisation sei beendet, so hatte ich dabei nur
unser Barnim und Lebus im Auge; an anderen Orten fehlt noch manches, so
namentlich in den durch ihre Lage so wichtigen Dörfern jenseits der Oder. Wir
diesseits haben eine Landsturmbrigade gebildet, vier Bataillone, die sich nach
ebenso vielen Städten unserer beiden Kreise benennen: Bernau, Freienwalde,
Müncheberg und Lebus. Die Ordre de bataille des letzteren wird Dich am meisten
interessieren, weshalb ich sie hier folgen lasse:
                            Landsturmbataillon Lebus
1. Compagnie Hohen-Ziesar: Graf Drosselstein
2. Compagnie Alt-Medewitz-Protzhagen: Hauptmann von Rutze
3. Compagnie Hohen-Vietz: Major von Vitzewitz
4. Compagnie Neu-Lietzen-Dolgelin: (Vacat).
Nach dem Prinzip, das Du hierin erkennen wirst - Bamme hat das Kommando der
Brigade übernommen -, verfahren wir überall. An Offizieren ist noch Mangel, weil
die Zahl derer, die nur mit Wind von oben segeln können, auch bei uns überwiegt.
In zehn oder zwölf Tagen muss trotz alledem alles schlagfertig sein, auch da, wo
man am meisten zurück ist.
    Dies ist in gewissem Sinne zu spät, um so mehr, als es für das, was ich in
den Weihnachtstagen vorhatte, auch heute schon zu spät sein würde. Die gesamte
französische Generalität, wie mir Otegraven aus Frankfurt und Krach, der in
Küstrin war, von dorter schreibt, ist glücklich über die Oder. In Zobelpelzen
und mit immer erneutem Vorspann, an dem es unsere Dienstbeflissenen nicht haben
fehlen lassen, sind sie dem Kaiser, der ihnen das Beispiel gab, gefolgt. Der
Nachteil, der uns daraus erwächst, ist unberechenbar; die Beseitigung der
Generäle, so oder so (von diesem Satze geh ich nicht ab), war eben wichtiger,
als es die Beseitigung der Armeereste je werden kann. Vieles ist versäumt,
unwiederbringlich verloren. Unsere Politik des Abwartens ist daran schuld.
    Aber eben dieses Abwarten, das uns so vieles versäumen liess, hat uns vor
ebenso vielem bewahrt, und wenn nun schliesslich zwischen guten und schlimmen
Folgen abgewogen werden soll, so ist es möglich oder - ich zögere nicht, dies
Zugeständnis zu machen - selbst sehr wahrscheinlich, dass sich die Waage nach der
guten Seite hin neigt. Vor drei Wochen glaubte ich, dass es ohne den König
geschehen müsse, jetzt weiss ich, und gesegnet sei dieser Wandel der Dinge, dass
es mit ihm geschehen wird. Wir werden einen Krieg haben nach alten preussischen
Traditionen. Ich wäre vor einem Volkskriege nicht erschrocken, denn erst das
Land und dann der Tron, aber wie unser märkisches Sprichwort sagt: Besser ist
besser.
    Ja, Lewin, ein Wandel der Dinge, an den ich nicht mehr zu glauben wagte, er
ist da, und die nächsten Tage schon werden ihn der Welt verkünden. Leicht
möglich, dass, wenn Du diese Zeilen erhältst, der erste der beabsichtigten
Schritte bereits geschehen ist.
    Und nun höre. Der Hof verlässt Potsdam und geht nach Breslau. Dieser Schritt
ist wichtiger, als Du ermessen kannst. Was ihn veranlasst hat, darüber gehen nur
Gerüchte. Es heisst, dass Napoleon beabsichtigt habe, sich des Königs zu
bemächtigen und ihn als Geisel, als Gewähr für die friedliche Haltung des
Landes, auf eine französische Festung abführen zu lassen. Ich untersuche nicht,
wieviel Wahres oder Falsches an diesem Gerüchte ist, es genügt, dass ihm der
König Glauben geschenkt hat. Unmittelbar nach der Konfirmation des Kronprinzen,
die heute stattfindet, wird der Aufbruch erfolgen. Es geht in fünf Etappen; das
Regiment Garde wird diese Übersiedelung begleiten oder decken. Breslau,
Schlesien sind gut gewählt; die Provinz ist die einzige, die keine französische
Besatzung hat, und Österreich, auf das wir rechnen, ist nahe.
    Und nun höre weiter!
    Auf den 26. ist das Eintreffen des Königs in Breslau festgesetzt; eine Woche
später wird er sein Volk zu den Waffen rufen. Der Entwurf zu diesem Aufruf ist
in meinen Händen gewesen; er spricht die Sprache, die jetzt gesprochen werden
muss, und es ist nur eins, was ihm fehlt: der Feind wird nicht genannt. Aber,
Gott sei Dank, es bedarf dessen nicht mehr. Yorcks zum Schein verworfene, aber,
wie ich jetzt mit Bestimmteit weiss, in allen Stücken gebilligte Kapitulation,
dazu der wahrscheinlich morgen schon stattfindende Aufbruch des Hofes, um sich
den Launen eines unberechenbaren Bundesgenossen zu entziehen, alles das lässt
keinen Zweifel darüber, wem es gilt.
    Und in die leere Luft verhallen wird dieser Aufruf nicht. Ich kenne unser
Volk. Es ist wert, dass es besteht, und es wird sich für sein Bestehen einsetzen.
Das ist alles, was es kann. Keiner hat mehr als sich selbst. Wir haben viele
Fehler, aber auch viele Vorzüge; es trifft sich, dass wir den Gegensatz von
schwarz und weiss nicht bloss in unseren Farben haben. Der Sinn fürs Ganze ist
seit des grossen Königs Tagen in uns lebendig geworden, und sehen wir das Ganze
hinschwinden, so schwindet uns auch die Lust an der eigenen Existenz. Denk an
den alten Major, der am Tage nach Kunersdorf in unserer Hohen-Vietzer Kirche
verblutete. Sein Blutfleck erzählt von ihm bis diesen Tag. Er dachte, dass
Preussens letzte Stunde gekommen sei; ich will sterben, Kinder, rief er, als sie
ihn niederlegten, und riss sich den Verband von seiner Wunde.
    Und solcher leben noch viele bei uns!
    Im übrigen, wir werden einen ordentlichen Krieg haben, Lewin, und
ordentliche Fahnen. Hörst Du: ordentliche, preussische, königliche Fahnen. Du
sollst mit mir zufrieden sein. Bin ich doch mehr in Dein Lager übergegangen als
Du in das meine. Schreibe bald; noch besser, komm! Alles grüsst: die Schorlemmer,
Renate, Marie. Selbst Hektor, der mich gross ansieht und zärtlich winselt,
scheint sich melden zu wollen.
                                             Wie immer Dein alter Papa B. v. V.«
 
                              Vierzehntes Kapitel
                                 Kleiner Zirkel
Die Einladung zu Ladalinskis hatte auf sechs Uhr gelautet; der alte Geheimrat,
wenn er es vermeiden konnte, liebte nicht die späten Zusammenkünfte. So war es
denn hohe Zeit für Lewin, sich zu rüsten. Und er tat es; aber nicht in bester
Laune. Immer wieder bestürmte ihn die seit Stunden vergebens zurückgedrängte
Frage, was Katinka mit ihrer zweiten, so rätselvoll zugespitzten Einladung
eigentlich bezweckt habe, und immer wieder lautete die Antwort: »Kokettes Spiel!
Sie bedarf meiner; ich bin ihr wertlos und wertvoll zugleich; sie hält mich wie
den Vogel am Faden und gefällt sich darin, den Faden nicht aus der Hand zu
lassen.« Das war der Grundton in seiner Betrachtung, in der nur leise
Hoffnungsstimmen mitklangen.
    Es schlug eben sieben vom Marien- und gleich darauf auch vom Nikolaiturm,
als unser Freund in das Ladalinskische Haus eintrat.
    Die Gesellschaft war schon versammelt, und zwar in dem uns bekannten kleinen
Damenzimmer, das heute, wo statt der rotdämmerigen Ampel eine grosse und helle
Astrallampe brannte, um vieles heiterer wirkte als an jenem Ballabend, der nur
zwei grosse Momente gehabt hatte: die Mazurka und die Nachricht von der
Kapitulation.
    Katinka, trotzdem sie beim Eintreten Lewins in einer intimen
Flüsterunterhaltung mit der schönen Matuschka war, begrüsste den wie gewöhnlich
um eine Stunde zu spät Kommenden mit ebensoviel Unbefangenheit wie
Freundlichkeit, und während dieser einen Stuhl nahm, um in den aus Tubal,
Bninski, Jürgass und dem alten Ladalinski gebildeten Halbkreis einzurücken,
unterliess sie nicht, über das »Zuspätkommen« der Poeten zu spötteln, das
übrigens nicht wundernehmen könne, da die Unpünktlichkeit die Schwester der
»Vergesslichkeit« sei. Dem letzteren Wort gab sie nicht nur einen verstärkten
Ton, sondern auch einen besondern Vertraulichkeitsausdruck, als ob sie sich
dadurch noch einmal zu dem ganzen Inhalt ihres Vormittagsbillets, das mit einem
leisen Vorwurf über seine »Vergesslichkeiten« geschlossen hatte, habe bekennen
wollen. Er seinerseits unterliess jede Antwort darauf, entweder weil ihn das
Spiel verdross oder weil er in eben diesem Augenblicke, vom Sofa her, die beiden
grossen Kristallgläser der alten, auch heute wieder neben dem Fräulein von
Bischofswerder sitzenden Oberhofmeisterin-Exzellenz scharf auf sich gerichtet
fühlte, doppelt scharf und böse, weil er sie durch sein verspätetes Eintreffen
in einem begonnenen Vortrag unterbrochen hatte. Voll Verlangen, sie, wenn irgend
möglich, wieder zu versöhnen, erhob er sich von seinem Stuhl, auf dem er kaum
erst Platz genommen hatte, um in etwas wirren Worten eine Entschuldigung zu
versuchen; die alte Exzellenz schlug aber mit unverkennbar absichtlichem
Geräusch ihre Lorgnette zusammen und lächelte hochmütig, wie um auszudrücken,
dass Schweigen und Dulden um vieles schicklicher gewesen sein würde, und fuhr
dann, an der Bischofswerder rücksichtslos vorbeisprechend, in ihren Mitteilungen
mit schnarrender Stimme fort: »Ich wiederhole Ihnen, lieber Ladalinski, dass
Seine Majestät morgen mit dem frühesten Potsdam verlassen werden. Das nächste
Nachtquartier wird in Beeskow genommen, einer kleinen Stadt, die besser ist als
ihr Ruf; sie hat ein ehemalig bischöfliches Schloss. Die Garden begleiten den
König. Tippelskirch hat an Kessels Stelle das Kommando übernommen. Kessel bleibt
in Potsdam. Seine Majestät gedenken am 26. in Breslau einzutreffen.«
    »Ich empfing eben eine gleichlautende Nachricht von meinem Vater aus
Hohen-Vietz«, bemerkte der in seiner Verlegenheit abermals fehlgreifende Lewin
und musste sich - da Blicke wirkungslos bleiben zu sollen schienen - nunmehr eine
direkte Reprimande von seiten der alten Gräfin-Exzellenz gefallen lassen.
    »Es ist nicht Art der preussischen Oberhofmeisterinnen«, erwiderte dieselbe
spitz, »Nachrichten über Seine Majestät den König in Umlauf zu setzen, die noch
der Bestätigung bedürfen. Es freut mich indessen, Ihren Herrn Vater so gut
unterrichtet zu sehen. Ich bitte, mich ihm bei nächster Gelegenheit in
Erinnerung bringen zu wollen. Seine Schwiegermutter, die Generalin von Dumoulin,
war eine Jugendfreundin von mir.«
    Lewin, der nicht wusste, was er aus diesen Worten machen sollte, in denen
sich neben aller Überhebung doch auch wieder ein leiser Anflug von Teilnahme
aussprach, hielt es für das geratenste, alles Unliebsame darin zu überhören, und
verbeugte sich artig gegen die alte Gräfin, während diese mit Wichtigkeit
fortfuhr:
    »Augereau hat strikten Befehl, sich in bestimmt vorgezeichneten Fällen,
namentlich im Fall eines Aufstandes, der Person des Königs zu bemächtigen, und
Seine Majestät, die seit länger als drei Wochen von diesem strikten Befehle
weiss, würde sich der drohenden Gefahr schon früher entzogen haben, wenn nicht
der Wunsch vorgeherrscht hätte, die bevorstehende Konfirmation des Kronprinzen,
die nun gestern, wie wir alle wissen, wirklich stattgefunden hat, abzuwarten.
Übrigens haben Seine Königliche Hoheit, was Ihnen, lieber Geheimrat, trotz Ihrer
Anwesenheit bei der Feier entgangen sein dürfte, zur Erinnerung an diesen
hochwichtigen Tag, aus den Händen Seiner Majestät einen kostbaren Ring
erhalten.«
    »Sans doute«, bemerkte Bninski.
    »Sans doute?« wiederholte fragend und gedehnt die alte Oberhofmeisterin, der
der spöttische Ton in der hingeworfenen Bemerkung des Grafen nicht entgangen
war. »Warum sans doute, Graf Bninski?«
    »Weil der Ring«, erwiderte dieser, »das Zeichen ewiger und unverbrüchlicher
Treue ist und eine Feier in diesem Lande, am wenigsten eine kirchliche, ohne
dieses Zeichen nicht wohl gedacht werden kann.«
    Der Geheimrat rückte verlegen hin und her. Es war ihm im höchsten Masse
peinlich, in seinem Hause, noch dazu in Gegenwart zweier Damen vom Hofe, Worte
fallen zu hören, deren ironische Bedeutung trotz des Ernstes, mit dem sie
vorgetragen wurden, niemandem entgehen konnte. Er sah deshalb zu dem Grafen
hinüber, ersichtlich bemüht, diesen, wenn nicht zu einem Wechsel des Gesprächs,
so doch wenigstens zu einem Wechsel des Tones zu veranlassen. Bninski aber
ignorierte diese Bemühungen und fuhr in demselben Tone fort: »Es zählt dies zu
den Eigentümlichkeiten deutscher Nation. Immer ein feierliches
In-Eid-und-Pflicht-Nehmen, dazu dann ein entsprechendes Symbol, und ich darf
sagen, ich würde überrascht sein, wenn dem kostbaren Ringe, den Seine Königliche
Hoheit aus den Händen des Königs, seines Vaters, empfangen hat, nicht noch eine
direkte Aufforderung zum Treuehalten, entweder in Form einer eingravierten
Devise oder eines Bibelspruchs, beigegeben sein sollte. Etwa: Sei getreu bis in
den Tod, oder dem ähnliches.«
    Die alte Gräfin presste die Lippen zusammen. Es war ersichtlich, dass sie
schwankte, in welcher Art sie replizieren solle; aber sich rasch für eine
versöhnliche Haltung entscheidend, sagte sie mit erzwungener guter Laune: »Ich
sehe, Graf, dass Sie von dem Ringe wissen. Wenn durch Inspiration, so
beglückwünsche ich Sie und uns. Der innere Rand trägt allerdings die Umschrift:
Offenbarung Johannis 2. V. 10. In diesem Punkte haben Sie recht behalten; aber
nicht darin, dass dieser Konfirmationsring eine Hof- oder Landessitte sei. Im
Gegenteil; es ist der erste Fall der Art.«
    »So wird es Sitte werden. Gute Beispiele pflegen einen fruchtbaren Boden in
dem loyalen Sinn des Volkes zu finden.«
    Sehr wahrscheinlich, dass die fortgesetzten Sarkasmen Bninskis doch
schliesslich alle friedlichen Entschlüsse der Oberhofmeisterin, die fast ebenso
heftig wie hochfahrend war, in ihr Gegenteil verkehrt hätten, wenn nicht in
diesem Augenblicke Katinka ihr bis dahin mit der schönen Matuschka geführtes
Gespräch abgebrochen und zwei Tabourets, für sich und ihren Plauder-Partner, in
den Halbkreis, zwischen Lewin und Bninski, hineingeschoben hätte.
    »Welche Blasphemien, Graf!« wandte sich Katinka an diesen. »Sollte man doch
meinen, wenn man den Ton Ihrer Worte vor Gericht stellen könnte, dass Sie geneigt
seien, den Ring für ein überflüssiges Ding in der Weltgeschichte zu halten. Aber
darin irren Sie. Nichts ohne Ring. Nicht wahr, Herr von Jürgass?«
    »Sans doute«, sagte dieser, der, ohne Furcht, dadurch anzustossen, das fast
zum Zankapfel gewordene Wort wiederholen durfte. »Ich stimme Fräulein Katinka
bei: nichts ohne Ring! Um ihn dreht sich alles in Leben, Sage, Geschichte; der
liebste war mir immer der des Polykrates, denn ich schätze Leute, die Glück
haben. Nun haben wir auch noch die Ballade dazu. Mit Hilfe eines Ringes
vermählte sich der Bischof seiner Kirche, der Doge dem Meere und selbst Heinrich
VIII. seinen sechs Frauen, dieser geniale Hazardeur mit dem six-le-va.
Beiläufig, eine Kollektivausstellung seiner sechs Trauringe müsste zu sonderbaren
Betrachtungen führen.«
    »O nichts von diesem König Oger, der es vergessen zu haben schien, dass
unschuldige Frauen auch eines natürlichen Todes sterben können.«
    »Aber Anne Bulen, meine Gnädigste, war überführt.«
    »Ach, ich bitte Sie, Jürgass, haben Sie je von einer überführten Frau gehört?
Ich glaube gar, Sie wollen ernstaft seinen Verteidiger machen; da hätt ich Sie
doch für galanter gehalten. Erzählen Sie mir lieber von besseren Ringen als von
den sechs Trauringen König Heinrichs.«
    »Dann kann ich nur noch von den drei Ringen der Puttkamers erzählen.«
    »Sie scherzen. Von den Tudors auf die Puttkamers! Das ist denn doch ein
Sprung. Im übrigen bin ich neugierig genug. Was ist es damit? Aber es muss etwas
Heiteres sein.«
    »Ich weiss nicht. Es beginnt gleich damit, dass diese drei Ringe nur noch zwei
sind. Und diese zwei sind wieder unsichtbar.«
    »Oh, das ist ein guter Anfang; etwas gespenstisch. Aber wir haben ja noch
früh. Also nur weiter.«
    »Nun gut. Es waren also drei Ringe, die die Wichtelmännchen oder die kleinen
Leute oder die Unterirdischen den Puttkamers zum Geschenke machten, vor langen,
langen Jahren, als Pommern eben fertig geworden war.«
    »Wann war das?«
    »Sagen wir hundert Jahre nach Fertigwerdung der Mark; diese Differenz müssen
Sie meinem Lokalpatriotismus zugute halten. Also die Puttkamers hatten ihre drei
Ringe, die sie, so hatten die Wichtelmännchen gesprochen, wahren und in Ehren
halten sollten, das würde dem Hause Glück und Segen bringen Und es kam auch
Segen ins Haus, namentlich an Kindern, bis plötzlich, niemand weiss wie, der eine
Ring verlorenging und der Segen sich minderte.«
    »Ah!« sagte Tubal.
    »Sie sagen Ah und atmen auf«, fuhr Jürgass fort. »Die Puttkamers aber mochten
auf den Segen nicht verzichten. Und weil sie sichergehen wollten, so baute der
reichste von ihnen ein schönes Schloss, und in den Schlossturm hinein, da wo die
Wände am dicksten sind, vermauerte er die beiden verbliebenen Ringe. Und da sind
sie noch und bergen, wie sich selbst, so auch das Glück des Hauses.«
    Das Fräulein von Bischofswerder, das bis dahin steif und unbeweglich auf dem
Sofaplatz gesessen hatte, hatte, während Jürgass sprach, immer lebhafter und
zustimmender ihr Kinn an den Hals gedrückt. Jetzt nahm sie das Wort. »Auch wir
hatten einen solchen Ring«, sagte sie, »der der Sage nach das Glück der Familie
begründen sollte.«
    »Und es wohl auch begründet hat«, unterbrach die alte Exzellenz. »Es war,
denk ich, der Geisterring Ihres Herrn Vaters, der die Lebendigen einschläferte
und die Toten zitierte.«
    »Gewiss«, erwiderte die Bischofswerder, die bei diesem Hohn ihre sonstige
Devotion hinschwinden fühlte, »gewiss, Exzellenz. Und unter diesen Toten befanden
sich ganze Familien, die ohne den Ring meines Vaters immer tot geblieben wären.
Ist nicht die Dankbarkeit auch eine deutsche Tugend, Graf Bninski?«
    Dieser, einigermassen überrascht, von so unerwarteter Seite her seine
Ketzereien unterstützt zu sehen, verbeugte sich gegen die Bischofswerder,
während der Geheimrat, von dem Gedanken geängstigt, die kaum erst überstandene
Gefahr in neuer Gestalt heraufziehen zu sehen, sich mit der Frage an Lewin
wandte: »Was war es doch, Lewin, mit dem Bredowschen Erbringe, von dem du mir
vor Weihnachten erzähltest? Nur der Eindruck ist mir geblieben. Ich hört es
gerne noch einmal. Exzellenz Reale wird es gestatten, und Katinka, die so
lebhaft für Ringe plädiert, muss dir dankbar sein, etwas zur Verherrlichung ihres
Temas zu hören.«
    »Gewiss«, bemerkte diese, »ich würde schon dankbar sein, unseren schweigsamen
Freund sich überhaupt an unserem Gespräche beteiligen zu sehen, doppelt, wenn es
in Verteidigung des Ringes und seiner weltistorischen Mission geschieht. Denn
jedes Ding braucht seinen Mann, und ich wüsste nicht, was besser zusammenpasste
als ein Ring und Vetter Lewin. Vor allem, wenn es ein Trauring ist. Es ist ein
stiller, natürlicher Bund zwischen beiden, und es liesse sich ein Märchen darüber
schreiben; ja ich glaube, ich könnte es, unpoetisch wie ich bin. Ich würde den
Trauring als einen kleinen runden, in seiner Mitte ausgehöhlten König auffassen,
der alle guten Leute beherrscht, die Ehrbaren und die Tugendsamen. Und an den
Stufen seines Trones stände sein erster Minister, als ehrbarster und
tugendsamster, und er hiesse Lewin.«
    Lewin wurde blass und rot, fasste sich aber rasch und sagte ruhig: »Nach einer
Charakterschilderung wie dieser werd ich mich freilich der an mich ergangenen
Aufforderung nicht entziehen können, um so weniger, als es von König Pharaos
Tagen her zu den Aufgaben und Vorrechten eines Tugendministers gehört, Träume zu
deuten und Geschichten zu erzählen. Und so beginn ich denn:
    Es war also wirklich ein Erbring, breit und mit allerhand Zeichen, und eine
junge Frau von Bredow, deren Eheherr, Josua von Bredow, Rittmeister und
Amtshauptmann von Lehnin war, trug ihn am Ringfinger der linken Hand. Den Winter
über lebte das junge Paar in der kleinen Perleberger Garnison, wenn aber der Mai
kam, gingen sie, wie sich's gebührte, nach Lehnin, um in dem geräumigen
Abtause, dem einzigen, das aus alten Klostertagen her noch geblieben war, ihre
amtshauptmannschaftliche Wohnung und zugleich auch eine Sommerfrische zu nehmen.
Das waren dann glückliche Wochen, und sie fuhren nach Plessow, Göttin, Rekahne,
um die verschiedenen Rochows, und ebenso nach Gross-Kreuz, um den alten Herrn von
Arnstedt zu besuchen, ihr liebstes aber blieb doch immer, an dem schönen
Klostersee spazierenzugehn, besonders, wo zwischen Brombeer- und Haselsträuchern
hin der Weg über die dicht in Blumen stehende Wiese läuft.«
    »Wie hübsch«, sagte Katinka. »Ich hätte mit von der Partie sein mögen.«
    »Und eines Abends«, fuhr Lewin fort, »machten sie wieder ihren Spaziergang,
und weil gerade die Hagerosen blühten, wandelte die junge Frau die Lust an, eine
derselben zu pflücken. Sie drückte deshalb, um die Rose leichter abreissen zu
können, einen dicht umherstehenden Haselstrauch beiseite, aber im selben
Augenblicke, wo sie die Linke nach der Rose hin ausstreckte, schlug die stärkste
der Haselruten wieder zurück und streifte ihr den Ring vom Finger. Sie sah den
goldenen Bogen, den er in der Luft beschrieb, und wie er dann auf den
Wiesenstreifen dicht hinter der Hecke niederfiel. Ein leiser Schrei kam über
ihre Lippen; dann teilten beide sorglich die Hecke, bückten sich und begannen zu
suchen. Sie suchten noch, als schon die Mondsichel am stillen Abendhimmel stand;
sie suchten in der Frühe des Morgens und als es Mittag war. Aber umsonst, der
Ring war fort. Du wolltest mit von der Partie sein, Katinka; vielleicht dass
deine glückliche Hand ihn gefunden hätte.«
    »Keine Diversionen«, lachte diese. »Die Geschichte, die Geschichte.«
    »Und mit dem Ringe war das Glück des jungen Paares dahin; nicht langsam und
allmählich, sondern unmittelbar. Du hättest vorsichtiger sein sollen, sagte der
Eheherr im Tone des Vorwurfs, und mit diesem Worte war es geschehen. Aus dem
ersten Vorwurf wurde der erste Streit, und alles, was den Frieden eines Hauses
stören kann, brach in Jahresfrist herein: Krankheit und Kränkung, Missernten und
Eifersucht.«
    »Auch Eifersucht? Nicht doch. Du darfst deine Helden nicht mutwillig um die
Gunst deiner Hörer bringen.«
    »Nur um sie neu zu gewinnen. Allerdings erst für spätere Zeiten.«
    »Dann überschlage, was zwischenliegt.«
    »So wollt ich auch. Die silberne Hochzeit war endlich nahe, und Josua von
Bredow, der längst den Dienst quittiert und sich auf seine Amtshauptmannschaft
in die Lehniner Einsamkeit zurückgezogen hatte, dachte trotz manchen Unfriedens,
der nach wie vor in seinem Hause herrschte, den Tag zu feiern. Es waren doch
immer fünfundzwanzig Jahre! Er hatte deshalb einen grossen Bogen Papier vor sich
und schrieb eben die Namen derer auf, die zu dem Tage geladen werden sollten,
als ihm Frau von Bredow, die trotz ihrer fünfundvierzig immer noch eine hübsche
und stattliche Frau war, über die Schulter sah und auf das bestimmteste
forderte, dass der alte Arnstedt, der sich auf dem letzten Potsdamer Ball
ungebührlich benommen habe, gestrichen werden sollte.
    Eine Szene schien unvermeidlich. Da trat in grosser Aufregung die
Wirtschafterin ins Zimmer und sagte: Gnädiger Herr, da is er; die alte
Holtzendorffen hat ihn eben gefunden. Und dabei legte sie eine grosse
Frühkartoffel vor ihn hin, die, beim Ansetzen, mit ihrer Spitze in den goldenen
Erbring hineingewachsen war. Da war er also wieder. Die gnädige Mutter Natur gab
ihn heraus, und Josua von Bredow und seine geborene von Ribbeck wussten nun, dass
wieder bessere Tage kommen würden. Er gab ihr einen Kuss und strich den alten
Arnstedt ohne Widerrede aus. Und als in der Woche darauf die silberne Hochzeit
wirklich gefeiert wurde, da traten sie zum zweiten Mal vor den Altar, und der
alte Lehniner Pastor Krokisius, der aber damals noch bei mittlern Jahren war,
hielt eine wunderschöne Rede über den Spruch: Wen Gott liebhat, dem müssen alle
Dinge zum Besten dienen. Und als seine Rede, denn er konnte sich nicht kurz
fassen, endlich zu Ende war, da nahm er die Hand der Silberbraut und steckte den
Ring an denselben vierten Finger, von dem ihn die böse Haselrute abgestreift und
dadurch eine lange Zwischenzeit des Unfriedens geschaffen hatte. Am Tage nach
dieser Feier aber, denn sie mochten sich von ihrem Schatz nicht wieder trennen,
liessen sie von Berlin her einen Graveur kommen, der musste den Tag des Verlustes
und des Wiederfindens in den Ring eingraben und die schöne Bibelstelle, über die
Pastor Krokisius gepredigt hatte. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben
sie heutigen Tages noch.«
    Die Gräfin-Exzellenz hatte während der Erzählung mehr und mehr ihre hautaine
Haltung abgelegt und tippte jetzt Lewin, wie zur Besiegelung ihrer jungen
Freundschaft, mit der Lorgnettenspitze auf die Hand.
    Katinka versprach, sobald sie Königin geworden sein würde, ihn als
Traumdeuter und ersten Erzähler an ihren Hof zu ziehen, und nur die
Bischofswerder konnte sich nicht darüber beruhigen, dass dieser entzückende Ring
gerade in eine Kartoffel hineingewachsen sei, »die Poesie leide darunter«, eine
Bemerkung, der Lewin ohne weiteres zustimmte, weil er die Unmöglichkeit einsah,
in diesen ästetischen Anschauungen Licht zu schaffen.
    Der alte Geheimrat, seiner Natur entsprechend, verweilte bei
Nebensächlichkeiten und wollte namentlich wissen, welcher Bredowschen Linie der
Erbring angehört habe. Dann kam er auf Lehnin, verbreitete sich über die
Weissagung, deren erste und letzte Zeilen er im lateinischen Original auswendig
wusste, und schloss mit einem Seufzer darüber, dass ihm während voller siebzehn
Jahre ein Besuch dieser alten Kulturstätte, zugleich des Begräbnisplatzes so
vieler Markgrafen und Kurfürsten, versagt geblieben sei.
    »Aber warum versagt?« unterbrach ihn Tubal, und ehe der alte Ladalinski
antworten konnte, fiel Katinka mit aller Bestimmteit ein:
    »Machen wir die Partie. Wer ist unser Reisemarschall? Tubal, nein; Lewin,
zweimal nein. Aber Sie, Herr von Jürgass! Ich will nicht so viel Menschenkenntnis
haben, um einen Attaché von einem Professor zu unterscheiden, wenn Sie nicht der
geborene Reisemarschall sind.«
    »Ich würde sofort meine Unfähigkeit beweisen, wenn ich widerspräche.«
    »Also angenommen?«
    »Ja.«
    »Und wann?«
    »Nicht vor Dienstag. Wir haben in Potsdam Relais; so ist es Zeit, wenn wir
um Mittag aufbrechen. Rendezvous: Schöneberg, am Schwarzen Adler. Zwölf Uhr
pünktlich. Au revoir.«
 
                              Fünfzehntes Kapitel
                                     Lehnin
Und der verabredete Dienstag kam. Aber er kam nicht, ohne dass das eingetreten
wäre, was bei ähnlichen Verabredungen immer einzutreten pflegt: die Hälfte hatte
sich inzwischen eines andern besonnen. Nicht nur die Gräfin-Exzellenz samt der
Dame d'atour vom Hofe der hochseligen Königin, auch der alte Geheimrat, dessen
pedantisch-romantisches Verlangen, die lateinischen Zeilen der Lehninschen
Weissagung an Ort und Stelle zitieren zu können, den eigentlichen Anstoss zu der
Partie gegeben hatte, hatte schliesslich auf die Teilnahme daran verzichtet. Aber
an Stelle dieser ausscheidenden Elemente waren andere herangezogen worden, und
ein frischer, in der Nacht von Montag auf Dienstag gefallener Schnee versprach
eine rasche und prächtige Fahrt. Denn man war übereingekommen, die Partie zu
Schlitten zu machen. Ein leiser Ostwind ging, die Sonne schien, und der Himmel
stand blau und wolkenlos wie eine Glocke.
    Es schlug eben zwölf vom Schöneberger Turm, als vier Schlitten vor dem
»Schwarzen Adler«, dem durch Jürgass bestimmten Rendezvous, vorfuhren. Ihre
Insassen waren Bekannte vom Ladalinskischen Balle her, Graf Matuschka, Graf
Seherr-Toss, Graf Zierotin, alle drei mit ihren jungen Frauen. Nur Bninski
fehlte. Statt seiner war Tubal als Schlittenpartner eingetreten und hatte an
Katinkas Seite Platz genommen. Eine Minute später erschien ein fünftes Gespann,
etwas grösser und nach Art aller gemieteten Schlitten ziemlich unelegant, in dem
Lewin, von Hirschfeldt und Bummcke sassen. Jürgass, der zu beschaffenden Relais
halber, war schon seit drei Stunden nach Potsdam voraus.
    Die Begrüssungen gingen eilig, denn es gebot sich, des kurzen Tages halber,
mit den Minuten zu geizen. Tubal nahm die Tête, dann folgten die drei jungen
Paare, während der »Célibataire-Schlitten«, wie die gräflichen Damen das zuletzt
eingetroffene Gefährt in guter Laune getauft hatten, den Schluss machte. An
dieser guten Laune nahm alsbald alles teil; die Pferde warfen den Schaum nach
hinten, die Schellen und Glöckchen läuteten, und wenn ein niedrig hängender
Zweig gestreift wurde, stäubte der Schnee in die Luft oder fiel in glitzernden
Kristallen auf die Muffen und Bärendecken nieder. Und dabei Geplauder überall,
auch in dem abschliessenden Schlitten der Célibataires.
    »Wo nur Bninski sein mag?« fragte Lewin. »Er schien so geneigt, uns zu
begleiten.«
    »So haben Sie nicht davon gehört?« antwortete Bummcke. »Jürgass hat ihn
gebeten, auf eine Teilnahme an der Partie zu verzichten.«
    »Aber wie konnt er nur? Ich wenigstens hätte mich eines solchen Auftrags
nicht entledigen mögen.«
    Bummcke lachte. »Sie kennen ja Jürgass. Ich wette, dass es ihm leichter
geworden ist als der müden Krähe, die da eben vor uns auffliegt, das
Flügelschlagen. Er verfährt nach dem alten Grundsatz: Ehrlichkeit die beste
Politik, und hat dem Grafen offen gesagt, dass sein Erscheinen eine Verlegenheit
schaffen würde. Ich glaube nämlich, er hat eine Überraschung, irgend etwas
preussisch Patriotisches vor. Sie wissen, er liebt dergleichen. Was ihm Bninski
geantwortet, weiss ich nicht, nur so viel ist gewiss, dass ihr gutes Einvernehmen
keine Störung erfahren hat. Es überrascht mich nicht. Jürgass ist harmlos und der
Graf eine vornehme Natur. Selbst seine Vorurteile beleidigen nicht. Er hasst uns,
aber er hasst das Ganze, nicht die einzelnen. Denken Sie daran, Hirschfeldt, wie
liebenswürdig er alles aufnahm, was Sie über Spanien lasen. Es ist nichts
Kleinliches an ihm.«
    Hirschfeldt nickte zustimmend, und während dieses Gespräch fortgesponnen und
im Anschluss daran des letzten Abends bei Ladalinskis, der alten hochmütigen
Exzellenz, der steifen und zeremoniellen Bischofswerder und zuletzt auch der
zwischen beiden geführten Fehde gedacht wurde, passierten unsere Freunde den
Steglitzer Park, über den die leichter und eleganter gebauten Schlitten der vier
Mazurka-Paare schon seit einer kleinen Weile hinaus waren. Lewin drang auf
prompteren Anschluss, aber der Abstand blieb, und immer, wenn der Weg eine
Biegung machte, sah der nachfolgende fünfte Schlitten die Flankenlinie der vier
vorausfliegenden Gespanne, die blauen Schleier der Damen und die weissen
Schneedecken, die sich im Winde bauschten und blähten.
    An den ausgebauten Häusern von Zehlendorf vorbei ging es im Fluge auf das
Stimmingsche Gastaus am Wannsee zu, und Lewin, mit der Hand nach links deutend,
wies jetzt auf eine umfriedete, nur an vier Pappeln erkennbare Stelle hin, wo
sich seit Jahresfrist der Grabhügel Heinrichs von Kleist erhob. Hirschfeldt,
damals schon in Spanien, wusste nichts von dem beklagenswerten Ereignis, und so
fiel es seinen Gefährten zu, ihm von den letzten Schicksalen, dem Leben und
Sterben eines Kameraden zu erzählen, mit dem er, als beide noch in derselben
Garnison standen, wenigstens oberflächlich bekannt gewesen war. Von dieser
Erzählung sprang das Gespräch bald zu seinen Dichtungen über, und der Charakter
des Kätchens von Heilbronn, vor allem die dramatische Berechtigung oder
Nichtberechtigung des Somnambulen war noch keineswegs festgestellt, als schon
ihr Schlitten durch die defileeartige Schmalung hindurchglitt, die bei
Kohlhasenbrück durch den dicht an die Strasse herantretenden Fichtenwald und von
der anderen Seite her durch das Röhricht des Griebnitzsees gebildet wird. Eine
Minute später, und die verschneiten Weberhäuser von Nowawes, nicht viel grösser
wie winterliche Grabhügel, lagen zu beiden Seiten, und jetzt am Brauhausberg,
dann an der Schlosskolonnade vorbei, ging es in das stille Potsdam hinein. Heute
stiller denn je, denn der Hof und die Garden, wie es die alte Exzellenz an dem
letzten Ladalinski-Abend vorhergesagt hatte, waren seit einer halben Woche fort.
Am Jägertore hielt Jürgass, zehn Schritte weiter abwärts die Relais, und nachdem
alle Herren und Damen ihren Reisemarschall begrüsst, ein paar Postknechte aber
die Pferde gewechselt und die Sielen und Schellengeläute wieder aufgelegt
hatten, ging es ohne weiteren Aufentalt in immer rascherem Tempo in die
Havellandschaft hinein. Denn das Ziel musste noch vor Sonnenuntergang erreicht
werden.
    Es war jetzt zwei Uhr. Die Kuppeldächer der Communs und des Neuen Palais
blinkten in der Nachmittagssonne, und unmittelbar dahinter dehnte sich das
Golmer Bruch; Dorf Eiche mitsamt seinem Kirchturm schien darin zu versinken. Nun
lag auch das zurück, und aus der Eis- und Schneewüste, zu der die sonst in
seeartigen Flächen dahinfliessende Havel geworden war, ragten nur noch die
Mastspitzen von ein paar Dutzend Kähnen auf, die der Frost auf ihrer Fahrt
überrascht und zur Überwinterung im Eise gezwungen hatte. Dann kam Stadt-Werder,
nur kenntlich an einer Rauchsäule, die über der grossen Brauerei der Insel stand,
und nun an niedrigen, aber steilen Hügeln vorbei, auf deren Abhängen nichts
sichtbar war als Krähen und Schnee, jagten die Schlitten den nächsten Dörfern
zu.
    Die Gespräche stockten oder wurden einsilbiger; alles hatte nur noch einen
Gedanken: das Ziel. Jürgass übernahm die Führung, denn Gross-Kreuz war eben
passiert, und der Weg, der jetzt nach links hin in den grossen Lehniner Tannen-
und Eichenforst einzubiegen begann, erheischte beides: ein scharfes Auge und
eine sichere Hand.
    Zuerst Tannen. Ah, wie die Stille des Waldes alles labte! Der Wind schwieg,
und jedes Wort, auch wenn leise gesprochen, klang laut im Widerhall. Ein warmer
Harzduft war in der Luft und steigerte das Gefühl des Behagens. Über den Weg
hin, hier und dort, liefen die Spuren, die das Wildschwein in den Schnee gewühlt
hatte; von den schwanken Zweigen flog das Rotkehlchen auf, und aus der Tiefe des
Waldes hörte man den Specht. Nun kam eine grosse Lichtung, an deren
entgegengesetzter Seite das Laubholz anfing, aber zunächst noch mit Tannen
untermischt. Die Sonne glühte hinter den Bäumen, und je nachdem die Lichter
fielen, schimmerte das braune Laub der Eichen golden oder kupferfarben, während
die schwarzen Tannenwipfel wie scharfgezeichnete Schatten in der schwimmenden
Glut des Abends standen. Alles war hingerissen von der Schönheit des Anblicks,
und Lewin sah deutlich, wie eine kleine Hand nach der anderen sich aus dem
wärmenden Muff zog und auf die Waldstellen hindeutete, wo sich die Schatten und
Lichter so zauberisch mischten.
    Bummcke entsann sich, selbstverständlich von Kopenhagen her, eines dieselben
Abendtöne wiedergebenden Claude Lorrain und wollte eben zu
kunstwissenschaftlichen Betrachtungen übergehen, als der Wald, der kurz zuvor
noch endlos geschienen, sich plötzlich öffnete und eine Anzahl zerstreuter
Baulichkeiten ziemlich deutlich erkennen liess. Und ehe noch unsere Reisenden
sich zurechtgefunden und ihrer Überraschung Ausdruck gegeben hatten, hielten sie
schon vor ihrem Ziel: der Klosterkirche von Lehnin.
War es Zufall oder hatte Jürgass die Zeit ihrer Ankunft im voraus angegeben,
gleichviel, aus der neben dem grossen Rundbogenportale befindlichen Seitentür
trat ihnen, ohne dass sie hätten klopfen oder warten müssen, ein kleiner hagerer
Mann mit langem weissen Haar entgegen, der alte Lehninsche Küster, nur um zwei
Jahre jünger als sein Hohen-Vietzer Kollege Jeserich Kubalke. Er begrüsste die
zunächststehenden Damen durch Abnehmen seines Käppsels, sprach ein paar Worte
mit Jürgass und öffnete dann, entweder, weil dieser darum gebeten, oder auch,
weil er selber den Wunsch einer möglichst feierlichen Einführung hatte, die
schwere mit Eisen beschlagene Mitteltür. In dieser, trotz des Zugwindes, der
wehte, blieb er stehen, bis alle Besucher eingetreten waren.
    Die Glut des Abends stand noch in den westlichen Scheiben, und ein roter
Schimmer, der allem wieder einen Anflug vor Leben lieh, fiel auch auf die
Brautkränze, die vertrocknet und mit langen ausgeblassten Bändern an der
gegenüber befindlichen Kirchenwand hingen. Es war die denkbar beste Stunde.
Nichtsdestoweniger konnte keinem Beobachter entgehen, dass alles enttäuscht war,
besonders die Damen. Sie hatten eben mehr erwartet.
    »Wo sind die Grabsteine?« fragte die Matuschka mit der vollen Ruhe derer,
die sich noch weitab davon fühlen.
    »Sie dürfen keine Mehrheit von mir verlangen, gnädigste Gräfin«, antwortete
Jürgass, der sich mit dieser und Katinka von dem Reste der Gesellschaft
abgesondert und, weil er das Kloster genau kannte, der speziellen Führung der
beiden jungen Damen unterzogen hatte. »Die Lehninschen Grabsteine, dank
amtlicher und nichtamtlicher Verwüstungen, beschränken sich auf einen. Ich werde
gleich die Ehre haben, Ihnen denselben vorzustellen.« Damit schritt er die
Stufen zum hohen Chore hinauf, wo ein Mönch, in Stein geschnitten, auf seinem
Grabe lag. Katinka und die Matuschka folgten.
    »Ich erwartete«, sagte die Gräfin, »einen Soldaten zu sehen«, setzte dann
aber, sich schnell verbessernd, hinzu, »ich meine einen Krieger. Sie dürfen
nicht lachen, Jürgass. Es ist doch anzunehmen, dass die Markgrafen Krieger waren,
mit Schild und Panzerhemd und einer Krone. Oder trugen sie keine? Sie schweigen
wieder; das ist nicht recht; ein Führer muss immer sprechen. Jedenfalls müssen
diese Markgrafen doch irgend etwas auf dem Kopfe gehabt haben. Es waren
Askanier, wenn ich den alten Ladalinski recht verstanden habe.«
    »Ja, Askanier oder Anhaltiner.«
    »Nicht doch. Sie wollen mich verwirren. Wenn es Askanier waren, so können es
keine Anhaltiner gewesen sein. Der Alte Dessauer, der auf dem Lustgarten steht
und von dem sie bei grossen Militärkonzerten den Marsch mit dem langen
Trompetensolo spielen, der war ein Anhaltiner... Aber was ist denn das?« und
dabei stiess die schöne Gräfin mit ihrer Fussspitze an einen Baumstumpf, der,
selber hart wie Stein, etwa zwei, drei Handbreiten hoch sich aus dem Steinhoden
erhob.
    »Das ist das Überbleibsel von jenem Eichenstamm, aus dem vor so und so
vielen Jahrhunderten, mit deren näherer Angabe ich Sie nicht belästigen will,
das gesamte Kloster Lehnin emporgewachsen ist. Unter diesem Baume, als er noch
ein Baum und nicht ein Stumpf war, hatte Markgraf Otto, der erste seines Namens,
einen Traum, der ihm Gefahr in diesen Wäldern prophezeite. Markgraf Otto aber
war ein Sohn Albrechts des Bären, von dem gnädigste Gräfin vielleicht gehört
haben werden.«
    »Gewiss, gewiss; Heinrich der Löwe, Albrecht der Bär.«
    »Sehr gut. Nun, also Markgraf Otto hatte einen bösen, unheilverkündenden
Traum, und seine Manne, die auch christliche Askanier waren, drangen, als sie
von dem Traume hörten, in ihn, eine schutzgebende Burg gegen die Wenden zu
bauen.«
    »Gegen die Wenden? Was sind Wenden?«
    »Wenden hiessen die heidnischen Völkerschaften, die damals hier zu Hause
waren.«
    »Nun gut. Und was tat nun der Markgraf?«
    »Er erwiderte: Eine Burg gegen die Wenden will ich gründen, aber eine Burg,
von der aus unsere teuflischen Widersacher, darunter verstand er die Wenden,
nicht durch Waffenlärm, sondern durch heiligen Gesang verscheucht werden sollen.
Und so baute er ein Kloster. Und dies Kloster hiess Lehnin.«
    Während dieser Auseinandersetzung waren sie weitergeschritten bis an das
Querschiff der Kirche, in dem alle möglichen Bilder in wurmstichigen,
halbzerstörten Holzrahmen hingen, so dass oft ganze Stücke herausgefallen waren.
Vor dem grössten dieser Bilder blieb Katinka, die den Arm der Matuschka genommen
hatte, stehen und sagte zu Lewin, der mittlerweile von der andern Gruppe her
sich ihnen angeschlossen hatte: »Wie hässlich. Es sieht aus wie ein
Jahrmarktsbild.«
    »Es ist auch etwas der Art. Selbst die Einteilung in Felder, wie die Damen
bemerken werden, ist uns nicht erspart geblieben. Allerdings hat es der Künstler
bei einer blossen Zweiteilung, bei einem einfachen Oben und Unten bewenden
lassen. Oben das greuliche Durcheinander ist die Ermordung des ersten Lehniner
Abtes, den die Wenden erschlugen, weil sie ihn in Verdacht eines
Liebesabenteuers hatten.«
    »Ich nehme an, ohne Grund«, sagte Katinka.
    »In meiner Eigenschaft als erster Tugendrat von König Ring würd es mir
schlecht anstehen, einen Zweifel dagegen auszusprechen. Ich wünschte nur, dass
auch der Maler nachsichtiger mit ihm verfahren wäre.«
    »Es ist vielleicht schon aus der protestantischen Zeit.«
    Lewin wollte die gereinigte Lehre rein von der Schuld dieses Bildes halten
und begann eben eine Auseinandersetzung, als Jürgass ihn darin unterbrach und zur
Eile mahnte, da, nach dem durchaus einzuhaltenden Programm, innerhalb der
nächsten zehn Minuten nicht nur die draussenliegende Trümmerhälfte der Kirche,
sondern auch noch die Reste des Klosterkreuzganges und der denselben
einschliessenden alten Baulichkeiten besichtigt werden müssten.
    Diese mit lauter Stimme gesprochene Jürgasssche Mahnung war nicht bloss von
Lewin gehört worden, und alles eilte, um ihr zu gehorchen, dem Ausgange zu. Nur
die Gräfinnen Seherr-Toss und Zierotin, die sich bei dem Bilde des ermordeten
Abts in Vermutungen und heiteren Spottreden erschöpft hatten, waren
zurückgeblieben und erschraken jetzt, als sie sich plötzlich mit den Braut- und
Totenkronen allein sahen, in denen es unter dem hereinwehenden Zugwind zu
rascheln begann. Das Abendrot in den Scheiben war immer grauer geworden;
unheimlich sahen sie sich um und suchten nach dem Ausgang, den sie, bang und
verwirrt, trotzdem sie ganz in seiner Nähe standen, nicht finden konnten.
Endlich kam der Küster und geleitete sie hinaus. Sie machten ihm kein Hehl aus
ihrer Furcht und nickten ihm freundlich zu, als er den Schlüssel wieder im
Schloss drehte.
    Unter den Trümmern draussen - die spätere gotische Hälfte der Kirche war
eingestürzt - fanden sich alle wieder zusammen; aber ihres Bleibens war an
dieser Stelle nicht. Sie lugten nur eben in einen stehengebliebenen
Wendeltreppenturm hinein, zeigten einander die Ebereschensträucher, die auf den
Schrägungen der Strebepfeiler mehr durch Schnee als Erdreich festgehalten
schienen, und schritten dann über einen quadratischen Hof hin, der, von alten
und neuen Klostergebäuden, von Klafterholz und Heckenzäunen eingefasst, einen
wunderlich gemischten Anblick von Glanz und Dürftigkeit gewährte. An einer
stehengebliebenen Feldsteinmauer entlang, der man nach innen zu eine Art
Sommerdach gegeben hatte, lief eine Kegelbahn, auf deren Lattenrinne die Kugeln
wie in Schnee eingemauert lagen. In einer der Ecken dieses Schoppens waren
Bohnenstangen kreuz und quer zusammengeworfen, während rechts daneben, wo das
Klafterholz aufgeschichtet lag, auf einem überragenden Pfeilerstück ein paar
Berberitzensträucher standen, die mit ihren tiefroten Beeren über die
nachbarlichen, schon gelblich werdenden Ebereschenbüschel spotten zu wollen
schienen. Alles das wurde nur im Fluge mitgenommen, und müde des Schauens, aber
voller Verlangen nach einem Mittagsmahle, dem übrigens alle, die Jürgass kannten,
mit unbedingtem Vertrauen entgegensahn, stiegen jetzt die Paare einige neben
dem Kegelschoppen befindliche hohe Stufen hinauf, die in ein langes, halb aus
Feldstein, halb aus Backstein aufgemauertes Gebäude führten: das alte
Refektorium.
    Es war eine hohe, halbzerstörte Halle, die nur an ihrem unteren Ende noch
ein schützendes Dach hatte. Unter dieser geschützten Stelle war eine lange Tafel
gedeckt, an deren einer Schmalseite - und zwar da, wo dieselbe die jenseitige
Giebelwand zu berühren schien - ein mächtiges Kaminfeuer brannte, während an den
zwei Langseiten hin sechs in Helm und Brustarnisch gekleidete Klosterknechte
standen, alle mit Fackeln in der Hand. An jeder Seite drei. Das »Ah!«, das laut
wurde, war der eigentlichste Reisemarschallstriumph dieses Tages.
    Die Plätze waren gelegt. Lewin, der sich während des Besuches in der Kirche
rascher, als es sonst wohl seine Art war, mit der schönen Matuschka befreundet
hatte, sass zwischen dieser und Katinka. Jürgass präsidierte. Die hohe
Kaminflamme in seinem Rücken, erhob er sich, um ein Wort der Begrüssung zu
sprechen.
    »Ich heisse Sie, meine Freunde, willkommen in diesen Räumen, in denen ich
selber ein Gast bin. Wie sie sich mir erschlossen haben, ist mein Geheimnis. Ob
es der Frater Hermannus war, der, seine Weissagungen rezitierend, mich
persönlich in Küche und Keller umherführte, oder ob aus näher liegender Zeit der
Erbring meiner Vettern, der Bredows, hier seine Wunder wirkte, das eine wie das
andere hüllt sich in Dunkel. Genug, wir sind da, und die Tafel ist gedeckt. Und
nun, dienende Brüder, an euer Werk!«
    Diese letzten Worte waren an vier zu beiden Seiten seines Sessels stehende
Mönche gerichtet, die trotz der besten Absicht, als Lehninsche Zisterzienser
angesehen zu werden, doch durchaus in dem Kostüm eines Maskenball-Kapuziners
steckengeblieben waren. Sie trugen braune, mit einem Strick umgürtete Kutten,
und während einer von ihnen die Humpen mit Werderschem Bier zu füllen, ein
zweiter den Wildschweinskopf und dann den Hirschrücken umherzureichen begann,
schritten die beiden andern langsam die Halle hinunter bis an die Stelle, wo das
Dach fehlte und ein letzter Rest von Tageslicht auf den Fussboden fiel. Hier war
eine Falltür aus alter oder neuer Zeit, in die jetzt einer der Fratres, der
einen brennenden Kienspan in Händen hielt, hinabstieg, während der andere auf
der aufgeklappten Tür stehenblieb und von Zeit zu Zeit neugierig in das
Kellerloch hinunterblickte. Bald wurden Flaschen, die, weil sie weder Staub noch
Spinnwebe zeigten, nicht lange an dieser Stelle gelagert haben konnten,
hinaufgereicht und von dem obenstehenden Bruder in Empfang genommen, der dann
mit einer Gewandteit, an der sich die Jürgasssche Schule leicht erkennen liess,
die Korke zu ziehen und den golden schimmernden Rheinwein in die grünen Römer
einzuschenken begann. Sein Konfrater (der mit dem brennenden Kienspan) war in
dem Keller zurückgeblieben. Niemand dachte seiner mehr.
    An der Tafel belebte sich inzwischen die Unterhaltung; die Damen waren
ausgelassen, am ausgelassensten aber Lewin, der - nicht unempfindlich gegen das
Entgegenkommen der augenscheinlich ein Gefallen an ihm findenden schönen Gräfin
- vor allem in dem Bewusstsein glücklich war, sich endlich einmal Katinka
gegenüber in einer anderen Rolle als in der des von ihr verspotteten Träumers
zeigen zu können. Ihre Neckereien, in denen sich mehr und mehr ein Anflug von
Eifersucht oder verletzter Eitelkeit aussprach, steigerten nur sein Wohlgefühl
und seine gute Laune.
    »Haben Sie denn, gnädigste Gräfin«, wandte er sich an diese letztere, »das
Weisse Fräulein bemerkt, als wir in den Wendeltreppenturm hineinsahn? Ich schrak
zusammen; es war ein vollkommenes Bild unglücklicher Liebe.«
    Die Gräfin lachte; Katinka aber sprach an Lewin vorbei: »Glaub ihm nicht,
Wanda; er weiss nichts von unglücklicher Liebe. Ihm ist nie zu trauen, am
wenigsten aber seinen Geschichten. Er erfindet sich, was ihnen fehlt.«
    »Desto besser«, sagte die Matuschka. »Ich mache mir nichts aus wahren
Geschichten. Die wahren Geschichten sind immer langweilig oder hässlich. Bitte,
Herr von Vitzewitz, erzählen Sie mir von dem Weissen Fräulein. Ganz auf
Diskretion. Aber etwas recht Hübsches: Mönch, Liebe, Sehnsucht.«
    »Ja, gnädigste Gräfin, da haben Sie die Geschichte schon vorweg erzählt.
Mönch, Liebe, Sehnsucht - das ist alles.«
    »Oh, tun Sie noch ein wenig hinzu.«
    »Ich darf es nicht, so gern ich Ihnen zu Diensten wäre. Solche Geschichten
sind sehr empfindlich und nehmen es übel, wenn man an ihnen rührt oder sie gar
verbessern will. Das Weisse Fräulein geht treppauf, treppab und sucht den Mönch,
den sie liebt. Aber er verbirgt sich ihr. Um Sonnenuntergang tritt sie dann auf
den Söller und breitet die Arme sehnsüchtig nach ihm aus, als habe sie ihn
gesehen. Aber es war nur ein Schein. Dann setzt sie sich in den Pfeilerschatten
und weint.«
    »Das ist hübsch«, sagte die Matuschka, auf deren immer lachendem Gesicht es
einen Augenblick wie Teilnahme oder Trauer zitterte. Denn sie war weniger
glücklich, als sie schien. Katinka aber warf den Kopf in den Nacken und sagte:
»Ich höre nicht gern von unglücklicher Liebe.«
    »Und doch ist die Welt voll davon«, antwortete Lewin.
    »Vielleicht gerade deshalb, dass ich sie nicht mag. Es ist so alltäglich, so
tödlich, immer wieder dasselbe. Ich begreife keine unglückliche Liebe.«
    »Die Reichen begreifen nie, dass es auch Arme gibt.«
    Aber Katinka hörte nicht, und in ihrer Vorliebe für Paradoxien auch vor dem
Gewagtesten nicht zurückschreckend, gefiel sie sich jetzt darin, ihren einmal
ausgesprochenen Satz in heiterem Spiele weiter auszuführen:
    »Wenn Liebe nicht glücklich sein kann, sollte sie gar nicht sein. Ich
entsinne mich nicht, in der Bibel (ich meine im Alten Testament, wo die Menschen
noch menschlicher waren) von einer unglücklichen Liebe gelesen zu haben. David
liebte glücklich, Salomo noch mehr. Wenn man etwas sagen kann, so ist es
vielleicht das, dass sie zu glücklich liebten. Unglückliche Liebe ist eine neue
Erfindung, wie die Buchdruckerkunst oder das Spinnrad. Ja, wie das Spinnrad. Das
surrt und summt, und endlos wird der tränennasse Faden weitergesponnen.«
    Die Matuschka horchte verwundert auf; Katinka aber, durch diese Wahrnehmung
eher angespornt als eingeschüchtert, fuhr in sich steigerndem Übermute fort:
»Und nun gar ein Weisses Fräulein, das einen Mönch liebt. Man liebt überhaupt
keinen Mönch. Wenn man ihn aber liebt - und ich ertappe mich plötzlich auf der
Laune, nur noch Mönche lieben zu wollen -, so muss man ihn so lieben, dass kein
Kloster der Welt ihn halten und verbergen kann. Aber Pardon, Wanda! Du musst
lachen; deshalb sprech ich ja. Lewin bitt ich nicht um Entschuldigung, weil ich
ihm wieder ansehe, dass er alles glaubt, was ich eben gesagt habe.«
    Es war inzwischen immer dunkler geworden, und an der dem Kamin
gegenübergelegenen Giebelwand lag nur noch ein grauer Dämmer, den dann und wann
ein helleres Aufleuchten der weiter oben in der Halle stehenden Fackeln
durchblitzte. Man sah auch in diesem ungewissen Scheine, dass es draussen leise zu
schneien begonnen haben musste, denn durch das offene Dach fielen einzelne grosse
Flocken. Jeder fröstelte, und die Damen zupften ihre Pelzröcke höher an den Hals
hinauf. Das war die Stimmung, die Jürgass brauchte; er erhob sich jetzt, um nach
seinen ersten, bei Beginn des Mahles gesprochenen Begrüssungsworten die
eigentliche Rede des Tages zu halten.
    »Es hat Ihnen gefallen«, so begann er, »in Lehnin meine Gäste zu sein, in
demselben Lehnin, an dessen vor vierhundert Jahren durch Frater Hermannus
aufgezeichnete Weissagungen die Feinde Preussens so oft und so frohlockend
erinnert haben, vor allem in diesen Tagen der Erniedrigung, in denen gehässiger
Scharfsinn herausgerechnet hat, dass jetzt die Stunde da sei, von der uns die
Prophezeiung berichtet: Und dem Letzten seines Stammes wird das Zepter aus der
Hand geschlagen werden. Aber diese Feinde Preussens haben nicht zu Ende gelesen,
und wir, die wir andern Sinnes sind, lesen uns eine andere, schönere Stelle
heraus, in der es anschliessend an jene Worte der Trauer heisst: Und die Mark
vergisst all ihrer Leiden, und kein Fremdling darf fürder über sie frohlocken.
Ja, meine Freunde, diese Stunde ist da, und weil sie da ist, ruf ich in eben
dieser Halle, die nun bald wieder - auch das verkündet uns die Weissagung - im
Glanze eines neuen goldenen Daches in alle Lande hineinleuchten wird: Vivat
Borussia! Was aber aus Nacht geboren wurde, versink auch in Nacht. Pereat
Bonaparte!«
    Das Pereat verklang, ohne dass es, zunächst wenigstens, beantwortet worden
wäre, denn während Jürgass noch seine letzten Worte sprach, war unten in der
Halle, genau da, wo die Falltür sein musste, ein dunkelqualmiges, aus der Tiefe
kommendes Licht sichtbar geworden, und aus eben diesem qualmigen Lichte hatte
sich zittrig und wackelnd erst ein Hut von wohlbekannter Form und dann ein
kurzer französischer Uniformrock erhoben, mit schlaff herabhängenden Ärmeln und
allerhand wunderlichem Fingerwerk, von dem sich nicht hatte erkennen lassen, ob
es menschliche Hände oder abgestutzte Wurzelzweige waren. Einen Augenblick stand
die Erscheinung und sah kopf- und augenlos die Halle hinunter; dann versank sie
wieder in dieselbe Tiefe, aus der sie aufgestiegen war. Und mit schwerem
Schlage, der durch die Halle dröhnte, schlug die Falltür zu.
    Nun erst löste sich der Bann, und die Grafen Seherr-Toss und Zierotin, die
Jürgass zunächst sassen, wiederholten jetzt das Pereat, in das alle übrigen Gäste
in rasch wiedergewonnener Tafelheiterkeit einstimmten. Nur Hirschfeldt schwieg;
er hatte sich draussen in der Welt im Kampfe gegen den »grossen Feind der
Menschheit« einen Respekt vor eben diesem Feinde erworben, der ihn an Szenen, in
denen der renommistische Ton des Regiments Gensdarmes nachklang, wenig Gefallen
finden liess.
    Eine kurze Weile noch ging das Geplauder und wechselten die Reden, unter
denen auch ein kurzer, in pointierter Weise gesprochener Toast Katinkas auf den
»Reisemarschall« war; dann erhob sich dieser und sagte, auf das beinahe
niedergebrannte Kaminfeuer deutend: »Es erlischt, und mit ihm unser Fest.«
    Und damit war das Zeichen zum Aufbruch gegeben. Als sie gleich darauf, von
den Fackelträgern begleitet, paarweise die Halle hinunterschritten und an der
Falltür vorüberkamen, lag diese, weil der Luftzug hier die Flocken gegen die
Giebelwand getrieben haben mochte, höher unter Schnee als die andern Teile der
offenen Halle. Jürgass, der den Zug führte, wies darauf hin und sagte: »Begraben
in Schnee.« Und mit diesen Worten hatten alle den Ausgang erreicht, stiegen die
hohen Steinstufen hernieder und nahmen ihre Plätze in den Schlitten, die bereits
vorgefahren waren.
Eine Viertelstunde später lag alles, Lehnin und seine Kirche, das Refektorium
und die »Erscheinung im kleinen Hut«, wie ein Traum hinter ihnen, und durch den
stillen Wald hin hörte man das Gespräch und das Lachen der einzelnen Paare.
    Man war übereingekommen, frischerer Unterhaltung halber, an den einzelnen
Stationspunkten die Plätze zu wechseln. Die Fahrt auf der ersten Station machte
Lewin mit Jürgass, bei welcher Gelegenheit ihm auch Auskunft wurde, mittelst
welcher alten Beziehungen sich das In-Szene-Gehen dieses Lehniner Festes
überhaupt ermöglicht hatte; in Gross-Kreuz indessen bei dem eintretenden
Plätzewechsel kam Jürgass an die Seite der Matuschka, während sich Katinka Lewin
als ihren Partner erbat.
    »Du scheinst dich vor mir zu fürchten; aber das Törichtste, Freund, ist
immer die Furcht. Da du mich zu wählen versäumtest, wähl ich dich. Und so ist es
immer; das Unglück, das wir fliehen wollen, läuft uns nach.«
    Und ehe noch die letzten Worte gesprochen waren, flog der Schlitten, auf
dessen schmaler Holzpritsche Lewin Platz genommen hatte, die Gross-Kreuzer
Eichenallee hinauf und bog dann in den schmalen Uferweg ein, der sich zwischen
der scheinbar endlosen, in Eis und Schnee daliegenden Havelfläche und den
verschneiten Plateauabhängen hinzog.
    Sie waren schon eine gute Strecke gefahren, ohne dass ein Gespräch versucht
oder auch nur ein einziges Wort gewechselt worden wäre; endlich sagte Lewin,
indem er sich vorbeugte:
    »Gib mir deine Hand, Katinka.«
    Sie tat es, und er bedeckte sie mit Küssen. »Ich kann nicht ohne dich
leben«, sprach er an ihrem Ohr. »Habe Mitleid mit mir; sage mir, dass du mich
liebst. Ich solle nicht töricht sein, schriebst du, und ich solle keine
Gespenster sehen. Ach, es ist an dir, Katinka, sie zu bannen.«
    Sie schwieg. Und nur das Schnauben der Pferde und das Läuten der Glocken
klang durch die Öde hin. Lewin aber fühlte nichts als ihren Atem und hörte
nichts als das Hämmern seines eigenen Herzens.
    »Denkst du noch an Silvestertag, wo wir nach Guse fuhren und die Strophen
memorierten? Es war eine entzückende Fahrt, und ich war so glücklich.«
    Katinka nickte.
    »Aber Tubal war damals mit uns, und ich sagte mir hundertmal in meinem
Herzen: Oh, dass wir doch allein wären! Und nun sind wir allein, Katinka... Du
meintest, ich fürchtete mich. Ja, man fürchtet sich vor seinem Glück.«
    Sie entzog ihm ihre Hand; er aber, wohl empfindend, dass es nicht im Unmut
war, fuhr in wachsender Erregung fort: »Ja, allein mit dir; darin liegt all mein
Glück. Ach, dass doch diese Stunde wüchse und mein Leben würde und dass ich so
hinführe mit dir über die Welt, in Schnee und Wind, und nichts fühlte als dein
wehendes Haar an meiner Stirn.«
    Es schien ihm, dass seine Worte nicht ungehört verklangen, denn in einem
andern als ihrem gewöhnlichen Tone sprach sie halbleise vor sich hin: »Gib mir
die Zügel, Lewin.«
    »Du hast sie, heut und immer.«
    »Aber ich brauch einen freieren Arm, um sie zu führen; hilf mir dazu.«
    Und er nahm ihr den leichten Seidenmantel von Arm und Schulter und legte die
Zügel in ihre Hand.
    Die Pferde, als empfänden sie die straffere Führung, griffen im Augenblicke
rascher aus, und der im Winde rückwärts wehende Mantel umflatterte Lewins
erglühendes Gesicht. Unendliche Sehnsucht erfüllte sein Herz und zuckte und
fieberte in jedem Tropfen seines Bluts, als Katinka jetzt in der Wonne des
Fahrens und Dahinfliegens sich weiter in den Sitz zurückwarf und ihre Schulter
leicht an seine Brust lehnte. Aber die Scheu, die sein angeboren Erbteil war,
überkam ihn wieder, und es war ein einziger Kuss nur, den er zitternd auf ihren
Nacken drückte.
    So vergingen Minuten; dann sagte Katinka: »Der Wind geht zu scharf, Lewin;
hilf mir wieder in meinen Mantel.« Es klang fast wie Spott. Er empfand es, aber
gehorchte.
    Nun schwiegen beide, und über die Havelbrücken hin flog ihr Schlitten. Die
Sterne standen winterklar am Himmel, die Schneefelder blinkten und blitzten, und
bald auch, in silbergrauem Dämmer, stiegen wieder die Kuppeln der Communs und
die breiten Massen des Neuen Palais vor ihren Blicken auf. Da war das Jägertor,
und an der alten Stelle warteten die Relais. Lewin und Katinka waren die
ersten; er half ihr von ihrem Sitz und küsste ihr die Hand. Sie sah ihn gross an,
aber freundlich, und sagte nur, jedes Wort betonend: »Du bist ein Kind.«
    Nicht lange, so waren auch die anderen Schlitten heran; die Pferde wurden
gewechselt, die Plätze auch; Tubal nahm wieder den Sitz neben der Schwester.
    Und so ging es in neuem Jagen auf Berlin zu.
 
                              Sechzehntes Kapitel
                                    Katinka
Die Wintersterne, die während der Lehniner Rückfahrt so funkelnd am Himmel
gestanden hatten, hatten einen hellen Tag versprochen, und dieser helle Tag war
nun da. Die Sonne, wo sie scharf hinfiel, schmolz den Schnee von den Dächern,
und als sie gegen Mittag ihren höchsten Stand beinahe erreicht hatte, sah sie
scharf an dem Nikolaikirchturm vorbei in Katinkas Zimmer hinein. Es war ein so
blendendes, in steiler Schrägung einfallendes Licht, dass das grüne Rouleau bis
zur Hälfte des hohen Fensters hatte herabgelassen werden müssen, aber auch jetzt
noch hatte jeder Gegenstand eine volle Beleuchtung, und diese war es, die samt
den mit frischen Hyazinten besetzten Blumentischen den anheimelnden Eindruck
unterstützte, den das sorglich gehaltene Zimmer zu jeder Zeit zu machen pflegte.
Einiges in seiner Einrichtung war während der letzten zwei, drei Tage geändert
worden. Vor dem Sofa, auf dem an jenem Abende, wo die Lehniner Partie verabredet
worden war, die alte Exzellenz getront und nach anfänglicher Kriegführung mit
beinahe jedem Mitgliede der Gesellschaft schliesslich ihren Frieden mit allen
geschlossen hatte, fehlte heute der runde Tisch, über den hin damals der Streit
der Meinungen gegangen war, und nur ein grosser Teppich lag statt dessen an eben
dieser Stelle ausgebreitet, ein Musterstück Brüsseler Weberei, auf dem Frau
Venus mit ihrem Taubengespann durch die Lüfte zog. Es war derselbe Teppich,
dessen durch Farbenpracht ausgezeichnetes Bild unsren Freund Lewin auf seiner
Weihnachtsfahrt nach Hohen-Vietz, wo wir zuerst seine Bekanntschaft machten, bis
in seine Träume hinein begleitet hatte. Denn sein letzter Besuch an jenem Tage
hatte dem Ladalinskischen Hause gegolten.
    Das lag nun einen Monat zurück, und heute war es das Auge Katinkas, das
sich vom Sofa her auf dieses Teppichbild richtete. Aber sie sah es, ohne es zu
sehen, denn vor ihrer Seele standen andere Bilder, bunt und lachend, und doch
ein tiefer Schatten darüber hin. Was war es, das diesen Schatten warf?
    Es schien, dass jemand von ihr erwartet wurde, wenigstens horchte sie von
Zeit zu Zeit nach der Türe hinüber. Aber es blieb still, und in wachsender
Unruhe erhob sie sich endlich und schritt auf die Blumentische, dann auf den
Stehspiegel zu, um das eine oder andere an ihrem Anzuge zu ändern. Es war eine
Morgentoilette, ähnlich jener, die sie am Tage ihrer Rückkehr aus Guse während
ihres Gesprächs mit dem Vater getragen hatte: ein weissbordierter dunkler
Morgenrock mit Pelerine und grossen birnenförmigen Schnurösen, die in weisse
Perlmutterknöpfe einhakten. Niemand würde das Geringste an ihrer Erscheinung
vermisst haben, nur sie selber schien nicht zufrieden, ordnete ihr Haar immer
wieder und wechselte mit dem Musselintuch, das sie leicht geknüpft um den Hals
trug. Dann ging sie wieder auf das Sofa zu, warf sich in die eine Ecke desselben
und legte den Fuss auf ein Tabouret, das sie schon vorher auf den Teppich
gestellt hatte. In der Ecke lag ein Buch. Sie schlug es auf und versuchte zu
lesen; aber umsonst, sie konnte ihre Aufmerksamkeit nicht zwingen.
    In diesem Augenblicke trat der Graf unangemeldet ein, und sie zog den Fuss
von dem Kissen, ohne sonst ihre Haltung zu ändern. Es schien, dass sie sich an
demselben Morgen schon gesprochen hatten; kein Wort der Begrüssung wurde laut. Er
trat an sie heran und küsste ihr die Hand.
    »Und was bringst du?« fragte sie mit wiedergewonnener Ruhe.
    »Die Entscheidung.«
    »So sprich, erzähle«, fuhr sie fort, während sie mit dem Zeigefinger auf die
Fingerspitzen ihrer linken Hand tupfte. »Ich weiss alles und will es doch von dir
hören. Wie verlief es? Ich hoffe, dass dich nichts verletzt hat, kein Wort, keine
Miene.«
    »Nein«, antwortete der Graf, indem er sich auf das Tabouret setzte und
Katinkas Hand in seine Linke nahm. »Er hörte mich ruhig an. Als ich geendet,
legte er das Elfenbeinmesser, mit dem er nach seiner Gewohnheit spielte,
beiseite und sagte, ich glaube, wörtlich: Ich bin nicht überrascht, Graf; ich
habe diesen Antrag erwartet, offen gestanden, gefürchtet. Sie wissen ohne
Versicherung, dass sich diese Bemerkung nicht gegen Ihre Person richtet. Ihnen
den vollkommensten Beweis davon zu geben wäre leicht, wenn ich nicht Punkte
dabei berühren und Bedingungen stellen müsste, die Sie nach einer andern Seite
hin verletzen und Ihre Zustimmung nie finden würden.«
    Katinka lächelte.
    »Das alte Lied«, sagte sie.
    »Ja«, fuhr Bninski fort, »er will mit Polen, mit unserem Lande, ein für
allemal gebrochen haben, und dass ich es kurz mache, er schloss damit, dass eine
Verbindung zwischen uns aus zwei Gründen untunlich und, wie er glaube, unmöglich
sei: des Hofes halber und seiner Erinnerungen halber. Das letztere begreif ich,
das erstere nicht.«
    »Und doch ist beides in einem Zusammenhang«, antwortete Katinka, »dies
Zugeständnis sind wir ihm schuldig. Er bedarf des Hofes. Weil er die Brücken
abgebrochen und sich und uns, sei es mit Recht oder Unrecht, aus dem heimischen
Boden in einen fremden verpflanzt hat, kann er besonderer günstiger Bedingungen
nicht entbehren, um in dem fremden Boden aufs neue Wurzel zu schlagen. Unter
diesen günstigen Bedingungen aber, wie ich dir nicht erst zu sagen brauche,
steht der Sonnenschein des Hofes obenan.«
    »Vielleicht«, sagte Bninski, »oder meinetwegen auch gewiss. Es bleibt
schliesslich doch, wie es ist, und ich fass es nicht, warum er gerade diesen Boden
wählte. Und dass er ihn wählte, das entscheidet nun über uns. Denn was er
anzudeuten schien, einen Friedensschluss auch meinerseits mit diesem Lande zu
machen, nie, nie, Katinka. Auch nicht um dich.«
    Er blieb stehen und schlug heftig die Finger ineinander. Dann, als ob er
sich die Verkehrteit des alten Ladalinski in einer Art Selbstgespräch
klarzumachen suche, sprach er vor sich hin: »Was zog ihn nur hierher? Gerade
ihn? Es bleibt ein Rätsel und ein Widerspruch. Denn er hat einen Überschuss von
jenem Edelsinn, dessen gänzliches Fehlen in diesem Lande mir dieses Land so
widerwärtig macht. Er ist grosser Opfer und grosser Entschlüsse fähig, und selbst
der unheilvolle Schritt, der ihn in die Selbstverbannung trieb, trägt immer noch
den Stempel der Entsagung an der Stirn. Und was herrscht nun hier? Der Vorteil,
der Dünkel, die grossen Worte!«
    »Auch du singst dein altes Lied«, sagte Katinka.
    Aber Bninski hörte nicht, und ohne die Stellung zu wechseln, fuhr er in
wachsender Erregung fort: »Er ist ein Pedant. Da war er freilich hier am Ort.
Denn alles, was hier in Blüte steht, ist Rubrik und Formelwesen, ist Zahl und
Schablone, und dazu jene hässliche Armut, die nicht Einfachheit, sondern nur
Verschlagenheit und Kümmerlichkeit gebiert. Karg und knapp, das ist die Devise
dieses Landes. Ich war noch ein Kind, da las ich auf der Krakauer Schule von den
Alten-Fritzischen Grenadieren, dass sie Westen getragen hätten, die gar keine
Westen waren, sondern nur rote dreieckige Tuchstücke, die gleich an den
Uniformrock angenäht waren. Und wahr oder nicht, diese dreieckigen Tuchlappen,
ich sehe sie hier in allem, in Kleinem und Grossem. Angenähtes Wesen, Schein und
List, und dabei die tiefeingewurzelte Vorstellung, etwas Besonderes zu sein. Und
woraufhin? Weil sie jene Rauf- und Raublust haben, die immer bei der Armut ist.
Nie ist es satt, dieses Volk; ohne Schliff, ohne Form, ohne alles, was wohltut
oder gefällt, hat es nur ein Verlangen: immer mehr! Und wenn es sich endlich
übernommen hat, so stellt es das Übriggebliebene beiseite, und wehe dem, der
daran rührt. Seeräubervolk, das seine Züge zu Lande macht! Aber immer mit
Tedeum, um Gott oder Glaubens oder höchster Güter willen. Denn an
Fahneninschriften hat es diesem Lande nie gefehlt.«
    »Ich erkenne dich nicht mehr«, unterbrach ihn Katinka. »Du sprichst dich
aus dem Recht in das Unrecht hinein. Du fühlst selbst die Übertreibung, zu der
dich Vorurteil und Bitterkeit fortreissen.«
    »Nein, ich übertreibe nicht. Ich lese nur die Rückseite der Medaille, weil
ich sie lesen will. Mag ein anderer sie wieder umkehren und sich an der
obenaufliegenden Herrlichkeit erfreuen, Bild oder Schrift, ich bin es zufrieden.
Es mag etwas Grosses damit sein, nur nicht für mich und auch nicht für ihn«, und
dabei wies er mit der Linken nach dem an der entgegengesetzten Seite des Hauses
gelegenen Zimmer des Geheimrates hinüber. »Auch nicht für ihn, sag ich, denn er
ist Pole vom Wirbel bis zur Zeh. Er täuscht mich nicht mit seiner loyalen
Preussenmiene. Preussen! Warum gerade Preussen, das uns zuerst um dreissig
Silberlinge verschacherte. Jetzt ist es freilich selber an die Kette gelegt;
aber auf wie lange ...? Preussen! Preussen! Warum nicht Frankreich? Warum nicht
Russland, grundschlecht, wie es ist! In seiner Sündenblüte hat es doch wenigstens
den Mut, sich zu seinen Taten zu bekennen. Aber nein, es musste Preussen sein. Und
dieses Preussen, in dem der Ladalinskistamm, einer Einbildung, einer Marotte
zuliebe, neu blühen und Wurzel schlagen soll, das tritt nun zwischen dich und
mich, und um des vielleicht ausbleibenden Lächelns dreier Prinzlichkeiten willen
geht in dieser Zeit, in der Gott sei Dank mehr Prinzen auf den Schlachtfeldern
als in fürstlichen Wochenstuben geboren werden, unser Glück wie eine Feder in
die Luft. Soll es das, Katinka?! Bist du entschlossen?«
    Sie schwieg.
    »Lieben wir uns?«
    »Du sagst es.«
    »So seh ich nur einen Weg. Und du wirst den Entschluss dazu fassen können. So
denk ich, so hoff ich.«
    Katinka legte die Hand an ihre Stirn; dann, als entsänne sie sich auf etwas
Zurückliegendes, sagte sie: »Ich versprach ihm, nichts zu tun, das seine
Stellung untergraben oder seine Zugehörigkeit zu diesem Lande neuen
Verdächtigungen aussetzen könnte.«
    »Und dies Versprechen wirst du halten. Die Flucht wirft alle Schuld auf uns
.«
    »Und doch ist ein Schwanken in mir«, fuhr Katinka fort »Nicht, dass ich vor
meinem Anteil an dieser Schuld erschräke. Du weisst, wie ich bin, und was an
Furcht in mir ist, geht unter in der Lust am Wagnis. Also nicht um mich. Aber um
deinetwillen; aus Liebe zu dir. Du sollst nicht in einem falschen Lichte
dastehen. Und du wirst es. Wie bittere Worte werden fallen... von Tubal...«
    »... von Lewin...«
    »Nenne nicht seinen Namen. Es schmerzt mich; denn es ist keiner, den ich
mehr gequält und dem ich tiefer verschuldet wäre. Und nun tu ich ihm das
Schwerste! Er liebte mich, und ich war ihm gut von Jugend auf. Das ist nun
vorbei. Aber du irrst, wenn du glaubst, dass bittere Worte von seinen Lippen
kommen werden. Nicht von ihm: aber die andern! Erinnere dich des Ballabends, als
du von General Yorcks Kapitulation hörtest, und denke deines spöttischen Sans
doute, womit du der alten Exzellenz ihre feierliche Geschichte von dem
kronprinzlichen Einsegnungsringe verdarbst. Was war die Meinung von alledem?
Eine tiefe Verachtung gegen das, was sich hierlandes als deutsche Treue gibt.
Und nun frag ich dich, üben wir die Treue, übst du sie?«
    »Auch nicht ihr Gegenteil«, antwortete Bninski.
    Katinka schüttelte den Kopf.
    Der Graf aber fuhr fort: »Und wenn es wäre, wie du meinst, Katinka, so
sprich ein Wort und lass es mich einsehen, dass es so ist, und ich will dem, was
ich tue, kein Mäntelchen umhängen. Ich bin kein Ritter von La Mancha, der die
Untreue aus der Welt herausfechten will; ich will sie nicht abschaffen, am
wenigsten will ich die Vorstellung grossziehen, dass ich ihr persönlich entwachsen
sei oder über ihr stünde. Untreue! sie war das Erste und wird das Letzte sein;
ich erschrecke nicht vor dem Wort und nicht einmal vor der Tat. Aber das
Tugendgesicht, das sie hierzulande annimmt, das hass ich. Was mir zuwider ist,
das ist die Lüge. Und das eine weiss ich: es ist nicht Lüge, wenn ich das, was
geschehen soll, weder Vertrauensbruch noch Untreue, wohl aber Zwang und
Konsequenz und Notwehr nenne. Zug um Zug. Gegen das gekünstelte und
missbräuchlich geübte Recht deines Vaters, das uns zum Opfer mir unbegreiflicher
Rücksichten machen will, setzen wir unser natürliches Recht, das Recht unserer
Neigung.«
    Eine kurze Pause folgte, und nur um das peinliche Schweigen zu unterbrechen,
fügte der Graf hinzu: »Sieh auf die Zukunft, Katinka. Es kommen bessere Tage.
Er wird sich hineinfinden; das unabänderlich Geschehene bekehrt besser als
tausend bittende Worte.«
    »Du verkennst ihn«, sagte sie, »er hat den ganzen Eigensinn der Gütigen und
Schwachen. Ich darf es aussprechen, denn er war schwach gegen mich von Jugend
auf. Er wird uns nicht hassen, seine Liebe zu mir wird unerschüttert bleiben,
aber er wird sich mit dem Geschehenen nicht versöhnen und wird nicht Frieden mit
uns schliessen. Ich weiss, was ich tue. Es ist ein Scheiden auf Nichtwiedersehen
!«
    Der Graf schritt auf und ab. Als er wieder an das Sofa trat, nahm sie seine
Hand und sagte, mit einem Ausdruck zu ihm aufblickend, der ihr sonst fremd war:
»Und so sei es denn, Jarosch! Ich fühle, es ist beschlossen, und nicht bloss
durch uns. Wir erben alles: erst das Blut und dann die Schuld. Ich war immer
meiner Mutter Kind. Nun bin ich es ganz. Sei gut mit mir. Ich habe nur noch
dich.«
    Und sie warf sich an seine Brust.
 
                              Siebzehntes Kapitel
                                Bei Hansen-Grell
Zwei Tage nach diesem Gespräch zwischen Katinka und Bninski sass Lewin in
Briefen, die der Erledigung harrten. Einige, darunter Zeilen von Doktor
Faulstich und Tante Amelie, lagen schon so lange unter dem Stein, dass er ihre
Beantwortung nicht wohl weiter hinausschieben und den Nichtbesuch seiner drei
Vorlesungen, denn es war wieder Freitag, sich eher zum Verdienst als zur
Versäumnis anrechnen konnte. Die Hulen, die von Zeit zu Zeit auf ihren
altberlinischen, aus allerlei Tuchecken zusammengenähten Filzschuhen durch das
Zimmer ging, sah mit Kopfschütteln, wie die Zahl der auf dem Sofatisch
ausgelegten Briefe von Viertelstunde zu Viertelstunde wuchs, einige noch nicht
fertig und nur erst auf der ersten Seite beschrieben. Denn Lewin hasste das
Aufstreuen, ein Punkt, in dem er ausnahmsweise mit Katinka übereinstimmte.
    »Ein Liebesbrief mit aufgestreutem Sand«, pflegte diese zu sagen, »da wird
die Liebe gleich mit verschüttet und begraben.«
    Er schrieb schon zwei Stunden, aber der Hauptbrief war noch ungeschrieben,
der an Renate. Er hatte ihn sich bis zuletzt aufgespart; das Plaudern mit der
Schwester sollte ihn schadlos halten für die Mühen oder gar den Zwang alles
dessen, was voraufgegangen war. Der Brief an Faulstich war eine literarische
Abhandlung, der an Tante Amelie wie gewöhnlich ein Eiertanz gewesen; das lag nun
endlich hinter ihm, und er konnte sich erholen und die Feder frei laufen lassen.
    »Liebe Renate!« so schrieb er, »wir haben heute den 29., und es ist nicht
ohne Beschämung, dass ich auf das Datum Deines Briefes aus der Mitte des Monats
sehe. Meine flüchtige Antwort darauf war keine Antwort. Lass mich versuchen,
Versäumtes nachzuholen.
    Diese und die letzte Woche, wie Du aus den Zeitungen ersehen haben wirst,
haben allerlei Dinge von Wichtigkeit gebracht; was Papa mir schrieb, hat sich
bestätigt. Der Einsegnung des Kronprinzen folgte die Abreise des Königs nach
Breslau; der ganze Hof begleitete ihn, auch die Garden. Potsdam ist seitdem wie
ausgestorben, wovon wir uns bei Gelegenheit einer nach Lehnin hin unternommenen
Partie durch den Augenschein überzeugen konnten. Von dieser Partie, die letzten
Dienstag stattfand, möchte ich Dir nun wohl erzählen. Du weisst, oder vielleicht
auch nicht, dass Lehnin ein altes Zisterzienser-Kloster ist; die meisten der
Askanier wurden dort begraben, auch einige von den Hohenzollern; Johann Cicero,
wenn ich nicht irre, und Joachim Nestor. Aber diese beiden standen kaum in ihrer
Gruft, so kam die Säkularisation, und ihre grossen Metallsärge wanderten aus der
Klosterkrypta in die Krypta des Berliner Doms. Es gibt auch eine Lehninsche
Weissagung, Vaticinium Lehninense, hundert lateinische Verse, die den Untergang
der Hohenzollern und die Wiederaufrichtung des katolischen Glaubens in Mark
Brandenburg prophezeien; aber alles sehr dunkel und unbestimmt, so dass man, wie
so oft, bei einigem guten Willen auch gerade das Gegenteil herauslesen kann. Auf
dieses Lehnin nun war in voriger Woche das Gespräch gekommen, und der Geheimrat,
der einige Verse aus der ihm durch unseren alten Direktor Bellermann vor Jahr
und Tag schon bekannt gewordenen Weissagung rezitierte, verriet plötzlich einen
lebhaften, an ihm ganz ungewohnten Entusiasmus, das Kloster kennenzulernen. Bei
aller Hochachtung gegen ihn möcht ich im Vorübergehen doch die Vermutung
aussprechen, dass er sich in dem Gedanken gefiel, an Ort und Stelle seine
Vorträge fortsetzen und uns durch eine Art mittelalterlicher Klassizität
imponieren zu können. Aber sein Entusiasmus hielt nicht vor, und als der
Dienstag herankam, stand er von der Teilnahme ab. Jürgass war schon vorher zum
Reisemarschall ernannt worden. Natürlich durch Katinka. Ausser ihr und dem
engeren Ladalinskischen Kreise waren die Grafen Matuschka, Seherr-Toss und
Zierotin samt ihren jungen Frauen mit von der Partie. Es gab eine Überraschung
nach der andern; Jürgass bewährte seinen alten Ruf als Festordner; die Matuschka
war reizend, und ich hatte den Triumph, Katinka eifersüchtig zu sehen. Auf der
Rückfahrt fuhren wir eine hübsche Strecke zusammen. Ich sagte ihr herzliche
Worte, vielleicht mehr als das, und sie nahm sie freundlich auf. Bninski verlässt
uns bald; er geht auf seine Güter und von da nach Warschau, um sich dem
Vizekönig, mit dem er befreundet ist, zur Verfügung zu stellen. Zu Poniatowski
steht er nicht gut. Es wäre Torheit, wenn ich wegleugnen wollte, dass ich den Tag
seiner Abreise herbeiwünsche. Katinka zeichnet ihn aus; aber es ist nicht ihre
Art, sich mit Abwesenden zu beschäftigen oder Erinnerungen zu leben. Sie gehört
der Stunde, und die Stunde, so scheint es, ist mir günstig. Ich glaube wieder an
die Möglichkeit meines Glücks. Sie schrieb mir neulich: Sieh nicht Gespenster,
Lewin.
    Und nun lass mich fragen, wie steht es in Hohen-Vietz? Was machen die
Freunde: Seidentopf, die Schorlemmer, Marie? Denke Dir, ich träumte diese Nacht
von ihr, und als was sah ich sie? Als Braut. In einem langen, langen Schleier
stand sie vor dem Altar; aber es war nicht der Altar der Hohen-Vietzer Kirche.
Ihr Kleid war weiss und leicht wie der Schleier und mit Sternchen übersät. Sie
sah sehr schön aus, und wer meinst Du, dass ihr Bräutigam war? Drosselstein.
Nicht unser alter, sondern ein junger; gross und schlank und in eine Uniform
gekleidet, in der ich unseren Hohen-Ziesarschen Freund nie gesehen habe. Als ich
mich heute früh des Traumes entsann, musst ich an das denken, was Du so oft über
Marie gesagt hast: Du würdest dich nicht wundern, eine goldene Kutsche bei
Kniehases vorfahren und die kleine Prinzessin mit verweinten und zugleich
freudestrahlenden Augen neben ihrem Prinzen Platz nehmen zu sehen. Du hast ihr
Wesen darin getroffen. Es war doch nur in der Ordnung, dass sie Otegravens
Antrag ablehnte. Damals missbilligte ich es; es schien mir eine Unklugheit, wenn
nicht Schlimmeres. Aber ich hab ihr unrecht getan. Er ist aus Münsterland, und
sie ist aus Feenland, und alles Westfälische ist der letzte Fleck der Erde, mit
dem sich die Feen befreunden können.
    An Faulstich und Tante Amelie habe ich heute früh geschrieben. Wenig zu
meiner Zufriedenheit. Die Briefe an die Gräfintante passen mir nie; ich weiss
nicht, woran es liegt. Ich sollte mir einen Sammelkasten für Anekdoten und
Bonmots anlegen und diesen Kasten einfach ausschütten, wenn ich einen Brief an
die Tante zu schreiben habe. Aber dergleichen kann ich nicht. Ich leide mitunter
unter meiner Schwerfälligkeit, und um so mehr, als es derselbe Zug ist, den mir
Katinka nicht verzeiht.
    Ich werde sie heute abend sehen, auch Tubal. Dieser ist viel mit Bninski und
dem Rittmeister von Hirschfeldt zusammen, einem ausgezeichneten Offizier, der in
Spanien war (auf englischer Seite), was aber nicht hindert, dass er sich mit dem
Grafen befreundet hat. Das letzte Mal, dass ich Tubal sah, es war in Lehnin;
während wir die Kirche besuchten, fragte er mich: Wann reisen wir nach
Hohen-Vietz? Ich lasse dahingestellt sein, ob ihm dabei die Enrollierung in das
Landsturmbataillon Lebus oder seine Cousine Renate mehr am Herzen lag.
    Und nun lebe wohl. Ich sehe heiterer in die Zukunft als seit lange. Alles
lässt sich gut an, das Grosse und das Kleine. Und das Kleine ist die Hauptsache,
denn es ist das Ich. Gruss an Papa und die Freunde.
                                                                     Dein Lewin«
Es war inzwischen ein Uhr geworden, und da sein Mittagsweg ihn ohnehin an dem
grossen Postgebäude vorüberführte, so unterzog sich Lewin der Mühe, die fünf
Briefe, die das Ergebnis dieses Vormittags waren, selbst am Schalter abzugeben.
Neben der Post war das Ladalinskische Haus; er sah hinauf, aber in allen Zimmern
der ersten Etage, auch in dem des Geheimrats, waren die Rouleaux herabgelassen.
Er sann einen Augenblick nach, was die Ursache davon sein könne, vergass aber den
gehabten Eindruck wieder, als er an der Ecke der Stechbahn Jürgass begegnete, mit
dem er nun ein kurzes Gespräch über die nächste Kastaliasitzung führte.
    »Auf Dienstag!« damit trennten sie sich, und Lewin, nachdem er in der
Taubenstrasse an alter Stelle sein einfaches Mittagsmahl eingenommen hatte, ging
auf die lange, der ehemaligen Berliner Stadtmauer entsprechende Wallstrasse zu,
von der aus er - in nur geringer Entfernung vom Spittelmarkt - in die aus alten
und stattlichen, aber freilich auch heruntergekommenen Häusern bestehende
Kreuzgasse einbog.
    In einem dieser alten und stattlichen Häuser wohnte Hansen-Grell, zu dem
sich Lewin um seiner Schlichteit und kaum minder um seines romantischen, eben
dieser Schlichteit fast widersprechenden Zuges willen von Anfang an in hohem
Masse hingezogen gefühlt hatte. Eine Aufforderung zu einem Besuche war nie
ausgesprochen worden, aber als sie vor zwei Tagen, wo ein Zufall sie
zusammengeführt, sich nach längerem und sehr eingehendem Geplauder wieder
getrennt hatten, hatte Lewin den Entschluss gefasst, diesen Besuch in Grells
Wohnung auch ohne Aufforderung zu machen. Es war ein Hochparterre. Acht oder
zehn Steinstufen, ausgelaufen und von einem verbogenen Eisengeländer eingefasst,
führten hinauf. An der Tür, mit dicker Feder auf ein halbes Kartenblatt
geschrieben, stand Hansen-Grell.
    Lewin klopfte.
    »Herein!«
    Es war eine in drei Felder geteilte, nur mit dem vordersten Drittel sich
öffnende Tür, gerade breit genug, einen Menschen mit seiner Schmalseite
hindurchzulassen. Lewin passierte das Defilee und befand sich in einem grossen,
wohl vierzehn Fuss hohen Raum, in dem er auf den ersten Blick nichts weiter als
vier kahle, gelbgetünchte Wände und einen ungeheuren schwarzen Kachelofen
erkennen konnte. Zugleich hatten sich vier lange, schmale Gardinenstreifen, bei
dem durch das Öffnen der Tür entstandenen Luftzug, in eine langsam schwerfällige
Bewegung gesetzt. Aber dieser Eindruck des Kahlen und Öden blieb nicht lange,
und die gemütlicheren Elemente kamen zu ihrem Recht. In dem von innen her
geheizten Ofen war der Torf so weit niedergebrannt, dass der Anblick der in
blauen Flämmchen zuckenden Glut mit diesem unschönsten aller Heizungsmateriale
wieder aussöhnen konnte, und von dem danebenstehenden, mit Büchern überdeckten
Klapptisch stiegen kleine, sich kräuselnde Wölkchen auf und zogen dem
Eintretenden wie ein freundlicher Gruss entgegen. Hansen-Grell war bei der
Präparation seines Nachmittagkaffees.
    »Einen Augenblick noch«, rief er, und den Topf mit kochendem Wasser, den er
nur halb geleert hatte, wieder in die Glut des Ofens schiebend, trat er jetzt
Lewin entgegen und reichte ihm die noch halb russige Hand, nachdem er sie durch
einen energischen Strich über den Ärmel seines Flausrocks hin wenigstens aus dem
Gröbsten herausgebracht hatte.
    »Ich freue mich herzlich, Sie zu sehen,« sagte er, »besonders zu dieser
Stunde, wo die Ofenglut und der dampfende Kaffee die Honneurs des Hauses machen.
Sie trinken mit. Ich bin, wie Sie sehen, etwas beschränkt im Wirtschaftlichen,
aber was Tassen angeht, kann ich mit jeder Klatschbase konkurrieren.«
    Lewin wollte erwidern, aber Hansen-Grell fuhr fort: »O nicht doch; fürchten
Sie nicht, mich zu benachteiligen; hier ist der Kaffee und dort das Wasser. Ich
könnte die ganze Kastalia bewirten, ohne jede Gefahr persönlicher Einbusse. Ich
bitte Sie, nehmen Sie Platz, während ich nach meiner besten Meissner suche. Sie
sollen die vergoldete haben, mit einem Amor und einer Schäferin, die lacht und
weint, weil sie schon getroffen ist. Können Sie sich denken, dass ich eine
Passion für solche Spielereien habe? Es ist noch ein Nachklang aus meinen
Kopenhagener Tagen her. Der alte Graf war ein leidenschaftlicher Sammler.«
    Bei diesen Worten hatte sich Hansen-Grell an einen auf den ersten Blick
nicht wahrnehmbaren Schrank gemacht, der in einer der dicken Wände mittendrin
steckte, und suchte hier nicht bloss nach der versprochenen Meissner Tasse,
sondern behufs besserer Repräsentation auch nach einer Zuckerschale, die er auf
einem der Bretter oben oder unten gesehen zu haben sich deutlich entsann. Er
persönlich hatte das Tütenprinzip.
    Lewin war inzwischen der Aufforderung seines in halber Verlegenheit immer
weitersprechenden Wirtes gefolgt und hatte, die Gardinen zurückschlagend, in
einer der tiefen Fensternischen Platz genommen. Hier standen zwei Binsenstühle,
auf deren einem ein paar aufgeschlagene Bücher lagen, und während Hansen-Grell -
der die Zuckerschale noch immer nicht entdeckt hatte - sein mehr und mehr in
blosse Verwunderungsausrufe sich auflösendes Gespräch fortsetzte, nahm Lewin
eines der kleinen Bändchen zur Hand und sah hinein. Es waren Hölderlins
Gedichte. Auf einer der aufgeschlagenen Seiten standen vier Zeilen.
In jüngeren Tagen war ich des Morgens froh,
Des Abends weint ich; jetzt, da ich älter bin,
Beginn ich zweifelnd meinen Tag, doch
Heilig und heiter ist mir sein Ende.
Lewin empfing einen bedeutenden Eindruck von diesen Zeilen, aber es war dafür
gesorgt, dass er sich ihm nicht lange hingeben konnte. Hansen-Grell hatte
mittlerweile alles gefunden, was ihm wünschenswert erschien, und präsentierte
jetzt, nachdem er, ängstlich die Diele haltend, den weiten Weg zwischen Ofen und
Fenster zurückgelegt hatte, seinem Gaste eine bis an den Rand hin gefüllte Tasse
Kaffee.
    Dieser nahm, schlürfte und lobte und sagte dann: »Ich bin überrascht, Sie
bei Hölderlin zu finden. Nach dem Bilde, das ich mir von Ihnen gemacht habe,
mussten Sie mit der ums Morgenrot fahrenden Lenore für dieses und jenes Leben
verbunden sein. Ich kann Ihnen auch allenfalls den Wilden Jäger oder die
Chevyjagd gestatten, aber Hölderlin? Nein.«
    Hansen-Grell hatte sich auf den gegenüberstehenden Binsenstuhl gesetzt und
sagte, während er seine beiden Hände auf das bequem übergeschlagene Knie legte:
»Sie berühren da einen feinen Punkt, wenn Sie wollen, einen Widerspruch in
meiner Natur. Vielleicht auch in mancher andern. Es ist ganz richtig, dass ich
meiner Empfindung und, wenn ich von so Unbedeutendem sprechen darf, auch meiner
Dichtung nach ganz in die neue Schule hineingehöre; ich halte es wohl oder übel
mit den Romantikern und werde nie von etwas anderem träumen als von nordischen
Prinzessinnen und siegreichen Schlangentötern. Und wird es mir gelegentlich des
romantischen Apparates zuviel, so pfleg ich mich, nach der Lehre vom Gegensatz,
mit einer Art Passion auf Rokokodinge zu werfen und vor Puder und Reifrock nicht
zu erschrecken. Aber etwas Klassisches nie, weder nach Form noch Inhalt.«
    Lewin lächelte und wies auf das zwischen ihnen liegende Buch.
    »Ich komme darauf«, fuhr Hansen-Grell fort, »das ist es ja eben, was mich
von einem Widerspruche sprechen liess. Ich werde nie klassisch empfinden, nie
auch nur den Versuch machen, einen Hexameter oder gar eine alkäische Strophe
aufzubauen, und doch, wo immer ich mit dieser Welt des Klassischen in Berührung
komme, fühl ich mich in ihrem Banne und sehe, solange dieser Zauber anhält, auf
alles Volksliedhafte wie auf blosse Bänkelsängereien herab. Ich habe dann
plötzlich aller naiven Dichtung gegenüber ein Gefühl, als ob ich hübsche
Dorfmädchen auf einem Hofball erscheinen sähe; sie bleiben hübsch, aber die
Bunteit und die Willkürlichkeit ihres Aufputzes lässt selbst ihren wirklichen
Reiz als untergeordnet erscheinen.«
    »Ich kann Ihnen darin nicht zustimmen«, erwiderte Lewin, »Sie sprachen schon
selbst das Wort aus, auf das es mir anzukommen scheint, solange der Zauber
anhält. Da liegt es. Auch in der Kunst gilt das Toujours perdrix, und jedes
Zuviel weckt das Verlangen nach einem Gegenteil.«
    »Möglich, dass Sie es mit dem Toujours perdrix getroffen haben«, sagte
Hansen-Grell, »aber nach meiner eigenen persönlichen Erfahrung muss ich es doch
in etwas anderem suchen. Vielleicht haben Sie Ähnliches beobachtet. Unsere
dichterische Produktion, und das ist der Punkt, auf den ich Gewicht lege,
entspricht unserer Natur, aber nicht notwendig unserem Geschmack. Dieser kann
sich über jene erheben. Wollen wir einen Einklang herstellen, soll unser
Geschmack, der unsere Lektüre bestimmt, auch unsere Produktion bestimmen, so
lässt uns die Natur, die andere Wege ging, im Stich, und wir scheitern. Wir haben
dann unseren Willen gehabt, aber das Geborene ist tot.«
    Lewin wollte antworten, Hansen-Grell indes fuhr in Entwickelung seines
Gedankens mit Lebhaftigkeit fort: »Im übrigen, was unseren schwäbischen Hyperion
angeht«, und dabei schlug er mit dem Finger auf das vor ihm liegende Bändchen,
»so löst sich der Widerspruch, den ich Ihnen anfänglich zugestand, auf eine
vielleicht viel einfachere Weise. Hölderlin, aller Klassizität seiner Form
unerachtet, ist Romantiker von Grund aus. Darf ich Ihnen meine Lieblingsstrophen
vorlesen?«
    »Ich bitte darum.«
    Es dunkelte schon. Da Hansen-Grell aber die Strophen so gut wie auswendig
wusste, so genügte jede Beleuchtung, und er las:
»Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen,
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Dass williger mein Herz, vom süssen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe!
Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
Doch ist mir einst das Heil'ge, das am
Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen:
Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!
Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
Mich nicht hinabgeleitet; einmal
Lebt ich wie Götter, und mehr bedarf's nicht.«
Er legte das Buch aus der Hand und fuhr ohne Pause fort: »Das sind alkäische
Strophen, klassisch in Bau und Form, und doch klingt es in ihnen romantisch
trotz Orkus und aller Schatten- und Götterwelt der Klassizität.« Nun erst sah er
auf Lewin.
    Dieser schwieg noch immer. Aber sein Schweigen sagte mehr, als es die
entusiastischsten Worte gekonnt hätten. Endlich sprach er vor sich hin: »Wie
schön, und wie ist die Stimmung getroffen!«
    »Ja, das ist's«, nahm Grell noch einmal das Wort. »Die Stimmung ist
getroffen; und darauf kommt es an, das entscheidet. Es ist jetzt Mode, von
Stimmung zu sprechen und von In-Stimmung-Kommen. Aber das In-Stimmung-Kommen
bedeutet noch nicht viel. Erst der, der die ihm gekommene Stimmung: das
rätselvoll Unbestimmte, das wie Wolken Ziehende, scharf und genau festzuhalten
und diesem Festgehaltenen doch zugleich auch wieder seinen zauberischen, im
Helldunkel sich bewegenden Schwankezustand zu lassen weiss, erst der ist der
Meister.«
    Lewin nickte, aber zerstreut. Er hatte offenbar nur mit halbem Ohre
hingehört und wiederholte statt aller andern Antwort nur die Schlussworte des
Liedes: »Einmal lebt ich wie Götter, und mehr bedarf's nicht.«
    Hansen-Grell war aufgestanden, und sein unschönes Gesicht mit dem kurzen
Strohhaar und den geröteten Lidern verklärte sich von innen heraus zu wirklicher
Schönheit. »Ob Lied oder Liebe, ob Freiheit oder Vaterland, einmal leben wie
Götter und dann - sterben. Sterben bald, ehe das grosse Gefühl der Erinnerung
verblasst.«
    Sie sprachen noch eine Weile, beide sich in dieselben Vorstellungen
vertiefend; dann sagte Lewin: »Lassen Sie uns gehen, Grell, draussen hängt noch
das Abendrot; es plaudert sich besser im Freien.«
    Und damit verliessen sie das Haus und gingen über den Opernplatz auf den
Lustgarten und die Schlossfreiheit zu.
    Hinter der Sophienkirche ging eben die Mondsichel auf.
                              Achtzehntes Kapitel
                                     Fort!
Um die sechste Stunde war Lewin wieder in seiner Wohnung; das Gespräch, das er
mit Hansen-Grell geführt, klang noch in seiner Seele nach. Die schöne Macht des
Idealen, durch einfache Verhältnisse mehr unterstützt als beeinträchtigt, war
ihm nie reiner entgegengetreten. Er hatte während seines Besuches mehr als
einmal an Faulstich denken müssen; und doch, bei manchem Verwandten, welcher
Unterschied! In der Beschäftigung mit den Künsten, auch in der Freude daran,
waren sich beide gleich; aber während der eine das Schöne nur feinsinnig
kostete, strebte ihm der andere mit ganzer Seele nach. Was den einen
verweichlichte, stählte den andern, und so war Grell ein Vorbild, während
Faulstich eine Warnung war.
    Es fehlte heute das Abendrot, das sonst wohl um diese Stunde drüben über den
Dächern hing, und so kam es, dass in Lewins Zimmer bereits ein völliges Dunkel
herrschte. Er klopfte bei Frau Hulen; sie war nicht zu Hause. Ebenso fehlte die
grüne Schirmlampe und war auch in dem Nebenzimmer nicht zu finden.
    »Was nur der Alten ist?« sagte Lewin und war einen Augenblick verdriesslich
über die »Unordnung«, lachte aber bald wieder und setzte hinzu: »Freilich die
erste in andertalb Jahren.«
    Er tappte bis in die Küche, schürte in der Herdasche, bis die Glut zutage
kam, und zündete seinen Wachsstock an. Und nun vorsichtig, um die Mühe des
Anzündens nicht noch einmal zu haben, ging er in sein Zimmer zurück.
    Jetzt erst sah er, dass ein Brief auf dem Tische lag, die Aufschrift sehr
flüchtig, allem Anscheine nach von Tubals Hand. Was ihm am meisten auffiel, war
das unverhältnismässig grosse Siegel. Es war ersichtlich, dass der Inhalt gegen
unbefugte Neugier hatte sichergestellt werden sollen. Wenn Frau Hulen einen
schwachen Punkt hatte, so lag er nach dieser Seite hin.
    Lewin wusste davon. Er lächelte deshalb, als er das Siegel erbrach und den
auseinandergefalteten Bogen, bequemeren Lesens halber, neben die kleine
Wachsstockflamme hielt. Aber sein Lächeln währte nur einen Augenblick. Es waren
nicht mehr als drei Zeilen.
»Komm heute abend nicht; Katinka ist fort. In einem Zettel, den wir auf ihrem
Schreibtische fanden, hat sie Abschied von uns genommen. Alles andere errätst
Du.
                                                                     Dein Tubal«
Das Blatt entfiel seiner Hand, während er selber auf das Sofa zurücksank. Er war
eine Minute lang wie betäubt. Dann richtete er sich auf und legte seinen Kopf
erst in seine zusammengefalteten Hände, dann auf Tisch und Sofalehne; aber alles
war ihm zu heiss. Er sprang auf und trat an das Fenster. Die fahle Mondessichel,
eben aus dem Gewölk heraus, sah ihm ins Gesicht; ein paar Krähen drüben flogen
auf; unten knarrten die Laternen. Die Kühle der Scheiben tat ihm wohl, aber die
Angst blieb und stieg ihm höher ans Herz. Ihn verlangte nach Luft; so nahm er
eine Filzkappe vom Riegel und schritt auf Flur und Treppe zu. Er war schon auf
den ersten Stufen, als er, plötzlich durch kleine Sorglichkeiten bestimmt,
wieder umkehrte, um die Zeilen zu zerreissen, die auf dem Tische liegengeblieben
waren, und den noch brennenden Wachsstock auszulöschen. Nun erst verliess er das
Haus.
    Unten bog er in die Königsstrasse ein; aber die Steinmassen bedrückten ihn,
wie ihn das Zimmer bedrückt hatte, und er empfand deutlich, dass er aus der Stadt
heraus müsse. So hielt er sich rechts und nahm dann über den Alexanderplatz hin
seine Richtung auf das Frankfurter Tor zu.
    Es war derselbe Weg, den er am Tage, wo das Dachsgraben in der Dahlwitzer
Forst sein sollte, gemacht hatte. Als er wieder in die Nähe des Gastauses zur
»Neuen Welt« kam, das damals in rechter Vormittagsstille dagelegen hatte, sah
er, dass alle Fenster erleuchtet waren; Klarinetten spielten auf, und junge
Paare, denen es drinnen zu heiss geworden war, standen draussen unter den
beschneiten Lindenbäumen. Was kümmerte sie der Wind, der ging, oder der Schnee,
der lag? Der nächste Tanz brachte die Verkühlung wieder heraus.
    Lewin hatte sich an einen der zwei Pfosten gelehnt, die mittelst eines
darübergelegten Querbalkens den ziemlich primitiven Eingang zur »Neuen Welt«
bildeten. Die Musik drinnen ging immer frischer. Er schlug den Takt mit dem
rechten Fusse mit und fand den Tanz allerliebst. »Wer doch auch mit dabei wäre!
Wer tanzen will, dem ist leicht gespielt, sagt das Sprichwort. Warum heisst es
nicht: Wem gespielt wird, der tanze!«
    In diesem Augenblick legte sich von hinten her ein Arm um seine Hüfte, und
ein junges Ding, das sich am Heckenzaune hin, ohne dass er es merkte,
herangeschlichen haben musste, sagte vertraulich:
    »Komm, sie stimmen schon. Es gibt noch einen Schottschen. Du kannst mich und
Malchen auch nach Hause bringen.«
    Es klang mehr schelmisch als zudringlich, und Lewin, der dies fühlte, wandte
sich um und ergriff ihre Hand. Das Mädchen aber, das ihn verwechselt haben
mochte und jetzt erst in sein verstörtes Gesicht sah, erschrak und lief quer
über den Vorgarten in den Saal zurück. Drinnen musste sie von der Begegnung
erzählt haben, denn zwei, drei Köpfe erschienen gleich darauf am Fenster und
blickten neugierig nach dem Fremden hinaus.
    Freilich nicht auf lange, denn der Schottische begann nun wirklich, und
Lewin, während er weiterging, versuchte sich die Takte für seinen Marsch
zurechtzulegen. Es gelang auch eine Weile; aber der Tanzrhytmus war doch
stärker als alles andere, und aus seinem gezwungenen Marschtempo immer wieder
herausfallend, marschierte er in einem wunderlichen Wechsel von Tanz und Schritt
die gradlinige Pappelchaussee hinunter. Er kam an der Stelle vorbei, wo ihm an
dem Schnatermanntage das Elend des Rückzuges zuerst entgegengetreten war;
indessen er gedachte der erschütternden Begegnung nicht mehr und zählte nur noch
die Takte der Musik, trotzdem er diese selbst schon längst nicht mehr hörte.
    »So hintanzen«, sagte er, »das heisst Leben. Nur nichts schwernehmen. Ich
habe das Beste versäumt. Und am Ende auch heute wieder. Sie war hübsch und nicht
zimperlich. Du kannst mich und Malchen nach Hause bringen... sei nicht töricht,
Lewin. Nein, nein, das sagte sie nicht; das war schon früher.«
    Er schwieg eine Weile, seine Gedanken im stillen weiterspinnend. »Und mit
der Johanna Susemihl, was war es denn am Ende? Und was liegt daran, ob ihr die
alte Zunzen das Kleine gegönnt hat oder nicht! Nun sind sie tot, und nur der
Maréchal de logis, so denk ich mir, lebt noch. Er hatte Tressen an dem Hut und
einen Klunker dran. Und fremde Tressen; ja, das macht es; das Neue, das Fremde.
Etwas anderes muss es sein. Neugier wie zu Mutter Evas Tagen.«
    Er war jetzt über Friedrichsfelde hinaus; nur wenn er sich wandte, sah er
noch die Lichter des Dorfes. Am Himmel kein Stern; über die Mondessichel hin
zogen die Wolken, immer dichter, immer rascher. Aber rascher noch gingen die
Bilder über seine Seele.
    »Wie die Hulen sich wundern wird! Ich sehe sie, wie sie mit der kleinen
Lampe nach mir sucht, als ob ich ein versteckter Liebhaber wäre. Und der bin ich
eigentlich auch; nur zu sehr versteckt; ich werde nie gefunden. Die Hulen wird
so verdutzt aussehen wie damals, als ich ihr das französische Kinderlied vorlas.
Klippklapp, sagte sie; es war gar nicht so dumm. Wie ging es doch?
An meiner Enklin Namenstag
Ihr jeder etwas schenken mag:
Der Bäcker schickt ein Zuckerbrot,
Der Schneider einen Mantel rot...
Ja, so ging es. Le boulanger fit un gâteau, la couturière un p'tit manteau, das
schien die leichteste Stelle und war dann hinterher die schwerste. Ich entsinne
mich noch... Was es doch für wunderliche Sachen gibt; ein französischer
Kinderreim zwischen Friedrichsfelde und Dahlwitz. Aber warum nicht? Es gibt noch
viel Wunderlicheres.«
    Er passierte jetzt das Dorf, dessen Namen er eben genannt hatte. Der mit
alten Rüstern besetzte Fahrweg lag im Dunkeln, und die Fensterläden der meist
einzeln stehenden Häuser waren geschlossen; aber aus den herzförmigen Öffnungen
fiel ein Lichtschein auf die Strasse.
    »Brennende Herzen«, sagte er, »morgen früh sind sie wieder an die Wand
geklappt und so schwarz wie vorher. Es ist auch lange genug, vier Stunden zu
brennen. Hier wohnt der Pastor; der brennt sechs.«
    Hundert Schritte hinter dem Pastorhause schloss das Dorf, und Lewin trat ins
Freie. Ihn fröstelte. War es die Nachtluft, oder war es das Fieber? Er schlug
den Rockkragen in die Höhe und die Mützenklappen nach unten; aber das Frösteln
blieb.
    »Wohin geh ich nur? Ich weiss es nicht. Oder ob ich umkehre? Nein. Ich kann
nicht wieder in die Häusermasse hinein; sie nimmt mir den Atem, sie bringt mich
um. Also weiter. Ich werde wohl irgendwo hinkommen.«
    
    So schritt er abermals vorwärts; eine Viertelmeile, eine halbe. Nach rechts
hin, an einer Biegung der Chaussee, stand der Schattenriss eines Kirchturms.
    »Ich bin müde, und ich glaube fast, ich habe Hunger.«
    Er setzte sich auf einen neben der Strasse zusammengefahrenen Steinhaufen und
sah dem dürren Laube zu, das über den glattgefahrenen Schnee hin an ihm
vorübertanzte. Denn der Wind, der seit Stunden schon dichte Wolkenmassen
voraufgeschickt hatte, kam jetzt selber und fegte zwischen den Pappeln hin. Es
war ein Südwest, feucht und voll kleiner Regentropfen, aber einzelne dieser
Tropfen gefroren wieder und schlugen ihm wie Nadeln ins Gesicht. »Tauwind«,
sagte Lewin, »wie heisst es doch? Der Tauwind kam vom Mittagsmeer... ja, ich
glaube, so fängt es an; aber das andere hab ich vergessen. Ich finde nur noch
die Figuren heraus, den Grafen und den Zöllner und den braven Mann. Wer ich wohl
sein mag? Der Graf? Nein. Aber der brave Mann; ja, der bin ich, das ist mein
Fach.«
    Er blickte die Chaussee hinauf, hinunter und sagte dann: »Es sieht aus wie
die Pappelallee, die durch das Bruch führt, und der Schatten, der dort unten
steht, könnte die Guser Kirche sein... Das sind nun vier Wochen, und mir ist,
als wär es ein Jahr.« Er stützte die Stirn in seine Hand und träumte, und in
seinem Traume klang es immer vernehmlicher wie leises fernes Glockenläuten. Er
horchte danach, voll wachsender Sehnsucht, und endlich war es ihm, als fühle er
das Labsal einer Träne und als käm es wie Befreiung über sein schwer bedrücktes
Herz.
    Aber es sollte nicht sein; es war anders beschlossen. Das Läuten, das er nur
traumhaft gehört zu haben glaubte, kam wirklich näher, und ehe er sich noch
zurechtgefunden hatte, sah er von der Dahlwitzer Seite her ein Fuhrwerk zwischen
den Pappeln herankommen. Sonderbar, es war kein Schlitten, wie das Geläute hatte
vermuten lassen, sondern ein leichter, offner Wagen, dessen zwei kleinen
Pferden, sei es aus Laune oder übertriebener Vorsicht, ein Schellengurt
aufgelegt worden war. Und jetzt war der Wagen heran; die Pferde scheuten und
bogen nach rechts hin aus. Auf dem Vordersitze sass ein junges Paar, er mit
verschränkten Armen in einen Mantel gewickelt, sie gross und schlank, in einem
enganschliessenden Rock und einer mit Pelz besetzten Mütze. Die Form liess sich
nicht erkennen, aber sie führte die Zügel und erschrak heftig, als sie des am
Wege Sitzenden ansichtig wurde. Erst an der nächsten Pappel wandte sie sich noch
einmal um und sprach dann, allem Anscheine nach, lebhaft zu ihrem Begleiter.
    Lewin sah das alles, und ohne zu wissen, was er tat, sprang er auf und
suchte dem ihm rasch entschwindenden Fuhrwerk zu folgen. Er wollte rufen,
schreien, aber er brachte keinen Ton hervor. Und so lief er, bis ihm die letzten
Kräfte versagten und er lautlos inmitten des Weges niederstürzte.
    Eine Stunde später hielt ein Schlitten vor dem Bohlsdorfer Krug; es schlug
eben vom Turm. Der Knecht, der von seinem Häckselsack gestiegen war, um die
Pferde abzusträngen, zählte die Schläge und brummte verdriesslich vor sich hin:
»All elwen; för Mitternacht bin ick nich to Huus; awers ick kunn em doch nich
liggen laten.« Damit ging er auf den Heckenzaun zu, neben dem ein paar
verschneite Krippen standen, während von der Hof- und Gartenseite her die Glut
eines hochaufgemauerten Backofens, in dem das Reisigholz eben niedergebrannt
war, über den Zaun weg auf die Strasse sah. Der Knecht starrte hinein, freute
sich des warmen Hauchs und schleppte dann eine der Krippen, aus der er den
Schnee durch blosses Umstülpen entfernt hatte, bis vor sein Gespann und öffnete
den Häckselsack. Die Pferde, denen es zu lange dauern mochte, fuhren mit ihren
Mäulern suchend und schnopernd durch den leeren Trog. Er gab ihnen einen Schlag:
»Künn jih nich töwen«, und stappste dann, als er ihnen endlich ihr Futter
eingeschüttet hatte, unter dem Vorbau weg in die Krugstube, wo auf zwei grossen
Brettern die zum Einschieben in den Ofen eben fertig gewordenen Brote lagen.
    »'n Abend, Krügersch.«
    »'n Abend, Damerow. Noch so spät bi Weeg?«
    »Ja, man möt ja wull. Dat oll Schlackerwetter geiht ei'm bis up de Knaken.«
    »Dat deit et. Wat wullen S', Kirsch o'er Kümmel?«
    »Geben S' en Kirsch. Awer töwen S' noch en beten. Ick hebb do een'n upp 'n
Schlitten. He läg as för dood bi de Chausseesteen. Upp'n Hoar, un ick hedd em
överfoahren.«
    »Kennen S' em nich?«
    »Ne. He süht ut as en Stadtminsch, as en Berlinscher. Koamen S' man mit
rut.«
    Die Krügersfrau, die noch beim Abtrocknen war, nahm eine kleine Laterne vom
Brett, steckte den Lichtstumpf an, hakte wieder ein und folgte dem Knecht auf
die Strasse. So traten sie an die Rückseite des Schlittens, der nur zwei
Korbwände hatte, nach hinten zu aber offen war. Der Knecht schob ein
Strohbündel, das als Decke gedient haben mochte, zurück, und die Krügersfrau
leuchtete nun in den Schlitten hinein. Aber die Laterne fiel ihr aus der Hand,
und sie tat einen Schrei. Dann lief sie wieder in das Haus, rüttelte den Mann,
der in dem Alkoven nebenan eingeschlafen war, und rief: »Steih up, Drews. Kumm,
mach flink. Ick gloob, he is all dood.«
    »Wihr, wihr?« fragte der Krüger, aus dem Schlaf auffahrend.
    Aber die Frau war schon wieder an der Tür. »Jott, Jott, wihr sall et
sinn...? De jungsche Herr von Hohen-Vietz.«
 
                                  Vierter Band
                                        
                             Wieder in Hohen-Vietz
                                  Erstes Kapitel
                                  In Bohlsdorf
Es war drei Tage später. In dem hinter der Gaststube gelegenen Alkoven sass die
Bohlsdorfer Krügersfrau und beugte sich über ihr Kind. Sie sang es in Schlaf,
aber mit leiser Stimme, und in noch leiserer Schaukelbewegung ging die Wiege. Es
hätte dieser Vorsicht nicht bedurft, denn der Kranke, dem sie galt und der über
dem Alkoven gebettet war, lag nun schon den dritten Tag in einem schweren Schlaf
und war taub und tot gegen alles, was um ihn her vorging. Ein Arzt war noch
nicht zu beschaffen gewesen, aber an Pflege gebrach es nicht, wenn man einem
blossen Aufmerken und Abwarten, dem sich seit dem gestrigen Tage zwei Frauen
unausgesetzt unterzogen, diesen Namen geben konnte.
    Mittag war vorüber. Es mochte die zweite Stunde sein, die schon wieder
sinkende Sonne schien durch das Fenster einer kleinen Giebelstube, und ein
freundlicher Glanz, als ging' er von dem Kranken selber aus, war um diesen her.
    »Seine Stirn ist feucht«, sagte die Schorlemmer. »Geh, Renate, und ruhe dich
aus. Eine Viertelstunde nur.«
    »Ich bin nicht müde.«
    »Du musst es sein. Geh.«
    Und sie ging. Aber nicht, um zu ruhen, sondern um einen Brief, den sie
versprochen hatte, nach Hohen-Vietz hin zu schreiben.
    Das Stübchen, das gleich nach ihrer Ankunft als Wohn- und Schlafzimmer
eingeräumt worden war, lag an der andern Giebelseite des Hauses und zeigte noch
jenes Durcheinander, das der erste Moment der Ankunft immer zu geben pflegt.
    Zum Ordnen und Aufräumen war eben noch nicht Zeit gewesen. Auf zwei Stühlen
stand der geöffnete Reisekoffer, während auf eins der beiden Betten hin Muffen
und Mäntel samt allerlei Shawls und Tüchern geworfen waren.
    Renate schien auch jetzt noch kein Auge für diese Dinge zu haben, liess alles
liegen, wie es lag, und rückte nur den Tisch, um besseres Licht zu haben, an den
Fensterpfeiler. Dann schob sie die rote Leinwanddecke, in die ein radschlagender
Pfau weiss eingemustert war, ziemlich unsorglich beiseite und nahm ein Karlsbader
Schreibnecessaire aus dem Koffer, das, wenn man es aufklappte, ein schräges Pult
bildete. Aber die Tinte war fest eingetrocknet, so fest, dass selbst ein paar
Tropfen Wasser nicht helfen wollten. So musste denn anderweitig Rat geschafft
werden. Sie nahm aus ihrem Notizbuch ein dünnes Bleistiftchen, das natürlich
abgebrochen war, gab ihm eine Spitze, so gut es ging, und schrieb nun in
Schriftzügen, deren schwer entzifferbare Form nur noch von ihrer Blässe
übertroffen wurde, das Folgende:
                                                      »Bohlsdorf, den 1. Februar
Liebe Marie!
    Wir sind gestern um die vierte Stunde hier angekommen und fanden unseren
Kranken in einem tiefen Schlafe, der auch jetzt noch anhält. Wie tief dieser
Schlaf ist, zeigte sich heute früh. Ich stiess ein neben dem Ofen stehendes
Schüreisen um und erschrak, denn es gab einen grossen Lärm; aber Lewin öffnete
die Augen nur, um sie sofort wieder zu schliessen. Übrigens schien er mich
erkannt zu haben; ich sah ihn lächeln, freilich nur wie im Traum, denn der
Schlaf hatte gleich wieder Gewalt über ihn. Wir erwarten jeden Augenblick Doktor
Leist, und diese Zeilen sollen nicht eher fort, als bis wir ihn gehört haben.
    Wie dies alles so gekommen? Ich habe nur wenig mehr erfahren, als wir schon
wussten. Und Du mit uns. Ein Knecht fand ihn besinnungslos am Wege, lud ihn auf
seinen Schlitten und gab ihn hier in Bohlsdorf ab. Die Krügersleute haben sich
seiner angenommen und ihn gehegt und gepflegt. Er liegt in einer Giebelstube;
Tante Schorlemmer und ich bewohnen die andere; nur der Bodenflur ist zwischen
uns.
    Warum er Berlin verlassen hat, um in Wind und Wetter bis hierher zu kommen,
darüber hab ich nur Vermutungen. Und auch diese kaum. Es muss etwas Plötzliches
gewesen sein, denn er war leicht gekleidet und trug nur Rock und Filzkappe,
trotzdem es eine nasskalte Nacht war. Eine Stunde früher, als der Knecht ihn
fand, hat ihn der Bohlsdorfer Amtmann, der mit seiner jungen Frau von einem der
Nachbardörfer kam, auf den Chausseesteinen sitzen sehen. Die junge Frau (sehr
hübsch) war heute vormittag bei mir und hat mir von der Begegnung erzählt. Sie
habe sich vor ihm wie vor einer Erscheinung erschrocken. Dann sei er
aufgesprungen und ihrem Wagen zwischen den Pappeln hin eine lange Strecke
gefolgt. So wenigstens habe sie zu sehen geglaubt; sicher sei sie nicht. Du
siehst, alles ist dunkel und rätselvoll. Die junge Frau, die wohl eine halbe
Stunde hier war, überraschte mich durch eine Ähnlichkeit mit Katinka, selbst in
ihrer Art, sich zu kleiden. So trug sie, um nur eines zu nennen, eine polnische,
mit weissem Pelz besetzte Mütze.
    Ach, Marie, wie hat sich alles um uns her geändert! Ich sehne mich jetzt
nach den stillen Hohen-Vietzer Tagen zurück, die ich so oft verklagt habe. Von
allen Seiten drängt es heran, und ich erkenne, wie mein Herz zu schwach und zu
klein ist, allem, was geschieht, sein zuständig Teil zu geben. In ruhigen Zeiten
hätte mich der plötzliche Tod der Tante betrübt oder doch beschäftigt, jetzt
vergehen Stunden, ohne dass ich daran denke. Nur an Dich denke ich viel, immer.
    Ich erwarte noch heut ein paar Zeilen aus Guse; Papa hat sie mir zugesagt.
Das Begräbnis der Tante vermute ich morgen; ihm beizuwohnen, daran ist nicht zu
denken; ich kann hier nicht eher fort, als bis wir Lewin ausser Gefahr wissen.
Und ehe nicht der alte Leist... Aber da hör ich seine Stimme laut und
eindringlich auf der Treppe. Alles wispert im Hause, selbst die Knechte, die
kommen, werden zur Ruhe bedeutet und fügen sich dem Zwang; nur alte Doktoren
haben in ihrem Sprechen und Auftreten das Vorrecht der Zwanglosigkeit, und der
alte Leist macht keine Ausnahme. Ich schliesse vorläufig und will nur hören, was
er sagt.«
    Renate schob das Blatt unter das Schreibnecessaire und traf den Doktor
bereits am Bette drüben. Er sah mit seinen zwei Pelzhandschuhen, die an einer
dicken Schnur rechts und links über den Mantelkragen hingen, abenteuerlich genug
aus und grüsste mit der einen freien Hand, während er mit der andern den Puls des
Kranken zählte. Er schien zufrieden, befühlte noch Stirn und Schläfe und sagte
dann: »Lassen wir ihn allein; er braucht uns nicht.« Damit verliessen alle drei
den ruhig Weiterschlafenden und gingen in die Frauenstube hinüber, wo nun der
Alte seinen Mantel ablegte, während Renate über alles Kleine und Grosse, was die
Auffindung Lewins begleitet hatte, in ähnlicher Weise wie in ihrem Briefe an
Marie zu berichten begann.
    »Sehr gut, sehr gut«, unterbrach sie der offenbar ziemlich unaufmerksame
Doktor und fuhr dann, nachdem er auf einem Binsenstuhl Platz genommen und sich
die breiten, braunfleckigen Hände behaglich gerieben hatte, in vertraulichem
Tone fort:
    »Und nun, mein Renatchen, ehe wir weiterplaudern, bitt ich um einen Kaffee,
das heisst, mit Permission, um einen Cognac-Kaffee. Den Milchkaffee habe ich
abgeschworen. Das ist nichts für einen alten Doktor mit Landpraxis.«
    Tante Schorlemmer ging, um das Gewünschte herbeizuschaffen; der alte Leist
aber, der, wie alle Doktoren, auch wenn sie nicht beim Feldscher begonnen haben,
gerne sprach und Anekdoten erzählte, um das ewige Einerlei der
Krankengeschichten loszuwerden, wiederholte, als die Schorlemmer hinaus war,
seine letzten Worte und setzte dann erklärend hinzu: »Sehen Sie, mein Renatchen,
mit dem milchernen ist es nichts. Ich meine den Kaffee. Sonst lass ich auf das
Milcherne nichts kommen, denn es ist die höhere Stufe. Aber was ich sagen
wollte. Sehen Sie, dies Franzosenvolk ist sonst nicht mein Gustus, und ihre
Guillotinenwirtschaft, was sie damals La Terreur oder, wie wir sagen, den
Schrecken oder den Terrorismus genannt haben, das kann ich ihnen nicht
vergessen; aber, der Wahrheit die Ehre, mit dem Cognac-Kaffee, da haben sie's
getroffen. Es gibt so Sachen, worin sie uns überlegen sind.«
    Renate rückte ungeduldig hin und her; der alte Leist indessen schien es
nicht zu bemerken und fuhr fort:
    »Und es ist eigentlich nicht mehr und nicht weniger als meine Pflicht und
Schuldigkeit, dass ich mich ehrlich dazu bekenne. Denn ohne diesen Cognac-Kaffee
wär ich nicht mehr am Leben und sässe nicht in diesem hübschen Bohlsdorfer Krug.
Sie haben von Anno 93 gehört, oder Quatre-vingt-treize, wie die Franzosen sagen.
Sie lieben alles, was einen Schnepper hat und so ins Ohr klingt, als ob es was
Apartes wäre. Und sehen Sie, damals hatten wir ja den Champagnefeldzug, und ich
war auch mit, mitsamt meiner Grenadiercompagnie von Alt-Larisch. Nun ja,
Champagne, das klingt ganz gut, und wer es nicht besser weiss, der denkt sich
lauter bauchige Weinflaschen und einen blanken Pfropfen, der mit einem Knall an
die Decke springt. Aber, du himmlische Güte, wir haben die Champagne ganz anders
kennengelernt. Es regnete Tag und Nacht, immer Biwak und im Freien kampiert auf
Kalk- und Lehmboden, der das Wasser nicht durchlässt, und ehe vier Wochen um
waren, lag die halbe preussische Armee nicht mehr im Biwak, sondern im Lazarett.
Und der alte Leist, trotzdem er ein Doktor war, hätte auch darin gelegen, wenn
er sich nicht gehütet hätte. Denn der kannte die Lazarette, und weil er sie
kannte, kroch er lieber beiseite und schleppte sich bis an ein alleinstehendes
Bauernhaus, in dessen Tür er, mit Permission, eine dicke, alte Französin stehen
sah. Und die hatte Mitleid mit ihm und nahm ihn auf. Und um es kurz zu machen,
sie packte mich in ein turmhohes Bett, und als ich nun einen Schüttelfrost
kriegte und meine Zähne, soviel ihrer noch waren, vor Kälte zusammenschlugen, da
brachte sie mir einen Cognac-Kaffee, eine Tasse, zwei Tassen, ich weiss nicht,
wieviel ich getrunken habe. Aber das weiss ich, dass ich den dritten Tag wieder
auf den Beinen war. Und seitdem trink ich ihn in allen schweren Lebenslagen,
wohin ich auch sieben Meilen bei zehn Grad Kälte rechne, erstens aus
Dankbarkeit, zweitens aus Vorsicht und drittens, weil er mir schmeckt.«
    In diesem Augenblick trat die Schorlemmer wieder ein, und die Krügersfrau
mit dem geforderten Kaffee folgte. Neben der Tasse stand ein Glas. Der Doktor
liebäugelte damit, schwankte zwischen Anstand und Begehrlichkeit, unterlag aber
wie gewöhnlich der letzteren und leerte das Glas auf einen Zug. Der
Mischungsprozess war unterblieben.
    Renate, deren anfängliche Ungeduld bei dem Geplauder des Alten eher
geschwunden als gestiegen war, sah ihm lächelnd zu und sagte dann, ihre Hand auf
seinen Arm legend:
    »Aber nun, lieber Doktor Leist, wie steht es mit unserem Kranken? Ist
Gefahr?«
    »Gefahr, Gefahr«, antwortete der Alte im Tone scherzhaften Vorwurfs, »werde
doch nicht von Anno 93 sprechen, wenn Gefahr wäre! Nein, mein Renatchen, wenn
dem alten Leist so was Bitteres auf der Zunge liegt, da schmeckt ihm nichts, und
wenn es ein Cognac-Kaffee wäre. Wie es mit ihm steht? Gut steht es. Er schläft
sich gesund. Nichts von Gefahr. Überreizung der Nerven. Das ist alles.«
    Renate schwieg. Sie wollte nicht weiter forschen, da sie den Zusammenhang
der Dinge zu ahnen begann. Die Schorlemmer aber, die nichts von solchen
Zuständen wusste, fragte halb ärgerlich:
    »Nervenüberreizung; was soll das? Woher?«
    »Ja, mein liebes Tantchen«, antwortete Leist, »das ist mehr, als ein armer
Doktor wissen kann. Der muss schon froh sein, wenn er erkennt, was er vor sich
hat. Woher es kommt, darauf kann er sich nicht einlassen. Das weiss eben nur der
Kranke selbst. Und unser Lewin wird es schon wissen und sich eines Tages unser
aller Neugier erbarmen, denn eine rechte Neugiersgeschichte ist es, dessen bin
ich sicher.«
    Und dabei schmunzelte der Alte so listig vor sich hin, als ob er den ganzen
Liebesroman von Anfang bis Ende gelesen hätte.
    »Aber nun Verhaltungsbefehle!« sagte Renate, »was tun wir?«
    »Wir warten. Das ist überhaupt das Beste, was der Mensch tun kann. Zeit,
Zeit. Die Zeit bringt alles. Dem Kranken bringt sie Gesundheit. Wir warten
also.«
    »Und wie lange noch?«
    »Ja, das ist nun wieder so eine Frage. Aber rechnen wir nach. Heute ist der
dritte Tag. Ich denke, den fünften Tag, also übermorgen. Übermorgen wird er
ausgeschlafen haben und wird irgend etwas wollen, vielleicht einen gerösteten
Speck oder ein Zwiebelfleisch. Was es aber auch sein mag, er muss es haben, denn
was dann spricht, das ist die Stimme der Natur, die durchaus gehört werden
will.«
    »Ach, wie freue ich mich«, sagte Renate, »meinen Brief mit so guten
Nachrichten schliessen zu können! Ich schrieb, als Sie vorfuhren, eben an Marie
Kniehase. Wissen Sie, Doktor, Sie könnten mir die letzten Zeilen diktieren.«
    »Das will ich«, sagte der Alte, »und will auch den Briefträger machen, denn
ich fahre über Hohen-Vietz. Haben Sie alles?«
    »Alles.«
    »Nun denn schreiben wir: ... Eben ist Doktor Leist hier und versichert uns,
es sei keine Gefahr. In zwei Tagen wird unser Kranker ausser Bett und in einer
halben Woche so gut wie genesen sein. Dies alles schreib ich nach dem Diktat des
Alten, der diesen Brief selbst mitnehmen will. Punktum, Gedankenstrich.
                                                                   Deine Renate«
Renate sprang auf, schob in heiterer Laune dem Doktor das Blatt zu und sagte:
»So, nun haben wir es schwarz auf weiss, und Sie müssen nur noch
darunterschreiben beglaubigt und Ihren Namen. Aber keinen Doktorkrickelkrakel,
sondern deutlich und leserlich für jedermann.«
    Der Alte tat, wie ihm geheissen. Dann erhob er sich, und während ihm Renate
wieder in seinen schweren und vielkragigen Mantel hineinhalf, schloss er seinen
Besuch mit den Worten: »Und nun noch eines, ihr Damen. Ich muss die Gesunden
bitten, sich über den Kranken nicht zu vergessen. Sonst vertauschen wir bloss die
Rollen. Also keine Allotria wie Nachtwachen und andere Überflüssigkeiten.
Tantchen, ich mache Sie verantwortlich. Und übermorgen sehe ich wieder nach. Und
nun Gott befohlen.«
    Sie begleiteten ihn treppab bis an den Wagen, der unter dem Vorbau hielt.
Bald zogen die Pferde an, und Renate und die Schorlemmer grüssten dem Alten nach.
Eine rechte Sorge war von ihnen genommen; er hatte so zuversichtlich gesprochen.
Gegen Abend kam eine alte Wartefrau, um sie am Bette des Kranken abzulösen, und
beide gingen nun in ihre Giebelstube hinüber, um nach zwei schlaflosen Nächten
eine ruhige Nacht zu haben.
    Renate war müde, Tante Schorlemmer aber rüstig und beweglich wie immer. Sie
setzte sich zu ihrem Liebling und zeigte sich geneigt, noch eine Viertelstunde
zu plaudern.
    »Wie mag es in Guse aussehen?« fragte Renate. »Ach, liebe Schorlemmer, ich
sorge mich, von der Tante zu träumen.«
    »Du wirst es nicht.«
    »Und wie sie nur gestorben sein mag«, fuhr Renate fort. »Ich glaube nicht,
dass sie einen christlichen Tod gehabt hat. Und nun sehe ich sie im Sarge liegen,
blass, mit ihrer schwarzen Witwenhaube, und die Schnebbe daran noch tiefer in die
Stirn gerückt als gewöhnlich. Und vor diesem Bilde fürchte ich mich. Es mag
nicht recht sein. Aber dir darf ich es sagen, liebe Schorlemmer, dass ich lieber
hier in Bohlsdorf als in Guse bin. Ist es ein Unrecht?«
    Die Schorlemmer streichelte ihr die Hand und sagte: »Wenn es ein Unrecht
ist, mein Renatchen, so ist es ein kleines. Ich weiss wirklich nicht, ob es
unsere Christenpflicht ist, einem Toten ins Gesicht zu sehen. Und sie hatte
etwas Unheimliches. Alle, die Jesum verachten, haben nichts von seinem
Gnadenschein.«
    »Und was nun aus Guse wird? Es war Allod, und als Kaufgut fällt es nicht an
die Pudaglas zurück.«
    »Ich wüsste schon einen Erben.«
    »Welchen?«
    »Renate von Vitzewitz. Aber du hättest dann einen andern Namen.«
    »Geh doch. Was du nur sprichst. Ich armes Fräulein und das schöne Gut.«
    »Ja, mein Renatchen, die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen, und
während du glaubst, dass ich nur an Grönland und Neu-Herrnhut denke, denk ich an
ganz andere Dinge. Ich habe auch so meine kleinen Passionen und verheirate die
Menschen gern, und wenn ich so in die Zukunft sehe, da seh ich nichts als...«
    »Nun?«
    »Nichts als Hochzeitszüge, kleine und grosse: du, Marie, Maline. Selbst für
die Eve hab ich schon gesorgt, trotzdem sie hochfahrend ist und es eigentlich
nicht verdient.«
    »Und Katinka?«
    »Nein, Katinka nicht. Die tut alles selbst und braucht meine Vorsorge
nicht.«
    »Ach, wie beneid ich dich, dass du so Hübsches denken kannst. Ich sehe keinen
Hochzeitszug. Und jetzt, wo ich mir einen solchen vorstellen will, seh ich ihn
schwarz.«
    »Das ist, weil du mit deinen Gedanken in Guse bist.«
    »Ich glaube, dass du recht hast, wenigstens wünsche ich es. Ach, wie lieb ist
es, dass du bei mir bist. Ich muss an den Abend vor Silvester denken, wo du mir
die Gespensterfurcht wegerzähltest. Es war die Geschichte von Kajarnak, dem
ersten Getauften; du siehst, ich habe den Namen gut behalten. Aber nun will ich
schlafen. Sage mir noch eines von euren Liedern, ein recht hübsches, keins von
den süssen mit Lämmlein und Englein. Die kann ich nicht ertragen.«
    »Nun, dann wollen wir ein recht festes und kerniges nehmen«, sagte die
Schorlemmer:
»Schau von deinem Tron,
Vater, Geist und Sohn.«
Renate nickte zustimmend, und die Alte fuhr mit immer leiser werdender Stimme
bis an die dritte Strophe fort:
»Reinige mein Herz
Auch mit meinem Schmerz;
Gib, dass sich mein Eigenwille
Ruhig in dem deinen stille;
Alles, was noch mein,
Eigne dir allein.«
Sie sprach nicht weiter. Renate hatte die Hände gefaltet, lächelte und schlief.
 
                                Zweites Kapitel
                                 Eine Begegnung
Die Sonne des nächsten Vormittags schien hell auf die Bohlsdorfer Dächer. Renate
war bei der Amtmannsfrau gewesen, um ihr einen Gegenbesuch zu machen, und kam
eben von dem Gutshofe zurück, als sie ein herrschaftliches Fuhrwerk vor dem
Kruge halten sah. Der Herr, dem es gehörte, ging inmitten der Dorfgasse auf und
ab. Er war von hoher Gestalt, trug Pelzrock und Pelzstiefel und sah von Zeit zu
Zeit nach dem Kirchturm hinauf, dessen grotesk geformte Schneehaube seine
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen schien. Im Näherkommen erkannte Renate den
alten Geheimrat.
    »Onkel Ladalinski!« rief sie und eilte ihm entgegen.
    Der Geheimrat war ersichtlich befangen, und eine kurze Pause folgte den
ersten Begrüssungsworten, bis Renate fragte: »Du bist auf dem Wege nach Guse?«
    »Ja, liebe Renate; zum Begräbnis der Tante. Aber was führt dich in dieses
Dorf? Ich erwartete, dich in Guse zu sehen, dich und Lewin und den Papa.«
    »Du wirst nur den Papa in Guse treffen; Lewin ist hier.«
    »Lewin ist hier?«
    »Ja, krank und bewusstlos; nun schon den vierten Tag. Die Leute schickten uns
einen Boten. Es war denselben Morgen, wo die Nachricht von dem Tode der Tante
kam. Papa fuhr nach Guse, ich nach hier. Die Schorlemmer begleitete mich, und
wir fanden Lewin, wie wir nach allem, was uns der Bote gesagt hatte, erwarten
mussten. Er lag in tiefem Schlaf. Alles ist in Dunkel, und wir raten hin und her,
was ihn in nasskalter Nacht von Berlin fort und hierher geführt haben mag. Ein
Knecht fand ihn wie tot neben den Chausseesteinen.«
    Der Geheimrat schwieg eine Weile; dann nahm er Renatens Arm und sagte: »So
weisst du von nichts? Ach, Kind, welche Tage haben wir durchlebt! Katinka ist
fort, und wir werden sie nicht wiedersehen.«
    Das also war es. Renate sah nun klar, schien aber weniger überrascht, als
der Geheimrat bei seinen letzten Worten erwartet haben mochte.
    »Kann ich Lewin sehen?« fragte dieser.
    »Ja; er liegt oben.«
    Sie stiegen nun die schmale Treppe hinauf und fanden die Schorlemmer am
Bette des Kranken. Sie wollte das Zimmer verlassen, aber der Geheimrat bat sie
zu bleiben. Lewin schlief mit einem Ausdruck, als ob er sich dieses Schlafes
freue, und der alte Ladalinski war durch den Anblick erschüttert. Über ihn, seit
jenem Tage, war kein erquicklicher Schlaf gekommen. Er nahm des Kranken Hand und
sagte: »Er wird genesen«, und in dem schmerzlichen Ton, in dem er diese Worte
sprach, klang es begleitend mit: »Ich nicht.«
    So verliessen sie wieder das Haus und kehrten auf die Dorfgasse zurück, wo
sich inzwischen alt und jung um den Chaisewagen und das verdriesslich über die
Ledertrommel (als ob es eine Logenbrüstung wäre) hinwegblickende Windspiel
versammelt hatte.
    »Ich spräche gern noch ein paar Worte mit dir«, sagte der Geheimrat und wies
mit leiser Kopfbewegung auf die Dorfleute, die jetzt ihre neugierigen Blicke
mehr auf das herzutretende Paar als auf den Wagen zu richten begannen.
    »Lass uns in die Kirche gehen«, erwiderte Renate, »die Tür ist offen.«
    Er war es zufrieden. Sie stiegen über die halbverfallene Feldsteinmauer und
schritten, an ein paar Gräbern vorbei, auf dieselbe Seitentür zu, durch die
Lewin am Weihnachtsheiligabend eingetreten war.
    In der Kirche war alles öde; nur auf den schwarzen Tafeln standen noch die
Nummern der Gesangbuchverse, die man am letzten Sonntag gesungen hatte. Ein
scharfes Seitenlicht fiel auf das Altarbild: eine Kreuzigung. Maria und Johannes
fehlten, und nur eine Magdalena lag auf den Knien und hielt das Kreuz umfasst. Es
war ein hässliches Bild aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, am hässlichsten
die Magdalena. Sie trug ein hohes Toupet von rotblondem Haar, in das grosse
Perlen eingeflochten waren. Der Ausdruck sinnlich und roh. Den Geheimrat verdross
es; er wandte sich ab und suchte nach einem Platz in der Kirche, der ihm
Sicherheit vor diesem Anblick gewähren mochte. Er fand ihn auch. Zur Seite des
Altars, in eine Ecke geschoben, standen vier alte Chorstühle, die, nach ihrem
Schnitzwerk zu schliessen, noch aus der katolischen Zeit stammten und bei einer
Renovierung der Kirche hier seitab ein Unterkommen gefunden hatten. Der alte
Ladalinski zeigte darauf hin, und sie nahmen die beiden vordersten ein.
    Jeder scheute sich, von Katinka zu sprechen. So stockte das Gespräch, noch
ehe es recht begonnen. Endlich fasste sich Renate und sagte: »Ich vermisse Tubal;
er war der Liebling der Tante, und nun fehlt er an ihrem Grabe.«
    »Und doch war es ein richtiges Gefühl, was ihn zurückhielt«, erwiderte der
Geheimrat.
    Renate sah ihn fragend an.
    »Ein richtiges Gefühl«, wiederholte dieser nach einer Pause, »das Gefühl
einer Mitschuld. Ach, meine teure Renate, die Schuld, die wir auf uns laden,
tragen wir nicht allein. Andere sind gezwungen, sie mitzutragen. Und Tubal
empfindet das. Er wollte niemand von euch sehen, nicht Lewin und nicht dich.«
    »Und doch hätt er sich überwinden sollen«, sagte Renate.
    »Und dass er es nicht tat, Onkel Ladalinski, das kann ich ihm nicht zum Guten
rechnen, wenigstens nicht zum Guten allein. Er gab einem feinen Gefühle nach und
misstraute dem unsrigen. Das war nicht recht, sonst hätt er wissen müssen, dass
wir solche Mitschuld nicht gelten lassen und ihr Bekenntnis nicht annehmen
würden.«
    Sie schwieg einen Augenblick; dann fragte sie, wie um dem Gespräch eine
andere Wendung zu geben: »Weisst du, wie die Tante starb?«
    »Nein, ich hörte nichts. Alles, was ich erfuhr, erfuhr ich aus einer kurzen
Anzeige deines Vaters. Ich war erschüttert, denn sie hatte meinem Herzen
nahegestanden, und ich musste mich aufrichten an der Vorstellung dessen, was ihr
durch diesen raschen und unerwarteten Tod erspart geblieben ist. Denn sie liebte
nicht, ihre Pläne durchkreuzt zu sehen. So durchkreuzt!« Er schwieg eine Weile
und setzte dann hinzu: »Und ihre Pläne, Renate, waren meine Wünsche. Alles, was
davon noch übrig ist, leg ich in deine Hand.«
    Renate blickte vor sich hin und errötete. Dann aber sagte sie rasch und in
beinahe heiterem Tone: »Oheim Ladalinski, lass mich offen sein. Ich darf es. Du
pochst nicht an die rechte Tür, und du weisst es auch; was du freundlich in meine
Hand legen möchtest, das liegt in einer anderen.«
    »Nein, Renate, es liegt bei dir. Ein Herz zwingt das andere. Und ich
weiss...«
    Sie schüttelte den Kopf und wollte antworten; aber beide hörten jetzt
draussen ein Kratzen an der Tür, und im nächsten Augenblicke kam das Windspiel
den Mittelgang der Kirche herauf, stellte sich, mit unruhiger Kopfbewegung,
bellend und klingelnd vor den Geheimrat und lief dann wieder auf den
Seiteneingang zurück, immer sich umblickend, ob sein Herr auch folge.
    »Kutscher und Diener werden ungeduldig«, sagte der alte Geheimrat; »wir
müssen abbrechen.«
    Damit verliessen beide die Kirche und schritten wieder über den Kirchhof auf
den Wagen zu, in den das Windspiel eben hineingehoben wurde. Der Geheimrat nahm
seinen Platz neben demselben und streichelte es, während er die Rechte Renaten
zum Abschied reichte.
    »Ich danke dir für unser Gespräch; behalt es in gutem Gedächtnis. Ich bitte
dich darum.«
    Damit trennten sie sich. Renate trat unter den Vorbau des Kruges und sah dem
Wagen nach. Ihre Gedanken waren bei Tubal, und sie suchte sich das Bild
desselben vorzustellen; aber es waren immer die Züge Katinkas, die sie sah.
    »Sind sie einander so ähnlich?« fragte sie sich und stieg die Treppe hinauf.
    Eine Stunde später brachte die Krügersfrau das Essen, legte das Tischtuch
und entschuldigte sich ein Mal über das andere, dass es so spät geworden sei,
aber »der kräpsche Junge« habe nicht schlafen wollen. Sie wisse nicht, von wem
er es habe, von seinem Vater sicherlich nicht, denn der schlafe zuviel. Ihre
Sprechweise, während sie so plauderte, war über ihren Stand, dabei ziemlich
zwanglos, und nur mitunter, wenn sie lebhafter wurde, entschlüpfte ihr ein
plattdeutsches Wort.
    Tante Schorlemmer und Renate hatten Platz genommen und rückten einen dritten
Stuhl an den Tisch.
    »Sie müssen bleiben«, sagte Renate, »und sehen, wie gut es uns schmeckt.
Denn Sie führen eine gute Küche, das hab ich gleich gestern herausgefunden. Der
Kleine schläft, da haben Sie Zeit und können uns etwas erzählen. Wir sind nun
schon fast zwei Tage hier und haben noch nicht einmal Ihren Namen erfahren.«
    »Ich heisse Kemnitz... das heisst mein Mann.«
    Sie sagte dies in einem Tone, der andeuten sollte, dass ihr väterlicher Name
um einen Grad höher gewesen sei.
    Renate verstand es auch so und fuhr deshalb fort: »Sie sind gewiss aus der
Stadt? Aus Alt-Landsberg oder Müncheberg?«
    »Nein, das nicht: ich bin von hier. Mein Vater hatte die Schule, und als ich
bei Pastor Lämmerhirt eingesegnet war, da kam ich aufs Amt. Denn wir waren drei
Mädchen, und ich bin die mittelste; Christiane hatte den Marzahnschen Müller
geheiratet, und Mariechen, was unsere Jüngste ist, ist noch zu Hause, denn
unsere Mutter lebt noch.«
    »Und da sind Sie wohl immer auf dem Amt gewesen?« fragte Renate.
    »Ja, bis vor andertalb Jahren. Ich hatt es gut. Die junge Frau war das
einzige Kind, und wir waren immer zusammen, und da sah und hört ich alles. Der
jetzige Amtmann hielt es mit der Mutter und hat sich hineingeheiratet; er war
erst bloss Verwalter. Und man merkt es auch noch; auf dem Hof hat er das grosse
Wort, aber in der Stube ist er mäuschenstill, denn die Mutter hat das Regiment,
und die Tochter lernt es jeden Tag besser.«
    »Und Ihr Mann, liebe Frau Kemnitz, der war wohl auch auf dem Amt?«
    »Ja, er war der Meyer. Er diente schon das siebente Jahr und sah mir immer
nach den Augen, dass ich lachen musste. Und erst wollt ich ja nicht, aber da sagte
mir Pastor Lämmerhirt, ich sollte mich nicht um mein Glück bringen. Da nahm ich
ihn denn, und es tut mir auch nicht leid, denn er ist gut gegen mich, und nun
gar der Junge, Sie glauben nicht, wie er das Kind liebt. Da muss man denn schon
ein Auge zudrücken.«
    »Das muss eine gute Frau immer«, sagte die Schorlemmer und hob in
freundlicher Ermahnung ihren Zeigefinger. »Eine gute Frau muss die Augen immer
aufhaben, aber sie muss sie auch zuzumachen verstehen, je nachdem. Sie muss alles
sehen, aber sie muss nicht alles sehen wollen.«
    Die Krügersfrau, die nach Art der Dorfleute bei Sehen und Nichtsehen immer
nur an Liebesgeschichten dachte, missverstand die sehr anders gemeinten Worte
Tante Schorlemmers und antwortete lachend: »Ach, so was ist es ja nicht; da käm
er mir auch recht.«
    »Nun, was ist es denn?« fragte Renate neugierig.
    »Ja, was ist es, Fräuleinchen? Ich schäme mich fast, davon zu sprechen. Er
schläft immer, und das soll nicht sein. Des Abends, wenn die Gaststube leer ist,
les ich ihm eine Gesangbuchepistel vor, so bin ich grossgezogen, so war es bei
meinem Vater selig, und so war es auch auf dem Amt. Und wenn auf dem Amt auch
keiner recht hinhörte, so taten sie doch so. Aber mein Kemnitz schläft. Eine
Zeitlang hab ich ihn lesen lassen, bis ich sah, dass es auch nicht ging. Er hat
immer den Sandmann in den Augen.«
    »Das ist aber doch nichts Schlimmes, meine liebe Frau Kemnitz«, sagte
Renate.
    »Doch, gnädiges Fräulein«, erwiderte die Krügersfrau. »Und wenn er bloss
schliefe, wenn er schläft; aber er schläft auch, wenn er wach ist. Und das ist
das Allerschlimmste. Er vergisst alles, er hat gar keinen Merk. Sehen Sie,
letztes Vogelschiessen, da hatten wir das Haus voll, alle Stuben, und ich war
oben und unten, in Küche und in Keller, und wir verschenkten einen halben Anker
Wacholder. Ja, verschenkt haben wir ihn, denn mein Kemnitz vergass die
Kreidestriche, und als er sie zuletzt machte, so nach Gutdünken, weil er sich
vor mir fürchtete, da waren sie falsch, und wir hätten noch Streit und böse
Nachrede gehabt, wenn ich nicht, als der Lärm eben anfing, dazugekommen wäre. Da
fuhr ich denn mit meinem Ärmel über die ganze Rechnung hin und sagte: Es ist
alles frei gewesen, und brachte jedem ein Extraglas und tat, als ob es mich
freute, denn die Bauern sind sehr schwierige Leute. Aber in der Nacht hab ich
meine blutigen Tränen geweint.«
    Die Krügersfrau hatte sich so hineingesprochen, dass ihr noch in der
Rückerinnerung wieder die Tränen in die Augen kamen, aber sie fühlte auch
zugleich, dass Reden und Aussprechen der beste Trost sei, und so fuhr sie fort:
»Und wenn es noch so wäre wie den vorvorigen Sommer. Aber da haben wir ja jetzt
den Roten Krug, keine hundert Schritt vom Dorf, nach Tassdorf zu. Ostern fing er
an zu bauen, Pfingsten war alles unter Dach, und Johanni zog er ein. Er heisst
Bindemeier und ist ein verdorbener Stellmacher; ein schlechter Mensch, der immer
abbrennt und immer in Scheidung lebt. Er hat nun schon die dritte Frau; aber die
Kinder sind von der ersten, auch die Line, die morgen Hochzeit macht.«
    »Hochzeit, wen heiratet sie denn?« fragte Renate.
    »Einen Dahlwitzer Bauerssohn. Erst sollt es ja nicht sein. Der Alte drüben
wollte nicht, denn er ist geizig und hat den Bauernstolz. Aber da ging ja die
Line nach Dahlwitz und hat den Alten so mitbehext, dass er jetzt Stein und Bein
schwört, wenn der Junge sie nicht nähme, so wollt er sie selber nehmen, denn er
ist ein Witwer.«
    »Ist sie denn so hübsch?«
    »Nein, hübsch ist sie nicht; aber sie hat so ein Wesen. Und von wem hat
sie's? Vom Vater hat sie's. Und das ist es ja eben. Denn sehen Sie,
Fräuleinchen, er hat bloss die Schankgerechtigkeit und ist gar kein richtiger
Krüger, wiewohlen er den Roten Krug hat; aber das muss wahr sein, das Krügern
versteht er. Und mein Kemnitz versteht es nicht. Der kreidet gar nicht an und
der andere doppelt. Und keiner, der in den Roten Krug kommt, merkt es, weil er
jedem zum Munde redet und immer eine Geschichte hat.«
    »Und möchten Sie tauschen?« fragte jetzt Renate, »und einen Mann haben wie
den im Roten Krug?«
    »Um Gottes willen nicht«, erschrak die Krügersfrau, »da hätt ich ja keine
ruhige Stunde mehr.«
    »Sehen Sie, da haben wir das Geständnis Ihres Glücks. Sie haben den Frieden
des Gemüts, der das Beste ist. Lassen Sie Ihren Mann nur ruhig schlafen; er ist
ein guter Mann, und das ist gerade genug. Schläft er viel, so müssen Sie viel
wachen; das hebt sich dann. Etwas fehlt immer, und irgendwo drückt der Schuh
einen jeden; den einen hier, den andern da.«
    Die Krügersfrau seufzte: »Das hat mir Pastor Lämmerhirt auch gesagt«, und
dabei erhob sie sich und schob die Teller zusammen. Aber auf ihr erstes Wort
zurückkommend, setzte sie hinzu. »Ein schläfriger Mann ist doch nicht gut, das
lass ich mir nicht nehmen.«
    Und damit verliess sie das Zimmer. -
    »Weisst du, an wen ich habe denken müssen?« fragte Renate.
    »Gewiss; an Maline.«
    »Nur dass der junge Scharwenka nicht schläfrig ist. Vielleicht zuwenig.«
    »Da drückt der Schuh am andern Ende«, schloss die Schorlemmer.
    Renate nickte, und müde von den Anstrengungen dieser Tage, warf sie sich auf
ihr Bett, um eine Stunde zu schlafen. Die Schorlemmer deckte sie mit einem
Mantel zu und ging in das andere Zimmer hinüber. Hier setzte sie sich zu Häupten
Lewins und begann an einem Strickzeug zu stricken, das sie sich von der
Krügersfrau geborgt hatte, denn ihre Hände konnten nicht ruhen.
    Als die Sonne schon im Sinken war, brachen Renate und die Schorlemmer auf,
um einen Spaziergang zu machen, wozu die Luft und die Beleuchtung aufforderten.
Sie gingen die nach Tassdorf führende Pappelallee hinunter, an dem »Roten Kruge«
vorbei, wo schon alles in hochzeitlicher Vorbereitung war. Keines sprach;
endlich sagte die Schorlemmer, als ob sie wisse, dass Renatens Gedanken denselben
Weg machten: »Und nun so weggenommen, ohne Vorbereitung und ohne Abendmahl, und
nichts in Händen als ein französisches Buch. Daraufhin wird einem nicht
aufgetan.«
    Sie waren stehengeblieben und sahen jetzt über einem dunkeln Waldstreifen
den Mond aufgehen, blass und silbern.
    »Dortin liegt Guse«, sagte Renate.
    Die Schorlemmer bejahte.
    »Ich glaube, sie begraben sie jetzt. Mir ist, als hörte ich das Singen.«
    »Möge Gott ihrer Seele gnädig sein!«
    Und beide falteten die Hände und gingen in das Dorf zurück.
 
                                Drittes Kapitel
                             »So spricht die Natur«
Die Nacht über hatten abwechselnd die Krügersfrau und eine alte Frau aus dem
Dorfe bei Lewin gewacht; nun war es neun Uhr früh, und Renate und die
Schorlemmer sassen wieder an seinem Bette. Er schlief unruhiger als die Tage
vorher, und einzelne, freilich nur halb verständliche Worte kamen von seinen
Lippen. In dem Zimmer lag ein heller Morgenschein, und das Eis schmolz von den
Scheiben. Sonst war nichts hörbar als das Zwitschern eines Zeisigs und das
Klappern von Tante Schorlemmers Nadeln. So verging eine halbe Stunde, während
welcher die Frauen vor sich hin oder auf den Kranken sahen. Jetzt traf die Sonne
sein Gesicht, und Renate flüsterte: »Sieh, er träumt. Und etwas Freundliches muss
es sein.« Und ehe die Schorlemmer antworten konnte, gingen draussen die Glocken,
und Lewin erwachte. Sein erster Blick fiel auf die Schwester. Er erkannte sie
und sagte: »Renate.«
    Diese war aufgesprungen, nahm ihn in ihre Arme und rief ein Mal über das
andere: »Mein lieber, lieber Lewin.« Tante Schorlemmer strickte weiter, aber
ihre Lippen zuckten. Als Lewin sie bemerkte, nickte er ihr zu und gab ihr die
Hand.
    Es war ersichtlich, dass er noch sehr matt war. Sie legten ihm ein Kissen in
den Rücken, so dass er mehr sass als lag, und sein Auge lief nun im Zimmer umher,
um sich zurechtzufinden.
    »Wo bin ich?«
    Sie nannten ihm den Namen des Dorfes. Er schüttelte den Kopf, schien sich
aber zu besinnen und fragte dann: »Wo ist Papa?«
    »In Guse.«
    »In Guse? Warum in Guse?«
    Renate und die Schorlemmer sahen einander an und wussten nicht, was
antworten. Aber Renate fasste sich bald und sagte ruhig:
    »Tante Amelie ist tot.«
    »So, so... wie alt war sie?«
    Es blieb bei der Frage, denn sein Bewusstsein begann wieder zu schwinden, und
einen Augenblick später lag er abermals in tiefem Schlaf. Und doch war er dem
Leben wiedergegeben, er hatte gesprochen, und beide Frauen reichten sich in
freudiger Bewegung und wie zum Ausdruck ihres Dankes die Hand.
    So war eine halbe Stunde vergangen, als die Krügersfrau in sichtlicher
Erregung eintrat. »Eben kommt der Zug«, rief sie und vergass, was sie doch sonst
immer tat, ihre Stimme zu dämpfen. »Die Orgel spielt schon. Und die Jungschen
vom Amt sind auch mit dabei. Schlimm genug. Nur die Alte nicht, die hält zu uns.
Jott, Jott, ich zittre.«
    »Aber so machen Sie doch, liebe Frau Kemnitz, dass Sie den Zug nicht
versäumen oder wenigstens mit in die Kirche kommen«, sagte die Schorlemmer und
drängte die Krügersfrau gutmütig auf die Türe zu.
    »Ich kann ja nicht«, lamentierte diese. »Wir sind ja Feindschaft. Und die
Leute würden mit Fingern auf uns zeigen und sagen, dass wir ihnen das Glück
wegwünschten. Nein, das geht nicht.«
    »Ich möchte die Braut schon sehen«, sagte Renate.
    »Ach, Fräuleinchen, deshalb komm ich ja eben. Hübsch ist sie nicht, aber,
wie ich Ihnen schon sagte, sie hat so was. Und dann erzählen Sie mir nachher,
wie sie aussah. Jott, ich weiss nicht, was ich drum gäbe. Ja, Fräuleinchen, Sie
müssen die Braut sehen und die liebe Tante Schorlemmer, wenn ich Sie so nennen
darf, auch. Vier Augen sehen mehr als zwei. Ach, da kommen sie schon; das ist
die Musik, und ich darf nicht einmal ans Fenster. Und wenn ich auch dürfte, der
Zug kömmt ja nicht vorbei. Und warum nicht? Bloss weil sie denken, wir haben
ihnen Häcksel über den Weg gestreut.«
    Renate sah der Schorlemmer nach den Augen, ob sie es auch recht fände. »Geh
nur, Kind«, sagte diese, »ich komme mit. In der Kirche sein bringt nie Schaden.
Du siehst dir die Braut an, und ich weiss schon, was ich zu tun habe.«
    Die Krügersfrau war hocherfreut, lief hin und her und bedankte sich
abwechselnd bei der Schorlemmer und bei Renaten. Dann brachte sie zwei dicke
Porstsche Gesangbücher, die in Sammet gebunden und mit Metallzwingen zugehalten
waren, und versprach ein Mal über das andere, bei dem Kranken bleiben zu wollen.
»Hier hab ich was zu tun«, schloss sie, »und dabei vergeht mir die Zeit und ist
mir am wohlsten. Es soll ihn keine Fliege stören.« Renate und die Schorlemmer
aber nahmen ihre Mäntel um, sahen noch einmal auf Lewin, der ruhig
weiterschlief, und verliessen das Zimmer, während sich die Krügersfrau an das
Fussende des Bettes setzte.
    Sie konnten noch nicht über die Strasse sein, als die Glocken zum dritten Mal
zu läuten begannen. Endlich aber wurd es still. »Nun singen sie«, sagte die Frau
vor sich hin. »Jott, Jott, ich hätte sie so gern gesehen; er soll ihr eine
silberne Kette geschenkt haben mit Schloss und Schieber. Er kann es; hat sie doch
den Alten mit in der Tasche. Ein freches Ding, und dabei rotes Haar und
Sommersprossen. Aber ich will nichts gesagt haben; sie steht jetzt vorm Altar.
Und vielleicht ist sie nicht so schlimm. Jott, gib ihr deinen Segen und uns
auch. Denn auf Kemnitz ist kein Verlass. Und ich kann ja doch nicht alles alleine
machen.«
    Während sie noch diesen Stossseufzer betete, schlug Lewin, ohne vorher einen
unruhigen Schlaf gezeigt zu haben, beide Augen auf und sah die Krügersfrau
freundlich an. Er war durch die letzte Stunde Schlaf ganz ersichtlich gestärkt
worden. »Wo ist Renate?« fragte er. »Ich meine das Fräulein.«
    »In der Kirche, junger Herr. Und die liebe Tante Schorlemmer auch. Ich bin
eigentlich schuld, ich habe sie fortgeschickt; das heisst, ich habe sie darum
gebeten. Denn wir haben heute eine Trauung; die Line vom Roten Krug. Sie hat
einen Bauerssohn weggeschnappt, einen aus Dahlwitz. Na, ich gönn es ihnen.«
    So schwatzte sie weiter.
    Lewin hatte sich inzwischen aufgerichtet und schien Anteil an allem zu
nehmen. Wer ihn aber schärfer beobachtet hätte, hätte sehen müssen, dass er mehr
auf das Gezwitscher des Zeisigs als auf das Geplauder der Krügersfrau hörte.
Endlich wandte er sich an diese und sagte: »Ich habe Hunger.«
    »Weiss schon«, antwortete die Kemnitzen, und als sie noch ein paar Fragen
getan hatte, wusste sie ganz genau, was der Kranke wolle, und lief in die Küche.
Hier brannte, wie herkömmlich, das Feuer auf dem Herd; sonst aber hatte sie
jegliches selbst zu beschaffen, da das Gesinde drüben in der Kirche war. Sie
nahm eine Kasserolle vom Rauchfang, dann einen Mörser und begann mit viel mehr
Lärm, als nötig gewesen wäre, zu klappern und zu stossen. Sie schien sich in
diesem Lärmen zu gefallen. Als sie nun aber durch die Küchentür wahrnahm, dass
Kemnitz schläfrig hinter einem Fensterpfeiler hockte und auf die Dorfstrasse sah,
wo doch nichts zu sehen war, rüttelte und schüttelte sie ihn, zwang ihm ohne
weiteres den Mörser in die Hand und rief ihm ärgerlich und auf plattdeutsch zu:
»Stött en beten.«
    »Wat denn, Lene?«
    »Rük et; sunnst brukst du't nich to weeten.« Und hiermit war sie schon
wieder bis an die Küchenschwelle. Kemnitz aber, in den verschiedenen Pausen, die
er sich gönnte, konnte deutlich hören, dass sie sich draussen an dem Tellerschapp
zu schaffen machte.
    So war eine gute Zeit vergangen, als das wiederbeginnende Orgelspiel
anzeigte, dass die Zeremonie drüben zu Ende sei. Die Kirchentüren wurden
geöffnet, und unter Vorantritt der Musik setzte sich der Hochzeitszug wieder in
Bewegung. Mit unter den letzten, die die Kirche verliessen, waren Renate und
Tante Schorlemmer, die neben dem Orgelchor einen guten Platz gefunden hatten.
Sie besprachen Pastor Lämmerhirts Rede, die der Schorlemmer nur wenig gefallen
hatte. Renate dachte milder darüber. Als sie den Krug erreichten, fuhr auch
Doktor Leist wieder vor.
    Dieser war dem Zuge begegnet und in bester Laune. »Das bedeutet Glück!« rief
er den beiden Damen zu und trat mit ihnen zugleich in den Flur. Das erste, was
ihnen hier begegnete, war die Krügersfrau in Person. Sie kam die Treppe herunter
und hielt ein Brett in Händen, auf dem Teller und Löffel lagen.
    »Wie geht es?« fragte Renate.
    »Gut, Fräuleinchen.«
    »Ist er wach?«
    »Ja,«
    »Nun erzählt, liebe Frau«, sagte Doktor Leist. »Was hat es gegeben?«
    »Nun, das gnädige Fräulein waren noch nicht lange fort, und der Prediger
drüben konnte noch kaum angefangen haben, da schlug er die Augen auf. Ich meine,
der junge Herr.«
    »Und was sagte er?«
    »Er fragte nach dem gnädigen Fräulein, und als ich ihm alles erzählt hatte,
auch von der Line und ihrer Hochzeit, da sah er mich gross an und sagte: Ich habe
Hunger. Und da dacht ich ja nu gleich an alles, was uns Doktor Leist gesagt
hatte, und fragte bloss, was er haben wollte, und nannte ihm wohl zehnerlei. Es
war aber immer nicht das Rechte, und er schüttelte den Kopf ein Mal über das
andere und wurde verdriesslich. Zuletzt aber sagte er: Jetzt hab ich's. Und was
war es? Können Sie sich's denken, Fräuleinchen, eine Suppe war es. Und noch dazu
eine Biersuppe. Und da fragt ich ihn bloss: Wie denn, junger Herr, mit Karwe oder
mit Ingwer? Und da lachte er still vor sich und sagte: Mit Ingwer.«
    »Mit Ingwer«, wiederholte der alte Leist. »Da haben wir die Genesung. Es war
ihm nicht gleichgiltig, so oder so. Nein, mit Ingwer. Ja, meine Damen, so
spricht die Natur. Ich gratuliere Ihnen und uns allen, und nun lassen Sie uns
den Kranken sehen.«
    Sie stiegen nun wieder treppauf und fanden Lewin aufrecht im Bette sitzend.
Er erkannte den Doktor; als er aber die Linke heben wollte, um sie ihm zu
reichen, sank sie matt auf das Bett zurück.
    »Wie geht es, Lewin?«
    »Ich denke, gut.«
    »Ich denke, gut! Das ist mir nicht gut genug. Wie schmeckte die Suppe?«
    »Gut.«
    »Das ist recht. So muss es heissen. Nichts von Kopfweh?«
    »Nein.«
    Der Doktor nahm jetzt selber die Hand und zählte den Puls. Als er damit
geendet hatte, sah er, dass der Kranke vor Erschöpfung wieder eingeschlafen war.
»Stören wir ihn nicht.«
    So verliessen sie das Zimmer und nahmen erst draussen auf der Treppe das
Gespräch wieder auf. »Es geht alles, wie es soll. Krisis überstanden; alle
Zeichen der Genesung da. Kein Fieber; nur matt, matt. Aber jede Stunde Schlaf
bringt ihn um eine Woche weiter. Morgen wird er aufstehen wollen, und übermorgen
kann er reisen.«
    »Und wir?«
    »Wir reisen morgen schon und bestellen ihm Quartier«, antwortete der Doktor.
    »Und schicken ihm Krist und den Planschlitten.«
    »Getroffen. Den wollt ich eben empfehlen. Und einen tüchtigen Häckselsack in
den Rücken. Denn im Kreuz wird es wohl noch fehlen.«
    Damit hatten sie den Unterflur erreicht und standen vor der Gaststube, in
der dem Doktor noch ein Warmbier vorgesetzt werden sollte. Aber er dankte, »denn
er müsse noch bis Reitwein«. Und als die Krügersfrau nichtsdestoweniger
fortfuhr, in ihn zu dringen, schnitt er endlich jede weitere Verhandlung durch
das eine Wort »Wöchnerin« kategorisch ab. Das half. Tante Schorlemmer wurde noch
verlegener als Renate.
    Unter dem Vorbau hielt bereits der Wagen des Alten. Er schickte sich eben an
hinaufzusteigen, als er seinen Fuss von dem Tritteisen wieder zurückzog. »Der
alte Leist wird alt; hätte die Hauptsache beinahe vergessen«, und dabei begann
er in den Tiefen seiner Manteltasche herumzusuchen. Endlich fand er ein dickes,
rotledernes Notizbuch, das zugleich als chirurgisches Besteck diente, und nahm
einen Brief heraus: »An Renate von Vitzewitz.«
    Nun erst stieg er auf. »Auf Wiedersehen in Hohen-Vietz.« Renate und die
Schorlemmer erwiderten seinen Gruss.
    Der Brief aber war von Marie.
 
                                Viertes Kapitel
                                    Genesen
Und es kam alles, wie Doktor Leist gesagt hatte. Am andern Morgen verlangte
Lewin aufzustehen und fühlte sich trotz aller Mattigkeit doch kräftig genug, das
Zimmer zu verlassen und unten unter dem Vorbau von Renate und Tante Schorlemmer
Abschied zu nehmen. Es war des Krügers Gespann; Kemnitz selber fuhr. Er zeigte
sich quicker, als seine Gewohnheit war, und als Renate auf ihn hinwies und der
Krügersfrau ein gutgemeintes Wort über seine Raschheit ins Ohr flüsterte, sagte
diese nicht ohne einen gewissen Stolz: »Oh, er kann schon. Aber er lässt es an
sich kommen. Und das ist es eben.« In der nächsten Minute nahmen beide Damen
ihre Plätze; Kemnitz hakte das Schutzleder ein und stieg nun auch seinerseits
über das Rad weg auf den Kutschersitz ohne Lehne. Noch ein Händedruck, und der
Wagen verschwand an der andern Seite der Kirche.
    Lewin ging in sein Zimmer zurück. Er hatte sich mehr angestrengt, als seine
Kräfte zuliessen, und warf sich jetzt angekleidet aufs Bett, nicht um zu
schlafen, wohl aber um zu ruhen. Allerhand Bilder zogen an ihm vorüber,
wechselnd und phantastisch, aber immer eines aus dem andern sich gestaltend. Er
sah Frau Hulens dunkle Küche und den kleinen Wachsstock, den er in der Herdasche
mit so viel Mühe angezündet hatte, und aus dem Wachsstock ward eine Kerze, und
aus der Kerze wurden zwölf Kerzen, und alle zwölf brannten zu beiden Seiten
eines Sarges, darin lag die Tante, die schwarze Witwenhaube tief in die Stirn
gerückt. Und neben dem Sarge standen kleine Zypressenbäume, die wuchsen und
wuchsen hoch wie Pappeln, und nun war es eine Pappelallee, und zwischen den
Pappeln kam ein Wagen rasch herangefahren, dem lief er nach und wollte rufen,
aber die Stimme versagte.
    Alles dies kam und ging, und kam wieder, ohne dass es ihn ernstlich
beunruhigt hätte. Ein Druck lag auf ihm, bleiern, aber schmerzlos, und unter dem
Einfluss einer beinahe süssen Betäubung wurde das Nächstliegende wie in weite
Ferne gerückt und das Wirkliche zum Traum. Erregungen der Phantasie, nichts
weiter, und von Empfindungen nur eine: die Sehnsucht nach Hohen-Vietz.
    Und nun war wieder ein Tag und eine Nacht vergangen; der helle Morgen schien
in die Fenster, und es mochte die zehnte Stunde sein. Krist, der bald nach
Mitternacht mit dem Planschlitten und einer ganzen Winterausstattung von
Pelzröcken, Shawls und Filzstiefeln eingetroffen war, war bereits im Stalle
beschäftigt, den beiden Braunen die Sielen und die Geläute aufzulegen, und die
Krügersfrau stand in der Stalltür, ebensosehr, um selbst noch zu erzählen, wie
um Hohen-Vietzer Neuigkeiten gegen ihre Bohlsdorfer einzutauschen.
    Lewin sass reisefertig in seinem Zimmer, während diese Gespräche geführt
wurden. Er hatte schon einen Morgenspaziergang gemacht, nicht ins Freie hinaus,
nur in die Kirche hinüber, um noch einmal den Grabsteinspruch zu lesen, den er
längst auswendig wusste. Seit einer halben Stunde war er von da zurück und hielt
ein zusammengefaltetes Blatt in Händen, dessen Inhalt ihn zu beschäftigen
schien. Es war Marie Kniehases Brief, den er sich am Tage vorher, im Momente von
Renatens Abreise, von dieser erbeten hatte. »Ich will ihn doch noch einmal
überfliegen«, sagte er, beugte sich gegen das Fenster vor und las mit halblauter
Stimme:
»Liebe Renate!
    Deinen Brief habe ich gestern abend, wo Doktor Leist bei uns vorfuhr,
erhalten. Um mit ihm noch persönlich zu sprechen, dazu war keine Zeit; er wollte
bei der späten Stunde gleich weiter. Ich las und lief dann in meiner
Herzensfreude zum Pastor, der kaum weniger freudig bewegt war als ich. Und doch
ist es etwas Trauriges. Du schreibst: Warum er Berlin verlassen hat? und fügst
dann hinzu: Darüber habe ich nur Vermutungen, und auch diese kaum. Ach, meine
liebe Renate, ich weiss es, und in Traum und Wachen habe ich diese Stunde kommen
sehen.
    Hier ist alles still, viele Bauern und ihre Frauen sind zum Begräbnis Deiner
Tante hinüber. Denn sie war doch auf ihre Art beliebt, und jeder sprach von ihr.
Auch Seidentopf ist seit einer Stunde fort. Er will erst nach Guse, dann nach
Küstrin und Hohen-Ziesar, und wir erwarten ihn erst am Schluss der Woche zurück.
Welche seltsame Trauerversammlung wird um den Sarg der Tante stehen! Bamme,
Rutze, Doktor Faulstich. Und denke Dir, auch Jeetze trauert. Es rührte mich
fast, als ich ihn heute sah. Er hat ein Paar schwarze Gamaschen hervorgesucht,
noch von der gnädigen Frau her, sagte er, und einen Flor.
    Meine Gedanken sind beständig bei Euch; sie wandern von einem Giebelzimmer
in das andere, und mir ist immer, als kennte ich das Dorf. Es ist dasselbe, von
dem uns Lewin am ersten Feiertage erzählte, und ich sehe noch alles vor mir: den
Christbaum mit der jungen, hübschen Krügersfrau und den Blondkopf und dann die
dunkle Kirche mit der Stehleiter am Altar und der kleinen Handlaterne. Und vor
dem Altar liegt der Grabstein mit dem schönen Spruch, den ich mir seitdem wohl
hundertmal vorgesprochen habe. Mir ist dann immer, als wüchse ich und könnte
fliegen.«
    
    Hier hielt Lewin einen Augenblick inne und wiederholte sich die Worte: als
wüchse ich und könnte fliegen. »Wie gut sie es trifft«, setzte er hinzu. Dann
nahm er das Blatt, das er aus der Hand gelegt hatte, wieder auf und las bis zu
Ende.
    »Gebe Gott, dass sich des alten Leist Prophezeiungen erfüllen; er hat
versprochen, diese Zeilen wieder mit zurückzunehmen, und ich schicke sie durch
Hoppenmarieken nach Lebus. Sie wartet draussen und stösst mit ihrem Stock auf die
Flurfliesen, ein Zeichen, dass sie ungeduldig wird. Ich fürchte mich viel zu sehr
vor ihr, um ihre schlechte Laune noch wachsen zu lassen. Und so lebe denn wohl,
meine einzig geliebte Renate, mein Glück, mein Stolz und meine Zuversicht. Grüsse
die Schorlemmer, und wenn Lewin die Augen aufschlägt, so denke recht innig auch
an mich. Dann fühl ich es in meinem Herzen.
                                                                    Deine Marie«
Lewin, als er zu Ende gelesen, erhob sich und trat an den Zeisigbauer, um dem
Vögelchen, das ihm die langen Stunden des voraufgegangenen Tages so freundlich
weggezwitschert hatte, zu Dank und Abschied ein Zuckerstückchen zwischen die
Stäbe zu stecken.
    Er wollte sich eben wieder setzen, als Krist eintrat, um zu melden, dass
alles fertig und der Schlitten vorgefahren sei. Zugleich bepackte er sich mit
der ganzen Winterausstattung, die unangerührt auf der Bettdecke liegengeblieben
war, und stapfte wieder treppab, während Lewin ihm folgte. Auf der Türschwelle
blieb dieser noch einmal stehen und sah in das Zimmer zurück. Er war nicht
erschüttert, auch nicht eigentlich bewegt (die Nachwehen der Krankheit hielten
ihn noch in ihren Banden), aber aller Apatie zum Trotz empfand er doch
deutlich, was ihm die hier verbrachten Tage gewesen waren und dass ein Leben
hinter ihm versank und ein anderes begann.
    Unten stand die Krügersfrau. Kemnitz war noch nicht zurück, aber ihr
Prachtstück, den Blondkopf, hielt sie auf ihrem Arme. Sie konnte sich zum
Abschiede nicht besser präsentieren, wusst es auch und lachte herzlich und
gefallsüchtig, bis ihr Lewin die Hand reichte und Dankesworte sprach, wobei sie
sofort ebenso leidenschaftlich wie krampfhaft zu schluchzen begann. Denn
trotzdem sie auf dem Amte hochdeutsch erzogen und im Konfirmandenunterricht bei
Pastor Lämmerhirt viel spruchfester gewesen war als ihre kleine Freundin, so
hatte sie sich doch die naturkindliche Kraft bewahrt, in jedem passend
erscheinenden Moment einen Strom von Tränen vergiessen zu können. Lewin, der
diese Naturkraft von den Hohen-Vietzer Bauerfrauen her kannte, machte nicht mehr
davon, als es wert war, streichelte das Kind, das mit der Hand freundlich nach
ihm haschte, und stieg dann hinter den Pferden fort auf die Deichsel des
Schlittens. »Und nun vorwärts, Krist.« dabei drückte er sich bequem in die zu
einer Rückenlehne fest zusammengepackten Strohbündel, und in raschem Trabe ging
es um die Kirche herum, an den nächsten Gehöften vorbei, in die
sonnenbeschienene Landschaft hinein.
    Es war ein wundervoller Tag, frisch und doch nicht kalt; am Horizont standen
dunkle Streifen von Tannenwald, und dazwischen zeigten sich die Spjetztürme
verschiedener Ortschaften und Dörfer. Einige davon wurden passiert, und Krist,
der hier allerlei Freundschaft hatte, sprach ein Wort oder hielt auch wohl an,
um seine Pfeife wieder in Brand zu bringen. Lewin aber genoss der wundervollen
Luft und fühlte sich mit jedem Atemzuge mehr und mehr genesen; seine Nerven
belebten sich wieder, und der Druck schwand, der bis dahin auf ihm gelegen
hatte. Immer freundlicher wurden die Bilder, er gedachte Seidentopfs, und es war
ihm, als zöge er dem Frieden entgegen.
    So vergingen die Stunden; schellenläutend trabten die Pferde dahin, und
schon neigte sich die Sonne zum Untergang.
    Vier Uhr war vorüber, als sie vor dem Dolgeliner Kruge hielten. Gerade
gegenüber war die Pfarre. Lewin stieg ab, um drinnen in der Krugstube einen
Imbiss zu nehmen; Krist aber, nachdem er dem einen Braunen eine wollene Decke,
dem andern einen alten Militärmantel aufgelegt hatte, ging über den Fahrdamm auf
die andere Seite des Dorfes hinüber, wo gerade Pastor Zabels kleiner Schlitten
dicht vor dem Staketenzaune hielt. Der Pfarrknecht nahm die Leinen abwechselnd
in die linke und rechte Hand und stampfte ungeduldig den Schnee.
    »'n Abend, Karges«, sagte Krist. »Wo wiste henn?«
    »Na'h Gus'.«
    »Woto denn? Se is joa all unner de Ihrd. Siet vörvörgestern.«
    »Joa. Awers de Schoolkinner hebben hüt ihrst ehren Dag. De süllen um Klocker
söss spiest wahren: Hirs und Swiensbroaten. Un jeed een noch en Kringel för to
Huus.«
    »Richtig, richtig, de Schoolkinner. Awers wat hätt denn dien Pastor dabi to
dohn?«
    »Joa, wat hätt hi dabi to dohn? Ick weet et nich. He möt man ümmer mit dabi
sinn.«
    In diesem Augenblicke trat Lewin wieder aus dem Krug auf die Strasse. Krist,
als er seinen jungen Herrn sah, brach das Gespräch rasch ab und kehrte zu den
Pferden zurück. Hier nahm er den alten Kavalleriemantel vom Rücken des einen
Braunen und hielt ihn ausgebreitet vor Lewin hin, zum Zeichen, dass dieser, ehe
er wieder einsteige, ihn anziehen müsse. Lewin wollte aber nicht.
    »Lass, Krist«, sagte er, »es ist nicht kalt.«
    »Doch, junge Herr. De Sünn is all unner. Un ick süll acht upp Se hebben, dat
hebben se mi beed seggt, ihrst de een, un denn de anner. Un dat helpt nu nich.«
    »Lass nur. Ich werde schon sagen, dass ich nicht gewollt habe.«
    »Ne, junge Herr, dat geiht nu nich anners. Mit uns Frölen, da mücht et ja
wull noch sinn, awers bi de Oll-Schorlemmern, doa hedd ick verspeelt.«
    »Na, denn gib her«, sagte Lewin und wickelte sich in den bereitgehaltenen
Mantel ein.
    Es war ihm bald lieb, dem Andringen Krists nicht eigensinnig widerstanden zu
haben; es wurde frischer von Minute zu Minute, und die Wärme, die der dicke
Mantel gab, tat ihm wohl. Die Sterne zogen herauf; ein Gefühl süssen, unnennbaren
Wehs überkam ihn, und ein Tränenstrom brach aus seinen Augen, nicht reichlicher,
als ihn die gute Frau Kemnitz vor wenig Stunden erst vergossen hatte, aber viel,
viel heisser. Und doch bedeuteten ihm diese Tränen Glück und Genesung. Er
gedachte Mariens, und wie sie beide so gleich empfänden. »Mir ist dann, als
wüchse ich und könnte fliegen«, wiederholte er aus ihrem Briefe und sah dabei zu
den Sternen hinauf, die immer heller funkelten.
    So ging die Fahrt. Die Braunen, die seit gestern abend zwölf Meilen gemacht
hatten, fielen allmählich in Schritt, und erst von Manschnow aus, wo sie den
Stall zu wittern begannen, setzten sie sich wieder in Trab. Es schlug sieben vom
Hohen-Vietzer Turm, als sie der vordersten Parkspitze ansichtig wurden, und ehe
der letzte Schlag ausgeklungen, hielt der Schlitten vor der Rampe des
Wohnhauses. Das erste, was Lewin sah, war der in Trümmern daliegende Saalanbau,
und sowenig ihn damals die Nachricht von dem Feuer erschüttert hatte, so gross
war jetzt der Eindruck, den die Brandstätte auf ihn machte. Und dieser Eindruck
wurde noch dadurch gesteigert, dass im Wohnhause selbst alles in Schweigen und
Dunkel lag.
    Niemand liess sich sehen. Krist knipste mit der Peitsche, und die Braunen
schüttelten ungeduldig ihr Schellengeläut. Endlich kam Licht, und Jeetzes hagere
Gestalt zeigte sich hinter der Glastüre. Er stellte den Leuchter etwas
seitwärts, um die Flamme gegen den Zugwind zu schützen, und trat dann ins Freie,
um seinem jungen Herrn bei dem Aussteigen behilflich zu sein.
    »Guten Abend, Jeetze. Alles ausgeflogen?«
    »Ja, junger Herr. Wir hatten Sie nicht so früh erwartet.«
    »Und wo ist Papa?«
    »Immer noch in Guse.«
    »Und Renate?«
    »Bei Müller Mieklei. Uhlenhorst ist da, und da sind ja nun die Luterschen
wieder zusammen. Auch die von drüben; der Zehdensche Amtmann und der alte
Oberförster von Lietze-Göricke. Unser Fräulein wollte erst nicht mit; aber Tante
Schorlemmer hat ihr keine Ruhe gelassen.«
    »So, so«, sagte Lewin in leiser Verstimmung.
    »Soll ich sie holen?«
    »Nein, lass. Ich bin müde.«
    Damit traten sie von der Halle her, in der dies Gespräch geführt worden war,
auf den Hinterflur des Hauses, wo Hektor schon seinen jungen Herrn erwartete.
Aber als ob er wisse, dass dieser krank gewesen sei, entielt er sich aller
stürmischen Liebkosungen. Still wedelnd ging er neben ihm her und leckte ihm nur
immer wieder die Hand, während sie die Treppe hinaufstiegen.
    In Lewins Zimmer war alles zu seinem Empfange bereit. Das leichte Federbett
war halb zurückgeschlagen, und die bunte Steppdecke lag zusammengefaltet auf dem
Stuhl daneben. Auf dem Sofatisch standen Maiblumen, das einzige, was das seit
dem Tode der Frau von Vitzewitz vernachlässigte Gewächshaus hergegeben hatte.
Aber was ihnen Wert lieh, war das, dass es Lewins Lieblingsblumen waren. Er sog
ihren Duft ein und sagte mit bewegter Stimme: »Renate!«, während sich ihm ein
beglückendes Gefühl des Geborgenseins in Heimat und treuer Liebe um das
schwergeprüfte Herz legte.
    Eine Stunde später öffnete Jeetze leise wieder die Tür. Das Licht brannte
noch, und der Alte nahm es vom Tisch, um es zu löschen. Hektor, der auf seinem
Rehfell lag, blinzelte mit dem einen Auge, aber rührte sich nicht.
    Und im nächsten Augenblicke war alles wieder still.
 
                                Fünftes Kapitel
                           Letztwillige Bestimmungen
Der nächste Abend sah unsere Freunde wieder im Halbkreis um den Hohen-Vietzer
Kamin her. Es war so ziemlich dasselbe Bild wie am ersten Weihnachtsfeiertage,
nur der Christbaum fehlte und mehr noch die Heiterkeit, die damals das Spiel mit
den goldenen Nüssen begleitet hatte. Die Schorlemmer strickte wieder an ihrem
Vlies, Renate, einen Crêpestreifen vor sich, nähte an einer Trauerrüsche, und
Lewin - immer noch unter der Nachwirkung seiner Krankheit oder doch der
Anstrengungen des gestrigen Tages - sah abgespannt vor sich hin und spielte
gleichgültig mit einem Tannapfel, den er aus dem neben ihm stehenden Holzkorb
genommen hatte. Nur Marie war bemüht, durch allerlei Fragen ein Gespräch
einzuleiten, aber es blieb bei kurzen Antworten.
    Die kleine Uhr auf dem Kaminsims schlug acht. In diesem Augenblick meldete
Jeetze den Pastor, der gleich darauf eintrat. Jeder bezeigte herzliche Freude,
die sich bei Renaten in allerhand kleinen Neckereien äusserte. Es sei nicht gut,
wenn der Hirt seine Herde verlasse; schon vier Stunden seien zuviel, und nun gar
vier Tage! Nun sei der Wolf eingebrochen: Uhlenhorst in Person.
    »Ich weiss«, sagte Seidentopf. »Und wer begab sich freiwillig in die Gefahr?
Wer war wieder mit dabei?«
    »Natürlich wir. Aber wir sind diesmal ungeschädigt davongekommen. Und nicht
bloss wir, auch der Zehdensche Amtmann liess ihn im Stich, als er beständig
wiederholte: Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen. Er konnte
schon in den Weihnachtstagen von diesem Spruche nicht los, und nun wurd es jedem
zuviel. Er vergisst immer, dass er zu alten Soldaten spricht. Er ist ein
Lauenburger oder aus dem Eutinschen, und wenn ich ihn so höre, so bedünkt es
mich immer, als ob jede andere Provinz auch ein anderes Christentum hätte. Aber
das führt uns in Streit; ich sehe Tante Schorlemmer schon ungeduldig werden.
Also nichts mehr davon. Und nun nehmen Sie Platz, teuerster Pastor, hier ist Ihr
Stuhl, zwischen Marie und mir. Und nun erzählen Sie.«
    »Wovon?«
    »Von all und jedem, aber zuerst von Guse, denn wir wissen so gut wie nichts.
Papa war nur einmal hier, und das war, als wir noch in Bohlsdorf waren. Also
bitte, alles ist neu für uns. War es feierlich? War der Sarg offen oder
geschlossen? Ach, ich hätte mich totgeängstigt, so stundenlang neben dem offenen
Sarge zu stehen. Wer hielt die Rede? Wer war da?«
    »Alle, der ganze Freundeskreis: Bamme, Drosselstein, Krach, der Protzhagener
Hauptmann in seiner alten Uniform vom Regiment Pirch - keiner fehlte. Auch
Faulstich war da, mit einer Art Kantate, die, wenn Nippler seine Komposition
beendet haben wird, am zweiten oder dritten Sonntag in der Guser Kirche gesungen
werden soll. Unser Kirch-Göritzer Doktor hatte vorläufig die Textes-Strophen
drucken lassen und überreichte jedem von uns ein Blatt.«
    »Eine Kantate«, sagte die Schorlemmer. »Und von Faulstich! Das wird ein
rechter Heidenspuk gewesen sein, von Anfang bis zu Ende. Nichts von Grab und Tod
und noch weniger von Auferstehung. Bloss Unterwelt und Schatten und ein Dutzend
griechischer Götternamen!«
    »Doch nicht, liebe Schorlemmer«, erwiderte Seidentopf. »Sie tuen ihm
unrecht. Es ist nichts Christliches, was er geschrieben hat, aber auch nichts
Anstössiges. Dazu hat er zuviel Takt.
    Übrigens hab ich das Blatt mitgebracht, und unsere Damen mögen entscheiden.«
Damit nahm er ein schwarzgerändertes Papier aus der Brusttasche und gab es
Lewin, der es apatisch auseinanderfaltete und nach kurzem Besinnen, ohne den
Inhalt auch nur überflogen zu haben, weiterreichte.
    »Lies du, Renate.« Und Renate las:
                                    »Am Grabe
                         der Gräfin Amelie von Pudagla,
                               geb. von Vitzewitz
Die du Niedres gemieden
In hohem Sinn,
Du bist nun geschieden;
Wohin, wohin?
Wohin? So klingen
Der Fragen viel;
Warum sie lösen, bezwingen?
Du bist am Ziel.
Das Beste hienieden,
Du hast es erreicht:
Du hast den Frieden.
Sei dir die Erde leicht.«
Eine kurze Pause folgte. Dann sagte die Schorlemmer: »Es ist nicht anstössig,
weil es nicht spöttisch ist. Aber, teuerster Pastor, einem christlichen Herzen
gibt es doch Anstoss genug. Er fragt: Wohin? und weiss die Antwort nicht. Gott sei
Dank, ich weiss sie.«
    Seidentopf, der einer von den Allerweltsadvokaten war und immer etwas zu
verteidigen fand, wollte auch diesmal zugunsten Faulstichs eintreten, Renate
aber, die mittlerweile wahrgenommen hatte, dass auch die Rückseite der an
Ausdehnung und Gläubigkeit gleich kurz gehaltenen Kantate mit Bleistiftzeilen
überkritzelt war, liess es zu keiner pastoralen Entgegnung kommen und bemerkte
nur, indem sie mit ihrem Zeigefinger über das Gekritzel hinfuhr: »Ich wette,
teuerster Prediger, dass wir hier, auf der Rückseite des Blattes, bereits Ihren
kritischen Kommentar haben. Hab ich recht?«
    »Nein, liebe Renate«, antwortete Seidentopf. »Ich bin überhaupt unkritisch,
wie Turgany versichert. Auf manchem Gebiete vielleicht weniger, als er annimmt,
aber doch gewiss unkritisch auf dem Gebiete der Kantate. Ich käme in
Verlegenheit, wenn ich überhaupt nur feststellen sollte, was eine Kantate sei.«
    »Nun, wenn keinen Kommentar, was entalten diese Zeilen dann?«
    »Letztwillige Bestimmungen der Guser Tante. Nicht ihr eigentliches
Testament, ein solches hat sich überhaupt nicht vorgefunden, aber eine Art
Begräbnisprogramm. Es fand sich unter anderen Papieren auf ihrem Schreibtisch,
und ich habe mir, mit des Papas Erlaubnis und natürlich unter Weglassung einiger
französischer Einschiebsel, in aller Eile eine Abschrift davon genommen.«
    »Oh, das müssen wir hören«, rief Renate mit Lebhaftigkeit. »Aber es ist
Augenpulver und gar nicht zu entziffern. Da müssen Sie selber aushelfen.«
    »Gern«, erwiderte Seidentopf, »und um so lieber, als genau nach dem Inhalte
dieses Programms verfahren wurde. Eben diese Bestimmungen sind die beste
Beschreibung, die ich Ihnen von dem Begräbnis selber geben kann.«
    »Nun, so lesen Sie«, bat Renate.
    Lewin und Marie stimmten mit ein, und nur die Schorlemmer sagte: »Was werden
wir da wieder hören müssen!«
    Dann nahm Seidentopf das Blatt zurück und begann ohne weitere Säumnis oder
Vorrede:
                 »Bei meinem Ableben einzuhaltende Bestimmungen
Ich fürchte den Tod. Aber diese Furcht hält mich nicht ab, ihm ins Gesicht zu
sehen. Er ist das Unvermeidliche. Und so bestimme ich, Amelie von Pudagla, geb.
von Vitzewitz, in nachstehendem wie folgt:
    Erstens. Ich will in meiner Witwentracht in einen Sarg von Zedernholz gelegt
und sodann aufgebahrt in die grosse Halle gestellt werden, da, wo der Faun steht.
Dieser muss sich, solang es dauert, an einem andern Orte behelfen.«
    »Da, wo der Faun steht«, wiederholte die Schorlemmer und klapperte mit ihren
Nadeln.
    Seidentopf fuhr fort:
    »Zweitens. Den vierten Tag, bei Sonnenuntergang, will ich begraben werden,
aber nicht in der Kirche, auch nicht in der angebauten Derfflingergruft, sondern
im Guser Schlosspark, und zwar in dem kleinen Zedernhain, den sie Neulibanon
nennen.
    Drittens. Es soll auf dem Wege vom Schloss bis in den Park, unter
Vorantritt Nipplers, von allen Dorfkindern das Lied: Was Gott tut, das ist
wohlgetan, gesungen werden. Aber nicht: O Haupt voll Blut und Wunden. Dies
verbiete ich ausdrücklich.«
    Alle schienen von dieser Bestimmung überrascht und sahen sich untereinander
an, schwiegen aber. Nur die Schorlemmer sagte: »Mein Gott, was ihr das schöne
Lied nur getan hat! Ich hätte keine Ruh im Grabe, wenn ich so was in meinem
Letzten Willen niedergeschrieben hätte. Renate, Kind, dass du mir dafür sorgst,
dass das Lied gesungen wird. Ich meine, bei mir.«
    »Ich werd es, liebe Schorlemmer. Aber hören wir weiter.«
    »Viertens. Am Grabe soll der Prediger eine kurze Ansprache halten, und dabei
soll er mich nicht loben wegen dessen, was ich auf Erden gewesen bin oder getan
habe, vielmehr soll er nur sagen, dass mir alles Versteckte, Unklare und
Erheuchelte all mein Lebtag zuwider gewesen ist. Dies soll er sagen nicht mir
zum Ruhme, sondern weil es die Wahrheit ist.
    Fünftens. Es soll ein Granitblock auf mein Grab gelegt und seinerzeit eine
Metalltafel mit folgender Grabinschrift eingelegt werden:
    L'eloge ou le blâme ne touchent plus celui
    Qui repose dans l'éternité.
    L'espérance embellit ma vie et m'accompagne en mourant.
Sechstens. Faulstich, dem ich mein Miniaturbild mit der Rubineneinfassung
hinterlasse, soll eine Kantate dichten, und Nippler (der ein Douceur von zehn
Dukaten empfängt) soll diese Kantate komponieren. Sie mag, je nach Befinden, am
Grabe oder aber in der Guser Kirche am dritten Sonntage nach meinem Begräbnis
gesungen werden.
    Siebentens. Am dritten Tage nach meiner Beisetzung und dann alljährlich an
meinem Todestage sollen die Schulkinder gespeist und zwölf Dorfarme neu
gekleidet werden.
    Achtens. Mit Ausführung dieser Bestimmungen betraue ich meinen Bruder Berndt
von Vitzewitz, ehemals Major im Dragonerregiment von Knobelsdorff, Erbherr auf
Hohen-Vietz.«
    Seidentopf, als er gelesen, faltete das Blatt wieder zusammen, und die
Schorlemmer, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, murmelte vor sich hin: »Da kommt
selbst Faulstich wieder zu Ehren.«
    Lewin lächelte. Er hatte sich schon vorher von Paragraph zu Paragraph immer
mehr erheitert und sagte jetzt ruhig: »Du hattest immer deinen kleinen Krieg mit
der Tante drüben. Solange sie lebte, war das gut; nun aber ist sie tot, das
ändert viel, und ich glaube, wir müssen sie schliesslich gelten lassen.«
    Die Schorlemmer schüttelte den Kopf.
    »Du schüttelst den Kopf«, fuhr Lewin fort, »aber das überzeugt mich nicht.
In allem, worin sie uns missfiel, hat sie sich jetzt an anderer Stelle zu
verantworten; sie weiss jetzt mehr als wir und ist unserem Urteil in allem, was
jenseits liegt, entrückt. Unsere Meinung über sie hat sich nur noch auf das zu
beschränken, was sie diesseits war und bedeutete. Und das hatte sein Gewicht.
Gewiss, ihre Schwäche war der Glaube, aber ihre Stärke war der Mut. Ich
marchandiere nicht, pflegte sie zu sagen. Und alles, was wir eben gehört haben,
führt uns den Beweis, dass sie sich bis zuletzt nicht handeln liess und sich und
ihrem Unglauben treu zu bleiben verstand.«
    Lewins blasses Gesicht hatte sich, während er sprach, gerötet. Als er jetzt
schwieg, erklärte Seidentopf seine volle Zustimmung. Ein solches tapferes
Bekenntnis des Unglaubens, alles Ausharren bis ins Angesicht des Todes hinein,
habe seinen Beifall und sei ihm viel, viel lieber als das Angstchristentum
beispielsweise Baron Pehlemanns, der bei jedem Gichtanfall begierig nach der
Bibel greife und sie wieder zuklappe, wenn der Anfall vorüber sei.
    Niemand war überrascht, solchen Äusserungen aus dem Munde Seidentopfs zu
begegnen. Auch die Schorlemmer nicht. Aber wenn sie nicht überrascht war, so war
sie doch noch weniger einverstanden damit.
    »Ausharren!« wiederholte sie lebhaft, »wenn es ein solches gewesen wäre!
Aber, teuerster Pastor, es war kein Ausharren, und am wenigsten ein Ausharren
bis in den Tod. Ich habe die Tante gekannt und las in ihrem Herzen. Das war ihr
lästig. Ein tapferes Bekenntnis des Unglaubens! Ach, wie Sie sie verkennen. Sie
schrieb das nieder, nicht in der Tapferkeit, sondern in der Eitelkeit ihres
Herzens und freute sich der Vorstellung, mit welch erstaunten Augen das alles
einst nach ihrem Tode gelesen werden würde. Von Bamme, von Krach und vielleicht
auch von dem langen Hauptmann. Aber der Tod war noch nicht da. Wär er dagewesen,
von Angesicht zu Angesicht, sie hätte diese Zeilen nicht geschrieben, dessen bin
ich gewiss. Sie hatte Mut, aber bloss den Lebens-, nicht den Todesmut.«
    Jeetzes Eintreten unterbrach das Gespräch. Er erschien mit einem Tablett,
auf dem kleine bemalte Tellerchen und ein altmodischer silberner Obstkorb
standen. Da niemand gewillt schien, den Platz am Kamin aufzugeben, so wurde das
Tablett auf ein rundes, mit Tulaer Arbeit ausgelegtes Tischchen gestellt und
dieses Tischchen in den Halbkreis hineingeschoben. Marie, deren Hände frei
waren, machte die Wirtin und schälte das Obst.
    Allmählich, während der Teller von Hand zu Hand ging, begann das Gespräch
wieder, wandte sich aber, da Friedensschlüsse, wie jeder wusste, nicht wohl
möglich waren, anderen Gegenständen zu.
    Natürlich behielt Seidentopf das Wort; war er doch, seines Aufentaltes bei
Graf Drosselstein ganz zu geschweigen, unmittelbar nach dem Guser Begräbnis
einen Tag lang in Küstrin gewesen und hatte während dieses Tages vieles gesehen
und noch mehr gehört. Ein besonderes Interesse weckten seine Mitteilungen über
die von Tag zu Tag sich mehrenden Desertionen, die freilich, wie Seidentopf
hinzusetzte, nicht überraschen dürften, da die Hälfte der Garnison aus Westfalen
unter dem Kommando des Generals von Füllgraf bestünde, eines alten Haudegens,
der selber, wie man in der Bürgerschaft wohl wisse, aus dem Konflikt zwischen
seinem deutschen Herzen und seinem französischen Eide nicht herauskäme. Auch
seine Leute wüssten es und gingen deshalb in ganzen Trupps auf und davon. Andere,
die vorläufig noch aushielten, hätten ihm einen Vers an die Türe geklebt, der
habe gelautet:
Füllgraf bist du? Sage nein,
Fülle nicht des Feindes Reihn.
Führ uns. Vollgraf sollst du sein.
Der alte Füllgraf selber, schon um nicht persönlich in Verdacht zu kommen, als
sympatisiere er mit den Unzufriedenen, habe bei General Fournier, seinem
Oberkommandanten, Anzeige von diesem Vorfalle gemacht und auf Untersuchung
angetragen, aber die Untersuchung habe nichts ergeben, und die Desertionen
hätten sich nur gemehrt. Der letzte Trupp sei siebzehn Mann stark gewesen und
habe sich auf Kirch-Göritz zu davongemacht. Das sei nun drei Tage. Auf dem
»Hohen Kavalier« hätten sie dann freilich die Alarmkanone abgefeuert, aber wozu?
Die Bürger hätten gelacht und die Franzosen auch. Denn diese hörten von nichts
anderem mehr als von »Volksbewaffnung« und wären natürlich klug genug,
einzusehen, dass dieselben Bauern, die jetzt einen Aufstand vorhätten, nicht Lust
haben könnten, die Schergen zu spielen und Deserteure zu fangen und abzuliefern.
    Hier unterbrach Lewin den Pastor, um sich nach dem Stande der
Landsturmorganisation zu erkundigen, und erfuhr nun mit vielen Details, welche
Fortschritte die Volksbewaffnung im Laufe der letzten drei Wochen gemacht habe.
Anfangs sei Hohen-Vietz an der Spitze gewesen; die fast achttägige Abwesenheit
Berndts aber habe zu kleinen Hemmnissen geführt, so dass jetzt Drosselstein
voraus sei und vor allem Rutze. Er wisse das von Bamme selbst, mit dem er am
Begräbnistage einen Spaziergang durch den Guser Park gemacht habe. Dieser
Spaziergang sei überhaupt sehr angenehm gewesen, denn es plaudere sich gut mit
dem Alten. Dass er nicht in die Gross-Quirlsdorfer Kirche zu bringen sei, oder
doch nur ausnahmsweise, das sei seines Amtsbruders Sache. Der habe ihn mit
seinem Schablonenchristentum herausgepredigt. Und das Schablonenchristentum sei
nicht besser als das Pehlemannsche Angstchristentum. Aber gleichviel, sie seien
in lebhaftem Gespräch die grosse Rüsternallee hinaufgegangen und durch den
Dohnenstrich zurück, bis sie wieder vor dem Schwanenhäuschen gestanden hätten.
Hier hätte Bamme nach dem Eckfenster hinaufgesehen und endlich vor sich hin
gesprochen:
    »Sehen Sie, Seidentopf, es war doch eine merkwürdige Frau. Sie traf es
immer, und auch mit diesem Rutze. Ja, da reichen keine hundertmal, dass ich ihr
zugeschworen, den ganzen Rutzeschen Verstand in eine Haselnuss einpacken zu
wollen, aber sie gab nicht nach und sagte nur immer wieder: Lieber Bamme, der
Charakter entscheidet. Und sie hat recht gehabt. Gestern war ich bei ihm in
Protzhagen. A la bonne heure. Was er da zusammengebracht und einexerziert hat,
ist unsere beste Compagnie. Ein Triumph der Disziplin. Kerle, um den Teufel aus
der Hölle zu jagen.«
    Über dieses Bammesche Zitat kam Seidentopf nicht hinaus, denn es schlug eben
neun, um welche Zeit er regelmässig in seine Wohnung zurückzukehren liebte;
ausserdem gefiel ihm heute Lewins Aussehen nicht. So brach er auf, von Marie
begleitet, die denselben Heimweg mit ihm hatte.
    Als sie den Hof passiert und auch das niedrige Vorderhaus, in dem Krist und
der Gärtner wohnten, schon im Rücken hatten, sagte Seidentopf: »Wie fandest du
Lewin? Mir gefiel er nicht. Keine dreimal, dass er das Wort nahm. Und wie spitz
und abgespannt er aussah.«
    »Er sprach wenig«, sagte Marie. »Aber das darf uns nicht wundernehmen. Es
war heute zuviel für ihn. Und die gestrige Fahrt. Und nach allem, was er
durchgemacht hat an Leib und Seele.«
    »So weisst du, was es war?«
    Marie nickte. »Es war, was ich vermutete. Katinka ist fort. Doch was sprech
ich Ihnen davon; Sie werden in Guse davon gehört haben!«
    »Ja, Vitzewitz nahm mich beiseite und erzählte mir's; aber auch wenn er
geschwiegen hätte, ich hätt es dem alten Ladalinski von der Stirn gelesen. Er
machte den Eindruck eines gebrochenen Mannes.«
    »Sie war sein Liebling, aller Menschen Liebling. Und ich glaube fast, ich
beneidete sie.«
    »Beneide sie nicht, Marie«, sagte Seidentopf, indem er ihr die Hand reichte.
»Du hast das bessere Teil erwählt: Demut und den Frieden des Gemütes. In ihm
allein ist Glück. Und nun: gute Nacht!«
    Und damit trennten sie sich, und der Pastor trat in den Flur seines Hauses
und gleich darauf in sein Studierzimmer ein. Hier war alles dunkel, aber die
Läden waren noch nicht geschlossen, und der Schnee und die Sterne draussen gaben
gerade soviel Licht, als ihm lieb war. Er setzte sich auf das kleine Ledersofa
und sah in den winterlich daliegenden Garten hinaus.
    »Es kommt doch, wie es kommen soll«, sagte er. »Ich bin dessen gewiss. Und
jetzt mehr denn je. Katinka fort. Das ging über alle Berechnung. Sie war die
grosse Gefahr in meinem Exempel.«
    Er wollte dem noch weiter nachhängen, aber die grosshaubige Haushälterin
erschien geräuschvoll, stellte die kleine Studierlampe neben Bekmanns
»Geschichte der Kurmark Brandenburg« und schloss die Läden.
 
                                Sechstes Kapitel
                                 Ein Deserteur
Um dieselbe Stunde, wo Seidentopf und die Frauen im Herrenhause plauderten,
plauderten auch die Bauern im Hohen-Vietzer Krug. Es waren unsere alten Freunde
vom ersten Weihnachtsfeiertage her: Kümmritz und »Sahnepott« und Krull und
Reetzke; aber auch Mieklei, der damals den Diskurs über Tiegel-Schultze und den
Schwedter Markgrafen durch sein spätes Erscheinen unterbrochen hatte, hatte
heute schon seinen Platz am Tische. Der alte Scharwenka ging wie gewöhnlich auf
und ab und machte den Wirt, während Schulze Kniehase dem Fenster zu sass, wo der
Küstriner Anzeiger und die beiden berlinschen Zeitungen lagen.
    Es traf sich, dass heute Bauer Reetzke, der sonst mit Krull um die Wette
schwieg, das Wort führte. Denn er war den Tag vorher in Küstrin gewesen, wohin
er, der Verproviantierung der Festung halber, ein Fuder Oderbruchheu abzuliefern
gehabt hatte. Sein Bericht reichte zwei Tage weiter als der des Pastors.
    »Sie verproviantieren sich also«, sagte Sahnepott. »Lass hören, Reetzke, wie
steht es damit?«
    »Je nachdem«, sagte dieser. »Alle Speicher sind voll, aber mit dem
Schlachtvieh steht es schlecht. Das liebe Vieh hält nicht mehr bei ihnen aus und
läuft ihnen weg. Vorletzte Nacht hundertundsiebzig Stück, alle von Tamsel und
Quartschen.«
    »Hundertundsiebzig Stück?« fragte Kümmritz.
    »Ja, Kümmritz, wie ich dir sage. Vorgestern hatten sie das Tamseler Vieh
zusammengetrieben und vorvorgestern das von Quartschen, und das stand ja nun auf
dem Gorin, keine tausend Schritt vor der Stadt, und war paarweis
zusammengekoppelt. Sie hatten es auch eingehürdet, und da, wo der Eingang war,
stand eine Schildwacht. Aber nach eins ging der Mond unter, und als es wieder
dämmerte und die Ablösung kam, da sahen sie, dass alles Vieh fort war.«
    »Wie denn?«
    »Es war ein Loch in der Hürde, und das hatte sich das liebe Vieh zunutze
gemacht. Erst dachten die Franzosen, die Bauern hätten es heimlich weggetrieben,
aber es waren keine Fussstapfen im Schnee, nur Klauenspuren, die bis halben Wegs
nach Tamsel gingen. Weiter wagten sich die Franzosen nicht, denn die Russen sind
schon bis dicht heran; bei Blumberg haben sie gestern eine Patrouille
weggefangen.«
    »Das liebe Vieh«, sagte Kümmritz, »das hat so seinen Instinkt und läuft den
Franzosen weg, aber die Westfalen bleiben und der alte Füllgraf auch. Und wenn
es noch Westfalen wären! Aber es sind Altmärkische, aus der Salzwedeler Gegend
und von Stendal. Ich habe selber mit ein paar von ihnen gesprochen. Warum laufen
sie nicht weg? Warum desertieren sie nicht?«
    »Sie desertieren«, sagte Reetzke. »Vorige Woche vierzehn und diese Woche
siebzehn Mann. Aber einen haben sie wieder, einen blutjungen Menschen; sie
brachten ihn ein, als ich mit meinem Fuder Heu vor dem grossen Magazin hielt.«
    »Wer bracht ihn ein?« fragte Scharwenka und setzte sich mit an den Tisch.
»Unsere Neumärker drüben werden doch keinen Deserteur einfangen?«
    »Nein«, fuhr Reetzke fort, »die Franzosen brachten ihn ein; sie hatten ihn
in der Krampe gefangengenommen. Gestern früh. Wisst ihr denn nichts davon?«
    »Nein, wir wissen von nichts. Lass hören, Reetzke«, riefen mehrere
durcheinander, und auch Kniehase legte das Blatt aus der Hand.
    »Nun«, sagte Reetzke, »es war ja ein Überfall, und die Franzosen mussten
Fersengeld geben. Sie haben vier Tote gehabt.«
    »Und in der Krampe?« fragte Kniehase, der immer aufmerksamer geworden war.
»Und mit den Russen war es?«
    »Nein. Mit den Kirch-Göritzern. Handschuhmacher Pfeiffer, der immer den
linken Fuss nachzieht und schon Anno sechs den einen General in der Drewitzer
Heide weggeputzt haben soll - sie konnten es ihm aber nicht beweisen -, der war
der Oberste. Es ist ein kräpscher Kerl und schiesst gut und war schon dreimal
Schützenkönig.«
    »Die Kirch-Göritzer!« unterbrach Kümmritz. »Wer das gedacht hätte! Nun aber
lass den Handschuhmacher und seinen linken Fuss und erzähle, was du weisst. Lass
dir's nicht so brockenweise herausholen.«
    »Nun, die siebzehn gingen also nach Kirch-Göritz und kamen ins Schützenhaus.
Und da war ja nun Pfeiffer, der nie was zu tun hat, und steckte sich auch gleich
in seine Schützenuniform mit der Medaillenkette und begrüsste sie und lobte sie,
denn er kann reden wie ein Daus. Und als sie nun erzählt hatten, von wo sie
desertiert wären und dass jeden Morgen zwanzig Mann in die Krampe müssten, um den
Werft für die Faschinen zu schneiden, da sagte Pfeiffer: Kinder, das gibt einen
Coup. Ich war mit bei den Schillschen, und ich versteh es. Morgen früh also. Wer
will mit? Da meldeten sich all die siebzehn Westfalen, denn das mussten sie, wenn
sie nicht als schlechte Kerle dastehen wollten, und von den Kirch-Göritzer
Schützen traten auch noch elfe vor. Und Pfeiffer war der neunundzwanzigste. So
sah er auch gerade aus.«
    Die Bauern lachten, denn sie kannten ihn alle.
    »Und nu kam ja der andere Morgen, das war gestern früh, und sie schlichen
sich dicht an der Oder hin, erst an dem Entenfang und dann an den Pulvermühlen
vorbei. Und so kamen sie bis an die Stelle, wo die Franzosen den Werft
schnitten, und der Werft stand so hoch und so dicht, dass sie sich einander nicht
sehen konnten. Aber an einer Stelle war ein Gang, da drängten sie sich durch,
einer hinter dem andern, und nun brachen sie mit Hurra vor, und Pfeiffer schoss
ein altes Pistol ab, und die elf Göritzer Schützen gaben eine Salve in den
Haufen hinein, dass gleich vier fielen und die andern auf die Festung
davonliefen. Jetzt nun die Westfalen hinterher; aber es war Glatteis, und der
vorderste Westfälinger, der zwei von den Ausreissern dicht auf der Ferse war,
glitt aus und fiel so, dass er nicht gleich wieder aufkonnte. Da drehten sich die
zwei nach ihm um und packten ihn und schleppten ihn mit sich fort. Das war der
blutjunge Mensch, den ich um die zehnte Stunde einbringen sah. Und da sagt ich
so bei mir, denn ich war neugierig geworden: Reetzke, sagt ich, du wirst nicht
über Manschnow fahren, du fährst über Kirch-Göritz. Und so fuhr ich über
Kirch-Göritz. Aber, du mein himmlischer Vater, da war ja nu alles wie besessen,
und den Pfeiffer hatten sie mit Punsch und Redensarten ganz toll gemacht. Und
der hält sich jetzt für Schill und Blücher all in eins.«
    »Das sieht ihm ähnlich«, sagte Kümmritz, »ein Grossmaul, das immer genau
vorher weiss, wo was zu riskieren ist und wo nich. Schade, dass das junge Blut die
Zeche bezahlen muss. Aber so geht es immer: dieser lahme Pfeiffer kriegt den
Ruhm, und der arme Westfälinger wird die Kugel vor den Kopf kriegen.«
    Sie sprachen noch hin und her, und Sahnepott erschöpfte sich eben in
Möglichkeiten, wie der Deserteur in dem Momente, wo er ausglitt, doch vielleicht
noch zu retten gewesen wäre, als der junge Scharwenka eintrat, der heute
ebenfalls Heu- und Strohlieferungen nach Küstrin hin gehabt hatte. Er trug noch
hohe Stiefel, Flausrock und Pelzmütze und begrüsste jeden einzelnen, war aber
ersichtlich in grosser Erregung.
    »Setz dich, Wenzlaff«, sagte der Alte. »Was bringst du? Du siehst nicht aus
wie gute Zeitung.«
    Der junge Scharwenka fuhr mit der Hand über die Stirn und sagte dann: »Sie
haben ihn erschossen; ich stand keine dreissig Schritt davon; sie wollten, dass es
jeder sehen sollte.«
    »Den Deserteur?« fragten alle.
    »So wisst ihr schon davon?«
    »Nein. Wir wussten nur, dass sie gestern einen Deserteur eingebracht haben.
Reetzke hat uns eben davon erzählt. Aber nun sprich, wie war es?«
    Der junge Scharwenka rückte zwischen Krull und Reetzke ein und sagte dann:
»Ich hatt eben abgeliefert, aber den Schein hatt ich noch nicht, denn der alte
Füllgraf war nicht bei Weg, und als ich auf dem Magazin fragte, wie lang es wohl
noch dauern könnte, da sagte der Inspektor: Die vierte Stunde würde wohl
herankommen oder auch noch mehr. Und dabei schlug die Schlossuhr eben erst zwölf.
Aber was war zu machen, und so sagt ich zu Mattissen: Na, Mattis, denn helpt
et nich; wie möten utspann'n. Du weetst ja, bi Kerkow'n upp 'n Kietz. Föhr man
ümmer vörut. Ick kumm glieks na'h. Denn ich musste noch zu Mencken mit heran
wegen dem Kirschfass. Und dann ging ich über die Brücke. Und ich war noch keine
zehn Minuten in der Ausspannung und stand mit dem alten Kerkow vor seinem
Torweg, und die Hühner pickten um uns her, da hörten wir trommeln, Gott,
trommeln, wie ich's all mein Lebtag noch nicht gehört habe.«
    »Das macht, Wenzlaff«, sagte Kümmritz, »weil du nicht bei den Soldaten
gewesen bist. Ich kenn es. Ein Wirbel und dann alles still, und dann wieder ein
Wirbel. Es bedeutet nicht viel Gutes.«
    Der junge Scharwenka nickte und fuhr fort: »Und nun dauerte es auch gar
nicht lange, da kamen sie die Strasse herauf. Erst fünf Tambours und ebenso viele
Pfeifer; aber die Pfeifer spielten nicht. Und dann kam der junge Mensch. Jott,
wie der aussah. Nicht bang und nicht traurig, aber das war es eben, was mir
einen Stich ins Herz gab, und als er mich stehen sah und wohl sehen mochte, wie
mir das Mitleid in den Augen sass, da nahm er seine kleine Mütze ab und grüsste
mich.«
    Die Bauern rückten alle näher; man hätt ein Blatt in der Krugstube fallen
hören.
    »Und dann kam ja der alte Füllgraf, ein paar Adjutanten neben sich, und den
Schluss machte das ganze Bataillon, dasselbige Bataillon, von dem der junge
Westfälinger desertiert war. Aber es war nur noch schwach, keine vierhundert
Mann. Da sagte der alte Kerkow: Kumm, Jungschen-Scharwenka, da möten wi mit dabi
sinn. Und ich ging mit.«
    »Und doch heisst es: Du sollst nicht voll Neugier in deinem Herzen sein und
nicht zu den Gaffern stehen«, sagte Mieklei.
    »Doch, Mieklei«, warf Kümmritz ein. »Doch, so was muss man sehen; das macht
einen Eindruck. Und man hütet sich davor, oder man kriegt auch einen Hass gegen
den Feind. Und beides ist gut.«
    »Und so ging es denn«, fuhr der junge Scharwenka fort, »immer mit
Trommelwirbel bis an die letzten Häuser, und bei Raschmacher Günzel bogen sie
links ein aufs freie Feld, da, wo die Reeperbahn ist. Halt! kommandierte der
alte Füllgraf, und dann formierten sie Carré, aber die vierte Seite war offen,
und hier war das Grab. Ich stand mit Kerkow zwischen den Pappeln, und wir sahen
den Sand, der frisch aufgeworfen auf dem Schnee lag. Und mir zitterte das Herz,
denn fünf Mann und ein Sergeant waren jetzt aus dem Carré vorgetreten, und sie
verbanden ihm die Augen mit seinem Taschentuch. Ein altes blaues Tuch mit weissen
Punkten. Und nun sollt er niederknien. Aber da mit eins riss er das Tuch wieder
ab und trat auf den General zu, der keine zehn Schritt von ihm hielt, und sagte
was, was ich nicht hören konnte. Aber ich sah, dass der alte Füllgraf nickte und
mit der Hand über seine Augen fuhr. Und da war es, als ob dem jungen Menschen
leicht ums Herz geworden wäre, und er stellte sich gerad aufwärts hin und sah
lange gen Himmel, wohl eine Minute lang. Und nun war er fertig, und mit der
linken Hand, in der er noch das blaue Tuch hielt, schlug er an seine Brust und
rief: Hierher, Kameraden, hier sitzt das preussische Herz. Feuer! Und die Salve
krachte, und im nächsten Augenblicke war alles vorbei. Der alte Füllgraf aber
ritt heran und sagte zu dem Kommando: Gebt mir das Tuch. Aber der Tote hielt es
so fest, dass es Mühe machte. Dann schlossen sie wieder auf und rückten in
Sektionen an uns vorbei. Jetzt spielten auch die Pfeifer, und ich merkte wohl,
dass es etwas Lustiges sein sollte. Aber mir war nicht lustig ums Herz, als ich
so hinterherging. Es war erst ein Uhr, und erst um sechs hab ich meinen Schein
gekriegt. Waren das fünf Stunden!«
    Damit legte er den vom alten Füllgraf unterzeichneten Quittungsschein auf
den Tisch. Jeder von den Bauern nahm das Blatt und sah nach der Unterschrift.
Dann sagte Sahnepott: »Und warum es gerade sein eigenes Bataillon sein musste!
Sie haben ja Franzosen genug. Aber das ist solch französischer Kniff. Immer was
Apartes. Und grausam dazu.«
    »Sei doch still, Sahnepott«, sagte Kümmritz verdriesslich. »Es kann nicht
jeder in die Milchschüssel fallen. Du redst, wie du's verstehst. Apartes! Dummes
Zeug. Ein Deserteur wird totgeschossen, das is in der ganzen Welt so. Bei
Pirmasens fassten wir auch einen, war auch ein hübscher Junge. Aber was half's
ihm? Krieg ist Krieg.«
    Mieklei wollte Sahnepott zustimmen, Kümmritz aber, der in Erregung war, liess
ihn nicht zu Worte kommen und sagte nur: »Ich will nichts hören, Mieklei. Du
bist in die Traktätchen gefallen, und das ist das Allerschlimmste. Uhlenhorst
will den Krieg abschaffen, aber der Krieg wird Uhlenhorsten abschaffen. Denn
wenn wir erst den Krieg haben, dann spricht er vor leeren Bänken. Und das kann
jeden Tag kommen. Ich sag euch, es geht los, und dann wollen wir uns wieder
sprechen. Der alte Gross-Quirlsdorfsche hat was vor, und den kenn ich, mit dem
ist schlecht Kirschen pflücken, und Uhlenhorst wird ihn nicht anders machen.
Landsturm oder nicht, er liest euch die Kriegsartikel vor, und was nicht
standhält bei der Fahne, das kommt vors Kriegsgericht. Und was das bedeutet, das
wisst ihr.«
    Sahnepott und Mieklei schüttelten den Kopf.
    »Schüttelt nur; ich sag euch, es wird ernstaft; wir erleben was, und hier
herum wird es am schlimmsten. Das hab ich aus der alten Prophezeiung. Wisst ihr,
was die sagt? Es werden rote Reiter am Himmel ziehen, und die Menschen werden so
rar werden, wie die Störche Anno 57 rar waren, wo der grosse Sturm sie
verschlagen hatte, dass man alle fünf Meilen nur einen sah. Und so wie Gott
damals seinen Gottesvogel geschlagen hat, so wird er jetzt die Menschen
schlagen. Der Frieden aber soll bei Chorinchen geschlossen werden.«
    »Ja«, sagte Krull, »ich hab es auch gelesen letzten Sonntag im Küstrinschen
Anzeiger; 's war auf der letzten Seite, wo die kleinen Geschichten stehen und
die Rätsel.«
    »Und da steht auch heute die Antwort«, sagte Kniehase und trat vom Fenster
her an den Mitteltisch heran. »Wollt ihr's hören?«
    »Ja«, riefen alle.
    »Nun denn: Antwort auf den Klagepropheten in Nummer fünf des Anzeigers.«
    »Und was schreibt er?«
    »1812 wird viel Schnee fallen, und in Moskau wird ein grosses Feuer sein.«
    »Der macht sich's bequem«, brummte der alte Scharwenka, »der prophezeit ins
Vergangene hinein.«
    »1813 aber«, fuhr Kniehase zu lesen fort, »da wird eine Zeit kommen, wie
noch keine war auf Erden. Da werden die alten Leute nicht zänkisch und die
jungen Mädchen nicht neugierig sein. Die Doktors werden keine Geschichten mehr
erzählen und die Richter nur bei Nacht schlafen. Und man wird nur im Herbst Wein
machen. Die Reichen werden menschlich und die Bettler werden fleissig sein. Und
alle Leute desselben Standes werden sich untereinander lieben.«
    Die Bauern lachten, und Kümmritz sagte: »Auch ein Prophet. Einer, der klagt,
und ein anderer, der Spass macht. Aber welcher ist der rechte?«
    »Immer der, der ernst sieht«, meinte Mieklei.
    »Nein, Mieklei«, sagte Kniehase, »immer der, der heiter sieht. Die Welt geht
nicht unter und wir auch nicht.«
    Alle waren einig, dass Kniehase recht habe, sonst sei es gar kein Leben mehr.
    Ein paar von den Bauern schrieben sich noch für ihre Frauen und Töchter die
»neue Prophezeiung« ab, Sahnepott aber nahm den jungen Scharwenka beiseite und
liess sich noch von dem Deserteur erzählen. Denn er war derjenige im Kreise, der,
weil er der Schwachnervigste war, auch am meisten das romantische Bedürfnis
hatte.
    Und dann trennten sie sich.
 
                               Siebentes Kapitel
                              Frau Hulen schreibt
Am andern Morgen sassen die Geschwister allein am Frühstückstisch; Berndt war
noch immer nicht zurück, die Schorlemmer in der Wirtschaft tätig. Lewin hatte
sich sichtlich erholt, sprach aber wenig, so dass Renate froh war, Hoppenmarieken
unter der Auffahrt erscheinen und wie gewöhnlich durch Erhebung ihres
Hakenstockes andeuten zu sehen, dass sie Briefe bringe. Gleich darauf trat sie
denn auch ein, von der Schorlemmer begleitet, und legte Briefe und Zeitungen auf
den Tisch. »De een is von Faulstichen«, sagte sie, was sie, da sie nicht lesen
konnte, dem Siegel oder irgendeinem andern äusserlichen Zeichen entnommen haben
musste. Und sie hatte recht. Faulstich schickte seine mehrerwähnte Kantate und
benutzte die Gelegenheit, da sich nach Guse hin keine medisanten Briefe mehr
richten liessen, den unter Handschuhmacher Pfeiffer erfochtenen Sieg der
Kirch-Göritzer in einem ironisch pomphaften Bulletin zu verherrlichen. Einzelne
Verse unter der Überschrift »Die Schlacht an der Krampe« waren eingestreut. In
diesen hiess es:
Und als sie sich den Mut geschärft
An dem Lebenswasser von Danzig,
Durchbrachen sie den roten Werft,
Alle neunundzwanzig.
Und Göritz und sein Vogel Greif
Kamen in Zorn und Eifer,
Da wurde König der Tan von Feif',
Unser Handschuhmacher Pfeiffer.
Hoppenmarieken hatte diese Reime noch mit angehört und dabei die Hände gefaltet,
als ob es Gesangbuchverse wären. Zuletzt aber, als sie den Namen Pfeiffers
hörte, fand sie sich zurecht und sagte: »Joa, diss' Pfeiffer, diss' lütt
Humpelbeen. In Schullen säät he ümmer; nu wahren s' em wull övern Kopp
tosammensloan.«
    Und damit griff sie nach ihrer Kiepe und stapste wieder aus dem Zimmer
hinaus.
    Lewin schob den Brief zurück, der ihn wenig angenehm berührt hatte. »Ganz
Faulstich; immer ein Auge für das Lächerliche, und weiter nichts. Kein Einsetzen
seiner selbst. Da bin ich doch schliesslich mehr noch für Handschuhmacher
Pfeiffer. Aber lass sehen, was der andere Brief bringt.«
    Dieser »andere« war ein kleines, auf der Rückseite mit einem
Glaube-Liebe-Hoffnung-Petschaft gesiegeltes Viereck, obenauf aber mit einer
ziemlich langen, hintereinander fortlaufenden Adresse versehen, die sich durch
Rechtschreibung gerade nicht auszeichnete. »Seiner Edelgeboren Herrn Lewin von
Vitzewitz, zur Zeit in Hohen-Vietz bei Küstrin; frei.« Lewin glaubte die
Schriftzüge oft gesehen zu haben und wusste doch nicht wo. Neugierig erbrach er
das Siegel, um nach der Unterschrift zu sehen. »Von meiner alten Hulen!«
    »O lies«, sagte Renate, und die Schorlemmer setzte hinzu: »Das wird uns
besser gefallen.«
    »Wer weiss,« meinte Lewin. Aber man hörte seiner Stimme an, dass er desselben
Glaubens und seiner Sache ziemlich sicher war. Und so las er:
»Lieber junger gnädiger Herr!
    Es sind jetzt recht schwere Zeiten, wie mir Fräulein Renate von Bohlsdorf
her geschrieben hat, damit ich doch wüsste, wo Sie wären. Und das war eine rechte
Güte von dem lieben Fräulein.
    Ja, schwere Zeiten sind es, und ich mag gar nicht davon sprechen. Aber das
muss ich Ihnen als eine alte Frau doch sagen, es war nichts für Sie. Ich hab es
gleich gesehen; sie war wohl schlank wie eine Wespe, aber die stechen auch, und
dann muss man Erde auflegen, dass der Schmerz vergeht. Und ist es das Herz, dann
ist es schlimm. Ja, lieber junger Herr, so war es auch mit Ihnen, dass Ihnen Erde
aufgelegt werden sollte. Aber der liebe Gott wollt es nicht und hat anders
geholfen, ohne Tod und Sterben, und hat Sie zu einem rechten Glücke aufgehoben.«
Bis hierher hatte Lewin gelesen, aber jetzt flimmerte es ihm vor den Augen, und
er liess die Hand sinken, in der er das Blatt hielt.
    Renate nahm es, um statt seiner zu lesen, und wiederholte leise: »Zu einem
rechten Glücke aufgehoben.« Dann fuhr sie fort: »Das weiss ich ganz bestimmt. Das
hab ich Ihnen angesehen, denselben Tag, als Sie bei mir mieteten und gleich
sagten: Das finde ich zuwenig, Frau Hulen, und mir aus freien Stücken zulegten.
Ach, wer so ein Herz für die armen Leute hat, für den hat der liebe Gott auch
ein Herz und lässt ihn nicht umkommen, und Sie haben es auch wohl erfahren, was
wir letzten Sonntag wieder gesungen haben:
Oft hast du mich gelabet,
Mit Himmels Brot gespeist,
Mit Trost mich reich begabet-
Ja, lieber junger Herr, das sind rechte Trostesworte, so recht für arme Leute
geschrieben. Und am Ende sind wir alle arm, auch wenn wir reich sind. Sie wissen
schon warum.
    Und dieses alles hatt ich Ihnen schreiben wollen, lieber Herr Lewin, wie ich
Sie als alte Frau doch wohl nennen darf. Und wenn Sie wieder bei Wege sind, da
werden Sie doch wohl wieder bei der alten Hulen wohnen wollen. Das meinte das
gnädige Fräulein auch. Und Sie kriegen solche Wohnung auch gar nicht wieder,
denn es passt alles. Der Grüne Baum und die Singuhr und die Klosterkirche. Aber
von der will ich weiter nicht reden, weil sie so katolisch aussieht.
    Bitte, grüssen Sie das gnädige Fräulein, die so gut ist und an eine alte Frau
gedacht hat, als welche ich hochgeneigtest bin und verbleibe
                                         Ihre Wilhelmine Hulen, geb. Petermann.«
Lewin wollte das Blatt zurücknehmen, aber Renate sagte: »Nein, noch nicht. Es
gibt noch eine lange Nachschrift.« Und sie las weiter: »Ich muss Ihnen, junger
Herr, doch auch noch vermelden, dass der Herr Rittmeister von Jürgass fort ist. Er
war hier und fragte nach Ihnen. Und der spassige kleine Hauptmann auch. Sie gehen
beide nach Breslau, wohin jetzt alles geht. Denn der alte Lehwess hat doch recht
gehabt, und Preussen kommt wieder auf. Und morgen soll es in der Zeitung stehen.
Aber die Menschen wollen ja nicht warten, und das ist ein Laufen und Trommeln,
als hätten wir schon den Krieg. Und wer zu alt ist oder zu schwach, der gibt,
was er hat, oder er sammelt. Die Potsdamer Kadetten haben vierzig Taler
gesammelt.«
    Renate lachte, denn dieser ersten Nachschrift, dicht an den Rand gekritzelt,
folgte noch eine zweite: »Denken Sie sich, junger Herr, der lahme Kellerjunge
von nebenan will auch mit. Er sagt, der König kann alles brauchen. Und
vorgestern hab ich mir im Bölkschen Saal den Brand von Moskau angesehen. Gott,
wie das so aufschlug! Ich dachte, wir müssten alle mit verbrennen. Ihre Obige.«
    Die Schorlemmer hatte mit einer Art Andacht dem Geplauder dieses Briefes
zugehört. »Das ist eine gute Frau«, sagte sie jetzt und setzte dann hinzu: »Wir
wollen ihr eine Kiste schicken! - Nicht wahr, Renatchen?« Und damit verliess sie
das Zimmer, um die Geschwister allein zu lassen.
    Sie traf damit den Wunsch beider, zumal Renatens, die nach einer Weile des
Bruders Hand ergriff und leise fragte: »Darf ich mit dir sprechen, Lewin?«
Dieser nickte.
    »Die Hulen hat recht«, begann Renate, »sie hat es in ihrer Herzenseinfalt
getroffen. Und nun höre mich an. Du bist jetzt zwei Tage hier, und wir können
nicht so nebeneinander hergehen, immer nur in ängstlicher Vermeidung dessen, was
uns das Herz bedrückt. Du bist verwundert, weil ich sage uns. Aber es ist so,
denn ich bin bedrückt wie du.«
    Sie schwieg und hatte vor, von Katinka zu sprechen, aber der Name wollte
ihr nicht über die Lippen, und so fuhr sie fort: »Ach, ich habe sie so geliebt,
mehr als eine Schwester. Sie hatte das vornehme Wesen, das so gefällt, und sie
hatte mir es angetan, mir und dir und jedem. Ich muss noch an den Morgen denken,
als ihr nach Kirch-Göritz ginget, du und Tubal, und die Tauben an das Fenster
kamen und sich liebkosend an sie drängten, als ich kaum erst den Riegel geöffnet
hatte. Das verdross mich damals. Aber ich hatte unrecht. Es flog ihr eben alles
zu. Auch die Tauben. Und auch Marie ging in ihr auf und verzehrte sich in
Bewunderung, ja, sie verzehrte sich, denn ihr blutete das Herz.«
    Lewin, dem kein Wort entgangen war, lächelte und sagte: »Wir hören gern das
Lob von dem, was uns verlorenging. Sonderbar, indem es uns das Gefühl des
Verlustes steigert, tröstet es uns. Aber du darfst auch tadeln, Renate, tadeln,
ohne Furcht, mir wehe zu tun. Denn ich wurde frei im Herzen, nicht durch eigene
Kraft und kaum durch eigenen Willen, aber als ich vorgestern, in den hellen
Wintertag hinein, hierherfuhr, da fühlt ich, dass ein altes Leben von mir abfalle
und ein neues Leben beginne. Es klingt alles noch in mir nach,
leise-schmerzlich, aber ich bin doch ein Genesender.«
    »Ach, dass ich sprechen könnte wie du«, sagte Renate. »Dir liegen die trüben
Tage zurück, meiner aber harren sie noch. Und wenn sie mir erspart bleiben, so
wird es doch immer ein Schweres sein, was mich vor einem noch Schwereren
bewahrt. Ich weiss es, dass es so kommen wird; ich fühl es vorahnend in meinem
Gemüte.«
    Lewin wollte antworten, aber Renate fuhr in wachsender Erregung fort: »Es
ist ein dunkles Haus, und was sie selbst nicht haben, das können sie niemand
geben: Licht und Glück. Es war immer ihr Schicksal, Liebe zu wecken, aber nicht
Vertrauen. Vertrauen, die Mutter aller Liebe und ihr Kind. So las ich einmal,
und es ergriff mich damals tief. Aber ich hab es seitdem anders gefunden. Es
gibt auch eine Liebe ohne Vertrauen, und ich heg eine solche; du weisst zu wem,
und ich kann sie nicht aus meinem Herzen reissen. Und deshalb werd ich nicht
glücklich sein.«
    »Doch, Renate, du wirst es. Glücklicher als ich.«
    Sie schüttelte den Kopf.
    »Tubal...«
    »... ist seiner Schwester Bruder«, unterbrach ihn Renate in schmerzlicher
Bewegung, »ist Katinkas Bruder.«
 
                                 Achtes Kapitel
                           Hauptquartier Hohen-Vietz
Ihr Gespräch wurde durch das Vorfahren eines Wagens unterbrochen, und Renate,
die den Blick auf das Fenster frei hatte, rief: »Der Papa!« Er war es und trat
den Geschwistern, die sich rasch erhoben hatten, schon im Vorzimmer entgegen.
Die Begegnung war herzlich; er küsste Renaten die Stirn und nahm dann Lewin bei
beiden Händen, während er ihn zugleich bis an die Fensternische zog.
    »Lass sehen«, sagte er und musterte ihn von Kopf zu Fuss mit scharfem Auge.
»Nun, ich lese gute Zeitung; es war dein erster Schmerz, er tut am wehesten,
aber er heilt auch am schnellsten. Junge Tage, kurzes Leid. Du wirst auch noch
die Kehrseite davon kennenlernen. Und nun nichts mehr davon. Lasst uns Platz
nehmen.«
    Jeetze war eingetreten, um den Frühstückstisch zum zweiten Mal zu decken,
und die Schorlemmer erschien, um ihren Teil an der Freude des Wiedersehens zu
haben. Denn so herrnhutisch kühl ihr Herz auch schlug, so vergass sie doch dieser
Kühle, wenn, nach Tagen oder Wochen der Trennung, die Stimme des alten Vitzewitz
zum ersten Male wieder hörbar wurde. Auch Hektor hatte sich eingefunden, und so
war alles beisammen.
    »Wie wir dich erwartet haben, Papa!« sagte Renate. »Nicht aus Liebe, denn
davon liebst du nicht zu hören, aber aus Neugier. Wir wissen nichts oder so gut
wie nichts. Erzähle! Wie starb sie?«
    »Hat denn Seidentopf nicht davon gesprochen?«
    »Ja und nein. Er sprach von ihrem Begräbnis, aber nicht von ihrem Tod. Ich
werde den Gedanken nicht los, dass es ein Schreck war, der sie tötete.«
    »Und du triffst es. Der Tod muss sie plötzlich überrascht haben. Ich sah sie
noch in der Stellung, in der sie Eve denselben Morgen gefunden hatte. Sie sass in
dem grossblümigen Lehnstuhl zu Füssen ihres Bettes, ihre noch offenen Augen auf
den Stehspiegel gerichtet. Das Buch, in dem sie gelesen, ein Band Diderot, war
ihr entfallen und lag neben dem Stuhl.«
    »Und wie war sie gekleidet?«
    »Schwarz. Eva war den Abend vorher von ihr fortgeschickt worden; sie wollte
selbst ihre Nachttoilette machen. Das war um elf. Um diese Stunde muss es
geschehen sein oder nicht viel später.«
    »Und...« Renate stockte.
    »Ich weiss, was du fragen willst«, fuhr Berndt fort. »Der Spiegel, als ich in
das Schlafzimmer trat, hatte seinen grünen Vorhang. Aber Eve wurde rot, als ich
darnach fragte, und widersprach sich ein Mal über das andere. Das arme Ding; ich
wollte nicht weiter in sie dringen. Um so weniger, als ich sicher bin, dass sie's
am Abend vorher vergessen hatte.«
    »Wer ein Gespenst grosszieht, den bringt es um«, sagte die Schorlemmer.
    »Wir sollen es nicht grossziehen, aber wenn es da ist...«
    »So sollen wir seiner nicht achten. Dann schwindet es. Es kann Missachtung
nicht ertragen, denn es ist eitel wie alle höllische Kreatur.«
    Berndt lächelte, gab der Schorlemmer die Hand und sagte: »Unser alter
Streit! Vielleicht, dass wir noch mal Frieden darüber schliessen. Aber lassen wir
das. Was ich euch noch zu sagen habe, Kinder, hat einen bessern Klang. Wir sind
reich! Und wenn du dich im Spiegel siehst, Renate, so siehst du das Bild einer
Erbtochter.«
    »Ich wusst es«, triumphierte die Schorlemmer. »Ich hab es dir prophezeit, den
Abend in Bohlsdorf, als Doktor Leist seinen ersten Besuch machte.«
    Renate wurde rot, denn sie gedachte auch manches anderen noch, das die
Schorlemmer damals gesagt hatte; Berndt aber, ohne des Zwischenfalls zu achten,
fuhr fort: »Ein Testament ist nicht da. Von einem gesetzlichen Anspruch der
Pudaglas an Guse kann keine Rede sein. Es ist Allod. So fällt es an mich, als an
den nächsten Erben. Ich habe mit Ladalinski, den ich vorläufig das Interesse der
Pudaglas zu vertreten bat, die Dinge durchgesprochen; er weiss, in welchem Sinn
ich mich glücklich schätzen würde, Wünschen oder Ansprüchen des ihm so nahe
verwandten Hauses, vor allem aber seinen eigenen Wünschen entgegenzukommen. Es
berührt das alte Pläne der Tante. Ihr kennt sie. Von dem Augenblicke an, meine
teure Renate, wo du gewählt haben wirst, gehört Guse dir, ich bin nur Nutzniesser
und Verwalter. Im übrigen sollen dich diese Worte zu nichts bestimmen, deine
Wahl ist frei.«
    Die Geschwister schwiegen, und selbst die Schorlemmer fand keinen Spruch,
der ausgedrückt hätte, was in ihr vorging. Berndt schien es zufrieden, und
während er nach seiner Gewohnheit dem neben ihm liegenden Hektor von den mit
Fleisch belegten Brotschnitten zuwarf, die für ihn selbst bestimmt waren, fuhr
er fort: »Und so wären wir denn reich, reich in diesen allerärmsten Tagen. Und
so gewiss Gott weiss, dass es mich nie nach irdischem Besitz gedrängt hat, so gewiss
ist es auch, dass mich dieser Besitz jetzt freut. Ich fühle mich freier. Denn dass
ich es euch gestehe, die Not und Drangsale dieser Zeit lagen schwer auf mir,
schwerer, als ich es vor euch wahrhaben mochte. Die niedergebrannte Scheune...«
    »... die bauen wir nun wieder auf, Papa.«
    »Und den Saalanbau...«
    »... den nicht«, lachte Renate. »Dazu versag ich, als Erbtochter, die
nötigen Mittel. Nein, da machen wir klares Spiel und ziehen den Garten bis vor
das Haus, ganz wie drüben in Hohen-Ziesar, und der Graf selber muss uns dabei
behilflich sein. Das ist ja seine Passion. Ich bin für Reseda und Levkojen, aber
nur als Rabatteneinfassung, und aus der Mitte der Beete wachsen Malven auf.
Zimmetfarbene und wie von Atlas, die lieb ich am meisten. Und die beiden
Derfflingerkanonen schaffen wir von Guse herüber, nur den Faun lassen wir da,
und auf den Damm stellen wir eine Sonnenuhr oder noch lieber eine grosse schwarze
Glaskugel, drin sich die Dorfstrasse spiegelt und Hoppenmarieken, wenn sie
vorübergeht.«
    »Das lässt sich hören, Renate, und ich sehe, dass du dich schnell in die
besseren Tage hineinlebst. Nur deinem eigenen Schloss, als das ich Guse vorläufig
ansehe, darfst du, dem alten Hohen-Vietz zuliebe, nichts entführen wollen, und
wenn es auch nur die zwei Derfflingerkanonen wären. Wer weiss übrigens, was davon
übrigbleibt? Vorläufig sind die Franzosen drüben und nehmen mit, was ihnen
gefällt. Wenigstens wenn wir ihnen nicht auf die Finger sehen. Komm, Lewin, dass
wir darüber sprechen.«
Berndt erhob sich, Lewin folgte. Sie gingen in das einfenstrige Zimmer, darin
Vater und Sohn zu Beginn unserer Erzählung ihr erstes Gespräch über
Volksaufstand und endliche Vernichtung der Fremdherrschaft gehabt hatten. Es
hatte sich nichts geändert: hier das Sofa und dort das Bild, und an dem breiten
Fensterladen die Karte von Russland mit ihren verschiedenfarbigen Nadeln. Alles
wie damals am ersten Weihnachtsfeiertage.
    Der alte Vitzewitz nahm Platz, streckte seinen Fuss, wie er zu tun pflegte,
auf den vor seinem Arbeitstische stehenden Schemel und sagte: »Setz dich, Lewin.
Ehe wir von anderem sprechen, noch ein Wort über dich. Ich wollt es vor den
Frauen nicht ausspinnen. Sie dürfen nicht zuviel davon hören; gleich schwillt
ihnen der Kamm. Denn alle wollen herrschen, und es freut sie, dass sie soviel
Macht über uns haben. Darin sind sie sich alle gleich und in einer ewigen
stillen Verschwörung gegen uns.«
    Lewin sah vor sich hin; Berndt nahm seine Hand und fuhr fort:
    »Es lässt sich leicht sprechen über Schweres, das uns selber nicht mehr
drückt oder vielleicht nie gedrückt hat. Ja, es ist so; was dich drückt, Lewin,
ist mir erspart geblieben. Aber anderes, anderes! Ich weiss davon und weiss auch:
leben heisst überwinden lernen. Den beweglichen Naturen, Naturen wie der
deinigen, hat Gott es in solchen Kämpfen am leichtesten gemacht. Und so wusst
ich, dass du's überwinden würdest. Was noch fehlt, bringt die Zeit und unsere
Zeit rascher als jede andere. Denn alles drängt nach Aktion, und Handeln ist so
gewiss das Beste, wie Brüten das Schlimmste ist. Diese Tage werden dich frei
machen.«
    »Ich bin es, Papa. Als du vorfuhrst, hatt ich mit Renaten ein Gespräch
darüber. Es liegt hinter mir. Was noch fehlt, ist bloss ein Körperliches. Es
waren schwere Krankheitstage, und sie wirken noch nach. Weiter nichts. Aber was
ist es mit Guse? Du wolltest davon erzählen.«
    »Ja. Und so höre denn. Gestern nachmittag, ich war eben erst aus der Kirche
zurück, wo mir Nippler seine Komposition zu der Kantate vorläufig auf der Orgel
vorgespielt hatte, als es im ganzen Dorfe hiess: die Franzosen kommen. Und
richtig, es war so. Eine Viertelstunde später rückten hundert Mann ein und
hielten vor dem Schloss. Sie waren von verschiedenen Regimentern des Oudinotschen
Corps und führten eine Kriegskasse mit sich. Als ich an sie herantrat, begrüsste
mich ihr Führer, ein schwarzer Italiener, der sich Conte di Rombello nannte.
Seiner Charge nach ein Kapitän. Er sprach, um mich einzuschüchtern, von dem
Hauptcorps, das morgen nachrücken werde, und forderte Quartier. Ich zeigte mich
sofort bereit (mir hätte nichts Lieberes passieren können) und lud ihn auf das
Schloss, wo ich ihm unter den Zimmern desselben die Wahl freistellte. Er wählte
das Spiegelzimmer, ein etwas sonderbarer Geschmack. Aber das ist seine Sache.
Hübsch ist er, und so wird er sich sehen wollen. Die Kriegskasse steht in der
Halle, die vorläufig zum Schutze der Gelder in eine Art Wachlokal umgeschaffen
worden ist. In den Räumen daneben liegen dreissig Mann, ebenso viele hab ich in
der alten Derfflingerkaserne, den Rest bei den Bauern untergebracht.«
    »Und nun dein Plan?«
    »Der Trupp will morgen früh weiter. Was also geschehen soll, muss rasch
geschehen. Bamme weiss davon; aber ich hab es bei einer blossen Meldung bewenden
lassen. Wir machen es mit dem, was wir hier zur Hand haben. Rechnen wir die
Manschnower und Gorgaster mit hinzu, so haben wir hundert Mann. Damit zwingen
wir's, denn sie sind matt wie die Fliegen, und der moralische Halt ist längst
heraus. Dazu Nacht und Überraschung. Es kann nicht fehlen. Was vereinzelt bei
den Bauern liegt, ist froh, mit dem Leben davonzukommen. So handelt sich's nur
um das Schloss. Vorn an der Sphinxenbrücke steht ein Doppelposten, den lassen wir
stehen. Wir passieren statt dessen den Graben, da, wo das Schwanenhäuschen
steht, und dringen von hinten her ein. Kniehase muss das leiten. Ich für meine
Person nehme den Conte gefangen, und du und Wenzlaff sind mit mir. Sind wir
geschickt, so darf es uns nicht einen Mann kosten. Die Kriegskasse bleibt unser;
das heisst bis auf weiteres. An dem Tage, wo sich der König erklärt hat, schaffen
wir sie nach Berlin. Dort wird man sie brauchen können, denn Geld ist immer das
Knappste im Lande Preussen.«
    »Und die Gefangenen?«
    »Es soll ihnen kein Haar gekrümmt werden. Ich bin aus der Weissglühhitze
heraus. Entsinne dich dessen, was ich dir schrieb: Wir wollen einen regelrechten
Krieg haben. Und so schicken wir denn die Gefangenen zu den Russen. Übrigens
will ich nicht behaupten, dass sie dort gut gebettet wären. Und nun lass uns zu
Kniehase gehen, dass wir alles Nähere mit ihm besprechen. Um neun müssen wir
marschfertig und um Mitternacht in Guse sein.«
    Damit nahmen sie Hut und Stock und schritten über den Hof hin auf die
Dorfgasse zu.
Eine Stunde später kehrten Berndt und Lewin aus dem Schulzenhofe zurück, wo sie
mit Kniehase den »Coup« noch einmal durchgesprochen und alle zur Ausführung
nötigen Schritte verabredet hatten. Sie fanden Jeetzen in grosser Aufregung, was
Berndt zu der Frage veranlasste: »Du trippelst wieder, Jeetze, was ist passiert?«
    »Der Herr General ist da.«
    »Bamme?«
    »Ja; General von Bamme. Der gnädige Herr waren noch keine Viertelstunde
fort, als er vorritt auf seinem kleinen Shetländer. Der gnädige Herr wissen
schon, auf dem isabellfarbenen mit der schwarzen Mähne. Krist und ich haben ihn
bei den Ponies untergebracht.«
    »Den Shetländer. Aber wo ist der General?«
    »Oben. Ich habe gleich einheizen müssen, weil es klamm und kalt war. Er
sitzt in der Amtsstube und hat seinen grauen Mantel anbehalten und die Pelzmütze
auf.«
    Die beiden Vitzewitze stiegen nunmehr treppauf und fanden den General genau
so, wie Jeetze ihn beschrieben hatte. Vor ihm, auf dem ziemlich in der Mitte
stehenden Arbeitstische, lag eine grosse, mit Tintenfass und Papierschere
festgehaltene Spezialkarte von Barnim und Lebus, auf der sich der kleine, mit
seinem Oberkörper weit vorgebeugte Mann mühsam zu orientieren suchte. Ein
Versuch, der ihm durch die dichte Tabakswolke, in der er steckte, nicht eben
erleichtert wurde.
    »Guten Tag, General.«
    »Guten Tag, Vitzewitz. Sie sehen, ich habe mich hier eingerichtet ohne
Meldung oder Anfrage. Sonst nicht meine Gewohnheit. Aber Sie müssen jetzt dem
alten Bamme den General in Rechnung stellen, und zwar zu seinen Gunsten. Mein
altes Gross-Quirlsdorf liegt zu sehr aus der Welt, und rundheraus, ich gedenke
Hohen-Vietz zu meinem Hauptquartier zu machen. Anfangs war ich unschlüssig, ob
ich nicht unser gräfliches Hohen-Ziesar vorziehen sollte; aber Hohen-Vietz ist
besser. Hier läuft die grosse Strasse, und was von Küstrin aus nach Westen will,
muss an Ihren Fenstern vorbei.«
    »Ich freue mich, General, dass Sie die Wahl so und nicht anders getroffen
haben.«
    »Und um die Wahrheit zu gestehen«, fuhr Bamme fort, »es ist nicht bloss wegen
der Lage, es ist auch Ihretwegen, Vitzewitz, dass ich mich hier und nicht in
Hohen-Ziesar einquartiert habe. Sie sind nun einmal die Seele von der Sache,
haben alles geplant, sind vom Metier und kennen das Lokal. Und das ist die
Hauptsache. Sehen Sie, da sitz ich hier über der Karte und spiele meinen eigenen
Generalquartiermeister. Aber wie! Mehr als dreissigmal bin ich in dieser halben
Stunde zwischen Küstrin und Berlin hin- und hergefahren, ohne auch nur drei
richtige Wolfsgruben ausfindig gemacht zu haben.«
    »Wolfsgruben?« fragte Berndt und sah dem Alten verwundert ins Gesicht,
während Lewin einen Stuhl an die Rückseite des Tisches schob, um wenigstens von
obenher auf die vor Bamme ausgebreitete Karte sehen zu können.
    »Ja, Wolfsgruben oder auch Fuchsfallen, wie Sie wollen. Und nun hören Sie
mich an. Darin, dass etwas geschehen muss, in dem Punkte sind wir einig. Und auch
darin, dass es die höchste Zeit ist. Die Marschälle und Corpskommandanten sind
fort, alle die grossen Namen, aber von den Kleinen stecken noch Hunderte zwischen
Weichsel und Oder, und die müssen wir haben. Also wegfangen oder, wenn Sie
wollen, Wegelagerung, Stellmeiserei. Vor Worten darf man nicht erschrecken, am
wenigsten wir; etwas von unserer Ahnen Blut und Metier wird uns doch wohl
verblieben sein. Ob man uns, was wir vorhaben, danken wird, ob wir gut damit
fahren werden? Das ist freilich die Frage. Ich zweifle fast. Sie kennen meine
Ansicht darüber. Das Auf-eigene-Hand-Tun ist hierlandes immer suspect gewesen,
wie Gräfin Schwester gesagt haben würde. Man mag uns oben nicht. Und sie haben
auch ganz recht, die Nürnberger Herren, denn man sieht wohl, wo es anfängt, aber
nicht, wo es endet.«
    Bamme, der, wenn es die Frage »Hohenzollern contra Quitzow und Genossen«
galt, jedesmal zu labyrintischen Exkursen weggerissen wurde, hatte auch heute
wieder den Faden verloren, weshalb Vitzewitz ohne weiteres auf die schwebende
Frage zurückgriff. »Also Wolfsgruben.«
    Bamme lachte, zündete den kleinen Meerschaum, der ihm während des Sprechens
ausgegangen war, wieder an und sagte: »Ja, Wolfsgruben, Vitzewitz, oder, da das
grosse Wort schon gesprochen wurde: Wegelagerungsetappen, Generalsfallen. Es ist
nicht nötig, dass es immer Generale sind. Wir nehmen auch Compagniechefs. Alles,
was hineinfällt, ist gut. Nur nicht wählerisch. Da haben Sie die Sache. Aber
wollen Sie glauben, Vitzewitz, dass ich auf diesen zehn Meilen auch nur drei
solche Generalsfallen hätte herausspintisieren können! Auf Ehre, nicht eine. Und
warum nicht? Weil ich ein Havelländischer bin und, zu meiner Schande sei es
gesagt, mich in vollen siebzehn Jahren in Barnim und Lebus nicht zurechtgefunden
habe. Ratenow, Havelberg, da weiss ich Bescheid, da kenn ich Weg und Steg. Aber
was kenn ich hier? Hohen-Vietz und Hohen-Ziesar.«
    »Und Guse.«
    »Ja, Guse. Das wäre nun solche Falle gewesen. Aber weg sind sie.«
    »Wer? was?« rief Berndt.
    »Alles! Die hundert Mann, der Conte und die Kriegskasse. Und das letzte ist
das Schlimmste. Vor zwei Stunden, keine dreihundert Schritt vorm Dorf, passierte
ich den ganzen Trupp, ihren Geldkasten mitten in der Kolonne. Gescheite Leute.
Sie müssen Wind gekriegt haben. Übrigens ein entzückender schwarzer Kerl, dieser
Conte. Und wie das schwatzte und parlierte! Ich hätt ihn der Tante noch gegönnt;
nichts für ungut, Vitzewitz.« Berndt stampfte mit dem Fusse, nicht um der Tante,
sondern um des gescheiterten Coups willen.
    »Ist es doch, als ob es nicht sein sollte«, rief er. »Immer wieder verfehlt,
immer wieder hinausgeschoben. Sagen Sie selbst, Bamme, in demselben Augenblicke,
in dem wir den Hirsch beschleichen wollen, raschelt es, und er geht wieder ins
Weite.«
    »Lassen Sie ihn, Vitzewitz; die Tage wechseln. Eine Karte verliert und die
nächste gewinnt. Übrigens wett ich sechs Flaschen Chateau d'Yquem gegen eine
Chateau Krach, dass der Conte, trotz seiner wundervollen Augen, nicht drei Meilen
weit kommt. Die Generalsfallen sind zwar noch nicht fertig, aber mitunter machen
sie sich von selbst. Und was die Gelder angeht, so hab ich den Trost, wenn ein
Armeecorps herunter ist, so ist es seine Kriegskasse auch. Und dieser arme
Oudinot hat so recht eigentlich die Zeche bezahlen müssen. Also begraben wir's.«
    »Wir werden es müssen«, sagte Berndt. »Geh, Lewin, und sage Kniehase, dass er
die Mannschaften lässt, wo sie sind, vor allem die Manschnower und Gorgaster. Wir
dürfen sie nicht durch unnützes Hin-und Herziehen widerhaarig machen, sonst
fehlen sie, wenn wir sie brauchen.«
    Und als diese Punkte reguliert und im Eifer über Neuzuverfolgendes der Guser
Fehlschlag halb schon wieder vergessen war, trat Jeetze ein, um zu melden, dass
das Diner angerichtet sei.
 
                                Neuntes Kapitel
                                Ein Aide de camp
Bamme zu Ehren war in der Halle gedeckt worden. Ein grosses Kaminfeuer brannte,
draussen fielen Flocken, und die alten Vitzewitze sahen aus ihren Rahmen
verwundert auf den kleinen krähstimmigen Mann hernieder, der ein Mal über das
andere »Herr General« genannt wurde. Zu ihren Zeiten hatten die Generale anders
ausgesehen. Vielleicht galt übrigens ihre Verwunderung mehr noch der reichen und
ganz besonderen Tafelausstattung als irgend etwas anderem; denn nicht nur
brannten heute die schweren vierarmigen Silberleuchter, sondern zwischen diesen
Leuchtern paradierte auch noch ein unverhältnismässig grosser, die Donau mit all
ihren Zuflüssen darstellender Rokokoaufsatz, auf dessen oberster Spitze die
Kaiserin Maria Teresia tronte. Das hatten die alten Perücken-Vitzewitze seit
vollen dreissig Jahren nicht gesehen, und selbst unser Berndt war bei seinem
Eintritt in die Halle einen Augenblick wie betroffen gewesen. Renate aber, als
sie diesem Blicke begegnet war, hatte mit dem Zeigefinger erst auf sich selbst
gewiesen und dann dem Vater in schelmischer Laune zugeflüstert: »Ich, Papa, als
Erbtochter von Guse!«
    Gleich darauf hatte man Platz genommen. Bamme zwischen Berndt und Renate,
Lewin und die Schorlemmer ihnen gegenüber. Einer der gestellten Stühle war leer
geblieben, da der ebenfalls geladene Seidentopf noch in der letzten halben
Stunde hatte absagen lassen. Der alte Kossäte Maltusch nämlich lag seit letzter
Nacht im Sterben und hatte nach dem Abendmahle verlangt. Von seiten Bammes war
unmittelbar nach Bekanntwerden dieses Behinderungsgrundes allerhand wirres Zeug
über Abendmahl und Mittagsmahl gemurmelt worden, aber so undeutlich und mit so
schlechtem Gewissen, dass er selbst von der Schorlemmer, die dergleichen nie
durchgehen liess, nicht hatte zur Verantwortung gezogen werden können.
    Der alte Kossäte Maltusch, nicht viel jünger als unser Freund Jeserich
Kubalke, wohnte dreiviertel Stunden vom Dorf hart an der Hohen-Ziesarschen
Grenze und war eigentlich schon auf einer Art Landzunge in die Drosselsteinsche
Feldmark hineingebaut. Das führte denn, nachdem auf dem Gebiete
Maltusch-Seidentopf-Kubalke mehrere Minuten lang geplänkelt worden war, alsbald
ins Gräfliche hinüber und vom Gräflichen auf den Grafen selbst. Alle waren einig
in seinem Lobe; Renate sprach mit besonderer Wärme, und selbst die Schorlemmer
pries seinen »vor ihm selbst verborgenen« christlichen Sinn. »Hätt er einen
andern Verkehr gehabt«, sagte sie, »und statt in Zeiten des Abfalls in Zeiten
der Erweckung gelebt, er wär ein Mann geworden wie unser Graf.«
    »Danken wir Gott«, erwiderte Bamme, »dass er geblieben ist, wie Natur und
Verhältnisse ihn schufen. Ich habe nichts gegen den lausitzischen Grafen, den
Sie, meine Verehrteste, als Ihren Grafen zu bezeichnen lieben; aber ich
erschrecke, wenn ich mir unseren Drosselstein, der, seine Tugenden in Ehren,
ohnehin schon nicht zu den Alleroriginellsten gehört, als Zinzendorf den Zweiten
vorstelle. Es tut jeder gut, sich auf seine eigenen Beine zu stellen, diese
Beine mögen sein, wie sie wollen. Wir haben die unsrigen, Zinzendorf hatte die
seinigen. Wenn ich sage die unsrigen, so muss ich um Entschuldigung bitten, weil
ich mir wohl bewusst bin, meine berechtigten Eitelkeiten nicht gerade nach dieser
Seite hin suchen zu dürfen. Im übrigen bleibt es dabei: Das Traurigste sind die
Dubletten. Woran ist Prinz Heinrich gescheitert? Die Gräfin drüben ist tot, und
so lässt sich ohne Furcht vor einzubüssender Freundschaft allenfalls eine Antwort
auf diese Frage geben. Er ist gescheitert einfach an der Tatsache, dass er doch
schliesslich nichts anderes als beinah sein Bruder war. Da lob ich mir den alten
Ferdinand, den Sie neulich, Vitzewitz, in seinem Johanniter-Palais besucht
haben. Der war nie etwas, Gott weiss es, aber er war doch wenigstens er selbst.
Nein, meine Werteste, lassen wir unseren Hohen-Ziesarschen Grafen, wie er ist.
Das wird das Beste sein für ihn und für uns. Er hat eben nur einen Fehler!«
    »Und der wäre?« fragte Berndt.
    »Er wird das Pregelwasser nicht los, oder, was dasselbe sagen will, er
steckt zu tief in seinen ostpreussischen Vorurteilen. Achten Sie darauf, wenn er
über politische Dinge spricht, speziell in diesen unseren Tagen, wo sie, nach
seiner ehrlichsten Überzeugung, dort oben wieder beflissen sind, die
Weltgeschichte zu machen und Freiheit und Ordnung in Balance zu bringen. Ich
kenn ihn. In Ostpreussen ist die Mannhaftigkeit und in Königsberg ist die
Weisheit zu Hause. Daran ist nicht zu rütteln, das ist Paragraph eins. Alles,
was sich in den anderen Provinzen findet, wird an dieser Elle gemessen. Auch wir
Märker passieren nur so obenhin. Er lässt uns gelten, aber bloss als Rohmaterial.
Wir werden abgerichtet für den Dienst, für Armee und Verwaltung, aber aus uns
selber sind wir nichts und bedeuten wir nichts. Wir sind unfrei, Werkzeuge,
Hofsklaven, Hohenzollernsche Leibtrabanten.«
    Berndt lächelte.
    »Ja, General«, sagte er, während er mit den Fingern der linken Hand leise
auf dem Tischtuch trommelte, »bei Lichte besehen, ist es nicht so?«
    »Nein, Vitzewitz, nein. Natürlich, es gibt Ausnahmen, ein paar oder
meinetwegen auch viele. Aber das reizt mich eben, dass man über die Pehlemanns,
die Medewitz' und Rutzes, die nichts haben als Spieluhren, Gicht und Dummheit,
dass man über diese die Vitzewitze und die Bammes vergisst. Hofadel! Bah! Der
Jagdjunker von Otterstädt, der den abgeleierten Spruch von Jochimken, Jochimken,
höde di an seines gnädigen Herrn Kammertüre schrieb, war auch bei Hofe.
Leibtrabanten! Unsinn! Frondeurs sind wir, alle oder doch die Besten von uns,
und Ab- und Einsetzen, das wäre so unsere Passion, wenigstens die meine. Wann
waren die Bammes bei Hofe? Nie. Und die Vitzewitze nicht oft. Wir haben Anno 95
nicht gefragt, und jetzt fragen wir wieder nicht. Man geht zusammen, solang es
passt. Manus manum lavat. Wenn mir wohl wird, wird mir immer lateinisch.
Legitimität, Loyalität! Bah! Alles ist Akkord und Pakt und gegenseitiger
Vorteil.«
    »Und Eid«, sagte die Schorlemmer.
    Bamme zuckte die Achseln.
    »Meine Gute«, fuhr er geringschätzig fort (denn er wusste, dass ihn die
Schorlemmer nicht leiden konnte), »wenn es mit den Eiden ginge, so würden die
Zinzendorfe die Welt regieren. Ich bezweifle, dass wir dabei gewönnen. Denken Sie
sich eine tugendhafte Weltgeschichte. Wenigstens ich für mein Teil möchte sie
nicht lesen. Es ist mit den Eiden wie mit den Gesetzen, sie sind nur dazu da, um
gebrochen zu werden. Wenigstens die politischen; die Liebeseide nehm ich
natürlich aus.«
    Und dabei wandte er sich zu der neben ihm sitzenden Renate und küsste ihr die
Hand.
    »Ich weiss, dass Sie scherzen«, sagte diese.
    »Ach, meine Gnädigste«, fuhr Bamme fort, der auf seine Art eine Schwärmerei
für Renaten hatte, »ich scherze nicht, ich verfalle nur in meinen alten Fehler,
mir die Ohren nicht genau zu berechnen, vor denen ich spreche. Das alles waren
Sätze für die Gräfin-Tante, nicht für die schöne Nichte. Ich war in diesem
Augenblicke in Guse, nicht in Hohen-Vietz. Pardon!«
    Schon während diese letzten Worte gesprochen wurden, war von der Dorfgasse
her ein rasch sich steigerndes Schellengeläute hörbar geworden, und gleich
darauf hielt ein Schlitten vor den Flachstufen des Hauses.
    »Nach der Regel müsste das Drosselstein sein«, sagte Bamme und erhob sich
halb von seinem Stuhl, um schärfer nach dem Vorplatz hinaussehen zu können. Es
war aber nicht Drosselstein, vielmehr traten, zu nicht geringem Staunen Lewins,
Hirschfeldt, Grell und Tubal ein und wickelten sich, während letzterer erst zu
Vorstellung seiner beiden Reisegefährten, dann zu Entschuldigungen über ihr
allseitig unangemeldetes Erscheinen schritt, aus ihren Shawls und Mänteln
heraus.
    Berndt, gastlich und zerstreuungsbedürftig, gab seiner Freude über den
unerwarteten Besuch - eine Freude, die, wie sich leicht denken lässt, von dem
»immer frisches Blut« verlangenden Bamme geteilt wurde - den lebhaftesten
Ausdruck; nichtsdestoweniger blieb eine kleine Verlegenheit, die sich bei Lewin
und Renaten und mehr noch bei Tubal hinter einem beständigen Hin- und Herfragen,
ohne dass die Antwort abgewartet worden wäre, zu verstecken suchte. Ja selbst die
Schorlemmer liess ihre sonstige Ruhe vermissen.
    Inzwischen waren Stühle gerückt worden, und da bei dem ersten Besetzen der
Tafel ausser dem Seidentopfschen Platz auch noch die Schmalseiten oben und unten
frei geblieben waren, so wurde das Tischarrangement keinen Augenblick ernstlich
gestört. Es war die Rede davon, einige der Gänge rasch noch einmal wieder
erscheinen zu lassen, alle Neuangekommenen aber lehnten auf das bestimmteste ab
und erklärten nicht nur, unterwegs eine sehr substantielle Mahlzeit eingenommen,
sondern auch, wie der Augenschein zeige, für ihre Ankunft in Hohen-Vietz den
denkbar glücklichsten Moment, den des Desserts, getroffen zu haben. Dem stimmte
Bamme, der gerade Schwarzbrot und Biskuitschnitten mit frischer Butter
zusammenmörtelte, emphatisch bei und verschwor sich ein Mal über das andere, dass
die Feinschmecker aller Zeiten, von Lukull bis auf Friedrich den Grossen, das
eigentliche Diner immer nur als den Sockel der drei grossen Dessertgotteiten:
Bacchus, Momus und Pomona, angesehen hätten.
    So phantasierte der Alte weiter, dessen guter Laune es denn auch
vorzugsweise zuzuschreiben war, dass das befangene Hin- und Herfragen der ersten
Minuten einer ungezwungeneren Unterhaltung Platz zu machen begann. Jeder
beteiligte sich schliesslich daran, insbesondere Tubal, aus dessen Mitteilungen
unter anderem auch ihr eigentliches Reiseziel erkennbar wurde. Sie befänden
sich, so versicherte er, auf dem Wege nach Breslau, wo sie dem durch Jürgass und
Bummcke gegebenen Beispiele zu folgen und in die daselbst sich bildende
Freiwilligenarmee einzutreten gedächten. Der Aufruf, von dem alle Welt spräche,
sei zwar noch nicht da, niemand bezweifele aber, dass er kommen werde (»Jede
Stunde«, warf Berndt dazwischen), und ein gestern von Jürgass eingetroffener
Brief gäbe bereits ein Bild des neuerwachten Lebens. So sei neben anderem auch
ein schlesischer Landsturm in Bildung begriffen. Alle Männer von achtzehn bis
sechzig Jahren, soweit sie noch nicht Waffen trügen, sollten herangezogen
werden. Zweck dieses Landsturms sei, den Feind, wo er sich in schwachen
Detachements zeige, zu überfallen, Generale wegzufangen (Bamme schlug mit der
flachen Hand auf den Tisch) und mit Fourageurs und Marodeurs kurzen Prozess zu
machen. Scharnhorst leite das Ganze; Blücher sei angekommen. Was aber am
schwersten wiege, der König selbst, der bis dahin an einem kräftig-patriotischen
Aufschwung gezweifelt habe, sei jetzt selber von Zuversicht getragen. Und in
diesem neuen Glauben werd er sich befestigen, denn der Geist sei überall
derselbe. Von allen Seiten strömten Gaben herbei: Geld, Waffen, Equipierung;
jeder gäbe, was er habe, und wer nichts habe, der gäbe sich eben selbst. Alles
dies sei dem Jürgassschen Schreiben entnommen. Er seinerseits aber glaube noch
hinzufügen zu sollen, dass in den nächsten Tagen schon neuntausend Freiwillige
von Berlin nach Breslau abgehen würden.
    Diese Mitteilungen, mit Jubel aufgenommen, schlugen den letzten Rest von
Verlegenheit, wenn ein solcher überhaupt noch da war, in die Flucht, namentlich
bei Berndt, der ohnehin von Anfang an den Vorfall im Ladalinskischen Hause nicht
gerade von der allertragischsten Seite genommen hatte. Was war es denn
schliesslich? Mehr dem Eigensinn als der Ehre des alten Geheimrats war eine
Niederlage bereitet worden. Bninski war Graf und reich, und Lewin - war jung.
Der Ungar, dem nicht nur Bamme, sondern die ganze Tafelrunde mehr und mehr
zuzusprechen begann, begann auch in gleichem Masse die gute Stimmung zu steigern,
und Berndt, erfüllt von Plänen, deren Ausführung aus der Anwesenheit und dem
Verbleib seiner Gäste nur Vorteil ziehen konnte, richtete schliesslich die Frage
an Tubal: »Bis wie lange?«
    »Bis morgen.«
    Das war nun freilich nicht das, was er zu hören gewünscht hatte.
    »Ihr müsst bleiben«, rief er, »und uns zur Hand gehen. Mit dem Guser Coup
sind wir sitzengeblieben; dieser Conte war klüger, als ich ihn nahm, und hat
seinen Kopf rechtzeitig aus der Schlinge gezogen. Aber die nächsten Tage müssen
etwas bringen, und wenn wir recta gegen Bastion Brandenburg oder den Hohen
Kavalier anstürmen sollten. Bamme und ich waren die ersten hier herum und
exerzierten schon, als sich jenseits der Oder noch keine Hand rührte, und nun
haben sie drüben den kleinen Krieg comme il faut, während wir immer noch
dasitzen wie die Spittelweiber in der Nachmittagspredigt.«
    Ein strafender Blick der Schorlemmer traf ihn, und Berndt, nachsichtig bis
zur Schwäche gegen die rigorösen Launen der alten Herrnhuterin, korrigierte sich
sofort und sagte, seinen letzten Satz in anderer Form wiederholend: »Während wir
immer noch stillsitzen und unsere Hände in den Schoss legen. Aber das muss anders
werden. Überall ist man uns voraus, in Soldin, in Driesen, in Landsberg. Und
nicht genug daran, keine Stunde Wegs von hier schlagen diese Kirch-Göritzer ihre
Krampenschlacht, und ehe wir's uns versehen, hat Faulstich den Pour le mérite.
Sind wir dazu da, um vor Handschuhmacher Pfeiffer die Segel zu streichen? Wir,
die wir zuerst gekräht haben, zuerst und am lautesten. Sollen wir uns sagen
lassen, dass wir bloss gespielt und mit Exerzitium und Trommelschlagen dem lieben
Herrgott die Zeit gestohlen hätten. Nein, ich hasse nichts mehr als diese
Soldatenspielerei. Und warum? Weil ich Soldat war und das Ding ernstaft ansehe.
Ein Bürger, ein Bauer ist nicht gebunden, die Waffe zu nehmen, aber wenn er sie
nimmt, muss er sie brauchen, sonst ist er ein Narr oder ein Prahler.«
    »Es ist doch ein eigen Ding um den Ungar«, schmunzelte Bamme und drehte
seinen Schnurrbart. »So lässt er uns beispielsweise die Rollen tauschen. Sie,
Vitzewitz, sprechen wie Bamme, so muss ich denn wie Vitzewitz sprechen. Das heisst
ruhig und besonnen. Nein, Freund, Sie gehen zu weit, vor allem zu weit gegen
sich selbst. Zum Streiten gehören zwei, sagt das Sprichwort. Und zum
Bataillieren auch. Erst müssen wir sie haben, haben.«
    »Nicht doch«, unterbrach ihn Berndt, »verstecken wir uns nicht hinter diesem
Satz. Der Feind ist überall. Es braucht nur guten Willen, und wir begegnen ihm.
Suchet, so werdet ihr finden. Ein Sprichwort ist des anderen wert, und meines
ist sogar ein Spruch. Solche Trupps, wie die hundert Mann in Guse, sind jetzt
auf jeder Strasse. Wir erklären sie gefangen, mehr ist nicht nötig. Es sind
Expeditionen (du warst ja dabei, Tubal), als ob wir Muschwitz und Rosentreter
aufsuchten, meine französischen Marodeurs von damals. Von Gefahr keine Rede,
viel weniger, als um unserer Reputation willen zu wünschen wäre. Aber das Blatt
kann sich wenden, neue Regimenter des Vizekönigs mischen sich schon mit den
alten, und unter allen Umständen, so oder so, du bleibst, du und deine Freunde!«
    Tubal wechselte zustimmende Blicke mit Hirschfeldt.
    »So bleiben wir denn«, riefen beide, und Hirschfeldt, indem er sich gegen
Berndt verneigte, setzte hinzu: »Der Aufruf ist noch nicht da, und die Bildung
der Freiwilligencorps hat kaum erst begonnen. So versäumen wir nicht viel. Ist
doch Hohen-Vietz ohnehin eine Etappe nach Schlesien; in drei Tagen sind wir in
Breslau, spätestens in vier. Ich für mein Teil stelle mich zu Diensten, und
unser Freund Grell, bei allem Kriegseifer, der ihn beseelt, wird ein Gespräch
über Hölderlin, zu dem sich ihm hier die beste Gelegenheit darbietet, auch nicht
zu den verlorenen Stunden zählen. Ich bitte den Herrn General, über mich
verfügen zu wollen.«
    »Topp, Hirschfeldt«, sagte dieser. »Das nenn ich eingefangen! Sie sind mir
willkommener, als Sie wissen können. Es ist nichts Kleines für einen alten
Zietenschen, der bloss reiten und die Augen aufmachen kann, einen Aide de camp um
sich zu haben, der sich auf Karten und Listen und aufs Schreiberhandwerk
versteht. Denn ganz ohne Federfuchserei geht es nicht mehr in der Welt. Auf gute
Kameradschaft also!«
    Und dabei klangen die Gläser zusammen.
Eine Viertelstunde später erhoben sich alle von der Tafel, und die beiden Damen,
während der Rest der Gesellschaft das Eckzimmer aufsuchte, stiegen in das obere
Stockwerk hinauf, um hier für die Placierung ihrer Gäste Sorge zu tragen. Sie
kamen überein, den Hölderlin-schwärmenden Grell bei Lewin, Tubal und Hirschfeldt
aber in dem nebenangelegenen Zimmer unterzubringen. Alles dies war rasch
geordnet, nur Bammes Unterbringung machte Schwierigkeiten. »Wo schaffen wir ihn
hin?« sagte die Schorlemmer. »Ich mag ihn nicht auf unserem Korridor haben. Er
ist anstössig und ein Greuel.«
    »Ich fürchte mich auch vor ihm«, entgegnete Renate. »Das heisst, ein wenig.«
    »Und das ist gut, dass du dich fürchtest. Ich tue es auch, wenn Abneigung
Furcht ist. Er darf nicht nach oben, zehn Schritt von deinem und meinem Zimmer.
Vielleicht klingelt er, oder gewiss klingelt er, und Maline muss ihm ein Glas
Wasser bringen.«
    »Nun?«
    »Nun?« wiederholte die Schorlemmer. »Wie du nur fragst, Renate! Ich habe
dich doch zu fromm erzogen. Ein Mensch wie Bamme trinkt nie Wasser und klingelt
immer und rechnet dabei auf dies und das.«
    »Aber, liebe Schorlemmer...«
    »Ich habe mit den Angekoks gelebt«, fuhr diese fort, »und die Grönländer,
die auch klein sind, geradeso klein wie dieser Bamme, die waren auch alle in der
Fleischeslust. Meine liebe Renate, gewiss, man soll den Teufel nicht an die Wand
malen; aber ebenso gewiss ist es, man soll den Brunnen nicht erst zudecken, wenn
das Kind hineingefallen ist. Und die Maline ist ein Kind, ja, das ist sie mit
all ihrer Klugheit. Denn was die Klugheit hilft, das verdirbt die Eitelkeit. Und
mit den Eitlen hat er immer das leichteste Spiel. Du weisst schon wer. Mir ist,
als hätten wir den Bösen im Hause.«
    »Du nimmst es schlimmer, als es ist«, sagte Renate. »Er hat keinen guten
Ruf. Aber die Menschen übertreiben, und alles in allem, er ist ein alter Mann;
er muss siebzig sein oder darüber. Ich entsinne mich, dass die Tante von ihm
sagte: Wenn wir die Sünde nicht fliehen, so flieht die Sünde doch schliesslich
uns. Sie sagte es französisch, aber das hörst du nicht gern.«
So ging oben auf dem Korridor das Gespräch, und während es geführt wurde,
plätscherte der Gegenstand all dieser moralischen Ängste nicht nur persönlich in
einem Meer von Behagen, sondern wusste sein eigenes Wohlgefühl auch seiner
Umgebung mitzuteilen. Er war affabel und pikant wie gewöhnlich, durch
Hirschfeldts Bleiben aufrichtig erfreut und verzichtete darauf, wichtigtuerisch
den General zu spielen. Wusst er doch, dass er sich gehenlassen konnte, ohne an
Autorität etwas Erhebliches einzubüssen. Und wenn doch, so war er der Mann, sich
das Verlorengegangene jeden Augenblick zurückzuerobern. Mit Hansen-Grell, der
ihm unter seinem etwas fremd klingenden Doppelnamen vorgestellt worden war, wusst
er anfänglich, teils um dieses Namens, teils um seiner sonderbar vorstehenden
Augen willen, nichts Rechtes anzufangen, söhnte sich aber bald mit ihm aus und
versprach ihm beim Tarock - das unser Gantzerscher Kantorssohn als Spielpartner
im Graf Moltkeschen Hause bis zur Perfektion gelernt hatte - ein Mal über das
andere die Gross-Quirlsdorfer Pfarre, »wenn er erst seinen jetzigen zu Tode
geärgert oder nach Berlin hin weggelobt haben würde«. Denn dahin passe er, und
dahin müss er. Patronat und Pfarre könnten eben nur bei Gleichartigkeit der
Interessen mit- und nebeneinander bestehen und das beste Bindemittel sei und
bleibe Tarock oder doch überhaupt die Karte.
    Rasch verging der Abend. Bald nach neun Uhr wurde das Spiel abgebrochen, und
alles zog sich zurück, die jüngeren Männer in die Fremdenstuben treppauf, der
General in sein Parterrezimmer, in das auch bei heftigem Klingeln nicht
einzutreten allen weiblichen Dienstboten des Hauses aufs schärfste anbefohlen
worden war.
Eine halbe Stunde später war alles still; nur in einer der oberen Korridorstuben
war noch Licht, und Renate und Marie plauderten von den Erlebnissen des Tages:
von Bamme und den ridikülen Befürchtungen der Schorlemmer, von Grell und seiner
imponierenden Hässlichkeit, von Hirschfeldt und seinem zerhauenen Gesicht.
    »Narben ist doch das Schönste«, versicherte Marie.
    Und dann glitt das Gespräch zu Tubal hinüber, dessen Name sehr
bezeichnenderweise bis dahin noch nicht genannt worden war.
    »Erzähle«, sagte Marie, »wie war er?«
    »Er war befangen und vermied es, meinem Auge zu begegnen. dabei sprach er
viel und hastig, aber ich bemerkte wohl, dass ihm nur daran lag, sich und uns
über das Peinliche dieses Wiedersehens hinwegzuhelfen. Eine Zarteit, die mich
rührte. Aber das ist so Ladalinskische Art. Sie haben alle jene Vornehmheit, die
lieber sich als andere verklagt. Und das mindeste zu sagen, es ist, als teilten
sie die Verantwortung für das, was geschehen. Deshalb war auch Tubal nicht mit
in Guse. Der alte Geheimrat bekannt es mir schon, als wir uns in Bohlsdorf
trafen.«
    Marie schüttelte den Kopf.
    »Ich seh es anders«, sagte sie. »Was du Zarteit nennst, ist ihr Gewissen,
und die Mitschuld, deren sie sich leise zeihen, ist keine eingebildete. Sie sind
sich alle gleich und kennen nichts als den Augenblick. Er liebt dich und ist
doch seiner eigenen Liebe nicht sicher. Voller Misstrauen gegen sich selbst,
begegnet er dir mit Scheu. Vielleicht, dass er es dir offen bekennen wird, um
wenigstens vor sich selbst einen Halt und etwas, das einer Rechtfertigung
ähnlich sieht, gewonnen zu haben.«
    »Ihr hattet immer eure Fehde«, sagte Renate. »Wüsst ich es nicht besser, ich
könnte glauben, du liebtest ihn.«
    Und damit schieden die Freundinnen, und Maline kam, um Marie nach Hause zu
begleiten.
Die letzten Worte dieser Unterhaltung waren unter Lachen gesprochen worden, aber
Renate, als sie wieder allein war, lachte nicht mehr. Waren das nicht dieselben
Befürchtungen, die sie selbst erst diesen Morgen aufrichtig und doch in der
Hoffnung auf Widerlegung gegen Lewin geäussert hatte? Und nun hörte sie nichts
als die Bestätigung alles dessen, was ihr ahnungsvoll das eigene Herz bedrückte.
Hatte Marie recht? Und schlimmer als das, hatte sie selber recht?
    Sie hätte wohl noch weiter gefragt und gegrübelt, wenn nicht die Schorlemmer
eingetreten wäre. Diese kam, um ihrem Lieblinge »Gute Nacht« zu sagen. »Die
Erbtochter ist da«, so schloss sie, »nun werden auch bald die Hochzeitszüge
kommen.«
    »Ach, liebe Schorlemmer«, entgegnete Renate, »es ist mit euch Herrnhutern
ein eigen Ding. Ihr seid fromm, aber prophetisch seid ihr nicht.«
    »Das darfst du nicht sagen, Renate. Wer den rechten Glauben hat, der sieht
auch das Rechte.«
    »Das Rechte, aber nicht immer das Richtige. Die Wirklichkeit der Dinge lässt
euch im Stich.«
    Die Schorlemmer lachte gutmütig vor sich hin.
    »Das sind so Sätze aus dem neuen Lewinschen Katechismus«, sagte sie. »Aber
nichts mehr davon, mein Renatchen, für heute schlafe. Das wird wohl das Rechte
und auch das Richtige sein.«
 
                                Zehntes Kapitel
                                  Am Wermelin
Lewin und Grell waren am frühesten auf, beschlossen aber, das Erscheinen der
übrigen abzuwarten. Dies währte nicht lange. Schon nach Ablauf weniger Minuten
hatte sich alles in der Halle versammelt, in der heute der Gäste halber auch das
Frühstück genommen werden sollte. Nur die Damen fehlten noch; Renate liess sich
vorläufig entschuldigen, während die Schorlemmer, voll instinktiver Abneigung
gegen den alten General, einfach fortgeblieben war, sich damit getröstend, dass
ihre Abwesenheit doch von niemandem, vielleicht mit Ausnahme Berndts, bemerkt
werden würde. Und dieser kannte den Grund. Jeetze trippelte geschäftig hin und
her, jede neue Bammesche Zweideutigkeit mit leisem Gekicher begleitend und still
in sich hinein bekennend, dass er, als er letzte Woche die schwarzen Gamaschen
anlegte, an so heitere Hohen-Vietzer Tage gar nicht mehr geglaubt habe.
    »War Hoppenmarieken schon hier?« fragte Berndt.
    Jeetze verneinte, der alte General aber, der, trotzdem er im geheimen
beständig mit ihr verglichen wurde, bis dahin nie von der Zwergin gehört hatte,
fragte neugierig: »Hoppenmarieken? Wer ist das?«
    »Sie mag Ihnen selber antworten«, sagte Berndt. »Eben seh ich sie über den
Hof kommen.«
    Und so war es. Ehe noch weitere Fragen gestellt werden konnten - denn auch
Grell und Hirschfeldt waren aufmerksam geworden -, erschien der Gegenstand
allgemeiner Neugier innerhalb der Glastür und war nicht wenig überrascht, an
eben der Stelle, wo sonst nur die toten Vitzewitze von der Wand hernieder
sprachen, einer heiteren Gesellschaft Lebendiger zu begegnen.
    »Hier, General, haben Sie Hoppenmarieken«, sagte Berndt.
    Und Lewin setzte hinzu: »Meine Freundin, nicht wahr, Marieken?«
    »Hohoho«, lachte die Zwergin und stellte die Kiepe vor sich hin, in der sie
nun zu kramen begann, trotzdem alles, was sie brauchte, obenauf lag.
    »Briefe?« fragte Berndt.
    »Nei, jnädge Herr, man bloss de Berlinsche. Awers hüt steit et inn.«
    Und damit reichte sie Berndt die Zeitung herüber.
    »Ah, der Aufruf!«
    »Joa, dat süll et ja woll sinn. So seggte de Postminsch ook. Un een von de
Küstrinsche Börgers röpp mi na'h: Nu geiht et los, Hoppenmarieken... Na, man
too, mi sall et recht sinn. Un vorbi is et nu mit de lütten Franzosen, dat 's
man kloar; se röwern joa all, un de oll Genral...«
    »Füllgraf?«
    »Ne, de anner, de öwerste.«
    »Ah, General Fournier. Nun, was ist es mit dem?«
    »He wihr gistern bi Markgraf Hans' unnen. He sülwst, un fiev or söss von sine
Genrals un Uffziers. All unnen in de Gruft.«
    »Und da haben sie nach den vierundzwanzig Wispeln Dütchens gesucht, die der
Markgraf mit ins Grab genommen haben soll?«
    Hoppenmarieken nickte.
    »Und wer hat es dir erzählt?«
    »Oll Bäcker Mewes.«
    »Und was noch?«
    »Nich veel, un ihrst verstünn ick em nich. Awers dunn lachte joa Mewes und
knipste mi und seggte: Bis' doch sünsten nich so dumm, Hoppenmarieken. Un nu pass
upp. De Russ is doa mitsamt sine Kosaken, un de hebben all ehre groten
Ballerbüssen bi Quartschen und Tamsel. Un dat weten jo nu de lütten Franzosen
ook un wullen sich nich ihrst rutrükern loaten. Se trecken aff. Un wenn een
afftrecken deiht, denn nümmt he mit, wa he kreegen kann. Un dissentwegen wihren
se gistern bi Markgraf Hansen unnen in sine Gruft. Awers se hebben nix fun'n.«
    »Das glaub ich wohl«, sagte Bamme und setzte dann, an Vitzewitz sich
wendend, hinzu: »Markgraf Hans war ein Hohenzoller, und die verstehen's; die
vergraben kein Pfund, am wenigsten vierundzwanzig Wispel Dütchen; die
Hohenzollern wollen Zinsen haben. Das hätt ich dem Küstrinschen General sagen
können. Aber freilich, er würd es mir nicht geglaubt haben.«
    Hoppenmarieken, die kein Wort von dem allen verstanden hatte, lachte
nichtsdestoweniger, nickte dem alten General vertraulich zu und verliess dann,
salutierend und ihr übliches Kauderwelsch vor sich hin sprechend, die Halle.
    »Ein Prachtexemplar«, sagte Bamme. »Hätt ich einen kleinen fürstlichen Hof,
die liess ich auf Hokuspokus abrichten, auf Tränkchen und Wahrsagerei.«
    »Da wäre Geld und Mühe weggeworfen«, antwortete Berndt. »Sie versteht es
ohnehin schon.«
    »Desto besser; aber nun den Aufruf. Lassen Sie hören, Vitzewitz.« Und dieser
begann zu lesen.
    Während der ersten zehn Zeilen blieb aller Aufmerksamkeit gefesselt, bald
aber liess diese nach und musste nachlassen, da man allerhand Halbheiten entdeckte
und guten Grund hatte, sich im ganzen arg enttäuscht zu fühlen. Dieses Gefühl
war so stark, dass das Erscheinen Schulze Kniehases, der noch vor Schluss der
Vorlesung eintrat, kaum als eine Störung empfunden wurde.
    »Setzen Sie sich, Kniehase«, sagte Berndt. »Was bringen Sie?«
    »Gute Zeitung, gnädiger Herr; wir haben ihn.«
    »Wen, den Vizekönig?«
    »Nein, nicht so hoch hinaus, aber doch den italienischen Grafen. Eben war
der Trebnitzer Verwalter bei mir; in seiner Kirche liegen die ganzen hundert
Mann gefangen. Den Grafen haben sie nach Seelow gebracht, weil er einen Hieb
über den Kopf hat.«
    »Erzählen Sie.«
    »Nun also: es muss so gestern um die Mittagsstunde gewesen sein, als sie
durch Alt-Rosental kamen. Gleich dahinter fängt die Trebnitzer Heide an, rechts
hohe Stämme, aber nach links hin eine Kusselschonung, und der Kusselschonung, so
meinte der Verwalter, der trauten sie nicht recht. Aber was half es, sie mussten
durch, weil sie vor Dunkelwerden noch nach Jahnsfelde wollten. Und so
marschierten sie denn dicht aufgeschlossen und die Kriegskasse immer in ihrer
Mitte bis an den kleinen See, der schon zwischen den Kusseln liegt und
eigentlich bloss ein Tümpel ist und den die Rosentalschen und die Trebnitzer den
Wermelin nennen. Und da war es ja nun vorbei mit ihnen, denn dahinter steckten
sie ja gerade, und nun vorwärts, immer mit Hurra, was die Franzosen von Moskau
her gar nicht mehr hören können. Und da warfen sie die Gewehre weg und gaben
sich gefangen.«
    »Alle?«
    »Bis auf den Grafen. Der riss eins der Gewehre wieder auf und schoss einen aus
dem Sattel. Aber Tettenborn kam ihm von der Seite und hieb ihn über den Kopf,
dass er niederstürzte.«
    »Tettenborn?« fragten alle.
    »Ja, Oberst Tettenborn mit zwanzig Kosaken. Er war denselben Morgen bei
Zellin über die Oder gegangen. Jetzt ist er in Seelow, wohin er den Grafen
abgeliefert hat. Und hat ihm auch seinen Degen wiedergegeben, weil er sich als
ein tapferer Offizier und Mann von Ehre gezeigt habe.«
    Bamme fasste sich zuerst. Er hatte, wie Berndt und alle anderen, bei Beginn
der Erzählung von einer Barnim-Lebuser Waffentat zu hören geglaubt und war, als
der Name Tettenborn fiel, einen Augenblick ernstlich verstimmt gewesen, die
ganze geträumte Landsturmherrlichkeit auf ein neues Kosakenstückchen
hinauslaufen zu sehen. Aber der alte General war nicht der Mann, irgendeinem
Ärger länger als zwei Minuten nachzuhängen, hatte vielmehr umgekehrt ein
ausgesprochenes Talent, auch das Ärgerlichste sofort wieder von der guten Seite
zu nehmen.
    »Ziehen wir die Summe, Vitzewitz, so haben wir uns aus drei Gründen zu
gratulieren: erstens hab ich recht behalten (was in meinen Augen immer eine
Hauptsache bleibt), zweitens haben wir den Conte samt seinen hundert Mann, und
drittens haben wir die Kosaken oder doch ihre Vorhut diesseits der Oder.
Ärgerlich genug, denken Sie. Aber wie die Dinge liegen, bleibt uns nichts übrig,
als mit jedem Winde zu segeln, auch mit diesem Windbeutel von Tettenborn. Also
keine Kopfhängerei, Vitzewitz. Etwas wird auch für uns noch übrigbleiben, und
wenn es bloss der Vizekönig wäre, nach dem Sie sich bei Schulze Kniehase so
teilnehmend erkundigt haben.«
    Das half, Berndt gewann seine gute Laune wieder, und eine Fahrt nach
Hohen-Ziesar, welches letztere Bamme, trotz seiner vieljährigen Beziehungen zu
Drosselstein, noch immer nicht kennengelernt hatte, wurde verabredet. Der alte
Vitzewitz entschied sich für eine vorgängige schriftliche Anmeldung und ging in
sein Arbeitscabinet hinüber, die nötigen Zeilen zu schreiben.
    Auch alle anderen erhoben sich: Grell und Hirschfeldt, um unter Lewins
Führung das Dorf und die Kirche kennenzulernen, der alte General, um bei
Seidentopf einen Besuch zu machen. »Ich muss mir seine Scherben mal wieder auf
alte Bekannte hin ansehen und vielleicht auch seine Münzen. Trajan, Hadrian,
Antoninus Pius. Weiter komm ich nie. Sonderbar, dass ich immer gerade bei dem
steckenbleibe.«
    Nur Tubal hatte sich ausgeschlossen und ging in das Eckzimmer hinüber, wo er
hoffen durfte, die Damen zu treffen. Oder doch wenigstens seine Cousine. Und er
hatte sich nicht getäuscht. Renate, mit einer Perlenstickerei beschäftigt, sass
in der Nähe des Fensters und zählte auf einem vor ihr liegenden Muster die
Stiche.
    »Störe ich?«
    »Nein, aber ich glaubte, die Herren seien ins Dorf gegangen und in die
Kirche. Oder hast du, wie der alte General, eine Abneigung gegen Kirchen?«
    »Ich zog es vor, zu bleiben. Darf ich einen Stuhl nehmen, Renate?«
    Sie nickte zustimmend.
    »Unsere Stunden hier sind gezählt«, fuhr er fort. »Hirschfeldt wird
ungeduldig, ihm brennt der Boden unter den Füssen, und was ich dir zu sagen habe,
duldet keinen Aufschub.«
    Renate gedachte des Gesprächs, das sie mit dem alten Ladalinski in der
Bohlsdorfer Kirche geführt hatte. Es lag ihr daran, es zu keiner Erklärung
kommen zu lassen, wenigstens in diesem Augenblicke nicht; so ging sie, um Fragen
zu verhüten, vor denen sie bangte, selbst zu Fragen über.
    »Hast du Briefe?« sagte sie. »Ich meine Briefe von Katinka.«
    »Nicht Briefe, aber flüchtige Zeilen. Ich empfing sie vorgestern, den Tag
vor unserer Abreise.«
    »Und von wo?«
    »Von Myslowitz, einem Städtchen an der Grenze. Die Güter des Grafen sind in
der Nähe.«
    »Darf ich wissen, was sie schreibt?«
    »Ich habe keine Geheimnisse, Renate. Und hätt ich sie, so würd es mich
glücklich machen, sie mit dir teilen zu können.«
    »Ich dürste nie nach Geheimnissen, aber ich bin voller Verlangen, von
Katinka zu hören. Bitte, lies.«
    Und Tubal las:
                                                           »Myslowitz,4. Februar
Mein lieber Tubal!
    Wir gehen morgen über Miechowitz und Nowa-Gora auf Bninskis Güter. Ein
katolischer Geistlicher wird uns begleiten. Ich gedenke (Bninski wünscht es) in
unsere alte Kirche zurückzutreten. Es ist nichts in mir, was mich daran hindern
könnte; alles in allem gefällt mir das Römische besser als das Wittenbergische.
Schreibe mir bald. Ich bin begierig, von Euch zu hören, von allen. Ich denke
stündlich an Papa und jetzt oft auch an unsere Mutter. Du begreifst. Bninski
will nach Paris; er ist, wie ich ihn mir gedacht, und ich bin glücklich, ganz
glücklich. Freilich ein Rest bleibt. Ist es unser Los oder Menschenlos
überhaupt?
                                                                 Deine Katinka«
Eine Pause trat ein.
    Dann sagte Renate: »Und diese Zeilen sollen dich nun begleiten. Es ist
schön, ein liebes Wort mit hinauszunehmen. Aber nicht ein solches. Es klingt so
trüb und traurig.«
    »Ach, Renate, dass ich ein tröstlicheres Wort mit mir nehmen könnte. Sprich
es. Du weisst, was mich zu hören verlangt.«
    Sie schwieg.
    Tubal aber fuhr fort: »Ich weiss, warum du schweigst. Es fehlt uns etwas in
den Herzen der Menschen, das ist unser Verhängnis. Meinen Vater hat es getroffen
und ihm am Leben gezehrt, und nun trifft es mich. Es ist, als ob wir etwas
verscherzt hätten. Einen Augenblick schien es, dass es anders werden sollte; da
fällt nun dies in unser Leben hinein. Und wieder ist es hin. Altes und Neues
zeugt gegen uns, und das Ja, das ich zu hören verlange, will nicht über deine
Lippen.«
    Da war nun das »Selbstbekenntnis«, das Marie am Abend vorher erst prophezeit
hatte, und der leise Spott ihrer Worte klang schmerzlich in Renaten nach. Aber
einen Augenblick nur, dann war es überwunden, und alles, was sich jemals zu
Tubals Gunsten in ihrer Seele geregt, es war wieder da, doppelt da unter dem
Einfluss eines tiefen Mitgefühls, das seine Worte geweckt hatten, und mit jener
Offenheit und Heiterkeit, die den Zauber ihres Wesens ausmachte, sagte sie:
»Höre mich, Tubal, ich will dir nichts verschweigen. Lewin und ich, wir haben es
oft miteinander durchgesprochen, auch gestern erst. Euer Los ist nicht das
schlimmste. Eines ward euch versagt, ein anderes ward euch gegeben. Und dies
andere...«
    Sie schwieg.
    Er aber ergriff ihre Hand und rief, indem er sie mit Küssen bedeckte: »O
diese deine Hand, dass ich sie halten dürfte mein lebelang, immer, immer.«
    »Ich werde sie keinem andern reichen. Aber verlange von dieser Stunde nicht
mehr, und am wenigsten binde dich. Ich, ich bin gebunden.«
    »O sage, dass du mich liebst, Renate. Sprich es, es hängt so viel an diesem
Wort.«
    »Nein, nicht jetzt. Es sind nicht Zeiten für Bund und Verlöbnis oder doch
nicht für uns. Aber andere Zeiten kommen. Und hast du dann das eigene Herz
geprüft und das meine vertrauen gelehrt, dann, ja dann!«
 
                                 Elftes Kapitel
                                  Hohen-Ziesar
Der Ausflug zu Drosselstein war auf zwei Uhr festgesetzt worden. Schon vorher
hatten sich Berndt und Bamme verabredet, den Weg ihrerseits zu Pferde
zurücklegen zu wollen. Der alte General auf seinem Shetländer. Ihnen gesellte
sich Tubal, der, nach dem Vormittagsgespräche, von einer ihm selber
unerklärlichen Scheu befallen war, die Fahrt an Renatens Seite zu machen. Er
schien unsicher, welchen Ton er anzuschlagen habe. Oder war es ein anderes noch?
    Die Reiter nahmen einen Vorsprung. Sie konnten indes den Stein vor Miekleis
Mühle kaum passiert haben, als auch schon das Schlittengespann vorfuhr, das die
Geschwister samt Grell und Hirschfeldt nach Hohen-Ziesar hinüberbringen sollte.
Jeetze stand mit Decken und Kissen bereit, Lewin nahm die Leinen, und einen
Augenblick später zogen die Braunen an und trabten die stille Dorfgasse hinauf.
Das Klingen der Glöckchen mischte sich mit der Heiterkeit unserer Reisenden, von
denen Lewin auf der Pritsche ritt, während der auf einem blossen Brettstück
untergebrachte Grell die beständige Versicherung von der Bequemlichkeit seines
Rücksitzes durch ein ebenso beständiges Hin- und Herrutschen widerlegte. Am
plauderhaftesten war Renate. Sie fühlte sich glücklicher denn seit lange.
Dasselbe Zwiegespräch, das in Tubal verlegen nachwirkte, war ihr über Erwarten
hinaus eine Quelle des Trostes geworden. Was sie dem alten Geheimrat in der
Bohlsdorfer Kirche gesagt hatte: »Du pochst nicht an die rechte Tür«, das war
damals wie zu jeder Zeit der Ausdruck ihres Herzens gewesen. Solange sie Tubal
liebte, hatte sie auch der Zweifel begleitet, ob ihre Liebe von ihm erwidert
werde, und dieser Zweifel, quälender als alles andere, war nun von ihr genommen.
Er liebte sie. Was bedeutete daneben die Frage nach der Dauer oder nach der
Treue seines Gefühls? Was war, verglichen damit, die blosse Zukunftsfrage: »Werd
ich glücklich oder unglücklich sein?« Jetzt war sie glücklich, und ein
verbleibender Rest von Furcht, der sie leise durchschauerte, steigerte nur das
Hochgefühl des Augenblicks. Ihr war, als schreite sie durch einen Wald, aus
dessen Tiefen es dunkel und banggeheimnisvoll erklinge; aber was ihr die Nähe
bot, das war Licht und Sonnenschein und Jubilieren der Vögel. Lewin hatte recht,
der von helleren Tagen, und die Schorlemmer hatte recht, die von lauter
Hochzeitszügen gesprochen hatte. Marie war eine Schwarzseherin, und sie selber
war es mit ihr. Aber das lag nun zurück; sie war es gewesen.
    Diese glückliche Stimmung zeigte sich auch in der Unbefangenheit des
Gesprächs, das sich bald um den Grafen zu drehen begann.
    »Ist er mit den ostpreussischen Drosselsteins verwandt?« fragte Hirschfeldt.
    »Gewiss; er gehört ihnen zu«, antwortete Renate, »und es ist ein glücklicher
Zufall, dass wir ihn trotzdem in unserer Provinz haben. Er erbte Hohen-Ziesar in
den ersten Jahren seiner Ehe und bezog es, um in der Nähe des Hofes zu leben. Es
war aus Rücksicht gegen seine junge Frau.«
    »So ist er verheiratet?« fragte Hirschfeldt weiter.
    »Er war es. Die Gräfin starb; erst Abzehrung, zuletzt ein Blutsturz, der sie
tötete. Sie war sehr schön, eine Gräfin Lieven. Als sie starb, verbarg sich der
Graf vor der Welt; er war nur dann und wann in Dresden, und es hiess, dass er zum
Katolizismus übertreten werde.«
    »Die Drosselsteins zählen sonst zu den festesten Protestanten.«
    »Auch wohl der Graf. Aber es gibt Lagen - so wenigstens sagte die Tante, der
ich auch die Verantwortung dafür zuschiebe -, wo der Protestantismus versagt und
der Katolizismus das Herz weicher bettet.«
    »Und in einer solchen Lage war der Graf?«
    »Man behauptet es. Lewin mag Ihnen davon erzählen; es ist eine romantische
Geschichte, und romantische Geschichten sind sein Steckenpferd. Übrigens alles
in allem, ich glaube, was man sich erzählt. Sie werden das Bild der Gräfin sehen
und mögen dann selber urteilen. Es hängt in dem Empfangszimmer: eine blassblaue
Robe, mit weissen Rosen besetzt. Nur eine, dicht über dem Gürtel, ist dunkelrot.
Und das Bild wurde doch zwei Jahre vor ihrem Tode gemalt.«
    »Sonderbar«, sagte Grell, der sich inzwischen auf seinem Rücksitz
eingerichtet hatte.
    »Ja, das ist es. Aber es überrascht in Hohen-Ziesar weniger als anderswo.
Das Schloss ist reich an Sonderbarkeiten, darunter Ausgegrabenes aus Herkulanum
und Pompeji: Pinzetten und Brochen und, denken Sie sich, eine Nagelschere. Der
Graf war lange dort und hat alle diese Dinge mitgebracht.«
    »Und ich werde mich freuen, sie kennenzulernen«, entgegnete Grell, »möchte
jedoch der prophetisch gemalten roten Rose den Vorzug vor allem anderen geben.«
    »Und darin haben Sie recht«, erwiderte Renate. »Und auch darin, dass Sie mich
an mein verlorenes Tema mahnen. Die pompejanische Schere schnitt mir den Faden
entzwei. Aber wovon wollt ich sprechen? Ja, von sonderbaren Bildern in
Hohen-Ziesar. Nun, auch davon ist die Hülle und Fülle da. So zum Beispiel ein
Bildnis der Weissen Frau.«
    »Der Weissen Frau!« riefen Grell und Hirschfeldt a tempo und mit einer
Lebhaftigkeit, als ob ihnen dieselbe bereits erschienen wäre. Dann setzte
Hirschfeldt hinzu: »Aber seit wann lassen sich die Gespenster porträtieren?«
    »Nein«, lachte Renate. »So Pikantes darf ich Ihnen freilich nicht in
Aussicht stellen. Es ist das Porträt eines schönen Hoffräuleins aus den letzten
Regierungsjahren des Grossen Kurfürsten, Wangeline von Burgsdorff. Sie starb jung
und muss als Weisse Frau umgehen, um ihre Schuld im Tode zu büssen. Natürlich eine
Liebesschuld.«
    Hirschfeldt lächelte, Grell aber, der alles etwas pedantisch nahm,
wiederholte den Namen »Wangeline von Burgsdorff« und setzte dann hinzu:
    »Ich war der Ansicht, dass es eine Gräfin von Orlamünde sei, auf der
Plassenburg heimisch und, wenn ich mich nicht irre, auch auf dem Bayreuter
Schloss. Es ist mir noch in Erinnerung, dass ich als Kind immer mit Gruseln von
den vier Augen las, die zwischen stünden und aus der Welt geschafft werden
müssten. Ich verstand es nur halb, aber um so mehr erregte es meine Phantasie.
Und nun hör ich einen anderen Namen: Wangeline von Burgsdorff.«
    »Sie dürfen mich nicht examinieren«, erwiderte Renate. »Wollen Sie mehr
wissen, so muss das Haupt der Kastalia nachhelfen. Sage, Lewin, wie war es?«
    Aber dieser, statt Auskunft zu geben, zeigte nur, während er die Leinen in
seine Linke nahm, mit der Rechten auf das hinter Parkbäumen eben sichtbar
werdende Schloss und sagte: »Der Graf selber mag uns antworten.«
    Wenige Minuten später hielt der Schlitten auf der nach dem Garten zu
gelegenen Rampe, wo Drosselstein seine junge Freundin bereits erwartete und ihr
beim Aussteigen die Hand reichte. So traten sie durch eine Doppeltür in das
Empfangszimmer ein. Hirschfeldt und Grell folgten.
    Das Empfangszimmer war ein grosser quadratischer, fast durch die ganze Tiefe
des Hauses gehender Saal, hinter dem nur noch ein schmaler Korridor lief. Der
Korridor sah auf den Innenhof, wie der Empfangssaal auf Garten und Park. In
diesem Saale liess sich auf den ersten Blick erkennen, dass der Besitzer von
Hohen-Ziesar reich und vielgereist und von gutem Geschmack in den bildenden
Künsten sein müsse. An der einen Wand hing ein grosses Tableau, halb Architektur,
halb Landschaft, das alte ostpreussische Schloss der Drosselsteins darstellend.
Diesem Tableau gegenüber befand sich das Bild der verstorbenen jungen Gräfin.
Grell suchte die rote Rose und fand sie. Er hatte sich die Rose noch röter und
die Gräfin selbst noch schöner gedacht, also eine doppelte Enttäuschung, von der
die zweite wahrscheinlich nur eine Folge der ersten war. In allen Fensternischen
befanden sich Orangeriekübel und Blumentische, während an den drei anderen
Seiten des Saales Konsolen von schwarzem Marmor liefen. Auf diesen standen
römische Kaiser mit rot eingeschriebenen Namen. Bamme, der schon eine
Viertelstunde lang da war, hatte zwei, drei davon gelesen: Geta, Caracalla,
Alexander Severus, und war dann mit einem hingemurmelten »nicht zuviel auf
einmal« von der Konsolenreihe zurückgetreten; eine ziemlich dunkele Bemerkung,
die sich wahrscheinlich auf seine verwandten numismatischen Vormittagsstudien
bei Seidentopf bezogen hatte.
    Das Gespräch war über Oberflächlichkeitsfragen noch kaum hinaus, als
Drosselstein Renaten seinen Arm bot, um diese zu Tische zu führen. Eine
zurückgeschlagene Doppelportiere zeigte den Weg in das nebenangelegene Esszimmer.
Hier brannten schon - die Gardinen waren geschlossen - zwei achteckige zierliche
Kandelaber und gaben Licht genug, das Zimmer in allen seinen Teilen erkennen zu
lassen. In die Stuckwände waren antike Mosaiken eingelassen, Darstellungen von
Wild, Geflügel, Fischen, während an der Decke die »Hochzeit der Psyche« nach
Giulio Romanos gleichnamigem Fresko im Palazzo del Té zu Mantua eine für unsere
damaligen Kunstverhältnisse bemerkenswert gute Nachbildung gefunden hatte. Bamme
sah nichts von all diesen Dingen, desto mehr Grell, dessen natürlicher Sinn
dafür im Moltkeschen Palais ausgebildet worden war.
    Renate hatte den Platz zwischen Drosselstein und Bamme. Dieser, vielleicht
von Jugend auf, jedenfalls aber seit den Tagen der Guser Tafelrunde fest an dem
Satze haltend, dass Medisieren das beste Mittel zu Durchbrechung aller blossen
Unterhaltungspräliminarien sei, warf sich heute mit Ungestüm auf Seidentopf, den
er schon mehrere Stunden früher, in der Hohen-Vietzer Pfarre, bei Vorführung des
»Odinswagens« zum Opfer für die bevorstehende Dinerkonversation ausersehen
hatte. Freilich mit schliesslich ausbleibendem Erfolg; ausbleibend, weil er sich,
wie der Augenschein lehrte, wieder einmal geirrt oder, um ihn selber zu
zitieren: »wieder einmal vor nicht ganz richtigen Ohren« gesprochen hatte.
Drosselstein nämlich war zu vornehm, um überhaupt viel zu lachen, Lewin und
Renate hatten den Justizrat über eben dasselbe Tema besser und mit noch
grösserem Behagen perorieren und phantasieren hören, und Berndt - sonst nach Art
aller ernster angelegten Naturen ein allerdankbarstes Publikum für Scherz und
Heiterkeiten - steckte doch gerade heute zu tief in seinen Plänen, um sich an
Bammes Exkursen über die sechs vorgeblichen Odinsvögel ergötzen zu können. Er
nahm vielmehr eine flüchtige Pause wahr, um mit einem kurzen »ad vocem
Seidentopf« dem ihm gegenübersitzenden Drosselstein die Mitteilung zu machen,
dass er, in seiner Eigenschaft als Patron, die Verlesung des »Aufrufes« von der
Kanzel für nächsten Sonntag angeordnet habe.
    Und nun rollte statt des »Odinswagens« das Tema »Aufruf« eine Viertelstunde
lang friedlich über den Tisch hin, bis von seiten Drosselsteins die mehr oder
weniger provozierende Bemerkung gemacht wurde, dass er in dem Aufrufe das Ost
preussische vermisse. Er fühle wohl, dass er durch ein solches Wort den Vorwurf
einer gewissen Parteilichkeit auf sich lade; der Geist der Provinzen sei nun
aber mal ein verschiedener, und die Haltung des märkischen Adels, dem er dadurch
nicht zu nahe zu treten gedenke, werde jedenfalls zu sehr durch persönliche
Beziehungen bestimmt. Davon wisse man sich in seiner heimatlichen Provinz frei.
»Ihr Stolz«, so schloss er, indem er sich gegen Vitzewitz und Bamme leise
verneigte, »ist die Loyalität, die Diskretion, die Reserve; unser Stolz ist die
Freiheit. Unter den Händen Dohnas oder Schöns oder Auerswalds hätte dieser
Aufruf eine andere Gestalt gewonnen. Seine Tugend ist die Vorsicht, er hat den
Hofstempel; was ihm fehlt, ist die Sprache der Gradheit und Männlichkeit.«
    Bamme wollte scharf antworten, bezwang sich aber, um keine Störung aufkommen
zu lassen, und sagte nur: »Sonderbar, je nordöstlicher, desto verpflichteter
werden wir jetzt. Wir verdanken den Ostpreussen viel, aber noch mehr, so scheint
es, sollen wir den Kosaken verdanken. Wir haben sie seit gestern diesseits der
Oder. Haben Sie schon von dem Überfall zwischen Alt-Rosental und Trebnitz
gehört? Hundert Mann gefangen. Es wird Aufsehen machen.«
    Der Graf war noch ohne Nachricht. Er liess sich erzählen, folgte mit
sichtlichem Interesse den etwas stark gefärbten Bammeschen Schilderungen und war
nur schliesslich überrascht, sich ohne weiteres »zu Herbeiführung nunmehriger
gemeinschaftlicher Operationen« aufgefordert zu sehen. Nicht mit Tettenborn,
sondern mit Tschernitscheff in Person.
    »Sie müssen ins Hauptquartier, Drosselstein«, resolvierte Bamme, »und zwar
morgen schon. Unser eigener Kopfbestand ist in diesem Augenblick besser, als er
nach acht Tagen sein wird. Jetzt hab ich noch einen Aide de camp; aber wie lange
bin ich seiner sicher? Jede Stunde kann er auf und davon fliegen. Also rasch. Es
muss ein grösserer Coup unternommen werden, und ich habe so meine Pläne. Aber dazu
bedürfen wir der Russen. Sie kennen ja Tschernitscheff und alles, was um ihn her
ist, von Ihren Petersburger Tagen her.«
    Bamme, trotzdem er von den seinerzeit umgehenden Gerüchten gehört haben
musste, sprach doch von diesen »Petersburger Tagen« wie von einer lieben
Erinnerung des Grafen und würde noch tiefer in den etwas diffizilen Gegenstand
eingedrungen sein, wenn nicht Drosselstein, durch rasches Akzeptieren der
Mission, alles erledigt und zu seiner weiteren Sicherheit an Renaten die Frage
gerichtet hätte: »Wo nehmen wir den Kaffee?«
    »Natürlich in der Galerie.«
    »Dort, fürcht ich, ist es zu kalt.«
    »Gleichviel. Die Herren haben die Pflicht, abgehärtet zu sein, und ich
stecke mich in Muff und Mantel.«
    Drosselstein war es zufrieden, flüsterte gleich darauf dem hinter seinem
Stuhle stehenden Diener einige Worte zu und lenkte dann das Gespräch auf
Faulstich und Nippler hinüber, deren gemeinschaftliches Kantatenwerk als ein
neutraler Boden für die Konversation angesehen werden konnte. Bamme - nachdem
zuvor Nipplers Ansprüche auf den Titel eines »verkannten Genies« untersucht und
mit Stimmengleichheit verneint und bejaht worden waren - sprach bei dieser
Gelegenheit die Hoffnung aus, dass die Kürze des Textes durch die Komposition
nicht wieder in Frage gestellt werden möge.
    Dieser zugespitzt Satz bot einen guten Tafelschluss. Drosselstein erhob
sich, und nachdem er seine Gäste noch einige Minuten in dem Empfangszimmer
festzuhalten gewusst hatte, bat er sie, wie es Fräulein Renate befohlen habe, den
Kaffee in der Galerie nehmen zu wollen.
 
                                Zwölftes Kapitel
                                 Die Weisse Frau
Diese »Galerie«, nach Norden hin gelegen, zog sich durch den ganzen linken
Flügel des Schlosses. Sie bestand aus drei Sälen, von denen der vorderste die
Familienbilder entielt, einige davon mit grosser historischer Staffage. Die
Gardinen waren auch hier geschlossen, ein Kaminfeuer brannte, und der
Kaffeetisch war inmitten des Saales serviert. Was aber mehr als alles dies das
Auge der Eintretenden gefangennahm, waren zwei auf hohen Tripoden stehende
Silberschalen, die, zu beiden Seiten des Kamins placiert, ihre blassblauen
Spritflammen in zwei leise zitternden Säulen aufsteigen liessen. Der Graf hatte
dies angeordnet, um den kalten Raum rascher zu erheizen, aber vielleicht mehr
noch um des malerisch-phantastischen Effektes willen. Und dieser Effekt war
erreicht. Es fehlte nicht an Beglückwünschungen.
    In weitem Halbkreise wurde Platz genommen, und während noch der Kaffee
herumgereicht wurde, zeigte Renate, die jetzt zwischen Grell und Hirschfeldt
sass, auf ein unmittelbar vor ihnen hängendes Bildnis in ganzer Figur, das im
Schein der beiden blauen Flammen an gespenstigem Leben zu gewinnen schien.
    »Das ist sie.«
    Grell rückte seinen Stuhl zurück, um besser sehen zu können, und sagte dann:
»Ein schöner Kopf, aber unheimlich.«
    »Ich vermute«, setzte Hirschfeldt hinzu, »dass aus dem unheimlichen Ausdruck
dieser Augen die Sage selbst entstanden ist; sie fordern zu der Annahme heraus,
dass sie nicht dazu bestimmt waren, sich wie zwei gewöhnliche Augen im Tode zu
schliessen. Sie haben etwas, als müssten sie wachen und endlos sehen.«
    »In jeder alten Galerie finden sich solche Bilder«, sagte Berndt.
»Sonderbarerweise sind es immer Frauen, und zwar junge und schöne Frauen.«
    »Ein sehr lehrreicher Wink«, bemerkte Bamme, »der aber unbeachtet bleiben
wird, wie so viele andere. Übrigens würd ich dankbar sein, über kurz oder lang
zu hören, um was es sich eigentlich handelt. Diejenigen unter uns, die das Glück
hatten, an Fräulein Renatens Seite die Fahrt hierher zu machen, scheinen
inzwischen in einen Geheimbund eingetreten zu sein. Ich vermute, wenn
Vermutungen gestattet sind: Wangeline von Burgsdorff.«
    Drosselstein nickte.
    »Dacht es«, fuhr Bamme fort. »Faulstich hat mir vor Jahr und Tag davon
erzählt, aber er kam über Andeutungen nicht hinaus. Ich möchte mehr davon
wissen. Hören Sie, wie draussen die Rouleauxringe an den Scheiben klappern? Es
muss windig geworden sein. Das ist so recht ein Ton für Gespenstergeschichten. Da
wir zwölf Uhr nicht haben können, so müssen wir mit sechs Uhr zufrieden sein.
Also Tema: Wangeline. Sie muss eine Grosstante von Ihnen gewesen sein,
Drosselstein. Was war es mit ihr?«
    »Eine kurze Geschichte«, sagte dieser. »Wangeline von Burgsdorff war
Hoffräulein und stand im Dienst einer Herrin, die rücksichtslos und ehrgeizig
dem aus erster Ehe stammenden Erbprinzen die bekannte vergiftete Orange
zubestimmt, aber vorläufig nur ans Krankenlager gestellt hatte. Da, von
plötzlicher Reue befallen, beschwor sie das Fräulein, in das Zimmer des Kranken
zurückzueilen, um diesen zu retten, wenn überhaupt noch zu retten sei. Und über
die Korridore hin flog jetzt die leichtverhüllte Gestalt Wangelinens, bis ein
ihr plötzlich entgegentretender Kavalier, an dem sie leidenschaftlich hing,
ihren flüchtigen Gang auf Augenblicke hemmte. Auf Augenblicke nur, aber lange
genug, um den Tod des Prinzen zu verschulden. Sie kam zu spät, und der Fluch
traf sie, das im Leben versäumte Wort im Tode sprechen zu müssen. So geht sie um
und warnt.«
    Diese kurzen Notizen, trotz ihrer Lücken und Dunkelheiten oder vielleicht
auch um derselben willen, hatten eines Eindrucks auf die Mehrzahl der Anwesenden
nicht verfehlt. Nur Bamme schüttelte historisch-kritisch den Kopf und sagte,
während er die Tasse aus der Hand setzte: »Pardon, Drosselstein, dass ich Ihnen
widerspreche. Aber es geschieht wenigstens nicht leichtsinnig. Sie wissen, ich
habe ein paar Liebhabereien, früher waren es die jungen Frauen, jetzt sind es
die Weissen, und alles, was von Peter Goldschmidts Höllischem Morpheus an bis auf
Rentschs Brandenburgischen Zedernhain hinunter über die Weissen Frauen
geschrieben worden ist, das hab ich gelesen. Und siehe da, es ist und bleibt die
Orlamünderin. Ich kann den Verdacht nicht unterdrücken, dass sich Ihre
Verwandten, die Burgsdorffs, eine neue Weisse Frau kreiert haben, bloss aus
Rancune, weil einer von ihnen, und zwar niemand Geringeres als Ihr berühmter
Konrad von Burgsdorff, weiland Günstling des Grossen Kurfürsten, von der
wirklichen Weissen Frau (meiner Orlamünderin) die Berliner Schlosstreppe
hinuntergeworfen wurde. Dergleichen vergessen unsere märkischen Familien (die
wegen mangelnder Gradheit und Männlichkeit natürlich alle tückisch und
rachsüchtig sind) so gut wie nie, und so haben sich denn die Burgsdorffs durch
Aufstellung einer Prätendentin zu revanchieren und dem altetablierten Spuk ein
Paroli zu biegen gesucht.«
    Drosselstein presste die Lippen zusammen und sagte pikierter, als sich mit
seiner sonstigen Sprechweise vertrug: »Eh bien, General, wenn Sie den Höllischen
Morpheus gelesen haben, woran ich nicht im geringsten zweifle, so verzicht ich
darauf, Ihre Meinungen zu widerlegen.«
    Bamme hörte die Gereizteit sehr wohl heraus, verneigte sich aber, als ob
nichts vorgefallen sei, und fuhr in demselben Tone fort: »Es ist, wie ich sage:
Prätendentenschaft aus Familienrancune. Nichtsdestoweniger, Drosselstein, wenn
ich etwas für Ihre Wangeline tun kann, so rechnen Sie auf mich. Erstens bin ich
überhaupt für alles Stürzen und Absetzen, das einzige, was mir die
Weltgeschichte lesbar macht, und zweitens und hauptsächlichst muss ich Ihnen
einräumen, dass es meine alte Freundin, die Orlamünderin, ihrerseits übertrieben
hat. Sie verdient eine Detronisierung. Und warum? Weil sie die Gesetze nicht
hält. Und daran geht jede Dynastie zugrunde; auch im Reiche der Gespenster.«
    Renate lachte und sagte dann: »Aber, General, da geraten Sie doch in einen
argen Widerspruch mit sich selbst. Sie proklamieren erst Ihre Vorliebe für alles
Stürzen und Absetzen, will sagen, für alles Auflehnen gegen das gegebene Gesetz,
und im selben Augenblicke rechnen Sie es Ihrer armen Orlamünderin zum Schaden
und Nachteil an, die Gesetze im Reiche der Gespenster nicht gehalten zu haben.
Wie wollen Sie da heraus?«
    »Eine heikle Situation«, replizierte Bamme. »Soviel muss ich zugeben, meine
Gnädigste. Aber ich will es wenigstens versuchen, aus dem Dilemma
herauszukommen. Sehen Sie, da hab ich diesen letzten Winter ein englisches
Trauerspiel, den König Richard III., aufführen sehen. Eine sehr interessante
Figur, tapfer, rücksichtslos und, was die Hauptsache ist, diabolisch vergnügt.
Nun, ich darf wohl sagen, ich habe mich gefreut, ihn unter seinen Brüdern und
Lords aufräumen und sich die Krone aufsetzen zu sehen; aber ich kann nicht
behaupten, mich am Schlusse des Stücks über die fatale Lage, in die er sich
durch ein halbes Dutzend allerliebster Morde gebracht sieht, im geringsten
gewundert zu haben. Mit anderen Worten, ich lese gern von Stürzen und Absetzen
und gedenke bei diesem Geschmack zu bleiben, aber ich find es andererseits nur
in der Ordnung - ausserdem auch eine Steigerung meines Vergnügens -, den Stürzer
und Absetzer schliesslich selbst an die Reihe kommen zu sehen. Illegitimitäten
sind interessant und von einem gewissen Standpunkte aus sogar angenehm und
begehrenswert, aber sie bleiben doch zuletzt sie selbst, das heisst Dinge, für
die früher oder später gezahlt werden muss. Menschen oder Gespenster macht keinen
Unterschied.«
    »Und was sind denn nun die Illegitimitäten oder die Ungehörigkeiten Ihrer
armen Orlamünderin, zu deren Sturze Sie selber mitarbeiten wollen?«
    »Zweierlei, meine Gnädigste. Erstens: sie hält nicht das Haus, ist vielmehr
ein Wandergespenst, eine ganz unstattafte Spezies. Sie spukt reihum und bereist
alle alten und neuen Hohenzollernschlösser: Plassenburg, Bayreut, Berlin. Das
scheint eine Kleinigkeit, ist aber ein Kardinalverbrechen. Es gibt
Reiseprediger, aber keine Reisegespenster. Das ist gegen die Konvention.«
    »Es mag gegen die Konvention sein«, antwortete Renate, »aber es ist hübsch
und gefällt mir um ebensoviel besser, wie mir der Hund besser gefällt als die
Katze. Ich stelle die Herrentreue höher als die Treue gegen das Haus.«
    »Eine feine Doktorfrage«, sagte Bamme, »in der ich mich nicht gleich
zurechtzufinden weiss.«
    »Gut; aber Sie sprachen von zweierlei. Was haben Sie weiter? Was war Ihr
zweiter Anklagepunkt gegen die Weisse Frau?«
    »Etwas, wobei ich leider noch weniger auf Ihre Zustimmung rechnen darf, denn
es ist eine Bekleidungsfrage.«
    »Doch erzählbar?«
    »Durchaus; Seidentopf würde darüber predigen können.«
    »Nun denn.«
    »Nun denn. Dasselbe Ausdauern, das ich von meinen Gespenstern in Lokalfragen
verlange, verlang ich auch von ihnen in Toilettenfragen. Aber was zeigt sich
tatsächlich? Dieselbe Libertinage. Dreihundert Jahre lang haben wir eine
schlichte Weisse Frau gehabt, nonnenhaft mit Schleier und Skapulier. Das war in
der Ordnung. Da geschieht nun was? Hören Sie: Eines Tages, völlig unmotiviert,
vervornehmt sie sich und beginnt eine Krause zu tragen. Schlimm genug; mais
enfin immer noch une dame blanche. Da plötzlich vollzieht sich das Unerhörte,
und als wolle sie sich über sich selbst und uns mokieren, erscheint sie
tout-à-fait in einer schwarzen Parure, mit Astrachanmuff und dito Pelzbesatz.
Und so haben wir denn jetzt eine schwarze Weisse Frau. Das ist das vorläufig
letzte Stadium, wenigstens in Bayreut. Wie es in Berlin steht, muss erst das
nächste Auftreten entscheiden.«
    »Und wie deuten Sie sich das alles, ist es ein wirklicher Spuk oder
Täuschung und Betrug?«
    »Tausendkünstler und Gespenstergeschichten-Erzähler, meine Gnädigste, haben
Erlaubnis, jede Aufklärung zu verweigern. Aber ich gebe sie dennoch. Den
Mondschein und das wehende Handtuch ausser Spiel gelassen, mögen Sie sicher sein,
dass es von vier Fällen dreimal ein verdriesslicher Kastellan und das vierte Mal
ein hübsches kleines Hoffräulein ist, ein junges Blut...«
    In diesem Augenblicke wurde Justizrat Turgany gemeldet.
    
    »Sehr willkommen!« sagte Drosselstein, und der Angemeldete trat ein.
 
                              Dreizehntes Kapitel
                             Der Plan auf Frankfurt
»Wie stehen Sie zu der Weissen Frau?« rief Renate dem eintretenden Justizrat
entgegen, der seinerseits, ohne sich verwirren zu lassen, unter leichtem Gruss
gegen die Fragestellerin antwortete: »Gut, meine schöne Freundin. Ich stehe zu
allen Frauen gut.«
    »Auch zu den Weissen?«
    »Auch zu den Weissen«, wiederholte Turgany. »Ganz besonders aber zu der
Bayreuterin, die letzten Sommer wieder viel von sich reden machte. Natürlich in
den Zeitungen. Ich halte sie für die patriotischste Frau des Landes, seit sie
den grossen Empereur zweimal aus ihrem Schloss hinausgespukt hat. Ce maudit
château waren seine höchsteigenen Worte. Aber vertagen wir das. Ich möchte
zunächst bitten, mich mit den beiden Herren ad latus Fräulein Renatens bekannt
zu machen.«
    Drosselstein stellte Grell und Hirschfeldt vor, die alsbald nach einer
kurzen, in Sprüngen geführten Unterhaltung überrascht waren, den Justizrat in
alle Geheimnisse der letzten Kastaliasitzung eingeweiht zu finden. Als sie
dieser Überraschung Ausdruck gaben, sagte Turgany: »Sie vergessen, meine Herren,
dass ein Jurist verpflichtet ist, Aug und Ohr überall zu haben, zumal in Zeiten
wie die jetzigen. Ich habe mich eben zu Ihrer Verwunderung über Calcar und die
Seidlitzsporen verbreitet, aber was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen auch von
den andern, historisch beglaubigteren Sporen erzählen wollte, die seitens des
Generals O'Donnell in der Katedrale zu Tarragona aufgehängt wurden.«
    In solchen Andeutungen ging es weiter. Alle waren neugierig geworden, bis
sich zuletzt das Rätsel löste. Himmerlich, ein jüngerer Studiengenosse
Otegravens, stand in Korrespondenz mit diesem und ermangelte nie, über die
literarischen Wochenvorgänge zu berichten. Von Otegraven kam es dann an
Turgany.
    Dieser hatte Platz genommen, und während er noch, unter fortgesetzten
Aperçus, in denen er exzellierte, seine Tasse ausnippte, sagte Drosselstein:
»Und nun, Turgany, was verschafft uns die Freude, Sie hier zu sehen? Ich bin
Erfahrungsmann genug, um Ihnen irgend etwas wie Geschäfte von der Stirn zu
lesen. Auch ist mir Ihr Sprühfeuer verdächtig. Ich fürchte, die Douche kommt
nach. Was ist es? Etwas Juristisches?«
    »Nicht doch«, entgegnete Turgany. »Höher hinaus. Politisch-militärisch.«
    »Das wäre«, sagte Drosselstein, und Berndt und Bamme horchten auf, ohne
zunächst an einen rechten Ernst zu glauben.
    Der Justizrat aber wiederholte: »Politisch-militärisch. Lassen Sie mich
gleich in medias res gehen. Ich darf es doch? Wir sind unter uns?«
    Drosselstein nickte.
    »Nun denn«, begann Turgany, »was mir zu sagen obliegt, ist kurz das: Wir
haben seit drei Tagen den französischen General Girard in unserer Stadt, von der
Armee des Vizekönigs, mit ihm zwei schwache Regimenter, keine zweitausend Mann.«
    »Kriegskasse?« fragte Bamme.
    »Nein, aber fünfzig Kanonen, bronzene Acht- und Zwölfpfünder. Und auch das
ist nicht zu verachten. Die Tage sind vor der Tür, wo wir sie werden brauchen
können, brauchen in der richtigen Direktion, das heisst mit Front gegen Westen.
Der Aufruf verschweigt es, aber man muss zwischen den Zeilen lesen.«
    Berndt und Bamme wechselten Blicke des Einverständnisses; Turgany fuhr fort:
    »Also zweitausend Mann und fünfzig Kanonen. Es fragt sich, ob die Mittel da
sind, einen Überfall gegen diese feindlichen Streitkräfte zu wagen. Auf die
Frankfurter Bürgerschaft, oder doch auf einen starken Bruchteil derselben, ist
mit Sicherheit zu rechnen. Und im Namen dieser Bürgerschaft bin ich hier.
Otegraven, der an der Spitze steht, ist entschlossen, mit zwölf Mann alten
Soldaten, die sich freiwillig gemeldet haben, den General Girard
gefangenzunehmen. Zugleich Stab und Adjutantur des Generals. Was die Besatzung
angeht, so befindet sie sich in der Dammvorstadt, an der andern Seite der Oder.
Alles liegt also daran, die Verbindung zwischen hüben und drüben zu stören. Das
Aufeisen des Flusses hat zu beiden Seiten der Brücke bereits begonnen; diese
selbst wird geopfert werden, wenn es die Umstände fordern. Hier haben Sie, was
unsererseits geboten werden kann.« Der Justizrat schwieg einen Augenblick. Dann
fuhr er fort: »Lassen Sie mich noch ein paar Worte hinzusetzen. Ihre
Landsturmkräfte, soweit ich eingeweiht bin, reichen mutmasslich für das
Unternehmen aus, sie werden aber sicher ausreichen, wenn die Russen, die nur
drei Meilen von Frankfurt stehen, ihre Mitwirkung zusagen. Diese Mitwirkung
würde sich auf einen blossen Scheinangriff gegen die Dammvorstadt zu beschränken
haben und nur den Zweck verfolgen, die jenseits liegenden zweitausend Mann von
einem Übergangsversuche auf das diesseitige Flussufer abzuhalten. Ich war
angewiesen, alles dies, behufs weiterer Veranlassung, zur Kenntnis unseres
nächsten Nachbars, des Herrn Grafen Drosselstein, zu bringen; ein glücklicher
Zufall aber hat es gefügt, dass ich dem Herrn General selbst« (und hierbei
verneigte sich Turgany gegen Bamme) »ein Bild der Sachlage geben konnte.«
    Alles war sehr ernst geworden, und weder die klappernden Rouleauxringe noch
Wangeline selbst konnten länger als Ursache des Fröstelns gelten, das plötzlich
über alle hinlief. Es war vielmehr das Bewusstsein, sich auf einen Schlag vor
eine Entscheidung gestellt zu sehen; jeder erschrak, und selbst in Berndt und
Bamme befehdete sich das Gefühl einer schweren und gefahrvollen Verantwortung
mit ihrer Freude darüber, dass nun endlich die Stunde gekommen sei. Nach einer
Weile sagte Bamme:
    »Hirschfeldt, Sie haben mehr Krieg gesehen als ich, was antworten wir?«
    Hirschfeldt zuckte leise die Achseln und begleitete dies Achselzucken mit
einer Handbewegung, die so gut Zustimmung wie Ablehnung ausdrücken konnte. Der
alte General gewann dabei seine gute Laune wieder und sagte: »Soweit bin ich
gerade auch: halber Weg zwischen ja und nein. Ihre spanische Kriegsführung,
soviel ich davon weiss (leider wenig genug), ist eine lange Kette von
Beschleichungen und Überrumpelungen gewesen. Ich wette, dass Sie dergleichen zu
Dutzenden hinter sich haben. Sie müssen also davon wissen. Was halten Sie von
Überfallen einer feindlichen Stadt? Denn als solche, verzeihen Sie, Justizrat,
müssen wir Ihr loyales Frankfurt um seiner feindlichen Besatzung willen
vorläufig ansehen.«
    »Was ich zu sagen habe«, nahm jetzt Hirschfeldt das Wort, »ist kurz das.
Alles hängt, die russische Mitwirkung als sicher angenommen, von der
Beschaffenheit eben dieser feindlichen Besatzung ab; ist es eine gute Truppe, so
geht es schlecht, ist es eine schlechte Truppe, so geht es gut.«
    »Dann wird es gut gehen«, warf jetzt Vitzewitz dazwischen. »Und unter allen
Umständen, wir dürfen diesen Vogel nicht wieder aus den Händen lassen, auch
nicht auf die Gefahr hin, dass er uns kratzt und beisst. Aber er wird es nicht.
Diese Regimenter sind Rudera, wie die hundert Mann, die wir in Guse hatten. Ein
Hurra, und sie werfen die Gewehre weg. Also mit gutem Mute vorwärts. Oder sollen
wir uns niedriger veranschlagen als die zwanzig Kosaken samt ihrem Tettenborn!
Ich für meine Person akzeptiere den Plan und antworte mit einem bedingungslosen:
Ja.«
    Alles stimmte bei; selbst Renate wurde für einen Augenblick von dem
kriegerischen Geiste ihres Hauses erfasst. »Ja, ja«, klangen die Stimmen
durcheinander. Endlich legte sich die Aufregung, und nachdem Drosselstein sein
Versprechen wiederholt und seinen Besuch im russischen Hauptquartier auf den
andern Vormittag festgesetzt hatte, erklärten sich Berndt und Bamme bereit,
unmittelbar nach Rückkehr des Grafen eine Frankfurter Rekognoszierungsfahrt
antreten zu wollen. Bei Gelegenheit dieser Fahrt sollten dann mit Otegraven
alle weiteren Verabredungen zu prompter gemeinschaftlicher Aktion, an der
übrigens Turgany persönlich nicht teilnehmen zu wollen erklärte, getroffen
werden.
    Die Stimmung zu scherzhaftem Geplauder liess sich nicht wiederfinden, und so
wurde denn zu verhältnismässig früher Stunde aufgebrochen. Erst fuhr der
Schlitten vor; zehn Minuten später hoben sich auch die Reiter in ihre Sättel.
Der Tauwind, der während der Nachmittagsstunden geweht, hatte nachgelassen, und
es zog eine scharfe Luft von Osten her; der Himmel klärte sich wieder, und die
Sterne traten immer blitzender hervor.
    Bamme ritt zwischen Berndt und Tubal. Es ging im Schritt, und der Shetländer
hatte Mühe, sich mit den beiden andern Reitern en ligne zu halten. Ein jeder
hing seinen Betrachtungen nach; endlich sagte Bamme: »Wer ist dieser
Otegraven?«
    »Ein Konrektor«, antwortete Berndt. »Etwas steif und pedantisch, aber
energisch und mutig von Natur. Und hätt er diesen Mut nicht, so würd er ihn aus
seiner Begeisterung schöpfen. Ein Mann von Ehre.«
    »Sonderbar«, sagte Bamme. »Zu meiner Zeit waren die Konrektors anders. Wir
hingen ihnen einen Papierzopf an oder bemalten ihnen den Rücken, und ich
entsinne mich nicht, dass es von irgendeinem geheissen hätte: er sei ein Mann von
Ehre.«
    Der Alte schwieg, schien aber seinen Gedanken weitergesponnen zu haben, als
er nach einer Weile fortfuhr: »Ihre Schwester, die Gräfin, liebte von solchen
Dingen zu sprechen und sah dann immer verdriesslich aus, weil sie nicht recht
wusste, ob sie weinen oder lachen sollte. Das ist der Wind, der von Westen her
weht. Es war französisch, das war das Gute daran, aber das Aufkommen der Roture
störte sie wieder. Ich für mein Teil habe nichts gegen die Roture. Kann mir
nicht helfen, mir bedeutet der Mensch die Hauptsache, und ist dieser ganz
allgemeine homo, von dem ich als guter Lateiner wohl sprechen darf, wirklich um
einen Kopf gewachsen, seitdem sie drüben den armen König um ebensoviel kürzer
gemacht haben, so scheint mir die Sache nicht zu teuer bezahlt. Le jeu vaut la
chandelle. Auch eine Guser Reminiszenz. Ach, Vitzewitz, das Dümmste sind doch
die Vorurteile. Wie gefiel Ihnen Drosselstein, als er heute wieder das
ostpreussische Register zog?«
    »Und noch dazu an falscher Stelle«, lachte Berndt. »Ich habe zufällig in
Erfahrung gebracht, von wem der Aufruf geschrieben wurde. Staatsrat Hippel.
Ostpreussisches pur sang. Aber ich wollte Drosselstein die Beschämung ersparen.
In unseren Schwächen sind wir am empfindlichsten, Sie, ich, jeder. Seien wir
froh, dass wir ihn haben; er ist doch der Sanspareil unseres Kreises und von Kopf
zu Fuss ein Edelmann. Die meisten heissen bloss so; er aber hat den Vorzug, einer
zu sein.«
    Bamme stimmte bei; damit brachen sie das Gespräch ab und setzten ihre Pferde
in Trab.
In Hohen-Vietz angekommen, hatten alle das Bedürfnis nach Ruhe und zogen sich
zurück, unter den ersten Hirschfeldt und Tubal, die dasselbe Zimmer innehatten.
Sie plauderten noch eine kleine Weile, dann wurde Hirschfeldt still. Er schlief.
Nur Tubal wachte noch.
Allerlei Gedanken gingen ihm durch den Kopf, deren er nicht Herr werden konnte.
    »Bin ich verlobt?« fragte er sich, als er endlich das Licht gelöscht hatte.
»Ich glaube ja... Da müsst ich ja glücklich sein! Und bin ich es? O gewiss, ich
bin es, ich bin glücklich... Aber nicht glücklich genug; ich würde sonst jubeln
und nichts hören und sehen als sie. Und seh ich sie? Sonderbar, ich habe kein
deutliches Bild von ihr. Kaum ein Bild überhaupt... Und doch lieb ich sie. Wer
liebte sie nicht! sagte die Tante... Ach, Glück, Glück. Hab ich dich? Und ich
frage noch... Undankbarer, der ich bin!«
    So sann er weiter. Immer schattenhafter zogen die Bilder an ihm vorüber, bis
auch er entschlief.
                              Vierzehntes Kapitel
                                 Eingeschlossen
Der nächste Tag, ein Sonnabend, war ein Tag der Vorbereitungen. Bamme sass über
Plänen und Karten, während Berndt in aller Frühe aufgebrochen war, um die ferner
stehenden Truppenteile heranzubeordern. Gleich nach drei Uhr war er von diesem
Ausfluge zurück. Als er wenige Minuten später in das Parterrezimmer des alten
Generals eintrat, fand er diesen in eifrigem Gespräche mit Drosselstein, der
eben über seine Sendung ins russische Hauptquartier rapportierte.
Tschernitscheff war ihm nicht nur mit ausgesuchter Artigkeit entgegengekommen,
sondern hatte sich auch dahin geäussert, dass er auf Vorschläge wie diese, mit
andern Worten auf Kooperation, recht eigentlich gerechnet habe. Nur diese
verspreche bei dem kleinen Kriege, der voraussichtlich in den nächsten Wochen
bevorstände, die gewünschten Erfolge. Der Überfall Frankfurts, wenn nur von
allen Seiten rechtzeitig eingegriffen würde, böte geringere Schwierigkeiten, als
es auf den ersten Blick erscheinen möchte. Die französischen Truppen seien
decouragiert, unter allen Umständen aber erheische die Parkierung eines so
bedeutenden Geschützmaterials einen raschen Versuch. Er proponiere deshalb die
Nacht von Montag auf Dienstag und werde seinerseits im Laufe des voraufgehenden
Tages bis in die Kunersdorfer Gegend rücken, um von dort aus zu näher
festzusetzender Stunde die Dammvorstadt angreifen zu lassen, und zwar mit
zweitausend Mann Elitetruppen. Seines Eifers dürfe man sich versichert halten;
er werde persönlich zugegen sein und den Angriff leiten.
    So Drosselsteins Bericht, dem Berndt und Bamme mit wachsendem Interesse
gefolgt waren. Beide glaubten in dem guten Ausgange dieser Mission das
Unterpfand weiteren Gelingens erblicken zu dürfen und setzten die schon vorher
geplante »Rekognoszierung gegen Frankfurt« auf den nächsten Vormittag fest.
Zugleich dankten sie dem Grafen für den diplomatischen Takt, mit dem er die
Verhandlungen geführt habe, woran sich dann die Bitte reihte, wenigstens bis zu
Tische bleiben zu wollen. Drosselstein indessen lehnte, Geschäfte vorschützend,
ab und empfahl sich, nachdem er noch einmal gebeten hatte, die Nacht von Montag
auf Dienstag, »schon um den guten Willen Tschernitscheffs nicht zu verwirren«,
zu Ausführung des Unternehmens im Auge behalten zu wollen.
    Gegen Abend kam Seidentopf, und Jeetze wartete, dass der Kartentisch befohlen
werden würde. Die Tarockpartie fiel aber aus, ein Zeichen, dass die
Generalspflichten schwer auf Bamme zu lasten begannen. Er selber scherzte
darüber und suchte sich durch Selbstpersiflierung, die dann wieder mit
Übermütigkeit wechselte, die Last etwas leichter zu machen; aber er kam nicht
weit damit, und nur als Berndt von der Heiligkeit des Sonntags zu sprechen und,
zu Seidentopf gewandt, ein Mal über das andere ein Bedauern auszudrücken begann,
dass er, um der Frankfurter Rekognoszierungsfahrt willen, die Kirche, die Predigt
und die Verlesung des Aufrufs versäumen müsse, regte sich der alte
Widerspruchsgeist in ihm, und er fuhr mit einem in höchster Stimmlage
gesprochenen »Ich für mein Teil versäume nicht viel« scharf und trocken
dazwischen. Einige Minuten später zogen sich alle zurück, nachdem man noch
übereingekommen war, sich am andern Morgen eine halbe Stunde früher als
gewöhnlich am Frühstückstische zu treffen.
Und nun war dieser andere Morgen da, und die Glocken des Hohen-Vietzer Turmes
klangen durch die winterklare Luft. In dem Herrenhause war alles Leben und
Bewegung; die einen rüsteten sich zum Gange in die Kirche, die andern zu der
Frankfurter Fahrt. Es fehlten nur noch zehn Minuten an zehn; Krist fuhr vor
(wieder die Ponies), und erst Berndt und Bamme, dann Hirschfeldt und Grell
bestiegen das offene Gefährt. Nur Lewin und Tubal blieben zurück, vielleicht
weil die Sitzplätze des Wagens nicht recht ausreichten, vielleicht auch, um an
einem so wichtigen Tage wie der heutige den herrschaftlichen Chorstuhl nicht
unbesetzt erscheinen zu lassen. Und jetzt begannen die Glocken zum dritten Mal
zu läuten, und während mit den Abfahrenden noch Grüsse gewechselt wurden, boten
die beiden zurückbleibenden Freunde den schon zum Kirchgange bereitstehenden
Damen ihren Arm und schritten mit ihnen erst durch die verödeten Gänge des
Parkes, dann durch die Lindenallee bis zur Kirche hinauf. Die kleine
Seitenpforte war verschlossen, so dass sie heute den Haupteingang benutzen und
durch den Turm, wo die Bahre und die gesprungene Türkenglocke stand, in die
Kirche eintreten mussten. Diese war schon gefüllt, da jeder in Erfahrung gebracht
hatte, dass ein Wort über Krieg und Frieden von der Kanzel gesprochen werden
sollte. Nur der Majorsstuhl dicht vor dem Altar war leer wie immer.
    Renate und die Schorlemmer gingen das Mittelschiff hinauf, Lewin und Tubal
folgten. Als sie bis in die Mitte waren, bogen sie nach rechts hin in einen
Quergang ein, der erst zu einem schmalen Treppchen und mit Hülfe desselben zu
dem herrschaftlichen Chore hinaufführte. Hier nahmen sie Platz auf alten
hochlehnigen Lederstühlen und stimmten in das Lied ein, das eben gesungen wurde.
Lewin sass am meisten zurück, Tubal unmittelbar hinter Renate und der
Schorlemmer, so dass er zwischen ihnen hindurch den Blick auf das grosse Denkmal
und ein paar der vordersten Bankreihen frei hatte. Auf der zweitvordersten Bank
sass Schulze Kniehase samt Frau und Tochter. Marie hatte sich mit Renaten leise
begrüsst, aber seitdem von ihrem Gesangbuche nicht mehr aufgeblickt.
    Es war ein schöner Tag; alles sah hell aus, und dieser Eindruck wuchs noch,
als die lichte Gestalt unseres Seidentopf auf der Kanzel erschien. Der Gesang
schwieg, und nur die Orgeltöne klangen noch leise nach, während alles sich
neigte, um, dem Vorgange des Geistlichen folgend, ein stilles Gebet zu sprechen.
Nun aber ging es wieder wie Leben durch die Versammlung, aller Köpfe richteten
sich auf, und Seidentopf, mit der Rechten sein langes weisses Haar
zurückstreichend, begann: »Andächtige Gemeinde! Der Tag, den wir ersehnt haben,
ist gekommen. Vor Wochen und Monaten schon, als Gott auf den russischen
Schlachtfeldern sein Zeichen gab, als edle und tapfere Heerführer, den Schein
des Ungehorsams nicht fürchtend, im wahrhaften Sinn und Geist unseres Königs zu
handeln und den ersten entscheidenden Schritt zur Abwerfung eines uns
unerträglich gewordenen Joches zu tun wagten, schon damals wussten wir, dass
dieser ersehnte Tag kommen werde. Aber er war noch nicht da. Nun ist er
angebrochen. Der Übergang von der Knechtschaft in die Freiheit bereitet sich
vor. Der König hat geredet, das ungeduldig erwartete Wort, es ist gesprochen
worden. Jeder unter euch kennt es, aber von dieser Stelle aus sei es noch einmal
verkündet.«
    Und nun entfaltete unser Freund das den Aufruf abschriftlich entaltende
Blatt und las mit lauter und eindringlicher Stimme. Die Wärme seines Vortrags
lieh auch den einfachsten Sätzen Bedeutung und Leben, und eine Wirkung gab sich
zu erkennen, wie sie bei dem Einzellesen daheim niemand an sich erfahren hatte.
Besonders waren es die Worte, die von der Vaterlandsliebe und der in Zeiten der
Gefahr immer am lebhaftesten bewährten Anhänglichkeit an den König sprachen,
denen die Versammlung mit sichtlicher Bewegung folgte.
    Und nun fuhr Seidentopf fort: »So, meine Freunde, hat der König gesprochen.
Gesprochen wie noch nie zuvor, weil er noch nie zuvor in gleich hohem Masse das
für einen König erhebendste und beglückendste Gefühl haben durfte, das Gefühl
einer reinen und vollkommenen Übereinstimmung mit seines Volkes Wunsch. Ein
heiliger Krieg ist es, der beginnt, ein Krieg voll Hoffnung auf innerliche
Befreiung, und so will ich denn sprechen über die Worte des Propheten Jeremias
im achtzehnten Kapitel: Und plötzlich rede ich gegen ein Volk und Königreich,
dass ich es ausrotte, zerbreche und verderbe; wo sich es aber bekehret von seiner
Bosheit, dawider ich rede, so soll mich auch reuen das Unglück, das ich ihm
gedachte zu tun. Ja, meine Freunde, Gott war auch wider uns, dass er uns
ausrotte, zerbreche und verderbe um unserer Schuld und Sünde willen, denn diese
Schuld war gross.«
    Und nun begann er, rückwärts blickend, seiner Gemeinde das Bild unserer
Schuld zu malen. Unter eines grossen Königs Regiment hätten wir rasch den Gipfel
des Ruhmes erklommen, eines Ruhmes, der uns hochfahrend, sorglos und bequem
gemacht habe. Unredlicher Gewinn habe zum Überfluss unser Gebiet vergrössert, bis
die Hälfte unseres Landes aus fremdem Volk bestanden habe, derart, dass wir kaum
noch gewusst hätten, ob wir Deutsche seien oder nicht. Und während von andern
Völkern um hohe Güter des Lebens gekämpft worden sei, hätten wir selbstgerecht
und selbstsüchtig seitab gestanden und des Glaubens gelebt, dass wir durch blosse
Ruhe mächtiger und furchtbarer werden würden. So sei der trotzig-übermütigen
Klugheit unserer staatlichen Jugend eine verzagte Klugheit auf dem Fusse gefolgt,
und mit dem Hinschwinden unseres Ruhmes sei zuletzt auch unsere Ehre mehr und
mehr ein Schattenbild geworden. Eine Flut von Eitelkeit und Verschwendung habe
die mühsamen Werke besserer Jahre zerstört, bis es endlich über uns
hereingebrochen sei und der Herr, um mit den Worten des Propheten zu sprechen,
»wider uns geredet habe«, als gegen ein Volk, das er ausrotten, zerbrechen und
verderben wolle. Ein zermalmendes Kriegsunglück, das noch in unser aller
Gedächtnis sei, habe uns schliesslich von unserer falschen Höhe in den Abgrund
geworfen.
    Hier machte Seidentopf eine Pause. Dann aber, sich vorbeugend, fuhr er mit
gehobener Stimme fort: »Ein zermalmendes Kriegsunglück, sagte ich. Aber
schlimmer als dieser Krieg war der Frieden, der folgte. Ich rede nicht von der
äusserlichen Not, die er mit sich führte, ich rede von der traurigen Gewöhnung,
die er schuf, das Unwürdige zu dulden. Eine Gewöhnung, die so weit ging, dass in
vielen Gemütern (nicht in den euern, meine Freunde) der Wunsch und die Hoffnung
auf einen bessern und würdigeren Zustand verlorenging. In vielen war nur noch
der Gedanke lebendig, wie man sich dem fremden Joch am bequemsten fügen könne.
Andere aber, die noch die Hoffnung auf eine bessere Zeit nicht aufgeben wollten,
worin gefielen sie sich, in was suchten sie die Rettung? In Lug und Trug. Ihr
Tun wurde Heuchelei, und um die drohendste Gefahr zu vermeiden, zeigten sie
Freundschaft und baten um solche, wo sie doch nur verachten und verabscheuen
konnten. Jene Schamlosigkeit war da, die um des Lebens willen jeden edleren
Zweck des Lebens hintenansetzt oder vergisst. So war unser Zustand, meine
Geliebten, und wir selber waren nach den Worten der Schrift wie die Heiden in
der Wüste. Das waren die zurückliegenden Tage unserer Gefangenschaft; aber
danken wir dem Herrn: ein neuer Tag ist da.«
    Und nun begann er seiner Gemeinde zu zeigen, was dieser »neue Tag« erheische
und bedeute: Rückkehr zur Wahrheit, Rückkehr zu dem Mute, den die Wahrheit gibt.
Er führte dies aus und nannte »die Wehrhaftigkeit des Volkes«, wie sie durch den
heute verlesenen Aufruf proklamiert worden sei, eine Morgengabe, eine Gewähr
besserer Zeiten. Im Gegensatz zu Jahrzehnten, wo der Übermut des Soldaten den
Mut für etwas ihm ausschliesslich Zuständiges gehalten habe, sei der Mut jetzt
eine Pflicht jedes einzelnen geworden. Und diesen Mut würden auch sie zu
betätigen haben, jede Stunde könne sie rufen, und käme sie, so sollten sie sich
derselben würdig zeigen.
    Andächtig war die Gemeinde gefolgt. Auch Lewin hatte diesmal nicht Zeit
gefunden, nach dem Rotkehlchen auszuschauen, und nur Tubals Aufmerksamkeit war
bald abgeirrt und hatte zwischen dem grossen Grabdenkmal und dem silbernen
Altarkruzifix einen mechanischen Pendelgang gemacht, den die wunderlichsten
Fragen begleitet hatten. »Wieviel hat das Grabdenkmal gekostet? Wovon sind die
Messingleuchter so blank? Welcher Vitzewitz hat das Kruzifix gestiftet?« und
dann waren neue Fragen gekommen, um schliesslich den ersten wieder Platz zu
machen. Und woher das alles? Hatten die Seidentopfschen Worte doch eines
tieferen Tones entbehrt? O nein. Aber auf ihrem unausgesetzten Gange zwischen
dem Grabdenkmal und dem Kruzifix waren seine Blicke Marie begegnet. Das war es.
Ihr Mund zuckte von Zeit zu Zeit, und ihre grossen dunkeln Augen erschienen wie
geschlossen, so tief lagen sie unter dem Schatten ihrer Wimpern. Er sah das
blasse feingeschnittene Profil, und sah es, bis er nur noch sah und nichts mehr
hörte als die vorwurfsvolle Stimme in seinem Innern, die leise seine Blicke
begleitete.
Die Predigt hatte mittlerweile geschlossen, nur das Gebet war noch zu sprechen,
und alles sah erwartungsvoll zu der Kanzel auf, auch Marie. Sie fühlte wohl, dass
Blicke von dem Chorstuhl her sie trafen, aber sie hatte die Kraft, dieser Blicke
nicht zu achten oder doch in ihrer Seele sich ihrer zu erwehren, denn sie war
reinen Gemüts und ohne Schein und Falsch.
    Seidentopf aber betete: »Barmherziger Gott und Herr. Du hast Grosses an uns
getan, dass du uns berufst, um ein freies und würdiges Dasein zu kämpfen. Steh
uns bei. Der Sieg kommt von dir, und mit Vertrauen ist es, dass wir Heil und
Segen für unser Tun von dir erflehen. Schütze den König, verleihe Weisheit und
Kraft den Heerführern, Mut denen, die die Waffen tragen, treue Ausdauer aber
allen, auch uns. Und wie das Glück des Krieges auch wechseln möge, eines gib uns
als seine letzte Segnung, gib uns Freiheit und Frieden.«
    Nun fiel wieder die Orgel ein, der letzte Vers wurde gesungen, und langsam
erhoben sich die Hohen-Vietzer und verliessen die Kirche. Marie blieb zurück, um
Renaten und die Schorlemmer zu begrüssen; dann schritten sie gemeinschaftlich den
Mittelgang hinunter. Tubal und Lewin folgten.
    Als alle den spitzbogigen Mauereinschnitt erreicht hatten, der von der Seite
her in den Turm führte, bemerkte Marie, dass sie das Gesangbuch sehr
wahrscheinlich auf ihrem Sitzplatze habe liegenlassen. Sie wollte umkehren, aber
Tubal litt es nicht und schritt den Mittelgang wieder hinauf, um das vermisste
Buch zu holen. Marie sah ihm nach und wartete, während die andern durch das
Aussenportal ins Freie traten.
    Das Buch war nicht da. Tubal, nachdem er erst auf der Bank und dann am
Fussboden hin und her gesucht hatte, richtete sich endlich wieder auf und machte
mit beiden Armen ein Zeichen, das die Vergeblichkeit seiner Bemühungen
ausdrücken sollte.
    Marie rief ihm zu: »Da muss ich selber kommen«, und ging nun ebenfalls das
Kirchenschiff hinauf. Aber in diesem Augenblicke hatte sich das Buch auch schon
auf einem schmalen Brett unter der pultartigen Schrägung gefunden, und Tubal
hielt es triumphierend in die Höhe und ihr entgegen. Sie nahm es dankend aus
seiner Hand, wandte sich dann und schritt eilig wieder dem Ausgange zu; ehe sie
diesen jedoch erreicht hatte, hörte sie, dass von aussen her zugeschlossen wurde.
Der alte Kubalke, von seinem Orgelchor herabkommend, hatte nicht bemerkt, dass
noch wer in der Kirche war.
    Marie fuhr zusammen, fasste sich indessen rasch und sagte: »Wir sind
eingeschlossen, bitte, pochen Sie schnell an die Tür.«
    Auch Tubal war erschrocken, aber anders als seine Gefährtin. Er fühlte sich
wie von einem elektrischen Schlage getroffen.
    »Wozu pochen, Marie«, sagte er, »der Alte würde uns doch nicht hören. Und so
wären wir denn Gefangene.«
    »Ja, aber in einer Kirche gefangen. Und auf alle Fälle, die Fenster sind
nicht hoch... und Renate wird unsere Abwesenheit bemerken.«
    »Gewiss; aber hoffen wir, nicht zu früh.«
    Marie hörte, wie seine Stimme zitterte.
    »Gut«, sagte sie, »so sind wir denn Gefangene. Machen wir das Beste davon
und nutzen wir die Zeit. Es verlohnt sich immer zu lernen, und ich wette, Sie
kennen unsere Kirche noch nicht. Niemand kennt sie; jeder glaubt genug getan zu
haben, wenn er das grosse holländische Monument bewundert und den Namen des alten
Mattias von Vitzewitz oder wohl gar den seiner tugendreichen Veronika von
Beerfelde mühsam entziffert hat. Das heisst dann die Hohen-Vietzer Kirche kennen.
Wir haben aber hier vielerlei.«
    Sie sprach dies alles in beinahe heiterem Tone, ganz ersichtlich, um ihre
Befangenheit zu verbergen, und als Tubal, statt aller andern Antwort, ihr nur
immer forschender ins Auge sah, setzte sie rascher und hastiger hinzu: »Ich muss
Ihnen das alles zeigen. So verlieren wir diese Minuten nicht. Von dem
zerbrochenen Taufstein, von dem die Leute sagen, er sei tausend Jahre alt, will
ich Ihnen nicht erst erzählen, Sie glauben es doch nicht; aber hier rechts das
Muttergottesbild, das müssen Sie sehen. Sehen Sie, die Maria hat ihr Christkind
aus den Händen fallen lassen.«
    »Vielleicht, weil sie wieder freie Hand haben wollte.«
    »O nicht doch, das ist Spott und gottlos. Und ich sehe schon, es passt
sowenig für Sie wie der tausendjährige Taufstein. Aber hier, das ist etwas, das
passt für uns beide«, und dabei zeigte sie mit ihrer Hand auf einen alten,
aufrechtstehenden Grabstein, der in die Wandstelle dicht neben dem
Muttergottesbilde eingemauert war.
    Tubal trat an den Stein heran und las: »Katarina von Gollmitz.«
    »Ja, das war ihr Name.«
    »Lassen wir den Namen«, sagte Tubal, »was soll er uns? Was sollen uns die
Toten?«
    »Doch, doch, Sie müssen von ihr hören. Sie war die Freundin eines damaligen
Fräulein von Vitzewitz, den Vornamen hab ich vergessen, aber nehmen wir an, dass
sie Renate hiess.«
    »Nicht Renate.«
    »Ja, nehmen wir an, dass sie Renate hiess. Und ihre Freundin, eben diese
Katarina von Gollmitz, deren Grabstein Sie hier vor uns sehen, die starb hier
und wurde hier begraben. Aber das tote Fräulein von Gollmitz hatte Sehnsucht in
ihre Heimat und wollte fort von hier und aus dem fremden Grabe wieder heraus.«
    »Ich glaub es nicht.«
    »Oh, Sie müssen es glauben, denn es ist wahr, und es weiss es jedes Kind
hier. Und immer, wenn das Fräulein von Vitzewitz über diesen Grabstein
hinschritt, der damals noch mit den andern Steinen im Mittelgange lag, dann
hörte sie, wie die Freundin rief: Renate, mach auf !«
    Tubal lächelte.
    »Und so rufen auch wir jetzt; nicht wahr?«
    »Nicht ich.«
    »Doch, doch, Sie müssen es auch rufen, denn so gemahnt uns der Grabstein.
Und alles, an das uns die Grabsteine mahnen, auch wenn sie stumm sind, das
müssen wir tun.«
    »Ja; nur nicht heute, nur nicht in dieser Minute. Wir leben, Marie.«
    »Aber wie lange noch?« antwortete diese.
    Tubal stutzte. Es war etwas in ihrem Wort, das ihn getroffen hatte. Er
entschlug sich indessen des Eindrucks wieder und sagte nur: »Lassen wir die
Grabsteine.«
    Und damit schritten sie wieder in den Mittelgang der Kirche zurück.
    Als sie die vordersten Bänke beinah erreicht hatten, unterbrach Tubal das
lange Schweigen und sagte mit weicherer Stimme: »Nicht wahr, Marie, wir wollen
gute Kameraden sein? Das Schicksal hat uns hier zusammengeführt. Ist es nicht,
als ob wir einander gehören sollten?«
    »Nein, nicht wir... Aber horch, ich höre Stimmen.«
    »Welche?«
    »Ich weiss es nicht.«
    »Nicht unsere Stimmen, Marie, nicht Ihre, nicht die meine?«
    »Nein, nein, Renatens.«
    Sie betonte den Namen, und er fühlte wohl, weshalb. Aber ausser sich ergriff
er jetzt ihre Hand und sagte mit rasch sich steigernder Heftigkeit: »Renate und
immer wieder Renate. Wozu, was soll es? Ich bitte Sie, nur jetzt nicht diesen
Namen; ich mag ihn nicht hören. Er will sich zwischen uns stellen, aber er soll
es nicht. Nein, nein, Marie!« Und er warf sich nieder und umklammerte sie,
während er sein glühendes Gesicht an ihrem Kleide barg. Einen Augenblick war es
ihr, als ob sie nach Hülfe rufen oder in der pochenden Angst ihres Herzens das
Altartuch erfassen sollte, aber plötzlich von einem andern Gedanken durchbljetzt,
riss sie die halb offene Türe auf, die zu dem Majorsstuhl führte, und zeigte mit
ihrer Rechten auf die Blutstelle, die das Grauen aller derer war, die davon
wussten.
    Umsonst.
    »Und ob Leben und Sterben zwischen uns stünde«, rief er, »ich lasse dich
nicht, Marie... ich will es...«
    Da wurd es wirklich von aussen her laut, der Schlüssel drehte sich im Schloss,
und gleich darauf erschien der alte Jeserich Kubalke und kam zwischen den
Chorstühlen langsam die Fliesen herauf.
    »Nichts für ungut, junger Herr. Aber mit einundachtzig, da hat man keine
Augen mehr, und da hab ich Sie denn eingeschlossen und gefangengesetzt. Und zwei
schmucke Gefangene, das muss ich sagen. Ja, ja, Marie.«
    Beide hatten unter dieser Begrüssung ihre Ruhe wiedergewonnen und erzählten
nun dem Alten, dass sie die Zeit ausgenutzt und die grossen Grabsteine gelesen
hätten, auch den von der Gollmitz.
    »Auch den von der Gollmitz. Weiss schon, das war das Fräulein, das nicht hier
bleiben wollte. Ja, das muss man lesen. Aber die jungen Leute tun's nicht, und
wenn sie's tun, so denken sie nichts dabei. Ja, die Grabsteine...«
    So plaudernd, waren sie wieder bei dem Ausgange der Kirche angekommen.
    »Vater Kubalke«, sagte Marie, »wir haben denselben Weg.«
    Tubal trat an sie heran und bot ihr die Hand, wie zum Zeichen, dass Friede
zwischen ihnen sein solle. »Es war ein Traum, Marie. Nicht wahr?«
    Sie schüttelte den Kopf.
    Dann nahm sie den Arm des Alten, der die letzten Worte kaum gehört, am
wenigsten beachtet hatte, und stieg mit ihm einen der schmalen Pfade hinab, die
von dem Kirchhügel aus auf die Mitte des Dorfes zuführten.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
                           Die Rekognoszierungsfahrt
Um eben diese Zeit trabten die Ponies über Hohen-Ziesar auf Frankfurt zu.
    Hohen-Ziesar lag ein beträchtliches abseits der Strasse; Berndt aber hatte
den halbstündigen Umweg nicht gescheut, um - was am Tage vorher versäumt worden
war - Drosselstein zur Teilnahme an ihrer Frankfurter Rekognoszierungsfahrt
aufzufordern. Freilich eine vergebliche Mühe, da der Graf, wie man erfuhr,
Hohen-Ziesar schon in früher Stunde verlassen hatte. Und zwar sehr
wahrscheinlich, um jenseits der Oder einen zweiten Besuch im russischen
Hauptquartier zu machen. Sicheres verlautete nicht; nur die Tatsache seiner
Nichtanwesenheit blieb und wurde von Berndt und Bamme mit ziemlich gleicher
Befriedigung aufgenommen, da beide au fond du coeur wenig Lust hatten, sich in
Sachen, die sie besser verstanden, von bloss »höheren Gesichtspunkten« aus,
dreinreden zu lassen.
    Und so ging es, unter Empfehlungen an den Grafen, weiter in die klare
Winterlandschaft hinein. Die Ponies schienen das Versäumnis einholen zu wollen
und liessen in ihrem Eifer erst nach, als sie dicht vor Podelzig wieder an die
grosse Strasse kamen. Im Dorfe selbst erfuhren unsere Freunde, dass vor kaum einer
halben Stunde die vordersten Staffeln der am Tage vorher heranbeorderten
Bataillone eingetroffen seien, und gleich darauf wurden sie verschiedener
Gruppen von Landsturmmännern gewahr, die, von alt und jung umstanden, allerhand
Fragen stellten und beantworteten. Einen Augenblick erwog Berndt, ob er
absteigen und zu den Leuten sprechen solle; er unterliess es aber, um nicht
abermals die wenigen noch bleibenden Tagesstunden gekürzt zu sehen.
    Das nächste Dorf war Clessin. Auch hier liessen sich Unruhe und Erregung -
der Aufruf war eben verlesen worden - deutlich erkennen, und nur in Cliestow, in
dem eben zu Mittag geläutet wurde, war alles still. Hier sassen die Sperlinge zu
Hunderten auf dem Fahrdamm, unschlüssig, ob sie auffliegen sollten oder nicht,
und nichts als der sonnenbeschienene Rauch, der hell und gradlinig aus den Essen
stieg, deutete auf Leben.
    Und nun lag auch Cliestow zurück. Der Weg stieg in leiser Schrägung an, und
eine reizende Szenerie begann sich mehr und mehr dem Auge darzustellen.
    Über das weit nach rechts hin gebreitete Plateau waren zahlreiche Gehöfte
ausgestreut, während nach links hin das ganz in der Tiefe liegende, nur von
Kropfweiden eingefasste Odertal sich schlängelte. Und in eben dieser Tiefe, keine
halbe Stunde mehr von unseren Reisenden entfernt, stieg jetzt auch das Ziel
ihrer Fahrt, die Stadt selber, herauf, deutlich erkennbar an dem gekupferten Hut
der Oberkirche und den vielen goldenen Kugeln, die wie Butterblumenknospen das
grüne Spitzdach umstanden.
    »Ich zähle sieben Kirchen«, sagte Bamme, der aus einer Art Eigensinn nie
zuvor in Frankfurt gewesen war. »Es scheint eine grosse Stadt, grösser, als ich
dachte.«
    »Der eigentliche Kern ist klein«, antwortete Berndt. »Aber die Vorstädte
strecken sich weit hinaus. Sehen Sie drüben die Dammvorstadt, fast eine Stadt
für sich. Und dahinter Kunersdorf, blutigen Schlachten-Angedenkens. Hier auf
unserer Seite des Flusses sind wir friedlicher. Die lange Häuserlinie dort unten
ist die Lebuser Vorstadt; aber ich will Sie nicht vor der Zeit mit solchen
Einzelheiten behelligen. Vom Spitzkrug aus haben wir das alles viel deutlicher
und sehen den Sottmeiers in die Schornsteine hinein.«
    »Den Sottmeiers?« fragte Bamme.
    »Ja, hier dürfen wir sie noch so nennen.«
    »Was ist es damit?«
    »Eine von den Neckereien und Fehden, wie sie zwischen Altstadt und Neustadt
überall zu Hause sind. Ob es passt, ist gleichgiltig, wenn es nur reizt und böses
Blut macht. Und das tut es. Ein altes Weib, nicht viel besser als eine Hexe,
steckte vor hundert Jahren die ganze Vorstadt hier unten in Brand. Sie hiess
Witwe Sottmeier und wurde mit sechs oder sieben ihrer Komplizen auf den
Scheiterhaufen gestellt. Feuer für Feuer; das war damals noch die Regel. Seitdem
werden alle Kietzer nach dem übelberufenen alten Weibe genannt und heissen
Sottmeiers. Eine sonderbare Logik, erst den Schaden und dann den Schimpf. Aber
ob logisch oder nicht, es gefällt den Altstädtern, und so bleibt's beim alten.«
    Unter diesen Gesprächen waren sie bis an ein weissgetünchtes Wirtshaus mit
hohem Strohdach gekommen, das, an der Spitze dreier hier zusammentreffender
Strassen gelegen, den Namen »Spitzkrug« führte. Es war dies der vorerwähnte
Aussichtspunkt, weshalb denn auch Vitzewitz halten liess. Ein dreieckiger, durch
die drei Strassen gebildeter Garten lag vor dem Hause; hier stellten sich unsere
Freunde auf und sahen, über einen Heckzaun hinweg, auf das reliefartig vor ihnen
liegende Bild. Bamme hatte den Blick überall und erkannte gleich, dass dies der
Punkt sei, der für alle Fälle gehalten werden müsse.
    »Hier stellen wir unsere Soutiens«, sagte er. »Über den Spitzkrug geht unser
Rückzug. Die drei Wege hier lassen uns die Wahl und verwirren den Feind.«
    »Warum Rückzug?«
    Bamme lachte. »Ein gesicherter Rückzug ist der halbe Sieg. Wer vorwärts
will, muss mit dem Gedanken an ein mögliches Rückwärts beginnen. Weiss ich, dass
ich wieder heraus kann, so geh ich dem Beelzebub in seinem Allerheiligsten zu
Leibe. Fragen Sie Hirschfeldt, der kennt den Krieg.«
    Während dieser Worte hatte Bamme sein Notizbuch genommen und begann die
verschiedenen Strassen einzuzeichnen. Als er damit fertig war und nach dem Namen
einer zu Füssen gelegenen kleinen Vorstadtkirche gefragt hatte, sagte er zu
Vitzewitz: »Und diese Bergnase hier, die nach der Stadt zu vorspringt?«
    »Das ist der Galgenberg.«
    »So, so. Und die Strasse, die von hier aus daran vorüberläuft?«
    »Die Richtstrasse. Mutmasslich, weil sie von der Stadt her zur Richtstätte
führte. Ein Rest von den drei Pfeilern ist noch zwischen den Kirschbäumen
sichtbar.«
    »Lassen wir die Pfeiler, Vitzewitz«, sagte Bamme. »Ich bin für eine
gesicherte Rückzugslinie, aber, wenn es sein kann, an anderen Örtlichkeiten
vorüber. Erst die Sottmeiers und nun der Galgenberg und die Richtstrasse, das hat
freilich alles seinen Zusammenhang; aber ich bekenn Ihnen offen, weniger
Folgerichtigkeit und mehr Heiterkeit wäre mir lieber. Nomen et omen. Ich bin
abhängig von solchen Sachen und geh ihnen gern aus dem Wege. Brechen wir ab; ich
habe mich orientiert.«
    Sie stiegen nun wieder auf und fuhren bergab in die Vorstadt hinein, erst an
der kleinen Sankt-Georgs-Kirche und dann an dem gleichnamigen Spitale vorüber.
Eine einzige lange Strasse. So kamen sie nach zehn Minuten bis an den
Brückendamm, der, wo die Alt- oder Innenstadt beginnt, wenigstens damals noch
über einen breiten, wenn auch ausgetrockneten Wallgraben hin auf das alte
Lebuser Tor zuführte. Unmittelbar vor diesem Tore buchtete sich der Brückendamm
zu einem kleinen winkligen Platze aus, auf dem, in die Ecke geschoben, ein paar
zweiräderige, aber stark gebaute Karren standen. Daneben lagen eiserne
Kanonenrohre, alle rostig, ein paar zerbrochen, als ob sie, von der Kunersdorfer
Schlacht her, hier liegengeblieben wären. Bamme merkte sich alles. Dann
passierten sie das gewölbte, noch aus den Zeiten der Stadtbefestigung
herstammende Tor, hinter dem sich die grosse Torwache befand. Der Posten vorm
Gewehr schritt auf und ab, sah die Vorüberfahrenden neugierig freundlich an und
grüsste mit leichter Handbewegung.
    »Ein Glück für ihn«, sagte Bamme, »dass er morgen abend abgelöst ist und
nicht mehr an dieser Stelle schildert. Ein hübscher Junge und grüsst uns so
freundlich. Es wäre mir leid um ihn.«
    Hundert Schritte hinter der Torwache zweigt nach links hin eine schmale
Strasse ab. Sie führt auf den Fluss zu, aber ehe sie denselben erreicht, erweitert
sie sich zu einem Kirchplatze, auf dem sich grau und turmlos die älteste
Stadtkirche erhebt. Ist man an dieser vorbei, so gewahrt man sogleich, wie der
Platz sich wieder verengt und abermals Strasse wird. Aber nur zwei, drei Häuser
zu jeder Seite. Und dann ist man am Quai. In einem dieser Häuser wohnte Turgany.
Berndt hatte die Zügel genommen und fuhr vor. Es war ein grosses, altes Eckhaus,
mit vorspringendem Erker und einem prächtigen Blick auf Platz und Bollwerk. Ein
rechtes Aussichtshaus. Berndt, als er angeordnet, dass Krist ausspannen und
entweder bis an den Spitzkrug oder doch wenigstens bis an einen alten, schon
vorher am Ausgange der Lebuser Vorstadt gelegenen Gastofe zurückfahren solle,
stieg mit Bamme die breite Steintreppe hinauf, während Grell und Hirschfeldt
folgten.
    Der Justizrat empfing sie herzlich und stellte Otegraven vor, der unruhiger
noch als Turgany der Ankunft der Hohen-Vietzer Gäste entgegengesehen hatte. In
der Nähe des Fensters war ein Frühstückstisch serviert, an dem man Platz nahm
und artigkeitshalber einstimmte, als seitens des Wirts das Ausbleiben
Drosselsteins bedauert wurde. Grell, seiner Gewohnheit nach, musterte das
Zimmer, das aus der Zeit stammte, wo Gotik und Renaissance sich um die
Herrschaft gestritten hatten. Der Erker war noch gotisch, während die grossen
Wandflächen und insonderheit die Stuckornamente schon auf Etablierung der
Renaissance deuteten. Ebenso der Ofen, der auf seinen grünglasierten Kacheln die
Geschichte des Tobias darstellte.
    »Ein delikater Rauentaler«, sagte Bamme, »werde mir seinerzeit die Adresse
der Handlung ausbitten. Hoffentlich kein Geheimnis. Aber nun zu den Geschäften,
meine Herren. Carpe diem. Staunen Sie nicht, Vitzewitz, mich schon wieder auf
den Schleichwegen der Klassizität zu betreffen. Umgang bildet, und man ist
seiner Gesellschaft etwas schuldig. Aber nun Ihren Plan, Otegraven.«
    Otegraven verbeugte sich etwas steif und sagte dann: »Es wird sich, nachdem
unser Freund Turgany bereits die Ehre gehabt hat, Ihnen unseren Überfallsplan
vorlegen zu dürfen, im wesentlichen nur noch um Kenntnisnahme der Lokalität wie
um Festsetzungen hinsichtlich der Zeit handeln, immer vorausgesetzt, dass nicht
Ihrerseits, Herr General, Änderungen oder neue Vorschläge beliebt werden.
Unterbleiben diese« - Bamme nickte -, »so werd ich Altes mehr zu rekapitulieren
als dem Ihnen schon Bekannten erheblich Neues hinzuzufügen haben.«
    »Desto besser. Viele Strähnen verwirren nur. Also repetieren wir unser
Exerzitium.«
    »So bitte ich Sie denn, Herr General, an dies Erkerfenster herantreten zu
wollen. Auch die anderen Herren. Wir haben dann unser Aktionsfeld vor uns, und
das wenige, was überhaupt noch zu sagen bleibt, lässt sich wie auf einer
aufgeschlagenen Karte demonstrieren.«
    Alle hatten sich erhoben und waren in den Erker eingetreten. Otegraven
zeigte nach links hin. »Herr General wollen das dritte Haus am Platz bemerken,
das grösste, scharf an der Kirche vorbei.«
    »Ich sehe; das mit den verschnittenen Linden, und das Schilderhaus davor. Es
sieht aus wie ein Gastof.«
    »Sehr richtig. In diesem Gastofe wohnen General Girard und sein Stab. Auch
drei oder vier Ordonnanzen. In demselben Augenblick, in dem der erste Schuss
fällt, brechen wir, von der Kirche her, vor. Es sind keine zwanzig Schritt. Ehe
der General noch den Schlaf abgeschüttelt hat, ist er gefangen. Stab und
Ordonnanzen mit ihm.«
    »Und dann?«
    »Fünf Minuten später müssen auch die Mannschaften in unseren Händen sein,
die hier in der Altstadt herum einzeln oder zu zweien und dreien in
Bürgerquartier liegen. Wir kennen die Häuser und werden sie vorher umstellen.
Für die prompte Durchführung dieser Dinge hoff ich mich verbürgen und Ihnen
unmittelbar nach Ihrem Eintreffen auf diesem Platze Meldung von dem Vollzogenen
machen zu können. Das ist der erste Akt.«
    »Und dann?« wiederholte Bamme seine Frage.
    »Und dann«, antwortete der Konrektor etwas spitz, »beginnt eben der zweite,
Ihr Akt, Herr General. Denn unsere Bürgerschaften sind gewillt, sich Ihrem
Kommando, von dem Augenblick Ihres Eintreffens an, in allen Punkten zu
unterstellen. Der Ruf eines entschlossenen Mannes geht Ihnen voraus, und
Entschlossenheit ist alles.«
    Bamme verbeugte sich. Er war nicht unempfindlich gegen solche Huldigungen,
am wenigsten, wenn sie von Gesellschaftskreisen ausgingen, denen gegenüber er
das Gefühl hatte, sich aus diesem oder jenem Grunde wiederherstellen zu müssen.
Denn er wusste sehr wohl, was ihm fehlte.
    Otegraven fuhr fort: »Es wird sich in diesem zweiten Akte darum handeln, ob
wir, will sagen, Ihre Landsturmmänner und unsere Bürgerschaften, in
gemeinschaftlicher Aktion imstande sind, uns der zweitausend Mann Voltigeurs und
Grenadiers zu erwehren, die samt ihren Regiments- und Bataillonschefs drüben in
der Dammvorstadt liegen und unzweifelhaft von Beginn des Kampfes an eifrig
bemüht sein werden, den Übergang in die Altstadt zu forcieren. Ein leichtes soll
es ihnen nicht werden. Die Brücke opfern wir, und für Aufeisung des Stromes ist
gesorgt. Unsere Kietzer Fischer haben es an gutem Willen nicht fehlen lassen;
Tag und Nacht in den Kleidern; Seine Majestät der König soll davon erfahren.
Nichtsdestoweniger, ohne besserem Urteil vorgreifen zu wollen, scheint mir der
Ausgang dessen, was wir vorhaben, von dem Eintreffen oder Nichteintreffen der
Russen abzuhängen. Halten sie Wort, so haben wir übermorgen früh eine
französische Brigade gefangengenommen, fünfzig Kanonen erbeutet und, was die
Hauptsache ist, der ganzen Provinz ein Zeichen, ein Beispiel gegeben. Lassen uns
umgekehrt die Russen im Stich, so können wir uns gegen zweitausend Mann nicht
auf die Dauer halten. Denn es sind ausgeruhte Soldaten, Reserven, die nicht mit
in Russland waren. Ich bedaure noch einmal das Nichtzugegensein des Herrn Grafen,
getröste mich indessen, dass er uns nur fehlt, um sich durch einen zweiten Besuch
im Hauptquartiere Tschernitscheffs der russischen Mitwirkung abermals zu
versichern.«
    »Sehr gut, Otegraven«, sagte Bamme. »Das nenn ich den geborenen
Generalquartiermeister, Schule Prinz Eugen oder doch wenigstens Montecuculi.
Nicht wahr, Hirschfeldt? Und alles knapp und kurz. Also bestens akzeptiert. Es
fehlt nur noch eine Kleinigkeit: die Ausführung. Aber Tschernitscheff oder
nicht, es muss glücken; zum mindesten dürfen wir keinen andern Gedanken mehr
aufkommen lassen. Wir haben A gesagt und müssen B sagen. Alles Kriegsspiel ist
Würfelspiel. Und wir knöcheln für eine gute Sache. Alea jacta est. Ich habe mein
Latein wieder und meine gute Laune.«
    dabei waren sie vom Fenster an den Tisch zurückgetreten und nahmen wieder
Platz. Aber keiner war in der Stimmung, das Frühstück fortzusetzen. Turgany traf
es deshalb, als er sagte: »Brechen wir auf, werte Herren und Freunde. Mein
Programm lautet: erst Inspizierung des diesseitigen Oderquai, dann
Brückenpassage, Dammvorstadt, Herzog-Leopold-Denkmal und französischer
Geschützpark. Soweit gediehen, betracht ich unsere fussgängerischen Aufgaben als
gelöst und stelle meinen Wagen für alles Weitere zur Verfügung. Er wird uns am
Geschützpark oder doch in der Nähe desselben erwarten. Dann Repassierung der
Brücke, Kleist-Denkmal und Rückkehr in meine Wohnung oder aber in die Lebuser
Vorstadt, wohin Sie, wenn ich recht gehört, Ihren eigenen Wagen dirigiert
haben.«
    Und damit brachen alle auf, um ihre Rekognoszierung zu Fuss zu beginnen.
    Von Turganys Wohnung bis an den Fluss waren kaum hundert Schritt. Eine
sonntägliche Stille herrschte den Quai entlang, der in grossen Abständen mit
uralten Pappelweiden besetzt war. Eingefroren im Eise lagen Oderkähne und
grössere Kielboote, die nach Stettin hin gehörten und hier vor der Zeit vom
Winter überrascht worden waren. Nach rechts hin lief die Brücke über den Fluss,
zwanzig Joche oder mehr, zwischen denen unsere Freunde des grossen, zum
Brückenschutz errichteten Eisbrechers ansichtig wurden. Alle Arbeit ruhte; die
Glocken der Oberkirche gingen, und einzelne geputzte Frauen, die zur
Nachmittagspredigt wollten, eilten an ihnen vorüber.
    Bamme musterte den Quai und die Pappelweiden bis rechts an die Brückenjoche
hinauf und sagte dann zu Berndt: »Voilà, Vitzewitz, unser mutmassliches champ de
bataille.« Dieser nickte zustimmend in guter, beinahe heiterer Laune. Denn er
war viel ruhiger als der Alte, weil er das, was sie vorhatten, nicht als
Abenteuer, sondern als Pflicht und Aufgabe nahm.
    So kamen sie bis an die Brücke und gingen in die Dammvorstadt hinüber. Die
Welt hier schien nur noch aus Franzosen zu bestehen; einige, als ob draussen die
Junisonne schiene, balancierten auf den Querhölzern der offenstehenden Fenster,
während sich andere mit Bockspringen vergnügten oder sich auf Flur und Diele mit
Kindern und jungen Mädchen unterhielten. So namentlich auch vor dem grossen
Gastofe »Zum goldenen Löwen«, hart an der Brücke, der in eine Kaserne
umgewandelt war. An der Ecke dieses Gastofes vorbei bogen jetzt unsere Freunde
nach links hin ein und wandten sich dem grossen Herzog-Leopold-Denkmale zu, das
sie schon vorher, als sie von Turganys Wohnung aus auf den Fluss zugeschritten
waren, in aller Deutlichkeit gesehen hatten. Es lag jener Stelle gerade
gegenüber; nur der breite Fluss dazwischen.
    Nun standen sie vor diesem Denkmal, zu dessen beiden Seiten - und zwar
zwischen dem hochaufgestapelten Klafter- und Bretterholz eines hier befindlichen
Holzhofes - vierzig bronzene Geschütze zusammengefahren waren. Der Anblick, der
sich ihnen bot, weckte sehr verschiedene Gedanken. Otegraven sah misstrauisch
auf die Bretter und Bohlen und sann nach, wie sie wegzuschaffen wären, während
Berndt und Bamme mit Befriedigung wahrnahmen, dass die Munitionskarren fehlten.
So war man wenigstens vor einem Mitspielen der Artillerie gesichert.
    Grell hatte sich inzwischen mit seinem Interesse dem Denkmale selber
zugewandt. Drei Frauengestalten trugen eine sternenbekränzte Urne, am Sockel des
Ganzen aber standen folgende Worte: »Menschenliebe, Standhaftigkeit,
Bescheidenheit - drei himmlische Geschwister - tragen Deinen Aschenkrug,
verewigter Leopold, und klagen mit der Göttin der Stadt, deren Bürger Du zu
retten eiltest, und klagen mit dem Odergott, in dessen Wellen Du untergingst,
dass die Erde ihr Kleinod verloren hat.«
    Bamme war ebenfalls herzugetreten und sagte jetzt, während er auf die Urne
zeigte: »Aschenkrug. Wer's glaubt! Sieht es nicht aus wie eine Riesenbowle? Und
das soll es am Ende auch sein. Ich wette, der Bildhauer - Ehre seinem Andenken -
war ein Schalk und schrieb auf seine Art Geschichte. Sie wissen doch,
Vitzewitz?«
    »Ich weiss«, sagte dieser. »Aber es ist widerlegt.«
    »Schade«, fuhr Bamme fort. »Die hübschesten Sachen in der Weltgeschichte
werden immer widerrufen oder widerlegt. Pitt starb an einer Flasche Burgunder;
aber das war nicht gross genug für einen Rednerhelden oder meinetwegen auch
Heldenredner, und so heisst es jetzt, er sei an der Schlacht von Trafalgar
gestorben. Hätt ich die Notiz von Rutze, so würd ich an eine Verwechslung mit
Nelson glauben. Aber es steht in allen Büchern und Blättern. Apropos, Rutze.
Seine Compagnie ist brillant, vielleicht die beste. Nichts für ungut,
Vitzewitz.«
    Während diese Worte gewechselt wurden, war der französische Posten mit einem
»Pas permis, monsieur« an den emsig zeichnenden Grell herangetreten, hatte sich
jedoch jedes weiteren Einspruchs begeben, als ihm unser Hölderlinfreund seine
mit komischem Ungeschick abkonterfeiten drei Gotteiten gezeigt und dadurch die
Lachlust des kleinen Südfranzosen erregt hatte.
    Von der Brücke her kam ihnen jetzt das Turganysche Fuhrwerk entgegen. Sie
stiegen ein, behalfen sich, so gut es ging, und erledigten ihr Programm - auch
bei dem Ewald-von-Kleist-Denkmal einige Minuten verweilend - in der vorher
festgesetzten Reihenfolge. Darnach trennte man sich, um Krist und die Ponies in
der Lebuser Vorstadt aufzusuchen. Ihre letzte Abmachung war dahin gegangen, dass
die Landsturmbrigade nicht später als ein Uhr nachts von Montag auf Dienstag am
Spitzkrug eintreffen solle. Ein Vertrauensmann Otegravens werde sie daselbst
erwarten.
Die kleine Sankt-Georgs-Kirche schlug eben fünf, als unsere Freunde am Ausgange
der Lebuser Vorstadt eintrafen und vor einem hier befindlichen alten Wirtshause
den Hohen-Vietzer Kaleschwagen erkannten. Aber noch nicht angespannt.
    Beinahe die Hälfte der »Wirtschaft« wurde von einem ungewöhnlich grossen
Torweg eingenommen, der durch die ganze Tiefe des Hauses lief. Es dunkelte
schon, und so hätte sich von der gewölbten Einfahrt sehr wahrscheinlich nichts
weiter als ein schwarzes Loch erkennen lassen, wenn nicht in Höhe des Gewölbes
eine Stallaterne geschaukelt hätte. Mit Hilfe dieser gewahrte man drei Stufen,
die nach links hin aus dem Torweg in eine, so schien es, den ganzen Rest des
Gebäudes einnehmende Gaststube führten. Alles andere lag im Quergebäude. In
Front der Ausspannung aber war anscheinend noch ein zweiter Torweg sichtbar,
ebenfalls mit einer Laterne. Sah man indessen schärfer zu, so gewahrte man, dass
dieser Torweg gar kein Torweg sei, sondern eine grosse Kapellennische, in deren
Hintergrund ein bemaltes Kruzifix hing. Neben diesem Kruzifix zwei weissgetünchte
Heilige, die auf ihren bittend vorgestreckten Armen wohl ein halbes Dutzend
vertrockneter Kränze trugen. Vitzewitz war in den Hof gegangen, um nach Krist
und den Ponies zu sehen; Bamme, von Grell und Hirschfeldt begleitet,
patrouillierte draussen auf und ab und wollte durchaus Näheres über die zwei
»Torwege« hören. Er sah sich deshalb um und gewahrte schliesslich einen Menschen,
der, auf einem der niedrigen Fenstersimse hockend, wie ein Schatten in der matt
erleuchteten Öffnung sass.
    »He, Sottmeier!«
    Der Angerufene erhob sich und kam auf Bamme zu. Es liess sich jetzt erkennen,
dass er Hausknecht, Küfer und Marqueur, alles in einer Person war. Er trug eine
grüne Friesschürze. Sein eines Auge, das viel grösser aussah als das andere,
hatte einen weissen Fleck, und dieser weisse Fleck bohrte sich immer auf den, mit
dem er sprach. Dazu storres schwarzes Haar; alles hässlich und unheimlich.
    »He, Freund«, sagte Bamme, dem die Lust vergangen war, das Wort »Sottmeier«
zu wiederholen, »he, Freund, wie heisst eure Ausspannung?«
    »Der letzte Heller.«
    »Das ist gut. Gefällt mir. Man hört ordentlich, wie er springt. Und hier
nebenan der Torweg mit dem Kruzifix und den zwei Nonnen, wie heisst der?«
    »Auch der letzte Heller.«
    »Wetter, das gefällt mir nicht; dieser ewige letzte Heller, als ob es sonst
nichts in der Welt gäbe. Das schmeckt ja wie Miserere. Grell, wo will das
hinaus? Mit dem Galgenberg haben wir angefangen, und mit dem letzten Heller
hören wir auf. Zweimal der letzte Heller, auf Ehre, das ist zuviel.«
    Grell lachte. »Wir müssen es uns auf das Beste hin ansehen, Herr General. Es
ist eigentlich eine Feinheit, diese zwei letzten Heller so dicht nebeneinander
wie Himmel und Hölle. War es doch immer so. Der eine liess sein Letztes bei der
Kirche, der andere bei der Kneipe. Es stammt alles noch aus den katolischen
Zeiten her. Aber ich glaube nicht, dass es viel besser geworden ist.«
    »Ich auch nicht«, sagte Bamme, und damit schritt er auf die drei Stufen zu,
die vom Torweg aus nach der Gaststube hinaufführten. Grell und Hirschfeldt
folgten. Einen Augenblick später trat auch Berndt ein, der, nach längerem
Umhertappen in dem dunklen Stall, Krist auf einer Futterkiste total verschlafen
vorgefunden und nicht ohne Mühe zum Anspannen seiner Ponies veranlasst hatte.
    In der Gaststube sassen einige Sottmeiers beim Dreikart. Bamme war nicht in
der Laune, sich populär zu machen; er suchte deshalb ein anderes,
dahintergelegenes Zimmer auf, in welchem er ein grosses Billard vorfand, halb
zerrissen, aber die Fetzen mit einer Stopfnadel notdürftig wieder
zusammengenäht. Darüber hing eine blakende Lampe. »Sieht sie nicht aus, als wäre
sie draussen den Nonnen fortgenommen«, sagte er zu Grell und setzte dann, zu dem
Hausknecht sich wendend, hinzu: »Noch ein Licht.«
    Dieser brachte zwei und wollte, da kein Tisch da war, das eine auf den
Queueständer, das andere auf das Brettchen eines neben dem Ofen stehenden
hochbeinigen Kinderstuhles setzen, Bamme befahl aber: »Nicht da; hierher, rechts
und links neben die Karoline!« und liess die Lichter mitten auf das Billard
stellen.
    Als dies geschehen und die »grüne Friesschürze« wieder verschwunden war,
sagte der Alte: »Ich wette, er hat nicht eingeklinkt; riegeln wir zu; besser ist
besser. Wer die Menschen kennt, misstraut ihnen. Es riecht hier überhaupt nach
Spelunke, und wo es nach Spelunke riecht, da riecht es auch nach Verrat.«
    Grell schob den Riegel vor und stellte sich dann wieder neben Bamme, der mit
immer komischer werdender Feierlichkeit fortfuhr:
    »Eh wir in den Wagen steigen, meine Herren, will ich die Dispositionen für
morgen auf den Tisch zeichnen. Ein Stück Kreide, Hirschfeldt. Alle grossen
Schlachten sind mit drei Linien gewonnen worden. Und diese drei Linien hab ich
auch für morgen in petto.«
    Hirschfeldt hatte mittlerweile den alten Queueständer durchsucht und ein
Stück Kreide gefunden. Er gab es an Bamme, der sofort einen Kreis auf das
Billardtuch malte und diesen Kreis durch einen dicken Flussstrich in links und
rechts halbierte.
    »Hier rechts«, hob er an, »die Dammvorstadt ist Tschernitscheffs Sache; hol
ihn der Teufel, wenn er uns im Stiche lässt. Was wir zu tun haben, liegt links,
hier an den drei Toren.«
    Und nun begann er jedes der drei Tore durch einen kurzen Doppelstrich zu
bezeichnen, den er quer durch die Peripherie des Kreises zog.
    Dann fuhr er mit steigendem Eifer fort: »Um ein Uhr halten wir am Spitzkrug
und marschieren auf drei Strassen gegen die drei Tore. Das ist das Vorspiel. Und
nun das Stück selber. Wir nehmen die drei Tore, gleichviel, mit List oder
Gewalt, und dringen in drei Strahlen auf den Kirchplatz vor. Da haben wir die
drei strategischen Linien. Kirchplatz ist Rendezvous. Dort entscheiden sich die
Dinge, so oder so. Hoffen wir alles, und fürchten wir nichts. Und damit basta.
Parole Zieten. Und wolle der alte Husarenvater in Gnaden mit uns sein.«
    Ein Lächeln ging über aller Züge, als sie so den alten »Husarenvater« wie
Gott und seine Heiligen angerufen sahen. Aber Bamme bemerkte nichts. Er öffnete
nur das Fenster, nahm eine Handvoll Schnee und wusch damit seinen dreilinigen
Angriffsplan wieder weg.
    Draussen hielten jetzt die Ponies. Krist knipste mit der Peitsche, und der
storrige Hausknecht, der mittlerweile seine Friesschürze zu einem Dreieck
zusammengesteckt hatte, drängte sich an Bamme, um ihm beim Aufsteigen behilflich
zu sein.
    »Verkehren Franzosen hier?« fragte dieser.
    »Nicht viel.«
    »Nette Leute?«
    »Na, soso. Wer sie gerade leiden kann. Nicht schlimmer als unsere.«
    Während dieses Gespräches hatte sich alles zurechtgerückt, und der Wagen
fuhr langsam hügelan und auf den Spitzkrug zu.
    »Galgengesicht, dieser Kerl«, sagte Bamme. »Vergessener Rest von der Familie
Sottmeier; irgendein Wende, der nach hinten und vorne zugleich sieht. Ein
Schielkönig comme il faut. Hol ihn der Teufel. Ich wette, dass er gehorcht hat.«
    »Nicht doch«, sagte Vitzewitz und lachte. »Es ist ein Dolgeliner. Sein Vater
ist Schmied. Es flog ihm ein Funken ins Auge.«
    Und damit ging es in raschem Trab ins Bruch hinein und auf Hohen-Vietz zu,
das sie bei guter Zeit erreichten.
 
                              Sechzehntes Kapitel
                                 Wen trifft es?
Um die achte Stunde - Berndt und seine Hohen-Vietzer Gäste waren noch nicht
zurück - sassen Renate, Tubal und Lewin in dem uns wohlbekannten Eckzimmer.
Seidentopf, der zugesagt hatte zu kommen, war ausgeblieben; Lewin schien
zerstreut; Tubal, befangener noch als am Tage seiner Ankunft, vermied es, dem
Auge Renatens zu begegnen. So scheiterten alle Bemühungen dieser letzteren, das
sich hinschleppende Gespräch in einen etwas lebhafteren Gang zu bringen, und
jeder, wenn ein Wagen vorüberfuhr, atmete auf, in der Hoffnung, dass es die
Ponies sein möchten.
    »Wo sie nur bleiben?« sagte jetzt Renate. »Den ganzen Tag über bin ich ein
Gefühl der Sorge nicht losgeworden; ich hatt es in der Kirche schon und dann,
als ich bemerkte, dass ihr ein geschlossen waret, du und Marie. Ich sagt es auch
der Schorlemmer. Willst du glauben, Tubal, dass ich mich an Mariens Stelle
geängstigt hätte. Die Mittagsstunde hat ihren Spuk so gut wie Mitternacht.«
    Tubal, den jedes Wort traf, bückte sich, um ein paar Tannäpfel in den Kamin
zu werfen, und sagte verlegen vor sich hin: »Die Zeit verging uns rasch. Wir
haben die Grabsteine gelesen.«
    »Die Grabsteine«, wiederholte Renate. »Das hätte mir den Mut auch nicht
gehoben. Aber Marie, glaub ich, setzte sich in den Majorsstuhl und vergässe seine
Schrecken, vorausgesetzt, dass es sein müsste. Denn im Grunde hat sie das Grauen
so gut wie ich, sie hat nur mehr Kraft, ihre Furcht zu bezwingen.«
    Die Pendule schlug jetzt acht, und Renatens Besorgnisse wurden immer grösser.
»Haltet ihr es für möglich«, sagte sie, während sie sich erhob und voll Unruhe
auf das Fenster zuschritt, »dass die Franzosen von unserem Vorhaben erfahren
haben können? Unser Landsturm ist seit drei Tagen auf allen Strassen, und es gibt
immer feile Kreaturen, die für Lohn oder Vorteil den Spion machen.«
    »Gewiss«, sagte Lewin. »Aber diese Spione können nicht mehr verraten, als sie
selber wissen. Und was sie wissen, das wissen die Franzosen auch. Es ist einfach
das, dass sich ein Wetter gegen sie zusammenzieht. Nicht bloss hier, überall.«
    »Und nun dieser Drosselsteinsche Brief«, fuhr Renate fort, die nur mit
halbem Ohre zugehört hatte, »ich glaube nicht, dass er viel Gutes bringt. Es ist
mir, als läs ich ihn Zeile für Zeile. Absage, Zweifel, irgend etwas...«
    In diesem Augenblicke fuhr der mit soviel Spannung erwartete Wagen über das
Pflaster des Hofes und hielt. »Da sind sie!« riefen alle, und ehe Renate Zeit
gefunden hatte, die bis dahin im Hintergrunde des Zimmers stehende Astrallampe
vor das Sofa zu stellen, traten unsere Frankfurter Reisenden bereits ein. Die
Schorlemmer und Jeetze folgten. Fragen über Fragen. Abendbrot wurde refüsiert,
nur Tee befohlen, und weil alle mehr oder weniger ausgefroren waren, kam man
überein, statt am Sofatisch, um den Kamin her Platz zu nehmen. Der Tagesbericht
sollte chronologisch gegeben werden, kam aber nicht weit, da sich, als des über
Hohen-Ziesar genommenen Umweges gedacht wurde, Lewin und Renate sofort des
Drosselsteinschen Briefes entsannen, der in der Freude des Wiedersehens
vergessen worden war.
    Berndt erbrach den Brief und las: »Nur wenige Worte, mein teurer Vitzewitz.
Eben komme ich von jenseits der Oder zurück und erfahre, dass Sie mit dem General
und zwei anderen Herren hier waren, um mich für Frankfurt abzuholen. Ich war,
wie Sie gewiss vermutet haben werden, inzwischen ein zweites Mal bei
Tschernitscheff, den ich bereits auf dem Marsche traf. Er rückt heute noch bis
auf zwei Meilen gegen Frankfurt vor. Seine Gesinnungen sind unverändert die
besten. Er teilte mir zum Schlusse mit, dass er an seinen unmittelbaren Chef, den
Corpskommandanten Fürsten Wittgenstein, berichtet habe und spätestens bis morgen
mittag der Guteissung der von ihm getanen beziehungsweise noch zu tuenden
Schritte entgegensähe. Tout à vous, Drosselstein.«
    Ein jeder empfand die Zweideutigkeit dieser Tschernitscheffschen Zusage, die
nötigenfalls auch Rückzug bedeuten konnte, keiner aber gab dieser Empfindung
Ausdruck, am wenigsten Bamme, der, um der schlechten Stimmung ein Ende zu
machen, von allem Möglichen und Unmöglichen, von Otegraven und den Sottmeiers,
von den beiden »letzten Hellern«, dem himmlischen und dem höllischen, und
schliesslich auch von den zwei Nonnen »mit der blakenden Ewigen Lampe« zu
perorieren begann. Zuletzt verschwor er sich, dass es ein gut geplantes
Unternehmen sei, vor allem klar in der Anlage; drei Linien, konzentrisch auf
einen Punkt gerichtet, garantierten den Erfolg. Die Russen seien gute Kameraden.
Hierbei warf er einen Blick auf Vitzewitz, um zu sehen, ob dieser es ernstaft
oder ironisch auffassen würde. Ja, sie seien gute Kameraden, müssten es sein, und
es werde glücken. Wenn es aber nicht glücke, so sei die Welt keinen Schuss Pulver
wert, einschliesslich der ganzen göttlichen Gerechtigkeit, über die er ohnehin so
seine Gedanken habe.
    Alles sah verlegen vor sich hin, und die Schorlemmer flüsterte Renaten zu:
»Wo will das hinaus?«; Bamme selbst aber, immer neue Löffel voll Baseler
Kirschwasser in die längst geleerte Teetasse giessend, begann jetzt in seinem
Ärger über Tschernitscheff - gegen den er klugheitshalber nichts sagen durfte -
die Schalen seines Zornes auf den »Tout-à-vous-Drosselstein« auszuschütten, der
sich mindestens zweierlei hätte sparen können: erstens den erneuten Besuch im
russischen Hauptquartier und zweitens diesen Brief. Aber er gehöre ganz und gar
zu den vornehmen Herren, die, weil sie nichts Besseres zu tun hätten, immer
zwischen artigen Besuchen und artigen Briefen hin und her pendelten. Und das
hiesse dann Lebensart und Diplomatie.
    Nach diesem Trumpfe - denn er hielt es mit »guten Abgängen« - erhob er sich
plötzlich, wünschte gute Nacht und ging in sein Zimmer hinüber. Berndt folgte
seinem Beispiele, bald auch die andern, und ehe zehn Uhr heran war, war alles
still und dunkel im Haus.
Nur in den Hinterzimmern des Oberstocks brannte noch Licht. Hier hatten sich's
die Freunde bequem gemacht und genossen des Behagens, den eben beschlossenen Tag
noch einmal durchzuplaudern. Auch des kommenden wurde dabei gedacht.
    Tubal und Hirschfeldt, wie seinerzeit erzählt, waren Schlafkameraden. Ihr
Zimmer lag mehr der Treppe zu, jener mittleren Stube gegenüber, in der die drei
jungen Mädchen an dem »Einbruchsabend« in eine so tödliche Angst versetzt worden
waren. Schon an einem der voraufgegangenen Tage hatte man des kleinen Abenteuers
samt des Nachspiels mit Hoppenmarieken eingehender gedacht; heute kam man darauf
zurück, und Tubal sagte plötzlich: »Und nun, Hirschfeldt, mit einem Sprunge, der
von Hoppenmarieken aus eigentlich kein Sprung mehr ist, wie gefällt Ihnen Bamme?
Sie sind heute den ganzen Tag über mit ihm zusammengewesen. Aber auch vor einer
Stunde noch, unten am Kamine; hörten Sie's wohl? er mokierte sich über
Drosselstein und glaubte es zu dürfen. Und was ist es am Ende? Diogenes in der
Tonne, der sich über Alexander ärgert. Ein bisschen Zynismus, ein bisschen
Schabernack. Ich lasse das Preussentum gelten, aber dies säbelbeinige Märkertum,
das sich am liebsten in einen Husaren verkleidet, jeden Augenblick den alten
Zieten spielen möchte und nichts von ihm hat als die Hässlichkeit, das ist mir
verhasst. Ja, die Hässlichkeit. Sehen Sie sich diesen Mann an, der für einen Typus
dieser Gegenden gelten kann, und dann beantworten Sie mir die Frage, ob sich in
der ganzen Gotteswelt, wenn Sie Kirgisen und Kalmücken ausser Spiel lassen, etwas
Ähnliches findet wie dieser Typus Bamme?«
    »Vielleicht nicht«, antwortete Hirschfeldt. »Aber ich kann mich darüber
nicht entrüsten. Der Typus Bamme, wie vieles an ihm auszusetzen sein mag, ist
wenigstens ehrlich. Und je mehr in diesem Lande geheuchelt wird, vielleicht auch
um seiner Entstehung und Geschichte willen geheuchelt werden muss, desto
wohltuender berühren mich Einzelfiguren, die, wenn Sie mir den Ausdruck zugute
halten wollen, durch En-detail-Ehrlichkeit die nationale En-gros-Schuld zu
tilgen trachten. Bewusst oder unbewusst ist gleichgiltig.«
    Tubal hatte sich in seinem Bette aufgerichtet und sah verwundert zu dem
Sprecher hinüber. Es war ihm, als ob er Bninski gehört hätte. Hirschfeldt aber,
während er die Lichtschnuppe mit seinem Finger wegknipste, fuhr in demselben
Gleichmutstone fort: »Es verwundert Sie, Ladalinski, mich so sprechen zu hören.
Mich, einen Altpreussen. Aber es erklärt sich leicht. Ich war lange draussen, und
draussen lernt es sich. Jeder, der zurückkommt, wird durch nichts so sehr
überrascht als durch den naiven Glauben, den er hier überall vorfindet, dass im
Lande Preussen alles am besten sei. Das Grosse und das Kleine, das Ganze und das
Einzelne. Am besten, sag ich, und vor allem auch am ehrlichsten. Und doch liegt
unser schwacher und schwächster Punkt gerade nach dieser Seite hin. Welche
Politik, die wir seit zwanzig Jahren gemacht! Lug und Trug, und wir mussten daran
zugrunde gehen. Denn gleichviel, Staat oder Person, wer wankt und schwankt, wer
unzuverlässig und unstet ist, wer Gelöbnisse bricht, mit einem Worte, wer nicht
Treue hält, der ist des Todes. Und nun Gott befohlen. Löschen wir das Licht und
schlafen wir. Morgen sind wir schlechter gebettet.«
    Er löschte das Licht und sah Altes und Neues an sich vorüberziehen. Aber
eines sah er nicht: wie seine letzten Worte das Herz seines Schlafkameraden
getroffen hatten.
In dem Zimmer nebenan plauderten Lewin und Grell.
    »Morgen um diese Zeit sind wir auf dem Marsch«, sagte Lewin. »Ist Ihnen
leicht ums Herz?«
    »Nein«, antwortete Grell. »Ich war nie im Feuer und bin deshalb in Furcht,
vielleicht Furcht zu zeigen. Auch ist es ein eigen Ding mit den Vorahnungen.«
    »Glauben Sie daran?«
    »Ja«, bemerkte Grell. »Nicht jeder hat sie; aber wir haben es von der Mutter
her. Im Schleswigschen ist es häufig.«
    Eine kurze Pause folgte. Dann sagte Lewin: »Ich mag nicht in Sie dringen,
Grell, über Dinge zu sprechen, von denen Sie vielleicht lieber schweigen. Aber
eines möcht ich doch sagen dürfen: ich habe den Eindruck, als ob Sie das, was
wir vorhaben, um einen Grad ernstafter nehmen, als es genommen sein will. Es
ist ein Coup, der entweder glückt oder nicht glückt; das ist alles. Überraschen
wir den Feind, so gibt er sich gefangen, überraschen wir ihn nicht oder lassen
uns die Russen im Stich, so ziehen wir uns zurück; aber im einen wie im anderen
Falle, nennenswerte Verluste werden schwerlich zu verzeichnen sein. Der Feind
ist eben eingeschüchtert und wird sich, selbst wenn er unsern Angriff siegreich
abschlägt, auf blosse Defensive beschränken müssen.«
    Grell lächelte. »Möglich, dass Sie recht haben, Vitzewitz. Jedenfalls wünsch
ich es. Aber Sie kennen die Frühjahrsgewitter: ein Blitz aus heiterem Himmel,
und dann ist es wieder vorbei. Ein Schlag nur, aber er fordert jedesmal sein
Opfer. Und wer will sagen, wer gefordert wird oder wen es trifft.«
    Beide schwiegen und hingen ernsten Gedanken nach. Dann sagte Lewin, der dem
Gespräch eine andere Wendung zu geben trachtete: »Haben Sie Kleists Grabmal
besucht? Es wirkt etwas zopfig mit seinem Schmetterling und seiner Inschrift in
drei Sprachen, und doch hab ich immer einen tiefen Eindruck davon empfangen.«
    »Ja«, bestätigte Grell. »Aber der Eindruck, den ich vorher von dem
Herzog-Leopold-Denkmal empfing, war tiefer.«
    »Und weshalb?«
    »Weil es mir noch deutlicher und entschiedener meinen Lieblingssatz
predigte, dass es erst der Tod ist, der uns unser eigentliches Leben gibt. Auch
hienieden schon. Wer würde von dem armen Herzoge noch wissen, wenn er sein Leben
einfach ausgelebt hätte bis auf den letzten Tag. Er unterbrach aber den Gang
seiner Stunden und opferte sich; und nun lebt er fort, weil er zu sterben
verstand.«
    »Es ist unser Tun, nicht unser Tod, was uns ein schöneres Leben sichert.«
    »Aber doppelt gesichert ist es uns, wenn es ein Tun im Tode ist.«
 
                              Siebzehntes Kapitel
                                   Die Revue
Und nun kam der Tag, an dem es sich entscheiden sollte.
    Schon in aller Frühe war der alte General ausser Bett gewesen, hatte nach
Jeetze geklingelt und Hirschfeldt rufen lassen, der dann auch sofort erschienen
und eine halbe Stunde später abgeritten war, um die ordre du jour an alle im
halbmeiligen Umkreise stehenden Bataillone zu überbringen. Diese ordre du jour
ging dahin, dass eben diese Bataillone Punkt zwölf behufs abzuhaltender Revue in
unmittelbarer Nähe von Hohen-Vietz eintreffen, gleich nach der Revue in eben
diesem Dorfe Alarmquartiere beziehen und neun Uhr abends zum Abmarsche gegen
Frankfurt bereitstehen sollten.
    Mit Abfassung dieser Ordres hatte sich Bamme während seiner schlaflosen
Stunden beschäftigt. Jetzt erst, wo Hirschfeldt unterwegs war, wurde der Alte
ruhiger; es gab nun kein Zurück mehr, oder um ihn selber sprechen zu lassen,
»die Zettel waren gedruckt, und das Stück musste wohl oder übel gespielt werden«.
    Er hatte seine Ruhe wieder, aber freilich nicht sein Behagen. Denn so gross
sein Selbstbewusstsein war, so gross war auch, selbst unter gewöhnlichen
Verhältnissen, seine Selbsterkenntnis. Und nun gar heute! Er fühlte sich der ihm
zugefallenen Aufgabe nicht recht gewachsen und gestand sich unverhohlen, dass er
alles, was er an Gaben besass, nicht recht brauchen und alles, was er nicht
besass, in der Eile weder beschaffen noch durch Eifer und guten Willen ersetzen
konnte.
    Zur Abhaltung der Revue war ein grosses Brachfeld ausgewählt worden, das
zwischen dem Fichtenwäldchen und der Chaussee lag, dicht neben dem Pflugacker,
über den hin, am dritten oder vierten Weihnachtstage, die von ihrem
Kirch-Göritzer Besuche heimkehrenden Freunde ihren Wettlauf zur Rettung
Hoppenmariekens gemacht hatten. Aber bis zwölf Uhr war noch eine lange Zeit, und
jeder suchte sie zu kürzen. Tubal und Lewin fuhren nach Reitwein hinüber, um
sich ein Grabmonument anzusehen, das daselbst aufgestellt werden sollte, der
alte Vitzewitz traf »auf alle Fälle hin« einige Anordnungen, und Grell ging in
die Pfarre; so schien es in der Tat, als ob Bamme, der allein blieb, die ganze
Pein des Abwartens und Stundenzählens am vollsten und ausschliesslichsten
durchkosten solle. Aber Kniehase half ihm aus der Verlegenheit, ihm meldend, dass
von den Nachbargütern her einige Reitpferde zur Auswahl für den »Herrn General
und seinen Adjutanten« gestellt worden seien. Sie ständen am Spritzenhause,
zwischen dem Krug und dem Schulzenhof.
    Unter diesen Pferden war auch eine Fuchsstute, die Drosselstein geschickt
hatte, ein schönes Tier, beinahe brandrot, das dem Alten ausserordentlich gefiel.
Dennoch war er in Zweifel, ob er sich dafür entscheiden sollte.
    »Die Fuchsstute gefällt mir«, sagte er, »aber es hat sein Missliches damit.
Eigentlich halt ich es mit meinem kleinen Isabellfarbenen, den Sie ja kennen;
wir haben dasselbe Mass und passen zusammen. Was meinen Sie, Kniehase, nehm ich
den Shetländer, oder nehm ich die Fuchsstute?«
    »Mit Permission, Herr General«, sagte Kniehase, »wenn der Herr General mich
fragen, der kleine Shetländer geht nicht. Ein General muss hoch sitzen, höher als
alle anderen; man muss ihn sehen können wie die Fahne. Dies hier ist das
Generalspferd!« und damit gab er der Fuchsstute einen Schlag auf die Kruppe.
    »Gut, Kniehase, Sie sind ein verständiger Mann. Also die Fuchsstute für
mich. Und festgesattelt und die Steigbügel hochgeschnallt, dass sie nicht bloss so
nebenher läuten. Und nun noch eins, Kniehase; muss ich zu den Leuten sprechen,
muss ich ihnen eine Rede halten?«
    »Ja, Herr General, das müssen Sie schon, das geht nicht anders. Und immer
scharf ins Gewissen, das haben sie gern, und die Alten sagen dann: Der
versteht's. Und wer's versteht, dem gehorchen sie und dem folgen sie, und wenn's
ihnen auch an Kopf und Kragen ginge. So kenn ich unsere Leute, gut Beispiel ist
alles, gut Beispiel und Mut.«
    Bamme nickte.
    »Und, Herr General«, fuhr Kniehase fort, »eines wollt ich mit Permission
noch gefragt haben: Wollen der Herr General nicht eine Uniform anlegen? Es ist
immer gut, so zweierlei Tuch.«
    »Nein, Kniehase, Uniform und Uniform ist ein Unterschied. Ein alter
Husarenrock ist nur gut unter seinesgleichen, jeder drückt dann ein Auge zu.
Aber allein ist er gefährlich und hat dann so seine Beinamen. Mantel und
Pelzmütze, das muss ausreichen, und meine Karbatsche hier.« Und dabei fuchtelte
er mit einem dicken Fischbein, das ihm je nach Bedürfnis als Stock und Gerte
diente, in der Luft umher.
    Während dieser Worte war die Fuchsstute beiseite geführt worden, mit ihr
auch ein schöner Grauschimmel, den man als Reservepferd für Hirschfeldt
ausgesucht hatte. So vergingen einige Minuten, dann sagte Bamme, der mit dem
Schulzen auf und ab geschritten war: »Wie spät ist es, Kniehase?«
    »Halb zwölf.«
    »Da haben wir noch eine halbe Stunde; wo bleib ich so lange?«
    »Der Herr Pastor steht am Fenster. Wollen der Herr General nicht bei ihm
eintreten?«
    »Nein, Kniehase, mir ist nicht nach Seidentopf. Und die Totentöpfe hab ich
gestern erst gesehen. Es ist Schlackerwetter, und drüben ist ja der Krug; wem
gehört er doch?«
    »Den Scharwenkas.«
    »Richtig, den Scharwenkas, böhmische Kolonisten.«
    »Ja, Herr General; aber alle Stuben sind voll, von wegen der Revue, Bauern
und Knechte. Wenn der Herr General mit in den Schulzenhof kommen wollten?«
    »Gewiss, Kniehase, mir sehr willkommen. Habe bei den Vitzewitzes allerlei
gehört. Sollen eine schöne Tochter haben, einen wahren Ausbund.«
    »Pflegetochter, Herr General.«
    »Macht mir keinen Unterschied. Die alte herrnhutsche Klucke drüben, die aus
Furcht vor mir immer drei Sprüche auf der Zunge hat, hat uns gestern von dem
Töchterchen erzählt, so was von Hühnerhof und Schwanenei. Ich gebe nicht viel
auf altes Weibergeschwätz, aber ich bin doch neugierig, das Mirakel, das junge
Schwänchen, kennenzulernen.«
    Damit hatten sie den Schulzenhof erreicht und traten nach links hin ein, wo
Marie, die das Vorführen und Aussuchen der schönen Pferde mit vielem Interesse
beobachtet hatte, am Fenster sass. Sie stand jetzt auf, um das Zimmer zu
verlassen; der alte General aber, während er sie mit listigen Augen musterte,
sagte: »Bitte, bleiben Sie, Sie sollen mit mir zufrieden sein.«
    Und Marie blieb. Bamme nahm einen Stuhl und bemerkte zu dem Schulzen:
»Bitte, Kniehase, sagen Sie dem Rittmeister, dass er mich draussen auf der
Chaussee erwartet. Ich will von hier aus reiten, und lassen Sie der Stute
draussen noch eine Decke auflegen; sie kommt von Drosselstein, wird also wohl
verwöhnt sein. Ihr Töchterchen erzählt mir unterdessen alte Geschichten. Alte
Geschichten, die Sie schon kennen.«
    Kniehase ging.
    Marie, die nicht das Beste von dem Alten wusste, blieb ziemlich ruhig,
ruhiger als gestern in der Kirche. Sie hörte bald heraus, dass er es gut mit ihr
meinte und dass Teilnahme und selbst Respekt aus seinen Worten sprachen.
    »Ich bin ein alter Mann«, begann er, »und plaudere gern. Am liebsten aber
hab ich Menschen, die anders sind als andere. Und dabei bin ich neugierig wie
eine Nachtigall. Da müssen Sie mir denn schon ein paar Fragen zugute halten.
Nicht wahr, Sie sind kein Hohen-Vietzer Kind, nicht aus dem Bruch?«
    »Nein, ich bin aus dem Sächsischen«, sagte Marie.
    »Ah, aus Sachsen«, fuhr Bamme fort. »Ich dacht es beinah, es hat was auf
sich mit dem alten Reim. Und Sie verloren Ihre Eltern früh?«
    »Ja, meine Mutter hab ich kaum gekannt. Dann zog ich mit meinem Vater über
Land; aber er kränkelte viel.«
    »Sie zogen mit ihm, wie darf ich das verstehen?«
    »Wir zogen umher und gaben Vorstellungen: Tanz und Deklamation und Zauberei.
Erst in kleinen Städten, dann in Dörfern; und hier starb er. Er hat sein Grab
oben auf dem Kirchhof, und der alte Jeserich Kubalke, unser Küster und der Vater
von der hübschen Maline, hat ihm eine Grabschrift geschrieben.«
    »Und wie kam es dann?«
    »Ich weinte herzlich, nicht um meiner Not willen, denn ich hatte nicht das
Gefühl davon, aber weil ich ihn so sehr geliebt hatte. Noch jetzt häng ich an
ihm und träume von ihm. Sie sehen mich an, Herr General, so freundlich, wie ich
nicht gedacht hätte, dass Sie jemanden ansehen könnten. Und das gibt mir einen
Mut, von meinem Vater zu sprechen. Ach, die verachteten Menschen, wenn sie gut
sind, sind es die besten. Ich habe früh erfahren, wie wenig der Schein bedeutet.
Und wie müssen erst unsere Herzen vor Gott liegen, der alles sieht und alles
weiss!«
    Sie hatte das mit tiefer Bewegung gesprochen; jetzt schwieg sie und sah ein
nervöses Zucken um den Mund des Alten, der seinerseits die Frage wiederholte:
    »Und wie kam es dann?«
    »Es kam dann, was Sie jetzt sehen; die Kniehases nahmen mich in den
Schulzenhof hinüber. Es war vor Weihnachten, und er baute mich seiner Frau auf,
und ich war ihre Puppe. Ich hatt es gut, zu gut, aber da war die verstorbene
gnädige Frau, die sah es, und als sie gewahr wurde, dass ich wild aufwuchs und zu
sehr meinen Willen hatte, da sorgte sie für das Rechte. Oder, wenn's nicht das
Rechte war, doch für das, was sie für das Rechte hielt. Sie nahm mich in das
Herrenhaus, und da wurden wir zusammen erzogen, Renate und ich, ich meine das
Fräulein und ich. Wir waren in gleichem Alter und immer miteinander.«
    »Und mit Lewin?« fragte Bamme, den wieder die Lust zu necken anwandelte.
    »Ja, auch mit Lewin, bis er in die Stadt kam. Aber wir sind gute Kameraden
geblieben.«
    »Und bleiben es auch wohl?«
    »Ich hoff es.«
    Bei dieser Wendung des Gesprächs war Kniehase wieder eingetreten, um zu
melden, dass es Zeit sei; drei von den Bataillonen seien schon auf dem Rendezvous
am Wäldchen eingetroffen, und das vierte würde sofort antreten. Das war eine
willkommene Nachricht. Der alte General empfahl sich, wickelte sich draussen auf
dem Flur in seinen Husarenmantel und schwor ein Mal über das andere, während er
mit unsicherer Hand an seinen Kragenösen herumnestelte, dass er sechs
Pflegetöchter ins Haus nehmen wolle, wenn nur eine so geriete wie diese kleine
Fee. Denn eine Fee sei sie, trotzdem die richtigen Feen blaue Augen haben
müssten. Und darnach hob er sich in den Sattel, rückte sich zurecht und warf der
am Fenster stehenden Marie Kusshändchen zu, aber mehr freundlich als geckenhaft.
Und gleich darauf ritt er ab. Ein sonderbares Bild, der kleine Mann auf dem
hohen brandroten Pferde, in Mantel und Pelzmütze und die Steigbügel
hochgeschnallt.
    Im übrigen war alles, wie Schulze Kniehase gesagt hatte, und als Bamme jetzt
in Nähe des zur Revue bestimmten Blachfeldes eintraf, sah er, dass drei der
Bataillone bereits regelrecht aufmarschiert waren. Sie standen hufeisenförmig
oder in einem Carré, dessen vordere Seite geöffnet war. In diesem Augenblicke
meldeten Drosselstein und Vitzewitz, dass auch Bataillon Lebus im Anmarsch sei.
Dasselbe rapportierte Hirschfeldt und der kleine Mann wuchs ordentlich auf
seinem hohen Pferde, als er sich von den verschiedensten Seiten her so begrüsst
und zum Mittelpunkt aller dienstlichen Meldungen gemacht sah.
    Diese Meldungen waren kaum beendet, als man auch schon vom Dorfe her
Trommelschlag hörte und zwischen den Pappeln hin einer lang heranziehenden
Kolonne gewahr wurde. Es waren unsre Lebuser. Sie marschierten in Abständen von
hundertundfünfzig Schritt. Und jetzt waren die Vordersten deutlich erkennbar
geworden: Compagnie Lietzen-Dolgelin. Ein Alter mit einer Fahne, deren Stock in
einem breiten Gurt steckte, schritt rüstig voran, trotzdem sein rechter Fuss
etwas kürzer war als der linke.
    »Wer ist der Alte?« fragte Bamme den neben ihm haltenden Vitzewitz.
    »Rentamtmann Mollhausen von Lietzen. Hat noch unter Markgraf Karl gedient.
Bei Kunersdorf Schuss durch die Hüfte.«
    »So, so. Und die Fahne, die der Alte führt? Rot und weiss. Hab ich all mein
Lebtag nicht gesehen.«
    »Das ist die Komtureifahne mit dem achtspitzigen Johanniterkreuz. Lietzen
war Ordensgut.«
    Unter diesem Gespräche war »Lietzen-Dolgelin« bis dicht herangekommen und
schwenkte rechts, um an den einen Flügel des offenen Carrés zu rücken. Dadurch
wurde die zunächst kommende Compagnie sichtbar. Es war die von Hohen-Ziesar. Sie
hatte die meiste Musik: zwei Trommler und zwei Pfeifer, und die ganze vorderste
Sektion bestand aus lauter berittenen Mannschaften: Verwalter und Meyer von den
verschiedenen Gütern und Vorwerken des Grafen. Dieser selbst, als er seine Leute
herankommen sah, setzte sich an ihre Front und führte sie, die Degenspitze
neigend, an dem alten Bamme vorüber.
    Jetzt kam Compagnie Hohen-Vietz. Sie hatte das meiste Ansehen und wurde von
den anderen wie eine alte vornehme Familie behandelt. Das machte, weil sie die
historische war. Die Lietzner Komtureifahne mit dem achtspitzigen Kreuz wollte
nicht viel besagen, denn ihr Fahnentuch war neu, keine dreissig Jahre alt;
Compagnie Hohen-Vietz aber hatte noch das siegreiche Kirchenbanner aus den
Hussitentagen her und vor allem die grosse Schwedentrommel, von der jedes Kind in
den Bruchdörfern wusste und die jetzt dumpf und eintönig ihren Marsch wirbelte.
Es war der Schmied, der sie trug, an einem breiten, mit Muscheln besetzten
Lederbande, nicht viel schmäler als der Ledergurt eines Schlittengeläuts. Die
Trommelwandung war blau, und der krause Mohrenkopf, der sich in gelbem Schilde
auf eben dieser Wandung befand, war durch Seidentopf als der Kopf der Königin
Christine festgestellt worden.
    Und nun kam Compagnie Protzhagen, Hauptmann von Rutze am rechten Flügel und
statt des Trommelschlägers einen Hornisten in der Front. Dieser, ein dicker,
kurzhalsiger Mann und seines Zeichens Protzhagener Kuhhirt, steckte wie verloren
in den Windungen eines riesigen Horns, von dem es hiess, dass es dasselbe sei,
drin Junker Hans von Rutze vor hundertundfünfzig Jahren den Hals gebrochen habe.
Es gab nur zwei Töne von sich, einen tiefen und einen hohen, von denen der tiefe
zum Angriffs- und der hohe zum Rückzugssignal bestimmt worden war. Die Compagnie
selbst aber, nach wie vor die beste, war in all ihren Gliedern mit Piken
bewaffnet, eingedenk der historischen Tatsache, dass Eusebius von Rutze in der
grossen Schlacht bei Budapest mit einer Pikeniercompagnie das türkische Zentrum
durchbrochen hatte. Daraufhin hatte sein Urenkel, unser Hauptmann, allem
Dreinreden einzelner zum Trotz, auf Piken bestanden, und Bamme - selber ein
Freund der blanken Waffe und des Mann gegen Mann - war ihm gern zu Willen
gewesen. Er sah jetzt schmunzelnd auf Rutze, der, das sechs Fuss lange Sponton in
beiden Händen, gravitätisch an ihm vorbeidefilierte, und wandte sich zu Berndt:
»Voilà, der Anmarsch der Protzhagener Gebirgsvölker. Sehen Sie, Vitzewitz, das
Monstrum in der blechernen Boa constrictor. Das reine Horn von Uri.«
    Und damit schwenkten auch die Rutzeschen nach rechts hin ein.
    Ihr Einschwenken, wie das der letztgenannten Compagnien überhaupt, hätte,
wenn es en ligne erfolgt wäre, das bis dahin offene Carré schliessen müssen,
dadurch aber, dass sie hintereinander, zu je zwei und zwei, am rechten und linken
Flügel des Hufeisens aufmarschierten, war zwischen ihnen eine breite Gasse frei
geblieben, durch die jetzt erst Bamme und dann alle Bataillonskommandeure, die
mit auf der Chaussee gehalten hatten, in das Carré einritten.
    Die Barnimschen Bataillone, zum Unterschiede von den Lebusischen, hatten
viele kleine Compagniefahnen mitgebracht, rote Frieslappen, in die, wie sich die
Landsturmmänner ausdrückten, der »preussische Kuckuck« eingenäht worden war.
Diese Fahnen senkten sie jetzt, während zugleich alle Trommeln, grosse und
kleine, gerührt wurden. Der alte General salutierte, ritt die Fronten ab und
nahm dann seine Stellung inmitten des Carrés, von seiner Suite und mehreren der
Barnimschen Fahnenträger umgeben. Der Moment war nun da, wo gesprochen werden
musste.
    Bamme war nicht ängstlich und wusste zu reden wie jeder, dem es gleichgültig
ist, ob seine Rede gefällt oder nicht.
    »Leute!« begann er, »in Frankfurt sind funfzig Kanonen und bloss zweitausend
Franzosen. Ein paar hundert mehr oder weniger tut nichts. Wir wollen sie
überrumpeln; wollt ihr?«
    »Ja, Herr General!«
    »Gut, ich hab es nicht anders von euch erwartet. Denn was sagte der Alte
Fritz? Wenn ich Soldaten sehen will, sagte er, so seh ich das Regiment
Itzenplitz. Und das andere Mal sagte er: Wenn ich Soldaten sehen will, so seh
ich das Regiment Markgraf Karl. Ja, Leute, so sagte der Alte Fritz. Habt ihr
verstanden, was ich meine?«
    »Ja, Herr General.«
    »Regiment Itzenplitz und Regiment Markgraf Karl, wo waren sie zu Hause?«
    »Hier, Herr General.«
    »Richtig, hier in Barnim und Lebus. Kerls, sollen wir schlechter sein, als
unsere Väter waren? Sollen wir, wenn uns der Alte Fritz ansieht, die Augen
niederschlagen?«
    »Nein, nein!«
    »Es wird nicht viel kosten; die Bürger helfen und die Russen auch. Aber wo
Holz gehauen wird, fallen Späne. Ein paar von uns werden die Zeche bezahlen
müssen. Wollt ihr?«
    »Ja!«
    »Ich wusst es. Aber nun die Ohren steif. Wer ein Hundsfott ist, kriegt die
Kugel vor den Kopf. Ich bin ein spasshafter Mann, aber wenn es Ernst wird,
versteh ich keinen Spass. Und nun vorwärts! Feldgeschrei Zieten! und Losung
Hohen-Vietz! Das können sie nicht nachplappern... Und wisst ihr, wer sie holen
soll, sie und ihren Kaiser?«
    »Ja, wir.«
    »Nein, der Kuckuck soll sie holen«, und dabei wies er auf die kleinen
Compagniefahnen der neben ihm stehenden Barnimschen Fahnenträger.
    Diese schwenkten jetzt wieder ihre roten Frieslappen, alle Spielleute fielen
ein, und Bamme hatte die Genugtuung, seinen letzten Redetrumpf durch nicht enden
wollende Hurras begleitet zu sehen.
    Als sich der Lärm einigermassen wieder gelegt hatte, ritt er grüssend aus dem
Viereck auf die Chaussee zurück. Die Bataillone brachen rasch in Sektionen ab
und folgten ihm unter Trommelschlag in das Dorf.
    Auch das »Horn von Uri« klang abwechselnd mit seinem tiefen und seinem hohen
Ton dazwischen.
 
                              Achtzehntes Kapitel
                                  Der Aufbruch
Die Nachmittagsstunden vergingen rascher, als man erwartet hatte; sämtliche
Kommandeure waren zu Tisch geladen, und das Gespräch mit ihnen kürzte die Zeit.
Selbst Bamme, als er erst wahrnahm, dass es seinen Geschichten und Anekdoten,
aller pressanten Lage zum Trotz, an einem aufmerksamen und dankbaren Publikum
nicht fehlte, kam über die gefürchteten Stunden in guter Laune hinweg.
    Schon lange vor neun begannen sich die Bataillone zu sammeln und standen nun
das Dorf hinauf und hinunter: bei Miekleis Mühle die Vorhut, auf der
Strassenerweiterung zwischen dem Krug und dem Schulzenhof die beiden Barnimschen
Bataillone, vor dem Herrenhause das Bataillon Lebus. Es war ziemlich dunkel,
aber bei dem Lichterschein, der von rechts und links her auf die Gasse fiel,
liessen sich die aus Piken und Gewehren zusammengesetzten Pyramiden deutlich
erkennen. Vor den Häusern standen die Landsturmmänner im Gespräch mit den Frauen
und Mädchen, denn alles, was Waffen tragen konnte, war in Reih und Glied.
    Bamme hielt bei Miekleis Mühle neben einer Art Biwaksfeuer, das hier mitten
auf dem Fahrdamme angezündet worden war. Die Pelzmütze tief ins Gesicht gerückt,
den Husarensäbel über den grauen Mantel geschnallt, gewährte er jetzt, angeglüht
von dem Flammenschein, auf seiner hochbeinigen roten Fuchsstute einen noch
groteskeren Anblick als bei seinem Ritte zur Revue. Neben ihm hielt Hirschfeldt.
Und nun schlug es neun, und ehe noch der letzte Schlag verklungen war, hiess es:
»An die Gewehre!« Jeder, der das Kommando hörte, wusste, von wem es kam. Diese
scharfe Krähstimme hatte nur einer. Die Landsturmmänner des zunächststehenden
Bataillons gehorchten augenblicklich und mit der Präzision alter Soldaten,
während Hirschfeldt die Dorfgasse hinaufjagte, um den Befehl von Bataillon zu
Bataillon zu bringen. Dann warf Bamme die Fuchsstute links herum, nahm zwischen
zwei Holzpfeilern, die den Eingang zum Mühlengehöft bildeten, Stellung und
kommandierte: »Bataillon, marsch!«. Die Tambours schlugen an, und unter Hurra
ging es im Geschwindschritt an dem Alten vorbei, der immer, wenn ein neues
Bataillon herankam, die Pelzmütze lüpfte, um wenigstens die vordersten Rotten zu
begrüssen. Jetzt kam auch das Bataillon Lebus, das die Nachhut bildete; die
Schwedentrommel lärmte, und der Protzhagener Kuhhirt, mit dem
Junker-Hansen-Horn, blies unablässig dazwischen. Es klang wie Feuerruf.
    Vitzewitz und Drosselstein liessen im Vorbeimarsch präsentieren, und erst als
der letzte Mann ihres Nachhut-Bataillons vorüber war, gab auch Bamme seinen
Platz zwischen den zwei Pfeilern auf und folgte an der Queue der Kolonne.
    Eine halbe Stunde später war wieder alles still in der Dorfgasse, und nur
die Lichter brannten noch bis tief in die Nacht hinein; denn da war kein Haus,
dessen Insassen nicht den Zug in Furcht und Hoffnung, mit Sorgen und Gebet
begleitet hätten.
    So war es auch in der Pfarre. Hier sassen Renate und die Schorlemmer, die
gekommen waren, sich Rat und Trost zu holen. Wenigstens galt dies von Renate.
Die Schorlemmer hatte selber, was sie brauchte, und nahm ihre Zuflucht lieber zu
dem eisernen Bestand ihrer Lieder und Sprüche, die sie, nicht ganz mit Unrecht,
für heilskräftiger ansah als alles, was ihr Seidentopf bieten konnte.
    Beide (Renate wie die Schorlemmer) waren noch nicht lange zugegen, als auch
Marie vom Schulzenhofe her eintrat. Man begrüsste sich herzlich, aber es wollte
kein rechtes Gespräch aufkommen, und nachdem einige gleichgültige Worte
gewechselt waren, sahen alle schweigend vor sich hin. Immer wieder im Laufe des
Tages war versichert worden, dass es sich aller Wahrscheinlichkeit nach nur um
ein leichtes Unternehmen handle, dass die Franzosen demoralisiert seien und dass
man angesichts dieser Tatsachen einen regelrechten oder gar hartnäckigen
Widerstand kaum zu gewärtigen habe; nichtsdestoweniger hatte Hirschfeldts ernste
Miene und mehr noch Bammes inmitten aller Heiterkeit unverkennbar hervortretende
Unruhe deutlicher gesprochen als alle jene hoffnungsreichen Versicherungen. Die
Gefahr sollte geleugnet werden, aber sie war da. So hing jeder allerlei trüben
Gedanken nach, am meisten aber Marie. Für Lewin fürchtete sie nichts, es war
ihr, als ob irgendein Flammenschild ihn schützen müsse; aber Tubals gedachte sie
mit Zittern. War es eine Neigung, ihr selbst zum Trotz? Nein. Es lag nur tief in
ihrer Natur, an einen Ausgleich zu glauben, das Mysterium von Schuld und Sühne
war ihr ins Herz geschrieben, und ihre geschäftige Phantasie malte ihr dunkle
Bilder, wechselnd in der Szenerie, aber ihr Inhalt immer derselbe.
    So vergingen Minuten; das Schweigen wurde peinlich, um so peinlicher, als
auch der sanguinische Seidentopf, der seiner Natur nach immer mehr hoffte als
fürchtete, an diesem Schweigen teilnahm.
    Endlich sagte Renate: »Welchen Weg werden sie nehmen? Ich habe den Papa zu
fragen vergessen. Am Fluss hin ist es näher, aber der Höhenweg ist besser und
nicht so trist und öde.«
    »Soweit ich Bamme verstanden habe«, antwortete Seidentopf, »wollen sie bei
Reitwein oder doch spätestens bei Podelzig die Kolonne teilen und auf beiden
Strassen vorgehen, die Barnimschen unten an der Oder, unser Bataillon und die
Münchebergschen über das Plateau hin. Beim Spitzkrug treffen sie dann wieder
zusammen. Hirschfeldt hatte den Platz an der kleinen Georgenkirche
vorgeschlagen, aber Bamme bestand auf dem Spitzkrug.«
    »Das glaub ich«, sagte die Schorlemmer. »Er ist immer mehr für Krug als
Kirche. Und das ist es, was mich ängstigt und meine Hoffnung so niederdrückt.«
    Renate nahm die Hand der alten Freundin und sagte: »Ich sehe nicht ein,
warum. Weisst du doch nichts von ihm, als was die Leute sagen.«
    »Und das ist auch gerade genug. Was die Leute sagen, ist immer wahr,
trotzdem die Welt voll Lüge ist. Aber die Lüge läuft sich tot, und was dann
bleibt, das ist die Wahrheit. Hast du je gehört, dass sie von dem Grafen drüben
etwas Böses sprechen? Nein, und warum nicht? Weil er ein reines Herz hat. Es hat
ihm bloss die Erweckung gefehlt und das Licht des Glaubens. Aber was diesem
garstigen Bamme fehlt, das ist nicht mehr und nicht weniger als alles, und was
er dafür hat, das ist Qualm und Rauch. Und er raucht auch immer (aus einer
hässlichen kurzen Pfeife), und durch die ganze Stube hin liegt Asche und Fidibus
und Schwamm. Er hat uns Löcher in die Dielen gebrannt, und überall sieht es aus,
als ob, ich will nicht sagen wer, fünf Tage lang bei uns im Quartier gelegen
hätte. Was soll Gutes davon kommen? O nein, Renatchen, was wir brauchen, das ist
die Hilfe Gottes. Der muss seine Engel schicken, dass sie für uns streiten; aber
sie können nicht streiten an dieses Mannes Seite, denn das Reine verträgt sich
nicht mit dem Unreinen.«
    »Liebe Schorlemmer«, sagte Marie, »du tust ihm doch wohl unrecht, er wird
schwärzer gemalt, als er ist; das hat er mit seinem Vorbilde gemein. Er kam
heute vormittag in unser Haus und setzte sich zu mir und sprach mit mir, wohl
eine halbe Stunde lang. Ich fürchtete mich keinen Augenblick und jedenfalls ein
gut Teil weniger als vor vielen anderen, die keine Bammes sind. Er war sehr
artig und sehr teilnehmend, und ich muss sagen, ich habe nichts Hässliches aus
seinem Munde gehört. Vielleicht, dass er früher anders war. Er ist klug und kennt
die Menschen, und ich glaube, er weiss recht gut, was er sagen darf und was
nicht.«
    »Marie hat recht«, sagte Seidentopf. »Und zudem, er hat noch eine grosse
Tugend: er heuchelt nicht und macht sich nicht besser, als er ist. Im Gegenteil,
er legt sich allerhand Tollheiten zu, denn das menschliche Herz ist wunderlich
in seinen Eitelkeiten. Die meisten suchen ihren Vorteil im Tugendschein, er
gefällt sich im Schein der Sünde. Ich will nicht alles an ihm loben, aber wenn
ich die Summe seiner Fehler ziehen sollte, so würd ich sagen, er ist eitel und
gefallsüchtig und nicht fest in Grundsätzen.«
    »Nicht fest in Grundsätzen«, brauste jetzt die Schorlemmer auf. »Das nenn
ich denn doch Beschönigung. Grundsätze? Er hat überhaupt keine, und das ist das
Schlimmste. Denn wer keine Grundsätze hat, der ist wie ein Raubtier oder eine
Katze. Und wie macht es die Katze? Jetzt schnurrt und spinnt sie noch und wärmt
sich an der Ofenecke, aber im nächsten Augenblicke springt sie dem schlafenden
Kind an die Kehle. Sie hat es für eine Maus gehalten, sagen dann die Leute, die
für alles eine Entschuldigung haben. Aber ich mag nichts davon wissen. Maus hin,
Maus her, die kleine Unschuld ist tot.«
    Renate und Marie wechselten Blicke, die Schorlemmer aber, die, so gut sie
war, in ihrem Eifer oft aller Liebe vergass, fuhr immer heftiger fort: »Und mit
diesem Manne ziehen sie gegen die Mauern einer festen Stadt, als ob er ein Mann
Gottes und ein Auserwählter wäre. Er wird aber den dicken Mann von Protzhagen,
dem sie das alte Rutzenhorn um den Nacken gelegt haben, umsonst blasen lassen,
denn das alte Rutzenhorn ist keine Posaune, und Bamme, Gott weiss es, ist kein
Josua. Denn der hatte das Gesetz, das Gott dem Mose gegeben, und wich nicht zur
Rechten und nicht zur Linken. Und so blieb es in Israel, und wenn es arg wurde,
weil sie sich mit den heidnischen Völkern mischten und den heidnischen Göttern
dienten, dann weckte Gott einen Gottesmann unter ihnen, der schlug dann die
Moabiter und Amalekiter und viele andere noch. Und warum schlug er sie? Weil
sein Auserwählter dem rechten Gotte diente und die Baalstempel stürzte. Aber
dieser Bamme, der nun auszieht, um unsere Feinde zu schlagen, der ist selber ein
Heidenkind und möchte jeden Tag dem Baal Tempel und Altäre bauen. Und was ist
sein Baal? Das Spiel und der Trunk und die Fleischeslust. Und deshalb sage ich,
er wird nicht wiederkehren wie Gideon...«
    »Aber vielleicht wie Jephta«, scherzte Renate, »und ich werde ihm, wenn er
siegreich heimkehrt, mit Pauken und Zimbeln entgegenziehen.«
    Seidentopf und Marie vergassen angesichts dieses Bildes auf Augenblicke
wenigstens den Ernst ihrer Lage, Renate selbst aber, während sie die Hand der
Alten nahm, setzte beschwichtigend hinzu: »Sieh nicht so böse darein, liebe
Schorlemmer, aber es ist nicht gut, wie du sprichst. Sind wir doch hier in
schwerer Stunde beisammen, und die Liebsten, die wir haben, sind ausgezogen, um
dem Lande das Zeichen der Erhebung zu geben. Und was tust du? Du malst uns
schwarze Bilder, als ob alles untergehen müsste um dieses einen Mannes willen.
Das ist nicht recht, und ich kenne dich nicht wieder. Um eines Guten willen übt
Gott viel Gnade, so hast du mich früher gelehrt, aber er bereitet nicht um eines
Schuldigen willen hundert Unschuldigen ihr Verderben. Habe ich recht, lieber
Pastor?«
    »Ja und wieder ja«, sagte Seidentopf, »und es führt zu nichts, unsere Herzen
immer bänger und schwerer zu machen, wo wir uns aufrichten sollen. Der Eifer hat
meine alte Freundin hingerissen. Wir haben all einen Punkt, der eine diesen, der
andere jenen, wo wir, wenn wir am gerechtesten zu sein vermeinen, am
ungerechtesten werden. Und bei meiner Freundin heisst er: Bamme. Lassen wir den
Streit und das Trübesehen und lesen wir ein Wort von der Allmacht und der Gnade
Gottes.«
    Marie war aufgestanden und holte von der Camera teologica her die grosse
Augsburgsche mit den Eisenzwingen und öffnete die Klammern. Der alte Seidentopf
aber las den neunzigsten Psalm: »Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für.
Ehe denn die Berge worden und die Erde und die Welt geschaffen worden, bist du,
Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.«
    Darnach erhoben sich die Schorlemmer und Renate, um in das Herrenhaus
zurückzukehren. Mit ihnen auch Marie, denn sie wollten die Nacht
zusammenbleiben.
                              Neunzehntes Kapitel
                                  Der Überfall
Während in der Pfarre Seidentopf und die drei Frauen in dieser Weise plauderten,
rückten die Compagnien auf Frankfurt zu. Einzelne Sterne, kaum hervorgekommen,
hatten sich ebenso rasch wieder versteckt, und nur der Schnee, der lag, gab
gerade Licht genug, um des Weges nicht zu fehlen. Schweigsam, in dunkler Kolonne
ging der Marsch, und wer hundert Schritte seitwärts gestanden hätte, hätte
nichts wahrgenommen als einen langen Schattenstrich und dann und wann ein paar
Funken aus den kurzen Pfeifen der Landsturmmänner. Die Krähen sahen dem Zuge
nach, verwundert, aber ohne sich zu rühren, und nur ein paar von ihnen flogen
krächzend auf, um es am Wege hin den andern zu melden. dabei senkte sich das
Gewölk immer tiefer, und jeder empfand es wie Schwüle, trotzdem eine kalte Luft
strich.
    So kamen sie bis Reitwein, wo noch überall Licht war. Viele von den
Dörflern, auch hier meistens Frauen, waren bis auf den Fahrweg hinausgetreten,
um ihre in der Kolonne befindlichen Angehörigen zu begrüssen, andere blieben in
den Türen stehen und wehten und winkten mit weissen Tüchern, was in dem Dunkel,
das herrschte, einen unheimlichen Eindruck machte.
    Hinter dem Dorfe teilte sich der Weg. Als die Kolonnenspitze den Gabelpunkt
erreicht hatte, schwenkten die Barnimschen Bataillone, ganz wie es Seidentopf
vermutet hatte, nach links hin in die Niederung ab, während die andere Hälfte
des Zuges auf dem Plateau hin weitermarschierte. Bei dieser zweiten Hälfte
befand sich, ausser dem Kommandierenden und seinem Adjutanten, auch unser
Landsturmbataillon Lebus.
    An der Spitze desselben, den vordersten Rotten um fünfzig Schritte voraus,
ritten Drosselstein und Vitzewitz. Sie kannten Weg und Steg und hatten auf
Bammes ausdrücklichen Wunsch die Führung während des Marsches übernommen. Beiden
war nicht plauderhaft zu Sinn; endlich aber, als die letzten Reitweinschen
Häuser schon in Büchsenschussentfernung hinter ihnen lagen, begann Drosselstein:
»Ein Glück, dass wir Hirschfeldt an der Seite des Generals haben. Er ist
kaltblütig und kennt den Krieg.«
    »Ja«, bestätigte Vitzewitz. »Und ein Glück um so mehr, als der Alte sich
selber misstraut. Er war eitel genug, das Kommando, das wir ihm anboten und in
Anbetracht aller Umstände wohl oder übel anbieten mussten, auch wirklich
anzunehmen; jetzt aber ist er unsicher, weil er sich seiner Aufgabe nicht
gewachsen fühlt. Am liebsten würd er es jedem einzelnen sagen, und ich rechne es
ihm hoch an, dass er darauf verzichtet und sich wenigstens den Leuten gegenüber
zum Schweigen zwingt. Er ist kein Mann der ruhigen Überlegung und nur waghalsig
für seine Person. Die Verantwortlichkeit drückt ihn.
    Diese Stunden sind übrigens die schlimmsten. Ist er erst in Aktion, wird er
sich selber wiederfinden.«
    »Und diese Aktion, wie wird sie ablaufen?« fragte der Graf.
    »Ich hoffe gut; es wäre denn...«
    Drosselstein sah ihn fragend an.
    »Es wäre denn«, wiederholte Vitzewitz, »dass uns die Russen im Stich liessen.«
    »Ich habe nicht nur Tschernitscheffs Zusicherung, ich habe sie, wie Sie
wissen, gestern zum zweiten Male empfangen. Er ist kein Mann der
Eifersüchteleien.«
    »Vielleicht nicht«, antwortete Vitzewitz. »Aber ich kenne die Russen, sie
sind launenhaft und lassen es an sich kommen. dabei haben sie jene glatten
gesellschaftlichen Formen, die die Sache nur noch schlimmer machen. Sie
versprechen alles und wissen im voraus, dass sie das Versprochene nicht halten
werden, wenigstens fühlen sie sich nicht in ihrem Gewissen gebunden. Es fehlt
ihnen zweierlei: Ehrgefühl und Mitgefühl. Und Tschernitscheff ist wie die
anderen. Es ist möglich, dass er kommt, aber es ist andererseits nicht unmöglich,
dass er nicht kommt. Und das ist es, was mir Furcht und Sorge macht.«
    Drosselstein suchte zu widerlegen, aber seine Worte verrieten deutlich, dass
er im Grunde seines Herzens Berndts Befürchtungen teilte.
In der nachrückenden Kolonne war nach wie vor alles still. Schulze Kniehase
führte den ersten Zug, Lewin den zweiten, Tubal den dritten. Zwischen dem
zweiten und dritten Zuge ging Hanne Bogun. Bamme, seiner hohen Fuchsstute
misstrauend, hatte auf ein Reservepferd bestanden, und der Scharwenkasche
Hütejunge war ausersehen worden, den Shetländer am Zaume nachzuführen. In der
ganzen Kolonne war er der einzige, dem es wirklich wohl ums Herze war. Eitel und
seit dem Tage, wo die »Suche« stattgefunden hatte, von einem immer wachsenden
Dünkel gequält, war er auch jetzt wieder begierig, sich hervorzutun, und
zweifelte keinen Augenblick, dass sich die Gelegenheit dazu finden würde. Schon
sein Aufzug deutete darauf hin; er trug eine Friesjacke und Leinwandhose wie
gewöhnlich, aber über die Jacke war ein breiter Ledergurt geschnallt, in den er
einen Schlitz gemacht und ein langes, in der Mitte ausgeschliffenes Messer
hineingesteckt hatte. Der ganze Junge das Bild eines frechen Tunichtgut.
    Tubal, den die Stille bedrückte, trat ein paar Schritte vor und sagte zu dem
Einarm: »Hanne, wie heisst das nächste Dorf?«
    »Podelzig.«
    »Eine halbe Meile, nicht wahr?«
    »Joa; awers de de Voss 'meten hett.«
    »Wieso?«
    »De giwt immer sien'n Swans noch to.«
    »Und Podelzig ist halber Weg bis Frankfurt?«
    Hanne Bogun nickte.
    »Höre, Hanne«, fuhr Tubal fort, »wie war es doch damals, war nicht einer von
den Rohrwerderschen aus Podelzig?«
    »Joa, Rosentreter.«
    »Richtig, Muschwitz und Rosentreter. Nun hab ich sie wieder. Muschwitz, das
war der mit der französischen Uniform und dem Czako. Weisst du noch?! Was ist
denn aus ihm geworden und aus dem andern?«
    »De sitten beed noch.«
    »Und die hübsche Frau, die das Kind in dem Schlittenkasten nachfuhr?«
    »De sitt ooch noch.«
    »Arme Frau.« - Hanne grinste.
    »Dat's all nich so schlimm, junge Herr. Rysselmann kachelt in, und upp 'n
Rohrwerder, doa wihr et man küll. Bi Winterdag wüll'n se all insitten; awers
wenn de Kalmus kümmt, denn is et wat anners, denn wüll'n se all wedder rut.«
    Tubal fragte noch nach dem Spitzkrug und wie weit er vor der Stadt läge.
Hanne Bogun wusste aber nichts davon; er war über Podelzig nicht hinausgekommen.
    An der Queue der Kolonne ritten Bamme und Hirschfeldt.
    »Nun, Hirschfeldt, wie ist Ihnen?«
    »Gut, Herr General.«
    »Freut mich. Ehrlich gestanden, mir will es nicht glücken; ich bin nicht
recht in meinem esse, alles kommt mir zu hochbeinig vor, besonders meine Stute.
Und solch Überfall ist doch ein eigen Ding, ein Pferd wiehert, ein Hund blafft,
und alle Chancen sind hin. Spielen Sie, Hirschfeldt?«
    »Ich habe gespielt.«
    »Nun, dann wissen Sie, den einen Tag weiss man ganz genau, dass Treff sieben
gewinnen wird, und den andern Tag weiss man es nicht.«
    »Und solch ein Tag ist heute?«
    »Hol mich der Geier, ja. Sehen Sie die Krähen an, die hier oben sitzen, sie
rühren sich nicht einmal. Sie wissen, dass wir ihnen vor Angst nichts tun werden.
Kluge Tiere. Eben ritt ich die Kolonne herunter, Gott, wie das alles schleicht,
so schwarz und still, als ob dieser Graben der Fluss in der Unterwelt wäre.
    Wie hiess er doch?«
    »Styx.«
    »Richtig, Styx. Der reine Leichenzug. Und ich wette, den Kerls ist auch so
zumute. Jeder wäre lieber zu Haus.«
    Hirschfeldt lächelte.
    »Es ist immer so, General. Die beste Truppe macht ein schief Gesicht, eh es
losgeht. Und nun gar bei Nacht. Die Nacht ist keines Menschen Freund, sagt das
Sprüchwort, und der Soldat ist auch ein Mensch. Aber die Leute sind gut. Die
Pikencompagnie unter dem hagern alten Herrn...«
    »Rutze.«
    »... Diese Pikencompagnie kann als Muster gelten, und die Compagnie
Hohen-Vietz kommt ihr gleich. Sehen Sie solchen Mann wie diesen Kniehase, ein
Herz wie ein Kind und ein Paar Arme wie ein Atlet. Ich habe mir heute bei der
Revue jeden einzelnen scharf angesehen. Es wird alles in allem gut ablaufen,
immer vorausgesetzt...«
    »Nun?«
    »Immer vorausgesetzt, dass uns die Russen nicht im Stiche lassen.«
    Bamme nickte und sagte dann zustimmend: »Ich traue dem Tettenborn nicht.
Flausenmacher. Will sich in die Zeitungen bringen. Berlin, Berlin. Alles dies
hier ist ihm zuwenig, macht nicht Aufsehen genug.«
    Es war ganz ersichtlich, dass Bamme den ernsten und beinahe feierlichen
Tschernitscheff mit dem etwas leichtfüssigen Tettenborn, der seit vollen drei
Tagen auf dem Hohen-Barnim, zwischen Küstrin und Berlin, umherschwärmte,
verwechselte. Hirschfeldt war auch willens, den Alten respektvollst darüber
aufzuklären, dieser aber fuhr ohne Pause fort: »Sie glauben nicht, Hirschfeldt,
was ich an solchen Eitelkeiten alles habe scheitern sehen! Und was noch
schlimmer ist als die Eitelkeiten, das sind die Rivalitäten, doppelt und
dreifach, wenn sie sich ein politisches oder nationales Mäntelchen umhängen
können. Und nun gar diese Russen! Ich wette, dass uns jeder von ihnen eine
Schlappe gönnt. Es liegt ihnen daran, der Welt und vielleicht auch sich selber
weiszumachen, dass es ohne Kosaken nicht geht und dass überall, wo diese Hilfe
fehlt, eine Niederlage sicher ist. Sie gefallen sich in ihrer Befreierrolle, und
um so mehr, je neuer ihnen die Rolle ist.«
Unter solchen Gesprächen setzte sich der Marsch der Kolonne fort, und durch die
Nacht hin hörte man nichts als den schweren Tritt der Landsturmmänner auf dem
hartgefrorenen Schnee und von Zeit zu Zeit das Klappern ihrer Piken und Gewehre,
wenn sie diese von der einen Schulter auf die andere legten. Um zehn Uhr
passierten sie Podelzig, um elf die Lebuser Schäferei. Von hier aus war es noch
andertalb Stunde; immer schwankender wurde der lange schattenhafte Zug, bis man
es von der Oberkirche her Mitternacht schlagen hörte; einige Minuten später
hielten alle am Spitzkrug. Die beiden Barnimschen Bataillone waren schon da und
standen zu beiden Seiten des Wegs. Eine kurze Rast war unerlässlich; Bamme liess
die Gewehre zusammenstellen, und gleich darauf sassen die Landsturmmänner auf
Zaunplanken und Chausseesteinen und wickelten aus ihren Sacktüchern heraus, was
ihnen Weib und Kind an Zehrung mit auf den Weg gegeben hatten. Kein Wort fiel;
jeder fragte sich still, ob es wohl seine letzte Mahlzeit sei.
    Bamme war während dieser Lagerszene in den Spitzkrug eingetreten, in dessen
grossem, aber niedrigen und spärlich erleuchteten Gastzimmer er den erwarteten
Vertrauensmann der Frankfurter Bürgerschaften bereits vorfand. Aus seinem
Rapport ergab sich, dass alle Häuser am Nikolaikirchplatz mit Bürgerwehren
besetzt, in der alten Kirche selbst aber die besten Mannschaften versteckt
seien, mit denen Otegraven den General Girard gefangenzunehmen gedenke. All
dies wurde mit Freude gehört; eine zweite Mitteilung indessen, dahin gehend, dass
unten am Eingang in die Vorstadt, keine hundert Schritt vom »Letzten Heller«
entfernt, eine französische Schildwache stehe, war desto unerfreulicher und nur
angetan, ernste Verlegenheiten zu bereiten. Was tun, wie sollte man an dieser
Schildwache vorbei?
    Der Spitzkrugwirt erbot sich, noch einmal nachzusehen. Bamme war es
zufrieden und liess inzwischen die Brigade wieder antreten. Er selbst hielt am
rechten Flügel, in Front des Bataillons Lebus. Nicht lange, so war der Wirt
zurück und bestätigte, dass ein französischer Wachtposten vor dem
Sankt-Georgs-Hospitale schildere.
    »Verdammt!« sagte Bamme, »dieser Kerl ist mir im Wege. Wir müssen ihn
beschleichen und niederstossen. Freiwillige vor!«
    Aber keiner rührte sich. Nur Hanne Bogun trat aus Reih und Glied und sah dem
General entschlossen, aber frech und widerwärtig ins Gesicht. Er hatte das lange
Messer, das ihm bis dahin zur Seite gehangen hatte, mehr nach vorn hin in den
Ledergurt geschoben und hielt es mit seiner einen Hand umfasst.
    Bamme gab dem Jungen einen Jagdhieb und sagte: »Nichts für dich, Hanne«,
worauf dieser grinsend zurücktrat, um wieder den Zaum des Shetländers zu nehmen,
den er einen Augenblick abgegeben hatte.
    Eine peinliche Pause folgte.
    Endlich hörte man Kniehases Stimme vom rechten Flügel her: »Wenn es sein
muss, Herr General...«
    Und es lag etwas in dem Ton und Ausdruck dieser Worte, das eines tiefen
Eindrucks nicht verfehlte. Bamme, der mit unter diesem Eindruck war, presste
seine Fuchsstute dicht an die Schulter des atletischen alten Mannes und sagte
dann: »Nein, Kniehase, lassen wir's. Es muss nicht sein.« Und damit fiel ein
Stein von aller Brust. Ein Vorschlag, der schon vorher gemacht worden war, wurde
wieder aufgenommen und im Einklange damit beschlossen, die lange Vorstadt ganz
zu vermeiden, vielmehr dicht neben derselben hin, im Schutze des sogenannten
»Donischberges«, eines mit Werft und Strauchwerk bestandenen Hügelrückens, bis
an die Altstadt vorzudringen. Erst hier, am Tore selbst, sollte dann coûte que
coûte der Kampf aufgenommen werden.
    Und sofort jetzt, unter Belassung eines den Rückzug sicherstellenden
Bataillons am Spitzkruge, wurden alle nötigen Kommandos für den Vormarsch
gegeben. Die beiden Barnimschen Bataillone setzten sich über das Plateau hin in
Bewegung, um die weiter südlich gelegenen Tore zu gewinnen, während das
Bataillon Lebus die mehrgenannte Hügelstrasse hinunterrückte. Dicht vor dem
»Letzten Heller« bog es nach rechts hin ab und marschierte zunächst in
aufgelöster Ordnung, immer zwischen den Windungen des Donischberges hin, auf die
ringförmige Esplanade zu, die den Kranz der Vorstädte von der Altstadt trennte.
    Compagnie Hohen-Vietz hatte die Tête. Als sie den Platz am Graben erreicht
und mit der Raschheit alter Soldaten sich wieder rangiert hatte, setzte sich
Vitzewitz an die Spitze der Seinen, zog den Degen und ritt im Galopp gegen die
Dammbrücke vor, die, über den Graben weg, auf das alte Lebuser Tor zuführte.
Dieses war geschlossen, und durch das obere Gatter fielen einzelne Schüsse.
Kümmritz, der schon Anno vierundneunzig als »Kugelfang« gegolten hatte, erhielt
einen Streifschuss, gleich darauf einen zweiten, ohne dass seine gute Laune oder
die der Zunächststehenden gestört worden wäre; jetzt aber stürzte der Sohn des
alten Bauers Püschel zusammen, Kugel durch die Brust, und Vitzewitz,
zurückprallend, murmelte vor sich hin: »Der erste Tote.«
    Alles stockte; Schreck und Ratlosigkeit. Es ging nicht weiter.
    In diesem Augenblicke jagte Bamme die lange Kolonne herauf, bis in die Front
des Zuges, und mit seinem dicken Fischbein auf die zweiräderigen Karren zeigend,
die nach rechts hin in der von ihm Tages zuvor schon wohlbemerkten
Torausbuchtung standen, rief er Kniehase zu: »Vier Mann vor! Ich kenn unsere
Stadttore; wurmstichig wie Bierpfropfen. Ran! Und weg mit dem Bettel!«
    Und krach, da lag es, und unter Hurra brachen jetzt unsere Vordersten in
Alt-Frankfurt ein. Alles vom Feinde floh in die Wache; nur der Posten vorm
Gewehr, ein Voltigeur mit einem Spitzbart, hielt noch aus, und Vitzewitz hob
eben den Arm, um ihn in Revanche für den Toten, der draussen vor dem Gattertore
lag, niederzuhauen, als Hanne Bogun aalglatt an ihm vorbeischoss und den
Voltigeur von der Seite her niederstach.
    »Petit crevé!« rief der tödlich Getroffene und sank zu Boden.
    Der Rest des Bataillons rückte nach, und als sich in den nächstfolgenden
Minuten alles auf dem Brückendamm und zum Teil auch schon unter dem tiefen
Torgewölbe gesammelt hatte, gab Bamme Befehl, dass Compagnie Hohen-Vietz, und
zwar unter Befehl Kniehases, als zunächst verfügbare Reserve bei der von ihr
erstürmten Torwache verbleiben, Vitzewitz selbst aber (dessen Rats er nicht
entbehren mochte) ihn auf dem weiteren Vormarsch in die Stadt hinein begleiten
solle. Ebenso Hanne Bogun mit dem Shetländer.
    Kaum dass diese Befehle gegeben waren, als sich auch schon die lange Kolonne
nach vornhin in Bewegung setzte: Compagnie Hohen-Ziesar vorauf, dann
Lietzen-Dolgelin, dann Rutze mit seinen Pikenieren. Als der letzte Mann vorüber
war, warf Bamme seine Fuchsstute herum, gab ihr die Sporen und setzte sich en
ligne mit Drosselstein, der mittlerweile schon das Gassengewirr der Innenstadt
erreicht hatte.
    »Links schwenkt!« Die Führer wiederholten das Kommando, und ohne dass
irgendeine Stockung oder Unordnung stattgefunden hätte, defilierten alle drei
Compagnien auf den öden Kirchplatz, an dessen einer Ecke das Turganysche Haus
gelegen war. Diesseits war noch alles in Halbdunkel; kaum aber dass unsere
Landsturmmänner, an beiden Seiten der Kirche vorbei, den abwärtsgelegenen Teil
des Platzes erreicht hatten, als sich ihren Blicken ein völlig verändertes Bild
entgegenstellte. Vor dem Gastofe mit den verschnittenen Linden standen
zahlreiche Bürgerwehren, in allen Etagen schimmerte Licht, und ehe Bamme noch
Zeit zu Überblick und Orientierung gefunden hatte, meldete Otegraven, dass
General Girard und sein Stab gefangengenommen und auf Ehrenwort in ihren Zimmern
belassen worden seien. Nur eine schwache Abteilung unter Major Rudelius habe die
Bewachung des Hauses und der Gefangenen übernommen.
    Bamme nickte, lobte das Verhalten der Bürger und führte dann seine
Compagnien in die breite, aber kurze Strasse hinein, die, wie schon bei früherer
Gelegenheit hervorgehoben, vom Kirchplatze her auf den Flussquai mündete. Und
jetzt war dieser Quai erreicht, und ein Ausruf allgemeinen Erstaunens wurde
laut. An der anderen Seite des Flusses standen der Holzhof und das Bohlenlager
in Flammen, während nach rechts hin die Brücke brannte. Das Feuer drüben stieg
hoch und hell in den Nachtimmel hinein, über der Brücke aber, die, des nassen
Holzes halber, mehr schwelte als brannte, lagen Rauch und Qualm in dichten
Wolken, aus denen nur dann und wann eine dunkele Glut auflohte.
    Der alte General kommandierte: »Halt!« und liess seinen rechten Flügel, die
Drosselsteinschen, unmittelbar am Brückenaufgange Stellung nehmen. Hier hielt er
auch in Person. Als er aber wahrnahm, dass er von dieser Position aus nicht
Umblick genug habe, ritt er auf die Brücke selbst hinauf und postierte sich in
Nähe des Feuers, das ihm zugleich eine Art Deckung gewährte. Und nun übersah er
die langen Linien von Freund und Feind.
    Nach links hin die Seinen; ein Bild, das ein altes Soldatenherz wohl
erfreuen konnte. Erst die berittenen Mannschaften von Hohen-Ziesar, dann die
Komtureifahne von Lietzen-Dolgelin (achtspitziges Kreuz im roten Feld), dann
Rutze mit niedergesenktem Sponton und hinter diesem die schmucken Uniformen der
Frankfurter Bürgerschützen, grün und goldbordiert - alles sichtbar im hellen
Feuerschein des brennenden Holzhofes. In Front der langen Aufstellung aber
Drosselstein und Vitzewitz, als Unterbefehlshaber an beiden Flügeln.
    Und ebenso klar sah er drüben den Feind. In Trupps von zehn und zwanzig Mann
standen die Voltigeurs am Ufer hin, ersichtlich ohne Führung. Aber diese sollte
nicht lange mehr auf sich warten lassen; Offiziere zu Pferde jagten am Quai hin
auf und ab, aus dem Gassengewirr der Dammvorstadt lärmten Trommeln und Hörner,
und ehe zehn Minuten um waren, erschienen geschlossene Grenadiercompagnien, an
ihren hohen Bärenmützen deutlich erkennbar, und nahmen Stellung zwischen der
Brücke und dem brennenden Holzhof, während die Voltigeurs allmählich die
Böschung hinabzusteigen und einen Weg über das Eis hin zu gewinnen suchten. Mit
vielem Geschick avancierten sie, je nach den Signalen sich sammelnd oder wieder
trennend, und stutzten erst, als sie mitten auf dem Fluss der breiten Rinne
gewahr wurden, die die Kietzer Fischer in das Eis gehauen hatten. An
Überspringen war nicht zu denken, dazu war die Rinne zu breit; so mussten sie
wieder zurück, um entweder Bretter herbeizuschaffen oder weiter flussabwärts, wo
das Aufeisen mutmasslich ein Ende hatte, den Übergang zu versuchen.
    Bamme sah diese Rückwärtsbewegung und freute sich ihrer. Aber soviel sie für
den Augenblick bedeutete, so bedeutungslos war sie, wenn die Hilfe ausblieb, auf
die diesseitig gerechnet war. Waren die Russen in die Dammvorstadt eingedrungen?
Hatten sich die Barnimschen Bataillone der beiden andern Stadttore bemächtigt?
Bammes scharfes Ohr horchte nach rechts und links, aber kein Ton wurde laut, der
ihm diese Frage bejaht hätte. Immer gewisser wurd es ihm, dass er, wenn
Tschernitscheff ausblieb, in diesem ungleichen Kampfe unterliegen müsse.
    Das Bild, das sich ihm mittlerweile darstellte, konnte dieser trüben
Erwartung nur als Bestätigung dienen. Die bis an die Rinne vorgedrungenen
Voltigeurs waren kaum wieder am Ufer zurück, als sie mit der dem französischen
Soldaten eigenen Raschheit sich in ihrer Lage zurechtzufinden und allerlei
Hilfen auszukundschaften wussten. Ohne Kommandos abzuwarten, griffen sie nach
dem, was der Moment erheischte, und während einige zupackten, um ein paar der am
Ufer liegenden Flachboote die Böschung hinab und auf das Eis zu schieben, hatten
sich andere der an den Pappelweiden hin aufgestellten Bootshaken bemächtigt, mit
denen sie nun auf den brennenden Holzhof zuliefen und oben in die Bohlen- und
Bretterlager einhakten, um diese niederzureissen. Es glückte. Viele dieser
Bretter waren erst angeglimmt, und sie rasch durch den Schnee ziehend, bis die
Flämmchen erloschen waren, schleppten sie sie jetzt über das Eis hin bis wieder
in die Mitte des Flusses, wo denselben Augenblick auch ein paar eben
eingetroffene Flachboote rasch und geschickt in die Wasserrinne hinabgelassen
wurden. In weniger als einer Viertelstunde war die Pontonbrücke fertig, und über
dieselbe weg avancierten jetzt die Vordersten, während sich vom Ufer her immer
grössere Voltigeurtrupps und zuletzt auch geschlossene Grenadiercompagnien in
Bewegung setzten. En avant! Und dazwischen am Quai hin und auf dem Eise das
Schmettern der Clairons.
    Diesseitig aller örtlichen Vorteile beraubt, musste sich's nun zeigen, wer
der Stärkere sei. Der erste Ansturm, der sich gegen die Frankfurter richtete,
misslang; aber ohne durch dieses abermalige Scheitern in die geringste Verwirrung
zu geraten, schoben sich die französischen Kolonnen einfach weiter links, wo
mehrere nebeneinanderliegende Holz- und Torfkähne ihnen eine vorzügliche Deckung
gewährten. Um so vorzüglicher, als die Schiffsrumpfe gerade mannshoch waren, so
dass die Angreifer kaum getroffen werden konnten.
    Über diese Schiffsrumpfe hinweg entspann sich nun ein Feuergefecht, dessen
endlicher Ausgang um so weniger zweifelhaft sein konnte, als die hier stehenden
Pikeniere den Kampf nicht nur ohne Deckung führen, sondern, schlimmer als das,
auch das feindliche Feuer aushalten mussten, ohne es ihrerseits erwidern zu
können. Der Mut der Rutzeschen sah sich hier auf eine harte Probe gestellt. Sie
kamen zuletzt ins Schwanken, und da Vitzewitz Anstand nahm, sich an die neben
ihm stehenden Drosselsteinschen um Hilfe zu wenden, die bei der immer wachsenden
Ausdehnung des Gefechts jeden Augenblick selbst angegriffen werden konnten,
entschloss er sich, auf eigene Verantwortung bis an die Torwache zurückzureiten
und seine daselbst untätig haltenden Hohen-Vietzer heranzuholen.
    Auch Bamme, von seiner Brückenstellung aus, hatte die Rückwärtsbewegung der
Rutzeschen Pikenmänner wahrgenommen, und in voller Wut auf sie losjagend, rief
er ihnen schon von weitem zu: »Stillgestanden! Gewehr zur Attacke rechts!« Und
siehe da, sie gehorchten wirklich, legten die Piken ein und gingen wieder bis
halb an die Böschung vor. Aber eben jetzt von links und rechts her einschlagende
Kugeln erneuerten nicht bloss das Schwanken, sondern steigerten es noch, und
Bamme sah im Nu, dass es unmöglich sein werde, die Rutzeschen en ligne mit den
übrigen Compagnien zu halten. Nichtsdestoweniger warf er sein Pferd herum, um
wenigstens einen Versuch zu machen, die Weichenden von hinten her wieder
vorzutreiben. Und hierbei traf er auf den Protzhagenschen Hornisten, der
ängstlicher noch als alle anderen nach Deckung suchte.
    »Ins drei Deibels Namen, Horn von Uri, blas!« rief er und hieb mit dem
Fischbein auf den verwirrten Hornbläser ein. Dieser, der Macht des Kommandoworts
gehorchend, schob, ohne zu wissen, was er tat, sein altes Rutzenhorn zurecht und
begann zu blasen, aber, in der Angst seines Herzens, statt des Angriffs-das
Rückzugssignal. In diesem Augenblicke (ein Glück für den Protzhagenschen)
erhielt die rote Fuchsstute Bammes eine Kugel, so dass diese mitsamt ihrem Reiter
zusammenstürzte. Aber mit merkwürdiger Raschheit war der Alte wieder auf,
bestieg den Shetländer, den Hanne Bogun in Bereitschaft gehalten hatte, und sass
im nächsten Augenblicke wieder fest im Sattel.
    »Ah!« sagte er, während er sich behaglich zurechtrückte, und alles Zwanges
los, den ihm das »Generalspferd« von Anfang an auferlegt hatte, hatte er nun
endlich sich selber wieder. Er schob das Fischbein unter den Sattel und zog den
Husarensäbel, den er »Anno 95« geschworen hatte nicht wieder ziehen zu wollen.
    Er hatte sich selber wieder, aber auch nichts mehr, denn die gesamte Lage
war inzwischen nicht besser geworden. Die Voltigeurs, immer weiter nach rechts
sich dehnend, hatten flussabwärts, an Stellen, wo das Aufeisen ein Ende nahm,
ihren Übergang bewerkstelligt und schickten sich an, aus allen Nebengassen
vorbrechend, unsere gesamte Aufstellung von Seite und Rücken her zu nehmen. Und
schlimmer als alles, auch die wenigen, diesseits in Bürgerquartieren
untergebrachten Franzosen, die sich bis dahin ruhig und versteckt gehalten
hatten, gewannen jetzt wieder Mut und schossen aus den Fenstern ihrer Häuser. Es
waren namentlich die Drosselsteinschen, die von diesem Fensterfeuer arg
betroffen wurden, und als gleich darauf, »pour combler le malheur«, wie der Graf
vor sich hin murmelte, auch die drüben am »Goldenen Löwen« stehenden
Grenadierabteilungen ein Salvenfeuer mitten durch den Qualm und Rauch der
brennenden Brücke hin abgaben, kam ein Schwanken in die ganze Linie.
    Es stand in Wahrheit hoffnungslos; nichtsdestoweniger flackerte die Hoffnung
noch einmal auf, als in eben diesem bedrohtesten Augenblicke vom Kirchplatze her
der feste Tritt der heranmarschierenden Hohen-Vietzer vernehmbar wurde.
    »Hurra, Kinder!« rief Bamme, »das ist die Schwedentrommel«, und unter dem
Jubel der Pikeniere, die momentan wieder zum Stehen gebracht worden waren,
rückten jetzt unsere Freunde in die vorderste Linie ein.
    Berndt erkannte vom Sattel aus sofort, dass sich, eben jetzt, um die bis
dahin siegreich verbliebenen Frankfurter Bürgerschützen eine geschickt angelegte
Schleife zusammenzuziehen begann, und in höchster Erregung seinen drei
vordersten Sektionen zurufend: »Vorwärts...! Nicht schiessen, Bajonett!«, spornte
er, bevor er noch wahrnehmen konnte, ob man ihm folge oder nicht, sein Pferd
mitten in den Knäuel hinein, gerade auf die Stelle zu, wo er den mit einem alten
Kavalleriesäbel sich nach links und rechts hin wie wahnsinnig verteidigenden
Konrektor deutlich erkannt hatte. Aber freilich, eh er noch an diesen
herankonnte, wär er sicherlich vom Pferde gerissen und ein Opfer seines Muts und
seiner Hilfebereitschaft geworden, wenn ihm nicht seine Hohen-Vietzer dicht und
mit Ungestüm gefolgt wären, so dicht, dass er inmitten aller Aufregung und
Verwirrung dennoch jeden einzelnen zu erkennen glaubte. Er sah, dass Kniehases
Stirn blutete und dass Grell, der in dem wirren Durcheinander seine Kappe
verloren hatte, von einem französischen Offizier niedergehauen wurde. Dann aber
umschleierte sich alles vor seinen Augen, Schüsse fielen, französische und
deutsche Fluchwörter, und als er eine Minute später aus dem Knäuel wieder heraus
war, musste er wahrnehmen, dass all ihre Anstrengungen nichts erreicht hatten und
dass es missglückt war, Otegraven zu befreien. Wer ausser Grell noch gefallen oder
gefangen war, liess sich im Momente nicht mit Bestimmteit übersehen. Lewin wurde
vermisst; aber er konnte zu den Versprengten und Abgedrängten gehören, von denen
sich in jedem Augenblick verschiedene wieder einfanden.
    Nach diesem allem konnt es sich nur noch darum handeln, möglichst rasch und
mit möglichst wenig Verlust aus der Frankfurter Falle wieder herauszukommen.
Bamme gab Befehl erst zum Abbrechen des Gefechtes, dann zum Rückzuge. Die
Pikeniere rückten über den inzwischen leer und lichtlos gewordenen Platz, dann
folgte Hohen-Ziesar, dann Lietzen- Dolgelin. Die Hohen-Vietzer, die noch den
meisten Halt hatten, deckten den Rückzug. Dieser ging in Ordnung, bis die Spitze
der Kolonne das alte Lebuser Tor erreichte. Hier, von Flintenschüssen des wieder
ins Gewehr getretenen französischen Wachkommandos empfangen, gerieten die
Vordersten ins Schwanken und gleich darauf in eine Verwirrung, die sich bald dem
ganzen Zuge mitteilte und während des Marsches durch die Vorstadt hin eher
steigerte als minderte. Die lange Strasse lag im Dunkel, hier Wagen, dort
umgestülpte Fischerboote hemmten die Passage, und viele der ermüdeten
Landsturmmänner glitten aus oder stürzten in die Gossen und Löcher, an denen
kein Mangel war.
    »Licht!« schrie Bamme, »verdammte Sottmeiers, stecken Häuser an und wollen
Lichter sparen. Licht, sag ich, oder den roten Hahn auf euer Dach.«
    Und dabei schlug er mit seinem Fischbein, zu dem er wieder seine Zuflucht
genommen hatte, an die Haustüren und Fensterläden. Das half; einzelne Lichter
erschienen, und man sah jetzt wenigstens, wo man war. So ging es in schwankender
Linie die nicht enden wollende Vorstadt entlang, am Sankt-Georgs-Hospitale
vorbei, bis sie zuletzt am »Letzten Heller« hielten. Die Rotten wurden
abgezählt; Lewin fehlte noch immer.
    Das am Spitzkrug zurückgelassene Bataillon war schon vorher aus freiem
Entschluss bis an den Fuss des Berges hinabgestiegen.
    Ein Trost, aber auch der einzige.
    Das Lämpchen brannte noch immer in der vergitterten Nische, und die beiden
»Nonnen« hielten nach wie vor ihre welken Kränze dem Gekreuzigten entgegen.
    Bamme sah eine Weile in die Nische hinein und sagte dann zu dem neben ihm
stehenden Hirschfeldt: »Hier, Hirschfeldt, hier ist unser Platz, hier am Letzten
Heller. Hier wurd es geplant, und hier geht es zu Ende. Ich hatt eine Ahnung
davon. Der letzte Heller. Da haben wir ihn!«
 
                              Zwanzigstes Kapitel
                               Der andere Morgen
In die Nacht und dann allmählich in den dämmernden Tag hinein war der Rückzug
gegangen, die Kolonne während des Marsches immer kleiner werdend. Schon am
Spitzkrug waren die Barnimschen Bataillone, bei Reitwein die Compagnien
Hohen-Ziesar und Lietzen-Dolgelin abgeschwenkt, und nur der verbleibende Rest,
darunter die Rutzeschen Pikeniere, rückte bis Hohen-Vietz.
    Es schlug sieben, als sie bis dicht an Miekleis Mühle heran waren. Ein
schwerer, graugelber Nebel senkte sich, und nur die Vordersten konnten das
Gehöft erkennen. Dazu herrschte peinliche Stille; die dicke Luft dämpfte den
Ton, und es war, als schlichen sie heran. Bamme fühlte das und wollte damit ein
Ende machen. »Vorwärts, Hirschfeldt«, rief er, »vorwärts mit der ganzen
Janitscharenmusik! Wir wollen nicht ohne Sang und Klang einrücken, als kämen wir
recte von der Armensünderbank. Zeigen wir unser gutes Gewissen, oder tuen wir
wenigstens so.« Und durch den Nebel hin wirbelte die Hohen-Vietzer Trommel, und
einzelne Töne des Rutzeschen Hornes fielen ein. Alles dumpf und trübe, und
jedem, der es hörte, ging es durch Mark und Bein. Endlich hielten sie. »Gewehr
ab!« Es war der Platz zwischen dem Krug und dem Schulzenhof; in den Häusern war
Licht, aber niemand zeigte sich auf der Strasse. Berndt und Bamme hatten noch
eine kurze Beratung wegen Unterbringung der Pikeniere; dann gab die Trommel das
Signal, und alles rückte in die Quartiere ab. Ehe fünf Minuten um waren, waren
nur noch unsere Freunde da, schweigsam und unschlüssig, was zu tun. Keinen
drängte es, die Schwelle des Herrenhauses wieder zu betreten, wusste doch jeder:
Unglücksboten kommen immer zu früh. Endlich sagte Berndt, indem er auf den
Schulzenhof hinwies: »Ich habe noch ein Wort mit Kniehase zu sprechen. Bitte,
General, melden Sie mich bei meiner Tochter. Oder Tubal, du.«
    Bamme nahm Hirschfeldts Arm, und Tubal folgte. So schritten sie die
Dorfgasse hinauf bis an das Herrenhaus. Jeetze stand in der Glastür und schien
mit seinem verwunderten Blick nach dem alten und jungen Herrn zu fragen. »Noch
im Dorf«, sagte Bamme und setzte dann in halblautem Tone hinzu: »Kommen Sie,
Hirschfeldt, ich liebe keine Familienszenen. Am wenigsten solche.« Und damit
ging er nach dem Korridor, der in sein Zimmer führte. Nur Tubal blieb zurück.
Was war zu tun? Sollte er bei Renaten eintreten? Er konnt es nicht; so warf er
sich in einen alten, neben dem Kamin stehenden Lehnstuhl, in dem Jeetze die
Nacht zugebracht hatte.
    Berndt war nicht auf den Schulzenhof zugeschritten; er hatte nur allein sein
wollen und folgte jetzt den Voraufgegangenen in kurzer Entfernung. Ihm schlug
das Herz, und langsam, als ob er eine zu schwere Last trüge, schwankte er erst
an der Pfarre und dann an Bauer Püschels grossem Gehöft vorüber. Da drinnen war
auch Trauer: der einzige Sohn gefallen.
    Das nächste Gehöft war das von Kallies. Zwischen beiden lief ein
Ligusterzaun, und einige der dürren Zweige streiften ihm das Gesicht, als er
daran vorüberging. Er blieb stehen und sann und horchte und griff dann in die
Zweige hinein, um sich zu halten, denn er fühlte, dass er dem Umfallen nahe sei.
    »Alles gescheitert«, sagte er. »Und ich hab es so gewollt. Gescheitert, ganz
und gar. Soll es mir ein Zeichen sein? Ja. Aber ein Zeichen, dass wir unser
Liebstes an ein Höchstes setzen müssen. Nichts anderes. Dies ist keine Welt der
Glatteiten. Alles hat seinen Preis, und wir müssen ihn freudig zahlen, wenn er
für die rechte Sache gefordert wird.«
    So sprach er zu sich selbst. Aber inmitten dieses Zuspruchs, an dem er sich
aufzurichten gedachte, ergriff es ihn mit neuer und immer tieferer Herzensangst,
und sich vor die Stirn schlagend, rief er jetzt: »Berndt, täusche dich nicht,
belüge dich nicht selbst. Was war es? War es Vaterland und heilige Rache, oder
war es Ehrgeiz und Eitelkeit? Lag bei dir die Entscheidung? Oder wolltest du
glänzen? Wolltest du der erste sein? Stehe mir Rede, ich will es wissen; ich
will die Wahrheit wissen.«
    Er schwieg eine Weile; dann liess er den Zweig los, an dem er sich gehalten
hatte, und sagte: »Ich weiss es nicht. Bah, es wird gewesen sein, wie es immer
war und immer ist, ein bisschen gut, ein bisschen böse. Arme kleine Menschennatur!
Und ich dachte mich doch grösser und besser. Ja, sich besser dünken, da liegt es;
Hochmut kommt vor dem Fall. Und nun welch ein Fall! Aber ich bin gestraft, und
diese Stunde bereitet mir meinen Lohn.«
    So war er bis auf den Hof seines Hauses gekommen. In der Halle fand er
Tubal, der, erschöpft von der Anstrengung, in Jeetzes Lehnstuhl eingeschlafen
war. Neben ihm lag Hektor. Als dieser seines Herrn ansichtig wurde, sprang er
auf und drängte sich an ihn, aber ohne sonst ein Zeichen der Freude zu geben.
Berndt streichelte das kluge Tier, warf einen Blick voll stillen Neides auf den
schlafenden Tubal und schritt dann auf die Tür zu, die nach dem Eckzimmer
führte. Er legte die Hand auf den Griff und zögerte noch einmal. Aber es musste
sein. Nur die beiden Mädchen waren da. Renate flog ihm entgegen. »Mein einzig
lieber Papa«, rief sie und hing an seinem Halse. Dann liess sie von ihm ab und
fragte wie sein Gewissen: »Wo ist Lewin?«
    Der alte Vitzewitz rang, ein Wort zu finden. Endlich, in einem Tone, in dem
sich der ganze Jammer seines eigenen Herzens aussprach, sagte er: »Ich weiss es
nicht.«
    »Also gefangen, tot?«
    »Nein, nicht tot, noch nicht.«
    Angst und Zittern ergriffen Renaten, aber in demselben Momente sah sie, dass
Marie schwankte und wie leblos zu Boden stürzte. Berndt war von dem Anblick wie
mitgetroffen. Ihm schwindelte unter dem Andrang alles dessen, was auf ihn
einstürmte; endlich riss er sich aus seiner Betäubung und zog die Klingel. Jeetze
kam, gleich darauf auch die Schorlemmer; alles lief und rannte; er selber aber
war geschäftig, Marie wieder aufzurichten. Als ihm dies geglückt, sah er, dass
sie aus einer Stirnwunde dicht neben der linken Schläfe blutete; sie war auf den
scharf vorspringenden Kaminfuss gefallen. Endlich von ihrer Ohnmacht sich wieder
erholend, verlangte sie nach dem Schulzenhofe gebracht zu werden, wozu sich
Maline weniger aus Mitleid als Neugier sofort bereit erklärte. Durfte sie doch
hoffen, unten im Dorfe mehr zu hören als im Herrenhause, wo jeder sich einschloss
und schwieg. Selbst auf Bamme, trotzdem seine Klausur aufgehört hatte, war nicht
viel zu rechnen.
    Als Berndt und Renate wieder allein waren, sagte jener: »Was war es mit
Marie? Ich hätte sie für fester gehalten.«
    Renate schwieg.
    »Er ist dein Bruder«, fuhr Berndt fort. »Und doch, du trugst es.«
    Eine Pause folgte, während welcher Renate den Blick zu Boden senkte. Endlich
antwortete sie: »Sie liebt ihn.«
    Der alte Vitzewitz, nach allem, was er eben mit Augen gesehen hatte, schien
eine Antwort wie diese erwartet zu haben und sagte deshalb ruhig: »Und er - weiss
er davon?«
    »Nein.«
    »Bist du dessen gewiss?«
    »Ja, ganz gewiss. Nie verriet sie sich, weder mit Wort noch Blick. Und hätte
sie's, Lewin hätte kein Auge dafür gehabt; er war blind in seiner Liebe zu
Katinka.«
    Berndt schritt im Zimmer auf und ab, und die widerstreitendsten Empfindungen
bekämpften sich in seiner Brust. Einen Augenblick zuckte es spöttisch um seinen
Mund, dass des »starken Mannes« Kind in das alte Haus der Vitzewitze kommen
solle, aber dann schwand aller Spott wieder, und die nächstliegende Not gewann
allein Gewalt in seinem Herzen, die Not um den einzigen Sohn. »Wie rette ich
ihn?« Und es war, als ob er vor sich selber ein Gelübde täte: »Gott, ich lege
jeden Stolz zu deinen Füssen; demütige mich, ich will stillhalten; alles, alles;
nur erhalte mir ihn.«
    Renate, während Berndt auf und ab geschritten war, war ihm mit den Augen
gefolgt. Sie wusste genau, was in seiner Seele vorging, und sagte jetzt: »Bitte,
Papa, sage mir alles. Was ist es mit ihm? Verschweige mir nichts!«
    Er nahm ihre Hand. »Ich habe dir nichts verschwiegen, Kind. Dunkel und
Ungewissheit ist alles. Ich weiss nicht mehr als du. Aber eines weiss ich nur zu
gut: wir müssen alles fürchten, alles, auch wenn in diesem Augenblicke Gottes
Sonne noch über ihm scheint. Mit den Waffen in der Hand gefangen! Sie werden ihn
vors Kriegsgericht bringen, und...«
    »Wie kam es?« unterbrach ihn Renate. »Sprich, ich möchte von ihm hören, mich
an etwas aufrichten, und wenn es an nichts anderem wäre als an dem eitlen Troste
getaner Pflicht oder bewiesenen Mutes.«
    »Und diesen Trost kann ich dir gewähren. Es war ein Handgemenge; sie hatten
Otegraven umzingelt, und wir wollten ihn frei machen. So ging es hinein in den
Knäuel. Als wir wieder heraus waren, fehlte Lewin. Anfangs hofften wir noch,
denn es fehlten viele, die sich nach und nach wieder zu uns fanden; aber Lewin
blieb aus. Kein Zweifel, er ist gefangen.«
    »Und was tun wir?«
    »Was uns allein noch bleibt: Gottes Barmherzigkeit anrufen. Mögen ihm alle
guten Engel zur Seite stehen! Wir können nichts mehr.« Und damit verliess er das
Zimmer und ging in sein Cabinet hinüber.
    Hier war es kalt und unwirsch. Jeetze hatte zu heizen vergessen; dazu lag
Staub auf Tisch und Stühlen. Aber Berndt sah es nicht oder glitt gleichgiltig
mit dem Auge darüber hin, während er doch in dem Widerstreit, der in solchen
Momenten unsere Seele zu füllen pflegt, seinen Sinn auf andere, fast noch
gleichgiltigere Dinge richtete. Er sah, dass an dem Schlüsselbrett die Schlüssel
falsch hingen, und begann nun alles nach Nummer und Reihe zu ordnen. Dann
schritt er auf das Fenster zu und starrte minutenlang auf die russischen Karten
und Pläne, die hier immer noch an den breiten Klappläden angeklebt waren.
»Minsk, Smolensk, Bialystok.« Und er wiederholte die Namen, auf und ab
schreitend, immer wieder und wieder. Endlich blieb er vor dem Bilde stehen, das
über seinem Arbeitstische hing, und seine Augen füllten sich mit Tränen.
»Geliebte«, sprach er vor sich hin, »wie preis ich Gott, dass dir diese Stunde
nach seinem gnädigen Ratschluss erspart geblieben ist. Ach, dass ich wäre, wo du
bist. Frieden allein ist bei den Toten.«
    Er liess sich auf das Sofa nieder und begann ein Frösteln zu fühlen. Da lag
sein Mantel, den Jeetze, statt ihn anzuhängen, einfach über die Lehne geworfen
hatte. Das traf sich gut. Er zog ihn an sich und wickelte sich ein. »Minsk,
Smolensk...«, aber nun schwand ihm das Bewusstsein, und er schlief.
Er schlief fest und lange. Mittag war vorüber, als ihn ein Klopfen an der Tür
weckte. Es war schon das dritte Mal. »Herein!« Jeetze meldete, dass der alte
Rysselmann gekommen sei.
»Lass ihn vor. Gleich.«
    Der alte Rysselmann trat ein, steif und geradlinig wie immer, das Haar nach
hinten gekämmt, seinen Rohrstock unterm Arm und das Gerichtsdienerblechschild
auf dem langen blauen Stehkragenrock. Er blieb an der Tür stehen und grüsste
militärisch; neben ihm Jeetze, der das Zimmer zu verlassen zögerte. »Bleib nur«,
sagte Berndt, der das Zögern des Alten wohl verstand, »du willst auch wissen,
wie es steht. Du liebst ihn auch... Ach, wer nicht?« Und dabei strich er sich
leis und verstohlen über Stirn und Augen. Dann erst trat er auf den alten
Gerichtsdiener zu und sagte: »Nun, Rysselmann, was bringt Ihr?«
    »'n Brief vom Herrn Justizrat.«
    »Gutes drin?«
    Der Alte schwieg. Er konnte nicht ja sagen, und das Nein wollte ihm nicht
über die Lippen.
    Berndt wog den Brief hin und her, den er sich zu öffnen scheute, denn jetzt
musst es sich entscheiden. Er musterte den Alten einmal, zweimal und fand
zuletzt, dass er alles in allem nicht aussah wie einer, der eine Todesnachricht
bringe. »Ich will den Brief lesen - aber allein... Und dann noch eins,
Rysselmann; wisst Ihr...«
    »Ja, gnädiger Herr, eins weiss ich.«
    »Und?«
    »Der junge Herr lebt.«
    Des alten Vitzewitz Händen entfiel der Brief, und seine Lippen flogen. Er
konnte nicht sprechen. Als er sich wieder gefasst hatte, trat er auf Jeetze zu,
legte seine Hand auf des alten Dieners Schulter und sagte, während er ihn in
freudiger Erregung schüttelte: »Hast du's gehört, Alter? Er lebt! Und nun sorge
mir für Rysselmann. Er hat uns Gutes gebracht, bring ihm wieder Gutes. Nein,
bring ihm das Beste. Hier hast du den Schlüssel; unten links, wo der spanische
liegt. Hol ihm eine Flasche, mein alter Jeetze. Und du sollst mittrinken. Hast
du's gehört? Er lebt!«
    Jeetze küsste seinem Herrn die Hand und zitterte und zimperte hin und her.
Dann ging er, während Rysselmann ihm folgte. Berndt, als er allein war, öffnete
den Brief und überflog ihn. Es war, wie der alte Gerichtsdiener gesagt hatte. Er
verliess nun selber das Cabinet, um sich in das Eckzimmer zu den Frauen
hinüberzubegeben. Er traf nur Renate, die bang und fragend auf ihn zueilte.
»Noch ist Hoffnung, Kind. Und nun rufe die Schorlemmer.« Erst als diese gekommen
war, setzten sie sich um den runden Tisch, und Berndt las:
»Hochgeehrter Herr und Freund!
    Ich habe die traurige Pflicht, Ihnen anzuzeigen, dass der Kampf dem Feinde
zwei Gefangene in die Hände fallen liess: Ihren Sohn und den Konrektor
Otegraven. Ihr Sohn wird im Laufe des Vormittags unter Eskorte nach Küstrin
geschafft werden, Konrektor Otegraven wurde bei Tagesanbruch am Lohhof
erschossen. Mir liegt nach dieser kurzen vorgängigen Mitteilung nur noch ob,
Ihnen über den Tod dieses Tapferen zu berichten. Ich schlief seit kaum einer
Stunde, als ich durch eine französische Ordonnanz geweckt wurde, die mir
anzuzeigen kam, dass einer der Gefangenen, der Konrektor Otegraven, mich zu
sprechen wünsche. Ich kleidete mich rasch an, und der junge Soldat führte mich
nach der alten Nikolaikirche hinüber, an deren Ausgängen französische
Doppelposten standen. Innen sah es scharf aus; auf einer Schütte Stroh lagen die
Toten; der erste, den ich sah, war Kandidat Grell.
    In der Sakristei traf ich Otegraven. Er sass in einem hochlehnigen alten
Chorstuhl, und die Tür stand offen, so dass er den Blick auf die Kanzel frei
hatte. Er wies darauf hin und sagte: Sehen Sie, Turgany, hier hab ich zum ersten
Male gepredigt. Mein Text war: »Selig sind die Friedfertigen«. Und dies ist nun
das Ende. Das Kriegsgericht hat gesprochen, und binnen hier und einer Stunde ist
es mit mir vorbei. Ich nahm seine Hand, und da von Rettung oder Begnadigung
keine Rede sein konnte, so fragte ich nach seinem Letzten Willen, und ob ihm das
Scheiden schwer würde. Er verneinte es und setzte hinzu, dass er einmal gelesen
habe, wie das Leben einem Gastmahl gleiche. Jeder habe den Wunsch auszudauern;
aber wer in der Mitte des Mahles abgerufen würde, fühle bald nachher, dass er
wenig versäumt habe. Und das sei wahr. Er für seinen Teil wünsche nur erst über
die Trommelwirbel und das Augenverbinden weg zu sein; auch misstraue er den
Franzosen und ihrem Schiessen. Sie tuen alles unordentlich, und den Hofer haben
sie massakriert. Er hing diesem Gedanken eine Weile nach und sagte dann, ehe ich
noch eine weitere Frage an ihn gerichtet hatte: Ich habe niemand; meine kleine
Sammlung fällt an Seidentopf, alles andere an das Hospital dieser Kirche. Und
nun wollen wir Abschied nehmen, Turgany. Grüssen Sie diese tapfere Stadt, die mir
so teuer geworden ist, und sagen Sie jedem, der es hören will, dass ich in der
Hoffnung auf Jesum Christum, aber zugleich auch in dem festen Glauben stürbe,
mein Leben an eine gute Sache gesetzt zu haben. Ich habe gepredigt: 'Selig sind
die Friedfertigen', aber es ist auch geboten, uns zu wehren und für unser Leben
und Gesetz zu streiten.
    Und danach schieden wir. Für immer.
    Eine Stunde später ward ich zu General Girard befohlen. Ein echter Franzos,
menschlich und von edler Gesinnung. Ich konnt es nicht ändern, empfing er mich.
Ein Aufstand in unserm Rücken und von ihm geleitet; er musste sterben. So will es
das Gesetz des Krieges und unsere Sicherheit. Nach seinen Mitschuldigen frag ich
nicht; Ihr Volk lehnt sich jetzt wider uns auf, und wir müssen sehen, wie wir
durchkommen. Und danach entliess er mich sichtlich bewegt, nachdem er hinzugefügt
hatte, dass der Directeur adjoint, wie er ihn nannte, comme un vieux soldat
gestorben sei.
    Wir haben ihn dicht neben der Kirche, wo noch ein eingegittertes Stück von
dem alten Kirchhof übrig ist, begraben. Neben ihm Hansen-Grell.
    Ich schliesse mit dem herzlichen Wunsche, dass der Transport Ihres Sohnes nach
Küstrin ein erster Schritt zu seiner Begnadigung oder vielleicht auch zu seiner
Befreiung sein möge.
                                                                        Turgany«
Das erste Gefühl, als Berndt den Brief aus der Hand legte, war das des tiefsten
Dankes.
    Renate umarmte und küsste den Vater, und der Schorlemmer, die nie weinte und
stolz darauf war, fielen die Tränen auf die gefalteten welken Hände. Sie hatte
kein Wort, und selbst ihre Sprüche versagten ihr.
    Lewin lebte noch, noch also war Hoffnung. Aber eine rechte Freude wollte
trotz alledem nicht aufkommen, und wenn alle bis dahin von dem Schrecken
beherrscht gewesen waren, ihn vielleicht schon verloren zu haben, so beherrschte
sie jetzt die Furcht, ihn jeden Augenblick verlieren zu können.
    So verging eine halbe Stunde; Renate hatte das Zimmer verlassen, um auf dem
Schulzenhofe nach Marie, die Schorlemmer, um draussen nach der Wirtschaft zu
sehen. Denn was auch geschehen möge, das Herdfeuer brennt und mahnt uns an den
Anspruch und das Recht des alltäglichen Lebens. Berndt seinerseits war allein
geblieben; er sann und plante und verwarf wieder. Als die Stutzuhr eben zwei
schlug, erschien Jeetze und meldete, dass angerichtet sei.
    Wie gewöhnlich, seitdem Besuch im Hause war, war in der Halle gedeckt
worden. Bamme trat auf Vitzewitz zu, um ihm zu der »guten Zeitung« zu
gratulieren; aber es klang frostig. Jeder konnte den Zweifel heraushören, nicht
an der Sache selbst, aber an ihrem Wert. Man setzte sich; Berndt fragte nach
Marie, nach Kniehase, nach Rysselmann; bald aber hob er die Tafel auf, an der,
aller Anstrengungen unerachtet, nur wenig gesprochen worden war. Alles erschien
ihm wie Versäumnis, ehe man nicht wenigstens einen Plan verabredet hatte. Er zog
sich in sein Arbeitscabinet zurück und liess eine Viertelstunde später die Herren
bitten, ihm dahin folgen zu wollen.
    In dem Zimmerchen war es inzwischen freundlicher geworden; ein Feuer
brannte, und der alte Mantel, der über der Lehne gehangen hatte, hing jetzt am
Riegel. Der General und Hirschfeldt erschienen zuerst, nach ihnen Tubal. Alle
drei zu placieren würde bei der Enge des Raumes nicht leicht gewesen sein, wenn
nicht Bamme, der es warm liebte, dicht an den Ofen gerückt wäre. Hier sass er mit
untergeschlagenen Füssen und rauchte, mehr einem Götzenbilde als einem Menschen
ähnlich.
    Jeetze kam und reichte Kaffee, nach dem jeder mehr oder weniger begierig
war. Und wirklich, die Tassen waren kaum geleert, als eine bessere Stimmung
Platz zu greifen begann. War denn die Lage wirklich so hoffnungslos? Nein.
Berndt nahm das Wort und erklärte, dass er in der Furcht der Franzosen, in ihrer
mutmasslichen Scheu vor einem zweiten zu statuierenden Exempel den besten Teil
seiner Hoffnung sehe. »Girard oder Fournier«, so schloss er, »macht keinen
Unterschied; sie wissen, dass ihre Tage hier herum gezählt sind, und werden sich
hüten, den schon straffen Bogen noch weiter zu überspannen.«
    Bamme wollte von diesem Troste nichts wissen; Hirschfeldt widersprach nicht
geradezu, sah aber alles wirkliche Heil nur in einem selbständigen Vorgehen.
Solange der Hals in der Schlinge stecke, wiederholte er, sei von Sicherheit
keine Rede; ein Ungefähr, eine Laune, und die Schlinge ziehe sich zu. »Können
wir uns auf Turganys Brief verlassen (und ich glaube, dass wir es können), so
treten die Küstriner Herren nicht eher als morgen mittag oder nachmittag
zusammen. Selbst wenn die Würfel schwarz fallen, woran leider nicht zu zweifeln,
so haben wir vor übermorgen früh nichts zu befürchten. Füsilladen sind Früh- und
Morgensache. Das ist so alter Brauch. Was also unsererseits zu geschehen hat,
muss diese Nacht geschehen oder in der nächstfolgenden. Diese Nacht - unmöglich,
vorausgesetzt, dass wir der Mitwirkung unserer Leute dazu bedürfen. Auch die
besten halten solche Schlappe nicht aus. Also morgen; morgen nacht.«
    Berndt und Bamme waren einverstanden, auch damit, dass man es mit List
versuchen wolle. Hoppenmarieken sollte dabei helfen. Diese, wie Berndt sehr wohl
wusste, lebte mit der Küstriner Garnison auf dem allerbesten Fusse; war sie doch
jedem einmal mit Kauf oder Kuppelei zu Diensten gewesen. Westfalen oder
Franzosen machte dabei keinen Unterschied, ja, die letzteren hatten eine
besondere Vorliebe für sie und gestatteten ihr, um ihrer grotesk-komischen
Erscheinung oder vielleicht auch um ihrer gemutmassten Geistesschwäche willen,
überallhin Zutritt. Dass Hoppenmarieken selbst, eitel und abenteuersüchtig, wie
sie war, gegen Übernahme der ihr zugeteilten Rolle Bedenken erheben würde, daran
war gar nicht zu denken; eine andere Frage blieb freilich, ob ihr auch in allen
Stücken zu trauen sei. Man liess dies indessen fallen, und Berndt schickte nach
dem Forstacker, um sie herbeiholen zu lassen. Aber sie war von ihrem
gewöhnlichen Tagesmarsche noch nicht zurück. So wurde beschlossen, die
Besprechung mit ihr bis auf den andern Morgen zu vertagen. Bamme wollte dabei
zugegen sein.
    Hiernach trennten sich alle und zogen sich auf ihr Zimmer zurück. Was noch
zu tun war, waren Dinge, die sich mit Kniehase besser als mit jedem anderen
erledigen liessen; dieser kam denn auch, beschafte und ordnete alles Nötige und
war bei Dunkelwerden wieder auf dem Schulzenhofe.
    Sein erster Gang, als er wieder daheim war, war zu Marie, bei der er, seiner
eignen Wunde wenig achtend, den grössten Teil des Tages zugebracht hatte.
    Er setzte sich auch jetzt wieder an ihr Bett und horchte und fragte; ihr
aber, als sie diese vom herzlichsten Mitgefühl eingegebenen Fragen hörte, kam
der stille Vorwurf zurück, in allen voraufgegangenen Stunden immer nur an Lewin
und nicht ein einziges Mal an ihn gedacht zu haben, an ihn, der jetzt so
liebreich zu ihr sprach und vom ersten Tage an nur Güte und Nachsicht für sie
gehabt hatte. Sie klagte sich ihrer Selbstsucht an und vergoss bittere Tränen. Er
aber wollte davon nichts wissen und wiederholte nur ein Mal über das andere:
»Lass, Kind; das ist die Jugend.« Und dann beruhigte sie sich und liess sich
wieder erzählen. Ach, wie schlug ihr das Herz höher, als sie von Turganys Brief
hörte: Otegraven war tot, aber Lewin lebte. Und das bedeutete alles! Dieselbe
Selbstsucht, deren sie sich eben noch bezichtigt hatte, war wieder da. Und sie
wusste es kaum.
    Ihre Stirn wurde gekühlt; der Blutverlust aus der Wunde galt für ein gutes
Zeichen, und ihr Befinden war nicht schlecht. Sie lächelte vor sich hin, wenn
Bammes und Rutzes und ihrer Haltung während des Strassenkampfes Erwähnung
geschah. Erst gegen Abend stellte sich Fieber ein, und sie begann nun leise vor
sich hin zu sprechen: »Wenn nur Otegraven da wäre... der würde helfen... mir
zuliebe.« Und dann nannte sie des alten Füllgraf Namen und dann den des alten
Küstrinschen Kastellans, der ein Vetter von den Kümmritzens war und den sie nun
in ihren Phantasien inständigst bat, den »jungen Herrn« in seinem Schloss
verstecken zu wollen, »mitten im grossen Saal, da würd ihn niemand suchen«.
    So vergingen die Stunden, und die Bilder drehten sich im Kreise. Aber eine
Stunde nach Mitternacht liess das Fieber nach, und sie schlief ein.
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
                                 »Dat möten wi«
Es war noch nicht sieben am andern Morgen, als Hoppenmarieken in ihrem
gewöhnlichen Aufzuge die Dorfgasse heraufkam. In Front des Herrenhauses bog sie
nach rechts hin ein und musterte die lange dunkele Fensterreihe. Nur in den zwei
Eckfenstern des ersten Stockes war Licht. »He is all bi Weg«, sagte sie und
schritt auf die Glastür des Hauses zu.
    Und sie hatte recht gesehen. Berndt war schon seit einer Stunde auf und sass
oben in seiner Amts- und Gerichtsstube. Mit ihm Bamme, der, nach einem ersten
Versuche, sich wieder in Nähe des stark überheizten und beinahe glühenden Ofens
zu placieren, schliesslich seinen Rückzug auf das Fenster hin hatte nehmen
müssen. Von diesem aus sah er jetzt Hoppenmarieken über den Hof kommen. Er war
in einem Kostüm, das, kaum minder auffällig als das der alten Forstackerhexe,
selbst Berndt einen Augenblick in Erstaunen gesetzt hatte: enger schwarzer
Schlafrock von Sammetmanchester, roter Wollshawl und gelbe Filzschuhe. Dazu die
kurze Morgenpfeife.
    Und nun klopfte es.
    »Herein!«
    Die Alte trat ein, blieb aber - mit ihrer Kiepe sich an die Türpfosten
lehnend - in respektvoller Entfernung von ihrem »gnädigen Herrn« stehen, mehr
aus Gewohnheit als aus Furcht, da sie wohl gemerkt hatte, dass man ihrer bedürfe.
    »Dag, gnäd'ger Herr«, sagte sie mit ihrer tiefen und rauhen Stimme und
nickte, als Berndt ihren Gruss erwidert hatte, mit derselben Vertraulichkeit auch
nach der Fensterecke hinüber. »Dag, Genral.«
    »Kennst du mich denn?« fragte dieser und blies behaglich ein paar Wölkchen
aus seinem Meerschaum.
    »I, wat wihr ick denn uns'n lütten Genral nich kennen? Ick wihr jo mit bi de
Revü buten un hebb allens siehn: Rutzen un sine Piken un den dicken
Protzhagenschen mit sine Füertut. Jott, wie seeg de ut! Un denn Drosselstein'n
sine rote Vossstut mit de lange Been. Ne, Genralken, dat wöhr nix för Se.«
    »Da hast du recht, Hoppenmarieken. Ich seh, du hast einen guten Blick, und
das nächste Mal werd ich dich fragen.«
    Sie lachte.
    »Dat dohn Se man, Genralken. De Dummen, so as wi ick, de sinn ümmer de
Klöksten.«
    Berndt sah, dass er das Gespräch unterbrechen müsse, denn solche
Vertraulichkeiten waren gerade das letzte, was er brauchen konnte. »Stell deine
Kiepe hin, Marieken, und tritt hier an diesen Tisch. Hierher, dass ich dich
besser sehen kann.«
    Sie verlor einen Augenblick ihre sichere Haltung, brummte allerhand
unverständliches Zeug und tat dann, wie ihr geheissen.
    »Du weisst, Hoppenmarieken -«
    »lck weet.«
    »Und du weisst auch, dass sie kurzen Prozess machen. Der Konrektor ist
erschossen auf dem Lohhof, da, wo die grosse Pappel steht. Ein Wunder, dass sie
Lewin noch aufgespart haben. Aber wie lange? Sie haben ihn nach Küstrin
gebracht, und wir müssen ihn freikriegen.«
    »Dat möten wi, dat möten wi.«
    »Und du sollst helfen.«
    »Dat will ick.«
    »Gut, so steck dies Knäuel ein und spiel es ihm heimlich zu. Er sitzt auf
Bastion Brandenburg; Mencke hat mir's gestern abend geschrieben. Übereile
nichts, lass dir Zeit, und wenn es auch Mittag wird. Aber sei schlau, so schlau,
wie du sein kannst, wenn du willst, und vergiss nicht, es hängt Leben und Sterben
dran.«
    »Ick weet, ick weet.«
    Der alte Vitzewitz schwieg eine Weile, während welcher Zeit Hoppenmarieken
das Knäuel in ihre Kiepe packte; dann fuhr er fort: »Und nun tritt noch einmal
hierher und pass auf und höre, was ich dir zu sagen habe.«
    Hoppenmarieken gehorchte.
    »Hier, wo du jetzt stehst, hier hat Lewin für dich gebeten, und weil er für
dich bat, und bloss deshalb, hab ich dich laufen lassen. Sonst sässest du jetzt
bei Wasser und Brot. Und das schmeckt dir nicht, denn du hast gern was Gutes.«
    »Jo, dat hebb ick.«
    »Sprich nicht. Du sollst mich hören. Und so sag ich dir denn: sieh dich vor.
Ich habe viel Nachsicht und Geduld mit dir gehabt und die Augen öfter zugemacht,
als recht war, aber wenn du wieder doppeltes Spiel spielst, so sei dir Gott
gnädig. Kobold, ich trete dich unter die Füsse und würge dich mit diesen meinen
Händen.«
    Er hatte diese Drohung in innerster Erregung gesprochen; aber ihre Wirkung
auf Hoppenmarieken war nur gering. Sie schüttelte bloss den Kopf, und ohne sich
im übrigen im geringsten eingeschüchtert zu fühlen, wiederholte sie nur immer:
»Gnäd'ge Herr, de junge Herr!« und salutierte dabei mit ihrem Hakenstocke, zum
Zeichen, dass man sich auf sie verlassen könne. Es war dies auch besser und
bedeutete mehr, als wenn sie bekräftigungshalber ihre Schwurfinger erhoben
hätte. Dann griff sie wieder nach der Kiepe, lehnte den Rat, der ihr noch
gegeben wurde, »sich wo möglich an die Westfalen zu machen«, mit der Bemerkung
ab: »Ne, ick geih to de lütten Franzosen; de passen nich upp«, und verliess einen
Augenblick später das Zimmer.
    Erst als sie zwischen den zwei Auffahrtspfeilern war, machte sie noch einmal
mit militärischer Prompteit kehrt und grüsste nach dem Eckfenster hinauf. Wusste
sie doch ganz bestimmt, dass der alte General ihr nachgesehen habe. Dieser lachte
denn auch, nahm seinen kleinen Meerschaum in die Linke und warf ihr mit der
Rechten Kussfingerchen zu.
    »'s bleibt doch ein Prachtexemplar, Vitzewitz«, sagte er. »Ich wollte, ich
hätte so was in Gross-Quirlsdorf.«
    Berndt schwieg und stützte den Kopf. Nach einer Weile sagte er:
    »Bamme, Sie sind ein Menschenkenner. War es nicht gewagt, unser Spiel auf
diese Karte zu setzen? Können wir ihr trauen?«
    »Unbedingt.«
    »Und warum? Weil ihr altes Hexenherz an Lewin hängt?«
    »Vielleicht auch deshalb. Etwas muss das Herz haben. Und je weniger es hat,
desto fester hängt es dran. Es stirbt dafür. Gut oder böse macht keinen
Unterschied.«
    Berndt nickte.
    »Aber«, fuhr Bamme fort, »das ist es nicht, weshalb ich ihr traue. Ich trau
ihr, weil sie klug ist. Wissen Sie, was sie jetzt denkt?«
    »Nun?«
    »Die Franzosen werden nicht ewig im Lande Lebus bleiben, aber die Vitzewitze
noch lange.«
    »Und?«
    »Und Bündnisse schliesst man nur mit Dauermächten. Auch wenn man
Hoppenmarieken heisst.«
 
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
                                  Im Weisskopf
In denselben Stunden, in denen der über Lewins Gefangenschaft Auskunft gebende
Brief den Weg von Frankfurt nach Hohen-Vietz hin machte, machte Lewin in Person
den Weg von Frankfurt nach Küstrin. Nur die Breite des Flusses lag zwischen
ihnen, und der alte Rysselmann, wenn er schärfer zugesehen hätte, hätte die
französischen Eskorte-Mannschaften erkennen müssen, die drüben am neumärkischen
Ufer ihre Strasse zogen. Es waren Voltigeurs, ausgesuchte Leute, die man unter
den Befehl eines alten, schon in Spanien gedienten Sergeanten gestellt hatte.
Und solche Vorsichtsmassregeln waren mit gutem Grunde getroffen worden, denn
hatten es die Russen auch tags zuvor an gutem Willen und jedenfalls an
Wortalten fehlen lassen, so waren sie doch in der Nähe, durchschwärmten die
Neumark und machten sich recht eigentlich eine Aufgabe daraus, kleine feindliche
Kommandos wegzufangen. Das erheischte nur geringe Opfer und machte von sich
reden. Dieser Sachlage waren sich die Begleitmannschaften auch voll bewusst und
liessen es, um schlimmsten Falles nicht ohne Fürsprache zu sein, an
Aufmerksamkeit gegen ihren Gefangenen nicht fehlen. Mussten sie doch fürchten,
jeden Augenblick selber Gefangene zu werden.
    Aber ihre Befürchtungen erfüllten sich nicht; die Kosaken, nach denen auch
Lewin von Zeit zu Zeit ausgesehen hatte, kreuzten nirgends ihren Weg, und
nachdem um Mittag die Kirch-Göritzer ausgebauten Häuser und bald darauf auch die
Pulvermühlen von ihnen passiert worden waren, trafen sie Punkt zwei vor der
Festung ein und lieferten ihren Gefangenen auf dem alten Küstriner Schlosshof ab.
General Fournier d'Albe tat ein paar Fragen, die trotz aller Kühle doch
Teilnahme verrieten, musterte die schlanke Gestalt Lewins und gab dann Befehl,
ihn auf dem »Weisskopf« unterzubringen.
    Lewin erschrak, als er diesen Namen hörte.
    Der »Weisskopf« war ein auf Bastion Brandenburg stehender Rundturm,
eigentlich nur das mannshohe Fundament eines solchen, von dem die Sage ging, dass
es zwei, drei Tage vor der Hinrichtung Kattes als Schafott für diesen
aufgemauert worden sei. Dies alles war nun freilich durch einige lebusische
Spezialhistoriker, darunter auch unser Seidentopf, als nicht stichhaltig
nachgewiesen worden; aber stichhaltig oder nicht, die blossen Vorstellungen, die
sich in Folge dieser Sage an eben diese Örtlichkeit knüpften, reichten gerade
hin, den Gedanken eines vor einem Kriegsgericht Stehenden eine sehr trübe
Richtung zu geben.
    Und nach diesem »Weisskopf« hin wurde Lewin nun wirklich abgeführt. Ein
Gefreiter und zwei Mann nahmen ihn in ihre Mitte, und unser Gefangener fürchtete
schon, den Rest des Tages und vielleicht auch die Nacht in einem kellerartigen
Gewahrsam zubringen zu müssen, als er im Näherkommen zu seinem Troste wahrnahm,
dass auf dem mannshohen Unterbau des Turmes noch ein nicht unfreundlich
aussehendes, aus Fachwerkwänden aufgeführtes Turmhäuschen stand, an das sich von
aussen her eine Holztreppe lehnte, acht oder zehn halb ausgebrochene Stufen.
    Und vor diesen Stufen hielt jetzt das Kommando. Der Schlüssel zu der kleinen
eisenbeschlagenen Obertür fehlte, fand sich indes schliesslich, als der Kastellan
vom Schloss her herbeigeholt worden war, der nun öffnete und den Gefangenen
eintreten liess. Der Alte, solange der Gefreite da war, zeigte sich einsilbig und
mürrisch genug; Lewin aber, aller mangelnden Menschenkenntnis unerachtet, konnte
doch leicht erkennen, dass dieses einsilbig mürrische Wesen nur äusserlich
angenommen war. Er durfte sich in der Folge und unter vier Augen mehr
Entgegenkommen von dem Alten versprechen. Vorläufig schloss dieser wieder ab,
schob zum Überfluss noch einen Riegel vor und folgte dann dem abrückenden
Wachkommando.
    Und nun war unser Gefangener in seinem Turmzimmer allein.
    Aber war es denn ein Zimmer? Die Mansardenstuben der alten Hulen hatten ihn
nicht verwöhnt, und doch waren es Palasträume, verglichen mit diesem
Erstenstock-Zimmer im »Weisskopf«. Es hatte fünf Schritt im Quadrat, und wenn er
sich aufrichtete, berührte seine Filzkappe die Decke. »Wie lebendig begraben!«
sagte er und schritt auf das Fenster zu, um wenigstens frische Luft einzulassen.
Der rechte Flügel, den er zuerst öffnete, hing nur in der oberen Haspe, so dass
er ihn um des Windes willen, der wehte, rasch wieder schliessen musste; mit dem
linken Flügel aber ging es besser, und er hakte das Ösenstäbchen ein und sah nun
den Fluss und das Land hinauf, das als ein Bild winterlicher Schöne vor ihm lag.
Und alles in dem Bilde kannte er, und alles war ihm wohlvertraut. Da nach links
hin die weite Fläche mit den Weidenbüschen am Ufer, das war die Krampe, wo die
Kirch-Göritzer ihre Schlacht geschlagen hatten, und dahinter, an den Kusseln
erkennbar, lief der Hohlweg, den er, als er mit Tubal von Doktor Faulstich kam,
bei halbem Dunkelwerden passiert hatte. Und nun gar nach rechts hin ins Bruch
hinein! Da dehnten sich, nur durch Pappelwege verbunden, die Gorgaster und
Neu-Manschnower Gehöfte, und mitunter war es ihm, als sähe er den Hohen-Vietzer
Turm und das Kreuz darauf, blitzend in der Nachmittagssonne. Lange hing er dem
Bilde nach, dann zog er den Fensterflügel wieder heran und durchmass den engen
Raum.
    Fünf Schritt. In der Quere noch weniger, denn hier stand eine Bettlade. In
dieser lagen vier, fünf Bretter, und zu Füssen lehnte ein Binsenstuhl, tief
eingesessen, mit einzelnen, nach unten hängenden Halmen. Sonst nichts; nur ein
paar eingekratzte Herzen in der Wand und vier, fünf Namen darunter. Französische
Namen. Also Neues, nichts Altes, nichts aus den Katte-Tagen her, und Lewin war
so trostbedürftig, dass er in diesem geringfügigen Umstand einen Trost für seine
bedrückte Seele fand.
    Eine Stunde mochte vergangen sein, als er wieder Tritte draussen hörte und
gleich darauf den Alten eintreten sah, der inzwischen den Namen seines
Gefangenen erfahren hatte und nun kam, um sich nach den Wünschen des »Junkers«
zu erkundigen. Der General, so verschwor er sich, habe alles erlaubt, und was er
nicht erlaubt habe, darüber würden zwei Landsleute doch miteinander reden
können. »Nicht wahr, Junkerchen? Und dann, Junkerchen, es wird nichts so heiss
gegessen, wie es vom Feuer kommt. Und der letzte Trost ist immer: Einen Tod kann
der Mensch bloss sterben.«
    »Ja«, sagte Lewin, »aber wann?«
    »Ei, noch lange nicht. Ihr Sand, Junkerchen, ist noch nicht durchgelaufen.
Bei Ihnen hat die Predigt erst angefangen. Und der Sand muss durch, eher ist es
mit keinem nich vorbei.«
    Lewin dankte dem Alten für seinen Zuspruch und bat ihn um ein Nachtessen,
was es sei, am liebsten eine Suppe. Aber nicht vor sieben Uhr. Wenn er ein Buch
habe, so solle er es ihm schicken; er wolle sich ans Fenster setzen, solang es
noch Tag sei, und sich die Zeit mit Lesen vertreiben.
    Der Alte versprach alles, und nicht lange - die kleine Schlossturmuhr schlug
eben vier -, so wurden draussen Stimmen laut, und ein Klappen wie von
Holzpantinen liess sich auf den Treppenstufen vernehmen. Gleich darauf öffnete
sich auch wieder die kleine Tür, und ein breitschulteriger, allem Anscheine nach
auch riesengrosser Chasseur à pied - der, vornübergebückt, sich abmühte, ein
breit zusammengeschnürtes Bündel durch die zu schmale Türöffnung hereinzuziehen
- wurde von hinten her sichtbar. Ein altes Weib, mit vielem Kupfer im Gesicht,
stand noch auf den Stufen draussen und schob nach. Endlich war das Bündel durch,
und der Chasseur machte jetzt Front und begrüsste den Gefangenen mit einem halb
gutgelaunten, halb spöttischen: »Bon jour, camarade«, in gleichem Tone
hinzusetzend: »Voici votre équipage!«
    Lewin erwiderte den Gruss und musterte den jetzt aufrecht vor ihm stehenden
Chasseur, der in seiner ganzen Haltung und Ausstaffierung als ein vollkommener
Typus südfranzösischer Nonchalance gelten konnte. Sein Collet stand offen,
während seine beiden Füsse in grossen, mit Stroh gefütterten Holzschuhen steckten;
offenbar ein gutmütiger, renommistischer Gascogner, der, um anderweitig
dienstfrei zu werden, den Kalfakterdienst im Schloss übernommen hatte.
    »Madame de Cognac«, wandte er sich jetzt an die noch immer auf der Treppe
stehende Alte, »s'il vous plaît! Komme Sie herein, Madame, und knüppre Sie auf.«
Lewin lächelte. »Oui, monsieur; knüppre Sie auf; c'est tout-à-fait allemand. Oh,
ich gelernt habe gut Deutsch. Moi. N'est-ce pas, Madame?«
    Diese nickte.
    »Vous voyez, Monsieur, notre marquise de Chaudeau a consenti.«
    Während dieses Gespräches war denn auch wirklich das Bündel aufgeknotet
worden, und der Chasseur und seine Begleiterin mühten sich jetzt
gemeinschaftlich ab, ein Lager für den Gefangenen herzustellen. Und nun waren
sie fertig damit: ein Strohsack, ein Seegraspfühl und ein verschossener Mantel
mit Otterfellkragen, den der alte Kastellan, da Betten oder Decken im ganzen
Schloss nicht mehr aufzutreiben gewesen waren, aus seinem eigenen Kleiderschranke
hergegeben hatte. In dem grossen Bündel hatten sich übrigens auch noch drei
Bücher befunden, die jetzt von seiten des Chasseurs unter affektiert
respektvollen Verbeugungen und »avec les compliments de monsieur le Châtelain«
an Lewin überreicht wurden. »Et à sept heures le souper.« Darnach klappten
wieder die Pantinen auf der Treppe draussen, und das Kauderwelsch mit der Alten
setzte sich fort, bis es in dem Winde, der über Bastion Brandenburg hinstrich,
verklungen war.
    Lewin rückte den Stuhl ans Fenster, um in die drei Bücher hineinzusehen, die
der Kastellan ihm geschickt hatte. Zwei, schwarz gebunden mit zitronengelbem
Schnitt, waren, was sich erwarten liess, Bibel und Gesangbuch. Aber das dritte!
Es war nur ein Büchelchen, zwei Pappdeckel, mit marmoriertem Papier, an den
Ecken abgestossen. Und nun las er: »Bericht des Majors von Schack über des
Lieutenants von Katte Dekapitation, 6. November 1730.« Das hatte der Alte
schlecht getroffen. Es überlief unseren Gefangenen eiskalt, und er legte die
Bibel darauf, dass er es nicht sähe.
    Lange, lange Stunden.
    Er ging wieder auf und ab und zählte. »Erst tausend Schritt.« Endlich schlug
es sieben. Es war ihm ein unangenehmer Gedanke, den Gascogner noch einmal
eintreten zu sehen, aber statt seiner erschien der alte Kastellan selbst und
brachte das Nachtessen: eine Suppe, aus Brotrinden und Hagebutten gekocht.
    »Nun, Junkerchen, da haben Sie was Warmes. Das Brot, das haben die Franzosen
gebacken, aber die Hagebutten, die sind aus Markgraf Hansen seinem Küchengarten,
und meine Lene, was meine Jüngste ist, die hat sie selber gepflückt. Es war ein
rechtes Hagebuttenjahr. Hören Sie, Junkerchen, auch für die Franzosen; aber die
haben die Hacheln gekriegt.« Und dabei setzte der Alte den Suppentopf und eine
Stallaterne, in der ein Lichtstümpfchen schwelte, vor Lewin nieder und sagte,
während er schon halb in der Türe stand: »Und nun Gott befohlen, Junkerchen. Es
kommt, wie's kommt. Und blasen Sie gleich aus; denn Licht darf nicht sein. Es
geht mir sonst an Kopp und Kragen. Hören Sie, gleich ausblasen.«
    Lewin hatte Hunger, und der würzige Duft tat seinen Sinnen wohl. Aber er
konnte nicht essen. Es war nicht der verzinnte Löffel, der so bitter schmeckte,
es war die Todesfurcht, die sich ihm auf die Zunge legte. Er stellte den Napf
aus der Hand, löschte das Licht und warf sich auf das Bett. Im Liegen empfand
er, dass ihn die Uhr drücke, und er nahm sie heraus, um sie neben sich auf den
Binsenstuhl zu legen. Dann erst wickelte er sich in den Mantel, zog den Kragen
bis unter das Kinn und sah von seinem Kissen aus auf die Sterne, die matt durch
die kleinen Fensterscheiben zu ihm her flimmerten. »Und kann auf Sternen gehn«,
klang es in seiner Seele immer leiser, immer ferner, und darüber schlief er ein.
    Er schlief fest, viele Stunden lang; der überanstrengte Körper verlangte
sein Recht. Aber gegen Morgen begann er zu träumen. Er sah eine Schlittenfahrt
und hörte das Läuten der Glocken, und als die Schlitten hielten, war es vor
einem alten Rundbogenportal, durch das winterlich in Mäntel und Muffen
gekleidete Paare in ein hochgewölbtes Schiff eintraten. An den Pfeilern hingen
vertrocknete Kränze mit langen Bändern, die sich im Zugwind bewegten, und
zwischen diesen Pfeilern hin schritten alle, unter denen auch die schöne
Matuschka war, auf den Altar der Kirche zu. Und als sie nun dicht heran waren,
begann die Orgel zu spielen. Aber in demselben Augenblicke wandelte sich das
Bild, und die grauen Steinpfeiler wurden zu weissgetünchten Holzsäulen, um die
grüne Girlanden gewunden waren. Und auch die Frauen waren nicht mehr dieselben,
andere waren es, sommerlich gekleidete mit Blumen im Haar, und alle folgten
einem voranschreitenden Paare, das er nicht erkennen konnte, denn er schritt
hinterher, und erst als er den Altar erreicht hatte, vor dem ein Grabstein lag,
sah er, dass er es selber war, der an dieser Stelle getraut werden sollte. Aber
er wusste nicht mit wem, denn die Braut war über und über in einen weissen
Schleier gehüllt, und auf dem weissen Schleier leuchteten goldene Sterne.
    Als nun aber die Orgel schwieg und der Geistliche nach dem »Ja« fragte, da
schlug die Braut den Schleier zurück, und statt des »Ja«, das ihm auf der Lippe
war, sagte er: »Marie«.
    Er hatte das Wort laut gesprochen und fuhr auf, als ob er eine schwindende
Erscheinung festalten wolle. Wo war er? Er sah den Sternenhimmel und fühlte den
von seinem eigenen Atem feucht und eisig gewordenen Mantelkragen. Und allmählich
stieg die ganze furchtbare Wirklichkeit vor ihm herauf, und er lauschte, ob er
nicht schon den Tritt eines ihn abholenden Wachkommandos hören könne. Wusste er
doch, dass die Morgendämmerung die Zeit für solche Szenen sei.
    Aber was war die Stunde? Er griff nach der Uhr und liess sie repetieren.
Fünf. Das war noch zu früh; es konnte nicht vor sechs geschehen. Also noch eine
Stunde Leben, aber auch noch eine Stunde Tod, und er wünschte sich die Minuten
weg, um Gewissheit zu haben. Das Letzte, das Schreckliche konnte nicht so
schrecklich sein wie diese Qual. Er sprang auf, öffnete das Fenster und sog
begierig die Nachtluft ein, aber umsonst; er sah alles, wie es kommen musste, und
rief Gott an, nicht mehr um sein Leben, das war hin, sondern um Kraft in seiner
letzten Stunde. »Nur nicht gemein aus diesem Leben gehen!« Und dann sah er
wieder nach Hohen-Vietz hinüber, nach dem Fleckchen Erde, das ihm vor allem
teuer war, und er winkte und grüsste mit der Hand. »Lebt wohl, all ihr
Geliebten.«
    In diesem Augenblicke schoss ein Lichtstrahl am östlichen Himmel auf und
verschwand wieder. Es war der erste Bote, den der Tag sendet, lange bevor er
selber mit seinem goldnen Wagen heraufzieht. »Soll es mir ein Zeichen sein?«
    Und er wurde ruhiger.
    Sechs Uhr. Der Tritt keines Wachkommandos wurde draussen hörbar, und so
festigte sich in ihm die Überzeugung, dass er wenigstens diesen Tag noch zu leben
haben werde. Und ein Tag war viel; was konnte dieser eine Tag nicht alles
bringen? Und er sprach wieder die Strophe vor sich hin, die schon einmal in
allertrübster Stimmung ihn aufgerichtet hatte:
»Hoffe, harre; nicht vergebens
Zählest du der Stunden Schlag,
Wechsel ist das Los des Lebens,
Und es kommt ein andrer Tag.«
Ja, ja, hoffe, harre. Ein Tag noch, ein ganzer Tag noch! Und dieser Tag lag
jetzt vor ihm wie das Leben selbst, und er sah ihm entgegen, als ob er ihm eine
Welt von Ereignissen bringen müsse.
    Was er ihm aber zunächst brachte, war nur wieder der Chasseur, dessen
ohnehin unsoldatischer Aufzug durch einen an seinem linken Arm hängenden
Deckelkorb noch gesteigert wurde. »Bon jour, monsieur de Vietzewitz. Pardon, si
ce n'est pas tout-à-fait correct. Mais votre nom, c'est un nom difficile.«
    Lewin bestätigte.
    »Voici votre café. Un bon café, sans doute. Cela veut dire: de la chicorée.
Mais qu'importe! c'est un café allemand.«
    Unter diesen und anderen Worten (denn er zählte zu den Schwatzhaften) hatte
der Chasseur den Deckelkorb geöffnet und den braunen Bunzlauer Topf auf das
Fensterbrett gesetzt, unterliess auch nicht, Schwarzbrot und ein paar
frischgebackene Semmeln hinzuzulegen. Dann hing er statt des Korbes die grosse
Laterne, die vom Abend vorher noch da war, an seinen Arm und empfahl sich mit
einem halb spöttischen: »Votre serviteur.«
    Lewin war froh, wieder allein zu sein, rückte den Stuhl an das Fenster und
nahm sein Frühstück. Es schmeckte leidlich, und als er damit geendigt, lehnte er
sich zurück und sah, aufatmend und neu belebt, in den glühenden Sonnenball, der
eben die vor ihm liegende Göritzer Kirchturmspitze vergoldete.
    »Nun will ich lesen.« Und damit nahm er die Bibel und schlug auf:
    »Prophet Daniel!« Ein Lächeln überflog seine Züge, und er sagte vor sich
hin: »Nein, nicht Daniel. Jeder in meiner Lage bildet sich ein, in der
Löwengrube zu sein.« Und er blätterte weiter, bis er an die Makkabäer, und dann
wieder zurück, bis er an das Buch der Richter kam. »Ja, das ist ein hübsches
Buch; frisch, mutig, das soll mich aufrichten!«
    Und er begann zu lesen.
Aber seine Lektüre war noch nicht weit gediehen, als er ein Stapfen und Räuspern
hörte und, sich aufrichtend, Hoppenmarieken erkannte, die hart am Rande von
Bastion Brandenburg entlangkam. Keine zwölf Schritt von ihm entfernt. Sie sah
jetzt hinauf, hob den Stock mit ihrer Linken und warf im selben Augenblick ein
Knäuel, das sie rasch aus dem Brusttuch hervorgeholt hatte, in sein Fenster
hinein. Zugleich mit dem Knäuel fielen ein paar Scheibensplitter vor ihm nieder,
und ehe er noch Zeit hatte, sich von seiner Überraschung zu erholen, war die
Alte schon wieder fort. Er sah ihr nach und bemerkte jetzt, dass sie mit einem
weiter abwärts stehenden Wachtposten ein Gespräch begonnen hatte, natürlich in
Zeichensprache. Sie bot ihm aus ihrer Flasche an, und als andere, von den
nächsten Schilderhäusern her, herzukamen, gab es Kapriolen und schallendes
Gelächter, bis sie schliesslich mit ihrem Stock salutierte und um den Schlosshügel
herum wieder auf die Stadt zuschritt.
    Jetzt erst nahm Lewin das Knäuel auf. Es war nicht gross, wog aber schwer und
musste mitin noch einen Inhalt haben. Er spaltete zunächst von einem der in der
Bettlade liegenden Bretter einen Span ab und begann nun die nur
stricknadeldicke, aber sehr feste Hanfleine vorsichtig abzuwickeln, ersichtlich
zu dem Zweck, dass er, wenn er überrascht würde, beide Knäuel, das alte und das
neue, mit Leichtigkeit verbergen könne. Und jetzt war er fertig und hielt
sorglich einen umnähten flachen Stein in Händen, an dessen fester Lederöse das
eine Hanfleinenende befestigt war. In derselben Lederöse steckte aber auch ein
zusammengerollter Papierstreifen. Diesen rollte er jetzt auseinander und las:
»Wirf Schlag zwölf (Ablösung ist erst um eins) dieses Knäuel über das Bastion;
halte den Faden fest und sorge, dass er abläuft. Wenn er sich strafft, ziehe die
Strickleine hinauf. Dann lass dich hinab. Schlimmsten Falles springe! Unten
tiefer Schnee - und wir.«
    Lewin verbarg das Zettelchen; es zerreissen, das konnte er nicht, denn er
fühlte, dass er es wieder und immer wieder lesen werde. Dann aber sank er, wo er
stand, in die Knie und dankte Gott für die Rettung seines Lebens. Denn er
zweifelte nicht mehr, dass er gerettet werden würde, und war fest entschlossen,
wenn alles andere scheiterte, den Sprung von dem Bastion aus zu wagen. Sprang er
fehl, so starb er wenigstens in den Händen der Seinen, und der Armesündergang,
samt dem Trommelwirbel und den verbundenen Augen, blieb ihm erspart. Und vor
diesem Apparat erschrak er am meisten. »Der Tod ist erträglich, aber die
Exekution ist unerträglich.« Das blosse Wort widerte ihn an, und alles, was roh
und hässlich ist, stieg bei dem blossen Klange desselben in einer Reihe
fratzenhafter Jahrmarktsbilder vor ihm auf.
    Und diesem Widerwärtigen, was auch kommen mochte, war er nun entronnen. Aber
freilich, als der erste Jubel seines Herzens vorüber war, fühlte er bald, dass er
nur die Tyrannen gewechselt habe und dass das Horchen auf die Rettungsstunde fast
so qualvoll sei wie das Horchen auf den Tod. Er durchmass den engen Raum immer
wieder, öffnete und schloss das Fenster und überflog den Zettel, dessen Inhalt er
längst auswendig wusste, zum zehnten und dann zum hundertsten Mal. Der Chasseur
brachte das Mittagessen; aber er bat ihn, alles wieder mit fortzunehmen; ihn
verlangte nur nach Luft und Frische, und wahrnehmend, dass vom Dache her lange
Eiszapfen bis dicht an sein Fenster niederhingen, brach er ein paar davon ab und
labte sich an ihrer Kühle. Dann las er wieder und prüfte das Knäuel und
berechnete die Höhe des Bastions. Und das letzte war immer, dass es nichts sei
und dass jeder Sprung aus einer zweiten Etage viel, viel mehr bedeute. Und unten
zehn Fuss Schnee! Es musste glücken, und er vergass unter diesen Vorstellungen
fast, dass ihm der Sprung überhaupt nur als Notbehelf und letztes Mittel dienen
sollte.
    Und nun war Mittag vorüber und endlich auch der Nachmittag. Die Sonne ging
unter, das Abendrot erblasste, und der Tag schwand hin. Nur noch sechs Stunden,
bald nur noch fünf. Er zählte die Minuten.
    Um sieben Uhr kam der alte Kastellan. »Junkerchen, sie sitzen jetzt am
grünen Tisch; der alte General ist auch da, ein bon garçon, wie der Tagedieb
sagt, den sie mir als Kalfakter zugelegt haben.«
    »Also Kriegsgericht über mich?«
    »Ja, Junkerchen. Ich habe den grossen Saal heizen müssen. Das ist der mit dem
Balkon, wo Markgraf Hans über dem Kamin hängt, lebensgross mit gelbledernen
Stiefeln, und Sporen so lang wie meine Hand. Der wird sich wundern.«
    »Ich glaub's.«
    »Und wenn der junge Herr noch einen Brief schreiben wollen oder eine
Bestellung an den Papa...«
    »Steht es so, Kastellan?«
    »Ich sage nicht, dass es so steht; aber es kann so stehen. Ein Kriegsgericht
ist ein Kriegsgericht, und es hängt allewege an einem seidenen Faden. Ach,
Junkerchen, unser Bestes ist schon immer: gesattelt sein.«
    »Das ist es«, sagte Lewin mechanisch, während sich seine Seele, der ihre
Furcht noch einmal wiederkehrte, mit doppelter Gewalt an das Leben klammerte.
Aber der Alte sah es nicht; er nahm den Deckelkorb, den der Chasseur
zurückgelassen hatte, bot eine »Gute Nacht!« und liess seinen Gefangenen allein.
    »Sie sitzen also jetzt oben«, sagte dieser, »und Markgraf Hans mag
dreinschauen, wie er will, er wird mich vor ihrem Todeswort nicht retten. Es ist
mir, als sprächen sie es jetzt. Und ich fühle den Stich hier im Herzen. Aber ich
will leben; Gott, erbarme dich meiner und sei mit deiner Gnade über mir. Lass ihr
Wort zuschanden werden.« Und er faltete die Hände wieder und presste seine heisse
Stirn an die Scheiben.
    Die Sterne zogen herauf, und er suchte die Bilder zusammen, soviel er deren
kannte. Aber im Gewölk verschwanden sie wieder. »Die Stunde rinnt auch durch den
längsten Tag.« Und nun endlich schlug es elf.
    »Noch eine Stunde«, murmelte er vor sich hin, »und diese Qual hat ein Ende!
So oder so.«
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
                                 Die Befreiung
Um dieselbe Zeit, wo Lewin diese Worte sprach, hielten zwei Schlitten vor dem
Hohen-Vietzer Herrenhause. Der vorderste war eine blosse Schleife und sah dem
Planschlitten ähnlich, in dem Lewin am Weihnachtsheiligabend seine Fahrt von
Berlin nach Hohen-Vietz gemacht hatte, nur dass die Korbwände niedriger waren und
der hohe Planbogen völlig fehlte. Statt dieses Planbogens war ein Stück
schwarze, nach beiden Seiten hin tief herabhängende Wachsleinwand über den
Wagenkorb gelegt und mittels eingeschnittener Löcher an den vier Speichen
befestigt worden. In der Gabeldeichsel ging ein kleines struppiges Bauernpferd,
und Pachaly, die Leinen in der Hand, sass auf dem Vorderbrett. Das zweite Gefährt
war ein gewöhnlicher, aber sehr grosser Fahrschlitten, den man sich, um eben
dieser Grösse willen, von Schulze Kniehase geborgt hatte. In diesem Schlitten
sassen sechs Personen: Berndt und Hirschfeldt im Fond, ihnen gegenüber auf dem
Rücksitze Tubal und Kniehase, vorne Krist und der junge Scharwenka. Krist fuhr.
Die Ponies waren eingespannt, aber ohne Geläut.
    Was am meisten überraschen durfte, war, dass Bamme fehlte, und doch war eben
dieses Fehlen für jeden, der ihn genauer kannte, in voller Übereinstimmung mit
seinem Charakter. Die Frankfurter Affaire hatte weder innerlich seinen Mut
gebrochen noch ihn äusserlich kleinlaut gemacht; aber durch und durch von
Spielervorstellungen beherrscht, erging er sich seitdem in Versicherungen, dass
er keine »glückliche Hand« habe. »Ohne ihn werd es besser gehen«, versicherte er
ein Mal über das andere, und nur einen Augenblick lang, als der Schlitten mit
der herabhängenden schwarzen Wachsleinwand vorgefahren war, war er in dieser
seiner Überzeugung erschüttert worden. Und dabei hatte folgendes Zwiegespräch
zwischen ihm und seinem neben ihm stehenden Aide de camp stattgefunden.
    »Was will nur der schwarze Kasten, Hirschfeldt? Schwarz und schräg und eine
Zudecke darüber. Der reine Sarg. Soll mich wundern, wen sie hineinlegen werden.«
    »Vielleicht mich.«
    »Nein, Sie nicht, Hirschfeldt. Sie werden immer mit einem Prellschuss oder
einer Kugel ins dicke Fleisch davonkommen... Aber was ist das nur, was dieser
Tölpel von Pachaly da heranschleppt und in das Schlittenstroh hineinpackt? Sehen
Sie nur, sechs Bretter und zwei Brettchen. Und jetzt zwei Grabscheite und eine
Strickleine. Was die soll, weiss ich allenfalls, aber all das andere! Grabscheite
und Bretter, und gerade sechs. Es schmeckt so nach Begräbnis.«
    Hirschfeldt, so kaltblütig er war, war doch schliesslich durch diese
Betrachtungen in eine wenig erbauliche Stimmung versetzt worden, und nur um
etwas zu sagen, warf er hin: »Sie sind abergläubisch, General.«
    »Ja, das bin ich, Hirschfeldt, und ich habe meine Freude daran. Nehmen Sie
mir das bisschen Aberglauben, so hab ich gar nichts und falle zusammen. Übrigens
geht es den meisten Menschen so, und wem es nicht so geht, desto schlimmer.
Sehen Sie die Schorlemmer. Die hat keinen Aberglauben. Aber was kommt dabei
heraus? Eine Nussschale voll Weisheit und ein Scheffel Langeweile. Und eine
Dormeuse darübergestülpt.«
    Bamme drehte sich seinen Schnurrbart und hatte das Gefühl, etwas apart Gutes
gesagt zu haben. Aber seine ganze Oratio pro domo war von Hirschfeldt überhört
worden, der mit seinen Vorstellungen immer noch bei »Sarg« und »Begräbnis«
aushielt und endlich sagte: »So glauben Sie, General, dass wir von Küstrin her
nicht viel anders heimkehren werden als von Frankfurt?«
    »Doch, Hirschfeldt. Ich bin nicht mit dabei, das ist eins; und das zweite
ist, sie passen nicht auf. Ich meine die Franzosen. Ihr werdet ihn also
freikriegen; aber einen Einsatz kostet's, ein Bein oder ein paar Rippen.
Billiger habt ihr's nicht. Vielleicht aber teurer. Und deshalb gefällt mir der
Kasten nicht.«
    So war das Gespräch zwischen Bamme und Hirschfeldt verlaufen; unmittelbar
darauf hatten alle an der Expedition Teilnehmenden ihre Plätze eingenommen und
fuhren in leichtem Trabe die Küstriner Chaussee hinauf. Als sie bis an die
Stelle gekommen waren, wo vor zwei Tagen erst die »Revue« stattgefunden hatte,
bogen sie nach rechts hin ab, passierten das Fichtenwäldchen an seinem
nördlichen Rande und hielten sich nun scharf auf den Fluss zu. Die Wege waren
hier schmal und meist verschneit, so dass sie Schritt fahren mussten. Und doch
waren die Minuten berechnet. Berndt und Hirschfeldt wurden ungeduldig. Endlich
hatten sie den Fluss vor sich, erkannten trotz der Dunkelheit die inmitten des
Eises abgesteckte Fahrstrasse und fuhren vorsichtig erst die Böschung hinunter
und dann mit einer allmählichen Linksbiegung in die niedrige Kusselallee hinein.
Und nun konnten sie wieder traben. Es war aber auch hohe Zeit.
    Noch war kein Wort gesprochen worden. Berndt, den das Schweigen bedrückte,
wandte sich an den ihm gegenüber sitzenden Kniehase, dessen noch verbundener
Kopf in einer Pelzkappe steckte, und sagte:
    »Alles in Ordnung, Kniehase?«
    »Ja, gnäd'ger Herr.«
    »Strick, Scheite, Bretter?«
    »Alles da. Hab es Pachalyn in die Hand gezählt. Und auch die kleine Leiter
und zwei Bund Stroh.«
    »Und Kümmritz?«
    »Ist um neun Uhr abgerückt auf die Manschnower Mühle zu.«
    »Und Krull und Reetzke?«
    »Stehen drüben zwischen Entenfang und Pulvermühlen.«
    »Gut. Und nun komme, was soll.«
    Einen Augenblick schwieg er, und seine Lippen sprachen nur leise vor sich
hin. Dann aber, alle Sorge hinter sich werfend, sagte er: »Und nun schärfer zu,
Krist, oder wir verpassen's. Sieh, Tubal, alles grau; der Himmel ist mit uns,
indem er sich uns verbirgt.«
    Während sie so sprachen, hatten sie sich der Festung bis auf fünfhundert
Schritt genähert, und in dem Dunkel, das herrschte, stieg ein noch dunklerer
Schatten auf: Bastion Brandenburg. Dass ihr Herankommen von dem einen oder andern
Wachtposten bemerkt worden wäre, war wenig glaubhaft, denn ihre niedrigen
Fuhrwerke fuhren nicht nur im Schutze einer mannshohen, zu beiden Seiten des
Weges aufgeschaufelten Schneemauer, sondern auch im Schatten der von zehn
Schritt zu zehn Schritt stehenden Kusselpyramiden. Und im Schatten einer solchen
hielten jetzt die Schlitten.
    Die kleine Turmuhr, von der Schlosskirche her, schlug halb. Das traf zu; so
war es berechnet. Berndt war der erste aus dem Schlitten heraus und schlich sich
jetzt über das Eis hin bis an die Festungswerke vor, gerade bis unter den
»Weisskopf«. Als er heran war, sah er, dass am Fusse des Bastions alles tief
verschneit war; der Westwind hatte hier ganze Schneeberge zusammengetrieben.
Aber so hoch der Schnee lag, so war er doch zu locker und hatte nicht Tiefe
genug. Es musste also nachgeholfen werden. Dazu sollten die mitgenommenen Bretter
dienen, mit deren Hilfe man eine der zehn Schritt breiten und halb
festgewordenen Schneemauern bis hart an das Bastion vorzuschieben gedachte. Sie
traten deshalb an den einspännigen Schlitten heran, den Bamme kurzweg, und
vielleicht auch vorahnend, als »Sargschlitten« bezeichnet hatte, und wollten
eben die zum Schieben bestimmten Bretter hervorziehen, als sich's in dem
darübergepackten Stroh zu regen und zu schütteln begann. Und siehe da, gleich
darauf stand Hektor - wohl wissend, dass er viel gewagt habe - verlegen wedelnd
an der Seite seines Herrn, verlegen, aber doch auch mit einem Ausdruck von Stolz
und Freude, und seine klugen Augen schienen zu sagen: »Hier bin ich; ich,
Hektor, Freund meines Freundes Lewin. Ich weiss, dass es Ernst wird, und weil ich
es weiss, will ich mit dabeisein.«
    Der sich zuerst fasste, war Berndt; er bückte sich nur, um dem Schuldigen mit
dem Zeigefinger zu drohen. Als er sich dann wieder aufrichtete, richtete sich
auch der Hund auf und legte seine Vorderpfoten auf seines Herrn Schulter; so
standen sie und sahen einander an.
    »Pst, Hektor«, flüsterte Berndt und klopfte und streichelte das treue Tier.
Dieser aber, als er sich so zu Gnaden angenommen sah, fuhr in leidenschaftlicher
Erregung in seines Herrn Bart und Haar umher und nickte und wedelte nur immer
wieder, um zu zeigen, dass er alles wohl verstanden habe. Dann endlich liess er ab
von ihm.
    Die Bretter waren inzwischen hervorgezogen worden und wurden nun von der
einen Seite her eingestemmt. Aber es wollte mit dem Schieben nicht glücken. Das
am Tage durchgesickerte Schneewasser war unten mit der Flussdecke
zusammengefroren, und so mussten denn die Spaten herbeigeholt werden, um durch
Abstechen das Eis wieder zu lösen. Und nun endlich war es geschehen, und die
Masse setzte sich in Bewegung, erst langsam, dann immer rascher, bis sie zuletzt
den weichen Schnee beiseite drängte und am Fusse des Bastions feststand. Was der
Westwind höher hinauf an die Schrägwand geweht hatte, das fiel jetzt herab, ein
weiches Polster über der Schneemauer bildend. Und nun kletterte der junge
Schwarwenka, der der Flinkste und Geschickteste war, hinauf und zog die
Strickleine rasch nach sich, während sich die vier anderen zu beiden Seiten der
Mauer niederkauerten. Krist hielt Hektor am Halsband; Pachaly war bei den
Schlitten geblieben.
    Alle sahen erwartungsvoll nach der Uhr. Noch fünf Minuten. In jedem
Augenblick konnt es oben auf dem Schloss zum Schlagen einsetzen.
    Und jetzt schlug es wirklich. Lewin riss das Fenster auf, zählte bis zwölf,
und im selben Augenblicke warf er das Knäuel, dessen loses Ende er um die linke
Hand geschlungen hatte, mit der Rechten über den Rand des Bastions. Er hörte,
wie es aufschlug; und nun wickelte sich's ab. Eine kleine Weile noch, dann sah
er, dass sich die dünne Hanfleine zu straffen anfing. Die Strickleine musste also
von den Freunden unten angeknotet worden sein. Und nun begann er mit aller Kraft
zu ziehen. Aber eben jetzt kam ein französischer Wachtposten in Sicht, um seinen
vorgeschriebenen Weg von Eck zu Eck zu machen. Er war schon dicht heran; hielt
er sich in Nähe des Fensters, so ging das Bajonett unter der Leine weg, hielt er
sich aber mehr rechts am Rande des Bastions hin, so traf er die Leine. Lewin war
schon darauf gefasst, sie fallen lassen zu müssen, und dann blieb nur noch der
Sprung. Aber der Posten schritt, eine Melodie summend, hart an dem Unterbau des
Weisskopfs vorbei.
    Das Eck, an dem er wieder kehrtmachen musste, lag hundertundfünfzig Schritt
entfernt. Lewin berechnete sich, dass er zwei Minuten habe. Also schnell. Er zog
jetzt rascher und heftiger noch als zuvor, und nun hielt er die Strickleine in
seinen beiden Händen. Aber wo sie befestigen? Das Fensterkreuz war viel zu
morsch, so schlang er sie, da nichts Besseres da war, um den Fuss der Bettstelle
und schob diese, um ihr mehr Halt zu geben, bis an den Fensterpfeiler vor. Und
nun hinaus. Draussen warf er sich nieder, kroch bis an den Rand des Bastions und
packte den Strick. Und nun noch ein kurzes Stossgebet, und dann vorwärts und
hinab! Als er bis über die Mitte war, brach der Bettfuss, an dem oben die Leine
befestigt war, ab oder ging aus den Fugen, aber es waren keine sechs Ellen mehr,
und so glitt er an der mit Schnee bedeckten Schrägung ohne Fährlichkeit
hinunter. Die ganze Niederfahrt war nur um ein paar Sekunden beschleunigt
worden.
    Er war gerettet, und ein seliges Gefühl wiedergewonnenen Lebens durchdrang
ihn, als er sich aus den lockeren Schneemassen herauswühlte. Was noch an Gefahr
da war, war keine Gefahr mehr; ein Schuss in die Nacht hinein hatte nicht viel zu
bedeuten.
    Und jetzt fiel wirklich der erste Schuss. Ein Hurra unten antwortete; alles
schwenkte die Mützen, und Hektor, der sich jetzt rühren durfte, sprang an seinem
jungen Herrn in die Höhe und fuhr ihm mit der Zunge liebkosend und
freudekeuchend über Hand und Gesicht. »Lass, lass!« Aber ehe er noch gehorchen
konnte, krachte von oben her eine ganze Salve in das Dunkel hinein, und der
Hund, dessen Liebestreue seinen Herrn gedeckt hatte, brach zusammen. Lewin stand
unbeweglich und wusste nicht, was tun; endlich rissen Berndt und Hirschfeldt ihn
mit sich fort. Alles stürzte den Schlitten zu, und nur Hektor, zurückgelassen,
lag winselnd am Fusse des Bastions.
    »Nein«, rief Tubal, »das soll nicht sein.« Und wieder umkehrend, bückte er
sich und lud das treue Tier, das sich vergeblich fortzuschleppen trachtete, auf
seine beiden Arme. Aber lange bevor er den nächsten Schlitten erreicht hatte,
folgte der ersten Salve eine zweite, und Tubal, unterm Schulterblatt getroffen,
taumelte und fiel.
    »Fort, fort!« und zehn Hände griffen zu, und über den Schnee hin, ihn
tragend und ziehend, erreichten sie das Pachalysche Gefährt und legten den
Schwerverwundeten auf die Strohbündel nieder, Hektor ihm zu Füssen. So ging es
zwischen den schwarzen Kusseln hin in die Nacht hinein. An Verfolgung war nicht
zu denken. Hätte sie stattgefunden, so wäre man mit Hilfe der aufgestellten
Seitenkommandos stark genug gewesen, ihr zu begegnen.
    Als sie bis in Höhe von Gorgast waren, bogen sie rechts aus ihrer
Kiefernallee heraus und fuhren langsam die Böschung des Ufers hinauf. Tubal
hatte brennenden Durst, und man gab ihm Schnee; so ging es weiter bis an die
Manschnower Mühle. Hier wurde der Weg immer holpriger, und Pachaly musste des
Verwundeten halber im Schritt fahren. Der andere Schlitten trabte vorauf.
    Berndt hatte die Leinen genommen. Als er zwischen den Pfeilern der Auffahrt
hindurch wollte, scheuten die Ponies, und er sah jetzt, dass Hoppenmarieken auf
dem linken Prellstein sass. Sie lehnte sich wie gewöhnlich an ihre Kiepe und
hielt den Hakenstock in ihrer Hand. Aber sie salutierte nicht - und rührte sich
nicht.
 
                           Vierundzwanzigstes Kapitel
                                  Salve caput
Es war zwölf Stunden später; die helle Mittagssonne stand über Hohen-Vietz, und
es taute von allen Dächern. Auch das Eis, das, stumpf geworden, an den Rädern
von Miekleis Mühle hing, blitzte wieder durchsichtig und kristallen, und die
Tauben sassen auf Kniehases langem Scheunenfirst. Alles war licht und heiter, und
ein erstes Frühlingswehen ging durch die Natur.
    Und in hellem Sonnenscheine lag auch das Herrenhaus. Wer aber von der
Auffahrt her einen Blick auf den Vorplatz und die lange Reihe der Fenster
geworfen hätte, der hätte doch wahrnehmen müssen, dass es ein Trauerhaus sei
oder, schlimmer als das, in jedem Augenblicke ein solches zu werden drohe. Über
den Damm hin war eine dichte Strohlage gebreitet, und hinter den Scheiben wurde
niemand sichtbar. Auch nicht hinter der Glastüre der Halle. Alles wie
ausgestorben. Nur die Sperlinge waren guter Dinge; sie sassen in Scharen auf dem
ausgestreuten Stroh und pickten die verlorenen Körner. Ihr Zwitschern war der
einzige Ton, der in der tiefen Stille laut wurde.
    Zwölf Stunden lagen zurück, und nur eine Minute vollen Glücks und höchster
Freude hatten sie gebracht: die Minute, wo, nach der ersten Begrüssung mit der
Schwester, das in Jubel und Tränen ausbrechende Wiedersehen zwischen Lewin und
Marie auch zugleich ihr Verlöbnis bedeutet hatte. Und ein Verlöbnis, wie
Menschenaugen kein schöneres gesehen. Denn es war nur gekommen, was kommen
sollte; das Natürliche, das von Uranfang an Bestimmte hatte sich vollzogen, und
Berndt selber, tiefbewegt in seinem Herzen, hatte sich des Glückes der
Glücklichen gefreut.
    Aber welch andere Minuten dann, als eine kleine Weile später der zweite
Schlitten vorgefahren war und Krist und Pachaly den auf Betten und Kissen
gelegten Tubal langsam und leise treppauf getragen hatten. Und auch Hektor hatte
mit hinauf gewollt; aber gleich an der ersten Treppenstufe hatte seine Kraft
versagt, und er war den schmalen Küchenkorridor entlang bis an seine Binsenmatte
zurückgekrochen. Da lag er nun und schob sich näher an die warme Wandstelle
hinter dem Herde; denn ihn fror.
Um elf Uhr war Doktor Leist von Lebus gekommen. Er stieg - so geräuschlos es
seine Gewohnheit und seine Schneestiefel zuliessen - in den oberen Stock hinauf
und trat hier in das Krankenzimmer ein, in dem die Vorhänge, der prall auf die
Fenster stehenden Morgensonne halber, dicht geschlossen waren. »Wir müssen Licht
haben«, sagte er und schob eine der Gardinen beiseite.
    Nun erst sah er Tubal. Dieser hatte heftige Schmerzen, ertrug aber ohne
Zucken das Sondieren seiner Wunde, trotzdem eine »leichte Hand« nicht gerade das
war, worüber Doktor Leist Verfügung hatte.
    »Brav, junger Herr, das nenn ich tapfer ausgehalten.«
    »Was ist es?« fragte Tubal.
    »Ein hässlicher Fall; Perforation der Milz. Aber was ist die Milz? Das
Überflüssigste, was der Mensch hat. Es gibt welche, die sie sich ausschneiden
lassen. Und Jugend überwindet alles. In vier Wochen setzen wir uns hier ans
Fenster, zählen die Dohlen auf dem Kirchendach und rauchen eine Pfeife Tabak.
Sie rauchen doch, junger Herr?«
    Tubal verneinte.
    »Nun, dann spielen wir Patience oder Mariage.«
    »Patience.«
    Der alte Leist streichelte dem Schwerverwundeten die Hand.
    »Das ist recht; immer Kopf oben und bei Laune geblieben. Gute Laune heilt
und ist das beste Pflaster.«
    Und darnach stieg er wieder treppab, um unten in Berndts Arbeitscabinet über
den Befund seiner Untersuchung zu berichten.
    »Nun, Doktor?« fragte Vitzewitz.
    Der alte Leist zuckte die Achseln. »Er muss sterben.«
    »Keine Rettung?«
    »Nein; es war ein Schrägschuss, und das sind immer die schlimmsten. Alles
durch: Lunge, Leber. Und zum Überfluss auch noch die Milz.«
    »Und wie lange dauert es noch?«
    »Wenn's hoch kommt, bis diese Nacht. Es ist heute sein letzter Tag, und
morgen hat er es hinter sich. Wenn Sie seinem Vater, dem Geheimrat, noch
Nachricht geben wollen, so ist es höchste Zeit. Freilich... doch zu spät. Er
trifft ihn nicht mehr, und wenn er Flügel der Morgenröte nähme. Und das sind die
schnellsten, wenn ich meinen Psalm recht verstehe.«
    »Dann wollen wir es abwarten. Besser, er erfährt das Ganze als das Halbe.«
    Leist nickte.
    »Ach, Doktor«, fuhr Berndt fort, »welche Tage das! Um Lewin zu retten,
dieser Preis! Wie soll ich dem Vater unter die Augen treten! Der einzige Sohn,
nein, mehr... das einzige Kind!«
    Berndt stützte seinen Kopf in die Hand und sagte dann nach einer Weile: »Was
haben Sie verordnet?«
    »Nichts.«
    »Und was geben wir ihm, wenn er etwas will?«
    »Alles.«
    »Ich verstehe. Und wann kommen Sie wieder? Am Nachmittag oder gegen Abend?«
    »Ich bleibe«, sagte der Alte und ging dann, da nichts mehr zu sagen war, zu
Bamme hinüber, den er von Guse her kannte. Und das traf sich gut für beide. Sie
setzten sich alsbald an den Ofen und rauchten sich durch ein paar Stunden durch,
unerschöpflich in ihrem Diskurse, der bei Tubal begann und bei Hoppenmarieken
endete. Diese war am Morgen auf demselben Prellstein, auf dem Berndt sie hatte
sitzen sehen, tot vorgefunden worden. Ob erfroren oder vom Schlage getroffen,
hatte sich durch Pachaly, der auch dokterte, nicht feststellen lassen, und auch
Leist bezeigte keine Lust, den Ursachen ihres Ablebens wissenschaftlich
nachzuforschen. Sie war tot, und das genügte. Von Zeit zu Zeit ging er treppauf,
um dem Verwundeten, wenn dieser über Schmerzen klagte, von seiner »Crocata« zu
verabreichen, deren Überlegenheit über die »Simplex« er bei dieser Veranlassung
wieder in entusiastischen Ausdrücken pries, bis er - als es ihm endlich
geglückt war, unter Anwendung dieses Opiats einen schmerzensfreien Zustand
herzustellen - auch für sich persönlich den Zeitpunkt für gekommen erachtete,
wieder freier aufzutreten und sich eines Café au cognac zu versichern. Jeetze
brachte das Verlangte. Bamme nahm teil, und immer seltner ein ernstes Gesicht
aufsetzend, einigten sich schliesslich beide dahin, im ganzen genommen seit
längerer Zeit keinen so gemütlichen Nachmittag verplaudert zu haben.
Und nun kam der Abend. In dem Eckzimmer war alles versammelt, nur Renate hatte
sich zurückgezogen. Man sprach über gleichgültige Dinge, als Jeetze, der sich
mit Lewin und der Schorlemmer in den Krankendienst teilte, eintrat und meldete,
dass der junge Herr Tubal nach dem Herrn Rittmeister verlangt habe.
    Hirschfeldt ging hinauf. Eine Lampe mit einem kleinen grünen Schirm brannte
und gab ein spärliches Licht.
    »Ich habe Sie bitten lassen, Hirschfeldt«, sagte Tubal. »Es ist so dunkel,
aber ein Stuhl wird ja wohl zu finden sein. Bitte, hierher.«
    Hirschfeldt tat, wie ihm geheissen, und setzte sich an das Bett.
    »Ich sterbe, Freund. Cito mors ruit.«
    Hirschfeldt wollte antworten.
    »Nein, keine Versicherungen vom Gegenteil... Ich fühle es, und wenn ich es
nicht fühlte, so würd ich es aus jedem Worte des alten Leist heraushören können.
Er versteht sich schlecht auf Verstellung und hat einen Gemütlichkeitston, in
dem die Sterbeglocken immer mitklingen. Und am Ende, was tut es? Früher oder
später!«
    »Sie regen sich auf, Tubal«, sagte der Rittmeister. »Ich glaube, dass Ihnen
der Alte die Wahrheit gesagt hat. Ihnen und uns.«
    Der Kranke schüttelte den Kopf.
    Hirschfeldt aber fuhr fort: »Sie werden leben, und Sie wollen auch leben,
Tubal. Es ist niemand, der gern aus dieser Welt scheidet. Nur die Müden
ausgenommen.«
    »Ich bin müde. Aber lassen wir das. Ich habe nur noch wenig Stunden. Bitte,
lassen Sie mich trinken. Wein; dort. Der Alte hat es erlaubt, er hat alles
erlaubt.«
    Hirschfeldt gab ihm.
    »Und nun hören Sie mich. Ich habe zwei Wünsche. Sorgen Sie, dass ich in die
Kirche hinaufgeschaft werde, so bald wie möglich. Ich will dort vor dem Altar
stehen.«
    Das Sprechen griff ihn sichtlich an. Als er aber getrunken und das Glas
wieder beiseite gesetzt hatte, fuhr er in ruhigerem Tone fort: »Das ist eins.
Und nun das andere. Ich möchte hier bestattet sein. Aber nicht in der Gruft, in
der ich vielleicht unruhig würde wie das Fräulein von Gollmitz, die wieder
heraus wollte. Nein, fest in Erde.«
    Er schwieg eine Weile und setzte dann unter schmerzlichem Lächeln hinzu:
»Sie sehen mich an, Hirschfeldt, als ob ich im Fieber spräche. Nein, ich fiebere
nicht. Aber das von dem Fräulein, das müssen Sie sich erzählen lassen, von
Renate oder von Marie. Ja, von Marie, die hat es mir erzählt. Also nicht in die
Gruft. Und nun schicken Sie mir den Doktor, ich will mich noch einmal trösten
lassen. Die Schmerzen kommen wieder, und sein Opium ist mein bester Trost.«
    Hirschfeldt ging, um den alten Leist hinaufzuschicken. Dieser verordnete dem
Kranken eine neue Dosis von seiner »Crocata«, sprach eingehend von »Anno
zweiundneunzig« und der Kanonade von Valmy und schloss nicht bloss mit der
Versicherung, dass in höchstens sechs Wochen alles wieder in Ordnung sein würde,
sondern empfahl ihm auch aufs ernstafteste, bei der bevorstehenden Reise nach
Breslau, lieber in Sagan als in Sorau übernachten zu wollen. Er machte dies so
gut und so geschickt, dass Tubal einen Augenblick über seine wirkliche Lage
getäuscht wurde.
    Aber nicht auf lange. Denn in der Tat, es ging rasch zu Ende, rascher noch,
als der alte Doktor erwartet hatte. Um acht kam Seidentopf, und die Schorlemmer
ging jetzt nach oben, um den Kranken zu fragen, ob er den »alten Freund des
Hauses« vielleicht noch sprechen wolle; sie wollte nicht sagen: »den
Geistlichen«.
    Tubal lächelte und verneinte, trotzdem er ein Trostbedürfnis und eine rechte
Sehnsucht nach Erhebung fühlte; aber er empfand auch, dass Seidentopf ihm nicht
geben könne, wonach er verlangte.
    Eine halbe Stunde später stellten sich Phantasien ein: er sprach von der
Muttergottes, die das Jesuskindlein habe fallen lassen; dann bat er, dass sie mit
dem Trommeln und Blasen aufhören möchten, und zuletzt richtete er sich auf und
sagte: »Nein, nein, das soll nicht sein; Hektor, das treue Tier.«
    Aber plötzlich war es, als würd er wieder klar; er verlangte zu trinken, und
gleich darauf bat er die Schorlemmer, ihm Renate zu rufen.
    »Und den Doktor?«
    »Nein, den nicht. Er lügt mit jedem Wort, und seine Tropfen lügen auch. Ich
will von beiden nicht mehr. Renate soll kommen.« Und Renate kam.
    Als sie da war, war aus allem zu sehen, dass er mit ihr allein sein wollte,
und die Schorlemmer verliess das Zimmer.
    »Setze dich zu mir, Renate«, sagte der Kranke. »Ich will Abschied von dir
nehmen.«
    Sie brach in krampfhaftes Weinen aus, warf sich auf die Knie und barg ihr
Haupt in die Kissen.
    »Nicht doch; mach es mir nicht so schwer. Ach, du weisst nicht, wie schwer.
Und du sollst es auch nicht wissen. Nie, ich hoffe, nie... Ach, Renate, das
Scheiden ist doch bitterer, als ich dachte, und nur eines ist, das mich tröstet:
es war nichts Rechtes mit mir, und ich hätte dich nicht glücklich gemacht.«
    Sie wollte antworten, aber er fuhr abwehrend fort: »Sage nichts, sage nicht
nein. Ich weiss es besser. Denn was gibt Glück uns und andern? Fest sein und
stetig sein, stetig sein im Guten. Und wir waren immer unstet, alle, alle. Auch
mein Vater war es. Land, Glauben, Freunde gab er hin. Und warum? Einem Einfall
zuliebe. Und wir haben nichts Gutes davon gehabt.«
    »Verklage dich nicht, mein Geliebter. Ach, Tubal, um was stirbst du jetzt?
Um Lieb und Treue willen. Ja, ja. Erst galt es Lewin, und dann, als er gerettet
war, da dauerte dich die arme Kreatur, die verlassen dalag und vor Schmerz und
Jammer aufwinselte, und du stirbst nun, weil du dich des treuen Tieres
erbarmtest.«
    »Ja, Mitleid hatt ich! Das hatt ich immer, Mitleid und Erbarmen. Und
vielleicht auch, dass meiner ein Erbarmen harrt, um meines Erbarmens willen. Ich
kann es brauchen; jeder kann es. Und in der letzten Stunde tut es wohl, etwas
von diesem Ankergrund zu haben... Ich entsinne mich eines langen Liedes, das ich
in der Predigerstunde bei dem alten Oberkonsistorialrat lernen musste; ich hatte
keinen Sinn dafür, aber eine Strophe gefiel mir, die war schön.«
    »Welche? Sprich sie, oder willst du, dass ich sie spreche?«
    »Es war etwas von Tod und Sterben und von Christi Beistand in der
Scheidestunde.«
    Renate hatte seine Hand genommen und sprach jetzt, ohne weiter zu fragen,
mit leiser, aber fester Stimme vor sich hin:
»Wenn ich einmal soll scheiden,
So scheide nicht von mir,
Soll ich den Tod erleiden,
Tritt du für mich herfür;
Wenn mir am allerbängsten
Wird um das Herze sein,
Reiss mich aus meinen Ängsten
Kraft deiner Angst und Pein.«
Tubal hatte sich aufgerichtet.
    »Ja, das ist es.«
    Er schien noch weitersprechen zu wollen, sank aber, immer matter werdend, in
die Kissen zurück und begann unruhig und hastig, wie die Sterbenden tun, an
seiner Bettdecke herumzuzupfen. dabei war es, als ob er in seiner Erinnerung
nach etwas suche.
    Endlich hatte er es und fuhr in abgerissenen Sätzen fort: »Es war noch
früher, viel früher, und wir waren noch in der alten Kirche, da sagte mir der
Kaplan ein lateinisches Lied vor. Und als Ostern herankam, da musst ich es
hersagen vor meinem Vater und vor meiner Mutter und vor Graf Miekusch. Und meine
Mutter lachte, weil sie das Lateinische nicht verstand. Aber mein Vater war
ernst geworden und Graf Miekusch auch.«
    Er schwieg eine Weile, und Renate sah bang auf ihn.
    »Das ist nun zwanzig Jahre«, fuhr er fort, »oder noch länger, und ich hatt
es vergessen. Aber nun hab ich es wieder:
Salve caput cruentatum
Totum spinis coronatum
Conquassatum, vulneratum
Facie sputis illita...«
Er hatte sich bei jeder neuen Zeile mehr und mehr erhoben und starrte mit einem
Ausdruck, als ob er etwas sähe, auf den Wandpfeiler zu Füssen seines Bettes. Und
ein Lächeln, in dem Schmerz und Erlösung miteinander kämpften, verklärte jetzt
sein Gesicht.
    »Katinka hatte recht... aber nun ist es zu spät... Salve caput
cruentatum...« Es waren seine letzten Worte.
    Er sank in die Kissen zurück, und seine Augen schlossen sich für immer.
 
                           Fünfundzwanzigstes Kapitel
                                  Wie bei Plaa
In derselben Stunde noch war ein reitender Bote nach Berlin hin abgegangen, um
dem Vater, in einigen Zeilen Berndts, die Nachricht von dem Tode seines Sohnes
zu überbringen. Kein Versäumnis hatte stattgefunden. Nichtsdestoweniger liess
sich das Eintreffen des alten Geheimrats vor nächstem Abend nicht erwarten.
    Am Morgen fanden sich wie gewöhnlich alle Hausgenossen in dem Eckzimmer
zusammen, nur Renate fehlte, und Hirschfeldt nahm jetzt Veranlassung, alles, was
ihm Tubal als seinen »Letzten Willen« ausgesprochen hatte, zur Kenntnis Berndts
zu bringen. Dieser war einverstanden damit, das Hinaufschaffen des Toten in die
Kirche soweit wie möglich zu beschleunigen; was aber das Begräbnis angehe, so
werde der alte Ladalinski darüber zu bestimmen haben. Darnach trennte man sich.
Hirschfeldt und Bamme ritten auf eine Stunde zu Drosselstein hinüber, und Lewin
ging in die Pfarre, um all sein Freud und Leid an dieser Stelle auszuschütten.
Wusste er doch, dass er hier alles sagen durfte, weil er für alles ein Verständnis
fand. Und mehr als das: ein stilles Gemüt, das den Frieden geben konnte, den es
selber hatte. Und nach diesem Frieden sehnte sich sein Herz.
    Um zwei Uhr mittags fuhr ein grosser Leiterwagen auf das Dorf zu, einer von
denen, wie man sie zur Erntezeit, mit Garben hoch beladen und einem »Baum«
darüber, in die vorn und hinten geöffneten Scheunentore hineinschwanken sieht.
Ein sogenannter Oostwagen. Er kam von Küstrin, und jeder Hohen-Vietzer, der ihm
irgendwo begegnet wäre, hätte gewusst, dass es ein Kniehasesches Gespann war und
ein Kniehasescher Knecht, der fuhr. Dieser sass auf einem etwas vorstehenden
Brett und hatte beide Füsse auf die Deichsel gesetzt. Auf demselben Brette, dicht
hinter ihm, standen zwei Särge, der eine schwarz mit weissem Beschlag, der andere
gelb und mit hässlicher blauer Verzierung. Der gelbe viel kleiner. An den
schwarzen hatte sich der Knecht angelehnt und rauchte.
    »Hü!« und dabei gab er den Pferden einen Schlag. Als sie bis an die Auffahrt
gekommen waren, traten Krist und Pachaly, die schon warteten, vor, um den
vordersten Sarg abzuladen. Der Kniehasesche Knecht war ihnen dabei behülflich.
    »Wecke Stunn bringen se 'n rupp?« fragte der Knecht, als er Kristen in den
oberen Griff des Sarges einfassen sah.
    »Hüt noch, glieks.«
    »Un vörn Altar?«
    »Joa, so seggen se.«
    »Un woto vörn Altar? Dat's nich Mod bi uns.«
    »Ick weet nich. Et is en Pohlscher. Un da möt et woll so sinn.«
    Damit beruhigte sich der Kniehasesche Knecht und fuhr mit dem gelben Sarge
weiter die Dorfstrasse hinauf, an dem Schulzenhofe vorüber. Als er bei Miekleis
Mühle war, bog er in den Forstacker ein und hielt endlich vor Hoppenmariekens
Haus. Hier standen alte Weiber, die den gelben, hässlichen Sarg in Empfang
nahmen.
    »Kuck«, sagte die eine, »geel un blu, Dat is so wat för Hoppenmarieken.«
    »Un so kleen as en Kinnersark.«
    »Na, vun 'ne Kinner wihr se nu groad nich.«
    »Nei, awers de Düwel is ook mal kleen west. Un wat deiht et ehr, dat se 'ne
Hehlersch wihr? Se kümmt jo nu ook rupp, un se kulen ehr inn mang all de annern.
Oll-Sidentopp wihr joa daför.«
    »Joa, he. He denkt ook, he kann allens.«
    Und damit brach das Gespräch ab.
Im Herrenhause war inzwischen ein lebhaftes Treiben gewesen, auf und ab, aber
wie auf Socken, und kein Wort wurde gesprochen. Um vier Uhr lag der Tote
gebettet in seinem Sarge, und eine Stunde später trugen ihn sechs Träger über
den oberen Korridor hin und langsam die Treppe hinunter. Als sie die letzten
Stufen eben passiert hatten und über den Hinterflur fort, wo das Hausgesinde
stand, auf die Halle zu wollten, sahen sie sich aufgehalten, denn Hektor lag
mitten in ihrem Wege. Er hatte sich von seiner Binsenmatte her bis an diese
Stelle vorgeschleppt und mühte sich jetzt, sich aufzurichten. Aber umsonst; er
winselte nur, und den Augen Berndts, der sich bis dahin gehalten hatte,
entstürzten Tränen. So durchschritten sie das Haus, den Hof und bogen zuletzt in
den oft genannten Hügelweg ein, der zur Kirche hinaufführte. Als sie bis dicht
heran waren, erglühte der Horizont im Widerschein der eben untergegangenen
Sonne. Der alte Kubalke schloss auf, und eine kleine Weile noch, so stand der
Tote vor dem Altar.
Es war eben neun Uhr, als eine Chaise vor dem Herrenhause hielt, deren Ankunft,
da das Stroh noch lag, von niemandem, am wenigsten von Jeetze, der ohnehin
schlecht hörte, bemerkt worden war. Endlich ward es hell an den Fenstern, und
gleich darauf erschien Lewin und trat an den Wagenschlag, um dem alten
Ladalinski, denn er war es, beim Aussteigen behilflich zu sein. Das Aussehen des
Geheimrats zeigte sich wenig verändert; seine Haltung war gerade und aufrecht,
Anzug und Haar geordnet. Er fragte nach Renate, die nicht zugegen war, und
folgte dann Berndt in das Eckzimmer, in dem ein hohes Kaminfeuer brannte und der
Teetisch nach russischer Art, wie der Gast es liebte, hergerichtet war. Bamme
und Hirschfeldt wollten sich zurückziehen, wurden aber aufgefordert zu bleiben,
ebenso die Schorlemmer. Alle setzten sich, Tee wurde gereicht und von der Fahrt
gesprochen. Es sei nicht möglich gewesen, Berlin vor Mittag zu verlassen;
allerhand Anordnungen hätten den Moment der Abreise hinausgeschoben.
    Unter solchem Geplauder vergingen Minuten, ohne dass des Ereignisses, das den
Geheimrat hierher geführt hatte, erwähnt worden wäre. Er bat um ein zweites Glas
Tee, und erst als er auch dieses geleert und dabei den Wunsch ausgesprochen
hatte, seine Weiterreise so bald wie möglich antreten zu können, sagte Berndt:
    »Hab ich recht verstanden? Weiterreise?«
    Der Geheimrat nickte.
    »So werden Sie nicht unmittelbar nach Berlin zurückkehren?«
    »Nein. Ich gedenke gleich von hier aus die Leiche meines Sohnes nach
Bjalanowo überzuführen. Alle Ladalinskis stehen dort. Das Leben hat seine
Forderungen, aber auch der Tod. Es liegt mir daran, im Sinne meines Sohnes zu
handeln, der, wie mir wohl bewusst, diesen Zug nach der Heimat hatte.«
    Hirschfeldt wollte berichtigen; Berndt aber, der den Eigensinn Ladalinskis
kannte und von mancher früheren Erfahrung her wusste, dass unbequeme Mitteilungen
wohl das Gemüt seines Gastes beunruhigen, aber an seinen Entschlüssen nichts
ändern konnten, ergriff deshalb statt des Rittmeisters das Wort und beeilte
sich, ohne weiteres seine Zustimmung auszusprechen. Hirschfeldt erriet die
Absicht, und so wurde denn festgestellt, dass um neun Uhr früh die Weiterreise
stattfinden und zur Überführung des Toten ein Schlitten, am besten ein
Planschlitten, leicht und einspännig, beschafft werden solle. Alles regelte sich
rasch und kurz, und nun erst sagte der Geheimrat, indem er sich erhob:
    »Ich wünsche meinen Sohn zu sehen.«
    »Er steht in der Kirche oben«, bemerkte Berndt. »Vor dem Altar. Es war sein
letzter Wunsch.«
    »So will ich hinauf. Aber allein, Vitzewitz. Ich bitte nur um die Begleitung
Ihres Küsters. Ein Alter, hoff ich.«
    Dies konnte bejaht werden, und das Gespräch, das sonst ins Stocken geraten
wäre, wandte sich jetzt mit Vorliebe und Ausführlichkeit dem Umstande zu, dass es
im ganzen Oderbruche kein Dorf gäbe, in dem die Leute so alt würden wie in
Hohen-Vietz. Immer neue Beispiele wurden gefunden, erst der alte Wendelin
Pyterke und dann Seidentopfs Amtsvorgänger, der seine diamantene Hochzeit
gefeiert und drei Tage später einen kleinen Ururenkel getauft habe. Schwäche
halber freilich habe er die Taufformel im Sitzen sprechen müssen. Und bei diesem
Amtsvorgänger und seinem Ururenkel - dessen Existenz übrigens, wie wenn es sich
um eine Unschicklichkeit gehandelt hätte, von der Schorlemmer bestritten wurde -
verweilte das Gespräch noch, als Jeetze meldete, dass der alte Kubalke angekommen
sei und draussen warte.
    Alle gingen ihm entgegen. Er stand in der Halle und hielt den
Kirchenschlüssel und eine grosse Laterne in seiner linken Hand. Mit der rechten
nahm er sein Sammetkäppsel ab und grüsste.
    »'s ist schon spät, Papa«, sagte Ladalinski. »Mehr Bettzeit als Kirchenzeit.
Aber Ihr wisst-«
    Und damit verliessen beide den Flur und traten in die mit allerhand
Strauchwerk besetzten Parkgänge hinaus. Lewin und Hirschfeldt waren ihnen bis an
die Hoftüre gefolgt. »Wie bei Plaa«, sagte jener und setzte nach einer kurzen
Pause hinzu: »Aber dieser Gang ist schwerer.«
    Hirschfeldt nickte still, und beide kehrten in das Eckzimmer zurück.
    Die beiden Alten stiegen inzwischen hügelan, Kubalke zwei, drei Schritt
vorauf, um besser leuchten zu können, denn nur wenige Sterne schienen, und hier
und dort waren Wurzeln über den Weg gewachsen. Als sie halb hinauf waren, hielt
er, bis der Geheimrat heran war, und sagte: »Passen S' Achtung, gnäd'ger Herr,
hier ist Glatteis.« Und dann ins Plattdeutsche fallend, was ihm, trotzdem er
Schulmeister war, aus Alter und Unachtsamkeit öfters passierte, schloss er seinen
Satz: »De verdüwelten Jungens, se hebben hier 'ne Slidderboahn moakt. Un mihr as
een. Se weeten nich, dat ook olle Lüd in de Welt rummerlopen. Olle Lüd, as wie
ick.«
    »Wir werden so weit nicht auseinander sein«, sagte Ladalinski, dem die
Weise, wie der Alte sprach, angenehm im Ohre klang.
    »Doch, doch«, antwortete dieser und fuhr dann, ebenso unwissentlich das
Hochdeutsche wieder aufnehmend, fort: »Als ich so war, wie der gnäd'ge Herr
jetzt sind, Mitte Sechzig oder so, da war meine Maline noch keine zehn Monat
alt, und die Eve, die ja der gnäd'ge Herr auch kennen - drüben in Guse, aber
jetzt hab ich sie wieder bei mir, denn es ist unser Nestküken -, ja das
Evelchen, das war noch gar nicht geboren.«
    »Da sind Sie über achtzig, Papa?«
    »Dreiundachtzig. Das heisst nächsten dreizehnten August.«
    »... Und müssen also spät geheiratet haben.«
    »Ja, gnäd'ger Herr, das hab ich. Das heisst, es war die zweite Frau. Als ich
das erste Mal auf die Freite ging, das war drei Jahr eher, als wir die Russen
hier hatten, und ich war eben erst ins Dorf gekommen... Aber da sind wir schon.«
    Und dabei trat er auf die Steinstufen des tief eingeschnittenen Portals und
schloss die grosse Kirchentür auf, die sich nach innen hin öffnete. Sie passierten
erst den Turm zwischen dem Stubbenholz und den alten katolischen Altarpuppen
hin, die zusammengefegt in der Ecke lagen, und schritten dann, an den
Chorstühlen vorbei, den breiten Mittelgang hinauf, auf Altar und Kanzel zu.
    Als sie bis an die vorderste Stuhlreihe gekommen waren, wollte der Geheimrat
nach links hin eintreten und sich einen Augenblick setzen; denn er bedurfte der
Sammlung. Aber der alte Kubalke zog ihn hastig wieder zurück und sagte: »Nicht
da, gnäd'ger Herr; das ist der Majorsstuhl.«
    Der Geheimrat sah ihn verwundert an.
    »Nicht da, gnäd'ger Herr«, wiederholte der Alte, »nicht da. Das war Anno 59,
und ich seh es noch wie heute. Sie brachten ihn von Kunersdorf her, Grenadiere
von Regiment Itzenplitz, und hier legten sie ihn nieder, hier auf diese Bank.
Aber er hatte das Leben satt. Kinder, ich will sterben, sagte er und riss sich
die Binden ab. Und da hat er sich verblutet. Es war den 12. August, den Tag vor
meinem Geburtstag.«
    Bei diesen Worten hatte der alte Kubalke den Geheimrat nach der andern Seite
hinübergezogen. Die vorderste Chorstuhlreihe war hier freilich geschlossen, aber
in ihrer Front lief eine schmale Bank, auf der, wenn Konfirmation war, die
Einsegnungskinder ihre Plätze hatten. Darauf setzten sich jetzt die beiden Alten
und hatten nun die Bahre dicht vor sich, keine drei Schritt ab.
    Als sie sich eine Weile geruht, sagte Ladalinski: »Nun, denk ich, wollen wir
den Deckel abnehmen.«
    »Noch nicht, gnäd'ger Herr. Sie müssen den jungen Herrn Sohn doch wenigstens
sehen können. Und es ist ja noch so dunkel. Ein lieber junger Herr. Erst letzten
Sonntag, da hab ich ihn hier eingeschlossen mit Marie Kniehase; denn ich habe
keine Augen mehr. Und als ich nach einer Viertelstunde wiederkam, da stand er
hier und hatte rote Backen. Dicht neben dem Majorsstuhl. Aber die Marie war noch
röter. Ich will erst die Lichter anstecken, gnäd'ger Herr.«
    Damit ging er auf den Altar zu, nahm die Wachslichter von den grossen
Messingleuchtern und zündete sie an. Anfangs schien es, dass sie wieder
verlöschen wollten, aber zuletzt brannten sie, und der Alte, während er jetzt
die Bahrdecke fortnahm und auf die Altarstufen niederlegte, sagte ruhig: »Nu,
mit Gott, gnäd'ger Herr.«
    Ladalinski hatte sich erhoben und stellte sich an die eine Schmalseite des
Sarges.
    »Steh ich zu Häupten oder zu Füssen?« fragte er.
    »Zu Häupten.«
    »Ich will doch lieber zu Füssen stehen.«
    Darnach wechselten sie die Plätze und hoben nun den Deckel ab, der alte
Geheimrat mit krampfhaft geschlossenem Auge.
    Und nun erst sah er auf den Sohn, fest und lange, und fand zu seiner eigenen
Überraschung, dass sein Herz immer ruhiger schlug. Was war es am Ende? Er war
tot. Und er fühlte tief in seiner Seele, dass es nichts Schreckliches sei, nein,
nein, Freiheit und Erlösung. Das Leben erschien ihm so arm, der Tod so reich,
und nur ein Gefühl beherrschte ihn: »Ach, dass ich an dieses Toten Stelle wäre.«
    Er betete für ihn und für sich selbst; dann, während ihn alles traumhaft
umwogte, stand er eine Minute noch und sagte dann: »Nun, Papa, wollen wir wieder
schliessen.«
    Der war es bereit, und sie legten auch die Bahrdecke wieder über den Sarg,
ein verschossenes Stück Wollenzeug, das nur eben bis an die Tragbalken der Bahre
reichte. Und siehe, das alte katolische Gefühl, wie es sich erst in Katinka
und dann zuletzt auch in Tubal geregt hatte, es wurde jetzt ebenso in dem Herzen
des alten Ladalinski wieder lebendig, und er sagte, während er auf den Sarg und
die ärmliche Decke deutete:
    »Es sieht so kahl aus. Was meint Ihr, ich möchte das Kruzifix nehmen und es
obenauf legen. Oder glaubt Ihr, dass es Anstoss gibt?«
    »Nicht doch, gnäd'ger Herr. Das ist so recht was für ein Kruzifix. Dafür ist
es ja da, für die Toten, die brauchen's. Hier unten geht es noch so; aber
drüben, da fängt es an.«
    Und so nahmen sie das Kruzifix vom Altar, legten's auf die Sargdecke und
setzten sich wieder, der alte Kubalke aber fuhr in zutraulichem Tone fort: »Es
ist noch keine sieben Jahre her, da hab ich es auch vom Altar weggenommen. Denn
da war die Löffelgarde hier und die Marodeurs; und auch den andern war nicht
viel zu trauen, wenn es was Silbernes war. Und da sagt ich zu meiner Frau: Frau,
wo stecken wir's hin? - Steck es in den Bettsack, sagte sie, aber das wollt ich
ja nicht, und so steckt ich es in mein Kopfkissen und legte mich und wollte
darauf schlafen. Aber das war auch nicht das Rechte, und ich hatte keine Ruhe,
und mir war es immer, als drückt ich auf die Wunden meines Heilands und tät ihm
weh. Da stand ich denn auf und nahm es wieder heraus und hing es an den
Spiegelpfeiler. Mutter, sagt ich, es ist nicht nötig, dass wir es verstecken. Und
wenn das Franzosenzeug auch in unsere Kirche einbricht, in ein armes Küsterhaus
werden sie nicht einbrechen. Da suchen sie nichts. Und wenn sie doch kommen, da
wird er sich selber zu schützen und zu helfen wissen. Denn das haben wir hier
herum erfahren, er lässt sich nicht spotten. Auch in seinem Bilde nicht.«
    Der Geheimrat hatte bewegten Herzens zugehört. Ach, wie wohl ihm diese
Sprache tat und dieser kindliche Glaube. Er nahm seines Begleiters Hand und
sagte: »Nun wollen wir wieder gehen.«
    Und beide standen auf; der Alte löschte die Lichter, und zwischen den
Kirchenstühlen hin schritten sie wieder auf den Ausgang zu. Als sie den Turm
eben passierten, schlug es zehn. Der Schlag der Glocke dicht über ihnen
erfrischte dem alten Ladalinski das Herz, und so traten sie wieder ins Freie.
    Es war noch dunkler geworden, die letzten Sterne fort, und Kubalke ging
wieder vorauf, bis sie halben Weges an die Schlitterbahnstelle kamen.
    »Passen S' Achtung, gnäd'ger Herr, hier ist das Glatteis«, sagte der Alte
wie beim Hinaufsteigen und schien auch wieder von den »verdüwelten Jungens«
sprechen zu wollen. Aber Ladalinski kam ihm zuvor und sagte, anknüpfend an ihr
unterbrochenes Gespräch: »Sie waren zweimal verheiratet, Papa? War es nicht so?«
    »Ja, gnäd'ger Herr.«
    »Und hatten auch Kinder von der ersten Frau?«
    »'ne Tochter.«
    »Und die lebt noch?«
    »Nein, gnäd'ger Herr. Lange tot; gestorben und verdorben. 'S war so der
Nachlass von der Mutter her.«
    Der alte Geheimrat sah ihn fragend an.
    »Ja, die Mutter. Das war so eine schmucke Person, und alles Mannsvolk lief
ihr nach. Und da war auch ein Kandidat hier, und eines Sonntags, als sich der
alte Pastor Ledderhose, der hundert Jahr alt wurde, den Fuss ausgerenkt hatte, da
stand unser Herr Kandidat auf der Kanzel und predigte, und Wendelin Pyterke, der
damals unser Schulze war, sagte zu mir: Höre, Kubalke, der versteht's. Und er
verstand es auch. Aber was? Am Abend waren sie beide fort. Ins Pommersche, so
nach Kammin oder Kolberg zu. Und da wurd er Salzinspektor; aber es dauerte nicht
lange, und es hat ein schlechtes Ende genommen.«
    »Und die Tochter?«
    »Die war bei mir, bis sie siebzehn war; da flog sie auch weg, und es war
alles ebenso. Wie sich einer bettet, so liegt er. Aber nun ist Gras drüber
gewachsen.«
    Bei diesen Worten waren sie wieder bis an die Rückseite des Herrenhauses
gekommen, und der alte Kubalke klinkte die Hoftür auf. Auf dem matt erleuchteten
Hinterflur trafen sie Jeetze.
    »Gute Nacht, Papa!« sagte Ladalinski. »Haben auch manches erlebt.«
    »Ja, gnäd'ger Herr. Aber Gras wächst über alles.«
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel
                                Zwei Begräbnisse
Um neun Uhr früh hatte Ladalinski seine Reise nach Bjalanowo hin fortsetzen
wollen, und nachdem er sich, als diese Stunde da war, im Hause verabschiedet
hatte, stieg er jetzt die winterlich kahle Nussbaumallee hinauf, um den vor dem
Altar stehenden Sarg abzuholen. Mit ihm waren nur Berndt und Lewin. Neben ihnen
her schwankte ein in Federn hängender Chaisewagen, während ein nur mit einem
einzigen Pferde bespannter Planschlitten um zehn oder zwanzig Schritt
vorauffuhr. Es war derselbe, der schon die Fahrt nach »Bastion Brandenburg«
mitgemacht und von Bamme vorahnend den Namen »Sargschlitten« empfangen hatte.
Pachaly sass wieder auf dem Deichselbrett, alles wie drei Tage vorher, nur dass
sich auf dem hohen Kummet des Pferdes, in einem alten Stahlbügel aufgehängt, ein
einziges Schlittenglöckchen hin und her bewegte.
    Nun war man oben; die Planschleife fuhr unmittelbar bis an die Stufen des
Portals, während der Chaisewagen in einiger Entfernung halten blieb. Die Kirche
stand auf; Pachaly trat mit ein, und einen Augenblick später erschien auch der
Ladalinskische Diener. So schritten sie den Mittelgang hinauf bis an den Altar;
Berndt erkannte das Kruzifix und wusste wohl, wer es dahin gelegt hatte. Sie
stellten sich nun zu beiden Seiten des Sarges, ohne dass ein Wort gesprochen
worden wäre; endlich sagte der Geheimrat: »Nun tragt ihn hinaus.« Und dabei nahm
er das Kruzifix, um es wieder auf den Altar zu stellen, von dem er es genommen
hatte. Aber der alte Vitzewitz kam ihm zuvor und sagte: »Nein, Ladalinski, nicht
so, das ist nun Ihre; mein Grossvater hat es dieser Kirche gestiftet, und ich
werde ein neues stiften. Nehmen Sie es, ich bitte Sie darum. Sie haben mir,
wollentlich oder nicht, Ihren Sohn gegeben, und alles, was ich Ihnen wiedergeben
kann, ist dieses Kreuz. Ach, ich hab es auch getragen.«
    Ladalinskis Lippen zitterten; er konnte nicht sprechen oder wollte nicht.
Dann aber riss er in freudiger Erregung einen Streifen von der Bahrdecke, legte
den Streifen, als ob es eine Schärpe wäre, um die Mitte des Sarges und schob das
Kruzifix, das sonst keinen Halt gehabt hätte, in den schwarzen Schärpenknoten
hinein. Darnach trat er beiseite, und Pachaly und der Diener fassten nun die
Bügel und trugen den Toten hinaus.
Eine Viertelstunde später bog der Schlitten, der sich bis dahin auf der Höhe
langsam fortbewegt hatte, nach links hin aus und fuhr, als er den Abhang
glücklich hinunter war, zwischen den Uferweiden auf Frankfurt zu. Die Chaise
folgte, und während ihr überdeckter Polstersitz auf dem holprigen Wege hin und
her schwankte, wurden Erinnerungen in dem Herzen des alten Ladalinski wach, und
er musste jener Reise gedenken, die ihn vor langer, langer Zeit auf ebenso
verschneiten Wegen nach Bjalanowo hin geführt hatte. Und doch wie anders damals!
Eine Hochzeitsreise war es, und die reizendste der Frauen - eben erst die seine
- schmiegte sich unter übermütigem Lachen an seine Seite; der Schnee stäubte,
die Pferde flogen, und jeder neue Rasteplatz brachte neue Blumen und neue
Huldigungen. Erfinderisch war er gewesen, wie die Liebe selbst. Und jetzt sah er
nichts vor sich als den Schlitten, den die Uferweiden streiften und der langsam
auf eine Gruft zufuhr, die nicht mehr die seine war und an deren Tür er um
Gastlichkeit bitten musste für seinen Toten. Das war mehr, als er tragen konnte.
Scharf und leise klang das Glöckchen, und scharf und leise fielen seine Tränen.
Um dieselbe Stunde, wo der alte Geheimrat, begleitet von Berndt und Lewin, zu
der Kirche hinaufgestiegen war, war auch Bamme, nach Anlegung seines
Husarenrocks, aus dem Herrenhause getreten, hatte sich aber nach fast
entgegengesetzter Seite hin begeben. Es lag ihm daran, dem Begräbnis
Hoppenmariekens, das im Laufe des Vormittags stattfinden sollte, beizuwohnen,
bei welcher Gelegenheit er noch einen Blick auf diesen Gegenstand seines
besonderen Interesses zu tun hoffte. Als er in die Nähe des Heckenzaunes kam,
der das Häuschen einfasste, sah er, dass allerhand Gesindel zu beiden Seiten des
Weges Spalier gebildet hatte, zum Teil dieselben alten Weiber, die gestern dem
Kniehaseschen Knecht beim Abladen des Sarges behilflich gewesen waren. Bamme
grüsste und hörte nicht ohne Befriedigung, dass hinter ihm her gezischelt wurde:
»Dat is he; wie schnaaksch he utsieht.« Darnach trat er in das offenstehende
Haus. Ein starker Zug wehte, trotz dieses Zuges aber war es warm, denn der Ofen
pustete, und auf dem Flurherd brannten grosse Scheite, um die seltsamerweise
mehrere Kochtöpfe gestellt waren. Das hatten die Forstackersleute getan, die
sich auf Hoppenmariekens Kosten einen guten Tag machen wollten. Erben waren
nicht da, und Kniehase sah ihnen durch die Finger.
    Bamme hatte sich was versprochen, aber er fand doch mehr noch, als er
erwartet hatte. Auf zwei Stühle, nach Art eines Reisekoffers, war der offene
Sarg gestellt, und auf dem Rande des Sarges sass ein schwarzer Vogel, einem Raben
ähnlich, nur viel kleiner. Als der Vogel den Eintretenden gewahr wurde, hüpfte
er von dem einen Rande auf den andern hinüber und von diesem auf den Sargdeckel,
der mit seinen blitzblauen Beschlägen auf zwei andern Stühlen lag. Es machte
dies Platzwechseln durchaus den Eindruck, als ob es aus Respekt gegen Bamme
geschähe, der es denn auch so nahm und, an den Vogel herantretend, ihn
belobigte. »Bist ein braver Kerl, hast Lebensart.« Gleich darauf indessen
entsann er sich seines eigentlichen Zwecks, schob den am Wandpfeiler stehenden
Tisch, darin das Gesangbuch und die Karten lagen, beiseite und probte sich einen
Platz aus, um die Tote bequem und in guter Beleuchtung betrachten zu können.
Diese lag in Staat, und nichts war vergessen, was zu Hoppenmarieken gehörte. Das
weisse Haar war unter das schwarze Kopftuch gebunden, die Zipfel standen hoch
nach oben, und ihre zwei dicken Wasserstiefel sahen mit halber Sohle aus dem
Sarge heraus. In ihrer Rechten hielt sie den Hakenstock, weil er aber zu lang
gewesen war, war er in zwei Hälften zerbrochen worden, und das untere Stück lag
nun daneben. Ihr Gesichtsausdruck hatte sich wenig verändert; das Listige hatte
der Tod fortgenommen, aber das Trotzige war geblieben. Bamme war entzückt; er
drehte den Hakenstock ein wenig zur Seite und sagte dann vor sich hin:
»Zwergen-Bischof«, eine Bemerkung, zu der er sich, in Ermangelung eines guten
Publikums, vorläufig selber gratulierte. Dann sah er in den Alkoven hinein, in
dem sich die grossen Gundermannsbüschel im Zugwinde hin und her bewegten, und
fand auch hier alles »superbe«.
    Als er wieder in die Vorderstube trat, war der schwarze Vogel auf den Rand
des Sarges zurückgeflogen, und Bamme, neugierig und verwundert, was das Tier da
wolle, trat jetzt heran und sah, dass es von der Toten in aller Wirklichkeit
gefüttert wurde. Die Nachbarweiber hatten ihr nämlich Ebereschenbeeren und
Weizenkörner in die geöffnete linke Handfläche gelegt. Das war so
Forstackerpoesie.
    Bamme nickte und wollte wieder auf seinen Beobachtungsposten zurückkehren,
musste sich aber bald überzeugen, dass es mit dem Zauber dieser Stunde zu Ende
gehe.
    Die Neugierde der Hoppenmariekeschen Vögel, die zwischen ihren Gitterstäben
hindurch auf ihn und seinen roten Husarenrock niederblickten, hätte sich
vielleicht ertragen lassen, aber das Gaffen der draussenstehenden alten Weiber
und Kinder fing doch an unbequem und lästig zu werden, so lästig, dass er
schliesslich froh war, als ihm das Erscheinen der Träger gemeldet wurde. Diese
traten denn auch bald darauf ein, schlossen den Sarg und setzten sich auf den
Kirchhof zu in Bewegung. Einer der Träger war Hanne Bogun, der den linken
Vorderbügel gefasst hatte, während rechts neben ihm ein lahmer Scherenschleifer
ging, dessen untere Beinstellung ein gleichschenkliges Dreieck bildete. »Das lass
ich mir gefallen,« sagte Bamme, froh, seinen Meister gefunden zu haben, und
schloss sich als erster Leidtragender an, während der ganze »Forstacker« in
corpore folgte. Alles war heiter, die Kinder schneeballten sich, und Kniehases
Tauben flogen über dem Zuge hin, als würde Schneewittchen oder irgendeine
Märchenprinzess begraben.
    So kamen sie bis an das Kirchhofsportal. Die Träger, müde geworden,
wechselten hier ihre Plätze, und nur Hanne Bogun, weil er bloss den rechten Arm
hatte, blieb an der linken Seite des Sarges. Und nun zwischen den Gräbern hin
setzte sich der Zug wieder in Bewegung, bis er am andern Ende des Kirchhofs
hielt. Hier dicht an der Feldsteinmauer war ein Grab gegraben, an einer Stelle,
wo zur Sommerzeit Disteln und Schafgarbe wucherten und die Ziegen zu grasen
pflegten. Neben dem Grabe standen Seidentopf und Kniehase und beiden gegenüber
Berndt und Lewin, die nach dem Abschiede von Ladalinski gleich auf dem
Kirchhügel geblieben waren, weil sie das Herankommen des Zuges bemerkt hatten.
Von den Dörflern, ein paar Kossäten und Büdner ausgenommen, war nur Mieklei da,
der das »ehrliche Begräbnis« zwar ebenso missbilligte wie alle andern, aber doch
durch zwei Dinge bestimmt worden war, diese seine Missbilligung nicht zu zeigen.
Und zwar erstens, um, wenn »etwas geschähe« - woran er nicht zweifelte -,
seinerseits nichts versäumt zu haben, und zweitens und hauptsächlichst, um
Uhlenhorsten, der sich auf dem Mühlenhofe zu Mittag und Abend hatte ansagen
lassen, mit einer neuen »Seidentopferei« unterhalten zu können.
    Die Träger hatten ihre Last niedergestellt; nun liessen sie den Sarg hinab,
und Seidentopf, während alle Forstackerkinder neugierig das Grab umdrängten,
sagte mit seiner klaren Stimme: »Empfehlen wir ihre Seele Gott. Es war kein
christliches Leben, das sie geführt; aber ihr letzter Tag, so hoffe ich, hat
vieles ausgeglichen. Sie hatte keinen Menschen lieb, einen ausgenommen, und
diesen einen, der jetzt mit an ihrem Grabe steht, hat sie gerettet oder doch mit
zu seiner Rettung geholfen. Ihre List, die sonst ihr Böses war, war hier ihr
Gutes. Und wenn dieses Gute nicht schwer genug wiegen sollte, so wird die
Barmherzigkeit Gottes hinzutreten und in Gnaden geben, was noch fehlt. Beten wir
für sie.« Und dabei nahm er sein Barett ab und sprach das Vaterunser, während
zwei seitab stehende Forstackerweiber kicherten.
    »Jott, uns, Oll-Seidentopp; ick weet nich, he beet't ook för allens. Allens
sall 'inn.«
    »Joa. Awers Hoppenmarieken beet't he nich rinn.«
Zwei Stunden später sassen Uhlenhorst und Mieklei zu Tisch; auch
Kallies-Sahnepott war geladen worden. Es wurde schon die dritte Flasche Graves
aus dem Keller geholt, denn alle hielten auf ein »gutes Glas«, und Uhlenhorst
zeigte sich von Minute zu Minute besserer Laune. Begreiflich; denn der reiche
Sägemüller sägte heute nicht bloss Stämme, sondern auch Seidentopfen mitten
durch. Als er zuletzt auch von Bammes Besuch in Hoppenmariekens Wohnung
berichtet hatte, sagte Uhlenhorst wichtig, und indem er sich etwas vorbeugte:
»Nichts natürlicher als das, es sind Geschwister.«
    Mieklei, sosehr er aus dem Munde des Kandidaten an Orakelsprüche gewöhnt
war, erschrak doch einigermassen; Uhlenhorst selbst indessen fuhr in demselben
Tone fort: »Ich meine nicht von dieser Welt. Aber sie haben beide denselben
Vater und wurden beide an derselben Stelle geboren. Wo? Das brauche ich Ihnen
nicht erst zu sagen.«
    Sahnepott hatte die Ohren gespitzt (das war etwas für den Krug), und ehe
fünf Minuten um waren, waren beide Bauern der Überzeugung, dass ihr Kandidat mal
wieder den Seherblick gehabt und den Nagel auf den Kopf getroffen habe. »Ich
kann mich irren«, sagte Uhlenhorst, in einen Demutston übergehend, »aber ich
zweifle.«
    Und damit schloss das Gespräch.
Zu Beginn des Nachmittags fuhr der Kaleschewagen vor dem Herrenhause vor; die
Ponies waren eingespannt; Bamme wollte mal wieder nach seinem Gut hinüber und
nach dem Rechten sehen. »Es ist mir von wegen des Pastors, Vitzewitz«, waren
seine letzten Worte gewesen, als Berndt ihn aufgefordert hatte, noch ein paar
Tage zu bleiben. »Ich muss ihn in der Furcht des Herrn halten, sonst wird er mir
übermütig und erzählt meinen Gross-Quirlsdorfern von der Kanzel her, dass sich
Hoppenmarieken aus Liebe zu mir umgebracht habe. Natürlich alles sub rosa. Immer
mit Bibelstellen. Im Alten Testament, so nur der gute Wille da ist, findet sich
schliesslich alles, was einer braucht.« Und darnach hatte der Alte die Zügel
genommen und war wie die Wilde Jagd vom Hofe hinuntergefahren, erst an dem
Blachfeld und dann an dem Fichtenwäldchen vorbei, immer in der Richtung auf
Küstrin zu.
Das war um drei Uhr gewesen. Schon vor Dunkelwerden erschien Kallies-Sahnepott
im Krug, wo er sich vorläufig mit Krüger Scharwenka behelfen musste, denn von den
andern Bauern war noch keiner da.
    »Nun ist ja der General auch fort«, sagte Sahnepott und sah so wichtig aus,
als ob er wieder von »Tiegel-Schulzen« und dem Schwedter Markgrafen erzählen
wollte. »Ich hab ihn heute nachmittag auf der brandroten Fuchsstute nach
Frankfurt reiten sehen. Er ritt über den Forstacker. Es war so Klocker vier.«
    »Das kann nicht sein, Sahnepott«, erwiderte Scharwenka.
    »Und warum nicht?«
    »Erstens, weil die Fuchsstute tot ist; ich habe sie selber fallen sehen,
keine zehn Schritt von der Pappel, wo sie nachher den Konrektor erschossen
haben, und dann zweitens, weil er heute nachmittag (ich meine den General) in
unseres Alten Kaleschwagen an mir vorbeigefahren ist. So Klocker drei. Die
Ponies waren vorgespannt, und der Shetländer ging als Handpferd.«
    Kallies schüttelte den Kopf. »Du verstehst mich nich, Scharwenka. Das is es
ja gerade, was ich meine. Nach Küstrin hin in der Kalesche und nach Frankfurt
hin auf der Fuchsstute. Du hast sie fallen sehn. Gut. Aber tot oder nicht, macht
keinen Unterschied. So was kommt vor. Du musst doch wissen, was es mit ihm is.
Uhlenhorst...«
    Hier brach das Gespräch ab, weil andere Bauern eintraten, unter ihnen auch
Kniehase, vor dem Kallies eine Scheu hatte. Ganz besonders, wenn er sich mit
Uhlenhorstschen Federn schmücken und allerhand schabernacksche
Konventikler-Visionen in Kurs setzen wollte.
 
                          Siebenundzwanzigstes Kapitel
                      »Und eine Prinzessin kommt ins Haus«
Eine Woche war vergangen. Die Strohschütten, die vor dem Hause lagen, waren
weggeschafft worden, aber alles ging leise, als wäre noch jemand da, der nicht
gestört werden dürfe. Renate hatte seit jenem Abend, wo wir sie zuletzt sahen,
das obere Stock nicht mehr verlassen, und um ihretwillen war es, dass sich der
Ton des Hauses dämpfte. Berndt arbeitete viel; im Erdgeschoss, auf spezielles
Geheiss der Schorlemmer, standen zwei, drei Fenster auf, um das »Bammesche«
wieder hinauszulassen, und statt Hoppenmariekens - von der es im Dorfe hiess, dass
sie drei Nächte lang auf ihrem Grabe gesessen habe - erschienen abwechselnd
Krist und Hanne Bogun, um Briefe und Zeitungen auf den Tisch zu legen. Es war
eine rechte Jeetze-Zeit, alles still und grau und mit schwarzen Gamaschen; der
alte Jeetze selbst aber, der kaum noch Dienst hatte, sass halbe Stunden lang
neben der Binsenmatte und plauderte mit Hektor.
    So vergingen die Tage. Marie kam oft vormittags schon und stieg zu Renaten
hinauf, um ihr vorzulesen oder zu erzählen. Nur von Tubal sprach sie nicht.
Darnach begab sie sich zu Lewin in das Eckzimmer hinunter, der ihrer schon
wartete, und sie sassen dann am Kamin oder in der tiefen Fensternische und
gedachten vergangener stiller Tage, am liebsten des letzten Weihnachtsfestes und
jenes schönen Plauderabends, wo sie, den hohen Christbaum zwischen sich, über
seine hohe Spitze hinweg, die goldenen Nüsse geworfen und gefangen hatten. Von
ihrem Glücke schwiegen sie, denn sie hatten eine Scheu, dass es fortfliegen
könnte, wenn es genannt würde. Nur einmal kam es wie von ungefähr dazu. Das war
an dem Tage, wo der Bohlsdorfsche Pastor, auf einer Dienstreise begriffen, bei
seinem Hohen-Vietzer Amtsbruder vorgesprochen und zugleich auch einen Besuch auf
dem Schulzenhofe gemacht hatte. Als Marie davon erzählte, sagte Lewin: »Ach, du
weisst nicht, Marie, wieviel ich diesem alten Bohlsdorf und seiner Kirche
verdanke. Vor allem dich. Dort begann ich zu genesen, noch eh ich wusste, dass ich
krank war. Wie blind ich doch war und wie selbstsüchtig! Aber nun hab ich sehen
gelernt und habe dich, dich, mein Glück und meine Goldstern-Prinzessin.«
    Es war unmittelbar nach diesen Worten, dass Berndt in das Zimmer trat und,
das Erröten Maries wahrnehmend, ihr lächelnd und mit väterlicher Zärtlichkeit
die Stirn küsste. Sie sah vor sich nieder und zitterte vor Bewegung, denn sie
fühlte wohl, was ihr dieser Augenblick bedeute. Gleich darauf verabschiedete sie
sich, um Vater und Sohn allein zu lassen.
    Als sie gegangen war, sagte Berndt: »Ich freue mich eures Glücks, Lewin,
trotzdem ich noch nicht weiss, was ich all den Vitzewitzes, die draussen in der
Halle hängen, zu sagen haben werde, wenn ich über kurz oder lang an anderer
Stelle unter ihnen erscheine. Aber ich werde noch manch anderes vor ihnen zu
verantworten haben. Ungehorsam und Auflehnung standen auch nicht in unserem
Hauskatechismus, und ich denke, eines rechnet sich dann ins andere, und das
Kleine wird in dem Grossen mit aufgehen. Und nun nichts mehr davon. Ist es in den
Sternen anders beschlossen, so wird eine französische Kugel mitsprechen. Gott
verhüt es! Haben wir dich aber wieder, so haben wir auch Hochzeit. Und eines
weiss ich, sie wird uns freilich den Stammbaum, aber nicht die Profile verderben,
nicht die Profile und nicht die Gesinnung. Und das beides ist das Beste, was der
Adel hat.«
Und abermals lagen Tage zurück, und Renate, die sich in ihren einsamen Stunden
wenn nicht die Heiterkeit, so doch die Klarheit ihrer Seele zurückgewonnen
hatte, sass wieder teilnehmend im Kreise der Ihrigen. Am andern Morgen sollten
Lewin und Hirschfeldt nach Breslau hin aufbrechen. Sie waren in Vorbereitung für
ihre Reise und packten eben an ihren Mantelsäcken, als sie vom Eckfenster her,
zwischen den Pfeilern der Auffahrt, plötzlich eines Reiters gewahr wurden, der
auf seinem Shetländer in den Hof einritt. Also Bamme. Alles lief ans Fenster,
und selbst die Schorlemmer vergass auf einen Augenblick ihre Abneigung. Denn sie
war streitlustig, und neue Fehden standen jetzt in Aussicht. Am erfreutesten war
Berndt, der es längst aufgegeben hatte, sich über die Schrullen und Eitelkeiten
des Alten zu ereifern.
    »Nun, Bamme«, hob er an, als dieser sich gesetzt und ein Tablett mit Likören
rasch hintereinander absolviert hatte, »wie war der Gross-Quirlsdorfer Befund?
Dorf, Pfarre, Kanzel?«
    »Gut, Vitzewitz, über Erwarten gut. Er hat eben seinen Frieden mit mir
gemacht. Gleich am andern Tage war Kirche. Da musste sich's also zeigen, und
neugierig, wie ich bin, wartete ich nicht einmal das dritte Läuten ab. Das
strafte sich nun freilich, denn das Orgelspiel wollte kein Ende nehmen, und mir
war ein paarmal, als würde das ganze Gesangbuch durchgesungen. Aber endlich kam
er, und was glauben Sie, worüber er predigte? Über Saul und David predigte er.
Und immer wieder hiess es: Saul hat tausend geschlagen, aber David hat
zehntausend geschlagen. Nun, Vitzewitz, wir wissen am besten, dass wir unserer
Reputation diese Zehntausend eigentlich noch schuldig sind; aber enfin, der
ewige kleine David, wer konnt es am Ende sein? Anfangs sträubt ich mich, bis ich
mich schliesslich drin ergab. Und so wissen Sie denn jetzt, meine Damen und,
worauf ich ein besonderes Gewicht lege, auch Sie, meine liebe Schorlemmer, wer
eigentlich unter Ihrem Dache weilt. Ein neuer Beweis für den alten Satz: Wer nur
alt genug wird, wird alles.«
    Das Geplauder ging noch weiter, und ehe Mittag heran war - das Diner sollte
nicht vor vier Uhr genommen werden -, machte Bamme den Vorschlag, zu
Drosselstein hinüberzureiten, um »Ostpreussen mal wieder auf Herz und Nieren zu
prüfen«.
    Berndt war es zufrieden, und nach einigen Minuten wurden die Pferde
vorgeführt.
    Als sie bei Miekleis Mühle vorüber waren, sagte Berndt: »Was ich Ihnen sagen
wollte, Bamme, wir haben ein Brautpaar im Hause.«
    »Das wäre! Die Schorlemmer?«
    »Nein.«
    »Ich dachte, sie hätte sich den Seidentopf rangebetet. Mit Speck fängt man
Mäuse. Witwer und Urnensammler gehen ins Garn wie die Wachteln. Und nun gar
dieser Seidentopf. Sehen Sie sich seinen Jubiläumsschrank an; er hat alles
aufgehoben, was ihm seine Selige geschenkt hat. Und solch Kultus ist immer
gefährlich.«
    Berndt lachte.
    »Sie verlieben sich in eine Ihrer Vorstellungen, Bamme, wie gewöhnlich. Aber
die Tatsachen sind unerbittlich. Es liegt anders. Nicht Seidentopf.«
    »Nun, wer denn?«
    »Lewin.«
    »Gratuliere! Aber das ist erst einer, ein halbes Paar. Wer noch?«
    »Lewin und Marie Kniehase. Des Schulzen Kniehase Pflegetochter.«
    Bamme riss den Shetländer herum, dass er im rechten Winkel zu Vitzewitz stand,
und sah diesen aus seinen kleinen Augen mit allen Zeichen aufrichtigsten
Erstaunens an.
    »Sie verwundern sich?« sagte dieser.
    »Ja.«
    »Und missbilligen es?«
    »Nein, Vitzewitz. Au contraire. Ich habe seit zehn Jahren, wenn ich das
neunundzwanzigste Bulletin und den grossen Diebstahl bei Krach ausnehme, nichts
gehört, das mich so erfreut hätte als das. Das ist das reizendste Geschöpf, und
ich verlange nach dieser Seite hin etwas, wie alle, die selber nicht viel
einzusetzen haben. Also nochmals: gratulor! Wetter, Vitzewitz, das gibt eine
Rasse.«
    Berndt wollte antworten, aber der Alte, der sich unerwartet einem
Lieblingstema gegenübersah, hatte wenig Lust, das Wort so schnell wieder aus
der Hand zu geben.
    »Frisches Blut,«fuhr er fort, »frisches Blut, Vitzewitz, das ist die
Hauptsache. Meine Ansichten sind nicht von heute und gestern, und Sie kennen
sie. Ich perhorresziere dies ganze Vettern- und Muhmenprinzip, und am meisten,
wenn es ans Heiraten und Fortpflanzen geht. Ihre Schwester, die Gräfin, dachte
ebenso, und ich habe sie sich mehr als einmal zu Grundsätzen bekennen hören, die
selbst mir imponierten. Ehre ihrem Andenken! Es war eine superbe Frau. Ja,
Vitzewitz, wir müssen mit dem alten Schlendrian aufräumen. Weg damit. Wie ging
es bisher? Ein Zieten eine Bamme, ein Bamme eine Zieten. Und was kam schliesslich
dabei heraus? Das hier!« Und dabei schlug er mit dem Fischbeinstock an seine
hohen Stiefelschäfte. »Ja, das hier, und ich bin nicht dumm genug, Vitzewitz,
mich für ein Prachtexemplar der Menschheit zu halten.«
    Berndt schwieg, weil er mehr hören wollte, und Bamme liess auch nicht lange
auf sich warten.
    »Wir sind unter uns, Vitzewitz«, fuhr er fort, »und können uns ohne Gefahr
unsere Geständnisse machen. Mitunter ist es mir, als wären wir in einem
Narrenhause grossgezogen. Es ist nichts mit den zweierlei Menschen. Eines
wenigstens glaubten wir gepachtet zu haben: den Mut, und nun kommt dieser
Kakerlaken-Grell und stirbt wie ein Held mit dem Säbel in der Hand. Von dem
Konrektor sprech ich gar nicht erst; ein solcher Tod kann einen alten Soldaten
beschämen. Und woher das alles? Sie wissen es. Von drüben; Westwind. Ich mache
mir nichts aus diesen Windbeuteln von Franzosen, aber in all ihrem dummen Zeug
steckt immer eine Prise Wahrheit. Mit ihrer Brüderlichkeit wird es nicht viel
werden, und mit der Freiheit auch nicht; aber mit dem, was sie
dazwischengestellt haben, hat es was auf sich. Denn was heisst es am Ende anders
als: Mensch ist Mensch. Ich darf so sprechen, Vitzewitz, denn die Bammes sterben
mit mir aus, ein Ereignis, um das der Vorhang des Tempels nicht zerreissen wird,
und nicht einmal ein Namensvetter ist da, den ich in seinem Standesbewusstsein
kränken oder schädigen könnte. Denn im Vertrauen gesagt, das Kränken fängt bei
uns immer erst mit der Schädigung an.«
    Damit waren sie bis an die Parkmauer gekommen und hielten eine Minute später
vor dem Drosselsteinschen Gartensaal.
Während dieses Gespräch auf dem Wege nach Hohen-Ziesar hin geführt wurde,
plauderten auch Renate und Marie, die sich in den Hintergrund des Zimmers
zurückgezogen und auf dem grossblümigen Sofa Platz genommen hatten. Lewin kam
herzu, war aber ersichtlich zerstreut und sass schon minutenlang zwischen ihnen,
ohne dass er Maries Hand genommen oder einen Blick für sie gehabt hätte.
    Marie selbst, ihrer ganzen Natur nach unbefangen und anspruchslos, schien es
nicht zu bemerken; aber Renate sagte: »Sonderbares Brautpaar ihr, ihr seid ja
nicht einmal zärtlich.«
    »Gib uns nicht auf«, lachte Marie, und Lewin setzte hinzu: »Wir waren zu
lange Geschwister. Aber es findet sich wohl noch. Was meinst du, Marie?«
    Und das Rot, das über ihre Wangen flog, überhob sie jeder anderen Antwort.
Nach diesem - es war wieder ein Sonnabend - gingen Lewin und Hirschfeldt in die
Pfarre, um von Seidentopf Abschied zu nehmen. Sie fanden ihn über Bekmann, und
nicht bloss die Schranktüre seines Arcus triumphalis stand weit offen, sondern
auch das Mittelbrett war vorgezogen, auf dem die drei Hauptstücke der Sammlung
ihren Platz hatten und seit dem zweiten Weihnachtstage auch der Wagen Odins. Wer
die Seidentopfsche Wocheneinteilung kannte, konnte durch diesen Anblick nicht
überrascht werden. Er gehörte nämlich zu den klugen Predigern, die schon
freitags mit ihrer Predigt abschliessen, um dann den zwischenliegenden Tag zur
Erfrischung ihrer Seele verwenden zu können. Und was hätte sich besser dazu
geschickt als die Ultima ratio Semnonun! Eine Störung bei diesem
Erfrischungsprozesse galt denn auch im allgemeinen als unstattaft, aber heute,
wo Lewin und Hirschfeldt kamen, um ihm Lebewohl zu sagen, konnte von einer
solchen Störung nicht wohl die Rede sein. Um neun Uhr früh, so hiess es im Laufe
des Gespräches, gedächten sie nach Frankfurt hin aufzubrechen, um daselbst in
der Mittagsstunde schon mit Berliner Freunden zusammenzutreffen. Es wurde dies
alles nur leicht hingeworfen, Seidentopf aber verstand sehr wohl, dass mit Hilfe
dieser genauen Zeitangaben nur ihr Nichterscheinen in der Kirche entschuldigt
werden sollte. Es verdross ihn ein wenig, hatte er doch die Empfindlichkeit aller
Pastoren; aber sich schnell wieder fassend, gab er seinen Wünschen für Lewin
einen allerherzlichsten Ausdruck. Dann wandte er sich zu dem Rittmeister, um von
den »zurückliegenden, gemeinschaftlich durchlebten Tagen« zu sprechen.
    »Es waren stürmische Tage«, so schloss er.
    »Und doch Tage vor dem Sturm!« antwortete Hirschfeldt.
Und nun war es neun Uhr früh. Hektor hatte sich mühsam bis an die
Sandsteinstufen geschleppt, und zum letzten Mal in diesem Buche fuhren die
Ponies vor. Ihre Schellen klangen hell, und an Krists altem Hut mit der alten
Kokarde flatterte heut ein langes grünes Band. Seine Frau hatte rot nehmen
wollen, aber er hatte auf grün bestanden.
    Und nun nichts mehr von Abschied.
    Über den Forstacker hin flog der Schlitten, in dem Lewin und Hirschfeldt
sassen, an Hoppenmariekens Häuschen vorbei, und als sie gleich darauf wieder
hügelab und am Flussufer hinfuhren, rollte plötzlich ein Ton wie dumpfer Donner
herauf und verhallte in weiter Ferne.
    »Das Eis birst«, sagte Hirschfeldt. »Ein gutes Zeichen, unter dem wir
ausziehen.«
    Und in demselben Augenblicke begannen auch die Hohen-Vietzer Glocken zu
klingen, und beide Freunde wandten sich unwillkürlich noch einmal zurück.
    »Was bedeutet uns ihr Klang?« fragte Lewin.
    »Eine Welt von Dingen: Krieg und Frieden und zuletzt auch Hochzeit;
Hochzeit, der glücklichsten eine, und ich, ich bin mit unter den Gästen.«
    »Sie sprechen, Hirschfeldt, als ob Sie's wüssten«, antwortete Lewin bewegten
Herzens.
    »Ja, Vitzewitz, ich weiss es, ich seh in die Zukunft.«
An demselben Sonntagnachmittag sassen auch die Frauen in dem Eckzimmer, darin wir
ihnen so oft begegnet. Ihre Tränen waren getrocknet, die Schorlemmer hatte sich
mit einem Kraftspruch über Abschied und Rührung hinweggeholfen, und nur an
Mariens langen schwarzen Wimpern hingen noch einzelne Tropfen.
    Renate küsste sie und sagte: »Lass, Marie, denn du musst wissen, ich glaube an
dreierlei.«
    »Das tun alle vernünftigen Menschen«, sagte die Schorlemmer. »Das heisst alle
Christen.«
    »Und zwar glaub ich«, fuhr Renate fort, »erstens an den Hundertjährigen
Kalender, zweitens an Feuerbesprechen und drittens an Sprüchwörter und
Volksreime. Und weisst du, an welchen ich am meisten glaube?«
    »Nun?«
    »Und eine Prinzessin kommt ins Haus.«
    Marie lächelte.
    Die Schorlemmer aber sagte: »Torheit, ich will euch einen bessern Spruch
sagen.«
    »Und?«
    »Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen.«
 
                           Achtundzwanzigstes Kapitel
                             Aus Renatens Tagebuch
Erzählungen schliessen mit Verlobung oder Hochzeit. Aber ein Tagebuch, das sich
bis auf diesen Tag im Hohen-Vietzer Herrenhause vorfindet und als ein teures
Vermächtnis daselbst gehütet wird, gönnt uns noch einen Blick in die weitere
Zukunft. Es sind Blätter von Renatens Hand, und aus ihnen ist es, dass ich das
Folgende entnehme.
»Lewin ist zurück. Ich habe nur auf diesen Tag gewartet, um, wie ich seit lange
wollte, mit einem Tagebuche zu beginnen. Der Säbelhieb über die Stirn kleidet
ihn gut; der weiche Zug, den er hatte, ist nun fort; Marie findet es auch. Wie
war sie so glücklich! Und doch ebenso ruhig, wie sie glücklich war. Und das
freute mich am meisten. Denn mir ist nichts verhasster als Lärm; und nun gar Lärm
in Gefühlen! Es traf sich sonderbar, dass wir, eine Stunde vor Lewins Ankunft,
den für Grell bestimmten Grabstein ausgepackt hatten. Ein kleiner Marmor. Es war
nicht ohne Bewegung, dass wir Namen und Datum und die Hölderlinschen Zeilen
lasen. Jeetze wollte den Stein verstecken, aber Maline sagte: Nein, nein, das
bedeutet Glück, was natürlich meine gute Schorlemmer in Feuer und Flamme über
die Unausrottbarkeit wendischen Aberglaubens brachte. (Lewin übernimmt Guse; sie
werden dort als ein junges Paar leben. Es ist am besten so.)«
»Gestern war Hochzeit. In Bohlsdorf. Lewin hatte darauf bestanden; er wollte da
getraut werden, wo sich sein Leben entschieden habe. So fuhren wir in drei Wagen
hinüber. Mit uns Drosselstein und Hirschfeldt (der den Arm verloren hat, leider
den rechten). Bamme war geheimnisvoll und erklärte, sein Brautgeschenk vorläufig
vergraben zu haben. Aber der Tag der Auferstehung werde kommen. Die Schorlemmer
über diesen Ausdruck empört, wir anderen neugierig. Seidentopf hielt die Rede;
nie hat er besser gesprochen; es ist doch wahr, dass das Herz den Redner macht.
Er nahm einen Bibeltext; aber eigentlich sprach er über die Zeile: Und kann auf
Sternen gehen. Nach der Trauung nahmen wir einen Imbiss auf dem Amtshofe. Die
junge Frau noch hübscher geworden; wieder an Katinka erinnert. Rückfahrt im
offenen Wagen. Entzückend. Die Sommerfäden flogen und setzten sich in Mariens
grünen Kranz. Es war wie ein zweiter Brautschleier. Bamme, der nur den
volkstümlichen Namen dieser Fäden kannte, ereiferte sich über die Ungalanterie
des heurigen Septembers, beruhigte sich aber, als ich ihm sagte, dass diese Fäden
auch Mariengarn heissen. Übrigens haben Lämmerhirt und Seidentopf Brüderschaft
getrunken und wollen korrespondieren. Lämmerhirt sammelt auch Totentöpfe und ist
germanisch. Also gegen Turgany.«
»Heute haben wir unseren lieben Seidentopf zur letzten Ruhe gebracht. Auch Lewin
und Marie kamen von Guse herüber und die drei ältesten Kinder. Sie brachten
grosse Kränze von Flieder mit, der in diesem Jahre so schön in Guse blüht. Pastor
Zabel von Dolgelin hielt die Grabrede; gutgemeint und alltäglich. Papa will es
nicht wahrhaben; aber er legt immer aus seinem Eigenen zu. Auch Turgany war da;
sehr bewegt. Er führte mich, als wir zurückgingen, und sagte dann in seiner Art:
Nun kann ich diesen Landesteil unangefochten für wendisch erklären; aber ich tät
es lieber nicht.«
»Brief von Katinka (aus Paris). Teilnehmend, aber sehr vornehm. Wir sind ihr
kleine Leute geworden. Sie kennt nur noch zweierlei: Polen und die Kirche.«
»Wir waren gestern in Guse drüben, Papa, die Schorlemmer und ich. Als wir bei
Tische sassen, wurde der Seelower Gerichtsdirektor gemeldet, der ein auf dem
dortigen Gerichte niedergelegtes Dokument in Person überbrachte. Aufschrift: An
Frau Marie von Vitzewitz. Nach meinem Ableben zu Händen der Adressatin. Bamme,
Generalmajor. Wir öffneten und lasen. Er hat Marie sein ganzes Vermögen
vermacht, alles in sehr Bammeschen Ausdrücken. Am Schlusse stand: Ich hab es
früh erfahren, wie wenig der Schein bedeutet. Marie entsann sich, Ähnliches
gegen ihn geäussert zu haben. Wir gratulierten alle; nur die Schorlemmer
verlangte Zurückweisung, es sei kein Segen daran. Marie aber meinte, dazu sei
sie doch nicht fromm genug, worüber wir alle herzlich lachten; zuletzt auch die
Schorlemmer.«
»Und nun bin ich allein, ganz allein, und morgen wird Lewin, der nun Guse
verlässt, seinen Einzug in dies alte Hohen-Vietz halten, in das mir und ihm so
teure Haus, in dem er gesegnet sein möge wie bisher. Und er wird es, denn er
bringt seinen guten Engel mit. Meine teure Marie. Sie hat die schwerste Probe
bestanden, und das Glück hat sie gelassen, wie sie war: demütig, wahr und
schlicht. Und so könnt ich bleiben und weiterleben mit und unter ihnen, aber ich
mag doch nicht die Tante Schorlemmer ihres Hauses sein. Auch fehlen mir die
Lieder und Sprüche. So will ich denn nach Kloster Lindow, unserem alten
Fräuleinsstift. Da gehör ich hin. Denn ich sehne mich nach Einkehr bei mir
selbst und nach den stillen Werken der Barmherzigkeit. Und nur eines ist, das
ich noch mehr ersehne. Es gibt eine verklärte Welt, mir sagt es das Herz, und es
zieht mich zu ihr hinauf.«
Hier schliesst das Tagebuch.
Auf einer schmalen Landzunge zwischen zwei märkischen Seen liegt das adlige
Stift Lindow. Es sind alte Klostergebäude: Kirche, Refektorium, alles in
Trümmern, und um die Trümmer her ein stiller Park, der als Begräbnisplatz dient,
oder ein Begräbnisplatz, der schon wieder Park geworden ist. Blumenbeete,
Grabsteine, Fliederbüsche und dazu Kinder aus der Stadt, die zwischen den
Grabsteinen spielen.
Und auf einem dieser Grabsteine stand ich und sah in die niedersteigende Sonne,
die dicht vor mir das Kloster und die stillen Seeflächen vergoldete. Wie schön!
Es war ein Blick in Licht und Frieden.
    Im Scheiden erst las ich den Namen, der auf dem Steine stand:
                             Renate von Vitzewitz.
 
    