
        
                              Louise von François
                         Stufenjahre eines Glücklichen
                                   Wiegensegen
In der Pfarre von Werben hat man den letzten freien Ausblick in das Tal, das
sich von da ab zur Aue verflacht. Der Garten umzieht nach drei Seiten das Haus;
gegen Mittag trennt es nur ein Fusspfad von dem rebenbepflanzten steilen
Uferhange; rasch bewegt strömt unten der Fluss; seine jenseitigen Ränder steigen,
mit Laubwald bedeckt, mählich empor hinter saftigen Wiesenflächen, die rings das
untere Dorf nebst dem Talgute umschliessen, während auf der nördlichen Hochfläche
unübersehbare Korngebreite sich dehnen. Die Kirche, vom Friedhof umschlossen,
wie auch weiterhin das Oberdorf, liegen eine Strecke rückwärts im freien Felde;
das Schlossgut aber, mit seinen sich zum Fluss absenkenden Terrassen, steht nur
auf halber Uferhöhe und zieht die Auffahrt zu ihm sich entlang einer Schlucht,
deren beide Seiten von ärmlichen Frönerhütten eingefasst sind. Die alleräusserste,
die allerärmlichste von ihnen, wie ein Nest an den Felsen geklebt, ist die des
Gemeindehirten, das Hutmannshaus.
    So hat man in der Pfarre den Blick weder zum Grunde hinab noch zum Himmel
hinan beschränkt; sie bildet ein herzerquickendes Lug ins Land; ein Odem
gesunder Frische und Fülle umweht sie von allen Seiten, und gesunde,
herzerquickende Menschen sind es auch, die sie bewohnen.
    Es ist Johannisnachmittag; sieben Kornblumenkränze vor den Fenstern deuten
den Kindersegen an, der dem Hause entsprossen ist; der Vater mustert im kleinen
Vorgarten seinen Rosenflor; Stock für Stock werden die vollreifen Blüten
abgeschnitten, auf dass die Knospen sich zu entfalten Saft und Raum gewinnen und
die gesammelten Blätter, in der Wäschtruhe verduftend, mitten im Winter an die
köstlichste Blumenzeit gemahnen.
    In der Weinlaube, dicht neben der Haustür, sitzt die Frau Pastorin; der
Strickstrumpf ruht in ihrem Schoss und der Blick auf dem jüngsten der Sieben, das
vor ihr in der Korbwiege schlummert. Es zählt erst vierzehn Lebenstage, und wäre
heute nicht das Fest des Täufers, an welchem jegliches Unternehmen zum Segen
gedeiht, hätte es wohl noch ein Weilchen sich in der verhüllten Wochenstube
gedulden müssen. Es ist ein unruhiges, spärliches Geschöpfchen; nun aber hat die
hohe, stille Junisonne und hat die Würze der Rebenblüte es dem kleinen Unhold
angetan; er schläft seit einer Stunde nach Wiegenkinder Art und Pflicht.
    So zart und blässlich das Kind, so rund und rotbäckig ist die Mutter; und sie
ist keine junge Mutter mehr. Sie könnte gut und gern schon Grossmutter sein, und
dass sie mit den Freuden und Sorgen einer Kinderstube nicht kärglich bedacht
worden ist, bekunden die Johanniskränze an ihrem Haus. Dennoch hat sie den
kleinen Spätling sieben Jahre lang mit Sehnsucht erwartet und sich seiner
Anmeldung wie der eines Erstlings erfreut. Denn die sechs Vorläufer sind
Mädchen, lauter Mädchen, und nun sollte und musste die Siebenzahl durch einen
Knaben abgeschlossen werden.
    Nicht um ihrer selbst willen; Frau Hanna Blümel fühlte sich von Grund aus
eine Töchtermutter, meinte auch - es ist ein Menschenalter her, dass sie also
meinte, und die Meinungen ändern sich in einem Menschenalter -, dazumal aber
meinte sie, dass doppelt so viel Mädchen leichter zu erziehen und dereinst
leichter zu versorgen seien als halb so viel Knaben. Nein, nicht sich selbst,
aber ihrem Gatten hätte sie doch so herzlich einen Sohn gewünscht, mit dem er
wiederum so jung werden konnte, wie sie es zwischen ihren Töchtern geblieben
war; wiederum jung werden, indem er ihn durch die Reihen seiner geliebten alten
Heiden und Christen führte. Und nun war es zum siebenten Mal ein Mädchen, das
kein Vater durch alte Heiden- und Christenreihen zu führen Verlangen trägt, und
Frau Hanna Blümel fühlte sich nahezu beschämt, als hätte sie ihren irdischen
Beruf nur zur Hälfte erfüllt. Zwar hatte der fromme Herr ob der Enttäuschung
weder gemurrt, noch geklagt, noch auch nur geseufzt. Er hatte einfach
geschwiegen. Es gibt aber ein sehr beredsames Schweigen, und für Pastor Blümel
gab es ein speziell beredsames.
    Pastor Blümel war Blumist; von allen Gottesgeschöpfen liebte er keine
zärtlicher als die, welche lautlos am Boden erblühen; - die, wenn auch mitunter
etwas allzu lauten Menschenblüten selbstverständlich ausgenommen. »Zwischen
Kindern und Blumen ist Wohlsein,« sagte er gern. Nachdem er daher seine älteste
Tochter, die noch während der Leidenszeit der hehren Königin geboren ward, auf
deren Namen und die beiden nächstfolgenden auf die ihrer Grossmütter getauft
hatte, wusste er für die drei nachfolgenden, - da seine Hanna, häuslicher
Verwechslungen halber, auf eine Namensteilung verzichtete, - keine
ansprechenderen zu wählen als einen von denen seiner Blumenkinder; die kluge
Hausfrau aber liess sich neben dem Luischen, Lorchen und Dorchen eine Liane,
Balsamine und Erika bereitwillig gefallen. Sie sah ein Liebeszeichen in der
Wahl, und das botanische Namenserbe für den Hausgebrauch gätlich in ein Linchen,
Minchen und Riekchen umzuwandeln, war ja so leicht.
    Nun aber hatte der Vater sein Letztgeborenes noch nicht ein einziges Mal auf
seine Blumenverwandtschaft hin angeschaut, sich keine Blumenpatenschaft für
dasselbe auserkoren. Tauftag und Taufzeugen waren festgestellt. Die älteste
Tochter sollte das Schwesterchen über das heiligende Wasser halten; der
Amtsbruder Kurze in Bielitz und Frau Amtmann Mehlborn, die Gutspächterin,
sollten ihr zur Seite stehen, und weil dieser guten Freundin Geburtstag heuer
just auf den sechsten Sonntag nach Trinitatis, will sagen auf den Perikopentag
von dem brüderlichen Versöhnungsopfer, Pastor Blümels Leibtext fiel, war es
seiner Gattin leicht geworden, ihn zum Verschieben des Weiheaktes bis auf diesen
Festtag zu bestimmen. Als sie nun aber auch den Namen des Täuflings in Erwägung
stellte, da hatte der Vater lächelnd erwidert: »Wähle ihn nach deinem Gefallen,
liebe Hanna!«
    »Nach ihrem Gefallen!« deutlicher hätte er doch wahrhaftig seine
Gleichgültigkeit nicht ausdrücken können! Und das inmitten des üppigsten
Juniflors! Er hatte in seinem Treibbeet zum ersten Male eine neue Sommerpflanze
zum Blühen gebracht; wäre es ihm beigekommen, sein Töchterchen nach ihr Gloxinia
zu taufen, Frau Hanna würde kein Wort dagegen erhoben und für den Hausgebrauch
dem Linchen und Minchen ein Sinchen angereiht haben. »Nach deinem Gefallen!« sie
empfand die Kränkung ihres unschuldigen Lämmchens bis in den Muttergrund hinein,
ja als sie heute, zum ersten Male seit zwei Wochen, den harterzigen
Töchtervater mit so viel Sorgfalt zwischen seinen Blumenkindern walten und dabei
so achtlos an der kleinen Menschenblüte in der Wiege vorüberschlendern sah, da
hätte sie vor Entrüstung Tränen vergiessen mögen; und Frau Hanna Blümel hatte
wohl schon manchmal Kummertränen und öfter noch Freudentränen geweint, eine
Träne der Entrüstung aber hatte ihr noch nie die guten, klugen Augen getrübt.
Sie beugte sich über die Wiege und küsste ihr kleines Mädchen so ungestüm, als ob
sie es durch doppelte Zärtlichkeit für den Abbruch an Vaterfreude entschädigen
müsse.
    Aber die Liebe macht schlau und Mutterliebe am schlausten. Als sie den
grausamen Vater sich wieder einmal der Laube nähern hörte, zog Frau Hanna das
Gesicht hastig unter dem Wiegenhimmel hervor, lehnte sich auf der Bank zurück
und setzte ihre Stricknadeln in Bewegung. In ihrem anschlägigen Haupte war ein
verwogenes Stratagem reif geworden; in heller Kampfeslust hatten die Wangen sich
noch eine Schattierung höher als in Friedenszeiten gefärbt, und aus den blauen
Augen blitzte ein lächelnder Trotz: »Dir soll und wird zu deinem Recht verholfen
werden, du unschuldige Kreatur!«
    Die unschuldige Kreatur unterstützte die mütterliche Kriegslist durch
verdriessliches Gemurr. Ob sie der Schlummerruhe, die durchaus nicht in ihrem
Temperament zu liegen schien, überdrüssig, ob sie durch den ungestümen Kuss vor
der Zeit aus derselben geweckt worden war: kurzum sie murrte, und das Murren
schlug in Greinen um, just als der Vater herantrat, seine Rosenernte
darzubieten. Frau Hanna beachtete weder das Greinen noch die Ernte; die Stirn in
krause Falten gezogen, strickte sie mit Vehemenz.
    »Die Kleine verlangt nach dir, Hanna,« mahnte der Vater. Frau Hanna nahm die
fünfte Stricknadel zwischen die Lippen, zog die Brauen in die Höhe und zählte
die Maschen ihres Strumpfes.
    Pastor Blümel schob das schwarze Käppchen von der Stirn zurück, wischte die
Brillengläser mit dem Taschentuche ab und blickte in hellem Wunder auf das
befremdliche Gebaren. Er stand noch mehr wie seine Gattin in dem Alter, wo
Elternfreuden, selber bei einem Landpfarrer, Ausnahmen werden; er schaute auf
eine mehr als zwanzigjährige Ehe zurück, aber noch nie hatte er sein
frohgewilltes Weib ärgerlicher Laune gesehen, noch niemals seine Stirn gefurcht
und die Lippen missmutig herabgezogen wie heute. Und das umwogt von Balsamdüften
und bei einem Anlass, der das Mutterherz zu inbrünstigem Danke stimmen musste!
    Das Kind schrie jetzt jämmerlich; die Mutter schien über dem Klappern der
Stricknadeln taub geworden zu sein.
    »Die Kleine verlangt nach dir, Hanna!« wiederholte der Vater mit ängstlicher
Miene.
    Sie biss die Lippen übereinander und strickte, als ob es auf der Welt nichts
so Wichtiges wie eine Strumpfhacke fertigzubringen gäbe. Der Vater setzte sich
an ihre Seite und begann die Schaukel der Wiege zu treten; das Kind schrie und
strampelte merklich mit den Beinchen.
    »Die Kleine verlangt nach dir, Hanna!« sagte der Vater zum dritten Male,
diesmal mit vorwurfsvollem Klang.
    »So lass doch den Schreihals!« versetzte die Mutter, ohne aufzublicken.
»Mädchen querelen allemal ärger als Knaben!«
    Pastor Blümel schüttelte den Kopf und trat die Schaukel immer eifriger. Er
beugte sich über die Wiege, versuchte die Bänder des Wickelbettchens zu lösen
und betrachtete aufmerksam das kleine, vom Schreien kirschrote Gesicht. »Ein
herziges Püppchen!« meinte er nach einer Weile. »Es sieht dir ähnlich, liebe
Hanna.«
    »Mir?« widersprach sie. »Dir ists wie aus den Augen geschnitten,
Konstantin.«
    Der Pastor schüttete seinen Rosenkorb über die Wiegendecke und kitzelte das
kindliche Stumpfnäschen mit einer Zentifolie; die Kleine ward für einen Moment
still, nieste dann und verzog die Lippen zu einem Lächeln, was bei Wickelkindern
ein Zeichen des Unbehagens ist und einen demnächstigen Ausbruch gewärtigen lässt.
Der Vater aber erwiderte das Lächeln, nickte seinem Töchterchen zu und sagte:
    »Die Kleine spürt wahrlich schon den Rosenduft! Oder meinst du, Hannchen,
dass sie auf dem Weiss der Decke die bunten Farben unterscheidet?«
    »Sie wird eine Blumennärrin werden,« spottete die Mutter. »Derlei unnütze
Steckenpferde sind fast immer ein Tochtererbe. Wäre es ein Knabe - -«
    »Würde er jetzt schon mit Stricknadeln spielen, gelt?« unterbrach sie
lächelnd der Vater. »Wie vereitelte Wünsche dich doch betören, Hanna!«
    »Dich etwa nicht, Konstantin?«
    »Gott verhüte es! Nun ja, warum sollte ich es leugnen? Ich habe bei jeder
Aussicht auf Elternfreuden, also siebenmal, einen Sohn erhofft. Hatte der Vater
sein Genügen, so hätte der alte Pädagog doch gern mit einem Knaben seinen
Plutarch noch einmal vorgenommen, der Diener im Amt sich gern einen Nachfolger
herangezogen. Mir war mitunter, als ob ich vor der Zeit - wie soll ich nur
sagen? - nun ja, zusammenschrumpfe, als ob bei der Bildung eines Sohnes, - ja
lächle nur, Hannchen, - ich noch wachsen könne. Als aber der Herr für den Sohn,
den er versagte, mir - -«
    »Sieben nichtsnutzige Mädchen bescherte, die von alten Heiden den Kuckuck
verstehen, menschliche Wesen zweiter Klasse, Mitteldinger zwischen Aff und Mann
-«
    »Frevle nicht, Weib!« rief der Pfarrer schier entsetzt. »Versündige dich
nicht! Wie wirst du eines Tages deinem Gott noch dafür danken, dass dieses Kind
wiederum ein Mädchen war! Vota Diis exaudita malignis! Das heisst: Böswillige
Götter erhören unsere Wünsche, sagten die alten Heiden, deren du soeben höhnend
erwähntest, weil du sie nicht verstehst, liebe Hanna, nur weil du sie nicht
verstehst, da sie in manchen Gebieten heute noch uns weit überlegen sind. Was
uns aber himmelhoch über sie erhebt, ist, dass wir eines Vaters Weisheit
verehren, wenn uns die natürlichsten Wünsche versagt, die teuersten Hoffnungen
zunichte werden. Und darum, Hanna, werden wir unser kleines Mädchen lieben,
nicht nur als unser Fleisch und Blut, sondern auch als einen besonderen
Gottessegen. Es lag eine Absicht in dieser Gabe, die wir uns mühen wollen zu
verstehen. Und dann, Hannchen,« - setzte er nach einer kleinen Pause tröstend
hinzu - vielleicht nur sie, vielleicht auch ein wenig sich selbst, - »Hannchen,
es braucht ja just noch nicht die letzte Hoffnung zu sein.«
    »Hilft der Himmel - doch!« rief Mutter Hannchen mit dem hellsten Farbenklang
der Aufrichtigkeit.
    Das Kind hatte, wie sein Lächeln angedeutet, während des Vaters erbaulicher
Rede seiner Schreilaune in wahrhaft erschrecklicher Weise die Zügel schiessen
lassen. Das Schaukeln verschlug nicht mehr; der Vater musste es aus der Wiege
heben und auf den Armen schwenkend es vor der Laube hin und wieder tragen, bis
die roten Deckelchen sich von neuem über die Augen senkten. Die Mutter blickte
mit verstohlener Rührung auf die absonderliche Gruppe; sie überlegte, ob ihr
diplomatisches Kunststück schon im ersten Angriff gelungen sei, hielt es
indessen für geraten, der Krise bis auf weiteres zuwartend ihren Lauf zu lassen.
Sie strickte, aber gelassener, und begnügte sich, nachdem ihr Konstantin die
Kleine wieder in der Wiege untergebracht, derselben hinter seinem Rücken die
Lage etwas behaglicher herzustellen.
    Der Pfarrer hatte die Laube verlassen; in ernsten Gedanken ging er den
Gartenweg auf und ab. Wie sollte er sich die naturwidrige Verfassung seiner
Gattin erklären? Sie, bisher die verkörperte Mutterlust, am ersten Tage der
Genesung, unter dem strahlenden Johannishimmel, umwogt vom Weihrauch der
Sommerblüte, plötzlich die Seele voll Unmut, die Rede eitel Sarkasmen, Verdruss,
ja Zorn gegen ein unschuldiges Kind! Und das lediglich aus dem Grunde, dass
dieses Kind sich unter ihrem Herzen zu einem Wesen ihrer eigenen Gattung
gestaltet hatte! Konstantin Blümel hatte in seiner persönlichen Konstitution,
wie in der seiner Familie, Gott sei Dank! wenig Bekanntschaft gemacht mit den
geheimnisvollen Zwischenträgern, die nur allzu häufig Hader auf Leben und Tod
unter den gewaltigen Zweiherrn Leib und Seele anzustiften pflegen. In diesem
ausserordentlichen Falle konnte er indessen lediglich auf eine krankhafte
Überreizung der Nerven infolge des Wochenbettes schliessen, und so viel sah er
ein, dass in gegenwärtigem Stadium es verlorene Mühe sein werde, mit christlicher
und menschlicher Pflichtenlehre direkt gegen die Dämonen zu Felde zu ziehen. Um
sich greifen durfte er, als Seelsorger und Vater, das Unheil indessen auch nicht
lassen, und so gelangte er zu dem Beschluss, auf einem Umwege die Gedanken in die
natürliche Bahn zurückzulenken, so wie etwa der Dichter eine zuträgliche Moral
dem Volke im Gewand der Fabel zu Gemüte führt. Er kehrte in die Laube zurück und
hob an, indem er sich an der Seite seiner Gemahlin niederliess:
    »Ich habe dir, liebe Hanna, noch nicht von meinem gestrigen Abendgange durch
das Dorf erzählt. Du warst, als ich heimkehrte, ruhebedürftig, und ich war
erregt wie immer, wenn ich mit dem Hutmannshause in Berührung komme. Der blosse
Anblick schneidet mir in das Herz! Ein derartig menschenunwürdiges Obdach am
Eingange zu einem wohlangesehenen Edelhofe, - ja fürwahr, kein feiner Ruhm würde
es zu nennen sein, hätte unsere gnädige Herrschaft diesen ihren Erbsitz in der
neuen Provinz jemals in Obacht genommen.«
    »Eine Sünde und eine Schande nenne ich es, Konstantin, ohne Wenn und Aber,«
entgegnete Frau Hanna.
    Ihr Eheherr seufzte. »Was dem Auge fern ist, ist es dem Herzen auch,« sagte
er darauf. »Dazu, wir wissen es ja, die finanzielle Lage! Der leidige
Kriegszustand hat schon manchen reichen Grundbesitzer zu einem Ärmling gemacht.«
    »Den von Werben mehr der Friedens- als der Kriegszustand, Konstantin.«
    Pastor Blümel tat, als hätte er den Widerspruch nicht gehört.
    »Und was den Pächter betrifft,« fuhr er fort, »so können Reparaturen aus
eigenem Säckel dem Manne billigerweise doch auch nicht zugemutet werden.«
    »Ei, warum denn nicht, Konstantin?« wendete Frau Hanna ein in ihrem
allernatürlichsten munteren Ton. Ob sie die Rolle der Rabenmutter vergessen
hatte oder, siegessicher, sie fortan für überflüssig hielt - genug, sie lachte,
und ihr feiner Seelsorger lächelte. »Ihn, den Pächter, haben weder Kriegs- noch
Friedenszeiten zum Ärmling gemacht. Mittel sind da! ist des Grosshansen Spruch,
und woher stammen die Mittel als aus den Vorteilen der Pachtung, die von Vater
auf Sohn den Mehlborns zugute gekommen sind?«
    »Erweisbar doch aber nur gesetzlich gestattete Mittel, Hanna!«
    »Lehre mich meinen Harpax kennen, Konstantin!« eiferte Frau Hanna, worauf
ihr gern entschuldigender Konstantin anführte, dass ohne eine streng erhaltsame
Ader ein Bauer, trotz aller Arbeit, es nicht zum Wohlstand bringen werde, in
bezug auf den Grosshansen indessen nicht umhin konnte zuzugestehen, dass dem Manne
dieser Wohlstand samt der adligen Verschwägerung einigermassen zu Kopfe gestiegen
seien.
    »Indessen,« setzte er hinzu, »wem schadet er durch seinen Sparren als sich
allein? Bei aller Klugheit merkt er bis jetzt noch nicht, dass er die Zielscheibe
des Spottes geworden ist. Eines Tages aber wird er es merken und - es tut mir
immer weh, liebes Hannchen, wenn ich dich unter den Spöttern sitzen sehe.«
    »Aber Konstantin, wozu wären denn die Narren gut, wenn man nicht einmal über
sie lachen dürfte?«
    »Es ist ja eine so alltägliche Narretei, Hanna; in alten wie neuen Komödien
bis auf die Grundneige ausgenutzt, langweilig oder traurig je - -«
    »Im Gegenteil, Konstantin; ein Sonntagssparren ist es, der kurzweilig wirkt
durch den Kontrast. Wie es Quartalstrinker gibt, die durch einen periodischen
Rausch sich für die Alltagsnüchternheit entschädigen, so sticht auch unseren
Bauer nur in Pausen eine nobele spanische Fliege, und in der Zwischenzeit ist er
ein Grobian und ein Filz der ersten Sorte. Man käme aus der Erbosung nicht
heraus, wenn seine Narretei den Patron nicht dann und wann ein bisschen
erträglicher machte.«
    »Warum willst du dich nicht aber lieber an die gesunden Kräfte halten, die
allen Schäden und Schrullen zum Trotz - Adams Erbteil, liebe Hanna, in
irgendeiner Weise keinem seiner Kinder erspart! - sich in seiner Natur behauptet
haben? An seine Tüchtigkeit, Mässigkeit, Unermüdlichkeit und - ich will nicht das
höchste Wort gebrauchen, aber ich bleibe dabei, dass ein schlechtin unredliches
Geschäft dem Manne weder nachzuweisen, noch auch nur zuzutrauen wäre. Wie zum
Magnaten ist er auch zum Schwindler, Gott sei Dank! allzu standfest ein Bauer.«
    »Das heisst ein Schlaukopf, der das Risiko eines Schwindels scheut!« rief
Frau Hanna, welche jetzt unwiderstehlich aus der tragischen Rolle in ein
lustiges Lieblingstema verfallen war. »Aber warte nur, warte, du mein
titulierter Herr Rittergutsbesitzer und Baron in spe! bei der ersten Lektion,
welche die gräfliche Exgouvernante dir wieder in der höheren Tafelkunst erteilt
- wir sind beim Gabelführen mit der linken Hand stehen geblieben, Konstantin! -
bei der nächsten Quartalsschrulle soll das baufällige Hirtenhaus dir recht
erbaulich zu Gemüte geführt werden, und für ein neues Schindeldach vor Winters,
dafür mindestens, Konstantin, bin ich dir gut.«
    »Nun mache es nur gnädig mit deinem alten Zögling, Hannchen,« versetzte der
Pfarrherr lächelnd. »Glückt es dir aber mit dem Schindeldach, so freue dich, dass
dasselbe noch den armen Freis, das heisst den Ärmsten der Gemeinde zugute kommen
wird. Auf meine Vorstellung hat der Herr General ihnen das Wohnungsrecht in
einem der Frönerhäuser wie bisher zugestanden, wenn auch weder die Gemeinde,
noch der Amtmann zu bewegen war, den Klaus über den Johannistermin hinaus als
Schäfer beizubehalten. Gestern hat er die Herde zum letzten Male ausgetrieben.«
    Der gütige Mann seufzte bei den Worten; seine Hanna dagegen erklärte die
Gemeinde und in diesem speziellen Falle sogar den schnöden Amtmann für durchaus
in ihrem Recht.
    Wie hatte sie, Frau Hanna nämlich, den Klaus seit Jahr und Tag gemahnt,
gewarnt, gescholten! Wer nicht hört, muss fühlen. Die vermaledeite Schenke lag
dem Hutmann, ob er aus- oder eintrieb, allemal bei Wege. Die Herde wurde seinen
wilden Buben, wenn nicht gar dem alten, lahmen, blinden Phylax überlassen, und
die gutmütigen Schäfchen sind lange nicht so dumm, wie sie aussehen: sie wissen
fette Wiesen einem abgeweideten Anger vorzuziehn. Der Ungehörigkeiten - gelinde
ausgedrückt -, die bei der vorjährigen Schur vorgekommen sind, noch gar nicht
einmal zu gedenken.
    Der Pfarrer konnte diesen Bezichtigungen leider nicht widersprechen, setzte
aber milde hinzu: »Schuld geht fast jedem Elend und Ungeschick fast jedem
Missgeschick voran, liebe Hanna. Werden Elend und Missgeschick aber weniger
erbarmenswert, oder etwa erbarmenswerter, weil sie sich erweislich, sei es aus
unsern Handlungen, sei es aus unsern Unterlassungen entwickelt haben? Und wenn
wir hier ein Gemeinde glied auf abschüssiger Bahn sinken sehen so tief, wie
meiner Zeit noch keines gesunken ist, vom ansässigen Bauer zum Schafhirten und
von diesem - -«
    »Zum Tagedieb und Strolch!«
    »Dieses Äusserste abzuwenden war der Zweck meines gestrigen Weges, liebe
Hanna. Helfen, das heisst dauernd Arbeit geben, kann allerdings nur der Amtmann;
bis dieser aber seinen Widerwillen gegen den Klaus überwunden haben, bis er, bei
kaum vermeidlichen Rückfällen des Arbeitsscheuen, zu christlicher Langmut zu
bewegen sein wird, - was meinst du, mein Hannchen, wenn wir den Klaus zunächst
unsere Spargelbeete umrajolen liessen?«
    »Aber, Konstantin, damit hat es ja noch Jahr und Tag Zeit!«
    »Mit dem Spargelbeet allerdings, Hannchen, aber mit dem Klaus hat es Eile.«
    »Eile mit Weile, Konstantin! Die Ernte steht vor der Tür, und die
Spargelbeete laufen nicht davon, bis einmal die Arbeit nicht haufenweis bei Wege
liegt. Aber erzähle doch deinen Dorfgang zu Ende. Du warst auf des Klausen
abschüssiger Bahn angelangt. Nun weiter!«
    »Ja, weiter,« seufzte der Pfarrer. »Der Mann ist schuldig, unleugbar
schuldig, Hanna. Aber ebenso unleugbar ist er zu entschuldigen. Er ist ein
Bauernsohn, aber ihm fehlte nun einmal das Erbe jeglichen Bauernsinns und
Schicks; dass ich so sage eine Mehlbornsche Ader. Und an schlimmen
Zufälligkeiten, wie wir törichterweise das Unberechnete, oder vielleicht
Unberechenbare nennen, hat es wahrlich auch nicht gefehlt. Neun lebendige
Kinder, und das zehnte vor der Tür! Könnte halbwegs ein Gotteslästerer da nicht
versucht sein auszurufen: Herr, halt ein mit deinem Segen! Schon das Aufbringen,
welche Last und Qual! Und sind sie endlich so weit: wie die Vöglein, wenn sie
flügge geworden, fliegen sie hinaus in die Welt, und hülflos, unfähig zur Hilfe,
haben die Erzeuger das Nachsehen. Des Klausen Weib, die arme Kreuzträgerin, ist
eine Mutter nach Gottes Herzen. Aber wusste sie ein Wort davon, als ihr
Erstgeborener, der Gardist, im Lazarett mit dem Tode rang? Und hätte sie darum
gewusst, würde sie zur Pflege an seine Bettstatt haben eilen dürfen? Oder, was
konnte sie für ihren Zweitgeborenen, den blöden Friede tun, als er, kaum eine
Stunde von ihr fern, vom Gänsejungen zum Kuhjungen und vom Kuhjungen zum
Pferdejungen herangeprügelt wurde, bis auch ihn schliesslich der heilsame
Korporalstock unter seine Zucht genommen hat? Ein Glück, dass den jüngeren Sieben
die gleiche Schule in Aussicht steht. Neun Jungen! Prachtjungen! Wahre
Enakssöhne, geborene Flügelmänner, einer wie der andere! Der Stolz eines
Vaterlandsfreundes und die Lust eines wohlgerichteten Vaterherzens! Hanna,
Hanna! Wer ermisst aber die sonderbare Führung, welche dem einen das Heissersehnte
hartnäckig versagt und dem anderen es bis zum Übermass, bis zur Überlast
verleiht?«
    Frau Hanna zog bei dieser unerwarteten Rückfälligkeit die glatte, rosige
Stirn in die allerkrausesten Falten; sie liess das Kind, welches, weil es
wiederum zu murren begonnen, sie auf ihren Schoss zu nehmen im Begriffe war, so
unsanft, als sie es über das Herz brachte, in die Wiege zurücksinken und rief,
indem sie ihm eine Faust machte: »Da hörst du's, unnütze Mädchenkreatur! die
ärmsten Hirtenbuben wachsen ohne Zuck und Muck zu Flügelmännern und
Vaterlandsverteidigern heran, während ihr, armselige Jammerbasen - -«
    Der Vater hatte auf dem falschen Wege, in den er sich verirrt, erschrocken
innegehalten. Er trat wieder energisch die Schaukel, fächelte das Gesichtchen
mit seiner Zentifolie, bis die roten Augendeckel wieder zufielen, und lenkte,
ohne seine Hanna ausreden zu lassen, nach seinem eigentlichen Ziele zurück.
»Der Klaus sass auf einem Klotz seiner Tür gegenüber; er mochte das Valet von
seiner Herde einem der Buben überlassen haben und eben erst aus der Schenke
heimgekehrt sein, denn der Fuseldunst qualmte ihm gleichsam aus dem puterroten
Schädel, und halb im Taumel - ganz in Taumel gerät er schon längst nicht mehr -
glotzte er in das Blaue hinein. Der Schenkwirt ist auch schuldig, hauptschuldig,
Hanna. Wozu er keinen Besseren hat, hat er den Frei, und der Frei ist ihm
gewärtig - leider ihm allein - und wäre es mitten in der Nacht; denn jeder
eilige Botenweg, jeder noch so gröbliche Dienst wird statt mit Brot oder Geld
mit den eklen Branntweinneigen bezahlt, die kein Gast mehr mag. Mein Gang, ich
sah es, war verfehlt; wozu hätte in dieser wüsten Verfassung mein
Arbeitsvorschlag führen sollen? Ich stellte mich, als ob ich den Mann nicht
bemerkte, indem ich den Kopf nach dem engen Hofraum drehte, auf dessen magerem
Dunghaufen das junge Hirtenvolk sich mit ein paar Hühnern und Ferkeln
herumjagte. Das liebe Vieh eitel Haut und Bein, die Menschenbrut pausbäckige
Apfelgesichter! Das gedeiht wie durch Wunder bei allem Unflat und Hunger.«
    »Ich würde sagen, Konstantin,« wendete die Pastorin ein, »das gedeiht, weil
eine brave Mutter den Unflat alle Tage wieder abwäscht und kämmt und weil die
Brosamen von unserer Amtmännin Tische so reichlich fallen, als die Batzen aus
des sauberen Herrn Amtmanns Tasche knapp. Aber weiter, Konstantin. Du redetest
den Klaus also nicht darauf an?«
    »Ich nicht ihn, aber er mich, Hanna. - Sie kundschaften wohl nach Ihrem
Dezem, Herr Pastor, fragte er mit schmunzelndem Hohn. - Du musst wissen, Hanna,
mit dem Dezem, da meinte er, landläufig, das Zinshuhn, das auf der armen
Frönerhütte lastet, und das am Johannistermin regelmässig in Erinnerung zu
bringen der Kantor törichterweise noch immer für seine Schuldigkeit hält.«
    »Du solltest den Beifuss darum loben, Konstantin. Ordnung muss sein, und Recht
bleibt Recht. Der reichste Hofbesitzer beruft sich schliesslich auf den armen
Fröner, dessen Zinshuhn eingeschlummert ist.«
    Pastor Blümel seufzte tief. »Hanna,« sagte er darauf, »den Tag, an welchem
die langgeplante Ablösung dieses widerwärtigen Opfers an Korn und Blut zu einer
Wahrheit wird, den Tag wollen wir feiern wie ein zweites Hochzeitsfest.«
    »Insofern die Welt auch bei uns nicht ein bisschen auf den Kopf gestellt
werden sollte, wird es mit dem Feste Weile haben, Konstantin,« entgegnete Frau
Hanna lachend. »Denn gehts ans Steuern, greift der Bauer immer noch eher in den
Sack als in den Säckel. Aber weiter, Freund, was gabst du denn dem Kujon auf
seine Unverschämteit zurück?«
    »Ich entgegnete ihm einfach, dass ich nicht um des Huhnes willen gekommen
sei, wie selbiges ja auch bisher alljährlich von mir gestundet worden.« Worauf
der Spottvogel dann kichernd erwiderte:
    »Weil mein Gezücht der Frau Pastorin in ihren Suppentopf nicht fett genug
ist, gelt?«
    »Ei, du Höllenbraten!« rief die Pastorin mit drohender Faust. »Aber warte
nur, warte! Nun auf diesen Dank, Konstantin, hast du, will ich hoffen, deinem
Beichtsohne doch gebührentlich gedient?«
    »Gebührentlich, Hanna, ich schwieg. Leider indessen nicht beharrlich genug;
denn als auf meine ablenkende Frage nach seiner Frau der Klaus mir gleichmütig
erwiderte, dass sie seit Morgens auf der Gutswiese mit Heuwenden beschäftigt sei,
da, ich gestehe es mit Scham, übermannte mich Wort um Wort der Zorn, welcher,
wie gerecht auch immer der Anlass, für einen in meinen Jahren und in meinem Amte
doppelt sträflich ist, daher ich mich denn auch über die herbe Lektion, die er
mir eintrug, nicht beklagen darf. Scheut Ihr Euch nicht der Sünde, fuhr ich auf,
das Weib, das Euch neun Söhne geboren hat...
    Ist es meine Schuld, Herr Pastor, höhnte der Klaus, dass kein Mädchen drunter
ist, das mir derweile zu Hause eine Suppe kochen könnte?
    Das Weib, das zum zehnten Male ihrer Stunde entgegensieht - -
    Hätte ich was dawider, Herr Pastor, wenn sie ihr nicht entgegensähe?
    Das arme, schwache Weib hetzt Ihr in dieser Johannisglut zu saurer Arbeit
hinaus -
    Hetz ich sie, Herr Pastor? Sie geht von alleine.
    Während Ihr, baumstarker Mann, ein Simson von Gestalt und Kraft -
    Schön Dank, Herr Pastor, für den frommen Vergleich.
    Die paar Heller, welche die Arme im Schweisse ihres Angesichts erwirbt, in
der Schenke verschlemmt -
    Wohl bekomms dem Herrn Pastor, dass er seinen Durst im eigenen Keller löschen
kann!
    Und dann daheim, die Hände im Schoss, in giftigem Kraute verqualmt.
    Kann ich mit Feuer dienen? Das Pfeifchen ist dem Herrn Pastor ausgegangen?
    Dieser letzte Spott, Hanna, traf mich wie ein Natterstich. Ich spürte eine
Blutwoge vom Herzen zum Hirn und vom Hirn zurück zum Herzen treiben. Nun ja, ich
hatte geraucht. Du weisst, Hanna, ich rauche niemals unter meinen Kindern und
niemals unter meinen Blumen; das heisst niemals, wenn ich mich erhole. Aber ich
rauche, wenn ich mich anstrenge, und ich strenge mich an auf meinen einsamen
Abendgängen durch Dorf und Flur. Da suche ich Anknüpfungen für die
Erbauungsstunden im Gotteshause und für die Seelsorge in jedem Gemeindehause.
Denn leider ist es ja so, dass ich nach zehnjährigem Wirken denen, auf die ich
wirken soll, noch immer nahezu ein Fremdling geblieben bin. Es fehlt ihnen zu
mir der sympatische Heimatszug, dessen der Pfarrer mehr als jeder andere
Lebensgenosse bedarf. Da möchte ich denn mein Gemüt recht weit auftun, dass sie
es verstehen lernten bis auf den Grund, und ich möchte meine spürenden Sinne
schärfen, dass das, was not tut, denen, die Gott mir gegeben hat, auch wohltue.
Darum rauche ich, Hanna. Und wahr ist es und bleibt es, es prickelt ein
seltsamer Reiz in diesem Kraut; aufräumend das Hirn, anregend Auge und Ohr,
unschätzbar für den Arbeiter im Geist. So ungefähr wird denn auch wohl die
Vorhaltung gelautet haben, mit welcher ich mich vor dem Klaus gleichsam zu
rechtfertigen suchte; möglich jedoch mit etwas ungebärdigeren Worten; denn der
Mensch grinste, während er Stahl und Stein aneinander schlug, recht hämisch vor
sich hin, und auf jede meiner Tesen gab er gleichsam eine Antitese, die mir
die Galle immer leidenschaftlicher erregte.
    Also für Ihre Sonntagsepistel rauchen Sie, Herr Pastor? Kurios! habe ich
doch immer gedacht, die könnte einer ohne Tobak fertigbringen.
    Wie ich nun aber, als Folgerung meines Vordersatzes, die gesundheitlich und
wirtschaftlich verderbensvollen Wirkungen des Tabaksgiftes auf die blossen
Handarbeiter, das heisst auf die ungeheure Mehrheit des Volkes hervorzuheben
begann, da schlug der Mensch eine wilde Lache auf und sagte, indem er mir den
brennenden Schwamm hinüberreichte:
    Na, lassen Sie's gut sein, und dampfen Sie, Herr Pastor. Es ist die alte
Geschichte. Tausende sollen sich placken und schinden mit trocknem Speichel und
wüstem Hirn, auf dass ein einziger Tobak rauchen und seinen Kopf für eine
Sonntagsrede aufräumen kann. Das wird so des lieben Herrgotts natürliche Ordnung
genannt. Wenn aber einer von den Tausenden auch einmal seinen Kopf aufräumt, um
zum wenigsten in Gedanken eine Sonntagspredigt zu halten, da heisst er ein
Rebeller gegen die göttliche Ordnung, und das höllische Feuer ist nicht heiss
genug für ihn.
    Auf diese Rede schwieg ich und ging. In mir wirbelte es und wogte es. Was
hatte ich mir bieten lassen müssen und von dem elendesten meiner
Gemeindeglieder! Ich konnte nicht also bald zurück unter die Stätten der
Menschen, auch nicht in meine eigene. Hinaus in die friedsame Natur. Ich schlug
den Wiesenweg ein; anfangs mit ungestümen Schritten, allmählich gelassener. Die
Sonne war gesunken, vom Abend her wogte ein goldener Flor über Himmel und Fluss;
im Morgen stieg schon die Nacht empor, die stille, heilige Täufernacht. Ich sog
den süssen Heubrodem wie einen Balsam in die Brust; ihre Unruhe löste sich; jenes
Etwas kam über mich, das wir Weihe nennen, jenes seltene Etwas im Weltverkehr.
Mir war, als ob alle Schleier des Daseins sich senken, alle Klüfte des
Menschengeistes sich füllen müssten, und wie durch Zauber stand plötzlich der
trunkene Tagedieb Frei vor mir, ein anderer Mann, der vielleicht, zu welchem
sein Schöpfer ihn erschaffen hatte. Lerne deinen Feind begreifen, und du wirst
ihn lieben lernen, nicht mit Menschenliebe, aber mit Heilandsliebe. Und da sagte
ich mir denn und sage es heute noch, Hanna: der Mann, in welchem der
Schenkendunst sich zu so ätzendem Geifer zersetzt, das ist kein Alltagskopf,
Hanna; wahrlich, wahrlich, er ist es nicht. Dieser Mann war von Natur vielleicht
ein Genie; ein Halbgenie will ich lieber sagen, denn ihm fehlte jenes Bruchteil
von Kraft, das zum Vollbringen wie zum Entsagen unerlässlich ist und mit welchem
auch er die Fesseln des Erdengeistes gesprengt haben würde.
    Dein Schicksal, Hanna, und meines stiegen neben dem seinen in meiner
Erinnerung auf. Du, die brotlos gewordene Erzieherin, ich, der brotlos gewordene
Erzieher, wir waren hundertmal ärmer als dieser Mann und sein Weib, als wir in
bitterböser, vaterländischer Zeit, vertrauend auf Gott und unsere Liebe, die
Hände ineinander legten. Aber wir waren von Haus aus richtig gestellt. Der
Kandidat und seine Frau haben manchen Hungertag und manche Kummernacht
durchringen müssen, aber sie arbeiteten mit ihren natürlichen Kräften in der
Mädchenschule und im Jünglingsauditorium. Und dieses mühselige Tagewerk
unterbrach die mannhafte Erhebung des Vaterlandes. Auch der arme Kandidat schied
von Weib und Kind; hochgeschwellt die Brust, stürzte er sich in den befreienden
Strom. Wiederum eine Tat des Geistes! Und der ewige Herr hat die Getrennten
emporgehalten in dem Strudel von Blut und Not, hat sie liebend einander wieder
zugeführt in dem erlösten Vaterlande, hat ihnen in der neuerworbenen
gedeihlichen Provinz eine Heimstätte erschlossen, wo sie frohgemut ihr Tagewerk
weiterführen in der göttlichen Forschung und der Reinigung der Herzen, den
beiden Endpunkten, um welche jegliche Geistesarbeit sich bewegt. Würden sie, an
ein Handwerkszeug gebannt, das nämliche Ziel erreicht haben?
    Siehe dahingegen diesen hohngeblähten Mann, dessen Geist im Schenkenqualm
verdunstet; würde er ein Ärmling, ein Trunkenbold und Strolch geworden sein,
wenn ihm statt des Dreschflegels und des Pflugs, die er missmutig regierte, die
Leuchte der Wissenschaft, nach der er sich sehnte, in die Hand gegeben worden
wäre? Die Alten der Gemeinde erzählen, dass es niemals einen eifrigeren Schüler
unter ihnen gegeben habe als den Frei. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, auf
den Advokaten zu studieren. Pfarramt und Anwaltsstube sind ja heute noch so
ziemlich die einzigen Zielpunkte geistigen Strebens, die der Bauer kennt und
anerkennt. Aber der Klaus war ein Erbsohn; der Vater hielt ihn mit Gewalt im
Knechtsdienste fest auf dem Hofe, über welchen er eines Tages als Herr gebieten
sollte. Voll Grimm und Groll entwich er und wurde Soldat. Er ist heute noch ein
beherzter Mann. Du weisst, Hanna, wie er sich bei der Feuersbrunst in Bielitz
hervorgetan hat. Es war schreiendes Unrecht, dass, um seines üblen Leumunds
willen, der Landrat verweigerte, ihn zur Rettungsmedaille einzugeben. Die
Anerkennung hätte ihm ein Sporn auf gute Wege werden können. Dazumal durchlebte
er im Dienste der Fremdherrschaft die gleissende Niedertracht seiner
vaterlandslosen Zeit und Zone, und als er nach Jahren heimkehrte, war die letzte
Spur von Bauernemsigkeit und Zucht in ihm erloschen. So seine Konstellation.
Würde er mein Ziel erreicht haben an meiner Statt?«
    Der Pfarrherr schwieg, und seine Gattin schwieg auch. Sie hätte auf die
wunderliche Frage nicht ja sagen können, und das Nein wollte ihr doch auch nicht
flott über die Lippen; schon darum nicht, weil ihr Kleinglaube ihren Konstantin,
ihren edlen, herrlichen Konstantin betrübt haben würde. Nach einer
gedankenvollen Pause fuhr der Pfarrer fort:
    »Sind es nicht aber gleichsam Stiefkinder der Natur, jene Ungezählten, die
der allerhärtesten Tyrannei erliegen, der eines aufgepfropften Geschicks, das zu
erfüllen oder zu bewältigen sie nur halb die Erkenntnis und halb die Ausdauer
haben? Hier die Last eines Zuviel, dort die Leere eines Zuwenig! Stiefkinder der
Natur und doch Gotteskinder! Wer löst den Widerspruch? Aber milde soll es uns
machen, milde und hülfreich, Hanna, wenn wir solch einen Halbbruder im Geist
falsch gestellt oder verirrt am Abgrunde taumeln sehen. Nicht die Gerechtigkeit,
die Versöhnung ist der Ankergrund der sittlichen Welt.«
    Von neuem versank der Pfarrer in seine Gedanken, und auch diesmal störte
seine Hanna ihn nicht. Er grübelte über den Halbbruder im Geist, und ob er
letztlich nicht dennoch sich zu einem Kinde Gottes emporziehen liesse? Sie
grübelte über den Tagedieb Frei, und ob er letztlich nicht doch noch durch
rechtschaffene Arbeit vor dem Korrektionshause zu bewahren sei? Im Grunde
grübelten demnach beide brave Eheleute, die sie waren, über ein und das
nämliche.
    »Deine Geschichte ist wohl zu Ende, Konstantin?« fragte endlich die Frau.
Sie hatte ihr Problem früher gelöst als der Mann, und es prickelte ihr in Händen
und Füssen, ihren Plan zur Tat werden zu lassen.
    »Noch nicht ganz, Hanna,« versetzte der Pfarrer, indem er nicht ohne
Anstrengung die ursprüngliche Pointe der Erzählung in sein Gedächtnis
zurückrief. »Am Kreuzwege zwischen Dorf und Stadt begegnete mir des Klausen
Frau. Himmlischer Vater, wie abgehärmt und abgezehrt schlich sie einher, als
zählte sie siebenzig Jahr! Und sie ist doch noch im blühendsten Alter, von
deinem Jahrgang, Hannchen, und deinen Namen trägt sie auch. Sie hatte bei Wege
an den Rainen das Abendfutter für ihre Ziege abgesichelt und schleppte nun
schwer an der doppelten Last, denn ihre Stunde ist nahe. Aber kein Klagelaut
entschlüpfte ihren Lippen; kein Wort der Anklage gegen den schlimmen Mann, der
sie so weit gebracht. Wahrlich, wahrlich, die Hanne Frei ist ein Weib nach
Gottes Herzen! Ich musste an unseres Pestalozzi herrliche Gertrud denken. Sie
wünschte mir Glück zu der Geburt unseres Töchterchens und setzte mit einem
Seufzer hinzu: Ach, wenn doch nur einer von meinen Neunen ein Mädchen wäre, dass
es mir beistände in der Wirtschaft und für mich einträte, wenns einmal vollends
mit mir zum Ausspannen kommt. Sie werden sehen, Herr Pastor, diesmal übersteh
ich die Kampagne nicht.
    Ich tröstete sie, so gut ich mit halbem Glauben es zu tun vermochte, meinte,
dass ihr Verlangen nach einer Tochter ja wohl diesmal erfüllt werden könne und
dass sie sich nach dem Wochenbett zu ihrer früheren Rüstigkeit erholen werde. Sie
schüttelte traurig den Kopf. Wie Gott will! flüsterte sie nach einer langen
Stille. Er ist ja der Vater der Waisen. Und dabei schlug sie die eingesunkenen
Augen gen Himmel mit einem Blick, den ich bis in meine Sterbestunde empfinden
werde. Und damit ist meine Geschichte zu Ende, liebe Hanna.«
    Über Frau Hannas guten blauen Augen lag ein feuchter Flor. Sie hatte die
Moral der Geschichte wohl gefasst, wollte etwas sagen, schluckte, räusperte sich
und lief dann, ohne es gesagt zu haben, dem Hause zu. Unter der Tür machte sie
halt, trocknete sich die Augen und kehrte dann, lachend über das ganze Gesicht,
in die Laube zurück. »Ich habs!« rief sie schon von weitem, »Konstantin, ich
habs! Ich gebe dem Amtmann alle Sonntage eine französische Stunde, und der
Amtmann gibt dafür dem Frei Arbeit in seinem Schacht. Steinklopfen lohnt. Des
Klausen Brustkasten ist heil und vom Schacht zur Schenke ein gehöriges Ende. Du
schüttelst den Kopf, Konstantin? Der Amtmann tuts nicht, meinst du? Ei, er soll
schon, Konstantin. Der alte Narr mit dem urdeutschen Namen brennt auf
Fremdwörter, und jedes Fremdwort heisst ihm französisch. Wie lange quält er mich
schon um die feine Konversation. Eh bien, Monsieur Mehlborn , so oder so: keinen
Klaus im Schacht - keine feine Konversation!«
    Pastor Blümel lächelte und wünschte gedeihlichen Erfolg, meinte jedoch, dass,
da die Grammatik füglich erst nach Tauffeier und Kirchgang aufgeklappt werden
dürfe, zuvor mit dem Rajolen der Gartenbeete ein Anfang gemacht werden müsse.
    Frau Hanna erwiderte weder ja noch nein, sie eilte zum zweiten Male dem
Hause zu, kehrte indessen pflichtschuldigst wieder um, als sie ihren Eheherrn
freundlich ihren Namen rufen hörte.
    »Ich werde einen Johannisstrauss für die arme Gertrud - ich meine für die
arme Hanne Frei schneiden,« sagte er. »Vielleicht dass du, liebe Hanna, aus
deinen Schatzkammern dem Erfreulichen etwas Nützliches beizufügen hättest. Eine
unserer Töchter würde dann noch vor Abend die kleine Spende der guten Frau
hinuntertragen.«
    Frau Hanna nickte einverstanden; nachdem sie in Gedanken blitzschnell
Musterung unter ihren Vorräten gehalten, flog sie zum dritten Male dem Hause zu,
wurde aber zum zweiten Male von ihrem Konstantin zurückgerufen. »Noch eins,
Hannchen,« sagte er, indem er ihre Hand fasste. »Bist du über den Namen, welchen
unsere Kleine tragen soll, schlüssig geworden?«
    Der Mutter klopfte das Herz; es galt die Probe auf ihr Exempel. »Ich hatte
an Konstanze gedacht,« antwortete sie lauernd; »weil sie dir doch so ähnlich
sieht, Konstantin.«
    »Sie sieht dir ähnlich, Hannchen,« versetzte der Vater. »Was meinst du, wenn
wir sie Rose nennten?«
    Pastor Blümel hatte mit dieser Wahl keineswegs eine ehemännische Galanterie
bezweckt, und sie wurde auch keineswegs als solche aufgenommen. Dennoch
erglänzte das Muttergesicht wie von inwendigem Sonnenleuchten. Stumm vor
Glückseligkeit küsste Hanna ihrem Konstantin vielleicht zum erstenmal im Leben
die Hand, riss das Kind aus der Wiege, presste es an ihr Herz und flog mit ihm in
das Haus. Die siebente Tochter, auf welche der Vater den Namen seiner stolzen
Lieblingsblume übertragen hatte, die spärliche kleine Rose würde, die Mutter
wusste es, der Liebling seines Herzens werden.
    Pastor Blümel starrte dem Schatten von Mutter und Kind noch eine lange
Weile, nachdem er im Hausflur verschwunden war, mit Wunderblicken nach. War es
die einfache Erzählung von der unglücklichen Neunsöhnermutter, welche das
verstimmte Seeleninstrument der glücklichen Siebentöchtermutter zurückgestimmt
hatte auf seinen reinen Kammerton? Oder, oder - - wie Schuppen begann es von
seinen Augen zu fallen, - sollte er, der das Studium des Menschenherzens zu
seiner vornehmsten Aufgabe gemacht hatte, nach einer zwanzigjährigen Ehe in
seinem nächsten Herzen zum erstenmal den alten Satz bestätigt finden, dass auch
die aufrichtigste Frau zuzeiten eine Larve trägt? Eine hässliche Larve über einem
lieben Gesicht; der Fall soll umgekehrt öfter vorkommen. Pastor Blümel wiegte
nachdenklich sein ergrauendes Haupt, lächelte aber dabei sogar ein wenig
schelmisch vor sich hin, klappte dann sein Taschenmesser auf und begann den
Johannisstrauss für das arme Hirtenweib zu schneiden.
    Wie er nun so wählend und bindend die Rabatten auf und nieder schritt, hörte
er durch die offnen Wohnstubenfenster die helle Stimme seiner Hanna, welche
einer der Töchter den Auftrag gab, flink die gute Freundin, Frau Amtmann
Mehlborn, zu einem Besuche in die Pfarre zu entbieten, und leicht war ja zu
schliessen, um welches Anliegen es sich bei dem Entbote handelte. Denn die
Pastorsfrau und die Pächtersfrau fügten sich und griffen ineinander, wie es von
guten Freundinnen nicht immer zu rühmen ist. Die eine wusste zu leben, die andere
hatte zu leben; die eine, von Haus aus gebildet, war ihrem Gatten zu Liebe und
Hülfe der Bauernart in einem gewissen Sinne vertrauter geworden als der Gatte
selbst; die andere, von Haus aus eine Bäuerin, war in einem gewissen Sinne so
gründlich aus der Bauernart geschlagen, als ihr darüber hinausstrebender Gemahl
zäh darin wurzelte; die eine hatte sieben Töchter, die ihr Freude machten; die
andere nur eine einzige, die ihr Sorge machte; der einen war der Stammhalter
versagt, der anderen genommen; Frau Rosine verfügte über einen vollen
Wirtschaftssäckel, Frau Hanna über einen knappen; beide halfen gern; die
letztere mit ihrem offnen Kopf, die erstere mit ihrer offnen Hand, und dass das
Zusammenwirken von Rat und Tat heute solche Eile hatte, dafür war von Pastor
Blümel selbst ja just der Anstoss gegeben worden: Klaus Frei, der schlimme
Patron, sollte schleunigst in die Kur genommen werden.
    Pastor Blümel schüttelte daher von neuem und bedenklicher als vorhin das
ergrauende Haupt, als er dem freundschaftlichen Entbot einen unerwarteten
Nachtrag folgen hörte. Im Fall - so hiess es - die Frau Amtmännin, der Heuernte
halber, heute nicht abkömmlich sei, solle Luischen ihr vorläufig mitteilen, dass
der gute Vater die kleine Schwester Röschen nennen wolle, weil die Frau
Amtmännin Rosine heisse und in ihrer Jugend doch auch Röschen genannt worden sei.
Die Frau Amtmännin werde sich über die Aufmerksamkeit freuen und ihr Patenkind
darum desto lieber haben.
    Zum zweiten Male seit einer Viertelstunde ertappte der treue Seelenhirt auf
einem Schleichwege das Weib, welches er ein Vierteljahrhundert lang zu kennen
geglaubt hatte, gründlicher als sich selbst - denn wer ist schwerer gründlich
auszukennen als einer selbst? - Auf einem blumenbesetzten Wege, es ist wahr, im
Pfadsuchen nach einem Herzen; aber doch auf einem berechneten, hinterhältigen,
zweideutigen Wege! »Evas Töchter, Evas Töchter, die ihr alle seid!« murmelte
Konstantin Blümel und war entschlossen, den Tag nicht vorübergehen zu lassen,
ohne seinem anderen Ich die fälschliche Auslegung des Heilandswortes von der
Schlangenklugheit klargemacht zu haben.
    Sein Luischen huschte nickend an ihm vorüber, den Weg zum Schloss entlang,
die übrigen Kinder tummelten sich im Obstgarten, wo heute die ersten Kirschen
gepflückt worden waren; die litauische Lene, die sämtlichen Blümelschen
Nachwuchs gewartet hatte und den Eltern aus der alten Heimat in die neue gefolgt
war, hantierte auf dem Bleichplatze hinter dem Hause; darin war es seelenstill.
    Den Rosenstrauss für die Hirtenfrau, würdig einer Prinzessin, in der Hand und
eine Strafpredigt auf den Lippen, stieg der Pfarrer die Treppe hinan; die Tür
der Kinderstube stand nach dem Flur geöffnet; sie war die räumlichste des
Hauses, da sie dessen ganze Morgenseite einnahm. Frau Hanna hatte in ihrem Eifer
die leisen Tritte überhört, sie kauerte am Boden vor der Wäschkommode und
musterte ihr Kinderzeug; ein Geschäft, in welchem ein guter Hausvater nicht
stören soll, zumal wenn es die erste Musterung nach einer Wochenpause ist. Wie
leicht kann eine Nummer verzählt, ein Untätchen übersehen werden! Fach für Fach
war ausgekramt, Stück für Stück gegen das Licht gehalten worden, um sorgfältig
zu drei Teilen abgesondert zu werden. Sämtliche noch ungebrauchte Hemdchen,
Windelchen und dergleichen, neuerdings eigenhändig gesponnen und gefertigt,
kamen als Vorrat in das untere Fach zurück, vielleicht für den lange zögernden,
immer noch denkbaren Sohn, vielleicht aber auch erst für eine spätere
Generation; denn eine Mutter von sieben Töchtern rechnet auf Enkelfreuden und
-sorgen. Die zweite Abteilung, die zwar schon Spuren einer Geschichte in der
Kinderstube trug, aber noch keine, die irgend unheil zu nennen waren, wurden zu
jezeitigem Gebrauch in den oberen Fächern geordnet; wo aber fadenscheinige
Stellen im Flanell oder Stopfflecke im Linnen augenfällig geworden, da fanden
die Stücke ihren Platz auf einem blaugewürfelten Federkissen, das abseits am
Boden lag, um schliesslich durch eine Wickelschnur zusammengefasst zu werden.
    Der heimliche Lauscher wartete das weitläufige Geschäft nicht ab; er kannte
seinen Zweck, und dieser Zweck hatte Eile; leise legte er seinen Strauss auf das
blaugewürfelte Federkissen und stieg hinab in sein Studierzimmer, das am Ende
des unteren Flurs gelegen war und in der Familie das geistliche Gemach genannt
wurde.
    Wo in einem ländlichen Pfarrhause für ein Häuflein Kinder auskömmlich
gesorgt, auch der Gastfreundschaft nach Neigung und Christenpflicht Rechnung
getragen werden soll, da erübrigt für das geistliche Gemach nur ein schmaler
Raum. Und buchstäblich ein schmaler Raum war es denn auch, in welchen Konstantin
Blümel sich jetzt zu stiller Sammlung zurückzog, aber einer, der auch den
fremdesten Gast vertraulich angeheimelt haben würde, denn nicht nur das Wesen
des Bewohners spiegelte er wider, sondern auch seinen Lebensgang, so wie er ihn
diesen Nachmittag sich selbst und seiner Gattin in das Gedächtnis zurückgerufen
hatte: ein friedlich dahingleitender Bach, der nur ein einziges Mal, aber mit
unvergänglich befruchtenden Spuren, im Sturmeswogen der Zeit sein Gelände
übertreten hatte.
    Das einzige Fenster war von aussen grün umrankt; die ersten Sonnenstrahlen
blinkten morgens durch das zarte Laub, vom Garten herauf grüssten die
Blumenkinder. Längs der weissgetünchten Wände liefen Repositorien von rohem Holz;
links auf ihnen mahnten die alten Heiden, rechts die alten Christen bis
einschliesslich Martin Luter an des geistlichen Herrn Schüler- und Lehrerzeit.
Die jüngeren Christen waren verhältnismässig schwach vertreten, da das Amt in der
Gemeinde, der Familie und im Blumengarten weder Zeit noch Reiz zu neuen
geistigen Bekanntschaften allzu häufig aufkommen liess; indessen deutete dieses
und jenes Exemplar schon durch sein Äusseres auf einen häufigen Verkehr und
hatten die beiden grossen Landsleute Kant und Herder sogar auf dem Schreibtische
dauernd Platz gefunden, zu ihnen auch, als dritter, der treue Menschenfreund
Pestalozzi sich gesellt.
    Dieser Schreibtisch, nebst zwei Stühlen das einzige bewegliche Zimmergerät,
füllte den Fensterbogen; von schlichtem Tannenholz, mit Wachstuch bezogen,
bildeten die alte silbergekrampte Familienbibel und ein aus Elfenbein
geschnjetztes Kruzifix seinen einzigen Schmuck. Über dem Kruzifix aber hing, in
Glas und Rahmen gefasst, des Königs Aufruf »An mein Volk« und inmitten desselben
des friedlichen Pfarrherrn tapfer erworbenes Eisernes Kreuz.
    Und hier in seinem häuslichen Allerheiligsten, den beiden Kreuzen gegenüber,
sass nun der friedliche Pfarrherr, und es wollte ihm lange nicht gelingen, die
wechselnden Eindrücke der letzten Stunden in seinem Innern glatt und gleich zu
legen.
Wenn Konstantin Blümel erregt war, vollzog sich vor seinem geistigen Auge ein
Prozess des Wachsens und Wandelns, der sonst nur Kindern, Dichtern und
schwärmerischen Liebhabern für eigentümlich gilt. Und doch ist mehr als ein
Menschenalter verlaufen, seitdem Konstantin Blümel ein Kind geheissen hat, und
insofern zu einem Dichter wesentlich gehört, dass er Gedichte macht, ist er
nichts weniger als ein Dichter, denn er hat sich selbst in der sangquellenden
Jünglingszeit zu keiner einzigen Liedesstrophe gedrungen gefühlt; was aber den
Liebhaber anbelangt, so hat er seine Hanna zwar geliebt und liebt sie heute noch
als sein anderes Ich, just darum aber keineswegs als einen Engel. Sie, seine
Hanna, nannte ihn einen Idealisten und war gütig genug, sich zu freuen, wenn
seine optimistische Gabe ihm manche innerliche Trübung löste, und geschickt
genug, ihm zu helfen, wenn sie ihn nach aussen hin in mancherlei Wirrnis
verstrickte.
    Hatte diesen Nachmittag nun sein dürftiges Töchterchen sich in eine blühende
Rose umgewandelt, ein braves, beladenes Hirtenweib sich zu einem Dichtergebilde
verklärt, des Weibes lästerlicher Gespons wohl gar sich ausgereckt zu einem
revolutionären Advokatengenie, dem zu einem Danton oder Robespierre nichts als -
Gott sei Dank! - der Boden fehlte, auf dem es sich entwickeln durfte, so blieben
nach alledem Herz und Hirn doch immer noch von unlösbaren Problemen geschwellt.
Die ungeahnte Schlangenempfänglichkeit seiner Eva hatte er zwar vor der Hand auf
dem blaugewürfelten Federkissen zur Ruhe gebracht, dafür aber plusterte sich in
der behelligendsten Weise das dürre Dezemhuhn des Exhirten Klaus zu einem
grausamen Raubvogel auf. Er vermochte sich von der Vorstellung dieser Ungebühr,
zu deren Praxis er nicht nur berechtigt, sondern schlechtin verpflichtet war,
nicht loszureissen, und die Blicke auf das Ehrenzeichen über dem Kruzifix
gerichtet, verfiel er in schier rebellische Untersuchungen über die
Vereinbarlichkeit derartiger »Gelübde und Opfer« mit einer Zeit, in welcher das
Eiserne Kreuz gestiftet worden war, und über den Widerspruch der Pflichten, dem
selbst im friedfertigsten bürgerlichen Berufe, dem des Priesters, das Gewissen
des Christen und Menschen nicht zu entgehen vermag.
    Wie er es in beunruhigenden Stimmungen zu halten pflegte, schlug er endlich
seine Erbbibel auf und las im dritten Buch Mose das siebenundzwanzigste Kapitel,
auf welches das Zehentopfer sich gründet, von A bis Z; las, obgleich er es von
Jugend ab auswendig wusste, es zum zweiten Male, und als er endlich die Krampen
wieder schloss, hatte er keine andere Lösung gefunden, als die ihm von jeher die
natürliche gewesen war. »Du sollst deinen Weinberg nicht genau lesen und dem
Armen und Fremdling etwas übriglassen,« sagte er vor sich hin, indem er sich
erhob mit dem Vorsatze, zugunsten des Exhirten Frei auf die Spargelernte einiger
Jahrgänge zu verzichten.
    Die Sonne hatte sich während seiner Betrachtung gesenkt, es dämmerte im
geistlichen Gemach, die Stunde drängte zu dem gewohnten Vespergange durch das
Dorf. Er griff nach Hut und Stock, er griff auch nach seiner Pfeife; aber nein;
die Pfeife liess er heute im Winkel stehen. Im Begriffe, nach der Tür zu gehen,
hörte er vom Flur aus harte Tritte und einen ungewohnten Lärm in seine Stille
dringen.
    Die nämlichen Tritte, den nämlichen Lärm hörte verwundert auch die Hausfrau,
als sie die Treppe herabkam, das blaugewürfelte Bündel, blumengekrönt, Tochter
Lorchen zur schleunigen Besorgung zu übergeben. Die Haustür war wuchtig
aufgerissen worden, eine hünenhafte Gestalt stapfte den Flur entlang, um im
Dämmerlicht des geistlichen Gemaches zu verschwinden; eine zweite folgte ihr,
schattenhaft schwankend, unter Ächzen und Stöhnen.
    »Was gibt es, Beifuss?« fragte die Pastorin.
    Keine Antwort.
    Mit weitgeöffnetem Munde, nach Atem ringend, die Hände zusammenschlagend
über dem schweisstriefenden Haupt, stürmt der Kantor dem Hünen nach. Die Hausfrau
hinterdrein bis unter den Rahmen der Tür. Hier steht sie starr. Sie sieht ihren
Mann, der vor jachem Schreck auf seinen Stuhl zurückgetaumelt ist, mit beiden
Armen ein Bündel umspannen, dem ähnlich, das sie selber in der Hand hält, - aber
nicht blumengekrönt! Es ist ihm von der Tür aus zugeschleudert worden, und noch
steht der Hutmann Frei mit emporgehobener Faust auf ihrer Schwelle.
    »Da habt Ihr Euren Dezem, das Weib ist tot!« brüllt er mit der Stimme eines
Wütigen und stürmt, wie er gekommen, aus dem Hause.
    Die drei im Zimmer starren ihm nach, regungslos, sprachlos eine lange Weile.
    »Das Weib ist tot!« haucht kaum hörbar endlich der Pfarrer.
    »Tot!« schluchzt die Pastorin.
    »Tot!« bestätigt der Kantor mit Stentorstimme.
    Frau Hanna fasst sich. Vor ihren Augen ist es klar geworden; sie nimmt das
Bündel von ihres Gatten Schoss, um, dicht an das Fenster tretend, es zu
entüllen. In einen zerfetzten Frauenrock ist etwas Festes eingewickelt: Frau
Hannas Hände zittern. Ein Kind! Ein Kind, nackt und bloss, wie es aus dem
Mutterleibe gekommen, aus dem erstarrten Mutterleibe! Ein Knabe - der zehnte
Sohn! Die Tränen eines Vaters und einer Mutter träufeln auf den Leib der Waise.
    Während dieser Untersuchung hatte Kantor Beifuss die Erläuterung des
unerhörten Geschehnisses vorgebracht; weit ausholend, umständlich, so, als gäbe
der einzige Augenzeuge eines kriminalistischen Falles den Tatbestand zu
Protokoll. Freilich vor einem Gerichtshof mit tauben Ohren.
    Der Kettenhund in der Schenke hat seit ein paar Tagen die Laune. Bei dieser
Johannisglut die Laune! Da schwant dem Wirt nichts Gutes. Am besten ein Ende mit
dem alten Vieh. Mein Klaus, nicht faul, würgt es ab. Der Wirt mag mit dem Salär
nicht geknausert haben, denn des Klausen Schädel raucht sozusagen, als Kantor
Beifuss, der just in seiner Eigenschaft als Küster, das heisst Adlatus des Herrn
Pastors, seinen Termingang hält, ihn vor sich her taumeln sieht. Nicht weit vom
Hirtenhause holt er ihn ein und bringt das Dezemhuhn in Erinnerung. Der Klaus
schlägt eine wiehernde Lache auf und rennt in das Haus. Der Kantor steht im Hofe
auf der Lauer, denn ein Gewieher ist keine Replik, und Recht bleibt Recht. Kaum
drei Minuten, und der Klaus stürzt wieder heraus, vergleichbar nicht einem
Menschen, nicht einmal einem trunkenen Menschen, sondern einem rasenden Bullen.
Die Wehmutter hinter ihm drein. Sie will ihm ein Pack entreissen, das er mit
beiden Fäusten umklammert hält; sie ringt mit ihm; er macht sich los. »Das Kind,
das Kind!« schreit die Wehmutter, »er wills ersäufen!« Der Wüterich rennt voran,
der Kantor hinterdrein; ein paar Nachbarn, die just vom Heuen kommen, sind auch
nicht faul. Keiner hält mit dem Riesen Schritt. Immer vorwärts, das Paket im
Arm: nach der Wasserseite etwa? Gott bewahre! Die Schlucht hinan, am Schloss
vorbei, durch das Dorf, in die Pfarre und - »bums, da liegts!«
    Lange bevor die Erzählung ihr Ende erreichte, hatte Frau Hanna das
Neugeborene in ihre Kinderstube getragen, es auf ihr Bett gelegt und Licht
gezündet. Es war ein wohlgebildeter Knabe, so kräftig, wie zehnte Kinder wohl
nur selten geboren werden. »Die letzten Blutstropfen deiner Mutter sind dir
zugute gekommen, mein armes Lamm,« flüsterte Frau Hanna mit einem weheleidigen
Blick auf ihr eigenes Lämmchen; dann aber faltete sie die Hände zum Dank, dass
diesem schwächlichen Wesen die pflegende Mutterhand erhalten worden sei, und was
sie in der Stille des Herzens sich gelobte, das wird in der Geschichte eines
Glücklichen zu erlesen sein. Ein sonniges Lächeln breitete sich über ihr gutes
Gesicht; sie badete den Kleinen in ihres Töchterchens Wanne, kleidete ihn -
nicht aus dem Inhalt des blaugewürfelten Bündels -, sondern aus ihres
Töchterchens Garderobe, reichte ihm die erste Nahrung aus ihrer Brust und
bettete dann den zehnten Sohn zu der siebenten Tochter unter dem Wiegenhimmel.
Sie lagen nebeneinander wie ein Zwillingspärchen und schlummerten unbekümmert um
Lebens Leid und Lust.
    Währenddessen war der Pfarrer, die Hände auf dem Rücken, die Blicke am
Boden, ohne einen Laut zu äussern, das geistliche Gemach auf und ab geschritten.
Tief im Herzgrunde lag das Problem gelöst; aber welche schwere Gedankenrätsel
hatte es aufgewirbelt! War es ein heimliches Ahnen und Mahnen gewesen, das ihn
zur Zeit der Katastrophe im Hirtenhause so unwiderstehlich in die Betrachtung
des Zehentopfers bannte? War es ein unbewusstes Regen des Vaterherzens gewesen,
das den trunkenen Mann im Rasen der Verzweiflung zu einer rettenden Liebestat
entflammte? Der Pfarrer hatte in seinem Sinnen nicht ein Wort vernommen von den
philosophischen Bemerkungen über die menschliche Niedertracht im allgemeinen und
die des Klausen Frei im besonderen, welche sein Adlatus dem Bericht über die
Vorgänge im Hirtenhause angereiht hatte. Als die Pastorin sich unbemerkt der Tür
wieder näherte, hörte sie den Philosophen sagen:
    »Ich stehe noch immer starr und steif, Herr Pastor. Ist so ein Malefiz auf
dieser Erdenwelt schon dagewesen! Seinen leiblichen Wurm splinterfasernackig,
wie ihn Gott geschaffen hat, aus dem Hause zu tragen, - ins Wasser etwa? Nun
freilich, es wäre eine Mordtat gewesen, aber in der Rage - nach Gelegenheit -
sozusagen verzeihlich. Ja, prosit die Mahlzeit! Hinauf in die Pfarre schleppt er
ihn, sozusagen in Abrahams Schoss schleppt er ihn! Herr Pastor, Herr Pastor!
dieses menschliche Individuum ist hundert Prozent boshaftiger, aber tausend
Prozent weniger dumm, als es das Aussehn hat. Mich soll nur wundern, wie der
Kujon die Leiche unter die Erde schwindeln wird.«
    Das Wort »Leiche« schlug an des Pfarrers Ohr wie der erste Hahnenschrei an
das eines Träumenden. Gescheucht aus seinem metaphysischen Ideengange, gemahnt
an seinen nüchternen Arbeitstag, richtete er den Kopf in die Höhe und sprach:
»Beifuss, ich halte der edlen Gertrud - ich meine der Hanne Frei - einen Sermon.«
    Der Kantor prallte drei Schritte zurück. »Einen Sermon, Herr Pastor? Einen
Taler vier gute Groschen, Herr Pastor! Und ich habe mir im stillen schon den
Kopf zerbrochen, wie ich nur den halben Gulden für den Segen auftreiben will!«
    »Beifuss,« wiederholte der Pfarrer mit Nachdruck, »ich halte der Hanne Frei
einen Sermon. War sie darum weniger unsere Schwester, weil sie ein Lumpenkleid
trug? Und kann ein Weib mehr für die menschliche Familie tun, als wenn es ihrem
Verbande zehn kräftige Glieder einreiht?«
    »Liebliche Rangen!« murmelte der Kantor.
    Aber sein geistlicher Oberherr liess sich nicht dadurch beirren.
    »Angenommen - die Statistik soll es leider lehren, und Sie sind ein
Rechenmeister, Beifuss, angenommen also, dass von vier Kindern des Volks im
Durchschnitt eines leiblich oder sittlich Schaden leidet, dass demnach von den
zehnen der Hanne Frei ungefähr zwei - -«
    »Zwei und ein halbes, Herr Pastor!«
    »Abzuzählen wären, so bleiben immer noch ihrer acht zum Segen der Welt. Und
sind wir nicht Staatsbürger, Beifuss? Kann ein Weib mehr für das Vaterland tun,
als wenn es zehn, oder sagen wir nur acht kraftvollen Verteidigern das Leben
gibt, ja das des jüngsten sogar mit ihrem eigenen Leben erkauft? Das Wochenbett
ist das Schlachtfeld der Frauen! Zwei von ihren Söhnen tragen bereits des Königs
Rock, die anderen werden ihn tragen - -«
    »Jawohl, im Zuchtause, Herr Pastor, wie ihr sauberer Erzeuger, wenn er das
Leben behält. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.«
    »Klaus Frei war von Haus aus keine unedle Natur, Beifuss, und Söhne schlagen
im Temperament gewöhnlich nach der Mutter. Diese Mutter aber war eine
gottgefällige Frau in all ihrer tiefen Not. Sie hätte einen Lebenslauf am Altar
und eine Predigt von der Kanzel verdient - -«
    »Einen Taler fünfundzwanzig Silbergroschen, Herr Pastor!«
    »Aber die Welt liegt im argen. Der Mann ist tiefer herabgekommen als jemals
ein ansässiges Gemeindeglied; die Frau in ihren Lumpen und ihrem Plack hat sich
nicht regelmässig zum Gotteshause halten können; eine Andacht innerhalb der
Kirche würde als unziemlich aufgenommen werden, darum - -«
    »Stimme ich allenfalls für eine Rede im Hof, mit Ehren zu melden, eine
Mistrede, für sechzehn gute Groschen, Herr Pastor!«
    »Der beschränkte Raum verbietet sie hier, Beifuss, und der letzte Segensakt
ist allemal am weihevollsten dort, wo wir den geöffneten Erdenschoss unter uns
und den ewigen Himmelsschoss über uns sehen. Es bleibt bei dem Grabsermon, alter
Freund!«
    »Und was soll aus dem armen, nackten Johannisküchlein werden, Konstantin?«
fragte vortretend jetzt die Frau Pfarrerin.
    »Ei nun, mein Hannchen,« versetzte der Pfarrer lächelnd, »da es nun einmal
als gebührender Dezem uns in das Haus getragen worden ist, wirst du es wohl bis
auf weiteres in deinem Hühnerkorbe heranziehen müssen.«
    Frau Hanna lachte froh auf; ihr Freund Beifuss jedoch blickte erbarmungsvoll
zu ihr hinüber. »Ein zweites Wickelkind zu dem ersten. Eine schwere Last in
Ihren Jahren, wertgeschätzte Frau Pastorin.«
    »Ein Splitter von unseres Heilands Kreuz,« entgegnete Konstantin Blümel mit
aller Würde der Liebe; »für den Seelenschatz eine segenbringendere Reliquie, als
die in irgendeinem Heiligenschrein angebetet wird. Beifuss, es bleibt bei dem
Sermon!«
    Frau Hanna küsste ihrem Konstantin heute zum zweiten Male die Hand, und
Kantor Beifuss empfahl sich mit dem Wunsche einer geruhsamen Nacht.
    Sein Wunsch ging in Erfüllung; die Mutter hatte seit zwei Wochen die erste
ruhsame Nacht, denn ihr kleines Schreihälschen tat neben dem schlummernden
Wiegenbruder nicht Zuck und Muck.
    Am anderen Tage erhandelte die Pastorin durch die Vermittlung Kantor
Beifussens, für gewisse Verrichtungen auch ihres Adlatus, von dem Witwer Frei die
Ziege, für welche seine Frau das Futter abgesichelt hatte mit ihrer letzten
Kraft und Liebessorge; denn sie hegte ihre »Heppe« für das Kind, das ohne
Mutterbrust gedeihen sollte. Und es war eine brave, erkenntliche Ziege; sie tat
ihre Schuldigkeit nicht nur an der Waise ihrer ersten Futterfrau, sondern auch
an dem Nestäkchen der zweiten, dem ihr Überfluss zugute kam. Der murrende kleine
Spärling ründete, rötete, beschwichtigte sich von Tag zu Tage. Ob die
Johannissonne das Gedeihen bewirkt hat, ob die Ziege, oder die Nachbarschaft des
stämmigen Wiegenbrüderchens -? Wer wills entscheiden?
    Wider alle Siebenschläferregel lachte am Bestattungsnachmittag der
Hutmannsfrau der Himmel blau und goldig, wie bestellt für einen Sermon am
offenen Grabe. Das Gefolge war so bescheiden wie die Frönerhütte, aus der es
sich bewegte; auch Kantor Beifussens männliche Schuljugend, welche dem
vorangetragenen Kreuze nachtrabte, nur schwach vertreten. Auf dem Gottesacker
jedoch drängte es sich Kopf bei Kopf. Selber eine Armenleiche ist ein
Schauspiel, das auf dem Lande ungern versäumt wird; heute aber hatten die Ehren
einer Mittelleiche, welche der elenden Tagelöhnerin erwiesen werden sollten, auf
die Beine gebracht, was sich irgend von der Heuernte abzumüssigen vermochte; und
niemals hatte Pastor Blümel an einem offenen Grabe wärmer und, was die Hauptehre
war, länger gesprochen. Hätte den schweizerischen Seelenfreund das Leidwesen
getroffen, seiner Gertrud den letzten Nachruf halten zu müssen, er würde nicht
rühmlicher gelautet haben als der der armen Hanne Frei. Nein, weniger rühmlich!
Denn auf das Helden-und Martertum von zehn der Welt geschenkten Söhnen konnte,
bei aller Trefflichkeit, das Weib des Lienhard vor Gott und Welt sich doch nicht
berufen.
    Wie aber die Heldin des Lebenslaufs sich nach dem Liebesmasse des
Seelenfreundes gemodelt hatte, so war dessen Schatzkästlein auch das Textwort
entlehnt, das neben dem vom seligen Leidtragen dem Sermon zugrunde gelegt worden
war:
    »Die Freude über unsere Kinder ist die herrlichste Erdenfreude. Sie macht
das Herz der Eltern fromm und gut; sie hebt die Menschheit empor zu ihrem Vater
im Himmel. Darum segnet der Herr die Tränen solcher Freude und lohnt den
Menschen jede Vatertreue und jede Muttersorge an ihren Kindern.«
    In den mannigfaltigsten Modulationen, wie in einer fuga libera seines Bach,
durchzog diese Melodie Pastor Blümels oratorisches Meisterstück.
    Wenn Pastor Blümel indessen die Hoffnung gehegt, durch diese Melodie die
Vatertreue in dem Herzen des Witwers Frei aufzuwecken, so hatte er seine
Rechnung buchstäblich ohne den Wirt gemacht. Klaus Frei war durch den Erlös
seiner Ziege für ein paar Tage zum Krösus geworden und während dieser Tage nicht
ein einziges Mal in dem Hause eingekehrt, aus welchem die Gegenwart der Leiche
den sonst so furchtlosen Mann mit spukhaftem Grauen scheuchte. Er hatte sich von
Schenke zu Schenke in der Gegend umhergetrieben, die Nächte in einem
Totenschlafe auf irgendeinem Heuschober hingebracht und selber zu dem letzten
Geleit von dem Wirte mit Gewalt getrieben werden müssen. Nun heulte und schrie
er freilich, zerraufte sein Haar und würde in die offene Grube getaumelt sein,
hätte die Leichenfrau ihn nicht am Rockzipfel festgehalten. Aber es waren
Schenkentränen, die er vergoss, und ein Schenkentaumel, der seine Füsse schwanken
machte; das beseligende Leidtragen und die Vatertreue, die empor zum Himmel
hebt, hatten an sein Ohr geschlagen als eitel Schall.
    Auch die fünf, welche von den Söhnen am Grabe standen, starrten nur stumpf
und dumpf auf das letzte schwarze Bretterbett der Mutter. Die beiden Soldaten
wussten um ihre Verwaisung noch nicht einmal, und die beiden halbwüchsigen, die
auf sie folgten, wussten wohl darum, denn sie dienten auf Nachbardörfern, hatten
aber des Heuens wegen nicht zur Leiche kommen können. So waren es nur die
fünfjüngsten, welche der Mutter die letzte Ehre erwiesen, und diese fünf
erfüllte das Behagen, von der gutmütigen Amtmannsfrau für die Trauerfeier
gründlich satt gemacht und nach Möglichkeit herausstaffiert worden zu sein. Der
kleine Christel zupfte an dem schwarzen Flor, der an seiner Pudelmütze
flatterte, und Hannes, der allerkleinste, nagte an einem Wurstzipfel, den er bei
Wege in den Mund geschoben hatte; die drei grösseren aber hatten genug zu tun,
die Leichenfrau beim Festalten des Vaters zu unterstützen. Das beseligende
Leidtragen schlug an das Ohr der Kinder, die nie etwas von heiliger Vaterfreude
gespürt, erst recht als ein Schall.
    Was nun aber die zuhörende Gemeinde anbelangt, so machte die erhebende
Grabrede geradezu böses Blut. Wenn solche Ehre dem Weibe eines Taugenichtses
widerfuhr, was blieb dann für die reputierlichen Leute, die Spesen und Dezem
nicht hinter die Esse schreiben? Ist es eine Tugend, zehn Kinder zu kriegen?
Eine Sünde und eine Schande ists, wenn sie statt des Zinshahns dem Pastor in den
Schoss geworfen werden müssen, und wo der Mann zum Schelmen und Säufer wird, wird
es mit der Frau auch allemal einen Haken haben. So und noch weit ärgerlicher
gingen Gemunkel und Gemurmel von Mund zu Mund; insonderheit die wohlgestellten
Familienmütter fühlten sich in ihren Ehrenrechten gekränkt. Doch auch die Väter
schüttelten bedenklich die Köpfe. Gut meinte er es ja, ihr »neuer« Pastor; wer
wollte etwas dawider haben? Aber diese preussischen Raupen!
    »Landsmann bleibt Landsmann, Nachbar!« sagte der Schulze Tränhard zu dem
alten Walbe.
    In ein Herz jedoch drang die Rede von der heiligendsten Erdenfreude wie ein
Erlebnis, und aus zwei Augen rannen warme, beseligende Muttertränen. Das waren
die Augen und das Herz der guten Pfarrersfrau, die, auf dem einen Arm das eigene
Kind und auf dem anderen das verwaiste, unter der Pforte stand, welche aus ihrem
Garten in den Friedhof führte. Die Johanniskränze auf den Gräbern waren noch
nicht völlig abgewelkt, der Jasmin am Zaune blühte, es duftete wie Weihrauch in
dem engen Gehege, und die hohe Junisonne leuchtete gleich einem Gottesblick. Als
aber der letzte Segen gesprochen war, Hand um Hand, und dann Schaufel um
Schaufel die harten Erdbrocken auf ein letztes Menschenbett rollten und die
Pfarrersfrau in ihren Garten zurücktrat, da nickte sie dem fremden Kinde, das
seine Augen aufgeschlagen hatte, zu und flüsterte: »Die Liebe einer Mutter kann
ich dir freilich nicht ersetzen, du armes Lamm; aber einen guten Hirten hast du
gegen den schlimmen, den du Vater nennen müsstest, eingetauscht, und darum bist
du dennoch ein Segenskind, ein echtes, rechtes Johanniskind, mein kleiner
Dezem.« Und ihre Lippen lächelten bei den Worten, während in den Wimpern noch
die Tropfen hingen.
    Es war eine traurige Ernüchterung, welche heute, wie schon manches Mal
vordem, der verklärenden Wärme des Pfarrherrn folgte. Solange sein Blick
zwischen dem offenen Erdenschoss und dem ewigen Himmelsschoss geschwebt, da hatte
er nur die Mutter aus dem Volk gesehen in ihrem Heldenkampfe für das Leben, das
sie gab und nährte bis zu der Stunde ihres Sieges im Tode. Nach dem Amen aber,
als der Blick auf der je mehr und mehr sich füllenden Grube ruhte und auf dem
gleichgültigen Gedränge um sie her, da erkannte er, wie aus einem Traume
erwachend, die Verworfenheit und Verwahrlosung, die Missgunst und
Herzenshärtigkeit, gegen welche er als Streiter in seinem Amt berufen war, und
gegen welche sein Rüstzeug sich wieder einmal als falsch gewählt und stumpf
erwiesen hatte. Seine Streiche waren in die Luft geführt worden. Er stand nicht
als ein Hirt, aber als ein Fremdling unter seiner Herde. Wohl dann dem edlen
Mann, dass er in solchen Stunden des Verzagens seine Blumen, seine Kinder und ein
Weib wie seine Hanna hatte!
    Als er von seinem leidvollen Gange heimkehrte, stand in der Laube der
Kaffeetisch gedeckt; die beiden Neugeborenen schlummerten unter dem
Wiegenhimmel, die drei, welche im Hause noch Kinder hiessen, spielten zwischen
ihren Blumenschwestern; Lorchen reichte dem Vater den herzaufmunternden Trank,
Dorchen - heute ausnahmsweise zwischen Blumen und Kindern - das lange Rohr mit
dem kopfaufräumenden Kraut; und dann krüllten sie die ersten Sommererbsen aus,
die Luischen inzwischen gepflückt, plauderten, neckten sich, lachten nach
glücklicher junger Mädchen Art. Der Vater aber blieb in sich gekehrt, und die
Mutter, die schäffternd ab und zu ging, liess ihn still sich austrauern.
    Erst als gegen Abend das junge Volk samt Wiege und Kaffeezeug sich in das
Haus verzogen hatte, setzte sie sich mit dem Vorsatze der Ausdauer an seine
Seite. Es galt eine Abmachung zwischen ihnen, für welche, obgleich der Plan fix
und fertig vor ihr lag, sie ihm klüglich das erste Wort vergönnte.
    Da Vater Klaus neben allen übrigen Elternpflichten sich auch der ersten
begeben zu haben schien, fiel die Sorge für die Aufnahme seines Sohnes in den
heiligen Christenbund des Kindes Pflegern anheim. Die Vereinigung der Feier mit
der des eigenen Töchterchens lag aus gemütlichen Gründen beiden Gatten nahe,
empfahl sich aber auch aus praktischen Gründen. Der Mutter ersparte sie ein
zweimaliges Kuchenbacken, dem Vater eine zweimalige Taufrede. Denn
Stegreifsreden, frei aus dem Herzen heraus, hätte Pastor Blümel ohne Anstrengung
wohl Tag für Tag halten mögen; für sakramentale Amtshandlungen arbeitete er aber
die Vorträge gewissenhaft aus und memorierte sie bis auf das Tz; von allen
Seelenkräften aber war Pastor Blümel, nächst dem Rechensinn, mit dem
Gedächtnissinn am kürzesten gekommen. So wurde denn ohne Einwände festgestellt,
dass der zehnte Hirtensohn und das siebente Pfarrtöchterchen am Evangelientage
von der brüderlichen Versöhnung gleichzeitig durch das Taufbad für ihr
Erdenwallen zum Himmel gereinigt werden sollten.
    Auch bei der Patenwahl stiess man nur auf einen einzigen Haken. Schwester
Luischen würde selbstverständlich für zwei junge Christen noch viel lieber als
für einen dem Teufel und seinen Werken entsagt haben; von dem Amtsbruder Kurze
in Bielitz durfte man sich eines Gleichen versehen, zumal wenn für den Ärmling
ausdrücklich auf das Eingebinde verzichtet wurde; auch die gute Freundin
Mehlborn hätte zu der doppelten Pflichtenübernahme sicherlich lächelnd mit dem
Kopfe genickt, wenn nur durch Kirchenordnung wie Sitte für einen Knaben nicht
mindestens zwei männliche Zeugen geheischt worden wären. Wer sollte nun dieser
zweite männliche Zeuge sein?
    Der Amtmann wäre der nächste und beste, meinte die Pastorin.
    Das gab der Pastor zu; aber der Amtmann stand nun einmal nur bei
Honoratioren Gevatter. Das gab wiederum die Pastorin zu, um so mehr als sie mit
der Schachtarbeit für den Frei vor der Hand leider ihren letzten Trumpf gegen
den Hochmutsnarren ausgespielt hatte.
    Nach einer nachdenklichen Pause hob sie, wie von einem Einfall durchzuckt,
von neuem an: »Es ist nicht lange her, Konstantin, da rühmtest du mir als eine
echte Königssitte, dass Seine Majestät die Patenschaft bei jedem siebenten Sohne,
und wäre es der des ärmsten Schächers, übernähme.«
    »Übernahm, Hanna,« versetzte Pastor Blümel, der seine kleinmütige Stimmung
noch nicht überwunden hatte. »Übernahm, als unser Staat arm an Männern geworden
war und Kindersegen für einen Landessegen galt. Wohl möglich, dass nach unserem
Wachstum und einer Reihe gedeihlicher Friedensjahre eine veränderte
volkswirtschaftliche Anschauung den patriarchalischen Brauch verdrängt hat.
Sieben Kinder sind heutzutage keine Seltenheit, Hannchen.«
    »Aber zehn Söhne sind es, Konstantin. Wags, bitte den König zu Gevatter,
Freund.«
    Pastor Blümel schüttelte den Kopf. »Kannst du dir eine Vorstellung machen,
Hanna, in welchem Masse unser gütiger, hoher Herr mit Bittschriften jeglicher
Gattung und nicht bloss aus niedrigem Stande behelligt wird?« fragte er; worauf
seine Hanna lachend erwiderte:
    »Ob ich mir eine Vorstellung davon machen kann? Habe ich etwa nicht in
vornehmen Häusern konditioniert? Gnadengesuche heisst bei denen, die es nicht
bedürfen, was bei denen, die es bedürfen, Bettelbriefe heisst; just so wie den
Armen kleine Notschulden schänden, aber den Reichen grosse Luxusschulden nicht.
So steht es nun einmal geschrieben im Kodex der grossen Welt. Aber was haben wir
damit zu schaffen, lieber Konstantin? Bittest du denn für dich oder eines der
Deinen?«
    »Gott verhüte das Elend, das mich zu diesem Äussersten treiben könnte!«
    »Als Diener des Amtes bittest du den hohen Patron deiner Kirche für die
hülfloseste Waise deiner Gemeinde; als Ritter des Eisernen Kreuzes rufst du
deines Kriegsherrn Protektorat an für den jüngsten Sprossen eines Geschlechtes,
das bereits durch zwei kräftige Söhne unter des Königs Fahne vertreten ist und
dermaleinst, wills Gott! durch noch acht ebenso kräftige Söhne vertreten sein
wird. Wer weiss, ob du durch diesen Patenbrief dem armen kleinen Jungen späterhin
nicht eine Stelle im Militärwaisenhause erwirbst! Konstantin, Herzenskonstantin,
glaube mir, es gelingt! Und selber, wenn infolge irgendeiner neumodischen
Staatsmaxime die hohe Patenschaft abgelehnt werden sollte, für ein eigenhändiges
Antwortschreiben Seiner Majestät an den freiwilligen Jäger von 1813 stehe ich
dir ein, und diese Erinnerung an eine beabsichtigte Guttat würde dich bis an
dein Lebensende erquicken.«
    Die Augen des freiwilligen Jägers leuchteten; er entwarf in Gedanken bereits
den allerhöchsten Patenbrief. Seine Gattin fuhr in voreiliger Siegesfreude fort:
    »Und du kannst ja auch einfliessen lassen, Konstantin, dass es auf einen
Geldbettel keineswegs abgesehen ist. Nur um die Ehre. Friedrich Wilhelm von
Preussen deckt den Tagedieb Klaus Frei. Vor der Hand ist gesorgt. Wo sieben
Kinder satt werden, wird es ein achtes auch. Und in einem Falle der Not muss der
Amtmann dran. Ja, Konstantin, er muss! Ei, wäre es nicht um den Narren Mehlborn,
wir würden unsern lieben, alten königlichen Herrn ja herzlich gern in Frieden
lassen. Aber warte nur, warte, du mein zugeknöpfter hochwohlgeborener Herr
Rittergutsbesitzer und Baron in spe: alle zehn Finger sollst du danach lecken,
und schöne Batzen sollst du dafür zahlen, als Stellvertreter Seiner Majestät von
Preussen am Tauftische des armen Hirtensohnes stehen zu dürfen.«
    Frau Hanna lachte vor Herzenslust hell auf, während ihr Konstantin, die
Brauen bis unter die Haarwurzeln in die Höhe gezogen, ihr starr in die
blitzenden blauen Augen blickte und mit drohend erhobenem Zeigefinger, so wie er
es bei einer grossen Gebotsmahnung von der Kanzel zu tun pflegte, sich also
vernehmen liess: »Mit einem über die Welt verbreiteten Schibbolet, Hanna,
bezichtigen wir als ihre ärgsten Feinde die, welche für einen guten Zweck des
ungute Mittel nicht verwerflich finden, und nicht zum ersten Male, Hanna,
entdecke ich dich auf so unchristlichen Schlangenwegen. Soll auch die
Mutterliebe ihre Jesuiten haben? Mit einem Komödienspiel auf die Schwächen
seiner Nebenmenschen spekulieren, durch Hochmut Grossmut erwecken -«
    »Mitleiden durch ein saures Gesicht,« fiel Frau Hanna ein, indem sie ihm
zärtlich die Wangen strich. »Ich will es nicht wieder tun, Konstantin; aber sage
mir doch: hast du im grossen Weltwesen wie im bescheidensten Einzelnleben jemals
einen guten Zweck ohne Jesuitenkünste, wie du es nennst, erreichen sehen?«
    »Hast du mich jemals auf Schlangenwegen entdeckt?« fragte schier entrüstet
ihr Konstantin dagegen.
    »Niemals!« antwortete sie mit dem reinsten Klang der Aufrichtigkeit.
    »Aber - aber« -, sie stockte, und nur in Gedanken setzte sie hinzu: »Wie
häufig hast du auch, redliches Herz, deine besten Zwecke verfehlt!«
    »Aber - warum stockst du, Hanna?« fragte der Pfarrer.
    »Aber was sehen wir denn in der Natur, Konstantin, auf die du uns so oft als
eine Lehrmeisterin verweist: Übles aus Gutem entstehen, oder Gutes aus dem
Übel?«
    »Beides,« antwortete er, »beides, Hanna. Allein Moral und Natur decken sich
nicht wie - wie -«
    »Friedrich Wilhelm den Exhirten Klaus,« ergänzte sie mit einem Lächeln;
worauf ihr Konstantin dann fortfuhr: »Die Pflanze saugt erstickende Dünste ein
und haucht Lebensluft aus; ein tödlicher Giftstoff wird zur heilsamen Arznei, -
wir wollen diesen grossen Gegenstand zu gelegener Stunde gründlich miteinander
besprechen, Hanna,« unterbrach er sich selbst. Ihn drängte der Patenbrief an
seinen königlichen Herrn.
    Und an stilistischem wie kalligraphischem Schwung ein Meisterstück, würdig
eines allerhöchsten Gevattersmannes, war es, welches in der Mitternachtsstunde
dieses Siebenschläfers Konstantin Blümel, evangelischer Pfarrer zu Ober- und
Unterwerben, freiwilliger Jäger von 1813, Ritter des Eisernen Kreuzes zweiter
Klasse, unterzeichnete, an Seine Majestät den König Friedrich Wilhelm III.,
zurzeit in Bad Teplitz, adressierte und, nachdem er den teuren Namen mit seinem
Atem trocken gehaucht hatte, über Nacht zwischen den Blättern seiner Erbbibel
verwahrte. Früh am andern Tage trug er das Schreiben persönlich nach dem
städtischen Postbureau, empfahl es, wennschon bereits »Rekommandiert« darauf
stand, dem Beamten zu gewissenhafter Beförderung und verbrachte darauf sechs
Tage in einer patriotischen Spannung, wie er sie, seitdem er in den
Friedensstand zurückgetreten war, nicht wieder empfunden hatte. Beide Gatten
hatten sich bis zur Entscheidung unverbrüchliches Schweigen gelobt.
    Und endlich, endlich am siebenten Tage, da traf es ein, das heissersehnte
blaue Kuvert, dessen Inhalt sogar Frau Hannas verwegenste Hoffnungen überbot.
Denn den eigenhändigen vier Zeilen, in welchen der »wohlaffektionierte König«
die Taufzeugenschaft bei dem zehnten Sohne des Klaus Tobias Frei in Oberwerben
huldvollst akzeptierte, war ein Patengeschenk von zehn Zehntalerscheinen
beigefügt.
    Die zehn Zehntalerscheine hat die Frau Pastorin bei ihrem nächsten
Stadtgange als Heckepfennig für den armen Hutmannssohn in die Kreissparkasse
getragen; das allerhöchste Handschreiben aber ist von ihr, als Seitenstück zu
dem Aufruf »An mein Volk«, dem schwarzweissen Bande des Eisernen Kreuzes
angeheftet worden. Und so hatte der Segen des Täufertages sich an der armen
Mutterwaise schon im ersten Naturzustande, bevor sie noch ein Christ geworden
war, in doppelter Art bewährt. Der zehnte Hirtensohn war ein Kapitalist geworden
und hatte seinem Wohltäter eine unvergängliche Herzensfreude eingetragen.
    Nachdem Pastor Blümel mit feuchten Augen und fliegender Hand sein
alleruntertänigstes Dankesschreiben abgefasst hatte, rüstete er sich zu dem Gange
nach dem Pächterhause, um gleichzeitig die Frau Amtmännin Mehlborn als Zeugin
für sein Töchterchen und den Herrn Amtmann Mehlborn als stellvertretenden
Königszeugen bei dem Sohne des Exschäfers Frei zu Gevattern zu bitten.
Die Rittergüter unserer Gegend sind keine Latifundien und die Edelhöfe,
wenngleich sie häufig Schlösser heissen, weder mittelalterliche Burgen, noch
moderne Prachtpaläste; so war auch das Hauptgut von Werben nur mässigen Umfangs
und das Schloss mit seiner langgestreckten, glatten Fassade nur ein räumliches
Wohnhaus, das - abgerechnet seine breiten, sich zum Flusse niedersenkenden
Gartenterrassen - ebensogut in einer städtischen Strasse hätte stehen können. Die
Schäden des Krieges waren selbst von aussen nur oberflächlich an ihm ausgeheilt,
denn es blieb unbewohnt, seitdem es zu Anfang des Jahrhunderts aus den Händen
der im Mannesstamme erloschenen, reichbegüterten sächsischen Familie der Werben
als Tochtererbe in die der preussischen von Hartenstein übergegangen war.
    Auch die Pächterwohnung, die mitten im Schlosshofe lag, war zwar
umfänglicher, aber weniger ansehnlich als manches Bauernhaus im Dorfe; das Dach
mit Schindeln gedeckt, der Fussboden mit Estrich ausgegossen, das runde
Fensterglas in Blei gefasst; das vorspringende Deckengebälk hätte ein Mann vom
Schlage des Schäfers Frei mit der Hand erreichen können. Der reiche Mehlborn
aber fühlte sich heimisch in diesem bescheidenen Vaterhause und bewirtschaftete
von ihm aus das Gut, obgleich er es ebenso leicht von dem besser erhaltenen Hofe
Unterwerbens, ursprünglich einem grossen Vorwerk und Filialdorfe des Hauptgutes,
hätte tun können. Es war dieses Talgut kurz nach dem Kriege käuflich auf ihn
übergegangen; nicht das einzige, auf welchem in diesen drangvollen Zeiten der
Pächter zum Herrn des Edelhofes ward, auf welchem sein Vater als Grossknecht
gedient hatte. Lieferungen und Lasten werden unerschwinglich; der Bodenwert
sinkt, und der Hypotekenwert steigt; nach dem Frieden droht, unverstanden oder
missverstanden, das neue Ablösungsgesetz; das Inventarium eignet bestenteils dem
Pächter, der indessen auf fremdem Boden geerntet und sein Heu ins trockene
gebracht hat. So hier wie anderwärts. Ehren-Mehlborn, der überdies keinen
verächtlichen Mahlschatz erheiratet hatte, würde schon dazumal auch das heiss von
ihm ersehnte Hauptgut haben an sich bringen können, wenn die Generalin von
Hartenstein sich zu der Entäusserung des Stammsitzes ihrer Familie hätte
entschliessen können. Heute, das heisst zehn Jahre später, lag diese Entäusserung
vor den Augen ihrer Erben als unvermeidliche Perspektive.
    Bis zu dem Erwerb des Talgutes hatte Johann Mehlborn sich nicht mehr gefühlt
als jeder andere emsige, zähe, reichgewordene Bauer. An dem Tage jedoch, wo
Exzellenz von Hartenstein als Sachwalter seiner Gemahlin die geschäftliche
Korrespondenz statt an den Pächter Mehlborn Edelgeboren an den
Rittergutsbesitzer Herrn Mehlborn Hochwohlgeboren richtete, stach ihn zum ersten
Male die bewusste nobele spanische Fliege. Hatte er sich bisher mit dem Haben
begnügt, nun warf er sich nebenbei auch auf das Werden und Sein. Zunächst das
Werden und Sein eines titulierten Mannes.
    »Denn siehst du, meine Röse,« sagte er zu seiner Frau, »Rittersleute wären
wir nun; richtiger Adel bis auf das kleine von, das aber auch nicht ausbleiben
wird, zum wenigsten für unsere Kinder. So weit hätten wirs mit Gottes Hülfe
gebracht. Jedennoch mich auf den Kreistagen und im Kreisblättchen schlechtweg
als Herr Mehlborn traktieren zu lassen und dich von den Nachbarn als blosse
Madame, das geht mir wider den Strich. Mittel sind da: ich kaufe mir den
Amtmann, Röse.«
    Frau Röse nickte zustimmend mit dem Kopfe, ihr Johann kaufte sich für so und
so viel hundert Taler den Amtmann und fühlte sich, was seine eigene Person
anbelangt, mit dieser Würde allenfalls zufriedengestellt. Für seine Kinder aber
wollte er höher hinaus, »dem Trone um ein paar Stufen näher«, und ein kluger
Kopf, wie er war, fasste er das Ding auch beim richtigen Zipfel: er sparte für
sie und liess sie etwas lernen.
    Sie wurden daher der Dorfkameradschaft in Kantor Beifussens Schulstube
entrückt. Die Tochter, ein ungewöhnlich befähigtes Kind, bereiteten die kürzlich
aus der Fremde herbeigezogenen Freunde in der Pfarre so weit vor, dass sie, die
erste Bauerntochter unserer Gegend, nach ihrer Konfirmation in ein vornehmes
Institut der Hauptstadt aufgenommen werden konnte.
    »Denn siehst du, Mutter,« so sagte der Amtmann zu seiner Amtmännin, »siehst
du, was für die Grafentöchter in Bielitz drüben nicht zu gut ist, das ist für
unsere Brigitte allenfalls gut genug. Sie erben von ihrem Alten einmal einen
Sack voll Schulden, und unsere Brigitte erbt von mir zum allerwenigsten ein
Rittergut. Aber unter einem Baron tue ich es einmal für sie nicht.«
    Mutter Rosine hätte bei dieser Schlusswendung freilich gern mit dem Kopfe
geschüttelt, sie nickte aber doch, und ihr Amtmann brachte seine Brigitte zu den
Gräfinnen in die »Institution«, bei dieser Gelegenheit aber auch unter die Augen
der gutsherrlichen Exzellenzen, die bisher persönlich ihm unbekannt, durch
gewisse Beziehungen zu seiner Tasche indessen erwünschtermassen vertraut geworden
waren, und da in dem Worte »Erbe« ein anzügliches Medium liegt, tat durch dieses
persönliche Bekanntwerden die Vertrauteit einen mächtigen Vorwärtsschritt.
    Oder wäre Hilmar von Hartenstein, weil Geld und Gut ihm zu entschlüpfen
drohten, nicht ebenso, wie Brigitte Mehlborn eine Erbin war, ein Erbe gewesen,
ja mehr als ein Erbe, war er nicht im Genuss? Im Genuss eines alten, stolzen
Namens, des Glanzes, welcher von einem ruhmwürdigen Vater auf den einzigen Sohn
zurückstrahlt, im Vollgenuss der traditionellen Stattlichkeit, Ritterlichkeit,
Frohlebigkeit seines Geschlechts, ein Hartenstein par excellence? Sind diese
Erben eines Temperaments, welches die Gabe des Reichwerdens und selber des
Reichbleibens auszuschliessen scheint, nicht allemal auch die des Zaubers
liebenswürdiger Unwiderstehlichkeit? Und unchristliche, das heisst herzenshärtige
Gottesgeschöpfe sind sie beileibe ja auch keineswegs. Naturphilosophinnen, wie
Frau Hanna Blümel, wollen freilich behaupten, dass derlei kat'exochén
liebenswerte Lebeleute den Gegenbeweis liefern zu dem Gesetz, welches aus dem
Schlimmen häufig ein Gutes erwachsen lässt und dass durch ihre kavaliere
Liebenswürdigkeit weit mehr Übel und Weh über die Welt verbreitet worden ist als
durch die Langweiligkeit der sogenannten Philister samt und sonders; mögen auch
erst nachfolgende Geschlechter die bittere Hefe des süssen Weines zu verwinden
haben. Aber Brigitte Mehlborn war bei sechzehn Jahren noch keine Philosophin,
wennschon sie starke Anlage hatte, es eines Tages zu werden. »Der und kein
anderer!« sagte sie zu sich selbst, als sie den Tag vor ihrer Einführung in die
residenzliche Kostschule an der Tafel der Exzellenzen dem schönen
Gardereiterleutnant in seiner blitzenden Uniform zum ersten Male gegenübersass.
    Und: »Meinetwegen auch die!« sagte zwei Jahre später seufzend der schöne
Gardereiterleutnant, vor die Alternative gestellt, sich aus einem
hauptstädtischen Schuldensumpfe auf den soliden Boden eines provinzialen
Infanterieregimentes zu retten und den letzten Anspruch an sein einstiges
Muttererbe fallen zu lassen, oder diese Erbaussicht aus der Hand der
Pächterstochter, um den Preis des Graziengürtels, zurückzuerhalten.
    Der tapfere General überwand das Loch im Stammbaum, wie es einem Helden
ziemt; seine Gemahlin kränkelte und dachte an eine selige Ewigkeit, in deren
Angesicht man es hinsichtlich gewisser geistigen Gewöhnungen, Vorurteile
genannt, glimpflicher als in gesunden Tagen zu nehmen pflegt. Mutter Mehlborn
wurde nicht gefragt, würde aber, wenn gefragt, schwerlich mit dem Kopfe
geschüttelt haben. Vater Mehlborn aber schrieb, unter Frau Hanna Blümels
freundseelsorgerischer Korrektur, triumphierend Ja und Amen, und seine Brigitte
kehrte als strahlende Braut in das Pächterhaus zurück.
    In kurzem präsentierte sich auch der ritterliche Bräutigam, wie es hiess,
weniger strahlend als seine Braut, und leider, der Frühlingsparaden halber, nur
für einen halben Tag, so dass den Freunden in der Pfarre der Vorzug seiner
Bekanntschaft versagt blieb. Indessen soll vor dem Abschied die
Verlobtenstimmung doch noch recht merklich zum Durchbruch gekommen sein, da ein
gewisses heikles Geschäft, von Vater auf Sohn übertragen, sich über Erwarten
glatt abgesponnen hatte.
    Und warum hätte wohl auch Vater Mehlborn, selbst abgesehen von seinem
edelmännischen Gelingen, die Schnüren seines Säckels allzu straff anziehen
sollen? Der Bodenwert stieg, das Gut trug jetzt allenfalls eine Hypotek mehr;
noch eins oder das andere von diesen gewissen heiklen Geschäften, und der
Stammsitz der Werben war ungeteilt Mehlbornsches Erbe.
    Schon im Sommer wurde die Hochzeit gefeiert, weder in Ober- noch
Unterwerben, die beide zu exzellenzlichen Festivitäten nicht angetan waren; auch
nicht in der Residenz, aus welcher vor kurzem General von Hartenstein zu einem
Oberkommando in die östliche Provinz versetzt worden war, sondern möglichst
still in einem kleinen märkischen Badeorte, in welchem die kranke Generalin sich
zur Kur aufhielt. Amtmann Mehlborn war es zufrieden, sich als Brautvater mit
einer Gastofsrechnung abfinden zu dürfen, obschon dieselbe, der Rangstufe der
Hochzeitssippe entsprechend, mit doppelter Kreide angeschrieben wurde. Auch dass
die Brautmutter, der Ernte und anderer Unvermeidlichkeiten halber zu Hause
geblieben war, konnte ihm nur zur Genugtuung gereichen. Er hatte, da er noch
Ehren-Mehlborn hiess, seine Röse gern zu Kirmes- und Erntetanz unter lustige
Festgenossen geführt; seitdem sie jedoch seine Gemahlin und eine gnädige Frau
ohne kleines »von« geworden, sah er sie nur gern innerhalb ihrer vier Pfähle.
Sie war und blieb nun einmal unempfänglich für jede höhere Kulturbestrebung.
    So das Schicksal der Tochter. Aber schon Jahr und Tag vor deren Einführung
in das residenzliche Institut war auch der Sohn der Sphäre des Pachtofes
entrückt worden und wäre es bei diesem Anlass nahezu geschehen, dass Mutter Rosine
zum ersten und einzigen Male energisch den Kopf geschüttelt hätte. Denn der
Hannes war von ihrer eigenen stillen Art und beiden am wohlsten, wenn er ihr im
Milchkeller und Hühnerhof am Schürzenzipfel hing. Er wuchs ihr daher auch weit
dichter an das Herz als die nach dem Vater schlagende aufgeweckte Tochter, und
sie hätte ihn dort grossziehen mögen, wo er nach seiner wie ihrer Meinung, und
sicherlich auch nach der der Natur, hingehörte: auf dem elterlichen Hofe. Wenn
aber Vater Mehlborn sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, was konnten
Mutter Rosine und ihr Hannes dann wohl dagegen tun? Und Vater Mehlborn hatte es
sich in den Kopf gesetzt, seinen Stammhalter dem Trone um verschiedentliche
Stufen näher rücken zu lassen.
    »Hannes,« hatte er gesagt, »Hannes, du studierst; ich schenke dir ein
Rittergut; du wirst Landrat, heiratest eine Gräfin, meinetalben eine arme, und
alles, was weiter hinaus liegt, findet sich von selber.«
    So wurde denn der arme stille Hannes mühsam durch das Gymnasium gedrillt,
brachte es auch bis zur Universität, aber bis zum Landratsamte und allem, was
weiter hinaus liegen sollte, brachte er es nicht, denn der arme Hannes fiel im
Zweikampf mit einem Korpsbruder, der das kleine »von« vor seinem Namen ererbt
und dem reichen Landsmann, welcher es erst erwerben sollte, den Spottnamen
»Mehlwurm« angehängt hatte.
    Zuverlässig: der arme Hannes war von Natur kein Raufbold, der sich durch
einen unschuldigen Mehlwurm zu Mordgedanken hätte treiben lassen. Aber sie
hetzten und stachelten ihn in Spott und Ernst, und der am eifrigsten hetzte und
stachelte, ihn mit dem, was er der Ehre der Familie schuldig sei, ganz toll und
töricht machte, das war der Mann, den er Bruder nannte, weil er der Gatte seiner
Schwester geworden war. Und so kriegte der arme Hannes denn einen Stich in die
Brust, lag ein paar Tage purpurrot in loderndem Fieber und Phantasien von dem
heimischen Hof, und dann wurde er weiss und stiller denn je. »Ach, Mutterchen,
wie kühl muss es in deinem Milchkeller sein!« war sein letztes Wort.
    Die Leiche wurde nach dem Talgute gebracht und mit möglichstem Pomp in einem
Gewölbe unter der dortigen Kirche beigesetzt, das auf diese Weise zur Erbgruft
der Mehlborn eingeweiht wurde. Diese Feierlichkeit, samt ritterlicher
Grufterrungenschaft, trug viel dazu bei, dass der Vater sich von dem
Wetterschlage, so jach als er ihn niedergeworfen hatte, wieder emporrichtete.
Denn kein Schmerz, der nicht eine Not in sich schliesst, wandelt das Grundwesen
eines Menschen um; und Vater Mehlborn hatte wohl den einzigen Sohn, aber nicht,
was eine Not in sich geschlossen haben würde, den einzigen Blutserben verloren.
Er schaffte in die Breite und baute in die Höhe wie zuvor; als ihm aber bald
darauf von seiner Brigitte, die von jeher sein Liebling gewesen, der erste Enkel
geboren ward, tröstete er sich, als hätte er nie einen Sohn besessen, in der
Zuversicht, den freiherrlich Hartensteinschen Namen dem Namen Mehlborn verbunden
zu sehen, sobald nur erst auch das Hauptgut Mehlbornsches Erbe geworden sein
würde.
    Für die Mutter dahingegen war der Tod des Sohnes ein Schmerz der
umwandelnden Not. Ein Stoss in den Herzgrund brachte, wie Pastor Blümel es
ausdrückte, den Heilandstrieb zum Durchbruch, über welchem im gleichmässigen
Tageslauf sich eine Erdenschicht gebildet hatte. Und vielleicht hat nur der
Mutterschmerz diese Gewalt. Rosine Mehlborn hatte bis in das Matronenalter still
vor sich hin geschäfftert, keinem Menschen zuleide, aber auch keinem, ausser
ihren Allernächsten, zuliebe. Nun, da sie an ihrem tiefsten Bedürfen Mangel
litt, wurde sie die leise Helferin bei jedem fremden Mangel, auf welchen ihr
Blick gerichtet ward. Ihr Amtmann durfte es nicht merken, einer aber merkte es,
der ihr nimmer aus den Augen wich. Im Morgendämmer und wenn der Mond in ihre
Kammer schien, zwischen den Lämmerwölkchen, welche das blaue Himmelsfeld
überziehen, vom ersten Stern des Abends und von dem letzten früh blickte ihres
Hannes gutes Gesicht auf sie herab; und wenn der Mangel, den sie gewahrte, ein
recht grosser und ihre Hülfe ein Opfer war, da sah sie ihren Hannes lächeln, und
sie lächelte auch, nickte ihm zu und sagte: »Mein Hannes, ich komme bald!«
    An ihre Brigitte dachte sie wohl auch, sie war ja ihr liebes Kind; wenn sie
aber nicht ihr liebes Kind gewesen wäre, würde sie an jeden Menschen eher als
die Brigitte gedacht haben. Der Tochter Natur war ihr unverständlich und wurde
es durch ihr Schicksal je mehr und mehr.
    Die beiden Erbkinder von Werben waren erst wenige Monate ein Paar geworden,
als der einzige Bruder, ein Opfer seiner unfreiwillig überkommenen
Standespflichten, fiel: im Pächterhause brach schier ein Mutterherz; höher
hinauf jedoch, »dem Trone näher«, trat der beklagenswerte Ausgang hinter dem
Spottreiz des Anlasses zurück; der Name Mehlborn erhielt einen belustigenden
Klang, den seine alten Träger, gottlob! nicht ahneten, der von dem chevaleresken
Gatten der vormaligen Trägerin jedoch die Ehrenpflicht heischte, mit seinem
besten Kameraden ein paar Kugeln zu wechseln. Ein Menschenopfer war in diesem
zweiten Kampfe um den Mehlwurm nicht zu beklagen, der Wurm selbst aber um so
weniger zur Ruhe gebracht worden. Hilmar von Hartenstein verstand daher einen
gnädigen Wink von oben herab und vertauschte bis auf weiteres die blitzende
Gardeuniform mit einer schlichten der Linie unter seines Vaters Kommando und in
dessen wenig vergnüglicher Garnison. Wehe aber der liebenden Frau, welcher ein
solches Opfer unter Zähneknirschen gebracht worden ist!
    Vier Jahre waren seitdem verflossen, die alte Frau von Hartenstein war
gestorben, die junge Frau von Hartenstein ein einziges Mal in der Heimat
gewesen, um den Eltern die beiden Enkel vorzuführen, auf welchen ihre irdische
Zukunftshoffnung beruhte; bei dieser rührsamen Gelegenheit aber auch gegen Vater
Mehlborn ein Geschäft der allerheikelsten Art - weil ohne die Entäusserung des
Stammgutes - durchzusetzen. Unbegreiflicherweise für Vater Mehlborn sträubte
sich gegen diese Entäusserung mehr als der Erbe der Mutter die Mutter der
einstigen Erben. Brigitte von Hartenstein wollte die Lebensstellung ihrer Kinder
nicht ausschliesslich auf den Reichtum ihres Vaters gegründet sehen.
    Die Entwicklung, welche die vormalige Schülerin seit ihrer Verheiratung in
Wesen und Willen genommen hatte, gab den Freunden in der Pfarre mancherlei zu
denken und vertraulich zu besprechen. Brigitte von Hartenstein war auf bestem
Wege, zu werden, was ungefähr von ihrer Zeit ab eine »bedeutende« Frau genannt
worden ist; eine Spezies, die man in früheren Tagen wohl auch dann und wann
gefunden, allein anders betitelt hat. Kein Landmann würde in ihr den ländlichen
Ursprung vermutet, aber auch kein Edelmann sich ihr als seinesgleichen
vertraulich genähert haben; sie hätte für eine Gelehrtentochter gelten können,
so nach dem Grunde hin hatte sie sich mit zäher Ausdauer vertieft und so
geflissentlich vermied sie den Schliff der Kreise, in welche sie sich einem
Einzigen zuliebe gestellt. Sie hatte unter diesen Menschen seit dem Tode ihres
Bruders, aber nicht durch diesen allein, bitterlich gelitten; sie verachtete,
ja, sie hasste diese Menschen. Jenen Einzigen aber liebte sie noch immer mit der
hartnäckigen Ausschliesslichkeit einer nüchternen Verstandesnatur. Sie nannte
diese Liebe ihre Pflicht und forderte ausschliessliche Gegenliebe als ihr Recht.
Dass sie ihren schönen, charakterlosen Gatten liebte, lediglich weil er ihr heute
wie in der ersten Stunde gefiel, gestand die charaktervolle Frau sich nicht ein.
Dass sie, um von ihm geliebt zu werden, erst lernen musste, ihm zu gefallen, würde
sie unter ihrer Würde gehalten haben.
    »Hanna,« sagte Pastor Blümel zu seiner Gattin nach einem langen Spaziergange
mit seiner einstigen Schülerin, »Hanna, diese noch minorenne Frau hat die Kritik
der reinen Vernunft gelesen und merkwürdigerweise verstanden.«
    »Würde sie nicht besser daran sein, Konstantin, wenn sie dieselbe nicht
verstanden hätte?« entgegnete Frau Hanna.
    Seit diesem Besuche hatten die Amtleute kein Mitglied ihrer angefreiten
Sippe wiedergesehen. Pünktlich am ersten jedes Monats traf ein Brief der Tochter
ein, ein braver, kluger Brief, ein Musterbrief, »man könnte ihn drucken lassen«,
sagte der Vater; die Mutter aber weinte allemal den ganzen Tag, nachdem ihr
Amtmann ihn vorgelesen, und sehnte sich mehr denn je nach ihrem Hannes, dessen
Briefe nicht wie gedruckte geklungen hatten, aber »wie mit Lettern« in ihrem
Herzen geschrieben standen.
    Und so war es bis auf die heutige Stunde geblieben. Die Amtmännin hatte ihr
Trauerkleid nicht abgelegt, der Amtmann trug den Kopf höher denn je. Frau Hanna
Blümel, die mitunter das Gras wachsen hörte, wollte ihm indessen doch anspüren,
er hätte den bisher höchsten Schritt auf seiner Jakobsleiter ebenso gern oder
wohl gar lieber unterlassen.
Pastor Blümel war festlich angetan in kurzem Beinkleid, langen schwarzen
Strümpfen und Schuhen, über dem Leibrock ein schmales Chormäntelchen am Rücken
niederhängend. Er hatte, als er in die Gegend versetzt wurde, diese Art
halbamtlicher Interimstracht als eine übliche vorgefunden und, vielleicht noch
der einzige in der Ephorie, sie beibehalten bei einem Kranken- und Trostbesuch,
oder, wie heute, als Gevatterbitter. Eben griff er nach dem Hute, den er bei
derlei Gängen aber nicht über das Käppchen setzte, sondern, dem Brauche nach, in
der Hand trug, als gegen alle Familienordnung die kleine Balsamine - häuslich
Minchen - in das geistliche Gemach stürmte, um einen Besucher anzumelden, der
sich der Mutter in der Laube »Herr von Hartenstein« genannt habe.
    Herr von Hartenstein! ein Landsmann aus der alten Heimat, ein Held aus
seiner grossen Zeit, sein Patron, nach dessen Bekanntschaft er sich seit zehn
Jahren gesehnt hatte! Welche neue, frohe Überraschung an diesem Tage frohester
Überraschungen! Oder sollte es der Sohn des Ersehnten sein, seiner Schülerin
Gatte, vielleicht sein künftiger Patron? Ei nun, dieser oder jener, jedenfalls
ein teurer, hochwillkommener Gast.
    Nun gab es aber noch einen dritten Hartenstein; einen, den Konstantin Blümel
persönlich gekannt hatte zu einer Zeit, wo er eine nähere Beziehung zu jener
Familie sich nicht träumen liess, ja dem er diese Beziehung recht eigentlich
dankte; einen Kameraden vom Yorckschen Korps und - seltsamste Wandlung bei einem
Hartenstein! - einen geistlichen Amtsbruder, dessen Name, neuerdings laut in die
Öffentlichkeit dringend, des alten Waffenbruders Erinnerung lebhaft angefacht
hatte; einen, dessen Wiedersehen er noch inniger als die Bekanntschaft der
beiden anderen ersehnt - und just auf die Vermutung dieses dritten kam
Konstantin Blümel nicht. Ja, als der Gemeldete jetzt, von der Hausfrau geleitet,
die Schwelle überschritt, selber da schwankte er noch zwischen der Annahme von
Vater und Sohn. Erst als der Fremde sich mit den Worten einführte: »Sie scheinen
mich nicht wiederzuerkennen, Herr Prediger: ich bin der Doktor Joachim von
Hartenstein,« erst da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen; allein -
wunderbar! eine steife Verbeugung war alles, was ihm zum Willkomm des Ersehnten
gelang.
    Während er nun aber, stumm vor Überraschung, dem bleichen, ergrauten,
bürgerlich gekleideten Manne gegenüberstand, den er zuletzt mit kampfgeröteten
Wangen, in der blauen Litewka, das Eiserne Kreuz auf der Brust, gesehen hatte,
während er in plötzlicher Scheu kaum die Fingerspitzen des Amtsbruders zu
berühren wagte, wo er so gern die Hand des Kameraden geschüttelt hätte, da
entschleierte sich mit der Gedankenschnelle, für die es keinen Massstab gibt, vor
Konstantin Blümels Seelenauge die Wechselwirkung von Natur und Schicksal, die
diesen lange verehrten Mann ihm plötzlich zu einem Fremden machte. Es war der
Kämpfer, welcher dem Versöhner gegenüberstand.
    »So schön und so tapfer wie ein Hartenstein« galt als Sprichwort unter dem
preussischen Soldatenadel, und von fünf Söhnen eines alten tapferen Obersten aus
der friderizianischen Schule war der jüngste, Joachim, der schönste und
feurigste, »den Hektor der Armee« hatte ein hoher Frauenmund ihn genannt.
Sämtlich waren sie Militärs, und sämtlich folgten sie dem Vater in den Feldzug
von 1806. Der unselige 14. Oktober zertrümmerte Ehre und Glück auch dieses
heldenmütigen Geschlechts. Das vaterländische Heer lag am Boden, einer Leiche
gleich, an der die Würmer zu nagen begannen. Auch gegen den Obersten tauchten
aus einem unentdeckbaren Winkel Bezichtigungen auf, welche bei Freund wie Feind
ein höhnendes Echo weckten. Wer unterscheidet in so trüben Tagen scharf die
Linie, auf welcher Unglück und Unglimpf sich scheiden? Wo so viele unrein
werden, ätzt das geblendete Auge ein reiner Punkt. Erst beruhigten Zeiten liegt
die Klärung ob.
    Als nach dem Frieden die militärische Untersuchungskommission ihr Werk
begann, war der jammervolle Greis seiner Pein erlegen; von oberster Stelle ist
der Flecken auf seinem Ehrenschilde nicht bestätigt worden; in den Herzen seiner
Söhne lebte er fort als ein Held. Vier von ihnen umstanden seine Bahre; der
fünfte moderte in den Gruben an der Saale. Die Armee war aufgelöst, der Brüder
Zukunft eine Frage. Dort auf das tote Haupt des Vaters leistete einer nach dem
anderen den Schwur, die verdunkelte Ehre rein zu waschen, dereinst im Kampfe
gegen den Überwältiger des Vaterlandes, zunächst in dem gegen den Verleumder des
Vaters.
    Es war ein Kamerad, ein Freund, ja, ein Blutsfreund, von welchem die
Schmähung wenn nicht ausgegangen, so doch erweislich nachgesprochen worden war.
Die Brüder stritten sich um den Vorzug der rächenden Hand; sie losten, ein jeder
mit dem heimlichen Vorbehalt, für den Rächer einzutreten, wenn er unterliegen
sollte.
    Die blutige Reihenfolge wurde ihnen erspart; der das Los zog, war Joachim,
noch ein Jüngling; doch hielt er sein Mannesrecht fest gegen den Widerspruch der
Männer und führte es durch als ein Mann.
    Der Beleidiger fiel; aber auch dem Rächer war eine Kugel in die Brust
gedrungen, die er nach langen Jahren mit in das Grab genommen hat. Als er von
seinem schweren Krankenlager erstand, war die Hartensteinsche Blüte auf seinem
Antlitz einer Marmorblässe gewichen, und durch sein blondes Lockenhaar zogen
sich weisse Silberfäden; ein Leidensmerkmal, aber ein adelndes; ein Merkmal der
Wandlung, die auch in der Seele des Jünglings sich vollzogen hatte und die, wie
tief Erinnerung und Gegenwart drücken mochten, bei einem Hartenstein eine
sonderbare genannt werden musste.
    Nur der älteste der Brüder, der gegenwärtige General, blieb im Dienst der
reorganisierten vaterländischen Armee. Die beiden mittleren suchten in der
Fremde einen Platz, auf welchem sie sich früher als jene mit dem Überwältiger
messen durften. Joachim ging nach Königsberg und studierte Teologie; unter den
Armen der Ärmste, unter den Eifrigen der Eifrigste. Er war noch nicht
grossjährig, als er, anhebend mit den Wunden und der Schmach des Vaterlandes, die
lange Reihe jener Erdenmächte hatte kennen lernen, mit denen im Ringkampf der
Mensch zum Gottesleugner oder zum Heilandsjünger wird.
    Er hatte seine geistlichen Prüfungen eben zurückgelegt, als in seiner
unmittelbaren Umgebung die bahnbrechende Erhebung ihren Ausgang nahm. Auch
Joachim griff wieder zu dem Schwert. Seine beiden Brüder waren in Österreich und
Spanien gefallen; nur der älteste und jüngste der Söhne des unglücklichen
Obersten von 1806 erlebten den Tag der Befreiung, beide mit den höchsten Zeichen
der Tapferkeit auf der Brust.
    Als Kameraden im Yorckschen Korps hatte der Rittmeister von Hartenstein den
freiwilligen Jäger Blümel wiedergefunden, dem er schon während seiner
Studienzeit in Königsberg flüchtig begegnet war; und da nach dem Frieden die
Pfarrstelle in Werben neu zu besetzen stand, machte er deren Patron, seinen
Bruder, auf diesen treupreussischen Mann als den geeignetsten Seelsorger in der
jüngsterworbenen, noch zweifelhaften Provinz aufmerksam.
    Auch er selbst kehrte von der Fahne zur Kanzel zurück; sein Sinn war aber
nicht derart gerichtet, um sich in einer stillen Landpfarre, wenn auch warm und
behaglich einzunisten; und bald genug fand er denn auch den Wirkungskreis, in
welchem sein Name, seine bedeutende Erscheinung, eine ungemeine Rednergabe und
vor allem sein Temperament und Wille zur völligen Geltung kommen durften. Als
Oberdomprediger und Propst in einer provinziellen Hauptstadt, als Doktor der
Teologie, dessen Ehrendiplom die Universität jener Stadt ihm verliehen hatte,
als ein Magnat der Kanzelberedsamkeit, würde die höchste Würde seines Standes,
die eines Generalsuperintendenten oder protestantischen Bischofs, ihm nicht
entgangen sein, wenn nicht auf neuem Gebiet die alte kampfesmutige Ader seines
Geschlechtes in ihm entzündet worden wäre. Er hatte auf das luterische
Bekenntnis geschworen und sein Versöhnung suchender reformierter König durch
Einführung der Union ein Scharmützel der Geister heraufbeschworen, als eine von
dessen Haupttriebfedern der Propst von Hartenstein sich erwies. Er war der Erste
und Oberste von denen, welche sich der neuen Ordnung widersetzten. Seine
Hartnäckigkeit kostete ihm die glänzendste Perspektive. Was fragte er danach?
Sie konnte, ja, sie musste ihm sein gegenwärtiges Amt kosten. Was verschlug es
ihm? Er wäre Reiseprediger, Agitator geworden, ein zum Märtyrer berufener
Streiter für seines Gottes Ehr.
    Der eigenartig strenge Zauber seiner Persönlichkeit und Begabung hatte ihm
in weiten Kreisen Anhang erworben; selbstverständlich auch Gegner und Spötter.
»Viel Feind, viel Ehr,« sagte Joachim von Hartenstein und sagten seine Getreuen.
Die Frauen zumal schwärmten für ihn wie für einen neuen Propheten. Der
dreifältige Ritter der Geburt, des Schwertes und des heiligen Worts würde nicht
vergebens die Hand nach den glänzendsten Erbtöchtern seiner Provinz haben
ausstrecken dürfen, und er hatte in frühreifer Jugend als stark empfänglich für
Frauenhuld gegolten.
    Dennoch dachte er an eine Verheiratung erst nach dem Tode seiner Mutter, die
er als treuester Sohn unter seinen Schutz genommen hatte; und wenn bei seiner
Wahl die Stimme des Herzens sich auch mit weltlicher Zweckmässigkeit verband, für
den Entschluss gaben den Ausschlag das Pflichtgebot eines luterischen Bekenners
und der starke Hartensteinsche Stammessinn, da in Hilmar, seinem einzigen
Neffen, das alte Geschlecht voraussichtlich nicht in ruhmwürdiger Weise seinen
Abschluss gefunden haben würde.
    Die Erkorene war ein blutjunges Fräulein, Schwestertochter seiner
Schwägerin, in deren Hause sie, frühverwaist, heranwuchs. Der General und seine
Gattin sollen sich mit der Hoffnung getragen haben, durch Ottiliens liebliche
Sanftmut dem unbotmässigen Sinne ihres Sohnes einen Zügel angelegt, gleichzeitig
aber auch das Stammgut des gemeinschaftlichen Grossvaters von Werben durch das
Erbteil der Waise der Familie erhalten zu sehen. Ebenso ging die Rede, dass der
Vetter dem Bäschen überaus hold, das Bäschen dem Vetter mindestens nicht abhold
gewesen sei, bis des Oheims unerwartete Werbung dem kindlichen Gemüte plötzlich
eine veränderte Richtung gab. Die Waise blickte zu dem edlen Manne empor nicht
nur wie zu einem Vater, sondern wie zu einem Helden, einem Helden auf dem
Gebiete, in welchem sie selbst einen Platz, wenn auch den demütigsten, einnahm;
sie fühlte sich durch seine Wahl in ihren eigenen Augen gehoben und würde ja
haben sagen müssen, selbst wenn im heimlichsten Grunde eine Stimme nein
geflüstert hätte.
    So sagte sie denn ja und wurde in ehrfürchtiger Hingebung das Weib des
Mannes, der ihr Vater sein konnte. Hilmar von Hartenstein aber sagte,
eingeklemmt zwischen Trotz und Not: »Meintwegen auch die!« und heiratete
Brigitte Mehlborn.
    Das Resultat der weltlichen Ehe lag zurzeit selbst vor Freundesblicken noch
im Nebel; die geistliche Ehe dahingegen leuchtete bis in weite Ferne als eine
jener »wohlgeratenen«, welche der grosse Meister Luter »die allersüsseste
Gottesgabe« nennt; der Familie aber, zu der sie sich je mehr und mehr
erweiterte, gaben des Vaters unbedingte Autorität, seine kirchliche
Ausnahmestellung und angeborene adlige Sitte ein Gepräge, das sie vor profanen
Berührungen fast klösterlich abschied.
    So halb Prälat und halb Patriarch, mit einem merklichen Überguss vom Militär
und Kavalier: so war der Mann, oder so erschien er mindestens Konstantin Blümel,
nachdem dieser ein hochwertes Bild aus seiner Erinnerungsmappe mit dem
gegenwärtigen Original verglichen und für dieses Original in der Galerie seiner
Phantasiegestalten vergeblich nach einem Seitenstück gesucht hatte.
    Eine hohe, schmächtige Gestalt, das frische Kolorit und die tiefe Augenbläue
aller Hartenstein blässlich abgedämpft, der dunkle Reiseanzug von weltmännischer
Einfachheit, nichts was an den Pietisten, aber auch nichts, was an die Eitelkeit
der Gesellschaft erinnerte, vornehm vom Scheitel zur Zehe, herzenskühl und doch
eiferartig: so sah Frau Hanna ihres Gatten vielbesprochenen einstigen Gönner,
sah ihn ihrer Vorstellung gemäss, und weil sie ihren Konstantin kannte, begriff
sie dessen stumme Verwirrung und war beflissen, den Pflichten landpfarrlicher
Gastfreundschaft an seiner Statt gerecht zu werden. Sie nötigte Hochwürden in
das behaglichere Wohnzimmer. Zu welchem Zweck? der Raum genügte ja, meinten
Hochwürden. Sie bot Erfrischungen an; Hochwürden dankten dafür. Sie erlaubte
sich die Hoffnung, Hochwürden ein Nachtlager in ihrem Hause annehmen zu sehen.
Hochwürden erklärten, dass sie ihren Wagen nach dem Pächterhause vorausgeschickt
und sich frische Postpferde dortin bestellt hätten, da die Universitätsstadt
noch vor Nacht erreicht werden sollte und an der neuen Verwandtschaft doch nicht
ohne Gruss vorübergegangen werden dürfe.
    Der Propst - er selber nannte sich, analog seinem grossen Vorbilde, den
Doktor von Hartenstein - begleitete die letzten Worte mit einem Lächeln, welches
die heitere Pfarrfrau nicht zum Mitlächeln reizte, hinterdrein jedoch einen
lachenden Eifer in ihr entzündete. Sie sah, dass ihre Gegenwart im geistlichen
Gemach von Überfluss sei, und zog sich mit der Verneigung einer alten, gräflichen
Gouvernante zurück.
    »Geht mir doch,« so hatte sie bei einem ähnlichen Anlasse gesagt, »geht mir
doch mit den Freunden, die sich vermessen, für uns durch Feuer und Wasser zu
laufen! Wann gerät denn ein Mensch in Feuers- und Wassersgefahr? Und gerät er
einmal hinein, ist es unter hundert Fällen neunundneunzig Mal nicht der Freund,
sondern der erste Beste, der, rasch bei der Hand, die Hülfe bringt. Sein
Alltagspäckchen sollen wir dem Freunde tragen helfen, vor den kleinen
Scherereien, die der Fremde übersieht oder verlacht, nicht die Nase rümpfen und
nicht erst Handschuhe anziehen, wenn es gilt, seinen Karren aus dem Sumpfe zu
ziehen: nicht mehr, nicht weniger heisst das, was in der vierten Bitte unserm
täglichen Brote zugezählt wird.«
    Dieser ihrer Auslegung vom täglichen Brote, das Frau Hanna selber
»hausbackenes« nannte, gemäss, brach sie heute - drei Tage vor dem
Danksagungsgottesdienst und dem heiligen Taufakt! - die Klausur der Wochenstube,
um ihrer guten Freundin in einer nie erlebten Verlegenheit mit den Erfahrungen
einer in angesehenen Familien konditioniert gewesenen Hauswirtin unter die Arme
zu greifen. Sie lachte hellauf, wenn sie sich den Wirrwarr im Pächterhause
vorstellte, nachdem der fremde Diener den Besuch des vornehmen Herrn Vetters
angemeldet hatte. Und just in der ersten Juliwoche, wo alle dienstbaren Hände
bei der Ernte beschäftigt waren!
    Schade, dass die kluge Pfarrfrau nicht auch im geistlichen Gemach die
Mittlerrolle übernehmen durfte!
    Sobald die beiden Amtsbrüder sich allein gegenüberstanden, der eine den
anderen um Kopfeshöhe überragend und darum auch unwillkürlich auf ihn
niederblickend, sagte der Fremde:
    »Sie werden in gegenwärtigen Zeitläuften nicht voraussetzen, Herr Prediger,
dass ich auf einer Vergnügungs- oder Vetternreise hier haltgemacht. Mein Kommen
gilt ausdrücklich Ihnen, das heisst dem Pfarrer.«
    Pastor Blümel verbeugte sich schweigend. Der andere fuhr fort:
    »Da mein Standpunkt sattsam bekannt ist, darf ich mir Präliminarien
ersparen.«
    Wiederum eine stumme Verbeugung von seiten des Pfarrers.
    »Wohlan denn, Herr Prediger. Wie stellt sich das Pastorat Ihrer Ephorie zu
der neuen Agende und der Durchführung der Union?«
    Pastor Blümel wusste seit dem ersten Wort, worauf die Glocke ausgehoben. Er
hatte sich zum Widerstande gefasst und antwortete ruhig:
    »Man hat sie, soviel mir bekannt, einmütig als einen königlichen Akt
versöhnender Christenliebe aufgenommen.«
    »Auch Sie?«
    »Ich unbedingt.«
    »Und das Patronat?«
    »Hat in Stadt wie Land keinen Widerspruch erhoben.«
    »Auch mein Bruder?«
    »Seine Exzellenz schrieben mir auf meine Anfrage: die Heilsordnung, die
meinem König genügt, wird auch mir genügen. Ich gedenke das nächste Abendmahl
innerhalb einer unierten Gemeinde zu geniessen.«
    »Es sieht ihm ähnlich!«
    »Das freut mich, Hochwürden.«
    »Aber die Gemeinden?«
    »Werden, soweit sie die Unterscheidung begreifen, sie nicht als eine
Beeinträchtigung ihres protestantischen Bekenntnisses auffassen.«
    »Warum auch nicht? Es sind ja Sachsen! Landsleute der grossen Aufklärer von
Leibniz an bis Lessing und - -«
    »Und vor diesen Martin Luters!«
    »Gewiss. Vor allen Luters!«
    »Ich fürchte, Hochwürden nicht mehr zu verstehen.«
    »Und ist doch so verständlich. Jede Zone kann einen Helden zeugen, aber in
jeder Zone wird der Held verschieden wirken. In keinem anderen deutschen Gau
würde eine kirchliche Neuerung so rasch Wurzel schlagen und sich so behaglich
haben ausbreiten können wie in diesem.«
    »Hochwürden scheinen das zu beklagen.«
    »Sie irren, Herr Prediger. Ich bin Luteraner. Ich kann und will nichts
anderes sein; ebensowenig wie ich als Preusse wieder ein Reichsdeutscher - und
damit meine ich das Reich vor seinem kläglichsten Verfall, das heisst vor der
Reformation und lange bevor es einen preussischen Staat gegeben hat - werden
könnte. Aber eben weil ich nichts anderes sein kann, will ich das, was ich bin,
ganz sein und werde mich bäumen bis zum Äussersten, ehe ich mir und den Meinen
Luters Heldentat verpfuschen lasse.«
    »Ich nenne es sie vollenden, Hochwürden, so wie der Meister selbst sie
vollendet haben würde, wenn - -«
    »Er, er?« rief der Propst mit durchbrechender Leidenschaft. »Er, welcher der
Satansversuchung so urkräftig widerstand, dass er lieber dem stärksten Puff, den
er dem Papsttum versetzen konnte, - seine eigenen Worte! - entsagte, als dass er
das Sakrament vom Fleisch und Blut in ein Abendmahl von Brot und Wein verhunzen
liess.«
    »Mehr als zehn Menschengeschlechter sind seit diesen Erstlingskämpfen für
eine erneuerte Norm abgestorben,« entgegnete, nunmehr gleichfalls warm werdend,
Konstantin Blümel. »Sollen der Wahn und die Wut des sechzehnten Jahrhunderts
nicht in dem weiten Grabe des siebenzehnten verschüttet worden sein? Sollen sie
heute, im neunzehnten, zu einem Scheinleben wieder aufgerüttelt werden?«
    »Und was hat diesen Wahn und diese Wut, wie Sie es nennen, Herr Prediger, in
den Menschengeistern abgelöst? Goldmacher, Forscher nach dem Stein der Weisen;
Betrüger und Betrogene auf den Tronen und zu Füssen derselben; der nüchternste
Vernunftsdienst, ein künstlich aufgewärmtes Heidentum, Ateisten und
Sanskülotten auch unter uns; dünkt Ihnen deren brütendes Wühlen menschenwürdiger
als jener Leben und Sterben für ein untrügliches Wort, für eine ewige Idee?«
    »Die ewige Idee beharrt, Hochwürden, aber die Ideen, die sie gebiert,
wechseln und wandeln in den Menschenseelen. Auch wir haben zu leben und zu
sterben gewusst für eine Idee, und unsere Kinder und Enkel werden es für die ihre
wieder wissen. Sie haben, verehrter Herr, noch eben sich mit Wärme auf den
jungen Staat berufen, den Sie und ich mit gleicher Liebe unser Vaterland nennen.
Nun wohl, dieser Staat hat jüngst einen Zuwachs von Millionen
römisch-katolischer Christen erhalten: sollte das nicht eine Mahnung sein für
alle protestantischen Gruppen, das, was sie trennt, zu vergessen, um als
geschlossene Phalanx unseren Widersachern gegenüberzustehen?«
    »Als lose, wehrlose Banden, wollen Sie sagen, Herr Prediger, gegenüber einer
Armee in Reih und Glied! Wird diese unselige Neuerung vollendete Tatsache, so
gibt es in einem halben Jahrhundert nur noch griechische oderrömische Christen
und deutsche Heiden. Jede Kirche heischt für ihren Bestand ein unumstössliches
Dogma. Wir haben die Tradition, die Glorie der Heiligen, das Erbteil Sankt
Peters, den Mariadienst, das Messopfer und noch vier der Sakramente über Bord
geworfen, verschleudern wir auch noch die Lehre von der Ubiquität, das heisst den
Wortlaut der Schrift - -«
    »Wir verschleudern sie nicht, Hochwürden - -«
    »Ihr verwässert sie nur. Das Phlegma setzt sich zu Boden, was von der Essenz
sich nicht verflüchtigt hat, sammelt sich in einer spiritualistisch stark
anziehenden Zone. Mit anderen Worten: die Böcke scheiden aus in das freigeistige
Lager, die Schafe in die römische Herde. Halten wir aber zusammen wie ein Mann,
Ihr zumal in dieser neuerworbenen Provinz, deren Stimmung geschont werden muss,
und die so ungemischt wie keine zweite der luterischen Lehre angehört, so wird
man die heillose Zumutung fallen lassen, und das undeutbare Gotteswort wird der
Wall bleiben, an welchem die stolzen, römischen Wellen, so hoch ich sie
vorahnend steigen sehe, sich brechen werden.«
    Es war dem Pfarrer von Werben eine neue Erfahrung, solch einem eiferartigen
Kämpen auf religiösem Gebiete Widerpart zu halten. Auf dem bewegten Schauplatz
seiner Jugendjahre tummelten sich die Geister in einer anderen Richtung, und in
seinem späteren Stilleben war es die Sitte mehr als der Glaube, die ihn zu
reinigender Fehde herausforderte. Aber in diesem Widerstande lag ein Reiz,
welcher die Schüchternheit überwand. Seine Blicke hafteten leuchtend an den
beiden Kreuzen, welche für ihn, so gut wie für seinen Gegner, die Regulatoren
des Lebens und Wirkens waren, und ein warmer Strom entquoll der bewegten Seele.
Er schilderte sein Traumbild einer auf dem evangelischen Urgrund geeinigten und
gereinigten Kirche als einer Anstalt menschlicher Liebe zur Verkündung der
göttlichen, als der idealsten Macht für das unter den harten Forderungen der
Materie sich abringende Menschengeschlecht, als der höchsten Instanz für alle
dunklen, strittigen Lebensfragen. »Dieser hehre Tempelbau,« so schloss er seine
Rede, »er leuchtet mir vor wie den Wüstenpilgern das Gelobte Land. Mit Augen
schauen werde ich ihn nicht. Aber schon das ist hohe Freude, zwischen Unglauben
und Aberglauben, zwischen Willkür und Knechtung ein Sandkorn zu seinem
Untergrunde beizutragen. Und das meine ich zu tun, indem ich unbeirrt in die
Fussspuren eines ersten Schrittes versöhnender Weisheit und Bruderliebe trete.«
    Herr von Hartenstein hatte ihm mit merklicher Ungeduld zugehört. Nach den
letzten Worten ergriff er rasch seinen Hut und erwiderte: »Ich bin zu positiv
gerichtet, zu nüchtern, wenn Sie so wollen, um Ihnen in dieses Phantasienreich
-Schlaraffenland würde unser kerniger Meister es vielleicht genannt haben -
folgen zu können. Überdies drängt die Zeit. Und so habe ich nachträglich nur zu
sagen: Verzeihung, dass ich Sie aufgehalten habe, Herr Prediger. Sie waren im
Begriff, in Amtsgeschäften auszugehen.«
    »Nur in einer privaten Angelegenheit zu Amtmann Mehlborn, Hochwürden,«
versetzte der Pfarrer.
    »Dann freut es mich, dass unser Weg der gleiche ist,« sagte Herr von
Hartenstein, und sie brachen auf.
    Sie schritten an der Kirche vorüber, deren Tür von Sonnenauf- bis Untergang
offen stand; eine Neuerung des Blümelschen Regiments, von welcher leider
seltener als er gehofft ein stiller Einkehrer Segen zog. Ohne weitere Erklärung
trat der Propst ein, und der Pfarrer folgte ihm.
    Des Erbaulichen an Konstruktion wie gottesdienstlichem Gerät war hier so
wenig wie an allen anderen ländlichen Betäusern unserer Gegend wahrzunehmen.
Wände und Deckengebälk weiss getüncht, ein roter Ziegelboden, Kanzel, Altartisch
und Bänke, ohne Schnitzwerk, von dunkel gebeiztem Holz. Eine Falltür, aus rohen
Bohlen gezimmert, führte hinab in die von der Werbensche Gruft, die
voraussichtlich keinen erdenmüden oder noch erdenfrohen Pilger mehr aufnehmen
sollte. Der Propst äusserte kein Verlangen, der abgelebten Sippe seine Ehrfurcht
zu bezeugen, dahingegen er einer geistlichen Geschlechtsfolge, auf die er
unerwartet stiess, einen bemerkbaren Anteil zuwendete. Es waren die Bildnisse
sämtlicher Gemeindepfarrer seit dem ersten luterischen Bekenner, die den
schmalen Altarplatz in doppelter Reihe umzogen. Der damalige Patron hatte ein
Legat zu dieser Stiftung ausgesetzt und der Kunstwert nach dem Masse des
Geldwerts unverkennbar abgenommen. In gleicher Grösse und gleichem schwarzen
Talar und Barett standen die würdigen Herrn, einer neben und einer über dem
anderen in Reih und Glied. Kein geistlicher Nachfahre würde sich durch den
Aufblick zu ihnen erbaut oder physiognomisch belehrt, kein leiblicher Nachfahre
sich also einen werten Ahnherrn geträumt oder gewünscht haben. Die Gemeinde aber
hing mit Liebe an ihrem einzigen Ornament und, bis auf die kürzlich erlebte
Franzosenzeit, ihrer einzigen historischen Erinnerung. Die Namen selber der
ältesten der alten Seelenhirten hatten sich fortgeerbt von Geschlecht zu
Geschlecht; von diesem ein Erlebnis, von jenem ein Charakterzug, von den
beliebtesten ein Schwank; und man würde sich williger irgendwelche Veränderung
der alten Agende, ja sogar ein neues Gesangbuch haben gefallen lassen, als eines
der kaum noch erkennbar nachgedunkelten alten Pastorbilder gemisst.
    Die Altarwände waren bis auf einen einzigen Platz gefüllt. »Soll die Reihe
dieser treuen Männer geschlossen werden mit einem, der von ihrem Glauben
abgefallen ist?« sagte, auf die leere Stelle deutend, der Propst mit einem Ton,
der halb wie Spott und halb wie eine Beschwörung klang.
    Pastor Blümel unterdrückte die Antwort. Die Kirche, seine Kirche, würde ihm
der letzte Ort zu polemischer Widerrede gewesen sein. Er hatte im stillen längst
auf den letzten Platz in der geistlichen Galerie verzichtet. Seine Werbenschen
Beichtkinder, er wusste es, würden ihn keineswegs als einen Abtrünnigen
verketzern, weil er auf des preussischen Königs Befehl zwei neue Worte, von denen
eines obendrein der Herr Jesus war, in die alte Spendeformel aufnahm; die
Werbenschen Leute waren ja überhaupt beileibe keine widerborstigen Untertanen.
Dass aber ihre geistliche Galerie an Reliquienwert für sie eingebüsst haben würde,
wenn sie mit einem neuen Preussen anstatt mit einem alten Landsmann ihren
Abschluss fand, das wusste Pastor Blümel auch, und Pastor Blümel, obgleich oder
weil Unionist, verstand Reliquienwert zu schätzen.
Pastor Blümel »herbergete gern« nach christlicher Vorschrift, wie seine Hanna es
tat nach natürlicher Neigung; wenn Pastor Blümel aber die Gastlichkeit eine
germanische Erbtugend nannte, so nannte Frau Hanna ihren Konstantin einen
deutschen Schwärmer. Und zu leugnen ist allerdings nicht, dass Konstantin Blümel
zu den Schwärmern gehörte, die ihr Volk - selbstredend en bloc! - in jeglicher
Völkertugend leuchten sahen mit alleiniger Unterschätzung derjenigen, in welcher
es allezeit geleuchtet hat und wills Gott auch fernerhin leuchten wird, denn die
Bescheidenheit ist die Tugend des Würdigen.
    Verwies dann der Gatte die Gattin auf seines armen Volkes notgedrungene
Arbeitsamkeit, welche den gastfreien Naturtrieb in Zügel halte, so verwies die
Gattin den Gatten aus der Völkerkunde auf die weit grössere Armut just der
gastfreiesten Stämme und aus seiner persönlichen Erfahrung auf das Institut der
Schenke, für dessen Pflege es dem deutschen Mann niemals an Musse und Batzen
gebreche.
    »Die Schenke,« sagte sie, »ja die Schenke, Konstantin, ist eine
urteutonische Einrichtung; und wenn dein alter Heide ihrer nicht gebührentlich
Erwähnung getan haben sollte, bewiese es, dass er der blondgelockten Germania
nicht bis in den Herzgrund gedrungen ist. Der Schenkenzug aber bläst naturgemäss
das gastliche Herdfeuer aus. Leben wir denn in einer Wüstenei? Sind wir nicht
eine zivilisierte Nation? Vivat fürs Geld! jeder für sich und die Schenke für
alle! vivat die Schenke! Und dann die deutsche Humanität, Konstantin! Die armen
Gastwirte müssten ja bankrott werden, wenn jeder Hauswirt seinen Anhang in seinen
eigenen vier Pfählen beherbergen wollte! Ist einer ein wohlhäbiger Mann und hat
er bedürftige Anverwandte, denen seine deutsche Gemütlichkeit die
Gastofsrechnung ersparen, oder einen guten Freund, mit dem er sich einmal
vertraulich aussprechen möchte, ei nun, da findet sich allenfalls oben zwischen
den Rumpelkammern des Bodens ein Plätzchen, wo man ihn untersteckt; für die
Hauswirte selbst würden diese hohen Regionen im Sommer zu heiss, im Winter zu
frisch und keinenfalls behaglich gefunden werden; für einen auswärtigen Besuch
dahingegen sind sie hinlänglich temperiert und von genügendem Behagen.«
    Frau Hanna erzählte dann recht kurzweilig ihre gastfreundlichen Erlebnisse
bei dem städtischen deutschen Biedermann und bei dem ländlichen ungefähr
desgleichen. Will sagen, wenn der ländliche kein Bauer ist, denn richtige Bauern
besuchen sich nicht. Bewirten und bewirtet werden ist ein Spass für Leute, die
nichts zu tun haben: für Pastoren und Adel.
    Zwei oder drei Tage jedoch, hierzulande in der Zeit, wo das Kirchenjahr auf
die Neige geht, da ist unser Bauer in der Tat ein ideal germanischer gastfreier
Mann, da kracht seine Tafel von Speisen und Tränken, die er sich zwölf Monate
lang am Munde abgezwackt hat, da wird auch der Ungeladene nicht ungesättigt
entlassen, die Brosamen fallen in des Armen Schoss, und die auswärtige
Freundschaft nächtigt in den dicksten Federbetten. Prosit die splendide
Kirmeszeit!
    Und in dieser splendiden Weise war die heilige Kirchweih auch von Johann
Mehlborn gefeiert worden, solange er sich nur noch als reicher Bauer fühlte;
seitdem er sich aber als titulierter Erb-, Lehn- und Gerichtsherr fühlte, wurde
noch zehnmal mehr gebrodelt, gebackt und gezapft, nur, versteht sich, für eine
erlesenere Gesellschaftsschicht als die bäuerliche Bekanntschaft und
Freundschaft der Pflege. Es kamen benachbarte Kantoren und Pastoren, Amtsleute
und Gutsbesitzer, unter letzteren bis jetzt freilich nur noch die ohne kleines
»von«; es kam der städtische Anhang, der für den Hof arbeitete, vom
Schornsteinfegermeister bis zum Schuhmachermeister hinab; die willkommensten
Gäste aber waren jene anderweitigen Kunden, die als Müller, Fleischermeister,
Bäckermeister und so weiter die Produkte des Hofes bezogen. Wäre der gnädige
Herr Propst zur novemberlichen Kirmeszeit in den Hof geschneit, er hätte vor der
christlichen Herbergslust seiner neuen Sippe Respekt bekommen müssen.
    Nun aber fuhr er in das Haus wie ein Blitz zu hoher Sommerszeit; in der
Natur der reichsten, in der Wirtschaft der kahlsten und für die Gastfreundschaft
der ungelegensten des ganzen Jahres. Kleeernte, Heuernte, Rapsernte noch nicht
vollständig eingebracht und die Kornernte vor der Tür! Für einen städtischen
Kurierdienst kein Pferd im Stall, kein Knecht, keine Magd auf dem Hof, kein
Kuchen gebacken, kein Braten im Vorrat, die Gardinen ungewaschen, nicht einmal
die gute Stube frisch gescheuert!
    Und diese unwirtliche Blösse, dieser sozusagen Naturzustand stieg mit
grausamer Helligkeit jach vor Johann Mehlborns Seele auf, als er, in Hemdsärmeln
und Leinenhosen zum höchsteigenhändigen Abbansen auf einem Heuwagen stehend, zum
ersten Male im Leben eine Equipage mit silbernen Wappenschildern an den Schlägen
in den Hof fahren, einen Livreediener mit silbernen Wappenknöpfen vom Bocke
springen sah und von unten herauf ihm, Johann Mehlborn, den bevorstehenden
Besuch des Herrn Propstes von Hartenstein ankündigen hörte. Der feine Bediente
hatte ihm demnach, trotz Hemdärmeln und Leinenhosen, die freiherrliche
Verwandtschaft an der Nase angesehen; er konnte, weiss Gott! sich doch nicht
selbst verleugnen, wie der Portier im exzellenzlichen Hause bei ungelegenen
Besuchen seine Herrschaft verleugnete. Er hätte aus der Haut fahren oder in ein
Mäuseloch kriechen mögen.
    Wenn aber gastlicher Sinn eine zweifelhafte Volkstugend ist, eine
ritterliche Tugend ist sie sonder Zweifel. Ein einziger schwacher Moment, und
Ritter Mehlborn ist tapfer gefasst und gewillt, dieser Tugend Raum zu geben. Vom
Wagen herunter, ins Haus hinein!
    »Röse, Röse, den Schlüssel zur guten Stube! Einen Besen, Sägespäne, Röse!
Weissen Sand, ein Wischtuch, eine Bürste, Röse!«
    Selbst ist der Mann! gefegt, gewischt, gebürstet mit eigener ritterlicher
Hand; der geschicktesten Jungemagd zum Muster. Der Sofabezug von
klatschrosenrotem Moiré leuchtet, als hätte noch niemals ein Kirmesgast darauf
Platz genommen; das Holzwerkvon strohgelber Birkenmaser blitzt und blinkt wie
pures Gold. Aber das Blankwichsen der geschnitzten, schwarzen Delphine, welche
den Fuss des Sofatisches zieren, das kostet noch Schweiss! Ist die gute Stube des
Amtmannshauses Stolz, so sind die geschnitzten Delphine der Stolz der guten
Stube. Die Tische der Nachbarschaft samt und sonders haben noch vier dünne
glatte Beine; Amtmann Mehlborns Sofatisch hat einen dicken Fuss mit drei
geschnitzten »Philadelphias«!
    »Aber, Mutter, so rühre dich doch, du stehst ja wie im Traume!«
    Die unschuldige Mutter Röse, sie im Traume! Als ob in solcher Hatz einem
Menschen der Frieden käme, wo er seinen Liebling zwischen den Abendwolken
lächeln sieht! Hatte sie denn nicht erst dem abtrabenden Postillion ein
Kümmelchen reichen müssen und dem feinen Bedienten ein Schmalzbrot dazu
schmieren? Und pustete sie denn jetzt nicht nach Lungenkräften die
Fliegenleichen aus den goldenen Tassen auf der guten Kommode? die armen,
hochmütig verirrten Fliegen, die in der guten Stube einem grausamen Hungertode
erlegen waren, da sie in der bescheidenen Wohnstube drüben sich behaglich bis in
den Winter hinein hätten mästen können!
    »Aber, Mutter, ist denn heute Zeit für die Fliegen? Wer guckt denn auch
gleich in die Oberköpfchen!«
    Mutter Rosine stellte das Pusten ein und machte sich an das Putzen der
Fensterscheiben, denen durch die abgelebten Insekten erbärmlich mitgespielt
worden war.
    So, nur noch ein paar Hände voll Sand auf die gefegten Dielen gestreut, und
die gute Stube ist in Stand. Bleiben der Herr Vetter über Nacht, wird ein Bett
darin aufgeschlagen. An Federbetten ist kein Mangel und an Überzügen auch nicht;
sogar ein paar weisse sind für erhofften vornehmen Besuch angeschafft worden, und
bis zum Beziehen ist auch die Jungemagd wieder auf dem Hof.
    »Jetzund ans Decken!«
    Amtmann Mehlborn ist ein Fünfziger, aber noch bei Jünglingskräften. Ein
Spiel für ihn, die schwere eichene Tafel aus der Leutestube in die gute zu
rücken, die beiden Enden herauszuziehen und, während die Amtmännin Weisszeug und
Geschirr auflegt, die Vorräte herbeizuschleppen, welche Rauchkammer und Keller
in Julitagen bieten. Treppauf, treppab, wie ein Wetter! Beim Heuladen in der
Mittagsglut würde dem beleibten Herrn der Kopf nicht so schmählich geraucht
haben wie bei diesen gastfreundlichen Ritterdiensten. Zweien Schinken und einem
Dutzend diverser Würste werden Holzzeichen und Bindfäden abgeschnitten, das
letzte Sauergurkenfass geöffnet, ganze Batterien von Weinflaschen des edelsten -
Werbenschen - Gewächses aufgepflanzt; was der Tafel an Mannigfaltigkeit gebrach,
ersetzte die Masse. Eine Schwadron hätte sich beim Herbstmanöver an ihrer Fülle
sättigen und in undisziplinarischen Taumel zechen können. Aber immer hatte der
Hausherr seiner Gastlichkeit noch nicht genug getan; - das liebe Gut, blieb
etwas übrig, kam ja nicht um! - immer hatte er noch etwas zu fordern, etwas
auszusetzen.
    »Aber, Mutter, hausmachenden Drell! fix, ein blumiges Tischtuch!«
    »Röse, der Teller hat einen Sprung!«
    »Aber Frau, hast du denn gar kein Augenmass? Dort hinunter noch eine Wurst;
die Geometrie muss doch rauskommen, Röse.«
    Die arme Mutter Röse wusste nicht mehr, wo ihr der Kopf stand. Das Weinen war
ihr näher als das Lachen. »Ach, dass die gute Frau Pastorin auch gerade in Wochen
liegen muss!« seufzte sie.
    »Ja,« brummte ihr Amtmann, »wenn man die Leute nicht braucht, hat man sie
das ganze Jahr, und braucht man sie endlich einmal - -«
    »Hat man sie auch!« ergänzte eine lachende Stimme, und Holland war aus
seiner Not.
    Numero eins brachte die gute Freundin heimlichen Trost: Hochwürden blieben
nicht über Nacht, es brauchte kein Bett aufgeschlagen zu werden. Numero zwei:
verurteilte sie die Strategie der Massen: zu einer Abendmahlzeit war die Stunde
viel zu früh. Hurtig die Tafel wieder hinaus! Dort auf den Sofatisch eine
leichte Kollation, eine Schale Milch, ein Körbchen Erdbeeren, frisch von den
Kindern im Pfarrgarten gepflückt und fürsorglich mitgenommen; das genügte.
    Dem gastlichen Rittersmann kam es hart an, sein geometrisches Kunstwerk
eigenhändig wieder zu zerstören, Brote, Butter, Käse, Schinken, Würste, saure
Gurken und sämtliche Weinflaschen bis auf zwei, eine rote und eine blanke, die
sich absolut nicht abdringen liessen, bis auf gelegenere Zeit nebenan in die
Schlafkammer zu tragen. Gottserbärmlich kam ihm die »Kollision« über den
»Philadelphias« vor! Aber die Frau Pastorin war Gouvernante in einem Grafenhause
gewesen, sie musste sich auf den Appetit vornehmer Leute in der Vesperstunde
verstehen.
    »Wenn der gnädige Herr nun aber bis in den Abend hinein bleibt?« fragte
Mutter Rosine schüchtern.
    »Dann machen wir Tee, Frau Amtmännin.«
    »Tee? Ist der arme Herr denn krank?«
    »Gottlob! nein. Aber seinesgleichen trinken, auch wenn sie gesund sind,
abends Tee.«
    »Was Sie sagen, Frau Pastorin! Kamillen oder Flieder?«
    »Aber Mutter, Mutter, wie dumm!« fuhr der Amtmann dazwischen.
»Amerikanischen Tee, Tee aus Chinarinde natürlich.«
    »Ich schicke durch Luischen schon die rechte Sorte, und sie besorgt das
übrige, wenn er bleibt. Aber Sie werden sehen, er bleibt nicht.«
    »Desto besser,« dachte der Amtmann; laut jedoch sagte er: »Das täte mir
leid.«
    »Nun aber fix an die Toilette. Dein seidenes Abendmahlskleid, Mutter! Und
Handschuhe, hörst du, Handschuhe! Und noch eins: Rufe mich nicht Jôhann, so
heissen bei den Vornehmen alle Kutscher, und wenn du von mir redest, sage nicht
mein Amtmann, wie gegen die Bauern und das Gesinde. Nenne mich - -«
    »Ich werde dich gar nicht nennen, Jôhann,« versprach Frau Rosine, und ihr
Amtmann gab sich damit zufrieden. Sie hätte »mein Gemahl« oder »lieber
Johannes«, wie es diesem geistlichen Vetter am eindrucksvollsten geklungen haben
würde, doch im Leben nicht über die Lippen gebracht.
    »Sie ist und bleibt Hentschler-Röse!«
    Mit diesem Stossseufzer sprang der korpulente Herr, leichtfüssig wie ein
Hirsch, die Treppe zum Boden hinan, wo in dunkler Kammer, zwischen Pfeffer und
Mottenkraut eingepackt, das Kleid des Hochzeitsvaters ruhte, das, um schweres
Geld vom königlichen Hofschneider geliefert, binnen fünf Jahren selbst nicht zum
Genuss des heiligen Mahles aus der Lade genommen worden war.
    Unten in der Wohnstube aber blickten und nickten die beiden guten
Freundinnen sich lächelnd zu. Das Gottestischkleid blieb ruhig im Schranke
hängen; nur eine frische Haube wurde aufgesetzt und statt der leinenen eine
schwarze Taffetschürze über den Alltagsoberrock gebunden, der seit des armen
Hannes Tode ein Trauerrock geblieben war. Die Amtmannsfrau sah häuslich nett
aus, recht wie die liebe stille Seele, die sie ja war. Und dann sassen die beiden
guten Freundinnen nebeneinander und plauderten, nicht von dem fremden vornehmen
Besuch, sondern von dem Wiegenpärchen in der Pfarre und der geplanten
sonntägigen Doppeltaufe. Frau Hanna vertraute Frau Rosinen, unter dem Siegel der
Verschwiegenheit, - bis es jedenfalls heute noch von ihrem Konstantin gelöst
werden würde, - das Geheimnis von dem königlichen Mitgevatter und seinem
Stellvertreter. Frau Rosine hatte sich darauf gefreut, auch die arme
Hutmannswaise ihr Patchen nennen zu dürfen; sie erkannte es aber doch
dankbarlichst an, dass ein so hoher Ehrenposten, für den der Herr Landrat sich
nicht zu gross geachtet haben würde, ihrem Amtmann zugedacht worden war. Das
Eingebinde, versicherte sie, werde sie sich indessen nicht nehmen lassen, so als
ob sie die richtige Gevatterin wäre, und was in späteren Tagen Patenpflicht sei,
darauf könne die Frau Pastorin sich von ihr Rechnung machen.
    Während dieses gemütlichen Zwiegesprächs unten in der Wohnstube machte oben
in der Bodenkammer der germanische Hauswirt recht ungemütlich die Erfahrung, was
es bedeuten will, dass Hoffart Zwang zu leiden hat. In seinem Alltagsrock hatte
er es kaum bemerkt, wie umfänglich die hohen Bestrebungen auch seinem Leibe
angeschlagen waren. Der blaue Frack würde geplatzt sein, wenn er die gelben
Knöpfe hätte schliessen wollen, die Arme staken wie in einer Zwangsjacke in den
Ärmeln, die steife, hohe, weisse Krawatte ging hinten nicht mehr zu, und die noch
höheren weissen, steifen Vatermörder reichten nur noch bis hinter die Ohren; die
feinen Lackstiefeln aber pressten, dass der arme Gestiefelte laut aufstöhnen
musste. Ist es indessen nicht ein Merkmal des Wohlstandes, wenn der Mensch in die
Breite auslegt? und gewöhnt er mit einiger Geduld sich schliesslich nicht an
alles, selbst an pressende Stiefel? beides wahr! allein, - ach, dass unser
heissestes Verlangen doch fast immer zu früh oder zu spät in Erfüllung geht! seit
acht Tagen hat der städtische Meister den Bartwuchs nicht geschoren, den üppigen
Haarwuchs seit vier Wochen nicht gestutzt! Freund Beifuss würde willig seine Hand
zur Aushilfe geboten haben, aber wo in dieser Hast den Allerweltsmann Beifuss
auftreiben?
    Ei nun, was einmal nicht geht, das geht nicht, und ein kluger Kopf wird aus
jeder Not eine Tugend zu machen wissen! Die feinsten Pastores fangen alleweile
an, ihre Haare lang zu tragen, der Propst von Hartenstein tuts am Ende auch;
warum Amtmann Mehlborn also nicht, da er, wenn auch nicht selbst ein Pastor,
doch halb und halb der Patron des Pastors ist und die Quatember zu zählen sind,
wo er es ganz und gar sein wird? Was aber die Stoppeln im Gesicht anbelangt, so
wird Amtmann Mehlborn es gelegentlich einfliessen lassen, dass er sich nicht nur
zwei zivile Backenbärte, sondern auch einen ritterlichen Schnurrbart stehen
lässt, und das wird keine leere Ausflucht sein; Rittersmann Mehlborn begreift
sich selber nicht, dass er des kennzeichnenden Schmuckes so lange entraten
konnte! Mit ausserordentlicher Genugtuung steckt er den Siegelring an, dessen
Karneolstein mit einem verschlungenen I. M. und einer Krone, aber leider noch
ohne Perlen darüber, das Mittelglied des Zeigefingers erreicht; wer hätte dieses
Juwel bemerkt, wenn die weissen Hochzeitshandschuhe noch an die Hand zu bringen
gewesen wären? Der Herr Amtmann wird sie in der Hand tragen, vornehm wedelnd,
nach Art eines Kavaliers. Es ist ein befriedigtes Lächeln, mit welchem der Herr
Amtmann einen letzten Blick in seinen kleinen Handspiegel wirft. Die dicke
goldene Erbskette an der silbernen Uhr macht einen nobelen Effekt, das dicke
Berlockebündel hüpft und blitzt, dass es eine Lust ist, über der schwarz
verhüllten rundlichen Leibesfülle. - Er langt nach seinem Hut und - lässt ihn
fallen, ein Stich ist ihm jählings durch das Mark gefahren!
    »Fix, Jôhann, fix! Sie sind schon da!« hört er von unten herauf das
unverbesserliche Weib rufen, das er noch eben im Geiste »seine Gemahlin«
angeredet hat.
    In seinem Aufruhr, seiner Hast und der pressenden Fussbekleidung wäre er um
ein Haar die steile Bodenstiege hinabgestürzt, und was er unten im Flur zu sehen
und zu hören bekommt, ist wahrlich nicht dazu angetan, ihm die Kontenance
zurückzugeben. Im Hintergrunde entschlüpft die geistliche Beraterin verstohlen
durch die Hoftür - in diesem entscheidungsvollen Moment! O, dass ihr guter Freund
im nämlichen Moment ihr nicht Schur um Schur vergelten konnte! - Im Vordergrunde
steht seine Gemahlin im kattunenen Alltagsoberrocke, sonder Reverenz noch
Handschuhe ihrem Pastor und erst nach diesem dem hohen Gastfreunde die
schwielige Hand zum Grusse reichend und ihn in den reinsten Werbenschen
Naturlauten willkommen heissend.
    »Zum Katolischwerden ists!« sagte Johann Mehlborn; das heisst, er dachte es
nur; denn dieser bedeutende Mann wusste, was er seinem Stande, den Ehestand
eingeschlossen, schuldig war. Wer verlangt von dem häuslichen Weibe die Bildung
des Mannes? Wie das hochzeitliche Gewand den kattunenen Oberrock, wie den
etikettewidrigen Händedruck die Reverenz, zu welcher, so tief als in sotanem
knappen Gewande tunlich, der stattlich breite Rücken abwärts gezogen wird, so
deckt der Wohllaut der männlichen Rede die »kalligraphischen« Schnitzer der
Frau. Noch niemals hatte Johann Mehlborn Gelegenheit gehabt, sich so im
Zusammenhange vor einer Standesperson auszusprechen. Inständigst war sein
Bedauern, dem hochwürdigen Herrn Propst in diesem bescheidenen Amtshause, das
er, nämlich Johann Mehlborn, nur ihrem beiderseitigen Herrn Bruder, Exzellenz,
zu Gefallen und Vorteil noch nicht geräumt habe, keinen solenneren Empfang
bereiten zu können; zuverlässig war seine Beteuerung, dass der hochwürdige Herr
Propst mit aller Standesgemässheit aufgenommen werden würde, wenn er ihm, nämlich
Johann Mehlborn, künftighin auf dessen eigenem Rittergute die Ehre seines
Besuches vergönnen werde. Wie Honigseim floss der »französisch« gewürzte Vortrag
über Johann Mehlborns rote Lippen, wie Musik klang sie in sein eigenes Ohr; in
seinem stolzen Haupte reifte während desselben der Entschluss, als Bewerber um
den Platz eines ritterschaftlichen Abgeordneten im Provinziallandtage
aufzutreten und durch seine leider erst so spät erprobte rednerische Gabe die
grosse, lange schwebende Frage der zu verbreiternden Wagenspur zum endlichen
Austrag zu bringen. Als aber von seiten des so standesgemäss Gefeierten der
Vortrag nur mit einer stummen Verbeugung gefeiert ward - es schien heute der Tag
stummer Verbeugungen -, da wird es jedem natürlichen Menschen einleuchten, dass
Johann Mehlborn an der so laut gerühmten oratorischen Kraft des geistlichen
Hartenstein bedenklich irre ward.
    Und auch im Punkte der feinen Lebensart schien es schwächer mit ihm
bestellt, als es von einem Freiherrlich von Hartensteinschen Familiengliede zu
erwarten gewesen wäre. Denn was sollte man dazu sagen, dass er, in die gute Stube
und auf den Ehrenplatz des klatschrosenroten Kanapees genötigt, auch von dieser
Höflichkeit keine Notiz nahm, sondern wie der ordinärste Bauer sich einen
Rohrstuhl aus der Ecke holte und sich nicht einmal darauf setzte, nein, nur die
Hände auf die Lehne gestützt, stumm wie ein Ölgötze hinter demselben stehen
blieb?
    Ei nun, mochte er stehen, der kuriose Menschensohn! Ein gebildeter Hauswirt
muss Langmut üben. Was er sich aber nunmehr herausnahm, wird der langmütigste
Hauswirt sich von dem kuriosesten Menschensohne schwerlich gefallen lassen.
Erquickte er sich wohl durch einen Tropfen an der Kollision, die über den
Philadelphias aufgetragen stand? Armselig genug war sie; was wahr ist, muss wahr
bleiben. Jedoch wer trug die Schuld als die superhelle Pastorsfrau, die eines
Mehlborn Gastfreundschaft nach ihrer eigenen Pauvreté taxierte! Gut. Aber durfte
von der doch gewiss reputierlichen Mahlzeit, die in der Schlafkammer bereitstand,
wohl ein Bissen hereingebracht werden? Bewahre! Als ob man es an Aufzählen,
Anpreisen, Nötigen hätte fehlen lassen! Und mir nichts dir nichts, ohne alle
Fasson schlug er eines wie das andere ab, schüttelte den Kopf und bat - um ein
Glas Wasser. Ein Glas Wasser! nicht der miserabelste Landstreicher hätte in des
reichen Johann Mehlborn Hause mit einem Glas Wasser fürliebgenommen, und dieser
nobele Anverwandte - -!
    »Dieser nobele Anverwandte kann mir gestohlen werden!« dachte der reiche
Johann Mehlborn, tat nun auch nicht mehr dergleichen, warf sich in einen Stuhl
und hielt seinen Mund. Ein Engel, ach nein, kein Engel, ein höchst unfriedsamer
Geist flog durch die gute Stube.
    Aber so ungemütlich ihm selbst zumute war, ein friedsamer Geist gab dem
guten Pastor Blümel ein, was allenfalls noch geeignet schien, der
überhandnehmenden üblen Laune zu steuern. Er setzte sich auf den Ehrenplatz,
liess sich ein Glas Wein einschenken, stiess mit dem Herrn Amtmann an auf sein
Wohl, trank es aus ohne allen Appetit und sann - mit dem stärksten Verlangen
nach seiner Pfeife - auf einen ablenkenden Unterhaltungsstoff, zu welchem er
sein persönliches Anliegen nicht geeignet erachtete.
    Noch hatte er denselben indessen nicht gefunden, als die Hausfrau in die
stille gute Stube zurückkehrte, ihrem Gaste das gewünschte Glas Wasser reichend,
das sie frisch am Brunnen geschöpft hatte. Er dankte und trank; sie bat ihn, ihr
die Ruhe nicht mitzunehmen. Er liess sich an ihrer Seite nieder, und nun brach
sie das Eis, indem sie, in ihrer so arg- wie harmlosen Weise, sich nach dem
Befinden der gnädigen Frau und der lieben kleinen Familie erkundigte.
    Die gute Frau schien den Schlüssel zu ihres schweigsamen Gastes Herz und
Lippen gefunden zu haben; denn er gab freundlich den Bescheid, dass es seiner
Ottilie recht wohl gehe und dass Gott sein Haus mit drei Kindern gesegnet habe,
einem Sohn, Martin, -«
    »Wie unser Herr Doktor Luter!« fiel Frau Rosine ein.
    »Nach ihm, Frau Amtmann, wie es einem luterischen Pfarrer für seinen
Erstgeborenen ziemt. Die beiden jüngeren sind Töchter.«
    »Wie heissen denn die lieben kleinen Fräulein, gnädiger Herr?«
    »Lydia und Priscilla, Frau Amtmann.«
    »Die Namen habe ich aber noch niemals gehört. Wohl Freundschaftsnamen,
gnädiger Herr?«
    »Evangelische Namen, treue Bekennerinnennamen,« erklärte der Propst, und
sein ungetreuer Amtsbruder hörte, mit Recht oder Unrecht, zum zweiten Male eine
Anzüglichkeit aus der Erklärung heraus.
    »Mein seliger Sohn hatte auch einen schönen frommen Namen. Er hiess Johannes,
gnädiger Herr,« flüsterte die arme Mutter, und ihre stillen Augen blickten
tränengefüllt gen Himmel.
    Auch Joachim von Hartenstein schlug die Augen gross in die Höhe, sein
bleiches Gesicht wurde noch einen Schatten bleicher; er stemmte die Hand gegen
die Brust, und seine Lippen zuckten wie von verbissenem Schmerz. Zum zweiten
Male flog ein Engel durch die gute Stube, wenn es nicht der Geist alter,
blutiger Stunden gewesen ist.
    Pastor Blümel räusperte sich, was seine Freundin an ein Wort des Dankes, das
sie ihm schuldig sei, gemahnte.
    
    »Ich freue mich recht auf den Sonntag,« sagte sie, indem sie ihm über den
Tisch hinüber die Hand reichte. »Wie ein Kind freue ich mich, mein lieber Herr
Pastor. Und dass das kleine Herzchen halbwegs nach mir heissen soll, und dass - -«
    Der Pastor Blümel drückte bedeutungsvoll ihre Hand, gab auch mit den Augen
einen Wink, nicht fortzufahren; die ehrliche Seele hatte jedoch in seiner Hanna
Schlangenschule allzu geringe Fortschritte gemacht, um diese Warnungszeichen zu
verstehen. »Und dass,« setzte sie hinzu, »dass auch mein Jôh - - mein guter Mann,
wollte ich sagen, die Ehre haben soll.« -
    Der gute Mann war froh, bei schicklicher Gelegenheit das vornehme Schweigen
brechen zu dürfen. »Was für eine Ehre?« fragte er. »Bin ich auch mit gebeten,
als Fr - -, als Speisegevatter, meine ich, he? Schön Dank, Pastorchen. Ich bin
dabei. Schön Dank!«
    »Behüte, Vater,« entgegnete die Amtmännin, ihr Pastor mochte blinken, soviel
er wollte. »Behüte, nicht bloss so nebenher. Stehen sollst du, selber stehen bei
dem armen kleinen Frei.«
    »Sollte mir fehlen!« brummt der Amtmann, dem der alte Mehlborn bedenklich in
den ritterlichen Nacken zu schlagen begann. »Komm mir doch nicht mit deiner
alten Litanei. Der Herr Pastor weiss es ja, ich stehe nicht, ein für allemal
nicht bei - -«
    »Aber, Jôhann, bei dieser ehrenvollen Gelegenheit - -«
    »Schöne Gelegenheit! Schöne Ehre, den zehnten Jungen von einem Bruder
Saufaus übers Wasser zu halten! Schönes Exempel, für zehn Kinder
Bettelpatenbriefe an honette Leute auszutragen! Und tuts einer beim zehnten, muss
ers beim neunten auch tun, und dann beim achten, beim siebenten, am Ende wird
ein Observatorium draus, und der herzallerliebste Allerweltspate kann selber
Bettelpatenbriefe austragen gehen.«
    Es wäre jetzt dringend Zeit gewesen, mit der Eröffnung vom Königsgevatter
einzuschreiten. Aber die gute Freundin hatte sich besonnen, dass sie ihrem Pastor
damit nicht vorgreifen dürfe, und dem Pastor widerstand sie jetzt erst recht. Er
war sich kaum deutlich bewusst, aus welchem ersten oder letzten Grunde. Witterte
er erneuten Streit mit dem geistlichen Zeugen? War es die Entrüstung über seines
Beichtsohnes erbarmungsloses Gebaren, heute doppelt empfindlich vor diesem
streng richtenden Zeugen? In der Stille entschlossen, die Ehre der königlichen
Stellvertretung einem Würdigeren als diesem harterzigen reichen Manne
zuzuwenden, begnügte er sich, ihm zu sagen, dass er die geziemende Erwiderung auf
eine schicklichere Stunde verschiebe.
    Leider jedoch liessen Rede und Gegenrede sich nicht mehr aufhalten. Herr von
Hartenstein war auf den beregten Fall aufmerksam geworden und seine Nachbarin in
vollem Zuge, ihm die gewünschte Aufklärung zu geben. Mit einer Geläufigkeit,
welche bei der stillen Seele nur erklärt werden kann durch die Freude, mit der
ein guter Mensch des anderen Loblied singt, Tränen der Rührung und des
Freundesstolzes in den Augen, erzählte sie von dem Trauerfall im Hirtenhause,
von des Herrn Pastors erbaulichem Grabsermon und der Wohltat der lieben Frau
Pastorin. Wie sie das verwaiste Kind an das Mutterherz und sogar an die
Mutterbrust genommen habe, wie der zehnte Sohn und die siebente Tochter in der
Wiege nebeneinanderlägen, als wären sie ein Zwillingspärchen, und wie sie, die
schon jetzt in aller Unschuld, nicht anders denn zwei Engelchen, miteinander in
der Badewanne sässen, sie gleicherweise auch nächsten Sonntag miteinander im Bade
der heiligen Taufe zu Christen geweiht werden sollten.
    Der Gastfreund hatte ihr zugehört mit gefälligerem Anteil als der Ehegatte,
der irgend etwas Unverständliches in seinen Bart brummte. Jetzt richtete der
erstere an den letzteren die Frage:
    »Verstehe ich Sie recht, Herr Amtmann, so entziehen Sie sich einer der
wesentlichsten Christenpflichten aus dem Grunde, dass in Ihrer Gemeinde wie in
etlichen anderen mir bekannten die Unsitte waltet, die Taufzeugen an Stelle der
Eltern das Kirchenopfer tragen zu lassen?«
    »Na, das fehlte gerade noch!« rief der alte Mehlborn und lachte dabei mit so
gröblichem Spott, dass sein vornehmer Widerpart schier entsetzt zusammenzuckte.
»Auch noch die Spesen den Gevattern auf den Hals gewälzt! Dass das Stehen egal
ein Muss würde, notabene bloss für den, der was zu spesen hat, und dass zu guter
Letzt der rückständige Herr Taufzeuge in den Turm spazieren müsste, derweile der
Mosjö Lump von Vater sein Fleisch und Blut anstatt des Zinshahnes in die Pfarre
trüge. Quod non, Herr Hochwürden, so dumm ist die Werbener Gemeinde nicht.
Verlangts nun einmal die Humorität, dass dem Kindersegen Tor und Tür geöffnet und
dahero, wie unser Herr Pastor es beliebt, die Taufgebühr erlassen wird - -«
    »Die Taufgebühr darf auch den ärmsten Eltern nun und nimmer erlassen
werden,« unterbrach ihn der Propst mit einem strengen Seitenblick auf seinen
Amtsbruder. »Die Christenliebe mag der Menschennot auf anderen Wegen
entgegenwirken. Jedwede unserer Gebühren ist ein Opferzoll, welchen der grosse
Reformator aus der alten Kirche in die neue gerettet hat.«
    »Ein gemein Almosen, das man williglich gäbe und austeilete unter die Armen
nach dem Exempel Sankt Pauli,« zitierte Pastor Blümel mit ruhiger Würde, und der
standfeste Luteraner mochte das Zitat wohl gültig finden, da er kein anderes
dagegen anführte. Aus seiner persönlichen Amtspraxis war bekannt, dass er die
Stolgebühren seiner reichen Gemeinde zwar nicht bloss als ein freiwilliges
Almosen in Empfang nehme, dass er aber das, was er mit der rechten Hand gefasst,
alsobald mit der linken in seine Armenbörse lege und dass diese Börse lose
Schnüre habe.
    »Wenn demnach,« so wendete er sich von dem geistlichen Widerpart zu dem
weltlichen zurück, »das Gottesopfer es nicht ist, das Ihnen widersteht, und ich
nicht annehmen kann, dass der heilige Akt an sich es ist, da Sie ja in höher
gestellten Kreisen sich demselben nicht zu entziehen scheinen, so ist mir
unerfindlich, was - -«
    »Was mir bei Betteltaufen widersteht?« unterbrach ihn nicht der Ritter,
sondern der Bauer Johann Mehlborn im allertrautesten Werbenschen Deutsch. »Na,
sehen Sie, Herr Hochwürden, das Menschenopfer ist es, das, was man ein
Beutelmassakrieren nennt, um mich noch christlich auszudrücken. Höher hinauf, ei
freilich, Geldkosten machts da auch; ganz gehörige Kosten: Gevatterkutsche,
Gevatterbukett, Gevatterhandschuhe, ein feiner Präsentierteller für die Frau
Gevatterin, die schweren Douceurs noch gar nicht in Anschlag gebracht. Aber es
bleibt unter der Freundschaft, man hat seine Ehre und seinen Spass davon, dem
Amen folgt ein Traktament, und damit hat die Geschichte ein Ende. Konträr bei
solcher Lumpenbagage, da fängt die Drangsalei nach dem Amen erst an. Als da ist:
Eingebinde, niemalen schwer genug; soundso viel ins Becken für den Küster,
soundso viel der Hebamme in die Hand. Was geht mir, Johann Mehlborn, die Hebamme
an? Anjetzo: die Suppen für die Gevattermutter, sechs Wochen lang, und die
Altgevattern desgleichen; den Topf gehaufte voll, dass die ganze wertgeschätzte
Familie während des Wochenbettes hübsch satt wird. Anjetzo: Patenpräsent am
ersten Geburtstag und an jedem kommenden von neuem bis in Metusalems Alter
hinein; Weihnachtens ein Wecken; Auslösung am Kindeltage; was Blankes für den
Neujahrskarmen; Kleidasche zum ersten Abendmahl; Geschenk zur Hochzeit, zur
Grosspatenschaft; kurz und gut: eine Schraube ohne Ende, eine quasi vom hohen
Herrgott eingesetzte Sakriererei. Du hast was, heissts, und ich habe nichts; du
bist mein Herr Pate, folglich musst du mich füttern, mich anziehen, mich was
lernen lassen; musst für mich gutsagen, mir borgen, mir helfen und immer wieder
helfen. Sela.«
    Der erzürnte Bauer schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch, dass Gläser und
Flaschen aneinanderklirrten; Mutter Rosine wimmerte, Pastor Blümel blickte ernst
vor sich hin, Herr von Hartenstein zog die Lippen, ob es nun Ekel bedeutete oder
bloss ein Lächeln, so tief hinab, als Lippen sich ziehen lassen. Dann aber
äusserte er mit strengem Ton: derlei weltliche Verquickung schädige die Würde des
Sakramentes und müsse ihr von berufener Seite durch Lehre und Beispiel gesteuert
werden. Der Taufzeuge sei bewusster Bürge für des Täuflings unbewusstes
Christengelübde; er habe darauf zu halten, dass auch kein Jota desselben in
seiner geistigen Zucht verkümmert werde. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Die leibliche Fürsorge, das weltliche Fortkommen sei Sache der Familie,
eventuell der Gemeinde, welcher es, insofern sie wohl geführet werde, an
gutgewillten Christenbrüdern mit offenem Herzen und offener Hand nicht fehlen
werde; wobei jedoch in erster Ordnung darauf zu achten sei, dass der Pflegling
auf seinem natürlichen Grund und Boden erwachse, damit die Wohltat sich nicht in
eine Wehetat verwandele.
    »Man soll eines Kindes Wiege nicht verrücken,« fuhr er darauf, aus
schliesslich zu dem Pfarrer gewendet, fort. »Das aber um so weniger, wenn, wie im
gegenwärtigen Falle, ausser dem urväterlichen Sündenerbe, aus dessen Joche uns
alle nur die Gnade erlöset, ausser dem Erbe elementarer Not, unter dessen Joche,
nach göttlicher Ordnung, die ungeheuere Mehrzahl der Menschheit im Schweisse
ihres Angesichts seufzt und seufzen wird bis an das Ende der Tage, auch noch ein
besonderes Erbteil bösen Blutes einem Kinde eingeimpft ist und je mehr und mehr
zu wuchern droht. Die Sünde der Väter soll heimgesucht werden bis in das dritte
und vierte Glied; oder, falls Ihnen dieser Wortlaut antiquiert dünken sollte,
Herr Prediger: auch das Laster entwickelt sich von Geschlecht zu Geschlecht, wie
die Tugend, wie die Sitte, wie alle sogenannte Kultur. Der Grossvater dieses
Knaben war vielleicht nur ein Bärenhäuter; der Vater ward zum Trunkenbold. Der
Sohn, im Taumel gezeugt, der elementaren Arbeitsstufe, in die er hineingeboren
ward, entrückt, für die höhere, auf welcher er erwächst, unzulänglich beanlagt,
ein heimliches Gift in seinen Adern, wird als Tor und kann als Verbrecher enden.
Gefährlicher als Sünde tun, wirkt Sünde guteissen, und der vor allen, welcher
einer Gemeinschaft als Hüter göttlicher Zucht und Ordnung vorzustehen berufen
ist, soll es unterlassen, das warnende Beispiel der Sündenfolge zu vertuschen.
Ich nehme den Einwand, den Sie mir machen wollen, Herr Prediger, von Ihren
Lippen. Jawohl, im Reiche Gottes, da sind wir Gleiche. In ihm, und nur in ihm,
da gibt es wohl Stufen, aber keine Schranken; da konnte der niedrigste Sprosse
des niedersten Volkes, konnte selber der sündige Zöllner noch zum Apostel
werden. Und solch ein Apostel, von Gottes Gnadenfinger berührt, solch ein
Erwählter war auch der arme Bergmannssohn, auf dessen Namen wir geweiht sind.
Die abgelebte Schule des Klosters, in der er selbst gebildet worden war, zu
sprengen, die Christenheit in ihre natürliche Ordnung zurückzuführen, die
verweltlichte Kirche zu einem sichtbaren Gottesreiche wieder aufzurichten, das
war der hehre Plan, dessen Bau die Nachfahren in Trümmer schlagen, und von dem
es wie ein scharfer Splitter in das Auge eines Getreuen dringt, wenn er das
erste Sakrament gleich einem Markttrödel abschätzen sieht.«
    Im Hofe schmetterte ein Postorn. Der Propst erhob sich; der Pfarrer auch.
Seltsame Widersprüche rangen in des friedlichen Mannes Brust: die Liebe, die ihm
Glaube war, und Zorn, ja Feindseligkeit gegen zwei Menschen, welche er seit
Jahren im gemeinen wie im erhabenen Sinne Freunde genannt hatte, drängten ihn
zum Protest gegen des einen schnöde, des anderen grausame Konsequenzen. Hatte er
bis zur Stunde einen mutterlosen Säugling zu zeitweiser Obhut in sein Haus
genommen, in diesen Minuten der Leidenschaft nahm er ihn an sein Herz als eines
jener Stiefkinder der Natur, an welchem er den Beweis adelnder Menschenliebe zu
führen habe. Und so sagte er denn mit gehobenem Haupt und der Klangfarbe der
Ironie, die wahrlich in seinem Gemüte ein Fremdling war, und trotzdem Wort um
Wort sich bis zur heimlichen Schadenfreude steigerte:
    »Sie würden mich wohl kaum so sträflicher Fahrlässigkeit in meinem Amt, so
schwerer Irrtümer in meinem Glauben und Handeln vor Zeugenohren bezichtigt
haben, Hochwürden, wenn Sie nicht mindestens den Versuch einer Rechtfertigung
meinerseits erwartet hätten, wäre es auch nur, um Ihrer mächtigen Logik mit
meiner schwächlichen neue Beweismittel zuzuführen. Wohlan, ich wage den Versuch:
vor diesen Zeugenohren selbstverständlich auf beregten Einzelfall beschränkt.
Ist es ein Irrtum, das Erbteil, welches uns der Erlöser mit seinem Leben und
Sterben erworben hat, für wirksamer zu halten als das, welches uns im Blute des
ersten und vielleicht des letzten Vaters überkommen ist, so bin ich dieses
Irrtums schuldig, indem ich mich vermesse, einen Erben väterlicher
Sündhaftigkeit aus seinem Wurzellande in das meine zu verpflanzen und unter der
Zucht meines Hauses, wenn auch nur zu elementarer Arbeit und Not, aber, so Gott
will, zu einem Erben seines Reiches heranzubilden. Und fernerhin: ist es
Schädigung eines sakramentalen Weiheaktes, wenn brüderliche Liebeswerke aus ihm
gefolgert werden, so bin ich in hohem Masse dieser Schädigung schuldig, denn ich
habe meiner Gemeinde bei jedem amtlichen Anlass das Steuern und Stillen
menschlicher Not als christliche Tugend und Sitte an das Herz gelegt; ja, ich
war noch in dieser Stunde gewillt, einem Gliede meiner Gemeinde das Gemüt für
jenes Erbteil der Barmherzigkeit zu erwecken und seinen rückwirkenden Segen ihm
zuzuwenden. In letzterem Betracht und durchaus ohne Vorbehalt bekenne ich mich
endlich schuldig einer Irrung, deren Konsequenz auch mir, Hochwürden, und mir
zumeist, wie ein scharfer Splitter in das Auge gesprungen ist; eines sträflichen
Mangels von Gott gebotener Klugheit in der Berechnung des Herzens, das ich für
jene Zuwendung empfänglich und darum ihrer würdig achtete. Aus diesem Grunde,
Herr Amtmann, ziehe ich mein Gesuch an Sie zurück, noch bevor ich es gestellt.
Es fehlt - Gott Preis! - in meiner Gemeinde weder an gläubigen Christen noch an
gutwilligen Menschenfreunden, welche für die Waise des armen Hirtenweibes das
weihende Gelübde mit allen barmherzigen Folgerungen nicht scheuen und daher ein
Anrecht haben, es im Namen des ersten Gottes- und Menschenfreundes in unserem
Vaterlande auszusprechen. Unser teuerer König hat sich selbst geehrt, indem er
den zehnten Sohn eines der ärmsten seiner Untertanen mit seiner Patenschaft
beehrte.«
    Der Redner schwieg, und seine drei Hörer schwiegen auch; der eine starr mit
offnem Munde, die andere schluchzend mit vor die Augen gehaltener Schürze; der
dritte lächelnd. Aber es war nahezu ein amtsbrüderliches Lächeln, mit welchem
der standfeste Luteraner sich von dem biegsamen Unionisten in der Stille
verabschiedete. Der eiferartige Widerspruch schien ihn priesterlicher angemutet
zu haben als vorhin das ideale Schlaraffenland.
    »Aber Mann - Blümel - Pastor - Freund!« stiess endlich Johann Mehlborn
hervor, indem er seinen Seelenhirten mit beiden Armen schüttelte, als wäre er
ein Apfelbaum. »Im Namen Seiner Majestät! Königlicher Prokurist! Allerhöchster
Mitgevatter! Und das sagen Sie erst zu guter Letzt?«
    »Hätten Sie Ihrem irdischen Lehnsherrn zu Gefallen tun sollen, Herr Amtmann,
was Sie dem himmlischen verweigerten!« entgegnete Pastor Blümel, drückte Frau
Rosinen die Hand und folgte Herrn von Hartenstein, der sich mit leichtem Grusse
empfohlen hatte.
Mit hastigen Schritten schlug Konstantin Blümel den Heimweg ein. So hoch hatte
er sein Haupt nicht getragen, so stolz seine Brust sich nicht geschwellt,
seitdem sein Kommandeur das Eiserne Kreuz an dieselbe geheftet. Ja, solch eine
Kampfesstunde macht frisches Blut!
    Und doch, warum ging er mit Siegerschritten? Dass er ein verworfenes
Stiefkind der Natur als das seine angenommen - war das ein Triumph? Vor zwei
Stunden würde er das gleiche getan, würde, hätte er es durchzuführen vermocht,
sämtliche Waisen seiner Gemeinde angenommen haben - ohne jeglichen Tugendstolz.
Dass er einen betörten Mann vor Zeugenohren mit einer Hohnrede gegeisselt? Hatte
er den alten Mehlborn nicht gekannt? Hatte er nicht schlechtin gelogen mit der
Entschuldigung, dass er das Herz ihm zu öffnen gehofft? Ja, hatte er nicht
geradezu mit Schlangenklugheit auf seine Torheit spekuliert? Dass er einem
tapferen geistlichen Obersten tapfer Widerpart gehalten? - Das also war es, -
allein das!
    Unwillkürlich mässigte er seinen Schritt. Was schied ihn plötzlich von dem
Manne, den er viele Jahre freudig und dankbar verehrt hatte? Was machte ihn zu
seinem Gegner? Hatte jener eine Tat getan, ein Wort geredet, das der
reformatorische Held, auf welchen sie beide geschworen, verleugnet haben würde?
Widersprach Konstantin Blümels eigene Satzung der von den durch Gott gesetzten
Erdenschranken, von dem Erbe der Sünde in unserem Blut, von dem kaum merkbaren
Fortschritt der sittlichen Kultur? Wie oft hatte er denn das Wagnis, eines
Kindes Wiege zu verrücken, gelingen sehen?
    Vor der offenen Kirchtür hielter still. Die letzten Sonnenstrahlen fielen
auf die schwarzen Priesterbilder am Altar; die leere weisse Stelle glänzte wie
eine Silberscheibe. Wäre er in Wahrheit nicht mehr würdig, diese Stelle
einzunehmen? Wäre er in Wahrheit ein Abtrünniger, weil - -
    Hastende Schritte, ein gekeuchtes »Halt, halt!« unterbrachen die Prüfung.
Der arme Quartalsritter! Wie der Schweiss von seiner Stirn tropfte, wie er
pustete im knappen, goldknopfigen Hochzeitsfrack! Wie er Lippen und Augen
zusammenkniff, sooft die zierlichen Lackstiefel auf ein Steinchen stiessen!
    »Aber, Pastor, Pastor!« schrie er schon von weitem. »So nehmt doch nur Räson
an, alter Freund! Kann denn einem Menschen nicht einmal was Menschliches
passieren? Ich war in der Bosheit, Pastor. Hol der Henker diesen hochmütigen
Narren mit seiner verrückten Wiege und seinen Schranken und Stufen! Der pure
Tusch! Auf mich gings, Blümel, egal auf mich. Na, drei Kreuze hinter dem Patron!
Ich stehe, Pastor! Ich stehe aus gutem Herzen, und bleibt Ihr trotzig, so stehe
ich mit Gewalt. Aber, so wahr ich Johann Mehlborn heisse: ich stehe!«
    Pastor Blümel war kein hartköpfiger Christ; er pflegte dem reuigen Sünder
die Hand entgegenzustrecken, und Neinsagen ist ihm keiner Zeit eine leichte
Sache gewesen. Dennoch würde er in diesem ausserordentlichen Falle schwerlich
nachgegeben haben, hätte er sein eigenes Gewissen völlig rein gefühlt, - und
wäre nicht seine Hanna von der Gartenpforte aus des Sturmes und Abpralls Zeugin
gewesen und herbeigeeilt, die Mittlerschaft zu übernehmen. Mit dem Handgelübde,
auch ohne französische Stunde, den Exhirten Frei gegen braven Lohn in seinem
Schacht arbeiten zu lassen; mit dem fernerweitigen Handgelübde, in Zukunft, wenn
gewünscht, der Patenpflicht samt Pertinenzien bei jedem Werbener Frönerkinde
gerecht zu werden, erkaufte der Rittergutsbesitzer Mehlborn die Ehre, kommenden
Sonntag am Tauftisch der Werbener Kirche und für ewige Zeiten in deren
Taufregister als Stellvertreter Seiner Majestät von Preussen zu paradieren. Die
Versicherung: »Wen Johann Mehlborn über das Taufwasser gehalten hat, den wird er
auch bei gemeinen Gelegenheiten über Wasser halten,« gab er in seiner
Herzensfreude ungefordert noch drauf und drein.
    Ach, er ahnete nicht, der wohlgemute Ritter, dass er mit dieser Ehre die
höchste Stufe zum Trone erklommen haben sollte und dass er seiner Magnatenlaune
zum letzten Male volles Genügen getan; aus welchem Grunde denn auch diesem Tage
ein ausführliches Kapitel in der Geschichte seines Stiefpaten bewilligt werden
musste. Denn mit dem Besuche des geistlichen Hartenstein war in seine stolze
Brust ein Keimkorn misstrauischer Abneigung gegen eine Familie, um deren Gunst er
bis dahin so eifrig geworben hatte, eingesenkt worden. Und das Korn sprosste und
bestockte sich. Als seine Brigitte das nächste Mal ein Schuldenregister ihres
flottlebigen Gatten, ohne gleichzeitigen Kontrakt für den Verkauf des Gutes,
einreichte, schlug er die Tilgung rundweg ab.
    In Konstantin Blümels Seele dahingegen hatten nach einer schlummerlosen
Nacht die stolzen Wellen sich gelegt, und Joachim von Hartenstein nahm als
Mensch, als Patriot und Priester fast uneingeschränkt den bisherigen Raum in
seinem Herzen wieder ein. In seinem Tageskalender, welcher diesen Aufzeichnungen
vielfach zur Vorlage dient, steht unter jenem Datum geschrieben:
    »Alles Unheil ist werdendes Heil. Ein absoluter Trieb nach Erhaltung wirkt
daher unheilvoll, weil er sich feindlich gegen das Werdende verhält. Mit Recht
ist in verwandtem Sinne behauptet worden, dass sogar ein absoluter Trieb nach
Vollkommenheit eine Krankheit sei. Hätten vollkommene Menschengeschlechter eines
Heilands bedurft? Und bedürfte seiner ein vollkommener Mensch - wenn es einen
gäbe? Bei alledem: welch ein Zauber liegt doch in der Macht eines Glaubens, auch
wenn wir ihn nicht verstehen und selbst wenn er zum Fanatismus wird, den wir auf
jedem anderen Gebiet als dem göttlichen hassen.«
    Bei dem Verrücken der Wiege und der Liebesprobe an einem Stiefkinde der
Natur blieb es selbstverständlich, und bei dem gemeinsamen Tauffest blieb es
auch. Nur das Programm für dieses erlitt eine kleine Abänderung insofern, dass
auch die Täuflingin einen Vizepaten erhielt und der Täufling ihrer sogar zwei.
Es hatte sich nämlich der werte Amtsbruder Kurze in Bielitz am Tage zuvor den
Knöchel verstaucht und schickte als Stellvertreter seinen Sohn. Der
Feierlichkeit tat dieser Wechsel indessen keinen Eintrag, und der
darauffolgenden Fröhlichkeit kam er nur zugute, da der ehrwürdige alte Herr
Amtsbruder als Gevatter für Gevatterin Luischen lange nicht so gepasst haben
würde wie der junge, muntere Herr Kandidat. Das wunderbare Wasser wirkte in den
jugendlichen Herzen einen bis dahin schlummernden sympatischen Zug, und das
obligate Gevatterküsschen zauberte auf die jugendlichen Wangen einen Rosenflor,
welcher das Herz der Taufmutter verheissungsfroh klopfen liess.
    Frau Hanna Blümels Taufkuchen war noch niemals so hoch aufgegangen wie bei
diesem Doppelfeste, und die Erdbeerbowle, welche sie aus den Gewächsen ihres
Gartens und Weinbergs gebraut, war noch keinem ihrer Herrn Gevattern so angenehm
prickelnd wie heute Amtmann Mehlborn zu Kopfe gestiegen.
    Als majestätischer »Prokurist« trug er, selbstredend, den goldknopfigen
Frack, dem ein städtischer Meister unter den Armen ein Stück bequemlich
eingesetzt hatte. Ebenso selbstredend würde für einen blossen Prokuristen das
Eingebinde eitel Verschwendung gewesen sein. Aber die Gesundheit der Täuflinge
stand ihm zu und wurde glorreich von ihm ausgebracht, nach dem das erste Glas
vom Taufvater auf das Wohl des Allerhöchsten Gevattersmannes geleert worden war.
Als spät am Abend der Vizegevatter der Taufmutter zum Abschied die Hand drückte,
rief er in seinem kräftigsten Bass: »Ich will nicht Johann Mehlborn heissen, wenn
dieser Königspate es nicht einmal bis zum Verwalter auf einem von Johann
Mehlborns Rittergütern bringt!«
    So grossartig war die Perspektive des zehnten Hutmannssohnes schon an dem
Tage, da er einen Namen erhalten hatte!
    Dieser Name war ein gebotenes Paten- und zwiefältiges Muttererbe. Da der
Freische Nachwuchs jedoch bereits durch einen Friede und durch einen Hannes
vertreten war, musste dem »Friedrich Hans« ein Rufname beigefügt werden, und
entschied sich Pastor Blümel für den einigermassen sonderbar, aber kennzeichnend
lautenden Dezimus, der auch in der Gemeinde, da er an das schmählich
ausgetauschte Dezemhuhn erinnerte, lange nicht so »preussisch« gefunden wurde wie
der der Septima, welche, geschwisterlicher Analogie halber, der Rose Konstantia
angehängt ward. Kantor Beifuss äusserte sogar bedenklich: »Wenns nur nicht eine
böse Sieben bedeutet!«
    Und so schlummerten und strampelten denn Rose und Dezimus als junge Christen
nebeneinander unter dem Wiegenhimmel, und weil sie mit ihrem Kosenamen Ma und
Mus hiessen, waren die ersten Laute, die sie lallen lernten, Mus und Ma.
 
                                  Knabenstern
Noch bevor das Korn geschnitten worden, war der kleine Mus auch von Vaterseite
eine Waise; und hatte der Hutmann Frei des Gerechten sanftes Schlummerkissen
auch leider verwirkt, so ist es - Gott sei heute noch Dank dafür! - doch kein
Sünderende, das er etwa im Taumel oder in der Verzweiflung genommen hat. Er
starb im Gegenteil einen Opfertod, wennschon unbewusst und ohne dass einer von
denen, welchen er schweres Unheil abgewendet, es ihm gedankt hätte.
    Ein wildes Gebaren ging dem Sterben voran; keiner in der Gemeinde hatte
Ähnliches erlebt, daher denn auch in ihr der alte heidnische Erbfeind, Kobold
geheissen, seit der Kriegsdrangsal nicht dermassen seinen Spuk getrieben. Selber
der aufgeklärte Kantor Beifuss konnte nicht leugnen, dass er, spät am Abend von
einem Besuch in der Weidenmühle heimkehrend, einen bärengrossen schwarzen Kater
mit Gluhaugen, gleich illuminierten Fensterscheiben, das Hirtenhaus habe
umschleichen sehen. Der noch aufgeklärtere Amtmann Mehlborn lachte freilich
seinen Freund Beifuss aus und nannte des Klausen Zustand schlechtweg
Säuferrappel; der Kreisphysikus, den Pastor Blümel zu Hilfe rufen liess, nannte
ihn dahingegen Wasserscheu. Der verdächtige Wirtshund, welchen er in der
Geburtsstunde seines Sohnes erdrosselt, hatte den Klaus in die Hand gebissen.
Wer achtete darauf? Der Klaus am wenigsten. Es war ein Tollhundsbiss.
    Da seit dem Siebenschläfer keine Leiche im Dorfe bestattet worden war, fand
Klaus Frei sein Reihengrab an der Seite seiner Frau. Pastor Blümel sprach den
Segen darüber, und im Frühling sprosste der Rasen auf dem Hügel des lästerlichen
Mannes so grün wie auf dem des tugendlichen Weibes; aber nur auf letzterem lag
Jahr für Jahr ein Johanniskranz.
    Die Waisen, welche seit der Mutter Tode ein Vagabondenleben geführt hatten,
wurden nunmehr in die Welt verstreut. Zweien von ihnen erwirkte der Pfarrer ein
Unterkommen in provinziellen Versorgungsanstalten; dem dritten, durch seines
Patrons Vermittlung, sogar eine Stelle im königlichen Militärwaisenhause. Die
älteren Brüder wurden auf Bauernhöfen zu Knechten herangezogen; keiner jedoch in
der heimischen Gemeinde, wo seit des Vaters nach wie vor nicht geheuerem Ende
der Widerwille gegen die Hirtenbrut ein unüberwindlicher geworden war und die
Ehre, welche dem jüngsten Spross als Pastorziehkind angetan ward, das böse Blut
obendrein ätzte.
    Die gute Amtmannsfrau hätte wohl gern das Beispiel in der Pfarre nachgeahmt
und den kleinen blondlockigen Hannes als Sohn in ihr Haus genommen. Aber welchen
Kampf mit ihrem Amtmann würde das gekostet haben! Und die gute Amtmannsfrau
fühlte sich von Tage zu Tage weniger eine Kämpferin. Ihre Kräfte gingen auf die
Neige; bald, so getröstete sie sich, würde sie mit ihrem rechten Hannes im
rechten Vaterhause vereinigt sein. Sie begnügte sich daher, in die Hand ihrer
Pfarrfreundin eine kleine Summe niederzulegen, die für das Kostgeld zweier der
Waisen, solange sie zum Dienen noch nicht herangewachsen waren, eben zureichte.
Darüber hinaus klapperte sie aber auch oftmals - den Ohren beider Freundinnen
recht tröstlich und wohlgefällig - mit dem Inhalt einer Sparbüchse, die sie die
Gevatterbüchse nannte und in die sie wohl jeden Tag ein Münzstück für ihre
Zwillingspaten steckte.
    So stand das Hirtenhaus denn leer; der Rest seines Gerätes, Bett und Lumpen,
waren der Tollwut halber verbrannt worden; das Schindeldach blieb
unausgebessert, denn lange Zeit fand sich - gottlob! - in der Gemeinde keine
Familie, die arm genug gewesen wäre, zwischen den kahlen Lehmwänden ein Obdach
zu suchen.
    Die nächsten Jahre brachten böse Seuchen über das Land; bei uns die alten
Blattern, weiterwärts die neue Cholera. Die Hälfte des jungen Freischen
Enaksgeschlechtes war dahingerafft, bevor der jüngste des selben ahnete, was
Brudersein heisst. Man hat ihm späterhin seine Abstammung nicht verheimlicht; er
kannte aber keine Familie ausser der, welche ihn aus dem kalten Mutterleibe warm
an ihr Herz und fest an ihre Hand genommen hatte; und fürwahr, er würde denen
seines Blutes nicht mit gleicher Innigkeit angehangen haben, denn das zärtliche
Neigen des Kindes stützte die tiefe Dankbarkeit der Waise.
    In der töchterreichen Pfarre aber wurde das fremde, männliche kleine Anwesen
von keinem als Überlast oder unnützer Brotesser angeschaut, sondern wie der
Zugehörigste gehätschelt und gehegt. Alle Welt hatte ihre Freude, wenn sie den
Mus und die Ma nebeneinander auf der Mutter Schosse sitzen oder späterhin sie
Hand in Hand laufen und spielen sah. Sie waren unzertrennlich wie
Zwillingskinder, dabei aber so verschieden geartet, wie leibliche Geschwister es
selten sind. Ma: zart, zierlich, behende, ein schwarzlockiges Strudelköpfchen,
zu Lust und Verdruss nervös erregt. Mus schon dazumal, wie er lebenslang
geblieben ist: gross, stämmig, weiss und rot, niemals krank und niemals
ungebärdig. Blinkende Sternchen nannten die Schwestern die Augen der kleinen Ma;
die des Bruders Mus hätten sie Vollmondsaugen nennen müssen, so gross und rund
waren sie, so hell und still. Aber nicht wie der liebe Mond, oder hinter ihrem
dichten Wimperschleier die Sternchen der Ma, blickten sie stetig hinunter zu den
Käferchen und Blümchen im Grunde, sondern unverwendet und ungeblendet aufwärts
zu den Himmelslichtern, wenn sie durch die Scheiben oder durch die Laubenblätter
drangen.
    »Das Mädchen sieht, wie sie kriechen, der Junge, wie sie fliegen,« sagte
Kantor Beifuss; mit welchem Sprichwort er freilich dem einstigen Verwalter ein
bedenkliches Prognostikon stellte. Die Mutter aber verteidigte ihren Mus;
erklärte, dass er die Augen nicht von dem Schwesterchen verwende, sooft sie ihn
allein mit ihr in der Kinderstube oder auf dem Rasenplatze lasse; dass er den
Quirlequitsch hüte wie einen anvertrauten Schatz und ihr den Ärger mit einer
Kindsmagd erspare.
    Überhaupt wusste die Mutter sich etwas mit ihrem Mus; und zwar nicht etwa,
wie es mancher anderen Mutter beigekommen sein würde, um der Wohltat willen, die
sie ihm erwies, sondern, was schwerlich einer anderen beigekommen sein würde, um
eines geheimnisvollen Segens willen, der mit dem Mus unter ihrem Dache
eingezogen sei. Frau Hanna Blümel war gegen gute wie böse zauberische
Einbildungen in der Gemeinde ihrem Konstantin bisher eine rüstige
Hilfsstreiterin gewesen; nun musste sie sich um ihres Johannisglaubens willen
manchmal von ihm strafen lassen.
    So glatt und gleich, so ohne jegliche Krankheitsnot und Fährlichkeit war es
noch nie in ihrer Kinderstube abgelaufen. Auch in der Wirtschaft glückte alles;
alles gedieh; die Familie breitete sich aus über Hoffen und Erflehen. Seitdem am
doppelten Tauffeste aus dem Gevatterküsschen ein Verlobungskuss geworden war,
hörten die Bräute in der Pfarre von Werben nicht auf. Sooft nach dem
Hochzeitsschmaus der Brautkranz ausgetanzt wurde, spielte das blinde Glück der
nächstfolgenden Schwester das ahnungsvolle Symbol auf das Haupt, und kaum ein
Jahr verging, dass aus der Krone nicht eine Haube geworden wäre. Es zählte kein
Nabob und kein Pair zu der Freierschar; aber wer in der Pfarre von Werben hatte
sich auch Rechnung auf einen Nabob oder Pair gemacht? Das junge Paar baute
seinen Herd, und das Elternpaar sah ihn bauen auf seinem eignen bescheidenen
Grund; das junge Paar zog aus, und das Elternpaar sah es ziehen oftmals in weite
Ferne; wenn aber die Wehmutstränen gegen die Freudentränen hätten abgezählt
werden sollen, würden die letzteren überwogen haben. An dem Tage, wo Balsamine -
das Minchen des Hauses - mit einem amerikanischen Schulmanne, vielleicht auf
Nimmerwiederkehr, zu Schiffe ging, da sagte Pastor Blümel zu der bewegten
Mutter, indem er dem Liebling zu seinen Füssen die dunklen Löckchen streichelte:
    »Erkennst du jetzt, Hanna, die väterliche Liebe, die uns statt des ersehnten
Benjamin dieses Röschen gab? Denn ein Haus ohne Töchter kommt mir vor wie ein
Garten ohne seinen holdesten Schmuck, die Blumen.«
    »Und einen Baum, der unserem Alter Frucht und Schatten geben soll, hat eine
gütige Hand ja auch zwischen die Blumenkinder eingepflanzt,« versetzte Frau
Hanna und sah ihren Dezem mit echten Mutteraugen an.
    Aber das ist weit vorgegriffen. Als bei der jüngsten Pfarrhochzeit, in
Ermangelung anderweitiger Bewerber, Schwester Rosen der Brautkranz und Bruder
Dezimus der Bräutigamsstrauss gereicht wurden, da feierten Rose und Dezimus ihren
dreizehnten Johannistag. Zurzeit jedoch stehen sie erst im Beginn ihres zweiten
Stufenjahres, das heisst, sie sind vom Mus und der Ma zum Dezem und Röschen
vorgeschritten und traben selbander in Kantor Beifussens Schulstube.
    Und da muss denn leider bekannt werden, dass im flüssigen Lesen und zierlichen
Schreiben der grosse Dezem von dem kleinen Röschen auf eine für den Helden einer
Geschichte bedenkliche Weise überholt worden ist; ja, wäre zwischen menschlichen
Hirnschalen nicht eine unsichtbare Zahlenwelt aufgetaucht - nach dem Sprachlaut
vielleicht das erste Mysterium, welches den urwilden Jäger von dem urwilden
Jagdtier unterschied -, da müsste dem Biographen für seines Helden Schülerehre
bange werden. Die Aritmetik rettet sie. Schwester Röschen hat es im Leben nicht
über das dritte der Spezies hinausgebracht; aber mit Addieren und Multiplizieren
hat das klügste Frauenköpfchen ja auch für seine Lebenszeit mehr als genug
getan, während, wenn möglich, noch ein Dutzend weitere Spezies erfunden werden
müsste, um diesem oder jenem männlichen Schädel sein Gnügen zu tun. Und
hinreichend dick für derlei Speziesappetit war Held Dezems Schädel schon in
seinem ersten Stufenjahr. Kantor Beifuss, der sich als einen zweiten Adam Riese
schätzte, erklärte den Pfarrdezem für ein Quatermillionengenie, wie es ihm in
seiner Praxis noch nicht vorgekommen sei. Die heidenmässige Fertigkeit müsse dem
Täufling mit dem heidenmässigen Namen eingebunden worden sein, äusserte er
vertraulich gegen Frau Julchen, seine Hausehre. In einem städtischen
Kaufmannsgeschäfte, da könne der Junge es einmal zu etwas bringen; was aber ein
Verwalter auf Amtmann Mehlborns Wirtschaftshofe mit solcher Quatermillionenkunst
anfangen solle, das war dem Kantor Beifuss ein Rätsel.
    Und dem Pastor Blümel war es um so mehr ein Rätsel, als er sich niemals für
einen Nebenbuhler Adam Riesens gehalten und es niemals beklagt hat, dass von
allen idealen Gebieten das sogenannte unumstössliche ihm das verhüllteste
gewesen, ja nahezu ein grauenerregendes geworden ist, als er in der Schülerzeit
einen Zipfel seines Schleiers zu lüften gezwungen ward. Wie sollte er, des
Knaben vor Gott und Menschen verantwortlicher Führer, die ihm selbst so
fremdartige Gabe entwickeln, wie sie in seiner bescheidenen Lebenssphäre
dereinst verwerten?
    Dieser erst durch die Schule geweckte Sinn wurde indessen noch bedenklicher,
wenn der Vater ihn mit einem zweiten in Verbindung brachte, der sich schon
früher, ohne durch Lehrwort oder Beispiel erregt worden zu sein, in dem Knaben
offenbart hatte, bis dahin aber von den Eltern als eine Kinderlaune belächelt
worden war: der nämlich für das Licht und die Lichter des Himmels.
    »Es ist der dem Menschen eingeborene Trieb des Suchens,« sagte der Vater,
»des Suchens ohne bestimmten Zweck. Das Kind sucht mühsam Steinchen und Blümchen
und wirft sie, hat es sie gefunden, wieder fort. Ich alter Knabe sogar, bücke
ich, wenn ich mich im Walde ergehe, nicht hundertmal meinen steifen Rücken, um
mich mit Pilzen zu beladen, deren Wohlgeschmack mir unerfindlich ist, die du,
Hannchen, der Giftgefahr halber, nicht auf den Tisch zu bringen wagst und die
ich wieder fortwerfe, wie die Kinder ihre Steine und Blumen, wenn mir nicht eine
alte Kräuterfrau begegnet, der ich mit meinem Funde einen Gefallen erweise.«
    »Aber was sucht denn unser Dezem zwischen Wolken und Sternen, Konstantin?«
fragte nach dieser Erklärung Mutter Hanna.
    Ja, was suchte der Dezem, wenn er im Sommer stundenlang auf dem Hünengrabe
hinter dem Pfarrgarten sass und - unverwendet wie ungeblendet - der Sonne
nachstarrte, ohne etwas anderes zu sagen als: »Nun steht sie über dem Turm,«
oder: »Nun ist sie am Zornberg, - über den Fluss weg, - in der Stadt«? Was suchte
er, wenn er an langen Winterabenden oder in stiller Morgenfrühe den aufgehenden
Mond erwartete, sich verwunderte über seine wechselnde Gestalt und, ohne den
Namen eines einzigen zu wissen, sämtliche grössere Sternbilder kannte, die er am
Horizonte auf und nieder steigen sah? Ehe er noch einen Blick in einen
gedruckten Kalender getan, hatte er sich auf eigene Hand einen Familienkalender
gebildet, hatte herausgebracht, um welche Stunde zu Vaters Geburtstag, im
Dezember, die Sonne aus ihrem Nebelbette stieg, und um welche sie sich zu
Mutters Geburtstag, im August, in ihr Flussbett niederlegte. Wie vor
Jahrtausenden vielleicht auch schon ein Hirtensohn, sah er in den Sternen des
Himmelswagens eine Freundesgruppe und taufte sie, der Grösse nach, auf die Namen
seiner sieben Schwestern; seinen Liebling aber, Winters den letzten im
Morgendämmer, also den ersten, welchen er beim Erwachen gewahr ward, den nannte
er noch ganz apart seinen Röschenstern.
    Dem ruhigen, kräftigen Knaben durfte frühzeitig mancher Botenweg in Stadt
und Umgegend anvertraut werden. Als er eines Tages mit seinem gefüllten
Henkelkorbe von einem solchen ausser Atem zurückkehrte, schalt ihn die Mutter ob
seiner Hast. Er aber sprach, und seine runden, stillen Augen sprühten dabei von
heller Lust:
    »Ich bin mit der Sonne um die Wette gelaufen, Mutter, und früher angekommen
als sie.«
    »Die Sonne läuft nicht, Mus,« versetzte die Mutter lächelnd, »unsere Erde
ist es, die mit den lieben Sternchen ringelrund um sie tanzt wie ihr Kinder um
eure alte Mama.«
    Das war das erste Problem in Dezimus Freis kindlichem Hirn, und es erregte
in ihm einen Aufruhr wie kaum ein zweites in späteren Tagen. Die Sonne, die er
laufen sah, sollte stillestehen, und die Erde, die er feststehend unter seinen
Füssen fühlte, sollte sich drehen, hatte die kluge Mutter gesagt, war also wahr.
    Die kluge Mutter bereute ihre Übereilung; sie wusste, dass ihr Konstantin
derleivorzeitige Aufklärung nicht billigte, und sie war eine gehorsame Ehefrau,
wenn sie auch dann und wann auf schlängelnden Wegen das Ziel zu erreichen
suchte, das sie ihn auf geradem Wege verfehlen sah. Wer aber A sagt, muss B
sagen, und so half sie sich am Abend aus der Verlegenheit mit einem
Kunststückchen, dessen sie sich aus ihrer Gouvernantenzeit erinnerte. Sie
steckte eine Stricknadel durch ihr Wollknäuel und drehte es als Mutter Erde im
Kreise um sich selbst und gleichzeitig auf halbschiefer Bahn um die leuchtende
Astrallampe, die als Grossmutter Sonne präsentiert worden war, während Schwester
Riekchen mit einem Zwirnsknäuel, Enkelchen Mond genannt, eine ähnliche Bahn um
die Erdenmutter beschreiben musste.
    Die lustige Ma lachte hellauf, nicht über das Experiment, nach welchem sie
gar nicht geguckt hatte, sondern über ihren dummen Mus, der mit gläsernen Augen
und offnem Munde, starr wie ein Götzenbild, den Wunderbeweis anstarrte. Der
Mutter aber war es, als ob sie das Herz des Versteinerten hämmern hörte. Er sass
die ganze Nacht aufrecht in seinem Bett, die Blicke an den Vollmondshimmel
geheftet, am anderen Tage ass und trank er kaum, schlich gleich einem
Nachtwandler achtlos auf seine Umgebungen umher; nach Sonnenuntergang aber kam
er jubelnd vom Hünengrabe gesprungen, fiel der Mutter um den Hals und rief:
»Jetzt hab ichs weg!«
    Ähnliche Probleme folgten sich: nach einem starken Gewitter ein
Doppelregenbogen, ein Sternschnuppenfall und noch mehrere; alle aber waren
weniger packend oder leichter zu lösen als jenes erste und ihre mähliche
Enträtselung im Herzen dieses glücklichen Kindes vielleicht das am stärksten
empfundene Glück; ein Glück, wie es so rein und freudig ja immer nur in der
Kindheit, die nicht nach dem Zusammenhange forscht, empfunden werden kann.
    Die Mutter half ihm in seinem kindlichen Ringen nicht weiter. Im
Herzensinnersten aber weidete sie sich an ihres Knaben sonderbarer Doppelgabe,
deren eine sie sein Dezemsteil, die andere seinen Johannissegen nannte. Sie
baute Luftschlösser auf ihren Grund, wie jede rechte Mutter sie für ihren
Liebling baut, mag der besonnene Vater sie auch unerbittlich wieder
niederreissen. Und Vater Blümel riss die ihren unerbittlich nieder.
    Konstantin Blümel gehörte nicht zu den eifrigen Glaubenshelden, welche dem
urewigen Menschendrange aus dem Dunkel zum Licht das zürnende »Eritis sicut deus
« entgegenhalten. Gewisslich nicht. In der Tiefe seines Gemütes hatte er den
Punkt gefunden, auf welchem Glauben und Wissen, Denken und Dichten sich decken,
und ehrte er darum jegliche Forschung, welche den Menschen dem Menschen näher
bringt, dem vergangenen, dem gegenwärtigen, dem zukünftigen, ob sie nun Kenntnis
wirke, Nutzen, Sitte oder auch nur Freude. In der Himmelskunde aber sah er einen
Grössendrang, welcher den Menschen von dem Menschen abzieht und den er dem
Erklimmen unwirtlicher Gletschergipfel verglich. Es war Konstantin Blümel nicht
gegeben, den Begleitstern eines Fixsterns zu entdecken oder seine Bahnelemente
auch nur hypotetisch festzustellen. Wäre es ihm aber gegeben gewesen, würde er
höchstwahrscheinlich die Mühe der Entdeckung und selber der Hypotese sich
erspart und während der Zeit seine alten Heiden und neuen Christen auf den
Gehalt der Bergpredigt hin geprüft oder seine Rosenstöcke okuliert haben.
    Wie aber der Grössenwahn in der Himmelsforschung ihm widerstand, so wies er
als einen Liebeswahn auch im eigenen Herzen die Versuchung zurück, sich auf
einer jener fernen Welten eines leibhaftigen Wiedersehens seiner Vorangegangenen
zu getrösten. Denn unsere Heimkehr ist in Gott und Gott ein Geist, der wohl
seinen Willen, aber nicht sein Wesen zu offenbaren uns Menschen fähig und würdig
erachtet hat.
    In Schauern der Unendlichkeit sich entzücken beim Aufblick zum nächtlichen
Sternenhimmel; lieben, auch als Symbol, die wärmende Leuchte, die aus dem
Erdenstaube neues Leben weckt, das und nicht mehr hiess ihm menschliches
Teilhaben an jenen unerreichbaren Weltenräumen, und mit vorlauter Neugier, mit
plumpem Werkzeug sich in ihre Bahnen drängen, hiess ihm den Adel ihrer Poesie,
den Zauber ihrer Heimlichkeit entweihen.
    Darum waren es auch nur vorübergehende Bedenken, welche ihm bei seines
Pfleglings eigenmächtigem Kalendarium oder seinem Vorsprung in den vier Spezies
auf Kantor Beifussens Schulbank aufstiessen, und ferne lag es ihm, aus ihnen den
Schluss auf eine Dissonanz für seine Zukunft zu ziehen. Nicht zu einem Arbeiter
im Geist, zu einem verständnisvollen, gesitteten Arbeiter in Feld und Flur ihn
heranzubilden, hatte er den Knaben an seine Hand genommen, und der ruhig starke
Pulsschlag, den er in dem jungen Herzen spürte, galt ihm als Bürge, dass es sich
von seinem natürlichen Grunde nicht verirren werde. Weise aber war es,
mütterlichen Hirngespinsten, die sich gar leicht dem Kindergemüte einnisten, von
vornherein zu steuern; weise, auch nach aussenhin, den Knaben seinem Ursprung und
seiner Bestimmung gemäss heranzuziehen; und wenn der Hirtensohn seinem
geistlichen Vater eine Wohltat mehr als die andere gedankt hat, so ist es die
Pflege des schlichten Sinnes, der sein mütterliches Erbteil war und der dem
Durchbruch seines Wesens aus dem Dunkel zum Licht Raum und Freiheit wahrte.
    Mutter Hanna verstand und liebte es, ihre Töchter - und das hübsche
Nestäkchen zumal - zierlich zu kleiden. Sie hätte fürs Leben gern auch mit
ihrem Sohne ein bisschen Staat gemacht. Wie schicklich liessen sich aus
Konstantins abgelegtem Zeug Pumphöschen und Wämschen für den Mus zurechtstutzen!
Aber der Mus trug noch als Dezem, und sogar Sonntags, einen blauen Leinenkittel,
reinlicher, aber nicht zierlicher wie der ärmste Frönersohn; er schlief, schon
da er noch Mus hiess, allein in einer kalten Bodenkammer, und wenn Schwester Ma,
die ein Leckermäulchen war, ihre Semmel nicht dick genug mit Butter gestrichen
und womöglich noch Honig darauf haben wollte, so tunkte Bruder Mus ein Stück
Schwarzbrot in seine Morgen- und Abendmilch, ohne nach Butter und Honig zu
lechzen. Bis zu Tränen hat es ihn aber oftmals gerührt, wenn er seine
Pastormutter, um nichts vor ihrem lieben Jungen vorauszuhaben, auch nur ein
Stück Schwarzbrot tunken sah. Er wusste, er war ein armes Waisenkind, und wenn er
gross war, diente er als Knecht auf einem Bauernhofe. Seine stolzen
Patenaussichten waren gleich luftigen Schemen verflogen.
Denn während unter einem liebreichen Walten im Pfarrhause alles Gute zum
Besseren sich entwickelt hatte, war im befreundeten Amtshause die Skala des
Friedens und der Freude tief unter Null gesunken, seitdem Mutter Rosine zu ihrem
winkenden Hannes in den Himmel gegangen. Pate Mus spürte den schlimmen Wandel
zum ersten Male, als er an der Hand seiner Pastormutter der Leiche folgte und
sein Herr Vizegevatter, der ihm bisher allezeit lachend einen Klaps auf die
Backe gegeben und »Mosjö Verwalter« genannt hatte, heute, als
Hauptleidtragender, ihn mit einem grimmigen Blick beiseitestiess und
»Zudringlicher Bengel!« zwischen den Zähnen murmelte. Die schlimme Wandlung
hatte indessen eine Vorgeschichte, die fast so alt wie Pate Mus selber war.
    Seit bei dem Besuche des geistlichen Hartenstein ein erster undeutlicher
Schatten in Johann Mehlborns stolzes Gemüt gefallen war, sah er die Ehe seiner
Tochter in einem getrübten Lichte, das bei den geringfügigsten Anlässen
nachdunkelte. Der spekulative Bauer hatte die exzellenzliche Spekulation auf ein
von Schulden befreites Erbgut klar genug durchschaut und sie nicht minder
berechtigt erachtet wie seine eigene väterliche Spekulation auf ein
freiherrliches Wappenschild. Aber, wohlgemerkt! fest in der Hand, gleich einer
Goldbarre, musste das Besitztum gehalten werden, nicht flüssig wie Quecksilber
zwischen den Fingern zerrinnen. Darum hatte er wohl eine Zeitlang die Wechsel
des Generals, der Universalerbe seiner Gemahlin war, honoriert, sein Darlehn auf
das Gut eintragen lassen und die Zinsen vom Pachtschilling abgezogen. Als sein
Gutaben jedoch so hoch angeschwollen war, dass die Zinsen den Pachtschilling
überstiegen, protestierte er die Wechsel und öffnete seine väterliche Hand nur
noch zu der im Heiratskontrakt bedingten äusserst mässigen Rente; ein, wie er
meinte, unfehlbares Mittel, das Gut, das er buchstäblich in der Tasche hatte,
auch dem Namen nach an sich zu bringen. Dass das Werbensche Erbe, welches die
Hartenstein verschleudert hatten, aus Mehlbornscher Hand auf beider Enkel
übergehe, das war nun einmal eine von den fixen Ideen, deren vielleicht nur ein
so harter Bauernschädel wie Johann Mehlborns fähig ist.
    Wohlgemerkt aber auch zum zweiten: der Blutsfreundschaft seiner Tochter
musste die Ehre angetan werden, welche den faktischen Besitzern zweier
Rittergüter und eines Geldkastens, der leichtlich noch ein drittes in sich
schloss, gebührte. Hiess das aber, - um nur den Anlass aufzuführen, der sozusagen
dem Fasse den Boden ausschlug, - hiess das aber den faktischen Besitzern beider
Werben die schuldige Ehre antun, wenn die Tochter mit den beiden Enkeln
herbeieilt, den letzten Segen der verlöschenden Mutter zu empfangen, der Herr
Eidam jedoch bleibt seelenruhig zu Hause, als ginge ihm die Sache keinen
Pfifferling an, entschuldigt sich nicht einmal wie in früheren Zeiten mit
Manövern und Paraden, erscheint auch nicht beim feierlichen Begängnis und
schenkt sich sogar, so gut wie sein Herr Vater Exzellenz, die schriftliche
Kondolenz, an welcher doch selber die gräflichen Nachbarn auf Bielitz es nicht
fehlen lassen!
    Nun aber war die Frau mit dem guten Herzen tot. Es fehlten hier ihre
sänftigenden Tränen, dort die heimlich nachhelfende Hand. Hier wie dort
steigerte wechselseitig Ursache die Wirkung, Wirkung die Ursache der Abneigung
bis zur Erbitterung, bis zur Verwilderung und schliesslich bis zum Bruch. Als der
junge Herr schuldenhalber den Dienst quittieren musste, lachte er über die
Zumutung, auf dem Gute, dessen Erbherr er nominell noch war, abhängig von seinem
widerwärtigen Schwiegervater und unter dessen Augen ein knappes Bauernleben zu
beginnen. Bei Nacht und Nebel war er seinen Gläubigern und unleidlichen
Familienbanden entwichen; es ging die Rede, dass durch Vermittlung seines Vaters
ihm in russischen Diensten eine förderliche Stellung erwirkt worden sei. Die Ehe
wurde gerichtlich geschieden.
    Seine Gattin hatte diesem Schritte, zu welchem ihr Vater seit Jahren
gedrängt, bis zum Äussersten widerstanden. Nicht, dass der Zauber, der ihr junges
Herz berückt, auf die Dauer sich gegen Gleichgültigkeit und Zügellosigkeit
behauptet hätte: Brigitte Mehlborn war keine Romanheldin. Nicht, als ob sie sich
über die Gründe getäuscht hätte, welche nach bürgerlichem und selbst nach
christlichem Recht eine Scheidung gestatteten: Brigitte Mehlborn hatte ein
scharfes Auge, Ungehöriges an Menschen und Zuständen zu sehen und zu sichten.
Aber Brigitte Mehlborn gehörte zu den spröden Naturen, welche den einmal
erwählten Standpunkt behaupten gegen Freund und Feind. Eben weil sie nicht mehr
liebte, wurde es ihr leichter, Lieblosigkeit zu ertragen als sich über sie zu
beschweren; eben weil sie ihre Klageberechtigung kannte, scheute sie deren
demütigendes Eingeständnis; und so geschah es, dass, während der schuldige Gatte
nach einer vollgültigen Befreiung, die er nicht beanspruchen durfte, drängte,
die schuldlose Gattin in eine solche erst dann willigte, als es galt, ihr
mütterliches Alleinrecht gegen jedweden Anspruch zu wahren. Nicht dem Vater, der
kein Verlangen danach trug, dem Vater des Vaters, der Verlangen danach trug,
entzog sie durch eine gerichtliche Scheidung die Obervormundschaft über die
Kinder, die nur auf diese Weise ihr ausschliessliches Eigentum werden konnten.
    Aus dem gleichen Grunde entzog sie diese Bevormundung aber auch ihrem
eigenen Vater, über dessen Sphäre sie sich erhoben hatte nicht erst durch ihre
Ehe, sondern durch einen eingeborenen Bildungstrieb, den späterhin ein stark
herausgeforderter Widerstandssinn nur stachelte. Vater und Tochter hatten jetzt
die nämlichen Feinde; sie konnten aber nicht mehr die nämlichen Freunde haben.
    Johann Mehlborn war, in jachem Rücklauf der spät entwickelten
Magnatenschrulle, über deren Ursprung hinweg zum alten zähen Bauerntrotz
zurückgekehrt. Er würde, hätte er die Macht dazu besessen, aus republikanischer
Tugend niemals einen Königstron gestürzt, und kommunistische Weltverbesserer,
die zurzeit auch im deutschen Vaterlande einen stillen Anhang fanden, würde er,
mochten sie Professoren oder Schneider heissen, ohne Gnade zu Galgen und Rad
verurteilt haben. Aber alles, was Edelmann hiess, das hasste Johann Mehlborn trotz
einem Robespierre. Ehre und Macht der Gesellschaft gipfelten für ihn, wie einst
für die Helden des Bundschuhs, wenn auch aus anderen Gründen, in dem Stande, der
die Scholle bebaut und sein Geld in Eisentöpfen vergräbt. Er ass nicht mehr mit
der linken Hand, sondern aus der Faust, wie sein Vater, der Grossknecht, es
getan, trug Schmierstiefeln und im Winter einen Schafspelz, bediente sich
»französischer« Redensarten nur, wenn ihm im ehrlichen Werbener Deutsch keine
volkstümlich genug klingenden einfielen, und würde sich des »Amtmanns« mit
Freuden entäussert haben, wenn ihm die Regierung das schöne Geld, das er ihm
gekostet, zurückerstattete. Hätte er es durchzusetzen vermocht, würde seine
Brigitte den Namen Hartenstein oder mindestens das schnöde Adelszeichen vor ihm
abgelegt und als ländliche Wirtin auf ihrem Erbhofe gewaltet haben; ihre Kinder
würden als Bauernenkel erzogen worden sein, und das leichte Patrizierblut würde
sich zu dauerhaftem Arbeiterblut verdichtet haben.
    Aber er vermochte es nicht durchzusetzen. Seine Brigitte war die Erbin
seines harten Kopfes; sie beharrte bei Namen und Titel und übersiedelte als
Wirtschafterin auf ihres Vaters Hof so wenig, wie sie als Dame des Hauses in den
Palast ihres Schwiegervaters übersiedelt war, sondern zog in die den
Familiengütern benachbarte Universitätsstadt der Provinz. Wie Vater Mehlborn
keine tragfähige Krume seines Ackers unbebaut liess, so hätte sie jede geistige
Faser in ihren Kindern entwickeln mögen, und hier fand sie ausgiebige
Bildungsmittel für sie. Für ihre eigene Person aber fand sie hier einen Boden,
in welchem sich leichter Wurzel schlagen liess als in dem kalten, schweren des
Nordens; fand die Ansprüche an das äussere Leben so bescheiden, wie sie sie
finden musste, wenn sie auch nach aussen hin sich Geltung verschaffen wollte. Da
sie Erziehungsgelder von ihrem Schwiegervater nicht annahm, ihr erbitterter
Vater aber jegliche Unterstützung verweigerte, sah sie sich auf ihr mütterliches
Erbteil beschränkt und trug kein Bedenken, das Kapital anzugreifen, weil die
Zinsen für ihre Zwecke nicht ausreichten. Es wurde ihr leicht, sich in
schicklicher Mitte von Hartensteinschem Übermass und Mehlbornschem Untermass zu
halten; ein alter Name, eine reiche Erbaussicht woben einen gewissen Nimbus um
ihre Person und ihr Haus; im Kreise ihrer neuen Lebensgenossen wurde Brigitte
von Hartenstein unbestritten gefeiert als eine »bedeutende« Frau, die einzige
Eitelkeit, für die sie empfänglich war.
    Sie hat es wahrscheinlich niemals erfahren, dass ihr alter Freund in der
Pfarre es gewesen, dem sie das aus der Not helfende mütterliche Erbteil zu
danken, und dass er um dieses Erbteils willen die Gunst seines Patrons in spe
verwirkt, auch manches kleine Scharmützel mit seiner Hanna zu bestehen hatte.
Auch Dezimus ist hinter das Geheimnis erst gekommen, lange nachdem er es als
einen Segen erkannt, die Schutzherrschaft seines Vizepaten wider Wissen und
Willen verscherzt zu haben. Die Sache hatte sich aber also zugetragen:
    Als Mutter Rosine das ersehnte letzte Stündlein nahen fühlte, liess sie an
einem Tage, wo sie ihren Amtmann fernab auf einem grossen Viehmarkte wusste, den
treuen Seelsorger an ihr Lager entbieten, um, nachdem sie das heilige Abendmahl
aus seiner Hand empfangen hatte, die Bitte an sein Herz zu legen, dass er ihren
letzten Willen aufsetze und denselben hinter ihres Amtmanns Rücken gerichtlich
dingfest mache. Zwar wolle sie ihrem Amtmann, da er nun einmal seinen Kopf
daraufgesetzt, nicht zuwider sein und ihr Eingebrachtes ihm ganz allein
verschreiben, so wie die selige Frau Exzellenz mit ihrem Gute es an den Herrn
Exzellenz getan. Ihre liebe Brigitte sei ja ihres Johann einziges bisschen
Fleisch und Blut, was könne ihr durch die Verschreibung entgehen? Heiraten wolle
ihr Amtmann nicht wieder, weil das schöne Werbensche Anwesen nicht zerkleinert
werden solle, und in der Hand ihres lieben Schwiegersohnes würden die paar
Tausend Mütterliches seiner Frau ja doch verdunsten wie Wasser auf einem heissen
Stein. Mit dem Eingebrachten sollte ihr Amtmann also seinen Willen haben; von
ihrem Ersparten aber habe sie, Mutter Rosine, diesem und jenem eine kleine
Zuwendung zugedacht, um welche die gute Frau Pastorin wisse, ihr Amtmann aber
nicht früher wissen solle, bis sie, Mutter Rosine, unter der Erde sei. Und dazu
gehöre eine Verschreibung, welche sie allein nicht fertigbringe.
    Pastor Blümel lehnte nicht nur dieses Ansinnen ab, sondern redete ihr auch
das Testamentsvorhaben aus. Der Grossteil ihres Vermögens gebühre dem Gesetze
nach der Tochter, und gesetzlichen Ordnungen entgegen zu verfügen, mache selbst
unter den nächsten Angehörigen fast allemal böses Blut. Amtmann Mehlborn sei
reich, weit reicher, als seine Gattin mutmasse; auf etliche Tausend Taler mehr
oder weniger könne es ihm nicht ankommen, während sie unter Umständen der
Tochter zu einer Wohltat zu werden vermöchten; sie habe einen klugen Kopf, und
bis zu ihrer Grossjährigkeit in Jahr und Tag bleibe das Vermögen ja ohnehin in
des Vaters Hand. Die Mutter solle der gesetzlichen Ordnung daher ihren Lauf
lassen, etwaige besondere Wünsche ihrem Manne anvertrauen und sich auf deren
redliche Erfüllung verlassen.
    In der Hauptsache leuchtete dieser Freundesrat der guten Frau ein. Sie hatte
zu der Verschreibung sich überhaupt ja bloss, um Ruhe zu haben, entschlossen; nur
gegen die letzte Versicherung schien sie Bedenken zu hegen, nickte indessen auch
hierzu schliesslich mit dem Kopfe, richtete sich im Bett in die Höhe und kramte
tief aus dem Stroh eine tönerne Sparbüchse hervor, in deren Spalt sie hastig
noch einen Papierschein, den sie unter ihrer Jacke verborgen gehalten hatte,
klemmte. Die Büchse wollte sie dem Pastor absolut aufnötigen; seine liebe Frau
wisse schon, was sie zu bedeuten habe.
    Und der Mann der lieben Frau wusste es auch. Es war ja die Gevatterbüchse,
mit welcher die Frau Patin manches Mal vor den Ohren ihrer guten Freundin
geklappert hatte, um ihr den wachsenden Inhalt bemerkbar zu machen; auch manches
Mal, wenn sie vor ihren Augen wiederum einen Taler hineinsteckte, den Taler
»einen Heckepfennig für ihre Patenkinder« genannt. Denn Mutter Rosine liess es
sich nun einmal nicht nehmen, dass sie, obgleich nur für einen der Täuflinge in
das Kirchenbuch geschrieben, für beide das Christengelübde ausgesprochen habe,
wie sie ihre Patenpflichten denn auch allezeit für beide in der herkömmlichen
Weise betätigt hatte.
    Selbstverständlich, dass Pastor Blümel die Annahme des heimlichen
Patengeschenkes noch viel entschiedener ablehnte als die Abfassung eines
heimlichen Testamentes. Das Hin- und Widerreden hatte die Kranke merklich
erschöpft; die Tochter, welche der alte Freund schon vor einigen Tagen
herbeigerufen, langte nur noch rechtzeitig an, der Mutter die Augen zuzudrücken.
Der Amtmann aber hatte über einem, allerdings vorteilhaften Ochsenhandel den
letzten geeigneten Moment für die Verschreibung verpasst; er musste das
gesetzliche Kindesteil auszahlen, will sagen sich des Schraubstockes begeben,
durch welchen er die Scheidung der freiherrlichen Ehe, einschliesslich des
Gutsverkaufs, erpresst haben würde. Von mündlich vorgebrachten letzten
Erdenwünschen und Auslieferung der Patenbüchse war keine Rede. Die geheime
Unterredung musste dem Amtmann aber doch zu Ohren gekommen sei, denn er hatte
seitdem auf die Freunde in der Pfarre einen argen Zahn.
    Frau Hanna empfand und verstand vollkommen, dass ihr Konstantin nicht anders,
als er gehandelt, hatte handeln können. Sie war eine ehrenhafte Ehefrau. Sie
hatte aber auch ein Mutterherz, und darum zwickte sie heimlich, ja dann und wann
auch wohl vernehmlich, der Unwille über den entschlüpften Heckepfennig. Die
Patenbüchse hatte gar zu getröstlich vor ihren Ohren geklappert. Nicht um ihres
Röschens willen; der Inhalt würde ungeteilt dem Dezem zugute gekommen sein.
Erlebte sie es denn nicht Jahr für Jahr, wie ohne Kopfzerbrechen sich Töchter
versorgen? Aber ein Sohn, der das Brot erwerben lernen soll, welches Frauen nur
zu backen und zu verzehren brauchen! Ihr braver Junge! Der reiche Mann hatte die
arme Waise ihres Notpfennigs schnöde beraubt. dabei blieb sie, und wenn Vater
Blümel dagegen einwendete, der Tod sei der Kranken zuvorgekommen, ehe die
Wünsche ausgesprochen wurden, dann rief seine Hanna aufgebracht:
    »Konstantin, Konstantin! die Menschheit kennst du, aber den Menschen kennst
du nicht. Warum geht der Amtmann dir aus dem Wege, sucht, statt wie sonst bei
uns, Rat und Tat bei allerlei fremdem Volk? Warum schneidet er unserem guten
Jungen ein Gesicht, schimpft ihn einen zudringlichen Bengel und gibt ihm einen
Rippenstoss? Versündige dich nur einmal an einem Unschuldigen, und du wirst ganz
gewiss sein Feind geworden sein, - das heisst, wenn du ein Mehlborn bist,« setzte
sie lachend hinzu, und ihr Konstantin konnte in der Stille des Herzens ihr nicht
gänzlich unrecht geben.
    Die Tochter war übrigens nicht besser als die einstigen Freunde mit dem
Amtmann daran, obgleich ihr kein Unrecht durch ihn widerfahren und obgleich sie
notgedrungen die Scheidung endlich beantragt hatte. Sie hatte nachher den Vater
nur für so lange Zeit wiedergesehen, als erforderlich war, ihm ihre getroffenen
Einrichtungen auseinanderzusetzen und das mütterliche Erbteil in Empfang zu
nehmen. Sein Zorn, seine Drohungen prallten an ihr ab, wie ihre Vernunftsgründe
an ihm; er aber erboste sich über sie, und sie erboste sich nicht. Ärger lag so
wenig wie Nachgiebigkeit in ihrer Natur. Sie tat, wie sie überzeugt war, ihre
Pflicht. Sie würde ihn öfter besucht haben, aber er lud sie nicht ein; er betrat
niemals ihr Haus, selbst wenn er in ihrem Wohnorte Geschäfte hatte. Sie schrieb
ihm lange Briefe, aber es war zweifelhaft, ob er sie nur las; jedenfalls
beantwortete er sie nicht. Nach allem Vorhergegangenen, - und dazu gehörte, dass
durch einen Zufall der schmähliche Anlass von seines Sohnes Tod dem Vater erst
nach Jahren kund geworden, da die Tochter ihn doch von Haus aus gekannt und
schweigend hingenommen, - hatte sie es gründlich bei ihm verschüttet, weil sie
während der Scheidungsverhandlungen nicht die Abtretung des Gutes von ihrem
Schwiegervater durchgesetzt; eine Forderung, die bei einiger Nachgiebigkeit
ihrerseits schwerlich auf Widerstand gestossen wäre.
    Aber warum ihre intimste Angelegenheit mit der eigennützigen ihres Vaters
verquicken? Was verschlug ihr der Besitz von soundso viel hundert Morgen
alteimischen Landes? Sie hatte auf dem elterlichen Hofe sich niemals zu Hause
gefühlt; sie dachte an nichts weniger, als ihre Kinder zu Landwirten zu
erziehen, und kaum hätte etwas ihr unverständlicher sein können, als dass der
alte Bauer, ihr Vater, jetzt mehr denn je nach dem Besitztitel als nach einem
Racheakt an dem verhassten Geschlechte trachtete. Sie, Brigitte, hegte keine
Rachegedanken und keinen Hass gegen eine Familie, mit welcher sie ein für allemal
abgeschlossen hatte, nachdem sie ihre mütterliche Freiheit gegen jener Ansprüche
durchgesetzt. Im Guten wie im Schlimmen dachten Vater und Tochter nur an sich
selbst; eine Einigung war daher nicht abzusehen.
    Der Pachtkontrakt von Hochwerben lief in diesem Jahre zu Ende, und keine der
beiden Parteien hatte bis in den Sommer hinein einen Schritt zu seiner
Erneuerung oder Kündigung getan. Der General offenbar nicht, weil er die erstere
für unvermeidlich erachtete. Er hätte heute ja leichtlich die doppelte
Pachtsumme erzielen können; aber das Inventar eignete dem Amtmann, und die
Schuldenlast war nicht abzuschütteln. Wohl oder übel, es musste alles beim alten
bleiben. Der Amtmann dahingegen war entschlossen, endlich kurzen Prozess zu
machen. Zu Michaelis kündigte er die Hypotek. Voraussichtlich hatte er dadurch
gewonnen Spiel; trotzte aber sein Widerpart, kam es zur öffentlichen
Versteigerung, nun so erstand es Johann Mehlborn; freilich mit schwerem Verlust;
denn den Spottpreis der Pachtung und die hohen Prozente konnte die beste eigene
Bewirtschaftung nicht ersetzen. Aber er hatte seinen Willen und hatte seine
Rache, und Wille und Rache sind schon das Risiko eines Geldopfers wert, zumal
wenn das Opfer ein so unwahrscheinliches ist wie in gegenwärtigem Falle.
    Seitdem er diesen Entschluss gefasst hatte, betrachtete Johann Mehlborn das
Werbensche Hauptgut als sein unbedingtes Eigentum, war aber seltsamerweise der
Aufentalt daselbst ihm verleidet. Er wandelte, vorläufig nur in Gedanken, die
Säle des Schlosses zu Kornböden, das Pächterhaus samt guter Stube zu
Gesindekammern um und übersiedelte in Wirklichkeit schon vor der Ernte mit
seiner Wirtschaft auf das Talgut. Das dortige Wohnhaus hiess nicht ein Schloss;
kein Edelmann hatte jemals in ihm gefaulenzt und geprasst; unter der dortigen
Kirche ruhten keine ritterlichen Gebeine, nur die seiner Rosine und ihres
Hannes, an welchen letzteren er Tag und Nacht mit wurmendem Grimme zurückdachte,
nicht mehr als an einen seiner Standesehre sich opfernden Kavalier, sondern als
an einen von einem Junker gemordeten redlichen Bauernsohn. Ja, um den Preis des
eigenen Lebens hätte er den zurückgesetzten Erben wieder lebendig machen mögen,
seitdem die vorgezogene Erbin sich in schnödem Hochmut von dem Vater abgewendet
hatte. Und wahrlich ein hoher Preis wäre es nicht gewesen, den er für die
Erweckung des guten Jungen gezahlt haben würde. Johann Mehlborn hatte keine
Freude am Leben mehr als höchstens die, anderer Lebensfreude zu verkümmern und
vergällen. Sobald er nur erst Herr beider Werben hiess, würde er sich willig in
die Gruft zu seiner Rosine und ihren Hannes haben tragen lassen.
Es war in der Morgenfrühe nach einem gestrigen Unwetter, dem der erwähnte
Regenbogen folgte, nicht der erste, welcher vor Dezems Augen, aber der erste,
welcher vor seiner Seele sich als neues Himmelswunder aufbaute.
    »Was ist das?« hatte er staunend gefragt, als er, nachdem gegen Abend die
Sonne sich durch das chaotische Gewölk gerungen, eine bunte Brücke, über den
Fluss hinweg, sich vom Zornberge bis zum Hünengrabe spannen sah.
    Der Vater, welcher, bis die herrliche Erscheinung sich verzogen, schweigend
mit gefaltenen Händen am Fenster gestanden hatte, schlug die Heilige Schrift auf
und las das Kapitel von der Sündflut und dem Friedensbunde Gottes mit der
geretteten Menschheit.
    »Und wenn es kommt, dass ich Wolken über die Erde führe, soll man meinen
Bogen sehen über den Wolken.« Das war die Antwort auf des Dezem Frage.
    Und gewiss eine herzbewegliche Antwort! Der närrische Dezem hätte nun aber
gern auch noch gewusst, wie der liebe Vater im Himmel es anfange, seinen
Friedensbogen zwischen den schwarzen Wolken in aller Geschwindigkeit so schön
bunt anzumalen und in ebensolcher Geschwindigkeit ohne Farbenspur wieder
auszulöschen? Und auf diese Fragen blieb Vater Blümel die Antwort schuldig. Als
er aber nach dem Abendsegen sich an das Klavier setzte - Vater Blümel war bis an
sein Lebensende ein eifriger Musikant - und des alten Gellert Lied von der Ehre
Gottes in der Natur zum Vortrag brachte, da geschah es zum ersten Male, dass der
arme Dezem an aller Menschenweisheit irre ward. Denn nun sah er die Sonne, die
nach der Mutter Sagen sich nicht rühren sollte, in des Vaters Sang aus ihrem
Zelte geführt werden und ihren Weg laufen gleich als ein Held. Dass dem
Hirtenjungen von Werben für eine Sonne solch ein Heldenlauf weit schicklicher
als das Stillestehen dünkte, wird jedes Kind begreiflich finden.
    Er hatte wiederum eine ruhelose Nacht, und da der andere Tag ein Sonntag,
also keine Schule war, der Himmel aber so rein, als hätte niemals ein schwarzes
Wolkenheer auf ihm gelagert, rannte er, den letzten Bissen des Morgenbrotes noch
im Munde, hinaus auf das Hünengrab.
    Das Hünengrab, hart an der Pfarrgartenmauer, wurde ein Erdaufwurf genannt,
wie die Gegend unter gleichem Titel verschiedentliche aufzuweisen hat. Ob
wirklich Heldengebeine darunter eingescharrt waren, hatte bis dato niemand
untersucht. Unmöglich wäre es just nicht, da diese Landschaft seit grauer
Vorzeit der Tummelplatz wilder Entscheidungen gewesen ist. Pastor Blümel achtete
indessen dafür, dass lediglich alte Steinbruchreste auf diesen Punkten
zusammengehäuft worden seien. Weil das Hünengrab aber in die nördliche Ebene
hinein eine noch weitere Aussicht als selbst das Pfarrhaus bot, hatte der Pastor
seinen schmalen Gipfel geebnet, ein paar Ebereschenbäume darauf gepflanzt und
eine Ruhebank unter ihnen angebracht, auf welcher jeder, der fremd des Weges
kam, gern eine Umschau hielt.
    Auf diesem Hügel, der ihm gestern wie ein Pfeiler der wundersamen
Wolkenbrücke vorgekommen war, dachte der arme Dezem nun allen Ernstes irgendein
geheimnisvolles Überbleibsel aus Gottvaters Bau-oder Malkasten aufzufinden; da
jedoch ringsumher nichts zu entdecken war als allbekanntes Himmelblau und
Erdengrün, setzte er sich auf die Bank, mit dem löblichen Entschluss, auf seiner
Schiefertafel, die er zu diesem Zwecke mitgebracht, Kantor Beifussens Exempel für
die nächste Rechenstunde zu lösen. Wie manchem bedeutenden Helden, im
Widerstreit von Stimmung und Pflicht, geschah es nun aber auch dem bescheidenen
dieser Geschichte, dass der Stimmung der Obsieg blieb. Für die Exempel war immer
noch Zeit. Zuvörderst galt es auf der leeren Tafelseite das Phänomen, das ihm so
gewaltig im Kopfe rumorte, sich durch eine Illustration zu vergegenwärtigen und
zu verdeutlichen. Das aber machte er so:
    Quer über die Tafel zog er einen doppelten Strich, auf denselben schrieb er
»Fluss«; zwischen krausen Schnörkeln über dem Flusse stand zu lesen: »Wolken«.
Hart am Fluss, in dessen Mitte, trug ein Haus die Inschrift »Pfarre« und in einem
ihrer Fenster ein dicker Punkt das Wörtchen »Ich«. Am äussersten Tafelende war
der städtische Kirchturm nicht zu verkennen; ob aber das Gesicht, welches mit
einer Strahlenglorie umstrichelt, Gottvater oder Mutter Sonne zu benennen sei,
darüber grübelte der Künstler eine Weile und entschied sich endlich, die Frage
offen zu lassen, wie er demgemäss auch auf die Brücke, welche am
entgegengesetzten Ende hoch oben den Fluss überspannte, mit lateinischen Lettern
malte: »Regenbogen oder Friedensbogen«. Trotz dieses Entweder-Oders, so viel
hatte er über seiner Arbeit doch glücklich ausgeklügelt, dass das zweideutige
Strahlenantlitz über dem Turm das Farbengebilde hervorgezaubert haben müsse und
dass dieses mit der Glorie jener Strahlen erloschen sei. Und das war für den
Anfang genug.
    »Was ist das?« fragte er, selber strahlend vor Freude, indem er seinem
Röschen, das im rosa kattunenen Sonntagskleide einhergetänzelt kam, sein stolzes
Kunstwerk vor die Augen hielt.
    »Dummes Zeug!« antwortete Röschen lachend und beachtete das Nachbild so
wenig, wie sie gestern das Vorbild beachtet hatte.
    Sie trug im Schürzchen einen Haufen Blumen, die ihr Papa zu einem Kranze
geschnitten hatte: denn Kränzebinden war Röschens Lust weit mehr als selber
»Puppens spielen«, geschweige denn Stricken oder am Kinderrädchen spinnen. Kein
Tag, solange es Blüten gab, verging, dass sie nicht ein Prachstück der
Gärtnerkunst geliefert und eines der alten Grossvater-oder Grossmutterbilder in
der Wohnstube damit geschmückt hätte. Im Winter aber half sie sich mit
Efeublättern, welche ihr Mus auf der Gartenmauer pflücken musste, und mit Blumen,
welche die geschickten Fingerchen aus farbigen Papierstreifen zusammenkniffen.
Wo das Röschen waltete, ging es bunt und lustig zu; am lustigsten aber in ihres
Dezem Herzen. Er war aus einem Hüter des Schwesterchens Handlanger geworden,
allezeit willig in Arbeit und Spiel. Mutter Hanna sagte manchmal ärgerlich: »Der
Junge wird dem Prinzesschen noch einmal die Strümpfe stopfen müssen!« Dazu kam es
indessen nicht. Mutter Hanna stopfte Prinzesschens Strümpfe lieber selbst.
    Auch heute liess der Dezem auf Röschens Geheiss seine Schilderei im Stich, um
sich neben sie auf einen Stein am Fusse des Hügels zu hocken. Er pflückte ihr
Zweige vom Zaun, reichte ihr die Blumen zu und erwies sich wieder einmal als der
klägliche Stümper, welcher er in der Botanik geblieben war, trotz der täglichen
Übungen auf dem Gartenbeet und beim Kränzebinden. »Mus, eine Nelke!« Und er
reichte ein Löwenmaul. »Dummer Mus, eine lila Levkoie neben den blauen
Rittersporn! das schändet sich ja! Mus, fix! hole dort die Gänseblümchen! Und
drüben am Rain die Kornblume! Fix, Mus, fix!«
    Und Mus liess sich schelten und rannte und pflückte und tat alles, was das
Strudelköpfchen ihm hiess, mit so viel Vergnügen, dass er sämtliche
Himmelsprobleme darüber vergass.
    Der Kranz war eben fertig geworden, als die Glocken zum ersten Male
läuteten. In einer Stunde hiess es zur Kirche gehen. Die Kinder hatten in ihrem
Eifer und über dem Geläut nicht bemerkt, dass auf dem Feldwege, der von der
Landstrasse zum Dorfe führte, eine herrschaftliche Equipage sich genähert hatte,
dass seine Insassen ausgestiegen und von der entgegengesetzten Seite auf das
Hünengrab gestiegen waren, während der leere Wagen weiter nach dem Dorfe fuhr.
»Gefällt es dir hier, Lydia?« hörten Mus und Ma jetzt eine kräftige Männerstimme
fragen.
    Sie fuhren auf und schauten in die Höhe. Da oben stand ein mächtig grosser
Herr mit schneeweissem kurzem Lockenhaar und einem schneeweissen Schnurrbart,
dessen Spitzen fast die Ohrläppchen berührten. Ein weisses, achtzackiges Kreuz
war auf den blauen Zivilüberrock geheftet; den hohen, runden Hut hatte er
abgenommen, denn erhitzt, wie er von dem Aufstieg schien, trocknete er sich mit
seinem Taschentuche die Stirn, die glatt und rosig wie die eines Kindes glänzte.
    Und neben dem alten Herrn stand ein Mädchen - nein, wohl schon ein Fräulein
- in der Grösse zwischen Röschen und Dezem, aber von so ruhig ernstafter
Haltung, dass es wohl ein paar Jahr mehr zählen mochte als die beiden. Unter dem
breitrandigen Strohhut hing das mattblonde Haar, in zwei dicke Zöpfe geflochten,
bis zu den Knien hinab; nicht nach Kinderart und auch nicht nach der Mode der
Zeit reichte dahingegen das weisse Kleid weit über die Knöchel. Als sie den
langen weissen Schleier zurückschlug, blickte Dezimus in ein Gesicht so schneeig,
wie er noch kein Menschenantlitz gesehen hatte. Die lichte Gestalt auf der Höhe,
wo er im Geiste noch immer den Friedensbogen eingesenkt sah, kam ihm schier vor
wie ein Engelsbild.
    Sie hatte bei der Frage des alten Herrn still den Kopf geneigt und richtete
nun die grossen Augen, dunkel wie Hyazintenblüten, aufmerksam das Tal entlang,
während ihr Begleiter aus ihrer Hand einen Gegenstand nahm, fast so lang wie ein
Spazierstock, aber bei weitem dicker. Dezem dachte an die Posaunen, auf welchen
in des Vaters grosser Erbbibel die himmlischen Heerscharen Halleluja blasen;
Röschen dachte an die Blaserohre, mit welchen die Dorfjungen nach den Spatzen
schossen; da der alte Herr aber die Posaune oder das Blaserohr statt an den Mund
vor das rechte Auge führte und also bewaffnet gleichfalls die Gegend nach allen
Seiten musterte, da Dezimus überdies am Ende des Instruments eine Glasscheibe
blinken sah, war er schlau genug, auf eine Art von Riesenbrille zu schliessen,
mit deren Hilfe irgend etwas Ausserordentliches zu erspähen sei. Vermochte sein
Pastorvater doch die feine Schrift, welche mit blossen Augen er selber bei Tage
nicht unterschied, durch seine Brille die halbe Nacht hindurch ohne Anstrengung
zu lesen, und gehörte seines Pastorvaters Brille doch auch zu den Weltwundern,
über welche der Hirtensohn sich stille Gedanken machte. Er hatte mehrmals
durchzuschauen versucht, aber nichts als grauen Nebel wahrgenommen. Nun brannte
er vor Begierde, es mit dem grossen Rohr zu versuchen.
    »Du, Mus,« flüsterte Röschen ihm in das Ohr, indem sie ihn an den Haaren
zupfte, »du, Mus, der Herr da oben, das ist unser General!«
    Und alsobald hüpfte sie, flink wie ein Eichkätzchen, den Hügel hinan, machte
höflich, wie alle Pastorkinder von Papa und Mama erzogen wurden, vor dem alten
Herrn einen tiefen Knix, reichte ihm den Kranz und sagte dreist: »Da, Herr
General!«
    Der Herr nahm das Rohr vom Auge und legte es hinter sich auf die Bank.
»Woher kennst du denn den General, kleine Maus?« fragte er mit einem
freundlichen Blick auf das hübsche, muntere Kind.
    »Am Bart und am Stern, Herr General!«
    So gut verstand das kleine Pfarrröschen sich auf die Menschen schon zu
Anfang ihres zweiten Stufenjahres. Wo hätte ihr grosser Wiegenbruder wohl so viel
Witz und so viel Mut hergenommen? Er drückte sich verstohlen um den Hügel herum
und erreichte die Höhe von der entgegengesetzten Seite, den Herrschaften im
Rücken.
    Der alte Herr lachte belustigt, hob die Kleine unter den Armen in die Höhe
und küsste sie herzhaft ab, was sie sich ohne Sträuben gefallen liess, trotz des
gewaltigen Barts. »Sag mal, Kind, ist das Haus dort zwischen den Bäumen das
Gut?« fragte er darauf.
    »Nein, unsere Pfarre, Herr General,« antwortete Röschen.
    »So bist du wohl gar ein Pfarrtöchterchen, Kleine?«
    »Freilich; das siebente, Herr General.«
    »Das siebente? Potz tausend! Ist dein Papa zu Haus?«
    »Alleweile noch, ja, Herr General. Wenns aber zum drittenmal läutet, muss er
in die Kirche und ich auch.«
    »So wollen wir während des Gottesdienstes einen Spaziergang machen, Lydia,
und erst danach unseren Pfarrbesuch abstatten,« sagte der Herr zu seiner
Begleiterin, die still beiseitestand. Als er sich nach dem Pfarrtöchterchen
umsah, flog es wie ein Schmetterling den Abhang hinunter und der Gartenpforte
zu.
    Sonntags wurde der Betstunde um ein Uhr halber bald nach der Frühkirche zu
Mittag gegessen, der angekündigte Besuch fiel daher just in die Tischzeit. Papa
würde die vornehmen Gäste natürlich zur Tafel laden, ein vorbereitender Wink
Mama natürlich von Wichtigkeit sein: so hatte Schwester Röschen, die noch nicht
einmal das kleine Einmaleins konnte, während jener Rede blitzschnell kalkuliert.
Wie wäre Bruder Rechenmeister auf solchen Schluss verfallen?
    Der alte Herr wendete sich rückwärts, um seinen Dollond wieder aufzunehmen,
und da lachte er denn noch belustigter als vorhin, indem er hinter der Bank
einen Bauernjungen auf den Knien liegen und ohne es anzurühren durch das
Fernrohr gucken sah, aber wie es eben lag, von der verkehrten Seite.
    Der arme Dezem fuhr in die Höhe und schlug die Augen nieder wie ein
ertappter Dieb.
    »Bist du auch ein Pfarrkind?« fragte der Herr.
    Dezem schüttelte.
    »Aber doch aus dem Dorf?«
    Dezem nickte.
    »Du möchtest wohl gern durch mein Glas gucken, gelt?«
    »Ja, ja!« stotterte Dezem mit freudiger Hast.
    »Nun, so guck! Wohin soll ich es richten?«
    »In die Sonne, gnädiger Herr.«
    »In die Sonne? Ei, was willst du denn in der auskundschaften, Junge?«
    »Ob sie läuft,« antwortete Dezimus jetzt ganz dreist.
    »Nun, probiers, kleiner Kopernikus!« sagte lachend der alte Herr.
    Er richtete das Glas nach der Sonne, und Dezimus starrte hinein, bis ihm die
Augen übergingen; aber entdecken von dem, was da oben getrieben wurde, konnte er
nichts ausser einer Lerche, die mit blossen Augen sich wie ein Schmetterling
ausgenommen hatte und durch das Glas in ihrer natürlichen Grösse erschien. Ein
Wunder blieb freilich auch das, und nachdenklich legte er den Tubus in die Hand
des weissen Fräuleins, das ihn sorgfältig zusammenschob.
    Die Zeit musste hingebracht werden. Der alte Herr setzte sich auf die Bank
und nahm die Tafel, welche Dezimus darauf niedergelegt hatte, zur Hand. Für das
illustrierte Phänomen auf der Rückseite schien der würdigende Sinn ihm zu
gebrechen; die Exempel dahingegen mochten ihn an alte Bakelzeiten erinnern; er
betrachtete sie und versuchte sogar eines von ihnen auszurechnen.
    »Wahrhaftig, Lydia, ich kann nicht mehr multiplizieren,« sagte er nach einer
Weile, indem er lachend den Kopf schüttelte. »Ist leider von jeher meine
schwache Seite gewesen,« setzte er mit einem Seufzer hinzu. »Sind es deine
Aufgaben, mein Junge?«
    Dezimus nickte wieder stumm.
    »Rechne mal hier das, was ich Alter nicht herausbringe.«
    Der Quatermillionenheld wurde rasch damit fertig, machte darauf die Probe
der Division, und als dieselbe ohne Fehl zutraf, schmunzelte der alte Herr:
»Sieh! sieh!«
    Er musterte den Jungen vom Kopf zur Zeh, so wie er einen Rekruten gemustert
haben würde. Der Dezem war ein strammer Bursche, und - ohne Heldenschmeichelei!
- wenigstens ein ehrliches Gesicht ihm nicht abzusprechen. Der schneeweisse
Hemdskragen, die blanken Stiefeln, - vom Helden eigenhändig gewichst! - machten
auch einen guten Effekt. Der alte Herr schüttelte wohlgefällig das schöne,
weissgelockte Haupt. »Wie heisst du, mein Junge?« fragte er.
    »Dezimus Frei, gnädiger Herr.«
    »Dezimus! ein kurioser Name, nicht wahr, Lydia?«
    »Weil ich der zehnte Sohn bin, gnädiger Herr.«
    »Der zehnte Sohn! Potztausend, das nenn ich Segen! Aber halt! halt! wie ist
mir denn? Am Ende gar der arme Schäferjunge, für welchen der Werbener Pfarrer
den König zu Gevatter bat, als ich das letztemal mit ihm in Teplitz war. Wie
lange ist es doch her? Weiss Gott schon acht Jahr. Auch dein Vater, Lydia, hat
mir dazumal - wie einem derlei alte Geschichten doch plötzlich wieder
auftauchen! - über die tolle Dezemswirtschaft unter meinem Patronat gründlich
die Leviten gelesen. Ich habe herzlich über die Geschichte gelacht. Bist du der
Königspate, Junge?«
    Dezimus sagte: »Ja.« Zum ersten Male war er stolz auch auf die zeitliche
Ehre, die ihm in der heiligen Taufe angetan worden war. Ja, so stolz, dass er auf
das weisse Fräulein, das ihm bisher unnahbar feierlich gegenübergestanden hatte,
nahezu verwegen seine Augen richtete.
    »Prächtig, prächtig!« rief der alte Herr, indem er sich vergnügt die Hände
rieb. »Wie das unsere alte Majestät amüsieren wird! und welchen stattlichen
Gardisten kann ich ihm in Aussicht stellen! Flügelmann im ersten Garderegiment,
Feldwebel, schliesslich Zahlmeister mit Leutnantskompetenz - was sagst du zu der
Karrière, Königspate?«
    Der Königspate sagte nichts dazu; er ahnete nicht im entferntesten, was
diese Würden zu bedeuten haben. Da aber ein so hoher Gönner sie in Vorschlag
brachte, musste der Ersatz für den Verwalter ein unermesslicher sein; und das
freute ihn in die Seele seiner Pastormutter, die diesen missglückten Posten noch
immer nicht verwinden konnte. Aufgetaut, wie er einmal war, schwoll ihm das Herz
von stolzem Glück. Noch nie hatte ein Mensch ihn gefragt: Wie ist dirs ergangen?
Wie hast dus getrieben in deinen langen acht Lebensjahren? Noch nie hatte er
einem Menschen die Wohltäter rühmen können, die ihm der Inbegriff alles Würdigen
waren; der alte Herr lächelte über die treuherzige Weitschweifigkeit des kleinen
Schwätzers, und selber das stille weisse Fräulein belebte sich bei der Vorführung
von Pastorvater und Pastormutter, von den sechs grossen Schwestern und der
kleinen siebenten, die eigentlich sein Zwilling sei. Auch Kantor Beifussens und
der litauischen Lene wurde gebührentlich Erwähnung getan, und nur erst, als der
alte Herr ihn mit der Frage unterbrach: ob er den alten Mehlborn kenne? da
stockte der Redefluss einen Augenblick, dann jedoch wurde wahrheitsgemäss
erwidert, der Dezem kenne den Herrn Amtmann freilich ganz genau, da selbiger ja
auch sein Herr Pate sei und es früherhin so gut mit ihm gemeint habe, dass er ihn
sogar zu seinem Inspektor machen wollen. Seit dem Tode der Frau Amtmännin könne
der Herr Amtmann den Dezem aber nicht mehr leiden, und seitdem der Herr Amtmann
hinunter auf das Talgut gezogen sei - -«
    Der alte Herr fuhr von der Bank in die Höhe. »Wie, was?« brauste er auf,
»der Mehlborn wohnt nicht mehr im Schloss? Aber zum Henker! das verdirbt mir ja
das halbe Gaudium! Wann ist er denn - - -« Er hatte nicht Zeit, die Frage zu
vollenden; denn: »Dort kommt der Herr Prediger, lieber Onkel!« rief das weisse
Fräulein; und wirklich bog Pastor Blümel, bereits im Ornat, hastigen Schrittes
um die Gartenhecke. Röschen flatterte wieder vor ihm her wie ein Schmetterling.
    Der fremde Herr ging ihm mit ausgestreckten beiden Händen entgegen.
    »Ihr liebes Töchterchen hat unser Inkognito zu Ihnen ungelegener Stunde
aufgehoben, Herr Pfarrer,« sagte er. »Richtig gespürt hat indessen das kleine
Ding. Ich bin in der Tat der General von Hartenstein, und diese hier ist meine
Nichte, die Tochter des Propstes, den Sie ja kennen.«
    Pastor Blümel freute sich - und wie von Herzen! - des ersehnten
Bekanntwerdens, bedauerte, durch sein Amt für ein paar Stunden in Anspruch
genommen zu sein; rechnete aber, wie sein Liebling wiederum richtig
vorausgespürt, auf das Glück, Onkel und Nichte als Mittagsgäste in seinem Hause
zu begrüssen.
    Der General nahm ohne Umstände an. »Es ist ein leidiger Anlass,« sagte er
darauf, »der mich zum ersten und voraussichtlich zum letzten Male in meine
Besitzung führt. Davon indessen später. Leider höre ich, dass mein Pächter seine
Residenz verlegt hat. Besucht er Ihre Kirche regelmässig?«
    »Nur noch die seines eigenen Gutes, das mein Filial ist, Exzellenz.«
    »Bon!« versetzte heiter die Exzellenz. »So möchte ich heute seinen
Kirchenplatz einnehmen. Denn vor der Eröffnung, die ich ihm zu machen habe, und
auf die ich mich bei aller Kläglichkeit des Anlasses freue wie ein Schneekönig,
item vor dieser Eröffnung an seiner Seite Ihren Segen, Herr Pfarrer, zu
empfangen, würde mich einigermassen gotteslästerlich angemutet haben.«
    Die beiden Herren schlugen den Kirchpfad längs der Gartenmauer ein. Röschen
flatterte wieder voran, Mama den zusagenden Bescheid zu hinterbringen. Dezimus
ging mit dem weissen Fräulein hinterdrein. Beide schwiegen eine Weile still. Der
Bauernjunge im blauen Leinenkittel wusste nichts, womit er das vornehme weisse
Fräulein privatim hätte unterhalten können, und das vornehme weisse Fräulein
mochte von dem Bauernjungen bereits zur Gnüge unterhalten worden sein. Endlich
fragte sie aber doch:
    »Du hast wohl noch niemals durch ein Fernglas gesehen?«
    
    Er antwortete: »Nein«; weil er jedoch allemal beherzt wurde, wenn auf seine
Wunder die Rede kam, setzte er hinzu: »Ich möchte aber alle Tage durch solche
Gläser sehen können.«
    »Hast du schwache Augen?«
    »Nein, Falkenaugen, sagt die Mutter.«
    »Wozu brauchst du dann ein Glas?«
    »Weil ich in den Himmel blicken möchte.«
    »An den Himmel meinst du wohl, Dezimus. In den Himmel blicken wir hienieden
nicht. Wenn du grösser wirst, musst du einmal auf eine Sternwarte gehen.«
    Dezimus fragte, was eine Sternwarte sei, und das weisse Fräulein belehrte
ihn, soweit als ein zehnjähriges, frühreifes Kind über ein derartiges Institut,
dessen forschende Insassen und deren Werkzeuge zu belehren vermag. Sie erzählte
auch, dass sie mit ihrem älteren Bruder von dessen Hofmeister auf das
Observatorium ihrer Vaterstadt geführt worden sei und dass sie durch ein
mächtiges Fernrohr die Berge auf dem Monde deutlich gesehen habe und eine Menge
Sterne, die sie mit blossen Augen gar nicht wahrgenommen, deutlich wie die
leuchtendsten am Himmel.
    »Ist Ihre Vaterstadt weit?« fragte Dezimus mit fliegendem Atem. Ihm
schwindelte das Hirn.
    »Sehr weit,« antwortete das weisse Fräulein. »Ich glaube aber, eine
Sternwarte gehört zu jeder Universität, und ihr habt ja mehrere
Universitätsstädte in der Nähe. Gestern haben wir in einer übernachtet, und
heute wollen wir in einer anderen übernachten. Da kannst du ja leicht einmal
hinkommen, Dezimus.«
    Wieviele Menschen sind sich wohl bewusst, in welchem Momente die Sterne,
welche ihr Leben regieren sollten, zum ersten Male an ihrem Horizont gedämmert
haben? Dem Hirtensohne von Werben dämmerte der seine in den Minuten, wo das
schöne weisse Fräulein ihm verkündete, dass die grossen und kleinen Lichter am
Himmel Welten seien, wie unsere Erde eine ist, und dass es kluge Männer gäbe, die
ihre Bahnen zu berechnen wissen.
Unter der Kirchtür trafen sie mit den beiden Herren und Röschen zusammen; die
älteren Schwestern waren schon vorausgegangen; Frau Hanna gestattete sich, an
diesem Ausnahmsfeste Herrendienst vor Gottesdienst gehen zu lassen. Da der
Prediger seinen Eingang durch die Sakristei zu nehmen hatte, wurde Dezimus mit
der Ehre betraut, die Herrschaft in den Patronatsstuhl zu geleiten. Lydia
erklärte indessen, dass sie des Oheims Rückkunft auf dem Gottesacker erwarten
werde.
    »Du kleine Betschwester willst die Sabbatfeier schwänzen?« fragte Herr von
Hartenstein lachend.
    »Der Vater würde es nicht erlauben,« versetzte Lydia sehr leise, aber
bestimmt.
    Der General stampfte mit dem Fusse. »Narretei und kein Ende!« rief er
unwillig. »Allons, voran!«
    Pastor Blümel aber sprach nach einem langen Blick in das bleiche, ernste
Kindergesicht: »Ihre Nichte handelt recht, Exzellenz!« Und seit diesem ersten
Blick hat er nicht minder wie sein Dezem Lydia von Hartenstein wie eine
Idealgestalt in seiner Seele gehegt.
    So blieb das weisse Fräulein denn zurück, und das Pfarrröschen wurde ihr zur
Gesellschaft vom Kirchenbesuche dispensiert. Sie klatschte vor Vergnügen in die
Hände, während die andere sich still auf einen alten Pastorgrabstein neben der
Kirchtür niederliess.
    Dezimus dagegen schritt als Majordomus dem Gutsherrn voran zu dem Erbstuhl
der Werben und nahm, auf des Herrn Befehl, auch an seiner Seite Platz, welche
Auszeichnung halb eingeschlummerte böse Erinnerungen an das Hutmannshaus in der
frommen Zuhörerschaft aufstörte. Denn so klug wie sein Röschen war Pastor
Blümels Gemeinde auch: männiglich erkannte den General an Bart und Stern. »Die
Exzellenz!« raunte man sich von Ohr zu Ohr. Solch denkwürdigen Gottesdienst
hatte man in beiden Werben nicht erlebt, seit Anno 17 die Lutereiche gepflanzt
worden war. Nicht das älteste Mütterchen nickte ein; alle Augen hingen an dem
stattlichen Herrn, dessen mächtiger Bass Orgel und Chor übertönte. Dezimus hielt
ihm gewissenhaft das Gesangbuch unter das Gesicht; weil der alte Herr aber
vorzog, ohne Brille sich in der Kirche umzusehen statt mit der Brille in das
Buch, sang er aus dem Kopfe, und wollte der Kirchenvogt, als er den
Klingelbeutel herumtrug, erhorcht haben, dass der Herr der Melodie des
Morgenliedes »Mein erst Gefühl sei Preis und Dank« den Text des Reiterliedes
»Frisch auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!« untergeschoben habe. Der
Kirchenvogt meinte indessen, einer Exzellenz, die statt eines Pfennigs einen
Taler in den Klingelbeutel stecke, einer solchen Exzellenz werde ein Text nach
ihrem Gusto wohl zu gestatten sein.
    Nun aber die Predigt. Sie klang vom ersten Gruss bis zum letzten Amen wie
eine Ruhmeshymne nicht nur in den Ohren der friedfertigen Gemeinde, sondern auch
in denen des tapferen Waffenbruders, zu dessen Ehren der sorgfältig
ausgearbeitete Perikopentext für den nächsten Jahrgang beiseitegelegt und dem
heroischen Priestergeschlecht der Makkabäer ein heroisches königlich preussisches
Soldatengeschlecht an die Seite gestellt worden war. Niemals hatte Konstantin
Blümel schwungvoller extemporiert, niemals waren ihm seine grossen Erinnerungen
so freudig aus der Seele geströmt. Er schilderte den Lebenslauf eines
vaterländischen Helden vom ersten Erwachen noch unter des einzigen Friedrich
wehender Siegesfahne, durch Drangsal und Erlösung bis zu den abschliessenden drei
Salven über dem frisch gefüllten Hügel. Dem närrischen Dezem fiel über der Rede
das gestrige Abendlied ein, und Mutter Sonne wurde ihm zu einem hohen General.
»Er kommt und leuchtet und strahlt uns von ferne und läuft den Weg gleich als
ein Held.«
    In der Gemeinde hatte die Predigt einen gewaltigen Eindruck gemacht und der
»neue« Pastor samt seinem Preussentum binnen achtzehn Jahren den ersten festen
Schritt in die Gemüter getan. Seit heute wusste man, was man an dem Manne und an
dem Vaterlande, welches das unsere geworden war, besass. »Sprit haben sie, diese
Preussen,« sagte am Abend in der Schenke der Schulze Tränhard zu dem Hoferben
des alten Walbe. »Und Kurage haben sie auch, das muss man ihnen lassen. Aber,
aber, wenns mit den drei Salven nur nicht vorgespukt hat, Nachbar!«
    Auch der gefeierte Held sagte auf dem Heimwege zu dem Prediger: »Wolle der
Himmel, Freund, dass die Grabrede, die ich einmal nicht hören werde, so rühmlich
lautet wie die, mit welcher Sie mich heute a priori erbaut haben.« Und der alte
Herr lachte bei den Worten, doch mit einer Träne in der Wimper; Pastor Blümel
aber hätte die drei Salven lieber ungelöst gelassen.
    Weit unbefriedigender war der Erfolg, welchen das Pfarrröschen mit seiner
Gespielin erzielte. Sie hatte das kindesmögliche vorgeschlagen, das närrische
Mädchen von dem alten Pastorstein fortzulocken: Blumen pflücken, Kränze winden,
im Garten Beeren suchen, zu Mama in das Haus gehen, Kochens spielen und wer weiss
was noch. Das närrische Mädchen hatte zu einem wie dem anderen schweigend den
Kopf geschüttelt, während des Gesanges und der Liturgie unbeweglich mit
gefaltenen Händen gesessen und, als sie drinnen die Predigt beginnen hörte, aus
einem Täschchen, das ihr am Gürtel hing, ein kleines Neues Testament
hervorgezogen, in welchem sie die Kapitel des Evangeliums und der Epistel des
Tages andächtig las. Röschen war währenddessen in das Haus gelaufen und rasch
zurückgekehrt, in einem Arme ihre Wickelpuppe, in der anderen ihre Tirolerin,
die sie mit Stolz präsentierte. Da das närrische Mädchen aber nur abwehrend mit
der Hand winkte, hatte Röschen ein Mäulchen gezogen, dann aber hellauf gelacht
und, ohne sich weiter um ihren Gast zu kümmern, begonnen, sich auf eigene Hand
zu unterhalten. Sie pflückte zwischen den Gräbern Wegebreitblätter und kleine
Blüten, heftete sie mit Dornen zu zierlichen Puppenhütchen zusammen und legte
sie auf einem Leichenstein wie in einem Putzladen aus, dem die Tirolerin als
Ladenmamsell präsidierte. Röschen hätte bei ihrem Geschäft gern ein Liedchen
gesungen mit den Lerchen hoch oben im blauen Himmel um die Wette; aber das
schickte sich dicht an der Kirchtür, während Papa predigte, am Ende doch wohl
nicht; Röschen sang ihr Liedchen nur im Herzen.
    So sassen die beiden Kinder, jedes nach seiner Art beschäftigt, auf den alten
Pastorsteinen sich still gegenüber, bis die Leute aus der Kirche kamen und nun
auch Dezimus sich zu ihnen gesellte.
    »Du hast zu Hause wohl viel schönere Puppen als meine?« fragte Röschen,
während sie selbander nach der Pfarre gingen.
    »Ich habe gar keine Puppen,« antwortete Lydia; »aber die, mit welchen meine
Schwestern spielen, sind nicht so schön gekleidet wie diese.«
    »Mit was spielst du denn aber, wenn du keine Puppen magst?«
    »Ich habe sonst mit meinem kleinen Bruder gespielt, und jetzt spiele ich mit
meinem Schwesterchen.«
    »Wie alt ist denn dein Schwesterchen?«
    »Sechs Wochen.«
    »Aber mit einem Wickelkinde kann man doch nichtspielen.«
    »Doch! Besser wie du mit deiner toten Wickelpuppe.«
    »Ich spiele mit meiner Wickelpuppe aber auch nur, wenn mein Mus nicht da
ist. Sonst spiele ich immer mit meinem Mus.« Und dabei zupfte sie ihren Mus
neckisch an den Haaren und flüsterte ihm in das Ohr: »Du, Mus, dies fremde
Mädchen ist noch weit närrischer wie du mit deinen Sternen.«
    In der Weinlaube vor dem Hause empfing Frau Hanna ihre Gäste. Da an diesem
ausserordentlichen Tage das Abhalten der Betstunde dem Adlatus Beifuss übertragen,
das Diner demnach zu einer späteren Stunde als der, in welcher Exzellenzen ihr
Frühstück zu nehmen pflegen, angesetzt worden war, hatte die kluge Hausfrau für
einen Imbiss gesorgt, einen Ohnmachtsbissen, wie sie lachend sagte, weil
Kirchenluft zu zehren pflege. Die Exzellenz lobte ihre Fürsorge und tat ihr Ehre
an; alle anderen aber auch; sogar das weisse Fräulein, von welchem Dezimus es
doch weit natürlicher gefunden haben würde, wenn es sich bloss von Mondenschein
und Sonnenstrahlen genährt hätte.
    Nach dem Ohnmachtsbissen verfügten die beiden Herren, um durchaus ungestört
zu sein, sich in das geistliche Gemach; auf besonderen Wunsch der Exzellenz
folgte ihnen die Hausfrau, nachdem sie ihre wirtlichen Obliegenheiten mit den
exaktesten Vorschriften den beiden erwachsenen Töchtern, die noch im Hause
waren, übertragen hatte; die Kinder tummelten sich im Garten.
    Der General von Hartenstein gehörte von Natur nicht zu der Spezies, die aus
ihrem Herzen eine Mördergrube macht. Heute aber war ihm erst unter dem
Heldenlauf im Gotteshause und dann unter den fröhlichen Menschengesichtern in
der Gartenlaube die Seele absonderlich flott geworden, und sprudelte er nun ohne
Bedenken aus, was bis zur Stunde schwer auf ihr gelastet hatte.
    »Habe ich«, so hob er an, »jemals eine Kreatur gehasst, so ist es diesen
Mehlborn. Denn einen Feind, den er bewundert, wie den Napoleon etwa, den hasst
kein Soldat, so was mir hassen heisst. Er ringt mit ihm Mann wider Mann, und gibt
Gott die Ehre, hat er ihn abgetan. Aber diese bäurische Kanaille - zertreten
möchte ich sie wie ein widriges Reptil!«
    Pastor Blümel schreckte mit einer Gebärde des Entsetzens zusammen. Sein Gast
reichte ihm über den Tisch hinüber die Hand und sagte mit seinem
Hartensteinschen kordialen Lachen: »Beruhigen Sie sich, frommer Herr. Ich
erfreue mich, Gott seis geklagt! nicht des nervus rerum, mit dessen Hülfe einem
Mehlborn der Garaus gemacht wird; nur auf einen, - nun wie sage ich doch gleich?
- nun, auf einen Schabernack ist es abgesehen, und dieses Gaudium denke ich mir
heute nachmittag zu bereiten, indem ich zu dem Patron sage: Unser Kontrakt läuft
mit diesem Jahre ab. Die Pachtung ist anderweitig vergeben. Mein Justitiarius
wird Ihr Darlehn tilgen samt Zins und Afterzins. Salve, auf Nimmerwiedersehen!
Der Scherz ist mir zur Hälfte vereitelt, da ich den Schächer nicht mehr aus dem
Tempel jagen kann. Den kleinen Racherest sollen Sie mir aber gönnen, Freund.
Denn, Hand aufs Herz: wie würde Ihnen zumute sein, wenn Sie, ein alter,
lendenlahmer Wicht wie ich, Ihren Sohn, Ihr einziges Kind, am Rande eines
Abgrundes taumeln sahen, und der Nächststehende, der, welcher allein ihn retten
konnte, zog seine Hand zurück und liess ihn sinken?«
    »Exzellenz - -«
    »Still, Freund, still! Ich weiss, was Sie mir vorhalten dürfen. Die
Stirnlocke hat sich mir weit über die ziemlichen Jahre hinaus gebleicht, und ich
ziehe kein Jota von meiner Torheit ab. Auch meinen armen Jungen kann und will
ich nicht rein waschen. Aber was wollen Sie? Er wuchs heran in einer
tatenreichen Zeit und ward zum Mann in diesen faulen Schlendertagen. Seitdem wir
Hartensteine von Ahnen wissen, rumort in unseren Adern Soldatenblut. Nehmen Sie
meinen Bruder an, den Propst, zu welchen Windmühlenkämpfen die Hartensteinsche
Ader ihn hetzt. Sie werden ihn einen Don Quixote nennen - -«
    »Gott sei dafür, Exzellenz!« unterbrach ihn der Pastor mit Wärme. »Es ist
als Diener im Amt mein bitterster Schmerz gewesen, die Toleranz zur Tyrannei
werden zu sehen, und es ist nur natürlich, dass die Treue den Trotz gebiert.«
    »Nun, wie Sie wollen, Pastor,« entgegnete der General. »Um so eher werden
Sie zugestehen, dass es ein Kunststück ist, wenn solch ein prickelndes junges
Soldatenblut am häuslichen Herdfeuer ausdauert, ohne überzuschäumen oder
einzusickern. Eine zärtliche Huldin wie meine Schwägerin Ottilie, so ein Weib in
Gottes Namen, die hätte das Kunststück allenfalls fertiggebracht, aber diese
bäurische Marzibille - -«
    »Verzeihen Sie, Exzellenz,« fiel bei dieser Wendung Frau Hanna dem
aufgebrachten Herrn in das Wort. »Verzeihen Sie, wenn ich Ihr Urteil über die
Mutter Ihrer Enkel zu berichtigen wage. Frau Brigitte von Hartenstein ist nicht
nur eine charaktervolle, sie ist auch - trotzdem sie meine Schülerin war, fragen
sie nur Konstantin - eine gediegen gebildete Frau.«
    »Aber wer bestreitet denn das, Verehrteste?« erwiderte der General.
»Gediegen wie eine Barre. Mit ein wenig unsoliderem Zusatz legiert, würde sie
handlicher geworden sein. Sie lächeln, werte Frau? Ei nun, so zu lächeln hätten
Sie Ihre Schülerin lehren sollen. Aber solch eine Gangart, wie auf hoch
gespanntem Seil, Schritt für Schritt, die Balancierstange in der Hand und
zwischen den Lippen einen scharf geschliffenen Stahl, - - still davon! Es ist
überstanden. Was übersteht einer nicht? Mein armer Junge, - helf ihm Gott! Der
Kaukasus ist eine Schule. Zum äussersten ein Tscherkessenblei! - Den Vater, der
schon in der Rheinkampagne gefochten, triffts, ist der Himmel gnädig, nicht mehr
mit. Still davon!«
    Der alte Herr machte eine Pause. Es ging kein Atemzug durch das geistliche
Gemach.
    »Was ich aber niemals überwinden kann und will,« so fuhr der General,
nachdem er sich gefasst hatte, fort, »was mich stacheln wird, solange meine Augen
offen stehen, ist, dass ich auf mein Fleisch und Blut den geringfügigsten
Einfluss, ja den natürlichsten Anteil an ihm verwirkt haben soll, dass ich, ohne
es hindern zu können, erleben muss, wie der alte, tapfere, lebensfrohe Pulsschlag
meines Geschlechtes entartet dort unter der Geissel eines Schwärmers, hier unter
dem Dreschflegel in einer Bauernfaust.«
    Pastor Blümel sass still in sich versunken; er durchlebte im Geiste die
Peripetien eines Vaterherzens, das sich in derlei wunderlichen Sprüngen des
Leides und der Laune offenbarte, und überliess auch diesmal seiner Hanna, das
beschwichtigende Wort an seiner Statt auszusprechen.
    »Wer, der selber Kinder hat, empfände diesen Stachel Ihnen nicht nach,
Exzellenz,« sagte sie seufzend, setzte darauf aber mit ihrem wirksamen Lächeln
hinzu: »Wenn indessen der Verdruss eines Widersachers ein Trost ist, so halten
Sie sich an den, dass der mütterliche Grossvater Ihrer Enkel den nämlichen Pfahl
in seinem Fleische fühlt, da die Tochter auch ihm den geringfügigsten Einfluss
auf ihre Kinder verwehrt und dieselben seinem Zürnen zum Trotz in gebildeten
Lebenskreisen erzieht.«
    »Wirklich! wirklich!« rief der alte Herr, indem er sich vergnügt die Hände
rieb. »Ei nun, ähnlich sieht ihr diese kindliche Gemütlichkeit, und Sie haben
recht: ein Trost bleibt es immer, wenn auch nur ein halber. Jetzt aber steht es
fest: morgen dringe ich bei ihr ein, mag sie ein Gesicht schneiden, so sauer sie
es fertig bringt. Ich will und muss mich überzeugen, was sie aus den Kindern
macht, ich will und muss meine Enkel wiedersehen - vielleicht zum letzten Male
sehen. Und nun zur Hauptsache: wie, glauben Sie, wird Brigitte die Überraschung
aufnehmen, dass ich Hochwerben verkauft habe?«
    »Verkauft - und nicht an den Amtmann?«
    »Würde es dann für Brigitte eine Überraschung sein? Nein, an meine
Schwägerin.«
    »Die Gemahlin des Propstes?«
    »Leider nicht an sie. Auch diese liebe Seele ist eine Hartenstein geworden,
das heisst, sie hat ihre Geldtasche nicht fest genug gehalten, um einen alten
Familiensitz gegen einen Mehlborn zu behaupten. Just ihr indessen wird der
Handel wie jetzt, so hoffentlich dereinst zugute kommen. Die Käuferin ist ihre
Tante, Schwester ihrer Mutter und meiner seligen Frau; ein lediges Fräulein in
meinen eigenen blühenden Jahren, die Letzte der Werben.«
    Hätten in dem bescheidenen Pfarrhause schöngeistige Zeitblätter Eingang
gefunden, so würde für dessen Insassen die neue Patronin keine Unbekannte
gewesen sein. Denn da erschien wohl selten eine Korrespondenz aus »Elbflorenz«,
ohne Tusneldas von Werben als einer Polyhymnia oder mindestens Mäzena zu
gedenken. Ihr Geist, ihre Originalität, ihr Harfenspiel, die schönsten
Frauenarme - noch im siebenzigsten Jahr! - wurden gerühmt und sogar besungen;
aufrichtig besungen, denn Ironie zählte nicht stark zu der Ästetik ihrer Zeit
und Zone. Das gastliche Werbensche Haus in der Ostraallee, als dessen
Spezialität es galt, dass neben ausgesuchten künstlerischen Genüssen diejenigen,
welche Leib und Seele zusammenhalten, nicht verabsäumt wurden, war ein Zielpunkt
der einheimischen wie durchziehenden Hautevolee; auch der des Geistes, und
letztere revanchierte sich für obenerwähnte Genüsse durch obenerwähnte
Huldigungen.
    Aber Pastor Blümel und seine Hanna gehörten zu keiner Art von Hautevolee,
leider ja nicht einmal zu der des Kirchentums; sie waren in der neuen Provinz
niemals über ihre beiden kleinen Nachbarstädte hinausgekommen, hatten niemals
ein Exemplar der Abendzeitung oder Eleganten Welt in der Hand gehalten, und da
weder die preussische Staatszeitung noch ein teologisches Fachblatt der
Harfenkönigin Tusnelda von Werben jemals Erwähnung getan, gutsherrliche
Traditionen aber seit einem Menschenalter in der Gemeinde erloschen waren, war
nicht bloss die Bedeutung, sondern sogar die Existenz einer noch lebenden
Werbenschen Schwester neben den beiden verblichenen dem Pfarrerpaar eine
absolute Neuigkeit; um so lebhafter aber auch das Interesse an dem, was der
bisherige Patron mit bravem Reiterhumor von der gegenwärtigen Patronin
berichtete.
    Eingängliches war es just nicht, und eine Besserung der Patronatszustände
deutete es leider auch nicht an. Ein geistreiches Weltkind, das in der Jugend,
wenngleich reich und schön, den Dienst der Musen dem der Laren vorgezogen, nach
dem Verlust einer trefflichen Singstimme es im Harfenspiel zu ungewöhnlicher
Virtuosität gebracht und den Mittelpunkt eines grossen geselligen Kreises
gebildet hatte, darauf beschränkte sich ungefähr, was der Schwager von der
Schwägerin wusste oder mitzuteilen beliebte. Die Dame war überdies - keineswegs
aus religiösem Drang, sondern lediglich weil das Vaterland ihren gesteigerten
ästetischen Bedürfnissen Gnügendes nicht mehr bot - in alten Tagen noch gen Rom
gepilgert, mit der noch kürzlich ausgesprochenen Absicht, bei Lebzeiten nicht in
die Heimat zurückzukehren, dahingegen dereinst ihre Gebeine, statt unter der
Pyramide des Cestius, in der Werbenschen Erbgruft eine Ruhestatt finden zu
lassen. »Ein Indizium,« so meinte der alte Herr, »dass auch in der verdrehtesten
aller schöngeistigen und freigeistigen Schrauben eine patriarchalische Erbader
nicht zu verwüsten ist.«
    »Meiner Person«, so erklärte er weiterhin, »war die Harfenistin, wie man so
sagt, spinnefeind. Nicht sowohl aus königlich sächsischem Patriotismus, denn die
Musen und ihre Jünger sollen ja Kosmopoliten sein; vielmehr aus Verdruss, weil
ihr Vater meiner Frau und nicht ihr, der ältesten Tochter, die Werbenschen
Erbgüter hinterlassen hatte. Zugegeben, dass sie diese standhafter als meine gute
Sidonie behauptet haben würde. Die Harfenistin hat ihre bare Abfindung zwischen
ihren geschmeidigen Fingern nicht nur wacker zusammengehalten, sondern noch
klüglich vermehrt; auch von anderer Seite ist ihr eine Erbschaft zugefallen, sie
gilt für eine sehr reiche Person und hatte das Zeug dazu, es zu werden. Aber was
wollen Sie? Zum Erben von Land und Leuten sucht ein Mann sich einen Mann, und
wenn Künstlerinnen auch nicht altern, der Vater rechnete nicht nach dem Genie,
sondern nach dem Kalender und dachte: immer noch besser ein preussischer, mit
einem Sohne gesegneter Oberst, als eine sächsische alte Jungfer. Kurz und gut:
Sidonie erhielt die Güter, und die Fäden zwischen der Harfenkönigin und der
Soldatenfrau rissen seitdem kurz und klein. Ich tat daher schlechtin einen
Schuss ins Blaue - auch, weiss Gott! nicht mit vergnüglichem Herzen! -, als ich
ihr vor einiger Zeit den Vorschlag machte, das letzte Familiengut den Krallen
dieses Mehlwurm zu entwinden, will sagen, es mir zu einem zivilen Preise
abzukaufen, und seit dem Abschied von meinem armen Jungen hat mir zum ersten
Male wieder ein Tropfen geschmeckt, als sie umgehend, kurz und bündig, meinen
Vorschlag akzeptierte und eine Kaufsumme bewilligte, just hinreichend, dass kein
Schmuhl und kein Mehlborn sagen sollen, sie seien durch die Hartenstein Vater
und Sohn um eines Deutes Wert zu kurz gekommen. Für die Enkel mag einer sorgen,
dem Sorgen leichter wird als den Hartenstein. Eingebüsst haben sie durch den
Handel nichts, - der alte Bauer wird das ausgezahlte Kapital nicht zum Fenster
hinauswerfen; - leicht aber könnten sie nach anderer Seite einer Erbaussicht
näher gerückt worden sein. Mein Sohn und Ottilie sind Tusneldens nächste
Blutsverwandte, und wird sie den alten Stammsitz nicht, wie vielleicht ihr
bewegliches Vermögen, in fremde Hände kommen lassen. Blieb also nur die
Rücksicht auf Brigitte - -«
    »Die,« fiel die Pastorin ein, »dafür bürge ich, Exzellenz, aus der
Entäusserung weder Ihnen einen Vorwurf machen noch auf einen Vorteil für die
Zukunft rechnen wird.«
    »Nun, um so besser!« versetzte gutmütig der alte Herr. »Ich will kein
Vatergefühl für diese Tochter heucheln, kann ihrerseits mich auch keiner
Tochterzärtlichkeiten rühmen. Allein auf Rosen ist sie in meiner Familie nicht
gebettet gewesen, und sie zu guter Letzt noch mit einem Dorne ritzen zu müssen,
würde mir wahrlich den sonst so erwünschten Handel verleidet haben.«
    Der alte Herr machte von neuem eine Pause; auch das Pfarrerpaar schwieg. Er
wie sie legten nach ihrer Art sich die Veränderungen zurecht, die urplötzlich
über eine liebe Heimat gekommen waren.
    »Nach dieser Eröffnung«, hob Herr von Hartenstein wieder an, »bin ich noch
mit einer zweiten im Rest, die Sie, Freund, als Ortspfarrer nicht sonderlich
anmuten, Ihr gutes Herz aber, denkich, mit mir altem Schadenfroheinigermassen
aussöhnen wird, da dieses Anliegen weit mehr als der Mehlbornsche Kitzel es war,
das mich bewogen hat, in den sauren Apfel der Unterhandlung mit meiner
feindlichen Schwägerin zu beissen. Es handelt sich um meinen Bruder, den Propst.
Sie kennen ihn und wissen, wie er sich gegen die Auslegung dreier Buchstaben
gebäumt, Amt und Brot dafür in die Schanze geschlagen und, wie billig, den
kürzeren gezogen hat. Sie werden vielleicht auch gehört haben, in welcher Weise
er es seitdem unter den Getreuen seiner alten Gemeinde getrieben, dem Anschein
nach als Privatmann, in Wahrheit als geistliches Parteihaupt, kurz und bündig:
als konservativer Revolutionär. Der Name Hartenstein hat ihn bisher geschützt;
aber die Allerhöchste Langmut ist erschöpft. So oder so: er muss zur Ruhe
gebracht werden. Sehr möglich, dass es dem Starrkopf gar nicht unerwünscht
gewesen wäre, hinter Schloss und Riegel mit einer bescheidenen Märtyrerkrone
verehrt zu werden und bei einem Umschlag im Regiment - wie er sich fest
überzeugt hält - mit einer Siegerkrone um so strahlender zu leuchten. Zu seinem
Glück oder Unglück ist er seinem Helden Luter aber auch in den heiligen
Ehestand gefolgt, und hat die Familiensorge, zumal bei seiner Kränklichkeit, ihn
mürbe gemacht. Was soll ich weiter sagen? Er ist ein Hartenstein; das heisst ein
unbesonnener Haushalter und ein Stümper in allem, was die Welt Geschäfte nennt.
Schon als er die reichste Pfründe der Provinz innehielt, kam er niemals aus.
Seitdem er sie verscherzt hatte, seitdem es obendrein galt, abgesetzte
Amtsbrüder, bedürftige Glaubensgenossen, Schüler und Konventikel zu
unterstützen, Traktate auf eigene Kosten drucken zu lassen, lebte er von der
Schnur. Allerwege offenes Haus und offene Hand, allerwege wie ein Prälat im
guten Glauben apostolischer Einfachheit; dazu unkluge Anlagen und superkluge
Anwälte, insolvente Schuldner und insolente Gläubiger, wer, der ein Hartenstein
ist, wüsste nicht ein Lied über diesen Text zu singen? Wenn uns die Schuppen von
den Augen fallen, ist es regelmässig zu spät. Enfin: Not bricht Eisen; er geht
ins Exil, will sagen: nach Werben!«
    »Nach Werben?« rief das Pfarrerpaar aus einem Mund.
    »Nach Werben! In das Bereich der alten Heidin Tusnelda, die er mit Augen
zwar niemals gesehen, mit Worten jedoch um so öfter in den Bann getan hat. Sauer
genug mag es ihm ankommen. Aber der Blösse musste ein Anstandsmäntelchen
umgehangen werden. Er ist trotz allem und allem ein Hartenstein und die Heidin
trotz allem und allem eine Blutsverwandte. Wo würde er einen schicklicheren
Ruheplatz gefunden haben? Das Schloss wird restauriert; nicht, wie mir die alte
Kunstseele schreibt, weil sie selbst es jemals zu bewohnen gedächte, sondern
weil sie sogar in Rom keine Freundin von Ruinen geworden sei, am wenigsten von
modernen. Da aber bewohnte Räume sich besser als unbewohnte erhalten, könne es
ihr nur erwünscht sein, wenn dieser postume Kirchenvater sich in den ihren
einen Familientempel errichten wolle. Nun, ich sollte denken, Freund, dass man
weniger demütigend keine Notilfe leisten könne.«
    »Aber, Exzellenz,« entgegnete Pastor Blümel, »eine Gemeinde, eine
Landschaft, in welcher der eiferartige Herr weit und breit keinen
Gesinnungsgenossen treffen wird - -«
    »Sind eben darum die geeigneten für den eiferartigen Herrn,« versetzte der
General. »Die Isolierhaft auf einem Familiengute, das binnen kurzem
voraussichtlich sein Erbe sein wird - denn die Mehlbornsche Kreuzung in meinem
Nachwuchs wird, fürchte ich, der Letzten der Werben nicht sonderlich anziehend
sein -, in lachender, wohlhäbiger Umgegend kann sich ein Märtyrer schon gefallen
lassen. Dieser Blick in das Tal - - ich hätte hier wohl meine Tage beschliessen
mögen. Vorbei, vorbei! Ich sterbe, wie ich gelebt, als ein Hartenstein, als
Soldat!«
    Der alte Herr sprang auf und machte einen Gang durch das Zimmer. »Uff!« rief
er, »solch ein Vortrag strapaziert ärger als ein Gefecht. Ein Glas Wasser,
bitte, liebe, freundliche Frau!«
    »Eine Flasche Wein, Hanna!« verbesserte ihr Konstantin.
    Frau Hanna holte und kredenzte den Labetrunk. Der alte Herr küsste ihr
dankbar die Hand und fuhr, nachdem er sich zu einer abschliessenden Anstrengung
gestärkt hatte, also fort:
    »Sie werden die Beweggründe einsehen, aus welchen ein kaum Gekannter mit dem
Vertrauen eines alten Freundes diese Intimitäten vor Ihnen entüllt hat! werden
den Mann, der Ihr nächster Nachbar, wenn auch nimmer Ihr Beichtsohn werden wird,
aus seiner Lage heraus beurteilen, und wenn seine Familie in ihrer völligen
Fremde Rat und Hülfe von Ihnen erbittet, werden Sie raten und helfen. In diesem
guten Glauben wende ich mich zunächst an Sie, Frau Pfarrerin. Ich denke morgen
in X. einen Bauverständigen für die Restauration des Schlosses anzuwerben. Raum
und Komfort für eine Familie der höheren Stände, nicht mehr, nicht weniger
fordert meine Mandatarin. Da ich selbst indessen zu häuslichen Anordnungen tauge
wie jener Wohlbekannte zum Lautenschlagen, habe ich mir als Adjutanten mein
Nichtchen mitgebracht.«
    »Das Kind, Exzellenz?«
    »Ja, lächeln Sie immerhin, werte Frau: die Lydia ist nur den Jahren nach ein
Kind. Um ehrlich zu sein, ich, für meine Person, wüsste mit solchem Dämchen
Heiligkeit nicht etwas Rechtes anzufangen. So wie Ihre Kleine wünschte ich mir
meine Enkelin. Haben Sie sie kürzlich gesehen, Frau Pfarrerin?«
    Frau Hanna verneinte, und Herr von Hartenstein meinte, halb missgestimmt und
halb galant, er fürchte, seine Sidi sei zu sehr ihrer Mutter Kind, um mit Frau
Hanna Blümels Sprösslingen Ähnlichkeit zu haben.
    »Abgesehen davon,« setzte er mit einem Anflug von Bitternis hinzu, indem er
die rechte Schulter in bedeutungsvoller Weise in die Höhe zog. »Still davon! Ich
weiss nicht, ob viele Kinder aus der Wiege fallen, aber das weiss ich, ein Kind
Ottiliens würde nicht aus der Wiege gefallen sein. Die arme Kleine! Still,
still! Wir sprachen ja von Lydia. Wollen Sie glauben, dass das Mädchen bei seinen
zehn Jahren die Seele des Hauses ist? Dem lässigen älteren Bruder eine
anspornende Lerngenossin, den jüngeren Schwestern eine Art von Gouvernante und
dem Vater schon nahezu eine Freundin.«
    »Aber der Mutter, Exzellenz?« rief Frau Hanna schier beängstet. »Ums Himmels
willen, was ist sie der Mutter, und - verzeihen Sie -, aber was ist die Mutter?«
    »Die Mutter,« antwortete der alte Herr herzlich lachend, »ei nun, die Mutter
ist eben das Mütterchen in der Kinderstube, und die Tochter wird ihr, denke ich,
eine dienstwillige Pflegerin sein, so eine Art barmherzigen Schwesterleins, wenn
sie, wie zur Stunde, wieder einmal eine ihrer Heldentaten - Sie verstehen mich,
Frau Pfarrerin - glorreich vollbracht hat. Die Ottilie gehört zu der schwerlich
stark vertretenen Spezies Ihres Geschlechts, die nur die Augen aufzuschlagen
wagt, wenn sie eine Wiege an ihrer Bettseite stehen sieht. Jenseit der
Kinderstube hört ihr Anspruch an die Welt, wie der an sich selber auf. Nun, Sie
werden ja bald genug diese absonderlichen Kostgänger an unseres Herrgotts
Speisetische kennen und zutreffender als ich alter Haudegen beurteilen lernen.
Was ich zunächst noch auf dem Herzen habe, Frau Pfarrerin, ist die Bitte, meine
Kleine nach dem Schloss zu begleiten und ihr eine zweckmässige häusliche
Einrichtung an die Hand zu geben. Lydia weiss und erklärt, was die Familie nach
ihrer bisherigen Gewöhnung bedarf; Sie sehen zu, wie sich diesem Bedürfen in den
vorhandenen Räumen ungefähr gnügen lässt. Ich übermittele Ihre Vorschläge an den
Bauverständigen und verweise ihn auf Ihre fernerweitigen Anordnungen. Schlagen
Sie ein, liebe, freundliche Frau?«
    Die liebe, freundliche Frau schlug in die dargereichte Hand, und der alte
Herr atmete auf wie erlöst von schwerer Last. Bald danach stellte, von ihm
entboten, Justizrat Hecht, der Patrimonialrichter beider Werben, sich ein, mit
welchem der General sich zu einer privaten Unterredung zurückzog. Als der Rat,
der muntere Gesellschaft und Tafelfreuden liebte, dringende Geschäfte an
Gerichtstagen daher immer zu verschieben gewusst hatte, heute, am Sonntag,
»dringender Geschäfte halber« die Tischeinladung der Pfarrfreunde ablehnte und
nach der Stadt zurückkehrte, um erst am Nachmittage auf dem Talgute mit seinem
bisherigen Patron wieder zusammenzutreffen, sagte die kluge Frau Hanna:
    »So wahr ich lebe, Konstantin, der alte Fuchs hat bei dem Gutskauf die Hand
im Spiel gehabt. Um es aber mit dem Amtmann nicht zu verderben, stellt er sich
als Überrumpelten. Die Exzellenz ist ausgeschröpft, vivat der Bauer! Wo wäre der
Advokat, dem selber ein Mehlborn das Kraut nicht ein bisschen fetter schmalzen
müsste!«
    Im Lichte gestanden hatte der schlaue Rat sich indessen stark, denn an der
Pfarrtafel ging es nicht nur munter, sondern auch hoch heute her. Wäre statt der
Waffeln in der Eile ein Staatskuchen herzustellen gewesen, es hätte Hochzeit
oder Kindtaufe gefeiert werden können. Sämtliche Schüsseln waren erzdelikat, und
der Bowle, welche die ersten Pfirsich des Pfarrgartens würzten, sprach nicht nur
der weinkundige preussische General wacker zu, sondern auch das weisse Fräulein
nippte wie ein Bienchen von dem süssen Trank. Dem Dezem kam überhaupt das weisse
Fräulein gar nicht mehr so überirdisch vor, seit es auf dem Bleichplatze,
anfänglich ein wenig ungelenk, dann aber so gewandt wie die Pfarrschwestern gross
und klein, Kämmerchenvermieten und Reifchenwerfen mitgespielt und später bei
Tische die lachende, schwatzende Gesellschaft zwar erst mit grossen Augen
angestaunt, dann aber ganz herzhaft mitgelacht und mitgeschwatzt hatte.
    »Wie meine Lydia auftaut!« rief der alte Herr, und Pastor Blümel nannte die
rosige Färbung ihrer Wangen einen Anemonenhauch. Er verwendete kaum die Blicke
von dem fremden, eigenartigen Kinde.
    Als der verehrte Held und Gast das letzte Glas mit einem Hoch auf
»Kleinröschen«, das er sich zur Tischnachbarschaft erbeten, geleert hatte,
sprang er auf und rief:
    »So, nun bin ich in der Stimmung!«
    »Eine Tasse Kaffee, Exzellenz?«
    »Danke verbindlichst. Kaffee schlägt nieder. Jetzt rasch hinüber zum
herzallerliebsten Herrn Bruder!«
    Das Talgut lag nur ein paar Büchsenschüsse unterhalb Hochwerbens, weil aber
jenseit des Flusses, konnte es zu Wagen nur in weitem Bogen über die städtische
Brücke erreicht werden. Fussgänger benutzten den Fährkahn, der dicht unter dem
Pfarrweinberge jederzeit bereitstand und den daher auch Herr von Hartenstein dem
städtischen Umwegevorzog. Die Begleitung seines Wirtes lehnte er jedoch mit den
Worten ab: »Das fromme Freundesgesicht würde mir die Bataillenlaune dämpfen. Der
Königspate soll mich hinüber führen.«
    Der Königspate ist sich in keinem seiner Stufenjahre einer Bataillenlaune
bewusst geworden. Im Beginn seines zweiten schlug er schüchtern einen Haken,
sooft er den widerborstigen Amtmann von weitem kommen sah, und heute hätte er
hundertmal lieber als den tapferen General vor den Feind das weisse Fräulein auf
das Schloss geleitet, um, wie seine Pastormutter ihm geheissen, bei der Vermessung
Dienst zu leisten. Aber was halfs? Seufzend legte er Zollstock und Bindfaden,
Papier und Bleistift beiseite und schritt dem alten Herrn voran, indem er ihm
auf den steilen Bergstufen seine stämmigen Schultern als Stütze dienen liess.
    Im Hofe angelangt, setzte er sich dann ruhig wartend auf eine Bank vor der
Haustür, während der fehdelustige General sonder Präliminarien den Gegner wie
Zieten aus dem Busche überfiel. Sein rechtskundiger Beistand traf erst eine gute
Weile nach der festgesetzten Stunde ein, ausser Atem zwar, aber leider zu spät,
um der Katastrophe Zeuge und Meister zu werden.
Ein Gewitter hatte am Morgen vor der Sonne gestanden, seinen Ausbruch für die
Nacht oder den nächsten Tag ankündigend; die Gerstenernte war noch nicht
eingefahren, daher, trotz des Sonntags, Gesinde und Zugvieh draussen auf dem
Felde und im Hofe Seelenstille. Der rüstige Amtmann gönnte sich, nachdem er zehn
Stunden auf den Beinen gewesen, eine späte Mittagsruhe. Schwerlich dass ihn ein
Bombenschlag erweckt hätte; aber nur eine Milchkuh brummte dann und wann im
Stall, und der Kettenhund bellte kurz auf, wenn die Augustfliegen ihm gar zu
schamlos die Nase kitzelten.
    Dezimus konnte hinter Bauten und Bäumen den Tiefgang der Sonne nicht
beobachten; er wusste daher nicht, wie lange er auf der Bank gewartet hatte;
vielleicht ist es keine Viertelstunde gewesen, wenn es aber auch Stunden gewesen
wären, die Zeit würde ihm nicht lang geworden sein. Die Tafelgenüsse und die
Hundstagshitze hatten ihn halb betäubt. Er drückte seine Augen zu; es war ihm
wie mitten in der Nacht. Er stand auf einer hohen Warte an des weissen Fräuleins
Seite und schaute die Berge im Mond und Millionen von Sternen hellglänzend wie
das liebe Siebenschwesternbild. Die Himmelslichter verschwammen in eins mit den
Menschen, welche er im Herzen trug, und ganz von selbst fand auch das weisse
Fräulein den gebührenden Platz in der Höh. »Lydia« nannte er den schönen
stilleuchtenden Stern, den er in dieser Sommerzeit jeden Abend zuerst der Sonne
folgen sah, ohne zu ahnen, dass es der nämliche treue Begleiter sei, den er im
Winter morgens als seinen Röschenstern ihr hatte vorangehen sehen.
    Jach fuhr er wie aus einem Traume empor. Die Haustür war hastig aufgerissen
worden und der General auf die Rampe getreten, Hut und Stock in der Hand und das
Gesicht noch eine Schattierung höher gerötet, als da er vorhin sagte: »So, nun
bin ich in der Stimmung!«
    Ihm auf dem Fusse folgte der Amtmann. Wirklich der Amtmann? Der arme Dezem
erschrak wie vor einem Gespenst. Erdenfahl das braune Gesicht, die Knie
schlotternd unter den schäbigen Lederhosen, die geballten Fäuste in die Höhe
gereckt. Er rang nach Atem zu einem Wort und brachte es nicht über die Lippen,
die ein weisser Schaum bedeckte.
    »Komm, mein Junge!« rief der General, indem er flink wie ein Jüngling die
Rampe hinabsprang und sich den Schweiss von der Stirn trocknete.
    Des Stillwütigen Augen fielen bei diesem Rufe auf den Paten, der starr an
seiner Seite stand, - ach! und seine Augen nicht allein!
    Was schiessen doch für Funken durch ein Menschenhirn, wenn die Leidenschaft
ihren Siedepunkt erreicht! Lichtblitze und Irrwische! Heldenopfer fallen, oder
Sündenböcke, der nämliche Zünder hat einen wie den anderen zu Boden gestreckt.
    Friedfertiges Hirtenlamm, armer Sündenbock!
    Die Fäuste stürzen nieder auf dein sternenträumendes Haupt; deine roten
Backen schwellen, und die blauen Augen laufen über wie Wasserbäche, - um dein
junges Leben, ach, da ist es geschehen! -
    Nein, Dezimus, nein: der Todesstreich, auf den du gefasst bist, er wird von
dir abgewehrt, und tapfer gerächt, wie es einem Königspaten gebührt, wirst du
auch. Aber das Leben ist dir nicht mehr eine Lust und die Rache kein
Schmerzensgeld. Vor Scham und Tränen gewahrst du es nicht einmal, wie glorreich
deine Unschuld triumphiert. Ja, solch ein Stock, solch ein alter preussischer
Heldenstock, wie Vater Blücher ihn wahrlich nicht für die Langeweile an seinem
Sattelknopfe getragen hat! rechts und links fuchtelt er deinem Missetäter um die
Ohren, Hieb um Hieb bläut er ihm den Rücken, bis er zusammenbrechend am Boden
ächzt. Zu guter Letzt noch einen Fusstritt, und: »Komm, mein Junge!« ruft der
alte Herr zum zweiten Male und lacht dabei, dass ihm wie dir, armer Schelm, die
Tränen über die Backen laufen. Mit solchem Bravourstück den Mehlstaub von seinen
Sohlen schütteln zu dürfen, hätte der Tapfere vor zehn Minuten noch nicht sich
träumen lassen.
    Sobald er den Rücken gewendet hat, streckt der weiseste aller Räte sein
Haupt zwischen dem Rahmen der Haustür hervor. Auch dieser Ehrenmann lacht, aber
nur in den Bart. »O weh! Herr Amtmann,« schreit er, »Sie sind die Treppe
heruntergestolpert. Ja, diese verflixten Holzpantoffeln!« Und er hilft seinem
Gerichtsherrn auf die Beine, während die Exzellenz lachend durch das Hoftor
schreitet und der Königspate bitterlich weinend hinter ihm drein schleicht.
    Sehr möglich, dass es im deutschen Vaterlande jener Zeit noch keinen
Hutmannssohn gegeben, mindestens keinen zehnten, der wie gegenwärtiger in seinem
zweiten Stufenjahre noch nie einen Hieb empfangen hatte und, wie hinzugesetzt
werden darf, auch nicht herausgefordert. Selber Kantor Beifuss, der handfeste
Bakelmeister, senkte vor dem Quatermillionenschüler sänftiglich sein Instrument.
»Leibesstrafen schänden«, war eine von Konstantin Blümels pädagogischen Maximen,
und seinem Pastorvater keine Schande zu machen das oberste Gebot, das auf der
Tafel dieses Kinderherzens von unsichtbarer Hand geschrieben stand. Und nun war
er geschändet, und die Schmach brannte ihn wie eine glühende Kohle. Die Mutter
würde ihn freilich liebhaben wie bisher und der Vater ihm vorhalten, dass auch
sein Heiland einen Backenstreich erduldet habe: so weit tröstete ihn sein
schuldloses Gewissen während des mählichen Dorfweges, welchen er die Exzellenz
anstatt der steilen Weinbergsstufen zurückführte. Wie aber würde sein Röschen
ihn auslachen und necken! und wie sollte er dem weissen Fräulein, das er vor
wenig Minuten als schönsten Stern an den Himmel versetzt hatte, mit der
verräterisch flammenden Backe und den verschwollenen Lidern unter die Augen
treten? Er sprach auf dem Wege nicht ein Wort, und da er kein Feigenblatt, sein
Brandmal zu verhüllen, entdecken konnte, gelangte er zu dem Ausweg, sich
heimlich um den Pfarrgarten herumzuschleichen und hinter dem Hünengrabe zu
verstecken, bis das weisse Fräulein auf Nimmerwiedersehen über alle Berge sei.
    Aber die junge Gesellschaft, welche sein Kommen von der Laube aus
wahrgenommen hatte, vertrat ihm den Weg, umringte ihn und zog ihn in ihr
munteres Spiel. Die rote Backenschwulst mochte wohl auf den Sonnenbrand
geschoben werden, wenn sie nicht gar samt der Tränenspur auf dem Wege
verschwunden war, denn weder Röschen noch das weisse Fräulein merkte das Brandmal
ihm an. Auch weder Vater noch Mutter schien um die Schändung zu wissen, heute
nicht und späterhin auch nicht; den schlimmen Paten sah er in Jahren nicht
wieder; und so wurde die schmähliche Erfahrung zwar noch lange Zeit im Gemüte
gehegt, dem Skelette gleich, das einem fremden Sprichworte gemäss auch das
reinlichste Menschenhaus in einem Winkel bergen soll; allmählich aber zerrann
das Skelett in Nebelduft zu einem Schemen. In dem Alter aber, wo schon mancher
Mann die verdiente Birkenrute gesegnet hat, da schätzte das glückliche
Johanniskind den unverdienten Denkzettel seines Vizepaten als einen Treffer in
der Lebenslotterie.
    Dass der rächende Held nicht ängstlich wie die gekränkte Unschuld mit den
Ritterstreichen, die auf Amtmann Mehlborns Edelhofe gefallen waren, hinter dem
Berge hielt, wird von keinem Menschenkenner bezweifelt werden.
    »Mir galt die Faust,« rief der alte Herr, nachdem er den Pfarrfreunden den
vergnüglichen Abschluss eines verdriesslichen Handels mit satten Farben
geschildert hatte. »Ich sage Ihnen, der alte Knabe glich einem wütigen Trakehner
Bullen. Mit den Hörnern hätte er den herzallerliebsten Herrn Bruder aufspiessen,
in Grund und Boden hätte er ihn stampfen mögen. Da dieser Scherz aber nicht so
ohne weiteres ausführbar war, kühlte er sein Mütchen an dem ersten Besten, der
ihm im Wege stand; wie ich selber im Ärger schon manchmal einen Spiegel oder
dergleichen zerschlagen habe, wenn mein Bursche für einen Jagdhieb nicht gleich
bei der Hand war.«
    »Sie irren, Exzellenz,« entgegnete Frau Hanna in geteilter Stimmung von
Zorn, Belustigung, Mitleid und Schadenfreude, »nicht Sie, uns, Konstantin und
mich meinte das Ungetüm, als er unseren Pflegesohn misshandelte. Pudelnass von dem
Sturzbad, das die Spekulation seines ganzen Lebens verschwemmte, durchschiesst
ihn beim Anblick des armen Jungen der Argwohn eines von langer Hand zwischen
Ihnen und uns abgekarteten Spiels, und wird er nunmehr seine wohlverdiente
Züchtigung meinem braven Dezem lebenslang entgelten lassen.«
    »So wollen wir uns denn beiderseitig unserem Prügelknaben verpflichtet
fühlen,« versetzte heiter die Exzellenz, »und uns zu einer Schadloshaltung
zusammentun. Schon dem Herrn Paten zur Ranküne müssen wir ihn jetzt höher
avancieren lassen als zu dem Verwalterposten, um den mein spanisches Rohr ihn
gebracht hat. Und es steckt etwas in diesem Hirtenjungen. Ich rühme mich nicht,
ein Psycholog zu sein, aber es steckt ein Element in ihm, das sich entwickeln
lässt. Was für eins, ist mir freilich dunkel. Soldatenblut ist es leider nicht.
Mein Hilmar in dem Alter würde die Hand, die sich an ihm vergriff, gebissen
haben, wie eine wilde Katze würde er dem Stier in das Genick gesprungen sein,
ihm die Augen ausgekratzt haben, und Hilmars Sohn täte es, trotz des
Bauernblutes in seinen Adern, wills Gott! auch. Ihr Dezem stand still wie ein
Ölgötze. Wie wärs, wenn wir ihn Teologie studieren liessen? Was meinen Sie, Herr
Pfarrer, zu einem Substituten in alten Tagen, wenn der Mensch sich nach Ruhe
sehnt, nehmen wir einmal an in zwanzig Jahren?«
    Mutter Hannas Augen leuchteten auf, da plötzlich ihr heimlichster, kühnster
Herzenswunsch als etwas leicht Erfüllbares vorgebracht, ja gleichsam als etwas
Gebührendes gefordert wurde. Um so bedenklicher überrascht schaute ihr
Konstantin drein. Er sass eine lange Weile schweigend und schüttelte den Kopf.
    »Der Knabe hat bisher, eine unwesentliche Rechenfertigkeit ausgenommen,
weder eine entscheidende Gabe noch ein entscheidendes Verlangen nach
wissenschaftlicher Ausbildung offenbart,« wendete er endlich ein; worauf der
General erwiderte:
    »Zum Henker auch! Gehört denn zu einem Landpastor so etwas ganz Besonderes?
Nichts für ungut, Freund; aber wie viele dumme Jungen haben einer Gemeinde schon
die Köpfe weidlich heiss gemacht! Und ein dummer Junge ist Ihr Dezem keineswegs.
Er hat seinen gesunden Bauernkrips. Wissen Sie, wie unser geistlicher Minister
Seiner Majestät einmal den Einfluss der katolischen Landpfarrer auf ihre
Gemeinden erklärt hat? Nicht weil sie ledige Männer, sondern weil sie der
Mehrzahl nach Bauernsöhne sind, wirken sie mehr als die unseren, sagte er.«
    Pastor Blümel pflichtete der Erklärung bei. Der städtische Bürgerstand, aus
welchem das Amt der Evangelischen sich vorzugsweise rekrutiere, weiche, und wäre
es selbst der niedere, in Sitte und Anschauung von denen des platten Landes
vielfach ab. »Die universellere Bildung, die wir vor unseren katolischen
Amtsbrüdern vielleicht voraus haben,« setzte er mit einem Seufzer hinzu,
»bewirkt leider allzu häufig mehr eine Kluft als eine Brücke.«
    »Nun da hätten wir ja just, was wir brauchen,« rief der General. »Was Sie
mit Ihrer importierten Bildung vermutlich nicht fertig bringen, der heimische
Hirtenjunge wird es. Und nun malen Sie sich einmal recht lebhaft den Heidenspass
aus, wenn das ärmste, niedrigste Werbener Kind, Ihr misshandelter Dezem, diesem
Protzen von Mehlborn - denn erleben kann er es noch, Geizhälse werden immer
steinalt - in feierlichem Ornate, hoch von der Kanzel herab, vor versammelter
Gemeinde die Leviten so recht aus dem Grundtexte liest! Einen Versuch zum
wenigsten wäre die gute Sache doch wert.«
    »Und wenn der Versuch missglückte, Exzellenz? Wenn wir des Knaben Blick in
eine geistige Sphäre gerichtet hätten, und ihm fehlte die Kraft, in derselben
festen Fuss zu fassen? Man soll eines Kindes Wiege nicht verrücken, hat Ihr Herr
Bruder, der Propst, gesagt.«
    »Meinst du denn, Konstantin,« fiel seine Gattin ihm in das Wort, mit
eindringlicherem Ernst, als er sie jemals hatte reden hören, »meinst du denn,
dass du dieses Kindes Wiege nicht schon verrückt hast in der Stunde, wo du es in
die deines eigenen Kindes legtest? Meinst du, weil du den Knaben einen
Bauernkittel tragen und eitel Brot zum Frühstück essen lässt, dass er unter den
Knechten und Mägden eines Bauernhofes die Sitte und die Liebe deines Hauses
jemals verschmerzen würde? Du hast zu viel getan, Mann, oder nicht genug.«
    Ein tiefer Seufzer entrang sich statt der Gegenrede Konstantin Blümels
Brust. »Und wenn dem so wäre, Hanna,« sagte er nach einer Pause, »so gehören zu
allem geistlichen Werden zeitliche Mittel. Ich danke Ihrer Güte, Exzellenz,
diese auskömmliche Pfründe. Aber ich bin ein Fünfziger, habe eine zahlreiche
eigene Familie und kein Vermögen. Darum - -«
    »Darum muss und wird es meine Sorge sein, Freund,« fiel Herr von Hartenstein
ein, »die Stellvertretung bei einem Königspaten, die von Gottes und Rechts wegen
mir, als Gutsherrn, von Haus aus zugekommen wäre, fortan zu übernehmen. Habe ich
nicht das Geschick gehabt, ein ritterschaftliches Patronat in meiner
Soldatenfaust festzuhalten, so viel, um einen armen Hirtenbuben zu einem
Kandidaten der Gottesgelehrteit auszubilden, wird einem preussischen General
allemal übrigbleiben. - Komm einmal herauf, mein Junge!« rief er, das Fenster
öffnend, unter welchem die Kinder sich im Garten tummelten, und als Dezimus
eintrat, fragte er: »Was möchtest du einmal werden, Bursche?«
    »Nur nicht Inspektor bei meinem Amtmannspaten!« stiess Dezimus hervor mit
zitternder Stimme und einer Blutwoge bis unter das strohgelbe Haar.
    »Gut. Was aber sonst?«
    »Was mein Vater will.«
    »Möchtest du was Tüchtiges lernen, und wenn du gross wirst, studieren?«
    »Ja, ja, studieren!« rief Dezimus wie elektrisiert. »Auf den Himmel
studieren, gnädiger Herr.«
    »Auf den Himmel? Bravo! Du bist unser Mann. Nun lauf, Student, bestelle mir
in der Schenke den Wagen und sage meiner Nichte, dass sie sich bereitält.«
    Sobald der Knabe das Zimmer verlassen hatte, sagte Pastor Blümel, der
während des kurzen Zwiegesprächs mit gefalteten Händen am Fenster gestanden
hatte: »Der Mensch irrt nur allzu häufig, wenn er handelt, auch wenn er am
besten zu handeln meint. Daher will ich Ihrer Anregung, Exzellenz, als einer
Mahnstimme von oben folgen und meinen Pflegesohn der Probe einer
wissenschaftlichen Ausbildung unterziehen, so wie ich meinen leiblichen Sohn
derselben unterzogen haben würde. Ich bin viele Jahre Informator gewesen und
traue mir die Fertigkeit noch zu, einen Knaben für die höheren Schulklassen
vorzubereiten. Solange ich lebe, bleibt indes die Sorge für das Kind, dessen
Wiege ich verrückt habe, und bleibt seine Führung mein, mein allein, Exzellenz.
Schliesse ich die Augen, bevor es sein Ziel erreicht - -«
    »Sorgt und führt es Gott,« rief die Mutter, indem sie sich mit
überströmenden Augen an ihres Gatten Brust warf.
    Auch der preussische Herr drückte bewegt seine Hand. »Mann,« sagte er, »Sie
sind in Wahrheit unseres Heilands Jünger! Wollte Gott, dass wir uns nicht zum
letzten Male gesehen hätten!«
    Rasch verliess er das Zimmer und das Haus, vor welchem der Wagen eben
vorfuhr.
    An der Tür wartete Lydia reisefertig. Sie hatte vorhin bei Dezems eiligem
Entbot ihr Gürteltäschchen abgenestelt und es Röschen gereicht, die es den
ganzen Tag lüstern bewundert hatte und nun über den Besitz laut aufjubelte. Für
den armen Hirtendezem hatte sie ein Geldstück aus ihrer Börse gelangt. Als der
arme Hirtendezem aber jetzt atemlos, mit strahlenden Augen aus der Schenke
zurückkam und rief: »Ich soll studieren, Röschen! Ich soll auf den Himmel
studieren, Fräulein Lydia!« - da steckte sie den Taler leise wieder ein, und ein
Hauch der Scham überflog ihre blütenweissen Wangen.
    »Ich schicke dir aus der Universitätsstadt eine Himmelskarte, Dezimus,«
sagte sie zum Abschied, neigte sich darauf tief vor dem Prediger und seiner
Gattin und küsste beider Hände, wie sie Vater und Mutter die Hände zu küssen
gewohnt war; dann stieg sie zu dem Oheim in den Wagen.
    »Tu deine Schuldigkeit, Königspate!« rief der alte Herr von oben herab, warf
Röschen noch eine Kusshand zu, und das Gefährt bog um die Friedhofsmauer.
    Dezimus ahnete nicht, was eine Himmelskarte sei, nicht einmal, was eine
Erdenkarte, aber er schlief am Abend statt unter den Schauern erlittener
Demütigung unter denen einer grossen Erwartung ein.
    Am anderen Morgen ging er, wie alle Tage, in Kantor Beifussens Dorfschule;
zuvor aber hatte sein Pastorvater die erste lateinische Lektion mit ihm
abgehalten, und in der Vesperstunde hielt er eine zweite und also fortan einen
Tag wie alle, ausser am Sonntag, dem Tage des Herrn. Er lernte stetig, wie der
alte Informator es nannte, und weil er dem alten Informator zur Ehre zu lernen
hatte, lernte er auch freudig, wennschon er andere Gegenstände, die er nur
dunkel ahnete, lieber gelernt hätte als Wortbeugungen und Vokabeln einer fremden
Sprache. Konstantin Blümel aber schmeckte seit jener ersten Lektion den
Johannissegen, welchen seine Hanna schon von dem Augenblicke an empfunden, wo
sie das mutterlose Kind an ihre Brust genommen hatte. War er bis dahin Dezems
christlicher Wohltäter gewesen, so machten die alten Heiden ihn zu Dezems Vater.
    Im Laufe der Woche traf aus der Universitätsstadt nebst einem grossen
Himmelsatlas ein fix und fertiger Schüleranzug ein, und der Hirtensohn wurde zum
Kandidaten der Zukunft eingekleidet. Jeden Abend fortan aber, sobald er das
Pensum, das ihn für ein unsichtbares Himmelreich vorbereiten sollte, zustande
gebracht hatte, studierte er auf das sichtbare Himmelreich, das auf den Karten
abgebildet stand, und zwar studierte er in Gesellschaft Schwester Erikas -
häuslich Riekchens - und unter Anleitung eines wahlverwandten Liebhabers.
    Dieser Liebhaber war der Überbringer des Doppelgeschenkes, ein junger
Architekt, welcher neben dem Umbau eines alten städtischen Klosters in ein neues
Gymnasium die Instandsetzung des Werbener Schlosses übernommen hatte.
Konferenzen mit der Hausfrau führten ihn häufig unter deren gastliches Dach, und
wen dürfte es wundernehmen, dass er über Schwester Riekchens freundlichen
Augensternen die Erklärung der himmlischen Sternenaugen, der er sich gefällig
unterzogen hatte, oft und immer öfter vergass und über dem fremden Hausbau zum
eigenen Hausbau Lust bekam. Der Taufsegen erneuerte sich. Bevor das Schloss
wohnlich hergestellt war, gab es in der Pfarre wieder einmal eine Braut, Held
Dezem, dem Glückskinde, aber war es beschieden, früher als die Grenzen von Reuss
älterer und jüngerer Linie die der Milchstrasse und der Venusbahn unterscheiden
zu lernen.
    Alle Welt studierte den Winter hindurch in der Werbener Pfarre; sogar die
alte gräfliche Gouvernante wurde von dem Fieber angesteckt, kramte ihren
Meidinger hervor und gab Kleinröschen jeden Abend eine französische Stunde. Weil
Kleinröschen aber absolut nichts lernen wollte, was Bruder Dezem nicht
mitlernte, wurde der Dezem auch Mutter Hannas Schüler, und die Mutter nannte -
es ist bewundernswert, was solch ein achtjähriger Held alles fertig bringt! -,
aber wahrlich, die Mutter nannte die Fortschritte ihres Dezem im Vergleich zu
denen des Quirlequitsch hundert Prozent! »Die lateinische Grammatik arbeitet der
französischen vor, Hanna,« entschuldigte Pastor Blümel seinen Liebling, indem er
ihm die schwarzen Löckchen streichelte. Es war ein gesegneter Winter.
    Dass der Amtmann unwiderruflich zum Feind geworden sei, bezweifelte man zwar
nicht, da man ihn jedoch niemals zu Gesicht bekam, so spürte man es auch nicht.
Nur dass er seitdem auch in seiner Kirche fehlte, machte dem alten Seelsorger
ernstliches Herzeleid. Beim nächsten Gerichtstag erzählte der Justizrat, wie
sauer es seinem Herrn Patron ankomme, den ritterlichen Exbruder nicht wegen
grober Misshandlung verklagen zu können. »Aber wo sind die Zeugen?« fragte
lachend der Judex. »Der achtjährige Dezem zählt für Null, und ich, - ich habe
nichts gesehen, als dass der Herr Amtmann auf der Nase lagen und etwelche
Schwielen hatten, die vom Fall auf das kröpelige Hofpflaster gekommen sein
können. Im übrigen, was hätte eine Busse der alten Exzellenz geschadet? Auf ein
paar hundert Taler kommt es keinem Hartenstein an. Und was hätte sie dem alten
Mehlborn genutzt, da ja nicht er, sondern Majestät Fiskus die paar hundert Taler
in die Tasche gesteckt haben würde.«
    So musste der arme Amtmann denn auch diesen Grimm hinunterwürgen, und dass er
noch im nämlichen Herbst das nachbarliche Bielitz an sich brachte, das war wohl
eine gelungene Spekulation, aber ein Trost für die misslungene war es nicht. Der
Auenboden von Bielitz trug kräftiger als der Höhenboden von Werben, aber war es
Heimatsboden? Es fiel ihm denn auch gar nicht ein, auf das bedeutendere Gut zu
übersiedeln. Nur zu der dortigen Kirche hielt er sich, wenngleich er jeden
Sonntag die verdriessliche Bemerkung machte, dass es sich über seiner Gruft doch
weit andächtiger als über der der bankerotten Grafen habe beten lassen.
    Eine Genugtuung sollte er in diesen bösen Tagen indessen doch erleben; denn
die Erdenluft wurde für ihn rein von dem Atem der beiden Menschen, die er auf
der Welt am bittersten gehasst, ja, der beiden einzigen, gegen welche er den Hass,
wie vormals die Verehrung, sich nicht bloss in den Kopf gesetzt hatte. Der alte
General starb eines raschen Todes, wenige Wochen, nachdem er seinem Bruder eine
geziemende Heimstätte vorbereitet und von seinen Enkeln einen friedlichen
Abschied genommen hatte; wenige Wochen, nachdem er sich a priori an dem
ruhmvollen Nachrufe eines ehemaligen Waffenbruders erbaut. Die drei Salven
hatten also doch vorgespukt!
    Für die neuen Freunde in dem Werbener Pfarrhause war dieses plötzliche Ende
die einzige Trübung des so heiter zur Rüste gehenden Jahres; bald genug aber
dankten sie für dieses Ende als für eine Gnade von Gott; denn es ersparte dem
greisen Vater die Kunde, dass - wie er weheleidig es als Sühne auch für die
eigene Torheit vorausgeschaut - ein Tscherkessenblei seinen armen Jungen
getroffen habe. Brigitte Mehlborn war somit, wie dem Herzen und dem Gesetze nach
schon längst, auch der reinen Vernunft nach die Witwe Hilmars von Hartenstein.
Dass sie als solche dem Vater Mehlborn wieder näher gerückt sei, kann in dieser
Chronik von Werben leider nicht verzeichnet werden. Hat die Erbitterung sich nur
einmal in einem harten Kopfe festgesetzt, erlischt sie nicht mit ihrem
Gegenstand; sie überträgt sich. Und auf wen hätte der Patriarch Mehlborn die
seine wohl natürlicher übertragen sollen als auf die unnatürliche Tochter, die
sich steifte, die Witwe Hilmars von Hartenstein zu heissen und als solche zu
leben?
    Gegen den Frühling hin war das Schloss in wohnlichen Zustand gebracht, und
auf mächtigen Wagen langte der Hausrat der künftigen Bewohner an, dessen Ordnung
Frau Hanna Blümel leitete. Etliche Tage später folgte die Familie nebst einem
Hauslehrer und zahlreicher Dienerschaft. Die Gärten standen noch kahl, aber an
Gewinden von Tannenreis und Efeublättern hatten Röschens kunstfertige Hände es
nirgends fehlen lassen. Sie lauschte mit ihrem Dezem hinter einer Hofmauer
verborgen, während der Vater die Ankömmlinge auf der Schlossrampe empfing und mit
einer Anrede begrüsste, so warm, wie er eine zuständige Gutsherrschaft begrüsst
haben würde.
    Alle trugen, zufolge der beiden Familiensterbefälle, denen sich noch der des
jüngstgeborenen Töchterchens gesellt hatte, tiefe Trauerkleider. Alle schienen
durch Abschluss und Eintritt tief bewegt. Am tiefsten der Propst. Er war tödlich
bleich und in den neun Jahren, dass Pastor Blümel ihn nicht gesehen hatte, zum
Greise ergraut. Lydia wendete ihre grossen, ernsten Augen kaum von seinem
Gesicht. Die Mutter schwamm in Tränen. Die Kinder - ausser Lydia zwei Söhne und
zwei Töchter - liessen die Köpfe hängen. Herr von Hartenstein reichte dem Pastor
stumm die Hand und schritt, eine Foliobibel im Arm, in das Haus voran; seine
Gattin, Kinder und Dienerschaft folgten in geordnetem Zuge. Die Blümelsche
Familie wendete sich heimwärts. Bevor sie den Hof verlassen hatte, ertönte von
oben herab der Chorgesang: »Ein feste Burg ist unser Gott«, begleitet von einer
kleinen Orgel, welche Kantor Beifuss in dem Werbenschen Ahnensaale, dem einzigen
unverändert gebliebenen Raume im Schloss, aufgestellt hatte. Die Spielerin war
Lydia.
    Zu einem traulichen Verkehr zwischen den beiden geistlichen Familien, wie
ihn die Blümelsche wohl gewünscht, aber kaum erwartet hatte, kam es nicht. Herr
und Frau von Hartenstein machten nach Verlauf einer Woche im Pfarrhause einen
Besuch, der in geziemender Frist von dem Pastor und seiner Gattin erwidert und
von beiden Seiten ein und das andere Mal im Jahre wiederholt wurde. Damit hatte
es sein Bewenden. Nach jedem dieser Besuche aber belebte sich im Pfarrkreise das
Interesse an diesen edlen Menschen, die in einer dem eigenen Leben so fremden
Beschränkung ihr Gnügen fanden, und war es zumal Frau Ottilie, welche in ihrer
mädchenhaften zarten Schöne ein herzrührendes Bild hinterliess. Bei mehr als
dreissig Jahren war der Ausdruck ihrer Züge und Augen kindlich heiterer als der
ihrer zwölfjährigen Tochter; und welche ein Kontrast mit dem ernsten,
greisenhaften Gatten!
    »Behüte Gott dieses Weib,« sagte Frau Hanna, »dass es nicht eines Tages eine
schwere Mutterlast auf seinen Schultern zu tragen habe!«
    Lydia war regelmässig Zeugin jener förmlichen Besuche und unverändert das
stille weisse Fräulein wie bei der ersten Begegnung auf dem Hünengrabe. Keine
Spur jemals wieder von dem Anemonenhauch beim fröhlichen Exzellenzenmahl. Wie
ihre Mutter für die Pfarrfrau, so ward für deren Gatten die Tochter je mehr und
mehr zu einem Gegenstande sinnend sorglichen Anteils. Er pflanzte sie in seinen
Kindergarten und nannte sie seine Lilie.
    »Behüte Gott diese Blume mit dem reinen Trieb zur Höh vor Lohe und Wurm, dass
sie nicht schon im Morgenlicht den Kelch des Herzens zusammenziehe!« sagte
Konstantin Blümel.
    Die Hartensteinsche Familie besuchte die Dorfkirche niemals. Der Vater hielt
häusliche Erbauungen und gab den Kindern auch selbst den Unterricht in der
Religion. In weltlichen Fächern lehrte sie, als Lebensgenosse, ein von der
Regierung suspendierter Dozent der heimischen Provinz, Magister Klein. Da die
Standesgenossen weit und breit nicht zugleich Gesinnungsgenossen waren, wurde
auch nach aussenhin kein Umgang gepflegt. Es gab in der Gegend zwar einige
Adelsfamilien von innerlich religiöser Richtung, Stille im Lande, wie sie seit
Herrmann Frankes Zeiten genannt wurden; ohne Ausnahme jedoch hatten sie sich dem
Unionsedikt unterworfen, und das war eine Kluft, über welche für den Doktor von
Hartenstein keine Brücke führte.
    So beschränkte sich denn der gelegentliche Verkehr auf etliche
Treugebliebene aus dem Gelehrtenstande der benachbarten Universität, die ein dem
Hartensteinschen verwandtes, einflussloses Separatistenleben führten. Der dem
Propst am nächsten Stehende, aus dessen Händen er für seine Person auch das
Abendmahl nach der alten Spendeformel empfing, war der in neuerer Zeit häufig
genannte Professor Hildebrand. Während seiner Lehrtätigkeit ohne wesentlichen
akademischen Einfluss, hatte bei seiner Suspension die Studentenschaft einmütig
durch einen solennen Fackelzug gegen den Gewaltakt demonstriert und den
unbeugsamen, still gelehrten Herrn für einen Tag oder zwei zu einem
Glaubenshelden erhoben. Seitdem gehörte auch er zu der kleinen Schar der
Auserwählten, welche von einem gewissen Wendepunkte erwartete, dass die
Dornenkrone sich in eine Siegerkrone verwandeln werde.
    So verband sich einem innersten Gesetz eine Art von äusserer Notwendigkeit,
um das häuslich klösterliche Wesen, in welches die Familie wie die Perle in der
Muschel sich abschloss, vollständig zu machen; vielleicht auch die Absicht, es
augenfällig zu machen. Es kennzeichnete das Exil. Die Lebensweise war eine
reichliche, aber streng geregelt; die Dienerschaft bejahrt und sinnesverwandt;
die Einrichtung etwas kahl und ohne individuelles Gepräge, aber von
übereinstimmender Gediegenheit. Das Silberzeug wie das dunkelgebräunte
Zimmergerät bekundeten neben Sammlerfleiss und Kunstverstand den früheren
kostspieligen Aufwand. Man würde sich in eine Abtei des fünfzehnten Jahrhunderts
oder in eine Ritterburg versetzt geglaubt haben, wenn der lichte, glatte,
nüchternbehagliche Schlossbau nicht gar zu widerspruchsvoll an eine neuere Zeit
erinnert hätte.
    Von der Gemeinde wurden die Schlossbewohner nur vom Tale aus bemerkt, sobald
sie sich auf den Terrassen bewegten. Selbst Ein- und Ausgang nahmen sie nicht
durch den Wirtschaftshof, sondern unterhalb durch den Garten. Diese Ein- und
Ausgänge beschränkten sich indessen auf einen fast täglichen Samariterweg die
arme Frönerschlucht hinan und allezeit auf den Vater und die älteste Tochter.
Was aber auf diesen Wegen erbaulich und hülfreich gespendet und allmählich auch
gebessert worden ist, das schätzte und dankte Pastor Blümel als einen persönlich
empfangenen Segen. Wie freudig würde er Hand in Hand mit diesem Paar die Schäden
in seiner Gemeinde ausgeheilt haben!
Schon vor den Schlossbewohnern war der neue Pächter eingezogen, mit welchem sich
indessen, da er nicht eine mildherzige Rosine, sondern eine handfeste Grossmagd
zu seiner Eheliebsten erkoren hatte, keine Pfarrfreundschaft hegen liess. Den
Wirtschaftsbetrieb änderte er insofern, als er die Hofprodukte in die
entferntere nördliche Nachbarstadt absetzte, weil er mit dem Besitzer des
Talgutes und des reichen Bielitz, welcher die seinen nach wie vor in die nahe
Kreisstadt tragen liess, nicht Konkurrenz zu halten vermochte. In der Morgenfrühe
jedes Mittwoch und Sonnabend fuhr daher ein schwer beladener Pächterkarren nach
X., und mehr als einmal sass in Ferienzeiten Dezimus, nicht im neuen Schülerrock,
aber im alten Leinenkittel hinter dem Knecht auf einem Butterkübel, um für
seinen Vater in der alten Dombibliotek ein seltenes Bücherexemplar zu entlehnen
oder bei dem Schlossgärtner ein seltenes Blumenexemplar zu erhandeln, bei Wege
auch wohl für die Mutter diese oder jene wirtschaftliche Besorgung abzumachen.
    An einem des Predigtstudiums halber lektionsfreien Sonnabend während der
Ernteferien des nächsten Jahres machte er wieder einmal diese Marktfahrt mit.
Ein werter Amts- und Blumenbruder Vater Blümels hatte von einem ausländischen
lieblich duftenden Gewächs berichtet, das der Schlossgärtner heuer in besonderer
Üppigkeit zum Blühen gebracht habe. Vater Blümel schmachtete nach dem Duft der
unbekannten Gardenia, und sein Dezem freute sich, ihm zu dem Genuss verhelfen zu
dürfen.
    Doch war es ein Fleischergang; die Spezies bereits ausverkauft. Der
Abgesandte wurde an den Gärtner Reichart in der Universitätsstadt, der noch
Vorrat habe, verwiesen. In der Universitätsstadt! Den Knaben durchzuckte ein
Blitz: das Ziel seiner Sehnsucht seit Jahr und Tag! So oft hatte er die Hälfte
des Weges zu diesem Ziele zurückgelegt, ohne dass ihm der Einfall gekommen wäre,
auch die zweite Hälfte zurückzulegen. Heute kam ihm der Einfall. »Ich hole
meinem Vater die Gardenia auf der Universität!« rief er entschlossen. Würde er
sie ihm geholt haben, würde er zwei Meilen in das Blaue hinein gerannt sein,
wenn »auf der Universität« nicht die Warte mit den in den Himmel dringenden
Rohren gestanden hätte? Weiss schon ein Kind, was ein Vorwand - nun ja! aber
auch, was ein Selbstbetrug ist? Gleichviel: ob die Mutter der Weisheit oder
Kindesliebe, ein Genius war es, welcher Held Dezem in sein erstes Abenteuer
hetzte.
    Zunächst in die vorstädtische Ausspännerei, wo dem Knecht die erklärende
Bestellung in das Pfarrhaus übertragen wurde; dann spornstreichs voran auf der
schnurgeraden, pappelgesäumten Chaussee. Den Weg verfehlen konnte er nicht, und
weitere Skrupel sparte er sich. »Erst hole ich die Gardenia, dann gucke ich fix
einmal durch das grosse Rohr und laufe in der Nacht nach Hause zurück.« So sein
Programm. Dass das Gucken durch das grosse Rohr mehr Schwierigkeit machen könne
als etwa das Wasserschöpfen an einem Born, daran dachte er nicht. Nach den
Sternen gucken kann jeder, so gut wie Wasser schöpfen. Dass er hungrig und müde
werden könne, daran dachte er noch viel weniger; so satt war er von Erwartung
und so rege von Lust.
    Und noch satt und rege erreichte er am Nachmittag das städtische Tor. Er
hatte sich eine Universität anders vorgestellt. Nichts als ganz gewöhnliche
Häuser, längs ganz gewöhnlicher Gassen in einer ganz gewöhnlichen Stadt, wie er
schon ihrer zwei hatte kennen lernen. Die Gassen liefen geradeaus, nach dieser,
nach jener Seite, liefen kreuz und quer. Wohin sollte er sich nun wenden? Er
fragte eine Heringshökerin - nach der Sternwarte? - o nein! welcher Jüngling
wird den Namen seiner ersten Geliebten vor einer Heringshökerin entweihn? Er
fragte nach dem Gärtner Reichart.
    »Da musst du erst geradeaus gehen, dann links, dann wieder rechts, und wenn
du ans Wasser kommst, musst du weiter fragen,« belehrte recht anschaulich die
Hökerfrau. Und Dezimus lief geradeaus und links und wieder rechts, fragte auch
diesen und jenen und schaute sich zwischendurch nach allen Seiten um, ob nicht
irgendwo die hohe Warte in den Himmel rage. Aber bis zum Gärtner Reichart sollte
es immer noch weit sein, und ein paar Türme sah er wohl über die kleineren
Häuser sich erheben, aber einen Bau, so majestätisch, so ganz absonderlich, auf
dessen Dache statt der Feueressen goldglänzende Rohre gen Himmel gerichtet
waren, solch ein ragendes Wunderwerk erblickte er nirgends.
    Endlich gelangte er an den Fluss, und weil nicht alsobald ein Mensch zum
Weiterfragen bei der Hand war, schritt er eine Weile auf einem schmalen Pfade
zwischen dem schilfbewachsenen Ufer und umzäunten Gärten voran. Über einer von
diesen Gartentüren konnte ja leicht das Schild des Gärtners Reichart angebracht
sein.
    Bei der Wendung um eine vorspringende Gartenmauer stand er jählings wie in
den Boden gewurzelt. Sein Atem stockte, die Augen starrten in die Höhe. Auf
steilem Felsen, zwischen Bäumen und wirrem Strauchgeschlinge ragte ein Turm,
ragten Mauern und Pfeiler, wie er noch keine gesehen. So grau und anscheinend
wandelbar hatte er sich allerdings eine Sternwarte nicht gedacht; von blitzenden
Rohren keine Spur. Aber wer konnte wissen, was alles noch hinter den Bäumen
verborgen stak? Es war auf dem höchsten Punkte der Gegend der am höchsten
ragende Bau; eine gewöhnliche Menschenwohnung konnte es nicht sein, auch kein
Schloss und keine Kirche, welche beide einem Werbener Eingeborenen ja sattsam
bekannt waren. Was also sonst als die Universität mit ihrer Warte? Dem Knaben
war, als stände er vor eines alten Königs Tron. Dort oben, dort oben, da lag
sein gelobtes Land!
    Er hätte hinandringen mögen, hineindringen gleich jetzt. Er musste bei Tage
ja aber erst die Gardenia holen. Nur den Pfad, der auf die Höhe führte, wollte
er erspähen, um ihn später in der Dunkelheit ohne Aufentalt einschlagen zu
können. Vorwärts fiel der Felsen steil nach dem Flusse ab; zur Seite hinderte
die Gartenmauer den Überblick. Ob er wohl hinanklimmen durfte, um auf ihrer Höhe
eine Umschau zu halten, ohne vielleicht wie ein Dieb von ihr heruntergejagt zu
werden? Aber halt! dort, nahe dem Ufer, steht ja wie zur Rundschau aufgepflanzt
eine alte Buche, breit geästet mit mächtiger Krone. Das Erklettern ein Spiel für
den Dezem, der schon manches Jahr das Obst im Pfarrgarten abgenommen hat. Hinan
also, hinan bis zum Wipfel! Im Nu ist er oben, und oben, oben, da, - neue
Verzückung! da starrt er statt auf die Warte in ein Menschenantlitz, so schön,
so wunderschön, wie er noch kein Menschenantlitz gesehen, schöner selbst als das
des weissen Fräuleins, denn es blüht wie eine Rose. Ein Knabe, nein, ein junger
Herr, wenn auch nicht grösser als Dezimus selbst, goldgelockt und geputzt gleich
einem Prinzen, sitzt zwischen den Ästen behaglich wie in einer Laube, raucht
eine Zigarre und lacht dem Dezem in das verblüffte Gesicht.
    »Du, was suchst du hier oben, Junge?« rief der junge Herr. »Vogelnester? Das
will ich dir anstreichen!« Er wippte mit einer Reitgerte, die er in der Hand
hielt; Sporen an den Stiefeln trug er auch und in das eine Auge ein Brillenglas
geklemmt.
    »Ich wollte bloss sehen, wie man auf die Sternwarte kommt,« antwortete
Dezimus schüchtern, indem er auf den Turm deutete.
    Der junge Herr wollte vor Lachen sich ausschütten. »Das alte Gerümpel hältst
du für die Sternwarte? Das ist ja die Burgruine, Dummrian!«
    Dezimus blickte beschämt zu Boden. »Wo liegt denn die Sternwarte?« fragte er
aber doch.
    »Die liegt näher der Stadt zu. Von hier aus kann man sie nicht sehen. Was
hast denn aber du auf der Sternwarte zu suchen, Bursche?«
    »Ich will durch ein Fernrohr die Sterne sehen, die auf meinen Himmelskarten
gezeichnet stehen.«
    »Du, ein Bauernjunge, eine Himmelskarte? Nein, das ist aber toll? Wo kommst
du denn her, Bursche?«
    »Von Hochwerben.«
    »Von unserem Gut! Na, das nenne ich gelungen! Kennst du die Lydia
Hartenstein?«
    »Ja.«
    »Und den alten Mehlborn?«
    Dezimus wurde rot, zögerte einen Augenblick, und dann sagte er leise: »Ja.«
    »Ein richtiger Bauernfilz, nicht wahr?«
    Keine Antwort.
    »Wie heisst du denn, Junge?«
    »Dezimus Frei.«
    »Dezimus Frei, der Hutmannszehent, der ein Schwarzrock werden soll! Famose
Geschichte, ganz famos! Wie sie die Sidi amüsieren wird! Warum hast du denn aber
den verschossenen Kittel an? Wir haben dir doch voriges Jahr einen Rock
geschickt, so gut wie meinen eigenen. Na, wie dieser da freilich nicht: das ist
mein Reitanzug. - Aber still, still!« flüsterte er plötzlich. »Da unten kommen
sie!«
    Dezimus lugte durch die Zweige nach denen, die unten kommen sollten; und da
bemerkte er denn, um die Gartenmauer biegend, einen langen, von Kopf zu Fuss in
Schwarz gekleideten Herrn, der an jedem Arm eine Dame führte. Die eine hager und
auffallend runzelig, daher wohl hochbetagt, aber in blühende Farben angetan,
sogar das kaum handgrosse Gesichtchen rosenrot und die zierlich beschuhten
Füsschen vogelleicht schwebend; die andere Dame jung, wohlbeleibt, daher der Gang
etwas schleppend, das Gesicht blässlich, der Anzug schlicht und dunkel. Ein
kleines Mädchen schlenderte hinterdrein, einen Busch von blühendem Schilf im
Arm.
    Sobald die vorderen aus dem Gesicht waren, streckte der junge Herr den Kopf
durch das Laub und liess einen Ruf gleich dem des Wachtelschlags erschallen:
    »Pittperitt, pittperitt!«
    Das kleine Mädchen kehrte um und blickte in die Höh. »Du, Mäxchen!« rief es
lachend; worauf der junge Herr mit gedämpfter Stimme fragte:
    »Ist die Luft rein? Vermissen sie dich nicht, wenn du hier ein paar Minuten
zurückbleibst?«
    »Sie schwatzen von untergegangenen Städten; ich pflücke Schilf. Fiele ich in
das Wasser wie dazumal aus dem Bett, wer merkte es?« versetzte die Kleine mit
munterem Klang, aber einem wenig kindlichen Spott im Blick.
    »So warte! Ich habe einen gottvollen Scherz für dich!« sagte der junge Herr,
indem er sich behende durch die Zweige wand und von dem letzten mit einem kecken
Satz zu Boden sprang.
    Dezimus folgte gelassener. Da er die Frage nach dem Gärtner Reichart noch
auf dem Herzen hatte, stellte er sich bescheiden beiseite und wartete, bis die
beiden miteinander fertig waren. dabei musterte er das kleine Mädchen, das ihm,
wie auch der junge Herr, bekannt vorkam, als hätte er einmal von ihm geträumt.
Es hatte ein hübsches Gesicht und ein Paar mächtige Augen, die noch viel heller
blitzten als seines Röschens Augen; die erdbeerroten Lippen lachten so häufig
wie seiner Pfarrschwestern Lippen; aber nur wenn sie den jungen Herrn anlachten,
hätte Dezimus an seiner Pastormutter Lachen denken können. An das weisse Fräulein
konnte er bei dem kleinen Mädchen gar nicht denken. Sein Körperchen dauerte ihn,
weil es einen so gar grossen Kopf mit einem dicken schwarzen Haarwald zu tragen
hatte, und dass die eine Schulter ein Ende über die andere hinausragte, nun, das
nahm sich freilich neckisch aus, schadete aber nichts; das kleine Mädchen gefiel
ihm doch. Der junge Herr aber gefiel ihm so, dass er kein Auge von ihm verwenden
mochte und sogar die grossen Rohre über ihn vergass. Die Art, wie er mit dem
kleinen Mädchen umging, rührte des Dezem Herz. Er nannte sie nicht ritterlich;
aber sie war ritterlich und dabei zärtlich.
    »Da bin ich, Schwesterchen!« rief er, indem er die verschobenen Schultern
umfasste. »Aber sieh mich doch einmal an. Mein neuer Rock hat doch kein Loch
weggekriegt? Ist mein Haar in Ordnung, Sidi?«
    dabei bückte er sich, und das kleine Mädchen hob sich auf die Zehenspitzen,
stäubte ihm den Rücken ab, strich die üppigen Locken glatt, bei welcher
Beschäftigung Dezimus sich wunderte, was für lange Arme und Finger doch das
kleine Mädchen habe. Der junge Herr zog ein Spiegelchen aus seiner Tasche,
betrachtete sich, sagte: »Bon!« und dann erzählte er:
    »Ich sitze drüben bei Vogels und bestelle mir eine halbe Sekt. Da sehe ich
sie kommen. Sie glauben mich in der Klasse. Wenn bei Vogels Konzert ist!
Duckmäuser! was ich bei euch lernen kann, habe ich mir lange an den Schuhen
abgelaufen. Item: sie kommen! Der gnädigen Tante muss ein Extravergnügen bereitet
werden. Die wird Augen gemacht haben, vom römischen Korso in Vogels Garten!
Enfin, sie kommen, sie sind schon da, und dass ich nach einer Vorlesung über
Moralphilosophie nicht lüstern bin, kannst du dir denken. Publica nämlich; denn
privatissime halte ich sie allenfalls noch aus bis - nun, du weisst ja schon, bis
wann. Ich entschlüpfe also durch die Seitentür und, weil vom Garten aus der Weg
nach allen Seiten zu übersehen ist, einstweilen auf den Baum. Dass die
Harfenmuhme die Musik da drüben nicht lange aushalten würde, konnte ich mir ja
denken.«
    »Köstlich, köstlich!« rief das kleine Mädchen in die Hände klatschend.
    Während der junge Herr nunmehr seinen Zusammenstoss mit dem Werbener
Hirtenjungen lustig vortrug, fiel es diesem endlich - o des Schlaukopfs,
endlich! - wie Schuppen von den Augen, dass es die Kinder Frau Brigittens von
Hartenstein seien, welchen sein gutes Glück ihn so verwunderlich
entgegengeführt. Er hatte sie nach dem Tode der Amtmannsfrau vor fünf Jahren ja
gesehen, und wieviel war im Pfarrhause von ihnen die Rede gewesen! Sie freilich
hatten den Bauerjungen im blauen Kittel damals nicht beachtet, und es war hübsch
von der kleinen Sidi, dass sie ihm heute wie einem alten Bekannten die Hand
reichte und sagte: »Auf die Sternwarte möchtest du? Aber wie willst du denn da
hineinkommen, armer Schelm? Du denkst es dir wohl so leicht wie in eure Werbener
Kirche?«
    Der arme Schelm mochte den Kopf wohl recht erbarmungswürdig hängen lassen,
denn das kleine Fräulein sann offenbar darüber nach, wie ihm zu helfen sei, und
endlich rief sie, in den Augen helle Lust, wie sie sich für ihre Jahre schickte,
um die gekräuselten Lippen aber ebenso hellen Hohn, wie er sich für ihre Jahre
gar nicht schickte: »Ich habs, ich habs! Das trifft sich gut. Heute abend ist zu
Ehren der Grosstante aus Rom bei uns Tee. Ästetischer Tee. Schadet nichts,
Hirtendezem, wenn du das nicht verstehst. Der Professor, der die Sternwarte
unter sich hat, kommt auch, und der soll dich mitnehmen. Verlass dich auf mich,
ich wills schon machen. Aber nun muss ich ihnen nach. Am Ende vermissen sie mich
doch und stellen sich ein mit Stangen und Haken, mich aus dem Wasser zu fischen.
Komm nur gleich mit, Dezimus.«
    Dezimus berichtete von dem Blumenstock, den er erst noch holen müsste, worauf
der Junker von Hartenstein versetzte:
    »Das hast du nah, Junge. Reicharts Gretchen ist eine scharmante kleine
Katze, darum weissich, wo ihr Vater wohnt. Siehst du dort drüben. Lauf rasch,
hole deine Blume, komm dann hier unter den Baum zurück und warte auf mich. Ich
kann doch, bei Gott! meinen Sekt nicht im Stiche lassen, und eine frische
Havanna muss ich mir auch anstecken. Du, Sidchen, gehst voran und eröffnest die
Präliminarien. Das heisst, du erzählst, dass du zufällig dem Pfarrdezem aus Werben
begegnet bist und die Geschichte von der Sternwarte und der Gardenia. Gelogen
ist dabei ja kein Wort; denn lügen, kleine Unschuld, ich weiss es ja, lügen tust
du nicht.«
    »Nicht gern, Mäxchen. Aber dir zu Gefallen tu ichs doch. Von dir ist nicht
die Rede. Du sitzest in der Klasse. Lass mich nur machen. Meine Geschichte ist
schon fertig und äusserst interessant.«
    Damit ging sie. Sie schleifte den linken Fuss ein wenig, bewegte sich aber
dennoch geschickt und sogar graziös. Ihr Bruder sagte:
    »Höre, Junge, dass du kein Wort von unserer Baumpartie verrätst!«
    »Wenn sie mich nun aber fragen?« wendete Dezimus kleinlaut ein.
    »Wer soll dich denn fragen, Dummhut? Aber nun mach fort!«
    Dezimus machte fort und erlangte glücklich eine Gardenia. Sie sollte
eigentlich zwei Groschen mehr kosten, als ihm der Vater dafür mitgegeben; da er
aber verlegen sein leeres Lederbeutelchen zeigte, liess Herr Reichart mit sich
handeln. Hätte der Käufer eine volle seidene Börse gezeigt und statt des Kittels
seinen Kandidatenrock getragen, würde Herr Reichart schwerlich mit sich haben
handeln lassen. Einer von den Fällen, wo ein Hirtenjunge weiter als ein Junker
reicht. »Ein Prachtexemplar« hatte Herr Reichart die Gardenia genannt. Dezimus
fand einen roten Feldmohn, der von einem Erntewagen gefallen war, weit
prächtiger und den Duft der Lindenblüten im Pfarrgarten weit erquicklicher als
den der fremden Gardenia. Zu einem Blumisten wie sein Pastorvater hatte Held
Dezem leider nicht entfernt das Zeug.
    Unter der Buche musste er eine Weile warten, bis der Junker kam. Derselbe
mochte seine halbe Sekt allzu hastig hinuntergestürzt haben, und das, was er
seine Havanna nannte, ihm auch zur Überlast nach dem Kopfe gestiegen sein, denn
seine Augen und Backen glühten, und er schwatzte beiwege in das Blaue hinein
allerlei krauses Zeug, von welchem Dezem, der Dummhut, gottlob! nicht den
zehnten Teil verstand, unbewusst jedoch spürte, dass er es in der Werbener Pfarre
nicht gehört haben würde.
    »Weisst du, Junge,« fragte der Junker unter anderem, »wer vorhin das
angepinselte Gespenst mit dem Blumenhute war, das sich von der schwarzen
Hopfenstange am krummen Arme spazieren führen liess? Die Harfenmuhme wars aus
Rom, die morgen auf ihr Gut nach Werben will und heute ihre Erben, nämlich mich
und Sidi, Revue passieren lässt. Und weisst du, wer die Hopfenstange war, der mein
kugelrundes Mamachen wie ein Strickbeutel am anderen Arme hing? Zacharias heisst
der Mann, den gelehrten Zacharias lässt er sich schimpfen, und ein Pfaffe ist er,
aber so einer - wenn du den Unterschied verstehst -, der seinen Blödsinn nicht
von der Kanzel, sondern vom Kateder zum besten gibt, item ein Herr Professor.
Und mein gelehrtes, dickes Mamachen will den gelehrten dürren Zacharias zum
Manne nehmen. Aber der Henker soll mich holen, wenn ich so einen Philister von
Pastor Vater nenne.«
    »Mein zweiter Vater ist auch ein Pastor,« versetzte Dezimus mit Stolz, da er
des Junkers Pointe nicht verstanden hatte.
    »Aber dein erster Vater war ein Schafhirt und der meine ein Freiherr von
Hartenstein. Zwischen einem Pflegevater und einem Stiefvater ist übrigens noch
ein Unterschied, mein Junge.«
    Beide Erklärungen waren unwiderleglich, daher denn Dezimus auch nichts
weiter äusserte als sein Lieblingswort: »Ja.«
    »Nun meinetwegen,« fuhr der andere fort. »Ehe es zur Hochzeit kommt, bin ich
über alle Berge.«
    »Wo wollen Sie denn hin, Herr Max?« fragte Dezimus betrübt, dass er den
schönen jungen Herrn vielleicht im Leben nicht wiedersehen sollte.
    »In die Welt hinaus, so weit als möglich. Überall besser als hier.«
    »Doch nicht zu dem wilden Volke, wo Ihr lieber Vater totgeschossen worden
ist?«
    »Nach Russland? nein. Russland ist eine Despotie, und ich bin Republikaner.
Und wenn Papa auch noch lebte und mich zu sich riefe, ein Tyrannenknecht werde
ich nie! Ich habe es geschworen,« flüsterte er geheimnisvoll, stimmte aber
gleich darauf mit heller Kehle an: »Bricht dir nicht entzwei die Schulter, nicht
entzwei die morsche Schulter, Autokrator - krator - krator. - Es hats doch
niemand gehört?« fragte er, indem er sich scheu nach allen Seiten umsah. »Es
wimmelt von Spionen in diesem vermaledeiten räucherigen Nest, und alle halten
sie mich schon für einen Studenten. Die armen Burschen! Denen sitzen sie gehörig
auf dem Dache.«
    »Sie gehen wohl noch in die Schule, Herr Max?«
    »Leider, weil ich muss. Aber kein Mensch muss müssen! Und kurzum: ich will
nicht mehr. Was diese Philister mir beibringen können, weiss ich längst oder
brauche ich nicht zu wissen. In einem einzigen Buche steht mehr als in ihren
hohlen Köpfen allen zusammen, und ich lese manchmal die halbe Nacht hindurch.
Gings freilich nach meiner Mama, würde ich ein Federfuchser wie ihr Zacharias.
Aber ich bedanke mich, Frau Mutter, ich bedanke mich. Die Hartenstein haben an
einem Schriftgelehrten genug.«
    »Da wollen Sie wohl Soldat werden wie Ihr seliger Herr Grossvater,
Exzellenz?«
    »Ich habe das Alter noch nicht. Und dann: ja wenn man gleich General wäre,
das heisst, wenn wir schon die Republik hätten, wo das jüngste Genie am höchsten
steigt. - Kommen wird sie, die Republik!« er fiel wieder in den Flüsterton -
»wir haben es geschworen, Dezimus! Es ist ein Geheimbund. Er heisst der Werdetag.
Ich bin Präses. Alle Sonnabend kommen wir in der Sonne zusammen; aber ganz
verstohlen. Heute auch; für mich wird es spät werden wegen Mamas
Teegesellschaft. Wir rauchen, wir spielen Karte, wir sind fidel. Die anderen
trinken Bier. Es sind lauter arme Schlucker. Aber ich mag kein Bier; ich trinke
Wein. Ich bin auch der einzige Edelmann in dem Korps. Und da haben wir es
geschworen: Der Tag der Freiheit, oder die ewige Nacht! Wenn du grösser wärst,
Dezimus, ich meine, wenn du schon auf der Schule wärest, führte ich dich ein als
Gast.«
    Ei nun! Held Dezimus dachte es sich gar nicht uneben, wenn er erst gross
geworden sein werde, in einem fidelen Werdetag mit fidel zu sein, obschon, als
armer Schlucker, nur mit Biergenuss. Vor der Hand beschäftigte ihn indessen
vorzugsweise die Frage, was der schöne junge Herr werden wolle, wenn er binnen
kurzem das Präsidium des Werdetags in weniger würdige Hände niederlegte? Und
diese Frage stellte er denn auch ganz unumwunden, indem er zuversichtlich die
Antwort erwartete: ein Sternenforscher! und begierig war zu erfahren, welcher
Weg zu diesem einem so herrlichen Junker einzig geziemenden Ziele eingeschlagen
werden müsse. Als der herrliche Junker nun aber einfach antwortete: »Gar
nichts!« da starrte er ihm verblüfft in das Gesicht; denn einen Menschen, der
gar nichts war, hatte der Zögling Konstantin Blümels sich bisher nicht denken
können.
    »Nichts oder alles! Ein freier Mann!« verdeutlichte Junker Max. »Mein
eigener Herr. Wenn der alte Mehlborn tot ist, sind Sidi und ich Millionäre; denn
Mama will er enterben. Wir werden aber nie vergessen, dass sie unsere Mutter ist,
wenn sie auch Madame Zacharias heisst. Und von der römischen Tante erben wir auch
alles; denn die pröpstlichen Hartensteins sind ihr zu fromm. Vor der Hand sorgt
Sidi; sie hat viel in ihrer Sparbüchse. Wirds vor der Zeit alle, gehe ich unter
die Kunstreiter.«
    Dezimus fragte, was Kunstreiter seien, und wurde berichtet: die einzigen
freien Menschen in diesem geknechteten Jahrhundert; die Schauspieler
ausgenommen, deren Kunst aber lange nicht so nobel sei.
    »A propos!« unterbrach sich der junge Herr, »du kommst ja über X. Hast du
nicht gehört, ob der Le Voisin in der Kürassierreitbahn noch Vorstellungen gibt?
Ich bin schon ein paarmal drüben gewesen; versteht sich heimlich. Heute wollte
ich auch wieder hin. Wenn aber Mama Gesellschaft hat, muss ich die Honneurs
machen.«
    Dezimus wusste, dass le voisin in Frankreich der Nachbar heisse; von einem Le
Voisin in X. wusste er nichts; und da sie just vor Frau von Hartensteins Hause
standen, konnte der Junker ihm nur noch einschärfen, auch wenn er gefragt werde,
nichts von ihrer Begegnung zu verraten. »Mucksmäuschenstill, Junge! hörst du?
und so ein Schafsgesicht gemacht wie jetzt!« Damit sprang er, je zwei Stufen auf
einmal nehmend, die Treppe hinan, um vor dem ästetischen Zirkel den Geist des
Sekts noch ein Stündchen auszuschlummern. »Wenn sie nach mir fragen, mache ich
meine Pensa, du weisst schon, Schwesterchen,« sagte er zu der kleinen Sidi, die
ihm auf dem Flur entgegenkam. Sie nickte und nahm dann Dezimus, der auf des
Junkers Geheiss ihm langsam nachgefolgt war, bei der Hand, um ihn der Mutter
vorzuführen.
    Das hätte der abenteuernde Schäfersohn in seinem staubigen Leinenkittel sich
aber nicht träumen lassen, dass er in dem vornehmen Hause aufgenommen werden
würde wie ein Prinz! Ja, Heimat bleibt Heimat, der reinsten Vernunft zum Trotz.
Frau Brigitte fragte nach den Bewohnern von Schloss und Pfarre, von Pächter- und
Schulhaus, nach Hinz und Kunz. Sie fragte mit Anteil, wennschon nicht mit Wärme.
Nur nach ihrem Vater fragte sie nicht, und das wäre ja auch die einzige Frage
gewesen, auf welche Dezimus keinen Bescheid hätte geben können. Endlich fragte
sie denn auch, ob ihr kleiner Gast Hunger habe und etwas geniessen möchte, auf
welche Fragen der kleine Gast ehrlich: »Ja« und höflich: »Wenn ich bitten darf«
antwortete, demzufolge in die Küche geführt ward und eine gewärmte
Mittagsschüssel vorgesetzt erhielt, die er bis auf den Grund leerte. Die kleine
Sidi, die von wenig mehr als der Luft und ein bisschen Zuckerwerk oder Obst
lebte, sah mit Wunderaugen, welche Stoffmassen solch ein neunjähriger
Hirtenmagen unterzubringen vermöge. Gehört ein guter Magen denn aber nicht zu
den Grundbedingungen eines Glücklichen?
    »Eure neue Gutsherrin, Fräulein von Werben, wünscht dich zu sehen, Dezimus,«
sagte Frau von Hartenstein darauf. »Reinige dich daher und kleide dich um.
Meines Sohnes Zeug wird dir passen.«
    Die kleine Sidi, welche ihr Mäxchen bei seinem Pensum von keinem Dritten
stören lassen wollte, war flink bei der Hand, Wäsche und Kleider herbeizuholen
und den Dezem in eine Hinterstube zu führen. »Erst nimm ein Bad,« sagte sie,
indem sie einen Schrank öffnete.
    In der Werbener Pfarre wurde, sobald es im Flusse zu kalt wurde, regelmässig
Sonnabend nachmittags im Waschhause gebadet. Aber da setzte man sich in eine
Wanne. Dass einer stehend in einem Schranke baden sollte, dünkte dem Dezem wider
alle Naturordnung. Die kleine Sidi lachte ihn jedoch aus, drehte die Hähne auf,
liess kalten und warmen Regen sprühen und verlangte, dass Dezimus sich in ihrer
Gegenwart unter die Traufe stelle. Er wurde feuerrot; die Kleine kicherte wie
ein Kobold.
    »Dummer Dezem,« sagte sie. »Ich bin ja kein Mädchen! Ich habe ja einen
Buckel! Ich bin ein Nix!«
    Der dumme Dezem fand jedoch, dass sie trotz des Buckels kein Nix, sondern ein
Mädchen sei, und jagte sie aus der Tür. Dann liess er sich vorschrifsmässig im
Schranke bespritzen, rumpelte sich ab, bürstete den Strohwald auf seinem Kopfe
glatt und machte sich fein. Obgleich der Junker fünf Jahr mehr zählte als er,
passten ihm jenes Sachen wie angegossen. Ja, Kleider machen Leute! Wenn er sich
in dieser Pracht doch seinem Röschen hätte präsentieren können!
    Als er eben im Begriffe war, eine Weste mit türkischem Muster anzulegen,
trat die kleine Sidi wieder ein. Sie stieg auf eine Hütsche, um eine Krawatte
mit künstlichem Knoten unter seinen Hemdskragen zu schlingen. »So,« sagte sie,
»so gefällst du mir. Nun gib mir einen Kuss!«
    Dezimus leistete Folge. Gleich darauf ging es zur Vorstellung der neuen
Gutsherrin in den Salon. Auf dem Flur begegnete ihnen der Junker in glänzendem
Wichs und duftend wie ein Veilchen. »Mein Mäxchen ist aber doch viel schöner als
du,« sagte die kleine Sidi, und Dezimus stimmte ihr mit voller Überzeugung bei.
    Das, was der Salon hiess, war nicht so geräumig wie die Wohnstube in der
Werbener Pfarre, und einen herrschaftlichen Saal hatte Dezimus doch auch schon
gesehen, wenn auch nur einen von Ahnen bevölkerten. Dennoch stand er auf der
Schwelle dieses Staatsgemachs wie geblendet, denn alles blitzte und blinkte in
dem Raume. Ein Kronleuchter brannte in der Mitte und eine Lichterreihe über
jeder Tür. Vor dem orangegelben Divan war der Teetisch serviert mit funkelndem
Gerät; im Hintergrunde lehnte zwischen einer blühenden Hortensiengruppe eine
goldene Harfe, und am entgegengesetzten Ende des Zimmers stand ein Flügel
geöffnet. Gäste waren noch nicht gegenwärtig; nur die Hausfrau, der projektierte
zweite Vater und die blühende alte Dame, welche er neben seiner Verlobten am
krummen Arme spazieren geführt hatte. Im eifrigen Gespräch wurde der Eintritt
der Kinder nicht alsobald bemerkt.
    »Unerhört!« hatte eben Frau von Hartenstein ausgerufen.
    »Lächerlich!« die alte Dame leichtin erwidert.
    »Nicht ganz so lächerrlich, wie es scheinen mag, meine Gnädige,« der
zukünftige Hausherr widersprochen. »Ist es doch die natürliche Konsequenz
unserer unseligen Staatsmaximen. Jegliches Märtyrertum lockt wie die Phantasie,
so den Unverstand. Denken Sie an die Kreuzzüge der Kinder - -«
    »In homöopatischer Verdünnung,« spottete die alte Dame. »Wie der Held, so
sein Affe.«
    Bei diesen Worten traten die Kinder ein.
    »Siehst du die angepinselte Mumie auf dem Sofa? Die ists. Du musst ihr die
Hand küssen,« zischelte Junker Max in Dezems Ohr und schassierte graziös mit
galantem Beispiel voran.
    Die »Junkermuhme«, mit ihren roten Bäckchen und schwarzen Löckchen unter
einem umfangreichen Blumenhut, mit den weissen Zähnen hinter den lachenden
Lippen, dem smaragdgrünen Gewande und dem palmendurchwirkten Purpurschal stach
dem Dezem gar wohlgefällig in die Augen; aber wie der schöne Junker es riet und
tat, seine Lippen auf das schneeweisse Handschuhleder zu drücken, nein, solche
Verwegenheit kam dem bescheidenen Hirtensohne nicht in den Sinn. Er machte unter
der Tür einen Diener so tief, als sein stämmiges Rückgrat sich niederzwingen
liess, und da just die ersten Geladenen sich einstellten, schob er sich sacht in
den Ofenwinkel.
    Sidi oder, wie sie im Salon genannt wurde, Sidonie zog ihn aus diesem
hervor, um sich mit ihm an einem Seitentischchen zu etablieren. Und so war es
diesem zum Glück geborenen Johanniskinde beschieden, schon auf der Schwelle
seines zweiten Stufenjahres der Teilnahme an einem ästetischen Teezirkel
gewürdigt zu werden. Eine Ehre, die sich auf seinen späteren Lebensstufen nicht
wiederholen sollte, daher denn dem Helden im Salon ein ausgiebiges Kapitel
gewidmet werden soll.
Den ersten Geladenen folgten die anderen mit der Pünktlichkeit, welche an diesem
ausserordentlichen Abend den Drang der Huldigung bedeutete: kunstsinnige Damen
ohne ihre weniger kunstsinnigen Ehegatten, gelehrte Herren ohne ihre weniger
gelehrten Ehegattinnen; die Creme des akademischen Genius; desgleichen etliche
ledige schöngeistige Wesen beiderlei Geschlechts aus dem Laienstande. Männiglich
wie weibiglich verbeugte sich mit nicht weniger feierlichem Ernst wie der
Hirtensohn von Werben vor der farbenprangenden Muse, welche die Magie der
Sixtinischen Kapelle umwitterte. Die Hausfrau bereitete den Tee; schweigend in
aschgrauem Kleid, weisser Pelerine und spiegelglattem Haarscheitel ein Bild der
ernsten Wissenschaft neben dem der heiteren Kunst und, absichtlich oder nicht,
dessen Folie. Sie hatte sich, der geselligen Gewöhnung der Verwandtin ihrer
Kinder tunlichst zu genügen, zu dieser läppischen Unterhaltung herbeigelassen,
in ihren Zügen aber stand geschrieben: »Einmal und nicht wieder.« Jederzeit von
bleicher Gesichtsfarbe, glich dieselbe heute der ihres Gewandes, das heisst
nichts weniger als einer bräutlichen; ihre Lippen waren fest geschlossen, die
Augen verfolgten den Sohn, und als dieser Miene machte, dem um den Teetisch sich
bildenden Zirkel sich einzureihen, verwies sie ihn mit einer eisigen Gebärde in
den Kinderwinkel.
    Soweit es einer Mutter von so strenger Gedankenzucht gestattet ist, einen
Liebling oder gar einen Verzug zu haben, das heisst unwillkürlich und unbewusst,
so weit, und leider schon viel zu weit, war es Brigitten von Hartenstein dieser
schöne Knabe, der Erstling ihres Jugendglücks. Das Blut schoss ihm daher bei
dieser unerlebten Demütigung in das Gesicht; trotzig schritt er nach der Tür;
ruhig ging die Mutter ihm nach und führte ihn, ohne ein Wort zu sagen, so wie
man ein unartiges Kind in die Ecke stellt, an das Pfeifertischchen.
    Junker Max schäumte; eine Weile sass er stockstumm, an der Unterlippe nagend,
die Hände wühlend in dem lockigen Haar; die kleine Sidi streichelte ihm die
Backen, flüsterte die zärtlichsten Schmeichelnamen in sein Ohr, machte nach dem
Teetisch hin eine Faust und lief dann, mit der Inspiration der Liebe, ihr noch
uneingeweihtes, goldgepresstes Stammbuch herbeizuholen, auch Tinte und eine
feingeschnittene Krähenfeder, die sie dem Erzürnten mit einem aufmunternden Wink
in die Hand zwang. Und die Aufmunterung wirkte; das Selbstbewusstsein besiegte
die Kränkung; es erwachte der Stolz, welcher dem Tertianer ziemt, wenn er sich
von Gottes und Rechts wegen als Primus in Prima fühlt und das Haupt einer
republikanischen Verschwörung ist. War dieses Konvivium hochgradigsten
Philistertums und allerverdrehtester alter Schrauben das Opfer der Unterhaltung
eines genialen Jünglings wert, eines Jünglings, welcher der Apollo des
Gymnasiums hiess und nach welchem die holdesten Mädchen sich schmachtend die
Augen aus dem Kopfe sahen? Unsinn! Blödsinn! Abgeschmackt! Wert war das
Konvivium allein seines satirischen Kunstgeschicks, und was wahr ist, muss wahr
bleiben - das Album der kleinen Sidi ist der Nachwelt erhalten worden -, die
flüchtigen Federskizzen, welche am Kindertischchen gleichsam aus dem Ärmel
geschüttelt wurden, sie würden dem ernstaftesten der ernstaften Herrn am
Teetisch ein Lächeln abgezwungen haben, vorausgesetzt, dass er beim Blättern
nicht auf die Illustration seiner eigenen werten Person gestossen wäre. Vor
diesem vierzehnjährigen Karikaturisten lag eine Zukunft.
    Der arme Dezem freilich sass zwischen dem satirischen Gezischel und Gekritzel
hüben und dem ästetischen Gesumme und Gebrumme drüben wie ein verirrtes
Weidelamm. Zum ersten Male im Leben würde er sich sterblich gelangweilt haben,
hätte die Spannung nach dem grossen Manne, welcher die Sternwarte regieren
sollte, sein Blut nicht in Wallung erhalten. Sooft die Tür sich auftat und ein
neuer Herr Doktor oder Herr Professor Fräulein Tusnelden von Werben vorgestellt
wurde, fragte Dezimus seine kleine Gönnerin: »Ist es der?« Aber immer war es der
noch nicht.
    Der Tee hatte gezogen, die Hausfrau eine silberne Schelle ertönen lassen;
der letzte Stuhl im Kreise war besetzt, Dezems Hoffnung tief gesunken. Da - da
öffnete sich die Tür, und ein bleicher Jüngling trat ein mit einer Miene, welche
Dezimus an die seines Kantors Beifuss erinnerte, wenn er als Leichenbitter
feierlich von Haus zu Hause wandelte. Auch der schwarze Leibrock, den er trug,
hätte füglich Kantor Beifussens Kleiderschrank entlehnt sein können; nur die
Handschuhe waren nicht ganz schwarz, sondern vermutlich einmal weiss gewesen und
von einem Stoff, aus dem man Strümpfe macht.
    »Da kommt er!« rief Dezimus neubelebt.
    Schallendes Gelächter am Pfeifertisch! Unschuldiges Weidelamm, weisst du denn
nicht einmal, was ein Lohnbedienter ist, der bei festlichen Gelegenheiten, an
Stelle der Köchin, das Teebrett umherreicht? Ach nein, du weisst es nicht. In
deinem Pastorhause wird das Brett von den lieben Schwestern umhergereicht, und
du selbst bist schon manches mal mit dem Kuchenkörbchen hinterdrein geschritten.
Dein Herz wird immer schwerer, armer Dezem.
    Aber jetzt, jetzt! Noch einmal öffnet sich die Tür, und ein Herr tritt ein,
ein hoher, stattlicher Herr mit blühenden Wangen, aber, kurios! schon mit
schneeweissem Lockenhaar wie die selige Exzellenz; und auch wie eine Exzellenz
trägt er eine stolze Uniform, silbergeschnürt von silbergrauer Farbe,
Beinkleider, die bloss bis zum Knie reichen, weissseidene Strümpfe und
Schnallenschuhe; nur keinen Säbel. »Da ist er!« jubelt Dezimus laut auf; und
wiederum schallendes Gelächter; selber am feierlichen Teetisch bricht eine
joviale Laune durch, als Fräulein Tusnelda zu dem blühenden Herrn mit den
weissen Locken, der ihr das Teegebäck präsentiert, sagt: »Bedanke dich bei meinem
kleinen Landsmann, Mattner; er hat dich für einen Gelehrten gehalten.« Dem
kleinen Landsmann fiel das Herz vor die Schuhe.
    Der Tee ist genommen; der Hausherr der Zukunft erhebt sich, um die gefeierte
Virtuosin an ihre Harfe zwischen der Hortensiengruppe zu führen. Sie streift die
weissen Handschuhe ab, die hinan bis zu dem radförmigen, kurzen Bauschärmel
reichen. Die »schönsten« Frauenarme entüllen sich. Üppig sind sie nicht, denn
Kunstübung zehrt; aber mehlig weiss wie des blühenden Mattner Haupt. Sie stimmt
die Saiten, sie präludiert; kein Hauch geht durch den Salon, keine Regung; nur
die schwarzen Löckchen zittern unter dem Blumenhut: dann ein Lied sonder
Dichterwort noch Sangeslaut, aber zart, rein und glühend der tiefsten Seele
entströmend, so wie Tusnelda von Werben, und nur sie, die Adelaide einst
gesungen hat, als sie jung und neu, eine Liebesbotschaft aus himmlischen
Sphären, die lauschende Welt mit Wonneschauern durchbebte. O du Hirtensohn aus
Betlehem! Das Saitenspiel, das dich zum König weihte, es scheucht heute noch
wie vor Jahrtausenden die finsteren Dämonen aus dem Menschenhirn; was aber mehr
bedeuten will, es schmelzt die Rinde der Philisterherzen. Dein kleiner,
deutscher Hirtenbruder vergisst die geträumten Sternenrohre; die weisen Leviten
drücken einander stumm die Hände, und die Priesterinnen des Schönen weinen
überirdische Entzückungszähren. Das kleine, verwachsene Mädchen aber stürzt sich
jauchzend der alten Künstlerin an die Brust, und ihr schöner Bruder Übermut
zerknittert sein gelungenstes Blatt, das die Unterschrift »Harfenmuhme« trägt.
Nur die Hausfrau hatte unbewegt gesessen, die Blicke geheftet auf ihren Sohn.
    Das Dankopfer entsprach dem Entusiasmus des Eindrucks. Man hatte etwas
Vollendetes gehört und, was mehr bedeuten will, etwas Ungewohntes. Aber die
vollendetste Piece füllt einen Teeabend nicht aus, und wer hat den Mut oder die
Demut, nach dieser Ersten der Zweite zu sein und nach dem Ungewohnten mit etwas
Gewohntem aufzuwarten? Kein Mann; nicht der musikbeflissenste der jungen
Doktoren, weder der vielbeliebte Cellospieler noch der allbeliebte
Balladensänger; ein Weib musste sie beschämen. Ein Fräulein mit goldenen
Hängelocken liess sich nach schicklichem Sträuben an den Flügel führen, kramte
eine Weile sinnend in dem mitgebrachten Notenvorrat und wählte darauf, sei es
nun in erweckter heiliger Erinnerung an den Reigentanz vor der Bundeslade, sei
es in der profaneren an die eigene leider entschwundene Reigenzeit, genug, das
Fräulein wählte Webers Aufforderung zum Tanz; noch immer das beliebteste
Vortragsstück der Zeit und gemeinhin ein recht bewegliches Stück. Weil die Dame
aber in jenes Stadium getreten war, das zwischen denen des Vogels und Fisches im
weiblichen Erdenwallen die Mitte hält, begann sie und beharrte ohne Abirrung in
dem feierlich massvollen Tempo, in welchem der König der Harfe unzweifelhaft
seinen Reigentanz vorgeführt haben wird, oder in welchem heutigentages etwa ein
Grossvater den Reigen mit der Grossmutter eröffnen würde.
    Keiner von der Dame musikalischen Freunden hatte ihr bis heute eine
Beschleunigung dieses Tempos zugemutet; keiner, selber der rigoristische
Cellodoktor nicht, hatte es einer in heilige oder profane Erinnerungen
Verlorenen bemerkbarlich übelgenommen, wenn bei schwierigen Touren ihr ein
kleiner unharmonischer Fehlgriff entschlüpfte. Heute aber zuckten Finger und
Füsse, wackelten Löckchen und Blümchen am ästetischen Teetisch, und am
satirischen Pfeifertisch wurden ganz ausverschämte Gesichter geschnitten. Bei
Gelegenheit einer kleinen Terz, die korrekter gegriffen eine grosse gewesen wäre,
kreischte die kleine Sidi laut auf: »Au!« und dann wechselte sie mit der
römischen Grosstante einen Blick und ein Kopfnicken, die eine weit nähere Wahlals
Blutsverwandtschaft bekundeten.
    »Du spielst ja wohl auch, Kind?« fragte Fräulein Tusnelda zum Pfeifertisch
hinüber, nachdem die stimmungsvolle Dame geendet und den Tribut der Höflichkeit
geerntet hatte.
    »Gewiss!« antwortete Sidi dreist.
    »So lass einmal hören, Kleine.«
    Die Mutter wollte es wehren, aber die Kleine hatte bereits Posto gefasst auf
dem Kissen, mit welchem Bruder Max hurtig das Taburett vor dem Flügel erhöht
hatte, und streckte die Hände, die für ihre Figur zwar unmässig lang, immer
jedoch nur die eines zwölfjährigen Mädchens waren, auf die Tasten.
    »Was soll ich spielen?« fragte sie nach der Tante gewendet.
    »Was du zu können glaubst, Kleine.«
    Die Kleine klappte das Notenheft zu, das vor ihr noch aufgeschlagen lag;
ihre Augen funkelten wie Koboldsaugen, und aus dem Kopfe statt aus dem
erinnerungsreichen Gemüt schlugen die schlanken Finger das eben verklungene
Tonstück von neuem an, aber mit »Posaunen und Jauchzen«, im Tempo der Jugendlust
und ohne einen einzigen unharmonischen Ober-oder Untersatz. Die Weisesten der
Weisen trippelten mit den Füssen wie auf ihrem ersten Studentenball, und dann
klatschten sie bravo mit aller Macht; nur die schönsten der erheiterten schönen
Seelen blinzelten ohne ein Fünkchen Schadenfreude zu der gedemütigten
Mitschwester hinüber; die kleine Sidi aber warf sich in ihres Mäxchens Arme; sie
hatte seine Kränkung gerächt, den Pfeifertisch zu Ehren gebracht. Dass sie mit
ihrem Triumph über die zum Tanze herausfordernde Jungfrau sich ein Künstlerherz
verbunden und eine weittragende Aussicht für ihr verkümmertes Dasein gewonnen
hatte, das ahnete die kleine Sidi in dieser Stunde freilich noch nicht. Nur die
Mutter hatte das dreiste Wettspiel nicht herausgehört. Sie hegte keine
Reigenerinnerungen, und Musik war ihr gedankenstörendes Geräusch; ihre Blicke
hafteten an dem schönen Sohn.
    Der Muse, welcher ein gastlicher Sinn den Vorrang gegönnt hatte, war mit
diesem Bravourstück genuggetan; wennschon für die weniger sinnlichen
Darbietungen, die ihm folgen sollten, statt der hüpfenden Stimmung eine
elegische empfänglicher gemacht haben würde.
    Denn zur Feier der fremden Künstlerin und zur zarten Mahnung an den Wert des
deutschen Vaterlandes, dem sie eingestandenermassen nach diesem letzten Besuche
und der Ordnung ihrer heimischen Angelegenheiten für immer den Rücken zu kehren
gewillt war, hatte eine Kunstschwester auf verwandtem Gebiet und zugleich Witwe
eines grundgelehrten deutschen Mannes, sich bewogen gefühlt, von ihren
mannigfachen Reliquien die heimlichste und heiligste zum ersten Male zu
offenbaren: einen Brief, in welchem der grösste deutsche Dichter mit seiner
eigenhändigen Unterschrift sein Beileid an ihrer Verwitwung beglaubigt hatte.
    Der grosse Dichter war, wie der grosse Gelehrte, wills Gott! ein Seliger
geworden; um beide vereint trug die edle deutsche Frau seit Jahren schon den
Trauerschleier; und hatte sie den einen von ihnen auch niemals mit leiblichen
Augen gesehen, fühlte sie sich geistig dennoch eine Doppelwitwe; denn sie selber
war eine Dichterin und nicht gering das huldigende Opfer, ein Wort, das der
grösste Bruder im Apoll an den Schwestergenius gerichtet, mit einer bloss
ausübenden Künstlerin zu teilen.
    Die Eröffnung würdig vorzubereiten, hatte ein befreundeter Doktor der
Ästetik einen Vortrag ausgearbeitet, welcher in Betracht, dass sein Hörerkreis
wenn nicht der Mehrzahl so doch der Hauptperson nach der schöneren Hälfte des
Menschengeschlechtes angehörte, des Altmeisters bildenden Einfluss auf diese
schönere Hälfte behandelte, und in welchem er diese Hälfte wieder in zwei
Hälften, fachgemässer ausgedrückt: Kategorien - - -
    Aber - der Vortrag ist ja gedruckt und von Mit-und Nachwelt gebührentlich
gewürdigt worden; wenn jedoch - denn das ist der Kasus, auf welchen es an dieser
Stelle lediglich ankommt, - wenn also der Held dieser Geschichte ihn nicht
gebührentlich gewürdigt hat, so wird hoffentlich weder dem Vortrag noch dem
Helden ein Abbruch an ihrer Schätzung dadurch geschehen. Fragwürdig würde im
Gegenteil erscheinen, ob es der Vortrag verdiente, gedruckt der Nachwelt
erhalten zu werden, wenn er auf besagten Helden einen anderen Eindruck gemacht
hätte, als den er gemacht hat; und ebenso fragwürdig, ob der Held verdient
hätte, dereinst biographisch behandelt zu werden, wenn er - auch abgesehen von
einer zweimeiligen Fusswanderung - einem Vortrag über Goetes bildenden Einfluss
auf das weibliche Geschlecht, müssig und mucksmäuschenstill sitzend, drei
Viertelstunden lang zugehört hätte, ohne - versteht sich nur in seinem zweiten
Stufenjahr! - die Wirkung zu erfahren, die er erfuhr.
    Der brave Dezimus, er reisst die Augen auf und gähnt mit vorgehaltener Hand,
wie es dem Zögling einer einstmals gräflichen Gouvernante ziemt; aber immer
schwerer nickt und immer tiefer sinkt sein dicker Kopf, jetzt hinunter bis zur
türkischen Weste, jetzt bis auf die Arme, die sich über dem Pfeifertischchen
kreuzen. »Ist er da?« lallt er noch, dann fallen die Lider ihm zu, und er hört
von der Beileidsbezeigung des grossen Goete und dem, was ihr vorangeht und
nachfolgt, kein Sterbenswort. Er schläft; er schläft wie ein junger Ratz; er hat
in seinem Leben noch nicht so fest - nein, das wäre zuviel behauptet -, aber er
hat in seinem Leben nicht fester geschlafen.
    »Dieser Hirtensohn bekundet einen hohen Grad frühreifer Urteilskraft!«
bemerkte, keineswegs im Flüsterton, Fräulein Tusnelda gegen ihren Nachbar, den
anverlobten Hausherrn, und der anverlobte Hausherr seufzte zur Erwiderung:
»Beneidenswerter Stand der Unschuld!«
    Weiter kam er nicht; denn der Ästetiker hatte eben das Heft zugeschlagen,
die Reliquie wurde aus dem Busen gezogen, und: »Auf die Suppe folgt der Braten,«
sagte Fräulein Tusnelda.
    Das Diktat, welches nunmehr zum Vortrag gebracht wurde, entielt nur wenige
schlichte Worte, wie ein Greis bei eines Greises Scheiden sie naturgemäss fühlt
und sagt; von einem anderen an eine andere gerichtet, würde, in beruhigter
Gemütsstimmung, das Schreiben mit manchen ähnlich lautenden von dem Kaminfeuer
verzehrt worden sein, dahingegen von einem Goete diktiert und von eines Goete
eigener Hand unterzeichnet, es alle Aus sicht hat, die schwungvollsten
Trauerkarmen und sogar das gelehrte Elaborat, zu welchem es den Impuls gegeben,
um unberechenbare Generationen zu überdauern, ja einem edlen Weine gleich, mit
jedem Lagerjahre an Wert zu steigen. Wie fühlte heute schon die glückliche
Eignerin, trotz ihres Witwenunglücks, sich beneidet! wie phantasievoll
ergründete sie aber auch die geheimnisvolle Tiefe jeglichen Bindeworts, spürte
unter dem gelassenen Redesatz den klopfen den Jugendpuls, schöpfte, ohne ihn zu
erschöpfen, aus dem Born einer göttlichen Zeugungskraft.
    Der Drang nach einem weihevollen Abschluss des Seelenschmauses, bevor das
kalte Abendbrot gereicht ward, ist unüberwindlich; die edle Witwe erhebt sich;
sie war nicht nur eine Dichterin, sie war in gehobenen Momenten es auch aus dem
Stegreife. Die Gesellschaft erwartete eine Improvisation. Die Dichterin wagt an
ihre musikalische Kunstschwester die Bitte um leise Harfenbegleitung; die
Kunstschwester aber schüttelt schnöde die schwarzen Löckchen unter dem weissen
Blumenhut, worauf hin wiederum die Dichterin wehmutsvoll die weissen Locken unter
dem schwarzen Schleiertuch schüttelt und mit in die Höhe geschlagenem Blick,
einer Seherin gleich, die himmlische Eingebung erwartet, als - - als die Tür
sich auftut und - ja, das Glück kommt nicht bloss Märchenprinzen im Schlaf! - und
Er erscheint, Er ist da!
    So gering auf einer mittleren Universität die Hörerzahl eines Astronomen
auch nur sein kann, so gab es auf der unseren jener Zeit nicht bloss keinen
gefeierteren, sondern auch keinen populäreren Lehrer als den alten Herrn mit dem
sokratischen Satyrkopf und dem sokratischen Menschenherzen, und nicht Frau von
Hartenstein allein strich den Tag, an welchem er ihr Haus zu flüchtiger Einkehr
beehrte, rot im Kalender an. Heute scheuchte seine Begrüssung zum ersten Male die
Sorgenwolken von ihrer Stirn, wenngleich er auch heute leider nur als Meteor am
ästetischen Firmament auftauchen sollte; denn am wissenschaftlichen Firmament
hatte sich eine totale Mondfinsternis angekündigt, und der Umgang mit grossen und
kleinen Himmelsregenten erzieht nun einmal eine Höflingsschule.
    »Indessen,« setzte er hinzu, indem er Fräulein von Werben, als einer alten
Bekanntin, die Hand drückte, »liess es mir doch keine Ruhe, Sie, Verehrteste,
noch einmal zu sehen und, wenn es sein kann, zu hören. Denn es bleibt bei Ihrem
Wort: unser beider Künste sind Schwestern, und welche von ihnen die ältere ist,
ob die erste Harfe, welche ein Tebaner gestimmt, oder die erste Mondfinsternis,
welche ein Chaldäer beobachtet hat, diesen zweifelhaften Vorrang wollen wir uns
gegenseitig nicht streitig machen. Und darum, edle Tebanerin, rühren Sie Ihr
Saitenspiel zu einer Weise, nach welcher der alte Chaldäer für den Rest seiner
Nächte die himmlischen Leuchten harmonisch wandeln sehen wird.«
    In der nächsten Minute sass Fräulein von Werben zwischen der Hortensiengruppe
hinter ihrer goldumrahmten Pedalharfe, vielleicht der klangvollsten und
kostbarsten, welche Erards Meisterhand konstruiert hat. Während sie stimmte,
sagte der Professor nachdenklich: »Seit ich Sie zum ersten Male hörte, es war in
der Dresdener Hofkirche, und lange, lange ist es ja her, ich war fast noch ein
Knabe, und Sie, Sie sangen damals noch - Tusnelda mit der Seraphsstimme! wissen
Sie wohl? -, seitdem nun hat mir in mancher stillen Sternennacht eine alte
italienische Hymne vor den Ohren gesummt, ja ich darf sagen, wie Sphärenrhytmus
das Herz sehnsüchtig geschwellt. In Wirklichkeit habe ich die Melodie niemals
wieder vernommen. Es wäre ein Wunder, wenn Sie sich ihrer noch erinnerten.«
    »Das Wunder könnte sich begeben haben,« versetzte das Fräulein. »Aber sagen
Sie, Professor, warum tragen Sie nicht wie ich eine Perücke? Das Organ der
Galanterie liegt Ihnen bedenklich bloss. Die Harmonie der Sphären sollen Sie
übrigens noch einmal klingen hören, wenn auch nur mittelst eines Notbehelfs. Die
Finger sind mir, gottlob! noch nicht lahm geworden.«
    »Die Zunge auch nicht,« versetzte der Professor, und beide lachten.
    Dann griff die Künstlerin in die Saiten zu einer jener kindlich hehren,
friedvollen Palestrinischen Weisen, die man in Deutschland dazumal ausserhalb der
Dresdener Hofkirche nur selten hörte, welche die Dame aber mit solcher
Virtuosität, auch des Gemütes, modulierte, dass der alte Chaldäer durch den
Notbehelf der Saiten sich gar wohl in der Jugend goldene Sangestage versetzt
fühlen durfte und eine edle Dichterin nur mit übermenschlicher Anstrengung die
zuströmenden Gesichte im Herzensgrunde zu stauen vermochte.
    »Nun aber Gefallen für Gefallen, Freund,« sagte Fräulein Tusnelda, nachdem
sie auf ihren Divanplatz zurückgekehrt war. »Hat die Kunst meiner alten Finger
den Weisen auf eine Viertelstunde wieder jung gemacht, soll seine alte Weisheit
einen Jungen auf ein paar Jahrgänge älter machen.«
    Und sie erzählte darauf das Sternenabenteuer ihres Werbenschen Schäferbuben
mit so knapper Anschaulichkeit, wob mit so anmutigem Humor sein Dezemsschicksal
ein, dass die Gesellschaft dem Vortrag der gewandten, alten Scheherezade lauschte
wie zuvor dem der gewandten, alten Harfenkönigin. Ja, das Glück kommt im Schlaf.
Glückseliges Johanniskind, in dieser Schlummerstunde wurdest du zum Romanhelden
inauguriert!
    »Fast tut es mir leid, Ihren kleinen Träumer ernüchtern zu müssen,«
versetzte der Professor. »Wenn er aber ein Rechter ist, würde trotz allem und
allem es eines Tages doch geschehen müssen. So früh als möglich demnach die
Probe. Wach auf, mein Sohn, wach auf!«
    »Dezem, wach auf!« rief die kleine Sidi, indem sie den Schläfer an den
Schultern schüttelte.
    Dezem fuhr in die Höhe und rieb sich die Augen. Er wusste nicht, wie ihm
geschah. Eben hatte er in dunkler Bodenkammer von seinem Röschen geträumt, und
nun sass er in strahlendem Kerzenlicht, und eine vornehme Gesellschaft stand
lachend um ihn her. Er wurde wie mit Scharlach übergossen und hätte vor Scham in
die Erde kriechen mögen. »Komm, kleiner Kollege,« sagte der Professor, ihn bei
der Hand fassend. »Die Sterne haben nicht warten gelernt.«
    »Gestatten der Herr Professor, dass ich mich anschliesse?« fragte Junker Max.
    Der Professor wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit der Mutter und
ihrem auserkorenen Gemahl.
    »Besser den Mond sich verfinstern sehen als sich einem Sonnenstich
aussetzen,« äusserte Fräulein Tusnelda, worauf die Mutter denn in strengem Ton
entschied:
    
    »So geh! Dass du aber, sobald der Herr Professor dich entlässt, ungesäumt auf
geradem Wege nach Hause kommst. Und du mit ihm, Dezimus, hörst du? Ich verlasse
mich auf dich.«
    Dezimus sagte: »Ja!« Junker Max war weiss geworden wie eine Wand.
    Sie gingen.
Der Weg zum Observatorium war ziemlich weit. Als sie in ein dunkles Quergässchen
der an dunklen Quergässchen äusserst reichen Stadt bogen, raunte der Junker in
Dezems Ohr: »Wir sind verraten, ich muss sie warnen!« und bat darauf mit
ausgesuchter Höflichkeit den Herrn Professor, wegen plötzlichen Schwindels nur
zu einem Trunk Wasser in ein Haus treten zu dürfen, über dessen offnem Torweg
eine schwächliche Öllampe das Zeichen »Zur goldenen Sonne« erkennen liess.
    Der alte Herr schüttelte den Kopf; ehe er aber noch seiner Weigerung in
Worten Ausdruck geben konnte, wurde er von einem anderen überholt, mit dem er
stumm einen Händedruck wechselte und der alsobald hinter der verglimmenden Sonne
verschwand.
    »Unser Rektor!« zischelte Max, indem er sich zitternd an Dezems Arm
klammerte.
    Er sprach kein Wort während des Weges; auch der alte Chaldäer schien den
Schwindelanfall für abgetan anzusehn; er wendete sich mit seinen Fragen
ausschliesslich dem kleinen Sternenfreunde zu, und dieser offenbarte zutraulich
alle Heimlichkeiten, die er seinen himmlischen Lieblingen abgelauscht. Als
darauf jedoch der alte Chaldäer ihm das heutige Phänomen leichtfasslich erklärt
hatte, da schwieg freilich auch er; aber die hohen Lieblinge blickten in ein
ernstaftes Kindergesicht, das eine Weihe empfangen hatte.
    »Du wirst,« sagte der Professor, »nichts anderes als einen Schatten über die
Mondscheibe ziehen sehen, wie du schon manches Mal eine Wolke darüber ziehen
sahest. Auch wirst du die Sternbilder, die du mit blossen Augen wahrnimmst, nicht,
wie du vermutest, in Mondes- oder gar Sonnengrösse schauen, und die, welche dir
erst das Fernrohr deutlich macht, werden dir nur als schwache Fünkchen leuchten.
Das darf dich aber nicht beirren, mein Sohn. Nichts, was wir hienieden schauen
können, ist so gross, als wir es uns denken, und nichts, was wir erreichen
können, so vollständig, als wir es erstreben. Weil du nun aber nunmehr weisst,
dass es der Schatten deiner Erde ist, welcher dir, seit Jahrhunderten voraus
berechenbar, ihren Trabanten ein paar Minuten lang verhüllte, und weil du weisst,
dass die kleinen Himmelslichter, welche es dir angetan haben, Welten sind wie
die, welche du bewohnst, und dass es millionenmal mehr und millionenmal fernere
Welten gibt als die, welche du selbst mit den schärfsten menschlichen Werkzeugen
zu erkennen vermagst, darum wird es dir keine Ruhe lassen, ihr gesetzmässige
Bahn, soweit deine Kräfte reichen, zu erforschen, und es würde mich freuen, wenn
ich dir bei dieser Forschung dereinst länger als heute ein Führer sein dürfte.«
    Und es geschah, wie der weise Chaldäer vorausgesagt. Der sinnliche Eindruck,
welchen Dezimus durch das grosse Rohr empfing, blieb weit hinter seinen
Erwartungen zurück, und der des Gemüts war nicht so erhebend wie der des
Allnachtshimmels ohne die räumliche Beschränkung durch ein Instrument. Das aber,
was als Gedanke schon in dem Kinde geglommen, hatte einen Sporn erhalten, der
seinem Mannesstreben die Richtung gab.
    Das erste Morgengrau dämmerte, als sie die Sternwarte verliessen, welche -
auch eine Enttäuschung für den Hirtensohn - nichts weniger als einem hehren
Tempelbau glich. Der unglückliche junge Verschwörer hatte während der langen
Beobachtungsstunden wie auf Kohlen gestanden und an keinen anderen Erdschatten
gedacht als den, welcher den Werdetag verfinsterte. Nachdem der Professor die
Knaben in dem Garten, der das Observatorium umgab, verlassen hatte, um nach
seiner Wohnung abzubiegen, rief Max mit bebender Stimme:
    »Ich muss fort, auf der Stelle! Was hülfe es, wenn sie mich auch noch fassten!
Gib Sidi heimlich dies Blatt. Gottlob! dass ich es unbemerkt kritzeln konnte.
Sonst gegen keinen Menschen ein Wort. Adieu!«
    »Nein, Herr Max,« entgegnete Dezimus, indem er ihm den Weg vertrat. »Sie
müssen mit mir nach Hause gehen. Wir haben es Ihrer Frau Mutter versprochen und
dem Herrn Sternenprofessor auch.«
    »Aber, Junge,« schrie Max ausser sich, »bist du denn gar zu dumm? Begreifst
du denn nicht, um was es sich handelt? Sie haben die Statuten, sie haben die
Mitverschworenen. Ich bin das Haupt: ein grässliches Exempel wird statuiert
werden. Lebenslängliches Zuchtaus, ein Todesurteil - -«
    »Ach bewahre!« tröstete Dezimus. »Das lässt ja der Herr Professor, Ihr
zweiter Vater, gar nicht zu. Kommen Sie nur, kommen Sie!«
    Er wollte ihn fortziehen, jener sich losreissen. Sie rangen miteinander in
der stillen, noch nächtigen Gartenallee. Dezimus war der stärkere, Max der
gewandtere; der Sieg zweifelhaft. Da - da, wie ein lauerndes Gespenst aus dem
Boden geschossen - stand plötzlich der zweite Vater zwischen ihnen, packte, ohne
einen Laut von sich zu geben, den zukünftigen Sohn am Arm und schleppte ihn
stracks nach Hause.
    Als der Dezem nun still hinter den beiden herschlenderte, waren Sonne, Mond
und Sterne für ihn am Himmel ausgelöscht. Denn wie Schuppen war es ihm von den
Augen gefallen und wie ein Zentner auf sein Herz. Hatte er den schlimmen
Streich, den er einem anderen gewehrt, nicht ausgeführt? War er nicht heimlich
in die Welt hinausgelaufen? Würde seine liebe Mutter nicht in Angst um ihn
vergehen und sein gütiger zweiter Vater zum ersten Male ein grässliches Exempel
an ihm statuieren? Ach, der ruchlose Bösewicht, der er war! Und alles um eines
Werdetags willen, gerade so wie Junker Max! Bittere Reuetränen strömten über
seine Backen. Er wollte nur bei Frau von Hartenstein seinen Kittel wieder
anziehen, dann in einem Atem heimlaufen und, wie der verlorene Sohn, fussfällig
für seine Schandtat um Vergebung flehen.
    Als er aber das Haus erreichte, in welchem die ästetische Versammlung sich
seit Stunden aufgelöst hatte, stiess er unter der Tür auf die alte Gutsdame, die,
nach einer langen vertraulichen Besprechung mit ihrer Verwandtin, im Begriffe
war, in ihr Hotel zurückzukehren.
    »Du bleibst, Junge!« sagte sie lachend. »Ich bringe dich morgen selbst nach
Werben und übernehme die Verantwortung bei deinen Eltern.«
    Was sollte Dezem tun? Er blieb, legte sich aufs Ohr und schlief; der
ruchlose Bösewicht, er schlief, als hätte er das allerfriedlichste Gewissen zu
seinem Schlummerpfühl. Als er aber endlich gegen Mittag durch die kleine Sidi
mit Gewalt aus den Federn, in die Kleider und zur Besinnung gebracht worden war,
da hätte an schwindelhaftem Erfolg binnen vierundzwanzig Stunden sich wohl nicht
leicht ein Abenteurer mit ihm messen können.
    Ausgerückt im Bauernkittel auf dem Butterfass des Leiterkarrens, kehrte er
heim im Junkerhabit auf hohem Kutschertron, neben dem schmetternden Postillion,
der ein Viergespann lenkte; rollte im Fluge die Strasse entlang, auf der er
gestern im Schweisse seines Angesichts getrabt war. Im hinteren Kabriolett hatte,
von seinem Ehrenplatze durch ihn verdrängt, der Diener mit den blühenden Wangen
und dem schneeweissen Lockenhaar sich missmütig eingeschichtet zwischen die
ältliche Kammerdame und einen Berg von Schachteln und Koffern. Im Fond der
wappenprangenden Reisekarosse sass die Gutsherrin mit Junker Max; auf dem
Rücksitz ruhte eingekapselt die goldene Harfe, der Künstlerin zweites Ich, das
sie eifersüchtig mit den Augen hütete. So glorreich sollte der Einzug in Werben
gehalten werden! Und dazu im Arm die duftende Gardenia und im Herzen die
Erinnerung an das grosse Rohr und den weisen Chaldäer!
    Was im Inneren des Wappenwagens verhandelt wurde, drang natürlich nicht zu
Dezems Ohr. Dass es ein hochnotpeinliches Strafgericht sein könne, befürchtete er
keineswegs, war im Gegenteil heute mehr noch als gestern geneigt, den
jugendlichen Verschwörer als Helden zu bewundern, da beim Einsteigen sein
schönes Gesicht vor Glückseligkeit gestrahlt hatte und er keinen Gedanken an
seine nächtlichen Ängste und ihren beiderseitigen Ringkampf bewahrt zu haben
schien. Die kleine Sidi hatte sich zwar mit Tränen aus seinen Armen gewunden,
aber es waren Tränen, welche ein Schimmer froher Erwartung durchleuchtete.
    Als in der Stadt, wo Dezimus gestern die Gardenia vergeblich gesucht hatte,
die Pferde gewechselt wurden, langte aus entgegengesetzter Richtung die
Personenpost eben an. Mehrere Passagiere stiegen aus; unter ihnen ein ältlicher
Herr, der sich seine Peife an der des Schirrmeisters anzündete. »Der Vater!«
jubelte Dezimus auf, sprang mit einem Satze vom Bock und hielt die seltene Blume
wie im Triumph in die Höhe.
    »Mein guter Sohn!« sagte Pastor Blümel gerührt. »Mir zuliebe hast du diesen
weiten Weg gemacht!«
    Dezimus stand wie angedonnert mit niedergeschlagenen Augen:
    »Ach nein, Vater,« sagte er kleinlaut darauf, »ich habe es den Sternen
zuliebe getan.«
    Bevor der Vater das Rätsel zu lösen vermochte, beugte sich zwischen den
Spiegelscheiben des Wappenwagens ein blumengeschmücktes Lockenhaupt hervor, und
eine glockenhelle Stimme rief:
    »Dieses redliche Hirtenblut wollen wir zu Ihrem Nachfolger heranziehen, Herr
Pastor. Ich heisse Tusnelda von Werben.«
    Vater Blümel hegte ein zu gutes Vertrauen in seines Dezem rüstigen Körper
und ruhigen Kopf, als dass er gestern abend die Nachricht von der ausgedehnten
Blumenexpedition mit irgendwelcher Sorge aufgenommen hätte; seine sonst so
starkmütige Hanna dahingegen sah ihr verirrtes Lamm dem Wolf in den Rachen
rennen und im allerglücklichsten Fall vom Gendarm auf dem Schub in seine Hürde
zurücktransportiert. Nach einer ruhelosen Nacht erklärte sie rund heraus:
    »Du, Konstantin, oder ich!« und so machte ihr Konstantin sich denn auf die
Suche des verirrten Lamms und - der bedrohten Gardenia.
    Wie er nun aber halben Wegs beiden im erwünschtesten Wohlbefinden begegnete,
durch eine fabelhafte Verkettung obendrein unter Schutz und Geleit der Patronin,
die jemals mit Augen zu sehen er nicht zu hoffen gewagt hatte, da spürte er eine
Anwandlung von seiner Hanna Glauben an die Himmelsgunst eines Johanniskindes,
und mit herzlicher Freude nahm er der Dame Einladung zur Heimkehr in ihrer
Gesellschaft an.
    Ein Platzwechsel wurde dadurch erforderlich. Junker Max bestieg zu seiner
innerlichsten Befriedigung den Tron des Postillions, tauschte sich gegen ein
Biergeld die Führung der Leinen ein und lenkte, ohne einen Rest von
Verschwörerlaune, zum ersten Male einen Wappenwagen viere lang vom Bock. Dezimus
wurde in das Innere des Wagens aufgenommen und musste zusehen, wie er sich auf
einer Kante neben dem Harfenpedal einrichtete. Da jedoch wiederholtes
Herunterrutschen das Zwiegespräch der beiden Würdenträger störte, kauerte er
sich auf den Wagenboden nieder und hat mit dem Prickeln seiner einschlafenden
Gliedmassen die Ehre, einer gefeierten Künstlerin zu Füssen zu sitzen, ganz gewiss
nicht zu teuer erkauft.
    Da die Gutsdame nur einen einzigen Tag zur Kenntnisnahme des Besitztums, das
ihr seit länger als einem halben Jahrhundert ein fremdes geworden war, bestimmt
und die Absicht hatte, dem vormaligen Werbenschen Erbpächter Mehlborn einen
Besuch abzustatten, ersparte sie sich einen zeitraubenden Bogen, indem sie,
statt der Landstrasse, einen Seitenweg auf dem jenseitigen Ufer einschlagen liess.
Die Begegnung ihres Pfarrers, mit dem sie mancherlei Geschäftliches abzusprechen
hatte, kam auch ihr erwünscht, und bald war sie mit ihm im Gleise der
Vertraulichkeit.
    »Man braucht,« hob sie an, indem sie ihm freundlich die Hand reichte, »mit
einem Menschen keineswegs einen Scheffel Salz zu essen, um ihm in das Herz sehen
zu lernen. Ichziehe, wie bei anderen Naturansichten, einen bedeutenden
Totaleindruck einer Menge kleiner Lokaleindrücke vor, und die Bekanntschaft mit
Ihrem Dezem gab mir solch ein Gesamtbild Ihres Wesens. Im übrigen hat mein
Schwager, der General, es auch an kleinen Einzelnbildern nicht fehlen lassen, so
dass ich bei Ihnen und den Ihren hinlänglich zu Hause bin. Sie müssen nämlich
wissen, Herr Pastor, dass die feindliche Verschwägerung zu guter Letzt in einen
intimen Freundschaftsbund umgeschlagen war und dass an einem noch intimeren
Bündnis, wie selbiges durch einen Paragraphen Ihres Landrechts erläutert wird,
nichts weiter fehlte, als dass das Bedürfnis der Unterstützung nicht ein
gegenseitiges war. Zu meinem Glück, da ich sonst statt dieses Blumenhutes eine
Witwenhaube tragen würde.«
    Die Dame plauderte diese und alle folgenden Vertraulichkeiten so unbefangen
aus, als ob nicht ein Kind derselben Zeuge gewesen wäre. Möglich, dass sie
meinte, der unschuldige Dorfjunge verstehe sie noch weniger, als er, wo sie hier
und dort in seinen Gedankenkram passten, sie wirklich verstand. Im übrigen gibt
es für geniale Leute ja keine Indiskretionen.
    Die Rede kam demnächst auf Frau von Hartenstein, und keine Neuigkeit hätte
den alten Lehrer mehr überraschen können als die von ihrer bevorstehenden
Wiederverheiratung; und kaum eine bänglicher berühren als die von ihr getroffene
Wahl.
    »Kennen Sie Zacharias?« fragte Fräulein Tusnelda.
    »Nur aus Bruchstücken seiner kritischen Exegese,« antwortete der Pastor
seufzend. »Der Mann ist stark im Zerstören! Wie erklären Sie, gnädiges Fräulein,
diese so schwer begreifliche Wahl?«
    »Ei nun, sehr natürlich aus dem bereits angezogenen Paragraphen von der
wechselseitigen Unterstützung. Brigittens Mittel sind nahezu erschöpft; ihr
Ehrgeiz ist es aber keineswegs. Jener Trieb zum Zerstören, wie Sie ihn nennen,
ein Trieb, zu welchem übrigens gemeinhin mehr Mut als Geist gehört, also ein
Charakter und kein Genie, hat dem Mann einen Namen und glänzende
buchhändlerische Honorare eingetragen, ohne ihm bis dato seinen Lehrstuhl zu
kosten. So hilft der Mann ihr aus der Not. Er seinerseits ist klug genug, zu
wissen, dass auch im geistigen Zerstören nicht leicht Mass zu halten ist. Ein
Stück bröckelt dem anderen nach. Das Publikum aber liebt allerorten ein
Mittelmass. Hand und Fuss, die Nase, der ganze Kopf sogar mag einer Autorität
abgeschlagen werden: ein Torso soll stehen bleiben; Fenster und Türen aus einem
Tempel gerissen, das Dach abgedeckt: die Ruine wird um so ehrwürdiger, und am
Ende lässt sich noch eine Windmühle auf ihren Grundmauern errichten. Der Tag
könnte also kommen, an welchem scharfsinnige Negationen weniger glänzende
Honorare eintragen würden; abgesehen davon, dass, über kurz oder lang, der
nämliche Umschlag, von welchem mein Neffe, der Propst, die Rückkehr zur Kanzel
erhofft, meinen Quasineffen in spe, den Professor, von dem Kateder nötigen
dürfte. Und leiblicher Hunger täte dann weh. In dieser eines weisen Mannes
würdigen Fürsicht gewähren die Mehlkammern eines reichen Schwiegervaters die
tröstlichste Perspektive. So sorgt der Mann für die Zukunft, die Frau für die
Gegenwart, und da im übrigen Mann und Frau ungefähr in gleichem Masse aus den
gleichen Stoffen zusammengesetzt sind, darum auch die gleichen Bedürfnisse
haben, ist eine harmonische Ehe zu prognostizieren.«
    »Aber auch ein gedeihliches Elternhaus?« wendete Pastor Blümel ein.
    »Das just um so weniger,« versetzte die alte Dame. »Die Familie gedeiht nur
in gemischten Elementen, und Kinder badet man nicht in Spiritus. Zumal diese
Hartensteinschen Kinder, die, vielseitig begabt, schon jetzt einseitig
entwickelt sind. Beide lieben nur sich, das heisst auch sich untereinander; zur
Mutter haben sie keinen Zug, und den auserkorenen neuen Papa hassen sie
schlechtin. Derlei Stiefverhältnisse können überhaupt nur durch frühe Gewöhnung
oder durch die Vernunft erträglich gemacht werden. Für die erste sind die Kinder
zu alt, für die letzte zu jung. Beiden Teilen wird es daher einen verdriesslichen
Übergang ersparen, wenn ich die Tochter, bis zu einem reiferen Stadium, mit mir
nach Rom nehme. Ich vermeide im allgemeinen unschöne Umgebungen; da das kleine
Anhängsel aber gescheut und für die Musik ungemein talentiert ist, denke ich es
mit ihm aushalten zu können. Schade, dass sie zur Harfe nicht die Figur hat; von
einer Gesangstimme kann bei solchem Brustkasten überhaupt nicht die Rede sein.
Aber sie empfindet die Kunst, und die Kunst wird sie für manche versagte
Empfindungen schadlos halten müssen. Notabene: für unfreiwillige Versagungen;
denn freiwillig sind solche der höchste Triumph, den wir Frauen feiern können.«
    »Aspasia!« sagte der Pastor lächelnd, und Fräulein Tusnelda nickte ihm
befriedigt zu.
    »Für die Tochter wäre somit zunächst gesorgt,« fuhr sie darauf fort.
»Problematischer steht es um den Sohn. Sein Grossvater war der schönste Mann, den
meine Augen geschaut, und der Enkel gleicht ihm. Sehen Sie doch, mit welcher
Grazie er draussen die Zügel führt. Nur absichtslos, doch wie mit Absicht schön!
Könnte ein Künstler ihn nicht zum Vorwurf eines jungen Sonnengottes nehmen? Und
wie die Glieder, so der Intellekt. Er lernt spielend, sagen seine Lehrer, hat
Gabe zu allem, Lust zu vielem, Ausdauer zu nichts. Aus diesen Faktoren bilden
sich die Tagediebe, die als Genies ein Monopol nicht bloss der Freiheit, sondern
Frechheit zu haben glauben, zumal auf fettem Boden. Stellen Sie sich vor, der
Bengel hat gestern abend eine Teegesellschaft seiner Frau Mama - ehrenwerte
Philister und langweilige schöne Seelen einer deutschen Provinzialstadt! - mit
ein paar Federskizzen hingeworfen, dass sie in einem Witzblatt, wenn Ihr eines
besässet, Parade machen könnte. Hier eine Probe: Die Harfenmuhme!«
    Fräulein Tusnelda zeigte das abgerissene Blatt, auf dessen Rückseite Max in
seiner gestrigen desparaten Stimmung die Abschiedsworte an seine Schwester
gekritzelt, und welche der lauernde zweite Vater ihm entwunden hatte. Pastor
Blümel schüttelte seufzend das Haupt, und seine Patronin fuhr fort:
    »Und stellen Sie sich weiterhin vor, dass am nämlichen gestrigen Abend eine
republikanische Verschwörung entdeckt und aufgehoben worden ist, deren Obmann
dieser kunstfertige Tertianer war. Mich wundert nur, dass er nicht alsobald zur
Organisation einer Räuberbande à la Karl Moor vorgeschritten ist. Kleine
Gernegrosse! Ein Auswuchs Ihrer allerliebsten Staatsmaximen!«
    Pastor Blümel stiess einen tiefen Seufzer aus und schlug die Augen zu Boden,
als ob er selber ein verantwortlicher Teilhaber dieser Staatsmaximen gewesen
wäre. Hätte es sich in seiner Patronin Wappenwagen geschickt, würde er seine
Pfeife angezündet haben, so schmerzlich verworren war seine Gedankenarbeit.
    »Für die Zukunft eine heilsame Lehre, - falls sie verstanden wird!« sagte
die Dame leichtin. »Seis darum. Hängen wird man die dummen Jungen natürlich
nicht; man steckt sie stillschweigend irgendwo unter. Was aber den Häuptling
anbelangt, so ist seine Mama der Verlegenheit überhoben, den Witwenstuhl
verrücken zu müssen in Gegenwart eines Zeugen, der ein Karikaturblatt von der
Weiheszene entwerfen würde. Was aber bis auf weiteres anfangen mit dem
Tausendsasa? Ich, für meine Person, habe keinerzeit den Trieb zur Grachenmutter
in mir gespürt, und der Tropfen Werbenschen Blutes, der in des Burschen Adern
noch fliesst, kann mir die Verpflichtung nicht auflegen, die Rolle in alten Tagen
zu forcieren. Bliebe also der Grossvater Mehlborn, dem ich en passant nicht allzu
gelinde auf den Zahn fühlen werde. Unter allen Umständen besitzt er den nervus
rerum, auf welchen es in der Zukunft ankommen wird, und zugegeben muss ja auch
werden, dass der Dreschflegel ein probates Korrektiv gegen Verschwörerlaunen ist,
nur nicht gegen solche eines Bluts von vierzehn Jahren. Wer soll zunächst dem
tollen Füllen die Halfter über den Kopf werfen? Ich frage Sie, Freund, Sie sind
ja halb und halb Pädagog, was sollen wir mit dem Irrwisch anfangen?«
    Bis dahin hatte Dezimus, wenn auch mit immer steigender Entrüstung, an sich
gehalten. Nun jedoch ertrug er es nicht länger, den schönen jungen Herrn so
schmählich verlästert, ihn wohl gar mit des bösen Amtmanns Dreschflegel bedroht
zu sehen. Er hatte gestern, um des vierten Gebotes willen, mit ihm gerungen, er,
der doch weit schnöder gegen dieses Gebot gefrevelt hatte. Ihm aber war wegen
des grossen Rohres kein böses Wort gesagt worden, und jener wurde bloss wegen der
Republik behandelt wie der verlorene Sohn. Seit die vornehme Dame ihn einen
jungen Sonnengott genannt hatte, leuchtete er Dezimus nun vollends vor wie der
alleredelste Held.
    »Er will unter die Kunstreiter gehen!« platzte er daher heraus mit dem
Stolze der reinsten Bewunderung.
    Die alte Dame lachte hellauf. »Bravo!« rief sie in die Hände klatschend,
»bravissimo! dass man doch niemals an der Mutter Natur verzweifeln soll! Lassen
wir ihn laufen, lassen wir ihn reiten, wenn er sich wundgeritten hat, wird er zu
Kreuze kriechen, und hängt der Brotkorb ihm dann nur ein wenig hoch, kann aus
dem unbärtigen Karikaturenzeichner noch etwas Rechtschaffenes zustande gebracht
werden.«
    »Ein gewagtes Experiment!« versetzte Pastor Blümel so traurig, als die Dame
lustig schien.
    »Wissen Sie eine wirksamere Zucht als die der Not?«
    »Solange die Liebe nicht erschöpft ist, gewiss.«
    »Wollen Sie ihn etwa in Ihrem Töchtergarten schulen? Ich meine es im Ernst,
Freund, im allerernstaftesten Ernst. Versuchen Sie es mit dem jungen Wicht.«
    »Mir bleiben,« entgegnete Pastor Blümel nach einer Pause, »Kraft und Zeit
nur allenfalls für einen Schüler, meinen Pflegesohn, und der ist ein Anfänger,
ein Lehrling auf Probe. Bestände er diese, dürfte ich auch für seine höhere
Ausbildung Kenntnisse und Metode mir nicht mehr zutrauen; schon jetzt werde ich
für die Anfangsgründe der Matematik mich leider nach einer Aushülfe umtun
müssen. Nicht als einen Schüler kann ich daher Ihren jungen Verwandten in die
Obhut meines Hauses nehmen, wollen Sie ihm denselben als Gast für eine
Übergangszeit anvertrauen, wird er darin herzlich willkommen und, so Gottwill!
wohlgeborgen sein.«
    »Probieren wirs denn zunächst einmal in der Klosterschule des frommen Herrn
Ohm, wohl möglich, dass sie die Wirkung der Reitschule wettmacht,« versetzte die
Patronin, führte ihr Projekt aber nicht weiter aus, da man in der Nähe des
Talgutes angekommen war. Sie beugte sich aus dem Wagenfenster. »Dort oben Ihre
Pfarre!« rief sie, »und hier die Kirche! Ich bin in ihr getauft worden, -
eingesegnet, - und wenn ich zum letzten Male meinen Einzug in ihr halten werde,
- machen Sie es dann gnädig, Freund, mit dem alten, harfespielenden Heidenkind.«
    Die Lippen lachten bei den Worten, über den Augen aber lag ein feuchter
Nebel, wie er wohl nicht häufig deren Funkelblick verschleiert haben mochte.
Gleich darauf jedoch sagte sie in ihrem gewohnten kecken Ton: »Ich bin auf dem
Schloss nicht angemeldet, und meine Nerven haben auch in Rom den Heiligenduft
nicht vertragen lernen. Würde Ihre Hausfrau, Freund, mich und meine Harfe zur
Nacht beherbergen wollen? Max und die Diener mögen sehen, wie sie auf dem
Schloss unterkommen.«
    Pastor Blümel drückte ihr erkenntlich für diesen Vorzug die Hand, hiess den
Wagen halten und Dezimus aussteigen. Er sollte zu Fuss heimkehren, der Mutter den
werten Gast anmelden, die Gardenia sorgfältig mit Wasser bespritzen, aber, wie
er ihm noch besonders einschärfte, von dem, was er im Wagen vernommen, kein Wort
gegen irgendeinen Menschen verlauten lassen. Mit dieser Vorschrift zog Dezimus
ab.
    Die alte Dame lachte belustigt über die frühe Erziehung zur
Beichteimlichkeit. »Der Junge sieht danach aus, als hätte er auch ohne Ihre
Mahnung den Mund gehalten,« meinte sie. »Der ist kein Karikaturenzeichner! Mein
Wort darauf, er besteht Ihre Schülerprobe. Bilden Sie ihn in Gottes Namen,
soweit es Ihnen bequem ist, zu Ihrem Nachfolger oder in irgendeinem ihm
vielleicht gemässeren Fach zu Ihresgleichen aus. Für die Mittel seiner späteren
Lehrjahre werde ich Sorge tragen.«
    Pastor Blümel dankte ablehnend für dieses Anerbieten, wie er schon vor Jahr
und Tag dem General dafür gedankt hatte. Solange er lebe, wäre der Knabe, den er
auf seinen Boden verpflanzt, sein Sohn. Ernte er Vaterfreude von ihm, habe er
Vatersorge und väterliche Verantwortung für ihn zu tragen, er allein. Jegliche
fremde Wohltat mache das Verhältnis zu einem schielenden.
    »Sie sind ein weiser Tor, oder ein törichter Weiser,« versetzte das
Fräulein. »Ich habe die Mittel, und Sie haben sie nicht. Aber wie Sie wollen.
Man soll keinem Menschen den Genuss verkümmern, etwas Rechtes auf eigene Hand
durchzuführen. Für einen möglichen Todesfall, meinen oder Ihren, will ich
indessen jetzt schon mit dem Justitiarius festsetzen, dass das teologische
Stipendium, welches auf Werben ruht, seinerzeit zum ersten Male einem
Werbenschen Bauernsohne zugute komme. Es tut keiner Weisheit Abbruch, wenn sie
von einem Vater im Himmel ihren Ausgang nimmt, mag sie auch nicht allerwegs auf
dieses Familienverhältnis hinauslaufen. Dem Gottesgelehrten kann späterhin immer
noch ein weltliches Pfropfreis beliebig aufgesetzt werden.«
    Als die vierspännige Wappenkutsche, mit dem jungen gepuderten Lakaien und
der geputzten alten Zofe im Kabriolett, im Talhofe einfuhr, sass Johann Mehlborn
in Hemdsärmeln und Leinenhosen auf der ominösen Bank vor seiner Tür. Er sprang
in die Höhe, ging bis an das Haus, kehrte aber um, setzte sich wieder und liess
dem kuriosen Geschehnis seinen Lauf. Irgend etwas rumorte bei dem stolzen
Schauspiel in seinem Blut; vielleicht der aufgestörte Bauerntrotz, vielleicht
die unterbundene Magnatenader. Im Verlauf jedoch fand die alte Dame mit den
rosigen Runzelwangen und den klugen Blitzaugen seinen Beifall, und auch ihr
resolutes Mundwerk war nach seinem Geschmack. Als sie dem Sohne ihres
väterlichen Grossknechts die Hand reichte und ihn daran erinnerte, dass sie ihn
zum letzten Male als pausbäckigen Posaunenengel auf seiner Mutter Arme gesehen
habe, stieg eine Zähre in sein Auge, und sie würde übergelaufen sein, wenn das
mobile Fräulein nicht in einem Atem auf ein weniger rührsames Tema
übergesprungen wäre.
    Dieses Tema war der seiner Familie bevorstehende Ersatz des
Geblütsaristokraten durch einen der hohen Wissenschaft. Der Amtmann war durch
seine Brigitte schon von der Affäre unterrichtet; auch durch seinen Bielitzer
Pastor von der Schriftgelahrteit des Mosjö Zacharias. Seinetalben! wäre sie in
ihrem Witwenstande ohne leiblichen Vater fertig geworden, werde sie in ihrem
zweiten Ehebunde wohl auch noch ohne Gottessohn fertig werden. Er, Johann
Mehlborn, halte es mit dem zweiten Artikel und dem vierten Gebot. Damit basta!
    Als die Dame darauf ihm seinen Enkelsohn vorstellte, winkte er ihn heran,
musterte ihn stillschweigend vom Kopf zur Zeh, griff dann in seine Hosentasche
und schenkte ihm einen Taler.
    Junker Max wurde rot und schnitt ein Gesicht wie ein verkleideter
Lustspielprinz, den einer im Ernst für einen Kammerdiener hält und ihm ein
Douceur anbietet. Seine Hand zuckte, als ob er dem schäbigen alten Bauer, der
sein Grossvater und ein Millionär war, das Geldstück vor die Füsse zu werfen Lust
habe. Fräulein von Werben aber sah ihn mit einem scharfen Blicke an und sagte in
noch schärferem Ton: »Bedanke dich schön, Herr Neffe; es wird dir manchen
Schweisstropfen kosten, ehe du den ersten Taler verdienst.«
    So machte Junker Max denn eine stumme Verbeugung und steckte den Taler ein,
mit dem nobelen Vorsatz, sich seiner als Biergeld an den Postillion zu
entledigen.
    Die Dame rückte nunmehr mit der Frage nach des Grossvaters Ratschlägen und
Plänen für seines Enkelsohnes Zukunft hervor. Wie zu erwarten stand, erhielt sie
den Bescheid, der Junge solle lieber heute als morgen aus der Schule genommen
und unter seine, des Grossvaters, Schere gebrächt werden. Sobald er das feine
Früchtchen zu einem richtigen Ökonomen zugestutzt, wolle er ihn als Inspektor
über eines von seinen Gütern setzen. Der Junker von Hartenstein wurde demnach
der Erbe von des Hirtendezem glänzenden Patenaussichten!
    Damit schloss die Zusammenkunft der beiden nach barlichen Gutsherrschaften.
Alles in allem, und noch dazu gezählt, dass Bielitz in diesem trockenen Sommer
eine weit einträglichere Ernte als Hochwerben geleistet hatte, würde der alte
Erbpächter der Letzten seiner angestammten Gutsherrschaft die Wiedererwerbung
ihres Vätersitzes aufrichtig gegönnt haben, insofern sie selbst anstatt der
verhassten geistlichen Hartensteine auf ihm residierte. Da sie aber morgenden
Tages schon wieder ausser Lands zu gehen beabsichtigte und ihre widerwärtige
Sippschaft ihm vor der Nase sitzen blieb, hätte er ihr die stolze Staatsvisite
lieber geschenkt und den Taler für das dicknäsige Früchtchen von Enkel nicht zum
Fenster hinausgeworfen.
    In noch weit höherem Masse fand die neue Herrin, dass sie sich den Umweg über
das Talgut hätte sparen können, und auch der friedfertige Pastor Blümel zog
unbefriedigt von dannen, da zu einer erhofften Wiederanknüpfung mit seinem
ungetreuen Beichtsohne die Gelegenheit keineswegs günstig gewesen war. Seine
Patronin hatte nicht ohne Absicht der Überraschung erwähnt, die sie aller Welt,
also auch der Pfarrfamilie, durch den Gutskauf bereitet habe. Das aber hatte der
kluge Bauer ja schon lange erspürt oder erfahren. Seine »Bosheit« auf die
einstigen Freunde war von weit älterem Datum, und so blieb es auch zwischen
Talgut und Pastorei bei der eingenisteten Entzweiung.
    Während dieser ungemütlichen Zusammenkunft trabte Held Dezimus in höchster
Beseligung heimwärts. Bild um Bild tauchte die Zauberwelt, in welcher er einen
Tag lang geschwelgt hatte, vor seinen Blicken wieder auf. Dem Wunder folgte der
Zweifel. Am Ende hatte er die Herrlichkeit nur geträumt oder in einem
Märchenbuche gelesen. Aber nein doch, nein! Er trug ja auf seinem Leibe des
Sonnengottes stolzes Junkerkleid, unter dem Arme zusammengerollt seinen eigenen
Bauernkittel und in der Hand die duftende Gardenia. Er war der Märchenprinz. Er
hob den Kopf höher, als er ihn gestern gehoben; sein Herz klopfte stolzer, als
es gestern geklopft; er sah sich gleichsam in eine neue Konstellation versetzt;
funkelnde Erdenlichter schlossen eine Kette, zwischen welcher sein Stern fortan
eitel lustig sich drehen werde. Dämmernd, wie es nicht nur Kindern geschieht,
spürte er das Regen bisher ungeahneter Dämonen.
    Hüte dich, armer, zehnter Hirtensohn! Du wirst nie in deinem Leben wieder
der Held eines Märchenabenteuers sein, wirst nie wieder in einer Wappenkutsche
von einem jungen Sonnengotte viere lang vom Bocke gefahren werden und einer
berühmten Künstlerin zu Füssen sitzen; von den Erdenlichtern, in deren Kreise du
dich eitel lustig drehen siehst, könnte manches als Irrwisch dich in einen Sumpf
verlocken. Nur an den ewigen Himmelslichtern, Dezimus, an ihnen halte fest!
    Da die Weinbergstür unter Verschluss gehalten wurde, hatte er nach der
Überfahrt den Umweg durch das Dorf zu nehmen; vorüber an dem Hutmannshause, das
heute noch wandelbarer als an dem Tage, wo er darin zur Welt gekommen, an dem
Felsen klebte und von einer ebenso dürftigen Familie wie damals bewohnt wurde.
Dezimus kannte seinen Ursprung, ohne ihn je als ein Leid empfunden zu haben.
Noch keinmal, sooft er an dieser elenden Herberge vorübergekommen, waren ihm die
Waisen eingefallen, die vor ihm unter dem nämlichen Dache dem nämlichen Blute
entsprungen waren. In seinem heutigen Hochgefühl würden sie ihm noch weniger
eingefallen sein.
    Da öffnete sich die Tür, und ein Kind in den Armen wiegend, trat das weisse
Fräulein über ihre Schwelle. Er hätte ihr entgegenlaufen, ihr die bevorstehende
Überraschung ankündigen mögen; allein der lange, ernstafte Blick, mit welchem
sie zu ihm hinübersah, bannte seinen Schritt. Vielleicht war es nur das bunte
Junkerkleid, das sie in Verwunderung setzte; vielleicht verglich sie aber auch
in ihrer nachdenklichen Art dieses durch die Liebe gerettete Kind mit dem
siechen Wurm, den sie in der vorigen Minute auf der Streu sich hatte winden
sehen und den sie zur Beschwichtigung in das Freie trug.
    Und als ob es diesem Mädchen bestimmt sei, die verborgensten Lebenskeime in
dem Knaben zu erwecken, drang sein stiller Blick ihm in das Herz. Zum ersten
Male fühlte er sich gemahnt an die Brüder, die in der Welt umherirrten,
vielleicht gestorben, verdorben waren, er wusste nicht, wo und wie. Es war kein
Blutessehnen, das sich in ihm regte. Aber er sah sich zurückgedrängt auf seinen
natürlichen Grund, und eine Aufgabe für seine Mannesjahre hatte sich angebahnt.
    Der Propst, der zur nächsten Frönerhütte vorangeschritten war, winkte Lydia
zu sich heran; sie legte das Kind in seiner Mutter Arm und eilte an Dezimus
vorüber dem Vater nach. Von der Höhe herab flog jubelnd, mit ausgebreiteten
Armen das liebe Röschen, das den verloren gegangenen Bruder im Kahne stehend
erkannt hatte. Es gab einen und dann noch einen zweiten lauten, bunten
Tagesschluss, in welchem Dezimus seines weissen Fräuleins still mahnenden Blick
vergass. Als er aber nach der Gutsherrin Abreise zum ersten Male wieder durch die
Schlucht in das Tal hinunterstieg, stand er wie erstarrt: das Hutmannshaus war
verschwunden; abgetragen bis auf den Grund, die arme Frönerfamilie zeitweise in
einem Nebenbau des Schlosses untergebracht.
    Tag für Tag trieb es den Knaben nun hinunter an den leeren Platz, und Tag
für Tag sah er etwas Neues entstehen. Der vorhängende Felsen wurde abgetragen,
der gewonnene Raum geebnet, ein frischer Grund gelegt, Mauer um Mauer
aufgezogen; noch vor Winters stand ein sauberes kleines Haus an Stelle des armen
Nestes, in welchem er das Erdenlicht erblickt hatte. Im Laufe der Zeit
wandelten, eine nach der anderen, sämtliche Frönerhütten sich in freundliche
Wohnstätten um, wurde die Strasse gepflastert, von Bäumen eingefasst und so zu der
nettesten im ganzen Dorfe hergestellt.
    Es war nicht Fräulein Lydias frommer Liebessinn, welcher diese Umwandlung
bewirkt oder auch nur angeregt hatte; es war Fräulein Tusneldas Schönheitssinn,
der empört worden war, als sie bei der Auffahrt zu ihrem Väterschloss sich
derartig von Verfall und Unflat umgeben sah. »Unter einem italienischen Himmel
erträgt sich das allenfalls,« hatte sie zu Freund Blümel gesagt; »hier aber will
ich selbst als Leiche diesen Ekelweg nicht noch einmal passieren.«
    So griff sie denn tief in ihren Säckel, erhob den Ortspfarrer zu ihrem
Schatzmeister, seine Gattin zu ihrer Werkführerin und spornte zur Eile. Denn wer
über das siebenzigste Jahr hinaus sich noch eine Grabesstrasse anlegen will, der
darf nicht lange fackeln lassen.
    Dezimus hatte diesen Zusammenhang bald genug erfahren. In seiner Phantasie
aber schwebte das weisse Fräulein, so wie er es zum letzten Male aus seinem
Geburtshause hatte treten sehen, als Engel des Trostes über der erneuerten
Stätte. Und mit dem natürlichen Wege, auf welchen jener stille Blick wie ein
Leitstern ihn gewiesen hatte, soll seine Knabenstufe abgeschlossen sein.
 
                           Der Kampf am Jugendhimmel
Und wieder ist nahezu ein Stufenjahr zurückgelegt; solch eine Spanne, in welcher
die Knaben Jünglinge, die Männer Greise werden, die Greise ihre Augen schliessen,
und deren sachter Wandel in dem Pfarrhause von Werben nichts geändert hat, als
dass nur noch zwei Kinder darin glücklich sind. Aus dem Röschen ist eine Rose
geworden, die holdeste Blüte in Konstantin Blümels Töchtergarten; Bruder
Dezimus, nach wie vor ein frisches Hirtenblut, ist fortgeschritten auf ebener
Bahn und steht jetzt dicht vor jener hohen Schwelle, die aus der Vaterhut in die
Freiheit führt.
    Kurze Zeit nach der Gutsherrin Wiederabreise hatte der Propst an Pastor
Blümel die Bitte gerichtet, seinen Pflegesohn den matematischen Unterricht mit
Martin, dem ältesten der Hartensteinschen Kinder und vier Jahr mehr zählend als
Dezimus, teilen zu lassen. Der Vater machte kein Hehl daraus, dass dem Knaben
alles Lernen ohne treibenden Sporn schwer falle. Sei nun bisher Schwester Lydia
selber in alten Sprachen seine Studiengenossin gewesen, so müsse auf deren
Teilnahme bei jener strengen Disziplin doch füglich verzichtet werden; und eben
in ihr wäre eine bedeutendere Ausbildung geboten, da Martin sich für die
militärische Laufbahn entschieden habe.
    »Der Verzicht, ihn zu einem Diener unseres Amtes heranzuziehen, ist mir hart
angekommen,« äusserte der Propst. »Leider aber hat er die schmiegsame Natur
seiner Mutter geerbt, und was zu anderer Zeit paradox klingen würde, für die
heutige gilt, dass der geistliche Stand mehr Energie erheischt als der des
Soldaten. Der letztere schliesst die Selbständigkeit aus, welche jener bedingt.
Mein zweiter Sohn mit seinem lebhafteren Temperament wird, will es Gott, die
Hoffnung erfüllen, die ich auf den ältesten gesetzt hatte. Ich hätte Martin nun
gern bis nach seiner Konfirmation unter der Zucht meines Hauses erhalten;
schlügen Sie mir meine Bitte indessen ab, würde ich mich genötigt sehen, ihn
schon jetzt dem Hannoverschen Alumnat einzureihen, in welchem er bis zu seinem
Diensteintritt weitergebildet werden soll. Auf eine in äusserem Betracht sich ja
empfehlende Erziehung in unserem Kadettenhause, wie meine Brüder und ich selbst
sie genossen haben, muss ich aus Gründen, die zu erörtern überflüssig sein würde,
verzichten.«
    Pastor Blümel erspürte in diesem Anerbieten Fräulein Tusneldens
nachwirkenden Einfluss, gab aber um so williger seine Zustimmung, da auf diese
Weise die bedenkliche Lücke in seinem eigenen Unterricht ausgefüllt wurde. Und
so hatte der Quatermillionenjunge an diesem Tage zum letzten Male auf Kantor
Beifussens Schulbank gesessen, um fortan als matematischer Kumpan Martins von
Hartenstein in dem suspendierten Magister Klein einen tüchtigen Lehrmeister zu
finden.
    Von den übrigen Schlossbewohnern sah er während dieser regelmässigen
Unterrichtsstunden wenig; in dem treuherzigen Martin aber fand er einen Freund
für das Leben, und zwischen den Familien der beiden Freunde wurden teilnehmende
Beziehungen angebahnt; vornehmlich zwischen Röschen und Martins beiden jüngeren
Schwestern; das weisse Fräulein war und blieb für das frohmütige Pfarrtöchterchen
zu still und ernst oder, wie Röschen selbst es nannte, zu alt und klug.
    Als nach etlichen Jahren Martin in das strengluterische Alumnat abging, war
auch Dezimus reif für die höheren Gymnasialklassen geworden. Es würde seinem
Pflegevater leicht geworden sein, ihm eine Freistelle in Schulpforta zu
erwirken, sehr schwer dagegen, sich schon jetzt von seinem Sohne zu trennen.
Nicht mehr aus Gewissenssorge wie einst, aus reiner Vaterfreude wollte er ihn so
lange als angänglich unter seinen Augen behalten und wenigstens der Repetent
seiner Studien in den alten, lieben Heiden bleiben. Da das einstige Kloster,
welches der baubeflissene Eidam räumlich umgeschaffen, sich auch geistig als
eine lichtvolle Lehrstätte bewährt hatte, trabte Dezimus fortan jeden Morgen
seelenvergnügt nach der Stadt und kehrte jeden Nachmittag seelenvergnügt heim in
sein Dorf, rückte gesetzmässig von Stufe zu Stufe, und alle Zeichen deuten darauf
hin, dass er auch fernerweitig seelenvergnügt und gesetzmässig emporrücken werde,
wenn er zum nächsten Herbstsemester, ausgerüstet mit dem Werbenschen Stipendium,
als Studiosus der Gottesgelehrteit in die Stadt einzieht, in welcher er zum
ersten und einzigen, aber hoffentlich nicht zum letzten Male den Sternenhimmel
durch ein grosses Rohr betrachtet hat.
    Bei dem gelehrten Professor Zacharias wird er dort allerdings keine Kollegia
hören können - was Vater Blümel nicht im entferntesten beklagt -, und in der
Frau Professorin Zacharias wird er keine sorgliche Heimatsfreundin wiederfinden;
was Mutter Blümel auf das tiefste beklagt, um ihres Sohnes willen, aber auch um
der Frau Professorin willen. Denn die Gegenströmung, welche, wenn die alte
Gutsherrin recht hatte, er selber deutlich vorausgewittert, hatte den
freisinnigen Kritiker geheiligter Überlieferungen von seinem Lehrstuhl
gescheucht - lange vor der Zeit, wo die reiche Erbstätte seiner Gattin ihm eine
Zuflucht hätte bieten können und ohne dass von dieser einstigen Erbstätte aus ihm
in der Gegenwart eine Notülfe geboten worden wäre.
    Johann Mehlborn wirtschaftete unermüdet weiter manches Jahr, nachdem der
königliche Greis, als dessen Stellvertreter er am Tauftische des Werbener
Hirtensohnes gestanden hatte, in die Gruft gesenkt worden war; er
erwirtschaftete sich sogar ein drittes Rittergut zu den beiden ersten; aber die
einzige Erbin, für die er sie erwirtschaftet hatte, liess er Mangel leiden, weil
sie selbst und der Gatte, welchen sie sich erkoren, nicht Hand in Hand mit ihm
wirtschaften wollten und konnten. Und doch nagte dieser Mangel schärfer an ihm
selbst als an denen, welchen er ihn auferlegte. Es gab im weiten Umkreis keinen
friede-und freudeärmeren Menschen als den reichen Johann Mehlborn. Wie ein
grimmiger Höhlenbär trottete er brummend unter Gottes freiem Himmel umher,
zwischen den unübersehbaren Feldgebreiten, die er sein eigen nannte.
    Eine schweizerische Hochschule hatte den Professor Zacharias aufgenommen.
Wie aber im monarchischen Vaterlande nicht gegen die Ungunst von oben, so
vermochte er im republikanischen Auslande nicht gegen die Ungunst von unten
seine Forschungen als Lehrstoff zu verwerten. Er lebte nur noch von
schriftstellerischen Arbeiten und war Manns genug, keine seiner Konsequenzen zu
unterdrücken, obgleich das Publikum - auch darin hatte die alte Harfenkönigin
richtig vorausgespürt - ihm nicht mehr goldene Früchte ernten liess.
    Auch seine Gattin hatte um des lieben Brotes willen zu der Feder gegriffen
und erzielte durch populärwissenschaftliche Elaborate, zumeist pädagogischen
Inhalts, einen Ertrag, welcher der praktischen Frau eine leidlich bequeme
Hausführung ermöglichte. In dieser gemeinsamen Beschäftigung, aus gleichem
Grundquell und in gleicher Richtung, wennschon die Zielpunkte der Frau die Höhe
der männlichen nicht erreichten, fühlte Frau Brigitte sich in ihrer eigensten
Sphäre, und ihre zweite Ehe wurde in Wahrheit eine Musterehe, - obgleich oder
weil dieselbe kinderlos blieb.
    Die kleine Sidi war bis heute bei der Grosstante in Rom geblieben und schwamm
in deren kühlem, klaren Element wie eine Forelle im buntumblühten Bach. Hätte
ihr Mäxchen an ihrer Seite schwimmen dürfen, würde niemals ein glücklicheres
Kind als dieses arme, verunstaltete Geschöpf zur Jungfrau herangewachsen sein.
Jene einzige Herzenssehnsucht blieb ihr indessen ungestillt; sie hatte den
Bruder nicht wieder gesehen, seitdem er als vorzeitiger Karbonari von der alten
Harfenkönigin dem bräutlichen Hause seiner Mutter entführt worden war.
    Er jedoch wie sie in eine ihm zusagende neue Welt. Da er weislich dem
Gelüste entsagte, sich der in diesem geknechteten Jahrhundert einzig freien und
dabei nobelen Menschengattung zuzugesellen, wurde das Experiment ihm erspart,
das die alte Dame lachend gebilligt hatte. Er war nicht als verlorener Sohn
reuig heimzukehren gezwungen, nicht durch Not zur Vernunft gebracht, und der
Brotkorb ihm nicht allzuhoch gehängt worden; freilich aber auch Konstantin
Blümels Liebesschule hatte er nicht kennen lernen. Ein kurzer Aufentalt im
Bereiche seines geistlichen Oheims, dessen gleichalteriger Sohn in Fassen und
Wissen tief unter ihm stand, hatte genügt, eine Koststelle in einem adeligen
Erziehungsinstitute Dresdens ihm äusserst anziehend erscheinen zu lassen; auch
hinderten die republikanischen Antezedentien des Tertianers den nunmehrigen
Sekundaner keineswegs, sich unter hocharistokratischen Kameraden recht von Grund
aus wohlzufühlen.
    So unangemessen den Grundsätzen der Mutter dieser Bildungsgang sein mochte,
sie war für den Augenblick zu sehr durch ihre persönliche Lebenswendung in
Anspruch genommen, um sich nicht einen Ausweg gefallen zu lassen, der ihr nach
der drängendsten Seite hin Freiheit gewährte. In ihrer Nähe konnte sie nach den
kindischen Vorgängen den Sohn nicht halten, so gab sie in bezug auf ihn dem Rate
der klugen alten Weltfrau nach, wie sie schon in bezug auf die Tochter demselben
nachgegeben hatte.
    Brigitte von Hartenstein war nicht eine zärtliche, aber auch keineswegs eine
gleichgültige Mutter; so, wie sie zu lieben vermochte, liebte sie ihre Kinder
und nur sie auf der Welt. Die Sorge für ihre Kinder war es zumeist, welche sie
zu der Verbindung mit einem redlichen, geehrten und äusserlich wohlgestellten
Manne bewog, und sie irrte nur, indem sie die kindlichen Bedürfnisse ihren
eigenen gemäss erachtete.
    Denn kein schwierigeres Verhältnis, in welches eine pflichtvolle Frau sich
zu stellen vermag, ist auszudenken, als wenn sie ihren Kindern einen Stiefvater
gibt; unberechenbar schwieriger als das, selber Stiefmutter zu werden. Hier hat
sie sich der von Natur und Sitte gesetzten Autorität des Mannes zugunsten
fremder Kinder zu unterwerfen, dort vielleicht zuungunsten ihrer eigenen. Nun
war es Brigitten aber beschieden, in der Verbindung mit ihrem zweiten Gatten ihr
volles Genügen zu finden; ein geistiges Ineinanderziehen, das in ihrem
natürlichsten Verhältnis um so mehr eine Lücke entstehen liess, als das, was
Sehnsucht heisst, ihrem Gemüt ein fremdes war. Dazu der räumliche Wechsel und
eine Lage, die ihr bald genug Beschränkung und konzentrierte Arbeit zur Pflicht
machten, wenngleich die Arbeit zu einer genussvollen Pflicht.
    Nur so ist zu erklären, dass das, was lediglich einen Übergang erleichtern
sollte, zur dauernden Entfernung und wenigstens von der Kinder Seite zur
völligen Entfremdung werden durfte, und dass die Frau, welche ihr Mutterrecht so
eifrig gewahrt hatte - die Anhängerin des kategorischen Imperativs, welche
gelehrte Traktate über die Erziehungskunst veröffentlichte! -, die ihren Kindern
angemessene Ausbildung fremden Einflüssen und fremder Unterstützung überliess.
Sie vermochte zurzeit dem Sohne Hilmars von Hartenstein nur zu bewilligen, was
sie dem Sohne von Tomas Zacharias bewilligt haben würde. Darüber hinaus sorgte
die alte väterliche Verwandte, und die Mutter wusste vielleicht nicht einmal, wie
weit diese Sorge ging.
    Nachdem sie indessen durch innere wie äussere Notwendigkeiten sich zu diesem
Abweichen von vernunftgemässen Satzungen hatte drängen lassen, durften die
Resultate dieser Inkonsequenz sie wohl zufriedenstellen. Beide ihre Kinder waren
glücklich; dass sie es nicht durch sie waren, diese Kränkung - falls sie
überhaupt als solche empfunden worden wäre - würde sie als Regung von
mütterlichem Egoismus überwunden haben, und konnte ja wohl auch das Glück,
welches einem verehrten Manne durch sie gewährt ward, sowie ihr eigenes
Wohlbefinden dafür entschädigen. Die Zeugnisse ihres Sohnes priesen ihn als ein
Genie. In einem Alter, wo andere erst die Prima erreichen, ging er zu
juristischen und kameralistischen Studien ab nach der Universität; der
aristokratischen Vorschule entsprechend, zu der am Rhein, welche man jenerzeit
eine Prinzenakademie zu nennen begann. Es folgten ein paar Semester in der
Hauptstadt, und das Doktorexamen, das mit Auszeichnung bestanden ward, krönte
die flugartige Entwicklung.
    Dass es der Krone aber auch nicht an einer modischen Perle fehle, entzündete
dieser universale Wunderjüngling durch sprühende Liederfunken die
vaterländischen Herzen, die mehr denn jemals lyrisch empfänglich waren, so wie
eine Flamme, bevor sie erlischt, noch einmal hell aufzulodern pflegt.
Seltsamerweise indessen zündeten am lebhaftesten nicht die erotischen Ergüsse,
für welche es dem Dichter, trotz seiner Jugend, doch keineswegs an Stimmung und
Erfahrung gebrach, sondern die Hymnen stolzer Freiheit, für welche er an
Stimmung und Erfahrung zwar auch keinen Mangel litt, aber doch vielleicht nicht
in dem Sinne, in welchem er sie besang; ja sie entzündeten sogar das hohe
Publikum seines Lebenskreises und vor allen dessen weibliche Hälfte.
    Der Dichter von Hartenstein trug um diese Zeit, als freiwilliger Husar, eine
der blitzendsten Uniformen der Armee. Aber keiner seiner loyalen Kameraden nahm
Anstoss an seinem schwungvollen metrischen Barrikadenbau. Irgendeinen Gegenstand
muss ja der Dichter zum Vorwurf haben, und so wusste man einen fiktiven
Tyrannenhass von einem effektiven zu unterscheiden. Ein junger Kavalier von
altritterlichem Namensklang und neuritterlicher Lebensart, ein freiwilliger
Husar, welcher der einzige Enkel eines Grossgrundbesitzers ist und sich ausserdem
auf eine steinreiche und steinalte Erbtante berufen darf, erfreut sich nicht
bloss in materiellem Betracht eines weittragenden Kredits; abgesehen davon, dass
der Modestrom einem Lustrum gefällig macht, was einem anderen verwerflich dünkt.
    Über die Richtung, welche er für die Zukunft einzuschlagen habe, war der
junge Baron noch im Schwanken. Sollte er, der Tradition seiner Väter gemäss, die
militärische Laufbahn fortsetzen oder, dem Rate der gelehrten Mutter und selber
dem der alten Künstlerin gemäss, die staatsmännische erwählen, für welche seine
Studien und Verbindungen ihn glänzend vorbereitet hatten? Am nächsten lag es, in
der Freiheit eines Gentleman und in ästetischer Universalität der Jugend
goldenen Tag zu geniessen und unter frohem Wechsel zu erwarten, was das Glück
seinem Günstling mühelos in den Schoss werfen werde.
    Der klangvolle Tenor seiner Poesien hatte einen Widerhall gefunden selbst in
dem unpoetischen Gemüt der Mutter. Nach so vielen Schönen, Tapferen,
Lebensfrohen seines Geschlechtes gab es zum ersten Male, schön und lebensfroh
auch er, einen Genialen, einen Dichter von Hartenstein, und dieser Auserwählte
war ihr Sohn! Wie hätte ihr Herz nicht in stolzer Freude und Erwartung schlagen
sollen! Wiedergesehen hatte sie ihn nur ein einziges Mal während einer
schweizerischen Ferienreise und, wenngleich nur flüchtig, hinreichend lange
wenigstens für sein Bedürfen. Auch waren seine Briefe nur seltene und kurz; um
so länger und lehrreicher dagegen die ihren.
    Auch »auf seinen Gütern«, wie er den Werben-Mehlbornschen Komplex nicht nur
nannte, sondern allen Ernstes a priori betrachtete, hatte der junge Herr seit
jenem unfreiwilligen Knabenaufentalte sich weder sehen noch jemals von sich
hören lassen. Hätten nicht Frau Zacharias und Fräulein Tusnelda in Briefen an
Pastor Blümel seiner regelmässig erwähnt, würde er dort, wo naturgemäss seine
Heimat war oder doch eines Tages werden sollte, spurlos vergessen worden sein.
Diese Briefe jedoch nährten in der Seele des ihm so ungleichartigen Hirtensohnes
eine bewunderungsvolle Erinnerung, ja steigerten diese zu einem heroischen
Phantasiegebilde, und wo wäre ohne solches Phantasiegebilde ein Knabe jemals zu
einem tüchtigen Manne geworden? Max von Hartenstein war und blieb das
glänzendste Gestirn an Dezimus Freis Frühlingshimmel, und wie er in der holden
Venus, wenn sie im Morgendämmer der Sonne vorleuchtete, sein fröhliches Röschen
sah, und wenn sie im Abenddämmer der Sonne nachleuchtete, die treue Lydia, lange
nachdem er wusste, dass es der nämliche Wandelstern sei, welcher die hohe
Himmelskönigin umkreise, so sah er in dem herrlichen Jupiter seinen Max.
    Aber noch in einem anderen ebenso ungleichartigen Gemüte hatte das schöne
junge Menschenbild eine unverlöschliche Spur hinterlassen. Auch dem stillen
weissen Fräulein hiess alles, was Freude weckt, Max. Sooft sie Dezimus begegnete,
schlug sie den beiden so wohlklingenden Namen an. Sie tat es ruhig, auch vor
Zeugen ohne künstliche Umhüllung, einfach, wie sie allezeit war. »Hat Frau
Zacharias Maxens erwähnt? Schreibt Tante Tusnelda, wie sich Max in Bonn
gefällt?« Oder auch: »Wissen Sie noch, Dezimus, wie schön Max diese Ballade
deklamierte, jenes Volkslied sang?«
    Und wenn Dezimus nun jeden Laut noch wusste, jeder Bewegung sich erinnerte,
wenn er mit sonst ihm keineswegs eignender Geläufigkeit berichtete von den
riesenmässigen Fortschritten, den glänzenden Zeugnissen, den Erfolgen seines
Idols, dann röteten sich leise der Hörerin bleiche Wangen, und die grossen
graublauen Augen färbten sich gleich den dunkelsten Hyazintenblüten.
    »Nicht wahr, Sie haben ihn auch lieb, Fräulein Lydia?« fragte Dezimus dann
wohl, und: »Sehr lieb« antwortete Lydia in ihrer natürlichen Weise.
    Durch dieses gemeinsam gepflegte Andenken hatte sich zwischen Lydia und
Dezimus eine Art von Verhältnis gebildet, das sich aus der Kinderzeit in die der
Erwachsenen hinüberzog und nur insofern eine Heimlichkeit war, als kein Dritter
sich gläubig genug erwies, ihren Kultus zu teilen. Wie auch Fernstehende sich
Freunde nennen, wenn sie einen Helden, einen Dichter oder Künstler mit gleicher
Inbrunst verehren, so machte das Traumbild »Max« das Fräulein und den Hirtensohn
zu Freunden, indem es sie über den trennenden Unterschied der Jahre und
Verhältnisse hinweghob.
    Nun aber entpuppte sich aus dem Traumbild der Dichter mit seinen greifbaren
Stanzen und Terzinen; Dezimus schwärmte für diese feuriger als für irgendeine
Ode des Horaz, und wenn die Tiefe des Sinnes ihm mitunter unergründlich, der
Schwung der Bilder ihm zu hoch bemessen war, so schlug der Rhytmus des Lautes
doch wie Musik an sein Ohr, und er schmetterte ihn, ohne einer Melodie zu
bedürfen, mit seinem sich just zum Bass umsetzenden Alt hinaus in die wonnige
Frühlingsluft.
    Die reifere Lydia dagegen wollte fühlen, was ihr klang, und was sie fühlte,
wollte sie verstehen. Sie hatte nicht nur ein fein musikalisches Ohr, sondern
mehr noch ein tief musikalisches Herz, dem schon für manches liebe Lied eine
Melodie aufgegangen war. Die des liebsten von ihnen: »Wenn alle untreu werden«
sang sie ihrem Vater jeden Abend an der kleinen Orgel im Ahnensaale vor. Wie sie
aber auch sinnen mochte, für keines von Maxens Gedichten fand sie im Herzen oder
auch nur im Ohr eine Melodie; und wenn ihr Vater dieselben mit einem seinem
sangeskundigen Meister nachgebildeten Kraftworte »Sprühteufel« nannte, so tat
ihr das zwar weh, aber sie widersprach ihm nicht, wie doch Dezimus es wagte,
wenn sein Pastorvater sie lächelnd »Strohfeuer« nannte.
    So lockerte denn bis zu einem gewissen Grade der Dichter den
Freundschaftsbund, welcher über dem Traumbild geschlossen worden war; mehr denn
jemals indessen nistete in dem Freunde die Vorstellung sich ein, so ein Etwas,
das man Kinderweisheit nennt, dass diese herrliche weltfremde Jungfrau zu diesem
herrlichen weltstürmenden Jüngling notwendig gehöre wie, ei nun, wie etwa der
standfeste Dezimus zu seinem neckischen Rosenschwesterchen oder, in seine
Sternensprache übersetzt, wie ein Mond zu seinem Planeten gehört.
    Lydia hatte bei neunzehn Jahren, in kaum merklichen Übergängen, sich zu
einer Erscheinung entfaltet, so wie ein Zögling Konstantin Blümels, der niemals
ein gemeisseltes oder gemaltes Bild gesehen hat, das Schönheitsideal sich träumt,
der Leib der Seele Überguss. Für Konstantin Blümel selbst aber, den Greis mit dem
Dichterherzen, wenn er die hohe, keusche Liliengestalt, den gebeugten Vater am
Arm, langsam die Terrassen auf und nieder schreiten sah, nur für seine Schonung
besorgt, ihr Blick nur an seinem hangend, das Bild der erfülltesten Kindesliebe,
für Konstantin Blümel verwandelte sie sich in die Tochter des blinden
Tebanerkönigs, von allen klassischen Heidengestalten ihm die rührendste.
    Und wohl trug sie Antigones Los in diesen Frühlingstagen. Ihr Höchstes,
Teuerstes, ihr Vater, litt schwer, seine Kraft war gebrochen, scheinbar
plötzlich, aber aus altem Keim. Es krankte sein Herz, auch was der Arzt so
nennt; jachen Erstickungskämpfen folgte Todesmattigkeit.
    Der Wechsel im Regiment, auf welchen der eifrige Mann so zuversichtlich
gerechnet, hatte sich seit Jahren vollzogen, ohne seine Erwartungen zu erfüllen;
während Professor Zacharias der öffentlichen Wirksamkeit entsagen musste, war von
der seines Antagonisten der Bann, stillschweigend wie er auferlegt ward,
genommen worden; aber als Duldung, nicht als Triumph, und gering auch nur war
die Zahl der Getreuen, welche die Satzung der Toleranz vorgezogen hatten. Herber
hätte ein Mann wie Joachim von Hartenstein nicht enttäuscht werden können.
Sollte er seiner stolzen Zurückgezogenheit entsagen, um ein Sektenpriester zu
werden?
    Dennoch würde er sich noch einmal in den Streit der Welt gewagt haben, wenn
jenes zunehmende Körperleiden ihn nicht so empfindlich gehemmt hätte. Nun
ergriff ihn eine Unruhe, die ihn heute vorwärts drängte, morgen zurück, und es
war nicht der Aposteleifer allein, der in ihm rang, es war, wenn auch nur wenige
es ahneten und nur die Tochter, seine vertraute Geschäftsführerin, bis zu einer
gewissen Grenze es wusste, es war die Vatersorge.
    Seine apologetischen Schriften hatten ihn noch weniger goldene Früchte
ernten lassen als die kritischen des Professor Zacharias; nicht das gedruckte
Wort, das gesprochene war seine Stärke. Von Jahr zu Jahr in der Zuversicht einer
demnächstigen Rehabilitierung, hatte das Stilleben in Werben, so beschränkt es
der Familie nach ihrem früheren Zuschnitt erschien, den Rest des mütterlichen
Vermögens bis auf einen verschwindenden Bruchteil aufgezehrt, der berufene
Ernährer aber sah sich alternd, krank, verlassen und von fünf Kindern nur den
ältesten Sohn, der kürzlich Offizier in einem Infanterieregimente geworden war,
notdürftig versorgt. Der stolze Mann, der nach seines grossen Meisters Vorbild
zeitliche Güter so gering geachtet hatte, nun wurde er um zeitlicher Güter
willen »zwischen Tod und Hölle« hin und her geworfen und der Gedanke des Lebens
wie des Sterbens ihm zu gleicher Marter.
    In solchen zweifelhaften Zuständen schwebten, ausserhalb des Pfarrhauses,
fast alle Menschen, zu welchen Dezimus liebend und ehrerbietig in die Höhe
blickte, ja schwebte in gewissem Sinne auch er selbst, da er binnen kurzem aus
der Heimat scheiden sollte, als unerwartet die Kunde von dem Ableben der greisen
Gutsherrin in Werben eintraf.
Der junge Doktor von Hartenstein hatte die Todesbotschaft dem Justitiarius
zukommen lassen, zum Zweck der Mitteilung an die Familie und der Massnahmen für
die demnächstige Beisetzung. Er selbst war im Begriff, nach Rom abzureisen, um
seine Schwester heimzugeleiten. Über das Ende seiner Verwandtin berichtete er
nur flüchtig, dass es ohne vorhergehendes Krankenlager, bei klarem Bewusstsein
erfolgt sei. »Warum kann solch ein schönes Leben nicht von vorn angefangen
werden!« wären ihre letzten Worte gewesen. Sie hätte für die Einbalsamierung
ihres Leichnams und für den aufzulösenden Hausstand exakteste Vorschriften
hinterlassen, wie denn auch schon bei ihrer kurzen Anwesenheit vor neun Jahren
in dem Archiv des Schlosses die Anordnung ihrer Bestattung niedergelegt worden,
von welcher nun unverzüglich Kenntnis zu nehmen sei.
    Im Umkreis der Heimat hatten nur wenige die Abgeschiedene gekannt, keiner
sie geliebt; und wie kleinlaut äussert sich denn überhaupt die Totenklage um
einen Achtziger, auch wenn er gekannt und geliebt worden ist? Um so lebhafter
beschäftigte man sich mit den äusseren Veränderungen, welche der Todesfall nach
sich ziehen musste. Konjektur über Konjektur bei hoch und gering; nur Pastor
Blümel versenkte sich mit Innigkeit in das entschwundene Leben - schon um der
Parentation willen, welche der Würde wie der Wahrheit gemäss abzuhalten er nicht
nur als Pfarrer, sondern mehr noch als Vertrauensmann, den sie Freund genannt
hatte, verpflichtet war.
    Wie er aber auch sinnend ihre Spur verfolgen, wie er ihre Briefe
durchgrübeln mochte, es wollte ihm nicht gelingen, die Widersprüche dieser Natur
zu einem Kettenschluss ineinanderzufügen: den scharfen Verstand und die
Bizarrerien; das gütige Bezeigen und den Mangel an Liebe; den weichen
Künstlersinn und die ätzende satirische Ader; die Unfähigkeit zum Glauben und
das Bedürfnis, jegliches wahrhafte übersinnliche Streben zu ergründen und zu
ehren; die unverwüstliche Daseinslust und die Bereitwilligkeit aufzuhören. Sooft
Konstantin Blümel bei eines Menschen Tode die Magie seines Lebens erspürt hatte,
hier fand er die Zauberformel nicht. Nun ja, ihr fehlte das Organ für den
Schmerz. War es aber darum allein, dass die glückliche Harfenkönigin sich ihm
nicht zu einem Dichtergebilde verklärte wie einst das elende Hirtenweib?
    Indessen hatte in seinem Pfarrbereich ein lebhaftes Treiben Platz gegriffen.
War die Kirche selbst von innen und aussen schon vor Jahr und Tag säuberlich
hergestellt worden, hatten selbst die ehrwürdigen schwarzen Herren am Altar sich
eine Wäsche und einen aufmunternden Pinselstrich gefallen lassen müssen, so galt
es nun schleunigst, die Gruft unter der Kirche zum Empfang des letzten
Herbergsgastes würdig zu erneuern. Alle Hände voll waren zu tun, um den
modernden, kellerartigen Raum in ein blaues Himmelsgewölbe umzuwandeln, es mit
goldenen Sternen zu besäen, bunte Fensterscheiben einzulassen, den Fussboden mit
Granitplatten zu belegen, die alten Särge aufzupolieren und, wo selbige mürbe
geworden, in neue Gehäuse einzukapseln. Kein Pünktchen über dem I war in der
eigenhändigen Vorschrift ausgelassen.
    Sobald der Sarg in die Gruft gesenkt worden, sollte die goldene Harfe darauf
befestigt und ihm zu Häupten eine Marmorstatue aufgerichtet werden, welche,
unter den Jugendzügen Tusneldas von Werben, die Muse der Tonkunst darstellte
und, von dem ersten Meister der Zeit gefertigt, der Stolz des gastlichen Hauses
in der Ostraallee, möglicherweise auch noch dessen am Monte Pincio gewesen war.
Dies aber geschehen, sollte unverweilt, an Stelle der Falltür, die Gruft durch
eine Steinplatte für alle berechenbare Zeit geschlossen werden.
    »Denn,« so erläuterte die Verordnung, »kein Mensch von heute oder morgen hat
ein Interesse daran, diese Stätte der Verwesung wieder zu betreten. Wenn aber
nach Jahrhunderten vielleicht - durchaus kein beklagenswerter Schade! - der
Oberbau in Trümmer gelegt sein wird, sei es durch verjüngende Barbarenhorden,
sei es allein durch die verjüngende Barbarei der Zeit; und wenn, nach
Jahrtausenden vielleicht, von den Forschern einer neuen Kulturepoche dieser
Trümmerhaufe durchwühlt werden wird, dann soll das, was heute an die
Vergänglichkeit mahnt, als ein Merkmal des Unsterblichen auf Erden entdeckt und
gewürdigt werden.«
    Die stärkste Spannung erregte das Testament, das vor der letzten Abreise
nach Rom in Dresden niedergelegt worden war und vorschriftsmässig jetzt von dort
an das Patrimonialgericht ausgehändigt wurde. Als Termin für die Eröffnung war
die alte Sitte einer Monatsfrist vom Tage des Todes ab auf die von dem der
Bestattung hinausgeschoben worden. »Ein Schabernack, dem alten Spottvogel
leichtlich zuzutrauen. Die erblustige lachende Sippe wird aus weiter Ferne auf
den Trab gebracht und schliesslich ihr ein Schnippchen geschlagen.« So legte
nämlich der Judex Hecht, der selbst ein arger Spottvogel war, jene
Aufschubsklausel aus, und zwar auf Grund der Aufschrift des Testamentes, die
folgendermassen lautete: »Zu publizieren im Ahnensaale von Werben, durch den
Justitiarius von Werben, in Gegenwart ad eins: der Mitglieder der Familie von
Hartenstein, insofern selbige dem Geschlechte der Werben blutsverwandt oder
verschwägert sind und Verlangen hegen, den letzten Willen der letzten
Namensträgerin zu erfahren. Ad zwei: des Ortspfarrers von Werben, insofern am
Tage der Publikation der jezeitige Herr Konstantin Blümel noch im Amte stehen
oder aber dessen Pflegesohn Dezimus Frei ihm in diesem Amte nachgefolgt sein
sollte.«
    Nun, hinsichtlich dieses letzten »Oders« hatte die lebenslustige Testatorin
ihre Dauerkraft freilich um viele Jahre überschätzt; in Mutter Hannas Herzen
aber hatte das »Oder« den Johannissegen gewaltig ins Kraut schiessen lassen.
Sollte ihr braver Dezem bloss auf dem Testamente stehen und nicht auch darin? Ihr
Konstantin belächelte den Aberglauben. Wollte es ihm auch nicht gelingen, den
Kitt der einzelnen Seelenteile seiner weiland Patronin klärlich zu analysieren,
das Totale, zu welchem die widersprechenden Teile sich so oder so verkittet,
hatte er hinlänglich erfasst, um zu wissen, dass sie nur einen Bluts- oder
Kunstgenossen würdig erachtet haben werde des Erbes, auf welchem die heitere
Freiheit ihres Lebens wesentlich beruht hatte. Aber einen Vertrauensakt sah er
in der Berufung, mutmasslich ein Bürgenamt für irgendwelches heikle Kommissorium.
Und dieses ehrende Zeugnis von Herzenskunde galt Konstantin Blümel als das
kostbarste Legat auch für den Jüngling, den er auf seinen Boden verpflanzt
hatte.
    In des Propstes Zustande trat seit Eintreffen der Todesbotschaft eine
auffällige Besserung ein; seine Haltung hob sich, vor den Blicken sank ein
Nebel, die Schritte wurden elastisch wie einst.
    »Niederschlagendes Resultat!« sagte Pastor Blümel mit einem tiefen Seufzer,
»wenn unter dem Druck der Erdgewalten der Idealist dahin gelangt, von einem
Lotteriegewinst den Frieden für sein Leben und Sterben zu erwarten.«
    Die Beisetzungsangelegenheiten führten Herrn von Hartenstein wiederholt in
das Pfarrhaus; er war mitteilsam wie noch nie; einmal äusserte er sogar, dass er
seine Tage in der ihm liebgewordenen Stille von Werben zu beschliessen gedenke,
für den wahrscheinlichen Fall, dass dessen Besitz auf seine Gattin als nächste
Erbin übergehe.
    Lydia begleitete den Vater regelmässig bei diesen Besuchen; in ihren Augen
leuchtete ein Widerstrahl von seinem neuen Leben, und noch eine zweite Hoffnung
zauberte auf ihre Wangen den einstigen Anemonenhauch. Ihr Bruder Martin war
bereits zu der Bestattungsfeier eingetroffen; und durften denn nicht auch
Sidonie und Max für sie erwartet werden, um voraussichtlich bis zur
Testamentseröffnung zu verweilen? Ein voller Monat Freude!
    Freund Martin strahlte im neuen Glück der Epauletten; er kam jeden Tag ein
paarmal auf die Pfarre stolziert und machte natürlich, seiner Weltstellung
entsprechend, Röschen den Hof.
    »Ist die aber reizend geworden!« sagte er mit der Miene heimlichen
Vertrauens, aber einer Stimme, als ob er seine ersten Rekruten kommandierte.
»Dich nicht in die zu ver lieben! Dezimus, bist du denn von Stroh?«
    »Ich liebe sie ja,« versetzte Dezimus stillvergnügt.
    Röschen dahingegen sagte: »Ein guter Junge, dein Martin. Aber wie kommt es
nur? Die Zeit wird mir mit ihm greulich lang, und mit dir, alter Dezem, wird sie
es doch nicht.«
    »Das kommt: der Martin schwätzt, und Dezem hört dir Plaudertasche zu,«
erklärte lachend Mutter Hanna. Denn unter vier Augen betrieben Röschen und Dezem
ihre Schmeichelreden und Zärtlichkeiten nicht. Eifersüchtig auf den Leutnant
konnte sonach der Primaner aber auch nicht werden.
    Häufig brachte Martin seine beiden jüngeren Schwestern, Priszilla und Phöbe,
mit; da wurde denn wie zu Kinderzeiten im Garten getollt oder auch in der
Wohnstube ein Tänzchen gemacht. Peter Kurze gab den erforderlichen dritten
Partner ab, und Peter Kurze war ein gewaltiger Springer vor dem Herrn, trotz
eines Fettbäuchleins schon in Schülerjahren.
    Und so ist denn die Reihe der Vorführung endlich auch an Peter Kurzen
gekommen, der in der Geschichte eines Glücklichen nicht nur eine Rolle zu
spielen haben wird, sondern auch selber ein Glücklicher war, zweifelsohne besser
als der andere geeignet zur Heldenrolle in einer Geschichte, die in erster
Ordnung doch unterhalten soll. Als jüngster Sohn des seligen Amtsbruders von
Bielitz, daher Luischens Schwager, und als eine kreuzfidele Haut war er Dezems
Intimus auf der Schule geworden, und die Pfarrtür von Werben stand allezeit
gastlich vor ihm offen. Wenn sie ihm aber auch ungastlich vor der Nase
zugeschlagen worden wäre, würde er durch die Hintertür wieder eingeschlüpft sein
und gerufen haben: »Da bin ich, Peter Kurze, ich, ich, ich!« Denn blöde war
Peter Kurze eben nicht. Wo er einen Schornstein rauchen sah, dachte er: Hier ist
gut sein! Hatte Dame Fortuna just nicht splendid für ihn gesorgt, so sorgte er
um so beflissener für sich selbst und schob sich als armer Teufel äusserst
vergnüglich durch die Welt.
    Da er ein paar Jahr mehr als Dezimus zählte, war er heuer bereits als
medizinischer Fuchs zu den Ferien eingesprungen und prangte nun erst recht in
der Glorie der lustigmachenden Person. Dass er in seiner Manier nicht weniger als
der Leutnant in der seinen dem Pfarrröschen »die Cour schnitt«, verstand sich,
wie er selbst es ausdrückte, »am Rande«. Aber - glückselige Organisation für
einen Primaner! - auch der Doktor in spe machte Dezem keine Herzbeklemmung.
    Vater Blümel wollte freilich das Tanzen, in Erwartung einer
Verwandtenleiche, nicht geziemend finden, seine Hanna aber sagte:
    »Gönne doch den armen Dingerchen den ersten Luftzug der Freiheit, wer weiss,
lieber Konstantin, wer weiss, wie bald ihn ein Trauerhauch verweht.«
    Damit schlug sie einen Schottischen an, und die drei Paare hopsten
seelenvergnügt rundum; am vergnügtesten die beiden Fräulein. Bei dem flinken
Pfarrröschen aber hatte auf diesen ländlichen Bällen der Leutnant entschieden
das Prä.
    Lydia begleitete die Geschwister niemals. Sie liess den Vater nicht allein.
Ihr jüngster Bruder, Philipp, hatte das Scharlach gehabt, und die Mutter würde
nicht um die Welt die Krankenstube vor den gesetzmässigen sechs Wochen verlassen
haben. Den siechen Gatten wusste sie ja unter der Tochter Augen wohlversorgt.
    Eines Nachmittags, als das junge Volk im Pfarrgarten wieder einmal recht
übermütig den Plumpsack walten liess, kam Lydia aber dennoch ohne den Vater den
Geschwistern nach, gegen ihre Art in ängstlicher Aufregung. Die Kammerfrau der
Tante hatte von dem Hafenplatze, wo die Ausschiffung der Leiche stattgefunden,
geschrieben; da ihr Eintreffen in Werben binnen zwei Tagen erwartet werden
durfte, wünschte der Propst, dass Martin bis zu der Station, wo die Eisenbahn
verlassen wurde, ihr entgegenreise, um den Kondukt in die Heimat zu geleiten.
Max und seine Schwester hatten bereits in Rom den Landweg eingeschlagen; die
Kammerfrau vermutete sie längst in Werben. Und sie waren nicht angelangt, hatten
keinerlei Nachricht von sich gegeben. »Wenn ihnen ein Unfall zugestossen wäre?«
schloss Lydia.
    »Ach, gar ein Unfall!« widersprach Röschen lachend. »Sie werden sich
unterwegs, wo es hübsch war, aufgehalten und gedacht haben: Was schadet es der
seligen Tante, wenn sie ohne unser Beisein bei ihren Vätern den Einzug hält?«
    Die Schlossgeschwister brachen auf; die Pfarrgeschwister, inklusive Peter
Kurzens, begleiteten sie. Den Weinberg hinab, den Uferpfad entlang, die
Terrassen hinan ging es in neckischem Fliehen und Sichhaschen. Keiner fragte
danach, dass die tolle Jagd aus den Schlossfenstern beobachtet werden könne. Seit
dem Eintreffen der Trauerpost aus Rom schien in dem klösterlichen Hause alles
ausser Rand und Band geraten. Nur Lydia und Dezimus gingen sacht hinterdrein; sie
folgten Max auf seiner Alpenreise und langten am Fusse der Terrasse erst an, als
die anderen längst im Schloss verschwunden waren.
    Jählings starrte beider Schritt, stockte beider Atem. Von oben herab kam
einer ihnen entgegen, mit verwegenem Satz die letzte Mauerstufe
hinunterspringend.
    »Lydia!« rief Max, umfasste sie mit beiden Armen und presste seine Lippen auf
die ihren.
    Sie war einen Moment von Purpur übergossen; im nächsten hatte sie sich ihm
entwunden. Ein Schauer flog über ihren Leib; sie stand entfärbt, mit
geschlossenen Augen wie in den Boden gewurzelt.
    »Grüss Sie Gott, Dezimus! Himmel, was sind Sie gross geworden. Aber sehen Sie
doch dieses Bild, dieses Göttermenschenbild!«
    Sidonie war es, welche, langsam die unterste Terrasse niedersteigend, also
sprach, indem sie die eine Hand Dezimus entgegenstreckte und mit der anderen auf
die versteinerte Gruppe der beiden schönen jungen Verwandten deutete. Dann
gegenseitiger Willkommenwechsel, Aufklärung und Mitteilung. Sidonie führte das
Wort. Maxens Augen hingen mit gleichem Entzücken an Lydia wie die von Dezimus an
seinem Jovisstern.
    Aber auch die Verwandlung der kleinen Sidi machte ihn staunen. Eine
langwierige ortopädische Kur hatte Wunder an ihr gewirkt; sie war bedeutend
gewachsen, und wenn die Unebenheit des Baues auch nicht ausgeglichen werden
konnte, der Kopf war nahezu schön; man sah es ihr an, dass nur ein äusserer Unfall
die Missgestalt verschuldet hatte. Das gemischte Blut der Hartenstein und
Mehlborn strömte in ihren Adern so gesund wie in denen ihres herrlichen Bruders.
Im übrigen war sie, wie schon als Kind, sich ihres Makels bewusst und brach ihm
durch rüstigen Humor die Spitze ab. Lydia sprach an diesem Abend kaum ein Wort.
Ihre Lider waren wie im wachen Traume gesenkt, sie schwebte einher, als ob ihr
Flügel gewachsen wären.
    Am anderen Morgen widerfuhr dem vom Glück erkorenen Johannissohne wieder
einmal so unverdient wie unversehens eine ausserordentliche Ehre. Während er sich
mit seinem Vater in der grossen Geschäftsangelegenheit des Tages auf dem Schloss
befand, rollte der Wagen vor, in welchem Martin der seligen Grosstante bis zur
Bahnstation entgegenreisen sollte. Die Begleitung seines Vetters war als
selbstverständlich angenommen worden. Fräulein Sidonie erklärte indessen rund
heraus, ihr Bruder sei für solch eine ermüdende Partie von der Reise zu
angegriffen.
    Max lächelte bei den Worten, widersprach jedoch nicht; nur zu der
ernstblickenden Lydia sagte er leise: »Ich halte es mit dem Tod, aber nicht mit
den Toten.«
    »Aber, du lieber Gott! ich ganz allein den weiten Weg hin und zurück, da muss
ich ja vor Langeweile sterben!« sagte Martin im allerkläglichsten Ton. »Komm du
mit, Dezimus, tu mir den Gefallen!«
    Und so geschah es, dass Held Dezimus, wie er einstmals zu Füssen der
blumengeschmückten Harfenkönigin eine rasche stolze Fahrt in einem Viergespann
gemacht, nach Jahren als Leidtragender in einer Trauerkutsche und geziemend
feierlichem Tempo dem stolzen Viergespann folgte, in welchem die nämliche
Harfenkönigin im kunstvoll gemeisselten Marmorsarge zur Gruft ihrer Ahnen
befördert wurde. Vor dem Sarggehäuse sass neben dem rabenschwarzen
Leichenkommissarius silberstrotzend der Diener mit den noch immer blühenden
Wangen. Breite Trauerflore wallten vom Hut über seine weissen Locken. In einem
zweiten Wagen folgte weinend die alte Kammerfrau nebst der gleichfalls zu
versenkenden seligen Harfe; beide dicht in schwarzen Krepp gehüllt. Auf einem
dritten Gefährt überwachte ein bewährter Werkführer die Muse der Musik in ihrer
hölzernen Umkapselung. Gewiss ein imposanter Kondukt, weit und breit unerlebt!
    Aber die Fahrt währte lange, und Morgenluft zehrt, selbst im Gefolge eines
Leichenwagens. Ein weislich von Freund Martin mitgeführtes Frühstück tat daher
gute Dienste, wurde auch von beiden Leidtragenden mit so munterem Appetit
verzehrt, als ginge die Reise flott zu einer Hochzeitsfeier.
    An der Grenze des Werbener Weichbildes stiegen die Freunde aus, um sich der
Rangordnung ihres Leidwesens gemäss dem Zuge einzureihen; denn hier wartete der
Pfarrer samt allen, welche berufen oder auch nicht berufen waren, der Gutsherrin
und dem mit ihr abscheidenden angesehenen Geschlecht die letzte Ehre zu
erweisen.
    »Ein hübsches Zügelchen!« sagte schmunzelnd Kantor Beifuss zu seinem Nachbar,
dem vormaligen Quatermillionenschüler, während der Kondukt sich die neue
Grabesstrasse hinanbewegte, auf deren Boden Kalmuszweige und Maienlaub
verdufteten.
    Die Kirche war in eine Laube umgewandelt, der Altarplatz so dicht mit
Lorbeer- und Zypressengruppen gefüllt, dass ausser für den Sarg nur noch Raum für
die beiden Familien des Schlosses und der Pfarre übrigblieb. Im Schiffe dagegen
drängte sich Kopf an Kopf. Aus weitem Umkreis hatte hoch und gering den
köstlichen Frühlingstag benutzt, um die Fliederblüte und das Begängnis einer
Harfenkönigin zu geniessen. Auch Amtmann Mehlborn wurde seit vielen Jahren zum
ersten Male wieder in seiner alten Kirche, zwar nicht unter den Leidtragenden,
aber doch unter den Schaulustigen bemerkt.
    Die Glocken hatten in Pausen schon den ganzen Morgen geläutet. Sobald der
Sarg über die Kirchschwelle gehoben ward, stimmte, wohleingeübt, die städtische
Liedertafel eine Motette an über den Psalmistenspruch: »Ich bin verstummt und
schweige der Freuden. Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher
leben.«
    Nun hielt Pastor Blümel die Parentation; nicht in freier Eingebung seinem
Gemüte entströmend; ein wohlbedachtes, wohlgefügtes Redestück, würdig der
Künstlerin, deren Lebensabriss es in sich fasste, und diesem entsprechend der
Text:
    »Wessen Ohr mich hörete, der pries mich selig, und wessen Auge mich sah, der
rühmte mich. Denn ich errettete den Armen, der da schrie, Gerechtigkeit war mein
fürstlicher Hut, und welche Sache ich nicht wusste, die erforschte ich. Ich
gedachte: ich will meiner Tage viele machen und in meinem Neste ruhen.«
    Es war sonst nicht Pastor Blümels Sache, solch ein Bibelwort, aus seinem
natürlichen Zusammenhange gerissen, einem fremdartigen Anlasse einzuzwängen, und
gewisslich hatte Fräulein Tusnelda von Werben keine Seelenverwandtschaft mit dem
Dulder von Uz. Da in diesem speziellen Falle aber nun einmal sich durchaus nicht
auf den Glauben, die Liebe und Hoffnung eines Christen in diesem irdischen
Jammertale berufen werden durfte, half sich auch ein Blümel aus der
Verlegenheit, wie mancher seiner frommen Amtsbrüder es ohne Skrupel tut. Die
warme Zuversicht aber, mit welcher er aussprach, dass diese Greisin, welche, der
seltensten eine, nur mit den guten, nicht mit den bösen Erinnerungen des Hiob
aus dem diesseitigen Leben geschieden sei, in dem unerforschlichen Jenseit für
die Entwickelungen reifen werde, welche hienieden nur der Traurigkeit entkeimen,
dem Leidtragen, das wir eben darum ein beseligendes nennen; diese warme
Zuversicht machte auch die Herzen der Hörer warm und gab dem christlichen
Segensspruch die Weihe der Wahrhaftigkeit.
    Ob auch dem Propst von Hartenstein mit diesem seltsamen Textwort und der
Anwendung des Unionisten Genüge geschehen, liess sich weder behaupten noch
verneinen. Er sass in sich versunken, tödlich bleich, die Hand seiner Tochter
Lydia in der seinen. Seine Gattin weinte, und die Kinder hoben die Augen nicht
vom Boden. Fräulein Sidonie jedoch drückte dem Redner einverstanden die Hand,
und ihr Bruder versicherte ihm später lächelnd, er habe seine schwierige Aufgabe
bewundernswert gelöst. Amtmann Mehlborn aber soll auf dem Heimwege gegen Kantor
Beifuss, seinen einzigen sogenannten Freund, geäussert haben: Solange er seine
Augen offen hätte, möchte er nichts mehr mit dem alten Blümel zu schaffen haben.
Es wäre ihm aber doch lieb, wenn er es so lange machte, dass er ihm noch einmal
den Lebenslauf auslegen könnte.
    Unter entsprechendem Chorgesang war der Sarg in das Gewölbe hinabgelassen
worden; die goldene Harfe wurde über ihm befestigt, die Muse der Musik auf ihr
Postament gestellt. Noch vor Tagesneigen hatte man die schliessende Platte in den
Boden gefügt, und die letzte Spur von Tusnelda von Werbens Freudenleben war
verschwunden.
    Programmgemäss wurde das Erlöschen des alten Geschlechts durch einen Schmaus
gefeiert. Der Pächter bewirtete die Dienstleute des Hofes, für die Würdenträger,
das heisst die Pfarrfamilie und den Justitiarius, öffnete Herr von Hartenstein
zum ersten Male den Werbenschen Speisesaal. Dort wie hier waren die Tafelgenüsse
der abgeschiedenen reichen Herrin würdig; die Ehrenbezeugungen zu ihrem Andenken
unter freiem Himmel jedoch lauter und nachhaltiger als zwischen den spärlich
gefüllten vier Pfählen. Der Propst sehnte sich nach seinem Ruhebett, seine
Gattin nach ihres Knaben Quarantänezimmer. Die Sonne hatte schon tief gestanden,
als die Suppe, und sie war noch nicht gesunken, als der Kaffee genommen ward.
Rat Hecht machte sich auf den Heimweg nach der Stadt, Pastor Blümel mit seiner
Hanna auf den nach der Pfarre. Die junge Gesellschaft fühlte das Bedürfnis
frischer Luft und brach zu einem Spaziergange auf. Nur Sidonie, die schwache
Fussgängerin, blieb zu Hause. Sie schmachtete nach Musik, die sie seit der
Abreise von Rom weder geübt noch gehört hatte, und da es in der geistlichen
Familie ausser einem Kinderklapperkasten ein Klavier nicht gab, wurde im
Ahnensaal an Lydias Orgel der Vortrag einer Bachschen Fuge zu einer
abschliessenden Trauerfeier.
    Peter Kurze, der Lustigmacher, war zum Vorteil einer geziemenden Stimmung
nicht von der spazierenden Partie, indem er, als ungeladener Tafelgast, sich in
die Umgegend verzogen hatte. Die anderen zerstreuten sich gruppenweis unter dem
dämmernden Abendhimmel. Leutnant Martin kletterte mit Lebensgefahr am
Mühlgrabenufer auf und ab, die zarten Vergissmeinnicht zu pflücken, die ohne
seine augenschärfenden Erstlingsgefühle ungesehen verblüht sein würden.
Schönröschen, auf einem Baumstamme sitzend, wand einen Kranz aus den
Blaublümlein. Des Leutnants Seligkeit hing von dem Besitze dieses Kranzes ab. Er
wollte ihn im Schlachtgewühl als feienden Talisman auf seinem Herzen tragen. Das
schnöde Röschen aber meinte lachend, für solches Unterfutter sei seine Uniform
viel zu knapp, und setzte den Kranz auf ihre schwarzen Locken, worauf der
Leutnant versicherte: er stehe ihr göttlich!
    An Dezimus' Arm hatten sich die beiden Fräulein Priszilla und Phöbe gehängt
mit der Bitte, er solle sie an diesem feierlichen Abend ein wenig mit der
Sternenwelt bekannt machen. Und warum sollte Dezimus ihnen dieses weihevolle
Verlangen nicht befriedigen? Er führte sie nach dem Hünengrabe und nannte ihnen
die Sternbilder, die eines nach dem anderen am östlichen Horizonte auftauchten,
während gen Abend der Himmel noch im Karmin des Sonnenunterganges glühte. Nun
wollten die Fräulein aber auch für die fünf Schlossgeschwister ein besonderes
Sternbild gleich dem der sieben Pfarrschwestern ausgesucht haben. Und warum
sollte Dezimus ihnen nicht auch dieses Verlangen befriedigen? Er liess ihnen
sogar die Wahl zwischen der Kassiopeja und dem kleinen Bären. Sie konnten lange
nicht einig werden; die Kassiopeja war freilich viel schöner, der lieben
Nachbarschaft wegen entschieden sie sich aber doch für das Fünfgespann neben dem
Siebengespann.
    Max hatte Lydias Arm unter den seinen gezogen und ging mit ihr den Uferpfad
entlang. Der milde Abend lud zu einer Wasserfahrt ein, aber der Bootsmann hatte
nach dem heutigen sauren Tagewerk zu früher Stunde Schicht gemacht, und der Kahn
regierte sich schwer von einem allein.
    So setzten sie sich denn auf eine Bank vor der aus Rohr geflochtenen
Fährhütte und blickten eine lange Weile schweigend auf den Fluss, der zu ihren
Füssen im Abenddämmer glitzerte. Ringsum zog sich das alte Werbensche
Fasanengehege. Das Unterholz ist zu Bäumen herangewachsen, und es nisten seit
vielen, vielen Jahren keine goldenen und silbernen Jagdvögel mehr in ihrem Laub.
Aber unscheinbare Nachtigallen haben sich angesiedelt in dem verlassenen Reich
und locken von weit und breit Sangesgenossen herbei. Windstille in dichten
Laubkronen, klares Wasser, Ameisenhügel, von keinem Spatenstich gestört, dann
und wann ein Ruderschlag und abends vor der Fährhütte ein lauschendes Paar, was
braucht eine Nachtigall zum Heimischwerden mehr? Es waren glückliche Kolonisten.
So gut jedoch wie heute, wo man die alte Menschenschwester zur Ruhe gelegt, so
gut war es ihnen lange nicht geworden, denn sie hatten allerlei Volks an ihrem
Gehege vorüberstreifen sehen, und die Nachtigallen sind auch in der Minnezeit
gar neugierige Kreaturen.
    Nun aber ist es wieder still geworden. Nur dort unter dem Fliederbusch sitzt
noch ein Menschenpaar, so schön, wie noch keines ihren Liebesweisen gelauscht,
und was ein Maienabend an Wonnen zu bieten hat, dieser bot es. Hoch oben die
blaue Nacht mit ihrem Goldgefunkel, linde Lüfte und vom Boden Nektarwürze, aus
allen Wipfeln sehnsüchtig schmachtendes Locken. Im engen Bett rauscht weiter
abwärts der Fluss; hier aber weitet er sich still und dunkel zu einem
Himmelsspiegel.
    »Still und dunkel wie deine Augen, Lydia,« flüstert Max. »Ein süsses,
heiliges Märchen wie du!«
    Und dann sassen sie wieder lange Hand in Hand und schwiegen und atmeten den
Zauber des Mai.
Am anderen Morgen nahm die Schlossfamilie mit ihren Gästen das Frühstück auf der
Terrasse; der Propst hatte sich über Nacht merklich erholt, Philipp sonnte sich
mit seinem Mütterchen zum ersten Male nach der langen Zimmerhaft. Aus aller
Blicken sprachen Hoffnung und Lust, so als antworteten sie auf den Maienblick
der Natur.
    »Mir ist dieses Tal früher gar nicht so anmutig vorgekommen,« sagte Max, und
Sidonie, die allen anderen gern neckend widersprach, aber jederzeit ihres
Bruders Echo war, setzte hinzu: »Ich hatte keine Erinnerung mehr von ihm,
stellte es mir aber vor wie den Anfang der Lüneburger Heide. Im Mai finden wir
freilich auch Heideschnucken graziös. Nun, es müsste sich allenfalls hier schon
leben lassen.«
    Die Geschwister hatten bei ihrer unerwarteten gestrigen Ankunft dem Oheim
erklärt, dass sie die Frist zwischen der Bestattung und Testamentseröffnung,
welche aus einem ominösen Zufall am 24. Juni, Mutter Blümels Segenstag,
stattaben musste, in Dresden zuzubringen gedächten. Jetzt stellte Max unerwartet
die Frage:
    »Würdest du mich, liebe Tante, diesen Monat lang dir als Gast gefallen
lassen?«
    »Und mich natürlich auch,« ergänzte Sidonie, »denn Max und ich sind fortan
eins.«
    Frau von Hartenstein blickte schüchtern zu ihrem Gatten und dieser scharf
eindringend zu Lydia hinüber, die, eine Pupurwoge auf den Wangen, die Lider
senkte. »Ihr sollt uns willkommen sein,« sagte der Propst darauf.
    »Herzlich willkommen!« beteuerte Frau Ottilie, und die Geschwister sagten
Dank.
    Nach einer Pause fragte der Propst, ob sie willens seien, den Amtmann
Mehlborn aufzusuchen?
    »Ich denke nicht daran,« antwortete Max, während Sidonie nur stumm die
Achseln zuckte. Lydia aber fragte mit fast strengem Blick:
    »Nicht eueren Grossvater sehen, eurer Mutter Vater?«
    »Das wäre kein Grund, Cousinchen,« äusserte Max leichtin. »Aber gut, du
befiehlst, so werden wir ihm aufwarten.«
    Sidonie nickte zustimmend, sogar sichtbar befriedigt.
    Die Unterhaltung, anfänglich heiter fliessend, war unwillkürlich in einen
kurzen Trab von Frage und Antwort geraten, der keinem erquicklich schien. Als
weiterhin der Oheim zu wissen wünschte, welche Pläne der Neffe für seine Zukunft
verfolge, antwortete dieser:
    »Im Moment keine. Das Testament wird den Ausschlag geben.«
    »Aber, lieber Max,« wendete Sidonie ein, »welchen Einfluss auf deine Wahl
dürfte diese Verfügung haben? Du weisst ja, unter allen Umständen bleibt dir
freie Hand.«
    Der Propst zuckte zusammen, als ob er einen Krampf am Herzen spüre. Mehr als
Sidoniens Worte hatten die sie begleitenden Blicke ihm verraten, dass sie sich
und ihren Bruder des Werbenschen Erbes versichert hielt. Besass sie ein Zeugnis
dafür, sie, die einzige der Familie, welcher die Erblasserin näher getreten war,
die sie vielleicht mütterlich liebgewonnen hatte? Er erhob sich rasch, um sich
in sein Zimmer zurückzuziehen, kehrte halben Wegs jedoch um und sagte mit
ungewohnter Freundlichkeit:
    »Sei unseren lieben Gästen, Lydia, doppelt eine aufmerksame Wirtin, da die
Mutter durch Philipps Rekonvaleszenz noch vielfach in Anspruch genommen ist. Ich
selbst fühle mich ja, Gott sei Dank, jetzt wohl genug, um deine Gegenwart einmal
auch anderen gönnen zu dürfen.«
    Sidonie erinnerte sich auch nicht des flüchtigsten Wortes als Zeugnis für
das ihr vorbestimmte Erbe; aber sie bedurfte dieses Wortes auch nicht, so fest
stand ihre Zuversicht desselben, nahezu wie eines natürlichen Rechtes. Und in
der unumwundenen Art, welche sie sich im Verkehr mit der Tante angeeignet hatte,
sprach sie diese Zuversicht auch aus, als sie noch am nämlichen Vormittag auf
die Pfarre kam, um, wie sie fortan jeden Morgen tat, das dortige Instrument zu
benutzen, da dasselbe immerhin noch etwas weniger Klapperkasten als das des
Schlosses war.
    »Kann eine Verblendung törichter sein?« sagte sie halb ärgerlich, halb im
Scherz. »Ich merkte es an all seinem Gebaren und habe es an einer rechtzeitigen
Warnung nicht fehlen lassen. Dieser standfeste Jünger des blutarmen Doktor
Luter hat sich allen Ernstes in den Kopf gesetzt, die Schatzkammer der
leibhaftigen Frau Hulda zu überkommen. Er, der einzige Mensch, der ihr
unverständlich, daher schlechtin widerwärtig war, den sie immer nur den
Oberdruiden nannte und von dessen Familie sie nicht viel mehr hatte kennen
lernen, als dass sie samt und sonders nicht die schwächste künstlerische Ader in
sich barg.«
    »Die sie aber in drückender zeitlicher Sorge wusste,« wendete Pastor Blümel
ein.
    »Wusste sie darum? Sie korrespondierte mit keinem von ihnen, und ich selbst
bin erst diesen Morgen auf den Argwohn gekommen, als - -«
    »Ja, sie wusste darum, liebes Fräulein.«
    »Um so schlimmer für sie. Die Sorgen waren selbstverschuldete; ein Grund
mehr, die Sorgenträger von einem Besitz auszuschliessen, auf dessen Erhaltung es
ihr vor allen Dingen ankam. Eine unantastbare Leibrente würde an dieser Stelle
die gebotene Hülfe sein.«
    »Frau Ottilie von Hartenstein bleibt aber immer der Dame nächste
Blutsverwandte.«
    »Nach meinem Papa, welcher der Sohn der älteren Schwester und der geborene
Erbe von Werben war. Hat sein Vater ihm das Nachfolgerecht verscherzt, ei nun!
die schönheitssüchtige Tusnelda nannte Grosspapa gern den schönsten Mann, den
ihre Augen gesehen, und irre ich nicht stark, war er der einzige, der ihr
jungfräuliches Herz schwach gemacht haben würde, wenn er nicht ihre Schwester,
die eine treffliche Tänzerin war, der trefflichen Sängerin vorgezogen hätte.
Würde denn auch ohne eine gewisse Sympatie sie, nach allem Vorhergegangenen,
sich bereitwillig mit ihm ausgesöhnt, für die Erziehung seiner Enkel in so
umfassender Weise Sorge getragen haben? Was hat sie für die Kinder Ottiliens
getan, die, wenn auch in anderer Weise, der Verkümmerung nicht weniger
ausgesetzt waren als wir? Überdies war die Tante so jugendlichen Sinnes, zog bis
an ihr Ende die heitere Jugend so unverhohlen aller sogenannten Altersweisheit
und Tugend vor, dass es ihr auch in bezug auf ihr Erbe auf einen näheren oder
ferneren Verwandtschaftsgrad nicht ankommen konnte, zumal wenn bei dem letzteren
auf eine Nachfolge in ihrem künstlerischen Streben zu rechnen war.«
    »Und ist Ihnen niemals der Gedanke gekommen, dass die leidenschaftliche
Kunstfreundin über ihre Hinterlassenschaft zu kunstfördernden Zwecken verfügt
haben könnte?«
    »Hinsichtlich ihres Barvermögens, des Hauses in Dresden, ihrer Sammlungen
und so weiter höchst wahrscheinlich; hinsichtlich des Werbenschen Stammgutes
keinenfalls. Warum hätte sie es als Siebzigerin mit dem Opfer weit höheren Zins
tragender Dokumente wieder in ihre Hand gebracht? Ist dies der Platz, wo man
etwa eine Harfenschule gründet? Nein, was der Familie entstammte, sollte der
Familie verbleiben, und die Repräsentantin dieser Familie war für sie - ich.
Mich hat sie gebildet, mein ist ihr Talent, ihre Anschauung, in gewissem Sinne
ihr Schicksal. Nur ich kann ihr eigenes Leben fortführen; um dies aber zu
können, muss ich zunächst ihre Erbin sein. Ich, das heisst mittelbar mein Bruder.
Denn das wusste sie ja ganz wohl, und darin hat sie mich von früh ab festgemacht,
dass ich, ein Krüppel, wie ich durch die Vernachlässigung meiner Mutter geworden
bin, niemals einen näheren Angehörigen haben werde als meinen Max, der überdies
für fast jegliche Kunstrichtung reicher als ich begabt und durch die Fürsorge
der Tante vollständig darin ausgebildet ist.«
    »Der aber, so gut wie Sie, Fräulein Sidonie, dereinst ein Vermögen besitzen
wird, gegen welches das Erbe von Werben verschwindet.«
    »Eben darum. Nicht eine mässig, nur eine reich gefüllte Hand genügte ihren
Zwecken. Sehr möglich, dass sie direkt zu meines Bruders Gunsten testiert haben
würde, hätte sie in ihm nicht das unwirtschaftliche Hartensteinsche Temperament
vorausgesetzt. Mich hielt sie für praktischer und mit Recht. Man kann des Guten
nicht zu viel haben für sich und andere, pflegte sie zu sagen. Sie tat in
letzerer Beziehung auch viel. Nur dass man ihre Wohltat nicht bemerken, nicht
durch sie bedrückt, beschämt erscheinen, ihr nicht anders als durch frohen Genuss
dafür danken durfte. Darum gab sie auch meinem Max so gern, weil er alles
Förderliche ohne demütigende Phrase, wie himmlischen Regen und Sonnenschein, von
ihr angenommen hat.«
    Pastor Blümel machte noch den Einwand, dass die Verstorbene ihren letzten
Willen ja aufgesetzt habe, bevor sie sich von der ihrer Sinnesart gemässen
Entwicklung ihrer Verwandten überzeugt, und dass er unverändert geblieben sei.
Sidonie liess an ihrer Zuversicht indessen nicht rütteln. Ihre Luftschlösser
standen fix und fertig aufgebaut. Die Familie des Propstes mochte, ob der Vater
lebte oder starb, nach wie vor das Schloss bewohnen und den Notpfennig, welchen
die Erblasserin ihr vielleicht zugewendet hatte, darin geniessen. Sie, Sidonie,
folgte ihrem Bruder, wohin es auch sei. »Er braucht Freiheit, und ich finde
alles, was ich brauche, in seiner Nähe.«
    Nach diesem Schlusssatz setzte sie sich an das Klavier, und das Prestissimo
einer Beetovenschen Sonate erbrauste in Perlenreine unter ihren schlanken
Händen.
    »Mir klingt es vor den Ohren, Konstantin, als wäre wieder einmal Lisettchens
Milchtopf in Scherben zerbrochen,« sagte Frau Hanna, welche dem Gespräche, ohne
ein Wort darein zu geben, zugehört hatte. Ihr Konstantin seufzte.
    Für den Besuch des Talgutes am anderen Nachmittag hatte Sidonie, zur eigenen
Schonung und zur Belustigung des gesamten jungen Volks, sich eine Kahnfahrt
ausgedacht. Lydia wollte zurückbleiben, da ihr Vater seit gestern morgen sich
wieder übler fühlte; er selber aber drängte sie zur Teilnahme mit einer Hast,
die sie befremdete. Wollte er allein sein? Gönnte er ihr eine flüchtige Freude
vor einem unvergänglichen Schmerz? Oder - hatte er einen Blick in ihren
heimlichsten Seelengrund getan? Lydia errötete bei dieser letzten Vorstellung,
aber sie ging mit erleichtertem Sinn, nachdem sie ihr aufgestiegen war.
    Vor der Fährhütte traf die Schlossgesellschaft mit der Pfarrgesellschaft
zusammen, ein jeder froh gelaunt und witzig nach seiner Art; nur Max erschien,
trotz Lydias Gegenwart, um des unliebsamen Zieles willen, verstimmt.
    »Wissen Sie, wie Sie mir vorkommen, Fräulein Rose?« fragte der Leutnant, und
da Fräulein Rose die Vorstellungen eines Leutnants nicht zu erraten vermochte,
erklärte er: »Wie ein weisses Täubchen mit einem schwarzen Köpfchen zwischen drei
schwarzen Tauben mit weissen Köpfen.«
    Auch diese dem Kleiderschrank entlehnte Galanterie wurde lachend gewürdigt.
    »Wie gefällt dir Röschen?« fragte Martin seine Cousine, die in Erwartung des
Kahnes seinen Arm genommen hatte.
    »Allerliebst,« antwortete Sidonie. »Sie gleicht dieser Gegend. Die frische
Anmut lässt die Schönheit nicht vermissen.«
    »Du hast recht,« fiel Max, der Frage und Antwort gehört hatte, ein. »In
solche Gegend zieht man sich zurück, wenn man des Weltlebens überdrüssig
geworden ist, und solch ein Mädchen heiratet man, wenn man nicht mehr nach
Schönheit und Liebe verlangt.«
    »Seid ihr alle beide aber merkwürdig,« entgegnete Martin gegen seine Art ein
wenig pikiert. »Was mich anbelangt, so finde ich Röschen wunderschön, und dass
nicht immer aus Liebe geheiratet werden kann, das begreife ich. Warum aber einer
Röschen heiraten sollte, der sie nicht schön findet und nicht in sie verliebt
ist, das begreife ich nicht.«
    »Weil sie ein zierliches Pantoffelregiment führen würde, grosse Schönheiten
aber gewöhnlich grosse Füsse haben,« erklärte Sidonie lachend, und der Leutnant
war so klug wie zuvor.
    Man stieg in den Kahn, Dezimus und Peter Kurze führten die Ruder; die
übrigen gruppierten sich je zwei nebeneinander auf den Bänken; Lydia und Max
Dezimus zunächst. Die maifrischen Gesichter inmitten der maifrischen Landschaft
erquickten das Auge der verwöhnten kleinen Künstlerin. Sie hatte eine besondere
Art von Gitarre oder Laute aus Italien mitgebracht und heute nicht vergessen.
»Zu einer Gondelfahrt gehört Gesang,« sagte sie, »mache den Anfang, lieber Max.«
    Nach kurzer Verständigung griff sie in die Saiten, und ihr Bruder hob eine
Barkarole an mit einem Tenor, so weich und glockenhell, wie die Gesellschaft,
ausser Sidonien, noch keine Menschenstimme vernommen hatte. Lydias grosse Augen
hingen mit Entzücken an seinen Lippen, Röschen jubelte laut auf, und Dezimus
bewunderte in neidlosem Verstummen die Fülle der besten Gaben, welche die Natur
diesem herrlichen Jüngling eingebunden hatte. Ach, wie arm und gering nahm er
sich neben diesem Glücklichen aus, er, der doch auch ein Glückskind hiess!
    Wer hätte unmittelbar nach diesem Wohllaut seine Stimme hören lassen mögen?
Da Peter Kurze, der unermüdliche Unterhalter, durch das Ruder in Anspruch
genommen war, kam somit die Reihe des Witzigseins wieder an den Leutnant, und da
ihm just nichts Neueres oder Geistreicheres einfiel, sprang er auf und begann
mit ausgespreizten Beinen, bald links, bald rechts tretend, den Kahn zu
schaukeln, so dass, stark gefüllt, wie er war, das Wasser um ein Haar über die
Ränder getreten wäre.
    Priszilla und Phöbe kreischten laut auf. »Halte mich, Dezem!« schrie
Röschen.
    »Dummer Junge!« brummte Peter Kurze, zum Glück unverstanden. Sidonie aber,
rasch gefasst, zog den armen Spassvogel an ihre Seite nieder mit den Worten: »Hier
bleibst du sitzen! Du, Phöbe, neben Rosen! Nicht gerührt!«
    »Ich bin schon als Fähnrich Freischwimmer gewesen, ich würde euch alle
gerettet haben,« sagte der Leutnant, leistete aber gehorsam Folge und sass
mucksmäuschenstill.
    Das Gleichgewicht der Bewegung war somit hergestellt; dass aber auch das der
Stimmung wiederhergestellt werde, hob Peter Kurze seinen Leibkanon an, den er
bei jeder möglichen Gelegenheit zum Vortrag brachte und in welchen das
kunstsinnige Fräulein Sidi unverdrossen einstimmte:
    »Sind wir wieder einmal beisamm gewest,
    Han uns wieder einmal liebgehat« und so weiter.
    Nur Dezimus und die beiden, welche seiner Ruderbank zunächst sassen, sangen
nicht mit. Die beiden flüsterten miteinander, und jenem erweckte das Flüstern,
von dem ein Wort und das andere zu ihm hinüber drang, bewegliche Gedanken.
    Beim Schwanken des Bootes hatte Lydia sich an Max geklammert; er umfasste
sie, drückte sie an sich und hauchte in ihr Ohr:
    »So sterben, wäre das nicht schön?« setzte aber lauter rasch hinzu: »Nein,
nein, zuvor so leben, Lydia!«
    Sie entwand sich seinen Armen und senkte die Lider vor seinen flammenden
Blicken. Nach einer langen Stille fragte sie leise: »Du sagtest neulich, Max, du
liebtest den Tod, aber nicht die Toten. Hiess das so viel, als du liebtest die
Lebenden, aber nicht das Leben?«
    »Nein, gewiss,« antwortete er, »das hiess es nicht; denn als ich es sagte,
hatte ich noch keinen Lebenden geliebt.«
    »Max!«
    »Du meinst meine Schwester? O nicht doch, Lydia! Was ich für dieses gute,
verkümmerte Wesen empfinde, ist Trauer oder, wie du es nennen magst, Erbarmen.
Liebe aber ist Wonne, ist Seligkeit, und heute, Lydia, heute - -«
    »Aber das Leben, Max?« unterbrach sie ihn hastig. »Liebst du, erfüllt dich
das Leben?«
    »Wer liebte es nicht, Lydia, und wer dürfte es nicht lieben, da es einen Tod
gibt, der es endet, wenn es kein Leben, keine Erfüllung mehr ist?«
    »Was nennst du leben, Max?« fragte Lydia nach einer neuen Stille.
    »Das!« antwortete er. Er zog aus ihrem Gürtel eine Frührose, die er ihr vor
der Abfahrt gereicht hatte, sog in vollen Zügen ihren Duft ein, bis die Blätter
auseinanderfielen, und warf sie dann in den Fluss. »Das!«
    Der Kahn stiess in diesem Augenblicke an das Ufer. Max führte seine Schwester
nach dem Herrenhause; die übrige Gesellschaft schlug in der Zwischenzeit unter
Peter Kurzens Führung einen Spazierweg ein; Lydia blieb zurück. Sie wäre wohl
gern ganz allein gewesen; einer jedoch musste den Kahn sichern, für den es in
dieser Nähe der Stromschnellen keinen Anhalt gab; da dieser eine aber Dezimus
war, blieb sie wenigstens so gut wie allein. Denn nach den heimlichsten
Offenbarungen einer Dichterseele eine Unterhaltung zu versuchen, nein, so
ausverschämt war der Held dieser Geschichte nicht.
    Lydias Blicke folgten sinnend der Rose weit hinaus, bis sie auf und nieder
tauchend zwischen den weissen Strudeln verschwunden war. Jetzt erst schien sie
eines Dritten Gegenwart innezuwerden; und da es ihr einfallen mochte, dass er
wohl ihr Gespräch mit Max gehört haben könne, fragte sie mit dem ihr eigenen
gütigen Lächeln: »Was nennen Sie leben, lieber Dezimus?«
    Er dachte eine Weile nach, dann, zu ehrlich, um seine Zeugenschaft zu
verleugnen, antwortete er: »Was ich selber vom Leben weiss, heisst auch nur
glücklich sein. Wie aber mein Vater mich das Leben verstehen lehrt, heisst es
reifen, werden.«
    »Und sterben?«
    »Ich glaube: das nämliche.«
    Ob diese Antwort Lydia genügte? Ob sie dem Glauben sich einfügen liess, den
sie selbst unumstösslich von ihrem Vater überkommen hatte? Gewisslich nicht. Aber
ihr Puls schlug heute empfänglich für die Deutungen der Jugend, Freude und Liebe
jauchzten in ihrer Brust. Sie stellte keine Frage weiter, sass ganz still mit
halbgeschlossenen Augen, so als ob die plätschernden Wellen sie in Schlummer
lullen sollten, und wie aus einem Traume erwachend fuhr sie jach in die Höhe,
als Max und seine Schwester unerwartet früh zurückkehrten.
    Sidonie lachte; aus ihren klugen Augen blitzte ein lustiger Spott; ihres
Bruders schönes Gesicht dahingegen war durch einen Zug mehr von Ekel als Zorn
bis zur Unschönheit entstellt.
    »Ich gehe zu Fusse nach Hause,« sagte er. »Am Fährplatze erwarte ich euch.
Du, Lydia,« setzte er freundlicher hinzu, »müsstest eigentlich mit mir kommen. Du
hast mir diese hässliche Stunde aufgenötigt und bist mir eine Vergütung
schuldig.«
    Sie stieg ohne ein Wort der Erwiderung aus, legte ihren Arm in den seinen,
und sie gingen den Uferpfad entlang.
    Da die übrige Gesellschaft noch zögerte, setzte Sidonie sich neben Dezimus
auf die Ruderbank, um ihm in blühenden Farben die Begegnung mit ihrem herzigen
Grossväterchen auszumalen. Sie ahmte seine Naturlaute nach, schilderte die
patriarchalische Toilette, die Schauer der düster romantischen Höhle, Stube
genannt, mit ihren Spinnweben, ihrem Staub und Dunst, beschrieb das ambrosische
Vespermahl: ein schwarzes Brot, rund und hart wie ein Mühlstein, dazu ein
aromatischer Käse, vom ehrwürdigen Grau des Schimmels überzogen, und ein Krug
lehmfarbigen Nektars, neuhochdeutsch »Kofent« genannt.
    »Alle Genre der Poesie waren vertreten,« sagte sie, »mit Ausnahme des
heldenmässigen, das erst mein Mäxchen in die Heimatszene trug. Sogar das
dramatische kam noch als dickes Ende hinterdrein. Und so hätte ich nun auch
einmal einen Blick in die ursprüngliche germanische Volksseele getan, von
welcher euere Denker die Rettung unserer durch Überbildung angefaulten
Gesellschaft erwarten, und könnte allenfalls auch ein Idyll oder, wie eure
Dichter es neuerdings auszudrücken belieben, eine Dorfgeschichte schreiben. Ewig
schade, Dezimus, dass Sie sich den poesiestrotzenden Inspektorposten bei Ihrem
Vizepaten verscherzt haben, und wirklich unverzeihliche Verblendung, dass mein
Mäxchen, der als Dichter doch notwendig nach Anregungen trachten muss, sich so
hartnäckig dagegen sträubt! Aber sagen Sie, heimtückischer Schäferknabe, was
haben Sie meinem trauten Papachen eigentlich angetan, dass Ihr blosser Name allen
bukolischen Frieden aus seiner ungeschminkten Seele scheucht? Als ich, ich weiss
auch gar nicht, wie ich darauf geriet, erwähnte, dass Sie nächstens zur
Universität abgehen würden und die Werbener Pfarre so gut wie in der Tasche
hätten, wenn nach ein vier, fünf Jährchen etwa der alte Blümel sich nach Ruhe
sehnen sollte, da war mirs, als sähe ich Bankos Geist in Hemdsärmeln und
bocksledernen Buxen vor mir aufsteigen. Der, der! krächzte er, dass es mich
eiskalt überlief; der mich abspeisen! Der Lumpenjunge - verzeihen Sie! - der
Lumpenjunge mir den Lebenslauf halten! Und dann brüllte er: Sackerment! und
schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch, dass - - aber da kommen die anderen.
Unter vier Augen die Fortsetzung. Es handelt sich ja um Ihre Missetat an meinem
eigenen Fleisch und Blut. Nur so viel noch: Ich habe in gutem Glauben Sie
christlich herausgestrichen - des Abspeisens halber, Freund Dezimus!«
    Die anderen stiegen ein. Sidonie hatte schon während der letzten Worte ihre
Gitarre rein gestimmt und löste nun die lustige Dorfgeschichte mit einem
traurigen Volksliede ab, das die Gesellschaft mit Brummstimmen begleitete.
    Die klagende Weise wehte zu den beiden hinüber, die raschen Schrittes talauf
den einsamen Uferweg zwischen junggrünenden Erlenbüschen wandelten. Max war
heute nicht wie seine Schwester zum Karikaturenzeichnen aufgelegt; alles, was
Adel hiess, hatte sich in ihm empört. Überdies schloss Lydias kindlicher Ernst
unwillkürlich bei jedem, der ihr nahte, eine ironische Stimmung aus, ja selbst
die gutmütige Deckung des Humors.
    »Welch eine Zumutung!« rief Max unwillig, »und welch ein Widersinn, einen
Menschen wie diesen ehren zu sollen oder gar ihn zu lieben!«
    »Ich kenne deinen Grossvater nicht,« entgegnete Lydia sanft, »ich glaube dir
aber, armer Max, dass das erste menschliche Gebot ihm gegenüber kein leichtes
ist. Allein warum wäre denn auch sonst diesem Gebote eine Verheissung schon für
diese Welt gegeben? Wo die Liebe natürlich ist, trägt sie ihren Lohn in sich.«
    Sie sah ihn bei diesen Worten mit einem Blicke an, welcher die heimlichste
Tiefe ihrer Seele entschleierte und vor dessen Zauber aller Widerspruch und
aller Groll aus seinem Herzen floh. Er presste sie in seinen Arm, an seine Brust.
Die Liebe, die natürlich ist, hatte sie zueinander gezogen.
    Sie setzten sich auf einen Rasenhügel, und was da unter dem pfingstlichen
Blattgesäusel gehaucht worden - der Worte werden es nicht viele gewesen sein;
aber selbst diese wenigen wiederzugeben ist dem Erzähler nicht gegönnt.
    Muntere Stimmen vom jenseitigen Ufer weckten sie aus ihrem Traum. Er däuchte
den Glücklichen ein Moment, und doch war die Sonne gesunken, als Dezimus sie
hinüber in das Gehege ruderte, in welchem Sidonie zum heiteren Abschluss ihres
Festes ein Tischchendeckedich hergezaubert hatte. Das junge Volk tat sich
gütlich und trieb seinen Scherz, während Max seine Schwester abseit führte zu
einer Mitteilung, die sie wie das eigenste Schicksal berührte. Lydia war, ohne
umzublicken, am Ufer entlang geflohen, die Terrassen hinan, in ihr Haus.
    Die Mutter kam ihr auf den Zehenspitzen aus ihres Gatten Zimmer entgegen.
Sie hatte Tränenspuren in den Augen, aber ihr argloses Kinderlächeln auf den
Lippen. »Er ist eingeschlummert,« sagte sie, auf die halbgeöffnete Tür deutend.
    Der Propst sass am Fenster, vor sich einen Haufen Papiere, in welchen er bis
zum Tagesneigen geblättert hatte. Sein edles weisses Haupt war auf die Brust
gesunken, die welken Lider deckten die Augen; doch schlief er nicht. Seit Jahren
quälte ihn ja dieses Schmachten nach Schlummerruhe, das künstliche Mittel nur
stillten, um es desto peinvoller zu reizen. Als er seiner Tochter leisen
beflügelten Schritt vernahm, hob er den Kopf ihr entgegen. Sie warf sich, ohne
jedes Wort, zu seinen Füssen und barg auf seinen Knien das Gesicht, das im Purpur
der Scham erglühte.
    Derlei affektvolle Bezeugungen waren beider Naturen und dem keusch
begrenzten Verhältnis der Familie fremd. Wo aber ein Mensch dem anderen in so
seltener Weise verbunden ist wie dieser Vater seiner Tochter, bedarf es keiner
Erklärung für einen stark bewegenden Trieb. Der Vater wusste, was die Tochter
erlebt hatte; ein Widerstrahl ihres Glücks flog über seine fahlen Wangen, und er
erleichterte ihr das Geständnis, das sich so schwer von ihrem Herzen löste,
indem er nach einer langen Pause anhob:
    »Ich will dir nicht bergen, Lydia, dass, wie ich dich so still umfriedigt
heranwachsen sah, ich den Glauben gehegt habe, vielleicht die Hoffnung, du
erwüchsest zu einer jener Berufenen, die Martin Luter hohe, reiche Geister
nennt, weil sie in edler Freiheit lieber für das Himmelreich wirken wollen als
für die Welt. Ich achtete dich zu gut, Lydia, für die gemeine Not. Aber Martin
Luter nennt diese Berufenen seltene Menschen, zählt unter Tausenden kaum einen.
Und wie ich selber mich der Befugnis nicht würdig erkannte, mich über Gottes
natürliche Ordnung hinwegzusetzen, ich, der ich doch ein Mann war mit schweren
Lebenskämpfen hinter sich und einer grossen Lebensaufgabe vor sich, so werde ich
um so williger zu meiner Tochter sagen: Trage Weibes Los, sobald du des Weibes
natürlichen Trieb in deinem Herzen spürst. Liebst du Max, Lydia?«
    »Ja, ich liebe ihn,« stammelte Lydia mit bebenden Lippen, und sie blieb auf
ihren Knien wie der Beichtiger vor dem Hüter seiner Seele.
    »Warum zitterst du dann aber und scheust dich wie vor einem Frevel, weil du
einen Mann liebst, wie doch das Weib es soll?«
    Lydia hatte sich zu einem Ausspruch über Wohl und Wehe gefasst. Sie erhob
sich von ihren Knien und sprach: »Nicht dass ich ihn liebe, aber dass du ihn nicht
lieben wirst, mein Vater, darum zittere ich. Er ist keiner von den Unseren,
keiner von den Deinen, Vater - -«
    »Weiss ich das nicht?« unterbrach sie der Propst. »Er ist nicht einmal ein
Christ. Er ist, dass ich so sagen soll, noch ein Fragment. Aber eben darum sehe
ich in deiner Liebe eine Mission und segne sie als solche. Du kennst mich,
Lydia, und wirst darum es keinen Sophismus nennen, wenn ich dir gestehe: Hättest
du dich einem Manne zugeneigt, festgewurzelt in seinem Glauben, der aber nicht
der deine, nicht der unsere, meine Tochter, war, oder wäre Max auch dem Geiste
nach seiner Mutter Sohn, einer von denen, welche das ewige Geheimnis von seinem
Trone reissen, um die nackte Vernunft auf denselben zu erheben, so würde ich
deine Wahl zwar nicht haben hindern dürfen, aber meinen Segen hätte ich ihr
nicht geben dürfen, denn es war keine Einigung zwischen euch abzusehen. So aber
ist in deine Hand gegeben ein unerfülltes Gemüt, in welchem der Strahl einer
reinen Liebe den reinen Glauben, das Gebet der Liebe das Wunder der Gnade
bewirken wird. Die Skepsis ist niemals unüberwindlich, meine Tochter. Es waren
oftmals heidnische Männer, denen untertan zu sein die Apostel ihren Jüngerinnen
geboten, und nicht zum geringsten ist durch dieses Gebot das Heil in die
Heidenwelt gedrungen. Das, Lydia, ist dein Beruf, und danach handle.«
    Lydia stand hochaufgerichtet mit gefaltenen Händen und verklärtem Blick.
Dann aber neigte sie sich zu ihrem Vater nieder und küsste voll inbrünstigen
Dankes seine Hand. Ein paar Minuten waltete tiefe Stille.
    Herr von Hartenstein war wieder schattenbleich geworden; krampfhaftes Ringen
zuckte aus seinen Mienen. Was er bis dahin gesagt hatte, war als freudige
Überzeugung leicht aus seiner Seele geflossen; nun kostete es ihm einen harten
Kampf, zu sagen: »Ich bin noch nicht zu Ende, meine Tochter.«
    Lydia setzte sich an seine Seite, nahm seine kalte Hand in die ihre und
hielt den Blick unverwendet auf ihn gerichtet. Er hob an:
    »Aber auch in dem anderen Sinne, welchen wir neben jenem höchsten als eine
heilige Aufgabe hegen und pflegen, im Sinne der Familie, muss ich deine Wahl als
eine Schickung der Gnade verehren. Du allein kennst die sorgenvolle Lage, in
welche das Gesetz der Treue mich gedrängt hat. Aber auch du kennst sie nicht
aus, und jung, wie du bist, vermagst du den martervollen Zustand nicht zu
ermessen, unter welchem ein Vater, sehnsüchtig der Erlösung und doch erdenbange,
aus dem Kreise hülfloser Kinder scheidet - vielleicht in der nächsten Stunde
schon. Jetzt scheide ich beruhigt. Als Gattin eines begüterten Mannes aus
unserem Geschlecht ist es nicht nur dir ermöglicht, sondern es ist auch ihm eine
Satzung des Blutes, die Pflichten für die Vergangenheit den Aufgaben für die
Zukunft zu einen. Bedarf ich deines bindenden Wortes, Lydia, dass du für deine
Mutter und deine Geschwister Sorge tragen wirst nach wie vor als für deine
eigensten Angehörigen, wenn ich von ihnen gegangen bin?«
    »Nein, Vater,« antwortete Lydia, indem sie seine Hand an ihr Herz drückte,
»nein, es bedarf keines ausdrücklichen Versprechens, um mich in irgendeiner Lage
an das Gesetz der Treue gegen die Menschen, welche bis heute meine nächsten
waren, zu mahnen. Aber vergib, wenn ich in diesem Betracht deine Auffassung
meines Verhältnisses zu Max nicht begreife. Denn auch seine zweifelhafte äussere
Lebensstellung war ein Grund, um dessentwillen ich an deiner Zustimmung
verzagte. Er dankt seine Ausbildung fremder Unterstützung, er ist durch diese
Unterstützung, die er fortan entbehren wird, verwöhnt, ist sorgloser Gemütsart.
Es wird Jahre währen, bevor er irgendwelches Amt, irgendwelche Verwertung seiner
mannigfachen Anlagen erringen kann. Und du baust auf ihn als den Schützer deiner
Familie? du nennst ihn einen begüterten Mann?«
    »Er wird es in der Kürze sein,« versetzte der Propst mit sichtbarem Zwang.
    »Sein Grossvater ist noch ein rüstiger Mann,« entgegnete Lydia unerschrocken,
da Klarsehen ihr jetzt zu einer Pflicht geworden war. »Seine Familie ist ihm
gänzlich entfremdet; und zwischen dem Grossvater und dem Enkel steht die Mutter.«
    »Nun denn, Lydia, -« sagte Herr von Hartenstein nach einem tiefen Atemzuge,
»ich hätte diese Erörterung dir und mir erspart gewünscht, da du mich aber zu
derselben drängst, so wisse, dass ohne Zweifel Max der Erbe von Werben ist.«
    »Der Erbe von Werben - Max -, Vater?« fragte Lydia betroffen.
    »Zuverlässig, Lydia. Deine Mutter stand der Besitzerin verwandtschaftlich
näher, aber sie stand ihr äusserlich wie innerlich fern. Wenn ich nun das Wesen
der wunderlichen Greisin von Grund aus überdenke, so suchte sie für ihr altes
Geschlecht einen Stammhalter, auf den sie wohl selbst seinen Namen überträgt;
und dürfen wir uns darüber täuschen, wie weit an Glanz der Gaben, die sie über
alles schätzte, unser Martin gegen seinen Vetter zurücksteht? Philipp, der ihm
einmal ähnlicher zu werden verspricht, lag noch in der Wiege, als sie ihren
letzten Willen abfasste und niemals änderte. Dazu das nahe Verhältnis zu Sidonie,
die ihrer Sache gewiss scheint. Es ist so; es kann kaum anders sein; - aber - ich
fühle mich erschöpft. Geh, Lydia, hole Max - und dann lasst mich ruhen.«
    Lydia ging, aber nicht beflügelten Schrittes wie eine, der sich ein
entzückendes Hoffen erfüllen soll. Ein Nebelflor hatte sich plötzlich zwischen
ihr Auge und den Sonnenschein gedrängt.
»Max und Lydia sind verlobt!« mit diesem Jubelruf trat am anderen Morgen Sidonie
in die Pfarre ein.
    Pastor Blümel fuhr erschrocken, wie vor einer Hiobspost, zusammen, und auch
seiner Hanna, die doch sechs Töchter mit so gutem Glauben unter die Haube
gebracht hatte, wollte der Glückwunsch gar nicht flott vom Herzen gehen. Röschen
und Dezimus dahingegen waren wohl erfreut, aber gar nicht überrascht. Sie hatte
schon am Bestattungsabend ein Liebesvögelchen über dem Schloss zwitschern
hören; er hatte ja von jeher an eine Konjunktion des herrlichen Jupiter und der
holden Venus geglaubt. Die hausbackene Folgerung von Hochzeit und Herdfeuer wie
bei gemeinen Sterblichen wollte ihn freilich hier ganz kurios bedünken.
    »Sie sind füreinander prädestiniert!« rief Sidonie in ihrer Herzensfreude.
»Wer hat schon ein so vollkommenes Menschenpaar gesehen? Ach, die Schönheit gibt
doch das einzige Frauenrecht auf Glück! Beide reinster Hartensteinscher Typus
und doch Gegensätze, auch seelisch. Hier übersprudelnde Fülle; einsaugende,
sammelnde Stille dort! Und dass auf diese Weise ein natürlicher Ausgleich für
getäuschte Erbaussichten bewerkstelligt wird, auch das ist mir lieb; denn
verdriesslich ist solch ein Vorzug unter Gleichberechtigten allemal. Schade, dass
Sie ihnen nicht die Traurede halten dürfen, Papa Blümel. Der Propst wird sich
diese natürlich nicht nehmen lassen. Ich möchte um meines Mäxchens willen, sie
wäre schon überstanden. Das Hochzeiten müsste eigentlich aus dem Stegreif ganz in
der Stille betrieben werden. Den Trauermonat muss man natürlich anstandshalber
respektieren. Dann aber auch keinen Tag zwecklosen Sehnens mehr. Die Brautreise
gönne ich den Glücklichen allein, wohin und so lange es ihnen beliebt. Geht es
aber an das Hüttenbauen, so hausen wir zu dreien, und der Welt wird ein Exempel
vorgeführt werden, dass es sich mit einer Schwester weit behaglicher als mit
einer Schwiegermutter wirtschaften lässt.«
    Max täuschte weder seine Braut noch sich selbst, wenn er sie seine erste
Liebe nannte. Wohl war er kein Neuling in der Frauenhuld, er hatte seit den
Knabenjahren Knospen und volle Rosen mancher Art umflattert. Eine Blüte so rein
und eigenartig wie diese hatte sich aber ihm noch niemals erschlossen, und wie
vor einem ungeträumten Gebilde dem Künstler plötzlich ein höheres Ideal aufgeht,
so ergriff sein Gemüt der Zauber dieser keuschen, heiligen Schöne. Zum ersten
Male blickte er zu einem Menschen empor.
    Dennoch war Lydia noch glücklicher als er. Sie, der Emporblicken eine
Gewöhnung war, sie fühlte zum ersten Male die Wonne des Umfangens. Ihr
innerlichster Kelch öffnete sich dem warmen Sonnenstrahl. War sie im
eigentlichen Sinne niemals ein Kind gewesen, nun erst, da das Weib in ihr die
Hülle sprengte, ward sie ein Kind. Hatte sie bisher älter geschienen, als sie
war, nun schien sie jünger; ihre Wangen färbten sich gleich Maienrosen, die
stillen Augen leuchteten in meerdunklem Glanz, sie bewegte sich rascher, die
leise Stimme tönte klangvoll aus der Brust heraus; sie lächelte fröhlich wie
noch nie.
    Denn wann hätte das Nachtgespenst der Sorge standgehalten vor der Liebe
erstem Morgenstrahl? Jener Nebel, der jach vor Lydias Augen aufgestiegen war,
hatte sich unter dem Verlobungssegen gesenkt; auch ihres Vaters Krankheit sah
sie in einem heitereren Licht; ein Widerstrahl ihrer Freude fachte seine Kräfte
an, sie war sein liebstes, sein eigenstes Kind, er hoffte für sie und sie für
ihn. So lebte sie Tage und Tage im reinsten Äter des Glücks. - Zehn Tage im
reinsten Glücksäter! - wie viele Menschen sind es, die auf sie zurückblicken?
    War das Brautpaar verpflichtet, sich dem Grossvater Mehlborn als solches
vorzustellen? Max hatte nein gesagt, Lydia ja, und ein Bräutigam von kaum zwei
Wochen gibt nach. Bruder Martin erbot sich, an Stelle des kranken Vaters das
junge Paar »zu chaperonnieren«.
    So zog man bei hellem Sonnenschein aus, um eine Stunde später unter einem
drohenden Gewitter heimzukehren. Amtmann Mehlborn war, wie füglich hätte
erwartet werden können, beim ersten Kleeschnitt auf dem Felde gewesen, Leutnant
und Doktor von Hartenstein hatten ihre Karten abgegeben; der letztere, da seine
Braut über derartige gesellschaftliche Utensilien nicht verfügte, nachdem er
unter die seine gekritzelt hatte: »und Lydia von Hartenstein. Verlobte.«
Irgendwelche herzliche oder auch nur höfliche Erwiderung wurde, mit gutem
Grunde, nicht erwartet.
    Trotz des erwünschten Verfehlens empfand Max heute doppelt, weil auch aus
einer Art von Scham vor seiner Braut, das Widerwärtige dieses Familienbezugs. Er
kam daher während des Heimwegs auf seine neuliche Behauptung zurück, dass derlei
aufgenötigte Verhältnisse nicht nach hohen sittlichen oder gemütlichen Werten zu
bemessen seien. »Kannst du im Ernst das Band zwischen mir und diesem alten Manne
Liebe nennen, Lydia?« fragte er, und da sie nicht augenblicklich eine Antwort
gab, gab er sie selbst, indem er fortfuhr: »Im besten Falle wäre es ein
Blutszwang, im schlechtesten Heuchelei, und selber das, was du als Tugend oder
dergleichen Willensakt anführen möchtest, hiesse gerade darum nimmermehr Liebe,
die ja die Freiheit selber ist. Und wäre es mein leiblicher Vater, wenn ich ihn
nicht lieben könnte, ohne dass er mein Vater ist, dann verdiente mein Gefühl zu
ihm diesen Namen nicht.«
    Lydia schwieg auch jetzt, die Augen sinnend zu Boden gesenkt; der ehrliche
Martin aber erwiderte:
    »Nimm es mir nicht übel, Max, aber das finde ich am Ende doch ein bisschen
stark. Da wäre ich ja nicht besser als ein Hund oder Pferd, die wohl einem Herrn
anhängen, aber keinen Vater und keine Mutter kennen. Sind uns denn die
Anverwandten für nichts und wieder nichts vom lieben Gott gegeben? Und wenn dein
Grosspapa den Spiess nun umdrehte und sagte: mein Herr Enkelsohn ist gar nicht
nach meinem Geschmack, ich werde mir einen Erben suchen, der mir gefällt?«
    »Würde ich seine Geschmacksrichtung durchaus in der Ordnung finden,«
entgegnete lachend Max, »wenn auch die Folgerung auf das Pflichtgebiet anders
gezogen werden muss für den, welcher das Leben gibt, und dem, welchem es
willenlos gegeben wird. Auch das Tier sorgt für seine Brut. Beruhige dich
indessen, Freund; keinem Bauer, richtiger ausgedrückt, keinem Ungebildeten fällt
es ein, sich einen fremden Erben zu suchen, wenn ihm der natürliche auch noch so
wenig zusagte. Das ist es ja eben, was ich Blutszwang, item der Liebe Gegensatz
genannt habe.«
    »Ich würde es ganz anders nennen, Max.«
    »Und wie, Bruder Leutnant, wenn es beliebt?«
    »Das richtige Wort fällt mir nicht gleich ein. Aber würde ich denn, nämlich
gar nicht etwa bloss, weil ich es geschworen, sondern ganz von Natur, nicht mehr
an meiner Fahne hängen, weil ein siegreicher Feind sie in Fetzen gerissen
hätte?«
    Lydia drückte ihrem Bruder mit einem zustimmenden Blicke die Hand, und das
war das erste Zeichen des Widerspruchs, das sie sich gegen ihren Verlobten
gestattete.
    Unter Donner und Blitz erreichten sie das Haus. Sidonie war mit den beiden
jüngeren Cousinen nach der Pfarre gegangen, dagegen eine Briefsendung der Mutter
aus der Schweiz eingetroffen als Antwort auf die Verlobungsanzeige von seiten
des Propstes und der Kinder.
    Mütterliche Freude hatte die Verbindung mit einer Familie, die ihr so
fremdartig gegenüberstand, Frau Brigitten ja nicht erwecken können; schlechtin
Einspruch dagegen zu erheben war indessen unstattaft, und zu pflichtmässig
aufrichtig, um einen Anteil, den sie nicht empfand, mit Phrasen abzufertigen,
behandelte sie das Verhältnis eingänglich von einer Seite, die bisher,
geflissentlich oder nicht, unberührt geblieben war, von der praktisch
häuslichen.
    »Du hast, mein Sohn,« so schrieb sie unter anderem, »mit dem Leben bisher
getändelt wie ein Kind. Nun baue ich darauf, dass das, was du dein Glück nennst,
den Ernst des Mannes in dir reifen und dich für die erste Menschenpflicht, die
einer der Gesamteit nutzbringenden Tätigkeit, tüchtig machen werde. Wenn deine
künftige Gattin dir in diesem Sinne eine Gehülfin wird, dann, aber auch nur
dann, wirst du wie den Zweck der Ehe mit ihr erreichen, so das Glück der Ehe
durch sie erfahren. Ich lese mit Staunen zwischen Sidoniens Zeilen heraus, dass
sie, zumeist um deinetwillen, sich auf das Erbe des alten Familiengutes
zuversichtlich Rechnung macht. Ich kann euch beide nicht dringend genug vor
diesem Fehlschluss warnen. Wie ich eure Grosstante - ohne Zweifel richtig -
beurteile, überträgt sie in dem Stammsitz ihrer Familie ein Ehrenamt, und solch
ein Ehrenamt überträgt keine Werben auf die Enkel eines reich gewordenen Bauers.
Dass sie deine und deiner Schwester Wohltäterin gewesen ist, würde nur ein Grund
mehr für meine Auffassung sein; denn selten schätzt man die, welche von unserer
Grossmut Vorteil gezogen haben.
    Gesetzt aber auch, du würdest durch irgendwelche Schicksalsgunst vor der
Zeit deiner Reife in eine nach aussenhin unabhängige Lage versetzt, entbände dich
das von deiner ersten Pflicht gegen dich selbst und gegen die Welt? Gibt es
etwas Erbärmlicheres als einen vornehmen Müssiggänger, der Kraft, Geld und Zeit
in spielerischen Liebhabereien vergeudet und in Genüssen, die, weil sie niemals
befriedigen, alle Tage wechseln müssen? Es ist, im Gegensatz zu reicheren
Ländern, ein Segen der durchschnittlichen Armut unserer höheren Stände, dass das
Faulenzertum, selbst von Erbsöhnen, als Unsitte und das Dienen als Pflicht und
Ehre gilt. Oder hältst du eine deiner künstlerischen Anlagen, die leichte
Dichtergabe eingeschlossen, für bedeutend genug, um sie, selber bei fleissiger
Übung, in langer Zeit über den Dilettantismus zu erheben? Täusche dich nicht,
mein Sohn, sie sind es nicht; eben um ihrer Vielseitigkeit willen nicht und ganz
besonders bei deiner Temperamentsanlage nicht. Eine grossartig schöpferische
Künstlerkraft ist fast ohne Ausnahme eine einseitige, und ein grossartig
schaffender Künstlerwille ist es auch.
    Täusche dich aber auch nicht darüber, dass du auf unberechenbare Jahre hinaus
- und wahrlich zu deinem Heil! - auf dich allein gestellt sein wirst, auf
Selbstüberwindung und strengen Fleiss. Da du nun einmal vorzeitig an die Gründung
eines eigenen Hausstandes gedacht hast, somit eine aussichtslose, militärische
Friedenskarriere aufgegeben werden muss - und dafür preise ich, wie man so sagt,
den Himmel, mein Sohn! -, bleibt dir keine Wahl als die allein deiner würdige:
die wissenschaftliche Bahn, zu der du vorbereitet bist, zu verfolgen und mit
bescheidenem Anfang einem edlen Ziele zuzustreben. Es naht sich ja mit starken
Schritten die Zeit, in welcher auch in unserem Vaterlande mit dem Schlendrian
aufgeräumt werden wird. Sei es als Beamter, sei es als akademischer Lehrer hast
du dann den Punkt gefunden, von welchem aus ein geistvoller Mann den Hebel
ansetzt, um für den Umschwung der Zeit sein Pflichtenteil beizutragen.«
    Den Schlusspassus von des geistvollen Mannes archimedischem Zeitberuf
abgerechnet - denn aus dem Munde einer Brigitte Zacharias schmeichelt die
Anerkennung seiner Bedeutendheit auch den unzärtlichsten Sohn -, erregte »der
pädagogische Leitartikel, der sich in ein Briefkuvert verirrt hatte« - dem
Adressaten ein herzliches Lachen. Die Frau Professorin hatte jedoch ihrem
Glückwunsch an den Propst und seine Tochter ungefähr die gleiche Ermahnung
beigefügt, indem sie beiden, unter deren vorwaltendem Einfluss sie zurzeit den
Sohn sich dachte, die Zügelung vorlauter Erwartungen und unsteter Gelüste zur
Gewissenssache machte; und diese beiden nahmen die Sache ernst, wenn auch nicht
aus übereinstimmenden Gründen.
    In dem Vater weckte das apodiktische Absprechen jeglicher Erbaussicht des
jungen Bräutigams kaum zur Ruhe gebrachte persönliche Hoffnungen wieder auf,
während gleichzeitig die einleuchtenden Belege für diesen Abspruch den Riss in
den Stammbaum, über welchen die Not hinweggeholfen hatte, als empfindlichen
Makel erscheinen liessen, und die zweifelhafte Existenzfrage ernstliche Sorge
erregte. Hätte er seine Tochter nicht so tief beglückt gesehen, würde er, der
Heidenbekehrung zum Trotz, das voreilige Verlöbnis bereut haben.
    Seine Tochter dahingegen fühlte sich plötzlich aus ihrer traumumfangenen
bräutlichen Seligkeit aufgescheucht und dem ernüchterndsten Tagewerke
gegenübergestellt. Arme Lydia, welche widersprechenden Forderungen werden dir
gutem, weltfremden Mädchen doch in einem Atem vorgehalten! Ein ungläubiges
Weltkind zum gläubigen Luteraner zu bekehren und eine schwere Familiensorge auf
seine jungen Schultern zu legen, heischt der Vater; einen dilettierenden
Flattergeist zum liberalen Staatsbürger und praktischen Hauswirt zu bändigen,
verlangt die Mutter; und der, welchen du liebst, mehr als dein Dasein liebst, er
will, dass du mit ihm den Schaum des Lebensbechers schlürfst und nichts weiter
erstrebst, als ihn zu beglücken und durch ihn beglückt zu sein. Ist es ein
Wunder, wenn hastig die Maienrosen von deinen Wangen flüchten und deine Blicke
der Nebelflor der ersten Glückesstunde wiederum verschleiert? Jenes dunkle
Ahnen, dass du den Mann, welchem du lebenslang als deinem Hort vertrautest, an
eine haltlose Planke geklammert, in der Brandung verschwinden und den Stern der
Liebe, so jach wie er aufgetaucht, an deinem Horizonte verschwinden sehen wirst?
    »Nun, Feinliebchen,« fragte Max, nachdem die mütterlichen Briefe
gegeneinander ausgetauscht und still zu Ende gelesen worden waren, »wie gefällt
dir die Perspektive, in vier bis fünf Jahren - denn früher würde es selbst dem
unermüdlichsten Büffel, und wenn er als ein Engel vom Himmel heruntergefallen
wäre, bei unserem löblichen Schematismus platterdings unmöglich sein -, item in
vier bis fünf Jahren als Hausfrau eines königlichen Gerichtsassessors, notabene
vorderhand noch eines Diätarius, in einem kassubisschen Landstädtchen hinter dem
Kochherd und dem Bükefass zu stehen?«
    »Ei nun, mir würde sie schon gefallen,« antwortete Lydia mit einem Lächeln,
das freundlich, aber nicht mehr wie vor wenig Stunden fröhlich war; »wenn nur
du, lieber Max, sie dir gefallen liessest.«
    »Ich würde sie mir allerdings nicht gefallen lassen, weder für dich, liebes
Herz, noch für mich selbst. Ersiehst du aber aus dieser Zumutung, wie
unverständlich die Mutter und ich uns gegenseitig sind?«
    »Aus dieser Zumutung, Liebster, ersehe ich es nicht. Mir scheint, deine
Mutter hat recht.«
    »Hinsichtlich der Erbschaft meinst du?«
    »Auch hinsichtlich ihrer.«
    »Mehlbornsche Verbissenheit, Kind! Alle Plebejer misstrauen dem Adel. Tante
Tusnelda setzte ihren Stolz darein, frei von Vorurteil zu sein; Geld und Gut
dagegen wusste sie zu schätzen. Abstrahiert von persönlichen Sympatien und
Antipatien, würde schon der Reiz, sich das zersplitterte Werbensche Besitztum
einstmals in einer Hand vereinigt und durch einen bedeutenden Landkomplex
erweitert zu denken, sie bewogen haben, das Stammgut auf mich zu übertragen.
Meine kleine Sidi hat sich die Erbschaft freilich in den Kopf gesetzt, und ich
lasse sie gern in ihrem Wahn, da im wesentlichen nichts an der Sache geändert
wird. Bruder und Schwester wirtschaften aus einer Tasche. Du aber, Lydia, wirst
mir beipflichten, dass die schönheitssüchtige Harfenkönigin nimmermehr ein
verunstaltetes, zum Einzelnleben verurteiltes Geschöpf wie meine arme Schwester
zur Repräsentantin ihres Geschlechtes erwählen konnte.«
    »Ich habe kein Urteil über die Sinnesart unserer Tante,« versetzte Lydia,
»und ich sehe mit Schmerz diesen Wirbeltanz um ein goldenes Kalb. Ach, glücklich
die Armen, lieber Max, deren Andenken nicht über ihrer Hinterlassenschaft
verloren geht! Ist es denn aber nicht unter allen Umständen ein Frevel, über
sein eigenstes Schicksal einen blossen Zufall entscheiden zu lassen?«
    »Kleiner Luterscher Starrkopf! Entscheidet über unser ganzes Leben denn
nicht das, was du, höchst unfromm, Zufall nennst, und ich, der Unfromme,
Himmelsgunst? Nur der Krämer baut nach Ameisenart; jeder sich fühlende Mensch
rechnet auf seinen Stern.«
    »Nicht der Christ,« entgegnete Lydia leise.
    Ihr Verlobter mass sie mit einem unmutigen Blick. Das »Heilige ihrer
Schönheit«, wie er es nannte, hatte ihn angezogen; diese »Betschwesterphrase«
stiess ihn ab, weit mehr als die »Schulweisheit« der Mutter ihn abgestossen hatte.
Beide schwiegen.
    Lydia fühlte, dass heute nichts mehr von ihm zu erreichen sein würde; sie
setzte sich in einen Fensterbogen und blickte hinauf zu dem grauen Wolkenhimmel.
Sie rang mit ihrem Nebel. Max wäre, seine Verstimmung abzuschütteln, gern in das
Freie hinausgestürmt; aber das Gewitter hatte sich in einen Landregen verzogen,
es musste im Hause stillgehalten werden.
    Bruder Martin, unter dem Vorwand, Sidonien den Brief ihrer Mutter zu
bringen, hatte Eile gehabt, sich der lustigen Jugend in der Pfarre zuzugesellen,
der Propst, ruhebedürftig, sich zurückgezogen. Philipp studierte mit seinem
Lehrer in dessen Zimmer; seine Mutter blickte kaum von ihrer feinen Handarbeit
auf. Die Bescheidenheit der Unterhaltungsansprüche, welche diese friedliche
Seele an sich selbst wie an andere stellte, hatte Max schon wiederholt in
Staunen versetzt, heute versetzte sie ihn nahezu in Zorn. Er hätte etwas
Zerstreuendes lesen mögen: aber auf dem Schloss gab es nur vertiefende Lektüre;
eine bewegte Weise singen: aber an der Orgel, oder dem Klapperkasten? Er schritt
mit unmutiger Hast das Zimmer auf und ab; seine Blicke streiften die
stillsinnende Geliebte. Die Vorstellung, dass sie ihre Jugend hingebracht habe
und, ohne sein Dazwischentreten, auch ferner hingebracht haben würde, ohne die
Einödigkeit ihres Daseins nur innezuwerden, rührte ihn halb, und halb erbitterte
sie ihn. So leben Nixen, nicht warmblütige Menschen! Ihn würde die
Notwendigkeit, mehr als einen Regenabend in dieser Wohnstubenatmosphäre zu
verbringen, schlechtin toll gemacht haben.
    Seine Tage waren bisher in so frohem Wechsel verrauscht, und er hatte so
wenig auf fremde Existenzen geachtet, dass solch verdriessliche Stimmung ihm eine
neue Erfahrung war. Sie hätte, liesse sich meinen, just die geeignete sein müssen
zu einem fesselnsprengenden Sang: einem Sturmlied oder einer weltschmerzlichen
Elegie. Da sie indessen den Rhytmus in seiner Brust, statt ihn zu lösen,
dämmte, da in ihm und ausser ihm alles, was Klang hiess, schwieg, musste Bruder
Martin wie ein rettender Genius begrüsst werden, als er, abgesendet von der
gesamten jungen und alten Gesellschaft, erschien, das Brautpaar zur
Verherrlichung eines musikalischen Abends in die Pfarre einzuladen. Lydia hätte
wohl vorgezogen, in stillem Alleinsein sich durch den Nebel zu kämpfen; doch
legte sie ohne Einwand ihren Arm in den des Geliebten, und sie gingen.
    Wer Max von Hartenstein, dem umhuldigten Dichter und verhätschelten Liebling
der distinguiertesten grossstädtischen Kreise, noch vor zwei Wochen gesagt hätte,
dass er als Matador im Werbenschen Pfarrhause glänzen, - oder am Ende nicht
einmal glänzen werde! Er lachte spöttisch über sich selbst und hätte der Liebe
zürnen mögen, welche den besten Mann in so läppische Netze verstrickt. Dass einer
von seiner Zunft, welchen das Vaterland zurzeit noch seinen grössten nannte, es
einstmals nicht unter seiner Würde gehalten hatte, das holdeste deutsche Idyll
in einem ländlichen Pfarrhause nicht etwa zu dichten, sondern zu durchleben,
fiel ihm zur Versöhnung mit sich selbst wohl ein, war aber doch nur ein halber
Trost; denn der alte Dichter hegte bloss ein Liebchen, dem er am ersten
langweiligen Tage entfliehen durfte, und den jungen Dichter fesselte eine
verlobte Braut. Gottlob, dass dieser bräutliche Zwitterzustand zu Ende lief, und
dass er bald ein geliebtes Weib, eine Galatea, die unter seinen Küssen zum Leben
erwachen würde, in seine wahre Heimat führen durfte!
    Sidonie hatte eben eine Mazurka von Chopin, ihrem »melancholischen
Liebling«, ausrasen lassen, als der, welcher bisher ihr lächelnder Liebling
gewesen war, eintrat, auffällig in der Stimmung eines Furioso und an seiner
Seite die Braut, auf deren Wangen die Blüte der Freude erloschen war. Das kluge
Fräulein erkannte alsobald die Wirkung der mütterlichen Briefe und suchte sie in
einem Zwiegespräch mit ihrem Bruder hinwegzuscherzen. Aber die Wirkung beharrte;
nicht sowohl weil sie ihn persönlich so stark ergriffen hatte, sondern weil er
das Herz so stark ergriffen sah, das seine Impulse nur von ihm empfangen sollte.
    »Ach, geh doch, Brüderchen!« sagte die kleine Sidi lachend. »Ein Poet und
eifersüchtig auf die Kritik der reinen Vernunft!«
    Das Pfarrröschen hatte währenddessen am Klavier Platz genommen, um, ohne
Scheu vor dem demütigenden Abstand, ein munteres Liedchen anzustimmen, auch mit
ihrer Lerchenkehle und ihrem Schweizerbuben bei gegenwärtigem Publikum einen
Anklang gefunden, der sich mit dem des nationalen Patos der Virtuosin reichlich
messen durfte. Nun aber, da die Sennerin ihr Liebeslocken ausgezwitschert hatte,
war an Bruder Apoll die Reihe, sein Liebesgrollen in entsprechenden Tönen
auszuströmen.
    Sidonie hatte dafür gesorgt, dass ein Teil ihres Notenvorrats »die selige
Harfe« nach der Heimat begleitete; sie reichte ihrem Bruder ein Heft
Schubertscher Lieder, in deren Vortrag er, wie sein Ruf ging, exzellieren
sollte. Da sie selbst diesen Ruf noch nicht erprobt hatte, war sie in der
gespanntesten Erwartung.
    »Dies!« sagte Max. Sie schlug die einleitenden Akkorde an, und:
    »Bedecke deinen Himmel, Zeus, mit Wolkendunst,« schallte es zornsprühend
durch das friedliche Blümelsche Familienzimmer.
    Max hätte schwerlich eine Wahl treffen können, welche seiner sonoren Stimme,
seinem dramatischen Vortrag und seinem heutigen Missmut sich trefflicher anpasste
als diese musikalische Deklamation; aber auch keine, deren Text die alten wie
jungen Herzen seiner Hörer tiefer erschüttert hätte. Nicht einer von ihnen,
ausser Sidonien, auch Konstantin Blümel nicht, des heidnischen Mytos Freund,
auch nicht Peter Kurze, der akademische Fuchs, oder Dezimus Frei, der Primaner,
die doch sämtlich mit dem gottzürnenden Titanen einen mehr oder minder
behagenden Umgang in seiner Ursprache geführt hatten, nein, nicht einer von
ihnen kannte die majestätische Version ihres vaterländischen Dichters, und sie
wirkte vielleicht eben darum so mächtig, weil die begleitende Musik dem
unerreichbaren rhytmischen Zauber der Sprache nur gleichsam als Folie beigefügt
worden ist. In dramatischer Steigerung hob sich Satz um Satz, und als das
höhnende: »Und dein nicht achtet wie ich« verhallte, da herrschte minutenlang
atemlose Stille. In Sidoniens Augen funkelten Tränen, und dem Greise wie dem
Jüngling rieselten Schauer vom Kopf zur Zeh. Rose, Martin und seine jüngsten
Schwestern empfanden, was sie nur halb verstanden, und Peter Kurze verstand, was
er nur mässig empfand. Dort aber im Fenster sass Lydia, bleich wie eine Entseelte,
die glanzlosen Augen weit geöffnet, ihre Arme hingen schlaff am Körper herab,
und zwei kalte Tropfen glitten über ihre Wangen. »Und dein nicht achtet wie
ich!« hauchten die bebenden Lippen.
    »Hast du die Verse selber gemacht, Max?« fragte endlich der Leutnant. Und
mit der Frage kam wieder Leben in die Gesellschaft.
    Max gab keine Antwort; er selbst war durch den Vortrag bis zum Verstummen
ergriffen; Schwester Sidi aber, schon wieder in belustigter Laune, entgegnete:
    »Nimm dafür an, dass er sie selber gemacht, Freund Martin, lass es dir aber
nicht einfallen, auch dergleichen machen zu wollen.«
    Und Freund Martin nahm dafür an, dass das Genie der Familie die Verse
gemacht, und es fiel ihm nicht ein, auch dergleichen machen zu wollen. Röschen
flocht mit fliegenden Fingern einen Narzissenstrauss, den sie am Morgen gepflückt
hatte, zu einem Kranze, um ihn, statt des mangelnden Lorbeers, dem Sänger auf
die Locken zu setzen; Peter Kurze aber raunte in Dezems Ohr:
    »Läufts mit der Erbschaft schief, soll er aufs Teater gehen, und sein Glück
ist gemacht!«
    Max hatte sich zu Lydia gewendet, deren Erschütterung ihn entzückte, er
erwartete ein entsprechendes Beifallszeichen; aber sie sah ihn nur flehend an
und sagte leise: »Singe das Lied nicht wieder, Max!«
    »Da es dir nicht gefallen hat, in deiner Gegenwart gewiss nicht, Liebe,«
versetzte er gereizt.
    »Gefallen? ach, Max!« entgegnete sie mit sanftem Vorwurf. »Es klang wie aus
deiner Seele heraus.«
    »Es klang auch aus meiner Seele heraus,« sagte er und wendete sich ab.
    Am anderen Morgen hatten die Wolken am Himmel sich verzogen und die in den
Gemütern auch. Der gekränkte Prometeus war wieder ein zärtlicher Liebhaber und
die verstörte Gläubige eine vertrauende Braut. Dauernd jedoch liess sich ein
reiner Ton zwischen den Verlobten nicht behaupten. Das blinde Glück ihrer Liebe
war dahin.
    Weit weniger für den Mann mit dem noch unverflogenen Rausch als für die
Jungfrau, die aus ihrem Kindestraum gerissen worden war. In seiner Gegenwart
umspann sie der Zauber der ersten Liebesstunde; war sie aber allein, dann prüfte
sie den Zauber auf seinen Gehalt, und er zerfloss nur allzu häufig in einen
Schauder der Scham oder des Zweifels. Der Wohllaut seiner Rede bestrickte sie
wie zuvor, suchte sie aber nach ihrem Sinn, dann fand sie selten einen
Zusammenklang mit ihrem Gemüt und nicht einmal eine Umschreibung in ihren
Gedanken.
    Sie sah ein, dass sie erst lernen müsse, ihn zu verstehen. Sie las seine
Dichtungen von neuem, und es ging ihr mit ihrem Wohllaut auch heute noch wie mit
dem der Rede; sie nahm auch dieses und jenes von den Büchern in die Hand, welche
er sich zur Kurzweil für die Stunden, die er nicht mit der Geliebten verbringen
durfte, hatte schicken lassen. Das Neueste der Zeit, deutsche Lyrik und
französische Romane.
    Lydia hatte als Mitschülerin ihres Bruders wie später zur Unterhaltung ihres
kranken Vaters, so genau wie nur wenige junge Mädchen, mit Konstantin Blümels
alten Heiden- und Christenfreunden Bekanntschaft gemacht; ein Roman war ihr aber
noch niemals vor Augen gekommen. Für Max anfänglich ein Reiz der Besonderheit
mehr. Er verglich ihren Bildungsgang dem eines Klosterfräuleins im Mittelalter
und nannte sie seine Roswita. Was Wunder nun, dass der Blick, den er ihr in eine
neue Dichterwelt erschloss, sie berauschte, dass ihre Pulse flogen und das Leben,
welches sie bis heute geführt hatte, ihr eng und schal erschien - solange sie
las oder ihn lesen hörte. Wenn sie aber, nachdem die erste Wallung gedämpft war,
sich fragte, ob sie eine Freiheit, wie diese Helden und Heldinnen der Passion
sie forderten, wie auch Max sie forderte für die Geliebte und für sich selbst,
ob sie eine solche Freiheit fordern und dulden nicht nur wolle und dürfe,
sondern einfach könne? dann rief aus ihrem heimlichsten Innern eine Stimme:
»Nimmer!« Lydias Welt war vielleicht beschränkt, aber ihre Schranken waren tief
begründet und ragten hoch. Wären sie ihr nicht durch Erziehung und Schicksal
gesetzt worden, sie würde sich solche freiwillig gesetzt und niemals
überschritten haben. Sie trachtete danach, sich unter die Oberhoheit eines
Gatten zu stellen, wie sie bisher ohne Wanken unter der ihres Vaters gestanden
hatte. Und an diesem Trachten scheiterte sie; denn das Heldentum und das
Martyrium, deren sie so gut wie alle diese gedichteten weiblichen Opfer unserer
gesellschaftlichen Einrichtungen fähig gewesen wäre, waren solche, die
hinwiederum der Dichter, den sie liebte, nicht verstand. Wie hätte sie diesem
Manne nun vollends der Leitstern werden sollen, der ihm, zwischen Klippen und
Strudeln hindurch, die Bahn zum Hafen wies?
    Da ihr Vater neuerdings, ebenso lebhaft wie die Professorin, nach einem
definitiven Plane für des Sohnes Zukunft drängte, kam sie wiederholt auf diesen
Gegenstand zurück, war aber leider zu wenig in Frau Hanna Blümels Lebensschule
gewitzigt, um für ihre gute Sache den gelegenen Moment abzuwarten; und so
geschah es denn mehr als einmal, dass sie Maxens Widerwillen und Widerspruch sich
bis zum Widersinn steigern hörte.
    Der Schematismus und die kleinliche Praxis jeglicher Beamtenkarriere dünkte
ihm unerträglich, - ihr einziger Ausläufer, der ihn gelockt haben würde, der in
die Diplomatie, erheischte die äusseren Mittel, deren Mangel ja eben von seinen
Drängern vorausgesetzt wurde. Der Entscheid musste daher zunächst eine offene
Frage bleiben. Im übrigen waren die Prämissen der Mutter wohl die richtigen,
aber die Folgerungen, die sie zog, waren verkehrt. Just weil wir mit
Riesenschritten einem politischen Umschwung entgegengingen, galt es, sich
ungebunden für denselben zu erhalten. Ein Parlament fordert unabhängige Männer.
Was aber die akademische Laufbahn betraf, lagen denn nicht auch auf ihr
Handfesseln hier, Fussangeln dort? Wer hatte die Freiheit zu lehren, was er
dachte, auszusprechen, was in ihm glühte, was die Begeisterung der Jugend
entzündete? Leeres Stroh dreschen, abgestandene Formeln wiederkäuen, die blosse
Vorstellung erregte Ekel. Endlich aber, welche Zeit erforderte die zu
verfolgende Bahn, wenn der süsseste Besitz erst von dem erreichten Ziele abhängig
gemacht werden sollte!
    »Lieben wir uns denn nicht!« wendete Lydia ein. »Können wir denn nicht
warten?«
    »Warten!« rief er in heller Entrüstung. »Warten wie der Herr Kandidat und
seine ewige Braut! Warten heisst, die gute Stunde verpassen, und kein Unglück
wurmt wie ein verpasstes Glück. Heute liebst du mich, so wie ich eben bin, aber
ich kann mich ändern, du kannst dich ändern; weisst du denn, ob du mich in
soundso viel Jahren, ja nur in einem Jahre auch noch liebst?«
    »Max!« unterbrach ihn Lydia entsetzt, »o Max, mit solchem Zweifel im Herzen
denkst du eine Ehe einzugehen.«
    »Eben darum muss ich sie eingehen, Kind,« versetzte Max. »Die Ehe, so sagt
man wenigstens, hat eine ausgleichende Macht. Unter allen Umständen hat sie die
der Gewöhnung, der gemeinsten, aber gewaltigsten von allen Erdenmächten. Die
Franzosen heiraten selten aus Liebe und befinden sich, lediglich durch
Akkommodation, nicht übler als wir deutsche Idealisten mit unserer
Sentimentalität. Freie Liebe, ein Verhältnis ohne gesetzlichen Zwang, wäre
unbedingt reiner, schöner, edler, sogar bindender als mit dem Zwang. Jede
Schranke reizt zur Übertretung. Ein Verlöbnis aber, das heisst halbe Freiheit und
halber Besitz, ist auf die Dauer ein Unding, ein Zwitterzustand, in dem sich die
Liebe verzehrt; und da nun einmal, bis auf weiteres, die Liebe nur unter der
Form der Ehe von der noch herrschenden sozialen Bornierteit anerkannt wird,
müssen wir Mann und Frau werden, Lydia, nicht mit dem abgematteten Puls der
Geduld, sondern morgen, heute, diese Stunde noch, im ersten Sonnenstrahl, der
die Herzen erschlossen hat.«
    Lydia fühlte sich empört. Hätte ihren Vorstellungen, ihren Erfahrungen,
ihrem Ideale von der Heiligkeit der Treue in schnöderer Weise Hohn gesprochen
werden können als durch dieses Freiheitskredo? Sie hätte vor dem Geliebten
fliehen mögen bis an das Ende der Welt. Aber er zog sie an sein Herz, er küsste
die eisigen Tropfen aus ihren Wimpern auf, hauchte die glühendsten Liebesworte
in ihr Ohr, und als sie sich endlich seinen Armen entwand, da sagte sie lächelnd
zu sich selbst: »Gefällt er sich denn nicht in Paradoxen? Ist er nicht ein Poet?
Hat er mir nicht vor kaum einer Stunde die geheimnisvolle Operation klarzumachen
gesucht, unter deren Bezauberung der Dichter, der Künstler seelische Vorgänge
und Temperamentseigenheiten darstellt, die seinem persönlichen Verlangen und
Erfahren die allerfremdesten sind? Hat er nicht gesagt, man braucht kein Otello
zu sein, um einen Otello zu spielen, kein Don Juan, um einen Don Juan zu
schaffen? Im Gegenteil: Passionen verwischen die reine Vorstellung der Passion;
Stimmungen, denen wir unterworfen sind, trüben die, welche wir unserem Bilde
einhauchen möchten. Du musst ihn nur besser verstehen, dich ihm akkommodieren
lernen, wie er es nennt. Und endlich, Lydia, Hand auf das Herz! du selbst, deren
Grundgesetz die Treue und nicht die Freiheit ist, was ersehnst du denn heimlich
und heiss, als sein zu werden, morgen, heute, diese Stunde noch und dann - für
ewig? Ist deine Liebe anderer Natur als die seine, als - alle Liebe?«
    Tage, Wochen gingen hin; je näher der entscheidende Termin rückte, um so
ruheloser wurde der Propst, um so auffälliger seine Zerrüttung. Er glaubte sein
Ende nahe und hätte sein Haus bis in das Kleinste ordnen mögen. Aber was wäre in
dieser Ungewissheit zu ordnen gewesen? Lydia musste viel in seiner Nähe sein; er
liess sie und Martin mündig sprechen, verpflichtete die erstere, auf die er bauen
durfte, im umfassendsten Sinne als Obervormünderin ihrer jüngeren Geschwister!
Zum nominellen Vormund bestellte er seinen Freund und Schicksalsgenossen
Hildebrand. Auch dieser hatte die Freiheit des Lehrens wiedergewonnen, aber
leider wenig Schüler, die davon Segen zogen; auch seine Manneskräfte waren in
das Leere verpufft worden.
    Unter der Zucht dieses Getreuen sollte denn auch Philipp, jetzt
dreizehnjährig, weitergebildet und gefestigt werden, sobald nur immer der Mutter
die Trennung von ihrem Hätschelkinde zugemutet werden durfte. Der Knabe hatte
leichtes Hartensteinsches Blut, allein der Vater hegte das stärkste Vertrauen in
seine Befähigung. Bis zu seiner letzten Stunde träumte er von einer Säule des
Protestantismus aus seinem Stamm, da er selbst als solche durch die Ungunst der
Zeit gebrochen und verwittert war.
    Seinen Neffen sah er wenig. Dessen lebhaftes, zuversichtliches Gebaren war
ihm unbehaglich, das zärtliche Bezeigen gegen seine Braut machte den Vater
nahezu eifersüchtig, und - Max liebte Kranke so wenig, als er Tote liebte. Er
kam daher häufig mit seiner Schwester und auch ohne diese in die Pfarre, die er
die friedliche Pastorei von Wakefield nannte.
    »Ich schnappe nach einem frischen Atemzug wie ein Fisch nach Wasser,« sagte
er. »Meine arme Lydia setzt kaum noch den Fuss aus dieser bedrückenden
Siechenstube. Das muss ein Ende nehmen: der Vater ist dem Tode durchaus nicht so
nahe, als er wähnt. Ich habe ein paar Semester eifrig medizinische Vorträge
gehört. Was kann man auf der Universität nicht alles nebenbei betreiben! Ihnen,
Freund Dezimus, werden Exegese und Kirchengeschichte hinlänglich Zeit lassen,
sich am Sternenhimmel umzutun. Ihr alter Chaldäer lebt ja wohl auch noch, nicht
wahr? Nun, den Mann gönne ich Ihnen. Ein Stückchen Faust steckt in jedem
richtigen deutschen Studenten. So zog mich auch die Patologie an und die des
Herzens insbesondere, weil es das bis jetzt unerforschteste Fleckchen an unserem
Leichnam ist und - das reinlichste. Ja, wäre die Sache ohne Patientenpraxis zu
betreiben gewesen, wer weiss, ob sich nicht statt eines zurzeit höchst
überflüssigen Doctor juris ein allezeit unentbehrlicher Doctor medicinae aus dem
Ei der Wissenschaft geschält hätte. Das klingt wohl paradox, ist es aber
keineswegs.«
    »Keineswegs,« bestätigte Mutter Blümel lachend. »Meine Rose blättert auch
gern im Kochbuch nach süssen Speisen; sich aber am Kochherd die Fingerchen
schwarz zu machen, ist ihr äusserst fatal.«
    Max lachte gleichfalls. »Nun, was ich sagen wollte,« fuhr er darauf fort.
»Der Vater leidet bekanntlich seit seiner Jugend am Herzen. Ein plötzliches Ende
ist möglich, ein langsames, qualvolles Hinsiechen aber wahrscheinlicher. Dem muss
Lydia entzogen werden um jeden Preis. Ich bin der Hüter ihrer Gesundheit, ihrer
Schönheit, ihres Glücks. Noch in diesem Sommer wird sie mein, und ich entführe
sie so weit, dass kein Krankengestöhn ihr Ohr erreichen kann.«
    Er kam wiederholt auf diesen Plan zurück; ein Winteraufentalt in Rom dünkte
ihm die leichtest ausführbare Sache von der Welt.
    »Wer einmal in Rom gewesen ist, kann nirgend anderswo ganz unglücklich
werden, sagt Schwester Sidi unserem Goete nach. Ich aber sage: wer einmal in
Rom gewesen ist, kann nirgend anderswo wieder ganz glücklich werden. Der Blick,
den ich darauf geworfen, war leider nur ein Augenblick. Nun zieht es mich wie
mit Ketten dahin zurück. Den Honigmond auf Capri, den Winter in Rom! Mit diesem
Gedanken wache ich morgens auf und lege mich abends nieder!«
    Es war am Tage vor der Testamentseröffnung, dass Max diese Worte sprach.
So war denn der letzte Johannistag gekommen, welchen Dezimus als Kind des Hauses
in der Heimat feiern sollte. Die Schule wurde am Morgen für die sommerliche
Ferienzeit geschlossen; wenn er gegen Mittag aus der Stadt zurückkehrte, stand
der Geburtstagstisch gedeckt; darauf Mutter Hannas Rosinenkuchen mit achtzehn
brennenden Wachsstöckchen ringsherum und dem dicken Lebenslicht in der Mitte.
Daneben die Briefe und kleinen Angebinde, die in den letzten Tagen von den sechs
fernen Schwestern eingetroffen und sorgfältig verborgen worden waren. Und welch
ein Prachtstück von Johanniskranz wird das liebe Röschen gewunden haben! Und was
mag es nur sein, was sie seit Wochen hinter seinem Rücken gekniffelt und hastig
mit einem Tuche bedeckt hat, sobald er das Zimmer betrat? Goldene Sternchen auf
blauem Grund, soviel hat er herausgeblinzelt. Am Ende eine Tasche, um seine
Kassenscheine darin auf der Brust zu bergen, da er durch das Werbensche
Stipendium ja in Bälde ein Rentier werden wird. Oder gar eine Mappe, in welcher
die teueren Heimatsbriefe für ewige Zeiten verwahrt werden sollen. Abend für
Abend will ja das liebe Röschen schreiben, was am Tage vorgefallen oder ihr
eingefallen ist, und jeden Sonnabend soll der Wochenbrief abgehen, um ihrem
alten Dezem den Sonntag erst recht zu einem Festtage zu machen.
    Nach der Bescherung gab es dann ein Leibgericht. Ganz gewiss die ersten
grünen Erbsen des Jahres und dazu Schwemmklösse und Schinken; vor dem Abendsegen
aber noch irgend etwas Lustiges, vom lieben Strudelköpfchen ausspintisiert.
Heute würde die junge Schlossgesellschaft gekommen und gesungen und gesprungen
worden sein, - wenn das Testament nicht gewesen wäre. Röschen hatte schon
gestern ärgerlich gesagt: »Die alte Harfenkönigin hätte auch was Klügeres tun
können, als sich gerade einen Monat vor deinem Geburtstage einmauern zu lassen.
Ich sehe es kommen, Dezem, mein hübsches Plänchen fällt mir in den Born.«
    Als Dezimus im Trabe aus der Stadt zurückkehrte, begegnete ihm, nahe dem
Schloss, der Vater, der sich zur Testamentseröffnung begab. Er war im Ornat und
tief bewegt. Sollte doch über das Wohl und Wehe einer Familie, an der er den
innigsten Teil nahm, in dieser Stunde entschieden werden.
    »Du musst dich mit der Bescherung gedulden, bis ich heimkomme, mein Sohn,«
sagte er und ging in den Hof. Der Justitiarius überholte ihn:
    »Rüsten Sie sich mit starken Nerven, Freund,« rief er ihn an; »ich wittere
eine Tragikomödie, wie sie im Buche steht.«
    In der Nähe der Pfarre kamen die drei jüngsten Schlosskinder mit Röschen
Dezimus entgegen.
    »Wir haben uns Ihre Schwester geholt, weil uns allein angst und bange
wurde,« sagte Priszilla. »Kommen Sie auch mit auf die Terrasse, guter Dezimus.
Die Eröffnung muss gleich vor sich gehen.«
    Naturgemäss hätte Dezimus Hunger spüren müssen, und er hatte ihn auf dem Wege
auch weidlich gespürt. Aber die Spannung vertrieb ihn plötzlich; er ging mit auf
die Terrasse.
    »Ach, was für ein schrecklicher Tag, lieber Dezimus,« klagte das freundliche
Backfischchen Phöbe, das sich an seinen Arm gehängt hatte. »Mama zerfliesst in
Tränen, Papa sieht aus wie der liebe Heiland am Kreuze, und sogar Lydia, die
doch sonst immer so ruhig ist, zittert. Bei Tische haben nur der Herr Magister
und Philipp ordentlich gegessen; ich bloss ein kleines bisschen Mehlspeise. Max
hielt es schon am Morgen nicht mehr aus; er hat sich mit der Cousine vom Pächter
in die Stadt fahren lassen. Sie sind aber schon wieder da. Sie haben die
Verlobungsringe abgeholt, die gleich die Trauringe werden sollen, und jedem von
uns etwas Nettes mitgebracht; mir ein Korallenkreuzchen. Ich darf es freilich,
solange wir Trauer tragen, nicht umhängen. Ach, es ist so hübsch in Werben,
seitdem die Verwandten da sind. Glauben Sie, dass wir fortmüssen, lieber
Dezimus?«
    »Nein, das glaube ich nicht, Fräulein Phöbe,« antwortete Dezimus mit
Überzeugung. »Ihre selige Tante wusste, wie wert Ihrer Frau Mutter dieser
Aufentalt war, und Ihre Tante hatte ein sehr gütiges Herz.«
    »Ein gütiges Herz? Ach, wie mich das freut!« rief die Kleine. »Höre nur,
Priszilla, Dezimus behauptet, Tante Tusnelda habe ein gütiges Herz gehabt, und
der Herr Magister hat doch gesagt, sie wäre eine Heidin gewesen.«
    »Gütig können auch Heiden sein, Fräulein Phöbe,« belehrte Dezimus mit Würde.
Das erste Merkzeichen seines geistlichen Berufs.
    »Mir ist es ganz egal, ob wir hierbleiben, oder wo wir hinziehen,« fiel
Bruder Philipp ein. »Wenn ich nur kein Pastor werden muss. Ich will Soldat wie
mein Martin werden.«
    »Das darfst du ja nicht werden, Philipp.«
    »Ich will aber, und damit Punktum!« rief Philipp, mit den Füssen stampfend.
    Sie hatten die Terrasse erreicht und drängten sich in eine Gruppe unter dem
Ahnensaale zusammen. Eine Weile blieb noch alles still. Dann ertönte die Orgel.
Ohne einen gewissen feierlichen Apparat durfte im pröpstlichen Hause kein irgend
wichtiger Akt vor sich gehen.
    »Lydia spielt: Befiehl du deine Wege!« flüsterte Priszilla.
    Die Fräulein falteten die Hände, und auch Dezimus betete das gute Lied im
Herzen nach, bis die Orgel schwieg. Alle blickten gespannt in die Höhe. Max
öffnete einen Fensterflügel, verschwand jedoch alsobald von ihm. Bei aller
Zuversicht mochte ihm schwül geworden sein, während der Justitiar die Siegel des
verhängnisvollen Schriftstückes löste. Auch Dezimus wurde schwül zumute.
Seltsamerweise richteten seine Wünsche sich indessen lediglich auf Lydia, da
doch sonst nichts reich und gross genug war, was er dem herrlichen Max nicht
gegönnt hätte. Röschen dahingegen flüsterte ihm in das Ohr:
    »Was wetten wir, Dezem, die alte Dame hat Max zu ihrem Erben eingesetzt, und
ich an ihrer Stelle hätte es auch getan.«
    Von oben herab drang unverständliches Gemurmel; der Rat las vor. Es musste
ein grosses Vermögen und eine lange Reihe von Verfügungen sein, denn der Vortrag
nahm gar keine Ende. »Wie es scheint,« dachte Dezimus, »bekommen viele ein Teil;
und das ist auch besser als einer alles.«
    Da - jählings Unruhe oben, Hin- und Widerlaufen, Stühlerücken, ein schriller
Schrei. »Es war Mama!« rief Philipp.
    Die Kinder stürzten in das Haus; Rose und Dezimus ihnen nach. Auf der Treppe
kam ihnen der Vater entgegen, totenbleich, in tiefster Bestürzung.
    »Hole schleunigst die Mutter, Rose,« stammelte er. »Sie soll ihre Lanzette
mitbringen; es muss eine Ader geschlagen werden. Du, Dezimus, folge mir in den
Saal!«
    Als Dezimus den Saal betrat, lag der Propst, anscheinend ohnmächtig, auf
seinem Stuhle zurückgesunken in Lydias Armen; die Gattin, auf den Knien,
umklammerte in Todesangst seinen Leib; sämtliche Zeugen umstanden mit verstörten
Blicken die Gruppe; der Justitiarius brachte vor tauben Ohren hastig den
Vortrag, der Schreiber das Protokoll zum Abschluss.
    »Eilen Sie mit des Pächters Pferden zur Stadt nach einem Arzt; säumen Sie
keine Minute!« sagte Pastor Blümel zu Max, der sich alsobald entfernte.
    Martin und Dezimus trugen den ungelenken Körper in das Krankenzimmer, lösten
seine Kleider und legten ihn auf das Ruhebett; unterdessen kam Mutter Blümel,
die als rechte Pfarrersfrau in dringenden Fällen der Chirurgus der Gemeinde war.
Röschen, mit ihr zurückgekehrt, blieb auf ihren Wink im Vorzimmer zurück. In der
nächsten Minute trat Sidonie aus dem Krankenzimmer, schattenblass und zitternd.
    »Nur einen Augenblick!« stammelte sie. »Ich kann kein Blut sehen. Bitte,
hole mir ein Glas Wasser. Der Onkel hat eine Ohnmacht!«
    »Aber wer hat denn das Gut?« fragte Röschen, als sie mit dem Wasser
zurückkehrte.
    »Vorderhand ich,« antwortete Sidonie, sichtlich enttäuscht. »Nach meinem
Tode - Gott weiss wer. Hoffentlich werde ich so lange leben, bis Max auf festen
Füssen steht.«
    Damit ging sie wieder in das Krankenzimmer, und Röschen blieb allein.
    Kluge Jüngferchen sind nicht minder wie Nachtigallen und Spatzen neugieriger
Natur, und das kluge Pfarrjüngferchen war keine Ausnahme von der Regel, was bei
gegenwärtigem Anlass auch ein Rigorist ihm nicht als Sünde anrechnen wird.
Röschen horchte am Schlüsselloch nach einem Lebenszeichen des Ohnmächtigen -
Totenstille; Röschen zerbrach sich den Kopf über das Rätsel, das nichts als
Verdriesslichkeit angerichtet zu haben schien - keine Lösung. Röschen wurde
selbst ganz verdriesslich.
    Zu ihrem Glück kam aus dem Ahnensaal der Justitiar, der allein mit dem
Protokollführer das Geschäft hatte zu Ende führen müssen. Der alte Rat war
nächst ihrem jungen Dezem des Pfarrröschens Spezial; er nannte sie Töchterchen
Augentrost und kehrte niemals im Hause ein, ohne eine Tüte gebrannter Mandeln
mitzubringen, die Töchterchen Augentrost fürs Leben gern knabberte. Was konnte
natürlicher sein, als dass Röschen sich dem alten Herrn an den Arm hängte, ihn
eine Strecke des Heimwegs begleitete und ihren Wissensdurst aus erster Quelle zu
stillen suchte.
    Der alte Herr seinerseits plauderte gern und ein hübsches Kind am Arm
doppelt gern. Ein Amtsgeheimnis war die Sache nicht mehr, ein interessanter Fall
aber war sie und würde sie noch lange Zeit für die Abendunterhaltung in der
Resource bleiben. So erfuhr denn Röschen auf blumigen Wiesenwegen unter einem
lachenden Johannishimmel und aus einem lachenden Munde brühwarm und haarklein,
denn Lücken duldete Röschens Gründlichkeit nicht, die »Tragikomödie«, die sich
im Ahnensaale abgespielt hatte, und ihr Dezem, der währenddessen den Schlussakt
miterlebte, erfuhr erst am anderen Tage aus Röschens Munde, dass sich - für
Röschen doch die Hauptsache! - wieder einmal ein Täufersegen über sein Haupt
ergossen hatte.
    Sobald Lydia den Choral beendet hatte, setzte sie sich zur Linken ihres
Vaters, dessen kalte Hand in die ihre nehmend. Er war gespensterhaft bleich. Zu
seiner Rechten sass die Mutter, neben ihr Martin, die Weinende mit seinen Armen
umfassend. Dann folgte Sidonie. Max stand hinter dem Stuhle seiner Braut. Pastor
Blümel verhielt sich in der Nähe des Tisches, vor welchem der Justitiar und der
Protokollführer Platz genommen hatten. »Zwischen dem Altar, der Orgel, den alten
Ahnenbildern und dem alten Pastor im Ornat, gegenüber der kohlschwarzen,
feierlichen Gesellschaft, machte der alte Judex unzweifelhaft einen Effekt, wie
er ihn in seinem Leben noch nicht vorgebracht,« meinte vergnüglich der Rat.
    Von dem Schriftstück, das nunmehr zum Vortrag kam, versicherte er, dass es,
wie von A bis Z durch die Testatorin eigenhändig niedergeschrieben, so seinem
gesamten Duktus nach, zuverlässig ohne fremden Beirat von ihr ausgeklügelt
worden sei.
    »Als ob man die alte Harfenkönigin reden hörte! Paragraphen für Paragraphen
waren, wie bei einem Gesetzerlass, die Motive beigefügt. Meist freilich in
verzwickt ironischer Fassung. Einfälle wie ein altes Haus; aber von
unanfechtbarer Sach- und Fachkenntnis. Summa Summarum ein mustergültiges
Dokument! Wenn es viele solche schneidige Köpfe wie den dieses alten Fräuleins
unter seinem Blumenhute gäbe, könnten wir Advokaten nur gleich die Bude
zumachen.«
    Der Vermögensstand, bis in das Detail aufgezählt und nach den im letzten
Lebensstadium geführten Büchern kodizillarisch vervollständigt, erwies sich noch
umfänglicher, als man erwartet hatte. Eine erhebliche Barsumme, wie auch das
Dresdener Haus fielen musikalischen Bildungszwecken zu. An einem Erardschen
Flügel, der in jenem Hause zurückgeblieben war, sollte Pastor Blümel in alten
Tagen sich von Töchtern oder Enkelinnen sein Abendlied vorsingen lassen;
sämtliche römischen Instrumente und Noten, mit Ausnahme der seligen Harfe,
erhielt Sidonie. Die Dienerschaft, etliche verarmte Künstler und andere bisher
Unterstützte waren mit Legaten und Renten bedacht; ein eisernes Kapital für die
Witwen und hinterlassenen ledigen Töchter der Werbenschen Pfarrer und
Schullehrer, ein anderes zu baulichen und wohltätigen Gemeindezwecken
niedergelegt. Die Verfügung über beide Stiftungen wurde nach freiem Ermessen dem
Ortspfarrer überlassen, insofern und solange als der gegenwärtige Herr
Konstantin Blümel oder, als dessen Nachfolger, sein Pflegesohn Dezimus Frei in
diesem Amte standen. Bei anderweitiger Besetzung fiel die Verwaltung der
Gutsherrschaft unter gerichtlicher Kontrolle anheim.
    Mit diesem Ehrenamte war Dezimus Frei aber längst noch nicht abgefunden;
denn nachdem der dreijährige Genuss des auf Werben ruhenden teologischen
Stipendiums dem ersten studierenden Hirtensohne der Gemeinde noch einmal
ausdrücklich stipuliert worden war, folgte nachstehender Passus:
    »Da es mir einleuchtend ist, dass besagter Dezimus Frei sich leichter am
sichtbaren Himmelszelt als im unsichtbaren Himmelreich umtun lernen wird,
vermache ich ihm die Summe von zweitausend Talern. Und zwar soll ihm selbige
ausgezahlt werden: vor dem Universitätsbesuch, falls er sich von Haus aus für
das Studium der Astronomie entschliesst, demnach des Stipendiums verlustig geht;
oder nach Genuss des Stipendiums, um bei gereifter Erfahrung die Freiheit zu
haben, sich in angemessener Sphäre, wenn auch nur als Nebenzweck,
weiterzubilden. Wie ich es denn in keiner Weise verwerflich finden würde, wenn
man in jedem Pfarrhause ein Observatorium errichtete, zum Merkmal, dass die Welt
sich dreht.«
    »Der Dezem ist aber doch ein Glücksvogel!« rief Röschen den alten Freund
unterbrechend aus. »Und er kennt nicht einmal eine Note, singt und spielt bloss
aus dem Kopf! An mich hätte die alte Harfenkönigin doch auch ein bisschen denken
können. Ich mache meine Sache doch ganz anders wie der Dezem.«
    »Ei nun, Kindchen, sie hat ja eventuell auch an Sie gedacht,« tröstete der
Rat.
    »An mich? Ich werde doch wahrhaftig keine alte Jungfer werden! Und vor der
Pfarrerwitwe in Werben wird der liebe Herrgott mich doch hoffentlich auch
bewahren!«
    »Aber bedenken Sie doch, das schöne Instrument!«
    »Das ist auch wahr! Und am Ende, was dem Dezem gehört, ist ja auch so gut
wie mein.«
    »Nun sehen Sie wohl! Da können Sie sich auch noch eine faustdicke, goldene
Repetieruhr an den Gürtel hängen, die gleicherweise Ihrem Dezem testiert worden
ist. Ein Erbstück von Vaterseite, das in der Hand des Hutmannssohnes wiederum
ein Erbstück werden und an den Wandel der Geschlechter mahnen soll.«
    »Schönen Dank, gnädige Dame!« rief Röschen mit einem Knix und einer Kusshand,
die sie gen Himmel warf. »Aber was hat denn nun eigentlich der schöne Herr Max?«
    »Der schöne Herr Max, ei nun, der hat das Nachsehen, Kindchen - -«
    »Schändlich, empörend! - -«
    »Nach meiner unmassgeblichen Meinung keineswegs! Im übrigen teilt er diesen
Blick in das Leere mit diversen anderen ebenso würdigen Expektanten. Nicht ein
einziger Familienname ist in dem Schriftstück als Erbe aufgeführt. Keinem
zuliebe und manchem zuleide ist eine Ausnahme gemacht worden.«
    »Aber ums Himmels willen, wer kriegt denn da das Gut?«
    »Nur gelassen, Herzchen. Das dicke Ende kommt allemal nach. Die trauernde
Sippschaft im Ahnensaal ist auf eine weit längere Geduldsprobe gestellt worden
als Sie, und die Sentenzpillen, die sie derweile hinunterwürgen musste, werden
ihr schwer genug im Magen gelegen haben. Nachdem also über jeden Batzen und
Fetzen verfügt worden war, hiess es zu guter Letzt ungefähr so:
    Die Unsterblichkeit meines übernatürlichen Menschen würde mir wünschenswert
sein, ist aber bezweifelbar. Unbezweifelbar dahingegen ist die natürliche
Torheit oder törichte Natürlichkeit jedwedes Menschen, auf dieser wandelbaren
Erdenstätte längstmöglich eine unwandelbare Spur zu hinterlassen. Auch ich
bekenne mich dieser Torheit schuldig. Da ich jedoch mit leiblicher
Nachkommenschaft Gott sei Dank nicht gesegnet bin, und da die Kunst, die zu
hegen mir gegeben war, leider eine ist, die verfliegt wie die Blume des Weines,
bleibt mir gleich dem ersten besten alten Bauer nur ein Stück unbeweglicher
Scholle, um ihr ein Merkzeichen einzuprägen von dem alten Geschlecht, das auf
ihr erwachsen ist und, bis auf etliche fremde Pfropfreiser, mit meiner Person
erlischt.
    Vor zwei Jahrhunderten hatte der von der Werbensche Grundbesitz durch die
geschickte und gefüllte Hand einer Frau sich zu einem der umfänglichsten in
sächsischen Landen ausgedehnt. In dem Erbe von Mann auf Mann zerbröckelte er, um
schliesslich in dem Erbe von Mann auf Weib ein Nichts zu werden. Einer ledigen
alten Frau, der letzten, die den Namen trägt, war es gegönnt, seinen Grundstock
als käufliche Ware wieder in ihre Hand zu bringen. Um diesen vor nochmaliger
Zertrümmerung zu bewahren, befestigt sie ihn zu einem Kunkellehn, und um durch
die Zersplitterung der Einkünfte sein verblichenes Ansehen nicht noch weiter
verbleichen zu lassen, stiftet sie ein weibliches Seniorat.«
    »Den blitzartigen Eindruck dieser letzten Worte,« schaltete der Rat lachend
ein, »das Aufflackern des leichenhaften alten Herrn wie unter einem galvanischen
Strom, das grimmige Lächeln des jungen Doktors, die Grimasse seiner Schwester
hätten Sie sehen müssen, Kind. Leider konnte ich das interessante Schauspiel nur
eine Minute lang während des eigenen Verschnaufens geniessen. In der nächsten las
ich weiter, und in der dritten glich der Umschwung der Stimmung einer
Revolution.«
    »Die den Jahren nach älteste meiner Grossnichten eventuell Urgrossnichten,« so
stand geschrieben, »das heisst der leiblichen Nachkomminnen meiner beiden
Schwestern soundso, fügt, sobald sie das achtzehnte Jahr erreicht hat und nicht
verheiratet ist, ihrem Familiennamen den von der Werben bei und tritt
fideikommissarisch in den Genuss meines Rittergutes Werben und so weiter und so
weiter, mit der Verpflichtung, sich seiner Verwertung und Erweiterung nach
Kräften zu widmen und darum es zu ihrem wesentlichen Aufentalt zu machen. Beim
Umbau des Schlosses ist von vornherein darauf Rücksicht genommen worden, dass
durch letztere Bedingung das Wohnungsrecht nicht beschränkt wird, welches meiner
Nichte Frau Ottilie von Hartenstein zugesagt ist, solange sie lebt oder solange
es ihr beliebt. An dem Tage, wo die Nutzniesserin mit Tode abgeht oder etwa in
den Ehestand tritt, folgt ihr in dem Benefizium das den Jahren nach älteste
Fräulein nicht der ihr zunächst stehenden Familie, sondern des gesamten
Geschlechts.«
    »Der Propst war schon bei den Worten: solange sie unverheiratet ist, von
seinem Sitze in die Höhe gefahren; er stand mit vorgebogenem Leib und glasig
starren Blicken, beide Hände gegen das Herz gestemmt. Jetzt, bei der Satzung von
dem gesamten Geschlecht, sank er ohnmächtig in seiner Tochter Arm.«
    »Das ist der Schluss der Komödie; denn die nun folgenden exakten Bestimmungen
im Fall einer Vakanz, oder gar des Erlöschens der Linie und dergleichen, werden
für Sie, Dämchen Neubegier, noch gleichgültiger sein als für die enttäuschte
Hörerschaft im Ahnensaal.«
    »Wie kann denn Sidonie aber sagen, dass sie zunächst die Erbin sei?« fragte
Röschen nach kurzem Nachdenken. »Lydia ist ja acht Monate älter als sie.«
    »Aber Braut,« versetzte der Rat.
    »Braut sein heisst nicht verheiratet sein,« wendete Röschen ein; wonach der
Rat ausrief:
    »Ei, Sie kluge kleine Maus! Na, da können wir noch ein erbauliches
Handgemenge in diesem Familientempel erleben!«
    »Und welche von beiden glauben Sie, hat die kuriose alte Dame vor Augen
gehabt?« fragte Röschen.
    »Sie hat gar keine Person vor Augen gehabt, lediglich ein Ideal,« antwortete
lachend der Rat. »Und dieses Ideal heisst: Auf dem Stammschlosse der Werben eine
alte Jungfer in Permanenz.«
    Nach dieser Seite hin sattsam aufgeklärt, brannte das liebe Röschen vor
Verlangen, wiederum inmitten des Schauplatzes so interessanter Entwicklungen zu
stehen. Die Erzählung hatte sie eine weite Strecke auf dem Stadtwege
vorangeführt, und da just des Pächters Wagen mit Max und dem wohlbekannten
Doktor Brand vorüberkam, verabschiedete sie sich hurtig von ihrem alten Gönner,
gab ein Zeichen zum Halten und schwang sich behende in das Gefährt. Der arme,
schöne, junge Herr tat ihr in der Seele leid. Sie würde, ja wahrhaftig, sie
würde ihres Dezem Legat, - nein, das ganze Legat nicht, aber die Hälfte des
Legats darum gegeben haben, hätte sie mit dem Opfer den armen, schönen, jungen
Herrn zu ihres Dezem künftigen Patron erheben können.
    »Ihr Herr Onkel ist von einer Ohnmacht befallen worden?« fragte sie ihn.
    »Ich fürchte mehr als eine Ohnmacht,« antwortete er.
    Und seine Furcht war begründet. Doktor Brand konnte lediglich bestätigen:
    »Der Propst von Hartenstein ist tot.«
Lydia kehrte am Arme ihres Verlobten von dem Grabe zurück, in welches Joachim
von Hartenstein versenkt worden war in der nämlichen Stunde des Siebenschläfers,
wo vor achtzehn Jahren das arme Hirtenweib seine Ruhe gefunden und nur wenige
Schritte von dessen Hügel entfernt.
    Nicht Pastor Blümel, Professor Hildebrand, der Getreue, hatte den letzten
Segen gespendet; die Feier war so still und schlicht, wie die der Gutsherrin
laut und prunkvoll verlaufen; aber die Junisonne ergoss sich in vollen Strömen,
als die letzte Spur von einem vielbewegten Menschenleben verschüttet wurde.
    Lydia war unverweilt in das Zimmer ihrer Mutter gegangen, die seit der
Sterbestunde des Gatten in sinnverwirrendem Fieber lag. Da sie dieselbe
schlummernd und Frau Hanna Blümel als sorgsame Hüterin an ihrer Bettseite fand,
schlich sie unbemerkt in das Gemach, wo ihr Vater die Augen geschlossen hatte,
und sass dort in sich versunken, bis der Abend dämmerte.
    Max schritt währenddessen in bitterem Unmut die Terrasse hastig auf und ab.
Der bizarre letzte Wille seiner Verwandtin hatte ihn empfindlicher, als er sich
merken liess, enttäuscht. So sollte ihm denn wieder einmal die Dankbarkeit gegen
einen Nächststehenden erspart werden, wie sie ihm gegen Vater und Mutter und
gegen deren Väter und Mütter erspart worden war. Selbst in seiner Schwester
Seele schuldete er sie nicht; war es doch nur ein Zufall, dass sie Jahr und Tag
mehr als Priszilla zählte. Berechtigt, weil empfänglich für jede Himmelsgunst,
kam er sich vor wie ein Verstossener.
    Tiefer aber noch als seine Enterbung verstimmte ihn Lydias Gebaren. Er hatte
sie seit der verhängnisvollen Stunde kaum gesehen, kein Wort aus ihrem Munde
gehört. Ihre Tage und Nächte waren zwischen dem Krankenbett der Mutter und der
Bahre des Vaters geteilt gewesen; Max schweifte im Freien und suchte Zuflucht in
der Pfarre. Er liebte ja den Tod, aber nicht die Toten, und verstand sich auf
Krankheiten, aber nicht auf Kranke. Was hiess das nun aber für eine Liebe, die
vor einem natürlichen, längstvorausgesehenen Verluste spurlos verschwunden
schien? Was hiess das für ein Glück, das nicht dem alltäglichsten Unglück die
Wage hält? Die schnödeste Selbstsucht ist es, sich in einen Schmerz wie in eine
Austernschale zurückzuziehen; und eine Perle nennen diese Frommen das krankhafte
Produkt, das sich in solcher Schale bildet!
    Sidonie, die sich zu ihm fand, teilte seine Auffassung. Sie besass jetzt
reichlich die Mittel, ihm die Freiheit, deren er bedurfte, zu gewähren. Was ihr
war, war sein. Sobald die Mutter der dringendsten Lebensgefahr entronnen, sollte
er Lydia still sich antrauen lassen und sie dieser Atmosphäre der Trübsal
entführen. Für eine fernere Zukunft mochten die Pläne in beruhigter Stimmung
gefasst werden.
    Mit dem Vorsatz dieser unumwundenen Forderung kehrte Max bei einbrechender
Dämmerung in das Haus zurück. Lydia war weder bei der Mutter noch in ihres
Vaters Zimmer; nicht ohne heimlichen Schauder ging er, sie zu suchen, in den
Saal, wo vor wenigen Stunden der Sarg gestanden hatte. Ein Leichendunst
umwitterte ihn.
    Das lebensgrosse Bild des Propstes war für die heutige Feier über dem Altar
aufgerichtet worden; vor diesem lag Lydia auf den Knien. Sie erhob sich, sobald
sie ihn kommen hörte; ging ihm entgegen und reichte ihm schweigend die Hand;
seiner Umarmung aber entzog sie sich. Er wollte sie aus dem Zimmer führen; sie
winkte ihn nach einer Fensternische und nahm ihm gegenüber Platz, so dass sie das
Bild des Vaters nicht aus den Augen verlor. Der aufgehende Mond warf sein
fahles, kaltes Licht auf die hohe Gestalt im düsteren Priesterkleide; fahl und
kalt war auch das Antlitz der Tochter, die in ihrem faltigen Trauergewande dem
Bilde so wunderbar ähnelte wie dem Lebenden kaum je.
    Ihre eisige Ruhe, die rücksichtslose Zumutung dieses unheimlichen
Aufentaltes, die phantastische Überspannung des Leidtragens reizten den jungen
Mann bis zur Unerträglichkeit. Hätte er sie in Tränen schwimmend gefunden, hätte
sie diese Tränen an seinem Herzen ausgeweint, seine Anklage würde sich in
Mitklage umgewandelt, und nicht herbe wie jetzt würden die Worte geklungen
haben, in welchen er, als Herr ihrer Zukunft, eine beschleunigte Verbindung
forderte.
    Sie hatte ihn ohne einen Laut oder nur eine Regung weder des Widerspruches
noch der Entschuldigung aussprechen lassen; nun sagte sie:
    »Du weisst nicht, Max, was es heisst, einen Vater begraben und eine Mutter mit
dem Tode ringen sehen; du leugnest das Gefühl, das ich als das erste menschliche
zu hegen und zu ehren gelehrt worden bin. Darum vergebe ich dir die harte Rede
in dieser Stunde. Vergib du nun aber auch mir, wenn meine Rede dir hart klingen
wird. Ich kann deine Forderung nicht gewähren, und bestehst du auf ihr, gebe ich
dir dein Wort zurück.«
    Er starrte sie an wie betört. Sie fuhr fort:
    »Ich habe meinem Vater gelobt, und ich habe mir selbst gelobt, ihn in der
Pflicht für seine Hinterlassenen zu vertreten. Ich wusste um welchen Preis. Oder
trautest du dir die Hingebung zu, mich in dieser Pflicht nicht zu beirren, und
den Mut, sie mit mir zu teilen?«
    Er lachte bitter auf. »Ich,« rief er, »ich, der Enterbte, der von der
Grossmut seiner Schwester die Mittel entlehnen muss, seine eigene Existenz und die
seines anverlobten Weibes auf unberechenbare Jahre hinaus zu fristen, ich soll
die Verantwortlichkeit und die Verbindlichkeit für eine zweite dürftige Familie
- -«
    »Ich sehe,« unterbrach ihn Lydia, »dass du die Hülflosigkeit unserer Lage und
die Last, die dir erwachsen würde, deutlich ermissest; ich wusste auch zum
voraus, dass du keine andere Antwort, als die du gegeben hast, mir geben würdest,
wohl auch sie nicht geben konntest. Und eben darum, Max, müssen wir scheiden.«
    Er verstand sie noch immer nicht vollständig, brauste aber jetzt schon auf
in Hohn und Groll.
    »Ei, wie versteht ihr doch, ihr Auserwählten,« rief er, »zu paktieren nicht
nur mit dem Begriffe Liebe, als einer trüglichen Naturbestimmung, sondern auch
mit dem Schriftkanon, auf den ihr euch, wenn es euch passt, als untrüglichen
Gesetzgeber beruft! Ein warmherziges Weltkind würde nicht daran deuteln, dass es
Vater und Mutter zu verlassen habe, um dem Manne, dem es Liebe gelobt hat,
anzuhangen, auch wenn dieser Mann - ja dann um so weniger! - um berechtigte
Lebensaussichten betrogen worden ist und in ehrlicher Selbsterkenntnis sich
scheuen muss, eine Aufgabe zu übernehmen, welche durchzuführen er nicht imstande
sein würde.«
    »Noch bin ich nicht deine Gattin,« entgegnete Lydia, und ihre Stimme bebte
zum ersten Male bei den Worten, »für welche der Laut der Schrift Gesetzeskraft
haben müsste; noch gilt für mich die älteste Pflicht. Dennoch ahnest du nicht,
Max, was es mich kostet, wortbrüchig zu scheinen, nicht es zu sein; ja, was es
mich kosten würde, wäre ich nicht einmal deine Braut, dir und der Schwester, die
dich liebt mehr als sich selbst, Aussichten zu verkümmern, die ihr für
berechtigte achtet.«
    Max fuhr in die Höhe, als hätte ihn eine Viper gestochen. Jetzt erst begriff
er die Tragweite ihres Entschlusses. »Das also ist es!« rief er mit einem
Hohngelächter, das in dem weiten, düsteren Raume unheimlich widerhallte: »Ein
Rechenexempel ist des Pudels Kern!«
    Auch Lydia hatte sich erhoben; sie presste beide Hände gegen die Brust, ein
Fieberschauer schüttelte ihren Leib. Doch sagte sie fest: »Ja, das ist das
schwerste der Opfer, die ich fordere und bringe; schwerer selbst als das deiner
Liebe, Max.«
    Er ging mit heftigen Schritten im Saale auf und ab; sie fuhr fort:
    »Wüsste ich einen Erwerb, irgendeine Lebensstellung, die mir ermöglichte,
meine Mutter und meine verwaisten Geschwister so zu versorgen, wie der brechende
Blick meines Vaters es von mir forderte, ich würde, wie demütigend der Ausweg,
ihn diesem demütigendsten vorziehen. Da ich keine Wahl habe, nehme ich für eine
unbestimmte Frist das Erbe in Anspruch, das deine Schwester sich gesichert
glaubte und das ihr ein Jahresdatum - und kein Recht ausser diesem - verkümmert.
Als du eintratest, Max, flehte ich zu Gott um die Kraft der Überredung, Sidonien
zu einer zeitweisen Teilung dieses Erbes zu bewegen. Es ist hinlänglich reich,
uns beiden zu genügen. Wenn aber der Buchstabe der Verfügung es auch nicht also
heischte, die erste Benefiziatin, das heisst die Versorgerin meiner Mutter und
ihrer Kinder, kann nur ich sein, nicht sie.«
    »Mit anderen Worten,« rief Max, »du schämst dich der Dankbarkeit gegen die
Schwester des Mannes, dem du Treue gelobt hast; aber du schämst dich nicht, mit
dem Verlobten zu brechen, weil er ein Ärmling geworden, und jenes edle Geschöpf,
von Natur und Schicksal misshandelt, zu einem Ausgleich berechtigt und bestimmt,
wie es war, zur Almosenempfängerin zu erniedrigen. Pfui über diesen Stolz!«
    Lydia war bis in den Herzgrund erschüttert. So schroff hatte sie die Deutung
ihres Entschlusses nicht geahnet, so grausam nicht die Probe ihrer
Standhaftigkeit. »Sei barmherzig, Max,« bat sie mit aufgehobenen Händen. »Nein,
sei nur gerecht. Ich darf ja nicht anders, und es ist ja auch nur auf wenige
Jahre, dass ich die Entsagung von dir erflehe und die schwere Überwindung von
ihr. Ich liebe dich, Max, wie in der ersten Stunde, da ich dein geworden bin, ja
tiefer als in ihr, denn ich musste dir wehe tun. Habe ich dir deine Freiheit
zurückgegeben, ich werde dir treu sein, werde deiner warten, bis -«
    »Bis der Erbe des reichen Mehlborn dir ein Äquivalent zu bieten hat für
soundso viel tausend Taler Rente!«
    Max war gewiss keine unedle Natur. Eigennutz in diesem gröblichen Sinne lag
ihm so fern, dass er ihn auch nicht leicht in einem anderen vorausgesetzt haben
würde, am wenigsten in diesem Mädchen. Das schnöde Wort kam nicht aus seinem
Herzen und nicht aus seiner Vernunft. Der Zorn hatte es ihm eingeblasen, und der
Trotz bäumte sich zu sagen: »Ich war ein Rasender, vergib!« Wehe ihm! Er hatte
mit barbarischer Faust sein Bild im reinsten Herzensspiegel zertrümmert, und
solange seine Ohren offen stehen, wird er die Scherben klirren hören. Wie reich
des Lebens Becher ihm sprudeln möge, dass er den Adel der Liebe verwirkte, ist
die Hefe, die ihn trüben wird. Wehe ihm und ihr! Sie schwankte nach ihres Vaters
Zimmer; die Tür fiel hinter ihr in das Schloss, wie die der Zelle, in welcher die
Jungfrau sich zur Nonne weiht. Mit stürmischen Schritten verliess Max den Saal
nach der entgegengesetzten Seite. -
    Im Pfarrhause war der Abendsegen früher als sonst gelesen worden; nach drei
abspannenden Tagen sehnte ein jeder sich nach Ruhe. Frau Hanna hatte zum ersten
Male das Krankenzimmer der Witwe verlassen, auch Dezimus treulich Dienst
geleistet als Totenwächter und Vermittler der letzten schweren Obliegenheiten
für ein Menschenleben. Nun dachte er in seiner Bodenkammer »einen langen Schlaf
zu tun«.
    Da wurde hastig die Klingel gezogen, und wie Sidonie vor wenig Wochen ausser
Atem eingetreten war mit dem Rufe: »Max und Lydia sind verlobt!« so trat sie
heute wieder ausser Atem ein mit dem Rufe: »Max und Lydia sind entzweit!« Sie
kam, um Lebewohl zu sagen, da sie noch diesen Abend mit ihrem Bruder abzureisen
gedachte.
    Den Hergang des Bruchs stellte sie dar, so wie sie ihn nach einer
Unterredung mit ihrem Bruder und einer leider erst darauffolgenden mit Lydia
selbst aufgefasst hatte. Für dieses kluge Mädchen, scharfblickend, gerecht und
billig, wie junge Menschen es selten sind, gab es einen Punkt, auf welchem die
Bildfläche sich verkehrte, und das war sein Liebespunkt, sein Max. So viel
goldene Luftschlösser hatte die kleine Sidi auf die Freiheit des Reichtums
gebaut, sich die Zukunft so reizvoll ausgemalt: ein Künstlerleben, ähnlich dem
der alten Harfenkönigin, aber durch das Verhältnis zu ihrem Bruder erweitert und
vertieft; nun wurmte die Enttäuschung sie nur um seinetwillen, und ihres eigenen
Schiffbruchs gedachte sie kaum. Es handelte sich um ihn, darum statt des
sicheren Klarblicks blinder Groll. Der höhnende Geifer hatte sich aus seiner
Brust in die ihre gestürzt, hatte sich darin gestaut und ergoss sich nunmehr in
brausenden Strömen.
    »So sind sie, diese Heiligen!« rief sie aus. »Als sie Max für eine Partie
hielten, lockten sie ihn an, fingen ihn ein, wie man einen Gimpel einfängt, den
man zum Dompfaffen abrichten will. Nun, im Elend, schlagen sie die einzige
Pforte der Freiheit vor ihm zu und berufen sich, wie Shylock auf seinen Schein,
auf den Buchstaben ihres Rechts. Kaltblütig zerfleischt dieses Mädchen ihm das
Herz und behauptet dabei noch, dass sie ihn geliebt. Als ob solch eine
Mondscheinsprinzessin wüsste, was lieben heisst!«
    Pastor Blümel widersprach der Aufgeregten warmen Herzens mit allen Gründen
der Gewissenspflicht; er nannte Lydias Forderung einen Akt kindlicher Pietät,
eine Selbstopferung aus stark empfundener Familientreue; worauf denn Sidonie
eifernd erwiderte: »Nun, wie Sie wollen, Pastor. Aber was beweisen Sie mit Ihrer
Entschuldigung, als dass auch die Familie ihre Jesuiten hat? Abstrakte
Idealisten, denen jedes Mittel das rechte ist für einen Zweck, von welchem ihr
Herz nichts weiss. Ihren Vater mag Lydia geliebt haben; ich traue es ihr zu, denn
sie ist seinesgleichen. Aber liebt sie ihre Geschwister, die ihr so unähnlich
sind, liebt sie nur ihre Mutter?«
    »Lieben Sie Ihren Bruder etwa nicht, Sidonie, da Sie doch wohl kaum sich für
seinesgleichen halten?« wendete Frau Hanna ein.
    »Freilich liebe ich ihn,« antwortete Sidonie, »und eben darum, weil ich
nicht seinesgleichen bin. - Ach, wie von Herzen möchte ich ihm doch ähnlich
sein! - Aber ich liebe ihn keineswegs, weil er mein Bruder, weil er ein
Pflichtbegriff für mich ist; sonst müsste ich auch meinen Grossvater lieben. Ich
liebe ihn, weil er liebenswürdig ist, mein Bertrand de Born, weil ich keinen
anderen zum Lieben habe, weil ich gar nicht anders als ihn lieben kann. Wäre ein
Fremder so wie er, Sie zum Exempel, Dezimus, ich liebte Sie wie ihn.«
    »Für welche schmeichelhafte Versicherung ich mich im Namen meines Dezem
schönstens bedanke,« sagte Mutter Hanna lachend, und Sidonie lachte auch.
    Dezimus aber vermochte eine ritterliche Wallung nicht länger zu bemeistern.
Denn bei aller Bewunderung für das glänzendste Meteor an seinem Jugendhimmel
hatte er in dem Kampfe, der an demselben ausgebrochen war, mit Entschiedenheit
Partei genommen für den treuen Abendstern, der sich aus seiner gesetzmässigen
Bahn nicht verdrängen liess. So einfach, als ob es sich um einen matematischen
Folgesatz handelte, sagte er daher:
    »Warum will denn aber, gnädiges Fräulein, Ihr Herr Bruder nicht warten, bis
seine Braut ihre edle Aufgabe vollbracht oder er selbst sich eine unabhängige
Stellung errungen hat? Einem, der begabt ist wie er, sind Tor und Tür ja nach
allen Seiten hin aufgetan, und wie viel reiner muss die Freude des
Zusammentreffens am Ziel mit dem Bewusstsein erprobter Kräfte sein!«
    »Max und warten!« hatte zu Anfang der Rede Sidonie belustigt der Pastorin
zugeraunt. Jetzt beim Schluss des Vortrags sagte sie aber schon wieder in hellem
Ärger: »Gut Heil Ihnen, Kandidat in spe, auf solchem Philisterwege. Zuvor aber
beantworten Sie mir gefälligst die Frage: da die Demut doch noch weit mehr als
die Lammsgeduld eine christliche Tugend ist, warum nahm denn Ihre fromme Lydia
die Mittel zur Erfüllung ihrer edlen Aufgabe aus meiner Hand nicht an? Durfte
sie mir zutrauen, dass ich die Familie, in welche mein Bruder getreten war, in
Dürftigkeit gelassen haben würde? Wenn sie sich gegen ihre Gewöhnung
einigermassen beschränken musste, nun so büsste sie eben ihres Vaters Schuld. So
wäre es recht gewesen, so billig. Aber nein! Zum Danksagen ist man zu erhaben.
Ein Weltkind aufzugeben, ein anderes zu berauben, ist ganz in der Ordnung;
beiden das Gnadenbrot anzubieten, wohl gar noch Grossmut, der blosse Gedanke
treibt mir die Galle in das Blut! Komme es, wie es mag, ich danke Gott, dass Max
sich aus dieser tugendhaften Umstrickung losgerissen hat. Nun und nimmer würde
er an der Seite dieser eisigen Jungfrau anders als elend geworden sein.«
    »In letzterem Punkte pflichte ich Ihnen bei,« versetzte Mutter Hanna ruhig.
»Auf der anderen Seite jedoch muss ich meines Sohnes philisterhaften Vorschlag
dahin ergänzen, dass ein Mann, mag er zehnmal ein Genie sein, das Heiraten
bleiben lassen soll, wenn er nicht die Lammsgeduld besitzt, sich ein sicheres
Brot verdienen zu lernen. Sie aber, Kind, sollten es sich zweimal überlegen und
wenigstens eine Nacht hindurch beschlafen, ehe Sie so eklatant mit Ihrer Familie
brechen. Bedenken Sie, dass vernünftige Menschen für ihre persönliche Würde weit
weniger heikel als für die ihrer Anvertrauten zu sein brauchen; sich selber
würde Lydia getrost zugemutet haben, was sie ihrer Mutter nicht zumuten durfte;
wie Sie, Sidonie, Ihrem Bruder nicht, was Sie selber getrost sich zumuten
dürfen. Lassen Sie ihn denn ziehen, wohin sein Genius ihn treibt. Mit ihm leben
können Sie vor der Hand nicht; bleiben Sie also hier, zunächst bei uns. Eine
Vermittlung mit Ihrer Familie wird unschwer anzubahnen sein; vielleicht nach
mehr als einer Seite hin. Jedenfalls sind Sie die Grossmütige, nicht Ihre
Cousine, wenn Sie in eine Teilung der Revenüen willigen.«
    »Ja, liebe Sidonie,« nahm nun auch Vater Blümel wiederum das Wort, »ja,
bleiben Sie bei uns und sammeln Sie feurige Kohlen auf Lydias Haupt. Das
unglückliche Mädchen handelte gemäss seinem Grundgesetz, also recht. Es gibt aber
kein weheres Geschick, als wenn wir unserem Gewissen nicht etwa bloss unser
eigenes Glück, sondern das Glück derer, die wir lieben, zum Opferbringen müssen.
Sie retten den Frieden einer Seele, Sidonie.«
    Sidonie blieb nicht unbewegt bei diesen Worten. Die erste Wallung war
verdampft, und zu trotzigem Stolz war sie zu klug. Sie reichte den beiden alten
Freunden über den Tisch hinüber die Hand und sprach: »Handelte es sich um mich
allein, würde ich Ihrem Rate vielleicht folgen und Lydia eine Genugtuung gönnen,
wie ich an ihrer Statt sie mir selbst gegönnt haben würde. Mir gegenüber ist sie
ja faktisch auch durchaus in ihrem Recht. Aber auch ich habe ein Grundgesetz,
Freunde, und das heisst Treue gegen meinen Bruder. Ich darf nicht durch die Hand
eines Mädchens, das seine Liebe so gering achtete, um sie einem nüchternen
Pflichtgebot unterzuordnen, mir meinen Lebensweg - und das hiesse indirekt den
seinen - bequem machen lassen. Ich muss sein Schicksal teilen.«
    »Und was denken Sie zu tun? Wohin wollen Sie sich wenden?«
    »Zunächst gehe ich zu meiner Mutter. Ich habe aus der römischen Fülle eine
hübsche Sparsumme gerettet, die für den Anfang genügt. Das Weitere wird sich
finden. Tor, der man ist, Programme zu entwerfen, die der leiseste Atemhauch des
Schicksals oder der Leidenschaft wie Kartenhäuser umbläst. Ich sage wie mein
Max: nur auf die Gunst des Augenblicks ist Verlass.«
    Der Wagen fuhr bei diesen Worten vor. Ihrem Bruder den peinlichen Eintritt
zu ersparen, eilte Sidonie ihm entgegen. Die Familie folgte ihr herzlich bewegt.
Max sah bleich aus und sprach kein Wort.
    »Ich schreibe bald!« rief Sidonie vom Wagen herab.
    Die Freunde lauschten unter der Tür bis zum verhallenden Räderrollen. Dann
sagte Röschen, halb betrübt und halb ärgerlich:
    »Euch alle dauert Lydia, und ihr bewundert sie. Mich dauert Max, und ich
bewundere seine Schwester. Ach, und wie einödig wird es nun in Werben werden!
Wenn du auch noch fort bist, alter Dezem, halte ich es nicht mehr aus.«
Der gemütliche und tätige Anteil an dem Schicksalswechsel der Menschen, zu
welchen er hoch emporgeblickt, hatte Dezimus völlig in Anspruch genommen. Es
heisst etwas für einen Jüngling, zum ersten Male einen idealen Stern sich
verdunkeln, ein Idol verkümmern sehen. Nun jedoch, da der Tageslauf wieder in
sein Gleichmass trat, fiel ihm ein, dass die Freiheitspforte, die sich seinem
stolzen, gestürzten Helden geschlossen, für ihn, den bescheidenen, aufgetan
hatte.
    Es war ihm bis heute nicht ein einziges Mal in den Sinn gekommen, dass sein
Leben sich in einem anderen als dem von seinen Wohltätern gezogenen Gleise
abspinnen könne. Als Stipendiat von Werben seiner Heimat durch treuen Fleiss Ehre
zu machen, dereinst seines Vaters Gehülfe und in ferner, Gott wolle,
allerfernster Zeit sein Nachfolger zu werden, das war sein Ziel, und er blickte
auf dasselbe mit dankbarem Stolze. Völlig unerwartet war nun auf ein diesem
Ziele schnurstracks entgegengesetztes als das seiner Natur gemässere nicht bloss
gedeutet worden, sondern auch mit grossmütiger Hand die Bahn zu demselben
geebnet, und er spürte ein heisses Verlangen, diese Bahn zu betreten. Die Analyse
des sichtbar Unendlichen dünkte ihm auf einmal weit interessanter als die
Auslegung der Apokalypse; Sternenbahnen erforschen auf stiller Warte weit
zusagender als Predigten halten auf der Kanzel von Werben.
    Hiess denn nun aber seinem Gelüste folgen, nicht alle Erwartungen seiner
Wohltäter vereiteln? Hiess es nicht schnöder Undank, abzuweichen auf einen Pfad,
auf welchen sein Vater und Bildner ihm nicht zu folgen vermochte? Und zumal auf
einen, der selbst in weiter Ferne und Fremde ein gedeihliches Ziel noch
zweifelhaft liess, während das gedeihlichste in nächster Nähe gesichert war?
Mochte ein leibliches Kind solches Opfer von seinen Eltern zu fordern berechtigt
sein, aber auch das Kind der Barmherzigkeit, die hülflose Waise vom ersten
Lebenshauche an? Und sein Röschen!
    Dezimus stand erst im Aufschritt zu der Jünglingsstufe; sein Puls schlug
ruhig, und seine Phantasie schweifte mehr zwischen Sternen- als Menschenbildern;
sein Verhältnis zu dem schönen Mädchen hatte im Grunde daher noch nicht Hand und
Fuss. Wenn Röschen ein Knabe gewesen wäre, würde es sich kaum anders gestaltet
haben. Dass er aber dem Kinde, neben dem er in der Wiege gelegen hatte, angehören
müsse bis in das Grab, dass eine Liebe, für die er keinen Anfang wusste, auch kein
Ende haben könne; dass, unter welchem Namen auch immer, er zu dieses Kindes
Schirmer berufen sei, zu seinem Versorger, seinem nächsten, ewigen Freund, das
stand für ihn fest wie ein Naturgesetz, nicht erst seit heute oder gestern,
sondern seitdem er sich seines Daseins bewusst geworden. Die kleine Rose war ein
Teil von ihm, sein bestes Teil. Und was konnte er auf dem neuen Lebenswege für
sie werden?
    Noch ein drittes kam dazu. Von dem Augenblicke an, wo sein stolzester
Knabentag damit abschloss, dass er das weisse Fräulein aus dem Hutmannshause treten
sah und er sich zum ersten Male deutlich als das Kind dieser armen Hütte gefühlt
hatte, von dem Augenblicke an waren seine Gedanken häufig zu den unbekannten
Brüdern in die Ferne geschweift. Nicht aus Blutszwang, wie Max von Hartenstein
geringschätzig solchen Trieb genannt, nicht einmal aus neugierigem Verlangen;
einfach aus einem Gefühl der Beschämung, wie es jeden gutgearteten Menschen
überkommt, wenn er sich selbst in unverdienter Fülle und Gleichberechtigte in
ebenso unverdienter Entbehrung sieht. Er hatte damals auch alsobald den Vater
nach dem Schicksale seiner Geschwister befragt und erfahren, dass der treue
Gemeindepfleger sie nicht aus den Augen verloren hatte. Je mehr sie freilich
selbständig im Leben Fuss fassen lernten, um so seltener war eine Auskunft über
sie zu ermitteln gewesen. Die Dezimus im Alter zunächst Stehenden waren früh
gestorben; die Erwachsenen wie Heimatslose in der Welt verstreut. Ob, wo und wie
viele ihrer vielleicht heute noch leben? Gott Vater wird es wissen, ihr Bruder
Dezimus weiss es nicht.
    Ein erwünschter Zufall war es daher, dass vor Jahr und Tag der älteste von
den beiden, die beim Tode der Eltern bereits Soldaten waren, sich mit dem Gesuch
eines Taufzeugnisses, zum Zweck seiner Verheiratung, an den Pfarrer von Werben
wendete und dass durch ihn ein schwacher Faden sich wieder anknüpfen liess. Bruder
Klaus war nach Ablauf seiner Dienstzeit Ruderknecht, später Matrose und endlich
Steuermann auf einem Kauffahrteischiff geworden; er kam nur selten an das Land,
wo er dann im eignen bescheidenen Heimwesen auf einer der friesischen Inseln
einkehrte. Wer von seinen Brüdern noch lebte, wusste auch er nicht. Nur durch
Zufall war er einmal mit seinem soldatischen Kumpan, dem einzigen, der ihm von
Angesicht erinnerlich geblieben, zusammengetroffen, als dieser im Begriffe
stand, nach Amerika auszuwandern. Dort, so schrieb der Prediger der Insel, der
diese Nachrichten seinem binnenländischen Amtsbruder vermittelte, war auch er
verschollen und das Enaksgeschlecht aus dem Hirtenhause demnach wahrscheinlich
zusammengeschmolzen bis auf zwei.
    Diese Rückwärtsgedanken waren in Dezimus nun aber besonders lebhaft angeregt
worden, als er bei Gelegenheit des Werbenschen Erbes die Fragen des
Blutszusammenhanges und der Verpflichtungen, welche er auferlege, von den
verschiedensten Standpunkten erörtern hörte. Sein ganzes Herz gehörte ja den
Wahlverwandten; ein heimlicher Gewissensdrang trieb ihn aber den Naturverwandten
entgegen, und als durch Stipendium und Legat ihm die Mittel zu einer Notülfe
geboten wurden, schrieb er an den Bruder Steuermann im Inselhause, schilderte
sein eigenes glückliches Los, sprach den Wunsch des Bekanntwerdens aus, bat
dringend um gelegentliche Forschung nach dem in Amerika verschollenen Friedrich
und erklärte sich zu brüderlicher Handreichung froh bereit.
    Sein Herz schlug befreit, nachdem er diesen Schritt in seinen ältesten
Zusammenhang zurückgetan hatte. Vermochte er denn aber die verheissene
Handreichung wahr zu machen, wenn er die abirrende Bahn zu einem zweifelhaften
Ziele betrat? Denn mit dem gutgemeinten Verspruch hatte er leider die Dämonen
der langen Zahlen und grossen Rohre keineswegs ausgetrieben. Er mochte sich
winden und wenden, wie er wollte, er kam aus dem Zwiespalt von Lockung und
Pflicht nicht heraus. Sogar sein bis dahin unangefochtenes robustes Hirtenblut
zeigte Spuren des heimlichen Kampfes, die roten Backen erblassten, der Leib
magerte ab, der Schlaf wurde unruhig, schlechtin hohläugig sah der arme Junge
aus, und so musste es zweifelhaft erscheinen, ob die grossmütige Legatarin, indem
sie seine Schülerwiege verrückte, ihm nicht eher eine Wehetat als eine Wohltat
erwiesen hatte.
    Hätte er nur einen weisen Mann gewusst, den er zum Schiedsrichter der
strittigen Parteien in seiner achtzehnjährigen Brust hätte aufrufen dürfen. Aber
er wusste nur einen, den weisesten der Weisen, und just vor ihm hätte er den
Tummelplatz in undurchdringliche Nebel hüllen mögen. Oder hätte er nur einen
mitfühlenden jungen Gesellen gewusst, in dessen Herz er seine Ängste ergiessen
konnte! Aber er hatte gute Kameraden die Hülle und Fülle; ein Spezial jedoch war
ihm seit der Kinderstube immer nur sein Röschen gewesen, und was dieser Spezial
ihm raten würde, brauchte er nicht erst zu erfragen. »Dummer Dezem, natürlich
musst du Pastor werden und in unserer hübschen Pfarre bleiben. Für das gnädige
Legat machen wir uns alle Jahre eine Lust!«
    So fragte er denn Röschen nicht, aber er fragte Peter Kurzen, als dieser das
nächste Mal in die Pfarre eingesprungen kam; und Peter Kurze zog die Augenbrauen
in die Höhe und antwortete mit salbungsvoller Stimme.
    »Verehrungswürdiger Gutfreund, dessen Namen ich nicht auszusprechen wage,
das Heu beider Bündel duftet süss. So dächte ich, natur- und vernunftgemäss, wir
genössen von beiden.«
    Von beiden! Mit Peter Kurzen war freilich ernstaft keine Sache
abzusprechen, im Spasse aber traf er manchmal den Nagel auf den Kopf. Von beiden!
    Oftmals dachte Dezimus an sein weisses Fräulein, wennschon er ahnete, dass
Lydias Ratschluss nicht anders lauten würde als: »Entsage!« Was verlangte er denn
aber Besseres als eine unumstössliche Richtschnur für seinen Willen? Ja, gewiss,
er würde dieser Meisterin in der schwersten aller Lebenskünste blindlings
nachgeeifert haben, hätte er nur ohne Zudringlichkeit sich irgendwo und wie bei
ihr Gehör zu verschaffen gewusst. Allein er hatte seit jenem verhängnisvollen
Tage sie nur dann und wann aus der Ferne gesehen, wenn sie im Morgengrauen oder
Abenddämmer vor ihres Vaters Grabe stand. Sie war eine Nonne geworden und ihr
Bereich in Wahrheit zu einem Kloster.
    Ihre Mutter genas allmählich im Laufe des Sommers. Obgleich sie bewusstlos
auf dem Fieberbette gelegen, hatte dennoch die Zeit ihr linderndes Wunder an der
sanften Seele gewirkt, und nun stumpfte die Ermattung das Herzeleid ab. Ihre
Umgebungen, ihre äussere Lage waren die gewohnten geblieben; nichts fehlte als
der, dessen Qualen sie seit Jahren in der Stille qualvoll mitempfunden hatte,
und der war selig bei seinem Herrn. Für eine Ottilienseele ein erträglicher
Schicksalsschlag; unter einer schweren Mutterlast wäre sie zusammengebrochen.
    So fand sie sich denn auch leichter, als man gefürchtet hatte, in die
Trennung von ihrem Liebling, welche gemäss des Vaters letztem Willen in dieser
Zeit stattzufinden hatte; leichter zumal auch dadurch, dass der ungestüme Knabe
sich aus der Eintönigkeit des Trauerhauses bereitwillig in einen neuen Zustand
versetzen liess. Phöbe war schon zu Ostern von dem Vater eingesegnet worden; der
bisherige Informator schied daher aus der Familie, um in einer kleinen
luterischen Gemeinde der alten Heimat das Seelsorgeramt zu übernehmen. Martin
war zu seinem Regiment zurückgekehrt; nur seine beiden jüngsten Schwestern
wurden dann und wann noch in der Pfarre gesehen, um für ein paar Stunden
fröhlich darin aufzuleben.
    In den Augen der gesamten Familie und zumeist in denen der kindlichen Mutter
war Lydia an die Stelle des Vaters gerückt. Wie sie des Hauses Versorgerin
geworden war, wurde sie bedingungslos dessen Autorität. Ein sonniger
Frühlingstraum war verweht, ein düsterer Todesschatten vorübergezogen; das Leben
glitt hin in gewohntem, nur noch lautloserem Gleis.
    Die Mitteilung, welche Sidonie versprochen hatte, blieb aus; monatelang
wusste man weder auf dem Schloss noch in der Pfarre, was aus den Geschwistern
geworden sei. Erst zu einer Zeit, die eigentlich bereits in den nächstfolgenden
Abschnitt gehört, kam durch Martin - unter dem Siegel der Verschwiegenheit! -
eine bewegliche Kunde an seinen Freund Dezimus. Max hatte sich schon vor seiner
Reise nach Rom zum Landwehroffizierexamen gemeldet, halb und halb wohl mit dem
Vorbehalt eines eventuellen Übertritts zur Linie. Nun war kürzlich seine Wahl in
eklatantester Weise von dem Offizierkorps abgelehnt worden. Als Anlass vermutete
man eine Reihe von Gedichten, welche unter seinem vollen Namen in einem
neugegründeten freisinnigen rheinischen Zeitblatt erschienen waren und in den
höchsten Regionen schweres Ärgernis hervorgerufen haben sollten. Der brave
Martin war »ganz aus dem Häuschen«, wie er selber es nannte, über die Schande,
welche der ganzen Familie angehängt worden sei und welche er selbst in seiner
Karriere gehörig werde ausbaden müssen. Auch dauerte ihn sein Vetter, der,
bisher ein Glückskind wie wenige, nun auf einmal aus einer Patsche in die andere
gerate. »Und,« so schloss der Brave, »und alles um ein paar elender Verse willen,
um die kein Hahn gekräht hätte, wenn man nicht solches Wesen davon gemacht. Und
wenn ich ihrer ein dickes Buch voll gelesen hätte, mir wäre, als hätte ich
Wasser getrunken.«
    Da die betreffenden Zeitungsnummern konfisziert worden waren, lag wenigstens
eines der Gedichte dem Briefe bei. Pastor Blümel - für welchen das Siegel nicht
unerbrochen blieb - nannte es eine gereimte Umschreibung der zweiten
Prometeusstrophe; nur dass der nicht mehr Zeus hiesse, »dessen Majestät sich
kümmerlich von dem Gebetshauch hoffnungsvoller Toren nährte.« Indessen wollte
auch dem guten Blümel das ehrenkränkende Verdikt gegen den »Zornesausbruch eines
heilig glühenden Herzens, dem die ersten Blütenträume nicht gereift waren« wenig
einleuchten. Er sah in der Offiziersuniform das sicherste Korrektiv aller
Titanengelüste und fürchtete die Früchte, welche die Erbitterung zeitigt. Pastor
Blümel seufzte viel an diesem Tage und rauchte stark.
    Als Lydia zum ersten Male die Einkünfte der Werbenschen Stiftung bezog,
sendete sie die Hälfte des Betrags durch Pastor Blümels Vermittlung an Sidonien,
unter der Adresse ihrer Mutter. Umgehend erhielt sie die Summe auf gleichem
Umwege zurück. Die Professorin behandelte, ohne jegliche Spur von Enttäuschung
oder Verletztsein, die Angelegenheit rein als Geschäft. Ihre Tochter, so meinte
sie, habe für einen derartigen Ausgleich nicht einmal den Anspruch der
Billigkeit, da es keinem Zweifel unterliegen könne, dass Fräulein von Werben bei
Abfassung ihres letzten Willens an die aussichtslose Familie ihrer Nichte
Ottilie gedacht habe und nicht an Sidonie, die weder zurzeit noch, soweit sich
voraussehen liesse, in Zukunft einer solchen Zuwendung bedürftig sei oder sein
werde. Im übrigen scheine ihre Tochter sich im mütterlichen Hause heimisch
einzugewöhnen, und sie sende den Pfarrfreunden ihre besten Grüsse. Des Sohnes
wurde nicht erwähnt.
    Lydia vermochte mit dieser Abweisung sich nicht zufrieden zu geben. Es
widerstand ihr, auf Kosten der Verwandten, die sich - und wie Lydia glaubte mit
gutem Grund - für die Nächstberechtigte gehalten hatte, ein mehreres in Anspruch
zu nehmen, als zur Versorgung ihrer Familie erforderlich war, und sie ersehnte
den Zeitpunkt, wo sie auf das Ganze verzichten durfte. Wie tiefes Elend war um
dieses leidigen Mammons willen über sie gekommen! - Durch Pastor Blümels, des
zeitweiligen Kurators der Stiftung, Hand legte sie daher die Teilsumme bei jedem
Termine hypotekarisch nieder, sei es zur späteren Verfügung ihrer Verwandten,
sei es zu einem von diesen zu bestimmenden wohltätigen Zwecke.
    Der Herbst war gekommen, ein milder, gedeihlicher Weinherbst; aber keiner im
Pfarrhause freute sich wie sonst auf die Lese, da der Sohn sie heuer nicht
mitfeiern durfte. Das liebe Röschen war, wie es sagte, ganz desperat. Es stellte
in seiner Desperation allen Ernstes den Antrag, mit seinem alten Dezem auf die
hohe Schule zu ziehen, ihm den Haushalt zu führen, wie schon manche Pfarrtochter
es ihren studierenden Brüdern getan, und nebenbei in einer Fabrik das
Blumenmachen zu erlernen. Und während dieses Antrags streichelte das liebe
Röschen seinem alten Dezem die Backen, kniff ihm zärtlich die Ohrläppchen und
zupfte ihn an seinen langen, strohgelben Haaren. Der alte Dezem aber - ei nun,
es war ein Vorschlag zur Güte -, und der alte Dezem hätte sich solch eine rosige
Studentenwirtschaft mit tausend Freuden gefallen lassen. Zwei gewichtigere alte
Leute liessen sie sich aber durchaus nicht gefallen, und diese gewichtigen alten
Leute hiessen Papa und Mama. Da schmollte das liebe Röschen ein Weilchen, lachte
dann und flocht einen Asternkranz; ihr alter Dezem dagegen schmollte nicht,
sondern versank wiederum in sein Sternensehnen.
    An einem der letzten Nachmittage waren die beiden jungen Schlossfräulein
gekommen, um mit Röschen im Pfarrberge Trauben zu naschen. Dezimus hatte den
Vater auf seinem Vespergange durch das Dorf begleitet und sass nun mit ihm unter
den rotbeerigen Ebereschenbäumen auf dem Hünengrabe, den Untergang der Sonne
geniessend. Solch ein himmelreines Schauspiel ist im späten Oktober eine seltene
Gunst, und wenn es vielleicht das letzte ist, das binnen einer Sonnenwende in
einer lieben Heimat genossen wird, da rührt es ein junges Herz wohl bis auf den
Grund.
    Auch der Vater hatte in andächtiger Stille der versinkenden Flamme
nachgeschaut, bis der abendliche Horizont in ein Purpurmeer verwandelt schien.
Dann hob er an:
    »Zum ersten Male, mein Sohn, und leider Monde hindurch, bin ich irregeworden
an dem sicheren Gefühl, dem ich als dem Leitstern deines Lebens vertraut habe.
Ich sehe dich bei zufälligem Anlass schwindelnd schwanken; und wer bürgt dem
Schwankenden, dass er nicht strauchele, dem Strauchelnden, dass er nicht falle?«
    Dunkle Schamröte überzog des Jünglings Gesicht; er sah sich durchschaut von
dem einzigen, vor dem er seine Blösse hätte verhüllen mögen. Denn die
Dankbarkeit, wie jede echte Liebe, ist keusch.
    »Durch eine förderliche Fügung«, fuhr der Vater fort, »ist dein Blick auf
einen Beruf gelenkt worden, welcher dem von dir bisher in das Auge gefassten
zuwiderläuft und welchen du urplötzlich als den dir natürlich eingeborenen
erkennst. Hättest du ihn ohne jene Fügung verfehlen können, wenn er wirklich
deine Grundbestimmung gewesen wäre? Und warum willst du eine Entscheidung vom
Zaune brechen, da sie dir nach einer Probezeit als reife Frucht in den Schoss
fallen muss? Es sind nur wenige Gebiete, auf denen in unserem kurzen Hienieden
ein gründlicher Forschersinn heimisch zu werden vermag; aber je eines mehr ist
eine Verdoppelung unserer Existenz. Warum willst du nicht ein paar Jugendjahre
daransetzen, um jenes dir vorbestimmte Gebiet zu prüfen, das, wie dunkel und
begrenzt es auch erscheint, doch des Menschen ewigstes Anliegen umfasst? Ist es
dir denn verwehrt, daneben oder danach auf jenes andere abzuschweifen, das klar
überschaubar, sich dennoch in das Grenzenlose verliert und in Ewigkeit ein
Bruchstück bleiben wird? Warum willst du den seltenen Vorzug nicht nützen, deine
Kräfte nach zwei diametral entgegenlaufenden Richtungen hin zu prüfen?«
    »Aber die Zeit, die mir auf diesem Kreuzwege verloren geht, Vater?« wendete
Dezimus schüchtern ein. »Ich könnte nahe dem Ziele stehen, wo ich dort vor einem
Anfang stehe.«
    »Doch als ein gefesteter Mann, der ohne Fehltritt weiterschreitet. Wohl dem
Jüngling, der nicht mit seinen Lehrjahren zu geizen braucht.«
    »Und dann, Vater, und dann - beraube ich nicht einen Bedürftigen, wenn ich
eine Wohltat zwecklos vergeude.«
    Der Greis blickte zuerst betroffen vor sich nieder, darauf aber mit einem
vollen Liebesblick auf den Sohn, und endlich sprach er in freudigster
Entschiedenheit: »Ich danke dir für dieses Wort, mein Sohn. Es soll mir als
Schiedsspruch gelten, dass ich deine Wiege an den rechten Platz gerückt habe und
dass ich als dein Vater verpflichtet bin, die völlige Reife der Entwicklung von
dir zu fordern. Ach, mein Kind, das Leben hat nicht Sonnenschein für alle, und
wir berauben jedesmal einen Bedürftigen, wenn wir uns einer Himmelsgunst
erfreuen. Wo aber wäre ein Mensch ohne solche Selbstsucht fertiggeworden? Und
sich selber fertigbringen, soweit die eingeborene Gestaltungskraft reicht, ist
des Menschen oberstes zeitliches Gesetz, denn nur nach dem Masse seiner
Fertigkeit wirkt er.«
    Der Greis machte eine kleine Pause; dann fuhr er fort:
    »Bei deiner ruhig wägenden Gemütsanlage, bei der engen Umfriedigung deines
bisherigen Daseins würdest du es nur zu einer einseitigen Ausgestaltung bringen,
wenn du mit dem ersten Schritt in die Freiheit dich einbürgertest in einem
abstrakt ideellen Reich, in welchem es wohl gilt, stetig vorwärts zu dringen,
aber nicht zu ringen, wohl zu wägen, aber nicht zu wagen. Leben aber,
Mannesleben, heisst Kampf und Kampfes Zeuge sein. Ein solcher Ringkampf um der
Menschheit höchste Güter ist nun aber, ohne dass du es ahnetest, während deiner
Knabenjahre aufgelodert und wird in deinen Mannesjahren noch nicht ausgelodert
sein. Auf weltlichem Gebiet wie auf dem geistlichen, in welchem du deine Schule
durchzumachen hast, stehen die Parteien widereinander unter dem Feldgeschrei:
Hie Freiheit, hie Autorität! Aus kindlicher Ferne hast du in dem Propst von
Hartenstein und Professor Zacharias zwei bedeutende Männer kennen lernen, die
dir als Chorführer gelten dürfen. Zwischen ihnen aber streifen Plänklerscharen,
diesseit wie jenseit sich berufend auf das nämliche Schibolet, aber
haarspaltend miteinander, hadernd um die Heischungen des Gemütes, des
Verstandes, ja der kennzeichnenden Uniform. Auf einen dieser Tummelplätze sende
ich dich nun, mein Sohn, um dir, soweit es dem Menschen gegeben ist, eine reine
Lösung für den eigenen Geist zu erringen. Denn eine beherrschende Stellung wird
kein Heutiger mehr erreichen; noch niemals hat die Menschheit drei Jahrhunderte
zurückgelebt. Die segenfördernde Macht des Gottesgedankens, die ewige Botschaft
der Barmherzigkeit in der Seele deines Volkes in bescheidenem Umkreis rege zu
erhalten, ihm ein Lehrer, ein Tröster, ein Freund und Vorbild zu sein, das und
kein glänzenderes ist dein Ziel auf der von Kind ab vorgezeichneten Bahn.
Solltest du während derselben erkennen, dass sie weder dich noch andere zu jenem
Ziele führen würde, sollten berechenbare Messungen dich stärker locken als das
Geheimnis des Wortes, das du zu ergründen und zu verkünden hast, dann, aber nur
dann, ist es nicht bloss dein Recht, sondern deine Pflicht, auf jener sich
kreuzenden Bahn vorwärts zu dringen nach dem Urgesetz der Wahrhaftigkeit. So
ziehe denn aus, mein Sohn, und wie du nach treuer Arbeit dich entschieden haben
magst, du kehrest heim, des bin ich getrost, als unser gesegnetes, unser
glückliches Johanniskind.«
    Lächelnd, doch feuchten Auges schloss der Greis seine Rede. Dezimus aber, der
Junge schlecht und recht, fiel wie erlöst zu seines Vaters Füssen, presste dessen
beide Hände gegen sein Herz, und heisse Tropfen rannen darauf nieder. Ein
vernehmliches Wort aber sprach er nicht.
    Am anderen Tage, obgleich es der Abschiedstag war, ging er wie auf Federn;
ja wahrlich, der stämmige Enakssohn, er schwebte, so leicht war sein Herz. Sein
Abiturientenzeugnis hatte brav gelautet, und die Trennung währte ja nur kurz;
zum heiligen Christ war er wieder da! Er empfahl sich in beiden Gemeinden Haus
bei Haus; selbst bei seinem Vizepaten versuchte er vorzudringen, zu seiner
Genugtuung indessen vergeblich. Auch Lydia war nicht sichtbar; Frau von
Hartenstein aber entliess ihn mit mütterlichen Tränen, und ihre beiden jüngsten
Töchter schenkten ihm die Andenken, die ihm schon zum Geburtstage bestimmt
gewesen waren. Die kleine Phöbe hatte eigenhändig 365 Blätter je mit einem
Bibelverse beschrieben. Alle Morgen sollte ihr guter Dezimus, so wie es im
pröpstlichen Hause gang und gäbe war, sich auf einem dieser Blätter die
Tageslosung ziehen. Fräulein Priszilla aber brachte gar ein schönes Album, auf
das sie unter einem Kornblumenkranze seinen Namen gestickt hatte und in welches
sich, mit Ausnahme des kranken Vaters, sämtliche Familienglieder eingetragen
hatten; auch Max, dazumal noch hoffnungsvoller Bräutigam, war darin verewigt,
wennschon nicht mit einer eigenen Inspiration, so doch mit einer dem Schüler
gemässen Horazischen Sentenz. Lydia hatte geschrieben:
    »Dring durch die Kreise bis zum fernsten,
    Vor dessen Licht kein anderes sich behauptet.«
    Dante war einer der wenigen Dichter, welche Lydia, als Vorleserin ihres
Vaters, gründlich kannte und vielleicht der einzige, welchen Max nicht las.
    Am Abend war in dem Hause, aus welchem der Sohn scheiden sollte, die tapfer
verhaltene Wehmut nicht länger zu bannen. Kein Scherz und kein Ernst wollten
mehr verfangen; ein jeder zögerte, mit dem Aufbruch zu beginnen. Erst als es
Mitternacht schlug, erhob sich der Vater, legte schweigend die Hände auf des
Jünglings Haupt und stieg hinunter in das geistliche Gemach.
    »Ich sehe dich noch, mein Dezimus,« sagte die Mutter, indem sie rasch das
Zimmer verliess.
    Bruder und Schwester waren allein. Sie schlang die Arme um seinen Hals und
sagte zwischen Schluchzen und Lachen: »Dass du mich nur liebbehältst, alter
Dezem, unter den Scharteken und Rohren deiner dummen Universität!« Dann lief
sie, beide Hände vor dem Gesicht, der Mutter nach.
    Das liebe, närrische, kluge Röschen, wie wäre es nur möglich gewesen, dass
irgendwo und wie und wann ihr alter Dezem sie nicht liebbehalten hätte!
    Er dachte den Weg, wie dazumal auf der Suche nach der fremden Blume, zu Fuss
zu machen, legte sich daher gar nicht nieder, sondern sass an seinem
Kammerfenster, bis der Morgenstern in voller Herbstpracht aufgegangen war. Dann
brach er auf.
    Als er die Haustür leise öffnete, kam die Mutter ihm nach, drückte ihn an
ihr Herz und schluchzte, ja sie schluchzte: »Vergiss nur die Wäschzettel nicht,
mein Dezem!«
    Die liebe, närrische, kluge Mutter, als ob ein Sohn, den sie erzogen hat,
die Wäschzettel vergessen könnte!
    Der nächste Weg zur Landstrasse führte über den Friedhof. Während er zu einem
Abschiedsgruss vor dem Hügel der Mutter stand, deren Liebe ihm eine Fremde
ersetzt hatte, trat hinter dem weissen Marmorkreuz, das den Namen Joachim von
Hartenstein trug, eine dunkle Gestalt hervor. Es war Lydia, die an dieser Stelle
täglich die Sonne aufgehen sah. Er konnte es nicht lassen, er trat an sie heran
und reichte ihr die Hand. Sie hielt sie eine lange Weile in der ihren, und
schweigend schieden sie.
    Als er unter der Pforte sich noch einmal umblickte, stand die hohe, dunkle
Gestalt regungslos wie zuvor neben dem weissen Kreuz. Und so war das letzte Bild,
das er aus der Heimat in sein neues Leben trug, das der Jungfrau, über welcher
der Morgenstern leuchtete.
 
                              Die ersten Prüfungen
Die akademische Zeit ist dem Zeitraum nach kein Stufenjahr. Es gibt aber wohl
manchen studierten Mann, der mit dieser ersten Sprosse auf der Freiheitsleiter
auch die oberste erklommen hat, und keinen einzigen wird es geben, dem, wenn er
schon lange Jahre den Berg des Lebens abwärts steigt, nicht ein Rosenflor der
Jugend die welken Wangen überflöge, sooft Gedanke oder Rede rückwärts schweifen
auf die kurze Spanne, wo er das Gaudeamus sang und Unsinn Weisheit nannte.
    Und da will uns denn bedünken, als ob das Wertzeichen des Zustandes, welchen
wir einen glücklichen nennen, weit weniger der Genuss sei, welchen er gewährt,
als die Erinnerung, welche er hinterlässt. Denn, ach, wie bleiern drückte oftmals
die Gegenwart, die im Gedächtnis so goldig leuchtet! Wie viele freie Musensöhne
gab es - und gibt es vielleicht auch heute noch -, denen, wenn sie abends im
engen Dachstübchen matt und müde sich auf ihr schmales Federbett niederwarfen,
der Kopf geraucht hat nicht nur von den unlösbaren Problemen der
Weisheitsschulen, sondern weit mehr noch von den Pauklektionen, in welchen sie
den Tag über noch manch dickhäutigeres Haupt als das eigene rauchen machten;
die, nur halbsatt vom Freitisch im Konvikt und vom barmherzigen Wandertisch,
nach dem Bierseidel und der Knasterpfeife, den mundstopfenden Mächten des
knurrenden Magens, vergeblich schmachteten; wie viele, denen, wenn sie sich
morgens die bedenklich ausplatzenden Stiefel wichsten und am fadenscheinigen
Rock die abgesprungenen Knöpfe festnähten, wenn sie die Kragen und Manschetten,
welche das einzige Wochenhemd schamhaft verhüllen sollten, auf die umgekehrte
Seite wendeten, denen dann wiederum der Kopf geraucht hat über das Problem der
fälligen Wäschgroschen und Schustertaler! Ach, wie viele freie Musensöhne, die -
ade, Humor! - sehnsüchtig des goldenen Handwerksbodens daheim gedachten, mit
Seufzen die Bissen berechneten, die Vater und Mutter für dieses Martyrium der
Gelehrsamkeit dem eigenen Munde absparten, und die dann, »grollend schon in
Blütentagen«, ausriefen: »O du Galeere, du Sklavenmarkt von Welt!«
    Ja, gross war auch in des Hirtensohnes von Werben Zeit und Zone die Zahl
dieser Märtyrer der Wissenschaft, welche die beste Jugendkraft verbrauchten, die
Dornen und Steine aus ihrem Wege zu räumen, um dann, vom Bücken gekrümmt, ihre
Strasse sachte bergan zu schlendern und erst beim Rückblick aus weiter Ferne das
Haupt wieder zu heben und zu rufen: »Es war doch schön!« Aber der glückliche
Hirtensohn und Stipendiat von Werben gehörte nicht unter diese Zahl.
    Auch er kehrte abends in ein Dachstübchen zurück; aber es hatte, wie seine
heimische Kammer, einen freien Horizont; und schon im zweiten Semester ragte es
über die Baumkronen des schönen Gartens, der die Sternwarte umgab, hinweg, und
er hatte seinem Hausherrn, dem jetzt urgreisen Chaldäer, statt des Zinses nicht
mehr als diesen und jenen Handlangerdienst in seiner Wissenschaft zu entrichten.
Auch er hatte sich mit dem Überschwang des Bejahens und Verneinens in den
antagonistischen Teologen- und Philosophenschulen abzufinden; aber er
zermarterte sich nicht Herz und Hirn über den festen Punkt, an den er sich in
diesem Wirrsal zu klammern habe, denn er wusste eine Ausflucht, wo ihm der ewige
Gottesgedanke in ursprünglicher Reine entgegenleuchtete, und war er dann und
wann übersatt von unverdaulicher Buchstabenspeise, so ward der Durst nach jenem
Born, aus welchem wohl Probleme, aber keine Kontraste rieseln, doch niemals
gestillt; sei es, dass er sich morgens unter dem matematischen Kateder
ernüchterte, sei es, dass er nachts durch mächtige Refraktoren eine neue Welt im
Himmelsozean auftauchen sah.
    Auch er gab in freien Stunden Lektionen und Repetitorien, aber in dem
Gebiete, das ihm das geläufigste war, und nur an so weit Vorgeschrittene, bei
denen er, indem er lehrte, noch zu lernen vermochte. Auch er setzte dann und
wann die Füsse unter den Tisch einer freundlichen Studentenmutter; aber nur als
geladener, gern gesehener Gast. Er brauchte nicht mit Manschetten und
Hemdskragen zu knausern, denn das Waschhaus in der Werbener Pfarre war ein
flottes Institut, und wenn er auch seine Stiefel eigenhändig wichste und seine
Kleider eigenhändig bürstete, Knöpfe und Bänderchen brauchte einer, der sich
Frau Hanna Blümels Sohn nannte, sich nicht eigenhändig anzunähen.
    Er war ein kerngesundes Blut, das mit sechs Stunden festen Schlafes
übergenug und darum von vierundzwanzigen achtzehn freie Zeit hatte für die
Verrichtungen, zu denen der Mensch wache Sinne braucht. Er hatte sich keiner der
neuzeitlichen gottesgelehrten Verbindungen eingereiht, war auch weder
Burschenschafter noch Korpsbruder irgendwelcher Couleur; demnach ein Kamel, aber
doch ein kreuzbraver Kamerad und nach wie vor Peter Kurzens, des standfesten
Teutonen, spezialster Spezial, sein zweiter Freund; denn der erste war, »natur-
und vernunftgemäss«, Peter Kurze selbst. - Er hat sich wenig in Fechtut und
Paukhandschuhen auf der Mensur geübt, aber die Flinte lernte er während seiner
freiwilligen Dienstzeit gleich im ersten Jahre handlich regieren. Er hatte eine
durstige Studentenleber, für alle Tage indessen doch nur auf klaren Born, und
durfte er sich auch nicht der Charakterstärke rühmen, die das Übel und Weh der
ersten Knasterpfeife mit stoischem Gleichmut überwindet, um es in der Fertigkeit
des Giftverdampfens so weit als möglich zu bringen, ein Spassverderber war er
darum nicht. Er konnte sonder Widerwillen Tabaksqualm riechen und mit Lust einen
Salamander reiben helfen, konnte singen, allenfalls auch springen und liess den
Spitznamen des »stillvergnügten Hünen« sich gefallen, als ob es ein Ehrentitel
gewesen wäre, würde auch schwerlich Blut darum vergossen haben, wenn ein
witzboldiger Kumpan den Hünen in einen Philister umgetauft hätte. Alles in
allem: er gehörte auch in dem akademischen Stufenjahre zu den Glücklichen, die
schon in der Gegenwart rufen: »Es ist doch schön!«
    Ach, die köstlichen Sonntagsstunden, wenn er nach einer Sternennacht und dem
Morgengottesdienst den allerneckischsten Röschenbrief erbrach, in Gedanken die
vergangene Woche Hand in Hand mit dem lieben Kinde nachlebte und am Abend den
Gegengruss, berechnet für das Ohr der gesamten Familie, im allerehrbarsten
Dezemsstil niederschrieb! Und dann jene allerköstlichste Zeit - zusammenaddiert
ein volles Viertel des Jahres -, die er als alter Pfarrdezem in der Heimat
verlebte! Fand er die herrlichen Eltern nicht jedesmal wohlauf und frohmütig wie
zuvor? Schienen sie nicht von ihrem Seelenfrieden geschirmt wie von einer
Glocke, die sie absperrte gegen den zerstörenden Altershauch? Und fand er nach
jeder Pause sein Röschen nicht immer lockender zur Rose erblüht? Klopfte das
Herz ihm nicht immer bänglicher, wenn er schied? Wusste er aber nicht auch, dass
die Liebeshütte, an der er geschäftig baute, kein leeres Luftschloss war?
    Ging er dann freilich aus der Pfarre hinunter in das Schloss, da
durchschauerte ihn, je länger je mehr, ein frostiger Odem, als ob er aus einem
blühenden Garten in einen sonnenlosen Kreuzgang träte, und das Bild, das er von
der ersten Idealgestalt seines Lebens in sein Studentenstübchen zurücktrug,
beunruhigte ihn wie ein Rätsel, dessen Lösung dem Klarheit suchenden Sinne nicht
gelingt.
    Lydia war kaum minder schön als während der kurzen Wochen, da der Schmelz
der Liebe ihre Wangen überhauchte; ja vielleicht schöner; klassischer würde ein
Künstler gesagt haben; das Auge erweitert, die Haltung majestätischer, die
Konturen gefesteter, marmorbleich und marmorgleich. Aber er sah in ihr nicht
mehr einen Verheissung blinkenden Stern, und unwillkürlich erneuerte sich nach
jeder Begegnung in des Jünglings Seele der Eindruck jener Vollmondsnacht, die
als lebhaftestes Ereignis aus seinen Knabenjahren ragte. Die Blicke haften an
der stilleuchtenden Scheibe wie an einem friedreichen Menschenangesicht; da
jählings breitet der Erdschatten sich über sie, und als sie vor dem
hundertfältig geschärften Auge wieder auftaucht, starrt er auf ein versteinertes
Landschaftsbild mit weissen Graten und dunklen Abgründen zwischen ihnen, aber
ohne belebenden Strahl und Strom: eine erstorbene Welt oder eine werdende? Das
ist das Rätsel.
    Was fehlte Lydia? Der Vater, vor dem sie sich lebenslang gebeugt? Der
Geliebte, der sie ein paar Frühlingswochen hindurch umfangen hatte? Gibt es für
solches Entbehren keine ausgleichende Macht, nicht einmal die der Zeit? Schritt
sie nicht unwandelbar auf einer ihrer Natur gemässen Bahn? Hatte sie nicht das
Bewusstsein unerschütterlicher Treue, das ja Genügen geben soll? Hatte sie nicht
einen tiefgewurzelten Glauben, der ja beseligen soll? Ihr Haus glich einem
Kloster. Aber spricht man nicht von kindlich stillen, glücklichen Nonnenaugen?
Auch Lydias Augen waren still, aber glückliche Kinderaugen waren es nicht.
    Was fehlte Lydia? fragten mit dem Jüngling auch die Freunde in der Pfarre,
für welche das herrliche Menschenbild, ebenso wie für ihn, fast unnahbar
geworden war.
    »Freude fehlt ihr,« schalt Röschen, »nichts als Freude. Wozu ist einer auf
der Welt, als seines Lebens froh zu sein und andere sich seiner froh zu machen?«
    »Wo das Herz traurig ist, hilft keine Freude,« sprach Vater Blümel dem
weisen Salomo nach.
    »Die liebe Eitelkeit fehlt ihr, nichts als die liebe Eitelkeit,« brummte
Peter Kurze.
    »Und das soll ein Mangel sein?« entgegnete lächelnd Pastor Blümel.
    »Wenn es der pure, blanke Hochmut ist, der dieses lebenspendende Fluidum -
universal verbreitet wie der Sauerstoff der Luft! - aufsaugt, mehr als ein
Mangel, Papachen, ein Frevel gegen die menschliche Gesellschaft und eine
spontane Verkümmerung des eigenen höchst werten Ich,« eiferte Peter Kurze; und
setzte erläuternd, mit einem galanten Kratzfuss gegen Schönröschen hinzu: »Wenn
die Rose selbst sich schmückt, schmückt sie auch den Garten, hat der - na, der
unsterbliche Wieland gesagt.«
    »Beschäftigung fehlt ihr, ausfüllende Tätigkeit,« meinte Mutter Hanna, und
ihr Konstantin dagegen: »Ja, was soll sie denn tun?«
    Ja, was sollte sie tun? Sie tat, was sie vermochte, oder was ihr zu tun
gestattet schien. Der Hausstand war nach wie vor in der Mutter Hand verblieben,
aber sie sorgte für ihre Familie wie ein Vater, und da es seit dem Vermächtnis
Fräulein Tusneldens in der Gemeinde wenig Notleidende mehr gab, ein wohltätiges
Eindringen in das Einzelnleben daher unstattaft geworden war, förderte sie in
den Nachbarstädten die Vereine, welche unter dem Namen der inneren Mission
allmählich, wenn auch nur schwächlich in Aufnahme kamen. Mit besonderem Eifer,
weil durch eine Persönlichkeit angeregt, widmete sie sich aber den Interessen
der äusseren Mission.
    Einer der getreuesten Freunde ihres Vaters, der Bruder des Professors
Hildebrand, hatte, nachdem er seiner Pfarrstelle verlustig geworden, gefolgt von
Weib und Kind, sich der englischen Missionsstation in Palästina angeschlossen
und daselbst in religiösem wie in etnographischem Betracht einen ausgiebigen
Wirkungskreis gefunden. Sein »Palmental« war der jungen Freundin vertraut wie
eine Heimat geworden, aus seiner Seele zog in die ihre das Verlangen, dem
protestantischen Deutschland eine bis dahin schlummernde Teilnahme für die
Heilsbestrebungen der englischen und amerikanischen Stammes- und
Glaubensgenossen an dieser hehrsten Stätte anzuregen. Sie las, korrespondierte,
spendete, sammelte für diesen Zweck, sie schrieb zu seiner Förderung sogar in
Zeitschriften, die ihm zu dienen geeignet waren, und da ein verwandtes Streben
gleichzeitig in höchstgestellten Kreisen wach geworden war, wurde der Name
Lydias von Hartenstein zu einem weitin genannten, während doch ihre Person in
fast unnahbarer Zurückgezogenheit verharrte. Eine fürstliche Frau bot ihr einen
Wirkungskreis in ihrer unmittelbaren Nähe, mit vom Hofleben befreienden
Befugnissen an. Lydia lehnte ihn ab. Die Pflicht, der sie ihr Glück und ihren
Herzensfrieden zum Opfer gebracht hatte, war noch nicht erfüllt; sobald sie es
sein würde, hegte sie den Plan, in dem neuerrichteten evangelischen Krankenhause
der Hauptstadt abschliessend einen Beruf zu suchen. Auch bewog sie ihre Schwester
Priszilla, in der Zwischenzeit für sie einzutreten.
    »Nicht,« wie sie dem abmahnenden Pastor Blümel sagte, »nicht, dass das
lebensfrohe Kind in diesem schweren Dienst eine dauernde Aufgabe finde, nur eine
Schule, wie jedes Mädchen sie durchmachen sollte, um der ernstesten und
wichtigsten weiblichen Aufgabe gerecht zu werden.«
    Und bevor ein Jahr ablief, hatte das schöne, lebensfrohe Kind aus dieser
ernsten Schule einen allerseits befriedigenden Ausschlupf gefunden. Ein Kranker,
den sie gepflegt, ein nicht mehr ganz junger Beamter, mässig mit Glücksgütern
gesegnet, aber von guter Familie und strenggläubiger Richtung, daher voller
Aussicht zu einer gedeihlichen Laufbahn, bot ihr seine Hand. Sie wurde von
Herzen angenommen, und Phöbe, eben herangewachsen, rat an der Schwester Stelle,
um nach kaum Jahr und Tag denselben natürlichen Ausweg zu finden. Ja, vielleicht
könnte es sich heute noch zutragen, dass einem jungen Fräulein, zumal wenn es
sanft und schön wie die Hartensteinschen ist, leichter im Krankensaal als im
Ballsaal die Myrte blüht.
    Als Dezimus Freis Studienzeit zu Ende lief, lebte Lydia mit der Mutter auf
dem Schloss allein; sie lebten würdig, friedlich und einig nebeneinander, wenn
auch nicht miteinander oder ineinander. Frau von Hartensteins Tage waren nach
Bedürfen ausgefüllt. Sie schrieb viel mütterliche und empfing viel kindliche
Briefe; sie hatte Aussteuern herzustellen, Hochzeiten auszurichten, endlich ein
erstes Enkelkind zu wiegen. Was braucht eine Ottilie mehr? Lydia aber, glich ihr
Leben denn nicht dem »der hohen freien Geister«, für welches ihr Vater sie zu
bilden gehofft hatte, erhaben über die gemeine Not? Und dennoch sagte Konstantin
Blümel in jener Zeit von ihr zu seinem Sohn: »Sie siecht an ihrem Ideal!«
    Vor keinem Menschen hatte Lydia jemals den Namen ihres einstigen Verlobten
wieder genannt; auch Sidonie würde für sie eine Verschwundene gewesen sein, wenn
Pastor Blümel, dem die Aussöhnung der Familie eine Herzenssache war, sie ihrem
geistigen Gesichtsfelde nicht beharrlich genähert hätte. Die erste Anknüpfung
bot der folgende Brief, welchen Dezimus an seinem nächsten Geburtstage erhielt.
    »Da die vorjährigen guten Wünsche uns in der Kehle steckengeblieben sind,
erhalten Sie, wertgeschätztes Johanniskind, die Dosis heuer verdoppelt. Ich sehe
im Geiste Sie umschichtig sich erlaben an den Tafeln der Leviten und Chaldäer
und rufe ehrlichen Glaubens: Wohl bekomms! Ein braver Hirtenmagen verträgt sauer
und süss.
    Nächstdem sollen Sie gebeten sein, sooft Sie etwas zu schreiben wissen, mir
einen Brief zu schreiben, frisch von der Leber weg, sonder drapierende
Gazewolken, die in unserem biderben Deutsch die Welt allemal gleichsam mit
Brettern verschlagen und für geschmackvolle Leute, wie Sie und ich, vollständig
aus der Mode gekommen sind. Auch sollen Sie gleiche Gunst von ihrer Rose
erbitten; unter dem lockigen Strudelköpfchen blüht manche Blume auf, deren Duft
mich erquicken würde.
    Ich grüsse die gemütliche Pfarrfreundschaft in corpore; die heilige
Schlossfreundschaft nicht einbegriffen; denn ich grüsse nur solche, mit denen ich
es gut meine, und gut meine ich es mit meiner sublimen Sippe noch immer
keineswegs. Aber nicht mehr wegen der Johannisoffenbarung vom vorigen Jahr und
ihren Konsequenzen. Aus reiner Idiosynkrasie. Der Lilienduft ist für meine
Nerven zu stark. Im übrigen verweise ich, konform dem Gesetz der reinen
Vernunft, auf Mama Brigittens Deklaration und rechne darauf, dass der Reverend
Primrose Numero zwei mich mit seinem Notpfennig aus dem Werbenschen Opferkasten
fortan in Frieden lasse. Sela.
    Ein Stücklein von Held Martin muss ich indes doch noch zum besten geben,
bevor ich hinter die feindliche Basenschaft ein Punktum mache; ein Romanstreich,
unverkennbar seiner spezifischen Phantasie entsprungen und doch korrekt ein
pröpstlich Hartensteinsches Bravourstück. Vernehmen Sie also, dass er mir in
optima forma seine tapfere Hand angetragen hat. Mir sage ich, und bin heilig
davon durchdrungen, dass er mit diesem Mir nicht Papa Mehlborns gelegentliche
Erbin, sondern die von seiner Familie gekränkte Unschuld im Sinne gehabt hat,
wie ich gleicherweise davon durchdrungen bin, dass er unter dem Druck des
erhaltenen Korbes nicht an Herzbrechen sterben wird. Und so möge sein
ritterlicher Wille ihm mit einer Lorbeerkrone vergolten werden.
    In Parentese und zu Ihrem Nutz und Frommen, hoffnungsvoller Candidatus
teologiae und matrimoniae: es gibt keine zärtlichere Paarung, als wo das
Fräulein klug und mit einem kleinen Verdruss irgendwelcher Art behaftet, das
Männlein statt dessen mässig gewitzigt, aber schön und womöglich ein Jahrzehent
jünger ist. Umgekehrt, will sagen: das weibliche Anwesen jung und einfältig und
der Gespons ältlich und hell, da mag der Engel mit dem feurigen Schwert immerhin
schon ein wenig auf der Lauer stehen. Wo aber der göttliche Intellekt halbiert
ist und Adam dem Evchen, Evchen dem Adam mit gleichscharfen Augen auf die Finger
passen, die nach der verbotenen Apfelfrucht langen, da ist der Weg vom Paradies
zum Infernum ein Katzensprung; wennschon es auch von dieser Erfahrungsregel
gesegnete Ausnahmen gibt, wie ich selbiges an dem philosophischen Konsortium, zu
dem ich neuerdings in Kindschaft getreten bin, Tag für Tag erfreulich
wahrzunehmen habe.
    Nun aber endlich zu den Fragen, mit welchen ich die hochwürdige Blümelei im
Chorus mich bestürmen höre: Wie treibts die kleine Sidi? Wie geht es, wie
gefällt es ihr in der arktischen Zone, nach welcher sie urplötzlich aus Arkadien
verschlagen wurde? Ei nun, leidlicher und lustiger, Freunde, als Ihr es Euch
träumen lassen mögt; wennschon es ein eigen Ding bleibt, sich die Kindlichkeit
anzugewöhnen in einem Stadium, das sich die Würden einer Respektsperson gefallen
lassen könnte. Meine Mutter ist keine von den Musen und Grazien, die ich als
Nonplusultra der Weiblichkeit zu verehren gewöhnt worden bin; aber eine
gescheite, grundredliche, grundtüchtige Frau. Ich merke mit Staunen, wieviel von
ihrem Blute in meinen Adern rinnt. Ja, hätte ich mich ihrer physischen
Naturkraft zu erfreuen, wer weiss, ob ich nicht im allereigentlichsten Sinne ihre
Tochter geworden wäre. Aber diese Natur! Freund Peter Kurze möge hören und
staunen! Nie im Leben hat ihr ein Finger weh getan; ich bin überzeugt, dass sie
uns Kinder vom Baume geschüttelt hat; nie im Leben hat sie einen Nerv zucken
gespürt; härter noch als ihr Wille ist ihre Haut. Stellen Sie sich vor, dass sie
bis tief in den Herbst hinein in unserem See badet, während mir mitten im Sommer
die Hand abstirbt, wenn ich sie eine halbe Minute aus dem Boot in das eisige
Wasser tauche. Reines Nixenblut!
    Der Professor - er prätendiert nicht, dass ich Papa zu ihm sage, sondern
begnügt sich mit dem guten Freund - ist ein Ehrenmann. Gentleman würde in
gewissem Sinne viel zu wenig und in einem anderen ein wenig zuviel für ihn sein.
Kurzum wir vertragen uns, sonder anstrengende Toleranz. Das Land sagt mir zu;
wenn nicht in Italien, wüsste ich nicht, wo ich lieber leben möchte. Für
meinesgleichen kommt gleich nach der hohen Kunst die hohe Natur und die hohe
Gesellschaft erst ein weites Spatium hinterdrein. Indessen ist es auch mit der
letzteren nicht ganz so eidgenössisch nüchtern, wie ich gefürchtet hatte,
bestellt. Wir verkehren fast nur - wennschon nicht absolut aus freier Wahl - mit
Ausländern, will sagen zumeist Deutschen: Flüchtlingen, Missvergnügten,
Phantasten, Narren, aber auch etwelchen tüchtigen und vielen gebildeten Köpfen
dermang. Frau Brigitte Zacharias spielt unter diesen Römern in spe die Rolle
einer inspirierenden Egeria; ihr Fräulein Tochter die einer preussischen Volumnia
oder dergleichen. Will sagen, die kleine Sidi spielt die Patriotin im Ernst. Die
schwarzweisse Kokarde ist ja ihr einziges Hartensteinsches Erbe. Leider, dass sie
es nicht mit ihrem Bruder teilen kann. Sie wissen ja aber wohl, wie man dem
armen Jungen im Vaterlande mitgespielt hat.
    Doch ich bin noch nicht mit der kleinen Sidi zu Ende, da ich ja kein Wort
von ihrem wesentlichsten Ingredienz, der edlen Musika, erwähnt habe. Und da hat
das Blatt sich denn so kurios gewendet, dass sie, in Ermangelung von fertigen
Meistern, mit sehr unfertigen Schülern fürliebnimmt und - hört, hört! - und - na
dreist heraus! - Klavierstunden gibt; Tag für Tag vier bis sechs Stück à vier
bis sechs Frank, wobei sie sich das Jahr netto auf tausend Taler steht. Wie die
alte Harfenmuhme vor Lachen sich schütteln wird, wenn sie aus hohem
Himmelsfenster dieses Treiben einer Werbenschen Geschlechts nach folgerin
erspäht! Denn bis zur reifenden Traurigkeit, Papa Blümel, wird sie es binnen
Jahr und Tag dort oben wohl schwerlich gebracht haben. Tat sie sich doch noch in
ihrer letzten Stunde etwas darauf zugut, in diesem irdischen Jammertale eine
Achtzigerin geworden zu sein, ohne, es sei denn im Wickelbunde, eine Träne
vergossen zu haben.
    Item, es ist ein gutes Geschäft bis auf die rebellischen Nerven. Ihretalben
bin ich indessen schon wiederholentlich auf den Einfall gekommen, in meine
sogenannte Heimat zurückzukehren und mich allda redlich, aber etwas
gesundheitlicher zu nähren, indem ich mit dem Material Papa Mehlbornscher
Kuhställe eine Molkerei im grossen begründete. In der Schweiz lernt sich so
etwas, und fertig brächte ich allenfalls auch das. Die klügste aller Pfarrmütter
hatte, irre ich nicht, schon vorig Jahr, etwas derart mit mir im Sinn. In jenem
sturmflutigen Zustand war es zu früh dazu, und heute wahrscheinlich auch noch.
Wenn Mama Blümel mir indessen im Milchkeller des Talgutes jährlich tausend Taler
verbürgen könnte - denn auf das liebe Geld bin ich ein Vogel, der es Vater
Mehlborn wettmacht -, wer weiss, ob ich nicht die patriotische Paukmamsell in der
Diaspora aufgäbe und Euch das idyllische Rührstück vorführte: Sidonia in der
Käserei!
    Und nun zu guter Letzt noch einen Blick auf den, dessen Stern, ist er gleich
aus der Region Ihrer regierenden Jungfrau gestürzt, Ihnen, getreuer Hirtensohn,
denke ich, doch immer noch anziehender leuchten wird als der, welcher über dem
Haupt der Melkerin der Zukunft kulminiert. Nun, auch mein Mäxchen lässt es sich
gefallen, so wie er es treibt, treibt er es auch just nicht so, wie Sie und
andere Leute es für ihn in Aussicht genommen hatten. Der Mensch zieht ja nun
einmal einen Missstand seiner Wahl dem Wohlstande vor, den sein bester Freund für
ihn ausgeklügelt hat, und nennt seine Freiheit das, was er im Grunde seine
Unfreiheit nennen sollte. Kurz und gut: das Mäxchen ist auf dem Wege nach Rom in
Paris hängengeblieben - dem rechten Platze, hässliche Erfahrungen zwar nicht zu
verwinden, aber zu vergessen -, und er schwingt allda tapfer nicht bloss die
Adlerfeder des Poeten, sondern, wie tutti quanti, auch die Hahnenfeder des
Publizisten. (Falls sein jüngster Ruhm noch nicht bis in Ihre Pflegstätte
deutscher Wissenschaft gedrungen sein sollte, erlasse ich Ihnen, denselben
auszuposaunen.)
    Mag er! Singt er sich auch nicht in eine Fürstengruft, wird der Huf seines
Pegasus auch keine Republik der Gleichheit und Brüderlichkeit aus unserem
biderben vaterländischen Boden stampfen, solange er bei diesem oder
irgendwelchem anderen unschuldigen Zeitvertreib sich frei fühlt und froh, wird
frei und froh sich fühlen auch der kleine Trabant, der, nur mit bewaffnetem Auge
erkennbar, sich um diesen bis jetzt noch sehr veränderlichen Stern bewegt. Woher
kommt denn alles Glück, freilich auch alles Unglück in der Welt, als dass wir,
coûte que coûte, uns an ein Individuum hängen müssen, oder sei es meinetwegen an
ein Ding? Bleiben Sie darum den hohen Himmelsaugen treu, Hirtensohn. Sie
riskieren mit ihnen weniger von Ihrem Johannissegen als mit allen, die Ihnen
hienieden blitzen und blinken würden. Solches wünschend verbleibe ich meines
standfesten Freundes Polarius gleicherweise standfeste Freundin Sidi.«
    Die Freunde in der Pfarre spürten zwischen den scherzhaften Worten manchen
unterdrückten Seufzer und manche unterdrückte Träne heraus; und wenn es eine
gute Art des Mitleids ist, anderen Mitleid ersparen zu wollen, so wurde die
Absicht hier nicht erreicht.
    Der Eindruck wiederholte sich bei jedem der späteren Briefe, die regelmässig
am Johannistage eintrafen und in Text wie Ton nicht wesentlich anders lauteten.
Sie wurden gleich dem ersten von der gesamten Familie, in verteilten Gebieten,
ausführlich beantwortet, so dass die Entfernte in ihrer sogenannten Heimat wohl
orientiert bleiben durfte. Dezimus, als Auswärtiger, begnügte sich mit dem
Referat über seine eigene bescheidene Person und die Zustände seiner Akademie.
Vater Blümel, der Versöhner, behandelte den Artikel: Lydia.
    Das liebe Röschen hatte sich Held Martin als Gegenstand auserkoren und
freute sich, schon im nächstjährigen Briefe durch folgende Eröffnung auf einen
interessanten Effekt rechnen zu können.
    »Den alleruntertänigsten Gratulationsknicks zu der Krone, welche meines
lieben Fräuleins Sidi verehrlicher Herr Vetter und Freier sich schon in jungen
Tagen erworben hat; wenn es vorderhand auch nur eine Myrtenkrone ist. Binnen
weniger Wochen feiert er im Werbenschen Ahnensaale Hochzeit mit einem verwaisten
Fräulein, das sich zweiunddreissig reiner Ahnen und des erforderlichen
Kommissvermögens - seine, des Helden Bezeichnung, nicht meine! - zu erfreuen hat.
Ein hochnäsiges, blasses Spürrippchen, nach unserem ländlichen Dafürhalten! Der
bravste der Braven gab einem gewissen schwarzlockigen Strudelköpfchen nicht
undeutlich zu verstehen, dass er kein weibliches Wesen seinem Ideal so gänzlich
entsprechend gefunden haben würde als eben besagtes Strudelköpfchen; dass er
aber, auch abgesehen von dem Kommissvermögen, als ein Hartenstein Rücksichten zu
nehmen habe, welche gewöhnliche Leute Vorurteile nennen. Ei nun, Spürrippchen
oder Strudelköpfchen, einmal unter dem Pantoffel, ist er der Held, der mit
diesem oder jenem in ein Himmelreich kommt. Mein Dezem gehört, wenn auch aus
einigermassen abweichenden Gründen, zu der nämlichen Couleur, mit der wir Mädchen
uns eigentlich gar nicht einlassen sollten. Denn wenn ein Mann durch uns nicht
unglücklich werden kann, wie soll er denn durch uns glücklich werden, oder wir
durch ihn? Versucht wird es mit dem Dezem aber doch wohl werden müssen.«
    Jedem dieser Briefe wurde allerseits eine herzliche Einladung in das
Pfarrhaus beigefügt. Am dringlichsten von Mutter Hanna, wenn sie es auch
ablehnen musste, die Bürgschaft für eine auf dem Talgute zu errichtende
Schweizerei so wiet zu übernehmen, dass durch ihre Erträge einem Freiheitsdichter
in der Metropole des Genusses die Adlerfeder mit feinem Golde überzogen werde.
Über Papa Mehlborn, ihre briefliche Spezialität, konnte Mutter Hanna von Termin
zu Termin lediglich berichten, dass er rüstig weiterwirtschafte und nur sein
Augenlicht immer bedrohlicher im Abnehmen sei. Er stände ja aber auch hoch in
seinem achten Jahrzehnt.
Philipp von Hartensteins Vormund war ein gewissenhafter Herr. Wenn er unter den
Hörern seines Kollegs einen gefunden hätte, dessen matematische Beflissenheit
der exegetischen nur annähernd ebenbürtig gewesen wäre, würde er, ohne auf
heimische Beziehungen Rücksicht zu nehmen, den Zögling des toleranten Pfarrers
von Werben ebenso fern von seinem Zögling gehalten haben, als jener sich schon
seit dem zweiten Semester fern von des keineswegs toleranten Herrn Professors
Privatissimum hielt. Da ausser dem Studiosus Frei solch ein närrischer Kauz, der
die Matesis pura als genussreiches Nebenstudium der Exegese betrieb, nun aber
einmal nicht aufzutreiben war, und da der Schematist von Staat nun einmal einen
gewissen Grad der Matesis pura für einen zukünftigen Jünger Doktor Martin
Luters unerlässlich fand, da endlich auf diesem neutralen Gebiet konfessionelle
Widersprüche nicht zu befürchten waren, machte er aus der Not eine Tugend und
wendete dem armen Hutmannssohne von Werben für wöchentlich vier Pauklektionen
wöchentlich acht gute Groschen zu. Denn sotane Lektionen aus
landsmannschaftlicher Gefälligkeit gratis anzunehmen, dieses hoffärtige Ansinnen
konnte dem armen Hutmannssohne selbstredend nicht zugestanden werden.
    Nun, wenn auch dafür abgelohnt, machte es Dezimus Freude, seines weissen
Fräuleins erziehende Aufgabe, die in bezug auf den Knaben eine schwere war, um
ein Bruchteil zu erleichtern, und er nahm es geduldig in den Kauf, dass, bevor
das Buch aufgeklappt wurde, regelmässig ein Sturm leidenschaftlicher Klagen und
ein Strom von Tränen, Tränen der Wut, beschwichtigt werden mussten.
    Philipp hatte sich während des Siechtums seiner leidenschaftlich geliebten
Mutter darein ergeben, dem vom Vater erwählten Tutor zu folgen, und es war im
Grunde ja auch nur eine häuslich strenge Regel, welche er mit der anderen
vertauschte. Aber es ist ein Unterschied, ob das Haus, in welchem solche Regel
waltet, in lachender Landschaft gelegen ist oder in einer halbdunklen, rauchigen
Stadtgasse; ob Andachten und Choräle in hohen Sälen erklingen oder in einer
engen Gelehrtenstube, ob Benedikte und Gratias an einer völlig besetzten
Familientafel gesprochen werden oder vor und nach dem bescheidenen Mahle eines
Professors mit dreihundert Talern Gehalt und den Kollegiengeldern eines
Privatissimums, das die Zahl der Musen selten erreichte; ob man in den
Freistunden sich auf blühender Gartenterrasse - wenn auch nur in Gesellschaft
von ein paar Schwesterchen - austummelt oder sterbensseelenallein in einem
mauerumragten Hinterhof; vor allem aber, ob eine zärtliche Mutter wie Frau
Ottilie das weibliche Element der Familie vertritt oder eine ältliche, emsige,
kinderlose Schaffnerin wie die Hausfrau des Professors Hildebrand.
    Hatte schon daheim Magister Klein seine liebe Not mit dem Stillsitzen des
lebhaften, nicht unbegabten, aber widerwillig lernenden Knaben gehabt, so war
diesem jetzt nun alles und jedes zuwider, sträubte gegen alles und jedes sich
sein Hartensteinsches Blut. Unter den Augen seines Zwingherrn sass er
mucksmäuschenstill, mit verbissenem Grimm; in der Klasse verstopfte er sich
gleichsam die Ohren, um wegen Ungelehrigkeit und Trotz je eher je lieber von der
Schule gejagt zu werden. Vor seinem »lieben guten Dezimus« aber tobte er sich
aus wie ein unbändiges Füllen. Er wollte fort aus dem Pfaffenhause, in das
Kadettenkorps, in die weite Welt, gleichviel wohin, nur fort, fort! Er wollte
kein Schwarzrock, er wollte Soldat werden wie alle Hartenstein, sogar sein
Vater, als er noch jung gewesen. Warum hatte Martin werden dürfen, was ihm
gefiel? Wer gab einer Schwester das Recht, ihren Bruder zu zwingen in ein
Verhältnis, das ihm widerstand?
    Bei jedem Ferienbesuche brachte er die nämlichen Klagen und Beschwerden auch
den Seinigen zu Gehör, wenn auch in abgedämpften Tönen. Denn der Mutter
erweckten sie nur unstillbare Seufzer und Tränen, und vor Lydia scheute er sich,
da in ihrer Hand ganz allein - das einzusehen war er klug genug - sein Schicksal
lag. Wenn er aber niemals eine andere Antwort erhielt als: »Es ist deines
seligen Vaters Wille gewesen, harre aus!« dann stürmte er verzweifelnd in die
Pfarre, wo er in Röschen eine offene, in Mutter Hanna eine heimliche Verbündete
gegen den Gewaltakt, der an ihm verübt ward, fand, und was Pastor Blümel zur
Begütigung dagegen redete, redete er in den Wind. Nicht in den Wind, sondern wie
gegen einen ehernen Wall redete Pastor Blümel aber auch zu dem Herzen der
väterlich geliebten Lydia, sooft er sich ihr gegenüber zum Anwalt ihres Bruders
aufwarf. Sie fragte ihn, ob er in seinem Pflegesohn die Neigung zu einem diesem
angemessen dünkenden Beruf nicht gleichfalls niedergehalten habe?
    »Nur die Entscheidung dafür bis zu der Zeit seiner Reife,« antwortete Pastor
Blümel.
    »Mehr fordere auch ich nicht,« versetzte Lydia. »Sollte für einen
halbwüchsigen Knaben die Zeit der Reife aber schon gekommen sein? Und was geht
Philipp ab? Würde er in einem Alumnat, wie Sie es vorschlagen, grössere Freiheit
haben?«
    »Keineswegs, und diese würde auch keineswegs zu wünschen sein. Aber eine
jugendlich gesellige Sphäre, in welcher er sich nicht in das Extreme getrieben
fühlte. Bei jedem zu bildenden Menschen muss mit seinem Temperament gerechnet
werden.«
    »Er ist als jüngstes Kind durch übergrosse Liebe verwöhnt; strenge Zucht tut
ihm not. Das Leben ist kein bequemes Schaukelbett. Er steht unter Obhut der
gewissenhaftesten Pfleger, der treuesten Freunde seines Vaters. Er wird eines
Tages arm sein. Je einfacher seine Lebensweise geregelt ist, um so leichter wird
er künftige Beschränkungen ertragen. Jedes Kind soll erzogen werden gemäss der
Lage, welche sein von Gott berufener Hüter für ihn voraus zu berechnen vermag.
Mein seliger Vater hat bitterlich gelitten, weil, wie er glaubte, diese
Erkenntnis ihm zu spät gekommen ist.«
    Was sollte Pastor Blümel diesen logischen Folgerungen entgegenhalten? Er
seufzte. Aber der Seufzerhauch machte nicht, wie der Dichter es will, »ihm der
Seele Spiegel klar.« Eine deutliche Stimme warnte ihn, dass dieses seltene
Mädchen an seiner wichtigsten Aufgabe scheitern werde, indem es sie überspanne,
und dass ihr eigener Frieden schwerer als der des anvertrauten, leichtblütigen
Knaben bedroht sei. Lydia krankte an ihrem Ideal, und dieses Ideal war der
Glaube an vollkommenen Menschenwert. Sie hatte ihre Liebe zu Max als eine Irrung
erkannt, aber als eine Irrung, von der sie nicht zu genesen vermochte, und eben
darum war sie hart mehr noch gegen sich selbst als gegen den Bruder, in welchem
sie einen Bluts-und Geistesverwandten des Geliebten mit nur weit schwächerer
Begabung sah. Selbst ihr Vater stand vielleicht nicht mehr ganz so hoch wie
einst auf dem Piedestal in ihrer Brust.
    Indem Pastor Blümel diese sorglichen Erwägungen in des Sohnes Seele ergoss
und dessen Bitten um eine angemessenere Behandlung seines jungen Freundes mit
ihnen abfertigte, fühlte sich nun aber der Jüngling weit mehr als der Greis der
ersten Idealgestalt seines Lebens innerlich entfremdet. Die kindliche
Vertraulichkeit hatte mit Maxens Dazwischentreten ja aufgehört; Dezimus sah
Lydia seit Jahren nur noch gleichsam aus der Ferne; Erinnerung und Phantasie
jedoch arbeiteten an dem weissen Fräulein geschäftig weiter, bis allmählich und
immer dichter zum Herzen hinan ein kalter Nebelbrodem sich zwischen sie und
ihren jugendlichen Bewunderer drängte.
    Je schattenhafter nun aber das Bild des weissen Fräuleins in seiner Seele
verblasste, um so wesenhafter gestaltete sich die Neigung zu der süssen Rose,
deren Duft er nach jeder Trennungspause begehrlicher in sich sog. Er dachte gar
nicht mehr daran, nach Ablauf seines Trienniums sich noch einmal zu abstrakten
Messungen auf die Schülerbank zu setzen; er dachte nur so rasch als möglich ein
fertiger Mann, ja durch Aneignung des besten Teiles seines Selbst erst recht zum
Mann zu werden. Dezimus, Dezimus, hüte dich! Du bist bisher sonder Hast noch
Rast, wie es einem Glücklichen eignet, deine Bahn gewandelt. Hüte dich vor den
Dämonen, Jüngling! Lass es mit deinen Sternen nicht deinen Stern dich kosten!
    Peter Kurze war es, der jezeitige Doktorand, welcher, etwas weniger
euphemistisch ausgedrückt, diesen Warnungsruf vernehmen liess. »Stillvergnügter,«
sagte er, »das Kandidatenfieber ist bei dir ausgebrochen!«
    Aber Dezimus lächelte nur ob dieser Prognose. Die Sache lag nicht entfernt
so bedenklich, wie der Medikus in spe erachtete. Keine Spur von Fieber. Peter
Kurze war selber verliebt, daher nicht klarsichtig; in das liebe Röschen
verliebt, daher eifersüchtig; viel stärker verliebt als Dezimus, weil ein paar
Jahr älter und obendrein Mediziner, will sagen ein Praktikus des Natürlichen und
keine Spur von Idealist. Wächst solch ein Kandidatenparoxismus zwanzig Jahre
lang aus der Wiege heraus? Trägt Dezimus an seinem Finger ein Ringlein, das zu
einer künftigen Kette den Anfang bildet? Hat er dem schwarzen Strudelköpfchen
eine einzige Locke geraubt? Sammelt er Vergissmeinnicht oder Busenschleifen?
Begnügt er sich nicht mit dem Lichtbild in seinem Herzen, statt auf ihm eines zu
tragen, wie der fortschreitende Erfindungsgeist seit kurzem sie an Stelle der
mühsam mit dem Storchschnabel entworfenen Schattenbilder unserer Väter im
Umsehen von der Zauberin Sonne zeichnen lässt? Von all diesen Liebhabermerkmalen
kein einziges! Nicht ein Wort ist zwischen dem Studenten und seinem Röschen
gefallen, das der Kandidat und seine Rose hätten einlösen müssen. Endlich aber
die Hauptsache: was hätte es denn verschlagen, wenn das Kandidatenfieber
ausgebrochen wäre? Nur in der Ordnung würde es gewesen sein.
    Hiess er denn nicht schon seit Monden Herr Kandidat? Hätte er nicht Predigten
halten können, so viel ihm und seinen etwaigen Zuhörern beliebte, ohne dass ein
gewogener Professor sein Approbatum darunter setzte? Und ist dieser Abschnitt
nicht lediglich darum unerwähnt geblieben, weil er im Grunde ein Abschnitt nicht
war und das Aufhören des Trienniums und Stipendiums in seinem Tageslauf so gar
wenig geändert hatte! Statt gottesgelahrte Kollegia zu hören gibt er etliche
Unterrichtsstunden in einer höheren Lehranstalt, sitzt aber nach wie vor zu
Füssen seines herrlichen Chaldäers und arbeitet in der Zwischenzeit mit
Feuereifer an der Vorbereitung zu dem Examen pro ministerio, nach welchem der
Ordination nichts mehr im Wege steht. Bei dem bevorstehenden österlichen
Ferienbesuche wird er seinem Vater erklären, dass im Gestritt der Schulen das,
was not tue, ihm unverkümmert geblieben und dass er freudig gewillt sei, dem
Vater zur Seite zu treten, sobald dieser ihm sagen wird: »Ich bin müde geworden,
mein Sohn. Stehe mir bei, die Seelen unter meinen Augen ein wenig höher gen
Himmel zu richten.« Warum soll der Kandidat daher nicht so gut wie jeder andere
an Hüttenbauen denken?
    Ja, er lachte den Doktoranden recht stillvergnügt ob seiner Diagnose aus.
Bei alledem aber lachte er noch viel stillvergnügter, als besagter Doktorand und
Rival ihm erklärte, dass er der verflixten Promotion halber sich heuer den
Appetit auf Mutter Blümels Osterfladen verkneifen müsse, um ohne Gefühlspause
über der Patologie einer Fettleber, seiner schriftlichen Probearbeit, zu
büffeln. Es rann in Freund Dezems Adern kein Otelloblut; absolut ohne Dämonen
geht es aber auch in der stillvergnügtesten Brust nicht ab. Die Osterwanderung
ohne seinen besten Freund kam ihm noch einmal so vergnüglich vor.
    Aber noch ein zweites, leider wenig frohstimmendes Anliegen sollte während
ihr erledigt werden. Sämtliche Repetitorien, bis auf das seines jungen
Landsmannes, waren aufgegeben worden. Jetzt musste auch dieses wenigstens
beschränkt werden. Die Examenansprüche drängten, und ein erster
schriftstellerischer Versuch, ein astronomischer Leitfaden, den er unter der
Ägide seines getreuen Himmelsführers unternommen hatte, sollte womöglich noch
vor jenem Abschluss vollendet werden. Es galt daher, die Zeit gründlich
auszukaufen. Und Philipp hätte doch mehr denn je nicht bloss einer fördernden
Nachhülfe, sondern auch eines hingebenden Umgangs bedurft.
    Er war zum zweiten Male nicht nach Prima versetzt worden und bäumte sich mit
äusserstem Trotz gegen den aufgedrungenen Schülerberuf. Da ihm, als Strafe für
seine Lässigkeit, die österliche Ferienreise untersagt worden war, hatte Dezimus
sich vorgesetzt, sein Fürsprecher bei Lydia zu werden, um ihre Zustimmung zu der
ersehnten Soldatenlaufbahn zu erwirken. Der brave Hirtensohn! Eine Ader Don
Quixotes spukte doch wahrlich in seinem matematischen Kopf. Sich zu
unterfangen, woran Konstantin Blümel, der Versöhner, gescheitert war!
    Am Nachmittag vor der Reise sass er bei dem Artikel »Sternschnuppen«, einem
Leibartikel, über seinem Leitfaden, als Philipp in das Stübchen stürmte und sich
lautjubelnd ihm in die Arme warf. Die Decke in seines Professors Rauchneste war
zusammengestürzt, es musste ein Umbau und eine Neuordnung der Bibliotek
vorgenommen werden; der unbequeme Hausgenosse wurde daher bis nach den Festtagen
zu seiner Mutter entlassen. Dezimus hatte die Eisenbahn, die zwischen der
Universitäts- und der Werbenschen Kreisstadt schon seit Jahren fertiggestellt
war, noch niemals benutzt; er schritt mit Lust von Zeit zu Zeit einmal tüchtig
aus. Dem jungen Faulpelz war nun als Strafe diktiert worden, die Reise statt wie
bisher per Dampf diesmal per pedes mitzumachen. Was doch dieser gelehrte
Professor für ein Menschenkenner war! Die erste Fussreise, eine Wanderung mit
seinem lieben guten Dezimus - eine Strafe! Ach, wenn er doch die ganze Welt mit
ihm hätte durchwandern können! Das grosse Kind hatte sich bereits probeweise
Ränzchen und Botanisiertrommel umgehängt, auch einen gewaltigen Knotenstock
zugelegt. Er glich dem Vogel, dem die Käfigtür geöffnet worden ist, er sang und
pfiff vor heller Lust, krähte wie ein Hahn und wieherte wie ein Ross. Es war ja
ganz unmöglich, dass er je wieder in das grauliche Nest zurückkehrte. Wenn nur
sein lieber guter Dezimus ihm tapfer beistände, musste Schwester Lydias
steinhartes Herz ja endlich erweicht werden. Der mütterlichen Zustimmung war er
längst gewiss. Zum Winter trug er den bunten Rock.
    Während dieses wohligen Flügelschlagens erdröhnten die Treppe herauf
wuchtige Tritte, die Tür wurde aufgerissen, und in ihrem Rahmen erschien eine
Gestalt, die sich bücken musste, um nicht anzustossen; halben Kopfs höher als der
Hüne unter den Musensöhnen und mindestens noch einmal so breit, wennschon
besagter Hüne sich auch keiner Wespentaille zu rühmen hatte. Ein Prachtstück von
Mann mit seinem rötlich gelockten Haar und Bart, dem wetterbraunen Gesicht und
den weitgeöffneten meerdunklen Augen. Er kam Dezimus bekannt vor, obgleich er
doch wusste, dass er ihn niemals gesehen hatte; so wie ihn hatte er sich seinen
Vater vorgestellt, seinen armen Vater, ehe er bis zur Hutmannshütte
herabgesunken war.
    »Na, wer von euch Jungen ists denn?« rief der Fremde mit hauserschütterndem
Bass; als aber die »beiden Jungen« verwundert schwiegen, brach er in ein
schallendes Gelächter aus und sagte, indem er sich mit der Faust vor die Stirn
schlug: »Dummrian! der winzige Piepmatz kanns doch nicht sein!« dabei kriegte er
den Grossen beim Kopf, schmatzte ihn auf beide Backen, presste ihm die Hände, dass
ihm, der sonst bei einer Kraftäusserung just nicht zimperlich war, ein »Au!«
entfuhr, und erst nach dieser tatsächlichen Begrüssung stellte er sich vor mit
den Worten: »Ich bin Bruder Klaus!«
    Da gab es denn viel lautes und stilles Vergnügen, dann aber gewaltige
Neugier und gewaltigen Durst. Den letzteren von seiten des Steuermanns, die
erstere nur von seiten der beiden Jungen. Denn Bruder Klaus wusse ja aus
zweilangen Schreibebriefen, wie es dem Zehnten des Hutmannshauses gegangen war,
und hätte er es noch nicht gewusst, würde er es ihm an den Augen angesehen haben:
nämlich gut, und weiter brauchte Bruder Klaus nichts zu wissen; denn Jahr aus
Jahr ein zwischen Wind und Wellen, gewöhnt einer sich das Fragen ab. Dahingegen
liebte er es, wenn er einmal auf dem Trockenen sass, seinen Lungen durch Erzählen
Motion zu machen; und so tat er denn seinen Mund auf und nicht eher wieder zu,
bis die Punschterrine, welche die Haushälterin des alten Sternenprofessors
gefällig besorgt hatte, bis auf den letzten Tropfen geleert und das, was das
Herz anfüllte, für heute wenigstens genügend ausgeschüttet war.
    Der erste grosse Schreibebrief, dessen Eintreffen der Inselpastor mit der
Bemerkung, dass der Steuermann Frei auf einer Indienfahrt begriffen sei,
angezeigt hatte, war Jahr und Tag vor des Adressaten Heimkehr angelangt; die
erbetene Antwort aber aus guten Gründen unterblieben. Mit dem Buchstabenmalen
hatte Bruder Klaus es schon unter Kantor Beifussens Fuchtel nicht gar zu weit
gebracht, und während der zwanzig Jahre, dass er kreuz und quer die Wasserwelt
durchsteuerte, war es ihm »rattenkahl« abhanden gekommen. Auch seine Frau, Stina
hiess sie, verstand sich auf diese Fingerkunst nur schwach; kontrarie der
Inselpastor, der sich sogar bis zum Bücherschreiben auf sie verstand, würde die
Sache doch nicht so ausgedrückt haben, wie es der Klaus mit leibhaftigen Worten
getan. »Besser,« hatte er zu seiner Stina gesagt, »besser, ich mache bei
gelegener Zeit einmal hinein.«
    »Denn, nicht wahr,« so fragte er lachend, »bei euch zulande wird immer noch
wie sonst allerwegens gemacht, wo bei uns Strandleuten hingesegelt wird?«
    Weil Bruder Klaus nun aber erst noch verschiedentliche grosse und kleine
Touren abzusteuern hatte, war er erst gestern dazu gekommen, zum Dank auch noch
für den zweiten Schreibebrief, den der neubackene Kandidat in sein Inselhaus
geschickt, sich in Hamburg zum ersten Male im Leben auf eine Eisenbahn zu
setzen; musste auch binnen fünf Tagen schon wieder in seinem Hafen sein, um eine
Kaffeeladung aus Brasilien zu holen. Dann aber hatte er sich eine Landpause
vorgenommen und gedachte, wenn er es nämlich so lange aushielt, den Winter über
bei Frau Stinen und dem kleinen pausbäckigen Matrosen zu bleiben, der während
jener vom Pastor gemeldeten Indienfahrt in dem Inselhause eingesprungen war.
Neckischerweise dieser erste Bube an einem Tage mit dem erwähnten Bruderbrief,
dem ersten Schreibebrief in Mutter Stinas Ehestande. Der Inselpastor hatte ihn
ihr im Wochenbette vorgelesen, dann hatte sie ihn selber durchstudiert, und zwar
so oft, bis sie ihn auswendig konnte von A bis Z. Der Inselpastor aber hatte
beim Kirchgange der Wöchnerin eine Predigt über den Bruderbrief gehalten und das
Gleichnis vom Säemann, das just an der Reihe war, so erbaulich ausgelegt, wie
noch keinmal zuvor. Denn das Korn, das der Säemann ausstreute, hatte er für
gewöhnlich Gottes Wort genannt, heute aber nannte er es Menschenkind. Und von
zehn Körnern, die aus einer Mutterähre gefallen, wären sieben auf die sandige
Düne und die dürre Geest geweht und von den Vögeln gepickt worden und nur zwei,
die, als der Schnitter mit der Sense kam, bereits weitab zwischen Dornen und
Steinbrocken Wurzel geschlagen hatten, wären schlecht und recht fortgekommen.
Das zehnte Korn aber sei auf guten Marschenboden gefallen, sei darin angewachsen
und werde, so Gott wolle, Frucht tragen für die verlorenen sieben mit. Denn die
Ordnung der Natur sei es wohl, dass eine Kreatur die andere verdränge, um sich
das eigene Leben zu fristen; die Ordnung des Geistes aber und unseres ewigen
Heilands Gebot sei es, dass ein Menschenbruder für den anderen einstehe und
einbringe, was der andere ledig gelassen habe. Und diese Ordnung im Gottesreiche
nenne man die Liebe.
    Um dieser erbaulichen Auslegung willen hatte die Steuermannsfrau den
unbekannten Schwager im Binnenlande als Paten ihres Erstgeborenen in das
Kirchenbuch eintragen lassen und darauf bestanden, dass der Bube auf den Namen
Dezimus getauft werde; sie rechnete aber stark auf die nachfolgenden Neune, von
denen jeder einen so schönen Schreibebrief zustande bringen lernen sollte, dass
sein Pastor eine Predigt darüber halten konnte, wie die von dem zehnten Korn.
Und was die Steuermannsfrau sich einmal in den Kopf gesetzt, das setzte sie auch
durch. Bis jetzt waren es der Buben drei. Der allerinständigste Wunsch, den der
Buben Mutter seit der Zeit aber im Herzen hegte, war der, dass der schöne
Briefsteller, Schwager und Gevatter sie einmal in ihrem Hause, das das
allersauberste der Insel war, besuche, und darum hatte sie ihrem Steuermann
keine Ruhe gelassen, bis er sich auf die Eisenbahn gesetzt, die Einladung
anzubringen.
    Dezimus schlug in die mächtige Bruderhand mit dem Versprechen, gestattete es
Gott, nach zurückgelegter Prüfung seinen ersten weiteren Ausflug in das saubere
Haus seiner Inselschwägerin zu nehmen, und gestattete es deren Herr Pastor,
seine erste Predigt in der Kirche zu halten, wo der Erstling aus dem zweiten
Geschlecht, das dem armen Hutmannshause entstammte, auf den Namen und in der
Hoffnung des zehnten Kornes getauft worden war.
    Weniger froh stimmend als das Inselidyll lautete der Bericht, welchen Bruder
Klaus zu geben hatte über das zweite Korn, das just oberflächlich Wurzel
geschlagen, als der Schnitter die Mutterähre mähete. Bruder Friede hatte sich
von amerikanischen Agenten zur Auswanderung anwerben und das, was man Zufall
nennt, ihn später mit seinem Ältesten in einem brasilianischen Hafen
zusammenstossen lassen. Aber Bruder Friede trug ein Lumpenkleid.
    »Er hätte im Heimlande bleiben und auf den Unteroffizier dienen sollen,«
meinte der Steuermann. »Er war von jeher von einer Gemütsartigkeit, die man bei
euch zulande demide oder feige nennt. Der blöde Friede hat er schon auf Kantor
Beifussens Schulbank geheissen. Unter den Soldaten aber heisst es parieren, was zu
der Feigigkeit passt; drüben in Amerika kontrarie heisst es sich rühren und
riskieren, was zu der Demidigkeit ganz und gar nicht passt. Von wegen des
Parierens hätte er nun allenfalls auch zum Matrosen getaugt; aber da war nun
wiederum der Umstand mit der Seekrankheit, die dem armen Kerl ganz heidenmässig
mitgespielt und vor der er einen Respekt ärger als vor dem gelben Fieber hatte.«
    Einmal wird der blöde Friede es aber doch noch mit dem spassigen Würgengel
auf der Salzflut riskieren müssen. Bruder Klaus weiss ihn zu finden, wenn er
nämlich noch am Leben ist, und wird ihn auf der Retour von seiner nächsten
Spritzfahrt nolens volens in das Schlepptau nehmen, ihn in sein Inselhaus
transportieren und während seines faulen Winters sich nach einem Schlenderposten
für den armen Burschen umtun. Also hat Mutter Stina, in Erinnerung an das zehnte
Korn, es dekretiert. Und mit Mutter Stina ist nicht zu spassen; denn ein Ehemann,
der durchschnittlich von zwölf Monaten elf das Schiffssteuer führt, hat
natürlicherweise das häusliche Steuer auch im zwölften Monat seiner Ehefrau zu
überlassen.
    Im Haupte des Bruders Kandidaten war dieser Schlenderposten bereits
entdeckt. Das Hutmannshaus, jetzt keine elende Herberge mehr, stand wieder
einmal ohne Anwärter, da für eingeborene Ärmlinge in der Grabesstrasse
überflüssig gesorgt war und eine Gemeinde, die wie die Werbener auf sich hält,
sich wohl hüten wird, auswärtige Ärmlinge an ihren Benefizien teilnehmen zu
lassen. Bruder Friede mag in dem Hause sich nach Belieben die Zeit vertreiben,
bis über kurz oder lang - Schäfer Kunz hat seine Siebenzig auf dem Rücken - der
Hutmannsposten erledigt wird. Wie aber wird die gute Mutter Hanne sich freuen,
wenn sie eines Tages aus hohem Himmelsfenster herniederschauend den einen ihrer
Zehne die Weideherde und den anderen die Seelenherde in ihrem Dorfe führen
sieht!
    Nichts hätte dem Steuermann willkommener sein können als der Wanderplan der
beiden Jungen. Natürlich trabte er mit in das alte Nest. Bevor der Hahn gekräht
hatte, waren sie seelenvergnügt auf dem Wege, und der Kandidat liess sich auch
die Laune nicht verderben, als wider die Abrede vor dem Tore sein guter Freund
und Nebenbuhler aus dem dreiblätterigen Klee ein Vierblatt machte. Das
geistliche Blut hatte sich zu guter Letzt in dem Doktoranden geregt und das
Gewissen ihm geschlagen, die heilige Osterzeit durch die Vertiefung in eine
Fettleber zu entweihen. Da überdies ein mässiger Grad persönlicher Kurzatmigkeit
und ein hoher Grad kaum stillbaren Durstes von jener am unrechten Orte
abgelagerten rechtmässigen Substanz hergeleitet werden durften, musste es dem
Doktoranden nicht nur gesundheitlich, sondern auch ärztlich von Wichtigkeit
sein, wenn er den abmindernden Einfluss einer energischen Muskelbewegung auf
sotane Substanz an seiner persönlichen Leber ausprobierte. Beide Motive
leuchteten ein.
    Munter ging es nunmehr die pappelgesäumte Strasse entlang, welche vor
vierzehn Jahren der Held des Glücks als Abenteurer auf dem Bocke und dann zu
Füssen der weiland Harfenkönigin mit einem Viergespann dahingerollt war. Bruder
Steuermann führte das Wort; der Doktorand wurde übertönt und versenkte sich in
die stille Erwägung, ob sein Weizen ihm nicht etwa als Schiffsarzt blühen könne,
oder etwa die Patologie des gelben Fiebers in dessen endemischer Zone zu
studieren sei?
    Philipp hatte sich an des Matrosen nervigen Arm gehenkelt, und seine
Hartensteinschen frohen Augen hafteten leuchtend an dem wetterbraunen
Mannsgesicht. Die Kinderstube auf dem Schloss von Werben war eine von den wohl
seltenen, in welcher Campes Robinson nicht gelesen worden; nun war dem
Achtzehnjährigen zumute wie einem Achtjährigen, wenn ihm dieser unersetzliche
Liebling der Kinderwelt zum ersten Male unter die Augen gerät. Alles war der
jungen Landratte neu: Seeleben und Strandleben, Schiffe und Fische, Wogen und
Winde, die gesamte weite, freie Gotteswelt, die jenseit seines grauen,
buchgefüllten Kerkers lag. Seine Brust schwellte sich von wollüstigem Sehnen.
    Aber auch Dezimus erntete sein Teil von Robinsonfreude, und auch seine Brust
schwellte sich von wollüstigem Sehnen. Denn die unstete Woge zu seinen Füssen
beherrschen, ist es ja nicht allein, was der Segler auf hohem Meere lernt; auch
der Ozean zu seinen Häupten muss ihm ein Vertrauter werden; er muss das Steuer
nach den ewigen Gestirnen lenken lernen. Und wie der Freund dieser ewigen
Gestirne nun zum ersten Male aus eines Zeugen Munde den Eindruck schildern
hörte, den der Weltumschiffer empfängt, wenn er in der Nacht, wo er die Zone
überschritten hat, plötzlich eine andere Himmelswelt im Strahlenfeuer der Tropen
leuchten sieht und er sich nun vorkommt wie auf einer anderen Erdenwelt, da
überrieselten Schauer des Jünglings Leib, und tief aus dem Herzen lockte eine
Stimme: Erst einen Blick auf das südliche Kreuz und dann Hütten bauen unter dem
Richtstern des Nordens!
    Mit kräftigerem Bass war noch kein Osterlied in der Kirche von Werben
gesungen worden als von dem Steuermann Klaus Frei; so voll Wunder und Stolz Haus
bei Haus in der Gemeinde noch kein Heimatskind willkommen geheissen als der
Weltumsegler Klaus Frei. Selber die bleichen Wangen in der klösterlichen
Schlosskemnate überflog wieder einmal ein Anemonenhauch. Die Angelegenheit des
blöden Friede erledigte sich sonder Bedenken, denn wo es ein Werk der
Barmherzigkeit galt, waren Lydia und Konstantin Blümel jederzeit eines Sinnes.
Als nach ein paar frohen Tagen Bruder Steuermann aus seinem alten Neste schied,
erneuerte Bruder Kandidat das Versprechen, im Verlauf des faulen Winters in dem
sauberen Inselhause einzukehren und den Bruder Amerikaner heim in das elterliche
Hirtenhaus zu führen.
    Nun erst kam die Reihe an Philipps freiheitliches Anliegen. Der arme
Philipp! Er hatte das heitere Zusammenleben von der ersten Stunde bis zur
letzten hoffnungssicher geteilt; nun traf ihn seiner Schwester Schiedsspruch wie
ein Donnerschlag. Es war seit nahezu vier Jahren zum ersten Male, dass Dezimus
für länger als eine Begrüssung unter Lydias Augen trat, um als Fürsprecher ihres
Bruders diesem den ersehnten Eintritt in den Militärdienst zu erwirken. Lydias
strenges Urteil über den Knaben und ihre Weigerung, seiner Lust zu willfahren,
waren unüberwindlich.
    »Auch zum Soldatwerden,« sagte sie, »gehört tüchtiges Lernen, das heisst
lernen wollen; denn Sie selber geben zu, dass Philipp es vermag. Zunächst aber
Gehorsam lernen. Mein Vater hat in seinem nächsten Zusammenhange erlebt, bis zu
welchem Äussersten ein ungezügeltes Temperament vornehmlich in diesem Stande
führt, und er hat an sich selbst erlebt, wie erneuernd Gottes Wort und eine
strenge Zucht auf ein Gemüt voll ungestümer Begierden wirken. Eines Vaters
Weisheit hat für den Sohn gewählt, er muss unter straffem Zügel ausharren, bis er
zur Selbstführung fähig geworden ist.«
    Lydia geleitete ihren Bruder persönlich in das Haus zurück, das er seinen
Kerker nannte. Da er die unumstössliche Weisung erhalten hatte, nicht früher als
nach bestandenem Primanerexamen in die Heimat zurückzukehren, musste auch während
der grossen, sommerlichen Erholungsvakanz in unzerstreuter Arbeit stillgesessen
werden. Der Knabe, dessen Phantasie eben erst die Fühlhörner in ein Reich der
Freiheit ausgestreckt hatte, folgte dem eisernen Willen starr und stumm, in
verbissenem Grimm.
    Dezimus verhehlte sich nicht, dass Lydia dem Wesen nach das Richtige gesagt
hatte und es tat; aber die Weise, in der sie es sagte und tat, beklemmte ihm das
Herz. Hätte der Vater an seinen Sohn die gleiche Heischung gestellt, würde
selbst Konstantin Blümel sie gebilligt haben. Es rumorte ja ein gefährlich
unstetes Blut in diesem Geschlecht. Das Beispiel Hilmars von Hartenstein und in
anderer Richtung auch das seines Sohnes warnten laut. Nun aber, da es ein Weib
war, ein junges Mädchen, das die Heischung stellte, eine Schwester, die sich
Vaterrechtanmasste, nahm die gemütliche Familie im Pfarrhause samt und sonders
gegen sie Partei. Vater Blümel sah mit tiefem Seufzen das Bruderherz sich gegen
das Schwesterherz empören und den allzu straff gespannten Bogen brechen; seine
Hanna beklagte die arme Mutter, deren Tränen so für gar nichts geachtet wurden;
Röschen schüttelte unwirsch die schwarzen Locken und schalt wie ein kleiner
Rohrsperling auf die tyrannische Nonnenseele im Schloss. Sie würde in Peter
Kurzen, natur- und vernunftgemäss, einen Sekundanten gefunden haben, auch wenn er
nicht zufällig ihr zärtlicher Anbeter gewesen wäre. Nun aber, da er es war,
verdoppelte sich im Schwelgen von Rosendüften die Idiosynkrasie, welche der
nervenstarke Mediziner mit der nervenschwachen Klaviermeisterin gegen das Arom
der weissen Lilie teilte. Er nannte sie schlechtweg nur »die Belladonna« und
dozierte mit naturwissenschaftlicher Unfehlbarkeit:
    »Ein Gramm Blutshoffart, zwei Gramm Heiligenhoffart von der Mutterbrust an
stündlich eine Prise voll eingeschnupft, und mit dem Kuckuck müsste es zugehen,
wenn aus einem weiblichen Wickelkinde in mannbaren Jahren nicht ein Individuum
reif für die Zwangsjacke werden sollte.«
    Diese allseitige Schilderhebung hatte plötzlich des Kandidaten eigene
feindselige Position verändert; er lief spornstreichs in das andere Lager
hinüber und brach für sein weisses Fräulein die allerritterlichsten Lanzen. »Es
gewährt die Liebe gar oft ein schädlich Gut, wenn sie den Willen des Fordernden
mehr als sein Glück bedenkt,« zitierte er und fand in der Bewunderung von Lydias
aufopferndem Streben wenigstens in dem Vater einen standfesten Verbündeten. Des
Doktoranden giftige Analyse der hehren Lilie reizte ihn aber Wort um Wort zu
weit gewaltigerem Zorn, als die Qualen der Eifersucht auf die liebliche Rose ihn
fertiggebracht haben würden, und so muss es als ein Segen gepriesen werden, dass
die Patologie einer Fettleber wieder so mächtig in Peter Kurzen wurde, um ihn
schon am zweiten Osterabend in seine Doktorandenklause zurückzutreiben. Wer
weiss, ob die Jünglingsstufe eines Glücklichen sonst nicht mit einem blutigen
Konflikt abgeschlossen hätte.
    Gottlob! der Störefried war fort! Und nunmehr allein im trauten
Familienkreise, kam des Kandidaten eigenstes Anliegen an die Reihe der
Aussprache. Er eröffnete dem Vater seinen freien und festen Entschluss und hoffte
im stillen stark, dass der Vater ihm entgegnen würde: »Salve, mein Sohn! der
Greis wird allgemach müde, spute dich!«
    Der Greis lächelte aber nur und sagte: »Bene vixit, qui bene latuit!
Indessen, mein Sohn, die Stunde der Entscheidung hat noch nicht einmal
ausgehoben.«
    Für den Kandidaten aber hatte sie vernehmlich ausgeschlagen und für sein
liebes Röschen, so schien es, auch. Sie umgaukelte ihren Mus wie der
allerzierlichste Schmetterling; hing sich im Garten an seinen Arm und flatterte
vor ihm her, als er, den Platz zu einem Tempelbau für das Rohr der Zukunft
auszuwählen, die Treppe zum Boden hinanstieg. Natürlich wollte Röschen es nicht
dulden, dass um des dummen Rohres willen ihre lieben Täubchen aus dem Schlage
vertrieben würden, und wenn ihr alter Dezem ihr handgreiflich demonstrierte, dass
die lieben Täubchen über dem warmen Kuhstall ja weit behaglicher logieren
würden, da erklärte sie ihrem alten Dezem, dass Kuhdunst sie übel mache und dass
sie doch wahrhaftig um der langweiligen Sterne willen nicht auf den Besuch ihrer
Lieblinge verzichten könne. Und so stritten sie sich hin und her über
Taubenschlag und Observatorium, wohl auch über noch mehr dergleichen wichtige
Objekte; lachten aber dabei, gingen Hand in Hand und blickten sich wie die
allereinträchtigsten Menschenkinder in die Augen.
    So schied denn Dezimus, wie er hoffte, zum letzten Male als Feriengast, aus
dem Elternhause. Sein Gewissen war leicht, voll sein Herz, auch der Nerv,
welcher bisher beunruhigend auf sein Hirn gedrückt hatte, in das Gleichgewicht
gesetzt, seitdem er sich seinem frühesten Zusammenhange wieder eingefügt sah.
Frohgemuter als er ist schwerlich ein Kandidat seiner Amtsprüfung
entgegengeschritten.
Wer aber überdächte den Lauf auch des glücklichsten Menschenlebens, ob es sein
eigenes oder das eines Vertrauten sei, ohne dass in jedem Stufenjahr, ja auf
jeder Jahresstufe einer, an welchem sein Blick mit Anteil gehangen oder der,
wenn auch nur mittelbar, auf ihn eingewirkt hatte, seinem Gesichtsfelde entrückt
worden wäre in das Schattenreich? Klagen und Fragen werden laut; wir fühlen eine
Lücke; rasch aber weht die Zeit; Klagen und Fragen verstummen; binnen Wochen
oder auch nur Tagen ist die Lücke ausgefüllt, junges Licht verdrängt die
Schatten; bald ist es, als hätten wir das, was war, nur geträumt. Das stärkste
Menschenherz hat nur für wenige Schmerzen die Kraft, sie treu bis in das Grab zu
tragen.
    Auch in des Hirtensohnes von Werben engumschriebenem Jugendkreise bewegte
sich, wie wir sahen, Stufe um Stufe ein Leichenzug, als dessen Zeuge er klagen
und fragen hatte hören, wohl auch bescheidentlich mitgeklagt und mitgefragt,
bis, wie ein Windeswechsel, ein Hochzeits- oder Kindtaufszug ihn verdrängte. Und
so sollte er auch seine Studienstufe nicht vollenden ohne solchen ebbenden und
flutenden Strom.
    Noch im Frühling traf ihn die Todeskunde von seines Freundes Martin junger
Frau. Sie war im ersten Kindbett erlegen; Dezimus hatte sie nicht gekannt; ihre
kleine Waise wusste er an Frau Ottiliens Herzen mütterlich geborgen; so dauerte
ihn denn wohl der arme Witwer, er schrieb ihm auch einen herzlichen
Beileidsbrief, und dann war Lisbet von Hartenstein zu den Schatten geweht -
vielleicht nicht bloss für ihn.
    Tiefer griff für viele und auch für Dezimus selbst, ebenso unerwartet, ein
anderes Scheiden während der sommerlichen Zeit.
    Sidoniens kürzlicher Johannisbrief hatte des Persönlichen wiederum wenig
Neues gebracht. Sie sprach mit wachsender Anerkennung von ihrer Mutter und deren
Gatten, obgleich sie den letzteren noch immer nicht Vater nannte. Ihre früheren
Heimatspläne hatte sie niemals wieder erwähnt; sie mochten wohl mehr Scherz als
eine Fühlung gewesen sein.
    Eingänglich und mit geistvollem Humor behandelte sie dagegen das politische
Gestritt, das, durch den langer Hand vorbereiteten Sonderbundskrieg in nächster
Nähe gesteigert, ihr an Harmonien gewöhntes Ohr als krauses Charivari
umschwirrte. Da gab es rings um die kleine Musikmeisterin, als der einzigen
standfesten Borussin, religiöse Freigeister, staatlich konservativ, staatliche
Radikale, schwärmend für eine neue Religion; Liberale aller Grade; begeisterte
Polen, umstürzende Russen, italienische Verschwörer, Gross- und Klein-, Alt- und
Neuteutonen, Republikaner, Sozialisten und Kommunisten im widerspruchsvollsten
Miteinander und Gegeneinander. Aus der Ferne trug dann noch der französierte
Bruder Poet eine Klangfarbe hinein, die zwischen Trikolore und blutigem Purpur
schwankte, allemal aber ein wenig in das Hartensteinsche Wappengold schillerte.
    »In meinem Mäxchen ist der Junker vom Werdetag wieder aufgewacht,« schrieb
die Schwester.
    Dezimus bewunderte an seiner jungen Freundin den hellen Sinn, der inmitten
eines betäubenden Phrasenschwalls redliche Torheit so haarscharf von gemachter
Verwogenheit unterschied, ohne sich durch irgendwas oder irgendwen in der
eigenen Meinung, der Billigkeit gegen alle und der Liebe gegen einen einzigen
beirren zu lassen. Kritik und Neigung, die feindlichen Schwestern, gingen in
ihrer Natur einträchtig Hand in Hand. Sie verstand den Menschen, hielt sich an
sein Ursprüngliches und nicht an die verkehrten Äusserungen, durch welche er, in
eine schiefe Stellung gedrängt, überschüssige Säfte ausgärte, leider aber auch
oftmals seine wesentlichste Essenz verflüchtigte. Bei keinem Menschen aber mehr
als bei ihrem Max. Über denselben sagte sie indessen auch heuer weiter nichts,
als leider verständlich genug:
    »Paris verdirbt ihn; das heisst die Pariserinnen, für welche ein schöner Mann
ein Genie ist, auch wenn er es nicht wie in seiner Art mein Mäxchen wäre. Wer
fragt beim Belvederischen Apoll nach seiner Leier? Bei aller Abgötterei, die der
deutsche Lord Byron mit sich treiben lässt, glaube ich aber dennoch, dass er
wahrhaft geliebt nur die einzige hat, für die er kein Genie gewesen ist, und dass
er eben darum sie vielleicht heute noch liebt. Das Schwanenlied mit seinem
Schmachten nach heilig kühlem Frieden ist das rührendste, was er gedichtet hat;
und wahrscheinlich das einzige, das sich in den Herzen dauernd einbürgern wird.
Ich habe beim ersten Lesen eine Melodie dazu gefunden, die in Paris entzücken
soll; notabene, wenn der Dichter sie selbst vorträgt. Als Ehemann würde er
freilich rauhe Seide mit seinem Schwan gesponnen haben. Nun, was eine Frau zur
Verzweiflung brächte, eine Schwester hält es aus ohne Herzensbankrott.«
    Sidoniens Brief versetzte, wie immer, Dezimus in eine prüfende Stimmung,
heute aber vornehmlich nach einer Seite hin, die er bisher so gut wie gar nicht
in Betracht gezogen hatte. Seine Grundanlage war die der stillen Forschung und
seine heimische Zone für politische Strömungen ein schwach lodernder Herd. Auch
auf der Hochschule, welcher er angehörte, hatte das vorwaltend teologische
Element Aktion wie Reaktion wesentlich vom staatlichen Gebiet in das geistliche
gedrängt. Ein ausserhalb stark bewegendes Zeitorgan mit radikalen Tendenzen hatte
innerhalb nur schwachen Widerhall gefunden und war kaum vermisst worden, als es
polizeilich des Landes verwiesen wurde.
    Nun jedoch trafen die erregenden Schweizer Nachrichten zusammen mit denen
von dem blutigen Aufstande in Polen, zusammen aber auch mit dem ersten grösseren
parlamentarischen Versuch in unserem Vaterlande, der von den einen hoffnungsvoll
begrüsst, von den anderen vielfältig bemängelt, schliesslich keinem einzigen zu
genügen schien, und an jeden ernstaften Mann trat die Frage heran, wie er sich
inmitten der immer dichter zudrängenden staatlichen Probleme zu stellen, unter
welchem Banner er die Aufgabe zu erfüllen habe, die auch dem Bescheidensten als
Bürger und Patriot gestellt ist.
    Dezimus legte sich diese Frage zum ersten Male vor, und eben darum konnte er
zu einem zufriedenstellenden Abschluss, wie er ihn zwischen den teologischen
Parteien gefunden zu haben glaubte, nicht gelangen. Es fehlte ihm der
ausschlaggebende Drang des Moments: der Affekt. Vielleicht hat es unter den
Hunderten seiner jungen Kommilitonen keinen zweiten gegeben, dessen Natur, die
innerliche und die äusserliche, so durchaus eine deutsche war wie die des
Hirtensohnes von Werben. In deutscher Weise glauben, denken, wollen, handeln war
ihm so eingeboren und unveräusserlich wie Atemholen oder der Mutterlaut; in der
fremdartigsten Umgebung würde ein fremdartiger Überguss an ihm abgeglitten sein.
Auch schwärmen in deutscher Jugendweise eignete ihm wohl, das heisst schwärmen
nicht bloss für ein individuelles, sondern auch für ein zuständliches Ideal; aber
das schwarzrotgoldene Banner, für welches die Jünglinge der ihm vorangehenden
Generation geschwärmt und gelitten hatten, war für ihn kein solches Ideal. Der
Faden, der in ein deutsches Reich der Vergangenheit zurückleitete, war in der
Pfarre von Werben schwarzweiss übersponnen worden, und ihn grauste vor den
blutigen Strömen, unter welchen allein er in ein deutsches Reich der Zukunft
hinübergeleitet werden konnte; die parlamentarischen Forderungen aber, welche
jene nämlichen Jünglinge jetzt als Männer stellten, schlugen chaotisch
unverständlich an sein junges Ohr. In Summa: der Kulturgipfel seiner Rasse, ja
vielleicht aller Rassen, ragte für ihn in einem anderen Kreise als dem
staatlichen; in einem engeren für den einzelnen, in einem weiteren für die
Gesamteit. Hätte er wie Max von Hartenstein, als geborener Aristokrat und
Millionär in spe, inmitten einer Metropole zeitentzündender Ideen gestanden,
wohl möglich, dass die der Gleichheit und Brüderlichkeit einen lebhaften Anklang
in seinem Herzen gefunden hätte. Als Sohn der misera plebs auf einem Dorfe durch
die Wohltaten höhergestellter, edler Menschen herangebildet, wendete sein Gemüt
sich ab von dem demokratischen Schibbolet als einer Undankbarkeit und
Überhebung. Wohl dünkte die Zeit ihm herrlich, und er hoffte auf ihre Erfüllung,
wo kein verzweifelnder Vater sein Kind statt eines Huhnes oder Lammes als
Frönerzins in das Haus barmherziger Menschen zu tragen brauchte; wo kein
Richter, wie Ehren-Hecht, die Übertretungen von hoch und gering, von arm und
reich mit ungleichem Masse büssen liesse; wo der Glaube eines Joachim von
Hartenstein und der Zweifel eines Tomas Zacharias sonder Acht und Bann laut
werden durften; für solchen würdigeren Zustand aber mitzuwirken, anders als im
persönlichen Dienst seines bescheidenen Heimatskreises, trug er kein
herzschwellendes Verlangen. Der Zögling Konstantin Blümels, des freiwilligen
Jägers von 1813, hatte gelernt, dass es süss sei, kämpfend für das Vaterland zu
sterben; dass es auch süss sei, kämpfend für einen konstitutionellen Staat zu
leben, - ei nun, Held Dezimus ist ja jung, vielleicht lernt er es noch.
    Der Inhalt von Sidoniens Brief klang noch in ihm nach, als Dezimus aus dem
Pfarrhause die Kunde erhielt, dass die lebensvolle Frau, deren noch eben mit
würdigender Anerkennung gedacht worden war, nicht mehr unter den Lebenden weile.
Kerngesund hatte Brigitte Zacharias sich in die ihr so vertraute Seeflut
gestürzt; als Leiche war sie an das Ufer gespült worden; der Glücklichen eine,
die mit Bewusstsein in ihrem Elemente leben und unbewusst auch in ihrem Elemente
sterben.
    Und da wurde denn wieder einmal viel bängliches Fragen und Klagen vernommen;
denn ein bedeutender Platz war unausfüllbar ledig geworden. Man fühlte die
Vereinsamung des Gatten, der mit dieser Frau in der seltensten Einigung
verbunden gewesen war; man fühlte die Schutzlosigkeit der verwaisten Tochter;
vor allem aber fühlte man die Qual des Greises, der das letzte, ja das einzige
menschliche Wesen, das er geliebt hatte, vor sich hinscheiden sah, ohne es so
glücklich gemacht zu haben, wie es in seiner Macht gestanden.
    Er hatte sich, nachdem die Schreckenskunde ihm von seiner Wirtschafterin
vorbuchstabiert worden war, in seiner Kammer eingeriegelt und liess keinen, der
ihm Trost zuzusprechen kam, vor sich, weder den alten treuen Blümel noch die
neuen Prediger seiner beiden anderen Güter noch selbst den Emeritus Beifuss, den
einzigen, welchem er, als einem Zeitgenossen, sich dann und wann vertraulich
näherte, und auch der einzige, gegen welchen er späterhin einmal seines
Verlustes erwähnte. »Was hilft mir nun meine Gruft, wenn meine Brigitte nicht
drinnen schläft?« hatte er gesagt. Ihm graute seit der Zeit vor dem Sterben,
nach welchem er in den Tagen seines Grimmes sich manchmal gesehnt hatte.
Vielleicht schwante ihm, dass seine Brigitte sich in jener Welt vor dem
allerhöchsten Trone wiederum eine Stufe höher stellen werde als er und dass er
sich in Ewigkeit ohne dankbare Tochter behelfen müsse; und in dieser Welt hatte
er doch wenigstens seine dankbare Scholle.
    Auch schritt er schon am dritten Tage die Raine seiner Äcker kreuz und quer
wie vor der Hiobspost. Er schritt rüstig, wenn auch am Stock, und vor den Augen
einen grünen Schirm. Es war ihm nur ein schwacher Lichtschimmer geblieben. Wehe
aber dem, der sein Gebrechen ihm anzumerken schien und daraufhin wohl gar sich
eine Ruhepause vergönnt hätte! Er kannte blindlings jeden Platz, der einem
Arbeiter angewiesen war, und wähnte, für einen Sehenden gehalten zu werden, wenn
er seine Stimme so laut erhob, dass seine Befehle weit in die Aue hinein gehört
wurden.
    »Der Bär brummt!« hiess es dann in der Gegend, und die Fröner lachten sich in
die Faust, weil der alte Spürhund das faule Wesen doch nicht schnüffeln konnte.
Er wusste auch recht gut, dass er auf Schritt und Tritt betrogen werde; er
witterte einen Dieb hinter jedem Zaun und legte aus Furcht vor Einbrechern sich
nicht zu Bett. Das Reichwerden hatte dem Mann keine schlaflosen Nächte gekostet,
aber das Reichsein kostete dem Greise die Ruhe Tag und Nacht. Er verfiel
sichtlich.
    Mutter Blümel fügte daher ihrem Trauerbriefe an Sidonie die unumwundene
Mahnung bei, ihren natürlichen Platz in der Nähe des Grossvaters sobald als
möglich einzunehmen. Nicht nur aus Kindespflicht gegen den blinden Greis,
sondern auch zur Wacht über ihr künftiges Erbe. Dringender denn je wurde die
Einladung in das Pfarrhaus wiederholt und Tag für Tag auf einen zusagenden
Bescheid gehofft. Tag für Tag jedoch vergebens.
    Auch Dezimus schickte sich an, Sidonien ein teilnehmendes Wort, ihrem
tapferen Sinne gemäss, zu sagen; unwillkürlich jedoch tönte es aus in einen
weicheren Klang, als er sich vorgesetzt hatte; denn während des Schreibens
überkam ihn zum ersten Male die Vorstellung, dass - und wie bald vielleicht! - er
selbst einen gleichen Schmerz zu tragen haben werde, ja dem Gesetze der Natur
nach ihn unvermeidlich tragen müsse, da seine Mutter ein Geschlecht vor der
geschiedenen vorauszählte. Gottlob! dass ein junger Mensch solche Vorgesichte des
Natürlichen nicht lange auszuhalten vermag! Aber mit einem Gefühl der Beschämung
ermass Dezimus den Unterschied des Glücks im Empfangen und Empfinden der
Mutterliebe zwischen sich, der Waise, und dem leiblichen Kind; und dieses
Ermessen hauchte über seine Worte eine Tränenspur. Auch wollte ihm tagelang
nicht gelingen, eine ahnungsvolle Wehmut zu bannen. Endlich aber griff er mit
wackerem Entschluss nach seiner Examenpräparation und der Korrektur der ersten
Druckbogen seines Leitfadens, und über Präparieren und Korrigieren verwehte das
bängliche Ahnen mit Mutter Brigitten zu den Schatten.
    Ein nachhaltigerer, weil allzu lebendiger Störenfried blieb der arme
Philipp, wennschon der Kandidat ihn nur noch selten zu Gesicht bekam. Die
Übungsstunden hatten aufgehört, auch darum, weil der Knabe im matematischen
Gebiet weniger einer Nachhülfe bedurfte als in dem der verhassten alten Sprachen
und diese letztere jetzt von dem Professor selbst in verdoppeltem Masse geleistet
wurde. Während der grossen Ferien jedoch war den beiden Heimatsgenossen dann und
wann ein gemeinschaftlicher Spaziergang - selbstverständlich ohne Schenkenziel -
gestattet worden; eine Vergünstigung, die Lydias Fürwort zu danken sein mochte
und die der ältere ihr auch aufrichtig dankte, wenngleich er mit dem jüngeren
mehr denn jemals seine liebe Not hatte.
    Nach Hause sehnte sich derselbe zwar keineswegs; denn die Mama sass fern in
des verwitweten Martin Kinderstube, und die ausschliessliche Gesellschaft seiner
harterzigen Schwester mutete ihn noch graulicher an als die des Horaz und des
Professor Hildebrand. Überhaupt genügte ihm die stille Heimstätte von Werben
jetzt nicht mehr; ja, es gab kaum einen erreichbaren Platz, der seinem
Knabentrotz genügt haben würde. Es war kein Zweifel, dass er auch bei der
nächsten Versetzung nicht nach Prima aufrücken werde, und er wollte auch gar
nicht hinaufrücken; er wollte nichts, was er sollte; was er aber an Stelle des
Gesollten wollte, das wusste er wohl selber nicht, und Dezimus wusste es noch viel
weniger. Denn wenn der Junge nach Tollkopfsart sagte: »Noch einen Winter in dem
Loche halte ich nicht aus! Lassen sie mich nicht gutwillig los, dann weiss ich,
was ich tue!« da dachte Dezimus: »Ja, was kann er denn tun? Desperate Burschen
laufen heutzutage nicht wie zu Vater Klausens Zeiten unter die Soldaten, sondern
allenfalls von den Soldaten fort.« Der arme Philipp war des Kandidaten einziges
Kümmernis in diesen frohgeschäftigen Sommertagen.
Das Hauptexamen war glücklich bestanden, die wichtigste Stufe zum Altar der
Heimatskirche erklommen. Auch der Leitfaden lag zur Überraschung für Vater
Blümel bereit, zierlich gebunden, mit kleinen Himmelskärtchen durch schossen
und, was die Hauptsache war, gekrönt mit einem Vorwort von des greisen
Sternenmeisters eigener Hand. Dieser teuere Gönner hatte von Haus aus, als
Einführung in die Gelehrtenzunft, zu einem Versuch aus des Günstlings eigener
Gedankenwelt geraten; der Günstling aber sich mit dieser Zusammenstellung für
Schülerkreise begnügt. Einmal aus geziemender Bescheidenheit; zumeist jedoch aus
dem Verlangen, seinen Vater auf leichtfassliche Weise in eine Bahn zu locken,
welcher der dereinstige Verweser der väterlichen nebenbei keineswegs zu entsagen
gedachte. Eine zunftgemässe Abhandlung über die Meteorenschwärme, so luminöse
Hypotesen er darin aufstellen mochte, würde Konstantin Blümel, den Greis, noch
weniger als in jungen Jahren angemutet haben, während das vorliegende Zeugnis
einer der Schule nutzbringenden Tätigkeit recht eigentlich nach seinem Sinne
war.
    Dezimus nahm nach der Rückkehr aus der Provinzialhauptstadt, vor deren
Konsistorium das Examen geleistet worden war, sich nicht die Zeit, sich Lehrern
und Freunden zu empfehlen. Binnen kurzem musste er ja doch wiederkommen, um, je
nach des Vaters Entscheidung, Abschied zu nehmen für immer oder seine
Lehrertätigkeit zu erweitern. Der Tag sollte aber nicht zur Rüste gehen, ohne
dass die frohe Botschaft den teuersten Menschen von Angesicht zu Angesicht
verkündet wurde, und darum gedachte der Kandidat, nunmehr ja ein gemachter Mann,
sich zum ersten Male den Luxus einer Heimfahrt per Eisenbahn zu gestatten.
    Auch das Lebewohl von Philipp wollte er sich und dem armen Jungen sparen.
Der morgende Tag brachte ihm wiederum ein kaum vermeidliches Scheitern; es
sollte nicht geschärft werden durch den Eindruck des eigenen Gelingens, durch
den Sprung in die Heimat die eigene Gefangenschaft nicht noch empfindlicher
gemacht. Als er jedoch aus dem Hause trat, um nach dem Bahnhofe zu gehen, kam
Philipp ihm entgegen. Er hatte des Freundes Rückkehr erfahren und ihm Glück
wünschen wollen. Nun gab er ihm das Geleit.
    Er war wortkarg, ja verbissen, wie sonst immer nur in Gegenwart seines
»Kerkermeisters«; er hielt die Lider gesenkt, schlug er sie aber einmal in die
Höhe, dann glimmte ein seltsam unheimliches Feuer in den schönen, blauen
Hartensteinschen Augen. Auch fand der Freund ihn blass und abgemagert; er mochte
harte Strafreden hören, harte Klausur haben aushalten müssen. Dezimus fragte
nicht danach. Zu helfen war hier nicht, und das Mitleid eines Glücklichen ist
ein so schwacher Trost.
    Im Vorübergehen trat er bei einem Uhrmacher ein, dem er am Morgen sein
stolzes Erbkleinodium zu einer leichten Reparatur übergeben hatte, und es ist
der Biograph verdienten Tadels gewärtig, weil er dieses einzigen Wertstückes
seines Helden erst bei so später Gelegenheit Erwähnung tut. Denn der Werbensche
»Erbsackseiger« war ein vielbemerkter Gegenstand unter der Studentenschaft
gewesen, hier der Bewunderung, dort des Witzes; am häufigsten wohl des Neides,
da, wenn auch nicht ein Stutzer, so doch jeglicher Altertümler ein erkleckliches
Sümmchen dafür geboten haben würde.
    Umschlossen von einem standfesten Goldgehäuse, näherte das Kunstwerk sich
der Kugelform und bildete demnach in des Trägers Westentasche eine Aufbauchung,
welche einem Uneingeweihten das Leidwesen von Peter Kurzens Doktorandenvorwurf
befürchten lassen durfte; dem Eingeweihten erhöhte selbstverständlich das
Gehäuse des Pretiosums Wert; wurde nun aber gar auf der Rückseite ein
freiherrliches Wappen augenfällig, mit einer Krone darüber, in deren Perlen
sieben kleine Diamanten eingelassen waren, so konnte der Hirtensohn, wenn er
sich etwa späterhin auf Reisen begeben sollte, sich dreist für einen Baron
ausgeben, ja für einen Krösus gehalten werden, falls er auch noch die kurze
Kette mit dem faustdicken Berlockenbündel daranhängte, die er, ein Feind alles
Übermuts, bis jetzt in seiner Schieblade verborgen hielt. Auch schätzte Dezimus
sein nutzbringendes Pretiosum hoch, vergass beim Aufziehen - jeden Morgen seine
erste Tat - niemals, der grossmütigen Testatorin in Dankbarkeit zu gedenken; und
wenn er, ausnahmsweise, in der Nacht einmal aufwachte, liess er die Uhr
repetieren, lediglich aus dem Grunde, um sich durch den kräftigen Schlag, dessen
kein heutiges Werk sich rühmen dürfte, an die energischen Akzente der alten
Harfenkönigin erinnern zu lassen. Die Kluge hatte den rechten Mann für ihr
Erbstück gewählt.
    Die unbedeutende Herstellung war von dem Meister versäumt worden; binnen
einer Stunde hätte sie erfolgt sein können; aber der Kandidat durfte keine
Minute zögern, wenn er den letzten Zug noch erreichen wollte. Er musste sich bis
zur Rückkehr von seinem Regulator trennen; für einen an Pünktlichkeit gewöhnten
Sternenschüler und Musterjüngling ein verdriessliches Ding. Aber halt! hatte -
leider Gottes! - Doktor Peter Kurze ihm nicht erklärt, dass er nicht ermangeln
werde, sich morgen zum Ministeriumsschmause in der Pfarre einzustellen?
    »Holen Sie, lieber Philipp, bitte, die Uhr vor Abend ab, und tragen Sie sie
zu Doktor Kurzen, der sie mir morgen nach Werben mitbringen wird,« sagte der
Kandidat und erhielt ein williges Versprechen.
    Hastig ging es nun vorwärts; denn zufällig war auch Philipp heute ohne Uhr,
und ein eiliger Mensch ist ohne Uhr doppelt eilig. Während Dezimus sein Billett
löste, bemerkte er, dass sein junger Freund an den Beamten eines anderen
Schalters eine Erkundigung richtete, deren Bescheid ihn auffällig verstörte. Was
hatte der Junge vor? Dezimus durfte sich mit Fragen nicht aufhalten, da die
Glocke zur Abfahrt läutete. Im Begriff in das Coupée zu steigen, fragte ihn
Philipp mit niedergeschlagenen Augen:
    »Hätten Sie wohl zehn Taler übrig, um sie mir vorzuschiessen?« Und als er
nicht augenblicklich eine Antwort erhielt, setzte er dunkelerrötend und
stammelnd hinzu: »Ich - ich bin - ich habe - eine Schuld - -«
    »Ich habe so viel nicht bei mir,« versetzte Dezimus; »aber in ein paar Tagen
bin ich zurück, und dann wollen wir die Sache in Ordnung bringen.«
    Der Schaffner drängte zum Einsteigen. Philipp warf sich mit Ungestüm in des
Freundes Arme.
    »Behalten Sie mich lieb, guter Dezimus,« schluchzte er und wendete sich dann
rasch ab, seine hervorstürzenden Tränen zu bergen. Er lief den Perron entlang,
als werde er gejagt.
    Dezimus war tief betreten. Wäre der Zug nicht bereits im Rollen gewesen, er
würde dem Knaben nachgeeilt sein, ihn ausgeforscht, ermutigt haben; er wäre
morgen dann mit viel leichterem Herzen heimgereist. Ohne Zweifel trug der Arme
sich mit dem Plan, nach verfehltem Examen zu seiner Mutter und Martin zu
flüchten. Und auch Schulden hatte der Unglücksmensch! Freilich kein Wunder, denn
der Vormund hielt ihn knapp, und er war nicht knapp gewöhnt; auch mochte die
Mutter heuer nicht, wie sonst in der Ferienzeit, sein Beutelchen heimlich
gefüllt haben. Dezimus nahm sich vor, des Knaben Lage noch einmal recht
ernstlich mit Vater Blümel und sogar mit Fräulein Lydia zu besprechen. Seine
vorgeschrittene geistliche Würde machte ihn schier verwegen.
    Das ist wohl etwas Grosses, wenn ein Kandidat, reif zum Amt und obendrein als
gedruckter und honorierter Schriftsteller, zum ersten Male einkehrt in ein
pfarrliches Elternhaus, in welchem ihm eine sorgenlose Zukunft und köstlicher
Segen gesichert ist. Da gibt es Lachen und Weinen und Beten und Singen und
Händedrücken und zärtliches Umfangen; da gibt es eine schlummerlose Nacht unter
Luftschlösserbauen und buntem Erinnern. Aber die glücklichste von allen ist doch
die Mutter! Wie gestern erlebt steht vor Hanna Blümels Seele die Stunde, wo sie
das arme nackte Dezemkind von ihres Konstantin Schosse nahm und es in ihres
Töchterchens Wiege legte mit dem Gelöbnis, ihm eine Mutter zu werden. Dazumal
glänzte ihr Haar noch wie eitel Gold; heute ist es ein Silberscheitel, und
blühen die Wangen auch noch rosenrot, glatt und gleich sind sie nicht mehr,
sondern in hundert krause Greisenfältchen zusammengezogen. Aber ihr Ziel ist ja
auch erreicht und so froh erreicht. Wie oft begegnet ihr denn einer Mutter, die
im siebenten Jahrzehent, von acht Kindern nicht um ein einziges Herzeleid oder
gar ein Trauerkleid getragen hätte? Die sechs Töchter glücklich in das Leben
gestellt hat und nun die siebente am allerglücklichsten gestellt weiss, Herz an
Herz mit dem einzigen Sohn! So inbrünstigen Dankes voll wie in dieser Nacht hat
Hanna Blümel wohl noch nie an ihren Gott gedacht.
    Und die Herzenslust währte noch den ganzen anderen Tag; und wie wurde sie
laut in Sang und Schwank, als gegen Mittag Peter Kurze zum Ministeriumsschmause
einsprang! Ein redlicher Freund war er, Peter Kurze, das müsste der Feind ihm
lassen, wenn er einen hätte. Sonder Falsch noch Neid! Beim eigenen
Doktorschmause war er nicht fideler gewesen. Freund Kandidat konnte vor lauter
Jokus es nicht ein einziges Mal zu einer eifersüchtigen Wallung bringen.
    Wo hatte Peter Kurze denn aber die Uhr? Den Erbsackseiger? - Peter Kurze
wusste von ihm nichts.
    Ach, nur zu natürlich, dass Philipp in seiner Not das Abholen vergessen
hatte. Der arme Junge! Zwischen Mitleid und lustiger Torheit fehlte dem
Kandidaten das gewohnte Picken auf seiner Leberseite aber doch. Ein Mittelmass
von Gewöhnsamkeit - geniale Leute schimpfen sie Pedanterie - gehört, so scheint
es, zu der Substanz eines Glücklichen.
    Just um dieser Substanz willen musste nun aber nach dem Jubeltag der
Werkeltag der Pflicht wieder in seine Rechte treten. Und da war es denn zunächst
Peter Kurze, der ein ernstaftes Dilemma zu allseitigem Gehör brachte.
    Peter Kurze nannte sich Herr Doktor, laborierte aber, wie die Mehrzahl
junger Anfänger seines Zeichens, kläglich am Patientenfieber, und gering war
zurzeit die Aussicht auf ein stillendes Labsal in seiner heimatlichen Provinz,
der er den Segen seiner Kunst doch vorzugsweise gegönnt haben würde. In einer
anderen Provinz dahingegen hatten Misswachs, Hunger und Not eine böse Seuche
gezeugt, von welcher die Zeitblätter ein grauenvolles Gesamtbild entwarfen. Noch
grauenvollere Einzelnschilderungen waren in die Pfarre gedrungen durch Lydia,
die ein Kind dieser Gegend war und mit ihr noch in manchem Zusammenhange stand.
Von verschiedenen Universitäten, und auch von der unseren, waren junge Mediziner
zu freiwilligem Helferdienst aufgerufen worden. Sollte Peter Kurze nun diesem
Rufe folgen?
    Sein väterlicher Freund Blümel sagte mit Entschiedenheit: »Ja«, und sein
brüderlicher Freund Dezimus wenigstens nicht mit Entschiedenheit: »Nein«. Das
liebe Röschen sagte gar nichts, denn das liebe Röschen war gleich bei dem Worte
»Typhus« aus der Ratsstube gelaufen. Mutter Blümel aber sagte achselzuckend:
»Ja, mein Junge, wenn du nur ein Tischchendeckedich in deinen Arzneikasten
packen könntest!«
    Und da sass eben der Haken! Peter Kurze war Arzt mit Leib und Seele, und Arzt
sein heisst das Gegenteil von einem Hasenfuss. Er dachte nicht an
Ansteckungsgefahr, und er schmachtete nach einem ernstaften Duell mit dem
Würgeengel Tod. Aber wo blieb die Ehre der Wissenschaft? wo der Erfolg? und wo
der Lohn, dessen ein braver Arbeiter doch allemal wert ist, insofern er mit dem
Pflasterkasten nicht zugleich einen Brotschrank aufzuschliessen hatte? »Erst wenn
die Hungerleider satt gemacht sind, kann der Vielfrass ausgehungert werden,«
sagte er und zog schliesslich ab mit der Entscheidung, die Sache erst noch ein
paar Wochen mit anzusehen, ehe er in den saueren Apfel beisse. Privatim versprach
er Freund Dezimus noch, den armen Philipp ins Gebet zu nehmen und umgehend über
den Ausfall des Examens Bericht zu erstatten; sich auch gelegentlich nach der
Uhr umzutun.
    Nun aber sassen im geistlichen Gemach Vater und Sohn allein sich gegenüber
zum Ratschluss über die beiden Wege, die vor dem letzteren geöffnet lagen. Auf
jeden von ihnen zog ein Magnet, und jeder von ihnen bedingte einen schweren
Verzicht. Entweder Altersruhe für den Vater und Rosenwonne für den Sohn; dann
aber blieb die Chaldäerforschung ein Fragment. Oder die Chaldäerforschung
fortgesetzt bis zu einem zünftigen Grad und statt der Rosenwonne Hangen und
Bangen. Und wie entschied der väterliche Berater?
    »Ich fühle mich noch nicht fertig, und du bist es noch nicht, mein Sohn.
Lehre und lerne weiter wie bisher. Wenn es not tut, werde ich dich rufen.«
    Was aber war das Hauptmoment bei dem Entscheid, das Moment, aus welchem der
Greis auch keineswegs ein Hehl machte? Nun eben die ersehnte Rosenwonne.
    »Keine Jünglingständelei, mein Sohn, aber auch keine Jünglingsehe.
Mannesreife - -«
    Bei diesem Worte stockte er; denn die Tür wurde hastig aufgerissen, und wie
in des Sohnes erster Lebensstunde stürzte ein verzweifelter Mensch in das
geistliche Gemach. Lydia, die stille, unbewegliche Lydia! Bleich wie ein Geist,
schauernd und bebend über den ganzen schönen Leib, sank sie in den Stuhl, von
welchem Dezimus entsetzt in die Höhe gefahren war, und reichte ihm, keines
Wortes mächtig, ein Blatt, das sie zusammengeknittert zwischen ihren fliegenden
Händen hielt. Ein Brief, an Dezimus adressiert, aber erbrochen. Philipps
knabenhafte Züge.
    »Ich fliehe, Dezimus. Wohin? sage ich Ihnen nicht, weil Sie es nicht
verschweigen würden, wenn Lydia Sie fragt. Ich will mich nicht langsam zu Tode
quälen lassen. Ich will leben oder meinetwegen auch sterben; aber ordentlich
sterben; wie ein Hartenstein, nicht wie ein Sklave. Ich schreibe in Ihrer Stube.
Wenn Sie den Brief finden, bin ich lange dort, wohin ich will. Dezimus, guter
Dezimus, ich habe Sie beraubt. Ich hätte es keinem anderen getan; aber ich weiss:
Sie schimpfen mich keinen Dieb. Ich konnte nicht anders. Den ganzen Sommer habe
ich gespart, bei Mama und den Schwestern gebettelt, nur bei Lydia nicht, weil
die mir doch nichts gegeben hätte. Aber ich weiss gar nicht, es wurde immer
wieder alle, und ich musste immer wieder von vorn anfangen. Nun habe ich alle
meine Sachen und Bücher heimlich verkauft, aber es reichte doch noch nicht. Und
Sie kommen nicht drum, lieber Dezimus. Lydia gibt es Ihnen wieder; der Schande
wegen. Aus Liebe für mich hätte sie es nicht getan. Und wenn wir uns einmal
wiedersehen, lohne ich es Ihnen tausendfach; denn dann kann ich es. Lange wirds
freilich dauern. Und vielleicht sehen wir uns auch gar nicht wieder. Aber dann
glauben Sie mir, Dezimus, dass ich in meiner letzten Stunde an Sie gedacht habe
als an den, der ausser meiner Mama es auf der Welt ganz allein mit mir gut
gemeint hat. Ach, meine liebe, liebe Mama! Aber sie hat ja nun die kleine Tili,
und sie wusste ja, wie schrecklich unglücklich ich gewesen bin. Sobald ich
angekommen, schreibe ich ihr und Ihnen auch.
                                                                        Philipp.
    P. S. Die Uhr hat Aaron Kalb. Sie ist nur versetzt; für zehn Taler kriegen
Sie sie wieder. Meine eigene habe ich verkauft um ein Lumpengeld, weil sie nur
von Silber war. Und ich könnte sie auf der Reise so gut brauchen. Ach! Wäre ich
nur erst fort!«
    Was war für eine Lydia der Bruch mit dem Geliebten, was selbst der Tod des
Vaters gegen dieses Erleben! Angeklagt der härtesten Lieblosigkeit, gehasst von
dem Bruder den Gott als Kind an ihr Herz gelegt hatte; verzweifelnd in einen
Abgrund, vielleicht in den Tod durch sie getrieben dieses Kind, das einzig auf
ihren Schutz gestellt gewesen war!
    »Mörderin!« stand es geschrieben in ihren wahnsinnstarren Augen.
    »Wo - wo soll ich ihn suchen?« rang es sich aus ihrer Brust.
    »Nicht Sie; überlassen Sie es mir,« sagte Dezimus, selbst erschüttert bis
auf den Grund; und sie darauf wie belebt:
    »Ja, ja, gehen Sie mit mir. Ich bin so fremd in der Welt.«
    Pastor Blümel aber und auch der Vormund, welcher während der letzten Worte
eingetreten war - das erstemal, dass er diese geistliche Schwelle überschritt -,
widersprachen ihrem Vorhaben. Sie sei körperlich zu angegriffen, um einem
rastlos Eilenden zu folgen; die Rücksicht auf eine Frau könne ihn nur aufhalten
und hindern.
    Sie senkte das Haupt bis auf die Brust. »Den, welchen er geliebt hat, lässt
Gott ihn vielleicht finden - mich nicht!« Laut gesprochen hat sie diese Worte
wohl kaum; aber Dezimus las sie in ihrer gemarterten Seele.
    Er vernahm nur Bruchstücke der Erläuterungen, welche der Vormund nunmehr
über das Entweichen seines Pfleglings gab. Hier war so wenig zu sagen wie zu
hören, nur Eile tat not, fliegende Eile! Der alte Herr hatte die Schilderung
seiner Ängste, seines Harrens, Forschens und Suchens, der vergeblichen Anfragen
nach allen Seiten, auch seiner Fehlgriffe und falschen Schritte, die laut
machten, was geheimgehalten werden musste, bis zur endlichen Erspürung des
Briefes und dem Aufbruch nach Werben noch nicht vollendet, als Dezimus
reisegerüstet in das Zimmer zurückkehrte. Nicht einmal den Abschied von seinem
irgendwo umherschweifenden Röschen hatte er sich gegönnt; der nächste Zug durfte
nicht verfehlt werden. Die günstige Fügung, dass die Mutter die Sparsumme des
königlichen Patengeschenkes, deren er zum Zweck etlicher Anschaffungen bedürftig
geworden war, kürzlich erhoben hatte, befreite ihn auch hinsichtlich des
wesentlichsten Reisebedürfnisses von zeitraubenden Weitläufigkeiten.
    »Was darf ich Ihrem Bruder von Ihnen sagen, wenn es mir gelingen sollte, ihn
aufzufinden?« fragte er, indem er zum Abschied Lydia die Hand reichte.
    »Was das Herz Sie heisst!« hauchte Lydia und bedeckte in Angst und Qual dann
wieder das Gesicht mit ihren bebenden Händen. Ihr Bruder, ihr Kind: ein
Landstreicher, ein Dieb! seine Spur erforscht von einem Fremden, den er geliebt
hatte und sie - sie gehasst!
    Um die Mittagsstunde erreichte Dezimus die Universitätsstadt. Er hatte
während der Fahrt mit so kaltem Blute, als er das seine abzudämpfen imstande
war, den spürenden Blick auf das Ziel gerichtet, das dem Flüchtigen vorgeschwebt
haben konnte, und was ist solch ein anstrengendes Erstreben anderes als ein
Gebet um Erleuchtung von oben? Bei seiner Mutter oder einem der Geschwister war
der Knabe nicht, und den heimischen Militärdienst - so viel musste ihm klar sein
- verscherzte er durch sein heimliches Entweichen. Was kannte er aber, und was
gab es ausser diesem Dienst Lockendes für ihn in der Welt? Der Weg nach Russland,
wohin sein Vetter Hilmar geflüchtet, war langwierig und schwierig, die Grenze
unentdeckt kaum zu erreichen; ohne Empfehlung, ja ohne Legitimation die
bescheidenste Stellung nicht zu erwarten. Amerika? Aber da galt es zu arbeiten
mit Axt und Pflug, die Freiheit, die dort zu finden, war nicht die, welche ein
junger Brausekopf suchte. Die Fremdenlegion in Algier? Nein doch, nein! Der
Franzosenhass lag allen Hartenstein seit Generationen im Blute, und Freund
Philipp gebärdete sich gern wie ein kleiner Marschall Vorwärts. Aber halt doch,
halt! Ein Werbeplatz für die holländischen Kolonien!
    Das war so eine von den luminösen Hypotesen wie die beim jüngsten
Meteorenschwarm, und: »jegliche Entdeckung ist einmal Hypotese gewesen,« hatte
sein weiser Sternenvater gesagt.
    Wie Schuppen fiel es dem Freunde plötzlich von den Augen. Er sah des Knaben
glühende Blicke bei Bruder Steuermanns Wundermären von der Pracht des indischen
Himmels, der Üppigkeit der Natur, dem wollüstigen Schlürfen der eingewanderten
Nabobs. Möglich, dass auch noch aus weniger redlichem Munde ihm ein Brillantfeuer
vorgespiegelt worden war oder dass er irgendwo gelesen hatte von den zahlreichen
deutschen Landsleuten unter den geworbenen Truppen, von ihrem glänzenden Sold,
dem raschen Aufsteigen, den reichen Pensionen, den Schätzen, die um den Preis
des Lebens im Kampfe mit wilden Bestien und Völkerstämmen aufzuraffen sein
sollten. Die Jugend nimmt manches Katzengold für echt, und was fragt ein
freiheitsdurstiges Herz nach dem Freiheitspreis? Das indische Pfefferland war
jener Zeit immer noch das gelobte für abenteuernde Naturen und verlorene Söhne.
Die goldenen Berge, welche der arme Junge so hoffnungssicher in Aussicht
stellte, bestärkten die Eingebung, dass es auch sein Kanaan gewesen sei.
    Je mehr dem Freunde nun aber diese jähe Vorstellung zur Gewissheit ward, um
so bänglicher schlug sein Herz. Auch er, der Ältere, war im weiten Weltwesen ja
noch ein Kind. Der Zufall aber hatte gewollt, dass er von einem leichtsinnig
verlockten Studenten, der als Deserteur sich wieder in das Vaterland
durchgeschlagen, die Wahrheit erfahren hatte über den entwürdigenden Zustand des
holländischen Fremdenkorps nicht bloss fern in den Kolonien, sondern selbst auf
den heimischen Drill- und Einschiffungsplätzen, und so hätte er sich Flügel
anheften mögen, um den Verblendeten zu überholen und Lydias Bruder einem Elend
zu entreissen, dem von zehnen neun physisch oder moralisch unterliegen.
    Sein erstes war, von dem Beamten jenes zweiten Schalters die Erkundigung zu
erfahren, welche Philipp neulich an ihn gerichtet hatte. Der Jüngling war eine
auffällige Erscheinung, schön wie alle Hartenstein, mit Ausnahme Martins, und
dieser Auffälligkeit es zu danken, dass der Beamte sich der Erkundigung noch
erinnerte: der schöne junge Mensch hatte nach dem Preise eines Fahrbilletts bis
zur niederländischen Grenzstation gefragt; zuerst nach dem der zweiten Klasse,
dann bescheidentlich nach dem der dritten, und die unerwartet hohe Summe auch
dieser dritten ihn sichtbar niedergeschlagen. Der Arglose ahnete nicht, dass
diese Fragen zu einem Fingerzeig für einen praktischeren Verfolger, als sein
gelehrter Vormund, werden konnten. Für Dezimus wurden sie zum Beweis, wennschon
weder dieser Beamte noch irgendein anderer sich erinnerte, den auffälligen
jungen Mann bei der späteren Abreise wiedergesehen zu haben. Da er an jenem
Nachmittag nicht nach Hause zurückgekehrt war, vermutete Dezimus, dass er zu Fusse
bis zur nächsten, nur eine Meile entfernten Station gegangen sei und von da aus
den Nachtzug benutzt habe.
    Dezimus selbst blieben bis zum Abgang des westlichen Zuges zwei lange bange
Stunden. Um sie nicht völlig nutzlos hinzubringen, begab er sich zu dem
Pfandleiher und - und Kandidat, Kandidat! du fühlst dich zum Priester reif und
sündigst wider Gottes heiliges Gebot? Du lügst, lügst ohne Erröten, lügst wie
gedruckt, dass du in augenblicklicher Geldverlegenheit, im Begriff, eine kleine
Reise anzutreten, deinen jungen Freund beauftragt habest, ein Darlehn auf deine
Uhr aufzunehmen, und dass du jetzt kämest, sie auszulösen?
    Da der Hüne der Studentenschaft eine wohlbekannte Persönlichkeit war und
sein junger Freund ausdrücklich auf diese Persönlichkeit behufs der Auslösung
hingewiesen hatte, erlitt dieselbe keinen Anstand und war dem bösen Leumund,
soweit in der Eile oder leider überhaupt noch möglich Einhalt getan.
Einigermassen erleichtert trabte Dezimus, sein Pretiosum auf dem Herzen, nach dem
Bahnhofe zurück, und nun, du Glücklicher, leite dich dein Johannisstern!
    In der Nachmittagsstunde, in welcher er mit seinem Röschen einen
Superintendentenbesuch in der Stadt verabredet hatte, dampfte er in die Welt
hinein auf der Suche nach dem verlorenen Sohn. Er sah im Geiste das liebe Kind
daheim unruhig hin und wieder trippeln, wohl auch ein bisschen schmollen und
schmälen, und dann sah er eine andere sich die Hände wund ringen im bittersten
Seelenjammer; von der weiten Gotteswelt aber, die sich zum ersten Male vor ihm
auftat, sah er leider wenig, was - versteht sich in anderer Stimmung - sein
Neulingsauge erquickt haben würde. Er hätte sich, wie bei seinem ersten
Abenteuer eine Universität, so heute beim zweiten eine Reise anders denken
können. Endlose Stoppel- oder Rübenfelder, wirres Bahnhofsdrängen und Treiben,
langweilige Gesichter, Gesellen ohne Reiselust wie er selbst, und bald sah er
nichts mehr, denn es kam die Nacht, und mit der Nacht kam endlich auch der
Genius, der selbst den Unruhigsten ruhig macht. Als des Schaffners Ruf: »Station
Deutz!« den Genius verscheuchte, rang sich das erste Morgengrauen durch den
Nebel, der über dem Rheinstrom brütete.
    Der nordwärts führende Zug liess ihm so viel Zeit, um über die Schiffbrücke
zu gehen und einen Blick auf den Torso des Domes zu werfen, dessen Herstellung
seit etlichen Jahren mit so viel Eifer betrieben wurde. Das Königswort, das
dieses »Werde« rief, hatte in der Pfarre von Werben einen mächtigen Widerhall
gefunden. Es deutete gleich einem Meisterspruch auf einen weit grösseren und noch
weit unfertigeren Bau, für welchen Hammer und Kelle zu rühren waren. Die
Erinnerungen seiner glorreichen Zeit und die Entsagungen, die ihnen folgten,
wurden in dem Greise jung; zum ersten Male empfing der Sohn aus dem Munde des
alten Christen die Lehre des alten Heiden, dass es süss sei, für das Vaterland zu
sterben.
    Und dieses Lehrwort wachte an diesem Morgen in seiner Seele auf, als er in
dem Irren nach einem sein Vaterland fliehenden betörten Kinde den Strom
überschritt, der, von sich hebenden Dunstschleiern umflattert, glanzlos und doch
majestätisch, breit und ruhig zu seinen Füssen wallte. Auch dieser Fluss galt ja
als Symbol. In gärenden Zeiten wirkt alles Bedeutende als ein Deutnis, und die
Zeit, in welcher Dezimus Frei ein Jüngling hiess, kennzeichnete ja durchweg ein
gleichsam dichterisches Ringen aus der Vorstellung in die Darstellung.
    Jählings haftete sein Blick, starrte sein Schritt. Herr der Welt! Wer ist
die jugendlich schmächtige Gestalt, die, bleich wie ein Schatten, mit weiten,
übernächtigen Aug en, bebend und schwankend sich über das Gitter beugt, so als
ob die nebelumwogten grauen Fluten sie zugleich lockten und schreckten? Der Hut
ist vom Kopfe in den Strom gesunken; der feuchte Morgenwind weht durch die
wirren, gelben Locken. »Philipp!« schreit Dezimus auf, und - der verlorene Sohn
taumelt halb ohnmächtig in seine ausgespannten Arme.
    Er zog ihn in das nächste Wirtshaus am Kölnischen Ufer; ein warmer Trunk
belebte ihn, die beklommene Brust erleichterte ein Tränenstrom. Ach, dieses
ungestählte Muttersöhnchen, wie bald würde es den Heischungen der Macht, die es
Freiheit nannte, erlegen sein an jedem Orte, wo es sie wirklich gefunden hätte,
nicht bloss sie zu finden gewähnt!
    In der Verfolgungsangst und doch wieder der Seligkeit eines der Galeere
Entsprungenen hatte er sich keine Raststunde gegönnt, nur immer vorwärts
gedrängt von einem Haltepunkt zum anderen, bis er den Werbeplatz am Zuydersee
erreichte. Was er dort zu finden hoffte? Eine deutliche Vorstellung wird er
nicht gehabt haben. Aber einen bunten Schauplatz, einen lustigen Tummelplatz,
vielleicht so etwas von einem preussischen Paradeplatz, auf dem man sang: »Ein
freies Leben führen wir!« Und statt dessen sah er das rohe Treiben und Drillen
der fremden Söldlinge - der Masse nach Deserteure, Vagabonden, Ausgestossene aus
dem Walle der Familie, der Heimat, der Gesellschaft; mancher mit einem
Kainszeichen auf der Stirn -, wurde er Zeuge einer körperlichen Züchtigung, die
ihm das Blut erstarren machte.
    Ein wohlmeinender Bürger, mit dem er in einem Wirtshaus zusammentraf und den
der Anblick des schönen, betörten Jünglingsknaben rührte, belehrte ihn, dass nach
den neueren Bestimmungen kein Ausländer es im Kolonialdienst weiter als bis zum
Unteroffiziersposten bringen könne, - und der Knabe hatte von
Generalsepauletten, von Orden und Lorbeerkronen geträumt! Der wohlmeinende
Warner belehrte ihn fernerhin, dass unbärtige Bürschchen wie er fast ausnahmslos
schon den Einflüssen des Klimas und seiner lockenden Bodenfrüchte erliegen, dass
aber selbst abgehärtete, entsagungsstarke Männer sich nur in einem Bruchteil
gegen die Strapazen des Dienstes behaupten, - und das Bürschchen hatte von
lustigen Elefantenritten, von Tigerjagden in Palmenwäldern und einer
Nabobsheimkehr geträumt!
    Aus allen Himmeln gestürzt, entsetzt, verzweifelnd, kehrte der
freiheitslüsterne Junge, wiederum ohne Atem zu schöpfen, die Strasse, die er
gekommen war, zurück. Die Luft war kühl und seine Kleidung noch sommerlich, sein
Sparpfennig aufgezehrt. Hungernd, übernächtig, schauernd vor Frost, schaudernd
vor Angst und Scham stand er nun auf der Rheinbrücke von Köln zwischen der Wahl
- der Heimkehr, als Bettler und Vagabond? nein, der Heimkehr nicht; aber vor
der, als Bettler und Vagabond sich bis über die Grenze zu einem Werbebureau für
die französische Fremdenlegion durchzuschlagen oder durch einen Sprung in die
Tiefe seinem Elend rasch ein Ende zu machen. So stand er, kaum mehr fähig zu
einem Entschluss, und sehr möglich, dass die Erschöpfung den Taumelnden jedes
Entschlusses überhoben haben würde, wenn der Stern der Glücklichen ihm nicht
einen Wegweiser mit stämmigen Armen entgegengeführt hätte.
    Dezimus erfuhr diese klägliche Robinsonade von vier Tagen erst nach und nach
in weit späterer Stunde. In der gegenwärtigen begnügte er sich, zu dem
Ausgehungerten zu sagen: »Iss!« und nachdem er sich sattgegessen, zu dem
Übermüdeten: »Nun schlaf!« Und was hätte auch ein weiserer Mentor, als der
Kandidat von Werben sich zu sein vermass, diesem willenlosen Gottesgeschöpf zur
Stunde Weiseres heissen können als: iss und schlaf?
    Nachdem das Gottesgeschöpf aber ausgeschlafen hatte, lange und fest wie ein
Murmeltier, liess es sich sonder Skrupel noch Unterhandlungen nach dem Bahnhofe
von Deutz zurückführen; alle seine Sorge warf es, zwar nicht auf den Herrn, aber
auf seinen lieben guten Dezimus, der würde es wohlmachen. Der liebe, gute
Dezimus wollte und konnte zwar nichts versprechen als die Vergebung Schwester
Lydias nach vorausgegangener reumütiger Busse; dennoch währte es nicht lange, und
das leichte Bösebubenblut wallte so frohgemut auf wie je. Was auch über ihn
verhängt werden mochte, alles war besser als die Fuchtel von Harderwyk und der
Hunger auf der Rheinbrücke von Köln.
    Es war spät am Abend, als sie die heimische Pfarre erreichten, unangemeldet,
da Telegramme des Privatverkehrs es auf dieser Strecke zu jener Zeit noch nicht
gab. Die Bewohner hielten sich schonend zurück; nach flüchtiger, freudiger
Begrüssung des Sohnes überliessen sie es diesem Glücklichen, seinen Findling in
die eigene Bodenkammer zu geleiten und in sein eigenes Bett zu verweisen, allwo
er sich denn wiederum in Bälde des Schlummers des Gerechten oder des Murmeltiers
erfreute. Dezimus dagegen begab sich, so spät es war, nach dem Schloss.
    Dort hatten sich infolge der Schreckenspost die gesamte Familie und deren
nächste Freunde zusammengefunden: die Mutter mit ihrem kleinen Pflegling,
Martin, seine Schwestern und ihre Gatten, der Vormund und selber der alte, treue
Magister Klein waren herbeigeeilt, um gemeinsam mit dem anerkannten Haupte der
Familie, mit Lydia, zu beten, zu ratschlagen, je nachdem zu handeln, oder auch
nur zu weinen und verzweifelnd die Hände zu ringen. In allen Zimmern des
Schlosses brannte noch Licht; ein jeder sass angstvoll wach in seinem Kämmerlein.
    Doch sah Dezimus nur Lydia. Als sie seine frohe Botschaft vernommen hatte,
fasste sie seine beiden Hände, neigte ihre Stirn zu ihnen herab, und heisse
Tränen, die ersten, welche den Krampf des Herzens lösten, rannen auf sie nieder.
Ein vernehmliches Wort sprachen die zitternden Lippen nicht. Als sie das schöne
Haupt aber wieder erhob, da stand in ihren Augen geschrieben: »Du hast mir mehr
als das Leben gerettet, Freund.«
    Keiner wusste besser als Dezimus selbst, wie so gar gering sein Verdienst bei
dieser Rettung war, wie alles nur das Wirken jener heimlichen Macht, welche die
einen Zufall nennen, die anderen Stern, und die Glücklichsten Gottes Rat. Was er
im Leben aber noch von Menschenkreuz und Leid zu tragen haben mag, der
Dankesblick, der in dieser Nacht aus seines weissen Fräuleins Augen strahlte,
wird ihn bis in seine Sterbestunde beseligen.
Eine schriftliche Weisung des Vormunds entbot am anderen Morgen den verlorenen
Sohn und »seinen edlen Erretter« - »hört, hört!« spottete das lustige Röschen -
nach dem Schloss. Ein schwerer Gang für den edlen Erretter, denn er ahnte mit
Fug, kein festliches Gewand werde dem verlorenen Sohne entgegengetragen und kein
gemästetes Kalb zu seinem Willkomm geschlachtet werden, dagegen ein strenger
Areopag den Spruch über ihn fällen und das Los über seine Zukunft werfen. Selbst
wenn Lydia nach den Erschütterungen der letzten Tage mit solch einer
Manifestation des Familienrechtes nicht einverstanden gewesen wäre, wenn sie im
stillen Kämmerlein, wo ein Erlöster betet, zu ihrem Bruder hätte sagen mögen:
»Ich vergebe dir,« würde sie über Nacht inmitten eines bluts- und wahlverwandten
Kreises den hohen, feierlichen Grundton, auf welchen bei aller Abgeschlossenheit
ihr Vaterhaus gestimmt worden war, haben herabstimmen können?
    Auch Philipp mutmasste eine widerwärtige Szene, und seine Stimmung war halb
trotzig, halb verzagt. »An Ihnen, Dezimus, habe ich mich vergangen, das ist
richtig,« sagte er. »Sie aber haben mir vergeben, haben meinen dummen Streich
sogar vertuscht. Und was habe ich den anderen getan?«
    »Die Ungehörigkeit gegen meine Person war bei weitem die leichtere,«
entgegnete Dezimus, »wenngleich sie, nach dem Masse der Welt gemessen, schwer
genug in das Gewicht fallen mag. Das bittere Herzeleid aber, das Sie Ihrer
Mutter und Schwester angetan haben, kann Ihnen kein Mensch vergeben, bis Sie es
durch freudigen Gehorsam gesühnt.«
    »O, meine Mama, die ist bloss froh, dass ich wieder da bin,« versetzte der
Leichtfuss mit obligater Torenzuversicht. »Und Lydia, was für ein Recht hat denn
Lydia über mich? Und was kann sie mir am Ende denn auch tun? Legt sie mich noch
zehnmal an die Kette, reisse ich mich noch zehnmal wieder los. Sie wird sich aber
wohl hüten; denn mit dem Pastorwerden habe ich es - Gott sei Dank! - doch ein
für allemal verschüttet.«
    »Mit dem Soldatwerden aber auch,« entgegnete Dezimus.
    Der Leichtfuss seufzte und liess ein Weilchen den Kopf hängen. »Sie sollen
mich wie Vetter Hilmar nach Russland schicken -« meinte er darauf. »Ich wäre von
selber hingegangen, wenn es nur nicht gar zu weit gewesen wäre. Und dann wollte
ich doch für mein Leben gern einmal eine grosse Seereise machen.«
    Das Wort verhallte in diesem Augenblick eindruckslos an des Freundes Ohr; in
dem Augenblick der Entscheidung aber wachte es plötzlich lebendig in dem Herzen
auf, wie ein Samenkorn, das ein Insekt in einen Blütenkelch getragen hat.
    Sie hatten den wenig bemerkten Eingang über die Terrassen genommen. Im
Schloss herrschte, ungeachtet der zahlreichen Insassen, Totenstille. Es galt
ein heimliches Gericht; die weibliche Dienerschaft war durch verschiedentliche
Aufträge für die Morgenstunden entfernt worden; nur der alte Wagner, ein
Getreuer und Vertrauter aus der einstigen Heimat, zurückgeblieben, und sein auch
wohl das Verdienst, jene unzuverlässigen Zeuginnen beseitigt zu haben.
Schweigend mit zerwühlten Mienen öffnete er die Tür des Ahnensaales.
    Dezimus hatte ihn seit der Leichenfeier für den Propst nicht wieder
betreten. Dessen Bild hing wie dazumal über dem kleinen Betaltar; da, wo der
Sarg gestanden hatte, stand heute eine dunkelverhangene Tafel, an welcher der
Familienrat gehalten werden sollte. Die männlichen Mitglieder waren bereits
versammelt; die beiden Geistlichen im Ornat, der Obertribunalsrat und der
Kammerherr, die Gatten von Priszilla und Phöbe, das weisse Johanniterkreuz auf
den schwarzen Leibrock geheftet; Martin im Dienstanzug, den Helm unter dem Arm.
Alle standen mit den Gesichtern dem Bilde des Vaters zugekehrt und schienen den
Eintritt seines ungeratenen Sohnes nicht zu bemerken.
    Menschen aus einem Gusse - Martin etwa ausgenommen - waren sie über die zu
treffende Entscheidung eines Sinnes und der Zweck der demonstrativen
Versammlung, neben dem persönlichen Genügen, wohl kaum ein anderer als der, der
unglücklichen Mutter in imponierender Weise eine harte Notwendigkeit erklärlich
zu machen. Denn ein so schwacher Menschenkenner, dass er erwartet hätte, durch
solch feierlichen Aktus einen Philipp zur Zerknirschung und zur Umkehr zu
bewegen, ein so schwacher Menschenkenner war doch wohl nur der alte, ehrliche
Professor Hildebrand.
    Philipp hatte beim Überschreiten der Schwelle die Lippen trotzig
übereinandergebissen. Glut und Blässe wechselten auf seinem Gesicht. Er hielt
des Freundes Hand fest umklammert; die seinige war eiskalt. Aber nur die Frauen
waren es, vor deren Wiedersehen ihm bangte, die geliebte Mutter und die
Richterin Lydia. Als er daher gewahr wurde, dass er es nur mit den Männern der
Familie zu tun haben sollte und er diese Männer ihm so geflissentlich den Rücken
kehren sah, hatte er Mühe, ein Lachen zu unterdrücken, und drehte in Gedanken
dem hohen Gerichtshof eine echte, rechte Bösebubennase.
    Dezimus zog ihn in eine Fensternische, welche der Eingangstür zunächst und
der Versammlung zufernst lag; und da konnte der brave Martin es denn nicht
länger über das Herz bringen: er ging auf Dezimus zu, drückte ihm die Hand,
zuckte die Achseln, schüttelte den Kopf, schlug mit einem Seufzer vor seinem
Nichtsnutz von Bruder die Augen nieder und kehrte dann schweigend zu dem
schweigenden Chor zurück.
    Noch dauerte es eine gute Weile, in welcher Dezimus nichts als das Ticktack
des Corpus delicti in seiner Westentasche vernahm. Endlich aber öffnete der alte
Wagner die Tür, und in den Saal wankte, von Lydia gestützt, von ihren beiden
jüngeren Töchtern gefolgt, die unglückliche Mutter, Martins Töchterchen auf dem
Arm. Sie sank wie gebrochen auf den ersten erreichbaren Sessel.
    Beim Erblicken dieses gramdurchwühlten, gütigen Mutterangesichts, der
weiten, leeren Augen, welche in den jüngsten Tagen ihren Tränenborn erschöpft zu
haben schienen, riss sich Philipp von des Freundes Hand und stürzte mit einem
schrillen Aufschrei zu der Matrone Füssen. So, den Kopf in ihren Schoss vergraben,
blieb er liegen während der ganzen Verhandlung. Die Mutter hatte den einen Arm
um seinen Nacken geschlungen, als ob sie ihn festalten wollte gegen den
Bannspruch der Gerechtigkeit; im anderen Arme lag die schlummernde Enkelin, ein
spärliches Würmchen, das während der jachen Reise unpass geworden war und das die
treue Pflegerin in all ihrer Angst und Not nicht für eine Stunde aus den Augen
gelassen haben würde. Sie weinte auch jetzt nicht; nur dann und wann vernahm man
ein leises Wimmern, ohne dass man unterschied, kam es aus des Kindes oder der
Matrone Brust.
    Die schweigende Gruppe unter dem Bilde hatte sich den Eintretenden
zugewendet; der Vormund schritt auf sie zu; die drei Schwestern neigten sich bis
zur Erde vor dem greisen Seelsorger und Vertreter des Vaters; sie küssten seine
Hand, so wie sie beim Morgengruss die des Vaters zu küssen gewohnt gewesen waren.
Die sonst so freundliche Mutter grüsste nicht einmal mit den Augen. Sie hatte
nicht daran gedacht, ihren Morgenanzug mit einem der Feierlichkeit
entsprechenden zu vertauschen. Lydia trug, wie noch immer seit ihres Vaters
Tode, ein Trauerkleid, und die beiden Schwestern hatten es ihr heute nachgetan.
Es handelte sich ja wieder um einen düsteren Akt im Ahnensaale.
    Der Professor bot Frau von Hartenstein den Arm, sie an den Ehrenplatz der
Gerichtstafel zu führen. Sie schüttelte schweigend das Haupt und rührte sich
nicht aus ihrer mütterlichen Umstrickung. Priszilla und Phöbe hätten sich wohl
gern in ihrer Nähe gehalten, doch folgten sie gehorsam ihren Gatten an deren
Seite.
    Der Ehrenplatz blieb unbesetzt, da auch Lydia ihn ablehnte. Sie trat zur
Seite in einen zweiten Fensterbogen, von welchem aus sie die Schmerzensgruppe
der Mutter mit dem Sohn im Auge halten konnte. Dort stand sie aufrecht mit
gefaltenen Händen, ohne sich zu regen; das, was um sie her laut ward, schien an
ihrem Ohr abzugleiten, ein innerlichster Vorgang sich zur Klarheit
durchzuringen, aber einer, unter welchem das gebeugte Haupt sich hob. Dass der
uneingeweihte Kandidat dem Wink des ordnenden Vormunds an das untere Ende der
Tafel nicht Folge leistete, sondern in seinem dunkelumhüllten Fensterwinkel
verharrte, wird die Versammlung der Eingeweihten ihm als geziemende
Bescheidenheit angerechnet haben.
    Magister Klein setzte sich an die Orgel; das alte Luterlied »Aus tiefer Not
schrei ich zu dir« wurde angehoben; Lydia sang nicht mit, auch die am tiefsten
von der Not Bedrängten, Mutter und Sohn, waren nicht gestimmt zu einem Gebet mit
Sangesklang. Dann trat der Professor vor den Altar und hielt eine Ansprache über
das Heilandsgebot: »So dein Bruder an dir sündigt, so strafe ihn, und so er sich
bessert, vergib ihm.« Gewisslich das rechte Gebot in dieser Stunde und mit
bewegter Seele auch ausgedeutet, wie es dem Priester gebührt: den Folgesatz an
der Spitze.
    Aber die schwere Aufgabe dieser Stunde war zur Erleichterung jedes einzelnen
unter die Berufenen verteilt worden, und der Folgesatz hatte einen Vordersatz,
dessen Klarlegung dem Rat vom obersten Gerichtshof, als Vertreter der weltlichen
Gerechtigkeit, sach- und fachgemäss zustand. Dass dieser seine Aufgabe lösen werde
sonder Ansehn der Person, dass er streng nach dem Gesetzeslaut deduzieren und
urteln werde, durfte von einem preussischen Richter selbst in einem Familienrat
vorausgesetzt werden.
    Er verlas aus dem Landrecht die Paragraphen, gegen welche der Angeklagte
gefrevelt hatte: durch die Aneignung fremden Eigentums, durch seine heimliche
Auswanderung vor erfüllter militärischer Dienstpflicht, durch seine Flucht aus
der vormundschaftlichen Gewalt. Er verlas auch das Strafmass, das auf diese
Vergehen gesetzt war, und das Mass war kein geringes.
    Dies vorausgeschickt, glaubte das rechtsbeflissene Mitglied der Familie sich
bei alledem - vielleicht nicht ohne gelinde Beugung seines staatlichen Gewissens
- zu dem Antrage befugt: in Betracht der Jugend des Übeltäters, in
fernerweitigem Betracht, dass durch den rechtzeitigen Eingriff eines Dritten die
sträfliche Handlung hinsichtlich der beiden letzten Anklagepunkte beim Versuche
geblieben sei: die dem Staate zustehende Pflicht der Strafe in diesem besonderen
Falle auf die Familie zu übertragen; unter der selbstverständlichen
Voraussetzung, dass eine so gläubig in sich gefestete Familie wie diese das Mass
der Busse dem des Vergehens adäquat bemessen und die bürgerliche Gesellschaft vor
fernerer Schädigung durch den jungen Übeltäter schützen werde.
    Dieser kriminalistischen Klarlegung, vorgetragen im allerernstaftesten
Ernst, angehört dagegen mit allseitig zerstreuten oder gleichgültigen Mienen,
folgte eine Pause atemloser Spannung für die Mutter, ihren Sohn und dessen
Freund. Wem von ihnen wäre auch nur einen Augenblick der Gedanke an die
materielle Stattaftigkeit eines Rechtsschutzes und Strafaktes von seiten des
Fiskus in den Sinn gekommen? Dahingegen die Frage, in welcher Weise die so
gläubig in sich gefestete Familie solchen Rechtsschutz und Bussakt fordern werde,
schwer die Herzen jener drei belastete. Die übrigen Familienglieder waren über
diese Frage schlüssig geworden in einer schlummerlosen Nacht; auch die jungen
Schwestern hatten der Entscheidung zugestimmt, wennschon mit zerrüttetem Herzen;
auch Lydia, und sie sogar mit gehobenem Herzen. Es handelte sich nur noch, dem
verlorenen Sohn, und vornehmlich seiner Mutter, den Beweis zu führen, dass um
seiner eigenen Existenz wie um der Ehre und Ruhe seiner Angehörigen willen keine
andere Wahl als die getroffene zu treffen war. Und diese Darlegung hatte der
Kammerherr von Behrmann, Phöbes Gatte, übernommen. Nach dem Priester und Richter
war die Reihe an dem Kavalier.
    »Welch eine Zukunft,« so fragte er, »bleibt einem jungen Edelmann, der
wohlbegabt und wohlgebildet, in zurechnungsfähigem Alter, von der Scheu vor
geistiger Anstrengung und christlicher Zucht sich so weit treiben liess, die
natürlichsten und heiligsten Bande schnöde zu zerreissen und als Abenteurer in
die Welt zu gehen? Der, um seiner eigenen Ruchlosigkeit zu frönen, unter
trügerischen Vorwänden sich die erforderlichen Mittel erschwindelt, seine
Habseligkeiten - gespendete Wohltat seiner schwesterlichen Versorgerin -
heimlich verschleudert, ja, sich sogar an dem Eigentum eines Fremden vergreift,
eines dürftig von anstrengender Arbeit lebenden Heimatsgenossen, des Schützlings
seiner edlen mütterlichen Ahnen? Selbst für den Fall, dass infolge vorbeugender
Massnahmen, welche die Dankbarkeit diesem braven jungen Manne eingegeben hat, der
schmähliche Handel als Geheimnis in einem kleinen Kreise gewahrt bleiben sollte
- was im höchsten Masse zu bezweifeln ist -, selbst für den Fall, dass, verborgen
vor den Augen der Welt, sich eine Umkehr wirkende Busse hätte ersinnen lassen -
was keinem seiner nächsten Angehörigen gelungen ist -, selber in diesen
günstigsten Fällen: welche Laufbahn könnte in unserem Staate einer betreten,
oder in welcher könnte er sich behaupten, der in seinen eigenen Augen und in
denen, sei es auch nur eines Dutzend Menschen, ein Betrüger ist, ja ein Dieb?
Der Jüngling hat sich auf den im Blute der Hartenstein ererbten Soldatenberuf
gesteift: Leutnant von Hartenstein, kann einer dem Verbande eines Offizierkorps
angehören, den, sei es auch nur ein Dutzend Menschen, als Betrüger kennen, ja
als Dieb?«
    Der Leutnant von Hartenstein antwortete kleinlaut: »Nein«, und dass er dabei
rasselnd an seinen Säbel schlug, geschah wohl weniger, um das Nein zu
verstärken, als es den Ohren des brüderlichen Betrügers und Diebes unhörbar zu
machen. Der Kammerherr von Behrmann aber hatte das Nein gehört und durfte sich
darauf berufen.
    »Sein edler Vater,« so fuhr er fort, »hatte für den Sohn den geistlichen
Beruf erwählt. Des Sohnes störriges Widerstreben trieb ihn in die Sünde. Gesetzt
den Fall, die Strafe der Sünde wirke Reue, die Reue Besserung: kann einer als
Gottes Priester die Gebote, die auf den Gesetzestafeln geschrieben stehen,
verkünden, der weiss und von dem auch nur ein Dutzend Menschen weiss, wie schwer
er selber gegen mehr als eines dieser Gebote gesündigt hat?«
    Die beiden Priester der Versammlung schüttelten schweigend die grauen
Häupter. Da sie redliche Priester und sich wohl bewusst waren, dass schon aus
manchem freiheitslüsternen Adamssohne mit der Zeit ein um so eifermütigerer
Apostel geworden ist, galt ihre schweigende Verneinung gewisslich nicht der Frage
im allgemeinen, sondern dem Zweifel an einer geistlichen Umkehr in diesem
besonderen Fall. Und in diesem besonderen Fall stimmte ihnen der werdende
Priester im Fensterwinkel aufrichtig, wenn auch nur in der Stille des Herzens
bei.
    »Kann einer Richter sein,« fuhr der Fragsteller fort, »Hüter des
gesellschaftlichen Rechts in irgendwelchem Amt, Verwalter der Autorität oder des
Eigentums seines Staates, der nur vor eines Dutzend Menschen Augen und seinen
eigenen mit dem schimpflichsten Makel behaftet ist?«
    »Nein, dreimal nein!« rief der Rat vom obersten Gericht mit der Energie
eines Mannes, der für die Sicherheit von König und Vaterland einzustehen hat.
    Die Reihe der Erwägungen war mit diesem dreifachen Nein erschöpft; von
irgendeinem teoretischen Berufe konnte bei des Jünglings unstetem Temperament
nicht die Rede sein und irgendein industrielles Gewerbe nicht in Betracht kommen
in einem Kreise, der von allen attischen Anschauungen keine so gründlich wie die
der schändenden Handarbeit in sich aufgenommen, der schändenden Handarbeit
selbst für einen, den die Natur nun einmal absolut zum Geistarbeiter verdorben
hat. Das Korrektiv würde schmählicher als das Übel, welches es herstellen
sollte, erschienen sein. Der ritterlichen Hand geziemte das Schwert, die Feder
und allenfalls noch - der Pflug.
    Freund Dezimus, der während der hochnotpeinlichen Argumentation wie auf
Kohlen gestanden und vielleicht mehr als Inkulpat selbst Blut und Essig
geschwitzt, hatte die sichere Hoffnung gehegt, dass der kammerherrliche Schwager,
der in einer abgelegenen Provinz ein ihm eignendes Rittergut von mässigem Umfang
persönlich bewirtschaftete, abschliessend seine Bereitwilligkeit erklären werde,
den Bruder seiner Gattin als landwirtschaftlichen Eleven in seine Zucht zu
nehmen, und wenn die unglückliche Mutter überhaupt eines Rettungsplanes fähig
gewesen wäre, würde auch sie keinen anderen als diesen ins Auge gefasst haben.
Ihr Eidam, der diese mütterliche Hoffnung mutmassen mochte, war daher beflissen,
ihr sie mit ausführlichen Gründen zu benehmen. Nicht nur dass der zeitweilige
Dienst bei allerhöchsten Personen, neben anderweitigen ritterschaftlichen
Obliegenheiten, ihn ausserstand setzten, eine so schwere Verantwortung wie die
Korrektur und Rehabilitierung eines derartig verirrten Familiengliedes auf sich
zu laden, nicht nur, dass die Zwitterstellung eines Blutsverwandten und
Untergebenen fast immer eine unhaltbare ist, dass sie bei einem so zügellosen
Temperament zu einem gefährlichen Beispiel für die nächste Familie wie für
Untergebene werden kann: welche Aussicht bot, selbst bei soliderer Anlage, die
ökonomische Laufbahn einem jungen Edelmann, der gänzlich ohne Vermögen war? Wohl
geziemte der Pflug einer ritterlichen Hand; aber der eigene Pflug musste es sein.
Konnte ein Hartenstein wie Hinz und Kunz lebenslang Verwalter oder allenfalls
Pächter eines Fremden sein? konnte er der von einem Privatmann besoldete Jäger
oder allenfalls Unterförster sein? Eine erneuernde Arbeit in Wald und Flur blieb
demnach gleichfalls von der Wahl ausgeschlossen.
    Und so lautete denn - wie leider schon oftmals nach einem jugendlichen
Tollkopfsstreich! - der Schiedsspruch, der, in der Stille der Nacht einmütig
gefasst, nunmehr im Ahnensaale von Werben verkündet und einmütig bestätigt wurde:
»Das Exil!« Nur fern von seiner Familie, seiner Heimat, seinem Staat und
Erdteil, von allem, an dem er bisher gehangen, nur als Fremdling in einer
fremden Zone, unter einer unfertigen Gesittung, konnte einer, der in seiner Ehre
also beschädigt, in seiner Sitte also gesunken war, den Raum finden, auf dem er
sich zu einem neuen Menschen umbildete. Fort in eine neue Welt! fort!
    Philipp hatte bei der letzten Ausführung den Kopf von der Mutter Schosse
emporgerichtet, seine Augen funkelten vor Lust und Ungeduld. Was wollten denn
diese törichten Schwätzer als sein eigenes glühendes Verlangen? War die Strafe,
die sie diktierten, denn etwas anderes als das Vergehen, dessen sie ihn
beschuldigten? »Juchhei in eine neue Welt! Fort! fort!« rief er gleichzeitig mit
dem Antragsteller.
    Der Brust der Mutter aber entrang sich bei diesem bannenden und jauchzenden
»Fort!« ein so markerschütternder Schrei, dass der Redner in seinem Vortrag
innehielt und der Sohn den Kopf wieder in ihren Schoss sinken liess. Alle Blicke
richteten sich nach der unglücklichen Frau; Priszilla und Phöbe näherten sich
ihr mit überströmenden Augen. Der Knabe war auch ihr Liebling gewesen; beide
waren junge Mütter; sie hatten den Streich vorgefühlt, und sie fühlten ihn jetzt
nach, der mit dem grausamen »Fort!« das zärtlichste Herz wie ein Todesstreich
durchzuckte, ohne dass sie, ach! ihn abzuwehren vermochten.
    Nur Lydia war auf ihrem Platze verharrt; mit weitgeöffnetem Blick starrte
sie auf die bewegte Gruppe; ihre Glieder bebten unter dem faltigen Trauerkleide,
selber ihre Lippen waren weiss. Sie hatte den Schmerz der Trennung, die ihr
Rettung hiess, nicht in dieser Muttertiefe geahnt; sie hatte das Opfer, das sie
selbst befreien sollte, mehr als das bedacht, welches sie auferlegte. »Das ist
dein Werk!« klagte der unerbittliche Genius in ihrer Brust sie an. Das Wort der
Erläuterung, der Beschwichtigung, das Wort, welches die Strafe als eine Gnade
darstellen sollte, war ihr zugeteilt gewesen; da sie es nicht auszusprechen
vermochte, tat es der väterliche Freund an ihrer Statt.
    Er ging auf Frau von Hartenstein zu, ergriff ihre Hand und redete ihr zu
Gemüt mit bewegtem, ja fast mit zürnendem Klang. Durfte sie ihm zutrauen, dass er
ein Kind, an dem er Vaterstelle vertrat, einen Sohn Joachim von Hartensteins,
einen Knaben mit noch unentwickelten, selbst körperlichen Kräften, in die Fremde
hinausstossen werde, in die Irre einer ungebändigten äusseren Natur, in das
Wirrsal der wüsten Gesellschaft, die jenseit des Ozeans den Boden für neue
Kulturen düngt? Nimmer, nimmermehr! Der Port, in welchem ihr verirrtes Kind
landen sollte, war ein Friedensport, die Hütte, die ihn bergen sollte, war eine
Hütte der Liebe, die Arme, die ihn umfangen und leiten sollten, waren Vaterarme.
Kannte die Mutter ihn denn nicht, hiess sie ihn denn nicht ihren Freund, den
treuen Mann, der in der Zeit der Drangsal Amt und Heimat verliess, um als
Sendbote seines ewigen Herrn das Licht des Heils in das Bereich
nachtumschatteter Seelen zu tragen? Wirkten nicht Weib und Kind, lehrend und
pflegend, frohbeglückt an seiner Seite? Hatte er nicht manchen Jünger aus seiner
deutschen Heimat zu gleichem Wirken sich nachgezogen? Nannten Kirche wie
Gelehrtenwelt seinen Namen nicht mit Stolz? Waren es nicht Festtage in der
Familie Joachim von Hartensteins, wenn aus dem Palmentale neue Kunde anlangte
von dem Gnadenwunder, das die Gebete und die Opfer heimischer Bekenner in immer
weiteren Kreisen falschgerichteter Seelen zeugten?
    »Unser Vaterland, die Wiege des Protestantismus, hat sich in einer der
erhabensten Aufgaben von seinen Tochtervölkern schmachwürdig überholen lassen.
Noch wirken an der Stätte, auf welcher das Heil gezeugt, von welcher es in die
Welt hinausgetragen worden ist, die deutschen Sendboten, die es in jene
verdunkelte Stätte zurücketragen, unter fremder Ägide. Schon jedoch sind die
höchsten und hehrsten Herzen dafür erweckt, die Säumnis einzuholen. Bald wird
das Friedenskreuz auf preussischem Banner wehen und unter diesem zweifach
heiligen Zeichen der dem Vaterlande verlorene Sohn demselben wiedergewonnen
werden. Seine Strafe heisst Liebe dulden und seine Busse Liebe üben lernen; sein
Exil ist der Boden, der jedes Christen teuerste Erdenheimat ist.«
    Es war eine eingängliche Schilderung, welche nach diesen warmen Worten
Professor Hildebrand von dem äusseren und inneren Gedeihen der englischen
Missionsstation in Palästina entwarf; wohl nur darum so eingänglich, um der
aufgeregten Mutter eine Pause der Sammlung zu gewähren. Denn weder ihr noch
irgendeinem seiner Hörer wurde etwas Unbekanntes mitgeteilt. Leider auch dem
nicht, auf welchen jenes Gedeihen eine Heilswirkung üben sollte. Wenn früherhin
der Vormund über seines Zöglings Stumpfsinn, ja seinen Abscheu vor vertiefenden
Lehrworten geklagt hatte, so war es zweifelhaft, was dem Kindskopfe gründlicher
widerstand, ob die Schulexpositionen der alten Heidendichter oder die Berichte
der neuen Heidenbekehrer, die ein Haupttema der Unterhaltung in seinem »Kerker«
bildeten. Was fragte der Sausewind Philipp nach den Operationen der Gnade in
einer Berbernseele? was nach den Rudimenten von Sprache und Sage semitischer
Völkerbrocken? Die »Friedenshütte des Palmentales« war ihm nur wiederum ein
Gefängnis, in welchem gesungen und gebetet wurde, abgeschieden von allem, was
auf Erden lacht und lockt, noch weit einödiger als der Ahnensaal von Werben oder
die Bücherklause der Gelehrtenstadt.
    Während des Professors Vortrag wachte der alte Unband denn auch merkbar in
ihm auf; er warf den Kopf in die Höhe, wollte aufspringen, murrte halb
unterdrückte Laute. Da die Mutter aber ihren Arm immer dichter um seinen Hals
schlang, ihm die Locken streichelte und in sein Ohr flüsterte: »Still, still,
mein Kind, ich verlasse dich nicht,« wurde ein Ausbruch notdürftig gehindert,
bis der Redner geendet hatte. Zustimmungssicher überblickte er den Kreis seiner
Hörer; einer nach dem anderen neigte schweigend das Haupt; nur Lydia stand in
sich versunken, und die Matrone erhob sich zu einer Gegenrede von ihrem Platz.
    Eine Purpurwoge überflog ihr blasses, kindliches Gesicht; sie zitterte so
heftig, dass sie die schlummernde kleine Enkelin, um sie nicht fallen zu lassen,
auf ihren Sessel niederlegte und mit beiden Armen den Sohn umklammerte. Sie rang
nach einem Wort, war aber so gewohnt, sich schweigend zu fügen, dass sie den Sinn
nicht alsobald fand, und den Laut drängte alles, was Angst und Qual heisst, in
die Brust zurück. Nach einer erwartungsvollen Pause fragte der alte Freund
daher, ob sie gegen das Rettungswerk, welches er nach bestem Wissen und
Gewissen, im Einverständnis mit allen den Ihrigen zum Vorschlag gebracht, einen
Einwand zu erheben habe.
    Sie schüttelte das Haupt. »Nein, nein,« presste sie hervor. »Aber - aber, ich
verlasse meinen Sohn nicht, - ich gehe mit, wohin er geht.«
    Die sanfte Frau sah danach aus, als ob sie zu dieser mütterlichen Heldentat
unwiderruflich entschlossen sei. Keiner hatte diesen Zug von Energie je an ihr
wahrgenommen. Eine lange Pause entstand. Die richtenden Männer blickten
betroffen erst die Matrone, dann sich untereinander an. Wo blieb die Strafe und
wo die Busse des verlorenen Sohnes unter diesem Geleit? Die jungen Töchter warfen
sich an der Mutter Herz, entsetzt von der Vorstellung der Entbehrungen und
Gefahren, welche das zarte, teuere Leben bedrohten. Auch Martins Augen waren
feucht. Er näherte sich der Gruppe, hob sein Töchterchen von dem Sessel in die
Höhe und legte es in der Mutter Arm, während er mit dem seinen ihren bebenden
Leib umspannte.
    »Und was soll aus diesem armen Würmchen werden, wenn auch du von ihm gehst,
Mama?« fragte er mit schluchzender Stimme.
    Die unglückliche Frau taumelte auf ihren Platz zurück. Zum ersten Male
entstürzte ein Tränenstrom ihren Augen. Im Arm das schwache, mutterlose Kind, an
der Hand den geächteten Sohn, schweiften ihre Blicke von jenem zu diesem und von
diesem zu jenem. Welches von beiden liebte sie mehr: das schuldige Kind oder das
unschuldige? Welches von beiden bedurfte der Liebe einer Mutter mehr? Ach,
bewahre doch Gott in Gnaden ein armes Frauenherz vor solcher Liebeswahl! Kein
Atemzug wehte durch die Schwüle des Ahnensaals.
    Da nahte sich Lydia mit festen Schritten; das schöne Haupt hoch
aufgerichtet, ein hehres Feuer in den Augen und auf den Wangen eine Purpurblüte.
»Nicht du, meine Mutter,« sagte sie, indem sie die Hand der Witwe an ihr Herz
drückte. »Dein Platz ist bei diesem Kind. Mit deinem Sohne gehe ich, und ich
gelobe dir, fortan mit deinen Augen über ihn zu wachen.«
    Die Mutter lehnte ihr Haupt an der Tochter Brust.
    »Lydia!« stammelte sie. »Lydia, du mit ihm! du! - o, mein Joachim, hast du
es gehört?«
    In diesem unter sich so vertrauten Kreise ahnete keiner, dass der Entschluss,
welchen Lydia mit solcher Ruhe äusserte, nicht erst die Eingebung des Augenblicks
sei, sondern eine vorbedachte Selbstbefreiung von schwerem Druck, - keiner als
Dezimus, der einzige dem Kreise nicht Vertraute. Alle anderen sahen nur das
Opfer; die Mehrzahl neben dem moralischen Opfer auch das materielle, da es ja
den Verzicht auf das Werbensche Erbe in sich schloss; und gewiss berechnete
mancher die Einbusse, die auch ihn mittelbar bedrohte. Aber so natürlich erschien
alles, was dieses Mädchen Besonderes tat, so besonders alles, was ihm natürlich
war, und so unbedingt war die Schätzung ihrer adligen Natur, dass auch nicht der
leiseste Einwand gegen ihr Vorhaben erhoben wurde. Der schwere Familienkonflikt
würde heute wiederum wie beim Tode des Vaters durch das Opfer der Schwester
erledigt worden sein, wenn - ja, wenn nicht der gewesen wäre, welchem es dazumal
einschliesslich und heute ausschliesslich gebracht wurde.
    Der aber, der törichte Knabe, gebärdete sich plötzlich, als ob der böse
Geist in ihn gefahren sei. In dem Geleit der Mutter, so aufrichtig es gemeint
war, hatte er eine gütige Täuschung gesehen, einen Einfall, der ihm das Wasser
in die Augen trieb, aber doch nicht viel mehr als eine Seifenblase. Wenn es auf
ihn selber angekommen wäre, ei freilich, was hätte er sich denn Besseres
wünschen können, als mit seinem Mütterchen eine Bussfahrt um die halbe Welt zu
machen, an irgendeinem hübschen Platze es zum Aussteigen zu bereden und allda
seines jungen Lebens froh zu werden! Aber die anderen! Was sollte diese liebe,
gute, englische Mama unter Juden, Heiden und Türken? Weit eher, als dass man sie
fort liess, liess man ihn ja los. Die ganze Geschichte war dummes Zeug.
    Nun jedoch, da Lydia an der Mutter Stelle trat, wurde die Geschichte
bitterer Ernst, und die lange verbissene Wut brach jählings in dem Unband aus.
Er riss sich von der Mutter Hand, ballte die Fäuste und stampfte mit den Füssen.
Die Augen sprühten wie wilde Katzenaugen.
    »Und ich gehe nicht mit!« kreischte er mit überschnappender Fistelstimme.
»Ich kann keine Heiden bekehren, und ich mag keine bekehren. Ich bin selber ein
Heide. Ja, ein Heide bin ich. Ein Heide! Ich will nicht beten und singen, zu
Hause nicht und im Gelobten Lande noch viel weniger. Schleppt mich nur hin; ich
laufe unter die Türken und werde Soldat. Sperrt mich nur in die Kajüte, bindet
mich fest, beim Landen müsst ihr mich doch losmachen, und ich springe ins Meer
und schwimme mich frei, lebendig oder tot!«
    Welcher Umschlag in den Gemütern! Lydia stand starr und fahl wie ein
Gespenst; alles Mitleid der jungen Schwestern war verstummt, selbst die Mutter
blickte verzagt. Die Männer zitterten oder knirschten vor Empörung.
    »In die Zwangsjacke mit dem Besessenen!« murmelten die geistlichen Freunde.
    »In das Zuchtaus mit dem Bösewicht!« riefen die weltlichen Schwäger.
    Dann eine Pause stummer Ratlosigkeit. Philipp wischte sich den Schweiss von
der Stirn und den weissen Schaum von den Lippen. Die Tarantel hatte ausgebraust.
Wallt doch selbst in grauen Siedeköpfen die wilde Wut einen Atems auf und ab,
und hat sie abgewallt, ist das Gehäus bis auf weiteres entleert. Gegenwärtigen
kindischen Siedekopf aber gar, hätte man fünf Minuten, nachdem er sich als Heide
proklamiert, ihn an Bord eines christlichen Missionsschiffes geführt, er würde
gefolgt sein wie ein Lamm. Ja, er blickte schon wieder ganz wohlgemut dem
Freunde zu, dessen Gegenwart er seit einer Stunde vergessen hatte und den er
jetzt aus seinem Fensterwinkel auf die rat- und sprachlose Versammlung
zuschreiten sah. Sein lieber, guter Dezimus, er würde ihn schon noch einmal aus
seiner argen Klemme ziehen!
    Die Blicke der weisen Richter waren denen des jungen Toren nicht ohne
Befremdung gefolgt. Was wollte Saul unter den Propheten?
    Wenn für ein Problem, das Tag wie Nacht hindurch Hirn und Herz zerwühlt hat,
im Sturme des Affekts, jach wie ein Blitz, die Lösung uns durchzuckt, dann,
nicht wahr? dann nennen wir es Eingebung? Und wenn, wiederum im Sturme des
Affekts, die Eingebung einen zündenden Ausdruck findet, dann nennen wir diesen
Beredsamkeit? Wirkung und Wirksamkeit solcher Art war dem glücklichen Kandidaten
in dieser Stunde beschieden. Er hatte einen Einfall zu rechter Zeit, was allemal
ein Treffer ist in der Lebenslotterie; einen recht einfachen Einfall, ebenso
einfach wie der des Kolumbus, nicht da er Amerika entdeckte, sondern da er das
bewusste Ei zum Stehen brachte.
    In Parentese: Nach Frau Hanna Blümels Dafürhalten ein weit
verwunderlicheres Kunststück als die Entdeckung Amerikas, insofern das Ei weder
ausgelaufen noch ein hartgesottenes gewesen sein sollte.
    Diesen einfachen Einfall brachte der Kandidat nun aus eigener
Machtvollkommenheit der bestürmten und bestürzten Versammlung zu Gehör, aus
warmem Herzen mit warmem Wort, denn er sprach als Freund. Dass er dabei nicht
ohne gewisse diplomatische Rücksichtsnahmen verfuhr, wird man hoffentlich seinem
redlichen Hirtensinn weder als Ironie noch als Achselträgerei auslegen. Selber
von der Kanzel herab muss ein Redestück ja wohl dem Auditorium ohrgerecht
zubereitet werden, wie viel mehr in einem Ahnensaal.
    Unabsichtlich kunstgemäss nahm er seinen Ausgang von dem geringfügigsten
Punkt, will sagen von seiner eigenen Person. Er erzählte denen, die es noch
nicht wussten, und just denen galt ja seine Überredung, von seinem Bruder, einem
erprobten Seemann, der den kommenden Winter in einem bescheidenen Heimwesen auf
einer der friesischen Inseln auszuruhen gedenke, und dass er, der Kandidat, im
Begriffe stehe, einer geschwisterlichen Einladung in dieses Heimwesen zu folgen.
Unumwunden richtete er darauf an die, welchen die Entscheidung über seines
jungen Freundes Schicksal zustehe, die Bitte, ihm denselben als Begleiter auf
dieser Reise anzuvertrauen und, falls die Verhältnisse seinen Erwartungen
entsprechend gefunden werden sollten, ihn alldort für eine Probezeit der Obhut
braver, einfacher Menschen und der geistigen Führung des Predigers der Insel,
dessen Name ja als der eines treuen Christen und bewährten Pädagogen weit über
den Kreis seiner nächsten Wirksamkeit hinaus bekannt sei, zu überlassen.
    (Erstes Zeichen rednerischen Erfolges: die beiden frommen Seelsorger neigten
bei diesem Passus vom Inselpastor zustimmend die Häupter.)
    »Insofern nämlich der Jüngling gewillt sei, sich dieser Probezeit ohne
Sträuben zu unterwerfen und - -«
    »Ja, ja, ich will!« unterbrach ihn Philipp freuderot, indem er Anstalt
machte, sich seinem Erretter in die Arme zu stürzen.
    Der aber wehrte ihn ab. »Nicht an Ihnen ist zunächst die Entscheidung, und
es ist kein Freudenleben, das Sie erwartet, törichtes Kind,« sagte er mit
Mentorwürde, für welche Zurechtweisung er ein zustimmendes Neigen auch der
beiden schwägerlichen Häupter erntete.
    »Ein unruhig neugieriges Verlangen,« so fuhr er fort, »prickelnd in den
Adern dieses Jünglings, den ich, über seine Jahre hinaus, noch einen Knaben
nennen möchte, hat ihn in eine schwere Verirrung getrieben, und es ist im Kreise
dieser Berufenen entschieden worden, dass unsere gesellschaftlichen Einrichtungen
einem derartig Verirrten seines Standes, selbst wenn er ein anderer geworden
wäre, nicht den Raum gewähren, auf welchem er sich zu einem nützlichen und
glücklichen Menschen heranbilden dürfte. Mir, in meiner Stellung, gebricht wie
das Urteil so die Befugnis, solchem Entscheid zu widersprechen.«
    (In Mienen und Gebärden allseitige Zustimmung des Männerkreises bei diesem
Zeugnis bescheidener Selbstschätzung.)
    »Sollte aber nicht vielleicht für eine derartig angelegte Natur der Beruf
des Seemanns in Betracht zu ziehen sein? Sollte - -«
    »Ja, ja, Seemann will ich werden!« unterbrach ihn Philipp zum zweiten Male,
um zum zweiten Male zur Ruhe verwiesen zu werden.
    »Der maritime Verkehr unseres Vaterlandes,« so hob sein Fürsprecher von
neuem an, je mehr und mehr auch von einem sachlichen Eifer beherrscht,
»beschränkt sich bis jetzt auf den Handel von Privaten. Die Sehnsucht des Volkes
aber drängt zu Schutz, Förderung und Forschung nach einer staatlichen Ausdehnung
dieses Verkehrs.«
    (Seitens des Kammerherrn Zeichen der Missbilligung, von dem Redner leider
unbemerkt.)
    »Und wenn diese Ausdehnung eines Tages errungen werden sollte, würde dann
für einen bereits seemännisch Geschulten nicht auf eine angemessene Stellung im
vaterländischen Dienst zu rechnen sein?«
    (Die Nichtübereinstimmung mit dieser zweifachen Erwartung einer preussischen
Flotte und eines auf ihr bediensteten Schwagers wurde jetzt auch an dem hohen
Rat so augenfällig, dass der Kandidat sich beeilte, eine sympatischere Saite
anzuschlagen.)
    »Aber auch abgesehen von dieser zweifelhaften Zukunftsfrage, wie häufig ist
es ausgesprochen worden, und wem leuchtete es nicht ein, dass das wagnisvolle
Ringen zwischen Ozean und Himmel wie kein anderer Beruf geeignet sei, einen
schwanken Menschen fest, einen schwachen stark zu machen; warum nicht auch
diesen Jüngling, dem ein unbestimmter Drang in das Weite den Segen der Nähe
verkennen lässt? Warum mit der Zeit ihn nicht auch reif für das erhabene Amt, das
seine Freunde für ihn erwählten, wenn er auch heute noch nicht fähig ist, seine
heiligende Bedeutung zu fassen? Schon manchen unserer wirkungsvollsten
Missionare hat der Drang der Forschung, ja der Abenteuer unter die Heidenwelt
getrieben, bevor das Erbarmen mit deren geistiger Armut den Eifer des Apostels
in ihm zum Durchbruch brachte.
    Wenn aber auch dieser höchste Segen eine Frage der Zukunft bleiben muss, so
würde der Gewinn für die Gegenwart wohl in keiner Weise eine Frage sein. Ein
winterlicher Aufentalt auf dem einsamen Eiland, unter den Eindrücken
elementarer Allgewalt, im ausschliesslichen Umgang mit Menschen, die vertraut
sind den herben Entsagungen und Drohnissen des seemännischen Berufs, würde die
Entscheidung für oder gegen diesen Beruf in dem Jüngling zur Klarheit bringen,
würde den Seinen, wie ihm selbst, zur Wahl eines anderen die Frist gewähren; der
zarte Körper würde sich kräftigen, äussere Kenntnisse und innere Erkenntnis
würden gefördert, knabenhafte Einbildungen verscheucht werden, der Übermut Grad
um Grad sich zu besonnenem Mannesmut abdampfen.«
    Als der Kandidat mit diesen Worten seine Jungfernrede schloss, erntete er
einen grossen Triumph. Der verlorene Sohn hing an seinem Halse, nannte ihn seinen
Retter, seinen einzigen Freund; Bruder Martin nannte ihn gar ein famoses Genie,
und die beiden Schwestern umschmeichelten ihn unter Lachen und Weinen, ohne dass
ihre Herren Ehegemahle darob eifersüchtig wurden. Die unglückliche Mutter aber
dankte ihm wie eine zum Tode Verurteilte für die erwirkte Gnadenfrist.
    »Ja, er soll mit Ihnen gehen,« schluchzte sie. »Handeln Sie für ihn, als ob
er Ihr Bruder wäre.«
    Und endlich die weisen Richter, was blieb ihnen übrig, als aus der Not eine
Tugend zu machen und ihren Herrgott im stillen zu preisen, weil ihnen einen
Winter lang vor dem bösen Buben Ruhe verschafft worden war? Keiner aber inniger
als der alte Familienfreund, der vier Jahre hindurch bei seinen
Vormundspflichten weit Unleidlicheres auszustehen gehabt hatte als der junge
Leichtfuss bei seinen Mündelpflichten. Die Seemannsprobe unter der geistigen
Obhut des wohlberufenen Inselpfarrers war eine Erlösung für den gottesgelehrten
alten Herrn. Er stellte daher, einer etwaigen weichmütigen Sinnesänderung
vorzubeugen, auch lediglich die Bedingung, dass die Reise sobald als möglich
angetreten werde; und als Dezimus sich jede Stunde zu ihr bereit erklärte,
gleichviel ob Bruder Steuermann bereits in sein Winterquartier gerückt sei oder
nicht - Herr im Hause war ja doch die Steuerfrau -, wurde gleich der heutige
Abend zum Antritt der Bussfahrt bestimmt. Diese würde unter persönlicher Führung
des treuen Vormunds vonstatten gegangen sein, wenn nicht Fräulein Lydia sich zu
seiner Stellvertretung erboten hätte; ein Tausch, gegen welchen von keiner Seite
Einwand erhoben wurde und von Seite des Kandidaten Frei am wenigsten.
    Die unglückliche Lydia! Sie allein teilte die allgemeine Befriedigung nicht.
Wohl drückte auch sie Dezimus die Hand, wie man sie einem notelfenden Freunde
zu drücken pflegt; aber die Purpurblüte war auf ihren Wangen erloschen und auf
ihre Seele die Last zurückgewälzt, von welcher sie sich durch ein edles Opfer zu
erlösen gehofft hatte. Keiner im Kreise ihrer Gleichgesinnten ahnete diese Last.
Der einzige Fremde in diesem Kreise aber verstand und empfand sie wie einen
eigensten Schmerz.
    Im Pfarrhause feierte der Kandidat, der eine bängliche Schicksalsfrage so
befriedigend gelöst hatte, einen zweiten ausserordentlichen Triumph; wenn auch
nicht gerade als inspiriertes Genie, so doch als ein Held des Glücks. Vater
Blümel, der Versöhner, würdigte diese Lösung zwar als den ersten tatsächlichen
Beweis, dass der Sohn über den Angelegenheiten im hohen Himmel und an demselben
nicht zum Simplex und Tolpatsch in den Nöten des Menschenlebens geworden sei;
Mutter Hanna aber, die eines solchen Beweises längst nicht mehr bedurfte, sah in
dem bösen Buben bereits den Admiral einer in Zukunft möglichen deutschen Flotte
oder doch zum allerwenigsten einen wackeren Schiffskapitän; das jedoch
keineswegs um seiner maritimen Begabung willen, sondern lediglich aus dem
Grunde, dass die Hand ihres gesegneten Johanniskinds sich in seine Untaten
gemischt hatte; und Röschen - ja freilich, das liebe Röschen schmollte und
schmälte recht strudelköpfisch, bei Lichte besehen war aber auch dieses
Schmollen und Schmälen ein Triumph und ein recht süsser Triumph.
    Dieser alte Dezem! Kaum in das Haus, wollte er schon wieder fort, und
Röschen hatte sich doch den ganzen langweiligen Sommer hindurch auf die
Kandidatenvakanz, und zum ersten Male seit vier Jahren auf eine lustige Weinlese
gefreut! Und wenn er noch ganz allein auf seine wüste Insel gegangen wäre! Aber
in Gesellschaft eines wunderschönen Fräuleins - denn der dumme Junge zu dritt,
der zählte für Null - bei Nacht und Nebel in die weite Welt hinein zu dampfen,
schickte sich das? Schickte sich das ganz besonders für einen Kandidaten pro
ministerio? Nein, es schickte sich nicht. Und darum wollte Röschen mit. Röschen
wollte endlich auch einmal eine Reise machen, das Meer sehen, eine grosse Stadt
und was es etwa sonst noch Hübsches bei Wege zu geniessen gab.
    Ja, das liebe Röschen wollte mit, absolut mit; und ihren alten Dezem, ei
nun, den hatte sie bald genug herum. Fürs Leben gern hätte er sie mitgenommen.
So als zehntes Korn, von Rosen und Lilien eingefasst, oder als Dezemshuhn, von
Lerche und Schwan begleitet, was hätte das für einen Einzug in Mutter Stinens
Inselhause gegeben!
    Der Plan scheiterte aber leider an dem Nein des sonst so nachgiebigen Papa
Blümel, der seinen Liebling eine kleine Törin schalt; und als nun auch Leutnant
Martin sich die Vorstellung erlaubte, dass eine so schöne Dame wie Fräulein Rose
doch eine gar zu gefährliche Eskorte für einen jungen Sträfling wie Bruder
Philipp sein würde, und weheleidig hinzusetzte, dass er und seine beiden
Schwestern sich so herzlich auf ein zerstreuendes Zusammensein mit ihrer
liebenswürdigen Freundin gefreut hätten, was blieb dem lieben Röschen da übrig,
als zu lachen und ihrem alten Dezem zu erklären: während er mit dem schönen
Fräulein Busspsalmen singe, werde sie, um sich seiner angemessen zu beschäftigen,
es sich angelegen sein lassen, einem betrübten Witwer gründlich Trost zu
spenden.
    Zu welchem lobenswerten Vorsatz der alte Dezem seinen Segen gab.
Ach, es war durchaus keine Lustreise in des lieben Röschens Sinn, zu welcher die
drei jungen Menschen mitten in der Nacht aufbrachen. Eine hastige, stillernste
Fahrt durch Gegenden, in welchen, auch wenn die Sonne scheint, die schlummernde
Seele nicht erwacht und die bedrückte sich nicht erhebt. In keiner der
bedeutenderen Städte wurde geweilt; umgehend lösten Dampf- und Postverbindung
sich ab. Mit schwerem Herzen durch Dunkel und Nebel nur immer voran!
    Aber nicht Lydia allein, auch Dezimus fühlte sich beklommen. Von seinem
Heldenstolze war eine klägliche Neige übriggeblieben. Wie ein Experimentator,
ja, wie ein Abenteurer kam er sich vor, wie ein waghalsiger Spieler mit fremdem
Glück. Graue Dunstschleier umhüllten das Inselhaus, das er als einen Hafen
geschildert hatte; und wenn das steuerlose Boot, das er in diesem Hafen bergen
wollte, nun als Wrack an die heimische Küste zurückgespült wurde, wie sollte er
vor dem Chor der strengen Richter bestehen, wie vor Lydias ernster Seele?
    Nur der, welcher diese Zweifel um das Geratewohl einflösste, empfand von
ihnen keine Regung. Nachdem er sich den Abschied von seinem Mütterchen aus dem
Sinne geschlagen, schaute er so wohlgemut drein wie seit seinen Kinderjahren
nicht mehr; bald genug aber drückte er, da es des Unterhaltenden weder zu sehen
noch zu hören gab, seine Guckaugen zu und liess sich in den Schlummer rütteln,
der Glückliche seines Schlags auf hartem oder weichem Polster, bei gutem oder
bösem Gewissen nicht lange auf sich warten lässt.
    So ohne Zeugen, in stiller Nacht dem jungen Manne gegenüber, dem sie so
Bedeutendes zu danken glaubte, bezwang Lydia endlich den in sich gekehrten,
mitteilungsscheuen Sinn. Dezimus war ihr seit Jahren ein Fremder geworden, und
schwerlich mochte sie ihn jemals in irgendeinem Sinne als ihresgleichen geachtet
haben. Nun jedoch, da er in einer entscheidenden Weise in ihr eigenstes Leben
eingegriffen hatte, erkannte sie sein Anrecht, ihren Nächsten zugezählt zu
werden. Denn nur Vertrauen kann eine Guttat lohnen; und wie es einen Spürsinn
gibt für die wahrhaftige Teilnahme, welcher der vernehmbare Ausdruck nicht
genügt oder nicht gelingt, so löste sich im Sagen und Verstandenfühlen das Band,
das ihre Brust zusammenschnürte, und sie redete, wie sie es seit ihrer grossen
Schicksalswendung nicht mehr getan hatte, in vollen, freien Herzenstönen. So
gestand sie denn auch, was Dezimus von vornherein geahnt hatte, dass der
Entschluss, ihren Bruder zu begleiten und sich dauernd aus allen heimischen
Verhältnissen zu lösen, nicht bloss als Gewissensakt einen lockenden Zauber auf
sie geübt und dass seine Vereitelung ihr einen tiefen Niederschlag bewirkt habe.
    »Wie oft,« sagte sie, »ist es doch die nackte Selbstsucht, welche die
Aureole eines Opfers umschimmert! Ohne es mir deutlich einzugestehen, sehnte ich
mich nach einer veränderten Sphäre, nach einem Anfang gänzlich neuen Lebens. Die
Aufgabe, welche ich meiner Familie gegenüber zu erfüllen hatte, wäre überdies
mit diesem Neuanfang erfüllt gewesen. Meine Schwestern sind versorgt, die Mutter
hat in Martins Hause den ihr gemässesten Wirkungskreis. Den durch meine Schuld
verirrten Bruder glaubte ich in meines Vaters Sinne und törichterweise auch in
des Knaben eigenem beweglichen Sinne auf einen guten Weg zu führen: ich durfte
einen Platz räumen, auf dem ich mich allezeit als Eindringling gefühlt habe.«
    Dezimus erlaubte sich, diese letzte Auffassung als eine unrichtige zu
bezeichnen. Sie liess aber seinen Widerspruch nicht gelten.
    »Ich musste,« sagte sie, »in jener äussersten Bedrängnis es als eine göttliche
Fügung nehmen, die mir diese Ausflucht bot. Sie kostete mich mein Selbstgefühl;
aber ich hatte keine Wahl. Nach ihrer Mutter Tode steht Sidonie heute hülfloser
da als ich, und es ist mir nicht etwa Pflicht, nein, Wohltat, sie an meine
Stelle treten zu lassen und das, was sie aus meiner Hand ablehnen zu müssen
glaubte, dankbar aus der ihren anzunehmen. Das heisst die Mittel, welche Philipps
von neuem zweifelhaft gewordene Existenz erfordert, während ich meinen eignen
Weg einschlage.«
    Dezimus kannte die kleine Sidi gut genug, um voraus zu wissen, dass sie auch
diese in eine zu erweisende Wohltat umgekleidete erwiesene Wohltat noch ablehnen
werde. Muss einer denn aber wahrlich nicht ein Johanniskind sein, der auf diesem
»am Golde hängenden, nach Golde drängenden« Erdenrund das seltene Schauspiel
geniesst, zwei gleich bedürftige und keineswegs durch Sympatie verbundene
menschliche Wesen sich gegenseitig einen Goldhaufen zuschieben und gegenseitig
zurückschieben zu sehen? Eine Schimäre ist das Gold leider Gottes nicht, aber
hier wurde es schlechtin zur Schikane.
    Während er lächelnd diese Betrachtung anstellte, war Lydia unvermerkt auf
die jammervollen Einzelnheiten übergegangen, welche ihr alter Lehrer über die
Heimsuchung in seiner Provinz den Freunden hinterbracht hatte. Hier wäre nun der
geeignetste Platz für eine, die eine Lebensaufgabe sucht, gewesen; ungeschult,
wie sie in der Krankenpflege grossen Stils indessen noch war, würde sie für die
gegenwärtige Not zu spät gekommen sein. Sobald sie aber zu einem einigermassen
befriedigenden Überblick über ihres Bruders neue Lage gekommen sein werde,
erklärte sie sich fest entschlossen, sich zur Diakonissin auszubilden und
dauernd ihren Beruf in diesem Amt zu finden. Was hätte denn auch einer Lydia
angemessener sein können als solcher Entschluss?
    Dennoch war Dezimus auf diese Konsequenz ihres Planes, das Vorrecht an
Werben ihrer Cousine abzutreten, nicht gefasst gewesen, und ein Krampf schnürte
plötzlich seine Brust zusammen. Er fand keinen stichhaltigen Einwand, und er
hätte keinen finden können. Aber Lydia fühlte ihm an, dass er nach solchem
Einwand ringe, und kam ihm mit einem ehrlichen Bekenntnis zuvor:
    »Meine natürliche Aufgabe war, einigen wenigen viel zu sein. In
eigensinniger Verblendung habe ich diese Aufgabe verfehlt, und ich nehme es als
Busse hin, fortan allen Einfluss auf des mir anvertrauten Kindes Schicksal seinen
besseren Freunden zu überlassen. Was könnte in solcher Lage nun aber gebotener
sein als das Streben, vielen etwas zu werden, und gäbe es für eine Frau, die der
Familienpflicht entoben ist, wohl einen erfüllenderen Beruf als den, welchen
wir, ziemlich hochtrabend, Samariterdienst nennen?«
    Dezimus hätte wohl einen erfüllenderen Beruf gewusst; aber durfte ein
dreiundzwanzigjähriger Kandidat der Gottesgelehrteit dem allerschönsten
Fräulein, das es für ihn gab, unter vier Augen raten: »Ja, einem einzigen alles
werden!« Obendrein, da dieses allerschönste Fräulein schon einmal an diesem
Alleswerden gescheitert war? - So sagte er denn nur kleinlaut, mit
niedergeschlagenen Augen, indem er das Blut in seine Wangen schiessen fühlte:
»Keinen für eine, der das Ungemeine das Naturgemässe ist.«
    »Warum,« rief Lydia mit einem Eifer, ja mit einem Feuer, wie sie vielleicht
niemals geredet hatte, »warum soll dem Weibe nicht naturgemäss sein, was es dem
Manne doch ist? Oder nennen Sie den Beruf des Arztes auch einen ungemeinen? Es
müssen mehr solche allgemeine Aufgaben uns erschlossen werden. Die Erfüllung,
die Sie zu meinen scheinen, liegt nicht in unserer Gewalt; wofür wir aber die
zulängliche Kraft des Organs in uns erkennen, müssen wir auch das Recht haben,
uns auszubilden und das Ausgebildete zu verwerten. Ich bin von meinem Vater für
ernste Lebenszwecke erzogen worden. Soll ich die letzten Jahre der Jugendkraft
ratlos und tatlos in einer Sinekure verträumen? Darf ich es? Und wenn ich
dürfte, ich vermöchte es nicht. Nicht mehr. Seit der Stunde, wo mein harter
Wille einen schwachen Knaben an den Rand des Abgrunds trieb; seit ich erkannt
habe, dass das, was ich für meine Reife hielt, meine Unreife war, drängt eine
unwiderstehliche Gewalt mich aus meiner beengenden Stille heraus. Mir ist, als
senke sich ein dichter Schleier, der mir seit Jahren das wahrhaftige Leben
verhüllte, und ich sehe keine Hülfe für mich als die Hülfe einer Tat.«
    Die Sonne war während dieser Rede aufgestiegen, eine goldigklare
Oktobersonne. Philipp erwachte von dem Schein, der ihm plötzlich in die Augen
fiel, und Lydia versank wieder in stilles Sinnen. Dezimus wechselte mit dem
Jünglinge gleichgültige Bemerkungen über äussere Eindrücke; sein Herz aber war
froh bewegt; auch ihm hatte sich der Schleier gesenkt, der ihm sein weisses
Fräulein seit Jahren verhüllt hatte.
    Nach einer ruhigen Überfahrt langten sie auf der Insel an. Die Brüder waren
vor ein paar Tagen heimgekehrt; der timide Amerikaner, um - so hatte es die
regierende Steuerfrau dekretiert -, bevor er in das binnenländische Hirtenhaus
übersiedelte, in kräftigender Strandluft und Beköstigung sich von der läppischen
Seekrankheit gründlich auszuheilen.
    Die Freude des brüderlichen Wiedersehens und Sichkennenlernens äusserte sich,
je nach der Art, in starken, schwachen oder auch in gar keinen Lauten;
aufrichtig aber war das Willkommen, das die unbekannten Begleiter empfing. Diese
seefahrenden Insulaner sind Leute, die mit allerlei Volk umzugehen lernen, und
das saubere Haus am Strande war auf Gastlichkeit eingerichtet. Während der
Badezeit hatte es Herrschaften, die ebenso fein waren wie die gegenwärtigen,
wohl schon des öfteren beherbergt. Im Winter jedoch und aus barer Freundschaft
noch nie; auch erklärte Mutter Stina, so wunderschöne Menschenbilder wie diese
Hartensteinschen noch nie mit Augen gesehen zu haben, nicht einmal gemalt. Der
blöde Bruder Friede aber, der, wenn auch etwas abgezehrt, an Leibeslänge seinem
Ältesten kaum etwas nachgab, verwendete kaum die Augen von dem lieben prächtigen
Junkerchen und folgte ihm auf Schritt und Tritt, wie eine Neufundländer Dogge
einem freundlichen Kinde folgt.
    Die Bedingungen zu Philipps Beherbergung erledigten sich daher zu
allseitiger Zufriedenheit, und dass es der kernhaften Steuerfrau, samt
Steuermann, kein Hexenstück deuchte, neben ihren bis jetzt bloss drei
persönlichen Buben einen freiherrlichen Wildfang zum Schiffsjungen zu
dressieren, verdient schwerlich der Erwähnung.
    Tiefer eingeweiht in des Wildfangs Vorgeschichte wurde der Inselpastor, ein
Mann so recht von Grund aus, wie er Lydia in ihrer gegenwärtigen Stimmung not
tat und für ihr dringendstes Anliegen wie geschaffen. Als Sohn eines
Schiffskapitäns mit nautischer Kenntnis vertraut, war es ihm leicht, den
Jüngling auf den erwählten Beruf hin zu prüfen; als vormaliger festländischer
Gymnasiallehrer und als unverheirateter Mann war es ihm ein wohltuender Wechsel,
sich ein paar Tagesstunden dem klassischen Unterricht zu widmen und seine Augen
wachsam auf eine junge Seele gerichtet zu halten. Philipp versprach seinem
Freunde Dezimus in die Hand, gehorsam und fleissig in seiner Verbannung
auszuhalten.
    »Und da ich Ihnen die Hand darauf gegeben,« so lautete seine Logik, »halte
ich es auch. Lydia hatte ich nie etwas gelobt, warum hätte ich ihr parieren
sollen?«
    Es verschwand demnach von vornherein das kleinmütige Verzagen. Alles und
jedes liess sich an so, wie der Held des Glücks im entscheidenden Moment es
geschaut und geschildert hatte. Er hat sich weder auf seinen Scharfsinn, noch
auf seine Rhetorik etwas zugute getan, die Wochen aber, welche er an der Seite
seines weissen Fräuleins des frohen Gelingens Zeuge ward, hat er nicht aufgehört,
zu den köstlichsten seines Lebens zu zählen, denn es waren ewige Offenbarungen,
welche beider Seelen auf der stillen Insel eingegeben wurden.
    Sie, wie er, feierte den ersten weiten Ausblick in die Welt; sie, wie er,
fühlte zum ersten Male den starken Pulsschlag der Natur: denn sie standen am
Meer. Wohl waren es nicht die hesperischen Gestade, zwischen welchen Lydia nach
dem Palmentale zu segeln gehofft, nicht des Kreuz des Südens, das Dezimus
sehnend sich im tropischen Ozean spiegeln sah. Es war ein kahler Strand, ein
nebelgrauer Himmel, eine nordische See. Aber doch die See! Und von allen
Natureindrücken wirkt keiner so überwältigend wie der des Meeres, weil es nicht
nur den höchsten Sinn, sondern jeglichen Sinn des Leibes und des Geistes
gefangennimmt.
    Wir sehen sein Lächeln und sein Zürnen wie die einer beseelten Kreatur, wir
hören den Rhytmus seiner Sprache, atmen seinen seltsam würzigen Brodem, fühlen
die wogende Kühle, mit der es uns umspült. Und wie lockt es die Phantasie in
seine Tiefen, wie lockt es den forschenden Gedanken in alle erreichbare Fernen,
während es gleich dem unerreichbaren Firmament, das es widerstrahlt, das Ahnen
und Mahnen des Unendlichen im heimlichsten Seelengrunde aufstört.
    Endlich aber: es ist unser eigen! Welches Gemüt erschütterte nicht das
Ringen, unter welchem die schwache Eintagsfliege, Mensch, zum Herrn über den
Leviatan sich setzt? sei es, dass sein Kiel die Brandung durchfurcht, sei es,
dass er mit Ameisenfleiss seine Scholle zum Schutz gegen Sturm und Woge umwallt.
Wie zeugt und hebt es jede Mannestugend und Kraft! Wer darf sagen, dass er das
Geheimnis der Heimatliebe spüre so wie der spärliche Menschenrest auf diesen
Inselbrocken, die einstmals blühender, fester Boden waren? Hunderttausende, die
er genährt, hat die einbrechende Flut verschlungen, und die wenigen, die sie
verschonte, hat sie jede Stunde zu verschlingen die Macht. Und doch klammern sie
sich an ihn, schützen, bebauen ihn, und aus paradiesischer Üppigkeit lockt es
den Seefahrer an seine rauhe, umbrandete Küste wie in einen weichumfangenden
Mutterarm, und der sturmgepeitschte Wogenschlag hallt ihm wie ein Wiegenlied.
    Und all diese Schauer einer hehren, herben Grösse empfanden Lydia und Dezimus
zu zweien so, als wären sie allein. O, was waren das für Stunden am Strand, im
Boot, in dämmernder »heiliger Frühe«, bei glutdurchströmtem Tagessinken, unter
dem nächtlich strahlenden Firmament! Wie weitete sich seine Brust, wie färbten
sich ihre lange bleichen Wangen! Diese reine Menschenblüte, die unter rauhem
Frühlingssturme ihren Kelch zusammengezogen hatte, sie öffnete ihn zu
düftereichen Strömen, und die ernste Freundschaft, die sich in diesen Stunden
des Erwachens schloss, die wird wohl standhalten wie am mitternächtigen Horizonte
der Stern, der dem Piloten auf hoher See die Richtung gibt.
Freund Kandidat sass wieder im Giebelstübchen des Chaldäerhauses. Da der
Seelenvater sich wie zuvor schon der Sternenvater für Zurücklegung auch des
Oberlehrerexamens entschieden hatte, war wider Hoffen und halb und halb auch
wider Verstehen die Rosenwonne in die Ferne gerückt. Indessen liess nachts die
Beobachtung gewisser Lieblingsphänomene, die am novemberlichen Himmel zu
schwärmen pflegen, und liess am Tage die Rückschau auf phänomenale
Meeresoffenbarungen es zu beängstigenden Schauern des Kandidatenfiebers nicht
gelangen. Unter sprühenden Weltenfunken und goldenen Erinnerungen, unter Träumen
von eitel Frieden und Freude flogen Tage und Wochen dem Glücklichen hin, als
jach das Schicksal geschritten kam, das mit ehernem Tritt Bahnen verschüttet und
Bahnen bricht.
    Die mehrerwähnte böse Seuche hatte sich von ihrem ursprünglichen Herd auch
über andere Teile des Vaterlandes, wo sie ein dichtgedrängtes Volk der
genügenden Nahrung entbehrend fand, ausgebreitet. Für die Werbener Gegend war
man jedoch ausser Sorge; unter den erquicklichen Luftströmen ihres Tales und
seinen der Mehrzahl nach wohlhäbigen Bewohnern hatte seit Menschengedenken
selbst keine Kinderkrankheit epidemisch Fuss gefasst. Die Cholera war vor Jahren
in den nachbarlichen Auenstädten und Dörfern wie ein Würgengel aufgetreten; an
der Werbener Flurmark machte sie halt. Im frommen Dank für diese Gnade hatte man
dazumal in der Pfarre wie auch in diesem und jenem Bauernhofe, wo die Blümelsche
Sinnesart allmählich Widerhall gefunden, für die Heimgesuchten gearbeitet,
gesammelt, gespart, das Entbehrliche hingegeben, und also geschah es heuer
wieder. Tropfen leider auf einen heissen Stein!
    Lydia sandte unter des Kurators Zustimmung den grössten Teil der aufgesparten
Hälfte ihrer Rente in die bedrängten Gegenden; sie glaubte sich zu diesem
Eingriff in ihre eigene Ordnung berechtigt, da binnen kurzem ja das volle
Einkommen auf ihre Cousine übergehen werde.
    Denn das herzstärkende Zwischenspiel am Meer hatte Lydia in ihrem ernsten
Zukunftsplane nur gefestigt; Sidonie war durch Freund Blümel bereits davon
benachrichtigt, dass jene unmittelbar nach Philipps Entscheidung über seinen
Beruf, also zum Frühling, in die grosse Diakonissenanstalt am Rhein eintreten
werde. Sie lebte zurzeit auf dem Schloss wieder ganz allein. Die Geschwister
waren in ihre Heimstätten, die Mutter in Martins Haus zurückgekehrt.
    Pastor Blümel bekämpfte ihr Vorhaben nicht; doch bangte ihm vor dessen
Ausführung, weniger um ihretwillen als um seiner selber willen. Lydias
Verhältnis zu ihm und seinem Hause war seit der Heimkehr von der Insel ein
verändertes. Sie besuchte regelmässig seine Kirche; von Mutter Hanna wurde sie in
ihrer Einsamkeit gleich einer Angehörigen gehegt, und auch Röschen gewöhnte sich
an das »In die Höhe blicken« und »Schweigenhören«, wie sie es nannte; der Vater
aber liebte sie mehr denn je wie ein eigenes Kind, ja wie ein im Greisenalter
erfülltes hehres Traumbild der Seele. In seinem Erinnerungskalender aus jener
Zeit steht, offenbar in bezug auf Lydia, die Bemerkung:
    »Wie gewisse stark organisierte Körper sich erst völlig entwickeln nach
einem Fieber, das die in der Ruhe stauenden Säfte in Umschwung bringt, so gibt
es hochgerichtete Seelen, in denen erst durch einen Irrtum, ja durch ein Fehl
ein Gleichmass der Wirkungen hergestellt wird. Hier wie dort ringt die
unterdrückte Natur sich aus ihrem Bann.«
    Auch mit Dezimus war Lydia in Briefwechsel getreten. Der Austausch der immer
zufriedenstellenderen Nachrichten von der Insel gab den Anlass dafür, wenn auch
nicht seinen einzigen Stoff. Da aber neben jenen Nachrichten die Aussenwelt ihnen
wenig Erfahrungen zutrug, tauschten sie die immer reichlicher strömenden ihres
inneren Lebens gegeneinander aus, und Dezimus genoss die volle Seligkeit, in die
Seele einer Freundin zu ergiessen, »was durch das Paradies der Brust« in seinen
Sternennächten gewandelt war. Er hätte schwerlich entscheiden können, welches
Kuvert er freudiger erbrach, das von einem ernsten Lydiabriefe oder das von
seines Röschens schelmischer Wochenepistel.
    Es war am Morgen des letzten Sonntags im Kirchenjahr, welcher dem Gedächtnis
der Verstorbenen geweiht ist, als Dezimus vor der erwarteten Familienpost einen
Brief von Lydia erhielt; schon ehegestern geschrieben, hatte ein Zufall die
Beförderung verzögert; leider verzögert, da er eine zur Eile drängende Kunde
entielt: die Fieberseuche war in Talwerben ausgebrochen.
    Einer von den Ärmlingen des Eichsfeldes, welche im Frühling aus ihren
Dörfern wandern, um tief in das Land hinein Arbeit zu suchen, hatte in Schlesien
grösseres Elend gefunden, als er daheim verlassen, und statt Winterbrot den bösen
Krankheitsstoff zurückgetragen. Bettelnd schleppte er sich mühselig den weiten
Weg entlang, bis er endlich vor der Schenke des Talgutes zusammenbrach und in
einer Scheune verschied. Unerfahrenheit in der Behandlung und Bestattung mochte
die Schuld getragen haben, dass das Unheil mit der Hast und Vehemenz eines bösen
Zaubers sich von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf in der Aue verbreitete. Der zur
Leichenschau berufene Gerichtsaktuar, der Küster, ein paar Knechte und Mägde des
Gutshofes waren bereits erlegen. Ein panischer Schrecken hatte das Volk gepackt,
man scheute sich der dringendsten Handreichungen. Lydia durfte autodidaktisch
eine tüchtige Vorschule zu dem erwählten Berufe durchmachen. Auch ärztliche
Hülfe tat not, da die aus den Nachbarstädten meistenteils erst gesucht wurde und
gebracht werden konnte, wenn Hülfe zu spät kam. Lydia forderte Dezimus daher
auf, so rasch als möglich einen jungen Mediziner für den Dienst in ihrer Gegend
anzuwerben. Sie bot ihm bis zum Erlöschen der Epidemie freie Station im Schloss
und neben seinen ärztlichen Gebühren ein Salär aus ihren Mitteln. Noch fügte sie
hinzu, dass Hochwerben bis jetzt verschont geblieben sei, der Vater aber seines
Amtes im Filial mit Jünglingseifer warte.
    Dezimus war entschlossen, noch heute zur Unterstützung seines Vaters und
seiner Freundin nach Hause zu eilen, sobald er nur des Auftrags der letzteren
sich entledigt hätte. Die natürliche Wahl fiel auf Freund Kurzen, nicht bloss
weil er ein Heimatsinteresse für die Sache hatte, sondern auch weil er keinen
eifrigeren und tüchtigeren jungen Mann seines Faches kannte und sein gutes
Zutrauen ihm noch kürzlich von dem ersten klinischen Lehrer der Universität
bestätigt worden war, als er mit ihm bei seinem alten Chaldäer zusammentraf. Er
fand den Freund indessen weder in seinem unbehaglichen Dachgelass noch in den
behaglicheren Lokalen, in welchen er seinen gesunden Appetit, zumal auf
»flüssiges Brot«, zu stillen pflegte. Wo hätte er ihn ausserdem suchen sollen?
Auf Praxis leider nicht; denn seit netto sechs Monaten hatte Doktor Peter Kurze
in Blättern und Blättchen, zwanzig Meilen in der Runde, seine ärztlichen Dienste
ausgeboten wie - sein eigenes Gleichnis - wie sauer Bier; jedweder rationellen
Kur, inklusive Zahnausziehen und Hühneraugenschneiden, würde er sich mit
Hochgenuss unterzogen haben: dennoch hatte sich, etwelche akademische
Kneipkumpane ausgenommen, die honoris causa behandelt werden mussten, noch kein
einziges einer rationellen Kur bedürftiges Individuum in seine ausgespannten
Netze verfangen.
    Als nach langem, vergeblichen Umherirren Dezimus nach seiner Wohnung
zurückging, in der Absicht, seinen Auftrag schriftlich anzubringen, stürmte ihm
von dorter der Gesuchte entgegen, indem er schon auf zwanzig Schritt Distanz
die grosse Mär zu verkünden begann, dass heute, an dem jedes medizinische Herz
bewegenden Totenfeste - obschon für seine eigene ärztliche Person an jeglichem
wissenschaftlichen Verbrechen noch unschuldig wie ein neugeborenes Lamm -, der
Entschluss in ihm reif geworden sei, aus der Not eine Tugend zu machen und seine
Künste bei den Wasserpolacken an den Mann zu bringen. Er hatte seine akademische
Legitimation bereits in der Tasche; morgen in Tagesfrühe wollte er aufbrechen.
    Da, in der letzten Stunde stösst er auf den Fortunatus aus der Heimatsaue,
der ihm statt der fernen Klientel, die den Bettelsack trägt, in nächster Nähe
eine andere mit gefüllten Brotschränken anbietet, dazu freie Station in einem
Edelhofe und ein ganz respektables Gehalt!
    Wie das Elend einer Menge dem einzelnen ja häufig zum Segen wird, so wird
die ansteckende Hungerseuche Doktor Peter Kurzen zu einem Schmaus. Er tut auf
offener Strasse einen Freudensprung in die Luft, dann einen zweiten dem
hünenhaften Glücksboten an den Hals. Ade, Wasserpolackei! Morgen mit dem
Tagesgrauen ist der Retter in der Heimat! Er würde es schon heute abend sein,
wenn er nicht zuvor seinen Pflasterkasten mit Säftchen und Pülverchen für die
erste Hülfe zu füllen hätte; zum Zweck welcher Vorsichtsmassregel auch noch in
der Eile ein kleines freundschaftliches Bargeschäft erledigt werden muss. In
Peter Kurzes Augen genoss der Stipendiat und Legatar von Werben das Ansehn eines
Millionärs.
    Während Dezimus sein Bündel schnürte, wurde ihm ein zweiter Brief gebracht;
nicht der erwartete von Rosens, sondern wiederum von Lydias Hand. Er war mit
citissimo bezeichnet und entielt nichts als die Worte: »Kommen Sie ohne
Verzug!« Selbst Datum und Unterschrift fehlten.
    Das Herz stockte in seiner Brust. Welches Unheil hatte diesen Ruf der
Todesangst eingegeben? Er hätte sich Flügel anheften mögen und musste warten,
warten, warten bis zum Abend.
    Endlich brauste der Zug heran. Gegen die eine Stunde, welche die Dampffahrt
währte, dünkten ihm die früheren sieben Wanderstunden ein Flug. In dunkler Nacht
erreichte er die Haltestelle; keuchend legte er den Rest des Weges zurück; die
Schritte stockten in dem vom Regen erweichten Boden. Kein Stern leuchtete am
Himmel, und im Herzen - ach, verhülle dich nicht auch du, Stern aller Bangenden
in dunkler Weltennacht!
    Des Eilenden Blicke haften an dem lieben Hause auf der Höhe, aus dessen
Fenstern je näher je mehr ein flackernder Lichtschimmer den Nebel durchdringt,
so als ob angstzitternde Menschen von Zimmer zu Zimmer irrten. Wer war da oben
krank, wer vielleicht - tot?
    Als er um die Friedhofsmauer bog, rollte von der Pfarre her ein Fuhrwerk ihm
entgegen. Doktor Brands wohlbekannte Chaise. Mit einem Satz war Dezimus am
Schlag, das fahle Laternenlicht fiel auf seine qualverzerrten Züge.
    »Sie kommen zu spät, armer Freund,« rief der alte Familienarzt ihm zu.
    »Wer, wer?« stiess Dezimus hervor.
    Die Pferde zogen an, Dezimus, der sich an den Schlag geklammert hatte, wurde
zu Boden geschleudert; die Antwort verhallte.
    Er raffte sich auf und eilte nach der Pfarre. Die Haustür stand offen, doch
mochte sein Schritt gehört worden sein, denn auf dem Treppenabsatz trat Rose ihm
entgegen. Die blühende, fröhliche Rose, fahl wie ein Gespenst, mit gläsernen
Augen, von Schauern geschüttelt, auf den Wangen eiskalte Tränen und eiskalte
Schweisstropfen auf der Stirn. Ja, krank auch sie, aber Gott sei gelobt, noch
lebend. Ohne einen Laut sank sie an seine Brust.
    »Der Vater?« flüsterte er.
    Sie schüttelte den Kopf.
    Die Mutter also, seine Mutter!
    An den Bruder geschmiegt, von seinem Arm umfangen, trat Rose in das
Krankenzimmer. Der Vater sass auf dem Bettrande, die Hände der sterbenden Gattin
in den seinen. Ihre Augen waren geschlossen, die Züge friedvoll wie in der
ersten Stunde nach vollbrachter Erdenqual. Doch lebte sie noch und liebte auch
noch. Denn als sie das Nahen der Kinder spürte, schlug sie den Blick in die
Höhe, und ein letztes Lächeln flog über ihr gutes Gesicht.
    Sie sanken vor dem Bett auf die Knie. Die Sterbende machte eine unruhige
Bewegung, indem sie auf ihren Trauring deutete, richtete dann einen flehenden
Blick zu ihrem Konstantin hinüber und senkte mit dem Ausdruck freudiger
Erfüllung die Lider, als der Vater die Rechte des Sohnes und die der Tochter
ineinander und die halberstarrten Mutterhände auf die Häupter der Verlobten
legte.
    Und so im Segen tat das fröhlichste Mutterherz seinen letzten Schlag. Eine
und die nämliche Minute hatte die Liebenden einander zu eigen gegeben und ihnen
die älteste Liebe geraubt. Dezimus fühlte nicht seinen grossen Gewinn, er fühlte
nur seinen grossen Verlust; den ersten von den Schmerzen, die ein Glücklicher
trägt bis in das Grab.
 
                                Sein Brautstand
Eine jähe Bewegung unterbrach die heilige Stille, in welcher die Verlobten, die
kalten Segenshände der Mutter und die warmen des Vaters auf ihren Häuptern, dem
Entatmen lauschten. Rose war ohnmächtig zusammengesunken. Als Dezimus sie in
seine Arme nahm, um sie in ihre Kammer zu tragen, bemerkte er Lydia, die still
zu Füssen des Sterbebettes gestanden hatte. Sie folgte ihm, um die gebotenen
Belebungsmittel anzuwenden; tröstend flüsterte sie ihm zu, dass sie keinen Anfall
der herrschenden Krankheit befürchte, da diese unter anderen Symptomen
aufzutreten pflege. »Sterben sehen ist schwer - und diese Mutter!« sagte sie.
    Dezimus kehrte in das Totenzimmer zurück, als eben der Vater der treuen
Gefährtin zum letzten Lebewohl die Hand drückte. Er war so ruhig wie alle Tage.
»Ich komme bald, meine Hanna,« sagte er leise, und Dezimus las in seinen
erschöpften Zügen, dass diese Zuversicht nicht trügen werde.
    »Nimm auch du Abschied,« wendete er sich darauf zu dem Sohn, »du darfst
dieses Zimmer nicht wieder betreten.«
    Während der Jüngling die toten Lippen und Hände küsste, öffnete der Greis die
Fenster und drängte den Widerstrebenden dann aus der Tür, die er verschloss und
deren Schlüssel er zu sich steckte.
    »Es ist unsere Pflicht,« sprach er, »voranzugehen mit dem Beispiel der
strengen Vorsicht, die wir von anderen fordern müssen, selbst wenn sie, wie hier
wahrscheinlich, nicht vonnöten wäre.«
    Während eines Ganges durch den Garten erzählte er dem Sohne darauf den
leidvollen Vorgang, der erst in der vorigen Nacht mit einem Schüttelfrost seinen
Anfang genommen und dessen Ende, ohne Schmerzgefühl, schon nach zwölf Stunden
eine Lähmung auf die sanfteste Weise vorbereitet hatte. Es war daher glaublich,
dass, durch Sorgen und Mühen der letzten Tage beschleunigt, es lediglich der Lauf
der Natur war, der sich an der Greisin erfüllt hatte. Wenn es aber auch der
Beginn der Epidemie gewesen wäre, so gebührte Gott zweifach Dank für diese
rasche Erlösung ohne Qual und Angst, in Klarheit und Freudigkeit bis zum letzten
Augenblick. Sie hatte vollbracht! Des Greises Sorge galt der Tochter, die erst
vollbringen lernen sollte.
    »Sie ist dein geworden, mein Sohn, früher, als ich gedacht, wolle Gott nicht
zu früh!« sagte er, »führe sie an fester Hand treu durch das Leben!«
    Mit dem Händedruck, der statt des Dankesworts des Vaters Rede erwiderte,
betraten sie Rosens blumengeschmücktes Mädchenzimmer. Sie lag auf ihrem Bett in
Lydias Armen. Das Leben schien ihr in Übermass zurückgekehrt; das Gesicht
flammte, nach Atem ringend wendete sie sich ruhelos hin und wieder. Plötzlich
richtete sie mit starrem Blick den Kopf in die Höhe, und ein Blutstrom entquoll
ihrem Munde. So in Todesschmerz begann und in Todesängsten endete Dezimus Freis
Verlobungsstunde.
    Spät in der Nacht kehrte er mit Doktor Brand, den er zu Hülfe geholt, aus
der Stadt zurück. Die Geliebte lag einer Schlafenden gleich, doch mit nur
halbgeschlossenen Augen; Glut und Blutung waren gestillt; die Flammen auf den
Wangen erloschen. Sie gab auf keine Frage einen Laut, kein Zeichen des
Verstehens, sie regte sich nicht, atmete kaum merklich. Der alte Vater war auf
einem Stuhl an der Bettseite eingeschlummert. Lydia hatte die eine Hand auf die
Stirn der Kranken gelegt, mit der anderen hielt sie deren beide Hände,
ineinandergefügt, umspannt. Sie glaubte an das Auflegen der Hände. Man braucht
aber nicht so starken Glaubens wie Lydia zu sein, um die wohltuende Wirkung zu
spüren, wenn durch innige Berührung eines kraftvollen Menschen gleichsam ein
Strom warmen Lebens in einen Entkräfteten übergeht, oder ein kühlender Hauch in
das Blut des Fieberglühenden.
    Der Doktor fand keine beunruhigenden Symptome. Er kannte Rosen seit ihrer
Geburt; ihre Lungen waren heil; der matte Puls deutete nicht auf Entzündung. Das
frohlebige Kind war ekel und krankenscheu; die schauervollen Schilderungen, die
ihr nicht hatten erspart werden können, die Furcht vor Ansteckung, der Anfall
der Mutter, Angst und Schmerz, das erste Totenbild im Leben hatten die
Nervengeister überreizt und einen abnormen Blutandrang bewirkt, dessen Ergiessung
naturgemäss die Erschöpfung folgte. Unbedingte Ruhe, zweckmässige Kost und einige
leichte Tonika würden den erschlafften Lebensgeist bald wieder aufrichten,
meinte Doktor Brand.
    Er hatte sich noch nicht aus der Pfarre entfernt, als, wie er verheissen,
Doktor Kurze sich in dieser einstellte. Wenngleich ein Anfänger, konnte ihm als
Verwandten und Freunde des Hauses ein Einblick in den Zustand der Kranken nicht
verweigert werden. Und so gewährte - wenn auch als Braut eines anderen, wie
leider, natur- und vernunftgemäss, seit Jahren vorauszusehen - Schönröschen den
heissersehnten ersten kritischen Fall, über welchen Doktor Peter Kurze ein
ärztliches Gutachten abzugeben hatte. Da Doktor Peter Kurze aber mit Leib und
Seele zu den Erstlingsjüngern der neuen Schule zählte, die beim Abweichen von
typischen Lebenserscheinungen das Pünktchen über dem i zu ergründen trachtete,
wollte er von des alten Kollegen seelisch gestörtem Lebensgeist nichts wissen
und suchte den Sitz des Übels in Störungen eines leiblichen Organs und einem
äusserlichen Motiv. Seine erste Frage war nach Quantität und Qualität des
entleerten Bluts, und als er von keiner Seite eine befriedigende Antwort
erhielt, da es ununtersucht beseitigt worden war, schüttelte er mit energischer
Entrüstung sein ärztliches Haupt. Er machte darauf mit der Neuigkeit des
Beklopfens, Behorchens und anderer exakten Untersuchungen, allerdings nur bei
den Laien in der Krankenstube, einen bedeutenden Effekt. Lächelte nun der alte
Spiritualist über den modernen Hokuspokus, mit welchem kein Hund aus dem Ofen
gelockt werde, so lachte der junge Naturalist über die blutspeiende Seele und
die vor Olims Zeiten ausgeheckten Arkana, die nur den Apotekerkarren schmieren
helfen; nannte der Alte den Jungen - selbstverständlich hinter seinem Rücken -
einen in der Wolle gewaschenen Scharlatan, so nannte der Junge den Alten -
ebenso selbstverständlich hinter seinem Rücken - einen mürben Schlauch, an dem
kein neuer Flicken hafte. Und da musste es denn um der lieben Rose und derer
willen, die für ihr Leben zitterten, als ein Segen betrachtet werden, dass der
Antagonismus in Diagnose und Prognose sich nicht auch auf die Behandlungsweise
erstreckte. Kühle Temperatur, kuhwarme Milch und Ruhe, anderes als der
spiritualistische Äskulap wusste der materialistische auch nicht anzuraten, und
mit der Vorschrift: »Keine Jammermienen! lachende Gesichter!« - einer
Vorschrift, die doch auch nicht lediglich auf eine Störung deutet, die man
tastet, hört und sieht, verliess Peter Kurze des geliebten Röschens Lager, um
unter Führung des ungeliebten Schlossfräuleins als Held auf sein erstes Kampffeld
vorzudringen.
    Rose lag unverändert, ohne merkbares Leiden, ohne Regung und Bedürfnis
irgendwelcher Pflege. Der alte Vater wich nicht aus ihrer Nähe; am Abend
übernahm Dezimus die Wacht. Der Tag war ihm auch äusserlich ruhelos vergangen: er
hatte das Begräbnis anzuordnen, das schon am anderen Nachmittag stattfinden
sollte, auch die Trauerbotschaft in die Ferne mitzuteilen. Es war des Vaters
ausdrücklicher Wille, und er war überzeugt, darin nach dem seiner Hanna zu
handeln, dass keines der Kinder oder Enkel um dieser Feier willen die infizierte
Gegend betrete.
    »Für die unheilvollen Folgen rechtmässiger Handlungen gibt es keine
Verantwortung,« sagte er und machte sich daher auch nicht die geringsten
selbstquälerischen Gedanken, den Ansteckungsstoff vielleicht in seine Familie
getragen zu haben. Eine Befriedigung des Gemüts und der Sitte, die niemand Hülfe
und vielen Gefahr bringen konnte, rechnete er aber nicht zu jenen
obligatorischen Handlungen.
    Auch die Kranzbinderin der Gemeinde hatte der Mutter nicht den letzten
Schmuck reichen können, und als in der schweren Stunde ein Sonnenblick, den
Herbstnebel durchdringend, auf ihr Lager fiel und ein flüchtiges Lächeln auf
ihre Lippen zauberte, da ahnete sie nicht, dass er das frische Grab ihrer Mutter
beschien und dass der wärmste Liebesstrahl aus ihrem Leben gewichen war.
    Dem Sarge folgte nur der greise Gatte, gestützt auf den Sohn und hinter
beiden Lydia. Die angstzitternden Gemeindeglieder hielten sich in weitem Abstand
von der Grube. Keinen der Befallenen hatte der Würgengel ja so hastig abgetan
wie die alte Pastorfrau. Doch fehlte es an Tränen, an aufrichtigen Tränen nicht.
Hanna Blümel hatte viel früher als ihr Konstantin und fast ohne Ausnahme die
Herzen seiner Pfarrkinder zu finden gewusst.
    »Vater, ich danke dir für den Segen, den du mir für Zeit und Ewigkeit in
diesem Weibe bescheret hast,« sagte Konstantin Blümel mit fester Stimme, sprach
dann den Friedensspruch über das Grab und stand, bis dasselbe gefüllt war, in
stillem Gebet auf der Stelle, die er sich dicht daneben zur letzten Ruhestatt
vorbehalten. Wenige Schritte zur Seite lag der Hügel der armen Hirtenfrau,
welche Dezimus das Leben gegeben hatte; aber erst heute war ihm eine Mutter
versenkt worden.
    Das Opfer im Pfarrhause blieb das einzige der Obergemeinde; um so weiter
verbreitete sich die Epidemie in der Aue. Doktor Peter Kurze schwamm wie ein
Fischchen in seinem Element; er gönnte sich nur wenige Raststunden im Schloss;
diese wenigen aber wusste er zu rühmen. Ein Komfort, wie er unter Frau Ottiliens
Walten zur häuslichen Regel geworden, war für Doktor Peter Kurzen ein entdecktes
Schlaraffenland, und dass er in der unnahbaren Schwanenkönigin, die er vor wenig
Monaten reif für das Narrenhaus erklärt hatte, über einen so praktischen,
unermüdlichen Amanuensis zu verfügen haben werde, das hätte Doktor Peter Kurze
sich noch viel weniger träumen lassen. Lydia schaltete mit angemassten
Herrenrechten in der Untergemeinde Haus bei Haus, und Haus bei Haus liess man in
der Not den angemassten Herrendienst sich gefallen. Peter Kurze zog aus dem
physiologischen Grundsatz von den angewandten Kräften einen ihm neuen
psychologischen Beweis:
    »Wie scharmant diese heilige Jungfrau latente Stoffe aus sich
herausarbeitet,« sagte er zu seinem Freund, dem Kandidaten.
    Lydia dahingegen dachte still bei sich: »Wie die Tüchtigkeit in seinem Beruf
doch den gewöhnlichsten Menschen zu adeln vermag!«
    So blühten »Ysop und Lilie« friedfertig nebeneinander und wirkten
einträchtig Hand in Hand. Bei Peter Kurzen aber datierte seit den Erstlingstagen
seiner ärztlichen Praxis die Schwärmerei für eine Sprungfedermatratze und ein
weibliches Ideal.
    Sooft er von seinen Rundgängen nach dem Schloss zurückkehrte, sprach er in
der Pfarre vor, um nach dem »herzigen Dinge«, dem Röschen, zu sehen, dessen
ausschliessliche Behandlung er für sein Leben gern in die Hand genommen hätte, da
die andauernde Erschlaffung ihn zu beunruhigen begann. Sämtliche innere Organe
hatte er nach exaktester Untersuchung - wie sein altmodischer Kollege ohne eine
solche - als heil erklären müssen; für das Sprengen etwelcher überfüllter
Äderchen machte er dagegen statt heimlich empörter Nervengeister den spirituosen
Inhalt eines zur Hälfte entleerten Fläschchens verantwortlich, das von dem alten
Kollegen als vorbeugendes Mittel in das Haus gestiftet worden war und von
welchem das arme Kind im Glauben, dass viel viel helfe, über Gebühr Gebrauch
gemacht haben mochte. »Das Blut, so viel dessen noch vorhanden, ist mit Gift
versetzt,« erklärte er. Indessen nur guten Muts! Doktor Peter Kurze ist bei der
Hand, und wenn alle Stränge reissen, weiss er ein heroisches Korrektiv, für dessen
Wirkung, natur- und vernunftgemäss, gutzusagen ist. Einstweilen gilt es, mit
gelinden Reizmitteln den Grad der Inertie auf Apatie oder Anästesis zu
untersuchen und zunächst mit dem unverfänglichsten aller Reize, dem auf die
Lachmuskeln, eine Probe zu machen. Wenn freilich der kleine Schelm über einen
Heidenspass nicht mehr lachte, dann stand es bedenklich um das arme Kind, und das
heroische Korrektiv musste ernstaft in das Auge gefasst werden.
    Auf diese Probe hin betrat Doktor Peter Kurze in der Vesperstunde des
Begräbnistages das Krankenzimmer, nachdem er sich ausserhalb desselben wegen
seines notgedrungenen Fehlens bei der Trauerfeier entschuldigt hatte.
    »Ich komme direkt von Ihrem grossen Feinde Mehlborn, Papa Blümel, und quasi
als dessen Friedensgesandter an Sie,« hob er mit seinen muntersten
Trompetentönen an. »Nämlich und so, wie Vater Walbe sagt: Auf Befehl meiner
hohen Prinzipalin bin ich in die sagenhafte Bärenhöhle gedrungen, nach deren
Erforschung ich schon längst ein naturwissenschaftliches Lüstchen gehegt. Muhme
Timpel, die Wirtschaftsdame, hatte sich am Morgen gelegt, wie ich schwarz auf
weiss geben kann, indessen nicht unter den Erscheinungen des Hungertyphus, au
contraire, im Gegenteil unter denen einer übervölligen Ladung von Wellfleisch
und Sauerkraut. Das schmaust und zecht anjetzo im Herrenhause, als stünde man
vor dem Jüngsten Tag.«
    »Ist der Amtmann denn krank?« fragte Pastor Blümel, indem er den Erzähler in
die Nebenstube winkte. Der drastische Erregungsversuch enteiligte ihm seines
Kindes Leidensstatt. Zu des Heilkünstlers ärztlichem wie zärtlichem Bedauern
hatte er sich auch als total unwirksam erwiesen.
    »Krank! nichts weniger,« antwortete der Doktor lachend. »Aber rein aus dem
Häuschen, sage ich Ihnen. Der Tod der Tochter mag ihm doch ärger mitgespielt
haben, als er sich merken liess, und die unerlebte Seuchennot macht ihn nun
vollends toll und töricht. Gott weiss, in welcher alten Scharteke er einmal von
dem schwarzen Tod, will sagen von der Pest, die vor soundso viel Jahrhunderten
auch in der Werbenschen Gegend reinen Tisch gemacht haben soll, gelesen hat;
Cholerageschichten neueren Datums kommen dazu kurzum, der alte Knabe bildet sich
steif und fest ein, das schwarze Gespenst sei wieder da und habe ihm, Johann
Mehlborn, zur Strafe für seine Sünden den Morbus in den Leib gejagt. Besagten
Morbus lässt er sich nun absolut nicht ausreden, wennschon ihm keine Ader weh tut
und er lediglich vor Sterbensangst verfällt. Sein Leichnam ist heil wie der
eines bemoosten Hechts. Bis auf die Augen versteht sich. Denn die sind futsch,
insofern er es nicht auf eine Operation ankommen lässt. Ich habe ihm den
Staarstich gratis angeboten. Was täte es, wenn er missläng'? Blind ist er
sowieso; und wo fände ich eine herrlichere Gelegenheit zu einem ersten Versuch?
Aber gegen diesen Mehlwurm ist ein Stier ein Lamm.«
    »Welches ist denn nun aber der Auftrag, den er dir an mich gegeben hat?«
unterbrach mit merklichem Unwillen Pastor Blümel den Vortrag dieses
»aufheiternden« Erlebnisses.
    »Dass Sie zu ihm kommen und sein Herz entlasten sollen, Papachen,« antwortete
der Doktor, in seinem natur- und vernunftgemässen Vorhaben keineswegs irritiert.
»Seit die Timpel ihm dummerweise den Heimgang der guten Mutter hinterbracht hat,
ächzt er, ringt die Hände und flennt wie ein geprügelter Bube. Wenn ich nur
hinan könnte! stöhnt er ein über das andere Mal; aber kann einer sich rühren,
der den Morbus im Leibe hat? Ich schlug ihm zur Herzensergiessung und eventuellen
Abspeisung - in deren Folge bei derartigen Todeskandidaten regelmässig die
Genesung einzutreten pflegt -, item, ich schlug ihm den werten Amtsbruder in
Bielitz vor. Aber da kam ich schön an, Papachen! Was weiss so ein grüner Junge -
er ist vorige Woche ein Sechziger geworden! - von Werbenschen Zeiten und
Mehlbornscher Not? Hat der Bielitzer die Brigitte nur mit Augen gesehen? hat er
der Röse und dem Hannes den Sermon gehalten? Nein, sein Werbenscher musste es
sein, sein Blümel musste es sein. Und wenn der 'runter kam und ihm seine Sünden
vergab und ihm den Lebenslauf zu halten gelobte, dann mochte es seinetalben mit
dem schwarzen Morbus sein Bewenden haben.«
    Konstantin Blümel, der Greis, bedachte sich keinen Augenblick, wenige
Stunden, nachdem er sein Weib bestattet hatte, das Krankenbett seines liebsten
Kindes zu verlassen und, erschöpft von Gram und Sorge, wie er war, bei
anbrechender Nacht in das Tal hinabzusteigen, um der Einbildung eines alten
Toren genugzutun, des einzigen Menschen, der ihm im Leben feind geworden war.
Der Sohn mochte warnen, soviel er wollte, Freund Kurze mochte sich ob seiner
übel angebrachten Aufmunterung zehnmal einen Esel schimpfen - wer aber hätte
natur- und vernunftgemäss einem Siebziger auch noch solchen Hitzkopf zutrauen
können? - Der Pastor hängte sein Chormäntelchen um und schritt voran.
    Indessen schon unter der Tür knickte er zusammen; die jungen Männer mussten
ihn zu seinem stillen Kinde zurückführen.
    »Geh du an meiner Statt,« sagte er zu Dezimus; und als dieser zögerte, Vater
und Braut, beide seiner Pflege bedürftig, um eines eingebildeten Kranken und
auch seines einzigen Feindes willen zu verlassen, rief der Alte, als ginge es,
wie Anno 13, fort von Weib und Kind in den Kampf: »Tapfer voran, mein Sohn!
Recht trauern heisst sich selbst überwinden.«
    So machte der Kandidat sich denn auf den Weg zur ersten Probe in seinem
seelsorgerischen Amt. Freund Kurze versprach, während seiner Abwesenheit in der
Pfarre Wacht zu halten.
    Dezimus hatte seit seiner grossen Erfahrung noch keine Viertelstunde gehabt,
in welcher seine Tränen unbeobachtet fliessen durften; nun genoss er diese Wohltat
auf dem abendlichen Gange. Im Kahn traf er mit Lydia zusammen, die in das Tal
ging, die Nacht bei einem schwerkranken Kinde zu durchwachen. Sie reichten sich
schweigend die Hände und gingen dann schweigend nebeneinander hin. In Freude
oder Leid, mit Lydia fühlte Dezimus sich niemals zu zweien.
    Auf dem Talgute sah es wüst und öde aus. Dienstboten zur persönlichen
Abwartung hatte der Amtmann niemals gehalten; die alte Ausgeberin lag krank im
Oberstock; Knechte und Mägde taten sich gütlich auf Schlenderwegen; keiner
kümmerte sich um den blinden Greis. Sie machten sich lustig über ihn und gönnten
ihm die Qual, die er sich in den Kopf gesetzt hatte, da der liebe Herrgott nun
einmal mit so unverdienter Barmherzigkeit seine Geissel an dem erbarmungslosen
Geizkragen und Leuteschinder vorübergehen liess.
    Der alte Mann sass mutterseelenallein in seiner Bärenhöhle; im Ofen qualmte
ein halberloschenes Torffeuer, der Docht der zinnernen Öllampe blakte;
schwärzliche Dünste von Russ und Rauch zogen gleich Wolken durch die wochenlang
nicht gelüftete Stube. Auf dem vielleicht ebenso lange nicht abgestäubten Tische
standen eine Kanne kalten Kamillentees und ein Napf gleichfalls kalter
Roggensuppe; beides noch gestrige Krankentraktamente Muhme Timpels. Daneben lag
das Rezept, das Doktor Kurze verschrieben und für das sich noch kein Bote
gefunden hatte. Es mochte wohl von dem Kaliber dessen der Muhme Timpel sein,
über welches Doktor Kurze vorhin geäussert hatte: »Wäre sie eine Dame gewesen,
würde ich gesagt haben: Reinen Born getrunken! da sie eine alte Grossmagd war,
verschrieb ich den Born mit Sirup braun gefärbt.«
    Dezimus hatte seit seinen Knabenjahren den Amtmann nicht in der Nähe
gesehen. Hätte er nicht gewusst, dass er keinem anderen als ihm gegenüberstehe, er
würde den behäbigen Mann nicht wiedererkannt haben in der schier unheimlichen
Gestalt mit dem verfallenen Leib, dem eisengrauen, struppigen Haar und Bart, der
weissen Nebeldecke über den eingesunkenen, schwarzen Augen. Das ist der Mensch!
    Der Kandidat hatte von seiner Adoptivfamilie angenommen, das sachsenhöfliche
»schön« vor dem »guten Morgen« oder »guten Abend« fortzulassen; als der Alte
daher einen ungewohnten Tritt und die kurze »preussische« Begrüssung hörte,
kreischte er vor Freude laut auf, und dann schluchzte er vor Rührung wie ein
Kind:
    »Sie kommen, Herr Pastor! Ach, Sie guter Herr Pastor, Sie armer Herr Pastor!
Weiss der Herr, ich habe nicht zum Begängnis 'nauf gekonnt! Sie sehens ja, kann
ich mich rühren? Und was für eine schöne Predigt werden Sie ihr gehalten haben!
Und nun sind sie alle beieinander, die Frau Pastorin und meine Brigitte und
meine Röse und mein Hannes, alle beieinander, und ich, ich habe den Tod im Leibe
und muss auch fort. Herr Pastor, Herr Pastor, glauben Sie, dass ich, wenn ich fort
bin, zu den Meinigen kommen werde?«
    »Ich glaube, dass wir im jenseitigen Leben mit denen wiedervereinigt werden,
die wir hienieden treuliebend im Herzen getragen haben,« versetzte Dezimus,
durch seine Erinnerungen bewegt. »Im übrigen ist es nicht Pastor Blümel, der vor
Ihnen steht, Herr Amtmann. Da er selbst für den Weg sich körperlich zu erschöpft
fühlte, sendete er mich, um ihm Ihre Wünsche zu hinterbringen. Ich bin Dezimus
Frei.«
    »Dezimus Frei!« schrie der alte Mann auf und fuhr von seinem Stuhl in die
Höhe, als hätte ihn eine Hornisse gestochen. Die Schwäche liess ihn jedoch
alsobald zurücksinken, und so sass er eine lange Weile in sich gekehrt und nickte
und murmelte vor sich hin, indem er aufwachende Erinnerungen und Vorstellungen,
wie sonstmals die Wagnisse und Treffer einer Spekulation, an den Fingern
abzählte. »Dezimus Frei, - der Hirtendezem, - dem ich den Inspektor gelobt habe,
- der Königspate, - den, den ich um ein Haar massakriert, - der, der kommt
gerade alleweile, wo ich den Tod im Leibe habe. - Gottes Finger! Gottes Finger!
- Röse, meine Röse! - Herrgott, ich schwerer Sünder! - Und er ist am Ende schon
ordentlicher Pastor droben - -«
    »Noch nicht, Herr Amtmann,« unterbrach ihn Dezimus. »Und, so Gott will, noch
lange Zeit nicht.«
    »Aber doch Pastors Substitarius, gelt?«
    »Auch dazu bedürfte ich erst noch der Ordination. Ich bin erst Kandidat und
nur nach Werben gekommen, um meinem Pflegevater bei den jetzt so schweren
Obliegenheiten seines Amtes, soweit ich dazu berechtigt bin, beizustehen.«
    »Aber das ist ja Jacke wie Hose! Substitarius oder Kandidat! Pastors
Abgesandter, das ist die Sache! Und er kommt aus gutem Willen herunter und
fürchtet sich nicht vor dem Gift in meinem Leib. Und abspeisen wird er mich, und
mir den Lebenslauf halten wird er. Und ich habe ihn windelweich gebläut, und ich
hätte ihn totgeschlagen in meiner Wut. Aber ich will alles wieder gleichmachen,
alles wieder gut; verlassen Sie sich auf mich, verehrlicher Herr Kandidat.«
    »Nennen Sie mich doch du und Dezimus, wie sonst, Herr Amtmann,« sagte
Dezimus lächelnd, worauf der Alte jedoch mit Eifer entgegnete:
    »Beileibe nicht! Beileibe nicht höre sagen zu einem, der einem zum
geistlichen Troste abgesandt ist und einem die letzte Ehre erweisen darf. Nur
wenns mir einmal so unversehens herausfährt, da nehmen Sie mirs nicht für ungut
um der alten Freundschaft willen, verehrlicher Herr Kandidat.«
    Wieder sass er eine lange Weile in Gedanken versunken, wiegte den Kopf und
zählte an den Fingern. Dann aber schlug er jählings mit beiden Fäusten auf den
Tisch, dass Kanne und Napf aneinanderklirrten, und rief mit einer Stimme, die an
den alten Kraftmenschen Mehlborn erinnerte:
    »Ja, so stimmts; so solls sein. So und nicht anders; so wahr ich Johann
Mehlborn heisse! Alles soll dir zukommen, alles sollst du haben, Kandidat, alles!
Denn warum? Wen habe ich ausserdem? Und was wird, wenn ich fort bin, aus dem
lieben Gut? Und du hasts um mich verdient. Denn warum? Was gehe ich dich an?
Habe ich wie ein Pate an dir gehandelt oder nur wie Königs Prokurist? Wie ein
Sakermenter habe ich an dir gehandelt, und du handelst an mir wie ein
Christenmensch. Und du bist auch der Mann dazu, Kandidat. Was für ein hübscher
Kerl du geworden bist! Komm doch einmal recht dicht an mich heran; mein Gesicht
ist bei Abend ein bisschen blöde geworden. Aber das hat nichts auf sich. Was ich
sehen will, sehe ich doch. Und schneiden lasse ich mich nicht. Partoutement
nicht. Aber eine Brille will ich mir anschaffen, wenn ich wieder gesund geworden
bin. Eine grüne, wie die von Beifussen. Grün stärkt.«
    Der Kandidat musste ganz nahe an seinen Stuhl treten, musste sich bücken,
drehen, sich betasten, bestreichen, der Länge und Breite nach mit den
Fingerknöcheln ausmessen lassen, genau wie eine Kreatur, die vom Rosskamm
erhandelt wird.
    »Ja, weiss Gott, ein strammer Bursche bist du geworden,« wiederholte der Alte
nach der Untersuchung. »Einen Kopf höher wie mein seliger Hannes und noch einmal
so breit. Und schon einen Bart, und Haare so weich wie ein Seidenhase. Wie die
Haare, so's Gemüt, stehts geschrieben. Und kein Finger tut dir weh, gelt?
Hundert Jahre kannst du werden und was vor dich bringen in deinem Leben. Denn
warum? Ein Rechenmeister bist du gewesen, wie du noch im Kittel liefst, und wie
mans so nennt, einen Turkel hast du gehabt vom Mutterleibe an. Und siehst du,
Kandidat, Glück haben ist im Menschenleben Numero eins und Grütze im
Oberstübchen Numero zwei. Und wenn dein Vater auch als ein Saufaus bis zum
Schafhirten heruntergekommen ist, ein richtiges Werbener Kind bist du doch und
heisst anjetzo Herr Kandidat und dürftest einen abspeisen, und wenns ein König
wäre; und wenn einer keine eigenen Angehörigen hat, da ist einem der Pate doch
immer noch der nächste. Denn siehst du, Kandidat, meine Brigitte, die ist dir im
Seebade ertrunken. Hätte sie ihre Schuldigkeit an mir getan, wäre sie bei mir
geblieben, sie lebte heute noch und kriegte nun alles. Für wen habe ich mich
geschunden und geplackt? Was habe ich nicht alles an sie gewendet: erst in der
Benehmichte und dann bei der Wirtschaft mit dem Windhund von Baron! Hätte sie
mir gefolgt, - aber Strafe muss sein, so stehts geschrieben, und darum hat sie in
ihren jungen Jahren daran glauben müssen. Und höre, Kandidat, der zweite Mann,
den sie genommen hat, der ist dir noch zehnmal ärger als der erste. Denn warum?
Der erste, das war doch bloss ein Schwerenöter, dahingegen der zweite, - na, es
wird dir nicht verborgen geblieben sein auf deiner hohen Schule, - der zweite,
das ist ein Freimaurer, so einer von der Zunft, die den Herrgott im Himmel
absetzen will; und meine Brigitte, sagen die Leute, hat ihm mit ihrer Feder bei
dem Geschäfte geholfen. Und nun stelle dir einmal die Wirtschaft hienieden vor,
Kandidat, wenn den beiden und ihren Helfershelfern ihr Vorhaben gelungen wäre:
keinen Schöpfer im Himmel, keinen Vater, keinen Richter und zu guter Letzt
keinen Erbarmer! Der Erdenmensch ein Wurm, der auffrisst, was er findet, und am
Ende selber von den Würmern gefressen wird!«
    Der alte Mann machte eine Pause; er faltete die Hände, vielleicht betete er
zu dem Erbarmer für seine Brigitte, die an die Würmer geglaubt, und die nun die
Würmer nagten. Der Kandidat machte einen schwachen Versuch, ihn über die
freimaurerische Wirksamkeit Frau Brigittens und ihres zweiten Gatten tröstlich
aufzuklären, da er heute aber durchaus nicht in lehrhafter Stimmung war, lenkte
er des alten Mannes Gedanken auf seine Enkelkinder, die jener völlig aus dem
Gedächtnis verloren zu haben schien, schlug jedoch mit den blossen Namen wie mit
einem Stock in einen Wespenschwarm. Der alte Mehlborn, wie er vor zwanzig Jahren
leibte und lebte, war jählings wieder aufgewacht.
    »Die, die!« schrie er, die Hände zu drohenden Fäusten geballt, »die sind
erst recht von der giftigen Couleur! Für die ist das vierte Gebot nun vollends
ein Kinderspott. Meine Brigitte, die hat mir zum wenigsten doch alle Monate
einen Schreibebrief geschickt. Gelesen habe ich sie seit ihrer zweiten Heirat
nicht mehr, aber aufgehoben habe ich sie alle, eine ganze Kiste voll, Kandidat.
Aber die, die Brut! Fragt eines nur nach mir in meiner schweren Not? Da lassen
sie mich blind werden und sterben und verderben. Und sie, juchhei, oben hinaus!
Und wenn ich tot bin, da kommen sie und sacken ein. Aber prosit die Mahlzeit!
Nichts sollen sie haben, das blanke Nachsehen sollen sie haben; du sollst alles
haben, Kandidat. Grün und gelb sollen sie sich ärgern, bersten vor Bosheit
sollen sie, Kandidat!«
    Der Kandidat liess geduldig den aufgebrachten Grossvater seinen Ingrimm
auspoltern, setzte sich und dachte an seine liebe stille Mutter im Grabe und
sein liebes stilles Röschen auf dem Krankenbett. So viel von der menschlichen
Naturgeschichte verstand allenfalls auch er, um zu wissen, dass ein deutscher
Bauer, solange er noch einen Blutserben hat, sein Hab und Gut nicht einem
Fremden gönnt, und wenn der Fremde sein bester Freund und der Blutserbe sein
Erzfeind wäre. Der schwarze Tod und die Patenerbfolge erledigten sich Hand in
Hand. Ohne Widerrede rückte er daher auch, wie der Alte es ihm hiess, eine
schwere Eisentruhe unter seinem Stuhle hervor, setzte sie vor ihn auf den Tisch,
öffnete sie und reichte ihm das Kontobuch, das obenauf lag. Des Blinden
zitternde Finger blätterten darin, während er mit einem misstrauischen Schielen
sagte:
    »Bei Heller und Pfennig weiss ich, was drinne steht, und was im Kasten drinne
liegt, bei Heller und Pfennig weiss ichs auch. Nur über das Mussteil bin ich nicht
ganz helle. Denn siehst du, Kandidat, das Mussteil kann ich ihnen nicht
entziehen, so stehts einmal geschrieben im Gesetz. Aber keine hohle Nuss kriegen
sie über das Muss; das übrige kriegst du, alles du, Kandidat. Und wenn wirs
miteinander ausgerechnet haben, dann lasse ich anspannen, und du fährst heute
noch in die Stadt und holst die Gerichte. Aber nicht den alten Hecht. Ich hätte
es für die Langeweile bei ihm, denn er ist mein Justiz. Ich wende es aber dran:
du holst das richtige Amt. Denn siehst du, Kandidat, der Hecht, der ist ein
Fuchs. Der hat mir die Suppe mit der alten Exzellenz eingebrockt, und du, armer
Kerl, hast sie austütschen müssen. Wahrlichen Gott! ich hätte dich
totgeschlagen, so war ich in der Wut. Aber nun kriegst du dafür auch deinen
Lohn, und wenn die Sonne aufgeht, ist alles baumfest gemacht, und der
dickschnäuzige Absalon und seine bucklige Schwester sollen daran glauben lernen,
einen Muttervater wie Johann Mehlborn über die Achsel anzugucken.«
    »Sie irren, Herr Amtmann,« wendete Dezimus ein. »Ihre Enkelin ist eine
vortreffliche Dame, sehr gescheut und gar nicht stolz. Sie wird ohne Säumen zu
Ihrer Pflege herbeieilen, sobald ich ihr schreibe, dass Sie nach ihr verlangen.«
    »Ich verlange aber nicht nach ihr, dummer Junge,« fuhr der Alte auf, »und
das Schreiben sollst du unterwegs lassen! Das Muss sollst du mir ausrechnen, und
in die Stadt sollst du fahren und mir die Gerichte holen.«
    »Ich verstehe mich auf derartige Berechnungen nicht, Herr Amtmann,«
versetzte Dezimus, »und für einen Stadtweg habe ich heute abend keine Zeit. Ich
muss nach Hause eilen, da Vater und Schwester krank liegen.«
    Der alte Mehlborn zuckte bei den letzten Worten zusammen, als sähe er ein
Gespenst. Hatte eben noch der Bär gebrummt, nun krümmte sich der Wurm.
    »Die auch! die auch!« ächzte er. »Das Rosenpatchen auch! Grosser Gott, in
deine Hände! die auch den schwarzen Tod!«
    »Wir fürchten so Schlimmes nicht, Herr Amtmann. Nur die starke Erschütterung
- -«
    »Aber sie liegt doch krank, sie kann doch sterben, und sie wird auch
sterben, schon mir zum Schure wird sie sterben und vor mir hinaufgehen und mich
droben anklagen bei meiner Röse - und - und - und das wars ja eben, derhalben
ich den Herrn Pastor zu mir herunter genötigt habe, und was Sie nun als sein
Abgesandter anhören sollen, verehrlicher Herr Kandidat, dass Sie, wenn Sie mir
den Lebenslauf halten, mich nicht vor der lieben Menschheit blamieren.«
    So hörte denn Pate Kandidat als ehrwürdiger Beichtvater das Bekenntnis an,
das halb mit Reue und halb mit Selbstbeschönigung sich der alten Seele in ihrer
vermeintlichen Todesnot entrang. Habsucht, Geiz, Harterzigkeit im allgemeinen
war es nicht, was ihn behelligte, und unerwartet Besonderes erfuhr der Sohn
Mutter Hannas auch nicht. Der Mann, der für einen Millionär geschätzt wurde,
war, um zirka hundert Taler willen, seiner treuesten Freunde Feind geworden, und
ohne dass er es sich eingestand, sein eigener zumeist, denn mit dem Respekt vor
sich selbst war es seitdem vorbei, mit dem vor allen andern Leuten aber auch;
denn was ich denk und tu, das trau ich anderen zu.
    Er hatte die Patenbüchse aus der Hand seiner sterbenden Röse genommen, mit
dem Gelöbnis, sie der Frau Pastorin zu dem bewussten Zwecke auszuhändigen, und
diese Aushändigung nun, »die hatte er in der Rage vergessen.« Er hätte sie
freilich auch gar nicht nötig gehabt; denn was in der Wirtschaft erübrigt wird,
gehört dem Ehemann und nicht der Frau; so steht es geschrieben im Gesetz; und
schwarz auf weiss war auch nichts über die Sache dagewesen. Wenn einer aber einen
in den letzten Zügen liegen sieht, verspricht er manchmal etwas, was ihn nach
der Zeit wurmt. Kurz und gut: der Amtmann hatte die Patentaler - beileibe nicht
etwa unterschlagen - nur auf Hypotek gegeben, jetzt aber wollte er sie
ausliefern, obendrein Zins auf Zins; aber freilich nur drittalb Prozent, denn
mehr komme bei der Ökonomie nicht heraus, und tue er ein übriges mit einem
Dokument über hundertfünfzig Taler. Das aber sollte der Kandidat noch diese
Nacht seiner Schwester aushändigen, ehe sie etwa auch noch daran glauben müsse
und Johann Mehlborn am Ende als ein schwerer Sünder von seiner Rosine vor Gottes
Tron empfangen werde.
    Er kramte während dieser Beichte unter den Papieren in seinem Kasten und
tastete trotz Blindheit und schwarzen Todes geschickt genug ein
Hypotekendokument hervor, von welchem der Kandidat nicht mit Unrecht vermutete,
dass es auf schwachen Füssen stehe, da Johann Mehlborn sich sonst wohl kaum so
leichten Herzens von ihm getrennt haben würde. Er, der Kandidat, machte zwar den
Einwand, dass er die Sache erst mit seinem Vater bereden und morgen dessen
Entscheidung bringen werde, da er aber sah, wie so gar eilig der Alte es hatte,
zwei Fliegen mit einem Schlage zu klappen, indem er gleichzeitig sein Gewissen
entlastete und sich eines verdriesslichen Wertzeichens begab, steckte er das
Schriftstück ein.
    Mit merklich erleichtertem Herzen sagte der reuige Sünder darauf:
    »Und wie ichs mit dir vorgehabt, Kandidat, dabei bleibts. Denn warum? wer
solls kriegen? Und weisst du, was meine Röse in ihrem letzten Stündlein für mich
gesagt hat? Johann, hat sie gesagt, sooft du der armen Hirtenwaise etwas zugute
tust, wird es der liebe Heiland dir an Leib und Seele gesegnen. Und was einer in
seinem letzten Stündlein prophezeit, das kommt von oben. Der Herr wird mirs an
meinem Leiblichen gesegnen. Und darum sollst du alles haben, Kandidat, alles bis
auf das Muss.«
    Der Kandidat riet ihm, die Angelegenheit zuvörderst zu beschlafen, dann
ruhig zu überlegen, bis eines seiner Enkelkinder, mit dem er sie besprechen
könne, in seiner Nähe sei. »Nur eine Woche Geduld, Herr Amtmann, und ich bürge
Ihnen dafür, dass wenigstens Fräulein Sidonie Ihnen zur Seite steht.«
    »Wenn sie die Erbschaft wittert, ja warum denn nicht!« versetzte der Alte
mit höhnischem Gelächter. »Was ein Rabe ist, fliegt nach Gold.«
    »Ich wiederhole Ihnen, Sie verkennen Ihre Enkelin, Herr Amtmann. Fräulein
Sidonie ist weder hoffärtig noch verschwenderisch. Sie hat diese Jahre her
Klavierstunden gegeben, um ihrer seligen Mutter die Haushaltung zu erleichtern.«
    Das war eine glückliche Wendung. Sie machte dem reichen Mann, der sein
einziges Kind hatte darben lassen, sichtbar einen bedeutenden Eindruck.
»Stunden? Stunden für Geld?« fragte er.
    »Für Geld, Herr Amtmann.«
    »Aber was kann bei dem Fingerieren denn herauskommen, Kandidat?«
    »Fräulein Sidonie ist sehr geschickt in ihrer Kunst; sie schlug ihren
jährlichen Erwerb auf tausend Taler an.«
    »Wa-wa-was, tausend, tausend Taler?«
    »Sie wird aber keinen Augenblick anstehen, diesen einträglichen Erwerb
aufzugeben, um dem Vater ihrer seligen Mutter - -«
    »Na, die Spielstunden, die müssen ihr freilich angerechnet werden im
Testament,« unterbrach ihn der Alte. »Für dich bleibt dann immer noch genug und
satt, Kandidat. Aber mehr, als das Muss und die Stunden zu Kapital gemacht,
nicht. Denn siehst du, Kandidat, die Sache hat einen Haken. Das Mädchen ist
schief. Und wenn einer schief ist und wenn einer schielt, da traue ich ihm nicht
quer über den Weg. Und Männer kriegt sie, weil sie ausgewachsen ist, wohl zehne,
aber Nachkommenschaft keine. Und wenn an Nachkommenschaft nicht zu denken ist,
was wird da aus dem schönen Anwesen, das Johann Mehlborn sechzig Jahre lang sich
zusammengerackert? Grund und Boden wird um ein Dudeldei verschleudert, alles zu
bar gemacht für den Bruder Luft und von dem Bruder Luft ausser Landes
verjuchheit. Nein und ein Punktum dahinter: Nein! Die Wirtschaft muss
beieinanderbleiben; der Bruder Luft soll auch auf Umwegen nichts erlangen,
keinen Pfifferling über das blanke Muss!«
    Dezimus wendete ein, dass Fräulein Sidonie besser als er selbst imstande sein
werde, des Grossvaters ungünstige Meinung über seinen Enkelsohn zu zerstreuen,
und dass sie für ihre eigene Person gar wohl an die Gründung einer Familie denken
dürfe, da ihr körperliches Gebrechen durchaus nicht so erheblich sei, als jener
es sich in den Jahren der Entfernung vorgestellt. Fräulein Sidonie wäre eine
gesunde und sehr hübsche Dame. Das aber waren gute Worte und keineswegs in den
Wind geredet. Der Grossvater dachte schon gar nicht mehr an das Patenerbe, und
wenn er es auch nicht eingestand, brannte er vor Verlangen, sein Tochterkind zur
Stelle zu haben. Als Dezimus erklärte, dass er sie morgenden Tages nach Werben
einladen werde, da hatte der alte Mann nur noch das einzige Bedenken, dass das
Schweizerland erschrecklich weit gelegen sei und der schwarze Tod raschen Prozess
mit einem Menschen mache. Der Kandidat suchte ihn auch darüber zu beruhigen.
    »Doktor Kurze versichert ja aber, dass Sie von der bösen Krankheit gar nicht
befallen seien, Herr Amtmann, und Sie sehen auch wahrlich nicht danach aus, als
ob Sie dieselbe zu befürchten hätten.«
    »Nicht, meinst du wirklich nicht, Kandidat? Aber siehst du, meine grausamen
Schmerzen!«
    »Wo tut es Ihnen denn weh, Herr Amtmann?«
    »Hier und da, ach du meine Güte, überall. Das Herzgespanne! das Kreuze - -«
    »Aber zum Aushalten ist es doch?«
    »Je nun, zum Aushalten wäre es allenfalls. Aber die Beine, wie die steif
sind und eiskalt. Und höre nur, Kandidat, wie's mir im Bauche knurrt.«
    »Sie werden Hunger haben, Herr Amtmann.«
    »Na freilich, Mordhunger! Die Krankheit heisst ja eben darum die
Hungerseuche. Denn wenn einer, der sie hat, was zu sich nimmt, drückt es ihm auf
der Stelle das Herz ab. Seit zwei Tagen ist kein Bissen über meine Lippen
gekommen. Nur wie ichs gar nicht mehr aushalten konnte, hat mir die Timpeln ein
bisschen von ihrem Tee und von ihrem Mehlmus geschickt. Ich konnte aber nicht
einen Löffel voll hinunterbringen, so wendete sich mir das Eingeweide um. Und
siehst du denn nicht, Kandidat, meine Hände sind schon ganz schwarz.«
    »Der Lampenschatten fällt darauf, Herr Amtmann. Ei, nicht doch, Sie haben
sich beim Torfanlegen geschwärzt. Waschen Sie sich, und Sie werden sehen, dass
sie rot wie alle Tage sind.«
    »Waschen, ja waschen!« entgegnete der Alte in ärgerlich weinerlichem Tone.
»Wo soll ich denn Wasser hernehmen und Seife und eine Quehle? Kann ich denn
aufstehen? Habe ich denn einen, der nach mir fragt? Ja, wenn meine Röse noch
lebte oder mein Sidonchen wäre schon da. Siehst du, Kandidat, wenn einer ein
Lump ist, da springen die Leute ihm bei und greifen ihm unter die Arme. Wenn
einer aber in Schweiss und Plack etwas vor sich gebracht hat, da beschreien sie
ihn, wünschen ihm die schwere Not an den Hals, und ist sie da, lachen sich die
Neidhammel in die Faust. Du wirsts schon auch einmal erleben, Kandidat, wenn du
erst oben in deiner schönen Pfarre sitzest.«
    Der geistliche Berater und Beichtiger ging in die Küche, holte warmes Wasser
und Waschzeug und reinigte dem reuigen Sünder das Gesicht, das nicht weniger wie
die Hände von Russ und Kohle geschwärzt war, dann aber liess er den Sünder sich
die Hände so lange seifen und reiben, bis wieder eine menschliche Farbe zum
Vorschein kam. Von Gram und Sorge bedrückt, wie er war, und wahrlich nicht
aufgerichtet durch die kindische Zerknirschung und selbstsüchtige Grossmut einer
Greisenseele, die sich am Grabesrande wähnt, muteten diese Handreichungen ihn
nahezu erheiternd an. Denn wenn eine rasche, mutige Tat, für welche einem
Menschen - und auch nur dem glücklichsten - vielleicht ein- oder zweimal im
Leben die Herausforderung geboten wird, ihn aus seiner Bedrängnis über sich
selbst erhebt, so sind es die gemeinen Erweisungen des Tageslaufs, welche das
gestörte Gleichgewicht mählich wieder in die Richte bringen. Und ist denn dieses
Gleichgewicht am Ende nicht unser wahrhaftes Glück?
    Die Hände waren rein; auch das Zimmer notdürftig gelüftet und das qualmende
Ofenfeuer zum Lodern gebracht. Der Kandidat riet dem armen Hungerleider nunmehr
auf seine seelsorgerische Verantwortung hin, sich etwas Leibliches zugute zu
tun, erbat sich die Schlüssel zu Keller und Speisekammer, die der Hausherr Muhme
Timpeln bei ihrer Erkrankung abgenommen, holte Brot und einen Schinken,
entdeckte glücklich auch noch eine Flasche alten Rheinweins, die während der
stolzen Magnatenzeiten in das Haus gestiftet und in einem Kellerwinkel vergessen
worden sein mochte. Und der arme Todeskandidat schlürfte den Labetrunk wie ein
lechzender Storch und verschlang die köstlichen Mundbissen wie ein
ausgehungerter Wolf.
    »Ach, wie das gut tut!« rief er ein über das andere Mal sich auf den Magen
klopfend. »Nun erzeige mir aber auch noch den Gefallen, Kandidat, und stelle die
Neigen hier unter meinen Stuhl, dass keiner dazu kann und ich sie gleich bei der
Hand habe. Oder möchtest du etwa auch ein Häppchen?«
    Dezimus dankte.
    »Aber doch einen Schluck?«
    »Auf Ihr Wohl, Herr Amtmann!« sagte Dezimus, indem er ihm das Glas aus der
Hand nahm. Der Alte bemerkte schmunzelnd, dass es sich nicht leerer anfühlte, als
es ihm wieder zurückgereicht wurde.
    Noch musste der Kandidat die Eisenlade wieder sorgfältig schliessen und
verbergen, dann entkleidete er den taumelnden alten Mann, führte ihn an sein
Bett, und nachdem er ihm die dicke Federdecke bis an die Ohren gezogen, dies
kaum geschehen auch schon die ersten Laute eines Mehlbornschen Schlummers
vernommen hatte, schüttelte er den Staub von seinen Füssen und eilte
freiaufatmend seinem stillen Hause zu. Als er sich der Fähre näherte, hörte er
ein Postorn schmettern; ein Wagen bog von der Stadtseite her in die Dorfgasse
ein. »Wiederum ein Kranker, dem ein Arzt zu Hülfe gerufen worden ist,« dachte
Dezimus seufzend.
    In der Pfarre ruhte der Vater bereits, und Peter Kurze sehnte sich laut
gähnend, nach des Tages Lasten auf seiner Sprungfedermatratze einen tiefen
Schlaf zu tun. Auch dem armen Bräutigam fielen vor Erschöpfung die Lider zu. Auf
die litauische Lene war ja Verlass. Strickstrumpf und Kaffeetrank halten alte
Augen wach; das liebe Röschen war ja auch ihr Hätschelkind, und leider verlangte
es nichts anderes als dann und wann mit einem matten Blick nach einem Tropfen
Wasser. Dezimus warf sich in seinen Kleidern auf das Sofa der offenen
Nebenstube. Der Tag, der im hehrsten Schmerzgefühl begonnen hatte, in Trübsal
und Trivialität verlaufen war, endete mit einem Totenschlaf. Darf einer aber ein
Glücklicher heissen, der mehr als einen solchen Tag erlebt?
Am anderen Morgen entschied der Vater dafür, das Dokument anzunehmen. Sein Wert
erschien auch ihm äusserst fragwürdig; »aber,« meinte er, »was kann es uns auf
ein Dankeswort ankommen, wenn der kindische alte Mann durch dieses
Scheingeschenk mit sich selber ausgesöhnt wird?«
    Dezimus machte den Versuch, sein Röschen durch die Mitteilung von dem
Patenlegat zu erheitern. Sie verblieb unbeweglich mit halb geschlossenen Lidern,
und als er die blassen Wangen streichelnd sie fragte, ob sie sich denn nicht auf
das kleine Treibhaus, das sie sich für das Geld bauen wollten, ein wenig freue,
wendete sie, als ob sie kein Wort mehr hören möge, den Kopf nach der Wandseite.
Das bewegliche junge Herz schien gegen Wunsch wie Gram erschlafft. Dezimus
zitterte bei der Vorstellung, dass das liebste Leben in solch geheimnisvoller
Stille entweichen könne. Er hätte die welken Hände nicht aus den seinen lassen,
die Blicke nicht von dem weissen Rosenantlitz verwenden mögen.
    Aber der Vater gestattete ihm kein müssiges Weilen. »Lass den Greis wachen,«
sagte er, »und wirke du an seiner Statt.«
    Der Amtsbruder in Bielitz musste um seine Vertretung bei sakramentalen
Handlungen angegangen werden, in manches Kranken-, in manches Trauerhaus der
Untergemeinde war Ermutigung und Trost zu tragen. Ja, Vater Blümel ging so weit,
an die Vorbereitung zur Sonntagspredigt, des Sohnes erste Predigt, zu mahnen;
damit hatte er des Sohnes Kraft und guten Willen aber doch überschätzt.
    Der Abend dämmerte, als er das Gut betrat, in welchem er die dankbare
Annahme des Vermächtnisses melden sollte. Wie eilig er nun aber auch war, wie
tief von Weh und Angst erschüttert, wie bänglich er sich in die stille
Leidenskammer der Geliebten sehnte: eine sonderbare Veränderung des
verwahrlosten Herrenhauses konnte ihm nicht entgehen. War es doch, als ob kleine
dienstfertige Wichtelmännchen über Nacht darin gewaltet hätten. Die blinden
Fensterscheiben blinkten hell, die Spinneweben waren fortgefegt, die
Steinfliesen des Flurs geschwemmt und mit weissem Sand bestreut; aus
Kohlenpfannen wirbelten würzige Wacholderdämpfe in die Höhe. Auch die Wohnstube
war gescheuert und gelüftet, auf dem sauber gedeckten Tische Wein und ein
Vesperimbiss aufgetragen. Der Amtmann gewaschen, gekämmt und rasiert, mit dem
guten Kirchenrock angetan, schien um ein Mandel Jahre verjüngt, um seine breiten
Lippen spielte eine neckische Laune, die früherhin keineswegs zu seinen
Temperamentseigenschaften gezählt hatte. Als Dezimus vom Flur her das Zimmer
betrat, verliess es jemand durch die Kammertür. Wer? war im Zwielicht nicht zu
unterscheiden. Das Rauschen eines Frauenkleides liess indessen darauf schliessen,
dass Muhme Timpel die Anfechtung von Wellfleisch und Sauerkraut so glücklich
überwunden habe wie ihr alter Herr den Würgengel der Hungerseuche, und dass zum
Dank für diese Gnade sie einen neuen, reinlichen Menschen angezogen.
    Dezimus richtete seinen Auftrag und sprach seine Befriedigung über des Herrn
Amtmanns sichtliches Wohlbefinden aus, worauf der Herr Amtmann, indem er das
Glas, aus welchem er sich eben gestärkt hatte, aus der Hand setzte, lachend
erwiderte:
    »Na ja, mein Junge, wie es so den Anschein hat, kannst du es noch zum
richtigen Pastor bringen, ehe du mir den Lebenslauf zu halten hast. Aber höre,
Kandidat, die Klughänse von Doktores, die sollen mir mit ihrem Mehlmus und
Kamillentee gewogen bleiben. Nicht heraus, hinein treiben sie das schwarze
Gespenst. Du bist mein Mann, Pate, mit deinem Schinken und deinem Wein! Aber
freilich, noch ein drittes muss dazukommen, wenn dem Morbus der Garaus gemacht
werden soll.«
    Er blinzelte bei diesen Worten mit den Augen, die nicht mehr ganz scharf
sehen, und spannte mit den Ohren, die noch immer sehr scharf hören konnten, nach
der Kammertür, durch welche der Weiberrock verschwunden war. Pate Kandidat aber
lächelte und dachte: »Jawohl, das Gemüt, befreit von dem Druck eines
Handgelöbnisses und eines unsicheren Dokuments.«
    Der so wunderbar vom Tode Gerettete rieb sich seelenvergnügt die Hände.
Plötzlich jedoch schien eine unbehagliche Vorstellung ihm durch den Kopf zu
schiessen. Er fragte, ob der Kandidat sich mit der Zitation des städtischen
Gerichts auch nicht übereilt habe, und als die Frage verneint ward, kehrte die
joviale Stimmung ihm zurück.
    »Siehst du, mein Junge,« sagte er, »es wäre bloss weggeschmissenes Geld.
Wofür brauche ich denn ein Testament? Du wirsts wohl gemerkt haben, es war
nächtens in meinem Oberstübchen nicht ganz helle. Die grausame Krankheit hatte
mir gar zu schmählich mitgespielt. Und darum hattest du von wegen des
Beschlafens wieder einmal ganz recht. Heute bin ich auf dem richtigen Punkte.
Wozu brauche ich einen letzten Willen? Ich habe zwei leibliche Tochterkinder,
und das mit dem Muss - Pflichtteil nennens die Gerichte, ich konnte mich nur
nächtens nicht auf den gehörigen Titel besinnen - wäre zuwider Gottes Ordnung in
der Heiligen Schrift. Meinst du nicht auch, Kandidat?«
    »Jedenfalls, Herr Amtmann, zuwider der Natur und einem gütigen Vaterherzen,«
antwortete Dezimus.
    Der Amtmann drückte ihm, nach seiner Art gerührt, die Hand. »Eine ehrliche
Haut bist du, Kandidat,« sagte er, »das muss der Feind dir lassen. Eine
grundehrliche Haut. Und helle bist du auch, mordhelle, hast ein Einsehn in
jedwede Sache, wie sie schmeckt und riecht. Aber dein Schade solls nicht sein.
Verlass dich auf den alten Mehlborn, wenn er auch nicht dein Pate ist. Denn was
verschlägt am Ende ein königlicher Prokurist? Der alte Mehlborn hats gut mit dir
im Sinn.«
    Er machte eine Pause, simulierte ein Weilchen, indem er, wie vorhin, nach
der Kammertür starrte, dann hob er von neuem an:
    »Siehst du, Kandidat, es ist mir über Nacht, wie man zu sagen pflegt, ein
Licht aufgesteckt worden. Mein Enkelsohn betreibt in der französischen
Hauptstadt die Wissenschaft und schreibt Lesebücher. Er hat die Kunst von seiner
Mutter, meiner Brigitte, geerbt; nur dass das, was mein Enkelsohn macht, sich
reimt wie die Lieder, die im Gesangbuche stehen. Aber eine Sünde ist das
Versemachen nicht und eine Schande auch nicht; und ein ganz hübsches Stück Geld
kommt bei dem Bücherschreiben heraus. Meinst du nicht auch, Kandidat?«
    »Unter Umständen allerdings.«
    »Unter Umständen bloss, he? Wovon hätten denn meine Brigitte und ihr
Professor gelebt und gut gelebt? Geld wie Heu, sage ich dir, wenn auch nicht
ganz so viel, wie sich bei der Ökonomie herausschlagen lässt. Aber die kann mein
Enkelsohn ja auch noch betreiben lernen, er ist ja noch ein junges Blut. Was
aber den Professor anbelangt, den Wittmann von meiner Brigitte, kein Gedanke an
einen Freimaurer bei ihm! der Beifuss ist ein Esel, dass er mir den Freimaurer in
den Kopf gesetzt. Die Lesebücher, die der Professor schreibt, kann einer wie
Beifuss ja gar nicht verstehen. Und den Herrgott hat der Professor in seinen
Schriftstücken auch beileibe nicht abgesetzt. Nur einen anderen Mantel hat er
ihm umgehängt; grasgrün und himmelblau, statt nach der alten Mode Purpur und
Gold. Na, das ist seine Sache. Herrgott bleibt Herrgott. Die Hauptsache ist das
Gesetz. Was nun aber vollends mein Sidonchen - -«
    Er machte von neuem eine Pause, und Dezimus stand vor Staunen starr und
stumm. Wer hatte dem blinden Greise dieses Licht aufgesteckt? Ein Traumgeist,
der Geist des Weins, oder bloss das Frohgefühl der Genesung? Hatte Peter Kurze
ihn in die Kur genommen? oder etwa - etwa Lydia? Zuzutrauen wäre die Absicht dem
weissen Fräulein sicherlich gewesen; aber die Wirkung, diese Wirkung einer Lydia
auf einen Johann Mehlborn? Des Kandidaten Blicke folgten denen des Amtmanns nach
der Tür. Er unterschied aber nichts als die blankgeputzte Messingklinke.
    »Was aber mein Sidonchen anbelangt,« fuhr der Alte fort, »so hast du zum
dritten Male wahrgesprochen, Kandidat. Mein Sidonchen ist dir ein ganz
scharmantes Mädchen; rund und rot wie ein Borsdorferapfel, zum Anbeissen, sag ich
dir, und von wegen des Schulterstücks, na, weiss Gott, die Brille müsste einer
aufsetzen, wenn er die Schiefigkeit bemerken sollte!«
    Kicherte da nicht jemand hinter der Kammertür? Törichte Einbildung! es ist
ja alles mäuschenstill, und der über Nacht bekehrte Grossvater fährt auch ganz
ungestört in der Anpreisung seines Fleisches und Blutes fort: »Zehn Männer,
Kandidat, kann dir mein Sidonchen kriegen; ein Dutzend Wochenbetten wären nicht
zuviel für sie; bis zur goldenen Hochzeit kann sie's bringen. Und höre,
Kandidat, gescheut ist dir mein Sidonchen, gescheut wie ein Advokat, und die
Worte kann sie dir setzen wie der allerschönste Pastor, und auf die Wirtschaft
versteht sie sich, dass meine selige Röse dir nichts, egal gar nichts dagegen
gewesen ist. Eine Käserei will sie bei mir anlegen, so wie sie draussen in der
Schweiz schon manchen armseligen Hutmann, wie dein Vater einer war, Kandidat,
zum reichen Manne gemacht hat. Nur dass draussen, ausser dem Rindvieh, anstatt wie
bei uns Schafe, mehrenteils Ziegen gehalten werden und die Ziegen nicht so viel
Fütterung brauchen. Dafür haben wir aber die Wolle.«
    Der Kandidat fasste sich mit beiden Händen nach der Stirn. Träumte er, oder
war hier ein Wunder geschehen? Sollte Sidonie geschrieben haben? Aber der blinde
Grossvater hätte den Brief ja nicht lesen können. Die Frage nach Lydia brannte
auf seinen Lippen, des Alten Redefluss liess sie aber nicht zum Ausdruck kommen.
    »Und siehst du, mein Junge,« fuhr er in einem Atemzuge fort, »weil du doch
nun einmal halb und halb meine Pate bist und ich dir den Inspektor versprochen
und nicht gehalten habe, - denn warum? du wolltest ja nun einmal absolut auf den
Postor studieren, - und weil meine selige Röse dich mir, sozusagen, aufs Herz
gebunden hat, und weil ich dir nächtens, wo mich die Morbuslaune ein bisschen
benebelt hatte, mit der Erbschaft einen Floh ins Ohr gesetzt habe;
desselbigengleichen aber auch, weil die Werbensche Pfarre ein einträglicher
Posten ist und einer ganz bequem die Wirtschaft auf dem Talgute daneben
betreiben kann, und weil die paar Tausend Legation von dem römischen Fräulein
doch auch eine angenehme Zubusse sind, kurz und gut, weil alles klappt und stimmt
wie gemaust, derhalben will ich dir mein Sidonchen zur Frau geben, und lieber
heute als morgen kann die Hochzeit sein.«
    Dezimus, bei aller Betrübnis seiner Seele, hatte Mühe ein Lachgelüst
niederzukämpfen, und noch war er zu einer schicklichen Gegenrede nicht gelangt,
als eine kühle Frauenhand sich in die seine legte und eine wohlbekannte
klangfrische Stimme fragte:
    »Nun, was sagen Sie zu dem Antrag, Johanniskind?«
    Da stand er denn wie eingewurzelt mit stockendem Atem, so, als wäre der
liebe Mond gleich einer Bombe zu seinen Füssen niedergeplatzt. Gottlob! dass es
halb Nacht in der Stube war und keiner bemerken konnte, wie der kalte
Angstschweiss ihm von der Stirne tropfte.
    Der alte Mehlborn hatte nach seiner anstrengenden Werbung sich durch ein
Spitzgläschen von seiner bewährten Medizin gestärkt; - Johann Mehlborn stand
wahrlich in Gefahr, in alten Tagen zum Bacchusjünger auszuarten! - nun kicherte
er, sich die Hände reibend, vor sich hin:
    »Stockstumm vor Pläsier steht er da, hihihi! wie der dumme Junge von Meissen
steht er da, hihihi!«
    »Sie sagen nichts, und das ist genug gesagt,« flüsterte Sidonie, indem sie
langsam ihre Hand aus der seinen zog; Dezimus aber, der sich mühsam gefasst
hatte, erwiderte:
    »Ich beklage, gnädiges Fräulein, dass diese Greisenschrulle vor Ihren Ohren
laut werden musste, und ich beschwöre Sie, zu glauben - -«
    »Na, was tuschelt Ihr denn so heimlich miteinander?« unterbrach der
Grossvater die feierliche Beschwörung. »Liebeswörtchen schon? hihihi!«
    »Nicht doch, Grossvater,« antwortete Sidonie mit ruhiger Stimme, wennschon
Lippen und Glieder leise zitterten. »Der Schlaukopf hat es gemerkt, dass du
deinen Spass mit ihm getrieben.«
    »Ich, einen Spass? einen Spass, ich?« rief der Alte völlig verdutzt.
    »Nun was denn sonst, Grossvater? Habe ich dir denn nicht gesagt, dass er schon
seit Jahren ein Schätzchen im Herzen trägt? Nicht? Ei was, da habe ich gedacht,
die Sache verstünde sich von selbst. Siehst du, Grossvater, ein Kandidat, der
bloss mit einer Herzallerliebsten von der hohen Schule abgeht, der kann sagen,
dass er noch mit einem blauen Auge davongekommen ist; gewöhnlich erfreut er sich
schon einer verlobten Braut. Habe ich nicht recht, Herr Kandidat?«
    »Soweit es meine Person betrifft, allerdings, gnädiges Fräulein,« antwortete
Dezimus bewegt, »ich habe seit Jahren eine Liebe im Herzen getragen, und die
Geliebte ist meine verlobte Braut geworden. Auf ihrem Sterbebette hat meine
Pflegemutter die Hand ihrer Tochter in die meine gelegt für das Leben.«
    Er atmete nach diesem Geständnis auf wie erlöst. Sidonie war betroffen ein
paar Schritte zurückgewichen; es war minutenlang in dem dunklen Zimmer kein
Atemzug zu hören. Jählings jedoch schlug der alte Mehlborn mit beiden Fäusten
auf den Tisch und stiess mit der Naturkraft seiner guten Tage einen Fluch aus,
vor welchem eine andere nervenschwache Dame als die gegenwärtige bis zur
Ohnmacht erschrocken sein würde. »Das ist,« schrie er, nachdem das Donnerwetter
ihm Luft gemacht, »das ist ja egal wieder so ein hinterrückscher Streich wie
dazumal der mit der alten Exzellenz, das ist ja - -«
    »Nicht doch, Grossvater,« unterbrach ihn Sidonie, die sich gefasst hatte. »Es
ist eine Zuneigung und ein mütterlicher Plan von Kindesbeinen an. Wenn du in
letzter Zeit mehr mit unseren guten Freunden in der Pfarre zusammengekommen
wärest, würdest du den Braten längst gerochen haben.«
    Sidonie lachte bei den Worten mit seltsam vibrierendem Klang; der Bär war
aber einmal aufgewacht, und so brummte er sich unerschütterlich aus.
    »Schwatz doch nicht so dummes Zeug, Sidonchen! Das ist ja alles nicht hotte
und nicht hü. Wenn zwei miteinander in der Boje gelegen haben, zum Henker, das
ist ja egal, als ob Bruder und Schwester Mann und Frau werden wollten. Die
Geschichte muss auseinander. Ein Sterbebett ist doch nicht etwa Gottes Altar und
Brautstand noch lange kein Ehestand. Der Junge müsste ja des Teufels sein,
Sidonchen. Die kleine Röse ist arm wie eine Kirchenmaus, und mit dir kriegt er
einmal ein Rittergut und eines in der Tasche obendrein.«
    Sidonie lachte von neuem und natürlicher als vorhin.
    »Ja, wenn er nur früher gewusst hätte, wie gut du es mit ihm vorhattest,
Grossvater,« sagte sie, trat an den Tisch, schenkte das Spitzgläschen wieder
voll, und der Grossvater, nachdem er es ausgeschlürft, streichelte ihrzärtlich
die Backen und sagte schmunzelnd, von einem lichtvollen Einfall durchzuckt:
    »Weisst du was, mein Sidonchen, weil du es bist, will ich ein übriges tun.
Höre, die kleine Röse, so pauvre wie sie ist, die geben wir deinem Mäxchen, und
er zieht mit ihr hinüber und wirtschaftet als mein Verwalter in Bielitz. Du
nimmst den Kandidaten und bleibst hüben bei mir. Und wenn dein Mäxchen etwa - -«
    »Du hast recht,« fiel Sidonie ein, »das wäre ein Vorschlag zur Güte, den wir
miteinander überlegen wollen, Grossvater. Jetzt aber musst du durchaus ruhen. Das
viele Sprechen hat dich angegriffen; du siehst schon ganz blass aus und bist rauh
auf der Brust. Dass um Gottes willen kein Rückfall kommt! Mit solch einer
Krankheit ist nicht zu spassen, Grossvater!«
    Der störrische alte Mann gehorchte wie ein Kind. Er liess sich von seinem
Sidonchen nach dem Kanapee führen, streckte sich, wie sie es vorschrieb, »der
Länge lang« aus und drückte die Augen zu. Bald verriet der schnarchende Atem,
dass die ungewohnte Labe auch heute wieder ihre Schuldigkeit getan. Sidonie legte
ihren Arm in den des Kandidaten, und sie verliessen das Zimmer.
    Eine Weile gingen sie nebeneinander her und schwiegen sich aus. Ach, solch
ein armseliger Stümper ist ja der stolze Willensheld, Mensch genannt, dass eine
unbehagliche Situation die wärmsten Affekte seiner Seele wettzumachen vermag. Wo
fänden wir den idealen Helden, welcher die Weihe des Ostermorgens Doktor Fausten
unverdrossen nachempfunden hätte, wenn ebenso unverdrossen eine Brummfliege sich
auf seine Nase setzte? Dezimus Frei hatte gestern seine Mutter begraben, er
zitterte für das Leben einer geliebten Braut, rings um ihn her wüteten Tod und
Verderben, in diesen Minuten jedoch empfand er nichts, rein gar nichts als die
Verlegenheit des armen Schäfersohnes, der einem reichen Edelfräulein ins
Angesicht einen Korb gegeben hat; eine Verlegenheit, die allerdings
Märchenhelden öfter empfinden werden als ein Kandidat der Teologie. Die Not
wurde aber immer romantischer, da das verschmähte Edelfräulein sich mit der
Unbefangenheit einer glücklichen Braut an des Schäfersohnes Arm hängte und
zweiselig mit ihm im Mondenschein spazierte über den Hof, durch den Garten,
längs des murmelnden Flusses, bis zu dem friedlich ruhenden Nachen. Das Fräulein
hätte, fürchten wir, bis zur Stadtbrücke mit dem Hirtensohne spazieren können,
ohne dass ihm in der Schwüle seines Intellekts ein würdiges Wort oder auch nur
eine unwürdige Redensart zur Aufklärung und Entschuldigung gelungen wäre.
    Das Fräulein war es, welches, beherzter als er, endlich den Bann der
Stimmung brach, und - ja Laut scheucht Furcht - und mit dem ersten sonoren Klang
ihrer Rede, da wurde auch dem verlegenen Kandidaten wieder ganz frisch und
beherzt zumute; das aber um so mehr, da er lediglich zuzuhören und nur selten
ein Wörtchen dareinzugeben hatte.
    »Menschen wie Sie, Dezimus, und ich,« hob Sidonie an, »dürfen sich, denke
ich, ohne Verwirrung alles sagen und alles voneinander hören. Und so sage ich
Ihnen denn, was Sie ohnehin von vornherein durchschaut haben werden, dass Papa
Mehlborns Antrag weder ein Scherz noch die Schrulle eines Greises gewesen ist,
sondern mein eigener, zwar rasch gefasster, aber wohlbedachter Plan. Auf Ihre
Ablehnung war ich gefasst und würde sie Ihnen zugute gehalten haben, auch wenn
Sie - worauf ich allerdings nach dem Tone Ihrer Briefe keineswegs gefasst war -
nicht bereits der hoffnungsvolle Ehestandskandidat einer anderen gewesen wären.
Die Wahrheit zu sagen, ich hatte Ihr Röschen von jeher Freund Kurzen zu gedacht.
So wenig ich nun aber Ihnen den Ungeschmack in der Lebenskunst zutraue, sich,
und wäre es um zehn Rittergüter willen, zum Mann einer Frau machen zu lassen,
die Ihnen missfiel oder einfach bloss nicht gefiel, so wenig werden Sie meiner
Person die Abgeschmackteit einer verliebten Laune zutrauen, auch wenn ich Ihnen
ehrlich gestehe, dass Sie der einzige Mann sind, dem ich einen solchen Antrag
hätte stellen lassen, ja eben darum nicht. Ich dachte mir aber, Dezimus, dass
zwei gute Freunde, beide frei und klug, ohne Anlage zu leidenschaftlichen
Problemen, ungeplagt von dämonischen Störefrieden, beide dagegen anhangend einem
tief aus der Seele treibenden Lebenszweck, dass diese beiden ihre Hände
ineinanderlegen könnten, vertrauend jenem Gleichgewicht und jener
verständnisvollen Selbstbewussteit, auf welchen letztlich die Befriedigung jedes
Zusammenlebens doch beruht. Sie, Dezimus, würden durch die Verbindung mit mir
Ihrer beschränkenden Lage entrückt, Ihnen die weiteste Umschau am Himmel und auf
Erden, die freieste Entwicklung gewährt worden sein, dazu der Anteil, das
völlige Verstehen eines Nächstgestellten. Mir gewährte sie ein starkes Herz und
eine feste Hand. Und sehen Sie, Freund, die arme kleine Sidi bedarf mehr denn
jemals eines starken Herzens und einer festen Hand, um ihr eine Gefahr abwenden
und ein Schicksal tragen zu helfen, denen sie ganz allein machtlos
gegenübersteht.«
    »Sie sprechen von Max?« fragte Dezimus.
    »Nun ja, von wem denn sonst? Ist er nicht mein Lebenszweck, wie die
Chaldäerweisheit der Ihrige ist? Ihr lebt hier, so scheint es, wie Crusoe auf
seiner Insel, spürt nichts von den Wettern, die über dem Festlande brauen, und
von den Dämpfen, die unter demselben brüten. Ich aber komme von solchem Herd,
und Max steht harsch an dem Krater, von welchem der Ausbruch droht. Nicht
Schwarzseherei, Hellblick, Hellblick der Liebe ist es, wenn ich ihn von den
speienden Flammen ergriffen und unter der Asche verschüttet schaue. Noch in
dieser Nacht werde ich ihm schreiben, und weil die Beredsamkeit eine Gabe ist,
die er vor vielen besseren Gaben schätzt und auf sich wirken lässt, werde ich ihn
mit so viel rhetorischem Aufwand, als einer Schwester zu Gebote steht,
beschwören, vor dem Ausbruch in unseren stillen Hafen zu flüchten. Wenn er sich
in Bielitz einrichtete, soviel ihm beliebt als Grandseigneur, es wäre ein
ableitender Wechsel. Wenn er sich einen eigenen Herd gründete, es wäre, wie
schwach auch immer, eine Bürgschaft der Stetigkeit. Mit den äusseren Mitteln soll
nicht gekargt werden; der schwarze Tod hat mir trefflich in die Hände gearbeitet
und kein anderer als Sie, Johanniskind, mich auf den Zaubertrank verwiesen, mit
dessen Darreichung die geheimnisvolle Wandlung vollzogen werden wird. Ich traue
mir zu, diesen halsstarrigen Greis zu regieren wie eine Gliederpuppe, mit List
oder Gewalt ihm den Schlüssel seiner Eisentruhe zu entwinden. Was kommt es mir
darauf an, um einen vollebenden Zwanziger zu retten, einem absterbenden
Achtziger ein X für ein U zu machen? Die Frage ist nur, wird mein Plan an dem
nicht scheitern, den er retten soll? Und wenn der Reiz ritterlicher
Sesshaftigkeit den Unsteten heimwärts lockte, würde er nicht bald wieder
zurückgetrieben werden in sein geniales Zigeunertum? Würde selber die Liebe zum
Weibe imstande sein, ihn häuslich zu bannen? Wird, wenn den Rhein herüber die
Fanfaren schmettern, die ihm das, was er Freiheit nennt, verkünden, wird er
dann, wie ein feuriges Ross, nicht jeden Zügel sprengen, und werden Sie dann,
Dezimus, mit Manneswillen und Manneskraft - für ihn einstehen? - Nein, das läge
ausser Ihrer Macht, - aber zu seiner Rettung für mich eintreten, nicht als ein
Bruder, wie ich Törin einen Augenblick gewähnt, aber als - -«
    »Sein Freund und Ihrer, Sidonie,« sagte Dezimus mit warmem Händedruck.
    Sidonie erzählte darauf, dass sie alsobald nach ihrer Mutter Tode sich bewusst
gewesen, wo fortan ihre Heimstatt und welcher Art ihre Werkstatt sei. Die
Neueinrichtung ihres Stiefvaters und ein Nervenleiden, das sie hart mitgenommen,
hatten die Ausführung verzögert. Bei ihrem endlichen Aufbruch vor ein paar Tagen
sei es auf eine Überraschung im Blümelhause abgesehen gewesen. Als sie jedoch
beim gestrigen Eintreffen in der Stadt den Ausbruch der Epidemie, den Tod der
guten Pfarrmutter und Rosens Erkrankung erfahren, sei sie ohne Verzug nach dem
Talgute aufgebrochen und daselbst angelangt, als just der Kandidat die heroische
Kur an Papa Mehlborn vollbracht und zum Lohn dafür das Erbe der unartigen
Enkelkinder in Aussicht gestellt erhalten habe. Mit ergötzlicher Laune
schilderte sie nunmehr, wie sie die günstige Konjunktur benutzt, um sich, in
Verbindung mit Traum- und Weingeistern, rasch in des alten, mürbe gewordenen
Eisenmannes Gemüt und Hause festzusetzen, und mit welchen Engels- und
Teufelskünsten sie gesonnen sei, ihre Position zu behaupten.
    »Greise sollen wie Kinder behandelt werden,« sagte sie. »Mein altes Kind
wird sich nicht über sein pflegendes Mütterchen zu beklagen haben; er darf aber
niemals aufhören, sich vom Würgengel bedroht zu wähnen, und niemals bezweifeln,
dass er sieht, was zu sehen er sich und anderen vorspiegelt.«
    Sie waren der Fähre nahegekommen, als Sidonie, ihren Arm aus dem des
Begleiters ziehend, mit folgender Wendung abschloss:
    »So, nun stehen wir, will es Gott, für das Leben klar und fest uns zur
Seite; und mir erübrigt nur noch der Glückwunsch zu Ihrer Verlobung, Freund. Ein
redlicher Wunsch, aber leider nur ein Wunsch, denn die Zuversicht Ihres
Eheglückes habe ich nicht. Brummen Sie doch nicht so unwillig in Ihren kürzlich
gesprossten Bart, Kandidat! Als ob ich die Zärtlichkeit Ihrer gegenseitigen
Gefühle bezweifelte oder mir anmasste, irgend etwas von irgendeiner erotischen
Gefühlsspezies zu verstehen, und mich nicht gern belehren liesse, dass eine
Gewohnheitsneigung, aus der Boje herausgewachsen, sich zu einer dergleichen
Spielart entwickeln könne. Das aber weiss ich, dass zum Dauerglück in der Ehe,
will sagen einer Ehe, die nicht bloss auf die gemeine Platteit hinausläuft, mehr
gehört als irgendeine Spielart der Liebe. Denke ich an den kurzen Wonnetraum von
Max und Lydia zurück, wie er, doch wahrlich einer reellen, raschen Herzensglut
entspringend, dennoch beim ersten Anstoss in Groll und Zwietracht zerstob, halte
ich dagegen die in Kampf und Not unerschütterliche Befriedigung der auf keinen
lebhafteren Pulsschlag gegründeten zweiten Ehe meiner Mutter, so sage ich:
Kontraste reizen; die Harmonie der Treue erwächst aus verwandten Elementen. Auf
die gleiche Sehweite kommt es nicht an, aber auf die gleiche Sehlinie kommt es
an. Was aber versteht Liebchen Rose von des Chaldäers Sternenziel? Was der
lichtsuchende Chaldäer von seines Rosenliebchens Erdenlust? Falter und Rose,
Mäxchen und Röschen - Freund, wären Sie nicht bis über die Ohren vernarrt, Sie
nennten den Einfall meines alten, neuen Herrn schlechtin luminös. Sie aber,
Sternengucker, trösteten sich, müssten sich trösten, würden sich trösten, nicht
etwa mit der kleinen Sidi, die Ihnen ausser etwelchen Rittergütern nichts als
einen hellen Kopf auf einem ungleichen Schulterstück als Mahlschatz zubringen
würde, sondern mit der zum Himmel strebenden, hehren Lilienblüte, die ohne Sie
einsam im Mondschein des Klostergartens verduften würde.«
    Dezimus prallte schier entsetzt einen Schritt zurück; sein ganzes Wesen
protestierte gegen diese wenn auch nur scherzhaft gemeinte Weissagung. Liess der
kleine Kobold an seiner Seite ihn aber nur zu Worte kommen? Lachte er nicht so
ausgelassen, wie bloss Kobolde einem verblüfften Menschenkinde in das Gesicht zu
lachen imstande sind? Und schmetterte er dann nicht mit seiner metallhellen
Stimme sein musikalisches Capriccio unerschütterlich zu Ende?
    »Aber so fahren Sie doch nicht gleich aus der Haut, Kandidat, wenn ein
alter, ehrlicher Kamerad Sie besser kennt als Sie sich selbst; hören Sie doch
ruhig erst den natürlichen Folgesatz: Lieben Sie Ihr Röschen, so zärtlich Sie es
fertigbringen, heiraten Sie es meinetwegen auch: das weisse Fräulein war, ist und
bleibt bei alledem Ihr Ideal. Indessen nur getrost. Sagte ich Ihnen bei einer
anderen Gelegenheit: ein gesunder Magen und ein gesunder Kopf vertragen
vielerlei, so sage ich Ihnen bei der heutigen: ein gesundes Herz verträgt noch
mehr, ja sogar mehr zu gleicher Zeit. Eine Wiegenliebe wie die zu Ihrer Rose,
eine verständige Freundschaft wie die zu der kleinen Sidi und ein hehres
Traumbild wie das der Schwanenjungfrau, Sie haben Platz für alle drei und
bleiben ungestört und unbeschwert, möglicherweise sogar als Ehemann, unser
mustergültiges Johanniskind.«
    Damit schüttelte sie ihm herzhaft die Hand und schlug dann lachend, so rasch
sie vermochte, den Rückweg ein. Der ungalante Korbverleiher dachte nicht daran,
ihr das Geleit zu geben.
    Dezimus, du Held des Glücks, sie nennen dich eine redliche Haut und preisen
dich ob deines ruhigen Bluts; das grosse Wort Liebe ist dir niemals allzu
geläufig gewesen, sogar nicht gegen deinen besten Freund, und der bist auch du
am Ende doch wohl selbst; deine Phantasie hat selten mit Amoretten gegaukelt,
und zum Heroismus der Leidenschaft zum Weibe hast du bis dato keinen Drang
gefühlt; solange du von deinem Leben weisst, hast du den Zug zu der holden
Schwesterblüte gespürt wie dein natürlichstes Recht, und seit du dich als Mann
fühlst, wie deine natürlichste Pflicht; was du von Hangen und Bangen empfunden,
das hangte und bangte nach ihr. Und da kommt nun ein Menschenkind, lebenskundig
und wahrheitsmutig, wie du kein zweites kennst, nennt sich deinen braven
Kameraden und sagt dir auf den Kopf zu, dass deine Liebe gar nicht die echte,
rechte Liebe sei; dass du - schäme dich, Dezimus! - ein leibhaftiger Don Juan,
noch ehe du ein Bräutigam geworden, ein zweites und drittes Verhältnis
angebandelt habest, und am Ende kommen noch ein halbes Dutzend hinterdrein, denn
wo ist bei solcher Anlage ein Aufhören abzusehen? Zum allerärgsten aber hat
dieses kluge Menschenkind sich darauf gesteift, dass du ein Traumbild umkreisest,
nicht bloss in der Phantasie, wo es hingehört und, dir wenigstens, nicht schaden
kann, sondern als leibhaftiger Mann ein leibhaftiges Weib, als sein
prädestiniertes anderes Ich!
    Aber so habe dich doch nicht wie ein Narr, Kandidat. Denke doch an deine
erste Sonntagspredigt! Du schreist dich ja heiser mit deinem »Hol über, hol
über!« Hat der alte Veit sich bereits auf das Ohr gelegt, so erweckt ihn nicht
die Posaune des Jüngsten Gerichts. Du nimmst dann den Weg über die Brücke und
läufst dir den Wirrwarr von Liebesgedanken aus dem Hirn. Welchem Menschen, der
sich gesunder fünf Sinne erfreut, fällt es ein, bei Seuchenzeiten, in rauher
Novemberluft durch den Fluss zu schwimmen, um nichts und wieder nichts als eine
halbe Stunde früher bei der zu sein, die er wirklich liebt? Und sieh, da kommt
ja auch schon der alte Veit, fein gelassen, in deinem eigenen, bedächtigen
Hirtenschritt, in welchem ein Mensch sein Ziel am zuverlässigsten erreicht. Und
nun bist du jenseit, und wenn du auch wie ein Wetter durch die Dorfgasse fegst,
du hast bis zur Pfarre hinlänglich Weile, dir zu überlegen, ob ein Ideal in
Wahrheit ein so gefährliches Wesen sei, wie man dir hat einreden wollen, ein
Wesen, das dich in deiner Herzenstreue beirren könnte?
    Und siehst du wohl, ehe du noch den Gottesacker erreichst, da bist du schon
wieder der alte Dezem aller Tage, ja wahrhaftig, du lachst! Was versteht solch
ein armes, verkümmertes Wesen, das keinen Näheren als einen Bruder lieben darf
und will, von eines Jünglings Rosenwonne? Was versteht die kleine Sidi, mit
ihrem altklugen Kopf und vorwitzigen Mund von einem Traumbild der Seele? Sind
die hohen Himmelslichter dort oben nicht auch deine Traumbilder gewesen, und
würdest du sie als Ideale gehegt haben, wenn du sie mit deinen Armen umspannen
konntest wie die blühende Erde, in welcher dein Dasein wurzelte? Sei und bleibe
dein weisses Fräulein dir ein Ideal und eine Seelenschwester für das Leben; die,
nach welcher deine Pulse schlagen, das ist »die liebliche, geliebte Eine, die
Jugend dir und Jugenddrang verbunden«, das ist dein Blumenkind, deine Rose!
    Sie lag noch so still, anteillos und doch ruhelos, wie er sie verlassen
hatte. In dieser Nacht aber hätte keiner bei ihr Wache halten dürfen als er
allein. Er setzte sich auf den Bettrand, schlang den einen Arm um ihren Hals und
umspannte mit der anderen Hand die beiden welken, kühlen Kinderhände. Und wie er
so eine Weile gesessen hatte, ihr Köpfchen an seiner Brust, da war es, als ob
ein Strom von seinem flutenden Leben in das ebbende hinüberwogte. Sie schlug
einen Augenblick lächelnd wie sonst die Lider zu ihm in die Höhe, dann fielen
sie ihr zu, und sie schlummerte ein. Die heissersehnte Schlummerruhe,
Genesungsruhe! Er neigte die Lippen auf die wirren Locken über ihrer Stirn, -
der erste Bräutigamskuss! Er sog ihren Odem ein, den göttlichen Lebenshauch! Er
hätte das Klopfen seiner Pulse hemmen mögen, um sie nicht zu erwecken, und doch
laut jubeln aus voller Brust: »Dich liebe ich, dich ganz allein!«
Doktor Brand fand Rosen am anderen Morgen noch schlummernd; aber es war nicht
die erquickende Ruhe der Genesung, es war die betäubende der Erschöpfung. Fast
schien es, als ob die Schlummernde, ohne wieder zu erwachen, in den ewigen
Schlaf hinübergleiten werde, so matt schlug der Puls, so kaum hörbar schlichen
die Züge des Atems. Wohl oder übel musste der alte Symptomiker der Diagnose des
jungen Exaktikers zustimmen; der Blutverlust war stärker gewesen, als er
angenommen, und nicht seelische Überwältigung hielt den Körper im Bann, sondern
körperliche Erschlaffung die Seele. In welcher Weise aber den Verlust ersetzen,
da das liebe Kind die geringste Nahrung verschmähte, der Schlaf, statt zu
stärken, abspannte und kein Heilmittel anschlug? Der alte Herr war am Ende mit
seinem Latein, und wie in derartigen kritischen Fällen, wo eben kein Rat mehr zu
geben ist, auch ein braver Medikus zu der Auskunft gelangen kann, den Patienten
aus seinem Gesichtsfelde zu verweisen, z.B. an die Homöopatie, über welche -
bei unkritischen Fällen - kein Sarkasmus beissend genug im Sprachschatze einen
Ausdruck findet; oder in ein entlegenes Bad, dessen Heilkräfte allerdings
innerhalb der eigenen Praxis nicht erprobt worden sind, wo aber, falls sie sich
an dem Patienten bewähren, die Genesung dem kundigen Berater zugute geschrieben
wird, falls sie sich dagegen nicht bewähren, ein Kurverstoss, Diätfehler,
Erkältung und so weiter die Schuld zu tragen hat, im allerschlimmsten Falle
jedoch der Patient wenigstens nicht unter des Beraters Augen die seinigen
schliesst, - desselbigengleichen wollte auch Doktor Brand, obschon er skeptisch
die Achseln zuckte, gegen das heroische Korrektiv seines neubacknen Kollegen
nicht länger Widerspruch erheben.
    Das Korrektiv, in einem Familienrate, dem auch Lydia beiwohnte, dargelegt,
hiess: Transfusion fremden Bluts. Kein neues Mittel, allein selten angewendet.
Peter Kurze selbst hatte die Operation nur ein einziges Mal von dem Meister, »zu
dessen Füssen er gesessen« - eine von den wenigen euphemistischen Redensarten,
deren Peter Kurze sich bediente -, vollziehen sehen, aber mit glorreichem
Erfolg. Er nannte sie, natur- und vernunftgemäss, den direktesten
Erneuerungsprozess und würde ihm die weiteste Verbreitung in Aussicht zu stellen
gewagt haben, insofern sich die Schwierigkeit überwinden liesse, für jedes
blutarme oder blutkranke Individuum ein blutreich gesundes aufzufinden, das sich
zur Teilung seines wertvollsten Lebensstoffes entschlösse. Denn von dem
Lebensstoff als Lebensmittel höchst wertvoller Vierfüssler wollte der
materialistische Doktor nichts wissen; der Mensch sei zwar auch eine warmblütige
Bestie, aber eine Bestie, die durch Vermittlung ihres spezifischen warmen Blutes
denkt. Hypotese zwar noch vorderhand, aber keineswegs eine irrationelle: mit
Hülfe frischen Lebenssaftes sei sogar ein Greisenleben wieder jung zu machen!
    Der Vortrag, mit Begeisterung zu Gehör gebracht, wurde nicht ohne
Begeisterung aufgenommen. In Vater Blümel dämmerte die Erwähnung des Verfahrens
bei einem seiner alten Heiden, deren Heilverständnis er von den Neueren selten
übertroffen achtete; Lydia sah in dem Akt ein symbolisches Opfer, das ihrem
innersten Sinne entsprach; Dezimus aber stimmte voll beseligender Hoffnung zu.
Aus wessen Adern als den seinen hätte der lebenspendende Quell in die der
Geliebten denn geleitet werden dürfen?
    Noch in der Nacht dampfte Peter Kurze nach der Universitätsstadt, um - des
ängstlich schwachen Papa Blümel mehr als überflüssige conditio sine qua non! -
von dem Meister, zu dessen Füssen Peter Kurze gesessen, ein Zeugnis einzuholen ad
eins: über die Zulässigkeit der seltsamen Spende für die bedürftige kranke
Tochter und ihre Ungefährlichkeit für den verleihenden gesunden Sohn. Ad zwei: -
Superlativ aller Überflüssigkeit! - über Doktor Peter Kurzens Befähigung für die
betreffende Operation.
    Schon am anderen Mittag kehrte er mit einer Siegermiene zurück. Er brachte
schwarz auf weiss die absolute Erledigung aller überflüssigen Bedenken
vornehmlich des ad zwei; brachte den erforderlichen Apparat und sogar zwei junge
Kollegen, welche des Meisterstücks Zeuge zu werden ein wissenschaftliches
Verlangen trugen. Er hätte unverweilt zum Angriff schreiten mögen; da aber in
Rosens Zustand verschlimmernde Symptome sich nicht geäussert hatten und die
Hoffnung nicht aufgegeben werden durfte, auch ohne das Wagnis eine Besserung
eintreten zu sehen, wurde auf Vater Blümels Verlangen die Operation auf Sonntag
nachmittag verschoben. Es war der des ersten Advent und des Sohnes erste Predigt
eine weihevolle Vorbereitung zu der lebenspendenden Tat.
    Das Gotteshaus war am Sonntagmorgen dicht gefüllt, selbst die Untergemeinde
durch ihre gesunden Insassen männiglich vertreten, Not lehrt ja beten, und die
quasi Probepredigt eines Pfarramtskandidaten lockt auch in Drangsalszeiten an,
zumal wenn der Prediger der Sohn des Gemeindehirten ist. Lydia sass im
Herrenstuhl, und sogar des Professor Zacharias wahlverwandte Stieftochter hatte
ihrem Kameraden zu Ehren die Scheu vor Kirchenluft überwunden. Als während des
Morgenliedes »Auf, ermuntere dich, mein Geist« der Kandidat mitten aus den
Frauenreihen heraus der kleinen Sidi hohen, hellen Diskant unterschied, hätte
der kräftige Zuruf seinen Geist wohl ermuntern können, falls er bänglich
bedrückt gewesen wäre.
    Aber Dezimus war zu tief bewegt, um bänglich bedrückt zu sein. Hatten Musse
wie Stimmung zur Vorbereitung ihm auch gefehlt, nach einer Woche wie seiner
letzterlebten und über einen Episteltext wie den des dreizehnten Kapitels des
Römerbriefes, da lässt sich frei aus dem Herzen heraus am allererwecklichsten
reden. War seine ganze Seele doch voll von dem einen: »Die Liebe ist des
Gesetzes Erfüllung« und von dem anderen: »Die Stunde ist da, aufzustehen vom
Schlaf.« Ja, hätte er auch nichts über die Lippen gebracht als das Gebet für
seine Mutter, die einzige der Obergemeinde, die in dieser Woche heimgegangen
war, dies Gebet würde mehr Tränen haben fliessen lassen als der kunstfertigste
Redebau.
    Beide denn auch mit Tränen in den Augen stiessen Lydia und Sidonie unter der
Kirchpforte aufeinander, zum ersten Male seit ihrem harschen Bruch. Sie reichten
sich schweigend die Hände und lebten fortan nebeneinander, wenn auch nicht wie
Schwestern, aber doch als so gute Basen, wie es einer Tochter Joachim von
Hartensteins und einer Zöglingin der alten Harfenkönigin gegeben sein konnte.
Das strittige Erbobjekt war durch Sidoniens dauernde Übersiedlung in ihres
Grossvaters Haus erledigt, und auch Lydia hatte in ihrer nächsten Umgebung eine
Aufgabe gefunden, die sie an auswärtigen Samariterdienst vorderhand nicht denken
liess.
    Die Sonne stand am Himmel so hoch und so leuchtend, wie sie am ersten Advent
zu steigen und zu leuchten vermag, als man sich im Pfarrhause zu der Tat
bereitete, vor welcher das Herz des rüstigen Unternehmers stärker als in seiner
bisherigen Praxis, ja als in seinem ganzen bisherigen Leben pochte. Der Wagehals
spielte mit seinem »direkten Erneuerungsprozess« hinsichtlich seines ärztlichen
Renommees schlechtin va banque, für seine Heimat mindestens. Das Verfahren war
unerlebt und unerhört, in siebenfache mystische Dunstschleier gehüllt. Blut ist
eben ein ganz besonderer Saft; es darf, nein, es muss vergossen werden im Kriege,
von der Justiz, auch durch die Chirurgie. Die Zahl der Werbenschen
Gemeindeglieder, zumal weiblichen Geschlechts, war nicht gering, die ohne
gelegentliche Abzapfung mittelst Schröpfköpfen oder Lanzette ihr Leben bedroht
erachtet haben würde; aber den abgezapften Stoff, anstatt ihn in die Gosse zu
schütten, einem Nebenmenschen in den Leib zu filtrieren, das schien ein Frevel
wider die Natur, wenn nicht gar gegen den Heiligen Geist, und scheu von der
Seite, schier wie ein Schwarzkünstler wurde der allbekannte Lustigmacher des
Pfarrhauses angesehen, als er sich vermass, mit der geheimnisvollsten
menschlichen Flüssigkeit wie mit einem Apotekersäftchen umzuspringen;
dahingegen sein stillvergnügter Kumpan, der Hirtendezem, bis dato immer noch ein
bisschen über die Achsel angesehen, gleich einem Opferlamm mit weheleidigen
Blicken betrachtet ward. Hätte ihn während der Operation etwa der Schlag
gerührt, seine braven Werbenschen Landsleute würden einen neuen Märtyrer in
ihren Kalender aufgenommen haben.
    Weder Neugierde noch Teilnahme sind vorherrschende Bauerneigenschaften, da
diese ausserordentliche Begebenheit aber einmal direkt durch den Emeritus Beifuss,
indirekt durch dessen vertraute Freundin, die litauische Lene, ruchbar geworden
war, zogen Teilnehmende und Neugierige herbei, des verwogenen Blutandels in der
Pfarre Zeuge zu werden, und die alte Lene hatte ihre liebe Not, den Zudrang der
Nachbarn und Einwohner im Vorgärtchen festzuhalten, während oben im Flur Freund
Beifuss, die Kantoren beider Gemeinden, der Amtsbruder von Bielitz nebst
Sidonien, die ja kein Blut sehen konnte, mit gespanntem Atem nach dem Resultat
im Krankenzimmer lauschten.
    Dahinein waren dem Doktor Brand zwei wissensdurstige städtische Kollegen
gefolgt, im Verein mit den beiden, welche Doktor Peter Kurze aus der
Universitätsstadt herbeigeführt hatte, ein Fünfgericht, und wahrlich kein milde
gestimmtes, vor welchem ein junger Praktikus sich, sei es als Koryphäe der
Zukunft, sei es als Scharlatan zu erweisen hatte. Der junge Praktikus
bezweifelte nicht entfernt das Natur- und Vernunftgemässe der Operation an sich;
er bezweifelte ebensowenig, dass ohne sie die Patientin ihrer Erschöpfung erlegen
sein würde. Erlag sie ihr trotz der Operation, so hiess er ihr Mörder und -
Doktor Faust, suche dir eine Klientel unter den Wasserpolacken oder den
Antipoden!
    An eine Stuhllehne geklammert, stand im Hintergrunde der alte Vater zitternd
und bleich. Sein liebes Kind, sein jetzt ach! so weisses Röschen sass
aufgerichtet, von Lydias Armen umschlungen, im Bett; das matte Köpfchen an der
Freundin Brust gelehnt, liess sie anteillos, wenn nicht bewusstlos das
Erforderliche mit sich geschehen. Lydias Blicke hingen unverwendet an denen des
Freundes, als ob sie dringen wollten in den innersten Grund, dem der
lebenspendende Quell entsprang. Er hatte ruhig seinen Arm entblösst und mit einer
wollüstigen Empfindung die roten Tropfen aus seiner Schlagader strömen sehen.
Als nun aber auch der Geliebten die Pforte, durch die das Leben einziehen
sollte, geöffnet ward, da erblasste er, erbebte, und minutenlang, da kein Hauch
im Zimmer rege ward, lag vor seinen Augen ein schwarzer Flor.
    Aber der Schleier fiel; ein Schein wie vom Morgenrot flog über das weisse
Blütengesicht; die Lider weit geöffnet, schauten die Augen fragend und halb
lächelnd im Kreise umher. Der Greis lag mit emporgehobenen Händen auf seinen
Knien; Jairi Töchterlein war lebendig geworden! dem Verlobten war es, als hätte
sich eine Ehe vollzogen.
    Ein Moment heiliger Stille, aber nur ein Moment! Der sieghafte Praktikant
winkte mit der Hoheit eines Souveräns die gelehrte und bewegte Versammlung aus
dem Krankenzimmer, das während der Stunden eines erhofften, herstellenden
Schlummers nur von ihm selbst und der unschädlichen litauischen Lene betreten
werden durfte. Kein Laut der Freude, der Frage, nicht einmal ein Lobspruch des
genialen Wunderdoktors durfte in dem Gehörfelde der Patientin geäussert werden.
Unten aber im geistlichen Gemach, da brach der Jubel aus, und war der Kandidat,
als er vor drei Monaten im Ahnensaale der Werben das Ei des Kolumbus zum Stehen
brachte, ob seines Blicks und seiner Rede wie ein Genie gepriesen worden, so
wurde er heute gefeiert, als hätte er ein Heldenopfer vollbracht.
    »Edler Freund!« stand in Lydias strahlenden Augen geschrieben.
    »Tapferer Kamerad!« schmetterte die kleine Sidi mit einem starken
Händedruck.
    Der Greis aber zog ihn an sein Herz und stammelte unter Tränen:
    »In dieser Stunde, mein Sohn, hast du der fremden Frau die Liebe einer
Mutter heimgezahlt!«
    Ein paar Unzen überschüssiges Blut für mehr als zwanzigjährige Muttertreue!
Ach, wie oft sind es doch so leicht erkaufte Erfolge, die am höchsten
angerechnet und am reichsten gelohnt werden! Die wahren Opfer werden im
Verborgenen gebracht, und keiner zählt sie, und keiner zahlt sie heim.
    »Ein Glückspilz bist du, und ein Glückspilz bleibst du, alter Dezem! Wer
sich mit dir einlässt, hat gewonnen Spiel!« sagte mit einem Luftsprung Peter
Kurze, und nach des Glückspilzes Dafürhalten hatte Peter Kurze den Nagel wieder
einmal auf den Kopf getroffen.
    Die geliebte Rose erholte sich wie durch ein Wunder; Leib und Seele wachten
auf gleichzeitig zu Lebenslust und Todestrauer. Nun erst ward sie das Fehlen der
Mutter gewahr, nun erst flossen ihre Tränen und dämmerte das Ahnen, dass in einer
kurzen Spanne sie völlig eine Waise sein werde. Denn der erste Todesschmerz, und
wenn der Verlust längst überwunden wäre, die sorglose Zuversicht zu dem Leben
hat er für allezeit ausgelöscht. Die Tochter wusste, was der hinfällige
Greisenleib bedeute, und sie hatte von Kind auf dem Vater stärker als der Mutter
angehangen. Ihre Züge trugen seitdem ein vertieftes, herzrührendes Gepräge;
Dezimus fand sie reizender denn je; Vater Blümel aber, der Blumist, sah in ihr
nicht mehr die zum Entfalten reife Zentifolienknospe, des Gartens köstlichste
Zier, und gottlob! auch nicht mehr die weisse Rose mit dem lichtgelben Kelch, die
wir symbolisch auf unsere Gräber pflanzen, er verglich sie jener lieblichen
Gattung, welche »errötende Jungfrau« genannt wird, weil nur ein verschämtes
Glühen aus der Tiefe heraus die zarte Hülle durchschimmert. Da er diesen Wandel
aber vornehmlich inneward, wenn er die Tochter in der Nähe ihres Verlobten sah,
erfüllte sie ihn mit inniger Freude.
    Der Vater hatte nicht wie seine Gattin auf eine Vereinigung der beiden
Kinder gerechnet und sie auch kaum gewünscht. Er hielt geschwisterliche
Gewöhnung weder für den Grund, aus welchem bräutliches Verlangen, noch für den,
aus welchem die Würde der Ehe erwächst. Wohl war ihm des Sohnes zärtlicheres
Bezeigen seit seinen Jünglingsjahren nicht entgangen, Röschen aber, sein
Spätling, war über die gewöhnliche Grenze hinaus ein Kind geblieben, und ihre
unverändert neckende Vertraulichkeit deutete nicht auf einen wärmeren
Herzschlag. Er verlängerte daher geflissentlich des Sohnes Entfernung vom Hause,
bis die Vernunft oder vielleicht eine andere Neigung das reine brüderliche
Verhältnis zu seiner Tochter hergestellt haben würde. Nun jedoch, da sie unter
dem Schatten des Todes seine Braut geworden war, da sie dem Liebenden ein neues
Leben zu danken hatte, ahnete er in der errötenden Mädchenblüte das heimliche
Erwachen des Weibes, und seine letzte Erdensorge ward mit dieser Wahrnehmung
gescheucht: denn ist der Liebesschutz eines Gatten nicht allemal erfüllender als
der der treuesten Brüderlichkeit?
    Fast in gleichem Verhältnis wie die Kranke im Pfarrhause sich erholte,
erlosch die Seuche in der Auengegend, und da nach solchem Abschluss ein besonders
günstiger Gesundheitszustand einzutreten pflegt, schloss gegen die Weihnachtszeit
hin auch Peter Kurzens erster Wettlauf in der ärztlichen Arena ab. Er schied
nicht ganz leichten Herzens, aber mit dem Nimbus eines Doktor Eisenbart. Seine
Erfolge hatten in der Nachbarschaft Aufsehen gemacht und er selber weislich
dafür Sorge getragen, dass sein Licht auch für weitere Kreise nicht unter dem
Scheffel leuchte. Weit über die heimische Provinz hinaus stand in
wissenschaftlichen Blättern und unterhaltenden Blättchen zu lesen von dem
plötzlichen Halt der Werbener Epidemie infolge des energischen Eingriffs und der
rationellen Behandlungsweise eines freiwillig zur Hülfe geeilten jungen Arztes
Soundso. Auch die wunderartige Rettung eines halb schon erstorbenen jungen
Mädchens durch die bisher selten gewagte Übertragung fremden, kräftigen Blutes
wurde an dieser Stelle in fachgemäss wissenschaftlicher Beleuchtung, an jener
Stelle in herzrührend populärer dargestellt. Auf diese wirksamen Empfehlungen
hin fühlte Doktor Peter Kurze sich befugt, sich in der Universitätsstadt, »dem
geistigen Zentrum der Provinz«, zunächst zwar nur als Praktiker niederzulassen,
unter günstigen Konjunkturen sich aber auch als Dozent daselbst zu habilitieren.
Sattelfest auf jeglichem ärztlichen Flügelross oder Gaul, leuchtete ihm die so
glorreich erprobte Blutmetode als demnächst zu kultivierendes Steckenpferd
verheissungsvoll vor. Er fühlte sich als gemachten Mann, als selbstgemachten
Mann, als den eigenen Schöpfer seines Glücks.
    Als gemachten Mann aber auch noch in einem zarteren Sinne als dem
medizinisch chirurgischen. Eigentümlicher Rapport mit seinem zweiten Freund: von
nicht weniger als drei Huldgestalten umschwebt, und just den nämlichen wie jener
skrupulöse Freund, sagte - aber ohne jeglichen Skrupel - Doktor Peter Kurze der
Heimatsaue Lebewohl! Numero eins: die alte Flamme, für das Herz; Numero zwei:
ein weibliches Ideal, für die Phantasie; unschätzbare Schätze eine jede in ihrer
Art. Aber ein gesetzter Mann denkt, wenn er liebt, an Hüttenbauen, und zum
Hüttenbauen eines doch immer noch lediglich von der Hoffnung zehrenden Doktors
der Medizin war, aus Brotschranks wie anderen Gründen, weder Flamme noch Ideal
leider angetan. Dahingegen die dritte, keine Huldgestalt in rationellem Sinn,
aber gescheut, pikant, interessant, als demnächstige Erbin mehrerer Rittergüter,
zum Hüttenbauen für einen dergleichen Doktor express geschaffen schien. Über
seinen Erfolg hegte er nicht den geringsten Zweifel. Fräulein Sidonie hatte sich
in Gelehrtenkreisen bewegt, wusste daher eine aufgehende Leuchte der Wissenschaft
von einem Dreierlicht zu unterscheiden. Fräulein Sidonie trug einen altadeligen
Namen, besass aber hinlänglich Ingenium, um über verrottete Vorurteile erhaben zu
sein oder mindestens um Vorurteil gegen Vorurteil matematisch abzumessen und
einzusehen, dass ein ungleicher Schulterbau am Ende eine Freiherrnkrone und
mehrere Rittergüter aufwiegt. »Transfusion und Sidonie von Hartenstein!« mit
diesem Feldgeschrei rückte Doktor Peter Kurze in die Arena des geistigen
Zentrums seiner Heimatsprovinz ein.
Im Frühling wurde es ein halbes Jahrhundert, dass Konstantin Blümel sein erstes
teologisches Examen abgelegt hatte. Bis zu diesem Jubiläum, falls er es
erlebte, gedachte er sein Amt dem Namen nach beizubehalten, dann sollte der Sohn
an seine Stelle treten. Den Sohn drängte es nach diesem Abschluss. Nicht sowohl
in seiner Kandidateneigenschaft als in der des Bräutigams, dem das Amt eine
nicht mehr bloss mit Freuden, sondern mit Bangen ersehnte Erfüllung bringen
musste.
    Denn seltsam! die Rosenwandlung, welche dem Vater so befriedigend erschien,
sie erschien dem Verlobten je mehr und mehr befremdlich, und wenn der völlige
Besitz die Wandlung nicht rückläufig machte, so hätte er schier verzweifeln
müssen. Die errötende Jungfrau, ach! war sein liebes Röschen nicht mehr! Nicht,
dass sie sich unschwesterlich gegen ihn bezeigt hätte; im Gegenteil, nur allzu
schwesterlich, ja im Grunde erst jetzt schwesterlich, da bisher doch immer mit
dem schelmischen Übermute eines Hätschelkindes zu rechnen gewesen war. Nun
zeigte sie ihm den Anteil einer mehr Verpflichteten als Berechtigten, sorgte für
ihn mit nahezu dem Eifer ihrer seligen Mutter, ging ernstaft wie eine Freundin
auf seine Bestrebungen ein, nannte ihn, Tränen in den Augen, ihren Lebensretter;
aber sie neckte ihn nicht mehr, widersprach ihm nicht mehr, umtändelte ihn nicht
mehr wie sonst, und wo war die Liebende, die hoffende Braut? Hatte sie sich
bisher hüpfend an seinen Arm gehängt, sich die Händchen streicheln lassen,
Wangen und Stirn ihm zum Kuss gereicht, nun ging sie ehrbarlich an seiner Seite,
entzog ihm die Hand, entwand sich den Armen, die sie verlangend umfingen, und
ach! von Sichküssenlassen durfte gar nicht mehr die Rede sein.
    Anfänglich ehrte Dezimus diese Zurückhaltung als ein geziemendes
Traueropfer, oder er dachte wohl auch: sie hat dem Tode in das Auge gesehen und
muss erst wieder leben lernen; bemerkte er aber, wie sie in Gegenwart dritter zu
all ihrer früheren Munterkeit zurückkehrte, hörte er die Scherzreden, die sie
mit der kleinen Sidi wechselte, überlas er die je mehr und mehr sich wieder
freudig stimmenden Briefe, die sie an die Schwestern, an Philipp, Peter Kurzen
und sogar Freund Martin schrieb, dann musste er sich sagen, dass eine natürliche,
wenn auch noch so leidvolle Erfahrung das Grundwesen eines Menschen auf die
Dauer nicht umwandele und dass das heitere Blumenkind einzig und allein gegen ihn
verändert sei. Sollte das in Wahrheit der Umschlag geschwisterlicher in
bräutliche Liebe sein?
    Die Cousinen Hartenstein trafen sich allabendlich in der Pfarre, und niemals
kamen sie, ohne dem Greise irgendeine Erquickung mitzubringen; die eine eine
schöne Blume oder Frucht; die andere von dem guten Wein, der sich an Papa
Mehlborn dauernd als Spezifikum bewährte. Lydia und der Vater unterredeten sich
dann erbaulich miteinander, während Sidonie in der Nebenstube auf dem
klangvollen Flügel der Harfenkönigin musizierte. Zwar hatte sie ihren eigenen
nicht minder klangvollen sich aus der Schweiz nachschicken lassen; was aber ein
richtiger Musikant ist, verlangt nach dem Anklang in einem Menschenohr, und
weder das von Papa Mehlborn noch von Muhme Timpel waren akustisch auf ein Echo
angelegt. Auch Dezimus leistete seinen kräftigen Bass, und Röschen trillerte wie
ein junger Pirol, wenn es, der Trauerzeit entsprechend, auch nur ernste Weisen
waren, die zum Vortrag kamen.
    Nach dem geistlichen Konzert wurde gelesen. Sidonie, die weitaus am
reichsten Gebildete des jugendlichen Kreises und mit allem Trefflichen wohl
versehen, hatte das Buch des Tages, den Kosmos, in das Haus gestiftet. Ihr
Kamerad trug vor, erläuterte und schwelgte dabei in seinem eigensten Element;
der Greis übersetzte, nach seiner Art, die wahrnehmbare Welt symbolisch in die
des ahnenden Gemüts; Lydia, die Hände im Schoss, sog mit grossen Augen und der
Begierde eines dürstenden Kindes ungekannte Lebensstoffe ein; Sidonie nickte
verständnisvoll, während die Hände wie auf einer Klaviatur sich dehnten und
drückten, Rose aber lächelnd mit den zierlichen Fingern Läppchen und Fädchen zu
Blättern und Blumen zusammendrehte und nur mit halbem Ohr auf die Wunder der
Welterscheinung lauschte, von denen sie sogar nur wenige mit ganzen Augen
betrachtet haben würde. Wenn Peter Kurze Zeuge dieser abendlichen Unterhaltungen
gewesen wäre, was er indessen nicht ward - möglicherweise weil ein gewisser Korb
ihn beschwerte, wahrscheinlichererweise weil er bereits anderweitigen Spuren
folgte -, angenommen aber, dass Peter Kurze den Lektor so inmitten der drei
ungleichartigen Hörerinnen, die sich gleicherweise seine Freundinnen nannten,
hätte sitzen sehen, würde er ihn dem Hahn im Korbe oder, edler ausgedrückt, der
Perle im Golde verglichen, ein Uneingeweihter aber eine Braut unter den
Freundinnen schwerlich vermutet haben.
    Zwei von ihnen führte der Freund dann regelmässig im winterlichen Abenddunkel
nach ihren Heimwesen zurück; Lydia bis an das Schloss, Sidonie die Terrassen
hinab zum Gute hinüber; kehrte er aber dann beflügelten Schrittes sehnsüchtig
nach der Pfarre zurück, so hatte die, welche seine Braut hiess, sich bereits zur
Ruhe gelegt und dem Vater ihren Gutenachtgruss aufgetragen. Seufzend setzte der
Bräutigam, bevor er sich in der Kammer des Vaters auf sein Bett warf, sich an
den Arbeitstisch, zerwühlte sich Hirn und Herz, aber die exegetische Abhandlung
rückte nicht vor und die über die Sternschnuppen kam ihm gar nicht mehr in den
Sinn.
    So war es denn ein wunderliches Wesen, das in dem stillen Pfarrhause sich
umtrieb; aber froh und reich verlief unter demselben dem Greise der Winter, den
er mit ungetrübter Klarheit seinen letzten nannte, ja geflissentlich so nannte,
um die Kinder mit seinem Heimgange vertraut zu machen. Seine Körperkräfte
schwanden sichtbar, aber die des Geistes und selber die der Sinne blieben rege.
Schlummerte er auch oftmals ein, beim Erwachen fühlte er sich aufgefrischt zum
Geben und Empfangen. Sein Trachten ging dahin, den friedlichen Zustand, in
welchem er schied, ohne Unterbrechung für seine Lieben zu befestigen.
    An einem Nachmittage bald nach Neujahr, als er mit dem Sohne zum Zweck von
dessen Sonntagspredigt das Evangelium von der Hochzeit von Kanaan mit der
herrlichen Epistelperikope des zwölften Römerbriefes erläuternd zusammengestellt
hatte, winkte er auch die Tochter an seine Seite, und indem er beider Hände in
die seinen nahm, sagte er ohne weitere Einleitung:
    »Und warm im Herzen von dieser öffentlich verkündeten apostolischen
Vorschrift, die für den priesterlichen Stand wie für den ehelichen eine goldene
Regel ist, verlies dann, mein Sohn, das gesetzliche Aufgebot und erflehe Gottes
Segen zu deiner Verbindung mit meinem lieben Kind.«
    Beide Verlobte stiessen einen Schrei aus. Er der hellen Freude, sie des
Erschreckens, ja schier des Entsetzens. Der Vater achtete weder des einen noch
des anderen, sondern fuhr in seiner natürlichen Gelassenheit fort:
    »Dass es mein Wunsch ist, als letzten Dienst in meinem Amt eure Hände
ineinanderzulegen, vielleicht noch eine kurze Spanne eures Glückes Zeuge zu
sein, dürfte gegen manche schwer wiegende Bedenken kaum in Betracht kommen. Aber
indem ich eure Vereinigung beschleunige, erleichtere ich euch die Trennung von
mir. Denn das ist ja eben der höchste Segen der Ehe, dass sie die Bürde des
Lebens erleichtert, weil sie die Tragkraft verdoppelt. Indessen hat, neben der
des Gemüts, noch eine zweite weltliche Erwägung diesen Entschluss in mir gereift.
Stürbe ich, bevor ihr Mann und Frau geworden, würde die friedliche Ordnung eurer
Gegenwart für längere Zeit unterbrochen. Es gäbe ein Rennen und Laufen, das in
Trauertagen doppelt störend ist. Entweder müsstest du, Dezimus, bis nach deiner
Ordination die Pfarre verlassen und das Amt, das du im wesentlichen verwaltest,
einem anderen anvertrauen; oder Rose müsste im ersten Herzeleid zu einer ihrer
Schwestern übersiedeln, da ihr über meinen Begräbnistag hinaus nicht unter einem
Dache leben dürftet.«
    »Und warum,« rief Rose und schüttelte das Strudelköpfchen so unwirsch wie in
ihren fröhlichsten Tagen, »warum, Väterchen, sollen Bruder und Schwester nicht
wie bisher unter einem Dache leben dürfen?«
    »Weil sie Bruder und Schwester nicht mehr sind, sondern Bräutigam und Braut,
mein Kind,« versetzte der Vater, »und weil jeder Mensch, aber ein Diener des
Amts zumeist, sich den gemeingültigen Gesetzen der Sitte und Schicklichkeit zu
fügen hat.«
    »Aber welchem vernünftigen Menschen fällt denn so etwas - so etwas Albernes
ein?« eiferte Rose. »Und bloss um der dummen Bauern willen sollen wir die
Trauerzeit um unsere Mutter mit einem Feste unterbrechen?«
    »Wir werden kein Fest feiern, mein Töchterchen. Ich lege in Gegenwart
unserer lieben Abendgäste eure Hände still ineinander, und deine verklärte
Mutter wird segnend im Geiste unter uns sein.«
    Der Vater sagte das wohl und sagte es mit Überzeugung. Im Herzensgrunde
jedoch hatte der Vorwurf der Tochter Einlass gefunden. Nicht dass er ihn bei sich
selbst unerwogen gelassen, aber dass er ihn von ihr nicht erwartet hätte. Er
blickte mit bewundernder Liebe auf sein zartsinniges, treues Kind, und als er
gar Tränen in seinen Augen gewahrte, sagte er, nach einer sinnenden Pause, mit
jener Kindesunschuld, die sich bis zum Grabesrand in diesem seltenen Menschen
der gereiftesten Weisheit verbunden hat:
    »Wer sollte es nicht würdigen, wenn ein feiner weiblicher Sinn vor der
höchsten Erfüllung bangt, solange einem berechtigten Empfinden nicht sein
Genügen ward? Kennen wir denn aber nicht unseren Dezimus? Er wird in deiner
kindlichen Treue eine Bürgschaft mehr für sein eigenes Glück gewahren und sich,
auch als dein Gatte, mit der Liebe einer Schwester begnügen, solange der Trauer
um eine Mutter nicht ihr Recht geschehen ist.«
    Dezimus legte schweigend seine Hand in die dargebotene des Greises. Er tat
es mit niedergeschlagenen Augen, und wennschon er im Leben nicht selten mit
verräterischen Blutwogen zu schaffen gehabt hat, so über und über in Karmin
getaucht wird sein ehrliches Gesicht schwerlich je zuvor oder je nachdem gewesen
sein, aber auch sein Herz selten peinvoller geschlagen haben.
    Rose hatte während des Vaters letzten Worten wie versteinert gesessen.
Jählings überfiel sie ein Zittern; sie sprang auf, und die Hände vor das Gesicht
geschlagen, floh sie aus dem Zimmer. Der Vater lächelte still vor sich hin. Dem
Bräutigam lag eine Zentnerlast auf dem Herzen.
    Zu seiner Erleichterung trat im nämlichen Augenblick der Emeritus Beifuss
ein, behufs einer amtlichen Anfrage, da er der Küsterpflicht nicht gleichzeitig
mit der des Schulregenten entsagt hatte. Sein alter Herr teilte ihm die gefasste
Entschliessung mit. Es lag ihm daran, seine Gemeinde über die Beweggründe des
immerhin auffälligen Schrittes vorbereitend aufzuklären, und für derlei
Vorbereitungen war der Adlatus Beifuss just der rechte Mann. Mutter Hanna hatte
ihn allezeit die wandelnde Glocke genannt.
    Rose kehrte in das Zimmer erst zurück, nachdem die beiden Freundinnen
eingetroffen waren; sie setzte sich in den Ofenwinkel und sprach an dem Abend
kein Wort. Der Bräutigam stand ebenso schweigsam im Fensterbogen. Er starrte zum
Himmel empor, an dem doch, so dick war der Nebel, kein einziges Sternchen zum
Durchbruch kam. Der Vater teilte auch seinen lieben Abendgästen das Vorhaben
mit, das seinem Leben einen beruhigenden Abschluss geben sollte. Da Rose ihre
Bedenken nicht von neuem laut werden liess, blieben sie unerwähnt, und es
befremdete Dezimus einigermassen, dass Lydia, die für alles Edle und Schickliche
doch so feine Organe hatte, jene Bedenken nicht vorauszusetzen, sondern das
Verlangen nach der väterlichen Weihe für den Bund der Herzen das natürlichste zu
finden schien. Das musikalische, für Missklänge daher äusserst scharfe Ohr der
kleinen Sidi dahingegen spürte die durch diesen Akkord gestörte Harmonie bald
genug heraus, war auch über die Urheberschaft der Störung nicht im Zweifel. Dem
Vater sagte sie zwar nur in trockenem Ton, dass ihm eine recht lange Frist
gegönnt sein werde, sich des Glückes seiner Kinder zu erfreuen, da
Todesvorbereitungen gewöhnlich in Lebensverlängerungen umschlügen; während des
Heimwegs, der heute zu verfrühter Stunde, weil ohne geistliches Konzert samt
Weltbetrachtung, angetreten ward, spottete sie jedoch nach Herzenslust über die
hochzeitliche Stimmung, die im Schmollwinkel ausgeschwiegen worden sei.
    Die kluge Sidi hatte, wenn sie spottete, immer einen Zweck und fast immer
einen so guten, dass Lydia ihm zugestimmt haben würde, insofern sie ihn unter
solcher Verkappung erkannt hätte. Sie erkannte ihn auch heute nicht. Rosens
Widerstreben war ihr wohl nicht entgangen, aber das leichterzige Kind gewann
dadurch in ihrer Schätzung, wie es schon in der des Vaters gewonnen hatte, und
so wendete sie mit vorwurfsvollem Tone ein:
    »Muss denn nach dunkler Nacht das Auge sich nicht erst an das Sonnenlicht
gewöhnen lernen?«
    Dezimus drückte ihr für dieses gute Wort die Hand; Sidonie zuckte nur
schweigend die Achseln, als sie den Weg aber allein mit dem Freunde fortsetzte,
sagte sie unmutig:
    »Wenn diese Idealisten doch nur das Urteilen bleiben lassen wollten! Alles
wird nach dem eigenen Gefühlsmassstabe bemessen; nichts nach dem der Natur, der
Individualität. Zu stark wäre für dieses frohe Auge das Licht des Glücks? Zu
schwach ist es ihm. Das Leben ist mächtiger als der Tod. Rose denkt nicht an
ihre Mutter!«
    Sie merkte zu spät, dass sie die wundeste Stelle im Herzen des Freundes
berührt habe, und lenkte daher begütigend ein:
    »Das liebe Mädchen, mit Staunen haben wir alle es bemerkt, hat sich redlich
Mühe gegeben, sich Ihrem Wesen, Freund, anzubilden. Nicht weil sie Ihre Braut
geworden, dies Verhältnis dünkte ihr von klein auf das natürliche, aber weil sie
Ihnen das Leben zu danken glaubt und sie das Leben liebt. Nun müssen aber auch
Sie sich Mühe geben, sich ihrem Wesen anzupassen; das heisst nicht nur es sich
spielerisch gefallen zu lassen, sondern ernstaft darauf einzugehen. Rose ist
durchaus nicht das Kind, für das sie sich gibt und für das sie genommen wird.
Sie ist eine fertige Natur und kann ein Charakter werden. Sie weiss, was sie
will, weiss, warum sie lacht und weint, mit dem Lockenköpfchen nickt und es
schüttelt. Und eben in dieser bewussten Ursprünglichkeit, in dieser
Wechselwirkung von Kindersinn und Überlegung wirkt sie auf jedermann so reizend.
Allezeit ein Kind sein macht läppisch, allezeit überlegt sein unausstehlich. Bei
alledem ist ihr Grundwesen die Freude, und diesem natürlichen Freudensinn müssen
Sie auch bei dem gegenwärtigen Anlass Rechnung tragen, Dezimus. Ihr gegenseitiges
Verhältnis ist ja nicht auf eine sich überstürzende Leidenschaft angelegt, so
wie etwa mein Max eine grosse Liebe versteht. Wie oft mögt ihr beide euch in
aller Seelenruhe euer Verhältnis als Mann und Frau ausgemalt haben, kaum viel
anders als das von Bruder und Schwester. Aber die Hochzeit hat die Kleine sich
jederzeit als ein besonderes Fest gedacht, in ihrem beschränkten Kreise sie
niemals anders als hohes Fest gefeiert. Die Hochzeit ist im Frauenleben der
trennende goldene Schnitt, der leuchten soll weitinaus in ein nur allzuoft
graues, trübseliges Einerlei. Was bedeutet der Braut nicht schon das frohe
Schaffen der Aussteuer? die Wahl des Hochzeitskleides, der Gedanke an Schleier
und Kranz, in dem auch die Hässlichste einen Schönheitstriumph feiert! Nehmen Sie
ihr aber auch noch Sang und Klang des Polterabends und Hochzeitsschmauses, und
aus dem goldenen Schnitt wird ein bleierner oder bestenfalls einer, der sich von
dem abgebleichten Metall der Altargefässe nicht unterscheidet. Ja, wer weiss, hat
sich Ihr bewegliches Bräutchen nicht gar auf eine Hochzeitsreise gespitzt! Es
geht nicht, Freund, so ohne Zier und Lust; ein Sterbebett im Hintergrunde und
eines im Spiegel vorgehalten, die Kinderstube, in der die Wiege gestanden hat,
nunmehr die Hochzeitskammer. Papa Blümel würde freilich diese unklassische
Auffassung vom goldenen Schnitte nicht gelten lassen. Sie müssen ihn hinzuhalten
suchen; ich will Ihnen treulich darin beistehen. Ich kenne aus alter wie neuer
Erfahrung die Zähigkeit eines Greisenlebens. Lassen Sie nur erst die
Frühlingssonne scheinen und im Garten die Blumenkinder spriessen, dann wallen
auch im Herzen die stockenden Säfte wieder auf, der umnebelte Hochzeitsstern
wird golden blinken, und die Kranzjungfern Lydia und Sidi werden mit Peter
Kurzen und Held Martin den lustigen Brautreigen führen.«
    Hatte das kluge Mädchen recht? War es wirklich nur das? Und konnte es dem
Liebenden ein Trost sein, wenn es wirklich nur verkümmerte Freude war, welche
den starken Trieb des Weibes also im Banne hielt? Nein, ach nein! Er ahnete es
ja nicht erst seit heute, dass es ein anderes war; ein grösseres oder geringeres;
die Wirkung des unerklärlichen Rosenwandels. Mochte Lydia den Ernst der Stimmung
zu hoch anschlagen, Sidonie schlug ihn zu niedrig an. Hier klaffte eine Lücke,
und welches Geheimnis auch auf ihrem Grunde brütete, die Stunde drängte, er
durfte sein Auge nicht länger vor dem schneidenden Lichtstrahl verschliessen.
    Stundenlang nach der Trennung von Sidonien war er im dicken Nebel, der
Himmel und Fluss umhüllte, den Uferpfad hin und wieder geschritten, Zweifel und
Fragen auf und ab wälzend wie den Stein des Äoliden: »dass der Schweiss seinen
Gliedern entfloss, von schrecklicher Mühe gefoltert.« Mitten in der Nacht kehrte
er heim. Der Vater war längst zur Ruhe gegangen, und eben das hatte er gewollt.
Er hätte heute kein Wort mehr aus seinem Munde, den Blick seiner Augen nicht
ertragen. Aber im Wohnzimmer brannte noch die Lampe, und schon auf der Treppe
kam Rose ihm entgegen, mit dem Finger auf dem Munde und einem Wink, bei ihr
einzutreten. Sie sah so blass aus wie jüngst auf dem Krankenlager; ein Zug fast
von Trotz dehnte die Lippen, die sich sonst so anmutig kräuselten, als ob sie in
einem gewaltsamen Entschluss die Zähne aufeinanderpresse. Über den Augen jedoch
lag ein feuchter Flor; sie hatte geweint.
    »Ich habe dich erwartet, Dezimus,« sagte sie ruhig, indem sie auf einen
Stuhl dem ihren gegenüber deutete, »weil ich dir heute noch etwas sagen muss. Es
wird dir wehe tun; aber irremachen wollen darfst du mich nicht, denn ändern kann
ich es nicht, wahrhaftig nicht.«
    Sie sann ein Weilchen, den Blick am Boden, dann fuhr sie fort:
    »Dezimus, wir müssen dem Vater den Willen tun. Er ist so schwach, und wir
wissen jetzt, wie rasch ein Leben endet. Er muss im Glauben an unser Glück die
Augen schliessen oder ganz allmählich an eine andere Auffassung gewöhnt werden.
Darum verkünde nur das Aufgebot. Drei Wochen sind eine lange Frist. Es wird sich
bis dahin ein Aufschub ersinnen lassen. Im äussersten Falle werde ich wieder
krank. Mir ist schon jetzt, als würde ich es ohne Lüge. Es rückt dann die
Fastenzeit heran, in der er nicht leicht eine Ehe schliessen würde; es kommt der
Frühling, der ihn kräftigen wird, - wenn nicht - nun, du verstehst dies wenn
nicht. Wir ersparen ihm die Wahrheit, oder er könnte sie ertragen; die Wahrheit,
Dezimus, dass, seit ich deine Braut geworden bin, ich weiss, dass ich deine Frau
nicht werden kann.«
    »Hast du mich denn nicht mehr lieb, Rose?« fragte er; nein, er hauchte es,
oder vielleicht dachte er die Frage auch nur; aber Rose hatte sie verstanden.
Sie mochte die Tiefe seiner Bewegung nicht geahnt, den Grad seiner Wärme nach
dem der ihren bemessen haben. Möglich, dass sie bis dahin auch mehr das, was sie
selber aufgab, als die Entsagung, die sie forderte, in Betracht gezogen hatte.
Nun, da sie seine Erschütterung inneward, sagte sie mit herzlicherem Klang als
zuvor:
    »Ich habe dich noch lieb, Dezimus, mehr denn jemals lieb, ja im Grunde liebe
ich dich erst jetzt; denn erst jetzt weiss ich, was du wert bist, und dass es
keine bessere Liebe gibt als die deine zu mir. Sieh, seitdem ich mich auf mich
selbst besinne, dachte ich nicht anders, als dass wir von Natur zueinander
gehörten; ich freute mich auf die Zukunft, die der Vergangenheit glich, und
fühlte mich als deine Verlobte, lange bevor ich es war. Denn in der Stunde, da
ich es ward, fühlte ich nur den eisigen Tod, und dann fühlte ich tagelang
nichts, gar nichts, bis du mir mit deinem Blute das Leben wiedergegeben hattest
und ich nun plötzlich wusste, wie ich dich liebte, wie tief ich dich liebte, -
aber nicht als dein verlobtes Weib. Es war eine Blutesliebe geworden, eine
Geschwisterliebe, und nicht wahr, guter Dezimus, du würdest mir das Leben
erkauft haben, auch wenn du wusstest, welchen Preis du dafür zu zahlen hattest?«
    Er sagte nicht ja, obgleich er es hätte sagen dürfen. Nach einer Pause
fragte er so leise wie vorhin: »Liebst du einen anderen, Rose?«
    Das schelmische Lächeln ihrer früheren Tage flog über ihre Lippen. »Einen
anderen?« versetzte sie. »Närrischer Dezem, ei, wen denn wohl? Peter Kurzen oder
Held Martin? Schäme dich doch, Dezimus, du beleidigst dich und mich mit derlei
Rivalen! Und dennoch,« setzte sie nach einer nachdenklichen Pause hinzu, »und
dennoch könnte ich am Ende mit jedem von ihnen leichter fertig werden als mit
dir. Denn über sie lachte ich mich hinweg; aber mit dir ist es mir heiliger
Ernst; dir könnte ich nichts Halbes geben, heute mindestens nicht mehr geben.«
    Sie hielt betroffen inne, da sie ihn mit einem Tränenstrom kämpfen sah; dann
aber, immer wärmer und wärmer werdend, fuhr sie mit der ihr eignenden holden
Beweglichkeit fort:
    »Ich werde nie einen Menschen, wie du bist, wiederfinden. Ich habe dich
lieber als alle anderen Menschen, als meine Schwestern alle zusammengenommen.
Nur meinen Vater habe ich ebenso lieb wie dich; aber wie lange werde ich meinen
lieben Vater noch haben? Dezimus, ich blicke zu dir auf wie - zu meinem
Schutzengel würde ich sagen, wenn ich die fromme Lydia und nicht Rose Blümel
wäre, die an Schutzengel nicht glaubt, nur an gute Menschen wie du. Sieh,
Dezimus, ich wüsste mir nichts Schöneres auszudenken, als mein Leben lang um dich
zu sein, hier in der Pfarre oder anderwärts, wo es dir gefiele, als dein Kind,
als deine Schwester, deine Freundin, deine Versorgerin, als - ach, lächele doch
nur ein einziges Mal, Dezimus - als deine demütige Magd, nur nicht als deine
Frau. Erst seit dein Blut in meinen Adern fliesst - oder wäre es, dass der Tod
mich reif gemacht? -, erst seit ich deine Braut bin, weiss ich, was es heisst,
eines Mannes Weib zu sein, und ich weiss auch, was es heisst, eine Sünde begehen
wider den Heiligen Geist. Ich würde den Himmel auf Erden an deinem Herzen haben,
und wenn ich dich von mir weise und habe auch meinen Vater nicht mehr, ach, dann
bin ich ja das allerverlassenste arme Kind auf der ganzen Welt. Und dennoch,
etwas, etwas Heimliches, das ich nicht nennen kann - es muss doch wohl mit dem
Dämon, an den des Vaters alte Heiden geglaubt, seine Richtigkeit haben, Dezimus!
-, ja, ein Dämon sträubt sich und bäumt sich gegen meinen Willen wie gegen einen
Frevel an der Natur. Du weinst, Dezimus? Ach, weine doch nicht! Ich bin ja deine
Tränen gar nicht wert. Nein, so traurig darfst du mich nicht ansehn, Dezimus.
Hast du mich denn wirklich so sehr lieb? Das habe ich mir ja gar nicht gedacht.
Du bildest es dir am Ende nur ein. Du wirst eine andere finden, die besser ist
als ich; die wirst du heiraten und glücklich werden und mir es noch einmal
danken, dass ich dich nicht so geliebt habe, wie sie dich liebt. Oder höre,
Dezimus, wer weiss, ob es bei mir nicht ein Nervenspuk ist, den die Krankheit
zurückgelassen hat, oder das Todesgesicht? Die selige Mutter hat mich ja immer
einen Querkopf gescholten! dein Blut in meinen Adern kann versickern. Der Mensch
wird alle paar Jahr ein neuer, sagt Peter Kurze. Ich glaube es freilich nicht;
aber es kann ja sein; du musst nur Geduld mit mir haben, Dezimus. Ich kann dich
ja wieder lieb haben lernen wie sonst, wo ich so gern deine Frau geworden wäre,
so lieb, wie ich dich lieb haben möchte. Aber wahrlich, wahrlich, Dezimus,
niemals mit einer bessern Liebe als in dieser Stunde, wo ich ohne Neid und Groll
eine Stimme im Innersten sagen höre: Es ist sein alter Johannissegen, der ihn
vor dir und vor sich selbst bewahrt.«
    Dezimus reichte ihr stumm die Hand und schlich in die Kammer, wo der Vater
schlief. Und da hat er in dieser Nacht wohl einen guten Kampf gekämpft, aber
keinem Menschen ist es eingefallen, ihn ob seines Sieges als Helden zu preisen.
Und ob ihm sein schweigendes Bräutigamsopfer eines Tages heimgezahlt werden
wird? - Ach, was fragt ein Mensch nach dem Glück, das er gewinnen kann, in dem
Augenblicke, wo er das, was er besass, verlor? Dezimus hatte seine Rose niemals
schöner gesehen, sie niemals so heiss geliebt wie in dieser Nacht.
    Der Morgen kam, der Vater erwachte. Dem armen Dezimus wurde es plötzlich
wieder schwarz vor den Augen. Denn in dem Kampfe, den er auszukämpfen hatte, da
schien die Proklamation, welche ihm für den Sonntag aufgegeben worden war,
freilich nur ein geringfügiges Hindernis. Wenn aber einer eine schwere Last
bergan zu tragen hat, da hemmen die Steinbrocken, die auf seinem Wege verstreut
liegen, den strauchelnden Schritt mehr als der jache Felsenvorsprung, der sich
in weitem Bogen umgehen lässt. Tag und Nacht rang Dezimus mit dem Entschluss, dem
Vater die Wahrheit zu bekennen. Aber der Greis war in diesen Tagen so
sterbensmatt; hätte eine starke Erregung gewagt werden dürfen? oder welche
schonende Täuschung wäre zu ergrübeln gewesen?
    So legte Dezimus sich denn am Sonnabend nieder mit dem Vorsatz, morgen nach
der Predigt zu verkünden: »Es sind entschlossen in den heiligen Ehebund zu
treten« und so weiter und darauf des Himmels Segen zu seiner Verbindung mit Rose
Blümel zu erflehen. Fest jedoch stand es in ihm, nach dieser bewussten, groben
Unwahrheit mit dem priesterlichen Amte abzuschliessen, sobald er die müden
Greisenaugen zugedrückt haben würde.
    Einer Nacht ohne Schlaf folgte gegen Morgen ein Halbschlummer ruhelos wie
jene. Die hässlichen Zweifel des Wachens verkehrten sich in Schwindelängste des
Traums. »Von der Kanzel fallen« nennt der Volksmund das kirchliche Aufgebot.
Bräutigam und Braut stehen auf einem hohen Gerüst. Er sieht sie straucheln,
sinken, will sie halten, taumelt und stürzt mit einem gellen Schrei ihr nach in
die Tiefe. Über dem Schrei wachte er auf. Der Greis stand an seinem Bette.
    »Du sollst nicht lügen, mein Sohn,« sagte er ruhig, und das kirchliche
Aufgebot wurde nicht verkündet.
Wochen vergingen ohne in die Augen springende Veränderung; der Vater schien
seinen Plan vergessen zu haben, und wer hätte ihn daran erinnern sollen! In der
Gemeinde hatte sich die Sage verbreitet, der Pastor habe, da er sich merklich
kräftiger fühle, die Trauung verschoben, bis er sie zum Frühling in seiner
Kirche zu vollziehen imstande sei. Möglich, dass Rose des beflissenen Adlatus
Einbläserin gewesen ist; vermutlicher indessen Fräulein Sidonie.
    In der Pfarre wurde die Weltbetrachtung fortgesetzt; Sidonie spielte ihre
Fugen. Dezimus dankte es Lydia, dass sie, ihre Sangesscheu vor fremden Ohren
überwindend, jetzt regelmässig an seiner Statt den Vater durch ein Beetovensches
Gellertlied oder eines von seinem alten Bach erquickte. Nie hatte er einen
reineren, edleren Alt gehört. Ohne dass ein aufklärendes Wort gefallen wäre,
verstanden beide Freundinnen den Grund von des Bräutigams traurigen Augen.
Sidonie, wenig von der heimlichen Lösung überrascht und sie noch weniger
beklagend, dachte: »Er muss durch!« suchte ihn mit Ernst und Scherz zu
zerstreuen, brachte ihm gute Bücher, Karten, kleine optische Instrumente, machte
ihm Freude, wo sie konnte. Mehr aber, wahrhaft wohl, tat ihm Lydia, die,
ahnungslos von seiner Erfahrung betroffen und in seine Seele betrübt, ihn mit
einer leisen, schwesterlichen Güte umspann und in deren Blicken geschrieben
stand: »Ich weiss, was Sehnsucht heisst, mein Freund.« Zu ihrem von Tage zu Tage
wachsenden Verständnis seiner wissenschaftlichen Interessen gesellte sich nun
noch ein herzliches Mitleid, wie seinerseits der gewohnten hohen Verehrung sich
eine dankbare Rührung verband, um ihre gegenseitige Freundschaft zu einer
vollständigen zu machen. Oftmals aber schmerzte es ihn, dass von all dieser Güte
er allein der Empfangende war, und um die arme Rose, die ihre Brautkrone doch so
tapfer der Wahrhaftigkeit geopfert hatte - die Billigkeit dieser Einsicht hatte
die Kränkung dem Verschmähten, Gott sei Dank, nicht geraubt -, um sie kümmerte
sich keiner als er allein.
    Freilich sah Rose nicht danach aus, als ob ihr eine Zukunft verschüttet
worden wäre. Ein neuer, seltsamer Geist schien in ihr aufgewacht. Oder wäre es
der ihres Einst gewesen, der mit dem »reifenden Todesgesichte« um ein heimlich
Werdendes rang? Wallende Unruhe wechselte mit grübelndem Versinken; manchmal war
es, als fühle sie sich selbst ängstlich den Puls, manchmal, als dränge es sie,
sich einem Menschen an die Brust zu werfen. Die ernste Lydia nannte ihren
Zustand Gewissensbangen, die kluge Sidi dagegen einfach Langeweile ob Fugen und
Weltbetrachtung. »Das Rosenkind weiss, was es will, wenn es am wenigsten es zu
wissen scheint,« war heute wiederum ihr Satz.
    Ob die kluge Sidi sich aber heute nicht wiederum täuschte? Ob das Rosenkind
wirklich wusste, nach was es verlangte? Und was verlangte es denn? Sich freuen,
gefallen, geliebt werden wie einst? Oder was mehr? War die »querköpfige Laune«
verflogen? das Blut des Bruders in ihren Adern versickert? Bereute sie den
heimlichen Bruch? Hatte die »beste Liebe« der natürlichen Liebe wieder Raum
gegeben? Dezimus, wenn er ihren lächelnden Blicken begegnete, wenn sie ihm
herzlich die Hand reichte, die er freiwillig nicht mehr zu berühren wagte, der
arme, törichte Dezimus hoffte wieder nach armer, törichter Liebhaber Art.
    In diese lauernde Stimmung drang nun aber, sonderbar belebend, ein Hauch von
dem prickelnden Atem der Zeit, und wie Sidonie es gewesen war, welche die
Weltbetrachtung gegen die Todesbetrachtung auf die Tagesordnung gebracht hatte,
so war sie es jetzt wieder, welche für die Streitfragen der Herzen in denen der
Politik einen Ableiter fand. So zurückgezogen sie gegenwärtig lebte, sie hatte
bis vor kurzem in einem regen Verkehr gestanden, stand noch mehrfältig und zumal
mit ihrem Stiefvater Zacharias in einem Briefwechsel, der sich nicht mit
Intimitäten befasste; sie hielt die bedeutendsten Zeitblätter und Publikationen
auch des Auslandes, und was der Hauptfaktor war, bei starker Erhaltsamkeit der
Gesinnung besass sie einen scharfen Sinn für das Schürende und Treibende im
Einzelleben wie im allgemeinen. Allerorten witterte sie Gärung und glimmende
Glut, zumeist aber dort, wo das Herz schlug, in dem das ihre pulste.
    Für den Augenblick zwar wusste sie Max fern. Der Brief, in welchem sie ihn zu
dem Herrenleben in Bielitz einlud, hatte sich mit einem gekreuzt, in welchem er
ihr einen Winteraufentalt in Andalusien meldete. Lange freilich würde es ihn,
dem holdesten Himmel zum Trotz, unter maurischen Schönheitsresten nicht dulden;
seine Zone war die der Aktualität. Die Schwester war indessen schon froh genug,
ihn fern zu wissen in einer Gegenwart, wo sie nun einmal, mochte es ein
Nebelbild sein, bedrohliche Dämpfe dem Krater entsteigen sah.
    Die Stoffe, die sie am Tage gesammelt hatte, die trug sie am Abend nun
hinauf in die stille Pfarre, und der sie am gierigsten verschlang, der sie
einsog wie einen belebenden Wein, das war der friedliche, sterbensmatte Greis.
Er konnte den Moment kaum erwarten, in welchem seine kundige, junge Freundin das
Zimmer betrat; er lauschte, fragte, las in kräftigeren Stunden mit der regsten
Neubegier; und wie ein erfahrener Landmann, wenn er in weitem Abstand Blitze
züngeln sieht, am Zuge der Wolken und Wechsel der Winde, am Fluge der Vögel und
manchem anderen tierischen Instinkt sorglich die Niederschläge berechnet, die
seine Heimatsflur erquicken oder bedrohen können, so spähete und spannte der
alte Freiheitskämpfer von 1813 nach der elektrischen Spannung, welche, sich
entladend, in seinem Preussenlande eine Saat, die er selbst mit ausgestreut hatte
und deren Reife er nicht mehr erleben sollte, je nachdem befruchten oder
vernichten würde.
    Patriotische Erinnerungen und Erwartungen liessen, so schien es, ihn den
Zwiespalt zweier junger Herzen vergessen.
    Noch war es indessen ja nur die Schwüle vor dem Orkan, welche der
Empfängliche spürte; noch ahnete keiner, an welcher Stelle und in welcher Weise
der atmosphärische Strom sich entladen werde. Als Sidonie jedoch eines Abends
die Neuigkeit von dem Ableben des alten Dänenkönigs brachte, als sie mit
apodiktischer Beweisführung dartat, dass sein Nachfolger die strittige
Nationalitätenfrage zugunsten des Gesamtstaates lösen werde, ja von seinem
Standpunkte aus lösen müsse, da steigerte sich in dem Greise das bängliche
Vorgefühl zu einem prophetischen Gesicht. Er sah den Funken in seinem Volke
niederschiessen, nicht wie schon manchmal als einen kalten Schlag; und wie
entfernt und beschränkt auch immer der Herd, grosse Geschicke sah er sich auf ihm
entzünden. Sidonie lächelte über den aufgeregten alten Herrn. Mochte er recht
haben! Der Kampf um einen Fetzen deutschen Landes, um eine Handvoll »deutscher
Sklaven« war keiner, für welchen ihr Max weder zum Rebellen noch eventuell zum
Patrioten ward. Die zündende Idee vertrat ihm auch an dieser Stelle Deutschlands
Feind.
    In dem Sohne dagegen zitterte des Vaters Erregung nach. Schon während seiner
Universitätszeit hatte »der Schmerzensschrei« der Herzogtümer wie in den Herzen
der Kommilitonen so auch in dem seinen einen starken Widerhall gefunden. Er
hatte dem alten, redlichen Vater Jahn endlosen Beifall klatschen helfen, als
dieser bei Gelegenheit eines Sängerfestes in der Umgegend die deutsche Jugend im
Binnenlande aufrief, sich zu scharen unter dem Banner der durch einen
schmachwürdigen Königsbrief bedrohten deutschen Brüder diesseit und jenseit des
Eiderflusses, und als darauf in tausendstimmigem Chorus »Schleswig-Holstein
meerumschlungen« gesungen wurde, da erscholl der Bass des Hünen der
Studentenschaft so donnermässig wie vor der Zeit noch nie und nach der Zeit nicht
wieder. Er, der Hüne, hatte sogar es ganz plausibel gefunden, als Vater Jahn
darauf öffentlich seine Missbilligung aussprach, dass jenes herrliche deutsche
Lied in Klang gesetzt worden sei zu eitlem Prahl; auf die Weise »Flieg, Käfer,
flieg!« müsse das heiligste Anliegen seines Volkes schon dem Kinde an der
Mutterbrust durch die Ohren in das Gemüt dringen und ihm das Eingeweide
umwenden.
    Feuerfangen wie Stroh und wie Strohfeuer verflackern ist aber nicht eines
Glücklichen Art. Dezimus hatte nach jenem beweglichen Sängerfeste oftmals über
die Bruderschaft an der Eider nachgedacht, und wenige Streitfragen der Zeit
waren ihm so verständlich geworden wie diese. Zwar schätzte er auch die
Inseldänen als deutsche Brüder, aber doch nur als Halbbrüder, und da vollbürtige
Geschwister den halbbürtigen im Erbe, auch der Liebe, vorangehen, jene
halbbürtigen sich überdies wie recht feindliche Stiefbrüder gebärdeten, fühlte
er aus dem Herzen der vollbürtigen heraus ein gutes Recht gekränkt. Als er nun
aber bei seinem kürzlichen Inselaufentalt einen Teil dieser rechten Brüder
kennen lernte und so kernhafte, tüchtige Menschenbrüder unter ihnen, als er
anschaulich in dem Küstenstreifen, um den es sich handelte, die Pforte in das
Weltweite erkannte, deren kein zum Leben berufener Staat entraten kann, da
brannte ihn die Schmach, die ein kleines einiges Volk seinem grossen uneinigen
Volke anzutun wagte, und er ermass die Gefahr für einen dem letzteren
unentbehrlichen Besitz. Musste dieser Besitz, mussten Recht und Ehre in blutigem
Streit erobert werden, diesen Streit hätte er ausfechten helfen mögen; in seiner
gegenwärtigen Stimmung aber mehr denn je. Oft, ach, wie oft, sehnte er sich aus
seiner Schwüle heraus nach einer erfrischenden Tat!
    Wie es denn nun aber in Fragen um das Allgemeine oftmals ein Persönliches
ist, welches den Anteil schärft, ja sogar ihm eine veränderte Richtung gibt, so
war es an jenem Abend der Gedanke an Philipp, der sorgenvoll aus Lydias Seele in
die ihres Freundes zog. War er es doch, welcher den Jüngling in den Umkreis des
glimmenden Herdes geführt hatte; die Verantwortung für sein Schicksal fiel auf
ihn. Er spürte, wie das Hartensteinsche Blut in dem Jüngsten des Geschlechtes
aufschäumte, wie es ihn hinriss zu Torheit und Übermut; er sah ihn ergriffen,
verzehrt von den Flammen. Und so spukte der tote Dänenkönig in dem friedlichen
binnenländischen Pfarrhause gleich einem drohenden Gespenst.
    Zum Glück spuken Gespenster jedoch nicht über Nacht, wenigstens nicht in
einem Pfarrhause wie dem Blümelschen. Am anderen Tage fühlte ein jeder, dass er
mit seinen Befürchtungen weit über das Ziel hinausgeschossen habe und dass nicht
mit Feuer und Schwert erledigt zu werden brauche, was mit Feder und Tinte zu
erledigen ist. Der alte Dänenkönig war tot, was wusste die kleine Sidi von den
Staatsgedanken des neuen?
    Um so friedfertiger, als man gestern kriegerisch gestimmt gewesen, vertiefte
man sich heute statt in die Politik der Neuen Rheinischen Zeitung in die Physik
des greisen Humboldt; und da war es denn eine Anspielung von ihm, welche, um der
gründlichen Lydia genugzutun, den Vorleser zu der Verdeutlichung des optischen
Grundsatzes, dass jeder Mensch seinen eigenen Regenbogen sehe, veranlasste. Das
führte Vater Blümel nun hinwiederum recht behaglich in sein Lieblingsgebiet, die
Gesetze der sichtbaren Natur auf die der unsichtbaren zu übertragen. Sidonie,
die während dergleichen »Transfigurationen« nicht immer streng bei der Sache
war, summte vor sich hin: »Zart Gebild wie Regenbogen wird auf dunklem Grund
gezogen«, Rose aber sog den Duft einer Hyazinte ein, lächelnd mit halboffenem
Munde, so als ob auch ihr ein heiteres Gebilde sich auf dunklem Grunde male, und
als ob auf ihren Lippen der Ruf schwebe, »sieh, die liebe Sonne ist wieder
durchgebrochen!«
    Dezimus gedachte des Tages, wo ihm der Vater das Wunder der bunten
Himmelsbrücke als eine Tat der göttlichen Versöhnung erklärt hatte und er,
hinauslaufend, um noch eine Spur aus der himmlischen Werkstatt zu entdecken,
sein weisses Fräulein wie einen Engel der Verheissung stehen sah. Und bei diesem
Erinnern überkam ihn so völlig wie noch nie das Bewusstsein dessen, was er diesem
herrlichen Wesen schuldig geworden war; nicht bloss durch die Wirkung, welche es
auf ihn geübt, sondern mehr noch durch die, welche ihm gestattet worden war,
dagegen auszuüben. Und das ist ja wohl das Höchste, was ein Mensch dem anderen
danken kann. Seine Blicke hingen an dem edlen Gebilde, das auch ihm sich auf
dunklem Grunde erhob; er sah, wie sie die Brücke der Versöhnung, die aus dem
eigensten Gemüte heraus in den Himmel führt, dem Greise gedankenvoll nachbaute,
wie sie verständnisvoll mit einem innigen Blicke ihm die Hand drückte. Dann aber
sah er sie, erbleichend, plötzlich auf ihrem Stuhle zurücksinken: die Tür ihr
gegenüber war leise geöffnet worden, und in ihrem Rahmen stand, wie von der
unerwartetsten Erscheinung gebannt, die Blicke auf sie geheftet, ein schlanker,
bleicher Mann, die unerwartetste Erscheinung auch für sie. »Max!« jubelte
Sidonie auf, indem sie sich in seine Arme stürzte, »Max!«
    Ja, Max! Länger als vier Jahre waren es, dass er den Groll des Titaniden in
diesem Raume ausgeströmt; länger als vier Jahre, dass er mit neuen
Titanengelüsten gegen den alten Himmel gestürmt, Menschen nach seinem Bilde
gedichtet und - wohl mehr denn der ursprüngliche Prometeus - genossen und sich
gefreut als geweint und gelitten hatte. Die Büchse der Pandora hatte sich auch
über seinem Haupte ergossen; die Jünglingsblüte, das Erbe eines kampfgestählten
Geschlechts, war auf dem Antlitz des Mannes verwelkt; die bleiche Farbe, das
erweiterte Auge, die gedehnten Züge sprachen von der Müde, die der Überreizung
folgt, und dennoch, ja darum erst recht, war er der schönste Mann, welchen alle
in dieser Minute auf ihn gerichteten Blicke jemals geschaut hatten oder schauen
würden, und darum erst recht war er, wie man es so nennt, ein interessanter
Mann.
    Menschen aus einem Gusse wie Lydia, oder nach seiner Art auch Held Dezimus,
werden schwerlich, sogar von schmeichelnden Biographen, als interessante Leute
aufgeführt werden. In Max von Hartensteins Anlage und Schicksal, ja bis auf den
äusserlichen Habitus hinab, lag jedoch wie selten in einem jenes zwiefältige oder
zwiespaltige Etwas, das als Zauber der Interessanteit wirkt. Er war nach Geblüt
und Neigung Edelmann und nach Gesinnung Demokrat; er fühlte sich einen Dichter
und lebte wie ein Kind der Welt; er wusste sich und stellte sich dar als den
Erben einer Million und darbte wohl manchmal um das tägliche Brot; er betrat den
heimischen Boden als ein Fremdling und den Kreis der Gleichgestellten nahezu mit
dem Stigma des Ausgewiesenen, aber mit den Ansprüchen und dem Gebaren des Herrn;
er trug noch das strenge Trauerkleid um seine Mutter, aber von einem Schnitt,
wie im weiten Umkreis seines künftigen Dominiums noch kein Kleiderschnitt
gesehen worden war. Und wie trug er das Kleid! Wie liessen dem blondlockigen
Germanen mit dem tiefblauen, treuherzigen Hartensteinschen Blick und Ton die
flüssigen Allüren, die spielenden Aperçüs eines Eingewohnten von Paris; wie
verstand er, wenn er wollte, und heute wollte er es, jedem zu sagen, was ihm zu
hören gefiel, wie kaum merklich zu schmeicheln, wäre es auch nur mit einem
Augenaufschlag, einer Bewegung der Hand. Und doch war er zum Komödienspiel zu
gründlich Stimmungsmensch und zur Koketterie zu selbstbewusst und stolz.
    Er war seiner Überraschung alsobald Herr geworden und grüsste nun rund im
Kreise mit vollkommener Unbefangenheit. Nachdem er sich vor Vater Blümel
ehrerbietig wie vor einem Patriarchen verbeugt, zog er die Hand, die Lydia ihm
schweigend gereicht hatte, ebenso schweigend an seine Lippen und hielt sie ein
paar Sekunden an denselben fest. Etwas anders nüanciert, nicht ganz so ernstaft
oder vielleicht ritterlich war die Berührung der rosigen Fingerspitzen ihrer
Nachbarin, der erste Handkuss, mit welchem irgendein Mensch das Pfarrröschen
ehrte; selber ihr alter Dezem war in den Tagen seiner Rosenwonne auf solche
Galanterie nicht verfallen; und wer in aller Welt hatte vor diesem
aristokratischen Demokraten das Pfarrröschen jemals »gnädiges Fräulein«
tituliert, wer sich so ausdrucksvoll gewundert, wie bis zum Nichtwiedererkennen
in den Jahren der Trennung eine freundliche Gönnerin grösser und schöner - das
letzte Epiteton wurde nur mit den Augen gelächelt - geworden sei? Auch der Herr
Kandidat würde mit dem biderben Handschlag, den er erntete, wohl zufrieden
gewesen sein, wenn die nachfolgende Gratulation zu seinem Verlobungsglück ihm
nur nicht wie ein Stich durch die Brust gefahren wäre. Endlich aber die kleine
Sidi, die liess der prächtige Mensch gar nicht aus dem Arm, nicht von seiner
Hand. Er streichelte ihre blassen Wangen, ihren schlichten Scheitel, blickte und
nickte ihr zu wie eine Mutter ihrem kranken Kind, und alles das so einfach, als
ob das Gehörige auch immer das Natürliche wäre.
    Er erzählte darauf, dass er in die Heimat gekommen sei, um unter den
Auspizien seiner Schwester ein tüchtiger Landwirt zu werden, dass er sich auf
ihre Überraschung gefreut und, als er sie nicht in ihrer Werkstatt, den armen
alten Grossvater aber bereits schlummernd gefunden, er der Lockung nicht habe
widerstehen können, sie im Kreise der Freunde aufzusuchen.
    Welche wohlgelungene Überraschung nicht bloss für die Eine, der sie galt!
diese Eine aber strahlte wie eine Selige; kaum dass sie die Augen von ihrem
Liebling verwendete, heute in Wahrheit ihrem Bertrand de Born! Denn auch des
Greises Puls schlug in einem lebhafteren Takt, und der betrübte Kandidat des
Predigtamts sah seinen Jovisstern leuchten wie in der Schülerzeit; die aber,
welche als seine Braut von dem Gaste beglückwünscht worden war, die noch vor
einer Stunde so träumerisch prüfend zu dem brüderlichen Verlobten
hinübergeschielt hatte, die funkelte und sprühte jetzt wie ein gestreicheltes
Kätzchen, tändelte zierlich mit dem Teegeschirr und hatte - wo nahm sie es nur
auf einmal her? - für jedes heiter neckende Wort ein heiter neckendes Gegenwort.
Das frische Blut, das aus einem fremden Herzen dem ihren eingeimpft worden, war
nach langem Stauen in Fluss gekommen, das kindliche Gesicht bis unter die üppigen
Locken mit seinem Purpur übergiessend. Die verschämte Mädchenblüte hatte sich
wiederum zur Zentifolienknospe umgewandelt, die unter dem ersten Sonnenstrahl
die Hülle sprengen wird.
    Nur Lydia schien von dem allseitigen Zauber unberückt, sie, die doch
zweifellos die einzige war, welche der Zauberer des Berückens wert geachtet, und
ebenso zweifellos die einzige, für welche ein jeder im Kreise die Bezauberung am
natürlichsten gefunden haben würde. Ihr greiser Freund lauschte mit einem
Ausdruck froher Hoffnung zu ihr hinüber; ihr junger Freund mit einem der scheuen
Furcht, über deren Beweggrund er sich keine Rechenschaft hätte geben können; sie
aber war wieder das unnahbare Klosterfräulein geworden; wie das Röschen
plötzlich zur Rose aufzubrechen schien, so hatte sie den geöffneten Lilienkelch
zusammengezogen. Sie blickte ernst vor sich hin, sprach nur, wenn sie eine
Antwort zu geben hatte, und als die Stunde des gewöhnlichen Aufbruchs gekommen
war, erhob sie sich vor den anderen, um heimzukehren. Dezimus wollte sie
begleiten; Sidonie aber sagte lachend:
    »Für heute, Freund, sind Sie Ihres Ritterdienstes quitt. Unser Weg führt ja
am Schloss vorüber. Verzögern Sie Papa Blümel, der über Gebühr aufgeregt worden
ist, den Abendsegen nicht.«
    Lydia legte ruhig ihren Arm in den, welchen Max ihr bot; Sidonie hing sich
in den anderen. Rose flatterte wie ein Schmetterling ihnen bis an die Haustür
voran und kehrte nicht wieder in das Wohnzimmer zurück; Dezimus hatte das
Nachsehen, ein schmählich ausgestochener Held. Er sang dem Vater das Abendlied,
schloss keine Wimper in der Nacht und fühlte am Morgen sich doch, als erwache er
aus einem wüsten Traum. Wie gestern die kriegerische Wallung, war heute die
zauberische Blendung gescheucht. Aber die Augen taten ihm weh und das Herz wie
kaum je.
    Rose hatte an diesem Tage zu schaffen wie die Maus in sieben Wochen. War das
aber ein Wunder? Rose war ja an die Stelle der Hausfrau gerückt und es Mutter
Hanna gleichzutun sicherlich nichts Kleines. Die alte Lene musste frische
Teekringel backen, obgleich der Vorrat noch nicht aufgezehrt war; ei nun, er
mochte etwas abschmeckend geworden sein; dem Bräutigam fehlte dafür nur das
würdigende Organ; ihm mundete früherhin alles und jetzt leider nichts. Reine
Gardinen wurden aufgesteckt. Zuverlässig waren die alten bestäubter gewesen, als
sie dem Bräutigam vorgekommen, Sterngucker haben für Mullwolken selten den
richtigen Blick; wem aber hätte es auffallen dürfen, dass blühende Hyazinten und
Tazetten mit Myrten und Geranien zu zierlichen Gruppen geordnet wurden? Hatte
das liebe Röschen ihre Umgebungen nicht allezeit gern geputzt? Die Lust zum
Putzen war ihr nur in den Schattenmonden eingeschlummert. Aber sieh doch! hat
sie sich selbst heute zum ersten Male nicht wieder geputzt? Gott behüte; sie
trägt ja ihr tägliches Trauerkleid, und wenn die schwarze Krause den schlanken
Hals etwas weniger knapp umschliesst, die natürlichen schwarzen Löckchen etwas
zierlicher sich ringeln, so ist das zufälliges Geraten oder, wenn ja ein bisschen
Kunst mit unterlief, das allererfreulichste Zeichen. Sich hübsch machen, heisst
bei einem siechenden Kinde genesen sein und bei einem gesunden doch wahrhaftig
nicht etwa eine Sünde!
    Lydia stellte zu gewohnter Stunde sich ein.
    »Aber wo bleibt denn Sidi?« fragte Rose und spähete aus dem Fenster,
wenngleich es so rabendunkel war, dass weder auf dem Talwege noch irgendeinem
anderen ein lebendes Wesen hätte erspäht werden können; und nach einer
Viertelstunde fragte und spähete sie von neuem, obschon der Mond noch immer
nicht aufgegangen war. Sidonie kam nicht; das geistliche Konzert unterblieb;
Rose erklärte sich für heiser, dem Kandidaten war die Kehle zugeschnürt. Auch
der Kosmos wurde heute nicht aufgeklappt, da Lydia es angemessen fand, der
Freundin nicht zuvorzueilen, und auch kein anderer ein lebhaftes Verlangen nach
einem Horizont, der über den beider Werben hinausreichte, zu tragen schien.
Dagegen sang Lydia, ehe sie sich entfernte, zum ersten Male das Novalislied, das
sie ihrem Vater jeden Abend vor dem Schlafengehen gesungen hatte:
    »Wenn alle untreu werden, so bleib ich dir doch treu.«
    Als Dezimus sie nach dem Schloss zurückführte, fragte sie ihn, welchen
Eindruck Max auf ihn gemacht habe, und er bekannte ihr aufrichtig den Zauber,
den diese aussergewöhnliche Persönlichkeit mehr denn je auf ihn und die Seinen
ausgeübt. Sie erwiderte im Augenblick nichts; aber er dankte ihr schon die
Frage; es war das erstemal, dass sie den Namen des einst so tiefgeliebten Mannes
vor ihm oder irgendeinem anderen ausgesprochen hatte. Liebte sie ihn noch, oder
liebte sie ihn wieder? Nach einer langen Stille sagte sie:
    »Es ist etwas Seltsames um solch ein Wiedersehen. Man merkt an ihm erst das
Wirken der Zeit. Mir ist, als ob eine Binde von meinen Augen gefallen wäre.«
    Sie ahnete wohl nicht, dass sie mit diesen Worten dem Freunde ein Rätsel
aufgegeben hatte. Denn die Zeit versöhnt, und die Zeit verlöscht.
    Rose war heute ausnahmsweise noch nicht in ihr Stübchen gegangen. Sie stand
wieder am Fenster und schaute in das Tal hinab, das jetzt vom Mond beleuchtet
ward. »Wie langweilig diese Lydia ist,« sagte sie mit krauser Stirn, ein Gähnen
unterdrückend. »Hätte Sidonie nicht ein bisschen Leben in die langen Winterabende
gebracht, sie wären nicht zum Aushalten gewesen.«
    Als sie Dezimus zur guten Nacht die Hand reichte, fragte sie:
    »Glaubst du, Dezimus, dass Lydia den Baron noch liebt?«
    Das war ja eben die Frage, die ihm so mächtig in Kopf und Herzen herumging;
aufrichtig aber, wie er nun einmal war, auch wenn er mit seiner Aufrichtigkeit
sich selbst ein Leides tat, antwortete er, dass er das allerdings nicht wissen
könne, aber ihre Liebe zu ihm ebenso natürlich finden würde wie die seine zu
ihr.
    »Er - sie? Ach warum nicht gar!« rief Rose unmutig. »Es ist Torheit, was man
von alter Liebe sagt. Was im Herzen gestorben ist, wacht nicht wieder auf. Und
wie viele mag er in der Zwischenzeit angebetet haben! Sie ist ja auch viel zu
alt für ihn.«
    »Sie ist zwei Jahr jünger als er.«
    »Aber steif wie eine Grossmutter.«
    Das liebe Röschen war keineswegs, wie die kluge Sidi behauptete, ihrer
Stimmungen allezeit Herr, sonst würde sie die heutige fein für sich behalten
haben; denn wehe tun wollte sie ihrem armen Dezem gewisslich nicht.
    Am nächsten Sonntag, dem, an welchem das dritte Aufgebot und nach ihm die
Trauung stattgefunden haben würde, war Max mit seiner Schwester in der Kirche.
Er hatte seinen Platz dem Herrenstuhl gegenüber gewählt, wo er von Lydia bemerkt
werden musste, sobald sie den Blick der Kanzel zuwendete. Sie wendete, nach ihrer
Gewohnheit, während der Predigt ihn kaum von der Kanzel ab, der Prediger hätte
aber nicht die leiseste weltliche Störung ihrer Andacht wahrnehmen können. Wenn
die alte Liebe wieder aufgewacht war, musste der heilige Ort den gebührenden Bann
ausüben.
    Unter der Kirchpforte stiess das Geschwisterpaar mit dem nominellen Brautpaar
zusammen und geleitete es zu einer Staatsvisite in die Pfarre.
    Der Herr Baron wunderte sich, dass er das gnädige Fräulein nicht in der
Kirche bemerkt habe, worauf das gnädige Fräulein mit einem allerliebsten
Schelmenblinzeln erwiderte, der Herr Baron habe eben mit dem Rücken gegen den
Pfarrstuhl gelehnt gestanden. Das hätte der Herr Baron sich nun für künftige
Kirchbesuche gesagt sein lassen können. Leider hatte es jedoch bei diesem ersten
Besuche sein Bewenden. Es wäre der Werbenschen Erbgruft nur ein Erinnerungszoll
dargebracht worden, äusserte der Herr Baron.
    Überhaupt drückte in dem Baron der Umschlag aus einer interessant
gemütlichen in eine interessant ironische Stimmung sich deutlich aus. Er
beglückwünschte Pastor Blümel über das Wunder der Toleranz, das sein Beispiel in
der Gemeinde gewirkt habe. Wie müsse dem standfesten Onkel Propst im Chore der
himmlischen Heerscharen zumute sein, wenn er seine Tochter mit so seelenruhiger
Andacht einem unionistischen Gottesdienste beiwohnen sähe? Schreite die
Freisinnigkeit in gleicher Progression fort, könne die einstmalige
Seelenfreundin des Professor Hildebrand es noch zur Adeptin von Papa Zacharias
bringen.
    Pastor Blümel erwiderte ruhig, dass er diese Befürchtung nicht hege, und
lenkte das Gespräch auf ein Gebiet, wo er seinen Gast mehr als in dem eines
gläubigen Herzens zu Hause halten durfte: auf das der Politik; indessen auch auf
dieses nur so weit, als es die vaterländische Grenze nicht berührte. Er bat um
eine nähere Erklärung der Reformbankette, die in den Zeitblättern ja nahezu als
eine Existenzfrage des französischen Staates behandelt würden, war aber nach
erhaltener Aufklärung merklich enttäuscht, da er hinter dem ungestümen
Verlangen, ein Mahl zu halten und beliebige Toaste auszubringen, eine
karbonaristische Verschwörung oder andere dergleichen Heimlichkeit, welche die
Regierung ausgewittert, vermutet hatte. Worauf denn Herr von Hartenstein
lächelnd erwiderte, es sei in Frankreich nichts Neues, mit Explosivstoffen in
der Form von Knallbonbons eine Feuersbrunst zu entzünden. Im teuren Vaterlande
walte die entgegengesetzte Manier ob. Wenn die Mine bis zum Platzen vollgeladen
sei, leite man sie in Äderchen und Kanälchen ab, und der erste beste Landregen
spüle sie in den Strom der Zeit.
    Nun, Konstantin Blümel wusste von einer vaterländischen Mine, und er hatte
sie selbst mit laden helfen, die gar wuchtig einen Koloss über den Ozean
geschleudert hatte! Doch verlautbarte er diese Erinnerung nicht, sondern
erkundigte sich nach dem Befinden des Herrn Amtmann Mehlborn. Der Pulsschlag
seines Entzückens hatte sich während dieser Sonntagsvisite indessen bedeutend
ermässigt.
    Am anderen Tage fand Rose es dringlichst angemessen, dass der amtliche
Stellvertreter des Vaters diese Visite erwidere, fühlte sich selbst auch
hinlänglich zu einem Spaziergang bei so prachtvollem Winterwetter gekräftigt,
begleitete den väterlichen Stellvertreter demnach ein Endchen und bekam bei Wege
ein unwiderstehliches Gelüste, zu sehen, wie Freundin Sidi sich in der alten
Bärenhöhle ihr Nest eingerichtet habe.
    Ei nun, fürwahr traulich genug. Zunächst gab es gar keine Höhle mehr,
sondern ein sauberes Wohngelass und in dem Gelass keinen brummenden Bären, sondern
einen gemütlichen alten Herrn, der ganz fidel hinter seinem Spitzgläschen sang:
»Gestern abend war Vetter Michel da«, und dann seine Augen zutat und schlief.
Die Augen seiner Hüterin aber, die klugen Sidiaugen, die hatten noch nie in
einer reineren Freude gestrahlt. Zum ersten Male hatte sie einen Menschen, vor
dem sie ihre reichen Gaben unter keinem anderen Zwang als dem der natürlichsten
Liebe entfalten durfte, den sie hegen und pflegen durfte, den sie zu halten
hoffte für das Leben. Denn auch er war glücklich neben ihr und durch sie.
Wer liebte nicht das Neue? wer bedürfte seiner nicht? Wer aber hätte jemals mehr
unter seinem Banne gestanden als der Dichter Hartenstein? Er lebte und webte im
Wechsel. Der Wechsel war sein Element, sein tägliches Brot. Der erwünschteste
Zustand hätte ihn auf die Dauer bedrückt, der unerwünschteste Umschlag ihn
momentan aufgeschnellt. Paris mit seiner unerschöpflichen Mannigfaltigkeit war
ihm daher der gedeihlichste Boden und die Ebbe und Flut seiner äusseren Mittel,
die ihn zwischen den verschiedenartigsten Existenzen auf und nieder trieb, für
seine Schaffenskraft das vielleicht notwendige Ferment. Allezeit im Salon, würde
er aufgehört haben ein Dichter zu sein; allezeit in der Mansarde, wäre er es
wahrscheinlich niemals geworden. Auch die Einsamkeit wurde dann und wann zu
einem ersehnten Wechsel. Auf Alpengipfeln, am Meeresstrand, oder wie diesen
Herbst unter einem südenprächtigen Himmel, ganz allein, da dehnte sich die
Brust, schwellte sich die Künstlerseele - drei, vier Wochen lang, dann aber zog
es ihn wieder in das Gewühl wie in ein Heim.
    Dieser Aufentalt mitten im Winter, in nüchterner Landschaft, auf Papa
Mehlborns emsigem Wirtschaftshof hätte daher, so scheint es, der widerwärtigste
sein müssen, den er erwählen konnte. Aber es war etwas Neues; er nannte ihn ein
Idyll. Die Erwartung des grossväterlichen Ablebens, das, gegen ihren Glauben,
seine Schwester ihm als bevorstehend dargestellt hatte, eine brüderliche
Wallung, vielleicht eine momentane Geldklemme hatten ihn hergetrieben; nun hielt
das Wohlgefühl zärtlicher Fürsorge, mit welchem zum ersten Male seit seiner
Kindheit ein Mensch ihn umspann, ihn fest; die materielle Fülle, das Ansehn der
Sesshaftigkeit machten sich geltend, hohe Kulturbestrebungen, im nächsten
Zusammenhange mit seinen bisherigen literarischen Tendenzen, tauchten auf.
Möglich, dass auch die Wiedereroberung seiner frühesten, einzigen wahrhaft
Schönen, auf welche unerwartet sein erster Blick gefallen war, ihn lockte, dass
nebenbei das deutsche Pfarrtöchterchen ihm zu einem kleinen Roman allerliebst
genug dünkte. Einem Dichter ist Frauengunst ja der Kastalische Quell, und hat
denn nicht der alte Meister, welchem der junge bescheidentlich nachstrebte, die
angenehme Empfindung einer gleichzeitigen Doppelliebe zu rühmen gewusst?
    So war er denn allen Ernstes gewillt, in dem stattlichen Grafenschlosse von
Bielitz, dessen Erbe zu werden er jeden Tag erwarten durfte, sich häuslich
einzurichten und a priori den Herrn in ihm zu spielen. An dem nervus rerum
gebrach es nicht; Sidonie war vollständig Meisterin der Lage, der alte
bärbeissige Mehlborn ein stillvergnügter Knabe geworden, seitdem seine junge
Pflegemutter ihm die Milch des Alters nicht ausgehen liess. Er nippte, zippte und
nahm seinen Herrgott für einen frommen Mann. Wiederholt hatte Dezimus seinem
guten Kameraden diese Behandlungsweise vorgehalten: »Sie schläfern Ihr altes
Kind mit Mohnsäftchen ein und erziehen es zum Idioten,« hatte er gesagt, sie
aber lachend erwidert:
    »Zum Idealisten erziehe ich es, und die guten Genien der Jugend wecke ich
auf. Hätte ich mein Papachen bei seinem Dünnbier belassen, fühlte es sich blind
und elend, wäre misstrauisch und missvergnügt, keifte am Tage mit widerborstigen
Frönern und grauelte sich nachts vor Raubmördern und dem Gespenst des schwarzen
Todes. Nun ich ihm stündlich ein Gläschen von dieser braven Liebfrauenmilch
einschenke - selbstverständlich unter der Etikette Werbensches Gewächs -, glaubt
er, liebt, hofft, vertraut, sieht mit Augen seine Felder spriessen, an seines
Sidonchens problematischem Schulterstück zwei goldene Engelsfittiche leuchten
und schlummert von vierundzwanzig Stunden netto zwanzig wie der Gerechte in
Abrahams Schoss. Wer ein Achtziger werden will, kann sich nichts Besseres
wünschen.«
    Indem Sidonie auf diese Weise Genien der Jugend, die in Papa Mehlborn bis
dahin geschlummert hatten, zum Leben erweckte, war sie indessen vorsichtig und
auch gutmütig genug, die Dämonen des Alters, die von Kindesbeinen an in ihm rege
gewesen waren und selten gründlich einzuschläfern sind, nicht
heraufzubeschwören. Die vielwerte Eisentruhe blieb unverrückt unter Papachens
Bett, ihr Schlüssel tags in Papachens Rocktasche, nachts unter seinem Pfühl.
Sein Sidonchen hatte noch keinen Blick in die Truhe getan. Ihr genügten die
Wirtschaftserträge, nach welchen Papachen wenig mehr fragte, und gewisse
Stempelbogen, zu deren Kontrasignatur - unter der Rubrik Rechnungen, Quittungen
und so weiter - sie sonder jeglichen Gewissensskrupel Papachen die Hand führte.
Die grossjährige Enkelin und Erbin des unzurechnungsfähigen Greises erfreute sich
eines weittragenden Kredits, bedurfte desselben aber auch nach Ankunft ihres
Bruders in täglich wachsendem Masse.
    Er hatte Bedürfnisse der mannigfaltigsten Art, eine allezeit offene Hand,
auch grosse philantropische Projekte, für welche bis zum reellen Erbantritt
wenigstens die Einleitungen getroffen wurden. Sidonie nahm alles auf ihre Kappe;
ihres Bruders Kredit blieb unangetastet, sein Name stand unter keinem Wechsel;
er war der Schöpfer, sie der Handlager. Da sollten die Lasten der »weissen
Sklaven« nicht etwa abgelöst, sondern einfach aufgehoben werden, den
freiwilligen Arbeitern Häuser gebaut, gegen welche die der Grabesstrasse von
Werben armselige Hütten waren, und dergleichen vieles. »Der Baum eines Volkes
treibt von unten herauf,« sagte er, und wer hätte etwas dagegen sagen können?
»Seine Wurzeln müssen gedüngt und begossen werden.« Wo Max von Hartenstein
lebte, musste menschenwürdig zu leben sein; war er ein Egoist, so war sein
Egoismus grossmütiger Natur. Ja, er trug sich allen Ernstes mit dem Entwurf eines
Phalansteriums auf seinem einstigen Grund und Boden, nachdem er für die
Errichtung eines solchen in überseeischen Zonen seit seinen Pariser Tagen
geschwärmt und schriftstellerisch gewirkt, sogar gedichtet hatte. In der
Neuordnung des Eigentums sah er die grosse Frage der Zukunft und in der
republikanischen Freiheit, der sozialen Gleichheit nur ihre Vorläufer.
    Vorderhand musste man sich freilich begnügen, das eigene Leben menschenwürdig
auszugestalten. Die Einrichtung des Herrensitzes, Anschaffungen, Bestellungen,
anzuknüpfende Verbindungen liessen es auch für die unermüdliche Intendantin zu
regelmässigen Pfarrbesuchen nicht mehr kommen. Um so erfreulicher waren die
Überraschungen, wenigstens für Freundin Rose. Sidonie war beflissen, sie in ihre
Nähe zu ziehen, sie zu sich einzuladen, sich auf ihren Fahrten in Stadt und
Umgegend von ihr begleiten zu lassen, und der Vater gönnte seinem Liebling diese
Erholung, bevor binnen kurzem sich wiederum ein Trauerschleier über ihren
Jugendtag breiten würde. Auch das peinliche Zusammensein der dem Namen nach noch
immer Verlobten erhielt dadurch eine für beide Teile wohltätige Unterbrechung.
    Denn, ohne es auszusprechen, hatte der Vater von der ersten Stunde ab nicht
nur die Lösung des Verhältnisses, das seine Kinder ein paar Monate hindurch
gequält hatte, klar erkannt, sondern auch ehrend und verstehend deren Grund; und
wenn er die Getrennten dennoch vereint in seiner Nähe hielt, so geschah es in
der Hoffnung, dass sie sich stillschweigend wieder in jenes geschwisterliche
Verhältnis zurückleben würden, das sie mehr als zwei Jahrzehnte beglückt hatte.
Er achtete den Sohn für stark genug, diese schwere Probe zu bestehen, und gönnte
ihm die Befriedigung, seinem väterlichen Wohltäter bis zu seiner letzten Stunde
eine Stütze zu sein. Nach derselben mochte er frei aus seinem Gemüte heraus die
Entscheidung über seine Zukunft treffen. Sein Vögelchen liess er für ein Weilchen
fliegen!
    Und da waren es für das Pfarrröschen wohl goldene Stunden, wenn es, in
seidene Wagenpolster gedrückt oder im lustigen Schlitten, den der schöne, junge
Baron hinter den beiden Damen lenkte, ein zierlicher Jockei zu Pferde
vorantrabend, in der Gegend umherschwärmte, Stunden, wie sie das Pfarrröschen
wohl für eine Märchenprinzess geträumt, einen wirklichen Menschen sie aber noch
niemals hatte durchkosten sehen. Es mochte der weltlustigen jungen Seele
bedünken, als ob das Schicksal sie recht irrtümlich in den Schoss einer still in
sich begnügten geistlichen Familie getragen habe.
    Indem Sidonie die Freundin auf diese Weise ihrer heimischen Sphäre
entfremdete, nahm sie den Bruch des Verlöbnisses als ein fait accompli und als
des Bräutigams gutes Glück. Hätte sie sein Glück aber auch in Rosens Besitz
gesehen, würde sie schwerlich angestanden haben, es auf diesen Bruch ankommen zu
lassen, insofern das Wohlbefinden ihres Bruders auch nur auf Momente dadurch
gefördert wurde. Es galt, ihn mit starken Reizen an die Heimat zu fesseln.
Lydias Wiedergewinn würde der am stärksten wirkende gewesen sein. Aber die Kluge
zweifelte nicht bloss an dem aus ihm erblühenden Segen, sondern einfach an seinem
Gelingen, und so wurde die leicht zu gewinnende liebliche Rose, coûte que coûte,
als Gegenreiz in den Vordergrund geschoben. Dieses von Grund aus gütige, recht
und billig denkende Mädchen, das einst seine unglückliche Verwandtin »eine
Jesuitin der Familienpflicht« gescholten hatte, es fand jetzt jedes Mittel gut
und gerecht für einen Liebeszweck, dem sie sich blind wie einem Schicksalszwang
unterwarf. Ach, der Ärmste, den sie ein Johanniskind nannten! Hätte Freund Peter
Kurze ihn gegen Ende des Winters gesehen, er würde ihn nicht, wie zu seinem
Anfang, als Hahn im Korbe beneidet haben. Verlassen hatte ihn die Braut,
verlassen sein Kamerad; ohne das Recht des Eingriffs und doch ohne die Freiheit
zur Flucht sah er, in der beschämendsten Lage, ratlos und tatlos ein Verhängnis
herantreiben, dem er sich mit seiner letzten Kraft hätte entgegenstemmen mögen,
und er würde an sich selbst und an aller Menschenhoheit und Treue haben
verzweifeln müssen, hätte nicht sein weisses Fräulein fest und ermutigend ihm zur
Seite gestanden. Ja, Lydia war ihm geblieben, Lydia und Konstantin Blümel, der
herrliche Greis, der sich noch niemals so väterlich ihm zugeneigt hatte wie
jetzt, da es galt, die Wunden zu verbinden, die sein liebstes Kind ihm schlug;
die Wunden, welche der Sohn um jeden Preis dem Auge des Vaters - ach nein, jedem
Auge - hätte entziehen mögen.
    Der alte Vater erkannte mit Reue seinen Irrtum, als er dem flügellahmen
Vögelchen den Käfig öffnete. Er hatte seinem Liebling den kleinen Finger
bewilligt, und der Liebling herzhaft beide Hände ergriffen. Der alte Vater, so
todesgewiss er war, er hätte jetzt leben mögen, leben mit Jugendkräften, um den
Flatterling wieder einzufangen, das betörte Kind zu überwachen, das strauchelnde
zu leiten und es, würdig seiner selbst, nicht mehr, wie er eine kurze Zeit
gehofft, dem Gatten am Herzen, aber dem Bruder an der Hand zurückzulassen.
    Der Greis so wenig wie der Jüngling war erfahren in den Vorspiegelungen,
unter welchen eine Leidenschaft sich unbewusst in die Herzen schmeichelt, und
noch minder waren es beide in den bewussten Kunstgriffen, die jenem natürlichen
Ränkespiel in die Hand arbeiten. Aber sie sahen mit Blicken, welche die Liebe
schärfte, die einfache Liebe, die sie verstanden. Und da konnte ihnen denn nicht
entgehen, dass Max Rosen niemals beflissener entgegenkam, den Zauber seiner
Persönlichkeit niemals verführerischer zur Geltung brachte, die Wichtigkeit
seiner philantropischen Pläne, die Vorzüge seiner gesellschaftlichen Stellung
niemals geschickter hervorhob, als wenn er Rosen in Lydias Gegenwart sah. Nicht
die leichte Eroberung, die schwere war sein Ziel, ohne Zweifel sein ernstaftes
Ziel, und seine gröbliche Täuschung nur die, dass er in tändelnder Laune auf
Eigenschaften zu wirken hoffte, welche eine reine Seele nicht einmal begreift,
eben darum aber - so widerspruchsvoll geht es in den Phantasien solcher
Pseudoidealisten zu -, eben weil sie jede niedrige Regung ausschloss, ihm diese
reine Seele zu der begehrenswertesten machte. Denn hätte Lydia das lockende
Spiel verstanden und ihm nicht widerstanden, würde sie ihm der Mühe des Spiels
noch wert erschienen sein?
    Nicht mehr ungetrübt der Sohn, wohl aber der Vater hoffte noch, dass auch die
sonst so scharfsichtige Rose dieses Ränkespiel durchschaue und dass sie mit
unberührtem Herzen sich nur von der glänzenden Neuheit der Weltfreude blenden
lasse. Indessen auch dieser dämonischen Blendung musste gesteuert werden, und
wenn den Bitten nur wiederum Bitten, der Mahnung Liebkosung, der Warnung ein
Schelmenlächeln entgegengesetzt wurden, so blieb endlich nur das Gewicht der
väterlichen Autorität, um die Wagschale in die Richte zu bringen.
    Die jenseitigen Wiesen, über die im Herbst der Fluss getreten, waren
zugefroren, auf weiter Strecke eine Eisbahn bildend, welche Max, ein gewandter
Schlittschuhläufer, wie als echter Hartenstein der gewandteste Reiter, Schütze
und Fechter, täglich benutzte, - vielleicht weil sie aus den Fenstern des
Schlosses überschaut werden konnte. Auch die Pfarrkinder waren vom Vater zu
dieser Übung angehalten worden, und Rose hatte sie erst aufgegeben, als ihr
Dezem auf die Universität zog und sie nun die Schlittschuh sich eigenhändig
anschnallen und ohne jeglichen Zeugen ihre Kunststückchen hätte machen müssen.
Jetzt aber wachte plötzlich die alte Lust in ihr wieder auf, und Tag für Tag
wurden ein paar frohe Stunden auf dem glatten Spiegel vergaukelt. Da Freundin
Sidoniens Gesundheit ihr nicht gestattete, als Eismutter am Ufer auf und ab zu
spazieren, wurde Freund Dezimus um seinen Anstandsschutz ersucht, und er - ja,
was bleibt denn solch einem Quasibräutigam übrig, wenn sein Quasibräutchen nach
langer Siechenhaft das Bedürfnis kräftigender Luftbewegung fühlt? - was, als
erst dem Bräutchen und dann sich selbst die Schlittschuhe anzuschnallen und
bescheidentlich nebenher zu schleifen, wenn die beiden anderen Hand in Hand
kunstvolle Kreise und Achten ziehen?
    Eines Nachmittags kehrte er mit Rosen von solcher Leistung zurück; er
schweigsam und mutlos wie alle Tage, aber auch sie nicht mit den purpurnen
Wangen und freudeblitzenden Augen wie bisher; sie fröstelte und liess das
Köpfchen hängen. Der Baron war nicht auf dem Eise gewesen, weder er noch seine
Schwester hatten den Tag über etwas von sich sehen oder hören lassen.
    Der Vater war im Begriff, mit zitternder Hand die Adresse auf einen Brief zu
schreiben; sie lautete an seine Tochter Erika, deren Mann vor kurzem als
Bauinspektor in eine näher gelegene Stadt versetzt worden war. Der Greis sah
auffällig bleich aus, doch klang seine Stimme ruhig, als er den Sohn bat, den
Brief, den er zu eiliger Bestellung empfohlen hatte, heute noch nach der Post zu
tragen.
    »Das trifft sich gut, Dezimus!« rief Rose plötzlich belebt. »Du gehst mit
mir über das Gut und holst mich dort auf dem Rückwege wieder ab. Ich habe
Sidonien ein Stickmuster versprochen, das ich ihr heute noch bringen möchte.«
    Rasch wollte sie auf und davon; der Vater aber äusserte mit Entschiedenheit,
dass es zu einem Besuch auf dem Gute zu spät am Tage sei. So legte sie denn Hut
und Pelzpelerine ab, indem sie die Lippen ganz allerliebst zu einem
Kinderschippchen verzog und sich knapp auf die Kante des Stuhls, nach welchem
der Vater, dem seinen gegenüber, deutete, niederliess. Den Sohn, der sich
entfernen wollte, bat er, so lange zu verziehen, bis er seiner Tochter eine
Eröffnung gemacht haben werde.
    »Du hast dir,« so hob er darauf zu Rosen gewendet an, »seit Jahren einen
Besuch bei deiner Schwester gewünscht. Heute willfahre ich diesem Wunsche. Ich
habe Erika geschrieben, dass sie dich am übernächsten Tage zu erwarten hat.
Dezimus wird die Freundlichkeit haben, dich zu begleiten und bis zum Sonntag
zurückgekehrt sein.«
    Rose lachte anfänglich über den wunderlichen Einfall; als sie jedoch des
Vaters unzerstörbaren Ernst erkannte, wurde sie blass, streichelte ihm die Wangen
und sagte mit ihren schmeichelndsten Tönen: »Wie kannst du nur daran denken,
Väterchen, dass ich dich verlassen würde jetzt, wo du deiner kleinen Rose doch
ein wenig mehr als in früherer Zeit bedürftig bist?«
    »Ich fühle mich entschieden kräftiger als noch vor kurzem,« versetzte der
Vater. »Und habe ich denn nicht meinen Dezimus? Stiesse mir aber während seiner
Abwesenheit ein Rückfall zu, würde die gute Lydia mir gewiss nicht fehlen.«
    »Aber welchen Grund kannst du haben, mich fortzuschicken und eine Fremde an
meine Stelle zu setzen?« fragte Rose gereizt, wie neuerdings immer, wenn Lydias
lobend erwähnt wurde.
    »Da du den Grund nicht fühlst, würdest du ihn auch nicht verstehen,«
antwortete der Vater so streng, wie er noch nie zu seinem Liebling geredet
hatte. »So sage ich denn einfach: ich will!«
    »Und wenn ich sage: ich will nicht?« rief Rose mit dem Ton der Schelmerei,
aber einem Blick voll Trotz.
    Konstantin Blümel war ein milder Vater und gegen sein jüngstes Kind zweifach
mild. Aber solch ein dreister Widerspruch war noch aus keines Kindes Munde vor
ihm laut geworden. Erst während dieser wenigen Silben wurde ihm völlig der
Unsegen klar, der in seinem nächsten Herzen Wurzel geschlagen hatte. Mit den
grossen, tiefen Augen, welche die Macht seines Gemüts immer noch viel
eindringlicher als seine guten Worte ausdrückten, blickte er schweigend in die
ihren, bis sie sie schamrot niederschlug. Dann aber sagte er mit leise bebender
Stimme:
    »Widerrufe dieses Wort, mein Kind. Ich möchte dir die Bitternis ersparen,
mit welcher du in naher Stunde dich erinnern würdest, dem letzten Liebeswillen
deines Vaters getrotzt zu haben.«
    Sie brach in einen Tränenstrom aus, glitt zu seinen Füssen nieder und
schmiegte sich an seine Knie wie ein Kind. »Ich will ja, Vater,« schluchzte sie,
»will alles, was du willst. Ach, was kann ich denn aber dafür, dass ich hier so
glücklich bin?«
    Bei diesen Worten wurde hastig die Tür geöffnet. Sidonie wankte in das
Zimmer, schattenbleich, die arme, gebrechliche Gestalt wie geknickt. Sie würde
zu Boden gestürzt sein, wenn Dezimus sie nicht in seinen Armen aufgefangen
hätte.
    »In Frankreich - Revolution!« stammelte sie. »Max - fort - ohne Lebewohl!« -
    Rosens Kopf war an des Vaters Brust gesunken. Er hielt ihn mit beiden Armen
umschlungen. Seines Kindes Hand sollte ihm die Augen schliessen.
Nach mehr als dreissigjähriger politischer Windstille über dem Vaterlande
schossen mit Sturmesjagd nun Wochen dahin, in welchen jeder Tag, jede Stunde in
erschütterte Herzen eine erschütternde Kunde trug. Der Orkan tobte bis in die
bescheidenste Hütte. Reiche wankten, Trone und alte Ordnungen stürzten zusammen
wie die Luftschlösser im Gesichtsfelde von Werben. Die Nöte des Einzelnen werden
in solchen Zeiten geringschätzig übersehen; aber sie drücken nicht minder als in
stillen Tagen, und nur die Freuden der stillen Tage sind schal geworden.
    War es nun die wehende Frühlingsluft, die Freude über sein in äusserster
Stunde ihm zurückgegebenes Kind, oder war es jener allerorten die Geister bis
zum Überschwang reizende Gewitterstrom, der auch den mürben Greisenleib
elektrisch belebte? Vater Blümel schüttelte wie durch ein Wunder Todesschwäche
und Todesschwanen ab. Er hatte zum vorbestimmten Termin sein Entlassungsgesuch
und das für des Sohnes Ordination eingereicht; nach dem Osterfest sollte diese
stattaben. Er dachte aber allen Ernstes daran, die Kanzel wieder zu besteigen
und mit dem ewigen Wort gegen den Dämon der Empörung zu Felde zu ziehen. Der
Sohn war ihm längst nicht feurig genug; er paktierte viel zu viel mit den
Forderungen des Tages. Sagte der Jüngling: »Alles Recht muss erstritten werden,
und die Freiheit ist das höchste Recht!« so sagte der Greis: »Jedes Recht muss
mühsam erarbeitet werden; was im Taumel gezeugt wird, reift nicht zu dauernder
Geburt. Die Freiheit muss erst als Pflicht erkannt worden sein, bevor sie als
Recht gefordert werden darf.«
    Es war ein teoretischer Streit; in der Praxis würden Vater und Sohn gar
nicht weit auseinander gegangen sein.
    Rose hielt sich tapfer. Ihre Wangen glühten und ihre Augen funkelten nicht
mehr; aber nur ein Liebender hätte ihr anspüren können, dass mit dem Meteor,
welches an ihrem Horizonte für kurze Wochen aufgestiegen, mehr als ein
Freudenrausch verschwunden war. Sie sprach nie von Max, es sei denn mit
Sidonien, die sie nach wie vor besuchte; aber sie ging sichtlich mit
Überwindung; nur weil das Fernbleiben aufgefallen sein würde. Auch der Vater und
Bruder oder Bräutigam schwiegen den gefährlichen Flüchtling geflissentlich tot;
im Herzen des Bräutigams aber leibte und lebte er als sein einziger Feind, denn
er hatte mit einem Glück, das ihm mehr wert war als sein eigenes, ein schnödes
Spiel getrieben. Ja, er hasste sein einstiges Idol, und wenn er mit ihm nicht
auch die hasste, welche jenes Spiel abgekartet, ohne Bedenken Freundin und Freund
in dasselbe eingesetzt hatte, so geschah es um der grossen Liebe willen, die sie
zu dem Frevel getrieben, und weil sie litt, wie eine Mutter leidet um den
verlorenen Sohn.
    Das mutige Mädchen war ein zitterndes, händeringendes Weib geworden; auch
körperlich krank. Lydia, welche das Talgut überhaupt selten und seit Maxens
Anwesenheit niemals betreten hatte, teilte jetzt ihre Zeit zwischen ihm und der
Pfarre. Sie pflegte Sidonien, ermutigte sie, soweit ihr wahrhaftiger Sinn es
zuliess, und erleichterte ihr die Sorge für den blinden, blöden alten Mann. Peter
Kurze würde einen Luftsprung getan haben, hätte er gesehen, wie die »Energien«
dieser Schwanenjungfrau sich in Taten umsetzten!
    Eines Abends sagte sie zu Dezimus, der seinen treulosen Kameraden nicht
wiedergesehen hatte, seitdem dieser so tief aus seinen Himmeln gestürzt worden
war: »Versuchen Sie es doch einmal, Freund, Sidonien ein wenig aufzurichten. Sie
sind ihr sympatischer als ich. Vielleicht gelingt es Ihnen, sie zur Annahme
eines Arztes zu bewegen; wenngleich ihr Zustand mehr zu denen gehören mag, die
Doktor Kurzen so unliebsam sind, weil sie sich nur mit Seelenohren aushorchen
lassen.«
    Als Dezimus am anderen Morgen Sidoniens Zimmer betrat, fand er sie in
fiebernder Erregung, mit glühenden Wangen auf und nieder schreitend. Dass sie ihm
Leides zugefügt, schien ihr gar nicht in den Sinn zu kommen. Nach kurzem Zaudern
gestand sie ihm, sie habe ihren Bruder in der verwichenen Nacht gesehen,
heimlich, flüchtig auf der Durchreise nach Berlin! Und der Schluss, den sie aus
dieser heimlichen, eiligen Reise zog, hiess: auch hier, auch bei uns Revolution!
    Dezimus wollte ihr diese Folgerung ausreden. Sie liess in ihrer Unrast ihn
aber gar nicht zu Worte kommen. Anhebend mit einem Versuch zum Spott, steigerten
sich ihre Vorstellungen zu den grausamsten Wahngebilden.
    »Da bin ich nun,« rief sie, »in den Ideen aller menschenmöglichen Freiheit
und Neuheit herangewachsen, erst in Rom bei der ateistischen Harfenmuhme, dann
in der Schweiz bei der parlamentarischen Mutter, unter dem Konvivium der
trikoloren und blutroten Fahnenschwenker aller Völkersorten; und ich sehe ja
auch weit deutlicher als diese Maulhelden samt und sonders, was uns gebricht und
was wir brauchen, um fertig zu werden. Und doch sitze ich hier und ringe mir die
Hände wund um mein altes Preussen, so wie ich es als Vätererbe überkommen habe,
und hassen, ja, schlechtin hassen möchte ich die, welche es in Trümmer schlagen
wollen um eines Neubaus willen, der nicht mehr mein altes Preussen ist. Die Kopie
eines grösseren hüben, eines reicheren drüben, ein Mischmasch von Pfuscherstil,
o, ich kenne die Schablonen! Und mitten unter diesen Zerstörern steht der
Mensch, den ich liebe, mehr, tausendmal mehr als mich selbst. Mein Max ein
Verschwörer, ein Rebell! Ein Hartenstein siegend auf der Barrikade oder - oder
fallend auf dem Schafott!«
    Sie kreischte die letzten Worte, die Augen stierten, als sähe sie ihres
Bruders blutiges Haupt. »Und ich kann ihn nicht retten - nicht retten -«,
flüsterte sie tonlos, von einem Schauder geschüttelt.
    Lydia war während der letzten Reden leise eingetreten; entsetzt von dem
Unheil, das sie sah und verkünden hörte, hatte ihr Fuss unter der Tür gestarrt.
Das kranke, gebrechliche Geschöpf bemerkte sie und stürzte auf sie zu mit
Blicken, in welchen das Rasen des Fiebers und der Todesangst funkelte.
    »Du, du hättest ihn retten können,« rief sie unter konvulsivischem
Schluchzen. »Denn dich hat er geliebt, dich allein. Du kannst es noch heute,
denn er liebt dich noch heute. O, liebe ihn, Lydia, liebe ihn, und er ist
gerettet.«
    »Du bist krank, Sidonie,« entgegnete Lydia erschüttert. »Du wähnst Gefahren,
die nicht sind. Wenn aber wirklich eines anderen Liebe einen Menschen retten
könnte vor sich selbst, müsste der, für welchen du zitterst, nicht durch deine
grosse Liebe gerettet worden sein?«
    Sidonie lachte auf in gellendem Hohn. »Ich, ich? eine verkrüppelte
Schwester? Ja, wenn ich ein Weib wäre, ein schönes Weib, ein Schwan wie du,
Lydia, wie du! Nur Leidenschaft siegt über Leidenschaft. Rufe ihn zu dir, sage
ihm, ich liebe dich - -«
    »Du phantasierst, Sidonie,« unterbrach sie Lydia plötzlich mit eisiger Ruhe,
»du weisst - -«
    »Ich weiss, du liebst ihn nicht, du liebst ihn nicht mehr. Aber sage es ihm
nur. Halte ihn auf, halte ihn hin ein paar Tage, ein paar Wochen lang, bis der
Krater ausgespieen, und er ist gerettet.«
    Lydia wendete sich schweigend von ihr ab.
    »Du hast ihn niemals geliebt!« schrie die Unglückliche, indem sie erschöpft
zu Boden sank und in einen Tränenstrom ausbrach.
    Lydia richtete sie empor, führte sie nach ihrem Ruhebett, setzte sich an
ihre Seite und fasste nach ihrer Hand. Sidonie entzog sie ihr, um ihr Gesicht zu
bedecken.
    »Geht, geht!« rief sie nach einer Pause. »Lasst mich allein! Ihr beide wisst
nicht, was Lieben ist. Geht, geht! haltets miteinander nach eurer Art!«
    Sie wollten sich entfernen. Sidonie winkte sie zurück.
    »Schicken Sie mir Rosen, Dezimus,« schluchzte sie. »Und du, Lydia, du kannst
ja beten. Ach bete, bete, dass ein anderer barmherziger sei als du.«
    Lydia neigte schweigend ihr Haupt bis zur Brust hinab, drückte dem armen
Mädchen die Hand, und dann liessen sie es allein. Im Hofe stiessen sie auf Doktor
Brand, den Lydia heimlich hatte herbeirufen lassen; nachdem sie ihm das
Erforderliche mitgeteilt hatte, verliess sie mit Dezimus das Gut. Beide waren bis
in den Herzgrund erschüttert. Nachdem sie eine lange Weile schweigend
nebeneinander gegangen waren, hob Lydia an:
    »Es waren Wahngebilde der Fieberangst! Aber wie vor einem Rätsel stehe ich
vor einer Liebe, welche solche Angst gebiert, und ist es ein Mangel oder eine
Gnade, dass ich diese Liebe nicht einmal begreife? Auch ich habe meinen Vater
über alle andere geliebt, aber ich habe an ihn geglaubt wie an keinen anderen.
Die elementarste Menschenliebe, die einer Mutter, sagt man, mache blind; diese
Schwester aber sieht die Irrungen dessen, welchen sie liebt, schärfer, als ein
Feind sie sehen könnte, und dennoch liebt sie ihn. Grossen Sinnes, denkend und
handelnd nach einem anderen Gesetz als er, ausgebeutet, versäumt, verlassen von
ihm, frevelt sie um seinetwillen lachenden Mutes und stirbt vielleicht an der
Qual dieses unüberwindlichen Zwangs. Hätte ich sie täuschen sollen, Dezimus,
vielleicht vom Tode befreien durch ein erheucheltes Wort?«
    »Nein,« so beantwortete sie sich die Frage selbst, bevor er sie gleichfalls
mit Nein zu beantworten gewagt hatte. »Nein; ich halte sie höher als sie den,
welchen sie liebt, und ich halte auch ihn noch zu hoch, um zu glauben, dass er
durch eine Lüge gerettet werden könnte.«
    Wieder ging sie eine Weile stillsinnend an seiner Seite, dann hob sie von
neuem an, indem sie ruhig mit einem grossen Blick zu ihm in die Höhe sah:
    »Ja, Freund, ich habe diesen Mann geliebt so, wie seine Schwester verlangt,
dass ich ihn heute zu lieben heucheln soll; geliebt weit über die Stunde hinaus,
in der ich erkannt hatte, dass er nicht mein Leitstern durch das Leben werden
konnte und ich nicht der seine. Jahrelang hat der warme Puls sich gegen das
kalte Erkennen empört, habe ich lieber an mir selber gezweifelt als an dem, der
sich in einer Wallung vielleicht berechtigten Zorns von mir getrennt hatte. Die
Ferne blendet, Dezimus. Denn als er mir plötzlich wieder gegenüberstand, war er
ein anderer für mich geworden, der, - der er war. Ich wusste, dass ich an diesen
Mann nimmer hätte glauben lernen und dass die Liebe ohne Glauben eine Täuschung
ist. Wenn ich aber Ihnen, Freund, nach jenem unfreiwilligen halben Geständnis,
dessen Zeuge Sie wurden, dieses ganze freiwillig mache, so geschieht es, weil
ich Sie mit Erfahrungen ringen sehe, welche den meinigen gleichen. Mögen Sie es
nun als einen Vorwurf nehmen oder als einen Trost: auch Ihnen ist eine Liebe
ohne Glauben wider die Natur, und Ihr Puls wird eines Tages ruhig schlagen, wenn
Ihr Herz sich vielleicht am höchsten hebt.«
    Er drückte die Hand, die sie ihm reichte, mit stummem Dank an seine Brust;
dann trennten sie sich. Und was hatte er aus jenem Bekenntnis so Ergreifendes
herausgehört, dass kein Dankeslaut ihm voll genug erschien? Nichts als das eine
Wort: »Ich liebe Max nicht mehr.« Aber solch ein Wort durchzuckt wie ein
Sternenstrahl den Nebel!
    Im übrigen fand er in seiner Herzensstimmung weder mit Lydias bräutlicher
noch mit Sidoniens schwesterlicher Leidenschaft einen verwandten Zug. Wen das
Leben zwischen Güte und Liebe so warm gebettet hat wie ihn, dem wird ein
einzelner Mensch nicht zum zwingenden Idol; die Gefühle verteilen sich; und eine
Neigung, die aus der Wiege herauswächst, berückt das Herz nicht mit der Passion
für ein Zauberbild. Er hatte seine Rose geliebt so, wie sie eben war, und so wie
er selbst eben war, hatte er geglaubt, von ihr geliebt zu werden. Erwies sich
dieser Glaube als ein Wahn, nun wohlan! Er war kein Max, welchem ein ungeteiltes
Verlangen zum Sporn des Verlangens wird. Er forderte ein Herz für ein Herz, ein
ganzes Leben für ein ganzes Leben, und wurde es ihm versagt, nun - so wusste er
zu entsagen.
    Sehrlöblich, Freund Dezimus, höchstvernünftig! Nur mit Verlaub: dein
Biograph würde es heldenhafter gefunden haben, wenn du zu dieser löblichen
Vernunft gelangt wärest schon vor der Stunde, wo dein weisses Fräulein dir die
Eröffnung machte, es liebe seinen Einstgeliebten nicht mehr.
    Als Dezimus in die Pfarre zurückkehrte, erwartete ihn der nachstehende
Brief:
    »Lieber Dezimus!
    Ich habe Ihnen die Hand darauf gegeben, dass ich nichts ohne Ihre
Einwilligung unternehmen will, und ein Wort ein Mann! Nun sehen Sie, die See
läuft mir nicht davon, aber einen Krieg gibts nicht alle Tage, und weil die
Leute hier alle sagen, es ginge los, darum bitte ich Sie: lassen Sie mich mit
ins Feld wider den Dänenkönig. Unser Herr Pastor hat die Sache von der Kanzel
herab einen guten Kampf genannt, nur dass er freilich nicht von Blutvergiessen
dabei gesprochen hat. Was aber ein guter Kampf ist, das ist auch wert, dass ein
bisschen Blut darin vergossen wird. Nun sehen Sie, lieber Dezimus, ich verstehe
von den alten Traktaten kein Sterbenswort, und was hat mir der neue Dänenkönig
getan? Und unser preussischer König kriegt die Herzogtümer doch gewiss auch nicht.
Ich denke aber so: der dumme Streich, den ich nun einmal gemacht habe, wird
immer noch eher durch ein paar Tropfen Blut als durch ein Meer voll Salzwasser
abgewaschen; und nachher kann ich mich mit Ehren vor allen Menschen wieder sehen
lassen als ein richtiger Hartenstein, und, wer weiss, am Ende verdiene ich mir
noch einen Orden. Denn Courage habe ich, das können Sie mir glauben, Courage wie
ein Löwe!
    Ihr Bruder, der Amerikaner nämlich, will auch mit; das heisst, wenn er das
Fieber bis dahin los wird, das ihn ganz erschrecklich schüttelt. Der arme
Pechvogel! Zu Schiffe die Seekrankheit, zu Lande das Schüttelfieber, und im
Felde am Ende das Kanonenfieber! Nein, nein! Er ist ja Ihr Bruder, Dezimus. Der
Witz fuhr mir nur so heraus. Im Gegenteil, ich denke: im Feuer, da glückts ihm;
und weil er ein alter, preussischer Dreijähriger ist, machen sie ihn gewiss bald
zum Feldwebel und geben ihm die Litze. Der Steuermann, der würde wohl gar gleich
Offizier. Für sein Leben gern möchte er auch mit. Aber seine Frau lässt ihn
nicht. Sie denkt, er wird totgeschossen. Als ob das Wasser Balken hätte! In drei
Wochen sticht er in See und holt aus der Havanna, glaube ich, eine Ladung Tabak,
und wenn bis dahin kein Krieg wird, nimmt er mich mit. Viel lieber als in die
Teerjacke möchte ich aber erst ein Weilchen in den bunten Rock.
    Und darum, lieber Dezimus, bitte, sprechen Sie mit Lydia. Wenn die ja sagt,
brauchen wir den Vormund gar nicht erst zu fragen. An meine Mama schreibe ich
selbst. Dass die aber nichts dawider hat, weiss ich voraus. Umgekehrt wie Ihre
Schwägerin Stina fürchtet sie die Haifische zehnmal mehr als die Kanonen. Also,
mein guter, lieber Dezimus, ich verlasse mich wieder einmal ganz auf Sie und bin
und bleibe zu Wasser und zu Lande, auf Leben und Tod
                                                                             Ihr
                                                    dankbarer getreuer Philipp.«
    Das gab nun wiederum eine neue Gedankenwende. Dezimus stimmte seinem jungen
Freunde ohne Bedenken zu. Brannte ihm selbst doch der Boden unter den Füssen, und
hätte er doch kaum einen Kampf gewusst, in dem er sich freudiger aus seiner
heimischen Zwitterstellung befreit hätte. Der Vater dahingegen stimmte mit Lydia
in dem Zweifel überein, ob der Kampf, falls er entbrannte, eine Revolution zu
nennen sei oder, wie die Erhebung von 1813, die Verteidigung eines
unveräusserlichen Rechts, und nicht an dem weltfremden Greise und Weibe war es,
diese Frage zu entscheiden. Als aber ihr König im Namen Deutschlands sie
entschieden hatte, da hat selbst die Mutter ohne Zagen dem Jüngling zugerufen:
»Sühne dein Unrecht in einem Kampfe um das Recht!« Denn Soldatenblut ist ein
Erbe auch von Mann auf Weib, und eine zärtliche Ottilie, die an einem
Masernbette zittert, gürtet ihrem Sohne das Schwert wie die tapferste
Römermutter.
    Als dieser mütterliche Zuruf geschah, erdröhnte die stille Landschaft noch
von dem Donnerschlage des achtzehnten März. Wenn es aber wahr ist, dass ein
absterbender Baum, dessen Wurzeln mit Blut begossen werden, junge Triebe zu
spriessen beginnt, so glich der Greis, welcher mit seiner Liebe diese Landschaft
ein Menschenalter hindurch beschattet hatte, einem solchen Baum. Das Blut, das
in der Märznacht geflossen war, hatte seine Wurzeln begossen. In seinem
Vaterlande, in Preussen eine Empörung nicht nur versucht, - sondern gelungen!
    Eine lange Weile lag er von dem Niedersturz wie zerschmettert: die Kinder
hielten ihn für entseelt. Plötzlich jedoch richtete er sich empor, in Blicken,
Worten, Schritten ein Jüngling. Dezimus, vor seinem Stuhl auf den Knien liegend,
las in seinen Augen den Vorwurf: »Was zauderst du, Träumer? Eile, wohin in
dieser Stunde ein Mann gehört!«
    Als nun aber der Sohn, nicht länger bedenklich, die Ordre vorwies, welche,
gleichzeitig mit der Schreckensbotschaft eingetroffen, ihn als Reservisten zu
seinem Regimente einberief, da hätte er wahrlich nicht daran denken dürfen, als
stellvertretender, demnächst zu ordinierender Pfarrer gegen sie zu reklamieren!
(Er dachte indessen an nichts weniger als an Reklamieren.) Der Vater aber, um
ihm zu beweisen, wie entbehrlich fortan seine Aushülfe geworden sei, ordnete für
den nächsten Morgen die kirchliche Andacht an, mit welcher der Freund der Blumen
und des Sonnenscheins alljährlich Frühlingsanfang zu feiern pflegte. Bei dieser
Gelegenheit wollte er sich - nunmehr er der Stellvertreter des Sohnes - seiner
Gemeinde wieder vorstellen, und unmittelbar nach dem Gottesdienst sollte, ohne
erweichenden Abschied, der Sohn aufbrechen unter die Fahne.
    »Ein Windstoss hat die erlöschende Flamme wieder angefacht. Wenn du
heimkehrst, mein Sohn, wird sie niedergebrannt sein. Sammeln die Flammen der
Liebe sich denn aber nicht zu neuvereintem Leben auf dem ewigen Herd, von dem
sie sich ergossen haben?«
    Also sprach der Greis am Abend in der Kammer, in welcher er zum letzten Male
mit dem Sohne schlafen sollte, legte ihm die Hände auf das Haupt und dann sich
zur Ruhe. Bald schlummerte er friedlich wie ein Kind bis in den Morgen hinein.
    »Und wie scheiden wir?« fragte Dezimus, als er vor dem Kirchgang Rosen zum
Abschied die Hand reichte.
    Sie kämpfte ihre Tränen nieder und antwortete lächelnd: »Nun, ich denke, du
scheidest wie ein guter Bruder, der seiner törichten kleinen Schwester das Leid,
das sie ihm angetan hat, vergibt und ihr die Freiheit dankt, die sie ihm
wiedergegeben.«
    »Rose, hast du Max geliebt?«
    »Geliebt?« rief sie und schüttelte trotzig das Köpfchen. »Lieben einen, der
uns als Lockvogel für eine andere am Faden zappeln lässt? Nein, nein, nicht
geliebt! Nur froh bin ich gewesen - um hohen Preis - aber ohne Reue!«
    Der Vater trat bei diesen Worten ein. Er hatte zum erstenmal seit seiner
friedlichen Amtsführung das Eiserne Kreuz an den Talar geheftet, und so, als
Freiwilligen von 1813, führte der Reservist von 1848 ihn auf die Kanzel, die er
nicht wieder zu betreten gemeint hatte. Dort oben aber hielt der Greis über den
Paulusruf: »Wachet, stehet im Glauben, seid männlich und seid stark« jene
wunderbare Frühlingspredigt von der Treue im Wandel und Gottes Odem im Sturme
der Zeit, die eines grosssinnigen Königs Herz erweckt haben würde, die jedoch
auch in den Herzen seiner einfachen Hörer gezündet hat wie ein Prophetenwort und
nicht vergessen worden ist bis zur Stunde der endlichen Erfüllung. Für den Sohn
war es das letzte priesterliche Wort aus Vatermunde, und niemals wieder ist ein
Priesterwort ihm so tief in die Seele gedrungen.
    Zwischen den Gräbern der Mütter stand wie bei seinem ersten Scheiden aus der
Heimat Lydia. Sie haben kein Wort gesprochen, aber Auge in Auge haben sie eine
lange Weile die Hände ineinander gehalten. Die Treue im Wandel!
    Als Dezimus sein Bataillon, das zu dem Korps in den Marken gezogen worden
war, erreichte, hatte es eben den Befehl erhalten, in die Herzogtümer
einzurücken.
 
                                Die Mannesstufe
Beim Sturm auf das Danewerk wurde Dezimus durch den Arm geschossen, was nicht
leicht von einem Menschen für einen besonders glückhaften Aufschritt zur
Mannesstufe erachtet werden wird und von ihm selber am wenigsten dafür erachtet
worden ist, während, mit den Augen des Historikers, will sagen des Biographen
angesehen, es immerhin eine Schicksalsgunst genannt werden muss, wenn einer, der
als loyaler Waffenträger gute Miene zum bösen Spiel zu machen hat, das klägliche
Ende eines braven Anfangs, zu welchem er selber, soviel an ihm war, mitgewirkt,
hinter der Bühne erleben darf. Alles, was Politik heisst, gehört indessen nicht
zu der Geschichte eines Glücklichen jener Zeit.
    Allseitig wird dahingegen es als ein Treffer anerkannt werden, dass zu den
akademischen Kommilitonen, die mit ihm unter die Fahne gerufen worden waren,
auch Peter Kurze als freiwilliger Assistenzarzt seines Bataillons gehörte und
dass dieser treue Kumpan es war, welcher den Verwundeten nach einem rückwärts
gelegenen Lazarett geleitete und ihn allda der Pflege eines nicht minder treuen
und geschickten Kumpans überantwortete, der nämlich Bruder Friedens, des timiden
Amerikaners.
    Der arme Pechvogel war das Fieber nicht rechtzeitig los geworden, um als
»Bursche« zugleich mit dem lieben Junkerchen, an das er sein ganzes gutes Herz
gehängt hatte, in das Feld zu rücken. Sobald »die Laune« aber einen Tag über den
gewohnten Termin ausgesetzt hatte, rückte er seinem lieben Junkerchen nach.
    Schon während der Überfahrt stellte der Schütteldämon sich indessen wieder
ein; mühsam und langsam schleppte er sich voran, und da war es denn wieder
einmal Bruder Dezems Johannisstern, der auch dem armen Pechfriede zugute kam.
Denn schauernd und klappernd, weiss wie eine Wand, seines Endes gewärtig, hockte
er am Chausseegraben, als das Bataillon der Universitätsstadt, den Flügelmann
Frei an der Spitze, und mit ihm Hülfe in der Not, die Strasse dahergezogen kam.
    Freund Peter Kurze erbarmte sich des armen Teufels mit einer gehörigen Dosis
Chinin, steckte ihn auf einem Trainkarren unter und erzielte an dem ersten
Patienten seiner militärischen Praxis einen seiner rühmenswertesten Erfolge auch
auf dem bisher wenig kultivierten Gebiete der Psychologie. Natur- und
vernunftgemäss würde der vierzigjährige blöde Friede mit seinem dreitägigen
Schüttelfrost zum Sturmlaufen so wenig der rechte Mann gewesen sein, wie mit der
obligaten Würgenot zum Heringsfang; zum geduldigen Krankenwärter aber war er
»wie gemacht«; und da bei dem eiligen Aufbruch nach langjähriger Friedenspause
die Sanitätskolonne just nicht ausgiebig bestellt war, erschien Doktor Peter
Kurzen, dem die Organisation eines Feldlazaretts wesentlich oblag, der blöde
Friede als ein erwünschter Lückenbüsser, dem armen Pechfriede aber Doktor Peter
Kurze als endlicher Pfadfinder in Fortunas Zauberreich.
    Zur Zeit, als sein liebes Junkerchen, heil und munter wie jede Kreatur in
ihrem Element, überschäumend von Heldenmut, allerseits wohlangesehen und
wohlgelitten, mit der Zastrowschen Freischar im Vordrang nach Jütland begriffen
war, sass demnach sein projektierter alter Bursche, ebenso heil und munter wie
eine Kreatur in ihrem Element, ebenso heldenmütig in seinem Dienst, ebenso
wohlangesehen und wohlgelitten in Doktor Peter Kurzens Lazarett, verband neben
manchen anderen Wunden seines »lieben« Bruders zerschossenen Arm, legte kühlende
Umschläge auf seine Stirn, wachte nachts an seinem Bett und leistete, nachdem er
seiner Pflege entrückt war, einem weit bedeutenderen Blessierten noch weit
bedeutendere Dienste. Nach dem Waffenstillstand hat er dann seinen »lieben«
Herrn - dazumal Obersten -, in dessen persönlichen Dienst er getreten war, nach
seiner Garnison, der der Werbenschen Heimat zunächst gelegenen Festungsstadt,
begleitet, hat alldort unwissentlich in seines »lieben« Bruders Dezimus erstem
männlichen Stufenjahr eine ziemlich problematische Rolle gespielt und
schliesslich durch seines »lieben« Herrn, nunmehro Generals, Verwendung den
Posten eines Lazarettinspektors in einer schönen Stadt am Rhein erlangt, allwo
er heute noch lebt; nach langem Missgeschick einer der Glücklichsten, deren in
dieser Chronik von glücklichen Leuten Erwähnung geschah; und, was Doktor Peter
Kurzens wissenschaftliche Errungenschaft bei dem Falle anbelangt, der
handgreifliche Beleg, dass einem Individuum, dem der Sauerstoff der Meerluft
Würgen und der der Strandluft Schütteln erweckt, der Stickstoff eines
Krankenhauses die Atmosphäre ist, in der es gedeiht.
    Nachdem er des Wundfiebers Herr geworden, hatte Peter Kurze des Freundes
Missgeschick an Vater Blümel gemeldet und in jenes Namen angefragt, ob während
der voraussichtlich lange währenden Frist bis zu erneuter Kriegstüchtigkeit des
Sohnes Assistenz im friedlichen heimischen Pfarrhause gewünscht werde. Umgehend
und so diktatorisch, wie er noch keine aus Vatermunde vernommen, erhielt Dezimus
die Weisung, dass solche Assistenz nicht gewünscht werde. Der Vater wirke so
rüstig wie jemals in seinem Amt. Sobald er sich eines Beistandes bedürftig
fühle, verspreche er, den Sohn zu rufen. Derselbe solle sich gründlich
ausheilen, am ratsamsten in der kräftigenden Seeluft der Insel. Wenn er nach
seiner Herstellung sich arbeitsfähig fühle, ohne bereits wieder waffenfähig zu
sein, hoffe der Vater, dass er, um keinenfalls mit etwas Halbem abzuschliessen,
die aufgeschobene Ordination nachholen, dann aber unverweilt seine frühere
Lehrerstelle wieder einnehmen und, aller bindenden Verpflichtungen ledig, sich
noch einmal auf sein Lieblingsstudium hin einer Selbstprüfung unterziehen werde.
    Dezimus hatte seit Jahren nicht mehr an einen Wechsel des Berufes gedacht;
hätte das Geschick, an das er sich gebunden fühlte, ihm aber auch diese Freiheit
gestattet, nicht mit einem Sprunge würde er die Wendung vollzogen haben. Ob er
sich auf der Kandidaten- oder Pfarrersstufe noch einmal zu den Füssen eines
Kateders niederliess, in der Absicht, es eines Tages zu besteigen: was hätte es
im Grunde verschlagen? Nur wertvolle Zeit hätte es ihm erspart. Aber Glücklichen
mit seinem Pulsschlag eignet es nun einmal, allerwege reinen Tisch zu machen.
    Wenn der Vater nun plötzlich die aufgegebene Perspektive wieder eröffnete,
wenn er mit solcher Dringlichkeit beflissen war, den Sohn von der Heimat
fernzuhalten, so hat dieser die bewegende Ursache wohl geahnet und die
liebreiche Schonung tiefgerührt empfunden. Max war in die Heimat zurückgekehrt;
die öffentlichen Blätter hatten es gemeldet, Privatnachrichten Freund Kurzens es
bestätigt; dass aber weder des Vaters noch Lydias Briefe es erwähnten, dass
Sidonie ihm gar nicht schrieb und Rose, die früher so plauderlustige, nur
flüchtige Zettel über des Vaters Ergehen, das bezeichnete deutlich genug die
peinvolle Stellung, welche dem Liebenden oder auch nur dem Bruder erspart werden
sollte.
    Ob Max von Hartenstein tatsächlich an einem der revolutionären Ausbrüche
jener Zeit teilgenommen hat, ist für Dezimus wenigstens niemals an den Tag
gekommen. Zu denen, welche man die intellektuellen Urheber derselben nannte, hat
er unbestritten gehört, und unbestritten würde die Geschichte der Stufenjahre
dieses Glücklichen sehr viel spannender als die seines bescheidenen Nebenbuhlers
zu lesen sein, welch ein zwiespältig interessanter, modern romantischer Zauber
diesen Helden umwittern! In die Jugendgeschichte des Hirtensohnes von Werben
gehört indessen lediglich, dass der gleichzeitige Erbe eines alten ritterlichen
Namens und des steinreichen Bauers Johann Mehlborn, nachdem er die äusserste
Schattierung republikanischer Freiheit und sozialistischer Gleichheit öffentlich
vertreten hatte - wie in dem demokratischen Klub der Hauptstadt, so im
Frankfurter Vorparlament, dem er sich zugesellt -, sich nicht abhalten liess, als
Kandidat für das allgemeine Parlament aufzutreten, wennschon er in seinen
extremen Bestrebungen von der gemässigten Mehrheit jener Vorversammlung
überstimmt worden war.
    Er tat es in seiner Heimat, wo der Kavalier mit altem Namensklang und
splendider Hand leichteren Erfolg zu haben glaubte als der Volkstribun in der
Hauptstadt, nahm zu diesem Zweck seinen Herrensitz von neuem in dem stattlichen
Bielitz, und wohl ist es denkbar, dass der Frühling, den er dort verbrachte, dem
für erregende Kontraste so Empfänglichen der genussvollste seines Lebens gewesen
ist. Wie aber hätte er in irgendwelcher Stimmung und in dieser spannendsten
zumal, des Reizes galanter Huldigung und weiblicher Hingabe entbehren können?
Zwei schöne Frauen, beide begehrenswert, standen ihm gegenüber. Die eine liebte
ihn nicht mehr, die andere - vielleicht! - noch nicht. Reiz und Reizung hier und
dort. Und wenn die andere ihn vor kurzem wirklich noch nicht geliebt haben
sollte, war das ein Grund, dass sie jetzt ihn nicht dennoch lieben sollte? Jede
Lücke der Heimatsbriefe, welche ein ahnender Sinn auszufüllen hatte, deutete auf
das Glück zweier Liebenden.
    Der Aufentalt in der reinen Luft und der heuer selbst während der
gewöhnlichen Badesaison ländlichen Stille der Insel hatte Dezimus körperlich
gestärkt, der Verkehr mit dem trefflichen Pfarrherrn ihn geistig gefördert; und
wie es in dem Schwebezustand einer körperlichen und geistigen Herstellung häufig
eine mechanische Tätigkeit ist, welche das Gleichgewicht der Kräfte am
sichersten wiederherstellt, so war es die Geduldsprobe des Schreibenlernens mit
der linken Hand, welche gegenwärtig den Genesenden von dem schweren Zwiespalt
der Zeit und dem kaum minder schweren seines persönlichen Lebens heilsam
ablenkte.
    Ehe er im Spätsommer die Insel verliess, um sich zum Zweck der Ordination
nach der Hauptstadt seiner Provinz zu begeben, brachte ein Brief Freund Kurzens
ihm sehr verspätet die Kunde, dass »der rote Hartenstein« nicht nur in der
Kandidatur für das deutsche Parlament, sondern auch späterhin bei einer Nachwahl
für die preussische Nationalversammlung »gründlich durchgeplumpst« sei. Zwei
Kapazitäten der Gelehrtenrepublik waren aus der Urne hervorgegangen. »Rote und
Schwarzweisse,« so schloss der Getreue, »schreien unisono Zeter über den
unverbesserlichen deutschen Gusto für den zünftigen Zopf. Die ersteren wollen an
dem heimlichen Spukedinge, das sie zur Volksseele aufgeschraubt haben, schier
verzweifeln. Als ob man nicht Respekt haben müsste vor dem gesunden Augenlicht
einer Nation, die bisher nicht einmal der Wahl ihrer Nachtwächter gewürdigt
worden ist und nun im Handumdrehen über das Regiment eines - Notabene erst
nolens volens zusammenzukleisternden - - gewaltigen Reiches entscheiden soll,
wenn sie sich an die einzigen hält, die sie in aller Jämmerlichkeit niemals im
Stiche gelassen haben: an die Männer der Wissenschaft, an uns! Auch an dich,
alter Dezem, wird einmal die Reihe kommen. An Doktor Peter Kurzen ist sie
bereits gewesen. Hätte der Bruchteil jener edlen Volksseele, welcher im
Werbenschen Fleisch geworden ist, den Helden des einfarbigen, zwei- oder
dreifarbigen deutschen Zukunftsstaates zu stellen gehabt - beim ewigen Äskulap!
Transfusion ist die Losung auch für Dame Germania! - kein anderer als jener
Meister der Bluts-, staatsmännisch ausgedrückt: Stammverschmelzung, würde auf
das Schild gehoben worden sein. Auf zwanzig Stimmzetteln hat sein stolzer Name
geprangt; der des roten Junkers nur auf zehn, auf denen obendrein die
Handschrift der kleinen Sidi unverkennbar gewesen sein soll. Im übrigen ist er,
der rote Junker nämlich, wieder einmal über alle Berge.«
    Diesem Briefe folgte während des Freundes Inselaufentalt nur noch einer von
Lydia, in welchem sie ihm mitteilte, dass sie am Erntedankfeste zum ersten Male
und mit freudiger Überzeugung das Abendmahl aus der Hand seines Vaters zu
empfangen gedenke. Wäre der Termin für seine Ordination nicht bereits
festgesetzt gewesen, würde der Sohn diesen Freudentag des Greises mitgefeiert
haben als einen eigenen Freudentag.
    Länger als eine Woche blieb er von nun ab ohne Kunde aus der Heimat. Jener
Termin war unerwartet einige Tage früher, als er ihn dortin gemeldet hatte,
anberaumt worden; spätere Briefe mochten ihn daher noch auf der Insel gesucht
und nicht mehr vorgefunden haben.
    Er hatte seit Monaten nur Lokalblätter zu Gesicht bekommen; nun erst, im
Zentrum der Provinz, erfuhr er, wie kindisch aufgeregt es auch in diesem
gemütlichsten aller Landesteile, ja im unmittelbaren Umkreis von Werben
zugegangen war. Hatte man es, gottlob! bis zum Blutvergiessen auch nirgendwo
kommen lassen, wie viele betörte Exzedenten büssten den Frevel, einen Adler
abgerissen, ein Steueramt geplündert, die einberufene Landwehr aufgewiegelt zu
haben, mit langjähriger Festungshaft oder im glücklichsten Fall mit der Flucht
über das Meer! Und bei der Mehrzahl dieser Ausschreitungen wurde der rote
Hartenstein als heimlicher Anstifter genannt. Dezimus sah in seinem einstigen
Idol jetzt einen Feind; dennoch sträubte seine ganze Seele sich dagegen, ihn
verantwortlich zu machen für den Jammer und das Elend, das in unzählige Familien
getragen worden war. Von der Mutter eines seinen Eltern bekannten und werten
Arztes, eines bis dahin unbescholtenen, gebildeten, wohlsituierten Mannes, der
einen seinem letzten Zwecke nach durchaus unverständlichen Bauernaufstand
angefacht hatte, wurde erzählt, dass sie sich vor Kummer die alten Augen blind
geweint habe. Und alles das, was wenigstens den Vater bis auf den Herzgrund
erschüttert haben musste, hatte man dem Sohne verschwiegen. Aus Schonung - oder
warum sonst?
    Die bänglichste Ahnung übermannte ihn. Abgesehen von seiner Verwundung würde
er schon durch den geschlossenen Waffenstillstand seiner militärischen
Verpflichtung entoben worden sein. Des Vaters Widerspruch durfte ihn nicht
länger bannen. In der Nacht, die seiner Ordination folgte, brach er nach der
Heimat auf. Ach, mit welch anderen Empfindungen war er nach seiner vorjährigen
Prüfung in das liebe Haus zurückgekehrt! Wie öde war es darin für ihn geworden!
Nichts ihm geblieben als noch für etliche Wochen oder Monde die Vatertreue eines
Greises und nichts für alles Verlorene ihm gegeben als - freilich das Höchste! -
der Blick in Lydias hohe, reine Freundesseele.
    Früh am Morgen erreichte er die Werbensche Flur. Die Ernte war eingebracht,
das Leben auf den Feldern hatte aufgehört. Sobald er jedoch die Friedhofspforte
erreichte, umfing ihn dichtes Drängen und Treiben. Er brauchte nicht zu fragen,
was es bedeute. Neben dem Hügel der Mutter, die er geliebt hatte, war eine Grube
ausgehöhlt. Er erreichte das Haus nur noch zu rechter Zeit, um die treueste
Segenshand zum letzten Male zu küssen, den Deckel auf den Sarg seines Vaters zu
heben und dann den Friedensspruch über sein Grab zu sprechen.
Erst durch die Kanzelrede des Pfarrers von Bielitz erfuhr er den
wunderherrlichen Ausgang dieses teueren Lebens. Niemand hatte ihn, seitdem der
Greis die winterliche Abspannung so glücklich überwunden, in dieser Kürze
vorausgesehen. Rüstig wartete er seines Amtes, hielt mit der unerschöpflichen
Fülle seiner Liebe den schwersten Gemütsprüfungen stand. Am Sonnabend morgen
befiel ihn plötzlich eine Ohnmacht; er erholte sich von dieser; doch mag er das
nahende Ende vorgefühlt haben, denn er begann einen Brief mit den Worten: »Komm,
mein Sohn, den Vater zu vertreten - -.« Nach diesem Satze entglitt die Feder
seiner Hand; man drang in ihn, sich zu schonen, allein er bestand darauf, wie
alljährlich am Erntedankfeste, das Versöhnungsmahl zuerst sich selbst aus des
geistlichen Freundes Hand reichen zu lassen, dann es seiner Gemeinde
auszuteilen. Und ohne Zeichen von Schwäche schritt er am Morgen zum Gotteshause,
nahm erst selbst die weihende Speisung und darauf in seine Hand den Kelch, um
ihn der väterlich geliebten Freundin zu reichen, welche, an der Seite seiner
Tochter, sich zum ersten Male in seiner Gemeinde dem Tische des Herrn nahte.
Noch sprach er die Spendeformel mit sicherer Stimme, dann sank er zu Füssen des
Altars nieder - entseelt.
    So in Herrlichkeit mögest auch du einmal heimgehen, du Glücklicher, wenn
deine Stunde gekommen ist!
    Dezimus hatte bis jetzt Rosen nur flüchtig aus der Ferne gesehen, während
der Grablegung unter der Gartenpforte; dann während des kirchlichen Aktes im
vergitterten Pfarrstuhl; beide Male an Lydias Seite. Nun erst, nachdem alles
vollbracht, fiel es ihm auf, keines der anderen Geschwister gegenwärtig zu
finden, mit Ausnahme von Erikas Gatten, der aber auch unmittelbar von der Kirche
zum Bahnhof eilte, da seine Frau im Kindbett lag und er nicht über Nacht vom
Hause fern sein mochte. Rose hatte in der Überwältigung des Schlages die Anzeige
zu machen vergessen, und als Lydia sie nachträglich erliess, war es für die
entfernter Lebenden zu spät geworden, der Trauerfeier beizuwohnen.
    »Die Kleine ist in einem unzurechnungsfähigen Zustande,« meinte Schwager
Bauinspektor; »wohl begreiflich bei der Last, die sie sich auf das Herz geladen.
Du tust mir leid, armer Bruder! Brauchst du Beistand, rechne auf uns.« Damit
ging er.
    Dezimus entfloh den lästigen Beileidsbezeigungen, die ihn umschwirrten. Er
suchte Rosen. Im geistlichen Gemach, wo vor wenig Stunden der Sarg gestanden
hatte, kniete sie vor des Vaters Stuhl, das Gesicht in ihre Hände begraben. Auf
dem Schreibtisch unter dem Kruzifix lag lorbeerumkränzt das Eiserne Kreuz, das
Martin von Hartenstein dem Sarge des Veteranen vorangetragen hatte; daneben das
Blatt mit den letzten Zügen einer zitternden Hand:
    »Komm, mein Sohn, den Vater zu vertreten.«
    Lange stand Dezimus unbemerkt an Rosens Seite, und als sie darauf seine Nähe
spürte, starrten ihre Augen in unheimlicher Irre, als ob sie ihn nicht
erkennten. Er zog sie in die Höhe; schauernd und zitternd lag sie an seinem
Herzen, bis endlich ein Tränenstrom den Krampf der Seele löste. »Er hat mir
nicht mehr den Kelch der Versöhnung gereicht, aber lieb hat er mich gehabt bis
zum letzten,« schluchzte sie, »wird er mich auch liebhaben dort, dort, wo er nun
- alles weiss?«
    »Ewig!« sagte Dezimus, und dann führte er sie hinauf in das einstige
Familienzimmer, unter die verdorrten Blumenstöcke und die lange abgewelkten
Kränze ihrer Freudenzeit, und Hand in Hand feierten sie das Trauerfest ihrer
Verwaisung. Sie sprachen nur von ihm oder schwiegen in der Erinnerung an ihn.
Keine Frage über ihr gegenwärtiges Verhältnis oder das zu einem anderen wurde
laut. In Dezimus' Herzen aber hallte das letzte Vaterwort wider, und dieses Wort
bedeutete: »Bleib und hilf meinem liebsten Kind!«
    Und dass er bleiben werde, wurde als selbstverständlich auch in beiden
Gemeinden angenommen. Am Morgen hatten sie ihren alten Pastor hinausgetragen, am
Nachmittag kamen sie, ihren neuen Pastor willkommen zu heissen: die Kantoren, die
Schulzen, der Pächter, die grossen Hofbesitzer, alle voll Preis des
Abgeschiedenen, aber auch voll guten Zutrauens in den, welcher ihn ersetzen
sollte; alle jedoch nebenbei mit einem Etwas auf dem Herzen, das sich
befremdlich in Mienen, Achselzucken und halben Redensarten kundtat und immer
noch eher zu der Kondolation als zu der Gratulation zu stimmen schien. Seltsam!
während der Trauerfeier war es Dezimus kaum aufgefallen, und jetzt fiel es ihm
plötzlich ein: das Augenverdrehen und Kopfnicken und Schütteln und die Blicke,
die nach dem vergitterten Pfarrstuhl geworfen wurden beim Erwähnen der schweren
innerlichen Anfechtungen in des Greises letzten Lebenstagen. Waren die
Zeitzustände gemeint, des Sohnes Verwundung - oder - was sonst?
    Etwas deutlicher drückte sich der alte Tränhard aus, der bereits zu Vater
Klausens Zeiten die Schulzenwürde bekleidet hatte. »Sie dauern mich, Herr
Pastor; grausam dauern Sie mich,« sagte er seufzend, nachdem er eben erst
schmunzelnd des Herrn Pastors grausames Glück hervorgehoben hatte, in so jungen
Jahren und obendrein in seinem eignen Orte, in eine so schöne Stelle gerückt zu
sein. »Und dass der ehrwürdige Herr Pflegevater in seinen alten Tagen das noch
erleben musste!«
    »Was erleben?« hätte Dezimus fragen mögen, aber die Kehle war ihm
zugeschnürt.
    Der Emeritus Beifuss, als Respektsperson aus Bakelzeiten und als wandelnde
Glocke der Gemeinde, glaubte noch weniger ein Blatt vor den Mund nehmen zu
müssen. »Danken Sie Ihrem Schöpfer, Herr Pastor, dass Sie noch so mit einem
blauen Auge davongekommen sind,« meinte er. »Die Menschheit wird alle Tage
schlechter! aber, hören Sie, sehen Sie, ich habe dem Pudelkopf sein Lebtage
nicht getraut. Schon da sie im kurzen Kittelchen und gestickten Höschen, Tag für
Tag ein frisches Bukett im Schürzenbunde wie eine Bachstelze in meine Schulstube
gewippt kam, da habe ich zu meiner Frau gesagt: Julchen, habe ich gesagt, die
wird ihrem Manne einmal was zu raten aufgeben! Na, bis zum Manne ist es - Gott
sei Dank! - nicht gekommen. Aber, hören Sie, sehen Sie, Herr Pastor, wenn zweie
miteinandergehen, und es geht nachhero wieder auseinander, na, das kann einer
alle Tage passieren sehen. Liebesstand ist nicht Ehestand. Wenn der Liebste aber
für seine Liebste sein Blut vergossen hat und es um ein Haar bis zum Aufgebote
gelangt ist, und nur die Gesundheit kommt dazwischen und nachhero die Fasten und
nachhero der Krieg: mir nichts, dir nichts, bloss, weil er sich Herr Baron
tituliert, sich mit einem so nichtswürdigen Rebellen einzulassen, dem der
heilige Ehestand ein Kinderspott ist, dem alten ehrwürdigen Papachen ein
Schnippchen zu schlagen, mit dem buckligen Fräulein, das seinen leiblichen
Grossvater, um ihn nach Herzenslust bemopsen zu können, in alten Tagen zum
Saufaus macht, unter einer Decke zu spielen, alle Abende, - na, ich will nichts
weiter verraten, aber hören Sie, sehen Sie, Herr Pastor, nehmen Sie mirs nicht
übel, aber da steht einem der Verstand stille.«
    Die Pein der Gegenrede wurde dem armen Dezimus durch den eintretenden Martin
und den Rückzug des Emeritus erspart. Seit dem Frühling in die unferne
Festungsstadt versetzt, von welcher aus er mit blanker Klinge, aber gottlob!
ohne Blutvergiessen, die kleinen Unruhen der Umgegend hatte zerstreuen helfen,
war der brave Leutnant eilend herbeigekommen, dem Veteranen die letzte Ehre zu
erweisen, und hatte schon am Grabe geweint wie ein rechter Held, der sich seiner
Tränen nicht zu schämen braucht. Weinend stürzte er sich auch jetzt dem Freunde
in die Arme.
    »Das war ein guter Mann,« schluchzte er. »Auf Ehre! der Tod meines Vaters
ist mir nicht so nahe gegangen wie der seine; schon um des lieben Mädchens,
deiner Rose willen. Aber sie soll gerächt werden, als ob sie meine leibliche
Schwester wäre. Du darfst es nicht, weil du ein Geistlicher bist, und dir nimmt
es am Ende auch kein Mensch übel, wenn du ihn nicht forderst. Du bist ja kein
Offizier, nicht einmal bei der Landwehr. Aber ich, ich! Verlass dich auf mich!
Wie lange dürstet mich schon nach dieses Halunken Blut! Du denkst gewiss wegen
Lydias. Aber nein, Dezimus, nein. Lydias wegen tut er mir eher leid. Es ist
gewiss nicht leicht, mit ihr auszukommen; sie will zu hoch mit allen Menschen
hinaus, und am Ende ist sie es doch gewesen, die ihm den Laufpass gegeben hat.
Ich habe in der Geschichte niemals ganz klar gesehen. Aber unseren alten Namen
so schmählich in den Kot zu treten! Der rote Hartenstein wird er in den nobelen
Zeitungen geschimpft, und die Lumpenblättchen heben den roten Hartenstein in den
Himmel.«
    »Wo ist Max?« unterbrach ihn Dezimus, dem wahrlich die Geduld, zuzuhören in
dieser Stunde, herzlich schwer ankam.
    »Ja, wenn ichs wüsste, Freund! Seitdem der Cavaignac mit dem Pariser Plebs
reinen Tisch gemacht hat, scheint es ihm in Bielitz nicht mehr recht geheuer
vorgekommen zu sein. Wo es aber einberufene Landwehren aufzuhetzen, ein Zeughaus
zu plündern gibt und dergleichen, da wird der rote Hartenstein gewiss nicht weit
um die Ecke stehen. Es heisst, sie fahnden auf ihn. Und wenn sie ihn fassten! Es
wäre schauderhaft! Ein Hartenstein im Zuchtaus Wolle haspelnd wegen
Hochverrats! Eher schiesse ich ihn nieder. Einmal dachte ich schon ganz gewiss,
ich hätte ihn am Kragen. Es war bei dem sogenannten Doktorputsch; du wirst wohl
von ihm gehört haben. So ein Pflasterkasten! Was meinst du, Dezimus, wenn am
Ende Peter Kurze auch noch anfinge, die Republik auszurufen! Aber dieses
Hartensteinsche Genie muss Doktor Faustens Zaubermantel in Pacht genommen haben;
der Blondkopf, den ich statt seiner erwischte, war ein armer Hungerleider von
Schneider.«
    »Deine Voraussetzung ist eben eine irrige gewesen, Freund,« entgegnete
Dezimus. »Ein so gescheiter Mensch wie dein Vetter lässt sich nicht auf derlei
kindische Versuche ein.«
    »Nicht, etwa nicht?« eiferte der Leutnant. »Denke doch nur an den Napoleon
in Strassburg und dann noch einmal mit dem Adler in Boulogne! War der etwa auf
den Kopf gefallen? Sie sagen ja, er setzt es am Ende doch noch durch! Und
bedenke doch nur Maxens Wut! Von der Offiziersliste gestrichen zu werden! Ein
Hartenstein! Und warum? Um ein paar lumpiger Verse willen, die kein Mensch
gelesen hätte, wenn man nicht solches Wesen darum gemacht. Da kann einer
freilich zum Mordbrenner werden. Ich selber, wenn ich an die Schande denke, die
dadurch auf die Familie geworfen worden ist, da wendet sich mir das Eingeweide
um. Ich habe seitdem auch von keinem Menschen wieder ein Gedicht gelesen, und
ich danke meinem Schöpfer, dass ich kein Dichter bin. Weil Max aber einmal einer
ist, hat er mir aus dem Grunde am Ende immer leid getan. Und zweitens, Dezimus,
dass er sich in Röschen verliebt hat, das kann ich ihm, auf Ehre! auch nicht so
übelnehmen. Sie ist dir gar zu reizend! Freilich war sie deine Braut. Aber,
siehst du, dein Freund, wie ich, war Max am Ende nicht, und solche Geschichten
sind schon unter leiblichen Brüdern passiert. Und wenn er ihr, sei nicht böse,
lieber Junge, wenn er ihr, ich meine nur so, ein bisschen besser gefallen hat als
du, das solltest du dem armen Dingelchen auch nicht so sehr zur Last legen,
Freund. Ich finde dich schöner, schon weil du einen halben Kopf grösser bist als
Max, aber - de gustibus non est disputandum, so sagen ja wohl wir Lateiner.«
    Dezimus machte einen schwachen Versuch zu lächeln; der unwiderlegliche
Wortführer schöpfte Atem und geriet darauf allmählich in die blutdürstige
Stimmung, von der er ausgegangen war, zurück. »Aber siehst du, Dezimus,« fuhr er
fort, »ein schlechter Kerl ist der Max doch. Warum heiratet er Röschen nicht?
Und wenn er zehnmal den Namen Hartenstein trägt, seine Mutter war eine Mehlborn,
und wer mit blutroten Demokraten auf Duzbrüderschaft steht, der kann sichs doch
wahrhaftig nur zur Ehre anrechnen, wenn eine Pastorstochter ihn nimmt. Und denke
ich daran, da werde ich fuchswild. Aber ich finde ihn schon noch, und wo ich ihn
finde, - na, verlass dich auf mich! Es ist wahrhaftig auch an der Zeit, dass einer
von uns etwas für dich tut. Was sind wir dir nicht alles schuldig geworden! Erst
beim Magister, wie ich noch ein recht dummer Junge war und du mir so geduldig
nachgeholfen hast, und dann wegen Philipps, den du so klug und nobel aus der
Patsche gezogen hast. Denke doch nur, im Militärwochenblatte hat er mit Ruhm
erwähnt gestanden! Der Erste ist er oben auf der Schanze gewesen, zum Leutnant
haben sie ihn schon gemacht! Und unsereiner muss während der Zeit in dem
verdammten Festungsneste auf Wache ziehen und allerhöchstens einen verrückten
Pflasterkasten mit seinem Raubgesindel, ohne einen Schuss Pulver zu tun, zu
Paaren treiben. Zum Haarausraufen, sag ich dir, ist es, zum Kopfeinrennen!
Könnte man am Ende aber nicht an aller Naturphilosophie zum Narren werden, wenn
man erlebt, dass das grösste Genie in einer Familie ihren guten Namen dermassen an
den Pranger stellt, und der verlorene Sohn der Familie bringt ihn wieder zu
Ehren wie ein Held!«
    Nach dieser Bemerkung drückte er dem Freunde zum Abschied die Hand, da das
verdammte Festungsnest nicht über Nacht einem republikanischen Handstreich
ausgesetzt werden durfte, ohne dass ein Hartenstein zur Stelle gewesen wäre, um
ihn abzuschlagen.
    In Dezimus Freis Hirn sah es so wüst aus wie in seinem Herzen dunkel. Er
hätte heute kein Wort mehr hören, keinen Menschen mehr sehen können, Rosen am
wenigsten. Und wie dankte er Lydia ihr schonendes Zurückhalten! Ihm war, als
müsse er vor der Reinen selbst in Gedanken sein Angesicht verbergen.
    Und dann kam die Nacht; und wie der Strahl eines Springquells, der so hoch
steigt, wie er tief gefallen ist, und wiederum so tief fällt, als er hoch
gestiegen, so rastlos trieben Gram und Grimm in seiner Seele auf und ab.
    Früh am Morgen ging er hinunter zu Sidonien. Bei seinem unerwarteten
Eintritt flog eine Blutwelle über ihre abgezehrten Wangen. Sie reichten sich
nicht wie sonst die Hand, sondern standen sich eine Weile schweigend wie Feinde,
die sich messen, Aug in Auge gegenüber.
    »Wo ist Ihr Bruder?« fragte Dezimus endlich.
    »Da, wo Helden wie Sie und Ihr Freund Martin ihn nicht finden werden, falls
sie Lust haben sollten, sich von ihm das Lebenslicht ausblasen zu lassen,«
antwortete sie mit einem Ausdruck hämischen Zorns, der ihre klaren Züge widrig
verzerrte.
    In der nächsten Minute hatten sie indessen schon den gewohnten Ausdruck
wiedergewonnen. Die Lippen lachten, aber die Augen blickten ernst unter einem
Trauerflor. »Verzeihen Sie mir,« sagte sie ruhig. »Sie können sich nicht denken,
wie es mich seit Monaten aufbringt, in jedes Tropfes und in jedes Heuchlers
Mienen die Frage zu lesen: Wo ist Ihr Bruder, der rote Hartenstein? Ich weiss,
Sie spielen keine Rolle; ich wüsste aber auch wahrlich keine, welche zu spielen
Sie ein Recht hätten.«
    »Ich habe das Recht, im Namen eines Vaters, der seine Tochter unter meinem
Schutze zurückgelassen hat, zu fragen, ob es lediglich ein Spiel war, welches
mit dem Frieden eines Herzens und der Ehre eines Hauses getrieben worden ist,
oder ob - -«
    »Ist es Ihre Schutzbefohlene, die diese Frage Ihnen auf die Lippen gelegt
hat?« unterbrach ihn Sidonie mit dem vorigen höhnischen Klang.
    »Würde ich die Frage an Sie richten, wenn ich sie ihr nicht hätte ersparen
wollen?«
    »Vortrefflich! Hätten Sie ihr die Frage indessen nicht erspart, würden Sie
wissen, dass sie das Spiel lediglich mit sich selbst getrieben hat.«
    »Will das sagen, dass sie Ihren Bruder nicht geliebt?«
    »Geliebt? Natürlich hat sie ihn geliebt.«
    »Und er sie?«
    »Natürlich auch das.«
    »Und mit dem Vorsatz der Treue?«
    Sidonie lachte. »Das ist mehr, Verehrtester, als ich anzugeben oder auch nur
anzunehmen imstande bin. Entscheiden Sie daher nach eigenem Ermessen. Ist die
Zeit, in die wir geraten sind, eine, in welcher ein Max an Hüttenbauen denken
könnte?«
    »Also ein Spiel! Hat mein Vater es geahnt?«
    »Er muss doch wohl, weil er dem Amoroso schlechtin sein Haus verboten hat.
Allerdings wäre es weiser gewesen, das nicht zu tun; da er es aber einmal getan,
hätte sein sonst so kluges Töchterchen klüger gehandelt, wenn es nicht heimlich
- -«
    Dezimus liess sie den Satz nicht vollenden. »So habe ich nichts weiter zu
hören,« sagte er und wendete sich zum Gehen.
    Sidonie aber schritt ihm nach, legte ihre Hand auf seine Schulter und
sprach: »Bleiben Sie, Dezimus! Ich habe Ihre Freundschaft verloren, vielleicht
verscherzt. Indessen eine Viertelstunde könnten Sie für den Kameraden, der Ihnen
einmal etwelche Rittergüter in den Schoss werfen wollte, doch füglich übrig
haben, wenn nicht zu seiner Rechtfertigung, so doch Ihnen selbst vielleicht zu
Rat und Hülfe. Setzen Sie sich, Dezimus. Sie sehen übernächtig aus. So. Glauben
Sie mir, ich erkenne die ganze Misslichkeit Ihrer Lage. Lassen Sie uns bedenken,
wie sie zu erleichtern wäre. Ihnen die abgeschmackte und abgestandene Partie
eines Freund-Gemahls im Hintergrunde des ungetreuen Liebhabers zuzumuten oder
zuzutrauen, fällt mir nicht ein. Aber zu Ihrer Schutzbefohlenen in ein
geschwisterliches Verhältnis, wie Sie es zwanzig Jahre lang gewohnt gewesen
sind, zurückzutreten, das brächten Sie fertig, und es würde Ihren fernerweitigen
gemütlichen Bedürfnissen auf die Dauer auch kaum hinderlich sein, da über kurz
oder lang, ich meine aber über kurz, sich zuverlässig einer finden würde, der
das just nicht bequeme Hüteramt aus Ihren Händen nähme. Und wer weiss, ob dieser
eine nicht schliesslich dennoch der wäre, dem Sie es heute - nun dreist heraus! -
voreilig aufnötigen möchten.«
    »Bei Gott im Himmel nicht!« rief Dezimus aufspringend. »Sein Opfer ihm
entwinden will ich und werde ich; ihn wissen lassen, dass, wenn die bukolische
Laune ihn gelegentlich wieder anfliegen sollte, heute ein anderer sein Hausrecht
wahrt als der vertrauende, edle Greis, dem es so schnöde mit Füssen getreten
worden ist.«
    »Ich glaube Ihnen,« sagte Sidonie mit einem warmen Blick.
    »So ist es in Ihrer Natur, so verstehe ich Sie. Und nun geben Sie mir einmal
die Hand und zwingen sich, auch den zu verstehen, dem Sie feind geworden sind.
Ich meine sein Ideal. Denn auch er hegt ein Ideal, und zwar eines, das dem
Ihrigen durchaus nicht schnurstracks entgegenläuft. Nur dass Sie ein Ganzer im
kleinen sind, und er ist ein Halber im grossen. Er hat einmal gesagt, in jedem
Menschen stecke ein Faustschicksal. Das sage ich nicht. In Menschen Ihres
Schlags steckt es keineswegs. Aber in dem meines Bruders, da steckt es. Die Idee
fliesst aus Gott, zur Verwirklichung bietet Satanas die Hand. Meines Max Ideal
ist: Freiheit für sich selbst und für alle anderen Gleichheit. Er fühlt den
Widerspruch nicht einmal. Ohne Zweifel würde es ihm wie eine höchst sträfliche
Beschränkung seines Freiheitsrechtes vorkommen, wenn die Tagelöhner von Bielitz
und Werben, deren menschenunwürdiges Dasein ihn empört, eines Tages in seinen
menschenwürdigen Salon rückten und sagten: Herr Bruder, nimm du einmal zur
Ausgleichung unter unseren Schindeldächern fürlieb, und wir wollen uns zwischen
deinen Götterbildern gütlich tun. Oder: Das Versemachen und Redenhalten wollen
wir uns bis auf weiteres selbst besorgen; greife du einmal freundlichst zu Hacke
und Kelle und hilf uns, aus den Steinen dieses Schlosses, das wir niederzureissen
beabsichtigen, die Häuserchen bauen, von welchen, zum Dank für deine guten
Lehren, dir eines, nicht besser und nicht schlechter als die anderen, überlassen
werden soll. Derlei praktische Konsequenzen zieht aber ein Schwärmer nicht;
oder, wenn Sie so wollen, er macht mit der Praxis den Anfang nach seiner Manier,
indem er sein Geld zum Fenster hinauswirft. Immer noch besser, als wenn es in
Papa Mehlborns Eisentruhe verrostete. Lassen wir also sein sacré feu auslodern!
Weisheit oder Torheit, jeder Mensch bedarf eines Glaubens, um dessentwillen ihm
das Leben lebenswert und das Sterben sterbenswert erscheint. Die Zeit ist nicht
fern, wo er nicht mehr an seine Artikel glauben und einsehen wird, dass jedes
Philosophem, welches so flach ist, dass die grosse Menge es zu fassen vermag, dem
Funken gleicht, den eine Katze aus der Herdasche auf den Heuboden trägt und dass
- -. Aber Sie werden ungeduldig. Zur Sache denn. Held Martin, der mit seinem
gezückten Pistol bis in meinen stillen Winkel gedrungen ist, ist ein Narr, wenn
er Max zutraut, an den albernen Aufwieglungen dieser Gegend teilgenommen zu
haben. Er betreibt das Geschäft en gros, hat aber nichts anderes gesagt und
getan als hundert andere, auf welche zu fahnden zurzeit noch keiner Regierung
eingefallen ist, lebt unangefochten in Wien, Berlin oder Frankfurt, wo der
elektrische Strom sich just am anziehendsten entladet. Der Sinn steht ihm so
hoch wie je; er glaubt noch hartnäckig an den Aufschwung der Bewegung und ist
blind dafür, dass sie mit Riesenschritten niederwärts steigt. Wie still wird es
bald geworden sein nach dem wüsten Getös! Wie still dann zeitweise auch in ihm!
Alle meine Hoffnung beruht darauf, dass nach der unnatürlichen Überreizung die
natürlichen Reize in ihm zur Geltung kommen; zu oberst das Idyll, das er so
jählings abgebrochen hat. Sparen Sie ihm Ihre Rose bis zu diesem Wendepunkte
auf. Mit ihrem rücksichtslosen Realismus, mit ihren wohlbewusst verführerischen
Impulsen ist sie das Naturchen, das wie kein zweites für ihn passt. Sie haben mir
diese Taxierung schon wiederholentlich übelgenommen. Es hilft aber alles nichts:
eine Frau, die nicht reizen will, reizt auch nicht, und Rose hat bisher jeden
Mann gereizt, und ausserdem - liebt sie Max; ja, täuschen Sie sich nicht, sie
liebt ihn heute noch. Die Frage ist nur, wo und wie Sie Ihren anvertrauten
Schatz bis auf weiteres bergen sollen? Wären Sie nicht ihr Bräutigam gewesen,
oder wären Sie wenigstens nicht ein Landpastor, sagte ich einfach: leben Sie zu
zweien weiter wie bisher zu dreien. Für den Idealisten wie für die Realistin
steht ja doch ein heimlicher Sozius als Schutzwehr zwischeninne. Aber Sie sind
nun einmal, leider Gottes! dem Namen nach ihr Bräutigam gewesen, sind nun
einmal, leider Gottes! der Hirt einer Bauernherde geworden, und wer wirken will,
muss-traurig, aber unerlässlich! - sich der Bornierteit anbequemen. Keiner sähe
in Rosen wieder wie einstmals Ihre Schwester; sie würde unter Achselzucken und
Naserümpfen bestenfalls zu Ihrer Haushälterin herabgezogen werden, und Sie
selbst ständen auf einem verlorenen Posten. Nun sagte ich am liebsten: Schicken
Sie das Kind zu mir. Es wäre mir ein Trost für Auge und Herz, das kluge, holde
Geschöpf um mich zu haben, und an einem Nektar, welcher die kopfhängende
Seelenblume auffrischt wie die Liebfrauenmilch mein altes Väterchen, sollte es
ihr nicht fehlen. Ich bin zum Schwestersein geboren, und Musik und ein voller
Beutel sind für eine Rose gar sympatetische Medien. Aber da ist nun wieder
einmal der liebe Bruderstolz, richtiger ausgedrückt die moralische Ranküne. Das
Haus der kleinen Sidi ist dem ehrenfesten Hirtensohn zur Höhle geworden, in
welcher das Drachengift ausgebrütet worden ist. Und da weiss ich denn freilich
keinen besseren Rat als: bringen Sie Rosen zu der von ihren Schwestern, die
materiell am behaglichsten lebt. Lange aushalten wird sie es als Einschiebsel in
dieser häuslichen Beschränkung nicht, dafür ist sie zu selbsterrlich gewöhnt
und nicht zum geringsten verwöhnt durch den, welchen sie ihren alten Dezem
nannte. Aber es handelt sich ja auch nur um ein Interim. Der eine oder der
andere wird sie in die Freiheit locken, und von dem einen oder dem anderen wird
sie sich locken lassen - wiederum zu einem selbsterrlichen Regiment.«
    Dezimus entfloh ohne Gegenwort. Sidonie hatte Öl in die Flammen gegossen,
die sie beschwichtigen wollte. Was sie mit klaren Worten ausgesprochen, mit
halben ihn hatte ahnen lassen, ihre Voraussetzungen und Voraussagungen, das
Ziel, nach dem sie deutete, den Weg, auf den sie ihn wies, eines wie das andere
widerstand seinem innerlichsten Sinn. Nein, die Tochter Hanna und Konstantin
Blümels war nicht die berechnende Buhlerin, als welche die Schwester Maxens von
Hartenstein sie sah und mit eigennütziger Vorliebe sehen wollte. Mochte die
Leidenschaft sie verirrt haben, bis an den Rand eines Abgrundes verirrt, sie war
fähig und wert, durch die ernste Treue eines Mannes erhoben zu werden, gerettet
vor sich selbst, vor den Umstrickungen eines Schwelgers und dem Geifer der Welt.
Der aber, welcher, seitdem er von seinem Leben wusste, ihr als seinem nächsten
Menschen angehangen hatte, war gewillt, in einem anderen Sinne als vor einem
Jahr sein Herzblut mit ihr zu teilen.
    Im Wirbelkampf auf und ab wogender Gedanken ging er mit heftigen Schritten
den Talweg auf und ab. Oftmals hob er halb in Sehnsucht, halb in Schmerz den
Blick zu Lydias Fenstern empor; er hätte ihr sagen mögen »Entscheide du!« Aber
nein! Nur er allein hatte aus innerstem Gemüt in diesem Widerstreit zu
entscheiden, und bevor er den Spruch über seine Zukunft ihr zur Billigung
vortrug, hatte er ein Wort aus einem anderen Munde als dem ihren zu vernehmen.
Ihn graute vor diesem Wort, sein Fuss starrte, sooft er ihn hob, um in das Haus
zurückzukehren, das jetzt das seine hiess.
    Endlich entschlossen, war er bereits die ersten Weinbergsstufen
hinangestiegen, als ihm mit raschen Sätzen von oben herab einer, den er am
wenigsten erwartet hatte, sein Freund Kurze, entgegenkam. Dem Armen musste die
Kehle wohl jämmerlich trocken geworden sein, denn er biss erst in eine Traube,
die er sich im Vorüberrennen vom Stocke riss, ehe er, die Hülsen vor sich
hinblasend, dem Bergansteigenden zurief, dass er ihn aus den Pfarrfenstern habe
kommen sehen, und weil er nur noch zehn Minuten verziehen dürfe, ihm
entgegengesprungen sei. Er habe ihm eine Welt von Mitteilungen zu machen.
Dezimus solle ihn daher auf dem Dorfwege bis zur Schenke, wo sein Pferd
untergestellt sei, begleiten.
    Nach einem kraftvollen, Beileid und Glückwunsch zum Amtsantritt
vereinigenden Händedruck erzählte er dann, dass sein Bataillon, auf dem
Rückmarsch vom Kriegsschauplatz, gestern in der Nachbarstadt einquartiert worden
sei, um heute zur Verstärkung der Festungsgarnison weiterzurücken.
    »Mit den Donnerwettern über unsere Retirade,« meinte er, »wollen wir den
Zeitungshelden nicht ins Handwerk pfuschen. Die Ohren gellen mir davon, und die
Zeit ist edel; das Schlimmste vom Schlimmen aber, dass wir wohl in den
Friedensstand zurückgekehrt, aber nicht demobil gemacht worden sind. Wenn nur
wenigstens nicht die Feldzulage aufhört! Na, wer weiss, ob in der Festung nicht -
en passant - ein Coup zu machen ist? In unserem Gelehrtennest ist der
Gesundheitszustand zurzeit von kläglicher Erfreulichkeit. Man munkelte davon,
dass in der Festung etwelche angenehme Cholerafälle eingeschleppt worden seien.
Ist dir etwas davon zu Ohren gekommen, Alterchen?«
    Dezimus verneinte, und Peter Kurze seufzte: »Schadel!« fuhr aber darauf mit
natur- und vernunftgemässer Munterkeit in seiner Welt von Mitteilungen fort.
    Gleich nach dem Einmarsch sich zu einem Pfarrbesuch aufmachend, hatte er
zuerst vom Schenkwirt, bei dem er abgestiegen, dann ergänzend von Freund Martin,
dem er auf dem Wege nach der Pfarre begegnete, den Tod des prächtigen alten
Herrn samt »allem, was drum und dran hing,« haarklein erfahren und sich darum
gern von Martin bereden lassen, die Nacht, statt in dem Hause der Trübsal, auf
der erprobten Sprungfedermatratze des Schlosses zuzubringen; heute morgen hatte
er nun aber bereits länger als eine Stunde in Gesellschaft des armen Röschens
auf den sein Filial inspizierenden, neubackenen Herrn Pfarrer gewartet.
    »Das herzige Dingelchen, deine Rose!« rief er aus. »Und wie ihr die Trauer
steht! Nicht einmal das Weinen entstellt sie! Mag einer in der Welt herumkommen,
so weit er will, solch ein Schätzchen findet er nicht wieder. Und siehst du,
alter Freund, wie ich so den verweinten, schwarzen Blitzäugelchen
gegenübergesessen habe und den abgehärmten Grübchenbäckchen, die vorig Jahr noch
weisser aussahen wie heute und durch Peter Kurzens Kunst doch wieder zu
Rosenknöspchen aufgeblüht sind, da ist es mir wie eine Rakete durch das Hirn
geschossen oder meinetwegen durch das urkräftige Pumpwerk, Herz genannt:
Transfusion! probatum est! Peter Kurze wird zum zweitenmal ihr Doktor werden,
will sagen, unter heurigen hygienischen Umständen - ihr Gemahl! - Na, so reisse
doch deine Augen nicht wie Scheuntore auf, als spräche ich chaldäisch, Pastor
von einem Tag! Du nimmst sie doch nicht; denn warum? du hast sie schon einmal
gehabt, und es steht geschrieben: du sollst auf ein neues Kleid nicht einen
alten Lappen setzen, oder meinetwegen auch umgekehrt, keinen neuen Lappen auf
ein altes Kleid. Und sie passt zu einer Pfarrersfrau auf dem Lande auch ganz und
gar nicht; dahingegen für einen Doktor mit tüchtiger Praxis, in einer munteren
Stadt ist sie wie gemaust. Und ich brauche so bald als möglich eine Frau; denn
da der Feldchirurgie so schnöde der Garaus gemacht worden ist, gehe ich damit
um, meine Kunst vorzugsweise dem schönen Geschlechte zuzuwenden. Ein rentables
Geschäft und ein angenehmes; aber einem Junggesellen fehlt der Kredit: heiraten
tue ich sowieso, warum also nicht die, die mir von jeher am besten gefallen hat
und heute noch am besten gefällt? Weil sie eine Liebschaft gehabt hat? Na, habe
ich etwa keine Liebschaften gehabt? Ich sage dir, so eine Heilige, der das Herz
nicht einmal mit dem Kopfe davongelaufen ist, so eine Vernunftsbille, kann mir
gestohlen werden. Weil ein dicknäsiger Junker sie im Stiche gelassen? Nun just
darum ist es an Peter Kurzen, zu zeigen, wo heute die wahre Humanität zu suchen
ist. Einen Strich durch den Handel gemacht und fortan reinen Tisch gehalten.
Romane müssen sein. Weit besser gelebt als gelesen. Das kurze lustige Endchen
grüner Jugend um Gottes willen nicht vor der Zeit auslaufen lassen in eine
altersgraue Chaussee! Im biederen deutschen Vaterlande aber spielt das
Schlusskapitel am Altar. Oder etwa, weil Hinz und Kunz und Marte und Mieke die
Köpfe zusammenstecken und sich Schelmenworte in die Ohren flüstern? Was fragt
Peter Kurze nach Hinz und Kunz und Marten und Mieken, ausser wenn sie auf der
Nase liegen und er sie wieder auf den Strumpf bringen muss. Freilich, sie ist arm
wie eine Kirchmaus, und das ist allerdings ein Grund und ein sehr stichhaltiger
Grund. Aber bin ich nicht im Handumdrehen und - just durch diese meine erste Kur
zum Doktor Eisenbart geworden? Verstehe ich etwa keine Liquidation zu schreiben?
Habe ich mir nicht bereits ein rundes Sümmchen zurückgelegt? Siehst du,
Alterchen, ich habs mit diesem und jenem Goldfisch probiert; zuletzt sogar mit
der kleinen, schiefen Kröte, deinem guten Kameraden. Aber, weiss der Six! keiner
biss an. Na, ich habe mich an den Körben nicht lahm getragen, und heute danke ich
meinem Herrgott, dass er sie mir aufgebürdet; ich mag keine Reiche, als deren
untertäniger Diener ich ersterben müsste. Mich verlangt nach einem drallen,
blitzäugigen Weibchen, das zu mir sagt: Peter Kurze, ich habe ein bisschen an
Schwindel und Herzweh laboriert, aber du hast mich wieder gesund gemacht, Peter
Kurze, ich danke dir!«
    Dezimus lächelte, so wenig lächerrlich ihm zumute war. »Und glaubst du im
Ernst, guter Junge,« fragte er, »dass Rose Blümel dieses Habdank dir sagen kann
und wird?«
    »In Dreiteufels Namen, ich meine, in Gott Hymens Namen, warum sollte sie
nicht?« versetzte Kurze, laut lachend zwar, aber mit dem Selbstbewusstsein, das
dem Meister gestattet ist. »An der Partie, wie ich dir eben weitläufig
demonstriert, ist doch vernunftgemäss nichts auszusetzen, und an der Person, na,
was könnte sie an der wohl auszusetzen haben? Sieh mich doch an, altes Haus!
Steht mir die Uniform nicht wie dem schmucksten Leutnant von der Garde? Und wenn
ich erst hoch zu Rosse unter ihrem Fenster Parade machen werde -: Zu Pferd, zu
Pferd, da ist der Mann erst was wert! Nur ein bisschen Geduld; mit der Zeit
pflückt man Rosen. Heute freilich, heute, - na, geradezu abgewiesen hat sie mich
auch heute nicht.«
    »Wie - was - du hättest heute - einen Tag, nachdem ihr Vater - -«
    »Just darum heute schon. Was der Tod niedergeworfen hat, muss rasch durch das
Leben wieder aufgerichtet werden.«
    »Und - und - was hat sie dir geantwortet?«
    »Sprich mit meinem Bruder, dem ich fortan Gehorsam schuldig bin, Peter,« hat
sie gelispelt und die Augen dabei niedergeschlagen, und ich, na, ich hätte um
ein Haar laut auf ihr ins Gesicht gelacht. Gehorchen ihrem alten Dezem, den sie
seit zwanzig Jahren wie ein Kind seinen Hampelmann am Fädchen regiert! Da sie
ihn indessen einmal abwechslungshalber zu ihrem Vormund erhoben hat, halte ich
hiermit bei dieser Respektsperson kurz und bündig um ihrer Mündel zierliches
Händchen an und hoffe, sie sagt ebenso kurz und bündig - -«
    »Nein!« antwortete Dezimus kurz und bündig.
    Peter Kurze prallte drei Schritte zurück. »Wie, - was - nein?« schrie er
auf, verblüfft, wie er es vielleicht zum erstenmal im Leben war. »Nein! Nein!
Höre, Dezimus, nimm mirs nicht übel, aber, beim Äskulap! du bist nicht bei
Trost. Meine ich doch Wunder, aus welcher Patsche ich dich ziehe! An wen hab ich
denn bei der Geschichte gedacht? Na, natur- und vernunftgemäss, in erster Hand
freilich an mich selbst; und in zweiter, ebenso natur- und vernunftgemäss, an das
herzige Röschen, aber zu dritt, als guter Freund, doch an dich! Mein' ich doch,
dass du mir vor lauter Dankbarkeit an den Hals springen wirst! Und nun rundweg:
nein! Oder - solltest du etwa selber -? Na, freilich in dem Falle trete ich
zurück. Das muss ich jedoch sagen, Freund: Peter Kurze ist kein Zimperling, aber
eine derartige Retourkutsche wäre mehr, als Peter Kurze fertigbrächte.«
    »Den Grund werde ich dir ein andermal sagen, wenn er dir bis dahin nicht von
selbst klar geworden sein sollte,« versetzte Dezimus. »Sieh, da hält der Wirt
schon dein Pferd bereit. Es ist hohe Zeit. Gehab dich wohl!«
    Damit schlug er stracks den Pfarrweg ein.
    Freund Kurze schaute ihm kopfschüttelnd nach. Dieser gelassene,
mustervernünftige Kumpan! Ob er ihm nicht hätte eine Eisblase auf den
Gehirnkasten verordnen sollen! Erst nach dem jener hinter der Friedhofspforte
verschwunden war, schwang er, noch immer kopfschüttelnd, sich hoch zu Ross, um -
ohne Fensterparade - seiner Truppe nachzusprengen.
    Dezimus fand Rosen wie gestern im geistlichen Gemach, dem rechten Ort für
das, was er auszusprechen hatte. Sie sass in des Vaters Stuhl, den Blick auf das
lorbeerumkränzte Kreuz gerichtet, das sie wieder unter dem Rahmen befestigt
hatte. »Wenn ich ein Bild von ihm hätte aus der Zeit, da wir Kinder waren,
Dezimus!« sagte sie mit dem weichsten Klang, in dem er sie jemals hatte reden
hören. »Nun sehe ich über dem Gekreuzigten immer nur sein liebes Haupt so, wie
ich es im Sarge gesehen habe, und Tag und Nacht höre ich eine Stimme klagen:
Mein Kind, mein Kind, warum hast du mir das getan?«
    Dezimus setzte sich an ihre Seite und ergriff ihre Hand. »Rose,« fragte er
nach einer Pause, »hat der Vater um deine - deine Liebe gewusst?«
    Sie neigte schweigend den Kopf.
    »Und im Glauben an die - Zukunft sie - anfänglich wenigstens - gebilligt?«
    »Nein!« antwortete sie mit fester Stimme. »Er hat, weil ich nicht fort von
hier wollte, Sidonien und - ihm den Verkehr mit unserem Hause und noch
entschiedener mir den mit dem ihren untersagt, ich aber, ich - -«
    »Ich weiss das, still davon!« unterbrach sie Dezimus und sass dann, ebenso wie
sie, eine lange Weile in Gedanken versunken. Ja, dieses Kind, das die Reue so
tief, wie nur der Tod sie aufwühlt, hegte, das so ernstaft Leid trug, das Kind
des Mannes, dessen ganzes Leben auf Versöhnung gerichtet gewesen, es war es
wert, dem Leben versöhnt zu werden mit dem höchsten Opfer, welches der Sohn
dieses Mannes zu bringen imstande war.
    »Rose,« hob er von neuem an, »ein mal, ein einziges Mal lass mich einen Blick
bis in den Grund deines Herzens tun, und was er mir entüllt, soll dann zwischen
uns unberührt bleiben für das Leben.«
    »Frage!« sagte sie mit einem Augenaufschlag so gross und entschlossen, dass
auch ein Zweifelmütigerer als Dezimus an der Wahrhaftigkeit ihres Willens nicht
gezweifelt haben würde.
    »Nun denn,« fragte er, »du hast Max geliebt, aber hast du auch an seine
Liebe geglaubt?«
    »Ja, Dezimus, so fest wie er an die meine.«
    »Und an seine Treue?«
    »Nein. Er hat sie mir niemals versprochen, und ich habe niemals gefordert,
was ich wusste, das er nicht halten würde.«
    »Und hast ihn dennoch geliebt?«
    »Dennoch!« rief sie, und ein Strahl entzückter Erinnerung flog über ihr
blasses Gesicht. »Ich liebte ihn schon damals, als ich zu stolz war, es dir und
mir selber einzugestehen. Ich hatte ihn geliebt auf den ersten Blick, das heisst
seit jenem Winterabend; denn vor Jahren, da war ich noch ein Kind. Und als ich
ihn wiedersah, liebte ich ihn wieder. Und sähe ich ihn von neuem, ich glaube, -
nein, ich weiss es, ich liebte ihn von neuem. Dezimus, Dezimus!« setzte sie mit
einem Anflug schwermütiger Schelmerei hinzu, »es ist etwas an dem, was unsere
litauische Lene von den Liebestränken der alten Heiden erzählt. Aber - es sind
nicht die besten Menschen, die diesem Zauber verfallen, und darum wirst du,
Dezimus, ihn nicht einmal begreifen.«
    Er wusste genug. Er hätte ihr wie vorhin zurufen mögen: Höre auf! Sie aber
fuhr unerschrocken in ihrer Beichte fort:
    »Ja, Dezimus, sähe ich ihn wieder, ich liebte ihn wieder. Allein ich will
ihn nicht wiedersehen, niemals wiedersehen. Ich möchte vor ihm fliehen bis an
das Ende der Welt; ich möchte, dass es auch für uns Klöster gebe. Er hat mich
zuviel gekostet. Zuerst dich, Dezimus, und deinen treuen Bruderglauben, und dann
meinen Vater. Ach, wie viele Kinder haben denn solch einen Vater? Und er ist
betrogen von mir, vielleicht voll Jammer um mich in den Himmel gegangen!
Dezimus, es ist zu schön, einmal ganz glücklich gewesen zu sein! Aber alles, was
ich von Freuden genossen habe, gäbe ich darum, wenn ich um meinen Vater trauern
könnte reinen Herzens wie du.«
    »Er war ein Friedenbringer auf Erden und hat nicht aufgehört, es zu sein,«
sagte Dezimus innig bewegt. »Du wirst in Frieden um ihn trauern lernen, meine
Schwester.«
    »Glaubst du?« rief sie sichtbar belebt. »Ja vielleicht, wenn ich eine so
rechtschaffene Frau würde, wie unsere Mutter es war, und so viel Gutes täte wie
sie. Und darum,« setzte sie mit niedergeschlagenen Augen hinzu, »hat Peter mit
dir gesprochen, Dezimus?«
    »Ja.«
    »Und was hast du ihm geantwortet?«
    »Nein!«
    »Nein, Dezimus? Ihm genügt, was ich ihm zu geben habe.«
    »Vielleicht; aber es genügt mir nicht für dich. Auch in der Liebe macht
Geben seliger denn Nehmen. Du würdest ihn niemals lieben lernen, und dein Herz
hat noch nicht ausgelebt, Rose.«
    Er stand auf und machte ein paar Gänge durch das Zimmer. Sie blickte
betreten bald zu ihm hinüber, bald in ihren Schoss. Vor ihr stehen bleibend
fragte er darauf: »Würdest du jetzt noch wie einst gern und zufrieden neben mir
leben können, Rose, die Schwester neben dem Bruder und die teueren Eltern im
Geiste zwischen uns?«
    »Neben dir,« rief sie, »bei dir, mit dir, allezeit um dich! Und so
glücklich, wie ich es auf Erden noch werden könnte; vielleicht wieder ganz so
glücklich wie einst!«
    »So gib mir deine Hand, die Schwester dem Bruder. Wir wollen miteinander
leben als die, für welche die reinste Erdenliebe uns gebildet hat.«
    Sie reichte ihm die Hand, sagte jedoch dabei, anfänglich zaghaft, dann je
mehr und mehr entschlossen: »Aber wir dürfen ja nicht, Dezimus, du weisst ja, der
selige Vater hat es verboten, um der dummen Bauern willen verboten, damals
schon, als ich noch sein schuldloses Kind war. Und dann - dann, Dezimus, wenn er
nun wiederkäme, der, den ich niemals wiedersehen will? Nein, Dezimus, hier darf
ich nicht bleiben! Bringe mich fort von hier, wohin du willst, und wenn es zu
einer der Schwestern wäre, die alle das Haus voll Kinder haben und alle
bitterböse auf mich sind, weil ich mich so schmählich an dir vergangen habe, und
mich alle wegen meines Leichtsinns scheel ansehen würden und nicht ein bisschen
Geduld mit mir haben, wie du so viel. Und erst ihre Männer und deren Sippschaft!
Schrecklich, schrecklich! Tausendmal lieber unter Stockfremde, die nichts von
mir wissen. Wenn du es aber willst, Dezimus, gehe ich auch zu den Geschwistern.«
    »Weder unter Fremde noch zu den Geschwistern, wir bleiben beieinander, Rose,
aber - nicht hier.«
    »Wo du willst, Dezimus; auf einer wüsten Insel meinetwegen, nur beieinander
und nur nicht hier. Denkst du etwa noch auf die Sterne zu studieren und mich zu
deiner Schwester Studentin zu machen, wie wir es uns ausgemalt haben, als - ach!
als ich noch dein liebes Röschen war und du mein alter Dezem warst?«
    »Nein, mein Röschen, das denke ich nicht,« entgegnete Dezimus lächelnd. »Es
wäre ein weitaussehendes Brot. Ich bleibe, was ich bin, aber nicht hier. Was
meinst du zu einem Tausch mit Schwester Luisens Mann? Er hat sich längst ein
einträglicheres Amt ersehnt, und bei dem grossen Hausstand tut es ihm not. Wir
sind nur zwei, für uns reicht es zu. Ganz so freundlich wie in unserem Tal wird
es freilich in der preussischen Heide nicht sein; aber es ist weit entlegen.
Niemand hat uns dort gekannt; niemand wird etwas anderes in uns sehen als das,
was wir von heute ab einzig wieder sind, die Geschwister des bisherigen
Pfarrerpaares. Dort, in unserer lieben Eltern Heimat, wirst auch du, mein
Röschen, um deinen Vater in Frieden trauern lernen.«
    Sie war bei den letzten Worten zu seinen Füssen niedergeglitten und bedeckte
seine Hände mit Küssen und Tränen. »Dezimus, Dezimus!« schluchzte sie, »dich
konnte ich aufgeben, von dir mich abwenden, um eines willen, eines - -«
    »Still, still!« unterbrach er sie. »Nie wieder zwischen uns ein Wort von -
dem!«
    Er zog sie in die Höhe, setzte sich an ihre Seite, und ihre Hand ergreifend
fuhr er fort: »Glückauf also im Heidedorf, mein Röschen! Aber der Winter kann
über diesem Wechsel vergehen, und kaum wiedergefunden, möchte ich dich ungern
aus den Augen verlieren. Da weiss ich denn keinen besseren Rat, als dass du die
Zwischenzeit auf dem Schloss verbrächtest, bei - Lydia.«
    Er sprach den Namen sehr leise. Alles, was in seinem Entschlusse Opfer hiess,
wurde mit dem Namen ja angedeutet.
    Auch Rose zuckte zusammen. »Bei Lydia!« rief sie mit gerunzelter Stirn. Und
nach einer Pause: »Muss es sein, Dezimus?«
    »Wenn du Vertrauen zu mir hast: ja!«
    »Nun denn, so will ich. Aber - aber, wird auch sie wollen, Dezimus?«
    »Sie wird es,« sagte er mit Zuversicht.
    Er ging zu Lydia gehobenen Hauptes, aber mit bebendem Schritt. Sie allein in
dem Wandel, der sich um ihn vollzogen, hatte zu ihm gestanden in wandelloser
Treue; von dieser Einzigen sich zu lösen, dünkte ihm sich lösen von seinem
Stern. Auch sie erbleichte, als er ihr seinen Entschluss mitteilte; ihre Augen
füllten sich mit Tränen, und lange, nachdem er ausgeredet hatte, schwieg sie
noch still. Dann aber sagte sie mit schöner Freude: »Ich wäre dieser Wahl für
Sie vielleicht nicht fähig gewesen, Freund. Aber sie ist die würdigste, die Sie
treffen konnten, und fern oder nah, wir bleiben, was wir uns geworden.«
    Und als er darauf sie bat, seine Schwester in ihre Obhut zu nehmen, da
stutzte sie zwar einen Augenblick, sagte aber auch dann, indem sie ihm die Hand
reichte, mit Freudigkeit: »Ich werde sie zu lieben suchen so, wie Sie meinen
Bruder geliebt.«
Noch von keinem Menschen war der Hirtendezem so dankbar als glückbringendes
Johanniskind verehrt worden wie von Schwester Luischen und ihrem Manne bei dem
Vorschlage des Ämtertausches; auch machte dieser, da Lydia als Patronin von
Werben mit ihm einverstanden war, nur bei dem jenseitigen Konsistorium einige
Weitläufigkeiten, und man hatte sich bis zu deren Erledigung, etwa zu Anfang des
nächsten Jahres, zu allseitiger strenger Heimlichhaltung verpflichtet. War doch
des ärgerlichen Geträtsches in Gemeinde und Umgegend übergenug laut geworden.
    Ein Liebling der Pfarreingesessenen, wie ihre älteren Schwestern, war das
neckische Röschen von jeher nur bei den besonderen Gelegenheiten gewesen, wo sie
kam, einer Mieke und Marte den kunstvoll gewundenen Brautkranz um den Zopf zu
legen, oder einem Hinz und Kunz den Totenkranz auf den Sarg. Bauern lieben
gesetzte Leute. Ihre rücksichtslose Leidenschaft hatte die Abneigung dann zu
einem Ärgernis gemacht und der jähe Tod des Vaters das Ärgernis nahezu zu einem
Mord. »Die Schande hat ihm das Herz abgedrückt,« hiess es. Nun jedoch, da man die
heillose Kreatur, anstatt sich in den hintersten Weltwinkel zu verkriechen, als
Gesellschafterin der unantastbaren Schlossdame unter den Augen der Gemeinde
weiterleben sah, dämpften die schwarzen Gesichte sich in ein zweifelhaftes
Nebelgrau ab; bald vielleicht würden sie sich vollständig verzogen haben. Hatte
im Jahre der Demokratie die adlige Herrschaft auch viel von ihrem Nimbus
eingebüsst, so war durch Lydias aufopfernde Wirksamkeit während der kürzlichen
Elendszeit nahezu ein Heiligenschein um die unsere gewoben worden; und wahre
Güte wirkt ja allerwärts wie ein reinigender Quell.
    Rose bezeigte sich tapfer und Lydia milde wie ein Engel. Wohl miteinander
werden konnte es indessen den beiden ungleichartigen Naturen, deren Geschick
sich so eigenartig in den Herzen der nächsten Menschen verschlang, keineswegs,
und wohl zumute war auch keineswegs dem Freunde, der ihnen diese Prüfungszeit
auferlegt hatte; wohl nicht einmal, wenn er ausser ihrer Nähe war. Denn das soll
keiner glauben, dass das Bewusstsein, recht zu tun um schweren Preis, uns von
vornherein wie ein Johannissegen erquicke. Erst wenn die Wolken sich gelichtet
haben, baut der Friedensbogen sich auf. Es waren die ersten Monate
unüberwindlichen Missmuts, die Dezimus durchlebte. Bei dem bewussten kurzen
Interim konnte ihm ein Frohgefühl heimatlichen Wirkens nicht kommen; es lohnte
sich kaum, Beziehungen anzuknüpfen, die sich nicht befestigen sollten, ein
Samenkorn auszustreuen, dessen Aufgehen nicht einmal er gewahren durfte und von
dem er nicht wusste, ob sein Nachfolger es in seinem Sinne pflegen werde. Zum
ersten Male seit Jahren und stärker denn jemals wachte der alte Sternengenius in
ihm auf, und in mancher schlummerlosen Nacht rang er mit dem Versucher, der ihn
von der Kanzel im nordischen Heidewinkel auf die Warte des Chaldäers lockte.
    Dazu der Zwiespalt im Weltwesen. In ruhigen Zeiten nimmt man Exaltationen
gleich denen, welche in diesem Sommerhalbjahr von Land zu Land aufloderten,
nahezu für Krankheiten, über welche der Irrenarzt zu befinden hat; und diese
Erinnerungen werden in beruhigten Zeiten aufgezeichnet. Gesagt sei darum nur,
dass für den jungen Pfarrer von Werben dieses Halbjahr der Tat eine reifende
Schule gewesen war. Er blickte jetzt nicht mehr von fern auf ein
unverständliches oder gleichgültiges Treiben, er sah die Wetter über ihm brauen
und unter ihm sich entladen. Nach Anlage, Erziehung und Schicksal stand er auf
einer mittleren Höhe, auf der er jedoch mit aller ihm eignenden Standhaftigkeit
sich behauptet haben würde. Er bedurfte, um sich frei zu fühlen, nur eines
bescheidenen Raumes, aber innerhalb desselben reiner Luft und eines klaren
Lichtes. Hatte nun bisher der Orkan heiss von Südwesten getobt, so erhob sich von
Tage zu Tage frostiger von Nordosten her der Gegenstrom. Schweres, graues
Novembergewölk trübte die kurze Tageshelle; wer mochte sagen, ob der
Niederschlag noch einmal als zündendes Gewitter oder als dämpfendes
Schneegestöber erfolgen werde?
    Wenn nun aber schon er, der fest und mässig Gerichtete, an einer befreienden
Klärung verzweifelte, wie tief musste Sidonie, deren Neigung und Überzeugung so
weit auseinanderstrebten, unter diesen wechselnden Strömungen leiden? Er hatte
sie nicht wiedergesehen, war aber zu lange ihr Freund gewesen, um nicht zu
spüren, unter welchen Kämpfen sie die Skala der Widersprüche eines starken
Geistes, welchen die Liebe schwach macht, durchzitterte; und bei aller
innerlichen Entfremdung fehlte ihr anregendes Wesen ihm wie ein Gewürz, an
welches der Gaumen sich gewöhnt hat. Sie siechte auch körperlich und verliess ihr
Haus nicht mehr. Dem alten Kinde, zu dessen Wärterin sie sich aufgeworfen hatte,
wirkte der Göttertrank nur noch als Opiat; bei jeder Augenwende konnte der
Halbschlummer in den ewigen hinübergeglitten sein; von den Menschen, mit denen
die Mitteilsame im vorigen Winter so anmutend verkehrt hatte, war auch ihr nur
Lydia treu geblieben, aber Lydias Gegenwart zog ihr das Herz zusammen, während
die der einzigen, die es ihr flott gemacht haben würde, weil auch sie liebte,
trotz allem und allem liebte, Rosens Gegenwart, ihr versagt war. Wohin Dezimus
blicken mochte, in sich wie ausser sich, sah er Unruhe und Missbehagen.
    Und der lange drohende, lange ersehnte Niederschlag erfolgte denn endlich
auch so, wie des jungen Mädchens feinspürender Sinn ihn schon vor Monden
verkündet hatte - ohne Blitzeszünden. Fast scheint es, als ob auch in der
geistigen Natur die elektrische Spannung beim Nahen der winterlichen Sonnenwende
nicht so mächtig ist, als wenn im Frühling Tag und Nacht sich gleichen. Die
furchtbleichen Häupter richteten sich trotzig empor, die siegflammenden Wangen
entfärbten sich. Viele, die wild gewesen waren, wurden zahm, manche, die zahm
gewesen waren, wild; nur wenige blieben sich unerschütterlich treu; dass aber Max
von Hartenstein, der Dichter und Rhetor der Revolution, zu den Getreuen seines
Glaubens jetzt um so ritterlicher stehen werde, hat keiner seiner Freunde oder
Feinde bezweifelt. Auch Sidonie sah in ihm jetzt einen seiner Heimat Verlorenen;
sie grübelte Tag und Nacht über eine gesicherte Neugestaltung seines Lebens,
hätte unverweilt sich mit ihm in der Ferne vereinigen mögen und war doch an den
Schlummerstuhl des blöden Greises gefesselt. Im Schloss von Werben glaubte man,
dass Max sich in das Ausland gerettet habe.
    Der Schlag, der in der Hauptstadt gefallen war, zitterte in den Provinzen
nur mässig nach; in unserer Gegend war es überhaupt fast ausschliesslich die
Festungsstadt, als Enklave rings von erregten Kleinstaaten umgeben, in welchen
die Schürungen von vornherein einen lebhafteren Anklang gefunden. Hatten doch
schwarzsehende Kannegiesser schon im Sommer dem sogenannten Doktorputsch eine
gefährliche Wichtigkeit zugemessen, indem sie, als sein Ziel, einen Handstreich
auf diesen festen Platz ausgewittert. Unbestritten gärte in der niederen
Bürgerschaft ein gewisses, unruhiges Treiben, gedämpft allein durch das
geschickte und energische Auftreten des kommandierenden Generals.
    Da ein Teil der Besatzung der Armee in den Marken zugeteilt worden war,
hatte man neuerdings zur Verstärkung der Garnison die Reservisten und jüngsten
Landwehrklassen der umliegenden Bezirke einberufen, und es gehörte, wie es bei
solchem schematischen Verfahren wohl zu geschehen pflegt, der Reservist Frei zu
diesen Einberufenen, obgleich er als ordinierter Pfarrer von allen
Mordgeschäften entbunden gewesen wäre, selbst wenn er den zum Regieren der
Mordwaffen erforderlichen Arm nicht in der Binde getragen hätte. Er hatte sich
seit Wochen einen Ausflug nach der Festungsstadt vorgenommen, bevor er in sein
neues Amt übersiedelte; er glaubte dem redlichen Freund Kurze die Mitteilung
dieser geplanten Lebenswendung schuldig zu sein, gedachte, von seinen
kriegerischen Kameraden Abschied zu nehmen, Martin und seine gütige Mutter noch
einmal wiederzusehen, da er ja einen wie den anderen vielleicht für immer aus
den Augen verlor; vor allem aber verlangte ihn, seinem Bruder, der in der Kürze
seinen »lieben Herrn«, anjetzo General, in dessen neue Garnison begleiten würde,
noch einmal die Hand zu drücken. Die Einberufung beschleunigte nun die
Ausführung dieses Plans. Es mutete Held Dezimus plötzlich an, den Schematismus
zu übergipfeln und anstatt sich schriftlich abzumelden, es persönlich an Ort und
Stelle zu tun. Möglich, dass sogar eine Art von loyaler Demonstration - um ihrer
Wohlfeilheit willen verschämt! - im Hintergrunde schimmerte. Die Einberufung war
nirgendwo mit patriotischem Hochgefühl begrüsst worden, die gehorsame
Folgeleistung des verwundeten Pfarrherrn dürfte etwa murrenden Wehrkameraden
daher immerhin ein wackeres Beispiel geben. Kurz und gut, Held Dezimus war
gewillt, für ein paar Tage seine Misslaune gemütlich und patriotisch zu
zerstreuen.
    Als er am Nachmittag aus der Stadt, wo er die Vorkehrungen für seinen
Ausflug getroffen hatte, zurückkehrte, stürzte ihm die litauische Lene, die
seine Haushälterin geworden war, mit verstörten Mienen entgegen. Der »schandbare
Junker« war wieder da! Ja, er hatte die Schandbarkeit so weit getrieben, um
frank und frei auch auf dem diesseitigen Ufer spazieren zu gehen, am Hünengrabe
vorbei, die Gartenmauer entlang, über den Gottesacker, wo er eine lange Weile
vor dem frischen Hügel des alten Pfarrers still gestanden, durch das Dorf und
unterhalb der Schlossterrassen bis zum Fährboot, in welchem er auf Mehlbornschen
Grund zurückgekehrt war.
    Die alte Lene hatte dem dazumal »scharmanten« Junker mehr als erlaubt
goldene Brücken gebaut, solange sie an ihn als ihres Herzblättchens Zukünftigen
geglaubt; nun er das Herzblättchen so schandbarerweise in Verruf gebracht hatte,
war die Hölle nicht heiss genug für den Teufelsbraten geheizt. Auch hatte, ihrer
Darstellung zufolge, der Höllenkandidat sich bereits zu einem richtigen
Räuberhauptmann umgemodelt, trug statt der zierlichen Locken von ehedem einen
wilden Haarwuchs, statt des blonden Schnurrbärtchens auf der Oberlippe einen
fuchsroten, struppigen Vollbart, und was er auf dem Leibe hatte, war der
Wüstigkeit des Hauptschmuckes entsprechend. Aber die alte Lene litt an blöden
Augen und nicht bloss im Traume mitunter an feindlichen Erscheinungen. Ihrem
jungen Herrn wollte diese neueste Erscheinung nicht recht einleuchten. Selbst
Sidonie hatte, da sie keine Kunde von ihm oder über ihn erhalten, ihren Bruder
ausser Landes in Sicherheit geglaubt. Sollte sie die Gefahr für ihn so wesentlich
überschätzt haben? Indessen ging Dezimus die Sache doch im Kopfe herum, und so
begab er sich nach dem Schloss, sie mit den Freundinnen zu beraten.
    Rose kam ihm nicht wie sonst, wenn sie seinen Schritt auf der Treppe
erlauscht hatte, entgegengesprungen. Auch im Wohnzimmer sass Lydia ruhig lesend
allein. Doch bestätigte sie die feindliche Erscheinung. Max war gesehen worden,
zwar nicht von ihr selbst, aber von dem alten Wagner und, am entscheidendsten,
von Rosen, als er, eine lange Weile am Ufer auf und ab schlendernd, sich mit
etlichen begegnenden Landleuten und auch mit dem alten Fährmann unterhalten
hatte; durchaus gegen seine bisherige höflich ablehnende Gewohnheit. Denn der
volksfreundliche Dichter besass die feinen, empfindlichen Sinnesnerven
geistreicher Köpfe; er konnte den gemeinen Mann - selbstverständlich nur
buchstäblich genommen - nicht riechen. Wo aber eine reale Antipatie der idealen
Sympatie in das Gehege kommt, behält leider gewöhnlich, und nicht bloss bei für
Gleichheit schwärmenden Aristokraten, die Antipatie die Oberhand.
    Kein Zweifel demnach: Max wollte bemerkt sein, wollte zeigen, dass er nicht
so kompromittiert sei, als selbst seine Schwester angenommen, dass er sich
vollkommen sicher fühle und vielleicht sogar die Absicht hege, das ländliche
Herrenleben fortzuführen. Lydia konnte nicht verhehlen, dass Rosen, trotz der
Herrschaft, die ihr über das bewegliche Temperament gelinge, eine starke
Erregung anzuspüren gewesen sei; sie riet, das arme Kind aus der beunruhigenden
Nähe zu entfernen, bis der Grund jenes geflissentlichen Gebarens sich aufgeklärt
haben werde.
    »Denn,« so sagte sie, in seltener Übereinstimmung mit Sidonien, »warum
sollte für diesen unsteten Geist ein endliches Bedürfnis der Treue undenkbar
sein? Warum sollte er nach der alle Kräfte überspannenden Aufregung in
häuslicher Herzlichkeit nicht Frieden suchen und finden? Rose liebt ihn, so wie
er ist, und so wie sie ist, das heisst viel charaktervoller, als ich das
anmutsvolle Kind bisher beurteilt hatte, wüsste ich kein geeigneteres weibliches
Wesen, um ihn nicht nur zu reizen, sondern auch dauernd zu fesseln. Für sie
selbst und auch für Sie, Freund, wäre dieser Abschluss aber jedenfalls weit
natürlicher als der, welchen Sie hochherzig in das Auge gefasst haben.«
    Sie schlug nun vor, dass Rose ihren Bruder auf seiner kleinen Reise begleiten
und einige Zeit bei Frau von Hartenstein, die sie wiederholt freundlich zu sich
eingeladen hatte, verweilen solle.
    Dezimus ging in Rosens Zimmer; der Abend dämmerte. Sie lag auf dem Sofa, die
Augen halb geschlossen, die Lippen halb geöffnet, die Wangen flammend wie im
Fieber. »Du weisst es?« rief sie ihm entgegen und - aufgewachte Erinnerungen,
aufgewachtes Verlangen, aufgewachte Hoffnung - nur nicht aufgewachte Furcht
klang aus dem Vibrieren ihrer Stimme. Hatte er Lydias Vorschlag ihrer Wahl
anheimgeben wollen, so sprach er ihn jetzt aus als unumstösslichen Entschluss.
    Sie machte jach eine abwehrende Bewegung, sann aber dann eine Weile nach und
sagte endlich: »Ja, ja! bringe mich fort!« Freiwillig versprach sie auch, da die
Reise erst am übernächsten Tage angetreten werden konnte, sich nicht aus dem
Schloss und Lydias Nähe zu entfernen.
    Hätte Sidonie ihr Gebaren zu deuten gehabt, sie würde gesagt haben: »Es
heisst hoffen, nicht verzichten. Der kleine Schlaukopf hat gelernt, wie ein Max
zu fesseln ist.«
    Lydia und Dezimus dahingegen sagten: »Sie kämpft gegen einen natürlichen
Zauber, aber mit dem Willen, ihn zu besiegen.«
    Beide hatten vielleicht recht. Im Wogen der Leidenschaft tauchen Dämonen und
Genien nebeneinander in die Höh und wieder unter. In den Krisen, die sie
aufwirbelt, entscheidet aber ohne Wahl ihr Erstgeborener, der Affekt.
    Der folgende Tag verging ohne Behelligung und ohne Spur von dem feindlichen
Zauberer. Hielt er sich zurück? Hatte er die Gegend wieder verlassen? War er -
eine Phantasmagorie des Hasses und der Sehnsucht - vielleicht gar nicht
dagewesen? Um nicht schlechtin in das Blaue hinein zu handeln, war Dezimus nahe
daran, geradenweges Sidonien zu befragen, ob ihr Bruder die Absicht hege, sich
in der Heimat niederzulassen. Nach besserem Besinnen verschob er indes die Frage
bis nach seiner Rückkehr. Er gönnte unter allen Umständen der armen Rose einen
zerstreuenden Wechsel, und hatte die Gefahr sich verzogen, war eine Heimholung
ja leicht bewerkstelligt.
    Sie fuhren ab. Rose lachte, und Dezimus lachte selbst über die Figur, welche
er in seinem Reisekostüm spielte. Weil eine scharfe Luft wehte und der
verbundene Arm sich nicht bequemlich in den wärmenden Paletot fügen wollte,
hatte er über den langen schwarzen Pfarrerrock den kurzen, bunten Soldatenmantel
gehängt und dementsprechend im Coupe den hohen, steifen, schwarzen Hut mit der
handlichen Feldmütze vertauscht, die er zufällig in der Tasche des Mantels fand.
Zahlreiche Wehrleute füllten von Station zu Station den Zug, da der morgende Tag
der der Gestellung war. Der Nachmittag war vorgerückt, bevor das Ziel erreicht
ward.
    Als man das dunkle Festungstor passiert hatte, fand man den Bahnhof
militärisch besetzt, der umgebende Wall war mit Kanonen bepflanzt, aus dem
Inneren der Stadt hörte man Schüsse fallen.
    Auf dem Perron wirres Treiben und Drängen; Angst und Entsetzen krächzten wie
Raben in der Luft! Eine Revolte, so hiess es, sei ausgebrochen, mit Hülfe der
renitenten Landwehr die schwache Besatzung überrumpelt worden. Barrikaden, lange
Zeit heimlich vorbereitet, ragten im Handumdrehen häuserhoch aufgetürmt; das
Blut flösse in Strömen; der Belagerungszustand sei erklärt. Die Reisenden,
welche in der Stadt hatten einkehren wollen, eilten ohne Aufentalt weiter nach
der nächsten Station; die Fremden, die in der Stadt geherbergt hatten, drängten
fliehend nach den abgehenden Zügen. Sie wurden streng gemustert, und wenn sie
der Legitimation entbehrten, polizeilich zurückgehalten. Der Pfarrer von Werben
und seine Schwester waren die einzigen zurückbleibenden Passagiere, und da er
sich weislich mit einem Pass für sich und sie versehen hatte, durften sie
ungehindert sich in den Wartesaal, dem einzig gestatteten Ein-und Ausgang,
verfügen, von dort aus aber ihre Schritte lenken, wohin ihnen beliebte.
    Zu den ungeheuerlichen Gerüchten, welche auf dem Bahnhofe gespukt hatten,
stimmte indessen verwunderlich wenig die Öde der Strasse, welche die Geschwister
jetzt betraten. Nur aus der Ferne fiel dann und wann noch ein Schuss. Ortsfremd,
wie er war, hielt Dezimus es für geraten, Rose in einem dem Bahnhofe zunächst
gelegenen Gastause unterzubringen, während er selbst über die Lage der Dinge
Erkundigung einzog.
    Der Wirt stand vor der Torfahrt, wie er lachend sagte, als einziger
häuslicher Insasse, mit Ausnahme seiner Frau, die vor Schrecken krank zu Bett
liege. Die Gäste seien entflohen, für Kellner und Mägde sei kein Halten gewesen.
Die liebe Neugier habe sie samt und sonders auf den Tummelplatz des Skandals im
Inneren der Stadt getrieben.
    Während er die Herrschaften in das erste beste Zimmer zu ebener Erde führte,
erklärte er indes zu ihrer Beruhigung die sogenannte Revolte für einen
erbärmlichen Krawall und auch diesen für so gut wie unterdrückt. Nur aus Übermut
werde noch hier und dort ein Gewehr abgefeuert. Die Zahl der Gefallenen auf
seiten der Truppen sei kaum nennenswert, auf seiten des Pöbels leider Gottes!
weit geringer als, um des guten Exempels willen, zu wünschen wäre: Die
militärische Tätigkeit beschränke sich lediglich noch darauf, die Häuser nach
dem Gesindel, das sich in sie geflüchtet habe, zu durchstöbern; vor allem nach
den wohlbekannten Rädelsführern. »Ist es nicht wie ausgestorben?« fragte er
lachend, da er »die Herrschaften« an das Fenster treten sah. »Die Vorsichtigen
haben sich in ihren Wohnungen abgesperrt, die Vorwitzigen sind ausgeflogen
dortin, wo sie etwas Schreckliches zu hören und zu sehen vermuten. Im
Mittelpunkte der Stadt, der in seiner Bauart an und für sich schon einem Gekröse
gleicht, mag es ein schönes Schieben und Drängen geben! Nichts geht dem Plebs
über das Totgedrücktwerden!«
    Dezimus unterbrach den mitteilsamen Herrn mit der Frage nach dem
Bataillonsbureau, in dem er sich zu melden hatte. Die Strasse lag, nahe
erreichbar, abseiten des Gewühls. Auf die weitere Frage nach der Wohnung der
Frau von Hartenstein prallte der leichterzige Herr Wirt erschrocken zurück. Er
hatte ein argloses Zutrauen zu seinem geistlich gekleideten Gaste gehegt, da
Pfarrer und Hoteliers gemeinhin konservative Gesinnungsgenossen sind, - nun
musterte er ihn mit den bedenklichsten Mienen.
    »Von Hartenstein!« rief er, nachdem er sich physiognomisch beruhigt hatte.
»Von Hartenstein, sagen der Herr? Aber das ist gerade ja der, auf welchen man,
als den Urheber des Unternehmens, fahndet! Und klug und verwogen wäre der Patron
schon dazu! So ein fester Stützpunkt, halben Wegs zwischen Frankfurt und Berlin,
der Plan war, weiss der Deixel, nicht ohne! Wenn der Streich morgen, am
Stellungstage, mit geschulten Leuten unternommen worden wäre, kein Zweifel, dass
man mit Kanonen darein hätte fegen müssen, und die halbe Stadt wäre zu einem
Trümmerhaufen zusammengeschossen worden. Unser Herr Kommandant lässt, Gott sei
Dank! nicht mit sich spassen. Heute ist er in Dienstgeschäften auswärts, und weil
man ihn morgen wieder auf seinem Posten wusste, hat man - ein Heidenglück diese
Dummheit! - die Ladung vorzeitig zum Platzen gebracht. Denn mit unserer
Gassenbande allein brauchte freilich nicht viel Federlesens gemacht zu werden.
Die Hauptsache ist nur, dem roten Hartenstein endlich den Garaus zu machen!«
    Dezimus erklärte, dass nicht dieser Hartenstein es sei, nach dessen Wohnung
er gefragt, sondern ein junger Offizier vom *sten Regiment, der erst vor kurzem
hierher versetzt worden sei, und da Herr Goldmann noch nicht die Ehre hatte, den
Betreffenden zu kennen, entfernte er sich, das Adressbuch herbeizuholen.
    Rose hatte sich während des Wirtes Rede an eine Stuhllehne geklammert; ihre
Glieder flogen, das Gesicht, das sie dem Fenster zugekehrt hielt, war
schattenbleich, die Zähne schlugen wie im Fieberfrost aneinander. Dezimus suchte
sie zu beruhigen, wennschon ihm selbst nichts weniger als ruhig zumute war.
    »So glaube doch solcher Wirtshauskannegiesserei nicht, Kind,« sagte er. »Wie
wäre diesem vermeintlichen Urheber solch ein Tollmannsstreich zuzutrauen? Und
wissen wir denn nicht am besten, an welchem Orte derselbe zu suchen ist?«
    Der Wirt trat wieder ein. Er brachte Licht, denn es war in der Zwischenzeit
dämmerig geworden, und den Wohnungsanzeiger. Der Leutnant von Hartenstein war
noch nicht darin aufgenommen. Dezimus meinte, dass er sich im Bataillonsbureau
nach ihm erkundigen werde, und legte, nachdem der Wirt, um nach seiner kranken
Frau zu sehen, sich entschuldigend zurückgezogen hatte, sein Soldatenzeug ab. Er
gedachte seine dienstliche Angelegenheit so rasch als möglich abzutun und mit
Rosen heute noch heimzukehren; wenn auch leider wahrscheinlich erst mit dem
Abendzuge, da der nachmittägige binnen einer halben Stunde abging. Wie
verwünschte er seine loyale Demonstration!
    »Nimm mich mit, Dezimus!« presste Rose hervor, indem sie sich an seinen Arm
klammerte.
    »In ein Militärbureau?« entgegnete er lächelnd. »In kurzem bin ich zurück
und bleibe dann bei dir, oder führe dich, wenn du es wünschest, zu Frau von
Hartenstein. Soll ich dir ein Zimmer im oberen Stock, wo es ruhiger ist, geben
lassen?«
    »Es ist ja auch hier ruhig,« versetzte sie, plötzlich gefasst. »Ich schliesse
die Tür. Geh nur, geh!«
    Dezimus ging. Rose öffnete das Fenster und sah ihm nach, bis er in einer
Seitengasse verschwand. Es war noch Zwielicht, aber die Strassenlaternen wurden
bereits angezündet. Ringsum Seelenstille. Rose zitterte noch immer. Fürchtete
sie sich? O, gewiss nicht. Die kleine Rose war nicht furchtsamer Art, und was
hätte sie auch für sich selbst zu fürchten gehabt? Sie zitterte für einen
anderen, sie spähete nach ihm, hätte - vor ihm fliehen? - nein, hätte mit ihm
fliehen, ihn retten mögen um jeden Preis. Sie dachte nur an ihn; es war, als ob
sie seine Gegenwart wittere. Und doch ringsumher kein Mensch.
    Plötzlich hörte sie Tritte. In der Ferne kam eine Patrouille die Strasse
entlang. An ihrer Spitze ein Offizier, dessen gezogenen Säbel sie im Lampenlicht
blitzen sah. Sonst niemand.
    Aber da - da - aus einem Quergässchen einbiegend, eine Gestalt, - der, nach
dem sie gespäht! Nicht der visionäre Räuberhauptmann mit rotem, struppigem Haar
und Bart, ein elegant gekleideter Tourist, geht er raschen, aber sicheren
Schrittes dicht unter ihrem Fenster hin dem Bahnhofe zu. Wenige Schritte, und
das Kommando muss ihn überholen. »Max!« rief sie, »Max!«
    Er blickte in die Höhe; bei der doppelten Beleuchtung von aussen und innen
wurde auch sie augenblicks erkannt. In der nächsten Minute stand er ihr im
Zimmer gegenüber.
    »Ist hier ein Ausgang nach der entgegengesetzten Seite?« fragte er ohne
merkliche Aufregung, während sie besonnen die Kerzen auf dem Tische ausblies und
das Fenster schloss.
    Das Zimmer hatte nur die Tür, durch die er eingetreten war; Rose flog, sie
zu sperren. Der Riegel war eingerostet, der Schlüssel steckte von aussen. Indem
sie, um ihn abzuziehen, die Tür leise öffnete, prallte sie gegen den
eindringenden Offizier. Martin, gottlob, Martin!
    Sie war im jachen Anstoss auf der äusseren Schwelle zu Boden gestürzt; er wie
ein Rasender an ihr vorüber in das Zimmer gerannt, deren Tür er hinter sich in
die Angel schlug. Von draussen herein hallten die Tritte des Kommandos. Atemlos
lauschte sie, auf ihren Knien liegend. Es marschierte vorüber dem Bahnhofe zu.
Wie erlöst sprang sie auf, wollte in das Zimmer zurück, - da trat der Wirt aus
der gegenüberliegenden Tür.
    »Der Offizier der Patrouille ist in das Haus getreten,« rief er lachend;
»vermutet wohl gar bei mir den roten Hartenstein? Ein dicker Irrtum, mein Herr
Leutnant; im Hotel Goldmann sucht kein Verschwörer Unterkommen.«
    »Es ist ein Kriegskamerad, der meinen am Fenster stehenden Bruder erkannt
hat und für einen Moment bei ihm eingetreten ist,« versetzte Rose mit
vollkommener Ruhe. »Ihren roten Hartenstein sollen sie übrigens, hörte ich
recht, entdeckt haben. Ich kam, Sie um ein paar Streichhölzer zu bitten, Herr
Wirt. Der Windzug hat uns die Lichter ausgeblasen. Und dann: ein Beefsteak für
meinen Bruder. Aber, bitte, recht bald. Er hat Eile.«
    Damit folgte sie dem Wirt in die jenseitige Schenkstube.
    Drüben im Fremdenzimmer standen währenddessen Martin und Max sich auf
Armeslänge gegenüber, der eine mit gezücktem Degen, der andere mit gespanntem
Terzerol. Ein rascher Degenhieb schlug es ihm aus der Hand.
    »Kanaille!« schrie Martin und drang in sinnloser Wut auf seinen Verwandten
ein, der ruhig wie eine Säule stand, ein zweites Terzerol ihm entgegenstreckend.
    Eine Minute lang ging kein Atemzug durch den Raum, und in dieser Minute war
Martin seiner Vernunft wieder so weit mächtig geworden, um zu sagen: »Spare dir
den Mord, du hast genug auf dem Gewissen. Entkommen kannst du nicht; draussen
steht meine Mannschaft. Aber siehst du, du heisst einmal von Hartenstein, und ich
möchte doch nicht, dass ein Hartenstein als Zuchtäusler endigt. Darum warte, bis
ich sie abgeführt, und dann - flieh!«
    »Sobald Sie mir Genugtuung gegeben haben, werde ich tun, was mir beliebt,«
entgegnete Max mit eisiger Kälte. »Dort am Boden liegt mein Pistol; die
Strassenlaterne gibt hinlänglich Licht. Wählen Sie Ihren Platz. Schiessen Sie.«
    »Hier im Zimmer? du bist verrückt!« sagte Martin. »Mach, dass du fortkommst,
mit der Person oder ohne sie. Ich habe die Wache am Bahnhof. Ich drücke meine
Augen zu.« Damit wendete er sich nach der Tür.
    »Nun denn,« rief der andere mit erhobener Stimme, »auf die Kanaille eine
Memme! Ein Hasenfuss, der sich nicht schiesst!«
    Martin zitterte vor Zorn; aber der Zorn, der andere blind macht, ihn machte
er klar. »Ich bin im Dienst,« sagte er, als ob er mit sich selbst überlege, doch
mit lauter Stimme. »Nicht jetzt und nicht hier! Morgen in Werben - nein, nicht
in Werben, der Skandal soll der Familie erspart werden. Halben Wegs zwischen
dort und hier. In H. Ein stilleres Nest gibts im Winter nicht. Punkto zwölf im
Mordtal jenseit der Ruine. Sekundanten brauchen wir nicht. Ich fände keinen
gegen einen wie - du, und einen, den du fändest, könnte ich nicht akzeptieren.
Schiessest du mich nieder, nun, so hast du deine Rolle würdig ausgespielt. Fällst
du - -«
    »Ich bitte, sich über diese Eventualität nicht zu beunruhigen,« unterbrach
ihn Max mit einem Wink nach der Tür. »Auf Wiedersehen morgen um die
Mittagsstunde im Mordtal jenseit der Ruine.«
    Martin ging. Unter der Tür rief er noch zurück: »Höre, Max, verliere keine
Zeit. Das Hotel kann jede Minute durchsucht werden. Kommts heraus, werde ich
infam kassiert. Aber - du bist einmal ein Hartenstein.«
    Kaum fünf Minuten waren seit der verhängnisvollen Begegnung hingegangen. Als
Martin hastig die Torfahrt durchschritt, trat Rose aus dem Schenkzimmer.
Erschleuderte auf »die Person« einen verächtlichen Blick; den Zeigefinger auf
den lächelnden Lippen nickte sie ihm zu wie ihrem allerzärtlichsten Freund.
    »Gott sei Dank, dass sie ihn haben, Herr Leutnant!« rief der Wirt, der Rosen
gefolgt war.
    »Wen?« fragte der Leutnant barsch.
    »Den roten Hartenstein, wen denn sonst?«
    Der Leutnant stürzte mit einer grimmigen Gebärde aus dem Tor.
    »Unser Beefsteak, Herr Wirt, so rasch als möglich,« drängte Rose, und Herr
Goldmann rannte die Treppe hinan, um seine Frau mit der Freudenpost, dass sie den
roten Hartenstein hätten, wieder flott und, in Abwesenheit der Köchin, für die
Bereitung des Beefsteaks fähig zu machen.
    Rose zog den Schlüssel von ihrer Zimmertür, trat ein und schloss hinter sich
ab. Weder sie noch Max sprach ein Wort. Sie schlang aus ihrem Trauerschal eine
Binde, in welche sie seinen Arm legte, stülpte ihm ihres Bruders Feldmütze auf,
hängte ihm seinen Militärmantel um; dem Himmel Dank! die Pässe steckten in der
Tasche. Und dass der verräterische Vollbart, den ein Pfarrer nicht zu tragen
pflegt, abrasiert worden, auch das war ein Glück. Sie gab ihm seinen Hut in die
Hand, so wie ihr Bruder den seinigen vorhin getragen hatte; sie dachte an jede
Kleinigkeit, - nur an ihren alten Dezimus dachte sie nicht. Sie zündete sogar
vor dem Fortgehen die Kerzen wieder an, damit der Wirt das Zimmer noch für
besetzt halte. Das erste Signal wurde eben gegeben, als sie an Maxens Arm den
Bahnhof betrat. Während sie die Billette löste, zeigte er die Pässe dem
nämlichen Polizisten, welchem Dezimus sie vor noch nicht einer Stunde gezeigt
hatte.
    »Kurios, wie das Lampenlicht täuscht, dieser Pastor ist mir vorhin einen
halben Kopf grösser vorgekommen!« dachte der Polizist, während die beiden eben
noch Zeit hatten, ein unbesetztes Coupé aufzufinden und zu besteigen. Der
wachtabende Offizier stand, ihnen den Rücken zuwendend, am entgegengesetzten
Ende des Zugs.
    In der Stadt hat man noch tagelang nach dem roten Hartenstein geforscht.
Niemand hat je bezweifelt, dass er der Urheber der Emeute gewesen ist, aber
niemand hat auch je ergründet, wie er aus den geschlossenen Toren hat entkommen
können.
Des Reservisten Frei dienstliche Meldung war so rasch, als er vorausgesetzt,
erledigt worden. »Wenn Sie jemals wieder unter die Fahne berufen werden, Herr
Pfarrer,« hatte sein Kommandeur lächelnd gesagt, »wird es als Feldgeistlicher zu
einem ernstafteren Kampfe als dem heutigen sein.«
    Er dachte nicht mehr an Bruder und Freunde, sondern nur, Rosen womöglich
noch mit dem Nachmittagszuge heimzugeleiten. Als er mit Sturmesschritten das
Hotel erreichte, hörte er ihn von der entgegengesetzten Seite heranbrausen; es
war also noch Zeit zum Fortkommen. Hastig betrat er sein Zimmer; Rose war nicht
darin, auch sein Soldatenzeug fehlte. So hatte sie sich dennoch in das obere
Stock geflüchtet. Er ging in die Gaststube. Vom Perron schallte das erste
Signalläuten.
    »Die junge Dame hat etwas liegen lassen?« fragte der Wirt. »Warum haben Sie
sie nicht ruhig hier gelassen? Ich sah oben aus dem Fenster meiner Frau, wie Sie
sie nach dem Bahnhofe führten, und bemühte mich vergeblich, Ihnen zuzurufen, dass
Sie es nicht nötig hätten. Der Spuk ist zu Ende, der rote Hartenstein
eingefangen. Die junge Dame, - sie sprach von Ihnen als von einem Bruder, ich
würde sie weit eher für Ihre Fräulein Braut gehalten haben, so zärtlich
schmiegte sie sich ja an Ihren Arm, - hat mir den glücklichen Fang selbst
mitgeteilt, auch schien sie nicht im entferntesten besorgt zu sein. Holen Sie
sie zurück; noch ist es Zeit, oder wenn nicht, so hoffe ich, dass Sie zum
wenigsten über Nacht mein Haus beehren.«
    
    Ein grausamer Blitz der Hellsicht hatte während dieser Rede des armen
Dezimus Hirn durchzuckt. Was er dem Wirt geantwortet hat, ist ihm nicht bewusst
geblieben. In solchen Momenten spricht und handelt im Menschen die Maschine.
Atemlos erreichte er die Rampe, die zu dem Bahnhofführte, halb besinnungslos
rüttelte er an der geschlossenen Gittertür; der Zug hatte sich in Bewegung
gesetzt, in der nächsten Minute pfiff er durch das dunkle Festungstor. Er war zu
spät gekommen, zu spät! Aber würde die Erinnerung an seine Mannesjahre die eines
Glücklichen gewesen sein, wenn er in der Wut des Wahnsinns den Verfolgten fünf
Minuten früher unter die Augen getreten wäre?
    »Du suchst deine Rose. Armer Junge, sie ist auf und davon - mit ihm!« So
flüsterte Martin, der ihn bemerkt hatte und zu ihm heraus auf die Rampe getreten
war, in sein Ohr.
    Er zog darauf des Freundes Arm in den seinen, und während er ihn in dem
rückwärts liegenden stillen Hofe auf und nieder führte, ergoss er sein
aufgeregtes, übervolles Herz gewohnterweise in behaglichen Strömen.
    »Siehst du, Dezimus,« sagte er, seinen Vortrag noch einmal zusammenfassend,
»siehst du, du kannst dir von meiner Wut gar keine Vorstellung machen. So muss es
in Spanien einem Stier zumute sein, vor dessen Augen sie in einem fort mit einem
roten Lappen wedeln. Wo ich hinhörte, schimpften sie auf den roten Hartenstein,
wo ich hinsah, stöberten sie nach dem roten Hartenstein; die Kerle von meiner
Kompagnie glotzten oder schielten mich auf den roten Vetter Hartenstein an, und
wie ich die beiden braven Jungen dicht hinter mir fallen sah, - ja, wärs auf dem
Felde der Ehre gewesen, gegen einen Feind, vor dem man Respekt hat, was kann
einem am Ende Schöneres passieren? aber in einem Strassenkrawall gegen solch
verruchtes republikanisches Gesindel, - da hab ich mirs geschworen, dass ich ihr
junges Blut an dem roten Hartenstein rächen wollte. Und wie ich ihn nun auf
einmal aus dem Fleischergässchen biegen sehe, es war beinahe schon dunkel, aber
in solcher Bosheit erkennt einer einen, den er sucht, in pechrabenschwarzer
Nacht, siehst du, Freund, da hätte ich ihn niederstechen mögen wie einen tollen
Hund, würde Schande halber am Ende ihn aber doch haben entwischen lassen, wenn
ich nicht unter der Tür auf dein Röschen gestossen wäre. Das liebe, herzige Ding
entführt, verführt, zugrunde gerichtet durch den nichtswürdigen Patron, siehst
du, Dezimus, da fuhr mir die Kanaille so heraus, die ein Hartenstein freilich
nicht auf sich sitzen lassen kann, und wenn er zehnmal eine ist.«
    Dezimus war während der langatmigen Auseinandersetzung seiner selbst so weit
Herr geworden, um dem Aufgebrachten den Irrtum in betreff Rosens aufzuklären,
worauf der gute Junge, plötzlich besänftigt, mit einem Seufzer sagte: »Ja, hätte
ich das vorher gewusst, um so lieber hätte ich ihn entwischen lassen und ihm die
Kanaille ganz gewiss erspart.«
    Aber geschehen war nun einmal geschehen; einem Hartenstein durfte
Satisfaktion nicht verweigert und der Hasenfuss von einem Leutnant nicht
eingesteckt werden. »Und darum, alter Freund,« fuhr er fort, »es tut mir leid um
dich, und es schickt sich eigentlich für einen Geistlichen auch nicht, aber
einer, ein einziger muss am Ende um die Affäre doch wissen und wenigstens von
weitem dabei zugegen sein. Einer von uns beiden bleibt ganz gewiss, wer weiss, am
Ende bleiben wir alle zwei, und wir können in dem einödigen Walde doch nicht wie
die Kadaver von angeschossenem Wild verenden und liegen bleiben? Weil aber so
manches darum und daran hängt, womit du, als Vertrauensmann der Hartensteinschen
Familie, dich allein befassen kannst, darf dieser eine kein anderer sein als
du.«
    Dezimus reichte ihm zusagend die Hand. Es würde ihm nicht beigekommen sein,
diesem Hartenstein sein blutiges Vorhaben auszureden, auch wenn er selbst in
dieser Stunde es für einen Frevel erachtet hätte. Er schärfte ihm nur ein, auch
für einen ärztlichen Zeugen Sorge zu tragen, und verwies ihn an den
zuverlässigen beiderseitigen Freund Kurze. Dann aber stürmte er fort, um allein
zu sein. Allein mit den tobenden Geistern der Hölle in seiner Brust, mit seinem
Hass, seiner Rache, seiner Wut.
    Die Tore waren gesperrt; er durfte mit seiner bösen Genossenschaft nicht
hinaus in das einsame Freie. Aber auch auf den Strassen war es ja still und am
stillsten da, wo es den Tag über am geräuschvollsten getost hatte. Er rannte sie
auf und ab, kreuz und quer, stundenlang unter dem sternenlosen, nebelnden
Novemberhimmel, über dem mit Blut bespritzen Boden. Er dachte nicht daran, dass
in manchem Hause, an dem er vorüberstrich, bittere Tränen flossen, Herzen in
Todesängsten schlugen. Wenn aber das Merkmal der Männlichkeit das sein sollte,
dass es dem Jüngling gelingt, die Sturmgeister des Blutes wie Feinde vor sich
niederzuwerfen, so ist Dezimus Frei erst in diesen nächtigen Stunden ein Mann
geworden. Und ob man den Mann zum Glücklichen erkläre, weil er über jene Geister
ein Sieger ward, oder zum Sieger, weil er ein Glücklicher war, sein Mannesglück
wurzelte in diesen nächtigen Stunden.
    Als er vor Abgang des Abendzuges nach dem Bahnhofe zurückkehrte, war der
Sicherheitswächter des Tages abgelöst worden von einem, der sich über die
mangelnde Legitimation nicht zufrieden geben wollte. Die blauen Augen, das
blonde Haar, wenn es sich just auch nicht lockte, stimmten zu dem Signalement
des roten Hartenstein; die Bürgschaft, welche der wachtabende Leutnant von
Hartenstein für den ihm befreundeten Pfarrer eines Hartensteinschen Gutes
übernahm, verdoppelte das Misstrauen; der in der Binde ruhende Arm, die
Totenblässe, der Angstschweiss auf seiner Stirn steigerten das Misstrauen zum
gegründeten Verdacht, und so würde der friedliche Pfarrherr von Werben, zum Lohn
für seine loyale Demonstration, die Nacht als roter Hartenstein in den
Kasematten verbracht haben, hätte sein guter Stern nicht, zum Empfang des mit
dem erwarteten Zuge zurückkehrenden Generals, seinen Kommandeur auf den Bahnhof
geführt, dessen Zeugnis sich denn der bürgerliche Wächter der Sicherheit wohl
oder übel beugen musste.
    Hatte auf seinem Abendgange Dezimus sich nun mit den innerlichen
Sturmgeistern notdürftig auseinandergesetzt, so galt es nunmehr, während der
nächtlichen Heimfahrt mit dem nüchternen Hausgeist Vernunft zu einem Ziel zu
gelangen. Was sollte und wollte er zunächst? Die Flüchtigen suchen. Aber wo sie
finden vor dem unseligen Geschehnis des morgenden Tages? Bei Sidonien, bei
Lydia? Gewiss nicht. Die Gefahr des Entdeckt- und Aufgehaltenwerdens war in der
Heimat grösser als anderwärts, abgesehen von der Schwierigkeit, morgen bei hellem
Tage unbemerkt den Ort des Stelldicheins zu erreichen. In dessen Nähe würden sie
ohne Zweifel weilen.
    Und da war denn der Zug, mit dem er fuhr, ein Eilzug, der, gegen sein
Erwarten, Winters in dem stillen Badedorfe nicht anhielt. Hatte die Fahrt dem
Ungeduldigen bereits eine Ewigkeit gedünkt, so musste er nun noch bis zu der
nächsten Stadt dampfen und von da aus nahezu eine Meile zu Fuss rückwärts
wandern. Er kannte und liebte die Gegend, sie war ja sein Heimatstal. Wie so
manchesmal hatte er singend und pfeifend die maifrischen Buchenwälder
durchstreift, wenn nach einer lustigen Fahrt die Kommilitonen der nachbarlichen
Universitäten auf der Ruine Pfingsten feierten; wie so manchesmal als
stillvergnügter Gesell inmitten der lautvergnügten, an der Tafel des einzigen
Wirtshauses im Badedorfe kommersiert! Heute ist es nebeldicke Novembernacht, der
Wald, dessen Saum entlang er schreitet, streckt die entlaubten Äste wie dürre
Gerippenarme ihm entgegen; in diesem Walde aber soll, wenn es Mittag geworden,
ein blutiges Werk vollbracht werden, an welchem er teil hat wie an einem
eigensten Geschick, und wenn er an das Tor des Gastauses klopft, geschieht es,
um ein verzweifelndes Weib zu finden, das nach einer mutigen Liebestat unter
Todesschauern ringt.
    Aber wahrlich, selbst bis zum Verzweifeln musste er klopfen und rütteln,
bevor der Hausknecht das Tor endlich öffnete und den seltenen Wintergast mit
schlaftrunkenen Augen anstarrte. Dieser forderte ein Zimmer - das er nicht
betrat, einen Imbiss - den er nicht berührte. Wie verloren warf er die Frage hin,
ob das Haus von Gästen stark besetzt sei? Leider war es seit Wochen nur von den
Eingesessenen besetzt, eine Auskunft, die kurz darauf Herr Strobel, der
Scheffelwirt, bestätigte.
    Herr Strobel begrüsste den Ankömmling wie einen alten Bekannten; er hatte den
Hünen der Studentenschaft in gutem Gedächtnis behalten, obschon dieser niemals
mit Säbel und Sporen geklirrt, auch weniger Seidel ausgestochen hatte als der
bescheidenste Knirps. Auch von seinem kriegerischen Missgeschick und dem so früh
errungenen geistlichen Amte erwies sich Herr Strobel durch das Kreisblättchen
unterrichtet.
    Diesem wackeren Manne band der junge geistliche Herr nunmehr das Märlein
auf, welches er beiwege sich mühsam ausgediftelt hatte. Denn welche Kunst ist so
schwer, dass in der Not nicht auch ein Stümper sie betreiben lernte? Aus Zufall
war ihm zu Ohren gekommen, dass ein alter Schulfreund mit seiner jungen Frau auf
der Hochzeitsreise in dem freundlichen Badeorte zu übernachten beabsichtigte.
Der Wunsch des Wiedersehens war natürlich erwacht, aber durch Amtsgeschäfte
gestern nachmittag abgehalten, hatte der Pfarrer erst den Nachtzug benutzen
können, um das junge Paar wenigstens noch am Frühstückstische zu begrüssen.
    Leider, wie schon gesagt, war er falsch berichtet; seit Wochen weder ein
junges noch altes Paar, noch selbst ein einzelnes Individuum männlichen oder
weiblichen Geschlechts im Goldenen Scheffel eingekehrt, auch, wie Herr Strobel
wahrheitsgemäss versichern durfte, kein zweites Logierhaus, in welches die
Herrschaften sich verirrt haben konnten, im Orte vorhanden. Dass aber ein so
ausserordentlicher Fall, wie zur Winterszeit die Einkehr in einer Privatwohnung,
nicht ohne das grösste Aufsehen zu erregen, hätte vor sich gehen können, brauchte
Herr Strobel kaum zu erwähnen, erwähnte es aber doch.
    Sein Gast bedauerte die zwecklose nächtliche Beunruhigung. Die Freunde waren
nicht im Ort: sehr natürlich! Er hatte sich plötzlich besonnen - ein tröstliches
Merkmal, wie weit ein Novellist durch Übung es in der Erfindungskunst zu bringen
vermag -, dass in einem unfernen Pfarrhause ein zweiter, allerdings älterer
Schulfreund heimse, dem der erste ohne Zweifel sein Frauchen präsentiert haben
werde; ihn alldort aufzusuchen, war der dritte nun um so lieber bereit, da er
sich der Hoffnung nicht entschlagen mochte, das junge Paar zu einem Abstecher in
sein eignes freundliches Pfarrhaus zu bewegen. Weil aber nach dem Frühzug bis
zum Abendzug kein anderer hier im Orte anhalte, das Wetter mild sei und, wenn
nur der Nebel sich senke, die Gegend sogar im Winter einen angenehmen
Reiseeindruck biete, beabsichtige er eine Wagenfahrt in Vorschlag zu bringen und
bäte daher Herrn Strobel, ihm für den Nachmittag seine Equipage zur Verfügung zu
stellen, der zweifelhaften Witterung halber den Wagen geschlossen. Bei näherer
Prüfung empfahl es sich auch, den Umweg durch das Dorf zu vermeiden. Die
Fusswanderung konnte die junge Frau ermüdet haben. Das Gefährt solle daher in der
Mittagsstunde, aber ja recht pünktlich! auf der Landstrasse bereitalten an der
Stelle, wo das Mordtal, durch welches der nächste Weg nach dem Pfarrdorfe ja
führe, auf jene Strasse münde. Den Fahrpreis war der Mieter selbstverständlich
bereit, auch wenn das Geschirr unbenutzt bliebe, zu entrichten; Weitläufigkeiten
zu ersparen, sogar im voraus. Das letztere wäre nun durchaus überflüssig
gewesen, der Herr Pastor hatte Kredit; es wurde schliesslich aber doch mit dem
Versprechen der Geduld im Fall eines Wartestündchens angenommen.
    Wie der Wind jagte nunmehr der fabulierende Held von dannen auf die Suche
nach seinem glücklichen jungen Paar; zunächst allerdings nicht in das Mordtal,
das zum Pfarrdorfe führte, sondern stracks nach dem Bahnhofe. Er blickte durch
die trüben Scheiben in das einzige Wartezimmer; der Docht einer Hängelampe
kohlte, ein Kellner schlief auf zwei Stühlen ausgestreckt. Tor, der er gewesen!
In diesem öffentlichen Raume ein unglückliches Paar auf der Flucht
vorauszusetzen oder in diesem unheimlich öden nach einem glücklichen auf der
Hochzeitsreise Kundschaft einziehen zu wollen! Jedes weitere Auskunftsuchen war
überdies verdächtigend.
    So machte er denn einen Gang durch die bergansteigende einzige Dorfgasse;
die kleinen Häuser, vor welchen im Sommer geputzte Kindergäste sich tummelten,
lagen schlummerstill; nur ein Hahn krähte hier, eine Kuh brummte dort, dann und
wann brannte eine Morgenlampe; eine schwache Rauchsäule wirbelte aus dem
Schornstein in den Nebel. Alles so friedlich wie daheim, und wie unfriedlich
mochten daheim die Herzen schlagen, wenn vielleicht schon in der Nacht die
Häscher auf den feindlichen Mann gefahndet hatten, nach welchem er selbst wie
betört in der Irre umherspähte.
    Ja, in der Irre! Denn Schritt um Schritt war es ihm wie Schuppen von den
Augen gefallen. Würde der Verfolgte hier, im nächsten Bereich der Verfolger,
eine Zuflucht gesucht haben, da er von der rückwärts liegenden Station aus auf
fremdem Gebiet mit weit geringerer Entdeckungsgefahr den Platz der Entscheidung
erreichen konnte? Schieben sich doch in diesem Talwinkel gar mancher Herren
Länderchen ineinander, deren Grenzen ein preussischer Gendarm nicht so ohne
weiteres zu überschreiten wagt. Auf dem jenseitigen Ufer war er mindestens einen
Tag lang geborgen, - aber die letzte Hoffnung erloschen, ihn dort vor der
verhängnisvollen Stunde aufzufinden.
    In dieser beklemmenden Erkenntnis hatte Dezimus die Berglehne erreicht, von
welcher er manchesmal einen erquickenden Blick in das grüne Tal getan hatte.
Heute lag es im ersten schwachen Morgendämmer weiss in grau. Der Nebel
verdunstete in phantastischen Gebilden, die oberen Regionen klärten sich; ein
leiser Reiffrost überzog die entlaubten Äste mit glitzernden Kristallen. Jenseit
warf die schmale Mondsichel einen fahlen Schimmer über das schwärzliche Gemäuer
der Ruine; ostwärts, da wo die Heimat lag, leuchtete noch der Morgenstern. Ein
erquickendes Landschaftsbild auch heute für ein Auge, das hoffnungsfroh darauf
geschaut hätte.
    Und warum zuckte des Beschauers Auge, warum schlug sein Herz jählings
hoffnungsfroh? Was bedeutete das Lichtchen drüben zwischen dem schwarzen
Gemäuer, als dass der alte Burgschenke, der Sommers so manches Fass in seinem
»Verlies« verzapfte, auch nicht aus demselben gewichen wäre, und wenn ein
Gletscherwall sich rings um dasselbe gezogen hätte! Wie manchen akademischen
Witz über des alten Kilian Kellertreue und die romantischen Abenteuer seiner
beiden einzigen Winterkumpane, Mops und Mietz, hatte Dezimus belachen hören und
mit belacht. Der alte Kilian kochte seinen Morgenkaffee, weiter nichts! Und
dennoch erleuchtete das Flämmchen auf dunklem Grund den Beschauer plötzlich wie
eine Vision, wie ein Blinken seines treuen Johannissterns. »Dort oben, dort
oben!« rief er laut auf.
    Er nahm sich nicht Zeit zu dem Umwege durch das Dorf, setzte, als wäre er
selbst ein Verfolgter auf der Flucht, den steilen Abhang hinunter, quer durch
die Wiesen bis zum Ufer, von wo ein Kahn an den Fuss des Burgfelsens trug. Beim
Übersetzen fragte er den Fährmann, ob dann und wann wohl noch ein Fremder den
alten Kilian besuche? Der Fährmann hatte seit diesem Monat keinen mehr
hinübergerudert.
    Auf dem jenseitigen Ufer schlug Dezimus statt des sich windenden Fahrweges
den steilen Fusspfad ein mit Siebenmeilenschritten und keuchender Brust. Es war
licht geworden, ein leiser Luftauch, die Nebel scheuchend, verhiess einen klaren
Sonnenaufgang, einen blauen Himmel über der düsteren Tat.
    Schon der Ringmauer nahe, stockte der eilende Schritt. Vom Fuss zum Gipfel
war der Pfad von der Ruine aus zu übersehen; einer, der nicht entdeckt sein
wollte, konnte sich längst zwischen den weitläufigen Trümmern verborgen oder von
der entgegengesetzten Seite entfernt haben. Dezimus seufzte laut auf, als ob es
sein Schutzgeist wäre und nicht sein Feind, der vor ihm geflüchtet.
    Und wirklich war er von oben bemerkt und erkannt worden, denn der alte
Burgwirt stand schon auf der Lauer vor dem halbzerfallenen Tor, schwenkte seine
Pudelmütze und schrie ihm das »Salve« entgegen, das er seinen Lieblingsgästen
abgelauscht hatte. Dann aber schüttelte er dem Ankömmling herzhaft die Hand und
rief: »Das nenne ich Glück!« (Er drückte den schönen Begriff mit einer durchaus
nicht schön zu nennenden akademischen Hyperbel aus.) »Seit dem Reformationsfeste
kein Gesicht und an Sankt Katrinen ihrer zwei!«
    »Ihr habt schon Gäste, Freund?« fragte Dezimus mit klopfenden Pulsen.
    »Nur einen!« antwortete der Alte. »So was dergleichen wie ein Maler kommt er
mir vor. Er stellte sich ein wie Nikodemus in der Nacht; von jener Seite. Aus
dem Reiche, denk ich mir, denn ein Landeskind ist er nicht. Herr Wirt und Hören
Sie hat er mich tituliert; das erste Mannsen, das wie ein geziertes Berlinsches
Mamsellchen den alten Kilian per Herr und Hören Sie traktiert. Und Wein hat er
sich bestellt. Bier ist für so einen zu kommun. Na, der alte Kilian kann auch
mit Wein aufwarten und an Sankt Katrinen mit schmackhafterem Wein als Bier. Er
hat sich gestern abend auf einer Fusstour im Nebel verirrt und will nun den
Sonnenaufgang hier oben geniessen. Und dazu kanns allenfalls Rat werden, denn der
Nebel ist weg. Aber gestiegen, und ohne Nieselwetter gehts heute nicht ab. Wie
er Sie den Berg ransteigen sah, sagte er: Noch einer, der die Sonne hier oben
aufgehen sehen will. Nötigen Sie ihn herein, Herr Wirt, und bringen Sie uns ein
Frühbrot und Wein.«
    Auf des Alten Erkundigung wärmte Dezimus nun die Fabel - leider war es im
wesentlichen ja keine - aus dem Goldenen Scheffel wieder auf, nur dass er das
zweiselige Pärchen in einen ledigen Freund verwandelte; worauf der Alte
schmunzelnd erwiderte: »Na, warten Sie ihn nur getrost hier oben ab. Ists ein
alter Bruder Studio, geht er der Ruine nicht vorbei, und der alte Kilian
schreibt in seinen Kalender: An Sankt Katrinen drei Mann hoch oben auf der
Burg!«
    »Sie werden sich mit zweien begnügen müssen, Herr Wirt, der Gesuchte ist
gefunden,« sagte hinter ihnen eine Stimme mit wohlbekanntem musikalischen Klang.
    Max von Hartenstein war unbemerkt in den Torrahmen getreten, Dezimus Frei
folgte ihm in das Verlies. Er zitterte; jener war ruhig wie ein Bild von Stein.
Der alte Kilian wunderte sich, dass zwei alte Freunde, die sich suchen und
finden, zum Salve sich nicht einmal die Hände schütteln. Aber einer aus dem
Reich, der »Hören Sie« zum alten Kilian sagt, und ein weiland Kamel, das den
Pastorrock auf dem Leibe trägt, die haben eben ihre absonderlichen Mucken.
    »Sie suchen Ihre Schwester?« fragte Max.
    »Zunächst allerdings sie,« antwortete Dezimus.
    »Nun, sie wird, hoffe ich, gestern abend wohlbehalten im Schloss von Werben
eingetroffen sein. Wir haben uns auf der vorletzten Station getrennt.«
    Es kam Dezimus nicht in den Sinn, diesem stolzen Menschen in irgendeiner
Lage eine Unwahrheit zuzutrauen. Max hatte Rose berechenbar heimlich verlassen.
Sie ahnete sein blutiges Vorhaben nicht. Die ganze Konstellation war verrückt.
    Der Wirt hatte das Frühstück gebracht. Max entkorkte die Flasche, kostete,
forderte eine zweite, bot Dezimus ein Glas, das dieser ablehnte, und trank dann
selbst in durstigen Zügen, ohne dass es ihn zu erregen schien. Darauf sagte er:
    »Sie würden mich verbinden, Herr Pfarrer, wenn Sie dieses Blatt bis auf
weiteres an sich nähmen. Es ist nicht wahrscheinlich, dass ich Werben in der
Kürze wiedersehe, und das Leben kann wohlfeil werden in dieser Zeit. Für den
Fall meines Todes geben Sie diese Zeilen meiner Schwester.«
    Er nahm bei den Worten von dem Tische im Fenster ein Blatt Papier, faltete
es und schrieb mit Bleistift »An Sidonie« darauf. »Mir fehlt eine Oblate,«
setzte er hinzu. »Aber auch unverschlossen weiss ich, dass Sie vor dem genannten
Termin keinen Einblick nehmen werden. Nach jenem Termin steht er Ihnen frei.«
    Dezimus barg das Blatt in seiner Brieftasche. In einer späteren Zeit ist ihm
der Inhalt mitgeteilt worden. Er lautete:
    »Ich erwarte von meiner gütigen Schwester, dass sie ihre Freundin Rose Blümel
in jedem Sinne als die rechtmässige Witwe ihres Bruders betrachten wird.
                                                                           Max.«
    »Und nun wären wir wohl fertig miteinander, Herr Pfarrer,« sagte Max.
    Seine frostige Ruhe, die Ironie in Miene und Klang hatten in Dezimus das
Feuer der Verfolgung unter den Zweifelgrad hinabgedämpft; die Gleichgültigkeit,
mit welcher er des Mädchens erwähnte, das so grossmütig, die tiefste Kränkung
vergessend, mit Hintenansetzung von allem, was es hochzuhalten hatte, ihn der
dringendsten Gefahrentrissen, empörte ihn. Aber er dachte an dieses Mädchen und
an die beiden anderen, die mit ihm um diesen Mann leiden würden, und so zwang er
sich zu dem Worte, das, er wusste es, in den Ohren dieses Mannes wie eine
Narrenrede verhallen würde.
    »Nein, Herr von Hartenstein,« sagte er, »der Zweck, um dessentwillen ich
auch Sie gesucht, ist noch nicht einmal berührt.«
    »Eh bien! Was möchten Sie?«
    »Sie beschwören, bei allem, was Sie wert und heilig achten, von der Tat
dieses Tages abzustehen.«
    »Sie wissen darum?« fuhr Hartenstein auf. »Und wer noch ausser Ihnen?«
    »Keiner, mindestens durch mich; und, bei Gott! in keinem anderen Auftrag als
dem meines Herzens habe ich - -«
    »Ich weiss die Ehre zu schätzen,« unterbrach ihn Max mit einem schnöden
Lächeln, »und ich sage Dank dafür, dass der eifrige Levit von mir, dem Heiden,
voraussetzt, er werde eher als der gläubige Bekenner die linke Wange bieten,
wenn die rechte den Streich empfangen hat.«
    »Sie irren, Herr von Hartenstein. Es war nicht priesterlicher Eifer, es war
einfach die Freundschaft für die Ihnen nächststehenden Menschen, die mich zu
Ihnen trieb statt zu dem anderen, den ich im Bann unüberwindlicher Vorurteile
befangen wusste.«
    »Und was berechtigte Sie,« rief Max, indem eine Blutwoge sein marmorbleiches
Gesicht überflog, »was berechtigte Sie zu der Annahme, dass ich, ich diese
Vorurteile, wie Sie es nennen, nicht hege? Meinen Sie, dass ich die Sache der
misera plebs, für die ich meine Existenz in die Schanze geschlagen, so
verstanden habe, um im Sinne des Plebs ein Schimpfwort für ein Scherzwort zu
nehmen und nicht vielmehr des Volkes Schranken so weit hinauszurücken, dass es
wie wir für sein Recht und seine Ehre den Einsatz des Lebens nicht zu hoch
erachte?«
    Dezimus blickte eine Weile betreten zu Boden; dann erwiderte er, aber
kleinlauter als vorhin: »Ein ungemeines Streben in ungemeiner Zeit zieht keine
Alltagskonsequenzen. Ihre Freunde, Herr von Hartenstein, werden es schwerlich
verstehen und sicherlich es Ihnen nicht vergeben, wenn der Tribun sich dem
Kavalier zum Opfer stellt. Retten Sie sich für die Sache, um derentwillen Sie,
wie Sie sagen, Ihre Existenz in die Schanze geschlagen haben.«
    »Ich habe keine Freunde, an deren Verständnis mir gelegen wäre,« entgegnete
Max mit einem geringschätzigen Achselzucken, »und die Sache, die ich die meine
nannte, ist über meine Lebenszeit hinaus eine verlorene. Das Volk - es bleibt
bei dem Weidetier.«
    »Wills Gott, nicht!« rief Dezimus. »Solange die Menschheit währt, wird der
Kampf für die Menschlichkeit geführt werden, wenn auch mir anderen Waffen als
den heutigen. Wollen Sie die Flinte in das Korn werfen, weil - lassen Sie mich
Sie an die Stunde erinnern, in der ich den frühesten Blick in Ihre Seele getan
-, weil Ihre ersten Blütenträume nicht reiften? Sie haben auf unberechenbare
Jahre hinaus mit Ihrem Vaterlande gebrochen, wollen Sie mit einem Mord von ihm
scheiden? Suchen Sie ein neues, ein nach freieren Satzungen bereits geordnetes,
mit dem Bewusstsein einer selbstüberwindenden, einer hochherzigen Tat. Fliehen
Sie, Herr von Hartenstein! Die Stunde drängt, nein, die Minute; gelüstet es Sie,
in Handschellen mit Ihrer Jugend abzuschliessen?«
    »Seien Sie ruhig, Freund,« versetzte Max lächelnd. »Ich werde keine
Handschellen tragen.«
    »Sie wollen sterben, Max! Warum nicht leben? Nicht lebend sühnen, was Sie
vielleicht noch nicht einmal einen Irrtum nennen; was aber, nachdem der Irrtum
zu einem Verhängnis geworden ist, nicht für Sie allein, Sie, wie Sie sich auch
stellen mögen, als ein Frevel gemahnen wird? Der Tod scheint nur unreifen
Geistern eine sühnende Tat. Leben Sie, eilen Sie. Sie haben meinen Pass; tauschen
wir die Kleider; fliehen Sie nach der Insel; berufen Sie sich bei meinem Bruder
auf mich. Er rudert Sie nach Helgoland. Ihre Schwester, die jede Stunde von
ihrem traurigen Posten erlösen kann, wird Ihnen folgen und - -«
    »Und - Rose?« fragte Max mit einem lauernden Seitenblick.
    »Soweit die Macht eines Bruders über die Schwester reicht, bei Gott im
Himmel! niemals!« antwortete Dezimus, und sein Ton mochte den Ernst seines
Willens nicht bezweifeln lassen, denn Max reichte ihm die Hand, und über seinen
Augen lag ein feuchter Nebel.
    »Sie sind ein seltener Mensch, Dezimus, in Wahrheit ein Glücklicher,« sagte
er mit weichem Klang. »Ich danke Ihnen, Sie haben mir den Glauben wiedergegeben,
dessen letzten Rest ich gestern verloren hatte.«
    »Den Glauben an die natürliche Guteit der misera plebs?« versetzte Dezimus,
und diesmal war er es, welcher lächelte. »Wahren Sie sich diesen Glauben, Herr
von Hartenstein, auch wenn er in bezug auf mich sich nicht völlig zutreffend
erweisen sollte. So wenig wie es der Priester war, der sich bekehrend in Ihre
Nähe drängte, so wenig ist es der Sohn des armen Hutmanns Ihrer Heimat, der aus
natürlichem Drang an die Kraft Ihres Gemütes appelliert. Es ist der Zögling des
Mannes, dessen liebstes Kind Sie höher gehalten hat als Ehre und Herzensfrieden,
obgleich es wusste, dass Ihre Neigung nur eine Wallung war. Und es ist der Freund
einer anderen, welcher mit dem Leben eines Bruders das des Mannes auf dem Spiele
steht, dem sie einst ihr reines Herz geöffnet hatte.«
    »Lydia!« rief Max. Er machte einen Gang durch das Zimmer.
    Dezimus trat an das Fenster. Die Sonne war, ohne dass sie es bemerkt hatten,
klar aufgestiegen, schon jedoch wieder von auf und ab wallenden Dünsten
umschleiert. Der Tag würde in Regen enden, in Tränen ahnete Dezimus.
    Max war an seiner Seite stehen geblieben. »Es kann nicht sein, Freund,«
sagte er. »Das Blut ist stärker als die Logik Ihrer Grossmut. Schon das gestrige
Unternehmen, dessen unzeitige, kindische Ausführung Sie wenigstens nicht auf
meine Rechnung setzen sollen, hat meinen Namen zum Spott gemacht. Soll ich nun
noch unter dem Gelächter meiner Zeitgenossen aus der Arena flüchten, in die ich
mit vollen Backen zum Kampf geladen habe? Ich würde vor dem gestrigen Begegnis
versucht haben, nach Süddeutschland zu entkommen, wo eine nochmalige Erhebung
für eine wenn auch nicht soziale, doch politische Neuerung Deutschlands nicht
völlig undenkbar ist. Nach jenem Begegnis habe ich von der Hand eines beherzten
Weibes, welches, wäre mir die Frist gegönnt, das meine werden würde, mich
entführen lassen, nicht zu schmählicher Flucht, sondern zu einer Rettung der
Ehre, dem einzig geziemenden Abschluss, der mir übrigblieb. Es muss geschehen.
Aber, Freund, Lydia wird um keinen Bruder Leid zu tragen haben, und falle ich -
so oder so -, mögen Sie ihr sagen, dass das Leben wenig Wert mehr für mich hatte,
seit sie ihr reines Herz vor mir verschliessen musste.«
    Lydia! Warum hatte Dezimus diesen teuersten Namen aufgerufen, warum die
schwerste Versuchung für sich selbst heraufbeschworen? Sprach sie: »Nimm die
Schmach auf dich, Max, ich teile sie mit dir,« er würde sich gerettet haben für
sie, um ihretwillen, vielleicht - nein gewiss.
    »Schieben Sie die Tat auf, bis Lydia über sie entschieden haben wird,
erwarten Sie ihre Weisung auf der Insel.« Sein Herz krampfte, während er diese
Worte sprach, und seine Blicke wurzelten am Boden, während er die Antwort
erwartete.
    »Nein!« lautete sie nach kurzem Zögern. »Sie liebt mich nicht mehr, und ihr
Mitleid liesse mich nur noch tiefer sinken, als ich mich gesunken fühle. Ist es
aber möglich, so lassen Sie ihr das Schicksal dieses Tages verborgen bleiben.«
    Der letzte, schwerste Versöhnungsklang war machtlos verhallt. Lydias hehres
Bild vor der Seele schieden sie.
    Am Bahnhofe traf Dezimus mit Martin und dem getreuen Doktor Kurze zusammen.
Nachdem er bei dem beleidigten Feinde gescheitert war, machte er noch einen
Versuch, den beleidigenden Freund umzustimmen; er erinnerte daran, wie dieser
mit dem unantastbaren Ehrenruf, nachdem er noch gestern die Feuerprobe auf das
tapferste bestanden, so viel leichter als sein allseitig und auch von ihm
geschmähter Gegner die Hand zur Versöhnung bieten, ja sogar dem Zusammentreffen
aus dem Wege gehen könne. Er erinnerte auch - wennschon er über diese
Eventualität im Innersten beruhigt war - bei einer traurigen Möglichkeit an den
Jammer seiner Mutter, an die Verwaisung seines Töchterchens, und gewiss blieb das
zärtliche Vater- und Sohnesherz bei diesem Mahnen nicht ungerührt.
    »Ich habe mein Testament gemacht und dich zum Vormund meiner kleinen Tili
ernannt, Dezimus,« sagte er mit Tränen in den Augen. Aber es gibt nun einmal
einen Punkt, auf welchem auch der Schwache unbeugsam ist, und je schwächer,
häufig desto mehr.
    So brachen sie denn nach dem Mordtale auf, das Freund Kurze »wie seine
Tasche« zu kennen versicherte. Er hatte auf einer Lichtung desselben während der
pfingstlichen Burgkommerse an mancher kameradschaftlichen Paukerei mit Nadel und
Heftpflaster teilgenommen, hin und wieder wohl auch mit Schläger und Rapier. Er
war beileibe kein Feind von derlei Entladungen eines überschüssigen Bluts; weder
im Spass noch sogar im Ernst. Das gegenwärtige bitter ernstafte Vorhaben
erklärte er jedoch, natur- und vernunftgemäss, für einen Raptus der Absurdität.
    »Denn,« so sagte er beiwege zu Freund Dezimus, während der sonst so
mitteilsame Martin stillschweigend voranschritt, »denn Numero eins: Blut wäscht
einen Flecken von der Ehre ab, aber Blut wehrt ihn auch ab. Gibt mir mein Bruder
einen Knuff, gebe ich ihm wieder einen, und er und ich sind so gut wie vorher.
Demgemäss können Brudersöhne sich schon einmal einen dummen Jungen anbrummen,
ohne gleich loszuknallen. Der dumme Junge erstickt im natürlichen Blut. Numero
zwei: bei jeglichem Ärgernis entscheidet die Präsenz. Müssen Kanaille und
Hasenfuss gewärtig sein, Tag für Tag oder allenfalls auch nur dann und wann mit
den Köpfen gegeneinander zu rennen, na, so schiessen sie sich wieder zu
Ehrenmännern zurecht oder meinetwegen auch tot. Wissen sie aber von vornherein,
dass sowieso, selbigen Tags einer von ihnen auf Nimmerwiedersehen ins Zuchtaus
transportiert wird oder bestenfalls über das Weltmeer echappiert, item, dass
Kanaille und Hasenfuss quasi nicht mehr füreinander vorhandene Individuen sind,
warum soll einer dem anderen zuvor mit Teufelsgewalt das Lebenslicht ausblasen
oder, was noch weniger angenehm sein würde, es sich von ihm ausblasen lassen?
Narren sind sie alle beide, diese Hartensteine, der rote wie der blaue.
Indessen, ich habe die Hoffnung, sie zu kurieren, noch nicht aufgegeben. Woran
die Weisheit zuschanden geworden ist, das hat schon manchmal ein Jokus zustande
gebracht. Lass mich nur machen, alter Dezem.«
    Trotz dieser tröstlichen Versicherung entwarf er indessen mit der ihm eignen
praktischen Umsicht das Programm für jeglichen mehr oder minder schwierigen Fall
und fühlte sich, der redlichsten Teilnahme unbeschadet, durchaus con amore bei
dem verzwickten Handel.
    In der Waldlichtung wartete Max bereits. Er hatte als Beleidigter keine
weitere Bedingung als die des gleichzeitigen Feuergebens zu stellen, eine
Bedingung, welcher Martin mit einem Kopfneigen zustimmte. Dezimus drückte erst
dem Freunde, dann dem Feinde die Hand; nur dem letzteren mit einem
Abschiedsgefühl, und wahrlich! mit einem wehe tuenden. Dann nahm er seinen Platz
ausserhalb des erwählten freien Raums.
    Peter Kurze dahingegen stellte sich in dessen Mitte. Er reckte sich,
räusperte sich und begann darauf in seiner kommentwidrigen vierfältigen
Eigenschaft als Medikus, Unparteiischer und Sekundant beider Parteien - denn der
priesterliche Hüne, der sich mit mäusefahlem Angesicht dort an die alte
Hagebuche lehnte, zählte lediglich für eine »geistige Natur« - recht weidlich
die Narrenkappe zu schütteln und die Narrengeissel über das natur- und
vernunftwidrige wie auch nebenbei brudermörderische Vorhaben zu schwingen.
    Der Wahrheit die Ehre! Peter Kurzens Rede war ein satirisches Musterstück,
wie er kein zweites geleistet hat. Auch blickte er, nachdem er geendet, mit
siegesstolzer Zuversicht von einem der feindlichen Hartensteine auf den anderen.
Der Dichter lächelte; um so grimmiger schaute der Leutnant drein. Das war nicht
der Mann, der sich eine bitter ernstafte Sache von einem Bajazzo verpfuschen
liess! Da jedoch zu einer Rückwärtsbewegung, wie der Mittelsmann sie empfohlen,
denn auf eine Handreichung hatte er von vornherein bescheidentlich verzichtet,
weder der Lächelnde noch der Grimmige Anstalt machte, da auch von aussen her kein
willkommnes Hindernis in die Szene sprang, keine Feuerkugel vom Himmel fiel,
kein Spaziergänger des Weges kam, kein Forstüter, nicht einmal ein Gendarm,
raunte er dem Freunde unter der Hagebuche zu: »Vor derartigem Blödsinn erbleicht
sogar dein Johannisstern!«
    Dann aber setzte er sich in Positur, mass die Schritte ab, reichte mit einer
Verbeugung einem jeden seine Waffe, führte ihn an seinen Platz und zählte ohne
Zagen: »Eins - zwei - drei!«
    Die Schüsse fielen. Max, der in die Luft gefeuert hatte, brach leblos
zusammen.
    »Ist er tot?« schrie Martin auf. Er sah so sterbensfahl aus wie der, welcher
am Boden lag. Der Doktor zuckte schweigend die Achseln.
    Die Kugel war nahe der Schulter in die Brustöhle gedrungen. Kurze legte den
blutstillenden Verband an und entfernte sich darauf, um, wie verabredet, die
diplomatischen Massnahmen zu treffen, die kaum weniger als der ärztliche Dienst
eines Meisters Kunst erheischten.
    Er eilte nach dem Ausgang des Tales, wo der Wagen pünktlich eingetroffen
war, präsentierte sich dem Kutscher als der vom Mieter erwartete Freund, der
vorangegangen sei, um für einen plötzlich erkrankten Begleiter einiges
Erforderliche im Dorfe einzuholen. Als Ortsunkundiger bat er den Kutscher, indem
er ihm ein Trinkgeld in die Hand drückte, diese Besorgungen für ihn abzutun:
Wein und einen Imbiss aus dem Wirtshause, Hofmannsche Magentropfen aus der
Apoteke, vom Kaufmann eine Flasche Kölnisches Wasser; kurzum, er schickte ihn
von Pontius zu Pilatus, indem er versprach, in der Zwischenzeit die Leinen
gewissenhaft festzuhalten. Kaum aber, dass der Mann aus der Gehörweite war,
schwang Peter Kurze sich auf den Bock, um über Stock und Stein nach der Lichtung
zu jagen.
    Hier hatte währenddessen der Verwundete ohne Zeichen des Lebens am Boden
gelegen, den Kopf an Dezimus' Brust, dessen Hand gepresst auf den Verband der
Wunde. Martin an seiner Seite kniend, küsste seine Hände, weinte wie ein Kind.
»Bei Gott im Himmel!« schluchzte er, »ich habe es nicht gewollt. Ich hatte auf
den Oberarm gezielt, und ich treffe das Daus in der Karte. Warum hat er auch in
die Luft gefeuert und dabei gezuckt, dass ich die Brust treffen musste. In meinem
Leben kann ich dem armen Röschen nicht wieder in die Augen sehen.«
    Als der Doktor mit dem Wagen zurückkehrte und den Verband erneuert hatte,
wurde der Kopf des Verwundeten mit verschiedentlichen Taschentüchern umwunden,
das Gesicht obendrein durch ein breites schwarzes Pflaster unkenntlich gemacht,
des Pastors Feldmütze ihm über die Ohren gezogen, der Soldatenmantel ihm
übergehängt und, auf diese Weise umgewandelt in Bruder Frieden, den blöden
Amerikaner, der beim gestrigen Strassenkampfe in der Festung zufällig einen Schuss
wegbekommen hatte, der rote Hartenstein in den Wagen gehoben.
    »Und nun machen Sie sich aus dem Staube!« sagte der Doktor zu Martin. »Sie
haben Ihre Heldentat getan. Das Weitere ist unsere Sache!«
    Martin ging. Wie einst sein Vater hatte er die Ehre der Hartenstein mit
blutiger Hand gerächt. Dass er aber, wie sein Vater, deshalb ein krankes Herz
durch das Leben tragen werde, wird für den Sohn nicht zu befürchten sein.
    Der Verwundete ruhte in Dezimus' Armen. Freund Kurze, nachdem er sorgfältig
die Gardinen geschlossen hatte, führte den Wagen Schritt für Schritt nach der
Haltestelle, versprach dem Kutscher, als dieser zurückkehrte, ein doppeltes
Trinkgeld, wenn er zur Schonung seines kopfleidenden guten Freundes ein gleich
langsames Tempo beibehalte, und nahm dann seinem Pflegling gegenüber auf dem
Rücksitze Platz.
    Wie der alte Kilian prophezeit hatte, war das Wetter in einen Landregen
umgeschlagen, die Dämmerung daher noch früher als sonst im Späterbst
hereingebrochen; die Strasse menschenleer. Wohin nun aber mit dem vielleicht
sterbenden Mann? Wo Rast für ihn suchen, selbst im günstigsten Falle lange
währende, heimliche Rast? Wo die sorgsame Pflege für ihn finden, deren er
unumgänglich bedurfte? Eine weite Fahrt würde er nicht überstanden haben. Selbst
Werben war im Grunde zu weit. Welche Wahl blieb aber ausser Werben? Auch hatten
beide Freunde von Haus aus an keine andere Zuflucht als die des Talgutes
gedacht. Bei näherer Überlegung mussten sie sich jedoch sagen, dass dort, bei den
Seinen, der Verfolgte zuerst gesucht und unvermeidlich entdeckt werden würde.
Wohin aber sonst?
    »Aufs Schloss mit ihm!« rief plötzlich der Doktor mit dem Trompetenton der
Unwiderleglichkeit. »Bei seiner feindlichen Exbraut vermutet den roten
Hartenstein nicht die feinste Schnüffelnase. Still wie in einem Kloster!
Matratzen und Verpflegung ideal! Dort oder nirgend ist er geborgen! Dort oder
nirgend leistet Peter Kurze sein ärztliches Meisterstück! Aufs Schloss mit ihm!«
    Wie Dolchspitzen hatte des armen Dezimus Brust ein jeder dieser natur- und
vernunftgemässen Sätze mit den Erinnerungen, die sie weckten, und nur allzu
naheliegenden Folgerungen durchzuckt. Er schwieg eine lange Weile, kämpfte
schwere Seufzer nieder und sagte dann, auch seiner Natur und Vernunft gemäss:
»Ja, auf das Schloss!«
    Vor der Station, von welcher aus er gestern abend seine Fusswanderung
angetreten hatte, verliess er den Wagen, da er, wenn er den Nachmittagszug
benutzte, einen mehrstündigen Vorsprung gewann, um in der Heimat Rat und Hülfe
vorzubereiten. Und von allen Martern, die er seit vierundzwanzig Stunden zu
bestehen hatte, ist die Unheilsbotschaft an die beiden Frauen wahrlich nicht die
am wenigsten martervolle gewesen.
    Rose hatte, als sie am verwichenen Abend allein, aufgelöst in Schmerz und
Angst auf das Schloss zurückkehrte, die Geschehnisse dieses Tages und ihren
Anteil an ihnen ohne Hehl der Freundin mitgeteilt und war von dieser um ihrer
grossmütigen Tat willen aufrichtig bewundert worden. Sie selbst wäre des gleichen
Entschlusses ja fähig gewesen, allein schwerlich der gleichen praktischen
Durchführung. Von dem bevorstehenden Zweikampf hatte Rose keine Ahnung. Sie wie
Lydia schwankte, ob es Absicht oder unfreiwillige Verspätung, wenn nicht gar
eine verhängnisvolle Begegnung gewesen war, dass Max, als er auf der letzten
ausserpreussischen Station das Coupé ohne Vorwand verlassen hatte, nicht dahin
zurückkehrte. Mit Zittern und Zagen hatten sie im Geiste ihn umherirren sehen,
verfolgt, erkannt, verhaftet, gefangen; aber dann auch wieder hoffnungsvoll, ihn
geborgen und unentdeckt den Hafen erreichen, von welchem das nächste Schiff ihn
in die Freiheit trug.
    Und nun zu hören, dass er, von allen Seiten bedroht, als ein zum Tode
Verwundeter in seine Heimat geführt werde! Rose stand vernichtet, starr und
stumm. Seit gestern fühlte sie sich nicht mehr als die verlassene Geliebte, die
mutvoll gegen ihr Begehren und die Schmach der Missdeutung kämpft. Sie hatte
gehandelt wie ein zur Treue verpflichtetes Weib, bekannte ihre Liebe ohne Scheu,
war froh gewillt, Gefahr und Verbannung mit dem Geächteten zu teilen. Höher denn
jemals vor sich selbst gestellt, stürzte eine Minute sie in den Abgrund alles
Entsetzens.
    Aber auch Lydia stand erschüttert wie eine Liebende. Selbst wenn sie nicht
die Tat eines Bruders zu sühnen, nicht der Grossmut dieses Mannes das Leben eines
Bruders zu danken gehabt hätte, würde es kaum einen Preis gegeben haben, der ihr
für seine Rettung zu hoch erschienen wäre. Denn wenn die Sehnsucht der Liebe in
einem Herzen auch erlischt, das Mitleid der Liebe bleibt lebendig bis zum
letzten Atemzuge. Dezimus hatte ja nicht daran gezweifelt, dass sie ohne Besinnen
ihn bergen und pflegen werde; sie hätte nicht Lydia sein müssen, wenn das
unbedingt Menschliche ihr nicht höher gestanden hätte als die bedingte Natur,
die gemeinhin dem Weibe eignet. Und dennoch, als er sie jetzt so freudig, ohne
jegliches Bedenken dessen, was sie für sich selbst auf das Spiel setzte, in
seinen Vorschlag willigen sah, krampfte in seinem Herzen eine Empfindung, der er
sich schämte einen Namen zu geben. Er fühlte den Puls des Weibes für den
Einstgeliebten schlagen.
    Man hatte allerdings schon am Morgen auch auf dem Schloss nach Max
geforscht; eine Haussuchung, wie sie auf dem Talgute und auch in Bielitz
stattgefunden, war, auf Lydias Wort hin, jedoch unterblieben. Sie hoffte, dass es
bei dieser Nachfrage sein Bewenden haben oder dass sie einer späteren zu begegnen
wissen werde.
    Rose jedoch widersprach ihr mit plötzlich aufgewachter Energie.
    »Nein!« rief sie. »Es wird bei dieser ersten nicht sein Bewenden haben, und
je eifriger du dich einer Haussuchung widersetzest, um so mehr wirst du dich
verdächtig machen. Er ist hier so wenig wie auf dem Talgute zu verbergen. Schon
dass er bei der Ankunft, wenn auch im Dunkeln, durch das Dorf und über den Hof
gefahren werden muss, da er in seinem Zustande nicht die Terrassen hinangetragen
werden könnte; dass die Schenke dem Gute gegenüberliegt und von ihr aus jeder
ungewohnte Ein- und Ausgang beobachtet werden kann; dass die Fenster des
Schlosses von allen Seiten zu übersehen sind und es in ihm wohl eine
zusammenhängende Zimmerflucht, aber keinen einzigen Schlupfwinkel gibt, keine
Seitentreppe oder Hintertür! Und was machte wohl Bruder Frei auf dem Schloss
der Hartenstein? Was brauchte der unschuldige Hirtenfriede mit so viel
Heimlichkeit darin gepflegt zu werden? So dumm wäre nicht der dümmste Bauer,
wieviel weniger ein geschulter Polizist, um nicht am ersten Tage hinter dem
versteckten Hutmannssohn den verfolgten Herrensohn auszuwittern.«
    Alle diese Einwendungen hatten auch für Dezimus einen einleuchtenden Grund.
Aber der Seitenblick, mit welchem Rose dabei die sinnende Schlossbesitzerin
streifte, bekundete noch einen heimlichen Vorbehalt, und - keineswegs edel, aber
leider wahr! - dass dieser Vorbehalt in seinem Herzen einen lauten Widerhall
fand.
    »Nein, Dezimus!« fuhr Rose fort, mit schmeichelnden Tönen die
Rücksichtslosigkeit umhüllend, deren nur der Egoismus weiblicher Liebe fähig
ist, »nein! du hast um meinetwillen, um seinetwillen Grosses getan und geduldet:
aber du hast nichts getan, weil alles umsonst, wenn du nicht auch das Letzte
tust: wenn du ihn nicht dortin bringst, dort birgst, wo er allein geborgen ist,
wo keiner ihn sucht, wo dein Bruder mit Recht hingehört, - wenn du ihn nicht
aufnimmst in deine stille, abgelegene Pfarre!«
    In die Pfarre! Ein preussischer Hochverräter verborgen in einer preussischen
Pfarre! Minutenlang herrschte atemloses Verstummen. Des weissen Fräuleins Blicke
hingen mit nicht minderer Spannung als die des glühenden Weibes an des jungen
Pfarrherrn Lippen.
    »Ein Samariterdienst, der Ihnen das priesterliche Amt kosten würde, Freund,«
sagte Lydia endlich mit leise zitternder Stimme. Als er aber dennoch das Haupt
zustimmend neigte, da drückte sie ihm die Hand mit einem Freudenblick, der allen
Zweifel und Vorbehalt aus seiner Seele scheuchte und ihm alle Qualen seines
qualvollsten Lebenstags lohnte.
    Eine Stunde später trug der Pfarrer den Hochverräter in das Haus, dessen
höchster Schmuck seit einem Menschenalter das schwarzweisse Kreuz über dem des
Erlösers gewesen, und bettete ihn zur Pflege in dem stillen Gartenzimmer, wo
einstmals der mutterlose Hirtenknabe in die Wiege des eigenen Kindes gebettet
worden war. Dazumal hatte die Junisonne hoch am Himmel gestanden; heute stürmte
und ergoss sich der Novemberstrom. Aber, von Nacht und Nebel verhüllt, war es
doch die nämliche Leuchte, welche das Samenkorn, in jener Stunde ausgestreut,
zur Reife brachte.
Und in diesem stillen Gartenzimmer haben die drei liebenden Frauen den
Verwundeten gepflegt, zwar nicht heil, aber doch allmählich zum Leben. Nie hat
ein Mensch geahnet, dass es der Feind des Hauses war, der unter einem Brudernamen
in Todesqualen rang. Selbst die litauische Lene nicht. Denn wenn auf ihre blöden
Augen auch guter Verlass war und auf ihre treue Seele der beste, die Zunge lief
ihr dann und wann davon, wenn sie mit ihrer guten Freundin Beifuss vertraulich
Zwiesprach hielt, und ganz unversehens würde die Sturmglocke im Dorfe geläutet
haben. Es war daher klüglich gehandelt, dass ihr Hätschelkind sie von vornherein
in ihr eigenstes Revier, die Küche, verwies und Lydia ihren alten Wagner, der an
und für sich schweigsamer Natur war und auf seines Fräuleins Verlangen stumm wie
ein Fisch, in die Krankenstube versetzte, um die Dienste zu erweisen, für welche
Frauenhände nicht ausreichten und dem Pfarrer die Zeit gebrach.
    Doktor Peter Kurzen gelang eine schwierige Operation, indem er die Kugel aus
der Brust löste, und eine treffliche Kur, indem er die verletzten Gewebe
ausheilte. Beider Darstellung hat - wenn der interessante Fall auch in eine
andere Zeit und Zone verlegt werden musste - dem ärztlichen Rufe, welcher just
vor einem Jahre in dem nämlichen Raume begründet worden war, wesentlichen
Vorschub geleistet. Unter den friedlicheren politischen Auspizien wurde Doktor
Peter Kurze just um diese Zeit seiner militärischen Pflichten quitt. Zu seiner
höchsten Befriedigung, da in der Festungsstadt die erhoffte Cholera morbus sich
als Illusion erwiesen hatte und die wenigen Opfer der Emeute seinem Tatendurst
auch nicht annähernd zu genügen vermochten. Bevor er in »das geistige Zentrum
der Provinz« zurückkehrte, machte er daher in dem befreundeten Pfarrhause von
Werben Station, »um den Ansprüchen seiner bedeutenden Klientel in jener Gegend
gerecht zu werden«. Diese Klientel beschränkte allerdings zurzeit sich auf einen
einzigen Fall, zählte materiell jedoch für zehn, ja für hundert. Sidonie würde,
wenn verlangt, die Rettung ihres Max mit dem demnächstigen Erbe eines
Rittergutes gelohnt haben. Aber Doktor Peter Kurze war ein bescheidener Mann.
    Über die ärztliche Behandlung hinaus hatte nebenbei zwischen der
schwächlichen Korbverleiherin und dem rüstigen Korbträger sich ein literarisches
Verhältnis eingefädelt, das zunächst zwar nur den Zweck hatte, verdächtigende
Spuren von dem Krankenzimmer im Werbenschen Pfarrhause abzulenken, beiden
Praktikanten aber zu einem Quell erheiterndster Laune wurde. Schon in den
nächsten Tagen bekam man in der einen Zeitung zu lesen:
    »Zuverlässigen Nachrichten zufolge ist der bekannte Max von Hartenstein am
25. huj. in Lausanne gesehen worden. Wem es daher, schon aus Gründen der
Vernunft, nicht einleuchten sollte, dass ein Mann, sagen wir ein Agitator, von
seinem Kaliber an dem kindischen Putsch in X. keinen Teil gehabt haben kann, dem
würde es doch schon aus räumlichen Gründen unbezweifelbar werden.«
    Einige Zeit später stand in dem Blatte einer anderen Farbe:
    »Einsender hat in einem lauschig stillen Winkel am herrlichen Lemansee die
Bekanntschaft des berühmten Dichters Max von Hartenstein gemacht und das Glück
gehabt, eines Blicks in seine jüngste Schöpfung Pandora gewürdigt zu werden,
welches grossartige Epos, in ottave rime abgefasst, an Schwung und Farbenglut sich
dreist mit den höchsten Leistungen der Byronschen Muse messen darf und
eigentümliche Streiflichter auf eine Zeit fallen lässt, über welche Pandorens
Büchse wieder einmal die Fülle ihres Unsegens ausgegossen hat.«
    Wenn diese und ähnliche Artikel im Werbenschen verbreitet wurden, dann
lachte Sidonie wie in alten glücklichen Siditagen, und die übrigen Wächter im
Krankenzimmer lächelten, denn sie wussten, wessen Phantasie die Dichtung
entsprungen war und welche Hand sie unter die Druckerpresse befördert hatte.
    Peter Kurzen war bei derlei »Fickfackereien« so wohl zumute wie einem
Schmerlchen im klarsten Bachwasser. Er verhöhnte seinen Freund Dezimus, der über
den Rudimenten der diplomatischen Kunst wie ein Abc-Schütze stockerte und unter
den Praktiken, zu denen sie den Diplomaten nötigt, sich krümmte »wie die Bauern,
wenn sie in den Turm kriechen sollen«. Und doch war im Grunde Peter Kurze keine
weniger ehrliche Haut als sein geistlicher Freund. Erzählt man denn aber nicht,
dass einzelne Individuen einen Giftstoff, von welchem ein Partikelchen der grossen
Mehrzahl den Tod bringen würde, in zehnfältiger Dosis als Arznei, ja als
Leckerbissen und sogar als Schönheitsmittel zu sich nehmen und bei dieser Diät
gesund und kräftig ein Patriarchenalter erreichen?
    Der junge Pfarrer von Werben war leider jedoch ein solcher Arsenikschlecker
nicht. Leib und Seele siechten an den Konsequenzen seiner Samaritertat wie an
vergiftetem täglichen Brot.
    Wenn er von der Kanzel herab das Grundgebot vom »Ja, ja, nein, nein«
verkündet hatte oder das von der Obrigkeit, die Gewalt über einen jeden haben
soll, und auf dem Heimwege erkundigte sich ein wissbegieriger Familienvater nach
den näheren Umständen von seines Bruders verwunderlicher Blessurgeschichte -
Peter Kurze hatte dieselbige in Kurs gesetzt -, oder eine teilnehmende
Gemeindemutter fragte nach dem Befinden des armen, guten Friede, dem sie ein
selbstbereitetes Pflaster gar zu gern eigenhändig mit einem die Heilung
bedingenden heimlichen Spruch auf seine Wunden gelegt hätte, dann trat kalter
Angstschweiss auf das Pfarrers Stirn, und der Bescheid würgte wie Wurmsamen in
seiner Kehle. Wohlwollende Amtsbrüder warnten ihn ob seines bedenklichen
Aussehens. Sie meinten, er habe sich nach seiner Verwundung nicht hinlänglich
geschont, und rieten zu einer ernstaften Erholungskur. Erwiderte er nun auf
solchen Rat, dass er sich eine Luftveränderung vorgesetzt habe, indem er seinen
Bruder nach dessen Genesung auf die Insel zurückgeleite, so sagte ihm der
heimliche Störefried im Herzen, dass diese Antwort wiederum nichts als ein
diplomatischer Kunstgriff sei. Und ach! wie ernstaft war sie doch gemeint; wie
aus tiefster Seele schmachtete er nach den reinigenden Elementen und ach! wie
sehnsüchtig nach den hohen, stillen Sternen, deren Priesteramt kein
Samariterdienst entweiht!
    Auch Lydia leistete ja verstohlen Samariterdienst, auch sie pflegte dem
Namen nach den armen Hirtenfriede, der sich fern am Rhein in der Abwartung
seines lieben Herrn, nunmehro Generals, so behaglich fühlte, wie im Leben noch
nie. Aber Lydia war nicht falsch gestellt, indem sie es tat; sie übte des Weibes
natürliche Pflicht, nicht eine Ausnahmspflicht, welche der Alltagspflicht
widersprach. Selber Lydias Beispiel konnte dem armen Pfarrherrn das Herz nicht
erleichtern.
    Noch weniger jedoch als der Samariter schien der, welcher verwundet am Wege
gelegen hatte, der Tat der Barmherzigkeit froh zu sein. Nachdem Max Fieberwahn
und Letargie so weit überwunden hatte, um seine Erinnerungen mit dem Bewusstsein
der Gegenwart verknüpfen zu können, da las Dezimus oftmals in seinem düsteren
Blick und den zusammengezogenen Brauen den Vorwurf: »Warum hast du mir nicht den
Abschluss, der mir ziemte, gegönnt?«
    Seine Pläne waren gescheitert, sein Rausch ernüchtert; er war ein
Geächteter, sein Name gebrandmarkt bei denen, die, aller Teorie zum Trotz, er
allein für seinesgleichen hielt, über die sich zu erheben, über die eines Tages
zu herrschen er geträumt hatte. Und dann: er war ein Siechling geworden; er, dem
niemals eine Ader weh getan, der das, was Schonung heisst, in keiner Weise
gekannt hatte, ein hinfälliger Mann, - wie er ahnete, für kurze Lebensfrist.
    »Als standfester Philister können Sie es wie Papa Mehlborn zum Achtziger
bringen, als roter Hartenstein, oder meinetwegen auch nur als blauer, gebe ich
Ihnen keine zwei Jahr,« hatte Doktor Peter Kurze erklärt; Max von Hartenstein
aber war einer, dem viel leben mehr gilt als lange leben. Er hatte wie ein
Künstler sich an dem Anblick seiner eigenen Schönheit geweidet, nun zeigte der
erste Blick in den Spiegel, den Rose ihm vorhielt, eine verfallene Gestalt,
hohle Augen und abgezehrte Züge, die er kaum für die seinigen halten mochte; ihn
graute vor der Zukunft dieses wandelnden Gerippes. Auch die Grossmut, deren
Gegenstand er sich fühlte, drückte ihn. Er war eine Natur zum Geben, nicht zum
Empfangen. An die Aushülfe seiner Schwester hatte er sich von Kind ab als an
etwas Selbstverständliches gewöhnt; er schenkte ihr, indem er von ihr nahm; sie
dankte ihm, nicht er ihr, wenn er sie für sich sorgen liess. Und nun diese
Hingebung dulden zu müssen von Lydia, die ihn verschmäht hatte, deren Wimper
nicht zuckte, deren Hand nicht zitterte, wenn sie den Verband auf seine Wunden
legte, eine barmherzige Schwester und - weiter nichts! von dem Sohn der misera
plebs, dem der reiche Mann sein einziges Lamm geraubt hatte und der als Entgelt
seine Existenz auf das Spiel setzte und sein Gewissen belastete! Wahrlich, es
war eine grausame Rache, die sie genommen, indem sie dieses Dasein der Schmach
gefristet hatten.
    So war denn keiner froh als Sidonie und mit ihr natürlich Rose, denn Lydia
war nur ruhig, voll frommen Dankes für eine gelingende gute Tat. Rose aber, Rose
war selig, denn Rose liebte, und wenn sie sich auch schwerlich darüber täuschte,
dass ihr nicht die höchste Empfindung zum Lohne ward, wenn ihr holdes Getändel
dem Genesenden auch nur ein flüchtiges Lächeln erweckte, schon dieses Lächeln
war ein Gewinn, denn sie allein zauberte es auf die bleichen Lippen. Und gibt es
denn nicht auch weibliche Naturen, denen ein erobertes Glück schwerer wiegt als
eines, das ohne Kampf in unsere Arme läuft? Sie war des Sieges über ihre
Nebenbuhlerin in seinem Herzen gewiss. Liebte er Lydia noch, sie liebte ihn nicht
mehr, und eine Geliebte, die nicht liebt, wird zum Schemen. Sie aber, Rose, sie
liebte, und darum fühlte sie sich liebenswert. Sie war es ein paar Wochen lang
für den Flatterling gewesen, und sie würde es wieder sein, unentwegt sein, wenn
sie ganz die Seine geworden und treu zu dem Unglücklichen stand, nachdem der
Glückliche ihr entflohen war. So rechnete die kleine Rose, und die kleine Rose
war allezeit eine geschickte Rechnerin gewesen, wo es just nicht auf ideale
Ziffern ankam. Die kluge Sidi aber sagte:
    »Mein Mäxchen hat seine Meisterin gefunden und ist, gottlob! auf dem besten
Wege, aus einem Freiheitshelden ein Pantoffelheld zu werden. Gut Heil dem armen
Jungen zu der Chance! Ihnen aber, Kamerad, seinem moralischen Gegenfüssler,
zweimal gut Heil! Muss man doch wahrlich ein Johanniskind sein, wenn sogar unsere
Missetaten uns zum Segen gereichen sollen. Als Tugendheld wären Sie lebtags ein
Sklave geblieben; als Hehler und Helfershelfer eines Verschwörers kommen Sie zur
Freiheit und zu Ihrem Ideal. Aber so werden Sie doch nicht rot, junger
geistlicher Herr. Ich meine ja nur die lieben Sterne!«
    So drängten alle und alles fort aus diesem Zwitterzustand, fort in reine
Luft; das aber um so mehr, da die Zeit sich näherte, in welcher der Wechsel der
Ämter verabredet worden war und ein Aufschub kaum ermöglicht werden konnte, ohne
neue Menschen in das Geheimnis zu ziehen. Wie eine Heilsbotschaft wurde es daher
aufgenommen, als in der Weihnachtszeit Meister Kurze den Ausspruch tat, dass er
nunmehr eine Translokation gestatten dürfe, wenn auch natur-und vernunftgemäss
nicht in einem Atemzug, sondern mit einer Kunstpause in der Mitte, zu welcher
aus diplomatischen wie ärztlichen Motiven Mutter Stinas Inselhaus sich empfehle.
Man rüstete sich demnach zur Reise.
    Sidonie hatte nicht anders angenommen, als dass sie ihren Bruder begleiten
werde, um sich im Leben nie wieder von ihm zu trennen: so zuversichtlich
rechnete sie auf den Befreier Tod; und kein Tag, keine Stunde verging, wo sie
ihn nicht hinter des Greises Schlummerstuhle lauern sah, wo sie das Ohr nicht an
des Greises Brust lehnte, nach dem letzten Atemzuge lauschend. Immer aber regte
sich wieder das wunderbare Geheimnis, Leben genannt, und die Maschine taktierte
weiter, lange nachdem der rastlose Arbeitsgeist, der sie achtzig Jahre regiert,
sich abgenutzt hatte.
    Am Silvestermorgen ging Dezimus Frei zum letzten Male in die Stadt seiner
Ephorie, und wenn es in diesen Aufzeichnungen gelungen ist, das Wesen seiner
ersten Lebensstufen deutlich zu machen, bedarf es keiner Schilderung des
Kampfes, den dieser mit allem Heimatlichen abschliessende Gang ihm kostete. Der
altbefreundete Superintendent war längst vertraulich in den Ämtertausch
eingeweiht; nun erbat sein junger Amtsbruder, zum Zweck einer Erholungsreise,
sich eine geistliche Stellvertretung bis zur Ankunft des neuen Pfarrers und
löste darauf einen Pass nach der Insel, ausgestellt auf seinen Namen, den seiner
Pflegeschwester und seines kranken Bruders. Und das war Dezimus Freis letzte
bewusste Lüge.
    Heimgekehrt empfing ihn Sidonie mit der Kunde, dass ihr Grossvater
eingeschlummert sei für immer. Lachende Erben beim Augenschluss eines
Mammonsnarren sind keine Seltenheit; diese Erben lachten nicht; erlösender aber
ist kein Augenschluss empfunden worden als der dieses alten betörten Kindes von
seiner jungen Hüterin. Noch eine mahnende Besprechung mit seiner Schwester unter
vier Augen, eine zweite mit dem Genesenden, aus beider Munde ein entschlossenes
»Ich will!«, dann fügte Dezimus Frei in Konstantin Blümels geistlichem Gemach
Maxens und Rosens Hände ineinander und sprach des Priesters Segen über ihren
Bund.
    Ein wunderliches Dreiblatt von Verschmähten und Verschmähenden, Lydia,
Sidonie und Peter Kurze, war des Bundes Zeuge und unterzeichnete ein Dokument
über den geistlichen Akt, das im Schlossarchiv niedergelegt wurde, da das
Kirchenregister an dem geächteten Hartenstein und seinen Hehlern und
Helfershelfern nicht zum Verräter werden durfte. Solches aber geschehen,
entkleidete Dezimus Frei sich des priesterlichen Ornats und richtete an seine
vorgesetzte Behörde seinen Verzicht auf das geistliche Amt. Als Beweggrund
nannte er mit voller Wahrheit das Verlangen, sich dem Studium der Astronomie zu
widmen.
    Sobald es Abend geworden war, der letzte Abend dieses schweren
Kampfesjahres, bestieg er mit der, welche seine Schwester, und dem, welcher sein
Bruder hiess, den Wagen, welcher sie nach der nördlichen Bahnstation führte. Dort
im Coupé stiess - seinerseits unter einem Schrei der Überraschung - Doktor Peter
Kurze mit den Geschwistern zusammen, setzte die Reise auch in ihrer Gesellschaft
fort, da er - wie mit weitschallendem Posaunenton verkündet ward - den Ruf in
ein holsteinisches Lazarett, behufs einer eine Meisterhand heischenden
Amputation, erhalten hatte.
    Es musste mit dieser Operation indessen nicht allzu drängende Eile haben,
denn der Operateur dampfte wohlgemut an der Lazarettstadt vorbei, segelte auch
ebenso wohlgemut mit den Freunden nach der Insel hinüber, der er erst acht Tage
darauf, nachdem er seinem Patienten ein zuversichtliches »Gut Heil!« zugerufen
hatte, den Rücken kehrte. Er schwelgte in dem Plane, sich in der
Universitätsstadt zu habilitieren und mittelst seiner auf Mehlbornschem Acker
erwachsenen goldenen Ernte eine Privatklinik zu gründen, die sich gewaschen
haben sollte. Was, das Gewaschensein nämlich, nach seiner unmassgeblichen
Meinung, nicht von jeder Klinik zu rühmen sei. Seinem zweitbesten Freunde
vertraute er ausserdem, dass er sich kürzlich in ein allerliebstes Wittweibchen
verschossen habe, auf geneigtes Gehör rechne, unter allen Umständen aber
entschlossen sei, fortan nur noch auf Witwen - natur- und vernunftgemäss der
handlichsten Spezies des schönen Geschlechts - zu reflektieren.
    Max erholte sich sichtbar unter dem Wehen der Meerluft und dem Gefühle der
Freiheit. Rose triumphierte. Er war weich und bewegt, oftmals mit Tränen in den
Augen. Leise begann er wieder sich des Lebens zu freuen, und dieses Leben dankte
er ihr.
    Nach Ablauf einer Woche kam Sidonie, und Lydia begleitete sie zum letzten
Lebewohl.
    Lydia und Dezimus standen am Strande allein, als das Boot abstiess, in
welchem Bruder Klaus die Freunde nach Helgoland ruderte. Der erste Sonnenschein
des Jahres rang sich durch den Inselnebel, den Fliehenden und denen, welche
ihnen nachblickten, das Symbol eines neuen Lebens.
    Als der letzte Schimmer des weissen Segels verschwunden war, da stand die
treue Weltenmutter glorreich leuchtend über ihren Häuptern, und Dezimus Frei
hielt an seinem Herzen das Weib, welches seinen Jugendträumen als Leitstern
vorgeschwebt hatte und seinen Mannesjahren die Erfüllung bringen sollte.
Bis zu diesem Abschluss, mein Konstantin, bin ich gelangt, während der Wochen,
die wir auf dem unwirtlichen Eiland hinbrachten in Erwartung des Phänomens, an
welchem wir die Entfernung unserer Erde von der alten, guten Sonnenmutter zu
ermessen hoffen. Morgen ist die entscheidende Stunde; es regnet, am Horizonte
brauen dichte Nebel, die Gefährten blicken beklommen, noch vertraue ich aber
meinem bewährten Johannisglück.
    Und nun lege ich die Feder aus der Hand, mit welcher ich die Erinnerungen an
dieses Glück als ein Vatererbe für dich niedergeschrieben habe. Die Tatsachen
sind treu. Wie aber eine Landschaft, die sich uns im Morgengold eingeprägt hat,
verwandelt scheint, wenn wir im Nachmittagsschatten auf sie niederschauen, so
mag auch die Farbe, über Menschen und Dingen von dazumal, sich im Gedächtnis
nachmittägig verwandelt haben, und wenn es dich etwa bedünken sollte, dass das
Licht mit ungebührlichem Glanze auf die Gestalt des Helden gefallen sei, - ei
nun, mein Konstantin, es sind nur die besten Autoren, die heller als ihre Helden
leuchten, und wem wird ein Fünkchen Eitelkeit wohl so gern verziehen werden als
dem Vater, der seinem Sohne ein Erinnerungsbild hinterlassen möchte?
    Es sind nur die Stufenjahre der Jugend, die ich vollenden konnte; nicht mit
Unrecht aber hat man gesagt, dass die ersten beiden Jahrzehnte, »die süssen
zweiundzwanzig«, wie der Dichter sie nennt, die Hälfte eines Manneslebens
umfassen, und wenn es Metusalems Alter erreichen sollte. Die andere Hälfte, die
mit Lydia beginnt und den Sternen, mag, soweit du sie nicht miterlebt, deine
Mutter dir ergänzen. Drücke auch aus meiner Seele heraus die Segenshand an dein
Herz, die so warm in der meinen gelegen und dich so treu bis heute geleitet hat.
    Aber es war nicht gemütlicher Zeitvertreib, nicht die erquickende Rückschau
in blaue Fernen allein, die mich trieben, deinen Blick auf das gute Heimland zu
lenken, dem du Korn auf Korn entsprossen bist. Wie es einem Geschichten
erzählenden Vater ziemt, lag mir eine Lehre im Sinn, die ich dir zurufen wollte
just aus der antipodischen Zone, in die ich seit Monden und auf Monde hinaus
mich gebannt, um eines Lichtmomentes willen, den ein Wolkenschatten verdunkeln
kann.
    Es ist nahezu ein Postulat geworden, dass die Zeit, in der du zu reifen
berufen bist, den idealen Lebensgehalt verkümmern lässt. In dir erfahren wirst du
es nicht. Einem Sohne Lydias verkümmert nicht sein Ideal. Glaube es aber auch
nicht, wenn du es hörst oder liest. Die Ideale wandeln und wechseln, erhellen
und verdunkeln sich wie die Ideen, das Ideale währt und webt ewig wie die Idee.
Du kennst nunmehr den Mann, den diese Zuversicht bis in seine Todesstunde
beseligt hat. Und wenn es dir nicht gegeben sein sollte, die unlöschbare Flamme
in Ausnahmsgeistern leuchten zu sehen und glimmen selber da, wo ihr
geflissentlich Hohn gesprochen zu werden scheint, so wirst du ihren warmen Strom
doch spüren in jedem guten Menschenherzen. Die Güte, deren Namen selbst unsere
Sprache von Gott entnommen hat, ist das reinste Ideal.
    Es sind Feiglinge, mein Sohn, und sie waren es seit Jahrtausenden, die da
sagten und sagen: Nichts lieben und nichts glauben, nichts erstreben noch
ersehnen als die Ruhe des Nichts heisse weise sein und einzig Erdenglück.
Schwächlinge und Ärmlinge! Die Ärmsten unter uns! Sie kennen unseren Reichtum
nicht einmal, unseren Reichtum selbst in der Traurigkeit, die kein Menschenglück
und keine Menschenweisheit löst, weil sie das ewige Erbteil ist, das den
Menschen erst zum Menschen macht.
    Kämpfe darum mutig, mein Sohn, und scheue der Wunden nicht, um das, was du
in dir trägst, zu behaupten im Gestritt der Welt. Denn nur dieses Eigenste ist
dein Glück. Das holde Gestirn, an dem wir die Sonnenkraft ermessen, es hat auch
über deiner Wiege gestanden und wird dich leiten durch das Leben, bis es als
Abendstern dir leuchten wird dort hinüber, wo wir mit reiferen Sinnen das
Wandelbare zu erfassen und mit tieferem Sinn das Unwandelbare zu ergründen
hoffen.
 
    