
        
                               Sophie Wörishöffer
                            Robert der Schiffsjunge
                                     Zu Hause
In dem holsteinischen Städtchen Pinneberg, das damals noch ein Flecken war,
stand vor ungefähr hundert Jahren am Ufer der Pinnau das Häuschen des alten
Schneidermeisters Kroll. Ein Gemüsegarten reichte vom Hof bis zum Wasser herab,
und mehrere baufällige Scheunen beherbergten unter ihren moosbewachsenen
Ziegeldächern allerlei Tiere, die auf dem Lande die meisten Leute selbst halten
und schlachten: Schweine, Hühner und Tauben; ausserdem aber auch noch eine Kuh
und zwei Ziegen. Daneben gab es einen Holzstall, eine Geschirrkammer und einen
kleinen ausgemauerten Raum, den etwa zehn bis zwölf Kaninchen bewohnten. Sie
gehörten Robert, dem fünfzehnjährigen Sohn des Meisters, der als Oberaufseher
über alle Bewohner des Hofes von seinem Vater angestellt worden war, obgleich er
dies Amt nicht immer zur Zufriedenheit des Alten verwaltete. Besonders an
Sommerabenden brüllte, grunzte und piepste es in den Ställen jämmerlich
durcheinander, bis der Meister mit der Brille auf der Nase herauskam und all die
leeren Futtertröge sah. »Wo steckt nur wieder der Junge? Auf und davon, sobald
die Feierabendglocke geschlagen hat, anstatt sich noch in Haus und Hof nützlich
zu machen, noch einen Groschen extra zu verdienen oder wenigstens ein gutes Buch
zu lesen. Der schwimmt irgendwo auf der Aue oder auf dem Mühlteich, und wenn es
mir nicht gelingt, ihn zahm zu machen, so wird er ein Vagabund, ein
Taugenichts.«
    Und kopfschüttelnd versorgte der Alte die Tiere, kopfschüttelnd nähte er
wieder seine Flicken auf die schadhaften Kleidungsstücke der Ortsbewohner und
überlegte zum hundertsten Male, womit er seinen einzigen Sohn zur Vernunft
bringen sollte. Robert war ein so kluger Junge, konnte alles spielend vollenden,
was andern die grösste Mühe machte, aber er hatte »seinen eigenen Kopf«, wie der
Vater seufzend dachte, und er verachtete heimlich das Schneiderhandwerk, zu dem
er doch erzogen werden sollte. Ja, er verachtete es, er warf Schere und
Bügeleisen in den Winkel, sobald es irgend möglich war, und lief lieber mit
einem Loch im Ärmel herum, als es sich fein säuberlich zuzunähen.
    Meister Kroll liess die Hand mit der Nähnadel in den Schoss sinken und schaute
vom Tisch herab ganz trübsinnig auf die Strasse hinaus. »Könnte es so schön
haben«, murmelte er vor sich hin, »könnte so warm sitzen und will durchaus in
die weite Welt laufen, um sich erst einmal mürbe machen zu lassen und
auszuprobieren, wie fremder Leute Brot schmeckt. Soll aber nichts daraus werden,
so wahr ich Hans Fürchtegott Kroll heisse. Den einen Jungen besitze ich nur, das
Häuschen ist schuldenfreies Eigentum und die Kundschaft nährt ihren Mann, also
was will der Robert weiter? Sag, Mutter, was meinst du dazu?«
    Die alte Frau fuhr mit der Schürze über die Augen. »Es nützt ja nichts,
Vater, du kannst ihn nur halten, bis er ausgelernt hat, dann geht er zur See.«
    Der Alte nickte vor sich hin. »Hat dir's wohl schon alles anvertraut, nicht
wahr?« brummte er, »aber daraus wird nichts.«
    Die Mutter schwieg, um ihren Mann nicht noch mehr aufzubringen und dadurch
dem Jungen zu schaden. Sie machte Robert vielmehr, wenn er spät nach Hause kam,
allerlei heimliche Zeichen, dass er nur ganz still ins Bett schlüpfen und sich
gar nichts merken lassen solle.
    »Der Junge muss sich doch am Abend ein bisschen austoben«, dachte sie. »Er ist
ja noch ein Kind, das vergisst der Alte.«
    Sie nahm sich auch, wenn es irgend möglich war, der Tiere an und verschwieg
es dem Vater, wenn Robert heimlich fortgelaufen war. »Er mag nun einmal nicht
sitzen«, überredete sie sich, »und den einzigen Jungen habe ich nur. Warum soll
er immer arbeiten, als wären wir arme Leute, die das Brot trocken essen müssen?
Lass ihn nur laufen.«
    Die Folgen dieser falschen Erziehung zeigten sich aber bald. Der Vater
schlug den Jungen mehr als er verdiente, die Mutter dagegen half ihm immer
wieder, sich durch kleine Lügen diesen Bestrafungen zu entziehen, und Robert
selbst wurde immer trotziger und ungehorsamer.
    »Ich will kein Schneider werden«, erklärte er eines Tages dem Alten rund
heraus, »ich habe dazu keine Lust. Das Seemannshandwerk ist auch ein ehrliches
Gewerbe, nicht schlechter als sonst eins. Ich möchte mehr von der Welt sehen als
nur das kleine Pinneberg.«
    Der Meister schüttelte den Kopf. »Ist alles dummes Zeug«, antwortete er.
»Sollst in die Kundschaft hereinwachsen, dies Häuschen übernehmen und eines
Tages hier begraben werden, wie schon mein Grossvater selig und mein Vater hier
begraben worden sind. Sie waren Schneider vom Vater auf den Sohn, und du wirst
es auch, verstanden?«
    Robert weinte bitterlich. »Ich sehe es aber gar nicht ein!« schluchzte er.
    »Ich desto besser. Bleibe im Lande und nähre dich redlich! heisst der alte
Spruch. Wer's nicht getan hat, der musste es bitter zu seinem Schaden erfahren.«
    Robert hob plötzlich den Kopf. »Wenn aber jeder in seinem Lande geblieben
wäre, dann sähe doch die Welt ganz anders aus!« rief er. »Christoph Kolumbus und
-«
    »Ach lass doch die greulichen Heiden. Es hilft dir alles nichts, die Krolls
sind von jeher Schneider gewesen, und du wirst auch einer. Da, diese Naht nähst
du mir mit einem sauberen Steppstich. Finde ich einen Fehler daran, so schmeckst
du den Stock, und nun den Mund gehalten, wenn ich bitten darf. Lehrjungen
plappern nicht während der Arbeitsstunden.«
    Robert musste sich fügen, aber das Verlangen nach Erlösung aus diesen
Verhältnissen wurde immer stärker. Hier bleiben fürs ganze Leben, nie etwas
anderes sehen als den engen Hof und die enge Strasse, das war schrecklich. Der
Vater erlaubte gar kein Vergnügen und keine Erholung, er durfte nicht ein
einziges Mal mit der Eisenbahn nach Hamburg fahren oder mit anderen Jungen eine
Wanderung machen. »Das alles kostet Geld und Zeit«, war die Antwort, die er
seinem Sohn gab. »Was willst du in Hamburg? Da stehen Häuser und laufen Menschen
wie hier. Das Geld wäre ganz umsonst ausgegeben.«
    Robert senkte mutlos den Kopf. »Und die Schiffe und die Elbe?« fragte er
kleinlaut. »Das ist doch sehenswert.«
    Der Alte wich und wankte nicht. »War mir allezeit ein Greuel, das
Matrosenleben«, antwortete er. »Die Kerle fluchen und trinken und sind
Verschwender; hat so einer seine Heuer empfangen, dann geht es darauf los, als
könnte die Geschichte gar kein Ende nehmen. In die Sparkasse wandert kein
Pfennig.«
    So endete jeder Versuch, etwas mehr Freiheit zu erringen, und Robert wurde
endlich ganz stumm und sprach nicht mehr mit seinem Vater.
    Um diese Zeit machte er eine Bekanntschaft, die für seine ganze Zukunft von
Bedeutung werden sollte. Der Seilermeister, dessen Bahn an den Krollschen Garten
stiess, hatte einen neuen Gesellen genommen, und Georg, so hiess er, suchte sehr
bald die Freundschaft des Schneiderlehrlings.
    Nur wenige Jahre älter als Robert, hatte er von der Welt schon ein gutes
Stück gesehen, war als Schiffsjunge in fremden Ländern gewesen und kannte das
Seemannsleben genau. Kein Wunder also, dass sich Robert mit ihm befreundete.
    Zuerst sprachen die beiden nur über den Zaun hinweg, dann aber schlüpfte
Georg hindurch, und auf dem Heuboden entspann sich die lebhafteste Unterhaltung.
Robert hörte auf das, was ihm der Seiler erzählte, wie auf eine Verkündigung.
Endlich hatte er gefunden, was er suchte, endlich durfte er alle diese Dinge
kennenlernen, nach denen er sich sehnte. Selbst an die Bootsfahrten auf dem
Mühlteich dachte er nicht mehr, sondern verbrachte jede freie Stunde neben dem
neuen Kameraden auf dem Heuboden oder im Holzstall. Georg musste fortwährend
erzählen.
    Der schlaue Bursche wusste sehr bald seinen Vorteil wahrzunehmen. »Willst du
eine Zigarre?« fragte er einmal, »oder ist dir eine Pfeife lieber?«
    Robert errötete. »Ich - ich habe noch nie geraucht!« stammelte er.
    »Was? Nicht geraucht?« lachte der andere. »Darfst wohl nicht, kleiner Junge,
was? Gibt dir der Alte noch Schläge?«
    Robert sah zur Seite. »Oh nein. Und das Rauchen verbietet der Vater auch
nicht, ich - habe schon manche Zigarre verdampft, aber -«
    »Ha, ha, ha, und vor zwei Minuten sagtest du das Gegenteil, Bürschchen. Dich
haben sie aber schön in der Zucht.«
    »Gib her!« rief Robert, gereizt durch den Spott des anderen. »Gib her! Auch
wenn es mein Vater verbietet, würde ich mich nicht daran kehren.«
    »Das meine ich aber auch. Wie alt bist du eigentlich, Junge?«
    »Bald sechzehn«, entgegnete Robert. »Du brauchst mich übrigens gar nicht
Junge zu nennen, Georg. Ich bin fast so alt, wie du selbst.«
    Der Seiler lächelte überlegen. »Wirst ja noch wie ein kleines Kind
behandelt, mein Bester«, sagte er, »daher kommt es wohl. Ich glaube, du musst um
Erlaubnis fragen, wenn du niesen willst. Na, da war ich ein anderer Kerl!«
    »So?« fragte Robert, mannhaft gegen den Tabakrauch kämpfend, »und wie fingst
du die Geschichte an? Warst du da schon Schiffsjunge?«
    »Natürlich. Ach, das ist ein herrliches Leben, sage ich dir. Es geht nichts
über die See. Sollte ich so wie du auf dem Tisch sitzen und immer mit der Nadel
in die Lappen hineinbohren, das wäre mir was rechtes. Weiberarbeit und weiter
nichts, - ich danke!«
    Robert hatte grosse Lust zu weinen. Die Beschäftigung, die ihm von seinem
Vater aufgedrängt wurde, erschien ihm in diesem Augenblick wie eine Art Schande.
    »Ja, du hast gut reden«, seufzte er. »Aber was soll ich machen? Mein Alter
lässt mich nicht los, sooft ich ihn auch bitte.«
    Er verbiss das Unwohlsein, das ihm die Zigarre verursachte. Um keinen Preis
hätte Robert dem anderen eingestanden, dass ihn dies männliche Vergnügen
jämmerlich über den Haufen zu werfen drohte. »Warum verspottest du mich immer?«
fragte er. »Erzähle mir lieber von deinen Reisen.«
    Der Seiler gähnte. »Die Kehle wird einem trocken dabei«, antwortete er. »Hat
dein Alter nirgends einen Schluck hinter seinen Flicken und Lappen verborgen?«
    »Branntwein?« fragte Robert, »den trinkt er nie.«
    »Welch ein Muster von einem Mann.«
    Robert erhob sich, etwas schwankend, aus dem Heu. »Bier haben wir«, sagte
er. »Ich will dir eine Flasche holen.«
    »Du!« rief ihm Georg nach, »bring auch einen Bissen Brot mit und ein Stück
Speck oder dergleichen. Deine Alte hat ja natürlich die Speisekammer voll.«
    Robert winkte ihm. »Pst, - lass es doch niemand hören.«
    Dann aber schlich er fort und gelangte durch eine zerbrochene Scheibe in den
kleinen Vorratskeller. Sein Herz klopfte zum Zerspringen, als er eine
Bierflasche und ein tüchtiges Stück Schinken an sich nahm. Das war gestohlen,
sein Gewissen sagte es ihm laut genug.
    Jeden Augenblick glaubte er den schlürfenden Schritt des Vaters zu hören.
Und nannte nicht dort jemand seinen Namen - »Robert!«
    Er horchte; aber alles blieb still. Leise wie ein Dieb kroch Robert wieder
durch das Fenster in den Hof hinauf und brachte seinem Freund das Verlangte.
»Da, nun iss«, sagte er, »und dann erzähle. Warum bist du überhaupt für immer an
Land gegangen?«
    Der Seiler setzte die Flasche erst wieder auf den Fussboden, als sich kein
Tropfen mehr darin befand. »Warum?« wiederholte er. »Hm, ich habe einmal das
Bein gebrochen, - bin aus dem Mast gefallen und kann daher nicht mehr klettern.«
    »Aus dem Mast gefallen?« wiederholte Robert. »Binden sich denn die Seeleute
nicht fest da oben?«
    Der Seiler wollte sich ausschütten vor Lachen. »Festbinden!« rief er, »das
ist köstlich. Nein, du, sie machen sich's noch bequemer, will ich dir sagen. Die
Mutter muss mit an Bord und an Deck die Schürze ausbreiten, dahinein fällt der
Junge, wenn er das Gleichgewicht verliert.«
    Robert errötete. Das und so vieles andere waren Anspielungen auf seine
abhängige Lage und auf den strengen Gehorsam, den der Vater von ihm forderte.
    »Du bist glücklich«, sagte er, »kannst tun und lassen, was du willst. Aber
ich muss Schneider werden, weil mein Vater durchaus will. Wenn er nur erfährt,
dass ich einmal auf dem Mühlenteich gefahren bin, so gibt es schon -«
    »Ohrfeigen!« ergänzte gleichmütig der andere. »Kann ich mir genau denken.
Aber warum fährst du nicht in der Nacht? Eben jetzt haben wir die günstigste
Jahreszeit dazu. Wahrhaftig, ich möchte einmal an des Müllers Segelboot meine
Kunst wieder üben.«
    Roberts Herz klopfte. Wie mutig war Georg, wie leicht schien das alles, wenn
man ihn so sprechen hörte. An das Segelboot des reichen Müllers hatte er selbst
noch nicht einmal zu denken gewagt. Das lag ja mit einer Kette und einem Schloss
fest an dem zierlichen, über das Wasser hinausgebauten Gartenhaus, es war das
Eigentum fremder Leute, wie konnte man also davon sprechen, als dürfte es der
erste beste zu seinem Vergnügen besteigen?
    »Ja«, sagte er ganz verwirrt, »aber das ist nicht erlaubt!«
    »Ach, dummes Zeug. Was schadet es den Planken, wenn wir einmal darauf
herumtrampeln? Du glaubst gar nicht, wie angenehm es ist, bei stillem Wetter im
Boot zu liegen und sich von den Wellen schaukeln zu lassen.«
    »Das weiss ich!« rief mit glänzenden Augen der Junge. »Oh, es ist ein
Vergnügen wie kein anderes. Den Kahn des Holzhändlers darf ich benutzen, weil
ich den Leuten manchmal einen Gefallen tue, und dann fahre ich oft nach
Feierabend quer über den Teich. Der Vater darf es aber nicht wissen.«
    Georg kaute noch an dem mitgebrachten Schinken. »Der platte, schwerfällige
Kahn«, sagte er verächtlich, »der Klotz, an dem man sich die Arme lahm rudern
muss. Nein, mein Junge, was erst grosse Anstrengung kostet, das ist kein Vergnügen
mehr. Ein Segelboot fliegt wie eine Möwe über das Wasser, aber dein Kahn ist ja
wie ein Schubkarren. Versuch erst einmal den Unterschied.«
    Robert war bereits halb besiegt. »Meinst du, dass es ginge?« fragte er. »Ich
glaube, das Boot ist angeschlossen.«
    »Nun, dafür hat man krumme Nägel. Wir wollen ja nicht stehlen.«
    »Wie komme ich nur aus dem Hause, dass es die Eltern nicht merken?« murmelte
Robert. »Den Schlüssel darf ich auf keinen Fall nehmen.«
    »Ist ja auch gar nicht nötig. Die Hoftür hat doch einen Riegel, und den
zieht man leise zurück, das ist das Ganze. Die Alten schnarchen ruhig weiter.«
    »Ja«, rief Robert, »aber dann stände das Haus offen!«
    »Nun, und was schadet das weiter? Schätze werden in dem alten Kasten nicht
verborgen sein, denke ich.«
    Robert lächelte. »Schätze wohl nicht, aber ein paar hundert Taler hat der
Alte doch im Schrank. Er bringt es immer erst zur Sparkasse, wenn das Tausend
voll ist, so alle zwei oder drei Jahre.«
    Georg hatte aufmerksam zugehört. »Sieh an,« rief er, »also ein Krösus im
kleinen. Ja, die Schneider sind kluge Leute und sparsam dazu.«
    Robert seufzte. »Die Schneider sind doch überall verachtet«, sagte er. »Ich
mag keiner werden, und wenn es auch noch so viel Geld abwirft.«
    Georg nickte. »Wäre auch schade um einen so frischen, kräftigen Jungen wie
du bist«, meinte er. »Gott, wenn ich mir dich als Leichtmatrosen vorstelle, - du
könntest es in ein paar Jahren zum Kapitän bringen. Und ein Kapitän ist ein
König im kleinen.«
    Robert fuhr mit der Rückseite der Hand über die Augen. »Es hilft mir ja doch
nichts«, stammelte er. »Ich darf nicht fort.«
    »Ach, Unsinn. Komm nur erst einmal mit mir auf den Mühlenteich hinaus, dann
wird dir der Mut schon wachsen. Wie wäre es, wenn wir morgen die Geschichte
versuchten? Du legst dich um neun Uhr in deine Koje und schnarchst wie ein Bär,
bis du merkst, dass die Alten von ihren Sparkassenbüchern träumen, dann schlüpfst
du zur Hoftür hinaus.«
    Robert fühlte, wie ihn die Versuchung ergriff. Was wäre es denn auch weiter?
Die Söhne des Müllers durften nach getaner Arbeit im Boot fahren, soviel sie
wollten, er hatte es oft gesehen und auch dem Vater vorgehalten; dann schüttelte
der Alte ärgerlich den Kopf. »Der Müller ist ein reicher Mann«, antwortete er,
»da kann er es schon treiben, wie es ihm gefällt. Du aber bist armer Leute Kind
und musst Pfennig auf Pfennig legen. Ich hab's auch so gemacht.«
    Es war dem Jungen, als höre er die warnende Stimme des alten Vaters, aber
doch konnte er nicht widerstehen. »Ich komme, Georg«, flüsterte er,
unwillkürlich leise sprechend, als fürchte er sich vor dem Verbotenen. »Wo
treffen wir uns?«
    »Hm, ich denke am Mühlenteich - und bring mir von dem Schinken ein tüchtiges
Stück mit. Deine würdige Frau Mutter hat dies verstorbene Borstenvieh
ausserordentlich schmackhaft zubereitet.«
    Robert versprach es, und dann trennten sich die beiden Genossen. Während der
Seiler zufrieden lächelnd seine Dachkammer aufsuchte, stahl sich Robert, an
allen Gliedern wie gelähmt, mit brennender Zunge und schwerem Kopf zunächst
wieder in den Vorratskeller hinunter, um dort die leere Flasche an ihren Platz
zu stellen, und dann ging er schleunigst zu Bett. So unwohl hatte er sich noch
nie im Leben gefühlt.
    Am folgenden Morgen sah er ganz blass aus. Er mochte kaum essen, aber er
arbeitete den Tag über mit besonderem Fleiss, um nur keinen Verdacht auf sich zu
lenken, und ging früh wieder zu Bett.
    O wie lang wurde dieser Abend! Der Vater hatte noch spät eine fertige Arbeit
ausgetragen, und die Mutter knetete das Brot, wer weiss wie lange. Es schien dem
ungeduldigen Robert, als sei ein Jahr vergangen, seit er sich in die Federn
legte. Zehnmal war er im Begriff wieder aufzustehen, aber immer hinderte ihn die
Furcht, sich dadurch verdächtig zu machen. Sein böses Gewissen liess ihn vor
jedem Geräusch erzittern.
    Aber alles nimmt ein Ende, auch der längste Abend. Endlich war der Teig
fertig und der Vater wieder nach Hause gekommen, endlich das Licht ausgelöscht
und die Eltern zur Ruhe gegangen. Robert konnte geräuschlos aus dem Bett und in
die Kleider schlüpfen.
    Seine Stiefel behielt er in der Hand. Nur noch rasch wieder in den Keller -
heute schon viel gleichgültiger als gestern, - dann zog er den Riegel von der
Hoftür. Noch einmal sah er sich ängstlich um. Sollte er wirklich die
ahnungslosen Eltern hintergehen, ihr Hab und Gut preisgeben, ihr Verbot
übertreten? - Noch auf der Schwelle zögerte er. »Kein guter Sohn tut das!«
flüsterte die Stimme des Gewissens.
    Ja, aber wie wird Georg lachen, wie wird er mich morgen verspotten, dachte
er. Ich höre es schon, dass er sich lustig macht. »Bist kein Kerl, du kleiner
Schneider, hast keinen Mut. Geh und lass dir von den Alten die Lehren der
Weisheit und Tugend vorpredigen, bis du ganz dumm geworden bist. Die Schafsköpfe
leben am längsten.«
    Er murmelte eine Entschuldigung, als stände Georg mit seinem mageren,
blassen Gesicht und dem höhnischen Blick im Mondlicht unmittelbar vor ihm. Nein,
so feige und unzuverlässig konnte er sich nicht zeigen. Hingehen musste er.
    Mit drei Sätzen war die Hecke des Nachbargartens überklettert, und nun
ging's in eiligem Lauf weiter. Der schlurfende Schritt des einzigen alten
Nachtwächters, sein Stolpern über das schlechte, unebene Pflaster waren schon
von weitem zu hören, - er konnte einer Begegnung leicht ausweichen. In weniger
als einer Viertelstunde hatte er die Gruppe hoher alter Linden erreicht, in
deren Schatten sich der Eingang zum Garten des Müllers befand.
    Georg trat ihm plötzlich von der Seite entgegen, so dass er erschrak.
    »Ach, - du bist's«, flüsterte er. »Ich dachte schon der Müller -«
    »Lag hier auf der Lauer, um uns zu fangen, nicht wahr?« lachte der Seiler.
»Na, komm nur; im Garten ist niemand, ich habe es schon ausgekundschaftet.«
    Die beiden durchschritten den langen Kiesgang und kamen an ein kleines
chinesisches Gartenhaus, dessen Tür verschlossen war. Robert wandte sich
bedauernd zu seinem Gefährten. »Was nun?« fragte er.
    Der Seiler suchte in allen Taschen. »Wirst gleich sehen«, sagte er. »So musst
du die Sache anfassen! - Das ist keine Hexerei.«
    Er hatte ohne grosse Mühe das Schloss geöffnet, noch ehe Robert eine
Einwendung machen konnte. Mit pochendem Herzen folgte er ihm in den kleinen
offenen Raum, an dessen Treppe das Segelboot auf dem Wasser lag. Heller
Mondschein überflutete den breiten Teich und seine hübschen, von grünen Wiesen
umrahmten Ufer; weisse Schwäne zogen langsam vorüber.
    Georg wandte sich blinzelnd zu seinem jüngeren Gefährten. »Wie angenehm ist
es doch, ein reicher Mann zu sein, nicht wahr, Robert?« fragte er. »Aber der
Einfältige, der Schüchterne wird es nie im Leben. Sieh, wie oft hast du schon im
stillen die Söhne des Müllers um ihr hübsches Segelboot beneidet, aber hingehen
und es dir nehmen, das wagtest du nicht. Jetzt fahren wir und kehren uns nicht
daran, wer das Ding bezahlt hat, - so macht es der Kluge überall.«
    »Aha, ein hübsches Fahrzeug«, fuhr er fort, »verteufelt nett. Alles so fein
gemalt und sauber gehalten, man sollte meinen, dass es richtige Teerjacken wären,
die es unter den Händen haben. Wahrhaftig, auch ein Flaschenkorb! Prosit,
Müller!«
    Er trank ein paar Schluck von dem Branntwein, den er fand, und öffnete dann
das Schloss des kleinen Bootes, alles mit einer Sicherheit, als sei er der
rechtmässige Eigentümer dieser Dinge. Robert folgte ihm, der Seiler setzte das
Segel, und dann stiessen sie ab. Er schien so recht in seinem Element zu sein;
das Vergnügen lachte ihn aus den Augen.
    »Pass auf, Landratte«, rief er, »so bedient man ein Boot.«
    Robert horchte fast andächtig. Sein Herz hüpfte vor Freude. Unter sich den
blauen Spiegel des Teiches und über sich das weisse, bauschende Segel, - er
glaubte, dass es auf der Welt kein grösseres Vergnügen geben könne. Vergessen war
der Ungehorsam, das Unrecht, fremder Leute Schlösser gewaltsam geöffnet zu
haben, und die Gefahr einer etwaigen Entdeckung. Robert empfand nur die
Seligkeit, in einem wirklichen Schiff, wie er es nannte, fahren zu dürfen.
Langsam glitt das Boot über die Wellen dahin.
    »Du bist ja ganz stumm geworden«, lachte der Seiler. »Hast am Ende noch nie
die Planken eines Schiffes betreten?«
    »Ach«, seufzte Robert, »nie eins gesehen sogar.«
    »Unmöglich! Du bist doch gewiss oft in Hamburg gewesen?«
    »Noch nie. Vater gibt keinen Pfennig unnötig aus.«
    Georg zog verächtlich die Schultern empor. »Dein Alter ist ein Narr«, sagte
er, »aber du bist ein dreifacher. Pass nur auf, die Gelegenheit zu einem
Abstecher nach Hamburg soll sehr bald kommen. - Hast du etwas zu leben
mitgebracht?«
    Robert reichte dem Freund das Bier und den Schinken. »Sind alle Boote so
eingerichtet wie dieses?« fragte er. »Ach, das Segeln ist doch ganz etwas
anderes als das Rudern.«
    »Habe ich dir's nicht gleich gesagt, Däumling? Aber das Ei will immer klüger
sein als die Henne. Was wirst du erst für Augen machen, wenn wir einmal auf
einem Dampfer sind.«
    »Wie sind die eingerichtet?« fragte der Junge wissbegierig.
    Georg lachte laut. »Wie tief ist das Meer bei Grönland? Ebensogut könnte ich
das auf Stecknadelbreite angeben wie ohne weiteres beantworten, wie Dampfschiffe
gebaut sind. Sehr verschieden, das ist erst einmal alles, was du zu wissen
brauchst.«
    Der Seiler zog aus der Brusttasche seiner Jacke eine kleine Flasche hervor
und tat einen tüchtigen Zug. Dann reichte er Robert den Rest. »Trink aus, mein
Junge«, sagte er.
    Der hielt verlegen das Fläschchen in der Hand. »Branntwein?« fragte er.
    »Natürlich, es ist kein Gift. Hast wohl noch nie ein paar Tropfen über die
Zunge laufen lassen?«
    Robert umging die Antwort, indem er das Getränk eilends verschluckte. Es
schmeckte ihm schlecht, aber er fühlte sehr bald eine angenehme Wirkung, so
etwas wie ein Wachsen und Dehnen aller Kräfte, eine Unternehmungslust, wie er
sie nie vorher in dem Masse gekannt hatte.
    »Ich möchte, dass das Amerika wäre oder Afrika«, sagte er, auf die bewaldeten
Ufer deutend, »und dass dort Wilde hausten, die wir bekämpfen oder überlisten
würden. Hast du wohl schon wirkliche Schwarze gesehen, Georg?«
    »Gesehen?« lachte der Seiler »Das ist nicht schlecht, wahrhaftig. Ich bin
über ein Jahr lang als Heizer auf den Red-River-Dampfern gefahren, mit lauter
Negern als Schiffsmannschaft.«
    Roberts Augen glänzten. »Habt ihr da Abenteuer erlebt, du?«
    »Mit den Schwarzen? Das sind urgemütliche Kerle, sage ich dir. Wenn ihre
Arbeit getan ist, so balgen sie sich wie die Kinder und stossen mit den
eisenharten Köpfen zum Spass wie die Ziegenböcke gegeneinander. Einmal, als bei
einer grossen Überschwemmung alle Holzlager weggespült waren und auch in den
durchnässten Wäldern kein brauchbares Feuerungsmaterial aufgetrieben werden
konnte, nahmen wir zum Ersatz die Staketpfähle der Farmen, und unsere Neger
mussten, sooft der Vorrat zur Neige ging, an Land, um wieder Nachschub
herbeizuschaffen. Das war überaus komisch.
    Stell dir vor, dass unser harmloses kleines Gehölz der Urwald wäre, mit
breiten, himmelhohen Stämmen, von Unterholz und Schlingpflanzen in eine grüne,
unentwirrbare Wildnis verwandelt und von unzähligen Tieren bevölkert. Affen und
Papageien in den Wipfeln, ein brauner Bär mit seiner Familie am Ufer oder ein
schwerfälliger Alligator, der, so schnell es ihm seine kurzen, unbehilflichen
Beine erlauben, die Flucht ergreift; dazu alle Arten von kleineren Tieren, alle
möglichen Stimmen, alle erdenklichen Geräusche. Jeden Abend entzündeten wir
riesige Feuer, um das Gesindel aus unserer Nähe zu vertreiben, und dann mussten
die Neger in das Wasser hinein, an einzelnen Stellen sogar bis unter die Arme.
Sie jauchzten dabei vor Vergnügen und trugen auf ihren Schultern grössere Lasten,
als sie ein Weisser auf ebener Erde fortbringen könnte.«
    Robert legte den Arm über die Augen. Er weinte.
    »Erzähle mir lieber gar nichts mehr, Georg«, schluchzte er. »Solche
Abenteuer möchte ich erleben, die ganze weite Welt sehen, wilde Tiere und wilde
Menschen, - aber ich soll ja Schneider werden. Am liebsten möchte ich sterben,
Georg.«
    Der Seiler pfiff spöttisch durch die Zähne. »Du bist ein Narr, dir den Tod
herbeizuwünschen. Halte dich doch lieber an das Leben und erobere es mit Gewalt,
wenn andere es dir mit Gewalt aus den Händen reissen wollen. In Hamburg gibt es
Kapitäne genug, die einen solchen Jungen, wie du bist, an Bord nehmen, ohne viel
nach Papieren oder der Erlaubnis des Herrn Vaters zu fragen. Weil sich so ein
alter Schneidermeister in den Kopf gesetzt hat, dass sein Sohn unbedingt auch mit
gekreuzten Beinen auf dem Tisch sitzen und allerlei Flicken zusammenstoppeln
soll, darum ist die Welt noch nirgends mit Brettern vernagelt. Lass mich nur
machen.«
    Robert fühlte wohl, dass es nicht recht war, Reden mit anzuhören, die seinen
Vater beleidigten. Georg hatte ja recht, der Vater misshandelte sein eigenes
Kind.
    »Es sind schon viele Jungen auf- und davongegangen, weil es ihnen in der
Heimat nicht mehr gefiel«, fuhr der Seiler fort. »Ich selbst hab's ja so
gemacht!«
    Robert fuhr auf. »Du?« fragte er ganz erstaunt.
    »Natürlich, ich und kein anderer. Meine Mutter war eine Milchhändlerin, die
mich an jedem Morgen vor ihren Wagen spannte, bis es mir nicht mehr gefiel. Da
ging ich durch die Lappen, - wer wollte mir das verdenken? Zum Hund fühlte ich
mich nicht geschaffen.«
    Robert sass da mit heisser Stirn und unruhigen Gedanken. Seine Augen gingen
sehnsüchtig über das Wasser und den dunklen Wald.
    »Lass uns umkehren, Georg«, seufzte er, »und am linken Ufer entlangfahren. Da
liegen die kleinen Inseln, auf denen wir als Schuljungen oft Krieg spielten und
denen wir Namen gaben. Ich war immer der König.«
    Georg musterte die Umgebung. »Vor allen Dingen müssen sich Eure Majestät die
Landratten-Bezeichnungen abgewöhnen«, antwortete er. »Vom Umkehren weiss der
Seemann nichts, und mit einem Segelboot so ohne weiteres einen andern Kurs
einschlagen, das kann er auch nicht. Die verschiedenen Arten der Fortbewegung
nennt man erstens, wie wir es bisher taten, vor dem Wind segeln, wenn er von
hinten, zweitens bei dem Wind, wenn er von der Seite weht, mit halbem Wind oder
backstags, wenn er halb von hinten, halb von der Seite kommt, und kreuzen oder
lavieren, wenn er entgegenweht. dabei kann man sein Ziel natürlich auf geradem
Wege nicht erreichen, sondern segelt in stumpfem oder mindestens doch rechtem
Winkel von einem Ufer zum andern. Was du eben in richtiger Fuhrmannssprache
umkehren genannt hast, heisst über Stag gehen, das Kommando lautet: Klar zum
Wenden! und dann, wenn alle Schooten bedient sind: Wenden!«
    Er hatte während dieser Auseinandersetzung die erforderlichen Handgriffe
ausgeführt, und Robert verfolgte mit fast zärtlichen Blicken jede Bewegung
seines Freundes.
    »Georg«, rief er, »jetzt fahren wir beim Wind, nicht wahr?«
    »All right, Sir«, lachte der Seiler. »Wahrhaftig, du bist zum Seemann
geboren. Gib doch noch einmal die Flasche da aus dem Kasten herüber. Der Müller
wird ja nicht arm werden, wenn ich mit seinem Kognak auf dein Wohl trinke.«
    Robert gehorchte widerstrebend, nur um in seines Freundes Augen als ein
ganzer Mann dazustehen. Georg machte sich ja aus solchen Kleinigkeiten nichts,
also durfte er nicht weniger mutig erscheinen.
    Der Seiler hielt die Flasche gegen das Licht. »Wird gar nicht bemerkt«,
sagte er, »und darauf kommt im Leben alles an.«
    Robert verbarg aufatmend die Flasche. Obwohl niemand dabei war, so schien es
ihm doch, als sähen tausend Augen den Diebstahl. - Jetzt hatte das Boot den
eigentlichen Mühlenteich wieder erreicht, und Georg hielt sich links, wo
verschiedene kleine Inseln wie grüne Punkte im ruhigen Wasser lagen. Durch alle
diese einzelnen Arme des Teiches kreuzte das kleine, wendige Fahrzeug, während
der Seiler von seinen Reisen erzählte und den lauschenden Jungen so gut zu
fesseln wusste, dass er tief seufzte, als der Garten des Müllers wieder erreicht
war.
    »Du fährst noch manches Mal mit mir, nicht wahr, Georg?« fragte er.
    »Sooft du willst, mein Junge. Aber für heute müssen wir es genug sein
lassen, glaube ich. Mitternacht ist vorüber, und bald wird es heller Tag
werden.«
    Die beiden brachten nun das Segel wieder in seine vorige Lage, schlossen das
Boot an den Eisenring der Treppe und versperrten auch die vordere Tür. Dann
schlichen sie durch den Garten auf die Strasse hinaus.
    »Geh du allein«, flüsterte Georg, »und ich auch. Wenn dann einer gesehen
wird, so ist doch wenigstens der andere nicht entdeckt. Gute Nacht!«
    »Gute Nacht!« gab Robert zurück. »Und vielen Dank, Georg.«
    »Hat nichts zu sagen«, lachte der. »Aber du, wenn einmal deine Alte ein
bisschen zu essen im Küchenschrank hat, dann denk an mich. Etwas Warmes bekomme
ich nie.«
    Robert stand vor Erstaunen still. »Nie ein Mittagessen?« wiederholte er.
»Aber du verdienst doch wöchentlich dein bestimmtes Geld.«
    Georg zuckte die Achseln. »Fürs Verhungern zu viel und fürs Sattessen zu
wenig«, antwortete er. »Ich bin ja noch ein Anfänger in diesem Handwerk, musst du
wissen. Es kommt alles durch den gebrochenen Fuss, sonst wäre ich längst
Steuermann.«
    »Du Armer!« rief der Junge gerührt. »Ich will für dich tun, was ich kann und
werde dir auch in Zukunft deine Kleider flicken. Der Schneider soll doch zu
etwas gut sein.«
    »Es tranken ihrer neunzig, ja neunmal neunundneunzig aus einem Fingerhut!« -
summte Georg spöttisch, und dann winkte er im Halbdunkel der Linden noch einen
lachenden Abschiedsgruss. Robert war jetzt allein. Schnell die Flaschen
ergriffen, einen letzten Blick zum Teich hinüber, eine Rundschau, ob auch alles
ganz ruhig sei, und dann Fersengeld gegeben. Husch, husch, über den Bahnkörper,
vorbei am hohen, alten Gefängnis, durch die Strasse, an deren Ende erst der
Nachtwächter daherklapperte, und dann in den Garten gekrochen.
    Nichts regte sich. Jetzt stand er auf dem Hofplatz seines elterlichen Hauses
und probierte die Tür, - sie war offen. Pikas, der Spitz, kroch ihm wedelnd
entgegen, alles atmete so tiefen Frieden, war so ganz ungestört, ganz wie immer,
dass es dem Jungen mit jeder Minute leichter ums Herz wurde. Er warf Stiefel,
Mütze und Jacke von sich, dann schlich er an die angelehnte Tür zur Schlafkammer
seiner Eltern und sah hinein. Die beiden alten Leute schliefen fest.
    Robert lächelte, als er jetzt den Riegel der Hoftür vorlegte. Welche
unnötigen Sorgen hatte er sich gemacht. Georg verspottete ihn wirklich nicht mit
Unrecht, das begriff er erst in diesem Augenblick und beschloss, dass das nicht
mehr so bleiben dürfe.
    »Ich will kein Stubenhocker werden, wie Georg sagt, keiner, der Branntwein
und Zigarren nur dem Namen nach kennt. Andere Lehrjungen haben auch ihre freien
Stunden; ich nehme also nur, was mir als mein gutes Recht zusteht.«
    Er schlüpfte in sein Bett und träumte in verworrenem Durcheinander von
Segeln und Booten, von erbrochenen Schlössern und leeren Flaschen. Am Morgen
hatte er zwar ein Gefühl, als müsste das Geheimnis der Nacht auf seiner Stirn zu
lesen sein, aber das verzog sich auch bald wieder.
    Gegen Mittag schaute Georg verstohlen durch die Lücke im Zaun. »Hast du
etwas zu essen, Kleiner?«
    Robert schob hindurch, was er unbemerkt hatte beiseite bringen können, und
so ging es auch an den folgenden Tagen. Er bestahl seine Mutter, um sich die
Freundschaft des ehemaligen Matrosen zu erhalten und um mit ihm bei jedem
günstigen Wetter zu segeln. Der Gedanke, dass das Boot dem Müller gehörte, dass
die Benutzung Unrecht sei, war längst vergessen.
    Die beiden Kameraden sprachen nur noch darüber, wie man es einrichten
könnte, hinter dem Rücken des alten Schneiders einen Abstecher nach Hamburg zu
machen. Robert brannte vor Begierde, wirkliche Schiffe und Schiffswerften zu
sehen. »Wenn ich nur Geld hätte!« seufzte er.
    Der Seiler schien diesen Ausruf erwartet zu haben. »Besjetzt du keinen
Spartopf, Kleiner?« fragte er. »Alle wohlerzogenen Kinder haben doch einen.«
    Dieser Ton reizte jedesmal den ganzen Trotz Roberts. Er wollte nicht wie ein
kleines Kind behandelt werden. »Ich habe Geld«, antwortete er, »aber den
Schlüssel zum Spartopf gibt mir der Vater nicht. Jeden Weihnachten wird der
Inhalt auf die Sparkasse getragen und für mich angelegt.«
    Georg lachte. »Du bist ja ein reicher Mann. Weisst du aber, dass ich es von
deinem Alten sonderbar finde, dir das Verfügungsrecht über dein Eigentum zu
entziehen? Ich wenigstens liesse mir das nicht gefallen.«
    Robert errötete. »Aber was soll ich dabei tun?« fragte er kleinlaut.
    »Hm, Notwehr ist erlaubt. Hat er deine Sparbüchse, so halte du dich an
seinen Geldkasten. Wo er steckt, das wirst du ja wissen.«
    Roberts Herz pochte schneller. »Natürlich weiss ich das«, antwortete er,
»aber -«
    »Nun, und das kleine Instrument, das über eigensinnige Schlösser
hinweghilft, kennst du ja. Hier ist es.«
    Robert wehrte mit erhobenen Händen ab. »Du«, stammelte er, »das kann ich
doch nicht tun. Es ist Vaters Geld, und nähme ich es, so wäre es gestohlen.«
    Der Seiler steckte gelassen den Dietrich wieder in die Tasche. »Bleib bei
deinen Ansichten, Kleiner«, sagte er, »ich habe nichts dagegen. Aber sag doch
einmal, für wen spart und geizt denn eigentlich dein Alter? Wem wird einmal
alles gehören, was er zusammenstichelt?«
    Robert machte bei dieser Frage seines Freundes ein sehr vergnügtes Gesicht.
»Mir natürlich«, antwortete er. »Ich bin ja das einzige Kind meiner Eltern.«
    Georg nickte leicht. »Siehst du«, sagte er, »es ist alles dein rechtmässiges
Eigentum, aber du lässt dich willig knechten.«
    Und nachdem er achselzuckend das gesagt hatte, sprach er von etwas anderem.
Er wusste, dass Robert an seiner empfindlichsten Stelle getroffen war. Wirklich
vergingen auch nur wenige Tage, bis der Sohn des alten Schneiders auf allerlei
Umwegen wieder zu dem Geldkasten seines Vaters zurückkehrte.
    »Hör mal, du, wäre es eine grosse Sünde, wenn ich es täte?«
    Der Seiler sah ihn mit dem unschuldigsten Gesicht an. »Was denn?«
    Robert wandte sich errötend ab. »Nun, du weisst doch, - mit dem Geld!«
stammelte er.
    »Ach! - Das hatte ich längst vergessen. Du meintest ja, es sei ein
Diebstahl, also tu's um Himmels willen nicht.«
    »Aber man kann doch davon sprechen«, rief Robert unwillig.
    »Du sagtest, es sei mein gutes Recht, aus dem Geldkasten des Vaters das
herauszunehmen, was er mir vorentält. Glaubst du das wirklich, Georg, oder hast
du es nur so hingeworfen?«
    Der Seiler lächelte. »Komische Frage, - ob dein Eigentum dein Eigentum ist.
Sechs oder acht Taler wirst du wohl im Spartopf haben, und über die musst du
allezeit frei verfügen können, denke ich. Ob es nun gerade dieselben Münzen sind
oder andere, was macht das? Es handelt sich ja um den Wert, nicht um das
Geldstück, und mehr als acht Taler brauchst du ja nicht aus dem Kasten zu
nehmen.«
    Robert warf stolz den Kopf zurück. »Oho, du, - sechsundzwanzig habe ich
bestimmt drin«, sagte er. »Ich bekomme immer das neue, blanke Geld, das sich
hier und da findet, ausserdem etwas zum Geburtstag, und wenn ich den Kunden das
Zeug bringe, manchmal ein Trinkgeld. Das wandert alles in die Sparbüchse.«
    »Hahaha«, lachte der Seiler, »weshalb lieferst du denn die Trinkgelder an
den Alten ab, du dummer Junge?«
    Robert stutzte. Er hatte immer angenommen, dass das so sein müsse, sich aber
über das »Warum« nie Rechenschaft abgelegt. Jetzt, unter dem Einfluss Georgs,
hielt er sein früheres kindliches Betragen für albern.
    »Du hast recht!« sagte er zögernd. »Ich glaube, dass es kein so grosses
Verbrechen wäre, aus dem Geldkasten einige Taler herauszunehmen. Aber wir
brauchen ja nur wenig.«
    Der Seiler zog die Stirn in krause Falten. »Hm«, machte er, »wie man's
nehmen will. Die Groschen fliegen nur so, kann ich dir sagen.«
    »So lass uns einen ganzen Taler nehmen!« rief ungestüm der Junge.
    »Einen? - Unter fünf ist nicht daran zu denken.«
    Robert erschrak, aber das Verlangen, die Elbe und wirkliche Schiffe zu
sehen, liess sich nicht mehr unterdrücken. »So nehme ich fünf«, entschied er nach
kurzem Bedenken. »Aber wie fangen wir es denn überhaupt an, unbemerkt von hier
fortzukommen?«
    »Das ist kinderleicht. Dein Vater fährt in ein paar Tagen zum Elmshorner
Jahrmarkt, um dort seinen Bruder zu treffen, der mit Schusterwaren aus Oldenburg
herüberkommt. Ist er erst einmal fort, so haben wir freie Hand. Deine Mutter
verrät nichts.«
    Roberts Augen leuchteten. »Wie du dir alles ausdenken kannst«, rief er. »Das
wäre mir gar nicht eingefallen.«
    »Weil du dir die strenge Herrschaft deines Alten so gutmütig gefallen lässt,
Junge.«
    Robert wechselte schnell den Gegenstand des Gesprächs. »Du, wollen wir nach
Hamburg fahren oder zu Fuss gehen?« fragte er.
    »Natürlich fahren. Zum Gehen hätte ich keine Stiefel. Ach, es ist ein
jämmerliches Leben so auf dem Trocknen, wo man bald dies und bald das
Kleidungsstück anschaffen muss, - mit leeren Händen natürlich. An Bord braucht
der Seemann das blaue Wollzeug und etwas Wäsche, damit Schluss.«
    Robert sah mitleidig auf das blasse, kränkliche Gesicht seines Freundes und
auf die zerfetzten Schuhe, die Georg trug. »Ob ich fünf Taler aus dem Kasten
nehme oder acht«, dachte er, »das bleibt sich im Grunde ganz gleich. Zurückgeben
werde ich dem Vater alles, und zwar von meinen Trinkgeldern. Georg hat ganz
recht, ich bin früher ein dummer Junge gewesen.«
    Er sprach nicht weiter von der Sache, aber er beschloss, für seinen Freund
ein Paar neue Stiefel zu kaufen, und fühlte sich in diesem Gedanken ganz
glücklich. Georg war ja doch, wie er glaubte, der einzige Mensch, der es
wirklich gut mit ihm meinte.
    »Du verrätst aber nichts!« bat er ihn, »darauf muss ich mich verlassen
können.«
    »Ganz bestimmt!« nickte Georg, »obwohl die Geschichte gar nichts auf sich
hat. Ich sollte nur an deiner Stelle sein, Himmel noch einmal, der Alte würde
einiges lernen. Kein Meister darf seinen Lehrjungen schlagen, also auch deiner
nicht!«
    Robert errötete. »Aber er ist ja mein Vater, Georg, nicht allein mein
Meister!«
    »Das ist gleich. Du bist konfirmiert und in der Lehre, gerade so gut wie
irgendein anderer. Er kann dich ja fortschicken, sich von dir lossagen, mehr
verlangst du ja nicht, glaube ich.«
    Robert seufzte tief. »Ach, wenn er das tun wollte!«
    »Siehst du, Kleiner! Lass dir alle Gewissensbisse vergehen, sie sind wirklich
unnötig. Nähe und stopfe mit wahrer Andacht, bis der Alte nach Elmshorn unter
Segel geht, sei recht freundlich und gehorsam, damit er keinen Verdacht fasst,
und wir werden einen angenehmen Tag verleben, das verspreche ich dir. Du sollst
es nicht bereuen, ein paar Taler geopfert zu haben.«
    »Wann ist Elmshorner Markt?« fragte der Junge.
    »Nächsten Mittwoch. Ich weiss, dass dein Alter am Dienstag hinfährt und am
Donnerstag zurückkommt, also haben wir den ganzen Mittwoch für uns.«
    »Noch vier Tage!« seufzte Robert. »Ach, wäre es erst so weit.«
    »Das kommt alles eins nach dem anderen«, tröstete Georg. »Bleib du nur recht
fleissig, und lass uns lieber während der ganzen Zeit nicht mehr miteinander
sprechen, nur wenn du mir mittags ein paar Bissen durch den Zaun schiebst. Dann
fährt der Alte ab und hält das heilige Grab für wohl verwahrt, während wir fort
sind. Gar zu gestrenge Herren werden betrogen, das ist der Welt Lauf.«
    Robert sah ein, dass sein Freund einen klugen Rat gegeben hatte, und obgleich
es ihm sehr schwer wurde, hielt er sich doch bis zur Abreise ganz von dem Seiler
fern und arbeitete auch tapfer drauf los, so dass ihn der Vater sogar lobte, was
selten oder nie geschah. »Bist doch richtiges Schneiderblut!« murmelte er, mit
innigem Vergnügen eine Naht betrachtend, die sein Sohn und Lehrjunge gerade
vollendet hatte, »kannst es noch weit bringen in der Welt. Vielleicht erlebe ich
ja, dass der Herr Branddirektor oder der Herr Bürgermeister bei dir ihre neuen
Anzüge bestellen, und das wäre eine Auszeichnung, der die Krolls bis jetzt nicht
für würdig befunden wurden. Vor allen Dingen lass dich nie verleiten, irgendeinem
Verein beizutreten oder das neuerfundene Ding, die Nähmaschine, im Hause zu
dulden. Solch moderner Firlefanz ist mir ein Greuel, hat auch nie zum Segen
geführt, das weiss ich gewiss. Wie es mein Grossvater und mein Vater gemacht haben,
so mache ich es wieder, und damit basta.«
    Der brave alte Mann sah nicht, wie sein Sohn errötete, als er ihn lobte.
Robert fühlte jedes Wort wie eine Beschämung, wie einen bitteren Vorwurf. Er war
fast im Begriff, dem Vater um den Hals zu fallen, ihm alles zu gestehen und ihn
zu bitten »Vergib mir!« - aber dann musste er ja zugleich den Freund verraten und
musste den Ausflug nach Hamburg aufgeben! - Nein, nein, das konnte er nicht. Die
weichere Regung, das letzte Mahnen seines guten Engels wurde gewaltsam erstickt,
und der Alte traf alle Vorbereitungen zur Abreise, ohne zu ahnen, welche Pläne
sein Sohn im Kopfe hatte. Er bestellte und ordnete alles, als ob er mindestens
ein Jahr lang ausbleiben wollte. »Mutter, vergiss das nicht, Mutter, behalte, was
ich sage, und Mutter, hier auf diesen Kasten gib acht, du weisst, was darin
steckt!« so klang es den ganzen Tag. Der Vater verdarb sich selbst die Freude an
der kleinen Reise, weil er alles von der schwersten Seite ansah. Robert hätte
lachen mögen, als er den dicken Wintermantel und das ungeheure Paket sah, das
der Alte für die beiden Tage im schönsten Oktoberwetter mit sich herumschleppte.
Er dachte an die Spottlieder seines Freundes und errötete für seinen Vater.
Nein, unmöglich konnte er das Leben so auffassen; er wollte frei sein und
geniessen, nicht nur immer vorsichtige Schritte gehen und einmal sterben, ohne je
gelebt zu haben.
    Endlich war der Alte nach vielen Ermahnungen und dreimaligem Umkehren
glücklich zum Bahnhof gekommen, und Robert sah mit erleichtertem Herzen dem Zug
nach, wie er am Mühlenteich vorüber ins weite dampfte. Der Vater hatte daran
keine Freude, weil er vielmehr seiner ganzen Natur nach die schwärzesten Bilder
entwerfen und die schlimmsten Möglichkeiten als wahrscheinlich ansehen würde. Ob
Mutter auch die Schweine gehörig versorgen, ob der Junge keinen Unfug machen,
und ob das Haus nicht niederbrennen wird!
    Robert ging durch das Gehölz nach Hause. Mochte sich sein Vater mit Grillen
plagen so viel er wollte, das konnte ihn selbst nicht hindern, sein Schicksal
nach Belieben einzurichten. Er wusste, mit welcher Freude er morgen nach der
anderen Seite davonfahren würde. Ach, hätte doch Georg zu Fuss gehen wollen, dann
brauchte man nicht bis um halb neun Uhr zu warten, sondern konnte um fünf schon
unterwegs sein. Aber das liess sich nun nicht mehr ändern, und die Hauptsache
musste überhaupt erst getan werden, bevor der ganze Plan einen sichern Boden
besass. Noch steckte das Geld im wohlverschlossenen Kasten.
    Robert besah pochenden Herzens den kleinen Dietrich, den ihm Georg neulich
ohne weitere Bemerkungen überreicht hatte. Ein Ruck, und jeder Widerstand war
besiegt.
    »Mein ist alles«, dachte er, »ich nehme nur, was mir gehört.«
    Er wartete, bis die Mutter in den Stall hinausging, um die Kuh zu melken.
Dann öffnete er mit schnellem Griff den altmodischen Eckschrank, der den
Blechkasten mit Geld und Papieren entielt. Jetzt nur noch der letzte Schritt -
dann war die Reise gesichert.
    Er schlich zum Küchenfenster und blickte vorsichtig hinaus in den offenen
Stall. Die Mutter begann erst ihre Arbeit, nachdem sie das Tier mit frischem
Futter versorgt hatte; sie rückte gerade jetzt den kleinen, kreiselförmigen Bock
zurecht. Warum sollte sie sich auch beeilen, wie hätte sie denken können, dass
ihr einziges Kind im Begriff war, die Kasse des Vaters zu erbrechen!
    Da erschien plötzlich am Zaun das blasse Gesicht des Seilers. Georg winkte
leicht mit der Rechten.
    Robert nickte errötend. Schnell entschlossen eilte er in das Wohnzimmer,
öffnete den Kasten und griff hinein. Seine Sparbüchse stand auch darin - wie
schwer fühlte sie sich an! - aber das war zu weitläufig, er hatte keine Zeit zu
verlieren. »Ob ich diese Taler nehme oder die«, dachte er, »das ist ja gleich.
Eins - zwei - drei -«
    Die Münzen klirrten in seiner zitternden Hand, er gab daher das Zählen auf
und griff nur noch einmal hinein, dann schloss er den Kasten. Das Geraubte war
schnell in der Tasche verborgen.
    Robert war nur bei halbem Bewusstsein; er handelte wie im Traum ohne viel zu
überlegen. Pfeifend schlenderte er in den Hof, wo immer noch der Seiler am Zaun
stand, und winkte hinüber. »Komm!« flüsterte er.
    Georg verschwand und erschien in der nächsten Minute an einer Lücke hinter
dem Hühnerstall. »Schnell«, raunte Robert, ihm die gestohlenen Taler zusteckend,
»da, bei mir könnte es gefunden werden.«
    Der Seiler versteckte mit der grössten Geschwindigkeit, was ihm sein junger
Freund reichte. »Wieviel ist es?« fragte er.
    »Das weiss ich nicht, aber genug wird es sein, auch zu einem Paar Stiefel für
dich. Kauf dir welche und komm später wieder hierher.«
    Der Seiler nickte nur, dann verschwand er geräuschlos, während Robert sich
am Hühnerstall zu schaffen machte. Als nach einiger Zeit die Mutter zu ihm kam,
erschrak sie über sein blasses Gesicht. »Fehlt dir etwas?« war die bange Frage.
    Robert wusste kaum, was er antwortete. »Ich habe Kopfschmerzen«, sagte er.
    »Leg dich ins Bett, Kind«, ermahnte die besorgte Frau. »Der Vater lässt dich
zuviel sitzen«, fuhr sie fort, »du hast nicht genug Bewegung.«
    Robert ergriff die gute Gelegenheit. »Das ist es ja gerade, Mutter«,
schmeichelte er, »und darum fühle ich mich auch nicht mehr so wohl wie früher.
Ach, wenn du mir einen rechten Gefallen tun wolltest - - -«
    Er zögerte absichtlich und sah nur mit seinen fieberhaft glänzenden Augen in
das Gesicht der Mutter. »Aber du erlaubst es doch nicht«, fügte er hinzu.
    »Nun«, lächelte die alte Frau, »erst lass einmal hören, was du auf dem Herzen
hast.«
    »Nur ganz wenig«, bat der Junge, »einen einzigen freien Tag, - morgen. Was
mir der Vater zu tun hingelegt hat, das mache ich fertig, du kannst es mir
glauben.«
    Die Alte schüttelte den Kopf. »Wieder den ganzen Tag auf dem Wasser liegen,
nicht wahr? Das geht nicht, Junge. Was sollte ich dem Vater sagen, wenn ein
Unglück geschieht?«
    »Ich denke nicht an den Mühlenteich«, rief Robert hastig. »Nur ein bisschen
herumstreifen wollte ich, weiter nichts.«
    »Auch nicht mit dem Kahn des Holzhändlers fahren?« forschte die Mutter.
    »Ganz bestimmt nicht.«
    »Nun, dann lauf. Musst aber abends zurück sein, das sage ich dir.«
    Wer war froher als Robert? Kaum liess er sich Zeit, dem Seiler noch durch die
Hecke ein paar Worte zuzuflüstern, dann ging es an die Vorbereitungen zur Reise.
Die Stiefel blank gebürstet, den Konfirmationsanzug von jedem Stäubchen
gesäubert und das weisseste Hemd hervorgesucht, - auch das Taschentuch durfte
nicht vergessen werden. Aber einen Stich durchs Herz gab es ihm doch, als er die
Mutter an dem wenigen Wirtschaftsgeld zählen und rechnen sah, bis sie ihm
endlich vier Groschen in die Hand drückte. »Da, mein Junge«, sagte sie gutmütig
lächelnd, »und kauf dir etwas dafür. Ich komme schon zurecht, bis der Vater
wieder hier ist.«
    Robert wurde dunkelrot vor Scham, dennoch aber drängte es ihn
unwiderstehlich, gerade jetzt von dem Geldkasten des Vaters zu sprechen. Er
wusste nicht weshalb, aber er musste es tun. »Du hast ja die ganze Kasse«, sagte
er in möglichst sorglosem Ton, »wie könntest du also in Verlegenheit kommen,
Mutter?«
    Die alte Frau nahm ihre Brille ab und sah ihn voll Erstaunen an. »Du meinst
das Geld des Vaters, Robert? - Wie dürfte ich das ohne seine Einwilligung
berühren!«
    »Oh«, murmelte etwas fassungslos der Junge, »warum denn nicht? Was dem Vater
gehört, das ist ja auch dein Eigentum, Mutter.«
    »Freilich«, nickte die Alte, »aber Vater ist doch der Herr im Hause, und was
er mir anvertraut, das muss ich heilig halten. Berechtigte Wünsche versagt er mir
nie.«
    Robert seufzte. »Mir versagt er alle, Mutter. Ich wollte, dass mit ihm so gut
umzugehen wäre wie mit dir, dann -«
    Er stockte. Das, was er hinzufügen wollte, durfte ja niemand wissen, aber er
gab seiner Mutter einen herzhaften Kuss und schlich sich dann zu Bett, um
heimlich zu weinen. Er wusste selbst nicht weshalb, die Tränen kamen fast von
selbst, und das Vergnügen des andern Tages schien ihm nun nicht mehr halb so
verlockend wie früher.
    Am andern Morgen gingen er und Georg in aller Frühe fort, um erst auf der
nächsten Station, dem benachbarten Testorf, den Eisenbahnzug zu besteigen. Da
war denn freilich im hellen Sonnenlicht und während der Fahrt nach Altona aller
Kummer des vergangenen Abends vergessen. Robert hatte nie eine Reise gemacht,
nie in einem Eisenbahnwagen gesessen und überhaupt vom Leben noch nichts gesehen
als nur das kleine Pinneberg; er war daher vor Freude ganz ausser sich. Seine
Fragen nahmen kein Ende, besonders als man sich der Stadt näherte. Er wollte
alles sehen, alles wissen.
    »Du, Georg, wo ist denn hier die Elbe? Wo sind die Schiffe?« fragte er.
    Der Seiler zog ihn so schnell wie möglich in die nächste Strasse hinein.
»Erst will ich mir einmal Stiefel kaufen«, antwortete er. »Und höre, Junge, du
darfst hier nicht so laut sprechen, alle Menschen sehen nach dir.«
    Robert stolperte jeden Augenblick über seine eigenen Füsse. Er konnte sich an
all dem Ungewohnten, Grossartigen gar nicht sattsehen. Jeder Wagen, jedes
Schaufenster erregte seine Neugier in höchstem Masse.
    Als Georg die neuen Stiefel gekauft hatte, ging es hinab zur Hafengegend.
Der Seiler spielte immer den Kassenmeister. »Du, es waren im ganzen neun Taler«,
sagte er mit einem prüfenden Blick auf Roberts glühendes Gesicht, »kannst du
dich dessen erinnern?«
    Der Junge schüttelte den Kopf. »Das ist ja gleichgültig, Georg«, antwortete
er, »wenn nur genug übrig bleibt, dass wir nicht zu hungern brauchen. Ach - da
sehe ich die Elbe!«
    Georg nickte. »Wir haben Glück, mein Junge. Gestern ist das Kanonenboot
Blitz bei Neumühlen vor Anker gegangen - dahin wollen wir zuerst.«
    Robert jubelte laut. Er hatte die grösste Lust, in den belebten Strassen der
Hafengegend einen echt dörflichen Trab anzuschlagen, um nur desto schneller das
Wasser zu erreichen. Der Seiler hielt ihn lachend am Arm. »Wir müssen uns erst
einen Mann von der Besatzung aufpicken«, sagte er. »So ohne weiteres an Bord
kommen, das geht nicht.«
    Robert stand vor Schreck plötzlich still. »Aber wenn wir keinen finden,
Georg!«
    »Ach, dummes Zeug! Wer keinen Dienst hat, nimmt Urlaub und sieht sich die
Stadt an«, sagte er. »Habe es ja selbst überall so gemacht.«
    Die beiden wanderten weiter, und wirklich sollte sich Georgs Vermutung schon
sehr bald bestätigen. Vor der offenen Tür eines Wirtshauses mit dem Schild »Zur
Seemannsheimat« sassen zwei Matrosen in Marineuniform mit blanken Knöpfen auf
ihren blauen Jacken und in den Nacken geschobenen Mützen, deren flatternde
Seidenbänder die goldenen Buchstaben »Königliche Marine« trugen. Die
viereckigen, weissumsäumten Kragen gefielen Robert ganz ausserordentlich.
    »Du«, flüsterte er, »du, - was sind das für welche?«
    Der Seiler sah hinüber. »Aha, da wäre ja, was wir suchen«, rief er. »Komm,
lass uns Anker werfen; durstig bin ich auch schon.«
    Er zog Robert mit sich in die offene Tür des Wirtshauses hinein und
bestellte zwei Gläser Bier. Es war dem Jungen wie ein Traum, besonders als ihn
der Kellner mit »Herr« anredete. Er in einem Wirtshaus, das schien unerhört.
    Die Bekanntschaft mit den beiden Matrosen war bald gemacht, und einer
erklärte sich bereit, die beiden Freunde an Bord zu führen.
    »Unser Leutnant ist auf Urlaub«, fügte er hinzu, »aber der Obersteuermann
erlaubt schon, dass ich euch das Ding zeige. Die feine Welt von Hamburg kommt ja
doch später in Schwärmen an Bord, also warum solltet ihr es nicht tun?«
    Er schob den Priem von einer Backe in die andere und musterte Robert halb
lachend.
    »Du bist ja verflucht fein getakelt«, sagte er, »ordentlich in Kneifzange,
Schraube und mit Leesegeln auf beiden Seiten!«
    Robert errötete wie ein Mädchen. Obwohl er nur ahnen konnte, dass der Matrose
mit diesen Kunstausdrücken seinen schwarzen Anzug und das weisse Hemd meinte,
fühlte er doch den Spott und antwortete, dass er auch Seemannszeug tragen werde,
wenn erst für ihn ein Schiff gefunden sei.
    Der Matrose lachte. »Hast's Maul an der rechten Stelle«, sagte er gutmütig.
»Na, komm nur mit, ich will dir den Blitz zeigen.«
    Die drei wanderten also zum Fischmarkt hinab, und hier nahm der Matrose eine
Jolle, die bald zwischen Milchewern, Schuten mit Früchten und Gemüse,
Kohlenschiffen und Booten aller Art den Weg nach Neumühlen hinaus einschlug.
Robert war ganz Auge und Ohr. Sobald einer der vielen Elbdampfer, wie sie diese
Gegend ständig passieren, an der Jolle vorüberkam, jubelte er laut vor
Vergnügen, sehr zur Freude des Matrosen, der über seine einfältigen Ausrufe
nicht genug lachen konnte. Die Jolle tanzte im Wellengang der Dampfschiffe, die
Oktobersonne sandte auf all das bunte, bewegte Treiben des Stromes ihre hellsten
Strahlen herab, und das Herz des Jungen schlug in grenzenloser Freude.
    Hier ein Blankeneser Dampfer, der eine Gesellschaft hinausbeförderte in die
freie Luft des Herbsttages. An Bord Gesang und Musik, Grüssen mit Taschentüchern
und Hüten - dort einer der grossen Hamburg-Amerika-Dampfer, die »Hammonia«.
    Ihr entgegen kam aus dem Hafen ein anderes, und - »was ist das? - Zwei
Schiffe mit einem langen, starken Tau aneinander gebunden und noch dazu ein
kleineres voran. Wie unsinnig! Sollen die so zusammen auf den Atlantik
hinausgehen?«
    Der Matrose wollte sich ausschütten vor Lachen. »Junge, du bist Geld wert!«
rief er. »Wahrhaftig, ich glaube, du hast dein Klössedorf noch niemals
verlassen.«
    Robert behielt immer die beiden Schiffe im Auge. »Das habe ich auch nicht«,
sagte er, »aber einmal muss das erste Mal sein, und anstatt mich auszulachen,
könnten Sie mir wohl sagen, was das da bedeutet.«
    Der Matrose nickte. »Na, dann pass auf, Landratte«, sagte er. »Der Kleine ist
ein sogenannter Schlepper, der die auslaufenden Überseeschiffe aus dem Hafen
herausbugsiert - das kannst du zehnmal an einem Tage sehen. Dort kommt schon
wieder ein Schleppzug, und dort der dritte!«
    Roberts Blicke flogen von einem zum andern. Wie schwimmende Häuser
erschienen ihm diese grossen Schiffe, wie bewunderte er die Matrosen, die er in
der Takelage herumklettern sah. »Georg«, fragte er halblaut, »hast du auch so -
da ganz oben gesessen?«
    »Natürlich, Kleiner. Auch Seine Königliche Hoheit Prinz Adalbert von Preussen
hat das getan, ehe er Admiral wurde. Praktisch lernen muss jeder.«
    Robert seufzte. »Ach, du sagst muss, Georg, und ich denke es mir als das
schönste Vergnügen von der Welt. Sich so oben im Mast schaukeln, alles sehen
können und auf seine eigenen Kräfte angewiesen sein, das ist doch ganz etwas
anderes, als -«
    »Den Ziegenbock reiten«, ergänzte äusserst ernstaft der Matrose, indem er
aus einem Augenwinkel dem Seiler vertraulich zublinzelte. »Du hast doch
jedenfalls deinen Anzug selbst genäht, nicht wahr?«
    Robert errötete. »Woher wissen Sie - - -«
    »Ach, das sieht man an den Füssen«, lachte der Matrose, »sie legen sich immer
übereinander, weisst du. Na und warum wolltest du denn von der Nähnadel zur
Ruderpinne übergehen, mein Junge? Wird dir nicht bange bei dem Gedanken an die
See?«
    Robert lächelte verächtlich. »Bange?« wiederholte er. »Was ist das?«
    »Schau, wie der junge Hahn kräht! - Na, du scheinst gerade für das
Salzwasser geboren zu sein. Und nun sieh einmal dortin, - das ist der Blitz!«
    Robert folgte der ausgestreckten Hand des Matrosen und konnte dann einen
Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken. »Das da?« rief er. »Aber das ist ja
ein ganz kleines, unscheinbares Ding!«
    Der Matrose lächelte wohlgefällig. »Unscheinbar!« wiederholte er,
»unscheinbar, du Gelbschnabel? Und doch hat sich das Ding in den flachen
Gewässern bei der Insel Föhr einmal fast hundert Meter weit mit voller
Maschinenkraft durch den Sand gewühlt, um im Dänischen Krieg 1864 den Kapitän
Hammer zu fangen; es ist so stark gebaut, dass kein Splitter davonfliegt, wenn es
in voller Fahrt auf Grund läuft. Hätte es das nicht gekonnt, so würde sich
Kapitän Hammer niemals ergeben haben, weil ja schon am folgenden Tage die
Waffenruhe begann. Aber unser Kapitänleutnant wusste, was sein Fahrzeug wert
war.«
    Die Jolle hatte sich mittlerweile dem ankernden Kanonenboot so weit
genähert, dass der Matrose das Fallreep ergreifen und dem Führer andeuten konnte,
wie er die kleine tanzende Nussschale festmachen solle. Dann stiegen alle drei an
Bord.
    Robert berührte Georgs Arm. »Du«, flüsterte er, etwas eingeschüchtert durch
die letzte Zurechtweisung des Matrosen, »du, zeig mir alles genau und sag mir
die Namen.«
    Georg nickte. »Du kannst es doch nicht behalten, Kleiner.«
    »Dann schreib' ich mir's auf«, beharrte der Junge. »Ein Kriegsschiff sehe
ich ja sobald nicht wieder.«
    Der Matrose war inzwischen fortgegangen, um die Erlaubnis des wachhabenden
Obersteuermanns einzuholen, und als er zurückkam, begann die Wanderung durch das
Schiff. Wie sauber waren alle Fussböden gescheuert, wie schön das Holz in Farbe
gehalten, Robert konnte es nicht genug bewundern. Nach aussen hin glänzten die
Wände im tiefsten Schwarz, während nur ein weisser breiter Streif um das ganze
Fahrzeug herumlief und die fein gebogene Form der Reeling scharf begrenzte. Die
Innenseite, in der Seemannssprache das »Schanzkleid« genannt, war schneeweiss,
die Kanonenpforten feuerrot und alles sauber lackiert.
    Es gab zwei schwere Geschütze an Bord, und der Matrose erklärte dem lautlos
horchenden Jungen, dass sie ein Panzerplatte von zwölf bis fünfzehn Zentimeter
durchschlagen könnten.
    Robert drängte sich immer näher an seinen freundlichen Lehrmeister heran.
»Dürfen Sie mir auch zeigen, wie eine Kanone bedient wird?« fragte er verlegen.
    »Natürlich!« lachte der gutmütige Matrose. »Sieh mal, so wird das gemacht.«
    Er zog eins der beiden Geschütze unter Aufbietung aller seiner Kräfte
zurück, nahm den Wischer - eine Stange mit einer runden Bürste am einen und
einem hölzernen Kolben zum Hineinstossen der Granate am anderen Ende - und fuhr
damit in das Rohr hinein, brachte zum Schein die Kartusche an ihren Platz, stiess
mit dem Ladestock nach, zog das Geschütz mit den Seitentaljen, wie die
Flaschenzüge an beiden Seiten der Lafette genannt werden, wieder nahe an die
Pforte heran, richtete, befahl selbst »Feuer« und zog ab.
    Robert hatte mit einem fast andächtigen Gefühl zugesehen. »Ich will zur
Marine«, sagte er unwillkürlich, »ich will Seemann und Soldat werden, wenn ich
auch zuerst auf einem Handelsschiff anfangen muss, - zur Marine will ich doch.«
    Der Matrose schlug ihn ermunternd auf die Schulter. »Bleib dabei, mein
Junge«, antwortete er. »Der Seemann muss geboren werden; lernen lässt sich die
Vorliebe für das Wasser nicht und vergessen auch nicht. Ich halte es keine vier
Wochen an Land aus, ohne trübsinnig zu werden.«
    Der Matrose sah zu Georg hinüber, der inzwischen mit mehreren anderen Leuten
von der Besatzung ein Gespräch angeknüpft hatte. »Du«, sagte er, »ich glaube, es
wäre für dich wahrhaftig das beste, wenn du hierbleiben könntest. Das
Galgengesicht da will mir durchaus nicht gefallen.«
    Robert errötete stark. Der ehrliche Pommer mit seinen blauen, treuherzigen
Augen und dem gutmütigen Gesicht sah freilich ganz anders aus, als der
schmächtige, blasse Georg, aber dafür lebte der eine auch einen guten Tag,
während der andere kaum das trockene Brot besass. Robert musste doch den
unglücklichen Freund in Schutz nehmen.
    »Georg ist ein ehrlicher Mensch«, sagte er, »nur geht es ihm schlecht, und
daher sieht er so verkommen aus.«
    Der Matrose schüttelte den Kopf. »Hm, hm«, brummte er, »seine Flagge deutet
aber auf nichts Gutes, mein Junge, - ist eine wahre Piratenflagge, kann ich dir
sagen. Wissen deine Eltern, dass du mit ihm unterwegs bist?«
    Robert sah zur Seite. »Die kennen ihn gar nicht«, stammelte er.
    »Das dachte ich mir schon. Na, lass dich von ihm in kein unrechtes Fahrwasser
steuern, kleiner Kerl, darauf kommt es allein an. Hast ja den Kompass da drinnen
in der Brust, und der weist allemal auf den richtigen Kurs, wenn du nur genau
acht gibst. Jetzt geh mit mir, ich werde dir ein wenig von diesen Masten und
Segeln erzählen.«
    Robert folgte nur zu gern der Aufforderung seines neuen Freundes. Das
Gespräch war ihm schon äusserst peinlich geworden, um so mehr, da er recht gut
wusste, zu welchem Ungehorsam ihn Georg schon verleitet hatte. Was würde dieser
ehrliche, gutmütige Seemann gesagt haben, wenn er ihm die Geschichte von dem
Geldkasten des Vaters erzählt hätte! -
    Sein Herz klopfte lebhaft, als der Matrose den Unterricht begann. Er hörte
nur halb, was man ihm vortrug.
    »Siehst du«, erläuterte der Pommer, »das da ist der Fock- oder Vormast, der
mittlere der Grossmast und der dritte der Kreuz- oder Besanmast. Alle drei sind
gleich getakelt, und alle Einzelteile tragen die Bezeichnung desjenigen Mastes,
zu dem sie gehören. Dadurch wird die Sache ungemein erleichtert. Bis zum ersten
Absatz, den du da oben siehst und den wir den Mars nennen - bei euch Landratten
der Mastkorb - heisst jeder Mast der Untermast, dann folgt die Marsstenge und
darauf die Bramstenge. Die starken Taue, die auf beiden Seiten der Untermasten
herabreichen, sich unten auseinanderspreizen und an den Wänden des Schiffes
befestigt sind, heissen Wanten, diejenigen aber, die von den Masten nach vorn
gespannt sind, nennt man Stage. Die Querstangen, an denen die Segel befestigt
werden, heissen Raaen. Jede Raa hat ihr besonderes Tauwerk; worin sie hängt,
nennt man den Hanger, womit sie an dem betreffenden Mast oder der Stenge
gehalten wird, das Reck, womit sie auf- und herabgezogen wird, das Fall. Die
Taue, durch die sie schräg, ein Ende nach unten, das andere nach oben, geheisst
wird, sind die Topwanten, diejenigen, durch die sie in waagerechter Lage gedreht
wird, die Brassen. Wanten und Stage nennt man das stehende, die Takelage der
Raaen und Segel das laufende Gut. Das vordere Rundholz am Bug des Schiffes heisst
der Bugspriet und das darauf liegende der Klüverbaum. Von diesem gehen nach
beiden Seiten die Klüverbackstage und nach oben bis zu den Stengen das Bram- und
Stengenstag, woran die dreieckig geformten Klüversegel fahren.«
    Es brauste in Roberts Ohren. »Das ist verwirrend«, gestand er.
    Der Matrose lachte. »Hast du genug, Kleiner, soll ich aufhören?« fragte er.
    »Nein, nein, - es kehrt mir später alles ins Gedächtnis zurück. Nur im
Augenblick wollte es mich verwirren! Bitte fahren Sie fort.«
    »Na, dann wollen wir das Garn weiter spinnen, mein Junge. Also die unteren,
grössten Segel heissen Untersegel, die darauf folgenden Marssegel und die noch
höheren Bramsegel, während die letzten hoch oben in der Spitze oder vielmehr an
den Stengen die Oberbramsegel genannt werden. Die Takelage jedes Mastes erhält
nach ihm die Vorbezeichnung Gross, Vor und Kreuz. - Was nun noch die beiden
Seiten des Schiffes betrifft, so heisst diejenige, von der der Wind kommt, die
Luvseite, während die entgegengesetzte die Leeseite genannt wird.
    An den Marssegeln von oben nach unten befinden sich vier Querabteilungen,
jede mit einer Reihe dicht nebeneinander hängender Bindfaden versehen, die
Reffbendsel heissen und dazu dienen, bei starkem Wind die Marssegel zu
verkleinern. Das nennt man reffen. Zum Aufholen oder Wegnehmen der Segel dienen
die Geitaue, die von den Schooten bis unter die Mitte der Raaen reichen, und die
Gordings.
    So, da hätten wir nun alles. Jetzt brummt es im Kopf wie ein Bienenschwarm,
nicht wahr? Aber ich will dir sagen, dass du die Geschichte leichter im
Gedächtnis behältst, wenn du sie schon einmal gehört hast, und dass dir darum
dieser kleine Vorgeschmack später beim wirklichen Lernen zugute kommen wird.
Steht dein Entschluss, Seemann zu werden, schon ganz fest?«
    Robert seufzte. »Ach, wenn mich der Vater nur fortliesse?« kam es zaghaft
über seine Lippen. »Aber er tut es nicht.«
    Der Matrose schob die Mütze in den Nacken und die Hände in die Taschen. »Das
tut er nicht, dein Alter? Warum denn nicht?«
    »Weil die Krolls alle Schneider gewesen sind!«
    Der Seemann machte ein äusserst bedenkliches Gesicht. »Du«, sagte er, »das
ist schlimm. Das ist eine richtige Klippe, an der der beste Segler scheitern
kann. Siehst du, mein Vater war ein Seemann und mein Grossvater auch, - ich
glaube bis zu Adams Zeiten. Fünf Brüder habe ich, aber alle sind Seeleute.«
    Der Matrose spuckte mit grosser Kraft seinen Priem über Bord. »Aber da sollen
doch hunderttausend Teufel dreinschlagen«, rief er, »wenn das nicht zu ändern
wäre. Du musst deinem Alten nur richtig in den Ohren liegen, dann wird er schon
klein beigeben, denke ich.«
    Robert schüttelte den Kopf. »Ich habe es oft versucht«, antwortete er, »aber
nichts ausgerichtet. Was fange ich nur an, um meinen Lieblingswunsch in
Erfüllung gehen zu sehen?«
    Der Matrose heftete auf den Jungen einen langen, ernsten Blick. »Lauf nicht
bei Nacht und Nebel davon, Kleiner«, sagte er, »das bringt kein Glück. Der zähe
alte Kerl ist immer dein Vater, musst du bedenken, aber schlag einmal vor ihm auf
den Tisch, dass die Schere aus Angst zusammenklappt und sage: Ich will kein
solcher Stichelant und Lappenbohrer werden, der den ganzen Tag in der Stube
hockt und einen krummen Buckel kriegt von all dem Nähen, ich bin ein Kerl und
will hinaus auf die See! - was denkst du, würde er dir wohl antworten?«
    Robert sah zur Seite. Er wusste genau, was sein Vater auf ungehörige Reden
des Sohnes erwiderte, aber er wollte davon lieber nicht sprechen, sondern
schüttelte nur stumm den Kopf.
    Der Matrose pfiff durch die Zähne. »Hat am Ende vielleicht noch ein Tauende
in Bereitschaft, dieser wütende Schneider«, sagte er. »Na, heule nur nicht; was
kommen soll, das kommt doch, und wenn einer keinen Wagen kriegen kann, so nimmt
er mit der Speiche fürlieb, wie sie bei mir zu Hause sagen. Du musst deine drei
Lehrjahre herunternähen, und dann gehst du auf und davon. Offen am hellen Mittag
nimmst du Abschied, das kann dir der Alte nicht wehren.«
    Robert wechselte erschreckt die Farbe. »Noch drei Jahre«, stammelte er.
    »Die vergehen auch, mein Junge. Und ich will dir was sagen, du kannst dich
schon während dieser Zeit für deinen zukünftigen Beruf ausbilden, wenn es dir
wirklich Ernst ist mit dem Seewesen. Komm, ich habe ein Spielzeug für dich!«
    »Ein Spielzeug?«
    Ungläubig folgte ihm der Junge in das »Logis«, den Schlafraum der Matrosen.
Er sah sich vorher noch flüchtig nach Georg um, aber der war in so lebhafter
Unterhaltung, dass er ihn gar nicht bemerkte.
    Unter Deck setzte sich der Matrose auf eine Seekiste und öffnete dann eine
andere mit einem Schlüssel, den er aus der Tasche nahm. »Nun sieh einmal her«,
sagte er, »was ist das? Sag mal, Junge, kannst du auch so etwas schnitzen?«
    Er hob mit spitzen Fingern aus einem Blechkasten ein ganz kleines Schiffchen
hervor, das bei voller Takelage nur etwa zwanzig Zentimeter lang und
entsprechend hoch war. »Das habe ich gemacht«, fügte er voll Stolz hinzu.
    »Sie? - Aber wie denn? Womit?«
    Der Pommer klopfte mit dem Knöchel des Zeigefingers auf den Blechkasten.
»Darin ist das Gerät«, sagte er »und auch das Buch, aus dem ich die Geschichte
gelernt habe. Willst du es einmal sehen?«
    Robert faltete vor lauter Begeisterung die Hände. »O bitte«, sagte er, »sind
denn in dem Buch auch Bilder?«
    »Natürlich. Na, komm nur her und schau hinein.«
    Robert setzte sich zu ihm auf die Kiste, und beide blickten andächtig in das
Buch. Zeichnungen aller Schiffsteile gab es da, und je weiter der Matrose
blätterte, desto freudiger glänzten Roberts Augen. Zuerst war nur mit einigen
Grundstrichen die ungefähre Form des Fahrzeuges angedeutet, hier als Längs-,
dort als Querschnitt, oder »Spantenriss«, wie der Pommer sagte, dann weiter bis
zum deutlich erkennbaren Kiel, auf dem sich nur allmählich der Rumpf erhob.
Immer verwickelter wurde das Ganze, immer mehr Einzelbilder folgten; in alle
Lagen, alle Verbindungen und Fugen, des Schiffes konnte man sehen, alles, was
dem Jungen unverständlich blieb, erläuterte ihm in seiner derben, aber klaren
Redeweise der Seemann. Wie lachte er, wenn Robert eine plötzliche Bemerkung
dazwischenwarf. »Nun sieht es aus wie ein Fisch«, rief er einmal, und sein neuer
Freund antwortete ernstaft: »Gewiss tut es das. Von der Gestalt des Fisches hat
der Mensch die Bauart der Schiffe entlehnt. Alle Weisheit stammt aus der Natur!«
    »Weiter!« drängte Robert, »da sind noch mehr Bilder. Wenn mich Georg rufen
sollte, muss ich ja fort.«
    Der Pommer sah herausfordernd nach der Gegend der Treppe hinüber. »Wenn
Georg kommt, so gebe ich ihm eins hinter die Ohren«, sagte er. »Mag den
Nussknacker nicht leiden!«
    Und dann ging es wieder an das Buch. Abbildung neunundzwanzig zeigte schon
einen bedeutenden Fortschritt. »Nun ist es eine Wiege!« rief Robert. »Aha, und
hier sind die Abbildungen ganz fertiger Schiffe: Fregatte, Dreimaster, Brigg,
Schoner und Kutter. Welches haben Sie denn nun nachgemacht?«
    »Modelliert heisst das. Sieh her, zu welchem passt das Ding?«
    Robert verglich Schiffchen und Bild, aber nur einen Augenblick. Dann hatte
er es herausgefunden. »Eine Fregatte!« rief er, »ein Vollschiff unter allen
Segeln!«
    »Bravo!« rief der Pommer. »Sieh, das Buch und das Gerät will ich dir
schenken. Einen Klotz Ellern-oder Lindenholz wird dir ja leicht jeder Tischler
geben, und ein paar Leinwandreste deine Frau Mutter, dann kannst du dir mit
Hilfe dieser Anweisungen ein ganzes Schiff von Grund auf selbst herstellen,
jeden Namen, jede Einzelheit und jede, auch die geringste Kleinigkeit genau
kennenlernen, bevor du Schiffsjunge wirst. Das nennen die Leute teoretisch
gebildet, und es taugt den Teufel nichts, wenn einer damit auf seiner
Bodenkammer sitzen bleibt, ohne die Sache auch praktisch auf dem Wasser zu
erproben, aber es kann für die Seemannslaufbahn gut vorbereiten. In New York
kannte ich ganze Gruppen junger Leute, die sich ihre kleinen Boote von Grund auf
selbst zimmerten und dann Wettfahrten damit veranstalteten. Na - willst du's
haben?«
    Robert war stumm vor Freude. Er sah nur in das gutmütige Gesicht des
Matrosen, und der lachte zufrieden. »Nimm's mit«, sagte er, »und lerne daraus,
so gut du kannst. Wenn die Feierabendglocke schlägt, wird dir dein Alter nicht
wehren, dass du ein bisschen Schiff baukunst betreibst, denke ich. Gibt es denn in
dem verwünschten Dorf, wo du wohnst, gar kein Gewässer für das zukünftige
Fahrzeug?«
    Jetzt lachte Robert und erzählte seinem Kameraden von den kleinen Reisen im
Segelboot und von Georgs früheren Seefahrten. Er gestand auch, dass der Abstecher
nach Hamburg heimlich unternommen sei und wartete mit Herzklopfen, was der
Matrose dazu sagen werde. Merkwürdigerweise wünschte er lebhaft von ihm nicht
getadelt zu werden, - das war so ganz etwas anderes als mit Georg.
    Um den breiten Mund des Pommern zuckte ein Lächeln. »Recht ist es nicht«,
sagte er, sich hinter den Ohren kratzend, »durchaus nicht, aber einmal ist
keinmal, wollen wir denken. Was hast du denn für den Rest des Tages noch vor?«
    Robert dachte plötzlich wieder an den Freund, den er so treulos verlassen
hatte. »Ja - was Georg meint«, erwiderte er. »Ich bin noch nie hier gewesen.«
    »Hm, dann halte dich nur von der Flasche fern, und wenn du Geld bei dir
hast, lass dich zu keinem Würfel- oder Kartenspiel verleiten. Geh auch nicht mit
in die Hamburger Matrosenschenken, ich rate es dir.«
    Robert sah ihn mit seinen hellen Augen fragend an. »Warum denn nicht?«
meinte er.
    »Weil du noch ein dummer Junge bist, und weil mancher von diesen Wirten ein
ganz geriebener Kerl ist, der -«
    »Aber das verstehst du nicht«, brach er ab. »Willst du einmal eine Stelle
als Schiffsjunge haben, so wendest du dich an den Kapitän selbst, aber nicht an
solche Zwischenhändler, die manchmal zwar sehr brave Geschäftsleute sind,
manchmal aber auch Spitzbuben, die man kielholen müsste, bis sie das
Luftschnappen vergessen. Davon brauchst du deinem liebenswürdigen Kameraden mit
den Eulenaugen nichts zu sagen, Junge, aber glaub mir, dass ich es aus Erfahrung
weiss.«
    Robert steckte seufzend Buch und Kasten in die Tasche. »Ach«, sagte er, »bis
dahin ist es weit. Wer kann wissen, ob jemals etwas daraus wird?«
    »Aber jetzt muss ich mich beeilen. Georg wird sich wundern, wo ich bleibe.«
    Er dankte dem Matrosen noch herzlich für das schöne Geschenk, und dann
gingen die beiden wieder hinauf an Deck, wo inzwischen der wachhabende
Unteroffizier mehrere Segel hatte »anschlagen«, das heisst an den Raaen
befestigen lassen, um sie bei dem schönen Wetter zu lüften. Für Robert war dies
Manöver wieder etwas ganz Neues.
    Aber dann sah er um sich und entdeckte den Seiler, der schon ungeduldig
wartete. Georg winkte ihm, ohne aber näher heranzukommen; es schien, als teile
er den Widerwillen des Matrosen, wenigstens wartete er ruhig, bis Robert zu ihm
kam. Dem wurde der Abschied von dem freundlichen Pommer schwer genug. Er gab ihm
wohl dreimal nacheinander die Hand und dankte immer wieder für das lehrreiche
Buch und das zierliche, allerliebste Arbeitsgerät. »Ich will es in Ehren
halten«, versprach er, »und tüchtig daraus lernen.«
    »Bravo, mein Junge«, antwortete der Matrose. »Wer weiss, wo wir uns noch
einmal im Leben begegnen. Vielleicht bin ich dein Bootsmann, wenn du für den
Flottendienst eingezogen wirst. Und nun leb wohl! Nimm dich vor deinem Kameraden
in acht - ich mag ihn nicht.«
    Er winkte verstohlen mit den Augen zu Georg hinüber und entliess mit
mehrmaligem herzlichen Händedruck den Jungen, der jetzt neben seinem Begleiter
in der Jolle Platz nahm. Der Pommer sah von Bord des »Blitz« den beiden nach.
»Davonlaufen wird er doch«, dachte er, »und in eine schwere Schule rennt er
blindlings hinein; Junge, dir steht noch manches bevor, aber das wird nun einmal
dein Schicksal sein.«
    Die beiden im Boot sprachen inzwischen leise miteinander. »Na, was hattest
du denn so Geheimnisvolles unter Deck zu suchen?« fragte der Seiler etwas
ärgerlich. »Bliebst ja eine halbe Ewigkeit da unten - und was ist denn das
hier?«
    Robert zeigte ihm Buch und Kasten. Georg besah es mit prüfendem Blick. »Das
erlaubt ja dein Alter nie«, sagte er, »du erlebst höchstens, dass er es dir vor
der Nase wegnimmt und dass du einmal wieder so recht den kleinen Jungen spielst,
das Kind, das Schläge bekommt. Gib den Trödelkram her, ich will ihn für dich
verkaufen.«
    Aber Robert schüttelte den Kopf. »Lass es mich behalten, Georg«, antwortete
er, »der freundliche Matrose würde es sehr undankbar finden, wollte ich sein
Geschenk für wenige Groschen verkaufen - meinst du nicht auch?«
    »Ach, dummes Zeug, er sieht's ja nicht.«
    »Das ist einerlei, Georg, ich - ich müsste doch immer denken, er sähe es. Was
soll ich auch mit dem Geld?«
    Der Seiler antwortete nicht. Er spürte offenbar den Widerstand des Jungen
und gab nach. »Wollen wir uns nun eine Schiffswerft ansehen?« änderte er ohne
Übergang das Gespräch.
    Robert jubelte laut. »Ja, ja, - ach Georg, was für ein schöner Tag ist das!«
    »Weil wir Geld haben!« konnte sich der Seiler nicht entalten,
beziehungsreich zu antworten. »Nach Steinwärder!« rief er dem Jollenführer zu,
und schon sehr bald landeten sie an der kleinen angebauten Elbinsel, die mitten
im Hafen liegt und einen so grossartigen Anblick bietet. Die Schiffe aller
Völker, die Gesichter aller Rassen, vom kohlschwarzen Neger durch alle
Schattierungen von braun und gelb des Malaien, Mulatten, Chinesen und Mongolen
bis zum blonden Engländer oder Schweden - die Flaggen und Wimpel in jeder
erdenklichen Farbe, das Rufen und Sprechen in fremder Mundart, der Anblick
dieser unübersehbaren Reihen ankernder Schiffe, alles zusammen überwältigte den
Jungen, so dass er stumm dasass. Welche wunderlichen Namen trugen die
verschiedenen Schiffe, wie seltsam und geheimnisvoll erschienen die geschnitzten
Figuren an ihrem Bug. Hier ein Greis mit Krone und Dreizack und
langherabwallendem weissen Bart, dort der Oberkörper einer Frau in einen
Fischschweif auslaufend, und hier sogar ein greulicher Götze, dort wieder ein
Tierbild - -
    Das alles zog an dem Jungen vorüber und hinterliess einen einzigartigen
Eindruck. Er war überwältigt von all dem Neuen. Hier begann für ihn das Leben,
hier öffnete sich ihm eine Welt, von der er bisher nur geträumt hatte. Das war
es, wonach er sich sehnte und was er nicht vergessen konnte, sooft auch die
Eltern ihm eindringlich vorstellten, wie schrecklich und gefährlich das
Seemannsleben sei.
    Er verschlang mit den Augen jeden neuen Gegenstand, und als ihn Georg
aufforderte, aus dem Boot zu steigen, da tat er es wie im Traum. Er war wie
berauscht.
    »Komm«, lächelte der Seiler, »du zeigst ja ganz den Neuling, Junge, das
Dorfkind, das noch nie etwas anderes gesehen hat, als seine heimatlichen
Gänseweiden. Hier ist die Seemannsschule, und hier die Werft der
Hamburg-Amerikanischen Dampfschiffahrts-Aktiengesellschaft. Weiter hinauf kommt
die weltbekannte Firma Godeffroy mit ihrer grossen Werft für Handelsschiffe. Aha,
da liegt ein neuer Dreimaster, dessen Stapellauf wohl in den nächsten Tagen
stattfinden wird. Wir wollen doch versuchen, das Ding zu besehen.«
    Die beiden gingen an den verschiedenen offenen Arbeitshallen vorüber, und
Robert sah in natürlicher Grösse eine Menge solcher halbvollendeter Einzelteile
von Schiffen, solcher Modelle und Anfänge, wie sie das Buch des Matrosen zeigte.
Besonders ein halbfertiger kleiner Kutter zog ihn lebhaft an. Das Ding sah aus
wie ein Gerippe von Holz, und die in seinem Innern arbeitenden Zimmerleute
klopften im Takt des lustigen Liedes, das sie bei ihrer Arbeit sangen. Er wäre
schon gern hier geblieben, um zu beobachten und zu bewundern, aber Georg hatte
mittlerweile den Schiffszimmermann gebeten, das neue Schiff besichtigen zu
dürfen, und so kletterten denn beide die Leiter hinauf, um an Bord zu kommen.
    Alle Türen, alle Luken waren geöffnet, um die Sonnenstrahlen recht
eindringen und den frischen Lack trocknen zu lassen. Das Schiff sollte schon
binnen vierzehn Tagen seine erste Reise über den Atlantik antreten.
    »Das hier ist die Kapitänskajüte«, erläuterte der Mann, auf einen mässig
grossen Raum deutend, dessen Decke sehr niedrig schien, und durch dessen am
Fussboden befestigten Tisch der Mast in schräger Stellung mitten hindurchlief.
Der war aber hier nicht bloss mit Ölfarbe gestrichen, wie draussen an Deck,
sondern mit Mahagoni belegt und als Träger einiger schwebender Blumengestelle
eingerichtet. Dazu gab es ein behagliches Sofa und an beiden Seiten des Tisches
gepolsterte Bänke, während sämtliche Wände aus beweglichem Fachwerk bestanden
und grosse Schränke hinter ihren Türen verbargen. Den Boden bedeckte ein
Strohteppich in bunten Farben, so dass das Ganze sehr wohnlich aussah. Robert
hatte sich nicht träumen lassen, welche Behaglichkeit eine solche Schiffskajüte
entwickeln könne.
    »Das hier ist die Schlafecke«, fuhr der Zimmermann fort, »denn ein Zimmer
kann man es wohl kaum noch nennen. Aber an Raum muss eben gespart werden. Nur das
Bett, an der Wand befestigt, das der Seemann Koje nennt, ein Tisch und ein
Bücherschrank, mehr findet sich hier nicht; gegenüber, ganz ähnlich
eingerichtet, liegt die Steuermannskajüte, und das Ganze wird mit dieser Tür
vollständig abgeschlossen.«
    »Willst wohl auch Seemann werden?« lächelte der Zimmermann. »Sieh, Junge,
dort ist das Logis. Wollen es gleich näher ansehen.«
    Er führte seine Gäste am grossen Mast vorüber nach dem Vorderteil des
Schiffes, und hier sah Robert den wenig einladenden Raum, in dem die Matrosen
ihre freien Stunden verbringen. Eine enge, schmale Koje, so niedrig, dass der
darin sitzende Mann kaum Platz hat, sich ganz auszustrecken, die Schiffskiste
als Stuhl und ein Tisch aus Tannenholz, - das ist alles, was der Matrose an
Freiheit und Eigentum besitzt, wenn er auf See ist.
    Aber Robert fand es schön, er sehnte sich immer mehr nach dem Seemannsleben,
je mehr er davon sah. Auf dem Tisch sitzen und nähen, nach genau festgesetzten
Stunden, und zum Schlafen das Bett im Winkel der Diele - war denn das nicht noch
viel schrecklicher als die halbe Gefangenschaft an Bord eines Schiffes?
    Er wäre am liebsten gleich hier geblieben, hätte sich als Kajütenjunge
»anmustern« lassen und die erste Reise des neuen Seglers mitgemacht. Sein Herz
klopfte ungestüm, als der Zimmermann in eine andere Tür hineindeutete. »Das da
ist die Kombüse«, sagte er, »und diese eisernen Hähne, die ihr hier seht, sind
die Pumpen. Wollen wir nun auch in den Schiffsraum hinabsteigen?«
    Unten angekommen meinte Robert, es sei fast wie in einem Grabe. Er freute
sich, als ihm die Sonne wieder ins Gesicht schien. »Aber wenn das alles ganz mit
Ladung gefüllt ist«, fragte er, »wie untersucht man dann, ob nicht das Schiff
vielleicht ein Leck bekommen hat?«
    Georg und der Zimmermann lächelten. »Die Decksluken werden vor der Abreise
kalfatert, das heisst wasserdicht verschlossen, und während der ganzen Fahrt
nicht wieder geöffnet. Erst in dem Hafen, wo die Ladung gelöscht wird, kommt ein
Mann der Reederei an Bord, und bezeugt dem Kapitän schriftlich den Zustand, in
dem sich die Luken befanden. Nur wenn dieser ganz vorschriftsmässig; ist, trifft
den Kapitän für die etwaige Beschädigung der Ladung keinerlei Verantwortung. Den
Wasserstand dagegen untersucht man täglich zweimal durch die Pumpen, wobei sich
bis auf einige Linien feststellen lässt, wieviel Wasser in das Schiff
eingedrungen ist. Man nennt dies Verfahren Peilen.«
    Der Zimmermann sah sinnend vor sich hin. »Es ist schrecklich, wenn so ein
Leck in das Schiff kommt«, sagte er, »unheimlich, weil man ihm nicht offen
begegnen kann. Ich hab's einmal erlebt, sechs Tagereisen vor Kalkutta. Da stieg
das Wasser so schnell, dass alle Arbeit auf Deck liegenblieb, dass nicht mehr
gekocht und nicht mehr geschlafen wurde, weil wir nur unablässig pumpen mussten,
um das nackte Leben zu retten. Wenn einer von der Mannschaft umfiel wie ein
Toter, dann sprang ein anderer an seine Stelle, wortlos, ohne einen Blick auf
den Röchelnden, ohne Rücksicht auf die eigenen zerfetzten Hände. Es war
grässlich, - wir brachten das Schiff nach Kalkutta, aber von unseren dreizehn
Leuten lebten nur noch vier, die übrigen sind in ihren Kojen oder an Deck vor
Erschöpfung gestorben, ohne dass wir uns um sie kümmern konnten. Wenn das Wasser
im Schiffsraum steigt und nur zwei Minuten die Arbeit an den Pumpen eingestellt
wird, dann ist das so, als stände der Tod hinter einem, und man würde nicht
einmal darauf achten, wenn der eigene Bruder ein paar Schritte weit davon im
Sterben läge. Nun - gottlob passiert das nicht alle Tage.«
    Robert hatte atemlos zugehört. »Waren Sie längere Zeit hindurch Seemann?«
fragte er.
    Der Zimmermann nickte. »Sechzehn Jahre«, antwortete er. »Da lernt man das
Meer kennen.«
    Robert hatte noch eine Frage auf dem Herzen, das sah der Mann und ermunterte
ihn freundlich, sie auszusprechen. »Na«, sagte er, »was wolltest du wissen,
Junge, ob ich den fliegenden Holländer gesehen habe und den Klabautermann, oder
das berühmte Meerweib, das sie hier auf St. Pauli jedem gläubigen Binnenländer
für zwei Groschen zeigen, das aber aus Wachs und Kitt zusammengeflickt ist, wie
ich dir lieber gleich sagen will.«
    Robert schüttelte den Kopf. »Das meine ich nicht«, sagte er schüchtern,
»aber ob es wohl im Meer noch unbekannte Tiere gibt, grosse, fürchterliche, die
man in den naturgeschichtlichen Werken gar nicht aufgeführt findet.«
    Der alte Zimmermann spielte mit der Hand an einer Leine, die gerade vor ihm
in der Luft hing. »Ja, ja«, sagte er, »darauf sollte ich eigentlich gar nicht
antworten. Das Erzählen ist leicht, wenn niemand die Geschichte widerlegen kann.
Aber dennoch - ich habe so etwas Ähnliches erlebt.«
    »Ach«, rief Robert ungestüm, »bitte, erzählen Sie doch.«
    Der Zimmermann nickte. »Ich will es tun«, antwortete er, »nur fehlt der
Sache eigentlich die Pointe, das heisst die Erklärung, aber wahr ist sie, darauf
kann ich einen Eid leisten. Wir waren auf dem Atlantik und trieben bei fast
völliger Windstille langsam dahin. Ich hatte gerade die Wache am Ruder, ungefähr
um fünf Uhr morgens, da erhielt plötzlich das Schiff einen Stoss, dass ich beinahe
gefallen wäre, und dass alles an Bord aus dem Schlaf auffuhr. Zugleich rumorte
und tobte es in dem stillen Wasser; weisse Schaumblasen kräuselten sich am Bug,
während die Wellen langsam wieder ruhiger wurden. Wir sahen uns mit bangen
Gesichtern an, und dann ging es ans Untersuchen. Es wurde alle Stunden gepeilt,
aber kein Tropfen Wasser war in das Schiff hineingekommen. Erst als es später
zur gründlichen Überholung auf der Werft lag, sah ich, woher der Stoss gekommen
war. In dem gekupferten Boden steckte bis zur Länge von fünfzehn Zentimeter ein
Horn von der Dicke eines starken Männerarmes. Es war abgebrochen, und vielleicht
hatte der rasende Schmerz das unbekannte Tier zu so starken Bewegungen
getrieben, dass sich die Wellen ringsum auf bäumten. Jedenfalls muss es ein
riesenhaftes Geschöpf gewesen sein, das einen so spürbaren Anprall verursachen
und den Boden des Schiffes fünfzehn Zentimeter weit durchbohren konnte. Der
Kapitän hat das Horn später überall gezeigt und bei vielen Männern der
Wissenschaft angefragt, aber niemand kannte es.«
    Robert berührte den Arm des alten Mannes. »Haben Sie es?« fragte er mit
leuchtenden Augen. »Ich möchte es so gern sehen.«
    Der Zimmermann schüttelte den Kopf. »Es ist in England geblieben«, sagte er
bedauernd. »Da ich dir aber diesen Wunsch nicht erfüllen kann, so wollen wir
dafür vielleicht einen Gang durch unsere Maschinensäle machen, mein Junge. Ich
will dir ein eisernes Schiff zeigen, das ist mehr wert. Den Grund des Meeres
werden wir nicht erforschen, so wenig wie den Mittelpunkt der Erde oder den
Weltenraum. Aber die Welt, in der wir leben und die uns Brot geben soll, müssen
wir möglichst genau kennen lernen, vor allem da, wo wir unseren Lebensberuf
ausüben. Kannst ja vielleicht auf hoher See einmal einem solchen
Tiefseeungeheuer begegnen, wie damals unser Fahrzeug - wer weiss? Willst du jetzt
das eiserne Schiff sehen?«
    Robert glaubte, dass ihn der Zimmermann necken wolle. »So dumm bin ich nun
aber nicht mehr«, erwiderte er. »Wie könnte denn Eisen schwimmen?«
    Der Alte und auch Georg lachten herzlich. »Komm nur mit, wenn du auch recht
klug bist, zu lernen findet sich doch noch immer etwas.«
    Robert fühlte, dass er errötete. Ob es doch möglich war, dass Eisen schwämme?
- Schleunigst folgte er den beiden anderen und kam nun mit ihnen an einen
schmalen Arm der Elbe, wo ein eben vollendetes kleines Dampfschiff lag, ein
Schraubenschiff und ganz aus Eisen, in blaugrauer Farbe, mit schlanken, schönen
Linien. Der Junge sah deutlich die einzelnen Eisenplatten und ihre Vernietungen.
Die Säume der oberen Platten griffen über die darunterliegenden, deren Dicke
höchstens drei Millimeter betragen mochte.
    »Ach«, rief Robert, »also es schwimmt, weil es so dünne Platten hat? Ja
natürlich -«
    »Das wusstest du nicht!« lachte der Alte. »Na, gib dich gefangen. Es ist
nicht das letztemal, dass du deine Unwissenheit eingestehen musst. Und was die
dünnen Platten betrifft, so habe ich schon Schiffe mit zentimeterdicken Platten
gesehen, wie zum Beispiel unsere jetzigen Panzerfregatten. Und wie das möglich
ist, will ich dir genau auseinandersetzen. Jeder Körper schwimmt überhaupt nur
dann im Wasser, wenn sein Gewicht kleiner ist, als das der Wassermenge, die er
verdrängt. Ob ich also das hölzerne Schiff mit Eisen belade, oder ein Fahrzeug
ganz aus Eisen baue, das muss sich in seinen Folgen vollkommen gleich bleiben.«
    Robert hatte aufmerksam zugehört. »Das habe ich verstanden!« rief er. »Wenn
man nur ein wenig nachdenkt und sich eine Sache in ihren Einzelheiten vor Augen
führt, dann scheint alles einfacher und selbstverständlicher.«
    »Siehst du!« nickte lächelnd der Alte. »Das ist das grosse Geheimnis allen
Lernens. Nicht in sich hineinreden lassen muss der Mensch, sondern mit offenen
Augen sehen und selbst denken, sonst bleibt das Ganze nur an der Oberfläche und
wird nie grossen Nutzen stiften können. Jetzt geht mit, wir wollen uns auch das
Innere ansehen.«
    Sie stiegen, nachdem die Laufbrücke passiert war, eine hübsche gewundene
Treppe hinab, und nun sah Robert den Dampfkessel. Ein langes, dickes Rohr ging
vom Kessel aus und teilte sich in zwei Arme, von denen jeder in einen
gusseisernen Zylinder mündete, dem er den im Kessel erzeugten Dampf zuführte.
    Der Zimmermann nahm von einem dieser Zylinder den Deckel herab, so dass der
Kolben sichtbar wurde, auf den der Dampf seine unmittelbare Wirkung ausübt,
indem er bald von oben, bald von unten in den Zylinder einströmt und so die
ständige Bewegung verursacht. Fest verbunden mit diesem Kolben ist eine
Kolbenstange, welche die mit einem Gelenk versehene Pleuelstange aufnimmt. Diese
übersetzt die hin- und hergehende Bewegung des Kolbens in eine drehende, die
wiederum durch die Kurbeln auf die Schraubenwelle übertragen wird und so die
Schiffsschraube in Gang bringt.
    Robert begriff das alles weit leichter, als er es für möglich gehalten
hätte, und folgte mit grossem Interesse jetzt auch seinen Begleitern durch die
Maschinensäle. Es war fast vier Uhr nachmittags, als sich die beiden nach einem
herzlichen Abschied von dem alten Zimmermann mit der Dampffähre wieder nach
Hamburg übersetzen liessen. Robert meinte etwas kleinlaut, dass er sich vor diesen
Häusermassen wirklich fürchte. Es bleibe ja für Menschen gar kein Platz mehr.
    Georg zog ihn am Arm mit sich fort, den Baumwall entlang bis zu den
Vorsetzen. »Ich bin fast ohnmächtig vor Hunger«, sagte er. »Lass uns nur erst
einmal das Wirtshaus erreichen, das ich suche. Hier herum muss es sein.«
    Er überflog die vielen Wirtschaftsschilder und schien es dann entdeckt zu
haben. »Aha, da wäre ja der Fliegende Holländer!« sagte er. »Komm nur, dass wir
jetzt erst etwas essen.«
    Er führte den Jungen in eine niedere, unsaubere Gaststube, deren Besitzer
hinter dem Schenktisch stand und die Groggläser füllte, die ein kleiner
Kellnerjunge unablässig den spielenden und rauchenden Matrosen bringen musste.
Das Zimmer war Kopf an Kopf von Gästen besetzt, und Würfel und Karten gingen aus
einer Hand in die andere. Man hörte überlautes Lachen, Flüche und Ausrufe in
fremden Sprachen. Spanier, Engländer und Schwarze sassen hier, in verworrenstem
Kauderwelsch durcheinander schreiend, neben den Hamburgern, die in breitem Platt
mit ihren Kameraden sich unterhielten. Alles sang und lachte, fluchte und
lärmte.
    Der Wirt war ein untersetzter Mann mit kurzem, dickem Hals und riesenstarken
Armen, die in schmutzigen Hemdsärmeln steckten. Auf borstigen, fuchsroten Haaren
sass im Nacken eine schmierige Mütze, und die Augen lagen lauernd in
blutunterlaufenen tiefen Höhlungen.
    »Sieh da, auch mal wieder da?« redete er Georg an. »Wen bringst du mir da,
mein Junge? Auch ein Früchtchen von deiner Art oder eine junge, unschuldige
Landratte, die Seewasser kosten will? Da, fangt erst mit einem Glas Genever an.«
Und damit bot er Georg das Glas mit dem brennenden Getränk an, das Robert mit
Widerwillen ausschlug.
    Der Seiler winkte dem Wirt verstohlen mit den Augen. »Ein Freund von mir,
dem ich Hamburg zeigen will; bei Ihnen wollen wir erst einmal etwas Vernünftiges
essen.«
    Damit bestellte er bei dem Kellner zwei Portionen Beefsteak mit Kartoffeln
und zwei Glas Bier, was auch sehr bald kam, und worüber sich die beiden mit dem
ganzen Appetit der Jugend hermachten. Als sie satt waren, drängte Robert zum
Fortgehen. Der Matrose vom »Blitz« hatte gewiss recht, wenn er ihn vor dieser Art
Schenken eindringlich warnte, denn was er sah, das konnte ihm durchaus nicht
gefallen, und vor dem Wirt empfand er geradezu Widerwillen.
    »Es ist einer von denen, die gekielholt werden müssten«, dachte er.
    Georg stand auf und knöpfte die Jacke zu. »Bleib noch einen Augenblick
sitzen«, sagte er, »ich möchte mit dem Wirt noch ein paar Worte sprechen. Der
Mann ist ein alter Freund von mir.«
    Robert machte grosse Augen. »Der?« sagte er.
    »Nun, warum nicht?« fragte mit ungewohnter Schärfe der Seiler. »Ein solcher
Wirt kann nicht mit Lackstiefeln herumgehen wie ein grosser Herr. Er muss häufig
genug die streitenden Gäste selbst auseinanderbringen und dazu dauernd die
Gläser spülen. - Peter Volland ist ein kreuzbraver Mann, sage ich dir.«
    Und mit diesen Worten ging Georg, um hinter dem überschwemmten Schenktisch
den Wirt aufzusuchen. Robert sah, dass sich die beiden wie alte Bekannte
begrüssten, und dass die Worte seines Freundes den stämmigen Schenkwirt äusserst
angenehm zu berühren schienen. Ein wiederholtes Kopfnicken, eine Handbewegung
und der ganze Ausdruck des Gesichtes sagten deutlich, als habe er laut
ausgerufen: »Ja! Jawohl, ganz gewiss!«
    Dann folgte, halb versteckt hinter einer grossen braunen Kanne, eine
Fingerbewegung, die des Zählens. Jetzt nickte Georg, und die beiden Vertrauten
trennten sich. Der Seiler kam wieder in das Schenkzimmer.
    »So«, rief er, »nun lass uns gehen, Kleiner. Jetzt sollst du auf dem Weg zum
Altonaer Bahnhof noch die Läden der Schiffshändler kennen lernen. Pass nur auf,
es beginnt gleich hier in der Nähe.«
    »Was hattest du mit dem Wirt?« fragte Robert. »Ihr beide spracht und tatet
so, als hättet ihr einen Handel abgeschlossen.«
    Der Seiler lachte etwas gezwungen. »Einen Handel? Dummes Zeug, Junge. Sieh
her, hast du schon einmal solche Ankerketten gesehen und solches Ölzeug?« -
    Er zog Robert von Schaufenster zu Schaufenster und liess ihn alles bewundern.
Der ganze Weg neben der Hafenmauer führte an Läden und Werkstätten vorüber, die
mit der Seefahrt in unmittelbarer Berührung standen. Ausser den zahllosen
Matrosenschenken und grossen Auswandererhäusern gab es da die Niederlagen der
Anker- und Kettenschmiede, Tauwerks-, Teer- und Farbenhandlungen, die
Werkstätten der Blockdreher und Segelmacher, die Läden mit Schiffsproviant,
Auswandererbedarf und Ölzeug, dann die Geschäfte der Makler, Agenten und
Ballastlieferanten, und hundert andere mehr.
    An der unbebauten, dem Strom zugekehrten Seite der Strasse befanden sich
viele alte hölzerne, nach holländischer Art gebaute oder eiserne Kräne und
Winden, dann führten Treppen in kurzen Zwischenräumen hinunter an das Wasser,
und an schweren Ketten lagen die zahlreichen Jollen, die hier zwischen Schiffen
und Ufer einen ununterbrochenen Verkehr herstellten. In der Strasse selbst wogte
es von Hafenarbeitern und Seeleuten aller Rassen, von Ewerführern,
Schauerleuten, Jollenführern, Agenten der Schiffshändler und Makler. Hier sprach
man alle Sprachen, hier kannte man alle Münzen der Welt. Hart an den Vorsetzen
lagen Torf- und Kartoffelewer von der Unterelbe, die einen bedeutenden Teil des
Bedarfs an diesen Artikeln in die Stadt bringen. Überall lebte und webte auf
jedem Fussbreit der schmalen Strasse das geschäftige Treiben einer Hafenstadt,
überall regte sich der Handel nach allen Ländern der Welt.
    Es war für den Seiler keine leichte Aufgabe, seinen jungen Freund vorwärts
zu bringen. Zwanzigmal blieb er stehen, um dies oder das zu bewundern oder eine
neugierige Frage zu stellen. Er wollte alles sehen und alles wissen. Nur sehr
ungern trennte sich der Junge von der Wasserseite Hamburgs und folgte dem Freund
durch St. Pauli wieder zurück nach Altona. »Nun haben wir aber auch alles
gesehen!« sagte er zufrieden.
    Der Seiler lächelte halb spöttisch. »Und die Museen, mein Junge, und der
Zoologische Garten? - Aber ich denke, wir machen noch manche kleine Reise
zusammen«, fügte er hinzu. »Wenn die Geschichte nur nicht so teuer wäre.«
    »Was hat uns der Tag gekostet?« fragte Robert.
    »Hm, wenn wir wieder in Pinneberg angelangt sind, so ist die Tasche leer.
Aber du hast ja noch Vorrat in der Sparbüchse.«
    Robert antwortete nicht. Er musste die vielen neuen Eindrücke dieses Tages
erst in sich verarbeiten, bevor irgend etwas anderes seine Aufmerksamkeit
fesseln konnte. Unterwegs im Wagen legte er die heisse Hand auf Georgs Arm. »Lass
uns gleich, wenn der Zug hält, wieder umkehren«, sagte er, »ich kann es doch
nicht ertragen - nun erst recht nicht.«
    Der Seiler zuckte die Achseln. »Hättest besser zugreifen sollen«, flüsterte
er, Daumen und Zeigefinger mit einem bedeutsamen Blick gegeneinander reibend.
»Ohne das kann man in der Welt keinen Schritt vorwärtskommen.«
    Robert sprach kein Wort mehr, aber er ging, nachdem er auf Umwegen nach
Hause geschlichen war, gleich ins Bett, ohne vorher zu essen oder seiner Mutter
irgend etwas zu erzählen. Er wollte nur ungestört an das, was er gesehen hatte,
denken.
    Am folgenden Tag musste die Arbeit, die der Vater für seinen Sohn und
Lehrling zurückgelassen hatte, in aller Eile fertig gemacht werden, aber es
fielen diesmal viele Tränen darauf. »Wenn mich so alle diese kräftigen Seeleute
sehen könnten«, dachte er, »die Glücklichen, die in Wind und Wetter draussen ihre
Arme brauchen dürfen, während ich die Nähnadel halten muss!«
    Der Alte fand auch, als er nach seiner Rückkehr jeden Stich musterte, die
Arbeit schlecht und sparte daher nicht mit Zurechtweisungen. Zur Strafe
beschränkte er die freie Zeit seines Jungen, so dass Robert nur höchst selten mit
Georg einmal vertraulich sprechen oder an dem Holzklotz, den er sich heimlich in
einen Winkel des Heubodens geschafft hatte, ein paar Minuten meisseln konnte.
    Das Buch des Matrosen vom »Blitz« gab über alles genaue Auskunft und war so
verständlich geschrieben, dass es gar keine Kunst mehr schien, nach diesen
Anweisungen selbst ein kleines Schiff zu bauen. Robert hatte sich in seinem
Versteck eine richtige Werkstatt eingerichtet, denn die Mutter verriet ja
nichts, und der Vater kam nie dort hinauf. Zwar schüttelte Frau Kroll den Kopf
und meinte, das werde noch einmal ein Unglück geben, wenn es der Vater erfahren
sollte, aber Robert kehrte sich nicht daran. In seinem Vater sah er ja schon
längst den Feind, dessen er sich mit allen Mitteln zu erwehren suchte. Und Georg
schürte das Feuer, wo er konnte. Robert lieferte jetzt kein empfangenes
Trinkgeld mehr ab, stahl für seinen Freund aus der Speisekammer der Mutter alles
Essbare und hatte auch schon mehrere Male wieder mit Hilfe von Georgs
Nachschlüssel den Geldkasten des Vaters bestohlen oder »von seinem Eigentum ein
paar Taler verbraucht«, wie es der Seiler nannte. Alles das machte ihm kaum
Gewissensbisse. Wenn der Vater gewollt hätte wie er, wenn er kein Tyrann gewesen
wäre, so würde es ja nie geschehen sein, aber durch diese Halsstarrigkeit, diese
Ungerechtigkeit trug er ja an allem selbst die Schuld.
    Schalt er, so hiess es: »Ich will ja doch kein Schneider werden. Habe ich
ausgelernt, so gehe ich auf und davon.«
    Natürlich zog nach solchen Auftritten der Vater die Zügel nur immer
straffer, und das Verhältnis zwischen ihm und seinem Sohn wurde immer
schlechter. Robert hatte jetzt, als das Wetter anfing kalt zu werden, den
Schiffbau oben in der Ecke des Heubodens soweit vollendet, dass er mehrere
Kleinigkeiten einkaufen musste, um weiterarbeiten zu können, aber es fand sich
dazu leider kein Geld, und auch der Seiler erklärte, keins zu haben.
    »Nimm es doch, du weisst doch, wo es liegt«, sagte er höhnisch.
    Aber Robert schüttelte den Kopf. »Was ich in der Sparbüchse hatte, ist
verbraucht«, antwortete er, »und das übrige gehört mir nicht.«
    dabei blieb es. Georg sah zu seinem grössten Ärger, dass Robert nicht
umzustimmen war, aber er verbarg die Enttäuschung und half über alle
entstehenden kleinen Verlegenheiten beim Bau so gut wie möglich hinweg. Man
konnte jetzt das zukünftige Schiff schon ganz deutlich erkennen.
    Da traf es sich, dass Robert an einem Sonntag ausgeschickt wurde, um in einem
ziemlich entfernten Dorf Arbeit abzuliefern, und als er zurückkam, sah er die
Mutter bitterlich weinend am Herd sitzen. Nichts Gutes ahnend, fragte er sie
nach dem Grund ihrer Tränen.
    »Geh fort«, flüsterte ängstlich die alte Frau, »lass dich beim Vater nicht
sehen. Er ist furchtbar erzürnt.«
    Der Junge wurde rot vor Aufregung. »Hat er mein Schiff gefunden, Mutter?«
stammelte er.
    Die Alte nickte unter ihrer vorgehaltenen Schürze. »Ja! - Ach ja!«
    Robert flog zum Heuboden. Alles fort, das Buch, das Gerät, die Hobelbank,
die er sich mit Georgs Hilfe selbst gebaut hatte, und vor allem sein geliebtes
halbfertiges Schiffchen, der beste Schatz, den er besass.
    Wo mochte es der Vater gelassen haben?
    Dieser Gedanke nahm ihm den Atem. Wenn das Schiff - sein »Blitz« - zerstört
wäre!
    Er sprang wieder in den Hof hinab und stürmte an der weinenden Mutter
vorüber in das Wohnzimmer. Da jetzt alles entdeckt war, konnte ihm ja weder
Zögern noch Leugnen helfen.
    Der Alte stand kerzengerade mitten in dem kleinen Raum, und neben ihm auf
dem Tisch lag ein schlankes, eben erst aus der Haselnusshecke geschnittenes
Stöckchen. Roberts ganze Einrichtung mit allem, was dazu gehörte, stand und lag
auf dem Fussboden. Der alte Schneidermeister sah aus wie ein Toter.
    Seine und seines Sohnes Augen begegneten sich in einem festen, langen Blick.
Der Starrsinn und die unbeugsame Art des Vaters fanden ihren Widerhall in dem
Jungen, der blass aber unbeirrt vor dem erzürnten Mann stehen blieb. Minutenlang
herrschte drückendes Schweigen, das nur durch die leisen, bittenden Worte der
Mutter zuweilen unterbrochen wurde, dann aber streckte der Meister die Hand aus.
»Wem gehört das da?« fragte er, auf Roberts Schiff deutend.
    »Mir, Vater, und ich will es auch behalten.«
    »Still. Von wem hast du das Buch und das Gerät bekommen?«
    Robert hatte sich auf diese Frage bereits vorbereitet. Die Lüge flösste ihm
ja schon längst keinen Widerwillen mehr ein. »Von Georg«, erwiderte er ruhig.
    »Das ist nicht wahr!« brauste der Alte auf. »Solch ein Bettelbube, den der
Seiler, nur weil es ihm so schlecht geht, überhaupt in Arbeit behält, der kann
nichts verschenken. Antworte, woher du es hast.«
    »Von Georg. Und willst du mir nicht glauben, so lass es, darum kümmere ich
mich nicht.«
    Der Schneider stutzte und liess die Hand sinken. »Ich glaube, dass du die
Wahrheit sprichst«, sagte er nach einer Pause, »denn so dreist lügen könnte mein
Sohn nicht. Ich wenigstens habe es, solange ich lebe, nicht gekonnt.«
    Robert ertrug mit äusserer Ruhe den Blick, der diese Worte seines Vaters
begleitete. In ihm stürmte es, aber der Trotz hielt jede Rührung in Schranken.
Er schwieg, ohne sich von der Stelle zu bewegen.
    »Wer hat dir die Spielerei erlaubt?« fuhr Meister Kroll fort. »Du wusstest,
welches Unrecht du begingst, sonst würdest du aus der Sache kein Geheimnis
gemacht haben. Du wolltest deinen Vater betrügen, nicht wahr?«
    »Ich wollte dir das Schiff nicht zeigen. Wenn du darin einen Betrug
erkennst, so kann ich es nicht ändern.«
    Der Alte nickte. »Ich weiss nun genug«, sagte er kalt. »Trag das Ding in die
Küche, alles, auch das Buch.«
    »Vater!« - -
    »Gehorche!« rief rot vor Zorn der Alte. »Willst du deinem Vater den Gehorsam
verweigern?«
    In diesem Augenblick erschien die Mutter. Ohne ein Wort zu sagen, ergriff
sie die verschiedenen Gegenstände und trug sie hinaus auf den Herd. Robert sah
ihr zu, unfähig, jetzt einen Entschluss zu fassen. Sollte er das Äusserste tun, um
seiner Mutter das geliebte kleine Schiff zu entreissen? - Er konnte es nicht,
aber er folgte wie im Traum der alten Frau und sah mit starrem Blick auf den
gefährdeten Schatz. Der Vater wollte ihn vernichten, das war sicher.
    Und wirklich betrat Meister Kroll die Küche. Er handelte keineswegs im Zorn,
sondern wohlüberlegt und mit grösster Ruhe; er machte aus der ganzen Sache ein
förmliches Strafgericht. Zuerst warf er das Buch in die Flammen, und dann
ergriff er das Beil und das Schiffchen.
    Robert stiess einen lauten Schrei aus. »Vater, Vater, ich bitte dich«, rief
er, ausserstande, noch in diesem verhängnisvollen Augenblick zu schweigen, »ich
bitte dich, lass mir das Schiff. Es ist meine einzige Freude.«
    Der Alte schüttelte den Kopf. »Gerade darum«, entgegnete er nachdrücklich.
»Liebtest du dein Fach, und wärest du ein fleissiger, gehorsamer Lehrjunge, so
würde ich dir gern für deine Freistunden eine harmlose Spielerei erlauben. Hier
aber handelt es sich um viel Ernsteres, und die Strafe soll so tief treffen, dass
du sie nie wieder vergisst.«
    Er hob die schwere Axt - es war dem Jungen, als würde er selbst getroffen -
und der Schlag fiel dröhnend in den fertigen Rumpf des Schiffchens. Ein
klaffender Spalt hatte es der Länge nach getrennt.
    Robert wandte sich ab. Seine Fäuste waren geballt, seine Lippen, zuckten und
aus den Augen brachen Tränen, aber er beherrschte sich doch - er versuchte keine
Gegenwehr.
    Die Trümmer des zerstörten Baues flogen ins Feuer, die übrigen Holzstücke in
den Winkel, und das Gerät packte der Alte auf den Schrank. »Das war eins«, sagte
er, »und nun geh ins Zimmer, Junge. Wir sprechen uns weiter.«
    Robert gehorchte schweigend. Mochte der Vater tun oder lassen, was er
wollte, das schien jetzt nach dem Verlust des Schiffchens und des Buches ganz
gleichgültig, wenigstens glaubte es der Junge, aber er sollte sich täuschen.
    Meister Kroll rief auch die Mutter ins Zimmer. »Höre«, wandte er sich an
seinen Sohn, »was ich dir zu sagen habe. Nach meiner ursprünglichen Absicht
solltest du in drei Jahren zum Gesellen gemacht und vom Lehrling losgesprochen
werden, aber das hast du nun nicht mehr verdient. Deine Lehrzeit soll erst um
sein, wenn du neunzehn bist, - sie ist auf vier Jahre erhöht worden. So, das
sagte ich dir als Meister, und nun kommt der Vater. Zieh die Jacke aus.«
    Der Junge hatte wie ein Gerichteter die schrecklichen Worte des Alten über
sich ergehen lassen, fast unfähig, den neuen Schlag in seiner ganzen Schwere
gleich zu fühlen, - jetzt aber richtete er sich plötzlich auf. Alles Blut schoss
ihm ins Gesicht.
    »Vater, du willst mich schlagen?« presste er hervor.
    »Das will ich, wie es meine Pflicht ist. Zieh die Jacke aus.«
    Robert trat hastig zurück. »Du darfst mich nicht schlagen, Vater«, rief er
ausser sich, »du darfst es auf keinen Fall, denn ich bin konfirmiert. Tu es
nicht, Vater.«
    Aber der Alte zog ihn mit einem einzigen Griff zu sich. »Ist es schon so
weit gekommen«, rief er, »will der junge Hahn gegen Gott und Menschen krähen,
was? - Ich sollte meinen Jungen nicht mehr schlagen dürfen, nur weil er kein
ABC-Schütze mehr ist? Wehre dich gegen deinen Vater, du Taugenichts, wenn du den
Mut dazu findest.«
    Die Schläge fielen schwer und dicht auf den Rücken des Jungen. Robert fühlte
etwas wie eine Erstarrung, einen schweren Schmerz, aber er ertrug die
Bestrafung, ohne seine Kräfte dem Vater entgegenzusetzen; er wusste, dass jetzt
sein Entschluss feststand, dass diese Stunde zwischen ihm und dem Vater das letzte
Band zerschnitten hatte.
    Er sprach keine Silbe, als der Vater den Stock in die Ecke warf und ihm
sagte, dass er nun gehen könne. Er hörte es kaum.
    Als aber der Abend kam, schlich er sich hinaus und suchte seinen Freund.
Schluchzend vor Gram und Zorn stammelte er in abgebrochenen Lauten die
Geschichte dieses Tages. Auch ohne die tiefe Dunkelheit ringsumher wäre er zu
erregt gewesen, um Georgs triumphierendes, zufriedenes Lächeln bemerken zu
können. »Ich will fort«, schloss er, »jetzt um jeden Preis und lieber heute als
morgen. Georg, hilf mir, dass ich ein Schiff bekomme.«
    Der Seiler zuckte die Achseln. »Nichts leichter als das«, antwortete er,
»nur musst du Geld beschaffen. Ich besitze gar nichts.«
    Robert nickte. »Es ist gut«, sagte er, »ich will es tun. Der Vater sieht
mich nie im Leben wieder, also kann er wohl für seinen Sohn das letzte Opfer
bringen. Wieviel brauche ich?«
    »Hm, je mehr, desto besser. Greif nur tüchtig hinein, denn das Seezeug
kostet schweres Geld. Inzwischen werde ich Erkundigungen einziehen, wann ein
Schiff ausläuft, das dich brauchen kann.«
    Der Junge erschrak. »Bei Peter Volland?« fragte er.
    »Ja, bei ihm. Er kennt alle Kapitäne und alle Agenten, ausserdem ist er mein
bester Freund, der gewiss für dich tun wird, was in seiner Macht steht. Dein
Entschluss ist also bestimmt gefasst?«
    »Ganz bestimmt«, erklärte Robert. »Würdest du dir solche Behandlung gefallen
lassen, Georg? - Ich glaube kaum.«
    Der Seiler lachte spöttisch. »Wirklich nicht«, antwortete er.
    »Ich wäre schon längst auf und davongegangen - aber du hattest ja nie dazu
den Mut.«
    Robert dachte an die erlittene Strafe und ballte noch jetzt die Faust. »Ich
habe Mut«, flüsterte er, »besorge du nur ein Schiff, hörst du?«
    Der Seiler versprach, noch am gleichen Tag an den Hamburger Baas zu
schreiben; und wirklich brachte er auch nach kurzer Zeit einen Brief, in dem
Peter Volland schrieb, dass das holländische Schiff »Antje Marie« zur Abfahrt
bereit im Hafen liege. »Kapitän van Swieten sucht gerade einen Jungen«, schloss
er, »und wenn dein Freund zur rechten Zeit eintrifft, so kann er die Stelle
bekommen.«
    Robert jubelte laut. »Aber du gehst mit, Georg«, bat er, »du zeigst mir die
notwendigsten Wege und hilfst beim Einkaufen, nicht wahr?«
    Der Seiler nickte. »Kannst dich darauf verlassen, Junge. Sei nur guten
Mutes, jetzt ist dein Glück gemacht, wenn du das Geld erst hast.«
    »O - darum sorge dich nicht. Morgen abend ist bei meiner Tante Christine
eine Geburtstagsfeier, und dahin gehen meine Eltern. Ich habe also Zeit genug,
den Kasten zu öffnen.«
    »Nimm ungefähr sechzig Taler«, rief Georg. »Das brauchst du bestimmt.«
    Robert nickte und arbeitete dann am folgenden Tag Seite an Seite mit dem
Vater, ohne ein Wort zu sprechen. Meister Kroll hatte ihm gesagt, dass er erst
wie ein gutes Kind um Verzeihung bitten müsse, und dagegen sträubte sich sein
Trotz. »Ich bin mir keiner Schuld bewusst«, dachte er, »warum sollte ich also
nachgeben.«
    Der Tag schien endlos, aber er ging doch zu Ende, und aufatmend sah Robert
die Eltern fortgehen. Der Vater sprach ja nicht mit ihm, nur die Mutter hatte
leise gebeten, er möchte nicht fortlaufen, sondern auf alles achtgeben.
    Und nun war er allein. Aber noch wachte alles auf der Strasse und in der
Nachbarschaft, noch konnte er den Raub nicht ausführen, er wagte kaum, daran zu
denken. Seine Hand fütterte die Tiere im Hof, gab der Kuh das Heu und den
Schweinen ihre wenig appetitliche Brühe aus Küchenabfällen und Schrot. Es war
ihm ganz eigenartig zumute. In den wenigen Worten »zum letzten Male« liegt ja
immer etwas Herzbeklemmendes, und wenn das Gewissen unruhig vor der Zukunft
warnt, so ist es doppelt schwer, der Entscheidung fest entgegen zu sehen. Robert
glaubte, dass die Tiere noch niemals so zutraulich gegen ihn gewesen waren, dass
er die enge kleine Heimat seiner Eltern noch nie so lieb gehabt hatte wie an
diesem Abend. Er streichelte Pikas, den alten zottigen Hund, kraute die Köpfe
der Ziegen, Träne auf Träne fiel über sein Gesicht herab.
    Er wollte fort, der Entschluss wankte keinen Augenblick; ihn lockte die See
und die Ferne, aber dennoch -
    Er erschrak, als Georgs Schatten seine Stirn streifte. »Hast du's?« fragte
der Seiler.
    Robert schüttelte sich wie im Fieberfrost. Er reichte dem Freund das
Werkzeug, das er in der Tasche getragen hatte, und wandte den Blick ab. »Du«,
sagte er, »mir ist das alles anvertraut, ich soll es vor Spitzbuben behüten, da
kann ich unmöglich den Kasten selbst erbrechen. Tu du es für mich.«
    Der Seiler horchte auf. Jähe Röte überflog sein blasses Gesicht, seine Augen
funkelten. »Ich?« sagte er. »Aber mir gehört ja das Geld nicht.«
    »Einerlei. Ich - na, nenne mich ruhig feige, Georg, aber ich habe den Mut
nicht. Ich kann kein Geld stehlen. Das frühere war mein Eigentum.«
    Der Seiler lachte leise. »Bist ein Kind«, spöttelte er, »bist ein
Muttersöhnchen, das sich vor seinem eigenen Schatten fürchtet. Aber gut - ich
will hingehen und die sechzig Taler nehmen. Ist vorn an der Strasse die Tür
verschlossen?«
    »Ja. Auch die Läden habe ich vorgelegt.«
    »Das war richtig. Pass nur hier gut auf, dass niemand kommt.«
    Die schlanke Gestalt schlüpfte ins Haus, und Robert horchte atemlos. Wenn
jetzt jemand klopfte, wenn zufällig die Eltern zurückkamen!
    Der Angstschweiss drang aus allen seinen Poren. Er stand auf dem Sprung, sich
bei dem ersten Laut über den Zaun ins Freie zu retten. Musste denn nicht jeder
sehen können, dass er ein Verbrecher war, dass er den Dieb in das Haus eingelassen
hatte? -
    Schleichende Schritte kamen über den Hof. Georg sah im Mondschein noch
bleicher aus als gewöhnlich. Er war verwirrt, er schien zu zittern.
    »Da«, raunte er, aus seiner Mütze die blanken Taler in Roberts Hände
schüttend, »da. Es ist doch merkwürdig, und man wird ein Hasenfuss dabei.«
    Robert schob das Geld zurück. »Behalte es«, antwortete er. »Du sollst ja für
mich einkaufen, ich mag es nicht anrühren.«
    »War niemand in der Nähe?« flüsterte Georg.
    »Kein Mensch. Also morgen abend um halb sieben Uhr fahren wir nach Altona?«
    Der Seiler wog das Geld in der Hand. »Hm«, meinte er, »diesmal müssen wir zu
Fuss gehen. Man könnte uns sehen, und die Geschichte wäre verraten. Bist du erst
einmal bei Peter Volland, so lass sie dich nur suchen, dann hat es keine Not
mehr.«
    Robert strich das verworrene Haar aus der Stirn. Er bekämpfte mit Mühe die
Bewegung, die ihn durchzitterte. »Du«, sagte er, »das ist so, wie es der Lehrer
in der Schule erzählte, weisst du, von dem grossen Ferdinand Cortez, der hinter
sich die Schiffe verbrannte! Damals habe ich das gar nicht so recht verstanden,
aber nun ist mir alles klar geworden. Und ich bin gerade in der gleichen Lage,
nur dass ich nicht andere vorwärtstreibe, sondern mich selbst. - Wir gehen also
bestimmt um sechs Uhr abends von hier fort?«
    »Was mich betrifft, ja!« antwortete Georg.
    »Und mich, verlass dich darauf.«
    Der Seiler kroch durch die Hecke, und Robert ging mit zaghaften Schritten in
das Schlafzimmer. Musste es denn nicht an dem Schrank zu sehen sein, dass ihn
diebische Hände geöffnet hatten? Mussten nicht alle die stummen Zeugen der
schlechten, ehrlosen Tat sich anklagend gegen den Sohn erheben, der seines
Vaters Geld gestohlen hatte?
    Ein scheuer Blick streifte die Umgebung, selbst nach Fussspuren suchte
Roberts böses Gewissen, und geängstigt ging er im Dunkeln zu Bett, aber ohne die
Augen schliessen zu können. Vielleicht, wenn er einschlief, kam ja der Vater,
suchte zufällig in dem eisernen Kasten irgendein Papier und entdeckte alles. Er
durfte nicht ruhen, seine eigene Sicherheit gebot ihm zu wachen.
    Die Eltern kamen ziemlich spät nach Hause, und Robert fühlte hinter den
gesenkten Wimpern einen schwachen Lichtschein, der sein Auge traf. Meister Kroll
schützte das Licht mit der Rechten, als er sich über den regungslosen Jungen
herabbeugte. Robert hörte einen unterdrückten schmerzlichen Seufzer.
    »Mutter«, sagte der Alte, »es ist doch eigentümlich. Nun habe ich seit acht
Tagen kein Wort mehr mit dem Jungen gesprochen, aber das rührt ihn nicht. Robert
ist verstockt, er fühlt für seine Eltern keine Liebe.«
    Der Lichtschein erlosch, und der Junge biss in das Kissen, um nicht laut zu
weinen. Oh, wäre er erst weit fort von hier, damit diese schrecklichen Qualen
aufhörten. Er hatte sich die Sache so leicht gedacht, so herrlich und
beglückend, jetzt dagegen fühlte er es wie eine Zentnerlast auf dem Gewissen.
    Was die Mutter antwortete, das hörte er nicht. Halb von wirren Träumen
geschreckt, halb unruhig wachend, verbrachte er die Nacht. Jetzt endlich war ja
der letzte Morgen angebrochen, und es dauerte nur noch Stunden, bis die Erlösung
schlug. Er zog seinen besten Anzug an, steckte Kleinigkeiten, die ihm besonders
lieb waren, in die Tasche und nahm ein Buch, scheinbar um zu lesen, in
Wirklichkeit aber, um gedankenlos über die Blätter hinweg ins Leere zu sehen.
Wenn ihn doch der Vater nur einmal angeredet, nur eine, wenn auch noch so
geringfügige Bemerkung gemacht hätte, dann war es eine Art von Abschied, eine
halbe Versöhnung, aber es geschah nichts. Stunde um Stunde verstrich; es schlug
eins, zwei, man trank Kaffee, und der Alte las die Zeitung wie gewöhnlich, die
Mutter sass im Sonntagsstaat strickend am Fenster, und die Uhr hinter dem Ofen
tickte eintönig. Drei - vier - fünf - jetzt musste der Entschluss gefasst werden.
    »Darf ich ein bisschen fortgehen?« fragte halblaut der Junge.
    Meister Kroll blickte auf. »Du fragst, als hättest du während der Woche
deine Pflicht getan und dich wie ein gutes Kind betragen«, antwortete er langsam
und nachdrücklich. »Glaubst du wirklich, ein Vergnügen verdient zu haben?«
    Robert schwieg. Er fühlte den alten Trotz mit neuer Gewalt erwachen. Warum
musste der Vater jeden Augenblick benutzen, um Moral zu predigen, warum konnte es
in seiner Gegenwart keine Freude, keine Freiheit geben? Es drückte wie ein Alp,
das ernste, grübelnde Wesen des Alten, der von den Wünschen und den Neigungen
eines Jungen nichts mehr zu wissen schien, ja, der das alles vielleicht nie im
Leben gekannt hatte.
    Ein Pause verging, dann erhob sich Meister Kroll vom Stuhl. »Deine Tante
Christine erkundigte sich gestern, warum wir dich nicht mitgebracht hätten«,
sagte er, »doch als ich ihr die Gründe auseinandersetzte, stimmte sie mir
vollkommen bei. Sie schickt dir aber, damit du an ihrem Geburtstag nicht
vergessen seist, diesen Taler, den ich in deine Sparbüchse stecken werde.
Natürlich gehst du hin und bedankst dich.«
    Er suchte in der Tasche den Schlüssel zum Schrank und schloss auf. Jetzt
zeigte sich der eiserne Kasten.
    Robert stand wie gelähmt. Es brauste in seinen Ohren, seine Hände sanken
schlaff herab, und alles Blut war aus seinen Wangen gewichen. Jetzt stand die
Entdeckung unmittelbar bevor, jetzt sah der Vater die leere Sparbüchse und
vielleicht sogar auch den Raub, der an seinem Geld begangen worden war - -
    Noch eine Minute, dann hatte er den Kasten geöffnet - -
    Roberts Knie zitterten. Er war halb bewusstlos.
    Da wandte sich der Alte um. »Es ist einerlei«, sagte er, den Schrank wieder
schliessend, »ich habe meinen Schlüssel in dem andern Rock stecken lassen. Der
Taler gehört dir, du weisst es jetzt. Und nun geh meinetwegen, aber um zehn Uhr
bist du zu Hause, das lass dir gesagt sein.«
    Er vertiefte sich wieder in die Zeitung und bemerkte daher nicht, dass Robert
wie ein Betrunkener aus dem Zimmer wankte. Alles drehte sich vor seinen Augen,
wohin er blickte, sah er den offenen Geldkasten, wie gepeitscht entfloh er dem
elterlichen Hause.
    Die Gefahr war ihm so nahe gewesen, so furchtbar nahe, dass er sich fast
betäubt fühlte. Also das sollte der Abschied sein? -
    Aber daran durfte er jetzt nicht denken. Nur fort, fort. Der Boden brannte
ihm unter den Füssen.
    Er ging dem Seiler entgegen und traf ihn gerade, als er mit einem ziemlich
grossen Bündel unter dem Arm aus dem Haus trat. In der Hand hielt er einen derben
Knotenstock.
    »Aha«, sagte Georg gutgelaunt, »da bist du ja. Weshalb läufst du denn bis
hierher an das Ende von Krähwinkel? Wir müssen ja auf diese Weise an eurem Hause
wieder vorüber.«
    Robert trieb zur Eile. »Das macht nichts«, antwortete er. »Aber weshalb
siehst du so reisefertig aus? Was soll das schwere Bündel?«
    »Darum kümmere dich nicht, mein Junge. Es sind nur ein paar überflüssige
Kleidungsstücke darin, die ich in Hamburg verkaufen will.«
    Er trat an Roberts Seite, und die beiden durchschritten nun schweigend den
stillen Ort. Auf dem entgegengesetzten Bürgersteig gehend, sah Robert jetzt zum
letztenmal sein Elternhaus. Durch die herzförmig ausgeschnittenen Fensterläden
schimmerte das Licht, und Pikas sass vor der Tür. Schweifwedelnd näherte er sich
in Sprüngen seinem jungen Herrn.
    Der Junge beugte sich herab, um die Liebkosungen des einstigen
Spielkameraden und Kindheitsgefährten zurückzugeben. Es wurde ihm weich, so
seltsam weich ums Herz. Wollte ihn Pikas warnen? Wollte er ihm erzählen von dem
alten Vater, der drinnen im Zimmer den Kopf in die Hand legte und seufzend
fragte: »Mutter, wie kann ein Kind so verhärtet sein?« - Die Stirn des Jungen
und die Schnauze des Hundes berührten sich. »Leb wohl, Pikas«, flüsterte Robert,
»leb wohl, altes Tier!« -
    Aber noch hielt er den Hund fest, noch tönte ihm sein leises Winseln wie das
Weinen einer Menschenstimme ins Ohr. Er konnte sich von dem Lichtschimmer hinter
den Fensterläden nicht losreissen, konnte die Tränen nicht zurückhalten, die über
sein Gesicht herabliefen.
    Da zupfte ihn Georg am Ärmel. »Du, soll der Alte herauskommen und dir eine
neue Tracht Schläge geben?« fragte er.
    Robert fuhr auf. Ein ungeduldiger Ruck der Hand wischte die Tränen aus den
Augen. Er streckte den Arm befehlend gegen das Haus. »Geh fort, Pikas!« sagte
er, seine Stimme zur Festigkeit zwingend, »geh fort!«
    Der Hund senkte den Kopf und trabte mit langsamen Schritten über die Strasse.
Vor dem Hause stand er still und sah bittend zurück.
    Robert riss sich gewaltsam los. Ein halblautes »kusch!« befahl dem treuen
Freund sich zu legen, und dann wanderten die beiden jungen Leute in das Dunkel
des Novemberabends hinein. Noch einige wenige Häuser, noch hier und da ein Gruss,
und hinter ihnen lag der kleine friedliche Heimatort. Der Wind fuhr über die
Stoppeln und rauschte in den laublosen Zweigen der uralten Eichen am Wege; graue
Wolkenschatten huschten wie Gespenster über den Himmel.
    »Es ist kalt«, raunte Georg, »knöpf deinen Mantel zu.«
    Aber die Worte klangen, als hätten ihm die Zähne im Munde geklappert.
    Es war nach Mitternacht, und in Peter Vollands Schenke drängten sich Kopf an
Kopf die Gäste. Der Sonntag wird ja so gern bis in den Morgen hinein ausgedehnt,
und so ging es auch hier, obwohl sich die Folgen des Trinkens bei mehreren allzu
deutlich zeigten. Diejenigen Matrosen, die auf den Bänken in festem Schlaf
lagen, waren noch am wenigsten lästig, dagegen tobten manche, durch das Übermass
des Alkohols in streitlustige Laune versetzt, wie die Wilden im Raum herum. Das
Schreien, Singen und Fluchen in allen Mundarten war betäubend.
    Besonders ein Spanier, den die andern »Gallego« nannten, trieb es im Trinken
und Lärmen am schlimmsten. Er war ein mittelgrosser magerer Bursche von etwa
fünfundzwanzig Jahren, mit kohlschwarzem, lang herunterhängendem Haar, schwarzen
tückischen Augen und einem wachsgelben Gesicht. Sobald sich seine Matrosenjacke
zufällig öffnete, sah man in der Brusttasche den Griff eines kleinen Dolches.
    Er und ein Malaie, dem auch schon zu viel Rum über die Lippen geflossen war,
standen sich wie Kampfhähne gegenüber, während ein Teil der Gäste bemüht war,
den Streit zu schlichten, und wieder andere fortwährend hetzten.
    Peter Volland schien das alles nicht zu sehen und nicht zu hören. Bis die
blanken Klingen in der Luft funkelten, pflegte er sich in nichts zu mischen,
dann aber begann seine Tätigkeit, die meist im Hinauswerfen beider Parteien
bestand. So weit war es aber jetzt noch nicht gekommen, und Peter wartete ruhig
seine Zeit ab.
    Gallego sass gegen die Wand zurückgelehnt und sang mit herausforderndem Ton
ein spanisches Trinklied, während der Malaie leise vor sich hinmurmelte. An
demselben Tisch spielten mehrere andere das beliebte »Sechsundsechzig«.
    Peter Volland sprach eben in der Ecke des Zimmers mit zwei Neuangekommenen,
es waren Robert und Georg. Er hatte sie sehr herzlich begrüsst und dann
unaufgefordert eine Flasche Wein herbeigebracht. Seine breite, nicht eben
übermässig sauber gehaltene Hand strich dem Jungen über das Haar. »Also du willst
zur See gehen, mein Kleiner?« sagte er, »das ist brav von dir. Kein Beruf ist
freier und männlicher als der des Seemanns. Na, trink nur erst einmal und iss
tüchtig, dann werde ich euch beiden eine Koje anweisen, und morgen kannst du bei
Kapitän van Swieten anmustern.«
    Robert sah in das Gesicht des Wirtes. Er fühlte wieder denselben Abscheu wie
damals. »Haben Sie schon mit ihm gesprochen?« fragte er zaghaft.
    »Freilich, mein Junge. Die Antje Marie geht nach Kuba unter Segel, und nur
der Posten des Kajütenjungen ist noch unbesetzt. Du sollst ihn haben, und zwar
auf meine Fürsprache hin. Ich sage dir, ein besserer Kapitän als Gerret van
Swieten hat noch nie die Decksplanken eines Schiffes betreten. Er ist eine Seele
von einem Mann.«
    »Liegt die Galliot hier in der Nähe?« fragte Georg.
    »Hinten beim Grasbrook«, war die Antwort.
    Dann liess der Wirt seine beiden jungen Gäste mit der Flasche und dem
reichlich aufgetragenen Essen allein. Die Matrosen am anderen Tisch schienen
sich für den Augenblick beruhigt zu haben, und Robert gewann Zeit, ein wenig
Umschau zu halten. Wie war das alles so ganz anders als in der Heimat! Pfützen
von Bier, Branntwein und allen möglichen sonstigen Getränken bedeckten
Schenktisch und Fussboden, die Decke war fast verräuchert, und Vorhänge fehlten
ganz. Zu diesen unangenehmen Eigenschaften kam noch der Geruch von Speisen und
Getränken, der Dunst der nassen, vom Regen durchweichten Jacken und der Qualm
zahlloser Zigarren, kurz, es war eine höchst ungemütliche, für den Neuling
geradezu abstossende Atmosphäre. Robert wandte sich an Georg.
    »Du, lass uns schlafen!« flüsterte er. »Es gefällt mir hier sehr schlecht.«
    Der Seiler zuckte die Achseln. »Daran musst du dich von jetzt an gewöhnen«,
sagte er.
    »Aber die Matrosen sind doch nicht immer betrunken, Georg? Sieh dir den
Spanier an, wie er die Augen rollt und die Fäuste ballt.«
    Georg lachte. »Lass ihn doch, Junge. Das gibt gleich eine regelrechte
Keilerei - aha, da geht es schon los.«
    Und wirklich funkelte Gallegos Messer über den Köpfen der anderen.
Wenigstens ein Dutzend Matrosen waren von ihren Stühlen aufgesprungen, die Jacke
des Malaien flog unter den Tisch, und seine muskulösen Arme streckten sich. Er
knirschte eine Herausforderung, deren Wortlaut niemand verstand, die aber ihrem
Sinn nach nicht zweifelhaft war.
    Ein stummes, wütendes Ringen begann. Der Spanier war zu betrunken, um das
kurze Dolchmesser gebrauchen zu können; es schwebte, von der Faust des Malaien
gehalten, fast immer in der Luft, während Gallego, blutüberströmt, sich unter
den Stössen und Schlägen des anderen auf dem Fussboden wälzte. Seine Augen,
hasserfüllt, wie im Wahnwitz glänzend, hingen an jeder Bewegung des überlegenen
Gegners. Nur eine Sekunde, eine einzige unachtsame Wendung, und der Dolch würde
seinen Weg in das Herz des Malaien nicht verfehlen, davon waren alle überzeugt.
    Sie standen in lautlosem Schweigen um das kämpfende Paar. Niemand rührte
eine Hand, um sie zu trennen.
    Da ertönte durch die Stille ein lautes Klopfen. »Hallo!« rief es von
draussen, »aufmachen!«
    »Die Polizei!« raunte Peter Volland mit kreidebleichen Lippen. »Schnell,
Gallego - und auch ihr beide, schnell!«
    Die letzte Aufforderung galt Robert und Georg. Der Wirt sah zu dem Seiler
hinüber, und der zog im Fluge den Jungen durch eine Hintertür des Schankzimmers
in einen dunklen Raum hinein. »Es ist zu deiner Sicherheit«, flüsterte er. »Sei
ganz still!«
    Robert gehorchte, obgleich ihn der wilde Auftritt heftig erschreckt hatte.
Er sah noch das Dolchmesser des Spaniers sich erheben und hörte dann ein dumpfes
Röcheln. Ehe er sich über irgendeine Einzelheit deutliche Rechenschaft geben
konnte, schleppten zehn kräftige Arme den widerstandslosen Gallego in die dunkle
Küche hinein, die Tür wurde verschlossen und dann dem immer lauter werdenden
Klopfen Folge geleistet.
    Robert und Georg beobachteten durch die Spalten eines verschobenen Vorhanges
alles, was sich in der Schenke abspielte. Neben ihnen, auf dem Fussboden, lag der
Spanier, schwer atmend und leise murmelnd, aber regungslos.
    Robert sah alles nur mit halbem Bewusstsein, wie man die Gestalten eines
Traumes an sich vorüberziehen sieht.
    In seinem Blut schwimmend lag vorn der Malaie, bei dem zwei Polizisten
standen und der trotz des langen und tiefen Stiches durch den Oberarm
fortwährend Flüche hervorsprudelte. Peter Volland erklärte, dass er von dem
ganzen Streit nichts wisse, sondern im Keller beschäftigt gewesen sei und das
Klopfen erst nach der Tat gehört habe.
    Die beiden Polizisten schienen zu wissen, dass keiner dieser Matrosen die
Kameraden verraten werde; sie begnügten sich damit, den Verwundeten in ihre
Mitte zu nehmen und ihn zur nächsten Wache zu bringen, freilich nicht ohne
vorher die Namen der Anwesenden notiert zu haben. Als sich die Tür hinter ihnen
und dem knirschenden Malaien schloss, atmete Peter Volland erleichtert auf. Er
ging zu dem Spanier, mit dem er lange und eindringlich flüsterte. Die Folge war,
dass sich der Messerheld aus einer Hintertür hinausführen liess, nachdem ihm
vorher Hände und Kleider gereinigt worden waren und er auch seine Waffe wieder
eingesteckt hatte. Der Wirt klopfte zurückkehrend auf Roberts Schulter.
    »Hast dich erschrocken, Kleiner?« fragte er. »Das kommt manchmal vor, man
kann beim besten Willen die Hitzköpfe nicht zur Ruhe bringen, ehe Blut geflossen
ist. Na, dort stehen eure Betten - geht schlafen, Kinder.«
    Die Schenkstube war schon während dieser Unterhaltung leer geworden, jetzt
wurde das Licht ausgedreht und alles war dunkel. Robert klammerte sich an den
Arm des Seilers. »Verlass mich nicht!« bat er.
    »Dummes Zeug«, erwiderte Georg. »Du wirst bald selbst in die Lage kommen,
dich einmal gehörig schlagen zu müssen! Aber sei jetzt ruhig und lass uns
ausschlafen. Wir haben morgen noch viel zu laufen.«
    Robert schwieg. Es schien ihm, als sei Georg ein anderer geworden.
Unfreundlich und kurz angebunden, liess er nur wenig mit sich sprechen. - Der
Junge suchte schweigend das Bett und schlief trotz der ungeheuren Aufregung bald
ein. Während der vorherigen Nacht hatte er ja kein Auge geschlossen, so dass er
der Müdigkeit nicht widerstehen konnte.
    Es schlug acht Uhr, als er am folgenden Morgen erwachte. Nachdem er munter
geworden war, ging sein erster Blick zu Georg hinüber, aber er traute kaum
seinen Augen, kaum unterdrückte er einen lauten Schrei, - das Bett war
unberührt, und von Georg keine Spur zu sehen.
    Einen Augenblick fühlte er eine plötzliche Lähmung. Was nun? War es möglich,
dass ihn der Seiler ohne Geld oder Schutz heimlich verlassen hatte? - Er sprang
auf und zog sich so schnell wie möglich an; dann lief er in die Schenkstube, wo
eine alte Frau den Fussboden scheuerte, während Peter Volland auf zwei Stühlen
lag und die Zeitung las.
    »Guten Morgen«, stammelte Robert, noch ganz erschreckt. »Bitte, sagen Sie
mir, wo Georg ist.«
    Der Wirt blickte auf. Ein halb spöttisches, halb gutmütiges Lächeln
umspielte seine Lippen. »Georg?« wiederholte er, »Georg? - Ach, der Wolfram!
Nun, der wird eben ausgegangen sein, mein Kleiner, ich weiss es nicht. Margaret,
gib dem Jungen ein Frühstück!« wandte er sich an die schmutzige Frau.
    Robert hob angstvoll die Hand. »Aber ich habe kein Geld!« rief er. »Georg
hatte alles bei sich und - der ist fort. Er hat nicht hier geschlafen?«
    Peter Volland zuckte die Achseln. »Meine Gäste sind keine Gefangenen«,
antwortete er, »sie können kommen und gehen, wie es ihnen Spass macht. Um das
Geld kümmere dich nicht, Junge, sondern iss und trink. Wolfram wird schon
zurückkommen.«
    Diese Zuversicht belebte seinen Mut. Er ass mit dem Appetit seiner sechzehn
Jahre, was ihm die alte Margarete vorsetzte, Kaffee, Brot und Eier, nur als ihn
Peter Volland fragte, ob er auch einen kleinen »Magenwärmer« wünsche, schüttelte
er errötend den Kopf.
    Der Wirt lachte. »Sollst es schon kennenlernen«, sagte er. »Die Seeluft
zehrt - sogar bis hier in die Elbe hinein. Margaret, gib die Geneverflasche.«
    Er nahm sie und trank ohne ein Glas in langen Zügen. »So«, sagte er, »das
hält Leib und Seele zusammen. Und nun, mein Junge, wenn du satt bist - iss
übrigens, solange du Hunger hast! - dann wollen wir deine Ausrüstung besorgen.
Die Antje Marie sticht um drei Uhr nachmittags in See, und daher müssen wir uns
beeilen.«
    »Um drei?« - Robert wurde blass wie der Tod. »Ich bin verloren«, rief er,
»ich - -«
    Der Wirt schien durchaus nicht erstaunt. »Nun?« lächelte er, »nun? Was haben
wir denn, Kleiner? - Immer ruhig Blut, das ist die Hauptsache.«
    »Oh«, schluchzte der Junge, »Sie wissen es doch, ich habe kein Geld! Georg
hat alles.«
    Der Wirt erhob sich schwerfällig aus seiner liegenden Stellung. »Dieser
Wolfram«, sagte er in neckendem Ton, »dieser Teufelskerl. Ich will ihm den Kopf
waschen, wenn er hier wieder vor Anker geht. Na, heule nur nicht, Kleiner. Ich
habe noch so manches Stück Matrosengarderobe, das mir als Pfand zurückgelassen
worden ist, dahinein wollen wir dich stecken. Komm einmal mit.«
    Er ging voran, und Robert folgte ihm in ein halbdunkles, auf einen engen,
wüsten Hof hinausgehendes Zimmer, wo alle möglichen Gegenstände übereinander
geschichtet und gestapelt herumlagen. Seemannsjacken, Mützen, Lackhüte, Stiefel,
Seekisten, Tauwerk und Tabakrollen, alles türmte sich bunt und regellos bis zur
Decke.
    Peter Volland stemmte beide Hände in die Seiten. »Nun such, Junge«, sagte
er, »irgend etwas wird dir wohl passen, und wenn's ein bisschen zu gross ist, so
musst du eben hineinwachsen. Auch eine Kiste kannst du dir nehmen und Wollzeug,
überhaupt was nötig ist, um erst einmal den Bauernjungen abzustreifen. Pack dir
alles gleich zusammen, damit wir es in die Jolle schaffen, und dann komm wieder
zu mir. Deinen schwarzen Anzug kannst du mir in Verwahrung geben.«
    Mit diesen Worten ging er, und Robert stand allein ziemlich ratlos vor all
dem Gerümpel, das ihn umgab. Draussen auf dem Hof ein grosser Haufe von Scherben,
Bierfässern, Flaschen, alten Körben und Packkisten - hier drinnen das wenig
einladende Durcheinander von Garderobestücken, in denen Motten und Schimmel
hausten, das war seine augenblickliche Umgebung. Aber zögern durfte er nicht,
das wusste er. Es war ihm, als werde er verfolgt und könne in jedem Augenblick
entdeckt werden.
    Das passende Leinen- und Wollzeug war bald gefunden, ebenso ein Paar
Stiefel, aber die Matrosenjacken waren alle viel zu gross. »Was hilft's«, dachte
Robert und suchte sich die kleinste heraus, »ich muss hier ein Stück wegnehmen
und die Ärmel kürzen. Dann geht es.«
    Er liess sich heimlich von der mürrischen Margarete eine Nähnadel und etwas
Zwirn geben, dann setzte er sich in der Nähe des Fensters auf eine umgekehrte
Kiste und nähte drauf los. In der ersten Viertelstunde dachte er nur an die
Freude, jetzt schon so bald am Ziel seiner Wünsche zu sein, dann aber kam
langsam ein sonderbares Gefühl über ihn. War es nicht eigenartig - ja, mehr als
eigenartig - dass er am Anfang der neuen Laufbahn gerade das tun musste, was er so
sehr hasste, nämlich schneidern?
    Unwillkürlich liess er die Hände sinken. Wenn in diesem Augenblick der alte
Vater das Zimmer betreten hätte, er würde sich ihm, von innerem Drang getrieben,
zu Füssen geworfen haben - -
    Aber es war nur Peter Vollands rotes Gesicht, das sich über ihn beugte. »Was
Teufel, da sitzt ja der künftige Nelson und näht wie ein echter, gerechter
Meister Fips!« lachte er. »Junge, was ist das?«
    Robert wandte sich verlegen ab. »Oh«, stammelte er, »die Jacke war ein
bisschen gross - aber nun geht es schon. Man muss sich nur zu helfen wissen.«
    Der Wirt lachte noch immer. »Und alles schon gepackt«, sagte er, »das ist
recht. Wenn du die Jacke fertig hast, wollen wir unsere Reise antreten.«
    Robert blickte auf. »Ist Georg gekommen?« fragte er.
    »Hab' ihn nicht gesehen! Aber wir brauchen ihn auch nicht. Was willst du an
Bord mit Geld? Wenn dich Kapitän van Swieten leiden mag, hast du in Kuba Geld
und Freiheit soviel du brauchst. Musst ihm nur recht zur Hand gehen, das ist die
Hauptsache.«
    Robert versprach, seine Pflichten so pünktlich wie möglich zu erfüllen, und
dann fragte er, welche Ladung die »Antje Marie« nach der Havanna zu bringen
habe?
    Peter Volland lächelte schlau. »Welche Ladung?« wiederholte er. »Hm, hm -
Mehl und Pökelfleisch, auch eine Partie Bielefelder Leinen, mein Junge. Ausserdem
nimmt der Kapitän in dem spanischen Hafen Ferrol noch feine Weine hinzu. Die
Antje Marie hat eine Menge von verschiebbaren Planken, einen Kohlenraum mit
doppeltem Boden und Kajütenschränke, wo niemand welche vermutet. Darum braucht
auch der alte van Swieten nur zuverlässige Leute, weisst du!«
    Er blinzelte vertraulich zu Robert hinüber, der ihn aber durchaus nicht
verstand, und beendete die Unterhaltung, indem er nochmals zur Eile antrieb.
Wirklich hatte der Junge schon gegen zwei Uhr nachmittags seine Arbeit fertig,
die Jacke sass wie angegossen. Der schwarze Anzug wanderte in den Kleiderschrank
des Wirtes. Robert seufzte, als er sein Eigentum hingab. Was würden Vater und
Mutter gesagt haben, wenn sie das gewusst hätten? - Der alte Meister Kroll war
nie im Leben jemand etwas schuldig gewesen, hatte nirgends ein Stück seines
Besitzes aus Not verkauft - wie schrecklich würde es ihn getroffen haben, von
dem einzigen Sohn dergleichen zu hören!
    Aber das war wieder die Geschichte des Ferdinand Cortez, seines
Lieblingshelden. Er hatte auch die Schiffe hinter sich verbrannt. -
    Die Seekiste wurde in die Jolle gesetzt, Peter Volland liess sich
schwerfällig auf eines der Mittelbretter gleiten, und Robert sprang nach. »Zur
Antje Marie!« sagte der Wirt, und dann fuhr Robert wieder denselben Weg, den er
am Tage seines ersten Besuches schon einmal gefahren war - nur nicht so leicht
war heute sein Herz wie damals. Es klopfte schneller und schneller, je näher man
an die holländische Galliot herankam.
    »Dort liegt das Schiff«, sagte endlich der Wirt, »und ein Schlepper ist
schon da. Man scheint nur auf uns gewartet zu haben.«
    Die Jolle glitt unter dem Bug der Galliot dahin, von Bord streckte sich ein
grauer Kopf den Ankommenden entgegen. »Endlich!« sagte in breitem Deutsch eine
Männerstimme. »Noch zehn Minuten, Volland, und ich hätte das Fallreep einziehen
lassen.«
    Er winkte einem Matrosen, der die Seekiste an Bord befördern half, die Jolle
wurde befestigt und beide stiegen an Deck. »Guten Tag, van Swieten«, sagte der
Wirt, »da bringe ich den neuen Jungen. Gefällt er ihnen?«
    Der Holländer musterte mit langem Blick die hübsche Erscheinung des Jungen.
»Bist ein Hamburger Kind, mein Junge?« fragte er.
    »Nein, Herr Kapitän«, antwortete Robert, »ich bin vom Lande, aber -«
    Der Holländer hob die Hand. »Weiss schon«, schmunzelte er, »weiss schon. Ich
frage nach nichts, was mich und mein Schiff nichts angeht. Kann keinen feinen
Herrn an Bord gebrauchen, und auch keinen Duckmäuser und Haarspalter, der erst
allen Dingen auf den Grund sehen will. Meine Männer müssen fixe Seeleute sein
und aufs Wort gehorchen, willst du das?«
    »Ja, Herr Kapitän.«
    »Den Herrn kannst du weglassen. Aber ich denke wohl, dass ich dich nehme,
obgleich die Binnenländer auf See verflucht selten ihren Mann stehen, besonders
die Preussen. Hoffentlich bist du keiner?«
    »Doch, Herr Kapitän, ich bin aus Holstein.«
    »Dann taugst du nichts. Die Preussen taugen alle nichts.«
    Robert sah empor. »Oh, das ist zuviel gesagt«, rief er mutig. »Auch König
Wilhelm ist ein Preusse, und doch der beste Mann auf der Welt.«
    Jetzt lachte der Holländer. »Art steckt drin, Volland«, schmunzelte er. »Ich
behalte den jungen Schlingel, und damit basta.«
    Der Wirt schüttelte die Hand seines Freundes, als habe er damit für Robert
den Pakt endgültig abgeschlossen. »Jetzt bist du Kajütenjunge auf der Antje
Marie, wandte er sich an den Jungen, und ich hoffe, dass du meiner Empfehlung
Ehre machen wirst. Wenn du wieder nach Hamburg kommst, besuchst du mich.«
    Er verabschiedete sich dann von dem Holländer und wollte das Schiff
verlassen, da zog ihn Robert am Arm. »Bekomme ich nicht ein Anmusterungsbuch?«
fragte er, »und muss nicht mein Name -«
    Peter Volland blinzelte ihm zu. »Hast du Papiere, junger Schlingel?« brummte
er. »Soll dich die Polizei in Glückstadt abfangen und wieder nach Pinneberg
zurückbringen, he?«
    Robert erbleichte. Er selbst hatte sich rechtlos gemacht.
    »Anker lichten!« kommandierte Kapitän van Swieten, und gleichzeitig ertönte
auf dem Schleppdampfer ein gellender Pfiff.
    Der Wirt grüsste noch von der Jolle herauf, das Fallreep wurde eingeholt, die
Ankerketten rasselten, und das Schiff begann sich leise zu bewegen - - -
    Zur selben Stunde sass in Pinneberg der alte Schneider im Lehnstuhl und
starrte wie geistesabwesend vor sich hin. Er hörte nicht, dass ihn die
schluchzende Frau zu trösten suchte. Sein Gesicht, seine Hände waren eiskalt.
    »Vater«, bat sie ihn plötzlich, »Vater, sprich ein gutes Wort. Unser Sohn -«
    Da sah er sie an. »Wir haben keinen Sohn, Mutter«, kam es tonlos über seine
Lippen. »Ein Dieb kann nie mein Sohn sein. Schau her! -«
    Er öffnete den Kasten und liess die entsetzte Frau hineinblicken. »Es ist
alles fort«, sagte er dumpf, »unser Geld, meine Uhr, deine paar Schmucksachen,
Mutter, deine Brautgeschenke, du unglückliche Frau, und unser Kind, unser
eigenes - hat es gestohlen!«
    Laut aufschluchzend verbarg der alte Mann das Gesicht in beiden Händen.
 
                           An Bord der »Antje Marie«
Die Matrosen liefen an Deck hin und her, der Schlepper arbeitete mit voller
Maschinenkraft, und die Galliot folgte gehorsam in seinem Kielwasser. An Bord
kommandierte der Lotse, denn obwohl das Schiff schon mehrere Tage vorher
vollständig seeklar gemacht worden war, unterzog man doch alles einer
nochmaligen genauen Prüfung. Verschiedene Wanten wurden nachgesetzt, die
Befestigung des grossen Bootes, das immer mitten auf Deck vor dem Grossmast steht,
untersucht und die Segel auf den Rahen soweit gelöst, dass sie auf Kommando
sofort gesetzt werden konnten.
    Robert stand in der Nähe des Matrosenlogis und sah hinter sich den Hafen von
Hamburg allmählich verschwinden; dann folgte St. Pauli mit dem Hafenkrankenhaus
auf der höchsten Höhe und endlich Altona. Und nun passierte die Galliot das
reizende Neumühlen; hier hatte im Oktober der »Blitz« gelegen, hier hatte damals
die Sonne ein so bezaubernd schönes Landschaftsbild beschienen, doch heute
kräuselte ein frischer Ostwind die Wellen am Bug zu weissem Schaum, heute pfiff
es schneidend kalt durch das Takelwerk, und an Land huschten in den Gärten die
welken Blätter wie Gespenster wirbelnd durcheinander.
    Starr heftete der Junge die Augen auf das Ufer. Teufelsbrücke, Blankenese,
der Leuchtturm - alles glitt schneller und schneller vorüber. Immer breiter
wurde die Elbe, schon liess sich eine leichte Dünung spüren, und Robert stand
noch ganz in Gedanken versunken, da legte sich eine Hand auf seine Schulter.
    »Nun, mein Junge, was treibst du hier?« fragte eine Männerstimme.
    Robert fuhr auf. Der das sagte, war ein älterer Mann von mindestens fünfzig
Jahren, mit schwermütigem, kränklichem Gesicht und grossen, tiefliegenden Augen,
die jedoch freundlich auf den Jungen herabsahn. »Möchtest du lieber wieder
zurück nach Hause? - Bei Glückstadt ist das noch möglich.«
    »Mohr!« rief in diesem Augenblick die Stimme des Kapitäns von der Kajütentür
herüber, »Mohr - mach keine Dummheiten, hörst du.«
    Der Alte wandte sich ab. »Der Montag«, flüsterte er mit einem unterdrückten
Seufzer, »der Montag. Es wäre so schade um dich!«
    Robert hatte inzwischen Zeit gefunden, die Frage ganz zu verstehen. »Ich
fühle durchaus keine Reue«, antwortete er lebhaft, »und ich will Seemann werden
um jeden Preis. - Aber was ist denn mit dem Montag?« fügte er neugierig hinzu.
    Der Seemann schüttelte leicht den grauen Kopf. »Er bringt kein Glück«,
antwortete er, »man soll nichts am Montag beginnen.«
    Kapitän van Swieten kam breitspurig über das Deck. »Junge«, sagte er, »geh
in die Kajüte und wasch das Kaffeegeschirr, hörst du. Nachher soll dir der
Steuermann deine Pflichten genau aufzählen, damit du sie ein für allemal
kennenlernst.«
    Die Worte wurden sehr freundlich, aber so bestimmt gesprochen, dass Robert
die Absicht des Kapitäns, ihn von dem alten Matrosen zu trennen, klar
durchschaute. Aber warum das? Der Mann mit den weissen Haaren und den ernsten
Augen hatte ihm doch sehr gefallen.
    Er ging in die Kajüte und begann das Kaffeegeschirr zu spülen. Während
dieser Beschäftigung erschien der Steuermann, dessen mürrisches Gesicht ihm von
vornherein Furcht einflösste, und dessen roter Bart fast an eine Mähne erinnerte.
    Nachdem er in barschem Ton den neuen Kajütenjungen nach Namen und Herkunft
gefragt hatte, sagte er stirnrunzelnd: »Du scheinst mir ein sehr vorlautes Maul
zu haben, das soll aber bald anders werden. Du hast die Kapitänskajüte und auch
meine rein zu halten, Stiefel zu putzen, Kleider auszubürsten und bei Tisch zu
bedienen. Für das Geschirr bist du verantwortlich, und was du zerschlägst, das
musst du von deiner Heuer bezahlen. Deine Koje werde ich dir später zeigen. Über
ihr befindet sich ein Wandschrank, und - aber geh nur gleich mit mir«,
unterbrach er seinen eigenen Satz - »du sollst den Schrank sehen, damit dir
meine Befehle verständlicher werden.«
    Er führte den Jungen zum Vorderteil des Schiffes und gab ihm einen kleinen
Schlüssel. »Mach auf!« befahl er, auf eine Tür deutend, und fuhr dann in seiner
Erläuterung fort. »Hier steht das Geschirr, jedes in einem bestimmten Fach, um
es vor dem Fallen zu sichern, und darunter sind drei kleine Schubladen für den
wöchentlichen Bedarf des Kapitäns an Kaffee, Tee und Zucker. Das wird dir vom
Untersteuermann an jedem Sonnabend zugeteilt, und damit musst du auskommen.
Ertappe ich dich beim Naschen, so schmeckst du das Tauende.«
    Robert wurde abwechselnd rot und weiss. Ihm kam die Erinnerung an das
gestohlene Geld, von dem er zwar keinen Groschen für sich behalten hatte, dessen
Entwendung er aber doch begünstigt hatte. Unfähig, zu antworten, schwieg er und
liess den Obersteuermann seinen Vortrag beenden.
    »In jedem Matrosen siehst du deinen Vorgesetzten«, fuhr dieser fort, »und
untersteh dich nicht, eine vorlaute oder trotzige Antwort zu geben. Wenn der
Kapitän nach dir klingelt, erscheinst du sofort mit der Mütze in der Hand,
betrittst die Kajüte und fragst höflich nach seinen Wünschen. - Wenn ich selbst
dich rufe, so antwortest du gar nicht, sondern hörst nur, was ich sage. Auf
jeden Ungehorsam folgt eine Lektion mit dem Tauende, das merke dir vor allem.
Und jetzt geh an Deck, um mit anzufassen, wenn die Segel gesetzt werden.«
    Er verliess das Logis, in dessen Nähe der Kapitän mit langsamen Schritten
auf- und abgegangen war, offenbar um die Unterhaltung zwischen ihm und Robert
deutlich zu hören. Jetzt winkte er dem Obersteuermann, ihm in die Kajüte zu
folgen.
    Kapitän van Swieten nahm aus dem Schrank eine Flasche, trank, und bot sie
dann dem anderen an. »Renefier«, sagte er, »warum hast du den neuen Jungen so
hart angefahren? Ich will die gewöhnlichen Schiffsgesetze auf meiner Galliot
nicht eingeführt haben; ich kann sie nicht brauchen, das habe ich dir schon oft
gesagt. Ein Verräter untergräbt uns die ganze Zukunft, und du selbst weisst doch
am besten, welche goldenen Früchte das Geschäft trägt.«
    Der Obersteuermann zuckte die Achseln. »Die Galliot ist nicht so ganz allein
dein Eigentum, van Swieten«, antwortete er, »das vergiss nicht. Oder willst du
mir im nächsten Hafen meinen Anteil auszahlen und dir einen anderen Steuermann
suchen? Du selbst kannst kein Schiff über den Ozean führen, das weisst du.«
    Der Kapitän wurde blass vor Ärger. »Wenn du annimmst, dass ich das weiss,
Renefier, so waren ja deine Worte überflüssig«, sagte er. »Was hast du davon,
den Herrn zu spielen und vielleicht einen dummen Jungen gelegentlich
durchzuprügeln?«
    Des Steuermanns Augen blitzten. »Was ich davon habe, van Swieten?«
wiederholte er. »Den nötigen Respekt bei der Mannschaft, dass du es nur weisst. Es
geht auf der Antje Marie zu, als hätte ein Weib das Kommando. Komme ich heute
nicht, komme ich morgen. Das ärgert mich.«
    Der Kapitän trank wieder. »Ach was!« sagte er, »das ist dummes Zeug,
Renefier, daran änderst du nichts mehr. Wir sind eine Welt für uns, wir bilden
eine geschlossene Gemeinschaft, deren Glieder untereinander vor allen Dingen
gute Freunde sein müssen - das geht aber nicht bloss mit dem Tauende, mein
Bester. Frisst der Schlingel ein paar Pfund Zucker, so tu, als hättest du es
nicht gesehen, und gibt er eine naseweise Antwort, so lache darüber, dann
gefällt ihm das Leben an Bord und er ist treu. Zehn bis zwanzig echte Spitzen im
Hafen von Havanna glücklich den Augen der Spürhunde entzogen, ein paar Kisten
Champagner mit Geschick an Land gebracht, und er kann so viel Geschirr
zerschlagen, wie er Lust hat. Ich sage dir, du sparst Pfennige, während du Taler
über Bord wirfst, oder glaubst du, dass der Bengel später die gefährliche Arbeit
für unsere Rechnung willig tut, wenn man ihn jetzt hart anfasst? - Ich mache die
Reise zum sechzehnten Male und bin bei allen meinen Leuten beliebt; du bist erst
seit acht Tagen an Bord und willst mir jetzt schon Lehren geben?«
    Der Obersteuermann nahm die Mütze ab und kratzte sich hinter dem Ohr.
    »Wollte auch, ich hätte es nie getan«, brummte er. »Wie ist das Deck
gescheuert und wie sind die Kojen gelüftet, wie ist der Proviant verstaut? Zum
Davonlaufen!«
    Van Swieten lächelte überlegen. »Kleinigkeiten«, schmunzelte er,
»unbedeutende Nebensachen. Die Matrosen sind treu, weil sie wissen, dass der
Dienst auf der Antje Marie mehr einbringt, als man jemals auf irgendeinem andern
Fahrzeug verdienen kann. Das ist es, was wir brauchen.«
    Der Obersteuermann schwieg und ärgerte sich im stillen. Hätte er ahnen
können, was im Logis die Leute flüsterten, so würde ihm vollends die Galle ins
Blut getreten sein. »Du«, sagte einer, »wie gefällt dir der neue Erste?«
»Gestrenge Herren regieren nicht lange!« rief ein anderer. »Der braucht einmal
eine Sturzsee!« meinte der dritte. »So zehn Meter hoch aus dem Mast - das kühlt
den Eifer.« Die andern lachten. »Wer weiss? Wenn er das Maul zu voll nimmt,
regnet es vielleicht einmal unvermutet hinein.«
    Robert hörte das alles mit Erstaunen. Er hatte sich nach Georgs Berichten
den Dienst an Bord viel strenger und härter gedacht als er hier zu sein schien.
Die buntgewürfelte Mannschaft besass offenbar von Gehorsam nur sehr schwache
Begriffe; es war mehr eine Art lustiger Zechkameradschaft, denn auch mehr als
eine Flasche Rum sah Robert von Hand zu Hand gehen, obwohl ihm sein Freund
häufig gesagt hatte, dass Alkohol nur ausnahmsweise und in geringen Mengen vom
Steuermann verteilt werde.
    Sobald aber an Deck ein Kommando ertönte, änderte sich wie durch einen
Zauberschlag das nachlässige Wesen der Leute. Einer suchte es im Laufen und
Klettern dem andern zuvorzutun, einer war noch schneller, noch gewandter als der
andere. Robert wurde, als er mit Hand anlegen wollte, von den Matrosen mehrfach
beiseite gedrängt, und einmal fiel er - er wusste nicht, ob aus Versehen oder
infolge einer kleinen Neckerei - sogar mit seiner ganzen Länge auf das Deck, als
die Leute plötzlich ein Tau, an dem er noch aus Leibeskräften riss, wie auf
Verabredung losliessen. Ein lautes Gelächter brachte ihn aber schnell wieder auf
die Füsse.
    Der Wind bauschte die Segel, das Schlepptau wurde losgeworfen und an Bord
der Galliot geholt; unter dem lustigen Gesang der Matrosen glitt das Schiff
dahin. Der Lotse liess sich vor Helgoland von einem kreuzenden Kutter an Bord
nehmen, und jetzt hatte Kapitän van Swieten das Kommando. Es wurden noch mehr
Segel gesetzt und die Geschwindigkeit der Antje Marie auf neun Knoten geloggt.
»Loggen« nennt der Seemann das Messen der Seemeilen, die ein Fahrzeug in einer
Stunde zurücklegt.
    Die Galliot machte also neun Knoten in der Stunde und hatte daher die Insel
Helgoland schon sehr bald weit hinter sich gelassen. Es war völlig dunkel, als
Robert ein ganz eigentümliches Unbehagen fühlte. Das starke Auf- und
Niederstampfen des Schiffes, die schiefe Lage nach der Leeseite erregten ihm
Übelkeit. Seine Nase wurde spitz, die Lippen farblos und das Gesicht fast
grünlich. Er sass auf seiner Kiste, von der er emportaumelte, als zufällig der
mürrische Obersteuermann vorüberging. Er wollte schnell nach irgendeiner Arbeit
greifen, sank aber kraftlos zurück und konnte nur einen angstvollen Blick auf
den gestrengen Vorgesetzten werfen. Das Schiff, die Masten, das Meer, alles
schien sich mit ihm in rasender Geschwindigkeit zu drehen, während die Kehle
zugeschnürt war und ein Krampf den Magen erfasste.
    »Seekrank«, brummte Renefier. »Geh an Deck in die frische Luft, aber vorher
trink aus dieser Flasche einen tüchtigen Schluck Rum, das tut dir gut.«
    Robert gehorchte mit vieler Mühe, aber sowie das scharfe Getränk herunter
war, stürzte er zur Kajütentür hinaus, beugte sich über Bord, und - -
    Oh, das tat ihm wohl, aber zuerst glaubte er, dass es der Tod sei, der ihn so
entsetzlich würgte und die Eingeweide fast zerriss. Er war nur halb bei
Bewusstsein, als ihn zwei Arme von hinten erfassten und aufhoben. Der alte Matrose
war es, der Mann mit den schwermütigen, freundlichen Augen. Voll Mitleid trug er
den Jungen in seine Koje, wo Robert sofort einschlief und erst mitten in der
Nacht wieder erwachte. Die Seekrankheit in ihrer ganzen Stärke hatte ihn
ergriffen.
    Robert ertrug die Sache verhältnismässig leicht. Er spürte schon am folgenden
Morgen einen wahren Heisshunger und schlich sich in die Kombüse, um etwas Essbares
zu erlangen. Der Koch gab ihm auch gleich ein tüchtiges Stück Pökelfleisch mit
dem Rest des Schwarzbrotes, das noch von Hamburg her an Bord war.
    Robert hätte aber alles vor Schreck beinahe fallen lassen, als er dem Mann
ins Gesicht sah. Das war Gallego, der Spanier, der vorgestern abend in Peter
Vollands Schenke den Malaien verwundet und den der Wirt so sorgfältig in
Sicherheit gebracht hatte, bevor er den Polizisten die Tür öffnete. Der Junge
stand jetzt verwirrt und sprachlos vor dem rohen Gesellen, dessen braunes
Gesicht, zerschunden und mit Pflastern bedeckt, noch die deutlichen Spuren des
Kampfes trug.
    Sonderbarerweise war aber der Koch ihm gegenüber sehr zuvorkommend, bot ihm
alles mögliche an und riet ihm dringend, einen Magenbitter zu trinken, wobei er
lebhaft bedauerte, selbst von diesem unschätzbaren Stoff leider nichts zu
besitzen. »Lass dir vom Untersteuermann etwas geben, mein Junge«, fügte er hinzu,
»und dann kannst du mir immerhin ein paar Tropfen zukommen lassen. Bei diesem
kalten Wind ist das eine wahre Wohltat, weisst du, - ich mache es mit Fleisch und
Kaffee wieder gut.«
    Robert wagte nicht, dem Spanier etwas abzuschlagen, daher tat er, was man
ihm sagte, und Gallego stürzte den Branntwein auf einen Zug in die durstige
Kehle hinab.
    »Wir müssen gute Freunde werden«, raunte er mit vertraulichem Blinzeln dem
Jungen zu. »Ich mag dich leiden, Kleiner.«
    Aber Robert teilte diese Zuneigung durchaus nicht. Er ging dem Koch aus dem
Wege, wenn es irgend möglich war, und sprach nur mit ihm, wenn er mittags seine
»Back« zum Füllen hingab. Die dicke Erbsensuppe wurde dann auf der Seekiste
sitzend verzehrt, wobei jeder Mann den Napf zwischen seinen Knien hielt. Robert
erfuhr hier, dass alle Matrosen ihre Spitznamen hatten, weshalb er sich denn auch
nicht mehr wunderte, von der ganzen Mannschaft »Moses« genannt zu werden. Ausser
ihm gab es einen »Speckesser«, einen »Rotfuchs«, einen »kleinen und grossen
Russen«, eine »Klappmütze« und so weiter. Den alten Matrosen, seinen Freund
Mohr, nannten sie den »Geisterseher«.
    An diesen Mann schloss er sich ganz besonders an, und von ihm lernte er die
Einrichtung des Schiffes kennen. Seine Fahrten mit dem Segelboot und die
Erläuterungen, die ihm der Matrose vom »Blitz« gegeben hatte, erleichterten ihm
zwar wesentlich das Verständnis des Ganzen, aber dennoch gab es vieles, das er
jetzt zum erstenmal sah. Und Mohr unterrichtete den Jungen und zeigte ihm alles,
wenn sich dazu Zeit fand.
    »Der vordere Teil des Schiffes heisst der Bug«, sagte er, »und die
augenartigen Löcher, die du dort auf jeder Seite in der Bordwand siehst, nennt
man Klüsen. Durch sie laufen die Ankerketten beim Herablassen und Hieven des
Ankers. Ausserdem trägt der Bug gewöhnlich einen Aufbau, die Back, die das
Vorschiff vor überkommenden Seen schützt und zugleich als Stand für den Ausguck
dient. Im Bug, unter und auf der Back, enden alle Taue, durch welche die
Vorsegel, also die dreieckigen Klüversegel, regiert werden.«
    Robert begriff alles ohne Mühe. »Und was bedeutet es«, unterbrach er, »wenn
der Steuermann fragt: Alles klar?«
    »Das heisst«, antwortete der Alte, »ob alles in Ordnung und alles vorbereitet
ist, um irgendein Segelmanöver auszuführen. Macht klar Deck! zum Beispiel
bedeutet, alle Tauenden an ihren bestimmten Plätzen aufzurollen, so dass nicht
allein alles ordentlich aussieht, sondern auch sofort für ein weiteres Manöver
bereit ist. Du weisst ja, Junge, Ordnung ist das halbe Leben.«
    »Jetzt zum Achterschiff«, drängte Robert, und der Alte folgte lächelnd
seinem ungeduldigen Schützling nach hinten. »Die Erhöhung, unter der die Kajüte
liegt«, begann er seinen zweiten Vortrag, »heisst das Quarterdeck. Das
Achterschiff ist ausschliesslich für den Aufentalt des Kapitäns und der
Steuerleute bestimmt, wir Matrosen dürfen es nur auf ausdrücklichen Befehl
betreten. Von hier aus wird das Schiff durch das Steuerruder regiert,
seemännisch das Ruder genannt. In seinem Kopf steckt eine eiserne Stange, die
Ruderpinne, die mit dem Steuerrad durch eine lange Kette verbunden ist. Bei
gutem Wetter steht ein Matrose am Ruder, bei schlechtem aber zwei.«
    Robert wollte mehrere Male den Alten unterbrechen, jetzt endlich platzte er
heraus mit einer Frage, die ihm schon längst auf der Zunge lag. »Steuert denn
nicht der Steuermann selbst das Schiff?«
    »Der Steuermann beobachtet auf dem Kompass, ob der Matrose am Ruder den
richtigen Kurs einhält. Ist dieser zum Beispiel Nord-Nord-West, wie wir jetzt
laufen, so muss die Spitze der Kompassrose Nord-Nord-West zeigen und dabei immer
in der Mittellinie des Schiffes liegen, weicht sie aber nach rechts oder links
ab, so muss das Rad so lange gedreht werden, bis sie wieder richtig zeigt.«
    Robert nickte. »Noch eins!« bat er, »Anluven heisst doch: das Schiff mit dem
Bug in den Wind drehen, nicht wahr? Aber was ist Backlegen?«
    »Backlegen heisst: die Fahrt des Schiffes stoppen. Die Segel am Fockmast
werden dabei nicht verändert, am Grossmast aber brasst man die Raaen so herum, dass
der Wind auf sie von vorn einwirken muss, dadurch treibt er mit derselben Kraft
das Schiff nach hinten, mit der er es durch die Vordersegel nach vorn treibt. Es
ergibt sich also eine Gegenwirkung, ein Gleichgewicht der Kräfte, und das
Fahrzeug bleibt regungslos liegen. Man wendet dies Manöver an, wenn ein Boot
herabgelassen werden soll, oder wenn die Kapitäne zweier sich begegnender
Schiffe zusammen sprechen wollen, was wir Preien nennen.«
    »Aber jetzt müssen wir aufhören«, fügte er hinzu. »Ein anderes Mal mehr
darüber. Und höre noch, Junge! Wenn dich der Koch verleiten will, ihm von dem
Rum des Kapitäns zu geben, so tu es nicht; Unrecht bringt keinen Frieden.«
    Robert schlug die Augen nieder. »Ich will es nicht tun, bestimmt nicht,
Onkel Mohr!«
    Der Matrose seufzte leise. Seine Augen sahen starr über das Meer, langsam
schüttelte er den Kopf. »Sollst mein Erbe werden«, flüsterte er, »sollst haben,
was ich besitze, weil du mich Onkel genannt hast, weil mir dein unschuldiges
Herz Vertrauen und Liebe entgegenbringt. Du bist noch ein Kind, - und du bist
seit Jahrzehnten der erste, der mir so menschlich begegnet ist. Hab Dank!« -
    Er glitt mit der wetterharten Hand über Roberts Haar und ging dann seiner
Arbeit nach. Mit den übrigen Leuten sprach er wenig, obgleich ihn keiner
belästigte, sondern vielmehr alle eine gewisse Scheu vor ihm an den Tag legten.
Er war von der ganzen Besatzung am längsten an Bord, und Kapitän van Swieten
behandelte ihn fast wie einen gleichgestellten Freund. Irgendein Geheimnis musste
aber doch den »Geisterseher« umgeben, und irgendein Geheimnis umgab überhaupt
das ganze Schiff - Robert fühlte es mehr, ohne es jedoch deuten zu können.
    Es blieb ihm auch nur wenig Zeit, an andere Dinge als an seine Arbeit zu
denken. Man war in den englischen Kanal eingelaufen, und dieses Fahrwasser ist
bekanntlich für den Seemann eins der gefährlichsten. Es gibt viele Kapitäne, die
während der Reise durch den Kanal nur von Zeit zu Zeit vollständig angezogen auf
dem Sofa einen Augenblick schlafen, sonst aber immer an Deck sind, um alles
selbst zu überwachen.
    Auch Kapitän van Swieten und sein Obersteuermann verdoppelten ihre Vorsicht,
besonders da das Schiff bei Einbruch der Nacht in dichten Nebel geriet. Die
grüne und rote Positionslaterne wurde auf beiden Seiten in die Wanten gesetzt,
und eine weisse Laterne kam in den Vortop. Der Untersteuermann, der seines
besonders scharfen Auges wegen der »Fernkieker« genannt wurde, verbrachte fast
die ganze Zeit neben dem Matrosen auf dem Ausguck, und der Obersteuermann ging
fortwährend an Deck von einer Seite zur andern, um ein vorübersegelndes Schiff
rechtzeitig zu bemerken.
    Diese Vorsicht war nur allzu gerechtfertigt. Robert sah, wie nacheinander
mehrere Schiffe in nächster Nähe rechts und links an der »Antje Marie«
vorüberzogen, so nahe, dass zwischen dem einen und dem andern Fahrzeug nur wenige
Meter Entfernung blieben. Im Nebel sahen diese Schiffe geradezu riesig aus,
lautlos wie Nachtgespenster glitten sie vorbei.
    Der Obersteuermann trat in die Kajüte. »Ist kein Nebelhorn an Bord, van
Swieten?« fragte er.
    Der Kapitän nickte. »Doch, Renefier. Hier im Schrank muss es liegen. Such
nur, es ist entweder da, wo meine Kleider hängen, oder bei den Notsegeln. Finden
wirst du es bestimmt!«
    Der Steuermann warf ärgerlich durcheinander, was ihm zwischen die Finger
kam. Seine Füsse stampften vor Ungeduld auf den Boden. »Eine Teufelswirtschaft«,
brummte er. »Im dichtesten Nebel das Horn nicht finden. Da soll doch - -«
    Er brach ab, weil die Tute, auf dem Boden des Kleiderschrankes unter
Stiefeln und Tauenden vergraben, endlich zum Vorschein kam. Ohne ein weiteres
Wort zu verlieren, ging er hinaus und drückte das Instrument dem nächsten
Matrosen in die Hand. »Alle zwei Minuten!« befahl er. »Aha, dort wird es auch
schon auf anderen Schiffen lebendig.«
    Und wirklich hörte man über das ruhige Wasser von allen Seiten die
klagenden, langgezogenen Töne. Es lief kalt über Roberts Rücken herab, als er
das sonderbare Konzert mit anhörte. Wie Warnungsrufe aus einer anderen Welt
klangen die Hörner.
    »Passiert es häufig, dass zwei Schiffe zusammenstossen?« fragte er flüsternd
einen der Matrosen, der neben ihm stand.
    Der Mann nickte. »Sehr oft sogar«, bestätigte er. »Ich selbst bin einmal
nahe daran gewesen - auf Haaresbreite, möchte ich sagen. Das war in der Nordsee
und der Nebel so dicht, dass wir vom Grossmast aus den Bugspriet nicht sehen
konnten. Plötzlich ertönte ein furchtbares Krachen - im Nu waren wir an Deck,
aber da sank schon das Schiff unter unsern Füssen. Ich weiss von dem ganzen
Vorfall nur noch soviel, dass ich halb besinnungslos ein über mir erscheinendes
Tau ergriff. Es war das Bugstag des anderen Schiffes; ich hielt mich mit allen
Kräften daran fest und wurde auch schon nach wenigen Augenblicken durch ein
Schlingtau an Bord geholt. Es war eine englische Brigg, mit der wir
zusammengestossen waren. Sie legte sich back, setzte ein Boot aus und versuchte,
auch die übrige Mannschaft des sinkenden Fahrzeuges zu retten, aber bis man die
nötigen Vorbereitungen getroffen hatte, war alles zu spät. Vor unsern Augen
verschwanden die Mastspitzen, als das Boot den Wasserspiegel berührte.«
    Robert fühlte doch ein unüberwindbares Grauen. Er ging auch dann nicht zur
Koje, als seine Wache abgelöst wurde, sondern blieb an Deck und horchte und
spähte in den Nebel hinaus.
    Gegen Mitternacht wurde der Wind etwas stärker, und sogar einzelne heftige
Stösse fuhren durch das Takelwerk. »Alle Mann an Deck!« erschallte die Stimme des
Obersteuermanns, und die vor kaum einer Stunde zur Koje gegangene Wache musste
aus den warmen Decken wieder heraus und in der kalten Herbstnacht ihre
beschwerliche Arbeit verrichten.
    »Zwei Reffs in die Marssegel!«
    Einer vor dem andern stürmte die Mannschaft in die Wanten hinauf, und jeder
bemühte sich, der erste zu sein. Selbst Gallego und der Kochsmaat, ebenso der
Zimmermann, die sonst nur an Deck arbeiteten, mussten mit hinauf, so dass bloss die
Leichtmatrosen und die Jungen von diesem gefährlichen Dienst verschont blieben.
Sie bedienten an Deck die Fallen und Brassen. Da bei der kleinen Besatzung nur
immer ein Mast zur Zeit vorgenommen werden konnte, musste man, bevor der Wind
ganz aufgekommen war, schon die Segel wegnehmen.
    Es blieb jedoch alles ruhig, und am Morgen strahlte bei scharfer Kälte die
hellste Sonne vom Himmel herab. Robert sah wieder, wenn auch nur als ferne
dunkle Umrisse, die Küste des festen Landes, er sah unzählige Fischerboote, die
in grösserer oder geringerer Nähe wie Nussschalen auf dem Wasser schwammen, und
erlebte dann etwas, was ihn ganz besonders interessierte. Einer der Matrosen,
der erst in Hamburg an Bord gekommen war, schrieb auf seiner Kiste einen Brief
und steckte ihn dann in eine leere Weinflasche, die er vorher gereinigt hatte.
Zwei englische Schilling folgten dem Papier, und dann erhob sich der Mann, um
den Kapitän um etwas Siegellack zu bitten.
    Roberts Augen waren neugierig jeder Bewegung gefolgt. »Was tun Sie da?«
fragte er unwillkürlich. »Wollen Sie die Flasche ins Meer werfen?«
    »Beinahe!« lächelte der Mann. »Aber hast du vielleicht auch ein paar Worte
an die Deinen zu bestellen, so beeile dich. Zehn Minuten will ich noch warten,
Papier ist hier.«
    Robert liess sich das nicht zweimal sagen, er ergriff mit Freuden die
Gelegenheit, seine alten Eltern zu beruhigen und um Verzeihung zu bitten. Die
Feder flog förmlich über das Papier, als zufällig der Kapitän in die Nähe der
Tür kam und den Jungen schreiben sah. Rasch ging er zur Kajüte zurück -
    Als dann der Matrose um etwas Siegellack bat, empfing er ihn sehr
freundlich. »Holt nur ein Boot heran«, sagte er, »ich habe auch geschrieben und
will die Flasche schon verschliessen.«
    Der Mann ging, aber kaum war er fort, als van Swieten mit einer langen
Schere Roberts Brief aus der Flasche zog und in seinem Taschentuch verbarg.
»Besser so«, murmelte er, »Gott weiss, welche Namen der Bengel nennt. Könnte mir
am Ende den preussischen Konsul auf den Hals hetzen! - Nein, nein, besser so!«
    Der Matrose hatte inzwischen sein Taschentuch an eine Stange gebunden und
mit dieser einfachen Flagge dem nächsten entgegenkommenden Boot ein Zeichen
gegeben. Das emporgehaltene Ruder gab ihm Antwort, worauf sehr bald das kleine
Fahrzeug in einiger Entfernung von der Antje Marie über die Wellen tanzte und
dann fast unter den Bug herankam. Die an einer Leine befestigte Flasche wurde
ins Meer geworfen, von den Fischern aufgefangen und im Vorratskasten des Bootes
untergebracht. Noch ein Gruss von beiden Seiten, dann war die kurze Begegnung
vorüber.
    »Und diese Briefe werden wirklich auf die Post gegeben?« fragte Robert.
    »Jedesmal!« antwortete der Matrose. »Das Geld ist nicht immer in ganz
sicheren Händen - häufig wandert der Brief unfrankiert zum Schalter, und die
lieben Angehörigen müssen das Porto selbst bezahlen, aber vernichtet oder
unterschlagen wird kein Schreiben. Auch der ärmste Fischer würde das nicht tun.«
    Robert sah mit leichtem Herzen dem Boot nach. Zum erstenmal seit langer Zeit
empfand er wirkliche Freude. Jetzt würden seine Eltern erfahren, wo er war, sie
konnten beruhigt sein und mussten doch auch verzeihen, wenn er sie jetzt um
Vergebung bat.
    Aber er ahnte ja nicht, dass unterdessen der Kapitän in aller Gemütsruhe
seinen Brief an einem Licht verbrannte. Robert handhabte mit wahrem Eifer den
Scheuerbesen, der ihm den Weg zur Kapitänswürde bahnen sollte, und plauderte
dann während der Freiwache mit dem alten Mohr. Jetzt näherte man sich auch schon
dem Atlantik, der Wind wurde steifer, und der Kurs musste etwas südlicher
genommen werden. Robert hatte gegen Mittag mit zwei Leichtmatrosen das Bramsegel
zu setzen und kam dabei ebenso schnell in die Wanten hinauf wie seine
erfahreneren Genossen. Es waren ihm während der kurzen Zeit die Seebeine schon
ganz nett gewachsen, und nur das Schlingern des Schiffes von einer Seite zur
andern machte ihm noch Schwierigkeiten. Bei dem grossen Schwingungsbogen, den da
oben die Bramstenge in der Luft beschrieb, hiess es sich tapfer mit den Händen
festalten und sicher in den Pferden stehen, wie man die Haltetaue unter den
Rahen nennt. Das Grossbramsegel war am schnellsten gesetzt, und als die drei
wieder an Deck kamen, erhielten sie sogar von dem mürrischen Obersteuermann ein
Lob.
    Am Abend kam jedoch eine Geschichte vor, die Roberts gute Laune sehr ins
Schwanken brachte. Man hatte jetzt das offene Meer erreicht, und es herrschte
eine Kälte, die das Spritzwasser an Deck innerhalb weniger Augenblicke zu Eis
gefrieren liess. Der Kapitän und der Obersteuermann unterhielten sich in
holländischer Sprache sehr lebhaft miteinander, dann rief van Swieten durch das
offenstehende Fenster der Kajüte: »Robert, bring mir mein Nachtglas!«
    Der Junge beeilte sich, einen steifen Grog zu mischen und ihn dem Kapitän zu
bringen, in der besten Meinung, den an jedem Abend üblichen Nachttrunk heute
einmal auf Deck reichen zu sollen; aber o weh! - Van Swieten bemerkte das
unterdrückte Lachen der Mannschaft, und da er seine eigene Schwäche nur zu gut
kannte, ärgerte ihn der Vorfall nicht wenig. Ein blauer Fleck an Roberts Oberarm
gab später von diesem Vorfall Zeugnis, aber nebenbei hatte Robert auch die
Genugtuung, das Grogglas schon leer zu sehen, als er einige Augenblicke später
das in Wirklichkeit verlangte Nachtfernrohr dem Kapitän überbrachte. Von der
Mannschaft glaubte ihm kein einziger, dass dieser Irrtum unabsichtlich geschehen
sei, und zu seinem Erstaunen sah er, wie ihn der ärgerliche Zwischenfall in
ihrer Achtung hob. »Das sind so Jungenstreiche«, hiess es, »wir haben's ja selbst
nicht besser gemacht, und der Alte säuft wirklich wie ein Schwamm.«
    Die Kälte stieg laufend und Renefier war der Ansicht, dass Eisberge in der
Nähe seien. Van Swieten meinte dasselbe, und so wurde früh am nächsten Morgen
ein Matrose in den Mars des Fockmastes geschickt, um scharfen Ausguck zu halten.
    Als bei Tagesanbruch die ersten Sonnenstrahlen das Meer vergoldeten, ertönte
vom Mars der Ruf: »Eisberge backbord voraus!« Die ganze Mannschaft stürzte an
Deck, der Kapitän und der Obersteuermann gingen auf das Kajütendeck, und auch
Robert drängte sich vor, um das ungeahnte Schauspiel mit anzusehen.
    Im Nordwesten erschienen hoch oben in der Luft prächtig glühende, in
Regenbogenfarben schimmernde Spitzen, seltsam geformt, hier wie ein ganzer Wald,
dort wie ein einsamer Fels. Blau und purpurn, violett und weiss, verschwammen und
spielten die Farben, während die Formen wie die Bilder einer Zauberlaterne
wechselten. Je höher die Sonne am Himmel emporstieg, desto tiefer herab auf den
Meeresspiegel fielen die glänzenden Lichter, desto blendender wuchsen die
blitzenden Massen, bis endlich, als das grosse Tagesgestirn mit seiner
leuchtenden Scheibe das ganze weite Meer erhellte, einige Hundert Eisberge in
ihrer ganzen Pracht majestätisch langsam vor dem Winde herantrieben.
    Wohl alle diese erfahrenen und sogar meistens alten Seeleute hatten ein
derartiges Schauspiel schon mehr als einmal gesehen, aber dennoch standen sie
alle ganz in den Anblick versunken. Nur Robert konnte nicht schweigen.
    Er suchte verstohlen die Hand seines alten Freundes. »Wie schön!« flüsterte
er, »ach, wie schön!«
    Der Alte nickte sehr ernst. »Aber wenn zwei von diesen Riesen das Schiff in
ihre Mitte nehmen, dann kracht es einmal schauerlich schnell - und die
Riesendiamanten segeln weiter - auf dem Meer aber schwimmen nur noch ein paar
Trümmer. - - -«
    Die dunklen Augen des »Geistersehers« blickten wie im Traum. Sein weisses
Haar flatterte im Wind. »Lass mich es allein sein, Vater im Himmel«, murmelte er,
»mich allein, nicht das unschuldige Blut um meiner Sünde willen! Lass es
vorübergehn!« -
    Gallego legte von hinten die Hand auf Roberts Schulter. »Der Alte hat seinen
schwarzen Tag«, murmelte er, »kümmere dich nicht um ihn. Du, geh in die Kajüte
und hole mir ein paar Tropfen Rum - jetzt merkt es keiner.«
    Robert beachtete den Spanier gar nicht. Er hatte nur Augen für Mohr. Was
mochte es sein, das den alten Matrosen so mächtig bewegte, das seine
Aufmerksamkeit von der wirklichen Welt fast ganz ablenkte? - -
    Aber zu Betrachtungen war jetzt keine Zeit. Das Kommando des Obersteuermanns
ertönte, und das Schiff wurde erst in den Wind geluvt, dann back gelegt. Nur auf
diese Weise konnte man hoffen, mit heiler Haut an der gefahrdrohenden
Nachbarschaft vorüberzukommen.
    Plötzlich hörte man von den kristallenen Riesen ein donnerähnliches Krachen
und Prasseln; man sah, wie einige der vielzackigen Häupter sich neigten,
plötzlich umfielen und sich gegenseitig zertrümmerten, während die Wogen
himmelhoch aufsprjetzten, wie aus tausend Springbrunnen zugleich.
    Dann wurde es wieder ruhiger, und nach wenigen Stunden war das
eindrucksvolle Schauspiel gänzlich vorüber.
    Diese im Atlantischen Ozean so oft angetroffenen Eisberge sind gleichsam
Kinder der grossen Gletscher, die von Grönlands Hochgebirge bis ins Meer
hineinragen. Sie können besonders bei Nacht oder Nebel den Schiffen
ausserordentlich gefährlich werden. Diese Gletscher schieben ihre Eismassen
allmählich in das Wasser hinein, dessen Temperatur wärmer ist als die der Luft
und das Eis so lange unterhöhlt, bis der obere Teil dem Gesetz der Schwere
folgt, vom Gletscher abbricht und ins Meer stürzt. So treiben die Massen auf dem
grossen Ozean, der Windrichtung folgend, nach Süden, wo sie allmählich
zerschmelzen.
    Der alte Matrose nahm die Mütze vom Kopf und sah über das Meer. Robert wagte
es nicht, ihn zu stören, aber als die beiden später allein waren, da fragte er:
»Onkel Mohr, was dachtest du vorhin, als wir die Eisberge sahen? Du hattest so
sonderbare Augen.«
    Der Alte schüttelte den Kopf. »Noch nicht«, antwortete er. »Das gehört mit
zu meinem Nachlass. Wenn wir hinter Ferrol sind, dann sollst du es erfahren.
Diese Reise ist meine letzte.«
    Der Junge erschrak. »Du willst das Seemannsleben aufgeben, Onkel Mohr?«
fragte er. »Aber ob du es aushalten wirst an Land?«
    Der Matrose lächelte. »Ich gehe nicht an Land, Kind, - das grosse
Seemannsgrab nimmt mich auf. Ich sterbe.«
    »Du? - Aber weshalb glaubst du das?«
    »Still. Das erzähle ich dir zur rechten Zeit. Für heute wollen wir Fische
fangen.«
    Der Junge fuhr auf. »Wo?« rief er. »Wie ist das möglich?«
    »Siehst du nicht, dass uns dauernd Fische aller Art begleiten?« fragte der
Alte. »Besonders die kleinen Delphine, die man auch Tümmler und Schweinfische
nennt, trifft man hier überall. Sie schmecken vortrefflich, wie du bald erfahren
wirst.«
    Gallego musste nun ein kleines Stück Fleisch hergeben, das am Angelhaken
befestigt wurde. An Stelle des Stockes wurde eine Leine genommen, die man von
der Rolle ablaufen liess und an Deck festielt. Plötzlich zuckte es so stark, dass
die Bewegung einen grossen Fisch zu verraten schien. Zwei Matrosen sprangen
hinzu, und mit vereinten Kräften zogen die drei Männer das zappelnde Tier bis
unter den Bug. Hier wurde ihm eine Schlinge um den Kopf geworfen, hinter die
Kiemen gehakt und nun der Fang an Bord geholt. An Deck wurde das fast zwei Meter
lange Tier mit einem Schlag auf den Kopf getötet. Nachdem die Eingeweide
entfernt waren, liess der Koch das Blut ablaufen, wusch das Fleisch und zerlegte
es in Stücke. Der Rücken, mit Salz und Pfeffer eingerieben, wanderte in die
Kombüse, um sogleich wie Roastbeef gebraten und dann von Kapitän und Mannschaft
mit grossem Appetit verspeist zu werden. Auch weniger wohlschmeckende Gerichte
würden auf hoher See schon willkommen gewesen sein, nur weil sie eine
Abwechslung boten. Jeder Tag hatte seinen bestimmten Küchenzettel, von dem man
nur notgedrungen abwich, wenn der Vorrat an Lebensmitteln aus irgendwelchen
Gründen nicht mehr ausreichte und die Rationen verkürzt werden mussten. Es konnte
also für den Matrosen in jedem Falle nur schlechter, nie aber besser werden. Wie
oft sass Robert mit seiner Schüssel auf der Kiste und konnte die schlimme Kost
kaum hinunterwürgen! -
    Was dem Matrosen fast jeder Nationalität gesetzlich zustand, war ein Pfund
Pökelrindfleisch dreimal wöchentlich, dann ein halbes Pfund Pökelschweinefleisch
viermal, und dazu abwechselnd Erbsen, weisse Bohnen, Reis und Graupen oder
Kartoffeln, solange sie vorhielten.
    Einmal während der sieben Tage gab es auch Klösse mit Pflaumen und hin und
wieder »Labskaus«, ein Gericht aus kleingeschnittenen Fleischresten, die mit
zerstampften Kartoffeln, Zwiebeln und Pfeffer tüchtig geschmort werden und sehr
gut schmecken.
    Im Hafen war die Sache natürlich anders. Jeder Kapitän sorgte dann für
frisches Gemüse und Fleisch, schon um die Leute gesund zu halten.
    An Getränken gab es Kaffee, Tee, Branntwein, Rum und Wasser, das in Tanks
und Fässern mitgenommen wurde.
    War aber auf diese Weise das Leben des Seemanns sehr hart und einfach, so
war es andrerseits auch für einen von Haus aus kräftigen Körper sehr gesund.
Robert wurde von Tag zu Tag stärker und gewandter; er zeigte sich den
Anforderungen des harten Borddienstes durchaus gewachsen und konnte sich in die
Gemeinschaft der Matrosen gut einfügen.
    Als der spanische Hafen Ferrol erreicht war, ging er mit den andern in der
fremden Stadt spazieren. Die alte Jacke aus Peter Vollands Hinterzimmer hatte
ihm Kapitän van Swieten gegen einen neuen Seemannsanzug vertauscht, aber Geld
bekam er nicht in die Hand, und ebensowenig durfte er allein von Bord gehen.
Immer begleitete ihn einer der älteren Matrosen.
    »Onkel Mohr«, fragte er eines Tages seinen alten Freund, »wann wirst du denn
endlich Urlaub nehmen, um die Stadt anzusehen?«
    Der Matrose schüttelte den Kopf. »Nie, mein Junge.«
    »Und warum nicht?« forschte Robert.
    »Weil mein Fuss überhaupt die Erde nicht wieder betreten soll.«
    Der Junge schwieg, dann aber sah er treuherzig in das Gesicht des alten
Mannes. »Onkel Mohr, gehört auch das mit zu deiner Geschichte?«
    Der Greis beugte sich über seinen jungen Schützling. »Hinter Ferrol«,
murmelte er, »wenn die Fahrt fast zu Ende geht, wenn - die Stunde schlägt!«
 
                                Der Schiffbruch
Der Hafen war verlassen, die Küste in der Ferne zurückgeblieben, und die »Antje
Marie« segelte wieder auf hoher See. An Bord aber regte sich geheimnisvolles
Leben.
    Robert sollte erfahren, was Peter Volland meinte, als er von den doppelten
Böden und verschiebbaren Planken des Schiffes sprach.
    Man hatte feine Weine geladen und verschiedene andere Waren. Das alles
befand sich teils in der Kajüte, teils war es im Logis aufgestapelt, während
noch unzählige teure Waren aus den Schränken und Kisten der Kajüte hervorkamen,
um dann in anderen Räumen verstaut zu werden. Das ganze Schiff glich einer
grossen Jahrmarktsbude, in der alles Mögliche ausgebreitet daliegt, um die
Schaulust der Käufer zu reizen.
    Hier prachtvoller flandrischer Samt, dort Brüsseler Teppiche, Mechelner
Spitzen und die Seidenwaren Frankreichs. Feiner Battist, Stickereien und
Schleier wechselten mit teuersten Sorten echten Champagners und Burgunders, mit
Blumenzwiebeln von Harlem und den Ölgemälden alter berühmter Meister.
    Und nun ging man an das »Stauen« all dieser Dinge. »Hast du es noch nicht
gewusst?« fragte der alte Mohr. »Wir treiben als Hauptverdienst den
Schmuggelhandel, aber lass du dich dazu nicht brauchen. Wenn sie dich abfassen,
so wirst du bestraft, und es kommt in deine Schiffspapiere. Ist auch ausserdem
kein ehrliches Geschäft.«
    »Was sollte ich denn dabei tun?« fragte der Junge erstaunt.
    »Hm, die zollpflichtige Ware an Land bringen, entweder eine Bootsladung bei
Nacht und Nebel den Mittelsmännern zuführen, oder einzelne Dinge an deinem
Körper in die Stadt schaffen. Dafür gibt es freie Tage und ein paar Taler Heuer
mehr, aber es ist doch nichts Gutes, und du solltest dich lieber heraushalten.«
    »Onkel Mohr«, fragte nach einer Pause der Junge, »tust du es auch nicht?«
    Der Alte strich mit der Hand durch das weisse Haar. »Ich, Kind? - Ja, ich tue
es, obwohl ich das Land nicht betrete, aber mit mir ist es etwas anderes, als
mit dir. Ich will schon dafür sorgen, dass du frei ausgehst. Im Augenblick musst
du freilich mitelfen, das lässt sich nicht ändern.«
    Kapitän van Swieten erschien an Deck. Der alte Holländer in seiner
altfränkischen, nicht gerade seemännischen Tracht liess sich selten ohne sein
Glas Grog sehen, gewöhnlich glänzte sein breites Gesicht vor trunkener Röte. Er
liess durch den Untersteuermann jedem Matrosen eine Flasche Wein geben, auch
Robert erhielt eine, obwohl er nicht so recht wusste, was er damit anfangen
sollte.
    »So, Kinder«, schmunzelte der Kapitän, »nun macht euch dran. Zuerst die
Flaschen verstauen. Das andere findet schon leichter seinen Platz. Also weg mit
den Kohlen, damit wir fertig sind, ehe Kuba in Sicht ist.«
    Ein beifälliges Murmeln der Matrosen antwortete dem »Alten«. Die
Champagnerpfropfen knallten in die sengende Mittagshitze hinein, und die
geleerten Flaschen flogen den tanzenden Korken nach ins Meer, nur der
Obersteuermann sah äusserst verdriesslich in das weinrote, behäbige Gesicht des
Kapitäns. »Hättest auch nicht jedem Kerl eine ganze Flasche schenken sollen«,
brummte er. »Ein Glas voll wäre genug gewesen.«
    Van Swieten blinzelte vertraulich. »Die Steinkohlen fallen dann aber so
verteufelt leicht - oder schwer, wenn du willst - einmal aus Versehen an die
unrechte Stelle, und meistens gerade dahin, wo Champagner liegt«, schmunzelte
er. »Kennst das nicht, Renefier, und übrigens bin ich Kapitän, wie du weisst, und
kann auf meinem Schiff das tun, was mir richtig scheint. Die Pfennigfuchserei
schätze ich nicht, daher habe ich überall, wohin ich komme, gute Freunde, das
solltest du dir merken.«
    Der Obersteuermann nickte grimmig. »Bis nach Havanna, van Swieten, dann
trennen wir uns«, sagte er. »Ich bin kein dummer Junge, der sich mit einer
Schattenherrschaft begnügt.«
    Van Swieten zuckte die Achseln. »Das ist deine Sache, Renefier. Jetzt
brauche ich aber alle Hände, um die Steinkohlen fortzuschaffen.«
    Die Matrosen schaufelten abwechselnd, bis eine Luke zum Vorschein kam, unter
der ein hübsches, tiefes Versteck lag. Mit lustigem Gesang packten dann die
Leute, von Hand zu Hand arbeitend, sorgfältig die Champagnerflaschen auf das Heu
in den Verschlag, und als alles gefüllt war, wurden in die entstandenen Lücken
die Blumenzwiebeln gestreut, so dass jeder Fussbreit Raum bedeckt war. Als zuletzt
der Kohlenvorrat wieder über der Luke lag, besichtigte van Swieten das Ganze und
schmunzelte sehr vergnügt. »Nun lasst die Spürnasen kommen«, sagte er, »mir
soll's recht sein. Sind schon seit sechzehn Jahren daran vorübergelaufen, also
werden sie es wohl auch diesmal tun.«
    Dann kamen die Spitzen und Teppiche an die Reihe. Hier liess sich ein Brett
verschieben und dort eins, hier war ein verborgenes Schränkchen und da sogar
mehrere. Tausende von Talern hätten nicht ausgereicht, um den Wert all dieser
versteckten Gegenstände bar zu bezahlen. - Robert staunte, als er sah, wie
planmässig die Sache betrieben wurde. Jetzt erst begriff er, weshalb damals Peter
Volland, der Wirt der Hamburger Matrosenschenke, so besorgt war, den betrunkenen
Koch der Verhaftung zu entziehen. Van Swieten konnte ja für sein Schiff nur
eingeweihte Leute brauchen und wäre in der grössten Verlegenheit gewesen, wenn er
ohne den Spanier hätte absegeln müssen. Und das wusste auch Georg, der falsche
Freund, als er ihn dem Heuerbaas in die Hände spielte, alles war verabredete
Sache, und er, Robert, der Betrogene.
    Doch tat es ihm nicht leid. In Havanna fand sich bestimmt ein anderes
Schiff, auf das er übergehen konnte, um in strengere, aber ehrlichere
Verhältnisse zu kommen - wenn nur der alte Mohr nicht gewesen wäre! Ihn wollte
er so ungern verlassen.
    Er suchte den alten Matrosen und fand ihn mitten in bunten Seidenstoffen auf
den Knien, wie er ein Stück nach dem andern in den Verschlag packte, der an der
Hinterwand der Kajüte angebracht war. Das meiste war schon verstaut.
    Robert trat zu dem Alten. »Onkel«, fragte er leise, »wie lange haben wir
noch bis nach Kuba?«
    »So acht Tage!« sagte der Matrose. »Warum fragst du mich?«
    Robert errötete. »O - ich meine nur so«, antwortete er verlegen.
    Der Alte sah ihn an. »Dir gefällt das nicht«, sagte er nach einer Pause,
»und du hast recht, mein Junge. Willst du in Havanna von Bord gehen?«
    »Mit dir, Onkel!« rief der Junge. »Gehst du nicht, so bleibe ich auch. Du
bist von allen der einzige, den ich gern habe.«
    Mohr erhob sich, nachdem er die letzte Planke wieder eingefügt hatte, von
seinen Knien. »Ich habe dich auch lieb«, antwortete er, »und darum sollst du
fort, mein Junge. Brauchst ja von dem, was du hier gesehen hast, keinem Menschen
zu erzählen, weil der Verräter immer eine jämmerliche Rolle spielt. Aber um
keinen Preis darfst du hier einrosten, vielleicht sogar selbst ein
Schmuggelhändler werden und später noch Schlimmeres - nein, nein, die Mannschaft
der Antje Marie ist für dich kein gutes Beispiel, du musst hier fort, und ich
helfe dir dabei.«
    »Wird auf jeder Reise geschmuggelt?« fragte nach einer Pause der Junge.
    »Immer. Das Geschäft ist jetzt aber sehr schlecht geworden. In früheren
Jahren, als wir den aufständischen Chinesen Waffen und Munition lieferten, war
es bedeutend besser. Damals verdienten wir Geld wie Heu - der Kapitän
wenigstens. Ich selbst habe nie mehr genommen, als ein Matrose für seine Arbeit
überall bekommt.«
    »Gar nichts von den Sonderzulagen für das Schmuggeln?«
    »Gar nichts, aber trotzdem besitze ich ein hübsches Sümmchen, und das soll
dir gehören, mein Junge. Lass dich nach Hamburg hin anmustern, reise nach Hause
und bitte deinen Vater um Verzeihung, das ist es, was ich wünsche, was du mir
versprechen musst. Wenn du einwilligst, wenn du versprichst, vor deinem Vater
Abbitte zu tun, dann - hat sich ein Stückchen Bestimmung erfüllt, dann würde ich
glauben, auch für mich eine sehr gute Botschaft gehört zu haben. Die letzte auf
Erden; willst du sie mir bringen, willst du nach Hause reisen und dich mit
deinem Vater versöhnen, ehe du wieder zur See gehst?«
    Robert fühlte, wie ihm das Herz schlug. Recht hatte der Alte, aber - wenn
ihn sein Vater nicht wieder fortliess? Wenn er noch einmal gezwungen wurde, auf
dem Tisch zu sitzen und zu nähen?
    Der Matrose las den Gedanken von seiner Stirn. »Kannst ja schon in Liverpool
oder Le Havre schreiben«, sagte er. »Aber denke nicht, dass der Vater hart sein
würde, unmöglich könnte er es, wenn du freiwillig zurückkehrst.«
    In Roberts Augen standen Tränen. »Ich möchte tun, was du sagst, Onkel Mohr«,
flüsterte er. »Ich möchte, dass die Eltern ganz mit mir einverstanden wären, aber
- weglaufen müsste ich zum zweitenmal, wenn sie hart blieben.«
    Der Alte lächelte. »Komm mit«, winkte er. »Ich will dir zeigen, dass meine
Worte mehr als ein leerer Schall sind. Du sollst dein Erbteil sehen.«
    Er liess den Jungen in die Schiffskiste blicken, in der sich eine ziemlich
grosse Anzahl holländischer und spanischer Münzen befand. »Das alles ist für
dich«, sagte er leise, »aber du musst tun, worum ich dich gebeten habe, nicht
wahr, Junge? Es kommt der Tag, wo du mir für unser heutiges Gespräch dankbar
sein wirst, darauf verlasse dich.«
    Robert gab gerührt und mit dem festen Vorsatz, es zu halten, das verlangte
Versprechen. Dann reichte ihm der Alte die Flasche Champagner, die er selbst bei
der Verteilung heute bekommen hatte. »Trink es in den nächsten Tagen,« sagte er
freundlich.
    »Und du, Onkel Mohr«, fragte der Junge, dem der unbekannte, schäumende Wein
ganz besonders gut gefallen hatte, »warum willst du nicht?«
    Der seltsame Mann schüttelte den Kopf. »Ich trinke keinen Alkohol«,
antwortete er. »Lass dir's gut schmecken.«
    Und dann ging er fort, wie es seine Gewohnheit war, wenn ihm ein Gespräch
peinlich zu werden schien. Robert hatte längst erkannt, dass irgendein grosses
Unglück auf dem Alten lasten müsse, aber er wagte nicht, noch einmal danach zu
fragen. Mohr würde ja bestimmt Wort halten und ihm alles freiwillig erzählen.
    Die Waren hatten jetzt fast alle ihren Platz gefunden, und während der
folgenden Tage musste das ganze Schiff von oben bis unten gescheuert werden. Der
Obersteuermann wetterte und fluchte an Deck herum, als wolle er alles nachholen,
was ihm während der ganzen Reise an unumschränkter Herrschergewalt verloren
gegangen war. Die Matrosen murrten so laut, dass es sogar der Kapitän bemerkte,
und ein fast vollständiger Bruch zwischen den beiden war die Folge davon.
    Van Swieten hatte, wie das sehr häufig geschah, zuviel getrunken. Er war
daher in streitlustiger Laune und wollte vor allen Dingen sein Ansehen als
Kapitän des Schiffes gewahrt wissen. Ihm gehörte die »Antje Marie«, er war Herr
an Bord, und niemand durfte ihm widersprechen. »Geh in deine Kajüte, Renefier«,
rief er mit lauter Stimme dem Obersteuermann zu. »Geh und schlafe oder tue, was
dir Spass macht. Deines Postens bist du entoben, - du passt nicht auf mein Schiff
und noch weniger zu meinen Leuten.«
    Der Steuermann wurde blass wie eine Wand, aber er beherrschte sich doch und
verliess schweigend das Deck, nur als der Kapitän im Vorraum der Kajüte nahe an
ihm vorüberging, fragte er leise: »Van Swieten, hast du dir deine Worte gut
überlegt? Hast du an meiner Stelle einen Mann zur Verfügung, der den Standort
aufnehmen kann, und der es versteht, eine Höhenberechnung aufzustellen? -
Besinne dich, ehe es zu spät ist.«
    Der Kapitän schlug mit der Hand in die Luft. »Unsinn«, rief er, »das kann
ich alles selbst, und der Untersteuermann kann es auch. Ich habe ihm schon
deinen Posten übertragen, und du sollst dich nirgendwo mehr hineinmischen, hörst
du. Ich brauche willige Kerle, die vor dem Teufel nicht bange sind und die den
Taler gern verdienen, ohne lange zu fragen, womit, aber keine Scheuerweiber, die
an nichts anderes als an Sand und Seife denken.«
    Der Obersteuermann zog sich sehr verletzt zurück, und der Kapitän ging in
seine Kajüte, um den letzten Rest nüchternen Bewusstseins mit Grog
hinunterzuspülen. Der zweite Steuermann, ein wenig tatkräftiger Mensch, konnte
sich kaum durchsetzen, so dass an Bord vollständige Unordnung entstand. Nur die
notwendigsten Arbeiten wurden vorgenommen, sonst aber lagen die Leute in ihren
Kojen und spannen wechselweise ein »Garn«, wie der Seemann das Erzählen einer
Geschichte nennt. Das Wetter blieb günstig, der Wind schwach und die Sterne
sichtbar, es ereignete sich also nichts Besonderes.
    Nur Mohr schüttelte den Kopf. »Noch einen Tag und eine Nacht«, murmelte er,
»dann müssen wir den Hafen erreicht haben! - Seltsam, seltsam!«
    »Mohr«, sagte ein anderer, »gib auch einmal etwas zum besten! Du hast von
deiner Vergangenheit noch nie gesprochen, also tue es jetzt.«
    Der Alte sah über das Wasser, und sein tiefliegendes Auge glühte fast
unheimlich. »Ich hätte heute abend ein Garn gesponnen, auch ohne eure
Aufforderung, Kameraden«, antwortete er. »Aber ob ihr meine Geschichte
unterhaltend finden werdet, weiss ich nicht.«
    Die andern rückten näher, und die kurzen Pfeifen wurden angesteckt. Mohr zog
den Jungen näher zu sich heran. »Morgen früh werden wir die blauen Berge von
Kuba aus der Ferne wie Schatten auftauchen sehen«, sagte er, »morgen scheint für
mich zum letzten Mal die Sonne, - darum hört alle, was ich euch zu erzählen habe
und haltet euch daran.«
    Niemand widersprach ihm. Sie kannten ja alle den Geisterseher, der oft in
dunklen Nächten so unheimliche, angstvolle Worte murmelte, der sich im Schlaf
von einer Seite zur andern warf und träumend schluchzen konnte wie ein
geängstigtes Kind.
    »Der Klabautermann sitzt auf seiner Brust und drückt ihn«, hatten dann wohl
einige heimlich erschauernd gesagt, während andere den Kopf schüttelten. »Die
Nachtmahr ist es, das bleiche Gespenst, sie will mit ihm würfeln um sein
Herzblut, und er kann sich ihrer nicht erwehren - -«
    Sie kannten ihn darum widersprach keiner.
    Mohr senkte den Kopf in die hohle Hand. »Ich war mit zwanzig Jahren ein
lustiger, übermütiger Junge«, begann er seine Geschichte, »der sich weder vor
Gott noch vor dem Teufel fürchtete und dahinlebte, als dauerten Jugend und
Gesundheit ewig, nur um alle Freuden des Daseins in vollen Zügen zu geniessen.
    Das Seemannsleben gefiel mir nicht mehr, weil die Zeit der Arbeit und der
Entbehrungen so lang war, die Freudentage im Hafen aber sehr kurz, und
besonders, weil ich an Bord gehorchen musste wie ein Schuljunge. Das konnte
gerade ich am allerwenigsten, das erregte immer meinen Jähzorn und stürzte mich
in viele Verlegenheiten. Einmal habe ich dem Kapitän, der mir ein verweisendes
Wort sagte, eine Ohrfeige gegeben und dafür als Meuterer die ganze Reise in
Eisen gelegen, aber alles das konnte mich nicht zur Besinnung bringen. Ich ging
also von Bord und legte mich einstweilen in meines Vaters Haus vor Anker. Der
Alte war Wirt, lebte mit einer bejahrten, mürrischen Schwester ganz allein und
sah mich höchst ungern kommen. Einen erwachsenen Sohn zu füttern, der noch
obendrein jeden Augenblick mit den Gästen Streit anfing und es meistens vorzog,
die besseren Weine und Kognaks selbst auszutrinken, anstatt die Gäste freundlich
zu bedienen, das liebte er wenig.
    Hätte ich Flaschen spülen, Kegel aufsetzen und Bier abzapfen wollen, hätte
ich bei der alten Tante den Küchenjungen gespielt und ihr Schosshündchen
gestreichelt, dann wäre alles gut abgelaufen, so aber wurde das Verhältnis
zwischen mir und meinem Vater immer schlechter, bis ich zuletzt den ganzen Tag
auf der Bank lag und rauchte oder trank, mit mir selbst und der Welt vollständig
zerfallen.
    Sollte ich nachgeben? Wieder ein Schiff suchen, mich von meinen Kameraden
auslachen lassen und der Tante, die den Alten aufhetzte, das Feld räumen? Es
ärgerte mich, nur daran zu denken, aber der gegenwärtige Zustand konnte nicht
länger dauern. Es musste bald anders werden, das sah ich wohl, da mir auch der
Vater niemals Geld geben wollte. Es ist genug, dass ich einen Taugenichts
ernähre, sagte er mir einmal. Du solltest dich schämen, von deinem alten Vater
noch Geld zu verlangen. Ich gebe dir nichts, und wenn du keinen Anzug mehr
anzuziehen hast und keine Schuhe an den Füssen.
    Damals zerschlug ich in meiner wilden Wut alles, was mir im Weg stand, die
Flaschen und Gläser, die Fensterscheiben und die Rohrstühle, ich tobte wie ein
wildes Tier im Käfig und ging erst fort, als kein heiles Stück mehr zu finden
war.
    Drei Tage lang trieb ich mich umher, ass rohe Feldfrüchte, hungerte und
schlief hinter den Zäunen, dann kehrte ich zurück, um nicht ins Gefängnis zu
kommen, aber es war ein elendes Leben, das ich führte, mir selbst zur Last. Der
Alte sagte nichts; er fürchtete wohl einen ähnlichen Auftritt und liess mich
daher tun und treiben, was ich wollte. Die Tante machte es ebenso, sie ging im
weiten Bogen um mich herum und nahm ihr Hündchen auf den Arm, sobald ich im
Zimmer erschien. Das ärgerte mich aber viel mehr, als wenn mir die beiden das
Leben täglich zur Hölle gemacht hätten; ich wurde so grimmig, so verbissen, -
oh, ich kann euch nicht sagen, wie.
    Du hängst dich auf, dachte ich bei mir, dann hat alles ein Ende. Gerade vor
der Kammertür der Tante, damit sie sich erschreckt.
    Den Nagel schlug ich auch richtig in die Mauer hinein, aber weiter kam es
nicht. Man hält doch am Leben fest, und wenn es noch so elend ist.
    Um diese Zeit, gerade an meinem Geburtstag, kam einmal ein Mann in die
Schenke, der mit allerlei Kleinigkeiten, unter anderem auch mit Lotterielosen
handelte. Ich lag wie gewöhnlich auf der Bank hinterm Ofen, heute noch
schlechter gelaunt als sonst. Es war ja mein Geburtstag, aber kein Mensch
kümmerte sich darum, niemand hatte mir ein freundliches Wort, einen Glückwunsch
gesagt, obwohl es der Alte ganz genau wusste. Das ärgerte mich rasend. Ich dachte
wieder an den Nagel über der Kammertür.
    Da trat der Mann zu mir und hielt zwischen den Fingern ein schmutziges,
zerknittertes Blatt. Kauft der Herr kein Los? fragte er schmeichelnd. Gerade das
letzte, also das Glückslos, weil man immer das beste bis zuletzt aufhebt -
Nummer 26!
    Es durchfuhr mich sonderbar. Heute an meinem Geburtstage wurde mir das Los
angeboten, dessen Nummer die Zahl meiner Jahre angab. Wie merkwürdig!
    Ich stand auf und zeigte das Papier dem Alten. Vielleicht ist es ein Wink
des Schicksals, flüsterte ich. Vielleicht bringt es mir Glück.
    Er zuckte die Achseln und wusch seine Gläser, ohne zu antworten. Das brachte
mich schon auf, weil es die anderen Gäste sahen.
    Der Losverkäufer schlich mir nach. Sie sollten es nehmen, drängte er. Die
Ziehung ist schon in vierzehn Tagen, und die Nummer bringt Glück. Hab' schon
einmal auf Sechsundzwanzig das grosse Los gehabt. Wäre doch herrlich, so viel
Geld, nicht wahr?
    Mir stieg das Blut heiss zu Kopf. Vater, sagte ich mit lauter Stimme, seid so
gut und leiht mir die paar Taler, ich will es kaufen.
    Der Alte zögerte. Er murmelte etwas, das ich nicht verstand, aber er griff
endlich doch in die Kassenschublade und zählte das verlangte Geld auf den Tisch,
alles ohne ein Wort zu sagen. Er hatte Angst vor mir, das war ganz sicher.
    Er und ich, wir sprachen von der Sache nicht weiter, und das Los blieb in
meiner Tasche. Die vierzehn Tage vergingen wie alle anderen, ich las und trank,
rauchte oder schlief und war immer schlecht gelaunt. An den Gewinn dachte ich
schon längst nicht mehr.
    Da erschien eines Abends der Händler wieder, als gerade das Gastzimmer Kopf
an Kopf besetzt war. Er winkte mir schweigend, ihm zu folgen. Gewonnen,
flüsterte er, als wir draussen vor der Tür standen, gewonnen! Ich habe das Geld
mitgebracht. Wieviel lassen Sie mich verdienen, wenn ich es gleich auszahle?
    Hinter uns erschien in diesem Augenblick wie ein schwarzer Schatten der
Alte. Was gibt's? fragte er, hat das Los gewonnen?
    Der Mann hob warnend den Finger. Pst! flüsterte er, nicht so laut, die
anderen merken es. Das schöne Geld könnte gestohlen werden. Es ist eine grosse
Summe, und ich bin ein geschlagener Mann, wenn mich Diebe überfallen. Nachher
wollen wir alles besprechen, wenn die Gäste fort sind.
    Er ging voran in das Zimmer, und ich folgte ihm, halb berauscht vor Freude.
Also endlich sollte meine Erlösungsstunde schlagen, endlich sollte ich wieder
Geld besitzen, viel Geld, wie der Mann gesagt hatte! - Ach, dieses Gefühl, diese
rasende Freude. Ich trank und trank, bis meine Augen die Dinge ringsumher nicht
mehr mit Sicherheit unterscheiden konnten.
    Ich wollte das langweilige Dorf verlassen, mit dem schnell erworbenen
Reichtum in eine grössere Stadt ziehen und dort durch Leihgeschäfte mühelos immer
mehr Geld verdienen, ich schmiedete Pläne über Pläne, und in allen spielte mein
Vermögen die Hauptrolle.
    Karten und Würfel gingen von Hand zu Hand, ich trank und verlor viel Geld,
aber ich lachte darüber. Was machte das aus, da ich ja reich war!
    Aber wieviel mochte es nur sein? - Heute blieben auch die Gäste länger als
sonst. Ungeduld brannte in allen meinen Adern. Mitternacht war vorüber, als
endlich die letzten halbbetrunkenen Bauern abzogen. Jetzt waren ausser mir selbst
nur noch mein Vater und der Händler im Schenkzimmer. Die Tante sass nickend in
der Küche.
    Wieviel ist es? fragte flüsternd der Alte, und: wieviel ist es? wiederholte
ich zitternd vor Begier.
    Der Mann sah von einem zum andern. Zwanzigtausend harte Taler, raunte er.
Habe es ja gesagt, die Sechsundzwanzig ist eine Glücksnummer. Was soll ich
haben, wenn ich das Geld gleich auszahle anstatt in sechs Wochen?
    Mir flirrte und flunkerte es vor den Augen. Tausend Taler! rief ich sofort.
Das ist fürstlich bezahlt, also zahl das Geld aus!
    Da legte sich eine Hand auf meine Schulter. Langsam, langsam, rief der Alte,
was geht es dich an, wieviel ich dem Händler geben will?
    Du?
    Ich starrte ihn an, unfähig, mehr als das eine Wort herauszubringen.
    Natürlich, bestand er, das Geld gehört mir, ich habe das Los bezahlt und
kann zehn Zeugen bringen, dass ich die Wahrheit sage.
    Heisser rann es durch meine Adern. Mir hast du das Geld geliehen, schrie ich,
und du kannst es zurückerhalten, sobald mir das Geld ausbezahlt ist. Gib her,
Mann, hier hast du das Los und tausend Taler sind für dich!
    Der Mann griff nach dem Papier. Ein solches Trinkgeld bot ihm bestimmt
niemand, am wenigsten aber der habsüchtige Alte. Er stand deshalb ganz auf
meiner Seite und begann hastig die Kassenscheine auf den Tisch zu zählen. Dann
machte er sich davon, so rasch ihn die Füsse trugen.
    Der Vater legte seine Hand auf das Geld. Mir gehört es, raunte er, und ich
werde es behalten. Ergib dich im Guten, oder -
    Ich sah ihm aus nächster Nähe ins Auge. Oder? zischte ich.
    Du wanderst morgen ins Gefängnis. Ich habe das Los bezahlt, ich bin hier im
Dorf als anständiger Mann bekannt, ich betreibe ein ehrliches Handwerk, du aber
bist ein Tagedieb und Herumtreiber, der jetzt auch noch seinen alten Vater
bestehlen will!
    Die Habgier musste ihn völlig verblenden, mir so drohend gegenüberzutreten.
Ein Schein nach dem andern verschwand in seinen Taschen.
    Und da, Kameraden, da war's um mich geschehen. Er hatte das Wort stehlen
ausgesprochen, hatte meine Ehre tief verletzt.
    Ich ergriff einen schweren Hammer, der zufällig auf dem Tisch lag - -«
    Der alte Matrose hielt einen Augenblick inne. Kalter Schweiss perlte von
seiner Stirn, die Stimme klang kaum verständlich -
    Unter den Leuten herrschte Totenstille - -
    »Vor meinen Augen war alles rot, wie zuckende Blitze«, fuhr er nach einer
Pause fort. »Ich weiss nur noch, dass mir die völlige Besinnung erst später
zurückkehrte. Und da war ich nüchtern auf einen Schlag.
    Vor mir am Boden lag mit gespaltenem Schädel mein Vater, und seine
gebrochenen Augen schienen starr zu dem Mörder aufzusehen. Langsam rann das Blut
über die Kassenscheine, die er im Fallen mit sich vom Tisch gerissen hatte.
    Alles war totenstill um mich herum, nur ein eintöniges leises Geräusch hörte
ich, ganz leise wie das Ticken einer Uhr. Es war Blut, das langsam über die
Stufen der Kellertreppe hinabtropfte und in mir ein eisiges Grauen wachrief. Das
Licht brannte allmählich herab, knisterte und zuckte noch ein paarmal hoch auf,
dann erlosch es ganz.
    Ich rührte kein Glied. Wie gelähmt, wie erstarrt sass ich da. Mörder! schien
es in mir zu flüstern, und Mörder ringsum in der stillen Luft, bis mich fast
wahnwitzige Angst ergriff. Ich musste fort von hier, bevor es Tag wurde, ich
konnte um keinen Preis noch einmal in dieses gebrochene Auge sehen.
    Stunde um Stunde verrann. Der Tag rückte näher, die Hähne im Dorfe begannen
zu krähen, Hunde bellten und hier und da knarrten Wagenräder.
    Ich machte keine Bewegung, atmete kaum - da drang durch die Fensterläden ein
erster schwacher Schimmer - er streifte die dunkle stille Gestalt am Boden. -
    Schaudernd raffte ich mich auf und schlich zur Tür, immer verfolgt von dem
Blick der toten Augen. Wohin ich mich wandte, da begegnete mir der schreckliche
Anblick. Ich öffnete die Tür und trat hinaus ins Freie, in den Frieden des
Sommermorgens - -
    Oh, Kameraden, möchte keiner unter euch einmal das empfinden müssen, was ich
damals empfand. Ich fühlte den Fluch des Mordes auf mir und stürzte davon, wie
einst die ersten Menschen aus dem Paradies.«
    »Onkel Mohr«, flüsterte Robert, sich an dem Alten festaltend, »du Armer!«
    Und auch die andern waren ernst und still. Selbst diese rohe Schar,
zusammengewürfelt aus aller Herren Länder, verwahrlost in der steten Ausübung
eines widerrechtlichen Berufes, war tief ergriffen von dem furchtbaren Schicksal
des Gefährten, dessen silberweisses Haar sich heute noch beugte unter der Last
einer Erinnerung, die ihn sein ganzes Leben verfolgt hatte.
    Nur Gallego schlich ungesehen im Dunkeln des Logis zu Roberts Koje und stahl
die Champagnerflasche, mit der er sich in die Kombüse begab und in gierigen
Zügen den perlenden Schaumwein hinunterstürzte.
    Niemand beachtete ihn. Alle standen ganz unter dem Eindruck der Worte des
Alten, dessen Wesen ihnen jetzt erst anfing verständlich zu werden. Darum das
Flüstern im Schlafe, darum das leise flehende: »Sieh mich nicht an, bitte, sieh
mich nicht an!« - wie es die Matrosen so oft von ihm gehört hatten.
    »Sprich weiter«, bat eine Stimme. »Dein Garn ist noch nicht zu Ende.«
    Der Alte hatte das heisse Gesicht des Jungen gestreichelt; jetzt erhob er den
Kopf und warf das Haar zurück. »Nein«, sagte er, »ihr habt recht. Ich will euch
alles erzählen. Hört zu!
    Ich besah beim ersten Tageslicht mein Gesicht in einem Bach, der am Wege
vorüberfloss - es war mir, als stände darauf die Tat verzeichnet, und dann, als
ich das Haar etwas geordnet hatte, wanderte ich nach Bremen, das ungefähr drei
Meilen weit von meiner Heimat entfernt liegt und wo mich jeder Heuerbaas kannte.
Ein Schiff zu bekommen war nicht schwer, und schon nach vier oder fünf Tagen war
ich auf einem amerikanischen Dreimaster in völliger Sicherheit.
    Wir hatten Passagiere an Bord, Frauen und Kinder; es gab viel Unterhaltung,
manches Neue, manches Ungewohnte, kurz, ich erholte mich in verhältnismässig
kurzer Zeit von dem Schrecken und fing an, mich für weit mehr unglücklich als
schuldig zu halten. Noch war die Reue nicht echt - es musste schlimmer kommen,
ehe ich aus meinem Trotz und Eigenwillen aufgerüttelt wurde.«
    Unter den Zuhörern entstand ein unwillkürliches Murmeln. »Schlimmer?«
fragten einige leise Stimmen.
    »Schlimmer!« bestätigte der Alte. »Um meinetwillen sind Hunderte dem Tode
zum Opfer gefallen, haben Mütter ihre kleinen Kinder sterben sehen und sind
Tausende glühender Tränen geweint worden. Wisst ihr nicht, dass das Schiff, an
dessen Bord sich ein Mörder, ein unentdeckter Mörder befindet - dem Untergang
geweiht ist? Wisst ihr nicht, dass es dem fliegenden Holländer entgegentreibt und
von seinem weissen Kiel in den Grund gebohrt wird?«
    Der alte Matrose hatte sich erhoben, die Augen glühten wie in halbem
Wahnsinn, die Hände streckten sich aus, als wollten sie einen unsichtbaren Feind
abwehren. Seine Brust keuchte schwer, sein Gesicht war totenblass.
    Die andern suchten ihn zu beruhigen. »Das ist ein Aberglaube, Mohr«, sagten
sie. »Du bist so lange an Bord der Antje Marie, und sie ist nie dem fliegenden
Holländer begegnet.«
    Der Alte lächelte. »Die Antje Marie?« wiederholte er sinnend. »Das ist etwas
anderes, Kameraden. Wir stehlen dem Staat den Zoll, wir fahren auf der breiten
Strasse, die dem Abgrund zuführt, da braucht es keine besondere
Schuldverschreibung an den Teufel, sie ist ja schon vorhanden, und doch - was
kommen wird, das wissen wir ja heute nicht. Ich will euch aber erzählen, was mit
der Seemöwe geschah, auf der ich angemustert hatte. Lasst mich also ausreden.«
    Die Matrosen waren jedoch zu erregt, um schweigen zu können. »Hast du ihn
gesehen, den fliegenden Holländer?« fragten sie.
    Mohr nickte. »Ich habe ihm ins Auge gesehen - er erhob gegen mich die Hand -
er winkte mir!«
    »Ach, Unsinn, Geisterseher, du hast geträumt.«
    »Lass doch den Alten sein Garn spinnen. Erzähle, wie ging es der Seemöwe?«
    Mohr bekämpfte das Grauen, das er noch jetzt in der Erinnerung empfand. »Wir
waren am Kap der Guten Hoffnung«, begann er, »und das Wetter hielt sich
merkwürdig gut. Trotzdem liess der Kapitän alle Vorsichtsmassnahmen treffen, und
schon beim ersten Windhauch mussten wir bis auf die Sturmsegel jeden Fetzen
Leinwand hereinholen. Man kann ja, wie ihr wisst, in diesen Breiten dem Frieden
niemals trauen.
    Es war abends um elf Uhr, als ich abgelöst wurde und mit den Matrosen zur
Koje gehen konnte, aber bei der schwülen Luft blieben wir alle lieber noch ein
bisschen bei offenen Türen sitzen. Es hatten sich auch, obgleich das streng
verboten war, mehrere Zwischendeckspassagiere zu uns gesellt, und wir würfelten
auf unseren Schiffskisten. Hier herum soll ja der fliegende Holländer sein Wesen
treiben, meinte einer der Auswanderer, ich hätte eigentlich Lust, dem alten
Burschen zu begegnen. Wer ein gutes Gewissen besitzt, der braucht die Geister
nicht zu fürchten. - Solche und andere Reden flogen hinüber und herüber. Meine
Kameraden nahmen es dem Auswanderer krumm, dass er die bösen Gewalten des Meeres
herausforderte, aber ich lachte dazwischen. Lasst doch das Geisterschiff kommen.
Wer das Herz auf dem rechten Fleck hat, der trinkt mit dem alten Van der Decken
Brüderschaft. Auf du und du, alter Kamerad, rief ich übermütig in die Nacht
hinaus, meine Ration Rum hinunterstürzend und die Flasche in weitem Bogen über
Bord schleudernd. Prosit, alter Knabe!
    Das Wasser spritzte hoch auf - über dem Schiff in der Luft erklang es wie
ein spöttisches, langgedehntes Lachen. He, he, he - und dann noch einmal: He,
he, he -
    Die Gesichter um mich herum wurden leichenblass und auch über meinen Rücken
lief es eiskalt herab, aber ich liess mir nichts merken, sondern antwortete mit
halber Stimmer auf das gespenstische Lachen in der Luft:
    Schon die ersten Möwen! - Wir sind also nur wenige Meilen von der Küste
entfernt.
    Der Auswanderer, der vorhin so grossen Mut gezeigt hatte, sah jetzt aus wie
ein durchgeschnittener Käse. War es wirklich eine Möwe? flüsterte er.
    Natürlich? Haben Sie jemals gehört, dass die Geister lachen?
    Wie der Wind heult! schauderte er.
    Gehen Sie in die Koje, Mann - Sie haben ja doch Furcht trotz des guten
Gewissens.
    Er sah mich böse an. Vielleicht beleidigte ihn mein herausforderndes Wesen,
vielleicht durchschaute er es und las auf meinem Gesicht die verborgene Unruhe.
    Und Sie haben doch kein gutes Gewissen, trotz Ihrer lauten Worte, sagte er.
    Ich sprang auf, die Fäuste geballt, - ganz derselbe unbändige, wilde
Geselle, der ich immer gewesen war, ich hätte vielleicht in diesem Augenblick
einen zweiten Mord begangen, wenn nicht das Kommando des Kapitäns wie ein Blitz
aus heiterer Luft dazwischen gefahren wäre.
    Alle Mann an Deck. Marssegel reffen!
    Wir hatten nicht darauf geachtet, dass es über uns und unter uns lebendig
geworden war. Der Wind fegte über die weissen Wogenkämme; es zischte, brodelte
und gärte um den Bug der Seemöwe, wie ich es nie vorher gehört hatte; es ächzte
im Takelwerk und knarrte in den Masten, während grelle Blitze aus den schwarzen
Wolkenmassen hervorschossen und der Donner über das Meer rollte.
    Der Sturm wuchs, hoch und höher ging die See. Der Kapitän liess die
Zwischendecksluken schliessen, weil uns die angsterfüllten Menschen am Arbeiten
hinderten, aber das Zwangsmittel half nur kurze Zeit. Von innen sprengte die
Kraft der Verzweiflung das Eisen, unaufhaltsam ergoss sich der Strom
halberstickter, jammernder, betender und schreiender Auswanderer auf das Deck.
    Es war eine grässliche Szene. Die Stimme des Kapitäns übertönte zuweilen das
Brausen des Sturmes, aber was er sprach, das ging verloren. Da galt kein
Kommando mehr, da waren alle Bande der Ordnung und des Gehorsams auf einmal
gerissen, da schrie jeder, und niemand hörte. Wilde Flüche mischten sich mit dem
erschütternden Jammern der Frauen und den Angstrufen der Kinder. Einige beteten
oder sangen Sterbelieder, andere sprachen mit lauter Stimme Worte voll Liebe und
Zärtlichkeit zu ihren viele hundert Meilen entfernten Angehörigen, sie nahmen
von ihnen Abschied und baten sie, ihnen zu vergeben, was jemals Unfriedliches
oder Unversöhnliches geschehen sei.
    Hier lag eine Mutter auf ihren Knien und hielt in schützenden Armen die
Kinder, deren kleine Gesichter sich angstvoll an ihrer Brust verbargen, dort
segnete ein Greis mit weissem Haar zum letztenmal die Seinen, während an der Tür
der Kapitänskajüte ein Priester mit lauter Stimme die Barmherzigkeit Gottes
anrief.
    Und von anderer Seite nahten zügellose schwankende Gestalten. Einzelne
Männer hatten den Vorratsraum erbrochen und die Rumfässer hervorgezogen. In den
Gesang und die Gebete der Todgefassten hinein tönte ihr trunkenes Lästern.
    Mehr und mehr wuchs der Sturm, hoch und höher ging die See.
    Hier oder dort zerriss ein heller Schrei auf Sekunden die Luft. Die Stelle,
wo noch eben ein Mensch gestanden hatte, war leer. Aufgehört hatte Singen, Toben
und Beten, aufgehört hatten Kommando und Gehorsam - die Vernichtung war
hereingebrochen.
    Dieser hat's getan! riefen meine Kameraden, und kreidebleiche, bebende
Lippen nannten mich flüsternd den Bösen, der das Schiff ins Unglück gestürzt
hatte. Augen voll Zorn blickten mir entgegen, geballte Fäuste und wilde
Verwünschungen bedrohten mich.
    Er hat das Gespenst des Meeres herbeigerufen! Er hat mit dem fliegenden
Holländer Brüderschaft getrunken! -
    Werft ihn über Bord, den Verfluchten! -
    Tageshelle umgab uns auf allen Seiten, das Schiff war nur noch ein Wrack
ohne Masten, unaufhaltsam gingen die Wellen über Deck und spülten hinab, was zu
schwach war, ihrem Toben Widerstand zu leisten.
    He, he, he, lachte hoch oben in der Luft die Möwe. He, he, he -
    Aber ihr triumphierendes Schreien wurde übertönt, ihr Hohnlachen erstickt in
einem Ruf des Entsetzens, der allen noch Lebenden die Haare zu Berge trieb.
    Ich sah nach vorn, weil alle andern es taten und - was ich dort erblickte,
das sieht auch der Vermessenste nicht, ohne auf die Knie zu sinken und Erbarmen
zu erflehen.
    Über die schwarzen, grün und violett gegipfelten Wogenkämme kam das
Geisterschiff daher, gerade auf die Seemöwe los. Schneeweiss vom Kiel bis zu den
Mastspitzen, unter vollen Segeln, aber es regte sich an Bord kein Stückchen
Leinwand, es schaukelte oder stampfte nicht, sondern glitt, von unsichtbarer
Macht getrieben, in pfeilschneller Fahrt und schnurgerader Richtung vorwärts,
näher, immer näher an uns heran. Auf dem Grossmast glühte und funkelte bläulich
in majestätischer Höhe das Sankt-Elmsfeuer, weisses Licht ging von den Segeln
aus, und in den Raaen arbeiteten die weissen Todesgestalten der sechs Matrosen.
Alle in Leichentücher gekleidet, standen sie auf den Köpfen im Takelwerk,
während Kapitän van der Decken am Grossmast lehnte und aus hohlen Totenaugen zu
mir herübersah.
    Ja - zu mir!
    Ich schrie vor Entsetzen. Dieser Blick! - Hatte ich ihn nicht schon einmal
gesehen?
    Meine Besinnung drohte zu schwinden. Da hob das Gespenst die rechte Hand und
winkte mir. - -
    Ganz nahe war das Geisterschiff herangekommen; Auge in Auge stand ich dem
fliegenden Holländer gegenüber. Wie ein kalter Schatten streifte es mein
Gesicht.
    Als ich zu mir kam, lag ich in der Koje eines französischen Schiffes und
wurde freundlich gepflegt. Kaum wagte ich eine Frage nach dem Schicksal meines
Schiffes - ich wusste die Antwort vorher. Von mehr als fünfhundert Menschen an
Bord der Seemöwe war ich der einzige Gerettete. Die Matrosen des französischen
Schiffes hatten mich anscheinend leblos aus dem Wasser aufgefischt, als die
Wellen meinen Körper bis unter den Bug trieben - -«
    Der alte Mann schwieg und trocknete die Schweisstropfen auf seiner Stirn.
»Ich war der Einzige«, wiederholte er nach einer Pause, »den das Meer zurückgab,
den der Tod verschmähte. Ich. musste leben, um zu wissen, welches Opfer meine Tat
gefordert hatte, an wievielen Unschuldigen mein Verbrechen gerächt worden war.
    Aber seitdem wurde aus mir ein anderer Mensch. Ich ging an Bord der Antje
Marie, die damals ihre erste Reise antrat, und schwor mir selbst, nie wieder in
die Gesellschaft ehrlicher Menschen zurückzukehren, nie wieder festes Land zu
betreten, allen Rechten, allen Freuden zu entsagen und so meine Schuld zu büssen.
    Inzwischen sind dreissig lange Jahre vergangen. Ich war wie ein
lebendig-gestorbener Mensch, aber ruhig in mir durch das Bewusstsein meiner Reue.
Doch während der letzten Nacht im Hamburger Hafen hatte ich einen seltsamen
Traum. Die Antje Marie trieb auf hoher See im hellsten Sonnenschein langsam
dahin. Der Wind war still, die Luft warm und das weite Meer wie ein glänzender,
kaum bewegter Spiegel. Ich stand am Ruder, das Herz voll Frieden und Ruhe, wie
es in vielen Jahren nicht gewesen war, so ganz glücklich, ganz als ob ein
schönes langersehntes Ziel erreicht sei, da - nahte aus der Ferne das
Geisterschiff des fliegenden Holländers. Aber es erschreckte mich nicht, mein
Herz blieb ruhig, meine Augen sahen den Alten am Grossmast, ohne sich abzuwenden
von dem Entsetzlichen - -
    Das weisse Schiff kam näher und näher, es segelte lautlos über die Antje
Marie hinweg, und ich fühlte, wie wir langsam tiefer und tiefer sanken. Ich
schloss die Augen - und liess mich träumend von den weichen Armen der See umfangen
- -
    Am andern Morgen sagte mir der Kapitän, dass wir bei Eintritt der Flut in See
gehen würden, und nun wusste ich genug. Es ist nicht gut, an einem Montag
auszulaufen, zumal nach einem solchen Traum. Diese Reise ist meine letzte! Noch
bevor wir den Hafen von Havanna erreicht haben, bin ich ein toter Mann, und eben
deshalb erzähle ich euch meine Geschichte, um jeden einzelnen zu warnen. Bittet
Gott, dass er euch den Frieden des Gewissens erhalte, das höchste Gut des
Menschen!«
    Niemand antwortete ihm, nur Robert drückte ergriffen seine Hand. Er verstand
ja jetzt, weshalb ihn der alte Mann so eindringlich gebeten hatte, nach Hause zu
reisen und die Verzeihung seines Vaters zu erbitten, er freute sich, dem
einsamen Unglücklichen wirklich teuer geworden zu sein.
    »Du stirbst nicht, Onkel Mohr«, sagte er zuversichtlich. »Im Gegenteil, nun
hast du alles einmal von der Seele herunter gesprochen, und nun wird dir
leichter und besser zumute werden.«
    Der Alte nahm den Kopf des Jungen zwischen seine beiden Hände und küsste ihn
auf die Stirn. »Leb wohl, Kind«, sagte er langsam, »leb wohl, du hast mich mit
dem Leben wieder ausgesöhnt, hast noch einen letzten Schimmer von Liebe und
Vertrauen wieder aus der Gemeinschaft der Menschen zu mir, dem Ausgestossenen,
herübergebracht. Sei gesegnet!« -
    Ein lauter Ausruf des Obersteuermanns unterbrach die Stille, die den Worten
des alten Matrosen gefolgt war.
    »Alle Mann an Deck! Klar zum Wenden!« schrie Renefier, wie ausser sich das
Ruder ergreifend, in vergeblichem Bemühen, die Galliot in den Wind zu drehen.
Der Mann am Ruder, zufällig sein erbittertster Gegner, wollte seinem Befehl
nicht gehorchen und verteidigte mit beiden Fäusten den Platz. »Rufen Sie den
Kapitän, hierher!« schrie er.
    Der Obersteuermann musste aber seiner Sache sehr sicher sein, er schien jeden
Augenblick für kostbar zu halten, denn er kehrte sich plötzlich von dem
widerspenstigen Matrosen ab und wendete das Schiff mit flatterndem Topsegel,
indem er die Hauptbrasse schiessen liess. Dann befahl er der Mannschaft, das grosse
Segel zu reffen, aber - keiner wollte gehorchen. Was hatte den sonst so ruhigen
und besonnenen Obersteuermann plötzlich aus der Fassung gebracht? Meer und Wind
waren still, keine Gefahr weit und breit - was wollte er eigentlich?
    Er selbst benahm sich wie ein Wahnsinniger. »Van Swieten!« schrie er. »Van
Swieten, komm um Gotteswillen herauf. In wenigen Minuten geht es um unser Leben,
wenn deine Leute nicht gehorchen.«
    Unwillkürliches Entsetzen packte die Matrosen. Nur Mohr stand aufrecht mit
gekreuzten Armen »Es kommt!« sagte er leise, »es kommt! - Herr, sei ihnen
gnädig!«
    Robert stürzte an ihm vorüber zur Kajütentür. »Herr Kapitän! - Herr Kapitän!
- Sie müssen an Deck kommen.«
    Van Swieten war wie gewöhnlich halb betrunken und fuhr aus ahnungslosem
Schlaf auf. »Zum Teufel, Junge, was schreist du? Willst du das Tauende kosten?«
    »Van Swieten!« rief wieder der Obersteuermann, »komm und gib mir das
Kommando zurück, oder wir sind alle verloren. Das Schiff steuert in voller Fahrt
auf die Kubariffe los.«
    Van Swieten taumelte an Deck. »Was sagst du da, Renefier?
    Geh in deine Kajüte und sei still. Wo ist der zweite Steuermann?«
    Der Gerufene erschien mit bleichem, ängstlichem Gesicht. Er verteidigte sich
nicht, als ihn der Obersteuermann bei beiden Schultern packte und derb
schüttelte.
    »Hast du den Standort aufgenommen, Bursche? Kannst du das überhaupt? - Wo
ist deine Höhenberechnung?«
    Die Zähne des jungen Menschen schlugen hörbar aufeinander »Ich weiss es
nicht«, stammelte er, »ich - ich verliess mich auf den Herrn Kapitän.«
    »Da haben wir's! - Van Swieten, siehst du jetzt, was deine Gewaltmassnahme
angerichtet hat? Wir sind alle verloren.«
    Da ertönte ein halb erstickter Ruf vom Ausguck her. »Scharf wenden,
Brandungsfelsen dicht am Bug!«
    »Nieder mit dem Ruder!« rief Renefier, dessen Geistesgegenwart ihn nie
verliess. »Nieder damit!«
    Der Befehl wurde befolgt, aber die Galliot verlor Fahrt, streifte einen
schaumbedeckten Felsen und lief mit dem Heck auf ein Riff.
    Jetzt herrschte allgemeine Bestürzung. Die Segel flatterten um die
knarrenden Masten, die Taue rissen und peitschten umher, die Brandung heulte,
der Rumpf dröhnte, die Leute schrien. Da rief van Swieten, wahrscheinlich nur um
sich Ansehen zu verschaffen, mit lauter Stimme: »Den Anker los!« - der
sinnloseste Befehl, der überhaupt gegeben werden konnte.
    Der Anker schoss herab, so dass sich das Fahrzeug vor ihm drehte und plötzlich
stillstand. Niemand dachte daran, die Segel zu reffen und so die Kraft der über
Deck gehenden Sturzwellen zu vermindern.
    Niemand sah es, dass die Stelle, an der eben noch der alte Matrose gestanden
hatte, leer war.
    »Renefier«, sagte van Swieten mit unsicherer Stimme, »ich bitte dich in
Gegenwart meiner Leute um Verzeihung. Du hast das Kommando an Bord!«
    Der mürrische Holländer antwortete keine Silbe darauf, gab aber sofort seine
Befehle. Sämtliche Segel wurden gerefft und die Anker aufgehievt, um das heftige
Stampfen des Schiffes abzuschwächen. Bei Tagesanbruch liess Renefier ein Boot
bemannen und untersuchte selbst die Lage. Die Galliot war mit der Flut über den
äusseren Saum des Riffes hinausgekommen und ziemlich tief in die Zacken der
Korallen eingedrungen.
    Totenstille herrschte an Bord, als das bekannt wurde. Van Swieten, unfähig,
den Schlag zu ertragen, verbarg das Gesicht in beiden Händen und weinte.
    »Peilt die Pumpen!« tönte Renefiers ruhiges Kommando.
    
    »Zehn Zentimeter Wasser im Schiff!« meldete nach kurzer Pause der
Zimmermann.
    Der Obersteuermann erbleichte. Die Galliot hatte also ein Leck, und die
Ladung war auf jeden Fall verloren.
    »Vier Mann an die Pumpen!« rief er. »Das grosse Boot herunter!«
    Alle seine Befehle wurden jetzt mit unglaublicher Eile befolgt. Es gab für
die Mannschaft der gestrandeten Galliot nur noch eine einzige Hoffnung auf Hilfe
und Erlösung aus dieser schrecklichen Lage, nämlich eine Insel, die nicht weit
von dem Riff aus dem Meer hervorragte.
    Das unglückliche Schiff lag fast in ihrem Schatten. Wenn es möglich war,
dortin wenigstens die kostbaren Schmuggelwaren zu retten, so ging doch nicht
alles verloren und man konnte hoffen, mehr als das nackte Leben zu retten. Ein
anderes Fahrzeug zu erwarten wäre vergeblich gewesen, da ja kein Schiff der
gefährlichen Stelle nahe genug kommen würde, um die Galliot zu sichten.
    »Los, van Swieten!« ermunterte Renefier, »nimm fünf oder sechs Mann und
untersuche die Insel. Wenn es dort irgendeinen Schutz gibt, so müssen wir mit
dem Boot unsere Ladung hinüberschaffen und die Antje Marie ihrem Schicksal
überlassen. Je früher wir anfangen, desto mehr wird gerettet werden.«
    Der Kapitän sah aus wie ein Bild der Verzweiflung. Gerade auf diese Reise
hatte er so grosse Hoffnung gesetzt, gerade diesmal hatte er fast sein ganzes
Vermögen zum Ankauf der teuersten Waren verwendet, um auf einen Schlag Tausende
zu verdienen. Freunde und Mittelsmänner, alle gut bezahlt, hatten ihm in
Hamburg, in Holland, in Spanien und auf Kuba die Wege geebnet, hatten ihm in die
Hände gearbeitet und das ganze Unternehmen gesichert - jetzt war alles vorbei.
    »Mein Schiff!« ächzte er, »mein Schiff!«
    »Das ist verloren!« sagte der Obersteuermann. »Ergib dich, van Swieten, und
rette, was noch von der Ladung geborgen werden kann.«
    Der Kapitän fuhr auf. Es sah aus, als sei der gutmütige, immer lächelnde
Mann in wenigen Stunden ein Greis geworden. Die Augen lagen wie erloschen in
ihren Höhlen, die Haut war aschfahl, die Hände zitterten leise.
    »Wo ist Mohr;« fragte er halblaut.
    Die Matrosen schwiegen, nur Robert konnte den Kummer um den alten Freund
nicht verbergen. Ein lautes Schluchzen beantwortete die Frage.
    Van Swieten nahm die Mütze vom Kopf. »Wenn du ein paar Hände frei hast,
Renefier, so lass die Flagge für ihn halbmast setzen«, sagte er nach einer Pause.
»Gib seinem Andenken die Ehre, die wir der Leiche erwiesen hätten, wenn Mohr in
unserer Mitte gestorben wäre. Die Antje Marie ist ja leckgelegt auf immer.«
    Und sei es im bitteren Bewusstsein des erlittenen schweren Schadens, sei es
in der Erinnerung an den Gefährten eines halben Menschenlebens, der nun tot war,
- van Swietens Stimme brach, als er die letzten trostlosen Worte sagte. Er ging
in die Kajüte und schloss sich ein.
    Vier Mann wurden bestimmt, die Insel zu untersuchen. Robert drängte sich
dazu, als die Leute das Boot bestiegen. Von Wache und Ablösung war ja nicht mehr
die Rede - er sah bittend in das. finstere Gesicht des Obersteuermanns.
    Renefier nickte stumm. Er hielt zwar besser als der Kapitän dem Unglück
stand, aber im innersten Herzen empfand er die gleiche Verzweiflung. Sein Auge
folgte dem Boot, als ob es einem Sarge folgte, mit trübem und hoffnungslosem
Blick.
    Die fünf Männer landeten nach kurzer Fahrt an einer seichten Stelle, wo sich
das Boot bequem an überhängende Baumstämme binden liess. Ein wahres Paradies
öffnete sich ihren Blicken, ein Fleck Erde, so schön und malerisch, wie ihn
keiner von ihnen je gesehen hatte. Palmen ragten zum Himmel empor, grosse bunte
Blüten rankten sich um ihre schlanken Stämme und unzählige Vögel wiegten sich in
den Zweigen.
    »Wie wunderbar, wie schön!« rief Robert.
    »Hm«, meinte einer der Matrosen, »das ginge schon an, wenn nur nicht
vielleicht hinter den nächsten Bäumen so eine Bestie lauert, die uns als
Frühstück in den Schnabel zu nehmen beliebt. Das würde ich mir verbitten.«
    Robert lachte. Er hatte den naturgeschichtlichen Unterricht seines alten
Pinneberger Lehrers noch zu gut behalten, um auf Kuba oder den umliegenden
Inseln Raubtiere zu fürchten. »Hier gibt es keine Bestien«, antwortete er, »nur
Skorpione und Taranteln, die aber nicht so gefährlich sind, wie man es meistens
von ihnen behauptet, nur in den Sümpfen leben viele Krokodile.«
    »Was der Kerl alles weiss! Ist es wahr, Junge, kann man sich darauf
verlassen? Sonst holen wir uns doch lieber vom Schiff ein paar Gewehre.«
    »Ist nicht nötig, Speckesser. Lass uns nur ruhig ausspüren, wo sich ein
Versteck befindet. Aha, eine Quelle hätten wir schon.«
    »Kommt mal her«, rief ein anderer, »seht mal, was ist das? Ein Kürbis,
glaube ich.«
    Robert pflückte eine der reifsten Früchte und biss herzhaft hinein. »Ach«,
rief er, »das schmeckt aber anders als Erbsen und Speck! - Es ist eine Ananas,
sage ich euch, in Europa die teuerste Frucht, die es gibt.«
    Jetzt machten sich die Matrosen darüber her. »Junge, du sollst Professor
heissen«, erklärte der »grosse Russe.« »Deine Gelehrsamkeit hat uns zu diesem
Leckerbissen verholfen, und dafür müssen wir dich belohnen.«
    »Wollen aber doch den Kameraden welche mitbringen!« rief kauend der
Speckesser. »Ach Gott, hätte man doch eine Schiffsladung von den Dingen, die
hier wild wachsen, und sässe damit in Hamburg, wie schön wäre das!«
    »Nichts auf Erden ist vollkommen«, schaltete der vierte ein. »Lasst uns jetzt
aber schnell machen, damit der Alte bei Laune bleibt. Zu sagen hat er uns
freilich nicht mehr viel, und an eine richtige Heuer ist auch schwerlich zu
denken.«
    »Vorwärts!« drängte Robert, dem bei der Erinnerung an das Schiff und an den
toten verlorenen Freund die Ananas nicht mehr schmeckte. »Vorwärts. Zuviel von
den frischen Früchten dürfen wir nicht essen, sonst gibt es böse Folgen. Das
Klima ist nicht gerade gesund, am wenigsten für uns Nordländer.«
    Die Leute lachten und setzten sich wieder in Marsch. Robert schnitt mit dem
Taschenmesser hier und da ein Stückchen Baumrinde herunter. »Um den Rückweg zu
finden«, sagte er.
    »Bravo, Professor! Denkst wohl an das Märchen von Hänsel und Gretel, die
Erbsen auf den Weg streuten, als sie heimlich in den Wald gingen, wo die Hexe
wohnte!«
    »Ach«, sagte ein anderer und blieb stehen, um über das Meer zu sehen, »ach,
sprecht nur. nicht von den deutschen Märchen, das macht das Herz schwer. Ich
habe ja auch zu Hause solche Hänsel und Gretel, die auf den Vater warten, dass er
ihnen Brot bringt. Wenn wir nun niemals von hier erlöst würden, oder wenn wir
ganz mit leeren Händen irgendwo an Land kämen, ohne Geld, ohne Kleidung, ohne
Heuer!« -
    Keiner antwortete ihm, aber die gute Laune war verscheucht, selbst bei
Robert. Er ging voran durch das blühende, duftende Gewirr von Pflanzen und
Blumen, durch das Gras und das weiche grüne Moos. Er war ganz still geworden,
seit der Matrose von der Heimat gesprochen hatte. Jetzt war es zu Hause Abend,
und die alte Mutter betete vielleicht in diesem Augenblick, dass Gott ihr Kind
beschützen möge, dass er es erhalte und vor Gefahren behüte. - -
    Lautlos gingen sie weiter. Jeder hatte ja daheim seine Lieben, jeder fragte
sich, ob er sie wiedersehen werde.
    So waren sie etwa eine Viertelstunde gegangen, als sich der Boden zu erhöhen
begann und der Pflanzenwuchs weniger üppig schien. Dafür aber entdeckten die
Matrosen einen überhängenden, ziemlich breiten Felsvorsprung, auf dessen Kuppe
das Moos in langen Flechten wucherte und der unter seiner gewölbten Decke der
kostbaren Ladung des gestrandeten Schiffes guten Schutz bieten konnte. Von allen
Seiten offen, hatte die Stelle nur ein Dach, aber das war auch alles, was man
brauchte, und sofort wurde der Rückweg angetreten. Jetzt hob sich die Stimmung
der Leute. An Bord waren Lebensmittel für viele Wochen, für Monate sogar, und
wenn einige Tage an dem überhängenden Felsen gezimmert wurde, so hatte man gegen
den Regen hinlänglichen Schutz. Einmal musste ja auch ein Schiff in Sicht kommen.
    »Holla Jungens«, rief der grosse Russe, »nun lasst uns alle Segel setzen, dass
wir die Ladung erst einmal hier verstauen. Zuerst die Lebensmittel.«
    »Frisches Wasser fliesst an unserem zukünftigen Hotel unmittelbar vorüber«,
sagte der Speckesser, »wir werden also Herrentage haben, besonders, wenn auch
ein bisschen Jagd betrieben werden kann. Diese weissen und blauen Vögel scheinen
mir zum Fasanengeschlecht zu gehören.«
    »Und Fische gibt es auch!« fügte Robert hinzu. »Wenn wir nur erst alles hier
hätten. Sechs Mann müssen ja ununterbochen bei den Pumpen bleiben.«
    »Der Zimmermann soll Flösse zusammenschlagen, dann geht es.«
    Man hatte sich der Küste wieder genähert, doch plötzlich legte Robert den
Arm auf die Schulter des Speckessers.
    »Was ist das? - Ein fremdes Boot am Schiff!«
    Alle sahen hinüber. Wirklich lag seitwärts der Galliot ein grosses
Fischerboot, und an Deck standen mehrere Männer in roten Flanelljacken. Van
Swieten und Renefier sprachen mit den Leuten.
    »Wo kommen die Kerle her?«
    »Wer sind sie und was wollen sie auf der Galliot? Das scheint mir viel
wichtiger.«
    »Ob wir uns zu der Beratung melden?«
    »Wollen wir etwa die Kameraden im Stich lassen?«
    Ohne länger zu zögern, drangen die fünf zu ihrem Boot vor und ruderten so
schnell wie möglich an das gestrandete Schiff heran. Als sie das Deck betraten,
gab ihnen Renefier heimlich ein Zeichen zu schweigen, worauf der Speckesser in
gleichgültigem Ton sagte: »Wir haben Wasser gefunden, Herr Obersteuermann.«
    »Es ist gut. Ich werde später weitere Anweisungen geben.«
    Dann setzte er seine Unterhaltung mit den Fischern wieder fort.
    Robert verstand natürlich davon keine Silbe, aber später erfuhr er durch den
Kapitän selbst, um was es sich handelte. Die Fischer hatten angefragt, welche
Ladung im Raum der Galliot verstaut sei und was man bezahlen wolle, wenn sie mit
ihrer Bark, die an einer entfernten Stelle vor Anker lag, sämtliche Waren nach
Havanna beförderten.
    Van Swieten besann sich nicht lange. Sein Plan war bald gemacht. Er bewies
durch die Schiffspapiere, dass sich Mehl und Fleisch an Bord befanden, dass er
also bei einer so wenig wertvollen Ladung für den angebotenen Transport
höchstens zweihundert Dollar zahlen könne. Darauf gingen die Fischer nach
einigem Handeln ein und versprachen, am folgenden Morgen mit ihrer Bark zur
Stelle zu sein.
    Nachdem die beiderseitigen Bedingungen zu Papier gebracht waren, zogen die
Spanier ab.
    Van Swieten hatte kaum die nötigen Abschiedsgrüsse gewechselt, als er sich
händereibend zu den Matrosen wandte. »Kinder«, sagte er, »das geht bei allem
Unglück noch besser als ich dachte. Nun zeigt, dass ihr Kerle seid, und es soll
euer Schade nicht sein. Wir müssen alle wertvollen Waren hier auf der Insel
unterbringen, um sie den Spaniern zu entziehen, sonst fordern die Kerle
mindestens das Sechsfache für die Überfahrt. Bin ich erst einmal in Havanna, so
habe ich Freunde genug, um die Sachen hinüberzuschaffen.«
    Die fünf Abgesandten berichteten nun, was sie gefunden hatten, und sowohl
van Swieten als auch Renefier schienen zufrieden zu sein. Es wurden in grösster
Eile Vorbereitungen getroffen, um die Schmuggelwaren an Land zu verstecken.
    Von den vierzehn Mann an Bord der Galliot mussten sechs die beiden Boote mit
den erforderlichen Lebensmitteln, mit Werkzeugen und Geräten beladen, dann,
nachdem diese Dinge hinübergeschaft waren, folgten die Waren, und ehe es Abend
wurde, hatten die Matrosen fast alles geborgen, was dem Kapitän besonders
wertvoll oder wichtig erschien.
    »Morgen mit Tagesanbruch fahren wir noch einmal«, bestimmte der Kapitän,
»und dann bleiben drei von euch auf der Insel als Wache zurück. Wer dazu Lust
hat, kann sich melden. Ich verpflichte mich, euch innerhalb acht Tagen abzuholen
und gebe Verpflegung und Wein, soviel ihr wollt, nur dürft ihr das Versteck der
Waren nicht verraten, sondern müsst, wenn euch die Fischer aufspüren sollten,
irgendein Märchen erfinden. Nun, wer will?«
    Robert trat mit der Mütze in der Hand vor. Seine Augen baten so
eindringlich, dass Worte gar nicht nötig waren. »Herr Kapitän, bitte lassen Sie
mich mitgehen!«
    Van Swieten lächelte. »Meinetwegen, du Schlingel. Willst gern ein bisschen
Robinson spielen, nicht wahr? Na, geh nur mit. In Havanna finden wir uns
hoffentlich auf einem neuen Schiff wieder zusammen, wenn es auch nicht die arme
brave Antje Marie ist, und wenn wir auch den alten Geisterseher nicht mehr bei
uns haben. Gott gebe ihm die ewige Ruhe, amen!«
    Dann wurden die beiden zum Bleiben auf der Insel bestimmten Matrosen
ausgewählt; Mohrs Seekiste kam als Roberts Eigentum in die Kapitänskajüte, um
zunächst der Gefahr entzogen zu werden, man peilte nochmals und fand, dass das
Wasser im Raum nicht gestiegen war - dann ging die Mannschaft zur Koje.
    Robert schlief nicht. Zuviel stürmte auf ihn ein, zu viele Gedanken, frohe
und traurige, beschäftigten ihn. Die acht Tage auf der Insel sollten ihm zu
einem einzigen Freudentag werden! Was er sich jemals Märchenhaftes und
Abenteuerliches ausgedacht hatte, sollte jetzt Wirklichkeit werden! In Pinneberg
veranstalteten ja schon die grösseren Jungen so gern allerlei Räuberspiele; sie
führten untereinander Krieg auf den Inseln im Mühlenteich und in der Aue, wobei
Robert jedesmal der Anführer gewesen war, - aber was war das gegen die Freude,
in einer wirklichen Wildnis zu leben, in unbekannte Gegenden vorzudringen und
Neues, immer Neues zu sehen?
    Sein Herz hüpfte vor Freude, und wäre es nicht das Bild des alten Mohr
gewesen, das zuweilen wie ein Schatten auftauchte, so würde der Junge heimlich
den Schiffbruch der Galliot als ein sehr frohes Ereignis bezeichnet haben. Aber
die Erinnerung an den verlorenen Freund kam immer wieder zurück, mischte sich in
jede Hoffnung, jede Freude - er konnte sie nicht zurückdrängen, sooft er es auch
versuchte.
    Wo mochte jetzt die Leiche sein? Vielleicht von den Haien gefressen,
vielleicht treibend im weiten Weltmeer.
    Roberts Augen wurden feucht, als er an den Alten dachte. Ja, sein Wunsch
sollte erfüllt werden, in Havanna wollte er nach Hamburg anmustern und mit den
Ersparnissen des unglücklichen Menschen nach Hause zurückkehren. Er wollte
später von Mohrs Erbe das Steuermannsexamen machen, ja, und wenn er einmal ein
Schiff besass, so sollte es »Der Geisterseher« heissen, zum Andenken an den
verlorenen Freund.
    Allmählich schlief er ein. Wunderbar ruhig und still war die Tropennacht.
Kein Hauch, keine Welle bewegte das Wasser. Hoch oben am Himmel glänzte der
Vollmond, und im Meer spiegelte sich sein helles, lächelndes Rund.
    Träumte Robert oder wachte er, als er zu hören glaubte, dass sich das Deck
mit Männern anfüllte, dass ein Ringen und Stampfen, ein Ächzen und Fluchen die
Stille der Mitternachtsstunde unterbrach? - -
    War es Wirklichkeit, dass er die Männer an den Pumpen gefesselt an Deck
liegen sah, und dass die fremden Gestalten ihre Arbeit übernommen hatten, während
andere den Kapitän und den Obersteuermann gebunden in ein Boot schleppten?
    Robert fuhr auf und sah hart neben sich das braune, bärtige Gesicht eines
der Fischer. Noch war er selbst nicht bemerkt worden, und sein Verstand riet
ihm, sich vollkommen regungslos zu verhalten. Was konnte der Überfall bedeuten?
    Das Rätsel sollte bald gelöst werden. Er hörte, wie van Swieten und Renefier
in deutscher Sprache miteinander verhandelten. »Die Schurken«, knirschte der
Kapitän, »die verfluchten Schurken!«
    Renefier seufzte. »Du bist an allem schuld!« gab er zurück.
    Ein lautes Rufen der Spanier übertönte seine Worte. Sie schnatterten
durcheinander und begannen im Logis und in der Kajüte zu suchen.
    Robert horchte angestrengt. »Sie können den Jungen nicht finden«, sagte van
Swieten. »Ich wollte wünschen, dass er entkäme.«
    Es rann heiss und kalt durch Roberts Adern. Auf dem Bündel alter Segel, das
er sich hinter der Kombüse als Lager eingerichtet hatte, war er bis jetzt den
Räubern entgangen, aber wie lange würde es dauern, bis man ihn entdeckt haben
und mit den andern gefesselt in das Boot schaffen würde?
    Er durfte nicht zögern. Auf der Insel befand sich alles, was man für mehrere
Wochen zum Leben brauchte, an Bord dagegen kam er in die Gefangenschaft einer
Verbrecherbande.
    Schnell entschlossen ergriff er ein starkes Tau, zog es durch einen eisernen
Ring der Bordwand und liess sich geräuschlos daran hinabgleiten in das Wasser.
Dann zog er, um seine Flucht gänzlich zu verbergen, das Tau schleunigst nach und
schwamm in langen Zügen der Insel zu.
    Niemand entdeckte ihn, keiner der Räuber ahnte etwas. Das Boot mit der
gefangenen Mannschaft stiess ab, als der Junge das Ufer erkletterte. Durchnässt
bis auf die Haut, allein in der weglosen Wildnis, zitternd vor Schwäche und
Anstrengung sah er, wie auf dem Schiff die Piraten das Kommando ergriffen hatten
und die Ladung als ihr Eigentum in Besitz nahmen.
    Als Robert den letzten Schatten des Bootes aus den Augen verloren hatte,
sank er, von der Aufregung betäubt, ohnmächtig zu Boden.
 
                                     Allein
Die Nacht verging, und die Räuber arbeiteten eifrig. Sie schafften von der
Ladung soviel heraus, dass gegen Morgen ihre Bark das fast leergewordene Fahrzeug
ins Schlepptau nehmen konnte.
    Als die Sonne hoch am Himmel stand, war von der »Antje Marie« nichts mehr zu
sehen.
    Robert erhob sich und nahm alle seine Kräfte zusammen. Jetzt war er allein,
niemand konnte ihm raten oder helfen, niemand hörte ihn, er mochte rufen sooft
er wollte. Im Anfang erdrückte ihn der trostlose Gedanke, machte ihn unfähig
seine Lage ruhig zu überblicken oder für die nächste Zukunft irgendeinen
Entschluss zu fassen, dann aber raffte er sich auf, um wenigstens etwas zu essen.
Der Magen verlangte sein Recht.
    Mit langsamen Schritten wanderte er am Strand entlang. Es war ihm, als könne
er dem Meer nicht den Rücken kehren, als sei er ganz verlassen, wenn erst das
dichte Gebüsch ihn umgab. Und vielleicht - vielleicht kam ja auch ein Schiff.
    Er ging weiter und weiter, aber nichts zeigte sich. Die Küste wurde immer
unwegsamer, der Pflanzenwuchs spärlicher, je weiter er vordrang; auch der Hunger
quälte ihn stärker, und der Durst trocknete seine Kehle aus.
    Zahlreiche Möwen kreuzten über dem Wasser in der heissen Luft, Krebse und
Krabben bewegten sich am Ufer, sonst war alles öde und totenstill.
    Robert fühlte es, er musste jetzt essen, oder er würde ohnmächtig werden.
Schnell entschlossen wandte er sich und ging zurück zu dem ersten Ankerplatz des
Bootes, um von dort aus die Stelle zu erreichen, wo er Wasser und Nahrungsmittel
finden konnte. Wohnten die Räuber auf dieser Insel und hatten sie das Versteck
der Strandgüter schon entdeckt, so war er verloren, aber Robert ergab sich in
das Unvermeidliche. Er hatte alle Hoffnung fallen lassen.
    Mit brennendem Kopf beugte er sich über die Quelle, die er schon am Vortage
entdeckt hatte, und trank in langen, durstigen Zügen. Er wusch erst Gesicht und
Hände, dann aber zog er sich aus und sprang ganz ins Wasser.
    Es war, als ob er plötzlich von einem Teil seiner Sorgen und Befürchtungen
befreit sei. Er schwamm bald auf dem Rücken, bald mit den zahlreichen
langbeinigen Wasserspinnen lustig um die Wette, obwohl dabei der Hunger nur
immer grimmiger zu toben begann. Aber das schadete ja nicht; er besass zu Essen
genug, um den knurrenden Gesellen zu befriedigen, und daher gab er sich dem
Vergnügen des Badens erst einmal ungestört hin. Dann schüttelte er den Staub aus
seinen Sachen, rieb und reinigte sie so gut wie möglich und lief neu gestärkt
auf dem gestern bezeichneten Pfad durch das Gebüsch, um zu dem Stapelplatz der
Waren zu kommen.
    Etwas schlug ihm aber doch das Herz, als er näher kam. Wenn vor ihm die
Räuber dagewesen waren und alles weggenommen hatten? -
    Dann konnte er Melonen essen, Ananas, Bananen, rohe Krabben und verschiedene
kleine Beeren, die an den Büschen wuchsen - weiter blieb ihm nichts übrig. Wenn
sich der Magen gegen diese Kost sträubte, so kamen Krankheit und Tod und deckten
alles zu, Vergangenheit und Zukunft.
    Er schlich und lauschte, er spähte durch die Zweige, angstvoll und hoffend
zugleich.
    Aber es war zum Glück kein Mensch dagewesen. Alles lag und stand, wie es
gestern die Matrosen übereinandergestapelt hatten; tiefer Friede ruhte auf der
ganzen Umgebung.
    Robert nahm mit erleichtertem Herzen von seiner künftigen Wohnung Besitz. Er
musste sich einrichten, musste sich den Verhältnissen anpassen und wie ein
Geizhals den vorhandenen Vorrat verwalten, das wusste er.
    Aber noch hatte es keine Not. Da waren Erbsen, Reis, Bohnen, Pökelfleisch,
Speck und Mehl. Ferner fand er mehrere Angeln, einen Spaten, ein Fässchen Salz,
eine kleine Kiste mit Zündhölzern und Kochgeräte, also schien für den Magen gut
gesorgt. Bei näherer Umschau entdeckte er noch eine Kiste mit Schiffsbrot, und
als seine Zähne tapfer das harte Gebäck zerbissen, wunderte er sich, wie
ausgezeichnet es schmeckte. Ein tüchtiges Stück Speck, eine halbe Ananas und ein
Glas Wein vollendeten das sonderbar zusammengesetzte Frühstück, dann stützte
Robert den Kopf in die Hand und fing an nachzudenken.
    Wo mochten jetzt seine Kameraden sein? Lebten sie überhaupt noch?
    Wahrscheinlich lagen alle gefesselt auf dem Boden des Meeres, wahrscheinlich
waren alle tot, die Männer, in deren Mitte er die Heimat verlassen hatte.
    Ganz allein hatte ihn das Schicksal dem Strand der unbewohnten Insel
zugeführt, ganz allein war er zurückgeblieben, ohne einen Freund, einen
Menschen, mit dem er sprechen konnte.
    So hatte er die alten Eltern zurückgelassen, so verliessen ihn die Menschen.
    Er sprang auf und ging ins Freie. Krank durfte er nicht werden, dann war
alles verloren. Er musste wieder an den Strand gehen und nach Rettung Ausschau
halten, darin lag seine einzige Hoffnung. Es graute ihn, sooft er das Gebüsch
und die aufgestapelten Vorräte erblickte. Wenn das alles verzehrt war und noch
kein Schiff ihn bemerkt hatte, was dann?
    Er ergriff eine grosse Wolldecke und wickelte sie zusammen. Zwischen zwei
Bäumen am Ufer ausgespannt, konnte sie vielleicht als Notzeichen dienen,
vielleicht führte sie ein Schiff an die Küste, das ihn aufnahm.
    Er dachte nicht daran, dass auch die Räuber so sein Versteck finden und ihn
plötzlich überfallen konnten. Das Gefühl des Verlassenseins liess ihn noch zu
keiner klaren Überlegung kommen. Beladen mit der Decke, einem grossen Stück
Segeltuch, einer Rolle Garn und etwas Mundvorrat machte er sich auf den Weg, um
den Strand wieder zu erreichen. Das brandende Meer war doch nicht so entsetzlich
einsam wie der schweigende Wald.
    Aber er ging diesmal einen andern Weg. Anstatt sich ganz links zu halten,
bog er rechts ab und brauchte etwas mehr Zeit, bevor er ans Ufer kam. Hier
spülten die Fluten in tiefe Buchten hinein, und die Gegend wurde mit jedem
Schritt schöner. War an der entgegengesetzten Seite der Insel das Meer von
grossartiger, überwältigender Schönheit, brach dort donnernd die Brandung an die
höhergelegene Küste, - so spielte es hier murmelnd und flüsternd wie ein stiller
träumender See unter dem Schatten uralter, tief herabhängender Baumzweige, rings
umgeben von weiten, duftenden Blütenfeldern.
    Schmale Landzungen liefen zu beiden Seiten langgestreckt bis tief in das
Meer hinaus, daher war es so still und friedlich am Strand, daher verloren sich
die letzten Wellen des Ozeans hier still unter den Zweigen der Bäume.
    Robert sah auf. Über der schmalen Bucht wölbten sich verschlungene Ranken zu
einer Kuppel. Einzelne Sonnenstrahlen durchdrangen das dichte Gewinde, leichter,
spielender Südwind bewegte die weissen und purpurnen Blüten, und die Vögel
sangen.
    Robert ging mit leisen Schritten durch das Gras. Es war ihm wie in einer
Kirche, wie damals, als er in dem weltabgelegenen kleinen Heimatdörfchen
Rellingen vor dem Altar stand und eingesegnet wurde. Der Pfarrer hatte ihn
gefragt, ob er ein guter, wahrhafter und ehrlicher Mensch bleiben wolle. -
    Sonderbar, auch diese Baumwipfel, diese hüpfenden Sonnenstrahlen, diese
Urwaldstille schienen dasselbe zu fragen. Robert legte das Gesicht an den
schlanken Stamm einer Palme und umfasste das Holz, als sei es ein lebendes
fühlendes Wesen. Er dachte an Mohr, an den toten geliebten Freund, dessen Augen
er immer vor sich sah. Armer, alter Mann, wie glücklich war dein Sterben gegen
das deiner ermordeten Kameraden!
    Robert erinnerte sich so lebhaft des Toten, dass er ihn zu sehen glaubte.
Dort unten, wo die Schatten tiefer fielen, im grünen Blattwerk der
Schlingpflanzen, von Orangen und Palmen überragt - - - war es nicht des alten
Freundes ernstes Gesicht? - Roberts Knie zitterten. Er bog das Gebüsch zur Seite
und schlich näher, mit pochendem Herzen, leise als beträte er einen Tempel.
    Ja, es war Mohr, dessen Leiche der Tod an die Erde verzeihend zurückgab,
nachdem er um seiner Tat willen sein ganzes Leben die Menschen geflohen hatte.
    Robert trat ganz nahe an die Leiche heran und zog sie mit Aufbietung aller
seiner Kräfte ganz auf den Strand. Er sah voll Rührung in das stille Gesicht des
Toten; ein Gefühl, als sei er nicht mehr so ganz verlassen und allein,
bemächtigte sich seiner. Nun konnte er von dem Freund Abschied nehmen.
    Robert hatte nie eine Leiche gesehen. Er handelte wie unter dem Einfluss
einer höheren Gewalt, wusch und reinigte zuerst das Gesicht seines alten
Freundes von Blättern und Fasern, dann legte er den Kopf auf ein Polster aus
dichtem blühenden Moos und faltete des Toten Hände.
    Obwohl er nie gesehen hatte, wie man eine Leiche bettet, so sagte ihm doch
das natürliche Gefühl, was hier im Augenblick richtig und der Würde des Toten
angemessen sei.
    Nach dreissig Jahren zum erstenmal wieder an Land, auf dem festen Boden der
Erde, aber nur - um ein Grab zu finden!
    Er streichelte das kalte Gesicht, er sprach in Gedanken mit dem teuren alten
Mann und vergass während dieser stillen Feier des letzten Abschieds, dass er ganz
allein auf einer unbewohnten Insel im Weltmeer war.
    Er verstand jetzt, weshalb sich der Alte zu ihm so besonders hingezogen
fühlte, er sah mit hellerem Blick in seine und in die eigene Vergangenheit.
Ernster wurden seine Gedanken, immer klarer die Erkenntnis seiner Schuld.
    Vielleicht sah er Vater und Mutter nie wieder, vielleicht war der Wind, der
spielend die Zweige und das Wasser bewegte, auch über ihre Gräber dahingeweht -
sie hatten es nicht ertragen können, dass ihr einziges Kind so lieblos gehandelt
hatte. Und dann - ja dann war er ihr Mörder, wie der alte Mann, dem ein einziger
Augenblick der Leidenschaft die Waffe in die Hand gedrückt hatte.
    Der Gedanke war schrecklich.
    Und ohne zu wissen, was er tat, ohne zu wollen oder zu überlegen, beugte
Robert die Knie und betete: »O Gott im Himmel, gib, dass dies nicht geschehe!«
    Die Sonne stand schon hoch am Himmel, es wurde Zeit, das schwierige Werk zu
beginnen. Robert entkleidete den Toten, wusch ihn und hüllte ihn in die Tücher,
die er zu ganz anderem Zweck mitgebracht hatte. Dann ging er auf dem kürzesten
Weg zu seiner Niederlassung zurück und holte einen Spaten, um das Grab
auszuheben.
    Die Arbeit war nicht leicht, aber Robert hätte um keinen Preis den toten
Körper seines alten Freundes unbeerdigt gelassen. Er grub und grub, bis sich der
Tag neigte und bis ihm die Hände bluteten, dann legte er mit grosser Anstrengung,
so gut es ging, die Leiche in ihr letztes Bett. Das Grauen überwindend, sprang
er in die Grube und brachte den Körper in die richtige Lage. Noch einmal suchte
seine Hand die Rechte des Toten. »Schlaf wohl, lieber alter Freund!«
    Und dann begann er das Grab zu füllen.
    Schaufel auf Schaufel fiel hinunter, und endlich war es getan. Robert
wünschte sehnlichst, irgendein Andenken, ein Erinnerungszeichen anzubringen,
aber nach längerem Überlegen liess er den Plan fallen. Kamen die Räuber an den
Strand, so konnten sie durch den Anblick des frischen Grabes sehr leicht
veranlasst werden, die ganze Insel zu durchsuchen, und was noch weit schlimmer
war, sie konnten das Grab selbst durchwühlen, um sein Geheimnis zu erforschen.
Nein, ein Kreuz durfte Robert nicht befestigen, das sah er ein.
    Er trat die aufgeworfene Erde herunter und legte Moos auf die Stelle; dann
ging er langsam durch das Gebüsch zurück, oft nur mit Mühe die eingeknickten
oder quer über den Weg gelegten. Zweige wiederfindend, an denen er sich vorwärts
tastete. Es war fast dunkel, als er sich im Hintergrund der Höhle aus Wolldecken
und Segeln ein Lager bereitete, sich darauf ausstreckte und sofort einschlief.
    Am folgenden Morgen begann er sich einzurichten und einen festen Tagesplan
zu entwerfen. Bevor er seine Lage überdachte und seinen Tag, den Verhältnissen
gemäss, einteilte, wollte er erst seine Wohnung gemütlich herrichten, erst
Ordnung schaffen und aufräumen. Wie lange er die Gastfreundschaft dieser Insel
noch in Anspruch nehmen musste, das liess sich ja nicht voraussehen, vielleicht
war es für sehr lange Zeit, und so wollte sich der Junge auf den schlimmsten
Fall vorbereiten.
    Mohrs Beispiel stand hell vor ihm. Was hatte dieser unglückliche, immer
einsame, immer seinen furchtbaren Erinnerungen überlassene Mann mit wahrhaft
unerschütterlichem Mut so lange ertragen!
    Robert sprach in Gedanken mit ihm. Er wusste, was Mohr gesagt haben würde.
»Du bist in diese schwierige Lage ohne dein Verschulden hineingeraten, mein
Junge, nun ertrage das Übel wie ein Mann und versuche die beste Seite zu sehen.
Darin liegt alle Lebensweisheit, darauf ruht alles Glück und Gelingen.
Verzweifle nicht an dem Unabwendbaren, sondern sei immer bemüht, dich den
Gegebenheiten anzupassen, - - dann wird alles gut ausgehen.«
    Mohr hatte während mancher Freiwache, wenn die andern würfelten und Karten
spielten, mit dem Jungen über ernste Fragen gesprochen, hatte so manches Gute in
Roberts empfängliches Herz gepflanzt, und das alles trug schon jetzt seine
ersten Früchte.
    Ein kurzer Rundblick genügte ihm, sich über seine nächsten Pflichten
Klarheit zu schaffen. Nachdem er gefrühstückt und für das Mittagessen ein
gehöriges Stück Pökelfleisch in kaltes Wasser gelegt hatte, begann er die Kisten
auszupacken und von den Brettern eine feste Wand herzustellen. Nägel und anderes
Gerät besass er ja, ebenso Bindgarn und Segeltuch, daher war die Sache gar nicht
so schwierig, besonders weil er sich weder gegen Kälte noch gegen Feinde zu
schützen brauchte, sondern nur gegen Regen und Insekten. Robert zimmerte und
übernagelte alle Fugen mit Streifen geteerten Segeltuches; dann machte er auf
gleiche Weise eine Tür, die aber nur kriechend zu passieren war und
ausserordentlich vorsichtig behandelt werden musste, weil ihr der nötige
Eisenbeschlag fehlte.
    Vor Mittag hatte er diese Arbeit beendet und konnte sich nun als Besitzer
eines kleinen, lichtlosen, aber gegen Wind und Wetter geschützten Raumes
betrachten.
    Sinnend und ausruhend sass er vor dem brodelnden Kochtopf, legte sein Gesicht
in beide Hände und wartete auf das Garwerden seines selbstbereiteten Mahles,
über das er sich dann mit regem Appetit hermachte. Nachdem er gegessen hatte,
wählte er sorgfältig aus dem ganzen Vorrat das aus, was gegen Feuchtigkeit am
notwendigsten geschützt werden musste, nämlich Waffen und Pulver, die
unentbehrlichen Zündhölzer, Salz, Zucker und Kaffee. Dies alles brachte er in
die Höhle, bedeckte es mit mehreren Segeltüchern und baute dann für die
Lebensmittel einen zweiten, kleineren Verschlag, den er mit seinen Vorräten
füllte und ausserdem mit grossen Steinen für etwaige Angriffe hungriger Tiere
unzugänglich machte. Das Fleisch in der Tonne bedeckte er mit einem Haufen
frischer grüner Zweige, um es möglichst lange geniessbar zu erhalten. So war
gegen Abend für das Notwendigste einstweilen gesorgt, und als sich Robert noch
aus Moos und Decken ein bequemes Lager gebaut hatte, setzte er sich vor seiner
Hütte auf eine übriggebliebene Kiste und überliess sich seinen Gedanken.
    Er wollte in Zukunft die erste Hälfte jedes Tages den häuslichen Arbeiten
widmen und während der zweiten am Strand Ausguck halten oder die Insel
ringsumher untersuchen, um festzustellen, wie gross sie sei, welche Früchte sie
trug und was sich von der Jagd erwarten liess, ebenso wollte er fischen und
Krebse fangen, da doch sein Fleischvorrat schon sehr bald der Hitze erliegen
würde. Er untersuchte auch das Kistchen mit Pulver und Blei und überzeugte sich,
dass für wenigstens hundert Schüsse gesorgt war.
    Nur eins beunruhigte ihn. Sollte er am Strand ein Notsignal befestigen oder
nicht? - Die spanischen Bukanier, ohne Zweifel Räuber, die unter der Maske
harmloser Fischer die gefährlichsten Eigenschaften verbargen, wohnten jedenfalls
in der Nähe und mussten schon sehr bald seine Flagge bemerken. Was dann geschah,
liess sich mit ziemlicher Gewissheit voraussehen.
    Und doch war für ihn auch wieder dieses gefährliche Notzeichen die einzige
Hoffnung, von der Insel erlöst zu werden. Hier landete kein Schiff, hierher kam
niemand freiwillig, das wusste er recht gut. Aber wenn er eine der höchsten
Königspalmen erkletterte - und er hatte es bereits versucht, es gab schlanke
Stämme, die er umfassen konnte - dann liess sich das Zeichen noch immer geben,
sobald ein Schiff in die Nähe kam. Es fanden sich unter den Waffen zwei
sechsläufige Revolver, mit denen jedenfalls die Aufmerksamkeit vorüberfahrender
Schiffe leicht zu erwecken war; das tröstete ihn sehr.
    Nachdem er den Entschluss, keine Notflagge zu setzen, einmal gefasst hatte,
wurde ihm leichter ums Herz. Er wusste nun, was jeder Tag bringen würde, und nahm
sich vor, schon morgen einen grösseren Ausflug zu machen. Vorher aber wählte er
in nächster Nähe seiner Hütte einen jungen Baum, und in diesen schnitt er zwei
tiefe Kerben, um zu wissen und täglich festzustellen, wie lange Zeit er auf der
Insel zugebracht hatte. Einen anderen als diesen von Robinson Crusoe erfundenen
Kalender besass er ja nicht, aber es ging auch mit den Kerben ganz gut.
    Während der Nacht fiel ein starker Regen, der Robert zwang, sich vor allem
einen grösseren Vorrat Brennholz ins Trockene zu bringen. Er sammelte alle
Splitter der gestrigen Zimmerarbeit und holte aus dem Innern der dichten,
undurchdringlichen Gebüsche mit seiner Axt das trockene Holz hervor. Nachdem er
auf diese Weise einen hübschen Vorrat unter das Felsendach gebracht hatte, baute
er daneben die Küche oder vielmehr den Herd aus Steinen und Felstrümmern, die am
Ufer reichlich vorhanden waren. Der Bach gab köstliches frisches Wasser; Bananen
und Ananas wucherten überall, er brauchte daher lange Zeit für seinen Unterhalt
keine Sorge zu tragen.
    Er verschob es auf den folgenden Tag, die kostbaren Seidenstoffe und
Teppiche des Kapitäns wieder zu verpacken, und stapelte fürs erste nur die
Kisten mit Wein und Champagner draussen vor der Höhle übereinander, da ja diese
durch den Regen nicht verdorben werden konnten. Dann traf er die Vorbereitungen
zu seinem beabsichtigten grösseren Ausflug um die Insel.
    Schwere, bis an die Knie reichende Seestiefel hatten die Matrosen für alle
Fälle mit hierhergebracht, aber er besass nichts, was einer Tasche oder einem
Korb auch nur im mindesten ähnlich gesehen hätte. Seinen Mundvorrat musste er
daher in ein Bündel knoten und auf dem Rücken tragen. Er steckte eine Pistole in
die Brusttasche, ein kleines Handbeil in den Gürtel und schnitt sich aus dem
Gebüsch einen tüchtigen Knüppel. So ausgerüstet trat er seine Entdeckungsreise
an, diesmal nach der entgegengesetzten Seite der Insel.
    Er fand, dass das Unterholz dichter und dichter, der Pflanzenwuchs immer
üppiger wurde, je weiter er sich vom Strand entfernte. Die Landschaft stand im
reichen Schmuck tropischer Schönheit, während eine Unzahl von buntgefiederten
Singvögeln oft so traulich nahe herankam, dass Robert glaubte, die Tierchen mit
der Hand greifen zu können.
    Er bezeichnete rechts und links durch tüchtige Hiebe seinen Weg und fühlte
regelrecht ein Verlangen nach einem kleinen Abenteuer. Die Pflanzen, die er sah,
interessierten ihn alle sehr, da er ja aus dem Schulunterricht ihre Merkmale
genau kannte und wusste, dass diese breitblätterige, zu Tausenden den Boden
bedeckende Staude der Tabak sei, dass dort die Indigopflanze blühte und dort der
Kakao. Er pflückte die reifen Orangen vom Baum, bewunderte die Schoten des
grünen Kaffees und machte endlich bei einer besonders schönen Stelle Halt, um zu
rasten und etwas Schiffszwieback zu essen. War er nicht in diesem Augenblick ein
zweiter Christoph Kolumbus, der ja Kuba vor Zeiten entdeckte und mit seiner
widerstrebenden Mannschaft durchforschte? - Wie schnell sich doch im
Menschenleben die Verhältnisse ändern! Vor kaum vier Monaten noch in dem
kleinen, unbekannten Pinneberg ein kleiner, unbekannter Schneiderlehrling, und
nun ein Ansiedler auf dem klassischen Boden, der einst Kolumbus' Namen
unsterblich gemacht hatte. Roberts Herz schlug höher. Wie oft hatte er sich in
die Lage seines Lieblingshelden so lebhaft hineingedacht, dass er Schritt um
Schritt seinen Entdeckungszügen folgte und träumend alles miterlebte. Jetzt
stand er auf dem Fleck Erde, den Kolumbus betreten hatte, jetzt endlich blühte
um ihn herum die südliche Pracht der Tropen, wohin er sich in Gedanken so oft
gewünscht hatte.
    In fast heiterer Stimmung setzte er seinen Weg fort. Was jetzt den Boden
bedeckte, war Zuckerrohr, und daher schien einige Vorsicht geboten. In der Nähe
dieser Pflanze, die auf ganz trockenen Feldern nicht so leicht wild wächst,
befindet sich meistens ein Sumpf, ein stehendes oder verschlammtes Gewässer, und
diese Bayous, wie sie der Amerikaner nennt, beherbergen Krokodile.
    Robert wusste, dass auf den Antillen das Orinokokrokodil zu Hause ist, und dass
es in der Umgebung seines sumpfigen Aufentaltes kleine Streifzüge zu machen
liebt, - denen nicht selten sogar Menschen und grössere Tiere zum Opfer fallen;
er ging daher Schritt um Schritt weiter und suchte erst einmal das Wasser, das
er in nächster Nähe vermutete. Wirklich sollte ihn seine Erwartung nicht
täuschen. Zu seiner Rechten dehnte sich ein schwarzer, mit Schlamm und Moos
eingefasster See, dessen Oberfläche träge im Sonnenschein dalag und grünlich
überzogen, von Wasserpflanzen bedeckt, einen widerwärtigen Modergeruch
ausströmte.
    Frösche quakten in der Tiefe der überhängenden Dickichte, kleine Schlangen
glitten wie blitzende Streifen durch das Moos, und die lästigen Moskitos waren
hier zahlreicher als an irgendeinem anderen Punkt der Insel.
    Robert ging weiter, jetzt am Rand des verschlammten Sees entlang und prüfte
sorgfältig die Umgebung. Nur ab und zu stand zwischen den Stämmen des
Zuckerrohrs ein einzelner Baum, sonst war die Gegend flach, wenn auch nicht
weniger schön als der Wald. Es blühte in allen Farben, besonders am Rand des
Sumpfes, wo purpurne Blüten an langen Ranken auf dem Boden dahinkrochen und zu
dem eintönigen Grau des trockenen Schlammes einen lebhaften Gegensatz bildeten.
    Auch Wasservögel schienen hier ihre Heimat zu haben; wenigstens sah Robert
einige ganz junge, wollige Tierchen durch das Gewirr von Pflanzenresten, dürrem
Reisig und lebenden Gewächsen dahinschlüpfen.
    Er liess sich leise auf die Knie nieder. Wie schön wäre es, in der Höhle
einen kleinen Kameraden zu besitzen, ein Vögelchen, das nach und nach zahm
wurde, aus seiner Hand frass und auf seine Stimme hörte. Er konnte ihm aus einer
der Kisten ein Wohnhäuschen herstellen, konnte es täglich mit Würmern und
Brotkrumen füttern.
    Dieser Wunsch beherrschte ihn vollständig. Er beugte sich über den Rand des
Sumpfes und streckte behutsam die Hand aus ...
    In diesem Augenblick ertönte hinter ihm ein zischender Laut, halb ein
Schnaufen, halb wie das Schnarchen eines schlafenden Hundes. Die Büsche krachten
leise.
    Robert fuhr auf, als habe ihn ein Schuss getroffen. Er drehte sich
gedankenschnell nach der Stelle, von wo der Laut gekommen war - -
    Hinter ihm, kaum zwei Schritte weit entfernt, lag zwischen den
Zuckerrohrpflanzen ein Krokodil von etwa drei Meter Länge mit aufgesperrtem
Rachen, dessen Hässlichkeit noch durch die kleinen, raublustigen Augen mit ihren
drei übereinander liegenden Lidern bedeutend verstärkt wurde.
    Das Tier schoss im gleichen Moment vorwärts, als Robert, dessen
Geistesgegenwart ihn die Gefahr der Lage vollständig überblicken liess, einen
Seitensprung machte. Er wusste, dass die Krokodile an Land feige und unbeholfen
sind, und dass sie sich mit ihrem kurzen Hals nur sehr schwer drehen können, aber
dennoch blieb immerhin seine Lage bedenklich genug, da ihn zur Rechten der Sumpf
am Rückzug hinderte, und zur Linken das dichtstehende Zuckerrohr. Ohne die
Blicke von seinem greulichen Feind zu wenden, arbeitete er sich rückwärts in das
Gebüsch hinein, unwillkürlich seinen Knüppel zum Schutz vorstreckend, wobei ihm
Hände und Kleidung nicht wenig zerfetzt wurden. Das Tier folgte ihm, so schnell
es seine kurzen Beine erlaubten. Auf freiem Gelände wäre es Robert ein Leichtes
gewesen, sich der Gefahr zu entziehen, ebenso hätte er auch schiessen können,
wenn nur die Pistole nicht vorher erst hätte geladen werden müssen; dazu aber
blieb ihm keine Zeit.
    Solange seine Kräfte vorhielten, ging alles gut, als jedoch die Stämme des
Zuckerrohrs anfingen, höher und umfangreicher zu werden, als sie seinen
Schultern stärkeren Widerstand entgegensetzten, begann sich die Entfernung
zwischen ihm und dem Krokodil langsam zu verringern. Er fühlte, wie ihm der
Schweiss ausbrach und wie ihm die Füsse den Dienst zu versagen drohten.
    Hätte er nur einen Baum erreichen können! Etwas Schiffszwieback und Fleisch
besass er noch, auch die Pistole, um das Tier zu erschrecken, - er musste also
vielleicht die Nacht in den Zweigen des Baumes verbringen und das Krokodil
aushungern, indem er es zwang, andere Beute zu suchen. Aber noch war kein
rettender Stamm in der Nähe - -
    Es begann vor seinen Augen zu kreisen, und die Umrisse wurden
verschwommener. Seine Schläfen klopften, und in seinen Ohren klang es wie das
Brausen des Meeres - -
    Das Schnaufen des Raubtieres erklang in unmittelbarer Nähe, er sah kaum noch
deutlich, was um ihn herum vorging, da - stiess er plötzlich mit dem Rücken gegen
einen Baumstamm und jauchzte laut auf vor Freude.
    Den Stock, den er immer noch festgehalten hatte, unter Aufbietung seiner
letzten Kräfte dem Untier in den geöffneten Rachen schleudernd, flog er
blitzschnell in die Zweige des Mango hinauf. Es war zum Glück ein uralter Baum,
dessen Äste bis tief zum Boden herabreichten und die nötige Stärke besassen, um
ihn tragen zu können. Seine Hände bluteten, sein Zeug hing in Fetzen herab, und
seine Mütze lag unten zwischen dem Zuckerrohr, aber er selbst war vorläufig in
Sicherheit.
    Mit beiden Armen umklammerte er den Stamm, schloss die Augen und liess seine
Brust wieder zu ruhigem Atmen zurückkehren. Eine Frucht des Mangobaumes, die
unmittelbar in der Nähe hing und deren Saft er begierig einsog, brachte ihm
einige Abkühlung. Er trocknete sich die Stirn und blickte hinab. Das Krokodil
lag neben dem Baum.
    Robert öffnete die Jacke und liess den Wind unter das schweissdurchnässte
Wollhemd dringen, er glaubte fast ersticken zu müssen, obgleich jetzt die grösste
Gefahr vorüber war. Das Krokodil blieb vielleicht zufällig in der Nähe, doch
jagte es nicht mit Überlegung, wie andere, an Land lebende Raubtiere, sondern
zog sich in seinen Sumpf zurück, wenn es das Opfer nicht mehr sah. Wenigstens
glaubte sich Robert zu erinnern, es so gehört zu haben, daher hoffte er, dass
sich der schwerfällige Feind jetzt nach kurzer Rast auf die Beine machen werde.
    Von oben herab zu schiessen wäre völlig nutzlos gewesen, da eine Kugel an dem
Panzer des Tieres abprallen würde wie an glattem Stahl. Nur wenn der Schuss in
das Auge traf, konnte er töten.
    Viertelstunde auf Viertelstunde verrann, die riesige Eidechse rührte sich
nicht vom Fleck. Robert fühlte, dass die knorrigen Äste des Baumes keineswegs ein
angenehmes Ruhekissen waren, und dass seine Glieder anfingen zu schmerzen. Er zog
die Pistole hervor, lud sie und drückte ab, dem Feind gerade auf den Rücken,
aber ebensogut hätte er ein paar Blätter hinunterwerfen können. Das Tier nahm
von dem Knall und von der Kugel durchaus keine Notiz.
    Robert begann zu klettern, um wenigstens nicht fortwährend von den
Baumzweigen gedrückt zu werden. Er schwang sich in die höchste erreichbare
Spitze und bombardierte das Tier mit einer wahren Flut von harten, halbreifen
Früchten, die er ihm alle geschickt auf den Kopf warf, aber ohne die erhoffte
Wirkung zu erzielen. Das Krokodil beachtete ihn beharrlich nicht.
    Robert musste sich mit dem Gedanken, hier für die Nacht Quartier zu nehmen,
endlich wohl oder übel befreunden. Nur mit dem Schlafen sah es übel aus, da er
nichts besass, um sich festzubinden. Aber diese Nacht konnte ja nicht ewig
dauern. Er zog seinen Mundvorrat aus dem Tuch hervor und fand den Zwieback zu
Pulver zerrieben, das Fleisch aber plattgedrückt wie einen Pfannkuchen. Jetzt
musste er doch lachen. Seine Berührung mit den Stämmen des Zuckerrohrs hatte die
Verwüstung angerichtet. Er ass die grössten Brocken und das Beste vom Fleisch und
schüttete dann den Rest auf die Schnauze des Belagerers.
    Der schien zu schlafen, er rührte kein Glied.
    Und so kam die Nacht heran. Robert nahm das Tuch, in dem er den Mundvorrat
getragen hatte, und prüfte die Stärke. Dann band er wenigstens einen Arm an den
nächsten Zweig, um zumindest rechtzeitig geweckt zu werden, wenn er dennoch
einschlafen und vielleicht fallen sollte. So erwartete er die Nacht. Regenwolken
verdeckten den Mond, Finsternis hüllte alles in ihre undurchdringlichen
Schatten, nur die Stimmen der Natur klangen zuweilen aus dem schweigenden Wald
herüber. Ein Klatschen des Wassers, ein vorüberhuschender Vogel, ein Knistern
und Brechen im Unterholz oder gar ein leichter, schnell erstickter Angstschrei,
das war alles, was Robert hörte.
    Er dachte an Pinneberg, an die Eltern und an Mohr, seinen lieben alten
Freund, dessen Grab er morgen gleich besuchen wollte. Das Geld, das der
sonderbare Mann während eines halben Menschenlebens zusammengespart und ihm
vermacht hatte, war mit allem übrigen von den Räubern gestohlen worden, Robert
konnte also nicht mehr daran denken, nach Hause zu reisen und sich mit den
Eltern zu versöhnen. Sollte er als Bettler, ohne einen Groschen oder
irgendetwas, das ihm gehörte, wieder in das Vaterhaus zurückkehren und bitten:
Nehmt mich auf, ich bin hungrig und bitte euch um etwas zu essen?
    Nein, dagegen sträubte sich sein Stolz. Er wollte vom nächsten Hafen aus
einen langen Brief schreiben, wollte alles erzählen, was er erlebt hatte,
besonders diese letzte Gefangenschaft auf der einsamen Insel und den Verlust des
Geldes, - damit mussten sich die Eltern vor der Hand begnügen. Er dachte so
lebhaft an die Heimat, an das kleine niedere Wohnzimmer und die sauberen Möbel,
dass er fast glaubte, alle diese Dinge vor sich zu sehen. War es das Rauschen des
Regens oder sprach dort seine alte Mutter zu ihm? Ja gewiss, sie tröstete ihn,
sie legte die Hand auf seine Stirn und flüsterte Worte voll Liebe.
    Es wunderte ihn, dass sie so plötzlich hier auf der entlegenen Insel bei ihm
stand, er begriff nicht, wie sie den Räubern entgangen war und dass ihr das
Krokodil kein Leid getan hatte.
    »Mutter«, sagte er leise, »der Vater irrt sich, wenn er meint, dass ich euch
nicht lieb habe, gewiss, er irrt sich. Aber ich wollte ja so gern hinaus in die
weite Welt - - das war es.«
    Und in den Blättern spielte der Wind, rauschte der Regen - -
    Die Sonne schien hell und lachend auf sein erstauntes Gesicht herab, als
Robert am folgenden Morgen erwachte. Er blickte um sich, steif am ganzen Körper
vor Schmerz, aber neugestärkt durch den festen, gesunden Schlaf von wenigstens
fünf Stunden. Wie der Blitz durchzuckte ihn die Erinnerung an das letzte
Erlebnis des Vortages, er sah durch die Zweige herab auf den Boden und prüfte
sorgfältig die Umgebung.
    Das Krokodil war verschwunden.
    Er atmete tief auf. Jetzt musste er den günstigen Moment benutzen und
schleunigst Fersengeld geben, bevor der Feind möglicherweise zurückkam. Er
bewohnte höchstwahrscheinlich den Sumpf zur Linken und konnte sich zu einem
Morgenspaziergang veranlasst fühlen, also musste Robert auf seiner Hut bleiben.
    Er kletterte unter grimmigen Schmerzen herab und machte etwa zwei Meter über
dem Erdboden auf einigen stärkeren Ästen Halt, um erst die Pistole zu laden.
Pulver und Blei hatte er vorsichtigerweise durch eine Blechkapsel vor
Feuchtigkeit geschützt und auch um den Revolver sein Taschentuch gebunden.
Beides war in bester Ordnung, daher konnte er es getrost wagen, mit gespanntem
Hahn den Rückweg aus der Umgebung des Sumpfes anzutreten. Schritt für Schritt
drang er, nachdem er seine durchnässte Mütze wiedergefunden hatte, durch das
gestern niedergetretene Dickicht vor und kam bis an die Stelle, wo er den
kleinen Vogel hatte greifen wollen.
    Das Ufer war hier sehr breit und senkte sich nur ganz allmählich bis zum
Wasser herab. Von der Vogelfamilie sah Robert keine Spur, auch die Ranken
schienen an mehreren Punkten gewaltsam zerrissen, und eine tiefe Erdfurche ging
von oben bis an den grünschillernden Tümpel herab. Das Krokodil war also an
dieser Stelle ins Wasser gekrochen.
    Robert fasste die Waffe fester. Jetzt hatte er vier Schüsse und konnte das
Ungeheuer an sich herankommen lassen.
    Als er etwa zehn Schritte gegangen war, bewegten sich vor ihm auf halber
Höhe des Ufers die sonnenverbrannten Halme, und raubgierige Augen starrten ihm
entgegen. Das Krokodil lag in der Sonne und dehnte die schuppigen Glieder. Es
mochte in diesem Augenblick nicht aufgelegt sein, sich zu erheben und nach Beute
zu spähen, - nur die Augen glitzerten mordlustig, und die Kinnladen bewegten
sich leise.
    Robert zögerte nicht lange. Er zielte auf die Augen des Tieres und tötete es
fast auf der Stelle. Der Körper zuckte noch einige Male, der Schwanz schlug in
die Luft, und die lippenlosen Kiefer bewegten sich im letzten Kampf, dann waren
die Augen gebrochen.
    Ein Gefühl des Stolzes durchzog Roberts Brust. Da lag das riesige Tier, von
ihm getötet, - er hatte ein Krokodil erlegt! Wie schade, dass sich die Trophäe
nicht aufbewahren liess. Aber so gern er auch den Rückenpanzer abgelöst und
mitgenommen hätte, davon musste er doch absehen. Nachdem ihn ein Schlag mit dem
Beil auf die Schnauze überzeugt hatte, dass das Tier tot sei, wagte er sich näher
heran und besah den Körper. Der Panzer aus gekielten Schildern war hart wie
Eisen, so hart, dass Robert auch nicht die geringste Spur seiner ersten
Pistolenkugel finden konnte. Die Zunge fand er, nachdem er mit dem Beil das Maul
geöffnet hatte, ihrer ganzen Länge nach festgewachsen, Ohren und Nasenlöcher
hatten verschliessbare Klappen. Am Unterkiefer sassen Drüsen, die einen
durchdringenden, moschusartigen Geruch ausströmten.
    Robert trennte sich nur ungern von der Hoffnung, irgendein Andenken mit nach
Hause nehmen zu können, aber er musste doch endlich den Gedanken aufgeben und den
Weg zu seiner Niederlassung antreten. Nachdem er noch einen ziemlich grossen
Vogel erlegt hatte, kehrte er durch das taufrische, köstlich duftende Holz ohne
Zwischenfälle zu seiner Behausung zurück.
    Aber wie war sein Anzug zerfetzt und zerrissen, wieviel Flecke hatte er
bekommen! Robert seufzte, als er sich auf sein Lager streckte und jedes Stück
einzeln untersuchte. Endlich schüttelte er den Kopf. Auch wenn er Nadel und
Faden gehabt hätte, so wäre hier alle Schneiderkunst vergeblich gewesen, aber
dennoch musste er der Moskitos wegen heiles Zeug haben. Zwar befand sich genug
Segeltuch unter den mitgebrachten Sachen, aber keine Schere, keine Nähnadel und
kein Zwirn.
    Er begann seufzend den geschossenen Vogel zu rupfen, nahm ihn aus und briet
ihn mit einigen Speckschnitten im Kochkessel. Dann kochte er Kartoffeln,
pflückte sich einige Ananas und tafelte im Freien vor seinem hölzernen Palast
wie ein König. Das Jagdglück von heute morgen, die kräftige Mahlzeit und die
weite Wanderung hatten ihn in gute Stimmung versetzt, die nur durch den Gedanken
an Jacke und Hose einigermassen getrübt wurde. Wenn das seine Mutter gesehen
hätte, sie, bei der alles vor Sauberkeit glänzte!
    Er musste lächeln, als er das dachte. Waschen liess sich auch nichts, da er
keine Seife hatte. Kopfschüttelnd räumte er die Überbleibsel der Mahlzeit fort
und machte sich dann daran, eine Angel herzustellen. Haken und Schnüre besass er
glücklicherweise, es fehlte also nur der Stock, und den lieferte das nächste
Gebüsch in jeder Grösse.
    Robert befestigte sein neues Jagdgerät, nachdem er die Angelschnur mit einem
tüchtigen Stück Pökelfleisch daran ins Wasser geworfen hatte, an einem Baum und
holte nun nach, was durch die unfreiwillige Abwesenheit von seinem Haus
inzwischen versäumt worden war. Er schnitt in den Palmstamm die dritte Kerbe,
legte frisches Pökelfleisch ins Wasser, bedeckte die Tonne mit neugepflückten
Zweigen und räumte die Seidenwaren in ihre Kisten. Jetzt hatte er alles
geordnet, sogar sein Schlafzimmer von Unkraut und Gras gereinigt und mit einem
ausgespannten Segeltuch ein Sonnendach errichtet. Zufrieden blickte er um sich.
»Ich kann nun die meisten Stunden des Tages am Strand zubringen«, dachte er,
»und das ist für mich die Hauptsache.«
    Als alle Arbeiten des kleinen Hausstandes besorgt waren, sah er nach seiner
Angel. Es hatte noch kein Fisch angebissen, daher konnte Robert fürs erste ein
wenig ausruhen. Wenn nur die lästigen Moskitos nicht gewesen wären!
    Sie drangen überall unter die zerrissenen Kleider und setzten sich frech auf
sein Gesicht. Aber das war noch erträglich; nur dass er so zerlumpt und mit
Flecken übersäet herumlaufen musste, ärgerte ihn sehr.
    Eine Nähnadel! - Ein Königreich für eine Nähnadel!
    Und dann fiel ihm Georgs Schelmenlied wieder ein: »Es tranken ihrer neunzig,
ja neunmalneunundneunzig aus einem Fingerhut.« -
    Wie hatte ihn Georg betrogen, wie hatte er seine Arglosigkeit benutzt, um
ihn in die Falle zu locken. Noch glaubte er zu hören, was der Matrose vom
»Blitz« damals sagte: »Das ist ein Galgengesicht, und du solltest dich von ihm
fernhalten, mein Junge!« -
    Er seufzte und liess sich dabei von den Moskitos so lange stechen, bis er
aussah, als hätte seine Haut soeben das Scharlachfieber überstanden. Die kleinen
Insekten bissen ihm das Sprichwort: »Wer nicht hören will, der muss fühlen« heute
recht empfindlich ins Gedächtnis ein. Er wollte gerade aufstehen und eine
Handvoll grüner Blätter zerdrücken, um sich mit ihrem Saft einzureiben, als
plötzlich die Angelschnur in Bewegung geriet und unter dem Wasser verschwand.
    Robert sprang sofort auf. Vorsichtig zog er einen Fisch von wenigstens fünf
Pfund ans Land und freute sich königlich über die gelungene Jagd. Den wollte er
heute abend essen und dann von allen möglichen Resten der letzten Mahlzeiten
einmal wieder Labskaus braten. Wenn nur Licht da wäre, wenn die Matrosen nur an
ein einziges Fass Öl gedacht hätten, - aber da musste er alle Hoffnung aufgeben.
Sobald die Sonne unterging, hiess es wie bei den Hühnern: »zu Bett!«
    Er schuppte den Fisch, nahm ihn aus und legte die Stücke, wie er es von
seiner Mutter oft gesehen hatte, in Salzwasser, dann ging er, um am Strand nach
einem Schiff auszuschauen. Die nach Havanna gehenden Fahrzeuge konnten zwar
unmöglich hierher kommen, aber doch vielleicht ein Fischerboot, ein Schiff, das
kreuzen musste, das Wasser einnehmen wollte oder vielleicht ein Zollschiff, wenn
es überhaupt eins gab.
    Er nahm die Pistole wieder mit sich, ebenso eine Decke, und ging zum Strand,
um einen vollständigen Ausguck einzurichten. Vorher aber besuchte er das Grab
seines alten Freundes, den einzigen Ort, der ihm auf dieser Insel teuer war.
    Die Mooshalme hatten sich wieder aufgerichtet und in der gelockerten Erde
neue Wurzeln geschlagen. Noch wenige Tage, dann überspannte das grüne Netz wie
vorher den Boden, und kein Auge sah, dass hier ein Mensch die letzte Ruhe
gefunden hatte.
    Robert brach eine purpurne Kaktusblüte vom Stiel und legte sie auf die
Stelle, die das Gesicht des Alten bedeckte, dann ging er fort, um seine kleine
Seewarte einzurichten. - Die Palmen am Ufer waren höher als die Mangobäume.
Robert, als geübter Turner und erfahrener Kletterer, schwang sich mit
Leichtigkeit bis in die Krone der schlanken Stämme hinauf, aber er musste dann
Hände und Füsse gebrauchen, um sich festzuhalten, und konnte auch das nur für
kürzere Zeit. Der astreiche Mango dagegen bot in seinem dichten Laubwerk einen
bequemen Sitz, weshalb Robert nach längerer Überlegung beschloss, hier Posten zu
fassen. Er hieb mit seinem Messer in die Zweige und Blätter eine grössere Lücke
hinein, so dass der Blick auf das Meer vollständig frei wurde, und suchte dann
einen Platz zum Sitzen, den er auf allen Seiten säuberte. Hier konnten ihn die
Sonnenstrahlen nicht erreichen, hier konnte er sich frei bewegen und weitin
nach rechts und links Umschau halten, während er ausserdem in den höher gelegenen
Zweigen leicht ein Versteck fand, sobald es etwa der Piraten wegen erforderlich
werden sollte. Hier sass Robert nun mit einer Flagge, die er sich aus einer
Stange und einem Segel gemacht hatte.
    Die abgehauenen Zweige und Blätter warf er sorgfältig ins Meer, um von
seiner Arbeit keinerlei Spur zurückzulassen, dann badete er am Strand, wo ihn
salziger Schaum wie ein Sturzbad überflutete. Schon der blosse Anblick des
Meeres, der frische Hauch, den es ausströmte, belebten und kräftigten seinen
Mut. Er wünschte trotz aller Gefahr nichts sehnlicher, als dass die Hütte näher
am Ufer läge, damit er die See täglich und stündlich vor Augen hätte. Wohl
zehnmal sprang er wieder zurück in die klaren, durchsichtigen Wellen oder
schwamm eine Strecke weit hinaus und liess sich auf dem Rücken treiben, bis die
Sonne unterging.
    Noch ein letzter Blick aus der Höhe des Mangobaumes nach allen Richtungen,
noch das mitgebrachte Notzeichen oben in den Zweigen versteckt, und dann ging es
heimwärts durch den grünen Wald.
    Der Himmel glühte und die Sonnenscheibe hatte sich mit grauen
Wolkenschleiern umhüllt. Einzelne Windstösse fuhren durch den Wald, allmählich
verstummte der Gesang der Vögel, und schwere Tropfen fielen in Pausen
geräuschvoll auf die Blätter. Robert beeilte sich, noch vor Ausbruch des
Gewitters seinen Fisch zu kochen und die übriggebliebenen Kartoffeln in Speck zu
braten. Er hatte kaum die Geräte vom Feuer genommen, als das Unwetter mit aller
Kraft losbrach. Sturm und Donner heulten um die Wette, der Regen schlug
klatschend auf das Laubwerk herab, und rote, zuckende Blitze erhellten die
Umgebung. Robert glaubte nie vorher ein Gewitter erlebt zu haben, so sehr
überstieg das, was er sah und hörte, alles bisher Gekannte. Ein Schauer von
unreifen Früchten hagelte ins Gras, krachend stürzten ganze Bäume, und hier und
da schlug der Blitz in besonders hohe Stämme, die dann bis zur Erde herab
zersplitterten. Robert ass rasch seine Mahlzeit und wollte sich in den Schutz der
Höhle zurückziehen, da - als er die Tür öffnete - schwamm ihm das Moos seines
Lagers entgegen, während die Decken, triefend vor Nässe, im Winkel lagen.
    Einen Augenblick lang stand Robert starr vor Entsetzen. Wenn das Salz und
die Zündhölzer vom Wasser vernichtet worden waren! - -
    Über seine Stiefel lief der Strom ins Freie, bis endlich nur noch etwas
Schlamm in der Höhle zurückblieb. Robert stand noch immer unbeweglich, von
diesem neuen Schlag wie betäubt. Erst langsam erholte er sich und kroch hinein,
um die gefährdeten Gegenstände untersuchen zu können. Zum Glück waren bis in
diesen versteckten Winkel die Regenfluten nicht gedrungen, - er fand seine
kostbarsten Güter unversehrt.
    
    Für ihn selbst blieb freilich nur ein Ausweg, nämlich der, au mehreren
leeren Kisten ohne Decken oder irgendeinen Schutz die Nacht zu verbringen. Aber
das sollte ihm nicht wieder passieren. Die ganze Wetterseite der Wohnung musste
durch einen starken Erdwall vor dem Eindringen des Regens geschützt werden, und
schon mit Tagesanbruch wollte er diese neue Arbeit beginnen.
    Bis auf die Haut durchnässt streckte er sich zum Schlafen aus. Draussen tobte
noch der Donner, zischten die Blitze; sprühende Schauer von kalten Tropfen
drangen in die Höhle hinein. Der Sturm schwoll zum wahren Orkan, dessen Stösse
wie tiefe Orgelklänge bald brausend und gewaltig, bald langgezogen und klagend
die Luft zerrissen.
    Ein schlecht befestigtes Brett wurde von der Gewalt des Windes
herausgerissen, mit wütendem Anprall fuhr der nächste Stoss in die Hütte hinein
und brachte ganze Fluten von Regen mit sich. Es war jetzt in dem engen Raum noch
ungemütlicher und trostloser als draussen; Robert erhob sich, um ins Freie zu
kriechen, wo die Luft gewiss etwas weniger dumpf und erstickend war.
    Tiefe, undurchdringliche Nacht umgab ihn, der Boden war weich und
schlüpfrig, der Sturm raubte im Freien den Lungen den Atem - -
    Da, durch das Gebrüll des Donners und das Sausen des Windes klang ein Ton,
der in seiner kurzen Schärfe deutlich verriet, dass ihn nicht der Sturm
hervorgebracht hatte.
    Ein Schuss! - Ein Kanonenschuss! - -
    Er hatte es deutlich gehört; Zittern lief durch seine Glieder, das Herz
schlug zum Zerspringen, - er lauschte atemlos.
    Und da kam es zum zweiten-, zum drittenmal. Es waren Kanonenschüsse, - es
war ein Schiff, das sich in Not befand.
    Er musste sofort hinaus an den Strand, musste Zeichen geben, - er wollte um
jeden Preis die Menschen an Bord über seine Anwesenheit unterrichten, und wenn
er schwimmen musste.
    Das alles durchzuckte ihn, drängte sich ihm auf, ohne eine bestimmte Form
anzunehmen, und mechanisch tastete er sich fort. Sooft ein Blitz die Umgebung
erhellte, wurde es dem Jungen möglich, einige Schritte weit zu gehen, dann aber
versperrten Bäume den Weg oder zeigten ihm verschlungene Ranken, dass er die
Richtung zum Ufer im Dunkel verfehlt hatte.
    Rechts und links lagen herabgerissene Zweige, oft sogar ganze Bäume quer
über dem Weg. Immer schneller und schneller folgten die Blitze, fast
ununterbrochen krachte der Donner, und in jede Pause hinein dröhnten die
Notschüsse des bedrohten Schiffes.
    Robert kämpfte mit der Kraft der Verzweiflung, um an den Strand zu kommen.
Schritt für Schritt vorwärts dringend, brauchte er wenigstens eine Stunde, ehe
der Weg von zwanzig Minuten zurückgelegt war. Zerschunden im Gesicht, mit
blutenden Händen und fieberheissem, brennendem Kopf hatte er endlich das Meer vor
sich. Brandend, zischend und kochend, den weissen Schaum turmhoch schleudernd,
brach sich die See an der Küste. Welle auf Welle überspülte das Ufer, hoch in
der Luft kreischten flügelschlagend die Möwen, pfeifend und heulend kam der
Sturm daher.
    Robert hielt beide Hände vor die Augen. Dicht vor der Brandung spähte er,
den nächsten Blitz erwartend, hinaus auf die tobende See Ein neuer Kanonenschuss
zeigte ihm die Richtung, in der das Schiff lag.
    Und dann zuckte aus den schwarzen Wolken der gelbe Strahl herab - dann sah
er für Augenblicke das Fahrzeug. Es war ein grosses Schiff, im Sturm fast ohne
Segel und von den Wellen wie ein Ball von einer Seite zur anderen geworfen.
Jeden Augenblick konnte es der Sturm mit voller Gewalt auf den Strand treiben.
    Die Seeleute glaubten sich vielleicht in der Nähe einer bewohnten Insel,
aber selbst wenn ein Boot zur Stelle gewesen wäre, so hätte es in dem schweren
Wetter unmöglich auslaufen können. Die Wellen gingen haushoch.
    Robert schwang in ohnmächtigem Kampf gegen das Toben des Sturmes sein Tuch.
So nahe vor sich die Erlösung aus der Gefangenschaft, so nahe in der
grauenvollen Nacht die Menschen! Er glaubte es nicht ertragen zu können, wenn
diese Hoffnung getäuscht werden würde.
    Bald sah er beim Schein der Blitze das Schiff in grösserer und bald in
geringerer Entfernung vom Lande, endlich aber so weit draussen, dass er nur noch
die Umrisse erkannte. In jeder Pause des Donners hielt er beide Hände vor den
Mund und rief, so laut er konnte, den. Seemannsruf »Schiff ahoi!« in die Nacht
hinaus, aber ohne eine Antwort zu erwarten. Der schwache Ton konnte nicht bis
zum Schiff dringen.
    Allmählich verstummten draussen auf dem Meer die Kanonenschüsse, und die
Wucht des Sturmes liess nach. Blitz und Donner wurden schwächer, der Regen hörte
auf, einzelne Sterne zeigten sich am Himmel.
    Robert lauschte verzweifelt. Allein in der undurchdringlichen Finsternis,
überwältigte ihn der Schmerz so sehr, dass er weinte.
    Erschöpft warf er sich auf den durchnässten Sand und wiederholte nur von Zeit
zu Zeit den langanhaltenden Ausruf, mit dem sich die Seeleute zu erkennen geben,
aber immer ganz vergeblich. Seine Ungeduld wuchs von Viertelstunde zu
Viertelstunde. Wie lang, wie endlos lang war die Nacht! -
    Er versuchte zu schlafen, aber es misslang gänzlich. Nicht einmal der
Halbschlaf erlöste ihn auf Augenblicke von der Qual der Ungeduld. Er ging, als
endlich Stille eintrat, rastlos am Ufer auf und ab. Jetzt lag das unruhige Meer
wie ein wildes Kind, das sich müde getobt hat und nun sanft schläft, ganz
lautlos und fast unbeweglich, als bereue es sein Wüten. Die Luft war abgekühlt,
die letzten Tropfen von den Zweigen gefallen und der Wind vollständig zur Ruhe
gegangen. Nichts regte sich in der stillen Sternennacht.
    Robert strengte sich an, mit den Augen das Dunkel zu durchdringen, er
glaubte ein Licht, einen weissen Streifen zu sehen und schloss die Augen, um sich
zu vergewissern, ob ihn keine Einbildung täusche. Aber dann, wenn er wieder
aufsah, war nur das Dunkel der Nacht um ihn, - er musste erkennen, dass ihn seine
eigenen überreizten Sinne getäuscht hatten.
    Und auf die Nacht folgte endlich graue Morgendämmerung. Nebel und Schatten,
hier heller, dort tiefer, lagerten sich über dem Wasser, spielten in allen
Formen und täuschten das Auge.
    Sah er nicht dort im halben Dunkel das Schiff mit ragenden Masten und
weissen, flatternden Segeln? Sah er es nicht hart an der Küste, fast so nahe, dass
es die Stimme erreichen konnte?
    Er rief laut, so laut er konnte. Aber kein Zeichen verriet, dass in der Nähe
Menschen lebten. Und die Nebel verzogen sich, zerflatterten; das, was eben noch
ein Schiff gewesen war, erschien nun als Turm, als riesiges, vorsintflutliches
Fabeltier, als Bergspitze mit wallenden Baumkronen. -
    Hundert Gestalten formten sich, tiefe Täler und hohe, unzugängliche Zinnen.
Robert starrte in das Chaos, immer noch hoffend, immer noch festaltend an dem
Gedanken der Erlösung. Was er in der Nacht so nahe an der Küste gesehen hatte,
das rettende Schiff, - sollte es am Morgen, wo ein einziger Blick genügte, ihn
aus der schrecklichen Einsamkeit zu befreien, zu weit entfernt sein, viel zu
weit für jede Verständigung? -
    Es war ja unmöglich, ganz unmöglich! -
    Und heller und heller wurden die Nebelmassen, der Tag brach an. Ein kühler
Hauch glitt durch die regenschweren Blätter, einzelne Tierstimmen erhoben sich,
und gelbe und rote Wolkenränder umsäumten den Horizont.
    Roberts Zähne schlugen aufeinander. Jetzt kam die Entscheidung.
    Er erkletterte den Baum, aus dessen Krone sich das Meer weitin überblicken
liess. Nun teilten sich die Schatten, ein goldener Streif schoss plötzlich hervor,
andere folgten, und die ganze blaue, leicht bewegte Wasserfläche lag glänzend im
Licht des jungen Tages. Weit aus der Ferne, kaum noch erkennbar, schimmerten die
vollentfalteten Segel des Schiffes.
    Robert stiess einen herzzerreissenden Schrei aus. Er sah das Fahrzeug, er
erkannte es deutlich, aber es gab für ihn kein Mittel, sich der Mannschaft
bemerkbar zu machen. Seine Blicke folgten den weissen verschwindenden Segeln, bis
ihm die Augen schmerzten und er verzweifelt den Kopf in die Hand sinken liess.
    Endlich war auch der letzte weisse Punkt verschwunden. Nur das Wasser dehnte
sich in blauer Unendlichkeit vor seinen Augen.
 
                              Todesnot und Rettung
Wie trostlos war der heutige Rückweg. Gestern konnte er hoffen, ein weiches
Lager und eine gefüllte Vorratskammer anzutreffen, er besass bei aller
Verlassenheit eine Art Zuhause, das ihm gehörte und wo er wohnte, jetzt dagegen
musste er fürchten, alles in schrecklicher Verwüstung wiederzufinden. Alle
Zuversicht, aller Mut war dahin. Ach, wenn es Tag gewesen wäre, als das Schiff
so nahe an die Küste getrieben wurde, oder wenn er es lieber nie gesehen hätte!
    Unempfänglich für die neuerblühte Schönheit der Natur, für den doppelt süssen
Hauch der Blumen und den jubilierenden Gesang der Vögel ging er langsam durch
den Wald. Was auf ihn wartete, das wusste er nur zu genau.
    Und seine Vermutung sollte ihn nicht täuschen. Als er sich der Höhle
näherte, sah er schon von weitem den ganzen Umfang des angerichteten Schadens.
Fast alle Planken waren aus ihren Fugen gerissen, der Herd umgestürzt, die
Kochgeräte unter Schlamm vergraben und - das Schlimmste - die Lebensmittel
durchnässt.
    Der kleine Bach, sonst wie ein klarer blauer Spiegel, schoss heute mit wildem
Ungestüm, seine Ufer überflutend dahin und wälzte gelbe, schlammige Wellen dem
Meere entgegen. Abgebrochene Zweige, Blätter und Halme trieben auf der
Oberfläche.
    Jetzt freilich schien die Sonne heiss und freundlich vom Himmel herab, aber
auf ein Bild der entsetzlichsten Verwüstung. Robert stand an einem Baum und sah
starr auf die Verwirrung. Was sollte er nun beginnen, was konnte er tun, diesem
triefenden, schlammüberzogenen Durcheinander, diesen durchweichten Vorräten und
dem ungeniessbaren Trinkwasser gegenüber?
    Zuerst gab es zum Frühstück nur Wein und eine Ananas, die er auch erst aus
einem Bett von Schlamm herausgraben musste, bevor sie sich pflücken liess. Aber
das tat nach der Anstrengung und Aufregung der letzten Nacht, bei ganz
durchnässten Kleidern und tiefster Hoffnungslosigkeit gar nicht wohl, er fühlte
ein Frösteln, als die kalte Frucht in seinen Magen gelangte. Hätte er nur etwas
Wasser gehabt, um Kaffee kochen zu können! Aber dieser missfarbige Schlamm war
nicht trinkbar; er musste jeden Gedanken daran aufgeben.
    Als ein Teil der Ananas verzehrt und ein Glas Wein dazu getrunken war,
machte sich Robert daran, seine Lebensmittel zu untersuchen. Die Säcke mit
Hülsenfrüchten hatten zwar unter Dach gelegen, aber der hereindringende
Sprühregen war doch stark genug gewesen, sie zu durchnässen. Besonders das Brot
und die Kartoffeln waren halb verloren. Robert warf den grössten Teil ohne
weiteres fort und suchte dann nach einigen trocken gebliebenen Brettern, die er
in die Sonne legte und darauf den Rest sorgfältig ausbreitete. Ebenso machte er
es mit den wollenen Decken, die sämtlich von Wasser und Schlamm durchdrungen
waren.
    Dann begann er seine Wände auszubessern. Nägel und Werkzeug hatte er
reichlich, daher war diese Arbeit bald vollendet, aber ohne den unglücklichen
Jungen wieder ermutigen zu können. Wenn in der nächsten Nacht ein neues Gewitter
kam, so hatte er ja doch umsonst gearbeitet, - das drückte ihn fast zu Boden.
    Um aber jedenfalls alles aufzubieten, was er zu seiner Sicherung tun konnte,
ergriff Robert den Spaten und begann hinter der Bretterwand einen festen Erdwall
aufzuwerfen, den er ausserdem noch mit grösseren Steinen feststampfte. Das ging
zwar langsam, aber es versprach doch ein guter, seinen Zweck erfüllender Schutz
zu werden, daher blieb Robert unermüdlich den ganzen Tag hindurch beim Schaufeln
und Stampfen, so dass gegen Abend ein schräger Erdwall vom Boden bis zu dem
niederen Felsendach hinaufreichte. Jetzt konnte der Regen kommen; er würde
wenigstens nicht eindringen können, bevor die Decken in Sicherheit gebracht
waren.
    Die hatte die Sonne inzwischen vollständig getrocknet, aber sie knisterten
unter den Fingern und verbreiteten grosse Staubwolken, sooft er sie schüttelte;
auch der Fussboden war noch nass, und an frisches Moos war natürlich gar nicht zu
denken. Robert klopfte so lange mit einem dünnen Stöckchen drauflos, bis
wenigstens die getrocknete Erde herausgefallen war, dann legte er die Decken und
sich selbst auf zwei leere Kisten, wo er, so gut es eben ging, zu schlafen
suchte.
    Während des ganzen Tages hatte er nur Wein und Früchte gehabt, daher freute
er sich, am folgenden Morgen den Bach so ziemlich wieder klar zu sehen. Er wusch
die Kochgeschirre, suchte das sonnigste Plätzchen und holte von dem in der Höhle
versteckten Brennholz einen Arm voll herbei, um Feuer anzumachen.
    Die lustigen Flammen und endlich der kräftige Kaffee gaben ihm einigermassen
Mut und Zuversicht wieder zurück, aber es sass doch ein heimliches Frösteln in
allen seinen Gliedern; er tat die notwendigen Arbeiten fast gedankenlos, als
gehe ihn das gar nichts an, und oft ertappte er sich auf einem unwillkürlichen
Horchen. Die Kanonenschüsse klangen immer noch in ihm nach, die grausame
Enttäuschung liess sich nicht leicht wieder verschmerzen.
    Er untersuchte jetzt auch seine Fleischtonnen. Aus der einen, die das
bedeutend empfindlichere Schweinefleisch entielt, quoll ihm ein Duft entgegen,
der alle weitere Mühe überflüssig machte. Er versenkte das ganze Fässchen in die
Erde und überdeckte es mit einer Schicht dichten Lehms, dann setzte er die
Untersuchung fort. Das Rindfleisch war noch gut erhalten, ebenso der Speck.
    Robert säuberte nun das Innere seiner Wohnung und sammelte dann Moos, um es
zu trocknen. Bei dieser Gelegenheit fielen seine Augen zufällig auf die ganz
vergessenen Überreste seiner Fischmahlzeit. Freilich konnte von diesem Gemengsel
kein Labskaus mehr gebraten werden, aber ein anderer Gedanke tauchte plötzlich
auf. Diese langen spitzen Gräten - sollten sie sich nicht zu Nähnadeln brauchen
lassen?
    Sein Anzug war ja völlig zerrissen. Nur Fetzen und Lumpen hingen noch von
seinen Schultern herab. Die Gräten waren fest genug, um jedes Zeug durchbohren
zu können, aber es liess sich an ihnen kein Faden befestigen. Robert dachte nach,
bis er darauf kam, mit der Gräte in ein ganz dünnes, leichtes Stück Holz
hineinzubohren und auf diese Weise ein Öhr herzustellen, das dem einer Nadel
glich. Er breitete das gesammelte Moos auf Segeltüchern im Sonnenschein aus und
machte sich dann daran, mit seinem Taschenmesser ein Stückchen Holz ganz platt
zu schneiden. Er wollte erst das kleine Loch hineinbohren und später der Nadel
ihre Form geben, damit nicht ein plötzlicher Spalt die stundenlange Mühe
zunichte machen könne.
    Das Essen hatte ihm am Mittag nur halb so gut wie sonst geschmeckt; ausgehen
oder jagen wollte er heute nicht, und vor dem Anblick des Meeres empfand er,
seit es ihn so betrogen hatte, eine Art von Grauen, daher widmete er seine ganze
Zeit der Nähnadel, die ihm zu einem neuen Anzug verhelfen sollte. Das
Durchbohren des Holzes erwies sich aber als keineswegs leicht; Gräte auf Gräte
zerbrach, und Robert wurde immer ärgerlicher. Dann aber kam ihm ein glücklicher
Gedanke, den er auch sofort ausführte. Die ursprüngliche Absicht, das Holz zu
durchbohren, gab er auf und schnitt statt dessen die stärkste Gräte mit dem
Messer aus der Reihe der übrigen heraus. Nun legte er ein ganz spitzes Hölzchen
zum Feuer und liess es heiss werden. Die Flammen ausblasend, drückte er das
glühende Ende auf die obere Seite der Fischgräte, und siehe da, - ein leichtes
Zischen zeigte, dass eine kleine Vertiefung entstanden sein musste. Wie oft hatte
er auf diese Weise seine Mutter ein Fischbeinstäbchen durchbohren sehen. Waren
denn die Gräten nicht aus demselben Stoff? Allerdings nahm die Mutter dazu eine
Haarnadel und hatte also ein bedeutend besseres Werkzeug als er, aber mit den
kleinen Splittern des sehr harten Holzes ging es zur Not auch, wenn auch weit
schwerer und viel langsamer.
    
    Robert blieb geduldig. Er wendete von Zeit zu Zeit das feuchte Moos und warf
das getrocknete in eine Kiste, dann arbeitete er weiter an dem winzig kleinen
Nadelöhr, das doch so grosser Mühe und Beharrlichkeit bedurfte. Heimlich dachte
er dabei an die vielen bitteren Verwünschungen, die er noch vor wenigen Monaten
auf alles, was Nähnadel hiess, herabgerufen hatte. Ob er gerade dafür zur Strafe
jetzt so unermüdlich das Stück Holz in seiner Hand zuspitzen, ins Feuer stecken
und wieder zuspitzen musste?
    Er schloss ermüdet die Augen. Es war ihm alles so gleichgültig geworden, so
fremd; er arbeitete nur, um nicht müssig dazusitzen.
    Und endlich, als er zum hundertsten Male die Gräte an das Licht hielt,
zeigte sich, dass sie durchbohrt war. Robert war sehr stolz. Wenn er jetzt ohne
Kreide, ohne Zwirn und Schere, nur mit einer Fischgräte und zerfasertem
Segelgarn einen Anzug nähen konnte, so war das ein Werk, das ihm nicht jeder
Schneider nachmachte. Er musste unwillkürlich lächeln. Vater, Grossvater und
Urgrossvater, alle Krolls, soweit sich der Stammbaum der Familie zurückführen
liess, hatten ja mit gekreuzten Beinen auf dem Tisch sitzend das Leben
durchstichelt, aber wie entsetzt würden sie sein, wenn sie sehen müssten, dass der
letzte Spross dieser ansehnlichen Reihe von Schneidern ihr Handwerk mitten im
Urwald und mit einer Fischgräte fortführte! -
    Robert schüttete das trockene Moos auf die Stelle, wo er schlafen wollte,
und räumte seine Decken wieder ein, so dass jetzt wenigstens ein gutes, weiches
Lager da war. Draussen sah es noch fürchterlich aus; die Zweige geknickt und das
Gras zerstampft, der ganze Boden feucht und aufgewühlt, als hätten dort Soldaten
exerziert, - aber Robert kümmerte sich nicht darum. Er hatte für heute genug,
daher legte er sich ohne Abendbrot zu Bett und träumte fortwährend von dem
Schiff, das im Schlaf und im Wachen seine Gedanken beschäftigte. Er sah sich auf
dem Mangobaum sitzen und rund um ihn herum war es heller sonniger Tag. Die
Kameraden auf dem grossen Dreimaster, der gerade an die Küste herankam, hatten
ihn längst bemerkt, sie winkten ihm zu, sie riefen ihn an, und er wollte so
schnell wie möglich zur Erde klettern. -
    Wer aber im Traum fällt, der hat das Gefühl, als weiche unter ihm jeder
feste Halt, als stürze er ins Bodenlose, er erwacht mit klopfenden Pulsen und
Schweisstropfen auf der Stirn, atemlos wie jemand, der lange und schnell gelaufen
ist.
    Auch Robert fuhr vom Lager auf. »Das Schiff!« murmelte er, »das Schiff!«
    Dann aber erkannte er seine Umgebung, atmete die drückende Luft des engen,
geschlossenen Raumes und taumelte auf, um zu trinken. Die Zunge klebte ihm fast
am Gaumen, seine Stirn brannte, Fieberdurst raste in allen seinen Adern.
    Er kroch durch die niedere Tür hinaus in den Vorraum und hob das dort
stehende Gefäss mit Wasser zum Munde, um zu trinken. Aber wie kalt war der Wind,
wie durchschauerte es ihn und trieb ihn zurück unter die schützenden Decken!
    Er musste krank sein, das fühlte er genau! - -
    Schon wandte er sich, um wieder in die Höhle zu schlüpfen, als zufällig sein
Blick die nächste Umgebung streifte. Er fuhr mit der Hand über die Augen.
    Dort, wo das Mondlicht, von Blättern und Zweigen gebrochen, zwischen den
hohen Stämmen am Boden spielte, in der Nähe der aufgestapelten Kisten mit Wein,
- bewegte sich nicht dort im Gebüsch eine menschliche Gestalt?
    Nur Augenblicke dauerte die Erscheinung, nur wie ein Schatten glitt sie
zwischen dem Grün dahin, aber dennoch - -
    Ein Schauer durchrieselte Roberts ganzen Körper. Wie gebannt, wie gelähmt
blieb er stehen und starrte unverwandt hinüber. Nein, nein, es war unmöglich, er
konnte sich nicht täuschen, er hatte deutlich einen Menschen, einen Mann in
Seemannskleidung durch die Zweige schlüpfen sehen. Noch jetzt bewegten sie sich,
wie von einer plötzlichen Berührung.
    Roberts geistige und körperliche Kräfte kehrten plötzlich zurück. Er trat
auf den freien Platz hinaus und rief mit lauter Stimme: »Wer ist da?«
    Aber nur der Nachtwind antwortete ihm. Kein Laut unterbrach die tiefe
Stille.
    Robert lauschte, und dann rief er wieder, bis es ihm kalt über den Rücken
herabrieselte und er sich selbst für wahnsinnig hielt, bis ihn in der weglosen
Wildnis die eigene Stimme wie ein unheimliches Etwas erschreckte.
    Im dichten Gebüsch zu suchen wäre unmöglich gewesen, da die Dunkelheit jede
Flucht begünstigt haben würde, da sich der Fliehende in nächster Nähe hätte
verstecken können, ohne gesehen zu werden. Wer war er überhaupt? - Ein Mensch
oder ein Gebilde des wachen Traumes, ein Schatten, den die Mondstrahlen
hervorgezaubert hatten? -
    Robert wusste es nicht. Er glaubte bestimmt, die Erscheinung gesehen zu
haben, aber woher sollte sie gekommen sein und warum sollte sie sich verbergen
wollen?
    Wenn die Piraten den Schlupfwinkel ihres entflohenen Opfers wirklich
aufgespürt hätten, so würden sie keinesfalls zögern, sich mit offener Gewalt des
Raubes zu bemächtigen und ihn als lästigen Zeugen dieser Unternehmung beiseite
zu schaffen. Wen sollten sie auch fürchten? Was sollte sie hindern, einen
wehrlosen Jungen zu töten, nachdem sie schon eine ganze Schiffsmannschaft hatten
verschwinden lassen?
    Die Insel war klein, vielleicht eine bis andertalb Meilen im Durchmesser,
und kaum so lang wie breit. Robert hatte sich auf seinem letzten Ausflug völlig
überzeugt, dass sich hier keine Ansiedlung befand, dass er der einzige Bewohner
war, und dass das nächste benachbarte Eiland etwa auf Kanonenschussweite entfernt
lag.
    Woher sollte also dieser Seemann gekommen sein? Ein Unglücklicher, ein
Schiffbrüchiger war er ja bestimmt nicht, da er doch sonst nicht geflohen wäre.
    Robert schüttelte den Kopf. Er hatte so lebhaft an das Schiff gedacht, dass
sein Auge Gestalten erblickte, die in Wirklichkeit nicht vorhanden waren. Und
doch berührte ihn dieser kleine Zwischenfall äusserst unangenehm. Er schob eine
Kiste vor die Tür, ehe er sich zum Schlafen hinlegte, und konnte auch dann noch
lange Zeit kein Auge schliessen. Unwillkürlich horchte er, ob nicht irgendein
Geräusch die Rückkehr des Unbekannten verriete, aber alles blieb still.
    »Hätte ich Pikas hier!« dachte Robert, »hätte ich nur irgendein lebendes
Wesen, und wäre es ein dummes kleines Vögelchen. Aber so ganz allein, das ist
schrecklich.«
    Er wälzte sich unruhig auf seinem heissen Lager und schlief erst gegen Morgen
ein. Als dann die Sonne hoch am Himmel stand, machte er sich daran, die ganze
nächste Umgebung der Höhle genau zu untersuchen, aber ohne einen anderen Erfolg
als am vorigen Abend. Es war keine Spur der Gegenwart eines Menschen zu finden,
kein Anzeichen, dass jemand dagewesen war.
    Robert ging bis an den Strand, sah über das Meer nach allen Richtungen,
forschte auch an der Küste des gegenüberliegenden Eilandes mit angestrengten
Blicken nach einem Schiff oder Boot, aber nichts zeigte sich, kein Laut war zu
hören.
    Robert wandte sich seiner Niederlassung wieder zu. Er war jetzt vollkommen
überzeugt, in der vergangenen Nacht nur besonders lebhaft geträumt oder
gefiebert zu haben und gab seufzend die letzte Hoffnung auf. Jetzt musste er sich
zuerst einen neuen Anzug nähen, daran allein hatte er zu denken, obgleich es ihm
lieber gewesen wäre, sich wieder hinzulegen und in den Tag hineinzuschlafen.
    Er suchte aus dem reichlichen Vorrat aller möglichen Stoffe den dunkelsten
und haltbarsten heraus, dann schnitt er einen langen Streifen Segeltuch ab, nahm
an seinem eigenen Körper Mass und begann mit dem Taschenmesser auf einer Kiste
zuzuschneiden. Anstatt der Knöpfe würde er Bindfaden verwenden müssen, das liess
sich nicht ändern, und Futter gab es auch nicht. Aber dennoch war alles besser
als die Lumpen, die er jetzt trug. Als Robert die mühevolle Arbeit des
Zuschneidens beendet hatte, nahm er eine Rolle Bindgarn, das er aufdrehte, bis
der Faden zum Nähen geeignet schien; dann holte er seine künstliche Nadel und
fädelte ein.
    Aber an das Mittagessen musste ja auch gedacht werden, obwohl er nur wenig
Hunger verspürte. Er machte also Feuer, setzte Fleisch und Bohnen auf und war
nun abwechselnd am Kochen und am Schneidern. Ach, wie langsam das ging, wie oft
der Faden riss und wie gross die Stiche wurden!
    Aber es hielt zusammen, und das war die Hauptsache. Robert behandelte seine
Fischgräte, als sei sie ein Diamant von unschätzbarem Wert, immer in der Angst,
das mühsam hergestellte Nadelöhr plötzlich zerbrechen zu sehen. Wo der Stoff
doppelt und dreifach übereinander lag, bohrte er mit andern rohen Gräten erst
ein Loch hinein, bevor der Stich gewagt wurde. Dazwischen legte er Holz ins
Feuer und goss von Zeit zu Zeit etwas Wasser nach, - alles, ohne daran Freude zu
haben.
    Seine Gedanken waren immer bei dem Schiff, wie er es so nahe an der Küste
sah, so ganz nahe im gelben Schimmer der Blitze, dass selbst die Menschen klar
erkennbar wurden, dass er deutlich den Mann am Steuer und den bei der Kanone
unterscheiden konnte. Warum musste es Nacht sein, als die Rettung fast mit der
Hand zu erreichen war?
    Robert stützte den Kopf gegen einen Baumstamm und schloss die Augen. Ich bin
krank, dachte er, ich werde bald noch elender sein und dann ganz verlassen, ganz
allein auf dieser Insel sterben! - Wenn es nur nicht allzu langsam geht.
    Als er nach einer Pause die Augen öffnete, war das Feuer erloschen und der
Duft des Essens sagte ihm, dass es gar sei. Er nahm aber nur einige Löffel voll,
dann stellte er das übrige bei Seite und nähte eifrig weiter, um noch bis zum
Abend das angefangene Kleidungsstück zu beenden. Zum Strand wollte er nicht erst
gehen. Weshalb auch? Die Schiffe fuhren ja doch vorüber.
    Er begriff nicht mehr, warum er sich mit so grosser Mühe den Ausguck auf dem
Mangobaum gebaut hatte, warum er überhaupt irgend etwas anderes getan hatte, als
sich hinzulegen und zu sterben. Schon hatten die Erbsen und die anderen
Hülsenfrüchte einen verdorbenen Geschmack angenommen, schon zeigte sich an der
Aussenseite der Fässer ein leichter Schimmel, und das Brot ging zur Neige, weil
der grösste Teil davon durch den Regen vernichtet worden war, - der Tod grinste
ihm aus hohlen Augen von allen Seiten entgegen.
    Eine sonderbare Angst bemächtigte sich seiner. Ganz ohne Widerstand durfte
er sich nicht ergeben, das fühlte er, sonst war es bald um ihn geschehen. Diese
Stimmung lähmte alle Kräfte.
    Er raffte sich auf und nähte weiter, bis die Dämmerung herabsank. Nun war
die Hose fertig, - morgen kam die Jacke dran und dann noch ein neues Wollhemd,
um das alte gelegentlich im Bach waschen zu können. Baden mochte Robert nicht,
er dachte mit einer Art von Grauen an die Kälte des Wassers.
    In dieser Nacht schlief er besser und fühlte sich auch am andern Tage
leidlich wohl, obgleich er noch immer nicht wieder an den Strand hinabging.
Abwechselnd nähend und aufräumend, verbrachte er in einer Art von geistiger
Untätigkeit die Stunden an diesem und auch an den folgenden Tagen. Der
Palmenstamm hatte jetzt bereits achtzehn Kerben aufzuweisen, Brot und Fleisch
waren zu Ende, der Rest des Specks verdorben und die Hülsenfrüchte gänzlich
ungeniessbar geworden, aber Robert empfand dennoch keinen Mangel. Er lebte nur
von Wasser und etwas Wein, ohne jemals Hunger zu fühlen. Seine Kräfte wurden
allmählich schwächer, seine Nächte immer unruhiger. In dem schwarzen, überall
schlotternden und wunderlich geformten Anzug, blass und abgemagert, erkannte er
kaum sein eigenes Bild, sooft er es im Spiegel des Wassers betrachtete.
    Lange Stunden verbrachte er tagsüber halb schlafend, halb seinen trüben
Gedanken nachhängend in den Zweigen des Mangobaumes am Ufer. Zu tun gab es ja
für ihn nichts mehr, und auch die Jagd hatte er vernachlässigt. Warum harmlose
Tiere töten, da er sie doch nicht essen konnte?
    Seine Blicke gingen über das Wasser, und seine Gedanken verwirrten sich
zuweilen unmerklich. Er hielt nach dem Schiff Ausschau, dessen Auftauchen ihn
krank gemacht hatte, er sah im Geiste immer vor sich die weissen Segel und hörte
die rollenden Donner des Geschützes. - -
    In seiner Behausung auf dem Mooslager lag er oft halb betäubt. Er dachte an
die Heimat, an die Kameraden vom Schiff und an die Nacht, als er hierher schwamm
an diesen gastlichen Strand, der ihm zum Grab werden sollte. - -
    Dreiundzwanzig Kerben zeigte der Stamm. Robert war nicht am Meeresufer
gewesen, seine Kräfte hatten für den weiten Weg nicht ausgereicht; er sass vor
der Tür seiner Höhle, gegen den Erdwall gelehnt, und hielt die Augen im
Halbschlummer geschlossen. Stunde um Stunde verrann, er scheute sich aufzustehen
und blieb in der einmal gewählten bequemen Stellung sitzen. Heute war der Mond
hinter Wolken versteckt, kein Strahl erhellte den kleinen freien Platz, aber
Roberts Augen hatten sich so an die Dunkelheit gewöhnt, dass sie jeden Baum,
jeden einzelnen Zweig deutlich unterschieden.
    Er wachte mit geschlossenen Lidern. Seine Gedanken wanderten. Da rauschte es
hinter ihm, als wenn die Büsche gestreift und zurückgebogen würden. Ein Schatten
fiel über den Rasen.
    Robert öffnete die Augen. Ohne sich zu bewegen, ohne ein Glied zu rühren,
sah er hinüber zu der Stelle, von wo der Laut gekommen war.
    Der Mann in Seemannskleidung stand wieder keine fünf Schritte weit von ihm
entfernt. Er hielt in der Hand etwas wie eine Pistole oder ein Werkzeug.
    Robert war jetzt überzeugt, einen Menschen vor sich zu sehen. Er konnte sich
nicht täuschen, - das war ein Mann von Fleisch und Blut, aber kein
Fiebergebilde, kein Gaukelspiel irgendwelcher Träume.
    Er drehte langsam den Kopf. »Im Namen Gottes«, sagte er, »wer Sie auch sein
mögen, geben Sie mir Antwort!«
    Aber noch hatte er die Worte nicht ausgesprochen, als der Unbekannte
zwischen den Büschen verschwand, lautlos, ohne sich umzusehen, ohne eine Silbe
zu antworten, wie er gekommen war.
    Das alles vollzog sich innerhalb einer Minute und ging gedankenschnell
vorüber, aber Robert spürte, wie das Grauen in ihm hochstieg. War das der Geist
eines seiner Kameraden von der Antje Marie? - Wollte ihn der Tote rufen, ihn den
andern nachziehen in das stille Grab? -
    Er suchte und forschte nicht, wo die Erscheinung geblieben war. Aber er
hatte heftigen Durst; Hitze und Kälte wechselten in seinen Adern, - er tastete
nach dem Wasserbehälter, um zu trinken. Doch der war leer. Robert hatte
vergessen ihn am Tag neu zu füllen.
    Ermattet kroch er in die Höhle und streckte sich auf sein Lager. Zum Bach zu
kommen war in der Dunkelheit unmöglich, daher musste er ohne einen kühlenden
Schluck einzuschlafen suchen. Jetzt schüttelte heftiges Fieber seine Glieder, er
begann irre zu reden und sich mit dem nächtlichen, geheimnisvollen Besucher zu
unterhalten. »Mohr«, flüsterte er, »alter Onkel Mohr, du bist es, ich sehe dich
wohl, und ich weiss, dass du mich zu dir rufen willst in das Grab, das ich
gegraben habe. Aber warum sprichst du nicht mit mir, lieber Onkel Mohr, - ich
möchte so gern, so gern einmal wieder eine menschliche Stimme hören.«
    Robert warf den Kopf von einer Seite zur andern. Er seufzte tief, wie
erleichtert. »In Pinneberg bist du gewesen, Onkel Mohr? Und du sagst, dass sie
mir nicht böse sind, dass sie mich noch lieb haben und mich wie einen Toten
betrauern? - Aber wo blieb denn mein Brief? - Den haben die Fischer verloren,
wie ich das Schiff verlor, das grosse, schöne Schiff, das ich immer suche, so
lange schon und so sehnsüchtig. Das Meer ist tückisch, es hat mir das eine
Fahrzeug geraubt, und es besitzt doch so viele, viele, - warum durfte ich meins
nicht wiederfinden?«
    Er schluchzte im Traum, und dann wurde alles still. Das Fieber schüttelte
ihn, kalter Schweiss perlte auf seiner Stirn, das Bewusstsein war vollständig
geschwunden. - -
    Am nächsten Morgen erwachte er mit dumpfen Kopfschmerzen und an allen
Gliedern wie zerschlagen. Während der ersten Stunden des Tages lässt das Fieber
meistens etwas nach, so konnte sich auch Robert mit klarer Besinnung, obgleich
schwer krank, vom Lager aufrichten. Er kroch mühsam hinaus ins Freie und
schlich, an jedem Baume einen Halt suchend, bis zum Bach, um erst einmal zu
trinken; dann setzte er sich in die Sonne und lehnte den Kopf an die Palme, die
heute den fünfundzwanzigsten Einschnitt hätte erhalten sollen. Er konnte ihn
nicht hineinkerben, die Anstrengung wäre zu gross gewesen.
    Auch sein Gedächtnis war geschwächt. Er wusste nicht genau, ob ihm von der
Erscheinung dieser Nacht nur geträumt hatte, oder ob er sie wirklich vor sich
gesehen hatte. Dort hinten, bei den zehn grossen Kisten mit Wein, dort hatte der
Mann gestanden, nun schon zweimal, - gewiss, es war der Tod, der ihn holen kam.
    Ein Frösteln schlich durch seine Adern. Selbst die Sonne mit ihren
glühenden, versengenden Strahlen konnte ihn nicht mehr erwärmen, - seine Finger
waren weiss, wie die einer Leiche, und das unangenehme Zittern wollte gar nicht
aufhören.
    Ich möchte einen Schluck Wein trinken, dachte er, und dann werde ich mich
wieder hinlegen, um zu sterben. Die Fingerspitzen sind, glaube ich, schon tot.
    Er befühlte mit der rechten Hand die Finger der linken. »Alles steif und
kalt«, dachte er. »Oh, wie ich mich auf den Wein freue!«
    Er schleppte sich mit Mühe bis zu den Kisten und öffnete die obere. Sie war
leer.
    Robert griff sich an die Stirn. Er hatte nach oberflächlicher Berechnung
vielleicht vier Flaschen ausgetrunken, in der Kiste aber waren fünfundzwanzig
gewesen. Wie kam das?
    Doch gleichgültig. Es kümmerte ihn nicht mehr, ob diese Flaschen vorhanden
gewesen waren oder ob er sich vielleicht in ihrer Anzahl geirrt hatte. Er warf
mit Aufbietung aller seiner Kräfte die leere Kiste herab und öffnete die zweite.
    Alles leer.
    Plötzliche Glut schoss durch Roberts ermatteten Körper. Fieberhaft erregt hob
er Deckel auf Deckel, bis alle zehn Kisten offen, vor ihm dastanden.
    Alles leer.
    Die Erscheinung, die er zweimal gerade an dieser Stelle gesehen hatte, war
also doch kein Geist, kein Schattenbild gewesen, sondern ein Mensch, der
allnächtlich hierherkam, um zu stehlen, ein Dieb, der dem Verschmachtenden die
letzte Labung geraubt hatte.
    Aber wer? Wer?
    Es brauste vor seinen Ohren, seine Sinne verwirrten sich. Er glitt an den
Kisten langsam zu Boden und blieb bewusstlos liegen.
    Es war am Abend des zweiten Tages danach. Durch den Wald kamen drei Männer,
die neben sich einen vierten mit gebundenen Händen als Gefangenen zu führen
schienen. Sie trugen sämtlich. Fischerkleidung, aber in den Gürteln steckten
breite Messer und auf den Schultern lagen kurze Gewehre.
    »Wirklich«, sagte in spanischer Sprache der Gefangene, »ihr irrt, Kameraden.
Ich bin unschuldig an dem Verbrechen, das mir zur Last gelegt wird, ich weiss von
nichts und habe diese Insel nie betreten. Ihr seht ja, dass hier weder Wege noch
Stege zu finden sind.«
    Einer der Bewaffneten deutete auf die Axtiebe, die Robert den Bäumen
beigebracht hatte. »Hier muss noch vor kurzem jemand gegangen sein!« antwortete
er finster. »Du solltest lieber alles gestehen!«
    »Ich habe nichts zu gestehen!« beharrte der andere. »Was hätte es mir auch
nützen können, in eurem Boot eine öde, unbewohnte Insel anzulaufen? Diego hasst
mich, daher hängt er mir die sinnlose Verleumdung an.«
    Der Erste deutete jetzt auf Fussspuren, die im Sand deutlich erkennbar waren.
»Was ist das?« fragte er. »Ich glaube, deine Stiefel passen merkwürdig genau
hinein, du Scheinheiliger!«
    Der Gefangene erschrak sichtlich. »Ach, das ist ein Irrtum, Rafaele«, rief
er rasch. »Du bist ungerecht, du willst mich los sein, und doch habe ich dir
nichts getan. Aber wir müssen uns mehr links halten, - rechts ist ein Sumpf!«
    »Ach! - Und ich glaubte, du habest die Insel niemals betreten, Bursche?«
    Der Gefangene biss sich auf die Lippen.
    »Nicht wahr?« lachte der andere. »Da hast du dich schön hereingelegt. Aber
das schadet nicht weiter. Auf jeden Verrat steht der Tod, und - ein Leben hast
du ja nur zu verlieren.«
    Der Gefangene wurde blass wie Kreide. »Mehr links!« stammelte er, »mehr
links, oder wir kommen in den Sumpf.«
    »Der übrigens schon weit hinter uns liegt«, ergänzte kaltblütig Rafaele. »Du
musst wissen, dass wir früher einmal ein Jahr lang auf dieser Insel wohnten, - du
Verräter.«
    Jetzt schwieg der Gefesselte. Er schien nach dem fehlgeschlagenen Versuch,
seine Wächter zu täuschen, sich in das Schicksal, das ihn erwartete, zu ergeben,
wenigstens sprach er nicht weiter, sondern schauderte nur unwillkürlich, als er
sich mit seinen Begleitern dicht vor Roberts Behausung befand.
    Der andere hatte ihn beobachtet. »Los!« drängte er, »was tatest du hier?
Leben Menschen auf dieser Insel?«
    Der Gefangene versuchte die gefesselten Hände zu falten. »Gnade!« stiess er
hervor, »und ich will euch alles sagen!«
    Der dritte der Männer liess in diesem Augenblick einen leisen Ausruf hören.
Gedankenschnell legte er die Waffe in Anschlag.
    »Dort ist eine Wohnung!« raunte er.
    Der erste packte mit festem Griff die Schulter des Gefangenen. »Jetzt
sprich«, zischte er, »oder du sollst mein Messer zwischen den Rippen fühlen, ehe
du Zeit hast, ein Vaterunser zu beten. Wer befindet sich in dieser Höhle?«
    Der Gefesselte zitterte an allen Gliedern. »Ein Kind«, stammelte er, »nur
ein einzelner Junge!«
    »Und du, was hast du hier gemacht? Du hast ihm unsere Geheimnisse verraten,
hast mit ihm verhandelt, und - -«
    »Er sah mich nie! - Er weiss nicht, dass ich in seiner Nähe war.«
    »Aber was wolltest du dann hier?«
    »Ich wusste, dass Vorräte von Wein auf dieser Insel lagerten«, stammelte der
Gefesselte, »ich nahm ihn, da er niemand gehörte. Das ist alles, Rafaele, ich
schwöre es dir, das ist alles!«
    Der Fischer schüttelte zweifelnd den Kopf. »Um zu trinken fuhrst du in jeder
Nacht hierher?« fragte er. »Das ist undenkbar.«
    »Gnade!« winselte der Gefangene, »Gnade. Es ist so, wie ich sagte.«
    Der Fischer stiess ihn verächtlich von sich. »Da bleibst du,« befahl er. Und
dann, sich an die beiden andern wendend, fragte er leise: »Was habt ihr
entdeckt?«
    Der eine richtete sich langsam auf. »Es ist, wie er behauptet«, nickte er.
»Nur ein Junge, und noch dazu ein toter, glaube ich.«
    Rafaele schien erleichtert aufzuatmen. Wahrscheinlich stimmte es ihn milder,
dass offenbar kein Verrat im Spiel war, und dass also auch keine Gefahr für ihn
selbst bestand.
    Er trat näher, beugte sich über den leblosen Körper und sah lange in das
blasse Gesicht. Ein unmerkliches Zucken ging über die erstarrten Züge. »Das Kind
lebt!« sagte er nach einer kurzen Pause. »Was beginnen wir mit ihm?«
    Die beiden anderen sahen ihn bedeutsam an. »Die Toten plaudern nichts aus!«
meinte mit etwas unsicherer Stimme der eine.
    »Das ist wahr!« bestätigte der zweite. »Aber - ein bewusstloser -«
    »Und ein Kind dazu!« ergänzte Rafaele. »Bei San Jago, man ist zwar ein
Bukanier, man zwingt die Schiffe, ihre Ladung zum Strandgut werden zu lassen,
und man stopft das Maul, das durch sein Geschrei Aufsehen erregen könnte, aber
-«
    Dann nickte er langsam mit dem Kopf. »Wir töten keine Kinder«, sagte er.
»Wir nehmen diesen Burschen mit uns, und wenn er wieder zu sich kommt, wenn wir
erfahren, was er von dem Schicksal seiner Genossen weiss, so wird sich
entscheiden, ob er leben darf oder nicht.«
    »Jetzt bringt mir den dort«, fügte er, auf den Gefangenen deutend, hinzu.
»Wir wollen hier Gericht halten.«
    Einige Stösse mit dem Kolben beförderten den Gefesselten in die Nähe seiner
Richter. Nur ein einziges Wort murmelten seine Lippen: »Gnade!«
    »Schweig!« rief Rafaele. »Du wirst antworten, wenn ich dich frage, sonst
aber keine Silbe sprechen. - Ist dieser Junge von der Besatzung der Antje Marie?
Und wusstest du, dass er auf dieser Insel war?«
    »Ja, ja!«
    »Sind noch mehr Waren hier, ausser dem gestohlenen Wein? Und warum wurden sie
auf die Insel geschafft?«
    »Um sie euch zu entziehen. Es lagern noch grosse Ballen teurer Seidenstoffe
und Spitzen hier.«
    Alle drei Piraten liessen zugleich einen halberstickten Ausruf hören. »Das
ist natürlich inzwischen durch den Regen alles verdorben«, meinte Rafaele. »Und
du Verräter, du Schuft, weshalb hast du uns das verheimlicht?«
    »Weil ihr sonst auch den Wein beansprucht und verkauft haben würdet!«
    »Tier!« sagte verächtlich Rafaele. »Bestie ohne Herz und Gewissen, treulos
gegen den Kameraden von deinem Schiff und gegen die Genossen, zu denen du im
Augenblick gehörst. Um zu trinken, um dich zu berauschen stahlst du uns
vielleicht Tausende und verurteiltest gleichzeitig den wehrlosen Jungen, fast
einen Monat lang hier zu leben; du nahmst ihm den Wein, du fragtest nicht, ob er
noch irgend etwas Essbares besass, - du trankst nur, trankst! Sprich jetzt, weisst
du, was dir bevorsteht?«
    Der Unglückliche antwortete nicht. Kalter Schweiss rann über sein Gesicht
herab, die gefesselten Hände zuckten, er rang vergeblich nach einem Laut.
    »Du hast bei deiner Aufnahme in unsere Gemeinschaft den Treueid geleistet«,
fuhr Rafaele fort, »du hast gelobt, kein persönliches Eigentum zu besitzen und
kein Geheimnis für dich zu behalten - und diese Eide hast du gebrochen. Was
erwartet dich also?«
    Wieder kam keine Antwort von den Lippen des Gefesselten.
    »Der Tod!« sagte Rafaele nachdrücklich. »Los, Kameraden, bindet ihn an einen
Baum, aber so, dass er sich nicht befreien kann. Dann sucht, ob noch Wein oder
Rum zu finden ist.«
    »Wir haben schon welchen entdeckt«, antwortete einer seiner Begleiter. »Hier
stehen mehrere kleine Kisten mit Rum, der ihm ganz entgangen sein muss.«
    »Gut. Also tut, was ich sagte.«
    Die beiden Räuber nahmen den Gefangenen zwischen sich und führten ihn in das
nächste Dickicht, wo sie ihn an einer jungen Palme festbanden. Sechsfache Seile
umschnürten seinen Körper, nur die Arme blieben frei.
    Rafaele nahm aus einer Kiste sechs Flaschen Rum, die er neben den Baum
stellte. Dann begann er sein Gericht.
    »Wie du gemessen hast, so soll dir gemessen werden!« sagte er feierlich.
»Wie du deinen hilflosen Kameraden verlassen hast, so verlassen wir dich; wie du
alles verleugnet hast, um zu trinken, so verstossen wir dich aus unserer Mitte
und überliefern dich dem Tode auf dem Weg, den du selbst wähltest. Trinke, bis
du stirbst!«
    Er schwieg und prüfte die Festigkeit der Fesseln. Helles Mondlicht fiel auf
die grauenhafte Gruppe der bewaffneten Räuber und des in sich zusammengesunkenen
Verräters.
    »Hast du noch etwas zu sagen?« fragte Rafaele. »Kein Mensch wird jemals
wieder etwas von dir hören, - also sprich, wenn dich noch irgendein Bekenntnis
drückt, wenn es irgendeine Botschaft für dich auszurichten gibt.«
    Der Verurteilte sah mit starren Augen von einem seiner Henker zum anderen.
Die Lippen bewegten sich, aber kein Laut drang hervor.
    »Auf!« befahl Rafaele. »Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.«
    Die drei wandten sich zum Gehen, - da rang sich ein heiserer Schrei aus der
Brust des Gefesselten. Seine Arme griffen in die leere Luft, ein verzweifeltes
Keuchen brach über seine aschfahlen Lippen.
    »Gnade! - Gnade!«
    Keiner der Bukanier hörte auf die entsetzlichen Laute. Sie gingen mit
schnellen Schritten zu Roberts Ansiedlung zurück und überliessen den Verurteilten
seinem furchtbaren Schicksal.
    Er hatte sich selbst gerichtet, um seiner zerstörenden, höllischen
Leidenschaft willen, - Gallego, der Schiffskoch, dem es gelungen war, seine
Landsleute für sich zu gewinnen und ihr Genosse zu werden; Gallego, der im Leben
nur ein Glück kannte: zu trinken, - und der nun darum sterben musste.
    Leise schaukelnd glitt das Boot über die Wellen. Ein paar Decken, unter
Roberts Kopf gelegt, einige Tropfen Branntwein, ihm mühsam eingeflösst, und
ausserdem der frische, seine brennende Stirn umspielende Seewind hatten seine
Lebensgeister zurückgerufen. Er war noch ohne Besinnung, aber die Gedanken
begannen sich zu regen, und einzelne abgebrochene Worte drangen über seine
Lippen.
    »Das Schiff? Wo ist das Schiff? - Als ich wieder hinübersah, war es fort. -
Soll es niemals - niemals zurückkehren?«
    Die drei Bukanier sassen in tiefem Schweigen. Sie wagten kaum, ihre Blicke zu
erheben, kaum in dies jugendliche, vom Tod schon berührte Gesicht zu sehen.
Vielleicht war ihnen das Abscheuliche ihres Berufes nie so deutlich vor Augen
geführt worden, als eben durch die unbewussten Worte des kranken Kindes. Sie
mussten glauben, dass mit dem verlorenen Schiff die Galliot gemeint war, und sie
wussten ja nur zu gut, was aus ihr geworden und wie das alte, unbrauchbare
Fahrzeug auf Strand gesetzt und zu Brennholz zerschlagen worden war.
    Es schien, als ob sich in diesen abgehärteten Verbrechern doch noch der
Funke einer alten warmen Menschlichkeit regte, als sie diesen halbverhungerten,
durch ihre Schuld zum Gerippe abgemagerten und dem Tode überlieferten Jungen vor
sich sahen. Sie dachten vielleicht an ihre eigene schuldlose Jugend, an den
langen Weg der Verbrechen, an den ersten Fehltritt, der sie weiter geführt hatte
auf abschüssiger Bahn, immer weiter bis zu Raub und Mord an wehrlosen Menschen.
    Leise rückte der eine die Decken, und leise glättete der andere das Haar
über Roberts Stirn. Als man den Strand der grösseren Insel erreicht hatte, trugen
abwechselnd zwei Männer den Schwerkranken bis zu der hölzernen Hütte, die der
Bande als Wohnsitz diente. Hier legten sie ihn auf ein gutes, weiches Lager und
bedeckten seine Stirn mit kalten Umschlägen. Der Koch musste ausserdem einen
schweisstreibenden Tee zubereiten, der dem Kranken eingeflösst wurde, so oft er
Durst verspürte.
    Das war im ganzen wenig heilkünstlerischer Aufwand, aber vielleicht gerade
deswegen drang die unverdorbene Natur des Jungen am ehesten wieder durch. Am
neunten Tage kam endlich die Krisis, aus der Robert mit vollem Bewusstsein
erwachte. Freilich war er so schwach, dass ihm die Lippen zitterten, und dass er
kaum den Kopf drehen konnte, aber dennoch streifte sein Blick mit grenzenlosem
Erstaunen die Umgebung.
    Fenster aus Glas, Türen mit Schlössern, eine wohleingerichtete Küche mit
blankem Geschirr, rauchende, spielende Männer um einen Tisch versammelt, und
darauf die Überreste einer leckeren Abendmahlzeit, - so sah er zum erstenmal das
Innere der Hütte.
    Hätten nicht wehende Baumzweige in die offenen Fenster einen Gruss
hereingenickt, hätten nicht mehrere Nebengebäude und eine Anzahl grosser Hunde
das Gegenteil bezeugt, so würde Robert geglaubt haben, dass er sich noch an Bord
der Antje Marie befinde, dass alles, was dazwischen lag, nur ein schrecklicher,
beängstigender Traum gewesen sei. Er versuchte sich der letzten Ereignisse
deutlich zu erinnern, aber das ermattete Gehirn vertrug noch keine Anstrengung;
er schlief nach wenigen Minuten wieder ein.
    Als Robert am folgenden Morgen wieder erwachte, fühlte er sich kräftig
genug, eine leise, kaum verständliche Frage zu stellen: »Wo bin ich?«
    Zwei der Bukanier, die gerade im Zimmer waren, wandten sich zu ihm. »Gut
Freund, Kamerad«, antwortete einer. »Lieg du nur still und erhole dich, armer
Kerl.«
    Das konnte Robert zwar nicht verstehen, da es in spanischer Sprache gesagt
worden war, aber der Ton beruhigte ihn. Man hatte auf seine Fragen freundlich
geantwortet, das hörte er wohl.
    Der Koch brachte ihm ein reichliches Frühstück aus gekochten Fischen,
Früchten, Reis und Braten, aber Robert konnte natürlich davon so gut wie gar
nichts essen, er war auch zu gespannt auf eine Erklärung, wie er hierher
gekommen sei, als dass er an irgend etwas anderes hätte denken mögen. Die Männer,
die ihn umgaben, erkannte er auf den ersten Blick als die Räuber der Antje Marie
und die Mörder seiner Kameraden; aber wie hatten sie ihn aufgefunden, und warum
war nicht auch er getötet worden?
    Der Bukanier stellte noch verschiedene Fragen, die Robert weder verstand,
noch beantworten konnte; auch Rafaele, der Anführer der Bande, kam und
überzeugte sich, dass sein Gast der spanischen Sprache vollkommen unkundig sei, -
am folgenden Tage aber erschien er wieder in Begleitung mehrerer anderer, unter
denen einer das Deutsche so halb und halb radebrechen konnte.
    Jetzt begann ein regelrechtes Verhör, in dessen Verlauf Robert wohl fühlte,
dass nur seine eigene Vorsicht und Klugheit ihm das Leben retten konnte. Sechs
von diesen wildaussehenden, bewaffneten und schwarzbärtigen Flibustiern
umstanden sein Lager und beobachteten ihn scharf, während er die gestellten
Fragen beantwortete.
    »Wann hast du die Galliot verlassen?« hiess es, »und weshalb?«
    »Am Mittag«, antwortete Robert, »und auf Befehl des Kapitäns. Wir brachten
Waren nach der Insel, wo drei von uns für einige Zeit bleiben sollten. Meine
Kameraden liessen mich allein, um noch einmal zum Schiff zu fahren, aber sie
kamen nicht zurück. Ich bitte Sie, sagen Sie mir, wo die Antje Marie jetzt
liegt?«
    Die Bukanier traten zusammen. Es entstand ein Murmeln und Beraten, bei dem
auf Roberts Stirn der Schweiss in grossen Tropfen perlte. Jetzt hing sein Leben an
einem einzigen Haar, und obendrein fühlte er in der Nähe dieser Verbrecher eine
wirkliche Furcht. So allein und schutzlos unter Mördern, ihrer Willkür
preisgegeben, vielleicht mit der Aussicht, an einen Baum gebunden und erschossen
zu werden oder als eine Art Sklave für immer hier auf der Insel bleiben zu
müssen, - das war mehr als beängstigend. Die grossen Blutunde mit den lechzenden
Zungen und den rotunterlaufenen Augen umstanden wie Höllenwächter sein Lager,
und die Piraten sprachen noch immer lebhaft in spanischer Mundart.
    »Eine Kugel«, sagte der erste, »eine Kugel, Kameraden; das macht die Sache
kurz.«
    »Aber es ist ein unnötiges Blutvergiessen, Danielo. Das Kind hat uns nichts
getan, sein Tod bringt uns keinen Gewinn.«
    »Er kann uns verraten!«
    »Er ahnt nichts, das hörst du ja. Wir sind Fischer, die ihren
Erlaubnisschein von der Regierung gelöst haben. Jedermann weiss, dass wir hier
wohnen, jedermann kennt die Strandgesetze, die das geborgene, dem Meer
entrissene Gut den Bergern zusprechen. Was fürchtest du also?«
    »Dass der Schlingel lügt. Ich wollte wetten, ihn auf der Galliot gesehen zu
haben. Er weiss genau, dass wir dort waren.«
    Rafaele wandte sich wieder zu dem Dolmetscher und liess den Kranken fragen,
ob er auf dem Schiff irgendwelche fremden Männer gesehen habe. Robert antwortete
der Wahrheit gemäss, dass er von dem Abkommen, das van Swieten mit einigen
Fischern abgeschlossen hatte, durch den Kapitän selbst unterrichtet worden sei,
und dass man manche Waren nur deshalb auf die Insel überführt habe, um den hohen
Wert der Ladung zu verheimlichen. »Der Kapitän wollte uns in ein paar Tagen von
Havanna aus abholen«, schloss er seinen Bericht.
    »Und du weisst nicht, wohin er gesegelt ist? Du hast das Schiff nicht
wiedergesehen?«
    »Nein.«
    Rafaele wandte sich zu den andern. »Kameraden«, sagte er, »unsere Gesetze
werden in jedem einzelnen Fall durch Stimmenmehrheit festgestellt, und dies gilt
auch für diese Angelegenheit. Wollt ihr es, so wird der Junge erschossen, ich
aber mag damit nichts zu schaffen haben, sondern erkläre ein solches Todesurteil
für Mord. Und nun entscheidet!«
    Danielo hob die Hand. »Er sterbe«, sagte er mit festem Ton. »Nur die Toten
sind ungefährlich, nur ihrer ist man ganz sicher.«
    Aber keiner ausser ihm rührte sich. Rafaele war als Anführer zu beliebt und
auch zu gefürchtet, um nicht durch seine Stimme die Sache von vornherein
entschieden zu haben. Alle Bukanier schwiegen.
    »Danielo«, sagte nach einer Pause der Räuber, »du hörst, dass sich niemand
deiner Meinung anschliesst. Der Junge bleibt am Leben und bleibt hier, bis sich
Gelegenheit findet, ihn auf ein Schiff zu setzen. Jetzt könnt ihr gehen.«
    Die Bukanier entfernten sich, und Robert blieb mit seinem Wärter, dem Koch,
allein zurück, ohne über den Ausgang der Sache irgend etwas erfahren zu haben.
Nach und nach aber beruhigte er sich doch, da man ihn fast gar nicht mehr
beachtete, sondern ihn ganz sich selbst überliess.
    Nur Gomez, der Koch, behandelte ihn freundlicher und lehrte ihn einzelne
spanische Worte, die Robert mit deutschen Ausdrücken beantwortete, so dass aus
der Unterhaltung der beiden ein Kauderwelsch entstand, wie es komischer wohl
selten gehört worden ist.
    Wenn der blasse, abgemagerte Kranke vor der Tür im Sonnenschein sass und mit
langsamen, schwachen Bewegungen für seinen neuen Freund irgendeine kleine Arbeit
verrichtete - das Gemüse putzte, Früchte schälte oder die Messer schliff - so
brachte ihm Gomez heimlich ein gutes Glas Wein und ein gebratenes Huhn oder
dergleichen, wobei dann das spanisch-deutsche Wörterbuch um manchen kostbaren
Ausdruck bereichert wurde. Doch die beiden kamen gut miteinander aus, und das
war genug, da sie fast immer allein die Insel bewohnten. Rafaele und seine Leute
kamen manchmal wochenlang nicht nach Hause, manchmal nur für die Nächte, und
wieder an anderen Tagen nur zum Mittagessen; der Koch aber musste immer darauf
vorbereitet sein, sooft es verlangt wurde, ein schmackhaftes Mahl zu bereiten.
Robert sah in einem der Nebengebäude eine Speisekammer, die für einen
grossstädtischen Gastwirt vollkommen ausgereicht haben würde. Frisches Geflügel,
die feinsten Fische, Früchte, Gemüse und Weine, alles war vorhanden. Ganze
Fässer voll Butter lagen im Schatten einer Erdhöhlung, ganze geschlachtete
Kälber und Ochsen hingen an eisernen Haken. - Die Bukanier vertauschten den
Ertrag ihrer Fischerei im Hafen von Havanna gegen andere Lebensmittel und
brachten nur dann einige eingeweihte Händler mit auf die Insel, wenn es solche
Geschäfte gab, die im engsten Vertrauen der Käufer und Verkäufer abgeschlossen
werden mussten. Schon längst waren die Seidenstoffe und Spitzen aus Roberts
Niederlassung herübergeholt worden, und schon als der Junge noch ohne Besinnung
dalag, hatte man sie zu Geld gemacht.
    Er sah keine Überreste des unglücklichen alten Schiffes, und auf seine
wiederholten Fragen hiess es, dass es untergegangen sein müsse, niemand wisse
davon. Robert war jetzt erst vollkommen überzeugt, dass alle seine Kameraden
ermordet worden waren, aber er hatte Selbstbeherrschung genug, das nicht
öffentlich durchblicken zu lassen, und erkundigte sich desto mehr nach den
Einzelheiten seiner Erlösung von der Insel.
    Hätte ihm nicht der Koch den Namen Gallego genannt, so würde er die ganze,
halb in Worten, halb durch lebhafte Gebärden vorgetragene Erzählung kaum
begriffen haben, so aber verstand er ihren inneren Zusammenhang sogleich. Gomez
schloss beide Augen, um anzudeuten, dass es dunkel gewesen sei, darauf schlich er
unhörbar auf den Fussspitzen bis zu einigen Flaschen, die er schnell ergriff,
unter den Arm schob, mit scheuen Blicken nach allen Seiten sah und dann mit
denselben Katzenschritten davonhuschte.
    Robert hatte ihn verstanden. »Gallego«, sagte er, »Antje Marie, nicht wahr?«
- Dann machte er die Bewegung des Trinkens.
    Der Koch nickte lebhaft und fuhr in seiner Erzählung fort, indem er mit
gerecktem Oberkörper jemand nachzublicken schien. Er ballte die Faust.
»Caracho!« murmelte er, »Dieb!«
    Dann ergriff er ein Seil, stürzte sich auf den Besen, der in stiller
Beschaulichkeit an der Tür lehnte, sah ihn mit rollenden Augen an und schnürte
ihn gegen einen Pfahl. »Muertos!« rief er, »Muertos!« - und schloss wieder die
Augen, um anzudeuten, dass das Wort so viel wie Tod bedeute.
    Als er sah, dass ihn Robert verstanden hatte, legte er mit bezeichnendem
Blick den Finger auf den Mund. »No hablan (Nichts ausplaudern)!« sagte er.
    Robert schüttelte den Kopf. Die Kenntnis von dem Aufentalt Gallegos unter
der Bande hätte ihm ja bestimmt das Leben kosten müssen, daher konnte der
schlaue Gomez vollkommen überzeugt sein, dass er schweigen würde.
    Also dieser wüste Trinker, der Mann, den er schon in Hamburg mit scharfem
Messer auf seinen Nebenmenschen hatte losgehen sehen, war es gewesen, der ihn
durch das gespenstische, mitternächtliche Erscheinen auf der Insel so sehr
erschreckt hatte, der von seiner verzweifelten Lage genau wusste und dennoch
nichts tat, um ihn zu befreien oder ihm wenigstens beizustehen, als er krank
dalag.
    Seine Strafe war schrecklich gewesen. Robert vergab dem Gerichteten, was er
ihm getan hatte, und wünschte seiner Seele aufrichtig Frieden. Er bat den Koch,
an einem freien Tag mit ihm hinüberzufahren zu der Insel, die er aus mehr als
einem Grunde vor seinem Abschied von dieser Gegend noch einmal wiedersehen
wollte. Anfangs weigerte sich Gomez aus Furcht vor der Rache der andern, die
immer noch gegen Robert ein heimliches Misstrauen hegten, dann aber gab er nach,
und als eines Tages die ganze Bande fort war, segelte er mit seinem jungen
Schützling hinüber. Welch ein eigentümliches Gefühl war es für Robert, den Platz
wiederzusehen, an dem er so bittere, hoffnungslose Stunden durchlebt hatte.
    Mit Gomez liess sich zu wenig sprechen, um solche Erinnerungen in Worten
wiederzugeben. Desto besser aber konnte er das, als die kleine Niederlassung
erreicht war. Der Koch streichelte voll Mitleid die eingefallenen Wangen des
Jungen, und aus dem, was er in seiner lebhaften Sprechweise hervorsprudelte,
entnahm Robert deutlich genug, dass er gegen die beiden plumpen Messingtöpfe aus
der Kombüse der Antje Marie und gegen die leere Tonne, in der das Pökelfleisch
gewesen war, die grösste Nichtachtung ausdrücken wollte. Bei solcher Kost konnte
ja keine Gesundheit bestehen.
    Robert sah noch einmal in die Höhle hinein, in der er fast einen Monat lang
gewohnt hatte, und dann suchte sein Blick den einzigen Gegenstand, den er zur
Erinnerung an diese Insel mit sich nehmen wollte: die Nähnadel aus der
Fischgräte.
    Er hatte längst aus dem reichlichen Vorrat der Flibustier einen neuen,
anständigen Matrosenanzug erhalten, aber er wollte doch die Gräte, mit der er
sich in höchster Not geholfen hatte, für immer aufbewahren, - ja, er hoffte in
diesem Augenblick nichts sehnlicher, als dies kleine, selbstgefertigte Werkzeug
einmal seinem Vater zu zeigen und ihm beweisen zu können, dass sich das Krollsche
Blut in der Stunde der Gefahr glänzend bewährt hatte, dass es den Schneider
offenbart hatte, ohne Tisch, ohne Schere, ohne Bügeleisen, - nur mit einer
Fischgräte.
    Und richtig, da steckte sie. Zwischen zwei Brettern war ein kleiner freier
Raum, wohin er sie damals gelegt hatte. Voll Freude verbarg er seinen Schatz in
der Tasche, um dann nach einem letzten Abschiedsblick auf die Umgebung mit Gomez
den Baum zu suchen, an dem Gallego so trostlos umgekommen war.
    Da die beiden auf gut Glück das Gebüsch durchstreiften, dauerte es ziemlich
lange, bis die Stelle gefunden war. Ein schauerlicher Anblick bot sich ihnen. An
einer Palme, von Seilen umschnürt, stand aufrecht das Gerippe des Verurteilten.
Bis auf die Knochen abgenagt von Geiern und Füchsen, weiss gebleicht von den
sengenden Strahlen der Sonne, - so sahen sie die letzten Überreste des
Unglücklichen, der durch Trunksucht sein eigener Henker geworden war. Sämtliche
sechs Flaschen Rum, die Rafaele in die Nähe des Baumes gelegt hatte, waren bis
auf den letzten Tropfen leer, wahrscheinlich also hatte sich Gallego durch den
masslosen Genuss des Alkohols einen ganz plötzlichen Tod zugezogen.
    Stumm sahen sich die beiden an, und dann machte Robert eine halb
unwillkürliche Bewegung, die der Spanier sofort mit lebhaften Gebärden
beantwortete. Er lief zurück zu seiner Höhle, um den Spaten zu holen und ein
Grab zu graben. Die Flibustier hatten ja alles Gerät, das sich vorfand,
unbeachtet liegen lassen.
    Als er zurückkam, ergriff Gomez sofort das plumpe Werkzeug und sagte wieder
mit seinen ausdrucksvollen Gebärden ganz verständlich: »Gib her, armer Junge, du
hast ja keine Kräfte!«
    Robert war sehr damit einverstanden. Er wünschte ohnehin für den letzten
Besuch an Mohrs Grab keinen Zeugen und entfernte sich daher, während Gomez grub,
auf dem bekannten Wege, um zum Strand zu kommen. Als er hier das letztemal ging,
war es im halben Fieber, in stumpfer Ergebung dem Unvermeidlichen gegenüber
gewesen, - jetzt dagegen mit neuer Hoffnung, neuem Mut für die Zukunft. Liessen
ihn die Räuber nicht gutwillig fort, so würde sich ja die Gelegenheit zur Flucht
früher oder später finden. Er fühlte sich jeden Tag kräftiger werden und gab
nichts verloren.
    
    Die Rettung von dieser Insel im Augenblick der höchsten Gefahr war ja fast
ein Wunder zu nennen. Er fühlte die ganze volle Dankbarkeit gegen das Schicksal
erst hier, wo er am verzweifeltsten gewesen war, als das Schiff, das er in der
Gewitternacht so nahe am Strand gesehen hatte, vor seinen Augen in der Ferne
verschwand.
    Ein Gesangbuchvers, den er vom Chor der kleinen heimatlichen Dorfkirche
herab so oft mit seiner klaren Stimme gesungen hatte, ein alter, vergessener
Vers fiel ihm hier am Ufer der entlegenen Insel plötzlich wieder ein, er summte
ihn halblaut vor sich hin und empfand dabei so ganz seine tiefe Wahrheit:
Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fuss gehen kann.
    Er glaubte die Natur nie so schön gesehen zu haben wie heute, als er nach
langer, schwerer Krankheit den ersten Ausflug machte. Fast heiter ging er an die
letzte Ruhestätte des alten Freundes. Dort grünte und blühte es in allen Farben,
dort murmelte das Wasser und warf spielend leichte Wellen an den Strand. Robert
hatte Mühe, die Stelle wiederzufinden, so üppig war während der zwei Monate die
Pflanzenwelt überall vorgedrungen. Aber er fand es doch und pflückte eine kleine
weisse Blume, die zu der Fischgräte in den kleinen ledernen Brustbeutel wanderte,
welchen ihm Gomez geschenkt hatte.
    Der war gewiss schon ganz ermüdet und wunderte sich, dass ihm so gar kein
Beistand geleistet wurde. Robert sah noch einmal zurück, er sah noch einmal über
das Meer, dann kehrte er sich ab. - Der gutmütige Gomez hatte, als er wieder bei
ihm anlangte, das Gerippe des Gerichteten bereits mit einer leichten Erdschicht
bedeckt, und so war denn der kleine Ausflug für diesmal beendet. Man fuhr zurück
zu der Niederlassung der Räuber, wo Gomez vor allen Dingen eine tüchtige
Mahlzeit auf den Tisch brachte. Robert hatte überhaupt nie in seinem Leben
bessere Tage gehabt als gerade jetzt. Er wurde zu keiner bestimmten Arbeit
gezwungen, sondern half nur dem Koch, wo es sich traf, und pflegte den Garten,
in dem die Bande alles baute, was zur Vervollständigung einer feinen Küche
gehört. Ausser den bekannten Gewürzkräutern und Gemüsen gab es dort Liebesäpfel,
spanischen Pfeffer, Champignons und anderes mehr. Auch Ananas und Bananen
wuchsen da, und ausserdem hielten sich die Flibustier einen grossen Hühnerhof,
einige Schweine und Kühe. Nur Pferde hatte man nicht, weil eben keine Felder
bebaut wurden.
    Robert war sozusagen der Herr all dieser reichlichen Schätze. Die Flibustier
kümmerten sich darum fast gar nicht. Sie schafften nur Proviant in Massen
herbei, während seine Verwendung dem Koch überlassen blieb. Auf ein
anstrengendes, gefährliches Tagewerk sollte ein üppiges Mahl und ein guter Trunk
folgen, das war es, was sie wollten und wofür sie lebten.
    Die Speisekammer stand immer auf, die Früchte wuchsen in Fülle, die
Weinfässer lagen in einer Art von Erdhöhlung, die nie verschlossen wurde, und
Arbeit gab es fast gar nicht. Robert konnte glauben, in das Schlaraffenland des
Märchens versetzt worden zu sein, er musste dies Leben verführerisch nennen, aber
dennoch hatte er keinen Augenblick das Verlangen, der Bande anzugehören. Er
dachte täglich und stündlich an den Augenblick, der ein Schiff hierherführen und
ihn befreien sollte.
    Warum ihn wohl die Fischer noch immer hier behielten? Er begriff es nicht
und fragte einmal den Koch danach. Gomez wiegte mit schlauem Lächeln den Kopf.
Er setzte den Zeigefinger auf Roberts Brust. »Bukanier!« sagte er.
    Der Junge errötete. »Ich? - Niemals, Gomez.«
    Der Koch zuckte die Achseln. »Roberto Bukanier«, wiederholte er, »no hablan
andere Bukanier!«
    Jetzt begriff er die Meinung des Spaniers. »Ich soll erst an den Verbrechen
der Räuber teilnehmen, damit ihnen mein Schweigen sicher ist?« fragte er in dem
eigentümlichen Kauderwelsch, in dem die beiden miteinander sprachen. »War es so
ausgeklügelt, Gomez?«
    Der Koch nickte lebhaft. »Ja!« rief er, »ja!«
    »Und ich sage nein!« rief entschieden der Junge. »Mein gutes Gewissen sollte
ich um dieser Seeräuber willen verlieren? - Oho, das geht nicht so leicht, wie
ihr denkt. Zum Verbrecher lasse ich mich nicht machen.«
    Er ging wieder an seine Gartenarbeit, die zwar nicht notwendig war, die er
aber begonnen hatte, um sich etwas zu beschäftigen. Er grub zierliche Beete, wo
sonst alles wie Kraut und Rüben durcheinander wuchs, oder er machte den Hühnern
eine hölzerne Einfriedigung, damit sie nicht in den Garten kamen, und räumte die
Vorratskammern auf.
    Gomez, obwohl ein vortrefflicher Koch und ein guter, harmloser Mensch, war
doch keineswegs reinlich oder ordnungsliebend, daher fand Robert immer Arbeit in
Fülle. Ausserdem schoss er gelegentlich einige Vögel, fischte und flickte auch
wohl des Kochs Kleidungsstücke, so dass er immer beschäftigt war. Heimlich aber
beobachtete er fortwährend das Meer und seufzte, wenn wieder der Abend kam, ohne
dass sich ein Schiff der Insel genähert hätte.
    Die Bukanier nahmen von ihm nicht die geringste Notiz. Vielleicht wollten
sie ihm das arbeitslose, gute Leben erst ganz zur Gewohnheit werden lassen,
damit er sich von selbst nachgiebig zeigen sollte, wenn sie ihm die Wahl stellen
würden, entweder für immer in ihre Gemeinschaft überzutreten oder zu der harten
Arbeit des Matrosen zurückzukehren. Sie liessen ihn wie ein Haustier an ihrem
Tisch essen und unter ihrem Dach schlafen, ohne sich um ihn zu kümmern.
    Da sah er eines Tages, dass zu ganz ungewohnter Zeit die Räuber eilig und
bestürzt heimkehrten, dass sie den Koch herbeiriefen und laut miteinander
sprachen. Robert fühlte, wie ihm das Herz gegen die Rippen pochte. Was war
geschehen?
    Er schlich sich an den Koch heran und fragte ihn; aber was dieser
antwortete, das lag zu weit ausserhalb des Gesichtskreises täglicher
Angelegenheiten, - er verstand ihn diesmal nicht.
    Da rief ihn der, der etwas deutsch sprach, zu sich. »Du«, sagte er, »es
kommt morgen ein Abgesandter der kubanischen Regierung hierher, um die Inseln zu
besichtigen, nach versteckten Waren zu forschen und überhaupt seine verdammte
Fuchsnase in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken. Der Teufel hole ihn! - Du
aber unterstehst dich, diesem Mann oder seinen Begleitern vor Augen zu kommen,
und jetzt hilfst du mit, unsere Vorräte in ein Versteck zu schaffen, wo sie vor
diesem Spürhund sicher sind. Es ist alles mit schwerer Arbeit redlich verdient«,
schloss er, »aber die verfluchten Regierungsbeamten, diese Blutsauger und
Menschenschinder brauchen nicht zu wissen, dass wir uns in besseren Sachen als
nur in Bananen und Fischen satt essen können, sonst werden gleich die Steuern
erhöht, so dass ein rechtschaffener Kerl keinen Piaster mehr für sich behält.
Wenn du nicht gehorchst, Junge, dann - -«
    Ein bezeichnender Blick und ein Gliff an das kurze Gewehr vervollständigten
seine geharnischten Worte. Robert sah, dass es bitterer Ernst war und dass er
gehorchen müsse, wenn er nicht sein Leben aufs Spiel setzen wollte. Er ging also
zu Gomez, um von ihm nähere Aufträge zu erhalten.
    Ein Boot wurde auf den Strand gezogen und mit den Vorräten der Speisekammer
beladen, dann ruderten es zwei Räuber in einen kleinen Fluss, dessen Windungen
und Krümmungen unter dichtem Gebüsch den Männern nicht erlaubten, in ihrem
Fahrzeug aufrecht zu stehen. Kniend oder liegend brachten sie mit äusserster
Anstrengung, meistens durch Schieben und Ziehen, das Boot vorwärts, aber dafür
waren auch ihre kostbaren Schätze sicher geborgen. Nur ein Eingeweihter konnte
den Lauf dieses schlangenartig gewundenen Wasserlaufs verfolgen, nur wer sein
Eigentum vor den Blikken anderer bewahren wollte, konnte sich entschliessen, in
diese Wildnis vorzudringen. Robert musste im Laufe des Tages mehr als einmal die
beschwerliche Fahrt mitmachen und sowohl Lebensmittel als auch die besseren
Möbel der Wohnung, Munition und Waffen unter dem undurchdringlichen Gebüsch
verbergen helfen. Alles, was nicht mit dem Fischereigewerbe im Zusammenhang
stand, wurde sicher versteckt, so dass sehr bald die ganze Behausung nach
äusserster Armut aussah. In der grossen Vorratskammer lagen Segel, Netze und Taue,
im Wohnzimmer standen nur noch ein hölzerner Tisch und ein paar rohe Bänke,
während die guten Betten des anstossenden Raumes durch Haufen von Seegras ersetzt
waren.
    Die Räuber fischten eifrig, so dass die Abgesandten der Regierung einige Tage
später unter zahllosen Leinen mit zum Trocknen aufgehängten Fischen den Weg zu
der Behausung der Räuber suchen mussten.
    Robert wagte es nicht, sich blicken zu lassen. Er sass hinter einem
aufgestapelten Haufen von Brennholz und verschlang das Regierungsschiff mit den
Augen. Manchmal war er nahe daran, vor den Beamten hinzutreten und im Namen der
Gerechtigkeit zu verlangen, dass man ihn von der Insel befreie. Es schien so
einfach und lag so nahe, aber Robert zögerte, es zu tun. Wenn ihn der Spanier
nicht verstand, oder wenn er von den Flibustiern bestochen worden war, gewisse
Dinge weder zu hören noch zu sehen?
    Nein, nein, Robert musste sich ergeben, musste wieder, nachdem Rafaeles
Erlaubnisschein zur Fischerei von dem Beamten erneuert worden war, die weissen
Segel des Regierungsschiffes sich entfalten und im Abendsonnenschein den Strand
verlassen sehen. Das Herz wurde ihm so schwer, wie seit langem nicht, seine
Augen füllten sich mit Tränen, kaum konnte er ein Schluchzen gewaltsam
unterdrücken.
    Viel lieber hätte er das harte Schiffsbrot gegessen und die schwere Arbeit
des Seemanns willig ertragen, als dass er hier unter Verbrechern unnütz
dahinlebte, ja er meinte sogar, dass selbst der Tod besser sei als dieser
entwürdigende Zustand. Aber dennoch gab es kein Mittel zu seiner Befreiung; er
sah, wie sich das Schiff entfernte, weiter und immer weiter, - alle Hoffnung war
fürs erste wieder dahin.
    Gomez kam und sah ihn freundlich tröstend an. Er allein verstand den Jungen,
er allein empfand ein gewisses rohes Mitleid und suchte es durch reichliche
Weinspenden zu zeigen. Die Bukanier ihrerseits tranken zur Feier des Tages so
lange, bis sie sämtlich besinnungslos unter den Tischen lagen.
    Die Ankunft des Beamten war schon seit mehreren Monaten vorausgesehen und
gefürchtet worden, daher atmeten jetzt alle auf, nachdem sich das drohende
Unwetter verzogen hatte, und während der folgenden Zeit herrschte unter der
Bande fröhlichste Stimmung. Es vergingen acht Wochen, in denen für Robert kein
Tag anders verstrich als der vorhergehende, - dann aber fiel wie ein Blitz aus
heiterer Luft ein ungeahntes Ereignis in dies ruhige Leben hinein und änderte
auf einen Schlag alles.
    An dem Felsen, der auch der unglücklichen Galliot so verderblich geworden
war, strandete ein französisches Vollschiff, das zwar bei dieser Katastrophe
kein Leck erhielt, aber doch nicht ohne die Hilfe eines anderen Fahrzeuges
wieder loskommen konnte. Der Kapitän liess daher die Notflagge setzen, und unter
den Flibustiern herrschte die grösste Aufregung.
    An Bord des Franzosen glänzte nicht allein eine sehr achtunggebietende
Messingkanone, sondern die Mannschaft sah auch nicht danach aus, als ob es ganz
leicht sei, mit ihr fertig zu werden. Vielleicht war der Kapitän auf alles
vorbereitet, da er seine Leute bewaffnet hatte und eine starke Wache an Deck
hielt.
    Ein offener Angriff wurde von den Räubern überhaupt niemals unternommen,
aber auch im Dunkeln liess sich hier nur schwer etwas ausrichten. Ausserdem drohte
noch ein anderer Umstand den Flibustiern diesmal ihre Beute streitig zu machen.
    Am unteren Ende der Insel lebte nämlich noch eine zweite Bande ehrenwerter
Fischer, die auch den gestrandeten Fahrzeugen zur Hilfe zu eilen pflegte und die
sogar diesmal das Notzeichen des. Franzosen noch etwas früher bemerkt hatte, als
Rafaele und seine Genossen.
    Es kam zu einem Wettrudern, das damit endete, dass das Boot der Gegenpartei
um zwei Minuten früher unter dem Bug des Franzosen anlegte. Bachicho, so hiess
der Anführer der zweiten Bande, hatte also das Spiel gewonnen und konnte, wenn
sich weiter nichts erreichen liess, doch immerhin den französischen Kapitän für
die zu leistende Hilfe nach Möglichkeit schrauben. Rafaele dagegen musste mit
seinen Leuten unverrichtetersache wieder abziehen.
    Das spanische Blut wallte und die Hand griff nach dem Messer. Nur einer ganz
kurzen Beratung bedurfte es, um einstimmig festzustellen, dass mit dieser
Niederlage die Sache selbst noch nicht zum Austrag gekommen sei. Das grosse Boot
wurde fertig gemacht, die Segel befestigt, Haufen von Munition an Bord gebracht
und im Gebüsch am Strand ein Beobachter zurückgelassen.
    Als es dämmerte, meldete er, dass sich das kleine Boot mit den beiden
Unterhändlern vom Schiff wieder entfernt habe, und nun bestiegen zehn Bukanier
unter Anführung Rafaeles das grössere Fahrzeug, um im Schutz der einsetzenden
Dunkelheit zur entgegengesetzten Seite der Insel zu fahren und dort den Feinden
jede Verbindung mit dem gestrandeten Schiff abzuschneiden.
    
    Robert sah diese Vorbereitungen, aber ohne ihren Zusammenhang ganz zu
begreifen; er wandte sich an den Koch, der mit gespannter Aufmerksamkeit den
Verlauf der Dinge beobachtet hatte. Es war jetzt ganz dunkel, und von dem
französischen Schiff herüber dröhnten Signalschüsse. Der Kapitän schien
ungeduldig geworden zu sein, da jetzt, nachdem sich vorher zwei Parteien darum
bemüht hatten, die erbetene Hilfe ganz ausblieb.
    »Gomez«, fragte der Junge, »was bedeutet das? Wird da unten gekämpft?«
    Seine Handbewegung verständigte den Koch, dessen lebhaftes Gebärdenspiel ihm
sofort Auskunft gab. Gomez führte gewaltige Hiebe in die Luft, legte an, kniff
ein Auge zu und rief »Puff!« - Dann deutete er in die Gegend des gestrandeten
Schiffes. »Pilot (Steuermann, Lotse)!« raunte er, »Pilot - Havanna. Rafaele,
Gomez, Pilot! Andere Bukanier no, no!«
    Seine Hand durchschnitt waagrecht die leere Luft, um anzudeuten, dass keiner
der übrigen Räuber imstande sei, ein Schiff nach dem Hafen von Havanna zu
steuern.
    Robert hatte sofort begriffen. »Gomez«, flüsterte er mit halber Stimme, und
nachdem ihn ein schneller Rundblick überzeugt hatte, dass kein Lauscher in der
Nähe sein, »Gomez, das Schiff braucht also, um in den Hafen zu kommen, einen
Mann, der das Fahrwasser genau kennt, und kann ihn auf dem üblichen Weg nicht
erreichen, weil bis hierher die Lotsenschiffe nicht kommen? Ist es so?«
    »Ja!« nickte der Koch, dem Roberts Deutsch, das ohnehin mit vielen
spanischen Worten durchsetzt war, ganz verständlich klang.
    »Ja!«
    Robert legte beide Hände auf die Schultern des schwarzbärtigen Freundes.
»Gomez«, bat er, während seine Stimme vor Erregung heiser klang, »Gomez, nimm
mich mit dir!«
    Der Spanier schien zu verstehen, um was ihn sein Schützling bat. »Mi figlio
(mein Sohn)«, sagte er kopfschüttelnd und mit bedauerndem, zärtlichem Ton, »mi
figlio, - kann nein tun, no, no! Rafaele so - - -«
    Und dann ergriff er seinen Kopf und zerrte daran, als wolle er ihn
herabreissen, ohne Zweifel um anzudeuten, dass ihn Rafaele zur Strafe für solchen
Verrat unter allen Umständen töten werde.
    Robert liess seufzend die Arme sinken. Gomez hatte die Wahrheit gesprochen,
das wusste er wohl, und doch gab es ihm einen Stich ins Herz. »Aber das Schiff
sitzt ja fest«, sagte er nach einer Pause, »wie soll es ohne den Beistand eines
anderen Fahrzeuges von der Klippe loskommen?«
    Gomez streckte blitzschnell seine zehn Finger in die Luft und dann wieder
zwei. Darauf vollführte er mit beiden Armen schaufelnde Bewegungen, als backe er
ein Brot und rolle und schiebe den Teig im Trog umher.
    »Du meinst, dass um zwölf Uhr nachts die Flut kommt und das Schiff flott
macht?« fragte Robert.
    Der Koch nickte. »Nur Pilot! Pilot!« wiederholte er.
    Robert sah sehnsüchtig über das Wasser. »Rafaele wird selbst gehen«,
antwortete er nach einer Pause.
    Der Koch zuckte die Achseln. »Quien sabe (wer weiss)?« murmelte er.
    Und wirklich sollte sich die Befürchtung, die er im stillen gehegt haben
mochte, erfüllen. Das kleinere, dem grossen nachgefolgte Boot der Flibustier kam
zurück und brachte mehrere Verwundete, vor allem auch den Anführer selbst.
Während fast alle noch Zurückgebliebenen schnellstens zur Verstärkung geschickt
wurden, rief Rafaele den Koch, der zugleich als Heilkünstler aushalf, zu sich.
Gomez verband die Stichwunde im Arm, den Streifschuss am Hals und den Hieb, der
einen Finger fast ganz von der Hand getrennt hatte, dabei aber sprach der
Verwundete fortwährend, und als endlich die Unterredung zu Ende war, kehrte
Gomez mit schlauem Blinzeln in die Küche zurück.
    »Ich Pilot!« raunte er. »Havanna!«
    Robert erbleichte. »Du?« stammelte er.
    »Sst! Sst! - Roberto so?«
    Er machte die Bewegungen des Schwimmens.
    Der Junge nickte eifrigst. »Natürlich, Gomez, natürlich. Ich kann schwimmen
und kann es aushalten, so lange wie nur ein Mensch, der sich damit das Leben
retten will.«
    »Sst! - Sst! - Aber Haifische!« flüsterte Gomez und riss den Mund
sperrangelweit auf. »Haifische so!« - dabei schnappte er fürchterlich und sah,
den ganzen Oberkörper wiegend, mit bedauernden Blicken auf seinen jungen Freund.
    Robert lächelte mit bleichen Lippen. Er fühlte, wie ihm ein Schauer über den
Rücken herabrann. »Das tut nichts, Gomez«, antwortete er, »ich habe ja den Weg
von der Klippe bis zum Strand schon einmal schwimmend zurückgelegt.«
    Gomez pfiff leise. Seine beiden Hände stellten sich flach nebeneinander in
die leere Luft, und dann trennte er sie um das Sechsfache des ursprünglichen
Zwischenraums. »So!« sagte er, »und so!«
    Robert nickte. »Ich weiss, dass die Entfernung zwischen dieser Insel und dem
Schiff bedeutend grösser ist als die andere«, sagte er, »aber ich setze alles an
alles. Entweder gerettet oder tot, - einen Mittelweg gibt es nicht.«
    Das hatte nun zwar der brave Gomez keineswegs verstanden, aber er erriet den
Sinn, und seine durch Blicke und Bewegungen gegebenen Ratschläge zeigten dem
Jungen, wie er es anfangen müsse, bis zum äussersten Vorsprung der Insel zu
schleichen und dann auf kürzestem Wege schwimmend bis zum Schiff zu kommen. Er
sagte ihm, dass zwei andere Bukanier ihn begleiten würden, um das Boot
zurückzurudern, und dass er, Gomez, daher erst von dem französischen Schiff aus
für ihn sorgen könne. Zu guter Letzt wiederholte er noch sein bedenkliches
»Haifisch! - Haifisch!« -
    Aber Robert hatte genug gehört, um einen ganz festen Entschluss zu fassen. Er
tat zwar in der Küche seine gewöhnlichen Arbeiten, brachte dem fluchenden
Anführer einen kühlenden Trunk und blieb absichtlich im Wohnzimmer zurück, als
das Boot mit den drei Bukaniern vom Lande abstiess. Rafaele hatte also gesehen,
dass er zu dieser Zeit nahe bei seinem Bett stand und konnte später, wenn die
Flucht gelang, dem braven Gomez keine Vorwürfe machen.
    Dann aber suchte er mit fieberhafter Hast den Weg über den weissen, sandigen
Strand bis zur letzten Klippe der Insel. Keinen Blick sandte er rückwärts, keine
Bedenken liess er in sich aufkommen. Jetzt lag die Freiheit offen vor ihm, jetzt
oder nie hiess die Losung.
    Der Strand war vom Mondlicht hell überglänzt, und auch auf dem Meer lag es
wie flüssiges Silber. Weisse Schaumperlen rollten stärker auf den Strand, die
Wellen hoben sich. In einer Viertelstunde musste die Flut alles bis an den
Waldsaum unter Wasser gesetzt haben.
    Robert sah das Boot. Es bewegte sich schnell vorwärts und war in der Ferne
nur noch als ein dunkler Punkt erkennbar. - Er hatte für die Ausführung seines
Planes keine Zeit mehr zu verlieren.
    Noch ein tiefer Atemzug, dann warf er Jacke und Stiefel von sich, nahm den
Brustbeutel mit seinen beiden einzigen Andenken an die Insel, die Fischgräte und
die Blume von Mohrs Grab, zwischen die Zähne, - dann sprang er ins Wasser,
tauchte ein paarmal unter, um sich der Erfrischung und Abkühlung so recht bewusst
zu werden, und schwamm nun, so schnell er konnte, in der Richtung zum Schiff.
    Aber die Entfernung war weit, und er wusste, dass es in dieser Gegend zahllose
Haifische gab. Wie oft hatten die Bukanier vom Strand aus einen geschossen, um
das Fleisch, wie Beefsteak gebraten, zu essen, wie oft hatte er es selbst
gekostet. Jetzt konnte nur allzuleicht das Gegenteil eintreten - der Gedanke war
grässlich.
    Aber noch sah er nichts Verdächtiges, nur die blauen und silbernen Wogen
umgaben ihn. Es erfüllte ihn mit stolzer Freude, unter sich bergestief die
unergründliche Wassermasse und um sich die unbegrenzte Freiheit zu wissen. Er
fühlte sich glücklich in dem Gedanken, selbst wollen und selbst handeln zu
dürfen, unbekümmert um die Meinung anderer.
    Der Mond schien hell herab, nah und näher kamen die schwarzen Umrisse des
Schiffes, - in einiger Entfernung fuhr langsam das Boot mit den beiden Bukaniern
zur Insel zurück. Jetzt würde man in wenigen Minuten dort seinen Namen rufen,
ihn suchen, Verdacht schöpfen - -
    Der Gedanke trieb zur Eile. Immer schneller durchschnitten seine kräftigen
Arme das Wasser, mit immer stärkerem Anprall schlugen die Wellen an seine Brust.
Er hatte jetzt das Schiff bis auf zehn Meter Entfernung erreicht. Deutlich
zeigten sich an Deck die Gestalten mehrerer Männern, - er sah, wie sich Gomez
über die Schanzkleidung beugte.
    »Schiff ahoi!« rief er laut, in ausbrechendem Jubel.
    Aber das letzte Wort blieb ihm fast in der Kehle stecken. Was regte sich
dort, rechts von ihm, und plätscherte leise, was ragte rundlich und aschgrau aus
den Wellen?
    Ein hässlicher Kopf tauchte auf, ein bogenförmiges Maul öffnete sich, - im
Mondlicht schimmerten sechs Reihen sägenartig gezackter, nach hinten gebogener
Zähne - -
    Noch tiefer beugte sich Gomez über die Schanzkleidung herab. -
    Robert tauchte schnell wie der Blitz und kam fast unter dem Bug des
französischen Schiffes wieder an die Oberfläche. In diesem Augenblick krachte
ein Schuss langhallend über das Wasser; die Wogen spritzten, weisser Gischt schlug
an die Bordwände, angstvolle Stimmen riefen »Schnell! Schnell!«
    Robert erfasste das Tau, das ihm zugeworfen wurde. Wie eine Katze kletterte
er daran empor, rückwärts blickend, ob ihn der Hai verfolge. Das Meer war rings
von Blut bedeckt, purpurn kräuselten sich die Wellen, - das todverwundete Tier,
rasend vor Schmerz und Wut, erhob sich mit letzter Kraft zum Sprung - -
    Scharfe Zähne packten und rjetzten den nackten Fuss des Jungen. Er verdoppelte
seine Anstrengungen, um der drohenden Gefahr zu entrinnen.
    Da griffen kräftige Arme unter seine Schultern. Gomez hob mit raschem
Schwung den Halbermatteten an Deck. »Amigo«, sagte er, schwankend zwischen
Rührung und Freude, »mi Amigo - doch Haifisch! Gomez gerettet Roberto!«
    Der Junge schlang beide Arme um den Hals des Kochs und küsste seine bärtigen
Wangen. Was er sagte und was Gomez dagegen hervorsprudelte, das verstanden sie
beide nicht, aber ihre Herzen fühlten es.
    Der französische Kapitän musste von dem Zusammenhang der Dinge bereits
unterrichtet sein, denn er schenkte mitleidig dem ganz durchnässten und nur mit
Hemd und Hose bekleideten Gast einen Anzug aus seiner eigenen Garderobe, ebenso
liess er ihm Branntwein und Fleisch geben.
    Gomez lachte mit Augen und Mund. Obgleich er zu den Räubern gehörte und
keineswegs gewillt war, dies Leben mit einem anderen, besseren zu vertauschen,
war er doch gutmütig wie ein Kind. Dass er den Hai erschossen hatte, machte ihm
ausserordentliches Vergnügen.
    Seine und Roberts Unterhaltung wurde aber sehr bald gestört. In allen Fugen
des Schiffes knarrte und ächzte es, unter dem Kiel regte es sich, und dann
spürte man einen plötzlichen Ruck, der die ganze Mannschaft aufatmen liess.
    Die Blume von Frankreich war flott, und der Lotse konnte sein Amt antreten.
    Robert warf die neugeschenkte Mütze hoch in die Luft. Seine stürmische
Freude entlockte allen Zuschauern ein teilnehmendes Lächeln.
    Als sich das Schiff mit frischem Wind von der Insel entfernte, als Gomez,
obwohl er seit längerer Zeit nur noch den Kochlöffel geschwungen hatte, jetzt
auf dem Achterdeck stand und in ruhig befehlendem Ton seine Kommandos gab, da
packte es den Jungen wie wild. Was gesprochen wurde, das verstand er nicht, aber
dennoch war er bei der Ausführung einer der ersten. In die Masten hinauf ging
es, als hätte er den ebenen Erdboden unter den Füssen, und von oben herab jubelte
er ein befreites Lebewohl den verschwindenden Ufern zurück.
    Wie ferne Schatten zogen die Erlebnisse der letzten vier Monate an ihm
vorüber, all die Stunden voll bitterer, hoffnungsloser Verzweiflung. Er achtete
nicht mehr darauf, um dieses Freiheitsgefühls, dieser Seligkeit willen versuchte
er alles zu vergessen.
    Die Blume von Frankreich lag wohlbehalten im Hafen von Havanna vor Anker,
und schon vor Anbruch des neuen Tages hatten Gomez und Robert das Schiff
verlassen. Es bestand kein Zweifel, dass der Räuberhäuptling alles aufbieten
würde, den Entflohenen wieder einzufangen und um seiner eigenen Sicherheit
willen zu töten, daher musste Robert versuchen, so rasch wie möglich an Bord
eines anderen Schiffes zu kommen.
    Gomez schüttelte bedenklich den Kopf. Auf einem Segelschiff so schnell
angemustert zu werden, hielt schwer, und eins zu finden, das gleich abfahren
wollte, natürlich noch viel schwerer. Aber von hier fort musste sein figlio, sein
amigo und hermano (Bruder), wie er ihn abwechselnd nannte, und daher durfte er
es einmal nicht ganz so genau nehmen, musste sich mit einem Dampfer begnügen und
-
    Gomez schaufelte in der Luft. »Mi figlio, es nicht anders gehen.«
    Robert lachte über das komische Gesicht, in dem sich Schlauheit und Bedauern
so sonderbar vereinigten. »Das schadet ja nicht«, sagte er gut gelaunt, »aber
kennst du einen Dampfschiffskapitän, der mich mitnehmen würde?«
    Gomez pfiff leise. Dann antwortete er in seiner Weise, dass an Heizern immer
Mangel sei, und ging mit dem Jungen zu einer Art Fähr- oder Gastaus, wo schon
um diese Zeit reges Leben herrschte, das allerdings wohl nie erlosch. Hier
schien er bekannt zu sein, denn manche nickten ihm zu, und endlich sprach er
eifrig mit einem Mann, der in seinem Äusseren den deutschen Matrosen auf den
ersten Blick verriet. Der sah zu Robert hinüber und nickte, indem er ein paar
spanische Worte sprach, worauf Gomez den Jungen aufforderte, hier zu bleiben,
bis er selbst wiederkommen werde. Das »no hablan!« wurde noch flüsternd
hinzugefügt, und dann verschwand er.
    Robert begriff sofort, dass ihm in dem Matrosen ein Beschützer gewonnen war,
um so mehr fühlte er sich verpflichtet, über die Flibustier zu schweigen, ja
sogar womöglich lieber nicht von seinem Aufentalt auf der Insel zu erzählen.
Das sollte ihm sehr leicht werden, da der Seemann nur ein paar gleichgültige
Fragen hinwarf, ihm das Grogglas zuschob und dann in den Halbschlummer
zurückfiel, aus dem ihn Gomez geweckt hatte. Der Koch kam auch sehr bald wieder
und brachte seinen Schützling auf einen Dampfer, auf dem man deutsch sprach und
der innerhalb weniger Stunden in See ging.
    Der Kapitän versprach für die etwa zehn- bis vierzehntägige Reise nach New
York dem jungen Heizer einen Lohn von acht Dollar, und man war sehr bald
handelseinig. Beim Abschied steckte der herzensgute Gomez noch in aller
Geschwindigkeit seinem jungen Schützling ein paar spanische Goldmünzen in die
Hand und wünschte ihm alles mögliche Gute. Sein addio, mi figlo! war mit
ziemlich unsicherer Stimme gesprochen, und auch Robert drückte wiederholt die
Hand des Mannes, der ihn in schwerer Krankheit gepflegt, und dessen fester Arm
ihm das Leben gerettet hatte.
    »Addio, Addio! - -«
    Robert sah ihm nach, solange er seine Gestalt auf der Hafenmauer erkennen
konnte. Wenn er auch ein Räuber und Ausgestossener war, so hatte doch der Spanier
ein warmes Herz, und das sicherte ihm die dankbare Zuneigung des Jungen. - - -
    Nach kaum zwei Stunden verliess der Dampfer den Hafen, und Robert stand mit
der Schaufel in der Hand vor dem Kessel, um jetzt ein sehr hartes Brot zu essen,
das ihm im Anfang nach dem Schlaraffenleben auf der paradiesischen Insel zwar
nicht so recht schmecken wollte, das er aber doch trotz blutender, mit Schwielen
bedeckter Hände und schlafloser Nächte der Gemeinschaft der Bukanier um jeden
Preis vorzog.
 
                                  In New York
Von einer kurzen, glücklich verlaufenen Reise an Bord eines Dampfers, besonders
aber davon, was ein Heizer auf hoher See erlebt, lässt sich nicht viel
Interessantes berichten. Wir beginnen daher gleich in New York, nachdem im Hafen
Anker geworfen und Robert entlassen worden war. Zwar gab sich der Kapitän alle
mögliche Mühe, ihn wieder anzumustern und am liebsten ganz für sich zu gewinnen,
aber Robert schlug das Anerbieten rund ab.
    Immer schwarz berusst da unten im glühend heissen Maschinenraum stehen und von
Zeit zu Zeit Kohlen in das Höllenfeuer schütten, - daran konnte er kein Gefallen
finden. Hoch oben in den Mastspitzen, an Deck im sausenden Nordsturm, wo
Menschenkräfte ein Nichts werden, das liebte er, das war sein Leben und dahin
sehnte er sich zurück. Der Freiheitsdrang seiner Seele, verschärft durch
vierzehntägige Gefangenschaft im Maschinenraum des Dampfers, brach mit ganzer
Macht hervor, als ihm der Mastenwald im Hafen von New York zum erstenmal vor
Augen kam.
    Jetzt erst war sein Wunsch erfüllt, jetzt war er in der weiten Welt und sah
und staunte, ohne gleich alle neuen Eindrücke ganz in sich verarbeiten zu
können. Was ihm besonders auffiel, waren die riesigen amerikanischen Flussdampfer
mit den drei hoch übereinander gebauten Decks, den riesigen Schaufelrädern und
dem etwa hundert Meter langen Schiffsrumpf. Daneben lagen die grossen
Chinafahrer, diese Riesensegelschiffe, gegen die sich die Blume von Frankreich
wie eine Nussschale ausnahm. Die Unterrah eines dieser gewaltigen Segler hätte
schon für das französische Schiff als Mastbaum dienen können.
    Auf den Dämmen an der Hafenmauer sah er dasselbe Treiben wie auf dem
Baumwall in Hamburg, nur in viel grösserem Umfang und ausserdem malerisch belebt
durch die verschiedenen Nationaltrachten der Farbigen in allen Abstufungen, der
Chinesen und Orientalen. In Hamburg hatte er diese Gesichtszüge und diese
Rasseeigentümlichkeiten schon kennengelernt, aber doch nur unter der
alltäglichen Kleidung der Seeleute, jetzt dagegen sah er Chinesen mit langem
Zopf und spitzen Schnabelschuhen, Türken mit Turban und buntemKaftan, sah
Armenier im langen, dunkelbraunen Rock und Japaner mit ihrer hellen, weiten, auf
grosse Hitze berechneten Kleidung. Alle diese Leute suchten und fanden Arbeit,
schlossen und lösten neue oder ältere Verbindungen, sprachen in babylonischer
Verwirrung gruppenweise durcheinander und waren mit den üblichen Arbeiten
beschäftigt, die es eben nur im Hafen gibt: sie löschten und luden die Schiffe
und waren an den Kränen und Umschlagplätzen tätig.
    Überhaupt hatte Robert von der Grossartigkeit der technischen Entwicklung in
Amerika bis jetzt noch keinen Begriff gehabt. Wie staunte er, als er die grossen
Getreide-Verladebrücken sah, riesige Eisenkonstruktionen, auf denen
Eisenbahnwagen bis über die Schiffe geschoben wurden, dann öffnete sich eine
Klappe, und der Weizen fiel direkt in den Laderaum.
    An anderer Stelle hob ein eiserner Kran spielend die schwersten Lasten aus
dem Schiffsraum heraus. Riesige Ketten, jede mit einem armesdicken Haken
versehen, fuhren rasselnd in die Tiefe und wurden dort an der Kiste oder Tonne,
die heraufzubefördern war, festgelegt. Dann, auf ein gegebenes Zeichen, drehte
ein Mann einen Hebel, und die Last hob sich federleicht empor, worauf wieder ein
anderer Hebel den ganzen, fast zehn Meter hohen und ebenso breiten eisernen Kran
um seine eigene Achse drehte, so dass nun die Tonne über dem bereitstehenden
Wagen in der Luft schwebte und nur durch einen Druck herabgelassen zu werden
brauchte.
    Was zehn Männer kaum in einer Stunde vollbracht hätten, das wurde hier durch
das Ineinandergreifen der technischen Einrichtungen spielend in wenigen Minuten
getan.
    Robert ging langsam, um alles zu sehen, alles zu beobachten, besonders aber,
um das herrliche Gefühl der Freiheit so recht zu geniessen. In seiner Tasche
klapperten die Dollars, und unter seiner Mütze wirbelte es von den Plänen und
Hoffnungen einer goldenen Zukunft. Jetzt erst konnte er tun oder lassen, was er
wollte, konnte seinen Wunsch nach Abenteuern vollständig befriedigen und von Pol
zu Pol die ganze Erde kennenlernen. Er war nun bald ein volles Jahr von Hause
fort und hatte das siebzehnte Lebensjahr beinahe erreicht; seine besten Freunde
hätten in dem lang aufgeschossenen, von der südlichen Sonne braun gebrannten
Matrosen mit dem ersten dunklen Flaum auf der Oberlippe und dem ganzen
gereifteren Aussehen wohl kaum das Kindergesicht wiedererkannt, das er vor
Jahresfrist noch zeigte. Auch die Stimme war tiefer und die Schultern waren
breiter geworden, mit einem Wort, Robert hatte sich recht gut herausgemacht, und
der Gedanke, nach Hamburg zurückzukehren, lag ihm fern. Ja, wenn er das Geld
seines alten Freundes in der Tasche gehabt hätte! - Aber mit leeren Händen vor
den Vater treten? - Nein und tausendmal nein. Erst musste er es zu etwas bringen,
dann sollten die Pinneberger Augen machen und sich zuflüstern: »Der Robert Kroll
ist doch ein Teufelskerl, hat richtig draussen in der Welt das grosse Los
gewonnen.«
    Dieser Gedanke schmeichelte ihm sehr, obwohl er dabei doch einiges
Herzklopfen verspürte. Er wusste, dass das, was er wünschte, nicht das war, was er
unter allen Umständen hätte tun müssen, nämlich seine alten Eltern um Verzeihung
bitten und sich mit ihnen aussöhnen. Er wusste auch, wie ganz anders er in der
Einsamkeit der unbewohnten Insel darüber gedacht hatte, aber - der Hang zu
Abenteuern und ungewöhnlichen Erlebnissen riss ihn mit sich fort.
    Er schlenderte im neuen, hübschen Seemannsanzug am Hafen entlang und rauchte
eine Zigarre, deren Rauch ihm schon längst kein Unbehagen mehr einflösste. So
etwa fünf oder sechs Tage lang konnte er von seinem kleinen Schatz noch leben,
und bis dahin würde sich ja eine Heuer finden, möglichst nach unbewohnten wilden
Küsten, vielleicht nach Afrika, wo die Ansiedlungen der Weissen zwischen den
Bambushütten der Eingeborenen stehen, wo man mit kleinen Muscheln anstatt mit
Geld bezahlt und die Schwarzen in ihrer ganzen Ursprünglichkeit kennenlernen
kann. Er wollte sich überhaupt nur für eine Reise heuern lassen, um ganz sein
eigener Herr zu bleiben. So sehr wie jetzt, da er eine schwere Zeit hinter sich
hatte, war ihm die Reiselust, die Freiheitsschwärmerei noch niemals zu Kopf
gestiegen.
    Sein Herz blieb freilich davon unberührt. Er schrieb an die alten Eltern
einen so kindlichen Brief, wie ihn nur ein liebevoller, gehorsamer Sohn
schreiben konnte, und wie er ungekünstelt aus seiner innersten Seele kam. Dann
brachte er das umfangreiche Schreiben, das natürlich vor allem einen Bericht
seiner Erlebnisse entielt, selbst zur Post und begann wiederum die Musterung am
Hafen. Jedes Segel erregte ja seine Aufmerksamkeit, jede Welle grüsste er mit
lachenden Augen.
    Er sass auf einer zwischen zwei Steinen schwebenden Kette und beobachtete das
Verladen eines Chinafahrers, als sich ihm wie zufällig ein Mann näherte, der in
englischer Sprache um etwas Feuer bat. Robert hatte durch seinen Aufentalt
unter den Matrosen der Galliot und des Dampfers diese Sprache oberflächlich
gelernt, daher reichte er sofort dem Fremden die Zigarre. Aber das Kraut, das
der andere rauchte, musste wohl nicht besonders viel wert sein, denn das Feuer
verlöschte immer wieder, ohne gezündet zu haben.
    Der Fremde bat endlich um einen Augenblick Geduld und warf die Zigarre fort,
während er eine andere aus der Brusttasche nahm. »Wahrer Schund, was mir der
Gauner da gegeben hat!« brummte er in deutscher Sprache.
    Robert lächelte. »Sollten wir zufällig Landsleute sein?«
    »Ach, Sie sind Deutscher?«
    »Aus der Nähe von Hamburg, ja!«
    Der Unbekannte streckte mit der Miene eines angenehm Überraschten die Hand
aus. »Das trifft sich ja gut«, sagte er zuvorkommend. »Auch ich bin Hamburger.«
    
    Robert berührte, nachdem er die dargebotene Rechte kräftig geschüttelt
hatte, seine Mütze und rückte etwas beiseite, um auf der Kette dem Fremden neben
sich Platz zu machen, dann, als beide Zigarren lustig den blauen Dampf
emporwirbelten, folgte erst ein allgemeines Gespräch, das jedoch der Unbekannte
schon sehr bald und sehr geschickt auf Roberts persönliche Angelegenheiten
hinüberzuspielen wusste.
    »Sie sind, wie ich sehe, ein Seemann?« fragte er. »Schon Vollmatrose?«
    Robert lachte. »Streng genommen bin ich noch Junge«, antwortete er, »aber
vielleicht gelingt es mir ja, eine Heuer als Leichtmatrose zu bekommen. Leisten
kann ich's.«
    »Das lässt sich denken. Sie sehen aus, wie ein kräftiger junger Mann von
zwanzig oder zweiundzwanzig Jahren.«
    Robert errötete ein wenig. Noch hatte ihn niemand mit Sie angeredet, und
viel weniger war er wie ein erwachsener Mann behandelt worden. - Wirklich,
dieser Fremde gefiel ihm ausserordentlich. »Ich bin aber doch erst siebzehn
Jahre«, antwortete er bescheiden. »Um als Leichtmatrose anzukommen, muss ich
schon grosses Glück haben.«
    Herr Hastedt, wie sich der Fremde nannte, lächelte mit einer Art von
Gönnermiene. »So wissen Sie nicht, mein junger Freund, dass an tüchtigen
Seeleuten immer Mangel ist?« fragte er. »Zwanzig Heuer für eine, und wenn Sie
heute noch anmustern wollen. Die Kapitäne suchen ihre Mannschaft mit der Laterne
zusammen.«
    Robert wusste nun zwar, dass diese Behauptung nicht ohne einigen Grund war,
aber ganz so leicht hatte er sich die Sache denn doch nicht gedacht, überhaupt
wollte er bei seiner zweiten Wahl vorsichtiger sein und erst alles genau
kennenlernen, ehe er den Vertrag abschloss.
    »Hm, hm«, meinte er und suchte seine Unerfahrenheit möglichst zu verbergen,
»gute Schiffe haben wohl immer Besatzung genug. Es ist mehr der Ausschuss, der,
wie Sie sagen, mit der Laterne suchen muss.«
    Um die Mundwinkel des Fremden zuckte verhaltenes Lächeln, das er aber
schnell zu unterdrücken wusste. »Aber nein«, gab er kopfschüttelnd zurück,
»wirklich nicht. Versuchen Sie es, und die Erfahrung wird lehren, dass ich recht
habe. Selbstverständlich«, fuhr er scharf betonend fort, »dürfen Sie dabei
diejenigen Schiffe nicht mitrechnen, zu denen sich die Matrosen drängen wie die
Fliegen um den Honigtopf. Sie wissen, welche ich meine.«
    »Natürlich«, beeilte sich Robert zu antworten, »natürlich. Hauptsächlich
sind das wohl -«
    »Die Walfischfahrer«, ergänzte der Fremde unbefangen nickend. »Ich sehe, Sie
haben sich ein hübsches Verständnis Ihres Faches schon erworben, mein junger
Freund. Ja, ja, die Walfischfahrer sind glückliche Leute. Immer Jagd, anregende
Beschäftigung, sehr gutes Leben und Geld wie Heu. Aber freilich, da anzukommen
hält schwer.«
    Roberts Herz schlug wie ein Hammer. Er wusste davon nicht das geringste,
hatte sich über Walfischfahrer und Walfang nur oberflächlich unterrichtet, aber
das durfte er ja nicht verraten, und doch brannte er vor Begierde, gerade auf
ein solches Schiff zu kommen. Selbst wenn er nicht gewünscht hätte, möglichst
viel Geld zu verdienen, so würde ihn die Sache selbst unwiderstehlich gereizt
haben.
    Äusserlich blieb er aber ruhig, und auch Herr Hastedt sah so gleichmütig über
den Hafen, als sei nur vom Wetter die Rede gewesen. »Ich kenne manchen, der auf
zwei oder drei Fahrten zum reichen Mann wurde«, fügte er hinzu.
    Robert nickte. »Ja, ja das habe ich auch schon gehört. Die Heuer ist
glänzend, und -«
    Wieder fiel ihm der Fremde ins Wort. »Und so ein Anteil am Fang ist auch
nicht zu verachten, da haben Sie sehr recht, mein Herr. Überhaupt arbeitet man
williger und lieber, wenn es zum eigenen, als wenn es zum Nutzen anderer
geschieht. Davon kann sich auch der beste Mensch nicht freisprechen.«
    Robert hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Einen Anteil am Gewinn
erhielten also die Matrosen auf den Walfischfahrern, sie waren gewissermassen
ihre eigenen Herren und arbeiteten in Teilung. Oh, wer das Glück hätte, auf ein
solches Schiff zu kommen!
    Aber er wollte sich nichts merken lassen, nicht den Neuling verraten. »Ja«,
sagte er leichtin, »es war auch schon manchmal meine Absicht, eine solche Reise
mitzumachen, aber das muss sich zufällig treffen. Gerade auf diesem Gebiet habe
ich keine Verbindungen.«
    Herr Hastedt blies den Rauch der Zigarre in Wolken von sich. »Ich wüsste im
Augenblick auch nichts«, sagte er bedauernd. »Aber wie wäre es, wenn wir ein
Glas Bier zusammen trinken würden?«
    Robert war einverstanden, und die beiden neuen Bekannten schlenderten durch
die Strassen bis zu einem Wirtshaus, das nicht gerade nach ausgesuchter
Gesellschaft aussah. Das Schild war verräuchert und schwarz, die Fenster blind
von Staub, und das Innere war des wenig einladenden Äusseren würdig. Dennoch aber
drängten sich die Gäste Kopf an Kopf, obwohl freilich Robert keinen einzigen
Matrosen oder sonst einen Seemann entdecken konnte.
    Die Schenke lag in einer Nebenstrasse, und ihre Gäste bestanden aus Bürgern
ziemlich niederer Klasse.
    Herr Hastedt bestellte für sich und seinen Begleiter Bier, dann nahmen die
beiden an einem Nebentisch Platz, ohne sich in die Unterhaltung der übrigen zu
mischen. Alle möglichen deutschen Mundarten klangen zu ihnen herüber, besonders
die Hessen und Nassauer waren sehr stark vertreten, ebenso die Württemberger,
deren Schwäbeln Robert kaum verstand. Unter diesen Landsleuten, einfachen
Handwerkern - es waren alles Auswanderer ärmster Kreise - befand sich ein
älterer Mann, dessen Kupfernase den Trinker verriet und dessen Erzählungen die
Zuhörer ausserordentlich zu fesseln schienen.
    »Geben Sie noch ein paar Geschichten zum besten, Herr Kapitän«, hiess es.
»Wirklich, man sollte es kaum glauben, dass ein Mann dem Tode oft so nahe gewesen
und so oft entronnen sein kann, wie Sie.«
    »Mer gruselt sich so scheene derbei!« sagte ein zweiter, dessen
Sperlingsfigur und schäbig-eleganter Anzug den Schneider deutlich verriet.
»Schiessen Se los, Herr Gabedän!«
    Der lächelte nach allen Seiten und tat dann einen gewaltigen Zug aus dem vor
ihm stehenden Grogglas. »Auf Ihr Spezielles, wie wir Studenten zu sagen
pflegten«, nickte er zu dem Schneider hinüber. »Ich war nämlich auch einmal,
bevor ich zur See ging, daheim in Göttingen Student, bis mir die Bücherfresserei
zu langweilig wurde und ich auf und davon lief. Mein älterer Bruder hatte eben
sein Schiff zur Walfischjagd ausgerüstet, also eins - zwei - drei - plätscherte
ich im Eismeer.«
    Bei dem Worte Walfischjagd hatte Robert unwillkürlich seinen Begleiter
angesehen, aber dieser zuckte leicht die Achseln, als wolle er sagen: »Der Kerl
lügt ja!« -
    Am anderen Tisch ging inzwischen die Unterhaltung lebhaft fort. »Ich sage
Ihnen, solche Fahrt macht Spass und ist das Merkwürdigste, was man erleben kann«,
rief der als Kapitän Angeredete. »Ich bin einmal in Sibirien schiffbrüchig
geworden und musste monatelang an Land leben. Es war hinter Tobolsk, ganz in der
Nähe der Behringsstrasse, nur noch drei Meilen vom Mond entfernt.«
    Einer der Zuhörer hüpfte vor Erregung auf dem Sitz empor. »Vom Mond?«
wiederholte er. »Das ist ja wohl nicht möglich!«
    Kapitän Witt, so nannte sich der alte Mann, nickte mit dem ernstaftesten
Gesicht. »Wie ich Ihnen sage, meine Herrschaften. In dieser Gegend neigt sich
der Himmel zur Erde herab, müssen Sie wissen, es ist gerade da, wo beide
zusammentreffen, am Rande der Welt, wo alles dunkel wird und man nicht
weiterkommen kann, weil man sonst ins Bodenlose fallen würde. Wenn sich der Mond
auf seiner Wanderung gelegentlich in diese Sackgasse verläuft, so ist er der
Erde auf drei Meilen Entfernung nahe, und wir wären fast einmal
hinaufmarschiert, um den grinsenden Alten zu begrüssen, aber es ist ein
unbehagliches Gefühl, so ganz in die Enge zu geraten und sich von der Erde zu
entfernen. Man weiss nicht, wie es da oben eingerichtet ist und wohin die Fahrt
geht.«
    Die ganze Zuhörerschaft hatte andächtig gelauscht, und erst als Kapitän Witt
schwieg, atmeten die Mutigsten wieder auf. »Gott, was man nicht alles erfährt!«
sagte einer. »Da lebt man so seinen Tag herunter und denkt an nichts Böses,
während andere dem Mond gerade ins Gesicht sehen. Wie gross war er denn wohl, so
aus der Nähe betrachtet?«
    »Oh, ein ganz anständiger Kerl, sage ich Ihnen. Ich bin einmal vier Stunden
lang mit der Uhr in der Hand unter ihm dahinmarschiert und hatte noch nicht die
Hälfte seines Durchmessers erreicht. Ein Schritt hier auf der Erde macht zehn
Meilen im Mond, müssen Sie wissen.«
    »Zehn Meilen!« echote die Versammlung. »Aber um Himmelswillen, wie erfährt
man denn solche Dinge?«
    Kapitän Witt trank sich neue Begeisterung aus dem Glas an, das inzwischen
mehr als einmal gefüllt worden war. »Dazu haben wir unsere Instrumente«,
antwortete er mit der Miene eines vortragenden Gelehrten. »Es lässt sich alles
auf den Meter genau berechnen.«
    »Aber wie lebt man denn in diesen Gegenden?« fragte wieder einer aus der
Zuhörerschaft. »Was zieht man an und was isst man?«
    Der Erzähler fuhr mit dem Rücken seiner Hand über den Mund. »Die Kleidung
ist sehr einfach«, antwortete er. »Sie besteht aus Pelz und bedeckt den ganzen
Körper; im Winter wird sie mit dem Haar nach innen und im Sommer nach aussen
getragen. Es ist daher einmal zu heiss und das andere Mal zu kühl, aber davon
wissen die Russen nichts. Man findet überhaupt nirgends so abgehärtete und rohe
Menschen wie gerade hier. Den Kohl essen sie ungekocht und als Leckerbissen dazu
eine Talgkerze.«
    Widerwillen und Entsetzen wurden am Tisch laut. Robert und Herr Hastedt
sahen sich lächelnd an.
    »Es ist erstaunlich, was sich diese Landratten aufbinden lassen!« flüsterte
der Fremde.
    »Glauben Sie überhaupt, dass der Mann jemals im Eismeer gewesen ist?« fragte
Robert.
    »Gott bewahre! Er hat nie ein Schiff unter den Füssen gehabt. Solche
Tagediebe werden von den Wirten freigehalten, weil sie die Gäste durch ihre
Aufschneidereien zum Bleiben und zum Trinken veranlassen.«
    »Hören Sie nur, jetzt fängt er wieder an.«
    Die Biergläser der beiden klangen leise aneinander. »Auf eine gute Heuer für
Sie!« flüsterte Herr Hastedt, und dann horchte man um des Spasses willen nach dem
anderen Tisch hinüber.
    »Von einer Jagd im Eismeer sollte ich Ihnen erzählen, meine Herrschaften?«
ertönte des Kapitäns heisere Stimme. »Well! Das können Sie haben. Seehunde,
Walrosse, Eisbären, Moschusochsen, Rentiere, Füchse, weisse Hasen, Schneehühner,
- habe ich alle mit der Kugel oder der Harpune erlegt. Welches Abenteuer ziehen
Sie vor?«
    Die biederen Landleute und Handwerker bestellten massenhaft neues Bier nach,
bevor sie noch näher zusammenrückten und sich endlich für das schaurigste
Erlebnis des vielgereisten Berichterstatters entschieden.
    Der räusperte sich, ehe er wieder die Stimme erhob, »Nehmen wir also das
Walross«, sagte er. »Das Tier wird ungefähr fünf Meter lang und mindestens
zwanzig Zentner schwer. Seine Haut hat eine Dicke von andertalb Zentimeter, Sie
können mir deshalb glauben, dass sie einen kugelsicheren Panzer bildet. Und diese
Hässlichkeit, sage ich Ihnen! Grosse Glotzaugen ohne Lider, fast meterlange
Stosszähne und der Rachen verdeckt von Borsten, die mindestens so dick sind wie
Stricknadeln. Zu diesem teuflischen Aussehen kommt eine Stimme, deren Brüllen,
Bellen und Pusten auch den mutigsten Mann erschüttern kann. Ich sage Ihnen, ich
fürchte mich vor dem leibhaftigen Satan nicht, wenn er nur in fester,
körperlicher Gestalt vor mir erscheint, so dass sich seine und meine Kräfte
miteinander messen können, aber - diese Ungeheuer haben doch manches Mal das
Blut in meinen Adern zu Eis erstarren lassen. Wenn man so auf dem meterdicken
Eis wie auf dem sicheren Erdboden geht, und von unten her taucht plötzlich solch
ein Höllenhund auf, um uns die Stosszähne, mit Seegras und den Überresten
getöteter Fische verziert, in den Leib zu jagen, da danke ich für das Vergnügen.
Das ist des Spasses etwas zu viel.«
    »Meterdickes Eis?« wiederholten ungläubige Stimmen. »Die kann das Walross
durchbrechen?«
    »Ach - wie gar nichts. Das gibt ein kurzes Geprassel, vor Ihren Füssen
entsteht plötzlich ein Loch, das schwarze Wasser darin schäumt und zischt, und
mein liebenswürdiges Ungeheuer mit den langen Zähnen schiebt sich ganz gemütlich
heraus, um sich über Sie herzumachen, - sehen Sie, das ist die Walrossjagd!«
    »Puh! - Und das haben Sie erlebt? Mussten Sie vielleicht mit diesen
grässlichen Tieren kämpfen?«
    »Das will ich meinen. Unser Schiff lag ziemlich weit von der Küste entfernt,
an einer Stelle, die für den Fang der Walrosse sehr geeignet war, aber wir
hatten das Unglück gehabt, bei einem plötzlichen Sturm mehrere Fleischfässer zu
verlieren, und mussten daher soviel wie möglich an Land jagen, um den Ausfall zu
decken. Na, das ging auch ganz nach Wunsch, denn die Rentiere sind dort sehr
zahlreich, aber eines schönen Tages verfehlten wir den Rückweg und schoben den
mit vier erlegten Tieren beladenen Handschlitten unglücklicherweise in das
Packeis hinein, so dass uns der Boden immer wieder unter den Füssen brach. Es ging
so nicht vorwärts, das sahen wir nur zu bald, und liessen daher den Schlitten
allein, nachdem wir ihn auf eine feste Stelle gehoben hatten, um ihn später mit
dem Boot an Bord zu holen. Aber kaum war die mühevolle Arbeit beendet, als
unmittelbar vor uns mehrere Walrosse auftauchten und ihre unangenehme Gegenwart
durch ein satanisches Gebrüll zu erkennen gaben. Wir wie der Blitz über das Eis
davongelaufen, - es war, als sei uns der Teufel auf den Fersen. Wortlos ohne
Verabredung, ohne Zeitverlust rannten wir drauflos, aber das führte zu nichts,
weil die schlauen Tiere tauchten, unter dem Eis schwammen und alle Augenblicke
rechts oder links von uns wie böse Geister von unten hervorbrachen.
Unwillkürlich verteilten wir uns, um sie irre zu leiten, und das Manöver gelang
über Erwarten gut. Unverletzt kamen alle an die Boote, aber - der Schlitten war
zurückgelassen, und ohne ihn konnten wir nichts anfangen. Ihn später an Bord zu
holen, war unbedingt notwendig.
    Nachdem wir erst einmal tüchtig gegessen und uns gut bewaffnet hatten,
besetzten wir die Boote mit je vier Mann und einem Harpunier, nahmen Gewehre,
Messer und Lebensmittel mit uns und wollten jetzt aus Rache und einmal erweckter
Jagdlust unsererseits die Walrosse verfolgen.
    Gedacht, getan. Die Boote glitten am Rande des festen Eises dahin, bis zu
der Stelle, die wir als Lagerplatz der Tiere kannten. Durch die Gläser
entdeckten wir auch wirklich eine ganze schlafende Herde, aber ausserdem auch den
Wächter, der regelmässig, wie bei vielen andern Tiergattungen auch, ausgestellt
wird, um bei herannahender Gefahr ein Warnungszeichen zu geben.
    Das kurze Gebrüll ertönte, und die Herde stürzte sich schon in einer
Entfernung von wenigstens zwanzig Meter Hals über Kopf ins Wasser, aber - vier
Walrosse schwammen uns geradewegs, wie zur Herausforderung, entgegen. Unser
Harpunier, neben mir im Bug des ersten Bootes stehend, erwartete gefasst die
Tiere, und als das erste herankam, stiess er ihm die Harpune mit voller Kraft in
den Körper.
    Und nun folgte eine furchtbare Szene. Das Walross sank schwer verwundet ins
Wasser zurück, aber es richtete sich nach kurzer Pause wieder auf um ein
anhaltendes, wildes Gebrüll auszustossen. Daraufhin tauchten jetzt plötzlich die
borstigen Köpfe an zehn Stellen zugleich auf und umzingelten das Boot, von dem
aus ihr Kamerad verwundet worden war.
    Für uns galt es nur noch, das nackte Leben zu retten. Wir alle stachen,
schossen, schlugen und schleuderten mit jedem Gerät, das uns in die Hände kam.
Dennoch aber wäre es um fünf unerschrockene Männer sehr bald geschehen gewesen!
- Eins der Ungeheuer schob den riesenhaften Körper gerade unter den Kiel des
Bootes, hob es hoch empor, so dass es zu schwanken schien, dass wir fast den Halt
verloren, und - - -«
    »Hören Sie auf!« riefen schaudernd die zuhörenden Auswanderer. »Das kann ja
kein Pferd ertragen.«
    Auch Robert und sein neuer Freund sahen sich an. »Sollte er nicht trotz
allem Seemann gewesen sein?« fragte Robert »Sollte er nicht diese Jagd wirklich
erlebt haben?«
    Herr Hastedt zuckte die Achseln. »Ich kann mich irren«, meinte er. »Manchmal
kommt es mir selbst so vor. Doch lassen Sie uns hören, wie die Sache ausläuft.
Der Wirt versorgt ihn schon mit einem frischen Grog.«
    »Weiter! Weiter!« drängten einige unter den Zuhörern. »Der Kapitän sitzt ja
gesund hier bei uns, also warum soll man sich fürchten? - Erzählen Sie weiter!«
    
    Der Kapitän tat einen tiefen Zug. »Das Boot schwebte also gleichsam«, fuhr
er fort, »schien zu zittern und im nächsten Augenblick umschlagen zu wollen, -
zwei riesige, weisse Hauer bogen sich von unten herauf über den Rand, ein
Schreckensschrei zerriss die Luft. Das Fahrzeug lag jetzt so auf einer Seite, dass
das Wasser hineinzulaufen begann, immer stärker schob und drängte das
schnaufende Tier unter dem Kiel.
    Da richtete ich mich auf, nahm alle meine Kräfte zusammen und holte aus zu
einem Axtieb, der einen Stein hätte brechen müssen. Richtig - das Walross trieb
mit gespaltenem Schädel tot an der Oberfläche des Wassers! - -
    Es war aber auch in letzter Sekunde, wie man so sagt. Noch eine Minute
länger, und wir alle hätten im Meer gelegen, den Ungeheuern zur sicheren Beute.
Als die anderen Boote herankamen, zeigte sich, dass wir während des kurzen,
erbitterten Kampfes neun Walrosse harpuniert, getötet und verwundet hatten. Die
Fahrzeuge schwammen buchstäblich in Blut, im Wasser ringsumher sah man überall
die sterbenden Tiere, und noch viel Mühe kostete es, die riesigen Körper mit
Seilen einzufangen und am Boot zu befestigen.
    Der Kampf war wild, die Gefahr gross gewesen, aber dennoch hatten wir bei
dieser Jagd nicht allein unsern Schlitten geborgen, sondern erbeuteten auch
ausser den Häuten und Zähnen noch neun Tonnen Tran. Ja, ja, wenn man so an seine
Jugend zurückdenkt und wie schön damals das Leben war, - man könnte ganz
wehmütig werden. Jetzt spalte ich längst schon keinen Walrossschädel mehr!«
    Es schimmerte etwas wie echte Trauer in den Augen des Kapitäns, als er diese
letzten Worte sprach. »Die Zeit auf meines Bruders Schiff da oben im Polareis
war die reichste und glücklichste, die ich durchlebt habe«, fuhr er fort.
»Solange ich ein junger, kräftiger Mann war, konnten nur Kampf und Gefahr mich
begeistern; ich habe oft gedacht, dass bei ewig gutem Wind und hellem
Sonnenschein der Teufel Seemann werden möchte, aber nicht ich. Sich durchsetzen,
mit allen Naturkräften kämpfen, List gegen List setzen und überwinden, was sich
feindlich entgegenstellt, - das allein heisst leben.«
    Robert hatte sich unwillkürlich vorgebeugt. Er glühte förmlich, seine Augen
leuchteten, und seine Brust hob sich schneller. Was dort der alternde Mann mit
dem Feuer langvergangener Tage aussprach, das war ja sein eigenes
Glaubensbekenntnis, das empfand er ja genau so. Nur kein tatenloses Dahinleben,
kein ängstliches Zurückbleiben in den engen Grenzen des Gewohnten, des
Alltäglichen, nur kein Scheindasein ohne Kampf und Sieg!
    Er nahm sein Glas und ging zu dem alten Kapitän hinüber, um mit ihm
anzustossen. Woher ihm der Mut dazu so plötzlich kam, begriff er selbst nicht,
aber es war geschehen, kaum dass ihm der Gedanke gekommen war. »Ihr Wohlsein,
Kapitän!« sagte er freundlich. »Wer so viel erlebt hat wie Sie, der darf
wirklich zufrieden auf seine Jugend zurückblicken.«
    Anscheinend sehr angenehm überrascht, erhob sich der Erzähler und stiess
kräftig mit Robert an. Seine und Hastedts Blicke begegneten sich dabei wie
zufällig und nur auf Augenblicke, aber doch schien es, als hätten sich beide ein
geheimes Zeichen gegeben. Während sich Hastedt gleichgültig zum Fenster wandte,
schüttelte der Kapitän mit gewinnender Herzlichkeit die Hand des Jungen. »Ein
Landsmann«, sagte er, »und ein lustiger Seewolf obendrein, was? Freut mich ganz
besonders, Ihre werte Bekanntschaft gemacht zu haben!«
    Robert errötete. »Sie erzählen so sehr fesselnd und anregend!« sagte er
etwas verlegen. »Kommt nicht noch ein bisschen mehr?«
    Der Kapitän blinzelte ihm vertraulich zu, als wollte er sagen: »Diesen Eseln
muss man es faustdick geben, bevor ihnen die Geschichte wirklich gefällt. Ich
lüge ihnen natürlich die Haut voll, dass es nur so zischt.«
    Laut sagte er aber mit ermunterndem Lächeln: »Ich muss mich also jetzt
verteufelt in acht nehmen, da einer von meinem Handwerk dabei ist, nicht wahr? -
Sie werden mir gehörig auf die Finger sehen, ob ich wohl in das Garn ein paar
kleine Flunkereien hineinspinne?«
    Robert lachte mit. »Erzählen Sie ruhig weiter! Ging die nächste Reise
vielleicht an den Südpol und von da zur Sonne hinauf?«
    Kapitän Witt blinzelte noch stärker. »Sie Allerweltskerl«, sagte er, »also
Sie haben mir die Geschichte nicht geglaubt? - Aber das beweist nur, dass Sie
ihre schätzenswerte Nase nicht in jede Windrichtung gesteckt haben, oder - waren
Sie schon in Sibirien?«
    Robert schüttelte den Kopf. »Leider nicht«, antwortete er. »Sehen möchte ich
allerdings gern die ganze Erde, aber das lässt sich wohl schwerlich
verwirklichen.«
    »Hm, hm, Sie haben ja noch ihr ganzes Leben vor sich, können manchen Knoten
segeln und manchen Hafen kennenlernen, junger Brausekopf. Aber Sie gefallen mir,
wenn auch das Ei ein bisschen klüger sein möchte als die Henne, - in diesem Fall
freilich als der Hahn. Setzen Sie sich zu uns, und rufen Sie auch Ihren
Begleiter herüber.«
    Herr Hastedt stellte sich vor, man brachte neues Bier, und der alte Seemann
nahm den Faden seiner Erzählung wieder auf.
    »Eisbären kennen Sie alle, nicht wahr, meine Herrschaften?« fragte er. »Sie
haben welche in den zoologischen Gärten gesehen, doch haben diese, in
unzulänglichen Gehegen gefangenen Tiere nur wenig Ähnlichkeit mit den in
Freiheit lebenden.«
    Der Eisbär ist stark wie ein Löwe, hinterlistig wie ein Tiger und schwimmt
dabei wie ein Fisch. Einmal hätte mich einer doch beinahe erwischt; ich kam
wirklich nur mit genauer Not davon. Wir hatten nämlich an Bord nichts zu tun, es
war Sonntag, und daher ging ich an Land etwas spazieren, um mir die
Grossartigkeit dieser eingefrorenen, ewig unter Eis begrabenen Natur aus nächster
Nähe anzusehen. Nichts Böses ahnend, die brennende Zigarre im Mund und die Hände
in den Taschen meines Pelzes, wandere ich so dahin, ziemlich weit vom Schiff
entfernt. »Was sie jetzt wohl in der Heimat machen?« denke ich und werde so ein
bisschen wehmütig, als ich mir das Bild des Elternhauses deutlich vorstelle. Die
blinde Grossmutter im Lehnstuhl am Ofen, der Vater mit kurzer Pfeife die
Zeitungen lesend und Mutter und Schwestern am Herd beschäftigt. Alles ist so
gemütlich, die Blumen am Fenster blühen, die Nachbarn grüssen herein, und das
Zimmer wird von dem Ofen angenehm durchwärmt. - Herrgott, denke ich, könntest du
für ein paar Stunden dort sein, dich einmal wieder an frischem Fleisch und
Gemüse satt essen und von dem alten Kachelofen gründlich auftauen lassen, - das
wäre so etwas! Aber daraus wird ja nichts, mein Junge, du bist am Nordpol und
bewunderst Eisblöcke, mehr ist für den Augenblick nicht zu haben.
    Und wie ich gerade bei diesem trüben Gedanken ein bisschen stärker seufze,
legen sich mir von hinten ein paar Pranken auf die Schultern und zwingen mich in
die Knie. Ehe ich mich recht besinnen kann, packen scharfe Zähne meinen Kopf, -
der glücklicherweise ziemlich rund und hart gewachsen ist und den ausserdem die
festgebundene Pelzkappe schützte, so dass das Maul des riesigen Tieres nicht gross
genug war, um mich ernstaft verwunden zu können. Dennoch aber schleppt es mich
fort, - ohne Halten - wie eine Windsbraut - über Stock und Stein - über Eis und
Gletscher, während ich schreie, Kinder, na, - jeder unter euch kann sich
vorstellen, wie!
    Meine Fäuste bearbeiten das zottige Fell, und meine Kehle springt fast von
der unnatürlichen Anstrengung, aber der Bär kümmert sich um nichts, er segelt
vorwärts wie eine Fregatte unter vollen Segeln, immer hast du nicht gesehen,
hier über einen Eisblock, wo meine armen Beine den Sprung mitmachen müssen, dass
ich fast glaube, sie gehören mir gar nicht mehr, - und dort durch einen Tümpel
Schlampeis, dass das Wasser wie eine Schlange über meinen Körper kriecht, - Gott
im Himmel, das war eine Fahrt. Trotzdem aber verlor ich das Bewusstsein nicht,
sondern sagte mir, dass ich den Zähnen des Bären unrettbar verfallen sei, wenn er
erst einmal die freie, offene Eisbahn erreicht haben würde. Dann konnte kein
Mensch mehr mit ihm um die Wette laufen, und ich wurde gefressen wie ein Seehund
oder ein Fisch. Bis zum Meer also hatte ich noch Hoffnung, von meinen Kameraden
gehört zu werden, - ich schrie, dass mir das Blut aus Mund und Nase stürzte.
    Na, sie haben es ja dann auch gehört, und die, denen damals bei der
Walrossjagd mein Axtieb das Leben rettete, haben den Bären mit ihren Gewehren so
tapfer verfolgt und von der freien Fläche abgeschnitten, dass er schliesslich, um
sein eigenes Leben zu retten, mich fallen lassen musste. Ich lag wie ein Toter
auf dem Schnee und wurde von einigen meiner Kameraden an Bord gebracht, während
alle anderen den Bären jagten. Als ich zur Besinnung kam, lag ich blutüberströmt
in meiner Koje; Kopf und Hals waren von den Zähnen des Tieres zerfleischt, Arme
und Beine an den scharfen Eissplittern aufschlagen, und die Haut von den Fingern
fast ganz abgeschält.
    »Nun, dafür halfen Eis und Verbände. Ich konnte schon nach acht Tagen das
Fell des erlegten Bären von den Füssen abziehen und machte mir daraus, nachdem
ich es gereinigt und mit Alaun gerieben hatte, ein Paar Strümpfe, die wärmsten,
die ich jemals besessen habe. Haare und Klauen blieben dran, also konnte ich auf
dem blanken Eis laufen wie der beste Schlittschuhkünstler.«
    Ein Murmeln um den Tisch gab das Erstaunen der Zuhörer zu erkennen. Kapitän
Witt trank und blinzelte hinter dem Glas zu Robert herüber, als wolle er sagen:
»Hast du gehört?«
    »Mehr, Herr Kapitän, mehr!« rief der Junge, dem die ganze Erzählung grössten
Spass machte und der heimlich noch immer hoffte, auch etwas von der Walfischjagd
zu hören. »Sie waren bei den Strümpfen aus Eisbärenfell stehen geblieben.«
    Der Erzähler strich den Schnurrbart. »Im Gegenteil, mein Freund, ich lief
auf diesen Strümpfen wie der Wind«, lächelte er. »Ich habe sogar einen lebenden
Fuchs mit blossen Händen gefangen und in den Käfig gesteckt, nur aus Langeweile.
Wir stellten den kleinen Kerl in seiner Falle neben dem Schiff auf einen
Eisblock, hatten aber nicht daran gedacht, dass in der Nähe der Kombüse der Block
allmählich schmelzen müsse, und so fiel denn eines Tages der ganze Bau mit
Geprassel in sich zusammen. Reineke schaute verdutzt durch die plötzlich
entstandene Lücke auf das Eisfeld hinaus und rannte dann mit gestrecktem Schweif
in rasender Geschwindigkeit davon. Wir lachten zu sehr, um ihn aufhalten zu
können. - - Diese vielen Füchse, weisse, graue und blaue, sind allerdings für die
Mannschaft eines Grönlandfahrers oft eine grosse Plage, da sie in
Mondscheinnächten oder beim Nordlicht so anhaltend bellen, dass an keinen Schlaf
zu denken ist.«
    Herr Hastedt sah verstohlen zu Robert hinüber. »Der alte Bursche ist doch im
Eismeer gewesen«, flüsterte er. »Hätte es wirklich nicht gedacht, aber diese
Einzelheiten überzeugen mich. Nun, wie steht's, Herr Kroll, machen wir noch
einen kleinen Spaziergang zusammen?«
    Robert schob ihm die Flasche zu. »Bleiben Sie doch!« antwortete er. »Wir
sitzen hier ja ganz gemütlich.«
    Aber der Deutsch-Amerikaner hatte nach der Uhr gesehen und schüttelte jetzt
den Kopf. »Bedaure wirklich, Herr Kroll, ich muss gehen. Time is monei, wissen
Sie. Ich freue mich aber, Ihre angenehme Bekanntschaft gemacht zu haben! -
Kapitän, ich empfehle mich Ihnen!«
    Er reichte den beiden die Hand, und Robert hörte auch, dass zwischen ihm und
dem Erzähler noch einige englische Worte gewechselt wurden, schnell und leise, -
er achtete nicht darauf - dann bezahlte Herr Hastedt das Bier, grüsste nochmals
mit der Hand und ging.
    »Vielleicht sehe ich Sie morgen oder übermorgen hier wieder!« rief er noch
von der Tür zurück.
    Robert setzte sich wieder in den Kreis. Er hatte schon mehr getrunken, als
gut war, ein ganz fremdes Gefühl des Übermutes und der Sorglosigkeit ergriff
ihn. Heute wurde er zum erstenmal von Männern als Mann behandelt, er trank und
sprach wie sie, er hatte den »Jungen« gänzlich abgeschüttelt.
    Sein Blick streifte herausfordernd die plaudernde Tischrunde. »Still!« rief
er, mit zwei Fingern auf die Tischplatte schlagend. »Still! Der Kapitän will von
seinen Erlebnissen auf der Walfischjagd erzählen.«
    Die andern schwiegen, aber Witt schüttelte den Kopf. »Für diesmal nicht
mehr«, antwortete er. »Ich habe nur den einen Zug mitgemacht, und der endete,
als wir den Wal jagten, so traurig, dass mich die Erinnerung noch heute schmerzt.
Mein Bruder verlor dabei das Leben, und unser schönes Schiff ging in Splitter.«
    Roberts Augen glänzten vor Begier, die Geschichte zu erfahren. »Kapitän«,
sagte er, sich halb über den Tisch beugend, »so müssen Sie nicht sprechen. Habe
ich eine Gefahr hinter mir, dann sehne ich mich nach der nächsten; ist ein Kampf
beendet, so denke ich an den zweiten. Glauben Sie mir, auch ich habe trotz
meiner Jugend schon böse Stunden durchlebt und dem Tod mehr als einmal ins Auge
gesehen!«
    Der Kapitän horchte auf. »Sie?« sagte er. »Alle Wetter, das möchte ich
genauer erfahren!«
    Sein Wink veranlasste den Kellner, Roberts Glas wieder zu füllen, ohne dass es
besonders auffiel. Auch durch die andern aufgefordert, begann er eine
Schilderung seiner Erlebnisse und redete und trank sich in einen Rausch hinein,
der seine Wangen erglühen und seine Bewegungen unsicher werden liess.
    Besonders Kapitän Witt flocht Bemerkungen ein, die alle dazu dienten, das
Selbstgefühl und die Lust des Jungen an abenteuerlichen Fahrten nur noch immer
mehr zu stärken. Er schlug zuletzt mit der Faust auf den Tisch und schwur, noch
die ganze Welt umsegeln zu wollen.
    Der Kapitän streckte den Arm aus. »Keinen solchen Schwur«, sagte er ernst.
»Das tut nicht gut, - die Schicksalsmächte hören es und fangen den Vermessenen
in seinen eigenen Schlingen.«
    Robert lachte. »Ich bin nicht abergläubisch!« rief er. »Das kommt erst mit
dem Alter. Haben Sie eine solche Geschichte von einem Schwur, den die bösen
Gewalten gehört haben, selbst mitgemacht, Kapitän? Nein, nicht wahr? Nur Ihre
Frau Grossmutter hat es erzählt, und die hatte es von einer Tante!«
    Ein stummes Kopfschütteln beantwortete die übermütigen Worte. Der Kapitän
malte mit dem Zeigefinger in dem verschütteten Bier auf der Tischplatte und
sprach keine Silbe, - nur Robert konnte nicht schweigen. »War es vielleicht die
Geschichte von dem zersplitterten Schiff Ihres Bruders, Kapitän?« forschte er.
»War es das?«
    Witt blickte auf. Der Ernst in seinen Zügen war echt, das Beben seiner
Lippen ungewollt. »Ja!« antwortete er langsam und deutlich. »Ja, es war der
vermessene, gotteslästerliche Schwur, der Schiff und Mannschaft den Untergang
bereitete. Es war mein Bruder, der sich im Eigensinn verging und den der Tod
ereilte, als er seines Sieges gewiss zu sein glaubte.«
    Robert stand auf. »Das muss ein tapferer, unerschrockener Mann gewesen sein«,
rief er, »ein braver Seemann, dessen Andenken in Ehren bleiben soll. Stossen Sie
an, Kapitän!«
    Der alte Witt nickte und trank. »Ich will's erzählen«, sagte er nach einer
Pause. »Solch einem Heisssporn kann es gar nicht schaden, einmal eine tüchtige
Lehre zu erhalten. Also hören Sie zu, meine Herrschaften, obgleich die
Geschichte traurig genug ist.
    Wir waren im nördlichen Eismeer und jagten den Wal, hatten aber nur sehr
wenig Glück gehabt, nur eine kleine, unbedeutende Ausbeute an Walrossen oder
Seehunden gemacht und keinen grösseren Walfisch gesehen. Die Mannschaft murrte
auch, dass es zu kalt sei, um an Deck arbeiten zu können, dass wir umkehren müssten
und dass sie feste Heuer verlange, wenn der Kapitän noch immer an dieser
äussersten Grenze der Eisregion bleiben wolle.
    Mein Bruder aber war ein Trotzkopf ohnegleichen. Ich habe noch Lebensmittel
für zweihundert Tage an Bord, sagte er mir einmal unter vier Augen, mein Schiff
ist fest und meine Leute sind gesund, - wer weiss, ob es mir nicht bestimmt ist,
das seit Jahrhunderten vergeblich gesuchte und von vielen sogar geleugnete
offene Polarmeer zu erreichen. Wer weiss, ob ich nicht bis zum Nordpol komme,
Wilhelm, und dann - wäre ich der bedeutendste und am meisten bewunderte Mann
meiner Zeit geworden! Die Leute müssen sich fügen, wie ich will.
    Bei solchen Worten schüttelte ich wohl den Kopf und zeigte ihm das
Bedenkliche an der Sache, aber im Grunde lockte mich der Gedanke ebenso sehr wie
ihn selbst. Und wenn unser Schiffstagebuch auch nur einen Breitengrad mehr
nannte, als ihn bisher ein anderes Fahrzeug erreicht hatte, so war das immerhin
der Mühe wert, nur nicht für die Leute, die keinen Ehrgeiz besassen, sondern Geld
verdienen wollten. Über den eigentlichen Strich der Walfischjagd aber waren wir
hinaus, das wussten alle.
    Seit acht Tagen haben wir kein Schiff mehr gesehen! hiess es. Man muss
umkehren, oder man friert plötzlich ein und kann elend verhungern.
    Es besteht keine Gefahr! tröstete mein Bruder. Lebensmittel sind genug an
Bord, wir jagen mehr frisches Fleisch als wir brauchen, und für den Wasservorrat
sorgt der Schnee, für das Brennmaterial die ungeheuren Massen Treibholz. Was
wollt ihr also?
    Bei solchen Gelegenheiten musste der Untersteuermann ein paar Flaschen Rum
herausgeben, und so hielten wir die Leute hin, während das Schiff den
achtzigsten Breitengrad beinahe erreicht hatte. Da kam uns ein anderes Fahrzeug
in Sicht.
    Jetzt kehrte den Matrosen der gesunkene Mut zurück, und als schliesslich der
Däne, denn ein solcher war es, mit uns Seite an Seite lag, da ging die
Geschichte ausgezeichnet, obwohl mein Bruder den Zufall heimlich verwünschte. An
Bord des Kong Frederik waren nämlich die Blattern ausgebrochen, Kapitän und
Steuermann gestorben, und der Untersteuermann nicht erfahren genug, um unter so
schwierigen Verhältnissen die Lenkung des Schiffes allein zu übernehmen. Der
Kong Frederik war verschlagen worden, und sein junger Führer bat uns dringend um
einen Mann, der es verstände, das Schiff wieder nach Europa zu bringen.
    Nun, das konnten wir tun, da uns zufällig mehr Leute zur Verfügung standen,
als für unsere Zwecke erforderlich waren, aber mein Bruder, rasch entschlossen
und tatkräftig wie immer, verabredete, bevor wir uns trennten, mit dem jungen
Dänen eine Art von Tauschabkommen. Die Matrosen auf beiden Schiffen sollten
gefragt werden, wer lieber auf dem Kong Frederik nach Hause zurückgehen wolle
oder Lust habe, auf unserem eigenen Schiff in diesen Breiten noch länger zu
kreuzen. Am folgenden Morgen sollte die Übersiedlung stattfinden.
    Ich hatte am Abend dieses Tages mit meinem Bruder eine längere und sehr
ernste Unterredung. Sein Gesicht strahlte vor Freude. Wilhelm, sagte er, das
Schicksal ist mir günstig, ich bekomme lauter neue Matrosen. Die Dänen sind
überhaupt ein tollkühnes, mutiges Volk, sie fürchten sich vor dem leibhaftigen
Satan nicht, und ganz besonders diese Mannschaft gefällt mir. Es sind lauter
Seeländer, Kerle mit Eisenfäusten und eisernem Sinn. Solche brauche ich, alter
Junge! - Ja, wenn es mir gelänge, das Polarmeer zu erreichen, wenn ich Zeit
genug behielte, in das ewige Eis des Nordpols meinen Namen wie in Granit zu
hauen, dann wollte ich gern sterben. Hundert Jahre - tausend Jahre nach mir käme
vielleicht ein anderer dortin und läse es, - ich wäre für die Jahrbücher der
Geschichte unsterblich geworden.
    Ich konnte die Begeisterung nur halb verstehen. Zehn Jahre jünger als er,
liebte ich das Leben noch mehr als den Ruhm, und - das sah er vielleicht. Du
sollst mich nicht begleiten, Wilhelm, sagte er, du gehst mit dem »Kong Frederik«
nach Hause, und wäre es nur, um unseren Eltern wenigstens einen Sohn zu
erhalten. Ich bekomme Leute genug, - die Kerle haben sämtlich vor dem
Unglücksschiff, auf dem der Tod seine Ernte gehalten hat, einen heillosen
Respekt. Sie verlassen es lieber heute als morgen; du gehst mit meinen
Einfaltspinseln, die Angst haben zu verhungern, auf das dänische Schiff über.
    Ich sprang beleidigt auf. Johannes, rief ich, das darfst du nicht verlangen,
du darfst mich nicht feige oder unmännlich nennen! Ich bleibe, wo du bist, und
teile dein Los.
    Aber er schüttelte den Kopf. Ich will es nicht! erklärte er. Du bist kein
Seemann, Wilhelm, bist in die Musterrolle nicht eingeschrieben und noch nicht
einmal mündig. Der Vater hat dich mir mitgegeben, um den Herrn Studenten ein
wenig zahm zu machen, wie du weisst, also - kann ich Gehorsam verlangen.
    Mein Blut begann zu kochen. War das im Ernst gesagt, das vom Gehorsam,
Johannes? fragte ich, zitternd vor Zorn.
    Sein Blick, sein Ton entwaffneten mich. Nein, sagte er, das Wort war
schlecht gewählt, mein Junge. Aber du tust es mir zuliebe, ich weiss es.
    Dagegen konnte ich nichts machen. Johannes, sagte ich, noch an einer letzten
Hoffnung festaltend, lass uns das Schicksal fragen und seine Stimme den Streit
schlichten. In alten Zeiten wurde alles durch Gottesurteil entschieden, warum
nicht auch jetzt noch?
    Er lächelte. Also los, antwortete er. Aber woher willst du das Orakel
nehmen?
    Ich lief rasch zu meiner Kiste und holte die Würfel hervor. Einfach genug,
Johannes, rief ich. Wer weniger Augen wirft, der ergibt sich. Soll das gelten?
    Mein Bruder nickte. Du bist leichtsinnig, Wilhelm, antwortete er ernst. Du
willst einen Zufall über dein ganzes Lebensglück entscheiden lassen, anstatt der
Vernunft zu folgen.
    Aber ich hielt die Würfel schon in der Hand. Das ist jetzt gleich, Johannes,
- soll es gelten?
    Er beugte sich vor. Meinetwegen also. Wir wollen es als ein Gottesurteil
nehmen! - Gib her die Würfel.
    Ich reichte ihm die klappernden Dinger und verfolgte mit gespannter
Aufmerksamkeit jede seiner Bewegungen. Wer hätte wohl gedacht, dass hier Leben
und Tod an einem einzigen Auge hingen! - -
    Er liess die Würfel fallen, so dass einer auf den Fussboden der Kajüte rollte.
Nimm das Licht! rief er hastig, sieh nach, aber lass die Augenzahl, die oben
liegt, so bleiben, wie sie ist.
    Ich nahm ein Streichholz und beleuchtete den Boden. Etwas abergläubisch bist
du aber selbst, Johannes! sagte ich, mit klopfendem Herzen den Würfel suchend.
Aha, dort liegt er, und die Sechs ist geworfen. Wo liegt der andere?
    Hier, antwortete er und hob die Hand hoch. Ich habe ihn festgehalten.
    Auch sechs! rief ich bestürzt, während er laut und fröhlich lachte. So war
die Frage also zu meinen Ungunsten entschieden.
    Und dabei blieb es. Ich bereitete mich mit schwerem Herzen darauf vor, das
Schiff zu verlassen und mit dem Dänen nach Europa zurückzukehren. Während der
ganzen letzten Nacht gingen wir beide nicht zu Bett, mein Bruder und ich,
sondern er schrieb Briefe an Eltern und Freunde, und wir besprachen noch vieles,
das sich uns bei dieser ganz unvermuteten Trennung hoch oben im Eismeer
plötzlich aufdrängte. Vorn im Matrosenlogis war es ebenso lebendig. Die Dänen
vom anderen Schiff überboten sich in lauten Worten, und mehr als einmal hörte
ich die Bemerkung, dass sie geradezu darauf gewartet hätten, eine Reise bis zum
Polarmeer mitzumachen. Unser Volk hat lange vor Kolumbus Amerika entdeckt, hiess
es, wir nannten es »Wiinland« und gründeten dort weite Königreiche. Die Dänen
und Norweger sind die wahren Entdecker Amerikas, - warum sollten sie nicht den
Weg zum Nordpol finden?
    Und dann klangen die Gläser gegeneinander. Auf dem Kong Frederik hatte sich
alle Ordnung gelöst. Die Leute holten ohne zu fragen ein Fässchen Rum herüber,
und man zechte bis nach Mitternacht.
    Inzwischen hatte sich der Wind bedeutend verstärkt, es herrschte eine fast
unerträgliche Kälte, und als der Tag anbrach, sahen wir in einiger Entfernung
vor uns schwimmende Eisberge von so riesigen Ausmassen, wie wir sie vorher noch
nie gesehen hatten, sie sahen aus wie erstarrte Gebirge, wie Gletscher, die bis
zum Himmel reichten.
    Zwei von ihnen, die beiden grössten, trieben in einer Entfernung von etwa
einer halben Meile nebeneinander her.
    Ich verstand von der Seefahrt damals noch nicht viel, aber diese beiden
Ungetüme waren mir doch unheimlich. Johannes, sagte ich, ist das nicht gerade
der Kurs, den du steuern wolltest? - Natürlich muss dein Plan jetzt fallen.
    Aber er schüttelte den Kopf. Mein Plan fällt nicht, Wilhelm. Der Wind ist
günstiger als je, - ich wage die Sache.
    Johannes! - Du wolltest zwischen den Eisbergen hindurchsegeln?
    Ja. Sie können mich auch im Atlantischen Ozean treffen, wenn es das
Schicksal will. Hier heisst die Sache ein tollkühnes Wagestück, dort ist sie
unvermeidlich und überfällt vielleicht den furchtsamsten Kapitän auf der kurzen
Reise zwischen Hamburg und New York. - Ich will den Versuch wagen.
    Wenn er in diesem Ton sprach, dann liess sich mit ihm nichts machen, aber ich
hoffte noch, dass sich die Mannschaft weigern würde, und als der Umzug der Leute
beendet war, raunte ich unserem auf das dänische Schiff übergehenden Steuermann
die Geschichte ins Ohr. Er erschrak offenbar sehr.
    Kapitän, hörte ich ihn sagen, die Sache geht schief. Das müssen Sie
aufgeben.
    Bei diesem Wind? rief mein Bruder. Das tue ich niemals, Steuermann. Haben
wir während der ganzen letzten Wochen solchen Wind gehabt?
    Das nicht, Kapitän. Es ist in dieser Beziehung allerdings ein sehr günstiger
Augenblick für die Weiterreise nach Norden, aber die Eisberge -
    Johannes wandte sich plötzlich uns beiden zu. Sein Lieblingsgedanke
beherrschte ihn vollständig. Und wenn ich bis zum jüngsten Tag zwischen diesen
Eisblöcken kreuzen müsste, so gebe ich meinen Plan nicht auf! rief er mit
glühenden Augen. Ich will hindurch um jeden Preis!
    Der Steuermann schwieg. Er reichte seinem bisherigen Vorgesetzten die Hand
und wünschte ihm eine glückliche Fahrt. Dann ging er auf den Kong Frederik
hinüber, um das Kommando des Schiffes zu übernehmen.
    Ich musste wider Willen folgen. Der Augenblick der Trennung liess sich nicht
länger hinausschieben, da das dänische Schiff aus Mangel an Lebensmitteln und
Mannschaft so schnell wie möglich den Heimweg antreten wollte. Johannes, bat ich
noch einmal, lass mich bei dir bleiben.
    Aber er schob mich fort. Nein, nein, Junge, du machst mich nicht irre. Geh
und grüsse zu Hause die Eltern. Vielleicht komme ich ja glücklich und - berühmt
zu euch zurück. Das Schiff ist mein Eigentum, die Leute folgen freiwillig, und
ausserdem hast du meinen Schwur gehört. - Ich kann und will nicht anders handeln.
Behüt dich Gott, Wilhelm, und - nun geh.
    Noch eine Umarmung, noch ein fester Händedruck, und dann wurden die Taue
gelöst. Während der Kong Frederik nur schwerfällig, beinahe kriechend gegen den
immer stärker aufkommenden Wind zu kreuzen versuchte, flog meines Bruders
unglückliches Schiff wie eine weisse Möwe über die Wogen. Es war eine
schreckliche Stunde! -
    Von Minute zu Minute verstärkten sich die Windstösse. Die Eisberge taumelten
und neigten sich wie Berauschte, sie stiessen donnernd gegeneinander, sie
trennten sich auf grössere Entfernungen und drängten sich dann wieder ganz nahe
zusammen.
    Meines Bruders Schiff war jetzt mitten zwischen ihnen. Es tanzte vor dem
Wind, es gehorchte jeder Bewegung des Ruders, schien der drohenden Gefahr zu
spotten. -
    Ein tolles Stück! raunte der Steuermann. Ein halber Wahnsinn, aber - fünf
Minuten solcher Fahrt bringen ihn hindurch.
    Mir stockte der Herzschlag. Ich konnte kaum sprechen. Glauben Sie, dass es
gelingt, Steuermann? fragte ich.
    Ein erschreckter Ausruf von seinen Lippen antwortete mir. Er streckte nur
die Hand aus.
    Zwei der schwimmenden Gebirge waren von rechts und links an das Schiff
herangekommen. Wie eine Nussschale lag es zwischen den riesigen Eismassen auf dem
Wasser, - nahe und näher rückten die eisenharten, spiegelglatten Wände - -
    Johannes! rief ich unwillkürlich, obgleich er viel zu weit entfernt war, um
meine Stimme zu hören,Johannes! - -
    Noch in diesem Augenblick sehe ich das Entsetzliche, als sei es gestern
geschehen. Ein Windstoss trieb die Eisberge gegeneinander, ein Krachen wie von
stürzenden Welten erschütterte die Luft, das Meer zischte und schlug hohe
Wellen, dann - glitten die Massen zur Seite, spielend, als sei nun ihre
furchtbare Aufgabe vollbracht. -
    Der Raum zwischen den beiden Eisriesen war leer, nur Trümmer und Splitter
bedeckten die Oberfläche des Wassers. - -
    Der vermessene Schwur meines Bruders hatte sich wortgetreu erfüllt. Er
kreuzt bis zum Jüngsten Tage zwischen den Eisbergen des Nordmeeres.«
    Der Kapitän hatte geendet, und sein Gesicht liess erkennen, dass wenigstens
diese traurige Geschichte nicht erfunden war. Alles schwieg, um die schmerzliche
Erinnerung des Alten ungestört abklingen zu lassen, selbst Robert war stiller
und etwas nüchterner geworden. - Mochte auch Kapitän Witt seit einer Reihe von
Jahren schon ein Gewohnheitstrinker und Wirtshausgänger sein, - dies hatte er
wirklich erlebt.
    »Das ist es«, nickte er schliesslich »was ich von übereilten Schwüren sagen
wollte. Sie tun niemals gut. Und nun, - auf Wiedersehen.«
    Er erhob sich und griff nach seinem Hut, um zu gehen, - Robert folgte ihm.
»Kapitän«, bat er, »lassen Sie uns noch ein Stück zusammen gehen. Ich suche eine
Heuer, und ich möchte noch etwas mit ihnen sprechen. Wissen Sie kein Schiff für
mich?«
    Der Alte stand lächelnd still. »Geradewegs ins Eismeer hinein, nicht wahr?«
    »Ehrlich gesagt, ja. Ich habe mir die tropische Sonne auf den Kopf scheinen
lassen und die ganze Pracht des Südens gesehen, - jetzt möchte ich den Nordpol
kennenlernen. Ewiger Schnee, Gebirge von Eis, sie können niemals reizvoller
erscheinen, als gerade dann, wenn man vorher das Gegenteil kennengelernt hat.
Bin ich aus dem Eismeer zurück, so mache ich vielleicht eine Landreise, klettere
auf die höchsten Gebirge und in die tiefsten Täler, oder -«
    »Ich komme von der sibirischen Küste nie zurück!« ergänzte trocken der Alte.
    »Möglich. Aber dann habe ich bis zuletzt gelebt, - was ich unter leben
verstehe!« rief Robert.
    »Also, um die Sache kurz zu machen, Sie hätten gern eine Heuer als
Leichtmatrose auf einem Walfischfahrer?«
    »Ja, Kapitän. Aber es soll schwer daran zu kommen sein, hörte ich.«
    Der Alte ging ein Stück weiter, ohne zu sprechen, dann legte er plötzlich
die Hand schwer auf Roberts Schulter. »Junge«, sagte er, »wenn das nun alles ein
verfluchter Schwindel wäre, wenn die Nordlandfahrer für Geld und gute Worte
keine Besatzung zusammenfinden könnten, ja, und wenn Herr Hastedt ein Schlepper
wäre, ein ganz gemeiner Gauner, der an dir ein paar Dollar zu verdienen hofft,
he? Was würdest du dann sagen?«
    Robert konnte zuerst vor Erstaunen kein Wort hervorbringen. »Das verstehe
ich nicht«, antwortete er endlich.
    »Well, so will ich es dir auseinandersetzen, denn deine Jugend und
Unerfahrenheit tut mir leid. Siehst du, kein Matrose heuert gern auf einem
Grönlandfahrer an, weil die Strapazen der Reise doppelt so gross sind, weil, wenn
ein Unglück geschieht, die Küste keinen Schutz bietet, weil sich die Gefahren
häufen, Hunger und Frost das Schiff bedrohen und der Gewinn vielleicht ganz
ausbleibt. Willst du jetzt immer noch auf Walfang gehen, Junge?«
    Robert kämpfte mit sich, ehe er antwortete. Also sein liebenswürdiger
Landsmann, Herr Hastedt, hatte ihn gründlich hinters Licht geführt, und er war
ihm wie ein dummer Junge ins Garn gelaufen? Alles Blut schoss ihm ins Gesicht,
der Eigensinn packte ihn und hinderte ihn, ruhig nachzudenken.
    »Ich will trotzdem!« rief er. »Die Gefahren und Entbehrungen kann ich mir
natürlich vorstellen, aber hochinteressant muss die Sache dennoch sein!«
    Der Alte nickte. »Das ist sie auf jeden Fall. Unvergleichlich, aber kein
sicheres Geschäft, ausser wenn das Glück besonders günstig ist. Dann allerdings
regnet es Geld, da die Mannschaft ausser ihrer Heuer von vier Dollar monatlich
auch ein Sechstel des Reingewinnes zu beanspruchen hat. Im Durchschnitt wird
aber der gewöhnliche Matrosenverdienst nicht überschritten, und dafür ist der
Dienst an Bord sehr viel härter. - Jetzt überlege dir die Geschichte, du
Tollkopf. Schlaf darauf, wie man in Deutschland sagt. Ich habe dir die Wahrheit
gesagt, und was du tust, das tust du auf eigene Rechnung und Gefahr.«
    Robert schlug ein, als ihm der Kapitän die Hand bot. »Ich will es!« rief er.
»Mein Entschluss steht fest. Aber vor allen Dingen gehört dazu ein Schiff, das
nach Grönland fährt. Wissen Sie eins?«
    Der Kapitän deutete mit der Rechten auf den Hafen. »Alle diese schwarzen
Schiffe mit der hohen Bordwand und den vielen Booten sind Grönlandfahrer«, sagte
er. »Das dritte in der Reihe wird schon in wenigen Tagen die Reise nach dem
Eismeer antreten; der Kapitän ist ein persönlicher Bekannter von mir. Jetzt aber
will ich mit dem ganzen Plan nichts mehr zu schaffen haben, Junge. Du bist genau
so, wie mein Bruder, und - ich mag dich nicht in den Tod schicken.«
    Robert errötete. »In den Tod?« wiederholte er.
    »Ja. Wenn früher in meiner Heimat Schleswig-Holstein die Männer auf Walfang
gingen, dann wurde an jedem Sonntag von der Kanzel herab für sie gebetet. Jeder
Name wurde genannt, für jeden sprach der Geistliche eine Fürbitte, - das überleg
dir, junger Freund!«
    Er nickte und ging davon, ohne sich umzusehen. In ihm, dem tiefgesunkenen
Helfershelfer eines »Schleppers« von Beruf, der für freie Zeche in den
verachteten Lagerbierkneipen des Matrosenviertels von New York die Gäste
unterhielt, - in ihm hatte das hübsche, offene Gesicht seines jungen Landsmannes
doch soviel Ehrgefühl wieder erweckt, dass er wenigstens den Sündenlohn
verschmähte. Wenn Robert jetzt in das Bierhaus und in Hastedts Gesellschaft
zurückkehrte, so war er gewarnt und wusste, dass er seine Haut zu Markte trug.
    »Ein aufgeweckter, liebenswerter Bursche«, dachte er, »schade um das junge
Blut, schade! - Ach, wer wieder siebzehn Jahre alt wäre! - Wer noch einmal von
vorn anfangen könnte!«
    Und kopfschüttelnd lenkte er in den nächsten Keller, um für ein Beefsteak
und ein Glas Grog sein Garn wieder weiterzuspinnen.
 
                                  Auf Walfang
Robert hatte seinen Rausch ausgeschlafen, aber keineswegs den abenteuerlichen
Plan aufgegeben. Obgleich er genau wusste, dass es nicht klug war, sich so dem
ungewissen Schicksal anzuvertrauen, konnte er doch seinem Drang nach neuen
Erlebnissen nicht widerstehen. »Ich bin frei«, dachte er, »frei wie der Vogel in
der Luft, niemand darf mir meinen Weg vorschreiben, niemand darf mir Gesetze
geben, also warum soll ich nicht das tun, was mir am besten gefällt? - Ob ich
einige Jahre früher oder später nach Pinneberg zurückkehre, ist im Grunde
gleich. Erst will ich die Welt sehen.«
    Er ging zum Hafen hinab mit dem Vorsatz, sofort an das von dem alten Witt
bezeichnete Schiff zu fahren und sich von dem Kapitän anheuern zu lassen, - da
legte sich plötzlich von hinten eine Hand auf seine Schulter, und Herr Hastedt
begrüsste ihn mit ausgesuchter Höflichkeit.
    »Freut mich, dass ich Sie wiedersehe!« sagte er. »Noch keine Heuer
angenommen?«
    Roberts Plan war im Augenblick gemacht. »Warte«, dachte er, »dich will ich
bezahlen, du Schuft. Ich könnte dich ja auf der Stelle durchprügeln, aber das
wäre nicht empfindlich genug. Du sollst es verlernen, deine Landsleute zu
betrügen.«
    Er wandte sich äusserst freundlich zu ihm. »Noch keine Heuer angenommen, Herr
Hastedt! Ich hoffe immer noch, dass mir das Glück eine Fahrt ins Eismeer
zuspielt.«
    Herr Hastedt bot ihm eine Zigarre an und sagte dann: »Ja, ja, nach Grönland,
wo es Dollars regnet wie Schneeflocken. Ich glaube es Ihnen wohl, und - hm, ich
hätte auch vielleicht etwas für Sie in Aussicht. Die Sache ging mir dauernd im
Kopf herum, und da ich doch als Agent aller möglichen Geschäftshäuser fast die
ganze Stadt kenne, so habe ich mich nach einer Heuer für Sie umgesehen. Ist
Ihnen die Geschichte etwa fünf Dollar wert, dann können Sie als Leichtmatrose
anmustern, - natürlich durch meine Vermittlung.«
    »Ach, das wäre ja herrlich!« rief Robert. »Was für ein Glück, dass wir uns
begegneten.«
    »Sie wollen also die fünf Dollar daran wenden? - Natürlich nichts für mich,
mir würde es nie einfallen, von Ihnen Geld zu nehmen, aber ein Bekannter, der
solche Geschäfte betreibt, - wissen Sie!«
    Robert lächelte. »Mir ist die Heuer mehr als fünf Dollar wert«, sagte er,
ohne auf die Frage direkt einzugehen. »Lassen Sie uns doch gleich den
Geschäftsmann aufsuchen, Herr Hastedt.«
    »Well!« rief der. »Wir müssen uns auch so beeilen, da das Schiff zur
Ausfahrt bereit liegt. Wenn Sie kein bares Geld mehr haben sollten, Herr Kroll,
so kann die Bezahlung warten, bis Sie an Bord gehen. Es gibt dann fünf Dollar
Handgeld.«
    Robert nickte. »Das passt mir gut«, meinte er. »Für meine letzten paar Kröten
muss ich unbedingt Wollzeug anschaffen. Wo wohnt denn der Mann?«
    »Oh, der ist schnell gefunden. Hier auf dem Kai. Kommen Sie nur mit mir.«
    Die beiden gingen in ein nahegelegenes Wirtshaus, wo wirklich der besagte
Zwischenhändler bei einem Glas Grog die Zeitungen las. Er sah ziemlich schäbig
aus und sprach ebenso gut deutsch, wie Robert selbst. Offenbar hatte er nur auf
sie gewartet, das merkte Robert sofort.
    »Euch will ich die Suppe versalzen«, dachte er. »Wartet nur, ihr Gauner. Nur
Geduld, die Strafe entgeht euch nicht.«
    Er liess sich dem schäbigen Herrn vorstellen und hörte noch einiges über
schlechte Geschäfte, riesigen Zulauf der Matrosen zu den Fahrten nach dem
Eismeer und Ähnliches, dann erklärte Herr Hastedt, dass er jetzt gehen müsse,
wünschte Robert nochmals Glück und verschwand, nachdem er noch mit dem anderen
einige bezeichnende Blicke und Flüsterworte gewechselt hatte.
    Jetzt gingen die beiden Zurückgebliebenen zum Hafen, und Robert merkte, dass
es das dritte Schiff war, wohin der Deutsch-Amerikaner die Jolle rudern liess.
»Also ganz geschäftsmässig wird das betrieben«, dachte er. »Dieses Fahrzeug soll
zuerst auslaufen, ihm werden also die ersten Dummen zugeführt. Na - wartet!«
    Er kletterte gewandt an Bord und half dem ängstlichen Agenten, der sich mit
beiden Händen an seine Jacke klammerte, lachend über die Schanzkleidung, dann
sah er sich das Schiff an. Ein einziger Rundblick zeigte ihm grösste Ordnung und
mustergültige Sauberkeit; es war alles zweckmässig eingerichtet, alles bestens
erhalten und in gutem Zustand. Nur riesig hoch schienen ihm die Masten, - dort
die Oberbramraa schwebte ja beinahe in den Wolken!
    »Gott, da hinauf zu müssen!« schüttelte sich der Agent. »Brr!«
    Robert lachte. Ihm hüpfte das Herz vor Freude, als er wieder ein Schiff
unter den Füssen fühlte. »Wollen Sie einmal sehen, wie es gemacht wird?« rief er,
- und im nächsten Augenblick flog er wie der Wind an den Tauen hinauf. »Ach, das
ist der Mühe wert! - Kommen Sie mir doch nach, Sie glauben nicht, welche
Aussicht man hier hat!«
    »Scheusslich! Scheusslich!«
    Der Mann schloss ängstlich die Augen, als sich Robert ziemlich rücksichtslos
wieder herunterliess und gewandt auf die Fussspitzen sprang. »Aber wenn nun das
Schiff schaukelt und auf der Seite liegt«, sagte er entsetzt, »wie machen Sie es
dann?«
    Roberts Augen leuchteten. »Dann wird es erst herrlich,« rief er. »Wenn das
Schiff schlingert und stampft, wenn der Sturm heult und der Regen die Augen
blendet - dann hat die Sache erst ihren wahren Reiz!«
    »Gott behüte mich, - welch ein Übermut!«
    Inzwischen war der Obersteuermann an Deck gekommen und hatte sich den fixen,
gutgewachsenen Jungen mit unverkennbarem Wohlwollen betrachtet. Solche Leute
konnte man brauchen.
    Der Agent sprach leise mit ihm, während sich Robert, nachdem er die Mütze
abgenommen hatte, zurückhielt und dann, als eine Art von Verhör begann, offen
antwortete. Der Obersteuermann nickte sehr zufrieden. »Wie werden etwa zehn bis
zwölf Monate auf See bleiben«, fuhr er fort. »Wollen Sie für die ganze Reise
heuern, und zwar mit fünf Dollar Handgeld, vier Dollar Monatslohn und
Teilhaberschaft an einem Sechstel vom Reingewinn, so schreiben sie Ihren Namen
in diese Musterrolle. Das Geld gibt es beim Eintritt in den Dienst.«
    Robert spürte, wie ihm das Herz schlug. Es war, als werde er sich erst jetzt
seines unüberlegten Streiches wirklich bewusst, als höre er, wie ihm Mohr
zuflüsterte: »Tu's nicht, tu's nicht, - die Reue kommt nach.«
    Aber dann schwebte ihm wieder die verlockende Seite der Sache vor Augen.
Nein, nein, er musste auch das ewige Eis sehen, musste wissen, was es heisst,
wirkliche Kälte zu ertragen, nachdem ihm die Tropensonne fast das Hirn verbrannt
hatte, als er fiebernd und todesmatt auf der Insel lag. -
    Er schrieb mit festen Zügen seinen Namen in das Register: Robert Eduard
Kroll, Leichtmatrose. - So, jetzt rollte die Kugel, jetzt konnte er nicht mehr
zurück und wollte es auch nicht. Er wollte die Welt sehen und etwas erleben. -
    Der Obersteuermann nahm die Musterrolle zurück und befahl dem neuen
Leichtmatrosen, übermorgen früh um sieben Uhr an Bord zu sein. Dann war er
entlassen.
    Der Agent kletterte wieder mit Ächzen und Seufzen das Fallreep hinab. Er
schüttelte sich, als er auf der Hafenmauer stand und nach dem Segler
zurückblickte. »Das Schiff heisst, Vogel Greif«, sagte er. »Aber ich möchte
lieber auf dem festen Land ein Karrenschieber werden, bevor mich ein
solcherVogel greifen dürfte! Doch die Neigungen sind ja verschieden, Herr Kroll,
nicht wahr? Kann ich Ihnen bei Ihren Einkäufen noch behilflich sein, so verfügen
Sie über mich.«
    Robert dankte. »Und vergessen Sie nicht, zur verabredeten Zeit an Bord zu
sein.«
    Der schäbige Herr grüsste höflich. »Ich werde mich pünktlich einstellen!«
    Die beiden trennten sich, und Robert ging, um sich für das nordische Klima
einzukleiden. Derbes Wollzeug, schwere Seestiefel und dick gefütterte Jacken,
dazu Faustandschuhe und wollene Strümpfe, alles wurde zusammengekauft und in
der Seekiste geordnet, denn Robert gehörte bei allen seinen Fehlern doch
durchaus nicht zu denen, die das Geld sinnlos ausgeben. Er war eigensinnig,
leidenschaftlich und vielleicht auch etwas eitel, er liebte die Ordnung und
achtete darauf, dass er immer sauber aussah. Jetzt empörte ihn die heimliche
Schurkerei der beiden Deutsch-Amerikaner. »Die eigenen Landsleute, arme,
unwissende Auswanderer zu verraten und zu verkaufen,« dachte er voll Entrüstung,
»o pfui, wie schändlich! Aber wartet, Halunken, ich werde euch einen Denkzettel
geben, an dem ihr länger als bis morgen zu kauen haben sollt!«
    Er bezahlte am Morgen des zur Abreise bestimmten Tages seine Rechnung beim
Schlafbaas, nahm die Kiste auf die Schulter und ging froh zum Hafen hinunter.
    Jetzt begann das neue Leben. Nicht mehr Junge, nicht mehr mit du angeredet
und von den älteren Matrosen gehänselt werden, nicht mehr die Arbeiten einer
Scheuerfrau verrichten und vor allem die Aussicht auf Abenteuer! - Wer war
glücklicher als er? - -
    An Bord sah er etwa fünfundzwanzig bis dreissig sehr verschiedene Gesichter,
schwarze, braune, gelbe und weisse, darunter auch die halb ängstlichen, halb
verlegenen mehrerer Auswanderer, die vielleicht von Beruf Schuster oder
Schneider waren, sich aber durch die Versprechungen des Schleppers zum Walfang
hatten überreden lassen.
    Eine Gruppe von ihnen stand flüsternd und scheu auf dem Vorderdeck. Erst
wenn die ganze Mannschaft vollzählig und die Musterrolle verlesen war, gab es
Handgeld, und erst dann konnte der widerwärtige Agent, der ganz abgesondert an
der Schanzkleidung lehnte und alles scharf beobachtete, seinen Sündenlohn
erhalten. Noch fehlten zwei Geworbene, wie Robert zufällig hörte, daher begrüsste
er den Mann nur flüchtig und setzte sich auf seine Seekiste, um den Augenblick
der Auszahlung zu erwarten.
    Als die beiden letzten Auswanderer, - arme Hessen, die von weinenden Frauen
und Kindern bis an die Jolle begleitet wurden - das Deck betreten hatten, verlas
der Obersteuermann die Musterrolle und gab dann jedem einzelnen das versprochene
Handgeld. Robert sah die Farbigen und diejenigen, deren Äusseres befahrene
Seeleute verriet, mit den empfangenen Dollarnoten zum Logis zurückkehren, - es
waren nur die anderen, die dem Agenten das Geld als Maklergebühr zu zahlen
hatten.
    Der Mann drängte sich jetzt schmunzelnd vor.
    Roberts Augen funkelten. Er trat dicht an den Deutsch-Amerikaner heran und
zwang ihn mit festem Griff, ihm in eine entlegene Ecke zu folgen.
    »Sieh mich an, du Spitzbube«, sagte er leise, »hör zu, was ich dir jetzt zu
sagen habe, und was du deinem würdigen Genossen, Herrn Hastedt, von mir
bestellen kannst. Ihr seid beide ein paar Erzhalunken, die ihre in Not geratenen
Landsleute in die Falle locken und an ein ungewisses Schicksal verkaufen
wollten. Ihr spiegelt den armen, von Hunger und Elend getriebenen Menschen
goldene Berge vor, während sie in Wirklichkeit das letzte verlieren und selbst
ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Glaubt nicht, dass ihr mich getäuscht hättet!
- Ich wollte aus anderen Gründen die Reise mitmachen, - aber die dort, die
unglücklichen Auswanderer, das sind eure Opfer, ihr Teufel in Menschengestalt.
Und jetzt antworte, du Schuft, willst du machen, dass du fortkommst, ohne auch
nur einen einzigen Cent bekommen zu haben, oder willst du, dass ich laut meine
Worte wiederhole? - Dann sei Gott deinem Rücken gnädig!«
    Der Agent stand käsebleich vor dem erregten jungen Menschen. »Herr Kroll«,
sagte er, »ich weiss nicht! - Sie verlangen Dinge, die -«
    Robert liess den Arm los. »Aha, du willst also nicht nachgeben? Du hoffst
vielleicht auf den Beistand der Schiffsoffiziere? - Aber bei Gott, du sollst
spüren, wie gern ich dir deinen Lohn auszahle. Ein Wort, und -«
    Der Agent antwortete kein Wort mehr, sondern verschwand so schnell, dass man
staunen musste, wie gewandt er diesmal das Fallreep hinabkletterte. Robert sah
sein ziemlich gewagtes Spiel vollständig gelungen, er hatte wieder einmal einer
Gefahr getrotzt und die Oberhand behalten, - er war mit Recht stolz darauf.
    Wenn der mit Kapitän und Obersteuermann unter einer Decke spielende Agent
die Hilfe der beiden ernstlich angerufen hätte, so würde Robert nicht ohne
Strafe davongekommen sein, aber er wusste und rechnete damit, dass der Makler im
Bewusstsein seines Betrugs dazu nie den Mut finden würde, und so wagte er die
Sache. Als der Agent in seiner Jolle so schnell davonfuhr, ohne sich auch nur
noch ein einziges Mal umzusehen, wurden die andern aufmerksam, und endlich wurde
Robert von allen Seiten gefragt, was er mit dem Mann verhandelt habe.
    Doch er hütete sich, die Wahrheit zu sagen, und überliess es den Leuten, sich
ihr eigenes Bild zu machen. Nur eins begriff er nicht. Was wollte der Kapitän
mit diesen Jammergestalten?
    Aber ihn kümmerte das nicht, besonders, da doch noch genug Matrosen an Bord
zu sein schienen. Der Kapitän war noch an Land, konnte aber in jeder Minute
eintreffen, und dann mussten die Anker gelichtet werden. Der kleine
Schleppdampfer, der das Segelschiff aus dem Hafen bugsieren sollte, lag schon
vorgespannt, und alles an Bord war zum Aufbruch gerüstet.
    Als der Kapitän endlich an Deck erschien, wurden die zum Auslaufen nötigen
Vorbereitungen getroffen, und Robert konnte sich den Mann genau ansehen, obwohl
Kapitän Wright keinen der Matrosen zu bemerken schien, sondern ohne Gruss oder
Blick in die Kajüte ging und selbst mit dem Obersteuermann nur wenige Worte
wechselte. Robert sah, dass der Offizier beinahe militärische Haltung einnahm und
dass er wiederholt die Hand an die Mütze legte, - alles Dinge, die man auf der
»Antje Marie« nicht gekannt hatte und die einen sehr strengen Vorgesetzten
verrieten.
    Er sah auch ganz so aus, dieser hochgewachsene Amerikaner mit den breiten,
muskulösen Schultern. Sein Gesicht war regelmässig, aber kalt, seine Augen grau
und scharfblickend, Haar und Bart fuchsrot.
    Wie bei so vielen Grönlandfahrern, gehörte auch in diesem Fall das Schiff
nicht etwa einem Reeder, sondern dem Kapitän selbst, der vielleicht fremdes Geld
darin stecken hatte, dem aber doch niemand Vorschriften für seine Reisen machen
konnte. Tomas Wright war auf dem »Vogel Greif« wie auf einer Insel im Weltmeer
der unumschränkte Herr und König.
    Bald nachdem er die Tür der Kajüte hinter sich geschlossen hatte, erschien
auch der Lotse. Das Schiff erzitterte von Grund auf, legte ab und verliess fünf
Minuten später den Hafen.
    Der Lotse gab dem Mann am Steuer seine Anweisungen für den richtigen Kurs im
Kielwasser des Schleppers, sonst war die Mannschaft unbeschäftigt, bis der
Befehl gegeben wurde, die Marssegel zu lösen.
    Robert als Leichtmatrose hatte mit mehreren andern die Oberbramsegel zu
bedienen und war der erste oben in den Wanten, als das Kommando kam. Als er die
ungewohnte Höhe erklettert hatte, glaubte er fast in den Wolken zu sein.
    Den Hafen und die Stadt mit ihren Türmen und gewaltigen Häusermassen sah er
jetzt wie die Figuren eines Jahrmarktes und musste schnell auf seine Bändsel
blicken, um nicht vom Schwindel ergriffen zu werden.
    Nachdem alle Segel gelöst waren, konnten die Leute wieder eine Zeitlang im
Logis bleiben, um ihre mitgebrachten Sachen zu verstauen und die erste
Tagesmahlzeit in Empfang zu nehmen. Das war gegen die Verpflegung auf der »Antje
Marie« ein erheblicher Unterschied, besonders, da es Zucker und Branntwein
überhaupt nicht gab. - Die Auswanderer bedankten sich für alles, was sie
bekamen, während die Seeleute grosse Augen machten und manches halblaute »damned«
die zerflatternde Hoffnung auf einen tüchtigen Schluck Rum begleitete. Robert
vermisste den Branntwein nicht als etwas, das er unbedingt brauchte, aber die
unkluge Sparsamkeit des Kapitäns, die auf einen starrsinnigen, habsüchtigen
Charakter schliessen liess, missfiel ihm. Wer für eine Handvoll Dollar das
herkömmliche Recht der Matrosen so verletzen konnte, der war bestimmt kein guter
Mensch - und Robert hasste alles Unedle und Kleinliche.
    Während er die Koje, das Logis und die Kombüse besichtigte, hatte das Schiff
bei Sandy Hook die Schlepptaue des Dampfers gelöst, und nun erscholl anDeck das
Kommando des Lotsen: »Brasst voll, hinten!« -
    Robert tat wieder seine Pflicht; der Kurs wurde östlich genommen, und nach
einer Stunde voller Fahrt bei allen Segeln tauchte in der Ferne der
Lotsenschoner auf, der an dieser Stelle ununterbrochen kreuzt, um von den
Schiffen, sobald das offene Fahrwasser erreicht ist, die Lotsen wieder an Bord
zu nehmen.
    Der Obersteuermann benachrichtigte den Kapitän, der kurz darauf an Deck kam,
um mit prüfendem Blick den Stand der Dinge zu mustern. Dann zog er die
Brieftasche heraus und nahm einen Scheck, den er unterschrieb und dem Lotsen
überreichte. »Eine Anweisung auf meinen Bankier in New York, Sir. Ich nehme nie
bares Geld mit an Bord.«
    Der Lotse machte ein erstauntes Gesicht. »Kein bares Geld, Kapitän? Aber es
können doch Fälle eintreten, wo man es unbedingt braucht. In fremden Häfen -«
    »Ich laufe keinen an, Sir.«
    Der Lotse zuckte die Achseln. »Well, Kapitän, Sie können natürlich tun, was
Ihnen richtig erscheint. Ich würde mich lieber für alle Fälle rüsten, besonders
bei einer Fahrt in das Eismeer. - Lassen Sie bitte das Schiff backlegen, Sir«,
wandte er sich an den Obersteuermann.
    Inzwischen hatten die Schiffsjungen den Ölrock und die lederne Tasche des
Lotsen in ein herabgelassenes Boot befördert, und der Kapitän liess dem
scheidenden Gast noch ein Glas Sherry bringen. Dann wurde das kleine Boot,
nachdem es die kurze Entfernung bis zum Schoner zurückgelegt hatte, wieder
eingeholt und der »Vogel Greif« setzte seine Reise fort. - -
    Es ging alles wie am Schnürchen, alles wie auf einem Kriegsschiff, das
stellte Robert schon während der folgenden Tage fest. An Deck wurde kein lautes
Gespräch und kein Gesang erlaubt, aber auch an den Mahlzeiten gegeizt, als seien
Schiffsbrot und Speck die teuersten Dinge, und mit den Resten des vorigen Tages
wurde die nächste Mahlzeit womöglich wieder eingeschränkt.
    Der Untersteuermann sah alles. »Morris«, sagte er bei einer Gelegenheit,
»Ihr habt gestern Euer Fleisch nicht aufgegessen, und Ihr, Sheppard, liesst die
Klösse stehen. Das geht nicht, - Ihr dürft das Eigentum des Kapitäns nicht
verschwenden. Was übrig bleibt, das gebt dem Koch zurück!«
    Gegen solche Ansprüche erhoben sich manche halblauten Einwendungen. »Wenn
Eure Klösse wirklich Klösse wären, so würde ich sie auch gegessen haben«, brummte
Sheppard, »aber Mehl und Wasser tun es nicht allein, Sir, das gibt kleine
Kanonenkugeln, weil kein Tröpfchen Fett in den Teig gekommen ist.«
    Der Untersteuermann schüttelte den Kopf. »Ihr seid ein sehr anspruchsvoller
Bursche, Sheppard«, sagte er. »Wo sind denn die Klösse geblieben?«
    »Ja, da müsst Ihr die Haifische fragen, Sir!«
    Ein halbunterdrücktes Lachen folgte dieser Antwort. »Ich weiss, wo sie sind«,
nickte Morris, - »bei meinem Fleisch, das zufällig ein Knochen war. Ich
entschädige mich dafür durch Aufzählung aller Branntweinrationen, die uns seit
Beginn der Reise vorentalten worden sind.«
    Der Untersteuermann hielt es für besser, die Unterredung zum Abschluss zu
bringen. Jeder Matrose fühlt sich durch schlechte Küche in seinen heiligsten
Empfindungen verletzt, das wusste er und fürchtete mit Recht, dass ein verstärkter
Druck vielleicht einen Ausbruch herbeiführen könnte. Wenn er aber auch für
diesen Tag schwieg, so folgten doch viele Tage und viele ähnliche Auftritte. Es
wurde bei bestem Wetter ständig Ost-Nord-Ost gesteuert, und Robert konnte nicht
umhin, dem Kapitän das Zeugnis eines hervorragenden Seemanns zuzugestehen.
Tomas Wright hielt seine Wache so gut wie der letzte Kajütenjunge, er liess sich
durch den Obersteuermann pünktlich alle vier Stunden wecken und machte
persönlich eine Runde, um den Stand der Dinge bis ins kleinste hinein selbst zu
beurteilen. Als man in die Nähe der Newfoundlandsbänke kam, schlief er nur für
Augenblicke auf dem Sofa und ging dann an der gefährlichsten Stelle während der
ganzen Nacht auf Deck von einer Seite zur anderen, um Ausschau zu halten.
    »So möchte ich werden!« dachte Robert. »Aber kein Leuteschinder; er ist ein
Geizhals durch und durch.«
    Der unzufriedene Sheppard, der neben ihm auf seiner Kiste sass und vielleicht
beim Anblick des rastlosen Kapitäns das gleiche dachte, stiess ihm mit dem
Ellbogen in die Seite. »Du«, sagte er, »heuerst du zum zweitenmal auf dem Vogel
Greif?«
    »Wieso? Ich fahre überhaupt auf keinem Schiff zum zweitenmal.«
    »Oho! - Das Meer sieht sich überall ähnlich, mein Junge, und vom Land kriegt
man ja doch verdammt wenig zu sehen. Wo es gute Asche setzt«, hier machte er die
Fingerbewegung des Zählens - »da werfe ich Anker.«
    Robert ging auf die letzte Anspielung nicht ein. »Warum fragst du also?«
sagte er.
    »Na - wegen der Verpflegung. Komm erst einmal in die Breiten, wo es fünfzehn
Grad Kälte gibt, und dann mit leerem Magen und ohne einen Tropfen Rum, da wirst
du die Geschichte schon unbequem finden.«
    Robert zuckte die Achseln. »Der Kapitän isst, was wir bekommen«, antwortete
er. »Es wird für ihn nichts anderes gekocht, also was willst du?«
    Aber der Amerikaner gab nicht nach. »Gerade das ist eine Schande«, sagte er.
»Man muss seine Vorgesetzten auch achten können, wenn es gut gehen soll. Der aber
würde immer nur Furcht erwecken, das heisst, mir nicht. Ich hielte ihm lieber
heute als morgen meine Faust unter die Nase.«
    Robert lachte. »Lieber nicht, Kamerad. Er antwortet dir bestimmt mit
Kettenarrest, darauf kannst du dich fest verlassen. Und vielleicht gibt's ja
bald auch Branntwein.«
    »Den Teufel gibt es. Der Vogel Greif behält keinen Mann länger als für die
eine Reise, während der man ja nicht von Bord kann, nachher gehen alle. Es ist
auf dem ganzen Schiff nicht einer, der vor der letzten Ausfahrt schon dagewesen
wäre. Wie bist du eigentlich hierher geraten, wo doch meistens nur - -, du weisst
schon, was ich meine.«
    Aber an Roberts erstauntem Gesicht sah er, dass der wirklich nicht wusste,
worum es sich handelte. »Nun, nun«, fügte er rasch hinzu, »man hat ja
verschiedene Gründe. Und du bist ja überhaupt noch zu jung, um schon einmal
drüben gewesen zu sein.«
    »Wo drüben?«
    »Im Sing-Sing (das Zuchtaus des Staates New York)! Heutzutage heuert ja
niemand, dessen Papiere ganz sauber sind, auf einem Grönlandfahrer. Aber wenn
man einmal von den verdammten Tintenklecksern ins schwarze Buch geschrieben ist,
dann ist es schwer, einen guten Kapitän zu finden.«
    Robert lachte, diesmal jedoch etwas gezwungen. »Nein«, rief er, »das waren
wirklich nicht meine Gründe. Aber, - verzeih, ich will dich nicht beleidigen -
aber bist denn du - - -?«
    Sheppard nickte. »Ja«, seufzte er, »leider. Aber ich bin kein Dieb oder
Strassenräuber. Es ging nur einmal unglücklicherweise eine Pistole los, im Streit
natürlich, - - na, und die traf einen anderen vor die Stirn. So kommt es im
Leben.«
    Robert bewahrte seine äussere Ruhe, obwohl ihm das Herz heftig schlug. Er war
von den Bukaniern der westindischen Inseln schon einiges gewohnt, daher erschrak
er nicht so sehr, trotzdem aber hatte er ein unangenehmes Gefühl. Neben ihm sass
also wieder einmal ein Mörder, und vielleicht waren unter der übrigen Mannschaft
noch mehrere, die auch keine bessere Vergangenheit hatten.
    Das Blut stieg ihm heiss zu Kopf. Wenn er das vorher gewusst hätte!
    »Nun«, fuhr Sheppard fort, »du bist mir auf meine erste Frage noch die
Antwort schuldig. Wie bist du hierher gekommen?«
    Robert nahm sich gewaltsam zusammen. »Oh«, sagte er, »ich wollte die Welt
kennenlernen, weiter nichts.«
    Der Amerikaner rückte näher. »Halten wir zusammen, du?« fragte er.
    »In allem, was recht ist, ja.«
    »Du bist ein Schlauberger!« lächelte Sheppard. »Aber ich meine auch nur das,
was recht ist, verlass dich darauf.«
    »Dann sind wir gute Kameraden.«
    Hier wurde die Unterhaltung von anderen unterbrochen, und es vergingen
mehrere Tage, ohne dass Robert wieder mit dem Amerikaner sprach. Man hatte jetzt
die gefährlichen Bänke hinter sich und segelte im nördlichen Atlantik. - Die
Auswanderer mussten, da sie zum Seedienst untauglich waren, das Schiff scheuern,
Kartoffeln schälen, Geräte reinigen und andere untergeordnete Arbeiten leisten,
also blieben die Leichtmatrosen von diesen unangenehmen Dingen ganz verschont.
Robert konnte manche freie Stunde dazu verwenden, einige gute Bücher, die ihm
der Untersteuermann lieh, zu lesen und dadurch seine geistige Ausbildung
fördern. Während die andern würfelten oder auf den Kapitän schimpften, vertiefte
er sich in Werke über Länder- und Völkerkunde, oder er versuchte sein
Matrosenenglisch durch grammatische Kenntnisse zu erweitern.
    Die Insel Jan Mayen war erreicht, Robert sah Scharen von Seehunden auf den
Eisfeldern liegen und erwartete, dass jetzt eine aufregende Jagd beginnen müsse,
aber der Kapitän erklärte, keine Seehunde fangen zu wollen.
    Die Leute sahen sich an. »Passt auf«, raunte Sheppard, »er will bis nach
Nowaja Semlja hinauf, um Wale zu fangen. Diese Fische sind jetzt so selten
geworden, dass man bis an solche entlegenen Küsten vordringen muss, um sie zu
treffen. Es wird gerade Tag geworden sein, wenn wir in der Eiswüste ankommen.«
    Mehrere andere, besonders die Auswanderer hörten bedenklich zu. »Gerade Tag,
Sheppard, wie meinst du das?«
    Der Amerikaner lächelte ärgerlich. »Gerade so, wie ich es sagte, Jungens.
Auf Nowaja Semlja herrscht von Oktober bis Anfang März ununterbrochene Nacht. In
diesen Breiten kann kein Mensch leben, und das Innere der Insel ist so unbekannt
und unerforscht, wie das Innere von Afrika.«
    Die biederen Schuster und Schneider schüttelten sich vor Angst. »Jesus«,
fragte einer, »ist es denn auf dem Meer auch Nacht?«
    Gelächter der Seeleute antwortete ihm. »Nun«, tröstete Sheppard, »es wird ja
Mitte März werden, bis wir frühestens da oben angelangt sind, wenn - - -« hier
machte er eine Kunstpause und sah langsam von einem zum andern, »wenn wir uns
überhaupt damit einverstanden erklären, dass das Schiff so weit gegen die
Eisgrenze vordringt.«
    Robert antwortete mit einem bedeutsamen Wink. »Sheppard«, sagte er, »überleg
dir deine Worte, Mann.«
    Der Amerikaner zuckte die Achseln. »Ich meine nur so, Robert«, sagte er.
»Wenn alle so dächten wie ich, dann würde bei Jan Mayen der Seehund gejagt, und
nicht bei solcher Verpflegung, wie wir sie bekommen, blindlings auf die
Eisgrenze losgesteuert.«
    Mehrere andere umdrängten ihn. »Was meinst du damit, Sheppard?« fragten sie.
»Gibt es denn eine Grenze, wo das Wasser aufhört flüssig zu sein, wo, wie man so
sagt, die Welt mit Brettern vernagelt ist?«
    Sheppard nickte. »Ich bin 1864 mit Nordenskjöld dort oben gewesen«, sagte
er, »und weiss Bescheid. Da müsst ihr euch ausserhalb des heizbaren Raumes das
Getränk so in den Mund schütten, dass eure Lippen von dem Gefäss nicht berührt
werden. Die Kälte ist so stark, dass das Metall die Haut zu verbrennen scheint.«
    »O Gott! - Davon hat in New York der Agent keine Silbe gesagt.«
    Der Amerikaner lachte spöttisch. »Das glaube ich euch, Leute. Würde auch
verdammt schlecht als Empfehlung gepasst haben, meine ich.«
    Robert schwieg. Er hatte über die Erlebnisse verschiedener Forscher zu viel
gelesen, um nicht zu wissen, dass Sheppard die Wahrheit sprach, aber einerseits
schreckte ihn der Gedanke an bevorstehende Strapazen nicht besonders zurück, und
zum andern hielt er es nicht für richtig, die Stimmung der Leute so zu
beeinflussen.
    Doch Sheppard gab nicht nach. »Wenn wir nur ganz einig wären«, fuhr er fort,
»dann liesse sich die Sache so leicht machen. Man erklärt dem Kapitän ganz
höflich, dass er entweder umkehren oder die ganze Arbeit allein machen müsse. So
wird ihm die Wahl sehr vereinfacht, sollte ich meinen!«
    Robert sah in Sheppards erregtes Gesicht. »Das ist die eine Seite der
Sache«, sagte er möglichst unbefangen, »aber es gibt auch noch eine zweite. Wenn
wir das Pech hätten, einem amerikanischen Kriegsschiff zu begegnen, so könnte es
uns passieren, dass wir sämtlich mit einer Kanonenkugel unter den Füssen an die
Raa gehängt würden. Hast du daran auch gedacht, Kamerad?«
    »Pah, ein Kriegsschiff kommt nicht hierher. Und ausserdem, sterben müssen wir
doch, wenn bei Nowaja Semlja ohne Branntwein gejagt werden soll. Ich will lieber
an der Unterraa hängen, als verhungern und erfrieren.«
    »Ich auch!« antworteten mehrere Stimmen.
    »Hört«, meinte Morris, nachdem eine drückende Pause vergangen war, »ich
hätte euch etwas Vernünftiges vorzuschlagen. Sagt aber vorher eins! Weiss jemand,
ob auch wirklich Branntwein an Bord ist? Denn sonst helfen ja alle Worte
nichts.«
    Wenigstens zehn bis zwölf Männer riefen einstimmig: »Es ist genug da! Wir
haben mehrere Fässer voll gesehen.«
    »Well«, nickte Morris, »dann schickt in aller Güte eine Abordnung zum
Kapitän und lasst ihn um eine kleine tägliche Ration bitten. Wir werden ja daraus
sehen, wie er denkt.«
    Sheppard kräuselte spöttisch die Lippen. »Versucht es«, antwortete er kurz.
»Beugt den Nacken, und er wird ohne zu zögern darauf treten. Übrigens - wer
wollte denn zu ihm gehen und um etwas bitten?«
    »Ich!« - »Und ich!« - »Wir auch!« kam es von allen Seiten.
    Sheppard kreuzte die Arme. »Zu dem rotaarigen Judas? Hütet euch vor den
Gezeichneten, steht in der Bibel!«
    Roberts Blicke gingen wieder zu dem Matrosen. »Sheppard, kannst du im Ernst
so ungerecht sein, einen Mann um der Farbe seines Haares willen als schlechten
Menschen hinzustellen?«
    Sheppard lachte. »Die Bibel sagt es ja, nicht ich«, antwortete er. »Übrigens
scheinst du als Seemann deinen Beruf ein wenig verfehlt zu haben, mein Kleiner.
Hättest lieber ein Geistlicher werden sollen. Der Reverend Kroll hätte bestimmt
auf seine Zuhörer einen gewaltigen Eindruck gemacht.«
    Robert errötete, aber er blieb ruhig. »Das ist möglich, Sheppard. Mir war
aber das Seemannsleben doch lieber, besonders weil ich - seine Gefahren und
Entbehrungen nicht so hoch bewerte. Nehmt mich gefälligst aus, wenn ihr im Namen
der Mannschaft um Rum bittet.«
    Die Augen des Amerikaners blitzten. »Du bist wirklich für deine siebzehn
Jahre ziemlich vorlaut«, sagte er. »Aber warte doch ein wenig, bis du das letzte
Wort sprichst. Ich habe noch eine Trumpfkarte auszuspielen, die auch dich
stutzig machen wird, mein Junge.«
    Robert bewahrte seine kühle Haltung. »Meinetwegen, Sheppard«, sagte er.
    Der Matrose sah von einem zum andern. Er schien sich an der angstvollen
Spannung der Gesichter heimlich zu freuen. »Hört also«, begann er, »dass uns
etwas Furchtbares droht! - Im Logis liegt einer der Männer krank und elend in
seiner Koje, - er hat Skorbut!«
    Sheppard sprach halblaut und machte lange Pausen zwischen seinen Worten, um
ihre Wirkung zu erhöhen.
    Keiner wagte eine Silbe zu sprechen. Jeder fühlte zentnerschwer das Gewicht
des Gesagten, mehr als einer wurde bleich bis in die Lippen.
    »Steckt das an?« fragte endlich zaghaft einer der Auswanderer.
    »Wie die Pest!« antwortete Sheppard. »Voraussichtlich wird kein Mann auf dem
ganzen Schiff verschont bleiben, und warum das? - Weil der Kapitän mit
Branntwein, Zucker und Sauerkraut an uns gespart hat, weil er uns zwingt, in
unmenschlicher Kälte zu leben. Dadurch kommt der Skorbut, und wir müssen
umkehren, ehe es zu spät ist.«
    Man sah jetzt, wie die Aufregung stieg. Einzelne Gruppen flüsterten, und das
Für und Wider wurde lebhaft erwogen. »Aber wenn er nicht will, wenn er durchaus
nicht will?« fragten die Zaghaftesten.
    »Er muss, wenn wir wollen!«
    »Der verfluchte Agent!« hiess es jetzt. »Der Betrüger, der uns ins Unglück
gestürzt hat. Kanntest du ihn, Robert? - Du sprachst bei der Abreise so eifrig
mit ihm, dass er darüber ganz vergass, die Maklergebühr von uns zu fordern.«
    Robert lächelte. »Ja«, sagte er gedehnt, »das vergass er, - vielleicht, weil
ich es so wollte. Ich fand es schon schlimm genug, dass er euch auf einen
Grönlandfahrer gelockt hatte und fand, dass er dafür keine besondere Belohnung
mehr brauchte.«
    Sheppard hatte erstaunt zugehört. Jetzt schlug er derb auf Roberts Schulter.
»Das war brav von dir, Junge«, sagte er lebhaft. »Wie fingst du das an?«
    »Nun - ich versprach ihm eine Tracht Prügel. Das ist sehr einfach.«
    »Teufelskerl!« lachte der Amerikaner. »Und wer solche Haare auf den Zähnen
hat, wie du, der will sich gegen seine Kameraden mit einem Leuteschinder von
Kapitän verbünden?«
    »Durchaus nicht. Aber ich finde, dass Männer den Entbehrungen widerstehen
müssten, dass ihr nur des vernachlässigten Magens wegen nicht klein werden
dürftet. Hat einer von der Mannschaft den Skorbut, so ist das schlimm, aber die
Behauptung, dass wir alle ihn bekommen, scheint mir ziemlich gewagt.«
    »Das ist sie nicht. Die Krankheit steckt an, sage ich euch!«
    Robert schüttelte den Kopf. Er ging, ohne ein weiteres Wort hinzuzufügen, an
die Koje des Kranken und fragte ihn freundlich, ob er etwas für ihn tun könne,
aber der Arme hörte ihn kaum. »Etwas Säuerliches«, flüsterte er halb
verständlich, »etwas Säuerliches zu trinken.«
    Roberts gutes Herz empörte sich in diesem Augenblick gegen die Härte des
Kapitäns vielleicht noch mehr, als es bei den andern der Fall gewesen war. Alle
anderen dachten an sich selbst, er dagegen hatte nur den hilflosen Kranken im
Auge.
    »Ich will sehen, was ich machen kann!« tröstete er und blieb dann überlegend
vor der Tür des Logis stehen. Eine schneidende Kälte fuhr ihm entgegen, der
Schnee wirbelte um seinen Kopf, und der Atem stockte ihm fast in der Kehle. Wie
Eisbären, beschneit und von oben bis unten in ihre Jacken geknöpft, sahen die
wachtabenden Matrosen aus.
    Robert blickte über das Schiff weg zur Tür der Kajüte. »Ob ich geradewegs zu
ihm gehe und ihm die Sache vortrage?« dachte er. »Ich darf es eigentlich nicht,
es ist gegen alle Schiffsgesetze, aber wenn noch ein Funke von Menschlichkeit
zurückgeblieben ist, so muss er den Kranken besser verpflegen.«
    Der Obersteuermann, der gerade Wache hatte, ging in diesem Augenblick nahe
an Robert vorüber.
    Robert berührte leicht mit der Hand die Mütze. »Herr Obersteuermann,« fragte
er, »wissen Sie, dass einer der Matrosen krank ist?«
    Der Offizier runzelte die Stirn. »Ja«, sagte er kurz. »Und was kümmert das
Euch, wenn man fragen darf?«
    »Alles, Herr Obersteuermann. Für den Kranken wie für die gesamte Besatzung
des Schiffes. Der Matrose hat Skorbut.«
    Mr. Pikes, der Obersteuermann, sah flüchtig hinüber zur Kajüte, als fürchte
er, dass möglicherweise drinnen das schlimme Wort gehört sein könne. »Still!«
raunte er in barschem, befehlendem Ton. »Wohinein mischt Ihr Euch? - Das ist
kein Skorbut, und der Kranke ist nur einer dieser faulen hessischen Brotfresser,
die der Kapitän umsonst füttert, bis später die gefangenen Fische zerhackt und
ausgebraten werden. Für diese Weiberarbeiten bekommt die Bande den vollen
Matrosenlohn, und dann reisst sie noch das unverschämte Maul weit auf. Kümmert
Euch nicht um den Mann, Kroll, ich rate Euch gut.«
    Aber Robert schüttelte den Kopf. Sein alter Trotz brach wieder durch. »Herr
Obersteuermann«, antwortete er, »das ist gleich, wer von der Mannschaft
erkrankt. Keiner darf ohne Pflege bleiben. Wollen Sie den Kapitän bitten, sich
der Sache anzunehmen? Weiss er überhaupt, dass der Skorbut ausgebrochen ist?«
    Mr. Pikes stampfte mit dem Fuss auf. »Woher wisst Ihr das?« rief er.
    »Von Sheppard, der diese Krankheit zu kennen behauptet. Ich selbst war eben
noch bei dem unglücklichen Menschen. Es wird doch an Bord eine Apoteke sein?«
    Mr. Pikes antwortete darauf nicht. »Geht ins Logis, Kroll«, sagte er. »Das
ist alles meine Sache, nicht aber Eure.«
    »Sie wollen also dem Kapitän keine Mitteilung machen, Herr Obersteuermann?
Dann geschieht es von anderer Seite, verlassen Sie sich darauf.«
    »Ah! - Drohungen?«
    »Nein. Aber ich will Sheppard und den andern das sagen, was ich eben von
Ihnen hörte, Mr. Pikes. Dann geht eine Abordnung der Matrosen zum Kapitän und
vertritt bei ihm die Sache des kranken Kameraden. Ich hoffe, dass Sie hierin
keinen Verstoss gegen die Schiffsgesetze sehen.«
    Der Obersteuermann, ein Amerikaner vom gleichen harten Holz wie der Kapitän,
- der Obersteuermann sah mit aufeinandergepressten Lippen in das frische Gesicht
des hochaufgeschossenen Matrosen. Er hatte mit dem geübten Blick langjähriger
Erfahrung schon längst den Stand der Dinge erkannt und wusste, dass ein einziges
Fünkchen genügte, um das Pulverfass in die Luft zu sprengen. Er selbst musste auf
der Seite des Kapitäns stehen und schien nicht daran zu zweifeln, wer die
Oberhand behalten würde.
    »Sprecht nicht von Skorbut!« sagte er leichtin. »Der Kranke wird natürlich
in Behandlung genommen werden, aber wozu gleich Lärm schlagen? Ich will den
Kapitän benachrichtigen.«
    Robert griff wieder an seine Mütze, und der Obersteuermann sah ihm, als er
in das Logis zurückging, böse nach. »Was bis jetzt auf allen Schiffen gelungen
ist«, dachte er grimmig, »das musste gerade hier fehlschlagen. Es war mir
unmöglich, unter den Matrosen verschiedene Parteien zu bilden, ich konnte keinen
einzigen auf meine, das heisst auf die Seite des Kapitäns bringen. Aber weshalb
entzieht er auch den Kerlen das letzte, warum knausert er um ein paar Dollar für
Grog? - Verdammt, dass ich ihm jetzt die Geschichte melden muss.«
    Er zögerte noch so lange wie möglich und ging erst, nachdem seine Wache
abgelaufen war, zum Kapitän in die Kajüte. Dort sagte er, dass sich einer der
Auswanderer krank gemeldet habe.
    Tomas Wright blickte auf. »Was ist es, Mr. Pikes?«
    Der zuckte die Achseln. »Kommen Sie selbst herüber, Herr Kapitän. Faulheit
scheint es nicht zu sein. Der Mann hat volles Bewusstsein, aber die Lippen sind
blau, das Gesicht leichenblass und die Augen eingesunken. Er klagt über
Gliederreissen.«
    Der Kapitän zog die Mundwinkel herab. »Es ist gut«, sagte er rasch. »Ich
komme.«
    Und fünf Minuten später erschien er im Logis, wo ihn ein unheimliches
Schweigen empfing. Der Obersteuermann begleitete seinen Vorgesetzten und führte
ihn an die Koje des Kranken. »Hier, Herr Kapitän. Der Mann ist offenbar
leidend.«
    Tomas Wright beugte sich über den Unglücklichen und untersuchte sorgfältig
dessen Zahnfleisch. Mit einem leisen »damned« richtete er sich wieder auf. »Es
soll sofort im Raum zwischen den Fässern ein Lager zurechtgemacht werden«,
befahl er, »und dortin bringt ihr den Kranken mit dem nötigen Bettzeug. Der
Koch soll ihm Pflaumen so zubereiten, dass er sie trinken kann, ausserdem muss ihm
der Mund dreimal täglich mit Löffelkrautspiritus ausgewaschen werden. Macht, dass
ihr hinunterkommt, und friert den Kranken, so legt eine Wärmflasche an seine
Füsse. Das ganze Logis wird sofort mit Karbolessig gescheuert.«
    Er sprach die Worte in festem, befehlendem Ton, er war so vollständig der
Herr der Lage, dass niemand daran dachte, sich dieser grausamen Anordnung zu
widersetzen. Begleitet von einem »Zu Befehl, Herr Kapitän« - des
Obersteuermanns, verliess er das Logis.
    Der Kranke kümmerte sich um nichts. Leise wimmernd lag er da.
    Sheppard war der erste, der wieder Worte fand. »Habt ihr nun den Beweis?«
raunte er. »Es ist Skorbut, und der arme Teufel soll da hinunter in die Eisluft,
um so schnell wie möglich zu - sterben.«
    »Nun, nun«, begütigte ein anderer. »So schlimm braucht man es ja nicht
gleich zu sehen. Es geschieht, um uns zu schützen.«
    Sheppard zuckte die Achseln. »In drei Tagen haben wir einen Toten«, sagte
er. »Bis dahin aber werden noch mehr Leute erkrankt sein, passt nur auf, was ich
sage. Wer zwanzig Jahre lang zur See gefahren ist, der kennt die Geschichte.«
    Morris spuckte grimmig den Kautabak auf den Fussboden. »Ist es nicht
schändlich«, flüsterte er, »dass der Kapitän mit Gewalt Walfische jagen will?
Alle diese Eisinseln, an denen wir vorüberkommen, sind voll von Walrossen, die
Seehunde gar nicht zu zählen, - aber nein, der Kapitän hat es nur auf Walfische
abgesehen.«
    »Ich weiss weshalb«, fuhr Sheppard fort. »Dies ist seine letzte Reise. Er
will dann den Vogel Greif verkaufen und in New York Häuserspekulant werden.
Vorher aber will er noch einen guten Fang von Spermfischen machen. Diese Tiere
liefern ja den teuren Walrat für Kirchenlichter, also ist eine Ladung davon ein
kleines Vermögen für sich allein. Dass wir darunter leiden, den geizigen Kapitän
reich zu machen, dass vielleicht mehrere von uns dabei drauf gehen, - was fragt
er danach?«
    Inzwischen hatten mehrere Matrosen den Kranken aufgenommen, in Wolldecken
gehüllt und hinuntergetragen in den Raum, wo er auf altem Segeltuch gebettet
wurde. Die Luft war hier schrecklich. Über einer Ladung von Ballast lagen die
für den Tran bestimmten Fässer, die einen so abscheulichen Geruch ausströmten,
dass es fast unmöglich war, in ihrer Nähe zu atmen. Dazu kam die Kälte des
ungeschützten, unter der Oberfläche des Wassers liegenden Raumes, die feuchte,
drückende Luft und die ständige Dunkelheit, die durch keinen Tageslichtschimmer
erhellt wurde. Hier gesund zu werden, schien ganz unmöglich.
    Nachdem der Umzug des Kranken beendet war, mussten die Auswanderer das
Volkslogis von oben bis unten reinigen. Die Matrosen von der Freiwache halfen
unaufgefordert mit, und es schien fast, als ob die Ruhe wieder einigermassen
hergestellt sei, da brachte ein Zwischenfall neuen Zündstoff. Einer der
Auswanderer wollte die Luke öffnen und zu seinem kranken Gefährten in den Raum
hinabklettern, um nach ihm zu sehen, aber der Obersteuermann vertrat ihm rasch
den Weg »Niemand darf hinunter!« befahl er. »Der Kapitän hat es verboten.«
    Der Mann wagte keinen Widerspruch, aber die Sache wirkte auf die Leute sehr
entmutigend, und Sheppard nahm die Gelegenheit wahr, das Feuer zu schüren. »Der
da unten krepiert wie ein Hund«, sagte er, »und nach ihm kommen andere.
Vielleicht wandern wir alle in den Raum hinab, um dann in ein paar Tagen den
Haifischen vorgesetzt zu werden. Ihr wollt es ja nicht besser haben.«
    »Es ist zu gewagt!« meinten einige. »Wir haben heute den letzten Tag im
Februar«, sagten andere, »in wenigen Tagen muss ja unser Ziel erreicht sein, in
jedem Augenblick kann sich die erste Walfischherde zeigen, - warum sollen wir
also in zwölfter Stunde noch ein Wagnis unternehmen?«
    dabei blieb es, und die Leute taten nach wie vor ihre Arbeit, aber unter
drückendem Schweigen, das der Kapitän offenbar sehr wohl bemerkte. Er hatte
gewiss seine bestimmten Gründe, als er befahl, die Harpunen hervorzuholen,
instand zu setzen und Leinen daran zu befestigen. Ebenso liess er grössere Stücke
Fleisch kochen und mit Schiffsbrot und Wasser in Körbe packen, damit alles
bereit sei, die Boote zu besteigen, wenn sich ein Walfisch zeigen sollte.
    Es kam aber keiner. Walrosse und Pinguine auf allen Eisschollen, träge
Seehunde, die sich im kümmerlichen Sonnenschein ausruhten, Eisbären, die ihre
furchtbaren Pranken gegen das Schiff erhoben, weisse Füchse und Robben, alles war
zahlreich vertreten, aber weit und breit von Walfischen nichts zu sehen. -
    Der Kranke im Raum musste noch leben, da keine Bestattung angeordnet war,
aber keiner seiner Gefährten hörte etwas von ihm. In aller Stille waren noch
drei weitere Männer hinuntergeschaft worden, und zwei andere klagten heimlich
über Gliederschmerzen, aber sie flehten die übrigen an, davon dem Obersteuermann
nichts zu sagen, das schreckliche Gefängnis unter Deck war ja schlimmer als
selbst der Tod.
    Am Abend des vierten Tages liess der Kapitän sämtliche Harpunen in seine
Kajüte bringen. Er selbst, der Obersteuermann und die beiden Untersteuerleute
standen vielleicht nicht ganz zufällig dicht nebeneinander, als der Befehl
gegeben wurde, zwei Stücke Segeltuch sowie zwei Trossen Bindgarn bereit zu
halten und an zwei Brettern kleine Säcke mit Steinkohlen zu befestigen.
    Totenstille folgte den Worten. Sheppard streckte verstohlen zwei Finger aus.
»Zwei Leichen!« sagten seine Augen.
    Und jeder hatte ihn verstanden. Der Befehl musste lauter und nachdrücklicher
wiederholt werden, bevor er befolgt wurde.
    Es war ganz klare, heitere Luft, natürlich unter schneidender Kälte, da man
sich dem 75. Grad nördlicher Breite nahe befand. Riesige Eisschollen dehnten
sich rechts und links, Eisberge segelten in majestätischer Pracht nickend und
winkend von fernher vorüber, eine blutrote Sonne, Kälte verheissend und machtlos,
sank gegen den Horizont herab, fast gänzliche Windstille lag über der
eingefrorenen Welt.
    Der Obersteuermann befahl vier Matrosen, in den Raum hinabzusteigen und die
Leichen, in ihre Decken gehüllt, heraufzutragen. Als jedoch die Luken geöffnet
wurden, ertönten aus dem Innern des Schiffes schwache, wimmernde Laute, die
einen Stein hätten, rühren müssen. Die unglücklichen Kranken baten um Gottes
willen, sie in freier Luft, unter Menschen und wie Menschen sterben zu lassen,
aber nicht in dem grässlichen, lichtlosen, von solcher Pestluft erfüllten Raum.
    »Erbarmen! Erbarmen!« jammerte es. »Um Gottes willen, Erbarmen!«
    Wie ein Mann drangen die Matrosen bis zur grossen Luke vor. Ohne eine Frage,
eine Erklärung wollten sie die sterbenden Menschen an Deck bringen, - da ertönte
die Stimme des Kapitäns. »Die Kranken bleiben im Raum! - Holt die Leichen!«
    Ein Schrei der Entrüstung antwortete ihm. »Das ist Barbarei!« rief Sheppard.
»Auf, Jungens, das lässt sich kein redlicher Mann. gefallen!«
    Der Kapitän hatte sich blitzschnell zur Kajüte gewandt und stand dann vor
dem ganzen erbitterten Haufen seiner Leute, ehe noch einer Zeit fand, sich zu
entschliessen. In der Rechten hielt er die blitzende Harpune.
    »Der erste, der ohne meinen Befehl in den Raum hinabsteigt, hat das Eisen im
Leibe!« sagte er so kaltblütig, als habe er die gleichgültigste Massnahme
angeordnet. »Vier Mann vor! Ihr da und ihr!«
    Er bezeichnete die Männer, welche die Toten heraufschaffen sollten, mit
ausgestreckter Hand. »Beeilt euch!« fügte er hinzu.
    »Erbarmen, Erbarmen!« wimmerte es unten. »Gott im Himmel, vergib uns unsere
Sünden, erlöse uns vom Übel!« -
    Robert drängte sich vor. Sein Gesicht war leichenblass.
    »Herr Kapitän«, rief er ausser sich, »Sie versuchen Gott!«
    Sheppard jauchzte. »Hast du endlich genug, Kamerad? - Auf, lasst uns die
Kranken heraufholen, selbst wenn dafür einer von uns harpuniert werden sollte
wie ein Tier. Dann wird der Mörder von den übrigen in Stücke zerrissen.«
    Wilde Blicke und wilde Rufe antworteten von allen Seiten. »Herr Kapitän«,
rief Robert, »Sie haben mir gedroht; und ich werde der erste sein, der
hinabsteigt. Ich setze mein Leben ein für meine gerechte Überzeugung!«
    Er betrat die Leiter und kletterte in den Raum, während Tomas Wright,
rasend vor Zorn, die schreckliche Waffe durch die Luft schleuderte.
    Das alles geschah innerhalb weniger Minuten.
    Sheppard, der ununterbrochen die Bewegungen des Kapitäns verfolgt hatte, hob
im gleichen Augenblick, als die Waffe geschleudert wurde, eine Stange, die er
schon vorher ergriffen hatte, und die Harpune, kräftig getroffen, flog wie vom
Bogen geschnellt durch das Takelwerk und weit hinaus in das stille,
eisglitzernde Wasser. Ebenso schnell hatten drei oder vier Matrosen vor der Tür
der Kajüte Posten gefasst.
    Der Kapitän und seine Getreuen hatten nur die Wahl, entweder ihre Sache
verloren zu geben oder sich mit der Mannschaft in einen Faustkampf einzulassen.
Es war Mr. Pikes, der Obersteuermann, der den schäumenden Kapitän an beiden
Schultern ergriff und ihn hinderte, sich auf Sheppard zu stürzen.
    »Ruhig, um Gottes willen, ruhig!« mahnte er. »Noch ist kein Verbrechen
geschehen, noch lässt sich alles in Güte ausgleichen. Herr Kapitän, lassen Sie
die Leute, damit erst die Leichenbestattung vor sich gehen kann. Wollen wir denn
unsere toten Kameraden ohne alle Feierlichkeit über Bord werfen?«
    Sheppard lachte. »Die Harpunen heraus, oder wir weichen keinen Schritt.«
    »Holt sie!« befahl Mr. Pikes, der für den halb besinnunglosen Kapitän
eintrat. »Dann aber gebt Ruhe.«
    Sheppard und Morris betraten die Kajüte, um die schweren Wurfgeschosse in
das Mannschaftslogis hinüberzubringen. Sie nahmen auch die beiden Revolver des
Kapitäns an sich.
    Als die beiden Männer das Deck betraten, sahen sie, wie Robert mit mehreren
andern die Kranken heraufschafte. Beide lagen im Sterben, aber sie dankten
dennoch durch rührende Blicke und halblaute Worte ihren Helfern.
    Inzwischen waren auch die Toten eingehüllt und auf ihrem letzten, mit einer
Last von Kohlen beschwerten Lager befestigt worden.
    »Herr Obersteuermann«, sagte Sheppard ruhig, »wollen Sie das Schiff beilegen
lassen?«
    Mr. Pikes antwortete ihm keine Silbe. Er redete dem Kapitän zu, sich mit
Fassung in das Unabänderliche zu fügen und scheinbar nachzugeben. »Über kurz
oder lang bietet sich die Gelegenheit zu einem Handstreich!« fügte er flüsternd
hinzu, »wir lassen dann die Rädelsführer in Eisen legen und haben gewonnenes
Spiel. Gehen Sie jetzt in die Kajüte.«
    Tomas Wright schien das einzusehen, oder er war vielleicht vor Zorn unfähig
sich zu fassen, jedenfalls gehorchte er wie ein Kind, und nachdem er sich
entfernt hatte, gab der Obersteuermann die erforderlichen Befehle, das Schiff
beizulegen. Als der »Vogel Greif« mit weitausgespannten Flügeln wie eine Möwe
auf dem Wasser lag, regungslos und von den Sonnenstrahlen rosig überhaucht, da
traten alle diese wetterharten Männer, diese rauhen und zügellosen Burschen
still und ernst an die Bordwand.
    Heute wurden zwei Männer aus ihrer Mitte dem Meer überliefert, - nach
wenigen Stunden sollten ihnen zwei weitere folgen, und vielleicht stand in
kürzester Frist auch ihnen das gleiche Schicksal bevor. Niemand konnte
voraussehen, wie bald ihn die Seuche befallen und dem Tode in die gierig
geöffneten Arme werfen würde. -
    Es ist etwas unendlich Ergreifendes, so ein Seemannsbegräbnis. Ernst und
still waren die beiden Leichen aufgehoben und halb über die Bordwand
hinausgelegt worden. Langsam, feierlich schwebte das Sternenbanner der
Vereinigten Staaten am Grossmast auf Halbstock, dreimal empor und dreimal wieder
herab, - letzte Grüsse, letztes Lebewohl für die toten Kameraden.
    Und dann trat Robert vor. Sein offenes Gesicht war blass vor innerer
Bewegung. »Matrosen«, sagte er, »unser Kapitän ist nicht, erschienen, um für die
Toten wie üblich ein Gebet zu sprechen. So lasst es mich an seiner Stelle tun, da
doch die beiden Toten meine Landsleute waren, arme deutsche Auswanderer, denen
eine Gesellschaft von Seelenverkäufern auch noch das Letzte nahm, das sie
besassen, Gesundheit und Leben. Lasst mich Gott bitten, dass dem schändlichen
Treiben dieser Schurken bald ein Ende gemacht werde, um der vielen armen
Menschen willen, die in ihre Hände fallen, und dass er diesen Unglücklichen
ewigen Frieden schenken möge. Amen!«
    Alle hielten die Mützen in der Hand, auf allen Gesichtern lag tiefer Ernst.
Sie standen ganz unter dem Eindruck der Stunde.
    »Los!« befahl halblaut der Obersteuermann.
    Soweit wie möglich streckten sich die Arme, ein letzter Blick, ein Gedanke
wie ein Segenswunsch, und das Meer spritzte auf. Unaufhaltsam zog das
mitgegebene schwere Gewicht die Toten in die Tiefe.
    »Brasst voll, hinten!« ertönte die feste Stimme des Obersteuermanns.
    Jeder der Matrosen tat seine Schuldigkeit, die Raaen flogen herum, und das
Schiff setzte langsam den alten Kurs fort, - dann aber sammelten sich alle vor
der Tür der Kajüte. Sheppard ergriff das Wort.
    »Wir bitten den Kapitän, uns jetzt anzuhören«, sagte er.
    Mr. Pikes zeigte seine ruhigste Miene. »Seid vernünftig, Leute«, antwortete
er. »Ein schnelles Wort ist bald gesprochen, wie ihr alle wisst, aber es wird oft
bereut. Der Kapitän wollte euretwegen die rettungslos verlorenen Kranken im Raum
lassen, um die Gefahr der Ansteckung zu bekämpfen. Ihr habt die Sterbenden
eigenmächtig in das Logis heraufgetragen und müsst nun die Folgen auf euch
nehmen. Was wollt ihr noch mehr?«
    Sheppard lächelte spöttisch. »Eine Kleinigkeit, Herr Obersteuermann«, sagte
er. »Wir verlangen, dass das Ruder gedreht wird. Wir wollen in solchen Breiten,
wo Menschen zu leben gewohnt sind, unsere Arbeit tun. Wir hätten auch bei
gehöriger Verpflegung und besonders mit den gewohnten Branntweinrationen die
Fahrt bis nach Nowaja Semlja unweigerlich fortgesetzt, aber elendig umkommen,
damit der Kapitän an uns eine Handvoll Dollar spart, das wollen wir nicht. Noch
sind uns keine Walfische begegnet, und wer weiss, ob wir überhaupt welche treffen
- vielleicht, wenn der Skorbut die ganze Jagd unmöglich gemacht hat. Also müssen
wir umkehren.«
    Mr. Pikes blieb ganz ruhig. »Umkehren, nachdem noch kein Cent verdient
worden ist, Leute? Umkehren in dem Augenblick, wo uns vielleicht goldene Berge
erwarten? Jede Stunde kann den Gewinn bringen, jeder Augenblick kann Walfische
in Scharen an unser Schiff führen.«
    Sheppard schüttelte den Kopf. »Oder auch den Tod für uns alle«, sagte er
finster. »Wir sind entschlossen, umzukehren; wir wollen den Kapitän zwingen,
seinen Kurs zu ändern. Gebt Raum, Sir, oder es geht nicht gut!«
    Mr. Pikes liess seine Blicke von einem zum andern gehen. »Das ist Meuterei!«
sagte er in ernstem, mahnendem Ton. »Habt ihr euch die Folgen genau überlegt,
Leute?«
    »Ganz genau. Der Kapitän und alle Offiziere müssen vor dem Hafen von New
York einen Eid schwören, von dem Vorgefallenen mit niemand zu sprechen, oder -
keiner sieht das Land wieder. Wir sind uns unserer Rechte und unseres
Entschlusses vollkommen bewusst.«
    Der Obersteuermann trat zur Seite. »So versucht euer Heil, Leute. Kommt als
Bettler, vielleicht krank und elend nach New York zurück, werft euren eigenen
Vorteil über Bord und ruiniert einen ehrlichen Mann, während die Gelegenheit
günstig ist. Ich habe euch nichts mehr zu sagen.«
    Er wandte sich ab. Sheppard streckte die Hand aus, um den Türdrücker der
Kajüte zu ergreifen - - -
    Da ertönte vom Vorschiff her ein lauter, fast jubelnder Ruf. Der Mann am
Ausguck verliess seinen Posten und kam zu den andern gestürzt.
    »Die Fische! - Die Fische!«
    Wie ein elektrischer Schlag durchzuckte das Wort die erregten Männer. Als
hätten alle nur noch einen Gedanken, so folgten die Augen der Richtung, in die
der Matrose mit ausgestrecktem Arm wies. Vergessen schien der wilde Entschluss
offener Meuterei, vergessen war die Furcht vor der Krankheit, - untergegangen in
der plötzlichen Hoffnung auf Gewinn.
    »Die Fische!« jauchzten zwanzig Stimmen, »die Fische!«
    Mr. Pikes atmete auf wie ein Halbertrunkener, den eine unerwartete Hilfe dem
Meer entriss. Er erkannte im Augenblick seinen Vorteil, er zögerte keinen
Augenblick, ihn zu ergreifen.
    Ohne den Kapitän zu fragen, befahl er, die Boote herabzulassen und die Körbe
mit Lebensmitteln hineinzusetzen. Dann wandte er sich zu Sheppard. »Holt die
Harpunen, Maat, - Ihr habt sie in Verwahrung, soviel ich weiss.«
    Der Amerikaner sah mit düsteren Augen auf das Drängen und Treiben der
anderen. Niemand beachtete ihn, niemand kümmerte sich um das Verhängnis, das im
entscheidenden Augenblick den Sieg in die Hände des Gegners hinüberspielte.
Gewinn - Geld - das war es, was den Leuten vorschwebte, was sie, einer den
andern zurückdrängend, in die Boote trieb.
    Sheppard kreuzte die Arme. »Holt die Harpunen, Mr. Pikes«, sagte er, »und
gebt dem wilden Kapitän die schwerste in die Hand, damit er seine Mordlust
befriedigen kann. Die Menge ist es niemals wert, dass sich ein ehrlicher Kerl um
ihretwillen aufopfert - ich habe es bitter genug in diesem Augenblick erfahren
müssen.«
    Der Obersteuermann liess die Harpunen verteilen und gab auch Sheppard eine in
die Hand. »Geht mit, Mann«, ermunterte er ihn, »kühlt Euer heisses Blut auf der
Jagd. Und dort, seht hin, eine Möweninsel! Tausende von Eiern, ungezählte
frische Braten, - macht, dass Ihr fortkommt. Das Vorgefallene ist vergessen, ich
schwöre es Euch im Namen des Kapitäns.«
    Sheppard lächelte spöttisch. »Wir sind Todfeinde, Sir«, sagte er, »und jeder
würde dem andern das Genick brechen, wenn es ihm möglich wäre. Sucht keinen
Schleier darüber zu werfen! - Wessen Stunde zuerst schlägt, der packt das Glück
beim Schopf.«
    Er hob spielend die schwere Harpune zwischen zwei Fingern hoch, und als der
Obersteuermann unwillkürlich zurücktrat, lachte er laut. »Ich bin kein
Meuchelmörder, Mr. Pikes, aber ebensowenig fürchte ich auch einen ehrlichen
Kampf, bei dem es Blut kostet. Das merkt Euch. Die da frei herumlaufen und wie
vornehme Herren behandelt werden, das sind oft grössere Schurken, als die armen
Teufel hinter den Eisengittern des Sing-Sing.«
    Er sprang in das letzte Boot, dass die Wellen spritzten, und Mr. Pikes
murmelte hinterdrein einige Worte, die halb wie eine Verwünschung, halb wie
Spott klangen. Dann sah er über das ruhige Meer.
    Die Fische waren dem Schiff immer näher gekommen. Wie Rauchsäulen stiegen
geräuschvoll die weissen Wasserstrahlen aus den Nüstern der gewaltigen Tiere
empor. Wenigstens dreissig Wale schwammen dem »Vogel Greif« entgegen.
    »Das kam zur rechten Zeit!« dachte der Obersteuermann erleichtert. »Jetzt
einige ertragreiche Züge, etwas Jagdglück, und wir haben die Meute in unsern
Händen. Die beiden Anführer Sheppard und Kroll werden bei nächster Gelegenheit
in Eisen gelegt, und wenn einmal diese Hitzköpfe beseitigt sind, so zittern die
übrigen vor einer ungeladenen Pistole.«
    Er drehte sich um und klopfte an die Tür der Kajüte, aber niemand antwortete
ihm. Konnte der Kapitän in solchem Augenblick schlafen? Unmöglich!
    Er klopfte noch einmal. Wieder keine Antwort. - Einer unbewussten Furcht
nachgebend öffnete er die Tür und sah den Kapitän ohne Besinnung auf dem
Fussboden liegen. Der furchtbare Blutandrang hatte dem jähzornigen Mann das
Bewusstsein genommen.
    Mr. Pikes behielt seine ganze Geistesgegenwart. Er schlug dem Kapitän eine
Ader und legte ihm Eis auf die Stirn, ohne irgend jemand zur Hilfe zu rufen.
Dann, als der Kranke wieder zu sich kam, teilte er ihm die Nachricht von dem
Erscheinen der Walfische mit und sah jetzt seinen Vorgesetzten ebenso überrascht
und beglückt, wie es vorher die Mannschaft gewesen war. »Sind alle fort?« fragte
der Kapitän, sich gewaltsam sammelnd. »Haben die Leute endlich Ruhe gegeben?
Sind die Anführer in Ketten gelegt worden?«
    Mr. Pikes erzählte in kurzer, klarer Schilderung das Vorgefallene und kam
dann mit seinem Vorgesetzten dahin überein, es gänzlich totzuschweigen. Kapitän
und Mannschaft eines Schiffes, hoch oben auf dem 75. Grad nördlicher Breite,
verlassen von aller Welt und allen Gefahren ausgesetzt - Kapitän und Mannschaft
eines solchen Schiffes waren zu sehr aufeinander angewiesen, um nicht um jeden
Preis Frieden halten zu müssen. Später, wenn man in befahrene Gewässer
zurückkam, wenn man anderen Schiffen begegnete oder vielleicht irgendeinen
Handstreich vollführen konnte, dann - -
    Die Augen des Kapitäns und des Obersteuermanns trafen sich. Sie hatten sich
vollkommen verstanden.
    Und dann gingen sie wieder an Deck. Weder von den Walfischen noch von den
Booten war das Allergeringste zu sehen.
    Der Mann am Ruder gab die Richtung, welche die Jäger genommen hatten, als
nördlich an, und das Schiff hielt jetzt diesen Kurs. Kapitän Wright ging in
brennender Ungeduld rastlos auf und ab; er konnte sich kaum zurückhalten, mit
dem letzten noch übrig gebliebenen Boot die Jäger zu begleiten und persönlich an
der Verfolgung teilzunehmen, aber die Sonne sank ins Meer herab, ohne dass auf
der glitzernden, eisigen Fläche das mindeste zu entdecken gewesen wäre. Selbst
der ruhige Mr. Pikes zeigte auf seiner Stirn mehrere Falten.
    Wo nur die Leute blieben! - Es waren auf dem Schiff ausser den beiden
obersten Offizieren nur noch vier Mann, - mit diesen allein den Hafen von New
York jemals wieder zu erreichen, war eine Unmöglichkeit.
    »Lassen Sie alle fünf Minuten einen Kanonenschuss abfeuern«, befahl der
Kapitän, »und dazwischen eine Rakete steigen.«
    Mr. Pikes wiederholte den Befehl, aber die Unruhe wurde dadurch nur noch
vermehrt. Der Schuss verhallte mit hundertfachem Echo; die Rakete, blaue und
goldene Lichter über das Meer ausgiessend, zeigte den erstarrten Blicken der
Männer fast im gleichen Augenblick die Lösung des Rätsels: Eisberge umgaben von
allen Seiten das schwer bedrohte Schiff.
    Zwischen den Schüssen war es totenstill auf Deck. Nur aus den Kojen der
Kranken und Sterbenden drang leises Wimmern herüber - -
    »Wir müssen das Schiff backlegen«, entschied nach einer Pause der Kapitän.
»Mir scheint, dass der Wind etwas stärker geworden ist, und ausserdem wissen wir
nicht, welchen Kurs die Boote steuern. Es ist nicht unmöglich, dass wir uns
voneinander entfernen.«
    Mr. Pikes griff an die Mütze. »In diesem Fall würden Sie und ich selbst mit
Hand anlegen müssen, Herr Kapitän«, sagte er.
    »Das macht nichts, Sir. Man hat es ja schon oft getan.«
    Und Tomas Wright erkletterte trotz des verwundeten Armes die Masten, um mit
dem Obersteuermann und den übrigen vier Leuten das erforderliche Segelmanöver
auszuführen. Abwechselnd krachten die Schüsse und stiegen die Raketen und
Leuchtkugeln auf, aber niemand beantwortete die Zeichen.
    Ein Eisberg, hoch wie ein Haus, schwamm so hart an dem Schiff vorüber, dass
es knirschte und rauschte, dass Splitter davonflogen, - Möwen glitten mit
schwerem Schlag durch die Luft, der Sturmvogel umkreiste das Takelwerk und stiess
eigentümliche, kurze, wie ein Signal klingende Töne aus, - aber nichts zeigte
sich.
    Da endlich, gegen Mitternacht, durchdrang ein Laut die tiefe Finsternis. Ein
langgezogenes »Ahoi! Ahoi!« scholl deutlich zu den beiden horchenden Offizieren
herüber, und beide sprangen hocherfreut von ihren Sitzen auf. Die Leuchtkugeln
folgten ununterbrochen, die Zurufe wurden erwidert und das Feuer in allen Öfen
geschürt. Welch ein Fang war jetzt wohl gemacht worden, welcher Gewinn stand in
Aussicht!
    »Herr Kapitän«, sagte bescheiden der Obersteuermann, »sollte es nicht gut
sein, wenn diesmal Branntweinrationen verteilt würden?«
    Tomas Wright schüttelte den Kopf. »Damit die Kerle glauben, dass sie mir
Furcht eingeflösst haben, Mr. Pikes? - Arbeiten sollen sie, und die Pistolen
kommen nicht mehr aus meinem Gürtel. Übrigens ist nichts zu fürchten, wenn
klingende Belohnung in Aussicht steht.«
    Er ging bis zum Fallreep den Ankommenden entgegen und beugte sich vor, um zu
sehen, wie gross die Ausbeute gewesen war. »Hallo, Jungens,« rief er, ganz gegen
seine Gewohnheit, »was bringt ihr denn?«
    Ein leises Lachen antwortete. Das war Sheppards Stimme, aber er sprach kein
Wort.
    »Los«, drängte Robert, »antworte doch!«
    »Tu du es. Ich würde den Schuft am liebsten mit der Harpune anreden.«
    »Nun, Leute«, fragte noch einmal der Kapitän, »was habt ihr gefangen?«
    »Nichts, Sir!« antwortete Robert durch die tiefe Stille: »Nachdem unsere
Boote ziemlich weit vom Schiff entfernt waren, haben wir die Walfische aus den
Augen verloren und trotz aller Bemühungen nicht wieder auffinden können.«
    »So hat also keine Jagd stattgefunden?«
    »Keine, Herr Kapitän.«
    Tomas Wright erschrak, aber ohne sich den Leuten gegenüber etwas merken zu
lassen. »Schadet ja nichts!« rief er ermunternd. »Wenn erst einmal der Fisch in
der Nähe ist, so trifft man ihn bald genug wieder. Morgen wird die Jagd neu
beginnen und dann glücklicher sein!«
    Er ging in die Kajüte, um sich von seinem Ärger einigermassen zu erholen,
während die Matrosen halberfroren, müde bis zum Umsinken, das Logis aufsuchten.
Sheppards erster Blick ging zu den Kojen der Kranken.
    »Beide eiskalt!« flüsterte er in Roberts Ohr. »Gestorben wie ihre Vorgänger,
allein und ohne Pflege! - Hörst du den Sturmvogel? Seine Stimme bringt Unglück;
er ist ein Warner, der nur verfluchte, dem Untergang geweihte Fahrzeuge
umkreist.«
    Robert lächelte gezwungen. Er dachte zurück an die Erzählung seines alten
Freundes, wie hoch in der Luft die Möwe lachte, als Mohr, von tollem Übermut
getrieben, den fliegenden Holländer herbeirief. »So schicke dem Schreier eine
Kugel durch die Brust, dann schweigt er bestimmt!« antwortete er.
    Sheppard hob erschrocken die Hand. »Um Himmels willen nicht! Wer den
Sturmvogel tötet, der zieht das Verhängnis auf sich herab. Gib nur acht, - wir
sehen keinen Fisch wieder, wir gehen hier oben elend zu Grunde.«
    Robert antwortete nicht, und die beiden krochen so schnell wie möglich unter
ihre Wolldecken, um wenigstens die erstarrten Glieder einigermassen aufzutauen.
Am folgenden Morgen waren wieder zwei Matrosen unfähig aufzustehen, obgleich bei
den abgehärteten Seeleuten die Krankheit nicht so heftig auftrat, wie bei den
unglücklichen deutschen Auswanderern. Sie mussten sich krank melden, aber sie
baten die andern, zu verhindern, dass sie in den Raum geschafft würden.
    Sheppard nickte, - sonst zeigte keiner, dass er das angstvolle Flehen
verstanden habe. Robert, der gerade Ausguckwache hatte, war nicht dabei.
    Der Kapitän versuchte diesmal keine Zwangsmassregeln. Er gab den noch
vorrätigen Löffelkrautspiritus heraus, liess Pflaumen abkochen und bewilligte den
Kranken etwas Zucker, im übrigen kümmerte er sich nicht um sie. Auch das
Begräbnis der beiden in der letzten Nacht Gestorbenen wurde auf seine Anordnung
möglichst abgekürzt, damit man, wenn sich Fische zeigen sollten, die Verfolgung
sofort aufnehmen könne.
    »Heute haben wir einen hellen, klaren Tag, Jungens«, sagte er, »da kann uns
gar nichts fehlen. Passt nur auf, sobald sich das Blasen der Fische bemerkbar
macht!«
    Er liess auch zur Vorsicht die grossen Trankessel und mehrere Fässer an Deck
bringen. Gegen Robert und Sheppard veränderte er keine Miene.
    Es mochte vielleicht neun Uhr morgens sein, als der Ausguckmann dasselbe
Zeichen gab wie gestern. »Die Fische! Die Fische!«
    Zwischen den Eisriesen, die im stillen Wasser überall majestätisch
dahinsegelten und langsam der schwachen Windrichtung folgten, zeigten sich die
blasenden Walfische. Es war ein schönes und anregendes Schauspiel, der goldene
Sonnenschein, der die Eisriesen umspielte und mit tausend diamantenen Tropfen
überflutete, die emporgeschleuderten Wasserstrahlen aus den Nüstern der
riesenhaften Tiere und das stille, beinahe unbewegte Meer mit seinen zahllosen
treibenden, grösseren und kleineren Eisschollen. Man konnte begreifen, dass sich
die Jagdlust der Männer bis zum Taumel steigerte.
    In zehn Minuten stiessen die Boote ab. In dem Fahrzeug des Kapitäns waren
ausser Robert noch drei Matrosen. In atemloser Eile ging es den blasenden Fischen
entgegen.
    Tomas Wright stand aufrecht mit der Harpune in der Hand. Sein rotes Haar
schien phosphorisch zu leuchten, seine Augen glühten. Eine starke, wilde
Leidenschaft sprach aus jeder Bewegung.
    Immer näher kamen die Boote den Fischen. Schon sah man die mit Moos und
Schlingpflanzen überwachsenen, von Muscheln Wassermäusen, Spinnen und Käfern
bewohnten breiten Rücken der Wale deutlich durch das kristallklare Wasser
schimmern, schon erwarteten zwanzig Arme den Augenblick, um die tödliche Waffe
in das Fleisch des Opfers zu bohren, da - hörte das Blasen auf, das Wasser
beruhigte sich, die grünen, inselgleichen Erhöhungen über der Oberfläche
verschwanden, und von den Fischen war nichts mehr zu sehen.
    Ganz wie am Tage vorher entzogen sie sich den Blicken der Fänger, als eben
die Jagd beginnen sollte. Tomas Wright wurde blass bis in die Lippen.
    »Ihnen nach!« rief er wütend. »Sie können nicht weit sein, und ich will
unter keinen Umständen ohne Beute zum Schiff zurück.«
    Sein Eifer hatte die übrigen angesteckt. Alles ruderte um die Wette, alles
überbot sich, zwischen den Eisschollen hindurchzusteuern und die Spur der
entflohenen Tiere zu verfolgen, aber - ohne Erfolg. Weit und breit war kein
Fisch zu sehen.
    »Wir müssen uns geirrt haben!« rief der Kapitän. »Vielleicht hinter diesen
Eisblöcken. Zwei Boote in gleicher Linie. Dort werden sie sein!«
    Ob er sich und die andern täuschte, niemand konnte es wissen. Sein ganzes
Gesicht war aschfahl, als auch hinter dem bezeichneten Eisberg kein Walfisch
gefunden wurde, »Damned«, rief er, »steckt denn der Teufel in den Tieren?«
    Sheppard und Morris wechselten einen höhnischen Blick. »Der Sturmvogel!«
raunte der erste. »Hast du ihn gestern gehört?«
    Und als wolle das Verhängnis seine Worte bestätigen, so zeigte sich in
diesem Augenblick der Warner hoch oben in der Luft und blieb lange
flügelschlagend gerade über den Köpfen der Leute stehen. Sein Schrei, heftig und
ruckartig, tönte weit über das Wasser.
    Tomas Wright sah wild empor. »Verfluchter Vogel, was willst du?« rief er
zähneknirschend, während er zur Büchse griff. »Da - nimm das!«
    Der Schuss krachte, und das getroffene Tier stürzte unmittelbar neben dem
Boot des Kapitäns ins Meer. Nur der rechte Flügel war getroffen worden, daher
lebte es und setzte, heftig flatternd, sein Geschrei in verstärktem Masse fort.
Die Augen sahen dem Kapitän gerade ins Gesicht, der Schnabel hatte sich gegen
ihn geöffnet.
    »Der Wahnsinnige«, flüsterte Sheppard, »er selbst hält über sich Gericht.«
    Von allen Booten sahen die Matrosen stumm erschreckt herüber. Aller Augen
waren auf den Kapitän geheftet, der blind vor Zorn vorwärts stürzte und offenbar
den Vogel mit blosser Faust erwürgen wollte, denn er griff so heftig und
unvorsichtig über den Bootsrand hinaus, dass er das Gleichgewicht verlor und
kopfüber ins Wasser fiel.
    Die Eisschollen, neben dem Boot treibend, gerieten in grössere Bewegung,
schlossen sich über- und nebeneinander, schaukelten auf den blau- oder
grünschillernden Wellen - von Tomas Wright war keine Spur zu sehen.
    Totenstille herrschte einen Augenblick lang in den Booten. Unsicher sahen
sich alle an. Sheppard hob sein Ruder, wie um zu sagen: »Wer ihn auftauchen
sieht, der schlage zu!«
    Aber nur einen Augenblick lang lag der Druck auf den Männern. Dann war
Robert dem Kapitän nachgesprungen und wie eine Ente in das Eiswasser
hinabgetaucht.
    Sheppard liess das Ruder fallen. »Wie schade, wenn um dieses Schurken willen
der brave Junge ertrinken sollte!« rief er.
    Morris schüttelte den Kopf. »Die beiden sind verloren!«
    Es schien aber, als sollte sich die schlimme Vermutung nicht bestätigen.
Roberts Kopf kam in einiger Entfernung vom Boot an der Oberfläche zum Vorschein,
und bald danach auch der des Kapitäns, der jedoch besinnungslos zu sein schien.
»Hilfe! Hilfe!« rief Robert mit lauter Stimme. »Kommt, so rasch ihr könnt,
hierher.«
    Ohne Zögern wurden alle Ruder eingesetzt, und schon in weniger als einer
Minute nahm das vorderste Boot die beiden Verunglückten an Bord. Robert war
unverletzt, aber der Kapitän blutete aus mehreren Kopfwunden, besonders jedoch
aus der Wunde am Arm, deren Verband sich gelöst hatte. Er öffnete wohl hin und
wieder die Augen, ohne aber etwas anderes als verworrene Worte zu sprechen.
    Robert presste, nachdem er den Rockärmel aufgeschnitten hatte, Daumen und
Zeigefinger auf die verletzte Ader. Dann band er mit Hilfe einiger anderer um
den ganzen Arm ein festgedrehtes Tuch. Ohne dass weiter gesprochen worden wäre,
kehrten die Boote zum Schiff zurück.
    Im Wasser schrie immer noch der angeschossene Sturmvogel. Als das letzte
Boot an Bord geheisst war, sahen alle in der Ferne die speienden Fische.
    Am folgenden Morgen und an noch vielen anderen wiederholten sich die
Ereignisse der beiden letzten Tage. Einer nach dem andern erkrankten die
Matrosen, Leiche auf Leiche wurde in das Meer versenkt, und die Stimmung der
Leute sank immer mehr.
    Der »Vogel Greif« kreuzte auf und ab, verfolgte nach verschiedenen
Richtungen meilenweit die Spur der Fische und kämpfte beharrlich gegen Wind und
Wetter, immer noch nach dem Willen des starrsinnigen Kapitäns, der unter allen
Umständen mit einer reichen Ausbeute heimkehren wollte.
    Es war, als hätten sich geheimnisvolle Mächte verschworen, an jedem neuen
Tage Scharen von Fischen in die Nähe des Schiffes zu führen, immer wieder die
Hoffnung der Leute aufzustacheln und sie dann ebenso häufig auf das grausamste
zu täuschen. Manche von den Matrosen weigerten sich bereits, diese schreckliche
Jagd mitzumachen, sie blieben zur Bedienung des Schiffes zurück und sahen dann
den andern nach, wie sie in rasendem Eifer die Boote vorwärts trieben, um den
blasenden Tieren näher zu kommen, und wie dann in dem Augenblick, als die
Harpunen geschwungen, werden sollten, - die Fische verschwanden.
    »Geht das mit rechten Dingen zu?« fragten sie sich.
    Ein Kopfschütteln war die Antwort. »Ich glaube es nicht, und ich weiss auch,
woran die Sache liegt. Der Kapitän bringt dem Schiff Unglück.«
    »Pst!« warnte der erste. »Deine Worte können dich den Hals kosten.«
    »Ach, was gebe ich viel auf den herzlosen Menschen! - Sag doch, bist du
kürzlich unten im Raum gewesen?«
    Der andere schüttelte sich. »Seit wir die armen Kerle da unten ächzen und um
eine ruhige Sterbestunde bitten hörten«, antwortete er, »gehe ich nicht
hinunter.«
    Sein Kamerad neigte sich noch dichter zu ihm. »Du«, raunte er, »die da unten
ächzen noch. Glaub es, oder glaub es nicht, aber wenn dich der Steuermann
hinunterschickt, so sprich vorher ein Gebet, denn ich sage dir, dass es im Raum
nicht geheuer ist. War auch eine Schändlichkeit sondergleichen, die armen Kerle
in der Pestluft ersticken zu lassen.«
    Nach einer Pause spuckte der erste den Kautabak über Bord und nickte
geheimnisvoll. »Daran liegt es auch, dass wir keine Fische fangen«, flüsterte er.
»Der Wüterich konnte ja nicht einmal dem unschuldigen Vogel das Leben schenken.«
    »Sheppard sagt, er möchte gern in New York ein Häuserspekulant werden, so
ein Halsabschneider, der den Leuten das letzte wegnimmt und damit Wucher treibt,
wenn er wirklich jemals seine Heimat wiedersieht!«
    »Ja, wenn! - Da hast du recht. Sieh, die Boote kommen schon zurück, es
besteht kein Zweifel, dass über Schiff und Besatzung ein Fluch liegt. Wäre der
Mörder von Bord, so könnte es schon anders vorwärts gehen.«
    »Pst! Lass das Sheppard nicht hören. Was kommen soll, das kommt doch!«
    Die Unterhaltung wurde hier durch das Auftauchen der Boote gestört. Nur noch
zwölf Matrosen, der Obersteuermann und der Kapitän waren an Bord des »Vogel
Greif«, die übrigen waren der schrecklichen Krankheit erlegen, während noch zwei
andere, der eine Untersteuermann und ein Matrose, krank umherschlichen.
    Die Stimmung war äusserst gedrückt, obwohl Sheppards unausgesetzte Hetzereien
jetzt selten ein williges Ohr fanden. Der Gedanke, nur mit elf anderen den
Gewinn einer vollen Ladung zu teilen, der Gedanke, vielleicht durch diese
einzige Reise reich zu werden, berauschte die Männer. Die sehnlichst erhoffte
Jagd konnte ja nicht immer täuschen! Speiende Fische zeigten sich überall, kamen
bis auf wenige Meter an das Schiff heran, folterten in der Nacht durch ihr
Blasen die aufgeregten Männer und schwammen in langen Zügen an den Eisbergen
vorüber - sie mussten doch einmal gefangen werden können!
    Und dann malte sich jeder das Bild weiter aus. Vier- bis fünfhundert Dollar
würden auf seinen Anteil fallen, er brachte vielleicht ein kleines Vermögen mit
nach Hause! - Nein, nein, jetzt nicht weich werden, nicht unverrichtetersache
heimkehren! Morgen hatte man vielleicht schon den ersten Fisch an der Harpune, -
- bei Tagesanbruch kam das langersehnte Glück! - -
    Sheppard nickte, wenn ihm solche Einwendungen entgegengehalten wurden.
»Well, also ihr glaubt, dass sich das Glück unserem verfluchten Schiff zuwenden
könnte?« fragte er. »Unsere toten Kameraden haben ihren Mörder bei Gott
verklagt, und um ihretwillen wird der Vogel Greif, wenn ihr nicht endlich zur
Einsicht kommt, hier mit Mann und Maus untergehen. Jetzt sind wir vier Monate
lang unterwegs, - woher sollen denn die Lebensmittel genommen werden, um uns
wieder nach New York zu bringen? Und wenn auch noch der Obersteuermann stirbt,
wie wollen wir es machen, mit so schwacher Mannschaft das Schiff zu bedienen?«
    »Sieh doch nicht so schwarz!« hiess es dann. »Der erste Steuermann ist ja
ganz gesund.«
    »Heute noch!« rief der Amerikaner. »Aber wisst ihr, was morgen geschieht?«
    »Morgen fangen wir vielleicht den ersten Wal!«
    Sheppard lachte spöttisch. »Denkt an mich, - ihr fangt ihn nie!«
    Die beiden Matrosen, deren Gespräch wir neulich belauscht hatten, nickten
finster. Heute schwiegen sie noch, aber bei der nächsten Gelegenheit traten sie
offen auf Sheppards Seite. »So kann die Sache nicht länger gehen«, sagte der
eine. »Wenn nur die grössere Hälfte der Mannschaft zu uns hielte, dann liesse sich
noch etwas hoffen, aber unter den augenblicklichen Verhältnissen steuert die
Geschichte in den Abgrund, das ist sicher.«
    »Morris steht zu uns!« flüsterte Sheppard. »Wollen wir einen Handstreich
wagen?«
    Der eine Matrose hob den Arm, wie zum Schlag. »Du meinst so?« fragte er
bedeutsam.
    »Ja«, antwortete der Amerikaner kurz und kalt. »Wenn es darauf ankommt, ob
vierzehn Menschen zu Grunde gehen sollen oder ob einer ins Gras beisst, so kann
die Entscheidung nicht zweifelhaft sein.«
    Jetzt war das Eis gebrochen, und die vier Verbündeten hielten heimlich Rat,
wie der verbrecherische Plan am leichtesten auszuführen sei. »Wenn wir nur den
Kroll zu uns herüberziehen könnten«, meinte der eine, »das wäre schön. Dieser
Bursche fürchtet sich vor dem leibhaftigen Satan nicht!«
    Sheppard schüttelte den Kopf. »Aber ebensowenig wird er guteissen, was er
nun einmal Mord nennen würde!« sagte er. »Lasst ihn ganz aus dem Spiel, -
womöglich könnte er den Kapitän noch warnen. Hat er ihn doch neulich unter
Gefahr seines eigenen Lebens aus dem Wasser gezogen.«
    »Lasst ihn ganz beiseite«, meinte auch Morris. »Wir vier können es gut
allein, und wenn einmal der rotaarige Judas den Haifischen vorgeworfen ist, so
kommt das Schiff aus dem Bann los. Wir fangen Fische, bis die Ladung voll ist,
und sind wohlhabende Leute. Der Obersteuermann muss nach unserer Pfeife tanzen.«
    Die vier Verbrecher reichten sich die Hände. »Heute noch?« fragte Sheppard.
    »Je eher, desto besser, denke ich. Der Kapitän muss jetzt Wache halten, so
gut wie irgendeiner von uns, also überfallen wir ihn, während Mr. Pikes
schläft.«
    »Nun gut. Am besten zwischen zwölf und ein Uhr nachts, weil dann die
ermüdeten Leute fest schlafen, und also der Kapitän nicht sofort Hilfe
herbeiholen kann. Eins nur beunruhigt mich.«
    »Was denn?« fragte Morris.
    »Dass wir nach dem Tode des Kapitäns nur einen Steuerkundigen an Bord haben.
Der zweite Steuermann lebt zwar noch, aber er kann es nicht mehr lange machen.
Wir wären also verloren, wenn Mr. Pikes das Geringste zustiesse!«
    Morris zuckte die Achseln. »Das muss gewagt werden«, sagte er.
    »Und das soll es«, nickte Sheppard. »Also um Mitternacht.«
    Sie gaben sich noch einmal das Versprechen gegenseitiger Treue, dann gingen
sie ihrer Arbeit nach. An diesem Tage wurde nicht versucht, Walfische zu jagen,
obwohl sich die Tiere ebenso zahlreich wie sonst in der Nähe des Schiffes
zeigten. Kapitän Wright stand an der Schanzkleidung und sah düster über das
Meer. Wie war der Mann verändert!
    Dunkle Ringe lagen unter seinen Augen, das früher so braune, frische Gesicht
erschien fahlgrau, und wie gebrochen war seine ganze Haltung. »Heute ist
Montag«, dachte er, »und an diesem Tag soll man keine Entschlüsse fassen, nichts
anfangen und nichts vollenden, aber morgen - morgen will ich noch einmal diese
unheimliche, schreckliche Jagd beginnen, und ihr Ausgang soll mein Schicksal
bestimmen! Wird wieder keiner dieser gespenstischen Fische gefangen, so kehre
ich um und begnüge mich mit Robben und Walrossen. Damned! - Es ist die schwerste
Stunde meines Lebens, wo ich befehlen muss, das Ruder zu wenden, und wo mir diese
Satansbrut ins Gesicht lachen darf.«
    Seine Lippen pressten sich aufeinander. »Ich kann mein Ziel noch nicht
erreichen«, dachte er, »ich kann nach den schweren Verlusten dieser
Unglücksfahrt das Schiff noch nicht aufgeben. Der Teufel hole die verwünschten
Tiere, die mich an der Nase herumführen.«
    Er sah nach allen Seiten, und seine bleichen Lippen zuckten vor Erregung.
»Vier - sechs - zehn Fische!« murmelte er, »und dort noch einer, und dort, aber
was nützt es mir, sie zu verfolgen? - Oh, der Wahnsinn könnte mich erfassen,
sooft ich daran denke!«
    Seine Blicke schweiften wie im halben Irrsinn über das Wasser. »Der dort
kommt immer näher«, dachte er, »immer näher! Er fordert mich heraus - ob ich das
Boot aussetzen lasse und ganz allein die Jagd beginne? Wahrhaftig, das Tier
schwimmt bis unter den Bug des Schiffes! Es ist ein Riese seiner Art, wenigstens
zwanzig Meter lang, und was für ein Umfang! - Ich werde ihm eine Kugel in den
Kopf jagen, nur um ihn zu töten!«
    Er schlich auf Zehenspitzen zur Kajüte, als könne das Geräusch seiner Tritte
den Fisch verscheuchen, und nahm von der Wand die doppelläufige Flinte. Aber als
er zwei Minuten später zu der verlassenen Stelle zurückkehrte, scholl ein
heiseres, halblautes Gelächter über das Deck.
    »Schon den Gedanken lesen einem diese Teufelstiere aus dem Hirn heraus!«
knirschte er. »Ich möchte mich ins Meer stürzen und auf dem untersten Grund
suchen, um sie mit blossen Fäusten anzufallen!« -
    Er warf das Gewehr weg. Seine Augen funkelten wie die eines Tigers, seine
Nägel gruben sich in das eigene Fleisch, bis das Blut, hervorkam.
    »Wenn mich doch der deutsche Bursche nie gerettet hätte«, dachte er in
masslosem Groll. »Was nützt es, zu leben, wenn der Einsatz verloren ist? Diese
Meuterer werden mir von morgen an offen Hohn sprechen!«
    Er verbarg das Gesicht hinter der vorgehaltenen Hand. Niemand sollte sehen,
wie es in seinen Zügen arbeitete, wie die rasende Verzweiflung darin Raum
ergriff.
    Und weiter und weiter lief der Zeiger des Chronometers, der Tag neigte sich
dem Abend zu. »Morgen noch!« dachte er, »morgen noch, und dann - gebe ich das
Spiel verloren.«
    Der Kapitän wanderte auf und ab, bis um acht Uhr abends seine Wache, zu der
auch Robert gehörte, abgelöst wurde und er sich in der Kajüte auf das Sofa
strecken konnte. Wirre Bilder durchzuckten seine erhitzen Sinne. Bald sah er
seine vierzehn toten Matrosen, wie sie ihn aus hohlen Leichengesichtern
anstarrten und kläglich um Erlösung aus dem dumpfen Raum flehten, wie sie ihm
zunickten und die Knochenhände erhoben: »Daran ist allein dein unmenschlicher
Geiz Schuld, deine Härte, mit der du uns das Notwendigste zum Leben
vorentieltest, nur weil wir dir wehrlos ausgeliefert waren, weil uns die
Möglichkeit fehlte, das Gesetz gegen dich zur Hilfe zu rufen!« -
    Und wieder lachten die Toten. »Merkst du nichts? - Wir rächen uns da, wo es
dich am empfindlichsten trifft, an deinem Geldbeutel; wir machen mit den Fischen
gemeinsame Sache und zwingen dich, das zu tun, was du aus Menschlichkeit, um
sterbender und leidender Unglücklicher willen, nicht wolltest!« -
    Im Traum wälzte sich der gefolterte Mann unruhig von einer Seite zur andern.
Er erwachte endlich in Schweiss gebadet, zuckend an allen Gliedern. Nur langsam
konnte er sich aus dem heftigen Anfall erholen und die Gegenwart in sein
Gedächtnis zurückrufen. Ja, ja, er hörte es, das Blasen der Fische rings um das
Schiff, er hörte es mit unbeschreiblicher Wut.
    »Diese Qual muss ein Ende haben«, dachte er, »oder es ist mein Tod.«
    Als ihn Mr. Pikes weckte, hatte er keinen Augenblick ruhig geschlafen.
Fieber glühte auf seiner Stirn, seine Hände zitterten. »Es ist gut, Sir«, sagte
er, »ich komme gleich. Alles in Ordnung, nicht wahr?«
    Der Obersteuermann griff an die Mütze. »Alles beim alten, Herr Kapitän«,
antwortete er doppelsinnig.
    Tomas Wright unterdrückte einen Seufzer. »Ich verstehe Sie recht gut, Mr.
Pikes«, begann er wieder, »und ich weiss auch, dass Sie recht haben. Morgen mit
Einbruch der Dunkelheit wird das Schiff gewendet, wenn nicht - - die Jagd
begonnen hat.«
    Der Obersteuermann trat einen Schritt näher. »Herr Kapitän«, sagte er, »wenn
es möglich wäre, Einfluss auf Ihre Entschlüsse auszuüben, so würde ich dringend
raten: Lassen Sie uns schon heute, schon jetzt umkehren! - Auf den Gesichtern
der Leute steht nichts Gutes!«
    Tomas Wright schüttelte den Kopf. »Heute, am Montag, Sir? Ich kann es
nicht, und ich muss auch noch den morgigen Tag haben, um meine Frage an das
Schicksal stellen und seine Antwort erhalten zu können. Morgen soll noch eine
Jagd stattfinden, eine letzte, angestrengte Jagd, und das Ergebnis soll als
Urteilsspruch gelten. Fangen wir auch nur einen Fisch, ja, haben wir auch nur
mit einem Wal einen Kampf zu bestehen, so bleibe ich noch, anderfalls - -«
    Eine Handbewegung vollendete den Satz. - »Haben Sie übrigens bei der
Mannschaft irgendwelche besonderen Merkmale beobachtet, Sir?« fügte er hinzu.
    Der Obersteuermann zuckte die Achseln. »Nichts Bestimmtes, Herr Kapitän,
aber dennoch - ich weiss nicht - -«
    Der Kapitän reichte ihm die Hand. »Gut, gut, Mr. Pikes«, sagte er
freundlich. »Sie erfüllen Ihre Pflicht zu meiner vollen Zufriedenheit. Das werde
ich Ihnen nicht vergessen. Was Ihre Vermutungen betrifft, so wäre es wohl das
beste, wenn wir beide bis morgen abend nicht mehr zu Bett gingen, damit keiner
von uns den Meuterern allein gegenübersteht. Was halten Sie davon, Sir?«
    »Ich bin vollständig Ihrer Meinung, Herr Kapitän. Doch dürfen wir die Leute
nicht aufmerksam machen. Also bleibe ich bei halbangelehnter Tür in der Kajüte,
falls meine Gegenwart an Deck notwendig werden sollte.«
    Tomas Wright nickte. »Well«, sagte er, »ich werde gleich erscheinen.«
    Der Steuermann zog sich zurück, und zwei Minuten später hatte der Kapitän
seine Wache übernommen. Robert stand am Ruder, als er das Deck betrat.
    Der schwache Wind der letzten Tage war in vollkommene Windstille
übergegangen. Die Segel hingen schlaff herab, das Meer glich in seiner
Unbeweglichkeit einem schwarzen, nur von einzelnen Lichtstrahlen überglänzten
Spiegel, dessen Ruhe und Einförmigkeit drückend wirkte. Kern Laut ringsumher
unterbrach die Stille.
    Kapitän Wright blickte prüfend zu den Welken auf. Eine tiefschwarze, breite
Bank, nach oben von grauen Streifen umsäumt, stand regungslos wie ein Fels im
Norden. - »Aha«, murmelte der Seemann, »ich dachte es doch. Diese Ruhe konnte
nur ein Vorbote sein.«
    Er liess die leichten Segel wegnehmen und beobachtete dann den dunklen
Horizont. Über der Wolkenbank erhob sich allmählich ein breiter, scharf
begrenzter Lichtbogen, der in steter, wellenförmiger Bewegung einmal zu wachsen,
ein andermal schwächer zu werden schien. Die Mitte des Bogens in schönstem,
prachtvollstem Rot nahm plötzlich eine glänzendere, durchsichtigere Färbung an,
es bildete sich eine Feuerkugel, aus der in schneller, blendender Reihenfolge
einzelne blitzartige Strahlen hervorschossen, die nun stärker und immer stärker
die schwarze, untere Bank durchdrangen. Sich nach allen Himmelsrichtungen
ausdehnend, flatternd wie ein windbewegtes Band, sich krümmend in plötzlichen,
anmutigen Windungen wie eine Schlange, so sah man diese purpurnen,
lichtdurchschimmerten Streifen an ihren äussersten Spitzen bald in grünen, bald
in blauen oder gelben Farbtönungen. Ein eigenartiges zischendes Geräusch, ein
Knattern und Rollen wie von zerplatzendem Feuerwerk begleitete diese
Naturerscheinung, die in solcher Schönheit nur an den beiden Polen der Erde
beobachtet werden kann.
    Das Nordlicht, in unseren Breiten ein dunkler und ein rötlicher, am Himmel
feststehender Streif, dem man keine besondere Schönheit abgewinnen kann, bietet
in den Polarregionen ein so wunderbares Schauspiel, wie man es kaum beschreiben
kann.
    Eine halbe Stunde mochte vergangen sein. Noch stand das Nordlicht am
Horizont und noch schlief der Wind. Kapitän Wright lehnte mit gekreuzten Armen
an der Kombüse und beobachtete die Erscheinung, die selbst er, der langjährige
Grönlandfahrer, in so seltener Pracht noch niemals gesehen hatte. Vielleicht
hatte er, seinen Gedanken überlassen, im Augenblick ganz vergessen, dass ihn
meuternde und erbitterte Matrosen umgaben, vielleicht war er zu unerschrocken,
um überall Verrat und Gefahr zu fürchten, jedenfalls bemerkte er nicht, dass
zwischen der Kombüse und dem Mannschaftslogis mehrere dunkle Gestalten am Boden
kauerten, und dass ab und zu ein leises, kaum vernehmbares Flüstern die Nacht
durchdrang. Seine Augen suchten in den Segeln nach dem ersten stärkeren Luftzug,
und seine Ohren horchten mit stillem Grimm auf das ferne Geräusch der blasenden
Walfische.
    Er stand unbeweglich gegen die Wand der Kombüse gelehnt.
    »Damned!« flüsterte hinter ihm, von dem Geräusch des Nordlichts übertönt,
Sheppard, »wie lange will er uns noch den Rücken kehren?«
    »So gib ihm den Stich zwischen die Schultern!« raunte Morris. »Ein kaltes
Eisen schmeckt auch da nach Tod.«
    »Wenn es richtig trifft!« nickte Sheppard. »Mir ist der Hals lieber.«
    »Pah!« meinte einer der Deutschen, »warum greifen wir ihn nicht offen an?
Freunde hat er nicht, und sich gegen uns alle wehren, kann er ebensowenig.«
    »Das zwar nicht, aber Freunde könnte er doch finden. Zum Beispiel Kroll! Wo
steckt der?«
    »Pst! Er hat die Wache am Ruder. Hört zu, Leute, ich will in dem Augenblick,
wenn sich der Kapitän zufällig hierherwendet, den Stich in die Brust wagen, -
dann aber müsst ihr mir beistehen. Morris schiesst die Pistole auf ihn ab, damit
er endgültig genug hat, du August, verriegelst die Tür der Kajüte, und du, Emil,
wirfst dich denen entgegen, die etwa an Deck stürzen und ihm beistehen wollen.
Vor allen Dingen aber, - das lasst euch um Gottes willen gesagt sein! - vor allen
Dingen ist die Person des Steuermanns unverletzlich. Wir spielen um hohen
Einsatz, wenn wir mitten im Eismeer den einen der beiden Steuerkundigen töten,
das wisst ihr alle, und darum denkt daran, was ich euch sage: Mr. Pikes ist
selbst in einem Handgemenge unverletzlich.«
    Die Verbündeten gaben leise ihre Zustimmung, und dann warteten alle, bis der
Kapitän seine jetzige Stellung ändern würde.
    Sie hatten, nicht lange zu warten. Ein weisslicher Schaum bildete sich an dem
glockenförmigen Bug des »Vogel Greif«, ein kalter Hauch wehte über die Stirnen
der Männer, und ein leiser, pfeifender Ton fuhr durch das Takelwerk. Die
Erscheinung war ein Vorläufer des Sturmes.
    Kapitän Wright ging mit langsamen Schritten über das Deck. »Da hätte ich
höchstwahrscheinlich schon den Ausspruch des Schicksals«, dachte er. »Morgen
wird es mir kaum möglich sein, mit der geringen Anzahl Leute die nötigen
Segelmanöver auszuführen, viel weniger kann ich an eine erfolgreiche Jagd
denken. Damned, das Verhängnis ist gegen mich!«
    Diese Worte - ein Fluch - sollten seine letzten sein. Er hatte sich beim
Zurückgehen der Kombüse wieder genähert, und diesen Augenblick benutzte
Sheppard, um wie eine Tigerkatze vorzuspringen und ihm das Messer bis ans Heft
in die Brust zu stossen.
    Ein wilder, gellender Schrei aus dem Munde des tödlich Getroffenen weckte im
gleichen Augenblick die ganze Mannschaft.
    Morris, der erhaltenen Anweisung getreu, erhob die Pistole, um auf den noch
im Sterben ringenden Kapitän zu schiessen, als von der Kajüte her Mr. Pikes,
bewaffnet und angezogen, dem Kampfplatz zustürzte.
    »Schufte«, rief er. »Feige Schurken, ihr -!«
    Weiter kam er nicht. Der Schuss krachte, und ins Herz getroffen stürzte Mr.
Pikes neben dem sterbenden Kapitän auf das Deck. Ströme von Blut liefen über die
Planken, - noch wenige Augenblicke starren, wortlosen Entsetzens, dann waren
beide Verwundeten tot.
    Der erste, der sich aufraffte, war Sheppard. »Unglücklicher«, rief er, »was
hast du getan? - Jetzt sind wir alle verloren.«
    Morris stand totenbleich da. Seine Hände zitterten, seine Augen rollten
wild. »Ich habe geschossen«, antwortete er mit heiserer Stimme, »wie du es
befahlst, Sheppard. Kann ich dafür, wenn mir ein anderer in den Weg läuft?«
    Niemand widersprach ihm. Bleiche, entsetzte Gesichter sahen sich an;
tödlicher Schreck sprach aus ihnen. Die Frage »Was nun?« drängte sich
unwillkürlich jedem einzelnen auf.
    Auch Robert sah von einem zum andern. Da trafen sich seine und Sheppards
Blicke. »Was willst du?« rief mit steigender Wut der Amerikaner. »Mich einen
Mörder nennen, uns alle ans Messer liefern, wenn das Schiff jemals einen Hafen
wiedersieht, nicht wahr? - Geh fort, hole ein Rumfass, ich befehle es dir.«
    »Sheppard, im Angesicht der Toten willst du trinken?«
    Der Amerikaner lachte. »Auf diesem Schiff regiert der Teufel«, rief er. »Es
wird früh genug als Wrack am Strande liegen, also lasst uns die paar Tage
geniessen, so gut es geht. Den Rum her, sage ich.«
    Zwei von der Mannschaft, gierig und unbändig wie er selbst, waren bereits in
den Vorratsraum hinabgestiegen, hatten die Tür mit Axtschlägen geöffnet und
schleppten jetzt eins der Branntweinfässer herbei. Um keine Zeit zu verlieren,
schlug man auch hier den Boden heraus, so dass sich Blut und Branntwein an Deck
miteinander mischten. Dann begann das Gelage.
    Nachdem die Leute vier Monate lang den gewohnten und beinahe unentbehrlichen
Alkohol jeden Tag vermisst hatten, stürzten sie jetzt wie die wilden Tiere
darüber her, so dass sie schon nach einer Viertelstunde vollständig betrunken
waren, und in diesem Zustand schreckten sie vor keiner Abscheulichkeit mehr
zurück.
    »Fasst an!« rief Sheppard. »Über Bord mit den Toten!«
    Ein rohes Lachen antwortete ihm. »Eins, zwei, - - drei!«
    Das Wasser spritzte hoch empor, das Meer zog weite Kreise, und ein Hai, der
dem Schiff schon längere Zeit gefolgt war, öffnete gierig das Maul mit den sechs
Reihen nach innen gebogener, sägenförmig ausgefeilter Zähne - - - noch einmal
wiederholte sich das barbarische Schauspiel, dann wurde notdürftig das Blut
abgewaschen und weitergetrunken, bis alle Teilnehmer des entsetzlichen Gelages
unfähig waren, auch nur noch die Hände aufzuheben.
    Fünf von den Männern lagen regungslos an Deck und hätten unbedingt erfrieren
müssen, wenn nicht die andern so barmherzig gewesen wären, sie in das Logis zu
schleppen. Als die wilden Stimmen verhallt waren, hielten die Besonnenen einen
verzweifelten Kriegsrat.
    »Was soll aus uns werden?« fragten die Mutlosesten. »Dieser Sheppard wird
jetzt wie ein Teufel an Bord regieren und uns alle, sobald es ihm gefällt, dem
Kapitän nachschicken.«
    »Morgen haben wir Sturm!« warf ein anderer ein. »Es ist gleichgültig, was
wir wünschen und was wir beschliessen, - das Schiff wird ein Wrack sein, ehe noch
die nächste Nacht vergeht. Sheppard muss uns vor Gott verantworten, - uns rettet
nichts.«
    Eine unheimliche Stille folgte diesen nur zu wahren Worten, dann fuhr der
Sprecher fort: »Ist einer unter uns, der etwas von Steuerkunde versteht?«
    Alle schüttelten die Köpfe. »Aber der zweite Steeurmann lebt ja noch!« rief
plötzlich Robert.
    Man eilte zu seiner Koje. Der Mann war noch warm, aber - vor einer
Viertelstunde etwa gestorben.
    »Es nützt nichts!« sagte verzweifelt der Matrose. »Wir sind verloren. Hört
ihr, wie es durch das Takelwerk heult?«
    Wirklich pfiff und ächzte der Wind in den Segeln. Das Schiff flog wie eine
Möwe über die Wellen. Niemand achtete auf den Kurs, niemand befahl und niemand
gehorchte. Bange Todesstille herrschte in dem kleinen Kreis.
    »Wäre nur Sheppard erst einmal nüchtern«, meinte Robert. »Er versteht
vielleicht das Notdürftigste; denn er hat ja die ganze Sache eingeleitet.«
    Der andere schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht, und ebenso sicher ist
es auch, dass Sheppard nicht mehr nüchtern werden wird, bis er zur Hölle fährt.
Du kennst diese Sorte von Seeleuten nicht, sie sind wilde Bestien, wenn der
Alkohol ihren Verstand umnebelt. Sheppard hätte bei täglichen, mässigen Rationen
seine Arbeit treu erfüllt und wäre vernünftig geblieben, bei vollen Fässern aber
wird aus ihm ein Teufel, der alle Vernunft verlacht. Er trinkt, trinkt - und
geht bewusstlos mit den letzten auseinanderbrechenden Planken des Vogel Greif in
die Tiefe. Uns zieht er nach sich, das ist das Schlimmste.«
    Roberts Augen glühten. »So lasst uns jetzt gleich die Fässer an Deck rollen«,
rief er, »und lasst das Teufelsgebräu aus den Speigatten laufen. Dann bleibt
Sheppard nüchtern, ob er will oder nicht.«
    Der Kamerad lächelte. »Willst du ihm sagen, dass du es warst, der den
Branntwein verschüttet hat?« fragte er.
    »Ja. Weshalb nicht?«
    »Weil er dich auf der Stelle totschlagen würde, mein Freund!«
    »Das ist wahr!« sagte eine andere Stimme. »Wir können es nicht tun. Alles,
was uns übrig bleibt, ist - Gott um Gnade bitten. Wüssten wir wenigstens, wo wir
im Augenblick sind und ob eine Küste in der Nähe ist.«
    Der erste Matrose nickte. »Das glaube ich euch sagen zu können, Kameraden.
Die letzten Wale, die ich gestern abend gesellen habe, waren Breitnasen, - eine
Gattung, die man vor allem an der nördlichsten Küste von Lappland trifft. Dort
also müssen wir sein.«
    Robert atmete auf. »Lappland!« wiederholte er, »das ist immer noch besser
als Grönland oder Nowaja-Smelja, die beide an ihren Eismeergrenzen ganz
unbewohnt sind. Werden wir an die Küste getrieben und kommen mit dem Leben
davon, so besteht doch einige Aussicht, dass uns ein Stamm der Wanderlappen
begegnet, - dass wir zu Menschen gelangen.«
    Die übrigen seufzten. »Was für einen Mut du hast, Kamerad! Als ob man daran
denken dürfte, lebend den Strand zu erreichen.«
    Roberts frisches Gesicht sah aus wie lauter Jugendkraft und Zuversicht.
»Matrosen«, sagte er, »das ist nicht der Weg, der zum Ziel führt. Wir müssen an
die vielen Schiff brüchigen denken, die schon gut an Land gekommen sind, und
müssen alle unsere Kraft einsetzen, um den Tod zu schlagen. Jeden Augenblick
kann das Schiff auf die Klippen laufen, darum lasst uns gerüstet sein. Einer muss
an den Ausguck. Wen wählt ihr dazu?«
    Der erste Matrose reichte ihm die Hand. »Geh du selbst, Kamerad. Dein Herz
und deine Augen sind jung, geh du! An Rettung ist nicht zu denken, aber warne
uns rechtzeitig, dass man im letzten Augenblick ein Vaterunser beten und
wenigstens ruhig sterben kann.«
    Robert hörte nicht auf das, was die Mutlosen sagten. Er kletterte trotz des
wilden Wetters so ruhig über die Bordwand hinaus und an den Strickleitern empor,
als sei es der schönste Sommerabend und kein Wölkchen am Himmel.
    Der Wind flog durch sein dichtes Haar, riss und rüttelte an den schwachen
Strängen, denen er sich so sorglos anvertraute, bog die Raaen unter seinen Füssen
und peitschte das lose Takelwerk hoch oben am Messingknauf, den die Strafwache
putzen muss und an dem er selbst so manches Mal gehangen hatte, aus reiner Lust
am gefährlichen, übermütigen Spiel.
    Er atmete tief auf und sah um sich, so gut es die Dunkelheit zuliess. Nichts
als weissen, schäumenden Gischt, haushohe Wellen und schwarze, gähnende Abgründe
konnten seine Augen unterscheiden.
    »Jetzt sterben?« dachte er. »Unmöglich, das kann Gott nicht wollen. Ich
glaube, dass ich mich retten werde und vielleicht die anderen dazu. Dann gibt es
eine Wanderschaft durch die Eiswüsten. Rentierblut oder vielleicht sogar Tran
als Nahrung, Kampf mit Bären und Wölfen, endlose Einsamkeit in Schnee und Kälte,
- dann heisst es jeden Augenblick um das Dasein kämpfen und ihm jeden Fussbreit
Boden ablisten. Mag es schwer werden, mögen die Hände bluten und die Füsse den
Dienst versagen, ich will aushalten, aber - nur nicht sterben!«
    Er schlug die Arme um den Körper und hielt scharfen Ausguck, bis der Morgen
dämmerte, aber kein Land kam in Sicht. In unaufhaltsamer Fahrt stürmte der
»Vogel Greif« durch die Wogen vorwärts.
    Als es heller Tag geworden war, kam der Neger, um Roberts Wache zu
übernehmen. Drinnen in der Kajüte brannte ein behagliches Feuer, ebenso war
Kaffee gekocht worden und etwas kaltes Fleisch hervorgesucht. Die fünf
Betrunkenen taumelten und krochen überall umher, um sich mühsam der letzten
Vergangenheit zu erinnern und dann wieder an die Branntweinfässer
zurückzukehren. Vergeblich waren Roberts Bitten, vergeblich seine eindringlichen
Vorstellungen. Sheppard brummte einen Fluch. »Wer kann gegen das Schicksal«,
sagte er, »wer kann sich gegen den Teufel behaupten? Das Schiff ist ihm
verfallen, seit der verfluchte Mörder, den nun die Haifische gefressen haben,
den Sturmvogel erschoss. Da hilft nichts, also lasst uns lustig sterben, wenn doch
einmal gestorben sein muss.«
    Robert gab aber die Sache noch nicht auf. »Sheppard«, sagte er, »willst du
nicht uns allen helfen, statt dich sinnlos zu betrinken und vielleicht aus dem
tierischen Rausch nie wieder zu erwachen?«
    »Geh zum Teufel mit deinem Geplärr!«
    Und das zweite Rumfass wurde in die Kapitänskajüte geschleppt, wüste
Gassenhauer wurden angestimmt und weitergezecht und gejubelt, bis tiefe Stille
eintrat, - bis da unten in dem kleinen, gemütlichen Raum wieder fünf leblose
Körper auf dem Boden lagen wie gestern.
    Aber die andern hatten keineswegs die Hände in den Schoss gelegt, sondern
getan, was sich im Augenblick tun liess. Man spannte schwere Seile quer über das
Deck, um für die notwendigsten Massnahmen einen einigermassen festen Halt zu
haben, dann wurden auch die grossen Segel eingezogen und auf diese Weise die
Fahrt des steuerlosen Schiffes etwas ermässigt. Da sich kein Kurs verfolgen und
kein Segelmanöver ausführen liess, so kam es ja allein darauf an, der Strömung zu
folgen und das Weitere abzuwarten.
    Der Wind wurde gegen Mittag immer stärker. Das Barometer fiel plötzlich sehr
tief, und der Orkan brach los, so dass sich das Schiff mit kahlen Masten ganz auf
die Seite legte. Nachdem es sich ebenso schnell wieder aufgerichtet hatte,
setzte es die Fahrt mit unheimlicher Geschwindigkeit fort, wohin, das wusste
niemand. Der Druck des Windes war so gross, dass er keine hohe See mehr aufkommen
liess, sondern alles Wasser gleich in Schaum verwandelte.
    Da klang durch das Toben des Sturmes ein Schrei, wie ihn ein Mensch nur in
höchster Verzweiflung und Todesnot ausstossen kann.
    »Land! - Land! Gott im Himmel, das ist die Küste!«
    Zwischen den aufgespannten Seilen hielten sich die Matrosen mühsam aufrecht.
Aller Augen starrten auf die verhängnisvollen Eisblöcke, die sich in einer
Entfernung von wenigen hundert Metern riesig und unbeweglich emportürmten. Nein,
das schwamm nicht, das stand fest im Sturm und streckte seine letzten Ausläufer
bis in das brodelnde, zischende Meer, dessen Wellen es zuweilen hoch überspülten
und für den Augenblick ganz in sich vergruben.
    Wie ein Pfeil schoss das Schiff geradewegs der Brandung entgegen. Noch einige
Minuten, und es musste in tausend Trümmer zerschellen.
    Der alte Neger stand zufällig zwischen den Haltetauen neben Robert. »Jetzt
ist es vorbei«, sagte er. »Der Tod erwartet uns.«
    »Noch nicht!« rief Robert unter Aufbietung aller seiner Kräfte, »noch nicht,
Mongo! Es ist noch Hoffnung, solange wir leben.«
    Fast im gleichen Augenblick stand das Schiff in einer fürchterlichen
Brandung und lief mit solcher Wucht auf Grund, dass der Stoss die ganze kleine
Besatzung zu Boden warf.
    Die Masten drehten sich knarrend, schwankten und stürzten gleichzeitig über
Bord, das ganze Achterdeck wurde wie ein Federball fortgeschleudert, für
Sekunden sah Robert noch die Leichengesichter Sheppards und seiner Genossen,
dann kam die Katastrophe.
    Ein unheimlicher, donnerähnlicher Krach spaltete das Schiff von einem Ende
zum anderen, weisse Sturzseen gingen darüber hin, Robert fühlte sich
emporgehoben, vom Wirbel fortgerissen und geblendet von den rauschenden Fluten -
-
    Dann verlor er die Besinnung.
 
                               »Im hohen Norden«
Kennt ihr das Märchen von der Entstehung Norwegens?
    Lasst es euch erzählen!
    Als Gott der Herr die Welt erschaffen und alles ringsumher geordnet hatte,
da blickte er zufrieden auf das vollendete Werk. Plötzlich aber wurde sein
Nachsinnen gewaltsam gestört durch den Fall eines ungeheuren Felsbrockens, der
in das Meer stürzte. Als der Schöpfer aufsah, erblickte er den Teufel, der
hohnlachend dem gewaltigen, von seiner Hand geschleuderten Block nachschaute.
»Die Achse des neu entstandenen Erdballs soll brechen!« rief Luzifer, »der ganze
Bau soll in Trümmer fallen, weil ich ihn hasse!«
    Aber Gottes Liebe war stärker als der Hass des Bösen. Zwar schwankte der
Erdball und drehte sich, in seinen Grundfesten erschüttert, um die eigene Achse,
aber des Herrn Hand gab dem Felsblock einen Halt im Meer, und sein Herz erbarmte
sich des toten, starren Gesteins. Er segnete die wildzerrissenen schwarzen,
überall wie unheimliche Riesen aus dem Ozean auftauchenden Berge und streute in
die tiefen Täler den letzten Rest übriggebliebener Erde. Aber ach! Er begann mit
diesem Werk der Barmherzigkeit im Süden, wo bald darauf hohe Bäume, grüne Wiesen
und goldene Ährenfelder wuchsen, - für den Norden behielt er kein Körnchen Erde
zurück.
    Dennoch belebte der Segen des Weltschöpfers auch die kahlen, toten Felsen.
Keine Blume blüht dort, keine Frucht reift und kein Vogel singt, aber in die
ewigstarren Eisfelder setzte Gott ein Geschöpf, halb Kuh, halb Hirsch, das mit
Milch und Butter, Blut, Fleisch, Fell und Sehnen die Menschen vor dem Hungertode
bewahrt: das Rentier. Und alle Ströme, alle Seen und Flüsse, das Meer und die
Fjorde füllte er mit Fischen.
    Das ist Norwegen, das ist das Land hoch oben unter dem siebzigsten
Breitengrad, wo auch Walfisch und Eisbär leben.
    Abwechselnd schwarz und mit Eis überzogen ragen die Felsspitzen vom Meer bis
zu den Wolken in hundertfachen Abstufungen hoch und immer höher empor. Hier
schlägt die Brandung, grünlich schillernd, weissschäumend und gewaltig wie ein
wildes Urweltgeschöpf, donnernd im sprungartigen Anprall gegen einen Felsen, der
seit dem ersten Schöpfungstage die steinerne Brust flach und unbewehrt dem Toben
des Meeres darbietet, der wie ein Kaiser im wallenden Mantel von Schnee und Eis
stolz über seine Vasallen hinwegsieht und dessen Haupt die Sonnenstrahlen
krönen.
    Dort stürzen die Wellen, sich gegenseitig überholend und zurückdrängend, wie
von Feinden getrieben, in regelloser Flucht durch die schwarzen, steinernen
Säulen, unter deren Bogen ein verborgenes Echo wohnt, das spottend seit
Jahrtausenden jeden Laut zurückwirft.
    Wie die Ruinen und halb verkohlten Überreste einer zerstörten Riesenstadt,
so ragen die zerrissenen, gespaltenen und vielgeformten Felsgipfel aus dem Meer
hervor, wie ein starrer, steinerner Gürtel umgeben sie terrassenförmig das Land.
Und über die höchsten Spitzen erheben sich schneebedeckt, unnahbar und
ehrfurchtgebietend die fernen Gipfel der Riesenberge, blauverhüllt von. Dunst
und Wolkenschleiern, vom Zauber der Sage geheiligt. - -
    Die Sonne schien hell herab, das Meer lag ruhig wie ein schlafender Riese,
die Möwen schwebten mit weissen Flügeln über dem Wasser, und hoch oben in der
reinen, eiskalten Luft zog ein Adler seine Bahn - -
    Er schraubt sich tiefer und tiefer herab, er späht mit seitwärts gewandtem
Kopf und zieht immer engere, kleinere Kreise - -
    Was da unten die Wellen spielend emporheben, was sie bald der Küste zuführen
wollen und bald von ihr wieder entfernen, das weisse, stille Gesicht mit der
klaffenden Stirnwunde und den geschlossenen Augen, - ist es ein willkommener
Fund, eine Beute für die kreischende Brut im unzugänglichen Felsennest?
    Tiefer senkt sich der Raubvogel, noch tiefer - -
    So bleich das Gesicht, so reglos die ganze Gestalt - der da auf den Wellen
treibt, ist tot - -
    Noch wenige Armeslängen, und der Adler packt mit scharfem Schnabel seine
Beute. Schon schwebt er unmittelbar über dem Körper des Leblosen - -
    Da fliegt ein schweres Holzstück sausend durch die Luft, das Raubtier stösst
einen Schrei aus und taumelt empor in eiliger Flucht - -
    Schwarze Arme teilen die Flut, ein dunkles Gesicht beugt sich über den
Toten, und kräftige Hände tragen ihn an den Strand, auf das Bett von Felsen und
Schnee.
    Mongo, der alte Matrose, schüttelt den Kopf.
    »Wenig Hoffnung«, denkt er, »aber doch will ich es versuchen, doch alles
mögliche tun, bevor ich den armen Jungen seinem Schicksal überlasse!«
    Und er entblösst die Brust des Bewegungslosen, er reibt mit. Schnee die
starren Glieder, er walkt den ganzen Körper, wie der Bäcker den Teig, damit das
verschluckte Wasser herauslaufe, er haucht den eigenen Atem zwischen die kalten
Lippen -
    Und endlich, nach langer, unermüdlicher Anstrengung hört er den ersten
schwachen Seufzer, der das zurückkehrende Leben ankündigt. Ein Freudenstrahl
überfliegt sein schwarzes Gesicht.
    »Wo bin ich? - Wo sind die andern?«
    Robert griff mit beiden Händen in den Schnee, wie um sich zu halten, um sich
zu überzeugen, dass er wache. Seine Augen forschten gespannt in den Zügen des
Negers. »Mongo«, fragte er »wo ist der Vogel Greif?«
    Der Schwarze schüttelte den Kopf. »Frage die Wellen, Bob, frage den Sturm.
Jeder hat ein Teil davongetragen.«
    Robert stützte sich auf die Ellbogen. In diesem Augenblick war selbst sein
Trotz, sein unbesiegbarer Mut gebrochen. Wo noch vor kurzem das schwere,
stattliche Schiff gelegen hatte, da dehnten sich die Wogen in blauer
Unendlichkeit, wo ihn ein sicheres, festes Dach vor Sturm und Schnee beschützt
hatte, da strich der Wind kalt durch sein Haar und über seine Glieder.
    »Mongo«, flüsterte er, »sind wir die einzigen Geretteten?«
    »Ja, Bob. Als ich zur Besinnung kam, da war alles fort, nur ein paar Trümmer
schwammen auf den Wellen, und etwas weiter zwischen Klippen sah ich dich. Das
übrige weisst du. - Ich fürchte, wir sind dem Tode des Ertrinkens nur entgangen,
um jetzt zu verhungern«, fügte er hinzu.
    Robert erhob sich mit schmerzenden Gliedern und versuchte einige Schritte zu
gehen. »Nichts ist verloren, Mongo«, antwortete er, eine Zuversicht heuchelnd,
die er in Wirklichkeit nicht besass. »Auf, wir müssen in den Klippen nachsuchen,
ob irgendwo ein Vorratsfass oder einige Warfen an das Ufer gespült worden sind.
Es waren Kisten voll Säbel und Pistolen an Bord.«
    Mongo lächelte ungläubig. »Was wolltest du damit, Bob?«
    »Gegen Feinde uns wehren, Mongo, und Beute machen, damit wir essen können.
Lass uns suchen!«
    Der Neger war zwar nicht überzeugt, aber er erhob sich doch und begann mit
Robert die Klippen zu durchstreifen. Bretter, Bohlen und Planken, Stücke von den
Kajütenmöbeln, Segeltuch und hundert andere Kleinigkeiten trieben auf den
Wellen, aber es war nichts zu finden, das mit einer Waffe oder etwas Essbarem die
mindeste Ähnlichkeit gehabt hätte.
    Stunde auf Stunde verging, die beiden eifrigen Sucher stillten den nagenden
Hunger mit etwas Schnee, den sie im Munde schmelzen liessen, sie trösteten sich
gegenseitig und durchstöberten unermüdlich jede Felsspalte, immer in der
Hoffnung, doch noch irgend etwas Brauchbares zu finden. »Vielleicht hier«, rief
Robert, sooft er in eine neue Vertiefung hinabsah, »es muss uns doch endlich
gelingen.«
    Aber nichts zeigte sich ihren forschenden Augen. Langsam brach die Dämmerung
herein. Sterne erschienen am Himmel, der Mond erhob sich in festen, klaren
Umrissen, aber nicht der geringste Erfolg krönte die Bemühungen so vieler
Stunden. Die beiden Schiffbrüchigen sahen sich fragend an.
    »Was nun, Bob?« fragte kopfschüttelnd der Neger.
    »Erst einmal fort von hier!« antwortete der junge Matrose.
    »Vielleicht lebt hinter den nächsten Bergen ein Stamm der Küstenlappen, und
wenn wir den erreicht haben, so ist wenigstens das Leben gerettet. Der Winter
hat sich ausgetobt, Mongo, das Schlimmste ist überstanden, daher lass uns
kämpfen, solange wir atmen.«
    Der Schwarze antwortete nicht. Er ging an Roberts Seite landeinwärts über
Klippen und Vorsprünge, durch Schluchten und Täler, bis sie in verhältnismässig
flaches Gelände kamen, wo sie leicht Fuss fassen konnten, und wo die Kälte weit
weniger spürbar war, da hier der eisige, von Norden kommende Seewind keinen
Eingang fand. Beide hatten sich zum Schutz gegen Raubtiere mit Trümmern von
Schiffsplanken bewaffnet und wanderten schweigend weiter.
    Mond und Sterne verbreiteten einen so hellen Schein, dass nur in den
Schluchten der Felsen die Nacht ihr dunkles Recht geltend machen konnte.
Zuweilen krächzte ein Raubvogel oder strich mit scheuer Hast ein weisser Hase
vorüber, sonst war alles still.
    Robert achtete genau auf die Pflanzenwelt. Dass hier in dieser nördlichen
Zone nichts Geniessbares wuchs, wusste er recht gut, aber das war es auch nicht,
was er suchte.
    In diesen Küstenstrichen nistet auf flachem Boden in den Ranken der
kümmerlichen Pflanzen, besonders der wollblättrigen Weide, der grosse Eistaucher,
dessen Eier in niederen Nestern ausgebrütet werden. Robert hatte gelesen, dass
mit diesen Nestern manchmal ganze Flächen bedeckt sind, und daher war seine
Hoffnung, wenigstens einige Vogelfamilien zu finden, durchaus nicht ganz
unbegründet.
    »Auf, Mongo«, sagte er, »jetzt werden wir Eier essen. Gib nur acht, bald ist
der Tisch für uns gedeckt.«
    Der Neger seufzte schmerzlich. »Mich friert«, entgegnete er. »Es ist
schrecklich, so unter Eis und Felsen zu sterben!«
    »Still, Mongo, wer denkt daran! Du musst Mut fassen, Alter!«
    Und Robert versuchte, den Schwarzen zum Sprechen zu bringen. Das würde ihn
ermuntern, ihn neu beleben und die Wanderung durch Hunger und Kälte erträglicher
machen. »Erzähle mir einmal, wo du geboren bist, alter Seewolf«, fuhr er fort.
»Natürlich in Afrika, wo die Sonne am stärksten brennt.«
    Der Schwarze nickte. »Wer ich bin?« fragte er, halb traurig, halb
triumphierend, »wer ich bin? - Der rechtmässige König von Dahomei, mein Junge.«
    Robert lachte, dass wenigstens sechs verschiedene Felsenechos lustig den
Klang zurückwarfen. »Du ein König?« wiederholte er.
    »Alle tausend Donnerwetter, da muss ja ein gewöhnlicher Sterblicher
wenigstens zehn Schritte hinter dir gehen und dich Majestät nennen!«
    Der Neger lachte gutmütig mit. »Du junger Spitzbube«, schmunzelte er, »du
übermütiger Schlingel. Aber was ich gesagt habe, ist buchstäblich wahr.«
    »Nun«, rief Robert, »und wie kamst du denn von deinem Bambustron in die
Matrosenjacke hinein?«
    Der Schwarze schauderte, halb vor Kälte, halb in der Erinnerung an das, was
er vor dieser Unglücksfahrt im Leben schon durchgemacht hatte. »Ich wurde mit
Hunderten meiner Brüder als Sklave nach Nordamerika verkauft«, antwortete er.
    »Als Sklave?« wiederholte der Junge. »Du Armer, wie kam das? - Erzähle doch
davon! Wenn wir den Ernst und die Gefahren des Augenblicks vergessen, so werden
wir die Wanderung viel leichter ertragen.«
    Der Neger schüttelte den Kopf. »Die Wanderung ohne Ziel!« sagte er
hoffnungslos.
    »Das weisst du ja noch nicht, Mongo. Erzähle mir lieber, wie es in dem
königlichen Palast in Dahomei aussieht. Kennt man überhaupt bei deinem Stamm
Gesetz und Rechte?«
    Der alte Neger schwieg längere Zeit. »Rechte?« sagte er dann. »Nein, Bob,
das Volk hat keine, kennt und wünscht keine Rechte, nur der König herrscht nach
Laune und Willkür zusammen mit den Priestern, die zwischen ihm und seinen
Untertanen als Vermittler stehen. Siehst du, mein Junge, ich bin jetzt länger
als dreissig Jahre ein Christ wie du, ich verabscheue natürlich die Grausamkeit
und die zügellose Wildheit meines Volkes, aber dennoch geht mir das Herz weit
auf, wenn ich an Afrika zurückdenke. Die Stadt, in der ich geboren wurde, heisst
Abomei, und das königliche Haus meines Vaters war eine grosse, breite Halle aus
Bambusstäben und Lehm, mit einem Dach aus Segeltuch. Zahme Strausse gingen
majestätisch nickend auf und ab, junge Panter spielten mit mir im Sande, und
die zahlreichen Sklaven waren meine Pferde, auf deren Rücken ich spazieren ritt,
sooft es mir Spass machte. Ich trug als das Königskind von Dahomei an meinem
Körper nur Seide und goldene Spangen, ich spielte mit den Schädeln erschlagener
Feinde und schoss zum Zeitvertreib die auf Stangen gesteckten Köpfe
hingerichteter Untertanen mit dem hölzernen Bogen herab.
    Ach, Bob, du kennst Afrika nicht, das Paradies der Erde. Alles wächst dir
dort entgegen, ohne dass du zu säen oder das Feld zu bestellen brauchst; die
Bambusstäbe liefern dir das Dach, unter dem du schläfst, das Meer ist dein
Badeplatz, die Sonne dein Feuer. Du brauchst als Kleidung nur einen
Lendenschurz, du kennst keine Arbeit, keine Mühe und Sorgen; das Leben ist
überall Genuss, nirgends ein Kampf. - Ach, es bedrückt mich doch, so in der
Eiswüste zu enden, - es graut mir vor dem Norden mit seinem Frost und Sturm!«
    Robert schüttelte abwehrend den Kopf. »Ich liebe den Norden, alter Mongo!«
rief er, »ich liebe das Kalte und Grossartige, - ich will säen, bevor ich ernte,
ich will nichts geschenkt haben, sondern alles erringen und selbst verdienen.
Siehst du, wenn jetzt ein gedeckter Tisch hier am Wege stände, dann könnte man
sich wohl hinsetzen und die guten Dinge über den Schnabel nehmen, nicht wahr? -
Aber schau her, es gehört schon ein bisschen Geduld und Verständnis dazu, aus
diesen kleinen Brustfedern, die hier und da auf dem Boden liegen, auf
Brutstätten der Eisvögel zu schliessen. Gib nur acht, ich finde bald die Nester,
und dann schmeckt das mühsam Gesuchte besser, als hätte es der Zufall hergeweht.
- Horch, schrie nicht dort ein. Vogel?«
    Der Neger fasste den Stock fester in die Hand. »Ein Tier war es jedenfalls!«
sagte er.
    Robert schlich auf den Zehenspitzen um den nächsten Felsen herum, und dann
ertönte ein heller Freudenruf, dem ein Kreischen, Flattern und Piepsen von
zahllosen Vogelstimmen folgte. »Hurra, Mongo, Hurra! Wenigstens tausend Nester,
wenigstens dreitausend grosse Eier!« rief Robert. »Jetzt lass uns essen, und wenn
jemals ein Abendbrot besser geschmeckt hat, als dieses aus rohen Eidottern, so
will ich nicht Robert heissen. Lappland soll leben!« Er schleuderte, als er das
erste Ei getrunken hatte, die zerbrochene Schale hoch in die Luft und machte
sich über das zweite her. Der Neger folgte seinem Beispiel, so dass während der
nächsten Minuten das Gespräch völlig stockte. Wenn eine der aufgeschreckten,
angstvollen Vögelmütter zu nahe herankam, so musste der Stock helfen, und endlich
sahen sich die beiden neu gekräftigt an.
    »Hast du jetzt wieder Mut, Mongo?«
    »Du bist ein Schlingel. Ich habe dir's ja schon früher gesagt.«
    Robert lachte. »Wer schweigt oder die Antwort umgeht, der hat zugestimmt,
wie du weisst, Alter. Jetzt nehmen wir noch ein paar Eier mit uns - aus jedem
Nest eins, der armen Mütter wegen - und dann weiter.«
    Er ging voran, eine lustige Seemannsmelodie pfeifend. »Komm, Mongo«, fuhr er
fort, »rasch nach Afrika, dort ist es gemütlicher als hier in Lappland. Du hast
mir den Palast beschrieben und deine Spielgefährten, zweibeinige und Vierfüssler;
jetzt sei so gut, ein wenig von der Leibgarde zu erzählen. Gibt es Soldaten bei
euch?« Der Neger lächelte, dass seine weissen Zähne hervorschimmerten.
    »Amazonen, mein Junge, ein reguläres Korps von Weibern«, antwortete er.
»Damit führte mein Vater Krieg und hat viele Schlachten siegreich gewonnen. Die
tapferen Frauen sind, wie alle Einwohner des Königreichs, bis zum Gürtel
unbekleidet, tragen aber an allen Gelenken, in Nase und Ohren, eine Unmenge
Schmuck, Ketten und Spangen, Knöpfe, Glasperlen und Federn. Sie führen als Waffe
einen kurzen Hirschfänger, den sie mit grosser Geschicklichkeit handhaben. Ihre
Musikinstrumente sind Trommeln und Pfeifen.
    Wenn aber die alljährlichen Menschenopfer beginnen, so erfüllt diese
eigenartige Garde erst ihre wahre Bedeutung. Der dazu bestimmte Tag fällt nach
christlicher Zeitrechnung auf den sechsten Mai, und die Feier selbst ist
wirklich bestialisch. Hast du starke Nerven, Bob, um das anhören zu können?«
    Robert nickte lebhaft. »Aber Mongo, es sind ja keine Erfindungen, die du mir
erzählen willst, sondern ein Stück Völkerkunde, etwas wirklich Wahres, also lass
mich alles erfahren. Die Menschenopfer eines heidnischen Volkes können wohl nur
scheusslich und bestialisch sein, glaube ich.«
    Der Neger seufzte. »Ja, du hast recht, Bob«, antwortete er, »scheusslich ist
das alles. Aber da es dein Wunsch ist, diese Dinge kennen zu lernen, so höre
weiter. Das Fest, von dem ich sprach, wird zu Ehren Abomas, der grossen
Abgottsschlange, gefeiert, und zwar folgendermassen. Der König, mein Vater,
eröffnet selbst den Zug. Seine Kleidung besteht aus weiten türkischen Hosen,
gelben Maroquinstiefeln, einer Unzahl verschiedenfarbiger seidener Halsund
Leibbinden und einem dreieckigen Hut mit wallenden Straussenfedern. Ihn umgeben
seine Gardisten, ungefähr zweihundert gänzlich verwilderte, blutdürstige Weiber,
und nun beginnt das eigentliche Opfer.
    In einiger Entfernung von dem mit farbiger Seide und metallenen Zieraten
reichgeschmückten Tron entfernt stehen hinter einer dornigen Hecke vielleicht
fünfzig bis sechzig Gefangene, die schon vorher zum Tode verurteilt waren und
die nun durch die Amazonen bis an den Tronsessel geschleppt werden.
Bluttriefend, zerfetzt an allen Gliedern kehren diese entmenschten Furien mit
ihren Opfern über die tausend spitzen Stacheln der Hecke zum Richtplatz zurück,
und nun entreisst der König der ersten, die ihm ihren Sklaven zu Füssen legt, das
Schwert, um damit auf einen Schlag dem Unglücklichen das Haupt abzuschlagen.
    
    Ist erst einmal Blut geflossen, so beginnt eine Szene, wie sie grauenhafter
nicht gedacht werden kann. Es scheint, als ob sich eine Art von Wahnsinn der
Menschen bemächtigte, als ob die Grenze zwischen Mensch und Tier für den
Augenblick niedergerissen worden sei. Fünf Tage lang dauert das Morden, wobei
die Amazonen zuletzt das warme Blut ihrer Opfer mit Branntwein vermischen und
trinken, während der grässlich Verstümmelte noch lebend zusieht. Am sechsten
Tage, nachdem Massen von Sklaven getötet worden sind, kehrt alles zur gewohnten
Ruhe zurück.«
    Robert hatte schweigend zugehört. »Das übersteigt wirklich alles
Glaubhafte«, sagte er dann. »Ich begreife nicht, wie sich ein Volk von seinem
Herrscher das gefallen lassen kann. Finden vielleicht noch andere Opferfeste
statt?«
    »Es gibt noch eine zweite heilige Schlange, Daboy genannt, und. diese
fordert das Opfer einer einzigen, aber der schönsten Jungfrau des Landes.
Alljährlich am ersten November erlässt der König einen Befehl, dass sein Injumann
oder Oberpriester die Runde macht, um das unglückliche Mädchen, das getötet
werden soll, auszuwählen. Während dieser Stunden darf kein Untertan das Haus
verlassen, denn wer etwa dem Priester begegnen würde, der wäre des Todes
schuldig. Das dumme, irregeleitete Volk löscht sogar aus Furcht, gesehen zu
werden, das Feuer in den Hütten.
    Um Mitternacht verlässt der Injumann einen geweihten Hain, dessen Betreten
allen nicht zur geistlichen Brüderschaft gehörenden Negern auf das strengste
untersagt ist. Seine Kleidung besteht aus einem langen Mantel aus schwarzem
Pelz, der bis auf den Fussboden herabfällt. Eine ebensolche Kapuze bedeckt den
Kopf, der mit dieser mächtigen, spitz zulaufenden und übermässig grossen Haube
genau wie die Schnauze eines Bären aussieht, - die Hände stecken in Tigertatzen,
und vor dem Gesicht trägt er eine ganz weisse Maske mit überlanger, spitzer
Nase.«
    »Ha, ha, ha«, lachte Robert, der seine Heiterkeit nicht länger im Zaum
halten konnte. »Der reine Polichinell, wie ich ihn in Hamburg habe auf der
Strasse reiten sehen, mit einem grossen Knüppel bewaffnet und ebenso aussehend.
Das ist darauf berechnet, den dummen Schwarzen Respekt einzuflössen! Nimm's mir
nicht übel, Mongo, aber darüber muss ich wirklich lachen.«
    Der Alte gab ihm einen scherzhaften Schlag auf die Schulter. »Tu dir keinen
Zwang an, mein Junge«, sagte er gutmütig. »Ich weiss ja selbst, dass nichts
anderes dahintersteckt und dass der Injumann meines Vaters ein grosser Spitzbube
war, ein Gauner, der seinen Vorteil kannte und wahrzunehmen verstand. Er hatte
auch, um für alle Fälle gerüstet zu sein, ein Gefolge von zehn Priestern, die
ähnlich gekleidet waren und ihn auf Schritt und Tritt begleiteten. Diese
schreckliche Schar findet auf ihrem Weg jede Tür weit geöffnet, um das schönste
Mädchen aussuchen zu können. Sobald sich aber der greuliche Lärm, den alle elf
auf trompetenartigen Instrumenten hervorbringen, von weitem hören lässt, fallen
sämtliche Einwohner auf ihre Knie und verbergen das Gesicht im Sand. Wer es
nicht täte, der wäre verloren.
    So zieht der Injumarnn bis zum nächsten Morgen durch die Strassen, wobei er
auch zur Wahrung seines Ansehens von Zeit zu Zeit ein paar Menschen ermordet.
Bei Anbruch der Dämmerung packt er plötzlich das erkorene Opfer, um es in den
geheiligten Hain, zu schleppen. Während er das zitternde Mädchen entführt,
müssen die Eltern und sonstigen Angehörigen das Gesicht wie alle übrigen im Sand
verbergen und dürfen durch keine Bewegung, keinen Laut verraten, dass sie
überhaupt von dem ganzen Vorgang etwas bemerken. Auch am folgenden Tage scheint
kein Glied der Familie das junge Mädchen zu vermissen, wenn nicht etwa, wie das
häufig geschieht, Vater und Mutter mit der Ehre prahlen, die ihnen durch die
Wahl des Injumanns zuteil geworden ist.
    Am dritten Tage versammelt sich das ganze Volk und mit ihm der König am Ufer
eines Flusses. Greuliche Musik begrüsst den Herrscher, das Opfer wird
herbeigeführt, und der Injumann, jetzt in gewöhnlicher Kleidung, naht von
anderer Seite. Das Gesicht und der ganze Körper des unglücklichen Wesens sind
bis zu den Fussspitzen herab mit Kreide dick bestrichen, so dass es selbst den
Eltern unmöglich sein würde, ihr Kind zu erkennen. Mit langsamen, gemessenen
Schritten bewegt sich das bebende Opfer bis zu einer Bank, an der es in hegender
Stellung befestigt wird. Der Injumann nimmt neben ihm seinen Platz ein und
scheint mit emporgewandten Blicken auf das Volk den Segen der Gotteit
herabzuflehen, worauf nach einem einzigen Schwertstreich der Kopf des
Schlachtopfers in den Fluss hinabrollt. Der blutende Körper wird sorgfältig unter
dem höchsten Baum auf eine Matte gelegt, wo er bleiben soll, bis ihn die Göttin
Daboy in das Land der Ruhe trägt. Tatsächlich aber - -«
    »Bringen ihn die Priester schon in der nächsten Nacht beiseite, um dann dem
Volk von einem Wunder erzählen zu können, nicht wahr?« fragte Robert.
    »So ist es, Bob!« antwortete der Neger. »Aber trotz aller dieser
Abscheulichkeiten, trotzdem - liebe ich Afrika. Unter seiner Sonne möchte ich
begraben liegen. Es ist seltsam, aber je älter ich werde, desto heftiger packt
mich das Heimweh.«
    Stumm ging Robert neben seinem Gefährten lange Zeit dahin, bis er endlich
leise fragte: »Und du warst nie wieder in deiner Heimat, Mongo?«
    »Nie!« antwortete der Neger. »Nachdem ich dreissig Jahre lang Sklave gewesen
war, hatte ich vom Christentum und dem Segen der bürgerlichen Welt zuviel
gesehen und die Barbarei meiner Väter zu sehr verabscheuen gelernt, um jemals
wieder in Afrika leben zu können, am wenigsten als König von Dahomei, dessen
Tron aus den Schädeln Erschlagener aufgebaut ist, dessen Füsse die Köpfe von
Sklaven als Schemel benutzen und der alljährlich diese grauenvollen Opfer
begehen muss. Ich bleibe meiner Heimat fern, - eben um des Heimwehs willen, so
seltsam das auch klingen mag.«
    Robert verstand den Alten vollkommen, und ernste Gedanken bewegten sich
hinter seiner jungen Stirn. Wie vieles hatte er schon gelernt und manchen Irrtum
eingesehen, obgleich er doch erst andertalb Jahre von Hause fort war! - Er
dachte an den strengen, unerbittlichen Vater in diesem Augenblick mit einer Art
von Rührung. Der Alte hatte wohl gewusst, wie schwer es ist, sich den Weg durch
das Leben selbst zu bahnen, er wollte keineswegs irgendein launenhaftes Gelüst
zur Geltung bringen, wenn er den Sohn hart anfasste, sondern er hoffte und
wünschte, dem einzigen geliebten Kind Sicherheit fürs Leben zu geben.
    In den Augen des jungen Matrosen schimmerte es feucht, er legte den Arm um
die Schultern des Negers. »Du, Mongo, wollen wir da hinaufklettern, hoch hinauf,
wo der Felsgrat über dem Abgrund hängt - und uns hinunterstürzen? Dann hat alles
ein Ende.«
    Der Neger schüttelte den Kopf. »Du Wildfang, wie der Augenblick mit dir
durchgeht! Bist du es etwa jetzt, dem die Beschwerden der Wanderung zu gross
werden?«
    Robert errötete. »Wirklich nicht, Mongo«, rief er, »aber du hattest mich mit
deiner Erzählung ganz durcheinander gebracht. Warum ist im Leben alles so schwer
und so unsicher? - Sieh, wenn ich ein Schneider geblieben wäre, bescheiden und
anspruchslos, die Mütze in der Hand und den Buckel krumm, dann könnte ich ein
gemachter Mann sein, der sich in vier engen Wänden die Welt erträumt, Taler auf
Taler legt und endlich stirbt wie eine Pflanze, die der Herbst verweht - und
wenn du nach Dahomei zurückkehren wolltest, so könntest du sogar König sein; -
aber nun sag mir, warum es uns, gerade uns, von da forttreibt, wo uns das Glück
erwartet! Kannst du das Rätsel lösen, Alter?«
    Der Schwarze wiegte bedächtig den Kopf. »Ich glaube, dass ich es kann«, sagte
er freundlich lächelnd. »Der Mensch soll sich überwinden lernen, das ist es.«
    Robert schüttelte sich. »Du, das beklemmt die Brust!« antwortete er. »Pass
auf, ich muss einmal richtig laut schreien, dass sich die alten Berge wundern,
sonst ersticke ich!«
    Er blieb stehen und streckte beide Arme aus, als ob er seinen Lungen den
weitesten Spielraum verschaffen wollte. Dann wiederhallten die düsteren
Bergesschluchten von einem langgedehnten Schrei, der als Echo noch minutenlang,
erst stärker und dann immer schwächer, in der Ferne nachklang. - Unwillkürlich
horchten die beiden Wanderer, als müsse doch eine Antwort zu hören sein.
    Aber ringsumher schwieg alles. Der Wind fuhr kalt über kahle Höhen daher,
sonst kein Laut, keine Lebensnähe.
    Die beiden setzten ihren Weg fort. Immer mehr ging es bergan, immer steiler
wurde der Pfad, immer spärlicher der Pflanzenwuchs. Endlich begann der Boden zu
knistern und zu krachen, - das Eis war hier nicht geschmolzen, sondern bedeckte
als harte Schicht den Felsen. Nur langsam konnten die Wanderer vorwärts kommen.
    Am Himmel erlosch Stern auf Stern, die kalte Luft schnitt förmlich in die
Lungen der beiden und raubte ihnen fast alle Kräfte. Gesprochen wurde nicht
mehr.
    Der Neger berührte Roberts Schulter. »Dort hinter dem Felsblock lass uns
einen Augenblick rasten«, sagte er mit matter Stimme. »Du bist jung, Freund,
aber meine Glieder versagen fast den Dienst.«
    Robert nickte stumm. Er liess den Alten sich setzen und gab ihm das letzte
Ei, das noch übriggeblieben war. »Erhole dich, Mongo«, sagte er. »Ich glaube,
dass dort die Sonne aufgeht, - wir werden also wenigstens bald sehen können, in
welcher Umgebung wir uns befinden.«
    Er erkletterte den höchsten Gipfel und beobachtete von hier aus den
Sonnenaufgang. Erst gelblich und dann in leichtes Rot übergehend, spielten
breite Säume an den Wolkenrändern, wie Feuerschlangen, die weiter kriechend an
Umfang zunahmen und deren Licht langsam anfing, nach unten hin die Gipfel und
Felskämme zu erhellen, während die Schluchten noch im tiefsten Dunkel dalagen.
    Spitze auf Spitze trat scharf hervor, hier wie ein Kirchturm, schlank und
vereinzelt, dort wie ein kniendes Weib, und dort wieder wie eine
mittelalterliche Ritterburg mit Zinnen und Türmen. - -
    Immer tiefer drangen die goldenen Sonnenstrahlen. Überall Zacken an Zacken,
wohin das Auge sah, überall Eis und Stein, wie gemeisselt die ganze Umgebung. Nur
ein Adlerpaar schwebte fern am Wolkensaum, sonst war es, als läge der Hauch des
Todes über dieser steinernen Welt. Kein Baum, kein Tier, keine Menschenwohnung,
ja nicht einmal ein grünes Blatt erinnerte an das Leben.
    Jetzt stand die Sonne hoch am Himmel. Robert wandte sich, um rückwärts zu
blicken, und nun atmete er auf. Was dort hinten so blau und silbern glänzte, das
war das Meer, das war seine geliebte - seine vergötterte Welt.
    Lange blieb er so, dann aber, nachdem er sich überzeugt hatte, dass kein
Schiff in der Nähe war, ging er zurück zu seinem alten Kameraden, der noch immer
den Kopf an die Felswand lehnte und ihn mit trübem Lächeln empfing. Robert sah
mitleidig, wie grau das früher so glänzende Schwarz des Negers geworden und wie
geschwächt er war.
    »Auf, Mongo«, sagte er ermunternd, »hier können wir nicht bleiben, du weisst
es, so gern ich dich auch schonen möchte. Sieh, das dort ist das Eismeer, also
die Nordgrenze von Lappland, demnach führt der Weg durch diesen Engpass nach
Süden. Wir müssen ihn verfolgen, damit uns Wanderlappen begegnen, denen wir uns
auf ihrem Zug nach den Lofoten anschliessen können. Komm, Mongo!«
    Der Schwarze erhob sich nickend. »Du hast recht, Bob«, antwortete er,
»obwohl ich doch nicht glaube, dass es uns etwas nützen wird. Aber zuerst, mein
junger Freund - ist heute Sonntag!«
    Er nahm das Taschentuch, das er an Stelle der verlorenen Mütze um den Kopf
gewunden hatte, ab, und Robert tat dasselbe. So standen die beiden und sahen vom
Felsen herab stumm in das schweigende, steinerne Tal zu ihren Füssen. Vielleicht
dachten sie kaum ganz bewusst, dachten keine Worte, keine Gebete, aber dennoch
hörten sie ein Klingen wie von Kirchenglocken, doch wendeten sich ihre Blicke
langsam zur Sonne, und ein stiller, tiefer Friede kam über beide. - -
    Robert lächelte dem Alten entgegen. »Komm«, sagte er, »nun geht's bergab.
Das wird dir leichter werden.«
    Mongo antwortete nicht. Nachdem die bunten Turbane geordnet waren, zogen
beide Wanderer durch einen schmalen, steilen Felsenpass, dessen beide Seiten sich
manchmal über ihren Köpfen berührten, in das Tal hinab und sahen nun eine weite
Ebene vor sich. Die Vegetation zeigte hier wieder Unmassen von Rentierflechten,
aber auch schon einige kleine verkrüppelte Gebüsche, die Robert als Kiefern
erkannte. Er suchte zu seinem heimlichen Bedauern vergebens unter allen Ranken
nach Vogelnestern, - es fand sich kein einziges.
    »Mongo«, erinnerte er, »du bist gestern mit deiner Erzählung im Rückstand
geblieben. Wie gerietest du in die Sklaverei der Amerikaner?«
    »Durch den Krieg«, antwortete der Neger. »Ich war vielleicht vierzehn Jahre,
als uns ein feindlicher Stamm überfiel und in einer einzigen Schlacht zu Grunde
richtete. Mit etwa vierzig oder fünfzig anderen Gefangenen, Männern und Frauen,
wurde ich nach Lagos geschleppt, wo ein Sklavenschiff bereit lag, uns nach
Amerika zu bringen.«
    Robert horchte auf. »Mongo, du sagst ein Sklavenschiff? - Gab es denn
Fahrzeuge, die für den Menschenhandel ganz besonders eingerichtet waren?«
    Der Schwarze nickte. »Ja, mein Junge. Die Kostbarkeit der Ware erforderte
eine sehr sorgfältige Behandlung. Auf keinem Fahrzeug der gesamten Handelsmarine
herrschte solche Sauberkeit und Ordnung, wie auf einem Sklavenschiff. An jedem
Morgen musste das Deck mit Sand und Steinen abgekratzt werden, dann liess der
Kapitän alle Sklaven einzeln an sich vorübergehen und bewachte selbst die
regelmässigen Mahlzeiten seiner lebendigen Fracht. Es gab auch täglich Rum, um
Skorbut zu verhüten, aber von irgendeiner Freiheit, von Menschenrechten konnte
natürlich keine Rede sein.«
    Robert horchte atemlos. Er vergass Hunger und Einsamkeit, um seiner ganzen
Entrüstung Luft zu machen. »Und dafür fanden sich Seeleute?« rief er. »Sie
liessen sich wohl auch noch für ihr Schweigen bezahlen?«
    »Das will ich meinen, Bob. Die Matrosen eines Sklavenschiffes müssen
Henkersdienste tun und dürfen, keine zartfühlenden Menschen sein. Zuerst wird an
Bord des Schiffes der Sklave vollständig entkleidet und das Haar glatt
abrasiert, dann bringt man die Männer in den Schiffsraum und die Weiber in die
Kajüte, während sämtliche Kinder an Deck bleiben, wo ihnen als einziger Schutz
gegen das Wetter ein Stück Segeltuch gespannt wird. Je zehn müssen immer aus
einer Schüssel essen, und zwar nach einem bestimmten Verfahren, um eine
ungleiche Verteilung zu vermeiden. Auf einen Wink des wachhabenden Matrosen
dürfen sie zugreifen und bei einem zweiten schlucken. So wiederholt sich das
Verfahren, bis alle satt sind. Es kommen aber auch Fälle vor, wo sich einzelne
in der Absicht des Selbstmordes weigern, das Essen anzurühren, und diese werden
dann scharf beobachtet. Meldet der Aufpasser, dass die Krankheit erfunden ist, so
beeilt man sich, den scheinbar verlorenen Appetit durch die neunschwänzige Katze
wieder herzustellen, scheint aber der Sklave tatsächlich leidend zu sein, so
kommt er auf die Krankenliste, das heisst, man hängt ihm eine Schnur mit einem
Knopf um den Hals und schickt ihn in das Vorderkastell.
    Wenn alle gegessen haben, so müssen sie die Hände und das Gesicht in
Seewasser waschen, ausserdem reinigt man ihnen dreimal wöchentlich das Innere des
Mundes mit Weinessig, ebenso werden die Männer rasiert und allen die Nägel
geschnitten, weil sie fast dauernd, besonders nachts, miteinander kämpfen.«
    
    Robert hob fragend den Blick. »Aber weshalb, Mongo? Diese Männer hätten
zusammenhalten müssen, alle für einen und einer für alle, dann wäre es ihren
Peinigern weniger leicht geworden, sie zu Sklaven zu machen!«
    Der Neger schüttelte den Kopf. »Sie waren damals, vor beinahe vierzig
Jahren, nicht viel besser als Tiere«, antwortete er, »sie liessen sich
misshandeln, ohne mehr als einige seltene, von Mischlingen angefachte Aufstände
zu wagen - Männer konnte man diese entnervten Geschöpfe nicht nennen. Wie sie
vor dem Injumann ihrer Heimat die Gesichter im Sande versteckten, so beugten sie
vor den Weissen das Haupt und liessen sich zur Schlachtbank führen wie zahme
Schafe oder Gänse, die dem Tod wehrlos entgegengehen.«
    Robert klopfte vertraulich auf die Schulter des Alten. »Armer Mongo«, sagte
er, »und das alles hast auch du erduldet?«
    Der Neger lächelte. »Das Bob? O, ich sage dir, dass es nichts war, sich auf
dem Sklavenschiff allnächtlich zu halber Länge zusammenzukrümmen, des
beschränkten Raumes wegen, dass es nichts war, sich mit dem Eisenring um den Hals
an die Decksplanken schliessen zu lassen und am Tage mit noch einem andern
Unglücksgefährten zusammen an eine fusslange Eisenstange geschmiedet zu sein, die
es weder ihm noch mir erlaubte, eine schnelle, unbedachte Bewegung zu machen, -
nichts gegen das, was ich später erlebte.«
    »Ach«, rief Robert, »nachdem du verkauft worden warst, Mongo?«
    »Ja, Kind, dann. Als junger Bursche in deinem Alter, kräftig, sorglos,
unbekümmert um die Zukunft, ertrug ich alle Strapazen des ungewohnten Lebens,
ohne mir viel daraus zu machen, wechselte oft meine Herren, weil immer hohe
Preise für mich bezahlt wurden, und erwarb mir überall Freunde, - aber später
kam das Unglück. Wirst du mir glauben, Bob, dass ich vier Kinder habe, - auch
einen Jungen in deinem Alter! - und dass sie mir zusammen mit meiner Frau aus dem
Hause weg verkauft wurden, während ich machtlos zusehen musste, wie man sie
fortschleppte, die armen Unglücklichen, Hilflosen!«
    Robert stand still. Seine Augen flammten vor Zorn. »Mongo!« sagte er,
»Mongo, und du schlugst nicht alles tot, was dir in den Weg kam? Du liessest dir
die Deinen rauben, ohne sie zu verteidigen?«
    Der Neger seufzte. »Lieber Bob, das kennst du nicht!« antwortete er. »Mit
mir litten noch sechzehn andere brave Männer das gleiche Schicksal, und selbst
unser Herr, ein guter, menschenfreundlicher Mann, ging an diesem Tage blass und
traurig umher, aber er konnte nicht anders handeln als er tat, die bestehenden
Verhältnisse zwangen ihn zu der unvermeidlichen Grausamkeit, die seinem Herzen
ganz fern lag. Ich würde ihm heute noch die Hand drücken, wenn er mir begegnen
sollte.«
    »Mongo, dem Mann, der dir Frau und Kinder verkaufte?«
    »Ja, Bob, ja! Es geht im Leben nirgends mit dem Kopf durch die Wand, das
habe ich dir schon so oft gesagt, - der Mensch muss es lernen, sich in das
Unabänderliche zu fügen.«
    »Sieh«, fuhr er fort, »wir lebten auf einer Farm, etwa zehn Meilen von New
Orleans entfernt, und unser Herr behandelte uns gut, vielleicht zu gut sogar, er
achtete in seinem Sklaven den Mitmenschen und war der menschenfreundlichste,
liebenswürdigste Grundbesitzer der ganzen Umgebung. Jeder Neger hatte seine
Hütte und sein Gärtchen, jeder durfte es wagen, frei und offen mit der
Herrschaft über alles das zu sprechen, was er wünschte und worüber er sich mit
Recht beklagen zu können glaubte - aber eben deshalb war auch dieser gütige und
gerechte Mann von allen benachbarten Gutsherren gehasst. Als ihn mehrere
Missernten und verschiedene Überschwemmungen in Geldverlegenheiten brachten, da
fand er alle Türen verschlossen, bis endlich ein Wucherer ihn in die Krallen
bekam und das schöne Grundstück mit sämtlichem toten Inventar gegen eine Fabrik
in der Stadt vertauschte. Was half also alle Trauer, alle Verzweiflung, - das
lebende Inventar, nämlich die Sklaven, musste unter den Hammer, um die
Umzugskosten und die der ersten Einrichtung zu decken. Wir Männer waren für die
Fabrikarbeit bestimmt, aber mit den Frauen und Kindern konnte man in der Stadt
nichts anfangen, also wurden sie verauktioniert. O, Bob - das war ein
fürchterlicher Tag, und mehr als einmal habe ich während dieser Stunden bei mir
gedacht, dass es eine schreckliche, aber gerechte Wiedervergeltung sei für die
Menschenopfer von Dahomei!
    Was meine Väter viele Menschenalter hindurch ihren Untertanen zugefügt
hatten, das wurde jetzt gerächt - es war zum Sterben traurig, Bob, aber doch
noch besser, als wäre ich regierender König geworden und hätte Leid über andere
Menschen gebracht! -
    Unser Herr berief uns alle zu sich. Er war so blass wie eine frischgetünchte
Wand, als er das schreckliche Urteil ausgesprochen hatte. Ihr wisst es, Leute,
sagte er, ich kann nicht anders. Ich würde in Gottes Namen Konkurs erklären und
als Squatter im Urwald neu wieder anfangen, wenn ich damit so viele Familien vor
Leid und Unglück bewahren könnte, aber was würde das nützen? Meine Gläubiger
verkaufen euch doch.
    Niemand antwortete ihm, denn da war kein einziger, der nicht gewusst hätte,
dass der arme Mann die Wahrheit sprach. Einen Eigentümer musste damals jeder
Sklave haben, so gut wie jedes Haustier, wie jeder Gegenstand irgend jemand
gehören muss. Es erhob sich keine Stimme, kein Widerspruch, nur ein verhaltenes
Schluchzen hörten wir, - das kam von einem, der mit seiner alten Mutter
zusammenlebte und der es nicht ertragen konnte, ruhig an den Verkauf der
gebrechlichen alten Frau zu denken. Unser Herr legte seine Hand über die
schmerzende Stirn. Wenn ihr mich tötet, sagte er, wenn ihr mich nicht lebend aus
eurer Mitte lasst, - so kann ich das begreifen.
    Und da tat es mir im Herzen leid um den unglücklichen Mann, Bob. Ich ging zu
ihm, der immer gütig und freundlich gewesen war, und gab ihm die Hand, ein
Mensch dem andern. Und alle meine Brüder taten dasselbe.«
    »Mongo, Mongo, - ich hätte ihn zwischen meinen Fäusten erwürgt!«
    Der Neger sah ruhig in die glänzenden Augen seines jungen Gefährten. »Weil
du noch keine Besonnenheit kennst, Bob, weil du bis jetzt nur das für wahr und
echt hältst, was sich wie ein Wirbelsturm Bahn bricht«, antwortete er. »Glaub
mir, ich fühlte es tief genug, als sich mein Weib und meine Kinder zum
letztenmal an mich hingen, aber ich trug das für mich allein, Bob, ich machte
weder den Meinen, noch dem armen Herrn das Herz schwerer, als es ja schon war.«
    Robert verstummte vor dieser Seelengrösse des armen alten Negers. »Er ist
mehr Fürst, als er selbst ahnt«, dachte er. »solche Gesinnung muss man wahrhaft
königlich nennen.«
    »Hast du die Deinen nie wiedergesehen, Mongo?« fragte er nach einer Pause.
    »Meine älteren Söhne!« antwortete der Neger. »Sie haben mich, als später der
Bürgerkrieg ausbrach, aufgesucht und dann Seite an Seite mit mir für die
Freiheit des schwarzen Volkes gekämpft. Sind beide an einem Tage gefallen, die
armen Jungen - ich selbst habe sie begraben.«
    »Armer Mongo! - Und deine anderen Kinder, deine Frau?«
    »Der Jüngste lebt. Ich sagte ja, er ist in deinem Alter und fährt zur See
wie wir. Von meiner Frau und meiner Tochter habe ich nie wieder gehört. Sie sind
damals nach Matanzas verkauft und meinen Nachforschungen ganz entzogen worden.«
    »Aber Mongo, wie ist es einem Menschen möglich, das alles so ruhig zu
ertragen? Ich an deiner Stelle hätte - -«
    Der Neger lächelte. »Nun, kleiner Bob, was hättest du?«
    »Ich weiss es nicht!« gestand Robert. »Aber sicher ist es, dass ich niemals
lernen werde, ein Unglück oder etwas, das sich meinen Absichten gerade in den
Weg stellt, mit Ruhe oder sogar mit Ergebung zu tragen.«
    Mongo sah ihn gutmütig spottend an. »Wollen es noch nicht aufgeben«,
antwortete er. »Die Zeit ändert vieles und macht aus jungen Brauseköpfen ernste,
verständige Männer. Wir müssten allerdings erst einmal wieder aus dieser Einöde
heraus und unter Menschen sein, bevor es überhaupt möglich ist, an irgend etwas
anderes zu denken. Findest du nicht, dass der Boden allmählich an Festigkeit
verliert?«
    Robert erschrak. »Mongo«, stammelte er, »du hast recht. Was bedeutet das?«
    Der Neger blickte sorgenvoll über die endlose Niederung. »Es ist ein Sumpf
in der Nähe!« antwortete er. »Wir gehen ihm entgegen, furchte ich.«
    »Mein Gott, - was soll dann aus uns werden?«
    Der Neger schwieg, und beide gingen vorwärts. Immer unsicherer wurde das
Erdreich unter ihren Füssen, bis endlich ein weiteres Vordringen unmöglich war.
Robert schleuderte einen Stein etwa zwanzig Schritte weit voraus, und schon dort
spritzte der Schlamm hoch auf.
    »Was nun?« dachte er unwillkürlich.
    Mongo prüfte bedächtig beide Seiten des langgestreckten Tales. Zur Linken
die steile Felsenkette mit himmelhohen Spitzen, zur Rechten niedere Anhöhen,
zerklüftet und unwegsam, aber doch die einzige Aussicht auf einen festen
Fusspfad, der sich wenigstens betreten liess, ohne plötzlich unter den Schritten
der Wandernden zu versinken.
    »Dortin müssen wir uns wenden!« sagte er. »Es ist fast aussichtslos,
fürchte ich, aber dennoch - lass uns das letzte versuchen.«
    »Wie mich der Durst quält!« seufzte Robert. »Was gäbe ich um eine Handvoll
von dem Schnee, der dort oben liegt!«
    »Mir wäre ein Fuhrwerk lieber«, versuchte der Neger zu scherzen. »Die alten
Beine wollen nicht so recht weiter, besonders wenn man Seemann ist, der immer
nur im Vorschiff wie auf einer Präsentierschüssel umherstelzt, ohne die Kräfte
anders als mit den Fäusten zu üben.«
    Inzwischen suchten die beiden Verirrten den Rand des Sumpfes, um auf
kürzestem Wege in das jenseitige Felsengebirge hinüberzugelangen. Ihre Richtung
verlor dadurch den südlichen Strich und wurde etwas westlich, aber das liess sich
nicht ändern, weil ihnen keine andere Wahl blieb. Nach stundenlangem Klettern,
Überspringen und Ausbiegen war endlich ein Zugang gefunden, und die beiden
Wanderer nahmen ihre alte Richtung wieder auf, ohne zu wissen wohin.
    Der Hunger quälte beide, die Schwäche des Negers wurde immer grösser und die
Beschwerden des Weges von Viertelstunde zu Viertelstunde unerträglicher.
Manchmal öffnete sich unter ihren Füssen plötzlich die Erde, und ein Felsspalt,
ins Bodenlose hinabgähnend, zeigte sich, dann wieder schoss springend und
stäubend ein Giessbach rechts oder links über die Klippen herab, fast ihren
Lippen erreichbar, nur auf wenige Meter von ihnen getrennt, aber durch eine
Kluft von schwindelnder Tiefe. Robert beugte sich halb verzweifelt vor, so weit
es ihm irgend möglich war, er suchte mit den Händen das Wasser zu erreichen,
aber ganz vergeblich. Der Wasserstaub befeuchtete sein Gesicht, während er vor
Durst gerade durch die Nähe des Wassers rasend wurde.
    »Es ist vergeblich«, seufzte er. »Lass uns weitergehen, Mongo, ich kann den
Bach nicht sehen, ich sterbe beinahe vor Durst.«
    Der Alte richtete sich aus seiner zusammengesunkenen Haltung wieder auf.
»Dass dich nach dem kalten Wasser so verlangt«, murmelte er, »ich begreife es
nicht. Mir wäre ein bisschen Wärme viel lieber. Hu, wie kalt es hier oben ist.«
    Wieder ging es vorwärts, ohne dass weiter gesprochen wurde. Es schien, als
sei die Lage zu ernst, zu unerträglich, um noch eine Unterhaltung zuzulassen.
Nur manchmal hustete der Schwarze, wenn ein neuer Windstoss, kälter als die
früheren, über den Höhenkamm daherfuhr.
    Die Sonne begann hinter den Bergen zu versinken. Robert dachte mit Grauen an
den Einbruch der Nacht und an die Notwendigkeit, diese langen, düsteren Stunden
frierend und hungernd auf den Steinen zu verbringen. Ihn schwindelte bereits,
sein Kopf schmerzte, und der Wunsch, um jeden Preis zu schlafen, wurde immer
stärker. Er hätte die Augen schliessen und alles um sich herum vergessen mögen.
    »Wärme!« ächzte Mongo, »ach, Wärme! Ich kann nicht weiter.«
    »Wasser, Wasser, - meine Zunge klebt am Gaumen.«
    »Lass uns eine Stelle suchen, wo wir sitzen können«, flüsterte matt der
Neger. »Meine Füsse tragen mich nicht mehr. Oder nein, Bob, geh du allein weiter,
geh in Gottes Namen, mein Kind, und überlass mich dem Tode, der schon seine Arme
nach mir ausstreckt. Du sollst nicht bei mir bleiben, hörst du?«
    Robert schüttelte den Kopf. »Nein, Mongo, niemals. Ehe ich dich verlasse,
sterben wir beide zusammen. Nein, keine Macht der Welt ändert diesen Entschluss.«
    Der Alte blieb erschöpft stehen. »Wie plötzlich das kommt«, murmelte er.
»Ich kann unmöglich weitergehen, Bob.«
    Robert zog den Arm des Negers unter den seinen. »Dort sehe ich eine Art
Vorsprung oder Plattform«, sagte er, »komm, Mongo, stütze dich auf mich. Wir
wollen langsam hingehen.«
    Schritt für Schritt den taumelnden alten Mann führend, gelangte er zu einer
Art Terrasse oder natürlicher Bank, vor der sich ein breiter Felsspalt öffnete.
Was auf der andern Seite lag, war schwarzer, verwitterter Fels mit zahllosen
Schluchten und Höhlungen, deren tiefes Dunkel ihm unheimlich entgegengähnte.
    Robert kümmerte sich nicht mehr darum. Er selbst war weit entkräfteter, als
er dem Alten zugestehen wollte, und auf seinen Augenlidern lastete es wie Blei.
»Das ist der Tod«, dachte er. »Hunger und Kälte drohen uns zu besiegen. Oh, es
wäre schrecklich, hier zwischen nackten Felsen zu sterben, von aller Welt
verlassen - den Raubtieren zur Beute.«
    Mongo legte die todkalte Rechte auf seines jungen Freundes Schulter. »Bob«,
sagte er noch einmal, »Bob, geh fort. Du musst leben, weil du jung bist, um
deiner Zukunft, deiner Eltern willen. Geh, weshalb willst du mich sterben sehen?
- Noch bist du nicht hungrig genug, um mein Blut trinken zu können. - Geh! -
Geh! -«
    Robert schluchzte, ohne es zu wissen, aus Schwäche. »Dein Blut, Mongo?
Grosser Gott, sprich nicht so schreckliche Worte! - Ich sterbe mit dir, oder wir
- -«
    Er unterbrach sich plötzlich selbst. »Mongo, was ist das? - Ein Schatten,
der sich bewegt, dort, - dort!«
    Seine ausgestreckte Hand deutete auf den gegenüberliegenden Felsen. »Sieh,
Mongo, ich bitte dich, sieh!«
    Der Neger öffnete gleichgültig die Augen. Ein matter, seelenloser Blick
streifte die bezeichnete Richtung. »Wo, Bob, ich sehe nichts?«
    Im nächsten Augenblick sanken die Wimpern bereits schwer wieder herab. Seine
Lippen bebten wie die eines bewusstlosen Fieberkranken.
    Roberts Herz klopfte schneller. Dort drüben bewegte sich ohne Zweifel ein
lebendes Wesen. Schatten zuckten auf und verschwanden, er sah es deutlich - und
er sah sogar noch mehr, - den Kopf eines Tieres mit geöffnetem Maul und
lechzender Zunge, - er hörte ein heiseres Schnaufen -
    »Mongo, Mongo, ein Wolf!«
    Er konnte sich nicht mehr um den Alten kümmern. Langsam erschien jetzt
hinter der Felsenecke auf der andern Seite der breiten Kluft die hagere,
langgestreckte Gestalt des Raubtieres. Der dicke, unförmige Kopf, die falschen,
schiefstehenden Augen, besonders aber die heisse, rote Zunge verrieten den
schlauen Feind, der nur von äusserstem Hunger getrieben werden kann, einen
lebenden Menschen anzufallen, der dann aber auch alles daransetzt und
unerbittlich sein Opfer verfolgt, bis er es gepackt und überwältigt hat.
    Das Tier musste halb verhungert sein, denn es bestand fast nur noch aus Haut
und Knochen. Das fahlgelbe, ins Weissliche spielende Fell hing ihm schlotterig um
die Rippen, und der lange behaarte Schweif schleppte am Boden.
    Fast schien es, als sei das Tier im Begriff, zum Sprung anzusetzen, dann
aber zog es sich plötzlich zurück, als ob es fürchtete, dass für die weite
Entfernung seine Kraft nicht ausreichen werde. Es stiess ein kurzes, dem
Hundegebell ähnliches Kläffen aus und beobachtete die beiden unerwarteten Gäste
seines Felsengebietes.
    Robert hatte alle seine Geistesgegenwart beisammen. Er mass in Gedanken die
Breite der Kluft und fragte sich, ob der Angriff wahrscheinlich sei. - Wenn das
Tier glücklich herüberkam, dann war er verloren, dann gab es gegen diese
fürchterlichen Zähne keine Waffen.
    Natürlich, er hätte fliehen können, aber dann musste er den hilflosen Alten
im Stich lassen. Doch der Gedanke lag ihm völlig fern. »Nie, nie, und wenn ich
in der nächsten Minute von den Fangzähnen des Tieres in Stücke zerrissen werde!«
    Fast schien es, als sollte es so kommen. Der Wolf trat an den äussersten Rand
des Felsens, setzte Vorder-und Hinterläufe so nahe wie möglich nebeneinander und
duckte sich zum gewaltigen Sprung. Ihn trieb der nagende Hunger, selbst das
Aussichtsloseste zu unternehmen, um nur überhaupt etwas für die knurrenden
Eingeweide zu erjagen.
    Robert wurde immer ruhiger, je näher der entscheidende Augenblick herankam.
Er wusste, was ihm allein übrig blieb, wenn der Wolf den Sprung wagte, und er war
entschlossen, sein eigenes und Mongos Leben so teuer wie möglich zu verkaufen.
    Seine Fäuste waren geballt, seine Augen begegneten dem Blick des Raubtieres.
    Da erhob sich der Wolf, wie es schien zögernd, mit innerem Widerstreben zum
Sprung. Im nächsten Augenblick schwebte die dürre, gelbe Gestalt über dem
Abgrund in der Luft.
    Das war es, worauf Robert gewartet hatte. Mit aller Kraft warf er die linke
Faust der Bestie entgegen, während er sich selbst mit der Rechten an den Felsen
klammerte. Hätte der Wolf mit Krallen oder Zähnen die andere Seite erreichen
können, so würden ihn selbst die vereinten Kräfte mehrerer Männer von dort nicht
wieder vertrieben haben, während bei dem übermässig weiten Sprung schon der Stoss
von Roberts Faust genügte, um das Tier aus dem Gleichgewicht zu bringen.
    Sekundenlang drehte sich, mit allen Gliedern arbeitend und ringend, das
grosse Tier in der Luft, dann stürzte es mit dumpfem Poltern, hier und da
aufschlagend oder die Wände streifend, hinab in das Bodenlose. Robert hörte ein
kurzes Ächzen, einige röchelnde Töne, - und darauf wurde alles still.
    Er wischte sich den Schweiss von der Stirn, der trotz des eisigkalten Windes
in grossen Tropfen daraufstand. Er fühlte, dass er taumelte, dass sich alles um ihn
drehte. Und was war das? - Was lief ihm warm über die linke Hand herab?
    Blut! - Ganze Ströme von Blut. Eine tiefe Fleischwunde zog sich über die
obere Fläche der Hand hin, vielleicht von den scharfen Felszacken gerissen,
vielleicht von den Zähnen des wütenden Tieres.
    Robert sah sich rasch nach dem Alten um. Was hatte vorhin der Neger gesagt:
»Mein Blut möchtest du ja doch nicht trinken!« Das fiel ihm jetzt plötzlich
wieder ein. Vielleicht liessen sich dadurch die schwindenden Kräfte des
Verhungernden zurückhalten, vielleicht konnte Mongo noch schlucken und sich
erholen.
    Er trat zu dem Betäubten, legte dessen Kopf in seinen rechten Arm und liess
von der Wunde der linken Hand das Blut auf die halbgeöffneten Lippen träufeln.
Schon bei den ersten Tropfen sah er, wie Mongo begierig sog, aber offenbar ohne
Bewusstsein, was um ihn herum geschah.
    »Es ist gut«, dachte Robert, »dass mich der Wolf ein wenig geschrammt hat. So
konnte ich dem armen Mongo doch noch einen letzten Dienst erweisen. Wir werden
nun beide schlafend erfrieren. Aber mich freut es doch, dass ich den Wolf tötete,
- es muss grässlich sein, lebend von Zähnen und Krallen zerrissen zu werden.«
    Nachdem die Wunde ausgeblutet war, liess er den Kopf des Negers sanft gegen
die Felsenlehne zurücksinken und suchte selbst eine etwas bequemere Stellung.
Mongos Lippen bewegten sich. »Das war gut«, murmelte er, »ach, so warm. Nun
möchte ich schlafen.«
    Robert lächelte, während ihm sein Herz schwer wurde. Er nahm in Gedanken
Abschied von allen, die er liebte. Morgen mit Tagesanbruch würde er tot sein, er
fühlte es, und der nächste Wolf, der dann des Weges kam, würde zwei Leichen zum
Frass vorfinden.
    Hin Schauer überrieselte ihn. Gab es denn keine, - keine Rettung?
    Nein, es war alles verloren. Schon der Versuch, aufzustehen und einige
Schritte zu gehen, misslang vollständig. Sobald er sich erhob, drehten sich
Felsen und Klüfte, ja selbst die Sterne am Himmel im Kreise herum.
    Und dabei fühlte er weder Frost noch Hunger, nur eine unbeschreibliche
Mattigkeit, ein Verlangen nach Schlaf, das fast bis zur Betäubung gesteigert
war. Er schloss die Augen und faltete die Hände. »Vater im Himmel, dir befehle
ich meine Seele, - vergib mir meine Schuld und lass mich - selig auferstehn - -
-«
    Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Er fühlte sich wie auf Flaum gebettet,
wie getragen, und aller Druck war von seiner Brust genommen. Tönten nicht dort
durch die Stille des Abends leise Glöckchen? Bewegten sich nicht dunkle Schatten
durch den Felsenpass auf ihn zu?
    Ein halblauter Anruf durchdrang die Luft. Wie Gespenster verschwanden die
nächtlichen Gestalten, - nur ein leises Knacken war rings in den Felsspalten zu
hören.
    Robert lächelte. Er wusste es jetzt, ihm hatte von der ganzen grauenvollen
Wanderung durch die Steinwüste nur geträumt, - er war nicht einsam, nicht
verlassen, sondern Menschen beugten sich über ihn, fassten seine Hände und
redeten in fremder Sprache. Er wurde aufgehoben, ein scharfer Geruch drang in
seine Nase, und heiss wie fliessendes Feuer lief Branntwein durch seine Kehle
hinab.
    Auf flüchtige Augenblicke erwachte er ganz. Im Sternenschein sah er kleine,
dunkelhäutige und seltsam in Rentierfelle gekleidete Menschen um sich herum
versammelt, er hörte, dass sie miteinander sprachen und fühlte die Wärme des
eingeflössten Branntweins alle seine Adern durchrieseln.
    »Das sind wandernde Lappen«, dachte er glücklich, »gottlob, wir sind
gerettet!«
    Und dann konnte er dem Schlaf nicht länger widerstehen - -
    Als er erwachte, strahlte die Sonne hell vom Himmel herab. Ein Dach aus
Rentierfellen wölbte sich über seinem Kopf, Felle lagen unter ihm und auf ihm,
während Mongo an seiner Seite ebenso weich gebettet noch fest schlief. Der Alte
atmete ruhig, seine Farbe war nicht mehr so grau, sein ganzes Aussehen besser.
    Robert schob die Felle zurück und erhob sich, um mehr zu erfahren. Als er
durch eine Spalte der Zeltbahnen hinaustrat ins Freie, drohten zwar seine Füsse
noch den Dienst zu versagen, aber er überwand diese Schwäche und blickte um
sich. Ein vollständiges Zeltlager der Wanderlappen lag vor ihm. Überall waren
auf starke Pfähle die Rentierfelle gespannt, überall wimmelte es von den braunen
Gestalten, die hin- und herliefen, um auf heissen Steinen ihre Mehlkuchen zu
backen, die Rentiere zu beaufsichtigen oder zu melken und sie dann
hinunterzutreiben in das Tal, wo Rentierflechte und Moos wuchsen, das sich die
klugen Geschöpfe selbst suchten.
    Nur ein mächtiges, grosses Tier, ein Sechzehnender mit mehreren Glöckchen um
den schlanken Hals, stand festgebunden neben einem Zelt, das etwas grösser war
als die übrigen. Dieses Ren schien gegen alle sonstige Gewohnheit als Reittier
zu dienen, denn auf seinem breiten Rücken lag ein Sattel aus Leder und Wollzeug.
An den Zeltstangen hingen Zügel, Peitsche und verschiedene Geräte, während alles
nach grosser Armut aussah. Die Kleidung schien bei Männern und Frauen gleich zu
sein; sie bestand überall aus einem langen Pelzrock, der enge Beinkleider,
ebenfalls aus Pelz, erkennen liess. Dazu kam eine spitze, mit Federn geschmückte
Mütze und sogenannte »Komager«, selbstgefertigte plumpe Stiefel aus
Rentierleder. Eine kurze Pfeife sah Robert bei fast allen Männern und Frauen.
    Er hatte Zeit genug, sich umzusehen, da sich niemand besonders um ihn
kümmerte, sondern jeder ganz mit dem Frühstück beschäftigt schien. Eine alte
Frau, abschreckend hässlich und braun wie eine Indianerin, hockte neben einem
flachen Fels, auf dem ein helles Feuer loderte. Sie rührte in dem
darüberhängenden eisernen Kessel und sang mit tiefem Kehlton ein Lied, dessen
schwermütige Weise zu der ganzen verödeten Umgebung besonders gut passte. Als
letztes Wort eines jeden Verses hörte Robert immer einen und denselben Namen:
»Jubinal« -
    »Das wird die Zauberin des Stammes sein«, dachte er. »Die heilt Kranke und
bespricht das Vieh und liest in den Sternen. Vielleicht gehört ihr sogar dieses
schöne Rentier mit seinen klugen Augen.«
    Er streichelte den braunen Rücken, während ihn die Alte heimlich beobachtend
ansah. Dann stand sie auf und brachte ihm einen hölzernen Napf voll dampfender
Milchsuppe und einen Löffel. Ihre Gebärden luden ihn ein, sich zu setzen und zu
essen.
    Robert übersah den schwärzlichen Rand der Schüssel und den plumpen Löffel
von äusserst zweifelhafter Sauberkeit; er atmete mit wahrem Entzücken den Duft
der frischen Milch. Aber das wollte er nicht allein haben, sondern Mongo sollte
es mit ihm teilen.
    Er nickte lebhaften Dank und wollte ins Zelt zurückkehren, als ihn die Alte
am Arm festielt. Ihre Handbewegungen zeigten ihm, dass für seinen Begleiter noch
reichlich Suppe da sei, er möge nur ruhig essen.
    Und so setzte er sich denn auf ein Felsstück, um das sonderbare Mahl zu
beginnen. Einige Lappen brachten ihm heisse Mehlkuchen, die er vielleicht zu
Hause in Pinneberg kaum für Pikas gut genug gefunden hätte, die ihm aber,
erfroren und halb verhungert wie er war, ganz köstlich schmeckten.
    Das Mütterchen am Herd füllte mit stillem Lächeln zum zweitenmal den grossen
Napf und freute sich sichtlich, als auch diese Portion hinter Roberts Lippen
verschwand.
    Was sie sagte, klang so entschieden wie ein »Nun wirst du's aushalten, mein
Söhnchen«, dass er den Sinn deutlich heraushörte und mitlachte. Seine Kräfte
waren jetzt so ziemlich zurückgekehrt, und sein Mut hatte seine alte Spannkraft
vollständig wiedergefunden. Er ging von einer Gruppe zur anderen, versuchte
überall vergeblich, in deutscher oder englischer Sprache eine Unterhaltung
anzuknüpfen, und liess sich endlich eine jener kurzen, verräucherten Pfeifen
anbieten, die von allen geraucht wurden.
    Nachdem er schliesslich alle einzeln begrüsst hatte, ging er in sein Zelt
zurück und sah nach dem Neger. Mongo lag mit offenen Augen da und schien zu
glauben, dass er träume. Ein Dach über ihm, warme Felle um ihn herum - er begriff
nicht, was das alles bedeuten könne.
    »Bob!« murmelte er. »Bob, wo sind wir?«
    Robert lachte. »Noch auf derselben Stelle von gestern, Alter«, rief er
fröhlich. »Die Geister des Gebirges haben uns alles Nötige hergebracht und
stehen auch weiterhin zu unserer Verfügung. Soll ich sie dir zeigen?«
    Mongo richtete sich mühsam auf. »Du sitzst schon wieder auf dem hohen Pferd,
Spitzbube,« sagte er gutmütig lächelnd. »Leih mir für ein paar Züge die Pfeife,
hörst du!«
    Robert gab sie ihm sofort, und der Schwarze rauchte tüchtig drauflos. »Ach«,
sagte er, »das wärmt, - das tut gut!«
    Und als er eine Zeitlang sinnend dagelegen hatte, während der heisse Rauch
sein Gesicht umspielte, heftete er plötzlich auf Robert einen fragenden Blick.
»Du«, sagte er, »Bob, was war das gestern, was hast du mir zu trinken gegeben?
Es hat mir im letzten Augenblick geholfen! - War es Branntwein aus den Flaschen
der Lappen?«
    Robert errötete. »Ich glaube wohl, Mongo!« versicherte er.
    Da sah der Neger die grosse, klaffende Wunde. »Bob«, rief er, »Bob, du
sprichst die Unwahrheit, - du hast mich dein Blut trinken lassen, du guter
Kerl!«
    Der Junge lachte. »Mach um Gotteswillen keine Heldentat daraus«, sagte er in
heiterem Ton. »Der Wolf hatte das Loch gerissen, also konnte ich dir wohl den
angenehmen Trunk in den Mund laufen lassen! Brr, ich sollte dich eigentlich um
Verzeihung bitten, Mongo!«
    Der Neger reichte ihm matt die Hand. »Du bist ein braver, herzensguter
Junge, Bob«, sagte er gerührt, »und wenn mein Leben auch nur das eines alten
Niggers ist, - gerettet hast du's doch!«
    Robert schüttelte die dargebotene Hand. »Und so weiter!« lachte er. »Jetzt
steh nur auf, Alter, und stütze dich auf mich, dass du hinauskommst in den
Frühstückssalon aus Felsen mit einer blauen Wolkendecke darüber. Draussen wächst
eine warme Milchsuppe, sage ich dir, dass dein Magen verborgene Schleusen auftut
und mehr vertragen kann, als sonst in vier Mahlzeiten!«
    Er half dem Alten, sich zu erheben, und führte ihn dann in die Sonne, wo er
zitternd auf den nächsten Sitz zurücksank. »Hat mich doch verteufelt
angegriffen, Bob«, murmelte er. »Bin noch ganz schwach!«
    Robert sprang zurück und brachte einige Felle, die er dem Alten über die
Schultern legte, und dann erschien auch das braune Weib mit der Holzschale,
deren Inhalt den Neger neu belebte. Er schlürfte in langen, behaglichen Zügen.
»Du«, sagte er endlich, »hat sich der Häuptling schon gezeigt, oder sahest du ihn
noch nicht?«
    »Welcher Häuptling, Mongo?«
    »Nun, einen Anführer wird der Stamm doch haben, Kind. Und in diesem Zelt
hier wohnt er.«
    Seine ausgestreckte Rechte deutete auf das grössere und etwas sorgfältiger
hergerichtete Zelt, das Robert schon früher aufgefallen war. »Das ist der
Priester oder Anführer«, fügte er hinzu. »Dort hinter den Fellen steckt er, das
kannst du mir glauben.«
    »Dann locke ihn heraus, Mongo.«
    Der Neger lächelte. »Wie leicht du umspringst mit solcher braunen Majestät,
Bursche. Und nebenbei - wer kann sich in seiner Sprache verständlich machen?«
    »Ja, da steckt der Knoten. Ich hoffte, dass diese braunen Kerle dänisch reden
würden, dann hätte ich zur Not antworten können, aber es muss mehr russisch sein,
was sie sprechen, - dem Grunzen ihrer Rentiere nicht unähnlich.«
    »Du junger Taugenichts, wie dir der Kamm schwillt, sobald es dir
einigermassen leidlich geht! - Und ich habe dich doch gestern abend beten hören -
oder dachtest du vielleicht laut, als es schien, dass alles verloren sei.«
    Robert drohte errötend dem Alten mit dem Zeigefinger. »Nun«, sagte er, »darf
denn ein tüchtiger Kerl nicht mehr in der Not seinen Herrgott anrufen, ohne von
solch einem bösartigen, hinterlistigen Mongo gleich belauscht zu werden? Du
Erzschelm stelltest dich schlafend, um mich den Wolf allein töten zu lassen,
jetzt weiss ich's.«
    Der Neger sah fragend von seiner Suppenschüssel auf. »Den Wolf, Bob? Ich
denke, du hast die Geschichte nur geträumt!«
    »Dachtest du!« lachte Robert. »Das Tier liegt dort drüben im Abgrund, und
hier meine Hand zeigt die Spuren des Kampfes.«
    Er hob die Wunde empor, so dass Mongo heftig erschrak. »Nun, nun«, rief er,
»und damit läufst du so ruhig umher, als sei es ein Mückenstich. Aber warte, die
braune Hexe dort wird bestimmt irgendeine Salbe besitzen, oder ich müsste mich
auf solche klugen Mütterchen nicht verstehen.«
    Er erhob sich und ging mit langsamen Schritten, noch schwankend wie ein
Schiff unter vollen Segeln, auf den Herd zu und setzte sich dort neben die Alte,
mit der er eifrig gestikulierend ein Gespräch anzuknüpfen versuchte. Beide
redeten, konnten sich aber kaum verständigen. Schliesslich musste Mongo seinen
Zweck erreicht haben, denn das Mütterchen humpelte fort, um aus einem der Zelte
einen alten, verrosteten Blechnapf herbeizuholen, den sie von einer dichten
Staubschicht befreite, einige Splitter und Steine herauswarf, und darauf mit
einem Messer etwas von dem Inhalt auf ein weiches Lederläppchen strich.
    »Komm her, Bob!« rief der Neger. »Lass dir die Hand verbinden!«
    Robert näherte sich gehorsam. »Weiss Gott«, dachte er, »wie sich die beiden
alten Menschen verständigt haben. Es muss schon so eine Art von Verwandtschaft
sein, die sie beide fühlen, anders könnte ich mir die Sache nicht erklären.«
    Er ging aber doch hin und spürte auch schon sehr bald die heilende Wirkung
der Salbe. Das Brennen an den Rändern der Wunde hörte auf, die straffgespannte
Haut wurde wieder weich, und die Röte ging zurück. Mongo erklärte, dass jetzt die
Sache ohne Gefahr sei. »Und wo haben wir nun den erlegten Wolf?« fragte er. »Der
Bursche muss doch diesen guten Leuten sein Fell abtreten, wenn die Kluft nur
einigermassen zugänglich ist.«
    Robert ging rasch zu der Stelle, die ihm vom gestrigen Abend her noch
deutlich in Erinnerung war, und blickte in den sonnenbeleuchteten Abgrund hinab.
»Da unten liegt der Räuber«, rief er. »du kannst ihn von hier aus deutlich
sehen, Mongo, aber heraufholen lässt er sich nicht. In den zackigen Spalt würde
kein Mensch hinabsteigen können.«
    Mongo lächelte. »Wir nicht, Bob, aber unsere braunen Freunde können das. Gib
nur acht, was du erleben wirst.«
    Er winkte einen der Lappen zu sich heran, zeigte ihm in seiner
Gebärdensprache das erlegte Tier und versuchte ihm klar zu machen, dass Robert
der glückliche Sieger sei. Der Rentierjäger schien kaum seinen Augen zu trauen.
»Mit der blossen Faust?« fragten seine erstaunten Augen. Robert nickte lachend.
Er deutete in den Abgrund hinab und schüttelte den Kopf, als wolle er sagen:
»Aber dortin führt doch kein Weg?«
    Der Lappe pfiff durch die Zähne. Dann besprach er sich mit einigen anderen,
die neugierig herbeikamen und lebhaft durcheinander redeten. Der ganze Trupp
machte sich an die Untersuchung der Felsschlucht, um auszukundschaften, ob nicht
ein Weg hinabführe auf den untersten Grund, aber hier war alle Mühe vergebens, -
- man musste von oben hineinsteigen, oder man kam niemals dahin.
    Robert bat die Leute, das Wagnis aufzugeben, fand jedoch damit kein Gehör.
Im Gegenteil, der gewandteste Bursche liess sich von den andern ein festes Seil
um den Leib schnüren, das drei Männer festielten, und kletterte dann mit einem
langen, unten zugespitzten Gebirgsstock von Klippe zu Klippe in die Schlucht
hinein. Mehr als einmal verloren seine Füsse den festen Halt, so dass er plötzlich
über der schwindelnden Tiefe in freier Luft am Seil schwebte, aber ohne ein
Zeichen von Hast oder Unruhe suchte er die nächste Spitze, die ihm erlaubte,
darauf zu treten, und gelangte so allmählich von Stufe zu Stufe immer tiefer
hinab. In der Mitte des Weges verengte sich der Spalt, und es schien unmöglich,
hier eine freie Bewegung auszuführen. Während der tollkühne Jäger mit halbem
Körper zwischen den Felsen stand, konnte er nicht sehen, wohin seine Füsse
traten, sondern suchte tastend mit den Zehenspitzen nach einem erreichbaren
Halt.
    Oben schwieg alles. Robert und Mongo sahen sich an. »Was wird er jetzt tun?«
dachten beide, ohne jedoch auch nur ein einziges Wort zu sprechen.
    Der Lappe rief in seinen tiefen Kehltönen einige kurze Silben herauf, und
sogleich liessen die drei Männer, die ihn hielten, langsam das Seil in die Tiefe
hinab, bis endlich aus der Schlucht ein neuer Zuruf verkündete, dass unten der
Jäger wieder festen Fuss gefasst hatte. Frei am Seil hängend, hatte er sich
furchtlos von den Fäusten der Obenstehenden durch den Engpass tragen lassen und
konnte jetzt wieder klettern.
    Robert klatschte unwillkürlich in die Hände. Das war mehr, als selbst ein
tüchtiger Seemann leisten konnte, der im Sturm aussenbords die Strickleitern
erklettert. Diese Ruhe, diese tollkühne Sicherheit flössten ihm hohe Achtung ein.
    »Bravo!« rief er. »Bravo!«
    Die Lappen beachteten seinen Beifall kaum. Sie hielten die ganze Sache
höchstwahrscheinlich für ein sehr alltägliches Ereignis und dachten nur an die
Wolfshaut, die sie um jeden Preis an sich bringen wollten. Vom Grunde der
Schlucht herauf hörte man jetzt wieder einige Worte, worauf das Seil sofort
nachgab. Während es einer der Männer festielt, liefen die beiden anderen fort,
um ein zweites, ähnliches herbeizuholen, das dann auf den Felsboden der Schlucht
herabgelassen wurde. Nachdem der untenstehende Jäger dies Seil an dem Körper des
toten Wolfes befestigt hatte, liess er sich in derselben Weise, wie er
hinuntergekommen war, auch wieder heraufbefördern, und dann machten sich alle
vier daran, mit vereinten Kräften den Wolf heraufzuziehen.
    »Siehst du!« sagte Mongo. »Ich wusste es wohl. So verbringen diese Menschen
das ganze Leben. Immer in Gefahr, immer auf der Jagd, kletternd und springend,
die gesunden Glieder aufs Spiel setzend und den Tod verachtend, - das ist ihr
Beruf. Im Sommer fangen sie auf unzugänglichen Klippen und in tief versteckten
Felsenhöhlen die jungen Möwen, die Alken und Schwimmvögel, im Winter jagen sie
das Ren, und zu allen Jahreszeiten kämpfen sie mit grossen Raubtieren, um doch
für diese unausgesetzten Mühen und Gefahren kaum soviel zu haben, dass sie sich
jeden Tag satt essen können. Das ist der strenge, geizige Norden.«
    Roberts Augen leuchteten. »Aber er erzieht Männer, Mongo!« antwortete er.
»Im Süden gibt die Erde dem Menschen freiwillig alles, was er braucht, und
erschlafft ihm daher ebenso, wie sie ihn übermütig macht. Denke an die
Menschenopfer von Dahomei, Alter, und frage dich, ob sie hier im Norden unter
solchen Männern möglich wären?«
    Mongo wiegte den Kopf. »Hm, hm«, antwortete er. »Menschen werden nicht mehr
abgeschlachtet, das ist sicher, aber dennoch -«
    »Nun, Mongo, dennoch?« -
    Der Neger hob die Hand. »Ich weiss nichts Bestimmtes«, sagte er, »möchte aber
behaupten, dass diese Leute doch noch Heiden sind. Es gibt so kleine Zeichen
dafür.«
    Robert schüttelte den Kopf. »Das ist unmöglich, Alter. Seit länger als
hundert Jahren sind die letzten Lappen zum Christentum bekehrt, werden getauft
und konfirmiert wie alle anderen schwedischen oder norwegischen Bürger.«
    Mongo lachte. »Ja, Bob, das wohl. Sie zahlen auch Steuern und sind doch
Wilde, ebenso lassen sie ihre Kinder taufen und beten doch zu Pakal und Jubinal.
Ich bin schon einige Male in Trondhjem gewesen und habe selbst mit Leuten
gesprochen, die das Innere Skandinaviens bereist hatten. Dortin gehen noch
heute die Missionare ebenso wie nach Grönland oder Afrika.« -
    Die Lappen hatten mittlerweile den toten Wolf heraufgezogen und über den
Rand des Abgrundes auf die feste Erde gelegt. Das Tier war ein Riese seiner Art,
fast andertalb Meter lang, und mit Zähnen, die auch dem Mutigsten Furcht
einflössen konnten.
    »Armer Kerl!« lachte Robert, »du hofftest, halb verhungert wie du warst, auf
einen fetten Braten und fandest dagegen den Tod.«
    Mongo nickte. »Ging es Sheppard und Morris besser als diesem Tier?« fragte
er. »Sie wollten Gewalt an die Stelle des Rechts treten lassen und mussten es mit
ihrem eigenen Leben bezahlen. Wer andern eine Grube gräbt, fallt selbst hinein.«
    »Die Unglücklichen!« schauderte Robert. »Sahst du ihre Leichen, Mongo?«
    Der Neger schüttelte den Kopf. »Ich sah einen Hai, Bob, der mit grünlich
schillerndem Rücken die Trümmer des gestrandeten Schiffes umschwamm. Ein Delphin
glitt an ihm vorüber, ohne dass er es bemerkte, - er musste also wohl sehr satt
sein - -«
    Robert antwortete nicht. Seine Blicke bewunderten die schnellen Handgriffe,
mit denen das Fell abgezogen und der Körper des Tieres zerlegt wurde. Während
die unbrauchbaren Überreste ohne lange Umstände wieder in den Felsspalt geworfen
wurden, hing man die ganze Beute an ausgespannten Seilen auf, um sie von dem
scharfen Nordost vollständig austrocknen zu lassen. Die Lappen gingen in den
Zelten ihren verschiedenen Arbeiten nach, machten Holzschnitzwaren, verfertigten
aus Rentiersehnen einen groben Zwirn und strickten Handschuhe. Die Frauen webten
einen braunen Wollstoff, aus dem ihre Sommerkleider bestanden, und das alte
Mütterchen kochte auf den Steinen des Herdes zum Mittagsmahl ein Stück gedörrtes
Rentierfleisch, dem Zwiebeln und verschiedene Wurzeln zugesetzt wurden.
    Noch immer hatte sich die Tür des grossen Zeltes nicht geöffnet.
    Robert und Mongo machten sich auf, um die Ausdehnung und die nächste
Umgebung des Lappenlagers auszukundschaften. Da sie mit keinem der Männer
sprechen konnten, musste die Verständigung über ferneres Beieinanderbleiben von
selbst erfolgen. Gutmütig und harmlos, wie die armen Leute waren, schien das für
sie offenbar eine ausgemachte Sache zu sein.
    Mongo sah vor einem der Zelte einen Lappen sitzen, der mit der
Handschuhstrickerei beschäftigt war. Das luftige Gebäude lag etwas abseits von
den übrigen und war ganz schmucklos und niedrig. Es schien als Stall zu dienen,
denn aus dem Innern des kleinen Raumes drang das lustige Krähen eines Hahnes
weit in das Gebirge hinaus.
    Mongo lächelte eigentümlich. »Komm«, sagte er, »lass uns einmal in dies Zelt
hineinsehen. Alle anderen durften wir ja besichtigen, warum also dies nicht?«
    Er ging mit Robert bis an die Wand aus Fellen und wäre im nächsten
Augenblick hineingeschlüpft, wenn nicht der Lappe plötzlich den Arm ausgestreckt
hätte. Ein verständliches Kopfschütteln zeigte den beiden, dass das Betreten
nicht erlaubt sei. In diesem Augenblick krähte der Hahn zum zweitenmal, und der
langgezogene Ton schien den Lappen offenbar zu erschrecken. Er zuckte und sah
misstrauisch empor.
    Ein ungeduldiger Laut und ein gebieterisches Ausstrecken des Zeigefingers
legte den beiden nahe, ihre Absicht sofort aufzugeben und weiterzugehen. Mongo
hatte auch alles erfahren, was er wissen wollte. »Dort werden die Opfertiere
gefangen gehalten«, sagte er. »Glaub mir, der Stamm hätte sich nie so weit nach
Norden hinauf verirrt, wenn nicht die Reise mit einem geheimen Zweck verbunden
wäre. Diese christlich getauften und konfirmierten norwegischen Bürger wollen
einen heidnischen Götzendienst verrichten, deshalb sind sie hier.«
    »Oh, Mongo, du träumst!«
    »Aber nein, mein Junge. Die Regierung verfolgt und bestraft natürlich solche
Ausschreitungen, sie kann sie aber nicht unterdrücken, sondern nur aus ihrem
Bereich verbannen. Hier, wo kein Dorf und keine Ansiedlung mehr steht, wo kein
Baum oder Strauch wächst und kein Mensch seinen Wohnsitz aufschlagen könnte, -
hier hört das Gesetz auf, Gesetz zu sein. Die Saita, so heisst der Tempel oder
Opferstein Jubinals, ist in dieser unwegsamen Wüste vor allen Blicken, allen
Enteiligungen und Beobachtungen wirksam geschützt. Das Opfer kann vollzogen
werden, ohne die heidnische Schar straffällig zu machen, und eben deshalb
wandert der Stamm auf seinem Wege zum Meer durch diese wüste Gegend. Gib nur
acht, wir werden die Saita sehr bald finden.«
    Robert konnte nicht glauben, was der Neger sagte. »Aber Mongo«, wandte er
ein, »wie wäre das möglich? Denk doch an den ständigen Verkehr der Lappen mit
den Norwegern, ihren Küstenhandel, ihre Besuche auf den Märkten von Bergen und
Trondhjem! Sie sind längst schon keine Wilden mehr.«
    Mongo schüttelte den Kopf. »Lappen und Lappen«, antwortete er, »das ist ein
Unterschied. Während die Grenznachbarn des Norrlandes am Lyngenfjord schon
beinahe als gewöhnliche norwegische Ansiedler und Viehzüchter gelten können,
sind die nomadischen Stämme oben an der Polargrenze wieder ein ganz anderer
Menschenschlag, der zu den Samojeden und Kirgisen in weit näherer Verwandtschaft
steht als zu den Weissen. Du musst bedenken, dass Norwegen, von einem Ende zum
anderen gemessen, seine dreihundert Meilen lang ist.«
    Robert nickte. »Das wusste ich zwar auch, Mongo«, antwortete er. »Aber wo
hast du all diese Einzelheiten erfahren?«
    »Kind, ich bin länger als fünf Jahre auf Walfang. Was soll ein alter Mensch
machen? In den Fabriken wollen die Leute einen vollwertigen Arbeiter haben, und
in den vornehmen Häusern einen jungen, gewandten Diener, - also blieb mir nichts
übrig, als auf Grönlandfahrern den Tran auszubraten, dafür taugt jeder, der nur
Augen und Hände besitzt.«
    »Und nun gib acht«, fuhr er fort, »dort hockt wieder eine Lappe mit kurzer
Pfeife und hölzernen Stricknadeln zwischen den Fingern. Es ist die Saita die er
bewacht.«
    Mongo versuchte nicht, sich diesem zweiten Hüter bemerkbar zu machen. Robert
und er schlugen eine seitliche Richtung ein, um die ziemlich hohe Felsspitze von
hinten in Augenschein zu nehmen. »Siehst du«, flüsterte der Neger, »dort wimmelt
es von eingegrabenen Figuren und Zeichen. Das sind sogenannte Runensprüche, die
aus der vorchristlichen Zeit stammen.«
    »Die will ich in der Nähe sehen!« drängte Robert, »und wenn ich zu diesem
Zweck länger als der ganze Stamm hier bleiben müsste. Mongo, wer hat dir das
alles erzählt?«
    Der Schwarze lächelte. »Ich bin fast sechzig Jahre alt, du Heisssporn, das
vergiss nicht. Wenn jemand in meinem Alter zwei Drittel seines Lebens in guten
Häusern verbracht hat, viel mit Missionaren verkehrte und im allgemeinen an der
Geschichte der farbigen Völkerstämme durchaus Anteil nahm, so ist es kein
Wunder, dass er ihre Religionsübungen, oder besser gesagt, ihren Götzendienst
genauer studiert hat. Ich könnte dir voraussagen, wie lange die Lappen noch
bleiben und - was sich dort an diesem Felsen am letzten Abend ihres Hierseins
ereignen wird.«
    Robert zitterte vor Neugier. »Nun, Mongo, und -?«
    »Willst du es dir nicht lieber selbst ansehen?« lächelte der Neger.
    »Gern. Aber wird man uns zulassen?«
    »Natürlich nicht!« lachte Mongo. »Komm, lass uns einen anderen Zugang suchen.
Dieser braune Geselle in seiner rührenden Einfalt zeigt uns ja, dass hier die
Saita liegen muss.«
    Die beiden Abenteurer umgingen suchend den Felsen, dessen Rückwand sich in
einem Gewirr von Klippen und Schluchten verlor, den aber doch eine ziemlich
breite Kluft von seiner Umgebung derartig trennte, dass kein Mensch ohne weiteres
hinübergelangen konnte. Desto besser liess sich allerdings der ganze obere Raum
von hier aus frei überblicken, besonders da die hinteren Zacken und Spitzen
bedeutend höher lagen als der vordere glatte Felskegel. Mongo und Robert sahen
eine Art flachen, etwa einenMeter hohen natürlichen Sockel aus Granit, den
jedoch Menschenhände geformt und abgeschliffen haben mussten, vielleicht vor
tausend Jahren schon, da die Runensprüche in ihren Einzelheiten nur noch schwer
erkennbar waren. - In der Mitte des flachen Steines war alles schwarz überkohlt.
    »Siehst du«, flüsterte Mongo, »darum die beschwerliche Reise in den höchsten
Norden hinauf, wo nicht einmal Brennmaterial zu finden ist, wo die Rentiere halb
verhungern und alte Leute und Kinder vor Kälte umkommen. Wenn der Vollmond hoch
am Himmel steht, wird hier das Opferfest gefeiert.«
    »Und dazu, meinst du, dient der Hahn, der in dem verschlossenen Zelt
krähte?«
    »Ein Pferd, ein Hahn und ein Habicht«, erwiderte Mongo. »Das Pferd wird hier
der äusseren Verhältnisse wegen durch ein Ren ersetzt, höchstwahrscheinlich ein
ganz weisses, was man sehr selten findet. Früher nahm man statt dieser Tiere
Menschen, so zum Beispiel forderte das grosse jährliche Sühneopfer
neunundzwanzig, und ebenso viele starke Tiere.«
    »Aber das muss doch in der vorchristlichen Zeit gewesen sein, Mongo?«
    »Natürlich. Die letzten Überreste dieser entsetzlichen Opfer aber haben sich
hier in dieser weltabgelegenen Gegend zum Teil noch erhalten, wenn sie auch nur
noch an Tieren vollzogen werden.«
    »Mongo, hast du selbst jemals ein solches Opfer mit angesehen?«
    Der Neger schüttelte den Kopf. »Ausserhalb meiner Heimat nicht, Bob. Aber ich
will dir Gelegenheit geben, deine Neugier zu befriedigen, indem ich das Zelt
behüte und niemand hineinlasse, angeblich weil du krank seist, - während du
hier von diesem Felsen aus die Geheimnisse Jubinals und seiner Anhänger
erforschen kannst. Nur lass dich nicht abfassen, Junge, sonst könnten deine
Gebeine allzuschnell denen des Hahns und des Habichts nachwandern müssen.«
    Robert lachte lustig. »Ich ein lappländisches Opfertier«, rief er. »O du
lieber Gott, wenn das mein Vater gehört hätte, der grundsätzlich alles, was
ausserhalb Europas liegt, für heidnisches Unwesen erklärt.«
    Mongo lachte mit. »Jetzt komm nur«, sagte er, »wir müssen uns doch wieder
bei unseren Gastfreunden sehen lassen und versuchen, ihnen bei ihrer Arbeit zu
helfen. Auch könnte es uns keineswegs schaden, wenn wir ein Stück Rentierfleisch
zwischen die Zähne bekämen.«
    Sie gingen zu den Zelten zurück, und hier sah Robert, wie mehrere Frauen
beschäftigt waren, aus ihren groben, selbstgewebten Stoffen die verschiedensten
Kleidungsstücke zuzuschneiden. Er lachte so lustig, dass die Lappländerinnen
erstaunt aufsahen.
    »Du, Mongo«, rief er, »habe ich dir nicht die Fischgräte gezeigt, mit der
ich mir auf meiner kubanischen Insel einen Anzug nähte? - Das war ein
Lehrlingsjahr des fahrenden Schneiders, und jetzt kommt das zweite. -
Hochverehrte, in Schmutz getauchte, mit Tran gesalbte, mit Zwiebeln parfümierte
und ohne Kenntnis der Seife oder des Handtuches herangewachsene Beherrscherin
der Rentierzone«, wandte er sich an eine der rauchenden und aus kleinen,
rötlichen Schlitzaugen verwundert dreinschauenden Frauen, »wollen Sie mir
huldreichst gestatten, die Schere aus Ihren braunen Pfoten zu entwenden und
Ihrer eingefrorenen Phantasie durch die Kenntnisse des deutschen
Kleiderkünstlers zu Hilfe zu kommen?«
    Er nahm mit zierlichem Griff und der ernstaftesten Miene von der Welt die
Schere und begann zu Mongos grossem Ergötzen den unförmigen, sackartigen Rock der
Lappländerin in ein hübsches, glattsitzendes Kleidungsstück zu verwandeln. Als
er es mit grossen Stichen zusammengeheftet hatte, überreichte er es der
Eigentümerin, die ihm neugierig auf die Finger sah und offenbar nicht erwarten
konnte, den neuen Schmuck ihren Stammesgenossinnen zu zeigen. Sobald sie den
Rock in der Hand hielt, eilte sie fort, und das Durcheinander von Frauenstimmen
zeigte nur zu bald, welches Aufsehen Roberts Kunst erregt hatte. Von allen
Seiten kamen die Weiber mit grossen Stoffballen herbei.
    »Da hast du's!« rief laut lachend der Neger. »Jetzt ist dein Urteil
gesprochen, vorwitziger Bursche! Du bist nun - -«
    »Leibschneider der Zwerge!« ergänzte Robert. »Hurra, das deutsche Märchen
ist Wirklichkeit geworden.«
    Mongo sah mit stillem Vergnügen das hübsche, lebensfrohe Gesicht und die
schlanke Gestalt Roberts. »Ist ein prächtiger Kerl«, dachte er, »hat ein Herz
wie ein Kind und Mut wie ein Löwe. Jetzt sitzt er doch bei der Nähnadel, als sei
er ein eingefleischter Schneider, und gestern abend hat er mit derselben Faust
einen Wolf erlegt.«
    Robert blinzelte ihm zu. »Weisst du, was ich im Grunde erreichen will?«
fragte er. »Eine Mütze für dich und mich, Mongo. Die Taschentücher sind doch auf
die Dauer unbequem. Aus diesen Abfällen aber stelle ich uns beiden ein paar
tadellose Kopfbedeckungen her.«
    Mongo nickte. »Soll mir sehr angenehm sein, du junger Spitzbube. Kannst mich
vielleicht als Altgesellen verwenden?«
    »Tut mir leid, Tranbrater. Die Nähnadel ist kein Rührlöffel. Aber geh und
stibitze mir irgendwo eine Pfeife, wenn du kannst. Diese braunen Heiden rauchen
zwar Moos statt Tabak, glaube ich, aber in der Not frisst der Teufel Fliegen, wie
du weisst. Ich möchte nicht gern mit erfrorener Nase wieder nach Pinneberg
zurückkehren.«
    Mongo lachte. »Wie kommt es nur, dass wir so guter Laune sind?« fragte er.
    »Hm, ich denke, weil wir nur wie durch ein Wunder davongekommen sind, Alter.
Im Anblick des Todes lernt man den Wert des Lebens erst kennen. - Schau her, das
wird deine Mütze. Sollen auch Ohrenklappen darankommen?«
    »Wenn du soviel Stoff auf die Seite bringen kannst, ja. Ich will inzwischen
Pfeifen besorgen.«
    Mongo humpelte davon und verständigte sich abermals durch Gebärden mit der
Alten, die ihm zu ein paar Pfeifen verhalf, von denen er eine dem nähenden
Robert zwischen die Lippen schob. »Jetzt werde ich mich nach etwas Feuchtem,
Gebranntem umsehen«, fügte er hinzu. »Es ist ausserordentlich frisch hier oben.«
    »Du solltest unter deine Felle kriechen«, riet Robert. »Das Klima sagt dir
offenbar nicht zu.«
    »Nun, nun - dir vielleicht, Monsieur Naseweis?«
    »Naserot, willst du sagen, Bester. Ich fühle mich übrigens wirklich gut.«
    »Schlingel!« lachte der Alte und ging, während Robert zurückblieb, von den
Frauen wie von einer Garde aufgescheuchter Gänse umschnattert. Er hatte sehr
bald eine tüchtige Anzahl Röcke zugeschnitten und nähte dann drauflos, um für
seinen alten Freund noch vor Anbruch der Nacht die warme Mütze fertig zu machen.
Bei dieser Arbeit behielt er das Zelt des Häuptlings immer im Auge, aber ohne
das Mindeste zu entdecken. Als die braune Alte das Fleischgericht für gar hielt,
trug sie eine Schüssel voll davon bis vor die Tür aus Fellen und entfernte sich
wieder, ohne hineingesehen oder gesprochen zu haben.
    Robert beobachtete verstohlen diesen kleinen Vorgang. Was würde jetzt
geschehen?
    Da kam hinter den Fellen eine braune Hand zum Vorschein. Leise wurde der
Holznapf nach innen gezogen.
    
    »Sich, du Schlingel«, dachte der Junge belustigt. »Da sitzest du im Trocknen
und pflegst deine faule Haut, während deine betörten Brüder arbeiten. Kann mir
schon denken, wie die Gaukelei eingefädelt wird, - du betest und rufst Jubinals
Gnade auf deinen Stamm herab, als würdige Vorbereitung für das Opferfest, nicht
wahr? In Wirklichkeit aber lässt du dich von deinen Stammesgenossen versorgen und
hast keineswegs vergessen, eine tüchtige Flasche Branntwein in die
geweihteEinsamkeit mit hineinzunehmen. - Will mir aber die Geschichte um jeden
Preis ansehen.«
    Er stand auf und ging zu der Alten am Feuer. Obgleich sich die Wunde, die
ihm der Wolf gerissen hatte, auf dem Rücken seiner Hand befand, so schmerzte sie
ihn doch bei der Näharbeit sehr stark, und daher hoffte er auf ein wenig Salbe,
die ihm das Mütterchen auch bereitwillig gab. Ein Gericht Fleisch mit Zwiebeln
erhielt er obendrein.
    »Wozu diese Leute eigentlich ihre Wohnungen haben«, dachte er. »Alles
geschieht in Freien: essen, arbeiten, plaudern, kochen. Die Hütte dient nur zum
Schlafen.«
    Er ass das Fleisch nicht ohne einiges Widerstreben und half dann gutmütig der
Alten, die Menge hölzerner Löffel und Schüsseln wieder abzuwaschen. Handtücher
gab es nicht, sondern jeder Napf wurde umgestülpt, und damit war alles getan,
was die Reinlichkeitsbedürfnisse des Stammes erforderten.
    Bis Robert die Mütze für den Alten fertig hatte, war es bereits dunkel
geworden, und mehrere von den Männern gingen in die Ebene hinab, um die Rentiere
herbeizutreiben. Fast alle kamen auf den bekannten schrillen Pfiff ihrer Hüter
freiwillig heran und liessen sich melken, diejenigen aber, die das Zeichen des
Hirten unbeachtet liessen, wurden mit einem langen ledernen Lasso eingefangen.
Robert zählte über hundert Köpfe, darunter mindestens dreissig milchgebende Kühe,
natürlich aber zu dieser Jahreszeit keine Kälber. Die ganze Herde wurde, nachdem
sie gezählt worden war, ohne weiteres für die Nacht sich selber überlassen.
Diese Tiere sind ebenso anhänglich wie klug, sie folgen wie Hunde ihrem Herrn
und brauchen deshalb nicht eingesperrt werden.
    Nur das Reittier blieb gefesselt. Jedenfalls gehörte es dem Zauberer, der
hinter seinen Zeltwänden eben noch einen so gesunden Appetit entwickelt hatte.
Robert lachte, sooft er sich der Hand erinnerte, die den gefüllten Napf
sorgfältig in Sicherheit brachte, während jedenfalls der ganze Stamm gläubig
annahm, dass mit dem Inhalt des Geschirres den Göttern ein Opfer bereitet werde.
Er freute sich auf das bevorstehende Schauspiel dermassen, dass ihm die nächste
Nacht nur von Feuer und krähenden Hälmen träumte. So merkwürdig hatte er sich
die Reise an den Nordpol auch in seinen kühnsten Erwartungen nicht gedacht.
    Am nächsten Morgen war seine erste Frage: »Mongo, worauf warten die braunen
Gesellen, ehe sie ihre Zauberkünste beginnen?«
    Der Neger kroch behaglich tiefer in die warmen Felle hinein. »Auf den
Vollmond, du ungeduldiger Mensch«, sagte er. »Für heute geschieht noch nichts.«
    Und so wurde es tatsächlich. Der zweite Tag verging wie der erste, Robert
entwickelte seine Schneiderkünste, beobachtete das verschlossene Zelt und
rauchte das geheimnisvolle Kraut, das er heute missmutig Mongo gegenüber für
getrocknete Reste von Kohl oder Rüben erklärte. Die neue Mütze sass ihm frech auf
einem Ohr, die grossen Seestiefel hatten frischen Tranglanz erhalten, und die
zerrissene Jacke war mit Rentierzwirn ausgebessert worden. Beide Hände in den
Taschen stand er vor dem Alten.
    »Mongo, du bist jetzt mein Spiegel!« sagte er. »Wie sehe ich aus?«
    »Hm! - Wie einer, an dem noch einiges zurecht gerückt werden muss, ehe aus
ihm ein vernünftiger Mensch wird.«
    Robert lachte. »Achte auf den Mond, Schwarzer«, antwortete er. »Ich hätte
grosse Lust, mir von einem dieser braunen Kerle ein Gewehr zu leihen und ein
wenig auf die Jagd zu gehen. Länger als zwei Tage halte ich es bei der Nähnadel
nicht aus.«
    Mongo schüttelte den Kopf. »Und wenn du dich verirrst, Bob?«
    »Keine Angst. Ich bin vor Anbruch der Nacht zurück. Aber Mongo, gib gut acht
auf den Stand des Mondes, hörst du! Und noch eins, besorge mir durch deine
braune Freundin ein Gewehr, Alter. Du und sie, ihr seid ja doch Vertraute, nicht
wahr?«
    »Sehr vertraut!« nickte der Neger. »Sie schenkt mir die grösste Zwiebel aus
dem Topf, und ich zerhacke ihr dafür das Brennholz. Dann zeigen wir uns
gegenseitig, wie an den Handgelenken und in den Schultern die Gicht reisst, oder
wir frösteln gemeinsam, wenn der Ostwind über die Berggipfel pfeift. Ja, - es
ist ein entzückendes Dasein, das Leben unter dem fünfundsiebzigsten Grad
nördlicher Breite.«
    Robert streckte sich lang aus und warf die Arme hoch empor. »Dieser
herrliche Norden«, rief er lachend, »geh, Alter, hole mir eine Schusswaffe,
Gewehr oder Bogen, wenn es nur etwas ist.«
    Und Mongo ging. Robert lehnte sich an den nächsten Felsen und musste lachen,
als er sah, wie der Neger das Küchenbeil nahm und es auf die Alte anlegte, um
seinen Wunsch begreiflich zu machen. Sie verstand ihn sofort, hinkte zu einem
der jungen Männer und redete mit ihm lange hin und her. Der Lappe schien zuerst
das Gesuch rund abschlagen zu wollen, später aber erhob er sich und brachte
widerstrebend eine alte Jagdflinte herbei. Die notwendige Munition hing in einem
kleinen Lederbeutel daran.
    So ausgerüstet wanderte Robert los. Die Luft war klar und ruhig, der Himmel
blau und die Sonne heute wärmer als an den Tagen vorher. An den Strand konnte er
nicht vordringen, da der Weg dahin viel zu weit war. Er musste sich also mit
einem Ausflug in die höchsten Gebirgsgegenden begnügen. Vielleicht sah er ja von
dort aus in weiter Ferne das Meer, vielleicht konnte er einen Gruss hinübersenden
zu weissen Segeln, die langsam im Sonnenglanz dahinglitten - -
    Das Gewehr auf der Schulter ging er pfeifend weiter. Längst hatte er sich in
einem Berggipfel von sonderbarer, tierähnlicher Gestalt eine Art von Wegweiser
gesucht, der ihn nicht irreleiten konnte. Sobald er das Bild in gerader Richtung
vor sich sah oder ihm genau den Rücken kehrte, befand er sich dem Lappenlager
gegenüber.
    Robert lief, bis die Lungen den Dienst versagten, er kletterte über die
unwegsamsten Pässe und sprang wie ein Seiltänzer von Klippe zu Klippe, nur um
seinem Übermut die Zügel schiessen zu lassen. Immer höher und höher hinauf trugen
ihn seine flinken Füsse, immer weiter entfernte er sich von den Zelten der
Lappen. Es war aber auch zu verlockend schön hier oben - wie in einem Tempel
fast. Überall hohe Säulen, regelmässig und grossartig zu einem natürlichen,
gewaltigen Bau vereint. Hohe Bogen schwangen sich von Kuppe zu Kuppe, gedämpft
fiel das Sonnenlicht in den mittleren, freien Raum, und brausend wie ein
Orgelton sang der Ostwind seine Melodie dazu.
    »Warum steht die Saita Jubinals nicht hier oben?« dachte er. »Kann es denn
eine noch schönere Stelle geben?«
    Er sah sich um. Kein Baum, kein Strauch, keine Spur des Lebens, und doch war
es ein grossartiger, erhebender Eindruck. Langsam wanderte er durch das Schiff
dieser natürlichen Kirche, an deren entgegengesetzter Seite ein Wasserfall mit
donnerähnlichem Tosen zwischen die zerklüfteten Felsen hinabstürzte. Schäumend,
Silbertropfen spritzend und ringsumher alles mit feinem Gischt bestäubend,
stürzte das Wasser auf das Gestein herab. Spitze Zacken ragten daraus hervor,
aber kein Zeichen verriet, wo sich ein Abzugskanal aus diesem Felsental befand.
Robert blickte staunend hinab. Wo blieben diese schäumenden Wassermassen? - -
    Da sah er eine kleine weisse Möwe mit grauem, perlartigem Federmantel, wie
sie kreischend von oben herab in den Felsspalt mehr taumelte als flog. Die
ausgebreiteten Flügel glänzten von schimmernden, unzähligen Wassertropfen, die
roten Füsschen suchten auf dem feuchten Gestein vergeblich Halt, und das Köpfchen
duckte sich, wie vor einer drohenden Gefahr.
    Im gleichen Augenblick erkannte Robert auch den Räuber, der das kleine,
scheue Tierchen verfolgte. Ein riesiger Seeadler schoss herab, an der Möwe
vorüber und fast in das Wasser hinein. Er hielt sich mit den scharfen Fängen auf
einer vorspringenden Klippe und schien eine Weile ausser Fassung, weil er sein
Opfer in blinder Eile verfehlt hatte.
    Die Möwe schwebte hoch in der Luft, ehe sie ihr Verfolger erreichen konnte.
    Alle Jagdlust erwachte in Robert, als er den Adler so nahe bei seinem
eigenen Versteck auf den Klippen sitzen sah. Es war ein besonders grosses, sehr
schönes Tier, dessen stolze Haltung und feuriges Auge ihm ein wahrhaft
vornehmes, königliches Aussehen gaben.
    Es sass auf der vorspringenden Klippe und bog den schlanken Hals der
entfliehenden Möwe nach, dann breitete es die Flügel aus, um sich wieder in die
Luft zu erheben.
    Robert hielt den Atem an. Über zwei Meter mochtes das Tier messen, wenn man
die äusserste Flügelspannweite rechnete, - wie ein Riesenbildwerk, unbeweglich
wie die Klippen ringsumher, sass es auf der schmalen Felszacke. Die Wassertropfen
schleuderten spielend einen Perlenregen über das braune Gefieder herab, zornig
blickte das Auge der entkommenen Möwe nach.
    Robert hob das Gewehr. Sollte er abdrücken?
    Fast war es Mord. Das Fleisch des Adlers konnte nicht gegessen werden, -
sein Leben in der endlosen Steinwüste schadete niemand. Mit welchem Recht durfte
er das Tier töten?
    Da erhob sich der Adler, um den Flug durch die Lüfte fortzusetzen. Robert
besann sich nicht länger, - es lockte ihn zu unwiderstehlich. Der Schuss krachte
mit zehnfachem Echo, der Pulverdampf schwebte über der Kluft, und neugierig sah
der junge Schütze hinab. Die Klippe war leer.
    Er trat bis an den äussersten Rand und beugte sich vor, um besser in den
sprudelnden Gischt hinabschauen zu können. An den unteren Zacken und Klippen
musste ja das getroffene Tier hängen geblieben sein, da es auf der kreisenden,
schaumbedeckten Oberfläche nicht zu erkennen war. Wenigstens einige Federn,
einige Blutspuren musste er finden.
    Aber so sehr er seine Augen auch anstrengte, zwischen jede Klippe blickte
und zehnmal die ganze Umgebung musternd überflog, - es zeigte sich nichts. Dort
wo das Wasser blieb, war auch der Vogel verschwunden, auf geheimnisvolle,
unerklärliche Weise, ohne eine Spur in der zerklüfteten, verwitterten Umgebung
zurückzulassen.
    Robert sah kopfschüttelnd an der andern Seite des Berges hinab. Er stand in
einer Höhe von beinahe hundert Metern über dem Talkessel, der in den Sumpf
ausmündete. Vielleicht liess sich also auf halbem Wege, in der Mitte oder am Fusse
des Berges, diesem seltsamen, wie ein mitternächtlicher Spuk verschwindenden
Wasserfall noch weiter nachforschen. Gedacht, getan; vorsichtig kletternd suchte
er einen Pfad an der ziemlich steil abfallenden Gebirgswand, deren vielfache
Vorsprünge, Ecken nnd Plattformen seinen Füssen als Stützpunkte dienten. Schritt
für Schritt hinabsteigend, sah er immer nach unten, nie aber zur Seite seines
Weges, und auf diese Weise verlor er die eingeschlagene Richtung vollständig aus
den Augen. Hinter ihm, vor ihm, rechts und links türmte sich das Gebirge,
überall führten stufenartige Abhänge in die Tiefe, mehr und mehr verloren die
Sonnenstrahlen an Licht und Wärme, und die Kälte wurde immer durchdringender.
    Robert merkte nichts davon. Seine Tollkühnheit riss ihn weiter. Er wollte den
erlegten Adler wiederfinden, wollte wissen, wohin das unterirdische Wasser
gelangte und wie tief hinab ihn dieser Weg führen werde, daher kletterte er
rüstig weiter, immer im Glauben, dass es leicht sein müsse, wieder
hinaufzusteigen, wenn er Lust habe. Das ging ja von Stufe zu Stufe, bequem wie
eine Treppe und bestimmt tausendmal besser, als in den schaukelnden Wanten eines
Schiffes.
    Tiefer, immer tiefer kletterte er hinab. Dämmerung umgab ihn, der Wind
schwieg ganz, die Luft war kalt wie Eis.
    Und jetzt stand er auf festem Boden. Vor ihm wölbte sich eine enge, finstere
Halle, von steinernen Bogen überdacht, unter denen ein schmaler Weg
hindurchführte. Während das Innere dieser Felsenhöhle fast nächtlich dunkel
erschien, zeigte an ihrem äussersten Ende ein Lichtschimmer, dass dort die Sonne
ungehindert von oben eindringen konnte. Robert hielt das wieder geladene Gewehr
schussbereit in der Hand und drang mutig vor.
    Die Grotte besass nur geringe Ausdehnung. Schon nach zehn bis zwölf Schritten
erweiterte sie sich bedeutend, das Tageslicht fiel voll herein, und eine Art
scharfkantiger Brüstung erhob sich unmittelbar vor Roberts Füssen. Der Weg war
hier plötzlich zu Ende.
    Das Schauspiel aber, das sich jetzt seinen Augen bot, war schöner und
eindrucksvoller als alles bisher Gesehene. In einer Tiefe von vielleicht zehn
Metern lag zwischen den Felsen ein blauer See mit regungsloser, spiegelglatter
Oberfläche. Anscheinend unergründlich tief lag das Wasser wie ein blauer Teppich
da, von allen Seiten stiegen die Felsen steil empor, hier in schlanken,
anmutigen Formen, dort verworren und wild zerklüftet, als hätten die alten
Götter der Sagenzeit im Kampfe Trümmer auf Trümmer geschleudert, als hätte die
Erde unter ihren Fusstritten gebebt und wäre in tausend Scherben zerfallen, die
nun hier über- und nebeneinander liegen geblieben waren. Vorspringende Altane
streckten sich plötzlich aus der Mauer heraus und spiegelten ihre gefälligen
Formen im Wasser des Sees, stumpfe Kegel hoben die wenig schönen Häupter zu
Hunderten aus dem zackigen Gestein empor und umgaben eine Säule, die schlank und
schmucklos wie ein Kirchturm zum Himmel ragte.
    Das war eine Welt für sich, das schien nicht mehr der Erde anzugehören, -
das überwältigte fast das Herz des Menschen.
    Bis an den oberen Rand war dieser tiefe, mit Wasser gefüllte Talkessel
vollständig ungangbar. Robert befand sich ganz im Schoss der uralten Steinriesen,
in geheimnisvoller, tiefverborgener Mitte, aus der kein Ton empordrang zur
Oberwelt.
    Was jeden anderen erschreckt haben würde, das erfüllte ihn mit stolzer
Freude. Er hob den Lauf des Gewehres langsam empor und zielte auf die schlanke
Turmspitze. Wie hier im eingeschlossenen Raum der Schuss krachen musste! - -
    Und dann wälzte sich der donnerähnliche Schall an den Wänden entlang. Wie
betäubender Lärm aus zehn, - zwanzig Geschützen, kaum zu ertragen, so krachte es
und rollte und hallte wider. Die höchste Spitze, ein Stückchen wie ein kleiner
Stein, war herabgeschossen und fiel plötzlich in das stille, blaue Wasser. An
den Wänden spielten kleine, weisse Schaumwellen, während in der Mitte des Sees
die zitternden, unregelmässigen Kreise immer grösser und grösser wurden. Nach
wenigen Minuten war alles so still wie zuvor.
    Robert lud das Gewehr und hing es an dem Lederriemen wieder über seine
Schulter, dann, nach einem letzten, bewundernden Blick auf die Felswand, suchte
er durch die Grotte den Rückweg. Erst jetzt fiel ihm ein, dass er weder den
Adler, noch den Ausfluss des Wasserfalles gesehen hatte. Es musste also mitten in
dem Gewirr von Klippen, entweder zur Rechten oder zur Linken, etwa auf halber
Höhe noch eine Stelle geben, die das Wasser langsam fliessend passierte, bevor es
in den See einmündete, und wo auch der Adler hängen geblieben war.
    Diese Stelle wollte er finden.
    Vor dem ziemlich dunkeln Ausgang der Höhle erhoben sich so viele Stufen und
Zacken, dass es auch einem Ortskundigen auf den ersten Blick unmöglich gewesen
wäre, hier diejenigen herauszufinden, die ihm vorhin als Treppe gedient hatten.
Robert sah hinauf. Von allen Seiten Schluchten und Kuppen, Spalten und Engpässe,
- hoch oben in weiter Ferne hier oder da ein Streifen blauen Himmels, aber
nirgendwo ein Zeichen des Weges, der ihn hierher gefuhrt hatte.
    Noch schlug sein Herz so ruhig und gleichmässig wie immer, er versuchte die
einzelnen Stufen des Gesteins der Reihe nach mit den Augen in Verbindung zu
bringen und zu berechnen, wie er am besten nach oben kommen könnte. Vergebens!
Dieser mündete nach rechts, jener nach links, der dritte lief in eine steile,
ganz glatte Wand, und der vierte zeigte Unterbrechungen, über die kein
menschlicher Fuss hätte hinwegspringen können. Robert fragte sich umsonst, wie er
durch dieses Gewirr überhaupt bis auf den Boden der Schlucht hinabgefunden habe.
    Aber was half es. Die Sache musste auf gut Glück hin versucht werden. Er
kletterte mit der Hast der Aufregung in den nächsten Spalten empor und fühlte
bald den Wind wieder um seine Stirn wehen. Jedenfalls hatte er an Höhe gewonnen,
das gab ihm neuen Mut.
    Von Zeit zu Zeit prüfte er die Entfernung des Himmels von seinem
augenblicklichen Standort. Sonderbar, - sie blieb immer die gleiche.
    Wo er sich jetzt befand, war er auch vorhin nicht gewesen, daran erinnerte
er sich deutlich.
    Die Zacken hörten auf, und eine Art Rinne oder Durchgang führte tiefer in
den Fels hinein. Zugleich hörte Robert ein starkes Rauschen wie von Wasser. Ganz
in seiner Nähe plätscherte es, aber sehen konnte er nichts. Vorsichtig
weitergehend suchte er überall die Spuren des verlorenen Weges, stellte jedoch
dabei fest, dass sich die Rinne, der er folgte, allmählich senkte.
    Er kehrte um bis zu der Stelle, wo er das starke Rauschen bemerkt hatte. Es
war ununterbrochen hinter der Felswand zu hören, doch liess sich kein Tropfen
Wasser erkennen, das Gestein war überall vollkommen trocken und fest.
    Er kehrte noch einmal um, bis nach einer Wanderung von fünf Minuten der Pass
sich dermassen verengte, dass kaum noch ein Durchschlüpfen möglich war. Robert
kroch vorwärts, - er mass besorgt die Entfernung zum Tageslicht.
    Aber jetzt erschrak er doch so sehr, dass es kalt über seinen Rücken
herablief. Was er hoch über sich sah, war die zierliche, schlanke Spitze des
turmartigen Felsens, - er befand sich demnach bedeutend unter dem Spiegel des
Sees.
    Einen Augenblick lang stockte das Blut in seinen Adern. Schweiss stand auf
seiner Stirn, und seine Knie zitterten. Das geheimnisvolle, unterirdische Wasser
hatte ihn verlockt, den Zauberberg zu betreten und aus seinen verschlungenen
Irrgängen den Rückweg zur Sonne, zu den Menschen vergeblich zu suchen - -
    Kindheitsmärchen stiegen in seiner Erinnerung auf, er dachte an Rübezahl, an
den Leibschneider der Zwerge, an »Schneewittchen über den Bergen, bei den sieben
Zwergen«, an den Kobold Rumpelstilzchen und all die anderen Gestalten, deren
Abenteuer er so gern gelesen und an deren Stelle er sich tausendmal gewünscht
hatte.
    Jetzt war er so ein verzauberter, gefangener Märchenheld, der dem Bann des
Hexenmeisters nicht früh genug aus dem Wege ging, und hinter dessen Schritten
sich die Felsen, gehorsam ihrem Herrn, leise aneinander schoben, so dass er
niemals wieder an die Oberfläche gelangte, - niemals zurück zu den Seinen.
    Ein Schauder überlief ihn. Der stille, bergestiefe See hoch über seinem
Kopf, - das war merkwürdig beklemmend und seltsam. - -
    Sollte er rückwärts gehen oder weiter vordringen?
    Er entschied sich für das Letztere. Vielleicht, machte er sich Hoffnung,
liegt der Ausgang ganz nahe, - vielleicht sind es nur noch wenige Meter bis
dahin.
    Und fast schien es, als sei diese Vermutung richtig gewesen. Der schmale
Schacht lief aus in ein freies, weites Tal. Robert sah sich plötzlich von dem
Druck der ihn umgebenden engen Felsmassen erlöst und atmete befreit auf.
    Aber als er näher herankam, - was war das?
    Kleine Wasserlachen, glitzernd im Schein der untergehenden Sonne, hatten
sich hier und da gebildet, kleine Vertiefungen waren mit bläulichem Schlamm
überzogen, - ein unangenehmer Modergeruch erfüllte die Luft.
    Robert wollte nicht glauben, was sich seinen Augen gebieterisch aufdrängte.
Er setzte den Fuss auf die schwarze, glatte Fläche, - aber er tat es zögernd,
vorsichtig.
    Eine kleine Lache bildete sich sofort um seinen Fuss. Robert taumelte zurück
vor Schreck - es war ein Sumpf, an dessen Rand die Felsspalte ausmündete.
    Er war wie betäubt. Jetzt musste er den ganzen beschwerlichen Weg nach oben
noch einmal suchen.
    Aber sollte ihn denn der Sumpf wirklich nicht tragen? -
    Er versuchte es noch einmal. Aber umsonst, ganz umsonst. Wenn er fester
auftrat, spritzte ihm der Schlamm entgegen.
    Halb verzweifelt entschloss er sich umzukehren. Ihm graute vor dem Rauschen
des unsichtbaren Wassers. Er lief so schnell wie möglich an dieser Stelle
vorüber und atmete auf, als er sie hinter sich hatte.
    Weiter, immer weiter hinein in das Felsenlabyrint. Roberts Hände bluteten,
aber er liess nicht ab, einen Weg zu suchen. Oben am Himmel wurde es allmählich
dunkel, - er musste sich beeilen, wenn ihn nicht die Nacht überraschen sollte.
Wieder hatte er einen Gipfel erklettert und hielt Umschau.
    Keine Verbindung mit den höhergelegenen Spitzen, kein Pfad, der von einer
Kuppe zur andern geführt hätte.
    Robert presste die Lippen zusammen. Er dachte nicht mehr, rechnete oder
beobachtete nicht mehr. Seine Pulse hämmerten, zehnmal machte er denselben Weg,
zehnmal kam er im Kreislauf an den eben verlassenen Platz zurück. - -
    Alle Schüsse bis auf einen, den er für den Fall eines Angriffs zurückhielt,
gab er in die Luft ab, um möglicherweise den Lappen ein Zeichen zu geben,
niemand antwortete, niemand hatte ihn gehört.
    Von Zeit zu Zeit machte er kurze Rast. Seine Schläfen hämmerten, Hände und
Füsse schmerzten, er atmete schwer. Wie lange noch würde er diesen ebenso
fruchtlosen wie gewaltigen Anstrengungen standhalten können.
    Aber solche Augenblicke der Erholung waren kurz. Getrieben von innerer
Unruhe sprang er schon nach wenigen Minuten wieder auf und begann noch einmal
den Kampf.
    Und dann kam ein Augenblick, wo er sich für verloren hielt. Ein Felsblock,
der nur lose gelegen haben musste, - vielleicht vom Blitz einmal aus grösserer
Höhe herabgestürzt, - ein schwerer, platter Felsblock rollte unter seinen Füssen
in eine tiefe Kluft hinein und riss ihn unwiderstehlich mit sich fort. Robert
schloss die Augen; er konnte nichts tun, um sich zu retten, und erwartete
widerstandslos den letzten, vernichtenden Schlag. Auf dem Rücken liegend, das
Gewehr in beiden Händen, glitt er auf dem grossen Stein in die Tiefe.
    Aber er hatte Glück. Als der Block auf Klippen und Spitzen einen Halt
gefunden hatte, konnte Robert unversehrt wieder aufstehen; er war tüchtig
durchgerüttelt und hatte die Knie blutig gestossen, im übrigen jedoch schien der
plötzliche Sturz keine schlimmen Folgen gehabt zu haben.
    Robert überblickte wieder die Gegend. Es war kaum noch hell und keine Zeit
mehr zu verlieren, wenn er noch einen Versuch machen wollte, das Lager der
Lappen vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen. Vorsichtig stieg er den
nächsten Felsgrat wieder hinauf.
    Und da - welch ein Glück! Da rauschte der Wasserfall in unmittelbarer Nähe,
da stand er wieder in dem tempelartigen Raum, von dem aus er vor drei langen,
fürchterlichen Stunden die Wanderung in das Innere des Berges unternommen hatte.
    Jetzt erst gönnte er sich eine längere Rast, um aufzuatmen. Der Rückweg war
gesichert, die Zeit, zu der ihn Mongo erwarten musste, war noch nicht
überschritten und die Richtung des Lappenlagers leicht gefunden. Zwischen den
Bergen, wo die Zelte standen, brannte ein Feuer, das durch die Dämmerung
heriiberschimmerte.
    Robert trocknete den Schweiss von der Stirn. Wie wunderbar hatte ihn der
fallende Stein gerade in dem Augenblick gerettet, als er sich verloren glaubte!
    »Ich will vorsichtiger werden«, dachte er, »und ich will Mongo von der
ganzen Geschichte kein Wort erzählen. Wenn ich zu unüberlegt handelte; so habe
ich auch genug Angst dafür ausstehen müssen, deshalb geht es niemanden etwas an,
als nur den lieben Herrgott und mich selbst.«
    Als Robert mit langsamen Schritten die äussere Umgebung des Lagers betrat,
kam ihm Mongo entgegen. »Pst, Bob, sprich mit niemand«, flüsterte er, »lass mich
nur das Gewehr abgeben und geh du gleich in unser Zelt. Wenn mich nicht alles
täuscht, so wird in dieser Nacht das Opferfest gefeiert werden. Ich habe so
meine Beobachtungen gemacht.«
    »Heute, Mongo?« antwortete Robert. »Das kommt früher, als du erwartet
hattest.«
    Der Neger rieb sich fröstelnd die Hände. »Schadet ja nichts, Bob«, sagte er.
»Um so eher geht es zurück nach dem Süden, - nach Bergen, wo sich für uns beide
schon eine Heuer finden wird.«
    Roberts Gesicht hellte sich auf. »Eine Heuer!« wiederholte er, »ach, Mongo,
wenn wir erst wieder Schiffsplanken unter den Füssen haben!«
    »Will mich auch von Herzen freuen, wenn es erst Anker auf heisst!« sagte der
Alte. »Aber jetzt geh du nur in unser Zelt, mein Junge.«
    Robert verschwand, und der Neger brachte das Gewehr zurück, wofür er einige
Mehlkuchen und einen Napf mit Milch von der alten Frau eintauschte. Robert
fühlte jedoch keinen Appetit, sondern stand noch ganz unter dem Eindruck des
eben Erlebten, so dass Mongo endlich die veränderte Stimmung seines jungen
Freundes bemerken musste. »Hast du eigentlich nichts geschossen, Junge?« fragte
er. »Das Gewehr war doch mehr als einmal zu hören.«
    Robert errötete. »Ich habe einen Adler getroffen, Mongo, ein prachtvolles
Tier, aber - der Körper fiel zwischen die Klippen, ich konnte ihn nicht
erreichen.«
    »Dann wollen wir morgen, wenn dazu noch Zeit bleibt, zusammen hingehen, Bob.
Es wäre doch hübsch, als Andenken an diese Eiswüste, einen Adlerflügel
mitzunehmen.«
    Robert schüttelte den Kopf. »Ich habe es versucht, Mongo, - dahin, wo das
tote Tier liegt, führt kein Weg. Überall steile Felswände, Jahrtausende altes
Gestein, und doch rauscht in nächster Nähe ein unsichtbarer Wasserfall. Weisst
du, ich glaube, dass viele dieser Felsen hohl oder doch von Einschnitten
durchzogen sind.«
    Der Alte nickte. »Natürlich, Bob, woher kämen sonst die Sagen und Märchen
von den Bewohnern unterirdischer Felshöhlen? - Hierzulande hausen die Trollen in
jedem Gebirge.«
    In Robert flammte bei diesen Worten des Negers sein alter trotziger Übermut
auf. »Mit zwölf oder zwanzig tüchtigen Männern, mit Seilen und Mauerhaken
ausgerüstet, möchte ich die Geheimnisse dieser Felsen erforschen«, rief er, »und
überall auf den Grund sehen!«
    Mongo lächelte rücksichtsvoll. »Überall, Bob?« wiederholte er, »glaubst du
das wirklich? Denkst du, dass du erreichen wirst, was Hunderte vergeblich mit
allen Mitteln versuchten?«
    Roberts Herz klopfte heftig. »Und warum nicht, Mongo? Einer kann nur der
erste sein, das musst du doch zugeben. Wenn vielleicht tausend Jahre vor mir
schon ein Mensch das Rauschen dieses unsichtbaren Wasserfalles hörte, und rechts
und links, oben und unten, in allen Spalten, allen Klüften vergeblich nach ihm
suchte, - ist es darum gesagt, dass niemand nach ihm mehr Glück haben soll als
er?«
    Mongo beugte sich in der Dunkelheit des Zeltes weit vor und beleuchtete mit
der kurzen Pfeife das blasse Gesicht des Jungen. »Und glaubst du«, fragte er
langsam, »dass es ein so grosser Gewinn sein würde, das Innere dieses einen
Felsens kennenzulernen? - Tausende bleiben unerforscht, Rätsel reiht sich an
Rätsel, während du alt wirst, Bob, während andere das erreichen, was du
anstrebtest.« Denk an die Nordpolfahrer, an ihre ungeheuren Anstrengungen bis in
unsere Tage. Keiner hat das Ziel erreicht, keiner wird es erreichen, aber viele
hundert brave Männer wurden ein Opfer ihres Wissensdranges.
    Roberts Augen glühten. »Willst du damit sagen, dass das Leben zu viel wert
wäre, um es für die Erforschung des Unbekannten in der Natur zu wagen, Mongo?
Sollten tüchtige Männer, solange noch ein Fleck Erde unbekannt und unerforscht
daliegt, die Hände falten und denken: vielleicht könnte ich mir bei der Sache
schaden?«
    Der Neger schüttelte den Kopf. »Nein«, antwortete er, »nein, gewiss nicht,
Bob. Aber es gibt einen Unterschied zwischen besonnener Forschung und dem
Ungestüm, der Gott versucht, indem er alle Schranken niederreisst und übermütig
sagt: Ich will!«
    Robert schob den hölzernen Napf zur Seite und warf sich der Länge nach auf
die Rentierfelle. »Mongo«, rief er, »und doch gibt es nichts Schöneres, als im
Bewusstsein seiner Kraft sagen zu können: Ich will!«
    Es entstand eine Pause, dann fragte plötzlich der Alte: »Kennst du die
Geschichte vom König Belsazar, mein Junge?«
    »Nein. Was war mit ihm, Mongo?«
    »Nun, Belsazar lebte herrlich und in Freuden, er herrschte, ohne sich um
göttliche oder menschliche Gesetze zu kümmern, und eines Tages sogar, als er
erhitzt vom Wein seines Übermutes kein Ende mehr kannte, da schrieb er an die
Wand des Saales die frevelhaften Worte: Jehova, dir künd' ich auf ewig Hohn, ich
bin der König von Babylon. - Aber was geschah plötzlich, während seine Schranzen
und Speichellecker Beifall klatschten? Eine Hand erschien an der Mauer und
verwischte die Schrift, nicht einmal, sondern immer wieder, sooft der König die
Worte erneuerte. Noch in derselben Nacht ermordeten ihn bestochene Diener.«
    »Sieh, Bob«, fuhr der Alte fort, »das passt für dich und passt auch wieder
nicht. Du bist ein braver Kerl, aber ein Tollkopf, der das Eisen biegen und mit
dem Leben spielen möchte. Die unheimliche Hand, die dem Belsazar Halt geböte
täte auch dir manchmal gut.«
    Robert antwortete nicht. Hatte der kluge alte Mann doch tiefer gesehen, als
er ihm erlauben wollte?
    Fast schien es so, denn Mongo kam auf das Gespräch nicht wieder zurück. Er
sah durch die Spalten der Felle und prüfte ringsum die stille Umgebung. »Es ist
Zeit, Junge«, flüsterte er dann. »Mach, dass du hinkommst, schleiche dich
vorsichtig auf dem Nebenweg zum Felsen und lass mich sorgen, dass niemand hier
eindringt. Die Kerle sind alle verschwunden.«
    Robert erhob sich hastig vom Lager. »Auf Wiedersehen!« gab er zurück. »Das
Opfer möchte ich um keinen Preis versäumen.«
    Mongo legte die Hand auf seinen Arm. »Aber wenn sie dich entdecken sollten,
Bob - du kennst mich! Sobald ich dich rufen höre, antwortet dir das
Kriegsgeschrei von Dahomei, und dein Freund kommt mit dem Holzbeil seiner
liebenswürdigen Vertrauten, das er zu diesem Zweck schon in Sicherheit gebracht
hat. Dort unter den Fellen liegt es.«
    Robert lachte. »Du bist ein Querkopf, Alter«, sagte er, »ein richtiger
Moralprediger, aber das Herz hast du auf dem rechten Fleck, und ich glaube, die
Faust auch. Ich möchte mich mit dir, trotz deiner sechzig Jahre, nicht
erzürnen.«
    Der Neger schmunzelte zufrieden. »Ich glaube, dass du recht hast, Junge. Aber
ich wäre längst ein toter Mann, wenn mich nicht dein Blut am Leben erhalten
hätte!«
    Robert knöpfte die Jacke von oben bis unten zu. »Das stimmt, Mongo, aber wo
wäre ich, wenn du mich nicht aus dem Wasser gezogen hättest?«
    »Im Haifischmagen, junger Spitzbube. Mach, dass du fortkommst.«
    Sie trennten sich lachend, und Robert schlich davon; er wollte auf Umwegen
den Felsen erreichen, von wo aus man die Opferstätte bequem überblicken konnte.
Als er näher herankam, zeigte es sich, dass der ganze Stamm mit Ausnahme seiner
weiblichen Angehörigen bereits versammelt war, und dass auf dem Felsen, der zur
Feier dieses seltsamen Gottesdienstes ausersehen war, schon ein helles Feuer
brannte.
    Die Beleuchtung war an diesem Abend nur gerade hell genug, um die
benachbarten Zinnen und Kuppen in dunklen Umrissen von dem Dämmergrau des
nächtlichen Himmels abzuzeichnen. Wie Riesenwächter, Ungeheuer aus der
Fabelzeit, erhoben ringsum die alten Berge ihre Häupter, von Wolken verschleiert
stand der Mond am Himmel, und zu Füssen des Opfersteines, neben den Runensprüchen
früher Jahrhunderte, scharten sich die dunklen, pelzbekleideten Gestalten, um
mit entblössten Häuptern ehrfurchtsvoll schweigend ihre Andacht zu verrichten.
    Wahrscheinlich hatte der grössere Teil von ihnen daheim im Winterquartier in
der kleinen, hölzernen Kirche aus der Hand des wandernden Missionars die
Christentaufe und später den Segen der Konfirmation empfangen, aber dennoch
beteten sie zu Jubinal, wie es die Voreltern getan hatten, und wie es ihnen von
Kind auf durch Vater und Mutter schon heimlich eingeprägt worden war.
    Robert konnte sich bis an die äusserste Brüstung vorwagen und alles
überblicken, ohne selbst gesehen zu werden. Das erste, was er bemerkte, waren
die für das Opfer bestimmten Tiere, ein weisses Rentierkalb, ein Habicht und ein
Hahn. Auch der Zauberer war zugegen, doch konnte ihm Robert nicht ins Gesicht
sehen. Er hatte weisses, spärliches Haar und trug ein langes Gewand, das aus dem
Fell eines Eisbären gefertigt schien und mit schwarzen Pelzstreifen besetzt war.
Den Kopf bedeckte eine übergrosse spitze Mütze, aus Federn und Bast kunstvoll
geflochten und mit Muscheln geschmückt.
    In der Hand trug dieser Mann ein grosses, blitzendes Messer.
    Vor ihm loderte jetzt das von mächtigen Holzblöcken unterhaltene Feuer hoch
empor, während er selbst in unbeweglichem Stillschweigen verharrte. Nachdem er
offenbar ein stummes Gebet beendet hatte, legte er plötzlich das Messer auf den
nächsten Felsen und näherte sich mit erhobenen Händen einer bestimmten Stelle in
der Steinwand. Ein kräftiger Griff schob zwei der kleineren Blöcke langsam zur
Seite, - und liess eine dunkle Höhlung dahinter erkennen.
    Sobald die Steine wichen, waren sämtliche Lappen auf ihre Knie gesunken und
hatten das Gesicht in den Händen verborgen, als fürchteten sie die körperliche
Nähe eines höheren, allmächtigen Wesens, das vielleicht imstande war, sie durch
einen einzigen Blick zu töten oder ihre verborgensten Sünden auf der Stirn zu
lesen.
    Der Zauberer nahm aus dem dunklen Raum eine seltsam geformte, steinerne
Puppe von der Grösse eines sechsjährigen Kindes, die jedoch nur den Rumpf
darstellte, ohne Arme und Beine. Sie sah uralt, verwittert und grau aus und war
plump behauen, mit einem Kopf, der ohne Hals in gleicher Breite der Schultern
aus dem Körper herauswuchs. Das Gesicht war abschreckend hässlich, während in der
Gegend der rechten Achselhöhle aus dem armlosen Rumpf ein kleiner, stumpfer
Hammer hervorragte.
    Diesen Götzen setzte der Zauberer mit allen Zeichen der höchsten Ehrfurcht
und Vorsicht auf die Mitte der Tischplatte. Dann, nachdem er lange stumm in das
hässliche Antlitz gesehen hatte, hob er den Blick und sprach laut zu den
Versammelten einige Worte, die Robert natürlich nicht verstand, die aber
offenbar andeuten sollten, dass sich Jubinal in gnädiger Stimmung befinde und dass
es seine Verehrer wagen dürften, ihr Antlitz zu erheben.
    Robert bemerkte auch sehr bald, wie einer nach dem anderen schüchtern
emporsah, wie sich diese, in ständiger Todesgefahr aufgewachsenen und sonst so
mutigen Männer scheu aneinander drängten, wie sie kaum zu atmen und kaum die
Köpfe zu erheben wagten, weil eine unförmige Steinpuppe vor ihnen auf dem
Felsentisch stand.
    Dann griff der Zauberer zu dem blanken Messer. Ein Wink brachte die
Opfertiere in seine Nähe. Zuerst schnitt er dem weissen Kälbchen die Stirnhaare
ab, ebenso dem Hahn und dem Habicht die kleinen Federn über den Augen, und warf
sie in das Feuer, das sie knisternd verzehrte.
    Hierauf zog er aus den Taschen seines weiten Gewandes eine Handvoll
Gerstenkörner, bestreute damit alle drei Tiere und begann dann das
Schlachtopfer. Eine Kufe von Holz stand bereit, das Blut aufzufangen, mehrere
Männer hielten die zuckenden Glieder der Tiere und nach wenigen Minuten war
dieser vorbereitende Teil des Festes lautlos vorübergegangen.
    Robert fühlte sich ziemlich enttäuscht. Er hatte bis jetzt nichts gesehen,
was ihm irgendwie feierlich vorgekommen wäre; auch die nun folgende Handlung
fand er eher widerwärtig als erhebend. Der Zauberer nahm das Holzgefäss mit dem
angesammelten Blut und begann ringsumher sowohl den Opferstein als auch den
Fussboden und die greuliche Figur zu bespritzen. Durch die sofort gerinnenden
schwärzlichen Tropfen sah die Gestalt nun erst recht abschreckend aus. Robert
begriff nicht, wie es möglich sei, ein so unschönes Bild anzubeten.
    Von diesem Augenblick an wurde jedoch die Sache etwas erträglicher. Der
Zauberer nahm aus dem Fleisch der getöteten Tiere die Lebern, Herzen und Lungen
heraus, dann warf er alles übrige in die Flammen, während er dazu mit lauter
Stimme ein Gebet sprach. Dichter, schwarzer Rauch wälzte sich in die Nachtluft
empor, Massen von Funken wirbelten auf, und ein nahes Echo warf den Schall
zurück. -
    Noch während die Knochen langsam verkohlten, während der Zauberer immerfort
betete, steckte er die herausgenommenen Teile der Opfertiere an einen Spiess, den
er über dem verglimmenden Feuer langsam drehte. Von Zeit zu Zeit übergoss er das
Fleisch mit einigen stark duftenden Tropfen aus einer kleinen Flasche. Der
Geruch, der sich entwickelte, war angenehm, aber fast betäubend. Robert konnte
sich nicht erinnern, ihn schön früher irgendwo kennengelernt zu haben.
    Und dann begann eine Feierlichkeit, die durchaus dem christlichen Abendmahl
glich. Die gebratenen Herzen, Lungen und Lebern wurden in ebenso viele Stückchen
zerschnitten, wie Andächtige versammelt waren, und darauf eine mit Stroh
umflochtene Flasche hervorgeholt, die dem Geruch nach einen starken, alten Wein
entalten musste.
    Der Zauberer nahm seinen Platz neben dem Götzenbild ein und hielt in einer
Hand eine Schüssel mit den Fleischstücken, in der anderen die grosse Flasche. Auf
ein gegebenes Zeichen bewegte sich der erste, dem Altar am nächsten stehende
Lappe mit scheuem, langsamem Schritt bis vor den Opferstein, wo er demütig und
mit auf der Brust gekreuzten Armen das Steinbild begrüsste, um dann von der
Platte des Zauberers einen Bissen und aus der Flasche einen Schluck zu erhalten.
Ihm nach folgte der zweite und darauf in ununterbrochener Reihe alle Anwesenden.
    Während dieser Handlung wurde kein Wort gesprochen, keine einzige unnötige
Bewegung gemacht. Schweigend, wie er gekommen war, trat jeder Lappe wieder an
seinen Platz zurück, und eben in diesem Ernst, in dieser strengen Feierlichkeit
lag etwas Erhebendes. Das Feuer war fast erloschen, nur manchmal knisterten und
flammten rote Brände noch plötzlich empor, sonst aber versank nach und nach der
Holzstoss in graue, stäubende Asche, der Rauch lichtete sich, die Umrisse der
dunklen Gestalten verschwammen allmählich, und nur der feine, durchdringende
Duft blieb in der Luft zurück.
    Robert fühlte sich tiefer ergriffen, als er selbst für möglich gehalten
hätte. Unwillkürlich erinnerte er sich des Tages, als er in der Dorf kirche zu
Rellingen das Abendmahl empfing. Wenn auch jenes christliche Sakrament und
dieses heidnische Opfer der armen Lappen ganz verschiedenen Anschauungen
entsprangen, beide waren der Ausdruck einer Religion, des allen Menschen
gemeinsamen Bedürfnisses, sich einer höheren, unbeirrbaren Macht schutzsuchend
anzuvertrauen.
    Was aber der jugendlichen Unbefangenheit Roberts bisher ganz entgangen war,
das lernte er hier in der Wildnis kennen: die geistige und nicht bloss äusserliche
Bedeutung eines Gottesdienstes. Jeden Sonntag war er früher mit Vater und Mutter
zur Kirche gegangen, ohne Widerrede zwar und ohne leichtfertige Gedanken, aber
doch auch nur gewohnheitsmässig, während ihm durchaus nichts gefehlt haben würde,
wenn der sonntägliche Kirchenbesuch unterblieben wäre. Die armen, ungebildeten
Hirten dagegen brauchten für die bevorstehenden Käufe und Verkäufe, für den
Fischfang und die Reise nach dem Süden vor allen Dingen den Segen und den
Beistand Jubinals, sie pilgerten meilenweit nach Norden, um auf den alten,
geweihten Steinen ihrer Vorväter das Opfer darzubringen und ihre Gebete mit
denen des Zauberers zu vereinen.
    Der Gottesdienst war jetzt beendet. Die Steinpuppe wurde hinter den beiden
bewegliehen Felsblöcken verborgen, die Asche in alle vier Winde verstreut und
das hölzerne Gefäss sowie Schüssel, Messer und Flasche einem der Männer
überantwortet. Stillschweigend, wie sie gekommen waren, entfernten sich die
Lappen.
    Robert hatte im Augenblick ganz vergessen, dass ihm der Tod drohte, wenn er
entdeckt werden würde. Sorglos sprang er, nachdem der letzte der Andächtigen
verschwunden war, bis an den Fuss des geweihten Felsens, um jetzt den Opferplatz
genauer zu besichtigen und besonders das merkwürdige Götzenbild aus nächster
Nähe zu betrachten.
    Er legte die Hand an die verschiebbaren Blöcke, hielt sie jedoch plötzlich
zurück. Durfte er das verschlossene Behältnis erbrechen und durch blosse
Neugierde entweihen, was andere für heilig hielten? - Durfte er da eindringen,
wo man ihm den Zutritt unbedingt verweigert haben würde?
    Robert schwankte nur kurze Zeit, dann hatte er sich überwunden, er wandte
sich um und suchte das Zelt, in dem Mongo rauchend sass. »Du«, sagte er nach
einer Pause, »das war kein Hokuspokus, wie ich erwartet hatte.«
    »Sicherlich nicht, Bob. Ich möchte überhaupt keines Volkes Religion mit
dieser Bezeichnung herabsetzen. Eins ist in allen Irrtümern immer wahr, nämlich
der Glaube an ein höheres Wesen, - und in dem Einen ist alles entalten.«
    Robert antwortete nicht, nur nach einer Pause sagte er leise »Gute Nacht!« -
-
    Am nächsten Morgen begannen mit Tagesanbruch die Vorbereitungen zum Auf
bruch. Als Robert und Mongo aus dem Zelt hervorkrochen, herrschte unten im Tal
schon rege Tätigkeit. Die Lasttiere standen gekoppelt, die übrigen hatte man mit
Glocken versehen, und mehrere Treiber, mit Stöcken und Lassos in den Händen,
waren so aufgestellt, dass sie die zusammengetriebenen Tiere erfolgreich an jeder
Flucht hindern konnten.
    Wo das Zelt des Zauberers gestanden hatte, wehte jetzt der Wind über die
kahle Fläche. Es war abgebrochen und jede Spur beseitigt, ebenso fand sich unter
den Lappen kein einziger, den Robert als den eisgrauen Oberpriester der letzten
Nacht hätte wiedererkennen können. Alle Männer beschäftigten sich mit dem
Abbruch des Lagers, sie bepackten die Rentiere und schnürten zusammen, was sie
selbst auf ihren eigenen Rücken tragen mussten.
    Auch ein Wagen mit einem ledernen Schutzdach, halb Schlitten halb Karre,
wurde hervorgezogen und mit zwei tüchtigen Rentieren bespannt. Dahinein setzte
man die kleinen Kinder und die alten Frauen, während alle übrigen den langen Weg
von sechzig bis achtzig Meilen auf ihren eigenen Füssen zurücklegen mussten.
Robert und Mongo halfen überall, so dass gegen neun Uhr morgens, nachdem das
Frühstück eingenommen war, die kleine Karawane ihren Zug beginnen konnte.
Vierzig bepackte Rentiere, alle am Leitseil eines Führers oder einer Führerin,
wanderten zu zwei und zwei gekoppelt mit der Sicherheit kletternder Ziegen über
unwegsame Pfade, obgleich ihre Last keineswegs leicht war. Zelte, Decken,
Brennmaterial, Kochgerät und die zum Verkauf angefertigten Waren, vor allem aber
die gesammelten wertvollen Pelze lagen auf ihren breiten, geduldigen Rücken, und
doch mussten sie sich an den Rastplätzen die spärliche Kost aus Rentierflechten
selbst zusammensuchen, mussten sogar stellenweise den Schnee aufscharren, ehe sie
Nahrung finden konnten.
    Die braune Alte verteilte dann warme Milch, Mehlkuchen und etwas Fleisch,
das zu diesem Zweck schon vorher gekocht worden war; der ganze Stamm lagerte
sich um den Wagen, und mitten in der Wildnis wurde ein fröhliches Mahl gehalten.
Bei solchen Gelegenheiten sah Robert auch den Zauberer, der auf seinem grossen
gezähmten Ren den Zug eröffnete und dem alle eine gewisse Ehrfurcht bezeugten.
    Roberts Wanderlust kannte keine Grenzen. Die ganze Sache erschien ihm wie
der Zug der Israeliten durch die Wüste, dem gelobten Lande entgegen. Jetzt gab
es keine Gefahren mehr, sondern nur die Beschwerden des Marsches, und die
machten ihm trotz Mongos Seufzen und Brummen nur Spass. »Siehst du das Gebirge
dort?« konnte er sagen. »Da möchte ich hinüberklettern!«
    »So lauf, dass dir die Knochen knacken, du unkluger Junge. Als ob es noch
nicht schlimm genug wäre, durch Sümpfe und über steinige Hügel zu pilgern!«
    Robert lachte. »Sei doch nicht so unwirsch, Mongo. Es ist ja schon bedeutend
wärmer, und an geschützten Stellen wächst ab und zu ein Bäumchen. Noch vierzehn
Tage, dann haben wir die Weideplätze der reichen Lappenfürsten vor uns, dann
folgt noch ein kurzer Aufentalt in den Lofoten, und mit erster Gelegenheit geht
es nach Bergen oder Trondjhem, wo um diese Zeit immer viele Schiffe liegen. Wir
werden schon hinkommen, Alter.«
    »Aber wie! Die Sohlen bluten und der Rücken schmerzt. O nein, ein Seemann,
der meilenweit zu Fuss gehen muss, das ist ja schrecklich!«
    Robert unterdrückte einen Seufzer. »Freilich, Mongo«, antwortete er, »wenn
wir ein Boot hätten und Wasser, um darauf zu schwimmen, das wäre angenehmer.«
    Der Neger schüttelte den Kopf. »Ein Schiff, Bob, ein Schiff!« rief er
lebhaft. »Wie schrecklich es werden kann, nur Wasser und ein Boot zu haben, das
lässt du dir nicht träumen. Nein, nein, da lobe ich mir noch das feste Land, wenn
es auch ein bisschen steinig ist und die Füsse zerreisst.«
    Robert horchte auf. »Du«, sagte er, »hast du solch eine Bootfahrt schon
erlebt? - Bitte, Mongo, erzähle, das hilft dir über die Fussschmerzen hinweg.«
    »Meinst du, Schlingel? Ich finde, es ist dazu auch noch früh genug, wenn wir
uns abends zur Erholung auf den harten Steinboden strecken.«
    Und dabei blieb es. Als die beiden, vom tüchtigen Marsch ermüdet, sich unter
ihren Fellen zur Ruhe legten und sich rauchend und plaudernd die Zeit bis zum
Einschlafen vertrieben, da erzählte Mongo von seiner unglücklichen Bootfahrt.
    »Es war auf einem Passagierschiff«, sagte er, »einer Bremer Bark, die
Auswanderer nach Australien bringen sollte. Es befand sich darunter auch die
Familie eines wohlhabenden Kaufmanns, der nach Sidnei übersiedeln wollte, bei
dem aber unterwegs eine schwere Lungenkrankheit zum Ausbruch kam. - Wir hatten
eine ausgezeichnete Fahrt und befanden uns bereits im Indischen Ozean. Noch
heute weiss ich nicht, wie es dazu kam, aber plötzlich in der Nacht ertönte aus
dem Zwischendeck der Ruf: Feuer! - Feuer! Du kannst dir die Verwirrung denken,
Bob, beschreiben lässt sich das gar nicht. Die Frauen kreischten oder wurden
mitten auf Deck ohnmächtig, so dass man die armen, hilf losen Geschöpfe wie
kleine Kinder forttragen musste, die Männer kamen fassungslos die Treppe
heraufgestürzt und jammerten, die Kinder schluchzten, weil sie alle Erwachsenen
in Tränen und Aufregung sahen, und die Mannschaft arbeitete mit der Hast der
Todesangst an den Booten, um sie aufs Wasser hinabzulassen und mit den nötigen
Lebensmitteln zu versehen. Wir hatten in Anbetracht der vielen Menschen eine
grosse Gig und noch drei weitere Boote zur Verfügung, aber was machte das aus, da
mehr als achtzig Personen innerhalb kürzester Zeit darin Platz finden, oder mit
dem brennenden Schiff untergehen mussten?
    Und diese Erkenntnis verbreitete sich an Bord mit unheimlicher
Schnelligkeit. In Todesangst drängte sich jeder an die Schanzkleidung, um in das
nächste Boot hinabzuspringen. Solche Stunden bringen ja auch den Besonnensten
ausser Fassung und lassen alle menschlichen Überlegungen zurücktreten. Da kennt
keiner mehr seinen Freund oder Bruder, da stösst er jeden mitleidslos zurück, um
selbst der erste zu sein.
    Aber unser Kapitän war ein richtiger Mann, ein Kerl, der den Kopf auch im
wildesten Sturm oben behielt, und dessen eiserner Wille sich immer durchsetzte.
Er trat mit dem geladenen Revolver unter die erregte Menge.
    Ruhig, Leute, rief er gebieterisch aus, noch bin ich Kapitän auf diesem
Schiff und verlange Gehorsam. Obersteuermann, nehmen Sie einen der drei
Schiffsjungen, vier Matrosen und sechs von den Passagieren in die Gig. Hier,
diesen Herrn mit den beiden Damen und drei Kindern. Gott befohlen, Roland, -
kommen Sie glücklich an die nächste Insel.
    Er drückte die Hand des Offiziers, der ihm einige leise Worte zuflüsterte,
worauf unser braver Kapitän mit einem Kopfschütteln antwortete. Dann wurden vier
Mann ausgewählt - darunter ich, der heulende Junge mit Rippenstössen ermuntert
und die Passagiere in das Boot hinunter befördert. Ach, Bob, das war ein
schrecklicher Auftritt. Der Kapitän hatte sich in der Eile verzählt und nur drei
Kinder gerechnet, es klammerten sich aber vier laut jammernd an die Kleider der
Mutter, die natürlich kein einziges Kind zurücklassen wollte. Da half nichts,
der Kapitän musste nachgeben, obgleich schon die Anzahl von zwölf Personen für
unsere Gig viel zu gross war. Wir stiessen so schnell wie möglich von dem
brennenden Schiff ab, während der Kapitän mit gespanntem Revolver die
nachdrängenden Menschen abwehrte. Ohne seine kaltblütige Entschlossenheit hätten
sich zwanzig auf einmal in das kleine Fahrzeug gestürzt und es rettungslos
untergehen lassen.
    So sahen wir denn aus einiger Entfernung zu dem unglücklichen, brennenden
Schiff hinüber und konnten beobachten, wie der Kapitän auch die drei kleineren
Boote bemannte. In jedes kamen ein Steuerkundiger, ein Matrose, ein Junge und
fünf Passagiere, immer Frauen und Kinder zuerst. Als das letzte Boot im Begriff
war abzustossen, wurde der mutige Mann, der an sich selbst keinen Augenblick
gedacht hatte, von der Überzahl der Verzweifelten zurückgeworfen, und mindestens
zehn Männer sprangen über die Schanzkleidung in das Boot. Natürlich entstand ein
furchtbares Durcheinander, ein Rufen und Drohen, zuletzt ein vielstimmiger
Schrei des Entsetzens, und dann sank das Fahrzeug vor unseren Augen pfeilschnell
in die Tiefe. Bald darauf kam es kieloben wieder an die Oberfläche. Einzelne der
Ertrinkenden tauchten noch ein paarmal aus dem Wasser auf und griffen mit den
Armen hilflos um sich, - dann wurde es still um das Schiff, nur einige Matrosen
schwammen zu dem gekenterten Boot, richteten es auf und nahmen die Plätze ihrer
verunglückten, dem blinden Wahnsinn der Passagiere geopferten Kameraden ein. Der
Wind wurde immer stärker, er blies mit kurzen Stössen in die schon zum Teil
brennenden Segel und trieb das steuerlose Schiff vor sich her, während die rote,
höllische Glut alles in ihren weiten Feuermantel hüllte. Der Kapitän stand mit
verschränkten Armen am Heck und grüsste noch einmal zu uns herüber, dann entzog
sich das Schiff unseren Blicken. Wir sahen noch die brennenden Masten stürzen,
einen Augenblick lang verbreitete sich Tageshelle, und dann erlosch plötzlich
alles. Die See war über ihre Beute dahingegangen.
    Wir durften uns dem Mitgefühl für die unglücklichen Kameraden nicht lange
ungestört hingeben, denn unsere eigene Lage war bedenklich genug. Die Gig war
etwa sieben Meter lang und andertalb Meter breit, stellt man sich also darin
dreizehn Menschen vor, darunter Frauen und Kinder, dann wird einem der Ernst der
Lage vollständig klar. Überdies waren auch die Matrosen von Anfang an mutlos,
weil sie die Unglückszahl Dreizehn fürchteten. Dreizehn Personen! Wie konnte das
gut gehen?
    Ärgerliche Blicke verfolgten das kleinste Kind der Frau. Ein Murren
durchlief den Kreis der Seeleute. Eins ist an Bord zuviel! sagten sie ziemlich
ohne Scheu.
    Roland, unser Steuermann, liess aber nichts dergleichen aufkommen, er stellte
sofort einen Mann an das Ruder, einen anderen an den Ausguck und liess den Jungen
Wasser schaufeln, so dass die beginnende Meuterei im Keim erstickt wurde. Aber
die arme Mutter hatte doch verstanden, dass man ihr Kind verwünschte, und
schluchzte krampf haft. Sie hielt jetzt durch diese Herzlosigkeit der Matrosen
das kleine Geschöpf für gefährdet und fiel von einer Ohnmacht in die andere. Nun
stell dir die Lage vor, Bob, ein hustender, kranker Vater, eine alte Grossmutter,
die vor Angst und Schrecken kaum noch ihr Bewusstsein behält, die ohnmächtige
junge Frau, das schreiende Baby und drei andere, unruhig krabbelnde Kinder, -
dazu ein Seegang, dass die Wellen nur immer so in die Gig hineinstürzten und der
Junge gar nicht so viel ausschaufeln konnte, wie in derselben Zeit wieder
zurückflutete. Die Lage der armen Frau war schrecklich, ich habe sie von Herzen
bedauert. dabei war kein trockener Faden an uns allen, die armen Kinder standen
bis an die Knie im Wasser, und jede neue See überschüttete sie mit einem
Sprühregen.
    Die Schiffsordnung wurde genau eingehalten, die Lebensmittel regelmässig
verteilt und das Wasser so sparsam wie möglich verbraucht, aber dennoch war die
Stunde, wo wir alle vor Hunger und Durst umkommen mussten, mit ziemlicher
Gewissheit vorauszusehen. Vierzehn lange Tage hatten wir schon in dem
gebrechlichen, kleinen Fahrzeug auf hoher See verbracht, die Frauen und Kinder
lagen im Fieber, der Schwindsüchtige hustete sich fast zu Tode, aber noch war
kein Schiff, keine Küste in Sicht gekommen, und das Wasser in den Fässern begann
abzunehmen.
    Die Matrosen versuchten wieder zu meutern: Dreizehn an Bord! So können wir
ja kein Land erreichen.
    Roland verbot solche Worte, aber heimlich wurden sie doch geflüstert, nur
dass die arme Mutter sie nicht mehr hörte. Sie lag im heftigsten Delirium und
musste offenbar immer mit den Schrekkensszenen der Feuersnacht beschäftigt sein,
denn alle ihre verworrenen Reden deuteten auf die Angst hin, die sie im
Fieberwahn immer wieder durchlebte.
    Am fünfzehnten Tage besassen wir nur noch einige wenige Stücke Brot und
keinen Tropfen Wasser mehr, aber - es gab auch einen Menschen in dem
verlassenen, verschlagenen Boot weniger. Die kranke Frau war ihren Leiden
erlegen, ohne das verlorene Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Auch der Säugling
lag wie tot in den Armen seiner Grossmutter, die immer noch bei jeder stärkeren
Bewegung des Bootes ein Ach du allerhöchster Gott! nicht unterdrücken konnte.
Nie werde ich die Leidensgestalt dieser alten Frau vergessen, wie sie so
wochenlang vor mir dasass, unveränderlich mit dem weissseidenen Hut und dem grauen
Kleid, auf dessen Schleppe die Matrosen bei jeder Bewegung traten. Die arme Alte
war wie ein Steinbild, sie schien an ihren Platz festgewachsen, und selbst als
wir die Leiche ihrer Schwiegertochter so schonend wie möglich über Bord gehen
liessen, - selbst in diesem Augenblick liefen nur die grossen Tränen über das
runzelige, ganz weisse Gesicht herab, aber sie schluchzte nicht und rührte kein
Glied.
    Am nächsten Tage starb auch das Kleine.
    Wir waren jetzt an Bord nur noch elf. Unsere Zungen klebten am Gaumen,
unsere Lippen wurden schwärzlich und sprangen auf, unsere Kräfte, schon
erschöpft durch den Mangel an Nahrung, drohten uns zu verlassen. Wir erwarteten
in einer Art dumpfer Verzweiflung den Tod, die kleinen Kinder schliefen fast
immer.
    Da, eines Morgens früh - ich werde den Augenblick nie im Leben wieder
vergessen - erhob sich der Matrose am Ausguck plötzlich auf die Fussspitzen.
Land! rief er mit schwacher, aber vor Freude schluchzender Stimme, Land!
    Alles taumelte auf. Unser Steuermann versuchte ein Hurra, das ihm in der
Kehle stecken blieb, der Junge fuhr mit beiden Knöcheln seiner Daumen in die
Augen, und der hustende Schwindsüchtige fragte in heiserem Ton: Ist es das
Festland von Australien?
    Er dachte nur an sich, und trotz seiner schrecklichen Krankheit war Rettung
aus der augenblicklichen Gefahr der einzige Gedanke, den er fassen konnte, alles
andere war ihm gleichgültig.
    Die alte Grossmutter rührte sich nicht. Sie hatte wahrscheinlich den Ausruf
des Matrosen nicht einmal verstanden.
    Und doch wiederholten alle von Zeit zu Zeit das erlösende, glückbringende
Wort: Land! - Land! -
    Alle Blicke hingen an dem grünen, bewaldeten Ufer, an den immer näher und
näher aus dem Wasser hervortretenden Umrissen der Küste. Es grünte und blühte in
allen Farben, hohe Wipfel rauschten im Morgenwind, Kletterpflanzen schlangen
sich von Zweig zu Zweig, bunte Vögel, besonders Papageien, wiegten sich in den
Laubkronen, und hier oder da lugte ein Affe aus dem Gebüsch. Dazu die goldenen
Sonnenstrahlen und die heitere, würzige Luft, die Aussicht auf Wasser,
vielleicht auch auf frische Früchte, - kurz, wir waren in einer Art von Taumel.
    Ist es Australien? krächzte wieder der unglückliche Kranke.
    Roland war der einzige, der vollkommen ruhig blieb und auch jetzt noch die
Ordnung aufrecht erhielt. Es ist eine Insel, mein Herr, antwortete er, auf der
unser Aufentalt nicht von Dauer sein kann, weil dort wahrscheinlich Wilde
hausen, und zwar ein bösartiger, grausamer Stamm, dessen vergiftete Pfeile auch
bei dem geringsten Streifschuss töten.
    Der Kaufmann erschrak sehr. Mein Gott, ich gehe gar nicht an Land, stammelte
er.
    Das ist auch keineswegs erforderlich, sagte Roland lächelnd.
    Die Küste war inzwischen erreicht, und wir sahen Kokospalmen mit reifen
Früchten, Bananen und Feigen. Unsere Freude kannte keine Grenzen.
    Ich sage dir, Bob, das ging wie auf Flügeln, bis die reifen Nüsse angebohrt
waren und jeder von uns diesen natürlichen Becher an die Lippen setzte. Der
alten Frau und den armen kranken Kindern flösste ich selbst etwas Kokosmilch ein,
obgleich es bei den Kleinen nicht viel mehr nützte, als sie vor dem Ende noch
einmal zu erquikken, aber ich musste immer an meine eigenen Kinder denken, die
auch einst so schutzlos, fremder Gnade überlassen, in die Welt hinausgestossen
worden waren, und darum nahm ich mich der Verlassenen an. Ihrem Vater konnten
wir trotz allen Zuredens keine Kokosmilch aufdrängen. Das reizt den Husten,
antwortete er, Nüsse sind sehr schädlich.
    Und dann, nachdem der erste Heisshunger gestillt war, schafften wir Vorräte
in das Boot. Zwei Mann gingen mit geladenen Gewehren tiefer in die Wildnis
hinein und suchten eine Quelle, während zwei andere die nächststehende Palme in
aller Eile fällten und die Früchte an Bord brachten. Auch Bananen und Feigen
rafften wir zusammen, soviel sich tragen liess, dann nahm unser Steuermann mit
dem Oktanten genau die Sonnenhöhe, zeigte uns auf der Karte, wo wir waren, und
nachdem die beiden vorhandenen Fässer mit wundervollem, frischem Wasser gefüllt
waren, stiessen wir vom Lande ab. In diesem Augenblick tönte uns aus den nächsten
Büschen das Kriegsgeschrei der Malaien entgegen, und ein Hagel von Pfeilen
schlug rechts und links ins Wasser. Die halbnackten gelben Gestalten, die
hässlichen Gesichter und das wütende Geschrei übten im ersten Augenblick eine
solche Wirkung, dass wir nicht schnell genug vom Lande fortkamen, um einem
zweiten Hagel hölzerner Pfeile zu entgehen, obwohl wieder keiner traf. Nur ein
einziger bohrte sich in den weissen Hut der alten Dame, die ihn ärgerlich ergriff
und über Bord warf.
    Zugleich aber stürzten sich sechs oder zehn Wilde in das Wasser und
schwammen aus allen Kräften dem Boot nach, offenbar um es zu entern. Der
schwindsüchtige Herr stiess einen lauten Schrei aus.
    Leute, Leute, um des Himmels willen, erschlagt die Räuber, rief er.
    Unsere Matrosen machten auch wirklich Miene, die Lenkung des Bootes gänzlich
fallen zu lassen und den Kampf mit den Malaien aufzunehmen, aber Roland
verhinderte rechtzeitig dies tolle Wagnis, das unfehlbar unseren Untergang hätte
herbeifuhren müssen.
    Seine Befehle, in festem Ton gegeben, brachten das kleine Fahrzeug in noch
schnellere Fahrt, und bald hatten wir die schwimmenden Wilden weit hinter uns
gelassen. Nur das teuflische Kriegsgeschrei gellte uns über den Ozean nach.
    Wir hatten aber doch wieder für mindestens acht Tage Proviant und Wasser,
daher verspotteten wir aus sicherer Entfernung die wütenden Gelben und sangen
ihnen Spottlieder zu oder warfen Kokosschalen nach den auf- und abtauchenden
Köpfen. Der Kranke hustete, dass es in jedem Augenblick schien, als müsse seine
eingefallene Brust springen.
    Und so fuhren wir auf gut Glück weiter. Tag um Tag verging, eine Kokosnuss
nach der anderen wurde zersägt, wir alle waren krank von der unverdaulichen
Nahrung, und ehe eine Woche seit der Landung auf der Insel vergangen war,
starben die unglücklichen kleinen Kinder aus Mangel an richtiger Pflege vor
unseren Augen, ohne dass wir Mittel besassen, sie zu retten. Am neunten Tage
hatten wir wieder keinen Tropfen Wasser mehr und lagen bei fast völliger
Windstille fast verzweifelt auf dem Boden des Fahrzeuges.
    Nur Roland behielt seinen festen, unerschütterlichen Mut. Er zeigte uns auf
der Karte, wo sich das Boot befand, und dass wir dem kleinen Hafen von Plangei
auf Sumatra ganz nahe sein müssten, ja, dass das Land jeden Augenblick in Sicht
kommen könne, aber - seine Worte machten keinen Eindruck. Wir hörten kaum auf
ihn, sondern ergaben uns ohne Gegenwehr der tiefsten Mutlosigkeit.
    Es wurde Nacht, die See ging höher und höher, ein Sturm brach los und noch
einmal hatten wir Glück, - Ströme von Regen fielen herab auf unsere brennenden
Stirnen, wir konnten trinken, trinken!
    Du ahnst nicht, Bob, was es heisst, langsam zu verdursten. Die schwerste
Krankheit, der heftigste Schmerz sind dagegen Kinderspiel.
    Roland nickte zufrieden. Jetzt gebt acht, Leute, rief er. Es zieht ein
Gewitter herauf, und wo die Blitze herabfahren, da ist Land!
    Neu erfrischt und belebt hoben sich alle Köpfe. Wir waren bis auf die Haut
durchnässt, unsere Füsse standen bis über die Knöchel im blanken Wasser, aber das
liess sich doch immer noch weit besser ertragen als vorher der quälende Durst.
Neugierig sahen wir unserem Steuermann über die Schulter, als er in der
Dunkelheit einen noch dunkleren Punkt bezeichnete. Ich möchte wetten, dass dort
das Ufer liegt! rief er.
    Wir strengten unsere Augen an und rieten hin und her, bis plötzlich der
erste gelbe Blitz über den Horizont dahinlief und gedankenschnell herabzuckte,
dann jubelte der Steuermann ein lautes Hurra.
    Seht ihr's, Kinder, seht ihr's. Dort ist Land!
    Wissen Sie das genau, Herr? fragte einer der Matrosen.
    So genau, wie man überhaupt derartige Regeln aufstellen kann, antwortete
Roland. Nur ausnahmsweise schlägt der Blitz in der Nähe des Landes ins Wasser.
Aber für diesen Fall befurchte ich nichts, da der elektrische Funke immer die
gleiche Richtung verfolgt. Vor uns ist Land!
    Diese sichere Überzeugung verfehlte ihre Wirkung nicht, obwohl jetzt eine
neue schwere Sorge unsere Kräfte in Anspruch nahm. Wir hatten auf dem
schwankenden Boot mit einem einzigen Segel und ohne eine Notspiere dem
orkanartigen Gewittersturm standzuhalten. Blitz und Donner rasten immer stärker,
der Wind heulte, und der Regen schoss in Strömen herab, aber doch waren wir voll
Hoffnung, da das Land immer näher kam. Wir sahen es beim Schein der roten,
zuckenden Blitze ganz deutlich.
    Nun musst du wissen, dass Plangei zu dem von den Holländern beherrschten Teil
der Insel Sumatra gehört und dort also durchaus schon europäische Einrichtungen
bestehen. Der Strandvogt, ein wetterbrauner, tüchtiger Kapitän von der
holländischen Marine, liess ein grosses, mit zehn Malaien bemanntes Boot
auslaufen, um uns Hilfe zu bringen und uns zugleich als Lotsen zu dienen. Es gab
noch einen harten Kampf mit den empörten Wellen, der Junge wurde über Bord
gespült und konnte erst nach lange Anstrengung wieder aufgefischt werden, aber
dennoch brachten uns die braven Seeleute schliesslich wohlbehalten ans Ufer. -
Ich sage dir, es war wie im Paradies, Bob, als wir endlich festen Boden unter
unseren Füssen fühlten, als wir warme Speise bekamen und uns zum Schlaf so bequem
wie möglich ausstrecken durften. Die schlechten hölzernen Häuser, die halbwilden
Malaien, die harten Schlafstellen aus Seegras und Wolldecken, alles erschien uns
wunderbar, berauschte uns förmlich. Wir tanzten und jubelten wie Kinder am
Weihnachtsabend.
    Der Strandvogt behielt uns acht Tage lang in seinem gastfreundlichen Hause,
dann liess er unser Boot ausrüsten und mit Lebensmitteln versorgen, und nach
einem herzlichen, dankerfüllten Abschied ging es wieder auf die Reise, um längs
der Küste über mehrere kleine Fischerdörfer nach dem bedeutenderen Hafen von
Padang zu kommen. Vorher jedoch hatten wir noch eine Szene zu bestehen, die uns
allen ins Herz schnitt. Die alte Dame war durch das erlebte schreckliche Unglück
vollkommen stumpfsinnig geworden, sie liess sich aus dem Boot und in das Haus des
Strandvogtes tragen, ohne von ihrer Umgebung irgendwelche Notiz zu nehmen, doch
als wir an Bord gingen und ich sie sorgfältig an ihren gewohnten Platz setzen
wollte, da schien eine Erinnerung des Überstandenen in dem gestörten Gehirn
wieder aufzuleben. Sie sträubte sich wie in Todesangst, klammerte sich mit
beiden Händen an die Türpfosten und zitterte wie ein erschrecktes Kind.
    Wir konnten es kaum mit ansehen, mussten aber doch freundliche Gewalt
brauchen, denn in Plangei gab es weder zu Wasser noch zu Lande ein
Beförderungsmittel nach anderen Hafenplätzen, während Roland trotzdem
verpflichtet war, die beiden geretteten Passagiere des verbrannten Schiffes an
das Bremer Konsulat abzuliefern und zu Protokoll zu geben, was im Boot geschehen
war, seit es das untergehende Schiff verlassen hatte. Von den drei kleinen
Booten, die mit uns zugleich abstiessen, hatten wir, wie ich zu erzählen vergass,
nie etwas wiedergesehen.«
    Robert hatte der Schilderung des Alten gespannt zugehört. »Und ihr erfuhrt
auch später nichts, Mongo?« fragte er teilnehmend bei den letzten Worten.
    »Doch!« nickte der Neger. »Ein aus der Sundastrasse kommendes Schiff hat die
vier treibenden, gekenterten Boote aufgefischt und eingeliefert. Sie trugen alle
den Namen Susanna, erwiesen sich also dadurch als die zu der verbrannten Bark
gehörigen kleinen Rettungsboote, - aber von den Insassen war keiner am Leben
geblieben. Gottes Wege sind unerforschlich, Bob. So viele junge Menschen gingen
mit dem Schiff in wenigen Stunden unter, und zwei Menschen, die dem Tode schon
verfallen waren, kamen mit dem Leben davon. Wir brachten die geistesgestörte
alte Frau und den kranken Mann wohlbehalten nach Padang, wo sie der Konsul in
Empfang nahm und mit dem nächsten Dampfer nach Hause schickte. Wir Seeleute
erhielten die Heuer ausbezahlt, man, sammelte für uns und tat alles Mögliche, um
uns die Leiden dieser schrecklichen Reise vergessen zu lassen, dennoch aber wird
mir jede Einzelheit der Fahrt ewig im Gedächtnis bleiben. Was wir während dieser
Wochen ertrugen, das spottet aller Schilderung und lässt sich furchtbarer nicht
denken.«
    Robert zog seine Decke über die Schultern herauf. »Ich glaube es dir,
Mongo«, nickte er. »Die Tatlosigkeit, die enge Gefangenschaft auf so kleinem
Raum muss ganz entsetzlich gewesen sein. Ich wäre gewiss - -«
    »Nun?« fragte nach einer Pause der Alte.
    »Nichts, Mongo. Gute Nacht!«
    »Gute Nacht, mein Junge.«
    Die beiden schliefen Seite an Seite unter den warmen Rentierfellen, bis am
nächsten Morgen das gewohnte Zeichen, eine Art Kuhhorn, mit seinen
melancholischen Brummtönen zur Weiterreise mahnte. Und wieder ging es über Berge
und Täler, mit jedem neuen Sonnentag entfaltete sich alles ringsumher zum
Erwachen, zum Leben. Der Boden verlor die Felsbildung, der Wind hörte auf, Kälte
und Regen mit sich zu führen, überall begann es zu grünen und zu blühen, und der
Baumbestand nahm immer mehr zu. Es gab jetzt schon Kiefern, Birken und schlanke
Tannen, sogar einige kleine Eichen, es wurde wärmer, und dann kam endlich der
Tag, an dem man bei dem grossen Lappenlager am Fusse des Kilpis angelangt war. Der
Maalself stürzte von einem hohen, stumpfen Kegel mit donnerndem Rauschen in sein
steinernes Bett herab, die Abhänge des himmelhohen Felsens erhoben sich kantig
und zackig fast bis zu den Wolken empor, und hohe Bäume ragten im Schmuck des
jungen Grün aus dem tiefen Tal herauf. Hier war jeder Meter Boden fruchtbarstes
Ackerland, hier gab es weite Rasenflächen, und überall weideten Rentiere, deren
ausgedehnten Futterplatz man sorgfältig eingefriedet hatte.
    In der Nähe des Wasserfalles, an einer besonders geschützten Stelle, lagen
die Wohngebäude, die Stall-und Arbeitsräume der Lappen, alles nur riesige Zelte,
mit vier Stämmen in der Erde befestigt und durch Pflöcke gehalten, aber mit
geteertem oder geöltem Segeltuch bespannt und gut eingerichtet. Während bei dem
wandernden Stamm überall die bitterste, trostlose Armut zutage trat, herrschte
hier bei den reicheren Verwandten offensichtlicher Wohlstand, der sich besonders
in der Kleidung ausprägte. Statt der rohen, ungeschlachten Säcke aus Fellen
trugen diese Hirten und Hirtinnen die Tracht der weissen Kolonisten, nämlich die
Männer das blusenartige Jagdhemd mit Tuchhosen, grossen Lederstiefeln und
schwarzem, spitzem Hut, den eine Adlerfeder schmückte, - und die Frauen das
braune oder helle Kleid mit langen Flechten und einer breiten, schneeweissen
Schürze.
    Die geöffneten Türen des grossen vorderen Zeltes zeigten im Innern eine
vollständig eingerichtete Meierei. Es wurde Butter und Käse bereitet, man
scheuerte die blanken Geräte und kochte an einem riesigen Feuer für die ganze
grosse Schar das Essen.
    Es sah hier alles anders aus als bei den armen Nomaden, die im Winter
Handschuhe strickten und Zwirn und Holzgeräte arbeiteten, um sie im Frühling
gegen die unentbehrlichsten Lebensmittel und Hausgeräte bei dem Krämerkolonisten
einzutauschen und doch trotz aller Mühe ewig in dessen Schuld zu bleiben. Dieser
Stamm dagegen trieb ausgedehnten Handel und bedeutenden Fischfang in den
Lofoten.
    Der Zauberer verliess, als man den Lagerplatz erreicht hatte, sein Reittier
und näherte sich, allen andern voran, dem Wohnzelt, das höchstwahrscheinlich
einem Anführer oder besonders reichen Manne gehörte. Schon sehr bald kam er
zurück, begleitet von einem Lappen, der ihm Zeltplätze anwies und dann die Herde
einer Musterung unterwarf. Jedem Tier, das in die Umfriedung getrieben wurde,
schnitt er ein Zeichen in das Haar, die älteren aber wurden zum Schlachten
bestimmt und in einen gesonderten Raum gesperrt. Alles, was Robert sah, deutete
auf Ordnung und Wohlstand hin.
    Von ihm selbst und seinem schwarzen Gefährten musste der Zauberer auch
gesprochen haben, da sich der junge Lappe, nachdem er die Tiere ausgesondert
hatte, den beiden näherte und ihnen seine derben, braunen Fäuste darbot.
    »Ihr seid willkommen«, sagte er in einer Sprache, die so sehr an die
Dänische erinnerte, dass ihn Robert sofort verstand. »Bleibt unsere Gäste,
solange es euch beliebt, und seid zufrieden mit dem, was wir bieten können. Hier
ist niemand reicher als der andere, hier sind keine Herren und keine Diener,
sondern jeder findet sein bescheidenes Teil an den Gaben Gottes. Kommt in das
Zelt meines Vaters und esst und trinkt.«
    Robert schlug sofort ein. Zwar klangen die Worte des jungen Burschen etwas
blumenreich und aussergewöhnlich, aber doch vertrauenerweckend. Er übersetzte sie
dem Neger, und die beiden traten in das Zelt, wo ihnen Rentiermilch,
Bärenschinken und eine kalte, gebratene Rentierkeule sowie die bekannten
Mehlkuchen vorgesetzt wurden. Nach wenigen Stunden schon waren sie mit ihren
neuen Gastgebern gut befreundet, und Helge, der Sohn des alten Stammesführers,
versprach ihnen, sie schon morgen nach dem Westfjord mitzunehmen, wo jetzt die
getrockneten Fische von den Stangen gehoben, verpackt und verladen wurden, die
man seit dem März der Sonne und dem Wind ausgesetzt hatte.
    Für diese Arbeit trafen die Wanderlappen hier ein, während die Männer von
der ersten Reise, dem Märzfischzug, bereits wieder nach Norden gegangen waren,
um dort während der Sommermonate zu ernten, was der kurze Sonnenschein dem Boden
abgerungen hatte, um zu jagen und die Stammtiere der zahllosen Rentierherden zu
weiden. Ewig unterwegs, lebt und stirbt der Lappe auf der Wanderschaft über die
Gebirge und Hochflächen seiner öden Heimat.
    Robert sprang vor Freude, während Mongo den ganzen Tag ausruhte und sich von
den Strapazen der Wanderung wieder zu erholen suchte. »Hier sind Lebensmittel im
Überfluss«, sagte er, »ich brauche also kein Brennholz zu spalten oder Wasser
herbeizuschleppen, wie damals in dem verwünschten Gebirge, wo eine Zwiebel schon
ein Leckerbissen war und ein Stück gekochtes Leder ein Feiertagsschmaus. Meine
alte Freundin sitzt, wie ich sehe, auch den lieben langen Tag im Sonnenschein
ohne zu arbeiten, - ich mache es wie sie.«
    Robert lachte und bestieg mit Helge die grossen geduldigen Rentiere, die sie
nach dem Westfjord bringen sollten. Seine Reitkunst war zwar seit Pinneberg
nicht mehr geübt worden, so dass er wie ein richtiger Seemann auf dem Rücken des
Tieres hing, oder besser, wie ein Feuerzange auf dem Rost. Helge lachte laut,
aber schon nach kurzer Zeit hatte Robert die erste Angst überwunden, die Hörner
des gutmütigen Tieres losgelassen und sich straffer aufgerichtet. »Habe ich doch
nie im Leben gehört, dass die Rentiere zum Reiten benutzt werden«, sagte er. »Ich
hielt sie nur für milchgebende Kühe, deren Fell und Fleisch man wie das der
Rinder verwendet.«
    Helge nickte. »Ist auch ganz so wie du sagst, Herr«, antwortete er. »Die
gewöhnlichen Rentiere aus den Finnmarken setzen ihren Reiter sofort wieder ab
oder lassen überhaupt einen solchen Versuch gar nicht erst zu, aber die von der
Halbinsel Kola, eine grössere, zahmere Rasse, die jedoch selten eingefangen wird,
eignet sich zum Reiten ganz besonders. Du kannst so ruhig sein, als sässest du
auf dem Schoss deiner Mutter, der Tiermer wird dich nicht abwerfen.«
    Robert sah auf. »Tiermer?« wiederholte er, »das Wort habe ich schon häufig
gehört. Was bedeutet es?«
    Der Lappe sah ihn misstrauisch an. »Weiss nicht, Herr«, antwortete er kurz.
»Ist eben ein Name wie deiner und meiner auch.«
    »Du sollst mich nicht Herr nennen, Helge«, rief der Junge. »Ich heisse
Robert, gewöhnlich abgekürzt in Bob!«
    Der Lappe neigte lächelnd den Kopf. »Aber du bist ein Weisser«, sagte er,
»und du verachtest, wie alle deine Brüder, die armen, schmutzigen Bewohner der
Finnmarken.«
    Robert lachte hell auf. »Ich und jemand verachten!« rief er. »Das gibt es
bei uns zu Hause nicht. Wir schätzen den Mann nach seinem Verdienst, aber nicht
nach seiner Hautfarbe.«
    Der junge Lappe seufzte tief. »Dann möchte ich, dass unser Gebiet an deine
Heimat stiesse, Bob. Hier sind wir nur geduldet wie die Tiere der Wüste, da man
sie nicht töten darf.«
    Robert schwieg. Er dachte an das heidnische Opfer hoch oben auf den
Felsenbergen der äussersten Eismeerregion, an das steinerne Götzenbild und die
Blutstropfen auf seinem abschreckenden Antlitz, er glaubte plötzlich den feinen
Wohlgeruch wieder zu atmen und sah die braunen Gestalten, wie sie sich vor dem
Bilde Jubinals tief verneigten und dann das sonderbare Abendmahl aus den Herzen
der Opfertiere empfingen - -
    dabei hatte er das »Tiermer« gehört, er wusste es jetzt genau.
    Schweigend ritt er mit seinem Begleiter weiter. Der breite Westfjord
schimmerte schon von weitem herüber, als er zu dem jungen Lappen begann: »Bist
du ein Christ, Helge?«
    Derselbe misstrauische Blick von vorhin streifte ihn wieder. »Wir sind alle
Christen, Herr«, antwortete der Bursche.
    »Auch der Stamm, mit dem ich hierher kam?«
    »Auch der. Wo trafst du übrigens meine Brüder?«
    »Am Eismeer«, antwortete Robert. »Hoch oben im Gebirge.«
    »So, so. Rastete der Stamm an dieser Stelle?«
    »Einige Tage lang. Ich konnte mit niemand sprechen und weiss also nicht,
warum. - Aber sage mir doch«, fügte er hinzu, um den Gegenstand des Gesprächs zu
wechseln, »sage mir doch, wie dein Rentier heisst, Helge.«
    Der junge Lappe schien einen Augenblick zu zögern, dann aber heftete er den
Blick auf Roberts Gesicht und antwortete ruhig: »Das Tier heisst Jubinal.«
    »Jubi -«
    Robert liess den Namen unvollendet. Er besann sich zur rechten Zeit, dass es
gefährlich und undankbar sein würde, die Geheimnisse der armen Nomaden
auszuplaudern. »Es kam mir wieder so vor, als hätte ich auch dies Wort schon
einmal gehört«, sagte er nur. »Vielleicht heissen viele Tiere so.«
    »Sehr viele«, war die einsilbige Antwort.
    Wieder stockte das Gespräch, und Robert wandte seine ganze Aufmerksamkeit
dem Westfjord zu. Da sah er an langen Stangen am Ufer die Millionen getrockneter
Fische in der Luft hängen und überall die arbeitenden Männer, welche die
reichliche Beute in Sicherheit brachten.
    In den Buchten lagen zu Hunderten die Fischerboote und weiter draussen die
Jachten, die den Ertrag des Fanges nach Tromsö bringen sollten. Robert sah
sehnsüchtig nach den schlanken Fahrzeugen mit dem weissen Bug und den weissen,
glänzenden Segeln. »Helge«, sagte er, »kennst du keinen von den Kapitänen?«
    Der Lappe nickte. »Kenne sie alle, Herr. Sind die Krämer von den
Ansiedlungen in den Schluchten und an den Fjords, jeder fuhrt sein eigenes
Schiff.«
    Robert machte ein erstauntes Gesicht. »Krämer?« wiederholte er. »Und diese
Männer sind gleichzeitig auch Seeleute?«
    »Ja. Seefahrer, Grosshändler, Gaardbesitzer, Krämer und Viehzüchter, alles
zugleich. Hier ist nur der etwas wert, der die rauhe Gegend und das rauhe Wetter
in jeder Weise auszunutzen versteht. Sonst könnte er sich nicht ernähren.«
    Robert fühlte sich ziemlich enttäuscht. »So hat also wohl jeder dieser
Krämer-Kapitäne seine Schiffsbesatzung fix und fertig in Knechten und Lehrjungen
dastehen?« rief er verächtlich.
    »Du sagst es, Herr!« antwortete der Lappe.
    »Und fremde, wirkliche Matrosen werden nicht geheuert?«
    »Auf diesen Jachten, nein. Du musst dich in Bergen nach einem Kapitän
umsehen. Dort gibt es welche aus aller Herren Länder.«
    Robert atmete auf. »Helge, wüsstest du eine Gelegenheit, bald dahin zu
kommen?« fragte er den jungen Lappen.
    Der zuckte die Achseln. »Müssen sehen, Herr«, antwortete er.
    Robert begriff nicht, weshalb der junge Mensch plötzlich so verändert und
schweigsam erschien. Helge hatte offenbar anfangs grosses Gefallen an ihm
gefunden, und jetzt war er fast abweisend geworden. Als sie das Ziel erreicht
hatten und die Rentiere an einen Baum gebunden waren, näherte er sich Robert.
»Du bleibst an meiner Seite, Herr!« sagte er leise, aber im Ton eines Befehls.
»Begleite mich, ich habe mit den Männern dort zu sprechen.«
    dabei deutete er mit der Rechten auf eine Gruppe von Lappen, die auf langen
Holzbänken die gedörrten Fische zu einzelnen Haufen schichteten und bei dieser
Arbeit laut sangen oder sprachen, während sich der salzige, unangenehme Geruch
weitin bemerkbar machte. »Wir reiten in einer Viertelstunde zurück«, fügte er
hinzu.
    Robert schüttelte den Kopf. Etwas in ihm sträubte sich gegen diesen Ton.
»Ich bleibe am Strand«, sagte er, »und zwar um womöglich mit einem der Schiffer
zu sprechen.«
    »Das verbiete ich!« beharrte der Lappe.
    »Du? - Mit welchem Recht?«
    »Ich zwinge dich dazu! - Du bist ein Gast im Zelt meines Vaters, du bist ein
Bettler, den das Meer an unseren Strand geworfen hat, das vergiss nicht.«
    Roberts Blut schoss heiss in seine Wangen. Das Wort »Bettler« nahm ihm wieder
einmal seine ganze Besonnenheit. Ehe sich der Lappe versah, brannte auf seinem
Gesicht ein Schlag, der ihn fast zu Boden geworfen hätte. »Nimm das von dem
Bettler!« rief der junge Matrose zornig. Er stand mit blitzenden Augen und
geballten Fäusten vor seinem Gegner, der zwar wütend wie ein gereiztes Raubtier
aussah, aber keinen Versuch machte, die Ohrfeige zurückzuzahlen. »Bist du auch
noch ein Feigling dazu?« rief er.
    In diesem Augenblick berührte die Hornspitze einer langen Pfeife von hinten
seine Schulter, und als er sich umsah, bemerkte er einen älteren Mann in
Schiffertracht, der mit spöttischer Miene den ganzen Auftritt beobachtet hatte.
    »Schlagen sich zwei junge Narren auf offener Heerstrasse!« sagte er spöttisch
lachend.
    »Der Lappe hat mich beleidigt!« rief Robert errötend, »Er hat mich einen
Bettler genannt, weil ich schiffbrüchig an diese Küste geworfen wurde und auf
der Wanderung vom Eismeer hierher notgedrungen das Brot seines Stammes essen
musste. Ist das gut und gerecht, Herr?«
    Der Mann antwortete nicht. Seine blauen, klugen Augen forschten in dem
Gesicht des Lappen. »Warum hast du das getan, Helge?« fragte er.
    Der junge Rentierhirt schwieg.
    Der Norweger lächelte schlau. »Du bist also am Nordkap gestrandet?« wandte
er sich zu Robert. »Als Walfischfänger natürlich? Und da oben trafst du die
Lappen?«
    »Ja, Herr.«
    »Wir kennen hier keine Herren, Junge. Ich bin der Patron Gulbrandson, das
genügt. - Und du, Schlingel«, redete er den anderen an, während sich sein
breiter Mund zum Grinsen verzog, »du fürchtest, dass dieser schlagfertige junge
Seebär wohl ausplaudern könnte, was höchstwahrscheinlich da oben in der Eiswüste
passiert ist, nicht wahr? Oder denkst du, dass deine schmutzigen Gesellen am
Nordkap, wo kein Baum wächst und kein Leben gedeiht, - zu Jesus Christus gebetet
haben, he?«
    Helge sah mit misstrauischem Blick auf. »Wir sind alle Christen, Patron
Gulbrandson«, antwortete er verbissen.
    »Aha! Dachte wohl, dass ich den Nagel auf den Kopf getroffen hätte«, lachte
der Norweger. »Ist nicht angenehm, für Götzendienerei und Heidenkram vor Gericht
gerufen zu werden und in das Gefängnis zu wandern, wie? Kann mir das lebhaft
denken, und kein Jubinal und kein Tiermer schützt davor, wenn's herauskommt.
Aber würdest du denn hingehen und wie ein altes Weib ausschwatzen, was du
gesehen hast, Bursche, wie?« wandte er sich an den erstaunten Robert, der jetzt
erst den Zusammenhang der Dinge vollständig begriff.
    Eine Handbewegung antwortete ihm. »Nein, niemals!« rief der junge Matrose,
»ich würde niemals den Verräter spielen.«
    Patron Gulbrandson lachte. »Du gefällst mir«, nickte er. »Willst sicherlich
eine Heuer annehmen, nicht wahr? Möchtest nach Bergen fahren, denke ich.«
    »Ja, ach ja! In das Lager der Lappen gehe ich nicht wieder zurück, und
sollte ich hier verhungern müssen. Nehmen Sie mich mit nach Tromsö, Patron.«
    Der Norweger rauchte in grossen Wolken. »Kennen hierzulande gar kein Sie,«
brummte er. »Ist vielleicht dänische und deutsche Sitte, wir mögen es nicht.
Nennt einer den andern du, und wenn's der Amtmann von Tromsö selber ist. Aber du
gefällst mir, Junge, habe dir's ja schon gesagt, ist Mut in dir und eine frische
Art, mag dich leiden, mit einem Wort. - Meine Jacht geht morgen nach Tromsö
unter Segel, und wenn du mitwillst, so komm an Bord, ich erlaube es. Aber vorher
noch Frieden mit diesem Burschen hier. Der Mensch soll nicht im Zorn scheiden,
und wäre es auch von einem gelben, schmutzigen Lappen.«
    Da wandte sich Helge plötzlich ab und rannte wie ein Hase in Sprüngen zu den
Rentieren, deren Halfter er durchschnitt und sich auf den Rücken des einen
schwang.
    Mit einem wilden, gellenden Schrei jagte er in das Gebirge zurück. Wie der
Blitz schoss ihm Tiermer, das ledige Ren, auf den Fersen nach.
    »Fort ist er!« sagte Olaf Gulbrandson. »Kenne sich einer aus bei den Lappen.
Sie sind von ihren Tieren so wenig zu trennen, wie von ihren alten
Heidengöttern, und wenn bis zum jüngsten Tage von unserem Herrn und Heiland
gepredigt werden würde.«
    Er hatte das mehr für sich als zu seinem jungen Begleiter gesprochen. Jetzt
erst sah er, dass Robert kreidebleich dem dahinjagenden Hirten nachblickte.
»Nanu?« rief er, »was ist denn los, Junge? Siehst ja aus wie ein altes Weib, das
im Gebirge einem Höhlengeist begegnet ist!«
    Robert gab ganz verstört den erstaunten Blick des Patrons zurück. »Leb
wohl«, sagte er, »ich muss fort, ich darf mich nicht länger auf halten, Patron.
Da oben bei den Lappen ist noch ein Gefährte von mir, ein alter Neger, den ich
nicht verlassen darf!«
    Er wollte sich rasch abwenden, aber Olaf Gulbrandson hielt ihn am Arm
zurück. »Du bist nicht gescheit, Junge«, rief er, »glaubst du etwa, dass es dir
möglich wäre, zu Fuss über die Fjellen zu laufen?«
    »Ich muss, und wenn es noch so schwer sein sollte. Sie könnten den Alten
ermorden.«
    »Pah! Das fällt ihnen nicht ein. Sie bewachen ihn, bis er auf einem Schiff
sitzt und der Stamm ins Innere des Landes zurückgeht. Wie konntest du Helge aber
auch von dem Baalsdienst seiner Genossen erzählen?«
    
    »Das habe ich nicht getan!« rief Robert lebhaft. »Du darfst mir nicht solche
Gedankenlosigkeit zutrauen, Patron! Ich wusste noch nicht einmal, was der Lappe
dachte, als er schon aus einigen Andeutungen zusammengesetzt hatte, dass ich -
nun, meine Schuld ist es nicht. Aber dem Neger darf nichts geschehen, Patron
Gulbrandson. Bitte, lass mich fort, hörst du!«
    »Das tue ich nicht, Junge, du läufst in dein Verderben hinein, blind und
toll wie ein Verrückter. Du kennst ja den Weg gar nicht, fünf Stunden müsstest du
marschieren, auch wenn es dir gelänge, dich zurechtzufinden, also gib den Plan
auf. Der Neger wird nicht ermordet, ich, Olaf Gulbrandson, stehe dir dafür.«
    Robert schüttelte den Kopf. »Willst du mir wirklich raten, meinen Gefährten
im Stich zu lassen und selbst hier in Sicherheit zu bleiben, während sein
Schicksal von der Grossmut einiger Lappen abhängt, - Patron Gulbrandson, willst
du das wirklich?«
    Der Schiffer runzelte die Stirn. »Sind alle Grünschnäbel in Deutschland so
vorlaut, alten Leuten derartige Fragen zu stellen, Bursche?«
    Robert wandte sich ab. »Leb wohl, Patron, ich danke dir nochmals für dein
freundliches Anerbieten, aber ich darf nicht. Wenn ich mit Mongo wieder hierher
zurückkomme, wird deine Jacht längst die Anker gelichtet haben. Glück auf die
Fahrt.«
    Er grüsste und lief ohne weiteres fort, den Spuren der beiden galoppierenden
Rentiere nach. Olaf Gulbrandson schob die Pelzmütze in den Nacken, rauchte wie
ein Fabrikschornstein und sah ihm sprachlos nach. Erst als Robert seinen Blicken
zu entschwinden drohte, fasste er sich.
    »Hallo, Junge«, rief er mit gewaltiger Stimme, »hast du denn den Teufel im
Leib? Ich will dir helfen, dir Leute mitgeben, hörst du? Komm zurück,
Schlingel!«
    Robert stand unschlüssig still, als er aber den Norweger mit langen
Schritten nachkommen sah, kehrte er um und ging ihm entgegen. »Sprichst du im
Ernst, Patron Gulbrandson?« fragte er. »Sonst halte mich nicht auf; es würde
nichts nützen.«
    Der Norweger war ganz ausser Atem. »Ich scherze nie, Junge«, antwortete er,
»aber am allerwenigsten in ernstaften Dingen. Du sollst ein paar Kerle haben,
die den Weg kennen, und Brot und Fleisch auf die Wanderung, sonst könntest du
nicht lebend in das Lappenlager kommen. Wart einen Augenblick!«
    Sein gellender, langgezogener Pfiff rief aus einem der Boote zwei Männer
herbei, die in ledernen Kleidern, mit schweren Stiefeln und Pelzmützen an Land
kamen, begleitet von mehreren ganz kleinen, schlanken Hunden, wie sie zum
Vogelfang zwischen den Klippen verwendet wurden. Es waren »Quäner«, Mischlinge
von Lappen und Weissen.
    Olaf Gulbrandson schien diese Leute in seinem Lohn zu haben, denn er befahl
ihnen mit kurzen Worten, den nötigen Proviant aufzupacken und den jungen
Matrosen in das Lappenlager zu führen. Heimlich flüsterte er dabei noch einige
Worte, die Robert nicht verstand.
    Die Vogelfänger gingen zu einer Bretterhütte am Strand und kamen dann sehr
bald zurück, auf den Schultern trugen sie eine Art Lederranzen und in den Händen
lange, eisenbeschlagene Stöcke. So ausgerüstet machten sie sich mit Robert auf
den Weg, und alle drei marschierten in die Steinwüste hinein.
    Patron Gulbrandson sah ihnen mit zufriedenem Lächeln nach. »Ist ein frischer
Junge«, murmelte er, »könnte ein Norweger sein, einen so festen Willen hat er.
Wird sich durchsetzen, wird den Schwarzen befreien, und sollte es blutige Köpfe
kosten.«
    Er kehrte zu den arbeitenden Lappen zurück, während die drei anderen ohne
viele Worte ihres Weges zogen. Auch die Quäner waren überzeugt, dass dem Neger
kein Leid geschehen werde, und diese dreifache Versicherung beruhigte Robert
einigermassen. - Es war Nacht, als er mit seinen beiden Begleitern das Lager der
Lappen erreichte.
    Die Rentiere grunzten in ihrer eigentümlichen Weise, die Zelte lagen in
dunklen Umrissen da, und alles war totenstill. Robert teilte geräuschlos die
Vorhänge der luftigen Behausung, in der Mongo und er während der letzten Nacht
geschlafen hatten, er tastete am Boden und untersuchte mit Händen und Füssen den
ganzen kleinen Raum.
    Vergebens, - es war niemand darin.
    Ein eisiges Grauen überlief seine Glieder. Wo sollte er jetzt den Alten
suchen?
    Leise flüsternd teilte er seine Entdeckung den beiden Quänern mit. »Wollen
wir Lärm machen, das ganze Lager in Aufruhr bringen, mit Gericht und
Geistlichkeit drohen?« fragte er.
    Ein Zischen wie ein halblautes, verächtliches Lachen traf sein Ohr. »Schau
her«, flüsterte einer der Vogelfänger, »hier ist das Mittel, den Verlorenen
wiederzufinden, allerdings nur, wenn du irgendeinen Gegenstand hast, der mit ihm
in Berührung gekommen ist, den er getragen hat oder worauf er lag. Gibt es
dergleichen?«
    Er zog bei diesen Worten die beiden kleinen, wieselähnlichen Hunde aus den
Taschen seiner weiten Lederjacke hervor und setzte sie sorgfältig auf den Boden.
»Sind keine Felle im Zelt?« fragte er.
    »Das wäre das beste.«
    Robert unterdrückte einen Freudenruf. »Hier! Hier!« antwortete er, »aber
werden die kleinen Dinger imstande sein, eine Spur zu verfolgen?«
    Die Quäner antworteten nicht. Sie rieben nur mit den Rentierfellen die
Schnauzen der beiden kleinen Tiere, dann folgte der leise bestimmte Befehl:
»Such, Freia! Such, Tor!«
    Die Hunde gehorchten sofort. Sie schnupperten eine Zeitlang am Boden und
wandten sich dann wie auf Verabredung dem eingezäunten Platz zu, wo die Rentiere
gefangen gehalten wurden. Dort gingen sie spürend und suchend im Kreise herum.
    »Sven«, flüsterte einer der Vogeljäger, »gib mir die Flasche. Wir werden
noch meilenweit wandern müssen.«
    Der andere reichte ihm das Verlangte. »Weshalb, Steen Norrick?« fragte er.
    »Das wirst du sehen, Sven. Aha, es geht schon weiter.«
    Die Hunde hatten sich während seiner letzten Worte in Bewegung gesetzt und
liefen statt einem der Zelte vielmehr dem Ausgang des Tales zu. Über eine
Viertelstunde lang gingen die drei Männer schweigend den Tieren nach, bis
endlich Robert seine Unruhe nicht länger zügeln konnte. »Ich bitte euch«, sagte
er, »wohin gehen wir? Die Hunde laufen ja direkt ins Gebirge hinein.«
    Steen Norrick pfiff leise. »Du kannst vielleicht ein Schiff steuern oder ein
Segel am obersten Top festmachen, Freund«, sagte er, »aber von der Jagd
verstehst du nichts. Überlasse es nur uns, zu beurteilen, was Tor und Freia
leisten können. Diese Hunde laufen nie zu ihrem Vergnügen in der Welt herum, wie
es eure tun, sondern sie arbeiten und spüren ihr Leben lang, ganz wie wir
selbst. - Nun, was gibt's denn, Freia?«
    Die letzten Worte galten der kleinen Hündin, die offenbar die Spur verloren
hatte, und nun winselnd zurücklief, um sie noch einmal zu suchen. Aber sooft
auch der Faden wieder gefunden wurde, - an einer bestimmten Stelle zerriss er
immer aufs neue. Hier konnten die Füsse des Negers den Boden nicht mehr berührt
haben.
    Die Vogeljäger trennten sich. Bei dem schwachen Schein des Mondes nahm der
eine das Hündchen Tor unter den Arm und ging mit ihm etwa zwölf bis zwanzig
Schritte weiter in den Wald hinein, während Sven, der andere, bei Freia blieb
und das Tier in der nächsten Umgebung der Stelle, an der die Spur aufhörte,
weitersuchen liess.
    Robert sah stumm dem Treiben der beiden riesigen, schweigsamen Männer zu,
die mit ihren derben Gliedern und ihren Hünengestalten einen äusserst
zuverlässigen Eindruck machten. Er dachte beschämt an den Patron Gulbrandson.
Was wäre wohl aus ihm geworden, wenn sich der erfahrene alte Mann nicht so
väterlich seiner angenommen hätte?
    »Ruhe«, ermahnte er sich selbst, »Ruhe! Es muss ja der richtige Weg sein. Die
beiden Jäger sehen nicht aus, als könnten sie etwas Unüberlegtes tun.«
    Er beobachtete abwechselnd die Versuche der Quäner. Während Steen Norrick
von Zeit zu Zeit das Hündchen einige Schritte weit vorwärts trug, brachte Sven
das seinige an jede Felsspalte, jeden Engpass und jede Klippe, aber immer noch
ohne den geringsten Erfolg, bis endlich Steen Norrick einen halblauten Ruf hören
liess. Der andere Quäner ergriff sofort seinen Spürhund, folgte mit langen
Schritten dem Vorangegangenen und machte es Robert schwer zu folgen. Der
Jagdeifer hatte offenbar die beiden Vogeljäger ergriffen, dass sie darüber alles
andere vergassen.
    »Hast du die Spur gefunden, Steen Norrick?«
    Der andere deutete auf das Zwerghündchen. »Von nun an wirds besser gehen«,
sagte er. »Behalte Freia nur im Arm, ich bin meiner Sache sicher.«
    Schweigend setzte der kleine Zug seine Wanderung fort, bis sich nach etwa
fünfzig Schritten die gleiche Szene wiederholte. Jetzt aber war und blieb die
Spur verloren.
    Die Jäger sahen sich an. »Rentiere!« sagte Sven. »Der Neger sollte reiten
und weigerte sich, er fiel herab, wurde weiter geschleift, wieder auf das
Rentier gehoben und festgebunden.«
    Steen Norrick nickte. »Ja, du hast recht, Sven Böge!« antwortete er. »Gut,
so haben wir's leichter.«
    Sie pflückten sorgfaltig das spärliche Moos, das auf dem Felsboden wuchs,
und rieben wieder die Schnauzen der beiden Hunde. »Such! Such!«
    Tor und Freia folgten jetzt den Spuren der Rentiere. Es ging ohne
Unterbrechung talauf, talab, immer weiter, und als gegen Morgen der Boden etwas
sumpfig wurde, erkannte man deutlich im Dämmergrau des jungen Tages die Spuren
der Hufe, die sich auf der feuchten, moorigen Erde scharf abgedrückt hatten.
    »Wirklich!« rief Robert, »eure Hunde behalten recht. Wie habt ihr ihnen nur
das Spüren beigebracht und wozu braucht ihr es, wenn ihr nur Vögel jagt?«
    Steen Norrick lächelte. »Du fragst viel auf einmal«, antwortete er. »Die
Fähigkeit des Spürens ist diesen Tieren von Natur eigen. Wir richten sie nur
besonders ab auf den Vogelfang, weil sie dazu die geeignete Grösse haben.«
    »Wieso denn das?« fragte Robert neugierig.
    »Nun, da die Alken und Möwen in Felsritzen ihre Nester bauen, so braucht man
diese winzigen Hündchen, um sie aufzuspüren. Wohin kein Menschenfuss gelangen und
kein Blick dringen kann, da finden Tor und Freia die brütenden Vögel, denen man
dann meistens leicht die Eier wegnehmen kann. In vielen Fällen sind auch die
alten Tiere zu erreichen, die man ohne solche Hunde nur selten auftreibt.«
    Robert staunte. Weiter ging es, immer weiter, obwohl seine Kräfte anfingen
nachzulassen. Man war jetzt zehn Stunden ohne Aufentalt marschiert, und die
kleinen Hunde liefen immer noch nebeneinander mit der Nase am Boden vorwärts. Es
schien, als sei bis jetzt an kein Ende dieser aufregenden Wanderung zu denken.
    Da hob plötzlich Steen Norrick die Hand. Alle drei Männer standen still.
    »Ein Ren!« flüsterte der Vogeljäger, »ich höre deutlich das Grunzen.«
    Die beiden andern horchten atemlos. Deutlich klang jetzt der leise Ton durch
die stille Morgenluft zum zweitenmal herüber.
    Es konnte keine Täuschung sein. Hinter einem Gebüsch lagerten die Gesuchten.
    Steen Norrick legte den Finger auf den Mund. Dann lockte er durch eine
Bewegung seiner Hand die beiden Hündchen zu sich heran, gab jedem aus dem Ranzen
ein Stück Fleisch und versenkte sie wieder in seine weiten Jackentaschen.
    Dann kamen aus den Brusttaschen der beiden Jäger plötzlich zwei
doppelläufige Pistolen zum Vorschein. Mit gespanntem Hahn, den schweren
Bergstock in der linken, schlichen die riesigen Nordländer vorwärts, und Robert
folgte ihnen.
    Helges Stimme tönte sehr bald der kleinen Schar entgegen. Was er aber
sprach, das blieb dem jungen Matrosen unverständlich, da es die Mundart der
Gebirgslappen war, in der er offenbar mit einem Kameraden sprach. So eifrig auch
Robert horchte, den Sinn der Worte verstand er nicht.
    Desto besser begriffen jedoch die Vogeljäger. Sie sahen sich lächelnd an,
und dann neigte sich Steen Norrick zu Robert herüber: »Der gelbe Schurke hat
deinen Freund geknebelt und ihm seit seiner eigenen Rückkehr vom Westfjord
nichts mehr zu essen gegeben«, raunte er. »Es ist seine Absicht, den Neger noch
eine ganze Tagereise weit in die Wüste zu führen und ihn dort halbverhungert
auszusetzen, damit er nie wieder zu den Weissen zurückkehren könne. Jetzt lass
mich weiter horchen, aber sei ganz still!«
    Robert bezwang mit Mühe seine Erregung. Er wagte jedoch nicht, sich den
Anordnungen der beiden Vogeljäger zu widersetzen.
    Die Lappen sprachen fortwährend miteinander, und Steen Norrick horchte
angestrengt. »Dachte es wohl«, flüsterte er in Roberts Ohr, »dir war das gleiche
Schicksal bestimmt. Sobald du dich im Lager wieder blicken liessest, wollte man
auch dich in die Wüste führen. Kannst deinem Herrgott danken, dass du die
Geschichte von den heidnischen Opfern nicht am Feuer der Lappen erzähltest,
sonst wärest auch du jetzt auf dem Rücken eines dieser Tiere von der Insel Kola
rettungslos in die Steinwüste gebracht worden, und kein Mensch hätte dein
Verschwinden bemerkt, niemand von den Deinen hätte jemals wieder etwas von dir
gehört. Werde vorsichtiger, Junge, bevor du wieder die Sitten und Gefahren
fremder Länder gegen dich herausforderst!«
    Robert antwortete nicht. Das war eine ernste und zugleich milde Lehre, aber
sie drang ihm in ihrer Einfachheit tief ins Herz.
    Steen Norrick nahm jetzt die Pistole schussbereit und winkte seinem
Begleiter, dasselbe zu tun. Wie ein Gespenst aus dem mitternächtlichen Grabe
emporsteigt, lautlos und plötzlich, so standen im nächsten Augenblick die
Riesengestalten der beiden Vogelfänger vor den entsetzten Lappen, die, ihrer
Sache vollständig sicher, sich ganz bequem in das Moos gelagert hatten und bei
Branntwein, Brot und Fleisch eine längere Rast hielten, während der unglückliche
Mongo auf dem Rücken des Rentiers so von Seilen umschnürt war, dass er kaum atmen
konnte und in halber Betäubung dalag. Seinen Bitten um einen Schluck Wasser war
mit Hohnlachen geantwortet worden.
    Sobald Robert sah, dass die Vogelfänger den Kampf aufnahmen, sprang er mit
einem freudigen »Hurra, Mongo, die Hilfe ist da!« - aus dem Gebüsch und drang
bis zu dem gefesselten Freund vor.
    »Sven Böge!« rief er, »Sven Böge, gib mir dein Messer!«
    Der Riese trat, ohne die beiden wie versteinert dasitzenden Lappen aus den
Augen zu lassen, näher und überreichte dem jungen Matrosen ein Messer, das
bestimmt sein mochte, im Notfall einem Bären den Genickfang zu geben. Robert
zerschnitt, so schnell es ging, die Seile und half dem Alten herab.
    Helge und sein verbrecherischer Gefährte hatten sich inzwischen einigermassen
gesammelt und waren von ihren Sitzen aufgesprungen. »Was wollt ihr, Steen
Norrick und Sven Böge?« fragte mit drohendem Blick der Sohn des
Lappenhäuptlings, »weshalb bedroht ihr friedliche Jäger? Setzt euch zu uns und
nehmt, was wir euch bieten können.«
    Diese Dreistigkeit empörte selbst die ruhigen Nordländer. »Schurken!« rief
Sven Böge, während sein Gefährte vor Abscheu auf den Boden spuckte, »elende,
gelbe Diebe und Heiden, die ihr seid. Wollt ihr etwa leugnen, diesen Neger hier
als Gefangenen in die Wüste geschleppt zu haben, - wollt ihr leugnen, dass oben
am Nordkap ein greuliches Zauberwesen getrieben worden ist, ihr Spitzbuben und
Heiligtumsschänder?«
    »Auf!« befahl Steen Norrick. »Wir bringen euch an Händen und Füssen gefesselt
nach der Stadt, angeklagt der Götzendienerei und des Menschenraubes. Da könnt
ihr im Gefängnis eure Schandtaten bereuen. Wir beide, mein Vetter und Genosse
Sven Böge und ich selbst, werden bezeugen, dass ihr alles dieses eingestanden
habt, denn wir haben vorhin eure ganze Unterhaltung Wort für Wort mit angehört.«
    Diese Worte änderten plötzlich die ganze Lage, Während sich der zweite Lappe
auf die Knie warf und heulend um Gnade flehte, kreuzte Helge die Arme und sah
unverwandt in das Gesicht des Vogeljägers. »Geh, Steen Norrick, geh und bringe
uns in das Gefängnis, Sohn eines weissen Vaters, dessen Frau - deine Mutter,
Steen Norrick! - auch aus dem Stamme der Samelads hervorgegangen ist. Schände
den Herd, an dem deine Mutter aufwuchs, schände dein eigenes Mischblut, indem du
uns dem Richter preisgibst.«
    Die Adern auf der Stirn des Nordländers schwollen, seine Augen glühten,
seine Fäuste ballten sich, und schon im nächsten Augenblick krachte ein Schuss,
den jedoch Sven Böges plötzlicher, geschickt angebrachter Schlag gegen den Lauf
der Pistole unschädlich verhallen liess. Der Vogeljäger war an seiner
verwundbarsten Stelle getroffen, man hatte ihm seine Abstammung vorgeworfen und
dadurch seinen Zorn auf das heftigste gereizt.
    »Lass mich!« knirschte er, mit Sven Böges kräftigen Armen ringend. »Lass mich,
der gelbe Hund soll sterben.«
    »Steen Norrick«, sagte mit warnender Stimme der andere, »besinne dich! Hast
du vergessen, was der Patron Gulbrandson befahl?«
    Der Jäger schien zu erschrecken, wenigstens zögerte er. »Willst du dich von
diesen schmutzigen Schuften ohne weiteres kränken lassen?« schrie er.
    »Ein Lappe kann mich weder beleidigen noch kränken, Steen Norrick.«
    »Das sagt der Sohn einer Frau aus dem Blut der Samelads!« murmelte Helge.
    »Die Pest über dich!« - -
    Und mit diesen Worten stürzte sich der Nordländer auf den Lappen, den er
ohne weiteres zerdrückt haben würde, wenn nicht von anderer Seite plötzlich
etwas dazwischen gekommen wäre. Die beiden kleinen Hündchen in den Taschen,
durch die ungestümen Bewegungen Steen Norricks in Gefahr gebracht, begannen
jämmerlich zu heulen, so dass der Vogeljäger erschrak, als habe ihn eine Schlange
gebissen. Den Lappen von sich stossend, beruhigte er seine Lieblinge, während
Sven Böge mit energischem Griff den zweiten Gelben vom Boden emporzog und ihm
befahl, die Tiere aufzuzäumen. Nachdem das geschehen war, erhielten Mongo und
Robert die Anweisung, sich abmarschbereit zu halten, und das dritte Ren wurde
mit Vorräten beladen, bevor es der Nordländer am Zügel ergriff.
    »Komm hierher, Helge!« rief er.
    Der Lappe gehorchte zögernd. Sein Gesicht war vor Zorn und Furcht aschgrau.
Sven Böge packte ihn wie einen Warenballen und untersuchte mit seinen grossen
Händen jede Falte, jede Tasche, ehe er ihn wieder freigab. Nachdem er auch den
zweiten Lappen auf Schusswaffen abgetastet hatte, trieb der Jäger die Rentiere
zum Auf bruch. »Vorwärts!« befahl er. Und dann wandte er sich zu den Lappen:
»Dass ihr euch in angemessener Entfernung haltet, ihr Spitzbuben! Wer sein gelbes
Gesicht sehen lässt, dem geht es schlecht!«
    Ein Zungenschlag brachte die Tiere in Bewegung. Robert und Mongo ritten,
während die Vogeljäger zu beiden Seiten gingen. Steen Norrick schien sich seines
Zornausbruchs zu schämen, denn er biss die Lippen aufeinander und sprach keine
Silbe.
    Robert klopfte ihm auf die Schulter. »Wie können wir euch danken?« fragte
er. »Ihr habt uns beiden das Leben gerettet.«
    Der Nordländer lächelte. »Mach nicht so viele Worte, Fremder«, antwortete
er, »oder würdest du in unserer Lage anders gehandelt haben?«
    »Nein!« rief mit überzeugender Sicherheit der junge Matrose, »nein, bestimmt
nicht!«
    Die Vogeljäger sahen ihn wohlwollend an. »Na also!« meinte Steen Norrick.
    Und dann ging es im ersten Sonnenlicht des Morgens durch das Gebirge. Die
beiden Nordländer schienen keine Müdigkeit zu kennen. Ebenso straff und sicher,
wie sie vor gut zehn Stunden aufgebrochen waren, marschierten sie auch jetzt
eisern dahin, bis gegen Mittag Rast gehalten wurde. Robert erhob sich neu
gestärkt, nahm die leeren Ranzen und Körbe auf den Rücken und überredete die
Nordländer, jetzt zu reiten. Er selbst ging an Mongos Seite und erzählte ihm,
was er während der Zeit ihrer Trennung erlebt hatte. Der Neger konnte immer noch
kein Wort sprechen, aber er drohte gutmütig mit erhobenem Zeigefinger, als ihm
der junge Sausewind erzählte, dass er dem Lappen gegenüber ganz ahnungslos die
Namen »Jubinal« und »Tiermer« genannt habe.
    Robert errötete wieder. »Ich will vorsichtiger werden, Mongo.« sagte er auf
englisch, »diese Lehre soll mir nicht verloren gehen.«
    »Du junger Spitzbube!« wollte Mongo mit seinem Lieblingsausdruck antworten,
aber er brachte nur ein unverständliches Krächzen heraus, so dass alle laut
lachten.
    In bester Stimmung erreichte der kleine Zug gegen Abend das Ufer des
Westfjords. Das Lappenlager hatten die Jäger umgangen, so dass es zu keinem
Streit oder Kampf gekommen war.
    Roberts erster Blick ging zum Wasser. Er suchte die Wimpel der Jacht, und -
- was er im stillen gehofft hatte, das bestätigte sich. Das schlanke Schiff lag
noch vor Anker, während Patron Gulbrandson breitspurig und mit der langen Pfeife
im Munde auf dem Strandweg stand.
    Sein wetterbraunes Gesicht lachte, als er die Ankömmlinge sah. »Hallo!« rief
er, »das nenne ich Glück! Habt drei Rentiere erbeutet und einen Neger. Brr, wird
der aber in der Stadt Aufsehen erregen!«
    Robert streckte voller Dankbarkeit dem Alten seine beiden Hände entgegen.
»Du hattest recht, Patron Gulbrandson«, sagte er, »und ich bitte dich wegen
meiner unüberlegten Worte um Verzeihung!«
    Der Norweger schmunzelte. »Konnte mir denken, was inzwischen geschehen ist«,
antwortete er, »kenne die gelben Spitzbuben seit vierzig Jahren aus täglichem
Umgang und weiss, was sie wert sind. Haben wohl Ach und Weh geschrien, als die
Quäner plötzlich auftauchten, dachten nicht, dass hinterm Berge auch noch Leute
wohnen?«
    Die beiden Vogeljäger erzählten nun alles, was sich ereignet hatte, und der
Patron nickte äusserst zufrieden. »Wolltet gern mit nächster Gelegenheit nach
Tromsö, ihr beiden?« fragte er, mit der Pfeifenspitze zugleich auf Robert und
den Neger deutend.
    Mongo verstand ihn nicht, aber Robert antwortete an seiner Stelle und sah
unwillkürlich dabei voll Sehnsucht hinaus auf den Fjord, wo die hübsche Jacht
vor ihren Ankerketten schaukelte.
    »Würdest du uns wohl an Bord des Heimdal mitnehmen, Patron Gulbrandson?«
fragte er. »Der amerikanische Konsul in Bergen - -«
    »Soll sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern«, schloss brummend der
Alte. »Denke wohl, dass Olaf Gulbrandson der Mann ist, ein paar schiffbrüchigen
Seeleuten zu helfen, ohne dass es ihm gleich jemand bezahlen müsste. Könnt an Bord
gehen, der Schwarze und du, euch vom Steuermann etwas Vernünftiges zu essen
geben lassen und euch in den Hängematten aufs Ohr legen. So, ihr wisst nun
Bescheid!«
    Er wehrte alle Dankesäusserungen ab und schritt langsam zu den Arbeitern an
der Holzbank hinüber, wo er einem Lappen befahl, die drei Rentiere wieder in das
Lager seiner Brüder zurückzuführen. Dann trat er in die Hütte der beiden Quäner,
in der offenbar verschiedene Abschlüsse und Rechnungen ins reine gebracht
wurden, denn die Jacht hatte ihre volle Ladung an getrockneten Fischen und
Federn schon übernommen, das sahen die beiden Freunde, als sie an Bord kamen,
auf den ersten Blick. Man wartete also nur auf den Patron, um die Anker zu
lichten.
    Robert und Mongo assen mit bestem Appetit die seltsame Suppe, die ihnen der
Steuermann vorsetzte, nämlich Hafergrütze mit getrockneten Pflaumen und kleinen
Heringen, das norwegische Nationalgericht. Sie lachten dabei heimlich, und der
Neger schüttelte sich sogar ein wenig, aber später glich ein tüchtiges Stück
Pökelfleisch mit Klössen alles wieder aus, obwohl jegliches Gemüse, das hier in
der Polarzone den Wert einer seltenen ausländischen Frucht gehabt hätte, an Bord
des »Heimdal« vollständig fehlte. Man kennt in diesen Breiten nicht einmal den
Anbau der Kartoffel, die während des zu kurzen, heissen Sommers lang ins Kraut
schiesst, aber keine Knollen ansetzt.
    Nach dem Essen taten Robert und Mongo wie ihnen gesagt worden war: sie
suchten die langentbehrte Ruhe und schliefen bald wie die Bären, ohne zu
bemerken, dass an Deck die Anker gelichtet wurden und der »Heimdal« flink wie ein
Delphin durch die Wogen dahinschoss.
    Erst gegen Morgen erwachte Robert und glaubte zu träumen, als er den Seegang
fühlte und die Wellen klatschend an das Schiff schlagen hörte. Er schloss
nochmals die Augen, um sich der schmeichelnden Empfindung wieder hinzugeben,
doch als ihm dann die Erinnerung an die Bilder der letztvergangenen Tage langsam
zurückkehrte, sprang er aus seiner Hängematte heraus, um womöglich an Deck ein
wenig zu helfen und die Gastfreundschaft des »Heimdal« nach Kräften zu
vergelten. Er konnte sich auch nicht länger entalten, einmal wieder in die
Masten zu klettern und sich da oben in freier Luft vom Wind schaukeln zu lassen.
    An Bord des Schiffes waren ausser dem Patron und dem Steuermann nur noch drei
Matrosen, lauter Hünengestalten, schweigsam wie die Vogeljäger und offenbar
ebensowenig wirkliche Seeleute wie ihr Kapitän selbst. Robert konnte überall
unaufgefordert zugreifen, er fand Arbeit genug für mehr als einen Mann.
    Olaf Gulbrandson sah mit zufriedenem Lächeln, dass sich sein junger Gast
nützlich zu machen suchte. »Hör zu, Junge!« sagte er, »was du verzehrst, das
schenke ich dir, und was du verdienst, das bezahle ich. - Den Schwarzen lass nur
in seiner Hängematte bleiben, damit er wieder zu Kräften kommt, ehe er eine neue
Heuer annimmt.«
    Und so geschah es dann. Robert half an Deck, während der Heimdal vier Tage
lang durch die Sunde und Fjorde und endlich durch die Strasse von Tromsö segelte,
um am Morgen des fünften Tages an der hölzernen Landungsbrücke festzumachen.
    Während die geladenen Fische und Federn auf ein grösseres, nach Bergen
bestimmtes Schiff des Patrons übernommen wurden, sollte die Jacht zurückfahren
und den Arbeitern auf den Lofoten eine neue Partie Salz und Lebensmittel
bringen. Olaf Gulbrandson überwachte in Tromsö selbst die Verladearbeiten, aber
er wollte nicht wieder an die Fischplätze zurückkehren, sondern persönlich seine
Waren in Bergen verkaufen und Robert und den Neger dortin mitnehmen. Mongo half
jetzt tüchtig, die Federsäcke und Ballen trockener Fische aus dem Raum
heraufzubefordern, er hatte sich gut erholt und konnte sogar nach einer
einförmigen Negermelodie ein englisches Lied singen, in das die Norweger mit
einfielen, ohne zu wissen, welchen Sinn die Worte hatten.
    Robert lachte lustig, sooft er das wunderliche Quartett des Schwarzen und
der drei norwegischen Matrosen mit anhörte. Gewandt, wie er war, übersetzte er
endlich die Strophen ins Dänische, so dass nun in zwei verschiedenen Sprachen
gesungen wurde, was auf Deutsch etwa folgendermassen lautet:
»Neger auf dem Land - Sehen, das Schiff kommt in,
Der Kap'tän kommt an Land - Mit der Hand am Kinn.
Kaufmanhsschiff ahoi, Kaufmannsschiff ahoi, -
Gib die Taler mir.«
    dabei fiel Ballen auf Ballen und Sack auf Sack in den Raum der Ellen
Gulbrandson, wie das Schiff zu Ehren der verstorbenen Frau des Patrons genannt
worden war. Schon nach wenigen Tagen konnte die Reise weitergehen, und zwar
nicht, wie Robert geglaubt hatte, auf dem offenen Meer, sondern durch ein
verschlungenes Labyrint von Wasserstrassen, kleinen und grossen Buchten,
Engpässen und Stromschnellen zwischen den Felsen, immer in Sicht der Küste und
in einer Umgebung, wie man sie sich grossartiger kaum vorstellen konnte.
    Als das weite Wasserbecken des Hafens, rings umschlossen von glatten,
steilen Felsen, sich vor ihnen öffnete, als Robert endlich wieder die Masten
vieler Schiffe aus aller Herren Länder zum Himmel ragen sah, da hüpfte ihm das
Herz vor Freude.
    Hier war das Leben wieder wie sonst. Überall sah man Menschen auf der
Strasse, man erkannte Lastfuhrwerke und Equipagen, kurz, man war von den letzten
Ausläufern der Kultur wieder ganz zu ihr zurückgekehrt, wie denn auch die
Berechnung des Patrons eine zurückgelegte Strecke von zweihundert Meilen
nachwies.
    Diesen weiten Weg hatte die »Ellen Gulbrandson« in zwölf Tagen gemacht.
Alles, was der Patron unternommen hatte, war vom Glück begünstigt worden und
daher seine Stimmung sehr gut. Er schlug mit der flachen Hand auf Roberts
Schulter und sah ihn freundlich an. »Junge«, sagte er, »bleib bei mir, du bist
gerade so einer, wie ich es gern habe, einer der seine Kräfte fühlt und sie
gebrauchen will. Schlag ein, Bob! Im Sommer auf der Küstenfahrt zwischen Bergen
und den Lofoten, im Winter zu Hause am Baalsfjord, wo meine Speicher stehen und
wo die erhandelten Waren an die Fischer verkauft werden. Kannst hineinwachsen in
mein Geschäft, Junge, kannst mit der Zeit ein Gaardbesitzer sein, ja, und kannst
sogar später einmal meine Enkelin heiraten, wenn du ein gemachter Mann bist, der
seine Schiffe auf dem Wasser und seine Pachtäuser an Land besitzt. Freilich
zählt das Püppchen jetzt erst fünf Jahre, aber es ist auch noch ein weiter Weg
vom Leichtmatrosen bis zum selbständigen Patron und Kaufmann.«
    Robert hatte anfänglich ernstaft zugehört, dann aber lachte er laut. Der
Gedanke, von seiner späteren Frau zu sprechen, war doch wirklich urkomisch. Wie
konnte der vernünftige Mann solche Scherze machen?
    »Nimm es um Gottes willen nicht übel, Patron Gulbrandson«, antwortete er
endlich, »aber das, was du sagtest, ist zu lustig, ich kann mir nicht helfen.«
    Der Alte verzog freundlich den breiten Mund. »So lache doch ruhig«, sagte
er. »Wer lacht, der sündigt nicht. Aber unser Handel ist gemacht, was?«
    Robert schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht, Patron«, antwortete er, »ich
kann nicht, und wenn du mir goldene Berge versprichst. Ich bin dir grossen Dank
schuldig, ich werde niemals vergessen, was du mir und dem alten Neger getan
hast. aber mich in ein Haussperren lassen, das kann ich nicht.«
    »Dummes Zeug das! Alle Menschen leben in Häusern, du auch!«
    »Nein, Patron, ich nicht. Ich bin der einzige Sohn meiner Eltern, ich hätte
zu Hause in Deutschland ein sicheres, ruhiges Leben haben können, lief aber
lieber heimlich in dunkler Nacht davon, um frei zu sein, um ein Seemann zu
werden. Nun weisst du, warum ich nicht bei dir bleiben kann!«
    Der Alte schien nicht so recht mit sich im reinen, ob er hier tadeln oder
loben sollte. Er wiederholte nur: »Davongelaufen?«
    »Ja, Patron Gulbrandson.«
    »Dann willst du also jetzt auf einem Hamburger Schiff heuern, um deine
Eltern aufzusuchen und sie um Verzeihung zu bitten?«
    Robert errötete. »Das kann ich noch nicht, Patron«, antwortete er. »Ich kann
nicht mit leeren Händen zurückkommen, und da bisher alles immer wieder verloren
ging, was ich zusammengebracht hatte, so muss ich erst einmal eine gute Reise
hinter mir und einige hundert Taler in der Tasche haben, bevor ich heimkehre.
Wirklich, ich hatte überall Unglück!«
    Olaf Gulbrandson hob mahnend den Finger. »So ganz unverdient, Junge?« fragte
er. »Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass dir's wohl ergehe und du lange
lebest auf Erden. Hast diesen Satz ganz vergessen, he?«
    »Bestimmt nicht, Patron, aber - von der See lassen kann ich nicht.«
    Der Alte wandte sich ab. »Nun, nun«, brummte er, »habe dir nichts zu
befehlen, musst deine eigene Haut zu Markte tragen. Segen wird's niemals bringen,
darauf darfst du dich immerhin fest verlassen. Unrecht Gut gedeiht nicht.«
    Als er aber später im Boot an einen der grossen amerikanischen Dreimaster
heranfuhr, da dachte er doch im stillen: »Schade, dass der Bengel so hartnäckig
ist. Ich hätte ihn gern mit mir nach Hause genommen. Wirklich schade!«
    Mit dem Kapitän des Amerikaners verabredete er dann eine Heuer für Robert
und für den Neger, schenkte jedem noch einen neuen Anzug und brachte sie in
seiner Jolle an Bord. »Vorher aber schreibst du an deine Eltern«, ermahnte er
den Jungen, »ich selbst will den Brief auf die Post geben.«
    Robert gehorchte und schilderte nun alles, was ihm inzwischen begegnet war,
ebenso bat er sie, ihm nach San Franzisko, seinem nächsten Bestimmungsort, eine
Antwort vorauszuschicken. Zuletzt versprach er, bald zurückzukehren und schloss
mit der Bitte, ihm seinen unüberlegten Jugendstreich zu verzeihen.
    Patron Gulbrandson versenkte den Brief in die Tasche seiner weiten
Lederjacke, dann zahlte er beiden Seeleuten auf Heller und Pfennig, was sie
während der Herreise verdient hatten, und schüttelte ihnen zum letztenmal die
Hand. »Lebt wohl! Lebt wohl!« -
    Mongo dankte ihm immer wieder für die Rettung von einem schrecklichen Tode,
bat ihn, die beiden Vogeljäger zu grüssen und es den Sohn des Lappenhäuptlings
nicht entgelten zu lassen, dass er ihn so heimtückisch überfallen und in die
Wüste geschleppt habe, - - Robert hielt immer noch die Rechte des Nordländers.
Der Abschied wurde allen schwer. »Könntest ja bei mir bleiben, Junge!« sagte
Olaf Gulbrandson noch einmal.
    Aber Robert schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht, Patron!«
    »Nun, so behüt dich Gott, Wildfang!«
    Die Jolle stiess ab, und einige Minuten später war sie im Gewirr der vielen
Fahrzeuge verschwunden.
    Zwei Tage darauf lichtete der Stern von San Franzisko die Anker, und mit
lustigem Matrosengesang begann die neue Fahrt, einer ungewissen Zukunft
entgegen. Was sie bringen würde, das wusste nur Gott.
 
                               Nach dem Goldland
Der schwere Bergenfahrer, riesig in seinen Ausmassen, ein neues, tüchtiges Schiff
mit guter Besatzung und moderner Ausrüstung, hatte einen beträchtlichen Teil
seiner Reise bereits zurückgelegt und war ohne Zwischenfall bis in die
Grenzgewässer des Stillen Ozeans gelangt. Kap Hörn kam in Sicht.
    Robert stand am Grossmast und bewunderte das Schauspiel, das sich im Licht
der sinkenden Sonne seinen Augen bot. Während er Ähnliches und noch
Grossartigeres in Norwegen häufig gesehen hatte, waren ihm doch diese
Klippenbildungen ganz neu.
    Steil und senkrecht, schwarz und vollkommen nackt, ohne eine einzige lebende
Pflanze, erhob sich der über fünfhundert Meter hohe Berg aus dem Meer und ragte
mit seinem dunklen Gipfel fast bis in die blau und violett umsäumten Wolken
hinein. Als letzter Ausläufer der Kordilleren bildete das Vorgebirge
gewissermassen einen Wall gegen den dauernden Anprall der Meeresbrandung.
    In weitem Bogen glitt das Schiff daran vorüber und vermied den rasenden
Strudel, wo weisse Wellenköpfe mit Kronen von Schaum, urweltlichen
Fabelgeschöpfen gleich, den Felsen stürmten, daran zerstäubten und wieder
zurücksanken in die blaue Unendlichkeit, aus der sie entstanden. Bei jedem
Windstoss aufspringend, eine die andere überrollend, furchtbare, bergestiefe
Täler bildend und wie hohe, unübersteigbare Mauern sich türmend, so glichen die
Wogen einem Heer gewappneter Krieger, die sich immer neu ergänzen, der eine aus
dem Blut des anderen, unbesiegbar und unerschöpflich.
    Über dem Gipfel des Berges lag es blaugrau, die Luft war verhältnismässig
kalt und neblig, alles Zeichen, dass noch vor Einbruch der Nacht ein Sturm zu
erwarten sei und dass die notwendigsten Massnahmen dafür getroffen werden mussten.
Robert war jetzt schon erfahrener Seemann genug, um dies selbständig überblicken
zu können, er arbeitete eifrig an der Sicherung der Boote, der Ersatzspieren und
der Kanone auf dem Vorderdeck, er kletterte wie ein Seiltänzer hin und her, um
die Taue zu spannen, zwischen denen es den Matrosen allein möglich ist, während
eines heftigen Sturmes auf den Füssen zu bleiben.
    Die Segel wurden gerefft, die leichten ganz weggenommen, und an allen
Bändseln Musterung gehalten, mit einem Wort, überall nachgesehen, ob das Schiff
für den bevorstehenden Sturm gerüstet sei. Der Obersteuermann ging prüfend von
einer Seite zur anderen.
    »Jetzt kommt's bald«, sagte er halb zu sich.
    Robert, dessen liebenswürdige Dreistigkeit ihm überall solche kleinen
Freiheiten sicherte, die sich im Leben nur der ungestraft erlauben darf, der das
Vertrauen seiner Vorgesetzten im hohen Masse besitzt und von dem man weiss, dass er
eine bestimmte Grenze nie überschreiten würde, - Robert sah sich um. »Woran
erkennen Sie das, Steuermann?« fragte er lebhaft.
    Der Amerikaner spuckte seinen Tabak ins Meer und schob ein frisches
Priemchen zwischen die Zähne. Dann deutete er mit der Rechten über das Wasser.
»Siehst du diesen schillernden, bald grünlichen, bald weissen Streifen, der wie
ein flatterndes Band auf der Oberfläche des Meeres liegt? - Nun, das ist ein
Vorbote.«
    »Aber die Luft scheint doch noch ganz ruhig zu sein, Steuermann?«
    Der Alte nickte. »Scheint nur, Bob! Wirst bald das Konzert beginnen hören.«
    Und so kam es wirklich. Die Nacht war hereingebrochen, tiefe Dunkelheit lag
um das Schiff, am Himmel glänzte kein Stern und durch die Takelage fuhr ein
unheimliches Ächzen. Immer furchtbarer heulte und tobte die Brandung am Felsen,
immer stärker wurden die Windstösse und höher die Wogenkämme. Der Schaumstreif
hatte sich mit unheimlicher Geschwindigkeit in ganze Berge von Schaum
verwandelt.
    Der Kapitän, in Ölrock und Südwester, erschien an Deck. Bei den Marsfallen
und Brassen standen die vom Obersteuermann dortin beorderten Leute, auch das
Grosssegel war eingezogen worden und auf dem ganzen Schiff alles fertig, um den
schlimmen Gast zu empfangen. Wildes Heulen durchbebte die Luft.
    Der Kapitän rückte den Hut tiefer in den Nacken. »Laufen Marssegel!«
kommandierte er mit starker Stimme, und dann weiter: »Holt auf Luvbrassen, aus
Refftaljen!«
    Der Befehl wurde sofort ausgeführt, das Schiff legte sich fast flach auf die
Seite und flog wie ein Blitz durch die kochende See. Da ertönte vom Steuerrad
her durch die Nacht ein lauter Schrekkensruf. Der Kopf des Ruders war
abgesprungen.
    Einen Augenblick lang schien es, als könne das Schiff dem Druck des Windes
nicht widerstehen, die Brassen spannten sich, zerplatzten mit lautem,
donnerähnlichem Knall und wurden im nächsten Augenblick vom Sturm entführt.
    Das Schiff konnte in jeder Sekunde von der Brandung erfasst werden.
    Der Kapitän war ohne Zweifel kein besonnener Mensch. Er liess es erst zum
Äussersten kommen, ehe er das letzte, gefährliche Manöver versuchte, - dann
endlich entschloss er sich.
    Keine Stimme hätte das Brausen des Sturms durchdringen können. Nur Zeichen
waren möglich, und auf diese hin versammelten sich alle Matrosen um den
Kreuzmast. Dort mussten die noch vorhandenen Segel geborgen werden, oder das
Schiff war rettungslos verloren.
    Im Logis war niemand mehr. Jeder hatte ungerufen seine Koje verlassen, um da
zu sein, wenn Not an den Mann kam. Die Leute wurden gut behandelt, erhielten
reichliche Rationen und täglich Branntwein, daher waren sie zur Stelle, wo es
darauf ankam, Tüchtigkeit zu zeigen.
    Das Kreuzsegel konnte zwar nicht gerettet werden, sondern flog wie ein
Fetzen Papier im Sturm den vorangegangenen nach, aber der Zweck des Unternehmens
war doch erreicht. Der »Stern von San Franzisko« richtete sich langsam aus
seiner gefährlichen Lage auf, die Zimmerleute konnten das Ruder ausbessern, und
das Schiff kam allmählich vor den Wind. Die grösste, hauptsächlich durch die
Unschlüssigkeit des Kapitäns entstandene Gefahr schien beseitigt, obwohl der
Sturm noch immer weitertobte und jeder Mann an Deck bleiben musste, um für alle
Fälle zur Hand zu sein.
    »Hast du nun gesehen, wie schnell die Geschichte geht?« fragte der
Obersteuermann, nachdem er mit dem Taschentuch das Gesicht abgetrocknet und ein
neues Stück Kautabak in den Mund gesteckt hatte. »Ich sagte dir's ja.«
    Robert lachte. »Das war zur Feier meines Geburtstages, Steuermann. Hätte mir
wirklich nichts Schöneres denken können, als so einen tüchtigen Sturm, der das
Blut in Bewegung bringt.«
    »Mit achtzehn Jahren!« brummte der Alte, halb verdrossen, halb angenehm
berührt, wie alle, die mit Roberts frischer und gesunder Natürlichkeit in
Berührung kamen. »Na, wenn dein Geburtstag ist, so sollst du auch später eine
Extraration haben.«
    Robert wandte sich zu dem hinter ihm stehenden Neger. »Und du sollst sie
trinken, Mongo!« sagte er. »Das war wieder einmal ein kleines Abenteuer, was?«
    In diesem Augenblick tönte durch die Nacht ein Kanonenschuss aus ziemlicher
Nähe herüber. Alle horchten auf, wie von einem elektrischen Schlag getroffen,
alle blickten unwillkürlich in die Richtung des Schalles, obgleich die
herrschende Finsternis jedes Sehen unmöglich machte.
    Ein Schiff in Seenot! - -
    Jetzt folgte deutlich ein zweiter Schuss.
    Der Obersteuermann war der erste, der die Sachlage erfasst hatte. »Das Schiff
treibt uns steuerlos mit dem Wind entgegen«, sagte er. »Der zweite Schuss klang
bedeutend näher, und - Achtung! - dieser noch viel mehr.«
    »Steuermann!« rief unruhig der Kapitän, »ist es nicht, als wäre das fremde
Schiff genau in unserem Fahrwasser? - Wir laufen Gefahr, zusammenzustossen.«
    »Das verhüte Gott, Sir!« -
    Und dann brachten seine ruhigen Kommandoworte den »Stern von San Franzisko«
weiter ins Meer hinaus, so dass er gegen den Wind aufkreuzte. Die Kanonenschüsse
kamen jetzt immer schneller hintereinander, und endlich, nachdem sich der Sturm
bedeutend gelegt hatte, wurde auch auf dem Bergenfahrer ein Schuss abgefeuert, um
eine Antwort zu geben.
    Ein hundertstimmiger Freudenschrei hallte, alle Herzen erschütternd, über
das Meer. Robert ergriff in heftiger Bewegung den Arm des Obersteuermanns.
    »Wir müssen helfen, Sir, wir müssen die Boote aussetzen!« rief er.
    »Alles zu seiner Zeit, du Grünschnabel. Wolltest du etwa mir nichts, dir
nichts, in diese Dunkelheit hinausstürmen, vielleicht an dem bedrohten Schiff
vorbei, vielleicht direkt unter seinen Bug, so dass du übersegelt wärest, ehe
sich der Teufel die Schuhe putzt? - Lass nur erst einmal die Leuchtkugeln ihre
Schuldigkeit tun.«
    Robert schämte sich seiner Übereilung. Immer mussten ihn besonnenere Menschen
wie ein kleines Kind zurückhalten. Er schwieg deshalb und wartete ab, was folgen
werde.
    Der Steuermann sollte wieder recht behalten. Nach wenigen Minuten schon
entfaltete sich ein wundervolles, grossartiges Schauspiel. Aus der dunklen
Umgebung des Meeres stiegen farbige, meist pupurrote Leuchtkugeln auf, die in
ununterbrochener Reihenfolge einen Schauplatz furchtbarer Verheerung mit ihrem
Schein überfluteten.
    Ohne Masten und ohne Quarterdeck lag ein Schiff fast bis zur Höhe seiner
Schanzkleidung unter Wasser, in nächster Nähe des Bergenfahrers. Es trieb kaum
noch, weil der Wind keinen Widerstand mehr fand, aber es wurde auch nur noch
durch die verzweifelten Anstrengungen der Besatzung etwa einem Meter über Wasser
gehalten. Rastlos arbeiteten die Matrosen an den Pumpen, rastlos folgten die
Leuchtkugeln aufeinander und überschütteten mit einem Feuerregen das nächtliche
dunkle Meer.
    Es war ein zauberhaft schöner Anblick, die Brandung am Fusse des Vorgebirges,
von farbigen Lichtern angestrahlt, hier purpurn, dort azurblau und dann tief
violett, - aber niemand fand Zeit oder Ruhe, um sich diesem Schauspiel
hinzugeben. Das bedrängte Schiff nahm die Aufmerksamkeit aller viel zu sehr in
Anspruch.
    Der unschlüssige Kapitän näherte sich mit fragendem Gesicht seinem Offizier.
»Ein Auswandererschiff«, sagte er, »wo sollen wir alle diese Menschen
unterbringen?«
    Die Antwort war kurz und bezeichnend. »Wir werden sie nicht alle lebend an
Bord bekommen, Sir!«
    »Meinen Sie, Steuermann? Aber lassen Sie die Boote herunter, in jedes vier
Mann. Ich glaube, das Wasser ist ruhig genug.«
    Er verschwand in der Kajüte, und der Steuermann liess sich zunächst von einem
der Matrosen das Sprachrohr bringen. Dann fragte er an, ob man auf dem sinkenden
Schiff noch Feuerwerkskörper genug habe, um den Rettungsmannschaften die nötige
Beleuchtung zu leisten. Erst als diese Frage bejaht war, wurden die Boote zu
Wasser gelassen.
    Robert sprang allen voran gleich in das vorderste. Er wollte der erste bei
der gefährlichen Rettungsarbeit sein und das schwerste dabei selbst tun. Der
Stern von San Franzisko lag jetzt back, und das fremde Schiff trieb kaum
merklich in einiger Entfernung an seiner Seite.
    Der Steuermann beobachtete beim Schein der Leuchtkugeln, dass es tiefer und
tiefer sank, dass die pumpenden Matrosen mit der Hast der Verzweiflung
arbeiteten. Ein stummes, leichtes Kopfschütteln, ein Seufzer deuteten darauf
hin, dass es kaum möglich sein werden, alle Schiff brüchigen zu retten.
    Die Boote wurden von den Wellen wie Nussschalen hin und her geworfen. Es
verging eine volle Viertelstunde, bis es dem ersten gelang, an das sinkende
Schiff heranzukommen. Jetzt ergab sich ein stummes, grauenhaftes Ringen. Während
zwei Matrosen unter Auf bietung aller ihrer Kräfte bemüht waren, das Boot an der
niederen Bordwand des Schiffes festzuhalten, wehrte der dritte die Unglücklichen
ab, die sich, von Verzweiflung getrieben, fast kopfüber in das zur Rettung
bereite Fahrzeug hineinstürzen wollten, und der vierte endlich nahm die zum
Übersetzen bestimmten Schiffbrüchigen in Empfang. Ängstliche Rufe begleiteten
das abstossende Boot.
    Und so wiederholte sich die gleiche Szene noch achtmal. Alle Männer
arbeiteten, dass ihnen der Schweiss in Strömen vom Gesicht lief, sie kämpften mit
heldenmütiger Ausdauer gegen Wind und Wellen, bezwangen die Erschöpfung ihrer
Kräfte und widerstanden den Versuchen der Auswanderer, sich gewaltsam der Boote
zu bemächtigen. Sie wurden alle von ihren Kameraden abgelöst, nur Robert nicht,
- er liess keine Müdigkeit an sich herankommen und gab nicht nach, bis die
Rettungsversuche abgebrochen werden mussten.
    Nur zu richtig sollte der Obersteuermann prophezeit haben. Etwa fünfzig
Passagiere von dem sinkenden Schiff waren unter Gefahr und Anstrengung an Bord
des Stern von San Franzisko gebracht worden, während immer noch über zweihundert
Menschen ungeduldig auf ihre Übernahme warteten. Im tiefsten Dunkel der Nacht,
unter Klagen, Geschrei, flehentlichen Bitten und Verwünschungen vollzog sich das
Rettungswerk.
    Und dann kam das furchtbare Ende.
    Die Matrosen an den Pumpen erkannten die Unmöglichkeit, das Wrack noch
länger über Wasser zu halten. Sie berieten einen Augenblick lang untereinander,
und dann versuchten sie schwimmend den kurzen Weg bis zu dem Bergenfahrer
zurückzulegen. Mehr als einer ertrank, mehr als einer kam in der furchtbaren
Brandung um, aber was bedeutete das Schicksal dieser einzelnen gegen alle die
Unglücklichen, die noch an Bord waren. Zwanzig auf einmal stürzten sich die
Männer an die Pumpen, obgleich keine irdische Macht imstande war, das Unglück
aufzuhalten. Mit furchtbarer Schnelligkeit sank das Wrack, - nur noch eine
Handbreit lag es über dem Wasser.
    Ganz zuletzt noch drängte sich ein junger Mann an Roberts Boot heran. Bisher
hatte er tapfer geholfen, die Frauen und Kinder voranzuschicken, hatte mit
vernünftigen Worten die Andrängenden abgewehrt und allen Mut zugesprochen -
jetzt dachte er an die eigene Rettung. »Lasst mich hinter eurem Boot schwimmen,
Landsleute«, bat er, »ich will niemand einen Platz streitig machen, nur gebt mir
ein Tau, dass ich in der Dunkelheit den Weg finde.«
    Robert wurde aufmerksam. Schon vorher hatte er geglaubt, diese Stimme zu
kennen, jetzt aber nur um so mehr. Er konnte in dem vollbesetzten, kaum seiner
augenblicklichen Last gewachsenen Boot keinen einzigen Platz mehr vergeben, und
doch ergriff ihn die bescheidene, im holsteinischen, heimatlichen Deutsch
vorgebrachte Bitte des anderen. »Wirst du dich halten können?« fragte er
mitleidig. »Die See geht hoch, und dann - es sind Haifische hier!«
    Der Fremde seufzte. »Fängt mich einer, so ist die Sache zu Ende«, sagte er.
»Aber um meiner alten Eltern willen muss ich versuchen, durchzukommen. Nimm mich
mit, Landsmann, ich bitte dich.«
    Robert löste von seinem Körper den Ledergürtel, dessen eines Ende er am
Bootsrand in einem Eisenring befestigte und den er kaum noch früh genug dem
Fremden zuwerfen konnte, um ihn vor dem plötzlichen Sturz ins Meer zu bewahren.
    Ein »ich danke dir, Landsmann!« verhallte in den Schreckensäusserungen der
nun folgenden Szene. Die Leuchtkugeln versagten in den feuchten Händen,
Dunkelheit umgab das sinkende Schiff, und beinahe zweihundert Menschen gingen
mit ihm jammernd und schreiend in die Tiefe.
    Auf dem »Stern von San Franzisko« begannen jetzt von neuem die Raketen und
Leuchtkugeln ihren Dienst. Erst nachdem von seiten des untergegangenen Schiffes
in dieser Beziehung nichts mehr getan werden konnte, gab der vorsichtige
Steuermann den Befehl, die Feuerwerkskörper an Deck zu holen und abzubrennen.
Man besass also wieder Licht, konnte hier und da noch Schwimmende auf den Wellen
erkennen und ins Boot ziehen, um sie auf das überfüllte Schiff zu bringen.
    Robert taumelte fast, als er seine letzte lebende Fracht abgesetzt hatte und
andere Hände das Boot emporzogen. Er sah wie durch eine Art Schleier das
Segelmanöver, durch das der »Stern von San Franzisko« wieder vor den Wind
gebracht wurde. Das Schiff verfolgte seinen Kurs, nachdem alles getan war, um
dem Tod möglichst viele Opfer zu entreissen; es entfernte sich von der
Unglücksstätte, Trümmer und Leichen in seinem Kielwasser zurücklassend. Jetzt
ging es selbst einem unsicheren Schicksal entgegen, denn woher sollte man auf
der noch bevorstehenden langen Reise Lebensmittel und Trinkwasser für die neuen
Passagiere nehmen.
    Als den Frauen und Kindern die Kajüte eingeräumt und die Männer im Logis und
auf dem Vorderdeck so gut wie möglich untergebracht waren, als endlich jeder
ohne Ausnahme eine Ration Grog erhalten hatte, suchte Robert im Schein der
erwachenden Morgendämmerung unter allen diesen hingestreckten, teils
schlafenden, teils dumpf vor sich hinbrütenden Gestalten den jungen Mann, den er
zuletzt gerettet hatte.
    So ohne jede Hoffnung, ohne irgendwelches Eigentum, dem Mitleid anderer
überlassen, hatte ihn selbst das Schicksal zweimal an einen fremden Strand
geworfen - er empfand jetzt wahres Mitgefühl für die armen Menschen, er freute
sich der Möglichkeit, hier vielleicht wieder abtragen zu können, was ihm selbst
in der Stunde der Not andere getan hatten, vor allem aber wollte er jetzt
wissen, wer der junge Mann war und wo ihm seine Stimme schon einmal begegnet
sei.
    Die meisten Geretteten sassen aufrecht oder lagen mit gestütztem Kopf da,
ihren traurigen Grübeleien hingegeben, teils leise weinend, teils zusammen
flüsternd oder in starrer, trotziger Verzweiflung. Niemand hatte sein bisschen
Eigentum gerettet, vielen dagegen waren ihre Angehörigen entrissen worden, viele
hatten den liebsten Menschen, den sie auf Erden besassen, vor sich sterben sehen
müssen, ohne selbst irgend etwas zu seiner Rettung unternehmen zu können, und
alle ohne Ausnahme sahen sich ihrer Barschaft, ihrer Papiere, ihrer letzten
Aussicht auf weiteres Fortkommen im Goldland beraubt.
    Wenn sie jetzt im Hafen von San Franzisko landeten, so waren sie Bettler,
anstatt einer erträumten besseren Zukunft entgegen zu gehen. Kein Wunder also,
dass nur wenige schlafen konnten, dass fast alle diese armen Leute mit starren
Augen vor sich hinsahn, trostlos und erschüttert bis ins tiefste Herz.
    Robert suchte, bis er endlich ganz hinten im Logis einen jungen Menschen
bemerkte, der auf einer Seekiste sass und das Gesicht in der hohlen Hand verbarg.
Der musste es sein, Robert erkannte ihn an dem Anzug, den er schon in der Nacht
gesehen hatte.
    »Landsmann«, sagte er, die Rechte auf die Schulter des Fremden legend, »sei
nicht so mutlos, Freund, mir ist es schon schlimmer ergangen als dir.«
    Der Angeredete hob den Kopf und sah auf. Ein plötzliches Erstaunen, freudige
Überraschung spiegelte sich in den Zügen der beiden jungen Leute.
    »Gottlieb!« stammelte Robert, »Gottlieb, du bist es!«
    »Robert Kroll!« rief der andere. »Ist es möglich? - Robert, der in ganz
Pinneberg für tot gilt! Mein Gott, ich glaube zu träumen.«
    Robert erschrak. »Gottlieb«, fragte er zögernd, als habe er vor etwas Angst,
»Gottlieb, du kommst also aus unserer Heimat? Sprich, ich bitte dich, leben
meine Eltern?«
    Der junge Holsteiner nickte. »Sie leben beide, Robert, obwohl dein Vater
seit deiner Flucht kränkelt. Er ist in sich gebrochen, der alte Mann.«
    Robert wechselte die Farbe. Es war ihm, als schnüre ihm jemand die Kehle
zusammen. »Kamen denn meine Briefe nicht in Pinneberg an?« stammelte er endlich.
    »Einer, Robert. Von New York aus, wie deine Mutter erzählte. Die Leute aber
glaubten es nicht, weil so viel Abenteuerliches darin stand, und auch dein Vater
wollte von dem Brief nichts wissen. Es muss erst ganz anders kommen, hat er
gesagt, Robert muss als reuiger Mensch nach Hause zurückkehren und seine Mutter
und mich auf den Knien um Verzeihung bitten, so gehört es sich nach Gottes
Willen. Er ist von mir zum Schneider bestimmt, und wenn er nicht gehorchen will,
so habe ich keinen Sohn. Der Brief bleibt unbeantwortet.«
    Robert schüttelte unwillkürlich den Kopf. »Immer noch der alte Starrsinn«,
dachte er. »Oh, wie recht hatte ich, nicht ohne Mittel, die meine
Selbständigkeit sichern, nach Pinneberg zurückkehren zu wollen. Um Verzeihung
bitten werde ich den Vater, ja, aber Schneider werde ich nicht.«
    Er dachte sich voll Trotz in diesen Entschluss hinein, aber dennoch tat es
ihm weh, dennoch sah er immer im Geiste das Bild des alten Mannes, wie er krank
und traurig dasass. Gerade an seinem Geburtstag kam ihm auf so wunderbare Weise
die ernste Mahnung an das, was er seinen Eltern getan hatte.
    Die beiden jungen Leute schwiegen lange. Auch der Auswanderer, dem das Meer
alles genommen hatte, stand ja an einem Wendepunkt seiner Zukunft, die jetzt
aussichtsloser als je vor ihm lag.
    »Wie kommt es, dass du Europa verlassen hast, Gottlieb?« fragte endlich
Robert, »und wohin willst du?«
    Der junge Holsteiner seufzte tief. »Ich wollte nach Kalifornien, um Gold zu
suchen, Robert«, antwortete er tonlos.
    »Du? Und ich glaubte immer, dass dir dein Geschäft alles bedeute, dass du in
deines Vaters Kundschaft hineinwachsen und für immer in Pinneberg bleiben
wolltest. Du weisst doch noch, bei unseren Kriegs- und Räuberspielen im Gehölz
machtest du meistens den Zuschauer, aber wenn wir einmal einen Laden errichteten
oder bei den kleinen Mädchen in der Puppenwirtschaft zu Gast waren, so fühltest
du dich in deinem Fahrwasser.«
    Gottlieb nickte. »Du hast ganz richtig gesehen, Robert. Ich wäre glücklich
gewesen, den kleinen Krämerladen meiner Eltern eines Tages auf eigene Rechnung
übernehmen zu können, aber das Schicksal wollte es nicht. Wir brannten ab, als
das Haus bis unter Dach mit unversicherten Waren voll war; mein alter Vater
wurde schwer krank und erblindete gänzlich. Was sollte ich nun beginnen? Mit dem
Gehalt als Gehilfe in anderer Stellung könnte ich die Eltern nicht ernähren,
also musste ich mein Glück anderwo suchen. Schon so viele vor mir hatten in den
Goldminen Schätze gesammelt - ich wollte es auch. Aber jetzt - -«
    Die innere Bewegung erstickte seine Stimme. Er fuhr mit der Hand über die
Stirn, ehe er weitersprach. »Jetzt muss ich in San Franzisko eine Stelle als
Hausknecht oder Kellner suchen«, fügte er endlich seufzend hinzu. »Es soll eben
nicht sein, dass aus mir ein Goldgräber wird, - ich sehe es ja.«
    »Du passt sicherlich nicht dazu«, warf Robert ein.
    »Das fühle ich selbst, aber ich muss eben, und ich werde es.«
    Robert klopfte seinem Freund auf die Schulter. Er hatte schon längst
beschlossen, ihm zu helfen. »Mach dir keine Sorgen, Gottlieb«, sagte er, »ich
habe genug Geld, um dir helfen zu können. Fünfzig Dollar gibt es doch, wenn ich
abmustere, und damit kommst du bequem ins Goldland.«
    Gottlieb streckte gerührt die Hände aus. »Bist immer noch der alte Robert
Kroll!« rief er, »der sein Butterbrot teilte und für den schuldigen Kameraden
die Tracht Prügel hinnahm, ohne ihn zu verraten. Gott segne dich!«
    »Ach was, wollen wir nicht lieber gleich Tränen vergiessen, du?«
    Aber er umarmte doch in seiner ungestümen Art den so unerwartet gefundenen
Freund, und unter seinen Wimpern schimmerte es feucht. Dann zwang er ihn, sich
schlafen zu legen, und trat selbst die Morgenwache an, frisch und kräftig wie
immer.
    So hoch da oben in den Tauen, fast unterm Flaggenknopf, wo es heute viel zu
tun gab, kamen ihm viele Gedanken, ernste und heitere. Er fühlte das Gewicht
seiner Schuld tiefer und nahm sich vor, noch einmal, noch dringender und
herzlicher den Vater um Verzeihung zu bitten. »Mag er im Unrecht sein«, dachte
Robert, »ich muss ihm alles vergeben, weil er mein Vater ist, und muss ihm das
Unrecht, das ich begangen habe, wieder abbitten. Bei der nächsten Reise werde
ich Vollmatrose, dann gibt es bessere Heuer und dann kann ich umso leichter eine
kleine Summe sparen, damit mir die Eltern nichts zu schenken brauchen. Mag der
Vater unerbittlich bleiben, wenn ich zu ihm komme, - ich will es doch tun, denn
ich würde es mir sonst ewig vorwerfen müssen.«
    In der Kajüte des Kapitäns stand zur selben Zeit der Obersteuermann und sah
mit ernster Miene seinem Vorgesetzten ins Auge. »Wir müssen, Herr Kapitän«,
sagte er mit grosser Entschiedenheit.
    Mr. Barrow strich sich das Haar aus der Stirn, kratzte sich hinter den
Ohren, wiegte den Kopf und war offenbar unschlüssiger als je. »Bis zur Insel
Juan Fernandez könnten wir doch vielleicht kommen, Steuermann«, antwortete er
endlich.
    Der schüttelte den Kopf. »Ganz unmöglich, Sir.«
    »Auch nicht, wenn die Rationen halbiert werden?«
    »Auch dann nicht.«
    »Verfluchte Geschichte! Wie soll ich das vor der Reederei verantworten?«
    »Dass wir schiffbrüchige Menschen retteten, Sir? Kein Gericht der Welt kann
Ihnen Strafe dafür zuerkennen.«
    »Aber wenn dem Schiff in der Magelhaensstrasse etwas zustösst? Niemand wählt
den Weg durch diese Klippen.«
    Der Obersteuermann zuckte die Achseln. »Entweder - Oder!« antwortete er.
»Wir haben eine Überzahl von sechzig Köpfen an Bord und müssen also folgerichtig
in etwa acht Tagen ohne Wasser sein. Befehlen Sie, dass wir weitersegeln, so -«
    »Nein, niemals, das wäre ja noch viel schlimmer. Aber dass mir das passieren
musste! Die erste Reise als Kapitän und gleich ein. Wagnis auf Leben und Tod.«
    Der Steuermann schwieg. Was sein Vorgesetzter sagte, war vollkommen richtig,
aber die vielen Klagen hätte er sich ersparen können.
    »In Gottes Namen denn«, seufzte Mr. Barrow endlich. »Geben Sie die nötigen
Befehle, dass wir in die westliche Durchfahrt der Magelhaensstrasse einlaufen. Es
wird ja gerade noch früh genug; sein.«
    »Bis auf eine Stunde, Sir!«
    Und der Steuermann betrat mit erleichtertem Herzen das Deck. Er musste den
jugendlichen Kapitän überall da, wo schnelle Entschlossenheit und geschulter
Blick nötig waren, vollständig ins Schlepptau nehmen, das wusste er schon, aber
es war ihm immer wieder gleich unangenehm. »Der wird sich noch wundern«, dachte
er, »wenn jeden Tag die Kinder schreien, sooft er arbeiten will, und wenn diese
zwanzig Frauen in der Kajüte ans Waschen kommen oder sich untereinander zanken.
Na, auch die längste Fahrt hat ein Ende, und das Bewusstsein, sechzig Menschen
vom Tode errettet zu haben, ist schon einige Unannehmlichkeiten wert.«
    Er gab der Mannschaft die nötigen Befehle für den veränderten Kurs, und
nachdem die Einfahrt in die Magelhaensstrasse passiert war, ging es mit doppelter
Kraft daran, alle die hundert kleinen Schäden der letzten Nacht wieder
auszubessern. Das Deck war schmutzig und nass, die schöne weisse Ölfarbe mit den
Spuren von hundert Füssen übersäet, die Wanten und Pardunen zum Teil zerrissen,
die Türen ausgehängt, die Segel unordentlich verstreut, und die Kombüse, in der
fortwährend gekocht worden war, in einer heillosen Verwirrung.
    Während die jüngere Mannschaft, in den Pferden stehend, oben alle Hände voll
zu tun hatte, mussten die älteren Leute an Deck arbeiten, so dass, als später
Frauen und Kinder dazukamen, ein buntes Jahrmarktsbild daraus wurde. Es gehörte
alle Geduld, alle Ruhe des erfahrenen Seemanns dazu, um hier eine erträgliche
Ordnung wiederherzustellen.
    Wer den beschränkten Raum auf Handelsschiffen kennt, der wird sich die
Schwierigkeiten bei der Unterbringung von sechzig Menschen leicht vorstellen
können.
    Kajüte, Vorraum, Wandschränke, ja selbst der Gang hinter der Kajüte, jeder
Zentimeter Boden war mit altem Segeltuch und Decken belegt, um über vierzig
Menschen, Frauen und Kindern, als Schlafstelle zu dienen. Das kleine Völkchen
ergoss sich jetzt wie ein Bienenschwarm auf das Deck, und angstvolle Mütter
liefen schreiend hinterher, mit einem Wort, es war eine heillose Verwirrung.
Zudem sprach die Mannschaft englisch, und die Schiffbrüchigen bestanden sämtlich
aus Deutschen, so dass an eine wirkliche Verständigung gar nicht gedacht werden
konnte und dass Robert fast nichts anderes mehr tat, als Übersetzen und Befehle
vermitteln.
    Der Kapitän sass in seiner kleinen Schiffskajüte wie ein gefangener Löwe im
Käfig, und sooft eins der Kinder neugierig die Tür öffnete, fuhr es erschreckt
vor dem finsteren Gesicht zurück, das ihm entgegenblickte. Es war aber auch
wirklich zum Haarausreissen, wie Mr. Barrow meinte, man konnte keinen Fuss mehr
vor den andern setzen, konnte sein eigenes Wort nicht verstehen und nirgends zu
seinem Recht gelangen.
    Zum Glück blieb das Wetter freundlich, so dass über das Quarterdeck ein
Sonnensegel gespannt und den Frauen befohlen wurde, sich während des Tages dort
aufzuhalten. Die Schiffsjungen mussten dauernd putzen und scheuern, die Kinder
blieben auf bestimmte Grenzen angewiesen, und alles ging, nachdem es zur
Gewohnheit geworden war, leidlich, nur des Steuermanns Stirn umwölkte sich mehr
und mehr, je schneller er den Fleischfässern und den Brotkisten auf den Grund
sah.
    Was half aber alles Sträuben? Die Decksluken mussten geöffnet und ein Teil
der aus getrocknetem Kabeljau bestehenden Ladung angegriffen werden. Alle diese
Hungrigen wollten ja leben.
    Robert diente als Vermittler, als Adjutant und Dolmetscher. Er schloss
während dieser Zeit eine neue und tiefere Freundschaft mit dem jungen
Auswanderer, den er schon von Kind auf kannte und der so ganz anders als er
selbst war. Gottlieb schauderte, sooft er an die Zukunft dachte.
    »Das sollen da in den Goldminen lauter Räuber und Totschläger sein«, sagte
er einmal. »Ich glaube, sie tragen alle Waffen.«
    »Das tut man in ganz Amerika, selbst in der grössten Stadt.«
    Gottlieb war entsetzt. »Wie soll das nur werden«, seufzte er. »Ich mag gar
nicht daran denken. Ja, wenn du bei mir wärst, Robert!«
    Aber der lachte. »Ich sollte täglich zwölf Stunden lang in der Erde
herumwühlen und Goldstaub waschen? Das wäre mir denn doch zu langweilig!«
    »Oh!« seufzte Gottlieb, »langweilig? Das ginge schon, wenn man nur arbeitet
und etwas vorankommt. Aber diese schlechten Menschen, das Trinken und Raufen, -
brr, mir graut davor! Weisst du, ich kann nicht so mit den Leuten fertig werden,
wie du. Im Laden ist man höflich und zurückhaltend, man spricht über dieses oder
jenes und kann sich sauber halten, - aber da in den Minen soll es ja hergehen
wie bei einem Jahrmarkt, wenn die Messer aus den Taschen gezogen werden und
einer über den andern stolpert. Glaubst du, dass ich mein Glück auf diesem Weg
machen werde, Robert?«
    Der junge Matrose sah die kleine, schwächliche Gestalt seines ehemaligen
Schulkameraden und half sich mit einem: »Nun, warum denn nicht?« über die
unangenehme Antwort hinweg. »Sicherlich wäre es besser, du hättest einen
Menschen neben dir, Gottlieb«, fügte er dann hinzu, »aber ich selbst spüre gar
keine Lust, der See den Rücken zu kehren. Will in San Franzisko auf einem
Hamburger Schiff für Hin-und Herreise heuern, so dass vielleicht vier oder acht
Tage zum Urlaub nach Pinneberg übrigbleiben. Es ist besser, dass ich bereits
gebunden bin, bevor ich nach Hause komme, und dass ich mich auch nicht lange
aufhalten kann, sonst könnte vielleicht der Krieg mit meinem Vater wieder
beginnen. Genug Geld, um - wenn es nötig sein sollte - in Pinneberg acht Tage im
Wirtshaus leben zu können, verdiene ich ja während der Heimreise.«
    Er seufzte heimlich bei diesem Gedanken. Der Boden brannte ihm unter den
Füssen, seit er wusste, dass sein alter Vater krank war und vielleicht sterben
würde, ohne ihm vorher vergeben zu haben.
    Gottlieb wiegte den Kopf. »Wäre es da für dich nicht besser, in den Minen
ein kleines Kapital zu sammeln und damit zu den Eltern zurückzukehren«,
antwortete er. »Das geht doch schneller, als durch die magere Monatsheuer.«
    Robert lachte. »Du willst mich von meinem Plan abbringen«, sagte er, »aber
das gelingt dir nicht so leicht. Vor der Hand werde ich mich erst einmal mit an
Land schicken lassen, um Wasser einzunehmen. Ich freue mich schon ordentlich auf
einen kleinen Spass mit den Patagoniern.«
    »Aber das sind doch Wilde!«
    »Natürlich, gerade darum. Möchtest du denn nicht gern so ein Dorf aus
Indianerzelten im Naturzustand sehen, Gottlieb?«
    »O du lieber Himmel, um keinen Preis! Aber du liefst ja schon als Kind
solchen Abenteuern nach, Robert. Erinnerst du dich noch, als einmal in Pinneberg
die Zigeunerbande lagerte?«
    »Und ich drei Tage lang die Schule versäumte!« lachte Robert. »An die Tracht
Prügel werde ich denken, solange ich lebe. Du warst nicht mit hinauszulocken,
weder durch Bitten noch irgendein anderes Mittel.«
    »Nein, bestimmt nicht. Was sieht man denn auch an schmutzigen, zerlumpten
Menschen?«
    Robert schüttelte den Kopf. »Du bist eine rechte Landratte«, lachte er.
»Willst dann also höchstwahrscheinlich nicht mit uns auf die Wasserjagd gehen?«
    Gottlieb sah schaudernd zu dem fernen, dunklen Uferstreifen hinüber. »Wenn's
nicht sein muss, Robert, dann lass mich an Bord bleiben«, antwortete er. »Die
Patagonier sind Räuber, haben Pferde und eiserne Waffen.«
    »Nun«, rief Robert, »du Hasenfuss, sind wir etwa schlechter dran?«
    »Pferde haben wir doch nicht!«
    »Um Reissaus zu nehmen, meinst du! - Na, lass es nur gut sein, du kannst in
der sicheren Kajüte bleiben. Ich begreife nur nicht, woher du bei dem Untergang
des Schiffes den Mut nahmst, bis zuletzt an Bord zu bleiben und den kopflosen
Auswanderern einen ruhigen, vernünftigen Widerstand entgegenzusetzen!«
    Gottlieb errötete. »Du«, sagte er, »was unbedingt getan werden muss, das kann
ich auch und tue es ohne mich zu weigern, aber - nicht gern. Lieber gehe ich
meinen Weg in Frieden, so wie früher, als das kleine alte Haus noch stand und
ich von sechs Uhr früh bis zehn Uhr abends hinter dem Ladentisch stand. Meine
Waagschalen waren immer so sauber und Tüten im voraus geklebt auf ein
Vierteljahr, - ach, wie gut hatte ich es damals!«
    Robert schüttelte den Kopf. »Mein Gott«, dachte er, »mein Gott, warum ist
dieser stille, harmlose Mensch nicht als Sohn meines Vaters geboren worden, und
ich dagegen als der, welcher hinausmusste in die Welt, eben um eine höhere
Pflicht zu erfüllen? Wie glücklich wären wir dann beide.«
    Er brach die Unterhaltung plötzlich ab. Ihm fiel wieder ein, was Mongo
einmal gesagt hatte, da oben in der nordischen Eiswüste unter den Zeltdecken der
Lappen. »Der Mensch soll lernen, sich selbst zu überwinden.«
    Und er musste sich eingestehen, dass eigentlich das, wonach man wirklich
verlangt und was man begehrt, - doch zu leicht ausgeführt wäre, als dass es eine
ernste Aufgabe genannt werden könnte.
    »Gottlieb und ich, wir werden uns ergänzen«, dachte er. »Ich glaube, es
würde gar nicht schaden, wenn ich ihn auf ein paar Monate in die Minen
begleitete. Glückt es mir, mit einem hübschen Vorrat an Goldstaub nach Pinneberg
zurückzukehren, so kann ich dem Vater zeigen, dass ich auch ohne die Nähnadel
immer noch würdig bin, seinen Namen zu tragen und von ihm Sohn genannt zu
werden. Ich will - -«
    Ein plötzlicher Befehl unterbrach seinen Gedankengang. Die grünen Ufer der
Küste waren schneller, als es Robert für möglich gehalten hatte, zu ganzen
Wäldern und Höhenketten herangewachsen; sie lagen jetzt so nahe, dass für ein
Anlaufen schon Vorbereitungen getroffen werden mussten.
    Wie schlug sein Herz, als er das Ufer sah. Weisser Sand, im Sonnenschein
glänzend, und dichte Buchenwälder, alles erinnerte ihn mehr als jeder andere
Strand, den er bis jetzt betreten hatte, an die deutsche Heimat.
    Und überall blühten Fuchsien in allen Farben, allen Grössen und
Schattierungen. Nicht wie bei uns in Deutschland als Sträucher und
Zwergpflanzen, sondern als schlanke Bäume, die mit Tausenden und Abertausenden
der glockenförmigen Blüten übersäet waren. Vom reinsten Weiss bis zum tiefsten
Rot fanden sich alle verschiedenen Arten, während der Moosboden am Ufer mit
breitblätterigen Schlingpflanzen bedeckt war.
    Auf den Abhängen des ersten Höhenzuges weidete eine Herde Guanakos, während
mehrere kleine Pekaris die sandigen Stellen der Uferbank aufgewühlt hatten und
im Sonnenschein ahnungslos schliefen. In allem bot die Insel das Bild einer
Landschaft von überwiegend nordischem Charakter.
    Keiner von der ganzen Besatzung des Schiffes war jemals auf dieser Insel
gewesen, keiner wusste, ob und wo hier Quellen zu finden waren, aber man durfte
nicht länger warten, da sich der Wassermangel bereits in den letzten Tagen sehr
empfindlich bemerkbar gemacht hatte. Der junge Kapitän gönnte sich weder am Tage
noch in der Nacht eine längere Ruhe, sondern suchte ständig bald auf der Karte,
bald auf dem Wasser nach Klippen, an denen sein Schiff scheitern konnte, er
fürchtete seit dem Abenteuer mit dem sinkenden Fahrzeug jedes nur mögliche
Unglück und dachte jetzt sogleich an einen Überfall der Patagonier. »Diese
Stämme führen dauernd untereinander Krieg«, sagte er seufzend, »sie leben allein
vom Raub, also muss mit der grössten Vorsicht verfahren werden. Zwanzig Mann
sollen sich bis an die Zähne bewaffnen und auf der Suche unter allen Umständen
zusammenbleiben. Bei der ersten Quelle wird Halt gemacht, und die ganze
Expedition so schnell wie möglich beendet. Die Schiffsjungen bleiben an Bord.«
    Als alle diese Weisungen erteilt worden waren, trat er noch einmal an das
Fallreep. »Leute, wagt nichts«, rief er. »Findet sich hier kein Wasser, so
suchen wir auf einer andern Insel. Es gibt ja leider nur allzuviele davon.«
    Der Untersteuermann als Führer der kleinen Truppe antwortete mit einem »All
right, Sir«, und dann stiessen die Boote ab. Robert sah zu seinem grössten
Erstaunen, dass Gottlieb mit hineingesprungen war. »Nanu«, rief er, »wozu das?
Bleib doch auf dem Schiff, wenn du an solchen Dingen keinen Gefallen findest.«
    Der junge Auswanderer schüttelte den Kopf. »Sprich nicht so laut, Robert«,
flüsterte er errötend. »Alle Leute sehen mich an. Ich will mit dir gehen, weil
du mich sonst für feige halten würdest, und das bin ich doch nicht. Ich werde
schon meinen Mann stehen.«
    Robert handhabte kräftig das Ruder. Aus seinen blauen Augen und dem ganzen
Ausdruck des sonnenbraunen Gesichtes lachte die frohe Zuversicht der Jugend. »Du
bist ein guter Kamerad, Gottlieb«, rief er, »ich will dir deine Treue vergelten,
darauf darfst du bauen. Schaumal, sieht das nicht ganz so aus, wie die
Inselgruppe und die Gehölze hinter unserem Pinneberger Mühlenteich?«
    »Wahrhaftig«, antwortete Gottlieb, »ich dachte in diesem Augenblick das
gleiche.«
    Robert hatte sich von seinem Sitz erhoben und zeigte jetzt mit dem Ruder auf
die Waldung vor dem Boot. »Weisst du noch«, rief er, »wie wir bei unsern
Kriegsfahrten die grösste Insel immer Patagonien nannten und die Kühe des Müllers
Patagonier - den schwarzen Stier aber den Kaziken? - Brombeeren, Himbeeren,
hauptsächlich Nüsse, das alles war die Beute, und der Rastplatz unter den
Buchen, wo wir regelmässig ein Feuer anzündeten, unser Biwak. Die Gefangenen
wurden auf einer ganz kleinen, kahlen Insel ausgesetzt, und oft trotz ihrer
Bitten am Abend nicht wieder, an Bord genommen, wodurch - -«
    »Dann die ganze Geschichte an den Tag kam!« ergänzte Gottlieb. »Das
unerlaubte Betreten des fremden Grund und Bodens, das Feuer, die kleine Rache an
einem Kameraden, alles wurde dem Rektor hinterbracht und trug seine sauren
Früchte.«
    »Ja, das war hart!« lachte Robert. »Hätte ich so viele Taler, Gottlieb, wie
ich Hiebe bekommen habe, - du könntest dein Haus wieder aufbauen und deine Tüten
in Frieden weiterkleben. Aber macht nichts, die wildesten Jungen werden die
tüchtigsten Männer.«
    Während dieser Erinnerungen der beiden Schulkameraden hatte das Boot den
Strand erreicht, und Robert sprang allen voran auf die Kiesel. Er warf die Mütze
in die Luft und fing sie wieder auf, unbekümmert um alle Gefahren der Welt.
    »Schnell!« rief er. »Der Steuermann ist unser General und wir sind die
Landungstruppen. Komm heraus, Kazike von Patagonien, wenn du den Mut hast!«
    Das hatte er aber lieber in deutscher Sprache gerufen, und niemand verstand
es ausser Gottlieb. »So sei doch ruhig«, mahnte der, »das hier sind ja andere
Gegner als die harmlosen Kühe, die du damals in die Flucht schlugst.«
    »Oho, der gehörnte Kazike war auch nicht zu verachten. Er hat mich einmal
mit noch drei andern über sein ganzes Gebiet gehetzt, bis wir mehr tot als
lebendig in unser Boot plumpsten, und selbst dahin wollte er uns noch
nachlaufen. Ich sage dir, der Anblick war urkomisch. Bis an die Brust im Wasser
stehend, halb erschreckt, pustend und zornig, das dumme Gesicht uns
entgegengestreckt, so brüllte er aus Leibeskräften, während wir ihn reizten, mit
dem Ruder stiessen und immer nahe vor ihm umherfuhren, bis er endlich Reissaus
nahm. Ich muss heute noch lachen, wenn ich daran denke.«
    Gottlieb schüttelte den Kopf. »Wie kann man aber auch einen Stier necken!«
sagte er. »Du versuchst aber auch die unglaublichsten Dinge.«
    »Ich versuche alles und fürchte nichts. So, jetzt nimm diesen Säbel, da du
doch mit dem Gewehr nicht umgehen könntest.«
    Der ganze Zug setzte sich in Bewegung. Jeder Mann trug Waffen und ausserdem
einen Eimer, den der Seemann »Pütz« nennt, mit, der Inschrift »Stern von San
Franzisko«. Ohne ein lautes Wort, ein überflüssiges Geräusch und in
dichtgeschlossener Reihe drangen die Seeleute vor, während ihnen vom Bord des
Schiffes der Kapitän durchs Fernrohr nachblickte und unruhig wie ein Tiger im
Käfig an der Schanzkleidung auf und ab ging.
    »Wenn keiner zurückkommt, Steuermann, was fangen wir an?«
    »Noch ist es ja nicht so schlimm, Sir.«
    Dann verstummte auch an Bord das Gespräch, und ebenso still wie an Land die
Matrosen verhielten sich dort die Zurückgebliebenen. Alle fünf Minuten sah der
Kapitän auf die Uhr.
    Robert und Gottlieb marschierten Seite an Seite, beide entzückt von dem
Schatten der Buchen und dem weichen Rasen, auf den sie traten. Seit Jahr und Tag
hatte der junge Matrose keine grüne Landschaft mehr gesehen, keine Blume, keinen
Singvogel in den Zweigen. Das alles war ja in Norwegen nur höchst selten und
vereinzelt vorgekommen, dort wirkte sich noch die Nähe des ewigen Eises aus.
Hier aber wuchs und blühte es überall, hier war es wie in einem deutschen
Sommer.
    Nur von einer Quelle oder einem Fluss zeigte sich nichts.
    »Ob wir uns doch in mehrere Abteilungen teilen?« meinte der Steuermann.
»Möglicherweise zieht sich dieser Wald Gott weiss wie weit fort, ohne in ein Tal
auszumünden. So zwischen den Stämmen werden wir niemals eine Quelle finden.«
    »Aber der Alte hat es verboten!« meinte einer.
    »Der Alte ist ein Hasenfuss, sage ich euch. Haben wir irgendein
Lärminstrument, eine Pfeife oder etwas Ähnliches bei uns?«
    Es meldeten sich mehrere, die schon aus Vorsicht eine kleine Zinkflöte mit
schrillem, durchdringendem Ton zu sich gesteckt hatten, und dann liess der
Steuermann regelrecht abstimmen, wer für Teilung sei, und wer nicht. »Bedenkt,
was ihr tut, Leute«, sagte er, »die Folgen müssen wir selbst tragen. Der Kapitän
hat uns, da wir in diesem Augenblick nicht auf seinem Schiff stehen, auch keine
Gesetze zu geben; wir sind es, die ihre Haut zu Markt tragen, und wir selbst
müssen über unser Handeln entscheiden. Also wie ist es, teilen oder
zusammenbleiben?«
    »Teilen!« klang fast wie aus einem Mund die Antwort der Matrosen. »Was
sollte uns denn auch weiter begegnen? Die Kerle hierherum sind keine
Menschenfresser.«
    Und dann erhielten je fünf Mann eine Alarmflöte, man verabredete, dass auf
das erste Zeichen hin alle dem bedrohten Punkt zueilen sollten und dass man sich
an dieser Stelle wiedertreffen wollte. Wer Wasser entdeckt hatte, musste sofort
ein Zeichen geben.
    Die vier kleinen Trupps verteilten sich nach allen Himmelsrichtungen, und
ringsumher wurde es wieder still. In Roberts Zug befand sich Gottlieb als
Freiwilliger, daher waren hier im ganzen sechs Männer zusammen. Der Weg, den sie
verfolgten, führte offenbar in eine Niederung, da er wenig Baumwuchs zeigte und
zuweilen plötzlich tief abfiel, aber dennoch hörte oder sah man keinerlei
Gewässer.
    Über eine halbe Stunde lang mochten die Matrosen vorwärts gegangen sein, als
durch die stille Morgenluft ein ganz unerwarteter Ton an ihre Ohren drang. In
nächster Nähe wieherte ein Pferd. - Im Nu hemmten alle ihre Schritte.
    »Es wäre doch hübsch, wenn hier hinter den Bäumen ein Dorf läge!« raunte
einer der Seeleute. »Dann sehen wir unser Schiff nicht wieder.«
    Robert winkte den andern. »Wir müssen uns der Pferde bemächtigen!« flüsterte
er. »Haben wir sie und unsere Schusswaffen, so werden wir immer die Oberhand über
die Wilden behalten.«
    »Du hast recht«, meinte der Steuermann, »das ist ein guter Gedanke. Aber wir
kommen nur nicht ungesehen so weit heran, um die Tiere einfangen zu können.«
    »Lasst mich den Weg auskundschaften!« drängte Robert. »Gebt mir die Pfeife,
damit ich euch im Notfall benachrichtigen kann und bleibt in der Nähe. Aber das
müsst ihr auch so, denn da wo Pferde sind, wohnen bestimmt Menschen, und ebenso
sicher ist bei ihren Hütten auch Wasser zu finden.«
    Die fünf Männer waren damit einverstanden, nur Gottlieb berührte Roberts Arm
und flüsterte halblaut: »Lass mich mit dir gehen, ich bitte dich.«
    »Nein, auf keinen Fall. Du bleibst bei den andern, hörst du, Gottlieb. Mir
macht die Geschichte grossen Spass, - für dich wäre es ein Opfer.«
    Gottlieb schüttelte den Kopf. »Lass mich doch, Robert. Du hast mir das Leben
gerettet, also will ich für dich nicht weniger tun.«
    Auch Mongo drängte sich an Roberts Seite. »Vier Augen sehen mehr als zwei,
du junger Spitzbube, nimm mich mit dir.«
    »Kommt nicht in Frage!« entschied Robert. »Setzt euch ins Moos und esst euer
Frühstück, damit ihr bei Kräften bleibt. Lebt wohl!«
    Er verschwand zwischen den Bäumen, und den Zurückgebliebenen blieb in der
Tat nichts anderes übrig, als Rast zu halten. Nur essen konnte niemand, und als
die fünf eine Flasche mit Rum von Hand zu Hand gehen liessen, da entdeckten sie,
dass Gottlieb fehlte. Der junge Auswanderer war heimlich davongeschlichen, ohne
dass ihn die anderen beobachtet hätten.
    Mongo schmunzelte wohlgefällig. »Er wird sich schon durchschlagen«, sagte er
und meinte Robert, »mir ist um ihn nicht bange. Habe ihn lieb, als wäre er mein
eigener Sohn, das könnt ihr glauben, Leute, aber doch laufe ich ihm nicht nach.
Er ist unvorsichtig, hört auf keinen vernünftigen Rat und hält nur seine eigene
Meinung für die richtige, - das muss er sich noch abgewöhnen. Lasst ihn nur
tüchtig in die Klemme geraten.«
    Während dieser Worte horchte der alte Mann angestrengt und konnte keinen
Tropfen Rum hinunterbringen. Immer war es ihm, als höre er in der Ferne Roberts
Stimme.
    Der kroch inzwischen wie eine Schlange weiter. Noch sah er nichts als das
Unterholz und hier oder da eine freie Fläche, dann jedoch wurden die Lichtungen
häufiger, bis endlich ein tiefes Tal sich offen ausbreitete und mehr als zehn
weidende Pferde in der Ebene sichtbar wurden. Seitwärts lagen aber auch etwa
zwölf bis zwanzig Zelte aus Fellen, und zahlreiche Kinder jeden Alters spielten
an den Ufern eines Flüsschens, das auf der Talsohle über Kiesel und weissen Sand
bis zum Meeresufer hinablief.
    Robert sah die blaue Fläche der See zwischen den Baumstämmen schimmern; das
Dorf lag also unmittelbar am Strand, und das Wasser wäre von der
entgegengesetzten Seite her mit leichter Mühe zu erreichen gewesen, während es
kaum möglich schien, von seinem Standort bis an den Fluss vorzudringen. Ob er
wagen durfte, auf die Weidefläche hinauszutreten und die Pferde vor den Augen
der Wilden zu entführen?
    Zaum und Lederzeug schien hier ein unbekannter Luxus zu sein, die Tiere
liefen vollkommen fessellos umher, aber sie schienen sehr zahm, da sie den
Lockrufen der kleinen, rotbraunen Kinder wie Hunde gehorchten. Robert versuchte
ein ähnliches Mittel, aber ohne Erfolg.
    »Hätte ich doch einen Lasso!« dachte er ärgerlich. Und wieder rief er leise,
ohne jedoch einen günstigeren Erfolg zu erzielen; die Tiere weideten in
ungestörter Ruhe, die Sonne schien hell vom Himmel herab, und die kleinen Kinder
spielten ganz wie ihre weissen Altersgenossen mit Kieseln und Sand.
    Aber etwas musste geschehen. Die Zeit verging, die Kameraden warteten, der
Kapitän war gewiss schon ganz ausser sich, also alles drängte zur Eile.
    Robert hielt noch einmal scharfe Umschau. Aus den spitzzulaufenden Hütten
drang oben stellenweise leichter, bläulicher Rauch hervor, auch einige
Haustiere, wie Schweine und Hunde, liefen umher, aber kein erwachsener Mensch
liess sich blicken. Vielleicht war der Stamm auf einem Kriegszug, und nur ein
paar alte Frauen beaufsichtigten die Kinder, - vielleicht glückte es, mit einem
geschickten Griff die Pferde zu entführen, und dann hatten die Seeleute das
Spiel gewonnen.
    Gedacht, getan. Robert trat hinaus auf das freie Feld und näherte sich dem
ersten Tier, das ihn ruhig herankommen liess. Sein Herz schlug schneller, als er
eine mitgebrachte Leine aus der Tasche hervorzog und sie um den Hals des Pferdes
legte.
    Da tönte aus ziemlicher Entfernung durch die Waldesstille das verabredete
Zeichen. Robert horchte. Es waren drei kurze, gellende Pfiffe, also Wasser
gefunden und der Zweck der ganzen Expedition erreicht. Höchstwahrscheinlich
hatten die Kameraden denselben Fluss, nur etwas weiter hinauf, entdeckt.
    Von zwei Seiten kam Antwort, aber Robert gab keinen Laut von sich. Der Pfiff
hätte bestimmt die Wilden aus ihren Schlupfwinkeln hervorgelockt. Er schwang
sich auf eins der Pferde und wollte eben davonsprengen, als ihn ein lauter,
mehrstimmiger Ausruf erreichte. Er wandte sich um und erkannte unten zwischen
den Hütten etwa zehn bis zwölf Patagonier.
    Zugleich wurde das Pferd bei seinem Namen gerufen, machte eine plötzliche
Schwenkung und galoppierte mit dem erschrockenen jungen Menschen geradewegs in
das Dorf hinab. Robert wäre schon nach wenigen Minuten mitten unter den Wilden
angelangt und von ihnen zweifellos gefangen worden, wenn er nicht noch
rechtzeitig abgesprungen wäre. Mit langen Sätzen lief er in das Gebüsch hinein.
    Die Wilden folgten ihm. Ihr lautes Kriegsgeschrei mischte sich mit den Tönen
der Pfeife und den antwortenden Stimmen der Matrosen. Die ganze stille und
friedliche Umgebung war in Aufruhr geraten. Von weitem hörte man die Pfeifen,
Mongo rief laut und angstvoll Roberts Namen, die Pferde galoppierten stampfend
und schnaubend auf der Weidefläche, die Hunde bellten und die Wilden heulten.
    Eine Art Wurfspiess oder Lanze, plump aus Eisen hergestellt, flog haarscharf
an Roberts Kopf vorüber, - wenigstens dreissig Wilde waren jetzt auf seiner Spur
und liefen heulend und schreiend wie ein Schwarm höllischer Geister dem
fliehenden jungen Matrosen nach. Mit Mänteln aus Pferdeleder und Schuhen aus der
abgestreiften Haut des Pferdefusses, an der noch die Hufe unverändert sassen, mit
greller Malerei im Gesicht und sonderbar heraufgebundenem, mit Federn
durchflochtenem Schopf, sahen sie aus wie die leibhaftigen Teufel, während ihr
Kriegsgeschrei auch dem Tapfersten Furcht einflössen konnte.
    Roberts Pfeife gab ihre schrillen Töne von sich, die vier Matrosen schossen
aufs Geratewohl in die Luft, um womöglich den Feind zu erschrecken, und von
weitem gaben die Kameraden das Antwortzeichen, kurz, es war ein Lärm, als sollte
die alte Erde aus den Fugen gehen.
    Allen voran stürmte Mongo. Im Laufen zielte er und traf einen der Wilden
tödlich. Die übrigen stutzten doch unwillkürlich. Vielleicht schreckten sie vor
der noch fast unbekannten Feuerwaffe zurück, vielleicht hatten sie gehofft, nur
mit einem einzigen Gegner kämpfen zu müssen und wurden irre, als jetzt die
Matrosen von allen Seiten dem Kampfplatz zueilten.
    Schuss auf Schuss krachte. Mehrere Wilde fielen, aber auch einige Weisse wurden
getroffen, und immer hartnäckiger kämpften die erbitterten Gegner. Die
Patagonier hatten den ersten lähmenden Schreck überwunden, sie schlossen sich
fester zusammen, drangen in geschlossener Front gegen ihre Widersacher vor und
schienen durch den vereinten starken Anprall fast das Übergewicht zu erlangen.
Ihre stumpfen, schweren Waffen schlugen empfindliche Wunden, ihre auf etwa
fünfzig Mann angewachsene Zahl brachte die Matrosen zum Weichen.
    »Wir müssen uns absetzen«, rief mit lauter Stimme der Steuermann. »Zieht
euch mit vorgehaltenem Gewehr bis an den Strand zurück, Leute, diese Wilden
haben keine Boote.«
    Aber der Befehl verhallte ungehört, und schon in der nächsten Viertelstunde
wären die Patagonier Herren der Lage gewesen, wenn nicht ein unvorhergesehener
Zwischenfall die ganze Sachlage urplötzlich verändert hätte.
    Seitwärts vom Kampfplatz hörte man ein gellendes Pfeifen und zugleich das
Stampfen von Pferdehufen. Die Wilden horchten auf und hielten im Angriff inne,
denn wirklich erschien auch schon in der nächsten Minute das galoppierende,
jagende Rudel ihrer aneinandergekoppelten Pferde. Das erste hielt ein Reiter am
Zaum, der selbst ein lediges Tier ritt.
    Brausend und stampfend verschwand der Zug ebenso schnell, wie er gekommen
war, aber schon der blosse flüchtige Anblick hatte die Wilden von dem Kampf mit
den Weissen vollständig abgelenkt. Ihr einziger Reichtum, ihre Pferde waren in
Gefahr, und dafür liessen sie alles im Stich.
    Mit gellendem Geschrei setzten sie dem einzelnen Reiter und seiner Beute in
das Unterholz nach, so dass sich die Matrosen plötzlich allein sahen. Nur ein
Schwerverwundeter lag ächzend im Gras, und mehrere andere hinkten mit
zerschlagenen oder zerschossenen Gliedern schwerfällig davon.
    »Schnell«, rief der Steuermann. »Um Gottes willen, schnell. In fünf Minuten
können die Wilden zurück sein.«
    »Wer war denn der Reiter?« fragte einer, während die Schar so schnell wie
möglich zum Strand zurücklief. »Er hat uns das Leben gerettet, aber
höchstwahrscheinlich wird er dafür jetzt verloren sein. Wir dürfen ihn nicht im
Stich lassen!«
    Robert überflog die Gesichter. Was er schon vorher zu sehen geglaubt hatte,
das bestätigte sich ihm jetzt. Es war Gottlieb, der zu der plötzlichen List
gegriffen hatte und der nun den Patagoniern ausgeliefert war. Robert wollte
umkehren und ihn suchen.
    »Mongo!« rief er, »geh mit mir. Ich kann den armen Gottlieb nicht in den
Händen der Wilden lassen, ohne alles für ihn versucht zu haben.«
    Der Neger schüttelte den Kopf. »Wenn er nicht durch seine Schlauheit
davonkommt, ist für ihn keine Rettung möglich«, sagte er. »Wir alle hätten ins
Gras beissen müssen - aha, der Kapitän hat schon Angst, wie man hört!«
    Ein Kanonenschuss donnerte vom Wasser herüber, und die Mannschaft antwortete
durch lautes »Schiff ahoi!« - nur Robert folgte äusserst widerstrebend. Den
Freund so zu verlassen, fand er feige, und doch musste er die Unmöglichkeit, ihm
zu helfen, selbst einsehen. Seufzend schüttelte er den Kopf.
    Jetzt war der Strand erreicht, und die bei den Booten zurückgebliebenen
Leute waren froh, als sie ihre verloren geglaubten Kameraden wiedersahen. An
Bord ging noch immer der Kapitän wie ein Verzweifelter auf und ab.
    Dieselbe Stille von vorhin lag wieder über der ganzen Insel. Man konnte
meinen, dass alles ein Traum gewesen sei, eine plötzliche, schreckliche
Erscheinung, so schnell war es gekommen und so schnell vorübergegangen. Die
Matrosen fragten und erkundigten sich erst jetzt untereinander nach dem
eigentlichen Verlauf des ganzen Unternehmens.
    Bei Roberts Hilferuf hatten alle das gefundene Wasser sofort im Stich
gelassen und waren zu seiner Unterstützung so schnell wie möglich dem Schall
gefolgt. Daraus ergab sich allerdings, dass alle Mühe umsonst und die ganze Fahrt
vergeblich gewesen war. Niemand brachte auch nur einen Tropfen Wasser mit.
    Robert beruhigte die andern. »Lasst nur«, sagte er traurig. »Ich habe die
Stelle entdeckt, wo wir ganz bequem mit dem Boot soviel Wasser einnehmen können,
wie wir brauchen, aber - das bringt uns nur den armen Gottlieb nicht zurück! -
Wo er jetzt sein mag? Vielleicht wird er von den Rotäuten gemartert!«
    Rechts von ihm teilte sich in diesem Augenblick das dichte Gebüsch. Ein Kopf
kam zum Vorschein, ein verlegen errötendes Gesicht sah durch die Zweige, und der
ganze, schüchterne Gottlieb schlüpfte heraus, völlig unversehrt, aber mit
zerrissener Jacke und ohne Mütze.
    »Ach«, sagte er, »ihr seid alle da. Das ist wirklich ein Glück.«
    Robert glaubte kaum seinen Augen trauen zu dürfen. »Gottlieb!« rief er,
»Gottlieb, wie war das möglich? Wie bist du den Wilden entkommen?«
    Der bescheidene junge Mensch flüchtete sich, um nicht so angestarrt zu
werden, zu seinem ehemaligen Schulkameraden und drängte ihn, schnellstens
aufzubrechen. »Lass uns schnell machen, Robert«, sagte er, »das sind ja wahre
Menschenfresser, diese Kupfergesichter.«
    »Aber Gottlieb, wie bist du ihnen entkommen?«
    Der junge Pinneberger winkte mit der Hand. »Mach doch nicht solchen Lärm
darum, Robert«, sagte er. »Als der ganze Schwarm vom Kampfplatz eine tüchtige
Strecke weit fortgelockt war, liess ich mich einfach zu Boden gleiten und
versteckte mich im dichten Gebüsch, das ist ja gar nicht der Rede wert - jeder
andere hätte es auch getan.«
    Robert drückte gerührt die Hand seines bescheidenen Freundes. Dann
übersetzte er das, was Gottlieb berichtet hatte, den Matrosen, die darauf hin
ihrer Anerkennung durch kräftige Schläge auf die Schulter ihres Retters Ausdruck
gaben. »Frage ihn doch, wie er eigentlich auf den guten Gedanken kam, Bob!«
drängte der Steuermann.
    Robert tat es, und Gottlieb lächelte verlegen. »Ja, siehst du«, antwortete
er, »etwas musste ich doch auch leisten. So ein Draufgänger bin ich nicht, also
wollte ich durch List versuchen, die Feinde von uns fernzuhalten. Ich koppelte
die Pferde aneinander, nahm sie an die Leine und ritt im sausenden Galopp an
euch vorüber, weil ich gleich dachte, dass die Wilden zunächst ihrem Eigentum
nachjagen würden. Das übrige weisst du.«
    Robert übersetzte auch dies, und nach erneuten lebhaften Dankesäusserungen
bestieg man endlich die Boote. Der Kapitän raufte sich fast die Haare, als er
sah, dass mehrere Matrosen für längere Zeit arbeitsunfähig geworden waren. Einer
hatte sogar den Arm gebrochen, ein anderer hinkte schwer, und der dritte hatte
eine tiefe Wunde an der Schulter.
    Mr. Barrow war so ausser sich, dass ihn der Obersteuermann zum zweitenmal
vertreten musste. Der Stern von San Franzisko wurde gedreht und auf der andern
Seite der Insel so nahe an den Strand herangebracht, dass seine Kanone leicht die
schmale Flussmündung bestreichen konnte. Ein Boot mit sechs Mann fuhr soweit
hinauf, wie nötig schien, um reines Süsswasser zu erhalten, dann füllte man die
Tonnen, ohne einen Wilden zu Gesicht zu bekommen. Robert und Gottlieb sahen noch
einmal das Dorf von der anderen Seite, ehe die Reise fortgesetzt wurde.
    »Du«, sagte der junge Matrose, »du wolltest mich doch in die Minen
mitnehmen, nicht wahr? - Gut, hier hast du mein Versprechen. Wir wollen
zusammengehen.«
    Gottliebs Freude war so gross, dass er sich kaum beherrschen konnte, obwohl er
den Entschluss seines Freundes aus Bescheidenheit nicht annehmen wollte. Robert
liess ihn gar nicht erst zu Worte kommen. »Es bleibt dabei,« sagte er, »ich gehe
mit dir nach Kalifornien.«
    Mehr wurde darüber nicht gesprochen, aber die Sache war abgemacht. Die
Matrosen schafften soviel Wasser an Bord, als irgend untergebracht werden
konnte, und dann ging die Reise weiter. Als das Schiff die vordere,
vorspringende Spitze der Insel umsegelte, sahen die Matrosen hinter allen Bäumen
die roten Gesichter der Wilden. Es waren mindestens hundert kriegerische
Gestalten.
    »Passt auf, Kinder«, rief der Steuermann, »jetzt sollen es die Halunken
haben!«
    Er liess das Ruder so drehen, dass die Kanone gegen das Ufer gerichtet war.
Dann krachte der Schuss donnernd und widerhallend durch die stille Morgenluft,
natürlich nur blind, aber doch den Wilden zur heilsamen Warnung.
    Der Erfolg war so komisch, dass die ganze Schiffsbesatzung, ja sogar der
ängstliche Kapitän in ein schallendes Gelächter ausbrach. An Land lagen die
Rotäute alle flach auf dem Erdboden, als habe der Pulverdampf tödliche Wirkung
gehabt. Einige verbargen die Gesichter im Sand, so dass der Schopf mit Federn und
Schnüren im Wind flatterte, andere lagen auf dem Rücken und wagten nicht, sich
umzudrehen.
    »Noch eins!« rief belustigt der Steuermann, »noch eins!«
    Und wieder krachte der Schuss. Einige der Gestalten wollten aufspringen und
fliehen, aber es kam nur zu einem leichten Ruck. Die Todesangst hielt alle am
Boden fest.
    Der Kapitän hatte unterdessen die Verletzten in ärztliche Behandlung
genommen, und das Schiff steuerte seinen früheren Kurs weiter. Solange die
Matrosen das Ufer noch genauer erkennen konnten, sahen sie die entsetzten Wilden
regungslos wie Leichen daliegen.
    »Ganz wie der Pinneberger Stier!« lachte Robert. »Nur dass der mit gesenktem
Kopf reissaus nahm, während die Rotäute liegen bleiben. Wären nicht unsere
Kameraden verwundet worden, so könnte man die ganze Geschichte einen guten Spass
nennen!«
    »Von dem wir aber doch keine Fortsetzung brauchen«, warf der Steuermann ein.
»Durch die Magelhaensstrasse zu segeln, ist immer bitterer Ernst.«
    »Sind Sie schon früher einmal hindurchgekommen, Mr. Tompson?« fragte
Robert.
    »Einmal schon, und noch dazu mit Passagieren. Vor etwa zwölf Jahren zog ja
alle Welt in die Goldminen, um dort das Glück zu suchen.«
    Robert winkte heimlich seinem Schulkameraden. »Und es wohl auch häufig zu
finden, Sir, nicht wahr?« fragte er.
    »Häufig? - Das nun gerade nicht, mein Junge. Wem ein Gewinn in den Schoss
fällt, der gibt ihn meist ebenso schnell wieder aus und macht noch obendrein auf
gut Glück Schulden. Die Digger sind ein leichtlebiges Völkchen.«
    Robert lächelte. Er wusste, dass er es verstand, mit seinem Eigentum sparsam
und ordentlich umzugehen und dass er daher zu den wenigen gehören würde, die
tatsächlich imstande waren, in den Minen ihr Glück zu machen. »Was gehört
eigentlich zur Ausrüstung eines Goldsuchers?« fragte er den Steuermann, der
offenbar gut aufgelegt war und mit sich reden liess. »Ist die Geschichte sehr
teuer?«
    Der Steuermann zuckte die Achseln. »Das kommt darauf an, Bob, wie man es
anfängt. Je mehr man hineinsteckt, desto mehr kommt auch wieder heraus. Wer also
Pferd und Karre besitzt, eine abgelegene Stelle aufsuchen will und die Sache im
grossen betreibt, der hat mehr Aussicht als ein anderer armer Teufel, der nur mit
Spaten und Hacke losgeht. Es haben aber auch solche schon Glück gehabt und sind
reich geworden.«
    Robert und Gottlieb sahen sich verstohlen an, dann aber fragte der junge
Matrose weiter und lockte aus dem erfahrenen Steuermann so ziemlich alles
heraus, was er wissen wollte. Die Hauptfrage war natürlich die: »Hat ein
fleissiger, sparsamer Mann als Goldsucher Aussichten, weiterzukommen?«
    Der Steuermann nickte. »Das steht fest. In den Goldstädten wird mehr Staub
von den Wäschern verloren, als ausreichen würde, einen vernünftigen Menschen zu
ernähren. Wer täglich seine zehn bis zwölf Stunden arbeiten will, der kann
sagen, dass er es bei einigem Glück zum wohlhabenden Mann bringen wird, obgleich
vielleicht unter Tausenden nur einer wirklich das erträumte Vermögen findet. Es
gibt nirgends im Leben so viele Wechselfälle, wie gerade in den Minenstädten.«
    Robert übersetzte das alles seinem Freund, der sich zwar während der kurzen
Zeit an Bord schon soviel Englisch angeeignet hatte, dass er einigermassen
verstand, was gesprochen wurde, dem aber doch sehr viel daran lag, gerade hier
alles aufs Wort genau zu erfahren. Er fand das, was der Steuermann gesagt hatte,
recht befriedigend und hoffte, dass es ihm doch vielleicht schon bald möglich
sein werde, monatlich sechzehn bis zwanzig Dollar nach Pinneberg zu schicken.
»Davon können die Eltern schon leben«, sagte er.
    Robert sah ihn erstaunt an. »Aber dabei wirst du nie ein kleines Vermögen
sammeln, Gottlieb«, sagte er.
    »Wenn ich nicht mehr erübrigen kann, als für meine alten Eltern erforderlich
ist, - nein. Aber ich bin auch schon glücklich, wenn mir nur das gelingt.«
    »Und du wolltest aus diesem Grund ständig in den Minen bleiben?«
    »Solange es nicht anders geht, ja. Der Gedanke, Vater und Mutter im
Armenhaus zu wissen, wäre mir viel schrecklicher als alle Entbehrungen und
Strapazen.«
    Robert musste an seine Eltern denken, sie waren wohlhabende Leute und
brauchten nicht für den Frieden ihrer alten Tage fürchten. Gottlieb fühlte und
handelte überlegter als er, aber ihn leiteten auch zwingendere Gründe.
    »Ich bleibe bei dir, bis du dich eingelebt hast«, versprach er ihm. »Wenn
wir nur erst in San Franzisko wären. Vielleicht wartet dort ein Brief aus
Pinneberg auf mich, - ach, ich wäre zu glücklich.«
    »Wie lange brauchen wir noch bis dahin?« fragte Gottlieb.
    »Dreissig Tage etwa. Ich wollte, dass sie vorüber wären.«
    »Bring mir doch etwas Englisch bei, Robert, dann vergeht uns die Zeit
schneller.«
    Der junge Matrose seufzte. »Wenn ich doch mehr Geduld hätte!« antwortete er.
- »Aber etwas besser ist es ja schon geworden, also darf man die Hoffnung nicht
aufgeben. Sieh, dort tauchen wieder neue Inselgruppen auf.«
    Gottlieb stiess ihn heimlich mit dem Ellbogen an. »Du, was tut der Steuermann
jetzt?« fragte er.
    Robert sah hin. »Ach, er lotet. Der Kapitän hat also wieder Angst, dass wir
auflaufen.«
    Da Robert gerade Freiwache hatte, näherten sich die beiden dem
Obersteuermann, der mit dem damals erst kürzlich erfundenen Patentlot die
Meerestiefe mass. Auch der Kapitän war dabei und machte ein ernstes Gesicht.
    »Steuermann, haben Sie mit etwa 2000 Meter Tiefe gerechnet?« fragte er. »So
viel müssen wir hier herum vermuten.«
    »All right, Sir. Die Leine läuft noch weiter aus.«
    Das eigenartig geformte Lot wurde jetzt über die Schanzkleidung des Schiffes
herabgelassen, und beide hatten auf diese Weise Gelegenheit, es genau kennen zu
lernen. Weder auf der Antje Marie noch auf dem Vogel Greif war jemals gelotet
worden, Robert sah deshalb interessiert zu.
    Das Patentlot hat am äussersten Ende einen kleinen scharfen Spaten, dessen
Fläche ein Deckelkästchen bildet. Solange die Leine abläuft, bleibt der Deckel
offen, beim Heraufziehen schliesst er sich und hält in dem Kästchen etwas Sand
oder Schlamm vom Meeresgrund fest, der mit an die Wasseroberfläche befördert
wird.
    Robert erwartete ungeduldig das Ergebnis der Lotung. Endlich stand die
Leine, also war der Grund des Meeres erreicht.
    »Wieviel Meter Leine hatten wir?« fragte schnell der Kapitän.
    »2500 Meter, Sir.«
    Mr. Barrow seufzte erleichtert, dann wandte er sich an Robert: »Messt einmal,
Kroll, da Ihr Euch doch für die Sache interessiert.«
    Robert sprang sofort herbei, und während der Obersteuermann mit Hilfe eines
Matrosen das Lot wieder heraufzog, mass er die trocken gebliebene Leine.
»Dreihundert Meter, Sir«, meldete er bald danach. »Also eine Tiefe von 2200
Meter.«
    »Das hatte ich mir gedacht«, nickte der Kapitän. »Jetzt nur noch ein
günstiges Ergebnis der Untersuchung des Grundes, und ich bin für heute
zufrieden.«
    Inzwischen war das Kästchen heraufgezogen worden und zeigte an seinem
Inhalt, dass der Grund des Meeres an dieser Stelle felsig war, denn auch nicht
das kleinste Teilchen Schlamm oder Sand hatte sich festgesetzt, nur einige
kleine scharfe und feste Körper waren darin, und der Kapitän nahm seufzend diese
spitzen Zäckchen in die Hand. »Da haben wir's«, sagte er. »Es sind
Koralleninseln in der Nähe.«
    »Man sieht sie über dem Wasser, Sir!« erlaubte sich der Steuermann zu
bemerken. »Viele haben Baumwuchs und lassen sich aus einiger Entfernung deutlich
erkennen.«
    Der Kapitän nickte. »Das weiss ich wohl, Steuermann«, antwortete er, »aber um
zu sehen, braucht man bekanntlich Licht. Wenn unser Schiff in der Nacht auf eine
Koralleninsel stösst, ist es verloren.«
    Der Steuermann antwortete nicht. Er war froh, als sich Mr. Barrow wieder in
seine enge Schlafkajüte zurückgezogen hatte, um auf der Karte und in wenigstens
zehn Hilfsbüchern zum hundertstenmal die Eigenarten dieser Meeresbreiten genau
zu studieren.
    »Herr Obersteuermann«, fragte Robert, »was ist eigentlich eine
Koralleninsel?«
    »Das werden wir früh genug sehen, mein Junge«, war die Antwort. »Noch vor
Abend begegnen uns sicherlich mehrere.«
    »Gut aufgepasst!« rief er dann dem Matrosen am Ausguck zu. »Ihr kennt
hoffentlich die Bewegung des Wassers, wo Korallenriffe sind?«
    »Well, Sir!« scholl es zurück. »Noch nichts zu sehen.«
    Der ganze Tag verging wirklich ohne das geringste Zeichen von Gefahr, gegen
Abend erschien an Deck wieder das sorgenvolle Gesicht des Kapitäns. »Hier herum
sind drei Koralleninseln«, seufzte er, »ich habe unseren Standort bis auf eine
halbe Meile herausgerechnet und bin meiner Sache vollständig sicher.«
    Der Steuermann nickte. »Ich wusste es aus Erfahrung, Sir«, antwortete er,
»aber nur zwei von diesen Riffen liegen auf unserem Weg, das dritte berühren wir
nicht.«
    Der Kapitän fuhr sich mit der Hand durchs Haar und wanderte ruhelos auf und
ab.
    »Korallen in Sicht!« rief in diesem Augenblick vom Ausguck her der Matrose.
»Eine langgestreckte Insel an Backbord!«
    Sofort war der Kapitän bei ihm. Zum Glück lag die gefährliche Stelle hundert
Meter aus dem Fahrwasser des Schiffes. Es konnte ruhig daran vorübersegeln, ohne
den Kurs ändern zu müssen.
    »Genau beobachten, ob der Lauf des Riffes etwa nach rechts ausbiegt!«
schärfte er dem Matrosen ein. »Oder besser noch, lasst zwei Mann Wache halten.
Kroll, Ihr stellt Euch dortin und passt auf! - Ich glaube, dass Ihr zuverlässig
seid.«
    Robert errötete vor Freude und nahm den Platz am Ausguck als eine Art
Ehrenposten ein.
    Den Blick auf das Riff gerichtet, sah er über die Schanzkleidung hinab ins
Meer. Bei fast völliger Windstille glitt das Schiff langsam durch die leichten
Wellen, während die Sonne ihre letzten Strahlen herabsandte und dadurch die
klare Durchsichtigkeit des Wassers noch bedeutend erhöhte. Auf See kann man oft
bis zu einer Tiefe von etwa fünf Metern sehen, hier aber reichten die
Korallenbäume fast bis an die Meeresoberfläche.
    
    »Findest du nicht, dass das Riff allmählich nach rechts verläuft?« fragte
Robert den Matrosen, der mit ihm Ausguck hielt.
    »Mir kommt es schon seit einigen Minuten so vor. Mach lieber Meldung, Bob!«
    Sofort erschien der Kapitän an Deck. »Ich hatte es mir doch gedacht!« winkte
er dem Steuermann. »Wir müssen das Schiff backlegen und bis Tagesanbruch vor dem
Wind treiben.«
    Mr. Tompson nickte. »Ist gut, Sir«, antwortete er, »hat aber auch seine
Gefahren. Wir können an den Strand geworfen werden.«
    »Verdammt! Verdammt! - Steuermann, wozu raten Sie?«
    »Ich würde die Sache wagen, besonders da uns jeder Zeitverlust von grösstem
Nachteil ist.«
    »Der Ladung wegen? Wir können froh sein, wenn das Schiff nur noch Ballast
genug behält, um überhaupt segelfähig zu bleiben.«
    Der Steuermann stand immer noch wartend da. Es war jetzt vollständig dunkel
geworden und ein bestimmter Entschluss notwendig.
    »Lassen Sie das Schiff backlegen, Steuermann«, rief endlich halb verzweifelt
der Kapitän. »Es gibt eine helle Sternennacht, und ich will lieber diese paar
Stunden verlieren, als vielleicht mit voller Fahrt in das Riff hineinlaufen. Um
vier Uhr früh ist es Tag.«
    »All right, Sir.« -
    Mr. Tompson gab die notwendigen Befehle und der Stern von San Franzisko
verlor rasch an Fahrt. Nach einer Stunde erschien am Himmel der Mond und
beleuchtete mit seinem weissen Licht das Meer. Die Strömung trug das Schiff
langsam aber stetig rückwärts.
    Das Nachtglas des Kapitäns kam keinen Augenblick zur Ruhe. Bald stand Mr.
Barrow am Heck und bald hinter der Kombüse, so dass die Leute heimlich lachten.
    »Wenn ein anderer das Kommando führt, dann ist der Kapitän ein tüchtiger
Seemann«, flüsterte einer der Matrosen. »Ich selbst bin mit ihm gefahren, als er
noch Steuermann war, und damals merkte man von dieser Unruhe nichts. Seit er
selbst ein Schiff befehligt und alle Verantwortung allein trägt, ist er wie
umgewandelt.«
    »Nicht zum Kapitän geboren!« meinte ein anderer. »Der echte Seemann wird
immer kaltblütiger, je grösser die Gefahr wird.«
    Der erste zuckte die Achseln. »Das kann sich eben keiner selbst aneignen,«
antwortete er. »Es liegt im Blut.«
    »Mag sein«, beharrte der zweite, »aber dann muss man eben Schneider werden,
nur kein Seemann.«
    Robert fühlte, wie das Blut in seine Wangen trat. Er fühlte sich zum Kapitän
geboren, und dennoch, - wie erschwerte ihm alles die eingeschlagene Laufbahn.
    »Es ist kein Segen dabei!« dachte er unwillkürlich. »Es war nicht der
richtige Weg, auf dem ich mein Ziel zu erreichen suchte, und daher treffe ich
überall auf Hindernisse. Ach, könnte ich nur für eine Stunde hinüberfliegen nach
Pinneberg!« - -
    Ein Geräusch auf dem Achterdeck störte ihn aus seinen Träumen. Die Frauen in
der Kajüte hatten bemerkt, dass irgend etwas Aussergewöhnliches vorging, eine
hatte durch ihre Vermutungen und Schlussfolgerungen die Einbildungskraft der
anderen nur noch immer mehr erhitzt, ausserdem sah man den Kapitän ständig an
Deck und fühlte, dass das Schiff nur trieb, anstatt unter vollen Segeln zu
stehen, - das alles brachte die Auswanderer in Unruhe. Der ganze Strom ergoss
sich über das Deck, schreiende Kinder drängten sich den Müttern nach, und aus
dem Logis wurden die erstaunten Männer herbeigerufen, um im Notfall ihren
schluchzenden Frauen beizustehen.
    »Steuermann!« rief Mr. Barrow, »ich bitte Sie, was bedeutet das?«
    Robert verliess seine Koje, um als Dolmetscher zu dienen. Wo es galt, einem
Menschen zu helfen, da war er immer der erste. »Was ist denn los«, fragte er,
»warum schlaft ihr nicht?«
    Das Händeringen und Weinen kehrte sich jetzt gegen ihn. Er möge nur die
Wahrheit sagen, hiess es, jeden Augenblick könne das Schiff versinken oder
kentern, - man sei auf das letzte Stündlein vollkommen gefasst.
    Robert musste laut lachen, und vielleicht gerade dadurch beruhigte er die
angstvollen Menschen am meisten. Seine erklärenden Worte brachten die Frauen
ohne weiteres wieder zurück in die Kajüte, und zwar so schnell, dass der Kapitän
erst nachträglich erfuhr, um was es sich gehandelt hatte. Fortan wurde der
Zugang zum Achterdeck nach Einbruch der Dunkelheit abgesperrt.
    Am frühen Morgen machte der Kapitän seine Berechnung, und es ergab sich, dass
das Schiff etwa vier bis fünf Wegstunden weit zurückgetrieben war. Man konnte
also jetzt das gestern passierte Korallenriff und auch noch ein zweites,
kleineres bei hellem Tageslicht umsegeln und sich auf allen Karten überzeugen,
dass nun der Weg frei sei. Dennoch aber wachte der Kapitän noch die ganze
folgende Nacht, obgleich mehrere Matrosen sahen, dass er manchmal beim ruhelosen
Auf- und Abgehen mit geschlossenen Augen gegen die Pardunen stiess. Erst als das
offene Meer wieder erreicht war, ging auf dem »Stern von San Franzisko« alles
den gewohnten Gang, und nachdem man an einer kleinen, anscheinend unbewohnten
Insel nochmals ohne weitere Zwischenfälle Wasser eingenommen hatte, erreichte
das Schiff nach drei Wochen wohlbehalten den Hafen der kalifornischen
Hauptstadt.
    Mr. Barrow fand zu seiner grossen Erleichterung in den Reedern
verständnisvolle Menschen, die vollkommen gutiessen, was er getan hatte. Sie
veröffentlichten sogar in den Zeitungen einen Artikel, in dem sie die Tat ihres
Kapitäns würdigten und die allgemeine Aufmerksamkeit der vielen in San Franzisko
ansässigen Deutschen auf die unglücklichen Auswanderer lenkten, so dass von allen
Seiten Spenden eintrafen und sicherlich mancher von den Schiffbrüchigen doppelt
soviel geschenkt bekam, als ihm bei Kap Horn verloren gegangen war.
    Auch das Abenteuer mit den Wilden ging von Mund zu Mund; die Matrosen des
»Stern von San Franzisko« wurden die Helden des Tages, man kam an Bord, um sich
die Einzelheiten dieses Falles erzählen zu lassen, und die Zeitungen brachten
den Kampf mit den Patagoniern in solchen Übertreibungen, dass Robert darin fast
keinen wahren Zug mehr wiederfand.
    Sein erster Weg an Land führte zur Post. Vielleicht hatte sich ja doch der
Vater bewegen lassen, ihm zu verzeihen, ihm wenigstens einige gute, wohlgemeinte
Worte zu schreiben, - wie sehr wünschte er es!
    Sein Herz klopfte zum Zerspringen, als er den Postbeamten murmeln hörte:
»Kroll! - Kroll! - Es muss etwas da sein, das diesen Namen trägt!«
    »Aha«, fügte er dann hinzu, »hier ist es schon.«
    Und Robert hielt in seiner Hand einen kleinen, plump zusammengefalteten
Brief aus grobem Schreibpapier, ohne Umschlag, mehrere Male gesiegelt und mit
einer Adresse von unbekannten Schriftzügen. »An den Herrn Leichtmatrosen Robert
Kroll aus Pinneberg, auf dem Schiff Stern von San Franzisko in Franzisko, wenn
das Schiff glücklich ankommt, sonst soll der Brief verbrannt werden.«
    Halb lächelte er, als er das seltsame Schriftstück in den Händen hielt, und
halb packte ihn eine unbestimmte Furcht. Das hatte die Mutter von irgendeiner
guten Freundin schreiben lassen, er wusste es vorher, - aber warum? - -
    Wenn nun der Vater gestorben war?
    Ohne sich umzusehen verliess er das Postgebäude und ging in ein nahegelegenes
Wirtshaus, um den Brief zu lesen. Er brauchte mehr Mut, diese ungeschickten
Siegel zu brechen, als in der nordischen Eiswüste vor dem zum Sprung ansetzenden
Wolf.
    Erst nach mehreren Minuten vergeblicher Anstrengung gelang es ihm, die
unförmigen Buchstaben zu folgendem Inhalt zusammenzustellen.
                          Mein geliebter Sohn Robert!
    Liese Schmidt, die Tochter unserer alten Brotfrau, deine Schulkameradin,
schreibt mir diesen Brief, worin ich dir zunächst unsere herzlichen Grüsse sage,
das heisst, der Liese und meinen, denn der Vater ist so bös, dass man in seiner
Gegenwart nicht einmal deinen Namen aussprechen darf. Den letzten Brief, den du
von Bergen hierhergeschickt hast, wollte er gar nicht annehmen, und fast wäre
derselbe wieder zurückgesandt worden in die weite Welt hinein, wenn ich nicht
den Herrn Postmeister mit vielen Tränen gebeten hätte, mir doch die Botschaft
von meinem einzigen Kinde nicht zu entziehen. Erst schwankte er lange, und ich
bot ihm schon in grosser Herzensangst einen ganzen Taler über das geforderte
Porto, aber dann liess er sich doch erweichen, obgleich er das Geld nicht nahm.
Ich will's tun, liebe Frau, sagte er, weil ich die unglückliche Geschichte mit
Ihrem nichtsnutzigen Jungen - du darfst es nicht übel aufnehmen, lieber Robert,
aber er sagte wirklich so! -von früher her kenne und weil ich Sie herzlich
bedaure. Man ist ja auch Mensch, nicht bloss Beamter.
    Siehst du, auf diese Weise erlangte ich deinen Brief, den mir Liese Schmidt
vorlas und bei dem ich Gott vielmals inbrünstig gedankt habe, dass Er Seine treue
Hand über dich gehalten in der Stunde der Gefahr. Ich bin auch am
nächstfolgenden Tage zur Kirche gegangen und habe ein Achtschillingstück in den
Klingelbeutel gesteckt aus grosser Herzensfreude. Dein Vater weiss, dass ich den
Brief heimlich an mich gebracht habe und ebenso alles, was darin stand. Ich
erzähle's ihm immer nebenbei, so als hätte ich's in der verwichenen Nacht
geträumt, und dann merke ich wohl, wie genau der alte, eigensinnige Mann zuhört,
aber weiter darf ich nicht gehen, sonst schneidet er mir das Wort vor dem Munde
ab. Träume, was du willst, Mutter, sagt er, und erzähle mir auch alles das, nur
sprich nicht von dem Entlaufenen. Ich habe keinen Sohn, das weisst du.
    So steht es bei uns, mein geliebter Junge, und Vater ist krank dazu. Er
grämt sich sehr um dich, und wenn du wiederkommen und deine Lehrzeit nochmals
anfangen wolltest, so würde das mir eine grosse Freude sein. Du könntest ja
wahrlich jetzt genug haben von dem wilden Leben, wo es dir doch aller
christlichen Zucht und Ehrbarkeit mangelt, als da sind: Sonntags zur Kirche
gehen und ein reines Hemd sowie ein ordentliches Essen auf dem Tisch. Wenn ich
gar bedenke, dass du einen schwarzen Mohrenmenschen deinen Freund nennst, so
bitte ich unsern Herrn und Heiland, dir diese Greuel nicht anzurechnen.
    Ferner benachrichtige ich dich, dass Pikas, unser Hund, noch lebt, und dass
wir von dem Seiler, der dich damals zum Bösen verlockt und hernach verlassen,
niemals wieder ein Wort gehört haben. Sonst wüsste ich nichts Neues und schliesse
meinen Brief mit der Bitte, doch die nächste Post an mich und nicht an den Vater
zu adressieren. Er nimmt von dir nichts an. Viel tausendmal lieber aber wäre
mir's, du kämest selbst und söhntest dich aus mit dem Alten. Das
Schneiderhandwerk nährt seinen Mann und ist auch gefahrlos und christlich dabei.
Liese Schmidt meint dasselbe wie ich, womit wir beide dich herzlich grüssen und
dich dem lieben und getreuen Gott vielmals empfehlen.
                                             Deine zärtliche Mutter, Anna Kroll.
    Nachschrift. Die Liese Schmidt will so gern auch einmal einen Brief von dir
haben, damit sie den Leuten ein bisschen erzählen kann, hauptsächlich schreib uns
bald, ob in San Franzisko die Menschen alle schwarz sind und ob sie zu Schimpf
und Schande ohne Kleider herumlaufen. D.O.
    Lange starrte Robert auf die Schrift und eine ganze Welt verschiedener
Empfindungen stand in ihm auf. Wie es die Mutter in ihrer rührenden
Herzenseinfalt hier ausgedrückt hatte, so dachte und fühlte auch der
starrsinnige Vater. Was ihnen vor einem halben Jahrhundert von ihren Eltern
eingeprägt worden war, daran hielten sie beharrlich fest, was ausserhalb ihres
Gesichtskreises lag, das verstanden sie nicht mehr. Konnte man ihn zwingen, in
dies Gefängnis freiwillig zurückzugehen und sich selbst zu verleugnen?
    Nein, niemals. Er fühlte sein Gewissen, nachdem er diesen Brief gelesen
hatte, sogar bedeutend leichter. Trotz gegen Trotz! Wollte der Vater von dem
einzigen Sohn keinen Brief annehmen, nun, so sollte er auch nicht wieder damit
belästigt werden. Waren die alten Leute um den guten Lebenswandel ihres Sohnes
so sehr besorgt und hielten sie den treuen Mongo für ihn als Gefährten zu
schlecht, dann sollten sie bald genug ihren Irrtum erkennen.
    Robert biss die Zähne zusammen. Er brauchte nur ein wenig Glück in den Minen,
nur zwei- oder dreihundert Taler Überschuss, und alles war gut. Der
»nichtsnutzige« Junge, der verleugnete, beklagte Sohn konnte nach Hause
zurückkehren und den Kleinstädtern zeigen, dass ihre bösen Vorahnungen ohne allen
Grund gewesen waren. Aber hingehen und mit leeren Händen um Verzeihung bitten -
das würde er niemals tun. Er hatte es lange genug geglaubt, eine Versöhnung,
eine Rückkehr für möglich gehalten und sich eingebildet, dass der Vater mit
offenen Armen den Sohn willkommen heissen werde, - jetzt war er enttäuscht
worden.
    Finster vor sich auf das unberührte Bierglas starrend sass er da und
grübelte, fast ohne zu wissen, was er dachte, ohne zu merken, dass sich mehrere
Leute in seine Nähe setzten und ihn dauernd beobachteten. Erst als ihm jemand
die Hand auf die Schulter legte, sah er auf.
    »Nun, Mr. Kroll, erst einen Tag an Land und schon Grillen fangen? Kommen Sie
mit mir, ich will Ihnen ein Lokal zeigen, wo getanzt wird, das ist besser.«
    Robert erkannte einen Angestellten des Handelshauses, für das Kapitän Barrow
fuhr, er erwiderte sehr höflich die Worte des jungen Mannes, dankte ihm auch für
seine Freundlichkeit, aber er lehnte doch entschieden den Vorschlag ab. Sobald
der »Stern von San Franzisko« den Rest der Fracht gelöscht und das ganze Schiff
von oben bis unten gereinigt worden war, gab es Löhnung, und dann ging's hinauf
in die Goldminen. Robert erinnerte sich nur zu gut daran, was ihm der Steuermann
gesagt hatte, dass nämlich meistens in den Wirtshäusern sofort wieder ausgegeben
werde, was mit Mühe und Anstrengung verdient worden sei, - ausserdem war er auch
durchaus nicht in der Stimmung zu tanzen, sondern hätte am liebsten gleich den
andern Gästen den Rücken gekehrt und wäre hinausgegangen. Doch das war
unmöglich. Seit dem gestrigen Tag hatte sich das Gerücht von dem Kampf mit den
Wilden schon soweit verbreitet, dass man überall in der Stadt davon sprach, und
als man jetzt einen unmittelbar daran Beteiligten erkannte, wurde er ohne eine
ausführliche Schilderung des Abenteuers nicht wieder fortgelassen.
    Als er endlich an Bord kam, war Kapitän Barrow in bester Laune. Es hatte
sich alles nach Wunsch abgewickelt, eine zweite Reise sollte sofort nach Räumung
des Schiffes angetreten werden, und die Mannschaft konnte an Bord bleiben, ohne
erst abzumustern. Der »Stern von San Franzisko« ging nach Hamburg, von wo er
eine Ladung feiner Rheinweine abholen sollte. An Bord entfaltete sich eine rege
Tätigkeit.
    Nach Hamburg! - Robert fühlte in der Tasche den Brief seiner Mutter wie
Feuer brennen. Wenn er ihn nicht erhalten hätte, wäre er vielleicht schon in
wenigen Wochen auf dem Wege nach Hause gewesen, vielleicht hätte er sogar sein
Versprechen Gottlieb gegenüber rückgängig gemacht, hätte ihm nur das nötige
Reisegeld geschenkt und selbst alles aufgegeben, um sich mit dem Vater zu
versöhnen und seinen Segen zu erbitten. Aber jetzt! - -
    Sein Entschluss stand unwiderruflich fest. Er schlug es aus, für die neue
Reise zu heuern, und ging gar nicht wieder an Land, um kein Geld unnötig
auszugeben. Wie die übrigen schiffbrüchigen Auswanderer erhielt auch Gottlieb
soviel geschenkt, dass die beiden nach Auszahlung der Heuer ihre Fahrt ins
Goldland sofort antreten konnten. Sämtliche Ausrüstungsgegenstände wollten sie,
um den teuren Transport zu sparen, an Ort und Stelle kaufen, nur den Anzug der
Goldgräber, die ungeheuren Kanonenstiefel und den breiten Ledergurt schafften
sie sich gleich an. Das bare Geld wurde sorgfältig versteckt, und dann nahm
Robert von seinen bisherigen Kameraden einen herzlichen Abschied. Nur den Neger
sah er nicht.
    Auf seine Frage hiess es, dass auch Mongo am Tage vorher abgemustert habe.
Roberts Erstaunen stieg immer mehr. Sollte sich der Alte, nachdem er mit ihm so
schwere Stunden geteilt hatte, jetzt ohne ein Wort des Abschieds von ihm trennen
wollen?
    Unbegreiflich! Aber die Zeit drängte, und daher konnte Robert keine weiteren
Nachforschungen halten. Seufzend kletterte er das Fallreep hinab. »Leb wohl, du
blaues, geliebtes Meer, jetzt soll ich dich monatelang nicht einmal mehr sehen,
soll Hunderte von Meilen landeinwärts fahren und mit Spaten und Axt die Erde
durchwühlen.«
    »Leb wohl!«
    Er sah nicht zurück, sondern bezwang die aufsteigende Bitterkeit, um
Gottlieb nicht zu verletzen.
    Es musste sein, und Roberts fester Wille unterdrückte erfolgreich jede
Missstimmung. Er sprach dem schüchternen Freund Mut zu und führte ihn zum
Bahnhof, wo für die ganze Reise nach den Minenstädten die Karten gelöst wurden.
Wenn ihn erst einmal die fremde Welt, die er jetzt betreten sollte, umgab, wenn
er eine neue, geregelte Tätigkeit besass, so musste auch seine frühere Zuversicht
zurückkehren. Und ging es wirklich nicht, konnte er das Leben in den Minen
unmöglich ertragen, nun, so stand ihm ja der Weg zur nächsten Hafenstadt immer
offen. Für den Augenblick musste er jedoch den Kopf oben behalten.
    Nur dass er Mongo nicht mehr gesehen hatte, tat ihm leid. Der Alte musste
irgendeinen ganz besonderen Grund haben, da er ja nicht einmal ein Abschiedswort
gefunden hatte.
    Das Glockenzeichen ertönte, die Türen wurden geöffnet, und die beiden
stiegen in den Wagen - da sahen sie draussen ein schwarzes, lächelndes Gesicht,
da stand Mongo im ledernen »Digger«-Anzug und sass im nächsten Augenblick drinnen
neben den beiden überraschten Freunden.
    »Du junger Spitzbube, wer soll dich aus der Patsche ziehen, wenn ich es
nicht tue? Bist ja ein viel zu grosser Sausewind und Wagehals, als dass man dich
allein reisen lassen könnte.«
    »Aber Scherz beiseite«, fügte er hinzu, »wollt ihr mich überhaupt mitnehmen?
Schaden kann's euch nicht, in den Minenstädten jemanden zu haben, der sich
auskennt.«
    Robert war glücklich über die Nähe des Freundes. Er und auch Gottlieb
schlugen bereitwillig ein, als ihnen Mongo die Hand entgegenstreckte.
    »Aber warum hast du uns nicht schon viel früher etwas davon gesagt, alter
Geheimniskrämer?« fragte Robert.
    Der Neger wiegte den Kopf. »Ich wusste es ja vorher selbst nicht, du
Schlingel!« antwortete er. »Die Minen sind es auch keineswegs, die mich locken,
sondern nur deine Nähe. Es ist für einen alten Menschen wie mich doppelt schwer,
so ganz allein dazustehen.«
    Robert drückte ihm seufzend die Hand. »Auch für einen jungen, Mongo«,
erwiderte er.
    »Hast doch deiner Mutter geantwortet, Junge?« fragte der Neger.
    »Natürlich. Sie nimmt ja meine Briefe an.«
    »Nun, nun, du musst das nicht mit so grosser Bitterkeit betonen. Dein Vater
hat wie die Schnecke in ihrem Gehäuse sein Leben lang auf demselben Tisch
gesessen, den schon zwei Generationen der Krolls als häuslichen Tron
behaupteten, - er kann sich eine andere Möglichkeit einfach nicht denken, daher
ist er widerborstig wie ein Igel und quält sich und andere. Oder glaubst du
etwa, dass er sich nicht im stillen bittere Sorgen um dich macht.«
    »Das glaube ich kaum, Mongo.«
    »Ach, was weisst du davon? Ein Vater kann nie aufhören, sein Kind zu lieben,
aber er kann es auf verkehrte Weise zeigen, das ist wahr.«
    »Lass uns über die traurige Angelegenheit nicht wieder reden Mongo«, bat
Robert. »Ich kann vor ihm nicht nachgeben, wie zur Zeit meiner Schuljahre oder
auch später noch, als er mein halbfertiges Schiff mit dem Küchenbeil zerschlug
und mich regelrecht durchprügelte.«
    Mongo antwortete nicht. Wozu gleich den Anfang der Fahrt mit trüben
Erinnerungen oder noch trüberen Zukunftsaussichten vergällen? - Robert war aus
der jungenhaften Sehnsucht nach Abenteuern längst aufgerüttelt, er fühlte den
Zwiespalt mit dem eigenen Gewissen sehr deutlich, und das war für den Augenblick
vollständig genug.
    »Mongo«, fragte Robert nach einer Pause, »bist du schon früher einmal in den
Goldminen gewesen? Es schien mir vorhin so.«
    Der Schwarze nickte. »Wo wäre ich nicht gewesen, Bob?« fragte er wehmütig.
»Überall ohne Heimat, ohne Familie, ohne Glück, da greift man bald nach rechts,
bald nach links, und sucht nach einem Platz, wo man für immer bleiben möchte.«
    Robert blies den Rauch seiner Zigarre in die heitere Morgenluft hinaus. Er
fühlte sich von der erfrischenden Fahrt durch die Herbstlandschaft, von dem
hellen Sonnenschein und der schönen Umgebung mehr und mehr angeregt. Vielleicht
ging es ja jetzt dem Glück entgegen, jedenfalls wollte er sich nicht länger
quälen, es half ja doch nichts.
    »Mongo«, sagte er, »du kennst also das Leben in den Minen aus Erfahrung und
kannst uns dort helfen?«
    »Natürlich, Bob. Eben deshalb begleite ich euch ja.«
    Robert übersetzte die Worte des Negers, und auch Gottlieb freute sich, in
Mongo einen erfahrenen Menschen zur Seite zu haben. »Du gehst ja doch schon bald
wieder zurück, Robert«, sagte er.
    Der errötete. »Weshalb, du? Ich will mit dir in den Minen das Glück suchen«,
antwortete er.
    »Möchtest du es finden, Robert!« sagte Gottlieb einfach in seiner
bescheidenen Art. »Möchten wir alle Glück haben!«
    Mongo zog aus der Tasche ein grosses Paket Fleisch und Brot sowie eine
Korbflasche, die er den beiden jungen Gefährten hinreichte. »Auf die
Verwirklichung unserer Hoffnungen!« sagte er.
    Und alle drei tranken reihum.
    Der Eisenbahnzug hatte die Station Bandigo verlassen, und die Landschaft
wurde immer schöner. Wälder von Eichen und Buchen, manchmal auch von Tannen,
säumten die Strecke. Dann wieder ging es am Ufer eines blauen Sees entlang oder
durch eine weite Ebene.
    Roberts für alles Schöne so empfängliche Herz gab sich den unbekannten
Freuden der Fahrt vollständig hin. Während seine beiden Reisegefährten
Mittagsruhe hielten, beobachtete er die Landschaft ringsumher und liess sich
nicht die kleinsten Einzelheiten entgehen. Es war alles anders als zu Hause in
Deutschland, wo er zwar nur von Pinneberg nach Altona, also gerade zwanzig
Minuten gefahren war, wo er aber doch die Bahnanlagen häufig gesehen hatte.
Streckenwärterhäuschen gab es nicht, die Stationen waren manchmal nur hölzerne
Schuppen mit hochklingenden Namen, aber höchst ärmlicher Einrichtung.
»Waterloo-Hotel« oder »Vereinigte-Staaten-Hotel« las er mehr als einmal, beim
Aussteigen jedoch sah Robert nur einige Farbige, ein paar spuckende, Tabak
kauende und trinkende Yankees, und zu essen konnte man nur ein paar dürre
Butterbrote haben, hier Sandwiches genannt, dafür aber überall Branntwein, den
er nur ungern trank. Meistens bezahlte er das scharfe Getränk, um dann am
Brunnen seine Reiseflasche mit frischem Wasser zu füllen und den Fusel stehen zu
lassen.
    An einer kleinen, ganz am Ausgang eines Waldes liegenden Station sahen die
drei eine Menge Menschen stehen. Man sprach und gestikulierte lebhaft, eine
Gruppe von Frauen schien in grosser Unruhe, und verschiedene Männer fluchten in
allen möglichen Ausdrücken. Es musste irgendein aussergewöhnliches Ereignis
vorgefallen sein.
    Robert lief voran, ehe ihm noch Mongo und Gottlieb folgen konnten. Im
Augenblick interessierte ihn nur das, was dort passiert war.
    Aber seine Neugierde sollte wenig Befriedigung finden. Ein paar Kilometer
weit oberhalb der Station war ein Zug entgleist, die Schienen aufgewühlt und zum
Teil mit Trümmern bedeckt und der Verkehr für die nächsten Stunden unterbrochen.
Es blieb jetzt den Reisenden nur die Wahl, entweder bis zum folgenden Morgen in
einigen Holzschuppen und leeren Wagen ein Unterkommen zu suchen, oder aber mit
der Postkutsche die Fahrt fortzusetzen.
    Die drei sahen sich an, und Mongo erkannte sofort, worauf Robert
hinauswollte. »Hierbleiben!« neckte er, »hierbleiben, Bob. Nicht wahr, du hast
jetzt keine Lust, mit zwanzig anderen Passagieren bei Nacht und Nebel in der
engen Kutsche weiterzufahren? Brr, eine kalte Partie müsste das sein!«
    »Und gefährlich!« warf Gottlieb ein. »Es sollen hier sogar noch Büffelherden
vorkommen.«
    »Und wilde Raubtiere«, fügte der Neger mit besorgtem Gesicht hinzu, »und
blutdürstige Indianer!«
    Jetzt verstand Robert, was Mongo wollte, und die beiden lachten lustig.
»Komm nur ruhig mit«, versicherte der Schwarze dem erstaunten Gottlieb, »es wird
uns schon nichts kosten, höchstens etwas Zähneklappern. Aber in diesen luftigen
Holzställen wird es kaum angenehmer sein als dort«, fügte er hinzu.
    »Und ausserdem hätten wir eine ganze Nacht unnütz verloren«, warf Robert ein.
    Das half, den schüchternen jungen Menschen umzustimmen. Alle drei nahmen im
Postwagen Platz - Robert auf dem Bock beim Kutscher - und fort ging es mit einem
Gespann von sechs kräftigen Pferden in die mondhelle Nacht hinein.
    Am Wegesrand zeigten sich bald tief ausgetretene Spuren, die alle in einer
Richtung dahinliefen und die der Kutscher dem fragenden Robert als Büffelspuren
bezeichnete. »Wir werden sehr bald die Herden selbst sehen«, fügte er hinzu.
»Ist es das erstemal, dass Ihr die Steppe passiert, Sir?«
    Robert bejahte, und nun erzählte ihm der Kutscher, dem offenbar diese
Unterhaltung auf seinem einsamen Sitz sehr willkommen war, von den Tieren, die
in dieser Gegend vorkommen.
    »Die Büffel erkennt Ihr von selbst, Sir«, lächelte er, »aber seht Euch auch
einmal diese kleinen vierbeinigen Burschen an. Das sind Präriehunde.«
    Robert beugte sich vom Sitz herab und bemerkte mehrere kleine Tiere von
dunkelbrauner Farbe mit weissem Bauchfell. Sie gehören zum Geschlecht der
Hamster, wohnen in Erdlöchern und zeigen den Menschen gegenüber nicht die
geringste Scheu. Robert wandte sich voll Erstaunen zu dem gesprächigen Kutscher.
»Hunde nennt Ihr diese Tiere?« fragte er.
    Der Kutscher zuckte die Achseln. »Wish-Ton-Wish, sagen die Indianer, Sir.
Ich weiss nicht, wie der Vergleich mit Hunden entstanden ist.«
    Aber Robert hatte schon wieder eine neue Entdeckung gemacht. »Seht doch,«
rief er, »vor jedem dieser Erdlöcher sitzt eine kleine Eule!«
    »Well, Sir, die Tiere wohnen beieinander, und ausserdem auch noch
Klapperschlangen, gehörnte Eidechsen und Landschildkröten. Der Wish-Ton-Wish
baut die Höhle, und das andere Völkchen nimmt ungebeten Besitz davon; der
Wish-Ton-Wish schleppt die Wintervorräte zusammen, und die übrigen teilen sich
den Raub, - so geht es oftmals im Leben, Sir.«
    Robert seufzte heimlich. Aber hier war keine Gelegenheit, sich in Grübeleien
zu versenken. Auf jedem Schritt, bei jeder Drehung der Räder begegneten ihm neue
Wunder. Ein Tier mit schmutziggelbem, grauschillerndem und langhaarigem Fell,
etwas kleiner als ein gewöhnlicher Wolf, mager und mit falschen, feigen Augen,
umschlich die nächsten Büsche. Es blieb in scheuer Entfernung, obgleich es das
vorüberrasselnde Gefährt ständig beobachtete.
    »Wie heisst dieser widerwärtige Bursche?« fragte Robert.
    Der Kutscher schlug in der Richtung des wolfsartigen Tieres kräftig mit der
Peitsche durch die Luft, worauf der graue Schatten wie in den Boden hinein
verschwand. »Nicht wahr«, rief er grimmig, »das ist ein widerwärtiger
Hungerleider, ein falscher Patron! Sage Euch, Sir, es gibt mir immer einen Stich
durchs Herz, wenn ich solchen Burschen sehe. Vor einiger Zeit stürzte mir mitten
auf dem Wege das Handpferd und blieb mit gebrochenem Bein im Sande liegen. Na,
da musste ich es töten, Sir, um es zu erlösen, aber das Herz tat mir weh dabei,
kann ich Euch sagen. Hatte mit dem braven Bill schon seit dem Jahre 1865 diesen
Weg befahren, als noch der Indianerhäuptling Cut-Nose, die Schlitznase, mit
seiner braunen Horde die Gegend unsicher machte und alle Passagiere den
geladenen Revolver ständig in der Faust hielten. Aber gegen den Tod ist kein
Kraut gewachsen, Sir, - musste den alten Bill liegen lassen, hatte ja keine Zeit,
ihn zu begraben, und - sah nun alle Tage, wenn mich mein Weg vorüberführte, auf
seinem armen Körper die Coyotes sitzen und gierig das Fleisch von den Rippen
zerren, seitdem hasse ich die Bestien. Ein lebendiges Tier greifen sie nicht an,
aber Leichen sind selbst unter der Erde vor ihren Krallen nicht sicher. Sie
gleichen an Raubgier und Feigheit ganz den Hyänen.«
    Die Postkutsche hatte während dieser langen Erzählung ihren Weg weiter
verfolgt, der Coyote kam nicht wieder zum Vorschein, aber noch eine Menge
anderer Tiere bevölkerte die Nacht. Beutelratten trippelten durch das Gras,
Schwärme von Kibitzen und Raben segelten durch die Luft, hier und da zeigten
sich wunderschöne braune Antilopen, schlanke, rehäugige Geschöpfe, die jedoch
beim Herannahen der Kutsche sofort die Flucht ergriffen.
    Dazwischen lagen überall am Wege bleichende Tiergerippe, besonders von
Büffeln, deren Spuren jetzt auch immer deutlicher aus dem weichen Boden
hervortraten, bis zuletzt die riesigen schwarzbraunen Tiere erst vereinzelt und
dann immer zahlreicher auftauchten. Roberts Herz schlug schneller. Wieviel
Merkwürdiges, wieviel Schönes sah er in dieser Nacht! -
    »Wisst Ihr, Sir«, begann nach einer Pause der Amerikaner, »ich fahre nun seit
sechs Jahren und länger täglich durch diese Gegend, aber jedesmal erscheint sie
mir neu. Das macht das Grossartige, glaube ich, das Wilde, Ursprüngliche. Wenn
Meilensteine am Wege ständen und Strassengräben und Wirtshäuser da wären, dann
käme auch gewiss bald die Langeweile, so aber ist alles das in jeder Stunde neu
und doch wie ein lieber alter Bekannter, den man freudig begrüsst, wenn er zur
Tür hereintritt. Und glaubt Ihr wohl, Sir, dass diese Gegend ihren Dichter hatte?
- Ich habe ihn selbst gekannt, damals zu Schlitznases Zeiten. Er hat die Fahrt
mit mir und dem alten Bill, den die Coyotes frassen, oft gemacht; - wollt Ihr
einmal hören, was er schrieb, da auf Euren Sitz und auf den Einband eines
Buches, das er bei sich trug? Mir hat er's zuerst vorgelesen, nachher aber ist
es gedruckt worden.«
    Und der Amerikaner, ganz erfüllt von seiner Sache, begann in wenig
künstlerischer, aber begeisterter Weise ein einfaches Lied zu singen, das in
treffenden Bildern das Leben in den Wäldern und Prärien des Landes schilderte.
    Mit einem lustigen Peitschenknall, der das Sechsgespann zu erhöhter Eile
antrieb, schloss der brave Postillion die letzte Strophe des Gedichtes, das auf
seinem Kutschbock geschrieben worden war und das er sicherlich schon vielen
Reisenden vorgetragen hatte. »Seht nur,« rief er, »da sind auch die
Büffelherden.«
    Und wirklich war die Postkutsche jetzt mitten auf dem Weideplatz. Von allen
Seiten stürmten in brausendem Galopp die Tiere heran, ihre Hufe dröhnten auf dem
Grasboden, ihre Nüstern stiessen schnaubend den Atem aus, ihre kurzen Hörner
wühlten die Erde auf. Dicht hinter dem plumpen, unförmigen Hals erhob sich ein
buschiger Höcker, während der Vorderkörper mit der gewaltigen Brust und dem
dicken Kopf zum Hinterteil in keinem richtigen Verhältnis zu stehen schien. Der
gewaltige Rumpf und die schlanken, fast zierlichen Beine, die feurigen Augen und
der grosse, hässliche Kopf passten durchaus nicht zueinander.
    Robert bemerkte jedoch, dass die schwerfälligen Tiere schneller als ein Pferd
laufen konnten, besonders aber, dass sie eine wahrhaft riesige Körperkraft
besassen. Der Kutscher sagte auch, dass die Büffel zur Landwirtschaft nicht
verwendet werden könnten, weil ihre Wildheit und völlig unberechenbare Kraft
nicht zu zügeln sei. Ihnen ist kein Zaun zu stark, kein Graben zu breit und kein
Fuhrwerk zu schwer, sie überrennen alles.
    Jetzt befand sich die Kutsche mitten in der unübersehbaren Masse der auf
ihrer grossen Herbstwanderung begriffenen Tiere. Manchmal musste im Schritt
gefahren, manchmal gehalten werden, so dicht umdrängten die Büffel das Gespann
und die Kutsche. Mit lang heraushängender Zunge, vorgestrecktem Hals und krummem
Buckel rannten die braunen Riesen scheu an dem Postwagen vorüber, während die
jüngeren Kälber neugierig herankamen, jedoch von ihren Müttern sofort wieder zur
Herde zurückgedrängt wurden. Etwa zwei Stunden lang fuhr der Wagen durch die
endlosen Massen der Tiere, dann erst war die Ebene wieder frei. Robert atmete
auf, als die Kutsche wieder schneller vorwärtskam. So wenig er sich gefürchtet
hatte, die Nähe der riesigen Büffelherde war doch fast erdrückend gewesen.
    Dann aber fiel es ihm ein, sich nach seinen Gefährten umzusehen. Das Innere
des Wagens war von einer Hängelampe trübselig erleuchtet, so dass er in den
Reihen der Sitzenden auch Mongo und Gottlieb leicht erkennen konnte. Der Neger
schlief den Schlaf des Gerechten, wobei sich sein Kopf vertraulich gegen
Gottliebs Schulter gelehnt hatte. Der dagegen wachte! Seine blauen, gutmütigen
Augen sahen angstvoll aus dem gegenüberliegenden Fenster, während die rechte
Hand den geladenen Revolver schussfertig hielt. Der schüchterne junge Mann wagte
es offenbar nicht, sich auf seinem Platz zu bewegen, sondern sass steif wie eine
hölzerne Puppe, während er ab und zu, wenn der Wagen besonders hart aufstiess,
die Rechte mit dem Revolver vorsichtig hob, um Mongos herabgleitenden Kopf ein
wenig wieder aufzurichten.
    Robert lachte in sich hinein. Das Bild war urkomisch, obwohl es etwas
rührend wirkte. Gottlieb dachte ja nie an sich, sondern immer nur an andere, er
ertrug das Unvermeidliche mit Haltung und war frei von aller Selbstsucht, das
machte ihn so liebenswert.
    Robert wandte sich ab, als habe er sich auf etwas Unrechtem ertappt. Ob er
jemals so gut, so anspruchslos werden würde wie Gottlieb? -
    Er knüpfte das Gespräch mit dem Kutscher wieder an, und beide unterhielten
sich, bis es gegen Morgen etwas kälter wurde und an den Wolkenrändern die ersten
lichten Streifen erschienen. Der Postillion reichte seinem jungen Begleiter eine
Büffeldecke, in die er sich vollständig einhüllte.
    »Es gibt heute noch Regen«, sagte er. »Ihr hättet Euch besser mit Decken
versorgen sollen, Sir.«
    Robert lächelte. »Ein Seemann fürchtet die Nässe nicht«, antwortete er.
»Aber weshalb meint Ihr, dass wir bei diesem herrlichen Wetter Regen zu
befürchten hätten?«
    Der Kutscher deutete mit dem Peitschenstiel auf einen rötlichen Schimmer am
östlichen Horizont. »Wisst Ihr nicht, dass diese dunkle Färbung einen nassen Tag
ankündigt?« fragte er. »Hat Euch Eure Mutter nie gesagt, dass das Morgenrot
Wasser in den Brunnen trägt?«
    Robert nickte. »Doch«, antwortete er, »ich kenne das Sprichwort, aber ich
habe nie so recht daran geglaubt.«
    »Seid Ihr aber ein Starrkopf!« lachte der Kutscher. - »Aber da hinten liegt
auch schon die Station«, fügte er hinzu, »und wenn mich nicht alles trügt, so
wird in einer kleinen halben Stunde der Zug von dort abgehen.«
    Er bog über eine Lichtung und lenkte in eine holprige Strasse ein, an deren
Seiten einige hölzerne Häuser die »Stadt« andeuteten. Vor dem Bahnhofsgebäude
hielt er endlich. Die Fahrt hatte vierzehn Stunden gedauert.
    Robert kletterte vom Bock und öffnete die Tür des Wagens. »Hallo«, rief er,
»habt ihr endlich ausgeschlafen, ihr beiden?«
    Gottlieb sah ihn an wie einen, der aus unmittelbarer Todesgefahr noch
glücklich gerettet wurde. »Ich habe mich um dich so sehr geängstigt«, sagte er.
»Wenn nun die entsetzlichen Tiere den Wagen angegriffen hätten?«
    Robert lachte. »Dann wärest du ja nicht besser geschützt gewesen als ich«,
antwortete er.
    Gottlieb errötete. »Wenn auch, aber - ach, es ist doch schrecklich, dieses
Leben in ständiger Gefahr.«
    Und seufzend kletterte er aus der Tür. »Lasst uns ins Haus gehen«, bat er,
»Mongo erwacht schon.«
    Der Neger hatte die ganze Zeit geschlafen, hatte nichts gesehen und gehört,
sondern von Afrika geträumt, und dass er den Königstron von Dahomei wieder
besteigen sollte.
    »Du«, sagte er, »Bob, ich könnte es doch nicht mehr!«
    »Was denn, Alter?«
    »Ach so, du hast es nicht miterlebt, obgleich ich dich immer an meiner Seite
sah, das vergass ich. Aber komm nur herein, mein Junge, damit wir einen tüchtigen
Schluck Whisky bekommen. Mir träumte, ich sei im Königspalast von Dahomei, und
man reichte mir Blut aus einem Menschenschädel, - brr! - das war grässlich.«
    Alle drei verliessen die offene Strasse und betraten das Brettergebäude, wo
wieder gegen teure Preise nur Branntwein und einige magere Sandwiches zu haben
waren. Aber wer Hunger hat, nimmt mit allem vorlieb; der Wirt konnte kaum soviel
herbeischaffen, wie von der durchfrorenen, zusammengerüttelten Reisegesellschaft
verlangt wurde, und lange nicht alle Passagiere waren satt, als der schrille
Pfiff der Lokomotive zum Einsteigen mahnte. »Vorwärts!« rief Robert, »noch zwei
Tage und eine Nacht, dann ist unser Ziel erreicht.«
    »Dann suchen wir Gold!« fügte Gottlieb mit glänzenden Augen hinzu. »Robert,
was würdest du tun, wenn dir ein tüchtiger Gewinn in den Schoss fiele?«
    »Dann baue ich dir in Pinneberg das abgebrannte Haus deiner Eltern wieder
auf,« rief der junge Matrose. »Alles soll so schön werden wie früher, und du
müsstest glauben, dass die ganze Zwischenzeit ein böser Traum gewesen sei.«
    Gottlieb drückte stumm die Hand seines Freundes. »Und du, Mongo?« fragte er
nach einer längeren Pause, »was tätest du?«
    Der Neger schüttelte den Kopf. »Ich habe einen Sohn«, sagte er, »und wenn
die Summe nur klein wäre, so müsste sie für ihn sein, - fände ich jedoch Schätze,
dann sollten sie meinen armen Unglücksbrüdern zugute kommen, dann würde ich in
Afrika Schulen errichten und das Volk frei machen. Dahomei müsste ein zweites
Liberia werden.«
    Gottlieb legte die Hand über die Augen und blieb lange stumm. »Lasst's gut
sein«, brachte er endlich hervor. »Wenn uns Gott nur so viel schenkt, dass wir
unser täglich Brot haben und ein paar Taler zurücklegen können.«
    Und der Eisenbahnzug donnerte über Berg und Tal. Die Herbstluft wehte
spielend gelbe Blätter in den Wagen, und die Herzen der Reisenden schlugen
schneller mit jeder Station, die hinter ihnen zurückblieb.
    Nur ein Gedanke erfüllte alle: »Gold!«
 
                                  In den Minen
Eine Minenstadt in den Golddistrikten von Kalifornien ist etwas so ganz anderes,
als sonst ein Ort oder überhaupt ein Wohnsitz zivilisierter Menschen, dass für
das Verständnis des folgenden erst einige Erklärungen notwendig sind.
    Nicht um zu bleiben und für ihre Familien eine Heimat zu gründen, kommen die
Menschen hierher, nicht um den Boden urbar zu machen und zu bebauen, arbeiten
sie, sondern nur um der Erde ihre Schätze zu entreissen und auf der Suche nach
neuem Gewinn immer weiterzuziehen. Man wagt und hofft, anstatt zu wissen, man
wandert, anstatt zu wohnen, man setzt alles auf eine Karte und spart seine
Kräfte nicht, um sein Glück zu finden.
    Nach diesem Grundsatz gestaltet sich hier das äussere Leben. Ein paar Bretter
werden notdürftig zu einem Haus zusammengeschlagen, das unentbehrliche Gerät aus
Blech und Eisen hineingebracht, ein Bett aus Wolldecken auf dem Fussboden
hergerichtet und zum Selbstschutz gegen Diebe die erforderlichen Massnahmen
getroffen, - dann ist das Heim des Goldsuchers fertig. Seine Familie hat er
meist in der nächstgelegenen Stadt zurückgelassen, seine Gesundheit darf er
nicht schonen, sein Leben muss er stündlich aufs Spiel setzen, aber - wenn ihm
das Glück günstig ist, so kann er nach kurzer Zeit in die zivilisierte Welt
zurückkehren und als gemachter Mann künftig sein Leben geniessen.
    Das Ziel lockt Tausende an; wo einer erliegt, da treten zehn andere an seine
Stelle, wo einer einen reichen Fund gemacht hat, da folgen ihm Unzählige, um das
gleiche Glück zu finden, aber dennoch gelingt es im allgemeinen nur wenigen, mit
leichter Mühe zu einem beträchtlichen Vermögen zu kommen.
    Die Strassen einer solchen Goldstadt sind keineswegs planmässig angelegt,
gepflastert oder sogar beleuchtet, es gibt keine Bürgersteige und keinen
Polizeischutz. Davon findet man keine Spur. Zwei tiefe Gräben von etwa
andertalb Meter Breite durchziehen in ihrer ganzen Länge die Strasse, und die
Erdwälle zu beiden Seiten dienen als Fussweg. An starkbelebten und daher
plattgetretenen Stellen läuft der Verkehr so ziemlich, wo aber nach der Laune
irgendeines Miners ein Quergang etwa bis vor die Tür des nächsten Hauses
angelegt worden ist, wo der Regen sich zum Tümpel angesammelt oder die gehäufte
Erde einen Hügel gebildet hat, da hört einfach die Verbindung auf, und wer
hinüber will, der muss selbst sehen, wie er es am besten anstellt.
    Der Miner bezahlt für jeden Liter Wasser, den er für seine Arbeit braucht,
zwischen zwanzig bis fünfzig Cent, er hat das Recht, überall nach Gold zu
suchen, aber er läuft Gefahr, vielleicht umsonst zu graben und umsonst sein
kleines Betriebskapital verschwendet zu haben - alle diese Dinge machen ihn
rücksichtslos und hart; er verfolgt die gelben Körner, und wäre es bis unter das
einstürzende Haus des nächsten Nachbarn, er kümmert sich um keinen, und keiner
kümmert sich um ihn.
    Als Schutz gegen die zahllosen rohen und gesetzlosen Menschen, die sich in
den Golddistrikten sammeln, hat jeder nur die Kraft seiner Fäuste, die
Sicherheit seiner Augen. Der Amerikaner ist durchweg »self-made-man«, er hat
sich durch eigene Kraft emporgearbeitet und braucht die Waffe ohne lange zu
zögern.
    Das alles ist Grundbedingung, ist die alleinige Existenzmöglichkeit in den
Minenstädten, wo sich der Auswurf aller Länder sammelt. Das Leben macht den
einzelnen Menschen roh, es stumpft die edleren Eigenschaften seines Charakters
ab und lässt von dem, was er vielleicht früher in besseren Verhältnissen gewesen
war, wenig oder nichts mehr übrig.
    Wo der Revolver im Gürtel steckt und das Messer ebenso zum Brotschneiden wie
zum Selbstschutz verwendet wird, da hört der Begriff »Gemütlichkeit« vollständig
auf, da stockt sozusagen das innere geistige Leben, und nur das »Soll und Haben«
scheint noch einer wirklichen Beachtung wert.
    Die Minenstädte und ihre Bewohner bilden eben Ausnahmen, bei denen kein
Massstab des gewöhnlichen, täglichen Lebens angelegt werden kann.
    Auch die drei Freunde hatten eine schwere Zeit, bis sie sich einigermassen an
den rauhen Ton von Lenchi, so hiess die Minenstadt, gewöhnen konnten. Der Ort lag
fast völlig in der Wildnis, er war von der letzten Eisenbahnstation aus nur auf
Maultieren oder Eseln in mehreren Tagen erreichbar und stellte kaum den ersten
Anfang einer bewohnten Kolonie dar. In Idaho, dem ursprünglichen Ziel ihrer
Reise, hatte man den Goldsuchern gesagt, dass in Lenchi bedeutend bessere
Aussichten beständen, weshalb sie unter Aufopferung der letzten baren Mittel die
lange Maultierreise unternahmen und erst nach weiteren sechs Tagen an ihrem
Bestimmungsort anlangten.
    Robert war so ziemlich in seinem Element, aber der arme Gottlieb litt wie
ein Märtyrer. Während der ersten Nacht wanderte er ruhelos wie ein irrendes
Gespenst durch das hölzerne Haus, in dem sie Quartier genommen hatten, jeden
Augenblick vor Schreck zusammenfahrend, jeden Augenblick darauf gefasst, dass der
Sturm, der über die Wälder dahinfegte und sogar durch die zahllosen Spalten der
Bretterwände bis in das Haus hineinfuhr, den ganzen luftigen Bau mit sich
forttragen und zerschellen werde.
    Fast wie der berüchtigte texanische »Norter« brauste dieser Sturm unter
klagendem, langanhaltendem Heulen durch die Wälder, entwurzelte die uralten
Baumriesen und peitschte die Wellen der kleinen Flüsse, dass sie rings ihre Ufer
weit überfluteten. Am Himmel ballten sich schwarze Wolken, donnernd und ächzend
zerrissen Windstösse die Luft, prasselnd fiel der eisige Regen auf das
Schindeldach.
    Erst einzeln, dann immer häufiger und stärker drangen die Tropfen bis in das
Innere des Holzverschlages, der den drei Freunden als Schlafraum diente.
Gottlieb, den die Angst nicht zur Ruhe kommen liess, flüchtete mit seinen Decken
in einen anderen Winkel, aber auch hier kamen die plätschernden Fluten nach, und
in stiller Verzweiflung setzte er sich endlich auf den Tisch - schlafen konnte
er ja doch nicht.
    Robert und Mongo waren ganz anders als er. Sie hatten ihn ausgelacht, als er
von seinen Befürchtungen sprach, und schliefen jetzt ungestört weiter, obgleich
der rücksichtslose Regen an ihren Kleidern herabrieselte und von oben in ihre
Stiefel eindrang. Gottlieb sass regungslos auf dem weissen, grobgezimmerten Tisch.
Seine Gedanken wanderten zu dem abgebrannten kleinen Krämerhaus seiner Eltern;
von Zeit zu Zeit wischte er die Tränen aus den Augen, obwohl kein Laut verriet,
dass er sich zum Sterben unglücklich fühlte.
    Nur wenn im Wald ein Coyote sein wildes Geheul erschallen liess, wenn ein
Raubvogel kreischend über das Dach flog oder ein gehetztes Tier flüchtig an der
dünnen Wand vorbeihuschte, fuhr er jählings auf, um zu horchen. Der Schweiss
brach ihm aus, der Atem stockte, die Hände hoben sich abwehrend, bis wieder
alles in die frühere Stille zurücksank und er den Faden seiner Gedanken fast
unbewusst fortspinnen konnte.
    Die beiden andern schliefen, Robert nahm, wie wir wissen, die Dinge nie von
der schweren Seite, und Mongo war zu sehr an die Wechselfälle des Lebens
gewöhnt, als dass ihn irgend etwas hätte um seine Nachtruhe bringen können. Erst
gegen Abend hatte man den Ort erreicht, mit genauer Not ein Unterkommen gefunden
und im allgemeinen von den Goldgräbern nur Klagen gehört - man musste sich also
stärken, um morgen den Kampf mit einer fremden Welt festen Fusses aufnehmen zu
können, und dazu gehört vor allen Dingen ein ruhiger Schlaf.
    Soviel Lärm und Toben die Hütte auch umgab, es störte niemand ausser dem
armen Gottlieb, der sich an diese halbwilden Verhältnisse durchaus nicht
gewöhnen konnte und dessen Einbildungskraft dauernd damit beschäftigt war, neue
Schreckensbilder heraufzubeschwören. Bald glaubte er draussen das Schnaufen eines
Bären deutlich zu unterscheiden, bald dachte er an einen Büffelzug, der sich
natürlich gerade über diese Hütte dahinwälzen würde, und ein anderes Mal glaubte
er sogar zu fühlen, wie der Sturm die Wände bog. Es waren Höllenqualen, die er
während dieser ersten Nacht im Goldlande ausstehen musste.
    Und als der neue Tag anbrach, begannen die Schwierigkeiten. Es mussten
Gummistiefel zu höchsten Preisen auf Kredit gekauft werden, ebenso Hacke und
Schaufel. Der einzige Händler am Ort berechnete die unverschämtesten Preise,
aber die drei Freunde konnten froh sein, dass er ihnen überhaupt die Bezahlung
stundete; sie wären ohne ihn vollständig ausserstande gewesen, irgendeine Arbeit
zu beginnen.
    Das Wasser kostete hier in Lenchi kein Geld, aber dafür gab es auch nur
einen wilden Gebirgsbach, dessen herabstürzende Arme die Goldwäscher ihren
Gängen zuleiteten und so ihrer Arbeit dienstbar machten. Die Freunde konnten
jetzt wählen, ob es ihnen vorteilhafter schien, selbst eine Mine anzulegen,
vielleicht zufällig an ganz goldarmer Stelle, oder ob sie in dem schon als
metallhaltig erkannten Gang eines früheren Besitzers die Erlaubnis zum Graben
bezahlen wollten. Der Händler lieh auch Gelder gegen hundert Prozent Zinsen - er
bot sogar Summen unaufgefordert an.
    »Wir nehmen es!« rief Robert. »Zu verlieren haben wir nichts, kann es uns
also schaden? Dass wir mittellos sind, weiss der Mann ja, er handelt also
freiwillig und darf sich später nicht beklagen.«
    »Wir nehmen das Geld«, meinte auch Mongo, »und legen dann unsere eigene Mine
an. Wenn der Schelm nicht wüsste, dass hier das Geld nur aufgehoben zu werden
braucht, so würde er uns keinen Cent borgen, darauf verlasst euch.«
    Robert nickte. »Ganz meine Meinung«, fügte er hinzu.
    Gottlieb allein schüttelte den Kopf. »Die schweren Zinsen können wir nicht
tragen«, erwiderte er. »Man sollte lieber den Betrüger anzeigen.«
    Mongo lachte lustig. »Wo denn?« fragte er. »Etwa bei den Tieren im Walde,
oder bei den Goldwäschern, die er vermutlich alle in seinen Klauen hält?«
    Gottliebs kaufmännisches Gewissen empörte sich immer mehr. »Solche
Blutsauger«, sagte er heftig, »solche Halsabschneider. Es ist eine Schande, mit
ihnen zu verkehren. Wenn ich dem Händler hundert Prozent verspreche, so stehle
ich dies Geld meinen Eltern.«
    Robert zuckte die Achseln. »Tust du es nicht, Gottlieb, so wirst du
vielleicht nie imstande sein, ihnen einen einzigen Taler zu geben. Was ist nun
schlimmer?«
    »Ihr seid also entschlossen?« fragte Gottlieb.
    »Wir müssen, Kind«, nickte der Neger.
    Und noch am selben Tage wurde der Handel abgeschlossen. Zähneknirschend
unterschrieb Gottlieb den Wechsel, der ihn verpflichtete, nach drei Monaten die
Summe von einhundert Dollar an Samuel Ekiwa zurückzuzahlen, wofür ihm die Hälfte
dieses Geldes bar ausgezahlt wurde. Robert und Mongo schlossen denselben
Vertrag. Dann pachteten sie von einem Minenbesitzer das Recht auf bestimmte
Strecken der Rinne, und die Arbeit begann.
    Robert, als der Kräftigste und Entschlossenste, lockerte die Erde mit der
Hacke, Mongo suchte die Steine heraus, und Gottlieb schüttelte die nasse Erde
durch das Sieb, einem Holzrahmen mit darübergespanntem Wolltuch, in dem sich die
Goldkörner festsetzten.
    Er jubelte laut, als Samuel Ekiwa den Ertrag des ersten Arbeitstages auf
zwanzig Dollar abschätzte. Das ergab über sechs Dollar für jeden, während doch
die täglichen Ausgaben für Lebensmittel nach seiner Meinung höchsten fünfzehn
Groschen deutschen Geldes betrugen. »Ich jedenfalls kann damit gut auskommen«,
versicherte er, »und wenn - -«
    Das spöttische Grinsen des Händlers unterbrach den angefangenen Satz. »Sie
essen doch im Store (Gastaus), nicht wahr, Sir?« fragte Ekiwa.
    Gottlieb bejahte. »Ein Glas Bier und Brot zum Frühstück«, erwiderte er,
schon Schlimmes ahnend, »dann ein Mittagessen, Kaffee, und am Abend Tee mit
Brot. Das kann höchstens fünfzehn Groschen kosten.«
    Der Händler zog seine Schultern bis an die Ohren empor. »Ich werde Ihnen die
Preise in den Minenstädten nennen«, antwortete er mit halbgeschlossenen Augen,
während er an den Fingern zählte. »Da ist das Glas Bier von heute morgen mit
einem Vierteldollar, da ist -«
    »Um Gottes willen!« unterbrach ihn Gottlieb schreckensbleich, »was sagen
Sie? Das kleine Glas Bier sollte -«
    »Einen Vierteldollar kosten, ja«, ergänzte Ekiwa. »Das Brot mit Butter einen
halben Dollar, das Mittagessen drei Dollar, das -«
    »Um Gottes willen, ist man denn einer Räuberbande in die Hände gefallen?«
    »Das Bier und Brot wie am Morgen«, fuhr der Händler fort »der Kaffee
ausserdem einen halben Dollar. Was wollen Sie, Sir, man muss alle diese Dinge
übermässig teuer kaufen, man zahlt für die Fracht allein schon fünfzehn Cent Gold
für das Pfund, und zwar auf eine Entfernung von vierhundert Meilen. Das
berechtigt den Verkäufer, seinen Verdienst ebenso hoch anzusetzen.«
    Gottlieb rechnete im Stillen. Also vier Dollar Zeche für einen Tag, an dem
er keine Zigarre geraucht, kein Stück Käse zum Brot gegessen, keinen Schluck
Branntwein getrunken hatte. Vier Dollar! Was blieb ihm von seinen sechs, die er
im Geiste schon als ungeheuren Reichtum angesehen hatte, wenn nun auch noch die
Kosten für Wohnung, Wäsche und Schuhzeug hinzukamen?
    »Wie ist es denn mit der Miete?« fragte er ganz ratlos. »Was kostet hier ein
Paar neue Stiefel?«
    Der Händler zuckte die Achseln. »Miete ist wenig«, erwiderte er, »damit lässt
sich kein Geschäft machen, weil jeder vernünftige Mensch sein Haus selber baut.
Stiefel kosten fünfundzwanzig Dollar, Strümpfe einen Dollar.«
    »Herr des Himmels, das ist unerhört«, ächzte Gottlieb.
    Hier mischte sich Robert in das Gespräch. »Ein Haus sollten wir uns bauen,
Sir?«, fragte er. »Darf man denn das hinstellen, wo es einem gefällt?«
    Ekiwa nickte. »Hier in Lenchi, ja«, sagte er. »Das Land gehört der
Regierung, das Holz liefert der Wald, und das Gerät borgt man. Nur die Nägel
müssen Sie von mir kaufen.«
    Gottlieb sah auf. »Zu welchem Preis, Sir?«
    »Das Stück für einen Vierteldollar, mein junger Freund.«
    »Mein Gott. Der Nagel zu acht Pfennig ist in Deutschland der teuerste.«
    Der Händler zog ein verdriessliches Gesicht. »Warum sind Sie nicht dort
geblieben, wo alles so viel besser und billiger ist als hier?« fragte er.
    »Lassen Sie uns die Rechnung abschliessen, Sir«, drängte Robert. »Vier Dollar
braucht man am Tag, um sich satt zu essen, einen fünften für Wohnung und
sonstige Kleinigkeiten - also behalten Sie den Überschuss zur langsamen Tilgung
unseres Wechsels. Aller Anfang ist schwer, das müssen wir bedenken, ehe wir uns
über die ungünstigen Verhältnisse beklagen.«
    Ekiwa nickte lebhaften Beifall. »Very well!« rief er, »Very well, Sir! Seid
gerade der Mann, wie ihn Amerika braucht. Habt Kopf und Fäuste auf der rechten
Stelle. Müsst euch nächsten Sonntag, wenn nicht gegraben wird, ein Haus bauen,
ein paar Decken kaufen und euch Stühle und einen Tisch zimmern. Umgebrochene
Baumstämme findet ihr überall.«
    Die beiden andern wandten nichts ein, und so wurde der Handel zum Abschluss
gebracht. Während der ganzen Woche arbeiteten die drei Freunde vom Morgen bis
zum Abend, ohne jedoch mehr als zwischen achtzehn und vierundzwanzig Dollar zu
verdienen. Sie konnten also noch nichts zurücklegen und mussten sogar die für den
Hausbau erforderlichen Nägel auf Kredit kaufen. Robert aber behielt seinen
unzerstörbaren Mut. Er freute sich wie ein Kind auf den Sonntag, wo der Hausbau
beginnen sollte, und war glücklich, als er mit Mongo hinauszog in den Wald, um
Pfähle und Balken zu schneiden.
    Gottlieb musste unterdessen den Bauplatz von Gras und Buschwerk reinigen, das
Gerät borgen und die Beschläge für Fenster und Türen kaufen. »Wir können ihn
hier doch nicht brauchen«, hatte Mongo gesagt. »Jeden dürren Ast würde er für
eine Klapperschlange halten und jeden Hund für einen heranschleichenden Wolf.«
    Und die beiden zogen los. Der Herbst färbte das Laub in gelben und roten
Schattierungen, die meisten Blumen waren verblüht, das Moos am Boden zeigte das
tiefdunkle Grün, das dem Verdorren vorangeht, und der Wind wehte schon
empfindlich kühl von den Felsengipfeln herab. Aber diese Zeit ist eine der
schönsten des ganzen Jahres. Die Sonne vergoldet eine Farbenpracht, wie sie der
Frühling nicht aufzuweisen hat, ihre Strahlen erwärmen, ohne zu brennen, ihr
Licht fällt gleichsam halbverschleiert aus weissem Gewölk herab, und die Luft ist
erfüllt von würzigem Tannenduft.
    Mongo und Robert folgten dem Lauf eines der kleinen Flüsse, von denen das
Goldland wie von einem vielarmigen Netz durchzogen ist. Alles war still wie in
einem weiten Dom, nur ab und zu schoss irgendein Tier durch das Gebüsch oder
schallte der Kriegsruf des Falken durch die Luft. Am Ufer blühte noch das
Vergissmeinnicht; die Vogelbeere neigte ihre reifen Früchte an schwankenden
Zweigen über das Wasser herab, und hohes Schilf füllte die Buchten. An einer
Stelle war eine uralte, der Länge nach vom Blitz gespaltene Eiche quer über das
Flüsschen gefallen und bildete eine Brücke, auf der Robert mit Vergnügen
herüberbalancierte.
    »Erst ein Bad, Mongo«, sagte er, »ich kann nicht widerstehen.«
    »So spring hinein, junger Spitzbube, ich werde unterdessen ein paar Bäume
aussuchen, die wir als Eckpfähle brauchen können.«
    Und Mongo begann einige besonders schlanke Tannen für seinen Zweck
auszuwählen, dann nahm er die Axt von der Schulter und hieb tapfer hinein. »Du«,
sagte er, »das Brettersägen bleibt uns erspart. Der Wirt aus dem Store will uns
mehrere alte Packkisten billig überlassen, damit können wir die Wände
beschlagen. Schindeln für das Dach sind uns zu teuer, wir nehmen Bretter und
decken Erde darüber.«
    »Brr!« rief Robert. »Ich kenne das von meiner Robinsoninsel her. Beim
nächsten Regen träufelt dir der Schlamm ins Gesicht.«
    »Gut, dann müssen wir eben auf die Jagd gehen, um uns Felle zu verschaffen.
Das blosse geteerte Segeltuch, wie es die meisten Hütten haben, wird sehr bald zu
kalt sein.«
    Robert sprang ans Ufer und liess sich von den Sonnenstrahlen trocknen. »Ja,
der Winter«, sagte er nachdenklich. »Wenn uns nun die Quelle, mit deren Wasser
wir arbeiten, zufrieren sollte, Mongo, was dann?«
    »Dann schlagen wir dem Händler ein Schnippchen und werden Trapper.«
    Robert sah den Neger ratlos an. »Trapper, Mongo, was ist das?«
    »Ein wandernder Jäger, Bob. Diese Männer wohnen nirgends, aber sie haben
überall Freunde, selbst unter den Indianern, sie kennen die Wildnis wie ihre
eigene Tasche und besitzen in Höhlen oder sonstigen Verstecken Niederlagen, wo
sie ihre erjagten Pelze und Felle aufbewahren, bis sie im Herbst und Frühling
nach der nächsten Station geschafft und an reisende Händler verkauft werden. Für
das Geld kauft sich der Trapper Waffen, Schiessbedarf, lederne Kleider und
Stiefel. Sein Dach ist der blaue Himmel, sein Bett das Moos des Waldes, seine
Nahrung die erlegten Tiere.«
    Robert hatte sich während der Worte des Negers wieder angezogen und hieb
jetzt mit wuchtigen Streichen gegen den zweiten Baum. »Hast du solche Trapper
kennengelernt, Mongo?« fragte er.
    »Oh, mehr als einen, Bob, aber es ist schon länger her. Es sind meistens
verwegene Kerle, die Gott und den Teufel nicht fürchten, häufig auch Verbrecher,
die sich in die Wälder flüchteten, um dort unter angenommenem Namen ihrer Strafe
zu entgehen. Natürlich gibt es auch ehrliche Leute darunter.«
    Robert seufzte. »Ich möchte es nicht«, antwortete er nach längerer Pause.
»Mongo, wie ich mich nach dem Wasser sehne, davon machst du dir keinen Begriff!«
    »Jetzt schon? Das musst du um Gottliebs willen bekämpfen, Bob. Was sollte
denn ohne uns aus dem armen Jungen werden.«
    Robert lächelte. »Ja, ja, Mongo, ich weiss es und will auch geduldig
aushalten. Nur darf ich kein Wasser sehen, das macht mich jedesmal ganz
traurig.«
    Mongo hatte keine Zeit, den letzten Satz zu beantworten. Der Baum, an dem er
arbeitete, neigte sich und musste, bevor er fiel, gestützt werden, um nicht mit
der Krone in den benachbarten Zweigen hängen zu bleiben. Beide Männer strengten
ihre Kräfte bis zum äussersten an, und bald darauf lag der erste Pfeiler des
künftigen Hauses zu ihren Füssen. Ehe eine Stunde verging, folgte der zweite, die
Äste und Kronen wurden abgehauen, die Stämme zusammengebunden, und dann setzten
sich Mongo und Robert auf die gestürzte Eiche, um erst einmal zu frühstücken.
Das Brot ohne Butter und das dünne Bier schmeckten nach getaner Arbeit
vortrefflich, die Unterhaltung drehte sich um ihre Hoffnungen und Aussichten,
und für das Vergnügen sorgten die Vögel, die vertraulich näherkamen, um vor den
Füssen der beiden Goldsucher die herabgefallenen Brotkrumen vom Boden
aufzupicken.
    Aus den nächsten Zweigen lugte ein Eichkätzchen hervor, Frösche quakten im
Uferschilf, und hier und da glitt eine Schlange durch das Moos.
    Robert beobachtete alles. »Ob hier wohl noch ein Überfall wilder Tiere
möglich wäre?« fragte er. »Und ob es giftige Schlangen gibt?«
    Mongo schüttelte den Kopf. »Vielleicht während der Nacht«, erwiderte er,
»oder einige fünfzig Meilen hinter den letzten Minen. An giftigen Schlangen gibt
es nur - aber selten - die Klapperschlange. Wir haben, glaube ich, durchaus
nichts zu befürchten und sind ja ausserdem bis an die Zähne bewaffnet. Gewehr,
Revolver, Dolchmesser - das sollte wirklich genügen, selbst wenn uns ein Wolf
oder ein Bär die Ehre erweisen sollte. Du streckst ja übrigens diese Sorte mit
der blossen Faust nieder, junger Spitzbube.«
    Robert lachte. »Nicht übertreiben, Mongo«, erwiderte er. »Der ausgehungerte
Wolf verlor auf dem haarscharfen Felsgrat durch meinen Faustschlag das
Gleichgewicht und stürzte ab, das ist alles.«
    »Ja, ja«, nickte der Neger, »ich weiss schon - mich liessest du dein Blut
trinken, du guter Kerl. Das bin ich dir immer noch schuldig.«
    »Unsinn! Hattest du mich nicht aus dem Wasser herausgefischt? Und übrigens,
muss das unbedingt auf Gegenseitigkeit beruhen?«
    Mongo bot ihm den Rest aus der Bierflasche. »Auf gegenseitiger Freundschaft
und Treue, ja!« erwiderte er freundlich.
    In diesem Augenblick tönte ganz aus weiter Ferne ein Hilferuf. Es klang, als
wenn jemand in Todesnot seine letzten Kräfte zusammennahm und mit versagender
Stimme einen einzigen Namen hervorstiess: »Robert! - Robert!«
    Die beiden Freunde sprangen wie elektrisiert von ihren Sitzen auf. Einer sah
den andern an. »Was war das?«
    Und wieder hörte man: »Robert! - Mongo! -«
    »Du, man ruft uns.«
    »Das ist Gottlieb«, fügte Robert hinzu. »Was mag er haben?«
    »Jedenfalls müssen wir ihm aber doch antworten. Lass uns nur erst genau die
Richtung seiner Stimme erkennen.«
    Beide horchten, aber schon in den nächsten Minuten wiederholte sich der
verzweifelte Schrei, jetzt aber viel näher, so dass sich deutsich erkennen liess,
auf welchem Weg der Flüchtende in den Wald hinein und den vermissten Freunden
entgegenlief.
    »Lass uns antworten«, rief Robert, und dann legten beide die Hände hohl vor
den Mund. Ein zweistimmiges, langgedehntes »Hier!« schreckte alle Vögel in der
Nähe auf. Selbst die Frösche liessen ihren Gesang einen Augenblick verstummen.
Stille folgte dem schallenden Ausruf.
    »Das hat er gehört!« sagte endlich Mongo. »Aber was in aller Welt kann ihn
denn so ausser Fassung bringen, - ich begreife es nicht.«
    »Vielleicht doch ein wildes Tier!« meinte Robert etwas bedenklich. »Wir
können uns ja auf alle Fälle vorbereiten.«
    Und beide nahmen die geladenen Gewehre in Anschlag. Alles blieb still, kein
weiterer Hilferuf war zu hören, aber in einiger Entfernung knackten die Büsche,
als ob ein Mensch oder ein Tier gewaltsam hindurchbrach.
    Mongo legte den Finger auf die Lippen. »Pst!« raunte er. »Wir können ja
nicht wissen, ob es Gottlieb ist oder vielleicht ein Feind, der ihn verfolgt.«
    Das sollte sich jedoch sehr bald klären. Die Stimme des jungen Pinnebergers
unterbrach mit lautem Angstschrei die Stille, und dann folgte erneut der
klägliche Ruf: »Robert! - Mongo! - Wo seid ihr?«
    »Hier! Hier!« antworteten beide. »Gottlieb, was fehlt dir?«
    »Schiesst nicht!« tönte es in grösster Herzensangst zurück.
    »Schiesst um Himmels willen nicht, ich bitte euch!«
    Wieder sahen sich Mongo und Robert voll Erstaunen an. Was bedeutete das
alles?
    Jetzt aber hörte man in nächster Nähe die Schritte des jungen Menschen. Eine
Minute später erschien Gottlieb auf der kleinen Lichtung am Fluss, überblickte
atemlos die Umgebung und floh dann unter die Wurzeln des Eichenstammes, wo er
sich wie ein Dachs zusammenkauerte.
    »Rettet euch!« schrie er, »rettet euch! - Ein greuliches Untier verfolgt
mich und wird gleich hier sein. Auf die Bäume, um Gottes willen auf die Bäume!«
    Robert unterdrückte mit Mühe ein Lachen, das ihn überkam. Er und der Neger
sahen nach allen Seiten, aber ohne von einem Ungeheuer das Allergeringste
entdecken zu können. »Gottlieb«, rief der junge Matrose, »so sei doch
vernünftig. War es ein Bär, den du gesehen hast?«
    »Ein Bär? Nein, das glaube ich nicht, oder vielmehr weiss ich genau, dass es
keiner war. Aber um Gottes willen, rettet euch doch.«
    »Wie sah denn das Tier aus?« rief ungeduldig der Neger.
    »Grässlich!« tönte es unter den Baumwurzeln hervor. »Es hat Augen wie Kohlen,
ist grau, mit einem furchtbaren Horn und teuflischen, mörderischen Augen.
Gesehen habe ich es nicht ganz, sondern nur teilweise, aber das greuliche
Stampfen und Schnaufen klingt mir noch in den Ohren.«
    Robert und Mongo wussten nicht mehr, woran sie waren. Auf welches Tier hätte
denn diese seltsame Beschreibung passen könen?
    »Es hat dich verfolgt, Gottlieb?« fragte Robert.
    »Ja. Ich ging in den Wald, um euch zu suchen und zu helfen, da brach es aus
den nächsten Büschen hervor, und zwar so nahe, dass mich der glühende Atem
streifte, dass ich sekundenlang das entsetzliche Horn an meiner Schulter spürte.
Ihr könnt euch denken, wie schnell ich weglief, aber das Untier war mir immer
auf den Fersen. Nur einmal sah ich mich um, - ein Gebüsch war zwischen ihm und
mir - aber da erkannte ich eine Riesengestalt, greuliche Augen -«
    »Hilf Himmel!« unterbrach er seine Beschreibung, »dort kommt es! Rettet
euch! - Rettet euch! -«
    Und schnell kroch er noch tiefer unter die Baumwurzeln. Robert und Mongo
nahmen ihre Gewehre wieder in Anschlag.
    Ein Gebüsch in der Nähe des Flusses bewegte sich, als ob der Wind sehr stark
wehte. Die Zweige zitterten und krachten, aber kein Tier kam zum Vorschein.
    »Mongo«, rief Robert, »leben hier herum Affen?«
    »Bist du nicht gescheit, Junge? Gehörnte Affen?«
    »Ja - wer weiss denn, was Gottlieb in seiner Angst gesehen hat.«
    Der Neger ging mit vorgehaltenem Gewehr auf den Busch zu. »Ich will doch
sehen, was dahinter steckt«, sagte er kurz entschlossen.
    »Mongo!« schrie Gottlieb, »Mongo, um Gottes willen, nachher bin ich dein
Mörder. Geh nicht hin, ich bitte dich um alles in der Welt, geh nicht hin!«
    Doch der Neger liess sich nicht irre machen. Er brummte etwas, wobei man das
Wort »Hasenfuss« ziemlich deutlich heraushörte, und dann drang er vor.
    Im selben Augenblick teilte sich das Gebüsch. Ein Tier von etwa andertalb
Meter Länge und fast einem Meter Grösse sprang mit solcher Wucht dem Schwarzen
entgegen, dass er kopfüber ins Gras kugelte, während Robert nur durch seine
bewunderungswürdige Gelenkigkeit einem gleichen Schicksal entging. Der
unvermutete Angreifer stand mit gesenkten Hörnern kampfbereit vor dem Platz, an
dem eben noch sein zweites Opfer gestanden hatte. Gottlieb schrie vor Angst, der
Neger sah sich halbsitzend voll Verwunderung um, und Robert lachte, was er
konnte. Das alles geschah innerhalb weniger Sekunden.
    Mongo war der erste, der wieder sprach. »Nun«, sagte er ärgerlich und sich
den Rücken mit der flachen Hand reibend, »was ist denn das für ein Unsinn?«
    Das Tier stiess ein kurzes Schnaufen oder Prusten aus. Es scharrte mit dem
Vorderfuss im Grase.
    Robert lachte immer noch. »Ein Moufflon!« rief er, - »ein Schafbock! - Das
ist ja zum Totlachen!«
    Aber die beiden andern teilten keineswegs seine Heiterkeit. Mongo stand auf
und ballte gegen den Bock die Faust, so dass das Tier mit einem plötzlichen
Niesen etwas zurückwich: »Warte« rief er, »du sollst das Vergnügen, mich in den
Sand gestreckt zu haben, mit dem Leben büssen.«
    Gottlieb war zögernd bis an den Rand der Baumwurzeln vorgekrochen. Das Wort
Schafbock hatte ihn beschämt, aber dennoch flössten ihm die beiden Hörner
erhebliche Furcht ein. »Robert«, fragte er verwirrt, »hältst du das Tier für
gutmütig?«
    Der wischte die Lachtränen aus den Augen. »Gottlieb«, rief er, »hat dich
denn nie in Pinneberg ein Schafbock verfolgt? Weisst du nicht, dass diese Tiere
ebenso mutig wie furchtsam sind? Dieser grosse Kerl hat spielen wollen, weiter
nichts.«
    »Spielen? Unmöglich!«
    »Dann schau her.«
    Und Robert kraute mit der Rechten die Stirn des Bockes, der sogleich seine
Kampfstellung aufgab und zum Zeichen grösster Zutraulichkeit leise den Schweif
bewegte. »Mongo«, sagte er, »schenke ihm das Leben, Alter!«
    Aber der Neger war böse. »Dummes Zeug«, brummte er. »Gib ihm eine Ohrfeige,
Bob, damit er fortspringt. Ich mag kein Tier töten, wenn es wie an der
Schlachtbank ahnunglos vor mir steht.«
    Robert, der wohl erkannte, wieviel das Fleisch und das Fell des Tieres wert
seien, tat, was Mongo sagte, und der Bock sprang mit lustigen Sprüngen über die
Lichtung. In weniger als zwei Minuten hatte ihn die Kugel des Negers zu Boden
gestreckt. Durch den Kopf geschossen, war er sofort tot.
    »So«, sagte der glückliche Schütze mit etwas spöttischem Ton, »so, Gottlieb,
nun komm hervor, mein Kleiner. Dieses Ungeheuer wäre unschädlich gemacht, und
vielleicht findest du sogar demnächst Mut genug, das Fell nach Hause zu
schleppen. Ich will den Burschen gleich ausweiden.«
    Gottlieb kroch ziemlich geknickt aus seinem Versteck hervor. »Ihr müsst es
nur nicht allen Leuten erzählen«, bat er. »Wirklich, gegen mich war der Bock
sehr bösartig.«
    Unter Roberts erneutem Lachen gingen dann alle drei an die Arbeit. Das Haus
sollte vor Abend zum Einzug fertig sein, also hatte man keine Zeit zu verlieren,
sondern musste noch mehrere Stämme schlagen, bevor man in Lenchi mit dem Bau
begann. Während Mongo kunstgerecht den Bock zerlegte, fällten die beiden anderen
einige Tannen, und dann wurden die Stämme bis zu dem Lagerplatz geschleift.
Schwer beladen trat man den Rückweg an.
    Der Boden war bereits von Pflanzen und Steinen gesäubert, die erforderlichen
Löcher gegraben und die Packkisten herbeigeschleppt. Gottlieb hatte so fleissig
gearbeitet, dass die beiden anderen ihr Lob nicht zurückhalten konnten.
    Inzwischen hatten sich mehrere deutsche Goldgräber um den Bauplatz herum
versammelt und besonders den Bock bewundert. Endlich machte einer den Vorschlag,
ein tüchtiges Stück des frischen Fleisches sogleich an Ort und Stelle zu braten.
Für die Beschaffung von Kartoffeln, Mehl, Eiern, Butter, Früchten und Branntwein
sowie Kaffee wollte man eine Sammlung veranstalten und nach gemeinschaftlich
eingenommenem Mahl mit vereinten Kräften den Hausbau beginnen.
    »Ich liefere den Bratspiess!« schrie ein riesiger Sachse, »und drehen will
ich ihn auch.«
    »Von mir könnt ihr Blechteller und Messer haben. Und Kuchen backen kann ich
auch«, meinte ein anderer.
    Der Dritte trommelte mit den Fäusten so lange auf eine Packkiste, bis er
sich Gehör verschafft hatte. »Silentium, meine Herrschaften, ich bin ein
Zimmermann und führe daher in dieser ehrenwerten Versammlung den Vorsitz. Kochen
oder backen ist nicht meine Sache, ebensowenig habe ich Geld oder Hausgerät,
aber einen riesigen Appetit auf frischen Braten und einen unlöschbaren Durst.
Später will ich den Bau mit diesen meinen Händen allein fertig machen. Was sagt
ihr dazu?«
    »Angenommen!« rief Robert. »Meine Stimme habt Ihr. Hier sind fünfzig Cent
für den Einkauf von Lebensmitteln.«
    Der Sachse nahm den formlosen Filzhut vom Kopf, warf den ersten Beitrag
hinein und ging nun von einem zum andern, um überall zu sammeln. »Ein armer
Handwerksbursche«, sagte er, »hat in sechs Wochen nichts Warmes im Leibe
gehabt!«
    Und Gabe auf Gabe fiel in den Hut. Auch Goldstücke rollten hinein. Dann
entzündete einer ein riesiges Feuer, der andere bereitete den Braten und der
dritte schälte die Kartoffeln, während sich der Kuchenbäcker mit aufgestreiften
Ärmeln, Messer und Revolver im Gürtel, daran machte, eine Torte anzurühren. Aus
allen Häusern wurden Blechgeschirre herbeigebracht, die Packkisten mussten, ehe
sie als Wände ihr Dasein beschlossen, vorher als Sitzgelegenheiten dienen, und
das geteerte Segeltuch, das die Nässe von dem zukünftigen Dach fernhalten
sollte, liess sich einstweilen ausgezeichnet als Abschirmung gegen die
Sonnenstrahlen verwenden. Jeder wollte dazu beitragen, das so schnell
veranstaltete Fest zu einem gemütlichen Beieinander zu gestalten.
    Und als der Braten seine lockenden Düfte ausströmte, als der Kaffee dampfte
und die Torte hellbraun und locker aus dem Blechnapf hervorgegangen war, da
klopfte der Zimmermann, der bisher müssig im Gras gelegen hatte, wieder auf die
nächste Packkiste. Sein tiefer Bass stimmte eine Weise an, die allen bekannt war.
    »Was ist des Deutschen Vaterland? - -«
    Und laut und freudig fielen über zwanzig Stimmen bei der nächsten Strophe in
das alte Heimatlied ein.
    Dann hatte der Koch sein Werk vollendet. Kaum besass er Kraft genug, den
Riesenbraten auf die schnell errichtete Tafel zu heben. Da stand er als wackerer
Feldherr, rings umgeben von Gurken, Kartoffeln, Sauerkraut und Backpflaumen, da
schimmerte im Hintergrund die Torte und dampfte der Kaffeekessel. Alles war
herrlich geraten, alles lockte zum Genuss und zur Freude.
    Gottlieb zupfte Robert am Ärmel. »Du«, flüsterte er, »erzähl es diesen
Leuten nicht, wie wir zu dem Braten gekommen sind.«
    Robert winkte halb lachend, halb gerührt. »Aber nein, was fällt dir ein?«
sagte er.
    »Und lass auch den Alten nichts ausplaudern, du.«
    »Ach, Unsinn. Dort ist dein Platz, und nun wollen wir essen.«
    Der Braten war zwar sehr schmackhaft, aber er stellte die Kauwerkzeuge der
Festteilnehmer auf eine ziemlich harte Probe, was jedoch weiter kein
Missvergnügen, sondern nur einige derbe Scherze hervorrief. Die Goldgräber waren
ja nicht verwöhnt, daher wurde auch ein zäher Bissen noch mit gutem Appetit
verspeist. Alles übrige war tadellos gelungen, die Torte sogar ganz
ausgezeichnet, nur das Tischgerät liess manches zu wünschen übrig.
    Schwere, fünfzinkige Gabeln sah man am zahlreichsten, die Messer der
Goldgräber mussten zum Zerlegen dienen und spitze Holzstäbe als Spiesse, an denen
Kartoffeln und Fleisch zum Mund geführt wurden. Als Nachtischteller für die
Torte dienten grosse Blätter, während der duftende Kaffee aus Blechtöpfen
getrunken wurde. Zum Schluss machte eine dickbauchige Flasche die Runde.
    Es war drei Uhr nachmittags, als endlich der Hausbau begann. Unter einem
Kreuzfeuer von Scherzworten wurden die Kisten in Bretterhaufen verwandelt; man
rammte die vier Eckpfähle ein, setzte die Türbalken und schlug das Eisen an,
darauf nagelten einige ein Fenster zusammen, andere zimmerten die Tür, und ein
besonders wohlhabender Hamburger, der schon länger in den Minengegenden lebte,
brachte keuchend unter der schweren Last einen Ofen, den er feierlich den drei
Freunden zum Geschenk machte. Die Wände wuchsen unter den vereinten
Anstrengungen der Männer zauberhaft schnell empor, das Dachgerüst wurde
errichtet, - es fehlte jetzt nur noch der Überzug aus Segeltuch, und das Haus
war fertig. Diesen Augenblick benutzte der Zimmermann, um auf das Dach zu
klettern und mit einigen Hammerschlägen das Publikum darauf aufmerksam zu
machen, dass er eine Rede halten wollte.
    »Pst!« hiess es, »er will vom Gerüst fallen, stört ihn nicht.«
    »Aber in Versen!« ermahnte einer.
    »Die wachsen nicht wild, mein Junge«, tönte es vom Dach herab, »und
Treibhäuser dafür fehlen hier leider. Also - Ladies und Gentlemen! -«
    »Ladies glänzen durch ihre Abwesenheit«, hiess es wieder.
    »Was uns nicht hindern soll, zuerst auf ihre Gesundheit zu trinken. Ich tue
es für euch alle!« fügte er mit komischer Würde hinzu, und nahm einen Schluck
aus der Flasche. »Unsere Mütter und Frauen, unsere Schwestern und Bräute daheim
in Deutschland sollen leben! Eins, zwei, drei - Hurra!«
    »Und noch einmal - Hurra!«
    »Jetzt aber die Rede!« drängte das Publikum.
    Der Zimmermann räusperte sich. »Ein Schafbock war die erste Veranlassung zu
diesem Fest«, begann er im Ton eines vortragenden Professors, »wir erheben ihn
daher mit Recht zum Schutzpatron des neuerbauten Hauses. Alles, was hier künftig
geschieht, stehe unter seinem Zeichen. Mögen die Eigentümer beständig in der
Wolle sitzen und von ihren goldenen Errungenschaften gehörig ins Horn stossen
können. Mögen sie von allen Schafsköpfen gemieden und ihnen der Hammelbraten
immer nahe sein, möge ihnen das Goldene Vlies zuteil werden und Lammesgeduld,
wenn sich der Boden als ausgebeutet erweist. Mögen sie niemals Böcke schiessen,
aber vor Freuden Bocksprünge machen und baldigst ihr Schäfchen ins Trockene
bringen, vor allen Dingen aber sich durch keinen Fehlschlag ins Bockshorn jagen
lassen.«
    Er versuchte eine zierliche Verbeugung und erhob nochmals die Flasche. Ein
Beifallssturm belohnte seine wohlgelungene Rede. »Weiter, weiter!« rief man von
allen Seiten.
    Der Zimmermann schüttelte den Kopf. »Nur eins noch!« erwiderte er. »Ein Hoch
auf unseren König Wilhelm, den Schirmherrn von Deutschland!«
    »Eins, zwei, drei, Hurra!«
    Die Flasche flog mit kräftigem Schwung nach alter deutscher Sitte über den
Kopf des Redners ins Gebüsch und zersplitterte zu tausend Scherben.
    Mit Einbruch der Dämmerung war das Segeltuch befestigt, Erde darauf geworfen
und der Ofen gesetzt. Die drei Freunde konnten ihren Einzug halten.
    Noch manches Stück Hausgerät wurde von den Goldsuchern zur Verfügung
gestellt, drei übriggebliebene Kisten ersetzten die Stühle, und einen Tisch
versprach der Zimmermann am nächsten Sonntag zusammenzuschlagen.
    Als sich die Gesellschaft zum Aufbruch rüstete, erschien Robert mit einer
frischen Flasche unter dem Arm. »Jetzt noch die Taufe«, schlug er vor. »Strassen
gibt es in Lenchi nicht, Nummern also noch viel weniger, daher scheint es das
Beste, jedem Haus einen Namen zu geben. Mongo und Gottlieb, was meint ihr,
wollen wir unsere Wohnung Neu-Pinneberg nennen?«
    Die beiden andern waren einverstanden, und der Zimmermann schrieb sofort mit
einem ausgeglühten Feuerbrand den neuen Namen über die Tür, dann ging die
Flasche reihum, und mit allgemeinem Händeschütteln trennte man sich.
    Die drei Freunde trugen aus ihrem bisherigen Quartier die Schlafdecken und
was sie sonst besassen herbei, holten frisches Wasser, um am folgenden Morgen den
Kaffee selbst kochen zu können, und legten sich endlich schlafen, nachdem sie
noch einmal alle Einzelheiten dieses arbeitsreichen Tages durchgesprochen
hatten. Sie waren nun Hauseigentümer, waren gesund und konnten arbeiten, wenn
auch der Wechsel noch unbezahlt war.
    Es musste um jeden Preis ein grösserer Verdienst erzielt werden, sonst rückte
der eigentliche Zweck der ganzen Unternehmung in immer weitere Ferne. Vielleicht
brachte der Winter sogar einen Stillstand der Arbeit, so dass neue Schulden zu
den alten kamen. Robert konnte lange nicht einschlafen. Er fürchtete sich davor,
Schulden zu haben.
    Zwar wusste Samuel Ekiwa, dass seine Kunden arme Abenteurer waren, ausserdem
hatte er selbst das Geschäft vorgeschlagen, aber dennoch drückte Robert der
Gedanke, dem Händler verpflichtet, ja sogar von ihm abhängig zu sein. Er seufzte
tief. Wenn nun vielleicht der Mann nur aus Eigennutz zum Hausbau geraten hatte,
ja, wenn er sich beizeiten ein Pfandobjekt sichern wollte, um am Verfallstage
die Hütte in Beschlag zu nehmen, wenn der Wechsel uneingelöst blieb? Robert
fröstelte. »Du«, sagte er leise, »Gottlieb, wachst du noch?«
    Der junge Kaufmann fuhr auf. »Hast du etwas Verdächtiges bemerkt, Robert?«
    »Nein, nein! Aber gib doch endlich einmal auf, in allen Ecken Gefahren zu
suchen. Ich meine nur, was du - hm, hm, was du so überhaupt von unserer
gegenwärtigen Lage denkst, und ob sie sich nicht ein wenig verbessern liesse.«
    Gottlieb stützte sich auf den Ellbogen. »Ich hatte einen Plan«, flüsterte
er, »aber die Sache geht nicht. Es gibt hier nur wenige Goldsucher, die sich aus
Ekiwas Händen schon ganz freigemacht haben, die meisten hält er an so sicheren
Fäden, dass es nur auf ihn ankommt, sie täglich und stündlich zu Bettlern zu
machen. Diese Leute arbeiten, um ihre Zinsen zu bezahlen, vom Kapital wird kein
Cent abgetragen. Mit Gewalt kann man also gegen den Händler nichts ausrichten.«
    »Das wäre wohl auch nicht der richtige Weg«, warf Robert ein. »Wir haben
freiwillig die Wechsel unterschrieben und sind verpflichtet, sie ordnungsgemäss
einzulösen.«
    Gottlieb schüttelte lebhaft den Kopf. »Jeden Spitzbuben muss man entlarven
und womöglich unschädlich zu machen suchen«, rief er. »Aber dieser hier ist ein
ganz gewiegter Schlauberger. Er zieht von Minenstadt zu Minenstadt mit den
ersten Goldsuchern im Lande herum und beutet die armen Menschen, die sich noch
nicht recht zu helfen wissen, rücksichtslos aus. Die Leute sagen, dass er an
englischen und deutschen Banken schon Tausende hinterlegt habe.«
    Robert lachte. »Wie der Kaufmann in dir durchkommt«, sagte er. »Du fühlst ja
gegen diesen Wucherer richtige Erbitterung.«
    Gottlieb ballte die Faust. »Dieser Schuft«, knirschte er. »Der ehrliche
Kaufmann kann höchstens fünfzehn Prozent im Durchschnitt verdienen, dieser
Mensch dagegen verdient mindestens hundert. Nein, wenn mein Vater wüsste, dass ich
mit einem Halsabschneider Geschäfte mache!«
    Jetzt musste auch Robert an seine Eltern denken. Ja, wenn sie ihn hier sehen
könnten, sein Lager auf blosser Erde, die undichten Wände und das ganze, nach
deutschen Begriffen selbst für einen Pferdestall ungeeignete Gebäude - -
    Es wurde still in dem engen Raum. Die Gedanken wanderten und glitten
unmerklich hinüber in das Land des Traumes. Die beiden jungen Menschen waren zu
Hause in Pinneberg, sie erkannten die alte, vertraute Umgebung, sie sahen die
Bilder früherer Tage und wussten nichts mehr von der harten Gegenwart.
    Woche auf Woche verging. Die emsigen Goldwäscher verdienten jetzt, nachdem
sie sich in die ganze Art und Weise ihrer neuen Beschäftigung hineingelebt
hatten, anstatt der früheren zwanzig Dollar vielleicht fünfundzwanzig und
manchmal auch dreissig, sie lebten zurückgezogen wie die Mönche, berechneten
jeden Groschen und nutzten jede Stunde, aber die Aussichten für die Zukunft
wurden nicht besser.
    Der Wechsel war zwar bezahlt, die Stiefel aber mussten durch neue ersetzt
werden, und die alten Kleider reichten für die kältere Jahreszeit nicht mehr
aus. Nachdem das Unentbehrlichste angeschafft war, blieb kein Cent mehr übrig.
Gottlieb konnte, obwohl er jetzt schon seit sechs Wochen in den Goldminen lebte,
doch seinen Eltern nicht das Allergeringste schicken, und Robert hatte keinen
Dollar im Kasten, wenn auch beide zwölf Stunden lang täglich arbeiteten.
    Der Händler sagte, dass ihnen das Glück ausserordentlich günstig sei. Mancher
müsse jahrelang Schulden über Schulden machen und könne endlich nur noch die
Zinsen bezahlen. In den Goldstädten gebe es keine sichere Lebensgrundlage,
sondern eben nur ein »Wer wagt, gewinnt!«
    Und so wurde unermüdlich fortgearbeitet, zuletzt, als die Tage kürzer
wurden, beim Schein eines grossen Feuers, das vom Rand der breiten Waschrinne bis
in die Tiefe hinab seine roten, zuckenden Lichter warf. Wie Kobolde, wie die
Heinzelmännchen aus dem Märchen erschienen dort unten die dunklen Gestalten mit
den schweren, bis über die Knie reichenden Stiefeln und dem eng anliegenden
Bergmannsanzug aus Leder. Unermüdlich schleuderte Mongo die Steine auf den
oberen Rand, unermüdlich hackte Robert und sichtete Gottlieb, aber Woche auf
Woche verging, das ersehnte Glück blieb aus, der grosse Klumpen Goldes, von dem
jeder Wäscher träumt, den er hinter jeder Erdscholle vermutet - wurde nicht
gefunden.
    Mongo trug nach Feierabend beim Mondschein sorgfältig die
herausgeschaufelten Steine nach Neu-Pinneberg und errichtete dort um die
hölzernen Wände herum eine Art Schutzwall, bei dem er zwar lediglich an die
kommende Winterkälte dachte, den aber Gottlieb mit grosser Freude wachsen sah,
weil er nach seiner Meinung Schlangen und Kriechtiere von der Wohnung fernhielt
und Raubtieren den Zugang sehr erschwerte. »Du solltest uns auch ein Drahtgitter
flechten, Alter«, sagte er, »und eine Eisenstange wollen wir quer vor die Tür
legen. Wenn hier nicht alles so teuer wäre, hätte ich fürs Leben gern einen
Hund.«
    »Ach, du bist ein Angstase, das nimm mir nicht übel. Solltest lieber, um
etwas Mut zu bekommen, morgen mit uns auf die Jagd gehen.«
    Gottlieb erschrak. »Auf die Jagd?« wiederholte er. »Ich danke!«
    Und dabei blieb es. Er liess sich kein Gewehr in die Hand drükken, sondern
verschloss, wenn am Sonntag seine Gefährten zur Jagd gingen, sorgfältig die Tür
und schrieb bogenlange Briefe, in denen er seinen Eltern genauestens schilderte,
wie er lebte, und dass es bis jetzt ganz unmöglich gewesen sei, auch nur den
kleinsten Überschuss zu erzielen. Diesen Briefen fügte Robert jedesmal eine
Einlage bei, und wenn von Gottliebs Familie ein Brief ankam, so hatte er
regelmässig die Freude, auch von seiner alten Mutter ein paar Zeilen vorzufinden.
Der Vater dächte immer noch wie früher, hiess es, er wolle von Versöhnung nichts
wissen und verlange vor allem ein reumütiges Geständnis, Robert wisse schon, in
welcher Beziehung. Das sei an der ganzen Sache das Schlimmste, und wenn einmal
ihr Sohn als Bettler in die Heimat zurückkehre, so müsse man darin Gottes Fügung
erkennen. Aber, fuhr die Mutter fort, Robert solle doch kommen, lieber heute als
morgen, es lasse sich wohl alles ausgleichen, und ausserdem habe sie auch von
ihrem Bruder Klaus, der ohne Erben gestorben sei, kürzlich ein paar hundert
Taler geerbt. Die würden schon reichen.
    Robert las kopfschüttelnd den Brief zum zweiten-und zum drittenmal. Alle
diese Anspielungen, diese Hinweise auf etwas noch Schlimmeres als seine Flucht
aus dem Elternhause, - er verstand sie nicht. Sprach vielleicht seine Mutter von
den fünfzig oder sechzig Talern, die Georg für ihn aus dem Geldkasten des Vaters
genommen hatte? Dachte der Alte an diese verlorene Summe zuerst und dann an den
Sohn, der in jedem Brief inständig um Verzeihung bat.
    Aber er wusste es ja, einen mitfühlenden, freundlichen Vater hatte er nie
gehabt, sondern nur einen strengen, unnachgiebigen Erzieher, dessen bürgerliche
Ehre tadellos dastand, der aber nichts verzeihen und sich niemals in die Seele
seines Kindes hineindenken konnte.
    Mutlos liess er den Kopf in die Hand sinken. Überall unter seinen Füssen, da
wo er nachts zur Ruhe ging, da wo er sein kärgliches Mahl verzehrte und wo er im
Schweisse seines Angesichts arbeitete, - überall konnte das Gold liegen, aber er
fand es nicht, fand es nicht, ob er auch grub und schaufelte, bis ihm das Blut
aus den Fingern heraussprang. Manchmal, wenn ihn die innere Unruhe überwältigte,
fuhr er mitten in der Nacht vom Lager auf, grub im Mondschein an irgendeiner
beliebigen Stelle mit fast wahnwitziger Hast ein Loch in den Boden und bildete
sich ein, dass er den roten Schatz finden müsse, dass es plötzlich wie Blut unter
seiner Hacke hervorquellen werde, unaufhaltsam, ein Königreich, ein Paradies der
kühnsten Hoffnungen. -
    Und wenn dann der graue, nüchterne Wintermorgen mit Hagelschauern und kalten
Windstössen langsam aus der Nacht emporstieg, wenn Mongo erschrocken den
erschöpften Freund hereinholte in das durchwärmte Haus und ihm vorstellte, dass
sein Beginnen töricht sei, dass erst viel, viel tiefer unter der Oberfläche der
Erde Gold gefunden werde, dann schüttelte er trübe den Kopf. »Lass mich, Alter, -
ich kann nicht ertragen, dass du davon sprichst.«
    Der Neger überredete ihn jeden Sonntag, wenigstens die Büchse über die
Schulter zu nehmen und mit hinauszugehen in den Wald, da gerade jetzt bei der
Kälte das Wild viel leichter anzutreffen war als im Sommer. Manches Reh, mancher
Hirsch wurde geschossen und an den einzigen Wirt von Lenchi verkauft, manches
Moufflon musste sein wolliges Fell für wärmere Winterkleidung hergeben, mancher
Coyote verendete unter Mongos Kugel, aber dennoch gelang es dem gutmütigen
Schwarzen nicht, Roberts trübe Stimmung zu verscheuchen.
    Er hatte seine Mutter dringend um Aufklärung gebeten, hatte sie angefleht,
ihm im nächsten Brief mit klaren Worten zu sagen, weshalb der Vater so
unversöhnlich sei. »Die erbärmlichen fünfzig Taler können doch unmöglich der
Grund sein«, schloss er, »Vater kann doch nicht aus der kleinen Summe ein
Ereignis machen, das ihn und mich für immer trennt. Ich habe ihm, der durch
diesen Verlust in keiner Weise wirklich betroffen wurde, das Geld genommen, um
erst einmal nach Hamburg zu kommen und um es von der nächsten Heuer
zurückzuzahlen. Anstatt zu verdienen, konnte ich aber während zweier Reisen kaum
das nackte Leben retten, woher sollten also Überschüsse kommen?
    Vater braucht mir nicht erst zu sagen, dass es niemandes Recht sei, einem
anderen ohne Erlaubnis Geld zu nehmen, er sollte aber wissen, dass es die Pflicht
eines Vaters ist, seinem Sohn zu helfen und ihn zu halten, wenn er nach seiner
Meinung gestrauchelt sei. Doch kann er unbesorgt sein! Ich komme nach Pinneberg
nicht eher zurück, bis ich ihm seine fünfzig Taler auf den Pfennig zurückzahlen
kann, - nicht eher, und wenn wir uns nicht mehr wiedersehen.« -
    Als er den trotzigen, erbitterten Brief abgesandt hatte, bereute er sehr
bald seine harten Worte. Es tat ihm leid, die alte Mutter so gekränkt zu haben,
und heimlich fürchtete er, obwohl er es sich nicht eingestehen wollte, dass
vielleicht der Vater inzwischen gestorben sei, ohne dass er sich mit ihm
ausgesöhnt habe.
    So kam es zwar nicht, aber was nach langen, eintönigen Monaten die Mutter
antwortete, das beruhigte ihn doch keineswegs. Er möge das alles nur ruhen
lassen, schrieb die alte Frau, und kam wieder auf das unerwartet geerbte Geld
zurück. »Sei nur erst einmal hier, mein Junge, dann schaffen wir schon Rat,
obwohl du - ja, Robert, das muss ich dir sagen! - nicht so offen die Wahrheit
verleugnen solltest. Aber lass das nur, lass das, wir haben genug zu essen, auch
für dich mit, und wir wollen das Gewesene vergessen, wenn du den Vater nur um
Verzeihung bittest. Die Hauptsache ist: komm!«
    Aber Robert schüttelte den Kopf. »Nie«, dachte er, »nie!«
    Und so verging der Winter, so kam der Frühling, ohne den drei unermüdlichen
Goldwäschern besseren Erfolg zu bringen. Sie waren schuldenfrei, hatten
wetterfeste Kleidung und tüchtiges Gerät, ab+er kein Kapital. Gottlieb wusste
jetzt, dass seine alten Eltern ins Armenhaus gezogen waren; diese Nachricht hatte
ihn schwer getroffen, er wurde krank, und die Freunde mussten ihn pflegen,
anstatt zu arbeiten, dann verging längere Zeit, während der er zwar
wiederhergestellt, aber doch noch für jede Anstrengung zu schwach war. Robert
und Mongo konnten in diesen Wochen nur einen sehr geringen Verdienst erzielen,
und es schien, als vereinige sich alles, um dem Glück in den Weg zu treten, um
ihren Anstrengungen täglich ein neues, ungeahntes Hindernis entgegenzusetzen.
Während die Natur ringsumher zu neuem Leben erwachte, gingen die drei Freunde
mit blassen Gesichtern herum, und in Neu-Pinneberg hatte sich die Sorge als
steter Gast eingebürgert.
    Es war an einem Aprilsonntag, als Robert und Mongo im Walde umherstreiften,
ohne einen Hirsch aufspüren zu können. Der Ertrag der Jagd war doch immer ein
sehr willkommener Zuschuss für die Hausstandskasse, daher unterliessen es die
beiden Freunde nie, am Sonntag hinauszuziehen und nach Beute Ausschau zu halten.
Meistens schossen sie mehr, als sich ohne Hilfe fortbringen liess, heute aber
kehrte ihnen das Glück den Rücken, sie hatten noch kein Tier gesehen und waren
doch schon einen tüchtigen Marsch weit von Lenchi entfernt.
    »Lass uns Vögel schiessen«, schlug Mongo vor. »Besser etwas, als gar nichts.«
    Robert schüttelte den Kopf. »Wir gehen nach Hause«, sagte er unmutig. »Man
legt sich ins Bett und schläft, - das ist die einzige Freude, die einem das
Leben noch bietet.«
    »Zu schlafen? Aber Bob, ist es schon so weit gekommen?«
    Robert antwortete nicht, und die beiden schritten eine Zeitlang schweigend
nebeneinander her, bis endlich der Neger in der Absicht, seinen jungen Gefährten
etwas aufzuheitern, die Hand ausstreckte und auf mehrere Insekten deutete, die
sich in den Blüten am Wege schaukelten. »Das sind Bienen«, sagte er, »wollen wir
den Baum aufsuchen, in dem sich das Nest befindet?«
    Roberts Interesse erwachte plötzlich. »Ein Bienennest?« wiederholte er, »das
möchte ich wirklich gern sehen.«
    »Wir brauchen nur der Flugspur folgen, Bob. Vielleicht sind ja auch ein paar
Scheiben Honig zu erobern, obgleich jetzt im Frühling nicht viel vorhanden sein
kann.«
    Die beiden gingen weiter in den Wald hinein, und immer zahlreicher wurden
auf den Blumen am Wege die einzelnen Bienen. Je tiefer jedoch die beiden Jäger
in das Dickicht vordrangen, desto unruhiger zeigten sich seltsamerweise die
kleinen, fleissigen Tierchen. Sie liessen die schönsten Blütensträucher unbeachtet
und schwärmten zu Hunderten summend und aufgeregt in der Luft herum.
    Mongo stand kopfschüttelnd still. Vorsichtig lud er sein Gewehr, ergänzte
die Läufe des Revolvers und lockerte auch noch das grosse Jagdmesser in der
Scheide.
    Robert lächelte. »Nun, Alter«, sagte er, »willst du Bienen schiessen und das
Wild gleich an Ort und Stelle ausweiden?«
    Mongo nickte. »Du junger Spitzbube«, sagte er, »tu nur dasselbe. Es kann in
keinem Fall schaden!«
    Robert blieb stehen. »Alter«, rief er, »was hast du denn?«
    Mongo legte den Finger auf die Lippen. »Pst, Bob. Hier in der Nähe muss
entweder ein Mensch oder ein grösseres Tier sein«, sagte er. »Die Bienen sind
offenbar erschreckt, ihr Eigentum ist bedroht und ihre Sicherheit gefährdet!«
    Jetzt folgte Robert dem Beispiel seines erfahrenen Kameraden und nahm sein
Gewehr in Anschlag. »Vielleicht ein Bär, Mongo?« fragte er halblaut.
    »Das vermute ich, Bob. Lass uns der Spur nachschleichen, aber sprich nicht.«
    Die beiden glitten so geräuschlos wie möglich durch das dichte Unterholz
vorwärts, bis eine kleine Waldlichtung plötzlich grössere Vorsicht erforderte.
Das Schwirren der Bienen schien hier seinen Mittelpunkt gefunden zu haben.
Stellenweise hatten sich Tausende zu einem Schwarm geballt.
    Mongo hob warnend die Hand. »Vorsichtig, Bob, hier herum muss es sein.«
    Robert war wie umgewandelt. Aller Mut, alle Lebenslust waren plötzlich
zurückgekehrt. Das Jagdfieber hatte ihn ergriffen.
    »Wir wollen hier einen Augenblick warten«, flüsterte Mongo. »Auf die
Lichtung hinauszutreten wäre unvorsichtig, bis wir nicht genau wissen, woran wir
sind. Aber dort ist eine kleine Lücke, wie mir scheint, - - ich gehe voran.«
    Er glitt durch das weiche, jeden Schall dämpfende Gras und spähte durch die
Zweige, während Robert leise nachschlich. Ganz geräuschlos drangen sie vorwärts
und erreichten sehr bald den Beobachtungspunkt. Mongo winkte mit der Rechten.
    »Schau her!« flüsterte er lächelnd.
    Robert lugte durch die Zweige und hätte beinahe einen Schrei der
Überraschung ausgestossen.
    Jenseits der Lichtung, am Saum des Unterholzes, stand ein uralter,
vielleicht tausendjähriger Baum, dessen unterer Stamm halb verfault war und eine
breite Höhle zeigte. Gelbe, schwammige Auswüchse bedeckten den Zugang des
Bienennestes, das sich jedenfalls im Inneren der alten Eiche befand, Tausende
von summenden Insekten verdunkelten die Luft, und vor dem Baum stand der
Störenfried, dessen Erscheinen die fleissigen kleinen Tierchen aufgescheucht
hatte.
    Ein mittelgrosser Bär mit glänzend braunem Fell lehnte auf seinen
Vorderpfoten gegen den Baumstamm und suchte mit seiner spitzen Schnauze in der
unzugänglichen Höhlung nach der ersehnten Beute.
    Jetzt steckte er den ganzen Kopf in das Loch hinein, so dass er im Augenblick
weder hören noch sehen konnte, was um ihn herum vorging.
    Mongo schob mit schneller Handbewegung seinen jungen Freund vor die Lücke,
an der er selbst stand. Die eigene Waffe schussbereit haltend, keinen Blick von
dem Raubtier lassend, flüsterte er gutmütig: »Schiess, Bob, schiess, aber ziele
nach dem Hals, hörst du!«
    Robert legte an. Sein Auge glühte, sein Herz schlug schneller, die Jagdlust
beherrschte ihn.
    Noch eine halbe Minute, dann krachte der Schuss.
    Und nun geschah etwas Unbegreifliches. Anstatt den Kopf des Bären zu
treffen, schlug Roberts Geschoss auf halbem Wege mitten in der Luft gegen einen
harten Körper, es gab einen plötzlichen, scharfen Laut, und völlig plattgedrückt
schlug die Kugel dicht neben dem jungen Mann in das Gebüsch zurück. Der Schuss
selbst verhallte wie der Donner eines schweren Gewitters.
    Im gleichen Augenblick wandte der Bär den Kopf, sah einen Augenblick zu den
beiden Jägern herüber und liess dann seine Vorderpfoten vom Baum herabgleiten. Er
ging gerade auf seine Feinde los.
    »Mongo«, schrie Robert, »was war das? - Um Gottes willen, gib Feuer!«
    Die Mahnung war überflüssig. Ohne sich um den Grund des seltsamen
Zwischenfalls weiter zu kümmern, hatte der Neger sein Ziel ins Auge gefasst und
den Kopf des Bären aufs Korn genommen. Der Schuss krachte, und das tödlich
getroffene Raubtier wälzte sich im letzten Kampf am Boden.
    Jetzt erst sah Mongo nach allen Seiten. »Junge«, sagte er, »es ist nur eine
Erklärung möglich. Noch ein zweiter Jäger muss mit dir zugleich geschossen haben,
und beide Kugeln trafen sich auf ihrem Weg zum Ziel.«
    Noch ehe Robert antworten konnte, bestätigte sich die Richtigkeit dieser
Vermutung. Über die Lichtung kam mit schnellen Schritten ein hochgewachsener,
schlanker Mann von etwa fünfzig Jahren. Das braune, ganz bartlose Gesicht, die
dunklen, ernstblickenden Augen, das kurzgeschnittene Hauptaar und die gerade
Haltung machten einen vertrauenerweckenden Eindruck, während dagegen die
eigentümliche, halb indianische Kleidung den Blick unwillkürlich fesselte.
    Auf dem Kopf trug dieser Mann eine Mütze aus Biberfell, mit mehreren
Adlerfedern geschmückt. Seine eng anliegende Kleidung bestand aus Leder,
unterhalb der Knie trug er Gamaschen aus gleichem Stoff. Sie waren ohne Zweifel
eine indianische Arbeit und zeigten reiche Verzierungen aus Federn, kleinen
Muscheln, den Borsten des Stachelschweines und einer Art geschnitzter Knöpfchen
aus rotem Seifenstein. Tierköpfe, Sternenbilder und Schlangen, alles war über-
und nebeneinander in künstlicher Stickerei dargestellt, ebenso hatte der breite
Ledergürtel mit daranhängender Scheide eine geschmackvolle Verzierung aus
Muscheln und kleinen flachen Steinen. An der linken Hüfte des Jägers hing eine
Jagdtasche aus Otterfell mit darübergeknüpftem Bezug aus Bindgarn.
    »Da haben wir's!« rief Mongo. »Ein Trapper!«
    Robert sah mit fragenden Augen der fremden Erscheinung entgegen. »Haben Sie
vorhin geschossen, Sir?« rief er.
    Der Pelzjäger neigte leicht zum Gruss das Haupt. »Gottes Frieden mit euch!«
sagte eine wohlklingende, tiefe Stimme. »Der Bär ist eure Beute.«
    »Aber Sie haben doch auch geschossen?« wiederholte Robert.
    Der Trapper sah ihn lächelnd an. »Mein junger Freund hat eine bewegliche
Zunge«, sagte er. »War es seine Kugel, die im Fluge die meinige traf?«
    Robert errötete leicht. »Mongo«, rief er, »du hattest also doch recht.«
    »Es war nicht anders möglich, Kind.«
    Der Trapper sah von einem zum andern. »Wessen Kugel traf gegen die meine?«
fragte er wieder.
    »Ich schoss auf den Bären«, erwiderte Robert, »wahrscheinlich mit Ihnen
zugleich, Sir! Dass sich die Kugeln begegneten, ist ein merkwürdiger Zufall.«
    Der Pelztierjäger neigte den Kopf. »Es gibt keinen Zufall, mein junger
Freund«, sagte er in seiner halbindianischen Sprachweise. »Der Flug des Vogels
wird geleitet von unsichtbarer Hand, der Zug der Wolken ist ein Verkünder des
Menschenschicksals. In dem Zusammentreffen der beiden Kugeln sprach der grosse
Geist, - zu mir und zu dir.«
    Robert fand die Erscheinung des seltsamen Mannes von Augenblick zu
Augenblick anziehender. Obgleich seiner Gesichtsbildung nach ein Weisser, war er
doch so braun wie die Indianer des hier heimischen Comanchenstammes. Robert
musste an Unkas, den letzten Mohikaner denken, an Lederstrumpf und viele andere
Namen, die er aus Büchern kannte, als er den hochgewachsenen Mann vor sich
stehen sah.
    »Wie meint Ihr das?« fragte er. »Sollte der kleine Vorfall seine tiefere
Bedeutung haben können?«
    Der Pelzjäger streckte die Hand aus. »Wer kann in die Zukunft sehen?«
erwiderte er ernst. »Der grosse Geist redet, und seine Kinder horchen. Vielleicht
kommt die Stunde, in der du meiner bedarfst, - oder ich deiner, - je nachdem.
Der Jaguar wird kommen, sobald du ihn rufst, er wird an jedem Abend auf dein
Zeichen achten und an jedem Morgen die Wolken nach ihrer Sendung fragen.«
    Roberts Spannung wuchs mehr und mehr. »Aber Ihr wisst nicht, wer ich bin,
nicht wo ich wohne«, sagte er.
    Der Trapper deutete mit der Rechten in die Gegend des Minenlagers. »Du
wohnst in dem Talgrunde, den die Weissen Lenchi nennen«, antwortete er, »und du
suchst in den Eingeweiden der Erde die gelben Körner, für die ihr eure Seelen
verkauft. Der Jaguar kennt deinen Namen nicht, aber er wird dich finden, wenn
ihm der grosse Geist befiehlt, deinen Wigwam zu suchen.«
    Robert nannte seinen Namen und fragte dann, ob die Bezeichnung »Jaguar« nur
Scherz sei, oder ob der Trapper wirklich so heisse. »Seid Ihr denn nicht ein
Weisser wie ich?« fügte er hinzu.
    Eine Pause folgte dieser Frage. Man sah, dass der Pelzjäger nur ungern
antwortete. »Der grosse Geist liebt seine weissen und roten Kinder mit gleicher
Stärke und gleicher Treue«, erwiderte er dann. »Der Jaguar ist der Bruder der
Comanchen.«
    Robert erkannte, dass er nicht weiter fragen dürfe. Mochte sich hinter dem
seltsamen Namen des Fremdlings vielleicht ein anderer verbergen, den er einst
als Kind in christlicher Taufe erhalten hatte - heute war der sonnenbraune Mann
ein Gefährte und Freund der Indianer, heute sprach er vom grossen Geist, anstatt
von Gott, aber er fürchtete und verehrte die Gesetze dieses ewigen Vaters, und
dadurch wurde der Unterschied ausgeglichen.
    »Meine Brüder wollen vor Nacht zurück in die Stadt der Weissen?« fuhr er
fort. »Es sind fünf Stunden bis dahin, und der Bär ist eine schwere Last.«
    Robert dachte jetzt wieder an das erlegte Tier, das unter Mongos Händen
inzwischen sein schönes, wolliges Fell hergegeben hatte. Der Neger schnitt die
Keulen heraus, während das übrige als ungeniessbar den Coyotes überlassen wurde.
Er trocknete gerade an einigen breiten Blättern das Messer, als ihn Robert
anredete. »Soll ich dir helfen, Alter?«
    Mongo lächelte gutmütig. »Jetzt nicht mehr, mein Guter«, sagte er mit
freundlichem Spott. »Aber schleppen musst du, dass dir der Buckel kracht.«
    Robert lachte. »Ein hübscher Trost für den weiten Marsch«, antwortete er.
    Der Jaguar legte die Fingerspitzen auf seine Schultern. »Kennt mein weisser
Bruder den Weg über den Brown-Creek?« fragte er.
    Mongo und Robert verneinten. »Dann würden wir dem Minenlager um ein grosses
Stück näher sein«, erwiderte der Neger. »Aber von Lenchi aus ist kein Übergang
zu entdecken.«
    Der Pelzjäger deutete mit der Rechten nach Norden. »Ich kenne die Stelle, wo
der Brown-Creek so schmal ist, dass er durchwatet werden kann«, sagte er. »Wenn
mir meine Brüder folgen wollen, so werde ich vorangehen.«
    »Das nehmen wir gern an!«, rief der Neger erfreut. »Einige Stunden weniger
ist für alte Knochen ein äusserst angenehmes Geschenk.«
    Auch Robert erklärte sich einverstanden, und nachdem der Trapper schweigend
einen Teil des fortzuschaffenden Fleisches auf seine Schultern geladen hatte,
machten sich die drei Männer in der Abenddämmerung auf den Weg. Es war für die
beiden Freunde ein eigentümliches Gefühl, sich so in der pfadlosen Wildnis dem
völlig unbekannten Führer gewissermassen mit gebundenen Händen wehrlos zu
überliefern. Wenn er sie vielleicht in einen Hinterhalt locken oder den
Comanchen als Gefangene zuführen wollte?
    Aber nein, dieser Mann konnte keinen Verrat begehen. Robert verwarf den
Gedanken ebenso schnell, wie er gekommen war. Allerdings bewachte er fast
unausgesetzt jede Bewegung des Pelzjägers, ohne jedoch wirklichen Argwohn zu
spüren, da Mongo, der gründliche Menschenkenner, so vollkommen ruhig schien.
    Allmählich begann er wieder auf die Umgebung zu achten. Die wundervolle Ruhe
der Frühlingsnacht, das leise Spiel der windbewegten Zweige auf den von hellem
Mondlicht überfluteten Lichtungen, der schwere Flügelschlag vorüberhuschender
Nachtvögel, das eilige Rascheln aufgescheuchter kleiner Tiere im Laub, alles das
nahm ihn mehr und mehr gefangen.
    Auf freien Flächen, wo sich die Schatten in scharf begrenzten. Umrissen
abzeichneten, schien der Pelzjäger mit seiner spitzen, reichverbrämten
Kopfbedeckung, mit der hohen Gestalt und dem eng anliegenden Anzug ein
vorweltlicher Riese zu sein, wie ihn uns die Märchendichter malen. Er ging mit
leichten Schritten schweigsam und aufrecht durch die Wildnis voran, bis endlich
nach mehrstündigem Marsch das Ufer des Brown-Creek erreicht war. Nach kurzer
Wanderung am Fluss entlang traf man auf ein dichtes Gebüsch, das sich fast bis
auf den Wasserspiegel herabneigte. Zugleich schienen Felsen den Wasserlauf zu
hemmen; eine graue, steile Wand schob sich neben dem Gebüsch in den Fluss hinein,
und das Plätschern der Wellen war verschwunden.
    Der Trapper stand still und suchte mit den Augen eine bestimmte Stelle der
Felswand. »Hier ist es«, sagte er. »Meine Brüder mögen mir folgen.«
    Es war eine enge, gewundene Felsspalte, die sich bald darauf zu einem
Gewölbe öffnete, durch die der Pelzjäger seine neuen Freunde führte. Nach
wenigen Schritten in tiefer, grabesähnlicher Finsternis schien plötzlich von
oben herab der Mond wieder auf den Weg. Von rechts her fiel das Wasser langsam
sickernd durch einen engen Kanal in seinen für eine kurze Strecke unterbrochenen
Lauf zurück, während sich auf der linken Seite ein ähnlicher Abfluss öffnete. Das
Wasser war innerhalb dieser natürlichen Höhlung kaum andertalb Meter tief, so
dass es leicht und ohne alle Gefahr durchwatet werden konnte.
    Auf der entgegengesetzten Seite musste ein ziemlich steiler Abhang erklettert
werden, und dann war die bekannte Umgebung von Lenchi erreicht. Noch eine Stunde
Marsch stand den beiden Goldsuchern bevor, bis sie sich in Neu-Pinneberg
ausruhen konnten.
    Der Trapper liess die Bärenkeule, die er bis jetzt getragen hatte, auf das
Moos herabgleiten. »Meine Brüder können von hier aus ohne Führer ihren Wigwam
erreichen«, sagte er freundlich. »Der Jaguar wünscht ihnen eine gesegnete
Nachtruhe.«
    Mongo drückte dankbar seine Hand. »Möchten wir bald in der Lage sein, Euch
Euren Freundschaftsdienst vergelten zu können, Jaguar«, erwiderte er, »und
möchten wir Euch einmal bei uns als Gast willkommen heissen. Nehmt unseren
herzlichsten Dank.«
    Der Pelzjäger behielt seine stolze, wenn auch liebenswürdige Haltung. Er
richtete auch an Robert den gleichen Abschiedswunsch. »Du und ich, wir sehen uns
heute nicht zum letztenmal«, sagte er. »Unser Lebensfaden läuft eine Zeitlang
vereint.«
    Robert hielt die braune Hand des Trappers. »Wann kommst du uns besuchen?«
fragte er.
    Der Jaguar deutete mit erhobenem Arm zum Himmel. »Sieh die Wolken«, sagte
er, »sie sind die Propheten und Sendboten des grossen Geistes. Von Lenchi nach
den Jagdgründen der Comanchen ziehend, immer drei in einer Reihe - siehst du
sie?«
    Robert hätte nicht lachen können. Er nickte stumm.
    »Nun«, fuhr der Pelzjäger fort, »ehe drei Nächte vergehen, wirst du meiner
bedürfen. Der grosse Geist hat gesprochen.«
    Fast kalt überlief es den jungen Mann bei diesen Worten. Die Art und Weise
des Fremdlings hatte etwas so Seltsames, Pakkendes. Es war unmöglich, das, was
der Jaguar mit solcher Bestimmteit behauptete, als Torheit zu verlachen.
    »Versteht es mein weisser Bruder, das Geschrei der Elster nachzuahmen?« fuhr
der Jäger fort. Robert lächelte. Schon als zehnjähriger Junge konnte er die
Stimmen vieler ihm bekannter Tiere nachahmen. Statt einer Antwort klang
täuschend ähnlich das Krächzen und Kollern der Elster in die Nacht hinaus.
    Der Jaguar neigte das Haupt. »An jedem Abend, wenn die Sonne untergeht,
findet mich bei dem Übergang des Brown-Creek dein Ruf«, fuhr er fort. »Dreimal
in kurzen Pausen ahmst du die Elster nach, und ich verspreche dir, an deine
Seite zu treten.«
    Robert drückte seine Hand. In mancher Beziehung verriet doch das Wesen des
Trappers noch den Weissen. Er gab die Rechte, was kein Indianer tut, und berührte
zum Abschied die spitze Mütze.
    Robert fühlte sich seltsam berührt. »Ist das, was mir bevorsteht, Gutes oder
Böses, Jaguar?« fragte er beklommen.
    Der Pelzjäger blickte wieder zum Himmel empor. Er schien von dem
Indianerglauben an die weissagende Kraft der Wolken vollkommen durchdrungen.
»Sieh die drei weissen Inseln im blauen, unendlichen Meer«, erwiderte er, - »ein
Stern leuchtet hindurch. Er beschützt dein Haupt, er bedeutet dir Segen. Gute
Nacht!« -
    Die braune Hand zog sich zurück, der Pelzjäger stand mit kurzem Sprung auf
dem natürlichen Wall und war im nächsten Augenblick verschwunden.
    Der Nachtwind fuhr über die Stelle, an der er gestanden hatte, im Osten
dämmerte schon ein heller Streif, und bis nach Lenchi war es noch weit.
Schweigend, beide unter dem Eindruck des eben Erlebten, gingen die beiden
Freunde über die wohlbekannten Wege ins Tal hinab. Es wurde nichts mehr
gesprochen, nur vor der Tür von Neu-Pinneberg legte Robert die Hand auf Mongos
Schulter.
    »Lass die Sache vorderhand unter uns bleiben, Alter«, flüsterte er. »Gottlieb
denkt sonst womöglich, dass der Jaguar in nächster Nacht mit einer Indianerhorde
geritten kommt, um unsere Skalpe zu rauben.«
    Mongo lachte. »Du junger Spitzbube«, antwortete er nur, aber Robert wusste,
dass er unbedingt auf seine Verschwiegenheit zählen konnte.
    Als die beiden das Innere der Hütte betraten, sahen sie den geängstigten
Gottlieb, wie er in einer Ecke kauerte und sein Gewehr krampfhaft in beiden
Händen hielt. »Mein Gott, wo seid ihr gewesen?« rief er. »Ich hatte schon Angst,
euch hätten wilde Tiere gefressen.«
    Robert liess das Fell und die Keule auf den Fussboden gleiten. »Beinahe
hättest du recht gehabt«, lachte er. »Wir bringen aber den Bären mit, anstatt
ihm zum Frass zu dienen.«
    Gottlieb sprang auf, wie von einer Feder geschnellt. »Du hast einen Bären -
-«
    Mehr konnte er nicht hervorbringen. Die Büchse schwankte in seiner Hand wie
ein geknickter Halm.
    Robert breitete im Mondschein das Fell aus. »Beruhige dich«, sagte er.
»Dieser Meister Petz ist nur noch ein Stück Vergangenheit!« -
    Lachend warf er sich auf sein Lager und schlief bald darauf ein.
    Am folgenden Morgen ging Gottlieb zum erstenmal wieder mit hinaus an die
Arbeit. Obwohl er nur wenig helfen konnte, wurde doch im ganzen mehr geschafft,
als während der letzten Wochen, während der er vollständig gefehlt hatte. Der
Ertrag war überhaupt ein sehr guter, das Wolltuch blitzte von Gold, und die
Stimmung nahm dementsprechend einen erneuten, festlichen Aufschwung. Man
arbeitete tapfer, um womöglich das Versäumte wieder einzuholen.
    Die Jagdbeute wurde mit lebhaftem Beifall begrüsst und mit blanken Dollars
bezahlt, alles schien nach Wunsch zu gehen, und Robert dachte bei sich, dass doch
die Prophezeiung des Trappers nur ein Schattenbild, ein Hirngespinst gewesen
sein könne. »Wie sollte ich zwischen heute und morgen in die Lage kommen, die
Hilfe dieses fremden Mannes in Anspruch nehmen zu müssen?« fragte er sich. »Es
ist fast undenkbar.«
    Dennoch aber kamen ihm die Worte des Jaguars nicht mehr aus dem Sinn.
    Am dritten Morgen herrschte fast tropische Hitze. Das seltsam unbeständige
Klima Kaliforniens schwankt unvermittelt zwischen glühender Hitze und
empfindlicher Kälte, und gerade an diesem Tage schien die Luft vollständig
stillzustehen. Kein Hauch bewegte die Blätter auf den Bäumen, und kein Vogel
sang. Die drei Freunde arbeiteten trotz der glühenden Hitze eifrig weiter, da
die Ausbeute gut zu werden versprach. Bei jedem neuen Axtschlag erschienen mehr
glitzernde Punkte in dem losgebröckelten Erdreich, immer näher rückte endlich
der ersehnte Erfolg.
    Am Abend war der erzielte Gewinn grösser als jemals zuvor.
    Robert und Gottlieb atmeten auf. Endlich schien sich das Glück ihnen
zuzuwenden. Endlich fanden die langen, erfolglosen Mühen den schwerverdienten
Lohn.
    »Noch zwei Monate so wie heute!« dachte Robert, »und ich habe das Geld, das
mir fehlt, um es meinem Vater zurückzuzahlen, ich kann in San Franzisko eine
Heuer suchen und in einigen Wochen in Pinneberg sein. O Gott, wenn es gelänge.«
    Er sass auf einer Kiste und träumte vom Wiedersehen in der Heimat, - er sah
sich in Pinneberg bei seinen Eltern und war glücklich, endlich wieder zu Hause
zu sein.
    Robert hörte nicht, dass sich draussen der Wind erhob und Wolken von Staub
gegen die einzige Scheibe der Hütte warf, dass leise grollend der Donner
heraufzog und fahler Schein den westlichen Horizont erleuchtete. Kein
Regentropfen kühlte die unerträgliche Hitze, - nur immer stärker rollte es und
knatterte und zischte, bis endlich ein furchtbarer Schlag die Luft zerriss.
    Robert fuhr auf. Den gelben Blitz hatte er gesehen, ohne dass er sich dessen
wirklich bewusst wurde. Jetzt aber zerriss der Traum, - der furchtbare
Wetterschlag hatte ihn zerstört.
    Robert wollte vor die Hütte treten und sich nach seinen beiden Gefährten
umsehen, aber ein solcher Wirbel von Staub quoll ihm entgegen, dass er den Plan
fallen lassen musste. Mongo und Gottlieb würden sicherlich bei diesem Wetter im
Wirtshaus Zuflucht gesucht und gefunden haben.
    Er setzte sich wieder an seinen früheren Platz, aber der Faden seines
schönen Traumes war doch zerrissen. Im Gegenteil, er fürchtete jetzt nur, der
Grund der Waschrinnen könnte morgen so durchweicht sein, dass sich nicht arbeiten
liess.
    Robert lächelte. »Ich gerate in Gottliebs Fahrwasser!« dachte er.
    Und während sein Blick die vorüberwirbelnden, völlig undurchsichtigen
Staublawinen mit einiger Sorge beobachtete, erscholl plötzlich auf der Strasse
ein Ruf, der ihm das Blut in den Adern erstarren liess.
    Er sprang auf, er horchte voll Angst, - vielleicht, vielleicht hatte ihn ja
sein Ohr getäuscht, vielleicht war das Schreckliche nur ein Irrtum!
    Aber schon nach wenigen Augenblicken musste er erkennen, dass er durchaus
richtig gehört hatte. Noch einmal, noch zehnmal, hundertfach wiederholte sich
der Schreckensruf in dem tosenden Unwetter.
    »Feuer! - Feuer! -«
    Die Stadt aus Holz und geteertem Segeltuch brannte. Der Wirbelwind trug die
Funken wie einen glühenden Regen über die Dächer weiter.
    Es gab nur einen einzigen Wasserlauf in der Nähe, man hatte keine
Feuerspritze, keine Leitern, keine Noteimer, man rannte in plötzlicher Angst
kopflos hin und her, während der Himmel schwarz und bleigrau in tiefen Wolken
herabhing, ohne dass auch nur ein einziger Regentropfen fiel, - während die
gefrässigen Flammen mit tausend roten Zungen an den ausgedörrten Holzwänden
emporleckten, und in rasender Schnelle wachsend bald zum Glutmeer wurden, in
dessen Nähe sich nichts Lebendes mehr wagen durfte.
    Robert stürzte jetzt hinaus auf die Strasse. Alles wirbelte ihm entgegen.
Schreiende Frauen und Kinder, Männer, die ratlos dies und das vorschlugen, ohne
aufeinander zu hören, ohne vielleicht selbst zu wissen, was sie sprachen.
    Dass es tatsächlich keine Rettung gab, sah im Grunde jeder.
    Und immer heisser wurde die Luft. Brennende Holzstücke und Stoffetzen
schleuderte der Sturm auf entfernte Dächer, an zehn Stellen loderte es empor,
blutrote Gluten färbten den Himmel.
    Mongo und Gottlieb stürzten durch den dichten Rauch herbei; wie ein
Verzweifelter warf sich der junge Pinneberger auf die Kiste, die sein ganzes Hab
und Gut entielt. »Meine Eltern«, schluchzte er, »o meine unglücklichen Eltern!
Ich werde sie nie wieder aus dem Armenhause erlösen können!«
    Und halb sinnlos vor Schmerz schlug er mit der Stirn gegen die harte Kiste.
Sein Weinen klang herzzerreissend.
    »Mongo«, fragte Robert verstört, »ob wohl das Feuer bis hierher kommt?«
    Der Neger fuhr sich seufzend durch das weisse Haar. »Es ist ein Unglück,
Bob«, erwiderte er, »aber wir müssen es eben wie Männer ertragen. In zehn
Minuten brennt unser Haus, - in zehn Minuten sind wir Bettler, denn auch die
Waschrinne wird dermassen verschüttet werden, dass wochenlange Arbeit notwendig
ist, um sie wieder gebrauchsfähig zu machen.«
    »Um Gottes willen! - Und das in einem Augenblick, als ich glaubte und
hoffte, dass nun eine neue und bessere Zeit anbrechen werde.«
    Der Alte streichelte Roberts blasses Gesicht. »Du weisst ja nicht, wozu
dieser neue schwere Schlag gut ist, mein Junge«, tröstete er. »Auch dies Unglück
ist von Gott gesandt, obwohl es so aussieht, als hätte sich das Glück gegen uns
verschworen. Komm, Bob, warst ja in schlimmeren Stunden ein ganzer Mann, sei es
also auch heute. Hilf mir, unsere Decken und unser Arbeitsgerät zu bergen.«
    Robert fuhr auf. »Du hast recht, Alter«, sagte er. »Wir wollen nie
verzweifeln. Lass uns tun, was irgend möglich ist.«
    Der Neger sah zu der brennenden Siedlung hinüber. Nur noch fünf Häuser
standen zwischen Neu-Pinneberg und dem zischenden, knisternden Flammenmeer.
»Schnell!« rief er. »Da fliegen schon die ganzen brennenden Wollhemden und
Jacken aus Samuel Ekiwas Laden auf unser Dach. Arme Hütte, du hattest trotz des
schönen Richtspruchs kein Glück.«
    Er ging rasch hinein, und Robert folgte ihm. Gottlieb lag noch regungslos
mit dem Gesicht auf der Holzkiste.
    »Komm, Freund«, drängte Mongo, ihn an der Schulter rüttelnd. »Komm, es ist
höchste Zeit, oder du läufst Gefahr zu ersticken.«
    Gottlieb antwortete nicht, erst als auch Robert ihm zuzureden versuchte,
schüttelte er stöhnend den Kopf. »Lasst mich, - lasst mich, ich will nicht
gerettet werden. Was nützt mir das Leben, wenn ich ein Bettler bin?«
    Aber Mongo verstand die Sache anders. Als der verzweifelte junge Mensch in
seine vorige Lage zurücksinken wollte, ergriff er ihn und stellte ihn mehr
kräftig als sanft auf die Füsse. »Bitte deinen Herrgott um Verzeihung, Bursche«,
sagte er streng, »und da, diese Decken trage hinaus! Beeile dich, das Feuer ist
dir hart auf den Fersen.«
    Er selbst und Robert ergriffen inzwischen die wenigen
Einrichtungsgegenstände, die in Neu-Pinneberg überhaupt vorhanden waren,
Gottlieb wurde ohne weiteres gezwungen, mit anzupacken, und als bald darauf die
Flammen das kleine Gebäude erfassten, da war es wenigstens leer. Das Hab und Gut
der unglücklichen Goldwäscher lag in einiger Entfernung von der Brandstätte auf
einem Haufen, während die Menschen stumm zusahn, wie ihre Häuser krachend
einstürzten und in einer jähen, plötzlich aufwirbelnden Lohe in sich
zusammensanken.
    Nach zwei Stunden hatte das verheerende Feuer die ganze Stadt zerstört.
Dumpfe Verzweiflung lastete auf den Menschen, unheimliche Stille lag über der
ganzen Stätte der Vernichtung.
    Gegen Morgen fiel der Regen in Strömen herab. Was in Lenchi atmete, wurde
bis auf die Haut durchnässt, kein Feuer konnte entzündet werden, die Lebensmittel
waren verbrannt und das schlimmste, die Waschrinnen, wie Mongo vorausgesagt
hatte, vollständig verschüttet. Das Stampfen und Flüchten der Tiere, die eiligen
Fusstritte der Menschen, hatten hier und da die Erde in den künstlichen Kanal
zurückgeworfen, Trümmer aller Art waren hineingefallen, Asche und Stroh bildeten
grosse Haufen. So musste sich das Wasser, das die Goldwäscher künstlich abgeleitet
hatten, jetzt, nachdem ihm der Weg versperrt war, eine andere Bahn suchen.
Allmählich überflutete es alle Strassen der verbrannten Stadt, wohin die Menschen
traten, da versanken ihre Füsse im Schlamm, und als endlich hinter den dichten
Regenwolken die Sonne erschien, beleuchtete sie ein Bild furchtbarer Verwüstung.
    Die drei Freunde sassen nebeneinander auf einem Baumstamm, den Mongo kürzlich
von Ästen und Zweigen befreit hatte, um ihn als Heizungsmaterial zu verwenden.
Der Regen fiel plätschernd auf ihre Köpfe herab, die Füsse standen im Wasser, und
die Hände lagen untätig im Schoss.
    Heute war auch Robert mutlos. »Man hat keine Wohnung, nichts zu essen, und
was das Schlimmste ist, keine Arbeit.«
    »Um so mehr muss man sich bemühen, den Kopf oben zu behalten, Bob.«
    Robert hob beide Hände empor. An seinen vollständig durchnässten Kleidern
liefen die Tropfen überall herab. »Aber was sollen wir anfangen?« fragte er ganz
hoffnungslos. »Es ist ja alles verloren.«
    Mongo sah ihm bedeutsam ins Auge. »Und das sagst du, Bob?«
    Robert errötete. Zwar hatte er sich während der langen, schrecklichen Nacht
mehr als einmal unwillkürlich der sonderbaren Andeutungen des Pelzjägers
erinnert, aber immer noch konnte er die Sache nicht ernst nehmen. »Und wenn ich
hinginge«, dachte er, »wenn ich die Hilfe des Jaguars in Anspruch nähme, - was
könnte es mir nützen?«
    »Lass uns erst einmal sehen, ob nicht an irgendeiner Stelle Kaffee gekocht
wird«, schlug der Neger vor. »Einige von den Goldwäschern hatten ja
Petroleumöfen.«
    Gottlieb drückte mit kläglicher Miene das Wasser aus seiner Mütze. »Es gibt
hier ja kein Dach mehr!« ächzte er.
    Das klang doch so komisch, dass die beiden andern trotz der Schwere des
Augenblicks laut lachen mussten. »Komm, Bob«, rief Mongo, »wo war es schlimmer,
hier unter Menschen, wo die Luft warm ist, wo es Trinkwasser gibt, oder - am
Eismeer, in der Felsenwüste ohne Baum und Strauch, ohne eine Quelle, ohne Wild,
ganz allein und verlassen! - Sag, mein Junge, wo war es schlimmer?«
    Robert nickte. »Dort, Alter«, antwortete er, »sicherlich dort.« Wenn wir
aber bei alledem nur erst einmal einen Zufluchtsort gefunden hätten, und wenn
der entsetzliche Regen aufhören wollte. Das Geschirr rostet, die Gewehrmunition
wird unbrauchbar und Lebensmittel werden auch kaum noch zu bekommen sein.
    Gottlieb deutete mit einer leichten Neigung des Kopfes zur Seite. »Dort
stolpert Samuel Ekiwa heran!« sagte er. »Was mag der wollen?«
    Wirklich kam der kleine Händler über die Schuttaufen und Wassertümpel
dahergehüpft wie eine Bachstelze. Auch er troff von oben bis unten, aber das
listige Gesicht zeigte keineswegs Trübsal oder Verzweiflung. Schon von weitem
begrüsste er die drei.
    »Nichts gerettet?« rief er, sich umsehend. »Alles verbrannt? - Mit
Erlaubnis!«
    Und dann setzte er sich auf das Ende des Baumstammes, wollte in gewohnter
Weise die Stirn mit dem Taschentuch trocknen, fand es aber noch bedeutend
durchnässter als sein Gesicht selbst, und steckte das Tuch, nachdem er es
ausgerungen hatte, wieder ein. »Was werden die Herren jetzt zunächst beginnen?«
fragte er.
    »Schon ein Plänchen fertig?«
    »Haben Sie etwa einen Vorschlag, Mr. Ekiwa?« erwiderte Robert.
    »Vielleicht!« schmunzelte der kleine Mann. »Vielleicht! Zwei machen ein
Paar, wie Sie wissen, meine Herren!«
    »Gut, versuchen wir also, ob es uns gelingt, eine Einigung zu finden.«
    Der Händler blinzelte vertraulich. »Zunächst müssen Sie bauen!« sagte er.
»Aber es ist in Lenchi kein einziges Brett aufzutreiben, es kann Ihnen niemand
helfen, da jeder für sich selbst genug zu tun hat. Was denken Sie also
anzufangen?«
    Robert zuckte die Achseln. »Es ist bald Sommer, wir können ja zunächst ein
Zelt aufschlagen«, meinte er.
    »Well, Sir, well, sehr richtig. Dachte ganz das Gleiche. Habe einen hübschen
Posten geteertes Segeltuch, ebenso Schiessbedarf und Kleidungsstücke, alles was
Sie wünschen, was zur neuen Einrichtung erforderlich ist. Wirklich, Sir, ich
greife ihnen nach Kräften unter die Arme, meine es mit Ihnen und den beiden
anderen Herren wie ein Bruder, können Sie glauben. So viele Abnehmer für die
Ware! - Puh, so viele wie Sand am Meer, aber hierher komme ich zuerst,
wahrhaftig. Sie müssen schon in der nächsten Nacht wieder unter Dach und Fach
schlafen.«
    Er nickte bei jedem seiner Worte, und die Regentropfen rannen an seiner
langen Nase regelmässig wie exerzierende Soldaten nacheinander herab. »Schlagen
Sie ein, Sir«, sagte er. »Ausser mir besitzt niemand hier in Lenchi das, was
Ihnen fehlt.«
    »Aber wie haben Sie das alles vor dem Feuer schützen können, Mr. Ekiwa?«
    Der Händler schmunzelte. »Eiserne Kisten, Sir, Sicherheitsschlösser, teure
Ware, teure Fracht. Aber was tut man nicht, um andern gefällig zu sein, was muss
man nicht wagen, um mit Ehren durch die Welt zu kommen!«
    Hier streckte Gottlieb die Hand aus. »Mr. Ekiwa«, sagte er, »welche Preise
machen Sie in diesem Augenblick für Zeltleinen und Gewehrmunition?«
    Der Händler zuckte die Achseln. »Teurer als gewöhnlich wird es werden, Sir.«
    »Das ist begreiflich. Aber wieviel teurer, Mr. Ekiwa?«
    »Hm, ich gebe Ihnen das notwendigste Zelttuch und Bindgarn, für jeden einen
neuen Anzug, ein paar Hemden und Strümpfe, Schiessbedarf, Seife, kurz alles, was
Sie im Augenblick brauchen, ich sorge für die Herren wie ein Bruder, bewillige
sechs Monate Frist und verlange für diese Hilfe nur einen Wechsel über tausend
Dollar, von jedem von Ihnen unterschrieben.«
    Gottlieb sprang wie ausser sich auf seine Füsse. »Das dachte ich mir!« rief er
in höchster Entrüstung, »das wusste ich im voraus. Herr, Sie sind ein - -«
    Mongos Hand legte sich ermahnend auf seine Schulter. »Still, Gottlieb, nicht
grob werden, mein Junge. Man sagt leicht ein Wort zuviel, wie du weisst.«
    Der Händler nickte wie eine chinesische Pagode. »Mag überhaupt mit diesem
Herrn nichts zu tun haben«, rief er. »Halte ihn für einen ganz unerfahrenen
Burschen, der besser zu Hause geblieben wäre, um sich hinter seiner Mutter zu
verstecken und sich von ihr mit Zwiebackbrei füttern zu lassen! - Mr. Kroll, was
sagen Sie zu meinem Plan?«
    Robert erhob sich etwas heftig von seinem Sitz. »Dass ich genau so denke, wie
mein Freund!« erwiderte er. »Ich unterschreibe keinen Wechsel, der mir die Kehle
zuschnürt. Zweihundert Dollar, mehr darf das neue Zelt nicht kosten.«
    »Keinen Cent mehr!« rief Gottlieb. »Schon das ist ein Sündengeld.«
    Der Händler zeigte durch allerhand Gesten seine unverhohlene Nichtachtung.
»So schlafen Sie unter freiem Himmel«, rief er, »gehen Sie zu Grunde, wie und
wann Sie wollen. Mich kümmert's nicht, von mir bekommen Sie keinen Fetzen
Segeltuch.«
    Und ohne Gruss und Abschied davonstürzend, liess er die drei Freunde in noch
grösserer Ratlosigkeit zurück.
    »Was nun?« fragte Robert.
    Gottlieb war vollständig in Zorn geraten. »Einerlei!« rief er. »Lieber
sterben, als solche Bedingungen unterschreiben.«
    Mongo hob die Hand. »Kinder«, schaltete er ein, »so schlimm wird es ja nicht
gleich werden. Pulver und Blei sind geborgen. Ich habe beides in eine
Blechkapsel geschüttet und vor dem Regen mit einem grossen Brett geschützt. Wir
können also zu jeder Zeit einen Braten schiessen, - das ist schon etwas, meine
ich.«
    Robert nickte. »Wenn nur nicht unsere Waschrinne verschüttet wäre!« seufzte
er.
    Mongo sah zu den grauen Wolken empor. »Der Regen scheint noch nicht aufhören
zu wollen, Bob«, sagte er. »Wir müssen uns erkundigen, was die andern vorhaben,
müssen uns hier nicht so absondern und uns die Sache immer schwerer vorstellen.
Kommt nur, Kinder, kommt, wir sprechen erst einmal mit unseren Bekannten.«
    Er ging voran, und die beiden andern folgten ihm. Der Anblick all dieser
zerstörten Wohnstätten, dieser Trümmer und verkohlten Balken, über die das
Wasser von oben und unten dahinrauschte, war schrecklich. Jammernde, weinende
Frauen sassen an der Stelle, auf der noch bis vor kurzem ihre Häuser gestanden
hatten. Sie schienen sich von diesem Fleck Erde, obwohl er sich von der
trostlosen Umgebung in nichts mehr unterschied, doch immer noch nicht trennen zu
können, sondern hielten krampfhaft ihre kleinen, erschreckten Kinder in den
Armen und schluchzten nur um so heftiger, je eindringlicher die Männer sie zu
trösten versuchten.
    Aber auch andere Bilder boten sich unseren Freunden. Aus den verschiedenen
Wirtschaften und Vergnügungslokalen hatte man beim Ausbruch des Feuers natürlich
zuerst das Wertvollste, die Branntwein fässer gerettet, und jetzt wurde auf
offener Strasse das Geschäft fortgesetzt. Schon zu dieser frühen Stunde sah man
Betrunkene dahertaumeln, sah man ganze Gruppen von Goldwäschern, wie sie sich
auf den Trümmern ihrer Häuser gelagert hatten und rohe Gassenhauer absangen oder
sich je nach Laune die Köpfe blutig schlugen.
    Was noch nüchtern war, das schien allen Mut verloren zu haben. Einzelne
drückten Roberts Hand oder sprachen ein paar Worte des Bedauerns, der eigenen
Ratlosigkeit, andere erklärten, dass sie den vorrätigen Goldstaub verkaufen und
so schnell wie möglich nach einer neuen Minenstadt aufbrechen wollten. »Hier in
Lenchi musste man ohnehin schon auf alle Annehmlichkeiten des Lebens verzichten«,
meinte der Zimmermann, »es gab kein Teater, keine Bücher, keine Zeitungen, ja,
nicht einmal Strassenbeleuchtung, und trotzdem war alles brandteuer. Und wie wird
es jetzt erst werden, wo Monate dazu gehören, bis Bretter herbeigeschaft sind,
um nur wenigstens wieder feste Wände um sich herum zu fühlen? Ich bleibe nicht,
Mr. Kroll! - Wollen Sie mit mir gehen?«
    »Noch weiter in die Wildnis hinein?«
    »Etwa hundert Meilen, ja.«
    Robert schüttelte den Kopf. »Das muss ich mir wirklich erst überlegen«,
antwortete er.
    Und dann wanderten die drei weiter, um nach Lebensmitteln Ausschau zu
halten. Der Lehmofen des einzigen Bäckers in der Stadt hatte natürlich von den
Flammen nicht erfasst werden können, daher dampfte hier ein tüchtiger
Kaffeekessel, und das warme Gebäck lud zum Essen ein. Aber alle Preise waren
über Nacht auf das doppelte gestiegen: die Tasse Kaffee kostete heute einen
halben Dollar und ein Brötchen nicht viel weniger. Sich mit dem gesunden Appetit
der Jugend sattessen, hiess sich arm machen.
    In einer Gruppe sprachen mehrere Männer von dem, was jetzt zuerst angefangen
werden müsse. Die nötigen Arbeiten zur Wiederherstellung der Waschrinne konnten
etwa acht Tage kosten, aber während dieser verdienstlosen Zeit musste man leben
und würde dadurch in drückende Schulden geraten. Was war zu machen, - es gab
keinen anderen Ausweg.
    dabei regnete es unaufhörlich, und viele der arbeitsfähigen Männer waren
betrunken. Durchnässt, von Russ und Asche geschwärzt, vom Alkohol gerötet, mit
verworrenem Haar, meistens ohne Kopfbedeckung, sahen sie aus wie böse Geister,
die der Unterwelt entstiegen waren und auf Trümmern und Brandstätten ihr Wesen
trieben. -
    Robert versuchte, sie zu ernüchtern, zu einem gemeinsamen tatkräftigen
Vorgehen aufzurütteln, aber ganz vergeblich. Sie verstanden ihn entweder gar
nicht, oder sie lachten ihm offen ins Gesicht.
    Entmutigt gab er die Sache auf. Wenn nicht ein paar hundert Hände Zugriffen,
um die Waschrinne, die jetzt schon vollständig einem reissenden Gebirgsbach
glich, wieder in ihren früheren Zustand zurückzuversetzen, so blieb alle Arbeit
und Mühe des Einzelnen vollständig fruchtlos. Die umhertaumelnden Betrunkenen
machten es den wenigen Besonnenen geradezu unmöglich, irgend etwas zur
Verbesserung der gemeinsamen Lage zu unternehmen.
    Robert knirschte vor Zorn. »Mongo«, sagte er, »jetzt erst durchschaue ich
den Spitzbubenplan des Händlers. Er wollte uns zur Annahme seines Vorschlages
drängen, bevor wir wussten, wie schwer es sein würde, die Waschrinne wieder
instandzusetzen. Ich glaube, es ist das beste, wir schliessen uns denen an, die
von hier fortziehen.«
    Der Neger wiegte den Kopf. »Willst du nicht erst einmal heute abend
hinausgehen zum Brown-Creek?« fragte er.
    Robert war noch nicht entschlossen, ob er diesen Versuch machen sollte.
»Mongo«, fragte er, »denkst du im Ernst daran?«
    Der Alte zuckte die Achseln. »Das wäre zuviel gesagt, Bob, aber - ich an
deiner Stelle würde den Versuch machen.«
    Robert nickte. »Gut«, erwiderte er. »Du sollst deinen Willen haben, Alter.
Bei Einbruch der Dämmerung bin ich am Übergang des Brown-Creek.«
    Gottlieb hatte das ganze Gespräch mit angehört, ohne es zu verstehen. Jetzt
wurde er neugierig. »Wohin willst du gehen, Robert?« fragte er.
    Der lachte. »Mongo«, rief er, »jetzt muss der Fuchs zum Loch heraus. Erzähle
du die sonderbare Geschichte, Alter.«
    Aber das war keineswegs eine leichte Aufgabe. Was Robert vorausgesehen
hatte, trat sofort ein. Gottlieb bemühte sich mit allen Kräften, die Sache zu
vereiteln. »Die bekannte Kriegslist der Indianer«, rief er, »du bist verloren,
wenn du hingehst. Der Bösewicht skalpiert uns, um unter seinen Genossen mit dem
Sieg über einen Weissen zu prahlen.«
    Mongo fuhr ihm etwas ärgerlich dazwischen. »Du brauchst ja nicht
mitzugehen«, brummte er.
    »Aber das will ich doch unter allen Umständen«, rief lebhaft der sonst so
schüchterne junge Mensch. »Robert ist hierher mitgegangen, um mich zu
beschützen, es versteht sich also von selbst, dass ich mich jetzt an seine Seite
stelle. Mich wird nichts zurückhalten, meiner Überzeugung zu folgen.«
    Robert drückte die Hand seines ehemaligen Schulkameraden. »Ich danke dir,
Gottlieb«, sagte er herzlich. »Du kannst getrost mit hinausgehen an die
verabredete Stelle; der Pelzjäger führt nichts Böses im Schilde, dessen bin ich
vollkommen sicher.«
    Gottlieb schüttelte den Kopf. »Ich durchaus nicht«, seufzte er. »Die
Comanchen wissen natürlich schon von dem Unglück, das Lenchi betroffen hat, sie
kommen in hellen Haufen herangezogen und wollen plündern, morden und von allem,
was gerettet wurde, Besitz nehmen. Der geheimnisvolle Pelzjäger ist ihr
Kundschafter, weiter nichts.«
    »Und du bist bei all deiner Liebenswürdigkeit und Treue ein Angstase,
Gottlieb, das nimm mir nicht übel, du siehst Gespenster am hellen Tage. Was
würdest du sagen, wenn der Jaguar auch dich mit grösster Freundlichkeit
begrüsste?«
    »Er soll mich möglichst gar nicht sehen«, gestand Gottlieb. »Ich verstecke
mich, solange du mit ihm verhandelst, und bei der ersten verdächtigen Bewegung
schiesse ich ihn nieder, das ist alles.«
    »Alle Achtung, wie tapfer! Aber ich bitte dich um Himmels willen, den
Feldzug nicht eher zu eröffnen, bis du von mir dazu aufgefordert wirst.«
    Mongo lachte. »Eben wollte ich dieselbe Bedingung stellen«, fügte er hinzu.
»Denn dass auch ich mitgehen werde, hast du doch niemals bezweifelt, Bob!«
    »Niemals!« bestätigte Robert.
    Und so machten sie die drei, nachdem sie noch für den Rest ihres Goldstaubes
ein schmales und schlechtes Mahl eingenommen hatten, frühzeitig auf den Weg, um
mit Beginn der Dämmerung am Brown-Creek zu sein.
    Die Sonne war hinter den Regenwolken verschwunden, die nassen Zweige
schlugen im Abendwind aneinander, und ringsumher war alles still. Nur eine
Antilopenherde jagte über die Ebene, und ein paar aufgescheuchte Raben
flatterten aus den nächsten Büschen.
    Mongo legte die Hand auf Roberts Arm. »Du, wir wollen uns in nächster Nähe
ein Versteck suchen, Gottlieb und ich«, flüsterte er. »Wozu den Jäger durch
Misstrauen beleidigen?«
    Robert nickte. »Das finde ich auch, Alter. Ist es nicht seltsam - gerade
heute, nach drei Tagen, muss ich den Trapper aufsuchen!«
    Der Neger sah sich um. »Schau her«, sagte er, »in diesem dichten Gebüsch
wollen wir bleiben, so dass uns der Jaguar nicht entdecken kann, während wir
jedoch imstande sind, alles zu überblicken. Nur musst du dich nicht überreden
lassen, auf die andere Seite des Flusses zu gehen. Ohne Führer finden wir uns
niemals durch das Steingewirr.«
    Robert nickte. »All right, Mongo. Ich bin allerdings überzeugt, dass der
Jaguar ein Freund ist.«
    »Ich auch, Bob. Aber Vorsicht kann niemals schaden. Und jetzt, Gott
befohlen! Mach, dass du auf deinen Posten kommst.«
    Gottlieb drängte sich vor. »Robert - ich will bei dir bleiben«, bat er. »Ich
kann dich nicht so allein lassen.«
    Robert schob ihn mit sanfter Gewalt zurück. »Ich rufe dich, wenn ich in
Gefahr kommen sollte, Gottlieb, ich rechne fest auf deine Wachsamkeit«, sagte
er, »aber jetzt muss ich allein gehen. Was sollte der Jaguar von mir denken, wenn
ich es nicht gewagt hätte, ohne Begleitung zu kommen?«
    Der andere seufzte. »Du bist zu unvorsichtig«, antwortete er, zog sich dann
aber doch an Mongos Seite in das Gebüsch zurück.
    »Wenn es nun dunkel wird, bevor der Wilde kommt«, raunte er, »und wenn wir
den armen Robert nicht mehr sehen können, was dann?«
    »Und wenn nun der Jüngste Tag in diesem Augenblick hereinbricht, Gottlieb,
wenn ein Erdbeben kommen sollte, was dann?«
    Der eingeschüchterte Gottlieb wagte kein weiteres Wort. Mongo war nicht
besonders geduldig, das wusste er schon aus Erfahrung. Es gab sofort eine
tüchtige Lehre, wenn er einmal allzuviel Angst zeigte.
    Im Gebüsch wurde also alles still, nur der Wind rauschte in den Zweigen.
    Robert ging mit leichten Schritten bis an die Steinwand, deren Umrisse im
Dämmerlicht klar erkennbar dalagen. Er überflog forschend die ganze Umgebung -
niemand war in der Nähe; nichts verriet die Gegenwart eines menschlichen Wesens.
    Eine Minute später hörten die beiden Versteckten den Ruf der wilden Elster
laut hinaustönen in den dämmernden Abend. Nach kurzen Pausen folgte der zweite
und der dritte Schrei.
    »Jetzt müssen wir genau achtgeben«, flüsterte Gottlieb. »Wenn sich mehrere
Indianer zeigen, dann müssen wir - -«
    Er unterbrach seinen Satz durch ein leises »Ach, da ist er schon! - Mongo,
sieh, ein wahrer Riese, aber doch nur einer!«
    Und wirklich war der Trapper schon im nächsten Augenblick erschienen. Er
stand auf dem steinernen Vorsprung wie der Geist des Gebirges, wie ein
überirdisches Wesen. Die spitze Mütze warf ihren Schatten, und die ganze hohe
Gestalt glich einer Marmorstatue.
    »Der Jaguar grüsst dich!« sagte die tiefe, klangreine Stimme. »Er hat seinen
Freund an dieser Stelle und zu dieser Stunde erwartet.«
    Robert drückte herzlich die Hand des Jägers, der inzwischen von der
Steinwand herabgesprungen war. »Du weisst also schon, welches Unglück mich und
ganz Lenchi betroffen hat, Jaguar?« fragte er.
    Der Jäger zeigte nach der Gegend des verbrannten Minenlagers hinüber. »Der
Jaguar sah die roten Feuergarben, welche den drei weissen Wolken nachzogen«,
erwiderte er. »Der Grosse Geist hat gesprochen, und seine Söhne werden
gehorchen.«
    Roberts Hoffnung begann sich wieder zu beleben. Der Jäger sprach mit so
überzeugender Sicherheit, dass es wirklich schien, als wisse er einen Ausweg aus
dieser Notlage. Robert legte bittend die Hand auf seine Schulter. »Jaguar«,
sagte er, »kannst du mir helfen und willst du es? - Ich würde dir ewig dankbar
sein.«
    Der Trapper lächelte unmerklich. »Ist mein junger Freund in diesem
Augenblick mehr geneigt, an die Macht des Grossen Geistes zu glauben?« fragte er
halblaut.
    Robert errötete etwas. »Das tat ich wohl immer, Jaguar«, antwortete er.
»Aber ich sehe wirklich keinen Weg, wie du mir helfen, könntest. Bitte, sag mir,
was hast du vor?«
    Der Jäger schüttelte leicht den Kopf. »Das ist nicht so schnell erklärt«,
antwortete er, »das ist nicht in zwei Worten gesagt. Ausserdem wird unter den
Söhnen des roten Volkes niemals anders als am Feuer und nach der Mahlzeit Rat
gehalten. Rufe deine Freunde, damit sie im Lager des Jaguars mit ihm Salz essen
und die Friedenspfeife rauchen.«
    Dunkle Glut schoss über Roberts offenes Gesicht. »Meine Freunde?« wiederholte
er. »Was willst du damit sagen, Jaguar?«
    Der Jäger sah ihm fest ins Auge. »Redest du mit gespaltener Zunge?« fragte
er in leise mahnendem Ton.
    Robert fühlte sich beschämt. »Nein, wirklich nicht, Jaguar«, sagte er fest.
»Du sollst mich nicht umsonst an das, was ich dir und mir schuldig bin, erinnert
haben.«
    »Mongo!« rief er dann mit lauter Stimme, »Mongo! Gottlieb! Kommt hierher!«
    Der Neger kam sofort aus seinem Versteck hervor, und Gottlieb folgte ihm
äusserst widerstrebend, hatte aber doch nicht den Mut, allein zurückzubleiben.
»Du, Mongo«, raunte er, während er den langen Schritten des Schwarzen
nachzukommen suchte, »das klang nicht wie ein Hilferuf.«
    »Weshalb denn auch, Junge? Wer denkt denn überhaupt daran?«
    »Ja aber,« verteidigte sich Gottlieb, »was man so im allgemeinen von den
Indianern gelesen hat, das -«
    »Pst, spare deine Weisheit für ein anderes Mal. Der Jaguar könnte dich
hören, und ausserdem ist er ein Weisser, wie du selbst, das habe ich dir schon
zwanzigmal gesagt.«
    »Ich weiss«, flüsterte Gottlieb, »ich weiss, aber der Name -«
    »Sei ruhig, hörst du!«
    Es blieb aber auch zu weiteren Reden keine Zeit mehr. Mongo begrüsste den
Halbindianer mit kräftigem Händeschütteln.
    Der Trapper gab auch Gottlieb die Hand. »Ist dieser junge Mann euer Freund?«
fragte er. »Wird er euch begleiten?«
    »Wenn wir von hier fortgehen, ja.«
    »Nun, so kommt denn. Das Feuer im Lager des Jaguars brennt, das Mahl ist
bereit und die Pfeife gestopft. Der Jaguar wusste, dass seine weissen Brüder zu ihm
kommen würden, dass er in der Wildnis ihr Führer sein soll und dass ihn der Grosse
Geist gesandt hat, um sie zu beschützen, - er wird tun, wie ihm jener gebot.«
    Er stand mit einem Satz auf dem Vorsprung und war im nächsten Augenblick
jenseits des Felsens verschwunden. Ohne auch nur rückwärts zu blicken, folgten
erst Robert und dann Mongo. Nur Gottlieb zögerte einen Augenblick, doch dann
überwand er sich und sprang verzweiflungsmutig den Vorangegangenen nach.
    Der Jaguar zog wie in der ersten Nacht seine Begleiter an der Hand durch das
gewundene Felsentor und durch das Wasser, bei welcher Gelegenheit sich Gottlieb
nicht entalten konnte, laut aufzuschreien, »Robert! Robert! - Was ist das?«
    Der bemühte sich, ernst zu bleiben. »Wir überschreiten den Brown-Creek,
Gottlieb«, antwortete er.
    »Ach so! - Gott, ich dachte - aber -«
    Ein freundschaftlicher Rippenstoss des Negers bewog ihn, seine weiteren
Mutmassungen lieber unter Verschluss zu halten. Der Übergang war auch jetzt
vollzogen und die andere Seite des Flusses erreicht, ohne dass sich etwas
Verdächtiges gezeigt hätte. Dieselbe Ruhe trat wieder ein, dasselbe Rauschen und
Flüstern des Windes in den Zweigen, nur von fern sah man einen Schimmer, als ob
dort Feuer zwischen den Bäumen hervorleuchtete. - -
    »Robert, Robert, siehst du den roten Schein dort hinten?«
    Die unruhige Stimme zitterte so, dass sie Roberts Mitleid erregte. Er presste
heimlich die Hand seines Freundes. »Ich bitte dich, Gottlieb, sei doch
vernünftig. Meinst du denn wirklich, dass Mongo und ich mit aller Gemütsruhe ins
Verderben hineinlaufen würden?«
    »Also du glaubst nicht an Verrat, Robert? Es lauern dort keine Comanchen
hinter den Bäumen?«
    »Ach, dummes Zeug!«
    Der Jaguar schritt während dieser Unterhaltung voran, und schon sehr bald
hatte man einen Felsvorsprung erreicht, wo an geschützter Stelle ein Feuer aus
mächtigen Holzblöcken emporloderte. Moosbewachsene und von Büffelfellen
überdeckte Sitze bildeten den Hintergrund einer Art Höhle, der nur der Tisch
fehlte, um ganz behaglich und wohnlich auszusehen. In einer Ecke lag ein
geräucherter Bärenschinken, eine am Spiess gebratene Hirschkeule und eine grosse
Anzahl der flachen indianischen Maiskuchen, »Dampers« genannt, die zwischen zwei
heissen Steinen gebacken und warm verzehrt werden.
    Eine Flasche und eine eigentümlich geschnitzte Pfeife aus rotem Seifenstein
gehörten ebenfalls zur Einrichtung.
    Gottlieb sah das alles auf einen Blick. Besonders die Pfeife beruhigte ihn
sehr. »Wenn solch ein brauner Heide mit jemandem geraucht hat, dann tut er ihm
kein Leid mehr«, dachte er, »das habe ich oft gelesen. - Ach, was würde ich
geben, um jetzt in Pinneberg zu sein! Schrecklich, dies Leben zwischen Wilden!«
    Er beobachtete mit pochendem Herzen jede Bewegung des Jägers. Nachdem sie
Platz genommen und es sich nach Möglichkeit bequem gemacht hatten, entzündete
der Jaguar die Pfeife, aus der er unter tiefstem Schweigen einige Züge tat und
sie dann dem Neger als ältestem Gast weiterreichte. Von hier ging sie zu Robert
und schliesslich in Gottliebs Hände, der sie dem Trapper zurückgab.
    Nachdem auf diese Weise die allen indianischen Stämmen geheiligte Sitte
befolgt worden war, forderte der Jaguar seine Gäste auf, zuzulangen. Auch
während der Mahlzeit wurde vollständiges Schweigen bewahrt; erst als die vier
Männer satt waren und zum Abschluss die Flasche rundumging, brach der Jäger die
Stille, die den drei Goldsuchern schon längst beklemmend geworden war.
    »Haben meine Freunde die Absicht, wieder nach Lenchi zurückzukehren?« fragte
er.
    Mongo stiess heimlich gegen Roberts Fuss, als wollte er ihm sagen: »Antworte
du!« - und der gab bereitwillig Auskunft: »In Lenchi haben wir kaum noch
Aussichten auf nennenswerten Gewinn«, sagte er, »aber wir haben kein Geld,
anderswo hin zu ziehen. Von hier bis nach Idaho ist es weit, wie sollten wir die
teure Reise bezahlen?«
    Der Trapper nickte langsam. »Ich habe für meine Brüder einen Vorschlag«,
sagte er.
    »Du?« rief Robert mit gespannter Aufmerksamkeit. »Du, Jaguar, - und
welchen?«
    Der Trapper beschrieb mit dem ausgestreckten rechten Arm in der Luft einen
Halbkreis. »Der Jaguar kennt das Land zwischen Fels und Meer, den ganzen Strich
zwischen Oregon und Mexiko, ganz Kalifornien wie seine eigene Tasche«, erwiderte
er. »Der Jaguar hat seit dreissig Jahren diese Jagdgründe durchstreift, - er weiss
von einer Stelle, wo das gelbe Metall in Körnern zu finden ist und wo es fast
unmittelbar unter der Oberfläche liegt, mühelos zu erreichen für den, der einmal
diese Spur gefunden hat. Soll euch der Jaguar dortin führen?«
    Alle drei Männer hatten mit angehaltenem Atem die Worte des Pelzjägers
verfolgt. Selbst Gottlieb vergass, als er von Goldkörnern reden hörte, seine
anfängliche Furcht und beugte sich lebhaft vor. »Wo ist das?« stammelte er
freudig und unruhig zugleich. »Wo ist das?«
    Auch Robert konnte sich nicht zurückhalten. »Und wo liegt diese Stelle?«
fragte er den Trapper.
    Der sah von einem zum anderen. »Weit in den Jagdgründen der Comanchen«,
erwiderte er, »mehr als zwanzig Tagemärsche von hier.«
    »Bei den Wilden also?« rief der junge Auswanderer unbedachtsam.
    Der Trapper lächelte. »Bei den Wilden, ja.«
    Er winkte den anderen, als sie versuchen wollten, Gottliebs Taktlosigkeit
wieder gut zu machen. In seinem Wesen offenbarte sich überhaupt eine
eigentümliche Mischung zwischen Weissen und Indianern. Während er in Haltung und
Sprache ganz den Rotäuten, seinen langjährigen Gefährten, glich, während er
alle ihre Sitten und Gebräuche, vielleicht ohne es zu wissen, angenommen hatte,
war er doch im Grunde ein Weisser geblieben. Er nahm das beleidigende Wort »die
Wilden« keineswegs übel auf, sondern sagte freundlich: »Die Goldschlucht liegt
am Fusse der Sierra Nevada, im Lande der roten Kinder des Grossen Geistes!«
    Gottlieb senkte etwas beschämt den Kopf. »Ich wollte nichts Beleidigendes
sagen«, stammelte er.
    »Weiter!« drängte Robert. »Ist dieser Ort schon als goldhaltig bekannt,
Jaguar? Gibt es dort eine Niederlassung?«
    Der Trapper schüttelte den Kopf. »Kein Weisser kennt die Stelle, keine
Ansiedlung ist weit und breit, - nur die Comanchen haben in diesen friedlichen
Tälern ihre Dörfer.«
    Roberts Hand legte sich schwer auf die des Pelzjägers. Fest und fragend sah
er ihn an. »Jaguar«, sagte er, »werden uns deine Brüder, die Comanchen, in ihren
Wohnsitzen dulden? Können wir ungefährdet mit dir in die Wildnis ziehen?«
    Der Jäger hob zwei Finger gegen den sternklaren Nachtimmel. »Bei dem Namen
des Grossen Geistes über den Wolken, bei der Macht dessen, der zwei Kugeln im
freien Raum sich begegnen liess als Wahrzeichen eines Bundes zwischen seinen
Kindern, - du kannst es tun, ohne das mindeste befürchten zu müssen!«
    
    Das war, wenn auch nicht ganz frei von den Riten indianischer Religion,
beinahe ein christlicher Eid, und Robert wusste, dass er ihm glauben durfte.
    Langsam sagte er: »Gut, Jaguar, ich vertraue dir vollständig, und ich bin
bereit, dich durch die Steppe zu begleiten.«
    Mongo nickte. »Und ebenso ich, Jaguar, wenn du es erlaubst.«
    Gottlieb wollte sprechen, aber er brachte kein Wort hervor. Er reichte nur,
den andern folgend, dem Jäger die Hand.
    Der Jaguar liess nochmals die Flasche herumgehen. »Wollen meine Brüder vorher
noch nach Lenchi zurückkehren?« fragte er.
    Robert und Mongo wechselten einen schnellen Blick. Beide hatten keinen
Grund, die Stadt noch einmal wiederzusehen. »Wir sind frei wie die Vögel unter
dem Himmel«, antwortete der Neger, »uns hält dort nichts mehr zurück.«
    Gottlieb wischte sich die grossen Schweisstropfen von der Stirn. »Und was wird
aus unseren Decken und unserem Gerät?« seufzte er.
    Der Jaguar lächelte. »Mein weisser Bruder soll sanft schlummern«, erwiderte
er freundlich, als spräche er zu einem schüchternen Kind. »Der Jaguar hat Pelze
und Büffelfelle überall am Wege in Höhlen versteckt. Und die Comanchen werden
ihm bereitwillig ihre Werkzeuge leihen, um damit das Gold aus dem Boden zu
graben, - mein Bruder mag sich vollständig beruhigen.«
    Gottlieb sah zaghaft empor. »Soll es denn gleich weitergehen?« fragte er.
    »Nur für etwa zwei Stunden. Dort gibt es eine Hütte, in welcher der Jaguar
zu übernachten pflegt. Meine Freunde werden von den Anstrengungen der letzten
Nacht sehr ermüdet sein.«
    »Wirklich!« gestand Mongo, »ich spüre es.«
    »So lasst uns aufbrechen«, ermunterte Robert. »Frisch gewagt ist halb
gewonnen!«
    Alle vier Männer ergriffen ihre Büchsen, und unter Führung des Trappers ging
es in den schweigenden, nächtlichen Wald hinein.
    Ein zweistimmiges starkes Hundegebell war das erste, was den Wandernden nach
einigen Stunden scharfen Marsches entgegenscholl und was sogleich Gottliebs
Befürchtungen wieder aufkommen liess.
    »Mein Gott, - Hunde! Sollten Sie sich in der Richtung geirrt haben, Herr
Jaguar?«
    »Durchaus nicht!« erwiderte gutmütig der Trapper. »Meine Freunde werden
sogleich erkennen, dass diese treuen Tiere unsere Bundesgenossen sind. Sie
bewachen meine Hütte.«
    Der Jäger schob zwei Finger in den Mund und pfiff auf eigentümliche Weise,
so dass es weit hinausschallte in den regennassen Wald. Das Hundegebell
verstummte sofort.
    Gottlieb war jedoch noch nicht beruhigt. »Du«, raunte er, Roberts Arm
berührend, »du, ob die Tiere an der Kette liegen?«
    Der lachte im stillen. »Das glaube ich nicht!« antwortete er, »aber sie
gehorchen, wie du siehst, und werden uns bestimmt nicht auffressen. Du musst dich
übrigens etwas zusammennehmen, Gottlieb. Die Indianer verachten die Furcht, -
sollen sie dich deiner Ängstlichkeit wegen über die Achsel ansehen?«
    Gottlieb seufzte. »Offen gestanden, - das wäre mir ziemlich gleichgültig«,
gab er zurück. »Ach du lieber Gott, ich gehe ja nicht wie ihr anderen zum
Vergnügen in diese schreckliche Wildnis.«
    Robert drückte ihm gerührt die Hand. »Du wirst immer an uns, und besonders
an mir die eifrigsten Beschützer finden,« versprach er, »und dann überlege dir
doch, dass wir vielleicht jetzt nur wenige Monate brauchen, um zu unserem Ziel zu
kommen. Wenn du nun in Pinneberg das kleine alte Haus wieder aufbauen könntest,
und wenn du gewissermassen imstande wärest, deinem blinden Vater das Augenlicht
zurückzugeben, indem er alles an der altgewohnten Stelle wiederfände, alles
durch sein Tastgefühl erkennen könnte, was ihm jetzt in fremder Umgebung
verloren gegangen ist! Dafür musst du ein Opfer bringen, Gottlieb!«
    »Grosser Gott, tue ich es denn etwa nicht in diesem Augenblick?«
    »Sicherlich, aber mit innerem Widerstreben. Versuch doch einmal das Gute an
der Sache zu sehen. Wir lernen doch soviel Neues und Schönes kennen.«
    Aber Gottlieb schüttelte den Kopf. »Ich kann daran nichts Schönes finden.«
    »Nicht? - Das darfst du nicht sagen. Aber still jetzt, der Trapper schlägt
Feuer, wir werden zu Hause sein.«
    Gottlieb schob sich noch näher an die Seite seines Freundes. »Ein prächtiges
Zuhause«, stöhnte er. »Das ist ein grosser Maulwurfshaufen, weiter nichts. Und wo
wohl die Hunde sind?«
    Die Frage wurde ihm im nächsten Augenblick beantwortet. Eine niedere Tür
knarrte in ihren Angeln, ein Kienspan flammte auf, und zwei grosse Blutunde
umdrängten die Knie ihres Herrn, seine Hände leckend, schweifwedelnd und mit
leisen Schmeichellauten.
    Der Trapper stellte gewissermassen die Menschen und die Tiere einander vor.
»Es ist gut, Antilope«, sagte er, »gut, Schlangentöter, - hier, begrüsst auch
meine Freunde!«
    Und die beiden Tiere mit dem furchtbaren Gebiss legten sich gehorsam den
Fremden zu Füssen. Antilope und Schlangentöter, mit dem Pelzjäger schon durch
Jahre verbunden, seine Gefährten, seine Freunde fast, streckten sich auf den
Boden, als wollten sie die Herrschaft des Menschen hierdurch anerkennen.
    »Und nun ruht euch aus,« bat der Trapper, indem er von einem Haufen im
Winkel mehrere Büffeldecken nahm und ausbreitete. »Schlaft, wie ich es tun
werde, und der Grosse Geist behüte eure Nachtruhe.«
    »An euren Posten, Antilope und Schlangentöter!«
    Die Hunde erhoben sich, um vor der Hütte Wache zu halten, die vier ermüdeten
Männer streckten sich auf das schnell bereitete Lager und waren bald
entschlummert. Selbst Gottlieb schlief, obwohl ihm dauernd von abgerissenen
Skalpen und Marterpfählen träumte. - -
    Am folgenden Morgen begann nach einem kräftigen Frühstück die grosse
Wanderung durch den grünen, taufrischen Wald.
 
                               Bei den Comanchen
Es würde wenig lohnend sein, den Weg der vier Männer näher zu verfolgen. Sie
durchzogen endlose Urwald- und Präriegebiete, manchmal fuhren sie ein Stück mit
der Postkutsche, doch musste der grösste Teil des Weges zu Fuss zurückgelegt
werden. Gottlieb konnte sich anfangs gar nicht an die tagelangen Märsche
gewöhnen. Er verwünschte seine Nachgiebigkeit gegen Roberts verwegene Pläne, gab
oft zehnmal in einer Stunde sein Leben verloren und hoffte auf nichts mehr; aber
allmählich fügte er sich in das Unvermeidliche und fing an, ein besserer Kamerad
zu werden.
    Robert war geradezu begeistert. Diese Sommernächte unter freiem Himmel, dies
Wandern durch die taufrischen Wälder im ersten Morgenlicht, wenn die
Vogelstimmen erwachten und die Sonne langsam höher stieg, - er konnte sich
nichts Schöneres denken. Und wie glücklich war er, wenn er einen prächtigen
Braten geschossen hatte, wie stolz befestigte er an seiner Mütze die erste
Adlerfeder!
    Es war ja nicht das erste Mal, dass er einen Adler schoss, doch war ihm
damals, wie wir wissen, der Körper des Vogels in den Spalten der Felsschlucht
verloren gegangen.
    Und endlich kam der Tag, an dem der Jaguar erklärte, dass vor Sonnenuntergang
das Dorf der Comanchen erreicht sein werde. Gottliebs alte Unruhe überfiel ihn
ruckartig noch einmal wieder, aber diesmal konnte er sich beherrschen. Als der
Rauch aus den Hütten der Rotäute zwischen den Büschen sichtbar wurde, fing er
leise an zu singen, und Robert und Mongo wechselten verstohlen einen lächelnden
Blick.
    Doch zur Furcht schien auch wirklich kein Anlass zu sein. Friedlich lag das
Indianerdorf in der Talmulde, die Männer machten im Gegensatz zu den Wilden auf
der Insel der Magelhaensstrasse einen ruhigen und besonnenen Eindruck, die Frauen
erschienen so zart und klein, dass Robert unwillkürlich staunte. Ihre schwarzen,
schlichten Haare waren mit Perlen und Muscheln durchflochten, sie trugen lange
Gewänder aus einem selbstgewebten, leichten Stoff und waren damit beschäftigt,
Netze, Jagdtaschen und Körbe zu flechten, Mokassins zu sticken, Maiskuchen
zwischen zwei heissen Steinen zu backen oder in Steinkrügen Wasser aus der nahen
Quelle herbeizuholen. Von den Männern waren nur wenige zu sehen, während einige
Kinder im Sand spielten, und die ganz kleinen, die noch nicht allein gehen
konnten, in Körben an den nächsten Bäumen aufgehängt waren.
    Überall liefen Haustiere frei umher, Pferde weideten in der Nähe der Hütten,
und eine Ziegenherde erkletterte die Abhänge.
    Die beiden Hunde des Trappers, von ihren Kameraden unten im Dorf mit lautem
Gebell herausgefordert, sprangen voran und machten so gewissermassen Meldung von
dem Eintreffen der kleinen Karawane, aber obgleich mehrere Indianerinnen die
vier Männer herankommen sahen, zeigte doch niemand besonderes Erstaunen, schien
niemand die Ankommenden überhaupt zu bemerken.
    Der Jaguar schien das nicht weiter merkwürdig zu finden. »Meine roten Brüder
leben gegenwärtig mit allen ihren Nachbarn im Frieden«, sagte er, »sie haben die
Streitaxt begraben und wissen daher, dass sie nicht auf ihrer Hut zu sein
brauchen. Der rote Mann ist nicht neugierig.«
    Robert dagegen hatte schon wieder so viele Fragen auf der Zunge, dass er
nicht damit zurückhalten konnte.
    »Jaguar«, fragte er, »hast du im Dorf eine Hütte? Und bist du eigentlich
Familienvater? Erwarten dich zu Hause Frau und Kinder?«
    Der Trapper ging lange schweigend an seiner Seite. »Einen Wigwam hat der
Jaguar auch in diesem Dorf«, erwiderte er endlich, »aber - Kinder erwarten ihn
nicht darin. Das Weib des Jaguars liegt seit dreissig Jahren im Walde unter den
höchsten Bäumen begraben.«
    Robert tat es leid, gefragt zu haben, und jetzt wechselte er sofort den
Gegenstand des Gesprächs. Mit der Vergangenheit des Jaguars verknüpfte sich
seiner Meinung nach überhaupt ein trauriges Geheimnis, deshalb wollte er lieber
jede Frage in dieser Richtung vermeiden.
    »Auch nicht einmal die Kinder achten auf uns«, sagte er. »Diese
Verschlossenheit muss doch tief im Blut liegen.«
    »Nur mich schienen die kleinen Wesen mit ihrer besonderen Aufmerksamkeit zu
beehren!« lächelte Mongo. »Einige sind schon in die Hütten geflüchtet.«
    Gottlieb beobachtete alles mit aufmerksamen Augen. »Besser als bei den
Patagoniern ist es ja«, meinte er, »aber doch alles nur sehr provisorisch
angelegt. Die faulen Kerle sollten, anstatt so auf den Büffelhäuten
herumzuliegen und zu rauchen, lieber ihren Zelten feste Wände bauen. Ich glaube,
man arbeitet hier gar nicht.«
    Das alles hatte er aber auf deutsch gesagt, so dass nur Robert es verstand.
    Der lachte. »Nein, der Indianer arbeitet nicht«, erwiderte er. »Krieg und
Jagd sind seine einzigen Beschäftigungen, während dagegen die Frauen die
Hausarbeit besorgen. Ich bin sehr neugierig, das merkwürdige Volk
kennenzulernen.«
    Gottlieb schüttelte sich. »Diese Malereien auf Brust und Armen sind
abscheulich«, sagte er. »Und wer weiss, ob man sich hier überhaupt wäscht.«
    Robert sah zu den hohen Bergspitzen der Sierra Nevada empor. »Hoffentlich
finden wir hier Gold«, seufzte er. »Es wäre geradezu furchtbar, wenn wir uns
darin getäuscht hätten.«
    »Und das sagst du? Du, der diesem Wilden alles aufs Wort glaubte?«
    »Das tue ich auch jetzt noch, aber wer weiss, ob der Jaguar die Sache genau
kennt, ob es wirklich Gold ist, was er meint?«
    Gottlieb senkte den Kopf. »Ich mache mich auf alles gefasst«, erwiderte er.
    Jetzt wurde das Gespräch der beiden für einen Augenblick unterbrochen, denn
der Wigwam des Jaguars war erreicht, und der Trapper liess seine Gäste eintreten.
Niemand von den Dorfbewohnern kümmerte sich um sie.
    In dem Zelt aus Büffelfellen befand sich eigentlich nichts, vielmehr zeigte
das üppige Moos des Fussbodens, dass sich dort seit längerer Zeit kein
menschliches Wesen mehr aufgehalten hatte. Die drei Freunde mussten verschiedene
Käfer und Eidechsen aus ihrer Häuslichkeit aufschrecken, bevor es ihnen gelang,
ein Plätzchen zum Ausruhen ihrer ermüdeten Glieder zu finden.
    Der Jaguar machte sich sofort auf den Weg, um erst einmal für etwas
Bequemlichkeit und für etwas Essbares zu sorgen. Die Goldgräber blieben einen
Augenblick allein.
    »Ein schönes Mauseloch, das hier«, murrte Gottlieb. »Wenn man sicher ist,
nicht skalpiert und gemartert zu werden, so stellt man schon höhere Ansprüche,
als auf dem glatten Boden auszuruhen, nachdem man einen Spaziergang von
zweihundert Meilen hinter sich hat. Das ist ja, als wären die Menschen hier
taubstumm.«
    Robert lachte. »Vermisst du die Neugier, mit der sich in Deutschland sofort
alles zusammendrängt, wenn irgend etwas Unerwartetes geschieht?« fragte er.
    Gottlieb errötete. »Man spricht doch gern ein Wort«, brummte er. »Die Leute
könnten wohl ein paar Stühle herbringen, finde ich.«
    »Wenn sie nun aber selbst keine besitzen?« spöttelte Mongo. »Wenn sie nun
entweder stehen oder auf Büffeldecken liegen?«
    »Ach du grosser Gott! Und das sollen wir nun auch tun?«
    »Wir können uns ja später hölzerne Sitze zurechtzimmern, mein Bester. Auf
mich macht das alles hier einen sehr guten Eindruck, muss ich offen sagen.«
    »Auf mich auch!« rief Robert. »Du bist nur noch zu verwöhnt, Gottlieb, daher
kommt es. Wenn du, wie Mongo und ich, unter den schmutzigen Lappen gelebt
hättest, so würde dir dies hübsche friedliche Dorf schon besser gefallen.«
    Der junge Pinneberger senkte seufzend den Kopf. »Ich sehe nur noch gar keine
Vorbereitungen für den eigentlichen Zweck unserer langen Wanderung«, gestand er.
»O Gott, wann werde ich endlich meinen armen Eltern das erste Geld schicken
können? - Hier ist doch nichts als Urwald, wann werden wir jemals hier Gold
finden?«
    Tränen standen ihm in den Augen. »Dass hier so gar keine Arbeitsfreude zu
finden ist«, schluchzte er, »das lähmt mich förmlich. Und wenn wir wirklich
heute Gold graben, so wird es uns in der nächsten Nacht wieder gestohlen.«
    Hinter ihm teilten sich die Zeltvorhänge. Der Jaguar erschien, beladen mit
Büffelfellen und Lebensmitteln. An seinem Arm hing eine sogenannte Kalebasse,
ein ausgehöhlter grosser Kürbis, mit frischem Wasser. »Mein junger Freund mag
sich beruhigen«, sagte er freundlich, »alle seine Wünsche sollen erfüllt werden.
Das rote Gold im Erdenschoss wartet seiner, und was er findet, das gehört ihm
allein. Der Indianer bestiehlt keinen Fremdling, der in seinen Dörfern weilt.«
    »Und nun, meine Freunde, esst und trinkt!« fügte er hinzu.
    Robert und Gottlieb sahen sich etwas fassungslos an. Verstand der
geheimnisvolle Mann die deutsche Sprache? - Offenbar hatte er Gottliebs letzte
Worte gehört.
    Aber nachzufragen wäre unbescheiden gewesen. »Wir danken dir von ganzem
Herzen, Jaguar«, rief Robert. »Wir hoffen ganz sicher, dass wir eine reiche
Ausbeute haben werden.«
    Der Trapper neigte zustimmend den Kopf. »Der Jaguar wird morgen in aller
Frühe die Häuptlinge der Comanchen zusammenrufen«, antwortete er, »und wird mit
ihnen und seinen weissen Freunden die Friedenspfeife rauchen. Danach kann die
Arbeit im Gebirge ihren Anfang nehmen. Das Gold liegt überall.«
    Gottlieb hob das heisse, noch von Tränen feuchte Gesicht zu dem Trapper
empor. Der niederdrückende Eindruck, den das schweigsame Dorf auf ihn gemacht
hatte, war zu stark gewesen, als dass er ihn in sich verschliessen konnte.
»Jaguar«, flüsterte er, »Jaguar, ist es wirklich so, wie Ihr sagt? Ist Gold -
viel Gold hier zu finden?«
    Der Trapper lächelte. »Du kannst ein reicher Mann werden«, erwiderte er, »es
hängt nur von dir ab.«
    Die Worte waren so einfach und freundlich gesagt, dass Gottlieb laut
aufschluchzte. Ehe er vielleicht über das, was er tat, selbst nachgedacht hatte,
ergriff und küsste er die Hand des Trappers.
    »Gott segne dich, Jaguar«, presste er mühsam hervor.
    Robert lächelte gerührt. Er selbst war durch all das, was er in den letzten
Jahren erlebt hatte, reifer geworden, er war in sich fester und ruhiger als
Gottlieb, der in seinem Wesen immer noch sehr viel Kindliches, Hilfloses trug.
Auch jetzt, so sehr ihn die Worte des Pelzjägers freuten, begnügte er sich mit
einigen kurzen, dankenden Worten. Darauf begann das Mahl, dem alle gleich tapfer
zusprachen, und anschliessend wurden die Büffeldecken zum Schlafen ausgebreitet.
    Am folgenden Morgen bildete sich inmitten der kleinen Niederlassung ein
Halbkreis ernster, schweigsamer Gestalten. Sie waren alle mit Büchse und
Tomahawk bewaffnet, aber verschiedenartig tätowiert, und trugen langes,
schwarzes Haar, das auf den nackten, von einem Pelzmantel lose umgebenen
Oberkörper herabhing. Ohne ein einziges Wort der Unterhaltung nahmen die
Rotäute am Boden Platz und warteten mit gekreuzten Armen und der Würde von
Fürsten geduldig, was da kommen werde.
    Mitten im Kreis lag eine Pfeife.
    Endlich erschien der Jaguar und mit ihm die drei Freunde. Robert verschlang
förmlich mit den Augen das seltsame Bild der zur Beratung versammelten Rotäute,
Mongo war ein ruhiger Zuschauer, und Gottlieb murrte in sich hinein, da der
Trapper deutsch verstand und er also seine Meinung nicht laut äussern durfte.
    Keiner der Indianer schien die Neuangekommenen zu bemerken.
    Und dann hielt der Jaguar eine lange Rede, von der natürlich die drei
Freunde kein einziges Wort verstanden. Robert horchte nur aufmerksam auf die
Laute dieser seltsamen Sprache, die ganz aus Vokalen zu bestehen schien und die
bei der vorwiegenden Gleichartigkeit aller Silben gewiss ausserordentlich schwer
zu erlernen sein musste. Der Trapper schilderte ohne Zweifel die merkwürdige Art
und Weise, wie er die Goldgräber kennengelernt hatte, und fügte dann zum Schluss
in fragendem Ton noch etwas hinzu, das sicherlich nur eins bedeuten konnte: ob
nämlich die Rotäute wagen wollten, auf seine, des Jaguars Bürgschaft hin, den
Weissen zu erlauben, in ihrem Gebiet nach Gold zu suchen.
    Als er schwieg, erhob sich der Älteste des kleinen Kreises und antwortete
ihm; dann entspann sich ein längeres Hin- und Herreden, das schliesslich in
allgemeine Abstimmung überging. Das Ergebnis musste sehr zufriedenstellend sein,
denn der Jaguar wandte sich jetzt zum erstenmal an die stumm dasitzenden
Goldgräber.
    »Meine roten Brüder sind bereit, mit euch die Friedenspfeife zu rauchen«,
sagte er, »sie bieten euch die Gastfreundschaft ihres Wigwams, sie versprechen
euch, dass ihre Squaws für euch kochen und den Damper backen, dass sie euch
Jagdtaschen und Mokassins sticken und eure Kürbisflasche mit frischem Wasser
füllen sollen, sie wollen mit euch Salz essen und auf die Jagd gehen, aber
vorher müsst ihr geloben, keinem Weissen das Geheimnis dieser Goldschlucht zu
entdecken. Die roten Männer werden seit langer Zeit von den Jagdgründen ihrer
Väter vertrieben, werden Jahr um Jahr weiter zurückgedrängt in die Gebirge, - es
ist daher verständlich, dass sie ihre Weideplätze so lange wie möglich zu
schützen suchen. Erkennen meine Freunde diese Notwendigkeit an?«
    Mongo und die beiden Weissen erklärten sofort ihr Einverständnis und gaben
das Versprechen, über ihre Kenntnis von Goldvorkommen innerhalb des
Indianergebietes vollständiges Stillschweigen zu bewahren. Gleichzeitig baten
sie den Trapper, ihren Gastgebern auf das herzlichste in ihrem Namen zu danken.
    Der Jaguar übersetzte alles, worauf die Pfeife in Brand gesteckt und von dem
Ältesten der kleinen Versammlung nach den ersten Zügen dem Nebenmann übergeben
wurde, und so reihum den ganzen Kreis durchlief. Als jeder einzelne die üblichen
drei oder vier Züge getan hatte, war der Zweck dieser Feierlichkeit erfüllt, und
nun konnten sich die drei Freunde als Angehörige des Indianerdorfes betrachten.
Die einen boten ihnen Pferde und Hunde zur Jagd an, die anderen legten ihnen
Geschenke in Gestalt von Waffen, Büffelfellen und selbstgefertigten Arbeiten zu
Füssen, immer aber bewahrten die Rotäute vollständige Zurückhaltung, und ebenso
sprachen sie nur, um das Allernotwendigste zu sagen, während ihnen eine
eigentliche Unterhaltung ganz unbekannt schien.
    Durch alle Wigwams wurden die drei Freunde geführt, und alle Frauen setzten
sich ihnen zum Zeichen ihrer Unterwürfigkeit zu Füssen oder küssten die Zipfel
ihrer Kleider. Nur Mongo wurde mit weniger Respekt behandelt. Einmal drängten
sich sogar mehrere Frauen neugierig an ihn heran, und eine von ihnen fuhr mit
ausgestrecktem Zeigefinger über sein Gesicht, worauf dann alle sorgfältig die
Fingerspitze prüften, offenbar um zu erkennen, ob die schwarze Farbe echt sei.
Der Neger nahm mit gutmütiger Ruhe diesen kleinen Scherz als das, was er
wirklich war, nämlich kindliche Unwissenheit, - die beiden jungen Leute dagegen
wollten sich vor Lachen ausschütten, besonders als die Indianerin, die Mongos
ehrliches Gesicht berührt hatte, sich heimlich die Hand an ihrem Kleid reinigte.
    Nachdem das ganze Dorf besichtigt worden war, ging es hinaus zu den Abhängen
der Sierra Nevada. Der Jaguar und mehrere Indianer führten ihre Gäste bis in ein
tief eingeschnittenes Tal, das vielleicht noch nie ein Weisser vor ihnen betreten
hatte. Steil erhoben sich zu beiden Seiten die bewaldeten Gebirgszüge,
unübersehbar erschien das grüne Meer der Baumwipfel.
    Der Trapper schien seinen Schützlingen eine Überraschung bereiten zu wollen.
Er stiess das schwere Jagdmesser tief in die lockere Erdschicht des Felsens
hinein und warf Moos und Flechten mit der Hand zurück. Nachdem er dann von der
härteren Unterlage ein Stückchen gewaltsam losgebrochen hatte, hielt er es
lächelnd ins Sonnenlicht.
    »Robert«, sagte er, »schau her, mein Freund!«
    Es blitzte und glänzte wie tausend Funken und blendete im ersten Augenblick
förmlich die Augen. Was hier der Trapper zwischen den Fingern hielt, das war
mehr Gold, als man in Lenchi während einer ganzen Stunde gewinnen konnte.
    Ein Schauer überrieselte. Roberts ganzen Körper.
    »Jaguar«, stammelte er, »Jaguar, - das ist Gold!«
    Der Trapper nickte. »Für dich«, fügte er hinzu. »Für euch alle!«
    »Gottlieb!« rief Robert, »Gottlieb, was sagst du dazu?«
    Statt aller Antwort warf der junge Mensch seine Jacke von sich und begann
mit fast wahnwitzigem Eifer den Boden aufzulockern, bis die Quarzschicht
blosslag, - dann erst wurde er ruhiger. »Jaguar«, rief er, »sprich, sag es mir
noch einmal, - soll dies alles wirklich uns gehören?«
    Und mit beiden Händen die losgebrochenen Stücke emporhaltend, wühlend im
goldhaltigen Gestein, hatte er Mühe, seine überschwengliche Freude zu bezähmen.
Am liebsten wäre er gleich angefangen zu graben.
    »Aber wie bringt man das Gold aus dem Quarz heraus?« fragte er endlich den
Trapper.
    »Durch Klopfen«, erwiderte der. »Du schaffst die freigelegten Stücke in
unseren Wigwam, und dort werden dir die Squaws helfen, das gelbe Metall von den
Schlacken zu säubern.«
    Gottlieb blickte auf. Immer noch schien ihm alles unfassbar. »Warum in aller
Welt lebst du seit Jahren neben diesem unermesslichen Schatz, ohne ihn zu heben?«
fragte er. »Warum tun es alle deine roten Freunde?«
    Der Trapper lächelte. »Die farbigen Kinder des Grossen Geistes sind keine
Kaufleute«, antwortete er, »sie arbeiten nicht und gehorchen keinem Zwang. Sie
sind freie Männer, die auf dem Grund und Boden ihrer Väter leben, und ehe sie
den Weissen dienstbar werden, viel lieber sterben, um in die ewigen Jagdgefilde
einzugehen.«
    Gottlieb schüttelte den Kopf. »Also sie arbeiten gar nicht?« fragte er.
    »Nein, gar nicht. Die Arbeit ist Sache der Squaws.«
    Gottlieb antwortete nicht mehr, aber was er bei sich dachte, das war für die
armen Rotäute sehr wenig schmeichelhaft. Er konnte sich nun einmal nicht damit
abfinden, dass die Indianer jede Arbeit für unter ihrer Würde ansahen.
    Und dann lief er ins Dorf zurück und erbat sich Hacke, Schaufel und Korb, um
bis in die sinkende Nacht hinein zu arbeiten und ganze Berge von Quarz
freizulegen. Er konnte das edle Metall unbekümmert draussen vor dem Zelt liegen
lassen, niemand berührte es.
    Auch Robert und Mongo waren nicht faul. Während der Trapper jeden Tag auf
die Jagd ging, wohl auch mehrere Nächte hintereinander fortblieb, und die
Indianer entweder dasselbe taten oder in ihren Wigwams auf den Büffelhäuten
lagen, türmte sich unter den rastlosen Anstrengungen der drei Freunde ein so
grosser Haufen von Quarz, dass jetzt endlich einmal an die Reinigung des Gesteins
gedacht werden musste.
    Der Jaguar hatte aus weichem Antilopenleder kunstvoll einen Beutel genäht,
darin sollte das gewonnene reine Gold aufbewahrt werden. Sobald sich der Haufe
von Quarz einigermassen vergrössert hatte, musste einer der drei mehrere Tage im
Dorf bleiben und mit den schweigsamen Frauen der Rotäute das Gold durch leichte
Schläge aus dem bröckelnden Gestein herauslösen. Robert sah es immer sehr gern,
wenn ihm Gottlieb diesen Teil der Arbeit abnahm, und der wiederum blieb weit
lieber im Wigwam bei den Squaws, als dass er draussen die Hacke schwang.
    Ein Büffelfell auf den Knien, den schon recht rundlichen Sack mit Gold neben
sich, sass er wie ein Alleinherrscher im Kreise der stummen, schüchternen
Geschöpfe, die seinem leisesten Wink gehorchten und die er nebenbei grossmütig in
den nützlichen Eigenschaften der Ordnung und Sauberkeit unterrichtete.
    Inzwischen hackte Mongo unermüdlich den leicht zerschlagenen Quarz aus dem
Boden heraus und liess Robert hin und wieder mit den Rotäuten zur Jagd gehen.
Das waren für den jungen Matrosen die schönsten Tage. Sich so in Begleitung
mehrerer Hunde auf dem Rücken eines Mustangs - wie die Indianer ihre halbwilden
Pferde nennen - in Wald und Steppe herumzutreiben, Hirsche, Adler und häufig
sogar Büffel oder Bären zu jagen - ach, das begeisterte ihn über alles. Mongo
verriet nichts; er liess Robert gewähren, und wenn sich Gottlieb wunderte, dass so
wenig Quarz geschlagen sei, dann sagte er: »Du musst dich einmal selbst daran
machen, mein Junge. Lass mich an deine Stelle treten und nimm du dafür meine.«
    Das tat Gottlieb nicht gern. Er mochte sich von dem Goldsack keinen
Augenblick mehr trennen und fing an, Vorschläge zu machen, wie man das schon
gewonnene Metall einwechseln und nach Deutschland überweisen könne. Sechshundert
Taler war der angesammelte Vorrat immerhin schon wert, erkonnte also zweihundert
den Eltern schicken, sie aus dem Armenhaus erlösen und ihnen für die Zukunft
goldene Berge versprechen. Das war zu verführerisch, als dass es ihm länger Ruhe
gelassen hätte. »Du, wie fangen wir es an?« fragte er Robert. »Jetzt fehlt uns
an unserm Glück nur noch die Postverbindung mit Deutschland! - Es wäre zu schön,
Briefe schreiben und Briefe empfangen zu können!«
    Robert seufzte leise. Die Erinnerung an Pinneberg führte ihm alte trübe
Bilder vor Augen, liess ihn wieder so recht erkennen, dass nichts auf Erden
vollkommen ist, und warf über das sorglose Leben bei den Indianern einen dunklen
Schatten. So durfte es, so konnte es nicht immer bleiben, und doch war es so
schön! -
    Ein breiter Fluss zog sich quer vor dem Dorf hin; die Rotäute besassen Kanus
und Ruder und liessen ihren Gast oft ganze Tage lang darin fahren, wohin er
wollte. Zwischen bewaldeten Ufern treibend, die Büchse im Arm, so lag er auf dem
Rücken und war glücklich wie ein Gott. Erlöst von der Sorge um das tägliche
Brot, frei wie ein Vogel unter guten, harmlosen Menschen, - was blieb ihm noch
zu wünschen übrig?
    Und doch lebte tief in seinem Innern eine Stimme, die nie schwieg und deren
leise Vorwürfe er allen anderen, nur nicht sich selbst verbergen konnte.
    Oft arbeitete er rastlos tagelang im Schweisse seines Angesichts, er holte
doppelt ein, was er versäumt hatte, aber die innere Unruhe blieb. Gerade jetzt,
wo das Leben so schön war, drückte es ihn manchmal wie eine Zentnerlast. Mongo
blieb das nicht verborgen, der Neger sah, wie Robert mit sich rang, und als
Gottlieb von einer Geldsendung nach Deutschland zu sprechen begann, da sagte er
wie zufällig, während er Robert leise zunickte: »Der Jaguar will hinunter nach
Stockton und seine Felle verkaufen, - Bob, wie wäre es, wenn du ihn
begleitetest?«
    Robert errötete. »Mongo«, erwiderte er nach einer Pause, »wenn ich von hier
fortgehe, muss es - nach Hamburg sein. Ich würde mich selbst verachten müssen,
wenn ich eine andere Heuer annehmen könnte. Jetzt, wo das Gold da ist -«
    Der Schwarze nickte freundlich. »Du kannst doch auch von Stockton mit den
andern wieder zurückkommen, Bob!« sagte er.
    Robert schüttelte den Kopf. »Es ist so schön hier, Mongo«, seufzte er, »und
ich möchte so gern bleiben, aber darf ich es? - Damals in Lenchi hatte ich das
schmerzlichste Heimweh, da sehnte ich mich nach Pinneberg, während hier der
Gedanke daran ganz in den Hintergrund gedrängt worden ist.«
    »So komm doch von Stockton wieder zurück!« wiederholte der Neger.
    »Aber auf wie lange? Damit ändere ich nichts.«
    Mongo schwieg, aber als nach kaum einer Woche der Jaguar erklärte, in
wenigen Tagen aufbrechen zu wollen, da sah er, dass die Trennung bevorstand.
Jetzt musste sich Robert entscheiden, jetzt musste es sich zeigen, ob er fähig
war, einer Neigung zu widerstehen und der Kindespflicht zu gehorchen. Wer wusste,
welchen Weg Robert jetzt gehen würde?
    Der Neger berührte die Sache nicht wieder, Robert dagegen schien so oft wie
möglich darüber sprechen zu wollen. »Du«, sagte er, als beide am letzten Abend
allein waren, »ich glaube einen Ausweg gefunden zu haben.«
    »Nun, Bob, lass hören.«
    Robert sah zur Seite, - ein sicheres Zeichen, dass er mit sich uneins war.
»Mongo«, fuhr er fort, »ich denke mir die Sache so. Zugleich mit der Sendung
Gottliebs an seine Eltern schicke ich meinem Vater etwa hundert Taler, also das,
was ich ihm damals genommen habe, sage ihm noch einmal, dass ich mein Vergehen
bereue, und bitte ihn, mir zum Zeichen der Versöhnung einen Brief zu schreiben.«
Tut er das, so soll alles gut sein, - sonst aber -
    Eine Pause verging, dann sagte der Schwarze: »Nun, Bob, sonst aber?«
    »Sieht mich Pinneberg nie wieder«, vollendete Robert entschlossen. »Du bist
mein Freund, Mongo, der Jaguar hat mich gern, und es fehlt mir hier nichts, -
soll ich mich wirklich von euch trennen, nur um eines Eigensinns willen, den
wohl kaum jemand gerechtfertigt finden würde?«
    Der Neger lächelte trotz des Ernstes, der auf seinem gutmütigen Gesicht
stand. »Könntest du wirklich für immer hier bei den Wilden bleiben wollen, Bob?«
fragte er. »Könntest du dein Ziel für erreicht halten, wenn du eine Hütte dieses
Indianerdorfes bewohnst und von der Welt abgeschnitten wie eine Rotaut im Walde
lebst? Könntest du denn dem Meer für immer den Rücken kehren wollen?«
    Jetzt fuhr Robert auf. »Nein!« rief er. »Nie! Aber im Augenblick bin ich
hier glücklich, - ich möchte es bleiben, solange es möglich ist. Wächst die
Sehnsucht nach neuen Ländern wieder in mir, so suche ich mir ein Schiff und
lasse mich einfach weitertreiben.«
    Der Neger schüttelte sehr ernst den Kopf. »Lasse mich einfach
weitertreiben!« wiederholte er. »Da hast du mehr gesagt, als vielleicht in
deiner Absicht lag, Bob. Nimm es deinem alten Freunde nicht übel, aber dein Plan
taugt nichts. So kann nie etwas aus dir werden, wenn du mit neunzehn Jahren noch
lebst wie ein Kind, das nur die Stunde begreift und nur von dem weiss, was es
sieht? Kannst du dich wirklich damit zufrieden geben, dass du dich irgendwie und
irgendwohin treiben lässt?«
    Robert wurde nachdenklich. »Mongo«, sagte er nach einer Weile, »es ist nicht
das erste Mal, dass du so mit mir sprichst. - Darf denn ein Mensch nie ungestraft
glücklich sein?«
    Der Schwarze legte die Hand beruhigend auf seine Schulter. »Im Gegenteil,
Bob«, sagte er zuversichtlich, »im Gegenteil, der Mensch soll überall glücklich
sein, und zwar durch die Überzeugung, das Richtige und Gute zu tun. Und nun lass
uns davon nicht länger sprechen, - solche Dinge muss der Mensch mit seinem
eigenen Gewissen ausmachen.«
    Er ging, und Robert blieb in Gedanken versunken allein zurück. Wie schön war
es hier. Endlich konnte er einmal tun, was er wollte. Freiheit, Ungebundenheit,
der weite, grüne Wald mit all seinen Tieren, der Fluss und das Gebirge, in dem er
herumklettern und auf das Dorf herabschauen konnte - -
    Und das alles sollte er freiwillig aufgeben und von hier, wo er glücklich
war, nach Pinneberg gehen, um seinen eigensinnigen Vater um Verzeihung zu bitten
und sich von der ganzen Ein wohnerschaft des kleinen Städchens angaffen zu
lassen. »Robert Kroll ist wieder da«, würden die Leute sagen, »Robert Kroll, der
vor drei Jahren seinem Vater das Geld stahl und heimlich fortlief. Jetzt wird er
wohl erkannt haben, was die Heimat wert ist. Er wird sich nach Hause
zurücksehnen und seinen Streich bereuen.«
    Es war ihm, als höre er die spöttischen Worte und sähe all die bekannten
Gesichter, wie sie sich neugierig herandrängten, um zu fragen, zu horchen und
ihre Ermahnungen vom Stapel zu lassen.
    Ungeduldig wanderte er auf und ab. Alle diese Gedanken waren ihm nicht
gekommen, als es ihm in Lenchi so schlecht ging, - da mals hätte er jeden Tag
abreisen können, damals hätte er jedes Opfer gebracht, um das Geld, das er nicht
besass, seinem Vater auf den Tisch zu legen, aber jetzt war das alles anders.
Hier fühlte er sich wohl, hier hatte er alles, was er sich wünschte, und das
sollte er aufgeben, um den Kampf, dem er kaum entronnen war, erneut zu beginnen?
-
    Er schüttelte den Kopf. Wenigstens jetzt noch nicht, nein, noch nicht. Das
Leben unter den Rotäuten würde vielleicht bald seinen Reiz verlieren, dann war
es immer noch früh genug, nach Deutschland zurückzukehren. Vorerst wollte er mit
dem Trapper die Reise nach Stockton machen und sich den antwortenden Brief des
Vaters für Ende September oder Anfang Oktober - zu welcher Zeit der Jaguar eine
zweite Fahrt beabsichtigte - erbitten. Sein Entschluss stand fest, und nun wurde
er ruhiger. -
    »Wenn ich zurückkomme, seid ihr schon reiche Leute«, sagte er, als sich spät
abends alle drei im Zelt zur Ruhe legten. »Du, Gottlieb, denkst dann vielleicht
schon an eine zweite Geldsendung nach Pinneberg.«
    Der junge Kaufmann war nicht gerade in guter Stimmung. Mit dem tatkräftigen,
entschlossenen Freund ging ihm doch ein starker Halt verloren, und das
beunruhigte ihn. »Wenn dir nur nichts passiert!« seufzte er. »Der Trapper fort
und du fort, - das ist nicht schön.«
    »Innerhalb von fünf Wochen bin ich ja zurück, Gottlieb.«
    »Du? - Das glaube ich nicht.«
    »Aber du wirst es sehen. Ich will doch noch mehr Büffel und Hirsche
schiessen, - meinst du nicht auch, Mongo?«
    »Hm, du junger Spitzbube, ich weiss nicht recht.«
    Robert fuhr auf, offenbar gereizt. Er, der sonst so gutmütig war, nahm in
letzter Zeit alles übel.
    »Ihr glaubt mir nicht?« rief er entrüstet.
    Der Neger legte beruhigend die Hand auf seinen Arm. »Bitte, Bob«, flüsterte
er, »wir glauben dir ja!«
    Robert wagte nicht, dem väterlichen Freund zu widersprechen, aber er schwieg
unwillig. »Sie glauben, dass ich heimlich fortgehe«, dachte er, und das verletzte
ihn sehr. »Ich will den beiden zeigen, dass ich ein Mann bin!«
    Auch Gottlieb kroch leise an seine Seite. »Robert«, flüsterte er, mit beiden
Händen seinen Arm umklammernd, »Robert, wenn du nach Pinneberg kommst - sei
nicht gleich so bös, ich sage ja wenn - dann besuche meine Eltern, obwohl sie im
Armenhause wohnen, und erzähle ihnen von mir, willst du das?«
    Robert lachte halb, und halb ärgerte er sich. »Natürlich würde ich das tun,
Gottlieb«, antwortete er, »wenn ich wirklich die Absicht hätte, nach Hause
zurückzukehren. Aber daran wird gar nicht gedacht.«
    Der schüchterne Gottlieb drückte seine Hand. »Lass uns einmal annehmen, du
wärest wirklich dort«, erwiderte er, »gleichgültig, ob daraus etwas wird oder
nicht, - aber würdest du in das Armenhaus gehen, um dort jemand zu besuchen?«
    »Hast du auch nur einen einzigen Augenblick daran zweifeln können,
Gottlieb?«
    Der andere lehnte sich zufrieden auf seihe Felle zurück. »Nein, Robert«,
antwortete er aufrichtig, »das habe ich nicht.«
    »Nun, Gott sei Dank, das ist wenigstens etwas.«
    »Du erzählst also meinen Eltern noch einmal alles, was ich ihnen schon
geschrieben habe«, fuhr Gottlieb fort, »wie sehr uns das. Unglück verfolgt hat
und wie teuer man hier lebt. Tröste den armen alten blinden Mann, Robert, und
sag ihm, dass ich unermüdlich vom Morgen bis zum Abend arbeite, um ein paar
tausend Taler zusammenzubringen, damit wir das Haus wieder aufbauen und das
Geschäft neu einrichten können. Aber im übrigen sieh zu, dass sich die Geschichte
nicht gleich so herumspricht. Es braucht ja nicht jeder zu wissen, dass ich hier
ziemlich viel Geld verdiene.«
    Jetzt lachte Robert laut heraus. »Mensch«, rief er, »was faselst du da? In
fünf Wochen bin ich wieder zurück, ohne von unserer Heimat mehr gesehen zu haben
als du, der hier bleibt.«
    Gottlieb unterdrückte einen Seufzer. »Na ja, Robert«, antwortete er, »ich
sagte doch alles unter der Voraussetzung, dass du nach Pinneberg kämst. Wird
daraus nichts, so erledigen sich natürlich meine Bitten von selbst.«
    Damit endete das Gespräch, und am folgenden Morgen begannen die
Vorbereitungen zur Abreise. Vier Indianer und sechs Pferde gehörten ausser dem
Trapper und Robert mit ihren Tieren zu der kleinen Karawane. Die beiden ledigen
Pferde sollten mit den Fellen und Pelzen des Jaguars beladen werden; man führte
sie am Zügel mit sich bis zu dem Stapelplatz, der als Hauptniederlage des Jägers
in einiger Entfernung vom Dorf lag.
    Robert hatte sich von den Indianern und ihren Frauen verabschiedet; nur noch
seine Freunde begleiteten ihn vor das Dorf hinaus.
    Es war ein heller, sonniger Julimorgen, die Luft war frisch und der Himmel
heiter. Roberts Wanderlust war erwacht.
    Noch einmal wandte er sich zu den beiden andern. »Lebt wohl, Gottlieb und
Mongo!« sagte er, ihnen die Hände schüttelnd, »lebt wohl, und - - auf
Wiedersehen!«
    »Verliere nur das Geld nicht!« bat der junge Pinneberger ängstlich. »Ich
bitte dich, Robert, ist das Gold sicher verwahrt?«
    »Vollkommen sicher«, antwortete Robert zum zwanzigsten Mal. »Der Jaguar hat
mir einen Ledergurt genäht, in dem es bis zum jüngsten Tage sitzen könnte, ohne
von irgendeinem Unglück bedroht zu werden.«
    Gottlieb betastete nochmals die Stelle an Roberts Körper. »Wir wollen das
Beste hoffen«, seufzte er, »und in Stockton gibst du den Betrag auf die Post,
nicht wahr?«
    »Das werde ich tun, Gottlieb, sei ganz beruhigt. Die Quittung bringen wir
dir wieder mit zurück.«
    »Schön, Robert, schön, und viel Glück auf die Reise!«
    Er trat zur Seite, um dem Neger Platz zu lassen. Mongo streckte seinem
jungen Freund beide Hände entgegen.
    »Denk zuweilen an mich, Bob!« bat er mit leisen Worten. Robert versuchte
umsonst, seiner Stimme einige Festigkeit zu geben. Was er fühlte, verstand er
selbst nicht ganz. »Mongo«, sagte er endlich, »Mongo, ich verdanke dir viel, du
hast mir in manchen Dingen den rechten Weg gewiesen, - hab Dank, Alter!«
    Der Neger schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er, »das darfst du nicht sagen.
Aber nun geh, - Männer dürfen sich nicht so schwach zeigen.«
    Er fühlte vielleicht die Tränen, die in seinen ehrlichen Augen standen, er
suchte nicht, sie zu verstecken. »Gott beschütze dich, Bob«, fügte er hinzu.
    »Leb wohl, Mongo, leb wohl!«
    Und Robert ging die wenigen Schritte bis zu den Pferden, er wollte nicht
noch einmal wieder zurückblicken, wollte es kurz machen und sich vollkommen
ruhig zeigen, aber - plötzlich kehrte er um und umschlang mit beiden Armen den
Hals des Negers. »Mongo, - Leb wohl!«
    Er küsste das schwarze Gesicht und wandte sich rasch ab. Die vier Indianer
und der Jaguar sassen schon in ihren Sätteln.
    »Es ist ja nur für fünf Wochen«, wiederholte er sich immer wieder, »es ist
nicht der Rede wert, und doch tut es mir weh - -.« »Noch ein letzter Gruss mit
der Hand, ein Winken, und dann flogen die schnellen Tiere der Steppe zu.«
    Fort ging es im scharfen Trab durch Busch und Wald. Die gewohnte Umgebung
blieb allmählich zurück, und die Landschaft bildete immer neue Schönheiten. Zu
zwei und zwei hintereinander ritten die sechs Männer, und mindestens zehn Hunde
umsprangen bellend den kleinen Zug. Gesprochen wurde wenig, was Robert im Grunde
sehr gelegen kam, da er mit seinen Gedanken lieber allein gelassen sein wollte.
    Einer der Indianer, der neben dem Trapper ritt, beugte sich über den Hals
des Pferdes zu ihm hinüber. »Weiss der Jaguar, was sein Bruder, der fliegende
Pfeil, in diesem Augenblick dachte?« fragte er leise.
    Der Trapper senkte den Kopf. Er wandte keinen Blick von Roberts Gestalt.
»Ich weiss es«, erwiderte er in den tiefen Tönen der Comanchensprache, »die
Gedanken des fliegenden Pfeiles sind auch die des Jaguars. Vor dreissig Jahren
zogen deutsche Auswanderer, arme Goldsucher, von San Franzisko aus mit ihrem
einzigen Pferd, mit Kindern und geringem Hausrat in die Minenstädte, die damals
erst entdeckt worden waren. Bei dieser kleinen Karawane befand sich ein junger
Bursche, der die ganze Hoffnung seiner Eltern war, - ein Junge, so voll Leben
und so mutig wie der dort -«
    Der fliegende Pfeil blickte zum Himmel hinauf. »Eine weisse Wolke segelte
über die Wälder«, fügte er hinzu, »und ein Sternstand über der Hütte des roten
Mannes. Der junge Bursche blieb bei den Comanchen, und als ihn seine Eltern
aufforderten, mitzuziehen in das Goldland, als sie ihn verzweifelnd baten, nicht
seine jungen, frischen Kräfte ihrem schwierigen und gefahrvollen Vorhaben zu
entziehen, da war er taub für die Bitten der alten Leute - und sein erzürnter
Vater fluchte ihm -«
    Der Jaguar war blass geworden unter der braunen Hautfarbe. »Die Welt wird alt
und verjüngt sich wieder«, sagte er wie zu sich selbst, »die Menschen bleiben
die gleichen. Jetzt sind der fliegende Pfeil und der Jaguar Männer mit grauem
Haar, und dieser junge Mensch dort, der damals noch nicht geboren war, verlässt
die Seinen, um frei in der Wildnis zu leben. Möge ihm der Grosse Geist gnädiger
sein als mir.«
    Der Indianer erhob sich im Sattel und hielt Umschau. »Noch vor Einbruch der
Nacht müssen wir das Grab der Kirschblüte erreicht haben«, sagte er.
    Der Trapper nickte, und dann versanken beide wieder in das frühere
Stillschweigen. Wie Robert selbst, waren auch sie ganz mit ihren Erinnerungen
beschäftigt.
    Gegen Mittag wurde Halt gemacht und im Schatten einiger Bäume eine Mahlzeit
von kaltem Fleisch und Maiskuchen eingenommen. Nach kurzer Rast brachen die
Reiter wieder auf, um noch vor Abend ein Reh oder einen Hirsch zu schiessen.
    Mit Antilope und Schlangentöter voran, ging es in den stillen, tiefen Wald
hinein; die Jäger stellten bald einen stattlichen Sechzehnender, der schon nach
kurzer Zeit zur Strecke gebracht war, sie nahmen die besten Stücke heraus,
beluden damit eines der Packpferde und suchten dann die versäumte Zeit durch
schnelleres Reiten wieder einzuholen. Gegen Abend musste eine Höhle der Sierra
Nevada, in der die Pelze des Jaguars lagerten, erreicht sein. Robert war zwar
etwas zerschlagen und kreuzlahm, als er diesen ersten Tag mit seinem langen,
anstrengenden Ritt hinter sich hatte, aber daran dachte er jetzt nicht weiter.
Er freute sich auf die Höhle, die ihm der Jaguar zeigen wollte.
    Starr und zerklüftet, ohne allen Baumwuchs, erhoben sich hier die Felsen des
Gebirges. Zur Rechten lag dichter Wald, zur Linken ragten die riesigen
Steinmassen himmelhoch empor. Die Nähe des gewaltigen Felsmassivs wirkte fast
erdrückend.
    Der Trapper und der fliegende Pfeil, als die ersten im Zuge, machten Halt,
und nun entwickelte sich ein emsiges Treiben. Es wurde ein Feuer entzündet, die
Hirschkeule an den Spiess gesteckt und ein paar flache Steine glühend gemacht, um
dazwischen die Maiskuchen zu backen. Nur ungern schienen sich die Indianer
diesen Beschäftigungen zu unterziehen. Robert bemerkte aufs neue, wie sehr die
rote Rasse alle Arbeit verachtet und unter ihrer Würde hält. Was sonst die
Squaws taten, das mussten die Männer jetzt notwendigerweise selbst verrichten,
aber es geschah mit sichtlichem Widerstreben, obgleich der Trapper und Robert
mit bestem Beispiel vorangingen.
    Nachdem die Mahlzeit beendet war, legten sich die Rotäute neben ihren
Pferden in das Moos, während der Jaguar Robert aufforderte, mit ihm das Lager
von Pelzen und Büffelfellen in Augenschein zu nehmen.
    Zwei derbe Kienspäne waren bald aus einer nahestehenden alten Tanne
herausgehauen und an dem verglimmenden Küchenfeuer in Brand gesetzt, dann ging
es durch das Felsengewirr vorwärts. Schon nach einigen Minuten hätte Robert den
Rückweg unmöglich wiederfinden können. Bald weit, bald sich vollständig
verengend, kreuz und quer liefen die Gänge im Innern des Felsens neben- und
durcheinander her, bis sich endlich eine weite Höhle vor den beiden Männern
öffnete. Von oben her fiel das scheidende Tageslicht durch die Spalten herein,
dennoch aber blieben die Ecken und Winkel der weiten Halle in Dunkel gehüllt,
und der Eindruck des Ganzen war äusserst abenteuerlich und geheimnisvoll.
    Der Jaguar hob die Fackel empor. »Hier siehst du die Schätze, die sich dein
Freund auf seinen Wanderungen durch Wald und Steppe zusammenträgt«, sagte er.
»Schau hin, der Bär und der Wolf, der Coyote und der Büffel, der Panter und der
Biber, alle haben ihr Kleid ausziehen müssen, um es dem Menschen zu leihen.
Morgen werden wir mit dem Ertrag des Winters die Packtiere beladen.«
    Roberts Augen folgten der angedeuteten Richtung. Ganze Haufen von Pelzen und
Fellen lagen im Hintergrund der Höhle auf und übereinandergeschichtet, alles
nach der Art geordnet, alles sauber getrocknet und zusammengelegt wie in den
Schränken der sorgsamsten Hausfrau. Die Pelze schienen aber auch der Stolz und
die Freude des Trappers zu sein, obwohl sein dunkles Gesicht sehr ernst und fast
traurig aussah.
    »Vor dreissig Jahren hat der Jaguar in diesen Felsen gewohnt«, sagte er
halblaut. »Hier brannte sein Feuer, hier ruhte er von den Anstrengungen des
Tages aus, und hier - fiel auf ihn die Hand des Grossen Geistes, der nicht will,
dass das Unrechte Frieden gebe.«
    Die letzten Worte sprach er sehr leise, und als Robert teilnahmsvoll fragte,
weshalb er so traurig sei, da schüttelte er den Kopf. »Ein anderes Mal«,
erwiderte er. »Die Augen des Jaguars müssen hell bleiben und sein Geist frei, -
er darf sich von seinen Erinnerungen nicht beirren lassen.«
    »Aber komm«, fuhr er fort, »der Jaguar will dir noch mehr zeigen.«
    Robert folgte ihm bis zum Ausgang der Höhle, deren Vorhöfe nach rechts und
links in einzelne Gänge abzweigten. Einen dieser Wege verfolgten die beiden bis
zu einem freien Raum, dessen weit geöffnete Decke den Abendhimmel mit seinen
tausend funkelnden Sternen deutlich erkennen liess und dessen Boden mit weichem
Moos bewachsen war. Von allen Seiten durch steinerne Wände eng umschlossen,
glich der Platz einer grossen Grabkammer.
    Eine Pyramide aus losgehauenen Felsstücken und kleinen Steinen erhob sich in
der Mitte des Raumes, von Wucherpflanzen mit tausend Ranken überwachsen und halb
verhüllt. Weisse Blumen an langen, schilfartigen Blättern neigten überall im
leisen Abendwind ihre Glocken.
    Der Trapper blies die Fackeln aus. »Wir brauchen sie nachher, um den Rückweg
zu finden«, sagte er, »während uns hier die Sterne leuchten. - Sieh, mein junger
Freund, unter diesem Stein schläft Kirschblüte, das Weib des Jaguars.«
    Robert empfand kein Erstaunen. Er hatte sich das schon gedacht und wusste
auch, dass damit noch ein besonderes Geheimnis verknüpft sein müsse, aber danach
fragen mochte er nicht, er schwieg daher, während der Trapper ein paar
herabgefallene Steine wieder an ihren Platz legte und die Ranken darüber hinzog.
»Der Jaguar hat seit dreissig Jahren dieses Grab behütet wie seinen Augapfel«,
sagte er leise, »es ist sein Gotteshaus, er betet zum Grossen Geist, sooft er
hierherkommt, und der Grosse Geist hört ihn. Des Jaguars Seele hat Frieden
gefunden.«
    Er strich sachte mit der Hand über die Ranken des sonderbaren Grabmals.
»Komm«, sagte er dann, »du bist jung und ein guter Mensch, du willst das
Richtige, ohne es begreifen zu können - wie wir alle. - Der Jaguar wird dir in
Stockton seine Geschichte erzählen, damit du erkennen lernst, ob dich dein Weg
zurückführen darf in den Wigwam des roten Mannes, oder ob du über das grosse
Wasser ziehen musst, um den Zorn deines Vaters in Segen zu verwandeln.«
    Robert errötete stark. »Hat dir Mongo von meiner Geschichte erzählt,
Jaguar?« fragte er.
    Der Trapper bejahte. »Du bist ein Kind«, fügte er hinzu, »und der Jaguar ist
ein alter Mann, das gibt ihm das Recht, dich zu warnen. Aber komm jetzt, die
Zeit für das, was dir dein Freund zu sagen hat, ist noch nicht erfüllt.«
    »Er entzündete wieder die Fackeln und ging dann durch das Gewirr
verschlungener Wege voran bis an den Ausgang des Felsens. Robert war mit den
Worten des Trappers gar nicht einverstanden. Der Trotz, der ihn so leicht
ergriff«, regte sich auch jetzt wieder in ihm. »Und wenn alle behaupten, dass ich
unbedingt abreisen müsste, - ich will es nicht«, dachte er. »Es ist doch immer
dasselbe. Sobald man mit alten Leuten zusammenkommt, wollen sie der Jugend ihren
Weg vorschreiben. Aber zu befehlen hat mir niemand, auch Mongo nicht, obgleich
er mich so gern zähmen möchte! Ich will nicht nach Deutschland zurück, jetzt
erst recht unter keiner Bedingung, gerade weil alles dazu drängt und treibt.«
    Und mit diesem Entschluss legte er sich neben den andern auf das Moos, um zu
schlafen, während die Hunde Wache hielten.
    Am nächsten Morgen ging man daran, die Vorräte aus der Höhle zu tragen und
die Tiere zu bepacken. Dann wurde, wenn auch langsamer, die Reise fortgesetzt.
Bis nach Stockton waren es noch etwa zehn Tage, man durfte sich jedoch nicht
aufhalten, da mit einem solchen Ritt durch eine unbewohnte und von Raubtieren
bevölkerte Gegend manche Gefahr verbunden ist, die möglichst rasch umgangen
werden muss, zumal wenn die Reisenden einen Wert von mindestens zweitausend
Dollar mit sich führen.
    Robert sorgte während der Reise fast täglich für die Küche, das heisst, er
schoss den Braten, und der Trapper bereitete ihn für das Mahl zu. Die Nächte
wurden unter freiem Himmel verbracht, am Morgen in einem der zahllosen
Nebenflüsse des San Joaquin ein erfrischendes Bad genommen und die Zeit der
stärksten Mittagshitze verschlafen, mit einem Wort, es war ein Leben, wie es
sich Robert in seinen verwegensten Träumen nicht schöner vorstellen konnte.
    »Ich bleibe bei den Wilden, solange es mir gefällt«, dachte er, »und dann
suche ich in San Franzisko ein Schiff, - ich will leben, um glücklich zu sein.«
    Er hütete sich, mit dem Trapper unter vier Augen zu sprechen, und als
endlich die Umgebung der Stadt Stockton erreicht war, als man nicht mehr jagen
konnte, sondern von den Farmern das Fleisch kaufen musste, da hatte die Reise für
ihn den hauptsächlichsten Reiz verloren. »So in einer Stadt leben könnte ich
nicht«, dachte er, »nein, entweder auf dem Wasser, oder in der Wildnis bei den
Rotäuten.«
    Er übersah fast geringschätzig die neugierigen Blicke der Farmer, mit denen
der Zug von Indianern und Tieren überall empfangen wurde. Nur wenn ein deutscher
Laut sein Ohr traf, schoss ihm das Blut in die Schläfen.
    »Wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland!« sagte er sich, aber dieser
Trotz konnte ihn doch nicht wirklich beruhigen, und er fragte den Trapper immer
wieder, wie lange man sich notwendigerweise in Stockton aufhalten müsse.
    »Fünf bis sechs Tage«, lautete die Antwort. »Der Jaguar will nicht allein
seine Felle verkaufen, sondern sich auch mit allen unentbehrlichen Dingen für
die nächsten Monate ausrüsten. Er braucht Schiessbedarf, Stiefel und Feuerwasser,
er muss sich ein neues Messer kaufen und den Squaws, die seinen Wigwam besorgen,
ein Geschenk mitbringen. Hat der junge Weisse so grosse Eile, wieder
zurückzukehren in das Lager der roten Männer?«
    Robert bejahte äusserlich gelassen, obwohl ihm das Blut in die Wangen trat.
»Jede Entscheidung lässt mich ruhiger werden«, dachte er, - »nur das dauernde
Hin- und Herüberlegen ist unerträglich. Wenn wir nur erst wieder im Gebirge
wären!«
    Auf diese Weise wurde endlich an einem glühend heissen Tage, Ende Juli 1870,
die Stadt Stockton erreicht, und Robert sah nach fast einem Jahr zum erstenmal
wieder einen Hafen. Ausser den kleinen Postdampfern, die auf dem San Joaquin die
Verbindung mit San Franzisko aufrechterhalten, gab es nur einige Holzschiffe,
Kähne und Boote, doch selbst dieser matte Abglanz all der Herrlichkeiten, die
Robert in den grösseren Hafenstädten begeistert hatten, liess sein Herz schneller
schlagen.
    »Ich könnte nach San Franzisko fahren und dort das Geld auf die Post geben«,
dachte er und war schon im Begriff, den andern seinen Entschluss mitzuteilen.
Aber dann fiel ihm auch wieder ein, dass irgendwelche unvorhergesehenen Umstände
die Rückreise verhindern könnten und er dadurch von seinen Gefährten getrennt
werden würde. »Nein«, beschloss er, »ich will der Versuchung widerstehen. Die
beiden, der Jaguar und Mongo, sollen sehen, dass ich ein Mann bin und kein Kind,
das sich befehlen oder beeinflussen lässt.«
    Er begleitete also den Trapper und die Rotäute in eine Herberge vor der
Stadt, wo sie bereits von früheren Reisen her bekannt waren und wo sich sogleich
das Volk in Scharen sammelte, um die roten Fremdlinge anzustaunen. Während die
Indianer mit ihrem unzerstörbaren Gleichmut, ohne irgend jemand zu beachten, auf
dem Hof des Wirtshauses ihr Zelt aufschlugen, ihre Felle ausbreiteten und sich
rauchend darauf ausstreckten, ging Robert durch die Strassen der Stadt, um einen
Goldkäufer zu suchen. Das Geschäft war bald abgeschlossen und eine Summe von
nahezu fünfhundert Dollar in seinen Ledergürtel gewandert, nach deutschem Geld
also für Gottlieb und ihn selbst je dreihundert Taler. Den Anteil seines
Freundes brachte er mit einem schnell entworfenen Brief, den Gottlieb leider
unter den Comanchen nicht hatte schreiben können, zur Post, und erst als er dies
pünktlich erledigt hatte, dachte er an seine eigenen Wünsche. Den Brief an
seinen Vater wollte er erst abends in aller Ruhe aufsetzen und jedes Wort darin
genau abwägen, vorher aber noch die Stadt ansehen, und - darauf hatte er sich
schon lange gefreut, - in einem anständigen Gastaus einmal wieder ordentlich
mit Messer und Gabel zu Mittag essen.
    Der Trapper verhandelte mit einer Gruppe von Pelzhändlern, er liess sie
durcheinander schnattern, jedes Fell besonders ausbreiten und tadeln, um jeden
Cent lange feilschen und über die schlechten Zeiten im allgemeinen bittere Klage
fuhren, ohne von seiner Forderung das Allergeringste abzulassen.
Höchstwahrscheinlich kannte er die Art dieser Geschäftsleute schon ganz genau,
denn er schwieg zu dem, was sie sagten, als sei er stocktaub. Robert dagegen
fühlte sich, nachdem er die Sache fünf Minuten lang mit angesehen hatte, recht
unangenehm berührt; er fragte den Jaguar, ob er ihm in irgendeiner Weise helfen
könne, und als der Trapper dankend ablehnte, ging er fort, um ein Gastaus zu
finden.
    Seine Augen suchten die Schilder über den Haustüren ab, bis ihm eine grosse
Inschrift in deutscher Sprache entgegenschimmerte. »Zur deutschen Heimat«, las
Robert und trat in die weite, saubere Vorhalle, in der grosse Fässer lagerten,
und von da in den Speisesaal.
    An mindestens zehn Tischen sassen Kopf an Kopf die Gäste. Laute Unterhaltung
schwirrte dem Ankommenden entgegen, deutsche Worte hörte man überall, deutsche
Zeitungen gingen von Hand zu Hand, und auf den ersten Blick liess sich erkennen,
dass irgendein besonderes Ereignis die Menschen in Aufregung versetzt haben
musste.
    Robert achtete anfänglich nicht darauf, sondern hielt sich bescheiden zurück
und forderte nach sorgfältiger Durchsicht der Speisekarte eine Portion seines
Lieblingsgerichtes, dem er tapfer zusprach. Als er gegessen hatte, bat er um
eine deutsche Zeitung. Vielleicht konnte er ja daraus von der Heimat irgendeine
Neuigkeit erfahren.
    Der Kellner zuckte die Achseln. »Wir nehmen, seit die Nachricht kam, von
jedem Blatt sechs Exemplare«, antwortete er, »aber dennoch ist nie eins zu
erreichen. Die Stammgäste halten sie fest, als wären es Heiligtümer.«
    Robert blickte auf. »Welche Nachricht?« fragte er.
    »Nun, die von der Kriegserklärung natürlich.«
    Auf Roberts Gesicht malte sich unverkennbares Erstaunen. »Eine
Kriegserklärung?« wiederholte er. »Wo ist denn Krieg?«
    Der junge Mann schüttelte den Kopf. »Sie kommen wohl aus den Goldminen«,
antwortete er, »aber das macht nichts, Sie werden schon genug davon zu hören
bekommen. Uns - ich meine natürlich unseren König in Berlin - ist von Frankreich
der Krieg erklärt worden, und alles was deutsch spricht, marschiert an den
Rhein, um die Grenzen zu schützen.«
    Er entfernte sich mit seinen Tellern und Schüsseln und liess Robert in
grösster Aufregung zurück. Deutschland war von Frankreich der Krieg erklärt
worden - das war ein kühnes, gewagtes Spiel, das hiess alles auf eine Karte
setzen.
    Robert fühlte, wie ihm das Herz klopfte. Fast ehe er selbst wusste, was er
beabsichtigte, war er zu einer der Gruppen an den anderen Tischen getreten und
hatte in deutscher Sprache gebeten, ihm von dem grossen Ereignis doch mehr zu
erzählen. Noch wusste er ja keine Einzelheiten, sondern nur die Tatsache selbst.
    Die Leute wandten sich erstaunt um und musterten prüfend die Erscheinung des
braungebrannten jungen Menschen. »Wahrhaftig«, sagte einer, »ich glaube, das ist
ein Halbindianer. Wenigstens sind Mütze und Gürtel Comanchenarbeit.«
    »Hallo«, rief der zweite, »kamt Ihr nicht heute früh mit noch einigen
anderen aus den Gebirgen herab? Ich denke, dass ich Euch wiedererkenne.«
    Robert nickte. »Ihr habt recht«, erwiderte er, »aber -«
    »Alle Teufel, was tut Ihr denn bei den Rotäuten?« unterbrach der Mann. »Ein
so junger Bursche kann doch unmöglich daran denken, Trapper zu werden?«
    Robert konnte seinen Ärger schlecht verbergen. »Ich glaube«, antwortete er
nachdrücklich, »dass das meine Sache ist. Aber Sie scheinen nicht die Absicht zu
haben, mir das zu sagen, was ich gern wissen möchte. Ich will Sie nicht länger
stören!«
    Vom anderen Tisch herüber wurde ihm ein Bierglas gereicht. »Auf Deutschlands
Sieg!« rief ein stämmiger Mann, dessen Äusseres deutlich den »Digger« verriet.
»Warst wohl in Lenchi oder Idaho, was? Hast gute Beute gemacht und bist mit den
Rotäuten hierhergekommen, um die teure Reise auf der Bahn zu sparen, denke
ich.«
    Robert unterdrückte seinen Unwillen und nahm das dargebotene Glas. »Ich
danke Ihnen, Sir«, sagte er. »Sie haben wirklich das Richtige getroffen. Die
Comanchen sind mir gute Freunde, ich achte sie ebenso wie alle anderen
Menschen.«
    Die Männer lachten. »Es wollte auch niemand von uns die Rotäute
beleidigen«, hiess es, »aber man wundert sich doch, einen Weissen zu sehen, der
ständig mit ihnen zusammenlebt.«
    »Du«, rief wieder der Digger, »willst du jetzt nach Deutschland und dich
freiwillig zu den Soldaten melden? Dann können wir zusammengehen.«
    Dunkle Röte färbte Roberts Wangen. »Ist es Wahrheit mit der Nachricht von
der Kriegserklärung?« fragte er nochmals.
    Nun endlich wurde ihm von allen Seiten Auskunft gegeben. Er nahm gedankenlos
die Zeitung, die man ihm reichte - sein erster Blick fiel auf den Erlass des
Kriegsministeriums in Berlin, bei allen Truppenteilen den Eintritt Freiwilliger
zu gestatten.
    Es wirbelte in seinem Kopf, das Blut pochte in den Schläfen, - ein einziger
Gedanke verdrängte alle andern. Das Vaterland war in Gefahr, - der König
erwartete, dass keiner zurückbleiben werde, wo es galt, die Heimat zu schützen.
    Aller Zwiespalt war vorüber, alle Zweifel gelöst. Es gab für ihn keine
persönlichen Interessen mehr, keinen Trotz gegen seinen Vater oder gekränkte
Eigenliebe, - das bedrohte Deutschland rief, und er musste folgen. Seine Augen
suchten den Goldgräber. »Ich gehe mit dir!« antwortete er fest.
    »Bravo! Trotz deiner Jugend bist du ein ganzer Kerl. Komm, lass uns
anstossen.«
    Die übrigen bestellten Wein, und die Gläser klangen aneinander. Der
Begeisterungsrausch, der damals ganz Deutschland ergriffen hatte, zeigte sich
selbst hier, jenseits des Atlantischen Ozeans. Man trank, bis die Köpfe erhitzt
waren. Robert, der nie einen Tropfen zuviel über seine Lippen kommen liess, war
rechtzeitig gegangen, um zunächst dem Trapper mitzuteilen, dass er mit dem
morgigen Postdampfer nach San Franzisko abreisen und sich von dort für Hamburg
anmustern lassen werde. »Nicht wahr«, sagte er, »du verstehst das, Jaguar, du
würdest es ebenso machen?«
    Der Trapper fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Er schwieg lange Zeit,
während der er alte, trübe Erinnerungen zu bekämpfen schien. Die Nachricht
Roberts musste ihn offenbar sehr ergriffen haben.
    »Komm«, sagte er endlich, »komm, der Jaguar will seinem weissen Bruder die
Geschichte erzählen, von der er neulich schon gesprochen hat. Komm!«
    Robert folgte ihm, und die beiden gingen langsam hinaus bis vor den Ort, wo
endlich der Jaguar, als sie ganz allein waren, von seiner Jugend erzählte. Wir
wissen aus dem Gespräch zwischen ihm und dem fliegenden Pfeil bereits, dass er
derjenige war, den sein eigener Vater verfluchte, als er sich weigerte, das
Indianerdorf wieder zu verlassen und seine Eltern zu begleiten, aber wir wissen
nicht, wie schrecklich der damals noch junge Mann vom Schicksal für diesen
Ungehorsam bestraft wurde.
    »Ich war verblendet«, sagte der Trapper, »ich hielt meine Ehre für bedroht
und fand Freude am Trotz gegen meinen alten Vater. Der fliegende Pfeil ging mit
mir auf die Jagd, ich lebte in seinem Wigwam ohne Sorge und Arbeit, ich konnte
tun, was ich wollte, anstatt dem strengen Vater zu gehorchen und über alles, was
ich tat, Rechenschaft abzulegen. Das verlockte mich, zumal da dieser Streit
zwischen ihm und mir keineswegs der erste war. Während ich die alten Leute
weiterziehen liess, ohne mich um ihr Schicksal zu kümmern, ging es mir selbst
eine kurze Zeitlang ausgezeichnet. Ich heiratete Kirschblüte, die Schwester des
fliegenden Pfeils, und wohnte in den Felsen, wo sie begraben liegt, aber - nur
für wenige Wochen.
    Der Grosse Geist hatte den Fluch des beleidigten Vaters gehört, er sandte das
Verhängnis, das ihn erfüllen sollte, er schlug das Auge des Jaguars mit
Blindheit, dass er sein Liebstes nicht erkannte. - Drei Tage und drei Nächte
hatte er den grauen Bären verfolgt, den gefährlichsten, blutdürstigsten der
ganzen Gattung, drei Tage und drei Nächte lang hatte er nicht geschlafen und
fast ohne Speise und Trank nur an das Raubtier gedacht, das ihn immer wieder zu
necken und zu täuschen schien.
    Aber gerade das reizte den Trotz des Jaguars. Er dachte an nichts anderes,
als nur an diesen Bären, der den Felsen umkreiste, der beständig in der Nähe war
und dessen er doch nicht habhaft werden konnte. Sein Blut strömte heiss durch die
Adern, seine Ruhe war dahin, er schlief nicht eher, bis ihn die letzten Kräfte
verliessen. Doch schon nach kurzer Zeit taumelte er wieder empor, um das Raubtier
zu verfolgen. Wenn er meilenweite Strecken zurückgelegt hatte und erschöpft auf
das Moos des Weges sank, dann trabte hinter ihm gewiss der Bär und schien seinen
ohnmächtigen Gegner verspotten zu wollen. Kugel auf Kugel pfiff harmlos an ihm
vorüber - das Tier war offenbar gefeit.
    Zuletzt sah ihn der Jaguar in heller Mondnacht durch das Gebüsch kriechen,
als er sich zufällig ganz in der Nähe seiner Höhle befand. Er schoss nicht, - es
graute ihm bereits vor dem Klang der niemals treffenden Büchse - aber er schlich
nahe und näher heran, er wollte seinen Todfeind von Angesicht zu Angesicht sehen
und empfand das wahnwitzige Verlangen, Brust an Brust mit ihm zu ringen, ihm
womöglich das Jagdmesser ins Herz zu stossen und sich an seinen Qualen zu weiden.
Lautlos schlich er heran.
    Der Bär zeigte sich im hellen Mondglanz nur für wenige Sekunden, er sah in
das Auge des Jaguars, und dann verschwand er, als habe ihn die Erde
verschlungen. Der Jaguar rührte sich nicht, er starrte nur immer auf die eine
Stelle und wagte kaum zu atmen, aus Furcht, dass ihm sein Feind entgehen möchte.
Stunde um Stunde verrann, die Einsamkeit und Totenstille der Umgebung drückten
auf das Gehirn des Jägers, aber er widerstand dem Schlafe, um immer nach jenem
Gebüsch zu sehen, um im gleichen Augenblick, wenn das Raubtier zurückkehren
würde, ihm die Todeskugel in das Herz zu schicken.
    Und dann, - dann kam das Verhängnis.
    Der Jaguar weiss nicht, ob er wenige kurze Augenblicke lang vielleicht
geschlafen hat, er hörte plötzlich ein Knistern und Rauschen, er sah, wie sich's
an jener Stelle hinter den Zweigen regte und dass etwas wie grauer Pelz durch die
Blätter schimmerte.
    Diesmal stand das Tier, es schien seinen Feind zu erwarten, es blieb auf
demselben Platz, regungslos, wie der Jaguar selbst.
    Wilde Freude ergriff den Jäger, er hob lautlos die Büchse, - der Schuss
krachte, dass ihn das Bergecho donnernd zurückwarf, aber - noch ein anderer,
schwacher Laut mischte sich in das Getöse -
    Es klang wie das leise Wimmern eines Menschen - -
    Der Jaguar taumelte auf. Eiseskälte rann durch seine Glieder, sein Herz
schlug stürmisch, er stürzte halb besinnungslos zu der Stelle, wohin er
geschossen hatte, und bog die Zweige auseinander - -
    Da lag Kirschblüte, das Licht seines Auges, sein junges, schönes Weib, und
aus ihrer Brust strömte das Blut über das Moos dahin. Nur zu sicher hatte
diesmal des Jaguars Kugel ihr Ziel getroffen.«
    Der Trapper hielt inne, überwältigt von der Macht der schrecklichen
Erinnerung, unfähig, weiterzusprechen. Er stützte den Kopf in die hohle Hand und
sah starr vor sich auf den Weg.
    Robert versuchte kein Wort des Trostes. Was hätte auch gesagt werden können,
einem so vernichtenden Schmerz gegenüber? »War Kirschblüte tot, Jaguar?« fragte
er nach einer Weile.
    Der Trapper nickte. »Sie hat den Jaguar kaum noch erkannt«, fuhr er fort,
»sie hat ihm nicht mehr erzählen können, weshalb sie dort in das Gebüsch
gegangen war, aber er weiss, dass sie ihn aufsuchen wollte, weil er während des
ganzen vorigen Tages und der Nacht nicht nach Hause gekommen war. Es war das
Verhängnis, - der Fluch, der auf des Jaguars Haupt lastete.
    Und dann begann für ihn eine schreckliche Zeit. Die Comanchen wollten den
Leichnam der erschossenen Kirschblüte nach Art ihres Volkes bestatten und im
dichten Wald ein Gerüst aufschlagen, um den Körper, in Felle genäht, von der
Luft zerstören zu lassen. Aber der Jaguar verweigerte die Herausgabe seines
toten Weibes. Da, wo sie gelebt hatte, begrub er Kirschblüte nach der Weise des
Christentums, in dessen Lehren er erzogen worden war, und wenig kümmerte es ihn,
was dazu die roten Männer sagten.
    Doch sollte die Strafe auf dem Fusse folgen. Der fliegende Pfeil grub die
Streitaxt aus dem Boden, die Comanchen verfolgten den Jaguar wie ein reissendes
Tier, das in ihre Hürden eingebrochen war und ihr Eigentum geraubt hatte. Er
musste in die Wälder flüchten, heimatlos, ganz allein, er hatte kein Dach, das
ihm Schutz gewährte, kein Feuer, an dem er sich wärmen durfte, und der Zorn des
Ewigen schwebte über seinem Haupte. Einmal kam er in die Nähe einer Minenstadt,
hungernd, frierend, ermüdet zum Sterben, - da sah er eine Hütte und darin ein
Feuer, an dem Kinder spielten, er sah den Rauch vom Bratspiess zum Himmel steigen
und erblickte harmlose, zufriedene Menschen.
    Es hatte geregnet, der Jaguar in seinen abgetragenen Kleidern war bis auf
die Haut durchnässt, er fühlte Fieber in den Adern und seine Füsse bluteten, -
schon wollte er sich der Hütte der Goldgräberfamilie nähern und um einen Platz
an ihrem Feuer bitten, da sah aus dem einzigen kleinen Fenster ein alter Mann.
Das Haar war grau und das bleiche Antlitz von tiefen Furchen durchzogen, die
Augen blickten dunkel und trübe - -
    Dieser Mann, den wenige Monate zum Greis gemacht hatten, war des Jaguars
Vater.
    Nahe, ganz nahe stand der Sohn, dem er geflucht hatte, ein Bettler in
Lumpen, hungernd und frierend, mit Fieber in den Adern.
    Und dieser Sohn dachte an das Bibelwort von dem Verlorenen, der
zurückgekehrt war, an die Verheissung, dass dem Reuigen verziehen werden soll, es
stritten wilde, böse Mächte in seinem Herzen, aber der Trotz behielt den Sieg.
Wäre er ein wohlhabender Mann und ein glücklicher Mensch gewesen, ja, dann hätte
er mit tausend Freuden die Seinigen begrüssen können, aber zu ihnen als
heimatloser, fluchbeladener Bettler zurückzukehren, sie zu bitten, ihre Hilfe in
Anspruch zu nehmen? -
    Nie! -
    Er wandte sich ab und lief fort, wie von bösen Mächten verfolgt.
    Und Jahre vergingen, bis sein Trotz gebrochen war, bis er sich mit den
Comanchen wieder aussöhnte und in ihrem Dorf seinen Wigwam erbaute. Er hat das
Antlitz des Grossen Geistes im Zorn gesehen und in der Versöhnung, er hat seine
Stimme kennengelernt in der Natur und in den Ereignissen, die ohne menschliches
Dazutun aus den Wolken herab sprechen. So wusste er auch, als sich seine und
seines weissen Bruders Kugel im Fluge trafen, dass das ein Wahrzeichen sei und dass
er einen Freund gefunden habe, dem die Kunde dessen, was er gesündigt und was er
erlitten hatte, als Warnung dienen könne.
    Möge der junge weisse Fremdling des Jaguars gedenken, sooft ihn das heisse
Blut zum Widerstand treibt, möge er sich allzeit erinnern, dass es ein anderes
ist um die schnelle, trotzige Tat und um den langen, mahnenden Weg der Reue.«
    Er schwieg, und Robert drückte ihm erschüttert die Hand. Er dachte an das
stille Grab Mohrs an der Küste der kubanischen Insel. Und die Gestalten dieser
beiden Männer, das traurige Antlitz des Geistersehers und das ernste des
Trappers, standen ihm noch vor Augen, als er längst in das Wirtshaus
zurückgekehrt war und zum erstenmal wieder in einem Bett schlief.
    Am anderen Morgen nahm er Abschied von den Comanchen, denen der Trapper
erzählt hatte, um was es sich handelte, und deren völlige Zustimmung er ihm ins
Englische übersetzte. Sie alle begleiteten Robert bis an das Postschiff, das ihn
nach San Franzisko bringen sollte.
    »Grüsse Mongo und Gottlieb«, bat er mit etwas unsicherer Stimme, »und
versprich ihnen Briefe von mir. Auch dir darf ich schreiben, nicht wahr,
Jaguar?«
    Der Trapper nickte. »Unter dem Namen des Wirtes, bei dem wir wohnen«,
antwortete er. »Wenn ich im Herbst noch lebe, so erhalte ich dort den Brief
meines jungen Freundes.«
    »Gut also! Aber jetzt läutet die Glocke zum drittenmal, - leb wohl, Jaguar,
- leb wohl und noch einmal Dank für alles!«
    Der Trapper trat, während die Matrosen die Haltetaue lösten, auf die
Landungsbrücke. Er hielt noch immer Roberts Hand und sah ihm fest ins Auge. »Leb
wohl«, sagte er in deutscher Sprache, »leb wohl, und der allmächtige Gott segne
dich!«
    Das Schiff begann sieh zu drehen, die schrille Pfeife zerschnitt die
Abschiedsworte, und die Hände lösten sich.
    Noch einmal grüsste der ernste Mann vom Lande herüber, noch ein Lächeln
schwebte um die Lippen, die nach dreissig langen Jahren das erste deutsche Wort
gesprochen hatten, - und dann traten andere Menschen dazwischen, dann sah Robert
nur noch wie im Fluge die hohe, spitze Mütze und die schlanke Gestalt des
Trappers. Als er sich auf die Zehenspitzen erhob, war alles verschwunden.
    So schnell zerrissen das Band der letzten Monate, so ganz allein wieder
unter Fremden, - das Gefühl war sonderbar wehmütig.
    Der Deutsche, den er gestern getroffen hatte, war ebenfalls auf dem Dampfer
und wollte wie er zur Armee nach Deutschland gehen. Robert hatte also einen
Reisebegleiter, mit dem er über Vergangenes und Künftiges sprechen konnte, einen
Mann, der die Verhältnisse in den Minenlagern kannte, aber auch aus früheren
Jahren her im Militärischen bewandert war. Es liess sich herrlich mit ihm
plaudern, bis der Dampfer die Suisunbai und die Pablobai durchquert hatte und in
San Franzisko landete. Dort trennten sich ihre Wege, da der Goldgräber mit dem
nächsten Dampfer nach Deutschland ging, während sich Roberts Angelegenheiten
nicht ganz so schnell regeln liessen. Er war, wie wir wissen, sehr sparsam, und
wollte daher keineswegs als Passagier nach Europa reisen, sondern vielmehr auf
der Überfahrt noch ein gutes Stück Geld verdienen, um sich in Hamburg einen
neuen Seemannsanzug zu kaufen und bei seinen Eltern nicht so abgerissen
anzukommen. Er besass ausserdem kein Stück Wäsche, sondern ausser seinem Lederanzug
nur noch den Brustbeutel des Spaniers mit der Nähnadel aus einer Fischgräte, -
also musste er noch vieles zusammenkaufen.
    Zunächst erstand er eine Seekiste mit festem Schloss und verwahrte darin den
Comanchengürtel, dann versorgte er sich mit dem nötigsten wollenen Unterzeug und
neuen, derben Seestiefeln, zog den Betrag für einen vollständigen Anzug und
weisse Wäsche noch ausserdem ab, und rechnete dann heraus, was ihm in Hamburg
bleiben würde. Mit der Heuer, die er zu verdienen hoffte, etwa zweihundert
Taler, also nach Abzug des Betrages, den er seinem Vater schuldete, noch hundert
Taler, - das genügte ihm, um auf seinem Besuch in Pinneberg unabhängig zu sein.
    Er wechselte das Geld in Banknoten um und legte es zu dem Gürtel in die
Kiste, dann aber machte er sich auf, um ein Schiff zu suchen, und schon am
folgenden Tage war er unterwegs nach Hamburg.
 
                                    Heimkehr
In Europa waren inzwischen die ersten siegreichen Schlachten gegen Frankreich
geschlagen worden. Robert ersah aus den Zeitungen, die in England an Bord kamen,
dass die deutsche Armee überall vorrückte, und freute sich darauf, bald selbst
Soldat sein und seine Pflicht für das Vaterland tun zu dürfen.
    An Bord eines Kriegsschiffes dem Feind gegenüber zu stehen und sich mit ihm
auf hoher See im Gefecht zu messen, - welch ein Erlebnis musste das sein!
    Niemand von der Mannschaft kannte die Pläne, mit denen er sich trug, niemand
beachtete den stillen, schweigsamen jungen Matrosen, der seinen Dienst an Bord
ordnungsgemäss erfüllte und in den wenigen Freistunden träumend auf das Wasser
hinaus blickte, immer nachdenklicher und ernster, je mehr sich das Schiff der
Heimat näherte.
    Jetzt war Helgoland in Sicht, dann Brunshausen und endlich Cuxhaven. Der
Lotse kam an Bord, neue Siegesnachrichten verbreiteten sich unter den
Passagieren und Matrosen, das Schiff lief in die Elbmündung ein, - es war
Holsteins Küste, die sich dort in letzter Abenddämmerung von fernher abhob. Tief
bewegt suchte Robert mit den Augen das geliebte Land.
    Holstein! - Er sah wie im Traum die grünen Ufer, hinter denen, nur wenige
Meilen entfernt, sein Elternhaus lag. Wie würde, er es finden, das niedere, alte
Dach, - und wie die Menschen darin?
    Ein Schauer überlief ihn. Wenn der Vater unbeugsam blieb? Wenn er ihm die
Tür wies und alle Leute es erfuhren, dass Robert Kroll im Elternhause ein
Ausgestossener war?
    Er verscheuchte gewaltsam die trüben Gedanken und ging wieder an die Arbeit,
während das Schiff die Elbe hinauffuhr und endlich am späten Abend in Hamburg
vor Anker ging. Für die Nacht war an eine Auszahlung der Heuer nicht zu denken,
und auch am folgenden Vormittag verzögerte sie sich, da mit einem Teil der
Mannschaft unterwegs Zwistigkeiten entstanden waren. Erst abends um sieben Uhr
konnte Robert, nachdem sich sein silberner Schatz um vierzehn Taler vergrössert
hatte, an Land gehen.
    Mit welchen Gefühlen er aus der Jolle sprang und die Treppenstufen
hinaufstieg, kann man kaum schildern. Sein Herz klopfte bis zum Hals. Einige
Minuten lang stand er im Menschenstrom am Hafen regungslos still, um erst wieder
etwas ruhiger zu werden, dann aber nahm er sich zusammen und ging mit der Kiste
auf der Schulter in das nächste beste Logierhaus, um dort sein Hab und Gut in
Sicherheit zu bringen, während er selbst einen Anzug und Wäsche kaufte und vor
allem ein Bad nahm, um erst einmal wieder richtig sauber zu werden. Als er
zurückkam, braungebrannt und frisch, mit einem kühnen Bärtchen auf der
Oberlippe, ganz in frische Wäsche und den neuen Anzug gekleidet, erregte er mit
seiner schlanken, hochgewachsenen Gestalt und seinem sicheren Auftreten überall
Aufsehen und unverkennbares Wohlgefallen.
    Für heute war es zu spät, noch nach Pinneberg zu fahren, er musste daher
seine Ungeduld zügeln und versuchen, den Rest des Abends so gut wie möglich zu
verbringen.
    Im Gastzimmer seines Logierhauses sassen die Menschen Kopf an Kopf. Unter
ihnen befanden sich einige fremd aussehende Männer, die Robert auf den ersten
Blick als französische Kriegsgefangene erkannte. Es waren Offiziersburschen,
deren Herren in Privatäusern aufgenommen worden waren, und die man in
nahegelegenen Wirtschaftslokalen untergebracht hatte, um sie ständig überwachen
zu können.
    Auch einer der Offiziere war darunter, er sass für sich an einem Tisch,
anscheinend ohne auf die lebhafte Unterhaltung der Gäste zu achten. Manchmal
schrieb er in ein Buch einige kurze Bemerkungen, und dann durchlief sein Blick
wie zufällig den Kreis der Umsitzenden, zu denen auch die Gruppe der Burschen
gehörte.
    Einer von ihnen musste sich sehr langweilen. Er malte bald mit dem
Zeigefinger auf der Tischplatte, bald sprach er zu einem fast schwarzen Zuaven
hinüber oder zu dem Kellner, der ihn durchaus nicht verstehen konnte, und in den
Zwischenpausen zog er ein französisches Buch aus der Tasche, um einzelne
abgebrochene Worte vor sich hin zu murmeln.
    Die Stammgäste am Nebentisch besprachen währenddem lang und breit das
Neueste vom Kriegsschauplatz, wo die Armeen der Deutschen standen, die
Kriegsschiffe lagen, welche Küstenplätze, man als bedroht ansehen müsse und wo
die Gefahr am grössten sei.
    Robert beobachtete das ganze Treiben, ohne ihm irgendein Interesse
abgewinnen zu können. Er wandte sich an den Wirt und fragte ihn, ob in dieser
Gegend noch eine Schenke sei, deren Eigentümer Peter Volland heisse, und ob er
ihm den Weg dahin zeigen könne.
    Der Mann in Hemdsärmeln schien sich zu besinnen. »Peter Volland?«
wiederholte er fragend. »Ach ja doch, nun hab' ich's, Peter Volland! - Der sitzt
im Zuchtaus!«
    Ein plötzlicher, leiser Ausruf hinter ihm veranlasste Robert, sich umzusehen.
Es war ihm, als beuge sich der Franzose, der so unruhig sprach, noch tiefer als
vorhin auf sein Buch herab. Sonst bemerkte er nichts.
    »Im Zuchtaus?« wiederholte er. »Wie ist das möglich?«
    Der Wirt zuckte die Achseln. »Da passierte vor drei Jahren eine dumme
Geschichte«, sagte er. »Es wurde in seinem Hause ein Seemann so schwer
verwundet, dass er bald darauf starb, und bei der Gelegenheit kam denn so manches
andere mit heraus. Volland hatte noch ein kleines Nebengeschäft als
Seelenverkäufer, indem er Jungen vom Lande an Schiffe vermittelte, auf denen
geschmuggelt wurde oder manchmal noch Schlimmeres, Sie wissen schon, - hohe
Versicherung, Ladung von Steinen und ein Korallenriff, an dem der Schoner
verunglückte. Was gemacht werden kann, wird gemacht. Volland hatte auch noch
einen Mitschuldigen, aber der war nicht aufzuspüren.«
    »Kerl«, hörte in diesem Augenblick Robert die Stimme eines der Gäste, »Kerl,
ich glaube, du verstehst deutsch, - du lauerst auf das, was gesprochen wird!«
    Eine Faust schlug derb auf die Tischplatte, und unter den Gästen entstand
allgemeine Unruhe, während welcher sich der Offizier vom anderen Tisch unbemerkt
entfernte.
    »Dieser Kerl versteht deutsch«, rief der Gast, auf den schon erwähnten
Franzosen deutend, »er ist bei dem, was er reden hörte, bald rot, bald blass
geworden.«
    Roberts Blicke folgten der allgemeinen Richtung. Da sass der Offiziersbursche
und schien unbekümmert zu lesen, wenigstens hielt er das bärtige Gesicht tief
gesenkt, obgleich ganz offenbar seine Hände leise zitterten. Die übrigen
Franzosen flüsterten miteinander.
    »Du!« rief der Wirt, die Schulter des Mannes berührend, »du, verteidige
dich, wenn du kannst, oder gib Rede und Antwort wie ein ehrlicher Kerl. Hast du
verstanden, was gesprochen wurde?«
    Jetzt musste der Franzose aufblicken. Er tat es, aber nur einen Augenblick
lang ruhte sein Auge auf dem Gesicht des Wirtes, dann wandte es sich wie von
unwiderstehlicher Macht angezogen Robert zu. Etwas wie eine flehende Bitte
schimmerte in den eingesunkenen Augen.
    Robert erschrak, ohne zu wissen, weshalb. Wo hatte er dies Gesicht schon
früher gesehen?
    Der Franzose stammelte in seiner Sprache einige Worte, die niemand verstand,
die aber einem Blitzschlag gleich Robert alles erklärten. Als er die Stimme
hörte, erkannte er den Mann.
    Eine unwillkürliche Bewegung der Hand verriet vielleicht diese Entdeckung,
ein Name trat auf seine Lippen, aber der Blick der bittenden Augen hielt ihn
zurück. Robert konnte nicht zum Verräter werden, auch jetzt nicht, als ihm der
Mann gegenüberstand, der ihm soviel Unrecht zugefügt hatte. Er dachte nur:
»Georg! - Georg!« - aber er sprach es nicht aus.
    Und der französische Gefangene las ihm seinen Entschluss von der Stirn. Er
sah dreister um sich und fragte mit lauter Stimme, was man von ihm wolle.
    Der Wirt schüttelte den Kopf. »Sie irren sich«, beruhigte er den entrüsteten
Gast. »Dieser Mann versteht kein Wort.«
    Um Roberts Lippen kräuselte sich ein verächtliches Lächeln. So tief war
Georg gesunken, dass er dem Feind diente? - Das konnte er ihm weniger verzeihen
als den Diebstahl, zu dem ihn damals die bittere Not getrieben haben mochte.
    Er ging hinaus und suchte durch einen weiten Spaziergang an der Elbe entlang
wieder ruhiger zu werden, er dachte über die ernste Lehre nach, die ihm dieser
Abend gegeben hatte, und dass es doch wahr sei, was ihm so oft gepredigt worden
war und was er immer wieder in den Wind geschlagen hatte, dass jede Schuld auf
Erden ihre Strafe findet.
    Peter Volland im Zuchtaus, Georg ein Kriegsgefangener, der sein Vaterland
und seine Sprache verleugnen musste, und endlich - er selbst?
    Was erwartete ihn vielleicht zu Hause in Pinneberg?
    Er nahm sich vor, es zu ertragen wie ein Mann und sich nichts zu vergeben,
auch nicht seinem Vater gegenüber. Je näher der Augenblick des Wiedersehens
heranrückte, desto stärker wurde sein Trotz, mit dem er sich auf sein Geld
berief.
    Wieder in das Logierhaus zurückgekehrt, legte er sich sogleich ins Bett und
wollte möglichst die ganze Zwischenzeit bis zur morgigen Abreise ohne
Unterbrechung verschlafen. Aber schon nach fünf Minuten wurde er durch einen
unerwarteten Besuch gestört. Im Türrahmen stand Georg. Er wagte wie ein armer
Sünder keinen Schritt über die Schwelle.
    Robert sah das eingesunkene, blasse Gesicht des ehemaligen Seilers, die
ganze kümmerliche Haltung und das Beschämende seiner Lage, - er vergass im
Augenblick alles andere, stand wieder auf und zog den Unglücklichen zu sich ins
Zimmer. »Nun«, sagte er, »Georg, was willst du von mir?«
    Der Gefangene sank erschöpft auf den nächsten Stuhl. »Robert«, bat er,
»willst du mein Geheimnis bewahren? Und - und hast du mir verziehen? Sieh,
damals -«
    Robert unterbrach den angefangenen Satz. »Lass das gut sein, Georg«,
erwiderte er. »Ich denke nicht mehr an das, was du mir getan hast, ich habe dir
alles verziehen, nur nicht, dass du dein Vaterland verrätst.«
    Dunkle Glut schoss über das fahle Gesicht des Seilers. »Ach, du«, stammelte
er in kläglichem Ton, »rechne mir das nicht so sehr hoch an. Ich verdiente mein
bisschen Brot als Diener des Franzosen, mit dem ich nun in Gefangenschaft geraten
bin, - ja, und da kam der Krieg, aber ich habe nie gegen Deutschland gefochten,
könnte es ja auch des lahmen Fusses wegen schon gar nicht. Wie unglücklich ich
bin, davon machst du dir keinen Begriff.«
    Roberts gutmütiges Herz hatte längst allen Groll vergessen. »Nun«,
antwortete er, »das lässt sich als Entschuldigung schon hören. Warum bist du denn
nicht mehr Seiler?«
    Der andere seufzte schmerzlich. »Meine Gesundheit erlaubt mir keine
Anstrengungen«, erwiderte er. »Ich spucke Blut, die Meister nehmen mich nicht
mehr in Arbeit.«
    »Du armer Kerl! - Man soll doch nie voreilig urteilen.«
    Und Robert schloss die Seekiste auf, nahm aus der Brieftasche eine Banknote
von zehn Talern und drückte sie dem Seiler in die Hand. »Jetzt geh, Georg«,
sagte er freundlich, »lass uns nicht zusammen gesehen werden. Wenn das rauhe
Volk, das hier im Hause verkehrt, den Deutschen in dir entdecken sollte, so
wärest du höchstwahrscheinlich vor Misshandlungen nicht sicher. Mir allerdings
darfst du vollkommen vertrauen. Gute Nacht!«
    Der Seiler hatte widerstrebend das Geld angenommen. Robert sah nicht den
tückischen Blick der eingesunkenen Augen, er hörte nicht, wie Georg, nachdem er
scheinbar demütig gedankt und sich nach einem kurzen Lebewohl entfernt hatte, -
draussen einen Fluch in sich hineinmurmelte. Dass Robert nur noch der verzeihende,
grossmütige Mensch war, aber keineswegs der Freund von damals, dass er
Barmherzigkeit übte, aber ohne mit dem Dieb und Überläufer weiterhin
zusammenkommen zu wollen, - alles das sah er ganz deutlich, und aus seinem
hässlichen Gesicht sprach boshafter Hass. »Pinsel«, murmelte er in den Bart,
»alberner Narr, der doch alles, was er geworden ist, mir verdankt. Hat Geld in
der Brieftasche, viel Geld sogar, - pah, darauf pocht er und glaubt mich
beschimpfen zu dürfen, aber er wird schon sehen, wie weit ihn sein Weg führt -«
Er nickte mehrere Male vor sich hin, als wolle er sich einen gefassten Entschluss
recht fest einprägen, und dann verschwand er hinter der Tür seiner Kammer, die
nur angelehnt blieb.
    Unten im Gastzimmer schwieg allmählich der Lärm, die Türen wurden
verriegelt, das Licht ausgedreht, und alles versank in tiefste Stille. Jedermann
schien zu schlafen, selbst auf den Strassen war nur noch der Nachtwächter zu
hören.
    Ins Fenster hinein schien der Mond durch die Spalten herabgelassener
Vorhänge, hüpfend tanzten die Schatten durch das Zimmer, und geisterhaft lautlos
drehte sich die Tür in ihren Angeln, ganz langsam, leise und heimlich wie eine
Schlange - -
    Eine Gestalt huscht herein, auf leisen Sohlen schleichend, unhörbar, - sie
kauert neben Roberts Kiste, - ein Knirschen, kaum wahrnehmbar, ertönt, es
rauscht wie welke Blätter im Wind - -
    Und ebenso lautlos fällt die Zimmertür ins Schloss zurück.
    Am nächsten Morgen steckte Robert nur die Brieftasche zu sich, machte aus
einigen unentbehrlichen Wäschestücken ein Bündel, liess die Kiste in der Obhut
des Wirtes zurück und fuhr mit dem Frühzug nach Pinneberg. Er hatte sich einen
Platz am Fenster gesucht und sah nun hinaus in die Landschaft. Allmählich
tauchte immer mehr Bekanntes, Altgewohntes aus der Eintönigkeit der Torfmoore
und Heideflächen auf. Zuerst Eidelstedt, dann der kleine bescheidene Turm von
Rellingen, wo er konfirmiert worden war, wo er vom Chor herab mit Gottlieb und
den anderen Schuljungen so oft gesungen hatte, wo er das Abendmahl erhalten und
als der Beste aus der Prüfung hervorgegangen war.
    Das Bild des Sonntagsgottesdienstes im stillen Dorf sah er unbewusst vor
sich. Er sah die Decke der Kirche mit Engelchören und Blumengewinden, sah. die
andächtige Gemeinde und die Sonnenstrahlen, wie sie spielend über das Altarbild
glitten. Er hörte die Stimme des Pastors, den Chor und die rauschenden
Orgelklänge - -
    Dann tauchten die Dächer von Pinneberg auf, die Räder drehten sich
langsamer, und der Zug hielt.
    Roberts Herz schien still zu stehen. Als sei er hier gestern zuletzt
gewesen, so unverändert war die ganze Umgebung, so altgewohnt die Menschen und
Dinge ringsumher. Konnten wirklich drei lange Jahre vergangen sein, seit er
heimlich nachts von hier fortging, einem ungewissen Schicksal entgegen?
    Eine Hand legte sich auf seine Schulter. »Mein Gott, das ist ja Robert, der
durchgebrannte Robert!«
    Robert fuhr herum und sah in ein wohlbekanntes Gesicht. Der junge Mann in
der Uniform der Bahnbeamten, einige Jahre älter als er selbst, war ein alter
Schulkamerad und im Augenblick natürlich voller Neugier, Näheres über die
Abenteuer des Ausreissers zu hören, aber Robert schüttelte den Kopf. »Später,
Emil, später«, presste er hervor. »Ich bleibe einige Tage hier und werde auch
dich besuchen. Jetzt sag mir nur -«
    Er konnte nicht weiter sprechen, aber der andere half gutmütig ein. »Ob
deine Eltern leben, meinst du? Darüber beruhige dich, sie sind gesund und
wohlauf.«
    Robert drückte herzlich die Hand seines Schulfreundes. »Ich danke dir, Emil.
Und frage jetzt nicht weiter. Ich kann nicht ruhig überlegen, bevor ich nicht
mit meinem Vater gesprochen habe.«
    Emil zuckte leicht die Achseln. »Soll ich zuerst hingehen, du?« fragte er
freundlich. »Soll ich die erste Bresche schlagen?«
    Robert nahm sich zusammen. »Auf Wiedersehen, Emil, - vielen Dank, aber ich
muss das selbst tun. Wir sehen uns bald!«
    Er wandte sich ab und ging quer durch das Gehölz, um nicht so häufig erkannt
zu werden. Je eher sich die Sache entschieden hatte, desto besser.
    Jetzt tauchten die Umrisse des Elternhauses vor seinen Blicken auf, jetzt
sah er die weisse Wäsche auf der Leine und das Traubengeländer an der Giebelwand.
Vor der Haustür im Sonnenschein lag ein grauhaariger, alter Hund - Pikas! -
    Er hatte es unwillkürlich laut ausgesprochen, das letzte Wort, und schon
stürzte das Tier mit allen Anzeichen von Hundeliebe und Hundefreude auf ihn zu,
versuchte an ihm emporzuspringen, leckte seine Hände und warf sich dann wieder
winselnd und bellend ihm zu Füssen.
    »Pikas!« sagte er halblaut, »Pikas!«
    Von der Tür her tönte ein halberstickter Schrei. Da stand mit ausgebreiteten
Armen, weinend und lachend seine gute Mutter, und alles vergessend, stürzte sich
Robert an die Brust der schluchzenden alten Frau. »Mutter«, stammelte er nur,
»meine liebe, liebe Mutter!«
    
    Minuten vergingen, ehe beide ihre Sprache wiederfanden, dann sah die alte
Frau ängstlich zur Tür des Wohnzimmers, »Robert«, flehte sie, »Robert, mein
lieber Junge, sei vernünftig! Tu einen Fussfall, damit er dir vergibt.«
    Robert runzelte die Stirn, seine Lippen pressten sich aufeinander. »Mutter«,
sagte er mit einem tiefen Atemzug, »das verstehst du nicht. Aber lass mich mit
dem Vater sprechen - je eher, desto lieber. Auch von dir muss ich noch erfahren,
was du mir nach Lenchi nicht geschrieben hast. Was war das, Mutter? Ich habe die
Anspielungen auf etwas, was du mit deinem Erbteil ausgleichen wolltest, wirklich
niemals verstehen können.«
    Die arbeitsharte Hand der alten Frau hob sich mahnend empor. »Robert«, sagte
sie mit leisem, bittendem Ton, »Robert, sei nicht so verstockt. Wenn du gegen
den Vater in diesem Ton auftreten willst, dann geht die Sache niemals gut.«
    »Ach Gott«, fügte sie erschreckend hinzu, »ach Gott, da kommt er selbst.«
    Die Tür des Wohnzimmers öffnete sich, und auf der Schwelle erschien Meister
Kroll, den das laute Gebell des Hundes und das Gespräch auf dem Flur neugierig
gemacht hatten. Bei dem unerwarteten Anblick seines Sohnes, den er offenbar
sofort erkannte, wurde der alte Mann blass wie ein Toter. Taumelnd, mit bebenden
Lippen, lehnte er sich gegen den Türpfosten. - Kein Wort des Willkommens
begrüsste den heimgekehrten Sohn.
    Die Mutter wandte sich flehend mit gefalteten Händen von einem zum andern.
»Vater«, sagte sie schluchzend, »Robert, - ach Gott, gebt euch doch ein gutes
Wort!«
    Robert streckte die Rechte dem alten Mann entgegen. »Willst du mich in
deinem Hause nicht als dein Kind willkommen heissen, Vater?« kam es kaum
verständlich von seinen Lippen. »Willst du mir nicht den unüberlegten
Jungenstreich verzeihen?«
    Aber der Alte liess die Hand seines Sohnes unbeachtet. Er schüttelte grollend
den. Kopf. »Ist das die Sprache eines reumütigen Herzens?« fragte er. »Darf ein
Verbrechen vergeben werden, ohne -«
    Robert unterbrach ihn mit lauter Stimme. Auch er war blass geworden, die
Augen flammten, der Atem keuchte und die Hände waren geballt. Die ganze wilde
Leidenschaftlichkeit seiner Natur trat zutage. »Was sagst du?« zischte er,
während sich die geängstigte alte Frau laut weinend zwischen den Mann und den
Sohn warf, »was sagst du? - Auch mein Vater darf mich nicht ungestraft
beschimpfen!«
    Der Alte lachte spöttisch. »Hättest am anderen Ende der Welt bleiben
sollen«, erwiderte er, »hättest vor dem Hause deines Vaters, der sich immer noch
berechtigt hält, dir mit der Elle Gehorsam beizubringen, mindestens soviel
Achtung bewahren können, dass du es mit deiner Gegenwart verschontest. Jetzt geh,
- die Krolls haben es niemals mit Dieben gehalten!«
    Es war, als hätten die Worte des alten Mannes die ganze Angelegenheit
plötzlich beendet, als sei jede weitere Frage abgeschnitten und alle Heftigkeit
zu Eis erstarrt. Beide totenbleich, unnatürlich ruhig, sahen Vater und Sohn
einander ins Auge. Nur die Mutter hatte das Gesicht mit der Schürze bedeckt und
betete laut, dass Gott Barmherzigkeit üben möge.
    »Du und ich«, begann nach längerer Pause der Sohn, »du und ich sind seit
dieser Stunde für immer geschieden, Vater, vorher aber will ich dir mit allen
Zinsen das Geld zurückzahlen, das ich damals, um mich auszurüsten, aus deiner
Kasse nahm. Etwa sechzig Taler waren es, für die du jetzt hundert von mir
zurückerhältst. Damit bist du hoffentlich bezahlt, sollte das jedoch nicht der
Fall sein, so stelle ich dir für den Rest einen Wechsel aus.«
    »Vater im Himmel«, schluchzte die alte Frau, »vergelte ihm die Sünde nicht!«
    Robert legte die Hand auf ihren gesenkten Scheitel. »Still, Mutter«, sagte
er ruhig und kalt, »still - auch dein Sohn ist ein Mann.«
    Er wollte die Brieftasche hervorziehen, aber der Alte hielt ihn zurück.
»Einen Augenblick«, sagte er gebieterisch. »Lass die Komödie mit den sechzig
Talern, du machst dich dadurch nur noch verächtlicher. Aber sag, wo du vor drei
Jahren die Schmucksachen deiner Mutter verkauft hast, damit ich versuche, ob
möglicherweise das eine oder andere zurückerworben werden kann.«
    Robert stand sprachlos. »Die Schmucksachen meiner Mutter?« wiederholte er.
    »Ja. Die du zugleich mit den tausend Mark, - nein, nur
neunhundertdreiundsechzig - die der Geldkasten entielt, gestohlen hast.«
    Robert sah von seiner Mutter zu dem Alten und wieder zurück. »Ich?« fragte
er, »ich? Wer behauptet solchen Wahnsinn?«
    Die alte Frau faltete in ausbrechender Freude ihre Hände. »Vater, Vater«,
rief sie jubelnd, »siehst du denn noch nicht, dass er unschuldig ist?«
    Meister Kroll schien sie nicht zu hören. »Sag mir, wo du die Gegenstände
verkauft hast«, wiederholte er.
    »Ich weiss von alledem nichts, ich habe keinen Wertgegenstand, ich habe nicht
mehr als sechzig Taler genommen, und die will ich zurückgeben.«
    Robert sagte es mit dem festen Ton der Wahrheit, aber doch durchblitzte ihn
im gleichen Augenblick ein Verdacht, der zu nahe lag, als dass er ihn hätte
übersehen können. Hohe Röte stieg ihm ins Gesicht, er sah nicht auf, er schien
in der Tasche die Mappe nicht zu finden.
    Sollte Georg den Diebstahl begangen haben? Sollte der Dieb doch durch seine
Schuld in das Haus gekommen sein?
    »Sieh, Mutter, sieh, wie er zittert und rot wird«, sagte der Alte
schmerzvoll. »Ist das die Sprache der Unschuld, arme Frau?«
    Robert wollte nicht mehr antworten, sondern erst den ehemaligen Seiler zur
Rechenschaft ziehen, bevor er über diese Angelegenheit auch nur ein einziges
Wort weiter sprach. »Es ist gut, Vater«, sagte er kalt, »bleibe vorerst bei
deiner Meinung. Ich fahre noch heute nach Hamburg zurück und wohne dort, wo
meine Kiste steht, Vorsetzen Nr. 1000, im Richtigen Ankergrund. Betrachte mich,
wenn ich dein Haus nicht wieder betreten kann, um mich zu rechtfertigen, als
tot, denn dann sehen wir uns im Leben nie wieder. Einstweilen aber ist hier dein
Geld.« -
    Er hatte bei diesen Worten die Brieftasche hervorgezogen und
auseinandergeschlagen. Als er aber die Banknoten herausnehmen wollte, sah er,
dass sie vollständig leer war.
    Ein Schrei kam von seinen Lippen. »Mein Geld!« rief er, »mein Geld! - O mein
Gott, ich muss bestohlen worden sein.«
    Meister Kroll sah ihn halb traurig, halb verächtlich an. »Lass die Possen«,
sagte er kalt, »lass die Possen und bitte ehrlich und aufrichtig um Verzeihung, -
dann soll dir vergeben sein.«
    Auch die Mutter rang die Hände. »Robert, Robert, um Gottes willen, gib ein
gutes Wort. Sag die Wahrheit, mein armes Kind, mehr verlangt ja der Vater
nicht!«
    Robert hörte nicht darauf. »Vater«, rief er, »du glaubst mir also nicht?
Denkst du vielleicht auch, dass meine Behauptung, das Geld gehabt zu haben, eine
Lüge war?«
    Der Alte nickte. »Lüge, wie alles, was du sagst. Wer stiehlt und seinen
Eltern den Gehorsam verweigert, weshalb sollte der nicht lügen?«
    Robert wandte sich zum Gehen. »Es ist gut, Vater«, sagte er. »Es ist alles
zu Ende. Ich werde mich von Hamburg aus freiwillig zum Kriegsdienst melden und
wünsche, dass mich die erste Kugel treffen möchte, damit mir mein Vater verzeihen
kann, was ich niemals getan habe. Sollte jedoch noch einmal die Stunde kommen,
welche die ganze Sache in ihrem wahren Licht zeigt, so nimm heute schon meine
Vergebung. Leb wohl!«
    Er küsste seine schluchzende Mutter, steckte die Brieftasche wieder zu sich
und ging mit festen Schritten aus der Tür. Nur der Hund wollte ihn begleiten,
aber er musste ihm wie damals mit strengem Ton befehlen, ihn allein ziehen zu
lassen.
    Die helle Herbstsonne schien auf die stillen Dächer, einige Sperlinge
hüpften über die Strasse, und Kinder spielten vor den Häusern.
    Robert stand draussen, die Tür seines Elternhauses hatte sich für ihn auf
immer geschlossen, der Gedanke einer Aussöhnung mit dem Vater war dahin und eine
entsetzliche Öde bemächtigte sich seines Herzens. Dies Gefühl hatte auch der
Jaguar gekannt, als er hungernd und krank in die Wälder zurückfloh, so war Mohr
durch sein langes Leben gegangen, ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
    Es lief ihm eiskalt über den Rücken herab. Zum erstenmal fühlte er sich
vollkommen gebrochen. Ohne alle Mittel, verfolgt von dem Zorn seines Vaters,
ungerecht beschuldigt und ohne einen Freund - wozu sollte er noch leben?
    Er sah Mongos schwarzes Gesicht vor sich. - Ach, hätte er ihn in seiner Nähe
gehabt, ihm hätte er alles anvertrauen können.
    Langsam ging er weiter. Überall saubere Gärten und helle Fenster. Er sah die
beladenen Erntewagen, das schwarzbunte Vieh und die grossen Gehöfte, sah Menschen
bei der Arbeit und fühlte sich von allem so ausgestossen.
    Er wollte fort von hier, wo es Menschen gab, die ihn kannten. Niemand sollte
erfahren, dass er das Haus seines Vaters nicht mehr betreten durfte.
    Fast laufend durcheilte er den kleinen Ort und folgte unwillkürlich der
Strasse nach Hamburg. Er besass nicht einen Groschen, also blieb ihm nur übrig,
den Weg zu Fuss zurückzulegen und vor allen Dingen erst einmal mit dem Seiler
Abrechnung zu halten. Dann musste vor allem die Seekiste verkauft werden, um nur
das Allernotwendigste zum Leben zu haben, und darauf wollte er sich bei dem
nächsten besten Reservebataillon einstellen lassen.
    Er fühlte sich zerschlagen an Leib und Seele, selbst seine Vaterlandsliebe
schien wie ausgestorben. Die Sonne brannte unbarmherzig herab, der Durst quälte
ihn, und die Füsse versagten schon jetzt bei Beginn der Wanderung den Dienst.
    Und weiter ging er, immer weiter, am Himmel zog ein schweres Gewitter herauf
und die Tropfen fielen erst langsam, dann schneller herab auf seine heisse Stirn.
Er bemerkte es kaum, er sah nicht die schwarzen Regenwolken und spürte nicht die
Feuchtigkeit, die ihm durch die Kleider drang. Ganze Schauer stürzten herab, und
Robert troff vor Nässe. Als ihm mitleidige Menschen in Rellingen ein Obdach
anboten, da schüttelte er nur stumm den Kopf und ging weiter.
    Und einmal hörte er hinter sich die Stimme einer Bäuerin. »Mein Gott, ist
das nicht Robert Kroll, den ich schon gekannt habe, als er noch nicht über den
Tisch sehen konnte? - Lauft ihm doch nach, der arme Junge muss ja krank sein, er
sah ganz verstört aus.«
    Aber Robert lief, als habe er ein Verbrechen begangen.
    Der Regen durchnässte ihn bis auf die Haut, und seine Zunge klebte am Gaumen.
    Er setzte sich auf einen Stein am Wege und stützte den Kopf in die hohle
Hand. Seine Glieder schmerzten ihn. Unwillkürlich dachte er an den Tag in
Lenchi, als er mit den beiden Gefährten so dasass auf dem gestürzten Baumstamm,
auch von Kopf bis zu den Füssen durchnässt, auch ohne jegliche Aussicht, aber doch
war ihm damals so ganz, ganz anders zu Mute gewesen als heute.
    Noch nie hatte ihn ein äusseres Unglück beugen können. Heute aber spürte er
zum ersten Mal die innere Qual der Reue, und ihr konnte er sich nicht
widersetzen. Wie er gemessen hatte, so war ihm gemessen worden, wie er die
schönsten Hoffnungen seiner Eltern zerstört und ihr Eigentum ohne Erlaubnis an
sich genommen hatte, so musste er, es jetzt selbst erfahren.
    Aber diesmal erwachte nicht sein Trotz, diesmal ballte er nicht die Faust,
wie er es sonst wohl getan haben würde, sondern er senkte den Kopf noch tiefer
herab und gab sich immer mehr seinen trostlosen, bitteren Gefühlen hin.
    Zum erstenmal erkannte er die Gerechtigkeit des Schicksals, er sah sein
Unrecht ein, und es schmerzte ihn tief.
    Viertelstunde auf Viertelstunde verging, da tönte Hufschlag auf der
durchnässten Landstrasse. Robert fuhr erschrocken auf, er horchte und spähte durch
das Gebüsch. Wenn zufällig ein Gendarm oder Polizist des Weges kam, so musste er
gerade jetzt im Kriege darauf gefasst sein, nach seinem Pass gefragt und, da er
gänzlich ohne Papiere war, zur nächsten Polizeistation geführt zu werden. Einige
schnelle Schritte, ein rascher Sprung, und er stand hinter einem Baum.
    Seine Geschichte anderen erzählen, das konnte er nicht, also blieb ihm
nichts übrig, als nur das Versteck unter den tropfenden Zweigen?
    Als der Gendarm vorüber war, ging Robert auf der Strasse weiter, immer
weiter, bis er die ersten Häuser von Altona erreicht hatte. Es dämmerte jetzt
bereits, seine Stirn brannte, und er spürte, dass er den ganzen Tag nichts
gegessen hatte. Nur wie im Traum setzte er seinen Marsch durch die Stadt fort.
    »Wenigstens heute kann ich mich ruhig schlafen legen«, dachte er, »die Kiste
sichert ja dem Wirt das Geld, das ich ihm für ein Abendbrot und für die
Schlafstelle schuldig bin. Ich könnte jetzt nicht mehr zu einem Trödler laufen
und um einige Groschen feilschen. Auch Georg kommt morgen erst an die Reihe - er
ist ja ein Gefangener und kann mir nicht entkommen.«
    Nachdem er sich verschiedene Male in der Strasse geirrt hatte, erreichte er
endlich das Hafentor. Jetzt war er seinem Ziel nahe, hatte die Aussicht, bald
ins Bett zu kommen und vorher etwas zu essen, daher wurde er unwillkürlich etwas
ruhiger.
    Von weitem erkannte er die Buchstaben des Schildes. Der »Richtige
Ankergrund« war noch offen, obwohl es schon nach zehn Uhr war und draussen im
strömenden Regen kaum noch ein Mensch zu sehen war.
    Gerade an der Biegung der Strasse, in der Nähe des Gastauses, öffnete sich
der Blick auf das Wasser. Im Dämmergrau des Abends und der nassen Luft ragte der
Mastenwald unheimlich bis zu den Wolken empor, das Takelwerk knarrte und
knisterte im Wind. Mehrere Matrosen, Arm in Arm, offenbar etwas angeheitert,
lavierten singend über die ganze Breite der Strasse.
»Lieb Vaterland magst ruhig sein, -
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.«
    Es griff wie Krallen in Roberts Herz. Alles war für ihn verloren. Wenn er
diese Schiffe sah, diese Matrosen, wenn er ihr fröhliches Singen hörte, dann
glaubte er nicht länger leben zu können, ohne wahnsinnig zu werden. An die Mauer
gelehnt, umtobt von den Schauern des Regens und dem Sausen des Sturms, blickte
er über den Hafen. Wo war all sein Stolz geblieben?
    Jetzt wusste er es. Was ihn in aller Not gehalten und ihn so mutig und
zuversichtlich gemacht hatte, das war immer die Überzeugung gewesen, mit einem
einzigen guten Wort sein Vergehen wieder gutmachen und seine Eltern versöhnen zu
können. Heute dagegen hatte er Vater und Mutter für immer verloren, heute war er
aus dem Elternhause fortgewiesen worden, ein heimatloser Bettler.
    Der ganze Schmerz des Alleinseins ergriff sein junges Herz. Den Kopf in die
Hand gelegt, bemühte er sich, die Tränen zurückzuhalten, die der Schmerz und die
getäuschte Hoffnung von drei langen Jahren unwiderstehlich heraufgelockt hatten.
    Ein Schatten kreuzte die Strasse. Aus dem Dunkel des nächsten Torweges trat
eine Gestalt im langen, altmodischen Gehrock, den derben Stock in der Hand, das
graue Haar vom Regen an die Schläfen gepresst, das bleiche Gesicht voll Gram und
Angst. Langsam näherte sich der Alte dem weinenden jungen Menschen, - und kaum
vernehmbar klang es durch das Brausen des Windes: »Robert! -«
    Er taumelte auf, er glaubte, dass sich die Erde drehe, dass er träumen müsse
oder dass ihn ein Spuk auf offener Strasse quäle. Beide Arme vorgestreckt, starrte
er in das Gesicht des vor ihm Stehenden. Kein Laut kam über seine Lippen.
    Da fragte der Alte noch einmal. »Robert, willst du mir nicht antworten?«
    Das klang so ernst, so traurig, das rührte das verzweifelte Herz des Sohnes,
dass es bebte unter diesem Eindruck.
    »Vater!« flüsterte er gequält, »Vater - du hast mich einen Dieb genannt!«
    Der Alte zog ihn an der Hand zur nächsten Gaslaterne. »Robert«, sagte er,
»schau mich an und sag mir die Wahrheit. Hast du die Schmucksachen deiner Mutter
- von dem Geld will ich nicht einmal reden - wirklich nicht genommen?«
    Robert war kreidebleich, seine Lippen zuckten krampfhaft. Fast unfähig zu
sprechen, hob er die Rechte zum Himmel. »Bei dem Gott, an den wir beide
glauben«, stammelte er kaum hörbar, »ich habe es nicht getan und nichts davon
gewusst.«
    Der Alte sah ihn an, lange, unbeweglich und, wie es schien, erlöst von
schwerem Druck. »Das kann mein Sohn nicht lügen«, antwortete er endlich. »Robert
- willst du jetzt deine Bitte von heute morgen noch einmal wiederholen? Willst
du -«
    Robert liess ihn nicht ausreden. Mit beiden Armen seinen Hals umschlingend,
warf er sich schluchzend an die Brust des alten Mannes. »Vater«, quoll es von
seinen Lippen, »lieber Vater, vergib mir, ich bitte dich tausend - tausendmal.«
    Auch die Stimme des eigensinnigen, alten Meisters war seltsam weich
geworden. »Es ist gut«, erwiderte er, »alles gut. Komm nur rasch, dass wir die
Mutter beruhigen, sie war ja fast ausser sich heute morgen und nannte mich einen
Rabenvater, der sein Kind in den Tod treiben wolle. Komm, wir müssen uns
beeilen, damit wir eine Droschke bekommen.«
    Robert atmete wie neu belebt. »Vater«, sagte er, »das geht nicht, ich muss
vorher mit Georg sprechen, muss ihn fragen -«
    Der Alte schüttelte den Kopf. »Ich kann dir alles das genau erzählen,
Robert, er aber könnte es nicht mehr. - Lass uns laufen, mein Junge.«
    Robert gehorchte, und als wenige Schritte weiter beim Hafentor eine Droschke
gefunden war, gingen die beiden erst in ein Wirtshaus, um sich zu stärken. Als
das Fuhrwerk mit ihnen durch Altona denselben Weg wieder zurückrollte, den
Robert unter so ganz anderen Umständen eben erst gekommen war, da erzählte
Meister Kroll seinem atemlos lauschenden Sohn, dass am heutigen Morgen der
ehemalige Seiler einen Fluchtversuch gemacht habe, indem er versuchte, ein im
Hafen liegendes französisches Handelsschiff zu erreichen, und dass er dabei
gefasst und tödlich verwundet worden sei.
    »Der Bursche verlangte sterbend nach dir, mein Sohn«, schloss der Alte seinen
Bericht, »er wollte durchaus, dass du ihm verzeihst, ehe er diese Welt verlassen
müsse, und ist endlich ohne Frieden und Versöhnung hinübergegangen. Gott sei
seiner armen Seele gnädig.«
    Robert war von dieser Nachricht tief erschüttert, es fiel ihm schwer, sich
in die so plötzlich veränderten Verhältnisse hineinzufinden. Dann aber fragte er
den Vater, woher er diese Einzelheiten habe, und Meister Kroll nannte ihm den
Wirt zum »Richtigen Ankergrund« als seinen Gewährsmann. »Es ist auch der Polizei
ein Päckchen zugestellt worden«, sagte er, »das der Sterbende für dich bestimmte
und dem Aufzeichnungen beiliegen, die er kurz vor seinem Tode noch diktierte.
Jetzt aber, mein Junge, - lass uns von dir sprechen«, schloss er, »und was du für
deine Zukunft geplant hast. Ich will den Seemann in dir anerkennen, da du doch
zum Schneider ganz und gar verdorben zu sein scheinst. Das schneidet mir
freilich fast das Herz ab und spricht allen meinen Wünschen ein Todesurteil,
aber wenn sich die Welt dahin geändert hat, dass die Söhne eigenmächtig über ihr
Schicksal entscheiden dürfen, nun, dann muss ich mich eben wohl oder übel fügen.
Ein Rabenvater bin ich doch nicht, - das soll mir die Mutter noch abbitten.«
    Robert lachte zum erstenmal wieder. Er hatte es ja schon längst geahnt, dass
die liebe alte Mutter dem starrköpfigen Mann solange zugesetzt hatte, bis er
endlich mürbe geworden, in den langen Rock gefahren und davongeeilt war, dem zum
zweitenmal flüchtigen Sohn nach. Nun hatte sich ja alles zum besten gewendet,
und während der ganzen Fahrt berichtete Robert vom Vergangenen und Zukünftigen,
erkundigte sich Meister Kroll nach allen Einzelheiten so genau und wurde so
lebhaft gesprochen, dass den beiden die Fahrt wie im Flug verging.
    Die Mutter wachte noch, sie hatte heissen Kaffee gekocht und frische Semmeln
herbeigeholt, auf dem Tisch stand Roberts Teller von früher her, seine Tasse,
sein Besteck, - viele Worte wurden nicht gesprochen, aber es war wie Weihnachten
bei den drei Menschen in dem kleinen Häuschen.
    Und dann musste sich Robert in das Bett legen, in dem er als Kind geschlafen
hatte, die beiden alten Leute aber schlichen leise auf den Zehenspitzen umher.
    Die Mutter hantierte geräuschlos in der Küche, als ob eine ganze hungrige
Kompanie Soldaten bewirtet werden sollte, und Meister Kroll sass mit gekreuzten
Beinen auf dem uralten Tron seiner Väter und nähte emsig. Das Mass zu dem neuen
Anzug aber hatte er an den Kleidern seines Sohnes genommen.
    Und Robert selbst? - - Er schlief, und im Traum erblickte er ein liebes,
bekanntes Gesicht. Der Geisterseher von der Antje Marie beugte sich über ihn
herab, aber jetzt nicht mehr ernst und trübsinnig wie früher, sondern lächelnd,
heiter lächelnd.
    Nach wenigen Stunden wusste ganz Pinneberg, dass Robert Kroll wieder da sei.
Man umdrängte ihn, er wurde der Held des Tages, man staunte und hörte zu mit
allen Ohren, wenn er von seinen wunderbaren Erlebnissen sprach. Jetzt hatten
alle diese guten Leute vorausgesehen, dass das so kommen musste, niemand hatte je
an dem Wiedererscheinen des Ausreissers und an seiner Tüchtigkeit gezweifelt,
sondern jeder erinnerte sich, gerade dieses glückliche Ende mit Sicherheit
vorausgesehen zu haben. Robert erhielt Einladungen über Einladungen, die er aber
fast alle ablehnte, bis auf einen Besuch, den er wirklich gern machte.
    Als die Hamburger Polizeibehörde das für Robert bestimmte Päckchen des
gestorbenen französischen Gefangenen nach Pinneberg weitergeleitet hatte, fand
sich nicht allein das ganze Geld, sondern auch ein umfassendes, reumütiges
Geständnis des ersten und zweiten Diebstahls, so dass Robert in den Augen seiner
Eltern vollständig gerechtfertigt war. Es blieb nur die eigentliche Flucht und
die Zwangsanleihe von sechzig Talern, die Robert niemals zu Gesicht bekommen
hatte, - beides aber wurde ihm und war ihm längst von Herzen vergeben.
    Meister Kroll wickelte die Banknoten wieder in das Papier. »Da, mein Junge«,
sagte er, »geh hin und bring das Geld den Eltern deines Freundes. Die alten
Leute haben im Armenhause eine böse Zeit verlebt, so dass ihnen die Erlösung aus
solchen Verhältnissen wohl zu gönnen ist. Wir können's ja tun, und nebenbei - -
ich mag auch das einmal Gestohlene gar nicht besitzen. Der Georg war ein Spion,
weiter nichts, er hatte sich mit Absicht zum Gefangenen machen lassen, um hier
die Lage und Stärke der Armee auszukundschaften und dem Feinde zu hinterbringen.
Mit solchen Dingen wollen wir nichts zu schaffen haben.«
    Robert nahm dankbar das Geld und ging hinaus vor den Ort, um es im
Armenhause Gottliebs alten Eltern zu überreichen. Er sagte aber, dass es von
ihrem Sohn komme, und sparte auf diese Weise den armen Leuten das schwere Wort
des Dankes.
    Als er nach Hause zurückkam, fand er dort den Schein des
Landwehrbezirkskommandos, der ihn sofort nach Kiel rief, um von dort aus mit
einem für den Schutz der Handelsschiffe nach dem Mittelmeer bestimmten Dampfer
an Bord des Kanonenbootes »Meteor« gebracht zu werden. Das Schiff lag im Hafen
von Havanna, und sein Kommandant, Kapitänleutnant Knorr, hatte kürzlich
telegraphisch um etwa zehn Mann Verstärkung gebeten, zu denen auch Robert
gehören sollte.
    Der Abschied von den Eltern war zwar schwer, aber er war das, was man einen
gesunden Schmerz nennt, und wurde deshalb leichter ertragen. Acht Tage später
war Robert, von den Segenswünschen seiner Eltern begleitet, schon wieder auf
hoher See.
 
                                Auf dem »Meteor«
An Deck des Kanonenbootes Meteor im Hafen von Havanna standen zehn
Marinesoldaten und vor ihnen der Kommandant des kleinen Fahrzeuges,
Kapitänleutnant Knorr. Er hatte besonders einen der Ankömmlinge ständig im Auge,
und erst als die anderen neun nach ihren persönlichen Verhältnissen gefragt
waren, wandte er sich an diesen letzten. »Sie wollen also als Freiwilliger
eintreten?«
    Robert - denn er war es - bemühte sich, eine möglichst militärische Haltung
einzunehmen. »Nur kurze Zeit zu früh, Herr -«
    »Keine lange Rede!« unterbrach ihn der Offizier etwas barsch. »Ja oder
nein?«
    Robert errötete bis unter die Haarwurzeln. Dieser Ton war keineswegs nach
seinem Geschmack. »Ja!« antwortete er mit erzwungener Ruhe.
    Über das wetterbraune Gesicht des Offiziers flog ein Lächeln. »Die Antwort
heisst in diesem Fall künftig Zu Befehl!« belehrte er und fuhr dann fort:
»Welchen Grad haben Sie in der Handelsmarine erreicht?«
    »Ich bin Leichtmatrose, Herr -«
    Die ungeduldige Hand hob sich mit dem Notizbuch schon wieder zu halber
Nasenhöhe. »Bootsmann!« rief der Offizier.
    Der Gerufene erschien in vorschriftsmässiger Haltung. »Zu Befehl, Herr
Kapitänleutnant.«
    Der Offizier begann auf und ab zu wandern. »Da schickt man uns von Kiel
einen Freiwilligen«, sagte er halb seufzend. »Hole der - -«
    »Na, Bootsmann, nehmen Sie ihn mit und geben Sie ihn einem der Maaten zum
Einpauken. Ist das ein - - hm, ich meine, dass die Reservebataillone an Land
schon mit allem, was Freiwilliger heisst, ihre Not haben, aber auf See - -«
    Er hielt wieder inne, und ein neuer ärgerlicher Blick streifte den
unwillkommenen Gast. »Die anderen Leute werden als Matrosen eingestellt«, fügte
er hinzu. »Mit dem Freiwilligen müssen Sie mir bei allen Dienstmanövern ganz
fortbleiben, Bootsmann, bis er wenigstens nichts mehr verdirbt und keinen Anstoss
erregt. Sorgen. Sie dafür.«
    »Zu Befehl!« antwortete der Bootsmann, und ein Wink seiner Hand beorderte
die Ankömmlinge unter Deck. Die schon geschulten Matrosen konnten den Weg
dortin bereits ohne Mühe allein finden, während Robert, etwas enttäuscht und
trotzig, stehen blieb und wartete, was man ihm weiter befehlen werde.
    Der Bootsmann schien es unter seiner Würde zu halten, den Freiwilligen
besser zu bewillkommnen, als es der Kapitänleutnant selbst getan hatte. Er
kümmerte sich um ihn weiter nicht mehr, sondern rief in den Raum des
Zwischendecks hinein einen einzelnen Namen: »Gerber!«
    Darauf erschien einer der Bootsmannsmaaten, dessen Gesicht Robert auf den
ersten Blick bekannt vorkam. Er fragte sich, wo ihm diese gutmütigen blauen
Augen schon einmal begegnet sein konnten. Er musste den Mann kennen.
    »Gerber«, sagte der Bootsmann, »in Ihrer Backschaft fehlt ja ein Mann, seit
wir die Cholera an Bord hatten, nicht wahr? - Na gut, da haben Sie ihn, aber so
wie er geht und steht. Den Kriegsschiffsmatrosen müssen Sie ihm erst beibringen.
Soll tüchtig gezwiebelt werden und nicht mit an Deck, bis er die Sache
versteht.«
    Der blonde Maat begnügte sich damit, zu nicken.
    »Komm hierher, mein Junge«, sagte er, »erst lass dir in der Kombüse deine
Back füllen, und dann wollen wir weiter sehen. Sind ja alle einmal grüne Jungen
gewesen, meine ich.«
    Und mit diesen, für Robert nicht gerade schmeichelhaften Worten führte er
ihn zu dem Platz, wo künftig sein Kleidersack hängen sollte und wo er das
angeschraubte flache Schränkchen erhielt, das mit 35 Zentimeter Länge und 25
Zentimeter Breite das ganze Eigentumsgebiet des einfachen Matrosen an Bord eines
Kriegsschiffes darstellt. »Da hast du deine Nummer und deine Uniform«, sagte er,
»hier die Reservestücke und hier die Waffen. So, das wäre das. Eigentlich müsste
ich dich mit Sie anreden, die Instruktion will es so, aber das ist mir zu
offiziell, und wenn wir ausser Dienst sind, geht es keinen Deubel was an. So - du
da, Röder, geh mal mit ihm, dass er seine Back gefüllt kriegt. Wie heisst du denn,
mein Junge?«
    Robert nannte seinen Namen und nahm sich vor, diesen gemütlichen
Vorgesetzten demnächst zu fragen, wo er ihm früher schon begegnet sein könne,
vor der Hand aber liess er sich die gute und reichliche Mahlzeit des preussischen
Marinesoldaten vom Koch verabfolgen, obwohl er nur wenig essen konnte. So ganz
anders hatte er sich die Sache vorgestellt!
    Er hatte geglaubt, dass jeder Freiwillige mit offenen Armen aufgenommen
werde, und tatsächlich war die harmlose Äusserung des Maaten, dass ja doch am Ende
jeder einmal ein grüner Junge gewesen sei, das Höchste, was man ihm zum Schutz
gegen ein unverhülltes Missfallen der Vorgesetzten überhaupt noch zugestand.
Robert war einfach wie aus allen seinen Himmeln gefallen.
    Trotzdem aber musste er ein ruhiges Gesicht zeigen. Die Dienstvorschrift an
Bord erlaubte keinerlei Ausnahmen, das wusste er nur zu genau, und fort von hier
konnte er jetzt unter keiner Bedingung. Seine Begeisterung war zwar keineswegs
geringer geworden, aber er hatte sich eben alles so anders vorgestellt, wie es
in Wirklichkeit war. Niemand dankte dem Freiwilligen, dass er gekommen war,
sondern er wurde wie eine Art nicht zu vermeidende Belästigung mit guter Miene
ertragen, mehr schienen die Leute nicht tun zu können.
    Als er gegessen hatte, näherte sich Robert seinem neuen Vorgesetzten. »Ist
es vielleicht möglich, dass ich Sie schon früher einmal gesehen habe, Maat?«
fragte er.
    »Das kann schon sein, mein Junge. Wie heisst du doch gleich? Ach ja, Kroll,
ich weiss schon, ist mir aber leichter, wenn ich dich Nummer Acht nenne, das
macht sich so gut und bleibt immer dasselbe, wenn auch der Mann einmal wechselt,
wie es uns kürzlich in Venezuela passierte, als die Cholera an Bord kam. - Aber
was wolltest du noch?«
    »Wo ich Sie vielleicht schon einmal gesehen haben könnte, Maat?«
    »Ja, Kerl, da besinne dich einmal. Leg dein Gehirn in die Weiche, wie wir
bei uns zu Hause sagen. Ich bin in der halben Welt herumgekommen, auf
Handelsschiffen und auf unserer Flotte. Vielleicht kennst du mich vom Blitz
her.«
    Vom Blitz! - Jetzt erinnerte sich Robert sofort, jetzt wusste er, wo ihm das
gutmütige Gesicht schon früher begegnet war. »Maat«, rief er, »erinnern Sie sich
noch an die Tage, als das Kanonenboot Blitz auf der Elbe vor Neumühlen ankerte?
Damals kam ein Junge zu Ihnen an Bord, wissen Sie es nicht mehr?«
    Der Unteroffizier nahm die Tonpfeife aus dem Munde. »Oho, Nummer Acht, also
das warst du? Der Schneider, dem ich mein Schiff und mein Buch schenkte. Nun
beichte nur gleich alles, du Tunichtgut, bist doch richtig durchgebrannt, nicht
wahr?«
    Robert nickte. »Ja, richtig durchgebrannt, aber ich habe auch dafür
einstehen müssen und möchte das, was ich dabei erlebt habe, nicht noch einmal
durchmachen. Jetzt ist die ganze Geschichte vergeben und vergessen, mein Vater
hat mich für den Eintritt in die Armee mit Geld und Kleidung ausgerüstet und war
auch von Herzen einverstanden, dass ich wieder zur See gehen wollte.«
    Der Unteroffizier legte zwei Finger an die Schläfe, als grüsse er
respektvoll. »Das mag ich leiden von dem Alten«, sagte er, »dein Vater ist ein
ganzer Mann. Da kommst du wohl direkt von Hause, Nummer Acht?«
    »Geradewegs, Maat, und ich soll nun hier meine Ausbildung nachholen. Bitte
lassen Sie mich alles an Bord so rasch wie möglich kennen lernen, damit ich bei
einem Gefecht schon mit dabei sein darf.«
    Der Unteroffizier berührte Roberts Brust mit der Spitze seiner Tonpfeife.
»Du bist ein Wildfang erster Klasse. Aber tröste dich! Wenn es zum Kampf kommt,
so kannst du auch ohne Befehl und Kommando mit einspringen, das sage ich dir
jetzt schon.«
    Roberts Herz klopfte schneller. »Haben wir dazu Aussichten, Maat?« fragte
er.
    »Hm, das kann man nicht wissen. Kommt uns ein französisches Schiff vor die
Rohre, so greifen wir es an, dafür sind ja die Kanonen an Bord.«
    Robert lachte. »Zeigt sich denn keins hier in der Nähe?« fragte er.
    »Nicht die Bohne, mein Junge. Aber warte nur ab, bis die Geschichte soweit
ist. Ich muss dir ja erst beibringen, wie man ein Geschütz bedient oder mit dem
Seitengewehr umgeht. Und das will ich dir nur gleich sagen, Nummer Acht, wenn
ich beim Exerzieren mal ein bisschen ungemütlich werden sollte, dann musst du dir
dabei nicht das Geringste denken. Es ist so Gewohnheit und tut den Burschen
gut.«
    Robert lachte wieder. »Wollen Sie gleich anfangen, Maat?« fragte er.
    Der Unteroffizier schüttelte den Kopf. »Nee!« erwiderte er gleichmütig.
»Nee! Bis zwei Uhr gehört uns die Mittagszeit, und davon beisst bei mir die Maus
keinen Faden ab. Du wirst übrigens von der Geschichte bald genug haben, das
verspreche ich dir. Jetzt aber lass uns eine Partie Dame spielen, um die Ehre
natürlich, was dich aber nicht abhalten soll, wenn wir einmal zusammen an Land
gehen, ein paar Knöpfe springen zu lassen. Karten sind an Bord verboten.«
    Robert fügte sich dem Wunsch des freundlichen Maaten, obwohl er selbst
eigentlich lieber das Schiff und alle seine Einrichtungen einer genauen
Besichtigung unterzogen hätte. Aber auch während der Partie konnte er einiges
über seine neue Laufbahn erfahren.
    »Wo sind denn hier die Kojen der Mannschaft?« fragte er.
    Der Maat überlegte rauchend, mit in der Luft schwebendem Arm, seinen
nächsten Zug. »Die Kojen, mein Junge? - Hierhin oder dortin? Hm! Ich schlage
dir zwei Mann, hast du's gesehen? Und beim nächsten Zug springe ich bis in die
Ecke und setze den dritten Stein übereinander, verstanden? - Und von Kojen
sprachst du? Aber Junge, im ganzen Schiff ist keine einzige.«
    Robert sah zweifelnd hinüber. »Aber wo schläft man denn?« fragte er.
    »In Hängematten, mein Sohn. Sie wird dir zugeteilt, wenn du Freiwache hast,
und du musst sie später sauber wieder aufrollen und an Deck in den
Finkennetzkasten legen. Wird dir Schweiss genug kosten, alles zu lernen, und
unser erster Leutnant ist noch dazu ein Scheuerteufel durch und durch, kann ich
dir sagen, aber das bleibt unter uns.«
    Robert erschrak einigermassen. »Scheuern«, wiederholte er, »tun das denn
nicht die Schiffsjungen und Leichtmatrosen allein? Ich denke, wer Soldat ist -
-«
    Der Unteroffizier sah ihn mit einem sorgenvollen Blick an. »Du«, sagte er,
»Nummer Acht, wenn du klug bist, so denkst du gar nicht, sondern hörst und tust,
was man dir sagt. Scheuern müssen alle, und wenn sie - na, wenn sie - des
Grossmoguls Söhne wären. Übrigens schlage ich dir hier deinen vorletzten Mann.«
    Die Partie war demnach für Robert verloren, und auch bei der zweiten erging
es ihm nicht besser. Dann aber begannen die Übungen mit den Handfeuerwaffen.
Heute und abwechselnd auch an den folgenden Tagen sollte jedoch Robert ganz
allein die ihm noch vollständig neuen Handgriffe nachholen, während die übrigen
Matrosen aus Gerbers Abteilung auf die anderen Bootsmannsmaaten verteilt wurden
und dort die längst bekannten Übungen wiederholten.
    Das waren für den leidenschaftlichen, ungestümen Robert zuerst sehr
qualvolle Tage. Immer wieder dieselben gleichgültigen Handgriffe ausführen,
immer wieder Einzelbewegungen machen wie ein Kind, das seine Glieder gebrauchen
lernt, und dabei nicht sprechen, nicht das tun, was man wollte, ja, nicht einmal
sich verteidigen, wenn der gemütliche Maat aus seiner urfreundlichen Stimmung
gelegentlich ganz heraus und in einen Eifer hineingeriet, der sich durch einen
Schwall aller erdenklichen Kraftausdrücke Bahn brach.
    Robert sträubte sich innerlich dagegen. Er war ein Freiwilliger, er diente
aus Begeisterung für die gute Sache des Vaterlandes, und doch konnten
Kapitänleutnant und Offiziere diese Behandlung, die er sich gefallen lassen
musste, mit anhören, ohne sich irgendwie in die Sache hineinzumischen. Das war
unerhört und warf auf den Militärdienst, wie Robert meinte, einen höchst
verdunkelnden Schatten.
    Zwang und persönliche Unterordnung hasste er als Feinde seiner
freiheitsliebenden Natur.
    Nach und nach aber sah er die Sache auch wieder mit ganz andern Augen und
konnte nicht umhin, ihr eine Art widerstrebender Achtung entgegenzubringen.
Alles so sauber geordnet, so bis ins Kleinste hinein durchdacht und danach
eingerichtet, das entsprach zu sehr seinen eigenen Neigungen, um nicht bei
vorurteilsloser Betrachtung auch von ihm gewürdigt zu werden. Nur dass der
Einzelne kaum atmen durfte wie er wollte, sondern fast völlig Maschine war, das
störte ihn immer noch äusserst empfindlich. Wenn Robert hörte, dass Deckoffiziere
oder Kadetten den Offizieren mit »Zu Befehl!« antworteten, dann empörte ihn das
innerlich. Ein »Ja« oder »Nein« hätte auch genügt, meinte er, und wäre eines
Mannes würdiger gewesen.
    Erst nachdem einige Wochen vergangen und Roberts aufrührerische Empfindungen
ein wenig in das gewohnte Gleis zurückgekehrt waren, gewann er soviel geistige
Freiheit, um sich nach einem Ausflug in die Umgegend zu sehnen. Nur etwa drei
Stunden weit entfernt lag ja die Insel, auf der er sein erstes Abenteuer
bestanden hatte, wo er so nahe am Tode vorbeigegangen war und wo unter den hohen
Mangobäumen sein alter Freund den letzten Ruheplatz gefunden hatte. Er wollte
Mohrs Grab sehen, bevor vielleicht der »Meteor« plötzlich durch irgendein
Ereignis von hier abgerufen wurde, und zu diesem Zweck fragte er eines Tages
seinen Vorgesetzten, ob es nicht möglich sei, auf kurze Zeit Urlaub zu bekommen.
    Der blonde Maat pfiff durch die Zhäne. »Das wird schwer halten!« meinte er.
    »Aber ich bin doch ein Freiwilliger!« rief Robert, »ich könnte morgen die
Sache wieder aufgeben, wenn ich wollte!«
    »Hui! Wie das in die Wolken hineinfliegt! Könnte morgen die Sache wieder
aufgeben! Dass du die Nase im Gesicht behältst, mein Junge! Ich sage dir, du
stehst unter dem Kriegsgesetz so gut wie jeder andere Soldat und kannst das
einmal Abgemachte nicht wieder umstossen. Ein Wort, ein Mann, du unruhiger
Geist!«
    Robert errötete. »Ich denke ja auch nicht daran«, erwiderte er hastig. »Aber
was könnte es denn schaden, wenn ich einmal mit der Barkasse auf sechs bis acht
Stunden nicht an Bord wäre?«
    Der Unteroffizier schob vor Schreck die Mütze in den Nacken. »Das ist nicht
schlecht, wahrhaftig! Also auch die Barkasse sollte das Vergnügen mitmachen! Da
müsstest du ja wenigstens sechs Mann zur Bedienung haben!«
    »Die will ich im Hafen schon auftreiben und bezahlen. Kleinere Boote sind
für den Weg durch Klippen und Strudel nicht so recht zu brauchen. In der Nähe
der Insel, die ich besuchen möchte, liegt ein unterseeisches, sehr gefährliches
Korallenriff auf dem damals mein Schiff strandete, überhaupt führt ja der Weg
dortin über das offene Meer.«
    Gerber schüttelte den Kopf. »Das schlag dir gänzlich aus dem Kopf, Nummer
Acht«, sagte er. »Dafür wirst du nie die Erlaubnis erhalten.«
    »Aber warum denn nicht? Ich bitte Sie, warum nicht?«
    Der Unteroffizier wiegte seinen ganzen Oberkörper hin und her. »Weil das
eine Unmöglichkeit wäre, Nummer Acht, weil das - na - ich sage, es geht nicht.
Wenn du mit der Barkasse spazieren fährst, so möchte ein anderer vielleicht an
Bord eine Gesellschaft geben und der dritte sonst irgend etwas Ausgefallenes
anstellen. Wer Soldat ist, der darf an solche Dinge nicht mehr denken.«
    Robert schwieg, aber der Gedanke liess ihn nicht mehr los. Von den Franzosen
zeigte sich nichts, an den täglichen Übungen nahm er jetzt zusammen mit den
andern teil und hatte überhaupt das neue Leben an Bord des Kriegsschiffes etwas
besser begriffen und sich hineingelebt, daher plagte ihn die Langeweile
ebensosehr, wie es seinen Trotz herausforderte, so vollständig ohne eigene
Tatkraft zu sein. Auf hoher See wäre noch alles anders gewesen, aber im Hafen
stillzuliegen, täglich mit dem ungeladenen Gewehr zu exerzieren und in den
Freistunden auch noch einer strengen, militärischen Disziplin unterworfen sein,
das war grässlich.
    Eines Tages, als Robert zur Steuerbordwache gehörte und wie gewöhnlich
abends um acht Uhr seine Hängematte erhielt, hatte er seinen Plan fertig und in
allen Einzelheiten vorbereitet. Der Mond schien fast taghell, das Meer lag ruhig
und glatt wie ein Spiegel, - kurz, es lockte ihn unwiderstehlich hinaus.
    Er schlief nicht, obwohl es seine nächsten Nachbarn glauben mussten, sondern
erwartete mit pochendem Herzen den Augenblick, wo das Trillern der
Bootsmannspfeife im Zwischendeck ertönen und der Ruf Ronde! Ruhe im Schiff! auch
das letzte Wort unter der Mannschaft ersticken würde. Endlich war es soweit, er
drehte geschickt die Kleider seines Nebenmannes so, dass der Schimmer der grossen
Sicherheitslaterne nicht direkt auf seine Hängematte traf, und dann stand er
behutsam auf.
    Die Ronde war vorüber und die Wache verteilt, - tiefe Stille herrschte im
ganzen Schiff.
    Robert fuhr geräuschlos in die Kleider und kroch an Deck, ohne bemerkt zu
werden. Hier oben war er geborgen, obgleich eigentlich jetzt das Schwierige
seines Unternehmens erst begann. Aber er hatte vorgesorgt. Der Mann, der am Bug
Wache hielt, war auch ein Holsteiner, ein naher Landsmann und sehr arm, er sah
also für einige Taler gerade zufällig nach der andern Seite, als Robert über
Bord kletterte, da wo die Jolle bereitlag, ihn an ein grösseres Fischerboot zu
bringen, das häufig zwischen dem Hafen und den Inseln kreuzte. Ebenso sollte der
Holsteiner, wenn um zwölf Uhr nachts die neue Wache mit Namen aufgerufen wurde,
für seinen Landsmann antworten, - Gerber tat nichts, um die Geschichte laut
werden zu lassen, das wusste Robert, und davon war auch der andere überzeugt,
sonst hätte er sich wohl gehütet, auf den gefährlichen Handel einzugehen.
    Der gemütliche Maat würde zwar in aller Stille Donner und Wetter fluchen,
den Ausreisser noch Spiessruten laufen und kielholen lassen, aber dabei doch die
ganze Geschichte bis an die letzten Grenzen des Möglichen vertuschen, dafür
kannten ihn alle.
    Und Robert dachte nicht einmal so weit. Er wollte nur erreichen, was ihm auf
dienstlichem Wege nicht erlaubt wurde, und schlug zu diesem Zweck die Folgen
gänzlich in den Wind. Wie er am vorhergehenden Tage den Fischer hierher beordert
hatte, so sprang er jetzt in die Jolle, nur mit weissem Leinenzeug bekleidet, das
Herz voll froher Hoffnung, unbekümmert um das, was daraus entstehen konnte. Er
atmete förmlich auf, als das leichte Fahrzeug unter ihm tanzte und der Wind ihm
spielend durch die Haare fuhr.
    Nach kurzer Fahrt stieg er von der Jolle in das grössere Segelboot über, und
nun ging es mit dem Wind aus dem Hafen hinaus. Der Fischer kannte den Weg, den
er nehmen musste, ganz genau, also war nach kaum zwei Stunden das Eiland, das
Robert früher bewohnt hatte, in Sicht. Noch wenige Minuten, dann stiessen sie auf
das sandige Ufer, und Robert konnte den Boden betreten, der einst für ihn fast
zum Grab geworden wäre. Taghell schien der Mond, ein frischer Wind fuhr durch
die Zweige, und Robert lief am Ufer entlang, um zuerst das Grab des alten
Matrosen aufzusuchen. So bekannt war das alles, so unverändert, er hätte den Weg
auch ohne den Mond gefunden.
    Aber hier unter den Bäume, wo der Geisterseher schlief, war es in der Tat
dunkel! Die Wellen spielten in der stillen Bucht, die uralten Mangos neigten
ihre Zweige bis auf den Wasserspiegel herab, und ringsumher wuchs es in üppiger
Fülle. Robert liess ein Streichholz aufflammen, entzündete die schon dafür
mitgebrachte Wachskerze und schützte das Licht mit der Hand. Hunderte von Blumen
blühten dort, wo Mohr begraben lag, und der Wind spielte leise in den dichten
Blättern.
    Wo war die Blüte, die Robert vor zwei Jahren zum Abschied hier gepflückt
hatte? - Er dachte mit Grauen an den Augenblick, der sie vernichtete, als ihn
hoch oben am Nordkap die Eismassen und das spritzende, halberstarrte Wasser auf
den Strand warfen. »Lieber alter Geisterseher, wüsstest du, was dein Freund, der
kleine Schiffsjunge, inzwischen alles erlebt hat, seit er hier an dieser Stelle
dir dein letztes Bett grub!«
    Die Nähnadel aus Fischgräten lag jetzt in Pinneberg und war heimlich Meister
Krolls kostbarstes Besitztum, eine Art Reliquie, die zugleich zeigte, was für
ein tüchtiger Kerl sein Sohn und welch ein unentbehrliches Gerät die kleine
Nähnadel war - aber die Blume, die Robert getrocknet hatte, ging damals
verloren. Heute steckte er in den kleinen Brustbeutel des Spaniers eine frische,
schöne Blüte, ehe er noch einmal mit langem Abschiedsblick das Grab überflog.
Die Zeit drängte, er wollte ja auch noch die andere Insel wiedersehen, wo er
unter Räubern und Mördern gelebt hatte, obwohl ihm der Fischer abriet, dort an
Land zu gehen. Die Piraten bewohnten noch immer ihren Schlupfwinkel, und man
konnte doch nicht voraussagen, ob sie ihn als Verräter betrachten und zulassen
würden, dass er lebend zum zweitenmal die Insel verliess.
    Aber wiedersehen wollte er das Dach, unter dem er einstmals Schutz gefunden
hatte.
    Das Fischerboot nahm seinen Kurs wieder auf, es glitt durch die engen
Wasserstrassen zwischen den einzelnen kleinen Inseln und kam auch bis an die
flache Küste, wo Rafaeles Fahrzeuge lagen, wo von weitem sein Wohnhaus unter den
Bäumen zu erkennen war und die Hunde ein lautes Gebell erhoben, als sich das
fremde Boot dem Strande näherte.
    Auch hier war alles, wie es Robert verlassen hatte, damals, am Tage des
Messerkampfes zwischen den beiden Räuberbanden, als das französische Schiff für
ihn zur Rettung wurde. Wie sich doch die Verhältnisse geändert hatten! - Jetzt
hätte kein Fahrzeug der Grande Nation wagen dürfen, den Weg des »Meteor« zu
kreuzen, es wäre sofort angegriffen worden. Wie sehnten sich die preussischen
Blaujacken danach, wie hofften sie an jedem Morgen, dass auch sie endlich zum
Kampf kommen würden. Und Robert selbst war ja der Ungeduldigste, gerade er
konnte am allerwenigsten den Augenblick erwarten, wo es »losgehen« würde, er
freute sich masslos auf das erste Gefecht.
    Aber dazu schien ja noch immer keine Aussicht. Der »Meteor« lag tatenlos an
seinen Ankerketten, während die Landarmee Sieg auf Sieg erfocht. Alle paar Tage
kamen Zeitungen an Bord, man las mit Jubel, wie der Feind überall zurückging und
wie sich die deutschen Truppen im Kampf auszeichneten, - ohne selbst daran
teilnehmen zu dürfen.
    Das ärgerte alle, vom Kapitän bis zum Schiffsjungen herab, am meisten aber
den ungeduldigen Robert.
    Er hatte jetzt auch die Pirateninsel wiedergesehen, - das Fischerboot
wendete und kreuzte gegen den Wind auf, dem Hafen zu.
    Wenn um vier Uhr wieder die Wache abgelöst wurde, liess sich seine
Abwesenheit vielleicht nicht mehr verheimlichen, daher durfte jetzt keine Zeit
mehr verloren werden.
    Die bewaldeten Ufer der Insel traten weiter und weiter zurück, sie waren auf
dem offenen Meer, - noch einmal liess Robert den Blick zurückgehen.
    Was war das dort? - Ein weisser Punkt hob sich vom Hintergrund des dunklen
Ufers ab. Ein Schiff!
    Der Fischer blickte auf, als er Roberts plötzliche Aufmerksamkeit sah. »Das
ist ein Kriegsschiff«, sagte er gleichgültig. »Ich habe es schon vor mehreren
Tagen zwischen den Inseln bemerkt.«
    Roberts Herz stand fast still. »Von welcher Nation, Pedro?« fragte er
atemlos.
    »Ja, das weiss ich nicht. Ich sah nur die Kanonen.«
    »Dann lass uns gleich wenden und die Sache genauer ansehen. Ich bezahle ein
paar Piaster mehr, wenn du mich bis unter den Bug des Schiffes bringst. Du bist
Spanier und läufst dabei keine Gefahr.«
    »Das weiss ich wohl«, nickte gleichmütig der Mann. »Kann mir auch schon recht
sein, wenn Ihr die Fahrt bezahlt.«
    Das Ruder wurde nochmals gedreht, und der weisse Punkt angesteuert. Robert
erkannte sehr bald die französische Flagge, konnte drei Geschützpforten zählen
und las den Namen »Bouvet«.
    Jetzt wusste er genug, um auf dem »Meteor« Meldung machen zu können. Ein
französisches Kriegsschiff so nahe beim Hafen, der langersehnte Gegner endlich
gekommen, das Zeichen zum Kampf gegeben!
    »Schnell, schnell!« befahl er dem Fischer. »Es ist zwar schon viel zu spät,
aber es eilt trotzdem. Wir können schon morgen ins Gefecht kommen.«
    Es war heller Tag, als das Fischerboot neben dem »Meteor« anlegte. Ein
Besuch einiger deutscher Familien aus der Stadt hatte das Schiff überschwemmt,
so dass Robert, der ohne Uniform war, vielleicht unbemerkt hätte an Bord kommen
können, aber das wollte er nicht einmal. Die Strafe, die ihn erwartete, kümmerte
ihn nicht. Vielmehr hätte er es für ehrlos gehalten, die Nachricht von der Nähe
des feindlichen Kriegsschiffes zu verschweigen.
    Unter Deck stürmen und sich in die Uniform werfen, war das Werk von zwei
Minuten, ebenso schnell aber hatte ihn auch schon der gemütliche blonde Maat
erwischt und festgehalten. »Du siebenmal«, begann er seine Rede, wurde jedoch
durch Robert entschieden an der Fortsetzung gehindert. »Still«, flüsterte er.
»Stellen Sie sich vor, Maat, der Franzose kommt, - ich muss sofort zum
Kommandanten.«
    »Dass du die Motten kriegst! Junge, du stehst monatelang auf der schwarzen
Liste, wenn er dich nicht sogar einsperrt! Und was fabelst du da von dem
Franzosen?«
    »Warten Sie's nur ab, Maat. Ging denn heute nacht alles gut?«
    »Du Schwerenöter hast ja einen Mitschuldigen, der für dich antwortet und
einsteht! Noch ist nichts bemerkt worden, aber ich sage dir, wenn du mehr solche
Streiche machst, verpurre ich dir die Geschichte. Du bist ja ein ganz
gefährlicher Ausreisser!«
    Robert lachte. »Meinen Sie, dass ich bestraft werde, Maat?« fragte er.
    »Und das gehörig. Du musst die höchsten Stengen schmieren, alle Tage
scheuern, den Rost von den Ankerketten klopfen, die Gallion waschen und die
Messingplatten putzen. Du bekommst nur eine halbe Stunde Mittag, deine
Grogration fällt aus, und du hast Bordarrest, wenn nicht eine richtige
Gefängnisstrafe für dich herausspringt. Das glaube ich noch eher, also behalte
die Nachricht für dich, hörst du!«
    Robert schüttelte den Kopf. Unmöglich, das konnte er nicht, und als die
Fremden von Bord waren, meldete er sich bei Kapitänleutnant Knorr.
    Der sah ihn verwundert an. »Nun«, fragte er, »was haben Sie?«
    Robert stand jetzt in dienstlicher Haltung vor ihm, etwas blass zwar, weil er
die entehrende Strafe fürchtete, aber doch ruhig und ernst.
    Mit wenigen kurzen Worten berichtete er von seiner Beobachtung und hatte die
Genugtuung, seinen Vorgesetzten auf das höchste überrascht zu sehen. Er sprang
vom Sitz auf und ging erregt hin und her. »Ein Franzose also? Und was für ein
Schiff?«
    »Der Bouvet soweit ich erkennen konnte, Herr Kapitänleutnant. Er hatte drei
-«
    »Ja, ja, drei Geschütze, ich weiss schon. Nun, das kann - -«
    »Aber«, fügte er hinzu, sich plötzlich unterbrechend, »weshalb haben Sie mir
die Sache gemeldet, da doch kein Zeuge dabei war, der Sie verraten konnte? Ist
Ihnen bekannt, dass für sämtliche Schiffe der deutschen Marine im Augenblick die
aussergewöhnlichen Gesetze des Kriegszustandes gelten? - Ich könnte Sie als
Deserteur behandeln und bestrafen lassen.«
    Robert zuckte unter dem entehrenden Wort, die letzte Farbe wich aus seinen
Wangen, und das Herz klopfte ihm zum Zerspringen.
    Der Kapitänleutnant sah ihm fest ins Auge. »Weshalb meldeten Sie mir die
Sache?« fragte er noch einmal.
    »Weil ich das für meine Pflicht hielt, Herr Kapitänleutnant.«
    »Sie, der ohne Erlaubnis von Bord ging?«
    »Ach«, schoss es Robert plötzlich unwillkürlich heraus, »das ist ja nichts.
Dann nehme ich schon die Strafe auf mich, bevor ich eine so wichtige Sache
verschweige. Ein Deserteur bin ich nicht, und - das wissen Sie, Herr
Kapitänleutnant.«
    Der Offizier wandte sich ab, um ein ganz undienstliches Lächeln zu
verbergen. Dann aber kam er zurück und legte die Hand auf Roberts Schulter.
    »Sie sind ein etwas aussergewöhnlicher Mensch, Kroll«, sagte er sehr ernst,
»Sie dürfen aber Ihren Eigensinn niemals für Männlichkeit halten. Lernen Sie
erst einmal Manneszucht und unbedingten Gehorsam jedes einzelnen, sei er
Offizier oder Soldat, gründlich als das kennen, was sie wirklich sind, nämlich
als Grundlage und Mittelpunkt aller militärischen Unternehmen, als Voraussetzung
allen Kriegsglücks, - bevor Sie künftig Fälle, wie den gegenwärtigen, für ein
Nichts erklären. Ihre Strafe ist Ihnen geschenkt, weil ich Ihre Haltung trotzdem
anerkenne. Denken Sie an das, was ich Ihnen soeben gesagt habe, Kroll, und nun
gehen Sie.«
    Robert blieb doch noch einen Augenblick lang stehen. Es brauste in seinen
Ohren, und ein sonderbares Gefühl, halb Beschämung, halb Stolz, erfüllte ihn.
»Ich danke Ihnen, Herr Kapitänleutnant«, presste er hervor. »Ich - werde Ihre
Worte nicht vergessen.«
    Und dann ging er wie im wachen Traum hinab in das Zwischendeck, wo ihn
Gerber mit heimlichem Herzklopfen erwartete.
    »Nun, Nummer Acht, du Erzbösewicht?«
    Robert schüttelte den Kopf. »Es ist alles gut gegangen, Maat«, sagte er.
    »Und keine Strafe, Kerl?«
    »Keine äusserliche wenigstens!«
    Der Unteroffizier erhob sich von seinem Sitz. »Nanu«, staunte er, »das
verstehe ein anderer. Sprich deutsch, Nummer Acht, was hat der Kommandant
gesagt?«
    Robert lächelte unwillkürlich. »Nicht viel, Maat, aber es liegt mir doch
schwer im Magen. Der Kapitänleutnant hat eine eigene Art, zu sprechen.«
    Über Gerbers Vollmondgesicht glitt ein Sonnenstrahl der Befriedigung. »So,
so«, schmunzelte er, »nun begreife ich. Du Satanskerl, hat er gesagt, -
vielleicht ein bisschen feiner gedrechselt, mit Glacéhandschuhen und so, - du
Höllenbrand, diesmal will ich's schiessen lassen, weil dir der Franzose in die
Zähne lief und du mir die gute Nachricht nach Hause gebracht hast, aber tu's
nicht noch mal wieder, du Galgenholz, sonst sollen dich alle siebentausend
Haifische zugleich fressen! War's nicht so?«
    »Ganz ähnlich!« lächelte Robert.
    »Siehst du wohl, ich wusste Bescheid. Kann ein Gesicht machen, dass alle
Ratten im Schiff Reissaus nehmen möchten, und ist doch eine Seele von einem Mann.
Na, lass dir's gesagt sein, Nummer Acht, und mach keine solchen Dummheiten
wieder.«
    Damit liess er Robert allein, der sich nun ganz ungestört seinen Gedanken
hingeben und sich wieder den Augenblick vergegenwärtigen konnte, als ihn der
Offizier so ernst und wohlwollend zugleich ermahnte, in Zukunft nicht mehr
Eigensinn und Männlichkeit miteinander zu verwechseln. Gehörte denn wirklich
gerade dazu die grösste Selbstbeherrschung und Willenskraft, sich scheinbar
vollständig unterzuordnen?
    Er seufzte, aber er wusste ganz sicher, dass ihm dies nicht wieder begegnen
werde; hatte er denn dem Kommandanten gegenüber mit dem trotzigen Davonlaufen
eines Schuljungen wirklich gezeigt, dass er ein selbständiger Mann sei, oder
vielleicht eher, dass ihm die Grundbegriffe jeder gesetzlichen Ordnung noch
vollkommen fehlten?
    Das Blut kehrte in seine Wangen zurück. »Möchte doch heute noch der Bouvet
kommen«, dachte er, »möchte doch der Kampf beginnen und ich als erster an Bord
des feindlichen Schiffes klettern können, damit mich Kapitänleutnant Knorr loben
und sagen müsste, ich sei doch ein Mann und tapfer dazu!«
    Er war an diesem ganzen Tag so aufgeregt, dass Gerber mehrere Male heimlich
lächelte. »Den Kroll hat's aber gepackt«, dachte er, »würgt noch an dem schweren
Bissen, den ihm unser Kapitänleutnant ins Maul gesteckt hat.«
    Gegen Abend endlich erschien der Bouvet und legte sich in dem neutralen
Hafen Seite an Seite neben den Meteor. Etwas grösser und schneller, mit einer
Überzahl von zwanzig Mann Besatzung und besseren Geschützen, war er dem Meteor
ziemlich in jeder Weise überlegen. Bord an Bord lagen die beiden feindlichen
Schiffe auf dem Wasser.
    »Eine wunderliche Welt«, sagte Gerber. »Da ist der Bouvet, der bei Helgoland
zusah, als wir gegen die Dänen im Gefecht standen, - nun läuft er selbst unseren
Geschützen in die Zähne.«
    »Wisst ihr was, Jungens«, raunte er beim Essen in die Ohren seiner
Backschaft, »wisst ihr was? Ich möchte, dass ein paar von der Mannschaft drüben
das Schiff verliessen und an Land eine Kneipe aufsuchten. Dann könnten wir's
ihnen zeigen, was unsere Fäuste wert sind! - Das müsste ein ungeheures Vergnügen
sein und hätte doch das Völkerrecht nicht verletzt.«
    Die Seeleute hatten durchaus Lust zu dem Plan, aber Gerber schüttelte
schmerzlich das Haupt. »Wird nichts, Kinder«, fügte er hinzu, »waren nur
Gedankenspäne, fromme Wünsche, wie man zu sagen pflegt. Ihr sollt sehen, dass es
schon morgen in aller Frühe eine Vermahnung setzt. Immer Augen links, wenn ihr
auf Backbord über das Schiff marschiert, und Augen rechts, wenn's von Steuerbord
hergeht. Ich kenne das.«
    Und richtig, wie er vorausgesagt hatte, so geschah es. Am folgenden Morgen
wurde Generalmarsch geschlagen, und als bis auf den letzten Mann die ganze
Besatzung an Deck versammelt war, hielt der Kapitänleutnant eine Ansprache, in
der er den Leuten befahl, sich jeder Berührung mit den Franzosen zu entziehen,
besonders aber an Land bei einer möglichen Begegnung sofort das Lokal zu
verlassen und auf keine Herausforderung einzugehen.
    Die Franzosen auf dem Bouvet sahen sich diese ganze Szene mit Interesse an.
Sie schienen den Inhalt der Rede, die dort gehalten wurde, vollkommen zu
begreifen, und vielleicht eben deswegen erhielten ungewöhnlich viele von ihnen
am Abend Urlaub. Die Deutschen auf dem kleinen Kanonenboot, das sich neben dem
Bouvet doch sehr schmächtig ausnahm, diese übermütigen Deutschen sollten
womöglich eins draufkriegen.
    Etwa vierzig Mann von der Besatzung des französischen Schiffes gingen an
Land, und auch der gewohnten Anzahl Deutscher war Urlaub erteilt worden. Fast zu
gleicher Zeit verliessen die Preussen und die Franzosen ihre Schiffe, wobei ihnen
der Kapitänleutnant mit gerunzelter Stirn nachsah. »Reibungen werden sich nicht
vermeiden lassen«, äusserte er zu seinem Ersten Leutnant. »Die Kerle brennen
förmlich darauf, den Franzosen zu zeigen, dass sie nicht weniger gut zuzuschlagen
verstehen, wie ihre Brüder an Land.«
    Der Erste Leutnant lächelte bedeutsam. »Und wir selbst?« fragte er halblaut.
    »Wir ebenso, wenn auch in anderer Form«, erwiderte der Kommandant. »Ich
wollte übrigens, dass die Sache bald entschieden wäre, besonders da ich an diesem
entlegenen Punkt ohne alle Instruktion ganz nach eigenem Ermessen handeln muss.
Der Bouvet ist uns überlegen, darüber besteht kein Zweifel.«
    Der Erste Offizier schwieg, aber es war ein Schweigen, das mehr als die
längste Rede ausdrückte, so dass ihn der Kapitänleutnant fragend ansah. »Sie
würden den Kampf aufnehmen, Herr Leutnant?«
    »Ohne Bedenken!«
    Der Kapitänleutnant nickte leicht. »Ich tu's auch!« bestätigte er.
    Damit war die Unterredung beendet, aber die innere Unruhe des Kommandanten
zeigte sich deutlich in jedem Schritt, in jeder Bewegung, besonders als um die
festgesetzte Stunde nur ein Teil der beurlaubten Mannschaft an Bord erschien,
die übrigen aber ausblieben. Man fragte die Zurückgekehrten nach den andern,
aber die Antworten lauteten so unbestimmt und ausweichend, dass sich der Argwohn
des Kapitänleutnants bis zur Überzeugung steigerte. Trotz aller Verbote musste
eine Schlägerei stattgefunden haben.
    Es wurde zwölf Uhr nachts, bis spanische Polizisten die ausgebliebenen
Matrosen vom »Meteor« mit starkem Geleit an das Schiff brachten. Mehrere unter
ihnen waren verwundet, aber kein einziger zeigte über das, was er
verbotenerweise getan hatte, die mindeste Reue. Franzosen und Deutsche waren
aneinander geraten, hatten gehörig miteinander gerauft und sich gegenseitig die
Nasen blutig geschlagen, obwohl niemand Sieger geblieben und niemand besiegt
worden war.
    Der Kapitänleutnant liess die Verwundeten in das Lazarett bringen und die
übrigen, so mässig, als es die Gesetze erlaubten, bestrafen, wobei jedoch sein
ganzes Benehmen zeigte, dass er die Ursache der Übertretungen durchaus verstand.
    Ja, er tat noch mehr. Er schickte dem Kapitän des feindlichen Schiffes drei
Tage nacheinander eine Herausforderung zum Kampf auf offener See, aber der
französische Kommandant weigerte sich und blieb vor Anker liegen, als sei nichts
geschehen.
    Die Folge davon war, dass sich die Besatzung des »Bouvet« an Land nicht mehr
sehen lassen konnte, sondern wo sie erschien, offen verhöhnt wurde.
    Auf die Dauer schienen die Franzosen das denn doch unbehaglich zu finden,
sie lichteten die Anker, und eines Morgens war der »Bouvet« verschwunden.
    Jetzt herrschte auf dem »Meteor« freudige Kampfstimmung. Nach vierundzwanzig
Stunden durfte man den Feind verfolgen und ihn ausserhalb des Hafens angreifen, -
mehr konnten sich die Blaujacken gar nicht wünschen.
    »Wenn er uns nur nicht entwischt!« hiess es. »Wenn er nur den Kampf
aufnimmt.«
    Als das Kanonenboot die Anker lichtete und zum erstenmal, seit Robert an
Bord war, der Dampf aus den Schloten strömte, da umstanden Tausende von
Menschen, besonders alle Deutschen, die in der Stadt wohnten, das Ufer, und in
fast allen Sprachen, ausser in der französischen, wurde dem »Meteor« ein Hoch
ausgebracht. Die Besatzung antwortete mit einem dreifachen Hurra.
    Und dann rasselten die Ankerketten herauf, das Schiff drehte sich, die
Bevölkerung winkte mit Hüten und Taschentüchern, und die Jagd auf den Feind
begann. Hinter dem »Meteor« dampfte das spanische Kriegsschiff »Hernan Cortez«,
das die Neutralität des Hafens wahren und für den Fall eines bedeutenderen
Unglücks in der Nähe sein wollte.
    Wie pochte Roberts Herz, als das Schiff unter seinen Füssen Fahrt aufnahm.
Jetzt erst war er Soldat, jetzt erst hatte er das Ziel seiner Wünsche erreicht,
denn jetzt ging es ins Gefecht. Keiner von der ganzen Besatzung des »Meteor«
suchte so sehnsüchtig den Horizont nach dem Rauch des französischen Schiffes ab.
Er war es auch, der zuerst den »Bouvet« entdeckte.
    »Dort!« rief er, »dort, Herr Kapitänleutnant, - ich sehe es deutlich.«
    Der Kommandant liess sich das Glas reichen, und dann bestätigte ein
Kopfnicken der ganzen Mannschaft, dass Robert richtig gesehen hatte. Es war in
der Tat der »Bouvet«, der nun den Kampf eröffnete. Es blitzte auf, der Donner
rollte über das Wasser, doch die Kugel schlug in weiter Entfernung vom
preussischen Schiff ins Wasser.
    »Wir schiessen nicht, bis die Entfernung zwischen beiden Schiffen auf
vierhundert Meter herabgesunken ist«, sagte Kapitänleutnant Knorr ruhig.
    Ein Hoch der Mannschaft auf ihren Kommandanten antwortete seinen Worten.
Jedes Herz schlug erwartungsvoll, während das Schiff mit höchster Fahrt durch
die Wellen stampfte.
    Schuss auf Schuss erschütterte vom Bord des Bouvet die stille Morgenluft, ohne
jedoch zu treffen, während auf dem Meteor gleichsam zur Herausforderung von
allen drei Masten die Toppflaggen lustig flatterten.
    Endlich aber konnte das deutsche Geschütz antworten. Auf dem Meteor blitzte
es auf, und ein erster Gruss aus seinen Rohren pfiff durch das Takelwerk des
Franzosen. Im gleichen Augenblick schien sich jedoch das Glück gegen die
Deutschen zu wenden. Es erhob sich ein plötzlicher Wind, dem das Kanonenboot
entgegenarbeiten musste, während er andererseits den Bouvet mit schneller Fahrt
auf die Breitseite des Feindes zutrieb.
    Das alles ereignete sich innerhalb weniger Minuten, und die Entfernung der
beiden Schiffe verringerte sich auf dreihundert Meter, bevor man noch an Bord
des Meteor die neue Lage richtig erkannte. Das Schlingern des weit kleineren
Fahrzeuges war durch den aufkommenden Wind so stark geworden, dass kaum noch ein
richtiges Zielen möglich war. Der Ernst des Augenblicks war unverkennbar.
    Der Kapitänleutnant behielt jedoch seine ruhige Geistesgegenwart. Er stand
auf der Kommandobrücke und übersah mit sicherem Blick die Lage.
    »Ruhe«, befahl er mit tiefer Stimme. »Ruder hart Steuerbord! Klar zum
Entern!«
    Der Befehl wurde sofort vollzogen. Robert, der dicht bei der Kommandobrücke
stand, sah mit einer Art begeisterter Verehrung auf den Kommandanten, der so
vollkommen ruhig und sicher die Lage überblickte. »Ein solcher Mann will ich
werden!« dachte er und packte sein Gewehr fester.
    Alles an Bord war totenstill, aller Augen sahen auf den Kommandanten. Durch
die hochgehenden, fast tobenden Wellen brausten die beiden Schiffe aufeinander
zu. Jetzt - jetzt kam die Entscheidung - -
    Nur noch Augenblicke, dann waren vielleicht fünfundsechzig Menschen in den
Fluten des Meeres begraben, dann berichteten die Zeitungen von einem glänzenden
Siege der Franzosen über das kleine preussische Kanonenboot Meteor.
    Und jetzt, - beide Fahrzeuge berühren einander - -
    Aber da fliegt ein befreiendes Lächeln über das Gesicht des Kommandanten - -
Sein geübter Blick hatte ihn nicht getäuscht, er hatte richtig gehandelt. Im
spitzen Winkel trafen beide Schiffe zusammen, es knirschte und krachte, die
Bordwände berührten sich, nur wenige Sekunden lang sahen sich die Gegner aus
nächster Nähe ins Auge, dann war die grösste Gefahr vorüber. Niemand hatte Zeit
gehabt, ans Entern zu denken.
    Jetzt aber eröffneten die Franzosen ein heftiges Gewehrfeuer, das von den
Deutschen lebhaft erwidert wurde. Neben Robert fiel der Steuermann und stürzte,
sofort getötet, auf die Decksplanken.
    Robert sah auf. Ein wilder Zorn hatte ihn gepackt. Er suchte mit den Augen
auf dem Bouvet den Schützen und hatte ihn nur zu bald entdeckt. Halb von der
Takelage verborgen lauerte der Mann und erhob schon sein Gewehr zum nächsten
Schuss. Es war unverkennbar der Kapitän, auf den er zielte.
    Das erkennen und unbekümmert um die eigene Sicherheit zwischen die Kugel und
ihr Ziel springen, war für Robert Sache eines Augenblicks. Er fühlte einen
Schlag gegen die linke Schulter, so dass er für einen Moment schwankte, dann aber
nahm er noch einmal seine Kräfte zusammen, legte an und gab Feuer.
    Wie damals in der Prärie der getroffene Adler, so stürzte der Franzose aus
den Marsen herab. Ein lautes Bravo des Kapitänleutnants belohnte den gelungenen
Schuss.
    »Sie haben für mich Ihr Leben in die Schanze geschlagen, Kroll«, sagte der
Kommandant laut. »Ich danke Ihnen und werde es Ihnen nicht vergessen.«
    Robert wankte, aber ein Glücksgefühl, wie er es nie gekannt hatte, durchzog
sein Herz. Schon nahmen ihn einige Matrosen, unter ihnen der blonde Maat, in
ihre Mitte, um ihn ins Lazarett zu führen.
    »Lasst doch!« stammelte er, »lasst nur - ich kann allein gehen.«
    Aber Gerber liess nicht locker. »Du Tausendsassa, du Schwerenöter«, raunte
er. »Kommt dieser Junge kaum an Bord, hat noch keinen Schuss abgefeuert und
zeichnet sich schon vor allen aus. Na, das hätte aber leicht dein letzter
Augenblick werden können.«
    Robert lächelte matt. »Es kam ja nicht auf mich an«, flüsterte er, »sondern
auf den Kommandanten.«
    Und dann verliess ihn das Bewusstsein. Gerber trug ihn wie ein kleines Kind
ins Zwischendeck, wo der Schiffsarzt mit seinem Assistenten bereitstand, um die
Verwundeten zu verbinden. »Schnell, Herr Doktor«, bat der keuchende
Unteroffizier, »bitte, sagen Sie mir, ob es schlimm ist. Ich möcht's gern wissen
und muss doch wieder hinauf.«
    »Das Gewehrfeuer hat aufgehört«, bemerkte der Arzt, während er Roberts
Kleider öffnete und die Wunde untersuchte.
    »Wie kommt das?«
    »Gotts ein - -«
    Der gemütliche Maat hätte fast einen Kernfluch vom Stapel gelassen, aber er
besann sich noch zur rechten Zeit, dass auch der Arzt ein Offizier sei,
wenigstens dem Range nach, und verschluckte seinen energischen Satz, indem er
laut sagte: »Zu Befehl, Herr Doktor, die Entfernung ist dafür zu gross geworden.
Aber wie steht es denn mit der Wunde?«
    »Die ist nicht gefährlich!« entschied der Arzt. »Das Fleisch ist zerrissen
und die Muskeln haben stark gelitten, - Knochen oder edlere Teile sind nicht
verletzt.«
    Gerber lächelte sehr zufrieden. Er ergriff sofort seine Mütze und stürzte
wieder hinauf.
    Oben an Deck hatte sich inzwischen die Lage völlig verändert. Bei der
scharfen Berührung der beiden Schiffe waren die Boote vom »Meteor« vollständig
weggerissen, die Fockraa abgebrochen und die Wanten zerschnitten, der Grossmast
aber durch den schweren eisernen Kranbalken des Franzosen sogar eingeknickt.
Kurz darauf stürzte der beschädigte Mast um, riss den Besanmast mit sich und
schlug die Kommandobrücke in Trümmer. Und nun entstand eine heillose Verwirrung.
Die über Bord gegangenen Masten wurden vom Schiff an ihren Tauen nachgeschleift
und hemmten dadurch die Fahrt fast vollständig. In diesem Augenblick hätte der
»Bouvet« entern und den Kampf vielleicht gewinnen können, aber ein derartiger
Versuch wurde von seinem Kommandanten nicht unternommen.
    Der »Meteor« machte jetzt kaum noch Fahrt, aber Kapitänleutnant Knorr gab
deshalb nichts verloren. Er befahl, die Taue zu kappen, und gab der
Geschützbedienung Anweisung, nach Möglichkeit auf den Dampfkessel des »Bouvet«
zu zielen.
    Der Schuss krachte und alle sahen gespannt zu dem feindlichen Schiff hinüber.
    »Er versucht zu entkommen!« murmelte der Kapitänleutnant und stampfte mit
dem Fuss auf, »noch eine halbe Stunde, und der Hafen ist erreicht!«
    Aber da sahen plötzlich alle eine weisse Wolke, die sich rings um das Schiff
verbreitete, stärker und stärker anschwoll und endlich den »Bouvet« ganz
einhüllte. Es konnte nicht zweifelhaft sein, dass die Maschine getroffen war.
    »Hurra!« kam es aus hundert Kehlen. »Hurra, das war ein Treffer!«
    Der »Hernan Cortez«, der sich immer ganz in der Nähe des »Meteor« gehalten
hatte, setzte ein Boot aus und wollte mehrere Ärzte sowie Erfrischungen und
Verbandmittel an Bord des deutschen Kriegsschiffes bringen, aber Kapitänleutnant
Knorr lehnte mit höflichem Dank jede Hilfeleistung ab, einmal um zu zeigen, dass
auf seinem Fahrzeug alles in Ordnung sei, zum andern aber auch, um bei der
Verfolgung des bewegungsunfähig gewordenen Franzosen keine Zeit zu verlieren.
Noch immer war der »Bouvet« in eine weisse Wolke gehüllt, noch immer lag er auf
demselben Fleck, aber auch der »Meteor« hatte genug zu tun, um die Schraube von
Splittern und Tauwerk zu reinigen und alles zu kappen, was auf beiden Seiten die
Fahrt hinderte.
    Der Kapitänleutnant ging von einer Seite zur andern wie ein Löwe im Käfig.
»Wir müssen entern!« wiederholte er, »wir müssen ihn nehmen!«
    Aber es kam anders. Die Maschine des »Bouvet« war zerstört, das Dampfrohr
durchschossen und die Fahrt gehemmt, doch gerade, als die Schraube des »Meteor«
wieder voll in Tätigkeit getreten war, hatten die Matrosen des »Bouvet« Segel
gesetzt, und nun begann die Flucht nach dem Hafen von Havanna.
    Mit voller Kraft arbeitete die Maschine des »Meteor«, aber - die Entfernung
zwischen beiden Schiffen wurde grösser und grösser, die Kugeln des Buggeschützes
auf dem Kanonenboot konnten den »Bouvet« nicht mehr erreichen, und die
Verfolgung musste aufgegeben werden. Ausserdem verkündete ein Schuss vom Bord des
»Hernan Cortez«, dass jetzt das Gebiet des Hafens wieder erreicht sei, also musste
nach dem Völkerrecht der Kampf eingestellt werden. Nach einer halben Stunde
lagen beide Schiffe wieder friedlich nebeneinander auf ihren alten Plätzen.
    Robert hatte während dieser ganzen letzten Zeit körperliche und seelische
Qualen zu bestehen. Sein Bewusstsein kehrte schon unter den Händen des Arztes
zurück, und die Schmerzen, die er ertragen musste, waren furchtbar, aber mehr
noch verlangte er danach, über den Verlauf des Kampfes Genaueres zu hören. Von
Zeit zu Zeit kam jemand ins Zwischendeck, und dann fragte der Arzt solange, bis
er - und mit ihm Robert - alles gehört hatte.
    Erst als die Ankerketten durch die Klüsen rasselten und nun auch der Doktor
Zeit fand, sein gelehrtes Haupt aus der Decksluke hervorzustrecken, erst dann
legte sich Robert auf die Seite, um zu schlafen.
    Als ihn der Arzt in Begleitung des Kapitäns am Abend noch einmal besuchte,
und als der Kommandant lange und freundlich mit dem jungen Freiwilligen
gesprochen hatte, da meinte Gerber, aber er behielt es für sich, dass doch der
verteufelte, siebenmal übersegelte und von neun Millionen Haifischen gefressene
Bursche, der Kroll, ein wahres Glückskind sei. »Um diese Wunde beneide ich ihn«,
dachte er, »sie ist eine - hm - na, ich will sie eine Schicksalswunde nennen.
Hast du nicht gesehen, wird die Beförderung zum Maaten hinterdreinfliegen, wenn
auch der Herr Freiwillige eben erst ausexerziert hatte, als die Geschichte
losging.«
    Und der gemütliche Maat sollte recht behalten. Als Robert mit dem Arm in der
Binde, blass und abgemagert, nach vier Wochen wieder umhergehen konnte, da kam
aus Kiel ein Telegramm, in dem Kapitänleutnant Knorr das eiserne Kreuz verliehen
wurde, und das ausserdem mehreren Leuten eine Beförderung brachte. Robert wurde,
wie es Gerber vorausgesehen hatte, richtig zum Maaten ernannt, obgleich der
Kapitänleutnant lächelnd dieser Nachricht hinzufügte, wenn die da in Kiel ganz
genau wüssten, wie kurz er erst - -
    Robert erlaubte sich gegen alle Dienstordnung seinen Vorgesetzten zu
unterbrechen. »Der ganze Winter wird ja vergehen, bis die Ausbesserungsarbeiten
am Meteor beendet sein können«, rief er, »so lange bleibe ich einfach noch
Matrose und werde erst dann wirklich Bootsmannsmaat, wenn Sie mich für fähig
halten, Herr Kapitänleutnant.«
    Der Kommandant musste über diese Bescheidenheit lächeln, doch Robert trug von
diesem Tag an die Uniform des Maaten, er erhielt höheren Sold, nahm aber nach
wie vor als Matrose am Dienst teil und bemühte sich mit doppeltem Eifer, seine
beiden Hauptfehler, seinen Trotz und seinen Jähzorn, nach Möglichkeit zu
überwinden.
    Er hatte gelernt, was es heisst, durch Vernunft und Gehorsam aus
fünfundsechzig Menschen eine Körperschaft zu machen, die auf den leisesten Wink
reagiert und nur ein gemeinsames Ziel kennt.
    Was wäre aus Schiff und Besatzung geworden, wenn die Befehle des
Kapitänleutnants auch nur eine Minute lang nicht befolgt worden wären?
    Der Bouvet würde den Meteor gerammt und die ganze Besatzung mit dem Schiff
zu den Fischen geschickt haben.
    Robert erkannte nun klar genug als unbedingte Notwendigkeit, was ihm im
Anfang wie eine Missachtung seiner männlichen Ehre erschienen war, aber trotzdem
kamen noch häufig Augenblicke, in denen ihm das Blut heiss ins Gesicht stieg und
er seinen Zorn kaum beherrschen konnte. Zu einer gründlichen Erziehung gehört
eben viel Zeit, und um mit einer solchen Veranlagung fertig zu werden, braucht
man schon einen sehr festen Willen, der erst in Jahren langsam heranreifen kann.
    Robert war noch längst kein besonnener Mensch, obgleich ihn die Leute mit
Maat anredeten und er sich Mühe gab, jeden Fehler zu vermeiden. Während des
ganzen Winters, als der Meteor ausgebessert wurde und also der Dienst beinahe
ganz aufgehoben war, bemühte er sich, die spanische Sprache zu lernen, oder er
trieb Geographie, Geschichte und andere nützliche Wissenschaften, ebenso schrieb
er oft nach Hause und an die Freunde hoch oben in den Bergen der Sierra Nevada.
Er konnte sich jetzt kaum noch vorstellen, dass er einmal den Wunsch gehabt
hatte, für immer in dem Indianerdorf zu bleiben. Gottlieb hatte sich damals
Tinte, Federn und Papier aus Stockton mitbringen lassen, deshalb konnte er jetzt
selbst schreiben und den Brief durch einen der vielen umherstreifenden Indianer
nach Lenchi befördern lassen, von wo er per Post über San Franzisko und Panama
nach Havanna gelangte.
    »Mir geht es äusserlich gut«, schrieb der junge Goldsucher, »und wenn ich
mich nicht so sehr nach den Eltern und nach geordneten Verhältnissen
zurücksehnte, dann müsste ich sagen: auch innerlich. Wilde Tiere kommen nicht bis
in unser Dorf, das steht fest, die Comanchen skalpieren niemand, der mit ihnen
die Friedenspfeife geraucht hat, das weiss ich jetzt auch, denn so ganz
allmählich lerne ich die Sprache der Rotäute und frage sie über alles aus. Die
Squaws erzählen mir, was ich wissen will. Mongo arbeitet jetzt ständig beim
Losbrechen und ich beim Auskörnen, - du solltest mich nur sehen, wie gut ich es
habe, Robert. Den Platz vor unserem Wigwam haben die Squaws von Moos und Wurzeln
gänzlich reinigen müssen, und Mongo hat ihn mit einer gestampften Lehmschicht so
glatt und so fest gemacht, wie den besten Holzfussboden. Darauf wird nun das Gold
ausgesucht, und der Lederbeutel ist jetzt schon ganz gefüllt. Meistens lasse ich
mich den ganzen Tag über nicht stören, sondern arbeite ununterbrochen, während
mir die Squaws alles bringen, was ich brauche, Essen, Trinken und vielleicht
einen Schluck Branntwein. Die Rotäute machen es ja ebenso, also weshalb sollte
ich es nicht tun? Sie sehen mir auch jetzt, während ich vor einem grossen,
flachen Stein auf den Knien liege und mühselig schreibe, von weitem zu. Näher
heran aber kommen sie nicht, aus Furcht vor dem Zauber. Ist das nicht wirklich
komisch?
    Soviel von mir, und nun zu dir, du lieber, alter Junge, den ich so gern hier
bei mir hätte. Also du bist auf einem Kriegsschiff und fühlst dich ganz wohl da,
wo es von Gefahren wimmelt. Ich bin wirklich froh, dass ich hier sicher sitze,
hoch oben im Gebirge, wo mich kein Einberufungsbefehl erreichen kann, und du -
du musst unbedingt mitten in den Kugelregen hineinlaufen. Tat es nicht
entsetzlich weh, als die Wunde genäht wurde? - Denn du musst wissen, dass wir
drei, der Trapper, Mongo und ich, die ganze Geschichte genau kennen. Als der
Jaguar im Oktober wieder nach Stockton ritt, hörte er, dass ein französisches
Schiff vor dem Hafen von Havanna kreuzte, und nun ruhte er nicht eher, bis es
ihm gelang, trotz des langen und mühevollen Weges Ende November noch einmal
hinunterzukommen, nur aus heimlicher Sorge um dich, den er seinen weissen Bruder
nennt und sehr ins Herz geschlossen hat. Er brachte uns beiden, dem Neger und
mir, alle Zeitungen mit, in denen das Gefecht beschrieben wurde, auch, dass du
dem Kapitän das Leben gerettet hast und selbst verwundet bist. Ich verstehe
nicht, wie du dich freiwillig melden konntest. Nur gut, dass ich so weit vom
Schuss bin.
    Aber jetzt leb wohl, Robert. Mein Privatpostbote, ein Indianer, steht da und
wartet. Schreib bitte zum März wieder, dann geht der Jaguar nach Stockton.
                                   Mit vielen herzlichen Grüssen, dein Gottlieb.«
Robert hielt diesen zerknitterten, nicht gerade sauberen und gut duftenden
Brief, den der Indianer in seinem Ledergürtel durch die Wildnis bis nach Lenchi
befördert hatte, zwischen den Fingern und sah träumend ins Leere. Hatte er
wirklich noch vor wenigen Monaten wünschen können, dies Leben, wie es Gottlieb
schilderte, auch selbst weiterzuführen?
    Er konnte es kaum noch glauben. Aber damals war er mit sich selbst uneins
und fürchtete sich vor etwas, das ihm noch bevorstand und sich inzwischen so
günstig entschieden hatte: die Aussöhnung mit dem Vater.
    Gottliebs Brief wurde als Andenken an die Zeit in den Bergen der Sierra
Nevada sorgfältig aufbewahrt, und als bald darauf die Nachricht vom endlich
abgeschlossenen Frieden zugleich mit dem Heimberufungsbefehl für den. »Meteor«
in Havanna eintraf, da hatte Robert vorher noch Gelegenheit gehabt, die kleine
Insel, auf der er so lange als Einsiedler gelebt hatte, auch bei Tage
wiederzusehen.
    Acht Mann erhielten die Erlaubnis, einen ganzen Tag auf seinen Ausflug zu
verwenden, und mit Robert an der Spitze durchzogen die fröhlichen Blaujacken das
ganze Eiland, indem sie singend und lachend alle Vögel aus ihrer Ruhe
aufscheuchten und dann von der halbverfallenen Hütte feierlich Besitz ergriffen,
um auf seinen leeren Weinkisten den mitgebrachten Proviant auszubreiten und
ausgiebige Rast zu halten.
    Am folgenden Tage lichtete der »Meteor« die Anker und dampfte nach Europa,
wo er im Hafen von Kiel nach glücklich überstandener Reise eintraf.
    Robert hatte schon gleich nach Beendigung des Feldzuges darum nachgesucht,
seine dreijährige Dienstzeit auf der Flotte ohne Unterbrechung abschliessen zu
dürfen, und da ihm das bewilligt worden war, so kam er als Bootsmannsmaat auf
die Korvette »Gazelle«, die im Sommer 1871 mit Kadetten nach Westindien und
Brasilien gehen sollte, auch Gerber wurde diesem Schiff zugeteilt, und nur den
Abschied von dem verehrten Kapitän Knorr empfand Robert als sehr schmerzhaft. Er
trennte sich von diesem ebenso strengen wie gerechten Vorgesetzten nur äusserst
ungern. Als aber der Kapitänleutnant halb scherzend, halb ernstaft sagte: »Wir
treffen uns noch einmal wieder, Kroll, wahrscheinlich, wenn Sie bereits
Deckoffizier sind, denn zur Handelsmarine gehen Sie ja doch nicht mehr zurück!«
- da lächelte er getröstet. Wie ihn doch dieser Mann richtig erkannte. Wirklich,
es wäre jetzt ein harter Entschluss gewesen, den Dienst an Bord eines
Kriegsschiffes mit seiner gerechten Behandlung, seiner guten Verpflegung und den
interessanten, anregenden Aufgaben wieder gegen ein Handelsschiff zu
vertauschen, auf dem doch im Grunde die Willkür des Kapitäns in der Behandlung
der Mannschaft den Ausschlag gibt.
    Aber daran brauchte er vor der Hand nicht zu denken. Noch standen ihm fast
andertalb Dienstjahre bevor, und was dahinter lag, das fand sich später. Erst
einmal gab es Urlaub in die Heimat, und an einem frischen, kühlen Aprilmorgen
bestieg Robert in Kiel den Zug nach Pinneberg, kam also diesmal aus
entgegengesetzter Richtung in das kleine Städtchen zurück. Am Bahnhof stand der
Vater, noch in demselben grossväterlichen Gehrock, den er vor dreissig Jahren als
Bräutigam eigenhändig genäht hatte, noch mit dem riesigen Hut und den
Vatermördern von Anno dazumal, die er nur trug, wenn irgendeine besondere
Festlichkeit gefeiert werden sollte, - ein Spiessbürger durch und durch, aber
doch sein Vater, sein lieber, guter Vater, dem er sich in die Arme warf und ihn
freudig begrüsste.
    Und Meister Kroll schaute so stolz drein, er schien allen Leuten, die einst
sein schweres Leid gesehen hatten, sagen zu wollen: »Nun ist es aber anders
geworden, was?«
    Und dann, als der erste Rausch verflogen war, drängte er zur Eile. Die
Mutter in ihrer altgewohnten Bescheidenheit, befangen in den Vorurteilen des
kleinen Städtchens, hatte es ja nicht schicklich gefunden, am hellen Morgen
schon im Sonntagsstaat spazieren zu gehen, als gäbe es am Herd und in der Küche
gar keine Arbeit mehr, sondern sie war daheim geblieben, kochte und backte und
lief, als sie das Pfeifen der Lokomotive hörte, in jeder Minute ans Fenster, um
nach den beiden Ausschau zu halten.
    Wie war das jetzt alles so ganz anders als damals im vorigen Herbst, als
Robert nur bis auf den Flur gekommen war und ohne ein versöhnendes Wort wieder
fortging - -
    Die Mutter wischte sich mit dem Schürzenzipfel die Tränen aus den Augen. Als
aber nach ein paar Minuten die Erwarteten endlich erschienen, da rollten sie ihr
doch über die Wangen herab, und die alte Frau brachte vor Freude kaum ein Wort
über die Lippen.
    Robert durfte jetzt er für längere Zeit ausruhen und konnte mit Recht seinen
Urlaub geniessen. Und was hatte er nicht alles zu erzählen, wie wurde der
schlanke, braune Bootsmannsmaat mit dem zurückhaltenden, sicheren Benehmen in
der ganzen Stadt bewundert und überall freudig begrüsst.
    Er verlebte in dem kleinen, engen Heimatstädtchen wahrhaft glückliche Tage,
aber dennoch erwachte in ihm die Sehnsucht nach dem Wasser schon sehr bald
wieder, und als der Juni herankam, ging es zurück nach Kiel, um den Dienst auf
der Gazelle anzutreten. Diesmal begleitete ihn der Vater bis an die Ostsee. »Das
Schiff geht für zwei Jahre fort«, meinte er, »und es ist gut, wenn sich der
Mensch auf alles vorbereitet. Ich glaube, ich werde dich nicht wiedersehen, mein
Junge, ich habe so eine Ahnung, die nicht mehr weichen will.«
    Robert suchte ihm den trüben Gedanken auszureden, aber der Alte schüttelte
den Kopf. »Ich sterbe ja nicht, weil wir davon sprechen«, sagte er lächelnd,
»aber ich will dir doch jetzt schon sagen, dass meine Ansichten und Absichten in
vieler Beziehung anders geworden sind. Die Mutter behält, solange sie lebt,
alles was ich hinterlasse. Nach ihrem Tode aber magst du in Gottes Namen das
Haus verkaufen, das Kapital kündigen und dir einen Anteil an einem Schiff dafür
sichern. Ich wünsche dir Gutes für diesen Plan und segne ihn von Herzen - das
war's, was ich dir als Abschiedsgruss mit auf den Weg geben wollte.«
    Robert umarmte gerührt seinen treuen, alten Vater. »Ich glaube ja nicht an
deinen Tod«, flüsterte er, »im Gegenteil, du hast eine ausdauernde Gesundheit
und wirst wie dein Vater und Grossvater sicherlich weit über achtzig Jahre
werden, aber dennoch möchte ich dich bei dieser Gelegenheit noch etwas fragen.
Hast du mir den Schmerz und das Unrecht, das ich dir damals bereitet habe,
wirklich von Herzen vergeben?«
    Meister Kroll lächelte wehmütig. »Mehr noch, mein Junge«, sagte er nach
einer Pause. »Auch ich habe eine ernste Lehre erhalten. Meine Sorge um dein Wohl
war immer die ehrlichste und aufrichtigste, aber vielleicht -«
    »O Vater, Vater«, unterbrach ihn Robert, »um Gottes willen, verteidige dich
nicht deinem schuldigen Sohn gegenüber.«
    »Lass mich ausreden, Kind. Ich habe erkannt, dass selbst die reinste Absicht
den Menschen irreleiten kann, - ich bin vielleicht aus Vaterliebe oft
willkürlich vorgegangen, aber auch mir hat der Schmerz um dich eine Lehre
gegeben. Aber ich glaube, Robert, wir haben uns jetzt verstanden und werden uns
innerlich nie wieder trennen, wenn wir uns auch vielleicht auf Erden nicht mehr
sehen. Versprich mir das.«
    Fest lagen die Hände des Vaters und des Sohnes ineinander. Erst jetzt, in
der Abschiedsstunde, hatten sich diese beiden stolzen und trotzigen Menschen
gegenseitig ganz ausgesprochen, und Robert fühlte wohl, was ihm mit diesem
Geständnis sein eigensinniger, in so ganz anderen Anschauungen erzogener Vater
geschenkt hatte. »Grüss noch viel tausendmal die Mutter«, presste er hervor, »und
denk nicht an den Tod, Vater. Wir sehen uns wieder.«
    Meister Kroll nickte sehr ernst. »Wir sehen uns wieder«, sagte auch er, »das
ist meine feste Zuversicht. Und nun lass es uns kurz machen, mein Junge. Behüt
dich Gott auf allen deinen Wegen, und bleib gut, bleib ein braver Mensch!«
    Noch einmal drückte der alte Mann die Hand des Sohnes. »Leb wohl, mein
Kind!«
    Er wandte sich, um zu verbergen, dass seine Fassung schwankte, er sah auch
nicht mehr zurück, sondern ging langsamen Schrittes davon. »Weh tut's doch«,
dachte er, »dass das alles so kommen musste und nicht anders. Ich habe ihm von
Herzen vergeben und von Herzen gesegnet, aber Gott weiss, welche Kämpfe es
kostete. Glaube doch, ich hätte mich noch im Grabe gefreut, den Jungen als
Schneidermeister zu sehen. Aber das wäre wohl zuviel Glück gewesen, - es sollte
nicht sein.«
 
                       Mit der »Gazelle« nach Westindien
Die Korvette »Gazelle«, auf der Robert jetzt seinen Dienst als Bootsmannsmaat
antrat, war ein bedeutend grösseres Schiff als das Kanonenboot »Meteor«. Eine
Korvette hatte damals auf dem Oberdeck zwei Geschütze schweren, in der Batterie
zwanzig mittleren und sechs Geschütze leichten Kalibers. Sie war etwa 60 m lang
und 15 m breit und hatte einen Tiefgang von 6 Metern. Die Besatzung bestand aus
etwa 380 Mann. Gegen die 65 Leute des »Meteor« war das eine bedeutende
Veränderung, und Robert sagte sich, dass dementsprechend auch der Dienst an Bord
strenger und die Bedeutung der geplanten Expedition wichtiger sein müsse als die
des Kanonenbootes, natürlich abgesehen von dem Gefecht mit dem »Bouvet« auf der
Reede von Havanna.
    Eine Korvette diente damals meist als Stationsschiff in den Häfen
halbzivilisierter Völker zum Schutz dort ansässiger deutscher Staatsangehöriger.
Da die »Gazelle« gleichzeitig als Schulschiff für Seekadetten Dienst tat, so
herrschte an Bord desto grössere Ordnung und Disziplin, die Roberts Geduld oft
auf harte Proben stellte.
    Es wurde ihm nicht leicht, aber er gewöhnte sich allmählich daran, und als
das Schiff in die Tropen kam, als er jeden Tag Neues und Fremdartiges sah, waren
die kleinen Sorgen des Anfangs bald überwunden. Er konnte jetzt wieder mit zehn
oder zwanzig Kameraden die Küsten der Inseln durchstreifen und frische Früchte
sammeln, hier und da auf die Jagd gehen oder mit den Eingeborenen verhandeln, er
lernte in den Städten die Lebensweise fremder Völker aus nächster Nähe kennen
und bereicherte nach Möglichkeit seine Sprachkenntnisse.
    Von seinen Eltern und den Freunden im Hochgebirge der Sierra Nevada erhielt
er häufig Briefe, die er alle sorgfältig aufbewahrte. Im Hafen von Haiti
erwartete ihn sogar ein kleines Päckchen, und als er es öffnete, war die Freude
gross.
    Eine Photographie hatten sie ihm von Stockton aus geschickt, und keiner
fehlte darauf. Da standen sie nebeneinander, der liebe alte Mongo mit seinem
schwarzen, ehrlichen Gesicht, der Trapper, auf die lange Büchse gestützt, ernst
und ruhig wie immer; ihm zu Füssen die beiden Hunde und im Hintergrund die
Indianer, halb scheu, halb neugierig, jedenfalls von dem Gedanken der Zauberei
völlig durchdrungen und in diesem Augenblick ihrer Würde so ziemlich beraubt.
Und dann erst erkannte er Gottlieb. Robert lachte laut, als er die Veränderung
seines schüchternen, schmalen Gesichtes sah. Das Haar bis auf die Schultern
herabhängend und mit langem Bart, glich der junge Goldsucher in seinem
Lederanzug und den derben Stiefeln einer Art von Urmenschen. Das wusste er auch
und sagte es selbst. »Ich will mich dir noch in meiner ganzen Wildnispracht
zeigen«, schrieb er, »in einer Gestalt, die ich in wenigen Stunden für immer
ablegen werde. Wir sind auf dem Wege nach San Franzisko, wir kehren zu
zivilisierten Menschen zurück, als reiche Leute, Robert, aber das ganz im
Vertrauen gesagt! - Deshalb, bevor ich den alten Menschen wieder anziehe, nimm
noch ein Andenken an die Vergangenheit, in der wir miteinander gelebt haben.
Jetzt, da es überstanden ist, möchte ich doch die Erinnerung daran nicht
verkaufen!
    Bei ein paar Krämern bin ich hier in Stockton schon gewesen und habe
heimlich das Handwerk gegrüsst. Aber man muss sich ihrer schämen, der Schmutz
liegt in den Ecken, man schenkt Branntwein aus, die Leute sitzen auf allen
Kisten und Tonnen, man streckt die Beine in lümmelhafter Weise von sich und
spuckt, wie es einem Spass macht, auf den Fussboden.
    Ich kehre zurück nach Deutschland, Robert, - im Ledergürtel stecken die
Wechsel - hurra, nach Deutschland!«
    Robert konnte sich von dem Anblick des Bildes kaum trennen. Der Jaguar und
Mongo und die beiden grossen gelehrigen Hunde, - sie weckten in ihm die
Erinnerung an viele schöne Tage.
    Er steckte die Aufnahme zu sich und suchte dann in der nächsten Strasse ein
Wirtshaus. Es war drückend heiss an diesem Tage. Grosse schwarze Regenwolken
verdeckten die Sonne vollständig, und die Luft lag wie Blei auf der Brust. Kein
Windhauch regte sich, die Blätter an den Bäumen hingen schlaff herab, und die
Tiere verhielten sich scheu und teilnahmslos.
    Robert suchte mit noch einigen anderen Matrosen von der Gazelle Schutz unter
einem grossen Leinwandzelt, das einladend mitten in einem Garten lag. Dort wurden
Flaschen aufgefahren, deutsche und englische Zeitungen herbeigebracht und nach
Herzenslust gekneipt. Es war heute der letzte Tag an Land, und das musste noch
wahrgenommen werden. Morgen sollte die Korvette wieder in See stechen.
    Das Bild von Stockton ging von Hand zu Hand. Roberts Abenteuer, von denen er
sonst nie viel sprach, wurden bei dieser Gelegenheit lebhaft erörtert, auch die
andern frischten so manche Erinnerung an eigene Erlebnisse wieder auf, und es
ergab sich eine sehr angeregte Unterhaltung, bei der die jungen Leute ganz
übersahn, dass sich der Himmel immer dunkler färbte und einzelne Blitze die Luft
zerrissen.
    Deutsche Lieder wurden gesungen, heitere Scherzworte den Vorübergehenden
nachgerufen, sobald sie irgendwie die Neckerei der ausgelassenen Schar
herausforderten, und lautes Lachen klang vom Zelt herüber bis zum nahen Hafen,
wo die Schiffe aller Nationen friedlich vor Anker lagen.
    Da erschien plötzlich bleich wie ein Gespenst der Wirt, ein brauner, magerer
Spanier, unter dem Eingang des Zeltes und rang jammernd die Hände. »Madre de
dios«, stammelte er, seine eigene Sprache und ein schlechtes Englisch bunt
durcheinander mischend. »Señores, es kommt, es kommt, - alle vierzehn Notelfer
beschützen uns - flieht, flieht!«
    Die Matrosen sprangen unwillkürlich von ihren Sitzen auf. »Was kommt?«
wiederholten sie. Und einige meinten: »Der Bursche hat den Sonnenstich!«
    »Betet!« ächzte der Wirt. »Betet! - San Christophoro, Santa Anna, Santa
Barbara -«
    »Der Kerl ist verrückt!«
    Aber im nächsten Augenblick verstummten alle derartigen Bemerkungen. Ein
Wirbelwind, urplötzlich und völlig unvorbereitet für jeden, dem die klimatischen
Verhältnisse der Insel fremd waren, ergriff das Zelt, dessen Pfähle wie
Streichhölzer zerbrachen und dessen Leinwanddach, gewaltig aufgebauscht, mit
donnerartigem Krachen zerplatzte. In weniger als einer Minute lagen sämtliche
Männer am Boden, während Tische und Stühle wie lose Blätter vom Sturm entführt
wurden. Überall im Garten knickten und krachten die Zweige der Obstbäume, wurden
ganze Sträucher mit den Wurzeln aus dem Boden gerissen und die Früchte wie von
einem Hagelschauer auf die Erde geschleudert.
    »Lasst uns ins Haus laufen!« rief Robert und raffte sich auf. »Diese
Staubmassen ersticken einen ja förmlich!«
    Der Wirt, auf seinen Knien liegend, das Gesicht in den Händen verborgen,
krümmte sich, als ob er an Krämpfen litte. »Nicht in das Haus! Santissima
virgin, - nicht in das Haus!« schrie er.
    Inzwischen hatte sich die Strasse mit Menschen belebt. Überall stürzten
Männer und Frauen aus den Türen, schreiend, gestikulierend, die Heiligen
anrufend, gänzlich fassungslos wie der Wirt selbst.
    Hoch in der Luft hörte man ein Sausen und Heulen; es rollte wie ferner
Donner. Vor einem Wagen, der gerade in der Nähe stand, scheuten die Pferde,
rissen sich los und stürmten, die Verwirrung nur noch steigernd, durch die
menschenbelebte Strasse.
    Und dann kam das Erdbeben. Mit hohlem Rauschen stieg vor den Augen der
Matrosen, die See von Minute zu Minute höher, die Schiffe rissen an ihren
Ankerketten, und dann plötzlich hob und senkte sich die Erde wie eine atmende
Menschenbrust.
    Es war unmöglich, aufrecht zu stehen. Schwindelnd und kaum noch ihrer Sinne
mächtig, liessen die deutschen Matrosen das Unvermeidliche über sich ergehen,
während ringsum die Südländer in ihrer Lebhaftigkeit durcheinanderschrien oder
laut beteten. Nur als Robert, blass und wie von einem Anfall der Seekrankheit
geschüttelt, zufällig den Kopf hob und sah, dass an der Hafenmauer die Boote von
den Pfählen gerissen und in das hochgehende Meer hinausgetrieben wurden, raffte
er sich gewaltsam auf.
    »Kameraden, unsere Jolle, - unsere Jolle!«
    Er versuchte zu gehen, fiel dabei und versuchte es noch einmal, bis endlich
das Beben etwas abzunehmen schien und Ruhe eintrat. Bevor jedoch die Matrosen,
taumelnd wie Schwerbetrunkene, bis an die Ufertreppen kamen, hatte sich das
kleine Fahrzeug bereits losgerissen und wurde von den zischenden, kochenden
Wellen wie eine Nussschale herumgeworfen.
    Robert sprang schnell entschlossen ins Wasser und schwamm mit langen Stössen
der Jolle nach.
    Vergebens riefen vom Ufer die andern, er hörte nicht. Dicht vor ihm, kaum
noch erkennbar im letzten Dämmerlicht des sinkenden Tages, schaukelte auf den
Wellen das Boot, das ihm anvertraut war und das er erreichen wollte. Sein
leidenschaftlicher Eigensinn hatte ihn einmal wieder gänzlich mit sich
fortgerissen.
    Hart unter den Bug eines spanischen Schiffes ging die Jagd. Robert schwamm,
so schnell er konnte, alle seine Kräfte waren zurückgekehrt, sein Kopf klar und
seine Arme spürten keine Müdigkeit. Die Jolle schien unter dem Fallreep des
Spaniers einen Augenblick lang still zu liegen, sie drehte sich und schaukelte,
ohne vorwärts zu kommen. Robert streckte schon die Hand aus, um sie zu erfassen.
    Aber der nächste Windstoss entführte ihm seine Beute. Ein anderes kleines
Boot schoss unmittelbar neben ihm durch das Wasser, dessen grünschillernde
Oberfläche sich allmählich zu beruhigen begann. Ein einzelner Mann ruderte das
Fahrzeug, das Robert sofort anrief. »Bringt mich an Bord der Korvette Gazelle,
Kamerad«, bat er in englischer Sprache. »Ich bezahle Euch die Mühe.«
    Der Fremde antwortete nicht, aber er duldete, dass Robert in sein Boot
kletterte, und nahm dann seine Rudertätigkeit wieder auf, offenbar, um aus dem
Hafen herauszukommen.
    Robert war ausserstande, in der Dunkelheit das Gesicht seines Begleiters zu
erkennen, aber er glaubte missverstanden zu sein und wiederholte in spanischer
Sprache seine Bitte, ihn an Bord der »Gazelle« zu bringen.
    Der andere hielt nur um so stärker und eiliger aus dem Hafen heraus; jetzt
blieben die letzten Schiffe hinter dem kleinen Fahrzeug zurück, und das offene
Meer, schwarz wie Tinte, war erreicht. Der Ruderer arbeitete unter Aufbietung
aller seiner Kräfte, während Robert, endlich von bestimmtem Verdacht erfüllt,
aufsprang und ihm die geballten Fäuste dicht vor das Gesicht hielt. »Schurke!«
rief er, »willst du nicht hören?«
    Eine tiefe Stimme antwortete ihm. »Hab' ich dich?« klang es mit teuflischem
Frohlocken. »Jetzt kommst du nicht lebend davon!«
    Wie ein Blitz durchzuckte es Robert. Sein scharfes Gedächtnis erkannte
sofort die Stimme, obwohl er sie vor Jahren zuletzt gehört hatte. »Rafaele!«
rief er, »Ihr seid es!«
    »Ich bin es«, wiederholte der Flibustier. »Stirb, Verräter!«
    Und ehe sich Robert zur Wehr setzen konnte, hatte er ihn um den Leib gefasst
und versuchte jetzt, ihn über Bord zu werfen, was allerdings bei der Körperkraft
und Gewandteit des jungen Seemanns keine leichte Sache war und auch nur soweit
gelang, als beide Gegner, unfähig, auf dem schwankenden Boden des Fahrzeuges
sicher zu stehen, eng miteinander verschlungen ins Wasser stürzten und im
Augenblick von den Wellen verschlungen wurden.
    Schon nach einigen Augenblicken tauchten jedoch die Köpfe wieder empor.
Beide Männer waren mit der Gefahr, die sie umgab, viel zu vertraut, als dass sie
nicht versuchten, sich sofort in Sicherheit zu bringen. Ein Ringkampf im Wasser
musste für beide den Tod zur Folge haben.
    Robert behielt seinen Gegner fest im Auge. »Rafaele«, sagte er, »Ihr habt
jetzt kein Kind mehr vor Euch, sondern einen Mann, der entschlossen ist, sein
Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. Weshalb bezeichnet Ihr mich als
Verräter? Ich habe Euer Geheimnis bis zu dieser Stunde mit keinem Menschen
geteilt, darauf mein Wort.«
    Der Flibustier lachte. »Aber Ihr könntet es schon morgen tun«, erwiderte er.
»Solange Ihr atmet, bin ich in Gefahr.«
    Und während er sprach, versuchte er mit einem schweren Faustschlag Roberts
Kopf zu treffen. Der wich ihm aber geschickt aus, und im nächsten Augenblick
schrillte der Ton der Signalpfeife langhallend über das Wasser.
    »Hier!« schrie aus ziemlicher Entfernung Gerbers Bassstimme, und zugleich gab
seine Pfeife Antwort, »hier! Junge, wo steckst du denn?«
    Der Flibustier fiel mit der Kraft der äussersten Verzweiflung über seinen
Gegner her. Er wusste jetzt, dass er keine Zeit mehr zu verlieren hatte und dass es
ihm schlecht gehen würde, wenn ihn die Leute von der »Gazelle« einfingen.
    »Kroll! Kroll!« rief es vom Boot her.
    Nochmals gelang es Robert, das Signal zu wiederholen, dann aber hatte der
Räuber Gelegenheit gefunden, mit einem schweren Schlüssel, den er in der Tasche
trug, die Schläfe seines Gegners zu treffen und ihn dadurch im Augenblick zu
betäuben. Ehe Robert einen Schrei ausstossen oder einen Entschluss fassen konnte,
hob ihn eine heranrauschende Welle auf und entführte seinen anscheinend leblosen
Körper aus dem Gesichtskreis des Räubers, dem jedoch dieser Sieg von keinem
besonderen Nutzen sein sollte, da gerade jetzt das von der Korvette ausgesandte
Boot mit schnellen Ruderschlägen herankam.
    »Hallo, Kroll!« rief Gerber, »gib Antwort!«
    Der Räuber schwamm, so schnell er konnte, dem offenen Meere zu. Vor allen
Dingen durften ihn die deutschen Seeleute nicht sehen. Einen Fluch nach dem
andern murmelnd entzog er sich ihren Blicken, wobei er jedoch vom Hafen zunächst
ganz abgeschnitten wurde. Er sah, dass die Matrosen im Boot nach allen Seiten
Ausschau hielten.
    »Das ist eine fremde Jolle«, hörte er Gerbers Stimme sagen, ohne natürlich
den Sinn der Worte mehr als nur erraten zu können. »Der Kroll muss ertrunken
sein.«
    »Das ist doch unmöglich«, meinte ein anderer. »Jedes Kind könnte bei solchem
bisschen Wind den Hafen wieder erreichen. Es war ja nur eine Mütze voll.«
    »Ganz gleich, aber wo ist denn der Kroll geblieben?«
    »Dort! Dort!« rief plötzlich einer der Matrosen. »Ich sah seinen Kopf.«
    Man steuerte der bezeichneten Stelle zu, aber die meisten der Leute glaubten
doch, dass sich ihr Kamerad geirrt haben müsse. »Weshalb sollte denn Robert nicht
antworten?« fragten sie.
    »Nun, wisst ihr denn, ob er überhaupt noch lebt?«
    »Wäre er tot, so könnte der Körper nicht treiben.«
    Das war richtig, man ruderte also schweigend mit aller Kraft der angegebenen
Richtung nach.
    Der Kutter durchschnitt, von zwölf Paar kräftigen Armen getrieben, in
rascher Fahrt die Flut. Manchmal glaubten die Matrosen mit Sicherheit einen
schwimmenden Menschen zu sehen, aber im nächsten Augenblick war die Erscheinung
verschwunden. Schon machte sich unter den Leuten eine abergläubische Furcht
bemerkbar. »Vielleicht ist es der Klabautermann«, sagte einer, »er lockt uns
mitten in der Nacht auf das offene Meer hinaus, und keiner von uns sieht lebend
das Schiff wieder.«
    Gerber setzte die Signalpfeife an den Mund. Lang anhaltend rollte der Ton
über das Wasser, - dann horchten alle.
    Es erfolgte keine Antwort.
    Aber wenn man auch mit dem Ohr nichts wahrnehmen konnte, so war doch das,
was man sah, desto beängstigender. Ein Streif wie das Kielwasser eines schnell
dahingleitenden Bootes zog sich durch das Wasser, grünlich glänzend,
schaumbedeckt und in Kreisen verrinnend, - eine Flosse wie ein Dreizack hob sich
aus den Wellen.
    Und dort, - dort, wieder das Gesicht von vorhin, jetzt in wilder,
verzweifelter Flucht, - Arme, die das Wasser teilten, ein Kampf zwischen Mensch
und Raubtier, ein Peitschen und Schlagen, dann ein grässlicher Schrei, ein
Knirschen wie von einer Säge -
    Konnte es Robert sein? - Weshalb sollte er nicht geantwortet haben?
    Die Matrosen sahen sich um, schreckensstarr, mit bleichen Gesichtern. Nichts
vom Hafen, nichts von der Korvette, - nur dunkle, tiefschwarze Nacht ringsum.
    »Der Klabautermann!« flüsterten sie. »Gott stehe uns bei.«
    Einer tauchte die Hand in das Wasser, und als der Schein eines Streichholzes
die herabfallenden Tropfen beleuchtete, da war es rot von Blut.
    Was hätte es jetzt noch genützt, weiter nachzuforschen? Ob Robert, ob ein
anderer, - den dort der Hai angegriffen hatte, der brauchte keines Menschen
Hilfe mehr.
    Aber geheimnisvoll war das ganze Abenteuer. Ein herrenloses Boot, ein
schweigender Mann, der hinausflüchtete auf das Meer, warum, wusste niemand zu
sagen, - die tiefe, nächtliche Stille, die Erinnerung an das kaum überstandene
Erdbeben, alles das wirkte unheimlich und beklemmend auf die Herzen der Männer.
    Schweigend, ohne ein Wort zu sprechen, suchten sie den Rückweg. Allmählich
traten die Lichter am Strande, die dunklen Umrisse der Schiffe und das Geräusch
der Stadt wieder deutlicher hervor, und Gerber, als der Führer des Bootes,
begann sich zu orientieren. »Mehr Steuerbord«, wies er den Mann am Ruder an,
»ich weiss, dass wir das Schwimmfloss dort passiert haben, - es war die Stelle, an
der wir das Signal hörten. Armer Kerl! Ein so guter Kamerad!«
    Und Gerber schwieg, weil er fürchtete, dass weitere Worte nicht mehr ganz
sicher klingen würden. Die Matrosen ruderten so schnell wie möglich, um dem
Abenteuer ein Ende zu machen.
    Das Schwimmfloss war jetzt fast erreicht, die breite Wasserstrasse zwischen
der Doppelreihe der Schiffe öffnete sich vor ihnen, da - erklang plötzlich aus
derselben Richtung wie vorhin die Signalpfeife, nur schwächer, matter als sonst.
    Auf den Köpfen der Matrosen sträubten sich die Haare. Sie hielten wie auf
Verabredung mit Rudern ein und wagten kaum zu atmen. Dort, wo Robert zuletzt
gelebt und die Kameraden zur Hilfe gerufen hatte, dort hielt sie jetzt der
Klabautermann zum besten.
    
    Gerber war der einzige, der sich aufzuraffen vermochte. Schweisstropfen
perlten auf seiner Stirn, die antwortenden Klänge seiner Signalpfeife zitterten
wider Willen, aber dennoch bewahrte der gemütliche Maat seine ganze Würde.
»Vorwärts!« befahl er. »Wer sich weigert, mir zu gehorchen, wird dem
Kommandanten gemeldet.«
    Das half. Einige Mutige rissen die anderen mit sich fort, das Boot wurde
wieder flott und kam dem Schwimmfloss näher. Im Dunkel erkannte man in
halbliegender Stellung eine menschliche Gestalt. Ein Arm streckte sich dem Boot
entgegen.
    »Jungens!« sagte eine schwache Stimme, »seid ihr es?«
    Gerber räusperte sich zweimal, bevor er sprechen konnte. Dann trat er hart
an den Bootsrand. »Im Namen Gottes, sag, wer du bist!« rief er.
    »Gerber!« kam es zurück. »Ach, Gott sei Dank, dass ihr da seid. Nehmt mich
auf, ich glaube, der Schurke hat mir den Kopf zerschlagen.«
    Jetzt erkannten alle, dass sie den totgeglaubten Kameraden lebend vor sich
hatten, und jeder wollte der erste sein, der vor sich selbst und den andern die
abergläubische Furcht von vorhin zu leugnen suchte. Robert wurde von allen
Seiten mit Fragen bestürmt.
    Er konnte sich kaum mit Hilfe der anderen bewegen. Ihn schwindelte, und der
Kopf schmerzte zum Zerspringen. Nur in Bruchstücken erfuhren die Matrosen, was
geschehen war.
    Rafaele hatte, als er Robert umbringen wollte, auf eine so entsetzliche
Weise den eigenen Tod gefunden; der Mörder, dem nichts heilig war, hatte sich
widerstandslos durch das grobe, physische Recht des Stärkeren besiegen lassen
müssen.
    Als das Boot zur Korvette zurückgekehrt war, wurde Robert sofort ins
Lazarett gebracht und konnte erst nach mehreren Tagen alle Einzelheiten der
ganzen Sache zu Protokoll geben, wobei ihm die Aussagen sämtlicher Bootsgasten
ergänzend zu Hilfe kamen. Der Kapitän hielt sich jedoch nicht für berufen, nach
dem Tode Rafaeles noch den kubanischen Behörden eine Mitteilung zu machen.
    Robert freute sich darüber sehr, weil doch sonst sein einstiger Wohltäter,
der Koch, mit den andern hätte büssen müssen. Wie er von den Wellen auf das
Schwimmfloss geschleudert worden war, erinnerte er sich später nicht mehr, und
auch die Jolle blieb verschwunden, - nur dem Bild Gottliebs und der Indianer war
nichts geschehen, da es bei dem plötzlichen Erscheinen des Wirtes auf dem Tisch
gelegen hatte und nachher von den Matrosen mitgenommen worden war. Robert aber
dankte dem Himmel, in allem so gut davongekommen zu sein.
    Von der Westindien-Fahrt der Gazelle kam er im Jahre 1872 nach Deutschland
zurück, machte mit demselben Schiff noch eine zweite Reise und ging dann,
nachdem seine Dienstzeit abgelaufen war, freiwillig auf die Arkona, bis es im
Frühjahr 1874 bekannt wurde, dass die Gazelle eine wissenschaftliche Reise um die
Erde antreten werde. Robert bewarb sich darauf hin sofort um die Erlaubnis,
diese Fahrt mitmachen zu dürfen, und als er sie erhalten hatte, nahm er Urlaub,
um vorher noch einmal sein Heimatstädtchen zu besuchen.
    Schon im Jahre 1872 hatte er die längsterwartete Nachricht vom Tode seines
Vaters erhalten, und das Wiedersehen mit der alten Mutter war daher sehr ernst
und wehmütig, besonders, da er die stille Hoffnung der alten Frau, dass ihn der
Besitz des väterlichen Vermögens bewegen könne, an Land zu bleiben, - doch trotz
aller Liebe nochmals enttäuschen musste. Er fand die Mutter immer noch gesund, im
übrigen aber auch seinen Freund Gottlieb als wohlhabenden Hausbesitzer und
Krämer, mit grüner Schürze und roten Fäusten, mit dem gleichen bescheidenen
Wesen und in dem Laden, den er sich genau nach dem Muster des abgebrannten
Häuschens wieder aufgebaut hatte. Eine niedrige Decke, ein enges
Arbeitszimmerchen, ein sicherer Hofraum und zwei mächtige Eisenstangen, mit
denen er in dem harmlosen Pinneberg allnächtlich die Haustür versperrte, - das
war Gottliebs Paradies.
    Der junge Kaufmann führte seinen Freund in das kleine Hinterzimmer und holte
aus dem Keller eine Flasche Wein herauf. »Ich kann wirklich nicht klagen«,
schmunzelte er. »So kleine zehntausend Mark sind in guten Hypoteken angelegt,
und das Haus ist schuldenfrei, alles was du siehst, bar bezahlt. Die Goldkörner,
die mir meine Squaws aus dem Quarz herausklauben mussten, haben gut vorgehalten.«
    Robert gratulierte lachend und fragte dann nach Mongos Schicksal.
    »Dem geht es gut!« erwiderte Gottlieb. »Er hat für seinen Anteil unseres
Verdienstes in New York eine kleine Schenke gekauft und kann nun auch seinem
Sohn die Steuermannslaufbahn ermöglichen. Als wir uns trennten, wünschte er vom
Leben nur noch, dass es euch beide einmal wieder zusammenführen möchte.«
    Robert hob das Glas, um mit Gottlieb anzustossen. »Auf die Verwirklichung
dieses Wunsches«, sagte er. »Und darauf, dass jeder von uns sein Ziel erreicht,
so verschieden es auch sein mag.«
    Der junge Kaufmann erhob sich. »Wart einen Augenblick!« bat er, »ich möchte
dazu erst meine Eltern herbeiholen.«
    Und dann brachte er die beiden alten Leute und legte die Hand seines blinden
Vaters in die des Freundes. »Das ist Robert«, sagte er mit etwas unsicherer
Stimme, »der, dem wir alles verdanken, der mich unter Gefahr seines eigenen
Lebens gerettet hat und -«
    »Als der Schafbock in der Nähe war!« raunte ihm Robert ins Ohr, um das
beabsichtigte Kompliment zu unterbrechen und keine Rührung aufkommen zu lassen.
»Du irrst dich übrigens, es war Mongo, der sich dem reissenden Tier tollkühn in
den Weg warf.«
    Da war es denn aus mit dem Ernst; man lachte und neckte unbarmherzig den
jungen Hausherrn, der so wunderbar Fersengeld gegeben hatte, als ihm das Horn
des Moufflons durch die Büsche entgegenschimmerte. Um aber gerecht zu bleiben,
erzählte Robert ausserdem auch die Geschichte, als Gottlieb durch seine
Geistesgegenwart auf der Insel in der Magelhaensstrasse die ganze
Schiffsmannschaft vor dem Verderben bewahrt hatte, eine Tatsache, die der
bescheidene, junge Mensch eben um ihrer Wahrhaftigkeit willen nie erwähnt hatte,
obgleich er andererseits den schaudernden Kunden im Laden die unglaublichsten
Geschichten vorfabelte und sich Gefahren andichtete, die er niemals bestanden
hatte und die, aus der Nähe besehen, doch sehr merkwürdig anmuteten.
    Robert trennte sich von ihm und der Heimat überhaupt in dem Bewusstsein,
glückliche und geordnete Verhältnisse zurückzulassen, besonders als ihm Gottlieb
zum Schluss noch anvertraut hatte, dass er bei der diesjährigen Einberufung
zunächst zur Ersatzreserve überschrieben worden sei. »Seit ich das wusste, habe
ich mir noch eine Versicherungsagentur zugelegt und will ausserdem eine
Wirtschaft eröffnen.«
    Robert wünschte ihm von Herzen alles mögliche Gute, aber er begriff doch
noch weniger als sonst, wie etwas so Enges und Begrenztes ein Menschenleben
ausfüllen konnte.
    »Und du möchtest nicht noch mehr von der Welt sehen?« fragte er.
    »Behüte mich Gott!« rief der junge Kaufmann schaudernd. »Ich bin mit dem
zufrieden, was ich hier habe. Sich Gefahren aussetzen, nur durch ein paar
Bretter von der Tiefe des Meeres getrennt sein und so seine Tage hinbringen,
heisst in jeder Stunde Spiessruten laufen!«
    Robert geriet immer mehr in Eifer. »Aber tausend neue Schönheiten sehen,
immer lernen, immer mehr erkennen und seinen Gesichtskreis erweitern; ist das
denn nicht der Mühe wert?« rief er.
    Gottlieb nickte. »Du hast schon recht! Aber dann lese ich lieber zu Hause
die Schilderungen solcher Reisen und lasse mir auf diese Weise neue Erkenntnisse
vermitteln. Das macht die Sache angenehmer und billiger.«
    Jetzt lachte Robert. »Du Erzphilister«, sagte er, »du eingefleischter
Spiessbürger. Wir wollen uns nicht länger streiten, es kommt dabei nichts heraus,
weil wir eben Gegensätze bilden. Aber etwas anderes gibt es noch, wobei wir uns
hoffentlich besser verstehen. Gottlieb, wenn du wirklich glaubst, mir einigen
Dank schuldig zu sein, - willst du ihn abtragen an meiner Mutter? Darf ich dich
bitten, ab und zu nach ihr zu sehen und ihr beizustehen, wenn es notwendig sein
sollte?«
    Der junge Kaufmann ergriff die Hand seines Freundes und schüttelte sie
herzlich. »Verlass dich auf mich!« sagte er fest.
    Robert gab gerührt den Händedruck zurück. Als er sich von Gottlieb
verabschiedete, wusste er, dass die alte Mutter immer einen Halt und einen treuen
Helfer in ihm finden werde.
    Die Trennung von ihr selbst wurde schwer, sie war für beide ein
schmerzvoller Augenblick, und nur das feste Gottvertrauen der alten Frau half
ihr über die abermalige Enttäuschung hinweg, während Robert bereits das neue
Ziel vor Augen hatte und dadurch den Abschied leichter verschmerzte.
 
                                  Um die Erde
Am 21. Juni verliess die Gazelle den Hafen von Kiel, um zunächst mehrere
Wissenschaftler zu astronomischen Beobachtungen nach der Kergueleninsel im
südlichen Eismeer zu bringen. Der eigentliche Zweck der Reise lag jedoch in der
Erforschung des Meeresbodens und der Erkundung sicherer und kürzerer Seewege.
    Die Engländer hatten nacheinander mehrere Schiffe ausgeschickt, hatten
bedeutende Entdeckungen gemacht und mit ihren Schleppnetzen in einer Tiefe von
500 Meter das Meer erkundet, - weshalb sollte man es also nicht auch von
Deutschland aus versuchen.
    Die Reichsregierung liess die Korvette Gazelle für diese Aufgabe ausrüsten,
das Schiff ging in See, und schon in den ersten Tagen des Monats Juli wurden
Tiefenmessungen vorgenommen, die auf der Höhe von Madeira das Resultat von 4800
Meter ergaben. Robert hatte sich ein kleines, verschliessbares Buch angeschafft,
in das er jeden Tag die Erlebnisse dieser interessanten Reise niederschreiben
wollte. Er war sehr glücklich darüber, diese Fahrt der Gazelle mitmachen zu
dürfen, die ihm kein Handelsschiff, aber auch kein anderes Kriegsschiff jemals
bieten konnte.
    Handelsschiffe fahren nur um des materiellen Nutzens willen, sie müssen vor
allen Dingen Zeit sparen, daher wählen sie die bekanntesten Verkehrswege,
umgehen alle Gefahren und vermeiden jeden Aufentalt, der nur dem Reeder Geld
kostet, ohne irgendwelchen Gewinn zu bringen. Robert wusste zum Beispiel, wie
ungern die Handelsschiffkapitäne loten, und dass sie, sobald das Schiff etwa
hundert Faden Tiefe unter dem Kiel hat, sofort alle weiteren Versuche aufgeben,
also den Grund des Meeres nur in sehr seltenen Fällen kennenlernen können. Um so
interessanter waren ihm daher jetzt die Tiefenmessungen, die in bestimmten
Zwischenräumen von Zeit zu Zeit wiederholt wurden.
    In Funchal, der Hauptstadt von Madeira, lag das Schiff nur zwei Tage vor
Anker, Robert konnte daher von der Insel nur wenig kennenlernen, desto mehr aber
war er jetzt auf den Pik von Teneriffa gespannt, der einige Tage später in Sicht
kam, obgleich die Insel selbst nicht angelaufen wurde. Dieser Vulkan, dessen
Spitze schon in einer Entfernung von zwanzig Meilen aus dem Meer aufsteigt, war
von grossartiger, überwältigender Schönheit, und Robert bedauerte lebhaft, nicht
zeichnen zu können, um den Eindruck dieses Bildes, so wie es sich ihm bot, für
sich festzuhalten.
    Um den Fuss des Berges zog sich ein üppiger Pflanzenwuchs, der jedoch
stufenweise nach oben hin immer dürftiger wurde, bis endlich unterhalb des
kegelförmigen Gipfels das Ganze in eintöniges Grau überging. Hier bestand der
Berg nur noch aus vulkanischer Asche, Bimsstein und Lava. Auf dem höchsten
Gipfel schimmerte es von den letzten Überresten des kaum geschmolzenen
Winterschnees, und aus mehreren Spalten drang ständig dichter Rauch hervor.
Robert hatte noch keinen Vulkan gesehen, er wäre deshalb am liebsten an Land
gegangen und hätte den Berg näher erforscht.
    Den Dienst an Bord kannte er jetzt genau, und an die strenge Disziplin hatte
er sich gewöhnt. Der junge Bootsmannsmaat war bei seinen Matrosen beliebt, von
den Vorgesetzten geachtet und durch die Erbschaft seines Vaters ein unabhängiger
Mensch, - unter solchen Voraussetzungen wurde diese Reise für ihn wirklich ein
grosses und schönes Erlebnis. Er hatte jetzt erkannt, wie notwendig es ist, sich
an Bord eines Schiffes der Gemeinschaft unterzuordnen. Was er in seinem
jungenhaften Übermut nicht einsehen wollte, das hatte er nun gelernt: nicht
darauf kam es an, den eigenen Trotz und Willen durchzusetzen, sondern sich zu
beherrschen und durch Vernunft und Gehorsam dem Wohl des Ganzen zu dienen.
    Langsam, wie er aufgetaucht war, versank der Pik von Teneriffa im Meer, und
wieder umgab die endlose See das Schiff. Dann aber kam São Tiago in Sicht, und
bei Praia warf die Korvette Anker, um Kohlen zu übernehmen.
    Robert ging auch diesmal an Land, aber der Vergleich mit Madeira, dem
schönen, blühenden Madeira, fiel für die Insel Sao Tiago nicht gerade
vorteilhaft aus. Das ganze Land bestand aus wildzerrissenen und zerklüfteten
rötlichbraunen Felszacken, die nur an sehr vereinzelten Stellen mit einem
spärlichen, unschönen Pflanzenwuchs bedeckt waren. Robert hörte, dass es hier nur
zwei oder dreimal im Jahre regne. Da konnte natürlich kein Pflanzenwuchs
gedeihen. Er sah aber auch nichts, das auf Ackerbau oder Tierzucht hingedeutet
hätte. Die Bedeutung des Hafen beruhte allein auf der Kohlenstation, um
derentwillen vorüberfahrende Schiffe die Insel überhaupt nur anlaufen. Nachdem
die »Gazelle« ihren Vorrat übernommen hatte, verliess sie schon am 29. Juli, also
nach zwei Tagen, den Hafen, um dafür die Negerrepublik Liberia zu besuchen.
Robert sollte jetzt auch Afrika kennenlernen, Mongos Vaterland, von dessen
tropischer Schönheit ihm der Alte so viel erzählt hatte und das deshalb immer
schon das Ziel seiner Wünsche gewesen war. Das Königreich Dahomei mit den
Ankerplätzen Palma und Lagos, lag östlicher als Liberia, das wusste er, aber es
war ja dasselbe Land und musste demnach ganz ähnlich beschaffen sein. Er freute
sich schon auf den Brief, den er dem Alten aus seiner Heimat nach New York
schreiben wollte.
    Konnte auch Mongo vielleicht nicht lesen, so gab es doch Leute genug, die
ihm den Inhalt des Schreibens auseinandersetzen würden, und Robert sah schon im
Geist den Neger schmunzeln: »Dieser junge Spitzbube!«
    Weiter und weiter verfolgte die »Gazelle« ihren Kurs. Jetzt musste Robert
wieder einmal die glühende Hitze des tropischen Sommers ertragen; schlaff hingen
alle Segel herab, das Deck flimmerte im Sonnenschein, der Dienst wurde auf ein
Mindestmass beschränkt und den Leuten nach Möglichkeit mehr Freiheiten gestattet.
    Nach sechs Tagen kam die afrikanische Küste in Sicht. Vom Kap Mesurado wehte
die Flagge der Negerrepublik und dann, am 4. August, erschien der Lotse.
    Diejenigen unter den Matrosen, die bisher noch nicht in Afrika gewesen waren
und daher auch die Landessitten noch nicht kannten, wandten sich ab, um ihre
Heiterkeit zu verbergen. Der Afrikaner erschien nämlich nur mit einem
Lendenschurz aus Baumwollstoff bekleidet, und weil daran selbstverständlich
keine Taschen angebracht waren, so trug er das Lotsenpatent in einer Blechkapsel
am Hals.
    Seine guten Navigationskenntnisse liessen jedoch den schwankenden Respekt der
Matrosen sehr bald zurückkehren, und am 5. August konnte die »Gazelle« an der
Mündung des St. Paulsflusses vor Anker gehen.
    Wie ganz anders, wie urweltlich und ursprünglich, von Technik und
Zivilisation vollständig unberührt, erschien dieses Land. Die Stadt selbst war
nur ein Dorf mit ungepflasterten, unbeleuchteten Strassen, der Hafen klein und
nichts weiter als eine natürliche, zum Ankern günstige Bucht, der St. Paulsfluss
endlich brach unmittelbar aus dem Urwald hervor und mündete, ohne dass die Ufer
befestigt oder durch eine Brücke verbunden waren, ins Meer. Überhaupt begann
unmittelbar hinter den letzten Häusern der bescheidenen, dörflichen Stadt die
Wildnis, so dass man mit Rücksicht auf die Gefahren, die ein Eindringen in den
Urwald mit sich brachte, von einem eigentlichen Erkundungszug ganz absehen
musste, jedenfalls auf dem Land. Die Dampfpinasse der Korvette dagegen machte
schon am nächsten Tage eine Fahrt auf dem St. Paulsfluss, und selbstverständlich
war Robert auch hier wieder der erste, der ins Boot sprang, ohne ein Kommando
abzuwarten. Der erste Offizier kannte ihn ja und wusste, dass er an solchen
Streifzügen Freude hatte, während viele andere, darunter besonders Gerber,
glücklicher waren, wenn ihnen unnötige Strapazen erspart blieben. Diese übrigens
nur kurze Fahrt durch den Urwald gehörte später zu Roberts schönsten
Erinnerungen, und auch Doktor Hüsker, der Zoologe, der als Wissenschaftler an
der Reise teilnahm, erfreute sich einer reichen Ausbeute wunderschöner
Schmetterlinge und verschiedener, auf der Oberfläche des Wassers lebender
Insekten, besonders Spinnen und Käfer, die hier in vielen Arten vorkamen.
    Der Fluss war zu breit, als dass man von seiner Mitte aus beide Ufer
gleichzeitig beobachten konnte; die Pinasse hielt sich daher auf einer Seite,
aber auch hier gab es genug Interessantes und Schönes zu sehen. Ein Stück von
der Stadt entfernt lagen ab und zu unter Palmen die leichtgebauten Hütten der
Neger, während im Freien dicht davor jedesmal aus grossen Steinen ein Herd
errichtet war und über einem Holzfeuer der Eisenkessel mit Palmenkernen
brodelte. Die Bereitung des Palmöls ist fast das einzige, was an Arbeit von der
schwarzen Bevölkerung geleistet wird und womit sie sich etwas Geld verdient. In
diesen Breiten wächst beinahe alles, was die Menschen brauchen, wild im Urwald.
Was sollte also die Schwarzen bewegen, zu arbeiten?
    Es gibt am Äquator keinen Frost, keinen Winter, man braucht keine
schützenden Wände und keine wärmenden Kleider, man kennt keinen Luxus, also wozu
die Mühe, die Sorge?
    Blühende Mimosen und Akazien, ein Gewirr von Schlingpflanzen mit
wunderschönen, glockenförmigen oder langgestielten lilienartigen Blüten,
schlanke Palmen, Bananen-, Brot- und Parabäume säumten das Ufer, das sich einmal
steil aus dem Wasser erhob, dann wieder flach und von grünem Moos überzogen den
Fluss begrenzte. Robert sah Nashornvögel und manchmal eine träge im Sonnenschein
daliegende zusammengerollte Schlange, aber ein grösseres Raubtier war ihm noch
nicht zu Gesicht gekommen. Hätte er doch an Land gehen und mit einigen Kameraden
das Jagdglück versuchen dürfen!
    Aber daran war nicht zu denken. Noch am selben Tage sollte die Korvette
wieder in See gehen, also wäre jede etwaige Verzögerung streng bestraft worden,
- Robert schlug sich schweren Herzens die Sache ganz aus dem Kopf.
    Immer schöner und blühender wurde das Ufer. Dichte Laubwände,
undurchdringlich wie feste Mauern aus Blättern und Blüten, traten bis dicht an
das Wasser heran. Sie strömten einen berauschenden Duft aus, der Wind fächelte
leise, und fast betäubend drückte die Hitze.
    Roberts Gewehr kam nicht aus der Hand, sollte es denn nichts, gar nichts zu
schiessen geben?
    Aber dort! - Ein Schatten glitt über das Moos, die Ranken brachen und
zitterten, ein Paar glühende Augen spähte aus dem Gebüsch hervor.
    Robert fuhr auf. Mit einer Handbewegung verständigte er die andern. »Ein
Leopard! - Ein Leopard!«
    Und jetzt zeigte sich das Tier in ganzer Grösse auf der Lichtung. Mit
glühenden Lichtern und wild gesträubtem Haar, den schön gefleckten, schlanken
Körper gekrümmt und leise mit dem langen Schweif peitschend, stand der Leopard
am Wasser und hielt die Augen fest auf das Schiff geheftet. Offenbar ahnte er
nichts von der Gefahr, die ihm drohte.
    Die Pinasse stoppte ihre Fahrt, - langsam hob Robert die Büchse und legte
an.
    »Jetzt! Jetzt!« flüsterte Doktor Hüsker.
    Der Schuss krachte, und sich überschlagend stürzte das Raubtier tödlich
getroffen auf den Sand. Ganz nahe am Wasser zuckte der Körper, noch einmal
schlugen die Läufe um sich, dann dehnte sich das Tier, verlor dabei seinen
letzten Halt und stürzte in den Fluss, dass die Wellen über ihm zusammenschlugen.
Noch sekundenlang regte sich der Körper.
    Ebenso schnell aber war er von der Pinasse aus mit einer bereitgehaltenen
Schlinge eingefangen. Noch drei oder vier Minuten vorsichtiger Arbeit, dann lag
die Jagdbeute auf dem Verdeck, und Blut und Wasser liefen aus den Speigatten
heraus.
    Robert wurde von allen Seiten beglückwünscht und einstimmig als Besitzer des
schönen Felles anerkannt. Doktor Hüsker verstand es, das Abziehen sachgemäss zu
leiten und später das Zubereiten und Trocknen selbst zu besorgen, - Robert
durfte also mit Recht hoffen, der Mutter daheim in Pinneberg für die kalten
Winterabende eine warme, weiche Decke schicken zu können, und darüber freute er
sich von Herzen.
    Er dankte bescheiden, als ihm das Leopardenfell zugesprochen wurde, aber er
war traurig, als man die Pinasse wendete.
    Es ging zurück zum Schiff, von dem aus der Kapitän, Freiherr von Schleinitz,
inzwischen dem deutschen Konsul, Herrn Brohme, und dem Präsidenten Roberts einen
Besuch gemacht hatte. Das Fell des Leoparden wurde allgemein bewundert und von
der Mannschaft, besonders von den Kadetten, mit liebäugelnden Blicken
betrachtet, aber Robert bewahrte sein Eigentumsrecht, schon um ein Andenken
dieses Tages mit nach Deutschland zu bringen.
    Am Abend ging es weiter, diesmal nach Ascension, einer kleinen, mitten im
Atlantik gelegenen einsamen Insel, die nur angelaufen wurde, um überall auf dem
Wege dortin zu loten und Tiefe und Beschaffenheit des Meeresgrundes möglichst
genau festzustellen. Die Fahrt verlief auch diesmal glücklich. Ohne Zwischenfall
wurde die kleine Himmelfahrtsinsel erreicht, auf der Robert wieder einmal Berge
bestieg, die allerdings wenig bedeutend und nicht gerade interessant waren. Am
Strande wurden ein paar riesenhafte Schildkröten als willkommene Zugabe für den
Tisch der Mannschaft erlegt, weiter bot das Eiland nicht Bemerkenswertes.
    
    Im Meer aber entdeckte man nördlich von Ascension bei einer Tiefe von 3300
und 3000 Meter zwei verschiedene unterseeische Gebirge von 700 und 1000 Meter
Höhe, - eine sehr interessante Beobachtung, die für die Wissenschaft von grosser
Bedeutung war.
    Ein Tag auf Ascension, dann wieder zurück nach Afrika. So ging es kreuz und
quer über den Atlantischen Ozean.
    Jetzt sollte die Mündung des Kongo erreicht werden, des zweitgrössten Stromes
der Erde, dessen Wassermassen selbst die des Mississippi noch bedeutend hinter
sich lassen. Der Kongo wurde erst später durch den berühmten Zug des Amerikaners
Stanlei in seiner ganzen Länge erforscht, damals kannte man nur die Mündung des
Flusses, dagegen noch nicht seinen Lauf. Es war der gefährlichen Stromschnellen
wegen nicht möglich, weiter als nur etwa dreissig Meilen stromauf zu fahren. Die
Mannschaft der »Gazelle« unter Führung des Kapitäns erreichte auf der
Dampfpinasse die holländische Faktorei Boma, wobei zugleich überall gelotet
wurde und beide Gelehrte, der Botaniker Stabsarzt Doktor Naumann und der Zoologe
Doktor Hüsker, eine reiche Ausbeute machten. Besonders überraschend wirkte auf
Robert der Affenbrotbaum, dieser Elefant der Pflanzenwelt. Stämme von 20 Meter
Höhe bei einem Durchmesser von 7 Meter, also ganz ungestalte, gleichsam
verkrüppelte Gewächse, waren hier nichts Seltenes. Als die unförmigen Zweige,
deren Länge von einem Ende zum andern oft mehr als 40 Meter beträgt, an einer
Stelle über den Fluss hinauswuchsen, konnten die Matrosen einige reife Früchte
mit Handspaken herunterschlagen. Jeder kostete von dem Fleisch, doch nur wenige
fanden den süssen Brei einigermassen essbar. Interessanter war es schon, als Doktor
Naumann erklärte, wie sich die Neger aus den zu Asche verbrannten Schalen der
Frucht in Verbindung mit Palmöl eine sehr gute Seife bereiten.
    Auf dem Markt von Boma herrschte ein buntes Leben. Die Neger tauschten dort
ihre eigenen Produkte gegen europäische Waren, vor allem gegen Alkohol, dem sie
sehr verfallen sind. Robert sah plötzlich einen sonderbaren Zug von offenbar
Halbbetrunkenen, die alle bei trockenstem Wetter unter bunten Regenschirmen
einherzogen und in ihrer Mitte einen Mann führten, der sich laut und
gestikulierend wie ein Sieger gebärdete. Alles Volk staunte aus ehrerbietiger
Ferne.
    Die Europäer erkundigten sich natürlich eingehend und fragten solange, bis
ihnen ein alter Holländer die erwünschte Auskunft gab. Unter den Negern dieser
Gegend herrscht noch die bis zum vierzehnten Jahrhundert auch in Europa übliche
Sitte der Gottesurteile, und zwar durch Anwendung des Hexentrankes. Er wird aus
bestimmten, wahrscheinlich in jedem Lande anders gebräuchlichen Bestandteilen
zusammengebraut und dem Verdächtigen eingeflösst. Erkrankt oder stirbt der Mann,
so ist seine Schuld bewiesen, konnte dagegen, vielleicht vorbereitet, sein Magen
dem Angriff widerstehen, so wird er in feierlichem Zuge durch die Stadt geführt
und mit allen Ehren freigesprochen. Er ist unschuldig, - Gott selbst hat
gerichtet.
    Nachdem der Kongo vermessen worden war, ging die Gazelle nach Kapstadt. Auf
dem Wege bot sich den jetzt schon verwöhnten Seeleuten ein wunderbares
Schauspiel. Sie sahen eines Nachts um das Schiff herum das sogenannte
Meeresleuchten, das von winzig kleinen, spindelförmigen Tierchen erzeugt wird,
die sich zu Millionen an einer Stelle versammeln und das Wasser gleichsam zum
Glühen bringen. Der Zug schwamm vorüber, und von Bord wurde mit dem Schleppnetz
eine Menge dieser kleinen Tierchen heraufgeholt, ohne jedoch den eigentlichen
Wunsch des Zoologen zu erfüllen; denn ausserhalb ihres Elementes leuchten sie
nicht mehr.
    Am 26. September lief die Korvette in die Tafelbai ein, benannt nach dem
1100 Meter hohen Tafelberg, zu dem noch im Westen der Löwenkopf und im Osten der
Teufelspik hinzukommen. Kapstadt selbst machte auf Robert keinen andern Eindruck
als andere Hafenstädte auch, es herrschte das gleiche Getriebe wie überall, und
das Durcheinander von Weissen und Farbigen war ihm ja nichts Neues mehr.
    Aber schon nach wenigen Tagen begann die Fahrt nach der Kergueleninsel im
südlichen Eismeer, die für die Gazelle weniger angenehm und ruhig, wenn auch
sonst glücklich verlief. Stürme, hoher Seegang, Nebel und Regenwetter wechselten
miteinander ab, doch am 26. Oktober erreichte das Schiff wohlbehalten die Insel
und lief in die Bucht von Betsy-Corn ein, dem geschütztesten Ankerplatz, um dort
die Astronomen zu landen und sie, so gut es ging, unterzubringen.
    Auf Kerguelen wollte der Kapitän etwa vierzehn Tage bleiben, Robert fand
daher Gelegenheit, die Insel nach allen Seiten zu durchstreifen, obgleich er
nirgends einen besonders schönen Punkt entdecken konnte. James Cook, der
bekannte Weltumsegler, nannte Kerguelen einfach das Desolationsland, das
Verzweiflungsland, und wirklich schien es den Leuten von der Gazelle, als habe
er damit das richtige getroffen. Kein Tier ausser den Wasservögeln, kein Baum,
keine Blume, nur ein riesiges Gewächs, eine Art Kreuzblume, der Kerguelenkohl,
der als Gemüse zubereitet wirklich gut schmeckte und dessen Saft Doktor Naumann
ein erprobtes Mittel gegen den Skorbut nannte.
    Vom Land aus sah Robert wieder Walfische speien, ebenso entdeckte er auch
Robben und alle Arten von Seevögeln, jedoch keinerlei jagdbares Wild. Am 12.
November begann die Gazelle ihre Forschungsreise nach der Westküste der Insel,
und von dort wurde unter persönlicher Führung des Kapitäns eine Expedition in
das Innere unternommen.
    Alles nur Stein und Fels, sonst nichts. Wohl nie vorher hatte ein. Mensch
dieses Land betreten, und nur ein Wissenschaftler könnte daran jemals etwas
Interessantes finden. Freiwillig würde sich dort nie jemand niederlassen.
    Im Osten der Insel wurde ein schmaler Fluss von Basaltblöcken von dreissig
Meter Höhe förmlich eingekeilt; es schien unmöglich, auf den einzelnen
losgerissenen Felsstücken, über die er seinen Weg nahm, in das Innere dieser
nach oben hin ganz verdeckten und verengten Höhle einzudringen, dennoch aber
versuchte es Robert, der hier überhaupt bei jedem Schritt an die Eiswüste des
Nordpols erinnert wurde, immer wieder. Er war der einzige, der es nicht aufgab,
den gefährlichen Weg auf überhängenden Klippen, einzelnen Vorsprüngen und vom
Wasser überspülten Steinen doch zu erzwingen. Sollte er denn zum zweitenmal den
Lauf eines Gebirgsflusses in rätselhafter Weise aus den Augen verlieren, sollte
er wieder, wie damals in Norwegen, das Land verlassen, ohne sein Geheimnis
erforscht zu haben?
    Er schüttelte den Kopf, als ihn die andern aufforderten, doch davon
abzulassen. Es bestand ja keine Gefahr, er wollte es versuchen, - also vorwärts,
und noch dazu am liebsten ganz allein. Robert watete oder sprang, dann kroch er
auf allen vieren, balancierte an schaurigen Abgründen vorbei oder schwang sich
über eine breite Kluft.
    Aber was war das? - Er hatte es im stillen erwartet und doch packte es ihn
überraschend. Das Wasser versiegte unter seinen Füssen, immer weniger sickerte
über die Felsen, bis es plötzlich ganz aufhörte, gerade wie damals am Nordkap.
Wo war der Fluss geblieben?
    Er sah zurück. Aus einer schmalen Spalte drang Wasser hervor, von rechts und
links liefen kleine Adern bis zur Mitte, aber hier oben war alles trocken.
    Roberts Herz pochte laut. »In Norwegen lag der See tief unten, und oben
rauschte der Wasserfall«, dachte er, »hier verhält es sich umgekehrt. Ich muss
hinauf.«
    Er sah an dem schneebedeckten Gipfel empor. Bis nach oben war es noch weit,
sicherlich ein stundenlanger, beschwerlicher Weg, aber was schadete das? Dort
oben musste der See sein! Ein See, hunderte von Metern über dem Meeresspiegel, -
und er sollte Kerguelen verlassen, ohne ihn gesehen zu haben?
    Nein!
    Proviant hatte er noch genügend in seinen Taschen, der Tag war noch lang und
das Wetter frostklar, also vorwärts! Seine ganze alte Entdeckerlust war mit
einemmal wieder erwacht.
    Der Weg bergauf war steil und mühsam, aber doch nicht so beschwerlich wie
das Waten durch das Flussbett. Robert wählte für den Aufstieg die Aussenseite des
Felsens, wo ganze Strecken ohne grosse Anstrengung überschritten werden konnten,
wenn auch wieder andere mit ihren scharfen Zacken die Kleider zerrissen und die
Haut abschürften, so dass er bald an einigen Stellen blutete.
    Robert achtete nicht darauf. Immer näher kam er einem Kranz von einzelnen,
eigenartig geformten Felsblöcken, die wie Riesennadeln zum Himmel emporstarrten.
Sie sahen aus, als ob von ihnen hier oben ein Schatz behütet werde, sie
schienen, eng gedrängt und oft merkwürdig geformt, den Eintritt in ein Heiligtum
zu verwehren, das noch nie der Fuss eines Menschen berührt hatte, das hoch über
der Erde versteckt lag und nur der Sonne als Spiegel diente.
    Robert suchte lange nach einem Zugang. Endlich. Hier hingen zwei Blöcke
schräg gegeneinander. Mit weiten, faltigen Mänteln und riesigen, von
Haubenbändern umgebenen Köpfen sahen sie aus wie plaudernde, uralte Frauen, die
sich von der Vergangenheit erzählen. Die eine trug unter dem Mantel eine Krücke,
und die andere hielt einen Korb. -
    Robert bewunderte das seltsame Naturspiel. Wie von Künstlerhand grob
gemeisselt, in riesenhaften Formen, erschienen ihm die Gestalten.
    »Lasst mich hindurch, ihr beiden«, lachte er. »So alte Grossmütterchen können
ja den Enkeln nichts abschlagen.«
    Und auf Händen und Füssen kriechend gelangte er, Korb und Krücke streifend,
auf die andere Seite. Hier aber wäre er fast in die Tiefe gestürzt. Nur durch
einen schmalen Felsvorsprung vom Abgrund getrennt, sah er unter sich, von den
Felsen rings umgeben, einen See, dessen Spiegel keine Welle kräuselte. Weisse
Kronen von Schnee lagen auf allen Ecken und Vorsprüngen, in jedem geschützten
Winkel, im Inneren jeder Spalte, das Wasser aber war blau und rein wie Samt. Am
Himmel erschien in diesem Augenblick die Sonne. Wie Millionen funkelnder
Diamanten glänzte es da unten, wie eine zweite goldene, leuchtende Kugel
spiegelte sich das Tagesgestirn auf dem Wasser.
    Robert sah nichts als den Himmel und den See mit seinem Steinkranz. Darüber
hinwegzublicken war ganz unmöglich.
    Lange blieb er in der kleinen, abgeschlossenen Welt da oben, wo seine Füsse
kaum stehen konnten und wo es so still und so feierlich wie in einer Kirche war.
Er bedauerte beinahe die andern, denen der Weg zu weit und zu mühevoll gewesen
war, um ihn freiwillig zu unternehmen. Als er, rückwärts kriechend, mit
äusserster Vorsicht und nur um wenige Meter am Abgrund vorbei, wieder aus dem
geheimnisvollen Zauberkreis des Felsengürtels hinausgelangte, bot sich ihm nach
allen Seiten eine herrliche Aussicht. Die Felsen ringsherum glitzerten und
funkelten in der Sonne durch die verschiedenen Gesteinsarten und bildeten die
merkwürdigsten Formen, am seltsamsten aber kam es ihm vor, so von oben herab wie
ein Kinderspielzeug auf dem Wasser die Gazelle liegen zu sehen, deren Masten ihm
sonst, wenn er an Deck stand, so schwindelnd hoch vorkamen.
    Als er von seinem gefahrvollen Ausflug wieder unten anlangte, hatte er so
viel Schönes gesehen, dass ihn seine geschundenen Knie und blutenden Hände nur
sehr wenig kümmerten. Doktor Naumann lächelte, als er ihn sah. »Nun, junger
Freund, einige Kobolde und Gnomen kennengelernt?« scherzte er.
    »Nur Nixen, Herr Doktor, - da oben ist ein See.«
    »Donnerwetter, dann müssen wir ja hinauf, - ich fürchte nur, dass es einen
starken Schneefall gibt. Auch das Crosbiegebirge werden wir aus diesem Grunde
nicht erforschen können.«
    Und so kam es. Die Besteigung dieses bedeutenderen Höhenzuges musste
unterbleiben, wenn sich die Entdecker vor der Gefahr des Eingeschneitwerdens
schützen wollten.
    Man hatte auch jetzt von der Insel genug gesehen, um mit Sicherheit
behaupten zu können, dass hier keine Ansiedlung möglich sei. Wenn im Hochsommer
schon ein solches Klima herrschte, - wie sollte es dann im Winter werden?
    Die Wissenschaftler und Photographen bezogen wieder ihre Kabinen auf der
Gazelle, die Anker wurden gelichtet und fort ging es, tausend Meilen weit über
den Ozean, nach der Tropeninsel Mauritius. Auf dieser Fahrt hatte die Korvette
mehrere Stürme zu bestehen, doch wurde das Ziel schliesslich ohne ernstaften
Schaden erreicht.
    Hier war man wieder mitten in den Tropen. Überall grünte und blühte es, und
die Luft war sommerlich warm, eine idyllische kleine Welt, die nur monatlich
einmal von einem Dampfer besucht wird. Die Tiefenlotungen waren unterwegs
fortgesetzt worden, Kohlen und Lebensmittel eingenommen, die Briefe zur Post
gegeben und der ausgebrannte, völlig mit Wald überwachsene Krater im Innern der
Insel von Robert und mehreren anderen einer Besichtigung unterzogen, dann
dampfte die Gazelle wieder weiter, mit Kurs auf Australien. Hier kam Robert
nicht von Bord, da nur die Haifischbai und der Dampiersarchipel ausgelotet
werden sollten.
    Interessanter waren dagegen die Sunda-Inseln, und zwar vor allem Timor, das
schon ein mehr asiatisches Gepräge trägt.
    Es wurden nun nacheinander in viermonatlicher, beschwerlicher Fahrt auf
lauter Nebenrouten und bisher wenig befahrenen Schifffahrtswegen die
Melanesischen Inseln genauer durchforscht, wobei man weniger auf
Naturgeheimnisse und Naturschönheiten ausging, sondern hauptsächlich neue
Verkehrswege und günstige Ankerplätze ausfindig machen wollte oder
Tiefenlotungen vornahm.
    Gelandet wurde zuerst auf Neuguinea und den drei kleinen Anachoreteninseln,
wo Roberts altes Interesse an der Reise wieder auflebte, als man mit den
Eingeborenen in Berührung kam. Wie die Schwarzen Afrikas trugen sie als einziges
Kleidungsstück einen Lendenschurz, sie besassen jedoch wohleingerichtete
Kokospflanzungen und Kanus mit Segel und Masten, im übrigen zeigten sie sich,
nachdem die erste Scheu überwunden war, als harmlose, friedliche Menschen, die
mit der Mannschaft der Gazelle einen lebhaften Tauschhandel anfingen und gern
die Produkte ihrer Heimat gegen Messer, Scheren, Knöpfe und Nadeln an die
Deutschen abliessen. An der Südküste von Neu-Hannover wohnte ein ganz anderer
Menschenschlag. Diese Wilden liefen vollständig unbekleidet herum, es waren
schwarzbraune, gut gewachsene Gestalten mit rot oder gelb gefärbtem kurzem Haar,
geschlitzten Ohrläppchen, Muscheln in den Ohren und am Hals und bunten
Armbändern. Als sich die Korvette der Küste näherte, stürzten sich sämtliche
Männer in die Kanus, um das fremde Wunderding aus nächster Nähe zu sehen,
während am Ufer die Frauen schreiend, hüpfend und sich wie toll gebärdend
zurückblieben. Aber schon sehr bald konnten auch sie ihre Neugier nicht mehr
bezähmen, - sie sprangen ohne weiteres ins Wasser und schwammen den Booten nach,
waren aber ebensowenig wie die Männer zu einem Besuch an Bord zu bewegen.
    An der entgegengesetzten Seite derselben Insel kam es mit den Eingeborenen
sogar zu einem ernstlichen, wenn auch nur kurzen Streit. Hier sollte ein Fluss
ausgelotet werden, und da die Korvette selbst einen zu grossen Tiefgang hatte,
musste die Dampfpinasse die Mündung hinauffahren und dabei auch mehrere von den
Wissenschaftlern am Ufer absetzen, um die Pflanzen- und Tierwelt der Insel zu
erkunden. Als aber ein kleines Boot, das den Verkehr mit dem Schiff aufrecht
erhielt, zufällig einige Minuten lang unbewacht blieb, wurde es von den
Eingeborenen gänzlich geplündert; als die Matrosen zurückkehrten, waren
Lebensmittel und Ausrüstungsgegenstände verschwunden, ohne dass sich einer der
Wilden gezeigt hätte.
    Am folgenden Tage, als die Besatzung im Flusswasser ihre Wollkleidung
gründlich gereinigt und zum Trocknen zwischen den Bäumen aufgehängt hatte, kamen
die Eingeborenen, jetzt schon dreister geworden, in hellen Haufen heran und
vertrieben durch einen Hagel von Steinen die friedlich beschäftigten Matrosen,
wobei sogar zwei ernstlich verwundet wurden.
    Von der Dampfpinasse antwortete sofort das kleine Bootsgeschütz, und
daraufhin zogen sich die Wilden, offenbar sehr eingeschüchtert, zurück. Am
andern Tage jedoch zeigte der ohrenzerreissende Lärm ihrer Kriegsinstrumente, dass
sich die verschiedenen Stämme sammelten und offenbar Feindseligkeiten planten.
    Kapitän von Schleinitz beschloss, dem zuvorzukommen.
    Er selbst stellte sich an die Spitze von vierzig Mann, die alle ausreichend
bewaffnet waren, und dann wurde der Zug nach den nächsten Dörfern unternommen.
Natürlich befand sich unter der kleinen Schar auch Robert, der diesmal jedoch
seine Erfinderfreude teuer bezahlen musste.
    Um an das Dorf heranzukommen, musste zuerst das hohe, von Gestrüpp und
Schlingpflanzen bedeckte Ufer erklettert werden, die Matrosen sahen sich
gezwungen, ihre Waffen und Patronen während des beschwerlichen Marsches über den
Köpfen zu tragen, und als endlich die jenseitige Anhöhe erreicht war, da starrte
das gestern gewaschene Zeug von Schlamm und Schmutz, es war vollkommen durchnässt
und erschwerte sehr unangenehm den Marsch in das Innere der Insel.
    Aber die Blaujacken verloren ihren Mut nicht. Ein Lied verkürzte die Zeit
und half über alle Belästigungen hinweg.
    Zugleich mit dem vor einer Anhöhe gelegenen Dorf, das von aller Schönheit
tropischen Pflanzenwuchses umgeben war, sahen die Deutschen einen Haufen von
etwa zweihundert Wilden, die alle mit Speeren, Keulen und Schleudern bewaffnet
waren, sich aber sehr zurückhielten und sogar bei Annäherung der geschlossen
marschierenden kleinen Schar langsam zurückwichen. Nur vier alte Männer,
jedenfalls Häuptlinge, blieben vor dem Dorfe auf einigen Steinen sitzen und
erwarteten die Fremden.
    Herr von Schleinitz, der selbstverständlich die Angelegenheit so rasch und
einfach wie möglich zu beenden wünschte, liess an eine lange Stange ein weisses
Tuch binden und ging dann, nur von einem Matrosen als Adjutanten begleitet, zum
Dorf hinab.
    Schon von weitem versuchte er den Eingeborenen begreiflich zu machen, dass er
sprechen, unterhandeln, aber nicht kämpfen wolle.
    Die Wilden mussten offenbar verstehen, was das weisse Tuch bedeuten sollte,
sie banden schleunigst ein junges Huhn an einen Stock und trugen diese
sonderbare Fahne dem deutschen Kapitän entgegen. Damit war auch von ihrer Seite
die Zusammenkunft als friedlich anerkannt worden.
    Herr von Schleinitz nahm höflich dankend, aber durchaus ernst und
hoheitsvoll das Geschenk in Empfang und vergalt es sofort durch Überreichen
eines Stückes Uniformtuch, das schon zu diesem Zweck von Bord her mitgebracht
worden war.
    Dann aber, nachdem die Insulaner ihr Entzücken in kindischer Weise zu
erkennen gegeben hatten, bedeutete ihnen der Kapitän mit Hilfe der
Gebärdensprache, dass er bestohlen worden sei und die Rückgabe des geraubten
Gutes unbedingt verlange. Er fragte, ob die Häuptlinge von diesem Diebstahl
Kenntnis erhalten hätten.
    Die Antwort war natürlich ein Nein.
    Herr von Schleinitz zuckte die Achseln. Dann nahm er die Pistole und schoss
vor den Augen der vier Häuptlinge einen jungen Baum durch den Stamm, so dass
weisser Saft aus dem Einschussloch hervorquoll; hierauf deutete er mit der Rechten
auf die in einiger Entfernung stehenden Soldaten, als wolle er sagen: »Die dort
verstehen alle das Gleiche und werden euch empfindlich bestrafen, wenn ihr nicht
das gestohlene Gut sofort herausgebt.«
    Die Wilden sahen in grosser Angst auf den getroffenen Baum. Sie berieten
leise untereinander, gaben offenbar heimliche Befehle in das Dorf hinauf und
bemühten sich, eine freundliche Miene zur Schau zu tragen. Nach kurzer Zeit
näherte sich ein junger Bursche, der die gestohlenen Dinge im Korb am Arm trug
und dem Kapitän zu Füssen legte, worauf er sich mit Hasensprüngen wieder
entfernte, offenbar sehr froh, der Gefahr so glücklich entronnen zu sein. Das
laute Gelächter der Seeleute folgte ihm nach.
    Herr von Schleinitz hatte inzwischen den Korb durchsucht und wandte sich
jetzt achselzuckend an die Wilden. »Das ist noch längst nicht alles«, sagten
seine Gebärden, »es fehlen verschiedene Instrumente und andere Kleinigkeiten.
Wir wollen eure Hütten in Brand stecken, um euch zu bestrafen.«
    Das wirkte. Die Häuptlinge baten, das geraubte Gut den Weissen wieder
zuschicken zu dürfen; sie wollten selbst im Dorf eine Haussuchung vornehmen und
ihr Möglichstes tun, um alles Verlorene herbeizuschaffen. Man möchte nur ihre
Wohnungen verschonen.
    Herr von Schleinitz erklärte sich mit diesem Angebot durchaus einverstanden,
und die Seeleute konnten den Rückmarsch antreten, ohne von ihren Waffen Gebrauch
gemacht zu haben, was allerdings einigen unter ihnen gar nicht recht war, da
doch im Lazarett der Korvette die beiden verwundeten Kameraden noch immer in
ihren Verbänden lagen und einer sogar eine tüchtige Stirnwunde davongetragen
hatte. Wie massvoll und gerecht jedoch der Kapitän vorgegangen war, mussten auch
die Kampflustigen anerkennen. Wozu wäre es gut gewesen, den hilflosen, schlecht
bewaffneten Wilden, die doch als harmlose Naturkinder kaum einen Begriff von
Recht und Unrecht haben konnten, - hier wegen einiger Vergrösserungsgläser,
Schleppnetze und Lotungsapparate eine blutige Lehre zu geben?
    Die armen, ahnungslosen Wilden wären dadurch nicht belehrt, sondern nur
gekränkt worden; für die Weissen aber wäre es nicht gerade rühmlich gewesen, ihre
zehnfache Überlegenheit an primitiven Eingeborenen erprobt zu haben!
    Als die Soldaten an das Ufer zurückkamen, fanden sie sämtliche gestohlenen
Gegenstände schon vor. Jedenfalls hatten die Insulaner, um sich keiner Gefahr
auszusetzen, auf Nebenwegen irgendeinen schnellfüssigen Burschen entsandt und auf
diese Weise keinen als den Schuldigen gekennzeichnet. Von Bord der Korvette war
beobachtet worden, wie mehrere Schwarze aus dem Gebüsch hervorkrochen,
schleunigst die Sachen in das Gras legten und wieder verschwanden.
    Das Ansehen des Deutschen Reiches war also gewahrt worden, man hatte den
Diebstahl gerügt und Rückerstattung des Geraubten erlangt, - Herr von Schleinitz
hatte durchaus vorbildlich gehandelt.
    Nachdem diese Angelegenheit erledigt war, nahm die Korvette zunächst Kurs
auf Neu-Irland und die umliegenden Inseln, wobei jedoch zu Roberts grosser
Enttäuschung eine Berührung mit den Eingeborenen gänzlich oder doch soweit wie
möglich vermieden wurde. Es lebten nämlich auf diesen Inseln damals noch
Menschenfresser, daher hielt sich Herr von Schleinitz einem Zusammenstoss mit
diesen Stämmen möglichst fern. Die Reise der Gazelle diente ja allein
wissenschaftlichen Zwecken, so schien es das Klügste, derartigen unangenehmen
Zwischenfällen schon von vornherein aus dem Wege zu gehen.
    Für Robert war diese Massnahme um so betrüblicher, als er sehr viel
Reizvolles darin fand, mit Wilden in Berührung zu kommen und in die Geheimnisse
ihrer Sitten und Lebensgewohnheiten einzudringen. Er musste hier so ziemlich auf
alles Erhoffte verzichten, da von seiten der Gelehrten nur Vermessungen und
Beobachtungen angestellt wurden, ohne jedoch dabei die Menschen einzubeziehen.
    Einige Stämme, zum Beispiel beim Passieren der Byronstrasse, zeigten sich
herausfordernd und feindselig, während andere durchaus friedlich waren, sogar
eigene Landwirtschaft betrieben und den Weissen mit harmloser Vertraulichkeit
entgegenkamen. Besonders auf den Salomo-Inseln wurden Fleisch, frische Früchte
und Gemüse von den Bewohnern in Kanus an Bord gebracht, wofür dann
Kleidungsstücke und sonstige Kleinigkeiten als Zahlungsmittel dienten.
    Auf Neu-Britannien hatte die Gazelle eine eigentümliche Mission zu erfüllen.
Vor langen Jahren waren auf dieser Insel gegen die Handelsniederlassungen der
hamburgischen Firma Godeffroy die gröbsten Gewalttätigkeiten verübt worden, und
man wollte jetzt die Wilden vor etwaigen Wiederholungen warnen. Da inzwischen
einige Jahre vergangen waren und im übrigen niemand an Bord die Sprache der
Eingeborenen verstand, begnügte sich Herr von Schleinitz damit, an eben der
Stelle, wo damals Mord und Brandstiftung stattgefunden hatten, auch jetzt wieder
einen Haufen brennbarer Gegenstände anzünden und einige Salven abfeuern zu
lassen. Als die Wilden sahen, welche Verheerungen unter Bäumen und Sträuchern
die Kanonenkugeln anrichteten, erschraken sie so sehr, dass ihnen die eiligste
Flucht als bestes Schutzmittel erschien. Sie verschwanden wie in den Boden
hinein.
    Von hier aus fuhr die Gazelle nach den Auckland-Inseln, wo jede Spur einer
Bevölkerung fehlte. Die Forschungen der Wissenschaftler konnten zwar ohne
Störung betrieben werden, doch ergaben sie keine besonders lohnende Ausbeute.
    Die Gazelle hat aber in bezug auf Hafenplätze und Tiefenlotungen gerade hier
das Wesentlichste für die Schiffahrt geleistet, andererseits erfüllte sie ihre
Mission als Repräsentant des Deutschen Reiches bei vielen Fürsten der wenig
bekannten, bisher immer übersehenen kleinen Inselreiche des Stillen Ozeans.
    In Levuka, der Hauptstadt der Insel Viti-Levu, der grössten Fidschi-Insel,
verkehrten die Offiziere der Korvette in äusserst freundschaftlicher Weise mit
dem regierenden Landesherrn, König Takembau, der sich durchaus als denkender
und gebildeter Mann erwies und der auch seinerseits mehrere Male als Gast an
Bord der Korvette empfangen wurde. Beim Abschied blieb er bis zum Augenblick des
Ankerlichtens und konnte sich erst trennen, als die Maschine in Tätigkeit trat.
    Von den Fidschi-Inseln ging die Korvette nach den Tonga-Inseln, auf denen
hellfarbige und kulturell auf einer höheren Stufe stehende Menschen leben. Wie
ganz Australien, leidet auch diese Inselgruppe an Wassermangel; es gibt nur
wenige Tiergattungen, aber einen verhältnismässig ausgedehnten Pflanzenwuchs.
Dagegen haben aber die Bewohner schon feste Häuser, sie arbeiten und sind
kulturell die höchststehenden unter allen Völkern auf den Inseln des Stillen
Ozeans.
    Auch hier sah Robert einen farbigen Fürsten, den siebzigjährigen König
Georg. Der alte Herr empfing äusserst höflich die Vertreter des Deutschen
Reiches, dankte für den Besuch und lud seine Gäste zur Tafel, wobei ein
Missionar als Dolmetscher diente. Am Nachmittag machte er an Bord der Korvette
einen offiziellen Gegenbesuch, der von Seiten der Mannschaft mit einer
Ehrensalve von einundzwanzig Kanonenschüssen begrüsst wurde, worauf sogleich an
Land die beiden einzigen vorhandenen Geschütze den Salut erwiderten. Zu Ehren
des Fürsten hielt man an Bord eine Parade ab und gab ein Essen, bei dem Herr von
Schleinitz ein Hoch auf König Georg ausbrachte. Die Rede des Fürsten, bescheiden
und dankbar, aber doch seine Würde als Landesherr vollständig wahrend, zeigte
einen denkenden, für das Wohl seiner Untertanen eifrig besorgten Monarchen, der
seiner Freude Ausdruck gab, mit Deutschland die besten Beziehungen angeknüpft zu
haben und auch weiter noch knüpfen zu können, indem er den deutschen
Auswanderern allen nur möglichen Schutz gewähre und sie den Eingeborenen des
Landes in jeder Beziehung gleichstelle.
    Auf ihre Fragen erfuhren die Offiziere, dass die Deutschen auf den
Tongainseln vor allem mit Kobra handeln, den zerschnittenen Kernen der Kokosnuss,
die dort in grossen Wäldern wächst und den bedeutendsten Ausfuhrartikel
darstellt. Es lagen auch gleichzeitig mit der Gazelle noch sieben europäische
Schiffe im Hafen, die gerade eine Ladung Kobra übernahmen.
    Von hier ging die Korvette nach den Samoa-Inseln und war nun wieder ganz vom
Zauber der Tropenwelt umgeben. Am 24. Dezember warf die Gazelle im Hafen von
Apia auf Upolu Anker, und die Mannschaft erhielt Erlaubnis, an Land zu gehen und
dort den Weihnachtsabend zu verbringen.
    Das war eine eigenartige Feier. Die Matrosen konnten sich nicht
entschliessen, in den Wirtschaften zu sitzen, zu trinken und zu tanzen wie sonst,
wenn sie nach langer Fahrt zum erstenmal wieder Land betraten. Sie alle waren ja
einmal Kinder gewesen, die am Weihnachtsabend um den Tannenbaum standen und mit
glücklichen Augen den Glanz seiner Kerzen sahen, sie alle hatten ja daheim ihre
Lieben und wussten, dass deren Gedanken jetzt bei ihnen waren, - kein einziger war
ausgelassen oder beging irgendwelche kleinen Tollheiten, die sonst zum Leben
eines Matrosen an Land nun einmal gehören.
    Auch Robert war sehr ernst gestimmt. Er sah die Farbenpracht tropischer
Wälder mit ihren bunten Blüten, aber er dachte an die heimatlichen Tannen. Er
glaubte den Harzgeruch zu spüren, sah die kleinen, bescheidenen Lichter und die
vergoldeten Früchte und erkannte das niedere Zimmer im Elternhause, - und auch
die Gesichter der beiden lieben alten Leute wurden vor seinen Augen lebendig;
die Mutter, die vielleicht jetzt weinend an ihren einzigen Sohn dachte, der
Vater, den er nun nicht mehr wiedersehen würde.
    Es beengte ihm die Brust, - er musste etwas sagen.
    »Jungens«, sagte er, »wollen wir uns einen Christbaum machen?«
    Mehrere Stimmen antworteten zugleich, und alle waren einverstanden. »Daran
dachte ich längst!« rief Gerber. »Die Fremde ist doch immer die Fremde, - man
wird ganz weinerlich, wenn einen so die Erinnerungen an die alte Heimat
überfallen.«
    »Aber einen Tannenbaum gibt's in ganz Apia nicht!« meinte ein anderer.
    »Was schadet das? Grün ist Grün, und Lichter hat man ja auch hier.«
    Und so kam es. Die Matrosen besorgten sich ein stattliches, mit Blüten und
Früchten bedecktes Brotfruchtbäumchen, das mit seinen Wurzeln aus dem Boden
gehoben und in einen grossen Kübel gestellt wurde. Dann ging es an den
Baumschmuck.
    Jeder einzelne der ganzen Schar brachte seine Lichter in Gedanken an die
lieben Angehörigen daheim in Deutschland, jeder erzählte von den
Weihnachtsabenden früherer Jahre und wie die Kinderzeit so schön gewesen sei und
so glücklich - -
    »An Land möchte man nicht leben«, sagte Gerber, »wahrhaftig, ich hielte es
nicht aus ohne die See, aber es ist doch eigenartig, so Jahr für Jahr über die
Meere zu fahren und nur selten für wenige Tage unter Menschen ein Mensch zu
sein. Wenn ich jetzt nach Hause komme, finde ich lauter fremde Gesichter, -
meine alte Mutter starb, seit wir von Kiel fortgingen, und zwei Schwestern haben
geheiratet, - es ist alles anders geworden.«
    Robert legte ihm die Hand auf die Schulter. »Keine trüben Erinnerungen,
Gerber«, sagte er ermunternd. »Wir wollen singen, das macht das Herz frei.
Kinder noch einmal, wir sind ja doch jetzt auf der Heimreise, also warum denn
erst traurig werden?«
    Die Bowle, wunderbar nach tropischen Früchten duftend, wurde gebracht, und
unter dem eigenartigen Weihnachtsbaum entfaltete sich ein buntes Bild. Die
Matrosen, sassen und lagen um den Tisch, Zigarrenrauch erfüllte den Raum, und
zwischen den Lichtern blühte es und trug reife Früchte am eigenen Stamm. Die
Gesichter der Eingeborenen sahen von draussen herein, horchten mit Erstaunen den
Klängen der deutschen Sprache und summten im Takt die Melodie, ohne den Wortlaut
zu ahnen:
»O du fröhliche,
O du selige,
Gnadenbringende Weihnachtszeit«
    Es war ein schöner und froher Weihnachtsabend, den die Matrosen von der
Gazelle im fernen Apia verlebten. Erst gegen Morgen kehrten die jungen Leute zum
Schiff zurück, singend, fröhlich und bepackt mit allen möglichen guten Dingen,
um an Bord die Armen von der schwarzen Liste, die Wache gehalten hatten, jetzt
nachträglich noch zu bewirten. Sie erschienen wie die leibhaftigen guten Geister
des Weihnachtsabends und brachten die Festfreude auch zu den armen Missetätern,
die einmal auf das frischgescheuerte Deck gespuckt, in der Nähe des Grossmastes
laut gelacht oder vielleicht sogar eine Stenge ungeschmiert gelassen hatten,
wofür ihnen dann die Strafwache unweigerlich zugefallen war.
    Am folgenden Tage ging es an eine Besichtigung der Umgebung. Soviel
tropische Schönheit wie hier hatte Robert kaum an irgendeinem anderen Ort der
Welt gesehen. Die ganze kleine Insel glich einem Garten, in dem die einzelnen
Ansiedlungen zerstreut unter den Bäumen dalagen. Deutsche Handelshäuser haben
für die Bedeutung der Insel sehr viel getan. Sie betrieben den Ankauf der
einheimischen Erzeugnisse und beschäftigten durch Pflanzungen von Kaffee, Mais,
Baumwolle und Kokosnüssen viele Hunderte von Arbeitern.
    Robert fand bei einem Streifzug, den er mit andern unternahm, auf Upolu
keinen eigentlichen Urwald mehr, aber er bereicherte seine Sammlung von
Mineralien und erstieg wieder Gebirgszüge, von wo aus er herrliche Fernsichten
hatte.
    Und dann, nach kurzem Aufentalt, lichtete die Gazelle ihre Anker und nahm
Kurs auf die Heimat.
    Um die Südspitze Amerikas herum, durch die Magelhaensstrasse, durch die
Robert, wie wir wissen, schon einmal gekommen war, ging jetzt die Fahrt von der
Südsee in den Atlantischen Ozean, vorher aber gab es noch eine unerwartete
Begegnung.
    Nach einer schnellen und glücklichen Reise lief die Gazelle am Neujahrstage
in die Magelhaensstrasse ein und traf dort überraschend die Korvette Vineta, die
von Deutschland kam.
    An dem grossen Korallenriff, das Robert schon von seiner Reise von Bergen
nach San Franzisko her kannte, lag die Gazelle beigedreht, um eine nähere
Untersuchung des Riffs von der Pinasse aus vorzunehmen, als plötzlich vom
Ausguck her der freudige Ruf »Schiff in Sicht an Backbord!« alle Matrosen und
sogar die gelehrten Herren in Aufregung versetzte. Die Magelhaensstrasse wird von
Handelsschiffen nur in Fällen eintretenden Wassermangels befahren, es war daher
schon immer ein kleines Ereignis, hier einem Schiff zu begegnen.
    Als man im Topp des herankommenden Fahrzeuges die deutsche Flagge erkannte,
erscholl fast gleichzeitig hüben und drüben ein lautes, freudiges Hurra der
Mannschaft. Kanonendonner erfüllte die Luft, beide Schiffe legten sich möglichst
nahe nebeneinander, und dann wurden Boote ausgesetzt, um die gegenseitigen
Beziehungen so eng wie möglich zu gestalten. Landsleute fanden sich, Freunde und
Bekannte freuten sich über das unverhoffte Wiedersehen, der eine erzählte und
der andere hörte zu, kurz, es war ein Fest, das hier auf See gefeiert wurde. Die
Wissenschaftler machten eine reiche Ausbeute von besonders schönen, seltenen
Korallen, von Muscheln, Schnecken und Fischen sowie einer Anzahl Insekten der
verschiedensten Arten; die Matrosen erhielten einen freien Tag und eine
aussergewöhnliche Ration Grog, die Offiziere endlich konnten politisieren, über
dienstliche Angelegenheiten sprechen und alte Erinnerungen austauschen.
    Am folgenden Tag trennten sich die Schiffe, die Mannschaft der Vineta gab
den heimkehrenden Kameraden noch Briefe und Grüsse mit auf den Weg, und die
Gazelle steuerte der Heimat zu.
    Nach fast zweijähriger Abwesenheit erreichte sie ohne Zwischenfälle im April
den Hafen von Kiel. Man würdigte beim Empfang der Korvette nicht nur die
Verdienste der Wissenschaftler bei der Erforschung kürzerer und sicherer
Seewege, sondern auch die einmalige seemännische Leistung von Kommandant und
Besatzung.
    Und hier nehmen wir von Robert Abschied. Wir folgten ihm auf seinem
Lebensweg über alle Länder der Erde. Das Schicksal liess ihn durch eine harte
Schule gehen, doch er hat seine Lehren beherzigt, er hat an sich gearbeitet und
gelernt, seinen Eigensinn und seinen Trotz, die ihn einstmals aus dem Elternhaus
forttrieben, zu beherrschen.
    Eins aber bewahrte sich Robert in all den Jahren: seine Liebe zur See. Nach
längerer Ruhezeit, die er zu Hause bei seiner alten Mutter verbrachte, zog er
noch einmal als Bootsmannsmaat hinaus. Dann ging er nach Hamburg auf die
Seefahrtschule und legte dort sein Steuermannsexamen ab. Als Kapitän eines
grossen Seglers ist Robert noch lange Jahre über alle Meere gefahren.
 
    